Xue Mo Desert Daughters/de/Chapter 3

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Sobald die Taschenlampe erlosch, wurden sie wieder blind. Sie konnten nur die verschwommenen Konturen der Dünen sehen. Nur bei schwachem Feuer konnten sie in der Dunkelheit jene grünen Lichter erblicken. Das war ein Paradox. Machten sie das Feuer kleiner, fürchteten sie einen Massenangriff der Schakale. Wurde es größer, waren sie blind. Es war, als schauten die Schakale einem Schauspiel zu, aufgeführt von Mensch und Kamel. Das Publikum sah die Darsteller deutlich, doch die Darsteller sahen nur Nebel. Das war tödlich.

Lanlan hatte eine Idee: Sie wies Yinger an, das Feuer zu hüten, während sie selbst mit Gewehr, Pulver und Taschenlampe etwas entfernt vom Feuer auf der Lauer lag. So blendete der Feuerschein nicht ihre Sicht. Wenn sich ein Schakal heranschlich, würde sie ihn mit dem Feuergewehr begrüßen.

Kaum hatte sie sich vom Feuer entfernt, entdeckte Lanlan ringsum noch mehr grüne Lichter. Sie bewegten sich – die gierige Meute war vorgerückt. Sie peilte die dichteste Ansammlung grüner Lichter an, zielte und drückte ab. Ein besenartiger Feuerstrahl schoss heraus. Ein Aufschrei ertönte. Die grünen Lichter wichen blitzartig zurück. Lanlan lachte: Denen muss man zeigen, was Sache ist – sonst denken sie noch, ich halte nur einen Schürhaken!

Der donnernde Schuss wirkte – die schwarzen Punkte im Lichtkegel waren erheblich weniger geworden. Offenbar waren sie mindestens hundert Meter entfernt. Das Feuergewehr konnte viel Eisenschrot laden, hatte aber eine effektive Reichweite von nur zwanzig bis dreißig Metern. Manche Schakale waren zwar getroffen, aber wohl nur oberflächlich verletzt. Lanlan wählte Stahlkugeln für Handkarren – die einzelne Kugel flog weiter und konnte sogar eine Kropfgazelle erlegen, also auch einen Schakal. Lanlan sagte: Einen Schakal zu töten bringt zumindest eine Weile Ruhe – erstens zeigt es gegenüber den Schakalen Flagge, zweitens werden die anderen den Toten fressen, und sie gewinnen Zeit.

Lanlan sagte: Wenn es hell wird, haben wir es geschafft. Vielleicht sind Schakale wie Füchse – nachtaktiv, und wenn die Sonne brennt, bekommen sie Kopfschmerzen.

Offenbar war das Herz ein seltsames Ding – mit der Zeit stumpfte es bei noch so grauenhafte Szenen ab.

Obwohl der mächtige Feind sie noch immer umzingelte, obwohl ihr Leben noch am seidenen Faden hing, waren die beiden nicht mehr so angespannt. Um die Gegner besser sehen zu können, ging Lanlan hin und drückte das offene Feuer nieder, ließ nur noch Glut übrig. Sofort drängte die Dunkelheit von allen Seiten. Sie sagte: Die Wüstenhirten tragen oft Feuergewehre, die Schakale dürften davor Respekt haben. Yinger entgegnete: Vielleicht sehen sie zum ersten Mal ein Feuergewehr. Wären sie daran gewöhnt, wären sie nicht so weit geflohen. Lanlan sagte: Stimmt auch.

Lanlan leuchtete mit der Taschenlampe in alle Richtungen und stellte fest, dass die Schakale sich hauptsächlich im Osten sammelten. Auf dem westlichen Sandhügel war kein schwarzer Punkt zu sehen. Sie hatten ihr Lager nach alter Regel gewählt: windgeschützt und trocken. Das hieß, sie lehnten sich an den westlichen Sandhügel und blickten in die relativ offene Sandmulde. Lanlan sagte: Das ist schlecht. Wenn die Schakale den westlichen Hügel erklimmen, brauchen sie nur zu rollen und landen in unserem Schoß – du hättest nicht mal Zeit, den Abzug zu drücken. Wir müssen in die Mitte der Mulde umziehen – so haben sie von jeder Seite ein Stück Weg, und wir haben Vorbereitungszeit.

Solange die Schakale vom Schuss betäubt waren, zündete Lanlan eine große Fackel an, entfachte in der offeneren Mulde ein großes Feuer, und die beiden schleppten wie Mäuse, die umziehen, Gepäck, Bettzeug, Holz und Kamele hinüber. Tatsächlich – eine halbe Stunde später wimmelte es auch auf dem westlichen Hügel von schwarzen Punkten wie Hanfsamen. Allerdings dachte Yinger: Hätten sie nicht umziehen sollen – die Schakale hätten den Westhügel vielleicht gar nicht betreten, denn er lag in der effektiven Reichweite des Gewehrs. Jetzt, nach dem Umzug, waren sie von allen Seiten verwundbar.

Fern vom westlichen Hügel wehte der kalte Wüstenwind spürbar stärker. Yinger spürte, wie ihr Rücken fröstelte. Sie öffnete den Kleidersack, nahm zwei Jacken heraus, gab Lanlan eine und zog selbst eine an. Sie lehnten sich weiter Rücken an Rücken an die Kamele – auch die Kamele hatten die Schakale auf dem Westhügel offenbar bemerkt.

Yinger sagte: Wären wir doch nicht umgezogen.

Lanlan sagte: Nicht umziehen hat seine Vorteile, umziehen auch. Ich fürchtete einen Überfall – ich fürchtete, sie würden den Hügel herunterollen. Jetzt sind wir im Offenen und sie auch, alle haben die Karten aufgedeckt. Soll es zum Kampf kommen, kämpfen wir – schlimmstenfalls füllen wir Schakalmägen. Außerdem: Ich habe es wirklich durchschaut – so oder so sterben wir, sich ducken heißt sterben, sich wehren heißt auch sterben. Seit ich ein paarmal die „Sieben“ geschlagen habe, habe ich wirklich etwas vom Leben begriffen. Natürlich — bin ich noch weit von dem entfernt, was der Meister verlangt. Die Bodhisattvas konnten ihren Leib dem Tiger opfern, ihr Fleisch dem Adler – nach diesem Maßstab sollte ich mich nackt hinlegen und diese Schakale füttern. Aber das will ich nicht. Wären die Schakale so sanft wie Lämmer, würde ich mich gern fressen lassen. Doch was sind sie? Eine Horde bluttrinkender, gedärmezerrender Bestien.

Lanlans Worte erinnerten Yinger wieder. Nachdem sie so lange den Schakalen gegenüber gestanden hatten, hatte sie beinahe deren Wildheit vergessen.

Sie dachte: Wenn sie plötzlich alle auf einmal angreifen, wären sie und Lanlan im Handumdrehen nur noch zwei Skelette. Wieder spürte sie den Schrecken. Lanlan aber lachte: Wovor fürchtest du dich? Wenn der Tod unausweichlich ist, stirbst du, ob du Angst hast oder nicht. Genauso wie im Leben – ob du lachst oder weinst, du lebst trotzdem. Also lieber fröhlich und zufrieden ein ganzes Leben, meinst du nicht? Und außerdem: Ich habe es durchschaut – der Mensch lebt eigentlich nur für seine Stimmung. Glück und Leid – das ist alles nur Stimmung.

Gute Stimmung macht glücklich. Ein ganzes Leben guter Stimmung ist ein ganzes Leben des Glücks. Wir können die Welt nicht ändern, aber unsere Stimmung immer – findest du nicht?

Yinger sah Lanlan mit neuen Augen. Sie erkannte, wie sehr Lanlan sich in den letzten Jahren verändert hatte – solche Worte hätte sie selbst nie gefunden. Genau betrachtet war es ihre eigene Stimmung, die sie berauschte oder quälte. Und der Wert eines Menschenlebens – war er nicht auch nur diese „Stimmung“? Wenn man das Herz wirklich still wie Wasser hätte, fehlte einem vielleicht vieles vom Menschsein.

Lanlan zischte leise und leuchtete mit der Taschenlampe den Westhügel ab – die dichten Punkte zuckten. Lanlan wies Yinger an, weiter zu leuchten, legte sich bäuchlings hin und zielte eine Weile. Ein Feuerstrahl schoss heraus. Kein Schrei war zu hören, doch die Reihe schwarzer Punkte zerstreute sich sofort.

Lanlan brummte enttäuscht: Nicht getroffen. Die Einzelkugel hat mehr Reichweite, aber weniger Treffsicherheit – Eisenschrot ist doch besser.

Yinger sagte: Schieß nicht wild drauflos. Wenn du nicht schießt, haben sie vielleicht noch Respekt. Wenn du wahllos feuerst, verlieren sie die Furcht. Wie der Spruch sagt: Droh dem Wolf mit der Schilfrute – der Wolf denkt, es sei ein Knüppel, und traut sich nicht nah heran. Schlägst du aber zu, merkt er, dass es nur ein Bluff ist. Lanlan stopfte Pulver nach und sagte: Ich wollte ihnen nur eine Lektion erteilen, aber je mehr ich ziele, desto schlechter treffe ich.

Yinger hatte recht – nach diesem Schuss waren die Schakale nur kurz in Aufruhr geraten und kamen dann noch näher. Zudem hatten sie sich an das Taschenlampenlicht gewöhnt – egal wie Yinger leuchtete, sie gerieten nicht mehr in Panik. Yinger dachte: Wenn die Schakale sich an Schüsse und Feuer gewöhnen, wären sie nur noch Futter. Sie dachte auch: Jener Schicksalsgefährte würde nie ahnen, dass sie so enden würde. Wenn er erführe, dass sie in Schakalmägen gelandet war – wie würde er reagieren? Würde er weinen? Wahrscheinlich – aber wie lange, das war schwer zu sagen. Sie hatte schon so manches Liebespaar gesehen, bei dem nach dem Tod des einen der andere höchstens einmal kräftig weinte und bald wieder lachte. Bei diesem Gedanken war Yinger von Hoffnungslosigkeit erfüllt.

Sie dachte: Das Leben war wirklich sinnlos – besser, man füllte Schakalmägen. Als Kind hatte die Mutter sie immer „Wolfsfutter“ geschimpft.

Anfangs fand sie das Schimpfwort sogar liebevoll und herzlich – doch nun sollte sie tatsächlich den Schakalen zum Fraß fallen. Enthielt der Elternmund wirklich Gift? Natürlich füllte sie Schakalmägen, nicht Wolfsmägen. Aber man sagte doch „Schakal und Wolf“ – waren sie nicht trotz unterschiedlicher Gestalt beide grausame Raubtiere?

Sie dachte: Dann eben sterben. Lieber Schakalmägen füllen als im Leben an den herzlosen Kerl denken.

Da rief Lanlan plötzlich: Schnell, Feuer machen, Feuer machen! Yinger fuhr auf und sah, dass die Glut fast erloschen war – nur noch ein roter Punkt.

Hastig zündete sie mit dem Feuerzeug dürre Zweige an. Die nassen Zweige zischten nur. Lanlan reichte ihr trockenes Holz, und das Feuer brannte wieder. Lanlan sagte: Du musst trockenes und nasses Holz trennen. So wie es aussieht, planen sie etwas. Leg rundherum Holz bereit – wenn sie angreifen, zünde es an. Damit leuchtete sie mit der Taschenlampe. Yinger zog scharf die Luft ein: Das dichte Gewimmel stach in die Augen, die nächsten hatten schon Körperumrisse.

Lanlan sagte: Du kümmerst dich ums Feuer, lass es auf keinen Fall ausgehen. Ich muss ihnen ein paar Schüsse verpassen – wenn wir sie nicht bald lehren, klettern sie uns auf den Kopf.

In diesem Moment brachen die bisher schweigenden Schakale in ein donnerndes Geheul aus – ohrenbetäubend, wie das Geschrei von Abermillionen Ratten, die in kochendes Wasser stürzen.

Lanlan antwortete mit einem Schuss, doch er übertönte das Geheul nicht.

Lanlan sprach nicht mehr. Sie zündete die Petroleumlampe an und lud und feuerte nur noch. Der Pulverrauch hing in der Luft. Die Eisenschrotkörner pfiffen manchmal zu den Schakalen hinüber – die kreischten oder schrien. Zwar griffen sie nicht geschlossen an, doch sie zerstreuten sich auch nicht mehr bei jedem Schuss. Die Abschreckung des Gewehrs ließ offenkundig nach. Sie hatten sich an die Schüsse gewöhnt und hielten sie nicht mehr für etwas Besonderes. Ein wildkatzengroßer Schakal, der es wagte, mit Wölfen um Futter zu streiten und dabei zu bestehen – seine Wildheit und Verschlagenheit stand der des Wolfes in nichts nach. Die Angst kehrte in Yingers Herz zurück, und auch Lanlan wirkte etwas fahrig.

Yinger sagte: Spar mit dem Pulver. Lanlan brummte und sagte: Keine Sorge, wir haben genug mitgenommen, bis zum Morgengrauen reicht es. Yinger dachte: Und wenn sie sich bei Tageslicht nicht verziehen – was dann?

Jedes Nachladen dauerte ein paar Minuten – und in dieser Pause sprangen immer wieder Schakale vor. Sie testeten die Grenzen.

Offenbar war ihre Angst vor dem Feuer größer als vor dem Gewehr. Yinger dachte: Ohne Feuer hätten sie schon längst angegriffen.

Als Lanlan die vortastenden Schakale sah, wurde sie klüger: Nach dem Laden zielte sie leise, ohne den Abzug sofort zu betätigen. Sie wartete, bis ein mutiger Schakal noch näher kam, noch näher – bis auf zehn Meter ans Feuer –, und spuckte dann unverhofft eine Feuerwolke aus. Diesmal fielen mehrere Schakale schreiend zu Boden. Ihr Gekreisch war grauenerregend. Dem Klang nach schrien sie nicht vor Schmerz, sondern vor Wut. Sie verachteten offenbar diese zwei Frauen. Dass diese Frauen ihnen solchen Schaden zufügten, hatten sie nicht erwartet.

Ein Schakal humpelte davon. Die anderen kreischten eine Weile und verstummten dann – die Eisenschrote hatten lebenswichtige Organe getroffen. Lanlan war zufrieden. Beim Nachladen sagte sie: Schrotschüsse sind doch besser – die Reichweite ist zwar geringer, aber man trifft ein ganzes Feld.

Die Kamele schnaubten wieder. Im Westen waren ebenfalls Schakale aufgetaucht – sie hüpften spielerisch umher, mal nach links, mal nach rechts, als wollten sie provozieren oder Kugeln ausweichen. So verhielten sich Schakale immer – es war ihre Natur. Sie griffen selten frontal an wie ein Tiger, nur wenn sie sicher waren, die Gedärme herausreißen zu können. Ihre Kraft war nicht groß, doch dank ihrer erstaunlichen Sprungkraft konnten sie ihre scharfen Zähne und Krallen zur vollen Wirkung bringen.

Lanlan hatte nachgeladen. Sie hielt den Atem an und zielte auf die hüpfenden schwarzen Punkte. Eigentlich brauchte sie nicht genau zu zielen – der Eisenschrot verließ den Lauf als ein becherdicker Strahl und fächerte sich auf ein paar Meter Entfernung wagenradgroß auf. Im Dunkel der Nacht sah das wirklich furchteinflößend aus.

Als die Schakale wieder näher hüpften, drückte Lanlan ab – doch nur ein metallisches Klicken war zu hören.

In der Eile hatte sie die Zündkapsel vergessen einzusetzen. Ein Schakal hörte das Klicken und sprang vor – offenbar wusste er, was es bedeutete. Obwohl Yinger vor Angst zitterte, leuchtete sie mit der Taschenlampe. Der Schakal kam bis ganz nah heran, duckte sich aber nur und fletschte die Zähne. Er drohte wie eine Hündin, die ihre Welpen schützt. Zum Glück brannten die Flammen gerade hoch – sonst hätte er längst angegriffen. Und hätte er angegriffen, hätte er in Sekunden ein Stück Menschenfleisch erwischt. Yinger hatte gesehen, wie sie über den Sand flitzten – schwarze Blitze. Yinger wollte nach dem tibetischen Messer greifen, aber wenn sie die Taschenlampe weglegte, könnte der Schakal die Gelegenheit nutzen. Er knurrte tief, die Zähne weiß, die Augen nicht mehr grün, sondern von einem flackernden, unsteten Raubtierfunkeln. Er war zweifellos der Angeber in der Schakalhorde. Mit seiner spitzen Schnauze und den Affenbacken ähnelte er zwar einem Fuchs, doch wo der Fuchs Geist besaß, hatte er nur Bosheit. Erst jetzt erkannte Yinger, wie Grausamkeit aussah. Sie quoll aus seinen gefletschten Zähnen, seinem tiefen Knurren, seinem gesträubten Fell.

Der Schakal knurrte und rückte näher. Yinger bemerkte, dass das Feuer ihn nur wenig abschreckte. Wie es unter Menschen Weise gibt, gab es wohl auch unter Schakalen solche – und die hatten vielleicht erkannt, dass Feuer nur ein Papiertiger war. So war es wohl. Laoshun war einmal einem Wolf begegnet, der sich nicht vor Feuer fürchtete – er war ihm die ganze Strecke gefolgt, und als Laoshun in seiner Not ein Feuer entfachte, sprang der Wolf herausfordernd über das Feuer hin und her. Hätte Meister Meng Ba ihm nicht eine Kugel verpasst, hätte Laoshun nie Lingguan und seine Brüder gezeugt. Yinger dachte: Besser so – dieser Herzlose, egal wie gut man ihn behandelte, sein Herz war nicht zu halten. Bei diesem Gedanken fürchtete Yinger die Schakale nicht mehr. Sie schrie ihn an: Verschwinde! Du Herzloser!

Ein Schuss krachte!

Eine Ladung Eisenschrot verließ den Lauf. Sie waren ein Schwarm brennender Mücken. Sie pfiffen, prallten, stürzten sich wie Bienen nach dem Regen auf Blüten, gierig wie hungrige Fliegen auf blutigen Eiter, wild wie ein brünstiger Hengst, der über den Zaun springt, ungestüm wie Spermien auf dem Weg zum Uterus, freudig wie Muscheln in trübem Wasser, die plötzlich klares Wasser finden. Sie zerrissen die dicke Nacht in Fetzen. Bevor sie in den Schakalleib eindrangen, drangen sie in seine Augen. Das Herz des Schakals war zwar klein, doch seine Augen waren weit wie das Meer – so groß die Welt, so groß die Augen. Die Eisenkörner wussten das natürlich und schwammen genüsslich und freudig.

Yinger kam es vor, als hätten die Eisenkörner beim Vorwärtsschwimmen die Schwänze gewedelt und sich noch einmal nach ihr umgedreht … „Wie kann man ihr widerstehen, wenn sie beim Gehen noch einmal den schmachtenden Blick wendet.“ Sie erinnerte sich: Jener Schicksalsgefährte hatte diesen Vers damals immer wieder gemurmelt.

Im Moment des Einschlags riss der Schakal die Augen auf. Offenbar hatte er begriffen, dass diese fröhlich schwimmenden roten Muscheln ihm das Leben nehmen würden. Genau so war es. Er hatte kaum Zeit, sich ein paarmal zu winden, dann streckte er die Beine aus, die großen Augen in den Himmel gerichtet.

Lanlan sagte: Du musst das Messer bereithalten, es gibt offenbar auch welche, die keine Angst vor Feuer haben. Sie wischte sich den Schweiß ab. Yingers Rücken war eiskalt. Hastig leuchtete sie nach Osten – dort waren etliche schwarze Punkte herangerückt.

Dieser wirksame Schuss hatte die Schakale nicht eingeschüchtert. Das war kein gutes Zeichen.

Lanlan hatte nicht einmal mehr Zeit zum Verschnaufen – sie lud und schoss abwechselnd. Der Pulverrauch hing in der Luft. Sie kümmerte sich nicht mehr um Treffer oder Fehlschüsse – laden, schießen, mal nach Osten, mal nach Westen. Zum Glück wichen die Schakale vor jedem Feuerdrachen ein paar Schritte zurück – doch nur ein paar Schritte. Sobald der Schuss verhallt war, rückten sie Schritt für Schritt vor. Yinger holte das Petroleum heraus, das für die Petroleumlampe bestimmt war. Sie dachte: Wenn die Schakale geschlossen angreifen, gießt sie das Petroleum über das ringsum aufgeschichtete Holz. Sollten sie durch den Feuerring brechen, würde sie einfach alles anzünden und selbst hineinspringen.

Seltsamerweise war die Angst im Herzen deutlich verblasst. Offenbar wurde auch die tiefste Furcht mit der Zeit stumpf.

Das größte Bedauern war, in den Mäulern dieser erbärmlichen Bestien zu sterben. Bei dem Gedanken, dass dieser schöne Körper zum Futter dieser zähnefletschenden Ungeheuer werden sollte, fühlte sie sich unwohl. Am ekelhaftesten fand sie den Speichel, der aus den Schakalmäulern tropfte.

Allein der Gedanke, er könne ihren sauberen Körper berühren, ließ sie würgen. Da sie nachts nicht viel gegessen hatte, war der Magen schon leer – herauswürgen konnte sie nichts. Der ständige Pulverrauch schnürte ihr die Brust zusammen. Durch den Rauch sah sie, dass die Wirkung des Gewehrs tatsächlich nachließ – zwar fielen immer wieder Schakale schreiend zu Boden, doch die anderen kümmerten sich offenbar nicht um die Verluste. Nur im Moment, wenn Lanlans Lauf auf sie zeigte, wichen sie ein wenig aus – aber das war Ausweichen, kein Rückzug, und erst recht keine Flucht. Dass Schakale trotz ihrer geringen Größe so gefürchtet waren, hatte seinen guten Grund. Wenn Artgenossen von Wölfen zerrissen wurden, griffen die anderen trotzdem an – und vor ihnen lag zartes Frauenfleisch und hohe Kamele.

Man sagte, unter allen Fleischfressern sei Menschenfleisch am schmackhaftesten, denn es habe das meiste Fett. Der Erdgott hatte seinen Wächtertieren zwar viele Regeln auferlegt, aber wer einmal Menschenfleisch gekostet hatte, konnte der Versuchung nicht widerstehen und wurde zum Wiederholungstäter. Deshalb galt auch im menschlichen Gesetz: Egal welche Schutzstufe ein Tier hat – hat es einen Menschen gefressen, muss es getötet werden, denn wer einmal einen Menschen gefressen hat, wird Hunderte fressen.

Ob diese Schakalhorde auch Menschenfleisch fressen wollte?

Die Schüsse kamen nur noch dünn. Das Feuergewehr war umständlich zu laden – erst musste das Pulver mit einem Eisenstab durch den Lauf gestoßen, mit einem Stößel festgestampft, dann der Eisenschrot eingefüllt und nochmals Pulver darüber gestampft werden. So entstand nach jedem Schuss eine Pause. In jeder Pause sprangen Schakale kreischend vor, erst beim nächsten Schuss wichen sie etwas zurück – aber immer weniger. Yinger ließ das Feuer hoch lodern, im Feuerschein konnte man schon die gefletschten Schakalmäuler erkennen. Zwar sprang noch kein Schakal über das Feuer, doch bei diesem Tempo war es nur eine Frage der Zeit.

Yinger erinnerte sich: Als Kind hatte das Dorf zur Wintersonnenwende immer viele Feuer angezündet, und die Kinder sprangen über die Flammen – das nannte man „Krankheiten abschütteln“. Angeblich verschwanden an diesem Tag durch den Sprung übers Feuer alle Krankheiten. Anfangs wagte Yinger natürlich nicht zu springen – beim Anblick der Flammen wurde ihr schwindlig. Deshalb beneidete sie die Spielkameraden, die wie Wildkatzen unermüdlich sprangen. Dann sprang die Mutter mit ihr in den Armen über das Feuer. Beim ersten Mal schloss sie die Augen und schrie. Beim zweiten Mal traute sie sich, die Augen offen zu halten. Nach drei Sprüngen mit der Mutter wagte sie es allein. Sie dachte: Den Schakalen geht es vielleicht genauso. Anfangs fürchten sie das Feuer, doch wenn sie seine Natur begriffen haben, werden sie sich trotz der Flammen geschlossen stürzen.

Und dann? Sie schauderte.

14

Die Schüsse durchbrachen den Belagerungsring der Schakale nicht mehr. Yinger erkannte: Der Umzug war ein Fehler gewesen – sie waren von allen Seiten umzingelt, und das Gewehrfeuer musste in alle vier Richtungen verteilt werden, um die knurrenden Mäuler auch nur kurz zum Wanken zu bringen.

Das Brüllen der Kamele erklang immer wieder – die Bestien jagte ihnen unsägliche Angst ein. Doch Schakale, die sich von Schüssen nicht beeindrucken ließen, fürchteten wohl kaum das Schnauben der Kamele. Die Kamele schüttelten wild die Köpfe und wollten die Stricke zerreißen, doch ihre empfindlichsten Nüstern waren von den geschmeidigen Weidenzweigen-Halftern gefesselt. So sehr sie auch an den Büschen zerrten – sie mussten erkennen, dass ihre zerbrechlichen Nüstern den Wurzeln nicht gewachsen waren. Selbst wenn sie sich den Nasenrücken zerrissen, könnten sie den Schakalmäulern nicht entkommen. Die Schakale hatten die Einkreisung von Mensch und Kamel vollendet. Flöhen die Kamele, würden sie als Erste gejagt. Schließlich beruhigten sie sich etwas und zerrten nicht mehr am Halfter, doch ihr Schnauben hörte nicht auf.

Die Lage war schlecht: Erstens ging das Holz aus. Aufgestapelt sah es nach viel aus, doch auch Berge schwinden bei konstantem Verbrauch – und das Feuer hatte nie aufgehört zu brennen. Wie viele Stunden waren vergangen? Schwer zu sagen – manchmal täuschte das Gefühl, manchmal verging ein Jahrhundert wie ein Augenblick, manchmal zog sich ein Tag wie ein Jahr. Yinger konnte die Zeit nicht einschätzen. Sie hatte zwar eine Uhr, doch die war zusammen mit dem Geld in der kleinen Tasche. Yinger dachte: Das war das Kapital für den Salztransport, besser am Körper tragen. Sie bat Lanlan um die Taschenlampe, ging hinüber und hängte sich die Tasche um den Hals. Sie tastete – der harte Klumpen war noch da. Doch dann verachtete sie sich für ihr Verhalten. Sie dachte: So wie es aussieht, ist nicht mal das Leben sicher – wie kann ich an Geld denken? Ich bin wirklich ein Geizhals.

Trotz aller Selbstvorwürfe behielt sie die Tasche um. Sie dachte: Wenn die Schakale sie fressen, dann eben. Wenn sie entkommen, braucht man Geld. Sie holte die elektronische Uhr heraus – fast vier Uhr morgens. Sie sagte zu Lanlan: Noch gut eine Stunde, dann wird es hell.

Yinger bereute, zu Beginn der Nacht nicht mehr Holz gesammelt zu haben. Jetzt hatten die Schakale alle Stellen mit Buschwerk besetzt.

Der Belagerungsring wurde immer enger. Wer Holz holen wollte, musste sich erst mit den fletschenden Bestien befassen. Yinger schob alles Holz zusammen – es hatte die Größe eines Grabhügels. Beim Gedanken an einen Grabhügel fand sie es unheilvoll. Sie dachte: Vielleicht stirbt sie wirklich. Doch sie war nicht mehr so panisch wie zuvor. In ihren Augen war der Tod nicht schrecklich. Früher war das Wort „Tod“ ebenso selbstverständlich in ihr Herz getreten wie Essen und Anziehen. Doch von Schakalen zerrissen zu werden – das wollte sie nicht. Schakale liebten Innereien am meisten. Beim Gedanken, dass sie ein großes Loch in ihren Bauch graben und dann ihre spitzen Schnauzen in die Bauchhöhle stecken und Leber, Herz und Lunge Stück für Stück herausreißen würden, drehte sich ihr der Magen um. Hätte sie das gewusst, wäre sie in jener Regennacht gestorben. Dann dachte sie: Auch gut – von Schakalen verschlungen, bleibt kein Leichnam auf der Welt, die Eltern müssen den grausigen Anblick der Tochter nicht sehen. Ihr Verschwinden wäre wie Verdunstung – spurlos. Auch gut. Doch beim Gedanken, dass die Schakale nach den Innereien auch ihr Gesicht zernagen würden, schauderte sie wieder. Sie dachte: Du Schicksalsgefährte – wenn meine Schönheit dich nicht halten konnte, dann eben den Schakalen zum Fraß. Sie verspürte ein boshaftes Vergnügen, doch Tränen strömten über ihr Gesicht.

Lanlan rief: Wie konnte das Feuer ausgehen?

Yinger wischte sich die Tränen, warf ein paar Handvoll trockene Zweige hinein, blies ein paarmal, und die Flammen loderten wieder.

Einige Schakale waren schon sehr nah. Lanlan lud das Gewehr und feuerte auf sie – zwei fielen, aber die anderen beiden flohen nicht, sondern fletschten die Zähne gegen Lanlan. Yinger warf Holz auf die Glut, und das Feuer loderte auf. Erst da wichen die beiden einige Schritte zurück. Offenbar fürchteten die Schakale doch vor allem das Feuer – nur war leider kaum noch Brennholz übrig. Sobald das Feuer erlosch, würden auch die Schüsse die Schakale nicht mehr aufhalten. Yinger blickte wehmütig zum Himmel. Sie dachte, vielleicht war dies das letzte Mal, dass sie den Himmel sah. Im Feuerschein verschwammen die Sterne, schimmernd und unwirklich, ganz wie die Hoffnung in ihrem Herzen. Sie fragte sich, ob jener Schicksalsgefährte sie suchen würde, wenn sie wie Dampf von dieser Welt verschwände. Vielleicht ja. Vielleicht würde er auf einem Kamel reiten, den verschlungenen Schluchten folgen, ihren Namen rufen und herzzerreißend weinen. … Du kommst zu spät, murmelte sie. Wer hat dir gesagt, du sollst mich nicht wertschätzen? Es gibt Dinge auf dieser Welt – wenn man sie dir gibt, willst du sie nicht, und wenn du sie willst, sind sie fort. Such nur, selbst wenn du jedes Sandkorn durchsuchst, wirst du mich nicht mehr finden. Yinger empfand eine schelmische Freude, als spielte sie Verstecken mit ihm. Obwohl sie den Geliebten, der zu spät kommen würde, hasste, rührte sie doch die Vorstellung seiner verzweifelten Suche. Während sie Holz ins Feuer warf, liefen ihr die Tränen übers Gesicht. So war sie immer – stets trafen ihre selbst erschaffenen Illusionen sie selbst zuerst.

Das Holz war aufgebraucht.

Als die Flammen kleiner wurden, verengten die Schakale ihren Kreis. Natürlich hatten auch sie bemerkt, dass kein Holz mehr da war. Menschen konnten ihre Grausamkeit erkennen, und sie konnten die Schwächen der Menschen entdecken. Sie heulten im Chor, durchdringend und furchterregend.

Lanlan feuerte zwar besonnen, doch sie lud langsamer – sie war offensichtlich nervös geworden. Yinger hingegen wurde ruhig. In ihrer Benommenheit sah sie den Schicksalsgefährten, der sie anblickte. Sie dachte: Ich darf die Fassung nicht verlieren. Ich kann mein Schicksal nicht ändern, aber die Würde bewahren, das kann ich doch. Sie wusste, dass Weinen und Schreien die Schakale nicht vertreiben würde. Also weinte sie nicht. Sie sah das Feuer schrumpfen. Es war Licht – das Licht des Lebens, das Licht der Hoffnung, das Wärmste in der Dunkelheit – doch es wurde kleiner. Sie hörte die Schakale jubeln. Ja, sie jubelten tatsächlich. Der Kampf zwischen beiden Seiten hatte längst die Ebene bloßer Nahrungssuche überschritten, denn die Schakale fraßen die Kadaver ihrer Artgenossen nicht mehr. Das Feuer und die Schüsse hatten offenbar einen anderen Urinstinkt in ihnen geweckt.

Das Feuer erlosch. Schwärze presste sich heran, ein Ring grüner Lichter trat hervor. Wie ein Becher Wasser ein Feuermeer nicht löschen kann, so vermochten Taschenlampe und Schüsse die Schakale, die den Sieg vor Augen hatten, kaum noch zu schrecken. Lanlan lud immer langsamer, als überlegte sie, ob weiterer Widerstand noch Sinn hatte. Die Schakale kreischten nur, griffen aber nicht sofort an – als hegten sie noch eine gewisse Scheu, oder als spielten sie ein Katz-und-Maus-Spiel. Wer je das Kreischen der Schakale gehört hat, weiß, welch grauenhafte Wirkung hunderte dieser furchtbaren Stimmen zugleich entfalten. Es glich dem Kläffen tollwütiger Hunde, dem Heulen hungriger Wölfe, dem Gezeter von Furien, den Verwünschungen eines Schlächters – ein Gemisch verschiedenster Laute, die nicht aus der Kehle, sondern zwischen den Zähnen hervorgepresst schienen. Begleitet von Speichel und höhnischem Lachen. Yinger fühlte sich wie in einem Albtraum.

Die Schakale rückten langsam vor, das grüne Licht in ihren Augen floss wie Wasser, färbte den Speichel grün und erzeugte ein schleimiges Geräusch.

Yinger hoffte nur, dass sie ihr mit einem Biss die Kehle durchbeißen und nicht zuerst die Eingeweide herausreißen würden. Am meisten fürchtete sie, bei lebendigem Leib die Verwüstung ihres eigenen Körpers zu sehen. Sie wollte ihre eigene Hässlichkeit nicht sehen. Sie dachte an jenes Kamel, das in einer Sandmulde verendet war – wenn sie ebenso stürbe, würde sie sehr traurig sein. Lieber hätte sie sich erhängt oder in einen Brunnen gestürzt. Sie wollte nicht, dass ihr Fleisch und Blut sich mit Kot vermischte, nicht, dass Schwärme grünschillernder Schmeißfliegen sie umsummten, und schon gar nicht, dass ihr Leib klumpige Fliegenmaden nährte. Die beste Art zu sterben, dachte sie, wäre ein Kügelchen Opium. Opium war zwar nichts Gutes, brachte aber viele schöne Illusionen. Illusionen zwar, aber schön! Genau betrachtet war das ganze Leben eine Illusion – alles vor den Augen strömte wie eine Sturzflut davon, niemand konnte es festhalten. Das kostbarste Gut des Menschen, das Leben, war letztlich auch nur ein Gefühl. Opium, das einem das Leben beendete, das man nicht mehr haben wollte oder konnte, und einem zugleich schöne Gefühle schenkte – das war natürlich das Beste. Yinger bereute, dass sie das Stück Opium nicht mitgenommen hatte, das sie für ihren Mann zur Schmerzlinderung aufbewahrt hatte. Damals hatte sie es, aus Angst, er könnte sich etwas antun, auf dem Dachbalken versteckt und mit Staubpapier überdeckt. Dann dachte sie wieder: Selbst wenn sie das Opium hätte – nach dem Schlucken würden die Schakale sie trotzdem zerfetzen, und die Fliegen würden auf den Fleischfetzen ihre weißen Maden ausbrüten. Beim Gedanken an die weißen Maden wurde Yinger wieder übel, und sie betete: Schakale, wenn ihr schon fressen müsst, dann fresst mich restlos auf, lasst keinen Rest übrig. Sie dachte an die tibetische Himmelsbestattung, bei der die Lamas auch beteten, dass die heiligen Adler alles Fleisch des Toten fressen mögen. Es hieß, wenn sie nicht sauber fraßen, bringe das Unglück und bedeute, dass der Tote nicht nach Wunsch wiedergeboren werde. Sie fand das komisch. Sie stellte fest, dass das Schicksal ihr stets seltsame Streiche spielte und ihr Herz immer wieder veränderte. Wie bei der Heirat mit Mengzi – anfangs empfand sie den Gedanken als Entweihung ihrer selbst, allmählich konnte sie ihn akzeptieren, und schließlich wurde es etwas, das sie verzweifelt wollte, aber nicht bekam. Auch jetzt war es so: Anfangs fürchtete sie, von den Schakalen gefressen zu werden, und nun betete sie, dass sie sie sauber auffressen mögen. Wirklich zum Lachen. Dieses Leben war wahrlich schwer zu durchschauen.

Die grünen Lichter waren ganz nah. Sie hörte sogar ihr Keuchen. Sie wartete auf ihren Angriff. Sie hatte ihre Sprunggeschwindigkeit gesehen – ein Abstoß mit den Hinterläufen, und im Bruchteil einer Sekunde hätten sie ihre Kehle gepackt. Dann wäre alles vorbei – die Sehnsucht vorbei, der Schmerz vorbei, das Ringen vorbei. Vielleicht würde sie in eine Schwärze ohne Licht versinken.

Sie wusste nicht, ob sie dann noch Empfindungen haben würde. Natürlich hoffte sie es – der Gedanke, eine empfindungslose Schwärze zu werden, ließ ihr Herz sich zusammenkrampfen. Aber dann dachte sie: Wozu sich so viele Sorgen machen? Wenn es so weit ist, wird man weitersehen. Vielleicht gab es nach dem Ende des Lebens sogar noch schönere Aussichten. – Allerdings war das schwer zu sagen. Sie fand, dass zu den schöneren Aussichten er gehören müsste. Ohne ihn wäre die schönste Aussicht sinnlos.

Yinger blickte in die umringenden Augen, reckte den Hals und dachte: Kommt nur.

Worauf wartet ihr?

Sie spürte einen Windstoß auf sich zubrausen.

Doch was mit dem Brausen aufstieg, war eine himmelhohe Flamme. Die Schakale kreischten erschrocken und wichen einige Schritte zurück. Yinger roch beißenden Pulvergeruch, ihre Haare wurden kurz angesengt. Noch verblüfft, sah sie, wie Lanlan die Hand schwang und das Feuer erneut in den Himmel spritzte. Da erst verstand sie: Lanlan warf Schießpulver ins Feuer! Die Wucht des Pulvers war natürlich weitaus größer als die von Reisig – kein Wunder, dass die Schakale in Panik gerieten.

Lanlan rief: Hör auf, aufs Sterben zu warten – reiß die Steppdecke in Stücke und übergieß sie mit Petroleum!

Das brachte Yinger auf den Gedanken: Stimmt, es gab noch manches, das brennen konnte.

Das Tibetmesser war scharf und zerteilte das Zelt und eine Decke in wenigen Schnitten. Yinger dachte, erst eine Decke, wenn es nicht reicht, dann die nächste. Falls sie entkämen, bräuchten sie das Bettzeug noch. Sie goss etwas Petroleum auf die Stoffstücke und das Kamelhaar. Das Petroleum war eigentlich für die Petroleumlampe bestimmt – ohne sie wäre das Gehen in der Nacht sehr umständlich –, aber im Augenblick ging es ums Überleben. Sie tränkte alles, zündete es an. Eigentlich wollte sie es auf die erloschene Feuerstelle legen, doch dann hatte sie einen Einfall und schleuderte den Feuerball auf die Schakale. Der brennende Ballen flog in einem leuchtenden Kranz langsam zu einem Schakal im Osten und setzte sein Fell in Brand. Das Tier war außer sich vor Schreck und stieß ein markerschütterndes Geheul aus. Es rannte mit dem Feuer auf dem Rücken wild umher.

Die Reihen der Schakale im Osten gerieten in Aufruhr, sie wichen weit zurück. Doch Schakale waren nun einmal kein leicht entflammbares Material – als das Öl verbrannt und das Fell abgesengt war, erlosch das Feuer. Das Tier überlebte, heulte aber vor Schmerzen lang gezogen auf, fast wie ein Wolf.

Lanlan rief „Bravo!“. Sie legte den Pulverbeutel ab, entzündete ölgetränkte Kamelhaarknäuel und schleuderte sie auf die Schakale der anderen drei Seiten. Der Trick funktionierte – die Schakale stoben in alle Richtungen davon, gaben sich aber nicht geschlagen und hielten zwanzig Meter entfernt inne, starrten mit grünen Augen.

15

Lanlan sagte: Wir können nicht länger untätig warten, wir müssen einen Weg zur Flucht finden.

Yinger sagte: Einverstanden. Sie übergoss die Stoffstücke und Haarknäuel mit Öl, aber nicht zu viel – gerade genug, um sie zum Brennen zu bringen. Sie leerte zwei große Plastiktüten und verteilte das Kamelhaar darauf. Das waren ihre Handgranaten, die vielleicht den Belagerungsring sprengen konnten. Die beiden befestigten das Tragegestell auf einem Kamel, zurrten es fest und packten alles zusammen. Erst später bemerkten sie, dass diese ganze Katastrophe zwar wegen des Kamelfells begonnen hatte, am Ende aber niemand mehr daran dachte.

Das Leben ist wirklich amüsant.

Lanlan lud das Gewehr und hängte sich den Pulverbeutel um den Hals. Die beiden bestiegen die Kamele, jede mit Feuerzeug und ölgetränktem Kamelhaar ausgerüstet. Yinger steckte das Tibetmesser ein. Sie dachte: Selbst wenn ich sterben muss – ich werde nicht einfach den Hals hinhalten.

Lanlan ritt voraus. Sie leuchtete mit der Taschenlampe, deren Strahl die Dunkelheit vor ihnen durchschnitt. Die Schakale, noch verängstigt, starrten stumm; als Lanlan herannahte, wichen sie panisch zur Seite. Lanlan wollte eigentlich schießen, um den Weg freizumachen, doch als die Schakale von selbst auswichen, freute sie sich insgeheim und rief Yinger zu: Nicht galoppieren! Wir gehen langsam. Wenn wir rennen, merken sie, dass wir Angst haben. Yinger hielt ein Haarknäuel bereit, jederzeit zum Anzünden und Werfen, aber sie fürchtete, dass bei schnellerem Ritt der Wind das Feuerzeug ausblasen würde, und sagte: Stimmt, langsam ist besser – rennen können wir gegen die sowieso nicht, es würde nur Schwäche zeigen.

Doch während die Menschen nicht schnell laufen wollten, drängten die Kamele zum Galopp. Natürlich fürchteten sie die sie umringenden Zähne. Sie schnaubten und stießen Laute aus, versuchten verzweifelt loszurennen. Lanlan zerrte mit aller Kraft an den Nasenringen, um die nervösen Tiere einigermaßen unter Kontrolle zu halten.

Da die Schakale schwiegen, ließ auch Lanlan sie in Ruhe. Als sie ihre Kamele durch die Lücke trieb, die die Schakale gelassen hatten, zündete Yinger mit einer Hand das Feuerzeug an, mit der anderen hielt sie das Kamelhaar bereit. Sobald die Schakale sich rührten, würde sie das Feuer schleudern. Die Schakale schienen ihre Absicht zu ahnen und wichen einige Schritte zurück.

Der Strahl der Taschenlampe beleuchtete die sich wellende Wüste; im Osten zeigte sich ein heller Schimmer. Es war die Morgendämmerung der Hoffnung. Yinger atmete auf – sie war völlig erschöpft. In der Anspannung hatte sie es kaum gemerkt, doch jetzt fühlte es sich an, als wäre ihr das Mark aus den Knochen gesaugt worden, und die Augen fielen ihr zu. Für einen Moment verlor sie sogar das Bewusstsein. Sie vermutete, dass sie in diesem Augenblick in den Schlaf gefallen war. Sie wollte so gern einschlafen. Selbst mit den Schakalen hinter sich wollte sie einfach nur schlafen.

Lanlans Taschenlampe wechselte von Vorwärts- auf Rückwärtsstrahlung. Im Lichtkegel verdichtete sich eine Reihe schwarzer Punkte zu einem Haufen, der in einer Sandmulde verharrte. Die Glut der Feuerstelle schimmerte noch gelblich. Das Glockengeläut der Kamele brachte den kühlen Wüstenwind, der wie Wasser über den Körper strömte und bis ins Herz kühlte. Yinger mochte diesen Wind, denn nach all dem Schweiß hatte sie großen Durst. Sie legte die Haarknäuel in die Plastiktüte, löste die Wasserflasche vom Tragegestell, trank einige Schlucke und reichte sie Lanlan. Lanlan hängte sich das Gewehr um den Hals, nahm die Flasche und trank in langen Zügen. Lanlan war sonst äußerst sparsam mit Wasser, doch nach dieser Bewährungsprobe zwischen Leben und Tod wollte sie sich belohnen.

Der Haufen schwarzer Punkte im Lichtkegel wurde immer kleiner. Yinger atmete erleichtert auf. Sie wunderte sich, dass derart grausame Tiere sich von plötzlich aufloderndem Pulver und geschleuderten Feuerbällen so verschrecken ließen. Vielleicht war es das gewesen, was man Überrumplung nannte.

Das Morgenrot im Osten wurde kräftiger, aber die Sicht war noch nicht ganz klar. Der Wind wurde frischer – es war jener Wind, den die Dorfbewohner „Bergabwind“ nannten, der sich entlang des Qilian-Gebirges herunterwand. Fast jeden Morgen gab es diesen Wind. Nach der Herbsternte nutzten die alten Dorfleute ihn, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Er blies Yingers Erschöpfung ein wenig fort. Die Kamele schnaubten laut, zufrieden klingend, und ihre Schritte wurden größer. Lanlan ließ die Zügel lockerer. Wie auch immer – je weiter weg von den Biestern, desto besser. Doch Yinger fürchtete, das Galoppieren könnte die Schakale aufmerken lassen. Lanlan leuchtete erneut zurück, konnte die schwarzen Punkte aber nicht mehr sehen – ein Sandhügel trennte sie. Yinger sagte: Umso besser. Lanlan lockerte die Zügel, drückte die Beine zusammen, und die Kamele galoppierten los.

Der Kamelhöcker sah stabil aus, saß sich aber weit weniger eben als ein Pferderücken. Beim Reiten gab es nur ein sanftes Auf und Ab, doch ein rennendes Kamel rüttelte heftig. Yinger band die Plastiktüte mit dem Kamelhaar ans Tragegestell und hielt sich mit beiden Händen am Höcker fest. Am meisten fürchtete sie, das Kamel könnte durchgehen – wenn es scheute, würde sie es nicht bändigen können.

Lanlan erkannte das und begann die Geschwindigkeit zu drosseln. Das Gewehr schwang heftig vor ihrer Brust. Mit einer Hand hielt sie das Gewehr, mit der anderen zog sie am Zügel. Das Kamel gehorchte und verlangsamte den Schritt. Yingers Kamel folgte dem vorderen – wenn das erste stoppte, wurde auch das zweite langsamer.

Doch da ertönte auch das Kreischen der Schakale wieder. Yinger griff hastig nach dem ölgetränkten Kamelhaar, klickte immer wieder das Feuerzeug an, doch der Wind blies es jedes Mal aus. Mühsam gelang es ihr, das Haar zu entzünden, und sie warf es nach hinten – aber die verfolgenden Schakale machten nur einen kleinen Bogen.

Sie ließen sich vom Feuerball nicht abschrecken. Die Kamele begannen wieder panisch zu holpern. Lanlan hob das Gewehr nach hinten, doch es ertönte nur ein leises Knallen, wie ein kleiner Böller – das Pulver musste beim Holpern herausgerieselt sein.

Yinger klickte immer wieder das Feuerzeug an, immer wieder blies der Wind es aus. Ihr war klar: Selbst wenn sie das Kamelhaar in der Tüte entzünden könnte, würde es die Schakale nicht mehr aufhalten. Die Wüste war groß, es gab viele Wege – ein kleiner Bogen, und sie würden jedes mühsam entzündete Feuer umgehen. Yinger steckte das Feuerzeug weg und verstaute das Kamelhaar wieder in der Tüte. Mit einer Hand klammerte sie sich am Höcker fest, mit der anderen umfasste sie das Tibetmesser. Es half nichts, dachte sie – jetzt musste sie kämpfen. Auch Lanlan versuchte mehrmals, Pulver nachzuladen, doch beim Holpern verschüttete sie es jedes Mal und gab auf. Von selbst und ohne Antrieb wurden die Kamele schneller. Nun lag die einzige Überlebenshoffnung in der Laufgeschwindigkeit der Kamele. Doch beide wussten: Schakale gehörten zu den schnellsten Tieren der Wüste. Durch bloße Flucht würde man ihren Zähnen kaum entkommen.

Yinger war zwar gewohnt, Kamele zu reiten, doch meist zahme Tiere und meist im gemächlichen Schritt – einen solchen Galopp hatte sie noch nie erlebt. Als das Kamel zu rennen begann, war sie völlig aufgelöst. Sie presste sich an das Tragegestell; obwohl oben eine Decke lag, stieß ihr Steißbein dennoch immer wieder schmerzhaft auf. Sie dachte, Lanlan hatte es noch schlimmer – ihre Decke war zerschnitten worden, und unter ihr waren nur noch ein paar Wollsäcke. Da die Feuerbälle die Schakale ohnehin nicht mehr aufhielten, band Yinger kurzerhand die Plastiktüte mit dem Kamelhaar los, trieb ihr Kamel an, holte das vordere ein und reichte Lanlan die Tüte, damit sie sich darauf setzen konnte.

Unmerklich hatte die blasse Dämmerung dem vollen Tageslicht Platz gemacht. Yinger sah, dass die Schakale zwar verfolgten, aber nicht mit ganzer Kraft – offensichtlich scheuten sie noch die geheime Waffe in den Händen der Frauen. Das war gut. Ihr Geheul ging im Fahrtwind und im Geklapper der Kochgeräte am Kamelkörper unter. Lanlan rief laut: Hab keine Angst! Wenn die Sonne höher steht, werden sie abdrehen! Halt dich fest, fall nicht herunter!

Die gut gemeinte Warnung machte Yinger erst recht nervös. Sie dachte: Wenn sie vom Kamelrücken fiele, würde sie augenblicklich zu einem Skelett abgenagt. Am meisten fürchtete sie, das Kamel könnte den Tritt verfehlen, denn in der Wüste gab es viele Mäuselöcher – trat ein Kamelhuf hinein, während der schwere Körper weiter nach vorne drängte, würde das Bein brechen. Mäuselöcher waren häufig an Schattenhängen, doch Lanlan lenkte die Kamele trotzdem dorthin, weil auf den Sonnenhängen der lockere Sand lag – die Schakale kamen dort mühelos voran, während die Kamele leicht abrutschen konnten. Die Schakale ließen ihre Beute ganz offensichtlich nicht entkommen. Nachdem sie eine Weile verfolgt hatten und feststellten, dass der Gegner keinen neuen Trick mehr auf Lager hatte, wurden sie mutiger und jagten mit Hingabe. Sie kamen immer näher, die Schritte der Kamele wurden hektisch.

Yinger dachte, bei dieser Art Flucht würde das Kamel früher oder später straucheln. Verhängnisvoll. Doch ihr Herz war erschöpft, die Angst und alles andere von der Müdigkeit ertränkt – sie konnte nur noch dem Kamel vertrauen. Sie hörte bereits das Keuchen der Schakale. Sie dachte: Wenn sie noch einmal zulegen, uns abschneiden – dann ist es vorbei.

Plötzlich sah sie Lanlan etwas werfen – die Plastiktüte mit dem Kamelhaar. Die Schakale stutzten kurz, erkannten aber rasch, was es war, und stürzten sich als Meute darauf, rissen die Tüte in Fetzen. Das brachte Yinger auf eine Idee. Lanlans Trick hatte die Schakale zwar nicht ganz aufgehalten, aber immerhin die Krise gelindert. Mit einer Hand klammerte sie sich am Höcker fest, mit der anderen griff sie nach dem Beutel mit dem Kochgeschirr. Sie wollte ihn mit der Hand öffnen, tastete aber vergeblich. Da sah sie, dass ein Schakal bereits neben dem Kamel herlief und zähnefletschend provozierte. Yinger hieb mit dem Messer auf den Beutel – ein Scheppern, und Töpfe, Schüsseln und Essstäbchen stürzten krachend zu Boden. Das erschreckte die Schakale gewaltig. Sie hielten die laut scheppernden Gegenstände offenbar für eine geheime Waffe und hielten allesamt inne.

Lanlan rief: Richtig! Wirf alles ab, was entbehrlich ist – das Leben zählt!

Die beiden nutzten die Gelegenheit und gewannen großen Vorsprung. Lanlan rief: Nimm die Ersatzkleidung heraus! Behalte nur Wasser und Fladenbrot! Sobald sie aufholen, wirf ein Kleidungsstück ab – erst mal überleben! Yinger kramte eine Weile, bis sie das Kleiderbündel hervorgezogen hatte, da ertönten hinter ihnen wieder die grellen Schreie.

Die Sonne zeigte ein halbes Gesicht, doch die Schakale schienen die weiße Scheibe, die aus der Erde quoll, nicht zu fürchten. Die Verfolgungsjagd hatte sich zur Farce gewandelt. Die Schakale interessierten sich noch mehr für die bunten Kleider – sobald ein Kleidungsstück herunterfiel, stürzten sie sich begeistert darauf und zerrissen es gemeinsam, bis es lauter bunte Schmetterlinge waren. Ein Kleidungsstück nach dem anderen wurde abgeworfen und erregte jedes Mal aufs Neue das Interesse der Schakale. Sie hatten offensichtlich begriffen, dass ihr Gegner am Ende seiner Kräfte war, und trieben ihr Zerreißspiel bis zum Äußersten. Nach jedem zerrissenen Kleidungsstück sprangen sie kreischend umher. Yinger wusste, dass die Kleider den Tod aufhielten, und doch tat es ihr weh. Schließlich blieb nur noch eine himmelblaue Bluse übrig. Die hatte Lingguan ihr geschenkt – ein Liebespfand. Sie dachte: Diese werfe ich um nichts in der Welt weg. Wenn ich sterbe, dann zusammen mit ihr.

Sie zog die Bluse kurzerhand an.

Auch Lanlan hatte vieles abgeworfen, und alles hatte seinen Zweck erfüllt. Die Sonne stand so hoch wie eine halbe Pappel. Keine Morgenröte – das bedeutete, es würde heiß werden. Doch die verfolgenden Schakale zeigten keine Anzeichen von Kopfschmerzen. Lanlan sagte, sie habe die Orientierung verloren – egal, sie flohen nach Osten, und wenn sie auf Hirten träfen, könnten sie nach dem Weg fragen. Das Problem war, dass sie die Schakale nicht abschütteln konnten. Die hatten beim Zerreißen der Kleider ihre Begeisterung aufgebraucht und zeigten kein Interesse mehr an den anderen abgeworfenen Gegenständen. Sie waren sogar wütend über das ständige Abwerfen von Dingen und stießen drohende Schreie aus, voller Mordlust. Es war zu hören: Sie hatten die zwei Kamele und zwei Menschen längst durchschaut und rechneten nicht mehr mit neuen Tricks.

Sie wollten zuschlagen.

In den Sandmulden rollten Wellen wüsten Geheuls.

16

Die Schakale stürmten heran wie der Wind.

Als Yinger sah, dass die abgeworfenen Gegenstände die Schakale nicht mehr ablenkten, ließ sie es bleiben. Im Bewusstsein, dass der Tod nah war, kehrte die trotzige Auflehnung zurück. Ein aschgraues Gefühl im Herzen. Immer in der Verzweiflung war es so – die ganze Welt wurde grau. Das Geheul der Schakale wurde zum Traum, die holprigen Dünen wurden zum Traum, auch Lanlan, die auf dem galoppierenden Kamel sich immer wieder umdrehte und sie ermutigte, wurde zum Traum. Sie hätte nicht gedacht, dass ihr Ende so aussehen würde. Ein Gefühl trostloser Weite stieg aus den Tiefen ihrer Seele empor, ähnlich den traurigen Klängen eines Xianxiao-Liedes. Sie erinnerte sich, dass Lingguan die Xianxiao-Balladen liebte, ihre schweren Melodien. Sie selbst hatte sie immer als derb empfunden. Doch nun, da das Leben vielleicht zu Ende ging, war es ausgerechnet die traurige Melodie des Xianxiao, die in ihrem Herzen erklang – jener Trauerton, der wie ein zarter Rauchfaden über dem Sand schwebte. Yingers Traumgefühl wurde stärker. In ihrer benommenen Rückschau hüpften die Schakale wie Bohnen in einer heißen Pfanne hinter ihr her. Sie kamen, um ihr Leben zu holen. Doch seltsamerweise empfand sie nur grenzenlose Erschöpfung. Die Müdigkeit verwandelte alles in Trug, sogar sie selbst wurde zum Schatten.

Das Kamel erklomm Hügel und durchquerte Mulden, das Rütteln wurde immer stärker. Yinger wäre fast heruntergeworfen worden. Sie dachte: Soll ich eben herunterfallen – es ist ohnehin nur eine Frage der Zeit. Ihr Herz sprach so, doch ihr Körper presste sich von selbst enger an den Kamelhöcker. Lingguan hatte einmal gesagt, der Körper sei die Burg der Seele. Sie war zu müde, um die Götter in ihrem Inneren anzuflehen. Sie dachte: Macht, was ihr wollt – wenn ihr euch den Schakalen zum Fraß vorwerfen wollt, dann tut es. Sie wunderte sich über sich selbst, als ob die Schakale jemand anderen verfolgten.

Hinter ihr verstummte es – ob wirklich oder nur in ihrer Wahrnehmung, jedenfalls war es still. Auch das Keuchen des Kamels war verschwunden. Auch der Fahrtwind. Alles war erstarrt in einem riesigen Kristall. Das Rütteln war zwar noch da, aber schattenhaft. Die traurige Xianxiao-Melodie wob noch immer in ihrem Herzen; im Sirren der dreisaitigen Laute erkannte sie das Ringen einer Seele. Sie dachte: Das ist die wahre Musik – der Seelenklang, der sich über Jahrtausende abgesetzt hat.

Ihr Körper war bis zum Äußersten erschöpft, sie wollte auf dem Kamelrücken einfach einschlafen. Selbst wenn die Schakale ihr die Eingeweide herausrissen oder das Fleisch von den Knochen nagten – es war ihr gleich. Doch obwohl der Körper ermattet war, blieb das Herz in seiner Benommenheit wach. Sie fragte sich, ob dieses benommene Traumgefühl vielleicht das wahre Wachsein war? … Er hatte immer gesagt, das Leben sei ein Traum. Natürlich hatte sie das nicht geglaubt – wenn sie seinen lebendigen Körper in den Armen hielt, hätte er noch so viel von Traum reden können, sie hätte es nicht geglaubt. Jetzt glaubte sie es. Alles war wirklich ein Traum. Die fernen Eltern waren ein Traum, die heranrückenden Schakale ein Traum, der holpernde Kamelhöcker ein Traum, ihr schwebend-schwebendes Leben ein Traum. Die Melodie des Lebens war natürlich erst recht ein Traum.

Sie fragte sich: War dieses Gefühl das, was man „die Welt durchschauen“ nannte? Alle Gedanken erloschen, und doch alles wie ein Traum. Allerdings erkannte sie, dass dieses sogenannte Durchschauen noch nicht gründlich war, denn die trotzige Auflehnung schwankte noch wie ein seidener Faden in ihrem Herzen. Lanlan wurde langsamer. Sie hielt den Zügel fest, um nicht zu weit von Yinger entfernt zu sein. Yinger war gerührt von Lanlans Zügelhalten. Sie dachte: Nur in solchen Momenten erkennt man, ob ein Mensch es wert ist, dass man sein Leben für ihn einsetzt. Sie dachte: Das Schicksal ist doch gut – es schenkt mir eine Schwester, die bereit ist, mit mir durch Leben und Tod zu gehen.

Lanlan stieß einen schrillen Schrei aus – um die Schakale einzuschüchtern oder sie auf sich selbst zu lenken. Yinger lächelte bitter und dachte: Die fürchten sich nicht mal mehr vor dem Gewehr, und da sollen sie vor deinem Schrei Angst haben? Sie rief Lanlan zu: Kümmere dich nicht um mich, flieh du voraus – wer es schafft, schafft es! Lanlan warf ihr einen scharfen Blick zu: Was für ein Unsinn! Hab keine Angst, wenn die Sonne noch höher steht, kriegen sie Kopfschmerzen. Yinger wusste, dass sie ihr Mut machen wollte. Man hatte gehört, dass Füchse bei Sonnenschein Kopfschmerzen bekamen, aber von Schakalen war das nie gesagt worden.

Yinger blickte zurück und sah die Schakale kreischend immer näher kommen. Die nächsten waren keine zwei Klafter mehr von ihrem Kamel entfernt. Sie konnte sogar ihre gierigen Augen erkennen, die gebleckten Zähne und den aufgewirbelten gelben Sand.

Dieser Blick löste die durch das Traumgefühl unterdrückte Angst wieder aus. Sie dachte: Ein einziger Biss dieses dreckigen Mauls wäre schlimmer als der Tod. Ein Ekel vor den Schakalen stieg in ihr auf. Eben noch hatte sie sich fast dem Schicksal ergeben, doch der Ekel ließ sie das Messer fester umklammern. Sie dachte: Ihr sollt mich nicht so leicht beißen. Sie klopfte dem Kamel auf den Rücken und sagte: Pass auf dich auf, stürze bloß nicht – ich lasse die Schakale das Messer kosten. Das Kamel schnaubte, als wollte es sagen: Vertraust du mir etwa nicht?

Sie hörte Lanlan rufen: Stich mit dem Messer zu! Yinger drehte sich um; durch ihre Tränenschleier schnellte ein schwarzer Ball hoch. Instinktiv stieß sie mit dem Messer zu, spürte, dass die Klinge etwas traf, und der schwarze Ball fiel mit einem Schrei die Sandmulde hinab. Lanlan rief: Gut, einen erwischt! Yinger sah auf das Tibetmesser – tatsächlich, Blut. Sie war verblüfft: Waren Schakale so leicht zu erstechen? Dann verstand sie – Schakale waren kaum größer als Wildkatzen; einen zu stechen war wie eine Wildkatze zu stechen. Ihr Mut wuchs. Als sie hinter dem Kamel einen Schakal hüpfen und nach den Kameleingeweiden schnappen sah, stieß sie mit dem Messer zu. Doch trotz mehrerer Stöße traf sie nicht einmal ein Haar.

Lanlan stabilisierte sich auf dem Sattel und lud Pulver in das Gewehr. Mühsam schaffte sie es, den Ladestock in den Lauf zu schieben – zwar rieselte etwas heraus, aber ein Teil des Pulvers war drin. Während sie lud und das Pulver feststampfte, stieß sie Rufe aus, wie sie es im Dorf tat, wenn ihr ein bösartiger Hund begegnete.

Einige Schakale holten auf. Yinger fasste Mut und schwang das Tibetmesser in weitem Bogen wie ein Kavallerist im Film, und obwohl sie nicht traf, wagten die Tiere keinen Angriff. Sie kreischten und sprangen, offensichtlich darauf bedacht, den Gegner nervlich zu zermürben. Yinger hatte zwar Angst, doch die wilden Hiebe mit dem Messer ließen nicht nach. Eher gerieten die Kamele in Panik und begannen auszuscheren. Yinger fürchtete, ihr Kamel könnte davonlaufen, riss am Zügel und konnte es gerade noch davon abhalten, von Lanlans Kamel abzuweichen.

Ein Schakal nutzte die Gelegenheit und sprang auf. Er schien nach Yingers Handgelenk schnappen zu wollen, hatte aber den Sprung falsch berechnet und landete auf der Kruppe des Kamels. Yinger stach heftig zu und stieß ihn herunter, riss dabei aber auch ein großes Loch in die Kamelflanke. Blut quoll hervor. Das Kamel geriet noch mehr in Panik.

Beim Geruch des Blutes brach die Wildheit der Schakale los. Sie sprangen nach vorn – ihre Absicht war klar: Sie wollten dem vorderen Kamel den Weg abschneiden. Das Kamel tappte in die Falle und schwenkte abrupt ab. Da hörte Yinger Lanlan schreien: Klammer dich an den Hals! Noch bevor sie verstand, schleuderte eine gewaltige Kraft sie in die Luft. Sie flog empor, überschlug sich anscheinend mehrmals in der Luft, spürte Sandkörner gegen ihr Gesicht prasseln. Sie konnte nur die Augen schließen und sich rollen lassen. Sandwolken peitschten ihr ins Gesicht. Sie dachte: Vorbei – jetzt liege ich den Schakalen im Maul. Mama! rief sie. Wie sehr sie ihre Mutter auch grollte – in diesem Moment rief sie nach ihr.

Schnell! Schnell!

Kaum hatte ihr Körper aufgehört zu rollen, hörte Yinger Lanlans Ruf. Sie öffnete die Augen, sah zuerst zwei kräftige Kamelbeine, dann Lanlans ausgestreckte Hand. Sie ergriff die Hand und richtete sich auf.

Schnell rauf! rief Lanlan. Yinger zog sich an Lanlans Hand hoch, trat auf Lanlans ausgestreckten Fuß und kletterte mühsam auf den Kamelrücken. Sie sah das gestürzte Kamel, das sich windend schrie – es war bereits von Schakalen bedeckt wie von Läusen. Lanlan sagte: Es ist nicht zu retten. Sein Bein ist gebrochen – es muss in ein Mäuseloch getreten sein.

Die Schakale stürzten sich auf das schreiende Kamel. Zwar versuchte einer, sich Lanlans Kamel zu nähern, doch Lanlan schoss ihn mit zusammengebissenen Zähnen in den Sand. Als keine weiteren Schakale herankamen, beeilte sich Lanlan nicht mit dem Aufbruch – sie verstand, dass das gestürzte Kamel alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Langsam lud sie das Gewehr nach.

In Yingers Kopf dröhnte es, als wäre der Himmel eingestürzt. Dieses Kamel war der Liebling des alten Laoshun; er hatte viertausend Yuan dafür abgelehnt. Sie dachte: Besser, sie hätte sich selbst den Schakalen zum Fraß vorgeworfen. Starr blickte sie auf das Kamel, das unter den zerrenden Schakalen markerschütternd schrie, und die Tränen schossen ihr heraus. Sie sagte: Besser wäre ich gestorben. Lanlan, obwohl selbst erschüttert, tröstete sie: So darfst du nicht reden! Wo es Menschen gibt, gibt es alles. Wir zwei lebendigen Frauen werden das Kamel schon ersetzen können!

Erst jetzt spürte Yinger den Wüstenwind – er durchdrang ihre Kleidung und wehte bis ins Herz. Von innen bis außen wurde ihr kalt. Gegen das rasende Fressen der Schakale empfand sie kaum noch Ekel. Das Kamel schrie nicht mehr; es lag mit ausgestreckten Beinen am Sandhang. Sein Körper war bedeckt mit Schakalen – nur die vier Hufe ragten noch heraus. Die ganze Aufmerksamkeit der Schakale galt dem toten Kamel. Sie würdigten Yinger keines Blickes mehr. Ihr Gegner waren nun die Artgenossen, die ihnen das Futter streitig machten – sie begannen, sich gegenseitig zu beißen. Yinger dachte daran, dass dieses Kamel sie eben noch getragen hatte und nun ein Haufen Fleisch war. Das Gefühl der Unwirklichkeit überwältigte sie erneut.

Lanlan lud das Gewehr fertig, seufzte und sagte: Gehen wir.

Sie lockerte die Zügel, und ohne Befehl drehte das Kamel sich um und trabte davon. Das Schicksal des Gefährten hatte es offenbar zutiefst erschüttert. Obwohl sein Körper schweißgetränkt war, blieb es schnell. Ja – die schärfste Peitsche war die Drohung der Schakalzähne.

Yinger wischte die Tränen ab. Weinen nützte nichts, dachte sie.

Lanlan seufzte: Was anderes tut mir nicht leid, nur das Wasser. Aber egal, das Übrige reicht – wenn wir sparsam trinken. Bei diesen Worten war es, als hätte jemand einen Hunger-und-Durst-Schalter betätigt – der überwältigende Hunger und Durst erwachte. Die beiden tranken auf dem Kamelrücken etwas Wasser und aßen Fladenbrot. Lanlan sagte: Zum Glück hat Vater vorausgedacht und uns Essen und Wasser auf zwei Ladungen verteilen lassen – sonst wären wir, selbst wenn wir den Schakalen entkommen, verdurstet. Yinger lächelte bitter: Das heißt nur, wir haben noch nicht genug gelitten.

Lanlan tröstete: Keine Sorge, wir haben noch etwas Schießpulver. Wenn uns ein Hase über den Weg läuft, schießen wir zwei. Und: Wer eine große Gefahr überlebt, dem steht großes Glück bevor!

Yinger aber dachte: Ob wir wirklich überleben, war noch keineswegs ausgemacht. Wer wusste schon, ob die Schakale nach dem Kamelfleisch nicht erneut die Verfolgung aufnahmen?

Kaum ließen die angespannten Nerven nach, fiel die Müdigkeit wie ein großes Netz über sie. Beide nickten ein, schwankten hin und her. Lanlan kämpfte gegen den Schlaf – sie fürchtete, das Kamel könnte ziellos umherirren. Zwar hatten sie sich verirrt und waren an einem noch nie besuchten Ort, doch das war nicht schlimm. Lanlan wusste: Wenn sie stetig nach Osten ritten, war es nicht weiter tragisch, selbst wenn sie sich verliefen. Denn im Osten lag die Mongolei, und dort würde man auf Menschen treffen. Wo es Menschen gab, konnte man Proviant und Wasser beschaffen. Der Vorrat einer Person, geteilt auf zwei, würde nicht viele Tage reichen. Doch wenn das Kamel ziellos liefe und die Richtung verlöre, würden sie zu Mumien werden. Das Keuchen des Kamels wurde immer schwerer – nach dem langen Lauf mit zwei Reiterinnen war das Futter der Nacht längst in Wärme umgewandelt. Ohne die Reserven aus dem Höcker wäre es längst am Ende gewesen. Lanlan dachte: Sie mussten eine grasbewachsene Stelle finden, das Kamel fressen lassen und selbst etwas ruhen. Sie war wirklich am Ende – in ihrem Kopf fuhren Traktoren. Yinger war schon schief an sie gelehnt eingeschlafen. Wenn sie nicht bald rasteten, würde nicht nur das Kamel zusammenbrechen, sie selbst würden vom Rücken stürzen.

Hinter einem Sandrücken fanden sie etwas Riedgras – altes, dürres Gras, aber Kamele waren nicht wählerisch. Ihr Speiseplan war groß; die meisten Wüstenpflanzen waren genießbar. Lanlan rüttelte Yinger wach. Die beiden stiegen ab, Lanlan band das Kamel an einem Strauch fest, ohne es abzusatteln, und beide sanken auf den trockenen Sand. Noch bevor sie bequem lagen, waren sie eingeschlafen.

Wie viel Zeit vergangen war, wusste sie nicht, als die glühende Sonne Lanlan weckte. Sie war schweißüberströmt, ihre Kehle brannte. Die

Sonne stand fast im Zenit. In der Sandmulde regte sich kein Lüftchen.

Doch das Kamel war verschwunden.

Lanlan erschrak und rüttelte Yinger wach. Sie sagte: Das Kamel ist weggelaufen. So stark sie war – in ihrer Stimme schwang Weinen mit. Yinger hatte im Traum gerade mit Schakalen gerungen; als sie Lanlans Worte hörte, wurde ihr die Zunge taub. Sie dachte: Vorbei – auf dem Kamel waren Proviant und Wasser. Das war doch ein Todesurteil!

Die beiden folgten den Hufspuren. Zum Glück war kein Wind aufgekommen, die Abdrücke waren klar im Sand zu sehen. Eine Kette von Spuren, mal tief, mal flach, führte bis zum Horizont. Lanlan fluchte im Stillen: Wenn das Kamel wirklich fliehen wollte, hatten sie keine Chance, es einzuholen. Eigentlich verstanden Kamele die Menschen und liefen nicht einfach davon. Sie wussten, dass mitten in der endlosen Sandwüste jede Flucht – aus welchem Grund auch immer – Verrat war. Zumal es den Proviant und das Wasser der Menschen trug. Lanlans Kamel war von einem Dorfbewohner geliehen, nicht wie ihr eigenes, zu dem eine tiefe Bindung bestand – ihr eigenes hätte so etwas nie getan. Das Bedauern um das eigene Kamel überwältigte sie nun vollends. Ihr Kamel war das beste im Dorf gewesen, hatte einmal zwei Wölfe, die seinen Höcker gebissen hatten, zu Tode geschleudert und war im Dorf als „Kamelkönig“ verehrt worden. Auf dem Weg zum Schweinebauchwasser mit Mengzi hatte es sich ebenfalls bewährt. Und nun hatten die Schakale es gefressen.

Die beiden waren ohnehin erschöpft; nach kurzer Verfolgung keuchten sie schwer. Lanlan fragte sich, ob das Kamel nach einem Grasplatz oder einer Wasserstelle suchte oder ob es tatsächlich geflohen war. Falls es wirklich geflohen war, war ihre Verfolgung sinnlos. Die beiden ließen sich in den Sand sinken und verschnauften.

Yinger sagte: Versuchen wir es noch, so weit unsere Kräfte reichen. Die beiden folgten weiter den Spuren, die mal bergauf, mal in Mulden führten. Sie fanden nur ein einzelnes Fladenbrot, das aus einer Hufmulde gerollt war, doch vom Kamel war keine Spur zu sehen.

Lanlan wischte sich den Schweiß ab und sagte: So ein Kamel hätte man den Schakalen zum Fraß vorwerfen sollen! Das Falsche stirbt nicht, und das Richtige stirbt stattdessen. Yinger sagte: Versuchen wir es noch ein Stück. Der Brotbeutel scheint gerissen zu sein – wenn wir das Kamel nicht einholen, finden wir wenigstens noch ein paar Brote. Lanlan stimmte zu. Nach einer Weile fanden sie tatsächlich einige Brote. Dann gab es nur noch Spuren. Lanlan sagte: Das verfluchte Kamel hat die herausgefallenen Brote bestimmt selbst gefressen. Tatsächlich fanden sie an einer Stelle eine Ansammlung von Brotkrümeln im Sand.

Schluss. Wir hören auf, sagte Lanlan.

17

Als das Kamel davonlief, traf es Schwägerin und Schwägerin wie ein Blitzschlag. Das Kamel hatte Fladenbrot und Wasser mitgenommen. … Ohne Brot ging es noch, denn in der Wüste gab es Sandkorn-Hirse – verhungern würde man nicht. Aber ohne Wasser war es tödlich. Die Sonne, die brummend ihre weißen Strahlen herabschickte, dörrte einem die Haut, und es dauerte nicht lange, bis das Blut so zäh wurde, dass es nicht mehr fließen konnte. Noch mehr Sonne, und man war völlig ausgedörrt. Wer leben wollte, konnte nur noch als Seele existieren – der Körper gehorchte einem nicht mehr. Yinger dachte an das Trocknen von Mungobohnen. In den Bohnen steckten immer Würmer, die sich hineinbohrten. Sie breitete die Bohnen im Hof zum Trocknen aus. Die Würmer waren Meister im Totstellen – und man verwechselte sie mit Grassamen. Yinger war es egal, ob Wurm oder Grassamen – die Sonne entzog ihnen allen die Feuchtigkeit. …

Jetzt würden sie selbst zu solchen Würmern werden. Sie fragte sich, ob das ihre Vergeltung war. Wer Würmer dörrt, wird schließlich selbst wie ein Wurm gedörrt. Sie wusste, dass es ihrem Körper längst an Wasser fehlte – nach all dem Schweiß musste ihr Blut dickflüssig sein. Dann dachte sie: Man konnte es dem Kamel auch nicht verübeln. Es hatte Todesangst gehabt. Auch ihm war das Leben lieb, und der unbekannte Weg barg so viele Gefahren – natürlich hatte es Angst.

Die beiden saßen im Sand, ließen die Sonne auf sich brennen, und keine wollte etwas sagen. Das Kamel hatte alle Lebenshoffnung mitgenommen. So würden sie nicht weit kommen. Mit jedem Schritt verlor man Feuchtigkeit, und die Sonne raubte noch mehr dazu. Wirklich aussichtslos – ein Unglück kam selten allein.

Solange das Kamel da war, konnte man den Durst noch ertragen – ein kleiner Schluck Wasser genügte zur Linderung. Doch kaum war das Kamel weg, erwachte der Durst im ganzen Körper; jede Zelle schrie nach Wasser. Yinger glaubte sogar, das Bersten ihrer Zellen vor Trockenheit zu hören – ein Geräusch wie barfuß über Strohhalme gehen. In der Kehle kratzten unzählige Schakalklauen, kratzig und stachelig, und gleichzeitig wanden sich dort Fliegenmaden in weißem Schleim, klebrig und widerlich. Sie versuchte, nicht an dieses Bild zu denken, aber es ekelte sie vor sich selbst. Im Kampf mit den Schakalen hatte sie trotz aller Gefahr den Feind sehen und ihm gelegentlich Treffer versetzen können. Jetzt war der Gegner unsichtbar. Vielleicht war die weiß strahlende Sonne ein Gegner, aber gegen die Sonne anzukämpfen brachte nichts. Vielleicht der wahre Gegner das Schicksal. Doch was war das Schicksal? Ein Dunst, der einen umhüllte – man konnte nicht vor und nicht zurück, konnte ihm nicht entkommen. Im Ringen mit dem Schicksal fand man keinen Ansatzpunkt. Der einzige sichtbare, greifbare Gegner war der eigene Körper. Genau betrachtet war all ihr Ringen um seinetwillen.

Für ihn nach Essen suchen, für ihn nach Kleidung suchen – und jetzt quälte dieser Körper sie.

18

In jenen poetischen Nächten hatte Lingguan ihr oft die Wüste unter der sengenden Sonne beschrieben.

Lingguan erzählte anschaulich, seine Stimme war so lebendig, dass sie jetzt noch in Yingers Ohren zu klingen schien –

Mit der höher steigenden Sonne verschwand alle Poesie, verschwand alles Malerische. Die Wüste zeigte ihre wahre Grausamkeit.

Obwohl es Spätherbst war, schien die Sonne begriffsstutzig ihre Jahreszeit vergessen zu haben und goss ihr heißes Licht verschwenderisch über die Sandmulden, die die Einheimischen spöttisch „Eselssonnenbucht“ nannten. Hätte es Wind gegeben, wäre es noch erträglich gewesen, doch ausgerechnet wenn man ihn am dringendsten brauchte, staute sich die Luft und verwandelte die Mulde in einen Dampfkochtopf. Und wenn es kalt war und die Temperaturen fielen, wehte überall der Wind – im ganzen Sand fand sich kein windgeschützter Fleck; selbst eine nach Süden offene, ringförmige Sandbucht, die geschützt aussah, war ein Windkanal, in den der Wind wie eine Furie stürzte und einem alle Körperwärme raubte.

Lingguan hatte schon dreimal Wasser getrunken. Jedes Mal nur einen Schluck. Wie gern hätte er die Flasche angesetzt und in vollen Zügen getrunken! Doch im Inneren der Wüste hieß Wasser sparen Leben retten. Jedes Mal benetzte er nur die Kehle. Seltsamerweise wurde der Durst mit jedem Schluck schlimmer. Kaum war die kühle Flüssigkeit im Magen, wurde die Kehle wieder trocken wie eine Yamswurzelschale. Und der Mund – der mischte Lehmklumpen. Bei jedem Zungenschlag musste er an die Eisenschaufel denken, mit der die Dorfleute Lehm kneteten.

All das konnte Lingguan ertragen.

Am schwersten war die Einsamkeit.

Auf der Sanddüne konnte man weit sehen. Überall nur Fahlgelb, kein Fleck Grün. Alle Pflanzen hatte der Herbstfrost grau gefärbt. Wegen der gleißenden Sonne war der Himmel nicht so blau wie gewöhnlich. Der Himmel war nur eine Quelle sengender Hitze. Nirgends ein kühler Anblick. Fahlgelb, nichts als Fahlgelb.

Trockene Hitze, überall trockene Hitze. Kein Fleckchen Schatten. Er flüchtete ins Biwak. Die schwarze Ölplane darüber hielt zwar die Sonnenstrahlen ab, doch nach nur zehn Minuten floh er wieder heraus.

Sich im gelben Strauchwerk aufzuhalten brachte nur staubigen Husten, keine Spur von Kühle. Er setzte sich auf die Düne, ein weißes Hemd über dem Kopf. Hier bewegte sich die Luft wenigstens etwas. Und der Sand war noch nicht glühend heiß – am Gesäß spürte er ein Restchen Kühle. Doch dieses Gefühl mahnte ihn auch: Die größte Hitze war noch nicht erreicht. In ein, zwei Stunden würde er auf dem glühenden Sand liegen wie ein Fisch auf dem Rost.

Er durchlebte Stunden, so qualvoll wie nie zuvor. Die Einsamkeit quälte mehr als die Hitze. Außer jenem seelenruhig grasenden Kamel sah er kein einziges Lebewesen. Mäuse und Füchse schliefen in ihren Bauten. Auch die Käfer schlummerten. Fliegen? Würmer? Sandtierchen? All das Gewimmel namenloser Kreaturen, die er sonst sah – wohin waren sie verschwunden? Wie beim Versteckspiel – kein einziges zu sehen. Wie gern hätte er ein Lebewesen gesehen! Das Kamel, das den ganzen Tag philosophisch sinnierte und wie ein Eremit Schweigsamkeit übte, verstärkte nur sein Einsamkeitsgefühl. Wie gern hätte er eine summende Biene oder einen flatternden Schmetterling gesehen! Wäre einer erschienen, hätte er sich begeistert auf ihn gestürzt, ihn gefangen und geküsst. Vielleicht sogar verschluckt. Doch er wusste: Diese verwöhnten Insekten besuchten dieses Meer des Todes nur selten.

Die Hitze der Sonne nahm merklich zu. Lingguan glaubte, in der Sonne eine Feuerorgel zu hören, die Welle um Welle Flammen blies. Sein Körper war schweißbedeckt, klebrig und unangenehm. Der Durst überfiel ihn noch heftiger. Er widerstand dem Trinken. Er entdeckte, dass Durst ihn die Einsamkeit vorübergehend vergessen ließ – ein ausgezeichnetes Gegengift. Nur pochte der Durst wie ein Herzschlag. Je konzentrierter die Gedanken, desto stärker die Reaktion. Die pochende Trockenheit sandte Wellen durch den ganzen Körper, jede Welle deutlicher, jede stärker, bis auch der Kopf dröhnte. Schließlich durchdrang der Durst jede Faser. Er fühlte sich wie eine Mumie.

Lingguan rannte die Düne hinab, kniete vor dem Wasserbehälter und trank einen Schluck des nach Plastik schmeckenden Wassers. Eine kühle Welle glitt die Kehle hinab in den Magen, doch statt zu lindern, weckte sie ein unbändiges Verlangen nach mehr, und der ganze Körper fühlte sich noch durstiger an.

Er ließ es mit dem Sparen sein und trank sich den Bauch rund.

Er seufzte, schraubte den Deckel zu, legte sich auf den Rücken in den Sand, ließ den schon warm werdenden Sand seinen Rücken kosen, lag eine Weile behaglich, drehte sich um, aß etwas Brot, warf das Sonnenschutzhemd weg, kehrte sein Gesicht dem Himmel zu und ließ das Sonnenlicht ihn braten, so viel es wollte.

Der volle Bauch Wasser stillte vorübergehend den unstillbaren Durst. Die Einsamkeit überfiel Lingguan wieder. Er hatte das Gefühl, ein ganzes Zeitalter durchlitten zu haben, doch die Sonne über ihm erinnerte ihn daran: Es war noch früh – gerade erst Mittag.

Die Sandmulde hatte den heißesten Moment des Tages erreicht. Die Sandkörner schienen zu schreien. Lingguan setzte sich auf. Er war durchnässt wie nach einem Bad. Die Tagträume brachen ab. Die brennende Unruhe überfiel ihn wieder. Er griff nach dem Hemd und stieg zurück auf die Düne. Auf der Düne brachte die strömende Luft seinem durchnässten Körper etwas Kühle. Doch das allgegenwärtige Fahlgelb machte ihn wieder ruhelos.

All das, was Lingguan erlebt hatte, erlebte nun auch Yinger. Bei dem Gedanken, dass sie eine Lebenserfahrung teilten, empfand Yinger Glück.

19

Yinger legte sich in den Sand und blickte hilflos zum Himmel. Die Sonnenstrahlen trafen direkt ihr Gesicht. Früher hatte sie ihr Gesicht stets geschützt, damit die Sonne es nicht direkt beschien. Bei zu viel Sonne sammelten sich Melaninflecken. Doch wenn man als Verdurstete endete, spielte das Aussehen keine Rolle mehr. Ob Mumie oder von Tieren zernagte Reste. Also sagte sie: Sonne, brate mich, brate mich am besten sofort trocken, damit ich weniger leide. … Wenn der Sand die Mumie dann bedeckte, würde man sie in tausend Jahren vielleicht ausgraben und ins Museum stellen. Lingguan hatte im Liangzhou-Museum eine tausend Jahre alte Frauenmumie gesehen – er sagte, sie sei hässlich gewesen. Niemand wusste, ob sie je geliebt hatte oder was für ein Leben sie geführt hatte. Die Mumie würde es der Welt auch nicht erzählen. Ihr Leben war ein gewaltiges Geheimnis geworden. Angeblich hatten viele Gelehrte versucht, ihre Herkunft zu erforschen – vergeblich, wie ein Tiger, der den Himmel fressen will. Yinger dachte: Wenn man sie in tausend Jahren ausgrübe, wäre auch sie ein großes Rätsel. Niemand würde wissen, dass sie geliebt hatte, dass sie mit einem Jungen namens Lingguan eine berauschende Liebesgeschichte erlebt hatte. Dieses Geheimnis könnte kein Gelehrter je enträtseln.

Sie empfand eine schelmische Genugtuung. Heimlich lachte sie und dachte: Erforscht nur, prüft nur, rackert euch zu Tode – könnt ihr herausfinden, was ich im Herzen dachte? Könnt ihr herausfinden, wie ich ihn geliebt habe? Nein, könnt ihr nicht, ihr Taugenichtse. Sie stellte sich die schweißüberströmten, verlegenen Gesichter der Gelehrten vor und lachte zufrieden.

Dann dachte sie: Wenn niemand es herausfinden kann, bedeutet das nicht, dass diese Liebe nie existiert hat? Ganz recht – die schönste Blume, die in einem abgelegenen Tal blüht und die kein Mensch sieht, hat sie nicht ebenso wenig geblüht? Bei diesem Gedanken wurde sie unruhig. Sie dachte: Wie auch immer, selbst wenn sie es jetzt verbarg und niemanden wissen ließ – in tausend Jahren sollte jemand herausfinden, dass auf dieser Welt eine solche Liebe auf Leben und Tod existiert hatte. Sonst wäre es doch wie eine Blume, die im Verborgenen blüht. Sie musste einen Weg finden, damit die Nachwelt erfuhr, welch eine Liebe sie erlebt hatte.

Yinger grübelte und grübelte, fand aber keinen guten Weg. Hätte es hier Steine gegeben, hätte sie mit dem Tibetmesser Worte hineingeritzt. Sie hatte sich sogar schon ausgedacht, welche Worte. Mühsam schaute sie sich um – kein Stein zu sehen. Nur Sand. Was war Sand? Das unzuverlässigste Ding der Welt – selbst wenn man ihm das treueste Herz anvertraute, ein Windstoß, und alles war ausgelöscht. Wie sehr wünschte sie sich einen Stein! Doch Steine waren wie die Hoffnungen des Schicksals – nicht auf Zuruf da. Yinger grübelte weiter, bis ihr schließlich ein Weg einfiel: Vor zwei Jahren waren in der Vajravarahi-Höhle zahlreiche Relikte der westlichen Xia-Dynastie ausgegraben worden, darunter vor allem Seide. Wunderbare Seide – Qualität und Muster ließen die Experten staunen. Einige kaiserliche Lehrer hatten auf diese Seide geschrieben. Wenn Seide Jahrtausende überdauern konnte, von der Xia-Dynastie bis heute, dann vielleicht auch ihre Kleidung. In feuchten Gegenden würde selbst das beste Gewebe zu Asche zerfallen, doch im trockenen Wüstensand konnte Kleidung gewiss lange erhalten bleiben – wenn nicht tausend Jahre, dann zumindest einige Jahrhunderte. Das reichte. Für eine Tote waren tausend oder hundert Jahre einerlei.

Yinger wollte mit Blut auf das Kleidungsstück schreiben. Sie steckte den Zeigefinger in den Mund und biss kräftig zu. Sie fürchtete den Schmerz – kaum hatte sie zugebissen, wirbelte der Schmerz wie ein Sturm durch sie. Hastig ließ sie los. Sie dachte: Ein leichter Biss, und schon konnte sie es nicht ertragen – wie qualvoll musste es erst für das Kamel gewesen sein, das die Schakale bei lebendigem Leib zerbissen? Ihr Herz zitterte, und sie empfand Schuld. Hätte sie wie Lanlan besser auf das Kamel geachtet, wäre ihm vielleicht das Bein nicht gebrochen. Doch das Schuldgefühl verflüchtigte sich rasch, denn das, was sie tun wollte, rief sie unablässig. Da sie wusste, dass langsames Beißen ihren Willen zersetzen würde, zog sie kurzerhand das Tibetmesser, streckte den Zeigefinger aus und zog ihn über die Klinge.