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= Kapitel 16: Russland Von der Geistlichen Mission zu den zeitgenössischen Chinastudien =
  
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== Einleitung ==
'''Uebersetzung in Bearbeitung'''
 
  
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Russland nimmt in der Geschichte der Weltsinologie eine einzigartige Stellung ein. Als einzige europäische Macht, die eine Landgrenze mit China teilt, entwickelte Russland seine Tradition der Chinastudien nicht durch Seefahrt oder koloniale Expansion, sondern durch Überlanddiplomatie, Grenzhandel und die bemerkenswerte Institution der Russischen Geistlichen Mission in Peking. Von den Gesandtschaften Iwan Petlins und Nikolai Milescus im siebzehnten Jahrhundert über die monumentale Gelehrsamkeit Nikita Bitschurins und Wassili Wasiljews, vom sowjetischen Institut für Fernen Osten bis zu den Herausforderungen der russischen Sinologie in der postsowjetischen Zeit — das russische Engagement mit China war geprägt von Nachbarschaft, Rivalität und einer intellektuellen Intensität, die einige der bedeutendsten Beiträge zur Weltsinologie hervorgebracht hat. Dieses Kapitel zeichnet die Entwicklung der russischen Sinologie über vier Jahrhunderte nach und stützt sich dabei auf die bahnbrechenden Vorlesungen Zhang Xipings und den Beitrag A. D. Pawlowas.<ref>David B. Honey, ''Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology'' (New Haven: American Oriental Society, 2001), Vorwort, xxii.</ref>
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== I. Das siebzehnte Jahrhundert: Erste Kontakte ==
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=== 1.1 Frühe Gesandtschaften ===
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Die frühesten dokumentierten Kontakte zwischen Russland und China reichen bis ins vierzehnte Jahrhundert zurück, als gefangengenommene Russen während der Yuan-Dynastie in die Kaiserliche Garde eingegliedert wurden. Der berühmte Reisende Afanassi Nikitin erwähnte „Chatai" (China) kurz in seinem ''Fahrt über drei Meere'' aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Doch erst im siebzehnten Jahrhundert, mit der Konsolidierung der Romanow-Dynastie, begann Russland systematisch Beziehungen zu China anzustreben.<ref>Honey, ''Incense at the Altar'', Vorwort, x.</ref>
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1618 brach die erste russische diplomatische Gesandtschaft unter Iwan Petlin von Tobolsk nach China auf. Obwohl Petlin eine Audienz beim Ming-Kaiser verweigert wurde (da er keine Geschenke mitgebracht hatte), lieferte sein ''Rospis' Kitaiskogo Gosudarstva'' (Beschreibung des chinesischen Staates) einen detaillierten Bericht über den Landweg nach China und eine Beschreibung Pekings. In gekürzter Übersetzung von Bergeron in seinen ''Recueil de Divers Voyages'' (Leiden, 1729) veröffentlicht, beeinflusste Petlins Bericht nicht nur die russischen, sondern auch die europäischen geographischen Kenntnisse.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, „Introduction to Western Sinology Studies", S. 165–168.</ref>
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Nachfolgende Gesandtschaften — unter Fjodor Baikow (1654), Pjotr Godunow (1668–1669) und Nikolai Milescu-Spafari (1675–1676) — vertieften das russische Verständnis Chinas schrittweise. Godunow erstellte die erste russische „Enzyklopädie" Chinas, die auf verschiedenen Quellen einschließlich tatarischer und bucharischer Informanten beruhte. Milescu, ein moldauischer Gelehrter in russischen Diensten, verfasste drei umfangreiche Werke über China und Sibirien während und nach seiner Gesandtschaft, die später in François Avrils ''Voyage en Divers États d'Europe et d'Asie'' (Paris, 1692–1693) einflossen.<ref>Peter K. Bol, „The China Historical GIS", ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020).</ref>
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=== 1.2 Der Vertrag von Nertschinsk ===
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Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts waren die russischen und chinesischen Grenzgebiete in direkten Kontakt geraten, was zu militärischen Zusammenstößen in der Amur-Region führte. Der Vertrag von Nertschinsk (1689) — Chinas erster Vertrag mit einem ausländischen Staat — regelte die Grenze und schuf den Rahmen für die künftigen Beziehungen. Für die Sinologie war die wichtigste Konsequenz, dass er die Voraussetzungen für die dauerhafte russische Präsenz in Peking schuf, die zur Grundlage der russischen Chinastudien werden sollte.<ref>Hilde De Weerdt, „MARKUS: Text Analysis and Reading Platform", in ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020); vgl. auch den Digital-Humanities-Leitfaden der Bibliothek der University of Chicago.</ref>
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== II. Das achtzehnte Jahrhundert: Ansammlung und Systematisierung ==
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=== 2.1 Die Russische Geistliche Mission in Peking ===
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Die Einrichtung einer orthodoxen Kirche in Peking für gefangengenommene russische Soldaten verschaffte Russland einen einzigartigen institutionellen Stützpunkt in der chinesischen Hauptstadt. 1715 wurde die erste Russische Geistliche Mission förmlich nach Peking entsandt. Nach dem Vertrag von Kjachta (1727) wurde die Mission zu einer regulären, rotierenden Institution, wobei jede Gruppe aus Geistlichen und Studenten bestand, die etwa zehn Jahre in Peking verblieben, bevor sie abgelöst wurden. Diese Regelung — unter europäischen Nationen ohne Parallele — verschaffte Russland eine ununterbrochene Präsenz in China und einen fortlaufenden Strom von Sprachfachleuten und kulturellen Informanten über mehr als zwei Jahrhunderte. Die Mission ist zu Recht als „Wiege der russischen Sinologie" bezeichnet worden.<ref>Tu Hsiu-chih, „DocuSky, A Personal Digital Humanities Platform for Scholars", ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020).</ref>
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=== 2.2 Die erste Generation sinologischer Übersetzer ===
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Die Studenten der frühen Missionen legten durch gewaltige Übersetzungsleistungen die Grundlagen der russischen sinologischen Forschung:
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'''Illarion Rossochin''' (zweite Mission), der zwölf Jahre in Peking verbrachte und als Übersetzer am Lifanyuan (理藩院) und der russischen Sprachschule des Kabinetts diente, war der erste Russe, der chinesische Texte direkt ins Russische übersetzte. Zu seinen Werken gehörten das ''Qianzi Wen'' (千字文), das ''Sanzi Jing'' (三字经), das ''Qinzheng Pingding Shuomo Fanglüe'' (亲征平定朔漠方略) und Teile des ''Daqing Yitong Zhi'' (大清一统志). Seine Übersetzung des ''Baqi Tongzhi Chuji'' (八旗通志初集), 1784 in sechzehn Bänden in St. Petersburg veröffentlicht, bleibt ein Nachschlagewerk für Forscher der Qing-Militärgeschichte.<ref>Peter K. Bol und Wen-chin Chang, „The China Biographical Database", in ''Digital Humanities and East Asian Studies'' (Leiden: Brill, 2020).</ref>
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'''Alexei Leontjew''' (dritte Mission) war der produktivste Übersetzer des achtzehnten Jahrhunderts. Er erstellte die ersten russischen Fassungen des ''Daxue'' (大学), des ''Yijing'' (易经, als Anhang zu seiner Übersetzung des ''Daqing Lüli''), des ''Sanzi Jing'' und der Sammlung ''Chinesische Gedanken''. Seine Übersetzungen — insgesamt zweiundzwanzig veröffentlichte Werke — machten die chinesische politische Philosophie dem russischen Lesepublikum unmittelbar zugänglich. Das Ideal der Selbstkultivierung als Weg zu guter Regierungsführung im ''Daxue'' resonierte stark mit den Aufklärungsbestrebungen im Russland Katharinas der Großen, und Leontjews Werke wurden mehrfach nachgedruckt und ins Deutsche und Französische übersetzt.<ref>Vgl. Kapitel 22 (Übersetzung) dieses Bandes zu den Herausforderungen der KI-Übersetzung.</ref>
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=== 2.3 Die St. Petersburger Akademie der Wissenschaften ===
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Peter des Großen Gründung der Akademie der Wissenschaften im Jahre 1724 schuf einen institutionellen Rahmen für das systematische Studium des Ostens. Der deutsche Orientalist Theophil Siegfried Bayer, der 1725 der Akademie beitrat, veröffentlichte das ''Museum Sinicum'' (1730) — die erste europäische theoretische Studie der chinesischen Sprache — und kompilierte ein sechsundzwanzigbändiges lateinisch-chinesisches Wörterbuch, das nie veröffentlicht wurde. Bayer unterhielt auch eine gelehrte Korrespondenz mit Jesuitenmissionaren in Peking, darunter Karel Slavíček und Antoine Gaubil, die das Wissen der Akademie über chinesische Astronomie, Geschichte und Geographie bereicherte.<ref>„WenyanGPT: A Large Language Model for Classical Chinese Tasks", arXiv-Preprint (2025).</ref>
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Die Akademie organisierte große wissenschaftliche Expeditionen nach Sibirien und zur chinesischen Grenze (Messerschmidt, 1720–1727; Müller, 1732–1743; Pallas, 1767–1774), die umfangreiche ethnographische und geographische Daten über Chinas nördliche Grenzgebiete lieferten. Die Akademie baute auch eine der größten Sammlungen chinesischer Handschriften und Bücher in Europa auf: Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts umfasste der Bestand 238 Titel.<ref>„Benchmarking LLMs for Translating Classical Chinese Poetry: Evaluating Adequacy, Fluency, and Elegance", ''Proceedings of EMNLP'' (2025).</ref>
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=== 2.4 Chinesischer Sprachunterricht ===
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Der organisierte Chinesischunterricht in Russland begann 1738, als das Außenministerium einen gefangengenommenen Qing-Untertanen namens Zhou Ge mit dem Unterricht in Chinesisch und Mandschurisch in Moskau beauftragte. Sein Schüler Leontjew wurde zum bedeutendsten Sinologen der Epoche. Rossochin organisierte Chinesischkurse an der Akademie der Wissenschaften von 1741 bis 1751. Im Jahre 1798 wurde unter dem Außenministerium eine förmliche Schule für chinesische, mandschurische, persische, türkische und tatarische Übersetzer eingerichtet, was den Beginn einer institutionalisierten sinologischen Ausbildung in Russland markierte.<ref>„A Multi Agent Classical Chinese Translation Method Based on Large Language Models", ''Scientific Reports'' 15 (2025).</ref>
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== III. Das neunzehnte Jahrhundert: Das Zeitalter Bitschurins ==
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=== 3.1 Nikita Jakowlewitsch Bitschurin (1777–1853) ===
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Die Gestalt, die die russische Sinologie auf Weltniveau hob, war Nikita Bitschurin (Иакинф Бичурин), Leiter der neunten Geistlichen Mission, der vierzehn Jahre in Peking lebte (1808–1821). Bitschurin beherrschte sowohl das klassische als auch das umgangssprachliche Chinesisch mit außerordentlicher Gründlichkeit, studierte chinesische historische und geographische Texte mit leidenschaftlicher Hingabe und sammelte einen gewaltigen Bestand an Primärmaterialien über China, Zentralasien, Tibet und die Mongolei.<ref>Vgl. z. B. Mark Edward Lewis und Curie Viragh, „Computational Stylistics and Chinese Literature", ''Journal of Chinese Literature and Culture'' 9, Nr. 1 (2022).</ref>
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Bitschurins wissenschaftliche Produktion war gewaltig. Zu seinen Hauptwerken gehören:
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* ''Beschreibung Tibets'' (1828), auf chinesischen Quellen und eigenem Wissen basierend, die russischen und europäischen Lesern eine weitgehend unbekannte Region erschloss;
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* ''Aufzeichnungen über die Mongolei'' (1828);
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* ''Geschichte der ersten vier Khane des Hauses Dschingis'' (1829), eine akribische Rekonstruktion der Mongolengeschichte auf Grundlage des ''Yuanshi'';
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* ''China, seine Bewohner, Sitten, Gebräuche und Erziehung'' (1840), ein umfassendes Porträt der chinesischen Gesellschaft;
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* ''Detaillierte Beschreibung Chinas'' (1842), auf dem ''Daqing Yitong Zhi'' beruhend, sein bedeutendstes Werk zur chinesischen Geographie;
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* ''Sammlung von Materialien über die alten Völker Zentralasiens'' (in seinen letzten Jahren vollendet), eine magistrale Synthese der zentralasiatischen Ethnographie.
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Bitschurin erhielt fünfmal die höchste Auszeichnung der Russischen Akademie der Wissenschaften, den Demidow-Preis. Er wurde zum korrespondierenden Mitglied der Akademie und zum Mitglied der Pariser Asiatischen Gesellschaft gewählt. Seine Gelehrsamkeit unterschied sich grundlegend von der westlicher Missionssinologen, da er eurozentrische Rahmen ablehnte, für die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der chinesischen Zivilisation argumentierte und China aus seinen eigenen Voraussetzungen heraus darstellte. Die großen russischen Dichter Puschkin und Schukowski gehörten zu seinen Bekannten, und seine ''Versübersetzung des Dreizeichenklassikers'' (1829) ging in den russischen literarischen Mainstream ein.<ref>Hilde De Weerdt, ''Information, Territory, and Networks: The Crisis and Maintenance of Empire in Song China'' (Cambridge: Harvard University Asia Center, 2015).</ref>
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Bitschurin leistete auch entscheidende Beiträge zur chinesischen Sprachpädagogik. Seine ''Chinesische Grammatik'' (''Kitaiskaya Grammatika'', 1838), auf Materialien beruhend, die er während seines Unterrichts in Kjachta entwickelt hatte, war die erste systematische chinesische Grammatik in russischer Sprache. Sie beherrschte den russischen Chinesischunterricht bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert und wurde noch 1908 nachgedruckt.<ref>China-Princeton Digital Humanities Workshop 2025 (chinesedh2025.eas.princeton.edu).</ref>
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=== 3.2 Wassili Wasiljew (1818–1900) ===
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Die zweite überragende Gestalt der russischen Sinologie des neunzehnten Jahrhunderts war Wassili Pawlowitsch Wasiljew, ein Student der zehnten Geistlichen Mission, der zehn Jahre in Peking verbrachte (1840–1850). Wasiljews polymathische Interessen umspannten chinesische Sprache, Literatur, Philosophie, Geschichte, Geographie, Buddhismus, Daoismus und Tibetologie. Zu seinen Beiträgen gehören:
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* Das ''Graphische System der chinesischen Schriftzeichen: Versuch eines chinesisch-russischen Wörterbuchs'' (1867), das das Strichfolge-Indexierungssystem einführte, das über ein Jahrhundert lang die Standardmethode in der russischen Lexikographie blieb;
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* ''Analyse der chinesischen Schriftzeichen'', die erste europäische Monographie über chinesische Phonologie, Morphologie und Schriftsysteme;
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* Eine ''Geschichte der chinesischen Literatur'' (1880), die zum ersten Mal überhaupt an einer Universität die chinesische Literaturgeschichte zum Lehrfach machte;
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* ''Der Buddhismus: Seine Lehren, Geschichte und Literatur'' und ''Geschichte des indischen Buddhismus'', die ins Deutsche und Französische übersetzt wurden und als allen bisherigen europäischen Arbeiten zum Thema überlegen anerkannt wurden;
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* Grundlegende Studien zum Daoismus, denen der zeitgenössische russische Gelehrte Tortschinow „Pionierbedeutung für die Weltwissenschaft" zuschrieb.
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Wasiljew hatte Lehrstühle an der Universität Kasan und später an der Universität St. Petersburg inne und bildete Generationen von Sinologen aus. Er wurde 1866 zum korrespondierenden Mitglied und 1886 zum ordentlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften gewählt. Seine Überzeugung, dass die chinesische Sprache über eine eigene Grammatik verfüge — verschieden von den grammatischen Kategorien flektierender Sprachen — und sein Konzept der „Zeichenwurzeln" (''zigen'') waren originelle Beiträge zur vergleichenden Sprachwissenschaft.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 54–60.</ref>
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=== 3.3 Archimandrit Palladius (Kafarow, 1817–1878) ===
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Palladius Kafarow diente dreimal in China (1840, 1849, 1859) und verbrachte über zwanzig Jahre dort. Er leistete bedeutende Beiträge zur Erforschung des Buddhismus in China (einschließlich einer Übersetzung der ''Lebensgeschichte des Buddha'' aus dem ''Tripitaka''), des Islam in China, der mongolischen Geschichte (Übersetzung des ''Changchun Zhenren Xiyouji'') und des chinesischen Christentums. Sein posthum erschienenes ''Chinesisch-Russisches Etymologisches Wörterbuch'' (''Hanyu Eyu Hebi Yunbian'', 1888), kompiliert und ergänzt vom Konsul Popow, wurde für Jahrzehnte zum Standardnachschlagewerk russischer Sinologen und Diplomaten.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 96–97, unter Berufung auf Li Xueqin.</ref>
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== IV. Das zwanzigste Jahrhundert: Institutionalisierung und Ideologisierung ==
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=== 4.1 Die spätimperiale und revolutionäre Periode ===
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Das zwanzigste Jahrhundert brachte radikale Umwälzungen für die russische Sinologie. Die letzten Jahrzehnte der Zarenherrschaft sahen die Gründung der Orientalischen Fakultät an der Universität St. Petersburg, wo Wasiljews Nachfolger — darunter Alexejew, der große Literatursinologe — die Tradition fortführten. Der Russisch-Japanische Krieg (1904–1905) und die chinesischen Revolutionen von 1911 und 1949 verlagerten das wissenschaftliche Interesse von den klassischen Studien hin zur modernen chinesischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 102–113.</ref>
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=== 4.2 Die sowjetische Sinologie ===
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Unter der Sowjetherrschaft wurde die Sinologie sowohl ausgeweitet als auch eingeschränkt. Die ideologische Verwandtschaft zwischen der UdSSR und der Volksrepublik China (1949–1960) führte zu einer enormen Ausweitung des Chinesischunterrichts, der Übersetzung marxistisch-leninistischer Texte ins Chinesische und chinesischer Texte ins Russische sowie zu umfangreichen wissenschaftlichen Austauschprogrammen. Die wichtigsten institutionellen Zentren waren das Institut für Orientalistik der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften in Moskau, das Institut für den Fernen Osten (gegründet 1966), die Orientalische Fakultät der Universität Leningrad (St. Petersburg) und das Institut für Asien- und Afrikastudien der Moskauer Staatsuniversität. Sowjetische Sinologen leisteten bedeutende Beiträge zur chinesischen Geschichtswissenschaft, Linguistik, Archäologie und Literaturwissenschaft, obwohl ihre Arbeit oft durch marxistisch-leninistische Orthodoxie eingeschränkt war. Das chinesisch-sowjetische Zerwürfnis der 1960er Jahre unterbrach den akademischen Austausch schwer, stimulierte aber auch einen neuen Fokus auf zeitgenössische chinesische Politik und Militärfragen.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 114–117.</ref>
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=== 4.3 Der Beitrag Pawlowas: Eine 400-Jahres-Perspektive ===
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A. D. Pawlowa (万山翠) von der Moskauer Stadtuniversität hat argumentiert, dass die russische Sinologie, die über 400 Jahre seit dem Beginn diplomatischer russisch-chinesischer Kontakte feiert, einen würdigen und eigenständigen Bestandteil der Weltsinologie darstellt. Ihre Kennzeichen umfassen: die einzigartige Rolle der Geistlichen Mission als permanenter wissenschaftlicher Außenposten in Peking; die frühe und anhaltende Aufmerksamkeit für Chinas nördliche Grenzgebiete (Mongolei, Mandschurei, Zentralasien); die Entwicklung der chinesischen Lexikographie durch das Strichfolge-System; und eine Tradition, die chinesische Zivilisation als autonomes Kultursystem mit Respekt zu behandeln — von Bitschurins Ablehnung missionarischer Herablassung bis zur sowjetischen Betonung Chinas als einer revolutionären Brudergesellschaft.<ref>„The World Conference on China Studies: CCP's Global Academic Rebranding Campaign", ''Bitter Winter'' (2024).</ref>
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== V. Die postsowjetische russische Sinologie ==
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=== 5.1 Herausforderungen und Kontinuitäten ===
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Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 brachte schwere Herausforderungen für die russische Sinologie. Die Finanzierung von Forschungsinstituten wurde drastisch gekürzt; akademische Gehälter fielen auf ein Niveau, das talentierte Gelehrte in die Wirtschaft, den Journalismus oder die Emigration trieb; und mehrere Programme wurden eingestellt oder verkleinert. Die Universität St. Petersburg schloss um 2011 ihr Programm zur chinesischen Wirtschaft wegen mangelnder Finanzierung. Wie ein Beobachter feststellte, wurden jährlich nur wenige Dutzend wissenschaftliche Artikel über China auf Russisch produziert, und deren Qualität blieb hinter der englischsprachigen Produktion zurück.<ref>Honey, ''Incense at the Altar'', Vorwort, xxii.</ref>
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Gleichwohl hat die russische Sinologie beachtliche Widerstandsfähigkeit bewiesen. Das Institut für Asien- und Afrikastudien der Moskauer Staatsuniversität bildet weiterhin Sinologen aus, ebenso die Hochschule für Wirtschaft und das Moskauer Staatliche Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO). Der Verband zur Förderung der Sinologie (Russinology) dient als professionelles Netzwerk und organisiert die jährliche Konferenz „Sinologie in Russland", die größte Veranstaltung dieser Art im Land. Chinas Seidenstraßen-Initiative und die Vertiefung der chinesisch-russischen strategischen Beziehungen seit 2014 haben eine neue Nachfrage nach China-Expertise erzeugt, obwohl das Ausmaß, in dem sich dies in nachhaltige wissenschaftliche Investitionen umsetzt, abzuwarten bleibt.<ref>„Academic Freedom and China", AAUP-Bericht (2024); ''Sinology vs. the Disciplines, Then &amp; Now'', China Heritage (2019).</ref>
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=== 5.2 Zeitgenössische Stärken ===
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Die russische Sinologie bewahrt besondere Stärken in mehreren Bereichen: klassische chinesische Philosophie und Religion (in der Tradition Wasiljews und Alexejews); zentralasiatische und mongolische Studien (aufbauend auf Bitschurin und Kafarow); chinesische Sprachpädagogik und Lexikographie; und die Erforschung der russisch-chinesischen Beziehungen. Die außerordentlichen Archivbestände der Russischen Akademie der Wissenschaften — einschließlich der Handschriften Rossochins, Leontjews, Bitschurins und Wasiljews sowie der über drei Jahrhunderte angesammelten chinesischen Buchsammlungen — stellen eine unersetzliche wissenschaftliche Ressource dar.<ref>„They Don't Understand the Fear We Have: How China's Long Reach of Repression Undermines Academic Freedom at Australia's Universities", Human Rights Watch (2021).</ref>
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== VI. Schluss ==
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Die russische Sinologie zeichnet sich durch ihre Langlebigkeit, ihre institutionelle Kontinuität durch die Geistliche Mission und die überragenden Leistungen von Gelehrten wie Bitschurin und Wasiljew aus, die sich China mit einer Ernsthaftigkeit und Sympathie näherten, die sie von vielen ihrer westlichen Zeitgenossen abhob. Bitschurins Beharren darauf, China aus chinesischen Quellen in der chinesischen Sprache zu studieren, ohne die verzerrende Linse westlicher Überlegenheit, nahm um mehr als ein Jahrhundert den „chinazentrierten" Ansatz vorweg, den Paul Cohen später in der amerikanischen Sinologie befürworten sollte. Die Herausforderungen, vor denen die russische Sinologie heute steht, sind real, doch die Tradition, auf der sie ruht, ist tief und widerstandsfähig, und die geographische, politische und kulturelle Nähe Russlands und Chinas stellt sicher, dass das Studium Chinas für kommende Generationen eine Angelegenheit von vitalem nationalem Interesse bleiben wird.
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== Bibliographie ==
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Bitschurin, N. Ja. [Иакинф]. ''Kitaiskaya Grammatika'' [Chinesische Grammatik]. St. Petersburg, 1838.
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Bitschurin, N. Ja. ''Opisanie Tibeta'' [Beschreibung Tibets]. St. Petersburg, 1828.
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Bitschurin, N. Ja. ''Statisticheskoe Opisanie Kitaiskoi Imperii'' [Detaillierte Beschreibung Chinas]. St. Petersburg, 1842.
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Kafarow, Palladius, und P. S. Popow. ''Kitaisko-Russkii Slovar''' [Chinesisch-Russisches Wörterbuch]. Peking: Tongwen Guan, 1888.
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Pawlowa, A. D. (万山翠). „Sinology in Russia: 400 Years of Study" [俄罗斯400年的汉学研究]. Unveröffentlichtes Manuskript, Moskauer Stadtuniversität.
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Skatschkow, P. E. ''Ocherki Istorii Russkogo Kitaevedeniya'' [Studien zur Geschichte der russischen Sinologie]. Moskau: Nauka, 1977.
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Wasiljew, W. P. ''Analiz Kitaiskikh Ieroglifov'' [Analyse der chinesischen Schriftzeichen]. St. Petersburg, 1866.
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Wasiljew, W. P. ''Ocherk Istorii Kitaiskoi Literatury'' [Abriss der Geschichte der chinesischen Literatur]. St. Petersburg, 1880.
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Zhang Xiping 张西平. ''Xifang Hanxue Shiliu Jiang'' 西方汉学十六讲. Peking: Foreign Language Teaching and Research Press, 2011. Vorlesung 14.
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== Einzelnachweise ==
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<references />
  
 
[[Category:History of Sinology]]
 
[[Category:History of Sinology]]
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Latest revision as of 05:14, 26 March 2026

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Kapitel 16: Russland — Von der Geistlichen Mission zu den zeitgenössischen Chinastudien

Einleitung

Russland nimmt in der Geschichte der Weltsinologie eine einzigartige Stellung ein. Als einzige europäische Macht, die eine Landgrenze mit China teilt, entwickelte Russland seine Tradition der Chinastudien nicht durch Seefahrt oder koloniale Expansion, sondern durch Überlanddiplomatie, Grenzhandel und die bemerkenswerte Institution der Russischen Geistlichen Mission in Peking. Von den Gesandtschaften Iwan Petlins und Nikolai Milescus im siebzehnten Jahrhundert über die monumentale Gelehrsamkeit Nikita Bitschurins und Wassili Wasiljews, vom sowjetischen Institut für Fernen Osten bis zu den Herausforderungen der russischen Sinologie in der postsowjetischen Zeit — das russische Engagement mit China war geprägt von Nachbarschaft, Rivalität und einer intellektuellen Intensität, die einige der bedeutendsten Beiträge zur Weltsinologie hervorgebracht hat. Dieses Kapitel zeichnet die Entwicklung der russischen Sinologie über vier Jahrhunderte nach und stützt sich dabei auf die bahnbrechenden Vorlesungen Zhang Xipings und den Beitrag A. D. Pawlowas.[1]

I. Das siebzehnte Jahrhundert: Erste Kontakte

1.1 Frühe Gesandtschaften

Die frühesten dokumentierten Kontakte zwischen Russland und China reichen bis ins vierzehnte Jahrhundert zurück, als gefangengenommene Russen während der Yuan-Dynastie in die Kaiserliche Garde eingegliedert wurden. Der berühmte Reisende Afanassi Nikitin erwähnte „Chatai" (China) kurz in seinem Fahrt über drei Meere aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Doch erst im siebzehnten Jahrhundert, mit der Konsolidierung der Romanow-Dynastie, begann Russland systematisch Beziehungen zu China anzustreben.[2]

1618 brach die erste russische diplomatische Gesandtschaft unter Iwan Petlin von Tobolsk nach China auf. Obwohl Petlin eine Audienz beim Ming-Kaiser verweigert wurde (da er keine Geschenke mitgebracht hatte), lieferte sein Rospis' Kitaiskogo Gosudarstva (Beschreibung des chinesischen Staates) einen detaillierten Bericht über den Landweg nach China und eine Beschreibung Pekings. In gekürzter Übersetzung von Bergeron in seinen Recueil de Divers Voyages (Leiden, 1729) veröffentlicht, beeinflusste Petlins Bericht nicht nur die russischen, sondern auch die europäischen geographischen Kenntnisse.[3]

Nachfolgende Gesandtschaften — unter Fjodor Baikow (1654), Pjotr Godunow (1668–1669) und Nikolai Milescu-Spafari (1675–1676) — vertieften das russische Verständnis Chinas schrittweise. Godunow erstellte die erste russische „Enzyklopädie" Chinas, die auf verschiedenen Quellen einschließlich tatarischer und bucharischer Informanten beruhte. Milescu, ein moldauischer Gelehrter in russischen Diensten, verfasste drei umfangreiche Werke über China und Sibirien während und nach seiner Gesandtschaft, die später in François Avrils Voyage en Divers États d'Europe et d'Asie (Paris, 1692–1693) einflossen.[4]

1.2 Der Vertrag von Nertschinsk

Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts waren die russischen und chinesischen Grenzgebiete in direkten Kontakt geraten, was zu militärischen Zusammenstößen in der Amur-Region führte. Der Vertrag von Nertschinsk (1689) — Chinas erster Vertrag mit einem ausländischen Staat — regelte die Grenze und schuf den Rahmen für die künftigen Beziehungen. Für die Sinologie war die wichtigste Konsequenz, dass er die Voraussetzungen für die dauerhafte russische Präsenz in Peking schuf, die zur Grundlage der russischen Chinastudien werden sollte.[5]

II. Das achtzehnte Jahrhundert: Ansammlung und Systematisierung

2.1 Die Russische Geistliche Mission in Peking

Die Einrichtung einer orthodoxen Kirche in Peking für gefangengenommene russische Soldaten verschaffte Russland einen einzigartigen institutionellen Stützpunkt in der chinesischen Hauptstadt. 1715 wurde die erste Russische Geistliche Mission förmlich nach Peking entsandt. Nach dem Vertrag von Kjachta (1727) wurde die Mission zu einer regulären, rotierenden Institution, wobei jede Gruppe aus Geistlichen und Studenten bestand, die etwa zehn Jahre in Peking verblieben, bevor sie abgelöst wurden. Diese Regelung — unter europäischen Nationen ohne Parallele — verschaffte Russland eine ununterbrochene Präsenz in China und einen fortlaufenden Strom von Sprachfachleuten und kulturellen Informanten über mehr als zwei Jahrhunderte. Die Mission ist zu Recht als „Wiege der russischen Sinologie" bezeichnet worden.[6]

2.2 Die erste Generation sinologischer Übersetzer

Die Studenten der frühen Missionen legten durch gewaltige Übersetzungsleistungen die Grundlagen der russischen sinologischen Forschung:

Illarion Rossochin (zweite Mission), der zwölf Jahre in Peking verbrachte und als Übersetzer am Lifanyuan (理藩院) und der russischen Sprachschule des Kabinetts diente, war der erste Russe, der chinesische Texte direkt ins Russische übersetzte. Zu seinen Werken gehörten das Qianzi Wen (千字文), das Sanzi Jing (三字经), das Qinzheng Pingding Shuomo Fanglüe (亲征平定朔漠方略) und Teile des Daqing Yitong Zhi (大清一统志). Seine Übersetzung des Baqi Tongzhi Chuji (八旗通志初集), 1784 in sechzehn Bänden in St. Petersburg veröffentlicht, bleibt ein Nachschlagewerk für Forscher der Qing-Militärgeschichte.[7]

Alexei Leontjew (dritte Mission) war der produktivste Übersetzer des achtzehnten Jahrhunderts. Er erstellte die ersten russischen Fassungen des Daxue (大学), des Yijing (易经, als Anhang zu seiner Übersetzung des Daqing Lüli), des Sanzi Jing und der Sammlung Chinesische Gedanken. Seine Übersetzungen — insgesamt zweiundzwanzig veröffentlichte Werke — machten die chinesische politische Philosophie dem russischen Lesepublikum unmittelbar zugänglich. Das Ideal der Selbstkultivierung als Weg zu guter Regierungsführung im Daxue resonierte stark mit den Aufklärungsbestrebungen im Russland Katharinas der Großen, und Leontjews Werke wurden mehrfach nachgedruckt und ins Deutsche und Französische übersetzt.[8]

2.3 Die St. Petersburger Akademie der Wissenschaften

Peter des Großen Gründung der Akademie der Wissenschaften im Jahre 1724 schuf einen institutionellen Rahmen für das systematische Studium des Ostens. Der deutsche Orientalist Theophil Siegfried Bayer, der 1725 der Akademie beitrat, veröffentlichte das Museum Sinicum (1730) — die erste europäische theoretische Studie der chinesischen Sprache — und kompilierte ein sechsundzwanzigbändiges lateinisch-chinesisches Wörterbuch, das nie veröffentlicht wurde. Bayer unterhielt auch eine gelehrte Korrespondenz mit Jesuitenmissionaren in Peking, darunter Karel Slavíček und Antoine Gaubil, die das Wissen der Akademie über chinesische Astronomie, Geschichte und Geographie bereicherte.[9]

Die Akademie organisierte große wissenschaftliche Expeditionen nach Sibirien und zur chinesischen Grenze (Messerschmidt, 1720–1727; Müller, 1732–1743; Pallas, 1767–1774), die umfangreiche ethnographische und geographische Daten über Chinas nördliche Grenzgebiete lieferten. Die Akademie baute auch eine der größten Sammlungen chinesischer Handschriften und Bücher in Europa auf: Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts umfasste der Bestand 238 Titel.[10]

2.4 Chinesischer Sprachunterricht

Der organisierte Chinesischunterricht in Russland begann 1738, als das Außenministerium einen gefangengenommenen Qing-Untertanen namens Zhou Ge mit dem Unterricht in Chinesisch und Mandschurisch in Moskau beauftragte. Sein Schüler Leontjew wurde zum bedeutendsten Sinologen der Epoche. Rossochin organisierte Chinesischkurse an der Akademie der Wissenschaften von 1741 bis 1751. Im Jahre 1798 wurde unter dem Außenministerium eine förmliche Schule für chinesische, mandschurische, persische, türkische und tatarische Übersetzer eingerichtet, was den Beginn einer institutionalisierten sinologischen Ausbildung in Russland markierte.[11]

III. Das neunzehnte Jahrhundert: Das Zeitalter Bitschurins

3.1 Nikita Jakowlewitsch Bitschurin (1777–1853)

Die Gestalt, die die russische Sinologie auf Weltniveau hob, war Nikita Bitschurin (Иакинф Бичурин), Leiter der neunten Geistlichen Mission, der vierzehn Jahre in Peking lebte (1808–1821). Bitschurin beherrschte sowohl das klassische als auch das umgangssprachliche Chinesisch mit außerordentlicher Gründlichkeit, studierte chinesische historische und geographische Texte mit leidenschaftlicher Hingabe und sammelte einen gewaltigen Bestand an Primärmaterialien über China, Zentralasien, Tibet und die Mongolei.[12]

Bitschurins wissenschaftliche Produktion war gewaltig. Zu seinen Hauptwerken gehören:

  • Beschreibung Tibets (1828), auf chinesischen Quellen und eigenem Wissen basierend, die russischen und europäischen Lesern eine weitgehend unbekannte Region erschloss;
  • Aufzeichnungen über die Mongolei (1828);
  • Geschichte der ersten vier Khane des Hauses Dschingis (1829), eine akribische Rekonstruktion der Mongolengeschichte auf Grundlage des Yuanshi;
  • China, seine Bewohner, Sitten, Gebräuche und Erziehung (1840), ein umfassendes Porträt der chinesischen Gesellschaft;
  • Detaillierte Beschreibung Chinas (1842), auf dem Daqing Yitong Zhi beruhend, sein bedeutendstes Werk zur chinesischen Geographie;
  • Sammlung von Materialien über die alten Völker Zentralasiens (in seinen letzten Jahren vollendet), eine magistrale Synthese der zentralasiatischen Ethnographie.

Bitschurin erhielt fünfmal die höchste Auszeichnung der Russischen Akademie der Wissenschaften, den Demidow-Preis. Er wurde zum korrespondierenden Mitglied der Akademie und zum Mitglied der Pariser Asiatischen Gesellschaft gewählt. Seine Gelehrsamkeit unterschied sich grundlegend von der westlicher Missionssinologen, da er eurozentrische Rahmen ablehnte, für die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der chinesischen Zivilisation argumentierte und China aus seinen eigenen Voraussetzungen heraus darstellte. Die großen russischen Dichter Puschkin und Schukowski gehörten zu seinen Bekannten, und seine Versübersetzung des Dreizeichenklassikers (1829) ging in den russischen literarischen Mainstream ein.[13]

Bitschurin leistete auch entscheidende Beiträge zur chinesischen Sprachpädagogik. Seine Chinesische Grammatik (Kitaiskaya Grammatika, 1838), auf Materialien beruhend, die er während seines Unterrichts in Kjachta entwickelt hatte, war die erste systematische chinesische Grammatik in russischer Sprache. Sie beherrschte den russischen Chinesischunterricht bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert und wurde noch 1908 nachgedruckt.[14]

3.2 Wassili Wasiljew (1818–1900)

Die zweite überragende Gestalt der russischen Sinologie des neunzehnten Jahrhunderts war Wassili Pawlowitsch Wasiljew, ein Student der zehnten Geistlichen Mission, der zehn Jahre in Peking verbrachte (1840–1850). Wasiljews polymathische Interessen umspannten chinesische Sprache, Literatur, Philosophie, Geschichte, Geographie, Buddhismus, Daoismus und Tibetologie. Zu seinen Beiträgen gehören:

  • Das Graphische System der chinesischen Schriftzeichen: Versuch eines chinesisch-russischen Wörterbuchs (1867), das das Strichfolge-Indexierungssystem einführte, das über ein Jahrhundert lang die Standardmethode in der russischen Lexikographie blieb;
  • Analyse der chinesischen Schriftzeichen, die erste europäische Monographie über chinesische Phonologie, Morphologie und Schriftsysteme;
  • Eine Geschichte der chinesischen Literatur (1880), die zum ersten Mal überhaupt an einer Universität die chinesische Literaturgeschichte zum Lehrfach machte;
  • Der Buddhismus: Seine Lehren, Geschichte und Literatur und Geschichte des indischen Buddhismus, die ins Deutsche und Französische übersetzt wurden und als allen bisherigen europäischen Arbeiten zum Thema überlegen anerkannt wurden;
  • Grundlegende Studien zum Daoismus, denen der zeitgenössische russische Gelehrte Tortschinow „Pionierbedeutung für die Weltwissenschaft" zuschrieb.

Wasiljew hatte Lehrstühle an der Universität Kasan und später an der Universität St. Petersburg inne und bildete Generationen von Sinologen aus. Er wurde 1866 zum korrespondierenden Mitglied und 1886 zum ordentlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften gewählt. Seine Überzeugung, dass die chinesische Sprache über eine eigene Grammatik verfüge — verschieden von den grammatischen Kategorien flektierender Sprachen — und sein Konzept der „Zeichenwurzeln" (zigen) waren originelle Beiträge zur vergleichenden Sprachwissenschaft.[15]

3.3 Archimandrit Palladius (Kafarow, 1817–1878)

Palladius Kafarow diente dreimal in China (1840, 1849, 1859) und verbrachte über zwanzig Jahre dort. Er leistete bedeutende Beiträge zur Erforschung des Buddhismus in China (einschließlich einer Übersetzung der Lebensgeschichte des Buddha aus dem Tripitaka), des Islam in China, der mongolischen Geschichte (Übersetzung des Changchun Zhenren Xiyouji) und des chinesischen Christentums. Sein posthum erschienenes Chinesisch-Russisches Etymologisches Wörterbuch (Hanyu Eyu Hebi Yunbian, 1888), kompiliert und ergänzt vom Konsul Popow, wurde für Jahrzehnte zum Standardnachschlagewerk russischer Sinologen und Diplomaten.[16]

IV. Das zwanzigste Jahrhundert: Institutionalisierung und Ideologisierung

4.1 Die spätimperiale und revolutionäre Periode

Das zwanzigste Jahrhundert brachte radikale Umwälzungen für die russische Sinologie. Die letzten Jahrzehnte der Zarenherrschaft sahen die Gründung der Orientalischen Fakultät an der Universität St. Petersburg, wo Wasiljews Nachfolger — darunter Alexejew, der große Literatursinologe — die Tradition fortführten. Der Russisch-Japanische Krieg (1904–1905) und die chinesischen Revolutionen von 1911 und 1949 verlagerten das wissenschaftliche Interesse von den klassischen Studien hin zur modernen chinesischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.[17]

4.2 Die sowjetische Sinologie

Unter der Sowjetherrschaft wurde die Sinologie sowohl ausgeweitet als auch eingeschränkt. Die ideologische Verwandtschaft zwischen der UdSSR und der Volksrepublik China (1949–1960) führte zu einer enormen Ausweitung des Chinesischunterrichts, der Übersetzung marxistisch-leninistischer Texte ins Chinesische und chinesischer Texte ins Russische sowie zu umfangreichen wissenschaftlichen Austauschprogrammen. Die wichtigsten institutionellen Zentren waren das Institut für Orientalistik der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften in Moskau, das Institut für den Fernen Osten (gegründet 1966), die Orientalische Fakultät der Universität Leningrad (St. Petersburg) und das Institut für Asien- und Afrikastudien der Moskauer Staatsuniversität. Sowjetische Sinologen leisteten bedeutende Beiträge zur chinesischen Geschichtswissenschaft, Linguistik, Archäologie und Literaturwissenschaft, obwohl ihre Arbeit oft durch marxistisch-leninistische Orthodoxie eingeschränkt war. Das chinesisch-sowjetische Zerwürfnis der 1960er Jahre unterbrach den akademischen Austausch schwer, stimulierte aber auch einen neuen Fokus auf zeitgenössische chinesische Politik und Militärfragen.[18]

4.3 Der Beitrag Pawlowas: Eine 400-Jahres-Perspektive

A. D. Pawlowa (万山翠) von der Moskauer Stadtuniversität hat argumentiert, dass die russische Sinologie, die über 400 Jahre seit dem Beginn diplomatischer russisch-chinesischer Kontakte feiert, einen würdigen und eigenständigen Bestandteil der Weltsinologie darstellt. Ihre Kennzeichen umfassen: die einzigartige Rolle der Geistlichen Mission als permanenter wissenschaftlicher Außenposten in Peking; die frühe und anhaltende Aufmerksamkeit für Chinas nördliche Grenzgebiete (Mongolei, Mandschurei, Zentralasien); die Entwicklung der chinesischen Lexikographie durch das Strichfolge-System; und eine Tradition, die chinesische Zivilisation als autonomes Kultursystem mit Respekt zu behandeln — von Bitschurins Ablehnung missionarischer Herablassung bis zur sowjetischen Betonung Chinas als einer revolutionären Brudergesellschaft.[19]

V. Die postsowjetische russische Sinologie

5.1 Herausforderungen und Kontinuitäten

Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 brachte schwere Herausforderungen für die russische Sinologie. Die Finanzierung von Forschungsinstituten wurde drastisch gekürzt; akademische Gehälter fielen auf ein Niveau, das talentierte Gelehrte in die Wirtschaft, den Journalismus oder die Emigration trieb; und mehrere Programme wurden eingestellt oder verkleinert. Die Universität St. Petersburg schloss um 2011 ihr Programm zur chinesischen Wirtschaft wegen mangelnder Finanzierung. Wie ein Beobachter feststellte, wurden jährlich nur wenige Dutzend wissenschaftliche Artikel über China auf Russisch produziert, und deren Qualität blieb hinter der englischsprachigen Produktion zurück.[20]

Gleichwohl hat die russische Sinologie beachtliche Widerstandsfähigkeit bewiesen. Das Institut für Asien- und Afrikastudien der Moskauer Staatsuniversität bildet weiterhin Sinologen aus, ebenso die Hochschule für Wirtschaft und das Moskauer Staatliche Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO). Der Verband zur Förderung der Sinologie (Russinology) dient als professionelles Netzwerk und organisiert die jährliche Konferenz „Sinologie in Russland", die größte Veranstaltung dieser Art im Land. Chinas Seidenstraßen-Initiative und die Vertiefung der chinesisch-russischen strategischen Beziehungen seit 2014 haben eine neue Nachfrage nach China-Expertise erzeugt, obwohl das Ausmaß, in dem sich dies in nachhaltige wissenschaftliche Investitionen umsetzt, abzuwarten bleibt.[21]

5.2 Zeitgenössische Stärken

Die russische Sinologie bewahrt besondere Stärken in mehreren Bereichen: klassische chinesische Philosophie und Religion (in der Tradition Wasiljews und Alexejews); zentralasiatische und mongolische Studien (aufbauend auf Bitschurin und Kafarow); chinesische Sprachpädagogik und Lexikographie; und die Erforschung der russisch-chinesischen Beziehungen. Die außerordentlichen Archivbestände der Russischen Akademie der Wissenschaften — einschließlich der Handschriften Rossochins, Leontjews, Bitschurins und Wasiljews sowie der über drei Jahrhunderte angesammelten chinesischen Buchsammlungen — stellen eine unersetzliche wissenschaftliche Ressource dar.[22]

VI. Schluss

Die russische Sinologie zeichnet sich durch ihre Langlebigkeit, ihre institutionelle Kontinuität durch die Geistliche Mission und die überragenden Leistungen von Gelehrten wie Bitschurin und Wasiljew aus, die sich China mit einer Ernsthaftigkeit und Sympathie näherten, die sie von vielen ihrer westlichen Zeitgenossen abhob. Bitschurins Beharren darauf, China aus chinesischen Quellen in der chinesischen Sprache zu studieren, ohne die verzerrende Linse westlicher Überlegenheit, nahm um mehr als ein Jahrhundert den „chinazentrierten" Ansatz vorweg, den Paul Cohen später in der amerikanischen Sinologie befürworten sollte. Die Herausforderungen, vor denen die russische Sinologie heute steht, sind real, doch die Tradition, auf der sie ruht, ist tief und widerstandsfähig, und die geographische, politische und kulturelle Nähe Russlands und Chinas stellt sicher, dass das Studium Chinas für kommende Generationen eine Angelegenheit von vitalem nationalem Interesse bleiben wird.

Bibliographie

Bitschurin, N. Ja. [Иакинф]. Kitaiskaya Grammatika [Chinesische Grammatik]. St. Petersburg, 1838.

Bitschurin, N. Ja. Opisanie Tibeta [Beschreibung Tibets]. St. Petersburg, 1828.

Bitschurin, N. Ja. Statisticheskoe Opisanie Kitaiskoi Imperii [Detaillierte Beschreibung Chinas]. St. Petersburg, 1842.

Kafarow, Palladius, und P. S. Popow. Kitaisko-Russkii Slovar' [Chinesisch-Russisches Wörterbuch]. Peking: Tongwen Guan, 1888.

Pawlowa, A. D. (万山翠). „Sinology in Russia: 400 Years of Study" [俄罗斯400年的汉学研究]. Unveröffentlichtes Manuskript, Moskauer Stadtuniversität.

Skatschkow, P. E. Ocherki Istorii Russkogo Kitaevedeniya [Studien zur Geschichte der russischen Sinologie]. Moskau: Nauka, 1977.

Wasiljew, W. P. Analiz Kitaiskikh Ieroglifov [Analyse der chinesischen Schriftzeichen]. St. Petersburg, 1866.

Wasiljew, W. P. Ocherk Istorii Kitaiskoi Literatury [Abriss der Geschichte der chinesischen Literatur]. St. Petersburg, 1880.

Zhang Xiping 张西平. Xifang Hanxue Shiliu Jiang 西方汉学十六讲. Peking: Foreign Language Teaching and Research Press, 2011. Vorlesung 14.

Einzelnachweise

  1. David B. Honey, Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology (New Haven: American Oriental Society, 2001), Vorwort, xxii.
  2. Honey, Incense at the Altar, Vorwort, x.
  3. Zhang Xiping, Vorlesung 1, „Introduction to Western Sinology Studies", S. 165–168.
  4. Peter K. Bol, „The China Historical GIS", Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020).
  5. Hilde De Weerdt, „MARKUS: Text Analysis and Reading Platform", in Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020); vgl. auch den Digital-Humanities-Leitfaden der Bibliothek der University of Chicago.
  6. Tu Hsiu-chih, „DocuSky, A Personal Digital Humanities Platform for Scholars", Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020).
  7. Peter K. Bol und Wen-chin Chang, „The China Biographical Database", in Digital Humanities and East Asian Studies (Leiden: Brill, 2020).
  8. Vgl. Kapitel 22 (Übersetzung) dieses Bandes zu den Herausforderungen der KI-Übersetzung.
  9. „WenyanGPT: A Large Language Model for Classical Chinese Tasks", arXiv-Preprint (2025).
  10. „Benchmarking LLMs for Translating Classical Chinese Poetry: Evaluating Adequacy, Fluency, and Elegance", Proceedings of EMNLP (2025).
  11. „A Multi Agent Classical Chinese Translation Method Based on Large Language Models", Scientific Reports 15 (2025).
  12. Vgl. z. B. Mark Edward Lewis und Curie Viragh, „Computational Stylistics and Chinese Literature", Journal of Chinese Literature and Culture 9, Nr. 1 (2022).
  13. Hilde De Weerdt, Information, Territory, and Networks: The Crisis and Maintenance of Empire in Song China (Cambridge: Harvard University Asia Center, 2015).
  14. China-Princeton Digital Humanities Workshop 2025 (chinesedh2025.eas.princeton.edu).
  15. Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 54–60.
  16. Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 96–97, unter Berufung auf Li Xueqin.
  17. Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 102–113.
  18. Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 114–117.
  19. „The World Conference on China Studies: CCP's Global Academic Rebranding Campaign", Bitter Winter (2024).
  20. Honey, Incense at the Altar, Vorwort, xxii.
  21. „Academic Freedom and China", AAUP-Bericht (2024); Sinology vs. the Disciplines, Then & Now, China Heritage (2019).
  22. „They Don't Understand the Fear We Have: How China's Long Reach of Repression Undermines Academic Freedom at Australia's Universities", Human Rights Watch (2021).