Difference between revisions of "Da Jilu/de/Band 1"

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|book = Da Jilu
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|title = Der Große Bericht Band 1 (Deutsch)
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= Der Große Bericht — Band 1 =
 
= Der Große Bericht — Band 1 =
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'''Prolog, Die Goldbach-Vermutung, Kapitän, Leidenschaft, Chinesische Mädchen, u.a.'''
  
Li Bingyin (Hg.)
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Der Große Bericht
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Prolog
  
40 Jahre Reform
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Li Bingyin
und Öffnung in China
 
  
Ausgewählte
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Das Jahr 2018 ist ein wichtiger Zeitpunkt, um an die vierzig Jahre seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik in China im Jahr 1978 zu erinnern. In diesen vierzig Jahren hat China unerschütterlich und stetig den Weg der Reform und Öffnung beschritten und dabei gewaltige Errungenschaften erzielt. Damit wurde ein neues, glanzvolles Kapitel in der Sozialgeschichte des Landes aufgeschlagen. In seinem Bericht auf dem 19. Nationalkongress der Kommunistischen Partei Chinas sagte Generalsekretär Xi Jinping am 18. Oktober 2017: „Nach langen Anstrengungen ist der Sozialismus chinesischer Prägung in eine neue Ära eingetreten, was eine neue historische Position für die Entwicklung unseres Landes darstellt.“
Reportage-Literatur
 
  
Band I/V
 
  
Li Bingyin (Hg.):
 
  
Der Große Bericht . 40 Jahre Reform und Öffnung in China . Ausgewählte Reportage-Literatur . Band I ; Bochum : Europ. Univ.-vlg. 2025
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In den letzten 40 Jahren durchzog der Drache das ganze Land, begleitet von Wind und Regen. Der Phönix tanzte über die Erde und hinterließ unauslöschliche Spuren. Wenn man es aus der historischen Perspektive betrachtet, ist Chinas Reform- und Öffnungspolitik zwar nur ein gesellschaftlicher Augenblick, doch sie hat der chinesischen Sozialgeschichte sehr wichtige Impulse gegeben. Angesichts der aktiven gewaltigen Veränderungen Chinas in allen Bereichen und der bedeutenden internationalen Einflusskraft, in dieser großartigen Situation, die als Übergang von einem aufgestandenen zu einem wohlhabenden und schließlich zu einem starken Land betrachtet wird, müssen die Menschen, die mittendrin stehen, sicherlich viele Gefühle und Zufriedenheit empfinden.
  
  ISBN 978-3-86515-602-0
 
  
ISBN: 978-3-869966-602-0, EAN:  *9783865156020*
 
  
Dies ist Band I. ISBN aller Bände: I: 978-3-86515-602-0, II: 978-3-86515-603-7, III: 978-3-86515-604-4, IV: 978-3-86515-605-1, V: 978-3-86515-606-8.
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Auf dem historischen Weg der vierzigjährigen Reform- und Öffnungspolitik Chinas gab es stets die leidenschaftliche Teilnahme und Unterstützung der Reportageliteratur. Mit ihrer einzigartigen, individuellen Stimme rief die Reportageliteratur leidenschaftlich zur Entwicklung der Reform und Öffnung auf und schrieb mit ihrem ausdrucksstarken Stil die großartigen Errungenschaften dieser Zeit nieder. Sie ist die literarische Gattung, die am engsten mit dem historischen Weg und der Praxis von Chinas Reform und Öffnung verschmolzen ist und die kraftvollste Interaktion zeigt. Deng Xiaoping machte in seiner Rede auf der dritten Vollversammlung des zwölften Zentralkomitees der KPCh am 12. Oktober 1983 ausdrücklich darauf aufmerksam: „Was die Literatur betrifft, so sind in den letzten Jahren literarische Werke, die das neue Leben des sozialistischen Aufbaus widerspiegeln, etwas zahlreicher geworden. Aber Werke, die den revolutionären Geist des Volkes und der Jugend beleben, sie dazu ermutigen, sich mutig dem Aufbau und Kampf in allen Bereichen des Vaterlandes zu widmen, und eine starke inspirierende Kraft besitzen, gibt es relativ wenige, abgesehen von der Reportageliteratur, in der es relativ viele gibt, auch in anderen Bereichen, aber man kann nicht sagen, dass es dort viele sind.“ (Siehe „Ausgewählte Werke Deng Xiaopings“, Volksverlag 1993, Band III, „Die dringenden Aufgaben der Partei auf der organisatorischen und ideologischen Front“). Die Menschen werden sich sicherlich noch daran erinnern, dass Xu Chis Reportage „Die Goldbach-Vermutung“, die in der ersten Ausgabe von 1978 der Zeitschrift „Volksliteratur“ veröffentlicht wurde, aufgrund der in der damaligen Zeit eingeschränkten Umgebung verhüllten, aber klaren kritischen Haltung des Autors gegenüber der „Kulturrevolution“ und aufgrund der leidenschaftlichen Würdigung und Bestätigung von Chen Jingruns Haltung und Verhalten als Intellektueller während seines mutigen, hartnäckigen, besessenen und anstrengenden wissenschaftlichen Forschungsprozesses eine außerordentliche Aufmerksamkeit in der breiten Leserschaft erregte. Zeitweise war das Werk so begehrt, dass es zur sprichwörtlichen Situation kam, wo „das Papier in Luoyang teuer wurde“ (ein chinesisches Idiom für große literarische Popularität). Danach entstanden mit Xu Chis „Der Baum des Lebens bleibt grün“, Huang Zongyings „Wildgänse-Gefühle“, Li Yous „Gebirge und Ebenen“ sowie „Leidenschaft“ und vielen anderen Reportagen deutlich kraftvolle Gegenstimmen zu den vorherigen gesellschaftlichen Strömungen und Verhaltensweisen, die Wissen verneinten und Wissenschaft und Kunst herabwürdigten. Diese Reportagen hoben den Wert des Wissens und die schönen Lebensverfolgungen sowie die Charakterkraft von Wissenschaftlern und Künstlern hervor. Dadurch entwickelte die Gesellschaft schnell die Kraft, in Richtung des richtigen und zivilisierten Weges voranzuschreiten. Dies war der Ausdruck der Reportageliteratur für den Wunsch und die Erwartung des Volkes nach Chinas Reform und Öffnung; es war der literarische Ruf als Vorläufer dieser Reformen! Diese Werke waren wie Frühlingswind, der über die Erde wehte und die Herzen und das Bewusstsein der Menschen kraftvoll wiederbelebte.
  
Chinesisches Original: 《大记录——中国改革开放四十年报告文学选》李炳银 主编
 
  
Copyright © 2018.10 安徽文艺出版社 Anhui Literature and Art Press
 
  
Übersetzung: Martin Woesler 吴漠汀 (Hunan Normal Universität 湖南师范大学)
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Als die chinesische Gesellschaft nach der Katastrophe der „Kulturrevolution“ kurz vor dem Ausbruch stand und der in den Herzen der Menschen aufgestaute Groll und Ärger nach Befreiung verlangte, entstanden nicht nur Zhang Shushens „Lied der Rechtschaffenheit“, in dem er die Ungerechtigkeit gegenüber der Märtyrerin Zhang Zhixin anprangerte, sondern auch Wang Chens und Zhang Tianlas „Der Meteor, der die Nacht durchbrach“, in dem sie das kurze, tragische Leben von Yue Luoke bedauerten, Tao Siliangs „Ein schließlich versandter Brief“, in dem er das ungerechte Schicksal seines Vaters Tao Zhu beklagte, Hu Pings „Chinas Augen“, in dem er die Ungerechtigkeit gegenüber Li Jiulian kritisierte, Li Yus „Zusammengebrochen im rosigen Morgenlicht“, in dem er um das Leben eines Shanghaier Jugendlichen trauerte, und Meng Xiaoyuns „Die Tränen der Euphrat-Pappel“, das das steinige und gewundene Leben des Jugendlichen Qian Zongren betrauerte, und viele andere bewegende Werke, die das verschiedenartige Blut-, Tränen- und Leid der vorherigen Zeit beschrieben, riefen eine große gesellschaftliche Erschütterung hervor und boten auch große Unterstützung für die beginnende gesellschaftliche Reflexion und Befreiungsströmung des Denkens. Als sich die chinesische Gesellschaft in einer Zeit großer Wende, Förderung und Veränderung befand, spielte die chinesische Reportageliteratur eine sehr wertvolle Rolle bei der Übermittlung und Weiterleitung von Volksgefühlen, Wünschen und Forderungen. Die Reportageliteratur enttäuschte weder die Erwartungen des Volkes noch die Verantwortung der Geschichte. Die Menschen sind noch heute sehr bewegt, wenn sie an die gesellschaftliche Erschütterungssituation zurückdenken, die die Reportageliteratur damals hervorrief!
  
Copyright der deutschen Ausgabe © European University Press, veröffentlicht Dezember 2025
 
  
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
 
  
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Die Geschichte wird sicherlich Wendungen nehmen, aber sie wird auch ihren eigenen Entwicklungsgesetzen folgend voranschreiten. Während sich die Reflexion und Korrektur der Verwirrung kontinuierlich vertieften, entstanden gewaltige Veränderungen auf dem Land. Wan Li wirkte als Parteisekretär in Anhui und ebnete damit den Weg für Chinas neue Entwicklung. In „Die Jahre nach Mao Zedong“ schildert Wang Lixin, in „Der große Trend der chinesischen Landwirte“ Li Yanguo, in „Anekdoten aus Sanmen Li“ Qiao Mai und in „Die Wildnis ruft“ Wang Zhaojun wahrheitsgetreu die neuen Dynamiken vom Land und die bewegenden Reformwellen. Chinas weite ländliche Gebiete entfalteten in ihrem natürlichen Wachstum gewaltige Kraft und schufen wunderbare, aufblühende Szenerien. Die neue gesellschaftliche Umgebung brachte zwar neue Veränderungen mit sich, aber auch neue gesellschaftliche Probleme. Entstanden sind Liu Binyans „Zwischen Mensch und Dämon“, Zhang Mins „Heilige Melancholie“, Zhao Yus „Der Traum von einer starken Nation“, Hu Pings und Zhang Shengyous „Weltweite große Verbindung“, Xu Gangs „Holzfäller, erwacht!“, Lu Yuegangs „Die Drei Schluchten des Jangtse: Chinas Epos“, Yang Xiaoshengs „Nur ein Kind“ und Guo Dongs „Eine schwere Heimreise“ – um nur einige zu nennen – sowie viele andere Reportagen, die wahre gesellschaftliche Beobachtungen, Zweifel, Befragungen und Erforschungen widerspiegeln. Diese Werke, die angesichts der gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen sowohl Zufriedenheit als auch Sorge empfinden ließen, waren Ausdruck der engen Begleitung der Reportageliteratur der voranschreitenden Schritte von Chinas gesellschaftlicher Reform und Öffnung. Sie waren auch praktische Aktivitäten der Reportageliteratur bei der aktiven Erforschung gesellschaftlicher Entwicklung und Veränderung im chinesischen gesellschaftlichen Leben. Wenn aufrichtige Leidenschaft mit nüchterner Konfrontation kombiniert wurde, trat die Teilnahme der Reportageliteratur an der Gesellschaft in eine neue Phase ein. Dies war ebenfalls eine gesunde Bewegung, die den Spuren von Chinas Reform und Öffnung folgte. Durch diese wahrheitsgetreuen Ausdrucksformen der Reportageliteratur, die auf Chinas tiefem Boden gewachsen und gediehen waren, wurden der Charakter und das Gesicht des chinesischen gesellschaftlichen Wandels täglich klarer und heller. Der Inhalt der chinesischen Gesellschaft wurde dadurch auch beispiellos reich und vielfältig.
  
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
 
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
 
  
Übersetzung und Buch wurden mit staatlicher chinesischer Unterstützung realisiert. Der Buchinhalt drückt nicht die Meinung des Europäischen Universitätsverlags oder der Übersetzer aus. Das Buch ist ein zeithistorisches Dokument chinesischer Propaganda. Es wird zur wissenschaftlichen Rezeption zur Verfügung gestellt.
 
  
Prolog
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Nachdem die geistigen Fesseln gebrochen und die verschlossenen Landestüren geöffnet worden waren, verlagerte sich Chinas Reform- und Öffnungspolitik allmählich von der Korrektur der Verwirrung hin zur Fokussierung auf den wirtschaftlichen Aufbau. Die Reportageliteratur ist die scharfsinnigste, bewussteste und leidenschaftlichste Gattung, die sich diesem Zentrum nähert, und auch die Gattung, die auf dieser Bühne die vollständigste und brillanteste Darstellung zeigt. Diese brillante Aufführung ist bis heute nicht zu Ende gegangen. Zu den frühen Werken zählen unter anderem Ke Yans „Kapitän“, Chen Zufens „Der Theoretiker“, Zhou Jialuns „Reflexionen über das Phänomen Bu Xinsheng“, Li Shifeis „Heißblütige Männer“, Wang Hongjias „Wissenssturm“, Yang Shusongs „Der Weg nach Kunshan“, Wang Hongjias und Liu Jians „Die Revolution der Ruhe“ sowie später Li Chunleis „Als die Baumwolle erblühte“, Chen Xitians „Der Ostwind weht und überall ist Frühling“, Zhang Yawens „Ein Herz, das hohe Ämter und Reichtum nicht binden können“, Zhu Xiaojuns und Li Yings „Wir lassen das Volk entscheiden!“ und Jiang Yonghongs „Als der Traum wahr wurde“ auf gesellschaftliche Reform und Öffnung sowie die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung konzentrierten, gaben den Menschen damals starke Impulse und hinterließen klare und tiefe Erinnerungen. Diese Werke beschrieben die Anpassung der Staatspolitik, schilderten den weisen, mutigen und innovativen Geist sowie das Verhalten von Reformfiguren, erforschten Methoden zur Beseitigung einschränkender Schwierigkeiten, suchten nach Wegen für interne und externe Verbindungen und Entwicklung und lobten leidenschaftlich alles, was China voranbrachte – sei es in Bezug auf Entwicklung, Wohlstand oder Zivilisation. Sie waren ein starkes Licht, das die Realität durchleuchtete. Durch die Schreibweise der Reportageliteratur ließen sie die Gongs und Trommeln der Reform und Öffnung noch lauter erklingen. So sehr, dass die Existenz der Reportageliteratur selbst zu einem offensichtlichen Zeichen dafür wurde, dass sich China der Reform und Öffnung zuwandte.
  
Li Bingyin
 
  
Das Jahr 2018 ist ein wichtiger Zeitpunkt, um an die vierzig Jahre seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik in China im Jahr 1978 zu erinnern. In diesen vierzig Jahren hat China unerschütterlich und stetig den Weg der Reform und Öffnung beschritten und dabei gewaltige Errungenschaften erzielt. Damit wurde ein neues, glanzvolles Kapitel in der Sozialgeschichte des Landes aufgeschlagen. In seinem Bericht auf dem 19. Nationalkongress der Kommunistischen Partei Chinas sagte Generalsekretär Xi Jinping am 18. Oktober 2017: „Nach langen Anstrengungen ist der Sozialismus chinesischer Prägung in eine neue Ära eingetreten, was eine neue historische Position für die Entwicklung unseres Landes darstellt.“
 
  
In den letzten 40 Jahren durchzog der Drache das ganze Land, begleitet von Wind und Regen. Der Phönix tanzte über die Erde und hinterließ unauslöschliche Spuren. Wenn man es aus der historischen Perspektive betrachtet, ist Chinas Reform- und Öffnungspolitik zwar nur ein gesellschaftlicher Augenblick, doch sie hat der chinesischen Sozialgeschichte sehr wichtige Impulse gegeben. Angesichts der aktiven gewaltigen Veränderungen Chinas in allen Bereichen und der bedeutenden internationalen Einflusskraft, in dieser großartigen Situation, die als Übergang von einem aufgestandenen zu einem wohlhabenden und schließlich zu einem starken Land betrachtet wird, müssen die Menschen, die mittendrin stehen, sicherlich viele Gefühle und Zufriedenheit empfinden.
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Begleitet von den großartigen Schritten Chinas bei der Reform und Öffnung wurde der Wert der Reportageliteratur in Verbindung mit vielen stolzen, glorreichen und brillanten Errungenschaften deutlich. Dadurch wurde sie zu einem hervorragenden Begleiter und wertvollen Aufzeichner dieser Reformen. Autoren der Reportageliteratur wurden zu Zeugen und Sprechern vieler bedeutender historischer Ereignisse. Ihre Reportagewerke wurden zu einem besonderen Bestandteil des historischen Inhalts der chinesischen Gesellschaft in den letzten vierzig Jahren. Dazu gehören Chang Jiangs „Rückblick auf den Jangtse-Fluss“, He Jianmings leidenschaftlicher Bericht über Chinas großangelegte Evakuierung aus Libyen und anderen Kriegsgebieten im Jahr 2011 mit dem Titel „2011 Chinas unvergleichliche diplomatische Aktion“, Jiang Weis bewegende Schilderung des Prozesses der chinesischen Hochgeschwindigkeitsbahn von der Entwicklung und Stärkung bis zur weltweiten Führung mit dem Titel „Eine Karriere, die von Tränen begleitet wird“, Xu Chens Übermittlung der Forschung, Erprobung und stolzen Errungenschaften von Chinas Tiefsee-Tauchgerät „Jiaolong“ mit dem Titel „Der Drache erforscht das Meer“ sowie Lan Ningyuans Aufzeichnung von Chinas Traum vom Himmel und großartiger Praxis mit dem Titel „Die ‚Shenzhou’-Himmelsstraße“, Chen Qiwens liebevolle Schilderung von Yuan Longpings Arbeit mit „Hybridreis und Superreis“ in der Zeit von „Yuan Longpings Welt“. Im Beitrag „Die Flügel der Weisheit“ schrieb Li Jiesong über den Chinas Entwicklungsprozess, um die Errungenschaften beim Bau eines Passagier-Raumschifftyps, zu dokumentieren. Sie zeichnen Chinas brillante Errungenschaften im Zeitalter der Reform und Öffnung auf und sind Bestandteil der schönen Erinnerungen an den Aufbau, die Entwicklung und die Förderung des menschlichen Fortschritts in China!
  
Auf dem historischen Weg der vierzigjährigen Reform- und Öffnungspolitik Chinas gab es stets die leidenschaftliche Teilnahme und Unterstützung der Reportageliteratur. Mit ihrer einzigartigen, individuellen Stimme rief die Reportageliteratur leidenschaftlich zur Entwicklung der Reform und Öffnung auf und schrieb mit ihrem ausdrucksstarken Stil die großartigen Errungenschaften dieser Zeit nieder. Sie ist die literarische Gattung, die am engsten mit dem historischen Weg und der Praxis von Chinas Reform und Öffnung verschmolzen ist und die kraftvollste Interaktion zeigt. Deng Xiaoping machte in seiner Rede auf der dritten Vollversammlung des zwölften Zentralkomitees der KPCh am 12. Oktober 1983 ausdrücklich darauf aufmerksam: „Was die Literatur betrifft, so sind in den letzten Jahren literarische Werke, die das neue Leben des sozialistischen Aufbaus widerspiegeln, etwas zahlreicher geworden. Aber Werke, die den revolutionären Geist des Volkes und der Jugend beleben, sie dazu ermutigen, sich mutig dem Aufbau und Kampf in allen Bereichen des Vaterlandes zu widmen, und eine starke inspirierende Kraft besitzen, gibt es relativ wenige, abgesehen von der Reportageliteratur, in der es relativ viele gibt, auch in anderen Bereichen, aber man kann nicht sagen, dass es dort viele sind.“ (Siehe „Ausgewählte Werke Deng Xiaopings“, Volksverlag 1993, Band III, „Die dringenden Aufgaben der Partei auf der organisatorischen und ideologischen Front“). Die Menschen werden sich sicherlich noch daran erinnern, dass Xu Chis Reportage „Die Goldbach-Vermutung“, die in der ersten Ausgabe von 1978 der Zeitschrift „Volksliteratur“ veröffentlicht wurde, aufgrund der in der damaligen Zeit eingeschränkten Umgebung verhüllten, aber klaren kritischen Haltung des Autors gegenüber der „Kulturrevolution“ und aufgrund der leidenschaftlichen Würdigung und Bestätigung von Chen Jingruns Haltung und Verhalten als Intellektueller während seines mutigen, hartnäckigen, besessenen und anstrengenden wissenschaftlichen Forschungsprozesses eine außerordentliche Aufmerksamkeit in der breiten Leserschaft erregte. Zeitweise war das Werk so begehrt, dass es zur sprichwörtlichen Situation kam, wo „das Papier in Luoyang teuer wurde“ (ein chinesisches Idiom für große literarische Popularität). Danach entstanden mit Xu Chis „Der Baum des Lebens bleibt grün“, Huang Zongyings „Wildgänse-Gefühle“, Li Yous „Gebirge und Ebenen“ sowie „Leidenschaft“ und vielen anderen Reportagen deutlich kraftvolle Gegenstimmen zu den vorherigen gesellschaftlichen Strömungen und Verhaltensweisen, die Wissen verneinten und Wissenschaft und Kunst herabwürdigten. Diese Reportagen hoben den Wert des Wissens und die schönen Lebensverfolgungen sowie die Charakterkraft von Wissenschaftlern und Künstlern hervor. Dadurch entwickelte die Gesellschaft schnell die Kraft, in Richtung des richtigen und zivilisierten Weges voranzuschreiten. Dies war der Ausdruck der Reportageliteratur für den Wunsch und die Erwartung des Volkes nach Chinas Reform und Öffnung; es war der literarische Ruf als Vorläufer dieser Reformen! Diese Werke waren wie Frühlingswind, der über die Erde wehte und die Herzen und das Bewusstsein der Menschen kraftvoll wiederbelebte.
 
  
Als die chinesische Gesellschaft nach der Katastrophe der „Kulturrevolution“ kurz vor dem Ausbruch stand und der in den Herzen der Menschen aufgestaute Groll und Ärger nach Befreiung verlangte, entstanden nicht nur Zhang Shushens „Lied der Rechtschaffenheit“, in dem er die Ungerechtigkeit gegenüber der Märtyrerin Zhang Zhixin anprangerte, sondern auch Wang Chens und Zhang Tianlas „Der Meteor, der die Nacht durchbrach“, in dem sie das kurze, tragische Leben von Yue Luoke bedauerten, Tao Siliangs „Ein schließlich versandter Brief“, in dem er das ungerechte Schicksal seines Vaters Tao Zhu beklagte, Hu Pings „Chinas Augen“, in dem er die Ungerechtigkeit gegenüber Li Jiulian kritisierte, Li Yus „Zusammengebrochen im rosigen Morgenlicht“, in dem er um das Leben eines Shanghaier Jugendlichen trauerte, und Meng Xiaoyuns „Die Tränen der Euphrat-Pappel“, das das steinige und gewundene Leben des Jugendlichen Qian Zongren betrauerte, und viele andere bewegende Werke, die das verschiedenartige Blut-, Tränen- und Leid der vorherigen Zeit beschrieben, riefen eine große gesellschaftliche Erschütterung hervor und boten auch große Unterstützung für die beginnende gesellschaftliche Reflexion und Befreiungsströmung des Denkens. Als sich die chinesische Gesellschaft in einer Zeit großer Wende, Förderung und Veränderung befand, spielte die chinesische Reportageliteratur eine sehr wertvolle Rolle bei der Übermittlung und Weiterleitung von Volksgefühlen, Wünschen und Forderungen. Die Reportageliteratur enttäuschte weder die Erwartungen des Volkes noch die Verantwortung der Geschichte. Die Menschen sind noch heute sehr bewegt, wenn sie an die gesellschaftliche Erschütterungssituation zurückdenken, die die Reportageliteratur damals hervorrief!
 
  
Die Geschichte wird sicherlich Wendungen nehmen, aber sie wird auch ihren eigenen Entwicklungsgesetzen folgend voranschreiten. Während sich die Reflexion und Korrektur der Verwirrung kontinuierlich vertieften, entstanden gewaltige Veränderungen auf dem Land. Wan Li wirkte als Parteisekretär in Anhui und ebnete damit den Weg für Chinas neue Entwicklung. In „Die Jahre nach Mao Zedong“ schildert Wang Lixin, in „Der große Trend der chinesischen Landwirte“ Li Yanguo, in „Anekdoten aus Sanmen Li“ Qiao Mai und in „Die Wildnis ruft“ Wang Zhaojun wahrheitsgetreu die neuen Dynamiken vom Land und die bewegenden Reformwellen. Chinas weite ländliche Gebiete entfalteten in ihrem natürlichen Wachstum gewaltige Kraft und schufen wunderbare, aufblühende Szenerien. Die neue gesellschaftliche Umgebung brachte zwar neue Veränderungen mit sich, aber auch neue gesellschaftliche Probleme. Entstanden sind Liu Binyans „Zwischen Mensch und Dämon“, Zhang Mins „Heilige Melancholie“, Zhao Yus „Der Traum von einer starken Nation“, Hu Pings und Zhang Shengyous „Weltweite große Verbindung“, Xu Gangs „Holzfäller, erwacht!“, Lu Yuegangs „Die Drei Schluchten des Jangtse: Chinas Epos“, Yang Xiaoshengs „Nur ein Kind“ und Guo Dongs „Eine schwere Heimreise“ – um nur einige zu nennen – sowie viele andere Reportagen, die wahre gesellschaftliche Beobachtungen, Zweifel, Befragungen und Erforschungen widerspiegeln. Diese Werke, die angesichts der gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen sowohl Zufriedenheit als auch Sorge empfinden ließen, waren Ausdruck der engen Begleitung der Reportageliteratur der voranschreitenden Schritte von Chinas gesellschaftlicher Reform und Öffnung. Sie waren auch praktische Aktivitäten der Reportageliteratur bei der aktiven Erforschung gesellschaftlicher Entwicklung und Veränderung im chinesischen gesellschaftlichen Leben. Wenn aufrichtige Leidenschaft mit nüchterner Konfrontation kombiniert wurde, trat die Teilnahme der Reportageliteratur an der Gesellschaft in eine neue Phase ein. Dies war ebenfalls eine gesunde Bewegung, die den Spuren von Chinas Reform und Öffnung folgte. Durch diese wahrheitsgetreuen Ausdrucksformen der Reportageliteratur, die auf Chinas tiefem Boden gewachsen und gediehen waren, wurden der Charakter und das Gesicht des chinesischen gesellschaftlichen Wandels täglich klarer und heller. Der Inhalt der chinesischen Gesellschaft wurde dadurch auch beispiellos reich und vielfältig.
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Als der berühmte Dichter und Literaturtheoretiker Zhang Guangnian, Vizevorsitzender des Chinesischen Schriftstellerverbandes, 1982 über Chinas Reportageliteratur sprach, sagte er: „Die Reportageliteratur entwickelte sich von einem Anhängsel zu einer Großmacht“ und etabliere sich zu einem unabhängig existierenden wichtigen Gattungsmitglied in der chinesischen Literaturfamilie. In den vergangenen vierzig Jahren ist Chinas Reportageliteratur mit der Welt gewachsen, hat ihre chinesische Haltung und ihre zivilisatorischen Ziele gefestigt und im Prozess der tiefgreifenden Beobachtung, Entdeckung, Reflexion und literarischen Darstellung der Realität, der Gesellschaft und des Lebens einzigartige Persönlichkeitsstile und einen festen Geist der Missionsverantwortung gezeigt. Als individuelle Gattung absorbierte die Reportageliteratur sowohl die Wahrhaftigkeitsprinzipien des Journalismus als auch die literarisch-künstlerischen Ausdrucksweisen und erschloss damit ein neues literarisches Territorium im Zwischenbereich zwischen Journalismus und fiktiver Literatur. In der heutigen Zeit vielfältiger Medien und des dringenden Verlangens der Menschen, sich verschiedenen gesellschaftlichen Wahrheiten zu nähern, besitzt die Reportageliteratur eine unersetzliche realistische Kraft. „Wahrheit ist das erstklassige Rohmaterial der Kunst.“ Wahrheit bietet die Grundlage und Möglichkeit für alle wertvollen Ausdrucksformen. Erkenntnishandlungen, die aus traditionellen, konservativen Literaturvorstellungen mit selbstverherrlichender Haltung entstehen und der Meinung sind, dass nur Fiktion künstlerische Ziele erreichen kann, sind Ausdruck von Eigensinn oder sogar Unwissen. Diese Werke, die relativ direkt auf Chinas historisches Leben der Reform und Öffnung antworten, sind Beobachtungs- und Reflexionsaufzeichnungen der wahren gesellschaftlichen Lebensentwicklungsprozesse. Sie sind selbst schon zu einem wichtigen Teil von Chinas vierzigjährigem historischem Leben geworden. Die aktive Rolle, die die Reportageliteratur in dem großartigen gesellschaftlichen Prozess gespielt hat, wurde von den Menschen vollständig anerkannt. Daher wird die Reportageliteratur bei der Betrachtung der vierzigjährigen Geschichte der Reform und Öffnung in China kein Schamgefühl empfinden, sondern Stolz und Zufriedenheit verspüren sowie ein Gefühl der Selbstliebe und Selbstachtung entwickeln. Obwohl es in der Reportageliteratur noch viele bedauernswerte Aspekte gibt, die verbessert und vervollkommnet werden müssen, kann sie bei der Erinnerung an Chinas vierzigjährige großartige Geschichte der Reform und Öffnung durchaus stolz sagen: „Ich bin dieser großartigen Zeit würdig!“
  
Nachdem die geistigen Fesseln gebrochen und die verschlossenen Landestüren geöffnet worden waren, verlagerte sich Chinas Reform- und Öffnungspolitik allmählich von der Korrektur der Verwirrung hin zur Fokussierung auf den wirtschaftlichen Aufbau. Die Reportageliteratur ist die scharfsinnigste, bewussteste und leidenschaftlichste Gattung, die sich diesem Zentrum nähert, und auch die Gattung, die auf dieser Bühne die vollständigste und brillanteste Darstellung zeigt. Diese brillante Aufführung ist bis heute nicht zu Ende gegangen. Zu den frühen Werken zählen unter anderem Ke Yans „Kapitän“, Chen Zufens „Der Theoretiker“, Zhou Jialuns „Reflexionen über das Phänomen Bu Xinsheng“, Li Shifeis „Heißblütige Männer“, Wang Hongjias „Wissenssturm“, Yang Shusongs „Der Weg nach Kunshan“, Wang Hongjias und Liu Jians „Die Revolution der Ruhe“ sowie später Li Chunleis „Als die Baumwolle erblühte“, Chen Xitians „Der Ostwind weht und überall ist Frühling“, Zhang Yawens „Ein Herz, das hohe Ämter und Reichtum nicht binden können“, Zhu Xiaojuns und Li Yings „Wir lassen das Volk entscheiden!“ und Jiang Yonghongs „Als der Traum wahr wurde“ auf gesellschaftliche Reform und Öffnung sowie die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung konzentrierten, gaben den Menschen damals starke Impulse und hinterließen klare und tiefe Erinnerungen. Diese Werke beschrieben die Anpassung der Staatspolitik, schilderten den weisen, mutigen und innovativen Geist sowie das Verhalten von Reformfiguren, erforschten Methoden zur Beseitigung einschränkender Schwierigkeiten, suchten nach Wegen für interne und externe Verbindungen und Entwicklung und lobten leidenschaftlich alles, was China voranbrachte – sei es in Bezug auf Entwicklung, Wohlstand oder Zivilisation. Sie waren ein starkes Licht, das die Realität durchleuchtete. Durch die Schreibweise der Reportageliteratur ließen sie die Gongs und Trommeln der Reform und Öffnung noch lauter erklingen. So sehr, dass die Existenz der Reportageliteratur selbst zu einem offensichtlichen Zeichen dafür wurde, dass sich China der Reform und Öffnung zuwandte.
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Peking, 18. Februar 2018
  
Begleitet von den großartigen Schritten Chinas bei der Reform und Öffnung wurde der Wert der Reportageliteratur in Verbindung mit vielen stolzen, glorreichen und brillanten Errungenschaften deutlich. Dadurch wurde sie zu einem hervorragenden Begleiter und wertvollen Aufzeichner dieser Reformen. Autoren der Reportageliteratur wurden zu Zeugen und Sprechern vieler bedeutender historischer Ereignisse. Ihre Reportagewerke wurden zu einem besonderen Bestandteil des historischen Inhalts der chinesischen Gesellschaft in den letzten vierzig Jahren. Dazu gehören Chang Jiangs „Rückblick auf den Jangtse-Fluss“, He Jianmings leidenschaftlicher Bericht über Chinas großangelegte Evakuierung aus Libyen und anderen Kriegsgebieten im Jahr 2011 mit dem Titel „2011 Chinas unvergleichliche diplomatische Aktion“, Jiang Weis bewegende Schilderung des Prozesses der chinesischen Hochgeschwindigkeitsbahn von der Entwicklung und Stärkung bis zur weltweiten Führung mit dem Titel „Eine Karriere, die von Tränen begleitet wird“, Xu Chens Übermittlung der Forschung, Erprobung und stolzen Errungenschaften von Chinas Tiefsee-Tauchgerät „Jiaolong“ mit dem Titel „Der Drache erforscht das Meer“ sowie Lan Ningyuans Aufzeichnung von Chinas Traum vom Himmel und großartiger Praxis mit dem Titel „Die ‚Shenzhou’-Himmelsstraße“, Chen Qiwens liebevolle Schilderung von Yuan Longpings Arbeit mit „Hybridreis und Superreis“ in der Zeit von „Yuan Longpings Welt“. Im Beitrag „Die Flügel der Weisheit“ schrieb Li Jiesong über den Chinas Entwicklungsprozess, um die Errungenschaften beim Bau eines Passagier-Raumschifftyps, zu dokumentieren. Sie zeichnen Chinas brillante Errungenschaften im Zeitalter der Reform und Öffnung auf und sind Bestandteil der schönen Erinnerungen an den Aufbau, die Entwicklung und die Förderung des menschlichen Fortschritts in China!
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Die Goldbach-Vermutung
  
Als der berühmte Dichter und Literaturtheoretiker Zhang Guangnian, Vizevorsitzender des Chinesischen Schriftstellerverbandes, 1982 über Chinas Reportageliteratur sprach, sagte er: „Die Reportageliteratur entwickelte sich von einem Anhängsel zu einer Großmacht“ und etabliere sich zu einem unabhängig existierenden wichtigen Gattungsmitglied in der chinesischen Literaturfamilie. In den vergangenen vierzig Jahren ist Chinas Reportageliteratur mit der Welt gewachsen, hat ihre chinesische Haltung und ihre zivilisatorischen Ziele gefestigt und im Prozess der tiefgreifenden Beobachtung, Entdeckung, Reflexion und literarischen Darstellung der Realität, der Gesellschaft und des Lebens einzigartige Persönlichkeitsstile und einen festen Geist der Missionsverantwortung gezeigt. Als individuelle Gattung absorbierte die Reportageliteratur sowohl die Wahrhaftigkeitsprinzipien des Journalismus als auch die literarisch-künstlerischen Ausdrucksweisen und erschloss damit ein neues literarisches Territorium im Zwischenbereich zwischen Journalismus und fiktiver Literatur. In der heutigen Zeit vielfältiger Medien und des dringenden Verlangens der Menschen, sich verschiedenen gesellschaftlichen Wahrheiten zu nähern, besitzt die Reportageliteratur eine unersetzliche realistische Kraft. „Wahrheit ist das erstklassige Rohmaterial der Kunst.“ Wahrheit bietet die Grundlage und Möglichkeit für alle wertvollen Ausdrucksformen. Erkenntnishandlungen, die aus traditionellen, konservativen Literaturvorstellungen mit selbstverherrlichender Haltung entstehen und der Meinung sind, dass nur Fiktion künstlerische Ziele erreichen kann, sind Ausdruck von Eigensinn oder sogar Unwissen. Diese Werke, die relativ direkt auf Chinas historisches Leben der Reform und Öffnung antworten, sind Beobachtungs- und Reflexionsaufzeichnungen der wahren gesellschaftlichen Lebensentwicklungsprozesse. Sie sind selbst schon zu einem wichtigen Teil von Chinas vierzigjährigem historischem Leben geworden. Die aktive Rolle, die die Reportageliteratur in dem großartigen gesellschaftlichen Prozess gespielt hat, wurde von den Menschen vollständig anerkannt. Daher wird die Reportageliteratur bei der Betrachtung der vierzigjährigen Geschichte der Reform und Öffnung in China kein Schamgefühl empfinden, sondern Stolz und Zufriedenheit verspüren sowie ein Gefühl der Selbstliebe und Selbstachtung entwickeln. Obwohl es in der Reportageliteratur noch viele bedauernswerte Aspekte gibt, die verbessert und vervollkommnet werden müssen, kann sie bei der Erinnerung an Chinas vierzigjährige großartige Geschichte der Reform und Öffnung durchaus stolz sagen: „Ich bin dieser großartigen Zeit würdig!“
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Xu Chi
  
Peking, 18. Februar 2018
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„Diejenigen, die revolutionär Technologie studieren, sind eindeutig sowohl rot als auch fachkundig, dennoch werden sie angegriffen, weil sie den weißen Expertenweg einschlagen.
  
Inhalt
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— New Year’s editorial „Bright China,” Two Papers & One Journal, 1978
  
Band I
 
  
Prolog - Li Bingyin 2
 
  
Die Goldbach-Vermutung - Xu Chi 12
+
=== I ===
  
Kapitän - Ke Yan 43
+
Mit P₁(1,2) der Anzahl der Primzahlen p, die die folgenden Bedingungen erfüllen
  
Leidenschaft - Li You 72
+
x - p = P₁ oder x - p = P₂P₃,
  
Chinesische Mädchen - Lu Guang 136
+
wobei P₁, P₂, P₃ alles Primzahlen sind,
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[Das ist schwer zu verstehen; wenn Sie es nicht begreifen, können Sie diese Zeilen überspringen.]
  
Anekdoten aus Sanmen Li - Qiao Mai 208
+
sei x eine hinreichend große gerade Zahl.
  
Die Tränen der Euphrat-Pappel- Meng Xiaoyun 225
 
  
Die Wildnis ruft - Wang Zhaojun 245
 
  
Heißblütige Männer - Li Shifei 273
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Für jede gegebene gerade Zahl h und hinreichend große X sei φ(1,2) die Anzahl der Primzahlen p, die die folgenden Bedingungen erfüllen:
  
Band II
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p ≤ x, p + h = P₁  ODER  h + p = P₂P₃,
  
Der große Trend der chinesischen Landwirte - Li Yanguo 3
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wobei P₁, P₂, P₃ alle Primzahlen sind.
  
Der Theoretiker- Chen Zufen 55
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Der Zweck dieser Abhandlung ist es, alle Ergebnisse, die der Autor in Referenz [10] erwähnt hat, im Detail zu beweisen und zu verbessern.
  
Heilige Melancholie - Zhang Min 87
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II
  
Der Traum von einer starken Nation - Zhao Yu 133
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Der obige Abschnitt stammt aus einer Abhandlung zur analytischen Zahlentheorie. Er erschien in Abschnitt 1 „Einleitung“, in dem das zentrale Problem dargestellt wird. Die Abhandlung geht weiter mit Abschnitt 2 „Einige Lemmata”, in dem die notwendigen Formeln und Berechnungen entwickelt werden, und schließt mit Abschnitt 3 „Ergebnisse”, in dem ein Theorem bewiesen wird. Die Abhandlung ist äußerst schwer zu verstehen. Selbst versierte Mathematiker, die sich nicht mit diesem Spezialgebiet befassen, werden es schwierig finden, ihr zu folgen. Dennoch erhielt sie bald internationale Anerkennung und erlangte weltweiten Ruhm. Das von ihr etablierte und nach ihrem Autor Chen Jingrun benannte Theorem ist seitdem allgemein als Chens Theorem bekannt. Chen Jingrun ist derzeit Forscher am Institut für Mathematik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften.
  
Holzfäller, erwacht! - Xu Gang 197
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Chen Jingrun wurde 1933 in Fujian geboren. Von Anfang an gewährten ihm seine Familie und die Umstände kein sorgenfreies Leben. Sein Vater, ein Postbeamter, der ständig unterwegs war, weigerte sich, der Kuomintang beizutreten. Für diese Entscheidung wurde er von einigen Kollegen verspottet, da er die Zeiten angeblich nicht verstehe. Seine Mutter, eine sanfte Frau, die sich zu Tode arbeitete, brachte zwölf Kinder zur Welt, von denen nur sechs überlebten. Chen war das dritte Kind, er hatte einen älteren Bruder und eine ältere Schwester und jüngere Geschwister. In einem so überfüllten Haushalt waren Kinder keine geschätzten Söhne und Töchter mehr, sondern zusätzliche Belastungen – überzählige Mäuler, überzählige Leben. Von Geburt an war er in dieser Welt wie jemand, der schon als unerwünscht abgestempelt worden war.
  
Reflexionen über das Phänomen Bu Xinsheng - Zhou Jialun 239
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Er erlebte nur wenig Kindheitsglück. Seine Mutter arbeitete den ganzen Tag und hatte keine Zeit, ihm Zuneigung zu schenken. Als er begann, die Welt um sich herum wahrzunehmen, war bereits ein brutaler Krieg ausgebrochen. Japanische Soldaten fielen in die Provinz Fujian ein. Er war noch sehr jung, lebte jedoch in ständiger Angst. Sein Vater arbeitete als Direktor einer Postfiliale in Sanming City, Sanyuan County. Das kleine Postamt befand sich in einem alten Tempel in den Bergen. Dieser Ort war einst ein revolutionäres Basisgebiet gewesen, doch zu jener Zeit waren die dichten Bergwälder zu einem Ort des Schreckens geworden. Alle Männer waren von Kuomintang-Banditen abgeschlachtet worden, ohne dass auch nur ein einziger überlebte – nicht einmal alte Männer blieben übrig. Zurückgeblieben waren nur Frauen, deren Leben besonders hart war. Bedruckter Stoff war zu teuer für Kleidung, sodass selbst erwachsene Mädchen noch mit nacktem Oberkörper herumliefen. Nachdem Fuzhou vom Feind besetzt worden war, flohen noch mehr Flüchtlinge in die Berge. Da dieses Gebiet nicht bombardiert wurde, wurde das Leben dort allmählich etwas besser. Doch dann wurde ein Konzentrationslager dorthin verlegt. Nachts hallte oft das Knallen von Peitschen wider und von Zeit zu Zeit ertönten Schüsse, wenn Märtyrer getötet wurden. Am nächsten Tag wurden Gefangene in Ketten zur Arbeit geschickt, die noch elender aussahen.
  
Band III
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Chen Jingruns kindliche Seele trug schwere seelische Wunden davon. Oft wurde er von Panik und Verwirrung überwältigt. Zu Hause gab es keine Freude und in der Grundschule wurde er ständig schikaniert. Er fühlte sich wie ein hässliches Entlein. Doch als Mensch empfand er sich immer noch als wertvoll. Er war nun einmal dünn und schwächlich, und ein so erbärmliches Aussehen konnte die Zuneigung der Menschen nicht gewinnen. Er gewöhnte sich daran, geschlagen zu werden, und bettelte nie um Gnade, denn das brachte seine Angreifer nur dazu, ihn härter zu schlagen. Währenddessen wurde er immer widerstandsfähiger und ausdauernder. Er war übermäßig sensibel und zu früh für die grausame, räuberische Natur der alten Gesellschaft bewusst. Das formte ihn zu einer introvertierten Person mit zurückgezogenem Charakter. Er widmete sich ausschließlich der Mathematik – nicht aus Zwang, sondern weil er sie liebte. Die Arbeit an mathematischen Problemen füllte den größten Teil seiner Zeit aus.
  
Der Weg nach Kunshan - Yang Shousong 3
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Als er in die Mittelschule kam, verlegte das Jiangsu-College von einem besetzten Gebiet in eine Bergregion. Die Professoren und Dozenten des Colleges unterrichteten auch Teilzeit an der örtlichen Mittelschule. Dadurch konnten sie ihr Leben als Flüchtlinge in einem fremden Land etwas verbessern. Diese Lehrer waren hochgebildet. Der Chinesischlehrer galt als der versierteste und wurde von allen bewundert. Doch Chen Jingrun interessierte sich nicht für Chinesisch, sondern bevorzugte zwei Mathematik- und Naturwissenschaftslehrer. Diese Lehrer mochten ihn ebenfalls und sprachen oft davon, „das Land durch die Wissenschaft zu retten”. Er glaubte zwar nicht, dass die Wissenschaft allein die Nation retten könne, dachte aber, dass die Rettung des Landes ohne Wissenschaft und insbesondere ohne Mathematik unmöglich sei, da Mathematik für alles unentbehrlich sei. Die Diskriminierung, der er ausgesetzt war, und die Schläge und Tritte durch andere vertieften nur seine Liebe zur Mathematik. Trockene, langweilige algebraische Gleichungen wurden zu einer Quelle des Glücks und seiner einzigen wahren Freude.
  
Flug zum Weltraumhafen - Li Mingsheng 59
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Als er dreizehn war, starb seine Mutter an Tuberkulose. Fortan blieb ihm nur, in seinen Träumen der gütigen Mutter nachzutrauern, während sein Vater wieder heiratete. Seine Stiefmutter behandelte ihn noch schlechter als seine leibliche Mutter. Nach dem Sieg im Widerstandskrieg kehrten sie nach Fuzhou zurück. Chen Jingrun besuchte die Sanyi-Mittelschule und anschließend die Yinghua-Akademie. Dort gab es einen Mathematiklehrer, der einst Direktor der Luftfahrtabteilung an der Qinghua-Universität gewesen war.
  
Der Ostwind weht und überall ist Frühling - Chen Xitian 133
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III
  
Als der Traum wahr wurde - Jiang Yonghong 151
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Der Lehrer war gelehrt und unermüdlich im Unterrichten. Im Mathematikunterricht vermittelte er den Schülern auf interessante Weise viele mathematische Konzepte. Selbst Schüler, die Mathematik nicht mochten, konnten von ihm begeistert werden, ganz zu schweigen von denen, die Mathematik liebten.
  
Wissenssturm - Wang Hongjia 199
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Die Mathematik gliedert sich im Allgemeinen in zwei Hauptzweige: reine Mathematik und angewandte Mathematik. Die reine Mathematik befasst sich mit numerischen Beziehungen und räumlichen Formen. Ein wichtiges Gebiet innerhalb des Studiums numerischer Beziehungen ist die Zahlentheorie, die sich mit den Eigenschaften von ganzen Zahlen befasst. Der französische Mathematiker Fermat aus dem 17. Jahrhundert gilt als Begründer der westlichen Zahlentheorie. Doch bereits lange zuvor hatte das alte China bedeutende Beiträge geleistet. Das Zhou Bi ist der älteste erhaltene klassische mathematische Text und Sun Zis „Mathematischer Klassiker” führte ein Resttheorem ein, das später in den Westen gelangte und als „Sun Zis Theorem” bekannt wurde – heute ein berühmtes Theorem in der Zahlentheorie. Bis zur Ming-Dynastie leistete China wesentliche Beiträge zur Mathematik: Im 5. Jahrhundert berechnete Zu Chongzhi den Wert von Pi, was mehr als tausend Jahre vor dem deutschen Mathematiker Ludolph van Ceulen geschah. In Anerkennung dessen benannten sowjetische Wissenschaftler später ein Tal auf dem Mond „Zu Chongzhi”. Die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts markierte den Höhepunkt der altchinesischen Mathematik: Qin Jiushao der Südlichen Song-Dynastie schrieb die „Mathematische Abhandlung in neun Abschnitten” und beschrieb Methoden zur Lösung linearer Gleichungssysteme, die er fünfhundert Jahre vor Euler entwickelte. Zhu Shijie schrieb in der Yuan-Dynastie den „Kostbaren Spiegel der vier Elemente” und präsentierte Techniken zur Lösung höherer multivariater Gleichungen, die er vier Jahrhunderte vor Bézout entwickelte. Nach den Ming- und Qing-Dynastien fiel China jedoch zurück. Doch das chinesische Volk scheint eine natürliche Begabung für Mathematik zu besitzen und China bleibt ein fruchtbarer Boden für die Hervorbringung großer Mathematiker.
  
Band IV
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Ein Lehrer erzählte seinen Oberschülern einmal von einem berühmten, noch ungelösten Problem in der Zahlentheorie. Er erklärte, dass Peter der Große, als er St. Petersburg baute, viele führende europäische Wissenschaftler zusammenbrachte, darunter den Schweizer Mathematiker Leonhard Euler, der mehr als achthundert Werke verfasste, sowie den deutschen Gymnasiallehrer und Mathematiker Goldbach.
  
Ein Herz, das hohe Ämter und Reichtum nicht binden können –  
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Im Jahr 1742 stellte Goldbach die folgende Vermutung auf: Jede große gerade Zahl könne als Summe zweier Primzahlen geschrieben werden. Er testete viele gerade Zahlen und fand, dass diese Aussage immer zutraf, aber sie erforderte noch einen Beweis. Da er den Beweis selbst nicht führen konnte, schrieb er an den renommierten Mathematiker Euler, um ihn um Hilfe zu bitten. Doch selbst Euler konnte das Problem bis zu seinem Tod nicht lösen. Seitdem gilt diese Frage als eine der großen Herausforderungen der Mathematik und hat die Bemühungen Tausender Mathematiker beschäftigt. Seit mehr als zweihundert Jahren wurden unzählige Versuche unternommen, die Vermutung zu beweisen ohne Erfolg.
  
Zhang Yawen 3
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Das Klassenzimmer brodelte sofort vor Aufregung. Die jungen Schüler öffneten sich wie Blumen, die gerade zu blühen begannen, und schwatzten und diskutierten eifrig.
  
Rückblick auf den Jangtse-Fluss - Chang Jiang 65
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Der Lehrer fuhr fort: „Die Mathematik ist die Königin der Naturwissenschaften, die Zahlentheorie ist die Krone der Mathematik und die Goldbach-Vermutung ist das Juwel in dieser Krone.”
  
Als die Baumwolle erblühte - Li Chunlei 101
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Alle Schüler starrten mit weit aufgerissenen Augen vor Staunen.
  
Die Revolution der Ruhe (Kurzfassung) - Wang Hongjia & Liu Jian 131
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Der Lehrer sagte: „Ihr alle kennt gerade und ungerade Zahlen, und ihr alle kennt Prim- und zusammengesetzte Zahlen. Das haben wir in der dritten Klasse der Grundschule gelehrt. Ist das nicht das Einfachste? Nein, dieses Problem ist das Schwerste. Dieses Dilemma ist äußerst schwierig. Wenn es jemand lösen könnte, 464wäre das absolut unglaublich!“
  
Eine Karriere, die von Tränen begleitet wird - Jiang Wei 193
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Die jungen Schüler begannen wieder, Lärm zu machen. „Was ist daran so unglaublich? Wir werden es lösen. Wir können es lösen.“ Sie prahlten wild.
  
Wir lassen das Volk entscheiden! - Zhu Xiaojun, Li Ying 223
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Der Lehrer lachte ebenfalls. „Wirklich“, sagte er, „erst letzte Nacht hatte ich einen Traum, in dem einer von euch Schülern die Goldbach-Vermutung auf wundersame Weise bewies.“
  
Eine schwere Heimreise - Guo Dong 285
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Die Oberschüler brachen in Gelächter aus.
  
Band V
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Doch Chen Jingrun lachte nicht. Er war ebenfalls von den Worten des Lehrers erschüttert, doch er konnte nicht lachen. Hätte er gelacht, hätten ihn die anderen Schüler verspottet. Seit er auf die Oberschule kam, war er immer einsamer geworden. Seine Klassenkameraden fanden ihn seltsam, schmutzig und kränklich aussehend und ignorierten ihn. Sie betrachteten ihn als seltsam, schmutzig und kränklich und entschieden sich dafür, ihn zu ignorieren, zu verspotten und auszuschließen. Er wurde zu einer einsamen Gestalt, isoliert und nach innen gekehrt, ein einsamer Wolf ohne Rudel.
  
2011 Chinas unvergleichliche diplomatische Aktion – He Jianming 3
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Am nächsten Tag wurde der Unterricht fortgesetzt. Mehrere recht fleißige Schüler überreichten dem Lehrer aufgeregt mehrere Antwortbögen. Sie sagten, sie hätten die Aufgabe bereits gelöst und könnten die Goldbach-Vermutung auf mehrere Arten beweisen. Es gäbe nichts Besonderes daran.
  
Der Drache erforscht das Meer– Xu Chen 87
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„Verschwindet!“, sagte der Lehrer lachend. „Vergesst es einfach!“
  
Yuan Longpings Welt - Chen Qiwen 143
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„Wir haben lange gerechnet. Wir haben die Antwort!“
  
Die „Shenzhou“-Himmelsstraße - Lan Ningyuan 233
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„Kommt schon, warum solltet ihr eure Energie verschwenden? Ich werde mir diese Papiere nicht einmal ansehen, es gibt keinen Grund. Ist es wirklich so einfach? Ihr versucht, mit dem Fahrrad zum Mond zu fahren.“
  
Die Flügel der Weisheit - Li Jiesong 283
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Das Klassenzimmer barst von einem weiteren Lachanfall. Die Schüler, die keine Papiere abgegeben hatten, lachten über die wenigen, die es getan hatten. Auch sie selbst begannen zu kichern, stampften mit den Füßen und lachten, bis ihre Seiten schmerzten. Nur Chen Jingrun lachte nicht. Er runzelte die Stirn. Er war von all dieser Freude ausgeschlossen.
  
Anhang: Vierzig Jahre Reform und Öffnung in China
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Im folgenden Jahr kehrte der Lehrer an die Qinghua-Universität zurück. Es war Shen Yuan, Vizepräsident des Pekinger Luftfahrtinstituts und Vorsitzender der Nationalen Luftfahrtgesellschaft. Er hatte diese beiden Mathematikstunden längst vergessen. Wie hätte er wissen können, wie tief er in der Erinnerung des Schülers Chen Jingrun eingeprägt war? Lehrer vergessen leicht, weil sie viele Schüler haben. Aber Schüler erinnern sich oft an ihre Lehrer aus der Jugend.
  
- Ausgewählte Reportage-Literatur Verzeichnis 305
 
  
Die Goldbach-Vermutung
 
  
Xu Chi
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IV
  
„Diejenigen, die revolutionär Technologie studieren, sind eindeutig sowohl rot als auch fachkundig, dennoch werden sie angegriffen, weil sie den weißen Expertenweg einschlagen.
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Fuzhou wurde befreit! Zu dieser Zeit besuchte Chen Jingru die 10. Klasse. Da er sich das Schulgeld nicht leisten konnte, blieb er zu Hause und lernte in der ersten Hälfte des Jahres 1950 selbstständig. Obwohl er nie einen formalen Abschluss machte, wurde er aufgrund gleichwertiger akademischer Qualifikationen an der Xiamen-Universität aufgenommen. In jenem Jahr gab es an der Universität nur eine Abteilung für Mathematik und Physik. Im zweiten Jahr wurde eine kleine Mathematikgruppe mit nur vier Studierenden gebildet. Im dritten Jahr wurde diese Gruppe zu einer Mathematikabteilung – immer noch mit denselben vier Personen. Aufgrund ihrer herausragenden akademischen Leistungen und weil das Land dringend ausgebildete Spezialisten benötigte, schlossen die vier vorzeitig ab und erhielten sofort eine Arbeitsstelle, wobei sie eine Vorzugsbehandlung erfuhren, um die andere sie beneideten. Im Herbst 1953 wurde Chen Jingrun nach Peking geschickt, um an der X. Mittelschule zu unterrichten. Es hätte ein Moment großer Erfüllung sein sollen.
  
— New Year’s editorial „Bright China,” Two Papers & One Journal, 1978
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Doch es war nicht so! An der Xiamen-Universität hatte er gute Tage. In seiner Gruppe und Abteilung gab es nur vier Studierende, aber auch vier Professoren und einen Assistenzlehrer, die sie betreuten. Er sog das Wissen begierig auf, als würde er Nektar von hundert Blüten sammeln, um den duftenden und reichen Honig der Mathematik zu gewinnen. Sein Lernen war äußerst effektiv. Er bewegte sich frei im abstrakten Reich, in dem alle dieselbe Sprache von dx und dy teilten, in dem Herz zu Herz und Seele zu Seele sprach. Drei Jahre lang wurde er nicht diskriminiert, niemand schalt oder schlug ihn. Er hielt wenig Kontakt zu anderen, erlebte aber goldene Jahre, in denen er völlig in den Ozean der Mathematik eingetaucht war. Er hatte nie erwartet, dass der Abschluss so schnell kommen würde. Bei dem Gedanken, an einem Lehrerpult zu stehen und mit Dutzenden scharfen, cleveren und manchmal schelmischen Augen konfrontiert zu sein, konnte er nicht anders, als vor Angst zu zittern.
  
I
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Seine Vermutung wurde sofort bestätigt. Er war als Lehrer völlig ungeeignet. Während er selbst dünn und schwach war, waren seine Schüler alle groß und kräftig. Er war ungeschickt im Sprechen, denn schon nach wenigen Sätzen tat ihm die Kehle weh. Er beneidete jene weisen und eloquenten Lehrer sehr. Nach dem Unterricht kehrte er in sein Zimmer zurück, nannte sich einen Idioten und verfluchte sich härter, als es andere je getan hatten. Er hatte nie gelernt, für sich selbst zu sorgen, und schenkte seiner Ernährung wenig Aufmerksamkeit. Angst und Anspannung forderten ihren Tribut und verwandelten sich in Krankheit. Sein Fieber stieg auf 38°C, und als er zur Untersuchung ins Krankenhaus gebracht wurde, stellten die Ärzte sowohl Lungen- als auch Peritoneal-Tuberkulose fest.
  
Mit P₁(1,2) der Anzahl der Primzahlen p, die die folgenden Bedingungen erfüllen
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In jenem Jahr wurde er sechsmal ins Krankenhaus eingewiesen und unterzog sich drei Operationen. Natürlich konnte er unter diesen Umständen nicht gut unterrichten. Aber er gab seine Spezialisierung nicht auf. Die Chinesische Akademie der Wissenschaften hatte kürzlich das berühmte Werk „Additive Primzahlentheorie” von Hua Luogeng veröffentlicht. Sobald es in den Buchhandlungen erhältlich war, kaufte es sich Chen Jingrun. Er tauchte sofort ein. Ein sehr tiefgreifendes Werk, extrem schwierig! Aber er studierte es intensiv. Selbst als er hospitalisiert war, arbeitete er heimlich weiter daran, wenn die Ärzte und Krankenschwestern ihn nicht sahen. Er dachte damals, dass die Schule aufgrund seiner mangelnden Gesundheit keinen Grund hatte, ihn willkommen zu heißen.
  
x - p = P₁ oder x - p = P₂P₃,  
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Er befürchtete, seinen Job zu verlieren. Was konnte er dagegen tun? Glücklicherweise lebte er sehr sparsam und kaufte sich nicht einmal eine Zahnbürste. Er gab nie leichtfertig auch nur einen Pfennig aus, sondern hatte fast sein gesamtes Einkommen gespart. Er stählte sich: Wenn er arbeitslos werden würde, würde er nach Hause zurückkehren und seine mathematische Forschung fortsetzen. Diese wenigen gesparten Münzen waren seine Garantie dafür, Mathematik betreiben zu können. So konnte er seine mathematische Forschung auch bei Arbeitslosigkeit fortsetzen, denn diese wenigen Münzen waren seine Lebensader und sein Leben war Mathematik. Was aber, wenn die Ersparnisse aufgebraucht wären? Er wusste es nicht. Auch das war ein schweres Problem ohne Antwort. Spätere Ereignisse sollten ihm recht geben: Seine Krankheit besserte sich nicht und die Mittelschule konnte ihn nicht länger behalten.
  
wobei P₁, P₂, P₃ alles Primzahlen sind,  
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Der Präsident der Xiamen-Universität reiste zu einem Treffen im Bildungsministerium nach Peking. Während des Besuchs äußerte ein Leiter der Mittelschule, an der Chen Jingrun unterrichtete, scharfe Unzufriedenheit und äußerte eine Flut von Beschwerden: „Wie konntet ihr einen solchen sogenannten herausragenden Studenten ausbilden?“
[Das ist schwer zu verstehen; wenn Sie es nicht begreifen, können Sie diese Zeilen überspringen.]
 
  
sei x eine hinreichend große gerade Zahl.
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Wang Yan’an, Präsident der Xiamen-Universität und Übersetzer von Marx’ „Das Kapital”, war bestürzt. Er hatte Chen Jingrun stets zu den besten Studierenden der Universität gezählt und widersprach der Kritik entschieden. Für ihn lag das Problem nicht bei Chen, sondern bei der unsachgemäßen Zuweisung seiner Arbeit. Er stimmte sofort zu, Chen Jingrun an die Xiamen-Universität zurückzuholen.
  
Für jede gegebene gerade Zahl h und hinreichend große X sei φ(1,2) die Anzahl der Primzahlen p, die die folgenden Bedingungen erfüllen:
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Als Chen Jingrun erfuhr, dass er zur Mathematikabteilung der Xiamen-Universität zurückkehren konnte, besserte sich merkwürdigerweise auch seine Krankheit. Wang Yan’an arrangierte jedoch, dass er in der Universitätsbibliothek arbeitete, damit er sich ganz der mathematischen Forschung widmen konnte – nicht, um Bücher zu verwalten. Wang Yan’an, der als Kritiker der politischen Ökonomie bekannt war, verstand die Werttheorie und den menschlichen Wert. Chen enttäuschte das Vertrauen des Präsidenten nicht. Er studierte eifrig und beherrschte sowohl Hua Luogengs Additive Primzahlentheorie als auch die umfangreiche Einführung in die Zahlentheorie. Doch diese Art von Erfahrung war nicht ohne Präzedenzfall.
  
p ≤ x, p + h = P₁  ODER  h + p = P₂P₃,
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Der ältere Mathematiker und Pädagoge Xiong Qinglai, der als Pionier gilt, weil er die moderne Mathematik nach China brachte, lehrte einst an der Qinghua-Universität in Peking. In den frühen 1930er Jahren befasste sich ein junger Mann, der nur die Mittelschule abgeschlossen hatte und seine Studien nicht fortsetzen konnte, völlig selbstständig mit Mathematik. Er schickte einen Artikel über die Lösungen algebraischer Gleichungen an Xiong Qinglai. Beim Lesen erkannte Xiong sofort das bemerkenswerte Talent und die Brillanz des Autors. Er lud den jungen Mann, dessen Name Hua Luogeng war, auf den Campus der Qinghua-Universität ein. Er arrangierte, dass Hua als Angestellter in der Mathematikabteilung arbeitete, während er ihm erlaubte, unabhängig zu studieren und umfassend Vorlesungen zu besuchen. Später schickte Xiong ihn zur Cambridge-Universität in England. Nach Abschluss seiner Studien und seiner Rückkehr nach China empfahl Xiong, der damals Präsident der Yunnan-Universität in Kunming war, Hua als Professor an der Southwest Associated University. Hua ging später erneut ins Ausland und lehrte in Princeton sowie an der University of Illinois. Nach der Gründung der Volksrepublik China kehrte er umgehend zurück und übernahm die Leitung des Instituts für Mathematik an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften.
  
wobei P₁, P₂, P₃ alle Primzahlen sind.
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Chen Jingrun begann in der Universitätsbibliothek der Xiamen-Universität schnell, spezialisierte Artikel über Zahlentheorie zu schreiben und schickte sie an das Institut für Mathematik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Hua Luogeng erkannte nach dem Lesen sofort Chens bemerkenswerte Begabung und Brillanz und empfahl, ihn als Forschungspraktikant am Institut auszuwählen. Genau wie Xiong Qinglai einst Hua Luogeng erkannt hatte, erkannte nun Hua selbst das vielversprechende Potenzial von Chen Jingrun.
  
Der Zweck dieser Abhandlung ist es, alle Ergebnisse, die der Autor in Referenz [10] erwähnt hat, im Detail zu beweisen und zu verbessern.
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Ende 1956 reiste Chen Jingrun erneut von der südlichen Küste in die Hauptstadt Peking.
  
II
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Im Sommer 1957 kehrte auch der Mathematikprofessor Xiong Qinglai aus dem Ausland nach Peking zurück. Zu dieser Zeit versammelten sich Jung und Alt, alle Würdigen waren versammelt. Zu den berühmten Mathematikern dieser Zeit zählten Xiong Qinglai, Hua Luogeng, Zhang Zongsui, Min Sihe, Wu Wenjun und viele andere brillante Köpfe. Hinzu kam eine neue Generation herausragender Talente wie Lu Qikeng, Wan Zhexian, Wang Yuan, Yue Minyi, Wu Fang und andere, deren Talent wie prächtige Morgenwolken am Horizont aufzog. Ebenso gab es aufstrebende Talente wie Lu Ruling, Yang Le und Zhang Guanghou, die ihr Studium an der Peking-Universität aufgenommen hatten. In Disziplinen wie analytischer Zahlentheorie, algebraischer Zahlentheorie, Funktionstheorie, Funktionalanalyse, geometrischer Topologie und anderen gab es bereits eine Fülle von Talenten – plus Chen Jingrun. Jeder hielt, wenn man es mit Worten aus der chinesischen Mythologie ausdrücken will, Perlen geistiger Schlangen, jede Familie besaß Jade vom Jing-Berg. Winde sammelten sich und Wolken dampften, die Formation war wohlgeordnet. Die Bedingungen waren reif, und Hua Luogeng machte die Aufstellung: Betone die angewandte Mathematik, aber rücke auch vor zu jenem Juwel in der Krone – die Goldbach-Vermutung!
  
Der obige Abschnitt stammt aus einer Abhandlung zur analytischen Zahlentheorie. Er erschien in Abschnitt 1 „Einleitung“, in dem das zentrale Problem dargestellt wird. Die Abhandlung geht weiter mit Abschnitt 2 „Einige Lemmata”, in dem die notwendigen Formeln und Berechnungen entwickelt werden, und schließt mit Abschnitt 3 „Ergebnisse”, in dem ein Theorem bewiesen wird. Die Abhandlung ist äußerst schwer zu verstehen. Selbst versierte Mathematiker, die sich nicht mit diesem Spezialgebiet befassen, werden es schwierig finden, ihr zu folgen. Dennoch erhielt sie bald internationale Anerkennung und erlangte weltweiten Ruhm. Das von ihr etablierte und nach ihrem Autor Chen Jingrun benannte Theorem ist seitdem allgemein als Chens Theorem bekannt. Chen Jingrun ist derzeit Forscher am Institut für Mathematik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften.
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V
  
Chen Jingrun wurde 1933 in Fujian geboren. Von Anfang an gewährten ihm seine Familie und die Umstände kein sorgenfreies Leben. Sein Vater, ein Postbeamter, der ständig unterwegs war, weigerte sich, der Kuomintang beizutreten. Für diese Entscheidung wurde er von einigen Kollegen verspottet, da er die Zeiten angeblich nicht verstehe. Seine Mutter, eine sanfte Frau, die sich zu Tode arbeitete, brachte zwölf Kinder zur Welt, von denen nur sechs überlebten. Chen war das dritte Kind, er hatte einen älteren Bruder und eine ältere Schwester und jüngere Geschwister. In einem so überfüllten Haushalt waren Kinder keine geschätzten Söhne und Töchter mehr, sondern zusätzliche Belastungen – überzählige Mäuler, überzählige Leben. Von Geburt an war er in dieser Welt wie jemand, der schon als unerwünscht abgestempelt worden war.
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Um die Goldbach-Vermutung zu verstehen, muss man nur die Mathematik wiederholen, die man in der dritten Klasse gelernt hat. Die Zahlen 1, 2, 3, 4, 5 – Einer, Zehner, Hunderter, Tausender, Zehntausender – werden positive ganze Zahlen genannt. Zahlen, die durch 2 gleichmäßig geteilt werden können, heißen gerade Zahlen; Zahlen, die dies nicht können, heißen ungerade Zahlen. Eine andere Art von Zahlen, wie 2, 3, 5, 7, 11, 13 usw., können nur durch 1 und sich selbst geteilt werden, aber nicht durch eine andere ganze Zahl. Diese Zahlen werden Primzahlen genannt. Zahlen, die sich durch andere ganze Zahlen außer 1 und sich selbst teilen lassen, wie 4, 6, 8, 9, 10 und 12, werden dagegen als zusammengesetzte Zahlen bezeichnet. Wenn eine ganze Zahl durch eine Primzahl geteilt werden kann, wird diese Primzahl ein Primfaktor der ganzen Zahl genannt. So hat 6 zwei Primfaktoren: 2 und 3, und 30 hat drei Primfaktoren: 2, 3 und 5.
  
Er erlebte nur wenig Kindheitsglück. Seine Mutter arbeitete den ganzen Tag und hatte keine Zeit, ihm Zuneigung zu schenken. Als er begann, die Welt um sich herum wahrzunehmen, war bereits ein brutaler Krieg ausgebrochen. Japanische Soldaten fielen in die Provinz Fujian ein. Er war noch sehr jung, lebte jedoch in ständiger Angst. Sein Vater arbeitete als Direktor einer Postfiliale in Sanming City, Sanyuan County. Das kleine Postamt befand sich in einem alten Tempel in den Bergen. Dieser Ort war einst ein revolutionäres Basisgebiet gewesen, doch zu jener Zeit waren die dichten Bergwälder zu einem Ort des Schreckens geworden. Alle Männer waren von Kuomintang-Banditen abgeschlachtet worden, ohne dass auch nur ein einziger überlebte – nicht einmal alte Männer blieben übrig. Zurückgeblieben waren nur Frauen, deren Leben besonders hart war. Bedruckter Stoff war zu teuer für Kleidung, sodass selbst erwachsene Mädchen noch mit nacktem Oberkörper herumliefen. Nachdem Fuzhou vom Feind besetzt worden war, flohen noch mehr Flüchtlinge in die Berge. Da dieses Gebiet nicht bombardiert wurde, wurde das Leben dort allmählich etwas besser. Doch dann wurde ein Konzentrationslager dorthin verlegt. Nachts hallte oft das Knallen von Peitschen wider und von Zeit zu Zeit ertönten Schüsse, wenn Märtyrer getötet wurden. Am nächsten Tag wurden Gefangene in Ketten zur Arbeit geschickt, die noch elender aussahen.
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Für jetzt ist das genug.
  
Chen Jingruns kindliche Seele trug schwere seelische Wunden davon. Oft wurde er von Panik und Verwirrung überwältigt. Zu Hause gab es keine Freude und in der Grundschule wurde er ständig schikaniert. Er fühlte sich wie ein hässliches Entlein. Doch als Mensch empfand er sich immer noch als wertvoll. Er war nun einmal dünn und schwächlich, und ein so erbärmliches Aussehen konnte die Zuneigung der Menschen nicht gewinnen. Er gewöhnte sich daran, geschlagen zu werden, und bettelte nie um Gnade, denn das brachte seine Angreifer nur dazu, ihn härter zu schlagen. Währenddessen wurde er immer widerstandsfähiger und ausdauernder. Er war übermäßig sensibel und zu früh für die grausame, räuberische Natur der alten Gesellschaft bewusst. Das formte ihn zu einer introvertierten Person mit zurückgezogenem Charakter. Er widmete sich ausschließlich der Mathematik – nicht aus Zwang, sondern weil er sie liebte. Die Arbeit an mathematischen Problemen füllte den größten Teil seiner Zeit aus.
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Als Goldbach im Jahr 1742 an Euler schrieb, schlug er vor, dass jede gerade Zahl, die größer als 6 ist, die Summe zweier Primzahlen ist. Beispielsweise ist 6 = 3 + 3, 24 = 11 + 13 usw. Einige Leute haben auf diese Weise jede gerade Zahl überprüft, und zwar bis zu 330 Millionen, wobei sich in allen Fällen die Korrektheit der Aussage zeigte. Aber was ist mit größeren Zahlen, viel größeren Zahlen? Durch Vermutung sollte es ebenfalls korrekt sein. Vermutungen sollten jedoch bewiesen werden. Es zu beweisen ist jedoch schwierig, um es gelinde auszudrücken.
  
Als er in die Mittelschule kam, verlegte das Jiangsu-College von einem besetzten Gebiet in eine Bergregion. Die Professoren und Dozenten des Colleges unterrichteten auch Teilzeit an der örtlichen Mittelschule. Dadurch konnten sie ihr Leben als Flüchtlinge in einem fremden Land etwas verbessern. Diese Lehrer waren hochgebildet. Der Chinesischlehrer galt als der versierteste und wurde von allen bewundert. Doch Chen Jingrun interessierte sich nicht für Chinesisch, sondern bevorzugte zwei Mathematik- und Naturwissenschaftslehrer. Diese Lehrer mochten ihn ebenfalls und sprachen oft davon, „das Land durch die Wissenschaft zu retten”. Er glaubte zwar nicht, dass die Wissenschaft allein die Nation retten könne, dachte aber, dass die Rettung des Landes ohne Wissenschaft und insbesondere ohne Mathematik unmöglich sei, da Mathematik für alles unentbehrlich sei. Die Diskriminierung, der er ausgesetzt war, und die Schläge und Tritte durch andere vertieften nur seine Liebe zur Mathematik. Trockene, langweilige algebraische Gleichungen wurden zu einer Quelle des Glücks und seiner einzigen wahren Freude.
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Das gesamte 18. Jahrhundert hindurch konnte niemand diesen Beweis erbringen.
  
Als er dreizehn war, starb seine Mutter an Tuberkulose. Fortan blieb ihm nur, in seinen Träumen der gütigen Mutter nachzutrauern, während sein Vater wieder heiratete. Seine Stiefmutter behandelte ihn noch schlechter als seine leibliche Mutter. Nach dem Sieg im Widerstandskrieg kehrten sie nach Fuzhou zurück. Chen Jingrun besuchte die Sanyi-Mittelschule und anschließend die Yinghua-Akademie. Dort gab es einen Mathematiklehrer, der einst Direktor der Luftfahrtabteilung an der Qinghua-Universität gewesen war.
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Auch im 19. Jahrhundert gelang es niemandem, es zu beweisen.
  
III
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Erst in den 1920er Jahren des 20. Jahrhunderts begann das Problem endlich, Fortschritte zu machen.
  
Der Lehrer war gelehrt und unermüdlich im Unterrichten. Im Mathematikunterricht vermittelte er den Schülern auf interessante Weise viele mathematische Konzepte. Selbst Schüler, die Mathematik nicht mochten, konnten von ihm begeistert werden, ganz zu schweigen von denen, die Mathematik liebten.
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Lange Zeit versuchten Mathematiker, den Beweis zu erbringen, dass sich jede große gerade Zahl als Summe zweier Zahlen mit „nicht zu vielen Primfaktoren“ darstellen lässt. Die Idee war, eine Art Einkreisung zu schaffen, um die Möglichkeiten Schritt für Schritt zu verengen, bis man letztendlich die Goldbach-Vermutung beweisen könnte, dass jede gerade Zahl die Summe zweier Primzahlen ist (1 + 1). Im Jahr 1920 zeigte der norwegische Mathematiker Brun mithilfe einer antiken Siebmethode, einer Technik zur Untersuchung der Zahlentheorie, dass jede große gerade Zahl als Summe zweier Zahlen ausgedrückt werden kann, von denen jede höchstens neun Primfaktoren hat. Mit anderen Worten war die Summe zweier Zahlen möglich, von denen jede das Produkt von höchstens neun Primzahlen ist (9 + 9). Dies war ein wichtiges Ergebnis, das durch die Siebmethode erzielt wurde. Dennoch blieb die Einkreisung zu weit und musste weiter verschärft werden – und tatsächlich wurde sie allmählich reduziert.
  
Die Mathematik gliedert sich im Allgemeinen in zwei Hauptzweige: reine Mathematik und angewandte Mathematik. Die reine Mathematik befasst sich mit numerischen Beziehungen und räumlichen Formen. Ein wichtiges Gebiet innerhalb des Studiums numerischer Beziehungen ist die Zahlentheorie, die sich mit den Eigenschaften von ganzen Zahlen befasst. Der französische Mathematiker Fermat aus dem 17. Jahrhundert gilt als Begründer der westlichen Zahlentheorie. Doch bereits lange zuvor hatte das alte China bedeutende Beiträge geleistet. Das Zhou Bi ist der älteste erhaltene klassische mathematische Text und Sun Zis „Mathematischer Klassiker” führte ein Resttheorem ein, das später in den Westen gelangte und als „Sun Zis Theorem” bekannt wurde – heute ein berühmtes Theorem in der Zahlentheorie. Bis zur Ming-Dynastie leistete China wesentliche Beiträge zur Mathematik: Im 5. Jahrhundert berechnete Zu Chongzhi den Wert von Pi, was mehr als tausend Jahre vor dem deutschen Mathematiker Ludolph van Ceulen geschah. In Anerkennung dessen benannten sowjetische Wissenschaftler später ein Tal auf dem Mond „Zu Chongzhi”. Die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts markierte den Höhepunkt der altchinesischen Mathematik: Qin Jiushao der Südlichen Song-Dynastie schrieb die „Mathematische Abhandlung in neun Abschnitten” und beschrieb Methoden zur Lösung linearer Gleichungssysteme, die er fünfhundert Jahre vor Euler entwickelte. Zhu Shijie schrieb in der Yuan-Dynastie den „Kostbaren Spiegel der vier Elemente” und präsentierte Techniken zur Lösung höherer multivariater Gleichungen, die er vier Jahrhunderte vor Bézout entwickelte. Nach den Ming- und Qing-Dynastien fiel China jedoch zurück. Doch das chinesische Volk scheint eine natürliche Begabung für Mathematik zu besitzen und China bleibt ein fruchtbarer Boden für die Hervorbringung großer Mathematiker.
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bewies der Mathematiker Rademacher (7 + 7), 1932 Estermann (6 + 6), 1938 Buchstab (5 + 5) und 1940 er selbst (4 + 4). 1956 etablierte Vinogradov (3 + 3) und 1958 bewies der chinesische Mathematiker Wang Yuan (2 + 3). Schritt für Schritt wurde die Einkreisung enger und bewegte sich immer näher an (1 + 1). Doch alle diese Ergebnisse hatten eine Schwäche gemein: In keinem von ihnen konnte bestätigt werden, dass eine der Zahlen eine Primzahl war.
  
Ein Lehrer erzählte seinen Oberschülern einmal von einem berühmten, noch ungelösten Problem in der Zahlentheorie. Er erklärte, dass Peter der Große, als er St. Petersburg baute, viele führende europäische Wissenschaftler zusammenbrachte, darunter den Schweizer Mathematiker Leonhard Euler, der mehr als achthundert Werke verfasste, sowie den deutschen Gymnasiallehrer und Mathematiker Goldbach.  
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Bereits im Jahr 1948 schlug der ungarische Mathematiker Rényi eine andere Angriffslinie vor. Er eröffnete eine neue Front und versuchte zu beweisen, dass sich jede große gerade Zahl als Summe einer Primzahl und einer Zahl mit maximal sechs Primfaktoren darstellen lässt. Es gelang ihm, (1+6) zu beweisen.
  
Im Jahr 1742 stellte Goldbach die folgende Vermutung auf: Jede große gerade Zahl könne als Summe zweier Primzahlen geschrieben werden. Er testete viele gerade Zahlen und fand, dass diese Aussage immer zutraf, aber sie erforderte noch einen Beweis. Da er den Beweis selbst nicht führen konnte, schrieb er an den renommierten Mathematiker Euler, um ihn um Hilfe zu bitten. Doch selbst Euler konnte das Problem bis zu seinem Tod nicht lösen. Seitdem gilt diese Frage als eine der großen Herausforderungen der Mathematik und hat die Bemühungen Tausender Mathematiker beschäftigt. Seit mehr als zweihundert Jahren wurden unzählige Versuche unternommen, die Vermutung zu beweisen – ohne Erfolg.
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In den folgenden zehn Jahren gab es jedoch keine Fortschritte.
  
Das Klassenzimmer brodelte sofort vor Aufregung. Die jungen Schüler öffneten sich wie Blumen, die gerade zu blühen begannen, und schwatzten und diskutierten eifrig.
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Im Jahr 1962 bewies der chinesische Mathematiker Pan Chengdong, Dozent an der Shandong-Universität, (1 + 5) und bewegte das Problem somit um einen Schritt vorwärts. Später im selben Jahr etablierten Pan und Wang Yuan gemeinsam (1 + 4). 1965 bewiesen Buchstab, Vinogradov und Bombieri schließlich (1+3).
  
Der Lehrer fuhr fort: „Die Mathematik ist die Königin der Naturwissenschaften, die Zahlentheorie ist die Krone der Mathematik und die Goldbach-Vermutung ist das Juwel in dieser Krone.
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Im Mai 1966 erleuchtete dann eine brillante Signalrakete den mathematischen Himmel: Chen Jingrun kündigte in Ausgabe 17 des „Science Bulletin” der Chinesischen Akademie der Wissenschaften an, dass er (1+2) bewiesen hatte.
  
Alle Schüler starrten mit weit aufgerissenen Augen vor Staunen.
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Seit seinem Beitritt zum Institut für Mathematik waren die Knospen seines Talents eine nach der anderen aufgeblüht. Bei Problemen wie Gitterpunkten in Kreisen und Kugeln, Warings Problem sowie dem dreidimensionalen Teilerproblem hatte er die Arbeit chinesischer und ausländischer Mathematiker vorangetrieben und verfeinert. Allein diese Errungenschaften stellten bereits einen hochsignifikanten Beitrag dar.
  
Der Lehrer sagte: „Ihr alle kennt gerade und ungerade Zahlen, und ihr alle kennt Prim- und zusammengesetzte Zahlen. Das haben wir in der dritten Klasse der Grundschule gelehrt. Ist das nicht das Einfachste? Nein, dieses Problem ist das Schwerste. Dieses Dilemma ist äußerst schwierig. Wenn es jemand lösen könnte, 464wäre das absolut unglaublich!“
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Nachdem er eine solide Grundlage geschaffen hatte, widmete er sich mit erstaunlicher Ausdauer der Goldbach-Vermutung. Er vergaß zu essen oder zu schlafen, arbeitete Tag und Nacht, verlor sich in Gedanken, erforschte tiefe Geheimnisse und führte endlose Berechnungen durch. So völlig in die Mathematik vertieft, schien er oft benommen. Einmal lief er sogar in einen Baum und fragte, wer ihn gestoßen habe. Er investierte all seine Intelligenz und Vernunft in dieses Problem und bezahlte einen hohen Preis: Seine Augen sanken tief ein, seine Wangen erröteten durch Tuberkulose, seine Kehle wurde von einer Kehlkopfentzündung heimgesucht, die ihn ständig husten ließ, und Bauchschwellungen und Schmerzen wurden unerträglich. Selbst als er halb bewusstlos war, kreisten seine Gedanken immer noch um Zahlen und Symbole. Schritt für Schritt erklomm er die rauen Pfade der Mathematik, mühsam jeden Schritt. Auf dem hohen Plateau der Abstraktion bestieg er steile Klippen, fiel und kletterte wieder hinauf. Missverständnisse trübten seine Sicht, ignoranter Spott hallte in seinen Ohren. Doch er schenkte dem keine Aufmerksamkeit, verschwendete keine Zeit mit Streit und ertrug Demütigungen schweigend. Frost essend und Schnee trinkend, kostete ihn jeder Schritt vorwärts viel. Er rang nach Atem, Schweiß strömte wie Regen und oft fühlte er, dass er nicht weitergehen konnte – dennoch kletterte er weiter, mit seinen Händen, mit seinen Fingernägeln. Der Kampf war zermürbend. Immer wieder kletterte er, nur um zu fallen, bis selbst eiserne Schuhe durchgewetzt gewesen waren. Die Leute verspotteten seine zerfetzten Schuhe. Sie scherzten, sie müssten wenigstens seine Füße vor Fußpilz bewahren. Er konnte nicht mehr zählen, wie oft er ausgerutscht war und wie oft er beinahe zerbrochen wäre. Doch er gab nie auf. Jeder Misserfolg wurde zu einer Lektion, jeder Rückschlag wurde zu den Nylonseilen und eisernen Leitern seines Aufstiegs geschmiedet. Misserfolg wurde zur Mutter des Erfolgs, Erfolg war aus dem Misserfolg selbst aufgebaut. Er überquerte Schneegrenzen, bestieg Schneegipfel, kletterte über Gletscher und spürte dabei, wie die Luft immer dünner wurde. Er bestieg Schneegipfel, überwand Gletscher und spürte immer stärker die dünne Luft. Wieder und wieder verdeckten Lawinen seine vorrückenden Schritte, Gletscher blockierten den Weg, aber er strebte weiterhin mutig vorwärts. Er war wie ein Bergsteiger, der den Mount Everest besteigt – kletternd, kletternd, kletternd. Bösartige Verleumdung und Spott schlugen wie Sturmwinde und dunkle Wolken zu, aber warme Ermutigung lichtete den Himmel, und die Sonne des Wohlwollens gab ihm Kraft. Sei Ziel fest im Blick hielt er durch, unnachgiebig. Er kletterte über die steile erste Stufe hinaus, nur um der noch bedrohlicheren Klippe der zweiten gegenüberzustehen. Er dachte nur ans Klettern, über tausend Fuß tiefe Abgründe hinweg und durch atemberaubende Ausblicke. Blätter von Berechnungspapier häuften sich wie treibender Schnee. Formeln, Symbole und Beweise bedeckten den Boden drei Fuß tief. Sie erhoben sich wie Berge an seinen Knien und blühten in zehntausend Schneelotusblüten auf. Endlich erreichte er den Pfad zum Gipfel, den Schritt von (1 + 2).
  
Die jungen Schüler begannen wieder, Lärm zu machen. „Was ist daran so unglaublich? Wir werden es lösen. Wir können es lösen.“ Sie prahlten wild.
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Er bewies diese Proposition und verfasste eine über zweihundert Seiten starke Abhandlung.
  
Der Lehrer lachte ebenfalls. „Wirklich“, sagte er, „erst letzte Nacht hatte ich einen Traum, in dem einer von euch Schülern die Goldbach-Vermutung auf wundersame Weise bewies.
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Lehrer Min Sihe las das Originalmanuskript von Chen Jingruns Abhandlung sorgfältig durch, prüfte und verifizierte immer wieder. Schließlich bestätigte er, dass der Beweis korrekt und zuverlässig war. Er sagte Chen, dass andere im Vorjahr (1+3) mit mächtigen elektronischen Computern bewiesen hatten. Chen jedoch hatte (1+2) bewiesen, indem er sich allein auf seine eigenen Berechnungen verließ. Kein Wunder, dass die Abhandlung so lang war. Dennoch schlug Lehrer Min vor, sie zu vereinfachen.
  
Die Oberschüler brachen in Gelächter aus.
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Die „Referenz [10]“, die am Ende des ersten Absatzes zitiert wird, bezieht sich auf seine kurze Ankündigung im „Science Bulletin“, in der nur das Ergebnis erwähnt wurde, ohne den vollständigen Beweis. Zu jener Zeit überarbeitete er das ausführliche Manuskript. Doch dann wurde Chen Jingrun plötzlich in die gewaltigen Wellen der politischen Revolution hineingezogen. Die brandende Flut griff alle sogenannten ausbeuterischen Klassenideologien an. Die beispiellose Kulturrevolution explodierte wieder und wieder über dem Land China wie eine Reihe erfolgreicher Tests geistiger Atom- und Wasserstoffbomben.
  
Doch Chen Jingrun lachte nicht. Er war ebenfalls von den Worten des Lehrers erschüttert, doch er konnte nicht lachen. Hätte er gelacht, hätten ihn die anderen Schüler verspottet. Seit er auf die Oberschule kam, war er immer einsamer geworden. Seine Klassenkameraden fanden ihn seltsam, schmutzig und kränklich aussehend und ignorierten ihn. Sie betrachteten ihn als seltsam, schmutzig und kränklich und entschieden sich dafür, ihn zu ignorieren, zu verspotten und auszuschließen. Er wurde zu einer einsamen Gestalt, isoliert und nach innen gekehrt, ein einsamer Wolf ohne Rudel.
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VI
  
Am nächsten Tag wurde der Unterricht fortgesetzt. Mehrere recht fleißige Schüler überreichten dem Lehrer aufgeregt mehrere Antwortbögen. Sie sagten, sie hätten die Aufgabe bereits gelöst und könnten die Goldbach-Vermutung auf mehrere Arten beweisen. Es gäbe nichts Besonderes daran.
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Die vom Proletariat eingeleitete „Kulturrevolution“ war auch eine große politische Revolution. In der Menschheitsgeschichte gab es noch nie eine so große Massenbewegung. Ein Viertel der Weltbevölkerung wurde mobilisiert, unabhängig von Geschlecht oder Alter. Diese große revolutionäre Bewegung fegte alles mit sich: Arbeiter, Bauern, Kämpfer, Intellektuelle, Teufel, Dämonen - ausnahmslos alle. Es gab Anklagen und Angeklagte, Enthüllungen und Enthüllte, Kritik und Gegenkritik, Kritik und Selbstkritik.
  
„Verschwindet!“, sagte der Lehrer lachend. „Vergesst es einfach!“
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China erlebte einen „Bürgerkrieg“. Überall gab es organisierte Aufregung, geführte Kämpfe und geordnetes Chaos. Die proletarische Revolution kritisierte sich ständig selbst. Sieg nach Sieg, Umkehrung nach Umkehrung. Scheinbar vollendete Dinge wurden wieder hergenommen und immer wieder von neuem gemacht, sie wurden jedes Mal mit neuen Verbesserungen wiederholt. Alle suchten gnadenlos nach ihren eigenen Schwächen, Mängeln und Fehlern. Wie Marx sagte: den Feind stärker werden lassen, während man sich immer wieder zurückzieht, bis kein Rückzug mehr möglich ist; dann den Sprung auf die Insel Rhodos wagen, den Feind zerschmettern und den Sieg im Rosengarten feiern. Szene um Szene flog vorbei, schnell wie Wind und Blitz, erschütternd wie Erdbeben. Ein Drama nach dem anderen wurde mit Freude, Zorn, Trauer und Glück vollständig ausgelebt, Trennung und Wiedervereinigung berührten Herzen und Seelen. Charakter nach Charakter betrat die Bühne. Einige zerbrachen ihre Hellebarden und versanken im Sand, verdienten ihren Tod. Die vier großen Familien – ein Traum der Roten Kammer. Einige erschienen kurz wie Epiphyllum-Blüten und verwelkten genau so schnell wieder. Aber es gab auch immergrüne Kiefern und Zypressen, die, obwohl tot, dennoch lebendig waren, mit einem Geist, der bedeutungsvoller war als der Berg Tai, und deren edles Wesen ewig währte. Einige waren wahre Helden, im Geist und im Kampf geschmiedet wie die Zwillingsschwerter von Ganjiang und Moye, durch tausend Hämmer gehärtet: stumm wie eine Glocke, wenn sie geschlagen werden, und scharf genug, um Eisen wie Butter zu schneiden. Seite um Seite der Geschichte wurde geschrieben und mit der Zeit erhielten die großen Rechte und Unrechte eine faire Beurteilung. Bejahung – Verneinung – Verneinung der Verneinung. Schminke kann nicht ewig halten, sie muss abblättern. Die fälschlich Angeklagten werden am Ende rehabilitiert. Einst gepflanzte Samen werden sicher Früchte tragen, denn was gesät wird, wird eines Tages geerntet.
  
„Wir haben lange gerechnet. Wir haben die Antwort!“
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Es mussten Prüfungen in Astronomie, Geographie, Physik, Chemie, Biologie und Mathematik abgelegt werden. Chen Jingrun ertrug die härteste Prüfung der Kulturrevolution. Erfahrene Mathematiker wurden niedergeschlagen und selbst die Mittleren und Jungen konnten sich nicht retten. Die einst feierliche Akademie der Wissenschaften wurde in Aufruhr gestürzt, ihre geschäftigen Laboratorien kühlten ab und waren verlassen. Tag und Nacht waren von Debatten und heftigen Auseinandersetzungen erfüllt. Worte wichen Taten, Fäuste ersetzten Zungen. Die Kulturrevolution war wie ein großes Sieb – alles musste hindurchgeschüttelt werden. Auch die Akademie wurde dieser Siebmethode unterworfen: Was ausgesiebt werden sollte, würde am Ende ausgesiebt werden; was nicht ausgesiebt werden sollte, konnte niemals durchgezwungen werden.
  
„Kommt schon, warum solltet ihr eure Energie verschwenden? Ich werde mir diese Papiere nicht einmal ansehen, es gibt keinen Grund. Ist es wirklich so einfach? Ihr versucht, mit dem Fahrrad zum Mond zu fahren.“
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In der Vergangenheit wurde argumentiert, dass sich Wissenschaftler niederlassen sollten, um mit Seelenfrieden zu arbeiten, sich in die Gelehrsamkeit zu vertiefen und sich ganz ihrem Beruf zu widmen. Während der Kulturrevolution wurde dies jedoch als bürgerliche Linie wissenschaftlicher Forschung angeprangert – „fokussieren, vertiefen, absorbieren“. Chen Jingrun wurde als typisches Beispiel hervorgehoben. Tatsächlich verbrachte er seine Tage vertieft im Studium. Er kümmerte sich wenig um Politik, obwohl er an jeder politischen Bewegung teilgenommen hatte. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, dass die Kommunistische Partei gut und die Kuomintang schlecht war. Die Logik eines Mathematikers ist hart wie Stahl, und seine Haltung war fest. Er hatte keine Fehler gemacht. Was das politische Verständnis betraf, war Chen Jingrun unbefleckt – rein wie ein Kranich. Die weißen Federn eines Kranichs können nicht befleckt werden, obwohl seine Krone leuchtend rot ist. Seine Augen sind ebenfalls rot, vielleicht von langen Nächten ohne Schlaf. Er war in Fabriken gegangen, um zu arbeiten, und hatte Mathematik auf praktische Produktion angewendet, selbst während er sich mit Zahlentheorie beschäftigte, der grundlegendsten der theoretischen Wissenschaften. Doch auch wenn er der Politik keine Aufmerksamkeit schenkte, richtete die Politik unvermeidlich ihre Aufmerksamkeit auf ihn und unterzog ihn harscher Kritik. Leichte Kritik würde ihn nicht bewegen. Sie waren der Ansicht, nur durch Erschütterung könne er dazu gebracht werden, sich um die Linie zu kümmern. Bei der Kritik brauche man keine Übertreibung zu fürchten, denn um das Krumme zu begradigen, müsse man überkorrigieren. Aber konnte ein Stoß ihn wirklich über die Grenze zwischen Freund und Feind schicken? Konnte er wirklich in das „Diktatur-Team“ getrieben werden? Welches Verbrechen lag schließlich darin, nur Störungen vermeiden und sich auf wissenschaftliche Forschung konzentrieren zu wollen?
  
Das Klassenzimmer barst von einem weiteren Lachanfall. Die Schüler, die keine Papiere abgegeben hatten, lachten über die wenigen, die es getan hatten. Auch sie selbst begannen zu kichern, stampften mit den Füßen und lachten, bis ihre Seiten schmerzten. Nur Chen Jingrun lachte nicht. Er runzelte die Stirn. Er war von all dieser Freude ausgeschlossen.
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Wohlmeinende Missverständnisse können aufgeklärt werden, und ignoranter Spott kann vergeben werden. Doch um einen Mathematiker zu kritisieren, sollte man wenigstens etwas vom Wesen der Mathematik verstehen, sonst täuscht man nur sich selbst, ohne es zu merken. Chen Jingrun wurde zum Ziel der Kritik. Aus der ‘Hut-Fabrik’ holte man einen Hut nach dem anderen und setzte sie ihm auf: revisionistischer Setzling, Bohr-Tief-Durchdring-Typ, typisch für den Weg des weißen Experten, Bücherwurm, Parasit, Ausbeuter.
  
Im folgenden Jahr kehrte der Lehrer an die Qinghua-Universität zurück. Es war Shen Yuan, Vizepräsident des Pekinger Luftfahrtinstituts und Vorsitzender der Nationalen Luftfahrtgesellschaft. Er hatte diese beiden Mathematikstunden längst vergessen. Wie hätte er wissen können, wie tief er in der Erinnerung des Schülers Chen Jingrun eingeprägt war? Lehrer vergessen leicht, weil sie viele Schüler haben. Aber Schüler erinnern sich oft an ihre Lehrer aus der Jugend.
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Einige machten sogar derart absurde Bemerkungen: „Dieser Mann studiert das (1+2)-Problem. Er betreibt eine Art Mathematik, die niemand verstehen kann. Soll die Goldbach-Vermutung zur Hölle fahren! Was ist so großartig an (1+2)? Ist nicht 1 + 2 gleich 3? Dieser Mann schlich sich ins Mathematikinstitut, lebt vom Staatsgehalt, isst das Getreide des Volkes und verbringt seine Zeit mit irgendwelchem 1+2=3-Unsinn. Was für ein Müll! Pseudowissenschaft!
  
IV
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Die Person, die das sagte, war kaum mehr als ein Narr.
  
Fuzhou wurde befreit! Zu dieser Zeit besuchte Chen Jingru die 10. Klasse. Da er sich das Schulgeld nicht leisten konnte, blieb er zu Hause und lernte in der ersten Hälfte des Jahres 1950 selbstständig. Obwohl er nie einen formalen Abschluss machte, wurde er aufgrund gleichwertiger akademischer Qualifikationen an der Xiamen-Universität aufgenommen. In jenem Jahr gab es an der Universität nur eine Abteilung für Mathematik und Physik. Im zweiten Jahr wurde eine kleine Mathematikgruppe mit nur vier Studierenden gebildet. Im dritten Jahr wurde diese Gruppe zu einer Mathematikabteilung – immer noch mit denselben vier Personen. Aufgrund ihrer herausragenden akademischen Leistungen und weil das Land dringend ausgebildete Spezialisten benötigte, schlossen die vier vorzeitig ab und erhielten sofort eine Arbeitsstelle, wobei sie eine Vorzugsbehandlung erfuhren, um die andere sie beneideten. Im Herbst 1953 wurde Chen Jingrun nach Peking geschickt, um an der X. Mittelschule zu unterrichten. Es hätte ein Moment großer Erfüllung sein sollen.
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Für diejenigen, die Mathematik nicht verstanden, waren solche Worte vielleicht nachvollziehbar. Unter denen, die solche Bemerkungen machten, waren jedoch einige, die Mathematik eindeutig kannten und genau wussten, dass die Goldbach-Vermutung ein weltberühmtes Problem war. Von ihnen war es nichts als bösartige Verleumdung. Macht hatte das Urteilsvermögen getrübt und der Fraktionalismus die Leute verrückt gemacht.
  
Doch es war nicht so! An der Xiamen-Universität hatte er gute Tage. In seiner Gruppe und Abteilung gab es nur vier Studierende, aber auch vier Professoren und einen Assistenzlehrer, die sie betreuten. Er sog das Wissen begierig auf, als würde er Nektar von hundert Blüten sammeln, um den duftenden und reichen Honig der Mathematik zu gewinnen. Sein Lernen war äußerst effektiv. Er bewegte sich frei im abstrakten Reich, in dem alle dieselbe Sprache von dx und dy teilten, in dem Herz zu Herz und Seele zu Seele sprach. Drei Jahre lang wurde er nicht diskriminiert, niemand schalt oder schlug ihn. Er hielt wenig Kontakt zu anderen, erlebte aber goldene Jahre, in denen er völlig in den Ozean der Mathematik eingetaucht war. Er hatte nie erwartet, dass der Abschluss so schnell kommen würde. Bei dem Gedanken, an einem Lehrerpult zu stehen und mit Dutzenden scharfen, cleveren und manchmal schelmischen Augen konfrontiert zu sein, konnte er nicht anders, als vor Angst zu zittern.
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Einen Menschen zu verstehen, ist schwierig. Einen Mathematiker zu verstehen, ist nicht einfacher. Einen bösartigen Verleumder zu verstehen, ist jedoch allzu einfach. Bis dahin war Chen Jingrun schwer krank geworden. Sogar die Stahlfabrik kam „zu Besuch“. Er hörte zu, wie sie ihre widerwärtigen Beleidigungen ausspuckten, begleitet von fliegender Spucke und verworrener Rede. Er starrte vor sich hin; seine Sicht wurde dunkel und er konnte nichts sehen. Sein Körper zitterte, als wäre er von Schüttelfrost und Fieber ergriffen. Durchdringende Zweifelswellen wirbelten durch seinen Geist. Rote Streifen brannten über seine blassen Wangen, gefleckt mit Blau und Schwarz. Eine plötzliche Krankheit schlug ihn nieder. Schwindelig und schockiert kollabierte er kopfüber zu Boden.
  
Seine Vermutung wurde sofort bestätigt. Er war als Lehrer völlig ungeeignet. Während er selbst dünn und schwach war, waren seine Schüler alle groß und kräftig. Er war ungeschickt im Sprechen, denn schon nach wenigen Sätzen tat ihm die Kehle weh. Er beneidete jene weisen und eloquenten Lehrer sehr. Nach dem Unterricht kehrte er in sein Zimmer zurück, nannte sich einen Idioten und verfluchte sich härter, als es andere je getan hatten. Er hatte nie gelernt, für sich selbst zu sorgen, und schenkte seiner Ernährung wenig Aufmerksamkeit. Angst und Anspannung forderten ihren Tribut und verwandelten sich in Krankheit. Sein Fieber stieg auf 38°C, und als er zur Untersuchung ins Krankenhaus gebracht wurde, stellten die Ärzte sowohl Lungen- als auch Peritoneal-Tuberkulose fest.
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Wie Marx schrieb:  „Was in ihren Augen als das revolutionärste Ereignis galt, war in Wirklichkeit das kontrerevolutionärste. Die Frucht fiel der republikanischen Bourgeoisie in den Schoß, aber sie fiel vom Baum der Erkenntnis, nicht vom Baum des Lebens.“ („Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, Kapitel II).
  
In jenem Jahr wurde er sechsmal ins Krankenhaus eingewiesen und unterzog sich drei Operationen. Natürlich konnte er unter diesen Umständen nicht gut unterrichten. Aber er gab seine Spezialisierung nicht auf. Die Chinesische Akademie der Wissenschaften hatte kürzlich das berühmte Werk „Additive Primzahlentheorie” von Hua Luogeng veröffentlicht. Sobald es in den Buchhandlungen erhältlich war, kaufte es sich Chen Jingrun. Er tauchte sofort ein. Ein sehr tiefgreifendes Werk, extrem schwierig! Aber er studierte es intensiv. Selbst als er hospitalisiert war, arbeitete er heimlich weiter daran, wenn die Ärzte und Krankenschwestern ihn nicht sahen. Er dachte damals, dass die Schule aufgrund seiner mangelnden Gesundheit keinen Grund hatte, ihn willkommen zu heißen.
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VII
  
Er befürchtete, seinen Job zu verlieren. Was konnte er dagegen tun? Glücklicherweise lebte er sehr sparsam und kaufte sich nicht einmal eine Zahnbürste. Er gab nie leichtfertig auch nur einen Pfennig aus, sondern hatte fast sein gesamtes Einkommen gespart. Er stählte sich: Wenn er arbeitslos werden würde, würde er nach Hause zurückkehren und seine mathematische Forschung fortsetzen. Diese wenigen gesparten Münzen waren seine Garantie dafür, Mathematik betreiben zu können. So konnte er seine mathematische Forschung auch bei Arbeitslosigkeit fortsetzen, denn diese wenigen Münzen waren seine Lebensader und sein Leben war Mathematik. Was aber, wenn die Ersparnisse aufgebraucht wären? Er wusste es nicht. Auch das war ein schweres Problem ohne Antwort. Spätere Ereignisse sollten ihm recht geben: Seine Krankheit besserte sich nicht und die Mittelschule konnte ihn nicht länger behalten.
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Das Zentrum eines Taifuns ist ruhig.
  
Der Präsident der Xiamen-Universität reiste zu einem Treffen im Bildungsministerium nach Peking. Während des Besuchs äußerte ein Leiter der Mittelschule, an der Chen Jingrun unterrichtete, scharfe Unzufriedenheit und äußerte eine Flut von Beschwerden: „Wie konntet ihr einen solchen sogenannten herausragenden Studenten ausbilden?“
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Nach einiger Zeit – niemand konnte sagen, wie viele Tage oder Monate – wurde das Leben im „Diktatur-Team“ ruhig und fast friedlich. Während die Gefangenen draußen im Sturm unruhig und verzweifelt waren, planten, schrien, kämpften, Essen und Schlaf vernachlässigten, ihre eigenen Fraktionen fieberhaft verteidigten und andere wütend angriffen, wurden ihre Ziele im „Diktatur-Team“ weitgehend vergessen. Die Fraktionskämpfe ließen wenig Zeit, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Zu diesem Zeitpunkt meldete sich ein alter Veteran der Roten Armee freiwillig, um die Wissenschaftler zu bewachen. In Wahrheit war er ein Unterstützer, der mit ihnen sympathisierte, sie schützte und ihnen sogar erlaubte, heimlich zu lesen.
  
Wang Yan’an, Präsident der Xiamen-Universität und Übersetzer von Marx’ „Das Kapital”, war bestürzt. Er hatte Chen Jingrun stets zu den besten Studierenden der Universität gezählt und widersprach der Kritik entschieden. Für ihn lag das Problem nicht bei Chen, sondern bei der unsachgemäßen Zuweisung seiner Arbeit. Er stimmte sofort zu, Chen Jingrun an die Xiamen-Universität zurückzuholen.
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Als später Arbeiter-Propagandateams in die verschiedenen Institute der Akademie der Wissenschaften eintraten, wurde Chen Jingrun freigelassen und durfte in sein kleines Zimmer zurückkehren. Dort konnte er nicht nur lesen, sondern auch wieder mit dem Rechnen beginnen. Doch es gab immer einige, die ihm keine Ruhe ließen. Jeden Tag kamen sie, klopften an die Tür, prüften die Haushaltsregistrierungen und hielten ihn dadurch nervös und unfähig, Ruhe zu finden. Einmal kamen sie mit Drahtschneidern. Entschlossen, ihn vom Lesen abzuhalten, schnitten sie das Licht in seinem Zimmer ab und trugen es weg. Damit noch nicht zufrieden, gingen sie weiter und durchtrennten das Schaltkabel selbst.
  
Als Chen Jingrun erfuhr, dass er zur Mathematikabteilung der Xiamen-Universität zurückkehren konnte, besserte sich merkwürdigerweise auch seine Krankheit. Wang Yan’an arrangierte jedoch, dass er in der Universitätsbibliothek arbeitete, damit er sich ganz der mathematischen Forschung widmen konnte – nicht, um Bücher zu verwalten. Wang Yan’an, der als Kritiker der politischen Ökonomie bekannt war, verstand die Werttheorie und den menschlichen Wert. Chen enttäuschte das Vertrauen des Präsidenten nicht. Er studierte eifrig und beherrschte sowohl Hua Luogengs Additive Primzahlentheorie als auch die umfangreiche Einführung in die Zahlentheorie. Doch diese Art von Erfahrung war nicht ohne Präzedenzfall.
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Dunkelheit fiel – nicht nur auf sein Zimmer, sondern auch auf sein Herz.
  
Der ältere Mathematiker und Pädagoge Xiong Qinglai, der als Pionier gilt, weil er die moderne Mathematik nach China brachte, lehrte einst an der Qinghua-Universität in Peking. In den frühen 1930er Jahren befasste sich ein junger Mann, der nur die Mittelschule abgeschlossen hatte und seine Studien nicht fortsetzen konnte, völlig selbstständig mit Mathematik. Er schickte einen Artikel über die Lösungen algebraischer Gleichungen an Xiong Qinglai. Beim Lesen erkannte Xiong sofort das bemerkenswerte Talent und die Brillanz des Autors. Er lud den jungen Mann, dessen Name Hua Luogeng war, auf den Campus der Qinghua-Universität ein. Er arrangierte, dass Hua als Angestellter in der Mathematikabteilung arbeitete, während er ihm erlaubte, unabhängig zu studieren und umfassend Vorlesungen zu besuchen. Später schickte Xiong ihn zur Cambridge-Universität in England. Nach Abschluss seiner Studien und seiner Rückkehr nach China empfahl Xiong, der damals Präsident der Yunnan-Universität in Kunming war, Hua als Professor an der Southwest Associated University. Hua ging später erneut ins Ausland und lehrte in Princeton sowie an der University of Illinois. Nach der Gründung der Volksrepublik China kehrte er umgehend zurück und übernahm die Leitung des Instituts für Mathematik an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften.
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Doch er musste weiterhin in der Dunkelheit leben. Er kaufte eine Petroleumlampe und klebte aus Angst, dass ihr Licht durchscheinen könnte, Zeitungen über die Fenster. Er kämpfte unter elenden Bedingungen weiter. Während diejenigen, die zu arbeiten suchten, ihre Löhne gekürzt bekamen, erhielten diejenigen, die am Zerschlagen und Plündern teilnahmen, Zuschüsse. Nach so langer Zeit des Lebens in ständiger Angst und auf rohen Eiern wurden seine Nerven extrem zerbrechlich. Er konnte nicht arbeiten und wagte nicht einmal zu lesen. Dann kam das Arbeiter-Propagandateam, um ihn zu befragen: „Warum beschäftigst du dich mit 1 + 1 = 2 und 1 + 2 = 3?“ Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Aufgeregt und verwirrt stammelte er und war sich unsicher, wie er seinen Fragestellern die Dinge klar erklären sollte. Die Arbeiter fanden ihn seltsam. Schließlich erklärte er ihnen: Dieses (1+1) und (1+2) sei nur eine abgekürzte Sprechweise und nicht das 1+1 und 1+2 der alltäglichen Arithmetik. Genauso wie wenn wir sagen, jemand ist ein Papiertiger, meinen wir keinen echten Tiger. Sag mal? Sie unterstützten ihn auch mit Begeisterung und beschützten ihn.
  
Chen Jingrun begann in der Universitätsbibliothek der Xiamen-Universität schnell, spezialisierte Artikel über Zahlentheorie zu schreiben und schickte sie an das Institut für Mathematik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Hua Luogeng erkannte nach dem Lesen sofort Chens bemerkenswerte Begabung und Brillanz und empfahl, ihn als Forschungspraktikant am Institut auszuwählen. Genau wie Xiong Qinglai einst Hua Luogeng erkannt hatte, erkannte nun Hua selbst das vielversprechende Potenzial von Chen Jingrun.
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Nachdem die Sache geklärt war, sagten die Arbeiter ebenfalls verärgert: „Warum verbreiten diese Leute solchen Unsinn?" Auch sie unterstützten ihn mit Begeisterung und nahmen ihn in Schutz.
  
Ende 1956 reiste Chen Jingrun erneut von der südlichen Küste in die Hauptstadt Peking.
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Nach dem „Zwischenfall vom 13. September“ hatte der Machthungrige Liu Shaoqi seine Rolle ausgespielt und hinterließ ewige Schmach. Als Chen Jingrun davon erfuhr, war er so schockiert, dass er nicht sprechen konnte. Von diesem Zeitpunkt an besserte sich die Situation allmählich, doch er war wie ein Vogel, der durch das Spannen eines Bogens erschreckt wurde. Die Intensität des Klassenkampfs verwirrte ihn. Seine einzige Zuflucht war immer die Mathematik gewesen und nun durfte er sich wieder in die Welt der Zahlentheorie zurückziehen. Der Bibliothekar, selbst ein ehemaliger Forscher, wurde einer seiner stärksten Unterstützer. Tatsächlich gab es viele solcher Unterstützer, die auf ihn achtgaben. Versteckt in einer kleinen Ecke der Bibliotheksbestände konnte er lesen. Dank der Beharrlichkeit dieser Forscher bestellte das Mathematik-Institut Jahr für Jahr weiterhin Zeitschriften und Literatur aus dem Ausland – eine verdienstvolle Tat. Er las, rechnete und dachte; allmählich hob sich seine Stimmung. Doch seine Gesundheit verschlechterte sich weiterhin. Er sprach nie darüber, beschwerte sich nie, sondern stürzte sich wieder in die Arbeit. Tagsüber arbeitete er in einer Ecke der Bibliothek und nachts kletterte er unter dem schwachen Schein einer Petroleumlampe immer wieder hinauf, immer auf der Suche nach dem direktesten, sichersten und fehlerfreiesten mathematischen Weg.
  
Im Sommer 1957 kehrte auch der Mathematikprofessor Xiong Qinglai aus dem Ausland nach Peking zurück. Zu dieser Zeit versammelten sich Jung und Alt, alle Würdigen waren versammelt. Zu den berühmten Mathematikern dieser Zeit zählten Xiong Qinglai, Hua Luogeng, Zhang Zongsui, Min Sihe, Wu Wenjun und viele andere brillante Köpfe. Hinzu kam eine neue Generation herausragender Talente wie Lu Qikeng, Wan Zhexian, Wang Yuan, Yue Minyi, Wu Fang und andere, deren Talent wie prächtige Morgenwolken am Horizont aufzog. Ebenso gab es aufstrebende Talente wie Lu Ruling, Yang Le und Zhang Guanghou, die ihr Studium an der Peking-Universität aufgenommen hatten. In Disziplinen wie analytischer Zahlentheorie, algebraischer Zahlentheorie, Funktionstheorie, Funktionalanalyse, geometrischer Topologie und anderen gab es bereits eine Fülle von Talenten – plus Chen Jingrun. Jeder hielt, wenn man es mit Worten aus der chinesischen Mythologie ausdrücken will, Perlen geistiger Schlangen, jede Familie besaß Jade vom Jing-Berg. Winde sammelten sich und Wolken dampften, die Formation war wohlgeordnet. Die Bedingungen waren reif, und Hua Luogeng machte die Aufstellung: Betone die angewandte Mathematik, aber rücke auch vor zu jenem Juwel in der Krone – die Goldbach-Vermutung!
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Der geliebte Premier Zhou Enlai hatte sich stets intensiv um die Arbeit der Akademie der Wissenschaften gekümmert und es geschafft, die Fraktionseinmischung zu reduzieren. Zwei Wochen zuvor war eine Frau namens Zhou zur Direktorin der Politischen Abteilung des Instituts für Mathematik ernannt worden. Die Fünf-Disziplinen-Abteilung, bestehend aus Disziplinen wie analytischer und algebraischer Zahlentheorie, hatte den regulären Arbeitsplan wiederaufgenommen. Auch ein Parteisekretär war für diese Ebene ernannt worden: ein erfahrener Basis-Kader aus Arbeiter-Bauern-Herkunft, der zuvor als politischer Offizier in der Politischen Abteilung der Zweiten Feldarmee unter der Volksbefreiungsarmee gedient hatte.
  
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Nach seinem Amtsantritt suchte der Sekretär überall nach Chen Jingrun. Schwester Zhou hatte ihm bereits erzählt, was sie von der Situation verstand. Aber er konnte Chen Jingrun nirgends finden. Er war nicht im Büro, es gab nicht einmal einen Schreibtisch für ihn. Er war bereits vergessen worden. Doch schließlich trafen sie sich in einer ruhigen Ecke des kleinen Bucharchivs der Bibliothek.
  
Um die Goldbach-Vermutung zu verstehen, muss man nur die Mathematik wiederholen, die man in der dritten Klasse gelernt hat. Die Zahlen 1, 2, 3, 4, 5 – Einer, Zehner, Hunderter, Tausender, Zehntausender – werden positive ganze Zahlen genannt. Zahlen, die durch 2 gleichmäßig geteilt werden können, heißen gerade Zahlen; Zahlen, die dies nicht können, heißen ungerade Zahlen. Eine andere Art von Zahlen, wie 2, 3, 5, 7, 11, 13 usw., können nur durch 1 und sich selbst geteilt werden, aber nicht durch eine andere ganze Zahl. Diese Zahlen werden Primzahlen genannt. Zahlen, die sich durch andere ganze Zahlen außer 1 und sich selbst teilen lassen, wie 4, 6, 8, 9, 10 und 12, werden dagegen als zusammengesetzte Zahlen bezeichnet. Wenn eine ganze Zahl durch eine Primzahl geteilt werden kann, wird diese Primzahl ein Primfaktor der ganzen Zahl genannt. So hat 6 zwei Primfaktoren: 2 und 3, und 30 hat drei Primfaktoren: 2, 3 und 5.
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Kurz nach dem Nationalfeiertag schien überall die Oktobersonne, doch während Sekretär Li nur ein leichtes Hemd trug, war der schwächliche Chen Jingrun bereits in eine gepolsterte Jacke gehüllt.
  
Für jetzt ist das genug.
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„Sekretär Li, danke“, sagte Chen Jingrun. Er dankte jedem, den er traf. „Sehr glücklich“, sagte er und wiederholte das Wort immer wieder. Sobald er jemanden traf, fühlte er, dass Sekretär Li nahbar war. „Sehr glücklich. Sekretär Li, ich bin sehr glücklich. Sekretär Li, ich bin sehr glücklich.
  
Als Goldbach im Jahr 1742 an Euler schrieb, schlug er vor, dass jede gerade Zahl, die größer als 6 ist, die Summe zweier Primzahlen ist. Beispielsweise ist 6 = 3 + 3, 24 = 11 + 13 usw. Einige Leute haben auf diese Weise jede gerade Zahl überprüft, und zwar bis zu 330 Millionen, wobei sich in allen Fällen die Korrektheit der Aussage zeigte. Aber was ist mit größeren Zahlen, viel größeren Zahlen? Durch Vermutung sollte es ebenfalls korrekt sein. Vermutungen sollten jedoch bewiesen werden. Es zu beweisen ist jedoch schwierig, um es gelinde auszudrücken.
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Sekretär Li fragte ihn: „Ist 17:30 Uhr nach der Arbeit gut für dich? Ich komme dann in dein Zimmer, um dich zu sehen.
  
Das gesamte 18. Jahrhundert hindurch konnte niemand diesen Beweis erbringen.
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Chen Jingrun dachte einen Moment nach und stimmte zu: „Gut, das passt mir. Dann warte ich heute Nachmittag am Gebäudeeingang auf dich, sonst wirst du mich nicht finden können.
  
Auch im 19. Jahrhundert gelang es niemandem, es zu beweisen.
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„Nein, du musst nicht auf mich warten“, sagte Sekretär Li.
  
Erst in den 1920er Jahren des 20. Jahrhunderts begann das Problem endlich, Fortschritte zu machen.
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„Wie könnte ich es nicht finden?“ Ich kann es finden. Es ist gar nicht nötig zu warten.
  
Lange Zeit versuchten Mathematiker, den Beweis zu erbringen, dass sich jede große gerade Zahl als Summe zweier Zahlen mit „nicht zu vielen Primfaktoren“ darstellen lässt. Die Idee war, eine Art Einkreisung zu schaffen, um die Möglichkeiten Schritt für Schritt zu verengen, bis man letztendlich die Goldbach-Vermutung beweisen könnte, dass jede gerade Zahl die Summe zweier Primzahlen ist (1 + 1). Im Jahr 1920 zeigte der norwegische Mathematiker Brun mithilfe einer antiken Siebmethode, einer Technik zur Untersuchung der Zahlentheorie, dass jede große gerade Zahl als Summe zweier Zahlen ausgedrückt werden kann, von denen jede höchstens neun Primfaktoren hat. Mit anderen Worten war die Summe zweier Zahlen möglich, von denen jede das Produkt von höchstens neun Primzahlen ist (9 + 9). Dies war ein wichtiges Ergebnis, das durch die Siebmethode erzielt wurde. Dennoch blieb die Einkreisung zu weit und musste weiter verschärft werden – und tatsächlich wurde sie allmählich reduziert.
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Doch Chen Jingrun blieb dabei: „Ich möchte auf dich warten. Ich werde am Eingang des Wohnheims auf dich warten. Sonst kannst du mich nicht finden. Wenn du mich nicht findest, wäre das schlecht.
  
bewies der Mathematiker Rademacher (7 + 7), 1932 Estermann (6 + 6), 1938 Buchstab (5 + 5) und 1940 er selbst (4 + 4). 1956 etablierte Vinogradov (3 + 3) und 1958 bewies der chinesische Mathematiker Wang Yuan (2 + 3). Schritt für Schritt wurde die Einkreisung enger und bewegte sich immer näher an (1 + 1). Doch alle diese Ergebnisse hatten eine Schwäche gemein: In keinem von ihnen konnte bestätigt werden, dass eine der Zahlen eine Primzahl war.
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Tatsächlich wartete er an jenem Nachmittag am Eingang des Wohnheims. Er wartete auf Sekretär Li, brachte ihn in den dritten Stock und lud ihn in ein kleines Zimmer ein. Das winzige Zimmer war nur sechs Quadratmeter groß. Es fehlte auch eine Ecke. Ursprünglich war der Raum im zweiten Stock ein Kesselraum. Der rechteckige, große Schornstein führte durch das Zimmer im dritten Stock und schnitt ein Sechstel davon ab. Das Zimmer hatte die Form eines Messerhefts. Offensichtlich hatte der Besitzer gerade dieses Zimmer gereinigt und aufgeräumt, aber es war immer noch nicht sehr ordentlich. Drei Fenster waren mit Zeitungen beklebt, und zwar sehr fest. Obwohl die Herbstsonne sehr hell schien, war das Zimmer ziemlich düster. Über den Fenstergittern war Fenstergaze aufgerollt, die wie Schafsschwänze aussah. Die Fenster waren mit Draht umwickelt, sodass sie sich nicht richtig schlossen und Insekten ein- und ausfliegen konnten. Sekretär Li hatte sich seine Lebensbedingungen nicht so schlecht vorgestellt. Er setzte sich aufs Bett und sagte: „Dein Bett ist ziemlich sauber!“
  
Bereits im Jahr 1948 schlug der ungarische Mathematiker Rényi eine andere Angriffslinie vor. Er eröffnete eine neue Front und versuchte zu beweisen, dass sich jede große gerade Zahl als Summe einer Primzahl und einer Zahl mit maximal sechs Primfaktoren darstellen lässt. Es gelang ihm, (1+6) zu beweisen.
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„Neue Bettlaken gekauft. Ich habe gerade Bettlaken gekauft“, sagte Chen Jingrun. „Du bist gekommen, um mich zu sehen, also bin ich extra Bettlaken kaufen gegangen.Er zeigte auf die hell schneeweißen Bettlaken mit blauen karierten Mustern und sagte: „Danke, Sekretär Li. Ich bin sehr glücklich. Seit sehr, sehr langer Zeit ist niemand gekommen, um mich zu besuchen. um mich zu besuchen.“ Er sagte es und seine Stimme begann zu zittern. Es klangen Tränen in seiner Stimme mit. Sekretär Li war sofort von dieser Stimme erschüttert, sein Herz brannte vor Wut. Noch nie zuvor war dieser Parteiarbeiter so bewegt gewesen. Empörend, zu empörend! In diesem Zimmer stand nicht einmal ein Tisch. Das sechs Quadratmeter kleine Zimmer war leer wie eine Wildnis. Aus zwei Hanfsäcken in der Ecke lugten Bündel von Manuskriptpapier hervor. An einem vierblättrigen Heizkörper hingen eine Brotdose, ein Haufen Medizinflaschen und zwei Thermosflaschen. Nicht einmal einen niedrigen Hocker gab es. Warum gab es noch eine Petroleumlampe? Er bemerkte, dass das Zimmer über keine elektrische Beleuchtung verfügte. „Was?“, fragte er. „Kein elektrisches Licht?“
  
In den folgenden zehn Jahren gab es jedoch keine Fortschritte.
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„Ich will kein Licht“, antwortete er. „Ein Licht zu haben, ist nicht gut. Ein Licht zu haben, ist lästig. In diesem Gebäude verwenden viele Familien elektrische Öfen. Die elektrische Last ist zu hoch, sie müssen oft die Schaltungen überprüfen, jeden Haushalt einzeln. Aber sie überprüfen mich nie. Ich habe kein Licht und auch keine elektrische Verkabelung. Ein Licht zu haben ist nicht gut, ein Licht macht Probleme.“ Mit diesen Worten lächelte er traurig.
  
Im Jahr 1962 bewies der chinesische Mathematiker Pan Chengdong, Dozent an der Shandong-Universität, (1 + 5) und bewegte das Problem somit um einen Schritt vorwärts. Später im selben Jahr etablierten Pan und Wang Yuan gemeinsam (1 + 4). 1965 bewiesen Buchstab, Vinogradov und Bombieri schließlich (1+3).
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„Aber du musst arbeiten. Wie arbeitest du ohne Licht? Ich habe gehört, dass deine Arbeit sehr gut ist.
  
Im Mai 1966 erleuchtete dann eine brillante Signalrakete den mathematischen Himmel: Chen Jingrun kündigte in Ausgabe 17 des „Science Bulletin” der Chinesischen Akademie der Wissenschaften an, dass er (1+2) bewiesen hatte.
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„Nein. Ich arbeite unter der Petroleumlampe, dort arbeite ich genauso.
  
Seit seinem Beitritt zum Institut für Mathematik waren die Knospen seines Talents eine nach der anderen aufgeblüht. Bei Problemen wie Gitterpunkten in Kreisen und Kugeln, Warings Problem sowie dem dreidimensionalen Teilerproblem hatte er die Arbeit chinesischer und ausländischer Mathematiker vorangetrieben und verfeinert. Allein diese Errungenschaften stellten bereits einen hochsignifikanten Beitrag dar.
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„Was ist mit einem Tisch? Warum hast du keinen Tisch?“
  
Nachdem er eine solide Grundlage geschaffen hatte, widmete er sich mit erstaunlicher Ausdauer der Goldbach-Vermutung. Er vergaß zu essen oder zu schlafen, arbeitete Tag und Nacht, verlor sich in Gedanken, erforschte tiefe Geheimnisse und führte endlose Berechnungen durch. So völlig in die Mathematik vertieft, schien er oft benommen. Einmal lief er sogar in einen Baum und fragte, wer ihn gestoßen habe. Er investierte all seine Intelligenz und Vernunft in dieses Problem und bezahlte einen hohen Preis: Seine Augen sanken tief ein, seine Wangen erröteten durch Tuberkulose, seine Kehle wurde von einer Kehlkopfentzündung heimgesucht, die ihn ständig husten ließ, und Bauchschwellungen und Schmerzen wurden unerträglich. Selbst als er halb bewusstlos war, kreisten seine Gedanken immer noch um Zahlen und Symbole. Schritt für Schritt erklomm er die rauen Pfade der Mathematik, mühsam jeden Schritt. Auf dem hohen Plateau der Abstraktion bestieg er steile Klippen, fiel und kletterte wieder hinauf. Missverständnisse trübten seine Sicht, ignoranter Spott hallte in seinen Ohren. Doch er schenkte dem keine Aufmerksamkeit, verschwendete keine Zeit mit Streit und ertrug Demütigungen schweigend. Frost essend und Schnee trinkend, kostete ihn jeder Schritt vorwärts viel. Er rang nach Atem, Schweiß strömte wie Regen und oft fühlte er, dass er nicht weitergehen konnte – dennoch kletterte er weiter, mit seinen Händen, mit seinen Fingernägeln. Der Kampf war zermürbend. Immer wieder kletterte er, nur um zu fallen, bis selbst eiserne Schuhe durchgewetzt gewesen waren. Die Leute verspotteten seine zerfetzten Schuhe. Sie scherzten, sie müssten wenigstens seine Füße vor Fußpilz bewahren. Er konnte nicht mehr zählen, wie oft er ausgerutscht war und wie oft er beinahe zerbrochen wäre. Doch er gab nie auf. Jeder Misserfolg wurde zu einer Lektion, jeder Rückschlag wurde zu den Nylonseilen und eisernen Leitern seines Aufstiegs geschmiedet. Misserfolg wurde zur Mutter des Erfolgs, Erfolg war aus dem Misserfolg selbst aufgebaut. Er überquerte Schneegrenzen, bestieg Schneegipfel, kletterte über Gletscher und spürte dabei, wie die Luft immer dünner wurde. Er bestieg Schneegipfel, überwand Gletscher und spürte immer stärker die dünne Luft. Wieder und wieder verdeckten Lawinen seine vorrückenden Schritte, Gletscher blockierten den Weg, aber er strebte weiterhin mutig vorwärts. Er war wie ein Bergsteiger, der den Mount Everest besteigt – kletternd, kletternd, kletternd. Bösartige Verleumdung und Spott schlugen wie Sturmwinde und dunkle Wolken zu, aber warme Ermutigung lichtete den Himmel, und die Sonne des Wohlwollens gab ihm Kraft. Sei Ziel fest im Blick hielt er durch, unnachgiebig. Er kletterte über die steile erste Stufe hinaus, nur um der noch bedrohlicheren Klippe der zweiten gegenüberzustehen. Er dachte nur ans Klettern, über tausend Fuß tiefe Abgründe hinweg und durch atemberaubende Ausblicke. Blätter von Berechnungspapier häuften sich wie treibender Schnee. Formeln, Symbole und Beweise bedeckten den Boden drei Fuß tief. Sie erhoben sich wie Berge an seinen Knien und blühten in zehntausend Schneelotusblüten auf. Endlich erreichte er den Pfad zum Gipfel, den Schritt von (1 + 2).
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Chen Jingrun hob beiläufig das neue Bettlaken zusammen mit der Matratze hoch, entblößte das Bettbrett und sagte: „Ist das nicht einer? So kann ich auch arbeiten.
  
Er bewies diese Proposition und verfasste eine über zweihundert Seiten starke Abhandlung.
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Sekretär Li runzelte die Stirn und knirschte mit den Zähnen. Er dachte: „Hmm, solche Dinge passieren tatsächlich! In Zhongguancun, an der Akademie der Wissenschaften. Menschen verschwenden, Wissenschaft verschwenden! Zu diesem Zustand verschwendet.“ Während er das dachte, zeigte er auf die schafsschwanzartige Fenstergaze und fragte: „Du benutzt keine Moskitonetze? Hast du keine Angst vor Moskitostichen?“
  
Lehrer Min Sihe las das Originalmanuskript von Chen Jingruns Abhandlung sorgfältig durch, prüfte und verifizierte immer wieder. Schließlich bestätigte er, dass der Beweis korrekt und zuverlässig war. Er sagte Chen, dass andere im Vorjahr (1+3) mit mächtigen elektronischen Computern bewiesen hatten. Chen jedoch hatte (1+2) bewiesen, indem er sich allein auf seine eigenen Berechnungen verließ. Kein Wunder, dass die Abhandlung so lang war. Dennoch schlug Lehrer Min vor, sie zu vereinfachen.
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„Wenn du nachts keine Lichter anmachst, kommen keine Moskitos herein. Im Sommer versuche ich, nicht im Zimmer zu bleiben. Jetzt gibt es weniger Moskitos.
  
Die „Referenz [10]“, die am Ende des ersten Absatzes zitiert wird, bezieht sich auf seine kurze Ankündigung im „Science Bulletin“, in der nur das Ergebnis erwähnt wurde, ohne den vollständigen Beweis. Zu jener Zeit überarbeitete er das ausführliche Manuskript. Doch dann wurde Chen Jingrun plötzlich in die gewaltigen Wellen der politischen Revolution hineingezogen. Die brandende Flut griff alle sogenannten ausbeuterischen Klassenideologien an. Die beispiellose Kulturrevolution explodierte wieder und wieder über dem Land China wie eine Reihe erfolgreicher Tests geistiger Atom- und Wasserstoffbomben.
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„Ich lasse Licht installieren“, sagte Sekretär Li mit Nachdruck. „Ich schließe die Verkabelung an. Ich gebe dir auch einen Tisch und Bücherregale, okay?“
  
VI
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„Das ist nicht gut. Ich will es nicht, nein... Nein...“
  
Die vom Proletariat eingeleitete „Kulturrevolution“ war auch eine große politische Revolution. In der Menschheitsgeschichte gab es noch nie eine so große Massenbewegung. Ein Viertel der Weltbevölkerung wurde mobilisiert, unabhängig von Geschlecht oder Alter. Diese große revolutionäre Bewegung fegte alles mit sich: Arbeiter, Bauern, Kämpfer, Intellektuelle, Teufel, Dämonen - ausnahmslos alle. Es gab Anklagen und Angeklagte, Enthüllungen und Enthüllte, Kritik und Gegenkritik, Kritik und Selbstkritik.
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Sekretär Li kehrte ins Büro zurück. Dort fand er Direktor Zhang, der nur eine Woche früher als er selbst angekommen war. Nach dem, was er hörte, hielt der Direktor das alles für unmöglich: „Unsinn! Wie könnte es kein Licht geben?” Sekretär Li beschrieb ihm die einsame Szenerie des kleinen Zimmers. Diese Menschen mit Dornen an ihren Körpern und Hörnern an ihren Köpfen hatten die Akademie der Wissenschaften so aufgewühlt! Sofort wurde ein Elektriker gerufen. Der Elektriker installierte unverzüglich ein Licht. Er installierte das Licht und schloss den Schalterdraht an. Ein Zug, und das Licht ging an.
  
China erlebte einen „Bürgerkrieg“. Überall gab es organisierte Aufregung, geführte Kämpfe und geordnetes Chaos. Die proletarische Revolution kritisierte sich ständig selbst. Sieg nach Sieg, Umkehrung nach Umkehrung. Scheinbar vollendete Dinge wurden wieder hergenommen und immer wieder von neuem gemacht, sie wurden jedes Mal mit neuen Verbesserungen wiederholt. Alle suchten gnadenlos nach ihren eigenen Schwächen, Mängeln und Fehlern. Wie Marx sagte: den Feind stärker werden lassen, während man sich immer wieder zurückzieht, bis kein Rückzug mehr möglich ist; dann den Sprung auf die Insel Rhodos wagen, den Feind zerschmettern und den Sieg im Rosengarten feiern. Szene um Szene flog vorbei, schnell wie Wind und Blitz, erschütternd wie Erdbeben. Ein Drama nach dem anderen wurde mit Freude, Zorn, Trauer und Glück vollständig ausgelebt, Trennung und Wiedervereinigung berührten Herzen und Seelen. Charakter nach Charakter betrat die Bühne. Einige zerbrachen ihre Hellebarden und versanken im Sand, verdienten ihren Tod. Die vier großen Familien – ein Traum der Roten Kammer. Einige erschienen kurz wie Epiphyllum-Blüten und verwelkten genau so schnell wieder. Aber es gab auch immergrüne Kiefern und Zypressen, die, obwohl tot, dennoch lebendig waren, mit einem Geist, der bedeutungsvoller war als der Berg Tai, und deren edles Wesen ewig währte. Einige waren wahre Helden, im Geist und im Kampf geschmiedet wie die Zwillingsschwerter von Ganjiang und Moye, durch tausend Hämmer gehärtet: stumm wie eine Glocke, wenn sie geschlagen werden, und scharf genug, um Eisen wie Butter zu schneiden. Seite um Seite der Geschichte wurde geschrieben und mit der Zeit erhielten die großen Rechte und Unrechte eine faire Beurteilung. Bejahung – Verneinung – Verneinung der Verneinung. Schminke kann nicht ewig halten, sie muss abblättern. Die fälschlich Angeklagten werden am Ende rehabilitiert. Einst gepflanzte Samen werden sicher Früchte tragen, denn was gesät wird, wird eines Tages geerntet.
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Chen Jingrun hatte sich über einen Tisch gebeugt und begann zu schreiben.
  
Es mussten Prüfungen in Astronomie, Geographie, Physik, Chemie, Biologie und Mathematik abgelegt werden. Chen Jingrun ertrug die härteste Prüfung der Kulturrevolution. Erfahrene Mathematiker wurden niedergeschlagen und selbst die Mittleren und Jungen konnten sich nicht retten. Die einst feierliche Akademie der Wissenschaften wurde in Aufruhr gestürzt, ihre geschäftigen Laboratorien kühlten ab und waren verlassen. Tag und Nacht waren von Debatten und heftigen Auseinandersetzungen erfüllt. Worte wichen Taten, Fäuste ersetzten Zungen. Die Kulturrevolution war wie ein großes Sieb – alles musste hindurchgeschüttelt werden. Auch die Akademie wurde dieser Siebmethode unterworfen: Was ausgesiebt werden sollte, würde am Ende ausgesiebt werden; was nicht ausgesiebt werden sollte, konnte niemals durchgezwungen werden.
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Endlich erreichte das Licht Chen Jingruns Zimmer.
  
In der Vergangenheit wurde argumentiert, dass sich Wissenschaftler niederlassen sollten, um mit Seelenfrieden zu arbeiten, sich in die Gelehrsamkeit zu vertiefen und sich ganz ihrem Beruf zu widmen. Während der Kulturrevolution wurde dies jedoch als bürgerliche Linie wissenschaftlicher Forschung angeprangert – „fokussieren, vertiefen, absorbieren“. Chen Jingrun wurde als typisches Beispiel hervorgehoben. Tatsächlich verbrachte er seine Tage vertieft im Studium. Er kümmerte sich wenig um Politik, obwohl er an jeder politischen Bewegung teilgenommen hatte. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, dass die Kommunistische Partei gut und die Kuomintang schlecht war. Die Logik eines Mathematikers ist hart wie Stahl, und seine Haltung war fest. Er hatte keine Fehler gemacht. Was das politische Verständnis betraf, war Chen Jingrun unbefleckt – rein wie ein Kranich. Die weißen Federn eines Kranichs können nicht befleckt werden, obwohl seine Krone leuchtend rot ist. Seine Augen sind ebenfalls rot, vielleicht von langen Nächten ohne Schlaf. Er war in Fabriken gegangen, um zu arbeiten, und hatte Mathematik auf praktische Produktion angewendet, selbst während er sich mit Zahlentheorie beschäftigte, der grundlegendsten der theoretischen Wissenschaften. Doch auch wenn er der Politik keine Aufmerksamkeit schenkte, richtete die Politik unvermeidlich ihre Aufmerksamkeit auf ihn und unterzog ihn harscher Kritik. Leichte Kritik würde ihn nicht bewegen. Sie waren der Ansicht, nur durch Erschütterung könne er dazu gebracht werden, sich um die Linie zu kümmern. Bei der Kritik brauche man keine Übertreibung zu fürchten, denn um das Krumme zu begradigen, müsse man überkorrigieren. Aber konnte ein Stoß ihn wirklich über die Grenze zwischen Freund und Feind schicken? Konnte er wirklich in das „Diktatur-Team“ getrieben werden? Welches Verbrechen lag schließlich darin, nur Störungen vermeiden und sich auf wissenschaftliche Forschung konzentrieren zu wollen?
 
  
Wohlmeinende Missverständnisse können aufgeklärt werden, und ignoranter Spott kann vergeben werden. Doch um einen Mathematiker zu kritisieren, sollte man wenigstens etwas vom Wesen der Mathematik verstehen, sonst täuscht man nur sich selbst, ohne es zu merken. Chen Jingrun wurde zum Ziel der Kritik. Aus der ‘Hut-Fabrik’ holte man einen Hut nach dem anderen und setzte sie ihm auf: revisionistischer Setzling, Bohr-Tief-Durchdring-Typ, typisch für den Weg des weißen Experten, Bücherwurm, Parasit, Ausbeuter.
 
  
Einige machten sogar derart absurde Bemerkungen: „Dieser Mann studiert das (1+2)-Problem. Er betreibt eine Art Mathematik, die niemand verstehen kann. Soll die Goldbach-Vermutung zur Hölle fahren! Was ist so großartig an (1+2)? Ist nicht 1 + 2 gleich 3? Dieser Mann schlich sich ins Mathematikinstitut, lebt vom Staatsgehalt, isst das Getreide des Volkes und verbringt seine Zeit mit irgendwelchem 1+2=3-Unsinn. Was für ein Müll! Pseudowissenschaft!
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VIII
  
Die Person, die das sagte, war kaum mehr als ein Narr.
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[Er schreibt Notizen]
  
Für diejenigen, die Mathematik nicht verstanden, waren solche Worte vielleicht nachvollziehbar. Unter denen, die solche Bemerkungen machten, waren jedoch einige, die Mathematik eindeutig kannten und genau wussten, dass die Goldbach-Vermutung ein weltberühmtes Problem war. Von ihnen war es nichts als bösartige Verleumdung. Macht hatte das Urteilsvermögen getrübt und der Fraktionalismus die Leute verrückt gemacht.
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Aus Formel (22) und obiger Formel – wenn x sehr groß ist, haben wir
  
Einen Menschen zu verstehen, ist schwierig. Einen Mathematiker zu verstehen, ist nicht einfacher. Einen bösartigen Verleumder zu verstehen, ist jedoch allzu einfach. Bis dahin war Chen Jingrun schwer krank geworden. Sogar die Stahlfabrik kam „zu Besuch“. Er hörte zu, wie sie ihre widerwärtigen Beleidigungen ausspuckten, begleitet von fliegender Spucke und verworrener Rede. Er starrte vor sich hin; seine Sicht wurde dunkel und er konnte nichts sehen. Sein Körper zitterte, als wäre er von Schüttelfrost und Fieber ergriffen. Durchdringende Zweifelswellen wirbelten durch seinen Geist. Rote Streifen brannten über seine blassen Wangen, gefleckt mit Blau und Schwarz. Eine plötzliche Krankheit schlug ihn nieder. Schwindelig und schockiert kollabierte er kopfüber zu Boden.
 
  
Wie Marx schrieb:  „Was in ihren Augen als das revolutionärste Ereignis galt, war in Wirklichkeit das kontrerevolutionärste. Die Frucht fiel der republikanischen Bourgeoisie in den Schoß, aber sie fiel vom Baum der Erkenntnis, nicht vom Baum des Lebens.“ („Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, Kapitel II).
 
  
VII
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Nach Lemma 1 wird dieses erhalten.
  
Das Zentrum eines Taifuns ist ruhig.
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Lemma 8. Sei x eine sehr große Konstante, dann haben wir
  
Nach einiger Zeit – niemand konnte sagen, wie viele Tage oder Monate – wurde das Leben im „Diktatur-Team“ ruhig und fast friedlich. Während die Gefangenen draußen im Sturm unruhig und verzweifelt waren, planten, schrien, kämpften, Essen und Schlaf vernachlässigten, ihre eigenen Fraktionen fieberhaft verteidigten und andere wütend angriffen, wurden ihre Ziele im „Diktatur-Team“ weitgehend vergessen. Die Fraktionskämpfe ließen wenig Zeit, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Zu diesem Zeitpunkt meldete sich ein alter Veteran der Roten Armee freiwillig, um die Wissenschaftler zu bewachen. In Wahrheit war er ein Unterstützer, der mit ihnen sympathisierte, sie schützte und ihnen sogar erlaubte, heimlich zu lesen.
 
  
Als später Arbeiter-Propagandateams in die verschiedenen Institute der Akademie der Wissenschaften eintraten, wurde Chen Jingrun freigelassen und durfte in sein kleines Zimmer zurückkehren. Dort konnte er nicht nur lesen, sondern auch wieder mit dem Rechnen beginnen. Doch es gab immer einige, die ihm keine Ruhe ließen. Jeden Tag kamen sie, klopften an die Tür, prüften die Haushaltsregistrierungen und hielten ihn dadurch nervös und unfähig, Ruhe zu finden. Einmal kamen sie mit Drahtschneidern. Entschlossen, ihn vom Lesen abzuhalten, schnitten sie das Licht in seinem Zimmer ab und trugen es weg. Damit noch nicht zufrieden, gingen sie weiter und durchtrennten das Schaltkabel selbst.
 
  
Dunkelheit fiel – nicht nur auf sein Zimmer, sondern auch auf sein Herz.
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[Die Bedingung in Lemma 8 besagt, dass „wenn x eine sehr große Konstante ist, dann ist Ω kleiner oder gleich 3.9404xCx geteilt durch (log x)². Bitte beachten Sie, dass diese Formel die Hauptschlüssel zu Chen Jingruns Beweis von (1 + 2) darstellt.]
  
Doch er musste weiterhin in der Dunkelheit leben. Er kaufte eine Petroleumlampe und klebte aus Angst, dass ihr Licht durchscheinen könnte, Zeitungen über die Fenster. Er kämpfte unter elenden Bedingungen weiter. Während diejenigen, die zu arbeiten suchten, ihre Löhne gekürzt bekamen, erhielten diejenigen, die am Zerschlagen und Plündern teilnahmen, Zuschüsse. Nach so langer Zeit des Lebens in ständiger Angst und auf rohen Eiern wurden seine Nerven extrem zerbrechlich. Er konnte nicht arbeiten und wagte nicht einmal zu lesen. Dann kam das Arbeiter-Propagandateam, um ihn zu befragen: „Warum beschäftigst du dich mit 1 + 1 = 2 und 1 + 2 = 3?“ Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Aufgeregt und verwirrt stammelte er und war sich unsicher, wie er seinen Fragestellern die Dinge klar erklären sollte. Die Arbeiter fanden ihn seltsam. Schließlich erklärte er ihnen: Dieses (1+1) und (1+2) sei nur eine abgekürzte Sprechweise und nicht das 1+1 und 1+2 der alltäglichen Arithmetik. Genauso wie wenn wir sagen, jemand ist ein Papiertiger, meinen wir keinen echten Tiger. Sag mal? Sie unterstützten ihn auch mit Begeisterung und beschützten ihn.
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Der Beweis lautet:  
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Wenn x sehr groß ist, haben wir aus Lemma 5 bis Lemma 7:
  
Nachdem die Sache geklärt war, sagten die Arbeiter ebenfalls verärgert: „Warum verbreiten diese Leute solchen Unsinn?" Auch sie unterstützten ihn mit Begeisterung und nahmen ihn in Schutz.
 
  
Nach dem „Zwischenfall vom 13. September“ hatte der Machthungrige Liu Shaoqi seine Rolle ausgespielt und hinterließ ewige Schmach. Als Chen Jingrun davon erfuhr, war er so schockiert, dass er nicht sprechen konnte. Von diesem Zeitpunkt an besserte sich die Situation allmählich, doch er war wie ein Vogel, der durch das Spannen eines Bogens erschreckt wurde. Die Intensität des Klassenkampfs verwirrte ihn. Seine einzige Zuflucht war immer die Mathematik gewesen und nun durfte er sich wieder in die Welt der Zahlentheorie zurückziehen. Der Bibliothekar, selbst ein ehemaliger Forscher, wurde einer seiner stärksten Unterstützer. Tatsächlich gab es viele solcher Unterstützer, die auf ihn achtgaben. Versteckt in einer kleinen Ecke der Bibliotheksbestände konnte er lesen. Dank der Beharrlichkeit dieser Forscher bestellte das Mathematik-Institut Jahr für Jahr weiterhin Zeitschriften und Literatur aus dem Ausland – eine verdienstvolle Tat. Er las, rechnete und dachte; allmählich hob sich seine Stimmung. Doch seine Gesundheit verschlechterte sich weiterhin. Er sprach nie darüber, beschwerte sich nie, sondern stürzte sich wieder in die Arbeit. Tagsüber arbeitete er in einer Ecke der Bibliothek und nachts kletterte er unter dem schwachen Schein einer Petroleumlampe immer wieder hinauf, immer auf der Suche nach dem direktesten, sichersten und fehlerfreiesten mathematischen Weg.
 
  
Der geliebte Premier Zhou Enlai hatte sich stets intensiv um die Arbeit der Akademie der Wissenschaften gekümmert und es geschafft, die Fraktionseinmischung zu reduzieren. Zwei Wochen zuvor war eine Frau namens Zhou zur Direktorin der Politischen Abteilung des Instituts für Mathematik ernannt worden. Die Fünf-Disziplinen-Abteilung, bestehend aus Disziplinen wie analytischer und algebraischer Zahlentheorie, hatte den regulären Arbeitsplan wiederaufgenommen. Auch ein Parteisekretär war für diese Ebene ernannt worden: ein erfahrener Basis-Kader aus Arbeiter-Bauern-Herkunft, der zuvor als politischer Offizier in der Politischen Abteilung der Zweiten Feldarmee unter der Volksbefreiungsarmee gedient hatte.
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Außerdem:
  
Nach seinem Amtsantritt suchte der Sekretär überall nach Chen Jingrun. Schwester Zhou hatte ihm bereits erzählt, was sie von der Situation verstand. Aber er konnte Chen Jingrun nirgends finden. Er war nicht im Büro, es gab nicht einmal einen Schreibtisch für ihn. Er war bereits vergessen worden. Doch schließlich trafen sie sich in einer ruhigen Ecke des kleinen Bucharchivs der Bibliothek.
 
  
Kurz nach dem Nationalfeiertag schien überall die Oktobersonne, doch während Sekretär Li nur ein leichtes Hemd trug, war der schwächliche Chen Jingrun bereits in eine gepolsterte Jacke gehüllt.
 
  
„Sekretär Li, danke“, sagte Chen Jingrun. Er dankte jedem, den er traf. „Sehr glücklich“, sagte er und wiederholte das Wort immer wieder. Sobald er jemanden traf, fühlte er, dass Sekretär Li nahbar war. „Sehr glücklich. Sekretär Li, ich bin sehr glücklich. Sekretär Li, ich bin sehr glücklich.
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Seite für Seite, Zeile für Zeile! Das sind die Blüten des menschlichen Denkens. Es sind die leeren Täler in tiefen Bergschluchten, die Herbstwälder, die Menschen im Eisgebirge, der Schnee auf den Gipfeln, die Geister, die das menschliche Denken einfangen. Diese mathematischen Formeln sind die Sprache einer Welt. Wer diese Sprache lernt, kann sie zu schätzen wissen. In ihnen verbergen sich die strengste Logik und die natürlichsten Beweise. Sie entstehen bei der Erforschung des Sonnensystems, der Galaxie, der Flüsse, Seen und Meere sowie des Universums, und auch in den wunderbaren Räumen von Atomen, Elektronen und Teilchen. Aber nur diejenigen, die sich mit solch tiefen mathematischen Bereichen befassen, können das wirklich verstehen – gewöhnliche Menschen können das nicht.
  
Sekretär Li fragte ihn: „Ist 17:30 Uhr nach der Arbeit gut für dich? Ich komme dann in dein Zimmer, um dich zu sehen.
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Betrachten wir auch diese wissenschaftlichen Bereiche – die Ufer der Seen in hohen Bergschluchten. Sie gleichen weißen Schwänen, die am Himmel tanzen, so schön und vielfältig. Du siehst das jadegrüne Grün und das schneeweiße Weiß, so weiß, als gäbe es keinen Staub. Auf den Gipfeln siehst du das leuchtende Rot, und es macht dich neidisch. Es gibt alle Arten fliegender Vögel: Schwalben, Phönixe, Kraniche, Schönheiten - Verwandlungen ohne Grenzen. In den tiefen mathematischen Bereichen, in denen die Seele verloren und zerstreut ist, weiß man nicht, was dort ist.
  
Chen Jingrun dachte einen Moment nach und stimmte zu: „Gut, das passt mir. Dann warte ich heute Nachmittag am Gebäudeeingang auf dich, sonst wirst du mich nicht finden können.“
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Der alte Mathematiklehrer Yin konnte all das auskosten. Obwohl er beschäftigt war, liebte er es, darüber zu reden. Er sagte oft: „Außer der Arbeit als Geologe sollte man am besten aufhören.“ Er hatte bereits Fermats Vermutung und Gödels Unvollständigkeitssatz aufgeschrieben. Sie waren fertig und erfolgreich.
  
„Nein, du musst nicht auf mich warten“, sagte Sekretär Li.
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„Ihre Abhandlung ist fertig“, fragte ein Militärvertreter Chen Jingrun. „Warum reichen Sie sie nicht ein?“
  
„Wie könnte ich es nicht finden?“ Ich kann es finden. Es ist gar nicht nötig zu warten.“
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Chen Jingrun antwortete ihm: „Ich arbeite noch daran, ich bin noch nicht fertig.“Der Militärvertreter sagte: „Ich hoffe, Sie werden sie bald vollenden.“
  
Doch Chen Jingrun blieb dabei: „Ich möchte auf dich warten. Ich werde am Eingang des Wohnheims auf dich warten. Sonst kannst du mich nicht finden. Wenn du mich nicht findest, wäre das schlecht.“
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Der Abteilungsleiter Lao Tian sagte zu Sekretär Li: „Man kann ihn ermutigen, sie einzureichen. Aber es eilt nicht. Wenn er sie nicht einreicht, hat er natürlich seine Gründe.“
  
Tatsächlich wartete er an jenem Nachmittag am Eingang des Wohnheims. Er wartete auf Sekretär Li, brachte ihn in den dritten Stock und lud ihn in ein kleines Zimmer ein. Das winzige Zimmer war nur sechs Quadratmeter groß. Es fehlte auch eine Ecke. Ursprünglich war der Raum im zweiten Stock ein Kesselraum. Der rechteckige, große Schornstein führte durch das Zimmer im dritten Stock und schnitt ein Sechstel davon ab. Das Zimmer hatte die Form eines Messerhefts. Offensichtlich hatte der Besitzer gerade dieses Zimmer gereinigt und aufgeräumt, aber es war immer noch nicht sehr ordentlich. Drei Fenster waren mit Zeitungen beklebt, und zwar sehr fest. Obwohl die Herbstsonne sehr hell schien, war das Zimmer ziemlich düster. Über den Fenstergittern war Fenstergaze aufgerollt, die wie Schafsschwänze aussah. Die Fenster waren mit Draht umwickelt, sodass sie sich nicht richtig schlossen und Insekten ein- und ausfliegen konnten. Sekretär Li hatte sich seine Lebensbedingungen nicht so schlecht vorgestellt. Er setzte sich aufs Bett und sagte: „Dein Bett ist ziemlich sauber!
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Sekretär Li fragte ihn, und Chen Jingrun sagte: „Manche Leute beschimpfen mich und sagen, ich reiche die Arbeit nicht ein, weil es jetzt kein Honorar mehr gibt, und dass ich sie einreichen würde, wenn das Honorar wieder eingeführt würde.“
  
„Neue Bettlaken gekauft. Ich habe gerade Bettlaken gekauft“, sagte Chen Jingrun. „Du bist gekommen, um mich zu sehen, also bin ich extra Bettlaken kaufen gegangen.“ Er zeigte auf die hell schneeweißen Bettlaken mit blauen karierten Mustern und sagte: „Danke, Sekretär Li. Ich bin sehr glücklich. Seit sehr, sehr langer Zeit ist niemand gekommen, um mich zu besuchen. um mich zu besuchen.“ Er sagte es und seine Stimme begann zu zittern. Es klangen Tränen in seiner Stimme mit. Sekretär Li war sofort von dieser Stimme erschüttert, sein Herz brannte vor Wut. Noch nie zuvor war dieser Parteiarbeiter so bewegt gewesen. Empörend, zu empörend! In diesem Zimmer stand nicht einmal ein Tisch. Das sechs Quadratmeter kleine Zimmer war leer wie eine Wildnis. Aus zwei Hanfsäcken in der Ecke lugten Bündel von Manuskriptpapier hervor. An einem vierblättrigen Heizkörper hingen eine Brotdose, ein Haufen Medizinflaschen und zwei Thermosflaschen. Nicht einmal einen niedrigen Hocker gab es. Warum gab es noch eine Petroleumlampe? Er bemerkte, dass das Zimmer über keine elektrische Beleuchtung verfügte. „Was?“, fragte er. „Kein elektrisches Licht?“
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IX
  
„Ich will kein Licht“, antwortete er. „Ein Licht zu haben, ist nicht gut. Ein Licht zu haben, ist lästig. In diesem Gebäude verwenden viele Familien elektrische Öfen. Die elektrische Last ist zu hoch, sie müssen oft die Schaltungen überprüfen, jeden Haushalt einzeln. Aber sie überprüfen mich nie. Ich habe kein Licht und auch keine elektrische Verkabelung. Ein Licht zu haben ist nicht gut, ein Licht macht Probleme.“ Mit diesen Worten lächelte er traurig.
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Ich bin wirklich noch nicht fertig. Meine Abhandlung ist fertig, und doch ist sie nicht fertig. Seit ich im Mathematischen Forschungsinstitut bin, forsche ich unter der Anleitung strenger Lehrer, renommierter Experten und der Organisation unablässig. Wie könnte ich da noch etwas anderes tun? Wie könnte ich sonst der Partei gegenüber würdig sein? Von den mehr als dreißig schwierigen Problemen in der Zahlentheorie der Weltmathematik habe ich sechs oder sieben gelöst und ihre Lösung vorangetrieben. Das war meine unerlässliche Übung und unerlässliche Vorbereitung. Erst danach konnte ich mich der Goldbach-Vermutung zuwenden. Dafür habe ich mein Herzblut vergossen.
  
„Aber du musst arbeiten. Wie arbeitest du ohne Licht? Ich habe gehört, dass deine Arbeit sehr gut ist.
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Im Jahre 1965 erreichte ich vorläufig (1+2). Aber meine Lösung war zu kompliziert, ich schrieb über zweihundert Seiten Manuskript. Die Anforderungen an eine mathematische Abhandlung sind: (1) Korrektheit, (2) Prägnanz.
  
„Nein. Ich arbeite unter der Petroleumlampe, dort arbeite ich genauso.
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Es ist wie der Weg von der Stadt Peking zum Sommerpalast - es gibt viele Wege, man muss den genauesten und fehlerfreien sowie kürzesten und besten auswählen. Meine lange Abhandlung war nicht falsch, aber sie nahm Umwege, war über zweihundert Seiten lang und wurde noch nicht veröffentlicht. Das Ausland hat sie weder anerkannt noch verneint, weil sie nicht veröffentlicht wurde. Von jenem Jahr bis heute sind bereits sieben Jahre vergangen.
  
„Was ist mit einem Tisch? Warum hast du keinen Tisch?“
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Dies ist ziemlich schwierig und auch schwer verständlich für andere. Was das Erlernen von Fremdsprachen betrifft: Ich lernte Englisch schon in der Mittelschule, Russisch an der Universität; im Institut habe ich mir dann Deutsch und Französisch selbst beigebracht. Ich kann es notdürftig lesen und auch etwas schreiben. Dann lernte ich noch Japanisch, Italienisch und Spanisch selbst, bis ich ausländische Materialien und Literatur notdürftig lesen konnte. So kann ich beim Lernen von ausländischen Erfahrungen und Errungenschaften die Originaltexte lesen, ohne warten zu müssen, bis jemand sie übersetzt. Das ist eine unerlässliche Voraussetzung. Ich muss möglichst alle ausländischen Materialien durchsehen und möglichst alle Früchte der Weisheit meiner Vorgänger aufnehmen. Erst dann kann ich auf dieser Grundlage ein Problem wie (1+2) lösen.
  
Chen Jingrun hob beiläufig das neue Bettlaken zusammen mit der Matratze hoch, entblößte das Bettbrett und sagte: „Ist das nicht einer? So kann ich auch arbeiten.
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Mein Ergebnis muss in einer solchen Abhandlung dargestellt werden - obwohl es eine fachliche Abhandlung ist, ist der Text relativ einfach; obwohl sie relativ streng ist, muss sie absolut präzise sein. An manchen Stellen gehört sie bereits zum Bereich der Philosophie. Deshalb habe ich immer wieder überlegt, immer wieder gerechnet, immer wieder überprüft, immer wieder überarbeitet, ohne Ende überarbeitet. Ich kann mich nicht erinnern, wie oft ich sie überarbeitet habe. Die wissenschaftliche Haltung sollte die strengste sein, muss die strengste sein.
  
Sekretär Li runzelte die Stirn und knirschte mit den Zähnen. Er dachte: „Hmm, solche Dinge passieren tatsächlich! In Zhongguancun, an der Akademie der Wissenschaften. Menschen verschwenden, Wissenschaft verschwenden! Zu diesem Zustand verschwendet.“ Während er das dachte, zeigte er auf die schafsschwanzartige Fenstergaze und fragte: „Du benutzt keine Moskitonetze? Hast du keine Angst vor Moskitostichen?
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Ich weiß, dass meine Krankheit längst schwer geworden ist. Ich bin unheilbar krank. Bakterien verschlingen meine Lungen und Eingeweide. Meine Herzkraft ist am Punkt des Versagens angelangt. Mein Körper kann es wirklich nicht mehr aushalten! Nur meine Gehirnzellen sind außergewöhnlich aktiv, deshalb kann ich mit meiner Arbeit nicht aufhören. Ich kann nicht aufhören...“
  
„Wenn du nachts keine Lichter anmachst, kommen keine Moskitos herein. Im Sommer versuche ich, nicht im Zimmer zu bleiben. Jetzt gibt es weniger Moskitos.“
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X
  
„Ich lasse Licht installieren“, sagte Sekretär Li mit Nachdruck. „Ich schließe die Verkabelung an. Ich gebe dir auch einen Tisch und Bücherregale, okay?“
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Im Februar 1973 stand das Neujahrsfest bevor.
  
„Das ist nicht gut. Ich will es nicht, nein... Nein...“
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Einen Tag zuvor sagte Genossin Zhou vom Mathematischen Institut: „Vor und nach den Feiertagen müssen wir uns besonders um die Kranken kümmern.“ Sie sagte: „Diesen Stil der alten Achten Route-Armee, diesen in der Armee früher ausgebildeten Stil, dürfen wir auf keinen Fall verlieren. Besonders um Genossen wie Chen Jingrun müssen wir uns kümmern, er ist sehr zäh. Er ist so krank, dass er nicht aufstehen kann, aber es gibt keine Zeit, in der er nicht aufstehen könnte. Unter allen Umständen kämpft er sich hoch und beharrt auf der Arbeit. Warum tut er das? Für wen? Für sich selbst? Wenn es für ihn selbst wäre, hätte er längst aufgehört. Nein, er arbeitet für das Volk, für die Partei. Wir müssen ihn besuchen und trösten. Wir müssen auch alle Kranken in der Einheit besuchen.“
  
Sekretär Li kehrte ins Büro zurück. Dort fand er Direktor Zhang, der nur eine Woche früher als er selbst angekommen war. Nach dem, was er hörte, hielt der Direktor das alles für unmöglich: „Unsinn! Wie könnte es kein Licht geben?” Sekretär Li beschrieb ihm die einsame Szenerie des kleinen Zimmers. Diese Menschen mit Dornen an ihren Körpern und Hörnern an ihren Köpfen hatten die Akademie der Wissenschaften so aufgewühlt! Sofort wurde ein Elektriker gerufen. Der Elektriker installierte unverzüglich ein Licht. Er installierte das Licht und schloss den Schalterdraht an. Ein Zug, und das Licht ging an.  
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Tatsächlich war Genossin Zhou selbst, die äußerlich robust aussah und laut sprach, auch eine Person, die trotz Krankheit ihren Dienst tat, an Herzkrankheit litt und Trost verdient hätte.
  
Chen Jingrun hatte sich über einen Tisch gebeugt und begann zu schreiben.  
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Am Morgen des Neujahrstages packten Genossin Zhou und mehrere Sekretäre, einschließlich Sekretär Li, eine Gruppe von Leuten, die am Vortag gekauften Äpfel und Birnen in Plastiknetzbeutel. Die verschiedenen Beutel wurden aufgeteilt und getragen, dann machten sie sich auf den Weg, um die Kranken zu besuchen. Sie gingen zuerst zu Chen Jingrun. Er wohnte am nächsten.
  
Endlich erreichte das Licht Chen Jingruns Zimmer.
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Chen Jingrun kam gerade die Treppe herunter. Alle grüßten ihn. Er war sehr überrascht, dass so viele führende Genossen gekommen waren. Genossin Zhou sagte: „Zum Neujahrsfest sind wir gekommen, um dich zu besuchen. Geht es dir gesundheitlich etwas besser?“ Sekretär Li sagte auch: „Frohes neues Jahr, wir gratulieren dir zum neuen Jahr.“ Chen Jingrun sagte: „Oh, heute ist Neujahr? Ich bin sehr erfreut, danke euch, danke euch. Frohes neues Jahr, euch allen.“ Sekretär Li sagte: „Sollen wir in dein Zimmer gehen und uns setzen?“ „Nein, das geht nicht“, sagte Chen Jingrun, „du hast mir nicht vorher Bescheid gesagt, ihr könnt nicht hineingehen.“ Genossin Zhou überlegte einen Moment und sagte: „Gut, dann gehen wir nicht hinein. Sekretär Li, bring ihm die Früchte nach oben. Wir gehen noch zu anderen Familien, du kannst uns später wieder einholen.“ Sekretär Li sagte: „Gut.“ Genossin Zhou gab Chen Jingrun die Hand, wünschte ihm baldige Genesung, dann drehte sie sich um und ging. Sekretär Li reichte Chen Jingrun den Obstbeutel und sagte: „Zum Neujahrsfest, das ist von der Organisation für dich. Ich hoffe, du wirst im neuen Jahr mehr Arbeit für die Partei leisten.“ „Ich will kein Obst, ich will kein Obst“, lehnte Chen Jingrun ab. „Mir geht es gut, ich bin nicht krank, es ist nichts... Diese kleine Krankheit, äh... äh, danke dir, ich bin sehr erfreut.“ Während er das sagte, nahm er das Obst an. Sekretär Li sagte: „Sollen wir in dein Zimmer gehen und plaudern?“ Er hob wieder die Hand ab: „Nein, komm nicht ins Zimmer, du hast mir nicht Bescheid gesagt.
  
VIII
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Sekretär Li sagte: „Gut, dann gehe ich nicht hinauf. Wenn du etwas hast, sag es mir jederzeit. Ich muss auch gehen und sie einholen, um andere Familien zu besuchen.“ Dann gaben sie sich die Hand zum Abschied. Er drehte sich um und ging. Kaum hatte er zwei Schritte gemacht, rief es von hinten: „Sekretär Li, Sekretär Li!“ Chen Jingrun kam wieder hinterher gerannt, gab Sekretär Li den Obstbeutel zurück und sagte: „Gib sie deinen Kindern zu Hause zum Essen. Ich kann nicht so viel essen. Ich esse kein Obst.“ Sekretär Li sagte: „Das ist von der Organisation für dich, nur um eine kleine Aufmerksamkeit zu zeigen. Damit du gut auf deinen Körper achtest und besser arbeiten kannst. Nimm es an. Wenn du es nicht essen kannst, iss es langsam.“
  
[Er schreibt Notizen]
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Er nahm es schweigend an. Mit Tränen in den Augen brachte er Sekretär Li zum Gebäudeeingang. Sekretär Li winkte zum Abschied und ging, um Genossin Zhou und die anderen einzuholen. Chen Jingrun schaute Sekretär Li nach, blickte den Gestalten hinterher, wie sie verschwommen hinter dem Nudelladen an der baumgesäumten Straße von Zhongguancun verschwanden. Plötzlich war er zutiefst bewegt. Er ging wieder nach oben, erzählte es jedem, den er sah, und auch wenn niemand da war, sprach er: „Noch nie hat mich die Institutsleitung als Kranken behandelt, das ist das erste Mal; noch nie hat jemand etwas mitgebracht, um mich in meiner Krankheit zu besuchen, das ist das erste Mal.“ Er hob den Plastikbeutel hoch, betrachtete ihn und sagte: „Das ist Obst. Ich habe Obst bekommen. Das ist das erste Mal.“
  
Aus Formel (22) und obiger Formel – wenn x sehr groß ist, haben wir
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Er eilte in sein kleines Zimmer und schloss sich sofort darin ein.
  
Nach Lemma 1 wird dieses erhalten.
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Er kam nicht wieder heraus. Bis das Neujahrsfest vorbei war. Am ersten Arbeitstag übergab Chen Jingrun Sekretär Li ein Stapel Manuskript und sagte:
  
Lemma 8. Sei x eine sehr große Konstante, dann haben wir
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„Das ist meine Abhandlung. Ich übergebe sie der Partei.“
  
[Die Bedingung in Lemma 8 besagt, dass „wenn x eine sehr große Konstante ist, dann ist Ω kleiner oder gleich 3.9404xCx geteilt durch (log x)². Bitte beachten Sie, dass diese Formel die Hauptschlüssel zu Chen Jingruns Beweis von (1 + 2) darstellt.]
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Sekretär Li sah ihn an und fragte leise: „Ist das die (1+2)?“
  
Der Beweis lautet:
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„Ja, Lehrer Min hat es bereits geprüft, es wird keine Fehler geben“, sagte Chen Jingrun.
Wenn x sehr groß ist, haben wir aus Lemma 5 bis Lemma 7:
 
  
Außerdem:
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Das Mathematische Forschungsinstitut organisierte sofort eine kleine akademische Berichtskonferenz. Mehr als zehn Experten hörten Chen Jingruns Bericht und gaben ihm einstimmig höchstes Lob.
  
Seite für Seite, Zeile für Zeile! Das sind die Blüten des menschlichen Denkens. Es sind die leeren Täler in tiefen Bergschluchten, die Herbstwälder, die Menschen im Eisgebirge, der Schnee auf den Gipfeln, die Geister, die das menschliche Denken einfangen. Diese mathematischen Formeln sind die Sprache einer Welt. Wer diese Sprache lernt, kann sie zu schätzen wissen. In ihnen verbergen sich die strengste Logik und die natürlichsten Beweise. Sie entstehen bei der Erforschung des Sonnensystems, der Galaxie, der Flüsse, Seen und Meere sowie des Universums, und auch in den wunderbaren Räumen von Atomen, Elektronen und Teilchen. Aber nur diejenigen, die sich mit solch tiefen mathematischen Bereichen befassen, können das wirklich verstehen – gewöhnliche Menschen können das nicht.
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Danach leitete die Fachabteilung des Mathematischen Forschungsinstituts seinen Beweis an die Akademieleitung weiter.
  
Betrachten wir auch diese wissenschaftlichen Bereiche – die Ufer der Seen in hohen Bergschluchten. Sie gleichen weißen Schwänen, die am Himmel tanzen, so schön und vielfältig. Du siehst das jadegrüne Grün und das schneeweiße Weiß, so weiß, als gäbe es keinen Staub. Auf den Gipfeln siehst du das leuchtende Rot, und es macht dich neidisch. Es gibt alle Arten fliegender Vögel: Schwalben, Phönixe, Kraniche, Schönheiten - Verwandlungen ohne Grenzen. In den tiefen mathematischen Bereichen, in denen die Seele verloren und zerstreut ist, weiß man nicht, was dort ist.
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XI
  
Der alte Mathematiklehrer Yin konnte all das auskosten. Obwohl er beschäftigt war, liebte er es, darüber zu reden. Er sagte oft: „Außer der Arbeit als Geologe sollte man am besten aufhören.“ Er hatte bereits Fermats Vermutung und Gödels Unvollständigkeitssatz aufgeschrieben. Sie waren fertig und erfolgreich.
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Aus Formel (28), Lemma 8 und Lemma 9 erhalten wir sofort mit Lemma 1 den Beweis.
  
„Ihre Abhandlung ist fertig“, fragte ein Militärvertreter Chen Jingrun. „Warum reichen Sie sie nicht ein?“
 
  
Chen Jingrun antwortete ihm: „Ich arbeite noch daran, ich bin noch nicht fertig.“Der Militärvertreter sagte: „Ich hoffe, Sie werden sie bald vollenden.“
 
  
Der Abteilungsleiter Lao Tian sagte zu Sekretär Li: „Man kann ihn ermutigen, sie einzureichen. Aber es eilt nicht. Wenn er sie nicht einreicht, hat er natürlich seine Gründe.“
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Mit einer ganz ähnlichen Methode kann der Beweis von Theorem 2 erbracht werden.
  
Sekretär Li fragte ihn, und Chen Jingrun sagte: „Manche Leute beschimpfen mich und sagen, ich reiche die Arbeit nicht ein, weil es jetzt kein Honorar mehr gibt, und dass ich sie einreichen würde, wenn das Honorar wieder eingeführt würde.“
 
  
IX
 
  
Ich bin wirklich noch nicht fertig. Meine Abhandlung ist fertig, und doch ist sie nicht fertig. Seit ich im Mathematischen Forschungsinstitut bin, forsche ich unter der Anleitung strenger Lehrer, renommierter Experten und der Organisation unablässig. Wie könnte ich da noch etwas anderes tun? Wie könnte ich sonst der Partei gegenüber würdig sein? Von den mehr als dreißig schwierigen Problemen in der Zahlentheorie der Weltmathematik habe ich sechs oder sieben gelöst und ihre Lösung vorangetrieben. Das war meine unerlässliche Übung und unerlässliche Vorbereitung. Erst danach konnte ich mich der Goldbach-Vermutung zuwenden. Dafür habe ich mein Herzblut vergossen.
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Eines Tages Mitte April hielt die Chinesische Akademie der Wissenschaften eine Versammlung aller Parteikader der Akademie im Arbeiterklub Sanlihe ab. Genosse Wu Heng hielt auf der Versammlung einen Bericht. Er erwähnte, dass ein mittlerer wissenschaftlicher Mitarbeiter des Mathematischen Forschungsinstituts eine bedeutende Leistung von Weltniveau erbracht hatte. Damals wurde kein Name genannt, und die Zuhörer wussten nicht, wer gemeint war. Sekretär Li saß im Publikum und stupste die Person neben ihm an. „Was ist denn?“, fragte jene Person. Er fragte: „Hast du das gehört?“ „Was denn?“, sagte die Person wieder. „Diese Arbeit hat Chen Jingrun gemacht!“ „Oh? Ist das so wichtig?“, sagte die Person. „Das ist ein weltberühmtes Problem. Wirklich nicht einfach!“
  
Im Jahre 1965 erreichte ich vorläufig (1+2). Aber meine Lösung war zu kompliziert, ich schrieb über zweihundert Seiten Manuskript. Die Anforderungen an eine mathematische Abhandlung sind: (1) Korrektheit, (2) Prägnanz.
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Am nächsten Tag kam ein Xinhua-Reporter zu Besuch. Er traf Chen Jingrun, sprach mit ihm und sah sich sein Zimmer an. Zurückgekehrt schrieb er sofort eine Reportage, die umgehend in einer internen Publikation veröffentlicht wurde. Darin wurden Chen Jingruns Lebenslauf, sein Geist harter Forschung, seine bedeutenden wissenschaftlichen Erfolge sowie die Tatsache beschrieben, dass er noch immer in einem rauchgeschwärzten kleinen Zimmer lebte. Die Lebensbedingungen sind sehr schlecht! Die Krankheit ist ernst!! Das Leben ist in Gefahr!!!
  
Es ist wie der Weg von der Stadt Peking zum Sommerpalast - es gibt viele Wege, man muss den genauesten und fehlerfreien sowie kürzesten und besten auswählen. Meine lange Abhandlung war nicht falsch, aber sie nahm Umwege, war über zweihundert Seiten lang und wurde noch nicht veröffentlicht. Das Ausland hat sie weder anerkannt noch verneint, weil sie nicht veröffentlicht wurde. Von jenem Jahr bis heute sind bereits sieben Jahre vergangen.
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Der große Wegweiser und Lehrer, Vorsitzender Mao, sah diese Reportage und gab sofort Anweisungen.
  
Dies ist ziemlich schwierig und auch schwer verständlich für andere. Was das Erlernen von Fremdsprachen betrifft: Ich lernte Englisch schon in der Mittelschule, Russisch an der Universität; im Institut habe ich mir dann Deutsch und Französisch selbst beigebracht. Ich kann es notdürftig lesen und auch etwas schreiben. Dann lernte ich noch Japanisch, Italienisch und Spanisch selbst, bis ich ausländische Materialien und Literatur notdürftig lesen konnte. So kann ich beim Lernen von ausländischen Erfahrungen und Errungenschaften die Originaltexte lesen, ohne warten zu müssen, bis jemand sie übersetzt. Das ist eine unerlässliche Voraussetzung. Ich muss möglichst alle ausländischen Materialien durchsehen und möglichst alle Früchte der Weisheit meiner Vorgänger aufnehmen. Erst dann kann ich auf dieser Grundlage ein Problem wie (1+2) lösen.
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In jener Nacht ging Genosse Wu Heng in Chen Jingruns kleines Zimmer.
  
Mein Ergebnis muss in einer solchen Abhandlung dargestellt werden - obwohl es eine fachliche Abhandlung ist, ist der Text relativ einfach; obwohl sie relativ streng ist, muss sie absolut präzise sein. An manchen Stellen gehört sie bereits zum Bereich der Philosophie. Deshalb habe ich immer wieder überlegt, immer wieder gerechnet, immer wieder überprüft, immer wieder überarbeitet, ohne Ende überarbeitet. Ich kann mich nicht erinnern, wie oft ich sie überarbeitet habe. Die wissenschaftliche Haltung sollte die strengste sein, muss die strengste sein.
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Er wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, wo der Direktor der Inneren Medizin des Hauptstadt-Krankenhauses und ein Vizeminister des Gesundheitsministeriums eine umfassende körperliche Untersuchung durchführten. Er litt an verschiedenen Krankheiten. Sie wollten, dass er sofort zur Behandlung ins Krankenhaus ginge, aber er weigerte sich. Daraufhin wurde ihm die Anweisung des Vorsitzenden Mao übermittelt.
  
Ich weiß, dass meine Krankheit längst schwer geworden ist. Ich bin unheilbar krank. Bakterien verschlingen meine Lungen und Eingeweide. Meine Herzkraft ist am Punkt des Versagens angelangt. Mein Körper kann es wirklich nicht mehr aushalten! Nur meine Gehirnzellen sind außergewöhnlich aktiv, deshalb kann ich mit meiner Arbeit nicht aufhören. Ich kann nicht aufhören...“
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Er blieb insgesamt anderthalb Jahre im Krankenhaus.
  
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Während seines Krankenhausaufenthalts arrangierten der verehrte Premierminister Zhou persönlich und Vizepremier Hua Guofeng einen Sitz für Chen Jingrun als Abgeordneter des Nationalen Volkskongresses. Auf dem Vierten Nationalen Volkskongress traf Chen Jingrun Premierminister Zhou und nahm mit dem Premierminister in einer Arbeitsgruppe an Sitzungen teil. Während des Volkskongresses, als er von der Krankheit des Premierministers erfuhr, brach er sofort in Tränen aus und konnte mehrere Nächte nicht schlafen. Nach dem Kongress kehrte er zur Behandlung ins Krankenhaus zurück.
  
Im Februar 1973 stand das Neujahrsfest bevor.
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Als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, stand in seinem ärztlichen Bericht:
  
Einen Tag zuvor sagte Genossin Zhou vom Mathematischen Institut: „Vor und nach den Feiertagen müssen wir uns besonders um die Kranken kümmern.“ Sie sagte: „Diesen Stil der alten Achten Route-Armee, diesen in der Armee früher ausgebildeten Stil, dürfen wir auf keinen Fall verlieren. Besonders um Genossen wie Chen Jingrun müssen wir uns kümmern, er ist sehr zäh. Er ist so krank, dass er nicht aufstehen kann, aber es gibt keine Zeit, in der er nicht aufstehen könnte. Unter allen Umständen kämpft er sich hoch und beharrt auf der Arbeit. Warum tut er das? Für wen? Für sich selbst? Wenn es für ihn selbst wäre, hätte er längst aufgehört. Nein, er arbeitet für das Volk, für die Partei. Wir müssen ihn besuchen und trösten. Wir müssen auch alle Kranken in der Einheit besuchen.
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„Nach der stationären Behandlung ist der allgemeine Zustand gut. Die geistige Verfassung hat sich verbessert; die Körpertemperatur ist normal. Er hat fünf Kilogramm zugenommen; Appetit und Schlaf haben sich verbessert. Bauchschmerzen und Blähungen sind verschwunden; in beiden Lungen keine aktiven Läsionen festgestellt. EKG normal; EEG normal. Leber- und Nierenfunktion normal; Blutsenkungsgeschwindigkeit und Blutbild normal."
  
Tatsächlich war Genossin Zhou selbst, die äußerlich robust aussah und laut sprach, auch eine Person, die trotz Krankheit ihren Dienst tat, an Herzkrankheit litt und Trost verdient hätte.
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Was seine Arbeit und Gesundheit betrifft, zeigte auch Hua Guofeng große Fürsorge und gab persönlich mehrere Anweisungen.
  
Am Morgen des Neujahrstages packten Genossin Zhou und mehrere Sekretäre, einschließlich Sekretär Li, eine Gruppe von Leuten, die am Vortag gekauften Äpfel und Birnen in Plastiknetzbeutel. Die verschiedenen Beutel wurden aufgeteilt und getragen, dann machten sie sich auf den Weg, um die Kranken zu besuchen. Sie gingen zuerst zu Chen Jingrun. Er wohnte am nächsten.
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Bereits bei der Veröffentlichung seiner Abhandlung erfuhren westliche Reporter schnell davon, die Nachricht verbreitete sich über die ganze Welt. Die internationale Reaktion war sehr stark. Das Werk „Siebmethoden“ des britischen Mathematikers Halberstam und des westdeutschen Mathematikers Richter befand sich gerade im Druck. Als sie Chen Jingruns Abhandlung sahen, forderten sie sofort, den Druck zu stoppen, und fügten diesem Buch ein Kapitel hinzu, das elfte Kapitel: „Chen-Theorem.Sie priesen es als „glänzenden Gipfel“ der Siebmethoden. In ausländischen mathematischen Publikationen finden sich unzählige Bezeichnungen wie „herausragende Leistung“, „brillantes Theorem“ usw. Ein britischer Mathematiker schrieb ihm sogar: „Du hast Berge versetzt!“
  
Chen Jingrun kam gerade die Treppe herunter. Alle grüßten ihn. Er war sehr überrascht, dass so viele führende Genossen gekommen waren. Genossin Zhou sagte: „Zum Neujahrsfest sind wir gekommen, um dich zu besuchen. Geht es dir gesundheitlich etwas besser?“ Sekretär Li sagte auch: „Frohes neues Jahr, wir gratulieren dir zum neuen Jahr.“ Chen Jingrun sagte: „Oh, heute ist Neujahr? Ich bin sehr erfreut, danke euch, danke euch. Frohes neues Jahr, euch allen.“ Sekretär Li sagte: „Sollen wir in dein Zimmer gehen und uns setzen?“ „Nein, das geht nicht“, sagte Chen Jingrun, „du hast mir nicht vorher Bescheid gesagt, ihr könnt nicht hineingehen.“ Genossin Zhou überlegte einen Moment und sagte: „Gut, dann gehen wir nicht hinein. Sekretär Li, bring ihm die Früchte nach oben. Wir gehen noch zu anderen Familien, du kannst uns später wieder einholen.“ Sekretär Li sagte: „Gut.“ Genossin Zhou gab Chen Jingrun die Hand, wünschte ihm baldige Genesung, dann drehte sie sich um und ging. Sekretär Li reichte Chen Jingrun den Obstbeutel und sagte: „Zum Neujahrsfest, das ist von der Organisation für dich. Ich hoffe, du wirst im neuen Jahr mehr Arbeit für die Partei leisten.“ „Ich will kein Obst, ich will kein Obst“, lehnte Chen Jingrun ab. „Mir geht es gut, ich bin nicht krank, es ist nichts... Diese kleine Krankheit, äh... äh, danke dir, ich bin sehr erfreut.“ Während er das sagte, nahm er das Obst an. Sekretär Li sagte: „Sollen wir in dein Zimmer gehen und plaudern?“ Er hob wieder die Hand ab: „Nein, komm nicht ins Zimmer, du hast mir nicht Bescheid gesagt.“
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Wahrlich ein Geist wie der alte Weise Yugong!
  
Sekretär Li sagte: „Gut, dann gehe ich nicht hinauf. Wenn du etwas hast, sag es mir jederzeit. Ich muss auch gehen und sie einholen, um andere Familien zu besuchen.“ Dann gaben sie sich die Hand zum Abschied. Er drehte sich um und ging. Kaum hatte er zwei Schritte gemacht, rief es von hinten: „Sekretär Li, Sekretär Li!“ Chen Jingrun kam wieder hinterher gerannt, gab Sekretär Li den Obstbeutel zurück und sagte: „Gib sie deinen Kindern zu Hause zum Essen. Ich kann nicht so viel essen. Ich esse kein Obst.“ Sekretär Li sagte: „Das ist von der Organisation für dich, nur um eine kleine Aufmerksamkeit zu zeigen. Damit du gut auf deinen Körper achtest und besser arbeiten kannst. Nimm es an. Wenn du es nicht essen kannst, iss es langsam.“
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Man fragt: Welchen Nutzen hat dieses Chen-Theorem? In welchen Bereichen ist es nützlich?
  
Er nahm es schweigend an. Mit Tränen in den Augen brachte er Sekretär Li zum Gebäudeeingang. Sekretär Li winkte zum Abschied und ging, um Genossin Zhou und die anderen einzuholen. Chen Jingrun schaute Sekretär Li nach, blickte den Gestalten hinterher, wie sie verschwommen hinter dem Nudelladen an der baumgesäumten Straße von Zhongguancun verschwanden. Plötzlich war er zutiefst bewegt. Er ging wieder nach oben, erzählte es jedem, den er sah, und auch wenn niemand da war, sprach er: „Noch nie hat mich die Institutsleitung als Kranken behandelt, das ist das erste Mal; noch nie hat jemand etwas mitgebracht, um mich in meiner Krankheit zu besuchen, das ist das erste Mal.“ Er hob den Plastikbeutel hoch, betrachtete ihn und sagte: „Das ist Obst. Ich habe Obst bekommen. Das ist das erste Mal.
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Wissenschaftliche Errungenschaften gibt es im Allgemeinen von zweierlei Art: Eine Art hat offensichtlichen wirtschaftlichen Wert, der präzise in Zehntausenden oder Hunderten von Millionen Yuan berechnet werden kann, genannt „Schatz mit Preis“; die andere Art hat verschiedene Wirkungen in der makroskopischen Welt, der mikroskopischen Welt, den Himmelskörpern, den Grundpartikeln, dem wirtschaftlichen Aufbau, der Verteidigungsforschung, den Naturwissenschaften, der dialektisch-materialistischen Philosophie usw., deren wirtschaftlicher Wert nicht abzuschätzen oder zu berechnen ist, für den es keine Zahlen zur Berechnung gibt, genannt „unbezahlbarer Schatz“, zum Beispiel dieses Chen-Theorem.
  
Er eilte in sein kleines Zimmer und schloss sich sofort darin ein.  
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Nun ist man nur noch einen Schritt von der Perle in der Krone entfernt.
  
Er kam nicht wieder heraus. Bis das Neujahrsfest vorbei war. Am ersten Arbeitstag übergab Chen Jingrun Sekretär Li ein Stapel Manuskript und sagte:
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Aber das ist der schwierigste Schritt. Schauen wir, in wessen Hände die Perle fallen wird!
  
„Das ist meine Abhandlung. Ich übergebe sie der Partei.“
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XII
  
Sekretär Li sah ihn an und fragte leise: „Ist das die (1+2)?“
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Chen Jingrun war einst eine legendäre Figur. Über ihn kursierten verschiedene Legenden, ohne eindeutige Bewertung. Wohlwollende Missverständnisse, unwissende Spötteleien, böswillige Verleumdungen und enthusiastische Unterstützung - all das kann diese Person verzerren, verformen, zertrümmern oder übertrieben aufblähen. Menschen zu verstehen ist nicht leicht; diesen Mathematiker zu verstehen ist noch schwerer.
  
„Ja, Lehrer Min hat es bereits geprüft, es wird keine Fehler geben“, sagte Chen Jingrun.
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Er war besonders sensibel, zu frühreif, extrem nervös und hochkonzentriert im Denken. Äußere und selbst zugefügte körperliche und geistige Qualen und Verfolgungen ließen ihn versuchen, aus der Welt zu fliehen. Er flüchtete sich ziemlich erfolgreich in die reine Mathematik, konnte sich aber dennoch nicht vollständig verbergen. Reine Mathematik ist schließlich die Widerspiegelung sehr realer Materialien.
  
Das Mathematische Forschungsinstitut organisierte sofort eine kleine akademische Berichtskonferenz. Mehr als zehn Experten hörten Chen Jingruns Bericht und gaben ihm einstimmig höchstes Lob.
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„Die reine Mathematik hat zum Gegenstand die Raumformen und Quantitätsverhältnisse der wirklichen Welt, also einen sehr realen Stoff. Daß dieser Stoff in einer höchst abstrakten Form erscheint, kann seinen Ursprung aus der Außenwelt nur oberflächlich verdecken."
  
Danach leitete die Fachabteilung des Mathematischen Forschungsinstituts seinen Beweis an die Akademieleitung weiter.
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— Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring), 1878, Erster Abschnitt, Kapitel III: Einteilung. Apriorismus.
  
XI
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Chen Jingrun erkannte durch den Weg der Mathematik die notwendigen Gesetze der objektiven Welt. In seiner ehrlichen mathematischen Forschung nahm er allmählich die dialektisch-materialistische Weltanschauung an. Ohne eine gewisse weltanschauliche Wandlung, ohne ein Kollektiv wie die Wissenschaftsakademie und die Fürsorge der Partei hätte er diesen glänzenden Beitrag zur Goldbachschen Vermutung nicht leisten können.
  
Aus Formel (28), Lemma 8 und Lemma 9 erhalten wir sofort mit Lemma 1 den Beweis.
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Der kalt aus der Welt Vertriebene wurde vom heißen Leben zurückgerufen. Die Angriffe und Verfolgungen der Bandenclique zeigten umso mehr die warme Güte der Partei. Die Angriffe schienen für ihn etwas Schlechtes zu sein; sie waren auch etwas Gutes - er wurde gestählt und wuchs. Der Kranke erholte sich, der Sonderling wurde normal, der aufrechte Mensch wurde politisch, der überflüssige Mensch brachte dem Land Ehre.
  
Mit einer ganz ähnlichen Methode kann der Beweis von Theorem 2 erbracht werden.
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Er machte bemerkenswerte Fortschritte und widerstand standhaft den Drohungen und Verlockungen der „Viererbande“. Sie drohten ihm mit allen Mitteln, Vize-Ministerpräsident Deng zu verleumden - er beugte sich nicht! Sie lockten ihn mit hohen Ämtern und reichen Belohnungen, um den Dämonen die Treue zu schwören - er rührte sich nicht!
  
Eines Tages Mitte April hielt die Chinesische Akademie der Wissenschaften eine Versammlung aller Parteikader der Akademie im Arbeiterklub Sanlihe ab. Genosse Wu Heng hielt auf der Versammlung einen Bericht. Er erwähnte, dass ein mittlerer wissenschaftlicher Mitarbeiter des Mathematischen Forschungsinstituts eine bedeutende Leistung von Weltniveau erbracht hatte. Damals wurde kein Name genannt, und die Zuhörer wussten nicht, wer gemeint war. Sekretär Li saß im Publikum und stupste die Person neben ihm an. „Was ist denn?“, fragte jene Person. Er fragte: „Hast du das gehört?“ „Was denn?“, sagte die Person wieder. „Diese Arbeit hat Chen Jingrun gemacht!“ „Oh? Ist das so wichtig?“, sagte die Person. „Das ist ein weltberühmtes Problem. Wirklich nicht einfach!“
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Wirklich nicht einfach! Die Logik des Mathematikers ist hart wie Stahl! In Zukunft kann man sich darauf verlassen, dass er nicht nachlassen wird in der weiteren Umformung seiner Weltanschauung. Als er geboren wurde, gab es keine Rosen, trotzdem erzielte er Erfolge. Aber jetzt? Sollte man nicht wachsam sein, wenn die schönen Rosenblüten lächeln?
  
Am nächsten Tag kam ein Xinhua-Reporter zu Besuch. Er traf Chen Jingrun, sprach mit ihm und sah sich sein Zimmer an. Zurückgekehrt schrieb er sofort eine Reportage, die umgehend in einer internen Publikation veröffentlicht wurde. Darin wurden Chen Jingruns Lebenslauf, sein Geist harter Forschung, seine bedeutenden wissenschaftlichen Erfolge sowie die Tatsache beschrieben, dass er noch immer in einem rauchgeschwärzten kleinen Zimmer lebte. Die Lebensbedingungen sind sehr schlecht! Die Krankheit ist ernst!! Das Leben ist in Gefahr!!!
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(Ursprünglich erschienen in „Volksliteratur“ 1978, Heft 1)
  
Der große Wegweiser und Lehrer, Vorsitzender Mao, sah diese Reportage und gab sofort Anweisungen.
 
  
In jener Nacht ging Genosse Wu Heng in Chen Jingruns kleines Zimmer.
 
  
Er wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, wo der Direktor der Inneren Medizin des Hauptstadt-Krankenhauses und ein Vizeminister des Gesundheitsministeriums eine umfassende körperliche Untersuchung durchführten. Er litt an verschiedenen Krankheiten. Sie wollten, dass er sofort zur Behandlung ins Krankenhaus ginge, aber er weigerte sich. Daraufhin wurde ihm die Anweisung des Vorsitzenden Mao übermittelt.
 
  
Er blieb insgesamt anderthalb Jahre im Krankenhaus.
 
  
Während seines Krankenhausaufenthalts arrangierten der verehrte Premierminister Zhou persönlich und Vizepremier Hua Guofeng einen Sitz für Chen Jingrun als Abgeordneter des Nationalen Volkskongresses. Auf dem Vierten Nationalen Volkskongress traf Chen Jingrun Premierminister Zhou und nahm mit dem Premierminister in einer Arbeitsgruppe an Sitzungen teil. Während des Volkskongresses, als er von der Krankheit des Premierministers erfuhr, brach er sofort in Tränen aus und konnte mehrere Nächte nicht schlafen. Nach dem Kongress kehrte er zur Behandlung ins Krankenhaus zurück.
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Der Kapitän
  
Als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, stand in seinem ärztlichen Bericht:
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Ke Yan
 
 
„Nach der stationären Behandlung ist der allgemeine Zustand gut. Die geistige Verfassung hat sich verbessert; die Körpertemperatur ist normal. Er hat fünf Kilogramm zugenommen; Appetit und Schlaf haben sich verbessert. Bauchschmerzen und Blähungen sind verschwunden; in beiden Lungen keine aktiven Läsionen festgestellt. EKG normal; EEG normal. Leber- und Nierenfunktion normal; Blutsenkungsgeschwindigkeit und Blutbild normal."
 
 
 
Was seine Arbeit und Gesundheit betrifft, zeigte auch Hua Guofeng große Fürsorge und gab persönlich mehrere Anweisungen.
 
  
Bereits bei der Veröffentlichung seiner Abhandlung erfuhren westliche Reporter schnell davon, die Nachricht verbreitete sich über die ganze Welt. Die internationale Reaktion war sehr stark. Das Werk „Siebmethoden“ des britischen Mathematikers Halberstam und des westdeutschen Mathematikers Richter befand sich gerade im Druck. Als sie Chen Jingruns Abhandlung sahen, forderten sie sofort, den Druck zu stoppen, und fügten diesem Buch ein Kapitel hinzu, das elfte Kapitel: „Chen-Theorem.“ Sie priesen es als „glänzenden Gipfel“ der Siebmethoden. In ausländischen mathematischen Publikationen finden sich unzählige Bezeichnungen wie „herausragende Leistung“, „brillantes Theorem“ usw. Ein britischer Mathematiker schrieb ihm sogar: „Du hast Berge versetzt!“
 
  
Wahrlich ein Geist wie der alte Weise Yugong!
 
  
Man fragt: Welchen Nutzen hat dieses Chen-Theorem? In welchen Bereichen ist es nützlich?
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„Master“ bedeutet wörtlich übersetzt Kapitän oder Herr. Aber wie soll man es für ihn, Bei Hanting, genauer übersetzen?
 
 
Wissenschaftliche Errungenschaften gibt es im Allgemeinen von zweierlei Art: Eine Art hat offensichtlichen wirtschaftlichen Wert, der präzise in Zehntausenden oder Hunderten von Millionen Yuan berechnet werden kann, genannt „Schatz mit Preis“; die andere Art hat verschiedene Wirkungen in der makroskopischen Welt, der mikroskopischen Welt, den Himmelskörpern, den Grundpartikeln, dem wirtschaftlichen Aufbau, der Verteidigungsforschung, den Naturwissenschaften, der dialektisch-materialistischen Philosophie usw., deren wirtschaftlicher Wert nicht abzuschätzen oder zu berechnen ist, für den es keine Zahlen zur Berechnung gibt, genannt „unbezahlbarer Schatz“, zum Beispiel dieses Chen-Theorem.
 
 
 
Nun ist man nur noch einen Schritt von der Perle in der Krone entfernt.
 
 
 
Aber das ist der schwierigste Schritt. Schauen wir, in wessen Hände die Perle fallen wird!
 
 
 
XII
 
 
 
Chen Jingrun war einst eine legendäre Figur. Über ihn kursierten verschiedene Legenden, ohne eindeutige Bewertung. Wohlwollende Missverständnisse, unwissende Spötteleien, böswillige Verleumdungen und enthusiastische Unterstützung - all das kann diese Person verzerren, verformen, zertrümmern oder übertrieben aufblähen. Menschen zu verstehen ist nicht leicht; diesen Mathematiker zu verstehen ist noch schwerer.
 
 
 
Er war besonders sensibel, zu frühreif, extrem nervös und hochkonzentriert im Denken. Äußere und selbst zugefügte körperliche und geistige Qualen und Verfolgungen ließen ihn versuchen, aus der Welt zu fliehen. Er flüchtete sich ziemlich erfolgreich in die reine Mathematik, konnte sich aber dennoch nicht vollständig verbergen. Reine Mathematik ist schließlich die Widerspiegelung sehr realer Materialien.
 
 
 
„Die reine Mathematik hat zum Gegenstand die Raumformen und Quantitätsverhältnisse der wirklichen Welt, also einen sehr realen Stoff. Daß dieser Stoff in einer höchst abstrakten Form erscheint, kann seinen Ursprung aus der Außenwelt nur oberflächlich verdecken."
 
 
 
  — Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring), 1878, Erster Abschnitt, Kapitel III: Einteilung. Apriorismus.
 
 
 
Chen Jingrun erkannte durch den Weg der Mathematik die notwendigen Gesetze der objektiven Welt. In seiner ehrlichen mathematischen Forschung nahm er allmählich die dialektisch-materialistische Weltanschauung an. Ohne eine gewisse weltanschauliche Wandlung, ohne ein Kollektiv wie die Wissenschaftsakademie und die Fürsorge der Partei hätte er diesen glänzenden Beitrag zur Goldbachschen Vermutung nicht leisten können.
 
 
 
Der kalt aus der Welt Vertriebene wurde vom heißen Leben zurückgerufen. Die Angriffe und Verfolgungen der Bandenclique zeigten umso mehr die warme Güte der Partei. Die Angriffe schienen für ihn etwas Schlechtes zu sein; sie waren auch etwas Gutes - er wurde gestählt und wuchs. Der Kranke erholte sich, der Sonderling wurde normal, der aufrechte Mensch wurde politisch, der überflüssige Mensch brachte dem Land Ehre.
 
 
 
Er machte bemerkenswerte Fortschritte und widerstand standhaft den Drohungen und Verlockungen der „Viererbande“. Sie drohten ihm mit allen Mitteln, Vize-Ministerpräsident Deng zu verleumden - er beugte sich nicht! Sie lockten ihn mit hohen Ämtern und reichen Belohnungen, um den Dämonen die Treue zu schwören - er rührte sich nicht!
 
 
 
Wirklich nicht einfach! Die Logik des Mathematikers ist hart wie Stahl! In Zukunft kann man sich darauf verlassen, dass er nicht nachlassen wird in der weiteren Umformung seiner Weltanschauung. Als er geboren wurde, gab es keine Rosen, trotzdem erzielte er Erfolge. Aber jetzt? Sollte man nicht wachsam sein, wenn die schönen Rosenblüten lächeln?
 
 
 
  (Ursprünglich erschienen in „Volksliteratur“ 1978, Heft 1)
 
 
 
Der Kapitän
 
 
 
Ke Yan
 
 
 
„Master“ bedeutet wörtlich übersetzt Kapitän oder Herr. Aber wie soll man es für ihn, Bei Hanting, genauer übersetzen?  
 
  
 
Ich stand auf dem Deck der Kommandobrücke der „Hanchuan“, stützte mich aufs Geländer und blickte in die Ferne, in tiefe Gedanken versunken. Der Seewind wehte mir entgegen, frisch und feucht. In der Ferne das geheimnisvolle und unergründliche Meer; in der Nähe flogen Möwen unter meinen Füßen...
 
Ich stand auf dem Deck der Kommandobrücke der „Hanchuan“, stützte mich aufs Geländer und blickte in die Ferne, in tiefe Gedanken versunken. Der Seewind wehte mir entgegen, frisch und feucht. In der Ferne das geheimnisvolle und unergründliche Meer; in der Nähe flogen Möwen unter meinen Füßen...
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Die wahre Geschichte eines Seemanns, eines Seefährers, eines Kapitäns, eines Masters...
 
Die wahre Geschichte eines Seemanns, eines Seefährers, eines Kapitäns, eines Masters...
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Der Hamburger Hafen einmal mit anderem Rhythmus
 
Der Hamburger Hafen einmal mit anderem Rhythmus
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Aber der Kapitän der Hanchuan, Bei Hanting, der im Zentrum all dieser Aufmerksamkeit stand, verbeugte sich nicht, zeigte noch nicht einmal sein Gesicht. Schweißtriefend versteckte er sich mit dem politischen Kommissar und dem Ersten Offizier in der Kabine und diskutierte, wie man die Reporter von Zeitungen und Fernsehstationen, die darauf drängten, an Bord zu kommen und Fotos zu machen, höflich abweisen könne.
 
Aber der Kapitän der Hanchuan, Bei Hanting, der im Zentrum all dieser Aufmerksamkeit stand, verbeugte sich nicht, zeigte noch nicht einmal sein Gesicht. Schweißtriefend versteckte er sich mit dem politischen Kommissar und dem Ersten Offizier in der Kabine und diskutierte, wie man die Reporter von Zeitungen und Fernsehstationen, die darauf drängten, an Bord zu kommen und Fotos zu machen, höflich abweisen könne.
  
„Rückblickend war es töricht, ihre kostenlose Werbung für uns abzulehnen“, lachte Bei Hanting, als er mir davon erzählte. „Aber zu jener Zeit war unser Denken einfach nicht frei! Natürlich schafften sie es schließlich, Fotos von der Radarstation aus zu machen, als wir den Hafen verließen, und veröffentlichten sie in der Zeitung mit den Worten: „Das ist im Hamburger Hafen seit über hundert Jahren nicht passiert ...“  
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„Rückblickend war es töricht, ihre kostenlose Werbung für uns abzulehnen“, lachte Bei Hanting, als er mir davon erzählte. „Aber zu jener Zeit war unser Denken einfach nicht frei! Natürlich schafften sie es schließlich, Fotos von der Radarstation aus zu machen, als wir den Hafen verließen, und veröffentlichten sie in der Zeitung mit den Worten: „Das ist im Hamburger Hafen seit über hundert Jahren nicht passiert ...“
  
 
Er winkte unwillig mit der Hand ab, als wollte er jene Worte des Lobes nicht wiederholen.
 
Er winkte unwillig mit der Hand ab, als wollte er jene Worte des Lobes nicht wiederholen.
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Das Kind aus Nanshi
 
Das Kind aus Nanshi
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Und jetzt, da er in verschiedenen Häfen fließend Englisch und Französisch verwenden konnte, um ausländischen Freunden die Gefühle der Chinesen auszudrücken, mit Deutschen über Goethe, Beethoven und Schumann, mit Russen über Tschechow, Tolstoi und Tschaikowski, mit Engländern über Byron und Shakespeare und mit Italienern über Paganini zu diskutieren, sah er, wie sich die Mimik jener Ausländer von Gleichgültigkeit über Ernst zu Bewunderung wandelten – wie glücklich und zufrieden wurde dieses Kind aus Nanshi. In solchen Momenten war er seinen Lehrern sehr dankbar. Wie sehr vermisste er jene Jahre des mühsamen Aufstiegs!
 
Und jetzt, da er in verschiedenen Häfen fließend Englisch und Französisch verwenden konnte, um ausländischen Freunden die Gefühle der Chinesen auszudrücken, mit Deutschen über Goethe, Beethoven und Schumann, mit Russen über Tschechow, Tolstoi und Tschaikowski, mit Engländern über Byron und Shakespeare und mit Italienern über Paganini zu diskutieren, sah er, wie sich die Mimik jener Ausländer von Gleichgültigkeit über Ernst zu Bewunderung wandelten – wie glücklich und zufrieden wurde dieses Kind aus Nanshi. In solchen Momenten war er seinen Lehrern sehr dankbar. Wie sehr vermisste er jene Jahre des mühsamen Aufstiegs!
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Der Matrose, der Blut erbrach
 
Der Matrose, der Blut erbrach
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Die Wellen waren rau und erbarmungslos. Bei Hanting kam zuerst das Essen, dann weißer Schaum, dann bittere Galle und schließlich Blut hoch. Doch im Angesicht mit seinen Kameraden arbeitete er weiter an den Pumpen – „pump-pump, pump-pump“ – und hielt sich am Leben, indem er aß und sich übergab, sich übergab und aß, und sein Leben dem Schiff anvertraute.
 
Die Wellen waren rau und erbarmungslos. Bei Hanting kam zuerst das Essen, dann weißer Schaum, dann bittere Galle und schließlich Blut hoch. Doch im Angesicht mit seinen Kameraden arbeitete er weiter an den Pumpen – „pump-pump, pump-pump“ – und hielt sich am Leben, indem er aß und sich übergab, sich übergab und aß, und sein Leben dem Schiff anvertraute.
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„Japaner, oder?“
 
„Japaner, oder?“
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Konfrontiert mit einem so harten Kapitän murmelte der Lotse ein paar Worte und verstummte. Das Schiff lief reibungslos in den Hafen ein. Als Bei Hanting das Zertifikat unterschrieb, fügte er keine Kommentare hinzu. Der einst arrogante Lotse verließ das Schiff dankbar. Was den Steuermann angeht, den der Kapitän verteidigt hatte, so ging dieser mit Tränen in den Augen und zusammengebissenen Zähnen weg. Von diesem Tag an studierte er Tag und Nacht Englisch.
 
Konfrontiert mit einem so harten Kapitän murmelte der Lotse ein paar Worte und verstummte. Das Schiff lief reibungslos in den Hafen ein. Als Bei Hanting das Zertifikat unterschrieb, fügte er keine Kommentare hinzu. Der einst arrogante Lotse verließ das Schiff dankbar. Was den Steuermann angeht, den der Kapitän verteidigt hatte, so ging dieser mit Tränen in den Augen und zusammengebissenen Zähnen weg. Von diesem Tag an studierte er Tag und Nacht Englisch.
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Blaue Träume
 
Blaue Träume
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Zorn verbrannte seine Tränen, doch sein blauer Traum blieb unverändert. Mit eiserner Willenskraft und unerschütterlicher Entschlossenheit schwor er, zum Meer zurückzukehren. Er würde zum Meer zurückkehren! Die Zähne zusammenbeißend schrieb er vier Zeichen – „fleißiger Stift, konzentrierter Gedanke“ – auf die Titelseite seines Navigationsnotizbuchs. Er richtete den Rücken auf, zündete die Mitternachtslampe an und begann, sich Nacht für Nacht durch Seeversicherung, internationales Seehandelsrecht, Seenotrettung und einen Stapel internationaler Schifffahrtsvorschriften und Hafenhandbücher aus der ganzen Welt zu kämpfen.
 
Zorn verbrannte seine Tränen, doch sein blauer Traum blieb unverändert. Mit eiserner Willenskraft und unerschütterlicher Entschlossenheit schwor er, zum Meer zurückzukehren. Er würde zum Meer zurückkehren! Die Zähne zusammenbeißend schrieb er vier Zeichen – „fleißiger Stift, konzentrierter Gedanke“ – auf die Titelseite seines Navigationsnotizbuchs. Er richtete den Rücken auf, zündete die Mitternachtslampe an und begann, sich Nacht für Nacht durch Seeversicherung, internationales Seehandelsrecht, Seenotrettung und einen Stapel internationaler Schifffahrtsvorschriften und Hafenhandbücher aus der ganzen Welt zu kämpfen.
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Freundschaft im Hafen von London
 
Freundschaft im Hafen von London
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Ich werde hier nicht beschreiben, wie viele Devisen jedes Schiff der Nation bei jeder Fahrt sparte – die Leser können das besser berechnen als ich: Zehntausende, sogar Hunderttausende. Was ich betonen möchte, ist dies: Wie zehn Jahre politischer Stürme bei Hanting den Sprung vom Kapitän zum Schiffsführer ermöglichten. Während dieser Jahre war er sich stets der enormen Stärke bewusst, die von einem ganzen Volk ausging, das ein Jahrzehnt des Kampfes durchgestanden hatte. Es war diese Stärke, die ihn immer weiter antrieb.
 
Ich werde hier nicht beschreiben, wie viele Devisen jedes Schiff der Nation bei jeder Fahrt sparte – die Leser können das besser berechnen als ich: Zehntausende, sogar Hunderttausende. Was ich betonen möchte, ist dies: Wie zehn Jahre politischer Stürme bei Hanting den Sprung vom Kapitän zum Schiffsführer ermöglichten. Während dieser Jahre war er sich stets der enormen Stärke bewusst, die von einem ganzen Volk ausging, das ein Jahrzehnt des Kampfes durchgestanden hatte. Es war diese Stärke, die ihn immer weiter antrieb.
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„Kapitän im Stil von Deng Xiaoping“
 
„Kapitän im Stil von Deng Xiaoping“
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„Er ist Meister seines Geschäfts.“ Man könnte sagen, dass sowohl Deng Xiaoping als einer der nationalen Führer als auch Bei Hanting als Kapitän in ihrer jeweiligen Arbeit geschickt und kompetent sind. Ihren eigenen Stürmen gegenüberstehend, sind sie gleichermaßen ruhig und kühn in der Führung. Zufällig besitzen sie beide auf ihren Reisen diesen unbeugsamen, hingebungsvollen Meistergeist. Kein Wunder, dass Bei Hanting den ehrenvollen Titel „Kapitän im Stil von Deng Xiaoping“ erhielt. Wer könnte leugnen, dass Herr Cook, der Hamburger Ladungskontrolleur, und die anderen sein Wesen erkannten?
 
„Er ist Meister seines Geschäfts.“ Man könnte sagen, dass sowohl Deng Xiaoping als einer der nationalen Führer als auch Bei Hanting als Kapitän in ihrer jeweiligen Arbeit geschickt und kompetent sind. Ihren eigenen Stürmen gegenüberstehend, sind sie gleichermaßen ruhig und kühn in der Führung. Zufällig besitzen sie beide auf ihren Reisen diesen unbeugsamen, hingebungsvollen Meistergeist. Kein Wunder, dass Bei Hanting den ehrenvollen Titel „Kapitän im Stil von Deng Xiaoping“ erhielt. Wer könnte leugnen, dass Herr Cook, der Hamburger Ladungskontrolleur, und die anderen sein Wesen erkannten?
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Seemannschaft
 
Seemannschaft
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Die ganze Nacht hindurch hielt er Wache und verhinderte jeden möglichen Unfall, bis das Havarieschiff schließlich sank. Er schlief zwei volle Tage und Nächte nicht.
 
Die ganze Nacht hindurch hielt er Wache und verhinderte jeden möglichen Unfall, bis das Havarieschiff schließlich sank. Er schlief zwei volle Tage und Nächte nicht.
  
Seemannschaft, Seemannschaft – Menschen haben ihre Haltung, Schiffe haben ihre Haltung, Nationen haben ihre Haltung! Mögen wir uns alle daran erinnern, immer und zu jedem Zeitpunkt.  
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Seemannschaft, Seemannschaft – Menschen haben ihre Haltung, Schiffe haben ihre Haltung, Nationen haben ihre Haltung! Mögen wir uns alle daran erinnern, immer und zu jedem Zeitpunkt.
  
 
„Nicht alle Ausländer können in unser Land kommen, um unsere Nation kennenzulernen“, sagte Bei Hanting oft zu seiner Besatzung. „Sie lernen China durch jeden von uns Seeleuten kennen. China ist eine alte Zivilisation von fünftausend Jahren, vor dreißig Jahren wurde die Volksrepublik gegründet und genießt hohes Ansehen. Wir müssen uns das fest merken und uns in jedem Moment daran erinnern.“
 
„Nicht alle Ausländer können in unser Land kommen, um unsere Nation kennenzulernen“, sagte Bei Hanting oft zu seiner Besatzung. „Sie lernen China durch jeden von uns Seeleuten kennen. China ist eine alte Zivilisation von fünftausend Jahren, vor dreißig Jahren wurde die Volksrepublik gegründet und genießt hohes Ansehen. Wir müssen uns das fest merken und uns in jedem Moment daran erinnern.“
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Seemannschaft, Seemannschaft – Menschen haben ihre Haltung, Schiffe haben ihre Haltung, Nationen haben ihre Haltung! Möge sich das jeder von uns immer merken, in jedem Moment.
 
Seemannschaft, Seemannschaft – Menschen haben ihre Haltung, Schiffe haben ihre Haltung, Nationen haben ihre Haltung! Möge sich das jeder von uns immer merken, in jedem Moment.
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Die Sorgen des Kapitäns
 
Die Sorgen des Kapitäns
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Für wen habe ich sie dann erzählt? Für dich, mein Vaterland! Ach, mein liebes Vaterland, das große Freude und Schmerz erfahren hat, das sich den Vier Modernisierungen zuwendet, aber unzähligen Schwierigkeiten gegenübersteht! Ich erzählte sie für dich – hast du gehört? Hast du gehört? Ach, mein Vaterland, das mich geboren und großgezogen hat…
 
Für wen habe ich sie dann erzählt? Für dich, mein Vaterland! Ach, mein liebes Vaterland, das große Freude und Schmerz erfahren hat, das sich den Vier Modernisierungen zuwendet, aber unzähligen Schwierigkeiten gegenübersteht! Ich erzählte sie für dich – hast du gehört? Hast du gehört? Ach, mein Vaterland, das mich geboren und großgezogen hat…
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(Ursprünglich erschienen in „Volksliteratur“, Ausgabe 11, 1979)
 
(Ursprünglich erschienen in „Volksliteratur“, Ausgabe 11, 1979)
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Leidenschaft
 
Leidenschaft
  
 
Li You
 
Li You
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Mensch mit langen Haaren
 
Mensch mit langen Haaren
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Hey! Wo kommst du wirklich her? Was hast du eigentlich vor?
 
Hey! Wo kommst du wirklich her? Was hast du eigentlich vor?
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Der Zug nach Süden
 
Der Zug nach Süden
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Die Frau dachte einen Moment nach und erkannte plötzlich, dass die andere Person ihr schon seit einiger Zeit Aufmerksamkeit geschenkt und sie sehr aufmerksam beobachtet hatte. Sie selbst hatte jedoch nichts über ihn erfahren und nur einseitige Fragen beantwortet. Das war ziemlich unfair. Sie platzte heraus: „Wohin fahren Sie?“
 
Die Frau dachte einen Moment nach und erkannte plötzlich, dass die andere Person ihr schon seit einiger Zeit Aufmerksamkeit geschenkt und sie sehr aufmerksam beobachtet hatte. Sie selbst hatte jedoch nichts über ihn erfahren und nur einseitige Fragen beantwortet. Das war ziemlich unfair. Sie platzte heraus: „Wohin fahren Sie?“
  
„Nantong, zurück in meine Heimatstadt für einen Besuch“, antwortete der junge Mann.  
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„Nantong, zurück in meine Heimatstadt für einen Besuch“, antwortete der junge Mann.
  
 
„Sind Sie ein College-Student?“
 
„Sind Sie ein College-Student?“
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Ach! Schönes Mädchen, bist du nicht zu romantisch? Kennst du ihn wirklich? Diese Geschichte einer Liebe auf den ersten Blick, verwoben aus der Peking-Pukou-Bahnlinie und dem gewundenen Jangtse – ist das nicht alles etwas zu überstürzt?
 
Ach! Schönes Mädchen, bist du nicht zu romantisch? Kennst du ihn wirklich? Diese Geschichte einer Liebe auf den ersten Blick, verwoben aus der Peking-Pukou-Bahnlinie und dem gewundenen Jangtse – ist das nicht alles etwas zu überstürzt?
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Die Göttin des Luo-Flusses
 
Die Göttin des Luo-Flusses
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O Vaterland, Vaterland, deine Kunst ist nicht Wasser, nicht Wein, nicht Milch, sondern magisches Gelée Royale!
 
O Vaterland, Vaterland, deine Kunst ist nicht Wasser, nicht Wein, nicht Milch, sondern magisches Gelée Royale!
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Tiger-Hügel
 
Tiger-Hügel
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Im selben Moment erstarrten der Bergwald und der alte Turm in todesähnlicher Stille...
 
Im selben Moment erstarrten der Bergwald und der alte Turm in todesähnlicher Stille...
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Auf der einsamen Insel
 
Auf der einsamen Insel
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„Bitte komm nicht mehr, mich zu besuchen. Ich verstehe, dass es für andere eine Belastung ist, sich mir zu nähern. Ich brauche Freundschaft, aber kein Mitleid. Was ich jetzt brauche, ist Einsamkeit, Einsamkeit, lass mich einsam sein!“
 
„Bitte komm nicht mehr, mich zu besuchen. Ich verstehe, dass es für andere eine Belastung ist, sich mir zu nähern. Ich brauche Freundschaft, aber kein Mitleid. Was ich jetzt brauche, ist Einsamkeit, Einsamkeit, lass mich einsam sein!“
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Der Neumond
 
Der Neumond
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Der Maler umarmte sie wie einen Schatz, den er nie wieder verlieren wollte. So viele Jahre lang hatte er ehrlich gelebt, ehrlich gehandelt, leidenschaftlich die Kunst behandelt. Aber nie hatte ihm jemand eine solche Einschätzung gegeben. Heute hatte das Mädchen sein Gewissen geprüft, seine einsame Brust mit Licht gefüllt. Er war zufrieden, getröstet, fühlte, dass das Leid vieler Jahre die größte Belohnung erhalten hatte...
 
Der Maler umarmte sie wie einen Schatz, den er nie wieder verlieren wollte. So viele Jahre lang hatte er ehrlich gelebt, ehrlich gehandelt, leidenschaftlich die Kunst behandelt. Aber nie hatte ihm jemand eine solche Einschätzung gegeben. Heute hatte das Mädchen sein Gewissen geprüft, seine einsame Brust mit Licht gefüllt. Er war zufrieden, getröstet, fühlte, dass das Leid vieler Jahre die größte Belohnung erhalten hatte...
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Doppelbrücke
 
Doppelbrücke
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Er erneuerte sich hartnäckig, freiwillig, aber auch gezwungen. Er vereinte Arbeitsumerziehung und künstlerisches Schaffen in sich, konnte nicht wie ein Ölmaler gemächlich Objekte nachzeichnen, musste sich an die neue Umgebung anpassen.
 
Er erneuerte sich hartnäckig, freiwillig, aber auch gezwungen. Er vereinte Arbeitsumerziehung und künstlerisches Schaffen in sich, konnte nicht wie ein Ölmaler gemächlich Objekte nachzeichnen, musste sich an die neue Umgebung anpassen.
  
Die Errungenschaften der chinesischen Malerei, Formen durch Linien zu schaffen, in der westlichen Ölmalerei anzuwenden, war zuvor noch eine verschwommene Bestrebung gewesen, nun wurde sie zu einer hellen Flamme, die ihn stark anzog.  
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Die Errungenschaften der chinesischen Malerei, Formen durch Linien zu schaffen, in der westlichen Ölmalerei anzuwenden, war zuvor noch eine verschwommene Bestrebung gewesen, nun wurde sie zu einer hellen Flamme, die ihn stark anzog.
  
 
Man könnte fragen, wer im Leben jemals die Existenz von „Linien“ gesehen hat? Doch er sah sie. Er beobachtete die Schichten der Lichtbestrahlung, analysierte die beleuchteten Flächen der Objekte und versuchte, den Moment zu erfassen, in dem Fläche auf Fläche trifft – jenen dramatischen Übergang, jene wunderbare Grenze. Auf der Netzhaut erschienen klare Linien, die durch die Verarbeitung im Gehirn, durch betonende Übertreibung und angemessene Verformung, Hand und Pinsel anleiteten, auf der Skizze entschiedene oder sanfte Linien zu ziehen – schlicht wie die chinesische Malerei, präzise wie die westliche Malerei, ähnlich einem Peking-Opern-Künstler, der auf einer leeren Bühne mit feinen Hand-, Augen- und Körperbewegungen den Menschen einen Raum zeigt, in dem Gefühl und Szene verschmelzen – knapp, aber nicht leer, im Leeren liegt das Volle, eine außergewöhnliche Bildsprache.
 
Man könnte fragen, wer im Leben jemals die Existenz von „Linien“ gesehen hat? Doch er sah sie. Er beobachtete die Schichten der Lichtbestrahlung, analysierte die beleuchteten Flächen der Objekte und versuchte, den Moment zu erfassen, in dem Fläche auf Fläche trifft – jenen dramatischen Übergang, jene wunderbare Grenze. Auf der Netzhaut erschienen klare Linien, die durch die Verarbeitung im Gehirn, durch betonende Übertreibung und angemessene Verformung, Hand und Pinsel anleiteten, auf der Skizze entschiedene oder sanfte Linien zu ziehen – schlicht wie die chinesische Malerei, präzise wie die westliche Malerei, ähnlich einem Peking-Opern-Künstler, der auf einer leeren Bühne mit feinen Hand-, Augen- und Körperbewegungen den Menschen einen Raum zeigt, in dem Gefühl und Szene verschmelzen – knapp, aber nicht leer, im Leeren liegt das Volle, eine außergewöhnliche Bildsprache.
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„Oh, ich bin viel dünner geworden als früher.“ Jiang Feng nahm die Skizze entgegen und sagte bewegt: „Lass mir diese Zeichnung, unsere Freundschaft ist es wert, erinnert zu werden...“ Diese Skizze wurde gerahmt und hing viele Jahre lang bei Jiang Feng zu Hause. Ein abgesetzter Parteisekretär, ein junger Mann, der gezwungen wurde, sein Studium zu unterbrechen – keiner von beiden hatte seine Persönlichkeit unter dem schweren Druck verformt. Eine Persönlichkeit, die Widrigkeiten überwunden hat, ist wie in Kupfer gegossen und Eisen geprägt – ob man sie anerkennt oder nicht, sie bleibt dieselbe...
 
„Oh, ich bin viel dünner geworden als früher.“ Jiang Feng nahm die Skizze entgegen und sagte bewegt: „Lass mir diese Zeichnung, unsere Freundschaft ist es wert, erinnert zu werden...“ Diese Skizze wurde gerahmt und hing viele Jahre lang bei Jiang Feng zu Hause. Ein abgesetzter Parteisekretär, ein junger Mann, der gezwungen wurde, sein Studium zu unterbrechen – keiner von beiden hatte seine Persönlichkeit unter dem schweren Druck verformt. Eine Persönlichkeit, die Widrigkeiten überwunden hat, ist wie in Kupfer gegossen und Eisen geprägt – ob man sie anerkennt oder nicht, sie bleibt dieselbe...
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Feiner Regen
 
Feiner Regen
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Es war eine Ausgabe der Zeitschrift „Kunst“ aus jenem Jahr. Lanying öffnete mit zitternden Händen die Seiten und fand einen Artikel. Dieser Artikel kritisierte ein Ölgemälde von Yuan Yunsheng, mit einem Foto des Gemäldes. Was war das denn? Auf eine winzige, armselige Größe geschrumpft, kaum zu erkennen. Das Mädchen fand schließlich den Titel dieses Ölgemäldes –
 
Es war eine Ausgabe der Zeitschrift „Kunst“ aus jenem Jahr. Lanying öffnete mit zitternden Händen die Seiten und fand einen Artikel. Dieser Artikel kritisierte ein Ölgemälde von Yuan Yunsheng, mit einem Foto des Gemäldes. Was war das denn? Auf eine winzige, armselige Größe geschrumpft, kaum zu erkennen. Das Mädchen fand schließlich den Titel dieses Ölgemäldes –
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Erinnerungen an die Wasserstadt
 
Erinnerungen an die Wasserstadt
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Leider ist von diesem Bild nicht einmal ein Rest zu finden. Das einzige Andenken, das es hinterließ, ist ein auf armselige Größe geschrumpftes kleines Foto, begleitet von einem pompösen Kritikartikel, gedruckt in einer Ecke der Zeitschrift „Kunst“. Der Maler sollte sich geehrt fühlen – dies war das erste Mal, dass sein Werk als Zinkplatte reproduziert, gedruckt und in der Welt verbreitet wurde – darunter auch das Exemplar, das vor Lanying lag.
 
Leider ist von diesem Bild nicht einmal ein Rest zu finden. Das einzige Andenken, das es hinterließ, ist ein auf armselige Größe geschrumpftes kleines Foto, begleitet von einem pompösen Kritikartikel, gedruckt in einer Ecke der Zeitschrift „Kunst“. Der Maler sollte sich geehrt fühlen – dies war das erste Mal, dass sein Werk als Zinkplatte reproduziert, gedruckt und in der Welt verbreitet wurde – darunter auch das Exemplar, das vor Lanying lag.
  
Am Bahnsteig
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Am Bahnsteig
  
 
Der zweite Tag, den Lanying in Hangzhou verbrachte, war ihre schmerzlichste Stunde.
 
Der zweite Tag, den Lanying in Hangzhou verbrachte, war ihre schmerzlichste Stunde.
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Lanying saß im Zug, der Bahnsteig von Changchun rückte wieder vor ihre Augen, und sie konnte sich nicht zurückhalten – sechs Jahre! Freiwillig hatte sie viel verloren: privilegierte Umstände, politische Zukunft und ihre schöne Jugend. In ihren hübschen Augenwinkeln waren Sorgenfalten erschienen, ihr Gesicht war ausgemergelt, ihre zarten Wangen wurden wachsgelb. Sie hatte einen enormen Preis gezahlt, nur um das gewöhnliche, einfache Leben normaler Menschen zu erhalten, plus den Titel „Angehörige eines entlassenen Rechten“. Die ununterbrochene Milchstraße lag vor ihr, Himmel und Erde hatten dieselbe strenge Sittenlehre.
 
Lanying saß im Zug, der Bahnsteig von Changchun rückte wieder vor ihre Augen, und sie konnte sich nicht zurückhalten – sechs Jahre! Freiwillig hatte sie viel verloren: privilegierte Umstände, politische Zukunft und ihre schöne Jugend. In ihren hübschen Augenwinkeln waren Sorgenfalten erschienen, ihr Gesicht war ausgemergelt, ihre zarten Wangen wurden wachsgelb. Sie hatte einen enormen Preis gezahlt, nur um das gewöhnliche, einfache Leben normaler Menschen zu erhalten, plus den Titel „Angehörige eines entlassenen Rechten“. Die ununterbrochene Milchstraße lag vor ihr, Himmel und Erde hatten dieselbe strenge Sittenlehre.
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Loblied auf die bescheidene Kammer
 
Loblied auf die bescheidene Kammer
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Sie dachte, wenn zwei Menschen sich die Hausarbeit teilten, wäre das Ergebnis nur, dass nichts erreicht würde. Morgen, selbst wenn der Rücken noch mehr schmerzte, musste sie die Zähne zusammenbeißen und aufstehen, die Last der Hausarbeit auf sich nehmen...
 
Sie dachte, wenn zwei Menschen sich die Hausarbeit teilten, wäre das Ergebnis nur, dass nichts erreicht würde. Morgen, selbst wenn der Rücken noch mehr schmerzte, musste sie die Zähne zusammenbeißen und aufstehen, die Last der Hausarbeit auf sich nehmen...
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Unter den Rädern
 
Unter den Rädern
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Das Frühlingswasser durchbricht das feste Eis, das Erdinnere spuckt Feuer – dieser Tag kam endlich!
 
Das Frühlingswasser durchbricht das feste Eis, das Erdinnere spuckt Feuer – dieser Tag kam endlich!
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Schultermalerei
 
Schultermalerei
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Wenige Tage später trug er diese gebogene Schulterstange und drang in den üppigen subtropischen Dschungel ein...
 
Wenige Tage später trug er diese gebogene Schulterstange und drang in den üppigen subtropischen Dschungel ein...
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Sonate
 
Sonate
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In Kunming wurde eine Ausstellung für Yuan Yunsheng veranstaltet. Seine Skizzen wurden dem Yunnan-Volksverlag zur Auswahl übergeben. Der Herausgeber Liu Shaoyun schrieb ein Vorwort, das mit einigen Versen aus dem Dai-Epos „Huluxin“ begann:
 
In Kunming wurde eine Ausstellung für Yuan Yunsheng veranstaltet. Seine Skizzen wurden dem Yunnan-Volksverlag zur Auswahl übergeben. Der Herausgeber Liu Shaoyun schrieb ein Vorwort, das mit einigen Versen aus dem Dai-Epos „Huluxin“ begann:
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Prinzessin!
 
Prinzessin!
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Um den Edelstein auf meinem Herzen zu tragen...
 
Um den Edelstein auf meinem Herzen zu tragen...
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Er lobte Yuan Yunsheng dafür, dass er Xishuangbanna, diesen „Edelstein“, auf seinem Herz trage.
 
Er lobte Yuan Yunsheng dafür, dass er Xishuangbanna, diesen „Edelstein“, auf seinem Herz trage.
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Diese Sache erzählte Lanying ihrem Mann nie. Hätte der Freund nicht später diese Szene geschildert, er hätte es nie erfahren.
 
Diese Sache erzählte Lanying ihrem Mann nie. Hätte der Freund nicht später diese Szene geschildert, er hätte es nie erfahren.
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Der Traum vom Wandgemälde
 
Der Traum vom Wandgemälde
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Vom ersten bis zum vierten Tag des neuen Jahres verbrachten sie die Zeit so, Lanying blieb mit dem Maler bis spät in die Nacht auf. In der Geschäftigkeit bemerkte der Maler nicht, dass Lanyings mageres Gesicht noch mehr verfiel, von den schweren Schatten der Krankheit umhüllt...
 
Vom ersten bis zum vierten Tag des neuen Jahres verbrachten sie die Zeit so, Lanying blieb mit dem Maler bis spät in die Nacht auf. In der Geschäftigkeit bemerkte der Maler nicht, dass Lanyings mageres Gesicht noch mehr verfiel, von den schweren Schatten der Krankheit umhüllt...
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Packpapier
 
Packpapier
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Der Druck der öffentlichen Meinung war dennoch zu groß. Als die Malarbeit noch nicht abgeschlossen war, verdeckten die Verantwortlichen des Flughafens und der Baufirma aus gutem Willen, um den Malern eine ruhige Malumgebung zu bieten, die Türen und Fenster der Halle. So wurden diese modern gestalteten großen Türen mit einer Schicht dickem, nach traditioneller chinesischer Methode hergestelltem Packpapier beklebt; das mit importierten Acrylfarben gemalte Wandgemälde verbarg sich im gelblichen Lichtkranz klassischer Färbung. Die Maler erhielten vorübergehend Ruhe, setzten ihre noch nicht vollendete Arbeit fort...
 
Der Druck der öffentlichen Meinung war dennoch zu groß. Als die Malarbeit noch nicht abgeschlossen war, verdeckten die Verantwortlichen des Flughafens und der Baufirma aus gutem Willen, um den Malern eine ruhige Malumgebung zu bieten, die Türen und Fenster der Halle. So wurden diese modern gestalteten großen Türen mit einer Schicht dickem, nach traditioneller chinesischer Methode hergestelltem Packpapier beklebt; das mit importierten Acrylfarben gemalte Wandgemälde verbarg sich im gelblichen Lichtkranz klassischer Färbung. Die Maler erhielten vorübergehend Ruhe, setzten ihre noch nicht vollendete Arbeit fort...
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Kein Ende
 
Kein Ende
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Der Autor (Ursprünglich in „Oktober“, Juni 1980)
 
Der Autor (Ursprünglich in „Oktober“, Juni 1980)
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Chinesische Mädchen
 
Chinesische Mädchen
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Lu Guang
 
Lu Guang
  
Loyalität heißt, der eigenen Erde treu zu sein;
 
  
Streben heißt, das eigene Ideal zu verfolgen.  
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Loyalität heißt, der eigenen Erde treu zu sein;
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Streben heißt, das eigene Ideal zu verfolgen.
  
 
– Aus dem Gedicht eines Freundes
 
– Aus dem Gedicht eines Freundes
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Dies ist ein mitreißendes Kampflied. Sein Hauptthema ist: Die Ehre des Vaterlandes steht über allem!
 
Dies ist ein mitreißendes Kampflied. Sein Hauptthema ist: Die Ehre des Vaterlandes steht über allem!
  
 
Man vergleicht Sport mit dem Schaufenster des Geistes einer Nation. Lasst uns also durch dieses kleine Fenster der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft schauen und den geistigen Charakter sehen, den unsere chinesische Nation haben sollte!
 
Man vergleicht Sport mit dem Schaufenster des Geistes einer Nation. Lasst uns also durch dieses kleine Fenster der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft schauen und den geistigen Charakter sehen, den unsere chinesische Nation haben sollte!
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Das Licht der Morgendämmerung von São Paulo
 
Das Licht der Morgendämmerung von São Paulo
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Die turbulenten Jahre, das harte Leben, die öde Bergwildnis hatten ihren einzigartigen Charakter geformt: still, introvertiert, aber auch stark und mutig. Als dieser Charakter mit der Ehre des Vaterlandes verschmolz, strahlte er sofort in glänzendem Licht. Der Tag brach an. Xiaolan und ihre Schwestern schliefen noch tief. Auf ihrem hübschen Gesicht zeigte sich ein Ausdruck unbeugsamer Entschlossenheit, als wolle sie den Menschen sagen: Wartet nur ab, ihr koreanischen Mädchen, heute Abend werden wir euch besiegen!
 
Die turbulenten Jahre, das harte Leben, die öde Bergwildnis hatten ihren einzigartigen Charakter geformt: still, introvertiert, aber auch stark und mutig. Als dieser Charakter mit der Ehre des Vaterlandes verschmolz, strahlte er sofort in glänzendem Licht. Der Tag brach an. Xiaolan und ihre Schwestern schliefen noch tief. Auf ihrem hübschen Gesicht zeigte sich ein Ausdruck unbeugsamer Entschlossenheit, als wolle sie den Menschen sagen: Wartet nur ab, ihr koreanischen Mädchen, heute Abend werden wir euch besiegen!
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Das wieder entfachte Feuer der Hoffnung
 
Das wieder entfachte Feuer der Hoffnung
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Am nächsten Abend führte das chinesische Frauenteam im Finale gegen das japanische Frauenteam mit 2:0 – ein weiterer Satzgewinn, und sie würden auf dem Weltmeisterthron sitzen. Aber sie waren zu sehr auf „Rache“ fixiert und hatten sich mental nicht ausreichend auf den Weltmeistertitel vorbereitet. Als der Titel schon in Reichweite war, spielten sie verkrampft und verloren drei Sätze hintereinander, verwandelten den Sieg in eine Niederlage. Wie bedauerlich das war! Vielleicht würden sie lebenslang mit diesem Bedauern leben! Allerdings weinte nach dieser Niederlage kein einziges Mädchen. Als sie nach Mitternacht ins Hotel zurückkehrten, brannte in Xiaolans und Xiaohuas Zimmer die Tischlampe wieder bis zum Morgengrauen. Jede saß auf ihrem eigenen Bett, sie sahen sich schweigend an und packten stillschweigend ihre Sachen. Sie dachten beide daran, dass nach der Rückkehr die Jugendmannschaft aufgelöst würde und es wahrscheinlich keine Gelegenheit mehr geben würde, diese „Rache“ an Japan zu nehmen. Aber sie mussten sich merken: Wer auch immer später in die Nationalmannschaft kam, der muss diese „Rache“ nehmen! Das Licht in Que Yongwus Zimmer brannte ebenfalls bis zum Morgengrauen. Obwohl sie diesen letzten Fehler unendlich bedauerte, war ihre Stimmung dennoch aufgeregt. Sie schaltete die Tischlampe aus und zog die Jalousie hoch. Durch das große Glasfenster sah sie nach draußen – dort leuchtete der Himmel in prächtigem Morgenrot. Das Feuer der Hoffnung, das in ihrem Herzen wieder entfacht worden war, brannte wie dieses prächtige Morgenrot glühend und intensiv...
 
Am nächsten Abend führte das chinesische Frauenteam im Finale gegen das japanische Frauenteam mit 2:0 – ein weiterer Satzgewinn, und sie würden auf dem Weltmeisterthron sitzen. Aber sie waren zu sehr auf „Rache“ fixiert und hatten sich mental nicht ausreichend auf den Weltmeistertitel vorbereitet. Als der Titel schon in Reichweite war, spielten sie verkrampft und verloren drei Sätze hintereinander, verwandelten den Sieg in eine Niederlage. Wie bedauerlich das war! Vielleicht würden sie lebenslang mit diesem Bedauern leben! Allerdings weinte nach dieser Niederlage kein einziges Mädchen. Als sie nach Mitternacht ins Hotel zurückkehrten, brannte in Xiaolans und Xiaohuas Zimmer die Tischlampe wieder bis zum Morgengrauen. Jede saß auf ihrem eigenen Bett, sie sahen sich schweigend an und packten stillschweigend ihre Sachen. Sie dachten beide daran, dass nach der Rückkehr die Jugendmannschaft aufgelöst würde und es wahrscheinlich keine Gelegenheit mehr geben würde, diese „Rache“ an Japan zu nehmen. Aber sie mussten sich merken: Wer auch immer später in die Nationalmannschaft kam, der muss diese „Rache“ nehmen! Das Licht in Que Yongwus Zimmer brannte ebenfalls bis zum Morgengrauen. Obwohl sie diesen letzten Fehler unendlich bedauerte, war ihre Stimmung dennoch aufgeregt. Sie schaltete die Tischlampe aus und zog die Jalousie hoch. Durch das große Glasfenster sah sie nach draußen – dort leuchtete der Himmel in prächtigem Morgenrot. Das Feuer der Hoffnung, das in ihrem Herzen wieder entfacht worden war, brannte wie dieses prächtige Morgenrot glühend und intensiv...
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Taschentücher winken zur Hymne
 
Taschentücher winken zur Hymne
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Als die Mädchen im Flugzeug über dem weiten Pazifik schwebten, unter dem endlosen blauen Himmel ihres Vaterlandes, sangen sie in ihren Herzen immer noch dieses tragische Lied. In diesem Gesang verdichtete sich ihr erhabener Geist, sich für die Ehre des Vaterlandes zu opfern, verdichtete sich ihr Mut und ihre Kraft, weiter zum Weltgipfel des Volleyballsports aufzusteigen.
 
Als die Mädchen im Flugzeug über dem weiten Pazifik schwebten, unter dem endlosen blauen Himmel ihres Vaterlandes, sangen sie in ihren Herzen immer noch dieses tragische Lied. In diesem Gesang verdichtete sich ihr erhabener Geist, sich für die Ehre des Vaterlandes zu opfern, verdichtete sich ihr Mut und ihre Kraft, weiter zum Weltgipfel des Volleyballsports aufzusteigen.
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Wundermittel
 
Wundermittel
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Tatsächlich war der Lebensrhythmus der chinesischen Volleyballmädchen angespannt. Am frühen Morgen, wenn die Sonne noch nicht im Osten aufgegangen war, schwebten sie wie eine schöne Morgenröte vom Wohnheim zum Trainingsraum. Am Abend, wenn die Sonne bereits im Westen versunken war, schwebten sie erst wie eine prächtige Abendröte vom Trainingsraum zurück zum Wohnheim. Sie waren oft so angespannt, dass sie keine Muße hatten, die Schönheit der Natur zu bewundern. Manchmal entdeckten sie plötzlich, dass die kahlen Bäume am Straßenrand grüne Schatten wie Schirme warfen, üppig bewachsen, und riefen wie Kolumbus, der eine neue Welt entdeckt hatte, erstaunt auf. Eines Abends seufzte Chen Zhaodi zum Reporter: „Andere verbringen ihre Jugend unter Blumen und Mond, während wir unsere Jugend in Schweiß, Erschöpfung, Müdigkeit und benommenem Kopf verbringen, in angespannten, intensiven Rhythmen.“ Der Reporter antwortete ihr: „Aber wie bedeutungsvoll ist euer Leben!“ Zhaodi nickte lächelnd: „Das stimmt auch. Wenn wir auf dem hohen Siegerpodest stehen, wenn die feierliche Nationalhymne an unseren Ohren erklingt, wenn die strahlende Nationalflagge über unseren Köpfen langsam aufsteigt, fühlen wir, dass alles, was wir geopfert haben, es wert war. Später, wenn wir alle grauhaarige alte Frauen geworden sind und an das heutige Leben zurückdenken, werden wir stolz sein, denn unser Leben war erfüllt, unsere Jugendjahre sind nicht umsonst verflossen, sie haben einst Licht und Wärme für unser Vaterland ausgestrahlt.“
 
Tatsächlich war der Lebensrhythmus der chinesischen Volleyballmädchen angespannt. Am frühen Morgen, wenn die Sonne noch nicht im Osten aufgegangen war, schwebten sie wie eine schöne Morgenröte vom Wohnheim zum Trainingsraum. Am Abend, wenn die Sonne bereits im Westen versunken war, schwebten sie erst wie eine prächtige Abendröte vom Trainingsraum zurück zum Wohnheim. Sie waren oft so angespannt, dass sie keine Muße hatten, die Schönheit der Natur zu bewundern. Manchmal entdeckten sie plötzlich, dass die kahlen Bäume am Straßenrand grüne Schatten wie Schirme warfen, üppig bewachsen, und riefen wie Kolumbus, der eine neue Welt entdeckt hatte, erstaunt auf. Eines Abends seufzte Chen Zhaodi zum Reporter: „Andere verbringen ihre Jugend unter Blumen und Mond, während wir unsere Jugend in Schweiß, Erschöpfung, Müdigkeit und benommenem Kopf verbringen, in angespannten, intensiven Rhythmen.“ Der Reporter antwortete ihr: „Aber wie bedeutungsvoll ist euer Leben!“ Zhaodi nickte lächelnd: „Das stimmt auch. Wenn wir auf dem hohen Siegerpodest stehen, wenn die feierliche Nationalhymne an unseren Ohren erklingt, wenn die strahlende Nationalflagge über unseren Köpfen langsam aufsteigt, fühlen wir, dass alles, was wir geopfert haben, es wert war. Später, wenn wir alle grauhaarige alte Frauen geworden sind und an das heutige Leben zurückdenken, werden wir stolz sein, denn unser Leben war erfüllt, unsere Jugendjahre sind nicht umsonst verflossen, sie haben einst Licht und Wärme für unser Vaterland ausgestrahlt.“
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Gefühllos und doch voller Gefühl
 
Gefühllos und doch voller Gefühl
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Yuan Weimin drückte fest Deng Ruozongs große, kräftige Hand: „Lass uns zusammenarbeiten!“ Von da an begannen sie wieder ihr gemeinsames Leben durch dick und dünn. In den Wintertagen wohnten sie stets in einem Zimmer. Nach einem Trainingstag waren die Mädchen völlig erschöpft.
 
Yuan Weimin drückte fest Deng Ruozongs große, kräftige Hand: „Lass uns zusammenarbeiten!“ Von da an begannen sie wieder ihr gemeinsames Leben durch dick und dünn. In den Wintertagen wohnten sie stets in einem Zimmer. Nach einem Trainingstag waren die Mädchen völlig erschöpft.
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Große Aufzeichnung
 
Große Aufzeichnung
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Selbst wenn man seine Vorstellungskraft anstrengt, kann man sich kaum vorstellen, dass dieser Deng Ruozong, der so gern sanfte, lyrische Lieder sang, derselbe penible Trainer Deng war, der auf dem Trainingsplatz als „Schläger“ fungierte. Man muss wissen, seine gewaltigen, kraftvollen Schmetterbälle hatten die Mädchen unzählige Male zu Tränen gebracht! In seiner „kalten Gnadenlosigkeit“ war er Yuan Weimin ebenbürtig. Sie waren beide „unbarmherzige Menschen“! Doch in ihrer „Unbarmherzigkeit“ lag so viel von den schönsten menschlichen Gefühlen!
 
Selbst wenn man seine Vorstellungskraft anstrengt, kann man sich kaum vorstellen, dass dieser Deng Ruozong, der so gern sanfte, lyrische Lieder sang, derselbe penible Trainer Deng war, der auf dem Trainingsplatz als „Schläger“ fungierte. Man muss wissen, seine gewaltigen, kraftvollen Schmetterbälle hatten die Mädchen unzählige Male zu Tränen gebracht! In seiner „kalten Gnadenlosigkeit“ war er Yuan Weimin ebenbürtig. Sie waren beide „unbarmherzige Menschen“! Doch in ihrer „Unbarmherzigkeit“ lag so viel von den schönsten menschlichen Gefühlen!
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Die Blumen von Hongkong
 
Die Blumen von Hongkong
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Das Zuhause ihres Vaters war komfortabel. Nach dem späten Abendessen und einem Plausch mit der Familie legte sie sich zur Ruhe. Die Anstrengung, Aufregung und Anspannung der letzten Tage hatten sich angesammelt, sie war erschöpft. Doch sie schlief nicht sofort ein, ihre Gedanken galoppierten davon. Sie dachte an ihre Karriere: Japan und Korea zu besiegen, aus Asien auszubrechen, war nur die Erfüllung eines langjährigen minimalen Wunsches, das Motto der chinesischen Frauenmannschaft lautete „Aus Asien ausbrechen, in die Welt hinausgehen“! Sie dachte an ihre Schwestern. Bestimmt konnten sie gerade genauso wenig schlafen wie sie selbst, oder? Ja, das wahre Ziel lag noch vor ihnen. Sie würden sich nicht an Applaus, Blumen und Festwein berauschen, sie würden weiter unermüdlich kämpfen, mutig aufsteigen, um für das Vaterland und das Volk die Krone des Weltvolleyballs zu erringen...
 
Das Zuhause ihres Vaters war komfortabel. Nach dem späten Abendessen und einem Plausch mit der Familie legte sie sich zur Ruhe. Die Anstrengung, Aufregung und Anspannung der letzten Tage hatten sich angesammelt, sie war erschöpft. Doch sie schlief nicht sofort ein, ihre Gedanken galoppierten davon. Sie dachte an ihre Karriere: Japan und Korea zu besiegen, aus Asien auszubrechen, war nur die Erfüllung eines langjährigen minimalen Wunsches, das Motto der chinesischen Frauenmannschaft lautete „Aus Asien ausbrechen, in die Welt hinausgehen“! Sie dachte an ihre Schwestern. Bestimmt konnten sie gerade genauso wenig schlafen wie sie selbst, oder? Ja, das wahre Ziel lag noch vor ihnen. Sie würden sich nicht an Applaus, Blumen und Festwein berauschen, sie würden weiter unermüdlich kämpfen, mutig aufsteigen, um für das Vaterland und das Volk die Krone des Weltvolleyballs zu erringen...
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Daimatsu Hirobumi
 
Daimatsu Hirobumi
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Was für eine erhellende Antwort!
 
Was für eine erhellende Antwort!
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Vorsicht vor Kentern
 
Vorsicht vor Kentern
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Am nächsten Tag, im Zug in Richtung Heimat, sinnierte sie: Wenn eine Mannschaft reifer wird, sollte sie sich vor Überheblichkeit hüten, um nicht zu kentern – sollte dann nicht auch ein Mensch, wenn er reifer wird, über diese Frage nachdenken?
 
Am nächsten Tag, im Zug in Richtung Heimat, sinnierte sie: Wenn eine Mannschaft reifer wird, sollte sie sich vor Überheblichkeit hüten, um nicht zu kentern – sollte dann nicht auch ein Mensch, wenn er reifer wird, über diese Frage nachdenken?
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Chinas „Eisenhammer“
 
Chinas „Eisenhammer“
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Lass dich tausendmal stählen, Chinas „Eisenhammer“! Wenn der Tag kommt, an dem das Vaterland und das Volk dich für den „entscheidenden Hammerschlag“ brauchen, mögest du schwer und laut zuschlagen und unsere nationale Würde erklingen lassen!
 
Lass dich tausendmal stählen, Chinas „Eisenhammer“! Wenn der Tag kommt, an dem das Vaterland und das Volk dich für den „entscheidenden Hammerschlag“ brauchen, mögest du schwer und laut zuschlagen und unsere nationale Würde erklingen lassen!
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Ihr gebührt der halbe Applaus
 
Ihr gebührt der halbe Applaus
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Man sollte ihr die Hälfte des Jubels und Beifalls zukommen lassen!
 
Man sollte ihr die Hälfte des Jubels und Beifalls zukommen lassen!
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Der junge Mann im Frauenreich
 
Der junge Mann im Frauenreich
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Aber sie sind zweifelsohne treue Bürger des „Frauenreichs“. Sie leben in diesem liebenswerten Kollektiv der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft und lassen ihre schönen Hoffnungen in den Idealen der Mädchen aufgehen...
 
Aber sie sind zweifelsohne treue Bürger des „Frauenreichs“. Sie leben in diesem liebenswerten Kollektiv der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft und lassen ihre schönen Hoffnungen in den Idealen der Mädchen aufgehen...
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Liebe, bitte komm etwas später
 
Liebe, bitte komm etwas später
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Natürlich gab es noch andere Bedingungen, aber dies war die wichtigste unter allen: Ihr „Freund“ musste sie in ihrer Karriere mit ganzem Herzen unterstützen!
 
Natürlich gab es noch andere Bedingungen, aber dies war die wichtigste unter allen: Ihr „Freund“ musste sie in ihrer Karriere mit ganzem Herzen unterstützen!
  
Nachdem Mannschaftskapitänin Cao Huiying sich körperlich erholt hatte, war sie bereits 24 oder 25 Jahre alt. In der Gesellschaft war das die beste Jugendzeit, aber unter Sportlern gehörte sie bereits zur „alten“ Generation. Was Ruhm und Stellung betraf, so war sie Kaderleiterin, Parteimitglied und sogar zur Volkskongressabgeordneten gewählt worden – man konnte sagen, dass sie alles bekommen hatte, was eine hervorragende Sportlerin bekommen konnte. Zudem rieten einige Ärzte ihr ab, weiter zu spielen, und sagten, es könnte zu einem Lungenperforation kommen, mit unvorstellbaren Folgen. Aufhören, solange es gut lief, bei der ersten Gelegenheit aussteigen – war das nicht genau das, worüber manche Leute gern sprachen? Aber Cao Huiying wählte einen anderen, härteren Weg. Sie sagte zu ihrem „Freund“: „Die sportliche Lebenszeit eines Menschen ist ohnehin nicht lang. Durch Krankenhausaufenthalt und Erholung habe ich viel kostbare Zeit vers
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Nachdem Mannschaftskapitänin Cao Huiying sich körperlich erholt hatte, war sie bereits 24 oder 25 Jahre alt. In der Gesellschaft war das die beste Jugendzeit, aber unter Sportlern gehörte sie bereits zur „alten“ Generation. Was Ruhm und Stellung betraf, so war sie Kaderleiterin, Parteimitglied und sogar zur Volkskongressabgeordneten gewählt worden – man konnte sagen, dass sie alles bekommen hatte, was eine hervorragende Sportlerin bekommen konnte. Zudem rieten einige Ärzte ihr ab, weiter zu spielen, und sagten, es könnte zu einem Lungenperforation kommen, mit unvorstellbaren Folgen. Aufhören, solange es gut lief, bei der ersten Gelegenheit aussteigen – war das nicht genau das, worüber manche Leute gern sprachen? Aber Cao Huiying wählte einen anderen, härteren Weg. Sie sagte zu ihrem „Freund“: „Die sportliche Lebenszeit eines Menschen ist ohnehin nicht lang. Durch Krankenhausaufenthalt und Erholung habe ich viel kostbare Zeit verschwendet. Ich möchte sie etwas verlängern, wenn auch nur um zwei oder drei Jahre, das wäre schon gut. Nach ein paar Jahren gibt es keine Chance mehr, für das Vaterland Ehre zu gewinnen. Etwas Mühe, etwas Schweiß, sogar ein gewisses Risiko – das ist es wert. Wenn ich so handle, werde ich es später nicht bereuen.“ Sie schaute ihren „Freund“ an und fragte: „Unterstützt du mich?“ Ihr „Freund“ hatte längst die tiefere Bedeutung ihrer Worte verstanden und lachte fröhlich: „Huiying, spiel nur! Wie viele Jahre du auch spielst, ich warte auf dich. Wenn du eines Tages nicht mehr spielst, heiraten wir.“
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Als Cao Huiying zur Mannschaft zurückkehrte, waren Zhou Xiaolan, Lang Ping, Chen Yaqiong und andere Nachwuchstalente bereits herangewachsen. Obwohl sie nicht mehr Stammspielerin war, war sie gern Ersatzspielerin. Sie dachte: „Bei entscheidenden Spielen, auch wenn ich nur für ein oder zwei Sätze einspringen kann, das wäre schon gut!“ Jetzt war sie 27 Jahre alt, die tatsächliche „große Schwester“ im Team. Obwohl sie Verletzungen hatte, war sie mutig und kämpferisch wie früher, immer noch mit dem Einsatz „Ball oder Leben“.
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Der „Freund“ der Zuspielerin Sun Jinfang hatte ursprünglich nur durchschnittliches Interesse am Sport, aber seit er Xiao Sun kennengelernt hatte, schien er angesteckt zu sein und wurde auch volleyballverrückt. Einmal zeigte Xiao Sun ihren Teamkollegen den Brief ihres „Freundes“ und sagte lachend: „Seht mal, wie interessant er ist! Normalerweise schaut er kein Fernsehen, aber als ‘Sterne am Netz’ mit uns lief, hat er es gesehen, von Anfang bis Ende.“ In Wahrheit war das nicht alles! Er hatte auch die „Sportzeitung“ abonniert, durchblätterte verschiedene Sportzeitschriften, und wenn er Nachrichten oder Materialien über Volleyball fand, schnitt er alles aus und klebte es in ein Heft. Er sagte zu Xiao Sun: „Du machst Sport, du solltest Material sammeln. Da du im Moment keine Zeit hast, sammle ich es für dich.“
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Das Team bestieg das Flugzeug für eine Auslandsreise. Ein Mädchen, das gerade einen „Freund“ gefunden hatte, schaute aus dem Bullauge auf die kleiner werdenden Menschen, die zum Abschied gekommen waren, blickte auf die schöne Hauptstadt, die sich allmählich entfernte, und versank in Gedanken:
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„Früher war ich allein, wohin ich auch ging, war es egal. Jetzt ist es anders, da ist jemand, der mein Herz bewegt. Um eine Karriere zu machen, muss man zwangsläufig einiges aufgeben, Opfer bringen. Sich seltener zu sehen oder vorübergehend nicht zu sehen, kann man wohl als kleines Opfer betrachten!... Menschen brauchen etwas Geist. Besonders ein junger Mensch muss für die Verwirklichung seiner Ambitionen und Ideale kämpfen. Wenn man den ganzen Tag in zärtlichen Gefühlen versinkt, verliert man seine Ideale, wird geistig leer und begräbt vielleicht sogar sein ganzes Leben. Man sollte die Liebe als Antrieb nutzen, um sich besser zu motivieren, besser zu arbeiten – das ist die Haltung, die ein Jugendlicher der 1980er Jahre haben sollte.... Freund, lebe wohl! Die erfolgreiche Erfüllung der Aufgabe wird unserem späteren Wiedersehen noch strahlendere Farben verleihen! Lasst uns im weiten Himmel gemeinsam fliegen!“
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Das tiefe Meer
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Im heißen Sommer machten die Mädchen der Frauenvolleyballmannschaft zehn Tage oder zwei Wochen Pause und Erholung am Strand von Qinhuangdao. Im Vergleich zur Trainingshalle und Sporthalle war das weite Meer eine wunderbare Welt. Früher flogen ständig weiße große Bälle auf sie zu; jetzt zeigten sich vor ihren Augen unzählige weiße Wellen auf dem Meer; früher traten ihre Füße auf harten, glatten Hallenboden; jetzt erstreckte sich unter ihren Füßen weithin feuchter, weicher Sandstrand; früher hörten sie das „Peng-Peng“ der Ballschläge; jetzt hallte in ihren Ohren das Rauschen der Meereswellen. Die Mädchen liebten das Meer! Sie liebten den Anblick von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, die tobenden Wellen, die Weite und Großzügigkeit...
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Das Meer wogt durch die Erdrotation, durch Ebbe und Flut und den Wind; aber durch welche Kraft werden die Wellen im Inneren der Mädchen bewegt? Hier sollten wir einige Briefe von Zuschauern lesen. Ein gelähmter Jugendlicher aus dem Miao-Gebirge schrieb: „Heute ist mein 26. Geburtstag. In früheren Jahren verbrachte ich meinen Geburtstag in äußerstem Schmerz und Trauer. Ich bin ein junger Mann mit rheumatischer Lähmung, der bereits zwölf Jahre im Bett verbracht hat. Aber heute, als ich von eurem Sieg hörte, habe ich geweint – Tränen des Glücks und der Rührung...“ Ein Universitätsstudent aus Peking schrieb: „Jetzt verstehen wir erst wirklich, dass Sport die patriotischen Gefühle der Menschen wecken kann. Wenn die Fünf-Sterne-Flagge steigt, wenn die Nationalhymne erklingt, wer als Chinese könnte nicht stolz darauf sein, man möchte dem weiten Himmel und der weiten Erde zurufen: ‘Ich bin ein stolzer Chinese!’ Und all diese bewegenden Leistungen verdanken wir eurem Schweiß im Training, eurer Willenskraft und eurem kämpferischen Geist im Wettkampf – ihr seid die würdigsten liebenswertesten Menschen der Gegenwart.“
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Ein Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz aus Hebei lobte nachdrücklich den „unbeugsamen“ Geist der Volleyballmannschaft. In seinem Brief sagte er, wenn alle Landsleute diesen unbeugsamen Geist hätten, könnte die „Vier Modernisierungen“ früher verwirklicht werden. Dieser ältere Herr schlug der Zentralregierung vor, den „unbeugsamen“ Geist zur „Nationalseele“ zu erklären.
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Ein junger Lehrer schrieb: „Das Schicksal der Nation liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen. Durch euren Sieg habt ihr Ehre für Nation und Volk gewonnen, die patriotischen Gefühle des ganzen Volkes geweckt, besonders der Jugendlichen und Studenten, und auch in mir das Vertrauen in die Zukunft des Landes geweckt, sodass in den Tiefen meiner Seele stehendes Wasser wieder Wellen der Hoffnung schlägt. Früher sah ich keinen Ausweg, ich schwankte nur. Jetzt sehe ich: Für die Nation, für das Erwachen Chinas dürfen wir, diese Generation, nicht schwanken, wir müssen kämpfen, kämpfen!“
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Diese Briefe wurden nach dem Sieg unserer männlichen und weiblichen Volleyballmannschaften bei der Weltcup-Qualifikation in Hongkong empfangen. Nicht nur Dutzende oder Hunderte, sondern Tausende und Abertausende flogen wie Schneeflocken von den 9,6 Millionen Quadratkilometern des Vaterlandes zu ihnen. Die Zuschauer sprachen neben Glückwünschen nicht über Volleyball, sondern über „geistige Nahrung“, „Nationalseele“, „Ideale“, „Vertrauen“, „Hoffnung“... Die Jugendlichen der Hauptstadt luden sie ein und äußerten ihnen gegenüber ausgiebig die durch Volleyball geweckten patriotischen Gefühle. Sie werden nie vergessen, wie die Studenten der Peking-Universität, als sie dort ankamen, den lauten Ruf „Vereint euch, belebt China!“ skandierten und sie in die Menschenmenge trugen. Vom Westtor zur Halle waren es nur ein- bis zweihundert Meter, aber die Studenten trugen sie und drängten sich mehr als eine Stunde lang vorwärts. Unterwegs verloren die Studenten mindestens hundert Schuhe.
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Unzählige Zuschauerbriefe, die patriotischen Gefühle der breiten Jugend – wie Zehntausende rollende patriotische Ströme, die zu einem tosenden, wogenden Meer verschmelzen. Jedes herzliche Wort der Zuschauer, jedes leuchtend rote Halstuch, das von den Jungen Pionieren geschickt wurde, jede Münze von Kindergartenkindern, die eindringlichen Ermahnungen der Landsleute aus Hongkong und Macau... All dies schlägt Wellen im Inneren der Mädchen. Die Mädchen hören klar, wie jede Welle laut ruft: „Für das Vaterland Ehre gewinnen, China beleben!“
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Wenn die Leser diesen bescheidenen Text lesen, sollte der aufsehenerregende Weltcup-Volleyballwettbewerb bereits beendet sein. Als der Autor schrieb, konnte er das Ergebnis dieses Weltwettbewerbs noch nicht vorhersagen. Vor dem Wettkampf waren sich die Mädchen der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft und ihre Trainer sehr bewusst, dass der Weg zur Weltmeisterschaft für die chinesischen Mädchen nicht eben war – auf dem Spielfeld würden gewaltige Kämpfe stattfinden. Natürlich war die Aufstellung der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft im Vergleich zu vor vier Jahren vollständiger und stärker geworden, Technik und Taktik hatten sich deutlich verbessert, sie konnten als Weltklasseteam gelten. In den Worten der Sportlerinnen selbst: Nur noch eine Stufe fehlt bis zum Gipfel. In Xu Yinshengs Worten: Die chinesische Frauen-Volleyballmannschaft trennt nur noch ein Blatt Papier vom Weltmeistertitel. Diese letzte Stufe zu erklimmen, dieses Blatt Papier zu durchstoßen, ist nicht leicht. Egal, welche Schwierigkeiten auf dem Weg liegen, unsere Mädchen sind entschlossen, mit aller Kraft zu klettern. Vor vier Jahren kamen die Mädchen singend „Keine Tränen, keine Trauer“ aus Japan zurück. Welches Lied werden sie diesmal beim Zurückkommen singen? In der heutigen Volleyballwelt gibt es viele starke Gegner, die Situation auf dem Spielfeld ist schwer vorherzusagen, es können zufällige Faktoren auftreten. Aber egal wie Sieg oder Niederlage ausfallen, die 30-jährigen Bemühungen, „in die Welt hinauszugehen“, der von Generation zu Generation weitergegebene Kampfgeist für die Ehre des Vaterlandes – all das ist lobenswert und preisenswert. Erfreulich ist auch, dass hinter ihnen eine noch jüngere Gruppe von Talenten herangewachsen ist und schnell reift. Sie werden unablässig weiterkämpfen, weiter streben...
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Ist ihr Ziel die Weltmeisterschaft? Ja, aber nicht nur das. Was sie von Generation zu Generation mühsam anstreben, ist die große Zukunft unseres Mutterlandes!
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Nachwort
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Die Feuerwerkskörper zum Frühlingsfest knallten noch in der Luft, als ich eilig nach Süden aufbrach, in die kleine Stadt Yuzhou in Hunan, um der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft zu folgen.
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Vor der Abreise hörte ich, dass Yuan Weimins Frau und Kind erkrankt waren, und besuchte sie deshalb. Yuan Weimins Frau Zheng Huying ermahnte mich tausendmal, ihrem Mann nichts von der Krankheit von Mutter und Kind zu erzählen. Sie sagte: „Er ist so beschäftigt, lass ihn sich dadurch nicht ablenken.“ Deng Ruozhengs Frau Cai Xiqin gab mir eine kleine Tüte Erdnüsse mit, die ich ihrem Mann bringen sollte. Sie sagte liebevoll: „Er isst das gern, bring ihm ein bisschen als Zeichen der Zuneigung!“ Ihr einziges Kind war über zehn Jahre alt, aber behindert und ging bis heute nicht zur Schule. Wenn der Vater nicht da war, machte es große Schwierigkeiten. Xiao Cai konnte es kaum kontrollieren, sie war sehr besorgt. Vor ein paar Tagen, als sie Deng Ruozeng schrieb, waren ihr unwillkürlich ein paar Sätze herausgerutscht. Sie sagte: „Ich bereue wirklich, dass ich ihm davon erzählt habe. Du musst ihm unbedingt sagen, dass es dem Kind jetzt gut geht, es gibt keine Probleme, er soll sich keine Sorgen machen.“
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Der Zug fuhr nachts nach Süden. Meine Gedanken wurden von den schlichten und doch gefühlvollen Worten dieser beiden „Volleyball-Ehefrauen“ tief bewegt. Die Ehemänner kämpften für die Volleyballsache quer durchs Land, konnten sich nicht um die Familie kümmern, die Ehefrauen hatten nicht nur keine Klagen, keine Vorwürfe, sondern trugen still die schweren Haushaltslasten, ertrugen die verschiedenen Sorgen des Lebens und unterstützten und ermutigten ihre Männer bei ihrer Arbeit mit ganzer Kraft... Menschen sagen oft, dass in einer chinesischen Familie, wenn ein Mitglied beruflich etwas erreichen will, meist ein anderes „das Kissen sein“ und Opfer bringen muss. Diese beiden „Volleyball-Ehefrauen“ (Volleyballspielerinnen der 1960-er Jahre) bringen genau solche Opfer, um den Kampf ihrer Ehemänner in der Karriere zu unterstützen, nicht wahr?
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Von ihnen ausgehend dachte ich an die Tausende und Abertausende chinesischer Mädchen und ihre Trainer und Teamleiter, die für die Aufholjagd der Frauen-Volleyballmannschaft um Weltniveau zu erreichen geschwitzt und sich angestrengt hatten. In den 1960-er Jahren, als ich Sportreporter war, habe ich an vielen Orten das Wintertraining der Volleyballmädchen mit eigenen Augen gesehen. Hunderte Mädchen, Schweiß vermischt mit Schlamm, wälzten sich auf dem chinesischen Boden, um Bälle zu retten – diese heroischen Szenen sind mir noch lebhaft in Erinnerung. Obwohl sie selbst keine Chance hatten, den Weltgipfel des Volleyballs zu erklimmen, sind sie zweifellos alle leuchtende Pflastersteine auf dem Weg der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft in die Welt.
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Aber noch nie hatte ich eine Gelegenheit wie diese, Tag und Nacht mit den Mädchen der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft zusammen zu sein. Yuzhou empfing mich, den Besucher aus dem Norden, mit seinem charakteristischen endlosen Regen. Dort blieb ich über zwanzig Tage, sah aber nur einen halben sonnigen Tag. Der lautlose feine Nieselregen schien niemals abzureißen oder aufzuhören. Ehrlich gesagt, ihr Trainingsleben war bei weitem nicht so attraktiv wie die Wettkampfszenen. Aber im Training konnte man viele bewegende Szenen sehen, die man im Wettkampf nicht sieht. Das Leben war so monoton, das Training so hart, aber die Mädchen der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft ertrugen es bereitwillig und still...
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Spät in der Nacht lag ich im Bett, hörte das Prasseln des Regens vor dem Fenster und dachte mühsam nach. Die chinesische Frauen-Volleyballmannschaft besteht seit fast dreißig Jahren, ihre Mitglieder haben unzählige Male gewechselt, aber ein hoher Geist leuchtet in jeder Generation von Sportlerinnen. Was für ein Geist ist das eigentlich? Ah, das ist eine große Liebe, eine tiefe Liebe zu unserem Vaterland und Volk. Genau diese tiefe, große Liebe macht die alten und neuen Sportlerinnen der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft so selbstlos, so hingebungsvoll!
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Eben dieselbe tiefe Liebe motivierte mich, entfachte das Feuer der Schreibleidenschaft in meinem Herzen. Diesen Sommer war Peking außergewöhnlich heiß, aber meine innere Leidenschaft war noch heißer als das Wetter. Nach einem Tag voller geschäftiger Arbeit schrieb ich schweißgebadet am Schreibtisch. In über einem Monat Freizeit schrieb ich hastig diese rohen Zeilen nieder.
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Ich erinnere mich, dass der berühmte französische Schriftsteller Balzac einmal sagte: „Der Romanautor war stets der Sekretär seiner Zeitgenossen.“ Nun, als Autor von Reportageliteratur sollte man erst recht ein treuer Sekretär seiner Zeitgenossen sein. Nach Abschluss dieses Textes bedauere ich zutiefst: Von den Hunderten chinesischen Volleyballmädchen, über die man schreiben sollte, habe ich nur ein oder zwei Dutzend getroffen. Die große Mehrheit von ihnen habe ich bis heute nicht kennengelernt. So blieben unvermeidlich zahlreiche bewegende Geschichten unerwähnt. Wenn die Geschichten von noch mehr Mädchen einbezogen worden wären, wäre dieses Gemälde sicherlich viel großartiger, viel bewegender geworden.
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(Ursprünglich veröffentlicht in „Dangdai“, 5. Ausgabe 1981)
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Anekdoten aus Sanmen Li
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Qiao Mai
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Im Frühjahr des Jahres 1980, in einer Ecke der 9,6 Millionen Quadratkilometer unseres Landes, ereignete sich etwas sehr Kleines und zugleich sehr Großes, völlig Gewöhnliches und doch Außergewöhnliches, das auf den ersten Blick überraschend erschien, bei genauerer Betrachtung aber durchaus zu erwarten war.
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Gute Neuigkeiten bleiben im Haus, schlechte eilen tausend Meilen. Die Nachricht bekam Flügel und verbreitete sich mit dem schneidenden Frühlingswind rasch in alle Richtungen, löste bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Reaktionen aus: zorniges Aufspringen und Tadel, schadenfroher Spott und Hohn, ernste Nachdenklichkeit, Seufzen mit bitterem Lächeln...
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Dadurch wurde ein einst völlig unbekanntes kleines Dorf berühmt – verstreut auf einer großen Salzwiese am linken Ufer des Dongliao-Flusses gelegen, die vierte Produktionsbrigade von Sanmen Li der Shiwu-Kommune im Kreis Huaide, Provinz Jilin. Dies ist die Geschichte von fünf Kommunisten und ihrer merkwürdigen Erfahrung...
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Unsere Position als Kommunisten unter den Massen
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Das traditionelle Gengshenjahr – das Jahr des Affen – und das Frühlingsfest standen bevor. Die Bauern, die ein Jahr lang geschwitzt und sich abgemüht hatten, waren fröhlich damit beschäftigt, Schweine zu schlachten, Reis zu waschen und Dampfbrötchen zu machen, zum Markt zu gehen, um Neujahrsbilder zu kaufen, Glasnudeln einzutauschen, Fisch zu kaufen und Schnaps zu holen. Am Himmel knallten vereinzelt die Feuerwerkskörper ungeduldiger Kinder, in der Luft mischte sich leichter Pulvergeruch, was die Neujahrsstimmung verstärkte.
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Doch in diesen Tagen zog etwas die Herzen der Bauern von Sanmen Li stärker an als das Frühlingsfest – die Nachricht über die leistungsbezogene Entlohnung und die freiwillige Bildung von Arbeitsgruppen. Seit Tagen wurde auf dem Düngerhaufen, am Esstisch, auf der heißen Bettkante unter Mond- und Schneelicht, wo man schwer einschlafen konnte, von Kadern, alten Bauern, Vätern und Söhnen, Onkeln und Brüdern sowie unter jungen Ehepaaren über nichts anderes diskutiert. Das war keine Kleinigkeit! Arbeit und Produktion auf Arbeitsgruppen aufteilen – wenn die Herzen zusammenpassen, die Pferde zusammenpassen, dann braucht man sich keine Sorgen um mehr Getreide, mehr Beitrag, frühen Wohlstand zu machen. Aber wie sollten die Arbeitsgruppen eingeteilt werden? Wer mit wem in einer Gruppe? Die Menschen warteten ungeduldig.
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Schließlich kam der Brigadesekretär Shen Chun persönlich ins Dorf, um die Sitzung für die Gruppenaufteilung zu leiten. Zuerst versammelte er die fünf Parteimitglieder der Brigade zu einer Gruppensitzung und forderte alle auf, die Anweisungen der Parteizentrale zur Umsetzung des Produktions-Verantwortlichkeitssystems gewissenhaft umzusetzen. Besonders betonte er, dass sich die Parteimitglieder bei der Gruppeneinteilung nicht zusammenscharen, sondern sich am besten auf die verschiedenen Gruppen verteilen sollten, um die Führung der Partei zu stärken. Alle nickten zustimmend. Dann erst läutete er die Glocke, um die Menschen zu versammeln. Es war eine beispiellos große Gemeindemitglieder-Versammlung, die Begeisterung für die Teilnahme war mit der an den Versammlungen zur Anklage der Großgrundbesitzer während der Bodenreform vergleichbar. Das normalerweise viel zu groß und leer wirkende „Brigadenhaus“ war diesmal eng. Es kamen nicht nur Arbeitskräfte, Familienoberhäupter, sondern auch neugierige Kinder und stillende Frauen. Dicker Tabakqualm stieg auf wie Nebelschleier gegen Frost und verdunkelte die extra eingesetzte 200-Watt-Glühbirne. Aber es war sehr still im Raum, nicht das übliche endlose Geplauder und Scherzen bei Versammlungen.
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Der Sekretär verlas das betreffende Dokument des Kreiskomitees und erläuterte dann den Vorschlag des Brigaden-Parteikomitees. Der Vorschlag war ganz einfach: Aufgrund der Arbeitskräfte, des Landes und des Viehs dieser Produktionsbrigade wurde es für angemessen gehalten, zwei Arbeitsgruppen zu bilden. Wenn die Gruppen zu klein wären, gäbe es nicht genug Leute.
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Die Bauern waren ungeduldig im Herzen und ungeduldig im Mund. Kaum hatte Shen Chun ausgeredet, riefen schon einige: „Diese Politik ist gut! Wir unterstützen sie! Wenn es freiwillige Zusammenarbeit ist, dann soll jemand die Fahne aufstellen und Leute werben!“ Einer rief, viele antworteten. Im Saal riefen Brüder einander, Freunde einander, es wurde chaotisch.
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Als Shen Chun das sah – die allgemeine Tendenz, der Wille des Volkes – freute er sich innerlich, bewunderte heimlich, wie sehr die Politik der Zentrale beim Volk ankam, und war sicher, dass die Arbeitsgruppen gut eingeteilt werden könnten und die Produktion im nächsten Jahr nicht schiefgehen würde. Er erklärte hastig die Punkte zu beachten bei der Gruppeneinteilung, hauptsächlich die Hoffnung, Hauptarbeitskräfte und schwache Arbeitskräfte gut zu kombinieren und Unausgewogenheit zu vermeiden – andernorts hatte es solche Probleme gegeben. Zugleich vergaß Sekretär Shen Chun als Führungsperson natürlich nicht, alle zu ermahnen, Großzügigkeit zu zeigen, Einheit und Freundschaft, gegenseitige Rücksichtnahme usw.
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Die Anmeldung begann. Jemand rief: „Wir haben Tian Fu als Gruppenleiter!“ Dann wurden die Namen dieser und jener Gruppenmitglieder verlesen. Wieder rief jemand: „Wir haben Wang Zhanhe als Fahnenträger!“ Dann wurden ebenfalls die Namen dieser und jener Gruppenmitglieder verlesen. Der Brigadesekretär zeigte sich hocherfreut – hatte man sich nicht bereits vorab verständigt! Das zeigte die hohe Begeisterung für die Gruppeneinteilung und die begeisterte Unterstützung für die Politik der Partei. Aber als gerade die Namen verlesen wurden, war der Saal so laut, die Geschwindigkeit zu schnell, alles ging durcheinander – Sekretär Shen hatte nicht genau mitbekommen, wer mit wem in einer Gruppe war. Er hatte nur vage das Gefühl, dass in Tian Fus Gruppe die meisten Leng hießen, in Wang Zhanhes Gruppe fast alle Wang hießen, und es schien, einige Leute waren noch in keiner der beiden Gruppen. Sekretär Shen forderte eilig auf: „Wenn es im Grunde schon zwei Gruppen gibt, ist das auch gut – nehmt sie als Grundlage. Schaut mal, wer noch nicht in einer Gruppe ist, welche Gruppe ihn will, in welche Gruppe er will, meldet euch schnell!“
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Nach den Worten des Sekretärs wurde der eben noch lebhafte Saal plötzlich still, nur noch das angestrengte Schmatzgeräusch beim Rauchen und deutlich unnatürliches Husten. Sekretär Shen war etwas verwundert, also erklärte er mit der Geduld eines Lehrers noch einmal die Richtlinien und fragte dann: „Wer ist noch nicht in einer Gruppe? Hebt mal die Hand, zählt euch erst mal zusammen, welche Gruppe euch willkommen heißt, in welche Gruppe ihr wollt. Wer ist das?“ Dabei begann er die Menschen genau zu mustern.
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Dicker Tabakqualm stieg noch stärker auf, der Rauch stieg erst zur Decke, senkte sich dann langsam nach unten und drückte fast auf die Köpfe der Menschen. Die Blicke der Menschen waren etwas seltsam. Sekretär Shen wurde noch verwunderter. Plötzlich bemerkte er im wirbelnden Tabakqualm fünf gesenkte Köpfe. Die Köpfe waren so tief gesenkt, dass man sie kaum bemerkte, und selbst wenn man sie sah, konnte man ihre Gesichter und Augen nicht erkennen. Es war mitten im Winter, Frost am Fenster, aber an den Haaransätzen und Stirnen dieser fünf Personen glänzten Schweißperlen.
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Das Gesicht des Sekretärs des Parteikomitees der Brigade Sanmen Li, Shen Chun, wurde plötzlich rot, als hätte ihn eine unsichtbare Hand geohrfeigt. Er sah es klar: Das waren keine genau die fünf Parteimitglieder dieser Produktionsbrigade. Schau: der hochgewachsene Gruppenleiter Wang Cai, über fünfzig Jahre alt, die demobilisierten Soldaten, die jungen, gutaussehenden Burschen Rong Fengchun und Liu Qingzhou, der Mann aus Hebei, der kräftige Mann mittleren Alters Wang Hanzhou und seine Frau Wang Shumei mit kurz geschnittenem Haar. Richtig, genau diese fünf waren nicht in einer Gruppe. Verwirrt erinnerte sich Shen Chun an die kürzlich stattgefundene Neuwahl des Produktionsbrigadeleiters. Damals hatte man das Parteimitglied Rong Fengchun als Brigadeleiter abgewählt und durch ein Nicht-Parteimitglied ersetzt. War das nicht ein Vorbote für das heutige Geschehen? Ja. Leider hatte er damals nicht aufgepasst.
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Shen Chun blieb nichts anderes übrig, als nach der Röte im Gesicht sein Herz mühsam zu beruhigen und sehr vorsichtig zu sagen: „Ich sehe gerade, es gibt noch einige Haushalte, die darauf warten, in eine Gruppe aufgenommen zu werden, das sind alles Genossen, man kann doch nicht einfach ein paar Familien ausstoßen, das wäre auch nicht gut. Schaut mal, welche Gruppe bereit ist, sie aufzunehmen.“
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Schweigen. Shen Chuns Unbehagen nahm von Minute zu Minute zu, als würde sein ganzes Blut nach außen quellen. Als er wieder zu seinen fünf Genossen schaute, waren deren Köpfe noch tiefer gesenkt. „Schaut mal... welche Gruppe...“ Shen Chuns Stimme wurde immer schwächer, sodass er selbst daran zweifelte, ob er überhaupt noch sprach. Schweigen, immer noch Schweigen. Es war so still im Raum, dass sogar das Geräusch der Kinder beim Trinken verstummte. Wer weiß, wie viel Zeit so verging.
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„Unsere Gruppe ist voll!“ Plötzlich sagte jemand, die Stimme war leise, aber der Ton sehr entschlossen, sodass alle im Raum erschraken. Alle Augen wandten sich um – es war der eben noch fahnentragende Wang Zhanhe. „Unsere Gruppe hat auch genug!“ Ein rotgesichtiger Kerl folgte mit lauter Stimme: „Hat der Sekretär nicht gerade von Freiwilligkeit gesprochen? Wir wollen freiwillig genau diese Leute, die wir bereits haben.“ Das war der Schlusspunkt. Die Blicke verrieten alles – diese Menschen schauten genau hin! Keine der Gruppen wollte die fünf Parteimitglieder!
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An diesem Abend versammelten sich diese abgewiesenen Parteimitglieder wie von selbst im Haus des Parteigruppenleiters Wang Cai. Wang Cai war der Älteste unter ihnen, hatte fast dreißig Jahre Parteizugehörigkeit und war etwa zwanzig Jahre Produktionsbrigadeleiter gewesen. Dieser alte Genosse, der ab acht Jahren als Halbwüchsiger harte Arbeit leistete, war damals eine erstklassige Arbeitskraft im Dorf, später zog er auf Schlachtfeldern in den Krieg, überquerte den Fluss zur Unterstützung Koreas gegen Amerika, und im unvergesslichen Jahr 1967 wurde er mit einem drei Fuß hohen Spitzhut, der ihn als „Kapitalistenweg-Anhänger“ brandmarkte, vor der gesamten Brigade zur Schau gestellt. Nun waren seine Schläfen grau, der Held war alt geworden! Aber war er wirklich alt geworden? Heute Abend schaute Wang Cai auf die Genossen, die schweigend zusammengekommen waren, und in seinem Herzen stieg ein bitteres Gefühl auf. Er betrachtete nacheinander die Gesichter aller – manche niedergeschlagen, manche voller Unmut. Die einzige weibliche Parteigenossin, Wang Shumei aus Hebei, hatte gerötete Augen, und beim Atmen hörte man noch ihr Schluchzen. Er wollte sie mit ein paar Worten trösten, doch er fand nichts zu sagen. In diesem Moment ergriff der Jüngste unter ihnen, der 27-jährige Rong Fengchun, das Wort: „Das ist doch pure Schikane! Wie können sie keinen einzigen von uns nehmen wollen! Sie betrachten uns Parteimitglieder wirklich wie einen Becher kaltes Wasser, den man bis auf den Grund durchschauen kann! Das müssen wir bei der Kommune und beim Kreis zur Sprache bringen.“
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„Genau!“, pflichtete Wang Hanzhou bei. In Hebei war er einst Sekretär des Brigadekomsomol gewesen und verfügte über einiges an theoretischem Fundament. Er liebte es, Dinge auf prinzipieller Ebene zu betrachten, und sagte nun in seinem Hebei-Dialekt: „Die Kommunistische Partei führt alles – wenn sie bei der Gruppeneinteilung keine Parteimitglieder wollen, ist das Klassenkampf!“ Ein anderer junger Parteigenosse, Liu Qingzhou, griff das auf und steigerte die Tonlage noch weiter: „Genau! Das heißt doch, dass sie die Führung der Partei nicht wollen, dass sie die ‘Vier Prinzipien’ ablehnen! Wir müssen mit Sekretär Shen reden – ihre beiden selbst gebildeten Gruppen sind nicht rechtmäßig und müssen aufgelöst werden!“
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„Ich glaube nicht, dass man das unbedingt zum Klassenkampf hochstilisieren muss“, wandte die Parteigenossin Wang Shumei realistischer ein. „Die meisten befürchten wohl einfach, dass wir bei der Arbeit nicht taugen. Wir sollten sie nicht drängen – lasst uns selbst eine Gruppe bilden. Wenn wir früher anfangen und später aufhören, können wir doch nicht immer die Letzten bleiben?“ Liu Qingzhou stimmte zu: „Das stimmt auch! Atomraketen und Satelliten bauen können wir vielleicht nicht, aber wenn es ernst wird – das Land bestellen, mit so einem kräftigen Körper – das sollten wir doch hinbekommen?“
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Die Meinungen gingen durcheinander, man konnte sich nicht einigen. Wang Cai hörte diesen Diskussionen zu, und in seinem Herzen brodelte es. Konnte man das wirklich zum Klassenkampf erklären? Natürlich waren das wütende Worte. War es wirklich so, dass sie schwach waren und bei der Arbeit nicht mithalten konnten? Auch das stimmte nicht ganz. Er hatte das Gefühl, dass alle nicht die wahre Ursache ansprachen. Sahen sie sie nicht? Oder wollten sie es nicht so sehen? Er wollte alle dazu bringen, bei sich selbst nach Gründen zu suchen, und sagte: „Wir sind fünf Leute – bis auf mich, der über 50 ist, sind die meisten um die 30, selbst Hanzhou ist erst 46, genau im besten Alter für Bauern, um tüchtig zu arbeiten. Aber wie haben wir in den letzten Jahren gearbeitet? Ich bin Gruppenleiter, ich weiß das genau. Ihr seid nicht dumm, ihr wisst es auch. Von anderen gar nicht zu reden – nehmen wir mich. Ich dachte, ich sei alt, und im Dorf hätte ich, wenn nicht Verdienste, so doch Mühen aufzuweisen. Jetzt arbeiten meine beiden Söhne in der Stadt, verdienen gut, und allein von meinem Privatfeld ernte ich jährlich vier Dan Getreide. Nachdem es meiner Familie gut ging, wollte ich nur noch als alter Herr mein Glück genießen, kümmerte mich weniger um die Angelegenheiten aller, ging nicht mehr aufs Feld, war kein richtiger Kommunist mehr. Was heute in der Versammlung geschah – dafür trage ich Verantwortung, ich habe die Partei enttäuscht...“
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Als der alte Wang Cai das sagte, senkten alle anderen die Augen. Rong Fengchun war jung und konnte solche Worte nicht ertragen, er sagte schnell: „Du bist alt – wenn, dann müssen wir Jungen uns vorwerfen lassen. Ich kam als Demobilisierter zurück, kannte mich mit Feldarbeit nicht aus, spielte gern den lässigen Teamleiter, hatte eine schlechte Haltung gegenüber den Leuten, war ziemlich arrogant. Nach meiner Hochzeit gab es Beschwerden von Genossen – sie sagten, ich sei blitzblank gekleidet, fahre auf meinem Rad herum, täglich hierhin, dorthin, kassiere nur Zusatzarbeitspunkte. Damals war ich auch verärgert. Als man mich als Teamleiter abwählte, fühlte sich das auch nicht gut an. Aber jetzt sehe ich – habe ich damit nicht die Partei in Verruf gebracht?“ Der junge Mann sprach und weinte dabei.
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Daraufhin begannen alle Selbstkritik zu üben. Einer sagte, er sei Lagerverwalter geworden, weil ihm die Frontarbeit zu anstrengend war; ein anderer, er sei jung, aber dennoch Schweinehirt geworden; wieder andere sagten, sie seien geschickt, wollten aber nicht mehr aufs Feld. Ja, wir Parteimitglieder – außer Shumei waren alle beim Militär gewesen, alle waren Produktionsteamleiter gewesen, alle konnten gut reden, doch eines hatten wir gemeinsam: Den Marxismus-Leninismus predigten wir nur anderen, aus „zum Wohle des chinesischen und des Weltvolkes arbeiten“ wurde „zum eigenen Wohl arbeiten“.
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„Wer einen Stuhl sieht, setzt sich hin; wer Essen sieht, bekommt Appetit – selbst ein Tausend-Li-Pferd erliegt der Verlockung des Stalles. Wer wird ein stallverliebtes Tausend-Li-Pferd unterstützen?“ Als alle genug gesagt hatten, fasste Wang Cai zusammen: „Wann sind wir Parteimitglieder so geworden?“ In Gedanken versunken wollte er seinen Genossen Mut zusprechen, doch er fand nicht die passenden Worte. Er versuchte sich zu erinnern, wie damals auf dem Schlachtfeld der Gruppenführer oder Kompanieführer ihn ermutigt hatte, wenn sie in solch eine Situation gerieten. Aber er konnte sich nicht erinnern. Die Kommunisten von damals schienen eine solche Niederlage nie erlebt zu haben. Die Kommunisten von damals waren unter den Volksmassen wie Fische im Wasser, wie Vögel im Wald – nie hatte man gehört, dass sie vom Volk im Stich gelassen wurden. Immer wieder hörte man stattdessen, wie alte Frauen oder ältere Schwestern, Onkel und große Brüder, manchmal sogar kleine Jungs und Mädchen, die gerade erst verstanden, was gut und böse war, lieber unter den Peitschen und Knüppeln der Feinde bluteten, lieber ihre Häuser abbrennen und ihre Brunnen zuschütten ließen, manchmal sogar das ganze Dorf, Jung und Alt, den feuerspeienden Maschinengewehren der Feinde entgegentraten, als dass sie zuließen, dass ein Parteigenosse auch nur das Geringste erlitt. Und unsere Parteimitglieder konnten jederzeit und überall für die Interessen des Volkes alles, selbst ihr Leben, mit höchstem Bewusstsein opfern. Die Partei war das Herz des Volkes, das Volk war das Leben der Partei.
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Aber jetzt waren wir fünf Kommunisten unerwünscht. Wen sollten wir beschuldigen? Wem die Schuld geben? In dieser kalten Winternacht, in diesem einsamen kleinen Lehmhaus auf dem warmen Ofenbett, diskutierte eine kleine Gruppe der Kommunistischen Partei Chinas mit noch nie dagewesener Ernsthaftigkeit ein äußerst wichtiges Thema: unsere Position, wir Kommunisten, unter den Massen. Was für ein zum Nachdenken anregendes Thema! Der Mond stand hoch am Himmel, die Sterne strahlten hell, auf der großen Salzwüste schimmerte es schneeweiß. War das das widerliche salzige Laugensalz oder der reine Glanz des Mondes?
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Die drei Sterne wanderten, die Nacht war zur Hälfte vorbei, und die Diskussion der Parteizellengruppe des Vierten Teams von Sanmenli kam zu einem wichtigen Schluss: Nicht die Massen haben uns im Stich gelassen, sondern wir haben die Massen enttäuscht. Nicht das Volk will uns Kommunisten nicht mehr, sondern wir sind keine richtigen Kommunisten mehr.
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Was sollten wir tun? Einfach aufgeben? Untergehen? Nein, wir stehen dort wieder auf, wo wir gefallen sind!
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Was für ein Vorbild sollen wir Kommunisten sein
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Am Morgen nach der Gruppeneinteilung verbreitete sich eine erstaunliche Nachricht blitzschnell im Dorf: Die Parteimitglieder hatten selbst eine Gruppe gegründet.
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Diese Nachricht löste sofort verschiedenste Diskussionen im Dorf aus. Einige nickten zustimmend: „So ist es besser, keiner klebt am anderen, keiner behindert den anderen.“ Manche drückten es bissiger aus: „Die Parteimitglieder sollen sich auch mal selbst durch Arbeit ernähren.“ Einige Ältere aber fühlten sich unwohl dabei. Sie erinnerten sich an die vielen guten Eigenschaften der Parteimitglieder – ihre Fairness bei Entscheidungen, ihre Hilfsbereitschaft, ihre Bereitschaft, selbst Nachteile in Kauf zu nehmen, ihr Respekt gegenüber Älteren. Fehler hatten sie, besonders in den letzten Jahren, aber wer hatte keine Fehler? Selbst das beste Pferd stolpert einmal – sollte man wirklich keinen einzigen von ihnen nehmen? Sie machten den eifrigen Gruppeneinteilern Vorwürfe.
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Doch es gab auch jemanden, der sehr glücklich war. Das war ein chronisch Kranker, der Ärmste im Dorf, klein und dünn wie ein Strohhalm, mit einem Gesicht wie eine Eierschale – er konnte nur Schweine hüten, nicht aufs Feld gehen. Er hieß Dai Hongyuan. Bei der Gruppeneinteilung an jenem Abend hatte er begeistert verkündet: „Ich schließe mich der Gruppe von Wang Zhanhe an.“
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„Wir haben genug Leute“, sagten die aus Wangs Gruppe schnell.
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„Dann melde ich mich bei Chuanfus Gruppe“, sagte Dai Hongyuan. Er kannte seine Grenzen und war daher sehr anpassungsfähig – Hauptsache, er fand irgendeine Gruppe. „Wenn wir dich auch noch nehmen, sind wir zu viele“, erklärten auch die aus dieser Gruppe schnell. Dai Hongyuan verdrehte die Augen und brachte kein Wort heraus. Als er jetzt hörte, dass die Parteimitglieder eine eigene Arbeitsgruppe gegründet hatten, rannte er schnell nach Hause, ließ sein Kind seine Frau vom südlichen Feld holen, die gerade Gras sammelte, schloss die Tür fest zu, und das Ehepaar beriet sich angespannt. Seine Frau, seine Jugendfreundin und treue Leidensgefährtin in Armut, zog Grashalme aus ihren Haaren, während sie ihm zuhörte. Schnell stand ein äußerst ernsthafter Familienentschluss fest: Sie würden sich bei der Parteigruppe anmelden. Dai Hongyuan lief auf seinen dünnen Beinen los, sein kleines Gesicht vor Aufregung gerötet. Er suchte den Parteizellenleiter Wang Cai auf – er war sehr zuversichtlich.
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Dieser Dai Hongyuan war mit drei Jahren an die Familie Dai verkauft worden, war jetzt 47 und wusste weder, woher er kam, noch wohin seine Eltern gegangen waren. Er war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Mit 25 Jahren bekam er einen schweren Darmverschluss und lag drei Monate im Krankenhaus in Siping und Changchun. 21 Tage lang konnte er weder essen noch trinken und überlebte nur dank Glukoseinfusionen. Die Rechnung belief sich auf über 1600 Yuan – alles wurde vom Kollektiv bezahlt. Er sagte immer: „Ich habe keine Verwandten, die Kommunistische Partei ist meine Verwandtschaft. Ich hatte nie eine Mutter, die Kommunistische Partei ist meine Mutter.“ Bei der Gruppeneinteilung dachte er, mit der Wang-Gruppe sei er verwandt (seine Adoptivmutter hieß Wang), mit der Leng-Gruppe war er durch Heirat verbunden – welche Gruppe würde ihn nicht nehmen wollen? Aber ausgerechnet keine von beiden wollte ihn. „Wer will schon diese Last!“ sagten manche. Jetzt kam er zu dem Kommunisten Wang Cai, mit Tränen in den Augen rief er: „Dritter Onkel“ (das war nach dörflicher Verwandtschaft, tatsächlich waren sie nicht wirklich Onkel und Neffe), „ich möchte eurer Parteigruppe beitreten. Andere wollen mich nicht, aber mit der Kommunistischen Partei – die Kommunistische Partei wird mich doch nicht im Stich lassen?“
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Obwohl es ein Halbinvalide war, der kam, war Wang Cai sehr bewegt. Er spürte, dass es in diesem Moment Unterstützung, Ermutigung und auch Vertrauen bedeutete, wenn jemand kam, um sich anzuschließen, und sagte schnell: „Wenn es dir nichts ausmacht, komm zu uns. Wenn wir Hartes essen, sollst du nicht Dünnes trinken.“ Dai Hongyuan war sehr bescheiden und stammelte: „Ich bin nicht mal einen halben guten Mann wert – wenn ihr mich nehmt, werdet ihr weniger Getreide ernten.“ Wang Cai sagte: „Keine Sorge, wir werden kein einziges Korn weniger ernten, sondern sogar mehr als die beiden anderen Gruppen. In den letzten Jahren haben wir Parteimitglieder unsere Kraft nicht in die Produktion gesteckt, haben nur geredet, andere belehrt, waren selbst nicht gut – das tut uns gegenüber den Dorfbewohnern leid. Dieses Jahr werden wir unsere Kraft anders einsetzen. Die Parteimitglieder haben sich entschieden, bei der Produktionsentwicklung eine Vorreiterrolle zu spielen, unsere Arbeitsgruppe zur besten in der ganzen Kommune zu machen. Dieses Jahr wollen wir Parteimitglieder hervorstechen – auch wenn wir dabei zugrunde gehen, wollen wir die Ersten sein. Wir werden alles geben – wenn du die Anstrengung nicht scheust, komm zu uns.“
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Danach nahmen sie noch zwei weitere Haushalte von Arbeiterfamilien auf, die niemand wollte, und bildeten offiziell die Arbeitsgruppe. Die Parteizelle der Brigade genehmigte ihre Zusammensetzung und ordnete diese Gruppen als erste, zweite und dritte Arbeitsgruppe an. Aber die Bauern von Sanmenli hatten ihre eigene Art der Benennung. Die Gruppe mit hauptsächlich Wangs nannten sie „Wang-Gruppe“, die mit hauptsächlich Lengs „Leng-Gruppe“, und die mit hauptsächlich Parteimitgliedern nannten sie originell „Parteigruppe“.
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Ah, „Parteigruppe“! War das eine herzliche Bezeichnung oder enthielt sie eine gewisse Ironie?
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Jedenfalls wurde so die Fahne der „Parteigruppe“ gehisst, und das jüngste Parteimitglied, Rong Fengchun, raffte sich auf und übernahm als erster Gruppenleiter. Wohlmeinende Leute bangten um sie. Jemand rechnete aus: Von der Zahl her hätten sie etwa zehn Arbeitsfähige, davon außer drei Parteimitgliedern mittleren Alters noch einen Kranken, drei Alte, einen Halbjungen, sechs junge Mädchen, und in geschäftigen Zeiten könnten sie noch fünf Hausfrauen mobilisieren (darunter zwei alte Frauen). Der Älteste war 74, die Jüngste 16. So versammelten sie die Alten, Schwachen und Invaliden des ganzen Dorfes. Die anderen beiden Gruppen dagegen bestanden ausschließlich aus kräftigen Arbeitern. Kein Wunder, dass Spaßvögel Reime schmiedeten: „‘Wang-Gruppe’ stark, ‘Leng-Gruppe’ prächtig, ‘Parteigruppe’ ganz schön schwächlich!“ Andere Wohlmeinende sorgten sich: „Im Herbst – wie soll die ‘Parteigruppe’ das Stück aufführen?“ Aufführen konnte man es – tatsächlich war das Stück bereits angelaufen, seit dem Moment, als die „Parteigruppe“ offiziell gegründet wurde. Sie fürchteten sich nicht vor Belastungen, waren bereit, den Invaliden Dai Hongyuan und die Arbeiterfamilien ohne Arbeitskraft aufzunehmen – das zeigte die großzügige Haltung der Kommunisten, für andere zurückzustecken, und gewann ihnen die Bewunderung der gutherzigen Bauern. Jetzt überwanden sie die Schwierigkeit der schwachen Arbeitskraft und brachten den Dünger rechtzeitig aus – wenn auch stolpernd und rennend.
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Die „Parteigruppe“ wurde wirklich auf die Probe gestellt während der Frühjahrsaussaat.
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Der strenge Winter war vorbei. Der Frühlingswind färbte die Weidenzweige grün, wie die Menschen es erwartet hatten. Auch auf der großen Salzwüste sprossen hier und da leise grüne Knospen. Die grünen Knospen verbanden sich allmählich, die Farbe wurde von hell zu dunkel, und im Sonnenlicht schien es, als wären auf der Erde Jadeblätter eingelegt. Das Eis im Dongliaofluss schmolz, und wenn Wagen vorbeikamen, hielten die Tiere immer an, um vom kühlen, süßen Wasser zu trinken, dann hoben sie den Kopf zum Himmel, wieherten und gingen weiter. Die alten Leute, die den ganzen Winter im Lehmhaus eingeschlossen waren, kamen auch heraus, stützten sich an den Weidezäunen, streckten ihre Knochen, blinzelten in die Augen und betrachteten lange die Wildgansformationen am blauen Himmel. Der Frühling war da, voller Hoffnung, voller Zeit. Die Leute von Sanmenli waren hochmotiviert – sie wollten im ersten Frühling der 1980er Jahre richtig loslegen.
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Die drei Arbeitsgruppen schwärmten aus ins duftende Feld. So wie manche prophezeit hatten, die „Parteigruppe“ könne den Dünger im Frühling nicht rechtzeitig ausbringen, so prophezeiten jetzt wieder welche, sie könnten ihr Land nicht rechtzeitig besäen. In diesem Moment kam der Parteizellenleiter Wang Cai mit seiner hochgewachsenen Gestalt aufs Feld. Er nahm eine Handvoll feuchter Erde, drückte sie fest zusammen und sagte wie einen Schwur: „Ich spiele nicht mehr den bequemen alten Herrn – ich setze diese Knochen ein, los geht’s!“ In seiner Jugend hatte er ein unstetes Leben geführt und litt an Magenkrämpfen – wenn sie auftraten, wälzte er sich vor Schmerzen. Jetzt ging er mit der Medizinflasche aufs Feld – wenn die Krankheit kam, schluckte er eine Tablette. Jeden Tag stand er als Erster vor der Morgendämmerung auf, weckte die Genossen seiner Gruppe von Haus zu Haus und ging bei frühem Frost aufs Feld. Früher hatte man weitständig gepflanzt, dieses Jahr schlug er dichte Einzelpflanzung vor. Er nahm einen kleinen Stock und trat vorne die Felder ab, ohne Maß, ohne Berechnung, ein Schritt nach dem anderen, die Abstände genau 45 Zentimeter – als hätte er ein elektrisches Stahlmaßband an den Füßen. Die ganze Aussaatperiode hindurch lief er so – fünfzehn qing Maisfeld, alles so abgelaufen. Täglich durchschnittlich über zwanzigtausend Meter. Aber das war kein gemütlicher Spaziergang auf ebener Straße, sondern auf lockeren Dämmen, tief und flach, hin und her ohne Abweichung. Am Dongliaofluss gab es weder Berge noch Bäume, der Sandsturm war stark, manchmal so stark, dass Menschen auf ebenem Boden stolperten, geschweige denn auf einem schmalen lockeren Damm. Der Sandsturm konnte den Willen eines Kämpfers nicht erschüttern. Der Kommunist Wang Cai ging so Schritt für Schritt vorwärts. Hinter ihm waren die Genossen der „Parteigruppe“.
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Wang Hanzhou war für das Düngersieben zuständig. Er war erst vor wenigen Jahren aus Hebei hergezogen. In Hebei arbeitete man anders. Jede Region hatte ihre eigene Arbeitsweise. Man passte sich an. Aber in den letzten Jahren hatte er die Arbeitsweise nicht gut gelernt – jetzt musste er, wenn er keine geschickten Tricks kannte, eben mit roher Kraft arbeiten, schweißtriefend ohne Pause. Rong Fengchun trug den ganzen Frühling nicht seinen glänzenden Bräutigamanzug, er hatte ihn längst gegen die grasgrüne Armeeuniform getauscht, die er vom Militär mitgebracht hatte. Durch Frühlingswind und Schweiß bleichte die Uniform schnell aus, und sein junges, hübsches Gesicht wurde kohlschwarz. Seine Frau hatte Mitleid mit ihrem Mann, schlachtete heimlich eine alte Henne und kochte sie mit Steinpilzen, die sie im Elternhaus gesammelt hatte. Als sie zu essen begannen, sagte Rong Fengchun zu seiner Frau: „Du musst keine Hühner schlachten, ich gehe nicht kaputt – meine Kraft kommt aus dem Herzen, ich kann sie gar nicht aufbrauchen.“ Jener Liu Qingzhou, der eigentlich noch jung war, aber als „alter Kürbis, der nicht mehr aufgeht“ bezeichnet wurde, stand nach Wang Cai am zweitfrühesten auf. Er war Absolvent der Huaide Mittelschule Nr. 18 und liebte es, gewählt zu sprechen. „Bruder Qingzhou, so früh!“ – „Das ist auch ein Umschlag von Extrem zu Extrem“, sagte er lächelnd. „Früher kam ich nie pünktlich zur Arbeit, jetzt muss ich früh aufstehen, um ein neues Gleichgewicht zu erreichen.“
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In der hektischen Frühjahrsbestellung kamen auch die Familienangehörigen der „Parteigruppen“-Mitglieder. Wirklich, wer Leute hatte, stellte Leute, wer Kraft hatte, stellte Kraft, und wer keine Kraft hatte, kam zum moralischen Beistand. Darunter waren junge Frauen, Schulkinder und ein alter Mann mit schneeweißem Bart, klein, bucklig, fast zu einem Kreis gebogen – das war Wang Hanzhous 74-jähriger Vater. Diese Familienangehörigen hatten Söhne, Väter, Ehemänner oder Brüder „in der Partei“. Diese „in der Partei“ befindlichen Verwandten standen dieses Jahr vor einer ernsten Prüfung. Der Erfolg oder Misserfolg dieser Prüfung schien auch ihr Schicksal zu betreffen. Sie sagten es nicht, aber alle dachten im Herzen daran. „Unterstützt unsere ‘Parteigruppe’!“ Das schien ihr unausgesprochenes Motto zu sein. Andere Gruppen hatten einen Säer und einen Düngerstreuer, sie hatten mindestens zwei Säer und zwei Düngerstreuer. Hinter einem Pflug folgte oft eine lange Schlange von Menschen. Es schien, als würden sie nicht Land bestellen, sondern mit ihren Verwandten gemeinsam ein heiliges Werk vollbringen. Dieses Werk ließ sich nicht einfach in Arbeitspunkten und wirtschaftlichem Nutzen ausdrücken. Es machte ihren Geist außergewöhnlich konzentriert und hob ihre Stimmung besonders. Und wenn Menschen konzentriert und hochgestimmt sind, können sie oft Dinge tun, die sie normalerweise nicht tun könnten. Dieses Jahr säten sie schnell, gut und sorgfältig – ganz anders als die in unserem Norden übliche grobe Art, mit dem großen Pflug Furchen zu ziehen und das Saatgut mit vollen Händen zu streuen.
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Bei der Frühjahrsaussaat dieses Jahres strengten sich die drei Arbeitsgruppen des Vierten Teams von Sanmenli an, und die Arbeitseffizienz stieg erheblich. Letztes Jahr brauchten sie für die Aussaat einen ganzen Monat. Dieses Jahr war es durch die Gruppeneinteilung in 15 Tagen sauber erledigt.
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Der gute Regen kennt die Jahreszeit. Die gütige Mutter Natur half ihren Kindern rechtzeitig. Gleich nach der Frühjahrsaussaat fiel ein Frühlingsregen. Die Samen keimten, die Sämlinge durchbrachen die Erde, die Felder wurden grün. Sekretär Shen Chun organisierte eine Inspektion der Setzlinge in der ganzen Brigade, an der Brigadeführer, Produktionsteamführer und Arbeitsgruppenleiter teilnahmen. Sie inspizierten die Felder der Brigade und stellten fest: Wo auch immer die Setzlinge gleichmäßig, vollständig und kräftig waren, wo sie tiefgrün und schwarz waren – das waren sicher die Felder der „Parteigruppe“. „Schaut euch an, wie die ‘Parteigruppe’ ihr Land bestellt hat – vom Feldrand bis zum Ende, nirgends fehlen Setzlinge“, sagten die Leute der „Wang-Gruppe“ und „Leng-Gruppe“ mit etwas Bewunderung.
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Setzlinge zu sehen bringt dreifache Freude. Die „Parteigruppe“ war noch motivierter. Die „Wang-Gruppe“ und „Leng-Gruppe“ wagten nicht nachzulassen und beeilten sich, fehlende Pflanzen nachzusetzen. „Die ‘Parteigruppe’ hat’s drauf, wir lernen von euch!“, sagten einige von ihnen aufrichtig. „Die Setzlinge der ‘Parteigruppe’ sind zu dicht – später können sie vielleicht keine Kolben bilden und nur süße Stängel liefern“, sagten andere, ebenfalls aufrichtig.
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Tatsächlich, nach ein paar Tagen wurden die grünen Setzlinge der „Parteigruppe“ auf dem ganzen Feld gelb. Das war Nährstoffmangel. Die einzige Lösung war, schnell Dünger nachzutragen. Kunstdünger wirkt am schnellsten. Gruppenleiter Rong Fengchun eilte zur Kommune um auf Hilfe zu drängen. Das Kommuneamt wurde sofort nervös. Sie hatten das Schicksal der „Parteigruppe“ die ganze Zeit im Auge! „Ihr wenigen repräsentiert alle Parteimitglieder der Kommune.“ Das waren die Worte des Parteisekretärs der Shiwu-Kommune. Nicht nur die ganze Kommune – sogar der Kreissekretär, die Abteilungsleiter des Bezirks hatten ihre Herzen daran gehängt! Die Kommune wollte der „Parteigruppe“ gerne bevorzugt helfen, doch leider hatte sie keinen Kunstdünger zur Hand. Der Parteisekretär der Shiwu-Kommune machte sich persönlich auf den Weg zur benachbarten Maochengzi-Kommune, um um Unterstützung zu erbitten. Als Maochengzi hörte, dass es die „Parteigruppe“ von Sanmenli brauchte, wurden auch sie nervös. „Diese ‘Parteigruppe’ repräsentiert auch unsere Parteimitglieder!“, sagte der Parteisekretär der Maochengzi-Kommune. Sie teilten sofort sechs Tonnen Ammoniumnitrat von ihren eigenen Vorräten zu.
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Das Ammoniumnitrat wurde herangeschafft, und die „Wang-Gruppe“ und „Leng-Gruppe“ schauten sehnsüchtig zu. Gerade jetzt Kunstdünger nachzutragen, das traf genau ins Schwarze. „Die ‘Parteigruppe’ hat schließlich die Partei im Rücken. Wir Gruppen ohne Parteimitglieder, wir einfachen Leute, sind wohl Stiefkinder“, dachten sie.
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Gleichzeitig dachte die „Parteigruppe“: Können Kommunisten allein speisen? Können wir nur an uns denken und die Massen ignorieren? Alle guten Dinge für uns, jeden Vorteil ergreifen – ist das der Stil von uns Kommunisten? Nein, das ist es nicht. Wir nehmen lieber etwas weniger Getreide, haben lieber etwas mehr Nachteile, aber wir können nicht die Natur der Partei ändern. Drei mal zwei ist sechs. Die sechs Tonnen Ammoniumnitrat wurden gleichmäßig verteilt – zwei Tonnen pro Gruppe. Das war nicht einfach Dünger verteilen, das waren tonnenweise Getreide! Das war nicht Getreide verteilen, das war die Tradition der Partei weitergeben! Die „Wang-Gruppe“ und „Leng-Gruppe“ waren zutiefst bewegt. Bauern haben weiche Herzen – ein bisschen Gutes zu erfahren ist schon viel, geschweige denn tonnenweise Dünger in einem kritischen Moment – ihre Herzen rückten näher an die Herzen der Parteimitglieder.
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„Hmm, die Parteizellengruppe von Sanmenli sieht langsam so aus, wie sie sollte“, sagte der Parteisekretär der Shiwu-Kommune nickend, als er davon hörte. Die „Parteigruppe“ übergab die Düngerarbeit an die Frauen. Wang Shumei mobilisierte fünf Hausfrauen, darunter Wang Cais Frau und Rong Fengchuns Mutter. Frauen arbeiten sorgfältig und schludern nicht – die Gruppe konnte sich darauf verlassen. Früher trug man Kunstdünger mit der Hacke auf, stand aufrecht, hackte Löcher und warf den Dünger mit vollen Händen hinein; dieses Jahr brachen die Frauen der „Parteigruppe“ mit der Gewohnheit – sie stachen mit kleinen Holzstäben Löcher, füllten den Dünger mit Löffeln ab, beugten sich hinunter und gaben ihn Punkt für Punkt in die Löcher, als würden sie ihre geliebten Kinder stillen. Landfrauen haben harte Lebensbedingungen, schwere häusliche Lasten, viele leiden an unheilbaren Krankheiten. Rong Fengchuns Mutter hatte in jungen Jahren Zwillinge geboren und seitdem hatte sie chronische Schulterschmerzen. Wang Shumei hatte eine Nierenentzündung, die gerade jetzt ausbrach, ihre beiden Beine waren geschwollen, wenn man drückte, blieb eine Delle, die lange nicht verschwand. Aber sie alle arbeiteten weiter. Vor ihren Ehemännern und Söhnen sagten sie nie ein Wort über Müdigkeit, Bitterkeit oder Schmerz – ihre schweißnassen Gesichter trugen immer ein Lächeln, nur das Lächeln, das man auf den Gesichtern unermüdlich arbeitender Frauen in harmonischen Familien findet. Abends zu Hause konnten die Männer sich hinsetzen oder hinhocken, eine Zigarette rauchen, sich Rücken und Beine reiben – sie aber mussten sich noch vor dem Herd bücken, Feuer machen, hastig Reis waschen und kochen. Das Feuer beschien ihre Gesichter, der Rauch reizte ihre Augen, doch ihre unachtsamen Ehemänner und Söhne bemerkten selten, dass ihre Hände und Beine zitterten. So arbeiteten sie viele Tage lang und schafften es, vor dem Regen den Dünger auf allen Feldern der Gruppe auszubringen.
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Im Nu war die Zeit zum Jäten da. In Sanmenli gab es viel Land und wenig Leute – das Jäten folgte der Methode der Großen Nordwüste: große breite Hacken, beide Arme schwingend, grob und schnell, wie ein Wettrennen, donnernd – im Handumdrehen war ein großes Feld fertig, wie viel Unkraut man erwischte, war egal. Wang Hanzhou aus Hebei passte sich anfangs schwer an die Arbeit hier an. Seine Heimat lag direkt am Fuß der Großen Mauer, keine hundert Li von Qinhuangdao entfernt. Dort hatte das Jäten eine seltsame Besonderheit: Man ging rückwärts. Und man arbeitete sehr sorgfältig – weil es wenig Land und viele Menschen gab, durfte man keinen einzigen Setzling verletzen, wie eine junge Frau beim Sticken. Als Wang Hanzhou in Sanmenli zum Jäten kam und plötzlich von rückwärts auf vorwärts umstellen musste, fand er das sehr seltsam – er arbeitete nicht nur unbeholfen und langsam, sondern ging beim Jäten unwillkürlich wieder rückwärts, was Gelächter auslöste. Dazu kam sein besonderer Akzent – die hiesigen Bauern waren sehr neugierig, wenn sie hörten, wie er „gestern“ als „yege“ aussprach und „Bauch hungrig“ als „Bauch liegt“ – ob junge Mädchen oder alte Männer, alle mussten Tränen lachen. Manche schelmischen jungen Frauen und Mädchen neckten ihn gern – wenn sie ihn von Weitem sahen, blieben sie stehen, spitzten die Stimmen und riefen im Chor: „Schwager“ (wer weiß, von welcher Verwandtschaft), „hat dein Bauch yege gelegen?“ So wurde Wang Hanzhou immer zurückhaltender bei der Frontarbeit.
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Aber Wang Hanzhou hatte auch seine Vorzüge. Dieses Jahr verlangte die „Parteigruppe“ beim Jäten Qualität – alle Setzlinge bewahren, alles Unkraut entfernen, „zu zehn Zehnteln pflanzen, zu zehn Zehnteln bewahren“, „ein fruchtbares Jahr ist kein Feld ohne Setzlinge“. Genau das war die Stärke der Hebei-Jätemethode. Wang Hanzhou hatte sein Einsatzgebiet. Auf dem Feld störte ihn außer dem Vorwärtsgehen, das ihm noch etwas ungewohnt war, nichts mehr – seine Sorgfalt, seine ernsthafte Haltung, sein Geist, keinen Setzling zu verletzen, all das bewunderte man von Herzen. Wang Hanzhou, der bisher als „kann nicht jäten“ abgestempelt worden war, wurde zum Vorreiter. Eine Gruppe junger Leute lernte von ihm, jätete fein und hackte tief. So entstand in Sanmenli eine neue Jätemethode. Als Sekretär Shen Chun wieder mit Leuten kam, um die Sommerpflege zu inspizieren, und die Felder der „Parteigruppe“ sah, nickten er und die Inspektionsgruppe anerkennend und sagten, solche Felder einmal zu jäten sei wie zweimal.
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Was für ein Saatgut sind wir Kommunisten
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Die Feldfrüchte wuchsen üppig, als wären sie im Wettbewerb. Die große Salzwüste war bereits von einem prächtigen grünen Vorhang bedeckt. Die Feldfrüchte der „Parteigruppe“ ragten weiterhin heraus, eine reiche Ernte war sicher. Die Haltung der Menschen änderte sich allmählich. Aber die „Parteigruppe“ blieb vorsichtig und wagte nicht, auch nur ein bisschen nachzulassen.
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„Dass andere auf uns herabsehen, heißt nicht, dass wir auf andere herabsehen dürfen“, sagte der Parteizellenleiter Wang Cai oft zu seinen Genossen, noch als es die „Parteigruppe“ schwer hatte. „Wir wohnen alle im selben Dorf – wir können doch nicht immer Nadel gegen Weizen stehen! Die Gruppen sind getrennt, aber nicht die Herzen – Kommunisten müssen weiterhin Stil zeigen.“
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Und so handelten sie auch. Im Sommer, zur Erntezeit des Winterweizens, waren die Arbeitskräfte sehr knapp. „Pflanzen auf Eis, ernten in Feuer“, „Weizenernte in drei Schlägen“ – unter der feurigen Sonne neigte der Weizen im Handumdrehen die Köpfe, wenn man ihn nicht rechtzeitig erntete, fielen die Körner ab. Ausgerechnet jetzt sagte die Wettervorhersage starken Regen voraus. Die Herbsternte retten – wirklich gegen den Himmel um die Ernte kämpfen! Die „Parteigruppe“ hatte zwar keine starken Arbeitskräfte, aber viele mobilisierbare Hände und großen Elan. Andere Gruppen ruhten sich zweimal pro Halbtag aus, sie nur einmal, mittags machten sie auch keine Pause, stopften hastig etwas Essen in sich hinein und gingen wieder aufs Feld. Sie hatten schnell den Weizen geerntet und eingefahren. Jetzt waren die beiden anderen Gruppen in Panik, besonders die „Leng-Gruppe“. Große Weizenfelder standen noch draußen und drohten umzukippen. In Sanmenli gab es hauptsächlich Mischgetreide, ein bisschen Weizen war kostbar. Für Gäste Nudeln kochen, zu Neujahr und Frühlingsfest Jiaozi machen – alles hing von diesem bisschen Ertrag ab. Die Leute der „Leng-Gruppe“ waren in Panik, aßen nicht, tranken nicht, ruhten nicht, arbeiteten verzweifelt – je hektischer sie waren, desto schwerer ließ sich der Weizen ernten. Sie blickten zum Horizont – die schwarzen Wolken wurden größer, auch der Wind wurde kühler. Genau in diesem Moment stürmte eine Gruppe Menschen ins Weizenfeld und begann sofort, Staub und Wind aufwirbelnd, zu arbeiten. Die „Leng-Gruppe“ schaute auf – es waren Leute, die die „Parteigruppe“ geschickt hatte. Sie waren sehr bewegt und dankten überschwänglich. Die „Parteigruppe“ aber sagte: „Das ist doch gegenseitige Unterstützung!“ Die Herzen der Menschen rückten noch näher zusammen.
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Nach der Gruppeneinteilung wurden auch Arbeitsgeräte und dergleichen in drei Teile geteilt, aber sie benutzten weiterhin gemeinsam ein Lager – jede Gruppe besetzte eine Ecke, es gab nie Streit. Anders als an manchen Orten, wo nach der Gruppenteilung hohe Mauern im Lager errichtet und mehrere Tore geöffnet wurden, jeder seinen eigenen Weg ging wie Fremde, benachbarte Gruppen einander wie in Sichtweite, Hähne und Hunde einander hörten, aber bis zum Tod keinen Kontakt hatten.
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Die Weidenzweige röteten sich, die Nordgänse flogen nach Süden – im Handumdrehen kam der prächtige Herbst. Nachdem das Kleingetreide eingefahren war, zeigte sich der Vorsprung der „Parteigruppe“ in konkreten materiellen Ergebnissen. Ob Weizen, Hirse, kleine Bohnen oder Sonnenblumenkerne – der Pro-Kopf-Ertrag der „Parteigruppe“ übertraf die beiden anderen Gruppen, teilweise fast um das Doppelte. Auch bei den vier Hauptfrüchten (Gaoliang, Hirse, Mais, Sojabohnen) lag die „Parteigruppe“ weit vorne. Die gesamte Arbeitsgruppe produzierte bis zu fünfundfünfzig Tonnen. Die „Wang-Gruppe“ und „Leng-Gruppe“ waren auch nicht schlecht. Die drei Gruppen des Teams zusammen produzierten über vierzig Tonnen mehr Getreide als im Vorjahr.
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Das war ein großer produktiver Sieg. Aber das Bemerkenswerte war noch mehr. Vor kurzem hatte Sanmenli die Produktionsteamführung neu gewählt – das Parteimitglied Liu Qingzhou wurde von allen drei Gruppen einstimmig zum Produktionsteamleiter gewählt, die „Wang-Gruppe“ und „Leng-Gruppe“ nannten ihn sogar „Obergruppenleiter“ – das bedeutete, Liu Qingzhou sei auch ihr Gruppenleiter. Für Sekretär Shen Chun war diese Situation ganz natürlich ein weiteres Vorzeichen dafür, dass sich die Zusammensetzung der drei Arbeitsgruppen von Sanmenli ändern würde. Die „Wang-Gruppe“ und „Leng-Gruppe“ hatten bereits durchblicken lassen, sie wollten „sich der ‘Parteigruppe’ annähern“. Manche aktivierten sich im Verborgenen und sagten zu einem Parteimitglied: „Nach Neujahr musst du zu unserer Gruppe kommen. Ohne Parteiführung geht es doch nicht!“ Am stärksten reagierten darauf die jungen Männer und Mädchen in den beiden Gruppen. Junge Leute sehen das Leben gern mit eigenen Augen, sie haben eigene Bestrebungen, achten nicht wie ältere Menschen so sehr auf wirtschaftliche Gesichtspunkte, sondern mehr auf die Bedürfnisse des geistigen Lebens. Sie sagten sehr unzufrieden: „Die Gruppeneinteilung in Sanmenli ist sehr problematisch. Sie haben alle Parteimitglieder wegverteilt – wie sollen wir in die Partei eintreten, uns weiterentwickeln? Wer soll uns anleiten? Können etwa diese Geflügelten“ (Nichtparteimitglieder) „Parteipaten sein?“ Auf solche Vorwürfe hatten ihre Väter und Brüder keine Antwort. So hatten nach fast einem Jahr harten Kampfes, Kummer und Entbehrungen die Kommunisten des Vierten Teams von Sanmenli gemeinsam mit den Dorfbewohnern ein Jahr reicher Ernte erlebt. Sie hatten in diesem kleinen Dorf auf den 9,6 Millionen Quadratkilometern unseres Landes (auf einer Karte im Maßstab 1:500.000 nicht zu finden), als grundlegendste Zelle der Partei, das Ansehen der Partei wiederhergestellt und das Vertrauen der Volksmassen zurückgewonnen.
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Wie war dieses Ansehen verloren gegangen und wie wurde es wiedererlangt? Der Parteisekretär der Sanmenli-Brigade überlegte tief, während er sprach. Früher hatte man die Probleme der Parteimitglieder durchaus erkannt und Maßnahmen ergriffen. Kritik, Einzelgespräche, Schulungen, Studium der zwölf Grundsätze – aber es half nicht viel. Welche Methode hatte man diesmal angewandt? Keine. Keine Methode. Die Brigadezelle und das Kommunekomitee hatten nicht einmal ein Wort der Kritik oder des Vorwurfs geäußert, doch die Parteimitglieder richteten sich alle auf und korrigierten ihre Fehler – welche mächtige Autorität hatte dieses Wunder bewirkt? Es war das Leben, es waren die Volksmassen, es war eine äußerst strenge und doch äußerst gerechte gesellschaftliche Realität. „Wir Kommunisten sind wie Saatgut, das Volk ist wie die Erde“ – so hatte es der Führer unserer Partei schon längst gesagt. Saatgut kann nicht ohne Erde überleben, so wie der Riese Antäus ohne die Mutter Erde vom Feind getötet werden konnte. In diesen Jahren hatten wir tausendundeine Lektionen gelernt, aber im Grunde war es genau diese eine: Wir als Saatgut hatten uns vom Volk als Erde gelöst.
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Wenn wir mutig dieser Realität ins Auge sehen, die Brust recken, nicht durch Erklärungen, sondern durch Handeln, nicht durch andere, sondern durch uns selbst die Fehler überwinden, die Traditionen der Partei hochhalten, mit unseren eigenen Händen unser eigenes Bild wiederherstellen – dann können wir sicher wieder blühen und Früchte tragen, unser Ziel erreichen, so wie es unsere fünf einfachen Parteimitglieder auf dieser fruchtbaren und doch armen, reichen und doch kargen großen Salzwüste von Sanmenli geschafft haben.
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(Erstveröffentlichung in „Chunfeng“, 1981, Nr. 6)
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Die Tränen der Euphrat-Pappel
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Meng Xiaoyun
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In der Welt ist die Euphrat-Pappel – die älteste Pappelart – selten geworden.
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Am Rand der Taklamakan-Wüste sah ich diesen seltenen Baum. Er ist groß, der Stamm gebogen wie der Rücken eines Alten. Sein Aussehen ist unscheinbar, doch er besitzt große Lebenskraft, erträgt Trockenheit, Salzböden, Sandstürme und kann unter den harten natürlichen Bedingungen wachsen – glühend heiße Sommer, eiskalte Winter, nur zehn Millimeter Niederschlag im Jahr. Die uigurischen Bauern sagen: Die Euphrat-Pappel lebt dreitausend Jahre – tausend Jahre wächst sie ohne zu sterben, tausend Jahre steht sie tot, ohne zu fallen, tausend Jahre liegt sie am Boden, ohne zu verfaulen.
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Die Einheimischen nennen die Euphrat-Pappel den „weinenden Baum“. Der Grund: Je trockener die Umgebung, in der sie lebt, desto mehr Wasser speichert sie in ihrem Inneren. Wenn man den Stamm mit einer Säge durchtrennt, spritzt aus dem Stumpf bis zu einem Meter hoch gelbes Wasser. Wenn etwas die Rinde verletzt, sickert Wasser aus der „Wunde“ – es sieht aus, als würde sie traurig weinen. Seit Jahrtausenden haben diese wild wachsenden natürlichen Euphrat-Pappeln den Menschen still verschiedenste Schätze geboten: Ihr Holz ist hervorragendes Baumaterial; ihre jungen Zweige und Blätter sind Futter, das Rinder und Schafe gern fressen; selbst ihre „Tränen“, die schnell zu einem kristallinen Stoff werden, genannt Euphrat-Alkali, können gegessen und zur Seifenherstellung verwendet werden... Oh, dieser weinende Baum! Ich streichelte den rauen Stamm der Euphrat-Pappel und war tief bewegt von ihrem wertvollen Charakter.
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Plötzlich dachte ich an einen Lehrer der landwirtschaftlichen Hochschule, Qian Zongren, den ich in Tarim kennengelernt hatte. Jeder Fremde, der seine rauen Hände schüttelte und sein dunkles, faltiges Gesicht sah, würde niemals glauben, dass er erst 39 Jahre alt war, und auch nicht, dass er ein Intellektueller war.
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Vier ganze Nachmittage und vier ganze Nächte erzählte mir Qian Zongren von seinen 20 Jahren mühsamen Selbststudiums. Er war kein Erfolgreicher, man könnte sogar sagen, er war ein Gescheiterter. Seine Worte, Satz für Satz, waren wie Tränen, die vom Euphrat-Pappel-Baum tropften.
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Abschiedslied
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Im August 1964 saß im langsamen Zug von Lanzhou nach Turpan ein etwa 20-jähriger junger Mann, groß und dünn, der sehr ehrlich und auch sehr melancholisch wirkte. Er hatte kein Gepäck, keine Tasche, nach dem Kauf der Fahrkarte war er mittellos – er besuchte keine Verwandten, machte keine Geschäfte, doch er war unterwegs in die Ferne. Dieser junge Mann hieß Qian Zongren, aus dem Shizhou-Produktionsteam im Kreis Xiangxiang, Hunan.
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Der Zug ratterte schwer dahin, die schweren Räder rollten über die Schienen, rollten und rollten, als würden sie seine Kindheitsträume zermalmen; draußen am Fenster zog die karge Gobi vorbei wie seine verflossene Studentenzeit. Vielleicht war es vom Schicksal bestimmt, dass er mit 20 in der Fremde stranden sollte. Er war ein pflichtbewusster, fleißiger, reiner junger Mann – seit er denken konnte, lastete ein Stein auf ihm, der ihm die Luft nahm, ein Schatten begleitete ihn immer – er war der Sohn eines „Großbauern“. Deshalb konnte er nicht in den Komsomol eintreten, verlor dreimal die Chance auf ein Universitätsstudium und konnte nicht einmal in seiner Heimat leben. Um fair zu sein: Als während der Bodenreform die Klassenzugehörigkeit der Familie Qian Zongrens zum ersten Mal als „arme Bauern“ eingestuft wurde, war dies durchaus nachvollziehbar. Doch wegen eines geringfügigen Familienstreits hatte er den damaligen Vorsitzenden der Bauernvereinigung verärgert, der die Familie Qian als „Pachtgroßbauern“ einstufte. In der stürmischen Bodenreformbewegung im Süden behinderte diese geringfügige Ungerechtigkeit nicht die Größe dieser Bewegung, aber genau dieser kleine Fehler führte zur Tragödie in Qian Zongrens erster Lebenshälfte.
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„Verehrte Fahrgäste, bitte beachten Sie, dass dieser Zug ziemlich überfüllt ist. Um die Ordnung und Hygiene in den Waggons zu gewährleisten, bitten wir Sie, in jedem Waggon einen Fahrgastvertreter zu wählen, der bereit ist, allen herzlich zu helfen...“ ertönte die Zugdurchsage. „Wählen wir doch diesen jungen Mann“, schlug ein alter Mann vor und zeigte auf Qian Zongren. „Ja, ich denke, das passt, er sieht so ehrlich und aufrichtig aus...“ stimmte eine Frau mit einem Kind auf dem Arm zu. Die Atmosphäre im Waggon wurde lebhaft, alle richteten warme und vertrauensvolle Blicke auf Qian Zongren.
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Was gibt es auf der Welt Wertvolleres als Vertrauen? Qian Zongren wollte das Vertrauen der Menschen nicht enttäuschen. Er scheute keine Mühe und hatte auch die Kraft dazu. In seiner Heimat hatte er, um sich das Schulgeld zu verdienen, rote Ziegel geschleppt, Wasser getragen, Karren geschoben - verglichen damit war diese Arbeit hier nichts. Kehren, Wischen, Gepäck ordnen - während der langen Reise arbeitete Qian Zongren unermüdlich für alle. Wenn ein Kind sich erleichtern musste, hielt er den Nachttopf hin; als eine alte Dame sich unwohl fühlte, durchsuchte er alle anderen Waggons nach einem Arzt. Die Fahrgäste verfassten einen Dankesbrief, und deshalb legte ihm der Koch sogar einen zusätzlichen Löffel Gemüse in seine Essschale.
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Ein Grashalm, der lange unter einer Steinplatte gedrückt, vernachlässigt und übersehen worden war, erhielt plötzlich von dieser Gruppe völlig fremder Menschen Aufmerksamkeit, Vertrauen und Anerkennung. Sie kannten Qian Zongrens Herkunft und Geschichte nicht, und das spielte auch keine Rolle. Sie sahen einen lebendigen Menschen - einen jungen Mann mit einem warmen Herzen.
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Diese Szene ließ Qian Zongren an eine besondere Reise zurückdenken. Ein Jahr zuvor hatte Nordchina unter Überschwemmungen gelitten, die Bahnverbindung durch Zhengzhou war unterbrochen, und eine Gruppe von Studenten mit Zulassungsbescheiden der Technischen Universität Harbin musste einen Umweg über Jinan nehmen, dann nach Yantai fahren und von dort mit dem Schiff nach Dalian. Die Technische Universität Harbin hatte in Jinan ein Rückkehrkomitee organisiert. Ein junger Mann sprang auf die Bühne des Platzes, hielt ein Megaphon hoch und sagte: „Kommilitonen, in dieser besonderen schwierigen Situation dürft ihr nicht ungeduldig werden, wir müssen den Geist gegenseitiger Hilfe und Freundschaft zeigen. Ein neuer Kommilitone namens Qian hat freiwillig anderen Studenten beim Gepäcktransport geholfen, seine Betten im Hotel abgetreten und selbst auf der Straße übernachtet. Wir sollten von ihm lernen...“ Er sprach von Qian Zongren, und das war ein Vertrauen, das jenem in diesem Moment im Zug glich, als man ihn zum Fahrgastvertreter wählte.
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Damals konnte niemand Qian Zongrens komplexe Gefühle verstehen. Obwohl die Erstsemester ihre Anmeldung verzögern mussten, waren sie doch fröhlich gestimmt - voller Vorfreude auf das kommende Studentenleben. Qian Zongren hingegen hatte keine Ummeldeunterlagen für seinen Haushaltsregistereintrag bei sich. Er war zwar an der Technischen Universität Harbin aufgenommen worden, aber ob er dort studieren konnte und wie lange, war noch ungewiss. Die Zukunft war unvorhersehbar!
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Das Schicksal spielte ihm immer wieder Streiche. 1962, bei seiner ersten Hochschulaufnahmeprüfung, hatte Qian Zongren hervorragende Ergebnisse erzielt und gehörte zu den besten zehn in ganz Hunan. Die Rekrutierungsgruppe der Tsinghua-Universität wollte ihn aufnehmen. Doch der stellvertretende Parteisekretär der Zweiten Mittelschule Xiangxiang nutzte die Eifersucht eines studentischen Kaders aus, stahl Qian Zongrens Tagebuch, riss Passagen aus dem Zusammenhang und änderte das Ergebnis der politischen Prüfung zu: „Schlechte Herkunft, reaktionäres Denken, nicht zur Aufnahme geeignet.“ So fiel Qian Zongren durch. Aber er gab nicht auf und wurde im folgenden Jahr mit hervorragenden Leistungen in der Fakultät für Präzisionsinstrumente der Technischen Universität Harbin aufgenommen. Er war überglücklich und schlief die ganze Nacht nicht.
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Zu jener Zeit begann die Longfeng-Kommune gerade mit einer „Vier-Säuberungen“-Pilotkampagne. Sekretär S der Kommune war Leiter der Arbeitsgruppe in der Fuzhou-Brigade. Gerade als sie damit beschäftigt waren, die Klassenkräfte zu organisieren und zu untersuchen, kam die Nachricht, dass Qian Zongren zur Universität zugelassen worden war. Am selben Abend wurde im Dorf eine Massenversammlung einberufen. In der Rede von Sekretär S gab es einen Abschnitt, der Qian Zongren Schauer über den Rücken jagte: „Gibt es hier bei uns keine Klassenkampf-Tendenzen? Nach mehr als 20 Jahren der Befreiung hat diese Brigade nur einen Absolventen eines pädagogischen Colleges, und jetzt wurde ein Sohn eines Großbauern namens Qian Zongren zur Universität zugelassen, sogar für ein Geheimnisfach (er verstand das Wort ‚Präzision’ nicht). Warum gehen so viele Kinder armer und mittlerer Bauern nicht zur Universität, aber er darf auf so eine gute Universität? Und jemand hat das auch noch genehmigt - sagen Sie, ist das nicht Klassenkampf? Können wir ihn zur Universität gehen lassen? Ich erkläre hiermit: Wer immer ihm die Genehmigung für die Universität erteilt, trägt die Verantwortung, wer für ihn die Formalitäten erledigt, trägt die Verantwortung!“
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Qian Zongren war wütend und verzweifelt. Nach der Versammlung suchte er sofort Sekretär S auf. S sprach in einem offiziellen Ton: „Das ist eine Prinzipienfrage von großer Bedeutung, du kannst das nicht verstehen...“ Sollte die Zukunft des jungen Mannes etwa wieder leichtfertig zerstört werden? Qian Zongren weinte bitterlich, aber Tränen konnten jemanden wie S nicht rühren. Wie konnte er wissen, wie Qian Zongren Tag und Nacht gekämpft hatte, um die Chance auf eine höhere Bildung zu bekommen! Wie konnte er seine sehnliche Hoffnung verstehen, die Schwelle zur Universität zu überschreiten!
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Mit neunzehn Jahren konnte er diese grausame Realität nicht akzeptieren. Qian Zongren ging nach Hause und weinte und weinte, wieder ohne eine Nacht zu schlafen. Die Brigadekader weigerten sich, ihm die Ummeldeunterlagen auszustellen. Gerade zu dieser Zeit kamen mehr als zehn Universitätsstudenten, die von der Zweiten Mittelschule Xiangxiang stammten, zum Urlaub nach Hause. Als sie davon hörten, diskutierten sie empört mit den Kommunekadern und schrieben gemeinsam einen Brief an das Bildungsministerium, um die Situation zu schildern. Qian Zongren machte sich, im Vertrauen auf die Politik der Partei und mit einem Bericht ausgerüstet, mit leeren Händen auf den Weg nach Harbin.
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Sein Schicksal lag in den Händen von Sekretär S und anderen. Der vor Scham und Wut rasende Sekretär S schickte einen Brief an die Technische Universität Harbin und forderte, Qian Zongrens Zulassung zu widerrufen. Das Parteikomitee der Technischen Universität Harbin schickte daraufhin Genosse Sun Jinglüe nach Xiangxiang, um Nachforschungen anzustellen und Verhandlungen zu führen. Er kam zur Longfeng-Kommune, um die Politik der Partei zu erklären: „Man berücksichtigt die Klassenzugehörigkeit, aber legt nicht alles darauf fest, entscheidend ist das politische Verhalten.“ Er bat das „Vier-Säuberungen“-Arbeitsteam, Qian Zongren das Studium zu ermöglichen. Sekretär S mobilisierte sofort seine Leute und verfasste mehr als zehn Seiten Material, das besagte, dass Qians „politisches Verhalten schlecht“ sei. Als Sun Jinglüe verstand, dass dieses Material reine Erfindung war, und vernünftig argumentierte, weigerte sich Sekretär S angesichts der Fakten unvernünftig zu sein und sagte tatsächlich: „Wenn unsere Parteiführung auf Kommuneebene nicht einmal gegen ein Kind von Grundbesitzern und Großbauern ankommt, was für Auswirkungen wird das haben? Ist eure Technische Universität Harbin eine kommunistische oder eine nationalistische Schule? Warum unterstützt ihr nicht die armen und mittleren Bauern, sondern Grundbesitzer und Großbauern!“ Schließlich wurde er sogar unverschämt: „Wenn ihr unbedingt wollt, dass Qian Zongren studiert, ziehen wir sofort das Arbeitsteam ab, und ihr könnt Leute schicken, um die ‚Vier Säuberungen’ hier durchzuführen.“
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Die Verhandlungen scheiterten. Die Technische Universität Harbin hatte keine andere Wahl, als Qian Zongren zu raten, das Studium abzubrechen.
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Ach, vergangene Zeiten wie Rauch...
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Abschied, Abschied - diesmal verabschiedete er sich nicht von seiner Heimat, sondern von den guten Freunden, mit denen er drei Monate zusammen studiert hatte. Die gesamte Klasse begleitete ihn zum Bahnhof von Harbin. Qian Zongren weinte, alle weinten. „Zongren, wir warten auf deine Rückkehr.“ „Zongren, falls du nicht zurückkommen kannst, kannst du zu Hause literarisch schaffen, das ist auch ein Erfolg.“ „Wie sollte er nicht zurückkommen können? Die Schulleitung hat persönlich gesagt, dass wir wollen, dass du studierst, aber einige Probleme müssen geklärt werden, bevor du zurückkommen kannst.“ Naiver Zongren, wie konntest du ahnen, dass dies nur der Wunsch deiner Kommilitonen war. Wie konntest du ahnen, dass du von nun an nie wieder zurückkehren und nie wieder die Schwelle der Technischen Universität Harbin überschreiten würdest?
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Abschied, wieder Abschied - diesmal verabschiedete er sich vom Prüfungsort. Um studieren zu können, hatte Qian Zongren so viel geopfert, aber er hatte noch nicht alle Hoffnung verloren. Bei jenem Gespräch im Vorjahr, als ihm zum Abbruch des Studiums geraten wurde, hatte er unter Tränen noch gefragt: „Wenn ich später wieder die Hochschulaufnahmeprüfung machen will, darf ich das dann?“ Der Genosse von der Technischen Universität Harbin, der ihn nach Hause begleitete, sagte aufrichtig: „Wir hoffen, dass du nächstes Jahr wieder die Prüfung machst und dich wieder bei der Technischen Universität Harbin bewirbst. Wir heißen dich willkommen.“ Die anwesenden Kommunekader stimmten sofort zu: „Kein Problem, du darfst dich anmelden.“ Qian Zongren glaubte ihnen leichtgläubig. Im folgenden Jahr hatte er alles vorbereitet und ging zur Anmeldung, doch das „Vier-Säuberungen“-Arbeitsteam legte ihm Steine in den Weg. Er lief neunmal zur Kommune, neunmal wurde er vor die Tür gesetzt, und die Anmeldefrist lief ab. Qian Zongren verlor den Appetit, konnte nicht schlafen. Niedergeschlagenheit, Verzweiflung und Sorge lasteten auf seinem Herzen. Zum ersten Mal empfand er seine eigene Schwäche. Am 15. Juli jenes Jahres strömten die Schüler der zwölften Klasse in die Prüfungsräume. Auch Qian Zongren, dessen Seele an den Prüfungsort gebunden war, ging unwillkürlich dorthin. Er konnte nur von Weitem zuschauen. Die jungen Leute schrieben konzentriert ihre Antworten, der so vertraute und liebe Prüfungsort - lebe wohl! Qian Zongren warf einen letzten tiefen Blick auf den Prüfungsort, rannte zum kleinen Fluss, umarmte einen Kampferbaum und weinte lange Zeit allein. Dann schrieb er zwei Verse: „Wer sagt, dass hohe Ideale und ewiger Wille nicht zählen, selbst kleinste Schritte sind wie ein Langer Marsch...“ Abschied, wieder Abschied. Diesmal verabschiedete er sich wirklich von seiner Heimat, wer weiß, ob es ein Abschied für immer war. Er wollte in die trostloseste, trostloseste Wüste gehen. Wenn er nicht studieren konnte, hatte er immer noch ein Herz und zwei Hände, um am Aufbau des Vaterlandes teilzunehmen. Aus irgendeinem Grund empfand Qian Zongren ein geheimnisvolles Gefühl für die Zukunft, gemischt mit glühender Sehnsucht. Er schrieb eifrig und verfasste im Zug nach Westen ein „Abschiedslied“: „Mit schwerem Blick schaue ich zurück, die Bedeutung schwer zu erklären, Abfahrt und Rückkehr beide ungewiss. Die Dampfpfeife drängt, die Heimatliebe verblasst, das Rollen der Räder kündet von langer Reise. Künftige Taten sollen frühere übertreffen, vielleicht ist die Fremde besser als die Heimat. Suche den Ort, wo Helden wirken können, gute Blumen duften überall.“
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Gute Blumen duften überall
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Im Lesesaal der Bibliothek von Aksu, Xinjiang, erschien die Gestalt eines jungen Mannes, groß und schlank, die Haut vom Wind und Sand rau geworden - dieser junge Mann war Qian Zongren. Er arbeitete als Arbeiter in der Versuchsbaumfarm, sein Monatslohn betrug 33 Yuan. Er hatte kein Geld, um Bücher zu kaufen, aber er fand einen Weg: Jeden Sonntag, wenn es gerade dämmerte, machte er sich auf den Weg. Von der Baumfarm bis zur Stadt Aksu waren es 30 Li. Er eilte schnell in die Kreisstadt und war als erster da, der auf die Öffnung des Lesesaals wartete. Die Bibliothekarin kannte diesen jungen Mann schon. Schau, zur Mittagszeit aß er Maisbrot und las dabei immer noch. „Gehärtet wie Stahl“, „Schneewald“, „Mitternacht“, „Der stille Don“, „Aufbruch zu neuen Ufern“, „Die Elenden“... Viele berühmte Werke aus dem In- und Ausland hatte er fast alle in dieser Zeit gelesen.
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„Ein Idiot, ein echter Träumer – nicht mal sonntags macht er Pause.“ Die Arbeiter auf derselben Schlafpritsche waren fast alle Analphabeten und Wanderarbeiter aus ganz China. Ohne Bildung konnten sie Qian Zongrens Drang nach Wissen nicht begreifen. Nach der Schicht spielten die meisten Karten oder schliefen – wie sollten sie verstehen, welche Freude Bücher bereiten können?
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Vom Tag seiner Ankunft in der Baumfarm an wurde Qian Zongren von den Leuten als „Dummkopf“ bezeichnet.
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Eigentlich hätte Qian Zongren eine bessere Arbeitsstelle finden können. Sein Landsmann Li Jinyun kannte den Direktor Chang vom Arbeitsamt gut. Der kleine Li sagte, sein Bruder wolle nach Xinjiang kommen, um Arbeit zu finden, und der alte Chang sagte sofort zu. So kam Qian Zongren anstelle von Li Jinyuns Bruder nach Aksu.
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Als es darum ging, die Arbeit zuzuweisen, fragte ein Sachbearbeiter: „Wie kennst du Direktor Chang? Was ist deine Beziehung zu ihm?“ Qian Zongren konnte nicht lügen und erzählte alles genau. Das Gesicht des Sachbearbeiters verfinsterte sich sofort: „Die Arbeit ist nicht leicht zu vergeben. Hast du eine Haushaltsregistrierung? Kannst du sie beschaffen?“ „Ich habe keine Haushaltsregistrierung. Wahrscheinlich kann ich sie auch nicht so schnell bekommen.“ „Hast du irgendwelche besonderen Fähigkeiten?“ „Nein. Ich kann nur arbeiten.“ „Dann geh zur Baumfarm, um Land urbar zu machen und Bäume zu pflanzen, ist das in Ordnung?“ „Ja.“
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Nachdem Qian Zongren in der Versuchsbaumfarm angekommen war, erzählte er den Arbeitern in seinem Schlafsaal davon. Alle verspotteten ihn als Dummkopf: „Warum hast du nicht gesagt, dass du ein Verwandter von Direktor Chang bist? Dann hätte man dich sofort in einer regionalen Fabrik oder Behörde unterbringen können. Die Haushaltsregistrierung kann man später langsam regeln. Du bist wirklich zu dumm.“ Qian Zongren würde wahrscheinlich sein Leben lang nicht lernen zu lügen. Er war schon sehr zufrieden - solange er politisch nicht mehr diskriminiert wurde, war es, als sei er aus der Hölle ins Paradies gekommen. Selbst harte Arbeit und Leiden nahm er gerne in Kauf.
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Er hatte nicht genügend Winterkleidung, keine Bettwäsche, aber das kümmerte diesen jungen Mann nicht. Wichtig war, eine Tintenflasche zu finden, um sie als Öllampe zu verwenden - er wollte lernen, er wollte schreiben. Die Essays, die Qian Zongren in der Aksu-Zeitung veröffentlichte, und die Kurzgeschichten „Das Mädchen vom Erschließungstrupp“ und „Erkenntnis“ in der Zeitschrift „Xinjiang-Literatur“ - all das wurde unter dieser kleinen Öllampe geschrieben.
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Qian Zongrens Talente wurden von der Leitung der Baumfarm geschätzt. Die Baumfarm gründete eine Amateur-Kunstpropagandatruppe, und Qian Zongren schrieb zahlreiche Sketche, Sprechgesänge und kleine Theaterstücke. Danach wurde er zum Lagerverwalter und lebte recht interessant. Die Zeit ist wie ein stiller Arzt, der seelische Wunden heilen und die Qualen der Verzweiflung lindern kann. Der Boden von Aksu ist fruchtbar genug - es ist unmöglich, dass dort keine roten Blumen und grünes Gras wachsen. Qian Zongren hatte auf diesem Boden Fuß gefasst und Wurzeln geschlagen.
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Es war wohl 1965, als viele Arbeiter die Baumfarm verließen, weil sie die niedrigen Löhne und das harte Leben lästig fanden. Im Zelt blieben nur noch Qian Zongren und ein anderer Arbeiter. Gruppenleiter He vom „Vier-Säuberungen“-Arbeitsteam des Bezirks kam zur Baumfarm, um die Arbeit zu überprüfen, und entdeckte an Qian Zongrens Bettrand dieses Gedicht: „Wer sagt, dass es außerhalb der Grenze nicht trostlos ist, Sandsturm im Zelt, Staub im Bett. Chinas Söhne und Töchter haben den Willen, hier zu sein. Wenn wir an die schöne Landschaft Jiangnans denken, schwitzen wir, um ihr ein neues Gewand zu geben. Wie könnte ich nicht an meine Lieben denken, meine Gedanken meinen Eltern schicken. Wenn meine Wurzeln tief sind, ist dies meine Heimat. Möge ich gedeihen wie die Bäume, sei es Tamariske oder Pappel.“
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Der alte He lobte es wiederholt. In einer Versammlung hob er Qian Zongren hervor. Das Vertrauen überwältigte erneut Qian Zongrens viel geprüftes Herz. Die Kluft zwischen den Menschen verringerte sich. Er offenbarte dem alten He vollständig die Familiengeschichte und sein persönliches Schicksal. Der alte He zeigte tiefes Mitgefühl und schlug Qian Zongren vor, die „Vier-Säuberungen“-Bewegung zu nutzen, die sich gerade umfassend entfaltete, um eine Neubewertung der Familien-Klassenzugehörigkeit an seinem Herkunftsort zu beantragen. Zongren hatte damals kein Geld für die Heimreise und schrieb einen sehr langen Bericht, den er an die Zentrale des „Vier-Säuberungen“-Arbeitsteams des Provinzkomitees Hunan schickte. Unerwartet wurde dies in den chaotischen Jahren zu einem Vorwurf gegen ihn, er wolle die Klassenzugehörigkeit seiner Familie revidieren. Das war ein äußerst empfindlicher Nerv. Die Longfeng-Kommune in Xiangxiang schickte neunmal hintereinander Briefe an die Versuchsbaumfarm Aksu und forderte, Qian Zongren zur „Umerziehung durch Arbeit“ an seinen Herkunftsort zurückzuschicken.
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Es ist besser, jene chaotischen Jahre nicht zu erwähnen - im riesigen China hatte fast jede Familie, jeder gutherzige Mensch sein eigenes schwer zu beschreibendes leidvolles Schicksal. Qian Zongren gehörte unzweifelhaft zu den „schwarzen sieben Kategorien“. Allein diese Punkte reichten: Erstens, er hatte sich in die Universität eingeschlichen und war ausgeschlossen worden; zweitens, er hielt an seiner reaktionären Haltung fest und wollte seine Familie rehabilitieren; drittens, er schrieb reaktionäre Gedichte und veröffentlichte giftige Werke; viertens, er erschlich das Vertrauen von „kapitalistischen Wegegehern“ und versuchte, in die revolutionären Reihen einzudringen. Die Vergangenheit ist unerträglich zurückzudenken - Selbstkritik, Denunziation, Fesselung, Schläge, Zwangsarbeit, Flucht, überall umherwandernd...
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Tag und Nacht wurde er aufgehängt und abwechselnd geschlagen, mit schweren Fußfesseln gefesselt und in ein Erdgefängnis gesperrt. Menschen ritten auf ihm wie auf einem Pferd, peitschten ihn, damit er gegen die Wand rannte, verbrannten sein Gesicht mit Zigaretten. Qian Zongren konnte dieses unmenschliche Leben nicht ertragen. Eines Tages, als die Wärter einschliefen, hebelte er das Fenster des Erdgefängnisses auf und floh - nach Ürümqi, nach Kashgar, wo er umherwanderte. Er verbrachte den langen Winter in den Ruinen der Wüste...
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Das Leben hatte ihm alles genommen, ihn entblößt, ihn aus dem Kreis normaler Menschen ausgeschlossen und auf eine schwarze Liste gesetzt. Aber in seinem Herzen war ein Feuer, das nicht erloschen war. Er wollte lernen. Im Gefängnis rezitierte er auswendig alte Texte und Gedichte, leitete mathematische Formeln ab. In den „Studienklassen“ nutzte er die Gelegenheit, Selbstkritiken zu schreiben, um Grammatik und Rhetorik zu lernen. Er hoffte, dass eines Tages seine Weisheit dem Vaterland dienen und sein angesammeltes Wissen dem Volk zugutekommen könnte. Was für ein Leben, das sich in widrigen Umständen unaufhaltsam stärkte! Was für eine Seele, die in der trockenen Wüste standhaft blieb!
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In jenen langen Jahren begann die Kluft zwischen den Menschen sich grenzenlos zu vergrößern - so sehr, dass die Baumfarm keinen Platz für Qian Zongren hatte und ihn an seinen Herkunftsort zurückschickte. So groß, dass Qian Zongren sich unter Tränen von seiner Verlobten trennen musste, obwohl die liebevolle Frau tausende von Meilen gereist war, um seinetwillen nach Xinjiang zu kommen. Qian Zongren musste sich von Aksu verabschieden, wo er sechs Jahre gelebt hatte.
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Auf dem gepflasterten Weg in der Kreisstadt ging er einsam dahin, als eine schlanke, elegante Frau auf ihn zukam - es war Wen Huanan, seine Klassenkameradin aus der Mittelschule. Er wollte ihr ausweichen. Seit seiner Rückkehr in die Heimat wagte er es nicht, seine Mitschüler und Lehrer zu treffen. „Ist das nicht Zongren? Komm doch zu mir nach Hause.“ Die gütige Wen Huanan hörte von Zongrens Schicksal und sagte mitfühlend: „Du hast doch das Tischlerhandwerk gelernt, oder? Komm zur Zweiten Mittelschule und repariere Türen und Fenster. Ich bin die Verwalterin.“ Diese herzlichen Worte gaben dem einsamen Zongren ein wenig Wärme.
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Qian Zongren arbeitete sechs oder sieben Tage in der Zweiten Mittelschule, bis er von einem Lehrer entdeckt und hinausgeworfen wurde. Selbst Wen Huanan bekam eine ordentliche Rüge, er sei eine gefährliche Person. Wie herzzerreißend - selbst das Recht auf Arbeit wurde ihm genommen. Qian Zongren trug seine Tischlerwerkzeuge, schleppte sich mit schweren Schritten dahin, die seelische Last ließ ihn kaum atmen. Am 29. Dezember 1974 verließ er erneut seine Heimat und begann zu wandern. Wohin sollte er gehen? Wie sollte er leben? Der 30-jährige Qian Zongren fühlte Melancholie und Ratlosigkeit.
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In Wuhan hatte er das Glück, einen jungen Lackierer kennenzulernen, der seinem Leben neue Kraft verlieh. Dieser junge Lackierer hieß Du, sah etwa wie 26 oder 27 Jahre alt aus und war ein ‚gebildeter Jugendlicher’, der auf dem Land gearbeitet hatte. In der dritten Mine der Wuhan Eisen- und Stahlgesellschaft arbeitete Qian Zongren als Tischler für andere, der kleine Du lackierte. Eines Tages las Qian Zongren in der Fabrik die Wandzeitungen über die Kritik an Lin und Konfuzius. Der kleine Du klopfte ihm auf die Schulter: „Meister Qian, du interessierst dich auch für Politik. Komm, besuch mich mal.“
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Qian Zongren kam zur Unterkunft des jungen Lackierers - es war eine Hütte aus Abfallbrettern. Im Raum gab es zwei Betten, zusammengebaut aus Holzbrettern, darauf ausgestreutes Stroh. Was ihm den tiefsten Eindruck machte, waren die Bücher, die Bett und Boden bedeckten, voller Unterstreichungen und Markierungen mit Kugelschreiber - alles Bücher über Philosophie und Geschichte, kein einziger Roman. Der junge Lackierer las gerade Engels „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“ und Marx’ „Der Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten“.
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„Was nützt es dir, diese Bücher zu lesen?“, fragte Qian Zongren. „Weißt du,  warum China so chaotisch ist?“, fragte der junge Lackierer zurück. „Ich suche nach Antworten. Weißt du, gegen wen sich die Kritik an Lin und Konfuzius richtet? Gegen Premierminister Zhou...“ Der junge Lackierer begann mit der Geschichte der chinesischen Revolution und erklärte die damalige politische Lage Chinas. Qian Zongren erzählte auch von seinen eigenen Erfahrungen und sagte dann mit Gefühl: „Ich habe einen Schatten, den ich nicht loswerden kann!“ „Die Theorie, dass nur die Klassenzugehörigkeit zählt, ist idealistisch. Die schwere Last auf deinem Rücken wurde von Menschen auferlegt. Was Menschen auferlegt haben, können Menschen auch wieder wegnehmen...“
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Dieses Gespräch erschütterte Qian Zongren zutiefst. Er erkannte seine eigene Armut und Enge. Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass er sich von seinem „Schatten“ verabschieden sollte, so schwer es auch sein mochte, ihn abzuschütteln. Der Schatten war eine Illusion, aber Qian Zongren war real.
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Nur zwei Jahre älter
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Im Winter 1981 bestieg Qian Zongren den Zug nach Süden, von Ürümqi nach Xi’an. Seine Gefühle waren komplex.
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Von Juli 1978 bis Frühjahr 1981 hatte Qian Zongren in den Zwischenräumen zwischen intensiver Arbeit und schweren Haushaltsaufgaben acht Universitätskurse absolviert, über vierzig Notizbücher geschrieben, zwanzig Übungshefte ausgefüllt und mit fast durchweg vollen Punktzahlen das Abschlusszeugnis der Pädagogischen Xinjiang Normal-Fernuniversität erhalten. Im September 1981 bestand er die Aufnahmeprüfung für ein Graduiertenstudium bei Professor Liu Shuqin an der Mathematischen Fakultät der Nordwest-Universität und belegte den ersten Platz unter 26 Kandidaten. Er wartete und wartete, aber der Zulassungsbescheid kam nicht. Was war der Grund? Er war bereits 37 Jahre alt, dies war vielleicht die letzte Chance für eine höhere Ausbildung. Wie konnte Qian Zongren sie verpassen? Er musste nach Xi’an fahren, um Klarheit zu bekommen.
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Hatte ich etwa wieder einen Fehler gemacht? Qian Zongren dachte nach, während der Zug dahinfuhr. In der Mathematik gibt es einen Begriff namens „bedingter Extremwert“. Eine bestimmte Größe kann unter festen Bedingungen durch Variation interner Faktoren den größten Wert erreichen. Ein Mensch kann nur unter nicht veränderbaren Bedingungen sein Bestes geben und nach dem größten „Wert“ streben. In den acht Jahren nach seiner Rückkehr nach Aksu hatte Qian Zongren genau mit dieser positiven Einstellung nach dem größten „Wert“ im Leben gestrebt.
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Nach der Trennung vom jungen Lackierer kehrte Qian Zongren zum Straßenbautrupp der Versuchsbaumfarm zurück. Alle früheren Anschuldigungen gegen ihn waren mit einem Schlag vergessen, er war wieder ein einfacher Arbeiter. Der Straßenbau fand weit entfernt von Wohnsiedlungen statt, in der Wüste wurden Zelte aufgeschlagen, das Trinkwasser war trüb und schlammig, das Essen bestand aus eingelegtem Gemüse und Maisbrei. Eis und Schnee räumen, gefrorene Erde ausheben, gegen den Sandsturm Steine schaufeln - all diese Leiden waren ertragbar. Qian Zongren war dankbar, dass es keine quälenden politischen Bewegungen mehr gab. Das Leben war stabil, er konnte wieder selbst lernen.
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Auf der Straßenbaustelle, in den Zelten der Wüste, begann er mit ein paar Wörterbüchern und Altpapier, die Struktur chinesischer Schriftzeichen zu erforschen. Nach unzähligen schlaflosen Nächten untersuchte er alle chinesischen Schriftzeichen Strich für Strich, ordnete und kategorisierte sie wiederholt. Bis Ende 1975 hatte er eine „Strichfolge-Nummerierungsmethode für chinesische Schriftzeichen“ entwickelt.
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Zufällig gab es in der „Referenznachricht“ einen Bericht über einen chinesischstämmigen Amerikaner, der eine „Zwei-Zeichen-Suchmethode“ erfunden hatte, die im Grunde dieselbe wie Qian Zongrens Sortiermethode war. Qian Zongren fasste Mut und schickte seine Sortiermethode und Zeichentabelle an die „Volkszeitung“ mit der Bitte um Weiterempfehlung. Die „Volkszeitung“ leitete sie an den Shangwu-Verlag weiter. Zwei Jahre später sortierte der Shangwu-Verlag bei der Aufräumung von Materialien diese aus und schickte sie an Qian Zongren zurück. Es hieß, der Verlag habe keine Forschungseinrichtung für diesen Bereich, er solle sie an andere Abteilungen schicken oder von entsprechenden Experten prüfen lassen. Während der nationalen Wissenschaftskonferenz jenes Jahres wurde bereits berichtet, dass jemand eine ähnliche Strichfolge-Nummerierungsmethode erfunden hatte. Danach wurden nacheinander fortgeschrittenere Methoden berichtet. Qian Zongren konnte nicht mithalten. Er lebte in einem abgelegenen Gebiet, hatte weder jemanden zur Anleitung noch ausreichend Bücher und Materialien, keine Verbindung zu wissenschaftlich-technischen Abteilungen oder Bildungseinrichtungen - wer sollte ihn anleiten? Wer sollte ihn unterstützen? Selbst wenn er ein gewisses Niveau erreichte und einen bestimmten Standard erfüllte - wer sollte ihn entdecken? Wer sollte ihn empfehlen? Wer sollte ihn anerkennen? Wer sollte ihn einstellen?
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Aber Qian Zongren hatte dabei sein Potenzial entdeckt und beschloss, Universitätskurse im Selbststudium zu absolvieren und sich für ein Graduiertenstudium zu bewerben.
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Jeder Schritt kostete Herzblut und Opfer. Qian Zongren konnte kein Fach wählen, er hatte keine Bücher - welche Bücher verfügbar waren, bestimmten, was er studierte. In der Nähe fand er nur den ersten Band eines unvollständigen Lehrbuchs „Höhere Mathematik“. Er schickte über siebzig Briefe an Xinhua-Buchhandlungen in Peking, Shanghai, Tianjin und anderen Städten, aber keine hatten es vorrätig. Er kontaktierte Verwandte und Freunde im Landesinneren, aber keiner konnte helfen. Er schrieb an die Technische Universität Harbin und bat darum, die Lehrbücher seines früheren Studienfachs kaufen zu dürfen - keine Antwort. Nach unzähligen Mühen bekam er schließlich nur ein paar Mathematikbücher und ein Englisch-Chinesisch-Wörterbuch.
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Die Zeit war so eingeteilt: Tagsüber erledigte Qian Zongren gewissenhaft seine Arbeit, übernahm möglichst schwere Aufgaben, fehlte nie bei Dienstveranstaltungen - um unvermeidliche Kritik zu vermeiden. In der normalen Ruhezeit musste er körperlich arbeiten (Möbel bauen, um Geld zu verdienen), sonst konnte er den Grundunterhalt seiner Familie nicht sichern - der Lohn war niedrig, oben waren die Eltern, unten Frau und Kinder, alle mussten von ihm ernährt werden. Außer fünf Stunden Schlaf nutzte er jede einzelne Minute: Essen, Waschen, Gehen, Toilettengang - alles zählte als Lernzeit. In zwei Jahren lernte er vom ABC an, prägte sich fünftausend Vokabeln ein, löste über zehntausend Rechenaufgaben. Sein Körper magerte täglich ab, sein Gewicht nahm täglich ab, aber das spielte keine Rolle - dies war eine besondere Phase des Zeitgewinnens.
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Er hatte es endlich geschafft, aber bis jetzt hatte er keinen Zulassungsbescheid erhalten.
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Der schwere stählerne Zugkörper gab dröhnende Geräusche von sich. Schicksal, warum bist du so gnadenlos zu mir? Soll mein lebenslanger Traum wieder zerschmettert werden? Was habe ich falsch gemacht? Was habe ich falsch gemacht?
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Qian Zongren fand schließlich in den Tiefen seiner Erinnerung einen Fehler - er hatte sein Alter um zwei Jahre zu niedrig angegeben. Aber nur so konnte er die Prüfungszulassung erhalten! 1978 lag die Altersgrenze für Graduiertenstudien bei 40 Jahren, 1979 und 1980 bei 38 Jahren, 1981 wurde sie auf 35 Jahre gesenkt, aber Qian Zongren war bereits 37. Er hatte sein Lebensschiff früh in die Ferne hinausgeschoben, aber die Zeit war am Ufer vertrödelt worden - war das seine Schuld? Qian Zongren schrieb einen Bericht an das Büro für Graduiertenstudien der Nordwest-Universität und schilderte seine besondere Geschichte und seinen Wunsch zu studieren. Er hoffte auf Verständnis und Mitgefühl.
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In diesem Moment las Qian Zongren im Zug still diesen Bericht:
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„Ich habe mein Leben lang davon geträumt, die Chance zu haben, eine höhere Schule zu besuchen, selbst für eine sehr kurze Zeit. Ich strebe nicht nach Ruhm, es verbessert auch meine wirtschaftliche Lage nicht. Ich verlange nur grundlegende Lebensbedingungen, sehne mich aber nach einer besseren Lernumgebung. Ich möchte ausprobieren, ob die Jugend eines Menschen aufleuchten kann, wenn das Land dem Wunsch eines seiner Kinder nach Bildung nachkommt. Ich bin bereit, in zwei Jahren einen dreijährigen Studiengang zu absolvieren und vorzeitig abzuschließen, um den Alterskonflikt zu lösen. Sollte sich zu irgendeinem Zeitpunkt herausstellen, dass ich mit anderen jungen, hervorragenden Studenten nicht mithalten kann, werde ich sofort das Studium abbrechen...“
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Er erinnerte sich an die Wiederholungsprüfung in Xi’an und die Begegnung mit Professor Liu Shuqin. Dieser 74-jährige Gelehrte hatte Qian Zongrens Geschichte kennengelernt, hatte Mitgefühl mit ihm, mochte ihn und war der Meinung, dass das Alter keine Prinzipienfrage sei. Es gab in früheren Jahren auch Präzedenzfälle für die Aufnahme Älterer, und er empfahl der Universität eine Ausnahmegenehmigung. Die Begründung lautete: Erstens, der Kandidat hat gute Prüfungsergebnisse. Nach Einschätzung des Betreuers liegt sein tatsächliches Niveau durch das vollständige Selbststudium ohne Anleitung noch höher als die Prüfungspunktzahl zeigt, und er hat tatsächlich Ausbildungspotenzial. Zweitens, aus der Geschichte des Kandidaten geht hervor, dass sein Alter durch die falsche Linie verzögert wurde. Der Kandidat selbst hat sein Bestes getan, um dies zu kompensieren - auch wenn er älter ist, verdient seine Situation Verständnis. Drittens, angesichts der schlechten Lebensumstände und Lernbedingungen des Kandidaten verdient seine lange beharrliche Selbstbildung Bewunderung. Viertens, die mathematische Fakultät hat ihr Graduiertenkontingent nicht voll ausgeschöpft. Da Ausbildungskapazität vorhanden ist und das Land dringend Talente braucht, sollte die Chance nicht verpasst werden. Dieser Vorschlag wurde von der mathematischen Fakultät diskutiert und schriftlich an die Universität weitergeleitet.
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War mein Bittbericht und der Vorschlag der mathematischen Fakultät nicht genehmigt worden? Als Qian Zongren zur Nordwest-Universität kam und das ausdruckslose Gesicht des Verantwortlichen im Büro für Graduiertenstudien sah, wurde sein Herz kalt. „Ich verkünde Ihnen im Namen der Universität, dass Sie wegen Überschreitens der Altersgrenze nicht zugelassen werden.“ Ein verheerender Schlag. „Sie haben das so überstürzt entschieden?“, fragte Qian Zongren stammelnd. Die Antwort war ebenso kalt, in rein geschäftsmäßiger Haltung: „Das Alter ist fest, wir haben keinen Verhandlungsspielraum.“ Das Alter ist fest, aber Menschen sind flexibel. Die Zulassungsvorschriften wurden von Menschen gemacht - können Menschen nicht kleine Änderungen vornehmen? Qian Zongrens Herz gab nicht auf, noch gab es einen Hoffnungsschimmer.
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Er besuchte Professor Liu Shuqin. Professor Liu war sehr verärgert: „Der Graduiertenstudent, den ich aufnehmen wollte - warum wurde ich nicht konsultiert, bevor man ihn ablehnte? Wenn das Alter überschritten ist, dann ist es eben überschritten. Mit 35 Jahren kann man es schaffen, mit 37 Jahren auch. Geh nach Peking zum Bildungsministerium und frage, ob beim Altersproblem noch Spielraum besteht. Ich gebe dir einen Brief mit, wende dich zuerst an Zhang Guanghou vom Mathematischen Institut, er wird dir helfen.“ Professor Liu nahm dreißig Yuan aus seiner Brieftasche und ließ sein Kind für Qian Zongren ein Schnellzugticket nach Peking kaufen.
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Zhang Guanghou empfing Qian Zongren trotz seiner vielen Verpflichtungen. Qian Zongren sagte: „Die erfolgreichsten Menschen der Welt haben ihre goldene Zeit zwischen 25 und 30 Jahren, 90% derjenigen, die vor 40 Ergebnisse erzielen. Ich bin fast 40, aber ich denke, ich kann zu den 10% gehören.“ Zhang Guanghou lobte wiederholt: „Gut, du scheinst sehr ehrgeizig zu sein. Jeder hat das Recht, in die 10% zu gelangen. Auch nach 40 gibt es viele, die Ergebnisse erzielen. Wir haben wenig Kontakt zum Bildungsministerium. Ich kenne zwei Reporter von der ‚Guangming-Tageszeitung’ und der ‚Chinesischen Jugendzeitschrift’ sehr gut, sie verstehen die Politik sehr gut. Versuch es mal bei ihnen.“
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Qian Zongren ging mit dem Brief von Zhang Guanghou zur „Guangming-Tageszeitung“. Reporter Lin war sehr hilfsbereit, kontaktierte sofort die Graduiertenabteilung des Bildungsministeriums und übergab Qian Zongrens Bittschrift für das Graduiertenstudium. Die Graduiertenabteilung des Bildungsministeriums schrieb an das Hochschulamt der Provinz Shaanxi: „Qian Zongrens Situation ist tatsächlich besonders. Wir bitten das Hochschulamt der Provinz Shaanxi, mit der Nordwest-Universität zu überlegen, ob dies als Sonderfall behandelt werden kann.“
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Qian Zongren kehrte voller Hoffnung nach Xi’an zurück und ging erneut zu dem verantwortlichen Genossen im Büro für Graduiertenstudien der Nordwest-Universität. Die Antwort war kalt und ausweichend: „Das Bildungsministerium bat uns zu überlegen, sagte aber nicht, dass wir ihn definitiv aufnehmen müssen. In unserer chinesischen Fakultät gab es einen frischgebackenen Absolventen, der ebenfalls über der Altersgrenze lag und die Punktzahl überschritt, eigentlich zur Aufnahme vorgesehen war, aber weil die chinesische Fakultät mehr Kandidaten über der Punktzahl hatte als Plätze verfügbar waren, wurde dieser ältere Kandidat nicht aufgenommen. Um alle gleich zu behandeln, können wir Sie nicht aufnehmen. Dass Sie nicht zur Universität gehen konnten und während der ‚Kulturrevolution’ allerlei Leiden erfuhren, dafür haben wir Mitgefühl, aber das hat nichts mit uns zu tun. Selbstgebildete Talente müssen nicht alle Graduiertenstudenten werden, auch in Xinjiang kann man viel erreichen.“
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Professor Liu Shuqin war erneut empört: „Das ist völlig unvernünftig. Geh noch einmal nach Peking, such Jiang Nanxiang, Hua Luogeng...“ Er holte wieder 30 Yuan heraus und gab sie Qian Zongren für die Reise nach Peking. Obwohl Qian Zongren bereits spürte, dass die Hoffnung gering war, wollte er Professor Lius guten Willen nicht enttäuschen und kam zum zweiten Mal nach Peking.
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Die Graduiertenabteilung des Bildungsministeriums antwortete, dass die Entscheidungsgewalt für die Graduiertenaufnahme bei der Universität liege. Wenn die Universität sich definitiv weigere aufzunehmen, könne auch das Bildungsministerium nichts tun. Qian Zongren konnte nicht lange in Peking bleiben, zwei Yuan pro Tag für die Unterkunft machten ihn fast mittellos. Er verabschiedete sich von dem hilfsbereiten Reporter Lin, doch unerwartet teilte ihm Lin eine Nachricht mit, die ihm das Gefühl gab, „nach der Dunkelheit kommt wieder ein Dorf“ - das Hochschulamt der Provinz Shaanxi hatte bereits die Technische Universität Harbin angerufen. Wenn die Nordwest-Universität Qian Zongren nicht aufnehme, sei die Technische Universität Harbin bereit, es zu erwägen.
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Qian Zongren wartete geduldig einige Tage in Peking. Die Antwort des Büros für Graduiertenstudien der Technischen Universität Harbin kam: Wir haben unser Bestes gegeben, aber wir sind eine technische Hochschule. Genosse Qian Zongren hat sich für Naturwissenschaften beworben. Es ist sehr schwierig, einen passenden Betreuer für ihn zu finden.
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So oft flammte Hoffnung auf, und so oft wurde die Hoffnung zunichtegemacht. Qian Zongrens Herz sank. Nur wegen zweier Jahre hatte er 10.000e Kilometer zurückgelegt, fast 100 Tage unterwegs, mehrere 100 Yuan ausgegeben. Wenn er die Bedingungen gehabt hätte, diese Zeit zum Lernen zu nutzen, hätte er wahrscheinlich ein Jahr Graduiertenstudium abgeschlossen.
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Während die Menschen Qian Zongren bedauerten, äußerten sie auch diese Seufzer: Der Wert eines Menschen liegt im Menschen selbst. Zwei Jahre - was bedeuten die schon im langen Fluss des Lebens? Doch einige unserer Institutionen nehmen diesen unbedeutenden äußeren Faktor so ernst, als wäre er heilig und unantastbar, während sie talentierte Menschen selbst ignorieren. Wie viele Talente werden durch starre Personalsysteme unterdrückt, zurückgestellt, begraben - sollte dieses System, das Menschen fesselt, nicht reformiert werden?
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„Kenner von Talenten“ gibt es überall
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Qian Zongren, dieses Gräslein, das aus einer Steinspalte hervorbrach, traf nicht nur auf kalte und glatte Steine. Er erfuhr auch die Wärme und Zuwendung des Frühlingswinds. Er traf viele „Kenner von Talenten“, war Professor Liu Shuqin von der Nordwest-Universität nicht einer von ihnen? Professor Lius Brief an das Bildungsministerium bewahrte Zongren stets bei sich auf: „Ich bin der Ansicht, dass Qian Zongrens tatsächliches Niveau sehr hoch ist, alle Grundlagen vorhanden sind. Wenn man ihm bessere Bedingungen für eine Weiterbildung gibt, wird das sicher Erfolg zeigen, und es ist sehr wahrscheinlich, dass er Ergebnisse erzielen wird. ... Solche Talente nur wegen Altersüberschreitung abzulehnen ist wirklich Verschwendung und Vergeudung von Talenten. Ich fühle mich sehr unwohl damit, es scheint dem derzeit propagierten Geist zu widersprechen. ... Ich bin zuversichtlich und wage es, meine verbleibenden Jahre zu nutzen, um ihn mit Hilfe anderer Genossen sorgfältig auszubilden. ... Ich bin schon alt, habe nicht oft die Gelegenheit, für die ‚Vier Modernisierungen’ des Landes etwas beizutragen, deshalb habe ich diesen Brief geschrieben...“ Jedes Mal, wenn er das las, durchströmte eine warme Welle Qian Zongrens Herz. Auch wenn überall Hindernisse waren, gab es doch Menschen, die ihn verstanden, die ihn entdeckten und anerkannten!
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Da war auch Professor Yang Weiqi von der Grundlagenabteilung des Pekinger Instituts für Technologie, den er nie persönlich getroffen hatte. Bei einer Konferenz in Qingdao traf er Zhang Guanghou und Liu Shuqin. Er empörte sich über die Ablehnung von Qian Zongrens Aufnahme und war tief bewegt von Qian Zongrens Geist der Selbststärkung in widrigen Umständen. Er beschloss, 1982 eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen und Qian Zongren als Graduiertenstudenten aufzunehmen, und erhielt die Zustimmung des Bildungsministeriums. Obwohl dieser Wunsch aus verschiedenen Gründen nicht erfüllt wurde, nahm Qian Zongren Yang Weiqis gute Absicht zu Herzen. Bis heute steht er noch in brieflichem Kontakt mit diesem Professor, den er nie getroffen hat, als sein „außeruniversitärer Graduiertenstudent“. „Kenner von Talenten“ gibt es überall, bekannte und unbekannte, jene enthusiastischen Gelehrten, Experten, Reporter - in kritischen Momenten streckten sie alle Qian Zongren ihre unterstützende Hand entgegen. Zwanzig Jahre waren vergangen, Qian Zongren war auf viele Schwierigkeiten gestoßen, hatte aber auch das Verständnis vieler Menschen erfahren. Er wurde nicht von den Qualen eines deformierten Lebens verschlungen, sondern formte stattdessen einen anderen Charakter.
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Nachdem er bei der Graduiertenprüfung durchgefallen war, kehrte Qian Zongren erneut nach Xinjiang zurück. In Aksu traf Qian Zongren auf einen weiteren „Kenner von Talenten“ - Xuan Huiliang, den Propagandaleiter des Bezirks Aksu. Das war wirklich ein großes Glück im Unglück für Qian Zongren. Nachdem Xuan Huiliang Qian Zongrens autobiografisches Material gelesen hatte, war er tief bewegt. Dieser junge Mann verfolgte seine Ideale so beharrlich, ohne falsche Übertreibung oder Selbstdarstellung, zwischen den Zeilen pulsierte ein aufrichtiges Herz. Er ging persönlich zur Versuchsbaumfarm, um Qian Zongrens Situation zu untersuchen. Er hörte einige kritische Stimmen, zum Beispiel, dass Qian Zongren kalt und verschlossen gegenüber Menschen sei, nach Ruhm und Gewinn strebe, sich nicht um seine eigentliche Arbeit kümmere. Aber selbst diejenigen, die eine Meinung gegen ihn hatten, gaben zu, dass seine Entschlossenheit, nach all den Qualen am Selbststudium festzuhalten, bewundernswert war. Xuan Huiliang verstand Qian Zongren, mochte Qian Zongren - er sah die Qualitäten und das Potenzial dieses jungen Mannes. Er betrat die Unterkunft dieses jungen Mannes - eine heruntergekommene kleine Hütte. Qian Zongren musterte den Besucher von oben bis unten: nicht groß, mit schwarzer Brille, elegante Ausstrahlung. Er hätte nicht gedacht, dass dieser ihm fremde Propagandaleiter zu einem guten Lehrer und Freund auf seinem weiteren Lebensweg werden würde. Xuan Huiliang ist ein Mann, über den man ausführlich schreiben sollte. Seit er Qian Zongren im Mai 1982 zum ersten Mal begegnete, hat er ihm innerhalb eines halben Jahres bei drei entscheidenden Angelegenheiten geholfen. Der erste Schritt bestand darin, Qian von einem Arbeiter in einen Kaderangestellten umzuwandeln. Xuan Huiliang plante, Qian Zongren an eine Mittelschule im Bezirk Aksu zu versetzen, wo die Bibliotheksressourcen und Lernbedingungen besser waren als auf der Baumfarm. Zunächst wandte er sich an die Zweite Mittelschule, aber diese lehnte ab mit dem Argument, Qians Hunan-Akzent eigne sich nicht für den Unterricht. Dann wandte er sich an die Vierte Mittelschule, die jedoch erklärte, Qian Zongren müsse erst vom Arbeiter- in den Kaderstatus überführt werden, um als regulärer Lehrer zu gelten. Xuan Huiliang rannte zur Kulturabteilung und zur Abteilung für Land- und Forstwirtschaft – dort verlief alles reibungslos. Doch bei der Bezirkspersonalabteilung geriet die Sache ins Stocken. Ein Sachbearbeiter erklärte, die Überführung von Arbeitern zu Kadern werde im September einheitlich geprüft, man müsse noch einen Monat warten.
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Doch in dieser Zeit erhielt Qian Zongren ein Telegramm von Professor Yang Weiqi vom Pekinger Institut für Industrietechnik, in dem dieser ihn aufforderte, sofort seine Personalakte einzusenden – das Pekinger Institut wollte ihn als Ausnahme als Mathematik-Doktoranden für das Jahr 1982 aufnehmen. Eine Gelegenheit, die man nicht verpassen durfte. Dummerweise war Qians Personalakte verschwunden. Als 1980 das Kommando der Erdölindustrie für Südxinjiang unter der neu gegründeten Erdölverwaltung gerade anlief, benötigte man Lehrkräfte und Übersetzer und hatte Qian Zongren willkommen geheißen. Daher war seine Personalakte an die Erdölabteilung geschickt worden. Wer hätte ahnen können, dass im darauffolgenden Jahr diese Einheit zu den stillgelegten, zusammengelegten oder umstrukturierten Betrieben gehörte und kein Personal mehr benötigte? So ging Qian Zongrens Personalakte verloren.
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Das Pekinger Institut für Industrietechnik telegrafierte ein zweites Mal und drängte. Xuan Huiliangs Gemütszustand war ebenso angespannt wie der von Qian Zongren. Er lief zur Personalabteilung, um zu verhandeln, erzählte von Qian Zongrens Schicksal und hoffte auf deren Mitgefühl. Er bat sie, die Aktenunterlagen zu ersetzen, Qian Zongrens Überführung vom Arbeiter- in den Kaderstatus vorzeitig zu genehmigen und dann die gesamte Dokumentation dieser Überführung als neue Personalakte an das Pekinger Institut zu senden. Doch die Sachbearbeiter zeigten sich völlig ungerührt und lehnten Lao Xuans Bitte ab.
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Der Bezirks-Propaganda-Leiter hatte weder Personalhoheit noch Finanzkontrolle, aber er besaß ein Gerechtigkeitsempfinden. Obwohl er überall auf Widerstände stieß, wollte er Qian Zongren dennoch zum Erfolg verhelfen. Xuan Huiliang überschritt schließlich seinen Zuständigkeitsbereich – was nicht ganz den chinesischen Verwaltungsvorschriften entsprach –, kopierte Qian Zongrens Überführungsformular, Autobiografie und Beurteilungen eins nach dem anderen, versah sie mit dem großen Stempel der Propagandaabteilung und schickte alles nach Peking.
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Doch letztlich war es einen Schritt zu spät, der Zeitpunkt verpasst, sodass Qian Zongrens Aufnahme als Doktorand am Pekinger Institut für Industrietechnik wieder scheiterte. Xuan Huiliang war sehr niedergeschlagen. Er empfand Empörung über den bürokratischen Stil mancher Behörden und ihre unerträgliche Gleichgültigkeit gegenüber Talenten, zugleich bedauerte er zutiefst, dass ein Talent wie Qian Zongren verschüttet wurde. Wie viele günstige Gelegenheiten hatte Qian Zongren bereits verloren! Er sagte zu Xuan Huiliang: „Ich bin gezwungen worden, in die Berge zu gehen, es gibt kein Zurück mehr. Egal ob Erfolg oder Misserfolg – ich werde mit dem Rücken zum Wasser kämpfen. Egal auf welche Weise, ich will mich weiterbilden und werde es mir nicht erlauben, mich zurückzuziehen.“ Diese Gemütsverfassung hatte etwas Heroisch-Tragisches.
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Eine Welle war noch nicht abgeebbt, da kam schon die nächste. Ein Kollege vom Büro des Guangming-Tagblatts in Xinjiang schrieb Qian Zongren einen Brief und teilte ihm mit, dass das ständige Komiteemitglied Fu Wen der autonomen Region eine Anweisung bezüglich Qian Zongrens Einsatz erlassen hatte: Er solle in der Nähe an die Tarim-Landwirtschaftsuniversität versetzt werden, dort eine Probezeit absolvieren und anschließend unterrichten. Dies ließ in Qian Zongrens Herzen natürlich neue Hoffnung aufkeimen. Er ging zur Organisationsabteilung des Bezirks Aksu – diese Anweisung lag seit zwei Monaten unbeachtet in einer Schublade. Die Antwort der Organisationsabteilung lautete: Wir sind für Kader auf Bezirksebene und höher zuständig, einschließlich Professoren, Dozenten und Ingenieure. Jemand wie Sie fällt nicht in unsere Zuständigkeit. Selbst wenn Sie es täten – die Tarim-Landwirtschaftsuniversität ist eine gemeinsam vom Ministerium für Landwirtschaft, Viehzucht und Fischerei und vom Produktions- und Aufbaukorps betriebene Hochschule, auf die wir keinen Einfluss haben. So wurde die Anweisung von der Organisationsabteilung an die Kulturabteilung weitergeleitet, und die Kulturabteilung legte sie erneut unbeachtet ab. Xuan Huiliang trat auf den Plan und hakte nach. Aus einem Stapel wirrer Dokumente fischte er die Anweisung hervor und machte sich erneut zum Vermittler. Mit der Anweisung in der Hand fuhr er über hundert Kilometer von Aksu nach Alaer, suchte die Leitung der Tarim-Landwirtschaftsuniversität auf, lief zur Versuchsbaumfarm und zur Bezirkspersonalabteilung, redete sich den Mund fusselig, und schließlich gelang es ihm, dass Qian Zongren Anfang 1983 an der Tarim-Landwirtschaftsuniversität seinen Dienst antreten konnte.
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Qian Zongren seufzte: „Wenn China doch mehr Kader wie Bezirks-Propaganda-Leiter Xuan hätte!“ Ja, wenn die Mitarbeiter unserer Personalabteilungen alle wie Xuan Huiliang wären und ihrem Herzen regelmäßig etwas Wärme zuführten, wären die Angelegenheiten in China viel einfacher zu regeln.
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Qian Zongrens Lehrtätigkeit an der Tarim-Landwirtschaftsuniversität beendete endlich seine 20-jährige holprige Laufbahn. Man kann nur hoffen, dass er in seinem künftigen Leben keine tragische Rolle mehr spielen muss. Man kann nur hoffen, dass er Erfolg hat. Hoffen wir es!
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„Was vergangen ist, ist vergangen. Wenn ich in den nächsten 20 Jahren etwas für das Volk tun und die Anerkennung der Menschen erhalten kann, werde ich zufrieden sein. Es wird beweisen, dass meine Anstrengungen der vergangenen 20 Jahre nicht umsonst waren. Ich möchte durch eigene Anstrengung die Anerkennung der Gesellschaft erlangen, damit junge Menschen, die gerade mit dem eifrigen Selbststudium begonnen haben und auf Rückschläge stoßen, Zuversicht gewinnen, und damit jene, die mich geschlagen und am Vorankommen gehindert haben, sehen können: Ein kleiner Grashalm will durch die Erde brechen, und niemand kann ihn niederdrücken. Ich bin voller Vertrauen ins Leben und glaube, dass man gegen das Schicksal ankämpfen kann. Wunder erscheinen oft in widrigen Umständen. Schließlich hoffe ich, dass unsere derzeitige Politik stabil bleibt, und sei es nur für ein halbes Jahrhundert.“
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Ich bin überzeugt, dass Qian Zongren, als er dies alles erzählte, Tränen in seinem Herzen hatte. Ganz gewiss.
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Das Leben – das ist das Leben. Hier gibt es Bitterkeit und Mühe, aber auch menschliche Schöpferkraft und Leidenschaft. Es gibt Schmutz, aber noch mehr gibt es menschlichen Glanz. Hier gibt es Schmerz, aber auch Selbstbeherrschung, Geduld und vor allem die schöpferische Freude, die aus Selbstaufopferung gewonnen wird.
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Qian Zongren trägt die Spuren der Vergangenheit an sich, doch er birgt auch die Saat der Zukunft. Sein Gesichtsausdruck, seine Haltung – alles zeigt die Wellenbewegung von Gedanken, Leidenschaft und Leben. Man kann sogar den tosenden Ruf seines Inneren hören. Seine Erfahrungen, sein Charakter, seine Persönlichkeit, sein Geist – all dies lässt mich an die Pappeln am Ufer des Tarim denken, an diese Bäume, die weinen können.
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Qian Zongren ist eine solche Pappel mit Wurzeln in Alaer, eine einst übersehene, doch unbeugsame Seele. Im Sturmwind aus Sand und Dürre, sich von Salz und Alkali ernährend, wird das unterdrückte, verzerrte Leben letztlich seinen Stamm aufrichten. Er klagt nicht, er verliert nicht den Mut, denn er weiß, dass seine persönliche Tragödie auch das Unglück der gesamten Gesellschaft war. Das Leben ist vorangeschritten, und er genießt nun gemeinsam mit dem Volk und dem Land die Wärme des Frühlings.
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Oh, Pappelbaum, prächtiger Baum!
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Oh, Pappeltränen, heroisch-tragische Tränen!
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(Ursprünglich erschienen in „Wenhui Monatsheft“, Ausgabe Nr. 4, 1984)
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Die Wildnis ruft
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Wang Zhaojun
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Geschichte und Gegenwart prallen aufeinander wie elektrische Funken, und über die Wildnis rollt folgender Donner: „Senkt die hohe Zugbrücke vor dem alten Stadttor!“
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Die Geschichte zeigte einst folgendes Bild:
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Im traurigen Herbstwind, auf dem wilden alten Pfad wirbeln die Hufe der aufständischen Armee Staub in den Himmel. Man kann sehen, dass auf jeder Fahne in diesem Sand- und Erdnebel geschrieben steht: „Verteilt das Land, gleicht Arm und Reich aus!“ Die rebellierenden Bauern kämpfen auf den Schlachtfeldern, jagen durch die Zentralebene, um Land zu erhalten. Wie viele Soldaten haben in dieser traurigen, kalten, einsamen Wildnis ihre blutverschmierten Körper und Uniformen zurückgelassen! Der Himmel ist bewölkt und feucht, als ob unzählige Geister noch immer nicht weichen wollen und im blutigen Wind leise das Klagelied über die leidenschaftliche Liebe zum Land singen...
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Neuzeit. Chinas Dörfer. Die Nacht schwarz wie Basalt.
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Ein Bauer, der seinen Wucherkredit nicht zurückzahlen kann, steht vor der grausamen Wahl: entweder ins Gefängnis gehen und seine Tochter verkaufen oder das einzige kleine Stück Land verkaufen. Schmerzvoll drückt er seinen blutroten Fingerabdruck auf den Grundstücksvertrag. An diesem Tag, vielleicht auch erst in der Morgendämmerung des nächsten Tages, führt er seine ganze Familie auf die Wanderschaft. Das kleine Stück Land, das sein Herz fesselte und das gestern noch ihm gehörte, gehört heute... Er kniet darauf nieder, wirft sich zu Boden, schiebt den dicken Schnee beiseite, und seine von blauen Adern durchzogenen großen Hände graben verzweifelt, graben und graben, bis er schließlich ein Stück Erde ausgräbt. Er steckt diese Erde in seinen Busen. Zuletzt wirft er einen Blick auf das Land, von dem er sich nur schwer trennen kann, und mit Tränen in den Augen betritt er den verschneiten, schmalen Pfad der Heimatlosigkeit...
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Dies ist die tiefe Zuneigung der Chinesen zum Land. Dies ist jener heiße Boden, jene Wildnis, in die unsere Vorfahren Generation um Generation all ihren Schweiß, all ihre Weisheit, all ihre Hoffnung gegossen haben! Nur wenn sie zwischen Leben und Land wählen müssen, könnten sie möglicherweise ihr Land aufgeben. Manche würden sogar lieber mit dem Land sterben! So bildete die lange, glühende Leidenschaft eine unzerbrechliche Tradition – das Land wurde vergöttlicht. Von den Fünf Elementen steht die Erde in der Mitte; von den drei Schätzen der Feudalfürsten steht das Land an erster Stelle. Im weiten China hat fast jedes Dorf einen Gesellschaftstempel, einen Erdgotttempel. Die Menschen formten aus ihren Gefühlen eine solche Gottheit und ließen sie über alles im Dorf herrschen. Ehrfurcht, Anbetung, Opfer und Weihrauch, ohne die geringste Widersetzlichkeit. Am fünften Wu-Tag nach Frühlingsanfang oder Herbstanfang fanden alle Gebete vor der Aussaat und alle Feiern nach der Ernte vor diesem kleinen Erdgotttempel statt. Schalen mit grünen Bohnen und gelben Bohnen, Teller mit Weizen und Hirse, Krüge mit neuem Reis und feinem Wein, getrocknete Kaki und frisch gepflückte Datteln, dazu Nudeln, Eier, Papiergeld und Kerzen – alles wurde dem Erdgott dargebracht. Die Menschen hofften, dass der Erdgott sie in dieser fröhlichen Atmosphäre mit Seilen fest an das Land binden würde, damit sie es niemals verlassen müssten.
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Heute – wo ist dies heute? Die Sonne geht im Westen unter, die feuerroten Wolken verfärben sich zu tiefem Purpur. Männer, die ihre Waren verkauft haben, zählen Stapel von Geldscheinen und strahlen vor Freude. Sie besorgen sich Schnaps und Bier, Wurst, gebratenes Hähnchen und Erdnüsse, setzen sich an die Tische des Bauernmarktes und genießen fröhlich den städtischen Abend, ohne jede Traurigkeit oder Kummer. Die Heimatlosigkeit scheint zu einem Vergnügen geworden zu sein. Sie scheinen bereits die Herren dieses Ortes geworden zu sein!
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Schau, mehrere hundert ausgebildete Dorfmädchen steigen aus großen Reisebussen. Die Ältesten sind um die zwanzig, die Jüngsten erst sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Sie tragen bunte, nicht unmodische Kleidung. Sie sind gekommen, um in der Großstadt als Hausmädchen zu arbeiten. Vor ihnen erheben sich große Gebäude, Baumreihen, verkehrsreiche Straßen und Geschäfte voller Waren, die ihre neugierigen Blicke anziehen. Die enge und doch weite Welt des Dorfes kann ihre Herzen und ihre Sehnsüchte nicht mehr fassen. Sie haben die Wildnis verlassen, sind fröhlich fortgegangen, so bereitwillig, so freudig... Seltsam? Seltsam! Selbst Menschen, die gesellschaftlichen Veränderungen gegenüber eher gleichgültig sind, werden sich fragen: Wo ist die Zuneigung der Bauern zum Land geblieben? Warum können sie sich von ihrem warmen Zuhause, auf das sie angewiesen sind, trennen, von den goldenen Reisfeldern und den grünen Gemüsebeeten? Wie ist diese Veränderung entstanden, und welche Erkenntnisse und Auswirkungen wird sie auf die chinesische Gesellschaft haben? Wenn Sie meine Fragen beantworten, fragen Sie bitte nicht nach den Klischees mancher Artikel, übertriebenen Berichten und trockenen Theorien. Angesichts neuer Veränderungen, mein Freund, müssen Sie Ihre bisherigen Erfahrungen ablegen, denn die Strömung ist bereits vor Ihre Augen geschwappt, und fast jeder spürt deutlich ihren ernsthaften Aufprall. Geschichte und Gegenwart prallen wie elektrische Funken aufeinander und lassen auf der Erde Donner rollen. Die Wildnis ruft uns so eindringlich zu: „Senkt die hohe Zugbrücke vor dem alten Stadttor und lernt das fließende Wasser, die duftenden Gräser und die sonnige Straße hier kennen!“
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Die Menschen sind satt, aber nicht zufrieden. Der Zug hat den alten Traum vom Pfirsichblütental zerschmettert. Sie hatten keine Zeit, den Staub von ihren Hosenbeinen zu klopfen, sondern brachen von der Wildnis auf und gingen in eine andere Welt.
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Dem Ruf der Wildnis folgend, kam ich nach Henan.
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Was für ein altes, weites und fruchtbares Land dies ist! Die dicke gelbe Erde birgt die Geschichte der chinesischen Nation; der mächtige Gelbe Fluss erzählt von der langen Tradition dieser Geschichte. Hunderttausende von Jahren sind vergangen, doch im Wörterbuch der Geschichte stehen noch immer absurde Redewendungen wie „Landwirtschaft als Grundlage“ und „Mangel an Kleidung und Nahrung“. Auf diesem Land, auf dem die Landwirtschaft an erster Stelle steht, wurden Unwissenheit und Hunger noch immer nicht beseitigt – so wie die Steinbuddhas am Longmen-Tor noch immer ihr seit Jahrtausenden unverändertes halb-lächelndes Gesicht zeigen.
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Erst heute, nach der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei, als der warme Wind aus Anhui und Sichuan nach Zhongzhou wehte, begann Henan zu erwachen. Doch kaum war das Verantwortlichkeitssystem eingeführt, befürchteten einige, die Landverteilung könnte dazu führen, dass man „ein zweites Mal leiden“ müsse. So verbrachten der Gelbe Fluss und die Flüsse Yi und Luo das Jahr 1979 im Hin und Her von Zweifeln. Doch ein Jahr später bewiesen die Fakten, dass das Volk Henans nicht nur nicht „ein zweites Mal leiden“ musste, sondern das Ernährungsproblem rasch löste. Für eine Provinz, die landesweit die zweitgrößte Bevölkerung hat, in einem Jahr ein Problem zu lösen, das seit über tausend Jahren nicht gelöst wurde – ist das nicht ein Wunder?
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Von Nanyang, Luoyang und Puyang bis Yucheng, Xiangcheng und Shangcheng – überall sieht man: Auf den alten gelben Pfaden fahren große und kleine Wagen, die Baumwolle und Getreide verkaufen. Das fahle Aussehen verschwindet aus den Gesichtern der Bauern, die Wildnis erhält grünes Leben, jeder Quadratzoll Ackerland hat Eltern gefunden, die sich um ihn kümmern, Süßkartoffeln werden zu Futter, und weiße Porzellanschalen sind gefüllt mit dampfenden Nudeln.
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Unzählige Berichte haben diese Fakten längst zu flüchtig geschichteten und abgelösten Schichten der Geschichte gemacht, doch ich möchte erkunden: Wie gestalten die Menschen, die das Problem von Ernährung und Kleidung gelöst haben, ihr neues Leben? Rauchen sie ihre alten Pfeifen und hocken an der Wand in der Sonne? Halten sie sich an die alte Lehre „Sie wissen nicht von Han, geschweige denn von Wei und Jin“? Ich bin besorgt, denn unsere Nation ist leicht zufriedenzustellen.
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Die Züge auf der Longhai-Linie fahren Tag und Nacht ostwärts und westwärts durch die Zentralebene. Viele Jahre lang wussten die Menschen nur, dass dort schwarze Schienen lagen, und sahen die weißen Dampfwolken, die die Züge ausstießen. Doch welche Beziehung die Eisenbahn zu ihrem Leben hatte, darüber dachten sie selten nach. Sie glaubten fest daran, dass sie für immer vom Land leben würden, dass das Land alles liefern könnte, was sie brauchten.
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Aber der heutige Zug hat diese Dörfer, diese Felder und diese Menschen aufgeweckt.
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Die Kader des Dorfes Baizhuang in der Gemeinde Jicheng saßen auf den Feldern und blickten schweren Herzens auf den pfeilschnellen Zug, der über ihr Land raste. Das schrille Pfeifen konnte ihre gerunzelten Stirnen nicht glätten, der ausgestoßene weiße Dampf verwandelte sich in ihren Herzen sofort in bedrohliche schwarze Wolken. Das Eisenbahn-Doppelspurprojekt hatte ihnen über hundert Mu gutes Land genommen. Für ein kleines Dorf mit nur vierhundert Mu Land – welch gewaltiger Verlust! Ursprünglich besaß jeder 6,4 Fen Land, nun war es umgekehrt auf 4,6 Fen geschrumpft. Sie rechneten mit den Fingern: Selbst wenn der Ertrag pro Mu 2.000 Jin Getreide betrug (was nicht leicht zu erreichen war), würde auf jeden keine 1.000 Jin mehr entfallen. Nach Produktionswert gerechnet, waren es kaum mehr als 100 Yuan, und nach Abzug der Produktionskosten blieben nur noch ein paar Dutzend Yuan übrig. Das heißt: Nach einem Jahr harter Arbeit auf dem Feld würde man, wenn es gut lief, gerade einmal satt werden.
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Der Zug hatte ihr Land verschluckt, Himmel und Erde waren so eng geworden. Wie ein Vogel, der entdeckt, dass er in einem Käfig sitzt, empfanden sie eine gewisse Panik. Als sie den Zug betrachteten, spürten sie plötzlich in ihrem tiefen Nachdenken auf subtile Weise, dass sich die Gesellschaft veränderte, dass eine mächtige Strömung wie dieser Zug an ihr Dorf heranrollte. Ah, warum wurde die Eisenbahn zur Doppelspur ausgebaut? Um Dinge zu transportieren, immer mehr Dinge – Kohle, Maschinen, Schweine, Zement, Gemüse... Aber befinden sich unsere Dinge auf diesem Zug? Nein, weder etwas Verkauftes noch etwas Gekauftes. Sie spürten, dass sie von der Strömung weit, sehr weit zurückgelassen worden waren. Warum können wir uns nicht dieser Strömung anschließen? Wir haben auch Hände. Könnten wir nicht etwas produzieren, uns dieser Strömung anschließen und daraus neue Vorteile ziehen, sodass wir nicht mehr wie unsere Vorfahren in einer Ecke gefangen leben müssen? Der Zug hatte nicht umsonst ihr Land genommen – er gab den Dorfbewohnern neue Erkenntnisse. Nachdem das neue Geheimnis entdeckt war, konnten sie ihre Freude kaum noch zurückhalten. „Stimmt, wir können uns nicht länger hier auf dem Land zusammenpressen!“, sagte Parteisekretär Bai Xichuan. „Wir müssen auch einen Weg finden, Geld zu verdienen.“ Die stellvertretenden Sekretäre Bai Yuhe und Bai Mingshun sagten ebenfalls mit Nachdruck: „Wir müssen einen anderen Weg finden, sonst wird das Leben immer karger.“
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Für chinesische Bauern, die seit Jahrtausenden vom Land gelebt haben, kann diese Forderung, das Land zu verlassen, breitere Wege zu suchen und sich aktiv der modernen Gesellschaft anzuschließen, nur als natürliches und doch großartiges Erwachen bezeichnet werden.
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Zunächst scheiterten sie. Sie dachten nur ans Geldverdienen und begannen mit der Verarbeitung und Produktion von Raupenkettenwellen, aber sie konnten nicht viel verkaufen. Später versuchten sie sich im Elektro- und Gasschweißen, doch auch hier gab es nicht viel Arbeit. Einige sagten, Gebäck sei sehr profitabel, also stellten sie auf Mondkuchen und Bonbons um und züchteten sogar Silberpilze und Champignons. Nach einem Jahr geschäftiger Arbeit stellten sie bei der Abrechnung fest: Sie hatten kaum Geld verdient.
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Das Scheitern lieferte Lektionen. Bai Xichuan und die Kader und Mitglieder erkannten, dass Geldverdienen im Geschäft etwas anderes war als Landwirtschaft. Der Handel hat seine eigenen Regeln, man muss die Branche durchschauen und darf nicht nur mit Bauernaugen schauen. Die Mitglieder erinnerten ihn daran, dass in all den Jahren nur die Tofuwerkstatt florierte. Es gab viele lokale Sojabohnen, Tofu verkaufte sich schnell, Okara konnte die Viehzucht ausweiten, und die Viehzucht konnte mehr Dünger liefern, sodass auch der Getreideertrag steigen konnte.
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Sie beschlossen, die Produktion von Sojaprodukten zu entwickeln, insbesondere auf getrocknete Produkte zu setzen und mehr Fuba herzustellen.
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Anfangs stellten sie Fuba vollständig mit traditionellen Methoden her. 22 kleine Eisentöpfe, die Sojamilchtöpfe standen in kochenden Wassertöpfen, die Temperatur reichte nicht aus, und die hergestellte Fuba war schwarz und der Preis stieg nicht. Bai Xichuan erkannte, dass dies nicht funktionierte, er musste Wege zur Verbesserung finden, vor allem von anderen lernen.
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Bai Xichuan nahm einige Leute mit und reiste zur technologisch fortgeschrittenen Fuba-Fabrik in Guilin, um zu lernen. Aber nichts ist ohne Schwierigkeiten. Als sie dort ankamen, sagten sie viele nette Worte, aber man ließ sie einfach nicht hinein. Bai Xichuan war so besorgt, dass er nicht essen und nicht schlafen konnte. Die schöne Landschaft hatte für die Gruppe nicht die geringste Anziehungskraft. Bai Xichuan hätte am liebsten zwei Monate lang als Kurzzeitarbeiter für die Fabrik gearbeitet, wenn sie ihn nur hätten lernen lassen. Man sagte, es sei wegen der Hygienevorschriften. Bai Xichuan hätte sich am liebsten mit Alkohol desinfiziert und frisch gekochte Kleidung angezogen, wenn er nur hätte teilnehmen dürfen. In dieser kalten Behandlung spürten sie allmählich den Geruch einer kommerziellen Gesellschaft. Dieser Wettbewerbsgeist stimulierte Bai Xichuans traditionell bäuerlich schlichtes und aufrichtiges Herz stark. Die Gesellschaft hatte sich bereits so schnell verändert, kein Wunder, dass die Dörfer immer so rückständig waren. Er war entschlossen, mit dieser Strömung Schritt zu halten, sich ihr anzuschließen und unbedingt voranzukommen. Sie baten die Parteiorganisation und die örtliche Regierung um Hilfe, und nach vielem gutem Zureden erhielten sie schließlich die Zusage für „einen groben Rundgang“. Es war wirklich nur ein grober Rundgang – sie gingen die vorgegebene Route entlang, durften die entscheidenden Stellen nicht sehen, und wenn sie technische Fragen stellten, wollte man nicht antworten. Sie schauten gierig. Leider war die Zeit viel zu knapp, sie konnten sich nur grob an Kessel, Mahlwerk, Sojamilchherstellung, Dämpfpfannen und Trockenraum sowie die ungefähren Arbeitsabläufe erinnern.
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Als sie nach Hause zurückkehrten, begannen sie auf der Grundlage der Eindrücke von ein paar Leuten mit dem Bau der Fuba-Fabrik. Sie kauften Ausrüstung, bauten Fabrikgebäude und verließen sich auf die Anstrengungen der Dorfbewohner. In nur zwei Monaten war die Fuba-Fabrik fertig. Am 10. April wurde der Versuch gestartet, und er gelang auf Anhieb. Als die erste Charge Fuba hergestellt wurde, war Bai Xichuan voller Gefühle. Er freute sich über diesen schnellen Erfolg. Der Druck der Zeit hatte die Menschen mutig und klug gemacht. Er dachte an die kalte Behandlung in Guilin, an die harte Arbeit des ganzen Dorfes und fühlte, wie schwierig es war, mit dieser Zeit Schritt zu halten!
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Nachdem diese Fuba-Fabrik gebaut worden war, die weder Rohstoffprobleme noch Produktionsprobleme hatte und die auch einen guten Absatz hatte, veränderte sie sehr schnell die Arbeitsstruktur von Baizhuang. Die großen Mengen an Okara veranlassten sie, eine Zuchtfarm von beträchtlichem Umfang einzurichten. Der Dünger aus der Zuchtfarm musste auf die Felder gebracht werden, was die Mechanisierung erweiterte. Milch und Schweine brauchten spezialisierte Verkäufer. Die kontinuierliche Produktion der Fuba-Fabrik erforderte viele Arbeitskräfte für verschiedene Arbeitsschritte. Die Tofuwerkstatt und die Gewürzfabrik expandierten ebenfalls. Das neue Leben erforderte neue Wohnungen, was die Baumannschaft vergrößerte... Diese Arbeiten beanspruchten 94,4 % der Arbeitskräfte des Dorfes, nur 5,6 % der Arbeitskräfte beschäftigten sich noch mit Landwirtschaft. Dies zwang sie, die kompetentesten Landwirtschaftstechniker für die Bewirtschaftung des Landes einzusetzen und die Mechanisierung der Landwirtschaft stark zu beschleunigen. Die Befürchtung, dass nach dem Verantwortlichkeitssystem keine Maschinen mehr eingesetzt werden könnten, war durch die Fakten widerlegt worden. Die Entwicklung der Warenwirtschaft in Baizhuang hatte die große Mehrheit der Menschen bereits vom Land weggeführt und zu Arbeitern gemacht. 1983 hatte ihr Tageslohn bereits 4 Yuan erreicht, und die Mitglieder dieses Dorfes bekamen Wasser, Strom, Wohnraum, Gemüse, Bildung und medizinische Versorgung vollständig von der Brigade bezahlt.
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Die Bauern lernten viele Dinge, die sie vorher nicht kannten. Sowohl in der Industrie und in den Nebengewerben als auch in der Landwirtschaft führte Baizhuang ein striktes Verantwortlichkeitssystem mit Verträgen ein. Der Vertrag ist das Gesetz. Wer gegen den Vertrag verstößt, wird bestraft, und eine der Strafmaßnahmen ist das Arbeitsverbot – die schwerste Strafe.
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Bai Xichuan sagte: „Die alten Methoden funktionieren nicht mehr. Wir haben eine neue Methode gefunden: Man muss nicht schlagen, sie wirken von selbst.“
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Wenn Wünsche auf diese natürliche Weise respektiert werden, schreitet die Geschichte voran. Die Menschen sind vom Land weggegangen und haben schnell gelernt, was sie zuvor nicht wussten.
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Was für ein heißer Sommer dies war! Vom Hulao-Pass bis zum Mangling-Hügel hatte es auf diesem Hügelland seit vielen Tagen nicht geregnet.
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Niu Xin’an, Parteisekretär der Heyao-Brigade in Gongyi, war noch nie so unruhig gewesen. Er machte sich Sorgen um das Problem der Gesamtfabrik der Brigade. Die Landwirtschaft war verpachtet und voller Vitalität, er musste sich nicht viel Sorgen machen. Aber diese kleine Fabrik wurde immer schlechter geführt und befand sich fast in einem unhaltbaren Zustand. Die Parteiorganisation beschloss, eine Ausschreibung durchzuführen, aber die Meinungen waren sehr geteilt: Einige boten sehr hoch, einige eher niedrig, einige waren gegen die Ausschreibung. In den chaotischen Diskussionen bemerkte er die Meinung eines jungen Mannes namens Li Zizhong. Er wies scharf auf die Blindheit der hohen Gebote hin und kritisierte, dass manche Leute versuchten, durch Ausschlachten der Ausrüstung Profit zu machen, ihre Taschen zu füllen und dann die Fabrik fallenzulassen. Die Schärfe und Loyalität des jungen Mannes erschütterten Niu Xin’an stark. Zweifellos dachte Li Zizhong langfristig an die Interessen des ganzen Dorfes.
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Aber die Bedingungen, die dieser junge Mann forderte, waren so schwer zu erfüllen! Er wollte ein Direktoren-Verantwortlichkeitssystem, die Befugnis, Arbeiter anzuwerben und zu entlassen, die Befugnis, Arbeiterlöhne zu erhöhen oder zu senken, die Befugnis zu belohnen und zu bestrafen, die Befugnis, Ausrüstung hinzuzufügen oder auszutauschen, die Befugnis über Einkauf und Verkauf... Kurz gesagt: Wenn ihm die Fabrik übergeben würde, wollte er über alles entscheiden.
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Li Zizhong, der Lehrer, Teamleiter, Empfangsmitarbeiter im Kreisempfangsbüro und Direktor einer Schnapsbrennerei gewesen war, war zweifellos eine fähige und intelligente Persönlichkeit. Aber könnte man ihm erlauben, die Brigade nicht eingreifen zu lassen und selbst alle Macht zu übernehmen? Könnte man ihm diese „Handlungsfreiheit“, diese gelbe Fahne, geben?
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Niu Xin’an versank in schwer zu vertreibenden Sorgen. Er hatte in letzter Zeit einige Orte besucht und spürte zutiefst, dass seine eigene Generation bald zurückfallen würde. Erstens keine Bildung – er verstand nichts; zweitens war er an Landwirtschaft gewöhnt, seine Gedanken waren fest an Land, Weizen und Süßkartoffeln gebunden, dagegen im Handel Profit zu machen – dazu fehlte ihm das Talent; drittens hatten viele Menschen innerlich Vorbehalte gegen diese Marktwirtschaft; und dann ließ auch die Energie nach. Auf jeden Fall mussten junge Leute eingesetzt werden. Ein fähiger junger Mann stand vor ihm – warum ihn nicht einsetzen? Er wollte Macht, also gab man ihm Macht, schloss einen Vertrag ab und ließ ihn arbeiten!
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So übernahm Li Zizhong diese heruntergekommene kleine Fabrik – veraltete Maschinen, faule Arbeiter, 360.000 Yuan Außenschulden, über vierzig Gläubiger, die abwechselnd Schulden eintrieben. Li Zizhong blieb ruhig, redete mit seiner glatten Zunge wiederholt über die Schwierigkeiten. Wenn es gar nicht anders ging, gab er den Leuten erst mal 5 Yuan als Beschwichtigung oder ging in den Gemüsegarten und pflückte ein paar Tomaten, um die wütenden Gläubiger zu bewirten. Dann nutzte er seine Macht, entließ zunächst einige Kader-Kinder, die während der Arbeit fernsahen, Drachen steigen ließen und oft Stahlrohre gegen Schnaps und Zigaretten tauschten, stellte dann einige erfahrene Facharbeiter ein, legte neue Fabrikregeln fest und begann dann mit der Herstellung von Ziegelmaschinen.
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Er hatte dies gründlich durchdacht: Das Leben der Bauern verbesserte sich rapide, der Hausbau war für Bauern die wichtigste Angelegenheit, Ziegel und Dachziegel waren knappe Güter, Ziegelmaschinen waren natürlich Verkaufsschlager. Nachdem er die Arbeit geregelt hatte, schlug er der Brigade vor: „Ich will 1.000 Yuan für Werbung ausgeben.“
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Diese Maßnahme verblüffte viele Leute. 1.000 Yuan ausgeben, um in der Zeitung ein paar Zeilen Text und ein Bild zu schalten – war das nicht verrückt? Doch Niu Xin’an stimmte zu. Er sagte: „Zizhong, mach einfach nach deinem Plan. Wenn es schiefgeht, übernimmt die Brigade die Verluste!“
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Die Werbung wurde geschaltet. Li Zizhong wedelte mit seinem Fächer und wartete gelassen auf gute Nachrichten. Tatsächlich war er innerlich nicht ruhig. Er wollte die neuen Mittel der modernen Gesellschaft ausprobieren. Er wusste, dass sich die Gesellschaft bereits verändert hatte, dass die Methode der alten Generation – „Die alte Gans legt Eier, ohne zu gackern“ – nicht mehr funktionierte. Wenn man sich dieser Gesellschaft anschließen wollte, musste man alle erlaubten neuen Waffen einsetzen. Er hatte recht. Bald kamen über zehn Briefe aus der Provinz mit Bestellungen für Ziegelmaschinen der Fabrik.
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Tatsächlich hatte die Fabrik zu diesem Zeitpunkt noch nicht genügend Produktionskapazität. Das führte zu hektischem Durcheinander. Li Zizhong las „sorglos“ Zeitung, hörte Radio, trank Tee und rauchte, aber nur die Sterne am Nachthimmel wussten, dass Li Zizhong nachts oft grübelte und sich schlaflos hin und her wälzte. Nach ein paar Tagen hatte er eine neue Idee. Er beauftragte große staatliche Fabriken mit der Herstellung einiger Teile, die seine Fabrik schwer bearbeiten konnte. Damals befanden sich diese großen Fabriken alle in Umstrukturierungen, die Arbeiter hatten keine Arbeit. Sie schlossen Verträge mit der Gießerei der Traktorenfabrik Luoyang, der Instrumenten- und Maschinenfabrik Sanmenxia und der Fabrik 407 in Luoyang ab – große Teile mit Löchern und große Zahnräder wurden alle von ihnen übernommen, beide Seiten waren sehr zufrieden.
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So kam das erste Geschäft zustande. Die kleine Fabrik hatte großes Kapital. Auch die Motivation der Arbeiter stieg. Das Geschäft in der Provinz war noch nicht zu Ende, als Li Zizhong bereits einen Brief an die „Anhui Daily“ schickte und fragte, ob sie einige Ziegelmaschinen vertreiben könnten. Die „Anhui Daily“ veröffentlichte schnell seinen Brief. Die Ziegelmaschinenfabrik der Heyao-Brigade erhielt auf einmal über 80 Bestellbriefe. Einige Leute wollten zur Fabrik kommen, um die Ware abzuholen, aber Li Zizhong hielt sie ab. Li Zizhong wusste: Wenn Leute kämen und sähen, wie klein ihre Fabrik war, würden sie das Interesse verlieren. Also richtete er Vertriebsstellen in Xuzhou, Wuhu, Anqing, Fuyang und Hefei ein und lieferte die Waren nach Anhui. So nahmen sie im Januar 100.000 Yuan ein, im Februar 200.000 Yuan, im März 300.000 Yuan, im April 400.000 Yuan. Mit diesem Kapital von einer Million Yuan erweiterten sie Fabrikgebäude, modernisierten die Ausrüstung, stellten mehr Facharbeiter ein, produzierten alle Teile selbst, und das Rückgrat wurde gestärkt. Bis September waren ihre Ziegelmaschinen ausverkauft, einige Einkäufer kamen zur Fabrik und markierten sogar ihre Einzelteile, damit andere sie nicht anfassen konnten.
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„Das Merkmal der modernen Gesellschaft ist, dass neue Dinge in Hülle und Fülle auftauchen, aber sehr schnell von anderen erlernt werden.“ Li Zizhong hatte dies bereits begriffen. Sie schalteten Werbung, andere schalteten auch Werbung. Li Zizhong brachte die Mustermaschinen persönlich zu Ausstellungen und Vertriebsstellen und führte vor Ort Demonstrationen durch. Andere machten das auch, also führten sie Installation, Wartung und regelmäßige Kundenbefragungen ein, was von den Kunden sehr geschätzt wurde – die Kunden machten sogar Werbung für sie. Als andere auch diese Methoden erlernten, wechselten sie zu einem anderen Ort. Als viele Ziegelmaschinenfabriken nach Anhui gingen, gingen die Verkäufer der Heyao-Brigade nach Shandong. 1982 gaben sie in Shandong nur 900 Yuan für Werbung aus, verkauften aber über 200 Ziegelmaschinen und nahmen über 1,3 Millionen Yuan ein. Überall wurde vertrieben, also setzten sie auf Preissenkungen und Qualitätsverbesserungen, und die Konkurrenz konnte nicht mithalten. Li Zizhong zerbrach sich jeden Tag den Kopf über Strategien und Taktiken. Er wusste: Sobald man in einem Bereich scheiterte, würde das Geschäft zusammenbrechen.
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„Handel bedeutet nicht Betrug, heute muss man beim Geschäftemachen ehrlich sein.“ Li Zizhong kannte die neuen Geschäftsregeln auswendig. „Der Kunde ist König, Qualität ist Leben, Zeit ist Geld.“
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Einmal kam ein Hinkender aus Liaoning. Er besuchte mehrere Ziegelmaschinenfabriken in Gongyi und kam schließlich zur Heyao-Brigade. Li Zizhong wusste, dass dies ein kluger Mann war, und sagte zu ihm: „Die Ziegelmaschinen im Kreis Gong sind gut und schlecht, auch unsere sind nicht perfekt. Schauen Sie sich alles genau an. Wenn Sie nicht kaufen, macht das nichts, auch Ihre Meinung ist wertvoll.“
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Der Mann schaute wiederholt, kaufte aber immer noch nicht. Li Zizhong lud ihn zum Essen ein, er aß nicht. Beim Weggehen sah Li Zizhong, dass er Schwierigkeiten beim Gehen hatte, also schickte er ein Auto, um ihn zum Bahnhof zu bringen, und half ihm, eine Fahrkarte zu kaufen. Als der Hinkende gerade in den Zug steigen wollte, zögerte er plötzlich, zog einen Scheck über 11.000 Yuan heraus und kaufte entschlossen je eine 280er-Ziegelmaschine und einen Mischer.
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Nachdem er den Hinkenden verabschiedet hatte, sagte Li Zizhong: „Heutzutage muss man im Geschäft offen und ehrlich sein. Brüder und Schwestern zu täuschen ist kleinlich. Wenn man nur auf schnellen Profit aus ist und jedem sofort das Geld aus der Tasche ziehen will, erreicht man oft nichts. Man muss auch auf Menschen achten können. Bei solch klugen Leuten kann man nur durch Aufrichtigkeit Vertrauen in Menschen und Maschinen gewinnen.“ Li Zizhong sagte nicht, wie er die Psychologie der Menschen studierte. Er wusste, dass moderne Unternehmer nicht wie manche alten Bauern sein dürfen, die immer versuchen, durch List zu siegen, und oft wegen Oberflächlichkeit Verluste erleiden.
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1982 erreichte der Gesamtproduktionswert dieser kleinen Fabrik der Brigade 4,2 Millionen Yuan. Im Jahr, als er übernahm, betrug der Produktionswert der Fabrik 120.000 Yuan – in drei Jahren eine Steigerung um das 35-fache.
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Erkundung ist ein Wagnis, aber ein Wagnis ist 10.000-mal großartiger als Mittelmäßigkeit. Die Menschen verließen das Land, wandten sich der Industrie zu und lernten schnell Industriemanagement.
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Ein Toyota-Kleinwagen raste auf der staubigen kleinen Landstraße dahin und wirbelte eine Staubwolke auf. Chang Jianguo, Direktor der Aluminiumoxid-Mine am Fang-Berg im Kreis Yu, gehörte zur Delegation, die zu einer Besuchs- und Geschäftsreise in die Bundesrepublik Deutschland aufbrach. Er blickte durch das Autofenster auf die Wildnis, und sein Herz wogte.
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Alles begann hier. Das Leben begann hier, die Schule begann hier, Wildgemüse sammeln begann hier, am Hang Getreide anbauen begann hier – hier ist die Wurzel. Vor zehn Jahren, als er erkannte, dass man von diesen kahlen Bergen und wilden Feldern allein kein gutes Leben führen konnte, führte er entschlossen 17 Menschen zu diesem menschenleeren kahlen Berg. Es gab keine Bäume, also kein Holz; es gab keine Erde, man konnte nicht einmal einen Grashalm pflanzen; es gab nur Steine, und zwar solche, die sich weder zum Hausbau noch zum Kalkbrennen eigneten. Aber Chang Jianguo war fest überzeugt, dass die Natur ihnen in dieser Wildnis etwas Nützliches geschenkt hatte. Er war in Gongyi gewesen und hatte gesehen, dass das dortige Aluminiumoxid sehr dem hiesigen Gestein ähnelte. Er und seine Gefährten gruben und gruben, ob nun Nordwind mit Schneeflocken oder feiner Regen mit Sandkörnern, ob sengender Sommer oder strenger Herbstfrost – nichts konnte sie zurückhalten. Um das Gespenst der Armut loszuwerden, kämpften sie wie Besessene. Schließlich fanden sie, was sie gesucht hatten, bauten einen Ofen und brannten die erste Charge Aluminiumoxid. Aber ob sie es verkaufen konnten, war noch eine Frage! Plötzlich dachte er, dass dies wirklich ein Wagnis war. Wenn sie keinen Absatz fänden oder die Ware überhaupt nicht den Standards entsprach, wären die Anstrengungen von 18 Menschen umsonst gewesen.
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Das Auto fuhr über die Dreiwegkreuzung, vor ihnen lag der Fang-Berg. Chang Jianguo öffnete das Fenster und streckte den Kopf hinaus. Er blickte gierig auf diesen Berg seiner Heimat. Fangshan – der Name war nicht umsonst. Er unterschied sich von jedem anderen Berg, hatte keine majestätische Silhouette, keine verschlungenen Gipfel und Täler, nicht die Kiefern und Wolken des Huangshan, auch nicht die Quellen und Tempel des Emei. Er war nur ein einsamer Berg, der unvermittelt aus der Wildnis ragte, ohne glatte, sanft geschwungene Linien – vier Kanten standen auf der Erde wie eine Pyramide, deren Spitze abgeschnitten war. Was für ein Berg mit Charakter! Damals dachte er: Menschen sind genauso. Um einen eigenen Namen zu haben und einen eigenen Weg zu gehen, muss man besondere Eigenschaften haben. Er war entschlossen, für die erste Warencharge einen Kunden zu finden.
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Wie drängte die Zeit! Die armen Landsleute hofften so sehr darauf, Geld zu haben. Er musste diese Ware so schnell wie möglich begutachten lassen. Ursprünglich dachte er nur an den Inlandsmarkt, aber die Stahlproduktion im Inland entwickelte sich nicht schnell, dann kamen Anpassungen, feuerfeste Materialien verkauften sich schlecht; auch die Stahlindustrie im Ausland lief nicht gut. Aber nach dieser vorübergehenden Flaute würde es sicher eine Erholung geben. Lagerten nicht einige Händler Aluminiumoxid für die Entwicklung in ein paar Jahren? Chang Jianguo kam plötzlich auf einen kühnen Gedanken: Zum Zoll gehen, eine Zertifizierung beantragen und Export anstreben.
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Bis heute weiß Chang Jianguo nicht, warum er plötzlich so eine kühne Idee hatte. Aus der Armut geborene Sehnsucht, im Kampf gewachsener Mut – das Herz eines Bauern weitete sich plötzlich auf die ganze Welt aus. Diese Welt ist so reich und vielfältig, und wir brauchen nur einen winzigen Teil davon, um genug zu haben. Früher hatte man überhaupt nicht an diese Welt gedacht, so wie die Vorfahren nie an das Aluminiumoxid am Fang-Berg gedacht hatten! Umgekehrt: Auf der Welt gibt es so viele Menschen, jeder Reichtum wird von vielen Augen beobachtet. Wer ihn zuerst ergreift, ist ein Held. Hier gibt es keine Almosen, keinerlei Träume vom „Warten am Baumstumpf auf ein Kaninchen“.
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Also brach auch Chang Jianguo von hier auf, nahm einen Sack gebrannter Proben auf den Rücken und eilte zum Zoll in Qingdao. Dort wurde durch chemische Analysen festgestellt, dass die Qualität sehr gut war. Die Außenhandelsabteilung versprach, vorrangig für sie Geschäfte zu vermitteln – sie brauchten sich um den Absatz keine Sorgen zu machen. Chang Jianguo war so glücklich, dass er sich auf einmal 20 Jin leichter fühlte! Erst jetzt bemerkte er das schöne Meer. Was für ein weites Meer! Rauchige Wellen, grenzenlos, Himmel und Wasser verschmelzen. Menschen aus abgelegenen Bergdörfern waren zwar manchmal stolz auf die Weite und Tiefe des Festlands gewesen, aber als sie das Meer sahen, konnten sie nicht umhin, die großartige Anmut und die tiefe Substanz des Meeres zu bewundern. Als die Wellen zu seinen Füßen schlugen, kam ihm ein Gedanke: Auf der anderen Seite dieses Meeres liegt eine noch größere Welt. Man muss es wagen, das Meer zu überqueren!
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So kam es, dass eine Mine mit 18 Leuten und nur 2.000 Yuan Kapital mit weit entfernten Teilen der Welt verbunden wurde. Wie mühsam dies war! Nicht nur das materielle Leben, auch die Gedanken fanden keine Ruhe. Um sich widerwillig für seine „Überbetonung des Handels gegenüber der Landwirtschaft“ zu kritisieren, musste er jedes Jahr einen großen Stapel Selbstkritiken an die Vorgesetzten schreiben. Zur geschäftigen Erntezeit musste er die Arbeiter „entlassen“, damit sie an der Weizenernte teilnahmen, aber nachts wachten sie noch immer über ihre Ofenfeuer. Erschöpfung – sobald man sich hinlegte, schmerzten alle Glieder, man wollte sich nicht mehr erheben, aber man musste weitermachen, musste sich abmühen. Alle schauten auf diesen Ort, der mehr Geld einbrachte als Eierverkauf.
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Vom Bergdorf ans Meer, vom Meer in die Luft – das dauerte volle zehn Jahre. Diese zehn Jahre abseits vom Land! Von 18 Leuten auf 1800, von 2.000 Yuan Kapital auf 20 Millionen Yuan Vermögen – die Zahl der Menschen hatte sich verhundertfacht, das Vermögen vertausendfacht. Für den Staat wurden 17 Millionen US-Dollar Devisen erwirtschaftet. Das war natürlich ein kleines Wunder. Aber dieses Wunder wurde mit Mut, Schweiß und unerschütterlichem Geist erkauft. Chang Jianguo konnte nicht ausdrücken, wie dankbar er seinen Gefährten, seinen Arbeitskollegen und den sie unterstützenden Landsleuten war. Solange diese Leute sagten, es sei gut, war alles in Ordnung, denn das war das Ziel. Ob andere lobten oder nicht, war unwichtig – das war mit anderen Interessen verflochten. Als also Hühnerhalter als Vorbildarbeiter in die Provinzhauptstadt gingen, aber niemand es wagte, die Aluminiumoxid-Mine am Fang-Berg zu loben, gruben Chang Jianguo und seine Gefährten in diesem tiefen Bergtal schweigend weiter nach ihrer Hoffnung, Leidenschaft und ihrem Glück.
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Das Flugzeug hob ab. Beim Blick aus dem Bullauge auf die Erde war alles so ordentlich – Bergrücken, Täler, Wälder, Wüsten, Städte, Dörfer... Als sie im Begriff waren, die Staatsgrenze zu verlassen, wanderten seine Gedanken wieder zur Mine. Er hatte darüber nachgedacht: Warum konnte sich diese Mine entwickeln? Der erste Grund, oder der einzige Grund, war seine Freiheit. Er musste nicht hierhin um Genehmigung bitten und dorthin Bericht erstatten; die Arbeiter waren die Vorgesetzten, das Unternehmen war der Vorgesetzte – der eine an seiner Seite, der andere in seinem Herzen. Wie praktisch! In dieser Welt, die wie ein Krabbennetz ist, kann man den ganzen Leib bewegen, wenn man an einem Haar zieht. Man scheut die Maus und fürchtet die Schale, man fürchtet Verleumdung und Kritik – selbst das Verrücken eines Stuhls scheint das ganze Land durcheinanderzubringen. Was für ein festes und doch zerbrechliches Netz! Zum Glück war er nicht in diesem Netz. „Den Berg als König besetzen“, unabhängig und selbstständig – es gab nicht nur keine so vielen Beschränkungen, sondern auch so viel Autonomie: Die ganze Mine hatte nur fünf Parteimitglieder, alle anderen arbeiteten in verschiedenen Fabriken, es gab keine weiteren Büros oder Abteilungen. Was er entschied, wurde zur Tat. Als er beschloss, eine Baumaterialfabrik zur Herstellung von Porzellanfliesen zu errichten, wurde ein 76 Meter langer Tunnelofen in nur 42 Tagen fertiggestellt – in staatlichen Unternehmen hätte das mindestens acht Monate gedauert! Er konnte technisches Personal anwerben; er konnte je nach Arbeitsleistung Arbeiter kritisieren, bestrafen oder entlassen; er konnte finanzielle Regelungen treffen und so jeden fest an das Unternehmen binden. Das nannte man „gemeinsamer Wohlstand und gemeinsamer Verlust“. Verkäufer essen und trinken doch oft – also nahm man einen bestimmten Prozentsatz aus dem Gesamtumsatz als Bonus. Bei viel Verkauf gab es viel Geld, bei wenig erhielt man nichts. Reisekosten, Bewirtungskosten – alles war darin enthalten. Der Lohn aller in der Fabrik war variabel: Wenn die Mine Überschüsse machte, wurden alle reich; bei Verlusten verloren alle. So bildete sich unmerklich eine Kontrolle, und auch die Qualität war gesichert...
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Das Flugzeug flog im azurblauen Himmel, tatsächlich ist die Luft selbst farblos und durchsichtig. Chang Jianguo wusste nicht, wie andere ihn sahen, aber er wusste selbst, dass er ein gutes Herz hatte. Als er jene Dutzend Arbeiter entließ, war sein Herz sehr unruhig gewesen. Er hoffte, dass alle friedlich miteinander auskommen könnten, wie im Himmel, wo sich alle liebten. Aber dies war nicht der Himmel, also musste man irdische Methoden anwenden. Wenn ihr nicht ordentlich arbeitet, faul seid, Unfug macht, Eigentum stehlt, mein Unternehmen schädigt, gegen Disziplin und Vorschriften verstoßt – dann tut es mir leid. Chang Jianguo hatte einmal überlegt, ob das nicht etwas despotisch sei. Er hatte ernsthaft über Demokratie und Freiheit nachgedacht. Er konnte unverantwortliches Verhalten nicht tolerieren – das war keine Demokratie, das führte zwangsläufig zu Zerfall und Korruption, zu endlosem Streit, Verzögerungen und unkalkulierbaren Verlusten. Dass er auf diese Weise etwas erreichen konnte, lag vollständig daran, dass er Bauer war. Dieser niedrigste Status wurde gerade zu einem Luxus, einem Privileg. Chang Jianguo saß im Flugzeug, betrachtete seine Kleidung, die der anderer ähnelte, und hätte am liebsten laut verkündet: „Ich bin Bauer, das ist ein so kostbarer Titel! Gerade weil ich nichts hatte, habe ich alles!“
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Die erste Station war Hamburg, die zweite Frankfurt... Er besichtigte überall, und an jedem Ort verhandelte er ein paar Geschäfte. Gesichtsausdrücke beobachten, Psychologie ergründen, die Marktlage studieren, vorsichtig Preise festlegen, Bankette, glitzernde Lichter und Wein, Autos rasten vorbei, lächelnde Gesichter, Schecks... Chang Jianguo war anfangs etwas schwindlig, aber bald wurde er ruhig. Er bewunderte die Arbeitseffizienz und den pragmatischen Geist der Leute. Eine unsichtbare Kraft erschütterte sein in einer engen Welt geformtes Herz mit begrenzter Kapazität. Er gab zu, dass er seine Mängel und Schwächen erkannt hatte. Was man nur durch Propaganda erhielt, war so einseitig – die anderen hatten ihre Stärken. Er lernte großzügig und offen von ihnen.
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Erst als er wieder zu diesem Kontinent zurückflog und wieder diese Wildnis betrat, wurde sein Herz wieder unruhig. Die Wolken am Himmel und der Staub auf der Erde hatten Schatten hinterlassen, die wieder herbeischwebten. Nach der Zentraldirektive Nr. 1 hatte er sein Glück heiß gefeiert, aber das war schließlich auch nur Glück. Viele Notwendigkeiten machten ihn noch immer unruhig. Er und seinesgleichen konnten nur passiv auf etwas warten, nicht aber etwas bestimmen, ob Segen oder Fluch.
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Er könnte das Unternehmen noch größer machen, mehr Devisen verdienen, aber er fürchtete den Neid anderer. Viele erkannten nicht an, dass Management Arbeit ist. Das ließ ihn ans Trinken denken. Für das Unternehmen musste er trinken, um „Inspektionen und Anleitungen“ von Beamten zu bewältigen, Geschäfte anzubahnen, Kollegen zu treffen... alles erforderte Trinken, manchmal mehrere Runden am Tag – eine regelrechte Katastrophe! Liebte er Alkohol? Nein, am liebsten aß er eine Schale Reis, eine kleine Schüssel Suppe, einen Teller Gemüse – nicht kalt, nicht extravagant, bequem zu essen, wie schön! Aber dieser Alkohol – konnte man ohne ihn etwas erreichen? Der Magen kaputt, die Stimme heiser, den Körper einsetzen, um den Angriffen von allen Seiten zu widerstehen! Gewinne gehen ans Kollektiv, Verluste bleiben beim Einzelnen. Selbst mit tausend Gefühlen – mit wem könnte man darüber sprechen? Außerdem – bei solchen Unternehmen war die Rohstoffversorgung überhaupt nicht geplant: Stahl, Zement, Instrumente, Reagenzien – was konnte man ohne Beziehungen bekommen? Man war gezwungen, Hintertüren zu nutzen. Alte Schulden häuften sich, am Ende bezahlte einer, was tausend gegessen hatten – wer konnte das aushalten? Ich muss allen nach dem Mund reden, wenn eine Schlüsselfigur niest, bekomme ich drei Tage lang kein Auge zu. So großer Ehrgeiz, so beachtliches Einkommen, aber politisch so verletzlich! Angst vor Veränderungen, vor Vereinheitlichung, vor Neid, vor Journalisten – nur nicht vor eigenem Gewinn und Verlust. Chang Jianguo fühlte, dass dieses Hin- und Herhetzen tatsächlich ein Kampf gegen das eigene Leben war. Er weinte.
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Wie sehr wünschte er sich, diese künstlichen Grenzen zu verwischen! Ob vom Ministerium, von der Provinz, vom Kreis oder von der Brigade betrieben – außer Geldscheinen, die gleich waren, herrschte überall strenge Hierarchie. Vollzeit, Teilzeit, Arbeiter-Bauern, Arbeiter statt Kader, acht Lohnstufen, fünfundzwanzig Dienstgrade. Brecht das auf! Jede Hürde wählt einen General – wer es kann, ist ein Held! Wie wäre das? Dafür stellte er extra einige staatlich angestellte Fachkräfte ein. Er hoffte, diese Schwellen zu durchbrechen – so wäre es einfacher.
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Wie sehr wünschte er sich, einige Theoretiker engagieren zu können, die für ihn, für die Unternehmer seines Landes und für alle Unternehmen Chinas eine Verteidigung formulieren würden: Was ist eigentlich der rechte Weg und was der falsche? Wie lassen sich Dinge erledigen, ohne Hintertüren zu benutzen? Was ist wirklich Arbeit? Wie sollen Ruhm, Verdienste und Verfehlungen eines Menschen bewertet werden?
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Wie sehr wünschte er sich ein Gesetz, das all jene erfolgreichen Errungenschaften festschreiben würde, das jene Hände zurückhält, die sich nicht ausstrecken sollten, und das all jene Angelegenheiten regelt, die unbedingt geregelt werden müssen...
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Er stieg aus dem Flugzeug, dann aus dem Zug und fuhr schließlich mit einem Toyota zurück zum Fang-Berg, zurück zur Mine. Als er wieder an jenem Ort stand, von dem aus er aufgebrochen war, bewegte ihn die grenzenlose Weite der Berglandschaft zutiefst. Er blickte auf den hohen Schornstein auf dem Bergrücken, auf die ausgedehnten Fabrikhallen und das Minengelände, das einer kleinen Stadt glich, und lauschte den majestätischen und wundervollen Klängen, die wie eine Symphonie von dort herüberdrangen. Er dachte bei sich: Endlich haben wir uns aus unserem Kokon herausgearbeitet.
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Ja, die Bauern haben das Land verlassen und sind in diese sich aufbäumende Strömung eingetreten. Das Erwachen ist ungleich schwieriger als das Aufstehen, denn unsere Träume waren allzu alt und allzu berauschend. Was für ein schweres Land ist dies doch! Die Yin-Ruinen von Anyang, die Longmen-Grotten, der Berg Shouyang, die drei Beamten und drei Abschiede, der tausendjährige Kriegsstaub auf alten Schlachtfeldern... Fast jeder Ortsname symbolisiert bereutes Blut und Schweiß, verrostete Waffen und verwitterte Leichname. Unsere Nation ist von solchen Ebenen ausgegangen. Wir sind auf diesen Ebenen mehrere tausend Jahre lang gewandert, langsame Jahrtausende! Und dennoch umschlingen uns Armut und Unwissenheit noch immer wie giftige Schlangen. Obwohl in jedem Haushalt unzählige Räucherstäbchen angezündet wurden in der Hoffnung, im emporsteigenden Rauch ein Leben in Wohlstand zu finden – all dies blieb nur ein Traum. Die Erde lag weiterhin in todesgleicher Stille da. Was gab es schon in den Dörfern? Verfallene Strohhütten, schwere Mühlsteine und diese farblosen Wege. Auf jenen Wegen mit ihren tiefen Wagenspuren und Rinderhufabdrücken zog ein mageres, knochiges altes Rind einen verfallenen Wagen, Jahr für Jahr, mit langsamen, schwerfälligen Schritten. Ein Rind brach zusammen, und ein anderes Rind steckte schweigend seinen Kopf ins Joch, Generation um Generation, wandernd, seufzend, als ob niemand uns belästigen würde, solange wir nur bereit wären, so für immer weiterzugehen.
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Aber diese Welt ist unausgeglichen. Vor über dreihundert Jahren, als Li Zicheng die Ming-Dynastie gestürzt hatte, sahen wir nur eine neue Qing-Dynastie. An der Spitze der politischen Pyramide saß ein Kaiser, der in seinem muffigen, stinkenden Palast den schönen Traum von Abschottung und Selbstherrlichkeit träumte. Doch gerade in dieser Epoche schufen die Briten mit ihrer industriellen Revolution eine neue Gesellschaftsform, und von da an schwoll der Reichtum wie aufgehender Hefeteig an, Waren strömten wie Fluten in die Welt hinaus. Nicht lange danach kamen sie als Kolonisatoren, die mit ihren ausländischen Gewehren und Kanonen die Tore des großen Qing-Reiches aufsprengten, sie drangen von der einen Seite der Erdkugel zur anderen vor. Selbst achthundert Lin Zexu hätten die Petroleumlampen und Webstühle der „Teufel“ nicht aufhalten können.
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Eine Minderheit erwachte und machte Revolution; aber die Mehrheit schlummerte weiter im verdorrten Gras auf dem Land. Die schwachen Vorreiter wurden von tausenden schweren Stricken gefesselt, sie stolperten schon nach einem halben Schritt. Wir schlossen schließlich wieder unsere Tore, und gleichgültig wie heftig die Wogen des Ozeans auch an unsere Türen schlugen, rezitierten wir in Erschöpfung und Hunger weiterhin solche Lehren: „Ackerbau und Gelehrsamkeit sind das Höchste, Handel ist zweitrangig, Handwerk noch niedriger.“ „Widme dich dem Ackerbau und der Seidenraupenzucht, fünfzig Frühlingszwiebeln, ein Beet Schnittlauch, im Haushalt zwei säugende Schweine, fünf Hühner.“ „Balken, Werkzeuge, Öl und Kerzen – alles stammt von Pflanzungen, wenn wir die Tore schließen, haben wir alles, was wir zum Leben brauchen, bedauerlich nur, dass im Haus kein eigener Salzbrunnen ist!“ Als eine Milliarde Menschen nach diesem Lehrbuch handelten, wurden die Grasländer zerstört, die Bergwälder abgeholzt, es gab weder Fisch noch Fleisch, und obwohl an jedem leeren Regal Zitate hingen, konnten die Zitate das Ernährungsproblem nicht lösen. Vor einigen Jahren erwachten wir endlich wieder einmal. Sobald man beginnt, die Gesetzmäßigkeiten zu respektieren, gibt es auch einen Weg.
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Der Weg wurde aus jener Ebene herausgetreten, der erste Fußabdruck trägt noch die Spuren der Unsicherheit, aber schnell bildeten sich Feldwege. Unzählige kleine Pfade, ohne Anfang und Ende, verbunden und verflochten, formten ein ganz neues Netz auf der Ebene. Die Menschen transportierten ihre Waren auf diesen kleinen Wegen und dehnten die Pfade zu Marktstädten aus, zu den Städten, zu den internationalen Märkten. Wer einmal das Meer gesehen hat, findet das Wasser anderswo schal – wer bereits die neue Welt kennengelernt hat, will nicht mehr in seiner armen Hütte gefangen bleiben. Sie sind nicht mehr zufrieden mit einer Schüssel Nudeln und warmer Winterkleidung, alles verändert sich. Unsere Väter und Brüder haben das Land nicht aufgegeben, sie sind nur nicht mehr mit der Selbstversorgung zufrieden, nicht mehr mit der Naturalwirtschaft. Diese Veränderung lässt sich sehr deutlich an den vernachlässigten Erdgottheiten ablesen: Kümmert sich noch jemand um jene drei Erdtempel, die einst wie Götter verehrt wurden? Ob in der kalten Nacht oder am geschäftigen Tag, sie hocken einsam dort. Das wilde Gras wächst bis zu ihrem Scheitel empor. Niemand bringt den Erdgottheiten mehr törichte Opfer dar. Die Erdgötter sind in den Herzen der Menschen tatsächlich in Vergessenheit geraten, kalt und allmählich verlassen.
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Die Ebene ruft mit nie gekannter Aufregung den Menschen zu: Geht weiter, von jedem Punkt aus könnt ihr die ganze Welt erreichen!
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Wenn wir die kleinen Pfade auf der weiten Ebene sehen, sollten wir die Schlammflecken an den Füßen der Wanderer nicht vergessen – diese Erkenntnis ist vielleicht bedeutsamer als die vorangegangene Erzählung.
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Die Welt ist schön.
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Wer hat diese Schönheit geschaffen?
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Gott hat den Himmel mit farbigen Wolken bedeckt, die Sonne leiht dem Mond ihr Licht, die Erde gebiert hohe Berge, fließende Gewässer, taubedeckte Bäume und mit Gold und Jade geschmückte Felder, Kinder mit glänzenden Augen, Mädchen mit bunten Kleidern und süßem Lachen, Künstler schmücken mit Inspiration die Herzen der Menschen...
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Yang Jixiang, ein Blumenzüchter-Spezialist aus dem Kreis Xiangcheng, schmückt die Welt mit frischen Blumen.
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Dies ist ein farbenreiches, von Poesie durchströmtes Unternehmen. Doch der Herr dieses Unternehmens hat allzu viel Schweiß und Herzblut geopfert.
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Sie waren einst verarmte, heruntergekommene Landbewohner. Eine Familie mit neun Köpfen, die mit einem Handkarren Steine transportierte, um sich zu ernähren, und ausgerechnet der Haushaltsvorstand Yang Jixiang wurde von einem Auto angefahren, sein Arm brach, der Gips wurde nicht richtig angelegt, er blieb behindert, kaum genug zum Überleben. Die kleine Tochter starb; der Sohn Zhigang war erst vierzehn Jahre alt, als er den Weg seines Vaters einschlug, aber dann wurde auch der kleine Esel gestohlen. Also übernahm die Mutter die Aufgabe des Sohnes. Sie zogen und zogen, mit zäher Hartnäckigkeit kämpften sie ums Überleben.
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Vielleicht war das Leben zu trocken, zu eintönig, zu grau, plötzlich verliebte sich Yang Jixiang in Blumen. Zum ersten Mal holte er von jemandem einen Topf mit Monatsrosen, diese goldglänzende, tiefrote Monatsrose, wie Feuer, strahlend, leuchtend, sie empfing ihn herzlich und vermittelte ihm ein volles Gefühl für Schönheit. Yang Jixiang war verzaubert. Später bekam er auch noch eine Kumquat, das ganze Jahr über saftig grün, die diesem trockenen Familienleben frische Lebendigkeit verlieh.
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Später schlugen ihm einige Freunde vor, Blumen zu züchten. Shengsan und Zhang Diancheng brachten einige mit, Wang Jianting und Hou Mu brachten auch welche, sie hatten Mitleid mit dieser wirtschaftlich bedrängten Familie und hofften, weniger traurige Gesichter bei ihnen zu sehen. Yang Jixiang war bewegt. Mit dem verletzten Arm konnte er keine schwere Arbeit leisten, warum nicht Blumen pflanzen? Erstens schön anzusehen, und zweitens konnte man ein wenig Geld damit verdienen.
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Das Tor zur Kunst ist das Tor zur Hölle. Sobald Yang Jixiang sich in die Blumenzucht verliebte, war es wie besessen. Er sparte jeden Cent, der irgendwie zu sparen war, um Blumen und Pflanzen zu kaufen. Deshalb aßen die Kinder jahrelang kein Fleisch, trugen keine neuen Kleider, konnten nicht zur Schule gehen. Yang Jixiang jedoch kaufte nur alle möglichen Fachbücher über Blumenzucht zum Lesen. Als sie endlich ein wenig Geld hatten, beschlossen die Eheleute, hinauszugehen und einen Meister zu suchen, um ihre Fähigkeiten zu verbessern.
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Sie reisten nach Liuzhou, wo der alte Blumengärtner Ding Wenqi ihnen beibrachte, wie man Steine bearbeitet, wie man Holzrahmen zusammenstellt, wie man ständig die Seele kultiviert und die künstlerische Vollendung vertieft, damit die Schönheit aus dem Herzen kommt und sich in den Blumen und Bäumen ausdrückt, und wie man bei Bonsai die Beziehungen zwischen Dick und Dünn, Innen und Außen, Nah und Fern, Verborgen und Offen gestaltet. Um ihren Horizont zu erweitern, versuchten sie auf jede erdenkliche Weise, sich auf die Messe in Kanton zu drängen. Die Baumstumpf-Bonsais dort zogen sie tief in ihren Bann. Es gab welche aus Ulmen, Zypressen, Araukarien, Buchsbaum und Fujian-Tee, in tausend Formen und Gestalten, waren faszinierend. Später reisten sie nach Fuzhou und suchten im Westsee-Park den alten Blumengärtner Zheng Xinqin auf. Ihre Fertigkeiten verbesserten sich weiter. Auf dem Rückweg starrten beide aus dem Fenster, von der Morgendämmerung bis zur Abenddämmerung. Sie betrachteten jede Landschaft ganz genau, bewerteten ihre Stimmung, ihre Besonderheiten, ihren Geschmack. Ferne Berge, dunkelgrüne Wälder, die alten, knorrigen großen Bäume, das schimmernde Grün des jungen Bambus, jeder Gipfel, jede Felsenhöhle, die Bambuszäune der Bergdörfer und die kleinen Häuser der Städte, die Segelboote auf dem Fluss und die Quellen in den Schluchten, gewölbte Brücken, grüne Flächen, Gräber – sie wurden von der Schönheit der Natur geformt und bereichert.
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Sie leisteten harte Arbeit für diese Blumen. An einem heißen Sommertag mag es eine angenehme Beschäftigung sein, ein oder zwei Töpfe zu gießen; aber zweitausend Töpfe zu gießen bedeutet, halb tot vor Erschöpfung zu sein. Wenn man zweitausend Pflanzen veredelt, kann es eine ganze Familie halb umbringen! Aber sie schreckten nicht vor dieser Arbeit zurück. Sie sammelten allmählich viel Wissen an, sie verstanden, warum Monatsrosen im Süden so klein blühen, warum Pfingstrosen im Süden nicht überleben wollen, wie man Blattläuse und Schildläuse bekämpft, warum die Milan vergilbt, wie man die Kroton züchtet...
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Sie erlangten einen gewissen Bekanntheitsgrad. Der Provinzparteisekretär Liu Jie sagte bei einem Treffen mit ihm: „Deine Winterblüten-Bonsais sind zu wenige, diese Art von Bonsai hat einen besonderen Charme, wenn man sie exportieren würde, könnte man damit viele Devisen einbringen.“ Liu Jie gab ihm eine Aufgabe: Züchte mit aller Kraft Winterblüten-Bonsais. Wo aber sollte man Pflaumenwurzeln finden? Nach langem Suchen hörten sie schließlich, dass es im Qinling-Gebirge viele alte Pflaumenbäume gab, also machten sich Vater und Sohn mit zwanzig Säcken, einer kleinen Säge, einer Eisenhacke und einem Messer auf den Weg.
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Das war wahrhaftig der berühmte Shu-Weg, der „schwerer als der Aufstieg zum blauen Himmel“ galt. Beim Aufstieg krochen sie Schritt für Schritt, beim Abstieg rutschten sie Abschnitt für Abschnitt hinunter. An den steilen Felswänden Pflaumenbäume auszugraben bedeutete, dass man bei der kleinsten Unachtsamkeit abstürzen und sterben konnte. Aber gerade wegen der Gefahr und Einzigartigkeit wurden hier alte Pflaumenbäume bewahrt, wurde die Schönheit bewahrt – an gewöhnlichen Orten hatte die Banalität bereits alles besetzt. Ihr einziges Vergnügen waren die überall wachsenden Winterblüten, hoch oben im Gebirge, in diesem eiskalten Wind dufteten sie so erhaben und elegant, ihre Farbe so hervorstechend und außergewöhnlich, tief und großzügig.
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Was man sucht, daran findet man Freude.
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Schließlich bauten sie einen Blumengarten. Was für ein herrlicher Anblick! Im Frühling blühten Ulmen-Blattblüten in Rot, weiße Michelien öffneten sich, die Blüten der Cinerarien waren betörend blau, rosafarbene und tiefrote Pfirsichblüten wetteiferten in ihrer Schönheit. Die rötlichen Azaleen, goldgelbe Winterjasmin, Frühlingsblüten und Goldglöckchen erblühten alle. Sie riefen den Frühling herbei und schmückten den Frühling. Nach den edlen Pfingstrosen und den schönen Pfingstrosen kam der Sommer, Vierjahreszeiten-Duftstrauch, Milan, Sommerazaleen und Wachsbegonien zeigten sich wie himmlische Feen in ihrer ganzen Pracht. Eine Blütezeit vergeht noch nicht, eine andere beginnt schon. Im August die Osmanthus, im September blühten Chrysanthemen und Hibiskus so anmutig, Silberbällchen wie vornehme Hofdamen. Selbst im Winter blühten hier die Blumen in allen Farben: Winterblüten natürlich, Alpenveilchen mit rosigen Wangen, Weihnachtskakteen in Rot gekleidet, die flauschigen Sinningien, zarte Narzissen. Besonders die Clivien, deren fleischige, bandförmige Blätter in der Mitte einen blühenden Blütenstand wie eine Feuerkugel trugen, leidenschaftlich, großzügig, würdevoll, ruhig – wie ein edler Herr!
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Für diese Blumen hatten sie außer sparsamem Leben auch noch Schulden von über viertausend Yuan aufgenommen.
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Die Schönheit brachte ihnen Bewunderung und Respekt, aber auch Hässlichkeit.
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Manche kamen „zu Besuch“ und verlangten freimütig einige Töpfe Blumen, die Heuchlerischeren sagten nichts, aber wenn der Gastgeber nur sagte: „Wenn du welche willst, nimm doch zwei Töpfe mit“, dann nahmen sie ohne jede Zurückhaltung. Kader aus der Gegend und von auswärts kamen „zur Besichtigung“ und zum „Besuch“ und wollten ein paar Blumen als „Andenken“ mitnehmen. Manche taten so, als seien sie alte Bekannte, und wenn Yang Jixiang nicht zu Hause war, nannten sie die Hausfrau „große Schwester hier, große Schwester da“, als ob sie nahe Verwandte wären, und bekamen ebenfalls ihren Vorteil. Ein Melonenverkäufer erschwindelte über zwanzig Töpfe. Ein Polizist von der örtlichen Wache kam mit dem Motorrad und nahm drei Töpfe Hibiskus mit. Im Jahr 1982 machte Yang Jixiangs Tochter eine unvollständige Statistik: Die so weggetragenen Blumen hatten einen Wert von über zweitausend Yuan.
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Die Familie Yang war nicht geizig, und sie machten diese Aufstellung auch nicht, um später Forderungen zu stellen, sondern sie wollten nur wissen, wie viele Pflanzen sie im Jahr insgesamt gezüchtet hatten, um ungefähr eine Zahl zu haben. Von den weggetragenen Blumen hätten sie einige gern wirklich verschenkt, meist an Bekannte und Freunde, aber gute Freunde wiederum wollten hartnäckig ihre Blumen nicht nehmen. Den Großteil mussten sie abgeben. Drei-, fünfmal geben war noch in Ordnung, aber einmal nicht zu geben ging nicht – dann gab es böse Kommentare und übles Gerede, unerträglich hässlich.
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Manche sagten: „Was für Clivien, ein paar Blätter wie Maisblätter, eine einzelne Blüte verkaufen sie für hundert Yuan!“ Andere sagten: „Was für Palmfarne, sehen aus wie ein verfaulter Süßkartoffelhaufen, ein paar Blätter verkaufen sie für über zehn Yuan, ein paar seltsame Pflaumenwurzeln sollen so viel wert sein?“ „Die Yang Jixiang-Familie hat Kontakt zu hohen Beamten, kleine Kader wie uns nehmen sie gar nicht mehr wahr. Ist ja nur Blumenzucht!“ ... Das Ständige Komitee des Volkskongresses des Kreises und die Frauenvereinigung hielten Sitzungen ab und ließen Yang Jixiang Clivien, Palmfarne und andere Blumen zur Dekoration der Tagungssäle bringen. Nach Ende der beiden Konferenzen forderte der Vorsitzende Yang auf, etwas Geld zu kassieren, Yang Jixiang erhob jeweils fünfzehn Yuan.
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Der stellvertretende Parteisekretär des Kreises kam mit einem Schauspieler zur Blumenschau, ursprünglich wollte er zwei oder drei Töpfe, dann nahm er auf einmal sechzehn Töpfe mit, darunter über Jahre gezüchtete wertvolle Clivien, Spargel und Palmfarne, im Gesamtwert von über 280 Yuan. Der stellvertretende Sekretär sagte: „Rechne mal aus, wie viel? Schreib einen Beleg.“ Yang Jixiang zögerte lange, er wollte eigentlich nichts verlangen, aber der Wert war wirklich zu hoch, er hatte keine Beziehung zu diesem Schauspieler; wenn er aber etwas verlangte, würde er dann das Gesicht des Kreisparteisekretärs beschädigen? Nach langem Überlegen schrieb er einen Beleg über 150 Yuan. Das Kreiskomitee erstattete nicht, leitete es ans Kulturbüro weiter, das Kulturbüro erstattete auch nicht, leitete es wiederum ans Dongguan-Theater...
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Letztes Jahr besuchte Yang Jixiang Liu Jie, hauptsächlich um über die Züchtung von Winterblüten-Bonsais zu sprechen. Liu Jie fragte, ob Leute einfach Blumen wegnahmen, und Yang Jixiang erzählte wahrheitsgemäß ein wenig davon. Später veröffentlichte die „Henan Ribao“ das bearbeitete Protokoll dieses Gesprächs.
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Diese drei Vorfälle lösten im Kreis Xiangcheng einen gewaltigen Aufruhr aus. „Dieser Yang Jixiang-Bursche traut sich sogar, Geld aus der heißen Pfanne zu greifen!“ „Er schenkt dem Schauspieler Blumen und will dann auch noch Geld, das gehört sich nicht.“ „Er ist doch aus unserem Kreis, wenn der Kreis große Versammlungen abhält und Blumen braucht, verlangt er noch Geld!“
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Einige Behördenkader saßen oft zusammen und sagten im spöttischen Ton: „He, wer hat denn die Blumen von diesem Spezialisten genommen? Wir jedenfalls nicht.“ „Solche Spezialisten sind Spekulanten, die muss man bestrafen. Eine Strafe von acht- oder zehntausend wäre angemessen.“ Diese Hetze wurde immer stärker, Yang Jixiang stand unter großem Druck. Ein Schlag nach dem anderen traf ihn. Yang Jixiangs Gespräch mit Liu Jie hatte viele Menschen in ihrem heuchlerischen, niederträchtigen Gesicht verletzt, sie hätten am liebsten alles Unglück auf Yang Jixiang gehäuft.
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Das ganze Frühlingsfest verbrachte die Familie Yang unter enormem Druck. Was für ein Verbrechen hatten sie begangen? Was für einen Fehler? Von der öffentlichen Meinung bis zu den Justizorganen richteten sich alle Speerspitzen gegen einen unschuldigen Spezialisten. Yang Jixiang war zutiefst verletzt, er wusste nun, was es heißt, dass ein Kreisbeamter weniger zählt als der lokale Machthaber, er wusste, dass ein starker Drache die lokale Schlange nicht unterdrückt. Hatte er nicht nur dem Provinzparteisekretär ein paar wahrheitsgemäße Worte gesagt? Und dabei nicht einmal die Absicht gehabt, sich zu beschweren. Aber manche konnten das nicht ertragen! Als ob, wer immer in jener Gegend Beamter werden will, alles in dieser Gegend ihm gehört, sogar jede Eidechse! Sie lieben die Theorie unbegrenzter Macht, wie Kinder Fleischkuchen lieben.
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Das ganze Jahr über waren die Blumen noch immer so schön, Yang Jixiang verbreitete weiterhin die Schönheit in alle Himmelsrichtungen, aber was ihm blieb, waren Sorge und Unruhe. Erst jetzt entdeckte er, wie zerbrechlich er als Spezialist war, wie ein frisch aus der Erde sprießender zarter Keim. Geld ist so furchterregend, kein Wunder, dass niemand es wagt, reich zu werden; Schönheit, so unglücklich, kein Wunder, dass Menschen mit Ambitionen sich vor den mittelmäßigen Massen demütigen müssen, um deren Vergebung zu erbitten. Ist das etwa normal? „Wenn es so weitergeht, will ich kein leidender Spezialist mehr sein.“ Er bat die Blumenschutzgöttin, diese schönen Blumen und die Blumenzüchter gut zu schützen, eine neue Version der „Begegnung des Alten Qiu mit dem Unsterblichen“ für die neue Zeit aufzuführen.
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Nie zuvor war die Ebene so voller Lebenskraft wie heute.
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Schau: Die Grashalme durchbrechen hartnäckig die harte Erdkruste, strecken ihre Köpfe hervor, ziehen mit Hilfe der strahlenden Sonne und des warmen Frühlingswinds auf wundersame Weise grüne Gewänder an; die großen Bäume, die einen ganzen Winter lang Wind und Kälte widerstanden haben, raffen sich auf, das Wasser des Gelben Flusses bricht die Eisblöcke nach und nach auf und strömt dem Meer entgegen; die feuchte Luft, die vom Ozean herüberweht, weckt die Tamarisken in der Wüste auf. Verwandelnd, aufsteigend, schwingend – so entstehen auf dieser weiten Ebene Druckhöhen und -tiefen, und damit entsteht Wind.
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Die Gesellschaft und die Natur gleichen sich aufs Haar. Wenn der Frühlingswind über die Ebene streicht, durch Täler heult und Wasserwellen aufwühlt, gerät auch dieser Teil unserer Welt in Bewegung. Was keine Gegenkraft bildet, beschleunigt vorwärts – das sind die Boten der Zeit; was Gegenkräfte bildet, wird zum Wirbelwind, der überall, wo er hinkommt, jedes Blatt zwingt, seine eigene Stimme zu erheben...
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Der Wind erhebt sich, von den Spitzen des grünen Schilfs.
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Der Wind kräuselt das seichte Frühlingswasser des Xiao-Shang-Flusses. Am Ufer des Xiao-Shang-Flusses steht ein Ringofen. Der Besitzer des Ofens ist Wei Fugen. Dieser kleingewachsene Bauer hat das Land vollständig aufgegeben und sich ganz diesem Ziegelbrennen gewidmet. Er schloss einen Vertrag mit einer Produktionsgruppe im Kreis Linying: Jährlich zahlt er der Produktionsgruppe, deren Erde er abbaut, 10.980 Yuan und versprach, den beiden Produktionsgruppenleitern je ein Fahrrad zu kaufen.
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Räucherstäbchen ziehen Geister an! Gerade als Wei Fugens Geschäft florierte, begannen diese beiden kleinsten aller Kader, ihre Macht im größtmöglichen Umfang auszuüben. Sie kamen abwechselnd, um Geld zu „leihen“. Der Xiao-Shang-Fluss kann es bezeugen, der hohe Schornstein kann es bezeugen, Wei Fugens Kollegen können es bezeugen: Zwei Personen, einer holte sich 28.200 rote Ziegel, der andere schleppte 34.000 Stück weg, einer „lieh“ 800 Yuan, der andere „lieh“ über 1.100 Yuan. Bat er sie, einen Schuldschein zu schreiben, schrieben sie keinen.
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Diese Herren des Landes hatten keine Gewohnheit, Verträge zu respektieren. Diese Leute waren wie Casinobetreiber: Egal wer Geld verdient, sie müssen ihren Anteil haben, denn man arbeitet auf ihrem Territorium. Sonst können sie einen ruinieren. So ein großer Ringofen, Wei Fugen kann ihn jedenfalls nicht wie eine Schnecke einfach wegtragen.
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Also fürchtete Wei Fugen ihren Zorn und gab nach, um des lieben Friedens willen. Sie wurden immer unverschämter, ein Fass ohne Boden lässt sich nicht füllen. Als Wei Fugen leicht Einwände erhob, gaben sie die Drohung ab: Es wird nicht mehr erlaubt, weiter Erde abzubauen!
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Das war gleichbedeutend damit, den Ziegelofen stillzulegen.
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Sie häuften auch auf dem ursprünglich flachen Land kleine Erdhügel auf – wer weiß, wie viel Geld sie für jeden dieser falschen Gräber erpressen wollen!
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Die Entwicklung von Industrie und Handel stößt auf feudale Hindernisse.
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Wei Fugen stand oft vor dem Grab von Yang Zaixing und grübelte. Der berühmte General Yang Zaixing, der gegen die Jin kämpfte, war hier in zahlenmäßiger Unterlegenheit gefallen. Wei Fugen fürchtete nicht die Oberen, selbst wenn es Veränderungen gäbe, müsste es eine Erklärung geben, zumindest müsste ein Preis ausgehandelt werden, bevor etwas verstaatlicht wird! Aber er fürchtete das Unheil vor seiner Nase. Er war allein, ohne Brüder, klein und schwach, während die andere Seite einen großen Clan und viele Leute hatte, der Bruder war stellvertretender Parteisekretär der Brigade. Man muss sagen: „Mit solchen kann man wirklich nicht konkurrieren.“ Sollte er etwa wie Yang Zaixing hier am Xiao-Shang-Fluss sterben? Dann würde er diesen Schornstein zurücklassen als Denkmal, um den Menschen zu erzählen, welche Kraft das Leben derer erstickt hat, die das Land verlassen haben...
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Der Wind, da er Wind ist, weht nicht nur an einen einzigen Ort.
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Im Bezirk Xuchang gab es einen Birnenzucker-Verkäufer, der eine Lizenz hatte und monatlich pünktlich 35 Yuan Steuern zahlte. Als man sah, dass sein Geschäft gut lief, wurde der Steuerbeamte unzufrieden und verlangte eine Nachzahlung von 500 Yuan. Der Geschäftsinhaber lud diesen hirnlosen Beamten einmal zum Trinken ein, der Steuerbeamte war zufrieden und reduzierte die Steuer auf 200 Yuan. Nicht lange darauf verlangte er vom Geschäftsinhaber, ihm Akazienstangen für den Hausbau zu besorgen, der Geschäftsinhaber hatte Schwierigkeiten, der Steuerbeamte war unzufrieden, die Steuer sollte wieder auf 500 Yuan steigen, also beeilte sich der Geschäftsinhaber, alles zu besorgen und zu überbringen, und der Steuerbeamte war wieder zufrieden. Später hatte der Steuerbeamte ein Auge auf die Tochter des Geschäftsinhabers geworfen und wollte, dass dieses Mädchen seine Schwiegertochter wird, der Geschäftsinhaber war nicht einverstanden, der Steuerbeamte war unzufrieden, die Steuer stieg wieder auf 500 Yuan...
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Es gibt einen Zeichentrickfilm namens „Der Hirnlose und der Unzufriedene“. In China gibt es viele hirnlose Menschen, und dummerweise sind sie ständig unzufrieden – was soll man da tun!
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Hört den Wind hier, wie unheimlich und eisig er ist! Der Einzelunternehmer Feng Dianzhe aus dem Kreis Yiyang wurde mit einer zu hohen Steuernachforderung belegt. Er ging nicht zur Versammlung der Kreiseinheitsfront (Feng hatte wichtige Verwandte im Ausland), sondern ließ seine Frau Wang Fenjiao die Situation erklären. Der Leiter des Steueramts tadelte sie: „Der Feng Dianzhe, selbst wenn du dich bei der Einheitsfrontabteilung beschwerst, nützt es nichts, die Einheitsfrontabteilung ist für Mönchstempel und christliche Kirchen zuständig (völliger Unsinn!). Was für eine Behörde ist das schon? Früher warst du eine Familienangehörige eines Konterrevolutionärs, jetzt bist du mindestens die Angehörige eines Schurken. Hab keine Angst vor Feng Dianzhe, dem Zehntausend-Yuan-Haushalt, du hast wirtschaftliche Macht, aber keine politische Macht (Achtung!). Du hast zwölftausend, ich bestrafe dich mit dreizehntausend, ich werde dich nicht ruhen lassen, bis du ruiniert bist!“ Der Buchhalter dieses Amtes sagte zu ihm: „Wie viel dir gesagt wird zu zahlen, musst du zahlen, du darfst nicht fragen, jede Frage kostet 20 Yuan.“ Feng zahlte monatlich 191 Yuan Steuern, jetzt sollte er 3.822 Yuan nachzahlen, er fühlte sich völlig am Ende und trank Gift (zum Glück überlebte er).
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Der Wind wehte nicht schwach! Nach diesem Sturm reduzierte sich allein in der Provinz Henan die Zahl der gewerblichen Einzelunternehmer auf einen Schlag um 80.000, das sind 20 Prozent! Bei jedem Windhauch versuchten manche, die Wellen zu schüren und das Blatt zu wenden.
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Der Wind wehte bis nach Peking. Ein stellvertretender Minister warf einen Stapel Verkehrsunfallfotos auf den Tisch und ließ seiner Wut freien Lauf, beklagte sich, dass es zu viele Transport-Spezialisten gäbe, die Menschen totführen und so weiter. Da erhob sich sofort ein Mitarbeiter des Forschungsbüros des Provinzkomitees Henan und widersprach energisch: „Ja, es ist nicht schwer, so dreißig oder fünfzig Beispiele zu finden, China ist so, bei allem kann man Beweise finden. Aber warum berechnest du nicht das Verhältnis? Haben die staatlichen mehr Unfälle oder die privaten? Soweit ich weiß, behandeln die Spezialisten ihre Fahrzeuge mit äußerster Sorgfalt, jede verlorene Arbeitsstunde, jeder Unfall bedeutet für sie einen großen Verlust. Die Tatsache in Henan ist, dass das Verhältnis von Verkehrsunfällen bei Transport-Spezialisten sehr gering ist. Die chinesischen Bauern hatten es früher so schwer, jetzt sind sie endlich wohlhabend geworden, ist das nicht ein Fortschritt? Wer vom Verkehrsministerium kümmert sich um sie? Mit welchem Recht wird so gegen sie vorgegangen...“
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Wer immer ins wirkliche Leben eintaucht und den privaten Diskussionen zuhört, wird feststellen, dass Debatten und Vitalität gemeinsam auf jener Ebene wachsen. Lasst diese Vitalität sich weiterentwickeln, lasst die Probleme klar ausdiskutiert werden. Sonst könnte der Wind, der von den Spitzen des grünen Schilfs weht, zu einem Sturm werden, der Zweige bricht und zerstört, oder zumindest dafür sorgt, dass bei der Ernte in Duling „die Ähren noch unreif, aber alle schon gebeugt“ sind.
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Die Pyramide wird zu Grünland werden. Das Dorf umzingelt wieder einmal die Stadt. Der Fluss kümmert sich nicht um die Trauer des Teichs und fließt weiter zum Meer. Die Ebene ruft: In der Geschichte gibt es nichts Allmächtiges...
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Ach, unsere Ebene war nie so „produktiv“ wie heute, sie schafft nicht nur eine riesige Menge an materiellem Reichtum, sondern auch Gedanken. Bewegt, entwickelnd, verflochten, kämpfend – dort gibt es berührende Klänge, prächtige Farben, lebendige Helden und Narren, auch wunderbare Poesie und tiefe Subtexte... Obwohl es nur ein Vorspiel ist, ist dieses Vorspiel so glanzvoll! Unsere heutige Ebene zwingt die Menschen, sie nicht mehr gleichgültig zu übersehen.
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Setz dich ruhig auf eine grüne Grasfläche und höre den Klängen der Ebene zu. Sie sagt uns: Das Pfirsichblütenland aus Tao Qians Pinsel ist nicht mehr die höchste Sehnsucht der chinesischen Bauern, viele Konzepte wie Familie, Arbeit, Privateigentum, persönliche Interessen und so weiter sollten neu bewertet werden. Wir sollten in dieser neuen Bewertung einen Schlüssel finden. Unzählige Fakten sagen den Menschen: Dass wir zu essen haben, liegt nicht an der Barmherzigkeit des Metzgers, des Bäckers und des Brauers, sondern daran, dass sie ihr eigenes Interesse verfolgen. „Lasst jedes Mitglied der Gesellschaft sein größtes Interesse verfolgen, ich habe nie gesehen, dass diejenigen, die vorgeben, zum Wohl anderer zu handeln, viel beigetragen hätten.“ Das sagte Adam Smith schon lange.
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Aber die Volkswirtschaftslehre ist nicht mehr nur eine Disziplin des Landes von Adam Smith und Keynes, die chinesischen Dörfer liefern neue Inhalte. Die Engländer trieben mit der Methode der Einhegung die Hirten von den grünen Weiden und verschafften so den englischen Textilfabriken große Mengen an Arbeitern, wir hingegen lassen mit einer so natürlichen, gesunden, menschlichen Weise Hunderte Millionen von Bauern von den Feldwegen auf dem Land aufbrechen und sich dem Strom der modernen Gesellschaft anschließen. Ich weiß nicht, warum eine Gruppe von Menschen diese so großartige Transformation ständig anprangert und angreift!
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Ein auf die Ebene geschriebenes Buch der „Politischen Ökonomie“ sagt uns: Die Warenwirtschaft muss sich in freier Luft entwickeln können, nach dem Motto „Einander mit Speichel befeuchten ist nicht so gut, wie einander in Flüssen und Seen zu vergessen“. Die westliche Industrie und das Gewerbe entwickelten sich, nachdem sie die Fesseln der Leibeigenschaft abgeworfen hatten, an Orten, die die feudalen Zünfte nicht kontrollieren konnten; die chinesische Industrie und das Gewerbe übertrafen nach der Zeit der Streitenden Reiche die entsprechenden Perioden im Westen, dass sie schließlich doch zurückfielen, lag hauptsächlich daran, dass dieser Herr des Feudalsystems zu despotisch und zu töricht war. Shi Jie aus der Song-Zeit sagte in der „Shi-Zuchen-Sammlung“: „Die Verbote des Staates sind nicht ausgewogen zwischen zu locker und zu streng.“ Politik und Wirtschaft sollten nicht Großvater und Enkel sein, sondern Ehemann und Ehefrau, leider gibt es auf unserer Ebene noch immer viele solcher Großväter, diese „Feudalherren“, die glauben, dass jede Eidechse auf ihrem Territorium ihnen gehört, die nach Belieben die neuen wirtschaftlichen Keimlinge unterdrücken und ihre „Ehefrau“ misshandeln, sodass sie hilflos ist. Diejenigen, die festen Privatbesitz und damit verfestigte Gedanken haben, versuchen immer, jede Form von Erhebung zu planieren, damit sie auf der flachen Ebene ungehindert herrschen können. Aber der historische Trend hat eine solche Richtung festgelegt: Die Pyramide wird zu Grasland – grünem, lebendigem Grasland, das das Sonnenlicht empfängt und der Natur Reichtum schenkt.
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Auf jener Ebene ist eine Gruppe von Menschen hervorgetreten, eine täglich wachsende, gewaltige Zahl. Sie sind von der Ebene aufgebrochen, wurden zu Unternehmern, zu Händlern, zu neuen Pädagogen und Künstlern. An ihnen sehen wir, wie der unterdrückte Mut, die Intelligenz und das Talent so heftig hervorbrechen. Wenn Hunderttausende solcher Menschen anerkannt werden, werden die Stimmen, die sie erheben, und die Erfahrungen, die sie mitbringen, diese Grenzen verwischen und gleichzeitig viele Erkenntnisse klären und viele neue Bereiche eröffnen. Das größte Geschenk, das die Pioniere von der Ebene erhalten werden, ist: Das Bauernproblem ist nicht mehr eine schwere Last, die schwer zu tragen ist, sondern ein riesiger Öltank.
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Die Szenen auf der Ebene sind so aufregend, nicht weil jede Familie ein Radio hat, nicht weil es eine Gruppe von Zehntausend-Yuan-Haushalten gibt, sondern wegen der Veränderung des Systems. Sieh, sie machen aus Sojabohnen Tofu-Stäbchen, aus Süßkartoffeln Alkohol, verarbeiten Früchte zu Konserven, verwandeln Futter in Schweine, Enten, Hühner und Kaninchen. So sammeln sich die kleinen Ströme der Waren auf der Ebene, Züge, Autos, die Motorräder der Händler und die silbernen Zungen der Verkäufer führen diese Ströme in die Städte und bringen städtische Güter zurück in die Dörfer, Waren verbinden die gesamte Gesellschaft wie ein Netz. Diese Warenwelle verbindet sich auch mit der anderen Seite des Ozeans, viele Produkte der Bauern dringen auf den internationalen Markt vor. Die Fabriken der Bauern konkurrieren mit einzigartigen Vorteilen mit den staatlichen Unternehmen. Die Naturalwirtschaft geht allmählich zur Warenwirtschaft über, die Qualität der chinesischen Gesellschaftswirtschaft verändert sich leise in Richtung Zivilisation. Das Dorf umzingelt wieder einmal die Stadt! Alle Kräfte nehmen dazu Stellung. So weint der Teich traurig, er ist leicht zufriedenzustellen und will nicht fließen, er verfault lieber, als etwas zu verlieren, deshalb schimpft er das fließende Flusswasser als seicht und grob und warnt alarmistisch die Menschen: Wenn das Flusswasser über die Ufer tritt, kann man keine Segel setzen! Aber der Fluss singt weiterhin, die Menschen setzen weiterhin Segel, werfen Netze aus und fischen. Der Teich verflucht auch das Meer, weil das fließende Wasser zu ihm strömt und es bereichert. Das Meer nimmt mit gewaltigem Appetit gewaltigen Reichtum auf. Das Meer bleibt gelassen, es ist immer so tief, so groß, so selbstbewusst.
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Die Wellen auf der Ebene schlagen wirklich gegen die alten Stadtmauern, die frische Luft lockt die schläfrigen Menschen innerhalb der Stadtmauern. Viele Menschen befinden sich in der Sorge des Voranschreitens und der Angst des Rückzugs, sie wollen lieber Zwerge sein, als dass Äste ihre Kopfhaut zerkratzen. Aber die neue Wirtschaft, die neuen Gedanken, die neuen Menschen und das neue System wachsen hartnäckig weiter. Eine große schwere Geburt kann ein glänzendes Baby hervorbringen. Hört, die Ebene ruft uns laut zu: „Mach große Schritte, schreibe eine neue ‚Geschichte der Unternehmensgründung’. In der Geschichte gibt es nichts Allmächtiges, nur das Schaffen ist heilig!“
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(Ursprünglich erschienen in „Baogao Wenxue“, Ausgabe 6, 1984)
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Heißblütige Männer
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Li Shifei
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Das heiße Blut im Herzen ist bereits zum Sieden gebracht.
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— „Die Internationale“
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I. Kann man Yuan Geng treffen?
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In der heutigen Zeit, in der die Reformwellen heftig schlagen, sind die Industriezone Shekou und ihr Leiter Yuan Geng im In- und Ausland bekannt und erregen immer mehr Aufmerksamkeit.
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Aber die Aufgabe anzunehmen, über Yuan Geng zu schreiben, ist etwas riskant. Ich habe ihn nie gesehen, habe auch nicht viele Materialien über ihn sammeln können, und ich hörte, dass es sehr schwierig ist, ihn zu interviewen: Er ist ständiger stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Hong Kong China Merchants Bureau (die Leute nennen ihn deshalb liebevoll „Direktor Yuan“), verbringt die meiste Zeit in Hongkong, und wenn er nach Shekou kommt, ist er so beschäftigt, dass er wirklich keine Zeit hat, Interviews zu geben. Aber als ich früher mehrmals mit auswärtigen Schriftstellern nach Shekou kam, hörte ich Berichte, sah Videos, Yuan Geng und Shekou hatten bereits mein starkes Interesse geweckt, und diese Schreibaufgabe anzunehmen bedeutete, nach Shekou gehen zu können – diese Versuchung war unwiderstehlich. „Kann ich Yuan Geng treffen?“ „Selbst wenn ich Yuan Geng nicht treffen kann, muss ich schreiben!“ Das sogenannte „Risiko“ ist nichts weiter, als dass ich nichts oder nichts Gutes schreibe, mein persönliches Gesicht leidet, verglichen mit dem Risiko, das Yuan Geng und seine Freunde bei der Reform eingehen, ist das absolut unbedeutend.
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Allein um die Luft der Reform in Shekou zu atmen, lohnt es sich, hier eine Weile zu bleiben.
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„Wenn du nur sehr kurz bleiben kannst, rate ich dir, rechtzeitig den Rückzug anzutreten und nicht den Fehler eines gewissen Filmdrehbuchautors zu wiederholen.“ So riet mir ein wohlmeinender Freund. Danke für die gute Absicht dieses Freundes, aber einen angespannten Bogen kann man nicht mehr entspannen, der Rückzug ist schwierig.
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II. Nächtlicher Besuch bei Liang Xian
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Ein Interview in Shekou zu führen ist wirklich nicht leicht. Ich kam Mitte Juli nach Shekou, Yuan Geng war ins Ausland gereist, man sagte, er komme Ende Juli oder Anfang August zurück. Eine Person, die ihn am besten kennt, die seit der Zeit der Dongjiang-Kolonne mit ihm zusammengearbeitet hat und jetzt Berater der Industriezone Shekou ist, Xu Zhiming, war nach Australien gereist, um Verwandte zu besuchen, Rückkehrdatum ungewiss. Der Arbeitsrhythmus hier unterscheidet sich sehr von dem im Inland, „Zeit ist Geld, Effizienz ist Leben“, tagsüber ist die Arbeit intensiv, Gespräche zu führen ist sehr schwierig, auch abendliche Besuche müssen vorher vereinbart werden, denn viele formelle und informelle Sitzungen finden abends statt. Eines Tages traf ich an der Aufzugstür des Bürogebäudes Yuan Gengs Sohn Yuan Zhongyin, der Journalist Chen Yihao von der „Shenzhen Special Zone Daily“ stellte ihm mein Anliegen vor, er sagte sofort: „Was gibt es da Gutes zu schreiben? So viele Leute haben schon über ihn geschrieben, man könnte einfach alles sammeln und ein Buch machen.“ Ich dachte, das ist der Einfluss seines Vaters, er mag Interviews nicht besonders. „Langsam, ich werde dich sicher finden“, sagte ich mir im Stillen.
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Dank der Hilfe von Huang Hongjian, einer Drehbuchautorin und Schriftstellerin vom Pearl Film Studio, die hier als stellvertretende Leiterin des Büros arbeitete, wurde für einen Abend um 21 Uhr ein Besuch bei Liang Xian, Mitglied des Verwaltungskomitees der Industriezone, vereinbart. Ich, Huang Hongjian und Chen Yihao gingen zu dritt, durchquerten den Küstengarten, genossen die Meeresbrise, gingen an dem hell erleuchteten „Sea World“-Schiff Minghua vorbei und spazierten zu Liang Xians Wohnung. Ich hatte bereits gehört, dass er 1962 an der Sun Yat-sen Universität in der Fremdsprachenabteilung abschloss, ein hervorragender Schüler von Professor Liang Zongdai war und sich sehr gut mit französischer Literatur auskannte. Tatsächlich, beim ersten Treffen spürte ich, dass er ein Mensch voller künstlerischem Temperament war.
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Er zog Hongkong-Dollar heraus, kaufte einige Dosen eisgekühlte Cola für die Gäste und plauderte dann fröhlich mit uns.
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„Ihr seid Literaten, ich bin Geschäftsmann. Ich habe die Literatur aufgegeben und bin ins Geschäft gegangen. Meine Frau ist auch Literatin, sie unterrichtet an der Zentralen Akademie für Dramatische Kunst. Ich sagte zu ihr: Die Tang-Gedichte und Song-Lyrik, die du unterrichtest, sind sehr schön, aber sie lösen nicht das Bauchproblem der gewöhnlichen Leute. China hat zu viele Literaten wie euch, und zu wenige Geschäftsleute wie mich.“ Plötzlich sagte er einen Satz auf Englisch zu Huang Hongjian: „I will change you into a business woman.“ Ich war verwirrt, Huang Hongjian reagierte zunächst auch nicht, Chen Yihao übersetzte: „Er sagt, er will dich in eine Geschäftsfrau verwandeln.“ Wir lachten alle fröhlich.
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Als Liang Xian die Universität abschloss, hungerten die gewöhnlichen Leute gerade, wahrscheinlich brauchte keine Einheit einen Spezialisten für französische Literatur, später kam er zum Verkehrsministerium. Im Juli 1979 wurde er zur Hong Kong China Merchants Bureau entsandt, etwas mehr als ein halbes Jahr später als Yuan Geng. Yuan Geng schätzte ihn sehr, manche sagen, er sei Yuan Gengs „Gehirn“.
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„Als ich nach Hongkong ging, sagte meine Frau: Ich fürchte am meisten, dass du kein Rückgrat hast, wenn du kein Rückgrat hast, dann lass uns lieber gleich scheiden. Natürlich habe ich dieses Rückgrat, ein ins Ausland entsandter Kader mit ein bisschen Herzblut strebt nicht nach ein paar großen Haushaltsgeräten, sondern fühlt sich beschämt, den Kopf nicht hochhalten zu können!“ Gleich nach der Ankunft in Hongkong sahen wir jeden Tag im Fernsehen junge Flüchtlinge in Handschellen, in Reihen gefesselt, auf dem Meer trieben die Leichen von Flüchtlingen, wir konnten es nicht ertragen, schalteten mit einem Knall den Fernseher aus.“Wenn wir im Inland unsere Aufbauarbeit nicht ordentlich bewältigen können, dann verachten uns sogar die Kinder jener ins Ausland entsandten Kader, die selbst in Hongkong aufgewachsen sind – das tut im Herzen wirklich weh. Deshalb verstehe ich Yuan Gengs Stimmung bezüglich seiner Reformbemühungen so gut. Er hat einmal gesagt: ‘Der Grund, warum ich so handle, liegt darin, dass ich die ursprünglichen Absichten verwirklichen möchte, die ich beim Parteieintritt hegte.’“
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Diese Worte versetzten meine Stimmung in eine tiefe Schwermut. Nach einer kurzen Pause fasste Liang Xian zusammen: „Unter den Menschen, die ich gut kenne, gibt es zwei Männer mit heißem Blut: Der eine ist Liu Rentao, der Patenonkel meiner Frau, und der andere ist Yuan Geng!“ Was für eine treffende Bezeichnung – „Männer mit heißem Blut“! Diese beiden Menschen in einem Atemzug zu nennen, war einfach zu passend. Ich konnte nicht anders, als plötzlich innerlich bewegt zu sein, denn ich hatte das Gefühl, den besten Weg in Yuan Gengs innere Welt gefunden zu haben.
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Tatsächlich war es ein bemerkenswerter Zufall: Liu Rentao, der zwanzig Jahre älter war als ich, gehörte zu den älteren Menschen, die ich verehrte, und war trotz des Altersunterschieds mein Freund. Dieser erstklassige chinesische Augenarzt war in den Anfangsjahren der Volksrepublik Direktor des Shanghaier Arbeiterkrankenhauses gewesen und hatte Marschall Liu Bocheng ein Glasauge eingesetzt. Später schrieb er das Filmdrehbuch „Die Friedenstaube“ und wechselte den Beruf zum Filmdrehbuchautor. Während der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ wurde er im Zhuhai-Filmstudio verleumdet und als „historischer Konterrevolutionär“ gebrandmarkt, man brach ihm fünf Rippen und warf ihn ins Gefängnis. Während seiner überwachten Arbeit in der „Kaderschule vom 7. Mai“ in Yingde sah er eine Bäuerin, die wegen eines Katarakts auf beiden Augen erblindet war. Ohne Rücksicht auf seine eigene politische Situation und ohne jegliche medizinische Ausstattung fasste er den Entschluss, die Patientin mit einer Rasierklinge zu operieren. Wohlmeinende Menschen warnten ihn: „Wenn du scheiterst, gilt das als Klassenrache, und du wanderst wieder ins Gefängnis.“ Er hörte nicht darauf – und am Ende hatte er Erfolg. „Als Arzt habe ich meine Seele gerettet“, sagte er. Nun ist er über siebzig Jahre alt und hat testamentarisch verfügt: Nach seinem Tod sollen seine Augen der Augenbank der Medizinischen Hochschule Zhongshan gespendet werden. Anschließend setzt er sich überall dafür ein, Blindenschulen wiederherzustellen und neue zu gründen...
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Liu Rentao und Yuan Geng haben völlig unterschiedliche Lebenswege und Karrieren durchlaufen, aber ihre lodernde Leidenschaft, ihr reines Herz und ihr Opfergeist – wie ähnlich sie sich doch sind! Wenn ich von dem mir vertrauten Liu Rentao ausgehend mir den mir unbekannten Yuan Geng vorstelle, habe ich das Gefühl, dass auch Yuan Geng mir allmählich vertraut wird.
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Dritter Teil: Der „Abenteurer“
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Dass Liu Rentao als jemand, der unter Diktatur stand, einer armen Bäuerin mit einer Rasierklinge den grauen Star entfernte, war riskant. Dass Yuan Geng in Shekou Reformen durchführte, war mit noch größerem Risiko verbunden: Hatten nicht zwei Jahre zuvor manche Leute in Zeitungsartikeln mit versteckten Andeutungen die Sonderwirtschaftszonen angegriffen!
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Aber die Zeiten hatten sich dennoch grundlegend geändert – die heutigen Reformen werden unter der Führung des Zentralkomitees der Partei durchgeführt. Am 9. Februar 1983 besichtigte der Generalsekretär Hu Yaobang das Industriegebiet Shekou. Yuan Geng öffnete dem Generalsekretär gegenüber sein Herz und seine Leber, und die beiden führten einen außerordentlich bemerkenswerten Dialog.
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Yuan Geng: Was die Reformfrage angeht, müssen wir jetzt umfassende Reformen durchführen. Betrachtet man die Geschichte, so haben all jene, die Reformen durchführten, kein gutes Ende gefunden. Vor mehr als zweitausend Jahren führte Shang Yang Reformen durch und wurde am Ende durch fünf Pferde gevierteilt. Auch Wang Anshis Reformen fanden kein gutes Ende. Kang Youwei und Liang Qichao wollten lediglich eine konstitutionelle Monarchie einführen, sie waren Reformisten – und doch wurden die sechs Edlen enthauptet. Sun Yatsen scheiterte ebenfalls mit seinen Reformen. Ich denke, dass unsere heutigen Reformen nicht das gleiche Schicksal wie unsere Vorgänger erleiden werden, denn wir führen sie unter der Führung der Partei durch – es wird keine Probleme geben, oder? Wir sind es wert, dieses Risiko einzugehen!
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Hu Yaobang: Die Reformen der Vergangenheit wurden von einer kleinen Anzahl von Menschen aus den unteren Schichten durchgeführt, während die Führenden, die Herrschenden, sie unterdrückten. Heute ist es anders – wir als Führende rufen selbst dazu auf und drängen die unteren Ebenen zur Reform. Heute und damals unterscheiden sich grundlegend!
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Yuan Geng: Wir haben das Gefühl, dass unsere Kader die Massen nicht besonders fürchten, sondern nur ihre direkten Vorgesetzten – sie haben Angst, dass der Vorgesetzte sie nicht mag und sie dann nicht mehr als Funktionäre tätig sein können. Was mich als kleinen Anführer betrifft: Jedes Mal, wenn ich nach Shekou komme, werde ich am Pier mit großem Gefolge empfangen, die Genossen unten befürchten nichts mehr, als dass die Betreuung nicht gründlich genug ausfällt. Wenn man selbst nicht bei klarem Bewusstsein ist, verliert man leicht den Boden unter den Füßen, und mit der Zeit fürchtet man weder die Massen noch die Untergebenen, denn die Massen und die Untergebenen können mich nicht absetzen – ich fürchte nur das Verkehrsministerium, ich fürchte nur den direkten Vorgesetzten, denn nur diese können mich meines Amtes entheben.
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Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Massen die Kader überwachen und dass die Massen das Recht haben, Kader zu wählen und abzuberufen. Wir möchten hier ein Reformpilotprojekt durchführen: Das Verwaltungskomitee soll durch Wahlen der Massen gebildet werden, jedes Jahr wird eine Vertrauensabstimmung durchgeführt, und wenn die Misstrauensvoten mehr als die Hälfte ausmachen, muss das Verwaltungskomitee neu gewählt werden. Wenn bei einzelnen Mitgliedern die Misstrauensvoten mehr als die Hälfte betragen, müssen sie zurücktreten. Eine solche offene, direkte, durch Volksabstimmung gewählte Führungsmannschaft wird an das denken, was die Massen denken, sich um das sorgen, was die Massen beunruhigt, und wird wirklich gute Dinge für die Massen tun. Denn sobald manche Führungskräfte die Macht in Händen halten, kommen andere automatisch mit Geschenken zur Tür. Wenn der Kopf nicht klar ist und man sich nicht selbst disziplinieren kann, verliert man den Boden unter den Füßen. Es gibt auch manche Kader, die selbst nichts verstehen und doch so tun, als ob sie es täten – und so weiter. Wenn die Massen das Recht haben, Kader zu wählen und zu überwachen, bin ich überzeugt, dass sich die Struktur und der Arbeitsstil der Kader verändern lassen. Wir möchten eine solche nicht ganz kleine Reform durchführen und sind bereit, ein gewisses Risiko einzugehen.
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Hu Yaobang: (nickt) Gut! Sehr gut! Yuan Geng: Der Generalsekretär hat „gut“ gesagt – das halten wir schriftlich fest und reichen sofort einen entsprechenden Antrag ein. Hu Yaobang: (steht fröhlich auf) In unserer Geschichte gab es einen berühmten Dramatiker namens Guan Hanqing – in welchem Stück, das habe ich vergessen – verspottete er die Bürokraten. Er wagte es nicht, die Beamten auf der Bühne zu beschimpfen, sondern schimpfte nur auf die Trommel vor dem Theater. Ein Liedtext sagt: „Ein großer Baum, innen hohl, an beiden Enden nur die Rinde gespannt, jeden Tag dreimal auf den Gerichtssaal geschlagen: dong dong dong.“ Das heißt: verstehe nichts, verstehe nichts, verstehe wieder nichts! (Alle lachen)
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Dass der Generalsekretär des Zentralkomitees der Partei und der Parteisekretär des Industriegebiets Shekou so herzlich übereinstimmen und an einem Strang ziehen – das muss in der Entwicklungsgeschichte Shekous mit besonderem Nachdruck festgehalten werden.
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Am 24. April 1983 wurde durch Wahl das neue Verwaltungskomitee des Industriegebiets Shekou gebildet. Am 22. April 1984 fand planmäßig die Vertrauensabstimmung für das Verwaltungskomitee statt. Musste diese Vertrauensabstimmung wirklich durchgeführt werden? Yu Dehai, der Leiter der Kaderabteilung, sagte: „Selbst ich war etwas zögerlich. Denn die Ergebnisse der Vertrauensabstimmung müssen eingelöst werden – wenn die Vertrauensstimmen nicht die Hälfte erreichen, muss man zurücktreten. Ich dachte mir, ob wir nicht einfach eine Meinungsumfrage machen sollten. Aber Yuan Geng war sehr entschlossen – es musste unbedingt eine Vertrauensabstimmung sein.“ Das Ergebnis: Bei allen Mitgliedern des Verwaltungskomitees überstieg die Zahl der Vertrauensstimmen die Hälfte, Yuan Geng erhielt die meisten Vertrauensvoten. Am selben Abend wurden alle Stimmzettel veröffentlicht, jeder konnte sie einsehen. Obwohl auf manchen Zetteln die kritischen Bemerkungen sehr scharf waren – wie „dieser und jener hat geringe Fähigkeiten“ oder „diesem und jenem kann man nicht vertrauen“ – wurde nichts verschleiert.
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Dies war die wichtigste aller Reformen im Industriegebiet Shekou.
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Vierter Teil: „Wenn sie dort nicht loslassen, dann kündige ich!“
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Dass die Führungsmannschaft durch Wahlen gebildet wird und regelmäßig Vertrauensabstimmungen stattfinden – das war eine wohlüberlegte Entscheidung Yuan Gengs. Er hatte tief erkannt: Wenn man das Kadersystem nicht reformiert, wenn man die Kaderstruktur nicht verändert, kann von Reformen nicht die Rede sein, und die „vier Modernisierungen“ wären nur ein leeres Wort.
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Manche Führungskader fragten tatsächlich Besucher von der britischen Universität Cambridge: „Wie groß ist die Cam-Brücke, die eure Universität gebaut hat?“ Sie fragten amerikanische Besucher: „Die Engländer sprechen Englisch – welche Sprache sprecht ihr Amerikaner?“ Wieder andere berichteten führenden Genossen des Zentralkomitees von ihren Erfahrungen während einer Studienreise nach Hongkong: „In meinem Denken hat sich eine 360-Grad-Wende vollzogen!“ Solche Dinge sind zum Lachen und zum Weinen zugleich. Wie können solche Kader die schwere Aufgabe des Aufbaus der „vier Modernisierungen“ übernehmen!
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Als Shekou noch dabei war, die „fünf Verbindungen und eine Planierung“ zu schaffen (Wasser-, Strom-, Straßen-, Gas- und Windversorgung sowie Landplanierung) und die Kommandozentrale nur etwa zwanzig Kader hatte, begann Yuan Geng bereits darüber nachzudenken, wie man ein junges, wissensbasiertes, professionelles und revolutionäres Kaderteam aufbauen könnte. 1981 beseitigte er Widerstände und entschied entschlossen, eine Fortbildungsklasse für Unternehmensführungs-Kader zu organisieren, bei der Absolventen naturwissenschaftlich-technischer Universitäten aus dem ganzen Land rekrutiert wurden. Mit seinen eigenen Worten: „Ich bin ein Abenteurer, und für die Reformen in Shekou habe ich aus dem ganzen Land eine Gruppe kleiner Abenteurer zusammengesucht.“
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Damals hatte das Industriegebiet Shekou noch nicht genug Kraft, um eigene Rekrutierungsbeauftragte zu entsenden, und beauftragte das Informationsbüro des dem Verkehrsministerium unterstellten Instituts für Verkehrswissenschaft, die erste Prüfung in Wuhan abzuhalten. Der erste, der den Prüfungsraum betrat, war Wang Chaoliang, ein Ingenieur aus der Schiffskörper-Forschungsabteilung des Forschungsinstituts für Binnenschifffahrt des Verkehrsministeriums am Yangtse.
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Wang Chaoliang wurde 1938 in Wuxi, Provinz Jiangsu, geboren und schloss 1960 sein Studium im Fachbereich Flugzeugkonstruktion der Fakultät für Luftfahrttechnik an der Nordwestlichen Polytechnischen Universität ab. Bereits 1958 hatte er, basierend auf ausländischen Unterlagen, als erster in China mit der Erforschung des Luftkissenprinzips für Luftkissenboote begonnen und gemeinsam mit seinen Kommilitonen ein Modell gebaut, das auf dem Weimingsee der Peking-Universität vorgeführt wurde. Damals lagen die Briten mit ihrer Forschung an Luftkissenbooten nur ein halbes Jahr vor ihnen. Doch in einer Zeit, in der die „große Stahlproduktion“ höher geschätzt wurde als wissenschaftliche Forschung, war das Schicksal der Forschung dieser jungen Burschen besiegelt. Nach seinem Abschluss wurde er einer Flugzeugfabrik als Hauptkonstrukteur in der Flugzeug-Konstruktionsabteilung zugeteilt. Damals musste die Produktion den in der Fabrik stationierten Militärvertretern gehorchen, und diese vertrauten nur sowjetischen Experten und sowjetischen Bauplänen. Zum Beispiel war vorgeschrieben, dass für bestimmte Propeller Holz aus dem Ural verwendet werden musste, für Gussformen nur ukrainischer Sand – selbst wenn China besseres Holz und besseren Sand hatte, durfte nichts geändert werden. Der junge Wang Chaoliang hatte einen Bauch voller Ärger, konnte aber nichts dagegen tun. Die Jahre flossen dahin: Wang Chaoliang arbeitete 17 Jahre lang am Flugzeugdesign, musste aber mitansehen, wie Chinas Luftfahrtindustrie sogar hinter Indien zurückblieb. Vier Jahre lang forschte er an Luftkissenbooten, doch kein einziges Boot wurde zu Wasser gelassen – der Schmerz über seine unerfüllten Ambitionen quälte seinen Ehrgeiz. Als sich die Gelegenheit für eine Studienreise in die Bundesrepublik Deutschland ergab, wurde der einzige Platz der Tochter eines Ministers gegeben, die fachlich überhaupt nicht mit ihm zu vergleichen war. Als er in der Zeitung die Anzeige über die Rekrutierung für die Fortbildungsklasse für Unternehmensführungskader im Industriegebiet Shekou sah, war er überglücklich: „Shekou ist ein Ort, an dem man nach seinen Fähigkeiten arbeiten kann – ich gehe dorthin!“ Sofort schnitt er die Anzeige aus und klebte sie sorgfältig in ein Notizbuch.
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Er betrat als Erster den Prüfungsraum und verließ ihn auch als Erster. Schriftliche Prüfung, mündliches Vorstellungsgespräch – die Ergebnisse waren ausgezeichnet. Genosse Lin Hongci vom Informationsbüro, der die Prüfung leitete, kam zu dem Schluss: Das ist ein Talent, wir nehmen ihn! Doch in China gab es einen großen Widerspruch: Die Produktionsmittel gehören dem ganzen Volk, die Kader aber sind Privateigentum der jeweiligen Arbeitseinheit. Eine Einheit kann ein oder mehrere Talente ein ganzes Leben lang auf Eis legen.
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Das Forschungsinstitut für Yangtse-Schifffahrt wollte niemanden freigeben. Im November 1981 lag Yuan Geng gerade in einem Krankenhaus in Kanton. Lin Hongci besuchte ihn in der Ostabteilung des Provinzkrankenhauses Guangdong und berichtete ihm über die Rekrutierungssituation, besonders über das Problem mit Wang Chaoliang. Yuan Geng war sehr bewegt. „Ist der kleine Wang Parteimitglied?“ „Nein.“ „Wenn er kein Parteimitglied ist, ist es etwas einfacher. Ich weiß nicht, ob er den Mut hat, einen Anfang zu machen: Wenn die Stelle ihn nicht freigibt, soll er kündigen! Ich nehme ihn auf. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man sich beim Staatsrat beschwert. Ich möchte, dass ein oder zwei Genossen dieses Präzedenzfall schaffen. Wenn es zum Staatsrat geht, berichten wir die Situation dieses Genossen nach oben – die zentrale Führung wird uns unterstützen. Genosse Zeng Tao, der Direktor der Nachrichtenagentur Xinhua, hofft ebenfalls, dass wir das ‘Privateigentum an Kadern’ durchbrechen können. Jetzt ist die Verschwendung von Talenten ein zu ernstes Problem. Menschen werden in ihren Einheiten nicht voll eingesetzt, und dann lässt man sie nicht wechseln – diese Situation muss aufgebrochen werden!“
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Lin Hongci war von Yuan Gengs Worten bewegt und schrieb einen Brief, in dem er Wang Chaoliang den Inhalt dieses Gesprächs mitteilte, während er gleichzeitig über verschiedene Kanäle versuchte, durch Überzeugungsarbeit und Vermittlung eine Lösung zu erreichen. Schließlich musste Wang Chaoliang nicht kündigen – die Einheit willigte ein, ihn freizugeben. 1982 kam Wang Chaoliang ins Industriegebiet Shekou.
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Fünfter Teil: Der Betriebswirtschafts-Masterstudent
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An einem Abend im Dezember 1982 kam ein etwa dreißigjähriger junger Mann zu Yuan Gengs Wohnung in Xiyuan in Peking. Dies war ein vorher vereinbartes Treffen. Der junge Mann hieß Yu Changmin und hatte gerade sein Studium als erster Absolvent des Studiengangs Unternehmensführung an der Tsinghua-Universität abgeschlossen. Er hatte ursprünglich 1970 seinen Abschluss an der Fakultät für Elektrotechnik der Tsinghua-Universität im Fach Automatisierung gemacht, acht oder neun Jahre gearbeitet und dabei schmerzlich erkannt, dass die chinesische Unternehmensführung viel zu viele Mängel aufwies. 1979 kehrte er zur Tsinghua zurück, um ein Masterstudium in Unternehmensführung aufzunehmen. 1980 verbrachte Yu Changmin ein Jahr in Japan und studierte speziell das japanische Unternehmensführungs-System. Die Japaner betrachteten dies als wichtige Information – die Zeitung „Yomiuri Shimbun“ veröffentlichte einen Sonderbericht darüber und druckte sein Foto ab. Nun hatte Yu Changmin seinen Abschluss gemacht – was sollte er tun? Die Universität schlug vor, er solle zur China Enterprise Research Association gehen, die dem Staatlichen Wirtschaftskomitee unterstand. Das war natürlich eine fachlich passende und attraktive Position, aber seine in Wuhan arbeitende Ehefrau konnte kaum nach Peking versetzt werden. Gerade zu dieser Zeit wehte der Wind der Shekour Reformen in seine Ohren. Jede Woche ging er in die Stadt, um die „Zeitung der Sonderwirtschaftszone Shenzhen „ zu kaufen, und erhielt eine der ersten Ausgaben der „Investitionsbroschüre“, die er wie einen Schatz betrachtete und mit großem Eifer studierte. Es war nicht schwer zu erkennen: Das Industriegebiet Shekou war genau der ideale Ort, um seine Ambitionen zu verwirklichen. Nach Shekou gehen! Der Entschluss war gefasst, und auch die Fakultät signalisierte Unterstützung. Nun war Yuan Geng zu einer Konferenz in Peking, und durch einen Freund vermittelt kam er zu diesem Besuch.
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Im Moment der Begegnung beobachteten sich die beiden. „Ist das der berühmte Reformer Yuan Geng? Er trägt eine chinesische Baumwolljacke und sieht aus wie ein ganz gewöhnlicher alter Kader – überhaupt nicht wie die Reformerfigur, die ich mir vorgestellt hatte. Und ich habe gehört, dass sein Bildungsniveau nicht sehr hoch ist... Lohnt es sich wirklich, unter ihm zu arbeiten?“ Diese flüchtigen Gedanken konnte Yu Changmin nicht weiter verfolgen, denn Yuan Geng hatte ihm bereits herzlich einen Platz angeboten und Tee eingeschenkt. Das Gespräch kam direkt zur Sache. „Was ist Ihrer Meinung nach das tödliche Problem der chinesischen Wirtschaft?“ „Das System.“ „Richtig!“ Yuan Geng wurde lebhaft und begann ausführlich zu sprechen: „Der Direktor einer Shanghaier Werft hat sich einmal bei mir beschwert und gesagt, dass sie eintausend Menschen brauchten, die Arbeitsverwaltung aber nur dreihundert brauchbare Leute schickte – die anderen siebenhundert waren nutzlose Leute, die man dazupackte. Wenn man mehr anfordert, packt man noch mehr dazu, und wenn noch mehr übrig sind – nun ja, es ist eben der große gemeinsame Topf, alle können durcheinander essen, Hauptsache man hat etwas zu essen, und das wird auch noch als sozialistische Überlegenheit bezeichnet! Auf diese Weise gibt es in den Fabriken immer mehr überflüssiges Personal, die Fabrik wird zu einer kleinen Gesellschaft. Hier beuten die Faulen die Fleißigen aus, es bildet sich eine furchtbare gesellschaftliche Gewohnheitskraft, die die Qualität unseres Volkes verdirbt! Wenn wir dieses System nicht reformieren, haben wir keine Zukunft!“
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„In meiner Abschlussarbeit habe ich die Frage der Unternehmensqualität angesprochen.“ „Welche Erkenntnisse haben Sie?“ „Qualität ist vergleichbar mit grundlegender Wirkung – wie beim Frauen-Volleyball: Sie haben einen grundlegenden Arbeitsstil entwickelt und verfügen deshalb über Kampfkraft.“ „Stellen wir uns ein Unternehmen als Mannschaft vor: Wenn Sie der Trainer sind und andere Ihnen beliebig Leute zuweisen – was machen Sie dann?“ „Ich nehme sie nicht.“ „Nicht nehmen geht nicht!“ „Dann mache ich nicht weiter.“ „Richtig, genau so muss man es machen.“ Alt und Jung, je mehr sie sprachen, desto besser verstanden sie sich – beide hatten das Gefühl, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben. Die flüchtigen Zweifel, die tief in Yu Changmins Innerem aufgetaucht waren, verschwanden vollständig. „Bei uns muss man ein gewisses Risiko eingehen.“ „Gerade deshalb will ich dorthin – wenn schon alles aufgebaut wäre, wozu sollte ich dann noch hingehen?“ „Haben Sie persönliche Forderungen?“ „Ich fordere nur, dass meine Familie mitkommen kann.“ „Das werden wir arrangieren.“ Zwei Monate später starb Yu Changmins Vater, und er kehrte für die Beerdigung nach Hause zurück. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Universität ihre Haltung geändert – die Fakultät wollte ihn behalten.
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Die Fakultät für Unternehmensführung war gerade erst gegründet worden, die Arbeit erforderte Personal – die Gründe waren durchaus nachvollziehbar. Doch Yu Changmins Herz war bereits mit Yuan Geng nach Shekou geflogen und ließ sich nicht mehr zurückholen.
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Im März 1983 lud Yuan Geng den Präsidenten der Tsinghua-Universität, Liu Da, nach Shekou ein. Die Fakultät schickte Yu Changmin als Begleitung mit. Die Absicht der Fakultätsleitung war, dass der Universitätspräsident einen Eindruck von Yu Changmin bekommen sollte, um ihn zum Bleiben zu überreden und gleichzeitig das Problem der Haushaltsregistrierung seiner Familie zu lösen. Doch es kam anders als erwartet. Sobald Liu Da und seine Gruppe in Shekou ankamen, fragte Yuan Geng Yu Changmin, ob die Versetzungsangelegenheit geklärt sei, und Yu Changmin deutete an, dass man mit Liu Da sprechen müsse. Yu Changmin bat noch einmal: „Herr Präsident, lassen Sie mich nach Shekou gehen.“ „Die Fakultät hat mich gebeten, Ihnen beim Bleiben zu helfen, und ich habe auch versprochen, Sie zu halten.“ Präsident Liu sah sichtlich betreten aus. Yuan Geng bat wiederholt um Unterstützung: „Genosse Liu Da, geben Sie uns den kleinen Yu bitte – wir brauchen dringend Fachleute für Unternehmensführung.“
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Liu Da war bewegt. Dieser alte Genosse, der an der „12. Dezember-Bewegung“ teilgenommen hatte, war bereits 1957 als Forstminister dafür bekannt gewesen, „Intellektuelle zu beschützen“. Er verstand die Bedürfnisse Shekous und die Gefühle Yuan Gengs und Yu Changmins vollkommen. Aber er musste die Fakultätsleitung respektieren und versprach, nach seiner Rückkehr mit der Fakultät eine Lösung zu besprechen.
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Nach der Rückkehr schrieb Yu Changmin der Fakultät einen Bericht, in dem er sich für die Ausbildung und Förderung bedankte und erklärte, dass es für die Fakultät für Unternehmensführung der Tsinghua notwendig sei, ihre eigenen Absolventen am Aufbau Shekous teilnehmen zu lassen, da dies für zukünftige Forschung und Informationsquellen der Universität von entscheidender Bedeutung sei.
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Das Problem löste sich wie durch ein Messer, das durch Butter gleitet. Im Juli waren die Versetzungsformalitäten für beide Ehepartner erledigt.
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Als Yu Changmin sich im Verwaltungsgebäude des Industriegebiets meldete, traf er vor dem Gebäude auf Yuan Geng. Yuan Geng nahm herzlich seine Hand und ging mit ihm vom Haupteingang bis zum Aufzug, während er dabei sagte: „Sie erforschen Unternehmensführung – machen Sie sich erst einmal mit der Situation vertraut, und wenn Sie sich sicher fühlen, sprechen wir über die Arbeit...“
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Yuan Geng schrieb auch einen Dankesbrief an Liu Da, in dem es unter anderem hieß:
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Was den kleinen Yu betrifft, so bewundern die Genossen Ihren Geist der Selbstlosigkeit zutiefst. Dass Tsinghua einen kleinen Yu verliert, schadet der großen Sache nicht, aber dass Shekou ihn gewinnt, ist wie ein Tiger, dem Flügel wachsen... Warten Sie nur ab – Tsinghuas Schüler werden die ganze Welt erfüllen, und das Industriegebiet wird davon profitieren.
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Der gefühlvolle Liu Da gab diesen Brief an Yu Changmin weiter, damit er ihn als ewige Erinnerung bewahren konnte.
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Sechster Teil: Ein Sonntagmorgen
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Sonntagmorgen, 8 Uhr. Gu Liji war gerade aufgestanden, hatte sein Gesicht gewaschen und bereitete sich gerade Instantnudeln zu. Die vier Kommilitonen im selben Zimmer schliefen noch tief und fest. Am Samstagabend durfte man länger aufbleiben, alle hatten bis spät in die Nacht gearbeitet – jetzt sollten sie ein wenig länger schlafen. Gu Liji bewegte sich leise und vorsichtig, um ja kein Geräusch zu machen.
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„Entschuldigung, wohnt der Genosse Gu Liji hier?“ Eine Stimme drang vom Flur herein. Gu Liji sah nach draußen – auf dem Korridor standen ein über sechzigjähriger alter Mann und ein junges Mädchen. „Ich bin Gu Liji, und Sie sind?“
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„Ich bin Yuan Geng, Yuan Geng aus Shekou.“ Der alte Mann streckte als Erster die Hand aus. „Das ist meine Tochter Niya. Sie machte sich Sorgen um meinen Gesundheitszustand und wollte unbedingt mitkommen – aber tatsächlich geht es mir noch ganz gut. Sehen Sie, eine halbe Stunde Fahrradfahren – leicht und angenehm.“ Gu Liji hätte im Traum nicht gedacht, dass der hochberühmte Yuan Geng ins Studentenwohnheim der Tsinghua-Universität kommen würde, um ihn zu suchen.
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Er war zutiefst bewegt. „Lassen Sie uns unten sprechen – die Kommilitonen schlafen noch.“ Unten gab es eine Sitzbank mit Rückenlehne, und die drei setzten sich nebeneinander. Der Maimorgen war weder kalt noch heiß, die Sonne schien mild, eine leichte Brise wehte über ihre Gesichter, auf dem Campus herrschte eine friedliche Atmosphäre. „Ich habe gehört, Sie haben eine Vereinigung von Unternehmensführungs-Enthusiasten gegründet?“ „Ja, jetzt haben wir mehr als tausend Mitglieder. Zur Gründungsversammlung kamen Liu Da und Yu Guangyuan.“ „Ich habe auch gehört, Sie möchten Fabrikdirektor werden?“ „Ihre Informationen sind ja sehr gut“, lachte Gu Liji. „Ich habe tatsächlich gesagt, dass ich Fabrikdirektor werden möchte – deswegen bin ich sogar in einige Schwierigkeiten geraten.“ „Was für Schwierigkeiten?“ „Manche Leute haben gesagt, ich sei ein Ehrgeizling.“ „Das ist ja empörend! Fabrikdirektor werden zu wollen, was für ein Ehrgeiz soll das sein! ‘Ein Soldat, der nicht General werden will, ist kein guter Soldat’ – hat das Napoleon gesagt oder wer? Was ist falsch daran, wenn ein Universitätsstudent Fabrikdirektor werden will!“ „Ich studiere Informatik, aber mir scheint, dass China noch dringender Führungstalente braucht, deshalb habe ich freiwillig alle Kurse des Masterstudiengangs für Unternehmensführung als Gasthörer besucht.“ „Kommen Sie nach Shekou – wir haben dort eine Fortbildungsklasse für Unternehmensführungskader und wollen große Mengen an Führungstalenten ausbilden.“ „Letztes Jahr im November sah ich ein Video über Shekou, da war mein Herz schon bewegt – nur hatte ich mich noch nicht endgültig entschieden.“ „Und jetzt?“ „Jetzt habe ich mich entschieden – ich gehe nach Shekou.“ „Gut! Wir heißen Sie willkommen! Gibt es irgendwelche Schwierigkeiten?“ Welche Schwierigkeiten? Im Frühsommer 1982 gab es in der Gesellschaft immer noch viele kritische Stimmen über die Sonderwirtschaftszone Shenzhen. Manche Leute schrieben Zeitungsartikel über die Konzessionsgebiete im alten China und deuteten an, dass die Sonderwirtschaftszone Gefahr laufe, zu einem Konzessionsgebiet zu werden – das erzeugte einen unsichtbaren Druck, weshalb manche sagten, „die Zukunft der Sonderwirtschaftszone ist ungewiss“. Dies konnte man außer Acht lassen. Gu Liji wollte mit jemandem wie Yuan Geng zusammenarbeiten – da war es das Risiko wert. Die Firma in Shanghai hoffte, dass er zurückkehren würde, und er konnte sich eine der untergeordneten Fabriken aussuchen – das hatte durchaus eine gewisse Anziehungskraft für ihn. Seit seinem Schulabschluss 1967 hatte er 1968 eine Stelle in der Shanghaier Reparaturwerkstatt für Textildruckmaschinen angetreten und in zehn Jahren als Kesselheizer, Dreher, Fräser, Schlosser und Elektriker gearbeitet sowie als hauptamtlicher Sekretär der Jugendorganisation fungiert. Weil er das chaotische Treiben der von Wang Hongwens kleinen Brüdern kontrollierten Rebellentruppe in der Fabrik nicht ertragen konnte, stritt Gu Liji 1974 einmal mit ihnen, wurde kritisiert, erhielt aber die Sympathie der Arbeiter und baute tiefe Gefühle zu den Arbeitern auf. Nun stand der Universitätsabschluss bevor, und die Freunde hofften alle, dass er zurückkehren würde. Nach dem Sturz der „Viererbande“ führte man in der Fabrik Säuberungsmaßnahmen durch, und er war der Leiter der Materialgruppe.
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Wenn er nicht zur Universität gegangen wäre, hätte er längst eine Führungsposition eingenommen. Wenn er jetzt zurückging, wäre die berufliche Einordnung kein Problem. Aber das fremde Shekou hatte für ihn eine größere Anziehungskraft als das vertraute Shanghai – er wollte Shekou wählen. Etwas problematischer war, dass weder seine Mutter noch seine Frau damit einverstanden waren, dass er Shanghai verließ. In Shanghai gab es geräumige Wohnungen, die Geschwister lebten alle auswärts, die Mutter hoffte, dass er in ihrer Nähe blieb, und die Bindung seiner Frau an Shanghai war noch selbstverständlicher. Das waren menschliche Gefühle.
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„Ich muss meine Mutter und meine Frau überzeugen“, sagte Gu Liji etwas verlegen lächelnd. Yuan Geng konnte junge Menschen sehr gut verstehen und ihnen vertrauen. Dass Gu Liji sich entschlossen für Shekou entschied, rührte ihn, und er begann in einen Redeschwall auszubrechen.
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„Ihre Wahl ist richtig. In Shekou gibt es großartige Möglichkeiten, sich zu bewähren. Warum wollen wir in Shekou ein Industriegebiet aufbauen? Um an diesem Ort Reformen durchzuführen, umfassende Reformen – von der Unternehmensführung über das Personalsystem bis zum Lohnsystem muss alles reformiert werden, sonst gibt es keinen Ausweg. In den vergangenen dreißig Jahren haben uns extrem ‘linkes’ Denken und erstarrte Systeme bitter geschadet. Als wir Anfang 1979 gerade nach Shekou kamen, fand man in der Bucht noch die Leichen von illegalen Auswanderern – alles junge Leute. Warum wollten sie fliehen? Weil wir arm sind!
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Die ‘Viererbande’ redete von ‘politischen Grenzschutz’ – je mehr sie davon redeten, desto mehr Menschen flohen. In manchen Dörfern waren fast alle jungen und kräftigen Männer geflohen – man konnte nur weinen, ohne Tränen zu haben! Gegenüber von Shekou liegt Hongkongs Yuen Long, nur 6.000 Meter entfernt. An klaren Tagen kann man die Hochhäuser sehen – und gerade während unserer ‘zehn Jahre Chaos’ hat sich Hongkong entwickelt. Wir können nicht noch einmal blind herumwirtschaften – wir müssen die Wirtschaft nach vorne bringen, und dafür müssen wir die rückständigen Systeme reformieren. Obwohl das Industriegebiet Shekou nur 2,14 Quadratkilometer groß ist und im Vergleich zu den 9,6 Millionen Quadratkilometern des ganzen Landes nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist – wenn unsere Reformen erfolgreich sind, hat das große Bedeutung für das ganze Land. Selbst wenn wir scheitern sollten, sind wir nur ein Tropfen auf den heißen Stein und schaden dem Ganzen nicht. Natürlich werden wir uns mit aller Kraft bemühen, Erfolg zu haben und Misserfolg zu vermeiden. Unsere Generation ist alt geworden. Als wir erkannten, dass wir etwas leisten müssen, blieb uns nicht mehr viel Zeit. Deshalb ruht die Hoffnung auf euch...“
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Gu Liji spürte, wie sein Blut schneller zu fließen begann, und sein ganzer Körper wurde warm. Niya, die die ganze Zeit über geschwiegen hatte, blickte ihren Vater an, und auch ihre Augen wurden etwas feucht...
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Siebter Teil: Die Pressekonferenz
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Gu Liji kam aus der Fortbildungsklasse, arbeitete eine Zeit lang als Sekretär im Büro des Industriegebiets und wurde im April 1984 zum Büroleiter ernannt. Als ich im Juli nicht auf Yuan Geng warten konnte, musste ich wegen einer Angelegenheit kurz nach Kanton zurückkehren. Am 5. August kehrte ich nach Shekou zurück und hörte, dass Gu Liji am frühen Morgen des 6. nach Hongkong fahren würde. Am Abend des 5. besuchte ich ihn. „Yuan Geng ist nach Hongkong zurückgekehrt. Morgen Nachmittag kommt er nach Shekou zurück. Abends um halb acht hält er im Festsaal des Klubhauses einen Vortrag. Ich habe meinen Hongkong-Trip um einen Tag verschoben, um diesen Vortrag zu hören. Der Vortrag ist öffentlich, jeder kann kommen – Sie sind herzlich willkommen.“ Kaum hatten wir uns getroffen, teilte mir Gu Liji diese gute Nachricht mit.
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„Können Sie ein Treffen für mich arrangieren?“
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„Das wird wohl schwierig – er bleibt nicht lange in Shekou, und sobald er zurückkommt, gibt es viele Dinge zu erledigen. Am besten begleiten Sie ihn nach dem Vortrag morgen zu seinem Quartier bei seinem Sohn oder ins Gästehaus – so können Sie beim Gehen mit ihm sprechen, vielleicht zehn Minuten lang...“
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Ich war etwas enttäuscht. War es wirklich so schwierig, Yuan Geng zu treffen?
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Wie auch immer – ich würde erst einmal seinen Vortrag hören.
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Am 6. August um halb acht Uhr abends begann Yuan Gengs Vortrag pünktlich.
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Der Festsaal des Klubhauses wurde normalerweise für Filmvorführungen genutzt, aber manchmal fanden hier auch große Versammlungen und Pressekonferenzen statt. Auch die heutige Versammlung wurde Pressekonferenz genannt, und auf den Straßen hingen Plakate. Der Saal, der etwa tausend Menschen fassen konnte, war im Wesentlichen voll, und wenn man hinüberschaute, sah man überall junge, fröhliche Gesichter.
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Yuan Geng saß zusammen mit Xiong Bingquan, dem Leiter der Entwicklungsabteilung der China Merchants Group in Hongkong, und anderen, die ihn auf der Auslandsreise begleitet hatten, auf dem Podium. Gu Liji leitete die Versammlung.
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Zu Beginn schwenkte Yuan Geng lächelnd zwei Blätter Papier und sagte:
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„Keine Angst, ich spreche nur ein oder zwei Stunden.“
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Die Leute lachten – in Wahrheit befürchteten sie, dass er zu kurz sprechen würde.
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„Diese Auslandsreise dauerte 23 Tage. Wir besuchten 4 Länder, 16 Unternehmen und 18 Städte – von Singapur aus ging es westwärts nach Großbritannien, dann in die USA und nach Japan, wir sind einmal um die ganze Erde gereist. Überall wurden wir mit großer Ehre und außergewöhnlicher Gastfreundschaft empfangen. Als ich früher als Diplomat ins Ausland reiste, wurde ich nie so empfangen. Das liegt nicht daran, dass man uns vier Personen schätzt, sondern an den Veränderungen bei China Merchants und im Industriegebiet Shekou – daran haben alle hier ihren Anteil. Ich habe tief empfunden, welche Ehre es ist, ein Mensch aus Shekou zu sein.“
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Yuan Geng vertrat stets die Ansicht, dass man bei Auslandsreisen sein eigenes Geld ausgeben müsse – wenn man das Geld anderer Leute ausgebe, befinde man sich bei Verhandlungen in einer passiven, schwachen Position. Für diese Reise hatten sie eine Kreditkarte mit 200.000 US-Dollar dabei, was ausreichend war. Überall hielten sie an diesem Prinzip fest – nur in Singapur funktionierte es nicht. Obwohl wir und Singapur damals noch keine diplomatischen Beziehungen hatten, war der Empfang durch die zuständigen Stellen in Singapur außerordentlich freundlich. Sie passierten den Zoll ohne Kontrolle und wurden vom Flughafen direkt zum luxuriösesten Shangri-La Grand Hotel gebracht. Yuan Geng wurde in der prachtvollsten „Präsidentensuite“ untergebracht (vor ihm hatte die britische Premierministerin Margaret Thatcher hier gewohnt, nach ihm bezog US-Außenminister George Shultz das Zimmer). Die tägliche Zimmergebühr betrug umgerechnet 5.000 Hongkong-Dollar. Alle Besichtigungswünsche wurden vollständig erfüllt. Als sie bei der Abreise die Rechnung bezahlen wollten, sagte der Hotelmanager: „Bevor Sie ankamen, hat bereits jemand alle Kosten bezahlt.“
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Sie besichtigten die Versorgungsbasis der Nordsee-Ölfelder in Aberdeen, Großbritannien. Die britischen Unternehmer empfingen sie trotz der Welle von Streiks der Seeleute weiterhin herzlich und höflich, was einen tiefen Eindruck bei ihnen hinterließ. Ebenso beeindruckend waren die endlos blühenden Rosen in Nordengland. Yuan Geng sagte: „Wir hatten ursprünglich geplant, innerhalb von drei Jahren 200.000 Rosenstöcke zu pflanzen und Shekou zu einer Rosenstadt zu machen – aber jetzt scheint das zu rückständig...“
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Der Schwerpunkt dieser Reise lag auf den USA, die Hauptaufgabe war die Unterzeichnung des Vertrags zur Einführung einer Floatglas-Fabrik.
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In Pittsburgh verlieh die Greater Pittsburgh Chamber of Commerce Yuan Geng die Ehrenmitgliedschaft.
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In Montreal verlieh die chinesischstämmige Bürgermeisterin Li Guiruo Yuan Geng die Ehrenbürgerschaft und überreichte ihm einen goldenen Schlüssel. Die
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Bürgermeisterin sagte beim Bankett: „Ich bin hundertprozentig Chinesin und hundertprozentig Amerikanerin.“ Yuan Geng sagte: „Ich schätze ihre Worte sehr.“ Über die Verhandlungen zur Einführung der Floatglas-Fabrik lässt sich nicht so leicht und einfach berichten. Yuan Geng hatte einmal gesagt: „In wirtschaftlichen Fragen gibt es keine Sentimentalität, keine Rücksicht auf Verwandtschaft! Geschweige denn bei Verhandlungen mit Ausländern!“ Bevor wir Yuan Gengs Verhandlungskunst bewundern können, ist es notwendig, die verschlungenen Wege zu betrachten, die im Inland für die Einführung dieser Fabrik durchlaufen werden mussten. Lassen wir Yuan Geng selbst die Situation schildern.
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Am 22. März 1984 sagte Yuan Geng in seiner Ansprache an die Teilnehmer der dritten Fortbildungsklasse für Unternehmensführungs-Kader:
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„Das Zentralkomitee hat am 10. März ein Dokument herausgegeben, und alle waren sehr erfreut – aber wir sollten uns nicht zu früh freuen. Man darf nicht glauben, dass mit einer Anweisung von oben alle Probleme gelöst sind. Offene Herausforderungen mag es nicht mehr geben, aber Bürokratismus, Neid, kleinliches Denken und Schikanen gibt es immer noch. Zum Beispiel die Floatglas-Fabrik, über die wir gerade verhandeln – bis jetzt ist sie noch nicht genehmigt worden. Unser Land muss jedes Jahr große Mengen Glas importieren – warum erlaubt man uns nicht, mit modernster Technologie Glas herzustellen, um die Importe zu ersetzen? Kürzlich haben wir zwei fähige Kolleginnen zum Hauptamt für Baumaterialien geschickt, um zu verhandeln. Als sie hingingen, stimmten die Leute dort sofort zu und sagten: ‘Geht nur zurück, alles ist in Ordnung.’ Aber als unsere Unternehmensabteilung dann Leute mit dem Vertrag hinschickte, um den Stempel zu bekommen, haben sie alles wieder rückgängig gemacht. Auf die Frage, warum sie so handelten, sagten sie: ‘Ihr habt Reporter und Schriftsteller mitgebracht – wie hätte ich da nicht zustimmen können? Wenn es schiefgeht, schreibt ihr Reportagen oder interne Berichte – das würde ich doch nicht aushalten können’?...“
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Wirklich – gute Dinge haben viele Hindernisse. Nach neun Monaten Verhandlungen wurde diese inländische Hürde endlich überwunden. Die Verhandlungen mit den Amerikanern konnten natürlich nicht so lange dauern, aber wie intensiv das Feilschen war, kann man sich vorstellen. Die amerikanische Floatglas-Fabrik ist technologisch sehr fortschrittlich – geradezu eine Glasstadt! Sie produziert die verschiedensten Arten von Glas. Es gibt eine Art gehärtetes Glas – man kann aus 20 Metern Entfernung mit einem 11-Kilogramm-Hammer darauf schlagen, der Boden vibriert, aber das Glas bleibt heil.
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Der Plan verlief reibungslos, ohne jeden Schaden. Wir gehen eine Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten ein, investieren gemeinsam 100 Millionen US-Dollar, führen eine technologisch gleichwertige Produktionsanlage ein und erwerben die Rechte an ihrem wertvollen Patent. Danach werden wir in der Lage sein, eine zweite, eine dritte und weitere solcher Fabriken zu errichten.
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Dies ist eine wirtschaftlich außerordentlich sinnvolle Entscheidung. Der zentrale Brennpunkt der intensiven Verhandlungen konzentrierte sich auf den genauen Prozentsatz, den die jährlich zu zahlende Patentgebühr vom Gesamtumsatz ausmachen sollte.
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Die amerikanische Seite verlangte zunächst sechs Prozent, wir konterten mit einem Gegenangebot von vier Prozent. Die Amerikaner senkten ihr Angebot auf fünf Prozent, wir erhöhten unseres auf viereinhalb Prozent. Um jeden noch so kleinen Vorteil wurde verbissen gerungen, was zu einer festgefahrenen Pattsituation führte. In diesem kritischen Moment ergriff Yuan Geng das Wort und richtete seine Ausführungen direkt an die versammelten Verhandlungspartner.
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„Meine sehr geehrten Herren aus Amerika“, begann er mit ruhiger, aber bestimmter Stimme, „unsere chinesischen Vorfahren haben bereits vor viertausend Jahren den Kompass erfunden, vor zweitausend Jahren das Schießpulver entwickelt. Die gesamte Menschheit auf diesem Planeten profitiert noch heute von diesen wahrhaft großartigen wissenschaftlichen Errungenschaften und kulturellen Leistungen, doch unsere Ahnen haben niemals auch nur einen einzigen Cent an Patentgebühren dafür verlangt oder eingefordert. Wir als ihre direkten Nachkommen haben niemals unsere eigenen Vorfahren als Dummköpfe oder Versager beschimpft, sondern empfinden im Gegenteil großen Stolz und tiefe Ehre über ihre Leistungen. Darf ich Sie nun höflich fragen, meine Herren: Wo genau befanden sich Ihre eigenen Vorfahren zu jener fernen Zeit? Ich vermute stark, sie hingen wahrscheinlich noch auf den Bäumen herum. Bitte schauen Sie doch einmal genau auf Ihre eigene Brust herab - ist dort vielleicht die Behaarung besonders dicht und üppig...?“
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Die amerikanischen Verhandlungspartner blickten tatsächlich verwundert nach unten auf ihre eigene Brust, und einer nach dem anderen begann breit zu grinsen und zu lachen. „Aber bitte, meine Herren, Sie müssen sich absolut nicht fürchten oder Angst haben“, fuhr Yuan Geng in versöhnlichem Ton fort, „denn meine eigentliche Intention ist keineswegs, überhaupt keine Patentgebühren zu zahlen, sondern ich fordere lediglich Fairness, Gerechtigkeit und angemessene Vernunft in dieser wichtigen Angelegenheit!“ Dies war der absolut typische Yuan-Geng-Stil in Reinform: direkt, ehrlich, humorvoll und zugleich äußerst geschickt und gewitzt. Die amerikanischen Geschäftsleute schätzten und respektierten genau diese Art der Kommunikation sehr. Hätten wir Chinesen uns auf diese Weise geäußert, hätten manche von uns womöglich energisch protestiert und entrüstet ausgerufen: „Sie beleidigen unsere ehrwürdigen Vorfahren - dies ist absolut unerträglich, nicht zu tolerieren!“ Schließlich, nach weiteren intensiven Diskussionen, wurde eine für beide Seiten akzeptable Vereinbarung getroffen: vierkommafünfundsiebzig Prozent Patentgebühr über einen Zeitraum von zehn Jahren. Dies war unter den gegebenen Umständen außerordentlich vorteilhaft für uns. Eine große chinesische Stadt hatte zuvor eine technologisch nicht annähernd so fortschrittliche englische Glasfabrik importiert, bei der die Patentgebühr fünf Prozent betrug und die Vertragsdauer sich auf zwölf Jahre erstreckte. Yuan Geng schloss seine Ausführungen mit einem leidenschaftlichen und kämpferischen Statement: „Die Vereinigten Staaten von Amerika konzentrieren sowohl die allerbesten Dinge der ganzen Welt als auch gleichzeitig die allerschlechtesten Dinge. Wir müssen von ihren Stärken und positiven Errungenschaften lernen, dürfen aber niemals den amerikanischen Weg in seiner Gesamtheit gehen!“ Die Weltwirtschaft befindet sich gegenwärtig in einer Phase der Rezession und des Rückgangs, die industriellen Strukturen werden weltweit grundlegend reorganisiert und umgestaltet. Als ich vor fünf Jahren die verschiedenen Regionen der Welt bereiste, hatten diese Länder noch eine gewisse Vitalität und Lebendigkeit, heute jedoch herrscht weitgehender Stillstand und Stagnation. „Manche Analysten und Beobachter sagen voraus, dass in den späten 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts das Zentrum der Weltwirtschaft sich nach Osten verlagern wird, hin zu den Küstenregionen des Pazifischen Ozeans.“ Unser früheres wirtschaftliches und gesellschaftliches System hat die Menschen träge und faul gemacht, doch jetzt vollzieht sich ein tiefgreifender Wandel. Als ich auf dieser Reise einmal rund um den gesamten Erdball gereist war und heute Nachmittag um halb fünf Uhr meinen Fuß auf den Kai von Shekou setzte, empfand ich ein Gefühl von unbeschreiblicher Frische und Lebendigkeit, jeder einzelne Grashalm, jeder Baum erschien mir außerordentlich vertraut und liebenswert. „Am ersten Oktober wird der prachtvolle Festwagen aus Shekou vor dem Platz des Himmlischen Friedens vorbeifahren! Falls dies die Herzen der Menschen tief bewegt und erschüttert, dann ist dies das große Verdienst von euch allen, das eure harte Arbeit widerspiegelt!“ Die kapitalistische Welt des Westens mag materiell außerordentlich reich und wohlhabend sein, doch ihr geistiges und moralisches Leben ist erschreckend arm und verödet. Wir hingegen befinden uns auf einem aufsteigenden Pfad nach oben, wir werden mit absoluter Gewissheit diese Länder einholen und schließlich überholen!“ Yuan Geng sprach nur etwa anderthalb Stunden lang, dann erklärte er die Versammlung für beendet, doch alle Anwesenden hätten ihm noch viel länger zuhören mögen, so fesselnd waren seine Worte. Als Yuan Geng den Versammlungssaal verließ, wurde er sofort von einer großen Menschenmenge umringt, und ich gab meinen ursprünglichen Plan auf, ihm zu folgen und weitere Fragen zu stellen.
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Achter Teil: „Welche geheimen Verschwörungen oder raffinierten Intrigen führen Sie im Schilde?“
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Am 7. August hatte Yuan Geng den gesamten Tag über ununterbrochen Besprechungen und Sitzungen, und man sagte mir, dass er auch am 8. keine Zeit haben würde, da er bereits am frühen Morgen des 9. wieder nach Hongkong zurückkehren müsse. Ich hatte mittlerweile jede Hoffnung aufgegeben, ihn in diesen beiden Tagen persönlich treffen und sprechen zu können. Am Abend setzte ich mich hin und schrieb ihm einen ausführlichen Brief, in dem ich ihm erklärte, dass ich, falls es mir nicht gelingen sollte, während dieser Reise mit ihm ein Gespräch zu führen, geduldig warten würde, bis er das nächste Mal aus Hongkong zurückkehren würde.
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Am Morgen des 8. August übergab ich diesen sorgfältig verfassten Brief dem stellvertretenden Parteisekretär der Industriezone, Qiao Shengli, mit der höflichen Bitte, ihn an Yuan Geng weiterzuleiten.
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Am Vormittag des 8. besuchte ich Wang Chaoliang im großen Verwaltungsgebäude, und wir hatten uns gerade erst niedergesetzt, als der stellvertretende Büroleiter Huang Zhenchao hastig und außer Atem hereineilte und mich aufgeregt rief: „Direktor Yuan ist unerwartet zurückgekommen, kommen Sie schnell, um ihn zu treffen!“ Ich entschuldigte mich höflich bei Wang Chaoliang, erklärte, dass wir unseren Termin auf einen anderen Zeitpunkt verschieben müssten, und folgte eilig Huang Zhenchao in Richtung von Yuan Gengs Büro. Das Büro der Industriezone und Yuan Gengs persönliches Büro waren durch eine Verbindungstür miteinander verbunden, in der Mitte durch große Flächen durchsichtigen Glases getrennt. Schon aus der Ferne konnte ich Yuan Geng deutlich erkennen, der in seinen Händen einen großen Stapel wichtiger Dokumente und Papiere hielt. Als ich ihm zur Begrüßung die Hand reichte und schüttelte, erklärte Huang Zhenchao nebenbei zu Yuan Geng gewandt: „Es handelt sich nur um ein kurzes Kennenlernen, es wird nicht viel von Ihrer wertvollen Zeit in Anspruch nehmen.“ Yuan Geng jedoch lächelte auf eine völlig entspannte und ungezwungene Art und Weise und sagte in scherzhaftem Ton: „Sie sind also von der renommierten Literaturzeitschrift ‘Huacheng’? Welche geheimen Verschwörungen oder raffinierten Intrigen führen Sie denn im Schilde?“ Dieser eine spielerische Scherzsatz verkürzte sofort die Distanz zwischen uns erheblich, und ich hatte das deutliche Gefühl, dass hinter diesen scheinbar leichthin dahingeworfenen Worten eine Art verborgener Subtext oder tiefere Bedeutung lag. Ich wusste bereits, dass Yuan Geng sich auch für literarische und kulturelle Fragen lebhaft interessierte und sie aufmerksam verfolgte. Liang Xian hatte mir einmal erzählt, dass Yuan Geng vor einigen Jahren während einer Konferenz in Peking Zhang Jies berühmten Roman „Liebe kann man nicht vergessen“ sowie die dazugehörigen kritischen Rezensionen und Kommentare gelesen hatte und Liang Xian dann fragte: „Kennst du diese talentierte Schriftstellerin persönlich? Lass uns sie doch nach Shekou einladen!“ Ich war überzeugt, dass er auch die in den vergangenen Jahren recht beachtliche Aufmerksamkeit erregende Literaturzeitschrift „Huacheng“ kannte und verfolgte, und seine scherzhafte Bemerkung über „Verschwörungen und Intrigen“ war wahrscheinlich durchaus mit Bedacht gewählt und hatte einen tieferen Sinn.
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Ich erwiderte sein Lächeln und sagte in ebenso freundlichem Ton: „Ich führe überhaupt keine geheime Verschwörung, sondern einen völlig offenen Plan - ich möchte über Sie persönlich und über die faszinierende Entwicklung von Shekou schreiben und berichten.“
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Er führte mich in den kleinen, gemütlichen Besprechungsraum, der sich genau zwischen den beiden Büros befand, ließ sich bequem in einen Rattansessel sinken, lehnte sich entspannt zurück und nahm eine Körperhaltung ein, die deutlich signalisierte, dass er bereit war für ein längeres, ausführliches Gespräch. „Über mich persönlich gibt es wirklich nichts Besonderes oder Lobenswertes zu schreiben“, begann er in bescheidenem Ton. „Bitte schreiben Sie nicht, dass hier bei uns alles wunderbar und perfekt ist, denn hier gibt es tatsächlich eine Vielzahl von Problemen und Schwierigkeiten.
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Jeder einzelne Schritt vorwärts in unserem Reformprozess muss durch harte Kämpfe und Auseinandersetzungen erkämpft werden, überall sind wir von Widersprüchen und Konflikten umgeben.“ Ich antwortete: „Genau dieser Aspekt ist es, der mich besonders anzieht und fasziniert.“ „Ein Land ohne echte Demokratie kann nicht erfolgreich sein und wird keinen Fortschritt machen, und wenn die breiten Massen der Bevölkerung kein wirkliches Recht haben, die leitenden Funktionäre zu kontrollieren, zu überwachen und gegebenenfalls abzusetzen, dann gibt es keine wahre Demokratie.
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Wir haben in unserem Kadersystem grundlegende und tiefgreifende Reformen durchgeführt und implementiert. In den ausländischen westlichen Ländern können die Massen bei politischen Reden und Versammlungen die Politiker mit faulen Eiern, mit matschigen Tomaten bewerfen, und der Redner hält mit einem schützenden Regenschirm seine Rede trotzdem weiter. Man mag behaupten, ihre Demokratie sei nur oberflächlich und nicht echt, aber dieses System ist durchaus nützlich und effektiv für die Konsolidierung und Aufrechterhaltung der Herrschaft der Bourgeoisie. Wir sollten in China eine echte sozialistische Demokratie praktizieren und verwirklichen. Chinas bürgerlich-demokratische Revolution war historisch gesehen unvollständig und nicht zu Ende geführt. Sun Yatsen wollte tatsächlich eine demokratische Ordnung etablieren, aber er starb viel zu früh und konnte es nicht vollenden. Die chinesische Nation ist zweifellos großartig und hervorragend, aber die Last der Geschichte, die auf ihr lastet, ist einfach zu schwer und drückend.“ An dieser Stelle des Gesprächs kam Huang Hongji herein und unterbrach, um zu sagen: „Ich habe kürzlich die Tochter eines hochrangigen zentralen Führers empfangen und betreut. Sie studiert in den Vereinigten Staaten Betriebswirtschaft und Unternehmensführung. Auch sie äußerte in unserem Gespräch: In Amerika habe sie tiefe Eindrücke gewonnen und empfinde, dass unsere großartige chinesische Nation unter einer viel zu schweren historischen Last und Bürde leidet.
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„Die amerikanische Nation“, fuhr Yuan Geng fort, „hat einfach nicht diese einengenden traditionellen Rahmen und Beschränkungen. Ich habe in meinem Vortrag auch davon gesprochen: Ihre ‘Governor’-Zigarettenwerbung hat einen Werbespruch, der lautet ‘Wenn du es willst, dann tu es einfach’. Hongkong konnte diesen Slogan nicht akzeptieren und übersetzte ihn um in ‘Was getan werden sollte, das tue’. Natürlich kann man nicht einfach alles tun, was einem gerade in den Sinn kommt, aber bei uns können wir vieles, was tatsächlich getan werden sollte und müsste, nicht in die Tat umsetzen.“
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Anschließend stellte ich ihm Fragen zu seinem persönlichen Lebensweg und seiner Biographie, und er antwortete in knapper, präziser Form, wobei er besonderen Nachdruck legte auf seinen Eintritt in die Partei und die Zeit seiner Inhaftierung während der verheerenden „Kulturrevolution“. Ohne dass wir es merkten, hatten wir bereits fast eine volle Stunde lang intensiv miteinander gesprochen. In diesem Moment trat der stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungskomitees, Wang Jingui, in den Raum, blieb mit einem höflichen Lächeln still an der Tür stehen und bewegte sich nicht. Ich verstand sofort, dass er Yuan Geng zur nächsten Sitzung abholen wollte, und dass unser Gespräch nun zu Ende gehen musste.
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Huang Hongji vereinbarte sofort telefonisch einen Termin mit Yuan Gengs Ehefrau, der Genossin Wang Zongqian, die im vornehmen Prinzenhotel wohnte. Wir fuhren unverzüglich dorthin und führten ein etwa einstündiges, sehr aufschlussreiches Gespräch mit der freundlichen, warmherzigen Wang Dajie, der „großen Schwester Wang“. Der Schwerpunkt unseres Gesprächs lag auf Yuan Gengs leidvoller Zeit der Inhaftierung, und über die Verhältnisse und Zustände innerhalb und außerhalb des Gefängnisses wurde mir nun einiges deutlich klarer. Wang Dajie sprach in bedächtigem Tempo, aber mit tiefer innerer Bewegung und Zuneigung:
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„Viele Menschen, die eine solche grausame Folter und Qual durchgemacht haben, kamen aus dem Gefängnis heraus und waren völlig gebrochen, erschöpft und zerstört. Aber er nicht, ganz im Gegenteil - sein Tatendrang, sein Elan und seine Energie wurden sogar noch größer und stärker als zuvor.“ Ich dachte innerlich bei mir: Genau das ist der wahre Yuan Geng, so wie ich ihn mir vorgestellt habe! Einige Tage später berichtete Qiao Shengli dem Genossen Chen Yihao: „Direktor Yuan hat meinen Brief gelesen und versprochen, dass er beim nächsten Mal, wenn er aus Hongkong zurückkommt, erneut mit mir sprechen wird.“
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Doch schon kurze Zeit später wurde er von dem Genossen Xiang Nan nach Fujian eingeladen und dorthin gerufen.
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Am Vormittag des 25. August erhielt ich die erfreuliche Nachricht, dass Yuan Geng nach Shekou zurückgekehrt sei. Ich griff sofort zum Telefon und rief ihn eilig im Prinzenhotel an, um Kontakt aufzunehmen. Doch leider war es bereits zu spät - er musste nach dem Mittagessen wieder nach Hongkong zurückkehren, und sein gesamter Vormittag war bereits vollständig mit Terminen ausgefüllt. Genau während unseres Telefongesprächs musste er den Hörer kurz beiseitelegen und zur Tür gehen, um sie zu öffnen. Er sagte zu mir in freundlichem Ton:
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„Wenn Sie noch irgendwelche Fragen haben, dann stellen Sie sie doch einfach hier am Telefon. Das macht überhaupt nichts, denn wir haben keinerlei Geheimnisse zu verbergen.“
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Ich war nicht auf ein spontanes Telefoninterview vorbereitet gewesen und konnte nicht alle Fragen sofort vollständig zusammenstellen. Deshalb fragte ich ihn nur nach einigen spezifischen Details und konkreten Zahlen bezüglich seiner Auslandsreise, und er beantwortete jede einzelne Frage ausführlich und geduldig. Dann fragte er mich: „Werden all diese Informationen auch tatsächlich veröffentlicht werden?“ Ich antwortete: „Das ist noch nicht sicher entschieden.“ Er entgegnete gelassen: „Eine Veröffentlichung wäre auch völlig in Ordnung und macht mir nichts aus, denn an jenem Tag haben auch ausländische Gäste und Beobachter meinen Vortrag gehört.“
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Ich fragte weiter: „Wäre es für Sie in Ordnung, wenn ich Ihnen später die Korrekturfahnen zusende, damit Sie sie durchsehen können? So könnten wir sicherstellen, dass es keine sachlichen Fehler oder Abweichungen gibt.“ Er antwortete bestimmt: „Das ist absolut nicht notwendig und nicht nötig. Es sollte nicht alles einer vorherigen Zensur und Kontrolle unterworfen werden. Wenn es hier und da kleine Fehler gibt, ist das auch nicht schlimm. Menschen sind nun einmal aus Fleisch und Blut, da sind Fehler einfach unvermeidlich.
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Wenn dabei auch mal ein kleiner Skandal oder eine Peinlichkeit entsteht, macht das auch nichts.“ „Gut, ich danke Ihnen vielmals für Ihre Zeit und Offenheit.“ „Ich danke Ihnen ebenfalls.“ Plötzlich erinnerte ich mich an zwei bemerkenswerte Sätze, die Yuan Geng bei einer Gelegenheit gesagt hatte. Einmal führte Yuan Geng persönlich eine Gruppe von Teilnehmern eines Ausbildungskurses für Unternehmensführung durch die Industriezone. Als sie vor dem Eingang der Aluminiumfabrik standen, stellte er den Kursteilnehmern diese Fabrik folgendermaßen vor: Den Bau des Fabrikgebäudes hatten wir an japanische Bauunternehmer vergeben, und 23 japanische Arbeiter hatten es in nur 27 Tagen vollständig fertiggestellt. Selbst als sintflutartiger Regen so heftig niederging, dass man die Augen kaum offenhalten konnte, arbeiteten sie ohne Unterbrechung weiter. Ein Arbeiter stürzte von einer großen Höhe herab und verletzte sich dabei. Sein eigener Bruder lief zu ihm hin, sah kurz nach, stellte fest, dass sein Bruder nicht in Lebensgefahr schwebte, und kehrte dann sofort zu seiner Arbeit zurück, um weiterzuarbeiten.
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Yuan Geng sagte damals mit Nachdruck: „Wenn Japan mit einer solchen Arbeitsethik und Disziplin nicht wohlhabend und reich werden würde, dann hätte der Himmel selbst kein Recht und keine Gerechtigkeit! Wenn Chinas Reform mit solcher Entschlossenheit nicht erfolgreich sein sollte und nicht zu Wohlstand führen würde, dann hätte auch der Himmel kein Recht!“ Jetzt möchte ich hinzufügen: Wenn Shekous Reform mit solcher Energie und solchem Engagement nicht erfolgreich sein sollte, dann hätte der Himmel wahrhaftig kein Recht und keine Gerechtigkeit!
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Neunter Teil: Die Seele des großen Vogels Dapeng
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Der heute 66-jährige Yuan Geng ist eine stattliche, imposante Erscheinung, elegant und gewandt in seinen Bewegungen. Er vereint in sich sowohl die kultivierte Ausstrahlung eines erfahrenen Diplomaten als auch das praktische Geschick eines erfolgreichen Unternehmers und Wirtschaftsmannes. Er besitzt eine natürliche, magnetische Anziehungskraft, die Menschen in seinen Bann zieht. Aber wie kommt dieser außergewöhnliche Mann eigentlich zu uns?
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Wenn wir die dichten Schleier und Nebel der Geschichte beiseiteschieben und zurückblicken, dann sehen wir die festen, unerschütterlichen Fußspuren eines heißblütigen, mutigen jungen Mannes, der für seine Ideale kämpfte. Er wurde in dem Dorf Shuiba in der Stadt Dapeng im Kreis Bao’an (das heute zum Longgang-Bezirk der Stadt Shenzhen gehört) geboren. Seine Familie besaß einen fruchtbaren Obstgarten und gehörte damit zu den Familien mit bescheidenem, aber gesichertem Wohlstand in der Gegend. Die wilden, tosenden Wellen der Dapeng-Bucht haben seinen Charakter und sein Temperament tiefgreifend geprägt und geformt.
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1935 schloss er erfolgreich die renommierte Guangya-Mittelschule in Kanton ab, und anschließend besuchte er eine Fachschule für Vermessung. Nachdem er für eine kurze Zeit als Landvermesser gearbeitet hatte, trat er in die von Chen Jitang gegründete Yantang-Militärakademie ein. Nachdem Chen Jitang entmachtet worden war, wurde diese Militärakademie zu einer Zweigstelle der nationalistischen Zentralen Militärakademie umgewandelt. In der Militärschule war Yuan Geng ein außerordentlich aktiver und geschickter Fußballtorwart, der sich durch intensives Training einen starken, widerstandsfähigen Körper und eine robuste körperliche Konstitution aufbaute.
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Nach seinem Abschluss an der Militärakademie beobachtete er mit wachsender Enttäuschung, wie die Ausbilder, die ständig von Rechtschaffenheit und moralischen Prinzipien redeten, einer nach dem anderen in Korruption und Sittenverfall versanken und angesichts der drohenden Gefahr für die chinesische Nation völlig gleichgültig und apathisch blieben. Voller Empörung und Zorn kehrte er in seine Heimatstadt Dapeng zurück, übernahm dort die Position des Direktors der Ersten Grundschule und war gleichzeitig als Ausbilder für die örtliche Selbstverteidigungstruppe tätig.
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Die Schule wurde von der Nationalistischen Partei (Kuomintang) betrieben und verwaltet, während die Selbstverteidigungstruppe von Deng Yandas sogenannter Dritter Partei organisiert worden war. Aber sowohl in der Schule als auch in der Selbstverteidigungstruppe gab es kommunistische Untergrund-Parteimitglieder, die im Geheimen aktiv waren. Der in Uniform gekleidete und mit einem Säbel bewaffnete Yuan Geng, der in seine Heimat zurückgekehrt war, stellte in der lokalen Gemeinschaft eine wichtige und einflussreiche Persönlichkeit dar. Alle drei konkurrierenden politischen Kräfte schenkten ihm
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große Aufmerksamkeit und betrachteten ihn als potenziell wichtigen Verbündeten. Der kommunistische Untergrund-Kreisparteisekretär Wang Wen zog sogar zu ihm und lebte mit ihm unter einem Dach, um ihn persönlich und aus nächster Nähe beobachten und einschätzen zu können. Die Herzen von wahren Revolutionären und aufrichtigen Patrioten finden immer zueinander und verstehen sich. Yuan Geng freundete sich sehr schnell mit den kommunistischen Untergrund-Parteimitgliedern Wang Wen, Zhong Wen und Lai Zhongyuan an und entwickelte auch eine enge Beziehung zu dem Lehrer Wang Bai, der von der Parteiorganisation sorgfältig aufgebaut und gefördert wurde. Ob es um die Organisation von Abendschulen für Erwachsene ging, um Theateraufführungen oder um welche Aktivitäten auch immer, die der Propaganda gegen die japanische Invasion dienten - Yuan Geng beteiligte sich stets aktiv und mit großem Engagement. Bei einer Gelegenheit führten sie das bekannte Theaterstück „Leg deine Peitsche nieder“ auf. Wang Bai spielte die Rolle der singenden Tochter, Yuan Geng verkörperte den mutigen jungen Mann, der den Vater daran hindert, seine Tochter zu schlagen. Als er mit voller Leidenschaft „Leg deine Peitsche nieder!“ rief, ging er so vollständig in seiner Rolle auf und vergaß völlig, dass er nur Theater spielte. Viele Zuschauer im Publikum waren ebenfalls so mitgerissen, dass sie mit ihm zusammen nach vorne auf die Bühne stürmten...
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Am 27. März des Jahres 1939 trat Yuan Geng auf Empfehlung der beiden Genossen Wang Wen und Zhong Wen der Kommunistischen Partei Chinas bei. Von diesem bedeutsamen Tag an hat er nicht einen einzigen Tag lang den glorreichen und ehrenvollen Titel eines Mitglieds der Kommunistischen Partei Chinas in irgendeiner Weise enttäuscht oder beschmutzt.
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In jener Zeit existierte in der Region eine fortschrittliche, progressive Publikation mit dem bedeutungsvollen Namen „Die Seele des großen Vogels Dapeng“. Yuan Geng veröffentlichte in dieser Zeitschrift eine satirische Karikatur, die die Nationalistische Partei (Kuomintang) scharf kritisierte und angriff. Dies verletzte die lokale Kreisparteibehörde der Kuomintang tief, und seine persönliche Situation wurde zunehmend gefährdet und prekär. Die Parteiorganisation verlegte ihn deshalb im Winter des Jahres 1939 zur Sicherheit zu der von der Partei geführten Anti-Japanischen Guerillaeinheit. Von diesem Zeitpunkt an begann seine ruhmreiche militärische Kampfkarriere bei der berühmten Dongjiang-Kolonne. Der Sohn der Dapeng-Bucht breitete seine Flügel aus und flog wie der legendäre mythische Riesenvogel Dapeng hoch in den Himmel empor.
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Während des langen Anti-Japanischen Widerstandskrieges entsandten die Vereinigten Staaten von Amerika als verbündete Macht jeweils eine militärische Beobachtergruppe sowohl nach Yan’an als auch zur Dongjiang-Kolonne. Yuan Geng, der die wichtige Position des Leiters der Dongjiang-Verbindungsstelle innehatte, pflegte regelmäßigen und intensiven Kontakt mit der amerikanischen Beobachtergruppe bei der Dongjiang-Kolonne. Gemäß den klaren Anweisungen des Zentralkomitees der Partei tauschte die Dongjiang-Kolonne mit der amerikanischen Beobachtergruppe wertvolle Informationen und Geheimdienstberichte über die japanischen Militäreinheiten in Südchina aus, was eine aktive und konstruktive Rolle im gemeinsamen Kampf zum erfolgreichen Bekämpfen des japanischen Imperialismus spielte.
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Als die japanischen Invasoren schließlich kapitulierten und sich ergaben, befanden sich die britischen Streitkräfte noch weit entfernt in Burma. Ein einzelner Marinekonteradmiral erreichte mit nur einem einzigen Bataillon Soldaten per Flugzeugträger die Stadt Hongkong. Seine militärischen Kräfte waren bei Weitem nicht ausreichend, um die öffentliche Ordnung und Sicherheit aufrechtzuerhalten, daher bat er die Hongkong-Kowloon-Brigade der Dongjiang-Kolonne dringend, nicht abzuziehen und weiterhin präsent zu bleiben. Die Dongjiang-Kolonne erbat Anweisungen vom Zentralkomitee, und das Zentralkomitee antwortete per Telegramm: Um den Bürgerkriegsplänen und -intrigen der Nationalistischen Partei wirksam entgegenzutreten, sollten sie die Region Hongkong-Kowloon entschlossen und vollständig räumen; gleichzeitig forderte das Zentralkomitee aber, in Hongkong eine Verbindungsstelle einzurichten. Die Dongjiang-Kolonne entsandte Yuan Geng nach Hongkong, um dort zu verhandeln. Yuan Geng erfüllte diese wichtige und heikle Mission mit Würde und Kompetenz und führte sie zu einem erfolgreichen Abschluss. Er wurde zum ersten Leiter des Hongkonger Verbindungsbüros ernannt, welches später zum Vorläufer der heutigen Xinhua-Nachrichtenagentur-Niederlassung in Hongkong wurde. Wer hätte damals auch nur im Traum daran gedacht, dass der Weg der Geschichte so verschlungen, verdreht und unvorhersehbar verlaufen würde - dass mehr als zwanzig Jahre später diese glorreichen Verdienste und Leistungen plötzlich in angebliche schwere „Verbrechen“ umgedeutet und verdreht werden würden.
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Zehnter Teil: Das berüchtigte Qincheng-Gefängnis
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Am 6. April des Jahres 1968 verließ Yuan Geng bereits in den frühen Morgenstunden sein Zuhause im Stadtteil Xiyuan, um zu seiner Dienststelle zu fahren und seiner Arbeit nachzugehen. Anfang April herrschte in Peking noch beißende Frühlingskälte, mit schneidendem Wind und aufgewirbeltem Sand. Überall in der Stadt klebten aggressive, mörderisch formulierte Dazibao-Wandzeitungen, die eine düstere, bedrohliche Atmosphäre schufen und Yuan Geng äußerst bedrückt und niedergeschlagen machten. Er hatte gerade erst die anstrengende Arbeit im Zusammenhang mit der Betreuung und dem Transport indonesischer Überseechinesen-Flüchtlinge abgeschlossen und war zu einem vorläufigen Abschluss gekommen. Er hatte noch keine Zeit gehabt, auch nur einmal tief durchzuatmen und sich zu erholen, als er schon wieder zur regulären Arbeit zurückkehren musste. In der letzten Zeit hatte er immer wieder beunruhigende Nachrichten gehört, dass alte Kampfgefährten von der Dongjiang-Kolonne ihre Freiheit verloren hatten oder spurlos verschwunden und verschollen waren. Inmitten all seiner Empörung und seines Zorns bewahrte er dennoch äußerlich Ruhe und Besonnenheit.
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Kurz nachdem er in seinem Büro angekommen war, kam jemand und überbrachte ihm eine Nachricht: „Der Minister hat etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen.“ Er öffnete die Tür zum Büro des Ministers und sah, dass außer dem Minister selbst noch zwei Angehörige der öffentlichen Sicherheitsbehörde anwesend waren. Jener Minister, dessen Name häufig und regelmäßig in den Zeitungen erschien, hatte ein Gesicht, das starr und ausdruckslos wie eine hölzerne Schnitzfigur wirkte.
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„Yuan Geng“, verkündete der Minister in kaltem, sachlichem Ton, „Sie sind hiermit verhaftet!“
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Am Nachmittag desselben Tages wurde in der Behörde eine große Versammlung aller Mitarbeiter einberufen. Der Minister verkündete vor der versammelten Belegschaft: „Yuan Geng ist ein amerikanischer Spion und Geheimagent, er ist in Übereinstimmung mit dem Gesetz rechtmäßig verhaftet worden.“ Yuan Gengs gute Freunde und unmittelbare Nachbarn, Liu Yamin und Liu Danyi, die in den 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts gemeinsam mit ihm als Konsuln im Generalkonsulat in Jakarta, Indonesien, gedient hatten, tauschten untereinander traurige und empörte Blicke voller Verzweiflung aus. Die Erinnerung daran, wie Yuan Geng und sie im Jahr 1954 gemeinsam die historische Bandung-Konferenz schützten und die Sicherheit von Ministerpräsident Zhou Enlai gewährleisteten, war noch kristallklar und lebendig in ihren Köpfen präsent. Damals war Yuan Geng unermüdlich zwischen Jakarta und Bandung hin- und hergereist, hatte sich intensiv in der lokalen Überseechinesen-Gemeinschaft bewegt und engagiert. Seine Augen waren rot vor Übermüdung geworden, er war sichtbar dünner und ausgezehrter geworden. Eine solch aufrichtige, glühende Treue und Ergebenheit führte nun zu einem derart schrecklichen und ungerechten Ende. Wo war denn nun die Gerechtigkeit des Himmels, wo war die göttliche Gerechtigkeit?!
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Zur exakt gleichen Zeit wurde die Genossin Wang Zongqian aus ihrem Büro unter Bewachung nach Hause gebracht und eskortiert. Man befahl ihr in harschem Ton, sämtliche Schlüssel auszuhändigen und abzugeben, und dann begann eine gründliche Hausdurchsuchung. Schränke und Kommoden wurden durchwühlt und auf den Kopf gestellt, die Durchsuchung dauerte vom Nachmittag bis zum Einbruch der Dunkelheit. Danach wurde sie wieder unter Bewachung zur Behörde zurückgebracht, um auch ihren Schreibtisch dort zu durchsuchen. Als sie das Haus verließ, stellte sie entsetzt fest, dass ihre drei Kinder vor der Haustür ausgesperrt worden waren und nicht ins Haus durften. Auch die linken und rechten Nachbarn wagten es nicht, die Kinder aufzunehmen und ihnen Unterschlupf zu gewähren. Die Kinder standen draußen und weinten bittere Tränen...
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Von diesem Tag an verschwand Yuan Geng vollständig aus dem Leben und aus der Öffentlichkeit. Wang Zongqian wusste überhaupt nicht, wo er festgehalten wurde, sie wusste nicht einmal, ob er noch am Leben oder bereits tot war. Egal wo sie nachfragte und Erkundigungen einholte, überall hieß es nur, man wisse nichts, man habe keine Informationen. Im Jahr 1969 ging Wang Zongqian zusammen mit ihrer Behörde in die sogenannte Kaderschule, die in der Stadt Zoucheng in der Provinz Shandong eingerichtet worden war. Die Kinder mussten in Peking bei ihrer Großmutter zurückbleiben. Obwohl Wang Zongqian offiziell auch als „Kaderschülerin“ galt, durfte sie als „Familienangehörige eines Konterrevolutionären“ nur die allerschmutzigsten und körperlich anstrengendsten Arbeiten verrichten, wie zum Beispiel menschliche Fäkalien aus Toilettengruben zu schöpfen oder die öffentlichen Toiletten zu putzen und zu reinigen. Ihre linke Schulter litt unter einer schmerzhaften Periarthritis, die Schmerzen waren so stark, dass sie ihren Arm kaum noch heben konnte. Der Arzt empfahl dringend, nach Peking zurückzukehren, um sich dort behandeln zu lassen, aber die Leitung der Kaderschule verweigerte die Erlaubnis kategorisch. Erst im Frühsommer des Jahres 1972, als ihr ältester Sohn Zhongyin kurz davor stand, aufs Land geschickt zu werden, um dort als Jugendlicher bei den Bauern zu arbeiten, wurde ihr endlich gestattet, Urlaub zu nehmen und nach Hause zu fahren, um für ihren Sohn die Kleidung zu waschen und sein Gepäck für die lange Reise vorzubereiten.
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Im Juli des Jahres 1972, nachdem Yuan Geng bereits vier Jahre und drei Monate lang inhaftiert gewesen war, benachrichtigte plötzlich und völlig unerwartet jemand Wang Zongqian, dass sie ins berüchtigte Qincheng-Gefängnis kommen solle, um ihren Mann dort zu besuchen. „Er lebt noch, er lebt noch!“ Dieser eine überwältigende Gedanke füllte Wang Zongqians Herz und ihre Seele vollständig aus und ließ keinen Raum für andere Empfindungen. Mit schmerzlicher Bestürzung stellte Wang Zongqian bei diesem Besuch fest, dass Yuan Geng große Schwierigkeiten beim Gehen hatte, dass seine Stimme sich stark verändert hatte und klang, und dass er überhaupt nicht mehr wusste, welches Jahr oder welcher Monat gerade war! Der Grund dafür war, dass im Gefängnis Tag und Nacht ununterbrochen die Lichter brannten, sodass die Gefangenen den Wechsel zwischen Tag und Nacht nicht mehr klar unterscheiden oder sich merken konnten und vollständig ihr Zeitgefühl verloren hatten. Beim Schlafen war es nur erlaubt, mit dem Gesicht nach außen zu liegen, ein Bein musste immer unten sein und wurde dadurch über lange Zeit zusammengedrückt, was zu Muskelschwund und Atrophie führte. Weil er über lange Zeit nicht sprechen durfte, waren seine Stimmbänder heiser
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geworden und hatten ihre normale Funktion teilweise verloren. Ich hatte einmal gehört, dass Yuan Geng während seiner Jahre im Gefängnis überhaupt nichts Lebendiges zu sehen bekam, außer bei den seltenen Hofgängen, wenn er im Innenhof an der Mauer ein paar Grashalme wachsen sah. Als ich ihn fragte, ob das tatsächlich so gewesen sei, antwortete er: „Nein, da waren auch noch Ameisen. Ich habe mich sehr intensiv mit Ameisen beschäftigt und kenne mich mittlerweile gut mit ihnen aus.“
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Dieser eine scheinbar leichthin dahingesagte Satz enthält und verbirgt in sich eine unermessliche Schwere, eine unbeschreibliche Last an Leid! Nachdem Wang Zongqian Yuan Geng im Gefängnis getroffen und gesehen hatte, setzte sie alle ihre Kräfte daran, ihn zu retten und ihm zu helfen. „Bevor ich ihn nicht gesehen hatte, wusste ich überhaupt nicht, ob er noch lebte oder bereits tot war. Aber jetzt, da ich endlich weiß, dass er noch am Leben ist, habe ich ständig Angst, dass er sterben könnte! Solange das Problem nicht aufgeklärt und gelöst ist - wenn er stirbt, werden die Kinder alle gezwungen sein, diese schwarze Last auf ihren Schultern zu tragen! Er war in einem Raum im oberen Stockwerk untergebracht und musste für den täglichen Hofgang in den Innenhof im Erdgeschoss hinuntergehen. Das Auf- und Absteigen der Treppen war für ihn äußerst mühsam und beschwerlich. Ich ging zur zentralen Beschwerde- und Empfangsstelle, um dort vorzusprechen, und bat darum, dass er in ein Zimmer im Erdgeschoss verlegt werden möge. Diese bescheidene Bitte wurde tatsächlich angenommen und bewilligt.“
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Yuan Geng wurde in ein Zimmer im Erdgeschoss verlegt. Dort entdeckte er unter der Strohmatte ein kleines Büschel grau-weißer menschlicher Haare. Er schloss daraus und urteilte, dass hier zuvor eine weibliche Genossin festgehalten worden sein musste, die über fünfzig Jahre alt gewesen war. Später, bei einem offiziellen Bankett, erwähnte er diese Begebenheit zufällig im Gespräch mit der Genossin Wang Guangmei. Wang Guangmei bestätigte sofort: „Das stimmt absolut, das war genau das Zimmer, in dem ich selbst inhaftiert war.“
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Yuan Geng wurde am dreißigsten September des Jahres 1973 aus dem Gefängnis entlassen, nachdem er exakt fünfeinhalb Jahre lang eingesperrt gewesen war.
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Während seiner Zeit in der Haft war es so gewesen, dass immer wenn er sich im Schlaf umdrehte oder seine Schlafposition veränderte, sofort ein Wächter von außen laut an die Tür klopfte. In der Nacht riss das plötzliche Klopfen an der Tür die Menschen häufig aus dem Schlaf. Als Yuan Geng nach Hause zurückgekehrt war und gerade erst eingeschlafen war, schreckte er jedes Mal plötzlich auf und erwachte in Panik. Das war echte, tiefgreifende Angst und Panik, ein Trauma, das tief in seiner Seele saß. Erst nach einem halben Jahr verschwand diese psychische Herzkrankheit und Angststörung allmählich und löste sich langsam auf. Aber die normale Funktion des verkümmerten und atrophierten Beines wiederherzustellen, dauerte noch erheblich länger. Jeden einzelnen Tag stützte Wang Zongqian ihren Mann Yuan Geng liebevoll, und sie gingen zusammen Schritt für Schritt, zunächst ganz langsam, dann immer weitere Strecken, dann immer schneller. Sie übten ein ganzes Jahr lang täglich, bis beide Beine endlich wieder ausgeglichen und gleichmäßig funktionierten.
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Noch trauriger und erschütternder war das Schicksal anderer Menschen: Manche Gefangene waren gezwungen gewesen, jahrelang in ihrer Gefängniszelle ununterbrochen im Kreis herumzulaufen. Als sie aus dem Gefängnis herauskamen, hatten sie völlig verlernt, in einer geraden Linie zu gehen, sie drehten sich ständig automatisch im Kreis und konnten nicht einmal mehr sicher eine Straße überqueren. Mensch, oh Mensch! Wo war die menschliche Würde geblieben, was war aus ihr geworden! Nach mehr als einem Jahr der sorgfältigen Erholung, Rehabilitation und medizinischen Behandlung wurde Yuan Geng im Jahr 1975 dem Verkehrsministerium zugeteilt und übernahm dort die Position des stellvertretenden Leiters der Abteilung für Auswärtige Angelegenheiten. Kaum hatte er seine Arbeit wieder aufgenommen, wurde Yuan Gengs Geist und sein Kopf genauso aktiv und beweglich wie sein gerade erst wiederhergestellter und rehabilitierter Körper. Bevor er seine Arbeit wieder aufgenommen hatte, fuhr Yuan Geng mit dem Fahrrad in die Stadt, und er hatte ständig das Gefühl, dass die an ihm vorbeifahrenden Privatwagen sich viel zu herrisch und rücksichtslos verhielten. Er dachte bei sich: „Können die denn nicht etwas langsamer fahren?!“ Nachdem er seine Arbeit wieder aufgenommen hatte, saß er nun selbst in einem Dienstwagen, und manchmal hatte er das Gefühl, dass die Fahrradfahrer am Straßenrand im Weg waren und störten. Er dachte dann: „Können die nicht näher am Straßenrand fahren?!“ Sehr schnell wurde ihm dieser subtile, aber bedeutsame psychologische Wandel in seiner Einstellung bewusst, und er warnte sich innerlich und sagte zu sich selbst: „Du darfst es auf keinen Fall zulassen, dass dein Hinterteil deinen Kopf kommandiert und lenkt!“
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Diese Maxime und dieser Grundsatz wurden über viele Jahre hinweg zu einem seiner festen Glaubenssätze und Lebensprinzipien.
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Elfter Teil. Die allererste Lektion in Hongkong
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Im Jahr 1978 wurde Yuan Geng, der den größten Teil seines Lebens in militärischen und diplomatischen Bereichen gearbeitet hatte, im Alter von bereits über sechzig Jahren in ein völlig neues Gebiet versetzt und begann, sich mit wirtschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Er wurde nach Hongkong entsandt, um dort bei der traditionsreichen China Merchants Group die Position des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden zu übernehmen.
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Die China Merchants Group ist eine historische Institution, die im Jahr 1872 von Li Hongzhang, dem damaligen Großminister für die nördlichen Ozeanangelegenheiten der Qing-Dynastie, gegründet worden war. Am 15. Januar 1950 revoltierten 13 Schiffe der Hongkonger Zweigstelle der China Merchants Group heroisch und kehrten in die Umarmung des Mutterlandes zurück. Von diesem bedeutsamen Tag an wurde die China Merchants Group zur offiziellen Vertretung des Verkehrsministeriums in Hongkong. Die aufeinanderfolgenden Minister des Verkehrsministeriums übernahmen traditionell gleichzeitig auch die Position des Vorstandsvorsitzenden der Hongkonger China Merchants Group, sodass der stellvertretende Vorstandsvorsitzende faktisch und in der Praxis der tatsächlich verantwortliche Leiter war. Wenn man von Li Hongzhang an zu zählen beginnt, war Yuan Geng bereits der 29. in dieser ehrwürdigen Reihe.
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Die Hongkonger China Merchants Group hatte unter dem schädlichen Einfluss extrem linker ideologischer Strömungen und Denkweisen gelitten. Ihr Geschäftsbereich war einseitig und beschränkt, sie hielt sich ängstlich in ihrer kleinen Ecke zurück, und über mehrere Jahrzehnte hinweg hatte es praktisch keine nennenswerte Entwicklung oder Expansion gegeben. Als Yuan Geng sein Amt antrat, begann er gemäß der vom Zentralkomitee festgelegten strategischen Richtlinie - „mit der Schifffahrt als Zentrum, gestützt auf Hongkong und Macao, mit dem Festland als Hinterland, dem Ausland zugewandt, vielfältiges und diversifiziertes Geschäft betreibend, Industrie und Handel kombinierend, Kauf und Verkauf vereinend“ - mit eiserner Hand und unerschütterlicher Entschlossenheit eine umfassende, grundlegende Neuordnung durchzuführen.
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Yuan Geng sagte in seiner Rede auf einer Wirtschaftskonferenz der teilweise geöffneten Küstenstädte:
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„Meine allererste Lektion in Hongkong bestand darin, dass ich ein großes Bürogebäude kaufte, und zwar zu einem außerordentlich günstigen Preis - wir zahlten nur 61.800.000 Hongkong-Dollar. Bei der ersten Anzahlung ging es um einen Scheck über 20 Millionen. Das war an einem Freitag, und wir hatten vereinbart, dass die Übergabe am Nachmittag um 14 Uhr in der Kanzlei eines Rechtsanwalts stattfinden sollte, wo beide Seiten gleichzeitig Geld gegen Ware austauschen würden. Wir stellten einen Scheck über 20 Millionen aus und gingen damit zur Anwaltskanzlei. Die Verkäuferseite erschien ebenfalls mit mehreren Personen. Unten vor dem Gebäude standen mehrere Autos mit laufenden Motoren bereit. Als wir nach oben kamen, tauschten alle Beteiligten gleichzeitig die Dokumente und das Geld aus und unterschrieben die Verträge. Nachdem die Unterschriften geleistet waren, nahmen zwei Personen von der Gegenseite den Scheck fest zwischen sich eingeklemmt und eilten sofort nach unten. Ein Geschäftsführer blieb zurück, um mit uns die nachfolgenden Details und Angelegenheiten zu regeln. Dieser Scheck wurde mit dem Auto auf dem schnellstmöglichen Weg sofort zur Bank gefahren. Denn am nächsten Tag war Samstag, und die Banken waren geschlossen, am Sonntag ebenfalls. Falls sie am Freitagnachmittag vor 15 Uhr den Scheck nicht zur Bank gebracht hätten, hätten sie die Zinsen für drei ganze Tage auf diese 20 Millionen verloren. Deshalb bestanden sie so nachdrücklich darauf, den Scheck pünktlich zu erhalten. Unser Finanzverantwortlicher kam zurück und berichtete uns, dass die Szene dort wirklich sehr eindrucksvoll und bewegend gewesen sei. Natürlich konnten wir uns auch mit geschlossenen Augen sehr gut vorstellen, warum diese kapitalistischen Geschäftsleute die Zinsen auf 20 Millionen für drei Tage so außerordentlich wichtig nahmen und schätzten. Zu jener Zeit betrug der variable Zinssatz 14 Prozent, für drei Tage machte das mehrere 10.000 Dollar aus. Wären wir Kollegen vom Festland gewesen, hätte das niemanden gekümmert. Der Scheck wäre einfach mit nach Hause genommen worden. Da gab es überhaupt kein Bewusstsein für so etwas! Das war meine allererste Lektion in Hongkong. Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich damals völlig ahnungslos war und von nichts eine Ahnung hatte. Ich bin erst vor etwas mehr als fünf Jahren zum ersten Mal mit wirtschaftlicher Arbeit in Berührung gekommen. Aber gleich zu Beginn entdeckte ich: Die wirtschaftliche Arbeit in China hat wirklich sehr, sehr viele Probleme! Die China Merchants Group hat zahlreiche Tochtergesellschaften. Als ich eine Überprüfung durchführte, stellte ich fest, dass Schecks über Nacht zu Hause aufbewahrt wurden, und das kümmerte absolut niemanden, das war völlig normal. Sehr schnell tauschte ich den verantwortlichen Finanzmann aus und holte einen Absolventen der Ostchinesischen Finanzuniversität. Ich erklärte ihm ausführlich diese Prinzipien und Zusammenhänge, und innerhalb nur einer Woche konnte er es vollständig akzeptieren und verstehen. Er sagte, dass Finanzmanagement hier in Hongkong und Finanzmanagement auf dem Festland zwei völlig verschiedene Dinge seien. Er begann sofort mit umfassenden Ordnungsmaßnahmen. Nach dieser grundlegenden Neuordnung begannen die finanziellen Mittel reichlich zu fließen und hereinzuströmen. ... Dieses Sprichwort ‘Zeit ist Geld’ ist wirklich nicht ohne tieferen Grund und Sinn. Jetzt beschimpfen mich viele Leute deswegen, aber tatsächlich ist dieser Satz überhaupt nicht meine eigene Erfindung oder Kreation. China hat schon sehr früh gesagt: ‘Eine Stunde Zeit ist ein Stück Gold’ - das ist noch viel drastischer formuliert als bei mir, denn es besagt, dass Zeit wertvoller und wichtiger ist als Geld!“
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Als die China Merchants Group endlich auf dem richtigen Kurs war und gut lief, begann Yuan Geng bereits über die nächsten Schritte der weiteren Entwicklung und Expansion nachzudenken. Anfang 1979 reiste er zusammen mit relevanten Kollegen und Mitarbeitern mit detaillierten Plänen für die Entwicklung der Industriezone in Shekou nach Peking, um den leitenden Genossen Li Xiannian und Gu Mu persönlich Bericht zu erstatten. Diese zeigten großes Interesse an dem Projekt und stimmten zu, die gesamte Nanshan-Halbinsel der Industriezone zuzuteilen. Aber Yuan Geng hatte nicht den Mut, ein so großes Gebiet zu übernehmen, er wollte nur bescheidene 2,14 Quadratkilometer. Als der Genosse Li Xiannian seinen Füller in die Hand nahm, um auf ihrem Bericht seine Unterschrift zu leisten, sagte Yuan Geng innerlich still zu sich selbst: „Genosse Xiannian, bitte unterschreiben Sie! Mit diesem einen Federstrich, den Sie jetzt setzen, werden Sie den Kindern und Kindeskindern, den zukünftigen Generationen der chinesischen Nation, großen Segen und Wohlstand bringen!“
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Zwölfter Teil: Frische, Lebendigkeit und neue Vitalität
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Im August 1984 wurde die allererste Ausstellung für Kalligraphie und Malerei der Shekou-Industriezone mit großem Erfolg eröffnet. Als die Besucher die geräumige Ausstellungshalle betraten, sahen sie unmittelbar vor sich einen kunstvoll gestalteten Paravent-Wandschirm. Genau in der Mitte hing ein Werk in schwungvoller Grasschrift-Kalligraphie, dessen kraftvolle und fließende Pinselführung sofort die Aufmerksamkeit auf sich zog. Wenn man dann den tatsächlichen Inhalt genauer betrachtete, war dieser noch außergewöhnlicher und beeindruckender in seinem Geist und seiner Großartigkeit. Dies war ein Werk des vielseitig talentierten und künstlerisch begabten Yuan Geng. Ich konnte einfach nicht widerstehen, zog mein Notizbuch hervor und schrieb den gesamten Text sorgfältig ab.
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Den Mikrowellenturm besteigen
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Oben auf dem Mikrowellenturm, nach dem ersten Aufklaren des Himmels, taucht das Wasser den gesamten Himmel in reines, klares Blau. Der Blick schweift in die Ferne, das gesamte Universum erscheint klein, die ausgestreckte Hand könnte die Milchstraße greifen und pflücken. Adler gleiten über schwebende Wolken hinweg, Möwen wenden sich in wütenden, schäumenden Wellen, was gibt es da zu fürchten vor Wind und donnerndem Unwetter? Den Himmel hochheben, die Erde enthüllen - so zeigt sich der wahre Mut und die Einsicht echter Männer. Der Wutong-Berg grüßt ehrfurchtsvoll die umliegenden Gipfel, sie erscheinen wie spielende Drachen, die direkt nach Tuen Mun im Nordwesten rollen. Der rauschende, tosende Perlfluss strömt südwärts ins weite Meer, bespritzt und übergießt die Lingding-Bucht mit lebendigen Frühlingsfarben. Fabrikhallen reihen sich dicht wie Fischschuppen aneinander, Segelmasten stehen in Reihen aufgestellt, als hätte die göttliche Schlange mächtige Flügel erhalten. China erhebt sich und steigt empor, Helden und außergewöhnliche Talente treten in großer Zahl hervor.
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Die Zeit war Jiazi im zyklischen Kalender, die Saison entsprach dem Qingming-Fest. Nach dem Besuch des Marktes bestieg ich den Shekou-Mikrowellenturm und empfand ein Gefühl tiefer Frische und Erneuerung. Als die Inspiration kam, füllte ich spontan die klassische lyrische Form [Nian Nu Jiao]. Ob die metrischen Regeln und Gesetze korrekt eingehalten sind, darum kümmere ich mich nicht besonders, wichtig ist mir der Sinn und die Bedeutung.
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Yuan Geng aus Bao’an
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Ich schenkte besondere Aufmerksamkeit den vier Schriftzeichen „Gefühl tiefer Frische“. Yuan Geng hatte auch in seinem Brief an Liu Da, den Präsidenten der renommierten Tsinghua-Universität, geschrieben:
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„Jedes Mal, wenn ich den Mikrowellenturm besteige, habe ich dieses Gefühl von Frische und Erneuerung.“ Man kann deutlich erkennen, dass der Ausdruck „Gefühl der Frische“ keineswegs zufällig oder beliebig gewählt war. Ich teile diese Empfindung vollständig. Nach mehr als fünf Jahren intensiven Aufbaus und sorgfältiger Entwicklung ist Shekou zu einer neu geschaffenen, modernen Hafenstadt herangewachsen und gereift. Die Industriezone hat natürlich die Industrie als ihre Hauptaufgabe und ihren Schwerpunkt. Von den 98 eingeführten Projekten haben bereits 25 den Betrieb aufgenommen und produzieren aktiv. Dutzende von Fabriken, mehrere 100 Wohngebäude, elegante Gartenvillen am Strand - all dies ist auf dem einst öden, verlassenen Küstenstreifen wie aus dem Boden emporgestiegen. „Fabrikhallen reihen sich dicht wie Fischschuppen, Segelmasten stehen in Reihen“ - das ist eine völlig realistische Beschreibung ohne auch nur die geringste Übertreibung oder poetische Ausschmückung. Das siebenstöckige Verwaltungsgebäude des Verwaltungskomitees der Industriezone grenzt unmittelbar an den Wuwan-Hafen. Zahlreiche ausländische Ölgesellschaften und große Finanzkonzerne haben hier ihre Repräsentanzbüros eingerichtet. Schnelle Tragflügelboote verkehren regelmäßig zwischen Shekou und Hongkong hin und her. Vor dem Eingang des Gebäudes sprudelt und spritzt ein löwenzahnförmiger, runder Springbrunnen wie fliegende Perlen und sprühende Jade. Hinter dem Gebäude, auf dem Gipfel des Hügels, steht das eingeführte Mikrowellen-Kommunikationsgebäude, das dem fortgeschrittenen technischen Niveau der 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts entspricht. Wenn man diesen Turm besteigt und in alle vier Himmelsrichtungen blickt, kann man die gesamte Industriezone mit einem Blick erfassen und überblicken. Kein Wunder, dass dies einer von Yuan Gengs absoluten Lieblingsorten ist, den er besonders schätzt.
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In der Mitte der Küstenlinie der Wuwan-Bucht liegt vor Anker das prächtige Minghua-Schiff. Auf diesem Schiff hat der Genosse Deng Xiaoping persönlich mit seiner eigenen Kalligraphie die vier Schriftzeichen „Welt der Meere“ geschrieben und dem Schiff verliehen. Dieser luxuriöse und prachtvolle große Passagierdampfer wurde im Jahr 1962 in Frankreich gebaut. Später wurde er von der Kanton-Hochsee-Reederei erworben und gekauft. Während 21 Jahren kreuzte und reiste er unermüdlich über die Weltmeere, besuchte Dutzende von Hafenstädten in verschiedensten Ländern. Jetzt ist er außer Dienst gestellt und in den Ruhestand getreten, und das alte, aber gleichzeitig ewig junge Shekou ist zu seinem endgültigen Bestimmungsort und seiner Heimat geworden. Obwohl es nicht mehr auf den Meeren fährt und navigiert, hat es nichts von seiner eleganten Ausstrahlung und Anmut verloren. Mit seinen komfortablen Gästezimmern, exzellenten Restaurants, eleganten Tanzsälen, vielfältigen Geschäften und unterhaltsamen Vergnügungsparks zieht es Tausende und Abertausende von Besuchern und Touristen an. Wenn die Nacht hereinbricht, erstrahlt es in hellem Licht, Feuerwerk steigt in den Himmel empor - es gleicht wahrhaftig einem prächtigen Palast auf dem Meer. Als Yuan Geng im vergangenen Jahr die Entscheidung traf, drei Mio. Yuan für den Kauf dieses Schiffes auszugeben, erhob sich eine Welle von Widerstand und ablehnenden Stimmen. Jetzt jedoch beweisen die Tatsachen und die Realität eindeutig, dass es Shekou eine außergewöhnliche und einzigartige Attraktion hinzugefügt hat. Wieder einmal lag Yuan Geng richtig.
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Am Abend gehe ich gerne am Meerufer spazieren und lasse meine Gedanken schweifen. Ich setze mich auf die Brüstung aus poliertem Granit, betrachte die leuchtenden Lichter auf beiden Ufern, lausche dem Rauschen der unzähligen Wellen. Geschichte und Gegenwart kreuzen sich in meinem Kopf, überlagern und verschmelzen miteinander wie übereinandergelegte Bilder. Mein Herz ist ebenso unruhig und bewegt wie das große, weite Meer vor mir. Nicht weit westlich von hier befindet sich das berühmte Lingding-Meer, die Mündung des mächtigen Perlflusses. Die Stimme des großen Patrioten Wen Tianxiang, der bitter seine schmerzlichen Verse „Im Lingding-Meer klage ich über mein einsames, verlassenes Schicksal“ rezitierte, und die Stimme von Lu Xiufu, der mit dem jungen Song-Kaiser auf dem Rücken entschlossen ins tosende Meer sprang, scheinen aus der tiefen historischen Vergangenheit zu mir herüberzuklingen. Die alte, von Rost überzogene Kanone auf der linken Festung der Chiwan-Küste ist ein noch deutlicheres, greifbareres Zeugnis dieser bewegten Geschichte. Vor 144 Jahren feuerte sie mutig und tapfer ihre Geschosse gegen die übermächtige Flotte des britischen Empire ab, das sich für unbesiegbar hielt. Damit öffnete sie den Vorhang und läutete den Beginn des verheerenden Opiumkrieges ein. Aber obwohl diese Kanone den Hochmut und die Arroganz der Piratenschiffe treffen und dämpfen konnte, vermochte sie doch nicht die tiefe Fäulnis und Verrottung der Qing-Dynastie wegzuschießen. Sie wurde zusammen mit dem großen Patrioten Lin Zexu verraten und im Stich gelassen. Blumen öffnen ihre Blüten und verwelken wieder, die Gezeiten steigen und fallen in ihrem ewigen Rhythmus. 100 Jahre vergingen Schritt für Schritt, bis endlich das revolutionäre und alles umwälzende Jahr 1949 anbrach. Der Kommandeur des Artillerieregiments der Chinesischen Volksbefreiungsarmee, Yuan Geng, befehligte seine tapferen Artilleriesoldaten, erschütterte und erschreckte die feindlichen Truppen zutiefst, befreite mit einem entscheidenden Schlag dieses kostbare Stück Land und die Dazhan-Insel im Lingding-Meer. Aber wer hätte je gedacht oder auch nur geahnt, dass 30 Jahre historischer Umwege, Irrwege und vergeudeter Zeit diesem herrlichen Land mit seinen großartigen Bergen und Flüssen nicht gerecht werden würden. Einige junge Menschen verloren ihr Vertrauen und ihren Glauben an das Vaterland. In finsteren, mondlosen Nächten, wenn starker Wind wehte, kamen sie heimlich an diesen öden, verlassenen Strand, stiegen hier ins Wasser und versuchten verzweifelt, zu den verlockenden Lichtern Hongkongs auf der gegenüberliegenden Seite hinüberzuschwimmen. Wie viele von ihnen ertranken auf halbem Weg in den tückischen Strömungen! Die steigenden Gezeiten schoben ihre leblosen Körper und Leichen wieder zurück an genau den Ort, von dem sie ursprünglich aufgebrochen waren. Als Yuan Geng vor fünf Jahren nach Shekou zurückkehrte und die Leichen dieser Unglücklichen und tragischen Opfer sah, war sein Schmerz und seine Trauer wahrhaftig unbeschreiblich und nicht in Worte zu fassen. Jetzt aber, nur fünf kurze Jahre später - was in der Geschichte kaum mehr als ein flüchtiger Augenblick ist -, steht die nächtliche Beleuchtung von Shekou der auf der gegenüberliegenden Seite in nichts nach. Man erzählt, dass Yuan Geng auf der anderen Seite im Auto gefahren ist und von dort aus die Nachtszene von Shekou betrachtete. Seine Freude und sein Glück waren dabei ebenso unbeschreiblich und jenseits aller Worte. Ich blickte auf die jungen Liebespaare, die flüsternd und sich unterhaltend auf den langen Bänken im Strandgarten saßen, ich beobachtete die fröhlich hüpfenden und springenden Kinder an der Seite ihrer jungen Eltern. In meinem Herzen sagte ich still und leise: Ich wünsche euch allen Segen und alles Gute, ihr glücklichen Menschen von Shekou!
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Dies sind die sichtbaren, greifbaren Zeichen und Manifestationen der Frische und Erneuerung. Aber was ist mit den unsichtbaren? Die Reformen des Wirtschaftssystems, des Personalsystems, des Lohnsystems, und die daraus resultierenden tiefgreifenden Veränderungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen und in den gesellschaftlichen Wertvorstellungen - diese Aspekte der Frische und Erneuerung im Bereich des Überbaus sind noch schöner, noch bewegender und berührender als die strahlenden Lichter der Nacht.
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Ach, das frische, lebendige, erneuerte Shekou!
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Dreizehnter Teil: Herzblut, Schweiß und Hingabe
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Das frische, lebendige und faszinierende Shekou wurde von mehreren tausend hart arbeitenden Menschen mit ihrem Herzblut, ihrem Schweiß und ihren eigenen Händen erschaffen und geformt. Unter all diesen engagierten Menschen hat Yuan Geng noch mehr Herzblut, noch mehr Energie und Lebenskraft hineingegossen. In der frühen Gründungsphase der Industriezone fungierte Zhang Zhensheng, der Generaldirektor der zur Hongkonger China Merchants Group gehörenden Hochseereederei, als Gesamtkommandeur des Projekts. Er setzte Yuan Gengs strategische Absichten und Visionen auf hervorragende Weise in die Praxis um, arbeitete hart und gründlich, Tag und Nacht unermüdlich, und hinterließ bei allen Beteiligten einen tiefen, bleibenden Eindruck. Nachdem er nach Hongkong zurückgekehrt war, übernahm Yuan Geng persönlich die hauptverantwortliche Führungsposition in der Industriezone. Er dachte sowohl über die großen strategischen Richtlinien und Grundsatzfragen nach, kümmerte sich aber auch um konkrete, praktische Probleme und Details. Bei der Behandlung und Lösung von Problemen nahm er stets eine strategische Perspektive aus großer Höhe ein, blickte weit voraus in die Zukunft. Er arbeitete jeden Tag mehr als zehn Stunden lang. Mittags lehnte er sich für einige wenige Minuten in seinem Rattansessel zurück, um sich kurz auszuruhen, und arbeitete dann sofort weiter. Abends blieb er häufig bis tief in die Nacht hinein im Büro.
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Unter den ersten Fabriken, die in die Industriezone eingeführt wurden, befand sich das Huamei-Stahlwerk, ein Joint-Venture-Unternehmen zwischen der China Merchants Group und einem Hongkonger Partner. Dieser Geschäftsmann mit dem Familiennamen Shi war ursprünglich ein Spekulant, der mit Grundstücken und Aktien handelte, und hatte eigentlich überhaupt kein wirkliches Interesse daran, eine Fabrik zu betreiben. Ein befreundeter Überseechinese, den Yuan Geng während seiner Arbeitszeit in Indonesien kennengelernt hatte, untersuchte im Auftrag von Herrn Shi die Stahltechnologie auf dem chinesischen Festland. Er kam zu dem Schluss, dass der Betrieb eines Walzstahlwerks in Shekou profitabel sein würde, und riet Herrn Shi nachdrücklich, in dieses Projekt zu investieren. Beide Seiten konnten davon profitieren, und so kamen sie schnell zu einer Einigung. Die eingeführte Ausrüstung war nach den Standards des Festlandes sehr fortschrittlich, die Gesamtinvestition belief sich auf fast 100 Millionen Hongkong-Dollar.
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Im Frühjahr des Jahres 1984 fand eine gemeinsame Sitzung der Aktionäre des Stahlwerks und des Verwaltungskomitees der Industriezone statt, um über betriebliche Probleme und Herausforderungen zu diskutieren. Die Hafengesellschaft brachte einen seit Langem ungelösten Fall zur Sprache: Zu Beginn des Fabrikbaus hatte die Fabrikseite mehr als dreitausend Tonnen Stahl und Eisen im offenen Freilager des Wuwan-Hafens gelagert, und das bereits seit über sieben Monaten. Die Hafengesellschaft wollte nun 600.000 Hongkong-Dollar an Lagergebühren nachfordern, aber die Fabrikseite weigerte sich standhaft, diese Zahlung zu leisten. Der Fall blieb ungelöst.
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Als dieses Problem auf den Tisch kam, wurde die Atmosphäre im Raum sofort angespannt und gespannt. Herr Shi wurde sehr aufgeregt und emotional, rief sowohl den Finanzmanager als auch den leitenden Chefingenieur herbei und begann intensiv um den Preis zu feilschen und zu verhandeln. Sie argumentierten, dass die Fabrik über keinen eigenen Lagerplatz verfüge, deshalb hätten sie die Waren nicht abholen können, und das könne man ihnen nicht zur Last legen. Yuan Geng schlug vor, gemeinsam zur Fabrik zu fahren und sich die Situation vor Ort anzusehen. Tatsächlich gab es keinen Lagerplatz, aber das war eindeutig das Ergebnis schlechter Betriebsführung und mangelhaften Managements. Durch eine gründliche Neuordnung könnte durchaus Lagerplatz freigeräumt und geschaffen werden.
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Herr Shi erkannte, dass seine Position schwach war und er im Unrecht lag, und bot an, die Hälfte der Lagergebühren zu zahlen. Das Problem war noch nicht gelöst, und es war bereits Zeit für das Mittagessen. Yuan Geng sagte, dass sie am Nachmittag weiter diskutieren würden. Nach dem Mittagessen, in der kurzen Zeitspanne, entschied Yuan Geng entschlossen und zügig, überzeugte die Leute unserer Seite durch intensive Überzeugungsarbeit, erklärte ihnen nachdrücklich und eindringlich, wie schwierig es sei, Herrn Shi als Investor für den Bau einer Fabrik zu gewinnen, man müsse aus größerer und weitreichenderer Perspektive die Dinge betrachten und bereit sein, Zugeständnisse zu machen. Als die Nachmittagssitzung begann, sagte Herr Shi bereits ungeduldig und mit sichtlicher Verärgerung: „Direktor Yuan, treffen Sie endlich eine Entscheidung! Die Fabrik gehört schließlich auch der Investmentgesellschaft Zhaoshangju zu einem nicht unerheblichen Teil!“ Yuan Geng antwortete bedächtig und ohne jede Eile in seiner Stimme: „In dieser Angelegenheit und bei dieser Sachlage tragen meiner Ansicht nach beide Seiten eine gewisse Verantwortung. Der Stahl gehört zweifellos der Fabrik, wie kann es dann sein, dass die Fabrik ihn über einen derart langen Zeitraum hinweg am Hafen lagern lässt und dort liegen bleibt? Die Fabrik verfügt über keinen eigenen Lagerplatz, und das liegt eindeutig an einer chaotischen und unorganisierten Betriebsführung und Verwaltung. Aber auch die Hafengesellschaft verhält sich nicht korrekt und angemessen. Warum habt ihr nicht nachdrücklich darauf gedrängt, dass der Warenbesitzer seine Fracht abholt, und stattdessen zugelassen, dass dieser Stahl über einen derart langen Zeitraum dort herumliegt und den wertvollen Platz blockiert? Glaubt ihr etwa, es genügt, solange man Lagergebühren kassieren kann und damit Einnahmen erzielt? Ihr solltet vielmehr das Gesamtinteresse der gesamten Industriezone im Blick haben und gründlich darüber nachdenken, wie man auf diese Weise die Produktion fördern und voranbringen kann. Da ein solches Problem zum allerersten Mal auftritt und wir noch keine vergleichbaren Erfahrungen haben, lautet meine persönliche Meinung und mein Vorschlag: Dieses eine Mal werden wir die Lagergebühren erlassen und darauf verzichten, aber es darf kein nächstes Mal geben, das muss absolut klar sein. Die Fabrik muss sich jedoch verpflichten, diesen gesamten Stahl so schnell wie nur irgend möglich von dort abzutransportieren und wegzuschaffen.“ Diese völlig unerwartete und überraschende Art und Weise, das Problem zu lösen, rührte den etwas über 30 Jahre alten Herrn Shi zutiefst und bewegte ihn sehr. Er erhob sich spontan von seinem Stuhl und sagte mit aufrichtiger Dankbarkeit: „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Herr Yuan! Ich bin sowohl mit dem Mund als auch mit dem Herzen völlig überzeugt und einverstanden! Die Fabrik nimmt diese berechtigte Kritik selbstverständlich an und wird den gesamten Stahl innerhalb einer festgelegten Frist abtransportieren.“ In der Folgezeit steigerte sich Herrn Shis Engagement und seine Begeisterung für die Zusammenarbeit enorm, und die Kooperation zwischen beiden Seiten verlief fortan durchgehend sehr gut und harmonisch. Eine wirklich gute, attraktive und zuverlässige Investitionsumgebung zu schaffen und zu gewährleisten, dass die Investoren tatsächlich profitable Geschäfte machen können und Gewinn erzielen, nur so kann man weiteres ausländisches Kapital anziehen und anwerben – dies war durchgehend und konsequent einer der wichtigsten Leitgedanken von Yuan Geng. 1982, bei der feierlichen Eröffnungszeremonie der Shekou-Filiale der Nanyang Commercial Bank, verkündete Yuan Geng vor allen Anwesenden eine Halbierung der Verlade- und Entladegebühren, was einen wahren Sturm an begeistertem und anhaltendem Applaus auslöste. Damals verstanden einige Genossen diese Entscheidung noch nicht und konnten ihre Bedeutung nicht richtig einschätzen, aber später bewiesen die Tatsachen und die praktischen Ergebnisse eindeutig Yuan Gengs strategischen Weitblick und seine visionäre Planung. Diese gezielte Maßnahme spielte eine hervorragende und äußerst positive Rolle bei der Anwerbung ausländischen Kapitals.
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Bei der feierlichen Eröffnungszeremonie der japanischen Firma Sanyo (Shekou) sagte Yuan Geng mit viel Humor und Charme zu den anwesenden Gästen: „Meine sehr verehrten Herren, wir hoffen aufrichtig und wünschen uns von Herzen, dass Sie hier gutes Geld verdienen. Ihr Geldverdienen und Ihr geschäftlicher Erfolg sind gleichbedeutend mit unserem eigenen Sieg und Triumph.“
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Das bedeutet selbstverständlich keineswegs und in keiner Weise, dass wir selbst nicht auch Geld verdienen wollen und auf eigene Gewinne verzichten. Yuan Geng sagte auch zu den Geschäftsführern und leitenden Managern der westlichen Ölgesellschaften mit der gleichen Offenheit und Direktheit: „Meine sehr geschätzten Herren, ich habe fest vor, Geld aus Ihren wohlgefüllten Taschen herauszuholen und für uns zu gewinnen. Ob es mir tatsächlich gelingen wird, dieses Geld herauszuholen, das hängt ganz allein von meinem persönlichen Können, meinen Fähigkeiten und meinem Geschick ab.“ Auf diese außerordentlich offenen, direkten und unverblümten Worte reagierten die Geschäftsführer und Manager stets mit spontanem und anerkennendem Applaus. Doch zu glauben oder anzunehmen, dass Yuan Geng die grundlegenden sozialistischen Prinzipien missachtet oder die legitimen Interessen der Arbeiter und Werktätigen ignoriert, wäre ein fundamentaler Irrtum. In den wirklich grundlegenden und wesentlichen Fragen und Angelegenheiten war Yuan Geng absolut standhaft, kompromisslos und unerschütterlich.
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Im Mai des Jahres 1983 ereignete sich in der Kaida-Spielzeugfabrik, die allein und ausschließlich von der Hongkonger Firma Kaida Industry Limited mit ausländischem Kapital betrieben wurde, ein aufsehenerregender Vorfall und Zwischenfall, der die gesamte Industriezone erschütterte und in heftige Diskussionen versetzte.
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Bereits seit einer ganzen Weile hatte diese Fabrik, um exzessiven Übergewinn und maximalen Profit zu erzielen und zu jagen, die Arbeiter systematisch dazu gezwungen, übermäßige Überstunden zu leisten, manchmal bis vier Uhr morgens, ja sogar bis sechs Uhr morgens in der Frühe, wobei ein einzelner Arbeiter faktisch die Arbeit von zwei Arbeitern erledigen musste. Zahlreiche Arbeiter brachen völlig erschöpft und ausgelaugt zusammen und sanken zu Boden, die Krankheitsrate unter den Arbeitern stieg dramatisch und alarmierend an. Wer sich weigerte, Überstunden zu leisten, dem drohte umgehend die Entlassung. Die Kaida-Fabrik wurde zum zentralen Brennpunkt und zum Hauptgesprächsthema der Menschen in der gesamten Industriezone.
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Ende Mai fand der erste Jugendverbandskongress der Industriezone statt, und die Kaida-Fabrikarbeiterin Zheng Yanping war als Delegierte des Jugendverbands gewählt worden. Doch genau zu dieser Zeit bereitete sich die Fabrik intensiv auf die Verkaufshochsaison zum bevorstehenden Kindertag am ersten Juni vor, hatte eine enorme Menge an Bestellungen angenommen und arbeitete verzweifelt und fieberhaft daran, die Produktion zu schaffen. Obwohl der Jugendverbandskongress abends stattfand und somit die normale Arbeitszeit überhaupt nicht beeinträchtigte oder störte, verbot die Fabrikleitung Zheng Yanping dennoch kategorisch, an der wichtigen Versammlung teilzunehmen. Zheng Yanping, die normalerweise und für gewöhnlich qualitativ hochwertige Arbeit leistete, sehr effizient arbeitete und äußerst selten Fehler machte, wurde dennoch von der Fabrikleitung völlig grundlos und ohne jede Rechtfertigung von der Arbeit suspendiert, mit der absurden Anschuldigung und dem konstruierten Vorwurf der „Verweigerung von Überstunden“.
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Die Arbeiter waren zutiefst empört und in heller Aufregung! Shekou ist schließlich und letztendlich sozialistisches Territorium und sozialistischer Boden, wie kann man es dulden und zulassen, dass Kapitalisten hier nach Belieben schalten und walten und tun, was ihnen gefällt!
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Der Jugendverband kann und darf sich nicht in die internen Angelegenheiten der Fabrik einmischen, aber die Gewerkschaft kann es sehr wohl und hat diese Befugnis.
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Die Kaida-Fabrik war eine der Fabriken, die relativ früh in der Industriezone investiert hatte, und mit ihrer großen Belegschaft eine der bedeutendsten und größten Fabriken. Zu jener Zeit beschäftigte sie mehr als 1200 Arbeiter und machte damit ein volles Drittel der gesamten Arbeiterschaft der Industriezone aus. Als die Gewerkschaft aufgebaut und etabliert wurde, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungskomitees Xiong Bingquan mit großem Nachdruck: „Wenn die Gewerkschaft der Kaida-Fabrik nicht richtig aufgebaut werden kann und funktioniert, dann ist das gleichbedeutend damit, dass die Gewerkschaftsarbeit in der gesamten Industriezone gescheitert ist!“ Die Fabrikgewerkschaft wurde schließlich erfolgreich aufgebaut und etabliert, und die stellvertretende Sekretärin des Jugendkomitees der Industriezone, Duanmu Mo, wurde zur Vorsitzenden der Gewerkschaft ernannt und übernahm diese wichtige Position zusätzlich. Dieses junge Mädchen aus Lianyungang in der Provinz Jiangsu, die eine Brille trug, war, obwohl sie erst 23 Jahre alt war, bereits seit drei vollen Jahren als hauptamtliche Funktionärin in der Jugendarbeit tätig, und in Fragen der grundlegenden Prinzipien war sie absolut kompromisslos und unnachgiebig. Im vergangenen Jahr hatte die Kaida-Fabrik rechtswidrig und illegal die Wohnheime der Arbeiter durchsucht. Sie hatte damals der Führung der Industriezone einen detaillierten Untersuchungsbericht vorgelegt. Zu jenem Zeitpunkt hatte die Investmentgesellschaft Zhaoshangju aus Rücksicht auf die Gesamtsituation und das große Ganze beschlossen, diese Angelegenheit nicht zu einem großen Skandal werden zu lassen, und die Sache in aller Ruhe und Besonnenheit geklärt und gelöst. Jetzt meldete Duanmu Mo die aktuelle Situation erneut zeitnah und umgehend über die verschiedenen Hierarchieebenen hinweg an die Führung der Industriezone.
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Der ausführliche Bericht erreichte schließlich Yuan Gengs Schreibtisch und landete in seinen Händen. Yuan Geng hatte Zheng Yanping persönlich nie gesehen oder getroffen, aber er hatte bereits vor drei Jahren direkten Kontakt mit den Arbeiterinnen der Kaida-Fabrik gehabt, und in jüngster Zeit kümmerte er sich besonders intensiv um ihre aktuelle Situation und ihr Wohlergehen. Er hegte für sie tiefe Gefühle, wie ein Vater sie für seine Töchter empfindet.
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Im Jahr 1981 kam Yuan Geng aus Hongkong herüber nach Shekou und hörte, dass die Arbeiterinnen der Kaida-Fabrik kein warmes Wasser zum Duschen hatten, keine Tische zum Briefeschreiben besaßen und ihre Briefe im engen Gang und Korridor schreiben mussten, und dass einige von ihnen aus tiefem Heimweh weinten und Tränen vergossen. Unverzüglich und ohne zu zögern ging er zusammen mit dem stellvertretenden Kommandeur Liu Qinglin und dem Büroleiter Yu Weiping in die Wohnheime, um die Arbeiterinnen zu besuchen und sich persönlich ein Bild zu machen. Er führte herzliche Gespräche mit den Arbeiterinnen, tröstete sie einfühlsam und liebevoll, versprach ihnen fest und verbindlich, dass innerhalb von nur drei Tagen ihre Schwierigkeiten definitiv gelöst werden würden. Beim Abschied streckte er seinen kleinen Finger aus und sagte mit einem warmen Lächeln: „Glaubt ihr mir und meinen Worten? Wollt ihr nicht mit mir die Finger verhaken und einen Schwur ablegen?“ Die jungen Mädchen hätten niemals damit gerechnet und sich in ihren kühnsten Träumen nicht vorgestellt, dass der Hauptkommandeur und oberste Befehlshaber so außerordentlich freundlich, warmherzig und zugänglich sein könnte. Die dunklen Sorgenwolken auf ihren Gesichtern verschwanden wie auf einen Schlag vollständig und waren wie weggefegt, und sie lachten fröhlich und befreit: „Wir glauben Ihnen!“ „Wir vertrauen Ihnen völlig!“ Das war nicht einfach nur Vertrauen in Yuan Geng als Person und Individuum, sondern vielmehr Vertrauen in die Kommunistische Partei und in den Sozialismus! Doch nun behandelte die Fabrikleitung die Arbeiter auf eine derart grundlose, willkürliche und inakzeptable Weise, dass weiteres Nachgeben und Zugeständnisse einen Verrat an den fundamentalen Prinzipien bedeutet hätten. Tief bewegt und erregt schrieb er auf den Bericht seine klare Stellungnahme: „Überstunden müssen auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruhen. Man muss mit den Kapitalisten auf der Gegenseite ernst und mit allem Nachdruck reden und ihnen unmissverständlich klarmachen, dass ihr chaotisches und willkürliches Verhalten absolut nicht geduldet wird.“ Für die Arbeiter einzutreten und zu sprechen, Zheng Yanping wieder in ihre Arbeit einzusetzen, die legitimen Rechte und Interessen der Arbeiter in ausländisch finanzierten Einzelunternehmen konsequent zu schützen und zu verteidigen – all das gehörte zur unveräußerlichen und zwingenden Pflicht und Verantwortung der Gewerkschaft, von der sie sich nicht freimachen konnte.
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Gemäß dem Geist und der Intention seiner klaren Weisung ging Duanmu Mo tief und intensiv in die Wohnheime der Arbeiterinnen hinein und führte dort über einen längeren Zeitraum umfangreiche, gründliche und wiederholte Untersuchungen durch. Weil die Arbeiter ständig Überstunden leisteten, mussten die meisten Gespräche mit den Arbeitern erst nach Mitternacht geführt werden und zogen sich häufig bis ein oder zwei Uhr nachts hin. Einige Arbeiter fürchteten die Rache und Vergeltung des Chefs und wagten es nicht, in den Wohnheimen vor anderen Leuten offen zu sprechen, und klopften daher regelmäßig spät in der Nacht an ihre Tür. Nach mehr als einem ganzen Monat harter, intensiver und aufopferungsvoller Arbeit gelang es ihr schließlich, eine beträchtliche Menge an erstklassigem Quellenmaterial aus erster Hand zu sammeln und zusammenzutragen. Aus diesem Grund schrieb die Arbeitsgruppe der Gesamtgewerkschaft von Shenzhen einen Brief an das Parteikomitee der Industriezone, in dem sie die Genossin Duanmu Mo für ihre hohe Wachsamkeit, ihre starke organisatorische Disziplin, ihre gewissenhafte und verantwortungsvolle Arbeit sowie ihre aktive und proaktive Haltung lobte und ausdrücklich würdigte.
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Anschließend wurden unter der konkreten Anleitung und direkten Führung des Parteikomitees der Industriezone, der Zonengewerkschaft sowie der Gesamtgewerkschaft von Shenzhen und in enger, koordinierter Zusammenarbeit aller relevanten Abteilungen alle rechtswidrigen Handlungen und Vergehen der Fabrik über mehrere Jahre hinweg systematisch gesammelt und dokumentiert, einschließlich der im vergangenen Jahr durchgeführten illegalen Durchsuchung der Arbeiterwohnheime und der schwerwiegenden Verletzung grundlegender Menschenrechte sowie der Tatsache, dass die Fabrikleitung grenzenlose und unkontrollierte Überstunden anordnete, was der körperlichen Gesundheit der Arbeiter ernsthafte und gravierende Schäden zufügte. All diese Vorfälle und Fakten wurden vollständig zusammengetragen, sorgfältig zu einem umfassenden Dokument aufbereitet und der Fabrikleitung vorgelegt, mit der unmissverständlichen Forderung: Falls keine Korrektur der Fehler und des Fehlverhaltens erfolgt, würde man rechtliche Schritte einleiten und den Rechtsweg beschreiten, um eine Lösung zu erzwingen.
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Die Fabrikleitung verstand sehr genau und klar die möglichen Konsequenzen einer rechtlichen Auseinandersetzung. Wieder einmal war es das Wertgesetz und die ökonomische Logik, die ihre Wirkung entfalteten. Unter den vielfältigen und intensiven Bemühungen von allen Seiten sah sich der Fabrikbesitzer schließlich gezwungen und hatte keine andere Wahl, als zuzustimmen, Zheng Yanping wieder in ihre Arbeit einzusetzen, ihr den Lohn für die gesamte Zeit der Suspendierung nachzuzahlen, Überstunden nur noch auf freiwilliger Basis zuzulassen und die tägliche Überstundenzeit auf maximal zwei Stunden zu begrenzen und zu kontrollieren.
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Der Kampf war erfolgreich gewonnen worden. Die ursprünglich ganz gewöhnliche Arbeiterin Zheng Yanping wurde im Verlauf dieses Kampfes gestählt und geschult, entwickelte sich weiter und wurde schließlich zur stellvertretenden Vorsitzenden der Kaida-Fabrikgewerkschaft und zur Frauenkommissarin der Gewerkschaft der Industriezone ernannt. Duanmu Mo, die ursprünglich in Lianyungang zwei Jahre lang Englisch als Fachstudium studiert hatte, wurde inzwischen auf Empfehlung der Organisationsabteilung der Industriezone zur Aufnahmeprüfung der Shenzhen-Universität zugelassen und bestand diese erfolgreich, um dort in der Fortbildungsklasse für Kader am Fachbereich Unternehmensführung und Management zu studieren. Die schwere Last und große Verantwortung der Gewerkschaftsarbeit in der Kaida-Fabrik ruhte nun vollständig auf den Schultern von Zheng Yanping.
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Alle ausländischen Einzelunternehmen und Joint-Venture-Betriebe der Industriezone hatten diesen bedeutsamen Kampf miterlebt und beobachtet. Dieser Sieg im Kampf war die umfassende und entschiedene Gegenantwort unserer Seite auf die ganze Serie von schlechten und inakzeptablen Verhaltensweisen der Kaida-Fabrik seit ihrer Inbetriebnahme. Auch diejenigen Menschen, die an Shekou zweifelten und sich fragten: „Ist es nun am Ende sozialistisch oder kapitalistisch?“, konnten aus diesem Vorfall die notwendigen und eindeutigen Schlussfolgerungen ziehen.
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Vierzehnter Teil: Die Rosenstadt
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„Yuan Geng denkt über die großen Richtlinien und strategischen Planungen nach, und das schließt auch ein, dass er Rosen pflanzen lässt, um Shekou zu verschönern und attraktiver zu machen. Er bewilligte 100.000 Yuan als spezielles Sonderbudget und holte persönlich die beiden Liu aus Peking hierher.“ Der frühere Leiter des Büros der Industriezone und jetzige stellvertretende Büroleiter, Genosse Yu Weiping, erzählte mir dies in einem ausführlichen Gespräch. (Im April dieses Jahres wurde der jüngere Gu Liji zum Büroleiter ernannt, und er selbst wurde zum stellvertretenden Leiter – das ist ein lebendiges Beispiel für das Prinzip, dass man sowohl aufsteigen als auch absteigen kann.)
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Die beiden Lius sind alte und langjährige Freunde von Yuan Geng, Liu Yamin und Liu Danyi.
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Liu Danyi stammt aus Haimen in der Provinz Jiangsu, und seine Vorfahren waren berühmt und weithin bekannt für ihre Kunst, Blumen zu züchten und Bonsai-Pflanzen zu kultivieren, und trugen sogar den ehrenvollen Titel „Feld-Gelehrte höchsten Ranges“. Er selbst liebte und verehrte seit seiner frühesten Kindheit das Züchten von Blumen mit großer Leidenschaft. Nach seinem Beitritt zur Neuen Vierten Armee im Jahr 1940 hatte er keine Zeit und keine ruhige Muße mehr für das Züchten von Blumen. Während des „zehn Jahre währenden Chaos“ der Kulturrevolution wurde er kaltgestellt und an den Rand gedrängt, und erst in dieser Zeit konnte er seine alte Leidenschaft und sein geliebtes Hobby wieder aufleben lassen und fortsetzen. Die Blumen, die er züchtete, genossen in ganz Peking einen beachtlichen Ruf und hohes Ansehen. Liu Yamins Geschichte mit dem Blumenzüchten ist zeitlich kürzer, erst drei Jahre, aber durch sein intensives, konzentriertes und hingebungsvolles Studium und seine praktische Arbeit kann auch er als wirklicher Experte und Meister im Blumenzüchten bezeichnet werden. Beide sind Vorstandsmitglieder der Pekinger Monatsrosen-Gesellschaft und züchten jeweils mehrere hundert Stöcke von Monatsrosen in ihren Gärten.
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Der 67 Jahre alte Liu Yamin und der 64 Jahre alte Liu Danyi waren beide bereits im wohlverdienten Ruhestand. Sie waren beide sehr verantwortungsbewusste und zuverlässige Kader gewesen, bezogen ein ansehnliches Gehalt und hatten beide ein erfülltes und glückliches Familienleben. Eigentlich hätten sie in der Hauptstadt in Ruhe und Frieden das Glück des Familienlebens genießen sollen, aber Yuan Geng hatte es tatsächlich geschafft, sie zu „verführen“ und zu „überreden“, nach Shekou zu kommen.
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„Wären wir nicht von Yuan Geng persönlich eingeladen worden, wären wir niemals hergekommen,“ sagte der große, kräftige und gesund wirkende alte Liu Yamin mit Überzeugung.
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Liu Danyi empfahl Yuan Geng darüber hinaus auch einen jungen Mann, nämlich Long Quan, 36 Jahre alt, ebenfalls Vorstandsmitglied der Pekinger Monatsrosen-Gesellschaft. Yuan Geng schrieb persönlich einen Einladungsbrief und holte ihn her, wo er als Assistent der beiden Lius fungieren sollte. Long Quan ist ein Angehöriger der Tujia-Nationalität aus dem westlichen Hunan, ein Neffe des berühmten Schriftstellers Shen Congwen auf der mütterlichen Seite und ein Cousin des renommierten Malers Huang Yongyu. Sein Vater ist Professor an der Zentralen Minderheiten-Universität. Er wuchs bis zu seinem siebten Lebensjahr in seiner Heimat auf und kam erst dann zu seinen Eltern nach Peking. Weil er die Sprache nicht beherrschte und verstehen konnte, begann er erst im Alter von neun Jahren, die Grundschule zu besuchen. Er besuchte die Schule insgesamt neun Jahre lang, und gerade in dem Jahr, in dem er die Mittelschule abschloss, begann die „Große Proletarische Kulturrevolution“, und so wurde er Lehrling in der Pekinger Automobilfabrik. Die Roten Garden kamen in die Fabrik, um die „Vier Alten“ zu zerstören, zerschlugen alle Blumentöpfe der Fabrik vollständig, und rissen sogar daumendicke Dattelbäumchen aus dem Boden und dem Hof. Dieser schlichte, einfache und aufrichtige Tujia-Jugendliche konnte das alles unter keinen Umständen verstehen oder nachvollziehen. Er hatte tiefes Mitleid mit diesen Blumen, Pflanzen und kleinen Bäumchen. In der Nacht schlich er sich heimlich hinaus, brachte ein kleines Dattelbäumchen mit nach Hause, pflanzte es in seinem eigenen Hof und begann gleichzeitig, selbst Blumen zu züchten. Er hatte kein höheres oder abstraktes Ziel oder eine große Philosophie, er fühlte einfach nur instinktiv und aus tiefstem Herzen, dass man schöne und wertvolle Dinge lieben, schützen und bewahren sollte. Die Bergblumen seiner Heimat waren so wunderschön, warum sollte man sie nicht auch in Peking züchten können? Von diesem Zeitpunkt an knüpfte er eine unauflösliche und tiefe Verbindung mit Blumen.
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Später wurde er Kader in einer Druckerei für nationale Minderheiten, verwandte aber seine gesamte Freizeit ausschließlich auf das Züchten von Blumen, bis zu einem Grad der völligen Besessenheit und Faszination. Nach über zehn Jahren Wind und Regen war der Dattelbaum in seinem Hof längst zu einem großen Baum herangewachsen und trug reichlich Datteln. Die mehr als 400 Rosenstöcke, die er züchtete, erneuerte er Jahr für Jahr mit neuen Sorten, und sie erlangten Berühmtheit in ganz Peking. Obwohl er niemals eine Universität besucht hatte, lud ihn Professor Chen Junyu, der Leiter der Abteilung für Gartenbau an der Pekinger Forsthochschule, ein, Vorlesungen für seine Doktoranden zu halten. Im Mai 1983 fand in Peking die dritte Monatsrosen-Ausstellung statt, bei der über 400 verschiedene Sorten und mehr als 3.000 Töpfe ausgestellt wurden, darunter auch 20 Töpfe, die er zur Ausstellung geschickt hatte, jeder Topf eine eigene Sorte. Die westdeutsche Expertin Marianna kam zur Besichtigung, und er begleitete sie und gab Erklärungen, während ein stellvertretender Chefingenieur der Gartenbauabteilung persönlich als Dolmetscher fungierte. Als diese Expertin sah, dass er jung war, unauffällig und eher bäuerlich wirkte, wollte sie ihn absichtlich auf die Probe stellen und testete sein Wissen. Sie zeigte auf eine berühmte Blume und fragte ihn, welche Sorte das sei. Ohne auch nur einen Moment zu zögern antwortete er: „Das ist die Sorte ‘Star’ aus Ihrem Land, die weltweit drittbeste und berühmteste Sorte, und in den 1970er-Jahren war sie die allerbeste überhaupt.“ Die westdeutsche Expertin war außerordentlich überrascht und erstaunt. Tatsächlich konnte Long Quan nicht nur mehrere hundert verschiedene Sorten identifizieren und unterscheiden, sondern er kannte auch die Herkunft und die Legenden vieler Sorten, und wenn er darüber sprach, konnte er sie aufzählen wie Perlen an einer Schnur, fließend und mühelos.
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Am 6. Mai brachte er 600 Setzlinge mit sich und flog nach Kanton. Am selben Tag holte ihn das Auto der Industriezone ab und brachte ihn nach Shekou. Am 8. führte Yuan Geng ein persönliches Gespräch mit ihm und fragte ihn, ob er sich an das Leben hier anpassen könne. Er antwortete entschlossen: „Ich will ein Pionier sein und werde niemals ein Deserteur!“ Die Setzlinge, die er mitgebracht hatte, wiesen eine Erfolgsquote von über 90 Prozent auf. Am 17. Mai ließ Yuan Geng ihn zusammen mit Liu Danyi nach Peking zurückkehren, und einen Monat später kam er erneut zurück und brachte diesmal über 4.000 Setzlinge mit.
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Jetzt wohnen die drei Männer, alt und jung, zusammen in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit Wohnzimmer, die ihnen von der Industriezone zur Verfügung gestellt wurde. Im Wohnzimmer stehen nur einige wenige Rattanstühle und ein Schwarz-Weiß-Fernseher, und sie kochen und waschen alles selbst und erledigen die gesamte Hausarbeit eigenständig. Nach den Standards von Shekou kann man sagen, dass ihr Leben eher bescheiden und einfach ist. Aber sie sind zufrieden und finden ihr Glück in ihrer Arbeit. Jeden Morgen gehen die beiden alten Herren zu Fuß 20 Minuten lang zur Baumschule, arbeiten dort unter der brennenden und sengenden Sonne und leiten die Arbeiter beim Veredeln und Düngen an. Long Quan hingegen geht früh morgens weg und kommt spät am Abend zurück, verbringt den ganzen Tag in der Baumschule und arbeitet dort zusammen mit den Arbeitern.
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Ich bin ein völliger Laie, was das Züchten von Blumen angeht, aber als ich ihnen zuhörte, wie sie über ihre Erfahrungen mit Blumen sprachen, lernte ich enorm viel und profitierte außerordentlich. „Alle ausgezeichneten und hochwertigen Sorten werden durch Veredelung und Kreuzung gezüchtet und entwickelt,“ sagte der alte Liu Yamin zu mir. „Alle Blumen und Früchte degenerieren, wenn sie nicht veredelt werden. Nehmen Sie zum Beispiel Pfirsichbäume: Selbst wenn Sie die besten Pfirsiche haben und deren Kerne in die Erde pflanzen, wachsen daraus nur wilde Pfirsiche, die ungenießbar sind und nur als Unterlagen für Veredelungen verwendet werden können. Kreuzung erfordert künstliche Bestäubung und ist noch viel komplexer und aufwendiger.“
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In meinem Herzen dachte ich jedoch: Ist die Reform in Shekou nicht auch in gewissem Sinne eine Art von Veredelung und Kreuzung? Über viele Jahre hinweg haben wir uns abgeschottet und isoliert, dachten immer, unser eigenes System sei am reinsten und besten, als ob Marx nur an unserem Ofenbett-Rand säße und nur für uns da wäre. Und was war das Ergebnis? Das wissen alle. Kreuzung bringt Neues hervor – das ist wahrscheinlich ein universelles Gesetz, das auch für das Schreiben von Artikeln gilt. Man kann nicht ewig starr an alten Regeln festhalten.
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Long Quan ist jung und denkt noch umfassender und tiefer über viele Dinge nach. Er sagte, dass China bereits seit der Jin-Dynastie historische Aufzeichnungen über das Züchten von Monatsrosen hat. Im Ausland gab es ursprünglich nur gewöhnliche Rosen, aber keine Monatsrosen, die in allen vier Jahreszeiten blühen. Die Monatsrose wurde aus China in die Welt exportiert. Im Rosengarten von Napoleons Kaiserin Josephine gab es Monatsrosen, die aus China eingeführt worden waren. Nach dem Opiumkrieg verfiel mit der zunehmenden Schwäche des Landes auch die Zucht von Monatsrosen immer mehr. Heute haben die USA, Japan, Deutschland, Frankreich und andere Länder alle ihre eigenen Monatsrosen-Gesellschaften, aber wir in China haben noch keine nationale Gesellschaft, nur Städte wie Peking und Shanghai haben gerade erst begonnen, solche zu gründen. Andere Länder wollen mit uns Austausch betreiben, aber wir haben keine ausgezeichneten Sorten anzubieten. Die alten Sorten, für die sich Ausländer interessieren, wie Grüne Blüte, Eisengriff-Rot, Monatsrosen-Pfingstrose und Rosa Monatsrosen-Kugel, sind bereits äußerst schwer zu finden.
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„Was ist derzeit die beste Sorte der Welt?“ fragte ich mit großem Interesse.
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„Gelber Frieden ist die beste. Während des Zweiten Weltkriegs schnitt ein Franzose Zweige ab und schickte sie in die Vereinigten Staaten.“
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„Was sind deine Pläne und Ziele?“
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„Ich möchte, dass Monatsrosen in Shekou tiefe Wurzeln schlagen und gedeihen. Im Allgemeinen sind Monatsrosen nicht gut an zu heißes Klima angepasst, über 24 Grad Celsius blühen sie nicht gut. Jetzt ist Juli, und wie Sie sehen, sind die Blüten tatsächlich sehr klein. Ich möchte einige Forschungen durchführen, damit Shekou nicht nur zu einer Rosenstadt wird, sondern die Rosen auch in allen vier Jahreszeiten gut blühen können.“
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„Du arbeitest hier zwei Jahre. Hat deine Frau keine Einwände dagegen?“
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„Natürlich hat sie Einwände. Ich habe spät geheiratet, mein Kind ist erst drei Jahre alt. Als ich hierher kam, haben sie mich zum Flughafen gebracht. Als ich ins Flugzeug steigen wollte, rief das Kind ‘Papa’, und mir kamen fast die Tränen, ich wagte nicht, mich umzudrehen. Aber ich bereue es nicht. Um Shekou zu verschönern, ist ein persönliches Opfer absolut lohnenswert. Die beiden alten Genossen sind mein Vorbild und Beispiel.“ Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Manche Leute sagen, ich sei wegen der vier großen Konsumgüter und wegen des hohen Gehalts nach Shekou gekommen. Tatsächlich habe ich zu Hause bereits alle großen Konsumgüter, und ich wohne auch geräumig. Hier bekomme ich monatlich 200 Yuan, aber die Logistikabteilung der Luftwaffe hat mich eingeladen, dort Blumen zu züchten, und bot mir 250 Yuan pro Monat plus einen kleinen Dienstwagen. Ich bin auch dort nicht hingegangen. Ich bin jetzt schon über einen Monat hier, aber was die ‘Meereswelt’ ist, wo das Einkaufszentrum liegt – ich weiß nicht, wo das ist. Ich kenne nur den Weg von meinem Wohnheim zur Baumschule.“
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In der einfachen Bambushütte der Rosenbaumschule saß ich und hörte diesem sonnengebräunten, mageren Tujia-Jugendlichen zu, wie er mir sein Herz ausschüttete und seine innersten Gedanken mitteilte, und ich war zutiefst bewegt und gerührt. Überall unter dem Himmel gibt es duftende Gräser und schöne Dinge, aber in Shekou kann man überall und an jeder Ecke wunderschöne und edle Seelen und Herzen sehen. Genosse Yuan Geng, du bist wirklich außergewöhnlich und großartig! Du hast diese drei Menschen, die Blumen züchten, nach Shekou geholt, und sie züchten nicht nur Rosen, sondern sie kultivieren auch leuchtende und strahlende geistige Blumen. Die prächtigen, in voller Blüte stehenden Rosen, die du in England gesehen hast – wir werden sie mit Sicherheit auch haben.
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Fünfzehnter Teil: Der erregte und aufgewühlte Ingenieur
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Am 10. Juli veröffentlichte die Yangcheng-Abendzeitung auf der Titelseite an prominenter Stelle eine Nachricht der Nachrichtenagentur Xinhua mit der Überschrift „Das Shekou-Konzept“. Unter der Unterüberschrift „Wer Kader ist, muss neue Situationen schaffen und eröffnen“ stand eine Passage mit folgendem Wortlaut:
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Shekou hat eine sogenannte „Meereswelt“, bei der ein großes, außer Dienst gestelltes Touristenschiff fest an der Küste der Shenzhen-Bucht verankert und befestigt wurde und nun als Hotel und Vergnügungsort dient. Es heißt, dass ein derart außergewöhnliches und originelles Hotel auch weltweit äußerst selten ist. Der frühere Geschäftsführer dieser „Meereswelt“ war von korrektem Arbeitsstil, arbeitete hart und unermüdlich, wurde aber vor kurzem entlassen und seines Amtes enthoben. Der Grund war, dass er für die „Meereswelt“ keinen kreativen und innovativen Beitrag geleistet hat.
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„Ich stimme absolut nicht zu und akzeptiere nicht, dass ich keinen kreativen und innovativen Beitrag geleistet habe!“ Der frühere Geschäftsführer der „Meereswelt“, Ingenieur Wang Chaoliang, sagte dies zu mir in einem außerordentlich erregten und emotional aufgewühlten Zustand.
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Tatsächlich waren die meisten Meinungen und Kommentare, die ich zu hören bekam, sympathisch und mitfühlend gegenüber Wang Chaoliang. Die Leute sagten, er habe hart und unter schwierigen Bedingungen am Aufbau gearbeitet und einen wichtigen Beitrag zur möglichst frühen Eröffnung der „Meereswelt“ geleistet. Sie sagten, er habe nach nur 155 Tagen bereits begonnen, Gewinne zu erzielen, und ihn auszuwechseln sei völlig grundlos. Sie sagten, die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter des Minghua-Schiffs vermisse ihn, und wenn man eine Abstimmung durchführen würde, würde er mit Sicherheit eine überwältigende Mehrheit erhalten...
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„Ich bewundere Direktor Yuan sehr und zutiefst, und die Reform sowie die großen Errungenschaften in Shekou sind untrennbar mit ihm verbunden. Aber in der Angelegenheit des Minghua-Schiffs verstehe ich absolut nicht, warum er so gehandelt hat! Ich habe stets und ausnahmslos nach seinen Anweisungen gearbeitet. Wenn man sagt, ich hätte Fehler und Mängel, dann frage ich: Wer hat keine Fehler? Wer ist perfekt? Niemand!“
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Der 46 Jahre alte Wang Chaoliang ist nicht groß gewachsen, aber voller Energie und Tatkraft. Er spricht direkt, offen und unverblümt und verbirgt seine erregten Gefühle und Emotionen in keiner Weise. Ich hatte das Gefühl, dass ich ihn verstehen konnte, und ich hoffte aufrichtig, eine Freundschaft mit ihm aufbauen zu können. Er hatte 17 Jahre lang Flugzeuge konstruiert und entworfen, fünf Jahre lang Luftkissenboote entwickelt, seine großen Ambitionen und Träume waren noch nicht erfüllt, und er war mit enormen Hoffnungen nach Shekou gekommen. Er wollte in seinen besten Jahren etwas Großes schaffen und erreichen. Doch kaum hatte die Arbeit am Minghua-Schiff wirklich begonnen, wurde er bereits wieder ausgewechselt und abgelöst. Seine schmerzlichen und bitteren Gefühle kann man sich lebhaft vorstellen und nachempfinden.
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Er beruhigte sich allmählich und erzählte mir ausführlich von der Situation vor und nach der Eröffnung des Minghua-Schiffs.
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Wang Chaoliang wurde am 19. November 1983 vom Vorstand der „Meereswelt Aktiengesellschaft“ offiziell zum Geschäftsführer ernannt. Am 22. November wurde das Minghua-Schiff an seinen jetzigen Standort geschleppt, wo es auf Grund gesetzt wurde. Damals war der Strand noch nicht aufgefüllt und planiert, die Straße war noch nicht fertiggestellt, und um zum Schiff zu gelangen, musste man ein kleines Boot nehmen. Sowohl auf dem Schiff als auch an Land gab es eine enorme Menge an Arbeit zu erledigen. Am Abend des 1. Dezember beschloss der Vorstand, dass am 15. Januar 1984 eine Probe-Eröffnung und am 1. Februar eine offizielle Eröffnung stattfinden sollte.
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Yuan Geng kümmerte sich außerordentlich intensiv und mit größter Aufmerksamkeit um die Eröffnung des Minghua-Schiffs. Wenn er in Peking an Sitzungen teilnahm, fragte er jedes Mal, wenn er ein Ferngespräch führte, zwangsläufig nach dem Stand der Dinge beim Minghua-Schiff. Anfang Dezember kehrte er aus Peking zurück und sah, dass die Vorbereitungsarbeiten für die Eröffnung nicht besonders zufriedenstellend verliefen, und war außerordentlich besorgt und angespannt.
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Yuan Fuxing von der Organisationsabteilung des Verwaltungskomitees ging jeden Morgen ab fünf Uhr joggen, um sich körperlich fit zu halten. Am Morgen des 7. lief er gegen sechs Uhr in der Nähe des Minghua-Schiffs. Rundherum war keine Menschenseele zu sehen. Er sah nur Yuan Geng, der völlig allein am Strand stand, den Kragen seines Wollmantels hochgestellt, um sich gegen den schneidenden und eisigen Wind zu schützen, und schweigend und in tiefe Gedanken versunken auf das Minghua-Schiff starrte. Dieser Organisationskader, der Yuan Gengs Charakter und Persönlichkeit zutiefst verstand und kannte, wusste sofort, dass der Direktor mit dem Fortschritt der Arbeiten unzufrieden war. Er störte Yuan Geng nicht, sondern lief weiter entlang des Strands.
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Am selben Abend kam Yuan Geng erneut in die Nähe des Minghua-Schiffs und traf dort zufällig auf den Geschäftsführer Wang Chaoliang, den stellvertretenden Geschäftsführer Hu Zongli und die Sekretärin Yu Qi. „Wann beabsichtigt ihr, zu eröffnen?“ fragte Yuan Geng ohne Umschweife und direkt Wang Chaoliang. „Wir planen, am 1. Februar zu eröffnen,“ antwortete Wang Chaoliang. „Dann haben wir keine gemeinsame Sprache und können nicht miteinander reden!“ sagte Yuan Geng ohne Rücksicht auf Gesichtswahrung. „Er ist erst seit etwas über zwei Wochen im Amt...“ sagte die Sekretärin Yu Qi vorsichtig und behutsam. „Das ist mir völlig egal! Er ist der Geschäftsführer, also wende ich mich an ihn!“ Yuan Geng drehte sich mit einer entschiedenen Handbewegung um und ging verärgert weg, und die anderen Personen folgten ihm eilig und dicht hinter ihm her. Als sie den Eingang des Meeresblick-Restaurants erreichten, blieb Yuan Geng stehen und fuhr fort: „Wenn man arbeitet, muss man sein Herz und seine Seele hineinlegen, sich voll und ganz einsetzen und darf nicht herumtrödeln und schleppen. Ich alter Mann bin besorgt und angespannt, seid ihr es nicht?“ „Direktor Yuan, genau so arbeite ich,“ sagte Wang Chaoliang mit Würde und ohne Unterwürfigkeit. „Ich weiß sehr wohl, dass du hart und fleißig arbeitest. Aber eine Eröffnung im Februar ist viel zu spät, Genosse! Man muss nicht erst alles perfekt fertigstellen, bevor man eröffnet, man kann doch zuerst teilweise eröffnen. Heute ist der 7. Dezember, in acht Tagen, also am 15. Dezember, muss eine teilweise Eröffnung stattfinden, das ist absolut notwendig.“ „Wir werden es auf jeden Fall schaffen!“ Wang Chaoliang reagierte sofort und ohne zu zögern und überreichte gleichzeitig den vom stellvertretenden Geschäftsführer Hu Zongli entworfenen „Betriebsplan der Meereswelt Aktiengesellschaft“ (Diskussionsentwurf) mit beiden Händen respektvoll an Yuan Geng. Yuan Geng nahm das Dokument entgegen, und seine Haltung hatte sich bereits deutlich gemildert und beruhigt. Er wandte sich an die Sekretärin Yu Qi und sagte: „Xiao Yu, hältst du das durch und aus? Hat dein Vater dich jemals so angeschrien und kritisiert?“
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Yu Qi, deren Vater einst Leiter der Kulturabteilung einer Provinz gewesen war, hatte verschiedenste Temperamente von Führungskadern erlebt und kennengelernt und ließ sich nicht einschüchtern: „Es gibt nichts, was ich nicht aushalten könnte. Allerdings war mein Vater nie so heftig und streng.“
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In derselben Nacht blieb Yuan Geng fast die ganze Nacht wach und ohne Schlaf und prüfte sorgfältig und detailliert den „Betriebsplan“. Er schrieb direkt auf das Dokument mit großen, schwungvollen Schriftzügen eine lange und ausführliche Stellungnahme: „Dieser Bericht ist in seiner Analyse grundsätzlich wissenschaftlich und fundiert. Aber die Geschäftsführungs-Abteilung strebt immer nach Vollständigkeit und Perfektion und will erst eröffnen, wenn alles perfekt ist, deshalb wird die Eröffnung auf Februar nächsten Jahres (Frühlingsfest) verschoben. Ich persönlich bin der Meinung, dass man nicht warten sollte, bis alle Bedingungen vollständig erfüllt sind, bevor man mit dem Geschäftsbetrieb beginnt. Eine frühere Eröffnung ermöglicht schrittweise Verbesserungen und schrittweise Ausbildung und Training. Wenn man denkt, dass man erst eröffnen kann, wenn alles perfekt vorbereitet ist, dann wird es wahrscheinlich niemals möglich sein, zehnfache Perfektion zu erreichen. Wir müssen für das erste halbe Jahr mit Verlusten rechnen. Menschen brauchen einen gewissen Geist und eine innere Einstellung, den Erfolg oder Misserfolg des Unternehmens als persönlichen Erfolg oder Misserfolg zu betrachten, Herz und Seele hineinzulegen, sich voll und ganz einzusetzen, einen guten Betriebsstil zu pflegen und erstklassigen Service zu bieten. Selbst wenn man vorübergehend kein Geld verdient, ist das akzeptabel und erlaubt, denn niemand hat die Garantie, mit Sicherheit Geld zu verdienen. Aber eines glaube ich fest und unerschütterlich: Die Shekou-Industriezone braucht eine ‘Meereswelt’ wie das Minghua-Schiff. Landesweit gesehen verleiht dies Shekou eine besondere Farbe und Ausstrahlung. Ich vertraue den Führungskräften und sollte ihnen größere Autonomie gewähren, damit sie gemeinsam ihre kreative und innovative Kraft sowie ihren Verantwortungsgeist entwickeln und entfalten können. Lasst diese jungen Leute einen neuen Weg erkunden und finden, wir müssen sie unterstützen und dürfen nicht bei jedem Rückschlag kaltes Wasser auf sie gießen.
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Aber wenn sie manchmal angesichts von Schwierigkeiten ratlos sind oder nicht genügend Entschlossenheit und Mut aufbringen, um Schwierigkeiten zu überwinden, dann sollte man sie ermutigen und konstruktiv kritisieren.
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Das Minghua-Schiff liegt nun seit einem halben Monat hier, die Arbeit wird nicht energisch vorangetrieben, es fehlt jegliches Gefühl der Dringlichkeit, vor Ort herrscht eine kalte und träge Atmosphäre, der Fortschritt der Arbeiten sowohl auf dem Schiff als auch an Land ist langsam, die Leute machen sich gegenseitig Vorwürfe, die Personalabteilung ist bei der Rekrutierung nicht energisch genug, und der Vorstand befindet sich zeitweise in einem Zustand, in dem niemand Entscheidungen treffen kann...
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Bei den Bauarbeiten am Minghua-Schiff und der Gesamtarbeit fühle ich mich sehr unwohl und besorgt. Als ich mit den Leuten der Geschäftsführung sprach, zeigte ich emotionale Erregung, vielleicht konnten die jungen Leute das nicht gut vertragen, aber sie haben alle später zum Ausdruck gebracht, dass sie die Vorbereitungs-Arbeiten auf dem Schiff definitiv beschleunigen und so früh wie möglich eine teilweise Eröffnung anstreben werden...“
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Am nächsten Vormittag organisierte der Generaldirektor der Reederei der Investmentgesellschaft Zhaoshangju, Jiang Bo, gemäß Yuan Gengs Stellungnahme und Anweisung ein gemeinsames Koordinierungstreffen aller relevanten Abteilungen und konkretisierte die spezifischen Maßnahmen für die Eröffnung am 15. Dezember. Danach folgte eine Woche intensivster Arbeit Tag und Nacht ohne Unterbrechung.
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Am 15. Dezember hatte das Minghua-Schiff 50 Gästezimmer vorbereitet. Yuan Geng, Jiang Bo und Wang Jingui kamen an Bord, um die Vorbereitungen für die Eröffnung zu inspizieren, und äußerten ihre Zufriedenheit. Am 16. Dezember kamen die ersten Gäste an Bord und übernachteten dort. Am 23. Dezember gab der Vorstandsvorsitzende Wang Jingui im Tanzsaal des Minghua-Schiffs ein großes Bankett für die ausländischen Gäste und die Geschäftsleute aus Hongkong, die in der Industriezone tätig waren.
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Am 26. Januar 1984 kamen Deng Xiaoping und andere führende Genossen der zentralen Partei- und Staatsführung an Bord des Minghua-Schiffs, aßen dort zu Mittag und ruhten sich aus. Sie hörten sich Yuan Gengs ausführlichen Bericht an, und Genosse Deng Xiaoping schrieb fröhlich und mit großer Freude die vier Schriftzeichen „Meereswelt“. Von diesem Zeitpunkt an wurde das Minghua-Schiff weit und breit berühmt und bekannt.
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Wang Chaoliang gibt zu und räumt ein, dass das Minghua-Schiff ohne Yuan Gengs energisches und kompromissloses Drängen am 26. Januar nicht in der Lage gewesen wäre, Deng Xiaoping und die anderen Genossen zu empfangen. Er bewunderte zutiefst und von ganzem Herzen Yuan Gengs strategischen Weitblick und seine Fähigkeit, die Gesamtsituation zu überblicken. Yuan Geng wusste natürlich im Voraus nicht, dass Genosse Deng Xiaoping kommen würde, aber sein Gefühl der Dringlichkeit war absolut richtig und vollkommen angemessen. Dennoch ist Wang Chaoliang der festen Überzeugung, dass er Yuan Gengs Auftrag und Vertrauen nicht enttäuscht hat, und er fühlt sich nach wie vor ungerecht behandelt und zu Unrecht kritisiert. „Die Arbeit, die du jetzt für die Vorbereitung der Zweiten Zivilluftfahrtgesellschaft leistest, ist doch viel wichtiger als das Minghua-Schiff, nicht wahr? Das zeigt doch deutlich, dass Yuan Geng dir nach wie vor vertraut und dich schätzt.“ Die Zweite Zivilluftfahrtgesellschaft wurde von der Hongkonger Investmentgesellschaft Zhaoshangju und den Provinzen Fujian, Guangdong und Guangxi gemeinsam initiiert, und Wang Chaoliang nimmt als Vertreter der Zhaoshangju an den Vorbereitungsarbeiten teil. „Natürlich ist die Zweite Zivilluftfahrtgesellschaft, falls sie tatsächlich erfolgreich aufgebaut werden kann, um ein Vielfaches wichtiger als das Minghua-Schiff. Aber als man mir am 11. April mitteilte, dass meine Arbeit geändert wird und ich abgelöst werde, wurde mir nicht gesagt, dass ich diese Aufgabe übernehmen sollte. Wenn man mir das so gesagt hätte, hätte ich überhaupt keine Einwände gehabt. Diese Aufgabe wurde mir erst am 7. Mai übertragen.“
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„Ob man es ausspricht oder nicht, ist letztlich egal, jedenfalls hat man dich damit beauftragt. Was hat Yuan Geng damals zu dir gesagt?“ „Er sagte: ‘Nachdem deine Arbeit angepasst wurde, haben wir ständig darüber nachgedacht, welche neue Arbeit für dich geeignet wäre. Jetzt beauftragen wir dich mit der Vorbereitung der Zweiten Zivilluftfahrtgesellschaft. Wenn du bereit bist, diese Arbeit zu übernehmen, dann mach dich zunächst auf eine Reise.’“ „Er hat das Wort ‘Anpassung’ verwendet, das zeigt deutlich, dass es keine ‘Entlassung’ war, und schon gar keine ‘Absetzung’. Du solltest die Sache positiv sehen, eine großzügige und offene Haltung einnehmen und nicht ständig an solchen Dingen festhalten und grübeln.“ „Die Zweite Zivilluftfahrtgesellschaft wird jetzt hauptsächlich von der Zivilluftfahrtbehörde geleitet, und ich fürchte, dass daraus nichts werden wird. In letzter Zeit soll ich für die vierte Ausbildungsklasse für Unternehmensführungskader eine wichtige Rekrutierungsgruppe leiten, die in den Nordwesten und Südwesten des Landes reist.“ „Das zeigt umso mehr das große Vertrauen in dich. Geh mit Freude und Enthusiasmus daran, denk nicht mehr so viel über vergangene Dinge nach.“ Ich versuchte, ihn wie ein alter Freund zu beraten und zu ermutigen.
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Wang Chaoliang brach zu seiner Reise auf. Doch kritische Stimmen und negative Kommentare über den neuen Geschäftsführer des Minghua-Schiffs, Zheng Yi, erfüllten meine Ohren von allen Seiten und ließen mich nicht mehr los. Ich begann zu zweifeln: Hat Yuan Geng möglicherweise die falsche Person ausgewählt und eingesetzt? Auch Yuan Geng ist ein lebendiger Mensch aus Fleisch und Blut, und wenn er gelegentlich die falsche Person auswählt, wäre das nicht verwunderlich oder ungewöhnlich. Aber das Minghua-Schiff ist von so großer Bedeutung... Ich beschloss, selbst an Bord des Minghua-Schiffs zu gehen und diesen 24 Jahre alten Geschäftsführer persönlich zu besuchen und kennenzulernen.
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Sechzehnter Teil: Der junge Geschäftsführer
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An einem Nachmittag ging ich hinauf zur obersten Ebene des Minghua-Schiffs und klopfte an die Tür des Geschäftsführerbüros. Dieses Büro besteht aus zwei Räumen, einem äußeren und einem inneren. Der äußere Raum ist das Büro der Sekretärin Yu Qi, der innere Raum ist das gemeinsame Büro des Geschäftsführers und des stellvertretenden Geschäftsführers. Die Person, die mir die Tür öffnete, war zufällig Zheng Yi höchstpersönlich. Er trug ein bunt kariertes Oberhemd, eine Brille mit dunklem Rahmen, sein Gesicht war hell und klar, und er hatte immer noch das typische Auftreten und den Habitus eines Universitätsstudenten, noch nicht ganz in der Berufswelt angekommen. Nachdem er meinen Presseausweis gesehen hatte, sagte er zu Yu Qi: „Ich habe noch einige dringende Angelegenheiten zu erledigen, empfange du ihn zunächst einmal.“ Damit ging er in den inneren Raum hinein und schloss die Tür hinter sich. „Was für eine Arroganz und was für eine Überheblichkeit!“ dachte ich im Stillen bei mir. Aber auch Yu Qi begann nicht sofort ein Gespräch mit mir, sondern saß da und schrieb konzentriert weiter an irgendetwas. Ich
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musste mich also auf das Sofa setzen und geduldig warten.
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Nach ungefähr einer halben Stunde begann Yu Qi schließlich, höflich und freundlich mit mir zu sprechen und sich zu unterhalten. Sie ist eine Genossin von etwa 30 Jahren, wirkt sehr ernst, besonnen und reif, und ist ebenfalls Absolventin der renommierten Tsinghua-Universität. Ich erklärte ihr meine Aufgabe, einen ausführlichen Artikel über Yuan Geng zu schreiben, und sagte, ich hoffte, aus ihrer speziellen Perspektive etwas über Yuan Gengs Art und Weise zu erfahren, wie er Menschen auswählt und einsetzt.
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Sie war außerordentlich sensibel und reagierte sofort, indem sie zu mir sagte: „Ich persönlich hatte ein gutes Verhältnis zum ehemaligen Generaldirektor Wang Chaoliang und halte ihn für einen sehr guten Genossen. Er ist warmherzig, aufrichtig, arbeitet aktiv und hat gute Beziehungen zu den Massen. Aber sein künstlerisches Temperament ist zu ausgeprägt, er ist unentschlossen, ihm fehlt die Durchsetzungskraft, sein Management kann mit der Entwicklung der Lage nicht Schritt halten. Direktor Yuan traf eine entschlossene Entscheidung und ersetzte ihn durch Zheng Yi - das war der richtige Schachzug. Dieser Generaldirektor mag zwar jung sein, aber er hat Durchsetzungskraft und die Qualitäten eines Führungstalents. Sein Meisterstück nach seinem Amtsantritt war die Reform des Lohnsystems. Er schaffte das Grundgehalt ab und führte ein reines Positionsgehalt ein, vergrößerte die Unterschiede und konnte so die Motivation der Kader und Arbeiter besser mobilisieren. Einige Menschen haben eine andere Meinung zu dieser Reform, aber Yuan Lan unterstützt sie. Er sagte, warum sollten wir es nicht versuchen.“
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Zu diesem Zeitpunkt kam Zheng Yi aus dem Nebenraum, wo er telefoniert hatte. Yu Qi sagte nur: „Er ist gekommen, um über Direktor Yuan zu schreiben, du kannst mit ihm sprechen.“ Dann erklärte sie mir: „Zheng Yi hält die Erfahrungen der Minghua für noch nicht ausgereift und empfängt keine Journalisten. Wenn du über Yuan Geng schreiben willst, wird er gleich mit dir sprechen.“ Dann sprach sie weiter über Yuan Geng. „Direktor Yuan denkt auf einer höheren Ebene als wir. Warum bestand er darauf, die Minghua zu kaufen, und warum hatte er es so eilig mit der Eröffnung? Er dachte vom Standpunkt des Erdöls im Südchinesischen Meer aus. Die bestehenden Fabriken im Industriegebiet sind nicht sehr groß und haben keine großen Entwicklungsmöglichkeiten. Wenn wir es schaffen, die logistische Basis für das Erdöl im Südchinesischen Meer zu werden, sind die Entwicklungsaussichten unbegrenzt. Um dies zu erreichen, müssen wir in der Lage sein, die Mitarbeiter der Erdölgesellschaften zu halten, aber die paar Hotels und Restaurants, die wir ursprünglich hatten, reichen bei Weitem nicht aus. Bevor das Nanhai-Restaurant fertig ist, kann die Minghua eine große Rolle spielen. Deshalb legt Direktor Yuan großen Wert auf die Minghua. Als sie eröffnet wurde und das Management nicht in Gang kam, war er auch besorgt.“
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Zheng Yi öffnete schließlich die Tür und bat mich herein. Mein Eindruck von ihm war zu diesem Zeitpunkt Offenheit, nicht Arroganz.
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„Das ist ein attraktiver Posten“, sagte er lächelnd, „aber ich bin kein qualifizierter Manager, ich bin jederzeit bereit abzutreten. Wenn ich die Arbeit nicht gut mache, werde ich abtreten. Aber selbst wenn ich sie gut mache, könnte ich aus irgendeinem Kampfbedürfnis heraus abtreten müssen. Vielleicht können die Leute mich jetzt tolerieren, aber ich weiß nicht, bis zu welchem Grad sie mich tolerieren werden.“
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Ich begann, Sympathie für ihn zu empfinden. Er war schließlich erst 24 Jahre alt, im gleichen Alter wie mein ältester Sohn, und einige Mängel waren nicht überraschend.
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„Wir haben in der Vergangenheit oft gesagt, dass Kader auf- und absteigen können, aber wegen unseres Systems konnten wir das überhaupt nicht umsetzen. Jetzt wollen wir genau das wirklich erreichen, das ist Reform. Beim Auf- und Absteigen kann es manchmal zu nicht ganz angemessenen Entscheidungen kommen, und diejenigen, die absteigen, werden zwangsläufig leiden, aber die Richtung dieser Reform ist richtig und muss beibehalten werden. Kürzlich habe ich einen Generaldirektor der Zimmerverwaltung entlassen, der aus Hongkong eingeladen worden war. Er verdiente 6.000 Hongkong-Dollar im Monat und hatte keine Fehler bei der Arbeit gemacht, aber ich habe ihn entlassen, der einzige Grund war, dass er nicht lächeln konnte! Er hatte den ganzen Tag ein finsteres Gesicht und war unfreundlich. Das mag bei anderen Arbeiten unwichtig sein, aber an dieser Position an der Rezeption geht das nicht - die Gäste würden denken, dass man unhöflich zu ihnen ist. Als ich ihn entließ, hatte er keine Einwände, sagte einfach, er gehe, und als man durch seine Freunde nachfragte, sagte er auch, er habe keine Einwände. In seinen Augen war es ganz einfach: Wenn ich den Generaldirektor nicht zufriedenstellen kann, sollte ich gehen. Das ist die Hongkonger Mentalität. Wenn wir unsere Genossen austauschen würden, wäre das nicht möglich, sie würden sich endlos mit einem streiten. Nur eine Luohu-Brücke dazwischen, und die Mentalitäten sind so unterschiedlich.“ Ich empfand nicht nur Sympathie, sondern fast schon Bewunderung. „Ich will strenges Management durchsetzen und hoffe, ein Managementsystem zu etablieren, das sich sowohl vom japanischen als auch vom amerikanischen unterscheidet, sowohl streng als auch menschlich ist, Rechtsstaatlichkeit statt Personenherrschaft. Ich bin gerade dabei, es auszuprobieren. Der Versuch könnte scheitern, aber aus dem Scheitern werden wir Lehren ziehen, und das ist auch ein Vermögen. Natürlich habe ich viele Mängel, ebenso wie Yuan Geng Mängel hat, und das könnte ein Faktor für das Scheitern sein. Yuan Gengs Mängel könnten für Shekou katastrophal sein. Wir geben unser Bestes, um ein Scheitern zu vermeiden, denn wenn wir scheitern, wären die Auswirkungen zu groß.“
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Ich empfand nicht nur Bewunderung, sondern fast schon Respekt.
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„Bei einigen Dingen habe ich auch eine andere Meinung als Yuan Geng. Zum Beispiel war es Yuan Gengs Idee, unser chinesisches Restaurant an das von Hongkonger Geschäftsleuten investierte Huayuan-Restaurant zu verpachten, und ich habe bis heute eine andere Meinung. Er rief mich an und sagte, ich solle keine Angst haben, dass Kapitalisten Geld verdienen - das ist natürlich richtig, aber der Schwerpunkt der Hongkonger Geschäftsleute liegt auf dem Huayuan-Restaurant, wir können hier nur eine Nebenrolle spielen. Wenn Huayuan das Fleisch bekommt und wir an den Knochen nagen, kann es nicht gut gehen.“
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Er hat wirklich Ecken und Kanten. Yuan Geng mag keine Ja-Sager, er wird solche abweichenden Meinungen nicht unbedingt akzeptieren, aber er wird sie nicht übelnehmen. Das ist Zheng Yis Glück.
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„Einige Leute sagen, wenn das Nanhai-Restaurant eröffnet wird, ist es mit der Minghua vorbei. Ich sehe das nicht so. Es kann die Minghua nicht ersetzen. Mit besonderen Merkmalen und Service, wenn wir diese beiden Punkte gut machen, haben wir große Zukunftschancen. Ich will meine Hand auch ins Binnenland ausstrecken und Niederlassungen in Shanghai, Kanton und anderen Städten einrichten. Der Tourismussektor kann nicht auf einen Ort beschränkt bleiben.“
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Ich sagte mir innerlich: Das ist ein Führungstalent! Als ich mich verabschiedete, sagte ich, ich würde eines Tages zu ihm nach Hause kommen, und er begrüßte das. Ich wollte auch erfahren, was die Organisationsabteilung von ihm hielt, und besuchte daher Yu Dehai, Mitglied des Parteikomitees des Industriegebiets und stellvertretender Sekretär der Disziplinarkommission sowie Leiter der Abteilung für Organisation und Kader, und Yuan Fuxing, der für die Kaderzuteilung zuständig war.
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An der Parteitreue dieser beiden Genossen zweifelte ich nicht. Der 39-jährige Yu Dehai war ursprünglich Ingenieur und hatte mehrere Jahre lang als Direktor der Zhonghong-Sauerstofffabrik gearbeitet, der ersten Fabrik im Industriegebiet. Er leitete die Fabrik so gut, dass die Hongkonger Kapitalisten alle Hongkonger Mitarbeiter zurückzogen und ihm alle Befugnisse der Fabrik übertrugen. „Ich hätte mir im Traum nicht vorstellen können, dass ich ins Parteikomitee aufgenommen und mit der Kaderverwaltung betraut werde. Ich bin bis heute noch nicht einmal bei Yuan Geng zuhause gewesen gegangen. Wenn es nicht klappt, kann ich schlimmstenfalls wieder Ingenieur werden.“ Ich glaubte an seine Aufrichtigkeit. Was seine Meinung zu Zheng Yi und Wang Chaoliang betraf, so meinte er, dass beide ihre Stärken hätten. Zheng Yi sei durchsetzungsfähiger, Wang Chaoliang habe bessere Beziehungen zu den Massen. In einer Situation, in der das Management ziemlich chaotisch war, sei es richtig gewesen, Zheng Yi einzusetzen. Die Abteilung für Organisation und Kader stimmte zu, und auch das Parteikomitee stimmte einstimmig zu. Aber Wang Chaoliangs Verdienste könnten nicht ausgelöscht werden, er sollte weiterhin wichtige Aufgaben erhalten. Bezüglich der Entlassung einiger Arbeiter durch Zheng Yi war Yu Dehai nicht sehr einverstanden: „Ich sagte zu Zheng Yi, ich habe in der Sauerstofffabrik mehrere Jahre lang keinen einzigen Arbeiter entlassen, und die Fabrik wurde trotzdem sehr gut geführt.“
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Yuan Fuxing war 36 Jahre alt, aber durch regelmäßigen Sport und sein von Natur aus puppenhaftes Gesicht wirkte er wie ein junger Mann in den Zwanzigern. Er hatte sein Studium der Informatik an der Zhejiang-Universität abgeschlossen und mehrere Jahre an der Lanzhou-Universität unterrichtet. 1980, als einige Studenten für das Volksvertreteramt kandidierten und übertriebene Aussagen machten, wollte man später bei der Jobvermittlung nach dem Abschluss gegen diese Studenten vorgehen, und er war der Erste in der Fakultät, der für die Studenten eintrat. „Damals waren einige politische Mitarbeiter eifrig dabei, weil sie dachten, das Jahr 1957 käme wieder und man würde wieder Rechtsabweichler festnehmen. Ich kannte diese Studenten am besten, sie waren diejenigen, die normalerweise am fleißigsten lernten, einige waren sogar Vorzeigeschüler. Sie hatten viel gelesen, hatten viel Kontakt mit ausländischen Materialien, sorgten sich um das Land und die Menschen, waren besorgt um unser Land und sagten unweigerlich einige übertriebene Dinge, aber ich wage zu garantieren, dass keiner von ihnen die Absicht hatte, die Partei oder den Sozialismus zu bekämpfen.“ Gut gesagt! Kein Wunder, dass er seit seiner Ankunft in Shekou immer mit Kaderarbeit betraut wurde.
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Als Yuan Geng überlegte, Zheng Yi anstelle von Wang Chaoliang einzusetzen, fragte er zuerst Yuan Fuxing um seine Meinung. „Aus menschlicher Sicht ist Zheng skrupellos und nimmt keine Rücksicht auf Gefühle; Wang nimmt Rücksicht auf Gefühle, und die Besatzung spricht immer noch gut von ihm. Aber wir müssen uns auf Rechtsstaatlichkeit verlassen und können nicht von persönlichen Gefühlen ausgehen. Wang hat die falschen Leute eingesetzt, das Team ist nicht einheitlich, einige der Leute, die er schätzte, haben ihm hinter dem Rücken Steine in den Weg gelegt, und diejenigen, die er hätte einsetzen sollen, wurden nicht eingesetzt. Zum Beispiel gab es einen Kader aus Huiyang, der Leiter einer regionalen Theatertruppe und Manager einer Filmfirma gewesen war. Er war sehr fähig und hatte eine gute Beziehung zu Wang, aber er verkaufte drei Monate lang Chips für elektronische Spielautomaten. Wang wollte ihn zum Manager der Unterhaltungs-Abteilung machen, konnte sich aber lange nicht entscheiden.“ Ich kannte diesen Genossen, er sympathisierte mit Wang Chaoliang, wollte nicht auf der Minghua bleiben und ging als Personalleiter zum Shenzhen-Fernsehen. Er war erst 42 Jahre alt. Es wurde gesagt, dass Zheng Yi sagte, er sei zu alt und wollte ihn nicht einsetzen. Auf jeden Fall konnte er ihn nicht halten – das ist wirklich schade.
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„Aber Wang Chaoliang ist warmherzig und aufrichtig und hat viele Ideen. Wenn es mit dem zweiten Luftfahrtprojekt nicht klappt, müssen wir ihm eine passende Arbeit zuweisen. Der Generaldirektor des Nanhai-Restaurants wird von der Hongkonger Investorenseite entsandt, wir überlegen gerade die Personalie für den stellvertretenden Generaldirektor, Wang ist auch einer der Kandidaten.
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„Yuan Geng hat Weitblick, Zheng Yi zu fördern. Ursprünglich haben wir auch um Zheng Yi gezittert, jetzt hat die Praxis bewiesen, dass er die Arbeit in Gang gebracht hat, im Juli war die Bilanz ausgeglichen. Ob er heranwachsen kann, hängt davon ab, dass er selbst Erfahrungen und Lehren zusammenfasst. Man muss keine Angst vor Fehlern haben, auch alte Kader haben Fehler gemacht.
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„Yuan Geng betont, dass man bei der Verwendung von Kadern manchmal wie ein Mannschaftstrainer sein muss. Auf dem Spielfeld sagt der Trainer, Nummer 4 runter, Nummer 7 rauf, damit meint er nicht, dass Nummer 4 nicht gut ist, er will vielleicht nur ausprobieren, ob Nummer 7 gut werfen kann, ob die Sprungkraft gut ist...“
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Dieser Vergleich ist wirklich interessant. Ich erinnerte mich, dass Yuan Geng in einer Rede auch über diesen Standpunkt gesprochen hatte. „Wir müssen es zu einer Normalität machen, dass Kader auf- und absteigen können. Dass du heute diesen Manager machst und morgen runtergehst und jemand anders hochkommt, ist normal, aber viele von uns halten das für nicht normal. Das Abnormale in etwas Normales zu verwandeln, das ist Reform.“
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Plötzlich kam mir eine seltsame Assoziation, ich fand, dass Yuan Geng und der Volleyballtrainer Yuan Weimin etwas Ähnlichkeit besaßen, die beiden Gesichter überlagerten sich in meinem Kopf. In gewisser Weise wafr Yuan Geng doch auch ein Trainer, oder? Dieser Trainer war streng mit seinen Spielern. Eine Geschichte, die mir sowohl Yu Dehai als auch Yuan Fuxing erzählten, zeigte Yuan Gengs Strenge gegenüber Zheng Yi.
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Es gab einen Buchhalter aus Shanghai. Zheng Yi hatte einmal mit ihm gesprochen und hielt ihn für ein Führungstalent, also entschied er, ihn zum Manager des Minghua-Kaufhauses zu machen. Aber die Abteilung für Organisation und Kader stimmte nicht zu, weil das Industriegebiet gerade Finanzpersonal brauchte, und empfahl stattdessen einen anderen Genossen aus einem Schulungskurs für Unternehmensführung. Zheng Yi konnte es nicht verstehen und lief zum Verwaltungskomitee, um Yuan Geng und Yu Dehai zu finden. Yuan Geng sagte: „In Kaderfragen hört man auf die Abteilung für Organisation und Kader.“ Zheng Yi fragte: „Vertraut ihr mir nun oder nicht?“ Yuan Geng sagte ernst: „Wir vertrauen dir und vertrauen dir nicht. Wir vertrauen dir, deshalb haben wir dich zum Generaldirektor gemacht; wir vertrauen dir nicht, weil wir nicht wissen, ob du die Aufgabe gut erfüllen kannst, deshalb müssen wir dich weiter prüfen, schauen jeden Tag auf deine Berichte, schauen auf deinen Geschäftsgang, schauen, wie dein Ansehen bei den Massen ist.“
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Später verstand Zheng Yi es, akzeptierte den von der Abteilung für Organisation und Kader empfohlenen Genossen, und die Praxis bewies, dass er die Arbeit sehr gut machte. Zheng Yi ging dann zu Yu Dehai, um sich zu entschuldigen. Yu Dehai sagte: „Wofür entschuldigst du dich? Das ist normale Arbeit.“
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Auf einer Wirtschaftskonferenz der teilweise geöffneten Küstenstädte erwähnte Yuan Geng in seiner Rede diese Angelegenheit (natürlich ohne Namen zu nennen) und erhob sie auf eine theoretische Ebene: „Unsere Kader haben keine absolute Verantwortung, also haben sie auch keine absolute Macht. Der Grund ist einfach: Bei einem kapitalistischen Unternehmen trägt der Unternehmer die absolute Verantwortung und hat auch alle Macht. Denn das Vermögen gehört ihm, deshalb hat er die volle Verantwortung. Wenn dieses Unternehmen bankrott geht, erhängt sich die ganze Familie. Aber unsere Unternehmen sind Staatseigentum, gehören dem ganzen Volk. Wenn Macht, Verantwortung und Interessen noch nicht sehr klar sind, sollte man Einzelpersonen keine absolute Macht geben. Die Personalauswahl muss über die Personalabteilung laufen, weil die Organisationsabteilung der Partei die gesamte Kadermannschaft kennt. Diese Diskussion fand kürzlich statt. Wie man die Aktivität der Kader mobilisieren kann, damit sie Macht, Verantwortung und Interesse haben, diese Frage ist noch nicht vollständig gelöst.“
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An einem Samstagabend besuchte ich unangekündigt Zheng Yis in seiner neuen Wohnung. Er war erst kürzlich nach seiner Hochzeit eingezogen, im Wohnzimmer gab es keinerlei Einrichtung. Zwei junge Leute, die ich noch nie gesehen hatte, saßen dort, offensichtlich kam ich zur Unzeit. Zheng Yi stellte sie lächelnd vor: „Sie sind alle Manager. Wir können jetzt einen Managerclub gründen.“ Der Große war Chen Gang, Manager der neu gegründeten Yinxing Electronic Engineering Company, 26 Jahre alt; der Kleine war Zhu Jiajun, der Zheng Yis Position als Manager des Shanghai-Restaurants übernahm, 25 Jahre alt, beide hatten ein Studium der automatischen Steuerung abgeschlossen. Ich dachte an den Vergleich mit dem „Trainer“ und stellte mir unwillkürlich vor, sie seien Sportler, und wünschte ihnen in Gedanken: Möget ihr alle auf dem Wettkampfplatz des wirtschaftlichen Aufbaus Goldmedaillen gewinnen!
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Sie hatten etwas zu erledigen, Zheng Yi versprach, am nächsten Montag um 19:30 Uhr zu meinem Gästehaus zu kommen.
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Am Montagabend um 19:10 Uhr kam Zheng Yi hastig: „Tut mir sehr leid, heute Abend habe ich etwas zu tun, lass uns ein andermal reden.“ Damit ging er hastig wieder. Ich stand auf dem Flur und schaute nach unten, sah, wie er in einen beigefarbenen Werkstattwagen sprang, und nach dem Anfahren beschleunigt er und raste davon. Auch beim Autofahren hatte dieser Mensch Charakter. Ich wusste, dass „in einem kleinen Auto herumfahren“ auch eines der Diskussionsthemen war. Vielleicht würde nur ein Manager, der nicht Auto fahren kann, als bescheiden gelten. Aber Manager, die Auto fahren können, werden sicherlich immer mehr werden.
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Am nächsten Abend kam Zheng Yi im Regen.
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„Gestern habe ich nicht einhalten können, weil ich mit Dutzenden von Mitarbeitern der Unterhaltungsabteilung zum Xiangmihu-See zum Grillen gegangen bin. Heute Abend war ursprünglich geplant, mit einer anderen Gruppe zu gehen, aber wegen des Regens wurde es verschoben. Ich kann nicht zulassen, dass die Arbeiter ständig Angst vor mir haben, ich muss eine Beziehung zu ihnen aufbauen, damit sie das Unternehmen von Herzen lieben und Angst haben, von hier entlassen zu werden. Wenn ich Arbeiter entlasse, wird das kritisiert, wenn ich solche Dinge mache, wird niemand etwas sagen.“
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Ich sagte: „Man sollte den Arbeitern ein Gefühl der Eigenverantwortung geben, sie sollten dich respektieren, aber auch das Gefühl haben, dass sie als Menschen gleichwertig sind.“ Er stimmte zu. Dann wechselte das Thema zur Unternehmensführung und zum Management.
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„Über mich wird zu viel geredet, ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken. Wenn mich jemand nach etwas fragt, erkläre ich es, wenn nicht, kümmere ich mich nicht darum. Jetzt bearbeite ich nach Arbeitsbeginn von 8 bis 9 Uhr die täglichen Angelegenheiten, die restlichen 7 Stunden denke ich über die Entwicklung in den nächsten Jahren nach. Ich verhandle gerade mit einem Hongkonger Konsortium, um große Investitionen für einen großen Wasservergnügungspark einzubringen, bitte behalte das vorerst für dich.“ Er nannte eine Investitionssumme, die wirklich sehr beträchtlich war. Wenn die Verhandlungen erfolgreich wären, würde die Meeresfläche um die Minghua herum zu einer echten „Seewelt“ werden. „Die Verhandlungen über die Niederlassung in Shanghai waren bereits erfolgreich, in ein paar Tagen fahre ich nach Shanghai, um den Vertrag zu unterzeichnen. Auch Kanton soll erschlossen werden, viele Städte sollen erschlossen werden. Nur ein Schiff zu betreiben, ist nicht sehr interessant...“
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Er sprach mit Begeisterung, ich hörte mit großem Interesse zu. Ich assoziierte mit einigen Menschen und fand, er gehörte zu der Kategorie von Personen, bei denen sowohl Stärken als auch Schwächen relativ ausgeprägt sind. Hier werden solche Menschen geschätzt, bekommen Hilfe und können neue Situationen schaffen; an anderen Orten ist ihre Lage nicht so erfreulich. Ich empfand Yuan Geng als umso wertvoller.
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Siebzehnter Teil: Das Blut kocht
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Ich habe einen Monat in Shekou verbracht und mich mit Yuan Geng weniger als eine Stunde unterhalten. Mit seinen Kindern konnte ich überhaupt nicht sprechen, daher kenne ich sein Familienleben zu wenig, was bedauerlich ist. Ein junger Mensch sagte mir: „Yuan Zhongyin hat über viele Dinge gesprochen, Yuan Gengs Familienleben ist sehr interessant.“ Ich bat ihn um eine Einführung, er sagte: „Sprich mit Yuan Zhongyin, das sind bei mir Informationen aus zweiter Hand.“ Aber Yuan Zhongyin war auf Dienstreise, ich konnte nicht ewig hier auf ihn warten.
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Ich hatte an Yuan Zhongyins Tür geklopft. Die Tür öffnete eine etwa 60-jährige Hakka-Frau, ich vermutete, dass es Yuan Gengs Schwägerin war. Yuan Geng hatte zwei Brüder in die Revolution mitgenommen, ein Bruder wurde im antijapanischen Widerstandskrieg von einem japanischen Flugzeug getötet, diese Schwägerin lebte immer in der Yuan-Familie. Die alte Frau empfing mich herzlich, leider konnte ich kein Hakka sprechen, ich musste lächelnd gehen.
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Den oben genannten jungen Mensch muss ich erwähnen, wenn ich diesen Text beende.
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Er heißt Zhou Weimin, Absolvent der Tsinghua-Universität. 1976 saß er wegen seiner Teilnahme an der „Bewegung des 5. April“ ein halbes Jahr im Gefängnis, nach dem Sturz der „Viererbande“ war er stellvertretender Sekretär des Jugendkomitees der Tsinghua-Universität. Aus bestimmten historischen Gründen wurde er zu einer umstrittenen Persönlichkeit. Nach seiner Ankunft in Shekou war er ein halbes Jahr lang Leiter der Propagandaabteilung, dann ein halbes Jahr Leitungsmonteur in der Telefongesellschaft, und erst in den letzten Monaten war er stellvertretender Manager der Immobiliengesellschaft geworden. Dieser Werdegang an sich ist sehr interessant. Dass Yuan Geng ihn einsetzte, bedeutete ein gewisses Risiko. Er und seine Frau Yu Qi hatten sich mental darauf vorbereitet, Shekou zu verlassen, aber blieben schließlich doch.
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Yuan Gengs Reden hören junge Leute gern. Aber wenn er einige Dinge mehrmals wiederholte, wurden einige junge Leute ungeduldig und sagten: „Ist Yuan Geng alt geworden, ist er geschwätzig geworden?“ Zhou Weimin sammelte diese Rückmeldungen sowie andere Kritik an Yuan Gengs Mängeln und schrieb Yuan Geng einen Brief. Ein paar Tage später drückte Yuan Geng fest seine Hand und sagte: „Danke dir! Seit langem hat mir niemand mehr solche Meinungen mitgeteilt. Du solltest mich in Zukunft öfter daran erinnern.“ Als Genosse Hu Yaobang letztes Jahr Shekou inspizierte, stellte Yuan Geng ihm besonders einige junge Kader wie Gu Liji, Zhao Yong und Zhou Weimin vor. Genosse Yaobang fragte nach ihrem Alter und anderen Umständen und sagte voller Gefühl: „Neulich gab es eine Fernsehsendung namens ‘Rangliste der Besten’, darin standen zwei Sätze: Die späteren Wellen des Yangtse drängen die vorderen, und Helden entstehen aus jungen Männern. Ich denke, ihr seid wohl diese jungen Männer.“ Wie viele tatkräftige junge Männer haben sich in Shekou versammelt! Was ich in nur einem Monat gehört und gesehen habe, verschaffte mir einen starken Eindruck: Hier ist nicht nur ein Yuan Geng, ein Mann mit heißem Blut. Allein unter den Genossen, die ich besucht habe, finde ich, egal ob alt oder jung, Mann oder Frau, gelobt oder umstritten, eine Gemeinsamkeit - sie alle lieben Shekou, sie sehnen sich nach Reform. Obwohl ihre Ansichten zu bestimmten Menschen und Dingen unterschiedlich sein mögen, sind ihre Herzen heiß, ihr Blut ist heiß. Dies ist wirklich das Reich der heißblütigen Männer (und natürlich auch Frauen)!
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Wenn man Städte mit Menschen vergleichen kann, dann ist das erst fünf Jahre alte Shekou, diese lebhafte kleine Hafenstadt, genau ein heißblütiger Mann mit unbegrenzter Zukunft!
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Shekous Hafen ist mit der langen Küstenlinie des Vaterlandes verbunden, Shekous Straßen sind mit dem weiten Land des Vaterlandes verbunden. Von der Küste bis ins Landesinnere, von den Dörfern bis in die Städte, drängt die Welle der Reform mit unaufhaltsamer Kraft vorwärts. In dieser Welle kämpfen noch viel mehr heißblütige Männer mutig! Das Blut in ihrer Brust kocht bereits, sie wollen für die Wahrheit kämpfen!
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Die Wahrheit ist Reform! Reform ist Wahrheit!
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(Originalveröffentlichung in „Huacheng“, Heft 6, 1984)
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== Li Bingyin (Hg.) ==
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== Der Große Bericht ==
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40 Jahre Reform
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und Öffnung in China
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Ausgewählte
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Reportage-Literatur
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Revision as of 09:13, 8 April 2026

Der Große Bericht — Band 1

Prolog, Die Goldbach-Vermutung, Kapitän, Leidenschaft, Chinesische Mädchen, u.a.


Prolog

Li Bingyin

Das Jahr 2018 ist ein wichtiger Zeitpunkt, um an die vierzig Jahre seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik in China im Jahr 1978 zu erinnern. In diesen vierzig Jahren hat China unerschütterlich und stetig den Weg der Reform und Öffnung beschritten und dabei gewaltige Errungenschaften erzielt. Damit wurde ein neues, glanzvolles Kapitel in der Sozialgeschichte des Landes aufgeschlagen. In seinem Bericht auf dem 19. Nationalkongress der Kommunistischen Partei Chinas sagte Generalsekretär Xi Jinping am 18. Oktober 2017: „Nach langen Anstrengungen ist der Sozialismus chinesischer Prägung in eine neue Ära eingetreten, was eine neue historische Position für die Entwicklung unseres Landes darstellt.“


In den letzten 40 Jahren durchzog der Drache das ganze Land, begleitet von Wind und Regen. Der Phönix tanzte über die Erde und hinterließ unauslöschliche Spuren. Wenn man es aus der historischen Perspektive betrachtet, ist Chinas Reform- und Öffnungspolitik zwar nur ein gesellschaftlicher Augenblick, doch sie hat der chinesischen Sozialgeschichte sehr wichtige Impulse gegeben. Angesichts der aktiven gewaltigen Veränderungen Chinas in allen Bereichen und der bedeutenden internationalen Einflusskraft, in dieser großartigen Situation, die als Übergang von einem aufgestandenen zu einem wohlhabenden und schließlich zu einem starken Land betrachtet wird, müssen die Menschen, die mittendrin stehen, sicherlich viele Gefühle und Zufriedenheit empfinden.


Auf dem historischen Weg der vierzigjährigen Reform- und Öffnungspolitik Chinas gab es stets die leidenschaftliche Teilnahme und Unterstützung der Reportageliteratur. Mit ihrer einzigartigen, individuellen Stimme rief die Reportageliteratur leidenschaftlich zur Entwicklung der Reform und Öffnung auf und schrieb mit ihrem ausdrucksstarken Stil die großartigen Errungenschaften dieser Zeit nieder. Sie ist die literarische Gattung, die am engsten mit dem historischen Weg und der Praxis von Chinas Reform und Öffnung verschmolzen ist und die kraftvollste Interaktion zeigt. Deng Xiaoping machte in seiner Rede auf der dritten Vollversammlung des zwölften Zentralkomitees der KPCh am 12. Oktober 1983 ausdrücklich darauf aufmerksam: „Was die Literatur betrifft, so sind in den letzten Jahren literarische Werke, die das neue Leben des sozialistischen Aufbaus widerspiegeln, etwas zahlreicher geworden. Aber Werke, die den revolutionären Geist des Volkes und der Jugend beleben, sie dazu ermutigen, sich mutig dem Aufbau und Kampf in allen Bereichen des Vaterlandes zu widmen, und eine starke inspirierende Kraft besitzen, gibt es relativ wenige, abgesehen von der Reportageliteratur, in der es relativ viele gibt, auch in anderen Bereichen, aber man kann nicht sagen, dass es dort viele sind.“ (Siehe „Ausgewählte Werke Deng Xiaopings“, Volksverlag 1993, Band III, „Die dringenden Aufgaben der Partei auf der organisatorischen und ideologischen Front“). Die Menschen werden sich sicherlich noch daran erinnern, dass Xu Chis Reportage „Die Goldbach-Vermutung“, die in der ersten Ausgabe von 1978 der Zeitschrift „Volksliteratur“ veröffentlicht wurde, aufgrund der in der damaligen Zeit eingeschränkten Umgebung verhüllten, aber klaren kritischen Haltung des Autors gegenüber der „Kulturrevolution“ und aufgrund der leidenschaftlichen Würdigung und Bestätigung von Chen Jingruns Haltung und Verhalten als Intellektueller während seines mutigen, hartnäckigen, besessenen und anstrengenden wissenschaftlichen Forschungsprozesses eine außerordentliche Aufmerksamkeit in der breiten Leserschaft erregte. Zeitweise war das Werk so begehrt, dass es zur sprichwörtlichen Situation kam, wo „das Papier in Luoyang teuer wurde“ (ein chinesisches Idiom für große literarische Popularität). Danach entstanden mit Xu Chis „Der Baum des Lebens bleibt grün“, Huang Zongyings „Wildgänse-Gefühle“, Li Yous „Gebirge und Ebenen“ sowie „Leidenschaft“ und vielen anderen Reportagen deutlich kraftvolle Gegenstimmen zu den vorherigen gesellschaftlichen Strömungen und Verhaltensweisen, die Wissen verneinten und Wissenschaft und Kunst herabwürdigten. Diese Reportagen hoben den Wert des Wissens und die schönen Lebensverfolgungen sowie die Charakterkraft von Wissenschaftlern und Künstlern hervor. Dadurch entwickelte die Gesellschaft schnell die Kraft, in Richtung des richtigen und zivilisierten Weges voranzuschreiten. Dies war der Ausdruck der Reportageliteratur für den Wunsch und die Erwartung des Volkes nach Chinas Reform und Öffnung; es war der literarische Ruf als Vorläufer dieser Reformen! Diese Werke waren wie Frühlingswind, der über die Erde wehte und die Herzen und das Bewusstsein der Menschen kraftvoll wiederbelebte.


Als die chinesische Gesellschaft nach der Katastrophe der „Kulturrevolution“ kurz vor dem Ausbruch stand und der in den Herzen der Menschen aufgestaute Groll und Ärger nach Befreiung verlangte, entstanden nicht nur Zhang Shushens „Lied der Rechtschaffenheit“, in dem er die Ungerechtigkeit gegenüber der Märtyrerin Zhang Zhixin anprangerte, sondern auch Wang Chens und Zhang Tianlas „Der Meteor, der die Nacht durchbrach“, in dem sie das kurze, tragische Leben von Yue Luoke bedauerten, Tao Siliangs „Ein schließlich versandter Brief“, in dem er das ungerechte Schicksal seines Vaters Tao Zhu beklagte, Hu Pings „Chinas Augen“, in dem er die Ungerechtigkeit gegenüber Li Jiulian kritisierte, Li Yus „Zusammengebrochen im rosigen Morgenlicht“, in dem er um das Leben eines Shanghaier Jugendlichen trauerte, und Meng Xiaoyuns „Die Tränen der Euphrat-Pappel“, das das steinige und gewundene Leben des Jugendlichen Qian Zongren betrauerte, und viele andere bewegende Werke, die das verschiedenartige Blut-, Tränen- und Leid der vorherigen Zeit beschrieben, riefen eine große gesellschaftliche Erschütterung hervor und boten auch große Unterstützung für die beginnende gesellschaftliche Reflexion und Befreiungsströmung des Denkens. Als sich die chinesische Gesellschaft in einer Zeit großer Wende, Förderung und Veränderung befand, spielte die chinesische Reportageliteratur eine sehr wertvolle Rolle bei der Übermittlung und Weiterleitung von Volksgefühlen, Wünschen und Forderungen. Die Reportageliteratur enttäuschte weder die Erwartungen des Volkes noch die Verantwortung der Geschichte. Die Menschen sind noch heute sehr bewegt, wenn sie an die gesellschaftliche Erschütterungssituation zurückdenken, die die Reportageliteratur damals hervorrief!


Die Geschichte wird sicherlich Wendungen nehmen, aber sie wird auch ihren eigenen Entwicklungsgesetzen folgend voranschreiten. Während sich die Reflexion und Korrektur der Verwirrung kontinuierlich vertieften, entstanden gewaltige Veränderungen auf dem Land. Wan Li wirkte als Parteisekretär in Anhui und ebnete damit den Weg für Chinas neue Entwicklung. In „Die Jahre nach Mao Zedong“ schildert Wang Lixin, in „Der große Trend der chinesischen Landwirte“ Li Yanguo, in „Anekdoten aus Sanmen Li“ Qiao Mai und in „Die Wildnis ruft“ Wang Zhaojun wahrheitsgetreu die neuen Dynamiken vom Land und die bewegenden Reformwellen. Chinas weite ländliche Gebiete entfalteten in ihrem natürlichen Wachstum gewaltige Kraft und schufen wunderbare, aufblühende Szenerien. Die neue gesellschaftliche Umgebung brachte zwar neue Veränderungen mit sich, aber auch neue gesellschaftliche Probleme. Entstanden sind Liu Binyans „Zwischen Mensch und Dämon“, Zhang Mins „Heilige Melancholie“, Zhao Yus „Der Traum von einer starken Nation“, Hu Pings und Zhang Shengyous „Weltweite große Verbindung“, Xu Gangs „Holzfäller, erwacht!“, Lu Yuegangs „Die Drei Schluchten des Jangtse: Chinas Epos“, Yang Xiaoshengs „Nur ein Kind“ und Guo Dongs „Eine schwere Heimreise“ – um nur einige zu nennen – sowie viele andere Reportagen, die wahre gesellschaftliche Beobachtungen, Zweifel, Befragungen und Erforschungen widerspiegeln. Diese Werke, die angesichts der gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen sowohl Zufriedenheit als auch Sorge empfinden ließen, waren Ausdruck der engen Begleitung der Reportageliteratur der voranschreitenden Schritte von Chinas gesellschaftlicher Reform und Öffnung. Sie waren auch praktische Aktivitäten der Reportageliteratur bei der aktiven Erforschung gesellschaftlicher Entwicklung und Veränderung im chinesischen gesellschaftlichen Leben. Wenn aufrichtige Leidenschaft mit nüchterner Konfrontation kombiniert wurde, trat die Teilnahme der Reportageliteratur an der Gesellschaft in eine neue Phase ein. Dies war ebenfalls eine gesunde Bewegung, die den Spuren von Chinas Reform und Öffnung folgte. Durch diese wahrheitsgetreuen Ausdrucksformen der Reportageliteratur, die auf Chinas tiefem Boden gewachsen und gediehen waren, wurden der Charakter und das Gesicht des chinesischen gesellschaftlichen Wandels täglich klarer und heller. Der Inhalt der chinesischen Gesellschaft wurde dadurch auch beispiellos reich und vielfältig.


Nachdem die geistigen Fesseln gebrochen und die verschlossenen Landestüren geöffnet worden waren, verlagerte sich Chinas Reform- und Öffnungspolitik allmählich von der Korrektur der Verwirrung hin zur Fokussierung auf den wirtschaftlichen Aufbau. Die Reportageliteratur ist die scharfsinnigste, bewussteste und leidenschaftlichste Gattung, die sich diesem Zentrum nähert, und auch die Gattung, die auf dieser Bühne die vollständigste und brillanteste Darstellung zeigt. Diese brillante Aufführung ist bis heute nicht zu Ende gegangen. Zu den frühen Werken zählen unter anderem Ke Yans „Kapitän“, Chen Zufens „Der Theoretiker“, Zhou Jialuns „Reflexionen über das Phänomen Bu Xinsheng“, Li Shifeis „Heißblütige Männer“, Wang Hongjias „Wissenssturm“, Yang Shusongs „Der Weg nach Kunshan“, Wang Hongjias und Liu Jians „Die Revolution der Ruhe“ sowie später Li Chunleis „Als die Baumwolle erblühte“, Chen Xitians „Der Ostwind weht und überall ist Frühling“, Zhang Yawens „Ein Herz, das hohe Ämter und Reichtum nicht binden können“, Zhu Xiaojuns und Li Yings „Wir lassen das Volk entscheiden!“ und Jiang Yonghongs „Als der Traum wahr wurde“ auf gesellschaftliche Reform und Öffnung sowie die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung konzentrierten, gaben den Menschen damals starke Impulse und hinterließen klare und tiefe Erinnerungen. Diese Werke beschrieben die Anpassung der Staatspolitik, schilderten den weisen, mutigen und innovativen Geist sowie das Verhalten von Reformfiguren, erforschten Methoden zur Beseitigung einschränkender Schwierigkeiten, suchten nach Wegen für interne und externe Verbindungen und Entwicklung und lobten leidenschaftlich alles, was China voranbrachte – sei es in Bezug auf Entwicklung, Wohlstand oder Zivilisation. Sie waren ein starkes Licht, das die Realität durchleuchtete. Durch die Schreibweise der Reportageliteratur ließen sie die Gongs und Trommeln der Reform und Öffnung noch lauter erklingen. So sehr, dass die Existenz der Reportageliteratur selbst zu einem offensichtlichen Zeichen dafür wurde, dass sich China der Reform und Öffnung zuwandte.


Begleitet von den großartigen Schritten Chinas bei der Reform und Öffnung wurde der Wert der Reportageliteratur in Verbindung mit vielen stolzen, glorreichen und brillanten Errungenschaften deutlich. Dadurch wurde sie zu einem hervorragenden Begleiter und wertvollen Aufzeichner dieser Reformen. Autoren der Reportageliteratur wurden zu Zeugen und Sprechern vieler bedeutender historischer Ereignisse. Ihre Reportagewerke wurden zu einem besonderen Bestandteil des historischen Inhalts der chinesischen Gesellschaft in den letzten vierzig Jahren. Dazu gehören Chang Jiangs „Rückblick auf den Jangtse-Fluss“, He Jianmings leidenschaftlicher Bericht über Chinas großangelegte Evakuierung aus Libyen und anderen Kriegsgebieten im Jahr 2011 mit dem Titel „2011 Chinas unvergleichliche diplomatische Aktion“, Jiang Weis bewegende Schilderung des Prozesses der chinesischen Hochgeschwindigkeitsbahn von der Entwicklung und Stärkung bis zur weltweiten Führung mit dem Titel „Eine Karriere, die von Tränen begleitet wird“, Xu Chens Übermittlung der Forschung, Erprobung und stolzen Errungenschaften von Chinas Tiefsee-Tauchgerät „Jiaolong“ mit dem Titel „Der Drache erforscht das Meer“ sowie Lan Ningyuans Aufzeichnung von Chinas Traum vom Himmel und großartiger Praxis mit dem Titel „Die ‚Shenzhou’-Himmelsstraße“, Chen Qiwens liebevolle Schilderung von Yuan Longpings Arbeit mit „Hybridreis und Superreis“ in der Zeit von „Yuan Longpings Welt“. Im Beitrag „Die Flügel der Weisheit“ schrieb Li Jiesong über den Chinas Entwicklungsprozess, um die Errungenschaften beim Bau eines Passagier-Raumschifftyps, zu dokumentieren. Sie zeichnen Chinas brillante Errungenschaften im Zeitalter der Reform und Öffnung auf und sind Bestandteil der schönen Erinnerungen an den Aufbau, die Entwicklung und die Förderung des menschlichen Fortschritts in China!


Als der berühmte Dichter und Literaturtheoretiker Zhang Guangnian, Vizevorsitzender des Chinesischen Schriftstellerverbandes, 1982 über Chinas Reportageliteratur sprach, sagte er: „Die Reportageliteratur entwickelte sich von einem Anhängsel zu einer Großmacht“ und etabliere sich zu einem unabhängig existierenden wichtigen Gattungsmitglied in der chinesischen Literaturfamilie. In den vergangenen vierzig Jahren ist Chinas Reportageliteratur mit der Welt gewachsen, hat ihre chinesische Haltung und ihre zivilisatorischen Ziele gefestigt und im Prozess der tiefgreifenden Beobachtung, Entdeckung, Reflexion und literarischen Darstellung der Realität, der Gesellschaft und des Lebens einzigartige Persönlichkeitsstile und einen festen Geist der Missionsverantwortung gezeigt. Als individuelle Gattung absorbierte die Reportageliteratur sowohl die Wahrhaftigkeitsprinzipien des Journalismus als auch die literarisch-künstlerischen Ausdrucksweisen und erschloss damit ein neues literarisches Territorium im Zwischenbereich zwischen Journalismus und fiktiver Literatur. In der heutigen Zeit vielfältiger Medien und des dringenden Verlangens der Menschen, sich verschiedenen gesellschaftlichen Wahrheiten zu nähern, besitzt die Reportageliteratur eine unersetzliche realistische Kraft. „Wahrheit ist das erstklassige Rohmaterial der Kunst.“ Wahrheit bietet die Grundlage und Möglichkeit für alle wertvollen Ausdrucksformen. Erkenntnishandlungen, die aus traditionellen, konservativen Literaturvorstellungen mit selbstverherrlichender Haltung entstehen und der Meinung sind, dass nur Fiktion künstlerische Ziele erreichen kann, sind Ausdruck von Eigensinn oder sogar Unwissen. Diese Werke, die relativ direkt auf Chinas historisches Leben der Reform und Öffnung antworten, sind Beobachtungs- und Reflexionsaufzeichnungen der wahren gesellschaftlichen Lebensentwicklungsprozesse. Sie sind selbst schon zu einem wichtigen Teil von Chinas vierzigjährigem historischem Leben geworden. Die aktive Rolle, die die Reportageliteratur in dem großartigen gesellschaftlichen Prozess gespielt hat, wurde von den Menschen vollständig anerkannt. Daher wird die Reportageliteratur bei der Betrachtung der vierzigjährigen Geschichte der Reform und Öffnung in China kein Schamgefühl empfinden, sondern Stolz und Zufriedenheit verspüren sowie ein Gefühl der Selbstliebe und Selbstachtung entwickeln. Obwohl es in der Reportageliteratur noch viele bedauernswerte Aspekte gibt, die verbessert und vervollkommnet werden müssen, kann sie bei der Erinnerung an Chinas vierzigjährige großartige Geschichte der Reform und Öffnung durchaus stolz sagen: „Ich bin dieser großartigen Zeit würdig!“

Peking, 18. Februar 2018

Die Goldbach-Vermutung

Xu Chi

„Diejenigen, die revolutionär Technologie studieren, sind eindeutig sowohl rot als auch fachkundig, dennoch werden sie angegriffen, weil sie den weißen Expertenweg einschlagen.“

— New Year’s editorial „Bright China,” Two Papers & One Journal, 1978


I

Mit P₁(1,2) der Anzahl der Primzahlen p, die die folgenden Bedingungen erfüllen

x - p = P₁ oder x - p = P₂P₃,

wobei P₁, P₂, P₃ alles Primzahlen sind, [Das ist schwer zu verstehen; wenn Sie es nicht begreifen, können Sie diese Zeilen überspringen.]

sei x eine hinreichend große gerade Zahl.


Für jede gegebene gerade Zahl h und hinreichend große X sei φ(1,2) die Anzahl der Primzahlen p, die die folgenden Bedingungen erfüllen:

p ≤ x, p + h = P₁ ODER h + p = P₂P₃,

wobei P₁, P₂, P₃ alle Primzahlen sind.

Der Zweck dieser Abhandlung ist es, alle Ergebnisse, die der Autor in Referenz [10] erwähnt hat, im Detail zu beweisen und zu verbessern.

II

Der obige Abschnitt stammt aus einer Abhandlung zur analytischen Zahlentheorie. Er erschien in Abschnitt 1 „Einleitung“, in dem das zentrale Problem dargestellt wird. Die Abhandlung geht weiter mit Abschnitt 2 „Einige Lemmata”, in dem die notwendigen Formeln und Berechnungen entwickelt werden, und schließt mit Abschnitt 3 „Ergebnisse”, in dem ein Theorem bewiesen wird. Die Abhandlung ist äußerst schwer zu verstehen. Selbst versierte Mathematiker, die sich nicht mit diesem Spezialgebiet befassen, werden es schwierig finden, ihr zu folgen. Dennoch erhielt sie bald internationale Anerkennung und erlangte weltweiten Ruhm. Das von ihr etablierte und nach ihrem Autor Chen Jingrun benannte Theorem ist seitdem allgemein als Chens Theorem bekannt. Chen Jingrun ist derzeit Forscher am Institut für Mathematik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften.

Chen Jingrun wurde 1933 in Fujian geboren. Von Anfang an gewährten ihm seine Familie und die Umstände kein sorgenfreies Leben. Sein Vater, ein Postbeamter, der ständig unterwegs war, weigerte sich, der Kuomintang beizutreten. Für diese Entscheidung wurde er von einigen Kollegen verspottet, da er die Zeiten angeblich nicht verstehe. Seine Mutter, eine sanfte Frau, die sich zu Tode arbeitete, brachte zwölf Kinder zur Welt, von denen nur sechs überlebten. Chen war das dritte Kind, er hatte einen älteren Bruder und eine ältere Schwester und jüngere Geschwister. In einem so überfüllten Haushalt waren Kinder keine geschätzten Söhne und Töchter mehr, sondern zusätzliche Belastungen – überzählige Mäuler, überzählige Leben. Von Geburt an war er in dieser Welt wie jemand, der schon als unerwünscht abgestempelt worden war.

Er erlebte nur wenig Kindheitsglück. Seine Mutter arbeitete den ganzen Tag und hatte keine Zeit, ihm Zuneigung zu schenken. Als er begann, die Welt um sich herum wahrzunehmen, war bereits ein brutaler Krieg ausgebrochen. Japanische Soldaten fielen in die Provinz Fujian ein. Er war noch sehr jung, lebte jedoch in ständiger Angst. Sein Vater arbeitete als Direktor einer Postfiliale in Sanming City, Sanyuan County. Das kleine Postamt befand sich in einem alten Tempel in den Bergen. Dieser Ort war einst ein revolutionäres Basisgebiet gewesen, doch zu jener Zeit waren die dichten Bergwälder zu einem Ort des Schreckens geworden. Alle Männer waren von Kuomintang-Banditen abgeschlachtet worden, ohne dass auch nur ein einziger überlebte – nicht einmal alte Männer blieben übrig. Zurückgeblieben waren nur Frauen, deren Leben besonders hart war. Bedruckter Stoff war zu teuer für Kleidung, sodass selbst erwachsene Mädchen noch mit nacktem Oberkörper herumliefen. Nachdem Fuzhou vom Feind besetzt worden war, flohen noch mehr Flüchtlinge in die Berge. Da dieses Gebiet nicht bombardiert wurde, wurde das Leben dort allmählich etwas besser. Doch dann wurde ein Konzentrationslager dorthin verlegt. Nachts hallte oft das Knallen von Peitschen wider und von Zeit zu Zeit ertönten Schüsse, wenn Märtyrer getötet wurden. Am nächsten Tag wurden Gefangene in Ketten zur Arbeit geschickt, die noch elender aussahen.

Chen Jingruns kindliche Seele trug schwere seelische Wunden davon. Oft wurde er von Panik und Verwirrung überwältigt. Zu Hause gab es keine Freude und in der Grundschule wurde er ständig schikaniert. Er fühlte sich wie ein hässliches Entlein. Doch als Mensch empfand er sich immer noch als wertvoll. Er war nun einmal dünn und schwächlich, und ein so erbärmliches Aussehen konnte die Zuneigung der Menschen nicht gewinnen. Er gewöhnte sich daran, geschlagen zu werden, und bettelte nie um Gnade, denn das brachte seine Angreifer nur dazu, ihn härter zu schlagen. Währenddessen wurde er immer widerstandsfähiger und ausdauernder. Er war übermäßig sensibel und zu früh für die grausame, räuberische Natur der alten Gesellschaft bewusst. Das formte ihn zu einer introvertierten Person mit zurückgezogenem Charakter. Er widmete sich ausschließlich der Mathematik – nicht aus Zwang, sondern weil er sie liebte. Die Arbeit an mathematischen Problemen füllte den größten Teil seiner Zeit aus.

Als er in die Mittelschule kam, verlegte das Jiangsu-College von einem besetzten Gebiet in eine Bergregion. Die Professoren und Dozenten des Colleges unterrichteten auch Teilzeit an der örtlichen Mittelschule. Dadurch konnten sie ihr Leben als Flüchtlinge in einem fremden Land etwas verbessern. Diese Lehrer waren hochgebildet. Der Chinesischlehrer galt als der versierteste und wurde von allen bewundert. Doch Chen Jingrun interessierte sich nicht für Chinesisch, sondern bevorzugte zwei Mathematik- und Naturwissenschaftslehrer. Diese Lehrer mochten ihn ebenfalls und sprachen oft davon, „das Land durch die Wissenschaft zu retten”. Er glaubte zwar nicht, dass die Wissenschaft allein die Nation retten könne, dachte aber, dass die Rettung des Landes ohne Wissenschaft und insbesondere ohne Mathematik unmöglich sei, da Mathematik für alles unentbehrlich sei. Die Diskriminierung, der er ausgesetzt war, und die Schläge und Tritte durch andere vertieften nur seine Liebe zur Mathematik. Trockene, langweilige algebraische Gleichungen wurden zu einer Quelle des Glücks und seiner einzigen wahren Freude.

Als er dreizehn war, starb seine Mutter an Tuberkulose. Fortan blieb ihm nur, in seinen Träumen der gütigen Mutter nachzutrauern, während sein Vater wieder heiratete. Seine Stiefmutter behandelte ihn noch schlechter als seine leibliche Mutter. Nach dem Sieg im Widerstandskrieg kehrten sie nach Fuzhou zurück. Chen Jingrun besuchte die Sanyi-Mittelschule und anschließend die Yinghua-Akademie. Dort gab es einen Mathematiklehrer, der einst Direktor der Luftfahrtabteilung an der Qinghua-Universität gewesen war.

III

Der Lehrer war gelehrt und unermüdlich im Unterrichten. Im Mathematikunterricht vermittelte er den Schülern auf interessante Weise viele mathematische Konzepte. Selbst Schüler, die Mathematik nicht mochten, konnten von ihm begeistert werden, ganz zu schweigen von denen, die Mathematik liebten.

Die Mathematik gliedert sich im Allgemeinen in zwei Hauptzweige: reine Mathematik und angewandte Mathematik. Die reine Mathematik befasst sich mit numerischen Beziehungen und räumlichen Formen. Ein wichtiges Gebiet innerhalb des Studiums numerischer Beziehungen ist die Zahlentheorie, die sich mit den Eigenschaften von ganzen Zahlen befasst. Der französische Mathematiker Fermat aus dem 17. Jahrhundert gilt als Begründer der westlichen Zahlentheorie. Doch bereits lange zuvor hatte das alte China bedeutende Beiträge geleistet. Das Zhou Bi ist der älteste erhaltene klassische mathematische Text und Sun Zis „Mathematischer Klassiker” führte ein Resttheorem ein, das später in den Westen gelangte und als „Sun Zis Theorem” bekannt wurde – heute ein berühmtes Theorem in der Zahlentheorie. Bis zur Ming-Dynastie leistete China wesentliche Beiträge zur Mathematik: Im 5. Jahrhundert berechnete Zu Chongzhi den Wert von Pi, was mehr als tausend Jahre vor dem deutschen Mathematiker Ludolph van Ceulen geschah. In Anerkennung dessen benannten sowjetische Wissenschaftler später ein Tal auf dem Mond „Zu Chongzhi”. Die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts markierte den Höhepunkt der altchinesischen Mathematik: Qin Jiushao der Südlichen Song-Dynastie schrieb die „Mathematische Abhandlung in neun Abschnitten” und beschrieb Methoden zur Lösung linearer Gleichungssysteme, die er fünfhundert Jahre vor Euler entwickelte. Zhu Shijie schrieb in der Yuan-Dynastie den „Kostbaren Spiegel der vier Elemente” und präsentierte Techniken zur Lösung höherer multivariater Gleichungen, die er vier Jahrhunderte vor Bézout entwickelte. Nach den Ming- und Qing-Dynastien fiel China jedoch zurück. Doch das chinesische Volk scheint eine natürliche Begabung für Mathematik zu besitzen und China bleibt ein fruchtbarer Boden für die Hervorbringung großer Mathematiker.

Ein Lehrer erzählte seinen Oberschülern einmal von einem berühmten, noch ungelösten Problem in der Zahlentheorie. Er erklärte, dass Peter der Große, als er St. Petersburg baute, viele führende europäische Wissenschaftler zusammenbrachte, darunter den Schweizer Mathematiker Leonhard Euler, der mehr als achthundert Werke verfasste, sowie den deutschen Gymnasiallehrer und Mathematiker Goldbach.

Im Jahr 1742 stellte Goldbach die folgende Vermutung auf: Jede große gerade Zahl könne als Summe zweier Primzahlen geschrieben werden. Er testete viele gerade Zahlen und fand, dass diese Aussage immer zutraf, aber sie erforderte noch einen Beweis. Da er den Beweis selbst nicht führen konnte, schrieb er an den renommierten Mathematiker Euler, um ihn um Hilfe zu bitten. Doch selbst Euler konnte das Problem bis zu seinem Tod nicht lösen. Seitdem gilt diese Frage als eine der großen Herausforderungen der Mathematik und hat die Bemühungen Tausender Mathematiker beschäftigt. Seit mehr als zweihundert Jahren wurden unzählige Versuche unternommen, die Vermutung zu beweisen – ohne Erfolg.

Das Klassenzimmer brodelte sofort vor Aufregung. Die jungen Schüler öffneten sich wie Blumen, die gerade zu blühen begannen, und schwatzten und diskutierten eifrig.

Der Lehrer fuhr fort: „Die Mathematik ist die Königin der Naturwissenschaften, die Zahlentheorie ist die Krone der Mathematik und die Goldbach-Vermutung ist das Juwel in dieser Krone.”

Alle Schüler starrten mit weit aufgerissenen Augen vor Staunen.

Der Lehrer sagte: „Ihr alle kennt gerade und ungerade Zahlen, und ihr alle kennt Prim- und zusammengesetzte Zahlen. Das haben wir in der dritten Klasse der Grundschule gelehrt. Ist das nicht das Einfachste? Nein, dieses Problem ist das Schwerste. Dieses Dilemma ist äußerst schwierig. Wenn es jemand lösen könnte, 464wäre das absolut unglaublich!“

Die jungen Schüler begannen wieder, Lärm zu machen. „Was ist daran so unglaublich? Wir werden es lösen. Wir können es lösen.“ Sie prahlten wild.

Der Lehrer lachte ebenfalls. „Wirklich“, sagte er, „erst letzte Nacht hatte ich einen Traum, in dem einer von euch Schülern die Goldbach-Vermutung auf wundersame Weise bewies.“

Die Oberschüler brachen in Gelächter aus.

Doch Chen Jingrun lachte nicht. Er war ebenfalls von den Worten des Lehrers erschüttert, doch er konnte nicht lachen. Hätte er gelacht, hätten ihn die anderen Schüler verspottet. Seit er auf die Oberschule kam, war er immer einsamer geworden. Seine Klassenkameraden fanden ihn seltsam, schmutzig und kränklich aussehend und ignorierten ihn. Sie betrachteten ihn als seltsam, schmutzig und kränklich und entschieden sich dafür, ihn zu ignorieren, zu verspotten und auszuschließen. Er wurde zu einer einsamen Gestalt, isoliert und nach innen gekehrt, ein einsamer Wolf ohne Rudel.

Am nächsten Tag wurde der Unterricht fortgesetzt. Mehrere recht fleißige Schüler überreichten dem Lehrer aufgeregt mehrere Antwortbögen. Sie sagten, sie hätten die Aufgabe bereits gelöst und könnten die Goldbach-Vermutung auf mehrere Arten beweisen. Es gäbe nichts Besonderes daran.

„Verschwindet!“, sagte der Lehrer lachend. „Vergesst es einfach!“

„Wir haben lange gerechnet. Wir haben die Antwort!“

„Kommt schon, warum solltet ihr eure Energie verschwenden? Ich werde mir diese Papiere nicht einmal ansehen, es gibt keinen Grund. Ist es wirklich so einfach? Ihr versucht, mit dem Fahrrad zum Mond zu fahren.“

Das Klassenzimmer barst von einem weiteren Lachanfall. Die Schüler, die keine Papiere abgegeben hatten, lachten über die wenigen, die es getan hatten. Auch sie selbst begannen zu kichern, stampften mit den Füßen und lachten, bis ihre Seiten schmerzten. Nur Chen Jingrun lachte nicht. Er runzelte die Stirn. Er war von all dieser Freude ausgeschlossen.

Im folgenden Jahr kehrte der Lehrer an die Qinghua-Universität zurück. Es war Shen Yuan, Vizepräsident des Pekinger Luftfahrtinstituts und Vorsitzender der Nationalen Luftfahrtgesellschaft. Er hatte diese beiden Mathematikstunden längst vergessen. Wie hätte er wissen können, wie tief er in der Erinnerung des Schülers Chen Jingrun eingeprägt war? Lehrer vergessen leicht, weil sie viele Schüler haben. Aber Schüler erinnern sich oft an ihre Lehrer aus der Jugend.


IV

Fuzhou wurde befreit! Zu dieser Zeit besuchte Chen Jingru die 10. Klasse. Da er sich das Schulgeld nicht leisten konnte, blieb er zu Hause und lernte in der ersten Hälfte des Jahres 1950 selbstständig. Obwohl er nie einen formalen Abschluss machte, wurde er aufgrund gleichwertiger akademischer Qualifikationen an der Xiamen-Universität aufgenommen. In jenem Jahr gab es an der Universität nur eine Abteilung für Mathematik und Physik. Im zweiten Jahr wurde eine kleine Mathematikgruppe mit nur vier Studierenden gebildet. Im dritten Jahr wurde diese Gruppe zu einer Mathematikabteilung – immer noch mit denselben vier Personen. Aufgrund ihrer herausragenden akademischen Leistungen und weil das Land dringend ausgebildete Spezialisten benötigte, schlossen die vier vorzeitig ab und erhielten sofort eine Arbeitsstelle, wobei sie eine Vorzugsbehandlung erfuhren, um die andere sie beneideten. Im Herbst 1953 wurde Chen Jingrun nach Peking geschickt, um an der X. Mittelschule zu unterrichten. Es hätte ein Moment großer Erfüllung sein sollen.

Doch es war nicht so! An der Xiamen-Universität hatte er gute Tage. In seiner Gruppe und Abteilung gab es nur vier Studierende, aber auch vier Professoren und einen Assistenzlehrer, die sie betreuten. Er sog das Wissen begierig auf, als würde er Nektar von hundert Blüten sammeln, um den duftenden und reichen Honig der Mathematik zu gewinnen. Sein Lernen war äußerst effektiv. Er bewegte sich frei im abstrakten Reich, in dem alle dieselbe Sprache von dx und dy teilten, in dem Herz zu Herz und Seele zu Seele sprach. Drei Jahre lang wurde er nicht diskriminiert, niemand schalt oder schlug ihn. Er hielt wenig Kontakt zu anderen, erlebte aber goldene Jahre, in denen er völlig in den Ozean der Mathematik eingetaucht war. Er hatte nie erwartet, dass der Abschluss so schnell kommen würde. Bei dem Gedanken, an einem Lehrerpult zu stehen und mit Dutzenden scharfen, cleveren und manchmal schelmischen Augen konfrontiert zu sein, konnte er nicht anders, als vor Angst zu zittern.

Seine Vermutung wurde sofort bestätigt. Er war als Lehrer völlig ungeeignet. Während er selbst dünn und schwach war, waren seine Schüler alle groß und kräftig. Er war ungeschickt im Sprechen, denn schon nach wenigen Sätzen tat ihm die Kehle weh. Er beneidete jene weisen und eloquenten Lehrer sehr. Nach dem Unterricht kehrte er in sein Zimmer zurück, nannte sich einen Idioten und verfluchte sich härter, als es andere je getan hatten. Er hatte nie gelernt, für sich selbst zu sorgen, und schenkte seiner Ernährung wenig Aufmerksamkeit. Angst und Anspannung forderten ihren Tribut und verwandelten sich in Krankheit. Sein Fieber stieg auf 38°C, und als er zur Untersuchung ins Krankenhaus gebracht wurde, stellten die Ärzte sowohl Lungen- als auch Peritoneal-Tuberkulose fest.

In jenem Jahr wurde er sechsmal ins Krankenhaus eingewiesen und unterzog sich drei Operationen. Natürlich konnte er unter diesen Umständen nicht gut unterrichten. Aber er gab seine Spezialisierung nicht auf. Die Chinesische Akademie der Wissenschaften hatte kürzlich das berühmte Werk „Additive Primzahlentheorie” von Hua Luogeng veröffentlicht. Sobald es in den Buchhandlungen erhältlich war, kaufte es sich Chen Jingrun. Er tauchte sofort ein. Ein sehr tiefgreifendes Werk, extrem schwierig! Aber er studierte es intensiv. Selbst als er hospitalisiert war, arbeitete er heimlich weiter daran, wenn die Ärzte und Krankenschwestern ihn nicht sahen. Er dachte damals, dass die Schule aufgrund seiner mangelnden Gesundheit keinen Grund hatte, ihn willkommen zu heißen.

Er befürchtete, seinen Job zu verlieren. Was konnte er dagegen tun? Glücklicherweise lebte er sehr sparsam und kaufte sich nicht einmal eine Zahnbürste. Er gab nie leichtfertig auch nur einen Pfennig aus, sondern hatte fast sein gesamtes Einkommen gespart. Er stählte sich: Wenn er arbeitslos werden würde, würde er nach Hause zurückkehren und seine mathematische Forschung fortsetzen. Diese wenigen gesparten Münzen waren seine Garantie dafür, Mathematik betreiben zu können. So konnte er seine mathematische Forschung auch bei Arbeitslosigkeit fortsetzen, denn diese wenigen Münzen waren seine Lebensader und sein Leben war Mathematik. Was aber, wenn die Ersparnisse aufgebraucht wären? Er wusste es nicht. Auch das war ein schweres Problem ohne Antwort. Spätere Ereignisse sollten ihm recht geben: Seine Krankheit besserte sich nicht und die Mittelschule konnte ihn nicht länger behalten.

Der Präsident der Xiamen-Universität reiste zu einem Treffen im Bildungsministerium nach Peking. Während des Besuchs äußerte ein Leiter der Mittelschule, an der Chen Jingrun unterrichtete, scharfe Unzufriedenheit und äußerte eine Flut von Beschwerden: „Wie konntet ihr einen solchen sogenannten herausragenden Studenten ausbilden?“

Wang Yan’an, Präsident der Xiamen-Universität und Übersetzer von Marx’ „Das Kapital”, war bestürzt. Er hatte Chen Jingrun stets zu den besten Studierenden der Universität gezählt und widersprach der Kritik entschieden. Für ihn lag das Problem nicht bei Chen, sondern bei der unsachgemäßen Zuweisung seiner Arbeit. Er stimmte sofort zu, Chen Jingrun an die Xiamen-Universität zurückzuholen.

Als Chen Jingrun erfuhr, dass er zur Mathematikabteilung der Xiamen-Universität zurückkehren konnte, besserte sich merkwürdigerweise auch seine Krankheit. Wang Yan’an arrangierte jedoch, dass er in der Universitätsbibliothek arbeitete, damit er sich ganz der mathematischen Forschung widmen konnte – nicht, um Bücher zu verwalten. Wang Yan’an, der als Kritiker der politischen Ökonomie bekannt war, verstand die Werttheorie und den menschlichen Wert. Chen enttäuschte das Vertrauen des Präsidenten nicht. Er studierte eifrig und beherrschte sowohl Hua Luogengs Additive Primzahlentheorie als auch die umfangreiche Einführung in die Zahlentheorie. Doch diese Art von Erfahrung war nicht ohne Präzedenzfall.

Der ältere Mathematiker und Pädagoge Xiong Qinglai, der als Pionier gilt, weil er die moderne Mathematik nach China brachte, lehrte einst an der Qinghua-Universität in Peking. In den frühen 1930er Jahren befasste sich ein junger Mann, der nur die Mittelschule abgeschlossen hatte und seine Studien nicht fortsetzen konnte, völlig selbstständig mit Mathematik. Er schickte einen Artikel über die Lösungen algebraischer Gleichungen an Xiong Qinglai. Beim Lesen erkannte Xiong sofort das bemerkenswerte Talent und die Brillanz des Autors. Er lud den jungen Mann, dessen Name Hua Luogeng war, auf den Campus der Qinghua-Universität ein. Er arrangierte, dass Hua als Angestellter in der Mathematikabteilung arbeitete, während er ihm erlaubte, unabhängig zu studieren und umfassend Vorlesungen zu besuchen. Später schickte Xiong ihn zur Cambridge-Universität in England. Nach Abschluss seiner Studien und seiner Rückkehr nach China empfahl Xiong, der damals Präsident der Yunnan-Universität in Kunming war, Hua als Professor an der Southwest Associated University. Hua ging später erneut ins Ausland und lehrte in Princeton sowie an der University of Illinois. Nach der Gründung der Volksrepublik China kehrte er umgehend zurück und übernahm die Leitung des Instituts für Mathematik an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften.

Chen Jingrun begann in der Universitätsbibliothek der Xiamen-Universität schnell, spezialisierte Artikel über Zahlentheorie zu schreiben und schickte sie an das Institut für Mathematik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Hua Luogeng erkannte nach dem Lesen sofort Chens bemerkenswerte Begabung und Brillanz und empfahl, ihn als Forschungspraktikant am Institut auszuwählen. Genau wie Xiong Qinglai einst Hua Luogeng erkannt hatte, erkannte nun Hua selbst das vielversprechende Potenzial von Chen Jingrun.

Ende 1956 reiste Chen Jingrun erneut von der südlichen Küste in die Hauptstadt Peking.

Im Sommer 1957 kehrte auch der Mathematikprofessor Xiong Qinglai aus dem Ausland nach Peking zurück. Zu dieser Zeit versammelten sich Jung und Alt, alle Würdigen waren versammelt. Zu den berühmten Mathematikern dieser Zeit zählten Xiong Qinglai, Hua Luogeng, Zhang Zongsui, Min Sihe, Wu Wenjun und viele andere brillante Köpfe. Hinzu kam eine neue Generation herausragender Talente wie Lu Qikeng, Wan Zhexian, Wang Yuan, Yue Minyi, Wu Fang und andere, deren Talent wie prächtige Morgenwolken am Horizont aufzog. Ebenso gab es aufstrebende Talente wie Lu Ruling, Yang Le und Zhang Guanghou, die ihr Studium an der Peking-Universität aufgenommen hatten. In Disziplinen wie analytischer Zahlentheorie, algebraischer Zahlentheorie, Funktionstheorie, Funktionalanalyse, geometrischer Topologie und anderen gab es bereits eine Fülle von Talenten – plus Chen Jingrun. Jeder hielt, wenn man es mit Worten aus der chinesischen Mythologie ausdrücken will, Perlen geistiger Schlangen, jede Familie besaß Jade vom Jing-Berg. Winde sammelten sich und Wolken dampften, die Formation war wohlgeordnet. Die Bedingungen waren reif, und Hua Luogeng machte die Aufstellung: Betone die angewandte Mathematik, aber rücke auch vor zu jenem Juwel in der Krone – die Goldbach-Vermutung!

V

Um die Goldbach-Vermutung zu verstehen, muss man nur die Mathematik wiederholen, die man in der dritten Klasse gelernt hat. Die Zahlen 1, 2, 3, 4, 5 – Einer, Zehner, Hunderter, Tausender, Zehntausender – werden positive ganze Zahlen genannt. Zahlen, die durch 2 gleichmäßig geteilt werden können, heißen gerade Zahlen; Zahlen, die dies nicht können, heißen ungerade Zahlen. Eine andere Art von Zahlen, wie 2, 3, 5, 7, 11, 13 usw., können nur durch 1 und sich selbst geteilt werden, aber nicht durch eine andere ganze Zahl. Diese Zahlen werden Primzahlen genannt. Zahlen, die sich durch andere ganze Zahlen außer 1 und sich selbst teilen lassen, wie 4, 6, 8, 9, 10 und 12, werden dagegen als zusammengesetzte Zahlen bezeichnet. Wenn eine ganze Zahl durch eine Primzahl geteilt werden kann, wird diese Primzahl ein Primfaktor der ganzen Zahl genannt. So hat 6 zwei Primfaktoren: 2 und 3, und 30 hat drei Primfaktoren: 2, 3 und 5.

Für jetzt ist das genug.

Als Goldbach im Jahr 1742 an Euler schrieb, schlug er vor, dass jede gerade Zahl, die größer als 6 ist, die Summe zweier Primzahlen ist. Beispielsweise ist 6 = 3 + 3, 24 = 11 + 13 usw. Einige Leute haben auf diese Weise jede gerade Zahl überprüft, und zwar bis zu 330 Millionen, wobei sich in allen Fällen die Korrektheit der Aussage zeigte. Aber was ist mit größeren Zahlen, viel größeren Zahlen? Durch Vermutung sollte es ebenfalls korrekt sein. Vermutungen sollten jedoch bewiesen werden. Es zu beweisen ist jedoch schwierig, um es gelinde auszudrücken.

Das gesamte 18. Jahrhundert hindurch konnte niemand diesen Beweis erbringen.

Auch im 19. Jahrhundert gelang es niemandem, es zu beweisen.

Erst in den 1920er Jahren des 20. Jahrhunderts begann das Problem endlich, Fortschritte zu machen.

Lange Zeit versuchten Mathematiker, den Beweis zu erbringen, dass sich jede große gerade Zahl als Summe zweier Zahlen mit „nicht zu vielen Primfaktoren“ darstellen lässt. Die Idee war, eine Art Einkreisung zu schaffen, um die Möglichkeiten Schritt für Schritt zu verengen, bis man letztendlich die Goldbach-Vermutung beweisen könnte, dass jede gerade Zahl die Summe zweier Primzahlen ist (1 + 1). Im Jahr 1920 zeigte der norwegische Mathematiker Brun mithilfe einer antiken Siebmethode, einer Technik zur Untersuchung der Zahlentheorie, dass jede große gerade Zahl als Summe zweier Zahlen ausgedrückt werden kann, von denen jede höchstens neun Primfaktoren hat. Mit anderen Worten war die Summe zweier Zahlen möglich, von denen jede das Produkt von höchstens neun Primzahlen ist (9 + 9). Dies war ein wichtiges Ergebnis, das durch die Siebmethode erzielt wurde. Dennoch blieb die Einkreisung zu weit und musste weiter verschärft werden – und tatsächlich wurde sie allmählich reduziert.

bewies der Mathematiker Rademacher (7 + 7), 1932 Estermann (6 + 6), 1938 Buchstab (5 + 5) und 1940 er selbst (4 + 4). 1956 etablierte Vinogradov (3 + 3) und 1958 bewies der chinesische Mathematiker Wang Yuan (2 + 3). Schritt für Schritt wurde die Einkreisung enger und bewegte sich immer näher an (1 + 1). Doch alle diese Ergebnisse hatten eine Schwäche gemein: In keinem von ihnen konnte bestätigt werden, dass eine der Zahlen eine Primzahl war.

Bereits im Jahr 1948 schlug der ungarische Mathematiker Rényi eine andere Angriffslinie vor. Er eröffnete eine neue Front und versuchte zu beweisen, dass sich jede große gerade Zahl als Summe einer Primzahl und einer Zahl mit maximal sechs Primfaktoren darstellen lässt. Es gelang ihm, (1+6) zu beweisen.

In den folgenden zehn Jahren gab es jedoch keine Fortschritte.

Im Jahr 1962 bewies der chinesische Mathematiker Pan Chengdong, Dozent an der Shandong-Universität, (1 + 5) und bewegte das Problem somit um einen Schritt vorwärts. Später im selben Jahr etablierten Pan und Wang Yuan gemeinsam (1 + 4). 1965 bewiesen Buchstab, Vinogradov und Bombieri schließlich (1+3).

Im Mai 1966 erleuchtete dann eine brillante Signalrakete den mathematischen Himmel: Chen Jingrun kündigte in Ausgabe 17 des „Science Bulletin” der Chinesischen Akademie der Wissenschaften an, dass er (1+2) bewiesen hatte.

Seit seinem Beitritt zum Institut für Mathematik waren die Knospen seines Talents eine nach der anderen aufgeblüht. Bei Problemen wie Gitterpunkten in Kreisen und Kugeln, Warings Problem sowie dem dreidimensionalen Teilerproblem hatte er die Arbeit chinesischer und ausländischer Mathematiker vorangetrieben und verfeinert. Allein diese Errungenschaften stellten bereits einen hochsignifikanten Beitrag dar.

Nachdem er eine solide Grundlage geschaffen hatte, widmete er sich mit erstaunlicher Ausdauer der Goldbach-Vermutung. Er vergaß zu essen oder zu schlafen, arbeitete Tag und Nacht, verlor sich in Gedanken, erforschte tiefe Geheimnisse und führte endlose Berechnungen durch. So völlig in die Mathematik vertieft, schien er oft benommen. Einmal lief er sogar in einen Baum und fragte, wer ihn gestoßen habe. Er investierte all seine Intelligenz und Vernunft in dieses Problem und bezahlte einen hohen Preis: Seine Augen sanken tief ein, seine Wangen erröteten durch Tuberkulose, seine Kehle wurde von einer Kehlkopfentzündung heimgesucht, die ihn ständig husten ließ, und Bauchschwellungen und Schmerzen wurden unerträglich. Selbst als er halb bewusstlos war, kreisten seine Gedanken immer noch um Zahlen und Symbole. Schritt für Schritt erklomm er die rauen Pfade der Mathematik, mühsam jeden Schritt. Auf dem hohen Plateau der Abstraktion bestieg er steile Klippen, fiel und kletterte wieder hinauf. Missverständnisse trübten seine Sicht, ignoranter Spott hallte in seinen Ohren. Doch er schenkte dem keine Aufmerksamkeit, verschwendete keine Zeit mit Streit und ertrug Demütigungen schweigend. Frost essend und Schnee trinkend, kostete ihn jeder Schritt vorwärts viel. Er rang nach Atem, Schweiß strömte wie Regen und oft fühlte er, dass er nicht weitergehen konnte – dennoch kletterte er weiter, mit seinen Händen, mit seinen Fingernägeln. Der Kampf war zermürbend. Immer wieder kletterte er, nur um zu fallen, bis selbst eiserne Schuhe durchgewetzt gewesen waren. Die Leute verspotteten seine zerfetzten Schuhe. Sie scherzten, sie müssten wenigstens seine Füße vor Fußpilz bewahren. Er konnte nicht mehr zählen, wie oft er ausgerutscht war und wie oft er beinahe zerbrochen wäre. Doch er gab nie auf. Jeder Misserfolg wurde zu einer Lektion, jeder Rückschlag wurde zu den Nylonseilen und eisernen Leitern seines Aufstiegs geschmiedet. Misserfolg wurde zur Mutter des Erfolgs, Erfolg war aus dem Misserfolg selbst aufgebaut. Er überquerte Schneegrenzen, bestieg Schneegipfel, kletterte über Gletscher und spürte dabei, wie die Luft immer dünner wurde. Er bestieg Schneegipfel, überwand Gletscher und spürte immer stärker die dünne Luft. Wieder und wieder verdeckten Lawinen seine vorrückenden Schritte, Gletscher blockierten den Weg, aber er strebte weiterhin mutig vorwärts. Er war wie ein Bergsteiger, der den Mount Everest besteigt – kletternd, kletternd, kletternd. Bösartige Verleumdung und Spott schlugen wie Sturmwinde und dunkle Wolken zu, aber warme Ermutigung lichtete den Himmel, und die Sonne des Wohlwollens gab ihm Kraft. Sei Ziel fest im Blick hielt er durch, unnachgiebig. Er kletterte über die steile erste Stufe hinaus, nur um der noch bedrohlicheren Klippe der zweiten gegenüberzustehen. Er dachte nur ans Klettern, über tausend Fuß tiefe Abgründe hinweg und durch atemberaubende Ausblicke. Blätter von Berechnungspapier häuften sich wie treibender Schnee. Formeln, Symbole und Beweise bedeckten den Boden drei Fuß tief. Sie erhoben sich wie Berge an seinen Knien und blühten in zehntausend Schneelotusblüten auf. Endlich erreichte er den Pfad zum Gipfel, den Schritt von (1 + 2).

Er bewies diese Proposition und verfasste eine über zweihundert Seiten starke Abhandlung.

Lehrer Min Sihe las das Originalmanuskript von Chen Jingruns Abhandlung sorgfältig durch, prüfte und verifizierte immer wieder. Schließlich bestätigte er, dass der Beweis korrekt und zuverlässig war. Er sagte Chen, dass andere im Vorjahr (1+3) mit mächtigen elektronischen Computern bewiesen hatten. Chen jedoch hatte (1+2) bewiesen, indem er sich allein auf seine eigenen Berechnungen verließ. Kein Wunder, dass die Abhandlung so lang war. Dennoch schlug Lehrer Min vor, sie zu vereinfachen.

Die „Referenz [10]“, die am Ende des ersten Absatzes zitiert wird, bezieht sich auf seine kurze Ankündigung im „Science Bulletin“, in der nur das Ergebnis erwähnt wurde, ohne den vollständigen Beweis. Zu jener Zeit überarbeitete er das ausführliche Manuskript. Doch dann wurde Chen Jingrun plötzlich in die gewaltigen Wellen der politischen Revolution hineingezogen. Die brandende Flut griff alle sogenannten ausbeuterischen Klassenideologien an. Die beispiellose Kulturrevolution explodierte wieder und wieder über dem Land China wie eine Reihe erfolgreicher Tests geistiger Atom- und Wasserstoffbomben.

VI

Die vom Proletariat eingeleitete „Kulturrevolution“ war auch eine große politische Revolution. In der Menschheitsgeschichte gab es noch nie eine so große Massenbewegung. Ein Viertel der Weltbevölkerung wurde mobilisiert, unabhängig von Geschlecht oder Alter. Diese große revolutionäre Bewegung fegte alles mit sich: Arbeiter, Bauern, Kämpfer, Intellektuelle, Teufel, Dämonen - ausnahmslos alle. Es gab Anklagen und Angeklagte, Enthüllungen und Enthüllte, Kritik und Gegenkritik, Kritik und Selbstkritik.

China erlebte einen „Bürgerkrieg“. Überall gab es organisierte Aufregung, geführte Kämpfe und geordnetes Chaos. Die proletarische Revolution kritisierte sich ständig selbst. Sieg nach Sieg, Umkehrung nach Umkehrung. Scheinbar vollendete Dinge wurden wieder hergenommen und immer wieder von neuem gemacht, sie wurden jedes Mal mit neuen Verbesserungen wiederholt. Alle suchten gnadenlos nach ihren eigenen Schwächen, Mängeln und Fehlern. Wie Marx sagte: den Feind stärker werden lassen, während man sich immer wieder zurückzieht, bis kein Rückzug mehr möglich ist; dann den Sprung auf die Insel Rhodos wagen, den Feind zerschmettern und den Sieg im Rosengarten feiern. Szene um Szene flog vorbei, schnell wie Wind und Blitz, erschütternd wie Erdbeben. Ein Drama nach dem anderen wurde mit Freude, Zorn, Trauer und Glück vollständig ausgelebt, Trennung und Wiedervereinigung berührten Herzen und Seelen. Charakter nach Charakter betrat die Bühne. Einige zerbrachen ihre Hellebarden und versanken im Sand, verdienten ihren Tod. Die vier großen Familien – ein Traum der Roten Kammer. Einige erschienen kurz wie Epiphyllum-Blüten und verwelkten genau so schnell wieder. Aber es gab auch immergrüne Kiefern und Zypressen, die, obwohl tot, dennoch lebendig waren, mit einem Geist, der bedeutungsvoller war als der Berg Tai, und deren edles Wesen ewig währte. Einige waren wahre Helden, im Geist und im Kampf geschmiedet wie die Zwillingsschwerter von Ganjiang und Moye, durch tausend Hämmer gehärtet: stumm wie eine Glocke, wenn sie geschlagen werden, und scharf genug, um Eisen wie Butter zu schneiden. Seite um Seite der Geschichte wurde geschrieben und mit der Zeit erhielten die großen Rechte und Unrechte eine faire Beurteilung. Bejahung – Verneinung – Verneinung der Verneinung. Schminke kann nicht ewig halten, sie muss abblättern. Die fälschlich Angeklagten werden am Ende rehabilitiert. Einst gepflanzte Samen werden sicher Früchte tragen, denn was gesät wird, wird eines Tages geerntet.

Es mussten Prüfungen in Astronomie, Geographie, Physik, Chemie, Biologie und Mathematik abgelegt werden. Chen Jingrun ertrug die härteste Prüfung der Kulturrevolution. Erfahrene Mathematiker wurden niedergeschlagen und selbst die Mittleren und Jungen konnten sich nicht retten. Die einst feierliche Akademie der Wissenschaften wurde in Aufruhr gestürzt, ihre geschäftigen Laboratorien kühlten ab und waren verlassen. Tag und Nacht waren von Debatten und heftigen Auseinandersetzungen erfüllt. Worte wichen Taten, Fäuste ersetzten Zungen. Die Kulturrevolution war wie ein großes Sieb – alles musste hindurchgeschüttelt werden. Auch die Akademie wurde dieser Siebmethode unterworfen: Was ausgesiebt werden sollte, würde am Ende ausgesiebt werden; was nicht ausgesiebt werden sollte, konnte niemals durchgezwungen werden.

In der Vergangenheit wurde argumentiert, dass sich Wissenschaftler niederlassen sollten, um mit Seelenfrieden zu arbeiten, sich in die Gelehrsamkeit zu vertiefen und sich ganz ihrem Beruf zu widmen. Während der Kulturrevolution wurde dies jedoch als bürgerliche Linie wissenschaftlicher Forschung angeprangert – „fokussieren, vertiefen, absorbieren“. Chen Jingrun wurde als typisches Beispiel hervorgehoben. Tatsächlich verbrachte er seine Tage vertieft im Studium. Er kümmerte sich wenig um Politik, obwohl er an jeder politischen Bewegung teilgenommen hatte. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, dass die Kommunistische Partei gut und die Kuomintang schlecht war. Die Logik eines Mathematikers ist hart wie Stahl, und seine Haltung war fest. Er hatte keine Fehler gemacht. Was das politische Verständnis betraf, war Chen Jingrun unbefleckt – rein wie ein Kranich. Die weißen Federn eines Kranichs können nicht befleckt werden, obwohl seine Krone leuchtend rot ist. Seine Augen sind ebenfalls rot, vielleicht von langen Nächten ohne Schlaf. Er war in Fabriken gegangen, um zu arbeiten, und hatte Mathematik auf praktische Produktion angewendet, selbst während er sich mit Zahlentheorie beschäftigte, der grundlegendsten der theoretischen Wissenschaften. Doch auch wenn er der Politik keine Aufmerksamkeit schenkte, richtete die Politik unvermeidlich ihre Aufmerksamkeit auf ihn und unterzog ihn harscher Kritik. Leichte Kritik würde ihn nicht bewegen. Sie waren der Ansicht, nur durch Erschütterung könne er dazu gebracht werden, sich um die Linie zu kümmern. Bei der Kritik brauche man keine Übertreibung zu fürchten, denn um das Krumme zu begradigen, müsse man überkorrigieren. Aber konnte ein Stoß ihn wirklich über die Grenze zwischen Freund und Feind schicken? Konnte er wirklich in das „Diktatur-Team“ getrieben werden? Welches Verbrechen lag schließlich darin, nur Störungen vermeiden und sich auf wissenschaftliche Forschung konzentrieren zu wollen?

Wohlmeinende Missverständnisse können aufgeklärt werden, und ignoranter Spott kann vergeben werden. Doch um einen Mathematiker zu kritisieren, sollte man wenigstens etwas vom Wesen der Mathematik verstehen, sonst täuscht man nur sich selbst, ohne es zu merken. Chen Jingrun wurde zum Ziel der Kritik. Aus der ‘Hut-Fabrik’ holte man einen Hut nach dem anderen und setzte sie ihm auf: revisionistischer Setzling, Bohr-Tief-Durchdring-Typ, typisch für den Weg des weißen Experten, Bücherwurm, Parasit, Ausbeuter.

Einige machten sogar derart absurde Bemerkungen: „Dieser Mann studiert das (1+2)-Problem. Er betreibt eine Art Mathematik, die niemand verstehen kann. Soll die Goldbach-Vermutung zur Hölle fahren! Was ist so großartig an (1+2)? Ist nicht 1 + 2 gleich 3? Dieser Mann schlich sich ins Mathematikinstitut, lebt vom Staatsgehalt, isst das Getreide des Volkes und verbringt seine Zeit mit irgendwelchem 1+2=3-Unsinn. Was für ein Müll! Pseudowissenschaft!

Die Person, die das sagte, war kaum mehr als ein Narr.

Für diejenigen, die Mathematik nicht verstanden, waren solche Worte vielleicht nachvollziehbar. Unter denen, die solche Bemerkungen machten, waren jedoch einige, die Mathematik eindeutig kannten und genau wussten, dass die Goldbach-Vermutung ein weltberühmtes Problem war. Von ihnen war es nichts als bösartige Verleumdung. Macht hatte das Urteilsvermögen getrübt und der Fraktionalismus die Leute verrückt gemacht.

Einen Menschen zu verstehen, ist schwierig. Einen Mathematiker zu verstehen, ist nicht einfacher. Einen bösartigen Verleumder zu verstehen, ist jedoch allzu einfach. Bis dahin war Chen Jingrun schwer krank geworden. Sogar die Stahlfabrik kam „zu Besuch“. Er hörte zu, wie sie ihre widerwärtigen Beleidigungen ausspuckten, begleitet von fliegender Spucke und verworrener Rede. Er starrte vor sich hin; seine Sicht wurde dunkel und er konnte nichts sehen. Sein Körper zitterte, als wäre er von Schüttelfrost und Fieber ergriffen. Durchdringende Zweifelswellen wirbelten durch seinen Geist. Rote Streifen brannten über seine blassen Wangen, gefleckt mit Blau und Schwarz. Eine plötzliche Krankheit schlug ihn nieder. Schwindelig und schockiert kollabierte er kopfüber zu Boden.

Wie Marx schrieb: „Was in ihren Augen als das revolutionärste Ereignis galt, war in Wirklichkeit das kontrerevolutionärste. Die Frucht fiel der republikanischen Bourgeoisie in den Schoß, aber sie fiel vom Baum der Erkenntnis, nicht vom Baum des Lebens.“ („Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, Kapitel II).

VII

Das Zentrum eines Taifuns ist ruhig.

Nach einiger Zeit – niemand konnte sagen, wie viele Tage oder Monate – wurde das Leben im „Diktatur-Team“ ruhig und fast friedlich. Während die Gefangenen draußen im Sturm unruhig und verzweifelt waren, planten, schrien, kämpften, Essen und Schlaf vernachlässigten, ihre eigenen Fraktionen fieberhaft verteidigten und andere wütend angriffen, wurden ihre Ziele im „Diktatur-Team“ weitgehend vergessen. Die Fraktionskämpfe ließen wenig Zeit, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Zu diesem Zeitpunkt meldete sich ein alter Veteran der Roten Armee freiwillig, um die Wissenschaftler zu bewachen. In Wahrheit war er ein Unterstützer, der mit ihnen sympathisierte, sie schützte und ihnen sogar erlaubte, heimlich zu lesen.

Als später Arbeiter-Propagandateams in die verschiedenen Institute der Akademie der Wissenschaften eintraten, wurde Chen Jingrun freigelassen und durfte in sein kleines Zimmer zurückkehren. Dort konnte er nicht nur lesen, sondern auch wieder mit dem Rechnen beginnen. Doch es gab immer einige, die ihm keine Ruhe ließen. Jeden Tag kamen sie, klopften an die Tür, prüften die Haushaltsregistrierungen und hielten ihn dadurch nervös und unfähig, Ruhe zu finden. Einmal kamen sie mit Drahtschneidern. Entschlossen, ihn vom Lesen abzuhalten, schnitten sie das Licht in seinem Zimmer ab und trugen es weg. Damit noch nicht zufrieden, gingen sie weiter und durchtrennten das Schaltkabel selbst.

Dunkelheit fiel – nicht nur auf sein Zimmer, sondern auch auf sein Herz.

Doch er musste weiterhin in der Dunkelheit leben. Er kaufte eine Petroleumlampe und klebte aus Angst, dass ihr Licht durchscheinen könnte, Zeitungen über die Fenster. Er kämpfte unter elenden Bedingungen weiter. Während diejenigen, die zu arbeiten suchten, ihre Löhne gekürzt bekamen, erhielten diejenigen, die am Zerschlagen und Plündern teilnahmen, Zuschüsse. Nach so langer Zeit des Lebens in ständiger Angst und auf rohen Eiern wurden seine Nerven extrem zerbrechlich. Er konnte nicht arbeiten und wagte nicht einmal zu lesen. Dann kam das Arbeiter-Propagandateam, um ihn zu befragen: „Warum beschäftigst du dich mit 1 + 1 = 2 und 1 + 2 = 3?“ Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Aufgeregt und verwirrt stammelte er und war sich unsicher, wie er seinen Fragestellern die Dinge klar erklären sollte. Die Arbeiter fanden ihn seltsam. Schließlich erklärte er ihnen: Dieses (1+1) und (1+2) sei nur eine abgekürzte Sprechweise und nicht das 1+1 und 1+2 der alltäglichen Arithmetik. Genauso wie wenn wir sagen, jemand ist ein Papiertiger, meinen wir keinen echten Tiger. Sag mal? Sie unterstützten ihn auch mit Begeisterung und beschützten ihn.

Nachdem die Sache geklärt war, sagten die Arbeiter ebenfalls verärgert: „Warum verbreiten diese Leute solchen Unsinn?" Auch sie unterstützten ihn mit Begeisterung und nahmen ihn in Schutz.

Nach dem „Zwischenfall vom 13. September“ hatte der Machthungrige Liu Shaoqi seine Rolle ausgespielt und hinterließ ewige Schmach. Als Chen Jingrun davon erfuhr, war er so schockiert, dass er nicht sprechen konnte. Von diesem Zeitpunkt an besserte sich die Situation allmählich, doch er war wie ein Vogel, der durch das Spannen eines Bogens erschreckt wurde. Die Intensität des Klassenkampfs verwirrte ihn. Seine einzige Zuflucht war immer die Mathematik gewesen und nun durfte er sich wieder in die Welt der Zahlentheorie zurückziehen. Der Bibliothekar, selbst ein ehemaliger Forscher, wurde einer seiner stärksten Unterstützer. Tatsächlich gab es viele solcher Unterstützer, die auf ihn achtgaben. Versteckt in einer kleinen Ecke der Bibliotheksbestände konnte er lesen. Dank der Beharrlichkeit dieser Forscher bestellte das Mathematik-Institut Jahr für Jahr weiterhin Zeitschriften und Literatur aus dem Ausland – eine verdienstvolle Tat. Er las, rechnete und dachte; allmählich hob sich seine Stimmung. Doch seine Gesundheit verschlechterte sich weiterhin. Er sprach nie darüber, beschwerte sich nie, sondern stürzte sich wieder in die Arbeit. Tagsüber arbeitete er in einer Ecke der Bibliothek und nachts kletterte er unter dem schwachen Schein einer Petroleumlampe immer wieder hinauf, immer auf der Suche nach dem direktesten, sichersten und fehlerfreiesten mathematischen Weg.

Der geliebte Premier Zhou Enlai hatte sich stets intensiv um die Arbeit der Akademie der Wissenschaften gekümmert und es geschafft, die Fraktionseinmischung zu reduzieren. Zwei Wochen zuvor war eine Frau namens Zhou zur Direktorin der Politischen Abteilung des Instituts für Mathematik ernannt worden. Die Fünf-Disziplinen-Abteilung, bestehend aus Disziplinen wie analytischer und algebraischer Zahlentheorie, hatte den regulären Arbeitsplan wiederaufgenommen. Auch ein Parteisekretär war für diese Ebene ernannt worden: ein erfahrener Basis-Kader aus Arbeiter-Bauern-Herkunft, der zuvor als politischer Offizier in der Politischen Abteilung der Zweiten Feldarmee unter der Volksbefreiungsarmee gedient hatte.

Nach seinem Amtsantritt suchte der Sekretär überall nach Chen Jingrun. Schwester Zhou hatte ihm bereits erzählt, was sie von der Situation verstand. Aber er konnte Chen Jingrun nirgends finden. Er war nicht im Büro, es gab nicht einmal einen Schreibtisch für ihn. Er war bereits vergessen worden. Doch schließlich trafen sie sich in einer ruhigen Ecke des kleinen Bucharchivs der Bibliothek.

Kurz nach dem Nationalfeiertag schien überall die Oktobersonne, doch während Sekretär Li nur ein leichtes Hemd trug, war der schwächliche Chen Jingrun bereits in eine gepolsterte Jacke gehüllt.

„Sekretär Li, danke“, sagte Chen Jingrun. Er dankte jedem, den er traf. „Sehr glücklich“, sagte er und wiederholte das Wort immer wieder. Sobald er jemanden traf, fühlte er, dass Sekretär Li nahbar war. „Sehr glücklich. Sekretär Li, ich bin sehr glücklich. Sekretär Li, ich bin sehr glücklich.“

Sekretär Li fragte ihn: „Ist 17:30 Uhr nach der Arbeit gut für dich? Ich komme dann in dein Zimmer, um dich zu sehen.“

Chen Jingrun dachte einen Moment nach und stimmte zu: „Gut, das passt mir. Dann warte ich heute Nachmittag am Gebäudeeingang auf dich, sonst wirst du mich nicht finden können.“

„Nein, du musst nicht auf mich warten“, sagte Sekretär Li.

„Wie könnte ich es nicht finden?“ Ich kann es finden. Es ist gar nicht nötig zu warten.“

Doch Chen Jingrun blieb dabei: „Ich möchte auf dich warten. Ich werde am Eingang des Wohnheims auf dich warten. Sonst kannst du mich nicht finden. Wenn du mich nicht findest, wäre das schlecht.“

Tatsächlich wartete er an jenem Nachmittag am Eingang des Wohnheims. Er wartete auf Sekretär Li, brachte ihn in den dritten Stock und lud ihn in ein kleines Zimmer ein. Das winzige Zimmer war nur sechs Quadratmeter groß. Es fehlte auch eine Ecke. Ursprünglich war der Raum im zweiten Stock ein Kesselraum. Der rechteckige, große Schornstein führte durch das Zimmer im dritten Stock und schnitt ein Sechstel davon ab. Das Zimmer hatte die Form eines Messerhefts. Offensichtlich hatte der Besitzer gerade dieses Zimmer gereinigt und aufgeräumt, aber es war immer noch nicht sehr ordentlich. Drei Fenster waren mit Zeitungen beklebt, und zwar sehr fest. Obwohl die Herbstsonne sehr hell schien, war das Zimmer ziemlich düster. Über den Fenstergittern war Fenstergaze aufgerollt, die wie Schafsschwänze aussah. Die Fenster waren mit Draht umwickelt, sodass sie sich nicht richtig schlossen und Insekten ein- und ausfliegen konnten. Sekretär Li hatte sich seine Lebensbedingungen nicht so schlecht vorgestellt. Er setzte sich aufs Bett und sagte: „Dein Bett ist ziemlich sauber!“

„Neue Bettlaken gekauft. Ich habe gerade Bettlaken gekauft“, sagte Chen Jingrun. „Du bist gekommen, um mich zu sehen, also bin ich extra Bettlaken kaufen gegangen.“ Er zeigte auf die hell schneeweißen Bettlaken mit blauen karierten Mustern und sagte: „Danke, Sekretär Li. Ich bin sehr glücklich. Seit sehr, sehr langer Zeit ist niemand gekommen, um mich zu besuchen. um mich zu besuchen.“ Er sagte es und seine Stimme begann zu zittern. Es klangen Tränen in seiner Stimme mit. Sekretär Li war sofort von dieser Stimme erschüttert, sein Herz brannte vor Wut. Noch nie zuvor war dieser Parteiarbeiter so bewegt gewesen. Empörend, zu empörend! In diesem Zimmer stand nicht einmal ein Tisch. Das sechs Quadratmeter kleine Zimmer war leer wie eine Wildnis. Aus zwei Hanfsäcken in der Ecke lugten Bündel von Manuskriptpapier hervor. An einem vierblättrigen Heizkörper hingen eine Brotdose, ein Haufen Medizinflaschen und zwei Thermosflaschen. Nicht einmal einen niedrigen Hocker gab es. Warum gab es noch eine Petroleumlampe? Er bemerkte, dass das Zimmer über keine elektrische Beleuchtung verfügte. „Was?“, fragte er. „Kein elektrisches Licht?“

„Ich will kein Licht“, antwortete er. „Ein Licht zu haben, ist nicht gut. Ein Licht zu haben, ist lästig. In diesem Gebäude verwenden viele Familien elektrische Öfen. Die elektrische Last ist zu hoch, sie müssen oft die Schaltungen überprüfen, jeden Haushalt einzeln. Aber sie überprüfen mich nie. Ich habe kein Licht und auch keine elektrische Verkabelung. Ein Licht zu haben ist nicht gut, ein Licht macht Probleme.“ Mit diesen Worten lächelte er traurig.

„Aber du musst arbeiten. Wie arbeitest du ohne Licht? Ich habe gehört, dass deine Arbeit sehr gut ist.“

„Nein. Ich arbeite unter der Petroleumlampe, dort arbeite ich genauso.“

„Was ist mit einem Tisch? Warum hast du keinen Tisch?“

Chen Jingrun hob beiläufig das neue Bettlaken zusammen mit der Matratze hoch, entblößte das Bettbrett und sagte: „Ist das nicht einer? So kann ich auch arbeiten.“

Sekretär Li runzelte die Stirn und knirschte mit den Zähnen. Er dachte: „Hmm, solche Dinge passieren tatsächlich! In Zhongguancun, an der Akademie der Wissenschaften. Menschen verschwenden, Wissenschaft verschwenden! Zu diesem Zustand verschwendet.“ Während er das dachte, zeigte er auf die schafsschwanzartige Fenstergaze und fragte: „Du benutzt keine Moskitonetze? Hast du keine Angst vor Moskitostichen?“

„Wenn du nachts keine Lichter anmachst, kommen keine Moskitos herein. Im Sommer versuche ich, nicht im Zimmer zu bleiben. Jetzt gibt es weniger Moskitos.“

„Ich lasse Licht installieren“, sagte Sekretär Li mit Nachdruck. „Ich schließe die Verkabelung an. Ich gebe dir auch einen Tisch und Bücherregale, okay?“

„Das ist nicht gut. Ich will es nicht, nein... Nein...“

Sekretär Li kehrte ins Büro zurück. Dort fand er Direktor Zhang, der nur eine Woche früher als er selbst angekommen war. Nach dem, was er hörte, hielt der Direktor das alles für unmöglich: „Unsinn! Wie könnte es kein Licht geben?” Sekretär Li beschrieb ihm die einsame Szenerie des kleinen Zimmers. Diese Menschen mit Dornen an ihren Körpern und Hörnern an ihren Köpfen hatten die Akademie der Wissenschaften so aufgewühlt! Sofort wurde ein Elektriker gerufen. Der Elektriker installierte unverzüglich ein Licht. Er installierte das Licht und schloss den Schalterdraht an. Ein Zug, und das Licht ging an.

Chen Jingrun hatte sich über einen Tisch gebeugt und begann zu schreiben.

Endlich erreichte das Licht Chen Jingruns Zimmer.


VIII

[Er schreibt Notizen]

Aus Formel (22) und obiger Formel – wenn x sehr groß ist, haben wir


Nach Lemma 1 wird dieses erhalten.

Lemma 8. Sei x eine sehr große Konstante, dann haben wir


[Die Bedingung in Lemma 8 besagt, dass „wenn x eine sehr große Konstante ist, dann ist Ω kleiner oder gleich 3.9404xCx geteilt durch (log x)². Bitte beachten Sie, dass diese Formel die Hauptschlüssel zu Chen Jingruns Beweis von (1 + 2) darstellt.]

Der Beweis lautet: Wenn x sehr groß ist, haben wir aus Lemma 5 bis Lemma 7:


Außerdem:


Seite für Seite, Zeile für Zeile! Das sind die Blüten des menschlichen Denkens. Es sind die leeren Täler in tiefen Bergschluchten, die Herbstwälder, die Menschen im Eisgebirge, der Schnee auf den Gipfeln, die Geister, die das menschliche Denken einfangen. Diese mathematischen Formeln sind die Sprache einer Welt. Wer diese Sprache lernt, kann sie zu schätzen wissen. In ihnen verbergen sich die strengste Logik und die natürlichsten Beweise. Sie entstehen bei der Erforschung des Sonnensystems, der Galaxie, der Flüsse, Seen und Meere sowie des Universums, und auch in den wunderbaren Räumen von Atomen, Elektronen und Teilchen. Aber nur diejenigen, die sich mit solch tiefen mathematischen Bereichen befassen, können das wirklich verstehen – gewöhnliche Menschen können das nicht.

Betrachten wir auch diese wissenschaftlichen Bereiche – die Ufer der Seen in hohen Bergschluchten. Sie gleichen weißen Schwänen, die am Himmel tanzen, so schön und vielfältig. Du siehst das jadegrüne Grün und das schneeweiße Weiß, so weiß, als gäbe es keinen Staub. Auf den Gipfeln siehst du das leuchtende Rot, und es macht dich neidisch. Es gibt alle Arten fliegender Vögel: Schwalben, Phönixe, Kraniche, Schönheiten - Verwandlungen ohne Grenzen. In den tiefen mathematischen Bereichen, in denen die Seele verloren und zerstreut ist, weiß man nicht, was dort ist.

Der alte Mathematiklehrer Yin konnte all das auskosten. Obwohl er beschäftigt war, liebte er es, darüber zu reden. Er sagte oft: „Außer der Arbeit als Geologe sollte man am besten aufhören.“ Er hatte bereits Fermats Vermutung und Gödels Unvollständigkeitssatz aufgeschrieben. Sie waren fertig und erfolgreich.

„Ihre Abhandlung ist fertig“, fragte ein Militärvertreter Chen Jingrun. „Warum reichen Sie sie nicht ein?“

Chen Jingrun antwortete ihm: „Ich arbeite noch daran, ich bin noch nicht fertig.“Der Militärvertreter sagte: „Ich hoffe, Sie werden sie bald vollenden.“

Der Abteilungsleiter Lao Tian sagte zu Sekretär Li: „Man kann ihn ermutigen, sie einzureichen. Aber es eilt nicht. Wenn er sie nicht einreicht, hat er natürlich seine Gründe.“

Sekretär Li fragte ihn, und Chen Jingrun sagte: „Manche Leute beschimpfen mich und sagen, ich reiche die Arbeit nicht ein, weil es jetzt kein Honorar mehr gibt, und dass ich sie einreichen würde, wenn das Honorar wieder eingeführt würde.“

IX

Ich bin wirklich noch nicht fertig. Meine Abhandlung ist fertig, und doch ist sie nicht fertig. Seit ich im Mathematischen Forschungsinstitut bin, forsche ich unter der Anleitung strenger Lehrer, renommierter Experten und der Organisation unablässig. Wie könnte ich da noch etwas anderes tun? Wie könnte ich sonst der Partei gegenüber würdig sein? Von den mehr als dreißig schwierigen Problemen in der Zahlentheorie der Weltmathematik habe ich sechs oder sieben gelöst und ihre Lösung vorangetrieben. Das war meine unerlässliche Übung und unerlässliche Vorbereitung. Erst danach konnte ich mich der Goldbach-Vermutung zuwenden. Dafür habe ich mein Herzblut vergossen.

Im Jahre 1965 erreichte ich vorläufig (1+2). Aber meine Lösung war zu kompliziert, ich schrieb über zweihundert Seiten Manuskript. Die Anforderungen an eine mathematische Abhandlung sind: (1) Korrektheit, (2) Prägnanz.

Es ist wie der Weg von der Stadt Peking zum Sommerpalast - es gibt viele Wege, man muss den genauesten und fehlerfreien sowie kürzesten und besten auswählen. Meine lange Abhandlung war nicht falsch, aber sie nahm Umwege, war über zweihundert Seiten lang und wurde noch nicht veröffentlicht. Das Ausland hat sie weder anerkannt noch verneint, weil sie nicht veröffentlicht wurde. Von jenem Jahr bis heute sind bereits sieben Jahre vergangen.

Dies ist ziemlich schwierig und auch schwer verständlich für andere. Was das Erlernen von Fremdsprachen betrifft: Ich lernte Englisch schon in der Mittelschule, Russisch an der Universität; im Institut habe ich mir dann Deutsch und Französisch selbst beigebracht. Ich kann es notdürftig lesen und auch etwas schreiben. Dann lernte ich noch Japanisch, Italienisch und Spanisch selbst, bis ich ausländische Materialien und Literatur notdürftig lesen konnte. So kann ich beim Lernen von ausländischen Erfahrungen und Errungenschaften die Originaltexte lesen, ohne warten zu müssen, bis jemand sie übersetzt. Das ist eine unerlässliche Voraussetzung. Ich muss möglichst alle ausländischen Materialien durchsehen und möglichst alle Früchte der Weisheit meiner Vorgänger aufnehmen. Erst dann kann ich auf dieser Grundlage ein Problem wie (1+2) lösen.

Mein Ergebnis muss in einer solchen Abhandlung dargestellt werden - obwohl es eine fachliche Abhandlung ist, ist der Text relativ einfach; obwohl sie relativ streng ist, muss sie absolut präzise sein. An manchen Stellen gehört sie bereits zum Bereich der Philosophie. Deshalb habe ich immer wieder überlegt, immer wieder gerechnet, immer wieder überprüft, immer wieder überarbeitet, ohne Ende überarbeitet. Ich kann mich nicht erinnern, wie oft ich sie überarbeitet habe. Die wissenschaftliche Haltung sollte die strengste sein, muss die strengste sein.

Ich weiß, dass meine Krankheit längst schwer geworden ist. Ich bin unheilbar krank. Bakterien verschlingen meine Lungen und Eingeweide. Meine Herzkraft ist am Punkt des Versagens angelangt. Mein Körper kann es wirklich nicht mehr aushalten! Nur meine Gehirnzellen sind außergewöhnlich aktiv, deshalb kann ich mit meiner Arbeit nicht aufhören. Ich kann nicht aufhören...“

X

Im Februar 1973 stand das Neujahrsfest bevor.

Einen Tag zuvor sagte Genossin Zhou vom Mathematischen Institut: „Vor und nach den Feiertagen müssen wir uns besonders um die Kranken kümmern.“ Sie sagte: „Diesen Stil der alten Achten Route-Armee, diesen in der Armee früher ausgebildeten Stil, dürfen wir auf keinen Fall verlieren. Besonders um Genossen wie Chen Jingrun müssen wir uns kümmern, er ist sehr zäh. Er ist so krank, dass er nicht aufstehen kann, aber es gibt keine Zeit, in der er nicht aufstehen könnte. Unter allen Umständen kämpft er sich hoch und beharrt auf der Arbeit. Warum tut er das? Für wen? Für sich selbst? Wenn es für ihn selbst wäre, hätte er längst aufgehört. Nein, er arbeitet für das Volk, für die Partei. Wir müssen ihn besuchen und trösten. Wir müssen auch alle Kranken in der Einheit besuchen.“

Tatsächlich war Genossin Zhou selbst, die äußerlich robust aussah und laut sprach, auch eine Person, die trotz Krankheit ihren Dienst tat, an Herzkrankheit litt und Trost verdient hätte.“

Am Morgen des Neujahrstages packten Genossin Zhou und mehrere Sekretäre, einschließlich Sekretär Li, eine Gruppe von Leuten, die am Vortag gekauften Äpfel und Birnen in Plastiknetzbeutel. Die verschiedenen Beutel wurden aufgeteilt und getragen, dann machten sie sich auf den Weg, um die Kranken zu besuchen. Sie gingen zuerst zu Chen Jingrun. Er wohnte am nächsten.

Chen Jingrun kam gerade die Treppe herunter. Alle grüßten ihn. Er war sehr überrascht, dass so viele führende Genossen gekommen waren. Genossin Zhou sagte: „Zum Neujahrsfest sind wir gekommen, um dich zu besuchen. Geht es dir gesundheitlich etwas besser?“ Sekretär Li sagte auch: „Frohes neues Jahr, wir gratulieren dir zum neuen Jahr.“ Chen Jingrun sagte: „Oh, heute ist Neujahr? Ich bin sehr erfreut, danke euch, danke euch. Frohes neues Jahr, euch allen.“ Sekretär Li sagte: „Sollen wir in dein Zimmer gehen und uns setzen?“ „Nein, das geht nicht“, sagte Chen Jingrun, „du hast mir nicht vorher Bescheid gesagt, ihr könnt nicht hineingehen.“ Genossin Zhou überlegte einen Moment und sagte: „Gut, dann gehen wir nicht hinein. Sekretär Li, bring ihm die Früchte nach oben. Wir gehen noch zu anderen Familien, du kannst uns später wieder einholen.“ Sekretär Li sagte: „Gut.“ Genossin Zhou gab Chen Jingrun die Hand, wünschte ihm baldige Genesung, dann drehte sie sich um und ging. Sekretär Li reichte Chen Jingrun den Obstbeutel und sagte: „Zum Neujahrsfest, das ist von der Organisation für dich. Ich hoffe, du wirst im neuen Jahr mehr Arbeit für die Partei leisten.“ „Ich will kein Obst, ich will kein Obst“, lehnte Chen Jingrun ab. „Mir geht es gut, ich bin nicht krank, es ist nichts... Diese kleine Krankheit, äh... äh, danke dir, ich bin sehr erfreut.“ Während er das sagte, nahm er das Obst an. Sekretär Li sagte: „Sollen wir in dein Zimmer gehen und plaudern?“ Er hob wieder die Hand ab: „Nein, komm nicht ins Zimmer, du hast mir nicht Bescheid gesagt.“

Sekretär Li sagte: „Gut, dann gehe ich nicht hinauf. Wenn du etwas hast, sag es mir jederzeit. Ich muss auch gehen und sie einholen, um andere Familien zu besuchen.“ Dann gaben sie sich die Hand zum Abschied. Er drehte sich um und ging. Kaum hatte er zwei Schritte gemacht, rief es von hinten: „Sekretär Li, Sekretär Li!“ Chen Jingrun kam wieder hinterher gerannt, gab Sekretär Li den Obstbeutel zurück und sagte: „Gib sie deinen Kindern zu Hause zum Essen. Ich kann nicht so viel essen. Ich esse kein Obst.“ Sekretär Li sagte: „Das ist von der Organisation für dich, nur um eine kleine Aufmerksamkeit zu zeigen. Damit du gut auf deinen Körper achtest und besser arbeiten kannst. Nimm es an. Wenn du es nicht essen kannst, iss es langsam.“

Er nahm es schweigend an. Mit Tränen in den Augen brachte er Sekretär Li zum Gebäudeeingang. Sekretär Li winkte zum Abschied und ging, um Genossin Zhou und die anderen einzuholen. Chen Jingrun schaute Sekretär Li nach, blickte den Gestalten hinterher, wie sie verschwommen hinter dem Nudelladen an der baumgesäumten Straße von Zhongguancun verschwanden. Plötzlich war er zutiefst bewegt. Er ging wieder nach oben, erzählte es jedem, den er sah, und auch wenn niemand da war, sprach er: „Noch nie hat mich die Institutsleitung als Kranken behandelt, das ist das erste Mal; noch nie hat jemand etwas mitgebracht, um mich in meiner Krankheit zu besuchen, das ist das erste Mal.“ Er hob den Plastikbeutel hoch, betrachtete ihn und sagte: „Das ist Obst. Ich habe Obst bekommen. Das ist das erste Mal.“

Er eilte in sein kleines Zimmer und schloss sich sofort darin ein.

Er kam nicht wieder heraus. Bis das Neujahrsfest vorbei war. Am ersten Arbeitstag übergab Chen Jingrun Sekretär Li ein Stapel Manuskript und sagte:

„Das ist meine Abhandlung. Ich übergebe sie der Partei.“

Sekretär Li sah ihn an und fragte leise: „Ist das die (1+2)?“

„Ja, Lehrer Min hat es bereits geprüft, es wird keine Fehler geben“, sagte Chen Jingrun.

Das Mathematische Forschungsinstitut organisierte sofort eine kleine akademische Berichtskonferenz. Mehr als zehn Experten hörten Chen Jingruns Bericht und gaben ihm einstimmig höchstes Lob.

Danach leitete die Fachabteilung des Mathematischen Forschungsinstituts seinen Beweis an die Akademieleitung weiter.

XI

Aus Formel (28), Lemma 8 und Lemma 9 erhalten wir sofort mit Lemma 1 den Beweis.


Mit einer ganz ähnlichen Methode kann der Beweis von Theorem 2 erbracht werden.


Eines Tages Mitte April hielt die Chinesische Akademie der Wissenschaften eine Versammlung aller Parteikader der Akademie im Arbeiterklub Sanlihe ab. Genosse Wu Heng hielt auf der Versammlung einen Bericht. Er erwähnte, dass ein mittlerer wissenschaftlicher Mitarbeiter des Mathematischen Forschungsinstituts eine bedeutende Leistung von Weltniveau erbracht hatte. Damals wurde kein Name genannt, und die Zuhörer wussten nicht, wer gemeint war. Sekretär Li saß im Publikum und stupste die Person neben ihm an. „Was ist denn?“, fragte jene Person. Er fragte: „Hast du das gehört?“ „Was denn?“, sagte die Person wieder. „Diese Arbeit hat Chen Jingrun gemacht!“ „Oh? Ist das so wichtig?“, sagte die Person. „Das ist ein weltberühmtes Problem. Wirklich nicht einfach!“

Am nächsten Tag kam ein Xinhua-Reporter zu Besuch. Er traf Chen Jingrun, sprach mit ihm und sah sich sein Zimmer an. Zurückgekehrt schrieb er sofort eine Reportage, die umgehend in einer internen Publikation veröffentlicht wurde. Darin wurden Chen Jingruns Lebenslauf, sein Geist harter Forschung, seine bedeutenden wissenschaftlichen Erfolge sowie die Tatsache beschrieben, dass er noch immer in einem rauchgeschwärzten kleinen Zimmer lebte. Die Lebensbedingungen sind sehr schlecht! Die Krankheit ist ernst!! Das Leben ist in Gefahr!!!

Der große Wegweiser und Lehrer, Vorsitzender Mao, sah diese Reportage und gab sofort Anweisungen.

In jener Nacht ging Genosse Wu Heng in Chen Jingruns kleines Zimmer.

Er wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, wo der Direktor der Inneren Medizin des Hauptstadt-Krankenhauses und ein Vizeminister des Gesundheitsministeriums eine umfassende körperliche Untersuchung durchführten. Er litt an verschiedenen Krankheiten. Sie wollten, dass er sofort zur Behandlung ins Krankenhaus ginge, aber er weigerte sich. Daraufhin wurde ihm die Anweisung des Vorsitzenden Mao übermittelt.

Er blieb insgesamt anderthalb Jahre im Krankenhaus.

Während seines Krankenhausaufenthalts arrangierten der verehrte Premierminister Zhou persönlich und Vizepremier Hua Guofeng einen Sitz für Chen Jingrun als Abgeordneter des Nationalen Volkskongresses. Auf dem Vierten Nationalen Volkskongress traf Chen Jingrun Premierminister Zhou und nahm mit dem Premierminister in einer Arbeitsgruppe an Sitzungen teil. Während des Volkskongresses, als er von der Krankheit des Premierministers erfuhr, brach er sofort in Tränen aus und konnte mehrere Nächte nicht schlafen. Nach dem Kongress kehrte er zur Behandlung ins Krankenhaus zurück.

Als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, stand in seinem ärztlichen Bericht:

„Nach der stationären Behandlung ist der allgemeine Zustand gut. Die geistige Verfassung hat sich verbessert; die Körpertemperatur ist normal. Er hat fünf Kilogramm zugenommen; Appetit und Schlaf haben sich verbessert. Bauchschmerzen und Blähungen sind verschwunden; in beiden Lungen keine aktiven Läsionen festgestellt. EKG normal; EEG normal. Leber- und Nierenfunktion normal; Blutsenkungsgeschwindigkeit und Blutbild normal."

Was seine Arbeit und Gesundheit betrifft, zeigte auch Hua Guofeng große Fürsorge und gab persönlich mehrere Anweisungen.

Bereits bei der Veröffentlichung seiner Abhandlung erfuhren westliche Reporter schnell davon, die Nachricht verbreitete sich über die ganze Welt. Die internationale Reaktion war sehr stark. Das Werk „Siebmethoden“ des britischen Mathematikers Halberstam und des westdeutschen Mathematikers Richter befand sich gerade im Druck. Als sie Chen Jingruns Abhandlung sahen, forderten sie sofort, den Druck zu stoppen, und fügten diesem Buch ein Kapitel hinzu, das elfte Kapitel: „Chen-Theorem.“ Sie priesen es als „glänzenden Gipfel“ der Siebmethoden. In ausländischen mathematischen Publikationen finden sich unzählige Bezeichnungen wie „herausragende Leistung“, „brillantes Theorem“ usw. Ein britischer Mathematiker schrieb ihm sogar: „Du hast Berge versetzt!“

Wahrlich ein Geist wie der alte Weise Yugong!

Man fragt: Welchen Nutzen hat dieses Chen-Theorem? In welchen Bereichen ist es nützlich?

Wissenschaftliche Errungenschaften gibt es im Allgemeinen von zweierlei Art: Eine Art hat offensichtlichen wirtschaftlichen Wert, der präzise in Zehntausenden oder Hunderten von Millionen Yuan berechnet werden kann, genannt „Schatz mit Preis“; die andere Art hat verschiedene Wirkungen in der makroskopischen Welt, der mikroskopischen Welt, den Himmelskörpern, den Grundpartikeln, dem wirtschaftlichen Aufbau, der Verteidigungsforschung, den Naturwissenschaften, der dialektisch-materialistischen Philosophie usw., deren wirtschaftlicher Wert nicht abzuschätzen oder zu berechnen ist, für den es keine Zahlen zur Berechnung gibt, genannt „unbezahlbarer Schatz“, zum Beispiel dieses Chen-Theorem.

Nun ist man nur noch einen Schritt von der Perle in der Krone entfernt.

Aber das ist der schwierigste Schritt. Schauen wir, in wessen Hände die Perle fallen wird!

XII

Chen Jingrun war einst eine legendäre Figur. Über ihn kursierten verschiedene Legenden, ohne eindeutige Bewertung. Wohlwollende Missverständnisse, unwissende Spötteleien, böswillige Verleumdungen und enthusiastische Unterstützung - all das kann diese Person verzerren, verformen, zertrümmern oder übertrieben aufblähen. Menschen zu verstehen ist nicht leicht; diesen Mathematiker zu verstehen ist noch schwerer.

Er war besonders sensibel, zu frühreif, extrem nervös und hochkonzentriert im Denken. Äußere und selbst zugefügte körperliche und geistige Qualen und Verfolgungen ließen ihn versuchen, aus der Welt zu fliehen. Er flüchtete sich ziemlich erfolgreich in die reine Mathematik, konnte sich aber dennoch nicht vollständig verbergen. Reine Mathematik ist schließlich die Widerspiegelung sehr realer Materialien.

„Die reine Mathematik hat zum Gegenstand die Raumformen und Quantitätsverhältnisse der wirklichen Welt, also einen sehr realen Stoff. Daß dieser Stoff in einer höchst abstrakten Form erscheint, kann seinen Ursprung aus der Außenwelt nur oberflächlich verdecken."

— Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring), 1878, Erster Abschnitt, Kapitel III: Einteilung. Apriorismus.

Chen Jingrun erkannte durch den Weg der Mathematik die notwendigen Gesetze der objektiven Welt. In seiner ehrlichen mathematischen Forschung nahm er allmählich die dialektisch-materialistische Weltanschauung an. Ohne eine gewisse weltanschauliche Wandlung, ohne ein Kollektiv wie die Wissenschaftsakademie und die Fürsorge der Partei hätte er diesen glänzenden Beitrag zur Goldbachschen Vermutung nicht leisten können.

Der kalt aus der Welt Vertriebene wurde vom heißen Leben zurückgerufen. Die Angriffe und Verfolgungen der Bandenclique zeigten umso mehr die warme Güte der Partei. Die Angriffe schienen für ihn etwas Schlechtes zu sein; sie waren auch etwas Gutes - er wurde gestählt und wuchs. Der Kranke erholte sich, der Sonderling wurde normal, der aufrechte Mensch wurde politisch, der überflüssige Mensch brachte dem Land Ehre.

Er machte bemerkenswerte Fortschritte und widerstand standhaft den Drohungen und Verlockungen der „Viererbande“. Sie drohten ihm mit allen Mitteln, Vize-Ministerpräsident Deng zu verleumden - er beugte sich nicht! Sie lockten ihn mit hohen Ämtern und reichen Belohnungen, um den Dämonen die Treue zu schwören - er rührte sich nicht!

Wirklich nicht einfach! Die Logik des Mathematikers ist hart wie Stahl! In Zukunft kann man sich darauf verlassen, dass er nicht nachlassen wird in der weiteren Umformung seiner Weltanschauung. Als er geboren wurde, gab es keine Rosen, trotzdem erzielte er Erfolge. Aber jetzt? Sollte man nicht wachsam sein, wenn die schönen Rosenblüten lächeln?

(Ursprünglich erschienen in „Volksliteratur“ 1978, Heft 1)



Der Kapitän

Ke Yan


„Master“ bedeutet wörtlich übersetzt Kapitän oder Herr. Aber wie soll man es für ihn, Bei Hanting, genauer übersetzen?

Ich stand auf dem Deck der Kommandobrücke der „Hanchuan“, stützte mich aufs Geländer und blickte in die Ferne, in tiefe Gedanken versunken. Der Seewind wehte mir entgegen, frisch und feucht. In der Ferne das geheimnisvolle und unergründliche Meer; in der Nähe flogen Möwen unter meinen Füßen...

Gerade eben, im Gespräch mit den Seeleuten, hat etwas mein Herz bewegt. Um meine Tränen zu verbergen, verließ ich erst da die Kabine. Doch jetzt, zwischen diesem blauen Himmel und Meer, kann ich mich immer noch nicht beruhigen. Die Wellen der Gedanken jagen dem Meerwasser nach und gehen sehr weit, sehr weit...

Irgendwie driftete ich von meinem Thema ab und erinnerte mich plötzlich an ein Gedicht, das ich vor über zwanzig Jahren für junge Leser geschrieben hatte. Es ging darin um das Leben als Seemann.

Ich konnte nicht anders, als durch meine Tränen zu lächeln. Damals war ich so jung und hatte kaum die Höhen und Tiefen des Lebens erfahren – was wusste ich wirklich über Seeleute? Diese jungen Leser müssten jetzt in den Dreißigern sein, wahrscheinlich mit eigenen Kindern. Sehnen sie sich nach über zehn Jahren voller Lebensstürme immer noch mit kindlicher Unschuld nach dem Ozean? Die Unschuld mag verschwunden sein, doch die Sehnsucht sollte bleiben. Also lasst mich ihnen eine weitere Seemannsgeschichte erzählen!

Die wahre Geschichte eines Seemanns, eines Seefährers, eines Kapitäns, eines Masters...


Der Hamburger Hafen einmal mit anderem Rhythmus

Der Hamburger Hafen ist wunderschön. Mit seinen roten und gelben Gebäuden am Ufer und dem blaugrünen Meerwasser, das mit silberweißen Wellen in den Hafen rollt, ist er ein echter Blickfang.

Der Hamburger Hafen ist geschäftig. Jeden Tag kommen und gehen Schiffe aus verschiedenen Ländern, während Kräne an den Docks auf- und absteigen. Die Schritte der Arbeiter sind jedoch stetig – schließlich sind die Deutschen für ihre Ordnung berühmt. Seit über hundert Jahren hat der Hafen seinen eigenen Rhythmus entwickelt: methodisch, schlicht, aber präzise – wie ein professionelles Orchester, das vertraute Musik spielt.

Doch einmal brach Hamburgs Hafen tatsächlich aus seinem typischen Rhythmus aus. Die Hafenbehörde, die Docks, die Verladeunternehmen und die Servicefirmen standen in ständigem Kontakt, die Telefone klingelten unaufhörlich. Frachteigentümer, Agenten, Aufseher, Tallychefs und Arbeiter summten vor Aufregung. Selbst die etwa zwölf würdevollen und selbstbewussten Veteranenkapitäne, die zufällig im Hafen angedockt waren, wichen von der Konvention ab. Sie charterten ein kleines Boot und gingen gemeinsam zur See.

Was verursachte diese außergewöhnliche Aufregung? Ein Taifun? Schreckliche Wellen? Keines von beidem. Es war ein Hafen mit über hundertjähriger Geschichte – kein Sturm konnte seinen Rhythmus stören. Was die Melodie des Hamburger Hafens veränderte, war bemerkenswerterweise ein einziges Schiff: der Hochseefrachter Hanchuan der Shanghaier Filiale der China Ocean Shipping Company.

Das Dock war voller Menschen, die aufgeregt miteinander sprachen und „Hanchuan!“ riefen. „Hanchuan!“ überall. Einige hatten sogar ihre Frauen und Kinder mitgebracht, damit sie die Welt sahen. Der helle Sonnenschein, die bunten Kleider und das entzückte Lachen der Kinder verliehen diesem jahrhundertealten Hafen plötzlich einen Hauch jugendlicher Energie und verwandelten seinen vertrauten Rhythmus in etwas Lebendiges und Neues.

Es war ein Sonntag im April 1978, doch die Geschichte muss im März beginnen.

Am 21. März erhielt die „Hanchuan” auf dem Weg nach Europa ein Firmentelegramm: Auf der Rückreise sollte sie die komplette Ausrüstung für die „Tianjin Chemical Fiber Plant” im Hamburger Hafen laden – diese wurde im Inland dringend benötigt!

Nach ihrer Ankunft im Hamburger Hafen wurde ihnen jedoch nur allgemeine Fracht angeboten. Der Hafenagent ging davon aus, dass chinesische Schiffe mit dieser besonderen Art von Ausrüstung nicht umgehen konnten. Diese Ausrüstung war extrem unregelmäßig in der Größe, mit vielen Stücken, die zu lang, zu hoch und zu schwer waren – ganz zu schweigen davon, dass sie auch noch sehr wertvoll war. Jede Beschädigung oder auch nur eine Verzögerung der Lieferung einer Komponente würde zu Verzögerungen und ernsthaften Verlusten führen. Außerdem wies der Hafen nach Konvention solche kostbaren kompletten Ausrüstungssätze immer deutschen Schiffen zu, da er diese als die zuverlässigsten betrachtete. Das wurde natürlich nicht direkt gesagt, sondern es hieß lediglich: „Diese Ausrüstung passt auf kein Schiff. Die Hanchuan kann nur andere Fracht transportieren.“

Doch unter Bei Hantings Kommando bestand die Hanchuan darauf, die Ladung zu übernehmen. Ihre Gründe waren einfach: Erstens wurde die Ausrüstung dringend zu Hause benötigt, zweitens fielen für den Transport eines kompletten Ausrüstungssatzes hohe Gebühren an und drittens, wenn es Ausländern möglich war, dann war es auch den Chinesen möglich – warum sollte auf sie herabgesehen werden? Natürlich wurde das nicht so direkt gesagt. Stattdessen war ihre Antwort höflich, aber bestimmt: „Danke für Ihre Sorge, aber wir können alles aufs Schiff laden. Wir können das bewältigen.“

Aber konnten sie das wirklich? Das war nicht wie eine inländische Massenkritik-Sitzung oder ein „Kampf gegen kapitalistische Weggefährten“ – dort war es einfach genug, eine Armbinde anzulegen, ein Mikrofon zu greifen und am lautesten zu schreien – wer den größten ideologischen Hut trug, würde gewinnen. Hier jedoch standen sie in einem internationalen Hafen vor erfahrenen Experten. Sobald sie den Mund öffneten, würden diese sofort wissen, wie kompetent sie waren. Leere Parolen und Prahlerei würden nur Spott einladen.

Außerdem war das Navigation. Das war Wissenschaft. Das Meer war kein „kapitalistischer Weggefährte“, dem die Rechte entzogen wurden – es hatte seine eigene Stimme. Jeder unwissenschaftliche oder unrealistische Ansatz würde bestraft werden: Das Schiff würde kentern, die Fracht würde versinken und man würde sie den Fischen überlassen. Dieses einfache Wort in ihrer unnachgiebigen Antwort – „können“ – war mehr wert als Gold. Es gab keinen Raum für Bluff.

Hanting war ein renommierter, alter Kapitän. Wenn er darauf bestand, „wir können“ zu sagen, mussten die Ausländer ihn ernst nehmen. Sie streckten eine Hand aus und sagten: „Na gut, dann zeigen Sie es uns!“

„Was?“

„Den Ladeplan.“

Bei Hanting lächelte und entfaltete die Blaupausen. Die Experten blickten darauf und waren so verblüfft, dass sie nicht anders konnten, als auszurufen: „Gut!“

Was für ein detaillierter Ladeplan das war! Das Diagramm war voller dichter Markierungen und Zahlen. Es zeigte tausende und abertausende von Komponenten, jede mit ihrer bestimmten Ladeposition, ihren Abmessungen, ihrem Gewicht und ihrem Volumen. Alles war sorgfältig nummeriert. Aber warum erstreckte sich ein Teil der Decksfracht über die Schiffskabine hinaus und ragte sogar seitlich heraus? Das schien nicht sicher.

Doch Bei Hanting lächelte und legte vollständige Berechnungsdaten vor: die optimalen und ungünstigen Stabilitätszentren für Abfahrt, Ankunft und jede Phase der Navigation. Er lieferte sogar eine Wetteranalyse für den April entlang der gesamten Route: die Bedingungen im Ärmelkanal, in der Straße von Gibraltar, in der Bucht von Biskaya und im Nordatlantik, wo die Winterstürme bereits vorüber waren, sowie im Mittelmeer, wo die Stürme nachgelassen hatten. Der Indische Ozean war zwar für Windstärke 6–7 das ganze Jahr über bekannt, hatte aber noch nicht die Südwest-Monsun-Saison erreicht. Auf der gesamten Route hatten sich die Sturmintervalle geklärt – es war die goldene Saison zum Segeln.

Natürlich könnte das Schlimmste noch passieren: Im südlichen Arabischen Meer, östlich des 60. Längengrades, könnte der Südwest-Monsun früher als erwartet eintreffen und Stürme der Windstärke 8–9 mit sich bringen. Aber selbst dann gäbe es Möglichkeiten, damit umzugehen: Man könnte den Kurs ändern, die Geschwindigkeit anpassen, den Gegenwind reduzieren und die Motoren mit geringer Leistung laufen lassen. Es gäbe immer technische Maßnahmen zu ergreifen.

Was für ein Mann! Das war nicht nur ein Ladeplan mit Anmerkungen, sondern praktisch ein wissenschaftlicher Bericht. Der Deutsche konnte nicht anders, als Hanting auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: „Herzlichen Glückwunsch zu einem so fähigen Ersten Offizier.“ Bei Hanting verbeugte sich leicht und antwortete: „Danke.“

Der Deutsche wusste nicht, dass dieser Ladeplan die Pflichten eines Ersten Offiziers bei Weitem überstieg – er war das Produkt von 27 schlaflosen Nächten, die der Kapitän, der politische Kommissar, der Erste Offizier und die gesamte technische Besatzung durchgestanden hatten. Während der Entladezeit hatten sie jeden Tag Lineale zu den Docks gebracht und jedes Stück Fracht vermessen. Unter Berücksichtigung der verschiedenen Formen, Strukturen und Ladekapazitäten jedes Raums in den Laderäumen und auf dem Deck führten sie wiederholte Berechnungen und Anpassungen durch, bis sie den aus ihrer Sicht vernünftigsten und praktischsten Ladeplan erstellt hatten.

In diesen Nächten war es, als würde sich die gesamte Besatzung auf ein internationales Schachspiel vorbereiten. Sie montierten 1:100-Maßstabsdiagramme der Laderäume und des Decks auf Holzbretter, bauten maßstabsgerechte Kartonmodelle der Fracht und ordneten sie wieder und wieder um. Dieses spezielle „Schachspiel“ wurde immer wieder gespielt, bis jeder Zug perfektioniert war.

Der Agent hatte eine solch sorgfältige Vorbereitung nicht erwartet und war erstaunt. In derselben Nacht, nach dringenden Beratungen mit der Reederei, entschieden sie, der Hanchuan den gesamten Ausrüstungssatz anzuvertrauen – das erste Mal, dass der Hamburger Hafen solch wertvolle Fracht einem chinesischen Schiff anvertraute.

Am nächsten Morgen wurde die Hanchuan zum spezialisierten Schwerlastdock verlegt. Der gesamte Hafen war in Bewegung. In der Vergangenheit brauchten deutsche Schiffe zum Laden dieser Ausrüstung 15 bis 18 Tage. Diesmal gaben sie dem chinesischen Schiff nur neun Tage – das Maximum an Nachsicht, das sie einem ausländischen Schiff entgegenbringen konnten. Würden 9 Tage ausreichen?

Hanting und seine Kameraden arbeiteten unermüdlich Tag und Nacht. Sie überwachten jede einzelne Fracht, inspizierten sie persönlich und leiteten das Laden. Einige Gegenstände waren massive Maschinen mit einem Gewicht von Dutzenden Tonnen, andere waren empfindliche Präzisionsinstrumente, die keinen Stoß vertrugen, wieder andere waren übergroße Komponenten von mehr als zwanzig Metern Länge, die durch enge Durchgänge geführt werden mussten. Jedes Stück verlangte größte Sorgfalt: Winkel mussten berechnet, die richtigen Hebepunkte gewählt und die Hebegeschwindigkeit kontrolliert werden. Ein einziger Fehltritt konnte Schäden im Wert von hunderttausenden Dollar bedeuten.

Dies war jedoch noch nicht der schwierigste Teil. Die größte Herausforderung nach dem Laden der Fracht war das Bestehen der Sicherheitsinspektion der Hafenbehörde. Der deutsche Inspektor war berüchtigt für seine strengen Kontrollen und seine penible Arbeitsweise. Sobald er bemerkte, dass Decksfracht über die Schiffsreling hinausragte, schüttelte er den Kopf und erklärte, dies sei eine Verletzung der maritimen Sicherheitsvorschriften.

Bei Hanting legte seine Berechnungen dem Inspektor vor, erklärte die Stabilität des Schiffs, die Verschiebungen seines Schwerpunkts und die Sicherheitskoeffizienten unter verschiedenen Seebedingungen detailliert und gewann so allmählich das Vertrauen des deutschen Inspektors. Schließlich sah der Inspektor, dass die Stabilität des Schiffs trotz der unkonventionellen Beladung internationalen Standards entsprach, und unterschrieb das Sicherheitszertifikat.

Am Ende vollendete die Hanchuan das Laden nach genau acht Tagen – einen Tag vor dem Zeitplan. Als sich diese Nachricht im Hamburger Hafen verbreitete, sorgte sie für eine Sensation. Dockarbeiter, Hafenbeamte und sogar Veteranenkapitäne kamen alle, um dieses wundersame chinesische Schiff zu sehen. Sie gingen um das Schiff herum, bestaunten die geniale Ladeanordnung, die präzisen Berechnungen und die professionelle Geschicklichkeit der chinesischen Besatzung.

So veränderte die Hanchuan den Rhythmus des Hamburger Hafens – nicht durch Sturm oder Katastrophe, sondern durch professionelle Exzellenz und Nationalstolz. Die Chinesen hatten gezeigt, dass sie alles, was andere konnten, sogar noch besser konnten.

Der Kapitän wusste es damals vielleicht nicht, doch die Wissenschaft hatte ihn bereits überzeugt, und so begann das Laden.

Vorarbeiter Nr. 1, Giarte, war ein erfahrener Veteran mit jahrzehntelanger Erfahrung. Er war klein und schneidig, trug einen kleinen Schnurrbart und war sehr fähig. Allerdings hatte er eine herablassende Haltung gegenüber den Chinesen. Der Erste Offizier der Hanchuan hatte keine Autorität über ihn. Beim Laden des dritten Laderaums ignorierte Giarte den Plan für zwei große Frachtstücke.

Als Bei Hanting den Bericht erhielt, eilte er zum Ort des Geschehens und versuchte, mit Giarte zu verhandeln. Der Vorarbeiter klopfte sich selbstbewusst auf die Brust und sagte: „Keine Sorge, ich weiß, was ich tue.“

Doch Bei Hanting warnte ihn immer wieder: „Wenn Sie es so machen, werden Sie in eine schwierige Lage geraten.“

Giarte drehte seinen Schnurrbart und antwortete: „Ich war noch nie in einer schwierigen Lage.“

„Wenn es am Ende nicht passt, müssen Sie es wieder laden. Alle Verzögerungen und Verluste werden Ihre Verantwortung sein.“

„Das ist nur natürlich“, sagte Giarte.

Ein Tag verging, dann zwei. Am dritten Tag kam Giarte schweißgebadet zu Bei Hanting. Tatsächlich würde ein 16-Meter-Stück nicht passen. Es hineinzuzwängen bedeutete, dass die Lukenabdeckung nicht schließen könnte. Und ohne eine abgedichtete Luke könnte das Schiff nicht fahren – ganz zu schweigen davon, dass noch mehr Fracht darauf geladen werden sollte!“

Hanting hatte ihn von Anfang an davor gewarnt. Wie vorausgesagt, steckte der stolze Vorarbeiter fest.

Die Parteiabteilung des Schiffs mobilisierte schnell alle technischen Mitarbeiter, überarbeitete einen Teil des Ladeplans und durch die gemeinsamen Anstrengungen chinesischer und deutscher Arbeiter wurde schließlich eine Ecke der übergroßen Holzverpackung abgesägt und mit vier Gabelstaplern in Position gewinkelt. Endlich schloss die Lukenabdeckung fest.

Alle Arbeiter vor Ort applaudierten und riefen: „Wunderbar!“

Giarte breitete die Hände aus, zuckte mit den Schultern und sagte: „Erstaunlich! Diese Fracht ist praktisch maßgeschneidert für die Abmessungen Ihres Schiffsladeraums!”

Von da an wurde er äußerst höflich. Wenn die Messungen der Arbeiter beim Frachtladen leicht abwichen, korrigierte er sie sofort und sagte: „Nein, nein, bitte folgen Sie dem Ladeplan!“

Endlich war die Fracht vollständig geladen. Agenten und Beamte kamen an Bord, um der Besatzung zu gratulieren. Sie sagten wie aus einem Mund: „Selbst unsere erfahrenen deutschen Seeleute würden Schwierigkeiten haben, eine solche Fracht zu sichern, ganz zu schweigen von Ihrer Besatzung, die größtenteils aus Neulingen besteht. Das sind empfindliche Stücke. Wenn auch nur eines beschädigt wird, wären die Folgen katastrophal! Diese Sendung allein ist über zwei Millionen Dollar wert. Es wäre gut investiertes Geld, etwas für Sicherungsgebühren auszugeben.“

Der Kapitän der Hanchuan entschied sich dennoch dafür, die Sicherung selbst zu übernehmen. Erstens bedeutete die persönliche Sicherung der Fracht, dass sie die volle Kontrolle behielten und diese während der gesamten Fahrt bequem überprüfen konnten. Zweitens war es angesichts der rasanten Entwicklung der chinesischen Hochseeschifffahrtsindustrie wertvolles Training für die Seeleute. Und drittens würden professionelle Sicherungsgebühren zehntausende Euro kosten – eine Ausgabe, die die Besatzung nicht akzeptieren wollte.

So begann eine große Schlacht der Frachtsicherung.

Einige Kameraden schleppten 50 Meter lange Stahlkabel auf dem Rücken und kletterten auf sechs Meter hohe, runde Kessel. Andere krochen unter die Fracht, lagen auf dem Rücken und befestigten Klammern. Wieder andere quetschten sich durch enge Lücken zwischen der vollgeladenen Fracht, um Sicherungsmaterialien hin- und herzutragen. Und andere schnappten Tintenschnüre über die Decks, um die Positionen der Fracht zu markieren. So konnten sie diese später während Stürmen auf Verschiebungen prüfen. Die Hände schwollen von der Anstrengung an, aber niemand beschwerte sich. Die Körper magerten vor Erschöpfung ab, aber niemand wollte ruhen. Der junge Yang schlug sich sogar seine Vorderzähne aus und tat es mit einem Achselzucken ab. All das wurde für ein Ziel getan: Devisen zur Schatzkammer der „Vier Modernisierungen“ hinzuzufügen.

Bevor die Sicherung begann, hatte der Frachtinspektor strenge Warnungen ausgesprochen. Wenn die Arbeit nicht den Standards entspräche, würde kein Zertifikat erteilt. Am ersten Tag begleitete Kapitän Bei ihn bei der Inspektion und gemeinsam fanden sie mehrere Mängel. Der Inspektor schüttelte missbilligend den Kopf. Ab dem zweiten Tag konnte er jedoch keine weiteren Fehler mehr finden. Noch bevor die Sicherung überhaupt beendet war, stellte er das Frachtinspektionszertifikat aus und sagte, er müsse nicht mehr an Bord kommen, da Kapitän Beis Standards strenger als seine eigenen seien.

Der Inspektor fügte hinzu: „Mit einer solchen Sicherung wird es selbst bei einer Rollbewegung des Schiffes von 30 oder 40 Grad keine Probleme geben. Ich vertraue meinen Augen.”

So verursachte die Hanchuan eine Sensation im Hamburger Hafen und gewann Ehre für Chinas Seeleute und das Land.

So kam jener helle Sonntag im April. Inmitten der Jubelrufe von Frauen und Kindern kreiste ein kleines Boot voller Zuschauer um die Hanchuan, die jeden Winkel ihrer Decksladung aufzeichnen wollten. Ihre Bewunderungsrufe hörten nicht auf, wie von einem verzauberten Publikum, das seine geliebten Darsteller auf der Bühne beklatscht.

Aber der Kapitän der Hanchuan, Bei Hanting, der im Zentrum all dieser Aufmerksamkeit stand, verbeugte sich nicht, zeigte noch nicht einmal sein Gesicht. Schweißtriefend versteckte er sich mit dem politischen Kommissar und dem Ersten Offizier in der Kabine und diskutierte, wie man die Reporter von Zeitungen und Fernsehstationen, die darauf drängten, an Bord zu kommen und Fotos zu machen, höflich abweisen könne.

„Rückblickend war es töricht, ihre kostenlose Werbung für uns abzulehnen“, lachte Bei Hanting, als er mir davon erzählte. „Aber zu jener Zeit war unser Denken einfach nicht frei! Natürlich schafften sie es schließlich, Fotos von der Radarstation aus zu machen, als wir den Hafen verließen, und veröffentlichten sie in der Zeitung mit den Worten: „Das ist im Hamburger Hafen seit über hundert Jahren nicht passiert ...“

Er winkte unwillig mit der Hand ab, als wollte er jene Worte des Lobes nicht wiederholen.


Das Kind aus Nanshi

Die Leute sagen oft, dass diejenigen, die die Ozeane befahren, so tiefgründig sein sollten wie das Meer selbst – gleichzeitig Navigatoren, Wissenschaftler und Künstler.

Bevor ich Bei Hanting traf, fragte ich mich oft, wie er aussehen würde. Als ich ihn schließlich traf, entsprach er sowohl meinen Vorstellungen als auch nicht. Er hatte durchaus die Ausstrahlung eines Wissenschaftlers, sprach mit Beweisen und Logik, war so präzise wie ein Computer, aber auch so schnell und sensibel wie Quecksilber. Aber er war auch ganz anders: Er war klein von Statur, trug ein abgetragenes Hemd und Shorts (die er, wie man sagte, bis zum Schneefall trug) und war unfehlbar höflich. Er war kaum die imposante Gestalt, die man normalerweise mit einem Kapitän verbindet.

Ich wusste, dass er eine hohe Bildung genossen hatte. Tatsächlich war er Student der Navigationsfakultät der alten Jiaotong-Universität gewesen. Er war einer der Kapitäne unserer ersten Hochseeschiffe, verfügte über umfangreiche navigatorische Kenntnisse und sprach fließend Englisch. Doch wie und warum hatte er sich dem Meer zugewandt?

„Ich wurde in Shanghai geboren und wuchs in meiner Kindheit in Nanshi auf. Kennst du Nanshi?”

Nanshi? Ja, ich kenne es. Vor der Gründung der Volksrepublik war es einer der ärmeren Handelsbezirke Shanghais, voller kleiner Händler und Straßenhändler mit einer vergleichsweise rückständigen Kultur. Während er sprach, stellte ich mir die schlammigen Straßen, die beengten kleinen Geschäfte, die herumlungernden Strolche sowie die Rikscha-Zieher und Kulis in zerfetzten Kleidern vor, deren Gesichter vor Not gelblich waren.

„Ich war der Jüngste. Meine Brüder und Schwestern besuchten die Grundschule nur ein oder zwei Jahre. Später, nachdem mein Bruder zu arbeiten begonnen hatte, ermutigte er mich verzweifelt, zur Schule zu gehen. Unsere Mutter war strikt dagegen! Ein Grundschulabschluss war in Nanshi bereits außergewöhnlich, und ich wollte noch die Mittelschule besuchen. Verwandte und Freunde hatten so etwas noch nie gehört. Aber mein Bruder bestand darauf. Er arbeitete später in einem Forschungsinstitut, wo er Wissenschaftler traf, die ihn davon überzeugten, dass Wissenschaft und Lernen Licht in das Leben der Menschen bringen könnten. Er bestand darauf, dass ich die Aufnahmeprüfung für die renommierte Mittelschule Shanghai mache.

Und so schritt dieses dünne, kluge Kind aus Nanshi durch die Türen der Mittelschule.

Die Shanghai-Mittelschule war damals bekannt dafür, dass die meisten ihrer Schüler aus gelehrten Familien und prominenten Haushalten kamen. Sie verfügten über starke akademische Grundlagen und eine verfeinerte kulturelle Erziehung. Der junge Bei Hanting sah ehrfürchtig zu, wie einige seiner Klassenkameraden ihre Aufsätze so elegant verfassten, dass diese von den Lehrern vor der Klasse vorgelesen wurden. Er bewunderte diejenigen, die mühelos 120 Punkte in Mathematik erzielten und Jahr für Jahr den ersten Platz belegten.

Aber Bei Hanting war inspiriert statt entmutigt, neidisch, aber nie voller Groll. Sein Bruder hatte ihm einmal gesagt: „Menschen vor dir zu haben, denen du nachjagst, ist wie entfernte Wegmarken auf der Straße zu haben. Sie sind immer da, rufen dich vorwärts und erinnern dich daran, dass menschliches Potenzial grenzenlos ist – sogar dein eigenes wird dich überraschen.“

So drängte der kleine Bei Hanting Schritt für Schritt vorwärts, bis er schließlich sprintete.

Die Schule war in naturwissenschaftliche, technische und kaufmännische Zweige unterteilt. Wie sehr wünschte sich seine Mutter, dass ihr jüngster Sohn den kaufmännischen Zweig wählen würde!

Der kaufmännische Zweig der Shanghai-Mittelschule war sehr begehrt – große Büros konkurrierten darum, seine Absolventen einzustellen. Für ein Kind aus Nanshi wäre eine Stelle in irgendeinem Büro ein unglaubliches Glück gewesen, denn das hätte einen sicheren Lebensunterhalt mit Essen auf dem Tisch und Kleidung zum Anziehen bedeutet.

Doch noch einmal widersetzte sich der kleine Bei Hanting den Wünschen seiner Mutter und entschied sich mit fester Entschlossenheit für den naturwissenschaftlichen Zweig. Er glaubte nämlich: Je schneller du läufst, desto weiter wird deine Sicht. Und Wissen gibt den Menschen sowohl Vertrauen als auch Stärke. Warum fliegen Flugzeuge und fahren Züge? Warum erfand Watt die Dampfmaschine, warum suchte Kolumbus neue Kontinente? Warum ist Liszts Revolutionsetüde so tragisch, Tschechows „Möwe“ so erstickend melancholisch, während Gorkis „Mutter“ so voller Kraft ist?

Er erkannte, dass es jenseits von Bossen und Lehrlingen, jenseits von Plünderern und Sklaven, eine andere Art von Menschen gab: diejenigen, die unermüdlich Erleuchtung verfolgten, die Menschheit aus der Unwissenheit heraushoben, dem Leben bunte Flügel gaben und die Wunder der Geschichte schufen.

Die Welt war wegen solcher Menschen schöner, und die Menschheit unterschied sich von niederen Tieren durch diese kreativen Arbeiter. Wie sehr sehnte sich der kleine Bei Hanting danach, einer von ihnen zu werden! Da das Leben ein anderes, höheres Reich bereithielt, war er entschlossen, darauf zuzuschreiten – stur und rücksichtslos –, bereit, dorthin zu springen, selbst wenn es ihn das Leben kosten würde.

Ja, Leben und Emotionen existieren auf verschiedenen Ebenen und jeder Schritt nach oben verlangt Schweiß, Blut und Stärke. Wie sehr hasste der junge Bei Hanting damals seinen Englischlehrer, der ihn zwang, jede Woche eine Lektion auswendig zu lernen – nicht nur zu lesen, sondern wirklich auswendig zu lernen –, zweiundfünfzig Lektionen im Jahr, bis ihm davon schwindelig wurde. Doch nachdem ein, zwei, drei Jahre vergangen waren und er Shakespeare und Whitman direkt lesen konnte, entfaltete sich eine immense und großartige Welt vor ihm.

Und jetzt, da er in verschiedenen Häfen fließend Englisch und Französisch verwenden konnte, um ausländischen Freunden die Gefühle der Chinesen auszudrücken, mit Deutschen über Goethe, Beethoven und Schumann, mit Russen über Tschechow, Tolstoi und Tschaikowski, mit Engländern über Byron und Shakespeare und mit Italienern über Paganini zu diskutieren, sah er, wie sich die Mimik jener Ausländer von Gleichgültigkeit über Ernst zu Bewunderung wandelten – wie glücklich und zufrieden wurde dieses Kind aus Nanshi. In solchen Momenten war er seinen Lehrern sehr dankbar. Wie sehr vermisste er jene Jahre des mühsamen Aufstiegs!


Der Matrose, der Blut erbrach

Der russische General Suworow sagte einst: „Ein Soldat, der kein General werden will, ist kein guter Soldat.“ Kapitän Bei Hanting fügte eine ergänzende Wahrheit hinzu: „Ein Kapitän ohne Matrosen ist überhaupt kein Kapitän.“

Bei Hanting respektiert und versteht die Matrosen, denn er begann sein Leben auf See als einer von ihnen. Während seines Praktikums auf einem kleinen Pumpboot in Nordostchina ertrug er nicht nur die beißende Kälte von minus vierzig Grad, sondern spürte auch die harte Armut unseres großen Vaterlandes in seinen Knochen.

Als sich die Gründung der Volksrepublik näherte, verließen die wohlhabenden und gut vernetzten Navigationsstudenten in Shanghai das Land Richtung Amerika und andere Länder, während die meisten der ärmeren Studenten inmitten des Kanonendonners nur eine drängende Sorge hatten: zum Bund zu eilen, um zu sehen, ob dort noch Schiffe waren. Denn wenn es keine Schiffe gäbe, welche Zukunft hätten sie dann noch?

Doch der Bund, diese einst vertraute Uferpromenade mit ihrem Wald aus Masten, war nun völlig verstummt. Die Wellen spiegelten nur den leeren blauen Himmel wider. Die Kuomintang hatte alle seetüchtigen Schiffe dazu gedrängt, sich zurückziehendes Personal und Vorräte wegzubringen. Die Schiffe, die nicht fahren konnten, wurden gesprengt.

Es blieb nichts übrig – nur Wrackteile und Ruinen.

Einige Kommilitonen gaben ihren Beruf auf, während Bei Hanting an Bord eines kleinen Pumpbootes in Nordostchina in See stach.

Warum wurde es Pumpboot genannt? Weil es weniger als hundert Tonnen wog und von einer Dampfmaschine angetrieben wurde, die den ganzen Tag „pump-pump, pump-pump” machte. Nur sechs Mann bemannten dieses kleine, leckende Schiff. Ihre täglichen Mahlzeiten bestanden aus nichts weiter als eingelegtem Gemüse und Sorghum-Reis. Rund um die Uhr mussten sie sich beim Bedienen der Pumpen abwechseln, um das Eindringen von Meerwasser zu verhindern.

Die Wellen waren rau und erbarmungslos. Bei Hanting kam zuerst das Essen, dann weißer Schaum, dann bittere Galle und schließlich Blut hoch. Doch im Angesicht mit seinen Kameraden arbeitete er weiter an den Pumpen – „pump-pump, pump-pump“ – und hielt sich am Leben, indem er aß und sich übergab, sich übergab und aß, und sein Leben dem Schiff anvertraute.


„Japaner, oder?“

Der Frühling kehrte auf die Erde zurück, doch die Kälte hielt auch nach den ersten Anzeichen von Wärme an. Mit dem groß angelegten Aufbau des Neuen China begann Bei Hanting, als Zweiter Offizier auf einem großen Schiff zu dienen.

Der Kapitän war von der alten Schule: extrem streng, sein Gesicht wie Stein, niemals lächelnd. Er trug eine tadellose Uniform und hatte stets ein Paar schneeweiße Handschuhe in der rechten Hand. Egal, wie heftig Wind oder Schnee waren, die Auszubildenden mussten draußen auf der Brücke stehen und ihre Augen auf die Meeresoberfläche richten. Sie durften keine Ferngläser benutzen, aber sie durften kein einziges Ziel übersehen – bei Versagen würden sie in der Luft zerrissen. Die Haltung musste perfekt sein, die Hände durften niemals in den Taschen sein. Auch nicht bei minus 20 Grad Celsius? Nein! Auch nicht bei minus 30? Immer noch nein!

An einem Wintertag, an dem er nur dünne Hosen trug, konnte Bei Hanting die Kälte schließlich nicht mehr ertragen. Er blickte zurück, sah niemanden und steckte verstohlen die Hände in die Taschen, um sie zu wärmen, als er plötzlich von hinten einen Tritt spürte. „Natürlich ist es falsch, Leute zu schlagen“, lachte Bei Hanting, „aber ich habe eine strenge Ausbildung von diesem Kapitän erhalten und gelernt, sorgfältig zu sein.“

Wie das Sprichwort sagt: „Strenge Lehrer bringen hervorragende Schüler hervor“ – und strenge Lehrer bevorzugen oft ihre besten Schüler. Dieser alte Kapitän sah Bei Hanting nie auch nur einmal in die Augen. Doch als es Zeit war, einen Zweiten Offizier zu wählen, rief er seinen Namen. Es gab Widerspruch, doch er blieb standhaft: „Bei Hanting.“ Es folgte eine weitere Runde des Widerspruchs. Trotzdem wiederholte er dieselben drei Worte: „Bei Hanting!“

Danach wurde Bei Hanting zum Zweiten Offizier befördert. Kurz darauf trat er der Guangyuan-Gesellschaft bei und begann seine Laufbahn in der Ozeanschifffahrt.

Heute kann er sich nicht mehr an die Freude erinnern, die er empfand, als er zum ersten Mal Kapitän wurde. Am lebhaftesten blieb ihm der Schmerz in Erinnerung, einer zu sein. Zum Beispiel, wann immer er im Ausland kulturelles Wissen oder wissenschaftliche Fähigkeiten demonstrierte, fragten ihn die Ausländer sofort: „Sind Sie Japaner?“

Einmal im Hafen von Rotterdam versuchte ein Hafenlotse absichtlich, Schwierigkeiten zu machen, weil der Steuermann Chinese war. Er ratterte Steuerbefehle auf Englisch herunter und sprach dabei sehr schnell und fließend. Hanting trat vor und antwortete ihm auf Englisch. Der Lotse wechselte sofort ins Französische, woraufhin Bei Hanting auf Französisch antwortete. Dann stellte Bei ihm Fragen auf Italienisch und Spanisch.

Der Lotse hatte keine Antwort, murmelte aber immer noch: „Ihr Steuermann taugt nichts.“

Bei Hanting tat, als hätte er nichts gehört. Erst nachdem der Lotse es dreimal wiederholt hatte, verlor er die Geduld und verlangte: „Woher wissen Sie, dass er nichts taugt?”

„Er reagiert zu langsam.“

– „Das liegt daran, dass Sie unnötig schnell gesprochen und unklare Befehle gegeben haben.“

„Ich verlange, dass Sie ihn ersetzen.“

– „Er ist der beste Matrose auf meinem Schiff.“

„Kein Chinese kann gut steuern.“

– „Lotsen auf der ganzen Welt sagen, er sei ausgezeichnet, nur Sie behaupten das Gegenteil.“

„Ich verlange, das Schiff zu verlassen.“

„Gut, Dritter Offizier! Eskortieren Sie ihn hinaus. Und Sie, bringen Sie sie mit!“ „Was mitbringen?“ „Ihre Lizenz... Ich möchte in Ihr Lotsen-Zertifikat schreiben, dass Sie unqualifiziert sind, dass Sie nicht ordnungsgemäß mit Schiffen zusammenarbeiten können und dass Sie von diesem Tag an nicht mehr willkommen sind, chinesische Schiffe zu lotsen. Es tut mir sehr leid, aber es scheint, als sei dies der einzige Weg. Lizenz, bitte!“

Konfrontiert mit einem so harten Kapitän murmelte der Lotse ein paar Worte und verstummte. Das Schiff lief reibungslos in den Hafen ein. Als Bei Hanting das Zertifikat unterschrieb, fügte er keine Kommentare hinzu. Der einst arrogante Lotse verließ das Schiff dankbar. Was den Steuermann angeht, den der Kapitän verteidigt hatte, so ging dieser mit Tränen in den Augen und zusammengebissenen Zähnen weg. Von diesem Tag an studierte er Tag und Nacht Englisch.


Blaue Träume

Gerade als Chinas Seeleute in Häfen auf der ganzen Welt Respekt erlangten und die Ozeanschifffahrtsindustrie des Landes zu florieren begann, brach die „Kulturrevolution” aus. Lin Biao, Jiang Qing und andere verbündeten sich – sie schlugen eine blutige Schneise durch die Literaturkreise, zerstörten die öffentliche Sicherheit und das Rechtssystem und ergriffen dann systematisch und zielstrebig die Macht.

Plötzlich wurde Hanting befohlen, sich während seines Urlaubs in Kanton zu melden. Er eilte mit der Pünktlichkeit eines Seemanns dorthin und erwartete neue Aufgaben. Doch es gab keine, stattdessen wurde er in eine „Lernklasse“ gesteckt.

Der Klassenraum war voller vertrauter Gesichter: erfahrene Kapitäne und Erste Offiziere, die zu den Pionieren von Chinas Ozeanschifffahrtsindustrie gehört hatten. Zunächst vereinten sich alte Freunde freudig nach langer Trennung. Jeder war begierig, seinen Beitrag zu leisten, und voller Energie, als würden sie sich auf ein großes neues Unternehmen vorbereiten. Doch allmählich erstarrte das Lächeln.

Was war das? Sie mussten in Formation gehen, in Formation essen und sogar um Erlaubnis bitten, einen Brief zu schreiben. Jedes ihrer Worte wurde überwacht. Dann kam die Ankündigung des militärischen Propagandateams: Die Reedereien würden vollständig übernommen.

Waren sie etwa wieder Gefangene der Kuomintang geworden? Ach! Wie hätte Bei Hanting wissen können, dass Lin Biao und die „Vierer-Bande“ einer eigenen revolutionären Logik folgten: Je größer das Verdienst, desto härter der Angriff; je größer die Leistung, desto „revisionistischer“ das Etikett. Ihre sogenannte Revolution richtete sich in Wahrheit gegen jene, die bereits die Revolution gemacht hatten.

Rückblickend erscheint es so verworren wie ein Zungenbrecher, Aberglaube und Unwissen, die einen Menschen zerdrücken können. Doch damals suchte Bei Hanting, wie die meisten chinesischen Revolutionäre, ernsthaft nach seinen eigenen Fehlern und beugte in Reue den Kopf…

Unser Premierminister war der Erste, der sich widersetzte. Er fragte: „Wenn alle in der Ozeanschifffahrtsindustrie ‚Revisionisten’ sind, wie konnte dann ein solcher Fortschritt in der Ozeanschifffahrt erzielt werden?“ Die Frage war unwiderlegbar und strotzte nur so vor gerechter Empörung. Doch Lin Biao, Jiang Qing und ihre Fraktion weigerten sich, ihm zuzuhören, denn der Premier selbst war ihr Hauptziel.

Sie lasen Zitate vor, führten Gespräche, erzwangen und erpressten Geständnisse und betraten und verließen Isolationsräume. Die Anschuldigungen eskalierten Schritt für Schritt – von „Fotografien machen“ über „Informationen senden“ bis hin zu „Kollusion mit ausländischen Ländern“. Doch wie konnten Menschen, die im Ozeanverkehr arbeiteten, keine ausländischen Kontakte haben?

Die Welt funktioniert auf seltsame Weise, und die Logik der Ereignisse ist unwiderstehlich: Je ungeheuerlicher die Anschuldigungen wurden, desto ruhiger wurde Bei Hanting. Als sie die sogenannten ausländischen „Fotografien” und dergleichen untersuchten, war er bereits von Schwindel zu Klarheit übergegangen, von ängstlicher Hingabe zu ruhigem Schlaf.

Der Premier stellte ein unüberwindbares Hindernis für ihre Machtergreifung dar. So wie eine große Zahl an Personal mit Rückgrat aus der Literaturwelt vom Premier geschützt und auf Militärfarmen zur „Umerziehung“ geschickt wurden, so wurde auch diese Gruppe von Schlüsselfiguren der Ozeanschifffahrt geschützt und stattdessen zum Navigationsbüro geschickt. Dort sollten sie Navigationsmarker beobachten und Flusschlamm baggern.

Die Shanghaier nannten diese Tätigkeit „Flusschlamm schöpfen“. Mit noch blutenden Herzen, aber erleichtert, der Isolation entkommen zu sein, begannen Bei Hanting und seine Gefährten ihre Tage mit dem Beobachten von Markern und dem Baggern von Schlamm. Bei Hanting blieb sich selbst treu, diente als dritter Offizier auf dem für diese Arbeit zugewiesenen kleinen Boot, übernahm die Verantwortung für die Vorräte und erhielt jedes Jahr Bestnoten.

Er hatte noch nie so gemütliche Tage erlebt. Wie seine Frau es ausdrückte: In zwanzig Jahren Ehe hatte er insgesamt weniger als zwei Jahre zu Hause verbracht. Nun beschränkte sich seine tägliche Routine auf die Bearbeitung von Dokumenten und das Führen von Büchern. Nach der Arbeit konnte er nach Hause gehen, Fahrrad fahren, Krebse und Fisch von Straßenständen kaufen und Abende damit verbringen, mit seiner Frau und seinen Kindern Musik zu hören.

Das war ein Glück, das für gewöhnliche Menschen unerreichbar war. Aber er weinte. Ein Mann, der niemals zuvor Tränen vergossen hatte, weinte.

Er weinte nicht wegen der Blicke der Nachbarn. Als Kind aus Nanshi war er an jede Art von kalten und misstrauischen Blicken gewöhnt. Er weinte nicht wegen der Verachtung der Passanten, denn als Seemann, der China in Häfen auf der ganzen Welt Ehre gebracht hatte, wusste er, wie man mit Diskriminierung umgeht. Er weinte nicht wegen seiner Verwandten, seiner Frau, seiner Kinder oder sogar seines Bruders, der ihn auf diesem Weg von ganzem Herzen unterstützt hatte, obwohl sie alle an ihm zweifelten. Ihre zweifelnden Blicke webten graue, schuldige, nebelartige Netze um sein Herz...

Aber Bei Hanting weinte aus keinem dieser Gründe. Er weinte um seinen Traum, seinen blauen Traum. Er sehnte sich nach dem Meer; sogar seine Träume waren blau. Während er auf diesem kleinen Boot am Schreibtisch des Dritten Offiziers saß und an den weiten, turbulenten Ozean dachte, fühlte er sich, als würde sein Herz von einem Messer zerschnitten.

Er lehnte sich immer noch gerne allein gegen das Geländer am Huangpu-Strand und verlor sich in Gedanken. Wann immer er die Guilin, die Friendship oder die Jiujiang – Schiffe, die er einst befehligt hatte – vor sich vorbeisegeln sah, pochte sein Herz wild, und er weinte wie ein Kind. Für ihn waren sie wunderschön und wahrhaft großartig. Als er ihr Kapitän gewesen war, hatte er sie nie so herrlich gesehen wie jetzt. Aber nun, grausam von ihnen getrennt, sie mit solcher Anmut und Majestät vorbeigleiten zu sehen – wie konnte er da nicht bitterlich weinen?

Seine Tränen trockneten im Feuer der Demütigung. Er hörte, dass einige Besatzungsmitglieder, die von der „Vierer-Bande“ nach deren Machtübernahme ausgesandt worden waren, tatsächlich „zwölf“ als „eins-zwei“ aussprachen, wenn sie sich mit Ausländern unterhielten. Er erfuhr, dass die sogenannten „kleinen Brüder“, die sie ins Ausland geschickt hatten, beschämenderweise ein Paar Socken aus einem ausländischen Kaufhaus gestohlen hatten. Und er erfuhr, dass jene „Helden“, die einst stolz darauf gewesen waren, zu schlagen, zu zerschlagen und zu plündern, nun dazu reduziert waren, in Mülltonnen in ausländischen Häfen zu wühlen.

Zorn verbrannte seine Tränen, doch sein blauer Traum blieb unverändert. Mit eiserner Willenskraft und unerschütterlicher Entschlossenheit schwor er, zum Meer zurückzukehren. Er würde zum Meer zurückkehren! Die Zähne zusammenbeißend schrieb er vier Zeichen – „fleißiger Stift, konzentrierter Gedanke“ – auf die Titelseite seines Navigationsnotizbuchs. Er richtete den Rücken auf, zündete die Mitternachtslampe an und begann, sich Nacht für Nacht durch Seeversicherung, internationales Seehandelsrecht, Seenotrettung und einen Stapel internationaler Schifffahrtsvorschriften und Hafenhandbücher aus der ganzen Welt zu kämpfen.


Freundschaft im Hafen von London

„Wer ist der Kapitän?“ „Ich bin der Schiffsführer.“

Er kehrte tatsächlich zum Meer zurück, doch es war ein neuer Anfang.

War er einst nur ein technisch versierter Kapitän gewesen, so war er nun ein selbstsicherer Schiffsführer. Nach zehn Jahren politischer Stürme trug das Wort „Schiffsführer“ eine tiefere Resonanz, und seine doppelte Bedeutung war in ihm nahtlos vereint.

An dieser Stelle möchte ich nur eine kleine Geschichte erzählen: die Freundschaft im Londoner Hafen.

Die Hanchuan transportierte einmal 200 Tonnen Talkumpuder, das im Hafen von London gelöscht werden sollte. Unterwegs kam jedoch ein Telegramm der Gesellschaft: Der Hafen von London hatte gerade entschieden, dass Talkumpuder dort nicht mehr gelöscht werden dürfe. Warum? Niemand wusste es – es handelte sich um eine brandneue Vorschrift.

Die Gesellschaft, die Tausende Meilen entfernt war, konnte es sich leisten, sich keine Sorgen zu machen. Für Bei Hanting jedoch lagen 200 Tonnen Talkumpuder schwer auf der Kühllukenabdeckung, unter der sich gefrorene Waren für London befanden. Wenn das Talkumpuder nicht gelöscht werden konnte, war auch die andere Ladung nicht erreichbar. Eine Weiterleitung anderswohin würde Umladungskosten bedeuten, die den Wert der Ladung übersteigen würden. Daher traf Bei Hanting seine Entscheidung: Das Schiff würde direkt zum Hafen von London weiterfahren.

Sobald das Schiff angelegt hatte, machte er sich sofort auf den Weg, um höflich Agenten, Entladungsaufseher, Vorarbeiter und Arbeiter zu besuchen und herauszufinden, warum das Talkumpuder nicht mehr gelöscht wurde.

Es stellte sich heraus, dass das Verbot mit einem einzigen Arbeiter begonnen hatte. Dieser war beim Zeitunglesen auf einen Artikel gestoßen, der von einem Chemiker unterzeichnet war. In dem Artikel wurde die Struktur von Talkumpuder analysiert und behauptet, dass es unter bestimmten Bedingungen Krebs verursachen könne. Alarmiert erwähnte der Arbeiter dies seiner Schicht. Krebs – wie furchtbar! Bald diskutierten mehrere Schichten darüber und stellten gemeinsam eine Petition an die Gewerkschaft: Von nun an sollte kein Talkumpuder mehr entladen werden.

Sie waren besonders misstrauisch gegenüber chinesischem Talkumpuder, da dessen Verpackung schlecht war und der Transport nachlässig erfolgte – die Papiersäcke waren bis zum Bersten gefüllt, die Nähte platzten und es gab überall Staubwolken beim Entladen. Die Arbeiter weigerten sich nicht nur, das Puder zu entladen, sie wollten es nicht einmal berühren.

Ach! Das erklärt es also! Bei Hanting lud den Agenten sofort als Gast an Bord ein.

Sie plauderten herzlich, stießen auf die Gesundheit seiner Frau an, diskutierten über neue Entwicklungen in der britischen Malerei, rezitierten Shakespeare-Passagen und diskutierten den Einfluss des populären Twist-Tanzes auf die Jugend. Die Unterhaltung war sehr harmonisch. Als der Agent sich verabschiedete, sagte er: „Wenn Sie im Hafen Schwierigkeiten haben, finden Sie mich einfach.“

Hanting seufzte schwer. „Es gibt Schwierigkeiten, aber ich kann es niemandem erzählen.“

Der Agent streckte sofort die Hand aus und ergriff seine. „Auf keinen Fall – es bleibt bei mir.“

„Ich habe Talkumpuder mitgebracht.“

„Ich weiß – 200 Tonnen, richtig?“

„Aber ich hatte Angst, es könnte andere Waren zerdrücken, also habe ich es oben auf die Kühllukenabdeckung geladen.“

„Das ist schlecht! Was können wir tun?“

„Ich möchte mit dem Vorarbeiter sprechen.“

„Stehen Sie ihm nahe? Wenn nicht, lassen Sie mich das machen. Ich spreche zuerst mit dem Gewerkschaftsvertreter und bitte ihn, Sie zu treffen.“

„Ich werde ihn selbst besuchen!“

Der Gewerkschaftsvertreter schüttelte den Kopf wie eine Rassel. „Das ist eine Angelegenheit der Arbeiterrechte, und die Gewerkschaft unterstützt es voll und ganz.“

„Aber andere Häfen haben diese Vorschrift nicht!“

„Dieser Hafen legt besonderen Wert auf den Schutz der Gesundheit der Arbeiter.“

Hanting erkannte dies an und lobte die vielen Errungenschaften der Londoner Hafengewerkschaft. Er sprach mit so viel Wissen und Respekt, dass der Vertreter ein Gefühl der Wärme empfand. Was den Arbeitsschutz beim Entladen von Talkumpuder anging, erklärte er, sei die Hanchuan bereit, jede Vorsichtsmaßnahme zu treffen: Masken, Gesichtsschutz und alles, was sonst noch nötig wäre.

Der Vertreter zögerte. „Nun ... vielleicht ... Ich werde es versuchen.“

„Solange Sie bereit sind zu helfen, bin ich sicher, dass es gelingen wird“, sagte Bei.

„Wissen Sie, warum Londoner Händler Talkumpuder von so weit her kaufen?“

„Warum?“

„Weil das in Qingdao, China, produzierte Talkumpuder eine ausgezeichnete Qualität hat und sorgfältig verpackt ist. Ich ließ es auf der Lukenabdeckung stapeln – völlig unversehrt. Wissen Sie, wofür Talkumpuder verwendet wird? Für Kosmetika, zum Beispiel für Gesichtspuder und Rouge, also die feinsten Produkte! Ihre Frauen sind so schön, und sie benutzen seit alten Zeiten Puder – und dennoch sind sie so gesund!“

Das strenge Gesicht des Gewerkschaftsvertreters begann sich zu einem Lächeln zu entspannen.

„Und denken Sie daran: Wenn sich Freunde und Verwandte in Ihrem Land treffen, begrüßen sie sich mit Küssen. Stellen Sie sich nur vor, wie viel Gesichtspuder und Talkumpuder Sie täglich berühren – und dennoch sind Sie alle so gesund!“

Bei diesem Punkt brachen alle in herzliches Gelächter aus.

„Darf ich dann mit den Arbeitern sprechen?“, fragte Bei.

„Nein, ich gehe. Es ist besser, wenn ich gehe“, sagte der Gewerkschaftsvertreter schnell und eilte davon.

Bei Hanting schaute ängstlich aus dem Fenster, wie der Gewerkschaftsvertreter zu den Arbeitern ging, ihnen auf die Schultern und den Rücken klopfte und dabei redete und redete. Plötzlich brach solch herzliches Gelächter von den Arbeitern aus, dass sie sich vor Lachen krümmten.

Bei Hantings Herz beruhigte sich endlich. Der Agent gab ihm einen Daumen hoch. „Wirklich beeindruckend, Kapitän Bei!“

„Alles dank Ihnen, meinen alten Freunden“, antwortete er.

„Warum sehen Sie dann nicht glücklich aus?“

„Ich habe noch einen Gefallen zu bitten, aber ich weiß nicht, wie ich es ansprechen soll.“

„Los, sagen Sie es!“

„Wir haben viele andere Schiffe, die auch Talkumpuder transportieren.“

Der Agent warf die Hände hoch. „Nur mit Ihrem Schiff fertig zu werden, hat mir fast den Kopf gespalten.“

„Aber ist die Argumentation nicht dieselbe?“

„Warum sollten Sie sich um die Schiffe anderer Leute sorgen?“

„Weil sie alle unter der fünfzackigen roten Flagge fahren!“

Der Agent kratzte sich am Kopf. „Nun, dann… Ich werde es versuchen.“

„Es wird sicher gelingen, denn britische Arbeiter sind die Vernünftigsten.“

Nach wiederholten Beratungen gewannen sie schließlich den Fall. Von da an würde Talkumpuder, das unter der fünfzackigen roten Flagge auf jedem Schiff transportiert wurde, im Hafen von London gelöscht werden, solange die Verpackung intakt war.

Ich werde hier nicht beschreiben, wie viele Devisen jedes Schiff der Nation bei jeder Fahrt sparte – die Leser können das besser berechnen als ich: Zehntausende, sogar Hunderttausende. Was ich betonen möchte, ist dies: Wie zehn Jahre politischer Stürme bei Hanting den Sprung vom Kapitän zum Schiffsführer ermöglichten. Während dieser Jahre war er sich stets der enormen Stärke bewusst, die von einem ganzen Volk ausging, das ein Jahrzehnt des Kampfes durchgestanden hatte. Es war diese Stärke, die ihn immer weiter antrieb.


„Kapitän im Stil von Deng Xiaoping“

Mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen China und den Vereinigten Staaten sorgte der Besuch von Genosse Deng Xiaoping in Amerika für großes Aufsehen. Die chinesisch-amerikanische Schifffahrtsroute wurde eröffnet. Das Unternehmen vertraute Bei Hanting die Jungfernfahrt nach Amerika an und versetzte ihn auf die Liulinhai.

Aber entlang der Route der Hanchuan erkundigte sich fast jeder Hafen nach Kapitän Bei. Einige überbrachten Hafengrüße, andere übermittelten Grüße von Freunden, manche zeigten den Daumen hoch und wieder andere sagten: „Es wäre gut, wenn alle eure chinesischen Kapitäne wie er wären.“ Genosse Zhen Yongxiang, der stellvertretende Kapitän und Erste Offizier der Hanchuan, erzählte mir, dass der Ladungskontrolleur Cook und Herr Willy von der Stauerei im Hamburger Hafen Bei Hanting einen „Kapitän im Stil von Deng Xiaoping“ nannten.

Warum äußerten Herr Cook und die anderen solch hohes Lob über ihn? War es nur wegen der zufälligen Gelegenheit von Deng Xiaopings erstem Amerika-Besuch und seiner Jungfernfahrt? Natürlich nicht! Der Erste Offizier und die Matrosen erzählten mir voller Begeisterung eine Geschichte nach der anderen.

Als die Hanchuan kurz vor der Ankunft im Hafen von Alexandria stand, um Fracht zu löschen, warteten dort oft hunderte Schiffe verschiedener Länder auf einen Liegeplatz an diesem Tor zum Suezkanal. Wenn man Pech hatte, musste ein Schiff mitunter mehrere Wochen warten. Also rief Bei Hanting während der Fahrt wiederholt den Hafenagenten an und stellte sicher, dass sich der Name „Hanchuan” in den Köpfen aller relevanten Personen fest einprägte. Er durchsuchte auch seine Erinnerungen und Notizbücher und rief sich sorgfältig die Namen, das Alter, die Temperamente, die besonderen Vorlieben und die Arbeitsmethoden der verschiedenen Personen ins Gedächtnis, mit denen er in diesem Hafen zu tun haben würde ...

Nach der Ankunft in Alexandria ging er direkt zur Hafenbehörde, um den Direktor zu besuchen. Mit geübter Vertrautheit nannte er den Direktor beim Namen, passierte mühelos die Sicherheitskontrolle und plauderte herzlich mit ihm über Familienangelegenheiten.

Als er schließlich um eine schnelle Be- und Entladung bat, antwortete der Direktor: „Warum solche Eile? Ihr Chinesen kümmert euch nie um Schifffahrtspläne.“

Er antwortete: „Wer sagt das? Wir verfolgen jetzt die vier Modernisierungen und kämpfen um jede Minute!“ Der Direktor der Hafenbehörde sah ihn an wie einen alten Freund und lächelte.

Hanting ging geschickt mit allen um, mit denen er zusammenarbeiten musste. Er erledigte rasch alle Formalitäten, fuhr durch die bunt bemalten Schiffe vieler Nationen und – um eine alte Redewendung zu verwenden – „setzte die Segel“ erneut. Dadurch sparte er mehr als zwanzig Tage Schiffszeit. Er war wendig und blitzschnell in seinem Vorgehen. Er schien weniger wie ein Kapitän als wie ein Militärstratege.

Zusammen mit der Hanchuan kauften wir insgesamt vier Schiffe aus dem Ausland. Während der Garantiezeit wurde Kondenswasser in den Kühlräumen entdeckt, das die Fracht durchnässte. Kapitän Bei fotografierte den Schauplatz, erhielt unterschriebene Zertifikate von Frachtinspektoren in verschiedenen Häfen und markierte die Kondensationsbereiche am Schiff mit Farbe. Er verlangte Reparaturen vom Hersteller.

Der Schiffbauingenieur brachte mehrere Meter Konstruktionsmaterial mit und erklärte ihm alles voller Zahlen und technischer Begriffe. Er weigerte sich jedoch, die Reparatur durchzuführen. Er sagte, dass bereits zwei Schiffe zur Fabrik zurückgekehrt seien. Sie hätten 200 Löcher in das Innere des Kühlraums gebohrt, keine Probleme gefunden und eine Vereinbarung unterzeichnet, wonach sie nicht reparieren würden.

Hanting sagte: „Bitte schauen Sie sich mein Schiff an.“

Der Ingenieur antwortete: „Die Isolierung Ihres Schiffs ist von weltweit erstklassiger Premiumqualität.“

Bei Hanting entgegnete: „Weltweit erstklassige Premiumqualität – und dennoch produziert sie beispiellose Kondensation.“

Der Ingenieur beharrte: „Theoretisch können keine Fehler gefunden werden.“

Bei Hanting entgegnete: „Aber praktisch, in der Realität, gibt es Kondensation, die die Fracht beschädigt.“

Der Ingenieur hatte hunderte theoretischer Argumente, doch Bei Hanting hatte Stapel echter Fotografien und unterschriebene Zeugenaussagen.

Der Ingenieur wurde ärgerlich: „Ohne theoretische Grundlage werden wir die Schiffe nicht reparieren – das ist internationale Standardpraxis, vertraglich festgelegt.“

Auch Bei Hanting wurde ärgerlich: „Legen Sie diese mehreren Meter Material weg! Ich werde mehrere Nächte ohne Schlaf verbringen, um die Grundlage zu finden – Sie können mich nicht einschüchtern!“

Der Ingenieur war so tief und unergründlich wie das Meer, doch Bei Hanting war so fest und unnachgiebig wie ein Riff. Am Ende zog sich das Meer zurück und ließ das Riff und den Haufen Materialien zurück.

So kämpfte Bei Hanting stur mit seinem Fleisch und Blut gegen kalte Daten. Schließlich handelte es sich um ein hochspezialisiertes Geschäft mit der Kühlung von Schiffen – Thermodynamik, Mechanik, Stahl, Isolierung... Dutzende Disziplinen. Aber Fleisch und Blut haben auch ihre Vorteile: Sie haben subjektive Initiative.

Bei Hanting analysierte die verschiedenen Daten und suchte nach Mustern, bis er schließlich den Kern des Dilemmas erfasste. Warum war die Isolierung in allen Teilen des Kühlraums 180 Millimeter dick, aber nur 90 Millimeter dick bei den Trägerabschnitten? Ein Unterschied von 100 % – war das vernünftig?

Hanting sprang auf, lief zum Kühlraum und inspizierte den Ort – die Farbmarkierungen waren in Reihen angeordnet. Und tatsächlich trat an den Trägerstandorten Kondensation auf.

...

Die Besatzung lud den Ingenieur wieder ein. Dieser nickte erst, dann schüttelte er den Kopf: „Hätte nie gedacht! Hätte nie gedacht, dass das Problem hier lag!“ Was tun? Reparieren! Die Werftarbeiter legten mehrere Nachtschichten ein und fügten eine weitere Schicht Isolierung und Verkleidung hinzu. Dieses Schiff war nun repariert, aber was war mit den anderen? Der Ingenieur weigerte sich, zuzuhören.

Also ging Bei Hanting zum Geschäftsführer. Dieser sagte: „Diese beiden Schiffe wurden bereits von beiden Parteien abgezeichnet und von der Reparatur befreit.“

Bei Hanting entgegnete: „Aber ist die Begründung nicht dieselbe?“

Der Geschäftsführer entgegnete: „Wissen Sie, wie viele US-Dollar die Reparatur Ihres einen Schiffes mich gekostet hat? Über 200.000!“

„Es tut mir sehr leid“, sagte Bei Hanting. „Ich weiß, dass die Forderung nach vier Schiffen Ihrer Fabrik große Verluste verursacht. Aber wenn sie nicht ordnungsgemäß repariert werden, sind diese drei Schiffe, die um die Welt fahren, wie lebende Negativ-Werbung für Ihre Fabrik. Wären Ihre Verluste dann nicht noch größer?“

Der Geschäftsführer schüttelte erst den Kopf, dann nickte er. Schließlich blickte er anerkennend zu dem kleinen Kapitän Bei auf und bewunderte diesen fähigen Manager. Wahrhaftig: ein erstklassiger Verstand, kombiniert mit eiserner Entschlossenheit – was für ein unbeugsamer Charakter! Die Reparatur der Kühlraumausrüstung an allen vier Schiffen kostete die Werft 720.000 US-Dollar.

Die Matrosen sprachen auch bewundernd von der Geschichte des großen Krans.

Im Hafen von Genua in Italien waren zufällig keine Hafenkräne verfügbar. In der Vergangenheit hatten sie immer die großen Kräne der Schiffe ausgeliehen – benutze, was du brauchst, als wäre es selbstverständlich. Doch nach sorgfältiger Analyse der Materialien verschiedener Häfen hielt Bei Hanting dies für unvernünftig.

Also schlug er dem Agenten vor, die Frachtbesitzer sollten Gebühren zahlen. Der Agent entgegnete: „In der Vergangenheit haben wir nie bezahlt!“

Bei Hanting entgegnete: „Aber das ist unvernünftig.“

„Warum?“

„Denken Sie daran: Beim Kauf dieses Schiffs machte der große Kran ein Zehntel des Schiffspreises aus. Die Nutzung meines großen Krans, meiner Arbeitskraft, die Abnutzung meiner Stahlseile ... Wäre es da nicht vernünftig, Gebühren zu zahlen?“

„Es ist nicht ganz vernünftig. Nun gut, ich werde mit dem Frachtbesitzer sprechen.“

Am nächsten Tag kehrte der Agent zurück und berichtete, dass der Frachtbesitzer zugestimmt habe. Wenn er sich geweigert hätte, die Krangebühren zu zahlen, hätte er Hafenkräne am Hafen beantragen müssen, trotzdem Gebühren zahlen und auf die Zuteilung warten müssen. So wurde die erste Krangebühr in Höhe von mehreren zehntausend Dollar eingezogen!

Nach der erfolgreichen Transaktion forderte Bei Hanting umgehend ein schriftliches Dokument an, um dieses Verfahren zu institutionalisieren. Mit den schriftlichen Unterlagen in der Hand vertrat er das Unternehmen in Verhandlungen mit dem Agenten und verlangte, dass alle chinesischen Schiffe in Zukunft ebenso behandelt würden.

Der Agent sagte: „Für Ihr Schiff kann ich das jedes Mal garantieren, aber für andere Schiffe ...“

Bei Hanting entgegnete: „Ist die Begründung nicht dieselbe?“

Die Verhandlungen schlossen mit einem schriftlichen Vertrag zwischen der Hafenseite und Hanting ab. Hanting sandte dieses Material sofort nach Shanghai zurück, damit das Unternehmen es der Zentrale melden und mit anderen Welthäfen über eine einheitliche Behandlung verhandeln konnte.

Wie sorgfältig, wie wissenschaftlich! Komplette Wissenschaftlerlogik! Doch auch äußerst flexibel und einfallsreich – einfach wie ein hervorragender Diplomat.

Einmal...

Und ein anderes Mal... Leider kann ich nicht alle Geschichten aufschreiben, die mir der politische Kommissar, der Erste Offizier und die Matrosen hier erzählten. Ich kann nur ihre bewundernden Blicke und Worte des Lobes festhalten.

Auf See war Bei Hanting wie ein unbewegliches Riff. An Land war er wie Stahl, der durch hunderte Härtungen geschmiedet wurde. Wie anmutig er das Schiff steuerte! In seinen Händen war die Hanchuan kein Schiff, sondern eine Balletttänzerin, die sich mit eleganter Anmut bewegte...

Die Matrosen gewöhnten sich alle daran, ihm niemals etwas zu melden, egal wie stark Wind und Wellen waren.

Wenn jemand „Windstärke 9, Kapitän!“ meldete, blickte er ruhig auf das Meer und sagte: „Windstärke 9? Ich denke, es geht noch.“

Wenn jemand „Wellen Stärke 8, Kapitän!“ meldete, blickte er immer noch ruhig und sagte: „Stärke 8? Ich denke, es geht noch.“

Die Mannschaft verstand die Bedeutung der ruhigen Gelassenheit ihres Kapitäns, also sprach niemand mehr mit ihm über Wind- und Wellenprobleme.

Nur ich, ein Laie, fragte ihn wiederholt: „Sie sagen immer ‚geht noch, geht noch’, aber welche Windstärke und Wellen würden ein Schiff versenken?“

Er sah mich nachdenklich an und sagte: „Egal, wie stark Wind und Wellen sind, sie werden kein Zehntausend-Tonnen-Schiff versenken. Nur Schäden am Schiff selbst werden es versenken. Und nur Kapitäne, die weder Schiffe noch das Meer verstehen, werden Schiffe beschädigen und versenken.“

Was für eine Aussage: „Nur Kapitäne, die weder Schiffe noch das Meer verstehen, werden Schiffe versenken!“ Die Substantive „Kapitän” und „Meister” bedeuten, wenn sie verwendet werden, um jemanden zu beschreiben, geschickt und kompetent.

„Er ist Meister seines Geschäfts.“ Man könnte sagen, dass sowohl Deng Xiaoping als einer der nationalen Führer als auch Bei Hanting als Kapitän in ihrer jeweiligen Arbeit geschickt und kompetent sind. Ihren eigenen Stürmen gegenüberstehend, sind sie gleichermaßen ruhig und kühn in der Führung. Zufällig besitzen sie beide auf ihren Reisen diesen unbeugsamen, hingebungsvollen Meistergeist. Kein Wunder, dass Bei Hanting den ehrenvollen Titel „Kapitän im Stil von Deng Xiaoping“ erhielt. Wer könnte leugnen, dass Herr Cook, der Hamburger Ladungskontrolleur, und die anderen sein Wesen erkannten?


Seemannschaft

„SOS!“ „SOS!“ „SOS!“ Das zyprische Handelsschiff Irinoos Hop sendete kontinuierlich Notrufe.

Kapitän Ikoios, der über dieses 28 Jahre alte Schiff wachte, entschied, Notrufe zu senden, sein Schiff aufzugeben, da das Schiff von einem Sturm der Stärke 9 getroffen wurde, die Hauptmaschine ausgefallen war, das gesamte Schiff außer Kontrolle geraten war, das Bodenventil gerissen und beschädigt war und Meerwasser den Maschinenraum bis zum Hals flutete.

„SOS!“ „SOS!“ „SOS!“

Alle Besatzungsmitglieder zusammen mit einem Familienangehörigen waren in die Rettungsboote gestiegen. Das kleine Fahrzeug wurde von gewaltigen Wellen auf und ab geschleudert, völlig ohne steuerlos. Durch Ferngläser erblickten sie den Schatten eines entfernten Schiffs. Die Seeleute hingen, um ihr Leben bangend, mit ihren Augen an diesem Schiff, doch die dunkle Silhouette verschwand allmählich. Vielleicht waren Wind und Wellen zu heftig und auch dieses Schiff war in Gefahr, sodass es nicht näher kommen konnte.

Ein weiterer dunkler Schatten segelte in der Ferne davon, dann noch einer... Vielleicht waren dies nichts weiter als Fata Morganas, geboren aus ihrer eigenen, verzweifelten Hoffnung. Die Besatzung hatte jedes Vertrauen in ihre Rettung verloren.

„Pip-pip-pip, dah-dah-dah, pip-pip-pip!“ Ein junger Funker auf der Hanchuan empfing plötzlich „SOS“-Notrufe während des heulenden Sturms.

Hanting sprang sofort auf, ging in den Kartenraum, um die Position des in Not geratenen Schiffs zu bestimmen, und befahl: „Alle Mann auf Stationen zur Rettungsvorbereitung!“

„Hart Ruder! Volle Kraft voraus!“

Das UKW-Funkgerät rief kontinuierlich: „Irinoos Hop! Hier ist das chinesische Schiff Hanchuan! Wir kommen zur Rettung. Bitte antworten!“

Doch es herrschte völlige Stille. Das in Not geratene Schiff hatte längst jede Kommunikationsfähigkeit verloren.

Als sich die Hanchuan dem Havaristen näherte, sahen sie, dass sein Rumpf bereits mehr als dreißig Grad nach Steuerbord geneigt war und das Heck am Sinken war. In dieser extremen Gefahr schienen tobender Wind und Schnee das Schiff still zu verschlingen.

Als sich die „Hanchuan” dem Rettungsboot näherte, schleuderte eine massive Welle es zurück gegen die Seite des sinkenden Schiffs. Viermal versuchten sie, sich dem Schiff zu nähern, und viermal wurden sie zurückgetrieben. Bei Hanting befahl er ihnen, zu kreisen und in der Nähe zu warten. Erst nach mehr als einer Stunde, beim fünften Versuch, flog die dicke Nylon-Wurfleine aus der Hand des erfahrenen Seemanns Wang Jingyuan wie ein Pfeil durch Wind und Schnee und landete in den Händen der in Not geratenen Seeleute.

Erst dann hatte Bei Hanting einen Moment, um die Anrufe aus dem östlichen Mittelmeer zu beantworten: Said-Hafen, Malta, Athen, zyprische Funkstationen und nahe Schiffe. „Hier ist die chinesische Hanchuan. Die Besatzung der Irinoos Hop ist sicher an Bord meines Schiffs. Seien Sie beruhigt, vielen Dank ...”

Jedoch war Ikoios, der Kapitän der Irinoos Hop, unwillig, an Bord der Hanchuan zu gehen. Er und drei Besatzungsmitglieder blieben in ihrem kleinen Boot und bestanden immer wieder darauf, zu ihrem Havaristen zurückzukehren.

Hanting rief durch Wind und Wellen: „Es ist gefährlich! Gefährlich!“

Doch als er die Hartnäckigkeit des Kapitäns sah und erkannte, dass dieser, in seinem eigenen Rettungsboot sitzend, immer noch der Herr der Irinoos Hop war und das Recht hatte, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, konnte Bei ihm nur Trost spenden: „Als Kapitän verstehe ich Ihre Situation und Ihre Gefühle sehr gut. Ich werde in der Nähe Wache stehen!“

Das kleine Boot stieg und fiel mit den Gipfeln und Tälern der Wellen, schwankend trieb es davon. Die Hanchuan patrouillierte und kreiste weiter in der Nähe.

Nach 17 Uhr sollte die Nacht hereinbrechen. Ein Nordwestwind der Stärke 9 fegte Wellen und Schnee in den sich verdunkelnden Himmel. Der Sturm wirbelte über das weite, weiße Meer, während die Wellen brüllten und heulten. Bei Hanting begann sich Sorgen zu machen und benutzte die Schiffssirene sowie den Lautsprecher, um dem pflichtbewussten Kapitän zuzurufen.

Um 17:24 Uhr kam das kleine Boot schließlich wieder längsseits der Hanchuan. Bei Hanting ging persönlich an Deck, um seinen unglücklichen griechischen Kollegen zu begrüßen. Als Ikoios erfuhr, dass die Hanchuan nach London fuhr, bat er wiederholt: „Bitte bleiben Sie weiterhin neben dem Havaristen, denn ich muss ihn bewachen, bis er sinkt. Nachdem er gesunken ist, bringen Sie mich und meine Besatzung bitte nach Kreta, Griechenland.“

Bei Hanting, ein Kapitän, der nie einen einzigen Tag in seinem Navigationstagebuch verpasst und in seinem Wettlauf gegen Fahrpläne niemals an einem Hafen an einem Ruhetag pausiert hatte, antwortete nun ohne zu zögern. Er erkannte, dass ein treibendes, unbeleuchtetes Schiff in der Nähe internationaler Schifffahrtswege eine ernste Gefahr für vorbeifahrende Schiffe darstellte. Daher stimmte er nicht nur Ikoios’ Bitte zu, sondern befahl auch sofort, alle Decklichter einzuschalten. Während er neben dem Wrack Wache hielt, rief er immer wieder: „Fahrende Schiffe, hier ist die chinesische Hanchuan! Achtung! Drei Seemeilen von Ihrer Backbordseite liegt ein unbeleuchteter Havarist. Bitte sorgen Sie für sichere Durchfahrt – vermeiden Sie Kollision!“

Die ganze Nacht hindurch hielt er Wache und verhinderte jeden möglichen Unfall, bis das Havarieschiff schließlich sank. Er schlief zwei volle Tage und Nächte nicht.

Seemannschaft, Seemannschaft – Menschen haben ihre Haltung, Schiffe haben ihre Haltung, Nationen haben ihre Haltung! Mögen wir uns alle daran erinnern, immer und zu jedem Zeitpunkt.

„Nicht alle Ausländer können in unser Land kommen, um unsere Nation kennenzulernen“, sagte Bei Hanting oft zu seiner Besatzung. „Sie lernen China durch jeden von uns Seeleuten kennen. China ist eine alte Zivilisation von fünftausend Jahren, vor dreißig Jahren wurde die Volksrepublik gegründet und genießt hohes Ansehen. Wir müssen uns das fest merken und uns in jedem Moment daran erinnern.“

Er sagte das und lebte es auch. Daher war es keine Überraschung, dass nach der Rettung der Besatzung der Irinoos Hop jeder von ihnen die Haltung Chinas spürte. Das pakistanische Besatzungsmitglied Mohammed sagte: „Als wir völlig verzweifelt waren, sahen wir ein Schiff aus der Ferne kommen. Doch erst, als wir den fünfzackigen Stern an seinem Rumpf erblickten, entflammte das Feuer der Hoffnung wieder...“ Drei Besatzungsmitglieder, die schon einmal in China gewesen waren, sagten: „Es mussten die Chinesen sein, die uns retten würden! Und tatsächlich seid ihr gekommen. In solch einem Sturm habt ihr uns zwei volle Tage und Nächte bewacht – wie gefährlich das war!“

Das srilankische Besatzungsmitglied Bire sagte: „Wenn ich zurückkehre, werde ich meiner Familie, meinen Verwandten und meinen Freunden erzählen, dass die Chinesen mich gerettet haben. Während ihr um uns kreistet und patrouilliertet, wussten wir alle, dass wir nichts zu befürchten hatten. Die Chinesen warteten und beschützten uns! Das werde ich nie vergessen, solange ich lebe, und auch meine Kinder und Enkelkinder werden es nie vergessen.“

Der griechische Chefingenieur Athonidis Konno, das älteste Besatzungsmitglied an Bord, bat darum, das Schiffsfunktelefon benutzen zu dürfen, um seine Frau anzurufen. Als er die Stimme seiner Frau hörte, weinte er so sehr, dass er vorerst nicht sprechen konnte. Erst nach mehr als zehn Minuten schaffte er es, stockend zu sagen: „Du musst gehört haben, dass ich in Not war ... Mach dir keine Sorgen, die Chinesen haben uns gerettet. Der Kapitän und der politische Kommissar speisten mit uns am selben Tisch.“

Der griechische Chefsteward Freddy Benderis sagte: „Ihr habt nicht nur mich gerettet, sondern auch meine Frau. Sie wird in acht Tagen entbinden. Wenn es ein Sohn wird, werden wir ihn definitiv Hanchuan nennen – Hanchuan!“

Seemannschaft, Seemannschaft – Menschen haben ihre Haltung, Schiffe haben ihre Haltung, Nationen haben ihre Haltung! Möge sich das jeder von uns immer merken, in jedem Moment.


Die Sorgen des Kapitäns

Ich betrachtete das fröhliche Gesicht von Captain Bei Hanting – wie glücklich er schien! Dieser Experte, der seinen Beruf meisterhaft beherrschte, dieser angesehene Kapitän auf den internationalen Schifffahrtsrouten – hatte er je Sorgen?

Er überlegte einen Moment, dann seufzte er: „Ich bin 53 Jahre alt, in meinen besten Jahren. Ich sollte die schönste Zeit meines Lebens haben. Aber manchmal muss ich ein Auge offen und ein Auge geschlossen halten...”

Die Genossen in der Nähe – sowohl Besatzungsmitglieder als auch Arbeitsgruppenkollegen – stimmten ein: „Wer will heutzutage nicht die Ärmel hochkrempeln und wirklich etwas schaffen! Aber es gibt so viele Dinge, die uns zurückhalten!“

Sofort kamen reichlich Beispiele auf. Einige Besatzungsmitglieder seien unqualifiziert und weigerten sich, Anweisungen zu befolgen. Wenn man streng mit ihnen ist, nutzen sie Fraktionsverbindungen, um Beschwerden gegen einen zu erheben, während die Mächtigen ihre „Kumpel“ bleiben. Hatte das Schiff XX nicht solch einen Matrosen? Er ging herum, schlug sich auf die Brust und prahlte: „Hmph! Der Kapitän hat mich kritisiert und mir gesagt, ich solle das Schiff verlassen ... Aber drei Tage später war es der Kapitän, der stattdessen zum Verlassen gezwungen wurde. Seine Worte waren nur leeres Gerede!”

Denken Sie auch an das Seefahrtsbüro der Provinz XX: Es kaufte zwei Schiffe über das Hongkonger Händlerbüro. Da ihnen Seeleute fehlten, mussten sie ausländische Besatzungen anheuern – zu enormen Kosten in Dollar –, um die Schiffe zurückzubringen. Als Bei Hanting und die Hanchuan zufällig in Hongkong waren, schlug er sofort vor, 28 seiner 62 eigenen Besatzungsmitglieder abzustellen, um diese Aufgabe zu bewältigen. Doch der Vorschlag wurde in endlosen Runden von Berichten, wiederholten Anträgen auf Anweisungen und Schichten von „Studien” begraben. Als sich die Papierarbeit endlich durchgewunden hatte, war die Frist bereits verstrichen.

Denken Sie an die Fracht, die wir jeden Tag transportieren. Jeder weiß, dass es sich dabei um Nahrung handelt, die den Menschen vom Mund abgespart wurde, und um Kleidung, die vom Rücken gespart wurde. Aus diesem Grund erschöpfte die Hanchuan alle Mittel, um Dollar für die Nation zu verdienen und zu sparen – wie der junge Yang, der sich die Vorderzähne ausschlug, aber weiter verzweifelt kämpfte. Es gibt unzählige Beispiele wie dieses. Aber wird wirklich jede Münze, die nach Hause gebracht wird, für die Vier Modernisierungen verwendet? Warum wird dann so viel so beiläufig und so sorglos verschwendet?

Und das sind nur wenige Beispiele. Wer von uns ist nicht schon einmal in eine Situation geraten, in der selbst nach dem Stempeln von 17 oder 18 Amtssiegeln ein Problem immer noch nicht gelöst werden konnte? Die Menschen sehnen sich nach weniger Beamten, die Verantwortung abschieben, und mehr wahren Meistern, die bereit sind, schwere Lasten zu schultern.

Deshalb erzählte ich diese Geschichte. Ich erzählte die Geschichte eines Jugendlichen, aber definitiv nicht nur für Jugendliche; ich erzählte die Geschichte eines Seemanns, aber definitiv nicht nur für Seeleute; ich erzählte die Geschichte eines Kapitäns, aber definitiv nicht nur für Kapitäne…

Für wen habe ich sie dann erzählt? Für dich, mein Vaterland! Ach, mein liebes Vaterland, das große Freude und Schmerz erfahren hat, das sich den Vier Modernisierungen zuwendet, aber unzähligen Schwierigkeiten gegenübersteht! Ich erzählte sie für dich – hast du gehört? Hast du gehört? Ach, mein Vaterland, das mich geboren und großgezogen hat…


(Ursprünglich erschienen in „Volksliteratur“, Ausgabe 11, 1979)


Leidenschaft

Li You


Mensch mit langen Haaren

In unserem alten, zivilisierten Land ist es ein Zeichen der Zivilisiertheit, dass die Körper der Frauen stets verhüllt sind, während die Westler der Nacktheit verfallen sind, was wie eine Manifestation von Erotik und Barbarei wirkt.

Würde ein chinesischer Maler kühn seinen Pinsel schwingen und mehrere völlig nackte junge Frauen malen, ihre volle Haut, ihre festen Brüste, ihre schlanken Taillen und ihre anmutigen Figuren darstellen, und würde dieses Gemälde nicht still in einem Atelier versteckt oder am Boden einer Truhe verschlossen, sondern an einem Ort mit ständigem Fußverkehr ausgestellt werden, hoch an einer Wand aufgehängt, auffällig vor den Augen der Öffentlichkeit … - Oh, Maler, hast du je daran gedacht, dass einige von uns beschämt ihr Gesicht bedecken würden, als hättest du persönlich ihre Kleider ausgezogen? Andere würden dich mit zornigen Augen anstarren, als hättest du ihre Schwestern geschändet. Warte nur – Flüche und Proteste würden wie Schneeflocken fliegen. Du könntest sogar vor Gericht stehen, wie Veronese aus der venezianischen Schule des 16. Jahrhunderts, der einige weltliche Figuren in die Ecke eines heiligen Gemäldes malte. Bist du unbesonnen kühn oder handelst du aus einer Laune heraus? Bist du verrückt geworden?

In diesem Moment malt er.

Er steht in einer neu errichteten, geräumigen Halle, hält einen Pinsel in der Hand und betrachtet sein unfertiges Werk mit nachdenklichen, strengen und kritischen Augen. Seine Kleidung ist zerzaust und seine Brust ist mit bunten Flecken bedeckt. Sein langes, dickes Haar spritzt wie ein schwarzer Strom nach oben und hängt wie ein Wasserfall in der Luft. Es umrahmt sein steinernes Gesicht mit scharfen Winkeln und einem kompromisslosen Ausdruck. Es ähnelt einer groben Statue.

Hey! Wo kommst du wirklich her? Was hast du eigentlich vor?


Der Zug nach Süden

Ein milder und sonniger spätwinterlicher Tag. Pekinger Bahnhof.

Damals war der Bahnhof nicht so überfüllt wie heute. Der Bahnsteig war sauber, die Korridore hell und die Zugwagen schienen geräumig. Eine junge Frau, die eine Reisetasche trug, bestieg den Liegewagen und setzte sich in die Nähe eines Fensters.

Die Frau erregte die Aufmerksamkeit der anderen Reisenden. Sie war wahrhaft schön – so jung, so schlicht, doch strahlend und fesselnd. Sie trug eine gut geschneiderte, kleine Baumwolljacke mit einem hellgrau-blauen Karomuster. Sie war groß und schlank, hatte helle Haut und fluffiges kurzes Haar. Sie wirkte elegant und ruhig. Ihre Augen funkelten mit fließendem Charme wie die einer hübschen Frau aus Jiangnan, während eine Spur eigensinniger Wellen in ihren Mundwinkeln den einzigartigen Charme nordischer Töchter trug ...

Der Zug setzte sich in Bewegung, verließ Peking und fuhr nach Süden. Die Fahrt von Peking nach Pukou dauerte etwa anderthalb Tage. Die Passagiere verfielen in ihre jeweiligen Sorgen des Abschieds oder des Heimwehs. Die Frau am Fenster rechnete still aus, wie sie die Zeit verbringen könnte.

Aus einer Ecke des Waggons waren Gelächter und Diskussionen zu hören. Natürlich bildete sich dort eine kleine Insel des Gesprächs: Eine fröhliche Gruppe von Menschen war dort versammelte. Von Neugier getrieben, ging die Frau hinüber und sah, dass ein junger Mann von einer Gruppe Menschen umringt war. Er hielt einen Kohlezeichenstift und ein Skizzenbuch in den Händen und zeichnete das Porträt eines Bahnmechanikers in Uniform im Zug.

In den Händen dieser Person wurde ein gewöhnlicher Zeichenstift zu einem Zauberstab und erfasste den Ausdruck und die Charakteristika des Mechanikers mit nur wenigen Strichen – es sah genau wie er aus.

Für gewöhnliche Betrachter ist Ähnlichkeit der höchste Standard der Malkunst und nur diese wenigen Striche ließen das halbe Abteil voller Passagiere vor Bewunderung staunen.

„Er hat wirklich Geschick“, lobte die Frau still in ihrem Herzen. Ihr Blick wanderte von der Skizze zum jungen Mann, doch sie sah nur eine schwarze Masse: eine schwarze Baumwolljacke, eine schwarze Baumwollhose, schwarze Schuhe und eine Masse schwarzen, zerzausten Haars – schwere Schatten wie Blei, die ihn vor ihrem Blick verbargen. Es gab jedoch eine Ausnahme: Die Knöpfe der Baumwolljacke des jungen Mannes waren nicht ordentlich zugeknöpft und der Kragen eines purpurroten Unterhemds stach schief heraus. Das war ziemlich störend für das Auge.

Diese Frau bevorzugte elegante Einfachheit und hasste die Farbe Schwarz, die mit übermäßiger Helligkeit gemischt war. Als die beiden extremen Farbtöne gleichzeitig auf dem jungen Mann erschienen, empfand die Frau plötzlich Ekel: „Hmpf, ein mittelmäßiger Maler, der nicht einmal die Farben seiner eigenen Kleider abstimmen kann und dennoch versucht, Malen zu lernen! Schau dir sein ungepflegtes Aussehen an. Wahrscheinlich ist er technischer Schulstudent, aber er besteht darauf, diese zwei kleinen Schnurrbärte zu behalten, und versucht, erwachsen auszusehen. Das ist lächerlich!“

Die Frau ging erhobenen Hauptes davon.

Eine Schaffnerin erschien im Wagen, half den Passagieren, ihr Gepäck zu ordnen, und sorgte für Ordnung. Die Schaffnerin sah die Frau auf dem kleinen Sitz in der Nähe des Fensters sitzen, ging zu ihr hinüber und fragte: „Genossin, Sie haben kein Liegeplatz-Ticket gekauft, oder?“

Die Frau nickte: „Mm ...“

„Das ist in Ordnung“, sagte die Schaffnerin warmherzig. „Schauen Sie, wie unbequem Sie hier sitzen. Außerdem hindert es andere daran, vorbeizugehen. In diesem Wagen gibt es noch freie Kojen. Kommen Sie bitte mit mir.“

Die Frau folgte der Schaffnerin gehorsam in eine Ecke des Wagens, stellte ihre Reisetasche ab und hatte sich gerade hingesetzt, als sie nicht umhin konnte, die Stirn zu runzeln: Diese lästige schwarze Masse blockierte wieder ihre Sicht.

Offensichtlich hatte der ungepflegte Maler auch kein Liegeplatz-Ticket gekauft und war von der Schaffnerin hierhergewiesen worden. In diesem Moment lehnte er an der gegenüberliegenden Koje. Er hielt immer noch sein Skizzenbuch in der Hand und betrachtete die Berge, Flüsse und Felder, die draußen vor dem Fenster vorbeiflitzten. Dabei kritzelte er etwas in sein Notizbuch.

Die Frau wandte den Kopf absichtlich ab. Nach einer Weile konnte sie jedoch nicht anders, als einen Blick auf das Skizzenbuch zu werfen. Ihre Haltung war würdevoll und gefasst. Eine erwachsene Frau, die einem jüngeren Mann gegenübersteht, hat immer eine herablassende Haltung. Der Unterschied in den Reifungsperioden zwischen den Geschlechtern existiert natürlich und verstärkt das Überlegenheitsgefühl der Frau. Sie nahm den prüfenden Blick eines Älteren an und bewertete die Kurven, die der junge Mann gezeichnet hatte. Ihr Blick schien zu sagen: „Der Zug fährt so schnell, was könntest du schon zeichnen!“

Der junge Mann schloss sein Skizzenbuch, hob den Kopf und lächelte die Frau an: „An welcher Station steigen Sie aus?“

„Pukou“, antwortete die Frau.

„Geschäftsreise? Oder Verwandtenbesuch?“

Die Frau schüttelte den Kopf: „Nein, ich besuche die Medizinhochschule Suzhou.“

Der junge Mann blinzelte und sagte: „Bevor der Zug abfuhr, sah ich einen Jungen und ein Mädchen, die Sie am Bahnhof verabschiedeten. Handelte es sich um Ihren jüngeren Bruder und Ihre Schwester?“

Die Frau nickte.

„Warum sind keine Erwachsenen gekommen, um Sie zu verabschieden?“

Ein Hauch von Traurigkeit durchzog das Gesicht der Frau. „Sie sind fort“, sagte sie.

Der junge Mann fragte besorgt: „Wie ...“

„Meine Eltern arbeiteten in der Armee und opferten beide ihr Leben. Meine jüngeren Geschwister wurden als Märtyrerkinder betreut und nach Peking zur Schule geschickt. Ich nutzte die Winterferien, um sie zu besuchen...“

„Ah!“, sagte der junge Mann mitfühlend. „Kein Wunder, dass Sie und Ihre Geschwister eine so enge Beziehung haben.“

Die Frau dachte einen Moment nach und erkannte plötzlich, dass die andere Person ihr schon seit einiger Zeit Aufmerksamkeit geschenkt und sie sehr aufmerksam beobachtet hatte. Sie selbst hatte jedoch nichts über ihn erfahren und nur einseitige Fragen beantwortet. Das war ziemlich unfair. Sie platzte heraus: „Wohin fahren Sie?“

„Nantong, zurück in meine Heimatstadt für einen Besuch“, antwortete der junge Mann.

„Sind Sie ein College-Student?“

„Nein.“

„Ein Universitätsstudent?“

„Nein. Ich habe schon lange fertig studiert.“

„Wo haben Sie studiert?“

„An der Zentralen Kunstakademie.“

„Ach!“ Das junge Mädchen sah ihn überrascht an. „Schwer zu glauben bei deinem Aussuehen!“

Der Maler lächelte und sagte: „Malerei ist eine Sache, Aussehen eine andere. Letzteres hat nichts mit der Gestalt zu tun. Ich erforsche Formen und Geist ...“

„Wenn das so ist, bin ich nicht hässlich genug ...“

„Du bist schön, eine wahrhaft schöne.“

„Ja, ich mag Schauspiel, Gemälde und auch Bücher.“

Er lenkte das Gespräch auf die Kunst, von der Ästhetik zur Literatur, und fand in der Literatur noch weitere Gesprächsthemen. Sie sprachen über Tolstois „Anna Karenina“, über Balzacs „Vater Goriot“, über Charlotte Brontës „Jane Eyre“ sowie über Stendhals „Rot und Schwarz“.

Ihre Leidenschaft war wie ein Feuer und der lange Spaziergang wie ein Treffen mit einem langjährigen Bekannten – man kennt und versteht sich einfach! Im Leben gibt es viele solcher wundersamen Begegnungen zwischen Menschen. Es ist die von der Erde selbst hervorgebrachte Kraft der Anziehung. Die kleinen Tische vor dem jungen Mädchen waren nah beieinander. Sie rauchte eine Zigarette und lauschte dem Gespräch ihres Gegenübers. Betrachtet man die Hände, so war sie kein kleines, schwächliches Fräulein mehr, sondern ein selbstbewusster Mann. Nachdem sie ihn kennengelernt hatte, hätte er älter sein sollen als das junge Mädchen. Warum machte er auf die Menschen einen so kindlichen Eindruck? Ach, das Alter eines Mannes ist wirklich schwer zu messen...

Geleitet von ihrer instinktiven Sensibilität fühlte sich die Frau plötzlich schüchtern, verlegen und etwas unruhig. Die herablassende Arroganz, die sie zuvor gezeigt hatte, war verschwunden und einer schwachen, verschwommenen Bewunderung gewichen. Sie betrachtete erneut die Kleidung des Künstlers – das kontrastreiche Schwarz und Rot erschien ihr nicht mehr so anstößig. Seine Baumwolljacke war immer noch schwarz, der Kragen des Unterhemds immer noch schief, sein Haar immer noch ungepflegt; doch in ihren Augen waren dies nun die Zeichen eines Junggesellen geworden, der sich so sehr der Kunst widmete, dass er keine Zeit hatte, sich um sich selbst zu kümmern. Sie weckten in ihr ein zartes Mitgefühl: Er sieht aus wie ein Mann voller Ehrgeiz und Talent.

Der Künstler nahm die Zeichenplatte heraus, breitete das Papier aus und sagte zur Frau: „Bitte erlauben Sie mir, Ihnen eine Skizze zu zeichnen.“

Die Frau nickte.

Der Künstler malte sehr langsam und zurückhaltend – je mehr er die Zeichnung gelingen lassen wollte, desto nervöser wurde er, und der Stift schien ihm nicht mehr zu gehorchen, als wäre er in der Hand eines unbeholfenen Anfängers. Nach einer ganzen Weile sagte er entschuldigend: „Entschuldigung, ich habe es nicht gut gezeichnet...“

Sie nahm die Skizze und schaute sie an – ihre Wangen erröteten. Diese Skizze war im Vergleich zum Porträt des Mechanikers viel schwächer; die steifen Linien waren alles Fehlschläge. Offen gesagt, hatte er sie hässlich gezeichnet. Sehe ich wirklich so aus? dachte sie und hätte allen Grund gehabt zu protestieren. Doch stattdessen vergab sie ihm mit einem süßen Lächeln. Ehrlich gesagt, wollte sie gar nicht, dass er zu ruhig, zu gelassen war, wie bei einem Modell im Atelier. Sie legte keinen Wert mehr auf „äußere Ähnlichkeit“. Was zählte, war, dass sie die „Seele“ des Künstlers „geistig verstand“.

In einer Ecke des Bildes standen die Signatur und das Datum: Yuan Yunsheng, gezeichnet im Februar 1964.

Der Künstler sagte: „Lassen Sie mich es Ihnen schenken.“

Die Frau sagte: „Danke, ich werde es als Andenken aufbewahren.“

„Sehen Sie, ich war zu unachtsam und habe vergessen, nach Ihrem Namen zu fragen“, sagte der Künstler. „Könnten Sie mir Ihre Korrespondenzadresse aufschreiben?“

Die Frau lächelte: „Ich heiße Zhang Lanying.“ Und sie schrieb ihre Adresse in das Skizzenbuch des Künstlers.

Als der Zug Pukou erreichte, waren sie bereits wie ein Paar alter Freunde. Bei einer künstlerisch veranlagten Medizinstudentin und einem ernsthaften Künstler ließen sich viele gemeinsame Eigenschaften finden. Die Mitreisenden glaubten, sie kannten sich schon lange, behandelten sie wie ein Liebespaar und verabschiedeten sich mit der Anrede „ihr beiden“.

Der Künstler begleitete die junge Frau zum Ufer des Jangtse, über dessen Oberfläche ein feuchter Wind wehte. Der Moment des Abschieds war gekommen, und beide konnten sich nur ungern voneinander trennen. Lanying blickte Yuan Yunsheng mit warmem, liebendem Blick an – dieser Blick sagte alles! Klar wie der Himmel, tief wie das Flusswasser...

Ach! Schönes Mädchen, bist du nicht zu romantisch? Kennst du ihn wirklich? Diese Geschichte einer Liebe auf den ersten Blick, verwoben aus der Peking-Pukou-Bahnlinie und dem gewundenen Jangtse – ist das nicht alles etwas zu überstürzt?


Die Göttin des Luo-Flusses

In den strahlenden Morgentagen der 1950er Jahre hielt eine zarte junge Hand einen Pinsel und trug sorgfältig Ölfarbe auf eine Leinwand auf. Es entstand ein kleines Mädchen mit ebenso ernstem Ausdruck, das gerade die Bewegungen seiner Schwester nachahmte und sich ein scharlachrotes Halstuch um den Hals band.

Dieses Ölgemälde wurde von Nantong in Jiangsu nach Peking geschickt, als Bewerbungsarbeit für die höchste Kunsthochschule des Landes. Es präsentierte die strahlenden künstlerischen Talente des jungen Malers, zusammen mit einem kristallklaren Herzen. Der Titel lautete: ‚Wenn ich groß bin, werde ich auch wie meine Schwester sein’. Künstler: Yuan Yunsheng.“

Wer dieses Ölgemälde sah, hätte vielleicht gedacht, der Autor habe eine zarte und sanfte mädchenhafte Ausstrahlung. Tatsächlich war das Gegenteil der Fall: Sein Charakter war stur, zügellos und unbändig, wie ein wildes Fohlen. Er liebte die Malerei von klein auf, hauptsächlich unter dem Einfluss seines Vaters. Sein Vater arbeitete an einer Mittelschule in Nantong und sammelte in seiner Freizeit mit Begeisterung verschiedene Kunstwerke. Jedes Jahr zu Silvester zum Neujahrsempfang hing der Vater immer eine Reihe neuer Bilder an die Wand – chinesische und ausländische – als würde er eine kleine intime Ausstellung veranstalten, voller Atmosphäre eines literarischen Salons. Diese zu Hause gesammelten Bilder gaben Yuan Yunsheng seine künstlerische Grundbildung.

Als er etwas älter wurde, besuchte er das Kulturzentrum der Stadt Nantong, nahm an Aktivitäten teil, hörte Vorträge, lernte Skizzieren, arbeitete an Werken und legte so seine ersten künstlerischen Grundlagen.

Als er sich an der Zentralen Kunstakademie bewarb, sagte sein Vater besorgt: „Dieses Kind hat von Geburt an einen sturen Charakter, das macht einem Sorgen.“ Sein Bruder Yuan Yunfu, der ebenfalls in der Kunst tätig war, ermutigte ihn ständig: „Mach es! Künstler brauchen Persönlichkeit.“

Im Sommer 1955 wurden die Aufnahmeergebnisse der Zentralen Kunstakademie bekannt gegeben: Yuan Yunsheng belegte den ersten Platz.

Wenn man Yuan Yunshengs Bewerbungsarbeit einer bestimmten Kunstrichtung zuordnen könnte, dann gehörte sie zur sowjetischen Wanderausstellungsbewegung (Peredwischniki). Dies war eine progressive Malschule, die im 19. Jahrhundert in Russland entstand. Sie stellte das Leben nach, betonte das Thema, legte Wert auf Handlung – ein Gemälde war wie ein Roman oder ein Theaterstück. In der Kunst erbte sie Rembrandts realistische Tradition und nahm auch die Errungenschaften der Impressionisten in der Verwendung von Licht und Farbe auf. Nach der Oktoberrevolution genoss sie in der sowjetischen Kunstwelt höchstes Ansehen und wurde von unseren Pilgern wie eine verehrte Buddha-Statue ins Land gebracht. Natürlich verstand der erst 17-jährige Yuan Yunsheng die Feinheiten der sowjetischen Wanderausstellungsbewegung nicht, und noch weniger hätte er gedacht, dass Kunstrichtungen mit politischen Richtungen verbunden sind.

Er war wie ein Rehkitz, das durch die Bergwildnis der Kunst läuft und kopfüber in die Arme der sowjetischen Wanderausstellungsbewegung stürzt.

Yuan Yunsheng wurde von der Schule geschätzt. Seine [politische] Herkunft war gut (damals war so eine Herkunft selten), seine Prüfungsergebnisse waren herausragend. Er saß im Klassenzimmer der ersten Klasse, über seinem Kopf schwebte ein Heiligenschein politischer Voraussetzungen und künstlerischer Fähigkeiten. Er wurde zum Organisationskomiteemitglied der Jugendliga gewählt und war offensichtlich ein Vorbild für „rot und fachkundig“. Er war wirklich fleißig, machte alles sehr gewissenhaft, mit einer sturen Energie, und unter der Anleitung sowjetischer Lehrmethoden erhielt er strenge Ausbildung.

Er wählte H-harte Bleistifte aus, spitzte sie ganz scharf an und zeichnete männliche und weibliche Modelle. Die Modelle wurden mit hohem Gehalt angeheuert, manche nackt, manche bekleidet, und unter bestimmtem Licht bewahrten Zeichner und Gezeichnete absolute Geduld. Zuerst die Kontur, dann die Trennung von „Hell und Dunkel“. Einen ganzen Tag lang wurde nur ein halber Kopf gemalt; am zweiten Tag wurde unter denselben Bedingungen dieselbe Szene fortgesetzt. Dann kam ein Mann mittleren Alters mit hoher Nase, tiefen Augen, in westlichem Anzug und Lederschuhen – das war der eingeladene Experte.

Jedes Mal, wenn er hinter Yuan Yunsheng vorbeiging, zeigte sein Gesicht einen zufriedenen Ausdruck. Yuan Yunshengs Skizzen und Ölmalarbeiten erhielten durchweg die höchste Note, manchmal wurden sie im Klassenzimmer oder Flur aufgehängt, damit die Kommilitonen sie studieren konnten.

In diesem Jahr wurde in Peking eine landesweite Konferenz für Skizzen- und Ölmalereiunterricht an Kunsthochschulen abgehalten, um das sowjetische Tschistjakow-Lehrsystem zu fördern. Ein von Yuan Yunsheng gemaltes Halbbildnis einer chinesischen Frau wurde auf der Konferenz präsentiert, um damit zu prahlen – als Standardmodell der Kunstfabrik, die die Sowjetunion auf chinesischem Boden errichtet hatte.

Der Liebling des sowjetischen Experten, der Stolz der Ölmalerei-Abteilung – alles lief glatt, die Zukunft war rosig. Den ganzen Tag malte er mit gesenktem Kopf, seine Hand bewegte sich unaufhörlich, wie ein frommer Gläubiger, der sich zu Füßen der Kunstgötze niederwirft und betet, dass seine eigene Seele auch in diesen Kunsttempel aufsteigen möge, um auf einem von Rosen umgebenen Thron zu sitzen und eine Perlenkrone zu tragen... Für die Ölmalereistudenten jener Zeit war dies das höchste Ideal.

Doch naiver Glaube ist nicht gefestigt, wie ein Gebäude auf dünnem und engen Fundament lässt er sich leicht umstürzen. Einmal umgestürzt, bringt er endloses Leid.

Das Leid kam – und es war selbst verschuldet. Eines Morgens hörte er, dass im Hörsaal eine Gemäldeausstellung stattfand, und ging dorthin. Er blieb vor einem gerahmten Ölgemälde nach dem anderen stehen, warf einen ruhigen Blick darauf, und sein ganzer Körper wurde von einem elektrischen Schlag erfasst, sein Herz schwankte, sein Blut kochte.

Dies waren Werke des europäischen postimpressionistischen Malers Van Gogh, die Bilder gewöhnlich und schlicht: Felder, Strohhaufen, Abendglocken im schrägen Licht der untergehenden Sonne, Sonnenblumen in Tonkrügen. Außerdem gab es einige Porträts, alle von kleinen Leuten: Postboten, Bergleute, Bauern bei der Heuernte, Gefangene beim Hofgang... In diesen schlichten Bildern hatte der Künstler die intensivsten Gefühle gegossen, stark wie Wein, brennend wie Flammen!

Sieh, die unregelmäßigen Bäume haben einen widerspenstigen Charakter. Die wellige Erde scheint von Schmerz zu erzählen. Auf diese kleinen Menschen hatte der Maler seine tiefsten Gefühle gegossen. Das Stillleben mit den Sonnenblumen schien sich plötzlich in etwas Lebendiges zu verwandeln, streckte wirre Fühler in den erstarrten Raum aus, greifend, schwankend, unermüdlich suchend... Dies war keine Malerei mehr, dies war der Ruf des Lebens des Malers, die Wiedergabe seines Charakters! Jede Linie und jeder Farbfleck war in Bewegung, kam durch unsichtbare Kanäle auf einen zu, ergriff einen, verschlang einen, zog einen in einen gewaltigen Strudel der Gefühle...

Yuan Yunsheng verließ den Hörsaal mit schwankenden Schritten, als sei er betrunken, als sei er verletzt, sein Herz war von einem scharfen Kunstpfeil durchbohrt worden. Er kehrte ins Wohnheim zurück und fiel aufs Bett. Der Hochbegabte des sowjetischen Tschistjakow-Lehrsystems war im Handumdrehen zum Gefangenen der westeuropäischen Postimpressionisten geworden, was ironisch war. Die Tür des Zimmers öffnete sich, sein Zimmerkamerad trat ein, sah sein blasses Gesicht und seinen erschöpften Ausdruck und fragte erstaunt: „Yunsheng, was ist mit dir?“ „Ich habe die Van-Gogh-Ausstellung besucht“, sagte Yuan Yunsheng und setzte sich im Bett auf. „Die Werke der sowjetischen Wanderausstellungsbewegung haben mich nie so bewegt...“

Er äußerte einige Ansichten. Er meinte, das Wertvolle an der sowjetischen Maltheorie bestehe darin, dass sie betone, das Objekt unter bestimmten Lichtverhältnissen zu platzieren, mit feinem Blick die Schattierungen und Töne zu beobachten und sorgfältig nachzuzeichnen – dies sei die Grundlage aller Malerei. Das genüge. Der nächste Schritt erfordere Befreiung und Fortschritt, nicht Selbstfesselung.

Seine Worte waren richtig. Betrachtet man die verschiedenen Schulen in der Kunstgeschichte, so hatten sie alle ihre Entstehung, Entwicklung, ihren Aufstieg und Niedergang. Die sowjetische Wanderausstellungsbewegung sollte durchaus ihren Platz in der Kunstwelt einnehmen, das war nicht zu beanstanden. Sobald man sie jedoch in den Himmel hob und mit administrativen Mitteln durchsetzte, bewirkte dies das Gegenteil und brachte der Kunst erstickende Katastrophen. Tatsächlich liefen, erforschten und erneuerten in den 1950er Jahren alle Maler der Welt die Malerei, einschließlich der sowjetischen Maler. Und was taten wir? ...

Yuan Yunsheng sagte aufgeregt: „Wir laufen anderen hinterher und heben auf, was andere weggeworfen haben!“ Seine guten Freunde kannten seinen Charakter und sympathisierten mit seinen Ansichten, aber sie sorgten sich um ihn. Damals kniete eine Gesellschaft von mehreren hundert Millionen Menschen vor der sowjetischen Götze, seine Worte waren nichts anderes als Gotteslästerung.

Von da an wurde er unruhiger, ein zahmer Wolgahirsch zeigte seine Natur als wildes Fohlen. Nachdem er pflichtgemäß seine Hausaufgaben erledigt hatte, improvisierte er mit dem Pinsel, malte unordentlich, als verfolge er ein schwer fassbares Ziel. Das Ziel fand er schließlich, und es lag ganz in der Nähe.

Vom Shuaifu-Park, wo sich die Zentrale Kunstakademie befand, durch den großen Kreisverkehr zwischen Wangfujing und Bamiancao, etwa eine Meile entfernt, lag das Osttor des Palastmuseums. Die Kunststudenten genossen damals besondere Privilegien, mit einem Studentenausweis konnten sie frei in das Heiligtum der alten chinesischen Kunst ein- und ausgehen. Hier sah er Chen Laolians „Bogu Yezi“ aus der Ming-Dynastie, Zhang Zeduan aus der nördlichen Song-Dynastie und „Entlang des Flusses während des Qingming-Festes“ sowie eine große Anzahl von Originalen berühmter Maler aus der Tang-Dynastie...

Am meisten liebte er Gu Kaizhi’s berühmtes Werk „Die Göttin des Luo-Flusses“ aus der östlichen Jin-Dynastie. Die lange Bildrolle, die romantische Komposition voller Fantasie! Die Landschaften geheimnisvoll und wunderbar, die Stimmung klar und weit; die Menschen lebensecht, in der Luft schwebend. War es äußere Ähnlichkeit? War es geistige Ähnlichkeit? Zwischen Ähnlichkeit und Nicht-Ähnlichkeit schwebend, war es der Geist des Künstlers, der sich in die Höhe schwang...

Er ging mit den Augen nah an die Bildrolle heran, der Pinselstrich war nach tausend Jahren unverändert, wie Seidenfäden eines Frühlingswurms, fein und präzise, frei fließend. Er dachte an die sowjetische Ölmaltheorie, die die Existenz von Linien leugnete. Doch in der chinesischen Malerei zeigten zusammenfassende und verfeinerte Linien überlegenen Charme.

Als er in diesem alten goldglänzenden Palast stand, zog ein tosender Fluss der Kunst vor seinen Augen vorbei, seine Gedanken erstreckten sich wie ein ausgeworfener Seidenfaden. Wenn man die moderne westliche Kunst und die alte östliche Kunst als zwei Pole betrachtet, scheint es zwischen diesen beiden Polen etwas zu geben, das miteinander kommuniziert. Oh, jetzt verstand er es. Während wir nach dem Schwert suchen, dessen Ort auf dem beweglichen Boot markiert worden war, und das Nahe für das Ferne aufgaben, saugten die Geister und Dämonen des Abstraktionismus, Fauvismus, Modernismus und Futurismus heimlich Mark aus den östlichen Künsten, nahmen Nahrung auf und stärkten ihre Körper – das war das Geheimnis.

O Vaterland, Vaterland, deine Kunst ist nicht Wasser, nicht Wein, nicht Milch, sondern magisches Gelée Royale!


Tiger-Hügel

Nachdem Lanying und der Maler sich in Pukou getrennt hatten, kehrte sie nach Suzhou zurück, um zu studieren. Im Handumdrehen war es schon März und blühender Frühling. Der Wind wehte zehn Meilen weit, die zarten Weiden entfalteten ihr Gelb, das berühmte Land der kleinen Brücken und fließenden Gewässer war wie ein Mädchen, das den leichten Schleier von ihrem Gesicht hebt, liebevoll und überaus anmutig.

Die Stimmung des Mädchens war auch so hell wie der erwachende Frühling.

Sie erhielt einen Brief vom Maler aus Nantong, frei geschrieben, in den Worten des Mädchens: „Sehr gut geschrieben!“ Im Brief erinnerte er sich an die unvergessliche Szene im Zug und drückte seine sehnsuchtsvollen Gefühle aus. Er sagte auch, dass seine Eltern und Geschwister das Mädchen gerne kennenlernen würden, und bat um ein Foto, falls sie eines zur Hand hätte.

Lanying zögerte nicht, öffnete das Album, wählte ein kleines Foto aus, fügte einen kurzen Antwortbrief hinzu und schickte ihn nach Nantong. Diese kleine Geste hatte eine außergewöhnliche Bedeutung, so wie die kürzeste elektromagnetische Welle wichtige Informationen übermitteln kann, drückte sie deutlich aus: Das Mädchen gab sich ihm hin.

Lanyings Erfahrungen beim Aufwachsen hatten sie daran gewöhnt, eigene Entscheidungen zu treffen. Sie war in Shandong geboren, in Jiangnan aufgewachsen, und nachdem ihre Eltern ihr Leben geopfert hatten, war sie von klein auf mit Truppen umhergezogen, wo immer sie hinkam, war ihr Zuhause, und sie hatte die Fähigkeit entwickelt, unabhängig zu leben. In diesen Jahren hatte sie stets Wärme vom Kollektiv und ihren Freundinnen erhalten, war aber nie eingeschränkt worden. Vielleicht hatten alle sie ein bisschen verwöhnt und umsorgt, was ihr einen eigensinnigen Charakter verlieh.

In diesem Moment hatte sie ein neuartiges Gefühl, das Gefühl, glücklicher zu sein als die Menschen um sie herum. Denn sie hatte jemanden, der ihr Herz besetzte, der ihre Gefühle berührte, und sie genoss still das unausgesprochene Glück eines Mädchens in der ersten Liebe. Sie stellte sich sogar vor, wie überrascht und neidisch ihre Freundinnen wären, würde dieses Geheimnis eines Tages gelüftet! Im Eindruck ihrer Freundinnen hatte sie hohe Ansprüche, ihre Herkunft war privilegiert, ihr Aussehen hervorragend, kein männlicher Kommilitone wagte es, sich ihr zu nähern, es war nicht leicht, sie für sich zu gewinnen. Es hatte sich so schön ergeben, es war weder eine elterliche Anordnung noch eine Vermittlung durch einen Heiratsvermittler, eine Begegnung auf der Reise, Liebe auf den ersten Blick, wie ein Wirbelsturm, der alles mit sich brachte, erfüllte das Mädchen mit Sehnsucht nach einem schönen Leben, wirklich romantisch! So webte sie mit süßen Fäden Szenen der Zukunft und wartete ungeduldig auf die Reaktion aus Nantong. Hatte er ihren Brief erhalten? Würden die Eltern des Malers ihr Foto kritisch betrachten? Fanden sie sie zu hübsch oder nicht schön genug? Ach! Das war wirklich schwer zu erraten... Das Herz des Mädchens war wie das Wetter im März in Jiangnan, mal warm, mal kalt, mal regnerisch, mal sonnig.

In der Schule wurden die Feierlichkeiten zum „Drei-Acht“-Frauentag vorbereitet. Lanying war die Kulturbeauftragte der Klasse, eine Hauptrolle mit großer Verantwortung. Sie arrangierte Programme, gestaltete Wandzeitungen, dekorierte die Veranstaltungshalle, die Zeit verging im Nu. Am Tag des „Drei-Acht“-Festes öffnete sich der Vorhang, alle Augen waren auf sie gerichtet, als plötzlich jemand die Kulturbeauftragte zum Telefon rief. Lanying nahm den Hörer ab, erschrak und freute sich zugleich – es war der Maler, der aus der Rezeption der Schule anrief.

Lanying versuchte, ihre aufgeregte Stimmung zu verbergen, wandte sich um und gab den Kommilitonen vage einige Erklärungen ab, dann rannte sie wie ein Wind zum Schultor. Der Maler stand dort, in seiner Hand wie immer ein Skizzenbuch.

„Wann bist du angekommen?“, fragte das Mädchen.

„Gerade aus dem Zug gestiegen. Mein Urlaub ist vorbei und ich war hier vorbeigekommen „, sagte der Maler.

„Komm doch herein, du... möchtest du vielleicht ein paar Skizzen für unsere Feierlichkeiten zeichnen?“

„Ich gehe lieber nicht hinein. Ich möchte dich lieber bitten, mit mir spazieren zu gehen...“

Lanying zögerte einen Moment. Sie wollte diese Bitte gerne annehmen, fühlte sich aber auch in Schwierigkeiten. Seit sie in die reife Jugend eingetreten war, hatte Lanying jedes Jahr diesen Tag mit ihren Freundinnen verbracht. Heute ihre Gruppe zu verlassen bedeutete, sich von einer Lebensphase zu verabschieden. Sie dachte an die Disziplin der Schule, an die Meinung ihrer Kommilitonen...

„Wohin?“, fragte Lanying schüchtern.

„Zum Tigerhügel“, sagte der Maler mit unerschütterlicher Miene.

Als sie aus dem Bus ausstiegen und am Fuß des Tigerhügels standen, beruhigte sich Lanyings unruhiges Herz, sie entspannte sich. Verglichen mit den engen Gärten der Stadt Suzhou war der Tigerhügel ein weiter, ruhiger Ort. Bai Juyis Gedicht über den Tigerhügel beginnt mit den Zeilen: „Der duftende Ort scheint nicht fern zu liegen, doch erst im tiefen Innern des Gartens offenbart sich seine wahre Pracht.“ Sie gingen den Steinweg entlang in den Garten hinein, Zypressen und Kiefern wie Wolken, der Schwertteich klar und blau, üppige Wälder und Bambushaine verdeckten Pavillons und Terrassen auf den Hängen: der Tempel der Blumengöttin, der Pavillon der drei Lacher... Je tiefer sie gingen, desto stiller wurde es, als träten sie in einen süßen Traum ein.

Dies war das erste Mal, dass Lanying allein mit einem Mann zusammen war, in ihrem Herzen kräuselten sich geheimnisvolle Wellen. Sie fühlte, dass sie dem Maler viel zu sagen hatte, wusste aber nicht, wo sie anfangen sollte.

„Hast du das Foto erhalten?“, fragte das Mädchen.

„Ja. Die Familie hat es gesehen, alle mögen dich sehr“, sagte der Maler.

Doch der Maler wechselte schnell das Thema. Er sprach über die Sitten und Gebräuche von Suzhou, stellte die bildenden Künste Jiangnans vor. Er schien mit dieser Gegend sehr vertraut zu sein und kannte viele Anekdoten. Das Mädchen hörte fasziniert zu und war von der umfassenden Bildung des Malers hingerissen.

Vor ihnen erhob sich der Tigerhügelturm, seine majestätische Spitze ragte in den blauen Himmel und die weißen Wolken, prächtig und geheimnisvoll. Lanying und der Maler liefen aufgeregt zum Gipfel. Der Maler streckte seinen starken Arm aus, um das Mädchen zu stützen, sie waren einander so nah, spürten den heißen Atem des anderen und das Pochen ihrer Herzen. Zypressen und Bambuswälder schwankten vorbei, als würden sie diesem schönen Paar ihren Segen wünschen. Plötzlich, von einem heftigen Gefühlsimpuls erfasst, hielten beide gleichzeitig inne.

Hier waren sie in der Umarmung des Bergwaldes, ringsum still und menschenleer. Der Maler starrte das Mädchen an, sein Blick war offen und ehrlich; Lanying schloss glücklich die Augen, bereit, eine unvergessliche Liebestaufe zu empfangen. Goldenes Sonnenlicht drang durch die Äste der Bäume und warf tanzende Schatten auf das Gesicht des Mädchens, ihre beiden Wangen waren rot wie Rosen, ihre Lippen wie leicht geöffnete Blütenblätter, noch schöner und anziehender als sonst. Was für ein reines Mädchen, das Fenster ihrer Seele offen, ohne einen Hauch von Staub oder Verunreinigung. Obwohl dies ihre zweite Begegnung mit dem Maler war, vertraute sie ihm, vertraute dem Leben, so wie sie sich selbst vertraute. Umarme mich fest, küsse mich leidenschaftlich, ich werde mich dir für immer hingeben, von jetzt an bis zum letzten Augenblick des Lebens...

„Lanying, ich muss dir etwas sagen.“ Hörte sie jedoch in diesem Moment die ruhige Stimme des Malers. „Beim ersten Mal hatte ich keine Zeit. Beim zweiten Mal ist es nicht zu spät. Als ich an der Universität war, wurde ich als ‚Rechtsabweichler’ eingestuft. Wirklich, ich bin ein ‚Rechtsabweichler’!“

Im selben Moment erstarrten der Bergwald und der alte Turm in todesähnlicher Stille...


Auf der einsamen Insel

Warst du schon einmal auf einer kleinen Insel im Meer? Himmel verbindet sich mit Wasser, Wasser mit Himmel, Wolken fallen und fliegen, Gezeiten steigen und fallen. Die kleine Insel ist ein Gedicht, ein frisches und anmutiges Gedicht. Im Frühjahr und Sommer 1957 befand sich Yuan Yunsheng in einer poetischen Umgebung.

Er kam auf die kleine Insel, um das Leben dort zu erfahren und Skizzen zu üben. Die Zentrale Kunstakademie hatte für Studenten des zweiten Jahres zwei Monate Praktikum vorgesehen; vor den Sommerferien verteilten sich die Kommilitonen im ganzen Land. Zur Inselreise kamen nur er und ein anderer Kommilitone. Die Insel lag an der Küste des Gelben Meeres, auf ihr war nur Militär stationiert, keine Zivilisten, sie war einige Quadratkilometer groß. Die kleine Insel bot ihm eine glückliche Umgebung, fern vom Lärm der Welt, er entkam der heftigen Unruhe, die sich auf dem Festland ereignete.

Die Menschen auf der kleinen Insel waren der Natur am nächsten. Jeden Morgen in der Dämmerung trug er seinen Malkasten, spazierte am Strand entlang, der mit gelbem Sand bedeckt war, und begrüßte die ersten fröhlichen Sonnenstrahlen. Der erst 18-jährige Yuan Yunsheng hatte sich bereits von der sowjetischen Wanderausstellungsbewegung emanzipiert und sein Stil war zu einer verschwommenen Synthese aus chinesischer klassischer Malschule und westlicher moderner Malschule geworden, er war durstig. Als das blaue Meer zehntausend goldene Sterne ausstreute und das Morgenlicht sein Herz mit unvergleichlich prächtigen Farben füllte, war dies der Moment, in dem das Leben des jungen Künstlers brannte. Er öffnete hastig seinen Malkasten, breitete die Leinwand aus und nahm die großzügigen Gaben der Natur an.

Die kleine Insel war sehr einfach. Politik und Bevölkerung standen im direkten Verhältnis zueinander, hier gab es keine weiteren politischen Themen. Alle zehn Tage kam ein Lastkahn und brachte Zeitungen und Post. Er und sein Gefährte nutzten die Gelegenheit beim Essen, um hastig die Zeitung durchzublättern und flüchtig einige Zeilen zu lesen. Die Artikel in der Zeitung erschienen ihm neuartig: „Peking lässt die Blumen blühen und die Schulen wetteifern. Dieser Artikel ist ziemlich interessant. Diese Meinung sollte Gehör finden. Wenn man es so ändert, wird es gut werden...“

Er warf die Zeitung weg, nachdem er sie gelesen hatte, und vergaß sie sofort wieder. Außer dem Malen war ihm alles andere gleichgültig. Sein Lebensweg war sonnig, ohne Wolken, ohne Grund zur Sorge. Was ihn interessierte, war die Verwendung von Licht, Farbflächen und Linien.

Die einzige politische Frage, der der junge Künstler gegenüberstand, wurde ihm von den örtlichen stationierten Truppen gestellt. Eines Tages wurde er von einem Propagandisten der Armee in eine einfache Baracke gebracht, wo ihm ein vertrauensvoller Blick entgegenkam.

„Kleiner Yuan, ihr habt doch beantragt, auf eine andere Insel zum Skizzieren zu gehen?“

„Ja, wir hoffen, dorthin zu gehen.“

„Die Truppe hat darüber beraten. Du kannst gehen, dein Kommilitone bleibt hier.“

„Warum?“

„Auf dieser Insel wird eine dauerhafte militärische Anlage gebaut, wer dorthin geht, muss eine politische Überprüfung bestehen. Eure Schule hat zwei Materialien ausgefüllt, deine Situation ist einfach. Dein Kommilitone kann nicht gehen, hauptsächlich wegen familiärer Probleme...“

Yuan Yunsheng runzelte die Stirn. Diese gesonderte Einladung konnte als eine Art Ehre betrachtet werden, und da solche Regeln im Leben existierten, konnte niemand etwas dagegen einwenden, wenn er freudig dorthin ging. Aber die Sorge, die ihm diese Angelegenheit bereitete, überstieg die Freude. Er kannte seinen Kommilitonen, beide waren Mitglieder der Jugendliga, beide waren ein Rückgrat unter den Studenten, warum musste man sie so hart unterscheiden? Mit der Denkweise eines Künstlers betrachtete er dies als eine Frage des Gewissens und der Freundschaft.

„Hör zu, ich habe mich erkundigt“, sagte er zu seinem Gefährten, als er zurückkam. „Auf dieser Insel werden Befestigungen gebaut, es wird gebohrt und gesprengt, Rauch überall, es gibt nichts zu malen. Wir sind schon eine Weile hier, lass uns einfach nach Hause gehen!“

Bald darauf fuhren er und sein Kommilitone übers Meer und landeten in Lüda. Der kühle Seewind wehte über diese schöne Stadt und weckte Lust auf einen Bummel. Die beiden schlenderten durch die Straßen, die Landschaft hier war eigenartig, die Architektur seltsam, überall war sie voll von russischer Atmosphäre. Als sie zu den Straßenschildern aufblickten und Straßennamen wie „Makarow“ lasen, regte sich in Yuan Yunsheng wieder Unmut: „Zum Teufel! Warum müssen die Straßen chinesischer Städte nach russischen Generälen benannt werden? Das verdirbt einem die Stimmung...“ Einige Tage später standen die beiden am blauen Hafen, warfen einen letzten Blick auf die endlosen Wellen und machten sich auf den Heimweg.

Unerwartet war dies Yuan Yunshengs Abschied vom azurblauen Leben.

Peking hatte sich verändert. Der Gegenangriff auf die 100-Blumen-Bewegung kam schneller als ein Donnerblitz, die Kritik unaufhaltsam wie ein durchbrechender Bambus, die herabfallenden Blütenblätter auf dem Campus ließen den Heimkehrer vom Meer erstaunt zurück. Am unverständlichsten war ihm die Situation des Parteisekretärs der Akademie, Jiang Feng. Es hieß, der Parteisekretär habe einen Fehler gemacht, weil er zu sehr die revolutionäre Malschule gefördert habe, was dem „Blühen der 100 Blumen“ im Wege stehe. Yuan Yunsheng konnte wirklich nicht verstehen, was „Malschulen“ mit „Rechtsabweichlern“ zu tun hatten...

Yuan Yunsheng zog sich in sein Wohnheim zurück und ordnete seine Skizzen. Vielleicht war er sicher. Er befürwortete die Fortsetzung der alten chinesischen Kunst und das Lernen der modernen westlichen Kunst, das sollte doch dem „Blühen der hundert Blumen“ dienlich sein, oder? Wie konnte er da unsicher sein? Mehrere Tage lang jagte er weißen Wolken, Wellen und Möwen hinterher, versunken in Erinnerungen an seine Reise aufs Meer... Eines Tages wurde er plötzlich ins Klassenzimmer gerufen, stand vor den Menschen wie ein Schmuggler, der Steuern hinterzogen hatte, und wurde verhört. Vor ihm lag ein Haufen Probleme: künstlerisch ketzerische Ansichten, Sympathie für „Rechtsabweichler“, das „Verbreiten von Gift“ auf der Insel und in Lüda, und durch all dies zog sich ein schrecklicher Vorwurf: „antisowjetisch“. Wer ihn angeschwärzt hatte, ließ sich mit Grundrechenarten herausfinden, aber diese Antwort war bedeutungslos. Da er so gedacht und so gesprochen hatte, spielte es keine Rolle, zu wem er gesprochen hatte, er hatte offen und ehrlich sein aufrichtiges Herz dargeboten. Er grübelte nach und wiederholte, was er gesagt hatte. Der Leiter der Versammlung winkte ihm zu: „Bitte warte draußen.“

Er verließ das Klassenzimmer und stand im Korridor, fühlte sich entspannt und beruhigt. Nur eine Tür trennte den Korridor vom Klassenzimmer, er hörte drinnen die Diskussion. Jemand sagte: „Das reicht...“ Jemand sagte: „Das reicht noch nicht...“ Jemand sagte: „Die Einstellung ist noch gut...“ Sein guter Freund argumentierte für ihn, andere beharrten auf etwas, es klang ziemlich interessant. Dann Schweigen... Dann wurde er zurückgerufen.

„Kleiner Yuan, das Ergebnis unserer Beratung ist, dass du als ‚Rechtsabweichler’ eingestuft wirst!“

Der Malkasten der politischen Bewegung unterschied sich vom Malkasten des Künstlers, er hatte nur zwei Farben: Rot und Schwarz. Ein Tupfer Zinnoberrot, ein Spritzer Tusche, entweder das eine oder das andere, man konnte nur durch Wahrsagerei Glück oder Unglück vorhersagen. Obwohl er und der Parteisekretär der Akademie Jiang Feng einen großen Altersunterschied hatten, unterschiedliche Hintergründe und gegensätzliche Ansichten, wurden sie mit demselben schwarzen Strich markiert, führten auf verschiedenen Wegen zum selben Ziel, der Malprozess war hochgradig vereinfacht.

Am Abend fuhr er mit dem Fahrrad nach Baijiazhuang, wo sein Bruder Yuan Yunfu lebte. Er lehnte sich ans Sofa:

„Ich bin es.“

Der Bruder fragte lachend: „Was bist du?“

„Ich bin ein ‚Rechtsabweichler’.“

„Was?“ Der Bruder war zutiefst schockiert. „Welchen Fehler hast du gemacht?“

„Ich habe keinen Fehler gemacht.“

„Warum wurdest du dann als ‚Rechtsabweichler’ eingestuft?“

„Sie sagen, ich sei einer, also bin ich einer.“

„Das ist schlimm! Das ist schlimm!“ Der Bruder zitterte am ganzen Körper.

„Was soll daran schlimm sein?“ sagte er gleichgültig. „Ich werde weiterhin malen, weiterhin zur Schule gehen, weiterhin Kunst machen.“

Der Bruder betrachtete sein einfältiges Gesicht, betrachtete den weichen Flaum auf seinen Lippen, sein Herz zog sich zusammen, er wollte weinen, konnte aber nicht. Sein Bruder war doch erst 18 Jahre alt! Wer niedergetrampelt wird und Schmerz empfindet, ist unglücklich; wer niedergetrampelt wird und den Schmerz noch nicht versteht, ist noch mehr zu bemitleiden! Er war zu jung, hatte noch keine Zeit gehabt, seine Fühler ins Leben auszustrecken, würde er überleben können, sobald seine zarten und empfindlichen Nervenenden den Schmerz spürten?

Er verstand das Leiden tatsächlich noch nicht. Bald strömten Hunderttausende aus der Hauptstadt in die Vororte, in die Schluchten der Ming-Gräber, um Berge zu versetzen, Seen zu schaffen und Stauseen zu bauen, sein naives Herz war bewegt. Er dachte, so viele Menschen, die gemeinsam an einer Sache arbeiteten, was für eine wunderbare Szene das sein musste. Er schwang sich aufs Fahrrad, nahm seinen Malkasten mit und fuhr über hundert Li zum Hauptquartier der Baustelle, um zu bitten, arbeiten und gleichzeitig malen zu dürfen. Man lehnte ab und erklärte, dass man gemäß den Vorschriften keine Einzelbesucher annehme.

Wenig später zog er mit der großen Truppe der Zentralen Kunstakademie in großer Formation zur Baustelle, wie aufgeregt war er da! Er allein tat die Arbeit mehrerer Personen, trug mit einer Tragestange sechs Erdkörbe und rannte auf den steilen Bergpfaden wie der Wind. Mittags, wenn andere ihre Mittagsruhe hielten, nahm er seine Mappe, trotzte der sengenden Sonne und ging auf den Berg zum Skizzieren, bis er völlig erschöpft war, schwankend zur Baracke zurücktorkelte, und doch fühlte er sich nicht elend. Denn dies war freiwillig. Er wurde vom kochenden Leben angespornt, gab bereitwillig seine Kraft und empfand es als größtes Vergnügen.

Doch die Atmosphäre in der Baracke veränderte sich. Die Kommilitonen umringten ihn, zeigten auf ihn, sagten, er sei unehrlich, akzeptiere keine Umerziehung, solle sich nicht mehr künstlerisch betätigen... Er war bestürzt. Er verstand nicht, dass dies eine Kritikversammlung war, verstand auch die Worte nicht. Er spürte nur, wie vertraute Blicke zu scharfen Blicken wurden, nahe Gesichter zu kalten Gesichtern, sanfte Stimmen zu scheltenden Stimmen, Münder bewegten sich, Hände winkten. Plötzlich verstand er etwas – nur eines:

Er war anders als die anderen! Er riss seine blutunterlaufenen Augen weit auf, bewegte seine ausgetrockneten Lippen, umfasste seinen Kopf mit beiden Händen und brach zusammen. Überanstrengung und psychischer Stress führten zu schwerer Ruhr, die Krankheit zog sich vom Sommer bis zum Winter hin.

Später wurde er in einen kleinen Raum in der Schule gebracht, der keine Heizung hatte.

Der kleine Raum war kalt und feucht, Wasser gefror zu Eis. Er hatte hohes Fieber, sein ganzer Körper glühte, ob er lebte oder starb, kümmerte die Schulverwaltung nicht mehr. Ein Jahr zuvor noch der Stolz der Zentralen Kunstakademie, war er nun zu einem verlassenen Waisenkind geworden. Jetzt erst spürte er das Leiden, das Leiden, künstlerisch erwürgt zu werden, übertraf das körperliche Leiden, als sei er in eine schreckliche Hölle gestoßen worden. Nein! Das Reich der Kunst hat nur den Himmel, keine Hölle. Andere zwangen ihn, Minderwertigkeitsgefühle zu lernen, aber er würde sie nie lernen. Im Delirium flackerten wirre Gedanken auf, als folge er Möwen im Flug, als begleite er die Luo-Göttin im Tanz. Er wälzte sich, stöhnte, als wolle er nicht aufgeben, als wolle er aus der dunklen Hölle heraufklettern...

Ein schwacher Lichtstrahl drang durch die Tür, er hörte Schritte. Er konzentrierte sich und sah, dass sein guter Freund vor dem Bett stand und ihm einen mitfühlenden, besorgten Blick zuwarf. Er setzte sich abrupt auf:

„Bitte komm nicht mehr, mich zu besuchen. Ich verstehe, dass es für andere eine Belastung ist, sich mir zu nähern. Ich brauche Freundschaft, aber kein Mitleid. Was ich jetzt brauche, ist Einsamkeit, Einsamkeit, lass mich einsam sein!“


Der Neumond

Die Abendsonne warf einen goldgelben Strahl auf den Tigerhügel und versank hinter dem Berg. Der Berghang glänzte in klarem, schwachem Glanz, verband sich mit der transparenten Dämmerung und hob das würdevolle Seitenprofil des tausendjährigen Turms hervor, wie ein nachdenklicher alter Mann, der auf das junge Paar im Wald hinabblickt.

Dieser Moment war für Lanying lang genug. Die Liebesgeschichten, die seit alters her überliefert werden, sind Tragödien und Komödien, die Menschen dazu bringen, Seite für Seite weiterzulesen. Doch Lanyings Geschichte war schon beim Umblättern der zweiten Seite unerträglich. Die unendliche Zärtlichkeit des erstverliebten Mädchens: Glück, Neuartigkeit, Freude... verschwanden im Nu wie ein Wind, als hätte eine grausame Riesenhand gewunken und alles wäre versunken, alles zerstreut, und ein schwieriges Problem wurde vor das Mädchen gestellt, streng, kalt, ohne emotionale Färbung, verwandelte das süße Rendezvous in eine kalte Abwägung von Vor- und Nachteilen.

In jener Zeit, in diesem Land, erwähnten die Menschen nur „Rechtsabweichler“, und vor ihren Augen zog eine graue Schar vorbei, wie Schatten, wie Geister. Als hätten sie Menschen getötet, Feuer gelegt, Gift gegeben. Man schien sie alle mit schrecklichen Bezeichnungen zu belegen: Es schien, als lasteten auf ihnen allen Anklagen wie ,Mordlust verbreitend’, ,Unruhe stiftend’, ,Gift unter die Leute bringend’. Ihre Seelen waren zum Tode verurteilt, nur noch seelenlose Hüllen waren übrig. Diese Hüllen konnten atmen, aber nicht sprechen, mussten arbeiten, aber durften nicht ernten. Die einzige Toleranz der Gesellschaft ihnen gegenüber war, ihnen mehr Zeit zu geben als Todeskandidaten, damit ihre Hüllen zu Erde wurden. Wer würde einen Geist heiraten wollen? Wer würde einen Zombie zum Gefährten nehmen wollen? Lanying stand vor einer solchen Wahl.

In einer Umgebung, in der Ehe und Politik zu einer glücklichen Verbindung wurden, gab es entweder Ehre durch den Ehemann oder Unglück durch Sippenhaft, jedes Mädchen musste eine Überlegung anstellen. An diesem gleichen Abend überlegten in der Welt, wie viele Mädchen gerade so etwas – sie erkundigten sich nach der familiären Herkunft des anderen, dem politischen Gesicht, der Ausbildung, der Position, dem Gehalt, dem Rang... Sie erkundigten sich nach dem direkten Wert des anderen und allem, was indirekt in Wert umgewandelt werden konnte, und legten es dann auf die Waagschale der Liebe. Der Inhalt der Liebe hatte sich verändert, hatte sich in einen Prozess des Warenaustausches verwandelt, war zur Gewohnheit geworden, galt als selbstverständlich.

Lanying hatte mehr Recht, für sich selbst zu planen. Sie erhielt höhere Bildung, eine zukünftige Kriegerin in Weiß, in ihren Adern floss das Blut von Märtyrern, die Organisation überlegte, sie in die Partei aufzunehmen, stolz wie eine Tochter aus vornehmen Kreisen, schön wie Schneewittchen... An allen Kreuzungen des Lebens würden sich für sie grüne Ampeln öffnen, Söhne aus vornehmen Familien standen ihr zur Auswahl, Reichtum und Ehre warteten darauf, von ihr genossen zu werden. Doch das Leben schien mit ihr zu spielen, was zu ihr kam, war nicht der Engel der Liebe, sondern ein schwarzer böser Adler. Sofort den Kontakt abbrechen, jetzt war es noch nicht zu spät, weder Gewissen noch Moral würden irgendeine Verpflichtung auferlegen.

Lanying versank in schmerzlichem Nachdenken. Ihre Situation war privilegiert, ihre Erfahrung einfach, sie hatte wenig weltliche Luft eingeatmet. Daher verstand sie noch nicht die Vor- und Nachteile. Die politische Bewegung war für das Mädchen wie ein verschwommener Traum. 1957 war sie noch ein naives, kindliches Mädchen, das die Mittelschule besuchte. Sie hatte an dieser Anklage teilgenommen, mit Worten, mit Schrift, mit empörten Gefühlen. Das Mädchen hatte noch keine Zeit gehabt, das Gesicht des Feindes zu sehen, als der Kampf schon vorbei war, sie sah nur die Rücken der Gefangenen.

Später, als das Mädchen etwas älter wurde, konnte sie nicht umhin, wenn sie hörte, dass jemand ein „Rechtsabweichler“ sei, einen neugierigen Blick zu werfen. Sie sah, dass es unter diesen „Rechtsabweichlern“ viele Gelehrte, Professoren, Künstler, Schriftsteller, Fachkräfte, gesellschaftliche Persönlichkeiten gab... Sie hörte auch oft solche Ermahnungen: Menschen mit Talent haben oft Ecken und Kanten; Menschen mit Ecken und Kanten stoßen oft an. Dieses Theorem und sein Umkehrtheorem aus dem realen Leben wurden von Menschen in verschiedenen Tönen wiederholt, und der Eindruck des Mädchens wurde immer wieder verstärkt.

Das abstrakte Konzept von Freund und Feind führte im Herzen des Mädchens zu konkreten Schlussfolgerungen, eine traurige Verspottung der würdevollen politischen Bewegung.

Der Maler vor ihren Augen war ein weiteres Beispiel. Weil der Maler sich gegen die sowjetische Wanderausstellungsbewegung stellte, wurde er für schuldig befunden, einen ketzerischen Weg eingeschlagen zu haben, und politisch zum Tode verurteilt. Das Mädchen konnte wirklich nicht verstehen, warum ein künstlerisches Problem zu einem politischen Problem gemacht werden musste? Warum sollte ein chinesischer leidenschaftlicher junger Mann als Opferlamm einem ausländischen Altar geopfert werden? War das nicht absurd? Absurde Dinge konnten tatsächlich etabliert werden. Vielleicht bewies dies nur noch mehr, dass der Maler kein zahmes Lamm war, sondern ein furchteinflößender Stier, der den Neid anderer erregte, was nur noch mehr den Mut, die Einsicht, den unbeugsamen Charakter und das wertvolle Talent des Malers bewies... Was ist Talent? Für ein Mädchen mit reinem Herzen ist es das geistige Licht des Lebens, der Kranz der Jugend, die Transzendenz der Unwissenheit, die Sublimation des Wissens, es lässt Geld und Reichtum verblassen, macht Ruhm und Verlust zu vorüberziehenden Wolken, wie der helle Horizont, der die Klarheit von Himmel und Erde trennt. Törichte Mädchen schmücken sich gerne mit Juwelen, erhabene Mädchen sind voll spiritueller Sehnsucht. Sie wollte einen blauen Stern pflücken und ihn in das Herz der Liebe einsetzen...

Lanying brach das Schweigen und sagte mit tiefer Stimme zum Maler: „Erwähne diese Dinge aus deiner Vergangenheit mir gegenüber nicht mehr. Ich glaube nicht, dass du einen Fehler gemacht hast...“

Der Maler sagte: „Aber alle anderen denken so. Selbst wenn mir der Hut abgenommen wird, ist es nur begrenzte Vergebung, alles bleibt wie vorher. Wenn du mit jemandem wie mir Umgang hast, kannst du die Konsequenzen nicht ignorieren.“

„Die Konsequenzen sind mir egal. Egal was andere denken, ich vertraue meiner Intuition.“

„Was ist deine Intuition?“

„Meine Intuition ist, dass du talentiert bist!“

Dies war das höchste Lob für einen „Volksfeind“, der Tonfall enthielt offensichtliches Wohlwollen und sollte dem Maler ausreichend Trost geben. Doch der Maler stand da, sein Ausdruck kühl. Sein Blick war durch Leid und Sorge von seinem aufgeregten Glanz befreit: „Es gibt viele talentierte Menschen auf der Welt, glorreiche Sieger und tragische Verlierer. Warum gerade ich? Du wirst es später bereuen...“

Kein Wunder, dass der Maler kühl reagierte. In Zeiten, in denen Talent wie ein Lappen verschwendet wurde, hatte er diese Worte nicht zum ersten Mal gehört. Jeder konnte sie ihm schenken, falsche Schmeichelei verbarg gezielte Verspottung. „Eine Frau ohne Talent ist tugenhaft“ galt nun auch für Männer. Selbst wenn man ihn zu Boden trat, ihn gnadenlos peitschte, überall mit Wunden bedeckte, konnte man ihm auf die Schulter klopfen, ihn aufstehen lassen, ihn arbeiten lassen. Damals war Talent für Intellektuelle keine Blume mehr, die ein Gefühl des Schwebens hervorrief, sondern eine bittere Medizin, die Traurigkeit auslöste.

Die Blicke Lanyings und des Malers trafen sich. Der Blick des Malers war scharf und offen, verbarg tief in sich die Flamme des Selbstwertgefühls und zeigte auch eine gewisse Erwartung, die direkt in das Herz des Mädchens drang. Lanying konnte diesem alles durchdringenden Blick nicht widerstehen, ihr Herz zitterte...

Lanying erinnerte sich plötzlich daran, dass dies ihr zweites Treffen mit dem Maler war. In diesem stillen Bergwald, in einem von der Stadt abgelegenen Tal. War heute nicht der „Drei-Acht“-Frauentag? Normalerweise hätte er ihr Wärme und Aufmerksamkeit schenken können, ohne Mühe das Herz des Mädchens gewinnen können. Doch stattdessen brachte er Niedergeschlagenheit mit, zerstörte eindringlich ihre Ruhe. Er öffnete sein Herz, enthüllte verborgenen Schmerz, warf unheilvolle dunkle Wolken auf, wusste, dass dies möglicherweise unwiderrufliche Folgen haben könnte, bestand aber darauf – wofür? Er war so aufrichtig und offen! Warum wurde ein solcher Mensch als schrecklicher Dämon bezeichnet? Verlorene Seele? Das Leben war zu ungerecht! Ehrlichkeit brachte Katastrophen, List brachte Aufstieg, wie viel Recht und Unrecht in der Welt wurde auf den Kopf gestellt! Für einen Moment hatte Lanying das Gefühl, dass die Gräben, Täler und Flüsse vor ihr ausgefüllt wurden. Durch den nebligen Abendschleier sah sie ein aufrichtiges Herz, das wie Achat kristallklar schimmerte.

Lanying sagte aufgeregt: „Mein Entschluss steht fest.“

Der Maler fragte: „Magst du mich?“

„Ja.“

„Was findest du an mir?“

„Weil du ehrlich bist – Liebe braucht Ehrlichkeit.“

Der Maler erzitterte am ganzen Körper, stürzte nach vorne und barg seinen Kopf in der Umarmung des Mädchens. Dieser starke Mann verwandelte sich im Handumdrehen in ein zitterndes Kind, Tränen rollten in seinen Augenhöhlen.

Ein Neumond stieg langsam auf. Der alte Turm stand ernst, der Bambuswald flüsterte leise. Der reine Silberglanz ergoss sich über das Mädchen wie eine ganz in Silber gekleidete Göttin.

Der Maler umarmte sie wie einen Schatz, den er nie wieder verlieren wollte. So viele Jahre lang hatte er ehrlich gelebt, ehrlich gehandelt, leidenschaftlich die Kunst behandelt. Aber nie hatte ihm jemand eine solche Einschätzung gegeben. Heute hatte das Mädchen sein Gewissen geprüft, seine einsame Brust mit Licht gefüllt. Er war zufrieden, getröstet, fühlte, dass das Leid vieler Jahre die größte Belohnung erhalten hatte...


Doppelbrücke

Zeitgenössische Künstler widmen sich eifrig der Verfolgung ihrer eigenen künstlerischen Stile, und jene Künstler, die Unglück erlitten haben, haben einen einzigartigen Stil, den niemand sonst ersetzen kann. Wer würde Erfahrungen wie die ihren wiederholen wollen – Gefangener sein, umherirren, Bitterkeit kosten...

Schlagen wir Repins Bildband auf und betrachten „Die Wolgatreidler“.

Vor uns entfaltet sich ein lebendiges Bild, ähnlich den „Wolgatreidlern“. Die sengende Sonne, die Luft brennt. Auf der goldgelben Dreschfläche zieht ein junger Mann in der Haltung eines Wolgatreidlers eine Steinwalze, gebückt, den Kopf gesenkt, Seile um die Schultern, die Hände fast bis zum Boden reichend, der nackte Rücken schweißnass, ölig glänzend, blitzend im Sonnenlicht.

Dies ist der Doppelbrücken-Bauernhof in Peking, eine der frühesten staatlichen Farmen, bekannt für mechanisierte Produktion. Doch die Künstler von der Zentralen Kunstakademie verrichteten Arbeiten wie Zwangsarbeiter. Unter mehr als zwanzig Personen war Yuan Yunsheng der jüngste, freiwillig übernahm er die schwerste Arbeit. Er zog auf der Dreschfläche die Steinwalze, den ganzen Tag lang.

Mehr als zwanzig Menschen wohnten in einem großen Raum, Türen und Fenster waren verfallen, Fliegen und Mücken flogen frei ein und aus. Im Raum standen zwei Reihen großer Pritschen, der Tisch war aus Brettern zusammengezimmert. Rektor, Professoren, Assistenten, Studenten – hier genossen alle die gleiche Behandlung. Die Explosion, die vor einigen Jahren über ihren Köpfen stattgefunden hatte, hatte bei jedem unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Manche schwiegen, manche bereuten endlos, manche waren gelassen, manche zitterten, als ob die Explosionsmechanik zu einer einzigartigen Technik entwickelt worden wäre, die Zerstörung bewirken, aber auch aufbauen konnte, ihre Geisteszustände polarisierten sich deutlich.

Yuan Yunsheng kehrte von der Dreschfläche in den Raum zurück, seine erste Bewegung war, sich auf das Zeichenbrett am Kopfende des Bettes zu stürzen, ein Lastentier verwandelte sich im Handumdrehen in einen Künstler mit leuchtenden Augen, wie das Wunder eines Zauberers, der Menschen verwandelt. Er klemmte das Zeichenbrett unter den Arm und suchte überall nach Objekten, auf dem Gebiet der visuellen Bilder war er der Herr über alles.

Er erneuerte sich hartnäckig, freiwillig, aber auch gezwungen. Er vereinte Arbeitsumerziehung und künstlerisches Schaffen in sich, konnte nicht wie ein Ölmaler gemächlich Objekte nachzeichnen, musste sich an die neue Umgebung anpassen.

Die Errungenschaften der chinesischen Malerei, Formen durch Linien zu schaffen, in der westlichen Ölmalerei anzuwenden, war zuvor noch eine verschwommene Bestrebung gewesen, nun wurde sie zu einer hellen Flamme, die ihn stark anzog.

Man könnte fragen, wer im Leben jemals die Existenz von „Linien“ gesehen hat? Doch er sah sie. Er beobachtete die Schichten der Lichtbestrahlung, analysierte die beleuchteten Flächen der Objekte und versuchte, den Moment zu erfassen, in dem Fläche auf Fläche trifft – jenen dramatischen Übergang, jene wunderbare Grenze. Auf der Netzhaut erschienen klare Linien, die durch die Verarbeitung im Gehirn, durch betonende Übertreibung und angemessene Verformung, Hand und Pinsel anleiteten, auf der Skizze entschiedene oder sanfte Linien zu ziehen – schlicht wie die chinesische Malerei, präzise wie die westliche Malerei, ähnlich einem Peking-Opern-Künstler, der auf einer leeren Bühne mit feinen Hand-, Augen- und Körperbewegungen den Menschen einen Raum zeigt, in dem Gefühl und Szene verschmelzen – knapp, aber nicht leer, im Leeren liegt das Volle, eine außergewöhnliche Bildsprache.

Er hatte sich freigemacht. Da seine Bilder ohnehin niemanden mehr interessierten und erst recht nicht mehr ausgestellt würden, konnte er seinen Pinsel zügellos führen und frei weitermalen. In der Werkstatt der Farm zeichnete er mit Federhalter, Pinsel und Bleistift über zweitausend Skizzen – weit mehr als die Arbeitsaufträge von Kunststudenten an Akademien. Schwere Arbeit, solide Grundlagen, auf ein festes Ziel ausgerichtet. Der große Stapel Skizzen an seinem Kopfende war die Anhäufung seines Glaubens, ein Ozean des Geistes.

Unter den Menschen, die im selben großen Raum wohnten, gab es einen strengen Älteren, der die Handlungen des jungen Malers oft aufmerksam beobachtete – es war Jiang Feng, der ehemalige Parteisekretär der Akademie. Jiang Fengs Blick war erstaunt; früher hatte er seinen Schüler nicht gekannt, nun war er von Yuan Yunshengs fleißigem Eifer und Drang nach Verbesserung berührt.

„Ich verstehe wirklich nicht, warum man einen Studenten wie dich zum ‚Rechten’ abgestempelt hat?“, sagte Jiang Feng zu Yuan Yunsheng. „Male weiter, solange du glaubst, dass es richtig ist, male nach deinem eigenen Willen!“ Dies war die direkte Ermahnung, die Yuan Yunsheng aus dem Mund des ehemaligen Parteisekretärs hörte – nicht in der prächtigen Akademie, sondern in harten und widrigen Umständen. Diese Ermahnung vergaß er nie.

Eines Tages hielten die Zimmergenossen eine Selbstkritik-Versammlung ab. Einige leisteten wie üblich eine Reuebekundung, doch Jiang Feng sprach leidenschaftlich, kritisierte den Übertreibungsstil in der Propagandaarbeit, kritisierte, dass die Wirtschaftspolitik von der wirtschaftlichen Basis abgekoppelt sei, kritisierte die Schäden des „linken“ Opportunismus – ganz wie ein kühldenkender Politiker, ohne jedes Selbstbewusstsein als Verurteilter. Er blieb er selbst, bewahrte die Würde des Menschen, übte das Recht von Kopf und Mund aus. Yuan Yunsheng hörte zu, erfüllt von Bewunderung.

Nach der Versammlung saß Jiang Feng am Tisch und las. Yuan Yunsheng nahm leise sein Zeichenbrett und blickte zu ihm hin. Das Modell vor seinen Augen war mager und erschöpft, mit nachdenklichem Ausdruck. Doch im Kopf des Malers spiegelte sich eine schöne Seele, hart und transparent wie ein Diamant. Mit beschwingt fließendem Pinsel zeichnete der Maler ein ausdrucksstarkes Porträt von ihm.

„Oh, ich bin viel dünner geworden als früher.“ Jiang Feng nahm die Skizze entgegen und sagte bewegt: „Lass mir diese Zeichnung, unsere Freundschaft ist es wert, erinnert zu werden...“ Diese Skizze wurde gerahmt und hing viele Jahre lang bei Jiang Feng zu Hause. Ein abgesetzter Parteisekretär, ein junger Mann, der gezwungen wurde, sein Studium zu unterbrechen – keiner von beiden hatte seine Persönlichkeit unter dem schweren Druck verformt. Eine Persönlichkeit, die Widrigkeiten überwunden hat, ist wie in Kupfer gegossen und Eisen geprägt – ob man sie anerkennt oder nicht, sie bleibt dieselbe...


Feiner Regen

Der Maler und Lanying trennten sich in Suzhou, er kehrte nach Changchun zurück, und sie blieben brieflich in Kontakt. Ein Jahr später stand Lanying vor der Arbeitsplatzzuteilung.

Der Nordosten war Lanying sehr fremd. In ihrer Vorstellung war es ein von Eis und Schnee bedeckter ferner Grenzstreifen, ein schrecklicher Ort, so kalt, dass er Nase, Ohren und Kinn abfrieren ließ. Keiner ihrer Kommilitonen wollte in den Nordosten versetzt werden; sie waren an die wohlhabenden Verhältnisse und das milde Klima des fruchtbaren Landes südlich des Jangtse gewöhnt, und allein die Erwähnung des Nordostens ließ ihnen einen Schauer über den Rücken laufen, als würde das Schicksal der Verbannung über sie hereinbrechen.

Lanying stellte alles zurück. Im Herzen des Mädchens war dort, wo er war, der Frühling, dort war Wärme und Feuer! Solange sie sich an seine Seite schmiegen konnte, war sie bereit, Hunger und Kälte zu ertragen. Als Lanying der Organisation ihren Wunsch mitteilte, war die Reaktion erstaunt: „Oh, du hast also schon einen Freund! Wie lange kennt ihr euch schon? Was macht er beruflich?“ Das Mädchen erzählte alles genau. Sie dachte, früher oder später könnte sie es sowieso nicht verbergen. Lanyings Geschichte verbreitete sich in der ganzen Schule. Die mündlichen Literaten waren nicht ohne Fantasie und schmückten die Geschichte wie eine pastorale Idylle aus: „Hast du gehört? Lanying will nach Changchun versetzt werden.“

„So weit weg! Warum will sie dorthin?“ „Sie hat einen Freund kennengelernt, der schönste Mann in ganz Changchun.“ „Was macht er?“ „Er ist Schauspieler beim Changchun-Filmstudio, hat in vielen Filmen mitgespielt.“ „Einen Schauspieler zu finden ist natürlich toll! Im ganzen Land unterwegs, alle Städte mit Filmstudios sind große Städte, Lanying kann in Zukunft hingehen, wohin sie will!“

Doch in einem kleinen Raum der Schule lastete auf Lanyings Kopf ein zentnerschwerer Druck, und ihr wurden zornige, enttäuschte Blicke zugeworfen: „Du bist politisch zu unreif. Was ist er? Ein ‚Rechter’, gegen die Partei und gegen den Sozialismus. Und was bist du? Nachkomme revolutionärer Märtyrer, Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands, Förderkandidat der Parteiorganisation. Kannst du deine verstorbenen Eltern noch ansehen? Kannst du der Partei noch ins Gesicht sehen?“

Lanying widersprach: „Er ist doch entlassen worden...“ „Entlassen oder nicht, das ist dasselbe. Wenn eine Familie so einen Angehörigen hat, wird sie ihn nie wieder los. Du willst dir freiwillig diesen schwarzen Topf aufbürden, ein Leben lang, wie dumm!“ „Das ist mir egal...“ „Sag nichts mehr! Du bist bereits seine Gefangene geworden, stehst am Rand eines Abgrunds. Du musst mit ihm einen klaren Schnitt machen und von nun an keinen Kontakt mehr haben. Wenn er dir schreibt, übergib die Briefe der Organisation!“ Lanying saß in einer Ecke des kleinen Raums, das Gesicht bleich, die Glieder taub, wie eine Rebellin, die vor Gericht steht. Was konnte sie sagen? Ein reinherziges Mädchen, das zum ersten Mal jemandem das Geheimnis ihrer Liebe anvertraut, sollte doch Glückwünsche erhalten. Stattdessen erhielt sie grobe Zurechtweisung und zwanghaftes Eingreifen – Widerspruch war nutzlos. Mit schweren Schritten schleppte sie sich zurück ins Wohnheim.

Noch schwerer zu ertragen war der lautlose Druck. Ihre Kommilitonen blickten sie verächtlich an, tuschelten über sie, als hätte sie etwas Gewissenloses getan. Eine Perle, die einst auf Händen getragen worden war, wurde plötzlich zum Gegenstand des Spotts. Sie kostete die Wankelmütigkeit der Welt, die Wechselhaftigkeit des Schicksals und begehrte innerlich stark auf.

Sie nahm den Pinsel zur Hand und schrieb einen Brief an eine Tante in Hangzhou – eine Kampfgefährtin ihres Vaters. Die Tante schickte schnell ein Telegramm und bat sie, sofort nach Hangzhou zu kommen. Lanying eilte nach Hangzhou, wo feiner Regen fiel. Die Tante holte sie ab, bewirtete sie höflich, schenkte ihr ein Lächeln und versuchte auf alle möglichen Arten, sie aufzuheitern. Doch Lanyings Gesicht war voller Sorgen, so düster wie der Himmel. „Was, wenn du darüber krank wirst?“, sagte die Tante besorgt. „Ich begleite dich, gehen wir ein bisschen spazieren.“ Die beiden spannten Regenschirme auf und kamen nach Liulang Wenying. Der Westsee breitete sich silbergrau vor Lanying aus. Der Himmel war silbern, das Wasser war silbern. In der Luft schwebte ein silberner Puder, weder Nebel noch Regen, unsichtbar im Gesicht, aber die Kleidung wurde feucht. Lanyings Stirnfalten glätteten sich: „Die Landschaft hier ist wirklich schön!“

„Es hat sich doch gelohnt zu kommen. Und es gibt noch etwas Erfreuliches“, sagte die Tante lächelnd. „Ich möchte dir einen Freund vorstellen. Er ist Parteimitglied, arbeitet beim Militär in geheimer Mission, ist im passenden Alter, gut aussehend. Wenn du ihn nur einmal treffen würdest, würdest du ihn garantiert mögen...“ Lanying wurde sofort misstrauisch: „Sollte ich etwa nur deswegen hierherkommen?“ Die Tante sagte: „Ich will doch nur dein Bestes. Gefühle kann man entwickeln, wenn keine Gefühle da sind, kann man sie entwickeln...“

Das Mädchen fühlte nur, wie ihr ein Knäuel wirres Garn in die Brust gestopft wurde. Die schöne Landschaft des Westsees wurde abstoßend, der gewundene Pfad unter ihren Füßen schien voller Fallen. Ein Gefühl der Täuschung überkam ihren ganzen Körper, und sie sagte verärgert: „Ich will niemanden treffen. Hier!“ Lanying drückte der Tante den Regenschirm in die Hand, drehte sich im kalten Regen um und rannte davon. Hinter ihr schlug das Wasser des Sees ans Ufer, in rhythmischer Kadenz, wie ein seufzender Klang... Als sie zurückkam, packte Lanying ihre Sachen, bereit, nach Suzhou zurückzukehren. Die Tante kam näher und sagte ruhig: „Lanying, ich kenne deinen Charakter. Wenn du etwas einmal beschlossen hast, hilft kein Zureden...“

„Es ist gut, dass du das weißt, dafür bin ich dir sehr dankbar.“ Das Mädchen sagte es gleichgültig. „Ich habe nur eine Bitte“, sagte die Tante. „Wo du schon in Hangzhou bist, macht ein Tag mehr auch nichts aus. Lass uns heute Abend in Ruhe reden...“

Abends saßen Lanying und ihre Tante sich gegenüber unter der Lampe.

„Lanying, ich vertraue deinem Urteil. Wen du dir aussuchst, wird nicht falsch sein“, sagte die Tante ruhig. „Unsere Partei verfolgt gegenüber Intellektuellen eine Politik der Vereinigung und Umerziehung, Menschen wie ihn soll man doch einsetzen.“

Das Mädchen nickte: „Das denke ich auch...“

„Aber lass mich die Karten offenlegen“, sagte die Tante. „Derzeit haben wir noch keine eigene Mannschaft von Intellektuellen, auf wen sollten wir uns verlassen, wenn nicht auf sie? Wenn wir sie einsetzen, müssen wir ihnen einige Vorteile geben. Ein Vergleich: Wie Zuckerbohnen für ein Kind – die kleine Süße schmilzt schnell dahin. Wenn unsere eigene Mannschaft herangewachsen ist, werden diese Leute, so gut sie auch sind, nicht mehr eingesetzt. Denk darüber nach...“

Das Mädchen hörte diese eindringliche Analyse und fühlte sich in fünf Nebel gehüllt. Zum ersten Mal hörte sie, dass es hinter der Politik noch eine Politik gibt – die unendlichen Feinheiten des Lebens, die sie langsam verdauen musste.

In jener Nacht konnte Lanying nicht schlafen. In dieser stillen Mitternachtsstunde dachte sie an den fernen Maler und wurde allmählich klar: Zwischen ihnen beiden lag ein Hindernis, das strenger war als Eis und Schnee, Stürme und Berge. Eine einsame, schwache Frau, unfähig, den sozialen, traditionellen und psychologischen Druck wegzuschieben, sah eine unbegrenzt düstere Zukunft. Sollte sie bereuen, sich in ihn verliebt zu haben? Das Mädchen fand keinen Grund, sich zu tadeln. Ihre Liebe hatte die Berge als Zeugen, den Mond als Beweis, ohne ein Staubkorn. Sie konnte nur bereuen, in privilegierten Verhältnissen geboren zu sein, verhätschelt worden zu sein, sodass selbst ihre Liebe Ketten trug. Um seinetwillen wollte das Mädchen wiedergeboren werden... Sie schlief erschöpft ein und hatte einen süßen Traum. Sie träumte, sie sei ein Bauernmädchen geworden und traf den Maler zwischen weißen Bergen und schwarzem Wasser, die ganze Welt wie mit Silber gepflastert und Jade bedeckt, rein und klar... Als sie erwachte, erkannte sie, dass dies nur ein absurder Traum war – alles war vom Schicksal bestimmt, nichts war umkehrbar. Das Mädchen verzweifelte. Heiße Tränen rannen wie abgerissene Perlen ihre Wangen hinunter... Am nächsten Tag legte die Tante eine Zeitschrift vor Lanying hin: „Ich habe sie aus der Bibliothek geholt, schau sie dir an, dann wirst du es verstehen.“

Es war eine Ausgabe der Zeitschrift „Kunst“ aus jenem Jahr. Lanying öffnete mit zitternden Händen die Seiten und fand einen Artikel. Dieser Artikel kritisierte ein Ölgemälde von Yuan Yunsheng, mit einem Foto des Gemäldes. Was war das denn? Auf eine winzige, armselige Größe geschrumpft, kaum zu erkennen. Das Mädchen fand schließlich den Titel dieses Ölgemäldes –


Erinnerungen an die Wasserstadt

„Gut, gut, wenn wir weiter frittieren, wird es anbrennen!“ „Leiser, sonst hören sie uns!“ „Ich koste erst mal – ha, knusprig und duftend!“ „Nur zu, es kostet ja nichts...“ Yuan Yunsheng lag im Bett und hörte aus dem Nebenraum Lachen, das zischende Geräusch des kochenden Öls und gieriges Kauen, begleitet vom Duft frittierter Teigfladen, die ihm ins Gesicht wehten und ihn nicht schlafen ließen.

Dies war das Lager der Produktionsbrigade, in einer kleinen Stadt nahe Suzhou. Vor kurzem war Yuan Yunsheng vom Doppelbrücken-Bauernhof zur Zentralakademie der Schönen Künste zurückgekehrt, um im Atelier von Professor Dong Xiwen sein Studium fortzusetzen. Der Lehrer schlug vor, dass er ein Gebiet mit starkem ländlichem Flair wählen sollte, um tief ins Leben einzutauchen und Material für seine Abschlussarbeit zu sammeln. Er kam in eine Stadt in Jiangnan und wurde in einem kleinen Raum neben dem Lagerschuppen der Produktionsbrigade untergebracht. Damals war es die Zeit der wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes, und selbst die als „Paradies auf Erden“ gerühmte Wasserstadt – „im Himmel gibt es das Paradies, auf Erden Suzhou und Hangzhou“ – war von der Bedrohung des Hungers betroffen. Die einst populären fanatischen Propagandaslogans waren verschwunden, die physiologischen Instinkte spielten bei den Menschen eine Rolle, und diese Rolle zeigte sich zuerst bei den Kadern der kleinen Stadt. Um die Mägen einiger weniger Menschen zu füllen, schädigte man das Kollektiv und presste die Mägen anderer zusammen. Was tief in der Nacht aufgeführt wurde, war eine Komödie über die vorrangige Aneignung von Füllmaterial.

Yuan Yunsheng drehte sich im Bett um, was einige Ratten aus der Nähe seines Kissens hervorlockte, die über seinen Körper sprangen. „Es gibt Bewegung!“, sagte jemand nebenan. „Sollen wir den Maler rufen?“ „Lass ihn!“

Das war wahres Lebensmaterial! Malte man es, wenn „Kunst der Politik untergeordnet“ ist, war ein solches Eingreifen ins Leben unproblematisch. Der Maler lag im Bett, erfüllt von Sorge um Land und Volk. Doch die nächtlichen Träume hinterließen beim Maler keine tiefen Erinnerungen. Er hatte seine eigene Auffassung von der Funktion der Kunst. Er war gekommen, um die schönen Elemente des Lebens zu suchen – der Staub des Lebens konnte das goldene Herz des Künstlers nicht trüben. Was er tagsüber sah, erfüllte sein Streben. Nach ein paar Wochen kehrte er mit reicher Ausbeute zurück...

Eines Tages nach seiner Rückkehr nach Peking, nach dem Abendessen, lag er im Bett und dachte nach. Ein unwiderstehlicher schöpferischer Impuls trieb ihn, den Pinsel zu ergreifen und auf dem Papier zu skizzieren. Die Pinselspitze floss wie Wolken und fließendes Wasser, und in nur einem Abend war die Skizze für seine Abschlussarbeit fertig.

Er brachte die Skizze zu Professor Dong Xiwen. Der Lehrer schaute sie an und sagte: „Ich sehe sehr viel Besonderes darin. Die Arbeit ist nicht klein, pack es an!“

Er trug seine Schlafsachen, Leinwand und Ölfarben ins große Lager der Akademie. Dieses Lager diente zur Aufbewahrung großformatiger Kulturgüter – hohe Steinkamele, ausgegrabene Steinpferde und den Steintiger vom Grab des Han-Generals Huo Qubing. Der Boden war mit dickem Staub bedeckt, die Wände voller Spinnweben, wie eine düstere alte Grabstätte. Er breitete seine Schlafsachen auf dem Boden aus und arbeitete Tag und Nacht. Die Steintiger und Steinpferde beobachteten einen jungen Maler, der wie besessen arbeitete. Nach zwei Monaten bat Yuan Yunsheng um Hilfe, ein riesiges Ölgemälde herauszutragen.

Dieses Ölgemälde trug den Titel „Erinnerungen an die Wasserstadt“.

„Erinnerungen an die Wasserstadt“ wurde zum Gesprächsthema in der Kunstwelt. Ältere Maler wie Dong Xiwen, Ye Qianyu und Huang Yongyu lobten es einhellig und schlugen vor, die Abschlussnote „Ausgezeichnet“ zu vergeben. Es gab aber auch Menschen, die den Kopf schüttelten, die Stirn runzelten und nicht einmal eine Bestehenssnote geben wollten.

Was waren die Erinnerungen, die die Wasserstadt dem jungen Maler hinterlassen hatte? In der Mitte des Bildes steht eine kleine Brücke, wie sie in Suzhou üblich ist – traditioneller Baustil aus der Ming-Dynastie, von präziser Konstruktion, verziert mit feinen, durchbrochenen Reliefs. Auf beiden Seiten der Brücke zeigen sich Häuser, Straßen und die lebhafte Szene des Markthandels während des Frühlingsfestes.

Schau, dort wird eine Bühne für Theateraufführungen aufgebaut, dort werden Neujahrsbilder aus Taohuawu verkauft, und es gibt Stände mit Getreide und Gemüse – wie lebhaft! Ein hübsches Bauernmädchen hat eine Zeitung neben ihren Füßen ausgebreitet, legt Blumensträuße darauf und wartet darauf, dass Menschen kommen. Ein unschuldiges kleines Mädchen hat gerade ein Lämmchen verkauft, vielleicht weil sie das niedliche Tier selbst großgezogen hat, und zeigt beim Anblick, wie es von jemandem weggeführt wird, einen wehmütigen Ausdruck... Starker nationaler Stil, tiefe volkstümliche Gefühle – der Pinsel des Malers zeichnet über hundert lebensnahe Figuren, die um die Steinbrücke herum ihre schönen Geschichten erzählen: Menschen tauschen hier die Früchte eines Jahres harter Arbeit aus und finden Trost in der bunten Volksunterhaltung.

Unter der Brücke fließt klares Wasser, Lichtwellen glitzern. Sampans, kleine Holzboote und Lastkähne mit Neujahrsware drängen sich, stoßen aneinander. Die Bootsführer weichen einander aus, machen Platz, schaffen Fahrwasser für die Nachbarboote. Ein junger Mann liegt entspannt am Bug, das Sonnenlicht fällt auf sein Gesicht, in Gedanken versunken, voller Hoffnung auf die Zukunft...

Diese kleine Brücke, dieser Fluss, sind sie nicht eine Wiedergabe des Charakters unserer Nation! Unsere Nation hat unter Mühen gelitten, befand sich damals in äußerst schwierigen Zeiten; aber der beharrliche Geist unserer Nation wurde von Katastrophen nicht zerstört – stark und selbstbewusst, höflich und respektvoll, optimistisch und heiter, die große Würde bewahrend. Mit langsamen Rhythmen, ruhigen Schritten, mit unvergleichlicher Zähigkeit – maschiert sie in Richtung Morgen!

Wer hätte gedacht, dass die ursprüngliche Inspiration für dieses Werk aus jenem bescheidenen Zimmer in der Wasserstadt stammte, jenem düsteren, von Ratten befallenen Raum, der geradezu kriminelle Zustände verkörperte. Der Fleiß des Volkes, die Reinheit des Malers und die gierige Selbstsucht, das raffgierige Erbeuten gleich nebenan bildeten einen so deutlichen Kontrast! Der Maler wischte den Schatten des Lebens beiseite, nährte gute Wünsche und drückte mit der Sprache der Malkunst seine tiefe Liebe zu Heimat und Volk aus. Dies war die Selbstanalyse des Charakters des Malers!

Als „Erinnerungen an die Wasserstadt“ in der Aula der Zentralakademie öffentlich ausgestellt wurde, war die Reaktion des Publikums begeistert. Manche hinterließen Kommentare, manche machten Fotos, manche kopierten es. Allein die Innovation im künstlerischen Stil ließ die Menschen staunen. Der Autor verwarf die „drei Einheiten“ der westlichen Ölmalerei bei der Handlungsgestaltung und die traditionellen Perspektivregeln und verwendete die hohe Kunst der chinesischen Malerei mit Streuperspektive, sodass die voneinander unabhängigen Geschichten im Bild zu einem harmonischen Ganzen verschmolzen. Bei der Darstellung der Figuren verwendete der Autor gekonnt die Werkzeuge der westlichen Ölmalerei, nutzte mutig lineare Formgebung und übernahm die Übertreibungsmethoden der antiken Töpferkunst, um Figuren mit unterschiedlichsten Ausdrücken zu zeichnen. Es vereinte die prächtige Pracht der Ölmalerei, die feine Farbgebung der chinesischen Malerei, die ehrliche Schlichtheit der Neujahrsbilder und den dekorativen Charme der Wandmalerei.

Alle Malkunst von alten und modernen Zeiten, aus China und dem Ausland, in einem Schmelztiegel zu vereinen – das war der sehnsüchtige Wunsch des Autors, und er sollte ihn erfüllt sehen!

Doch das Schicksal der „Erinnerungen an die Wasserstadt“ wendete sich plötzlich. Es wurde von der Wand der Ausstellungshalle genommen und auf den Müllhaufen geworfen. Später entdeckte ein junger Mann, der Tischtennis liebte, seinen Wert, schleppte es hinter den Tischtennistisch und benutzte es als Ballsperre. Noch später sah es ein Student der Kunstgeschichte, es tat ihm leid, heimlich schnitt er es mit einer Schere ab, faltete es mehrfach und steckte es unter sein Bett im Wohnheim. Unerwartet erstattete die Schule panisch Anzeige, die Genossen der öffentlichen Sicherheit wurden zur Ermittlung gerufen, als würde nach einem anstößigen verbotenen Gegenstand gesucht. Schließlich musste der begeisterte Sammler es herausgeben, und der Lautsprecher auf dem Campus verkündete sofort, dass dies „ein weiterer Sieg im scharfen Klassenkampf“ sei.

Ungewöhnlich? Nicht ungewöhnlich. Das Klima hatte sich verändert, die drei Jahre der Schwierigkeiten waren vorbei, die ländlichen Märkte waren verboten worden, die Tage des nagenden Hungers waren vergessen. Die neue Politik stellte neue Anforderungen an die gestrige Kunst, der Maler musste bestraft werden. Der Autor der „Erinnerungen an die Wasserstadt“ sah sich einer Reihe von Fragen gegenüber, die niemals zu beantworten waren: Warum hast du keinen Traktor gemalt? Warum hast du kein reiches Weizenfeld gemalt? Warum hast du nicht... Bei all den Vorwürfen hat nie jemand ihn gefragt, warum er nicht die nächtliche Szene nebenan gemalt hat, obwohl solche Phänomene allgemein bekannte Tatsachen waren. Die Weiche der Kunstkritik zeigte nur ein grünes Licht: Linksabbiegen. Künstler, die der Kunst treu bleiben und geradeaus fahren, wurden als zu „rechts“ verurteilt.

Der ehemalige Parteisekretär der Zentralakademie, Jiang Feng, sagte einst bewegt: „Wenn dieses Bild noch nicht zerstört ist und ausgestellt wird, kann ich prophezeien, dass das Publikum es rehabilitieren wird, seinen Ruf wiederherstellen. Selbst aus diesem experimentellen Werk kann man das künstlerische Talent des Autors erkennen.“

Leider ist von diesem Bild nicht einmal ein Rest zu finden. Das einzige Andenken, das es hinterließ, ist ein auf armselige Größe geschrumpftes kleines Foto, begleitet von einem pompösen Kritikartikel, gedruckt in einer Ecke der Zeitschrift „Kunst“. Der Maler sollte sich geehrt fühlen – dies war das erste Mal, dass sein Werk als Zinkplatte reproduziert, gedruckt und in der Welt verbreitet wurde – darunter auch das Exemplar, das vor Lanying lag.


Am Bahnsteig

Der zweite Tag, den Lanying in Hangzhou verbrachte, war ihre schmerzlichste Stunde.

Die Tante stand wie ein Vormund an ihrer Seite, zeigte mit dem Finger auf die Zeitschrift, als hätte sie einen überzeugenden Beweis gefunden. Die Tante sagte, Menschen wie Yuan Yunsheng würden ihre Fehler nicht korrigieren, und andere würden ihm nicht vergeben. Eine Verbindung mit ihm würde das ganze Leben ruinieren, es gäbe nie eine Chance zum Aufstieg und es würde auch die Kinder belasten.

Die Zeitschrift konnte die Liebe des Mädchens nicht abschrecken, ließ sie aber die Schwere des Problems erkennen. Es schien, dass nicht nur die Tante und die Schule das Mädchen und den Maler daran hinderten, zusammenzukommen, sondern die gesamte Gesellschaft. Außer dem Mädchen schienen alle anderen Flüche auszusprechen und Schmutzwasser über den Maler zu gießen. Hatte das Mädchen noch den Mut, zu ihm zu gehen? Was die zukünftigen Kinder betrifft – diese unschuldigen kleinen Leben würden auch ihr ganzes Leben lang im Schlamm verbringen. Lanyings Herz wurde weich.

Dies war eine unwiderstehliche geistige Vernichtung. Lanying legte den Kopf auf den Tisch und weinte bitterlich... Die Tante sah, dass ihre wohlmeinenden Absichten gewirkt hatten, und reichte einen Stift und ein Blatt Papier: „Schreib ihm einen Brief, sag alles klar hreaus, dann wird es dir besser gehen. Wenn er dich wirklich liebt, wird er dir keine Schwierigkeiten mehr machen...“ Lanying nahm Papier und Stift. Sie schrieb sehr entschlossen, erklärte, dass sie mit dem Maler den Kontakt abbreche, ohne jede Erklärung. Sie übernahm die Verantwortung, erklärte, dass sie bereit sei, für ihren damaligen emotionalen Impuls mit lebenslanger Konsequenz zu zahlen und nie wieder zu heiraten. Im Brief wünschte sie dem Maler, dass er eine andere Person finden könne, die ihn genauso lieben würde wie sie selbst... Als sie das letzte Wort geschrieben hatte, war das Briefpapier voller Tränenflecken.

Die Tante nahm es und las es, seufzte: „Schau, die Tränen haben die Schrift verwischt, wenn er es liest, wird er bezweifeln, ob du es ernst meintest...“

„Es war ja von Anfang an erzwungen!“, sagte Lanying ungehalten.

Die Tante hatte endlich das Beweisstück, wie erleichtert, verschloss den Brief eigenhändig, klebte Briefmarken darauf und brachte ihn zur Post. Lanying kehrte von Hangzhou nach Suzhou zurück, die Tage vergingen wie Jahre, sie stellte sich wiederholt die Reaktion des Malers vor. Der Maler würde sicher außer sich vor Wut sein? Lanying wollte dem vom Unglück getroffenen Herzen des Malers wirklich keine neue Wunde zufügen, im Brief standen keine provozierenden Worte, aber der Maler würde auch die Gründe für die Veränderung der Lage verstehen. Der Brief stellte bereits eine Verachtung und Beleidigung für ihn dar, er würde den Brief in Stücke reißen, aus Trotz nicht mehr zurückschreiben? Oder würde er sich dem Schicksal fügen und von da an resignieren? Oder waren die Sorgen des Mädchens alle überflüssig, ein Mann ist eben ein Mann, kann loslassen, würde das Mädchen sofort aus seiner Erinnerung löschen, sie völlig vergessen...

Am wenigsten wollte Lanying, dass Letzteres eintrat.

Der Maler antwortete, in hartem Ton, stimmte der Trennung zu, ohne einen Hauch von Bitten, nur mit einer letzten Bedingung: Er verlangte, dass Lanying einmal nach Changchun komme und ihm die Gründe persönlich erkläre.

Wie ein Echo aus einer leeren Bergschlucht, nahm Lanying den Brief und rannte ins Büro der Schule. Das Mädchen legte den Brief auf den Tisch: „Bitte erlauben Sie mir, nach Changchun zu fahren.“ Der Gegenüber las den Brief des Malers und fragte: „Ist das das letzte Treffen?“ „Ja“, sagte das Mädchen. „Wir sind beide sehr entschlossen.“ Die Schule konnte keinen Grund finden, das Mädchen abzulehnen, und ließ sie großzügig gehen. Am Tag von Lanyings Abreise rief die Schule in Changchun an und bat die Einheit des Malers um Unterstützung, auf Lanyings und des Malers Handlungen zu achten und beide zum Abbruch zu bewegen.

Der Zug raste dahin, draußen zogen weite Felder vorbei. Das Mädchen war ungeduldig, die Landschaft des Nordostens, die sie früher in Träumen ersehnt hatte, hinterließ auf dieser Reise kaum einen Eindruck. Sie erinnerte sich nur an den Moment, als der Zug in Changchun eintraf – auf dem überfüllten Bahnsteig sah sie auf den ersten Blick den bleichen Maler.

Lanying stieg aus dem Waggon, der Maler kam ihr entgegen. In seiner Hand hielt er immer noch ein Skizzenbuch, tat so, als wäre er ruhig. Aber sein müder, düsterer Gesichtsausdruck, der großen Schmerz unterdrückte, entging nicht den scharfen Augen des Mädchens. Das war genau das, was das Mädchen sehen wollte, und Freude stieg in ihrem Herzen auf.

Der Maler blieb am Rand des Bahnsteigs stehen, ein paar Schritte vom Mädchen entfernt.

„Bitte antworte jetzt“, die Stimme des Malers war wie das tiefe Knurren eines wilden Tieres, „Warum hast du es dir anders überlegt? Warum fügst du dich dem Willen anderer?“

Das Mädchen reichte ihre Reisetasche nach vorn: „Denkst du, ich bin nach Changchun gekommen, um mit dir zu verhandeln?“

Der Maler war verblüfft, verstand nicht, was sie meinte.

„Dummkopf! Wenn ich Schluss machen wollte, wäre es nötig, dafür tausend Kilometer zu reisen?“ Das Mädchen lächelte bezaubernd. „Die Tage vor uns sind noch lang, auch dich muss man ein bisschen auf die Probe stellen!“

Helles Sonnenlicht kehrte auf das Gesicht des Malers zurück. Er vergaß sogar, die Tasche des Mädchens zu nehmen, so aufgeregt war er, dass er nicht wusste, was er tun sollte. Das Mädchen wich einen Schritt zurück, hatte wirklich Angst, dass dieser vernunftlose Kerl vor ihren Augen, ohne Rücksicht auf heimische Sitten, vor aller Augen auf sie zustürzen würde...

Die Verhandlungen in Changchun führten zu einer Einigung.

Diese endlosen Überredungen, Drohungen und Einschränkungen waren wirklich zum Überdruss – man musste entschlossen handeln, um sich zu befreien.

In dem Sommer, in dem Lanying ihren Abschluss machte, heiratete sie den Maler. Die Hochzeit fand in Changchun statt, ohne Verwandte als Gastgeber, ohne Glückwünsche von Kommilitonen. Das einzige Geschenk, das sie erhielten, war ein Oberteil, das Yuan Yunfu seiner Schwägerin schenkte; ihr gemeinsamer Besitz war ein bedrucktes Doppelbettlaken. In einem vorübergehend geliehenen kleinen Raum vollzogen sie die feierliche Lebenszeremonie. Lanyings Flitterwochen verbrachte sie damit, die Bettwäsche des ehemaligen Junggesellen zu waschen. Als der Tag von Lanyings Arbeitsantritt näher rückte, endeten die kurzen Flitterwochen.

Die Himmelskönigin auf Erden wollte schließlich auch nicht nachgeben und legte absichtlich eine Milchstraße zwischen die beiden.

Lanyings Arbeitsort wurde von der Landkarte ausgewählt. Bei der Arbeitsplatzzuteilung nach dem Abschluss gab ihr die Schule eine großzügige Bedingung – außer den drei nordöstlichen Provinzen konnte sie jede beliebige Stadt wählen. Das ehrliche Mädchen legte den Finger auf die Landkarte und suchte entlang der Bahnlinie nach dem Ort, der dem Nordosten am nächsten war. Ihr Finger glitt über Peking, über Tianjin und blieb auf einem kleinen Kreis südlich des Shanhaiguan stehen: Tangshan. In ihren Augen war dies die ideale Überquerung der menschlichen Milchstraße.

Kurz nach ihrer Ankunft in Tangshan geriet sie in jenen „beispiellosen“ Sturm – Demonstrationen, Rebellionen, zwei Fraktionen, die mit Schwertern und Speeren kämpften, die ganze Stadt versank in stammesähnlichen Streitigkeiten. Lanying war ohne Verwandte, trieb im Chaos. Der jährliche Besuch bei der Familie gab ihr ein wenig geistigen Trost. Später wurde sie schwanger. Überarbeitung und schlechte Lebensbedingungen führten zu einer chronischen Lendenwirbelbelastung – ihr Rücken fühlte sich an, als trüge sie eine schwere Eisenplatte, im Bett konnte sie sich nicht umdrehen. Niemand machte mehr Feuer im Zimmer, die dünnen Türen und Fenster konnten dem kalten Wind nicht standhalten. Die Rückenschmerzen machten sie ganz steif, sie konnte sich nicht mehr selbst versorgen. Erst jetzt spürte sie, wie sehr sie ihren Mann an ihrer Seite brauchte...

Der Maler bat und flehte überall und fand schließlich in einem Krankenhaus in Changchun eine Arbeitsstelle für seine Frau. Er eilte nach Tangshan, durchquerte mit großer Mühe zahlreiche Hindernisse und erhielt die Papiere für Arbeitsversetzung und Wohnortwechsel. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie bereits sechs Jahre lang getrennt gelebt.

Lanying saß im Zug, der Bahnsteig von Changchun rückte wieder vor ihre Augen, und sie konnte sich nicht zurückhalten – sechs Jahre! Freiwillig hatte sie viel verloren: privilegierte Umstände, politische Zukunft und ihre schöne Jugend. In ihren hübschen Augenwinkeln waren Sorgenfalten erschienen, ihr Gesicht war ausgemergelt, ihre zarten Wangen wurden wachsgelb. Sie hatte einen enormen Preis gezahlt, nur um das gewöhnliche, einfache Leben normaler Menschen zu erhalten, plus den Titel „Angehörige eines entlassenen Rechten“. Die ununterbrochene Milchstraße lag vor ihr, Himmel und Erde hatten dieselbe strenge Sittenlehre.


Loblied auf die bescheidene Kammer

Auf einem zerbrochenen Holztisch lag ein Stück Papier ausgebreitet, eine kleine Hand hielt einen Pinsel und trug Aquarellfarbe auf das Papier auf. Unter dem Pinsel erschienen runde, eckige und unregelmäßige Farbflächen, die verschiedene Stillleben darstellten: Das Runde war ein Waschbecken, das Eckige eine alte Holzkiste, das Unregelmäßige waren Windeln, die an der Wäscheleine hingen...

Dies war der Sohn des Malers beim Zeichnen nach der Natur. Er wurde in Changchun geboren, und egal, wie holprig der Lebensweg der Eltern war, er wuchs dennoch nach den Naturgesetzen auf, bis zu dem Alter, in dem die kleine Hand einen Pinsel halten konnte.

Das kleine Zimmer war nur 14 Quadratmeter groß. Zur Familie gehörte nun auch eine kleine Schwester, vier Menschen drängten sich im engen Raum, eine Reihe von Pritschenbetten nahm zwei Drittel der Fläche ein. Der zerbrochene Holztisch am Fenster war normalerweise der Arbeitstisch des Vaters, nachts das Bett des Sohnes. Der übrige Raum diente zum Kochen und Wäsche waschen, darüber hinaus war nirgendwo ein Fußbreit Platz.

Die Szene vor seinen Augen hatte der Sohn des Malers schon mehr als einmal gemalt, dies war sein erstes Thema aus dem Leben. Diese liebenswerte dritte Generation des neuen China zeichnete wiederholt mit den schönsten Farben ihrer kindlichen Seele, die angesammelten Skizzen waren bereits mehrere Dutzend. Immer wenn Nachbarn zu Besuch kamen, zeigte er stolz seine Werke vor den Gästen. Doch die Kommentare, die er hörte, enttäuschten ihn sehr: „Ach, Lanying, warum malt euer Sohn denn lauter Slums!“

Lanying lächelte bitter – was gab es zu sagen? Was der Sohn malte, war der gesamte Besitz der Familie.

Nach Lanyings Versetzung nach Changchun übernahm sie die schwere Hausarbeit, die Tage waren sehr hart. Früher hatte sie in der Kantine fertiges Essen gegessen und nie die Küche betreten; jetzt entdeckte sie mit Bestürzung, dass es schwieriger war, gedämpfte Maiskuchen nicht sauer werden zu lassen, als im Krankenhaus eine Operation durchzuführen. Über lange Zeit waren die gedämpften Maiskuchen, Maisbrote und Mantou der ganzen Familie schwer zu ertragen sauer, hart wie Stein. Die Kinder verschlangen sie trotzdem, als wäre dies ihr natürlicher Geschmack.

Die Familienfinanzen waren angespannt. Das Gesamteinkommen zweier Hochschulabsolventen konnte dem Familienzuwachs und der Preissteigerung nicht standhalten. Der Sohn hatte noch Glück, als Kind aß er ein paar Tage Kuchen. Bei der Tochter ging es nicht mehr, die Eltern konnten sich keinen Kuchen mehr leisten, kauften stattdessen Brötchen für zehn Fen das Stück, damit die Kinder mal etwas Besseres aßen. Noch später brachten die Eltern nur noch billig verkauftes Schwarzbrot nach Hause. Selbst darüber freuten sich die Kinder den ganzen Tag lang.

Sie sparten bei Essen und Kleidung, doch die Ausgaben überstiegen die Einnahmen. Jedes Monatsende leerten Lanying und der Maler ihre Taschen voreinander aus. „Yunsheng, das monatlich zugeteilte Fleisch haben wir noch nicht gekauft“, sagte Lanying. „Kaufen wir es einfach“, sagte der Maler. „Heute ist Sonntag, wir sollten uns mal was Gutes gönnen.“

Die Frau hatte schon lange keinen Cent mehr. Der Maler drehte seine Jackentaschen auf links und kratzte genug Geld für ein Pfund Fleisch zusammen. Der Sohn hatte bereits seinen kleinen Eisschlitten bereit, nahm das Geld entgegen und rannte fröhlich hüpfend los. Nach einer Weile ertönte der freudige Ruf des Sohnes vor der Tür: „Kommt schnell, das Fleisch ist da!“

Der Maler und seine Frau rannten hinaus – und erstarrten: „Wo ist das Fleisch?“

Der Sohn schaute zurück, der Eisschlitten war leer. Ach! Vorhin war er nur vor Freude zu schnell gelaufen, das Pfund Fleisch war heruntergefallen und verschwunden...

Der „Einkäufer“ hatte noch nie versagt, diesmal hing der Kopf beschämt herab. Der Maler und Lanying mussten den Sohn trösten, nahmen sein verlegenes kleines Gesicht in die Hände und lachten herzhaft. Auch der Sohn lachte. Geistiges Lachen ersetzte das Festessen am Feiertag.

In Changchun suchten die sogenannten „geistigen Adeligen“ alle nach Auswegen. Einige malten Türfronten für Restaurants und Hotels, malten ein paar Bilder und tauschten sie gegen Weinflaschen und ganze Kisten Fisch. Einige waren beschäftigt mit Heimarbeit, stellten moderne Möbel auf handwerkliche Weise her. Wieder andere arbeiteten als private Kunstlehrer – wenn der unterrichtete Schüler eine Familie mit Beziehungen hatte, konnte sich ihre Lage schnell verbessern. Doch Yuan Yunsheng verdiente keinen „Nebenverdienst“, suchte keine Verbindungen. Er war beschäftigt: Tagsüber ging er zur Arbeit, erfüllte gewissenhaft die ihm gegebenen Aufgaben, versuchte, dass andere keine Fehler finden konnten; abends zu Hause schwang er leidenschaftlich den Pinsel, vertiefte sich in die geliebte Kunst, um die Hausarbeit kümmerte er sich kaum.

In der schwierigsten Zeit der Familie versuchte Lanying vorsichtig, Yunsheng zu fragen: „Könntest du nicht auch wie die anderen einen Weg finden?“

„Welchen Weg finden?“, fragte der Maler erstaunt.

„Ich habe keine hohen Ansprüche“, sagte die Frau. „Ich meine, unter den gegebenen Bedingungen sollte das Leben der Familie irgendwie über die Runden kommen...“

Der Mann schüttelte den Kopf: „Es gibt Wege. Aber so etwas würde meine Kunst zerstören!“

Die Frau verstand das Gewicht der Worte „Kunst“ im Herzen ihres Mannes. Das Thema wurde beiseitegelegt, für immer.

Lanying wurde krank vor Erschöpfung, die Lendenwirbelschmerzen quälten sie, manchmal musste sie das Bett hüten. Wenn das passierte, brach der Himmel über ihrer Familie zusammen, es herrschte Chaos. Die ganze Familie aß mal zu viel, mal zu wenig; die Kleidung der Kinder war schmutzig, es gab keine zum Wechseln; das Bettlaken war mit den Ölfarben des Malers bespritzt wie eine abstrakte Leinwand... Lanying war medizinisches Personal, sie hatte Mindestansprüche an Umwelthygiene, konnte es wirklich nicht mehr ertragen, und sagte vom Bett aus zum Maler: „Kannst du heute das Bettlaken und die Kleidung waschen?“

„Gut.“ Der Mann legte gehorsam den Pinsel beiseite, krempelte die Ärmel hoch, als wolle er eine große Arbeit verrichten.

Er füllte eine Wanne randvoll mit Bettlaken und Kleidung. Als er wusch, verlangsamten die auf dem Waschbrett liegenden Hände ihren Rhythmus, der Blick blieb an der gegenüberliegenden Wand haften. Dort hing ein neues Werk, die Ölfarbe noch nicht getrocknet. Mal neigte er den Kopf zur Seite, zeigte einen zufriedenen Ausdruck; mal runzelte er die Stirn, als hätte er etwas Unbefriedigendes entdeckt.

Plötzlich stand er auf, wischte die mit Seifenschaum bedeckten Hände an der Brust ab, ergriff einen Pinsel, sprang auf eine Bank und begann, am Bild Änderungen vorzunehmen.

Lanying lag im Bett, ein bitteres Lächeln huschte über ihre Mundwinkel.

Der Maler sprang von der Bank, kehrte zum Waschbecken zurück. Nach einer Weile konnte er nicht widerstehen und hob den Kopf, um zur Wand zu schauen...

Ein Tag verging, über sieben Stunden brauchte er, um endlich eine Wanne Wäsche zu waschen, ohne Zeit zum Kochen zu haben, die ganze Familie hungrig. Lanying war verärgert und amüsiert zugleich und fragte scherzhaft: „Sag mal, wie oft bist du auf die Bank rauf und runter gesprungen?“

Der Maler schüttelte ratlos den Kopf.

Lanying sagte: „Du erinnerst dich nicht. Ich habe für dich mitgezählt – genau zwanzigmal! Ach, mit dir ist wirklich nichts anzufangen. Bei der Hausarbeit bist du der Faulste von allen, aber wenn du den Pinsel in die Hand nimmst, bist du der Fleißigste...“

Es wurde dunkel, draußen am Fenster fiel dichter Schnee, als würde man Baumwolle zerreißen und Watte auseinanderzupfen. Lanying lag mit offenen Augen da und starrte an die Decke, konnte lange nicht einschlafen; der Sohn war kaum auf dem Kissen, da fiel er in süße Träume. In der anderen Ecke des kleinen Zimmers hielt der Maler im fahlen Lampenlicht mit einer Hand seine Tochter und wiegte sie unablässig, mit der anderen Hand hielt er den Pinsel und malte. Aus seinem Mund summte er ein improvisiertes Wiegenlied, der Gesang hallte leise im kleinen Zimmer wider...

Der lange Winter, wie viele Nächte verbrachte die Familie auf diese Weise.

In Lanyings Ohren klang der Gesang ihres Mannes, sie versank schweigend in Gedanken. Damals hatte sie sich in ihn verliebt, bewunderte seine aufrichtige Art und seine Treue zur Kunst. Nun erlebte sie als Frau eines aufrichtigen Malers alle Süße und Bitterkeit. Mit der Armut zufrieden sein, die Einsamkeit ertragen, kein normales Familienleben haben, kein Licht am Ende des Tunnels sehen, nur pflügen, ohne nach der Ernte zu fragen... Außer seiner Frau, wer verstand ihn wirklich? Nicht nur erhielt er keine gesellschaftliche Anerkennung, er wurde auch ausgegrenzt, Knüppel schwangen ständig über seinem Kopf. Wann immer sie daran dachte, verflüchtigten sich die Sorgen des armen Ehepaars, und das Herz der Frau wurde zu einem Teich voller Frühlingswasser, erfüllt von weiblicher Zärtlichkeit.

Sie dachte, wenn zwei Menschen sich die Hausarbeit teilten, wäre das Ergebnis nur, dass nichts erreicht würde. Morgen, selbst wenn der Rücken noch mehr schmerzte, musste sie die Zähne zusammenbeißen und aufstehen, die Last der Hausarbeit auf sich nehmen...


Unter den Rädern

Yuan Yunsheng schlief nachts sehr spät, am nächsten Morgen rieb er sich die Augen, draußen am Fenster war es schon hell. „Verdammt!“, sagte er hektisch, während er sich anzog, „Schon wieder zu spät...“ Lanying war längst aufgestanden, ertrug tapfer ihre Rückenschmerzen und machte Frühstück für die Familie. Der Maler fragte erstaunt: „Wer hat dich aufstehen lassen? Du bist doch noch krank!“ Lanying sagte: „Ist schon gut, ich bin ja krankgeschrieben, wenn du weg bist, kann ich mich wieder hinlegen.“ Der Maler aß hastig sein Frühstück, schnappte sein Fahrrad und stürmte zur Tür hinaus. In Changchun war es die Jahreszeit, in der Wasser zu Eis wird und Atem zu Frost. Nach einem großen Schneefall wehte der Nordwind, die Straße war mit dickem Eis bedeckt. Die Bäume am Straßenrand waren mit Silberblüten übersät, die Gebäude glänzten wie Paläste aus Jade in blendendem Silberlicht. Der Maler war sehr besorgt. Der Morgen war für andere der Beginn des Arbeitstages, für ihn die Fortsetzung nächtlicher Mühen. Immer wenn Nacht und Tag wechselten, war dies der Moment, in dem er um sein Leben rennen musste. Wie viele Prüfungen musste das Leben doch haben! Gesellschaftliche, natürliche, unerwartete... Er überquerte eine Straße, vor ihm lag die belebte Kreuzung, Autos wie eine Flut. Er fuhr vorsichtig vorwärts, als er plötzlich ein dröhnendes Motorengeräusch hörte. Ein rücksichtsloser Lastwagen durchquerte die Kreuzung, wollte nicht langsamer werden, als gäbe es niemanden. Hohe Geschwindigkeit, glatte Straße, und völlig unvorbereitet konnte der Maler nicht mehr ausweichen. Mit einem lauten Knall, einem heftigen Aufprall, flog der Maler mitsamt Fahrrad weit weg und stürzte zu Boden. In diesem Moment kam von der anderen Seite ein weiterer Lastwagen, der Maler wurde wie ein Ball unter die Räder dieses Lastwagens gespielt...

Die Passanten auf der Straße sahen diese schreckliche Szene, schrien auf und erstarrten alle.

Der Lastwagenfahrer verlor die Fassung, vergaß in der Panik die Bremse, sein rechter Fuß trat aufs Gaspedal, und er fuhr weiter. Die riesigen Räder des Lastwagens rollten über das Fahrrad, das Stahlgestell stöhnte kurz auf, der Fahrradsattel wurde zu einem Knäuel zerdrückt, der Lastwagen rollte auf den Körper des Malers zu.

Dies war ein Moment des Schmerzes, ein Moment vor dem Tod. Das war’s, sobald das Auto über seine Brust rollte, wäre es vorbei. Er hatte auf dem Lebensweg immer wieder schwere Schläge erlitten, hatte sich nie dem Schicksal gebeugt, aber diesmal schien es schwer zu sein, zu entkommen. Die geliebte Kunst zurücklassen, Frau und Kinder zu Hause zurücklassen, sinnlos sterben...

Nach Goethes Ansicht kann der Mensch für sich selbst und andere nur drei Arten von Schmerz empfinden: Furcht, Entsetzen und Mitleid – die Angst, wenn man großes Unheil voraussieht, die unerwartete Entdeckung gegenwärtigen Leidens und das Mitleid für vergangenes oder gegenwärtiges Leiden. Doch im Kopf des Malers, der unter den Rädern lag, blitzten nur verschwommene Gedanken auf – keines dieser drei Gefühle. Selbst in diesem Moment zeigte sich sein hartnäckiger Charakter, nur ein einziger starker Gedanke: Widerstand!

Was als Nächstes geschah, erschien den erstarrten Passanten am Straßenrand völlig unglaublich. Sie sahen, wie der Körper unter dem Lastwagen sich plötzlich aufrichtete, zwei Arme ausstreckte und die Stoßstange des Lastwagens fest umklammerte. Der Lastwagen heulte, zitterte, als wolle er das Hindernis zermalmen; der Mensch unter den Rädern kämpfte, rutschte, wollte sich auf keinen Fall ergeben. Die Menschen auf der Straße in Changchun sahen, wie Fleisch und Blut hartnäckig gegen das stählerne Monster kämpften.

„Auf keinen Fall umfallen!“, dachte der Maler. „Wenn ich falle, stehe ich nie wieder auf...“ Der Lastwagen schleifte den Maler über die vereiste Straße, 5 Meter, 10 Meter... bis der Fahrer wieder zu Sinnen kam, mit dem Fuß auf die Bremse trat und die Trägheit des Autos überwand. Der Maler war über und über verletzt, seine gesamte Kleidung in zerfetzte Lumpen zerrissen. Er wurde ins Krankenhaus gebracht.

Lanying, die krank zu Hause war, hörte die Nachricht, in ihrem Kopf dröhnte es, ihr wurde schwindelig, ihre Beine gaben nach, es dauerte lange, bis sie wieder zu sich kam.

Lanying schwang sich aufs Fahrrad, wusste nicht, woher sie die Kraft nahm, raste rücksichtslos zum Krankenhaus. Beim Abstellen des Fahrrads verlor sie wieder alle Kraft, wagte es kaum, zum Haupteingang des Krankenhauses zu schauen, ihre Hände zitterten unkontrolliert, der Schlüssel fürs Fahrradschloss ließ sich nicht herausziehen.

Die ältere Dame an der Fahrradablage erkannte Lanying: „Sie sind die Frau von Xiao Yuan! Haben Sie keine Angst, als er vorhin ins Krankenhaus kam, konnte er noch selbst laufen.“ Erst da fühlte Lanying sich etwas beruhigt.

Lanying holte ihren Mann nach Hause, um sich zu erholen. Nach diesem seelischen Schock wurde der Gesundheitszustand der Frau noch schlechter. Beide Eheleute lagen im Bett. Niemand konnte sich mehr um die Kinder kümmern.

Lanying holte ein paar Münzen hervor und ließ die Kinder rausgehen, um etwas zu essen zu kaufen. Nach einer Weile kamen Sohn und Tochter zurück, jeder mit einer Packung Kekse, standen mit tränenüberströmten Gesichtern vor dem Bett.

Der Sohn sagte: „Papa, iss du.“ Die Tochter sagte: „Papa, iss meine.“ Lanying nahm die Kinder in die Arme, wischte die Tränen von ihren kleinen Gesichtern. Die Kinder waren schon vernünftig, hatten zu früh die Trostlosigkeit und Angst des Lebens kennengelernt. Lanying ärgerte sich nur, dass sie nicht mehr Geld hatte, um Mann und Kindern zumindest eine kleine Entschädigung für Seele und Körper zu geben...

Während der Genesung des Malers kamen der schuldige Autofahrer und ein Verantwortlicher seiner Einheit nach Hause, um sich zu entschuldigen und Anteilnahme zu zeigen. Sie ließen hundert Yuan als Entschädigung für den wirtschaftlichen Schaden da – für die Kleidung des Malers, das Fahrrad und die Arztkosten.

Nach dem Weggang der Gäste saß der Maler am Bett, in Gedanken versunken. Lanying schaute auf den Stapel Geldscheine und seufzte traurig. Das hatte ihr Mann mit knapper Not dem Tod abgerungen, selbst der Anblick war schmerzlich.

Plötzlich stand der Maler vom Bett auf und lief im kleinen Zimmer auf und ab.

„Yunsheng, bist du verrückt geworden!“, sagte die Frau vorwurfsvoll. „Deine Beinverletzung ist noch nicht geheilt, leg dich wieder ins Bett!“

Der Maler trat vor seine Frau, seine Augen strahlten vor Aufregung: „Schau, ich kann doch laufen! Weißt du, ich war so lange nicht mehr draußen zum Malen, weil ich keine Möglichkeit hatte. Wie sehr sehne ich mich nach dem Hochland von Shaanbei, dem reißenden Gelben Fluss und den Menschen dort! Ich will mit diesem Geld nach Yan’an fahren und malen!“

Das war der Ruf aus dem Herzen des Künstlers, der gerade unter den Rädern hervorgekommen war! Das war der höchste Luxus eines armen, kranken Menschen! Seine Forderung war so bescheiden, für manche Menschen völlig unbedeutend, für ihn aber so weit entfernt, nur mit dem Einsatz seines Lebens zu erreichen.

Lanying fühlte, als würde ihre Brust heftig getroffen, das Herz brannte vor Schmerz, sie wollte antworten, brachte aber kein Wort heraus. Sie sah in das aufrichtige Gesicht ihres Mannes und verstand alles. Wenn das seinem ruhelosen Herzen Freude und Erfüllung bringen konnte, dann sollte er gehen.

Wenige Tage später machte sich Yuan Yunsheng mit seinem noch nicht geheilten Körper, schwerem Gepäck und Mal-Utensilien, unter dem liebevollen Blick seiner Frau verabschiedet, auf den schneeverwehten Weg...

Yuan Yunshengs Reise nach Shaanbei war voller Mühen. Nach einigen Monaten kehrte er zurück, sein Gesicht von der Sonne und den Sandstürmen des Hochlands gezeichnet, sein Gepäck voll mit Skizzen.

Auf dem Rückweg machte Yuan Yunsheng Station in Peking, um Jiang Feng zu besuchen. Damals war die Atmosphäre in Peking erstickend. Jiang Feng war bereits über sechzig, seine Lage noch schwieriger als zuvor, er lebte einsam in einem chaotischen Hof, jede seiner Bewegungen wurde vom Nachbarschaftskomitee überwacht.

Yuan Yunsheng saß vor dem ehemaligen Parteisekretär und berichtete von seinen heutigen Erlebnissen im alten Gebiet von Shaanbei. Diese Nachrichten waren nicht erfreulich – über zwanzig Jahre nach der Gründung der Volksrepublik China, entlang der Route, auf der einst die Rote Armee kämpfte, lebten die Menschen überall noch in Armut. Der junge Maler sprach leidenschaftlich, kritisierte die Missstände der Zeit, dachte plötzlich daran, dass Wände Ohren haben, machte sich Sorgen um die Lage des alten Mannes und brach das Thema ab, warf Jiang Feng einen versteckten Blick zu.

Jiang Feng blieb gelassen, hörte ruhig zu, hatte keine Absicht, ihn am Weitersprechen zu hindern. An der Wand hinter ihm hing ein Bilderrahmen mit einem Skizzenportrait – genau das, die Yuan Yunsheng vor mehr als zehn Jahren auf der Doppelbrücken-Farm für Jiang Feng gezeichnet hatte. Der alte Mann bewahrte wie eh und je seine Würde, war wahrhaft ein harter Mann. Yuan Yunsheng erlebte erneut diese beruhigende geistige Kraft.

Yuan Yunsheng öffnete seine Mappe und breitete eine Reihe von Figurenskizzen aus Shaanbei vor Jiang Feng aus – darunter faltengesichtige Hirten, junge Burschen mit kaltem, trotzigem Blick, nachdenkliche Bauernmädchen mit gesenktem Kopf... Diese Figuren waren wahrhaftig und schlicht, von klarem Charakter, in ihren Gesichtern fand man nicht das grundlose Lachen, das rätselhafte Lachen, das gekünstelte Lachen, das in gewöhnlichen Gemälden oft vorkommt. Er hatte das besondere Temperament der Menschen von Shaanbei gemalt.

„Wenn du diese Bilder jetzt herausbringst, wird sie niemand veröffentlichen“, sagte Jiang Feng. „Vielleicht erhältst du Lob, wenn du die Aufrichtigkeit aufgibst. Aber ich finde, dein Weg ist richtig. Wer Kunst macht, darf sich nicht anbiedern!“

Yuan Yunsheng holte noch eine lange Landschaftsrolle hervor, 68 Zentimeter breit und über 400 Zentimeter lang. Dieses Bild zeigte die majestätische Pagode von Jiaxian, das Wasser des Gelben Flusses, das das Eis durchbrach, und die weite Hochlandlandschaft. Er hatte im schneidenden Wind gestanden, zwei ganze Tage gebraucht, mit erstarrten Händen sorgfältig gemalt, die Pinselstriche dicht und präzise, die Stimmung grandios.

In einer Ecke des Bildes stand eine kleine Notiz: „Gezeichnet Ende Dezember 1974, nachdem das Wasser des Gelben Flusses das Eis durchbrochen hatte und unaufhörlich strömte, zwei Tage lang gemalt, begeistert zurückgekehrt.“

Jiang Feng betrachtete es und konnte es nicht aus der Hand legen. Die vertraute Landschaft von Shaanbei weckte die leidenschaftlichen Gefühle des Yan’an-Veteranen. Er sagte: „Ah, der Gelbe Fluss! Tausend Meilen weit stürzend, tosend und schäumend, riesige Wellen aufwirbelnd. Ich glaube, ich höre wieder seine Stimme...“

Das Frühlingswasser durchbricht das feste Eis, das Erdinnere spuckt Feuer – dieser Tag kam endlich!


Schultermalerei

Die „Viererbande“ war aus dem politischen Leben verschwunden, in der Kunstwelt regte sich neues Leben.

Einige aufrichtige Menschen in der Kunstwelt empfanden tiefes Mitgefühl für Yuan Yunsheng, der jahrelang verschüttet worden war, und hofften, dass er wieder in Erscheinung treten und sein Talent zeigen könnte. Zhang Ding, Rektor der Zentralen Kunstakademie, schrieb eigens einen Empfehlungsbrief, damit er malen könne. Fei Zheng, inzwischen stellvertretender Vorsitzender des Künstlerverbands von Hebei, setzte sich ebenfalls für ihn ein. Doch all diese Bemühungen stießen auf Widerstand und wurden mit verschiedenen Ausreden abgewiesen. Ganz offensichtlich war Yuan Yunshengs Name immer noch ein Unglückszeichen, begegnete Kälte und Diskriminierung. Dieser künstlerisch geschliffene Künstler bekam nicht einmal die Gelegenheit, ein Bilderbuch zu illustrieren.

Die Zeit zwischen Wärme und Kälte ist am schwersten zu ertragen.

In der bescheidenen Kammer in Changchun hielt Yuan Yunsheng den Pinsel in der Hand und malte vor dem Spiegel sein eigenes Porträt. Auf der Skizze erschien ein Kopf voller Sorgen, mit messerscharfen Falten, wildwuchsartiger Bart, langes widerspenstiges Haar wie tausend Fäden der Sorge. Sein Haar war sehr lang, normalerweise hatte er keine Zeit zum Friseur zu gehen, also ging er einfach selten. Dieses Aussehen entsprach aus künstlerischer Perspektive seinem schwierigen Seelenzustand und seinem hartnäckigen Temperament... Er war fast vierzig Jahre alt, seit „Erinnerungen an die Wasserstadt“ zu Unrecht kritisiert worden war, hatte er über zehn Jahre lang kein einziges Werk nach eigenem Willen geschaffen – für diesen Maler mit so starkem Schöpfungsdrang musste das unendlich schmerzhaft sein, wie sollte er nicht von Sorgen geplagt sein!

Gereizt legte er den Pinsel beiseite und nahm einen Roman zur Hand, um die Zeit zu vertreiben.

Jedes Mal, wenn Lanying nach Hause kam, fragte sie besorgt: „Yunsheng, gibt es Neuigkeiten?“

Der Mann schüttelte den Kopf, auch die Frau seufzte.

Lanying war nun eine Frau mittleren Alters. Sie hatte ein drittes Kind geboren, trug die Last einer fünfköpfigen Familie. Auf der Tagesordnung der Familie war Lanyings größte Sorge immer noch die Kunst ihres Mannes. Kunst brachte ihrem Mann Freude, und die Freude ihres Mannes war ihre Freude. Sie wartete mit der gleichen Ungeduld.

Im Mai 1978 trugen die leidenschaftlichen Bemühungen einiger Freunde endlich Früchte, Yuan Yunsheng erhielt die Gelegenheit, zum Zeichnen zu reisen, das Ziel war das malerische Autonome Gebiet Xishuangbanna der Dai in Yunnan. Als er das Telegramm vom Yunnan-Volksverlag erhielt, war er überglücklich und erzählte sofort seiner Frau von dieser wunderbaren Nachricht, die ganze Familie war glücklich wie an einem Fest.

Der Sohn fragte neugierig: „Papa, wie sieht Xishuangbanna aus?“ „Wunderschön!“, sagte er lächelnd. „Warte, bis ich es für dich gemalt habe.“ Die Tochter zog an seinem Ärmel: „Papa, was gibt es Gutes in Xishuangbanna?“ „Viele Früchte“, sagte er und streichelte den Kopf seiner Tochter. „Warte, bis ich sie dir mitbringe.“

Er war beschäftigt, sein Gepäck zu packen, die Mal-Utensilien zu ordnen, alles durcheinander, konnte es kaum erwarten, sofort loszufahren.

Lanying sah das überall verstreute Zeug und fragte erstaunt: „Warum musst du so viele Sachen mitnehmen?“

Der Mann sagte: „Die Gelegenheit ist selten, ich setze alles auf eine Karte!“

Ja, dieser jahrelang vernachlässigte Maler – wenn man an sein Verhalten vor einem Jahr dachte, als er unter den Rädern hervorkam und nach Shaanbei eilte, konnte man seine jetzige Stimmung verstehen. Er sehnte sich danach, tief ins Leben einzutauchen, sah das als wichtiger als sein Leben an. Nun hatte ein Verlag ihm eine offizielle Einladung geschickt, das Herz des künstlerischen Kindes brannte wie Feuer auf trockenem Holz.

Abends suchte Lanying alte Stoffreste, nähte unter der Lampe einen Rucksack für ihren Mann, Stich für Stich, Faden für Faden, bis zum Morgengrauen.

„Wie lange wirst du weg sein?“, fragte Lanying. „Drei Monate vielleicht“, sagte der Maler. „Kannst du allein mit drei Kindern zurechtkommen?“ Die Frau lächelte: „Dass du an meine Schwierigkeiten denkst, macht mich schon zufrieden...“

Im Mai dieses Jahres kam Yuan Yunsheng am Ufer des Lancang-Flusses an, in Jinghong, der Hauptstadt von Xishuangbanna. Er war von der atemberaubenden Schönheit Xishuangbannas tief bewegt. Wo immer man hinsah, überall sattes Grün, jede Landschaft wie gemalt. Der Wald war grün wie Jade, die Täler wie mit grünem Samt ausgelegt, das Flusswasser wie fließende Jade, selbst die feuchte Luft hatte eine kristallene Qualität. Kein Wunder, dass das Volk der Dai Xishuangbanna mit strahlenden Edelsteinen verglich – jeder Berg und jedes Gewässer funkelte wie Perlen und Juwelen.

Wer konnte die Schönheit des Lebens mehr empfinden als ein Maler? Seine Augen reichten nicht aus, als wäre er in das ersehnte Paradies gekommen. Der Schöpfer der Natur schien dieses Land besonders zu lieben, hatte die romantischsten Farben der Welt überall verstreut, ließ ihn einen Augenschmaus erleben, erfüllt von wilder Freude!

Er zog in das Gästehaus von Jinghong ein, ruhte sich kurz aus, bereitete sich vor, tief ins Innere von Xishuangbanna vorzudringen.

Das Personal des Gästehauses empfing den von weit her gereisten Maler sehr höflich und führte ihn in ein mittleres Gästezimmer.

Der Maler fragte sofort: „Wie viel kostet dieses Zimmer pro Tag?“

Der Angestellte sagte: „Zwei Yuan fünfzig.“

„Gibt es etwas Billigeres?“

„Ja, siebzig Fen pro Tag.“

„Gut! Ich nehme das für siebzig Fen am Tag.“

Er war es gewohnt, jeden Penny zu zählen. Als er Changchun verließ, hatte er von seiner Einheit einen begrenzten Vorschuss erhalten, auf der Reise mehr als die Hälfte ausgegeben, die nächste finanzielle Quelle war noch ungewiss... Jeder Maler hatte seine eigene Art, ins Leben einzutauchen, er begnügte sich mit dem bescheidensten Standard.

Glücklicherweise unterstützte Fei Zheng ihn erneut, schickte 300 Yuan aus Hebei. Das waren drei Viertel von Fei Zhengs Demobilisierungsgeld. Diese großzügige Hilfe in der Not gab Yuan Yunsheng neuen Mut zum Weitermachen.

Der Yunnan-Volksverlag beauftragte einen jungen Redakteur, Yuan Yunsheng beim Zeichnen zu begleiten. Als dieser junge Dai-Mann im Gästehaus zum Treffen kam, packte der Maler sein gesamtes Gepäck aus, das er aus Changchun mitgebracht hatte.

Meine Güte! In der großen Holzkiste waren 18 Sperrholzplatten, mehrere große Bündel Papier, und dann noch ein Rucksack so groß wie ein Sack, vollgestopft mit Farben, Malutensilien und Alltagsgegenständen... zusammen über 140 Pfund schwer.

Der junge Mann kratzte sich am Hinterkopf, konnte sich nicht vorstellen, wie der Maler das aus dem Zug bekommen und in die Wälder von Xishuangbanna transportieren wollte.

Yuan Yunsheng holte eine Schulterstange hervor und lächelte den jungen Mann an. Nach seinem Ausdruck zu urteilen, wollte er die gesamte Naturlandschaft Xishuangbannas in seinem Rucksack unterbringen.

Wenige Tage später trug er diese gebogene Schulterstange und drang in den üppigen subtropischen Dschungel ein...


Sonate

Schau, das ist ein Kapokbaum! Seine Krone wie Wolken, wie eine majestätische, gütige Großmutter. Ah, das ist eine Kokospalme, gerade und hoch, die jungen Männer und Frauen der Gegend nutzen sie als Symbol für unerschütterliche Liebe. Das ist ein Sandelholzbaum, die Zweige und Blätter so fein wie Haare, wie elegant er aussieht, wie ein Dichter mit offenem Haar, der Verse rezitiert. Selbst der Bambuswald hier ist nicht gewöhnlich, so üppig, so grün, wachsend in Büscheln, wie ein aufgeschlagener Pfauenschwanz.

Die Pflanzen von Xishuangbanna sind die schönsten! Reichlich Sonnenlicht und feuchtes Klima verleihen den Pflanzengemeinschaften ein besonders reiches, dichtes, üppiges Erscheinungsbild, diese Welt ist unvergleichlich, überall ein Augenschmaus.

Der Maler musste seine Aufregung unterdrücken, seine Gefühle bündeln, mit langsamerer Methode seine Eindrücke genauer festhalten. Er stand vor einem Baum und malte den ganzen Tag.

„He, was ist das für ein Baum?“, fragte der Maler den begleitenden Redakteur.

„Das ist ein Pattra-Baum“, erklärte der junge Mann begeistert. „Die Dai benutzen seine Blätter als Papier, viele alte Volkssagen sind auf Pattra-Blättern aufgezeichnet.“

Yuan Yunsheng breitete Papier aus, zeichnete die charakteristische Krone des Pattra-Baums, ordentlich geschichtet, wie eine Rüstung aus Kettengliedern. Jeder Strich war präzise, das Lebenslicht des Grüns schichtweise auf Papier gebannt.

Die tropische Sonne schoss Flammen über dem Kopf des Malers, unerträglich heiß, auf seiner Stirn bildeten sich Schweißperlen. Aus dem Gras flogen Schwärme kleiner Insekten, nicht zu vertreiben, seine beiden Beine wurden rot und geschwollen gebissen, er schüttelte hilflos den Kopf und ignorierte sie einfach...

Mittags brachte der junge Mann zwei klebrige Reiskuchen und drückte sie dem Maler in die Hand: „Erst jetzt, wo ich mit dir unterwegs bin, verstehe ich wirklich, Malen ist harte Arbeit.“

Der Maler lächelte: „Schönheit und Mühe gehören immer zusammen...“

Die beiden übernachteten immer in den Pfahlbauten der Dai-Familie. Der Maler lernte aus der Perspektive des Alltags die Sitten und Gebräuche dieser warmherzigen und freundlichen Nation kennen.

Jeden Abend nach dem Essen ging der Maler aus dem Pfahlbau zu einer Waldlichtung. Dies war der bezauberndste Moment in Xishuangbanna. Das Abendrot färbte das Dorf, die Baumkronen, das Wasser des Lancang-Flusses rot. Eine Gruppe junger Dai-Mädchen kam anmutig daher, auf den Schultern kleine Spinnräder, in den Händen kleine Laternen, ihre eng anliegenden langen Röcke schwangen im Wind. Ihre Figuren waren so schlank, ihre Schritte so leicht, von tausendfachem Charme, wie eine Gruppe schöner Feen, die vom Himmel herabstiegen.

„So schön!“, schwärmte der Maler seinem Begleiter vor. „Schau, die Gürtel dieser Mädchen, golden glänzend, silbern klirrend, wie exquisite Kunstwerke. Aber ich werde niemals ihre Gürtel malen, Gürtel würden die Körperform unterbrechen, die Integrität der Form zerstören. Ich mag ihre natürliche Kleidung lieber, schau, die Kleidung jener Mädchen ist sehr natürlich. Ihre Oberteile sind sehr kurz, die Röcke sehr lang, zwischen Oberteil und Rock zeigt sich ein Stück nackter Taille – das ist höchste Ästhetik, lässt sie schlank und anmutig erscheinen... Schau ihre Frisur, zu einem Knoten gebunden, nach hinten gesteckt, natürlich zur Seite fallend, wie sehr im Tang-Stil! Diese Nation ist wunderbar, sie versteht am besten die Schönheit der Details...“

Die Mädchen verteilten sich in alle Ecken der Waldlichtung. Aus dem Nichts tauchten junge Männer in kleinen Gruppen auf, umringten die Mädchen, lachten und plauderten. Durch die Dämmerung des Abends leuchteten orangefarbene Laternen, das sanfte Surren der Spinnräder erklang. Dai-Mädchen lernen von klein auf, sich nicht auf die Eltern zu verlassen, sondern mit ihren fleißigen Händen ihre eigene Mitgift vorzubereiten, sie spinnen das Glück der Liebe.

Die poetische Romantik der südlichen Grenze klopfte an das Fenster der Inspiration des Künstlers. In solchen Momenten grübelte Yuan Yunsheng intensiv über eine Frage nach: Was ist die Essenz der Schönheit Xishuangbannas? Liegt die Schönheit in deinem bunten Äußeren und deinen Juwelen und Schmuckstücken? Dein Gesicht zu malen, kann deinen besonderen Charme nicht einfangen; vor deinem Granatapfelrock niederzuknien, macht einen nur zum Sklaven des Naturalismus.

Angesichts desselben Objekts ist der Eindruck auf der Netzhaut des Malers gleich; doch die inneren Empfindungen des Malers sind durchaus verschieden. Hundert Maler können hundert verschiedene Antworten haben, hundert verschiedene Ausdrucksformen. Kunst schätzt das „Ich“. Er suchte nach „seinem“ Xishuangbanna.

Vom Spätsommer bis zum Mittherbst hinterließ er Spuren an einer Perlenkette von Ortsnamen, dann kam er in ein abgelegenes kleines Dorf in Menglian.

Hier kamen offensichtlich selten Gäste von außen, der Besuch des Malers löste im kleinen Dorf eine Sensation aus. Abends bei der Versammlung richteten alle Dorfbewohner heiße, neugierige Blicke auf ihn, Lachen und Geplauder, als wäre seine Ankunft eine Ehre für das Dorf.

Der begleitende Redakteur erzählte ihm, dieses Dorf heiße „Geisterdorf“. Vor der Gründung der Republik konnten die Dai gegen Krankheiten nicht ankämpfen, wenn jemand krank wurde, sagten sie, ein „Geist“ habe von ihm Besitz ergriffen. Man wies auf jemanden im selben Dorf als Verkörperung des „Geistes“ hin, einige „hochangesehene“ Älteste berieten sich, und die Person wurde sofort vertrieben. Im Laufe der Zeit bildeten die Vertriebenen ein Dorf, eine Ansammlung Diskriminierter.

Das Schicksal der Menschen im „Geisterdorf“ weckte tiefes Mitgefühl im Maler. Der Maler warf ihnen einen freundlichen Blick zu und entdeckte, dass die Menschen hier außergewöhnlich schön waren. Wenn die Dai eine schöne Nation waren, dann war dies die Essenz der Schönheit. Mädchen wie Blumen, Frauen mit bleibendem Charme, kräftige junge Männer, alle ließen sich gern vom Maler porträtieren. Später kamen sie einfach zu ihm, standen selbstbewusst vor ihm, hofften auf die Aufmerksamkeit des Malers, hielten ihn ständig beschäftigt. Sie liebten von Natur aus Schönheit, waren stolz auf Schönheit.

Das Leben im kleinen Dorf war friedlich und beschaulich. Der Maler wohnte mehrere Tage dort, hörte nie von Streit in einer Familie. Zwischen Männern und Frauen herrschte absolute wirtschaftliche Unabhängigkeit, Arbeitseinkommen, Alltagsgegenstände und Werkzeuge waren klar getrennt. Bei Rissen in der Familie schlug normalerweise die Frau vor zu gehen, vor dem Abschied saß die ganze Familie still zum Essen zusammen, dann trug der Mann das Gepäck und begleitete die Frau respektvoll beim Abschied. Zwischen Alt und Jung herrschte Harmonie, die Jüngeren respektierten die Älteren, dienten hingebungsvoll; die Älteren liebten die Jüngeren, aber zwangen sie nie... Welch einfache Beziehungen! Nicht vom weltlichen Staub verschmutzt, klar wie ein Gebirgsbach.

Eines Tages, nach der Rückkehr von der Arbeit, tanzten junge Männer und Frauen auf dem smaragdgrünen Gras den Yilahu-Tanz. Fröhliche Trommelschläge, klare kleine Gongs bildeten einen klaren Rhythmus. Die Mädchen bildeten eine Reihe, tanzten mit anmutigen Schritten, streckten ihre weichen Arme aus. Ihr Ausdruck zurückhaltend, selbstbewusst, in der Verschwommenheit eine Art feierlicher Sehnsucht. Wonach sehnten sie sich?

Dies war ein beim Wasserfest üblicher Tanz. Der begleitende Dai-Redakteur erzählte dem Maler die Legende, die in den alten Pattra-Schriften aufgezeichnet war – einst gab es einen hässlichen Dämonenkönig, der die schönsten Mädchen aus allen Dörfern für sich haben wollte. Er raubte nacheinander sechs Mädchen, wollte noch eine siebte zwingen, was den Hass des Dai-Volkes erregte. Die Mädchen ersannen einen Plan, machten ihn betrunken und fragten: „Was fürchtest du?“ Der Dämonenkönig sagte, er fürchte nichts, nur mit seinen eigenen Haaren könne man ihn erdrosseln, aber wenn sein Kopf den Boden berühre, könne er wieder auferstehen... Die Mädchen erdrosselten ihn im Schlaf, und damit sein Kopf den Boden nicht berühre, trugen die Mädchen ihn abwechselnd in ihren Armen. Das jährliche Wasserfest feiert den Sieg des Volkes über die Grausamkeit und wäscht den schmutzigen Dreck weg, den der Dämonenkönig hinterlassen hat, damit Freiheit und Glück für immer im Herzen des Dai-Volkes wohnen...

Abends kehrte der Maler ins Pfahlhaus zurück, das Mondlicht hell, Baumschatten tanzend, wie fließendes Quecksilber, das vor der Tür ausgegossen wurde. In dieser stillen Nacht konnte er lange nicht einschlafen.

Weit verbreitete mythologische Legenden sind oft ein Fenster zur Seele einer Nation. Die Geschichte vom Ursprung des Wasserfests vertiefte das Verständnis des Malers für diese schönheitsliebende Nation. Seit er den Boden Xishuangbannas betreten hatte, waren die Berge, Wälder, Menschen und Landschaften, die er gesehen hatte, wie unzählige bunte Lichtpunkte, die sich drehten, funkelten, in seinem Kopf sammelten, allmählich zu einem hellen Feuerwerk schmolzen, das vom Firmament des Denkens aufstieg. Ah! Die Essenz der Schönheit Xishuangbannas war genau die geistige Kraft des Dai-Volkes, das eine schöne Zukunft und große Liebe verehrt! Wie rein ihre Herzen waren, bewahrten für immer die wahre Natur ihrer Nation.

So bildeten die vielfältigen, lebendigen Pflanzengemeinschaften und die natürlich schlichten, einzigartig schönen Dai-Frauen das Gesamtbild des Malers von Xishuangbanna: „sein“ Xishuangbanna.

Das war eine Welt der Linien, sanfter und elastischer Linien, wilder, fließender Linien, aufrechter, eleganter Linien, auch zarter, langsamer Linien wie Seidenfäden – Einfachheit und Reichtum in höchster Harmonie vereint!

Er schwang die Linien, zeichnete Hunderte von Skizzen aus dem Leben. Wenn man schwere Farben mit einer Symphonie vergleicht, dann sind Skizzen ein Solo der Linien. Yuan Yunshengs über Jahre geschliffener künstlerischer Stil zeigte im Liniensolo einen besonderen Zauber. Das war eine Gruppe leidenschaftlicher Sonaten, die er mit aufrichtigen Gefühlen dem Dai-Volk widmete.

In Kunming wurde eine Ausstellung für Yuan Yunsheng veranstaltet. Seine Skizzen wurden dem Yunnan-Volksverlag zur Auswahl übergeben. Der Herausgeber Liu Shaoyun schrieb ein Vorwort, das mit einigen Versen aus dem Dai-Epos „Huluxin“ begann:


Prinzessin!

Du bist ein strahlender Edelstein,

Wäre ich doch ein Silberschmied,

Um den Edelstein auf meinem Herzen zu tragen...


Er lobte Yuan Yunsheng dafür, dass er Xishuangbanna, diesen „Edelstein“, auf seinem Herz trage.

Nach über zwanzig Jahren war dies das erste Mal, dass Yuan Yunsheng Bestätigung für seine Kunst erhielt.

Während Yuan Yunsheng in Yunnan war, erhielt er ständig Briefe seiner Frau mit Nachrichten über ihr Wohlbefinden. Was Lanying in den Briefen schrieb, war für den Maler wie das Trinken eines Glases frischen Quellwassers, kühl und köstlich, beruhigend und erfreulich.

Am Ende der Briefe schrieb die Frau immer ein paar Zeilen: „Mach dir um die Dinge zu Hause keine Sorgen. Male in Ruhe deine Bilder, komme nicht in zu großer Eile zurück, sondern erst, wenn du fertig bist...“ Der Maler lächelte beruhigt. In den geschäftigen Tagen in Xishuangbanna war seine größte Sorge ein „Brand im Hinterhaus“, die Briefe seiner Frau befreiten ihn von dieser Sorge.

Tatsächlich war es ein ereignisreiches Jahr. In Changchun ging eine Erdbebenwelle um, die ganze Stadt war in Panik. Die Menschen waren beschäftigt, erdbebensichere Zelte aufzubauen, Sachen zu packen, in Schutzräume zu ziehen.

Ein Freund des Malers in Changchun dachte an die Frau und Kinder des Malers und kam zum Besuch. Er war entsetzt.

Die bescheidene Kammer war unverändert, Möbel und Gegenstände noch nicht geordnet, die Kinder spielten mit gesenkten Köpfen. Er sah nur, wie Lanying gebückt, schwitzend, eine schwere Holzkiste aus dem Zimmer schleppte, voll mit den Skizzen des Malers, und sie zum nahegelegenen Erdbebenzelt schob...

Offensichtlich war dies das Wertvollste in den Augen der Frau des Malers. Sie verstand am besten die Mühen des Malers, verstand aus den Mühen der Kunst den Wert der Kunst. Das Herz des Freundes bebte vor Ergriffenheit.

Diese Sache erzählte Lanying ihrem Mann nie. Hätte der Freund nicht später diese Szene geschildert, er hätte es nie erfahren.


Der Traum vom Wandgemälde

Irgendwann drang durch das mit Eisblumen bedeckte Fenster ein verschwommener blauer Lichtstrahl, wie der blasse Arm einer Fee, der den sanften traumhaften Schleier lüftete. Im Zimmer war es halbdunkel, der Lichtkranz der Lampe gelblich, die umgebende Luft trüb, der Lichtkranz flatterte im Rauch wie Flügel. Er schüttelte kräftig den Kopf, rieb sich die Augen, die Skizzen auf dem Tisch wurden zu einem weißen Nebel, stiegen auf, dehnten sich aus, alles war verschwommen. Er wusste nicht, ob er wach war oder noch halb im Traum...

Letzte Nacht war er zu spät schlafen gegangen, hatte zu viel geraucht. Oder besser gesagt, er hatte überhaupt nicht geschlafen, nur eine Weile neben den chaotischen Skizzen und dem mit Zigarettenstummeln gefüllten Aschenbecher gesessen. Als er den Kopf hob, wurde es hell. Der erste Sonnenstrahl des Morgens streichelte die Hochhäuser am Stadtrand Pekings. Er öffnete das Fenster, ließ den kalten Morgenwind die Müdigkeit der durchwachten Nacht vertreiben, kehrte aus der Traumwelt in die Realität zurück.

Dies war im Januar 1979, in Baijiazhuang, Peking.

Yuan Yunsheng hatte seine halbjährige Yunnan-Reise beendet, auf dem Rückweg machte er Station in Peking. Eine überaus freudige Nachricht ließ ihn in Peking verweilen.

Damals ragte das neu erbaute Abfertigungsgebäude des Hauptstadt-Flughafens wie ein prachtvoller Kristallpalast im östlichen Vorort Pekings empor, seine Ausstattung versammelte die fortschrittlichste Technologie der Welt. Geräumige, komfortable Wartehallen und Restaurants, automatisch öffnende Türen, Förderbänder für Gepäck, elektronisch-numerische Gewichtsanzeigen, präzise Quarzuhren von Seiko, hocheffiziente Raumklimaan, außerdem präzise Navigations- und Kommunikationssysteme... bildeten das majestätische Himmelstor der Hauptstadt, mit einem Modernisierungsgrad, der im Land unvergleichlich war.

In der heutigen Welt verschmelzen modernes architektonisches Design und exquisite künstlerische Dekoration, die alte Kunst der Wandmalerei erlebt eine plötzliche Renaissance, angepasst an die Entwicklung der auf neuer Industrietechnologie basierenden Baukunst.

Die Verantwortlichen des Hauptstadt-Flughafens waren ihrer Position als Manager eines neuen Unternehmens würdig, sie luden über fünfzig hervorragende Künstler und Kunsthandwerker unter Leitung von Zhang Ding, Rektor der Zentralen Kunstakademie, ein, eine große moderne Wandgemäldegruppe für das Abfertigungsgebäude zu schaffen.

Der über zwanzig Jahre still gebliebene Yuan Yunsheng hatte das Glück, empfohlen zu werden und gehörte zu den Eingeladenen.

Mit dem sich 1979 öffnenden Spalt des Fensters der Gedankenbefreiung kühlte sich die jahrelange enge Beziehung zwischen Kunst und Politik allmählich ab, ließ die Köpfe einiger Künstler kühler werden. Sie überdachten neu die alte und schwer zu klärende Frage des Verhältnisses von Kunst und Politik, lehnten die Behauptung ab, dass Kunst der Politik untergeordnet sei. Ihr Ausgangspunkt war gutmütig und friedlich, sie wollten mit dem Pfeil der Kunst keine empfindlichen politischen Themen berühren, um nicht außerkünstlerischer Kritik ausgesetzt zu sein; gleichzeitig hofften sie, sich den Einflüssen wechselnder Windrichtungen zu entziehen, die Reichweite der Kunst relativ stabil zu halten, nicht wie eine flatternde Feder auf- oder abzusteigen.

Yuan Yunsheng dachte noch einfacher, mit seinen Worten: „Kunst ist Kunst, Kunst braucht Aufrichtigkeit.“

Yuan Yunshengs großer Wandgemälde-Entwurf „Das Wasserfest – Lobgesang des Lebens“ entstand aus dieser einfachen Logik und den objektiven Bedingungen.

Eine große Wand im Passagierrestaurant des Abfertigungsgebäudes, samt der umgebogenen Ecke, gehörte ganz ihm, was für ein großer Platz! Er stand vor der weißen Wand, erstaunt, erfreut, wollte am liebsten alles, was in seinem Bauch war, auf diese Wand ergießen.

Künstlerisches Schaffen gibt immer alles, ohne Zurückhaltung, zeigt den schönsten Teil der seelischen Empfindungen des Künstlers. Über zwanzig Jahre lang hatte sich die künstlerische und lebenssprachliche Sprache wie ein tosender Fluss in seinem Herzen aufgestaut, und die Xishuangbanna-Reise hatte ihm unvergessliche Eindrücke hinterlassen, den schönsten Höhepunkt, die springende Welle in all seinen Lebenserfahrungen. Damals dachte er an nur ein Thema: das Wasserfest.

Die Legende, die er gehört hatte und die in den Pattra-Schriften aufgezeichnet war, verdichtete die feurigen Gefühle, die ungezügelte Fantasie und die klare, schlichte Philosophie der tropischen Nation. Er beschloss, die Konzeption von Genre- und Handlungsmalerei aufzugeben, mit den über Jahre geschliffenen Linien, die er mühelos beherrschte, die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit und einer glücklichen Zukunft auszudrücken.

Er sagte: „Auf einer riesigen Wand von 27 Metern Breite und 3,4 Metern Höhe ein Wandgemälde zu malen, das den Geist und die Gefühle der Dai verherrlicht, ist für mich ein unvorstellbares Glück.“

Künstler, die Kunst für die Politik befürworten, könnten dieses Thema auch der Politik zuordnen. Aber diese Konzeption entfernte sich doch vom konkreten politischen Hintergrund, umfasste tiefere, weiterreichende Zeit, Raum und ein dauerhaftes Thema. Früher wäre eine solche künstlerische Konzeption politischer Einmischung ausgesetzt gewesen, als ketzerisch kritisiert worden. Diesmal wusste man noch nicht, welches Schicksal sie erwartete?

Yuan Yunshengs älterer Bruder Yuan Yunfu überließ ihm in seiner Wohnung in Baijiazhuang ein kleines Zimmer, Schlafzimmer und Arbeitszimmer zugleich. Allerdings wurde das kleine Bett kaum genutzt. Er breitete die Skizzen aus und trat in die Traumwelt ein, eine Traumwelt aus fließenden Linien und prächtigen Farben verwoben...

Auch in der Traumwelt der Kunst gibt es endlose Sorgen. Von anderen ganz zu schweigen – allein die große Tür in der Mitte der Restaurantwand war schon ärgerlich. Eigentlich sollte die Sprache der Wandmalerei mit der Sprache der Architektur harmonisch vereint sein. Doch diese Tür zerschnitt die Wand und wurde zum Hindernis für die künstlerische Konzeption. Eine ganze Nacht lang kämpfte er mit dieser ärgerlichen Tür, rauchte eine Zigarette nach der anderen, zeichnete eine Skizze nach der anderen. Sein Bruder wohnte im Zimmer gegenüber und sah das die ganze Nacht nicht verlöschende Licht aus dem Türspalt, roch den beißenden Rauch. Und seine Energie, sein Herzblut und sein Leben verrauchten im bläulichen Qualm. Als er am nächsten Tag die Tür öffnete, war sein Gesicht bleich.

„Wenn du so weitermachst, wie soll dein Körper das aushalten!“, sagte Yuan Yunfu.

„Macht nichts“, lächelte er matt. „Ich bin es gewohnt...“

In den Augen des Bruders war der Bruder im Vergleich zu früher ein völlig anderer Mensch. Vor über zwanzig Jahren, an jenem Abend, in demselben Zimmer, als Yuan Yunsheng seinem Bruder erzählte, wie er zum „Rechten“ abgestempelt worden war, war sein rundes Gesicht voller unschuldiger Züge, als würde er eine leichte Anekdote erzählen. Jetzt hatte dieses Gesicht die Stürme des Lebens erlebt, war auf holprigem Weg gestolpert und gefallen, war längst kantig geworden, der Ausdruck herb, zeigte Zähigkeit. Welchen Preis hatte er gezahlt, um diese Gelegenheit in Peking wieder zu erhalten! Yuan Yunfu verstand die Gefühle seines Bruders in diesem Moment.

Den ganzen Tag über schloss sich Yuan Yunsheng in seinem kleinen Zimmer ein und träumte seinen Wandgemälde-Traum. Er ließ sich vom Prinzip der Bogenbrücken im Vorort von Suzhou inspirieren, die er kannte, und fand eine Methode, über diese Tür zu gelangen: „Die beiden Enden der Bogenbrücke sind sehr massiv, stützen den hohen und dünnen Scheitel, sind mechanisch stabil, und diese regenbogenartige Kurve ist so schön! Mit den Aktivitäten des Dai-Volkes einen Regenbogen aus Menschenströmen zu konstruieren – dieser Gedanke ist sehr faszinierend...“ (Zitat aus „Kunstforschung“, Ausgabe 1/1980, Yuan Yunsheng: „Der Traum vom Wandgemälde“)

Diese faszinierende Idee zu verwirklichen war wahrlich ein gewaltiges Projekt. Vor seinen Augen erschien das prächtig bunte Bild des Wasserfestes: Wasser tragen, Wasser verteilen, Wasser spritzen, tanzen, Bootsrennen, abendliches Baden, und das friedliche Familienleben in den Pfahlbauten der Dai sowie die Szenen junger Männer und Frauen, die nach der Dämmerung im Wald verweilten... Unter seinem Pinsel entstanden über hundert Figuren, jede lebendig, als würden sie gleich hervortreten. Gleichzeitig waren sie dekorativ, übertrieben, charakteristisch, voller lyrischer Bedeutung. Die Skizze dehnte sich immer weiter aus, der Menschenstrom wie ein Regenbogen erstreckte sich. Der in Schaffensrausch versunkene Maler glaubte Musik zu hören. Er ergriff den Pinsel, als würde er den Taktstock eines Symphonieorchesters halten, durch fließende Linien Melodie und Rhythmuswechsel ausdrücken, jenes feierliche, leidenschaftliche, beharrlich aufwärtsstrebende Leitmotiv stieg allmählich auf...

Wieder war es früher Morgen, Yuan Yunfu wachte in seinem Zimmer aus dem Schlaf auf und sah noch Licht aus dem Türspalt des gegenüberliegenden Zimmers seines Bruders.

In diesen Tagen war auch Yuan Yunfu sehr erschöpft. Auch er nahm an der Schaffung der Wandgemälde-Gruppe am Hauptstadt-Flughafen teil, malte den Entwurf von „Berge und Wasser von Ba und Shu“. Wenn man sagte, er erforschte den Weg der Kunst mit Erfahrung und Bildung, dann sprintete sein Bruder mit seinem Leben. Ein halber Monat war vergangen, fünfzehn Tage und Nächte, das Licht im gegenüberliegenden Zimmer nie erloschen – welch erstaunliche Willenskraft! Diese völlige Hingabe an die Kunst, selbst Stein und Metall sollten darüber weinen...

Aus dem gegenüberliegenden Zimmer wehte bläulicher Rauch, schweres Husten drang herüber, jeder Husten heiserer als der vorherige. Doch er malte weiter, rauchte weiter. Das Husten hörte nicht auf, in der Stille vor der Morgendämmerung war es herzzerreißend. Er zerstörte das Fundament seiner Gesundheit, um ein geistiges Gebäude zu errichten, die Linien auf der Skizze waren eindeutig Blutgefäße des Lebens!

Nach Tagesanbruch sagte Yuan Yunfu zu seinem Bruder: „Du hast wohl vergessen, dass übermorgen Silvester nach dem Mondkalender ist. Ich rate dir, ein paar Tage zu ruhen und nach Changchun zum Neujahrsfest zu fahren.“

Yuan Yunsheng schüttelte den Kopf: „Die Zeit reicht nicht. Der zweite Entwurf ist zwar fertig, aber ich hatte noch keine Zeit, ihn zu kopieren.“

„Wenn du schon nicht auf deine eigene Gesundheit achtest, solltest du wenigstens an Lanying denken“, sagte der Bruder. „Du bist seit über einem halben Jahr von Changchun weg, wenn du zum Frühlingsfest nicht zurückkommst, ist das wirklich unangemessen.“

Bei der Erwähnung von Lanying gab Yuan Yunsheng nach.

An Silvester eilte er nach Changchun zurück. Lanying fragte ihn: „Wie lange kannst du diesmal zu Hause bleiben?“

Der Maler sagte: „Nach dem Frühlingsfest muss ich zurück, um die Skizze zu besprechen. Diese Version ist noch nicht kopiert, ich habe sie nach Hause mitgebracht.“

Lanying seufzte: „Das heißt, selbst das Frühlingsfest kann man nicht in Ruhe feiern...“

Der Maler sagte: „Das Kopieren ist nicht schwer, aber es kostet viel Zeit.“

Lanying überlegte: „Kann ich dir irgendwie helfen?“

Der Maler blickte seine Frau liebevoll an und nickte.

Dies war das erste Mal, dass Lanying direkt an der künstlerischen Schöpfung ihres Mannes teilnahm. Nachts schalteten sie die Tischlampe an, stellten eine Glasplatte auf, legten halbtransparentes Kopierpapier darauf und kopierten gemeinsam die Skizze des Wasserfestes. Dieses Werk, das das Dai-Volk verherrlichte, trug auch die Spuren der Gefühle einer Han-Frau...

Vom ersten bis zum vierten Tag des neuen Jahres verbrachten sie die Zeit so, Lanying blieb mit dem Maler bis spät in die Nacht auf. In der Geschäftigkeit bemerkte der Maler nicht, dass Lanyings mageres Gesicht noch mehr verfiel, von den schweren Schatten der Krankheit umhüllt...


Packpapier

Gleich nach dem Frühlingsfest kehrte Yuan Yunsheng mit der fertigen farbigen Entwurfsskizze nach Peking zurück.

Die Vorbereitungsarbeiten vor dem Malen des Wandgemäldes liefen intensiv. Um die beste künstlerische Wirkung zu erzielen, importierte der Hauptstadt-Flughafen eigens aus Hongkong eine Charge Acrylfarben. Dies waren neue Malmaterialien, die in den letzten Jahren in Europa, Amerika und Japan populär geworden waren, mit hellen, weichen Farbtönen, starker Deckkraft, sehr geeignet für mehrschichtige Schattierungen und Akzentuierungen, und bewahrten unter feuchten, trockenen, kalten und heißen Bedingungen lange die Farbstabilität der Bildfläche.

Die beiden Mitarbeiter, die an „Das Wasserfest – Lobgesang des Lebens“ mitarbeiteten, Lian Weiyun und Fei Zheng, trafen ebenfalls nach und nach ein. Beide waren erfolgreiche Künstler mittleren Alters, sie sahen Yuan Yunshengs Entwurf, waren von der Verschmelzung traditioneller chinesischer Maltechniken mit westlicher moderner Kunst beeindruckt, voller Interesse und Tatendrang.

Das Gerüst war aufgebaut, die Wand mit festem Grundstoff beklebt, alle Vorbereitungen getroffen, es war bereits Frühsommer. An einem Tag im Juni kam Lanying aus Changchun nach Peking.

Lanying kam diesmal eigens nach Peking, um sich behandeln zu lassen. Tatsächlich war ihre Krankheit schon früher entdeckt worden. Bei einer gynäkologischen Untersuchung vor dem Frühlingsfest hatte der Arzt eine deutliche Anomalie im Uterusbereich ertastet. Wegen der Abwesenheit ihres Mannes und der Belastung durch die Kinder hatte sie ihre Behandlung verschoben. In letzter Zeit zwang sie die rapide Verschlechterung ihres Zustands, in ein großes Krankenhaus nach Peking zur Diagnose zu gehen.

Während der Wartezeit auf die Untersuchung wohnten Lanying und ihr Mann in einem neu erbauten Hotel am Hauptstadt-Flughafen für internationales Flugpersonal, das Zimmer war nicht groß, aber komfortabel. Federbett, Badezimmer, Oberlicht an der Decke zeigten, dass es eine Klimaanlage gab. Seit der Hochzeit hatte Lanying noch nie mit ihrem Mann in einer so gehobenen Unterkunft gewohnt. Aber die gemeinsame Zeit des Paares war immer noch so begrenzt. Jeden Tag, sobald der erste violette Lichtstrahl der Morgendämmerung durch die Vorhänge drang, sprang Yuan Yunsheng auf, wusch sich hastig das Gesicht, und im Flur erklangen eilige, sich entfernende Schritte. Nach einem Tag Arbeit kam er erst spät in der Nacht zurück, schweißgebadet, voller Farbe, als wäre er gerade vom Gerüst eines Gebäuderenovierers herabgestiegen.

Endlich kam der Tag der Diagnose. Als Lanying das Untersuchungsergebnis erhielt und mit müden Schritten das Krankenhaus verließ, fühlte sie, wie Körper und Seele sanken, als würde sie in einen bodenlosen Abgrund fallen. Die Entwicklung der Krankheit war unerwartet schnell, die kleine Anomalie von vor einigen Monaten war nun zu einer Masse von Tumoren angewachsen. Lanying war selbst Chirurgin, hatte Fachwissen und klinische Erfahrung, verstand die Schwere, die die Geschwindigkeit der Verschlechterung bedeutete. Sie dachte daran, dass krebsartige bösartige Tumorzellen oft deformiertes Wachstum verursachen, während gutartige Tumore relativ stabil sind; nur mit Glück wäre es kein Krebs. Sie ging langsam, ihr Kopf leer, sie schwebte in grauem Nebel, die Funken des Bewusstseins flackerten. Aus einem Instinkt heraus fühlte sie schmerzhaft, dass in diesen Jahren durch übermäßige Sorgen und Hausarbeit die Verteidigungslinie ihrer Gesundheit durch den täglichen Druck zerstört worden war. Der Geliebte, die Kinder und die gesamte Zukunft – gehörten sie ihr noch?

Sie kehrte zum Flughafen zurück. Tagsüber war der Maler in der Unterkunft nicht zu finden. Sie ging über die lange Asphaltstraße, betrat das Abfertigungsgebäude, stand am Gerüst...

Die Halle war geräumig, feierlich. Die brandneuen Glasfenster spiegelten den blauen Himmel, reichliches Licht strömte herein, breitete sich aus, warf an den Wänden sanfte Reflexionen. Hier, in der heißen Atmosphäre des Juni, fand wahrhaftes Schaffen statt – die gewaltige Struktur des Gerüsts stieg zur Decke empor; am Boden lagen chaotisch Pinsel, Farbpaletten und Farbeimer, zeigten die Geschäftigkeit der künstlerischen Baustelle. Lanying hob den Kopf und fand auf dem Gerüst die Silhouette ihres Mannes. Er bückte sich, in der Hand den Pinsel, zeichnete und skizzierte auf die Wand, das pechschwarze lange Haar fiel von der Stirn herab, bewegte sich mit dem Körper ununterbrochen in der Luft, wie ein Cellist, der den Bogen hält und in sein eigenes faszinierendes Werk versunken ist, die Welt um ihn herum existierte für ihn nicht mehr...

Lanying stand wie betäubt da. In diesem Moment, an diesem Ort, vielleicht konnte nur sie die Gefühle ihres Mannes tief verstehen. Von der engen Welt der bescheidenen Kammer in Changchun zu dieser großzügigen, geräumigen Halle – das Talent, die Weisheit, die im Herzen unterdrückten Ambitionen eines künstlerischen Kindes sprangen hervor, befreit von allen Fesseln. Er wollte am liebsten das glühende Leben in die Pinselspitze gießen, es ausschütten, ausschwingen, im Bild vor ihm aufsteigen lassen. Die verwirrenden Linien an der Wand zeigten den dichten Dschungel von Xishuangbanna, voller Lebenskraft. Mit der Bewegung des Pinsels, wie der Prozess des Erscheinens eines Farbbildes in einer Dunkelkammer, wurden allmählich die Bilder einiger Dai-Frauen erkennbar. Ihre gestreckten Taillen, geschmeidigen Arme, stark geneigten Bewegungen verstärkten das Gefühl der Bewegung in der Wasserspritz-Szene. In Lanyings Ohren erklangen wie der fröhliche Rhythmus kleiner Gongs und die aufregenden Trommelschläge der Elefantenfuß-Trommeln. Die Gesichter dieser Frauen zeigten verschwommene unendliche Sehnsucht. So wurde die leblose Wand lebendig. Das war die Lebensleidenschaft des Künstlers in strahlendem Glanz, die Wiedergabe schöner Hoffnungen. Das begrenzte Leben des Künstlers wurde in der dauerhaften Kunst sublimiert!

Hinter den Kulissen der Kunstbühne Kunst zu betrachten, weckt am leichtesten die Reflexion über das Leben.

Lanyings Stimmung lockerte sich etwas, das bleischwere Gefühl beim Verlassen des Krankenhauses wurde leichter. Die Kunst war längst in ihr Schicksal eingedrungen, hatte sie von einer Außenstehenden zu einer Beteiligten gemacht. Aus dem Atem der künstlerischen Schöpfung erhielt sie geistige Entschädigung.

In diesem Moment kletterte der Maler vom Gerüst herab, entdeckte mit einem Blick seine Frau und ging schnell auf sie zu: „Die Untersuchung im Krankenhaus – gibt es ein Ergebnis?“

Lanying sagte: „Kümmere dich um deine Arbeit, wir reden später zu Hause...“

Das friedliche Gesicht seiner Frau befreite den Maler von seinen Sorgen. Er sagte: „Du solltest im Zimmer bleiben und dich gut ausruhen.“

„Ich bin nicht müde“, lächelte Lanying matt, tat leichtfertig und sagte: „Kann ich euch irgendwie helfen?“

Der Maler überlegte ernsthaft einen Moment: „Ja, wir brauchen dich hier. Bitte zeig uns die Körperhaltungen, vergleiche sie mit den Figuren auf der Skizze.“

„Gut“, willigte die Frau ein.

Lanying führte nach Anleitung des Malers verschiedene Körperbewegungen aus. Zum Glück war sie vor zwanzig Jahren aktiv in kulturellen Aktivitäten gewesen, hatte etwas Tanzgrundlage, ihre Bewegungen waren natürlich, ihre schlanke Figur auch ideal. Diese Sache kostete viel Zeit, der Maler schaute nach links und rechts, leitete einerseits Lanyings Posen an, prüfte andererseits die Figuren auf der Skizze. Für die kranke Lanying war dies eine übermäßige Belastung. Doch sie bewahrte mit großer Geduld eine würdevolle Haltung, auf dem bleichen, müden Gesicht ein friedliches Lächeln...

Einige Tage später bestieg Lanying den Zug nach Norden und verließ Peking. Ihr Mann brachte sie zum Bahnhof. Bis zum letzten Moment vor der Abfahrt sagte die Frau ihrem Mann nichts von ihrer Krankheit.

Lanying hatte die Vor- und Nachteile wiederholt abgewogen. Als Chirurgin würde sie, wenn sie sich selbst einen Behandlungsplan verschreiben sollte, ohne zu zögern schreiben: „Sofortige Krankenhauseinweisung, chirurgische Entfernung.“ Der Schlüssel zur Behandlung gnadenloser Tumore, ob gutartig oder bösartig, war, keine Zeit zu verlieren. Aber sie dachte an ihren Mann und an sein schönes Werk, das über ihn hinausging. Sobald sie ins Krankenhaus käme und operiert würde, würde ihr Mann ohne zu zögern bei ihr bleiben, sie pflegen, denn auf dieser Welt hatte sie keine näheren Verwandten. Dann würde die Arbeit des Malers stocken, zumindest beeinträchtigt werden. Ihr Mann kämpfte gerade auf dem schwierigen Weg der Kunst, durfte nicht aufgehalten werden. Lanying musste ihre Behandlung aufgeben, selbst wenn diese Behandlung die Hoffnung auf Leben bedeutete, um das Leben der Kunst zu verlängern. Dieser Gedanke war seit dem Tag, an dem sie sich in den Maler verliebte, tief in ihrem Herzen vergraben.

Ein langer Pfiff, der Zug fuhr ab, trug ein gewöhnliches und zugleich großes Frauenherz davon, verschwand im undurchsichtigen Nebel...

Yuan Yunsheng und seine Mitarbeiter arbeiteten unermüdlich, vier Monate lang beschäftigt. Die Malarbeit näherte sich dem Ende, um die Ecke der Wand herum erschien die abendliche Landschaft von Xishuangbanna. In hellblauem Schimmer stand ein für den tropischen Dschungel typischer Eierbaum, die üppigen Zweige und Blätter wie ein Blumenstrauß, bildeten einen schönen Schirm. Badende Dai-Mädchen hielten in den Händen Tonkrüge, gossen klares Quellwasser über ihre Körper. Ihr langes, schönes Haar hing aufgelöst herab, wellte sich, fiel zum Boden, wie Wellen eines Bergbachs. Nach dem Bad kämmten die Mädchen ihr langes Haar, wolkige Frisuren und blumige Gesichter, ein sanftes Lächeln, als wären sie stolz auf ihre Jugend... Um die Figuren der Mädchen herum gab es einige fließende Linien, das waren die Umrisse der Kleidung aus der Grundskizze, der Maler war noch unschlüssig, wie er sie behandeln sollte. Während des Malens schenkten Beobachter, die durch diese Halle kamen, den badenden Mädchen an der Wand besondere Aufmerksamkeit, wollten sehen, ob sie letztlich Kleidung bekommen würden oder nicht.

Baden (und nicht Wasser spritzen) erfordert das Ablegen der Kleidung, das ist gesunder Menschenverstand im Leben. Im Leben zeigten sich Dai-Frauen noch unschuldiger. In den Tagen, die der Maler in Xishuangbanna verbrachte, hatte er mehrmals mit Dai-Männern und -Frauen am Brunnen, im Lancang-Fluss gebadet. Sie waren offen und natürlich, sahen Nacktheit als Schöpfung der Natur an, fanden sie nicht geheimnisvoll. „Ich gebe zu, ich habe mehr feudale Vorstellungen als sie“, sagte Yuan Yunsheng ehrlich. „Das verstärkte meine Bewunderung für sie.“

In der Geschichte der Malerei ist die Sprache der Nacktheit eine künstlerische Sprache mit reicher Ausdruckskraft, seit der Venus des antiken Griechenland eine eigenständige ästhetische Kategorie. Ebenso wurde die Verwendung der Sprache der Nacktheit, um die Verehrung des Autors für Frauen und den lauten Lobgesang auf das Leben auszudrücken, zur Notwendigkeit für diesen speziellen Teil des Wandgemäldes. Zumal er eine mythologische Legende und keine Sitten malte...

Offenbar hatte der Maler falsch entschieden?

In den Augen mancher Menschen war die Darstellung nackter Körper die „schlechte Sitte der westlichen Barbaren“! Je reicher das materielle Leben des Westens, desto ärmer die geistige Zivilisation, dass die Kleidung die Scham nicht deckt. Wir dagegen – die große Kulturrevolution des Geistes und der große Rückschritt der materiellen Produktion fielen in dieselbe Periode. Zehn Jahre lang waren die Augen der Menschen hochgradig gereinigt, chinesische Frauen wollten nicht einmal Röcke tragen, keine Qipao, keine eng anliegenden Hemden, hüllten den ganzen Körper streng ein, um nicht die wechselnden Linien zu zeigen, die Augen anderer nicht zu beschmutzen, den eigenen Körper nicht zu entweihen. Doch das Ergebnis, ästhetische Ansichten als böse Ideen auszumerzen, reinigte nicht die gesellschaftlichen Sitten, sondern brachte geistige Armut und Verfall. So vermischte man klare Quellen mit trübem Strom, Kunst und Verbrechen zu einem Sumpf.

Im Hochsommer, als das „Abendbad“-Bild heraustrat, obwohl die Bilder einiger Mädchen dekorativ, symbolisch und schlicht waren, löste es dennoch Aufruhr aus. Diese unauffällige Ecke zog Welle um Welle von Zuschauern an, Neugierige, Passanten, Besorgte und Gaffer. Die Menschen diskutierten in verschiedenen Tönen, erstaunt, streng oder vulgär...

Dies war das erste Mal seit Jahren, dass in der modernen chinesischen Wandmalerei Nacktheit erschien, der Autor hatte das größte Tabu gebrochen. Um die Schwierigkeit zu lösen, wäre es am einfachsten gewesen, den Pinsel zu nehmen, ein paar Striche zu machen, den Figuren kurze Hemden und Röcke anzuziehen, ohne jede Kosten. Er und seine ganze Familie würden Unglück vermeiden, Katastrophen abwenden. Aber er wollte das nicht tun. Er dachte an eine Debatte in der Geschichte über das Problem der Nacktkunst.

Vor sechzig Jahren gab es in Shanghai eine Gruppe mutiger Maler, die wegen der Verwendung von Nacktheit in Lehre und Schöpfung heftig beschimpft wurden. Damals veröffentlichten Zeitungen seitenweise Angriffs-Artikel, sagten, die Maler seien „sittenwidrig“, „wollten die Frauen der Welt in eine schamlose Position bringen“, „zerstörten den chinesischen Anstand zwischen Männern und Frauen“... Und damals fotografierten leichtfertige junge Männer und arbeitslose Vagabunden in Shanghai Nacktfotos und verkauften sie, was den Angreifern noch mehr Munition gab. Bis sie den Kriegsherrn Sun Chuanfang verärgerten, der ein Telegramm mit Haftbefehl gegen die Maler schickte. Die Maler kämpften furchtlos zurück, schrieben Artikel: „Schurken und Betrüger machen Nacktfotos von Prostituierten und pornografische Bilder, lehren Lüsternheit und machen Profit, ich verachte sie zutiefst... Was hat die Shanghai-Kunstakademie damit zu tun? Was habe ich damit zu tun?“ „Meine Absicht, Kunst zu fördern, kann nicht gebrochen werden... Selbst ins kochende Wasser oder Feuer zu gehen, ich lehne nicht ab.“ Das Ergebnis dieses Kampfes war, dass die Maler siegten, die Kriegsherren verloren.

Die Geschichte ist über ein halbes Jahrhundert vorangeschritten, die Zeit ist anders, aber ein alter Fall in der Kunstwelt ist noch nicht abgeschlossen.

„Was wir erleben, ist nicht mehr das Problem des menschlichen Körpers“, sagte Yuan Yunsheng zu seinen Begleitern. „Dies betrifft die Gedankenbefreiung in der Kunstwelt!“ Sie bestanden darauf, keine Änderungen vorzunehmen. Sie nahmen dieses Detail im Wandgemälde als Wegstein, warfen es auf den Weg zum künstlerischen Frühling, der sich nach dem Sturz der „Viererbande“ vor ihnen öffnete.

Der Druck der öffentlichen Meinung war dennoch zu groß. Als die Malarbeit noch nicht abgeschlossen war, verdeckten die Verantwortlichen des Flughafens und der Baufirma aus gutem Willen, um den Malern eine ruhige Malumgebung zu bieten, die Türen und Fenster der Halle. So wurden diese modern gestalteten großen Türen mit einer Schicht dickem, nach traditioneller chinesischer Methode hergestelltem Packpapier beklebt; das mit importierten Acrylfarben gemalte Wandgemälde verbarg sich im gelblichen Lichtkranz klassischer Färbung. Die Maler erhielten vorübergehend Ruhe, setzten ihre noch nicht vollendete Arbeit fort...


Kein Ende

An einem Tag Ende Oktober fegte der Herbstwind gelben Sand über die Straßen Pekings. Yuan Yunsheng ging auf der Straße, gegen den Wind, mit schnellen Schritten, das dichte schwarze lange Haar wehte im Wind...

Die Malarbeit der Wandgemälde-Gruppe am Hauptstadt-Flughafen war vollständig abgeschlossen. Die Künstler und Kunsthandwerker unter Leitung von Zhang Ding hatten großen Erfolg. Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehen zeigten wetteifend die Wandgemälde mit deutlichem Charakter und modernem Stil: „Nezha erobert die Meere“, „Lied des Waldes“, „Berge und Wasser von Ba und Shu“, „Frühling der Wissenschaft“ und „Das Wasserfest – Lobgesang des Lebens“... In der Kunstwelt und der Gesellschaft brauste ein heißer Wirbelsturm, löste starke Reaktionen aus. Vor dem vierten Nationalkongress der Literatur- und Kunstarbeiter kam eine Gruppe bekannter Persönlichkeiten aus Literatur, Theorie, Architektur, Außenhandel und Presse zum Hauptstadt-Flughafen zur Enthüllung und gratulierte den Künstlern wiederholt.

Aus dem Ausland kamen Lobeshymnen. Ausländische Freunde standen in der Halle des Abfertigungsgebäudes, betrachteten mit würdigendem Blick die Wände rundherum und sagten: „Der Pekinger Flughafen wird durch seine Wandgemälde in der ganzen Welt bekannt sein.“ „Es gibt jedem, der China betritt, sofort einen starken Eindruck, diese Kunst ist ein Symbol für die nationale Stärke eines Landes.“

Auch der berühmte japanische Maler Hirayama Ikuo kam zur Besichtigung. Er sagte, die chinesische Kultur habe in der Geschichte zwei Höhepunkte: die Han- und die Tang-Dynastie, er glaube, der dritte Höhepunkt sei im Kommen. Er sagte lächelnd zu Yuan Yunsheng: „Nach dem Betrachten deines Wandgemäldes finde ich Xishuangbanna wunderschön. Ich möchte meinen Reiseplan ändern und dorthin gehen...“

In diesen Tagen war Yuan Yunsheng überaus beschäftigt, traf ausländische Gäste, gab Interviews, hielt Vorträge, füllte jeden Tag aus. Die Tage der freiwilligen Einsamkeit waren Vergangenheit, stattdessen kamen Ehre, Applaus, Trinksprüche. Als wäre er vom holprigen Bergweg auf einen blumenbedeckten Gipfel gestiegen... Er ging auf der Straße, Wind und Sand fegten heran, sein Gewand wehte im Wind. In diesem Moment zeigte sein Gesicht, im Gegensatz zur Freude über den glänzenden Erfolg, ungewöhnliche Trauer, Schmerz, wie hartes Eis erstarrt, wie Fels kalt, in der Gleichgültigkeit scheinbar unendliche Reue...

Oh, wofür? Bist du etwa noch nicht zufrieden? Oder sorgst du dich immer noch um politische Windänderungen?

Nein. Er sorgte sich nicht darum, er war selbstbewusst. Über zwanzig Jahre lang hatte er mit Aufrichtigkeit gegenüber der Kunst auf ein festes Ziel hartnäckig hingearbeitet, sich vor keinem Rückschlag entmutigen lassen. Er liebte die Kunst des Vaterlandes, weil er wegen Meinungsverschiedenheiten mit sowjetischen Malereitheorien zum „Rechten“ abgestempelt wurde, nun wurden Menschen mit derselben Position als fest und korrekt angesehen. Er liebte die Wasserstadt südlich des Jangtse, weil er die schöne Szene ländlicher Märkte gemalt hatte, wurde er angegriffen, nun waren die im ganzen Land verbreiteten Märkte noch blühender als damals. Oh Leben, dreißig Jahre östlich des Flusses, dreißig Jahre westlich! Er glaubte nicht mehr an diese vorläufigen, voreiligen Schlussfolgerungen, seine eigene Persönlichkeit und die Persönlichkeit der Kunst waren in Katastrophen gestärkt worden, existierten unabhängig von Schlussfolgerungen.

Warum also warst du traurig? Warum niedergeschlagen?

Nur wegen seiner Frau, Seelenverwandten, Stütze seines Werks und Gefährtin in Not, die nun geschwächt im Krankenhaus lag. Erst vor ein paar Tagen hatte er von Lanyings Krankheit erfahren, die sie vor ihm verheimlicht hatte. Vier Monate lang von der Krankheit gequält, war Lanyings Gesundheit zusammengebrochen! Als sie Changchun verließ, war ihr kranker Körper ausgedörrt, nur noch Haut und Knochen. Die Freundinnen, die sie verabschiedeten, sahen kein bisschen Farbe in ihrem Gesicht, betrachteten dies als letzten Abschied, umarmten sich weinend, Tränen benetzten die lange Straße. In diesem Moment lag sie still in einem Krankenhaus in Peking, als wäre sie müde, hatte die Last von den Schultern gelegt, ohne Worte, ohne Vorwurf, ohne Hoffnung, wartete nur auf das Urteil der Operation...

Ein Mensch stand auf, ein anderer fiel hin, und sie fiel für ihn hin. Seit sie sich im Zug nach Süden auf den ersten Blick verliebt hatten, hatte sie freiwillig so viele Opfer gebracht. Wenn die Frau wirklich nie wieder aufstehen könnte, welche Bedeutung hätte dann der heutige Erfolg des Mannes für sie? Sie war Berufsärztin, gute Ehefrau und liebende Mutter, auch eine der Kunst gewidmete Person. Ihr Beitrag konnte niemals vergolten werden, in keinem Kunstklassiker würde für eine Frau wie sie ein Eintrag bleiben, nur die schmerzhafte Erinnerung, die in das Herz ihres Mannes eingraviert war.

Der Maler eilte die Straße entlang zum Krankenhaus, in seinem Inneren tobte ein Sturm. Seine Augen wurden feucht, neblige Tränen rollten in den Augenhöhlen. Er dachte, dass es in der weiten Welt zwei Arten von Menschen gab, die der Kunst am nächsten standen: eine Art waren ehrliche Künstler; die andere Art waren Menschen, die zwar Kunst nicht verstanden, aber rein und schlicht waren, wie seine geliebte Frau. Sie wollten nichts anderes, nur Kunst. Ihre Arbeit anzuerkennen war das absolute Minimum, um die Existenz der Kunst zu tolerieren. Doch sie hatten zu viel Leid erlitten, das von außerhalb der Kunst kam, warum musste es soviel sein? Er ging auf Pekings Straße, in den tränenerfüllten Augen leuchtete ein Licht der Hoffnung.

Nachwort: Nach Veröffentlichung dieses Artikels wurde die Protagonistin durch Behandlung geheilt. Nach einigen Jahren reiste der Protagonist allein nach Amerika, die Wendungen des Weltgeschehens sind nicht alle zu schildern.

Der Autor (Ursprünglich in „Oktober“, Juni 1980)



Chinesische Mädchen

Lu Guang


Loyalität heißt, der eigenen Erde treu zu sein;

Streben heißt, das eigene Ideal zu verfolgen.

– Aus dem Gedicht eines Freundes


Dies ist ein mitreißendes Kampflied. Sein Hauptthema ist: Die Ehre des Vaterlandes steht über allem!

Man vergleicht Sport mit dem Schaufenster des Geistes einer Nation. Lasst uns also durch dieses kleine Fenster der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft schauen und den geistigen Charakter sehen, den unsere chinesische Nation haben sollte!


Das Licht der Morgendämmerung von São Paulo

Südamerika, die blühende Metropole São Paulo in Brasilien. Sommer 1977, nach Mitternacht.

Die schillernden Neonlichter flackerten noch erschöpft, die verkehrsreichen Straßen waren bereits menschenleer. Die Lichter des A-Hotels im Stadtzentrum waren erloschen, die alten Jalousien hingen still. Hier logierten junge Männer und Frauen aus der ganzen Welt, die am ersten Weltjugendvolleyball-Turnier teilnahmen.

In einem Zimmer bedeckten die antiken Jalousien und tiefroten Vorhänge das große Glasfenster vollständig, der prächtige Kronleuchter war ebenfalls ausgeschaltet, nur die Tischlampe verbreitete sanftes, blassgelbes Licht. Zwei schlichte Einzelbetten standen zwei Meter auseinander. Zhou Xiaolan und Han Xiaohua hatten die Augen geschlossen, schienen im Traumland zu sein, doch ihre Gedanken wogten wie die Flut.

Xiaolan drehte sich leise um. Xiaohua öffnete die Augen: „Xiaolan, kannst du nicht schlafen?“

„Mhm! Und du?“

Die beiden Mädchen rückten ihre Körper einander zu, Gesicht zu Gesicht, konnten fast den warmen Atem des anderen spüren.

Xiaolan war ein feines, stilles und besonnenes Mädchen. Sie hob ihre schlanken Augenbrauen und sagte bewegt: „Morgen ist es Zeit zu kämpfen.“

Auch Xiaohua wurde bewegt: „Ja, vielleicht haben wir in unserem ganzen Leben nur diese eine Chance zu kämpfen!“

„Schlaf!“, ermahnten sie einander. Sie schlossen wieder die Augen, pressten die Lippen zusammen, sagten keinen Ton mehr und ermahnten sich im Herzen: „Schlaf! Schlaf! Denk nicht mehr nach!“ Aber die Vernunft hielt den heftigen Wellen der Gefühle nicht stand.

Xiaolans klare Augen bewegten sich wieder. Sie dachte, sie könnte einfach die Augen öffnen, vielleicht könnte sie die heranrollenden Gedanken vertreiben. Sie sah, wie die schneeweiße Decke sich in eine große, saubere Leinwand verwandelte, auf der sich Szenen vom Vorrundenturnier in Hongkong vor ein paar Monaten zeigten: die brodelnde Kowloon Elizabeth Sports Hall, die koreanischen Spielerinnen, die sich nach dem Sieg umarmten, die enttäuscht fortgehenden Zuschauer aus Hongkong und Macau, die weinenden chinesischen Mädchen... Diese rotgeweinten Augen!

Warum an diese traurigen Dinge erinnern? Xiaolan schloss fest die Augen. Aber als sie sie wieder öffnete, erschienen auf der Decke zwei auffällige arabische Zahlen: 0:3, 0:3. Diese beiden 0:3 waren genau die unrühmliche Bilanz ihrer Niederlage gegen die koreanische Mädchen-Volleyballmannschaft im Hongkonger Vorrundenturnier. Schande, dies war wirklich eine große Schmach!

Aber sie erinnerte sich klar, dass sie damals nicht geweint hatte. Nicht, dass sie nicht weinen wollte, sie hätte am liebsten laut geweint. Tatsächlich waren bittere, bereute Tränen bereits in ihre Augen gestiegen, sie hatte auf die Lippen gebissen und sie zurückgedrängt. Damals sagte sie zu sich selbst: „Helden vergießen Blut, keine Tränen. Weinen wird nie zum Sieg führen, wir sehen uns beim Finale in São Paulo!“ Vielleicht hatte genau diese Flamme des trotzigen Willens die traurigen Tränen verbrannt!

Nun lag sie in einem Hotel im Zentrum von São Paulo. Ihre Gegner – die koreanische Jugend-Frauen-Volleyballmannschaft – wohnten nicht weit von ihnen entfernt. Morgen Abend, nein, heute Abend schon, in nur über zehn Stunden, würde die Schlacht beginnen, auf die sie über hundert Tage und Nächte gewartet hatten.

„Ob sie auch nicht schlafen können?“, konnte Xiaolan sich nicht zurückhalten zu fragen.

Mit „sie“ meinte Xiaolan drei Mannschaftskameradinnen: Zhou Junfen aus Hubei, Wen Meiling aus Guangxi und Lin Hui aus Zhejiang.

Xiaohua setzte sich auf und sagte: „Ruf sie an, wenn sie auch nicht schlafen können, bitten wir sie einfach herzukommen, dann besprechen wir es noch einmal zusammen.“ Während sie sprach, hatte sie bereits den Telefonhörer genommen und leise die Telefonnummer gewählt.

„Hallo, schlaft ihr? Könnt nicht schlafen? Dann kommt doch kurz zu uns! Leise, stört nicht die Trainer...“

Zhou Junfen, Wen Meiling und Lin Hui schlichen leise durch den stillen Flur ins Schlafzimmer von Xiaolan und Xiaohua.

Die beiden Einzelbetten waren bereits zusammengeschoben. Die fünf chinesischen Mädchen lagen auf diesem „Doppelbett“, die Köpfe zusammengesteckt. Merkwürdigerweise waren alle fünf Mädchen 1957 geboren, gerade zwanzig Jahre alt. Xiaohua aus Shandong war Parteimitglied, die anderen vier waren damals Mitglieder des Kommunistischen Jugendverbands. Zwanzig Jahre alt, das Alter, in dem man gern schläft!

„Die koreanische Zuspielerin ist gut, aber wir sind größer, am Netz stärker als sie.“

„Sie haben uns in der ersten Jahreshälfte geschlagen, sind etwas übermütig; wir haben viel Wut im Bauch, wollen gewinnen, haben hohe Kampfmoral.“

„Von der Stärke her sind sie noch etwas stärker als wir. Aber wenn wir kämpfen, ist schwer zu sagen.“

Sie legten ihre eigenen und die Stärken und Schwächen des Gegners umfassend dar, ermahnten und ermutigten einander und erreichten schließlich eine ungeschriebene „geheime Vereinbarung“: Wenn sie verlieren, darf niemand weinen; wenn sie gewinnen, können sie nach Herzenslust weinen.

Sie redeten und plauderten, ohne es zu merken, war es schon nach 4 Uhr morgens. Erst da wurde ihnen bewusst, dass sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatten! In der Nacht vor dem Spiel war dies absolut nicht erlaubt. Wenn die Teamleitung und Trainer davon erführen, würde es sicher eine heftige Kritik geben.

Han Xiaohua war doch etwas reifer, hatte bereits daran gedacht. Sie sagte zu allen: „Falls es herauskommt, bin ich Kapitänin, ich mache die Selbstkritik.“

Xiaolan war ein sehr aufmerksames Mädchen. Sie sagte: „Die Besprechung war in unserem Zimmer, wenn wir Selbstkritik schreiben, schreiben wir beide zusammen.“

Die anderen drei Mädchen wurden unruhig und sagten: „Wenn Selbstkritik geschrieben wird, schreiben wir alle fünf zusammen.“

Xiaohua seufzte humorvoll: „Solange wir gewinnen, ist es im Herzen angenehm, Selbstkritik zu schreiben!“

In diesem Moment hatte die Sonne noch nicht die Morgendämmerung auf die Erde geworfen, sie konnten sich hinlegen und ein wenig schlafen. Xiaohua und Xiaolan ließen die Betten zusammen, schalteten die Tischlampe aus, lagen dicht beieinander, schlossen die Augen und schliefen tief ein. Obwohl bald darauf die Straße laut wurde, weckten die lärmenden, schrillen Geräusche sie nicht. Sie waren wirklich zu erschöpft. Lasst sie ruhig schlafen, wenn auch nur ein paar Minuten mehr.

Während sie tief schlafen, lasst uns einige Begebenheiten aus der Vergangenheit dieses Mädchens erzählen, das Tränen zurückhalten konnte...

Im Frühjahr 1970, im Taihang-Gebirge. Der Morgenstern strahlte kaltes silbernes Licht, Berge und Felder lagen im Mondlicht. Ein zwölf-, dreizehnjähriges, dünnes, großes Mädchen, mit grünem Schulranzen auf dem Rücken, ging ängstlich auf einem Bergpfad. Jeden Tag machte sie sich im Mondlicht vom Bergdorf auf, überquerte zwei kahle Berge, ging über zwanzig Li zu Fuß zur Grundschule der Kommune; abends ging sie wieder über zwanzig Li zu Fuß, badete in der Abenddämmerung, kehrte von der kleinen Kommunestadt ins abgelegene Bergdorf zurück. In jener Ära, in der „Lernen nutzlos“ war, gab es im Dorf außer ihr kein anderes Mädchen, das zur Schule ging. Es gab ein paar Jungen, die zur Schule gingen, aber sie gingen schnell, dieses Mädchen aus der Großstadt konnte nicht mithalten. Deshalb war sie morgens und abends immer allein unterwegs.

Es war eine Schneenacht im Winter, dichter Schnee bedeckte Berge und Felder. Nach der Schule stieg sie durch den aufgehäuften Schnee einen Berghang hinauf. Es war bereits dunkel, sie hob zufällig den Kopf und sah auf dem Berggrat zwei schwach leuchtende grüne Lichter. Was waren das für Lichter? In Sommernächten gab es in Bergen und Feldern fliegende Glühwürmchen, die blinkten, schwach grün leuchteten. An dichten Stellen konnten sie geradezu ein grünes Meer aus Lichtern bilden. Aber diese beiden blassgrünen Lichter waren viel größer als Glühwürmchen, außerdem war jetzt nicht Sommer! Die Dorfbewohner hatten ihr von Irrlichtern erzählt. Waren das wirklich Irrlichter? Aber sie glaubte nicht, dass es wirklich Geister gab, natürlich auch keine Irrlichter. Was waren das für Lichter? Sie ging noch ein paar Schritte den Schneehang hinauf, die beiden grünen Lichter starrten sie an, reglos, wirkten unheimlich und furchteinflößend. Das Herz des Stadtmädchens, das von klein auf bei der Oma in Shanghai aufgewachsen war, bebte, selbst sie hörte ihr Herz laut schlagen, ihre Füße konnten keine Schritte mehr machen, sie begann zu zittern. Sie erinnerte sich, die Dorfbewohner hatten gesagt, in diesen Bergen gab es Wölfe. Richtig, das mussten die beiden bösen Augen eines Wolfes sein!

Wölfe sind Tiere, die Menschen fressen! Im Kindergarten hatte sie schon von den Tanten Geschichten über den großen bösen Wolf gehört. Sie hätte nie gedacht, dass sie selbst in dieser schneeverwehten Winternacht, auf diesem wilden Berg, allein einem begegnen würde! Sie war fast vor Angst gelähmt, lehnte sich eng an den Berghang, wagte nicht zu atmen. Tastend versteckte sie sich in einer nahegelegenen Erdhöhle am Berghang, die Hirten als Schutz vor Wind und Regen nutzten.

Das war Zhou Xiaolan. Sie war mit ihren Eltern ins Bergdorf gezogen. Die Mutter war Ärztin, Absolventin der Medizinischen Hochschule Shanghai. Der Vater war Ingenieur. Beide hatten ursprünglich in einer Fabrik in Taiyuan gearbeitet, nun waren die „stinkenden Neunten“ nicht mehr gefragt, wurden aufs Land „geschickt“, um „von Grund auf neu geformt zu werden“. Aber diese beiden „Neunten“ hofften dennoch, dass ihre Tochter etwas Bildung erhielt, ließen sie mit schwerem Herzen jeden Tag vierzig, fünfzig Li Bergweg zur Schule laufen.

Der Schnee fiel weiterhin lautlos herab, und in den Bergen herrschte absolute Stille. Xiaolan kauerte sich in der Höhle zusammen, ohne zu wissen, wie viel Zeit vergangen war. Sie dachte bei sich, dass sie nicht ewig hier versteckt bleiben konnte, denn zu Hause würde man sich schreckliche Sorgen machen. Mutig streckte sie den Kopf hinaus und spähte nach draußen – dort sah sie nur tanzende Schneeflocken, die grün leuchtenden Augen waren verschwunden. Verdammter Wolf, bist du weggegangen oder versteckst du dich irgendwo? Sie wusste es nicht. Sie musste nach Hause, sonst würde ihre Mutter sich zu Tode sorgen. Sie schob ihren Körper aus der Höhle heraus und beobachtete noch eine ganze Weile sehr genau die Umgebung, doch es regte sich nichts. Zitternd bewegte sie sich vorwärts und ging den Hang hinauf. Anfangs ging sie langsam, dann beschleunigte sie ihre Schritte, und schließlich rannte sie durch den Schnee, wobei sie mal tief, mal flach einsank. Sie hörte hinter sich ein keuchendes Geräusch, als ob der Wolf sie verfolgen würde. In Wirklichkeit war es das Geräusch ihrer eigenen Füße, die durch den Schnee stapften! Aber in diesem Moment konnte sie das nicht unterscheiden und rannte nur, rannte und rannte, bis sie im Dorf ankam.

Schon von weitem sah sie das trübe gelbe Licht, das aus dem kleinen Lehmhaus schien, und hörte die Stimmen, die von drinnen herausdrangen... Sie rannte immer noch, außer Atem hastend. Sie stieß die Tür auf, brachte Schnee und eisige Kälte mit hinein und warf sich ihrer Mutter in die Arme. Sie konnte nicht anders, als zu weinen, so herzzerreißend und voller Kummer.

Es war bereits nach Mitternacht, schon nach zwölf.

„Xiaolan, was ist los?“ Die Mutter blickte ihre Tochter mit tiefer Sorge an.

Xiaolan verschwieg alles, was unterwegs geschehen war, und sagte schluchzend nur einen Satz: „Bei Schnee ist der Weg schwierig. Lass uns schlafen gehen, Mama, ich bin müde!“ Sie wusste, dass ihre Eltern sie nicht mehr zur Schule gehen lassen würden, wenn sie ihnen die Wahrheit erzählte.

Erst einige Tage später berichtete Xiaolan ihren Eltern wahrheitsgemäß von der gefährlichen Begegnung an jenem Abend. Allerdings sagte sie zu ihrer Mutter: „Die Dorfbewohner sagen, dass Wölfe Angst vor Schlägen auf die Beine haben. Wenn ich in Zukunft einen Stock mitnehme, brauche ich keine Angst mehr vor Wölfen zu haben...“

Der Winter ging, der Frühling kam, das Eis schmolz und die Bergblumen blühten. Xiaolan wanderte weiterhin allein auf den Bergpfaden, immer mit einem Holzstock in der Hand. Sie war mutiger geworden. Wenn sie wieder einem Wolf begegnen würde, würde sie tatsächlich mit ihm kämpfen. Aber seit jenem Abend hatte sie diese unheimlich schrecklichen grünen Wolfsaugen nie wieder gesehen. Vielleicht sind auch Wölfe so, dass sie die Schwachen unterdrücken und vor den Starken Angst haben – vielleicht wusste der Wolf, dass dieses Mädchen furchtloser geworden war und wagte es nicht mehr, sie leichtfertig anzugreifen. Später, als sie in die Provinzmannschaft von Shanxi aufgenommen wurde, bemerkten die Leute, dass sie außerordentlich mutig war, fast schon erschreckend mutig. Eines Abends besuchte sie ihre kranke Mutter, die in einem Krankenhaus in Taiyuan lag. Auf dem Rückweg vom Krankenhaus war sie ganz allein, doch vor ihr versperrten vier Rowdys den Weg. Die Rowdys winkten ihr zu und sagten grinsend irgendwelche zweideutigen Dinge: „Komm her! Komm her!“ Xiaoalns Herz klopfte zwar heftig, aber sie wirkte völlig ruhig und fragte laut: „Was wollt ihr eigentlich?“ Die Rowdys winkten wieder: „Komm her, komm her, wir wollen deine Größe vergleichen!“ Sie sagte kein Wort mehr und ging Schritt für Schritt schweigend weiter. Wahrscheinlich hatten diese Rowdys noch nie ein so mutiges Mädchen gesehen und waren einen Moment lang wie erstarrt. Xiaolan ging direkt auf sie zu, schob sie mit der Hand kräftig zur Seite, durchbrach plötzlich ihre Reihe und rannte schnell davon. Die Rowdys erwachten wie aus einem Traum und verfolgten sie. Sie rannte, ohne sich umzusehen, rannte und rannte, und dachte dabei: „Verfolgt mich nur, ich bin Sportlerin, könnt ihr mich überhaupt einholen?“ In diesem Moment kam ihr ein Bus entgegen, die Tür öffnete sich gerade, und sie sprang mit einem Satz hinein. Der Bus fuhr mit brummendem Motor davon und ließ diese schurkischen Gestalten weit hinter sich in der Dunkelheit zurück.

Die turbulenten Jahre, das harte Leben, die öde Bergwildnis hatten ihren einzigartigen Charakter geformt: still, introvertiert, aber auch stark und mutig. Als dieser Charakter mit der Ehre des Vaterlandes verschmolz, strahlte er sofort in glänzendem Licht. Der Tag brach an. Xiaolan und ihre Schwestern schliefen noch tief. Auf ihrem hübschen Gesicht zeigte sich ein Ausdruck unbeugsamer Entschlossenheit, als wolle sie den Menschen sagen: Wartet nur ab, ihr koreanischen Mädchen, heute Abend werden wir euch besiegen!


Das wieder entfachte Feuer der Hoffnung

Am Vormittag absolvierte die chinesische Mädchen-Volleyballmannschaft ihr Training vor dem Spiel. Der Wagen fuhr vom Hotel A ab, durchquerte die belebten Straßen und fuhr zum Sportstadion. Die chinesischen Mädchen hatten keine Lust, die überwältigende Stadtlandschaft des fremden Landes zu bewundern – einige ruhten mit geschlossenen Augen, andere dachten nach, und manche schliefen tatsächlich ein, nachdem sie die Augen geschlossen hatten.

Die Teamleiterin Que Yongwu wunderte sich unwillkürlich: „Warum sind sie so früh am Morgen schon schläfrig?“ Also fragte sie die Mädchen eindringlich.

Anfangs hüteten die Mädchen streng ihr „Geheimnis“, aber unter wiederholtem Nachfragen „gestand“ schließlich eine von ihnen. Die Atmosphäre im Wagen wurde sofort angespannt. Die Mädchen warteten mit unruhigem Herzen darauf, ausgeschimpft zu werden. Que Yongwu war eine etwa 45-jährige Frau mittleren Alters, nicht besonders groß, aber schlank und energisch. Sie blickte zu den beiden Trainerinnen Deng Ruoguan und Qu Peilan hinüber und tauschte stumme Blicke mit ihnen aus. Nach einer Weile lasen die aufmerksamen Mädchen aus den feinen Veränderungen in den Gesichtern und Augen der Teamleitung ihre Einschätzung ab: mehr Freude als Tadel.

Und tatsächlich begann Que Yongwu zu sprechen: „Den Mittagsschlaf müsst ihr heute aber richtig gut schlafen!“

Mittags schliefen die Mädchen sofort ein, kaum dass sie sich hingelegt hatten. Que Yongwu hingegen war wie aufgeputscht, ohne eine Spur von Müdigkeit. Ihre Gedanken wanderten zurück zu vor zehn Jahren, in die Blumenstadt Kanton.

Anfang 1967, auf der kleinen Insel Ersha im Perlflussdelta. Obwohl es mitten im Winter war, war die Insel immer noch mit üppigem Grün bedeckt, Bambus ragte empor, Bäume glänzten saftig grün, und Mailänder Jasmin verströmte seinen Duft... Que Yongwu saß in Sportkleidung auf einer Steinbank am Fluss und starrte verzweifelt auf das trübe Wasser des nach Osten fließenden Flusses, ihre Augen voller glitzernder Tränen. Vielleicht war dies das erste Mal, dass sie weinte, seit sie sich der Revolution angeschlossen hatte. Tränen, traurige Tränen, fielen in den Fluss. Die Mädchen der Nationalmannschaft standen daneben und beobachteten schweigend diese 36-jährige unverheiratete Trainerin, aus Angst, sie könnte plötzlich in den Fluss springen.

Eine Spielerin fragte sogar unbedarft: „Trainerin, werden Sie sich ertränken?“ Ertränken? So hoffnungslos war sie nicht. Aber sie fühlte sich tatsächlich beispiellos gekränkt und unsagbar traurig – man sollte sagen, zutiefst verzweifelt und wütend.

In wenigen Tagen sollte sie die chinesische Frauen-olleyballmannschaft zu den Weltmeisterschaften nach Japan führen. Nach dem damaligen Leistungsstand hätte die chinesische Mannschaft zu den Besten gehört. Doch gestern waren aus Peking zwölf goldene Befehle eingetroffen, die sie zwangen, sofort zurückzukehren und Rechenschaft abzulegen. Der Grund war nur einer: Sie gehörte zur „kaisertreuen Fraktion“ im Volleyballteam. Das war, als würde eiskaltes Wasser vom Himmel auf ihr feurig glühendes Herz geschüttet.

Im kritischen Moment vor dem Wettkampf musste die Trainerin Que, die Tag und Nacht mit ihnen zusammen gewesen war, sie verlassen, und die Volleyballmädchen waren wie ohne Seele, ratlos. Die Stammspielerinnen Dong Tianmei, Li Jieying und Han Cuiqing liefen ohne Rücksicht zum kleinen Gebäude, in dem die Trainerin wohnte, stießen die Tür auf und flehten: „Trainerin, Sie dürfen nicht gehen!...“

Que Yongwu blickte aus dem Fenster auf die mächtigen Bäume, Tränen brachen hervor, und ihr Herz schmerzte wie unter Messerstichen.

Dong Tianmei schluchzte: „Trainerin, nehmen Sie es nicht zu schwer, passen Sie auf sich auf...“ Mehr konnte sie nicht sagen. Einige Tage später erließ auch die „Kaiserin“ Jiang Qing ihr Dekret: Das Volleyballteam soll nicht ins Ausland reisen, sondern nach Peking zurückkehren, um an der „Kulturrevolution“ teilzunehmen! Für Que Yongwu war das ein tödlicher Schlag. Sollte der Beruf, für den sie ihr halbes Leben gekämpft hatte, für den sie bereit war, alles zu opfern, einfach so frühzeitig enden? Sollte die Karriere, der mehrere Generationen chinesischer Mädchen ihre Jugend gewidmet hatten, so einfach mittendrin aufgegeben und zunichtegemacht werden? Sie stand am Flussufer und stellte dem großen Fluss und dem Himmel schweigend diese Fragen. Aber sie erhielt keine Antwort. Sie war so verzweifelt, dass sie fast wahnsinnig wurde!

Der heftige Flusswind zerzauste ihr langes Haar; die rollenden Wellen wühlten das Meer ihrer Seele auf.

Mit achtzehn Jahren heirateten alle neun Mädchen, mit denen sie gemeinsam ihre Arbeit begonnen hatte, der Reihe nach. Auch sie wurde umworben, und die „Kupplerin“ war sogar eine ihrer direkten Vorgesetzten. Aber sie wollte nicht so früh heiraten und schickte, als die „Kupplerin“ auf Dienstreise war, das Foto des Mannes zurück und schrieb einen Brief mit einer Entschuldigung. In Wirklichkeit befand sie sich damals in einer „heißen Liebe“.

Ihr „Geliebter“ war der weiße große Volleyball.

In jenem Jahr nahm sie am Weltjugendfestival in der rumänischen Hauptstadt Bukarest teil. Obwohl die Chinesen überall von ausländischen Freunden willkommen geheißen wurden, hatte man den Hut des „kranken Mannes Ostasiens“ noch nicht abgelegt. Manche ausländischen Freunde kamen zum Quartier der chinesischen Sportler und wollten neugierig sehen, ob die chinesischen Mädchen „Lotusfüße“ hatten. Damals war das technische Niveau des chinesischen Sports noch sehr rückständig. Die chinesische Frauenmannschaft spielte gegen die bulgarische Frauenmannschaft: Im ersten Satz bekamen sie eine Null, im zweiten Satz zwei Punkte, im dritten Satz vier Punkte – in allen drei Sätzen zusammen nur sechs Punkte. Bei diesem Wettkampf gewann nur unsere berühmte Schwimmerin Mu Chengyu die Goldmedaille im 100-Meter-Rückenschwimmen und ließ zum ersten Mal in der internationalen Sportwelt die glänzende Fünf-Sterne-Flagge der Republik aufsteigen. Als sie die majestätische „Marsch der Freiwilligen“ hörte und die leuchtend rote Nationalflagge langsam aufsteigen sah, brach Que Yongwu in Tränen aus. In ihrem Herzen keimte ein starker Wunsch: sich dem Sport des Vaterlandes zu widmen und lebenslang für die Ehre des Vaterlandes zu kämpfen!

In den Anfangsjahren der Volksrepublik China gab es keinen einzigen anständigen Volleyballplatz. Sie markierten sich einen Bereich auf dem Fußballfeld des Tianjin Minyuan-Stadions als Trainingsgelände für Volleyball. Später bauten sie ein Schilfdach als Hallenpatz auf. Sie rollten und fielen auf dem Lehmboden, Schweiß vermischte sich mit Erde, und alle sahen aus wie Lehmäffchen. Sie kämpften drei Jahre lang unter solch harten Bedingungen, und als sie 1956 zu den Volleyball-Weltmeisterschaften nach Paris gingen, erzielten sie ausgezeichnete Ergebnisse und belegten den sechsten Platz.

Que Yongwu musste wegen starker Magensenkung aus der Reihe der Sportlerinnen ausscheiden, aber sie kämpfte weiter an der Volleyballfront. 1958 kehrte sie in ihre Heimatstadt Chengdu zurück und wurde Trainerin der Provinzfrauenmannschaft. Die Sichuan-Frauenmannschaft, die sie trainierte, besiegte mehrmals die Nationalmannschaft. Vizepremierminister He Long forderte sie persönlich auf, nach Peking zu kommen. 1963 war sie bereits 21 Jahre alt und hatte eine Liebesbeziehung mit einem Mann, der nicht wollte, dass sie wegging. Auch ihre betagte Mutter wünschte sich, dass ihre Tochter bei ihr blieb. Aber sie erklärte, solange die Führung der Meinung sei, dass sie für die Arbeit als Nationaltrainerin geeignet sei, würde sie sich den Anordnungen des Staates fügen.

Sie kam allein in die Hauptstadt. Der verliebte Freund schickte ihr alle ein bis zwei Tage einen Brief und drängte sie, zu heiraten. Ein Brief sagte ihr sogar geradeheraus: „Wenn du einverstanden bist, fliege ich morgen nach Peking, um zu heiraten.“

Heiraten? Nein, absolut nicht! Sie war gerade erst in Peking angekommen, und als Vizepremierminister He Long sie traf, nannte er sie liebevoll bei ihrem Spitznamen und ermahnte sie: „Äffchen, ich vertraue dir dieses Team an, du musst es gut führen!“ Im Moment hatte sie gerade ihre Position angetreten, die neuen Spielerinnen waren gerade erst aus dem ganzen Land zusammengekommen, und Tag und Nacht trainierte sie mit den Mädchen – wo hätte sie Zeit zum Heiraten gehabt! Das Team war ihre „Familie“. Ehrlich gesagt hatte sie nicht einmal Zeit, einen Brief zu schreiben! Nach reiflicher Überlegung musste sie diesem ungeduldigen Freund einen klaren Brief schreiben: „Wenn du mich liebst, dann warte auf mich, du musst einige Jahre warten. Wenn du warten kannst, dann warte; wenn du wirklich nicht warten kannst, dann ist es eben vorbei.“ Der Freund war ziemlich entschlossen und sagte, er könne nicht warten. Das war auch verständlich – welcher Mann über dreißig kann noch mehrere Jahre warten? So endete auch ihre zweite Liebesbeziehung.

Mit einem geliebten Menschen zu brechen, ohne dabei auch nur ein bisschen Schmerz zu empfinden, das wäre gelogen. Sie war doch auch ein Mädchen

aus Fleisch und Blut! Allerdings ließ die ununterbrochene Geschäftigkeit sie allmählich den Schmerz der gescheiterten Liebe vergessen. Kurz vor Ausbruch der „Kulturrevolution“ war Que Yongwu bereits eine 35-jährige alte Jungfer. In unserem Land mit seinen starken traditionellen Vorstellungen zog es immer noch verschiedenes Gerede nach sich, wenn man in diesem Alter noch nicht verheiratet war. Engagierte Kollegen suchten ihr bei der Nachrichtenagentur Xinhua einen aufrichtigen und ehrlichen Freund aus. Als Que Yongwu sich mit ihm traf, stellte sie selbstverständlich die alte Bedingung: Man müsse einige Jahre warten!

Wie viele Jahre? Nur der Himmel weiß es!

Die neckischen Spielerinnen fragten sie oft halb im Scherz aus: „Trainerin, wann können wir Ihre Hochzeitsbonbons essen?“ Sie antwortete immer: „Wenn ihr nicht die Meisterschaft gewinnt, braucht ihr nicht an meine Hochzeitsbonbons zu denken.“

Damals wurde die japanische Frauenmannschaft als „orientalische Hexen“ bezeichnet und dominierte die Volleyballwelt. Das Motto der chinesischen Frauenmannschaft lautete „Rache nehmen“ – und die Verfolgung aufzunehmen. Der Leistungsunterschied zwischen der chinesischen und der japanischen Frauenmannschaft war beträchtlich. Als die japanische Nationalmannschaft – das Yawata-Frauenteam – zu Besuch kam, gewann das chinesische Team nur zwei Sätze und befand sich in absoluter Unterlegenheit. Als Japans anderes starkes Team, die nationale Auswahlmannschaft, zu Besuch kam, wollte Vizepremierminister He Long unbedingt ein Spiel gewinnen.

„Wenn ihr sie besiegt, gebe ich einen aus.“ Er strich über seinen dichten kurzen Bart und lächelte. Zurück im Quartier sagte Que Yongwu halb im Scherz zu den Spielerinnen: „Wenn ihr dieses Spiel gewinnt, lade ich euch zu Hochzeitsbonbons ein.“

Wie durch ein Wunder kämpften die chinesischen Mädchen, obwohl sie sehr hart spielten und es schon nach einer Niederlage aussah, und wendeten schließlich tatsächlich das Blatt und gewannen das Spiel. Der Schweiß floss noch, als die Mädchen wie eine Schar zwitschernder Elstern die Trainerin umringten und unaufhörlich riefen: „Geben Sie uns Hochzeitsbonbons! Geben Sie uns Hochzeitsbonbons!“ Que Yongwu dachte an einen Satz, den Marschall He Long mit tiefer Sehnsucht gesagt hatte: „Wenn die drei großen Ballsportarten nicht aufholen, kann ich nicht in Frieden sterben.“ Sie lächelte und sagte aufrichtig: „Wartet, bis die Volleyball-Weltmeisterschaft vorbei ist...“ Die Mädchen wollten das nicht akzeptieren: „Die Trainerin hält ihr Wort nicht...“ Que Yongwu sagte ernst: „Ich halte es, dieses Mal halte ich es wirklich. Nach der Weltmeisterschaft werde ich heiraten...“

Im Winter 1965 lag der Weltrekord japanischer Volleyballspielerinnen für Hechtsprung-Rettungsbälle im Training bei über vierhundert. Wir wollten das übertreffen und fünfhundert schaffen. Das Objekt dieses Extremtrainings war die heutige Jugendtrainerin Qu Peilan.

Als Que Yongwu Qu Peilan die Aufgabe übertrug, sagte Qu Peilan nichts, sondern nickte nur heftig. Sie wusste, welch harte Prüfung auf sie wartete! Vor einigen Tagen hatte ihre Kameradin Yu Shuwen ein solches Training an der Pädagogischen Universität Peking absolviert, zweihundertfünfzig aufeinanderfolgende Hechtsprung-Rettungen, und als die Mädchen Xiaoyu in ihrem erbärmlichen Zustand sahen, weinten alle. Die Teamleiterin wagte es nicht, vor Ort zu weinen, und rannte immer wieder heimlich in den Ruheraum zum Weinen. Und dieses Mal sollte es doppelt so viele Hechtsprünge sein...

Das Training fand auf dem Sportplatz der 101. Mittelschule statt. Xiaoqu trat in brandneuer purpurroter Sportkleidung auf, voller Energie. Zwei männliche Trainer wechselten sich beim Schmettern ab – wenn einer müde wurde, übernahm der andere. Nach über hundert Hechtsprüngen wurde Xiaoqus rosige Gesichtsfarbe bleich, ihr ganzer Körper war von Schweiß und Schlamm bedeckt, sie lag keuchend am Boden und konnte nicht mehr aufstehen. Die Bälle prasselten aber weiterhin auf sie nieder. Die über tausend Lehrer und Schüler, die ringsum zuschauten, riefen im Chor: „Durchhalten! Durchhalten!“ Da kämpfte sie sich wieder hoch und warf sich unerbittlich den kommenden Bällen entgegen.

„Dreihundert...“ „Dreihundertfünfzig...“ Alle Lehrer und Schüler zählten gemeinsam laut mit.

Sie stürzte, kämpfte sich hoch, stürzte wieder, kämpfte sich wieder hoch. Die Bälle flogen einer nach dem anderen unaufhörlich

heran. In ihren Augen verschwand alles außer dem weißen Volleyball. In ihrem Herzen gab es nur einen Glauben:

„Japan übertreffen! Japan übertreffen! Selbst wenn ich auf dem Platz sterbe, muss ich Japan übertreffen!“ Die brandneue Sportkleidung war zerfetzt, die beiden dicken Lagen Knieschoner waren durchgescheuert und legten das blutig schimmernde rosafarbene Fleisch frei...

Die beiden männlichen Trainer konnten den Anblick nicht ertragen, ihre Hände wurden weich, sie wollten nicht mehr weiterschmettern. Que Yongwu ging weinend nach vorne, nahm den Ball aus der Hand des männlichen Trainers und schmetterte ihn mit aller Kraft zu Qu Peilan. Einen, zwei, drei... In ihrem Herzen hallte eine laute Stimme: „Japan übertreffen! Japan übertreffen!“ Mit dieser festen Überzeugung schmetterte sie die Bälle!

Auf dem weiten Sportplatz gab es außer Que Yongwus Schmettern, Qu Peilans Baggern und den schweren Aufprallgeräuschen nur noch das Weinen und Zählen der Lehrer und Schüler. Qu Peilan erhob sich auf wundersame Weise, rettete auf wundersame Weise die kommenden Bälle, stürzte auf wundersame Weise. „497!“ „498!“ „499!“ „500!“ Als hunderte zitternde, freudige Stimmen gemeinsam diese symbolische Siegeszahl ausriefen, lag Qu Peilan regungslos am Boden. Sie sah aus wie jemand, der aus schlammigem Wasser auftaucht, mit triefenden Haaren und ohne eine saubere Stelle am Körper. Sie wollte so gerne aufstehen und den Zuschauern winkend danken. Aber ihre Knie waren weich wie Schwämme und konnten sie nicht tragen. Auch ihre Hände gehorchten nicht, waren schwer und ließen sich nicht heben. Sie lag auf dem von ihrem eigenen Schweiß durchnässten Boden und lächelte. Obwohl das Lächeln mühsam war, war es das Lächeln einer Siegerin!

Natürlich mag dieses Extremtraining aus heutiger Sicht nicht unbedingt wissenschaftlich sein und ist vielleicht sogar fragwürdig. Aber der Geist und die Willenskraft jener Generation chinesischer Mädchen waren außerordentlich wertvoll und verdienen Lob. Gerade als die chinesischen Mädchen, die keine Mühe scheuten, auf dem Weg zum Aufholen des weltweiten Spitzenniveaus voranschritten, fegte ein Sturm großer Unruhen über China hinweg und verwandelte alle schönen Ideale in Seifenblasen.

Que Yongwu kehrte nach Peking zurück und saß allein in jenem kalten Nordzimmer. Sie sah nicht den vertrauten Volleyball, sah nicht die Spielerinnen, mit denen sie Tag und Nacht zusammen gewesen war; vor ihr auf dem Tisch lagen nur ein dicker Stapel weißer Blätter für Geständnisse und Selbstkritiken sowie eine alte Füllfeder. Ihr Schmerz erreichte den Höhepunkt. Als Sportlerin hatte sie so hart trainiert, dass sie sogar den Hechtsprung männlicher Sportler beherrschte. Als Trainerin hatte sie sich mit ganzem Herzen ihrer Karriere gewidmet und mehrmals ihre Liebe geopfert. Nun schwand ihre Jugend, Krähenfüße zeigten sich bereits an ihren Augenwinkeln... Was hatte sie verbrochen?

Die Volleyballmädchen standen vor einer Flut von Wandzeitungen und verstanden überhaupt nichts! Für das Vaterland Ehre zu erringen – war das nicht die erhabene, heilige Pflicht der Sportler? Wie konnte das zu „Schönfärberei des Revisionismus“ werden? Dennoch war das Feuer ihrer idealistischen Herzen nicht erloschen. Sie hofften, dass dieser Sturm schnell vorübergehen würde. Dann würde Trainerin Que sie wieder über die Meere zu Wettkämpfen führen. Deshalb versammelten sich die Mädchen in jenen Tagen jeden Tag zum Training. Bald wurde auch Que Yongwus Bewegungsfreiheit wiederhergestellt, und sie kam wieder zum Trainingsplatz, um die Mädchen anzuleiten, und zwar genauso ernsthaft und streng wie immer. Einige Spielerinnen fragten sie besorgt: „Trainerin, kritisieren die Leute Sie nicht als ‚weiblichen Faschisten’ und beschimpfen Sie als ‚Geisteraffen’?“ Que Yongwu antwortete: „Kritik ist Kritik, aber solange ihr mich braucht, komme ich zum Training.“

Wer hätte ahnen können, dass sie die Situation völlig falsch eingeschätzt hatten. Dieser Sturm dauerte ganze zehn Jahre. Sie verloren die Hoffnung, verliebten sich, heirateten und bekamen Kinder. Auch Que Yongwu vollzog im Alter von 36 Jahren mit dem geduldig wartenden Lao Chen die Ehe. Von da an verschwanden diese Volleyballstars von der chinesischen und internationalen Volleyballbühne.

Als dieser „beispiellose“ Sturm vorüber war und überall im Vaterland der Frühling blühte, stellten die Menschen fest, dass unser Vaterland am Rande des Zusammenbruchs stand. Die sportlichen Leistungen waren stark zurückgegangen, der Abstand zum weltweiten Spitzenniveau war enorm gewachsen. Die älteren Mitglieder der Nationalmannschaft waren willig, aber nicht mehr leistungsfähig. Einige alte Spielerinnen wie Dong Tianmei leisteten noch einen letzten Dienst und trainierten mit den jungen neuen Spielerinnen unter größter Anstrengung. Aber die Hoffnung konnte nur noch in der jungen Generation chinesischer Mädchen liegen...

Den ganzen Mittagsschlaf über ließ Que Yongwu so ihre Gedanken schweifen und erinnerte sich an die Vergangenheit. Am Nachmittag gab es eine Vorbereitungsbesprechung, um die Strategie für das Abendspiel zu besprechen. Sie wollte die Mädchen nicht tadeln, sondern loben. Denn sie sah, dass das Verantwortungsgefühl und das Ehrgefühl der älteren Generation chinesischer Sportler in der jungen Generation fortlebten. Und genau darin lag die Hoffnung für das Wiederaufstehen der chinesischen Mädchne-Volleyballmannschaft. Das in ihrem Herzen begrabene Feuer der Hoffnung war von den Mädchen wieder entfacht worden! In der Vorbereitungsbesprechung hörten die Mädchen keinen einzigen Vorwurf von der Teamleiterin, nur begeisternde Ermutigung!

Das Abendspiel war so intensiv! Kaum waren die Spielerinnen auf dem Feld, noch bevor das Spiel begonnen hatte, erreichte die Anfeuerungsschlacht auf den Zuschauerrängen bereits ihren Höhepunkt. Die koreanischen Landsleute schwenkten blitzende kleine Messingtrompeten, bliesen mit aufgeblähten Backen aus Leibeskräften; sie schwangen Klappern und schlugen klatschend darauf; und die chinesischen Landsleute feuerten ihre Mädchen mit heftigem Applaus an. Der chaotische Lärm auf dem Platz war ohrenbetäubend, sodass man selbst, wenn man direkt gegenüber stand, kaum etwas verstehen konnte.

Wer würde bei diesem Anblick nicht nervös werden! Die Herzen der chinesischen Mädchen schlugen heftig. Han Xiaohua hatte Angst, dass ihre Gefährtinnen nicht ruhig bleiben könnten, formte ihre Hände zu einem Trichter und rief laut: „Vergesst nicht, was wir gestern Abend gesagt haben. Ruhig bleiben, konzentriert spielen!“ Zhou Xiaolan blickte zu den Zuschauerrängen und ergänzte laut: „Egal wie sehr es auf den Rängen tobt, tun wir so, als ob nichts wäre.“ Zu Beginn des Spiels verloren die chinesischen Mädchen mit dem knappen Ergebnis von 13:15. Trompeten, Klappern, Rufe – alles verschmolz zu einem Lärm. Xiaolan ballte die Fäuste fest zusammen, beugte sich zum Ohr ihrer Partnerin und sagte: „Neuer Anfang! Es sind noch vier Sätze übrig, nicht aufgeben!“ Die folgenden Sätze waren wirklich hart umkämpft. Die chinesischen Mädchen gewannen die nächsten drei Sätze mit dem knappen Ergebnis von 17:15. 3:1, die chinesische Frauenmannschaft hatte endlich gesiegt! Freuden- und Rührungstränen strömten hervor. Die chinesischen Mädchen weinten, weinten wirklich herzlich. Die sechs Stammspielerinnen weinten, umarmten sich eng. Die Tränen wurden abgewischt, flossen aber wieder. Sie ließen sich nicht abwischen, nicht wegwischen! Also ließen sie sie einfach fließen! Die sechs Stammspielerinnen umarmten auch fest die Teamleitung und die Trainerinnen. Auch die Ersatzspielerinnen drängten sich heran, hoben sie mit aller Kraft hoch, drückten und quetschten sie schmerzhaft. Sie waren so glücklich, dass sie alles um sich herum vergaßen. Später weinten die anderen Mädchen nicht mehr, aber Zhou Xiaolan vergoss immer noch Tränen. Die Gefährtinnen fragten sie besorgt: „Was ist los mit dir, Xiaolan?“ Xiaolan sagte weinend: „In Hongkong habe ich doch nicht geweint, oder? Jetzt weine ich die Tränen des letzten halben Jahres nach!“

An diesem Abend saß Zhou Xiaolan am Schreibtisch des Hotels A und schrieb eine bewegende Tagebuchseite:

„3:1 gegen Korea gewonnen – das ist das erste Mal in der Geschichte des chinesischen Volleyballs. Wie können wir da nicht glücklich sein, nicht jubeln, nicht tanzen, nicht singen! Jetzt erst verstehe ich wirklich, was Glück bedeutet. Das ist das größte Glück! Wenn das Vaterland uns braucht und wir für das Vaterland und das Volk Ehre erringen können, das ist für uns Sportler das größte Glück, die größte Freude!“

Am nächsten Abend führte das chinesische Frauenteam im Finale gegen das japanische Frauenteam mit 2:0 – ein weiterer Satzgewinn, und sie würden auf dem Weltmeisterthron sitzen. Aber sie waren zu sehr auf „Rache“ fixiert und hatten sich mental nicht ausreichend auf den Weltmeistertitel vorbereitet. Als der Titel schon in Reichweite war, spielten sie verkrampft und verloren drei Sätze hintereinander, verwandelten den Sieg in eine Niederlage. Wie bedauerlich das war! Vielleicht würden sie lebenslang mit diesem Bedauern leben! Allerdings weinte nach dieser Niederlage kein einziges Mädchen. Als sie nach Mitternacht ins Hotel zurückkehrten, brannte in Xiaolans und Xiaohuas Zimmer die Tischlampe wieder bis zum Morgengrauen. Jede saß auf ihrem eigenen Bett, sie sahen sich schweigend an und packten stillschweigend ihre Sachen. Sie dachten beide daran, dass nach der Rückkehr die Jugendmannschaft aufgelöst würde und es wahrscheinlich keine Gelegenheit mehr geben würde, diese „Rache“ an Japan zu nehmen. Aber sie mussten sich merken: Wer auch immer später in die Nationalmannschaft kam, der muss diese „Rache“ nehmen! Das Licht in Que Yongwus Zimmer brannte ebenfalls bis zum Morgengrauen. Obwohl sie diesen letzten Fehler unendlich bedauerte, war ihre Stimmung dennoch aufgeregt. Sie schaltete die Tischlampe aus und zog die Jalousie hoch. Durch das große Glasfenster sah sie nach draußen – dort leuchtete der Himmel in prächtigem Morgenrot. Das Feuer der Hoffnung, das in ihrem Herzen wieder entfacht worden war, brannte wie dieses prächtige Morgenrot glühend und intensiv...


Taschentücher winken zur Hymne

Im selben Jahr, im Spätherbst, lag die dämmrige Abenddämmerung über der japanischen Handelsstadt Osaka. Der Luxusbus mit den chinesischen Volleyballspielerinnen fuhr langsam durch die schillernden Straßen. Die farbenfrohe Nachtlandschaft passte zur freudigen Stimmung der chinesischen Mädchen. An diesem Abend erreichte der Weltcup-Volleyball 1977 seinen letzten Höhepunkt – die Preisverleihung. Man muss sagen, dass die Leistung der chinesischen Frauenmannschaft Anlass zum Feiern gab. 1974 hatte die chinesische Frauenmannschaft bei der Weltmeisterschaft nur den 14. Platz belegt. Und dieses von Yuan Weimin im Juni 1976 aufgebaute Team hatte nach nur etwas mehr als einem Jahr Training bei seiner ersten internationalen Teilnahme den vierten Platz erreicht – das war das beste Ergebnis, das die chinesische Frauenmannschaft seit ihrer Gründung 1953 erzielt hatte. Und in den Vorrunden des Weltcups hatten sie sogar die „orientalischen Hexen“ des japanischen Teams besiegt. Die Inspiration und Ermutigung, die sie daraus zogen, waren vielleicht noch bedeutsamer als der vierte Platz selbst. Es schien, dass es bei entsprechender Anstrengung keinen unbesiegbaren Gegner auf der Welt gab!

Das große Mädchen am Fenster hieß Cao Huiying, die Kapitänin der chinesischen Frauenmannschaft. Äußerlich wirkte sie ruhig und elegant, auf ihrem mandelförmigen Gesicht lag stets ein leichtes Lächeln. Auf dem Spielfeld aber war sie durch und durch ein Mädchen, das „den Ball will, nicht das Leben“ – die Gefährtinnen nannten sie alle „Eisernes Mädchen“.

Und da ist der intensive Kampf zwischen dem chinesischen und dem koreanischen Team auch schon im Gange. Ein schwieriger Ball fliegt flach an Cao Huiying vorbei. Sie wirft sich darauf. Der Ball wird gerettet, aber sie liegt auf dem Boden, ihr linker Oberschenkelmuskel ist gezerrt und schmerzt wie ein Riss. Sie drückt mit der Hand fest auf die verletzte Stelle, der Schmerz lässt Schweiß auf ihrer Stirn austreten. Der ohnehin schon voreingenommene Schiedsrichter sieht, dass die Hauptspielerin des chinesischen Teams am Boden liegt und nicht aufstehen kann, und zeigt ungeduldig an, dass Cao Huiying das Feld verlassen soll. Cao Huiying erblickt den schadenfroh wirkenden Gesichtsausdruck des Schiedsrichters, die Wut steigt in ihr auf, sie springt plötzlich auf, reißt die Augen auf und spielt trotz stechender Schmerzen weiter. Diesen Satz verlor das chinesische Team zwar mit zwei Punkten Unterschied, aber der mutige und hartnäckige Geist der chinesischen Kapitänin gewann die Herzen aller Zuschauer. „Nummer drei!“ „Cao Huiying!“ Die Zuschauer drückten mit Jubelrufen, mit Applaus, auf ihre je eigene Weise ihre Hochachtung aus.

Als sie vom Platz kam, schmerzte es bei jeder Beinbewegung wie Messerstiche, an der verletzten Stelle erschienen purpurrote Blutergüsse. Und am nächsten Tag hatte das chinesische Team noch ein hartes Spiel gegen die Weltklassemannschaft aus Kuba. Ausländische Reporter diskutierten lebhaft. Einige prognostizierten, dass sich das Kräftegleichgewicht verschieben würde, wenn Chinas Nummer drei nicht antreten würde, und das Schicksal des chinesischen Teams sei ungewiss. Doch am nächsten Tag, als die silberne Pfeife ertönte, führte Cao Huiying voller Energie ihre Schwestern aufs Feld – das überraschte nicht nur viele Reporter und Zuschauer, sondern setzte auch das kubanische Frauenteam psychologisch unter Druck. Ihre Schmetterungen waren immer noch so kraftvoll und heftig, ihre Ballrettungen immer noch so selbstlos – man konnte kaum sehen, dass sie verletzt war. Tatsächlich war ihre Verletzung ernst; vor dem Spiel hatte sie eine Betäubungsspritze bekommen und mehrere dicke Lagen Bandagen um das verletzte Bein gewickelt. Sie war eine verwundete, aber unermüdlich kämpfende tapfere Kriegerin! Das chinesische Team besiegte schließlich Kuba mit 3:2.

In diesem Moment sang dieses Mädchen aus einem Dorf in Hebei, das seit Kindesbeinen gerne sang, innerlich ein fröhliches Lied. Heute war ein glänzender Tag in ihrer sportlichen Laufbahn – die Versammlung verlieh ihr drei Preise: den Netzblockpreis, den Kampfgeistpreis und den Preis für die beste Sportlerin.

Plötzlich lachte sie laut auf. Allerdings nicht, weil sie allein drei Preise bekommen hatte. Sie dachte an eine Begebenheit, eine recht amüsante Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als sie noch keine sechzehn war, war sie bereits 1,77 m groß, und im Dorf zogen jedes Mal, wenn sie Verwandte besuchte oder zum Markt ging, die neugierigen Blicke der Dorfbewohner auf sich. Ihr ehrlicher und aufrichtiger Vater machte sich Sorgen und dachte: Ein Mädchen mit langen Händen und großen Füßen – wenn sie so weiterwächst, was soll dann werden! Nach langem Überlegen kam er auf eine altmodische Methode: Füßebinden!

„Füßebinden?“ Als Cao Huiying das hörte, krümmte sie sich vor Lachen. Ein großes, hochgewachsenes Mädchen mit einem Paar „Lotusfüßen“ – was für eine absurde Gestalt wäre das denn! Sie sagte ihrem Vater vorwurfsvoll: „Du denkst auch nicht nach, in welcher Zeit wir leben – so etwas gibt es doch nicht mehr!“

Später besuchte ihre Mutter ihre Schwester in Peking. Die Schwester fragte: „Wie groß ist die Kleine jetzt?“ Die Mutter sagte: „Rede nicht von ihr, sie ist schrecklich groß, man wünschte, sie könnte in ein Loch steigen.“ Dann seufzte sie noch: „So ein großes Mädchen, und sie kann nicht ordentlich gehen, beim Gehen macht sie einfach einen Spagat...“ Der Schwager war erfreut, als er das hörte: „Warum lässt du sie nicht Sport treiben?“ Er kannte einen Trainer an der Sporthochschule und schrieb einen Empfehlungsbrief.

So kam Cao Huiying ins Jugendtrainingsteam der Sporthochschule für Volleyball. Die Volleyballgruppe des Jugendtrainings hatte bereits acht Monate zuvor mit dem Training begonnen, und Xiaocao hatte zuvor noch nie einen Volleyball berührt. Aber ihr lebhafter, aufrichtiger und mutiger Charakter ließ sie sich sofort in den Volleyball verlieben. Keine zwei Monate nach ihrem Eintritt spielte sie bereits als Stammspielerin. Später spielte sie auch bei der Bayi-Frauenmannschaft als Stammspielerin. Als 1976 die Nationalmannschaft neu aufgebaut wurde, wurde sie von Yuan Weimin ausgewählt und als Stammspielerin aufgenommen. Sie hatte wirklich einen steilen Aufstieg.

Ach Vater, wie gut, dass wir damals nicht auf dich gehört haben, sonst hätte man mit „Lotusfüßen“ nicht spielen und dem Land keine Ehre machen können! Sie blickte auf ihre großen Füße und war unbeschreiblich zufrieden damit.

Yang Xi, die vor Cao Huiying saß, war Xiaocaos Klassenkameradin im Jugendtrainingsteam der Pekinger Sporthochschule. Sie stammte aus einer Beamtenfamilie und hatte seit ihrer Kindheit eine gute Erziehung genossen. Sie hatte eine hochgewachsene Figur, und sowohl die Trainer der Provinzmannschaft als auch der Sporthochschule hatten ein Auge auf sie geworfen und wollten, dass sie spielte. Die Mutter zögerte ein wenig, denn obwohl Yang Xi groß war, war sie schmächtig, und man befürchtete, sie könne diese Härte nicht ertragen. Der Vater war aufgeschlossener und sagte: „Alle sagen, sie hat das Zeug zur Sportlerin, dann lass sie doch gehen!“

Kaum war sie in der Volleyballgruppe angekommen, fragte sie naiv andere: „Was ist das Härteste im Training?“ Man sagte ihr, Langstreckenlauf sei am härtesten. Sie dachte: „Gut, dann trainiere ich das.“

Anfangs wurde ihr Gesicht nach einer Runde auf der vierhundert Meter langen Bahn blass, sie bekam keine Luft, ihr wurde schwindelig. Aber sie hielt durch und fügte jede Woche eine Runde hinzu. Sonntags, wenn andere lange schliefen, stand sie früh auf und lief auf dem Sportplatz. Schließlich konnte sie siebzehn Runden am Stück laufen. Sie durchlief wie Cao Huiying den Weg vom Jugendtraining zur Bayi-Mannschaft und wurde dann in die Nationalmannschaft berufen. Ihr Spiel wurde immer besser, und die Zuschauerzahlen stiegen. Wer sagt, dass sich niemand Volleyball anschaut? In Japan entstand eine „Yang-Xi-Begeisterung“, Zehntausende verehrten sie. Während der Spiele, sobald sie zum Aufschlag herauskam, ertönten rhythmische Rufe auf dem Platz: „Yang-Xi! Yang-Xi!“ Sobald sie einen guten Ball schmetterte, brach donnernder Jubel und Applaus aus. Wenn sie sich auf der Straße oder im Hotel zeigte, ertönten ringsum die Rufe: „Yang-Xi! Yang-Xi!“ Die Menschen drängten sich heran, um ihr die Hand zu schütteln. Wer ihre Hand nicht erreichen konnte, war schon zufrieden, wenn er sie nur einmal berühren konnte. Autogrammkarten wurden ihr scharenweise überreicht. Sie selbst konnte nicht mehr zählen, wie viele hundert oder tausend Namen sie geschrieben hatte. Manche japanischen Jugendlichen drängten sich zu ihr, reichten ihr einen dicken Filzstift, zeigten dann auf ihre Brust und wollten, dass sie auf ihre brandneue Kleidung ein Autogramm schrieb, was sie völlig verwirrte. Und diese japanischen Jugendlichen zogen dann einfach ihre Hand heran und ließen sie auf die Kleidung schreiben. Sie konnte auch nicht mehr zählen, wie viele begeisterte japanische Jugendliche mit ihrer Unterschrift auf der Kleidung lachend davonrannten. Noch berührender war, dass zwei kleine japanische Mädchen, begleitet von ihrer Mutter, aus mehreren hundert Kilometern Entfernung nach Osaka kamen, nur um ein Autogramm dieses chinesischen Mädchens zu erbitten. Noch viele andere Fans, die diese chinesische Volleyballspielerin nicht persönlich treffen konnten, schickten über Umwege Tonbänder mit Lob und Segenswünschen für Yang Xi, auch verliebte Werbetonbänder... Man hörte, dass in Japan sogar ein „Yang-Xi-Empfangskomitee“ mit fünfzig Mitgliedern gegründet wurde. Die Briefe aus ganz Japan füllten einen großen Sack.

Warum entstand in Japan diese „Yang-Xi-Begeisterung“? Yuan Weimin hatte einmal einen Reporter einer japanischen Zeitung danach gefragt. Es gab vier Gründe: Erstens war Yang Xi Angreiferin, schmetterte kraftvoll und spielte schön; zweitens hatte Yang Xi einen guten Spielstil, war elegant, und egal ob sie gewann oder verlor, lächelte sie immer; drittens bedeutete Yang Xis Name auf Japanisch „beliebt sein“ und klang gut; viertens ähnelte Yang Xis Aussehen stark der japanischen Filmschauspielerin Momoe Yamaguchi aus dem Film „Zekkyo“.

Die Verehrer folgten ihr fast überallhin. Wenn die chinesische Frauenmannschaft in Tokio spielte, strömten sie nach Tokio; wenn sie in Osaka spielte, versammelten sie sich in Osaka.

In diesem Moment fuhren neben ihrem Wagen ihre Verehrer dicht auf. Sobald der Wagen an einer roten Ampel hielt, streckten diese Fans ihre Köpfe aus verschiedenen Autos, riefen ihr zu und winkten ihr grüßend zu.

Als Sportlerin – wer würde sich nicht ein eigenes Publikum und Verehrer wünschen? Man muss sagen, Yang Xi war glücklich.

Als die chinesischen Mädchen die große Halle des Sportstadions betraten, war der Platz bereits von Tausenden von Autos verstopft. Japanische Damen in prächtigen Kimonos standen bereits anmutig am Eingang. Die Preisverleihungszeremonie würde gleich beginnen.

Die Siegerehrung sollte eigentlich ein bewegender, freudiger Moment sein. Doch für die Mädchen der chinesischen Frauenvolleyballmannschaft wurde sie zu einer gewaltigen Demütigung. Die Ersten, Zweiten und Dritten standen auf dem eigens angefertigten, hohen Siegerpodest, während die chinesischen Mädchen nur am Rand auf dem Hallenboden stehen durften. Während die japanische Nationalhymne erklang, stiegen langsam die Sonnenflagge und die Flaggen der Zweit- und Drittplatzierten an den Fahnenmasten empor. Die japanischen Spielerinnen und die ausländischen Spielerinnen der zweiten und dritten Plätze hielten ihre Pokale hoch und grüßten das Publikum. Was aber hatten die chinesischen Mädchen in ihren Händen? Jede hatte ein gelbes Taschentuch bekommen, und laut Vorschrift mussten sie diese gelben Taschentücher unablässig schwenken, um den Siegerinnen zu gratulieren.

Die chinesischen Mädchen stürzten vom Gipfel ihrer Freude, die sie noch auf dem Weg hierher empfunden hatten, in die Tiefe. Wenn es einen Spalt im Boden gegeben hätte, hätten sie sich am liebsten sofort hineinverkrochen. Die zarten, wolkengleichen gelben Taschentücher waren so schwer, dass sie die Arme der Mädchen nicht mehr heben konnten. Die beiden großen Schriftzeichen „China“ auf ihren Trikots und das glänzende Staatswappen wurden zu zwei Feuerbällen, die ihren ganzen Körper zum Brennen brachten und ihre Gesichter glühen ließen. Früher hatten sie oft den Satz gehört: „Ihr geht als Vertreterinnen des Vaterlandes und des Volkes hinaus.“ Doch sie hatten das nicht tief empfunden. Erst jetzt erkannten sie wirklich, dass sie tatsächlich nicht nur ein paar gewöhnliche Volleyballspielerinnen waren, sondern eine Gruppe chinesischer Mädchen, Vertreterinnen des chinesischen Volkes. Sie spürten tief, dass ihre derzeitigen Leistungen der Position ihres Vaterlandes in keiner Weise entsprachen. Chinesen sollten nicht auf dem Hallenboden stehen müssen, sondern auf dem hohen Siegerpodest. Was langsam emporsteigen sollte, war unsere leuchtende Fünf-Sterne-Rote-Fahne, und was durch die Halle klingen sollte, war unsere majestätische Nationalhymne.

Nun sollte Cao Huiying ihren Preis entgegennehmen, doch sie stand immer noch versunken da. Ihre Kameradinnen stießen sie an, erst dann setzte sie sich in Bewegung. Ihre Freude war längst verflogen, sie wollte diesen Preis eigentlich nicht entgegennehmen. Sie dachte bei sich: „Selbst wenn ich hundert persönliche Preise bekomme, wiegen sie doch nicht einen Mannschaftspokal auf!“

Und Yang Xi? Sie hätte am liebsten sofort diesen Ort verlassen, nein, Japan verlassen und in die Heimat zurückkehren wollen. Noch so hartes Training, sie würde es gerne auf sich nehmen!

Die Siegerehrung dauerte tatsächlich nur kurze zwanzig Minuten, doch die chinesischen Mädchen fühlten sich, als hätten sie dort ein langes Jahrhundert gestanden. Sie wussten nicht, wie sie in den Ruheraum zurückgekehrt waren. Schweigend versammelten sie sich, niemand weinte, niemand sprach, die Luft im Raum schien erstarrt. Plötzlich brach aus der Stille ein tiefer, tragischer Gesang hervor:

„Keine Tränen, keine Trauer...“

Dieser Gesang aus „Die Rotgardisten vom Honghu-See“ wiederholte sich immer wieder. Obwohl niemand dirigierte, sangen sie so gleichmäßig; obwohl keine von ihnen eine echte Sängerin war, sangen sie so ergreifend. Diesen zu Tränen rührenden Gesang hätte man in einem Konzert kaum hören können.

Im Gesang nahm ein älterer Herr mit graumeliertem Haar langsam seine Brille ab, wandte sich um und verließ eilig den Ruheraum. Es war Huang Zhong, Leiter der chinesischen Volleyball-Delegation und stellvertretender Direktor der Staatlichen Sportkommission. Er sagte später, wenn er noch einen Moment länger geblieben wäre, hätten ihm die Tränen über die Wangen gelaufen.

Die Mädchen sangen dieses tragische Lied, als sie die Sporthalle verließen und in den Bus stiegen; sie sangen dieses tragische Lied, als sie durch die belebten Straßen fuhren, bis sie die Stufen zum Hotel hinaufstiegen...

Als die Mädchen im Flugzeug über dem weiten Pazifik schwebten, unter dem endlosen blauen Himmel ihres Vaterlandes, sangen sie in ihren Herzen immer noch dieses tragische Lied. In diesem Gesang verdichtete sich ihr erhabener Geist, sich für die Ehre des Vaterlandes zu opfern, verdichtete sich ihr Mut und ihre Kraft, weiter zum Weltgipfel des Volleyballsports aufzusteigen.


Wundermittel

Pekinger Frühlingsabend. Außerhalb des Chongwenmen, vor der Tür der Taiyanggong-Sporthalle, blühten die Forsythienbüsche in voller Pracht.

Die von den kleinen gelben Blüten niedergebogenen Zweige streckten sich wetteifernd nach vorne, als wollten sie jederzeit bereit sein, die aus der Halle kommenden Volleyballspielerinnen zu empfangen.

Die Abenddämmerung verdichtete sich allmählich, bald wurde es dunkel. In der Halle brannten die Lichter hell, die Mädchen hatten gerade ihr Training beendet, ihre schweißdurchtränkten Hemden klebten eng an ihren kräftigen Körpern. Weiße Volleybälle waren überall verstreut, die Mädchen bückten sich, um sie aufzusammeln. „Wer möchte noch etwas zusätzlich trainieren?“, rief Trainer Yuan Weimin den erschöpften Mädchen laut zu. „Ich trainiere noch etwas!“, hob ein flinkes, zierliches Mädchen den Kopf und antwortete als Erste. Sie hielt etwa zehn Volleybälle in den Armen, sah aus wie eine Artistin. Sie hieß Chen Zhaodi, lebte am Westsee, ein typisches Mädchen aus Hangzhou, war Klassenkameradin von Cao Huiying und Yang Xi im Jugendtrainingsteam der Pekinger Sportakademie und später ihre Mannschaftskameradin bei der Frauen-Volleyballmannschaft der Achten Route-Armee. Wenn man ihr auf der Straße begegnet wäre, hätte man wahrscheinlich nicht erkannt, dass sie eine Volleyballspielerin war. Doch wenn man genauer hinsah, verbarg sich in ihrer südchinesischen Zierlichkeit eine gewisse Wildheit. Das war die echte Persönlichkeit einer Sportlerin! Chen Zhaodi legte den großen Armvoll Bälle in den aus dickem Eisendraht geschweißten Korb, ging zu Yuan Weimin und sagte mit festem Blick: „Los, trainieren wir!“

Yuan Weimin griff mit den fünf Fingern seiner rechten Hand einen Ball aus dem Korb und warf ihn ihr überraschend zu. Zhaodi wich flink ein paar Schritte zurück und baggerte den Ball stabil. Noch bevor sie fest stand, flog mit einem Knall der Ball aus der Hand des Trainers zu ihrer Linken, sie sprang schräg darauf zu. Sie baggerte den Ball, stürzte aber zu Boden, rollte sich ab und stand wieder auf.

Ihre zusätzliche Trainingsaufgabe war es, fünfzehn Bälle zu retten. Wenn sie einen Ball verfehlte, zählte das als Minusball. Sie stürzte sich verzweifelt auf die Bälle, rollte sich ab, stürzte sich wieder. Allmählich wurden ihre Beine schwer, ihr Gesicht blass. Doch sie rannte, rollte sich ab, stürzte sich weiter rücksichtslos vorwärts. Als sie den neunten Ball rettete, fiel sie zu Boden und konnte nicht mehr aufstehen.

Yuan Weimin hörte jedoch keineswegs auf, Bälle zu werfen. Er warf die Bälle hart hinüber und rief dabei laut: „Schnell! Steh auf!“

Zhaodi lag auf dem Boden und rang nach Luft, sah die Bälle neben sich, über ihrem Kopf vorbeifliegen. Nicht dass sie sie nicht retten wollte, sie war einfach zu erschöpft, selbst wenn sie aufstand, konnte sie die tückischen Bälle nicht mehr erreichen. Sie hatte schon zwei Minusbälle. Eigentlich hatte sie selbst um das Zusatztraining gebeten, warum konnte sie nicht einfach eine Weile durchhalten? Wer hätte gedacht, dass die Intensität so hoch, der Schwierigkeitsgrad so groß sein würde. Zhaodi begann innerlich zu murren: „Trainer Yuan, du bist wirklich zu hart.“

Trainer Yuan blieb jedoch gelassen. Er warf weiter und zählte ruhig: „Minus drei! Minus vier!“...

Auch Zhaodi wurde wütend, ihre Sturheit stieg auf, sie dachte: „Wirf nur! Wirf nur! Wirf!“ Sie sprang vom Boden auf, schrie zornig: „Ich trainiere nicht mehr!“ Sie ging zur Seite, nahm ihre Kleidung und ging geradewegs zur Tür.

Yuan Weimin war auch ein interessanter Mensch. Er wurde nicht wütend, brüllte auch nicht laut, sagte nur gelassen: „Trainieren wollen, dann trainieren, nicht trainieren wollen, dann nicht trainieren - das geht nicht. Wenn du heute nicht fertig wirst, fangen wir morgen an, mit dir zu trainieren.“ Zhaodi war erst ein paar Schritte gegangen, als sie sich plötzlich umdrehte, schnell zu Yuan Weimin zurückging, ihre Kleidung auf den Boden warf und ärgerlich sagte: „Dann trainieren wir eben!“

Bitte missversteht nicht, Zhaodi war kein Mädchen, das keine Mühen ertragen konnte. Sie war von Natur aus ehrgeizig, wollte nie zurückstehen. Als sie im Jugendtrainingsteam war, hatte sie sich einmal den Knöchel verstaucht und konnte nicht laufen, vom Wohnheim zum Trainingsraum war es ein ziemlich langer Weg, und es hatte gerade geschneit, doch sie stützte sich auf Krücken und humpelte mühsam vorwärts. Als sie im Trainingsraum ankam, hatten sich an ihren Händen von den Krücken viele purpurrote Blasen gebildet. Ein Arbeiter der Halle war davon so bewegt, dass er extra eine dicke Schaumstoffschicht um ihre Krücken wickelte. Eine Zeit lang hatte sie jeden Tag Blut im Urin, der Arzt vermutete eine Nierenentzündung und verbot ihr, Salz zu essen. Sie suchte selbst überall nach Fachliteratur und fand heraus, dass es von Überanstrengung kam, und sagte zum Arzt: „Macht nichts, ich achte einfach darauf.“ Sie bestand weiterhin auf hartem Training. Ihre Rückenverletzung war ziemlich schwer, manchmal konnte sie sich nach einem Spiel kaum noch gerade richten, als wäre ihr Rücken gebrochen. Ein Arzt war sogar dagegen, dass sie weiterspielte, sagte, es könne zu Lähmung führen. Sie bat den Arzt unter Tränen: „Auf diesem Niveau aufzuhören, ohne einen Beitrag für das Land geleistet zu haben, damit kann ich mich nicht abfinden!“ Sie ließ sich vom Arzt behandeln und trainierte gleichzeitig mit enormer Willenskraft weiter, verlängerte so ihre sportliche Laufbahn.

All das wusste Yuan Weimin genau. Dass sie ihm widersprach, ihn anschrie, nahm er ihr nicht übel. Ehrlich gesagt, er mochte Zhaodis temperamentvolle Persönlichkeit sehr. Im Wettkampf konnte sie wirklich kämpfen, durchhalten. Er sagte oft: „Eine Mannschaft mit zwölf Spielerinnen sollte jede ihre eigene Persönlichkeit haben, dann ist das Spiel lebendig. Wenn man ihnen die Ecken und Kanten ihrer Persönlichkeit abschleift, hat die Mannschaft keine Hoffnung mehr.“ Doch in diesem Moment warf er ihr nur einen strengen Blick zu und fragte leise: „Fangen wir an?“

Zhaodi ging zur Erste-Hilfe-Box, riss ein paar Streifen Klebeband ab und wickelte sie um ihre Fingerspitzen. Ohne das Klebeband waren die aufgerissenen Stellen an ihren Fingerspitzen unerträglich schmerzhaft. Seit sie Volleyball spielte, hätte man aus dem Klebeband, das sie verbraucht hatte, mindestens ein ganzes Kleidungsstück nähen können. Sie wickelte das Klebeband fertig, ging zurück aufs Spielfeld, beugte sich nach vorne und signalisierte: „Los, trainieren wir!“

Yuan Weimin warf einen Ball nach dem anderen, schmetterte sie. Zhaodi stürzte sich rücksichtslos auf die fliegenden Bälle, rollte sich ab. Mit Mühe holte sie die Minusbälle auf. Neun, sie hatte immer noch nur neun Bälle gerettet! Bis zu fünfzehn fehlten noch sechs! Offensichtlich waren Zhaodis Bewegungen langsamer geworden. Schließlich fiel sie wieder hin und konnte nicht mehr aufstehen.

Die Mädchen, die an der Seite Bälle zuspielten, zögerten und hörten auf. Yuan Weimin starrte sie an und rief: „Bälle!“ Er warf weiterhin ruhig Bälle und rief der am Boden liegenden Zhaodi zu: „Ball! Hey, sieh den Ball!“

Einen, zwei, sie hatte wieder mehrere Minusbälle. Sie fühlte sich voller Ungerechtigkeit, stand auf, sah den Trainer nicht an, nahm ihre Kleidung und ging wieder direkt zur Tür. Sie konnte es wirklich nicht mehr ertragen, auf der Welt gab es doch keinen so herzlosen Trainer! Wenn es wirklich ein eisernes Herz gab, dann war seines härter als Eisen. Bei diesem Gedanken stiegen ihr Tränen in die Augen und fielen auf den glänzenden, senfgelben Hartholzboden.

„Du kannst gehen, aber ich sage es nochmal, morgen früh trainieren wir mit dir!“ Hinter ihr erklang wieder Yuan Weimins ruhige, weder weiche noch harte Stimme. Normalerweise klang Yuan Weimins mit Suzhou-Dialekt durchsetztes Mandarin für das Hangzhou-Mädchen so vertraut und angenehm, manchmal neckte sie ihn sogar mit ein paar melodischen Suzhou-Dialektsätzen. Doch jetzt war seine Stimme nicht vertraut, nicht angenehm, sondern so kalt und schrill, jedes Wort schien aus einem Eiskeller zu kommen.

Sie ging weiter. Doch ihre Schritte wurden offensichtlich langsamer, Schritt für Schritt zögerlicher. Als sie fast an der Tür war, blieb sie stehen. Ihr von extremer Erschöpfung und Ungerechtigkeit erhitzter Kopf begann sich zu beruhigen, die Vernunft kehrte in ihr Herz zurück. Sie stand wie ein Holzblock festgenagelt da, ohne sich zu bewegen.

Auch Yuan Weimin stand am ursprünglichen Platz ohne sich zu rühren, sein Blick auf das eigensinnige Mädchen gerichtet, er stand wie eine Steinskulptur da, hielt noch einen Ball in der Hand, bereit, ihn jederzeit zu werfen.

Die Mädchen warfen ihm besorgte Blicke zu. Hassten sie ihn? Sie hassten ihn! Manchmal hätten sie ihn am liebsten gebissen. Doch wenn sie später zur Ruhe kamen und nachdachten, fanden sie, dass er so sein musste. Wie sonst sollten sie die weltbesten Mannschaften überholen, wie sonst für das Vaterland Ehre erringen?

1978 war wirklich ein Unglücksjahr für die chinesische Mädchen-Volleyballmannschaft! Kurz nach der Rückkehr aus Japan verletzte sich Mannschaftskapitänin Cao Huiying bei einem internationalen Wettkampf schwer, ein Meniskusriss, sie kam ins Krankenhaus. Die Beinverletzung war noch nicht geheilt, da wurde eine Lungenerkrankung entdeckt, sie wurde ins Tuberkulose-Krankenhaus verlegt. Auf einer Auslandsreise ereignete sich ein Autounfall, mehrere Mädchen wurden verletzt. Noch schlimmer war, dass sie in diesem Jahr bei der Volleyball-Weltmeisterschaft in der Sowjetunion nicht einmal den vierten Platz halten konnten, sondern nur Sechste wurden. Doch sie gaben nicht auf, klagten weder Himmel noch Erde an, verloren auch nicht den Mut. Sie führten eine ernsthafte technische und mentale Auswertung durch.

Sie verstanden: Aus Asien auszubrechen war nicht leicht, zur Weltspitze vorzudringen noch schwieriger. Der Aufstieg der chinesischen Mädchen-Volleyballmannschaft konnte nicht auf Glück beruhen, nur auf hartem und klugen Training!

Als sie auf Zhaodis schweißnassen Rücken blickten, waren die Gefühle der Mädchen sehr gemischt. Sie fühlten tief mit ihr, fürchteten aber auch, dass diese eigensinnige Schwester wirklich ihr Spielfeld verlassen würde. Zwei Mädchen hielten es nicht mehr aus, machten einen Schritt auf Zhaodi zu...

Gerade in diesem Moment machte auch Zhaodi einen Schritt. Doch sie lief nicht weiter, um „bei Rot zu gehen“, sondern drehte sich um, mit so entschlossenem Schritt, so energischer Bewegung kam sie zurück aufs Spielfeld. Was sie zurückkam zu tun, brauchte man nicht zu fragen. Das Zusatztraining ging weiter. Ob es daran lag, dass sie eine Weile verschnauft hatte, oder dass eine wilde Entschlossenheit in ihr aufstieg - Zhaodi trainierte völlig selbstvergessen. Als Yuan Weimin sah, wie sie sich so rücksichtslos auf die Bälle stürzte, sagte er lächelnd: „Zhaodi, wir können ein paar erlassen!“ Zhaodi starrte ihn mit tränenden Augen an und sagte verbissen: „Ich brauche deine Gnade nicht!“ Yuan Weimins Worte waren eigentlich auch eine Provokation, denn er kannte Zhaodis Charakter gut. Schließlich rettete sie mit erstaunlicher Willenskraft fünfzehn Bälle. Als sie nach dem Duschen aus der Sporthalle kamen, wiegten die Forsythienbüsche im noch kühlen Frühlingswind ihre goldgelben Blütenzweige und priesen begeistert die spät heimkehrenden Mädchen. Doch die Mädchen schleppten ihre schweren Füße und gingen hastig an ihnen vorbei, bemerkten die Zuneigung der Forsythien überhaupt nicht. Vielleicht hatten sie auch nicht bemerkt, wann sie grün wurden, Blätter bekamen, Knospen bildeten und blühten!

Zurück im Wohnheim mussten sie fünf Stockwerke hinauf. Wie viele Stufen hatten diese fünf Stockwerke? Die Mädchen wussten es genau. Sie hielten sich am Geländer fest, hoben langsam die Beine, zogen Grimassen, einige stöhnten „Ach“ und „Oh“. Jede Stufe war so mühsam. Hinauf, anhalten, anhalten, hinauf, im schwachen gelblichen Licht sahen sie sich gegenseitig an, alle in diesem jämmerlichen Zustand, sie wussten nicht, ob sie lachen oder weinen sollten. Wer hätte gedacht, dass eine Gruppe junger Mädchen in der Blüte ihrer Jahre, eine Gruppe kraftvoller junger Sportlerinnen, solche Schwierigkeiten beim Treppensteigen hatten!

Auf dem Trainingsgelände der Frauen-Volleyballmannschaft waren Szenen wie Zhaodis heutiges „zweimal gehen, zweimal trainieren“ nicht sehr häufig. Das lag an ihrer direkten, offenen und etwas sturen Persönlichkeit. Doch so hart zu trainieren, ja noch härter als dies, das gab es oft.

Hier ist der Trainingsstützpunkt in Hengzhou, Provinz Hunan. An diesem Tag lag die sanfte und elegante Yang Xi wegen einer Oberschenkel-Muskelverletzung im Zimmer und ruhte sich aus. Der Reporter besuchte sie gerade und scherzte: „Yang Xi, früher sah ich dich immer lächeln, heute sehe ich dich weinen.“ Yang Xi antwortete ganz ehrlich: „Ich habe schon oft geweint, nur kommt ihr nicht oft zu unserem Training, deshalb habt ihr es nicht gesehen.“ Dann fügte sie hinzu: „Welches Mädchen in unserer Mannschaft hat nicht geweint! Ihr wisst nicht, unser Trainer ist beim Training nie zufrieden, immer unzufrieden, unzufrieden. Er will, dass wir aufsteigen, aufsteigen, die weltbesten Mannschaften überholen. Jeden Tag bemühen wir uns, jeden Tag erreichen wir seine Anforderungen nicht. Er will auch, dass wir jeden Tag kämpfen, jeden Tag siegen! Wie kann ein Mensch jeden Tag siegen! Nehmen wir diesen etwa zwanzig Meter langen Weg: Jeden Tag, wenn wir Schritt für Schritt zum Trainingsraum gehen, kämpfen wir innerlich. Heute bin ich wirklich zu erschöpft, die Verletzung macht sich bemerkbar, sollte ich mich einmal dick auftragen und um Urlaub bitten? Doch wenn wir aufs Feld kommen und sehen, wie alle anderen so trainieren, bringen wir es nicht über uns zu fragen. Wir trainieren trotz Verletzung. Nach einem Tag Training tut der ganze Körper weh, wir haben keine Lust zu essen. Abends ins Bett zu fallen ist die angenehmste Zeit des Tages. Doch wenn wir an morgen denken, machen wir uns wieder Sorgen, wie werden wir morgen trainieren! Die Leute sagen, Kommunisten haben einen eisernen Willen, wir haben wirklich einen eisernen Willen! Sobald du auch nur ein bisschen nachlässt, hat er dich im Visier, zwingt dich zum Nacharbeiten...“

Yang Xi hatte einmal nacharbeiten müssen, und das sogar während einer Auslandsreise! Sie übte vierzig Minuten lang ohne Pause Hechtbagger. Zwei Schichten Hosen wurden durchgescheuert, beide Oberschenkel aufgescheuert, rotes Blut sickerte heraus. Nachts, als der Mannschaftsarzt ihr Medizin auftrug, sagte er: „Wenn deine Mutter das sehen würde, würde ihr Herz brechen!“ Irgendwie begannen bei diesen Worten die Tränen zu fließen.

Yang Xi zog ihre dünnen langen Augenbrauen hoch, biss sich auf die Lippe und sagte zum Reporter: „Wir lassen unsere Eltern nie bei unserem Training zusehen. Wenn sie sehen würden, wie ihre geliebte Tochter so trainiert, würden sie weinend nach Hause gehen. Zu Hause erzählen wir ihnen nie, wie hart das Training ist, wir sagen nur, während des Trainings ist es etwas anstrengend, danach nicht mehr. Sie haben uns bei Wettkämpfen zugesehen, wenn wir ein paarmal auf dem Spielfeld stürzten, sorgten sie sich schrecklich. Zu Hause fragten sie immer: „Tat der Sturz weh?“ Wir sagten: „Nein.“ Ehrlich gesagt, wir sind alle aus Fleisch und Blut, wie sollte es nicht wehtun? Aber verglichen mit dem Training sind Wettkämpfe für uns die entspannteste Zeit. Ein andermal, als ich nach Hause kam, sah Mutter, wie dünn ich war, und fragte mich ständig, ob das Training zu hart sei. Ich sagte ihr: „Mutter, wir Sportlerinnen dürfen nicht dick sein, wenn wir dick sind, können wir nicht springen, können nicht spielen.“ Mutter glaubte es, und später, als Nachbarn fragten, warum ich so dünn sei, verteidigte Mutter mich sogar!“ Plötzlich schien ihr etwas anderes einzufallen, sie wechselte das Thema und fragte den Reporter: „Sag mal, sind Menschen nicht seltsam?“ Eigentlich brauchte sie keine Antwort, sie lachte und fuhr fort: „Wenn das Training hart ist, wollen wir wirklich einen halben Tag ausruhen, selbst eine leichte Verletzung wäre gut, um einen halben Tag auszuruhen. Doch wenn man wirklich verletzt ist und so im Bett liegt, fühlt man sich unwohl und will sofort mit allen zusammen trainieren. Aber wenn wir wirklich mal einen halben Tag frei haben, ist das kostbar, wir wollen schön schlafen, einen Brief schreiben, einen Film sehen, eine Erzählung lesen... wir wissen wirklich nicht, wie wir ihn verbringen sollen!“

Tatsächlich war der Lebensrhythmus der chinesischen Volleyballmädchen angespannt. Am frühen Morgen, wenn die Sonne noch nicht im Osten aufgegangen war, schwebten sie wie eine schöne Morgenröte vom Wohnheim zum Trainingsraum. Am Abend, wenn die Sonne bereits im Westen versunken war, schwebten sie erst wie eine prächtige Abendröte vom Trainingsraum zurück zum Wohnheim. Sie waren oft so angespannt, dass sie keine Muße hatten, die Schönheit der Natur zu bewundern. Manchmal entdeckten sie plötzlich, dass die kahlen Bäume am Straßenrand grüne Schatten wie Schirme warfen, üppig bewachsen, und riefen wie Kolumbus, der eine neue Welt entdeckt hatte, erstaunt auf. Eines Abends seufzte Chen Zhaodi zum Reporter: „Andere verbringen ihre Jugend unter Blumen und Mond, während wir unsere Jugend in Schweiß, Erschöpfung, Müdigkeit und benommenem Kopf verbringen, in angespannten, intensiven Rhythmen.“ Der Reporter antwortete ihr: „Aber wie bedeutungsvoll ist euer Leben!“ Zhaodi nickte lächelnd: „Das stimmt auch. Wenn wir auf dem hohen Siegerpodest stehen, wenn die feierliche Nationalhymne an unseren Ohren erklingt, wenn die strahlende Nationalflagge über unseren Köpfen langsam aufsteigt, fühlen wir, dass alles, was wir geopfert haben, es wert war. Später, wenn wir alle grauhaarige alte Frauen geworden sind und an das heutige Leben zurückdenken, werden wir stolz sein, denn unser Leben war erfüllt, unsere Jugendjahre sind nicht umsonst verflossen, sie haben einst Licht und Wärme für unser Vaterland ausgestrahlt.“


Gefühllos und doch voller Gefühl

Wenn man sagen konnte, dass Yuan Weimin bei Chen Zhaodis Zusatztraining etwas „übermäßig hart“ war, dann konnte man seine Haltung bei dieser Trainingseinheit geradezu als „kaltherzig“ bezeichnen.

Im Speisesaal auf dem Berghang brannten helle Lichter. Auf dem Tisch standen silberweiße Feuertöpfe, das Holzkohlenfeuer glühte rot, das Wasser kochte bereits und dampfte. In der Küche hatten die Köche bereits das Gemüse geschnitten, die Gewürze vorbereitet, die Pfanne erhitzt, warteten nur darauf, dass das Licht im Trainingsgebäude am Fuß des Hanges erlosch, um sofort mit dem Kochen zu beginnen. Doch sie warteten bis nach sieben Uhr abends, das Licht im Trainingsraum brannte immer noch hell. Der Verwalter ging hinunter, um nachzusehen, kam zurück und sagte: „Sieht so aus, als würden sie noch eine Weile brauchen, lasst das Feuer erstmal ausgehen!“

Die Köche hatten nichts zu tun, während sie warteten, also gingen sie, um das Training der Mädchen anzusehen.

Das Training hatte um zwei Uhr nachmittags begonnen, die meisten Mädchen hatten bereits fertig trainiert, nur die Neue Wang Yajun hatte ihre Aufgabe noch nicht erfüllt. Die Sichuan-Spielerin Zhu Ling und die Shanghai-Spielerin Zhou Lumin baggerten und passten für sie. Ihre Aufgabe war es, zwanzig Gruppen schneller Angriffsbälle zu schmettern. Drei gute Bälle bildeten eine Gruppe. Wenn sie von drei Bällen einen schlecht schmetterte oder einen mittelmäßigen Ball produzierte, zählte diese Gruppe nicht. Wenn sie zwei schlecht schmetterte oder drei mittelmäßige Bälle produzierte, zählte das als Minusgruppe. Anfangs nahm die kleine Wang es nicht so ernst, dachte, bis zum Trainingsende würde sie es schon schaffen. Doch je mehr sie schmetterte, desto mehr Minusgruppen sammelte sie an. Als sie sah, dass so viele Menschen ihr zuliebe hierbleiben mussten, fühlte sie sich noch unwohler. Während sie schmetterte, beugte sie sich nach vorne und sagte: „Trainer, ich habe Hunger, kann nicht mehr trainieren.“

Yuan Weimin legte den Ball hin und sagte: „Ruh dich ein bisschen aus, dann trainieren wir weiter!“

Die Köche hätten am liebsten allen gesagt, erst essen zu gehen. Doch sie wussten, dass sie sich beim Training nicht einmischen durften. Sie warfen der kleinen Wang mitfühlende Blicke zu und schüttelten hilflos den Kopf. Die kleine Wang trank ein paar Schlucke Wasser und begann wieder zu schmettern. Nach einer Weile fiel sie hin und konnte nicht mehr aufstehen, lag auf dem Boden und weinte: „Heute schaffe ich die Aufgabe nicht mehr!...“ Die Köche weinten bei diesen Worten ebenfalls. Einige wandten sich ab, wischten sich die Tränen und gingen hinaus. Auch die anwesenden Reporter konnten bei dieser Szene nicht anders, als Tränen zu vergießen. Yuan Weimin sagte zu den anfeuernden Spielerinnen: „Wer der kleinen Wang beim Schmettern helfen will, kann kommen.“ Kaum hatte er zu Ende gesprochen, traten zwei Mädchen hervor. Yuan Weimin sah, es waren die Sichuan-Spielerin Zhang Rongfang und die Angreiferin Lang Ping.

Doch die Situation war nicht rosig. Bis nach acht Uhr abends waren noch mehrere Gruppen übrig. Lang Ping hob die Hand und rief: „Trainer, lass uns eine Pause machen!“ Sie ging allein zur Seite und wischte sich heimlich die Tränen. Die kleine Wang weinte laut, weil sie so viele Leute aufgehalten hatte, fühlte sie sich noch schlechter.

In diesem Moment starrten fast alle Spielerinnen Yuan Weimin böse an, obwohl niemand es laut aussprach, dachten sie sicher alle, sie verfluchten ihn, hassten ihn. Und er? Er stand immer noch an der Aufschlaglinie, hielt einen Ball in der Hand und rief lächelnd: „Kämpft weiter! Kämpft weiter!“ Tatsächlich waren diese „Kämpft weiter“-Rufe auch für ihn selbst! Auch er stand schon sechs, sieben Stunden auf dem Platz!

Als das Schmettern wieder begann, bot sich eine interessante Szene: Alle Spielerinnen richteten ihren Ärger auf Yuan Weimin, baggerten gut, passten gut, schmetterten hart. Sie waren hoch konzentriert, vereint, kämpften um jeden Ball bis zur selbstvergessenen Hingabe, schmetterten unzählige selten schöne Bälle!

Als das Training endete, war es bereits nach neun Uhr abends. Solche Dinge passierten nicht nur gelegentlich, deshalb hinterließ Yuan Weimin bei einigen, die sein Training beobachtet hatten, den Eindruck eines „gefühllosen“ Menschen.

Doch dieser „gefühllose Mensch“ auf dem Trainingsplatz wurde zu einem ganz anderen Menschen, sobald er den Trainingsraum verließ. Seht, er kam schweißgebadet zusammen mit den Mädchen aus dem Trainingsraum. Ein Mädchen hatte noch Tränen auf den Wangen, schmollte. Offensichtlich war sie noch wütend auf ihn. Yuan Weimin scherzte lächelnd: „Du schmollst so sehr, man könnte zwei Ölflaschen daran aufhängen...“ Das Mädchen wandte zuerst das Gesicht zur Seite, beachtete ihn nicht, dann stürmte sie plötzlich vor, schlug ihm heftig auf den Rücken, lachte dann durch die Tränen und schimpfte: „Wie kannst du nur so nervtötend sein!“

Mit diesem Schlag und diesem Lachen löste sich der „Groll“ vom Platz sofort in Luft auf. Tatsächlich hassten die Mädchen ihn überhaupt nicht, im Gegenteil, sie wollten ihm sehr nahe sein. Als er in seine neue Wohnung zog, erpressten die frechen Mädchen ihn gemeinsam: „Trainer Yuan, herzlichen Glückwunsch zum Umzug. Gib uns ein Festessen, wir wollen Ravioli!“ Yuan Weimin lachte: „Abends kocht ihr selbst!“ Er rief eilig seine Frau an, denn er selbst hatte vom Kochen keine Ahnung.

Yuan Weimins neue Wohnung war in einem neu errichteten Hochhaus, eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Die Mädchen kamen, noch bevor sie da waren, war schon ihr Lärm zu hören, als sie hereinkamen, wurde es lebendig, zuerst besichtigten sie wie ein Karussell beide Zimmer, kommentierten die Einrichtung und Dekoration, dann krempelten sie die Ärmel hoch und zeigten jede ihr Können. Chen Zhaodi entdeckte, dass Yuan Weimin nicht mithelfen konnte, also ging sie zu ihm und spielte mit ihm Chinesisches Schach.

Yuan Weimins Frau Zheng Huying war in den 60er Jahren auch Volleyballspielerin gewesen. Obwohl sie längst Mutter geworden war, hatte sie noch die typische Persönlichkeit einer Sportlerin: offen, herzlich. Sie wies die Mädchen an, dies und das zu tun, und plauderte und lachte mit ihnen.

Als die Mädchen genug geredet, gelacht und gegessen hatten, verabschiedeten sie sich. Da entdeckten Yuan Weimin und seine Frau Xiao Zheng, dass die Zuckerdose leer war, überall Sonnenblumenkernschalen lagen, und die dicke Glasplatte auf dem Tisch zerbrochen war. Irgendein Mädchen hatte darauf Wurst geschnitten, war zu grob gewesen und hatte sie zerbrochen. Auch viel Hackfleisch war übriggeblieben, offensichtlich hatten sie zu viel gekauft...

Wenn jemand das Recht hatte, Yuan Weimin „Gefühllosigkeit“ vorzuwerfen, dann seine Frau.

Am zweiten Tag des neuen Jahres knallten draußen überall Feuerwerkskörper, Menschen in festlicher Kleidung besuchten Verwandte und Freunde. Die „Volleyball-Ehefrau“ Zheng Huying lag jedoch erkältet und mit Fieber im Bett, konnte sich nicht bewegen. Sie rief ihren einzigen Verwandten, ihren siebenjährigen Sohn: „Yuan Li, Mama ist krank, geh zu den Onkels der Männer-Volleyball-Mannschaft, hol mir von der Krankenstation Medizin!“

Der normalerweise so lebhafte Sohn wurde plötzlich verständnisvoll und gehorsam, nickte und rannte hinaus.

Am nächsten Tag besserte sich Xiao Zhengs Zustand nicht, und auch das Kind bekam hohes Fieber. Mutter und Sohn lagen in einem Bett. Zum Glück kam Cai Xiqin, die Frau von Trainer Deng Ruozeng, vorbei, sah die Situation und blieb den ganzen Tag, um sich um die beiden zu kümmern.

Und Yuan Weimin? Kurz vor dem Frühlingsfest war er mit Deng Ruozeng und den Mädchen zum Wintertraining in den Süden gefahren, gab gerade Neujahrsvorstellungen in Hengyang für das Publikum!

Das ganze Jahr über, wann hatte er je an dieses Zuhause gedacht! Als Zheng Huying in Nanjing schwanger war, litt sie unter starker Übelkeit, er war zu beschäftigt mit der Arbeit, kümmerte sich nicht um sie. Als das Kind geboren wurde, war er zu beschäftigt mit der Arbeit, besuchte sie nicht. Als das Kind schon sprechen lernte, kannte es diesen Vater noch nicht! Später gelang es endlich, sie nach Peking zu holen, theoretisch hätte er sich nun besser um sie kümmern können. Doch in drei Jahren in Peking hatte er nicht ein einziges Neujahrsfest zu Hause verbracht.

Beschäftigt, beschäftigt, beschäftigt! Er war immer endlos beschäftigt. Normalerweise ging er morgens unter den Sternen hinaus, kam abends unter den Sternen zurück. Wenn er ging, schlief das Kind noch, wenn er zurückkam, war das Kind längst eingeschlafen. Gelegentlich ging er mit seiner Frau ins Kino, war aber immer so geistesabwesend, vergaß oft das Ende, nachdem er den Anfang gesehen hatte. Dabei war er früher ein Filmfan gewesen! Was sie ihm auftrug, vergaß er meist völlig, doch die ausländischen Spitzenspielerinnen, ihre langen Namen, ihre Körpergröße und Spielweise konnte er rückwärts aufsagen. Auch die Persönlichkeiten der Dutzend Mädchen in seiner Mannschaft kannte er so genau, sogar ihre Gesichtsausdrücke in Freude, Wut, Trauer und Glück konnte er täuschend echt nachahmen.

Ja, sie hatte das Recht, ihm zu grollen! Doch seltsamerweise hatte sie nicht den geringsten Groll. Früher hatte auch sie für das Ziel gekämpft, dass Chinas Frauenvolleyball Weltniveau erreicht. Heute, obwohl sie nicht mehr spielte, schlug ihr Herz immer noch mit den Herzen der Volleyballmädchen. Sie legte ihre Hoffnung, ihr Ideal zu verwirklichen, in die junge Generation, und ihr eigener Mann war der Trainer dieser jungen Mannschaft, deshalb unterstützte sie seine Arbeit voll und ganz, übernahm schweigend die schwere Hausarbeit, schrieb ihm nicht einmal, als sie selbst und ihr Sohn gleichzeitig krank waren. Und immer wenn er mit der Mannschaft ins Ausland fuhr, bangte sie um ihn und sie...

Die Mädchen, mit denen er Tag und Nacht zusammen war, verstanden ihn, seine geliebte Frau verstand ihn, und vielleicht verstand ihn niemand so tief wie sein alter Partner Deng Ruozeng. Obwohl Deng Ruozeng erst 1979 als Trainer zur nationalen Frauen-Volleyballmannschaft kam, kannten sie sich bereits seit Anfang der 60er Jahre.

1962, als Yuan Weimin von Jiangsu zur nationalen Männer-Volleyballmannschaft kam, war Deng Ruozeng Kapitän dieser Mannschaft und ein berühmter Zuspieler. Auch Yuan Weimin spielte als Zuspieler. Für die Ehre des Vaterlandes verschmolzen ihre Gefühle, ihr Schweiß floss gemeinsam, sie kosteten zusammen die Freude des Sieges und tranken gemeinsam den bitteren Wein der Niederlage. Im August 1966, als die Volleyball-Weltmeisterschaft in Prag, Tschechoslowakei, stattfand, schworen sie in der Sprache der Roten Garden: „Wir schwören, die Tschechen (Weltmeister) vom Pferd zu reißen!“ In diesem intensiven Kampf verwirrte zunächst der blendende schnelle Angriff der chinesischen Männermannschaft die tschechische Mannschaft, sie gewannen die erste und zweite Runde, ein 2:0-Warnung. Es schien, als würde die Krone des Weltmeisters hoffnungsvoll auf Chinas Mannschaft fallen. Doch plötzlich wendete sich das Blatt, die Tschechen verstärkten ihre Blockade am Netz, bremsten Chinas Geschwindigkeit und gewannen die dritte Runde mit 15:11. Die vierte und fünfte Runde wurden hart umkämpft, doch China verlor schließlich. Damals lastete die Angst vor der Niederlage so schwer auf ihnen, dass sie nicht atmen konnten. Wenn sie verloren, wie sollten sie ihrem Volk zu Hause Rechenschaft ablegen? Welche „revolutionäre Aktion“ würden die aufstrebenden Roten Garden gegen sie ergreifen? Je mehr sie die Niederlage fürchteten, desto mehr verloren sie, so seltsam ist das Leben. Für diesen Kampf hatten sie jahrelang gekämpft, so viel gelitten! Der Angreifer Ma Like hatte sich die linke Schulter ausgekugelt, sie wurde immer wieder eingerenkt, eingekugelt und wieder eingerenkt, über hundert Mal. Beim Angreifer Zhu Jiaming sammelte sich Wasser im Kniegelenk, die Schwellung war so groß, jede Punktion ergab 20cc. Nach der Punktion spielte er, es sammelte sich wieder Wasser... Yuan Weimin hatte sich beim Hechtbagger auf den Boden geworfen und zwei Schneidezähne abgebrochen... Nun waren all diese Anstrengungen und dieses Herzblut umsonst gewesen. Die Männer, die nicht leicht Tränen vergossen, versteckten sich in der Dusche und weinten schmerzlich. Das heiße Wasser vermischte sich mit ihren bitteren Tränen und floss hinunter. Sie nahmen eine schmerzliche, salzige, unvergessliche Dusche!

Mit der schweren Last der Angst vor der Niederlage kämpften sie gegen die jugoslawische Mannschaft und verloren wieder kläglich mit 1:3. Die chinesische Mannschaft konnte nicht nur nicht die Meisterschaft gewinnen, sondern hatte auch keine Hoffnung auf die ersten acht Plätze. Die jugoslawische Mannschaft war so glücklich über ihren unerwarteten Sieg, dass sie sich umarmten und auf dem Boden rollten. Die jungen Chinesen standen verwirrt auf dem Platz, wussten nicht, was sie tun sollten, sie waren fassungslos von der Niederlage. Sie sagten später: „Damals fühlten wir uns, als hätten wir eine schwere Krankheit gehabt, am ganzen Körper keine Kraft mehr.“

Man muss sagen, Yuan Weimin war ein Sieger in dieser besiegten Mannschaft. Wegen seiner hervorragenden Leistung auf dem Spielfeld verlieh ihm das Turnier den „Preis für den besten Allround-Spieler“, sein Preis war ein berühmtes Prager Kunsthandwerk - ein gravierter Glaskelch. Doch er freute sich überhaupt nicht, die ganze Mannschaft hatte verloren, was bedeutete ein persönlicher Kelch! Aus Höflichkeit ging er trotzdem auf die Bühne und nahm den Kelch entgegen. Die Fähigkeit zu haben, Meister zu werden, es aber nicht geschafft zu haben, wie schmerzhaft war das! Die Weltmeisterschaft im Volleyball fand alle vier Jahre statt, wie viele Vierjahres-Perioden hatte ein Sportlerleben?

Was bedeutet lebenslange Reue? Das bedeutet lebenslange Reue: Er zerschmetterte diesen wunderschönen gravierten Glaskelch. Er wollte dieses Andenken an die Niederlage nicht sehen! Doch die Flamme des Ideals erlosch nie in seinem Herzen. Als Zhou Enlai während der „Kulturrevolution“ anordnete, die Volleyballmannschaft wiederherzustellen, übernahm er entschlossen die Position als Kapitän und Zuspieler der Männer-Nationalmannschaft und spielte bis zum Alter von 35 Jahren.

Der 1. Juni 1976 war für Yuan Weimin ein unvergesslicher, wunderbarer Tag. An diesem Tag übergab die Staatliche Sportkommission ihm eine Gruppe 18-, 19-jähriger Mädchen aus dem ganzen Land, um die nationale Frauen-Volleyballmannschaft neu zu bilden, und ernannte ihn zum Cheftrainer. In dieser Nacht konnte Yuan Weimin nicht schlafen. Er war so aufgeregt, dass sein Herz zitterte. Er dachte still: „Mein nicht verwirklichtes Ideal auf sie zu übertragen, sie mein Ideal verwirklichen zu lassen...“

Yuan Weimin und seine Kollegen begannen eine neue, unermüdliche Anstrengung.

Eines Abends klopfte jemand an Yuan Weimins Tür. Als er öffnete, stand der stämmige Deng Ruozeng vor ihm, er war gerade von der Arbeit im Ausland zurückgekehrt. In den chaotischen Jahren der Kulturrevolution war er enttäuscht gewesen, hatte das Gefühl, dass das Ideal, für das er seine ganze Jugend gekämpft hatte, zerbrochen war. Doch später, als die Volleyballmannschaft wiederhergestellt wurde, sah er wieder Hoffnung, er wurde wieder lebendig. Er dachte: „Wenn wir es nicht schaffen, können wir die nächste Generation ausbilden, zu kämpfen, zu erobern, die Chinesen werden eines Tages die Weltmeisterschaft gewinnen.“ Solange es Arbeit gab, stürzte er sich darauf. Er ging zu Basis-Sportschulen, um Kinder im Volleyball zu unterrichten, führte die Mädchen-Volleyballmannschaft auf Reisen. Nun sah er, dass Yuan Weimin diese schwere Last der Frauen-Volleyballmannschaft auf sich genommen hatte, und kam von sich aus zu ihm.

Als er Yuan Weimin sah, sagte er offen und aufrichtig: „Xiao Yuan, ich werde dein Assistent, lass uns zusammenarbeiten, so dass die Frauen-Volleyballmannschaft aufsteigt.“

Wenn man es so ausspricht, klingt es ganz einfach und klar, doch hatte er dies schon lange mit sich herumgetragen. Deng Ruozongs Ehefrau Cai Xiqin war ebenfalls eine „Volleyball-Dame“, Spielerin der Frauen-Nationalmannschaft in den 1960-er Jahren. Sie kannte ihren Mann, und sie kannte Yuan Weimin. Sie fragte Deng Ruozong: „Du bist ehrgeizig, Yuan Weimin ist es auch. Ihr seid wie zwei mächtige Drachen. Wenn die Kraft zweier mächtiger Drachen sich vereint, dann hat unsere Frauenmannschaft Hoffnung. Wenn aber zwei mächtige Drachen gegeneinander kämpfen, das wäre nicht gut!...“ Obwohl Deng Ruozong schlicht und bescheiden war, verstand er die Andeutungen seiner Frau. Er sagte: „Darüber mach dir keine Sorgen! Ich werde Yuan mit voller Kraft unterstützen. Ich bin bereits über 40, ich strebe nichts anderes an, als dass sich die Frauenmannschaft erholt. Wenn Kraft gebraucht wird, gehe ich nach vorn; wenn es um Ruhm geht, trete ich zurück.“

Damals war der Trainer der Nationalmannschaft, Han Yunbo, bereits zur Bayi-Mannschaft gewechselt, und Yuan Weimin suchte gerade nach einem neuen Partner – er hatte an Deng Ruozong gedacht. Und nun war dieser altgediente Kapitän persönlich an seine Tür gekommen, wie sehr freute ihn das!

Allerdings gab es auch Nachteile bei ihrer Zusammenarbeit. Deng Ruozongs Spielererfahrung war länger als die von Yuan Weimin, und während der „Kulturrevolution“ hatten sie sogar zu verschiedenen Fraktionen gehört. Doch sie kannten einander als Menschen, hatten dieselben Ideale und Ambitionen. Selbst in den hitzigen Jahren der Faktionskämpfe hatten sie nie gegeneinander aufbegehrt.

Yuan Weimin drückte fest Deng Ruozongs große, kräftige Hand: „Lass uns zusammenarbeiten!“ Von da an begannen sie wieder ihr gemeinsames Leben durch dick und dünn. In den Wintertagen wohnten sie stets in einem Zimmer. Nach einem Trainingstag waren die Mädchen völlig erschöpft.


Große Aufzeichnung

Chinas Reform und Öffnung – Mittag gegen Mittag

Diese beiden über vierzigjährigen Trainer hatten ebenfalls Rücken- und Kreuzschmerzen, waren völlig erschöpft. Doch sie schliefen spät, grübelten gemeinsam über neue Taktiken, neue Spielweisen nach, erarbeiteten gemeinsam den Trainingsplan für den nächsten Tag. Sie kümmerten sich stets umeinander, waren füreinander da, unterstützten einander. Bei Übungspartnern und Konditionstraining – all den körperlich anstrengenden Aufgaben – übernahm Deng Ruozong stets die Initiative, damit Yuan Weimin die Hände frei hatte, um die Technik und Taktik der Spielerinnen genauer zu beobachten. Und wenn die Spielerinnen mit Trainer Deng in Konflikt gerieten, übernahm Yuan Weimin stets die Verantwortung, um Dengs Autorität zu wahren. Mehrmals, während des Trainings, gerieten die Spielerinnen mit Trainer Deng aneinander, dann nahm Yuan Weimin den Ball aus Deng Ruozongs Hand: „Ich mache es!“ So lenkte er den Konflikt, die Wut und den Groll der Spielerinnen auf sich selbst. Sie unterstützten sich gegenseitig, sabotierten einander nie.

Ihre Charaktere waren grundverschieden. Yuan Weimin war eher introvertiert, liebte das Nachdenken, las gern Bücher; Deng Ruozong war ein Praktiker, hatte einen eher rauen Charakter, angelte gern, sang gern. Von den Mädchen lernte er viele schöne Lieder. Nach dem Abendessen saß er oft am Tisch, setzte seine schwarzgerahmte Lesebrille auf und summte leise zu Schallplatten mit.

„Der Hafen ist nachts so still, die Wellen wiegen das Kriegsschiff sanft, der junge Matrose schläft auf den Wellen, und im Traum zeigt sich ein süßes Lächeln...“ Ehrlich gesagt, sein Gesangsniveau war nicht hoch, er kam vom Ton ab, manchmal ziemlich weit weg. Die schelmischen Mädchen lachten, während sie das Aufnahmegerät vor Trainer Deng hinstellten: „Los, eins!“ Trainer Deng fragte mit ernstem Gesicht: „Was denn?“ Die Mädchen neckten ihn: „Na klar, dein Bestes!“ „Gut!“ Deng Ruozong stand kerzengerade vor dem Aufnahmegerät, wie ein Schauspieler vor seinem Auftritt, sammelte er sich emotional. „Der Hafen ist nachts so still...“ Die Mädchen wussten, dass er früher oder später vom Ton abkommen würde, und versteckten sich kichernd hinter ihm. Manchmal konnten sie sich nicht mehr zurückhalten und lachten laut auf.

Doch Deng Ruozong war bereits in seiner Rolle, sang unbeirrt weiter, und so gefühlvoll...

Selbst wenn man seine Vorstellungskraft anstrengt, kann man sich kaum vorstellen, dass dieser Deng Ruozong, der so gern sanfte, lyrische Lieder sang, derselbe penible Trainer Deng war, der auf dem Trainingsplatz als „Schläger“ fungierte. Man muss wissen, seine gewaltigen, kraftvollen Schmetterbälle hatten die Mädchen unzählige Male zu Tränen gebracht! In seiner „kalten Gnadenlosigkeit“ war er Yuan Weimin ebenbürtig. Sie waren beide „unbarmherzige Menschen“! Doch in ihrer „Unbarmherzigkeit“ lag so viel von den schönsten menschlichen Gefühlen!


Die Blumen von Hongkong

Die lärmende Kowloon Elizabeth Sports Hall verstummte plötzlich. Das Finale zwischen der chinesischen und der koreanischen Frauen-Volleyballmannschaft war beim letzten Ball der letzten Runde angelangt. Wenn die chinesischen Mädchen noch einen Punkt gewännen, würden sie mit 3:0 siegen und die Meisterschaft der Asiatischen Volleyball-Meisterschaft 1979 gewinnen!

Einen Tag zuvor hatte die chinesische Frauenmannschaft die japanische mit drei zu eins geschlagen. Die japanische Frauenmannschaft hatte seit 1962, als sie Weltmeister wurde, durchgehend die asiatische und weltweite Volleyballszene dominiert und wurde „Ostasiatische Hexen“ genannt. Seit dem Wiederaufbau der chinesischen Frauenmannschaft 1976 hatte sie zwar einige Male gegen Japan gewonnen, doch Japan glaubte, bei wichtigen internationalen Wettbewerben würde Japan China weiterhin schlagen. Diesmal kämpften die chinesischen Mädchen geschlossen und blieben ungeschlagen. Lang Pings elegante Schmetterblöcke, Sun Jinfangs meisterhafte Zuspiele, Zhang Rongfangs und Chen Zhaodis beharrlicher Kampf, Zhou Xiaolans hervorragende Blocks ließen Tausende von Zuschauern staunen. Ausländische Journalisten kommentierten, der Aufstieg der chinesischen Frauenmannschaft bedeute das Ende der asiatischen Vorherrschaft der „Ostasiatischen Hexen“.

Der Kampf um den letzten Ball war so intensiv! Der weiße Ball flog mal auf diese, mal auf jene Seite des Netzes und fesselte Tausende von Zuschaueraugen.

„Peng“ – ein gewaltiger Schmetterschlag von Lang Ping löste langanhaltende Jubelrufe und Applaus aus, wie die Brandung gegen die Küste, wie eine Sturzflut, wie ein herabstürzender Wasserfall. Die Zuschauer strömten auf das Feld und überreichten dem Trainer, dem Teamleiter und den Mädchen Blumensträuße, die süß dufteten.

Die Mädchen der chinesischen Frauenmannschaft umarmten sich fest vor Freude über diesen schwer erkämpften Sieg. Vor zwei Jahren hatten sie „ohne Tränen, ohne Trauer“ Japan verlassen; heute, in Hongkong, ließen sie die Freudentränen frei fließen. Die Blumen, die ihnen die Zuschauer schenkten, warfen sie zurück ins Publikum. Wo immer Blumen fielen, entstand ein Strudel der Freude. Alle wollten eine Blume ergattern, die die chinesischen Mädchen geworfen hatten, um sie mit nach Hause zu nehmen, in eine Vase zu stellen und diese unvergessliche Freude mit der Familie zu teilen.

Als den chinesischen Mädchen die Blumen ausgingen, hoben sie beide Hände hoch, um dem jubelnden Publikum zu danken.

„Yaqiong, gib diesen Strauß deinem Vater!“ Der Teamleiter Zhang Yipei ging zu einem großgewachsenen, schlanken Mädchen der Mannschaft und übergab ihr einen Blumenstrauß.

Chen Yaqiong schien gerade aus einem Traum zu erwachen, erst jetzt fiel ihr ein, dass ihr Vater aus Hongkong heute Abend extra gekommen war, um sie spielen zu sehen, und immer noch auf der Zuschauertribüne saß!

Mit dankbarem Blick schaute sie den Teamleiter an, nahm die Blumen und rannte zur Zuschauertribüne.

Die Zuschauer streckten alle ihre Hände nach ihr aus, um Blumen zu bekommen. Yaqiong sagte hastig in entschuldigendem Ton: „Entschuldigung, entschuldigung, dieser Strauß ist für meinen Vater!“

Ihr Vater und ihr kleiner Neffe sahen sie! In ihren Augen glitzerten Tränen, ihre Hände streckten sich ihr entgegen. Wären nicht die drängenden Zuschauer im Weg gewesen, wären sie auf sie zugestürzt. Der kleine Neffe sagte stolz zu den Zuschauern um ihn herum: „Das ist meine Tante! Das ist meine Tante!“ Ja, eine Tante zu haben, die Stammspielerin der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft ist, wie glücklich, wie stolz war er!

„Papa, freust du dich?“ Yaqiong überreichte dem alten Mann die Blumen, „Das ist von unserem Teamleiter für dich!“

Der alte Mann sagte glücklich: „Gut gespielt, wirklich gut gespielt! Danke an den Teamleiter, danke an alle!“

Der alte Mann betrachtete versunken seine Tochter, die vor ihm stand. Die tränenfeuchten Augen sahen sie an wie durch eine Wasserschicht, die Tochter erschien verschwommen. Er erinnerte sich, als er von zu Hause wegging, war Yaqiong erst ein 6-jähriges Mädchen, er hätte nie gedacht, dass sie nach siebzehn Jahren so groß geworden war, zu so einer erfolgreichen Nationalspielerin herangewachsen war.

„Papa, heute Abend übernachte ich zu Hause, ein paar Tage, dann kehre ich nach Peking zurück!“ Yaqiong verabschiedete sich vom alten Mann mit einer Handbewegung und ging zurück aufs Feld.

Die Nacht war tief. Yaqiong lehnte sich im weichen Autositz zurück, schloss die Augen und atmete tief auf. Die anstrengenden, aufregenden, spannenden Wettkämpfe der letzten Tage waren vorerst vorbei. Ihre Mannschaftskameradinnen würden morgen triumphierend zurückkehren, während sie mit ihren Verwandten und Freunden in Hongkong zusammensein würde, einige Tage ein völlig anderes Leben als das Mannschaftsleben auf dem Festland führend.

Vor vier Jahren war ihre Mutter vom Festland nach Hongkong gekommen, um sich mit ihrem Vater wiederzuvereinen, zu Hause blieb nur noch sie als Mädchen zurück. Die Mutter wollte ihre Tochter mitnehmen und sagte zu Yaqiong: „Komm mit!“ Yaqiongs Haltung war so entschieden: „Geht ihr, ich bleibe hier und spiele Volleyball!“ Damals hatte sie erst zwei Jahre eine Verbindung zum Volleyball.

Im Spätherbst 1972, mit sechzehn Jahren, besuchte Yaqiong von der Überseestadt Yongchun aus Verwandte in Fuzhou. Ein Mitarbeiter der Fujianer Sportkommission sah sie und sagte wiederholt: „Gut, gut.“ Yaqiong wusste nicht, was gut war, und schaute verwirrt auf. Nach einer Weile brachte ihr der Mitarbeiter der Sportkommission neue Sportkleidung und ein Paar Sportschuhe und wies sie an: „Morgen kommst du zur Provinz-Frauen-Volleyballmannschaft!“ Sie riss erstaunt die Augen auf und fragte naiv: „Was soll ich dort?“ Der Mitarbeiter sagte scherzhaft: „Du läufst doch gern, oder? Du läufst einfach hinter ihnen her!“ Am nächsten Tag tauchte dieses hochgewachsene, schlanke Mädchen am Ende der Fujianer Frauenmannschaft auf. Sie kam jeden Tag pünktlich, kam nie zu spät oder ging früher. Die Mannschaft sah, dass das neue Mädchen aufrichtig und ehrlich war, und gab ihr den Schlüssel zum Lagerraum. Das war eine undankbare Aufgabe, die nicht viele machen wollten: Jeden Tag vor dem Training musste sie die Tür öffnen und die Bälle herausholen; und nach dem Training musste sie die Bälle zurück ins Zimmer bringen, die platten aufpumpen und dann abschließen. Diese Aufgabe erledigte sie bis kurz vor ihrem Wechsel zur Nationalmannschaft 1978, erst dann übergab sie den Schlüssel einer anderen Spielerin.

Nach der gängigen Gewichtsformel sollte das Idealgewicht einer Person die Körpergröße minus die ganze Zahl sein, multipliziert mit dem Rest mal zwei. Yaqiongs Idealgewicht hätte 152 Jin sein sollen, tatsächlich wog sie nur 102 Jin, viel zu dünn. Deshalb zweifelten manche, ob sie es schaffen würde, aber Yaqiong hatte ihre eigene Meinung. Sie dachte, in der Mannschaft bin ich die Jüngste, die Größte, und ich wachse noch, warum sollte ich es nicht schaffen? Sie nahm sich vor, es unbedingt zu schaffen.

Sie trainierte wirklich hart. Wenn die älteren Spielerinnen fertig waren, gab ihr der Provinztrainer Yao Zili immer noch etwas „Nachschlag“, mehr Verteidigungstraining. Sie war wirklich zu dünn, alle nannten sie scherzhaft „General Stahl“, denn beim Hechtsprung hörte man jedes Mal, wenn sie fiel, wie ihr Knochengerüst auf den Boden krachte. Der Schmerz war vorstellbar, aber sie sprang trotzdem mutig zu Boden. Ihre beiden Oberschenkel an den Hüften, dort wo sie am meisten aufkam, schürften sich die Haut auf, Blut sickerte heraus. Nach ein paar Tagen war gerade eine Kruste entstanden, nach einigen Hechtsprüngen war sie wieder aufgerieben. So heilte es, dann wurde es wieder aufgerieben. Manchmal, wenn die Schmerzen beim Aufkommen unerträglich waren, rettete sie den Ball mit dem männlichen Hechtsprung. Mit der Zeit bildete sich sogar ihr Blockstil nach ihrem eigenen einzigartigen Stil: der männliche Schrittblock.

Doch wer wusste schon, wie sie sich diesen „Geheimtrick“ erarbeitet hatte!

In der Nationalmannschaft war ihr größtes Problem, dass ihr Schmetterschlag immer einen halben Schlag zu langsam war. Die Zuspielerin Sun Jinfang gab ihr einen Ball mit gutem Timing, aber sie konnte ihn oft nicht verwerten. Darüber vergoss sie unzählige Tränen. Sun Jinfang, wie eine sanfte große Schwester, nahm die Verantwortung auf sich und sagte immer: „Yaqiong, kein Problem, das war mein Ball!“ Je mehr sie das sagte, desto unwohler fühlte sich Yaqiong. Sie wusste, ihre Schmetterbewegung hatte ein Problem. Wo lag das Problem? Die Mannschaft nahm ihre Schmetterbewegung auf Video auf. Der Trainer schaute es mit ihr gemeinsam an, analysierte gemeinsam. Ihre Kameradinnen halfen ihr bei der „Diagnose“, sie selbst grübelte Tag und Nacht. Einmal warf sie einen Medizinball gegen die Wand, nach einigen Dutzend Würfen ging sie wieder zum Training aufs Feld. Irgendwie ging ihr Schmetterschlag an diesem Tag besser von der Hand als sonst, sie wurde von ihren Schwestern gelobt.

„Was ist heute los?“ Yaqiong war selbst verwundert, „vielleicht war es das Werfen des Medizinballs vorhin.“ Von da an warf sie nach jedem Training allein den schweren Medizinball, warf und warf, Dutzende, Hunderte Male, bis ihre Arme schmerzten, taub wurden, sie sie kaum noch heben konnte. Nach einer Weile solchen Trainings wurden ihre Schmetterbewegungen harmonischer.

Das Zuhause ihres Vaters war komfortabel. Nach dem späten Abendessen und einem Plausch mit der Familie legte sie sich zur Ruhe. Die Anstrengung, Aufregung und Anspannung der letzten Tage hatten sich angesammelt, sie war erschöpft. Doch sie schlief nicht sofort ein, ihre Gedanken galoppierten davon. Sie dachte an ihre Karriere: Japan und Korea zu besiegen, aus Asien auszubrechen, war nur die Erfüllung eines langjährigen minimalen Wunsches, das Motto der chinesischen Frauenmannschaft lautete „Aus Asien ausbrechen, in die Welt hinausgehen“! Sie dachte an ihre Schwestern. Bestimmt konnten sie gerade genauso wenig schlafen wie sie selbst, oder? Ja, das wahre Ziel lag noch vor ihnen. Sie würden sich nicht an Applaus, Blumen und Festwein berauschen, sie würden weiter unermüdlich kämpfen, mutig aufsteigen, um für das Vaterland und das Volk die Krone des Weltvolleyballs zu erringen...


Daimatsu Hirobumi

Nachdem die chinesische Frauenmannschaft die japanische besiegt hatte, sollte man über diesen Japaner schreiben. Denn er spielte eine besondere Rolle in der Entwicklung des chinesischen Volleyballs.

Am 15. April 1965 kam ein mittelgroßer, bullenstarker japanischer Mann mittleren Alters nach China. Es war Daimatsu Hirobumi, der berühmte Trainer der japanischen olympischen Frauen-Volleyball-Meisterinnen. Auf Einladung von Premierminister Zhou Enlai kam er für einen Monat als Volleyballtrainer.

Seit die japanische Frauenmannschaft im Vorjahr die olympische Meisterschaft gewonnen hatte, hatte Daimatsu praktisch keinen Ball mehr angefasst. Damals hatte ein japanischer Journalist ihn gefragt: „Herr Daimatsu, was möchten Sie jetzt tun?“ Daimatsu hatte direkt geantwortet: „Ich möchte mich richtig ausschlafen und dann mit meiner Frau ein gutes Essen genießen.“

Doch als er die Einladung aus China erhielt, nahm er den Ball wieder in die Hand, trainierte einen halben Monat lang allein in der Sporthalle, bevor er nach China kam.

Das Training der chinesischen Sportlerinnen fand in der Nanshi-Sporthalle in Shanghai statt. Es war ein marathonartiges Training mit enormem Trainingsumfang. Er trainierte die chinesischen Sportlerinnen in zwei Schichten, zuerst einige Provinzmannschaften, dann die Auswahlmannschaft. Die Zeit war von mittags 12 Uhr bis abends 22 Uhr, später wurde sie bis Mitternacht, sogar bis 1 Uhr morgens verlängert. Ganz zu schweigen davon, dass er jeden Tag Hunderte, Tausende wechselnde Bälle schlug, allein die Zeit, die er auf dem Platz stand, betrug zwölf, dreizehn Stunden.

Daimatsus Training war sehr streng, so streng, dass die Leute ihn „Teufel Daimatsu“ nannten. Besonders die Hechtsprung-Rettungen, die er entwickelt hatte, ließen die chinesischen Mädchen so stürzen, dass sie überall blaue und violette Flecken hatten, hinkten und kaum noch stehen konnten. Manche Mädchen lagen am Ende buchstäblich gelähmt am Boden. Aber Daimatsu rief weiter und knallte den Ball brutal hinüber. Einige der von ihm trainierten Mädchen haben noch heute Herzklopfen, wenn sie daran zurückdenken. Eine ehemalige Spielerin der Pekinger Mannschaft erinnerte sich so: „Am Ende war mir schwindlig, meine Augen verschwommen, das Zimmer drehte sich. Aber ich musste ständig weiter auf die Bälle hechten, die Daimatsu schlug. Er trug grüne Shorts, die sich beim Schmettern bewegten, wie zwei grüne Laternen. Ich starrte rücksichtslos auf diese zwei grünen Laternen, rannte, rettete Bälle. In diesem Moment sah ich außer diesen zwei verschwommenen grünen Laternen und dem undeutlichen weißen Ball nichts mehr, als ob sogar ich selbst nicht mehr existierte...“

Ein Mädchen aus Shandong konnte es nicht mehr ertragen, starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an und schrie: „Du Teufel Daimatsu, ich kämpfe mit dir!“ Daimatsu fragte den Dolmetscher, was das Mädchen sagte. Der Dolmetscher sagte geschickt: „Sie sagt, Daimatsu, trainiere ruhig, ich habe keine Angst vor dir!“ Tatsächlich hatte Daimatsu aus den weit aufgerissenen Augen des Mädchens bereits verstanden, was sie schimpfte. Denn in Japan hatten die Volleyballspielerinnen ihn mit denselben zornigen Augen angeschrien.

Aber Daimatsu war doch von der Hartnäckigkeit der chinesischen Mädchen berührt. Die Mädchen ertrugen zähneknirschend das „Extremtraining“, das sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätten vorstellen können. Die Tränen flossen unwillkürlich, sie wischten sie weg, retteten weiter Bälle, und auf ihren Gesichtern war sogar ein Lächeln, wenn auch ein weinendes Lächeln, aber immerhin ein Lächeln! Ein Mädchen aus Sichuan fiel ohnmächtig zu Boden, ließ sich nach dem Aufwachen von Kameradinnen stützen, um weiter Daimatsus unaufhörlich kommende Bälle anzunehmen. 18-, 19-jährige Mädchen, gerade in dem Alter, wo sie sich gern hübsch machen, sich um ihr Aussehen kümmern, aber sie banden sich dicke Schwämme auf Rücken und Gesäß, trugen dicke Knieschützer, wurden unförmig. Daimatsu schrieb später in einem Erinnerungsartikel: „Obwohl sie in solch hässliche Stellungen gerieten, wischten die chinesischen Mädchen geschickt mit den Händen die Tränen und den Schweiß von der Stirn, folgten mir weiter im Training. Sie hatten sich selbst völlig vergessen, kämpften mit allem, was sie hatten, man könnte es eine erhabene Trauer nennen.“

Und jener unerwartete Marathonlauf rührte den strengen japanischen Trainer zu Tränen.

An jenem Tag fand in Shanghai eine große Massendemonstration statt, alle Straßen zur Sporthalle waren blockiert. Daimatsu war um 11 Uhr vormittags in die Sporthalle gekommen, als die Demonstrationskolonne noch nicht voll entfaltet war. Als die Auswahlmannschaft gegen 15 Uhr aufbrechen wollte, konnten die Fahrzeuge nicht mehr durchkommen.

Die Auswahlmannschaft rief von der Shanghaier Sportkommission in der Sporthalle an, informierte Daimatsu über die Situation und sagte, die Mannschaft würde wahrscheinlich anderthalb Stunden zu spät kommen. Daimatsu, ohne jedes Verständnis, beharrte stur: „Ob die Demonstration die Straßen blockiert oder der große Bus nicht durchkommt, ist mir egal, ihr müsst pünktlich in der Halle sein. Wenn die Autos nicht durchkommen, dann lauft ihr Marathon.“ „Gut, dann laufen wir. Aber selbst wenn wir uns totlaufen, brauchen wir eine Stunde.“ sagten die Leute der Auswahlmannschaft. „Eine Stunde reicht genau. Wenn ich sage 16 Uhr, dann muss es 16 Uhr sein. Lauft sofort los!“ sagte Daimatsu.

Eine Stunde später kamen die chinesischen Mädchen schweißgebadet zur Sporthalle und meldeten sich bei Daimatsu.

Daimatsu, der nicht leicht zu rühren war, spürte Hitze in seinen Augen, sie röteten sich. Er fragte sie hastig, wie sie gekommen waren.

Die Mädchen sagten, die Straßen seien voller Menschen gewesen, sie seien durch die Lücken in der Demonstrationskolonne, durch kleine Gassen gelaufen. Daimatsu betrachtete die Mädchen, sah, wie ihr Haar nass an den Gesichtern klebte, ihre Körper dampften, ihre Kleidung tropfnass war, sie hatten mehr geschwitzt als in einer ganzen Trainingseinheit. Er griff sofort zum Telefon, rief im Hotel an, wo er untergebracht war, der Servicemitarbeiter solle schnell fünfzig Äpfel bringen. Er wollte diese hartnäckigen chinesischen Mädchen belohnen. Er sagte: „Wenn das in Japan wäre, selbst wenn man sie laufen ließe, würden sie nicht wirklich laufen. Am Ende würden sie nur sagen „es ging nicht anders, deshalb die Verspätung“. Aber die chinesischen Spielerinnen liefen durch Schichten von Demonstrationskolonnen, ohne Pause zum Spielfeld. Diese jungen Leute, was immer sie tun wollen, sie schaffen es auf jeden Fall. Dieser Geist ist großartig, eine vielversprechende, erstaunliche Kraft.“ Später schrieb er in einem Erinnerungsartikel: „Die Chinesen haben von Natur aus einen unbeugsamen Charakter. Wenn sie diesen Charakter aufs Spielfeld bringen, haben sie eine unerschütterliche Überzeugung: Für das Land müssen sie alles ertragen und überwinden.“

Die Hartnäckigkeit der chinesischen Mädchen rührte Daimatsu; und der Geist der chinesischen Zuschauer, die sich nach der Wiederbelebung des chinesischen Sports sehnten, überraschte ihn.

Die Sporthalle mit tausend Plätzen war jeden Tag ausverkauft, viele blieben bis tief in die Nacht. Wenn die chinesischen Sportlerinnen nicht mehr konnten, klatschten alle Zuschauer gemeinsam und riefen: „Jiayou! Jiayou!“ (Haltet durch!)

Und so begannen die Mädchen, die nicht mehr konnten, sich langsam mühsam zu bewegen. Und so wurden die Rufe der Zuschauer noch lauter, wie Donnerrollen. Das gab den Mädchen auf dem Feld magische Kraft, ließ sie wieder aufstehen. Und so wurden der Applaus und die Rufe noch lauter. Diese Hunderte, Tausende von Zuschauern waren keine bloßen Beobachter, es war, als würden sie selbst eine strenge Prüfung durchmachen.

Daimatsu sagte tief bewegt: „Der Kampfgeist einer Person kann die Rufe von Tausenden hervorrufen; und die Rufe von Tausenden können den Kampfgeist einer Person anfeuern; solch eine Szene kann man in keinem anderen Land sehen.“

In China beeindruckte diesen japanischen Trainer am meisten Premierminister Zhou Enlai. Premierminister Zhou hatte täglich unzählige Aufgaben, kümmerte sich aber mit solcher Leidenschaft um die Entwicklung des chinesischen Volleyballs. Dieser Eindruck blieb ihm von einem langen Gespräch mit Premierminister Zhou.

Am Abend des 2. Mai, im Bankettsaal der Großen Halle des Volkes. Premierminister Zhou setzte sich zwischen das Ehepaar Daimatsu, das unvergessliche Gespräch begann. Später hielt Daimatsu in einem seiner Bücher dieses Gespräch ausführlich fest.

Premierminister Zhou sagte in bester Stimmung, bei den Olympischen Spielen habe ich im Fernsehen gesehen, wie ihr die Meisterschaft gewonnen habt. Deine damaligen Gefühle verstehe ich sehr gut. Danach hat deine Frau geweint, und deine beiden Töchter haben mit ihr geweint.

Für jeden Zuschauer sah es vor dem Spiel so aus, als ob die Sowjetunion der Favorit war. Doch sobald das Spiel begann, war es ein überwältigender Sieg deiner Spielerinnen. Daimatsu, für die Kraft dieser Spielerinnen habe ich wirklich Bewunderung. Als der Premierminister das sagte, wurde die Atmosphäre lebhaft. Dann fragte Premierminister Zhou Daimatsu: Ich habe gerade gehört, dass Trainer Daimatsu manchmal Spielerinnen schlägt, manchmal schimpft, das ist ein bisschen problematisch, könntest du damit aufhören?

Daimatsu sagte: „Premierminister Zhou, ich habe keine böse Absicht, ich hasse sie nicht. Ich behandle sie wie meine eigenen Schwestern oder Kinder. Wenn ich sagen würde, ihr seid alle erschöpft, ruht euch aus. In so einer Situation würde ein Mensch sofort zusammenbrechen. Das, Premierminister, wissen Sie. Um die Willenskraft zu stärken, muss man so vorgehen. Man muss sie provozieren, was macht ihr da! Steht nicht einfach da wie Idioten! Wenn du so weitermachst, dann verschwinde zurück nach Shandong! Mit solchem Schimpfen wird eine Spielerin, die kurz vor dem Zusammenbruch steht, plötzlich wieder munter. Ohne solchen Geist zu wecken, wenn man das Training stoppt, sobald man vor Erschöpfung nicht mehr kann, wird sich nie etwas ändern.“

Premierminister Zhou schwieg, schaute ihn mit leuchtenden Augen an.

Daimatsu fuhr fort: „Ich denke, wenn man mit Sportlerinnen Mitleid hat, kann das Training nicht durchgeführt werden. Das Schimpfen selbst ist Ausdruck von Liebe, das ist etwas völlig anderes als Beleidigung. Wenn ich nicht auf den Hintern klappe, werden sie wirklich am Boden liegen bleiben und sich nicht mehr bewegen. Wenn Sie das tun, Premierminister, denken Sie vielleicht, behandelt man Sportlerinnen nicht wie Vieh? Aber so ist es nicht. Der Löwe stößt sein Junges ins Tal, um seine Kletterfähigkeit zu trainieren. Die alte Schwalbe gibt, wenn die junge Schwalbe groß genug ist, um das Nest zu verlassen, tagelang kein Futter, um ihren Geist zu wecken, das Nest zu verlassen, ist das nicht grausam? Mit solcher Gesinnung trainiere ich die Sportlerinnen. Egal was andere denken oder sagen, solange die Spielerinnen es verstehen.“

Premierminister Zhou sagte geduldig, aber so geht es nicht. Die Volksbefreiungsarmee Chinas hat drei Hauptdisziplinen und acht Punkte der Aufmerksamkeit, darin steht, dass man nicht schlagen und nicht schimpfen darf, und es gibt noch einen Punkt: keine Belästigung von Frauen. Auf jeden Fall darf man Spielerinnen nicht schlagen oder anschreien.

Der Premierminister brachte die Militärdisziplin ins Spiel, aber Daimatsu konnte es nicht akzeptieren. Er sagte: „Premierminister Zhou, Sie haben mich als Trainer eingeladen, ich würde die mir anvertrauten Spielerinnen niemals beleidigen. Ich gebe nur mein Bestes, um ihre Technik zu verbessern, um sie zu Spielerinnen mit starker Willenskraft zu machen, weil ich hoffe, dass China Volleyballweltmeister wird. Gerade weil ich so denke, tue ich, was Sie möchten, dass ich es nicht tue. Ich bitte den Premierminister, zu dem, was ich tue, nichts zu sagen.“

Premierminister Zhou sagte, das geht doch nicht, wir haben solche Disziplin, und der von mir eingeladene Trainer verstößt dagegen, ich schweige dazu. Daimatsu, denk doch mal, geht das? Die Spielerinnen kommen mit den drei Hauptdisziplinen und acht Punkten der Aufmerksamkeit zu mir, was dann?...

Daimatsu sagte: „Premierminister Zhou, wenn ich vor Ihnen Spielerinnen anschreie, dann halten Sie sich die Ohren zu; wenn ich sie schlage, schließen Sie bitte die Augen. Sie tun einfach so, als hätten Sie es nicht gehört und nicht gesehen.“ Premierminister Zhou wechselte seine Sitzposition und sagte: „Daimatsu, was meinst du damit, kannst du das nochmal erklären?“ Daimatsu sagte: „Ich habe den chinesischen Trainern und Ärzten schon gesagt, Frauen und Männer sind unterschiedlich. Die Konstitution ist sehr unterschiedlich. Männer geben beim Training von Anfang an volle Kraft. Wenn sie zusammenbrechen, ist ihre Kraft wirklich am Ende. Spielerinnen hingegen haben in den ersten zehn Minuten des Trainings zwar Kampfgeist, fallen aber bald um. Das liegt nicht daran, dass sie ihre Kraft schonen, das liegt an der weiblichen Konstitution. Nach zwei, drei Minuten erholen sie sich. Nach einer Weile geht es ihnen wieder nicht gut, sie fallen wieder um. Wenn man dann denkt, sie könnten wirklich nicht mehr, liegt man falsch, man muss sie weiter anspornen. Ohne solches Training kann es kein vollständiges Training geben. Äußeres und Inneres sind unterschiedlich. Das liegt daran, dass sie geistig schwächer sind, auch die Körperkraft unterscheidet sich von Männern.“

Premierminister Zhou fragte weiter, könnte solch intensives Training negative Auswirkungen auf den weiblichen Körper haben? Gibt es da ein Problem? Wurde das aus medizinischer Sicht untersucht? Daimatsu sagte: „Überhaupt kein Problem, ich rede nicht ins Blaue hinein. Ich habe mich mit einem Arzt, der den Zustand der Spielerinnen genau beobachtet hat, umfassend beraten, nicht nur über den Charakter jeder einzelnen Spielerin, sondern auch über ihre Konstitution kenne ich sie besser als sie sich selbst. Sogar ob der aktuelle Zustand einer Spielerin gut oder schlecht ist, weiß ich ganz genau. Durch diese langjährige Erfahrung kann ich beim Training chinesischer Spielerinnen aus der Haltung und Bewegung jeder Spielerin sowie der Farbe von Wangen und Lippen den Erschöpfungsgrad verstehen... Also, Premierminister Zhou, Sie brauchen sich überhaupt keine Sorgen zu machen, es wird auf keinen Fall eine Spielerin zu Tode trainiert oder verletzt werden. Natürlich gibt es noch andere Sorgen von Frauen. Ich habe in dreizehn Jahren fast achtzig Spielerinnen trainiert, jede ist verheiratet, jede hat Kinder. Darunter gab es sogar eine mit Zwillingen, Mutter und Kinder sind alle kerngesund!“

Premierminister Zhou lachte bei diesen Worten plötzlich laut auf und fragte besorgt: „Die mit den Zwillingen, Mutter und die drei Kinder sind alle gesund?“

„Alle gesund!“ antwortete Daimatsu.

Premierminister Zhou lachte wieder herzhaft.

Daimatsu sagte später in der Erinnerung an dieses unvergessliche Gespräch: „Dieser Herr Zhou Enlai war sehr zugänglich, hatte aber eine erstaunliche Beobachtungsgabe. In der entspannten Unterhaltung ging er doch zum Kern der Sache. Ich war in vielen Ländern der Welt, habe viele Präsidenten und Premierminister getroffen, aber keinen wie Chinas Premierminister Zhou Enlai gesehen, der sich so sehr um den Volleyball kümmert...“

Der Monat verging schnell, Daimatsu würde China bald verlassen und nach Japan zurückkehren. Am Abend vor seiner Abreise führte er noch eine letzte Trainingseinheit durch. Das Abschiedsbankett fand spät in der Nacht statt. Dabei sagte er bewegt, China habe so viele hartnäckige, lernbegierige Spielerinnen, solch gute Zuschauer, einen Premierminister, der sich so um Volleyball kümmert, die Weltmeisterschaft nicht zu gewinnen wäre unangemessen. Er schenkte jeder chinesischen Spielerin ein Handtuch und sagte bedeutungsvoll: „Ich schenke euch Handtücher, in der Hoffnung, dass ihr in Zukunft noch mehr Schweiß vergießt...“

Vor einigen Jahren starb dieser weithin bekannte japanische Trainer an einem plötzlichen Herzinfarkt. Auf dem Berg Okayama vor seinem Grab steht ein kleiner Grabstein, den seine ehemaligen Volleyballspielerinnen, die inzwischen Mütter geworden waren, aufgestellt haben, mit nur sechs Schriftzeichen: Wo ein Wille ist, da ist ein Weg.

Die junge Generation chinesischer Volleyballspielerinnen kannte Daimatsu nicht persönlich. Aber sie hörten oft die Trainer und die ältere Generation der Volleyballspielerinnen von ihm sprechen. Tatsächlich verdient er unser Gedenken. Vor fünfzehn Jahren hatten chinesische Mädchen Daimatsu gefragt: „Wie habt ihr Eure Mannschaft zu Weltmeistern trainiert?“ Daimatsu antwortete: „Für den Menschen ist es am schwersten, sich selbst zu besiegen. Die Sportlerinnen und ich selbst haben alles geopfert, uns auf Volleyball konzentriert. Über viele Jahre hinweg, außer drei Tagen Neujahrsurlaub, unterbrachen wir das Training keinen Tag; vor den Olympischen Spielen dauerte eine Trainingseinheit bis zu zwölf Stunden; wir erdachten und taten ständig Dinge, die noch niemand auf der Welt getan hatte –

das Ergebnis war die Weltmeisterschaft.“

Was für eine erhellende Antwort!


Vorsicht vor Kentern

In der Nacht des 14. Mai 1980 nieselte es in Shanghai. Das Spiel zwischen der chinesischen und der japanischen Frauenvolleyballmannschaft war gerade zu Ende, die Zuschauer strömten wie eine Flut aus der imposanten Sporthalle in Xujiahui.

Die Zuschauer im Saal waren bereits gegangen, aber vor der Sporthalle drängten sich immer noch Menschengruppen. Sie standen im Regen und warteten auf die chinesischen Volleyballmädchen. Manche wollten ihnen nahe sein, um ihre Anmut zu sehen; manche wollten ihnen die Hand schütteln, um ihre Glückwünsche zum Sieg auszudrücken; und manche Verwandte und Freunde der Mädchen wollten ein paar herzliche Worte mit ihnen wechseln.

Heute Abend hatte die chinesische Frauenmannschaft über zehntausend Zuschauer einen Schrecken eingejagt. In allen drei Sätzen befanden sich die chinesischen Mädchen zu Beginn in einer Unterlegenheit: Im ersten Satz lagen sie mit 9:13 zurück; im zweiten mit 9:12; im dritten erst mit 1:8, dann mit 9:14. Kurz gesagt, in diesen Sätzen musste China nur noch zwei, drei oder sogar nur einen Punkt verlieren, um zu verlieren. Vielen Zuschauern stockte der Atem, sie wagten kaum zu atmen. Aber in jedem Satz kam es zu einem dramatischen Umschwung: Sobald die chinesischen Mädchen neun Punkte erreichten, holten sie auf, die Punktzahl stieg rasant, sie holten sechs, sieben Punkte auf; während Japans Punktzahl wie festgenagelt auf der elektronischen Anzeigetafel stand, sich nicht mehr bewegte. Am Ende besiegte die chinesische Mannschaft die japanische erneut mit 3:0.

Ein Genuss! Es war wirklich ein Genuss zuzuschauen! Wie in einem kleinen Boot auf einem Fluss durch Wind und Wellen zu fahren, obwohl man Angst hatte, konnte man diese herzzerreißende Szene auskosten.

Jemand, der mit „Ein Sie bewundernder Mensch“ unterschrieb, schrieb sofort an die Frauenmannschaft: „Ich bin anderen gegenüber streng, fast bis zur Härte, aber nachdem ich euer Spiel gesehen habe, kann ich nicht aufhören zu loben. Von euch habe ich die wertvollen Eigenschaften der chinesischen Nation gesehen. Technisch hervorragend zu sein ist zwar selten, aber geistig stark zu sein ist noch seltener. Die japanische Frauenmannschaft ist weltweit für ihre Hartnäckigkeit bekannt, doch sie traf auf Menschen, die noch hartnäckiger sind als sie. Euer hartnäckiger Geist lässt mich zutiefst glauben, dass in euren Herzen die Ehre des Vaterlandes über allem steht. Ihr habt das Ansehen der Mannschaft, das Ansehen der Nation erkämpft. Ihr seid gute Töchter und Söhne der chinesischen Nation!“

Eine Gruppe Arbeiter schrieb im Brief: „Für einen Menschen, ein Land ist Armut und Rückständigkeit nicht schrecklich, schrecklich ist, die Richtung und das Selbstvertrauen zu verlieren. Solange man es wagt, der Realität ins Auge zu sehen, entschlossen ist aufzuholen und zu überholen, hart arbeitet, Schritt für Schritt voranschreitet, gibt es keine Schwierigkeit, die man nicht überwinden kann. Wie sehr brauchen unsere Partei und unser Land pragmatische Macher wie euch, die keine leeren Worte machen!“

Zu diesem Zeitpunkt diskutierten bekannte und unbekannte Menschen in kleinen Gruppen über diese chinesischen Mädchen.

„Maomao spielt wirklich toll!“ sagte ein junger Mann mit Brille.

„Maomao hat auch eine tolle Haltung auf dem Feld!“ pflichtete ein kräftiger junger Mann bei.

„Maomao“ war eine vielbewunderte Person.

Wer war „Maomao“? Sie war Nummer zwölf, das Mädchen aus Sichuan, Zhang Rongfang. Sie hatte von klein auf einen „kecken Charakter“, wagte es, mit Jungen auf Bäume und Dächer zu klettern, wagte es, im Winter in kalte Fluten zu springen und gegen Wind und Wellen zu kämpfen. Bis heute bewahrte sie diesen liebenswerten kecken, temperamentvollen, hartnäckigen Charakter. Als Kind nannten sie alle „kleine Maomao“, jetzt, wo sie erwachsen war, ließ man das „kleine“ weg und nannte sie „Maomao“.

Als sie gerade auf dem Feld stand, konnte man ihren „kecken Charakter“ überhaupt nicht sehen: leicht gebeugt, die linke Hand locker auf dem Rücken, beide Augen halb geschlossen, als sei sie gerade aufgewacht, ein bisschen verschlafen wirkend. Ihre Größe war wie die von Chen Zhaodi, 1,74 Meter, die kleinste in der Mannschaft. Kurz gesagt, ihr Auftreten hatte nichts Auffälliges. Aber sobald der Ball im Spiel war, verwandelte sie sich, war voller Energie, ihre Augen in alle Richtungen, ihre Ohren überall, wie ein erfahrener alter Jäger, der die Augen zusammenkneift, um seine Beute fest im Blick zu behalten. Ob beim fliegenden Baggern oder beim Sprung zum Schmettern, alle Bewegungen waren so agil, schnell, präzise. Die geschmetterten Bälle waren raffiniert und trickreich, so dass der Gegner sie oft nicht abwehren konnte. Manchmal, wenn sie zu heftig schmetterte und zu Boden fiel, sprang sie, sobald sie den Ball sah, sofort wieder auf und überraschte den Gegner mit einem unerwarteten Gegenangriff. Sie war so flink wie ein Affe aus den Bergen, so mutig wie ein Tiger aus dem Dschungel. Auf dem Spielfeld war ihr schweißnasses Gesicht immer so voll und rosig, so strahlend, zeigte eine besondere gesunde Schönheit. Um es mit den Worten der Team-Kapitänin Sun Jinfang zu sagen: „Maomao ist auf dem Feld so lebendig!“

Der Regen nieselte weiter lautlos. Unter den hellen Scheinwerfern wirkte der feine Regen wie Tausende und Abertausende silberner Fäden, die vom Himmel hingen, sanft im Nachtwind schwankend und wehend. Die japanischen Gäste hatten die Halle bereits verlassen und waren mit dem Auto zu ihrem Hotel gefahren, aber von den chinesischen Mädchen war immer noch nichts zu sehen. Die Menschen wurden ungeduldig, jemand sagte laut: „Es ist so schwer, sie auch nur zu sehen, die chinesische Frauenmannschaft ist wirklich zu arrogant!“ Plötzlich trat jemand aus der Sporthalle heraus. Die Menschen reckten ihre Hälse, in der Erwartung, dass die Volleyballspielerinnen nun herauskamen. Doch zu ihrer Überraschung war es ein Mitarbeiter der Halle. Er stellte sich auf die Treppenstufen und rief laut den Zuschauern zu: „Bitte geht nach Hause! Die chinesische Frauen-Volleyballmannschaft macht gerade Nachunterricht!“

„Nachunterricht?“ Die Zuschauer riefen verwirrt durcheinander.

Der Mitarbeiter sagte: „Ja, Nachunterricht. Sie sagten, dass das heutige Spiel nicht gut gelaufen ist...“

„Es war gut! Sie haben so kämpferisch gespielt!“ protestierten die Zuschauer empört.

Fairerweise muss man sagen, dass dieses Spiel wirklich hervorragend war.

Yuan Weimin und Deng Ruozeng gaben ebenfalls zu, dass das Spiel gut gelaufen war. Bevor der Nachunterricht begann, sagte Yuan Weimin zu den Spielerinnen, die sich um ihn versammelt hatten: „In gewisser Weise ist dieses Spiel wertvoller als ein von Anfang an reibungsloser Sieg. Früher hatten wir kein Selbstvertrauen aufzuholen, wenn wir zurücklagen. Und wenn wir führten, hatten wir Angst, dass andere uns einholen würden. Jetzt geraten wir nicht in Panik, wenn wir zurückliegen, und können eine Niederlage in einen Sieg verwandeln – das ist wertvoll. Dies ist ein Zeichen dafür, dass unser Team reifer wird.“

In der Tat war die chinesische Frauenvolleyballmannschaft durch die Prüfungen von Rückschlägen, Niederlagen und Siegen in den letzten Jahren gereift. Bei diesem internationalen Frauen-Volleyball-Einladungsturnier in Nanjing hatten sie zunächst die USA mit 3:1 und Japan mit 3:0 besiegt. Bei den anschließenden Freundschaftsspielen besiegten sie diese beiden starken Mannschaften erneut mit denselben Ergebnissen. Heute Abend hatten sie zum dritten Mal die japanische Frauenmannschaft mit 3:0 geschlagen.

Yuan Weimin blickte auf die nicht besonders begeisterten Spielerinnen und sagte ruhig: „Aber wir müssen uns gut überlegen, warum wir zu Beginn aller drei Sätze zurücklagen. Ich denke, wir haben den Gegner unterschätzt und waren überheblich! Obwohl alle bei der Vorbesprechung davon sprachen, Überheblichkeit zu vermeiden, kamen wir im Spiel selbst einfach nicht in Schwung.“ Er hielt kurz inne und fuhr dann bedeutungsvoll fort: „Der heutige Nachunterricht soll allen ins Gedächtnis rufen, dass wir zwar reifer werden, aber nicht überheblich werden dürfen. Wenn wir überheblich werden, werden wir eines Tages im Rinnstein kentern. Die Olympischen Spiele finden alle vier Jahre statt – aber wie viele Vierjahreszyklen hat ein Sportler in seiner Karriere? Bitte denkt darüber nach!“

Eigentlich waren einige Spielerinnen mit diesem Nachunterricht nicht einverstanden. Sie dachten: Eine schlechte Niederlage ist schlimmer als ein knapper Sieg – wie auch immer, wir haben doch gewonnen! Aber nachdem der Trainer so analysiert hatte, widersprach niemand mehr. Gehorsam schleppten sie ihre erschöpften Körper zurück aufs Feld und trainierten bis nach Mitternacht. Als sie endlich duschen konnten und zum Gästehaus der Shanghaier Sportkommission am Huangpu-Fluss zurückkehrten, schlug die Uhr des Zollturms melodisch – es war bereits zwei Uhr morgens. Nach Tagesanbruch würden sie sich alle in verschiedene Richtungen aufmachen – einige nach Hangzhou, andere nach Nanjing, Suzhou, Wuxi...

Maomao würde in ihre Heimatstadt Chengdu zurückkehren. Diese Heimreise war für sie anders als für die anderen Spielerinnen – es ging nicht um einen Besuch bei Familie und Freunden oder um einen Ausflug. Dort erwartete sie eine feierliche Parteiversammlung, bei der die Parteimitglieder über ihre offizielle Aufnahme in die Partei diskutieren würden. In ein paar Tagen würde sie ein vollwertiges Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas sein! Bei diesem Gedanken war sie so aufgeregt, dass jede Müdigkeit verflog.

Mit 13 hatte sie sich proaktiv beim Volksportstadion am Hinteren Tor in Chengdu gemeldet, um Volleyballspielerin zu werden. Seitdem hatte sie durch Fehler, hartes Training und Fortschritte – und wieder Fehler, wieder hartes Training, wieder Fortschritte – Schritt für Schritt die Reife erlangt.

Als sie zum ersten Mal zur Sichuan-Frauenvolleyballmannschaft kam, betreuten fünf ältere Spielerinnen sie als einzige Neue. Vier von ihnen waren bereits Mütter, aber sie machten trotzdem mit diesem Teenager hartes Bodentraining. Maomao war gerührt, aber auch verunsichert. Sie hatte nur einen Gedanken: „Ich muss hart trainieren und schnell ihre Nachfolge antreten.“

Bei einem Spiel lief es für die Sichuan-Frauenmannschaft nicht gut. Maomao rettete auf dem Spielfeld keine Bälle, die sie hätte retten sollen, und schmetterte auch nur nachlässig, ohne sich wirklich anzustrengen.

Zurück in der Unterkunft fragte der Trainer sie ernst: „Maomao, was war heute los mit dir? Warum hast du die Bälle nicht gerettet, die du hättest retten sollen?“ Maomao antwortete offen: „Ich dachte, wir verlieren das Spiel sowieso – es macht keinen Unterschied, ob ich einen Ball gut spiele oder nicht.“ Der Trainer schüttelte den Kopf und dachte: „Sie versteht noch nicht, wie wichtig es ist, um jeden Ball zu kämpfen.“

Später schrieb Maomao eine Spielzusammenfassung, in der sie einen Erkenntnissprung machte.

Im Sommer 1976, kurz nach ihrem Eintritt in die Nationalmannschaft spielte sie ein Spiel gegen die peruanische Frauen-Volleyballmannschaft. Maomao passte einen Ball zur Hauptangreiferin an Position vier, aber unerwartet war es ein „Späh-Ball“, der gerade so über das Netz kam. Ihre eigene Angreiferin konnte ihn nicht erreichen, aber die gegnerische Angreiferin schlug ihn mit einem entscheidenden Schlag zurück – so entschlossen und hart.

1977, bei den Weltuniversitätsspielen, traf die chinesische Frauenmannschaft auf die USA. Maomao hatte Angst vor den großen amerikanischen Spielerinnen am Block und grübelte ständig darüber nach. Tatsächlich wurden mehrere ihrer Schmetterbälle von den großgewachsenen amerikanischen Spielerinnen zurückgeblockt. Sie war frustriert, dass sie nicht durchkam, versuchte es wieder – und wurde wieder geblockt. Obwohl China das Spiel knapp mit 3:2 gewann, verloren sie die Chance auf die Meisterschaft, weil sie zwei Sätze mehr abgegeben hatten.

Diese beiden Spiele trafen das Sichuan-Mädchen tief. Sie grübelte verbittert: „Meine Körpergröße habe ich von meinen Eltern – so groß bin ich eben, größer werde ich nicht mehr. Aber was mir angeboren fehlt, kann ich nachträglich wettmachen!“

Yuan Weimin stellte auch besonders hohe Anforderungen an Maomao. Er hoffte, dass dieses clevere Sichuan-Mädchen im Angriff Spezialfähigkeiten entwickeln und in der Verteidigung noch geschickter werden würde. Obwohl Maomao selbst schon so hart trainierte, gab er ihr manchmal noch zusätzliche „Lektionen“.

Wenn Maomao beim Zuspielen Probleme hatte, ließ er sie speziell Zuspiele üben.

Bälle kamen von vorne, von hinten, von links, von rechts – in unendlichen Variationen auf Maomao zu. Maomao rannte schweigend hin und her, rettete Bälle, bis sie völlig außer Atem war – aber Yuan Weimin machte die Bälle nur noch schwieriger. Schließlich stieg auch Maomao die Wut auf, sie fing einen Ball und warf ihn heftig vom Spielfeld.

Yuan Weimin sagte streng: „Hol ihn zurück!“

Maomao rührte sich nicht.

Yuan Weimin fragte: „Willst du trainieren oder nicht? Wenn nicht, dann geh runter! Wenn du es dir überlegt hast, kannst du weitermachen!“

Runtergehen? Niemals! In diesem Punkt unterschied sich Maomao ein wenig von Zhaodi. Wenn man ihr sagte, sie solle nicht trainieren, trainierte sie erst recht. Sie weinte beim Trainieren. Das Weinen war eine Sache, aber das Training blieb hart. Ihre Haltung war: Eher sterbe ich auf dem Spielfeld, als dass ich runtergehe.

Genau diese liebenswerte Sturheit kompensierte ihre körperlichen Nachteile und verlieh ihr hervorragende Fähigkeiten: schnelle Augen, schnelle Hände, schnelle Füße, trickreiches Spiel, gute Kombination von Schmettern und Täuschen, starke Abwehr und Ballannahme. Bei diesem internationalen Frauen-Volleyball-Einladungsturnier in Nanjing war selbst die 1,96 Meter große Hyman aus den USA gegen Maomao’s Schmettern und Täuschen machtlos. Sie hatte keine Angst mehr vor großen Spielerinnen – im Gegenteil, sie hatte die Großen bezwungen.

Maomao war gereift! In unzähligen heftigen Schlachten stand sie wie ein Fels in der Brandung – stabil und unerschütterlich!

Am nächsten Tag, im Zug in Richtung Heimat, sinnierte sie: Wenn eine Mannschaft reifer wird, sollte sie sich vor Überheblichkeit hüten, um nicht zu kentern – sollte dann nicht auch ein Mensch, wenn er reifer wird, über diese Frage nachdenken?


Chinas „Eisenhammer“

Welches Glück auf der Welt könnte größer sein als das Vertrauen des Volkes!

Zug Nr. 47 verließ Peking und stürmte in die unendliche Nacht, rasend schnell nach Süden, nach Süden...

Im Schlafwagenabteil stand ein hochgewachsenes Mädchen am Fenster und blickte hinaus. Sie war groß, kräftig, athletisch. Ihr leicht gewelltes schwarzes Haar war am Hinterkopf zusammengebunden und in zwei Zöpfen leicht herabhängend. Der tiefrote Kragen ihres Sportshirts lugte sanft unter ihrer dunkelblauen Jacke hervor wie eine rote Aprikosenblüte über einer Mauer. Obwohl wir nur ihre Rückansicht sahen, konnte man spüren, dass dieses Mädchen von jugendlicher Vitalität und Lebenskraft erfüllt war.

Draußen war es stockdunkel, die Nacht lag schwer. Nur vereinzelte Lichter flogen gelegentlich an ihren Augen vorbei nach hinten. Lang Ping, bewunderst du die Nachtlandschaft des Vaterlandes oder grübelst du? Vielleicht haben diese flüchtigen Lichter dich zurück zum gestrigen Abend gebracht, zur Gesundheitsgala für die zehn besten Sportler der Nation?

Für dieses gerade 20-jährige Pekinger Mädchen war es wahrhaft unvergesslich. Als sie den prächtigen Blumenstrauß und den silbernen Pokal entgegennahm, brach im völlig ausverkauften Hauptstadtstadion tosender Applaus aus. Nicht nur die 18.000 Anwesenden applaudierten – sie hörte auch den Applaus der 100.000en Fans, die für sie gestimmt hatten, und den Applaus der Millionen gewöhnlicher Zuschauer, die keine Gelegenheit zum Abstimmen hatten. Mit Blumen und Pokal in den Händen lachte sie gerührt unter Tränen.

Sie lachte, aber war nicht berauscht. Sie verstand zutiefst, dass sie stellvertretend für die ganze Volleyballmannschaft den Preis entgegennahm. Volleyball ist ein Mannschaftssport – jeder gewonnene Ball geht durch die Hände mehrerer Mitspielerinnen und ist mit dem Schweiß und Blut der Kameradinnen getränkt. Selbst mit den besten individuellen Fähigkeiten würde man ohne Teamarbeit nichts erreichen. Sie dachte an ihre Gefährtinnen, mit denen sie Tag und Nacht zusammen war: die anmutige große Schwester Sun Jinfang, die entschlossene und hartnäckige Zhang Rongfang, die mutige und stürmische Chen Zhaodi, die ruhige und entschlossene Zhou Xiaolan, die ehrliche und aufrichtige Chen Yaqiong, die fleißige Cao Huiying, die freundliche Yang Xi, die stille und geschickte Zhang Jieyun, die intelligente und flinke Zhou Lumin, die kräftige Liang Yan, die lebhafte und fröhliche Zhu Ling, und den strengen, aber herzlichen Trainer und Teamleiter... Kurz gesagt, sie dachte an jeden im Team.

Als sie mit ihrer Mutter im Menschenstrom aus dem Stadion strömte, hatte sie ihr Gesicht fast vollständig mit einem kamelfarbenen Wollschal verhüllt, sodass nur ihre hellen Augen zu sehen waren. Und der Pokal? Er steckte in einer langen, großen orangefarbenen Tasche. Sie prahlte überhaupt nicht mit sich selbst, sondern verschmolz mit den gewöhnlichen Zuschauern.

Auf dem Heimweg waren ihre Gedanken wie ein tosender Fluss.

Der silberne Pokal – warum ist er so schwer? Oh, er ist gefüllt mit ihrem eigenen Schweiß und dem ihrer Kameradinnen.

Der silberne Pokal – warum ist er so gewichtig? Oh, er trägt die sehnlichen Erwartungen des Vaterlandes und des Volkes.

Zu Hause angekommen, war es bereits spät in der Nacht. Aber Lang Pings Vater und Mutter saßen noch um den silberglänzenden Pokal herum und konnten nicht aufhören, ihn anzuschauen. Lang Pings Vater war ein Fan, aber ihre Mutter verstand überhaupt nichts von Sport. Als ihre Tochter Volleyball spielen wollte, hatte die Mutter dagegen gestimmt. Sie sah, dass ihre Tochter schwach war, und wollte sie nicht gehen lassen. Aber der Vater überredete sie geduldig. Nachdem die Tochter im Team war, ging er zu jedem Spiel in Peking. Bei Spielen in anderen Städten, wenn er auf Geschäftsreise vorbeikam, musste er unbedingt zuschauen. Anfangs verstand auch er die Spielweise nicht besonders gut – er freute sich einfach, wenn seine Tochter gut spielte, und war besorgt und bedauerte es, wenn sie Fehler machte. Lang Ping scherzte mit ihm: „Papa, beim Zuschauen bist du nervöser als ich beim Spielen!“ Die Sorge der Mutter war ganz anderer Art. Sie fürchtete, dass ihre Tochter nicht genug zu essen bekam. Bei jeder Reise packte sie ihr Essen ein – Sardellen, Süßigkeiten, immer eine volle Tüte. Im Sommer 1979, als Lang Ping in Sichuan spielte, schrieb sie ihrer Schwester, dass sie sich nicht ganz wohl fühlte. Als die Mutter davon erfuhr, schickte sie ihrer Tochter heimlich zwei Pfund Schokolade. Als das Paket bei Lang Ping ankam, war die Schokolade geschmolzen. Lang Ping hielt das Paket in den Händen, aus dem kaffeefarbenes Zuckerwasser tropfte – ihr Herz war heißer als die sommerliche Hitze. Mutter, du hast wahrhaft ein Mutterherz! In den letzten zwei Jahren begann auch die Mutter, Spiele anzuschauen. Ihre Gesundheit war nicht die beste, meist sah sie im Fernsehen zu, wie ihre Tochter spielte.

Als Lang Ping nach Hause kam, fragte die Mutter: „Ach, warum fallt ihr denn immer hin?“

Lang Ping erklärte ihr: „Mama, das ist fürs Spiel nötig, wir fallen absichtlich.“

Aber die Mutter kümmerte sich nicht darum, ob absichtlich oder nicht, und sagte besorgt: „In Zukunft darfst du nicht mehr so hart hinfallen!“

Lang Ping konnte es ihrer Mutter nicht klarmachen und sagte lachend: „Mama, wir fallen in Zukunft etwas sanfter hin...“

Seit Lang Ping in der Nationalmannschaft spielte, hatte sie kaum Gelegenheit gehabt, mit Mutter und Vater zusammen das Neujahrsfest zu feiern. Jetzt waren es nur noch ein paar Tage bis zum Frühlingsfest, und sie hatte auch noch eine Erkältung – die Mutter wünschte sich so sehr, dass ihre Tochter noch ein paar Tage bliebe! Aber das Herz der Tochter war schon davongeflogen. Die chinesische Frauen-Volleyballmannschaft war nicht in Peking – vor ein paar Tagen waren sie bereits zum Wintertraining nach Chenzhou in Hunan gefahren. Sie beschloss, am darauffolgenden Tag in den Süden zu fahren, um ihr Team einzuholen. Das warme, kämpferische Kollektiv zog sie wie ein starker Magnet an.

Der südwärts fahrende Zug raste pfeifend dahin. Jetzt war Lang Ping bereits müde geworden. Sie lag zusammengerollt auf der schmalen Schlafpritsche und schlief tief. Während sie schläft, lassen Sie uns einen Blick auf ihre Volleyball-Karriere werfen.

Seit ihrer Kindheit hatte sie Malerei geübt, sich für Musik begeistert, davon geträumt, Pilotin zu werden, und auch daran gedacht, Ingenieurin zu werden. Mit dreizehn Jahren nahm ihr Vater sie mit in die Sporthalle, um ein internationales Volleyballspiel anzuschauen. Sie entdeckte staunend, dass der Ball, der im Sportunterricht nach ein paar Berührungen immer auf den Boden fiel, in den Händen der Sportlerinnen so gehorsam war – das war ja wahrhaft berauschende Kunst! So keimte ein neues Ideal in ihr: Sportlerin werden!

Auch wenn sie jetzt 1,84 Meter groß war, war sie damals nur 1,60 Meter und so dünn und groß gewachsen, dass sie nur etwas über 70 Pfund wog und körperlich sehr schwach war. Aber das kümmerte sie nicht – sie war überzeugt, dass sie eine gute Sportlerin werden konnte. Sie lief zur zweiten Amateur-Sportschule Pekings, um sich anzumelden. Die Trainerin Zhang Yuanqing fand sie etwas zu schmächtig und zögerte einen Moment, stimmte dann aber unerwartet zu, dieses schwache Mädchen aufzunehmen.

Sie träumte davon, eines Tages ein Sporttrikot mit der Aufschrift „Peking“ zu tragen und die Hauptstadtbevölkerung bei Wettkämpfen zu vertreten. Also trainierte sie in der Sommerhitze und im Winter in eisiger Kälte, schwang tausende Male ihren langen Arm, um die langweiligen Grundlagen zu üben. Einmal verstauchte sie sich den Knöchel, aber aus Angst, dass ihre Mutter sie nicht mehr zur Sportschule gehen ließe, blieb sie auch am Wochenende dort. Wenn sie nach Hause ging, vergaß sie nicht, einen Ball mitzunehmen und gegen die Wand zu prellen, sodass die Wand voller Abdrücke war. Zwei Jahre später gehörte sie zur Pekinger Frauen-Volleyballmannschaft und wurde sogar Stammspielerin. Aber wie sehr wünschte sie sich, eines Tages das Staatswappen auf ihrem Trikot zu tragen und für das Vaterland gegen die stärksten Teams der Welt anzutreten! Ein Jahr später erfüllte sich auch dieser Wunsch. Yuan Weimin entschied sich, dieses nicht einmal 18-jährige junge Mädchen zu den VIII. Asienspielen mitzunehmen und sie sogar an Position vier die berühmte Hauptangreiferin Yang Xi ersetzen zu lassen.

In Bangkok, Thailand, stieg Lang Ping wie ein ungewöhnlicher neuer Stern am Volleyballhimmel auf. Im Spiel gegen Korea trugen ihre kraftvollen, scharfen Schmetterbälle und ihr bedrohlicher, aggressiver Block erheblich zum Sieg Chinas bei. Sie wurde als „neue Waffe der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft“ bezeichnet. Leider verstauchte sie sich im Spiel gegen die japanische „Hexen aus dem Osten“ den Fuß, was ihre technische Leistung beeinträchtigte, und ihre Schmetterbälle waren dann oft nicht erfolgreich. Außerdem offenbarte sie vor der strengen Verteidigung der japanischen Spielerinnen die Schwäche eines zu eintönigen, flachen Angriffs. Yuan Weimin wechselte sie noch vor Ende des ersten Satzes aus. Das Ergebnis: China verlor mit 0:3. Ein Zuschauer schrieb kritisch: „Man hätte bei einem solch entscheidenden Moment keinen unerfahrenen Neuling einsetzen dürfen. Das war ein Fehler des Trainers der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft.“ Für die bis dahin so erfolgsverwöhnte Lang Ping war dies ein gewaltiger Schock. Sie fühlte sich ungerecht behandelt und richtete ihren Blick auf die Hauptangreiferinnen der weltweit stärksten Teams, entschlossen, aufzuholen. In weniger als einem Jahr trug ihre entschlossene Anstrengung Früchte. Ende 1979, bei der zweiten asiatischen Frauen-Volleyball-Meisterschaft in Hongkong, trug sie entscheidend zum Sieg und zur Meisterschaft Chinas bei und wurde als Chinas „Eisenhammer“ gerühmt. Als das chinesische Fernsehen die Aufzeichnung des Spiels zeigte, hallten sowohl auf als auch vor dem Bildschirm die Rufe „Lang Ping! Lang Ping!“ wider. Sie war wirklich wie ein klingender Eisenhammer, der herzerhebende Kraft entfaltete. Ihre Angriffskraft wurde von der internationalen Volleyballwelt hochgeschätzt. Man nannte sie eine der drei größten Hauptangreiferinnen der Welt, vergleichbar mit der 1,96 Meter großen Hyman aus den USA und Pomar aus Kuba.

Der Zug raste südwärts, südwärts. Lang Ping konnte es kaum erwarten, dass der Zug noch schneller führe. Nach über dreißig Stunden langer Reise vereinigte sie sich endlich in Chenzhou mit ihrem Team. Sie war so glücklich – sie waren erst ein paar Tage getrennt gewesen, aber es fühlte sich an wie Jahre.

In Chenzhou herrschte Dauerregen im Frühling, fein und endlos, als ob der Himmel ein Loch hätte. Die Trainingsbasis lag im Beihu-Park. Der Park war nicht groß, aber es gab Berge und Wasser, Pavillons und Terrassen, Springbrunnen, Goldfische, Affengruppen – und hinter dem Wohnheim der Spielerinnen war sogar ein kleiner Osmanthuswald. Aber Lang Ping hatte keine Zeit, all dies zu genießen. Außer Kantine und Wohnheim sah man ihre große, schweißtreibende Gestalt nur in der einfachen Trainingshalle mit Bambusmattendach.

Für Lang Ping war dies eine ganz normale Trainingseinheit. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, die Spielerinnen hatten alle ihre Aufgaben erfüllt und schleppten sich erschöpft zum Wohnheim, aber sie übte noch drinnen Aufschläge. Trainer Yuan hatte ihr die Aufgabe gegeben, drei Sätze zu spielen, in jedem Satz drei gute Bälle – wenn sie zwei mittelmäßige oder zwei Fehlschläge hatte, musste sie einen Satz hinzufügen. In der Halle war nur das „Peng! Peng!“ von Lang Pings Aufschlägen zu hören und Yuan Weimins Bewertungen: „Mittelmäßig!“ „Fehlschlag!“ Sie schlug eine ganze Weile, aber die Aufgabe war nicht nur nicht erfüllt, sondern es kamen noch mehrere Sätze hinzu. Lang Ping rieb ihre schmerzende Schulter – sie wurde langsam nervös. Durch das moosgrüne Netz blickte sie zum Trainer. Yuan Weimin stand ausdruckslos da, die Arme fest vor der Brust verschränkt. Seine Haltung sagte: „Wenn du nicht fertig wirst, darfst du nicht aufhören!“ Keine Verhandlungsbasis.

Lang Ping murmelte zu sich selbst: „Ich bleibe bis zum Ende!“ Sie nahm entschlossen den Ball und schlug wieder los: „Peng! Peng!“

„Stopp!“ Yuan Weimin kam mit ernster Miene herüber. „Schlag keine schwachen Bälle! Wenn du müde bist, kannst du dich ausruhen.“

Was schwache Bälle waren? Lang Ping wusste es natürlich. Der Name sagt es: schwache Bälle sind wie Gemüse, die man dem Gegner zum Essen serviert – also „Friedensbälle“ ohne Bedrohung. Im Wettkampf, wenn man sich mit Mühe das Aufschlagsrecht zurückerobert hat, sind schwache Bälle absolut inakzeptabel. Lang Ping tadelte sich insgeheim: Wie konnte ich nur schwache Bälle schlagen? Nein, das geht absolut nicht. Sie lief ein paar Schritte, schwang ein paar Mal den Arm, stand mit den Händen in den Hüften in Gedanken versunken und begann dann erneut.

Das „Peng! Peng!“ der Aufschläge und die Rufe „Guter Ball! Guter Ball!“ hallten immer weiter, bis sehr spät in die Nacht. Als Lang Ping mit schweren Schritten die Trainingshalle verließ, fragte ein Reporter sie halb im Scherz leise: „Versucht der Trainer absichtlich, dich fertigzumachen?“ Sie wischte sich den Schweiß vom Gesicht und lächelte: „Das kann man nicht mit Sicherheit sagen.“ Yuan Weimin erfuhr davon und sagte humorvoll: „Heute nicht. Aber ich habe sie schon oft genug ‚fertiggemacht’.“

Das Frühlingsfest kam näher. Im Flur des Wohnheims hingen vier große Laternen im alten Stil, an den Wänden und Fenstern hingen Zweige voller „Pflaumenblüten“. Die Volleyballspielerinnen hatten auch einen Tag frei – sie veranstalteten eine Feier, zündeten Feuerwerkskörper, aßen Erdnüsse, knabberten Sonnenblumenkerne... Woher kamen diese Kerne? Lang Ping hatte sie mit dem Preisgeld gekauft, das sie als eine der „Zehn Besten“ von den Hauptstadt-Nachrichtenorganisationen erhalten hatte.

Am zweiten Tag des neuen Jahres waren sie auf Einladung der Bewohner von Hengyang zu einem Demonstrationsspiel eingeladen. Nach dem Spiel war es schon nach 22 Uhr, aber der Teamleiter und die Trainer ließen die Spielerinnen nicht gehen – sie sagten, es gäbe einen Nachunterricht.

„Lang Ping, warum bewegst du dich nicht?“ rief der Trainer sie namentlich.

Lang Ping stand am Spielfeldrand und bewegte sich immer noch nicht. Sie fühlte sich nicht wohl.

Der Trainer kam herüber und fragte noch einmal: „Was ist los?“

Lang Ping sagte: „Trainer, mir ist etwas übel, ich muss mich übergeben.“

Der Trainer wusste es, aber er sagte trotzdem: „Wenn du dich übergeben musst, dann übergib dich – und komm danach zum Nachunterricht!“ Das Herz des Trainers war hart, ohne Mitgefühl! Aber Lang Ping beklagte sich nicht – selbst wenn er sie nicht aufs Feld ließe, wollte sie selbst hin! Sie erinnerte sich deutlich: Letztes Frühjahr, bei ihrem Besuch in den USA, waren sie über zwanzig Stunden geflogen von Hongkong nach Colorado Springs. Diese Hochlandstadt liegt über zweitausend Meter hoch – Erschöpfung plus Höhenkrankheit machten sie sehr unwohl. Beim abendlichen Training mussten sich acht Spielerinnen während des Trainings übergeben. Trotz Übergeben trainierten sie weiter. Damals hassten sie den Trainer wirklich für seine mangelnde Rücksicht. Aber am nächsten Tag beim Spiel fühlten sie sich geistig sehr gut und besiegten die US-Frauenmannschaft mit 3:1. Während der gesamten USA-Reise erreichten sie eine Bilanz von sechs Siegen und einer Niederlage – in einem Spiel in San Francisco servierten sie den Amerikanern in einem Satz sogar ein „Entenei“.

Erst da verstanden sie wirklich, warum der Trainer trotz ihres Erbrechens unbarmherzig auf dem Training bestand. Training ist für den Kampf!

An diesem Abend war es auch mit dieser Einstellung, dass Lang Ping den Nachunterricht durchhielt.

Das war Yuan Weimins „Fertigmachen“. Das sogenannte „Fertigmachen“ bedeutet, absichtlich Schwierigkeiten zu schaffen und mit allen möglichen unerwarteten Mitteln sie zu stählen.

Seltsamerweise liebte Lang Ping diese Art von „Fertigmachen“ des Trainers. Obwohl sie manchmal weinte und das Leiden unerträglich fand, war sie nach dem Training dankbar und hoffte, dass der Trainer sie weiter „fertigmachen“ würde. Denn sie verstand ihre Position als Hauptstützpfeiler im Team – welches der starken Teams der Welt studierte sie nicht? Sie hatten ihre Technik gefilmt, auf Video aufgenommen und studierten sie als „starken Feind“, um Gegenstrategien zu entwickeln. Um den Hammer weiter erklingen zu lassen, musste sie sich ständig schmieden lassen. Und war nicht jedes „Fertigmachen“ des Trainers ein Stählen für sie selbst?

Lass dich tausendmal stählen, Chinas „Eisenhammer“! Wenn der Tag kommt, an dem das Vaterland und das Volk dich für den „entscheidenden Hammerschlag“ brauchen, mögest du schwer und laut zuschlagen und unsere nationale Würde erklingen lassen!


Ihr gebührt der halbe Applaus

„Laien sehen die Aufregung, Experten sehen die Kunst.“ Gewöhnliche Zuschauer richten beim Volleyballspiel ihre ganze Begeisterung auf die Angreiferinnen, die den „entscheidenden Schlag“ setzen. Aber sachkundige Zuschauer geben immer die Hälfte ihres Applauses und ihrer Begeisterung der Seele des Spielfelds – der Zuspielerin.

Die Zuspielerin Sun Jinfang ist die Kapitänin der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft. Sie hat eine ausgeglichene Figur, ist kräftig und athletisch gebaut. Unter ihren hochgewachsenen Teamkolleginnen ist sie nicht besonders groß – vielleicht sogar etwas klein. Ihre beiden Augen sind schmal geschlitzt, und wenn sie schwitzt, werden sie noch schmaler. Kein Wunder, dass ihre Kameradinnen sie liebevoll „Kleine Schlitzi“ nennen. Doch durch diese schmalen Augenschlitze blitzt ein wacher, intelligenter und humorvoller Blick. Ihre Haltung ist gelassen und unerschütterlich – sie hat die Ausstrahlung eines Generals.

Aufmerksame Zuschauer bemerken leicht, dass fast jeder Ball auf dem Spielfeld, bevor er zum Gegner geschlagen wird, durch ihre Hände geht. Und ihre Zuspiel-Fähigkeiten sind erstaunlich hoch entwickelt. Egal wie gefährlich ein ankommender Ball ist – sobald er ihre Hände berührt, wird er angepasst, abgefedert, und im Handumdrehen ist die Gefahr gebannt, der Ball wird sanft. Ein Sportreporter beschrieb ihre Kunst einmal so: „Wenn die Bälle, die zu ihr fliegen, wie lodernde Feuerbälle sind, dann sind die Bälle, die ihre Hände verlassen, zu sanften Rauchfähnchen geworden...“ Das ist natürlich künstlerische Übertreibung, aber wenn man sie spielen sieht, hat man tatsächlich dieses Gefühl.

Sun Jinfang kommt aus Jiangsu und spricht mit dem melodischen, angenehmen Suzhou-Dialekt. Als Kind sagten alle, sie sei so zart, dass der Wind sie wegblasen könnte. Ihre Ellbogen waren so dünn, dass man sie mit einem Kniff hätte brechen können. Wie konnte ein so schwaches Mädchen aus Suzhou zu einer weltweit bekannten hervorragenden Sportlerin werden? Es war ein Sportlehrer in der Schule, der sie entdeckte und sie der Jugend-Amateur-Sportschule empfahl. Danach verband das Schicksal sie unauflöslich mit dem Volleyball. Die bewegenden Szenen ihres harten Trainings Tag und Nacht lassen sich nicht alle beschreiben. Lassen Sie uns eine Szene zeigen – eine Szene ihres Eigentrainings außerhalb der regulären Trainingszeiten.

In der Steinernen Stadt Nanjing, im Flur des Wohnheims am Xiaolingwei. Sun Jinfang und ihre Teamkollegin Zhang Jieyun übten Baggern. Vielleicht war die Decke des Flurs zu niedrig oder die Wände zu beiden Seiten zu eng – nach ein paar Berührungen fiel der Ball zu Boden. Aber sie gaben nicht auf, hoben den Ball auf und baggerten weiter. An den heißesten Sommertagen ist Nanjing landesweit als „Hochofen“ berüchtigt, stickig und heiß. Draußen war viel offener Raum – warum mussten sie unbedingt im Flur trainieren? Das hatte einen guten Grund: Wenn sie in diesem niedrigen, engen Raum gut zuspielen konnten, dann würden sie auf dem offenen Spielfeld erst recht meisterlich sein. Schweiß, Schweiß, Schweiß wie ein Regen! Das ursprünglich lockere, schöne Haar war nass und klebte zusammen. Die Farbe der ursprünglich hellen Sportkleidung wurde vom Schweiß dunkel getränkt – wenn man sie leicht auswrungen hätte, wäre eine Pfütze Schweiß herausgekommen. Sie sahen aus wie zwei Menschen, die gerade aus dem Wasser gestiegen waren. Während sie baggerten, zählten sie: eins, zwei, drei, vier... bis über fünfhundert. Die Decke schien plötzlich höher zu werden, die Wände und Fenster zu beiden Seiten schienen zurückzuweichen – der enge Flur verwandelte sich in einen grenzenlosen Raum. Noch erstaunlicher waren Sun Jinfangs Hände, die sich in zwei Magnete verwandelten und den fliegenden weißen Ball anzogen.

Ein Paar geschickter Hände zu haben ist zweifellos von größter Bedeutung, aber als hervorragende Zuspielerin muss man auch ein großes Herz haben. In der Sprache der Spielerinnen ausgedrückt: Das Herz muss groß genug sein, um ein Boot aufzunehmen. Die Zuspielerin ist eine unbesungene Heldin – der Applaus gilt meistens den Angreiferinnen, während Vorwürfe oft auf sie fallen. Und ihr Selbstwertgefühl war stark, ihr Temperament hartnäckig – in ihrem Herzen gab es einst nicht wenige Untiefen, die Boote am Einfahren hinderten.

Dies geschah im Sommer 1979. Das letzte Spiel der China-Besuchsreise in Japan. China gewann die ersten beiden Sätze leicht, ab dem dritten Satz gerieten sie in Schwierigkeiten. Die kraftvollen Schmetterbälle des Neulings Lang Ping waren wiederholt nicht von Erfolg gekrönt. Sun Jinfang erinnerte sie: „Lang Ping, achte auf die Angriffslinien!“ Lang Ping reagierte überhaupt nicht. Nach einer Weile rief Lang Ping ihr zu: „Spiel den Ball höher!“ Kleine Sun fühlte einen Schatten des Unmuts in ihrem Herzen. Der Ball flog über das Feld hin und her, scheinbar ein gefühlloses Objekt. Doch in Wahrheit ist er voller Gefühl. Freude, Ärger, Trauer und Glück der Sportlerinnen – selbst flüchtigste Veränderungen – spiegeln sich im Ball wider. Obwohl Yuan Weimin noch nicht wusste, welcher Konflikt auf dem Feld entstanden war, erkannte er an den schmollenden Lippen des temperamentvollen Suzhou-Mädchens, dass Kleine Sun verstimmt war. Er rief eine Auszeit und wechselte sie aus. Da die Situation auf dem Feld angespannt war, konnte Yuan Weimin seinen Kommandoposten nicht verlassen und bat Deng Ruozeng, neben ihm sitzend, mit ihr zu sprechen.

Deng Ruozeng war innerlich wütend. Er war im Team als nörgelnder „Schwiegermutter-Mund“ bekannt – sein Herz war von unglaublicher Güte, aber sein Mund konnte einem ordentlich den Kopf waschen. Er sagte zu Sun Jinfang: „Egal welcher Konflikt auf dem Feld entsteht, du musst den Ball gut spielen. Was auch immer es ist, wir klären es nach dem Spiel – hier geht es um die Ehre des Vaterlands!...“

Als die Kleine Sun wieder aufs Feld kam, schmollte sie nicht mehr und wollte auch das Spiel wenden, aber leider gelang es ihr nicht – am Ende verloren sie doch dieses Spiel.

Nach der Rückkehr sprachen der Teamleiter und die Trainer nacheinander mit ihr, und die Parteigruppe hielt eine Sitzung ab, um ihr zu helfen. Anfangs war sie immer noch nicht überzeugt. Sie dachte: Eine neue Spielerin ignoriert auf dem Feld die Mahnung einer älteren Spielerin und Feldkapitänin und macht auch noch solche fordernden Bemerkungen zu einer älteren Spielerin – ist das nicht ein bisschen zu viel? Sie teilte mit Lang Ping ein Zimmer, und einige Tage lang gingen sie aneinander vorbei ohne zu sprechen. Aber die Kleine Sun konnte nicht lange etwas für sich behalten – eines Abends sprach sie schließlich: „Lang Ping, warum hast du auf dem Feld meine Ermahnung einfach ignoriert?“ Lang Ping fragte erstaunt: „An was hast du mich ermahnt? Auf dem Feld war es so laut, ich habe überhaupt nichts gehört!“

Oh nein, wie schrecklich! Sie hatte sie also missverstanden. Natürlich war Lang Ping jung und temperamentvoll, direkt – als ihre Schmetterbälle nicht funktionierten, war sie nervös, ihr Ton vielleicht etwas scharf, aber Lang Ping selbst hatte es nicht bemerkt, und überdies war es ein Missverständnis. Selbst wenn Lang Ping sie wirklich getadelt hätte, hätte sie die Demütigung ertragen und die Ehre des Vaterlandes an erste Stelle setzen müssen! Die Gründe für die Niederlage waren natürlich vielfältig, aber die mangelnde Abstimmung zwischen ihr und der Hauptangreiferin war ein unverzeihlicher Fehler. Man muss wissen: Zwischen Zuspielerin und Hauptangreiferin darf es nicht den geringsten Spalt geben. Sie bereute, dass ihr Herz nicht weit genug war, und beschloss, sich weiter zu stählen – die Untiefen in ihrem Herzen eine nach der anderen wegzusprengen.

Seht, mit welch starkem Willen sie sich stählte!

Obwohl sie mit Rückenschmerzen trainierte, rief der Trainer sie immer wieder auf: „Kleine Sun, bring die Stimmung aller hoch!“ Sie hatte sich wegen solcher Dinge schon oft ungerecht behandelt gefühlt: Es liegt doch nicht an mir, dass ich nicht gut trainiere – warum lässt man mich nicht in Ruhe? Aber der Trainer sagte: „Du bist die Kapitänin, die Seele des ganzen Teams – an dich werden höhere Anforderungen gestellt.“ Manchmal „machte“ Yuan Weimin sie auch absichtlich „fertig“.

An jenem Tag trainierte Sun Jinfang allein Verteidigung. Aus irgendeinem Grund schmollte sie wieder. Yuan Weimin und Deng Ruozeng dachten sich: Heute müssen wir mal ihr hartnäckiges Temperament brechen. Sie sagten zu den anderen Spielerinnen auf dem Feld: „Ihr braucht nicht mehr zu trainieren, kommt her und schaut zu, wie die Kleine Sun trainiert!“ Kleine Sun war noch unzufriedener. Sie hatte so viele Jahre Volleyball gespielt und dies war das erste Mal, dass ihr so etwas passierte! Ich habe meine Aufgabe doch erfüllt, warum wird mir das angetan? Aber vor all ihren Teamkolleginnen konnte sie nicht explodieren – sie musste ihren Ärger unterdrücken.

Yuan Weimin sagte zu den versammelten Spielerinnen: „Heute endet es, wenn die Kleine Sun sagt, dass sie sich beruhigt hat.“ Er warf ihr unaufhörlich Bälle zu, Kleine Sun rettete nach vorne, hinten, links, rechts. Die Spielerinnen standen am Rand und feuerten ihre Kapitänin an. Das Gesicht der Kleinen Sun blieb angespannt, ohne ein Lächeln.

Nach der zweiten Pause sagte Sun Jinfang schließlich: „Trainer, ich habe mich beruhigt.“ Aber auf ihrem Gesicht war immer noch kein Lächeln. Yuan Weimin verstand innerlich – sie sagte zwar, sie habe sich beruhigt, aber ihr Herz hatte sich noch nicht beruhigt. Aber dass Sun Jinfang vor so vielen Menschen diese Worte aussprechen konnte, war dennoch nicht einfach. An jenem Abend sprach Yuan Weimin mit seiner Landsfrau. Er sagte ihr von Herzen: „Der Knoten in deinem Herzen ist noch nicht gelöst, oder?“ Kleine Sun sagte plötzlich: „Meine Sturheit habe ich von dir gelernt! Alle sagen, als du Sportler warst, warst du noch sturer als ich!“ Yuan Weimin lächelte: „Sturheit hat gute und schlechte Seiten. Du musst nicht meine schlechte Sturheit lernen!“ Das Gesicht der Kleinen Sun zeigte endlich ein Lächeln. Yuan Weimin fuhr bedeutungsvoll fort: „Es geht nicht darum, dass Trainer Deng und ich wollen, dass du dich vor uns verbeugst und uns gefügig folgst. Nein, das Feld braucht es, die Sache braucht es. Denk doch mal nach: Du bist die Feldkapitänin – unsere Anweisungen, unsere taktischen Absichten werden alle durch dich umgesetzt. In einem Satz dürfen wir nur zweimal eine Auszeit nehmen, jedes Mal nur eine halbe Minute. Egal wie gut unsere Ideen sind, wenn du sie nicht umsetzt, sind sie nichts wert. Außerdem beeinflussen deine Freude, dein Ärger, deine Stimmungs-Schwankungen direkt die Spielerinnen und den Sieg...“

Diese herzlichen, aufrichtigen Worte wehten wie ein warmer Frühlingswind in ihr Herz. Ihr Ärger löste sich wirklich auf.

Das Boot fuhr endlich in ihr Herz ein! Sie kannte die Persönlichkeit, das Temperament, den Körper und die Technik jeder Teamkollegin und spielte ihnen im Wettkampf nach ihrem Puls die Bälle zu. Lang Pings Charakter war offen, wenn sie aufgeregt war, sprang sie zu früh – der Ball musste höher sein. Wenn sie körperlich erschöpft war, konnte sie nicht hoch springen – der Ball musste nah am Netz sein, nicht weit weg. Zhaodi war mutig und kämpferisch, eine Tigerin, aber etwas stur – wenn sie nervös wurde, durfte man ihr nicht leichtfertig den Ball zuspielen, sondern musste sie ermahnen: „Zhaodi, nicht hetzen! Nicht hetzen!“ Maomao war mutig und stark, technisch vielseitig, konnte jeden Ball spielen – aber Bälle sollten lieber nah als fern, lieber niedrig als hoch, lieber schnell als langsam sein. Xiaolan war introvertiert, stabil. Yaqiong durfte man nicht tadeln, man musste sie ermutigen. Liang Yan war jung, scharfäugig und schnellhändig – die Ballgeschwindigkeit musste mithalten...

Durch dieses detaillierte Verständnis und volles Vertrauen zu jeder Teamkollegin, und durch deren Verständnis und Vertrauen ihr gegenüber, spielten die sechs Feldspielerinnen so harmonisch zusammen, als wären sie eine Person. Schauen Sie: In dem Moment vor dem Aufschlag streckten zwei oder drei Angreiferinnen gleichzeitig ihre Hände hinter den Rücken und signalisierten ihr, welche Taktik gespielt werden sollte. Ihr blitzschneller Blick flog darüber, ihr wacher Verstand analysierte sofort und sie antwortete sofort mit Handzeichen... Und so präsentierten sich eine Reihe atemberaubender schneller Spielzüge: flache Öffnungen, kurze schnelle Bälle, Kreuzungen, Rückenangriffe... aufregende Kampfszenen wurden von ihr inszeniert; angenehme Melodien unter ihrer Leitung gespielt.

Ein Zuschauer schrieb ihr lobend: „Dich spielen zu sehen ist wie eine Symphonie zu hören – unter deinem Dirigentenstab können die verschiedensten schönen Melodien erklingen.“

Jetzt ist Sun Jinfang eine „weltweit hervorragende Zuspielerin“, ein gereifter Veteran des Schlachtfeldes. Aber ihr Alter ist auch gestiegen – dieses Jahr wurde sie schon 26. „Alter“ und Verletzung sind oft Zwillingsschwestern. Rückenverletzungen plagen sie schwer. Auf dem Spielfeld ist sie immer kämpferisch und vital wie ein Drache, aber wenn sie das Feld verlässt, kann sie oft ihren Rücken nicht mehr gerade halten. Beim internationalen Frauen-Volleyball-Einladungsturnier in Nanjing letztes Jahr besiegte die chinesische Frauen-Volleyballmannschaft das japanische und das amerikanische Team. Um bei diesem Wettkampf gut abzuschneiden, hatte sie sich vor dem Spiel eine Blockadespritze geben lassen. Am Tag der Preisverleihung hoben die chinesischen Mädchen den Pokal hoch, um dem Publikum zu winken, doch Sun Jinfang musste sich mit der Hand die Hüfte stützen.

Wenn man die Mädchen der chinesischen Frauenvolleyballmannschaft mit glänzenden Perlen vergleicht, dann ist Sun Jinfang der golden schimmernde Faden, der die Perlen zu einer Kette verbindet, sodass die chinesische Frauenvolleyballmannschaft zu einem strahlenden, außergewöhnlich brillanten Kampfkollektiv wird.

Man sollte ihr die Hälfte des Jubels und Beifalls zukommen lassen!


Der junge Mann im Frauenreich

Wenn Sun Jinfang die unbekannte Heldin auf dem Spielfeld ist, dann ist er der glänzende Pflasterstein auf dem Weg der chinesischen Mädchen „in die Welt hinaus“.

In der Sporthalle der südlichen Kleinstadt Bangzhou fand ein Schaukampf statt, der schon eine Weile lief, als plötzlich fröhliches Gelächter aus den Zuschauerrängen aufbrandete. Die Mädchen, die ohnehin gern lachten, krümmten sich vor Lachen, und Tränen traten ihnen in die Augen.

Die Quelle der Heiterkeit war ein junger Mann, der sich unter die Mädchen der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft gemischt hatte. Er trug einen purpurroten Trainingsanzug für Frauen und spielte gerade auf dem Feld gemeinsam mit den Mädchen! Angeblich hatte sich ein Mädchen der Volleyballmannschaft verletzt und konnte nicht aufs Feld, also hatte er ihre Rolle übernommen. Wenn man nicht genau hinsah, konnte man kaum unterscheiden, ob es ein Mädchen oder ein junger Mann war. Er war etwas größer als Zhou Ti, Maomao und Sun Jinfang, aber im Vergleich zu Lang Ping, Xiaolan und Yaqiong war er etwas kleiner. Dieses Jahr war er vierundzwanzig, vom Alter her vergleichbar mit einigen älteren Spielerinnen. Seine Statur war ausgeglichen, zierlich, die Nase gerade und hochgewachsen, die Hautfarbe hell, er errötete leicht, war immer so schüchtern und zurückhaltend – er hatte tatsächlich etwas Mädchenhaftes an sich.

Die Leute konnten nicht umhin zu fragen: „Wie kommt dieser junge Mann in die chinesische Frauen-Volleyballmannschaft hinein? Woher kommt er?“

Im Frühherbst 1979 verließ Zug Nr. 46 Fuzhou und raste nach Norden in Richtung Peking. Am Fenster saß ein junger Mann mit klaren, feinen Gesichtszügen. An seiner hochgewachsenen Statur und seiner Kleidung konnte man auf den ersten Blick erkennen, dass dies ein junger Sportler war.

Er schien etwas auf dem Herzen zu haben und saß die ganze Zeit schweigend da, den Blick auf die goldenen Felder gerichtet. Plötzlich schüttelte er leicht den Kopf, und sein Gesicht wurde rot.

Unwillkürlich griff er nach dem Empfehlungsschreiben in seiner Jackentasche. Es stellte sich heraus, dass er ein junger Spieler der männlichen Volleyballmannschaft von Fujian war, der nun nordwärts fuhr, um sich bei der nationalen Frauen-Volleyballmannschaft zu melden. Was sollte ein männlicher Volleyballspieler bei einer Frauenvolleyballmannschaft tun? Als er die Mitteilung der Führung erhalten hatte, hatte er verwirrt darüber nachgedacht. Die Kameraden der Provinzsportkommission sagten ihm, dass die nationale Frauenmannschaft bald nach Hongkong zur zweiten asiatischen Volleyballmeisterschaft fahren würde und einen männlichen Trainingspartner benötigte.

Ah, er sollte als Trainingspartner dienen. Wenn er daran dachte, dass er künftig den ganzen Tag mit den Mädchen zusammenleben würde, begann sein Herz unwillkürlich zu klopfen. Er war so schüchtern und fand es immer unangenehm und peinlich, als Mann unter Mädchen zu sein. Aber in seinem Herzen erinnerte er sich klar an die Abschiedsworte seiner Teamkollegen: „Arbeite gut, hilf unserer Frauenmannschaft dabei, aus Asien hinauszukommen und in die Welt zu gehen!“

Egal, was der junge Mann dachte, der Zug folgte seiner vorgegebenen Route und brachte ihn rumpelnd nach Peking.

Als der junge Mann neu bei der Frauenmannschaft war, schauten ihn so viele Mädchen mit unterschiedlichen Blicken an. Die Mädchen lachten und sprachen völlig ungezwungen, ohne rot zu werden, während sein Gesicht bis zu den Ohren rot wurde und er es nicht wagte, den Kopf zu heben.

Wie sollte man ihn ansprechen? Er hieß Chen, mit Vornamen Zhonghe. Chen Zhonghe zu sagen, schien nicht respektvoll genug. Trainer Chen zu sagen, aber er war so jung, ein oder zwei Jahre jünger als einige der älteren Spielerinnen. Aber die Mädchen waren schlau genug – mit einem Augenaufschlag hatten sie eine Idee. Sie setzten vor „Trainer Chen“ das Wörtchen „klein“ hinzu.

„Kleiner Trainer Chen!“ „Kleiner Trainer Chen!“ Ob der junge Mann einverstanden war oder nicht, die Mädchen riefen ihn so herzlich. Er wurde noch verlegener – er war nur ein gewöhnlicher Spieler einer Provinzmannschaft, während sie alle berühmte nationale Sportlerinnen waren. Wie konnte er eine solche Anrede verdienen? „Ich bin hier als Trainingspartner, nennt mich einfach Kleiner Chen!“, bat er aufrichtig. Die Mädchen lachten und sagten: „Sei nicht so bescheiden, kleiner Trainer Chen! Wenn es soweit ist, sei nur ein bisschen nachsichtiger mit uns.“

Chen Zhonghe begann nach den Anforderungen der Trainer mit dem Training! Obwohl die Mädchen ihn unten immer „Kleiner Trainer Chen“ nannten, konnten sie durchaus sauer werden, wenn sie auf dem Feld die Aufgaben nicht erfüllten. Einmal machte er Aufschläge, und die Mädchen spielten den Ball an. Ein Mädchen konnte die Vorgabe einfach nicht erfüllen und beschwerte sich bei ihm, seine Bälle seien zu hart und zu schnell. Anfangs gab er nach, sobald die Mädchen sich beschwerten. Beim Aufschlag war er sanfter, beim Ballspiel lockerer. Aber Yuan Weimin und Deng Ruozeng, die beiden Trainer, waren damit nicht einverstanden und ermahnten ihn wiederholt: „Xiao Chen, sei strenger mit ihnen!“ Er fühlte sich so zerrissen! Lockerer zu sein machte die beiden Trainer unzufrieden, strenger zu sein, brachte ihm böse Blicke einiger Mädchen ein. In der Mitte zu stecken fühlte sich wirklich unangenehm an!

Nachts lag er im Bett und dachte im Stillen nach: Wozu bin ich zur Nationalmannschaft gekommen? Zum Trainieren, nicht zum Nachgeben. Ich sollte der Gastgeber sein, nicht der Gast!

Die beiden Trainer ermutigten ihn oft: „Xiao Chen, fordere sie mutig, wir stehen hinter dir!“

An diesem Tag übten die Mädchen Aufschläge, und Xiao Chen stand auf der anderen Seite des Netzes als Schiedsrichter. Jedes Mädchen sollte fünfzehn Gruppen aufschlagen, wobei drei gute Aufschläge eine Gruppe ausmachten.

Der Ball flog herüber und fiel zu Boden. Ob dieser Ball gut war, schlecht oder durchschnittlich, hing ganz von einem Wort von Xiao Chen ab. Wenn er nachsichtig war, ging die Aufgabe schneller; wenn er streng war, wurde es schwieriger.

Die meisten Mädchen hatten ihre Aufgabe erfüllt, nur zwei hatten ihre Vorgabe noch nicht geschafft. Der Aufschlag war die letzte Übung des Trainingstags, und sie hofften alle, früh fertig zu werden, um sich früher ausruhen zu können. Abends lief auch eine anziehende Fernsehserie, die die Mädchen gern sehen wollten. Sobald der Ball die Hand verließ, riefen alle gemeinsam: „Guter Ball!“ Xiao Chen verstand die Absicht der Mädchen, und ehrlich gesagt, als er sah, wie sie vor Schmerzen die Arme kaum heben konnten, fühlte er von Herzen Mitgefühl für ihre schwierige Lage. Aber er blieb gewissenhaft und rief objektiv: „Durchschnittlich!“

Die Mädchen wurden ungeduldig und riefen ihm zu: „Oh, dieser Ball soll durchschnittlich sein?“

Xiao Chen hörte es, hob aber den Kopf nicht. Das Mädchen beim Aufschlag sah, dass er keine Absicht hatte, das Urteil zu ändern, und schwang die Arme, um erneut aufzuschlagen.

Xiao Chen stand schweigend da und urteilte weiterhin ruhig: „Guter Ball!“ „Durchschnittlich!“ „Fehler!“ ... Er wusste in seinem Herzen: Hartes Training im Alltag war genau dafür, bei Wettkämpfen bestehen zu können. Jedenfalls konnten die Mädchen nichts gegen ihn tun – sie würden doch nicht über das Netz springen und ihn umarmen! Außerdem standen hinter ihm zwei strenge Trainer!

Nach dem Training sagten einige Mädchen neckisch: „Kleiner Trainer Chen, du bist aber auch streng geworden!“ Sie führten diese Worte zwar auf den Lippen, aber tatsächlich mochten die Mädchen alle seine „Strenge“. Die Mädchen, die auf dem Feld sauer gewesen waren, entschuldigten sich hinterher bei ihm. Er lächelte immer mit rotem Gesicht und sagte aufrichtig: „Ich bin Trainingspartner, meine Aufgabe ist es, gut mit euch zu trainieren. Ich muss euch gegenüber verantwortlich sein!“

Er ging alles so gewissenhaft an. Um die starken Mannschaften der Welt zu überholen, brauchte man imaginäre Gegner. So begann er, diese imaginären Gegner zu spielen. Dabei hatte er früher diese Vorbilder, die er darstellen sollte, kein einziges Mal gesehen. Geduldig befragte er die beiden Trainer und die Mädchen der Frauenmannschaft, schaute sich immer wieder Videos an, grübelte Tag und Nacht sorgfältig nach und imitierte Bewegung für Bewegung – und siehe da, er imitierte tatsächlich täuschend echt.

So nannten die Mädchen ihn nicht nur „Kleiner Trainer Chen“, sondern auch bei den Namen der ausländischen Meister, die er darstellte. Auf dem Feld waren seine Bewegungen, seine Haltung, wie ähnlich er diesen Vorbildern doch war! Aber sein Charakter blieb einfach und ehrlich; seine Miene blieb schüchtern und zurückhaltend.

Junge Männer wie „Kleiner Trainer Chen“ sind im Kollektiv der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft eigentlich gar nicht selten. Wenn man die Namen aller jungen Männer auflisten würde, die nacheinander als Trainingspartner kamen, wäre das eine lange Liste. Und wenn man noch die Mannschaftsärzte hinzufügte, die still und leise ihren Beitrag leisteten, dann wäre diese Truppe unbekannter Helden noch beeindruckender. Die unbekannten Helden bauten für die chinesischen Mädchen beim Erklimmen des Weltgipfels des Volleyballs eine Stufe nach der anderen. Aber auf dem Spielfeld sieht man ihre Gestalten nicht; auf der Ehrenliste findet man ihre Namen nicht; auf dem Fernsehbildschirm sieht man ihre Gesichter nicht.

Aber sie sind zweifelsohne treue Bürger des „Frauenreichs“. Sie leben in diesem liebenswerten Kollektiv der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft und lassen ihre schönen Hoffnungen in den Idealen der Mädchen aufgehen...


Liebe, bitte komm etwas später

Die Lebenserwartung der Menschen verlängert sich, aber die „sportliche Lebenserwartung“ der Sportler verkürzt sich durch die beschleunigte Talentfolge. Für einen Sportler ist die „goldene Ära“, in der herausragende Leistungen erzielt werden können, sehr kurz. Die Mädchen der Frauenvolleyballmannschaft sind sich dessen tief bewusst, schätzen die Zeit wie Gold und konzentrieren ihre Energie ganz auf ihre geliebte Volleyballkarriere. Aber sie leben nicht in einer gesellschaftlichen „Vakuumblase“. Unter den schneeflockenartig eintreffenden Briefen der Zuschauer sind unvermeidlich auch einige Liebesbriefe junger Männer; unter den Millionen Fans gibt es stets einige verliebte Verehrer. Sogar aus dem Ausland treffen zärtliche Gefühle ein. Aber Samen, die zur falschen Zeit gesät werden, werden nicht keimen und blühen. Angesichts der einen nach dem anderen eintreffenden gefühlvollen Liebesbriefe, angesichts der Geschenke mit besonderer Bedeutung, angesichts der Fotos gutaussehender junger Männer flehen die Mädchen unzählige Male inbrünstig: „Liebe, bitte komm etwas später!“

Doch mit zunehmendem Alter kam die Liebe dennoch leise zu einigen der älteren Spielerinnen.

In der Gesellschaft kursierte doch die „Zehn-Punkte-Liste“ der Mädchen für die Partnersuche, oder? Möbelset, Unterstützung der Schwiegereltern, drei Runden und ein Klingeln, Kleidung für alle vier Jahreszeiten, angenehmes Äußeres, Gleichgültigkeit gegenüber Verwandten... Und was die Radios angeht, sollten sie Fotos aufnehmen können, Nähmaschinen sollten Zickzackstich haben, Fahrräder sollten rauchen... Nun, welche Bedingungen haben unsere Volleyballmädchen beim „Freundefinden“?

Ein Volleyballmädchen testete einmal ihren „Freund“ so. Sie tat sehr bekümmert und klagte ihrem „Freund“: „Ach, ich bin alt, habe viele Verletzungen, kann nicht mehr so lange spielen – du solltest schnell einen Antrag stellen!“ Ihr „Freund“ hörte dies, schüttelte hastig den Kopf und sagte verlegen: „Das geht doch nicht! Jetzt braucht das Land deine Kraft...“ Das Mädchen lächelte und sagte fröhlich: „Du hast allein mit diesem Punkt das ‘Soll erfüllt’!“

Natürlich gab es noch andere Bedingungen, aber dies war die wichtigste unter allen: Ihr „Freund“ musste sie in ihrer Karriere mit ganzem Herzen unterstützen!

Nachdem Mannschaftskapitänin Cao Huiying sich körperlich erholt hatte, war sie bereits 24 oder 25 Jahre alt. In der Gesellschaft war das die beste Jugendzeit, aber unter Sportlern gehörte sie bereits zur „alten“ Generation. Was Ruhm und Stellung betraf, so war sie Kaderleiterin, Parteimitglied und sogar zur Volkskongressabgeordneten gewählt worden – man konnte sagen, dass sie alles bekommen hatte, was eine hervorragende Sportlerin bekommen konnte. Zudem rieten einige Ärzte ihr ab, weiter zu spielen, und sagten, es könnte zu einem Lungenperforation kommen, mit unvorstellbaren Folgen. Aufhören, solange es gut lief, bei der ersten Gelegenheit aussteigen – war das nicht genau das, worüber manche Leute gern sprachen? Aber Cao Huiying wählte einen anderen, härteren Weg. Sie sagte zu ihrem „Freund“: „Die sportliche Lebenszeit eines Menschen ist ohnehin nicht lang. Durch Krankenhausaufenthalt und Erholung habe ich viel kostbare Zeit verschwendet. Ich möchte sie etwas verlängern, wenn auch nur um zwei oder drei Jahre, das wäre schon gut. Nach ein paar Jahren gibt es keine Chance mehr, für das Vaterland Ehre zu gewinnen. Etwas Mühe, etwas Schweiß, sogar ein gewisses Risiko – das ist es wert. Wenn ich so handle, werde ich es später nicht bereuen.“ Sie schaute ihren „Freund“ an und fragte: „Unterstützt du mich?“ Ihr „Freund“ hatte längst die tiefere Bedeutung ihrer Worte verstanden und lachte fröhlich: „Huiying, spiel nur! Wie viele Jahre du auch spielst, ich warte auf dich. Wenn du eines Tages nicht mehr spielst, heiraten wir.“

Als Cao Huiying zur Mannschaft zurückkehrte, waren Zhou Xiaolan, Lang Ping, Chen Yaqiong und andere Nachwuchstalente bereits herangewachsen. Obwohl sie nicht mehr Stammspielerin war, war sie gern Ersatzspielerin. Sie dachte: „Bei entscheidenden Spielen, auch wenn ich nur für ein oder zwei Sätze einspringen kann, das wäre schon gut!“ Jetzt war sie 27 Jahre alt, die tatsächliche „große Schwester“ im Team. Obwohl sie Verletzungen hatte, war sie mutig und kämpferisch wie früher, immer noch mit dem Einsatz „Ball oder Leben“.

Der „Freund“ der Zuspielerin Sun Jinfang hatte ursprünglich nur durchschnittliches Interesse am Sport, aber seit er Xiao Sun kennengelernt hatte, schien er angesteckt zu sein und wurde auch volleyballverrückt. Einmal zeigte Xiao Sun ihren Teamkollegen den Brief ihres „Freundes“ und sagte lachend: „Seht mal, wie interessant er ist! Normalerweise schaut er kein Fernsehen, aber als ‘Sterne am Netz’ mit uns lief, hat er es gesehen, von Anfang bis Ende.“ In Wahrheit war das nicht alles! Er hatte auch die „Sportzeitung“ abonniert, durchblätterte verschiedene Sportzeitschriften, und wenn er Nachrichten oder Materialien über Volleyball fand, schnitt er alles aus und klebte es in ein Heft. Er sagte zu Xiao Sun: „Du machst Sport, du solltest Material sammeln. Da du im Moment keine Zeit hast, sammle ich es für dich.“

Das Team bestieg das Flugzeug für eine Auslandsreise. Ein Mädchen, das gerade einen „Freund“ gefunden hatte, schaute aus dem Bullauge auf die kleiner werdenden Menschen, die zum Abschied gekommen waren, blickte auf die schöne Hauptstadt, die sich allmählich entfernte, und versank in Gedanken:

„Früher war ich allein, wohin ich auch ging, war es egal. Jetzt ist es anders, da ist jemand, der mein Herz bewegt. Um eine Karriere zu machen, muss man zwangsläufig einiges aufgeben, Opfer bringen. Sich seltener zu sehen oder vorübergehend nicht zu sehen, kann man wohl als kleines Opfer betrachten!... Menschen brauchen etwas Geist. Besonders ein junger Mensch muss für die Verwirklichung seiner Ambitionen und Ideale kämpfen. Wenn man den ganzen Tag in zärtlichen Gefühlen versinkt, verliert man seine Ideale, wird geistig leer und begräbt vielleicht sogar sein ganzes Leben. Man sollte die Liebe als Antrieb nutzen, um sich besser zu motivieren, besser zu arbeiten – das ist die Haltung, die ein Jugendlicher der 1980er Jahre haben sollte.... Freund, lebe wohl! Die erfolgreiche Erfüllung der Aufgabe wird unserem späteren Wiedersehen noch strahlendere Farben verleihen! Lasst uns im weiten Himmel gemeinsam fliegen!“


Das tiefe Meer

Im heißen Sommer machten die Mädchen der Frauenvolleyballmannschaft zehn Tage oder zwei Wochen Pause und Erholung am Strand von Qinhuangdao. Im Vergleich zur Trainingshalle und Sporthalle war das weite Meer eine wunderbare Welt. Früher flogen ständig weiße große Bälle auf sie zu; jetzt zeigten sich vor ihren Augen unzählige weiße Wellen auf dem Meer; früher traten ihre Füße auf harten, glatten Hallenboden; jetzt erstreckte sich unter ihren Füßen weithin feuchter, weicher Sandstrand; früher hörten sie das „Peng-Peng“ der Ballschläge; jetzt hallte in ihren Ohren das Rauschen der Meereswellen. Die Mädchen liebten das Meer! Sie liebten den Anblick von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, die tobenden Wellen, die Weite und Großzügigkeit...

Das Meer wogt durch die Erdrotation, durch Ebbe und Flut und den Wind; aber durch welche Kraft werden die Wellen im Inneren der Mädchen bewegt? Hier sollten wir einige Briefe von Zuschauern lesen. Ein gelähmter Jugendlicher aus dem Miao-Gebirge schrieb: „Heute ist mein 26. Geburtstag. In früheren Jahren verbrachte ich meinen Geburtstag in äußerstem Schmerz und Trauer. Ich bin ein junger Mann mit rheumatischer Lähmung, der bereits zwölf Jahre im Bett verbracht hat. Aber heute, als ich von eurem Sieg hörte, habe ich geweint – Tränen des Glücks und der Rührung...“ Ein Universitätsstudent aus Peking schrieb: „Jetzt verstehen wir erst wirklich, dass Sport die patriotischen Gefühle der Menschen wecken kann. Wenn die Fünf-Sterne-Flagge steigt, wenn die Nationalhymne erklingt, wer als Chinese könnte nicht stolz darauf sein, man möchte dem weiten Himmel und der weiten Erde zurufen: ‘Ich bin ein stolzer Chinese!’ Und all diese bewegenden Leistungen verdanken wir eurem Schweiß im Training, eurer Willenskraft und eurem kämpferischen Geist im Wettkampf – ihr seid die würdigsten liebenswertesten Menschen der Gegenwart.“

Ein Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz aus Hebei lobte nachdrücklich den „unbeugsamen“ Geist der Volleyballmannschaft. In seinem Brief sagte er, wenn alle Landsleute diesen unbeugsamen Geist hätten, könnte die „Vier Modernisierungen“ früher verwirklicht werden. Dieser ältere Herr schlug der Zentralregierung vor, den „unbeugsamen“ Geist zur „Nationalseele“ zu erklären.

Ein junger Lehrer schrieb: „Das Schicksal der Nation liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen. Durch euren Sieg habt ihr Ehre für Nation und Volk gewonnen, die patriotischen Gefühle des ganzen Volkes geweckt, besonders der Jugendlichen und Studenten, und auch in mir das Vertrauen in die Zukunft des Landes geweckt, sodass in den Tiefen meiner Seele stehendes Wasser wieder Wellen der Hoffnung schlägt. Früher sah ich keinen Ausweg, ich schwankte nur. Jetzt sehe ich: Für die Nation, für das Erwachen Chinas dürfen wir, diese Generation, nicht schwanken, wir müssen kämpfen, kämpfen!“

Diese Briefe wurden nach dem Sieg unserer männlichen und weiblichen Volleyballmannschaften bei der Weltcup-Qualifikation in Hongkong empfangen. Nicht nur Dutzende oder Hunderte, sondern Tausende und Abertausende flogen wie Schneeflocken von den 9,6 Millionen Quadratkilometern des Vaterlandes zu ihnen. Die Zuschauer sprachen neben Glückwünschen nicht über Volleyball, sondern über „geistige Nahrung“, „Nationalseele“, „Ideale“, „Vertrauen“, „Hoffnung“... Die Jugendlichen der Hauptstadt luden sie ein und äußerten ihnen gegenüber ausgiebig die durch Volleyball geweckten patriotischen Gefühle. Sie werden nie vergessen, wie die Studenten der Peking-Universität, als sie dort ankamen, den lauten Ruf „Vereint euch, belebt China!“ skandierten und sie in die Menschenmenge trugen. Vom Westtor zur Halle waren es nur ein- bis zweihundert Meter, aber die Studenten trugen sie und drängten sich mehr als eine Stunde lang vorwärts. Unterwegs verloren die Studenten mindestens hundert Schuhe.

Unzählige Zuschauerbriefe, die patriotischen Gefühle der breiten Jugend – wie Zehntausende rollende patriotische Ströme, die zu einem tosenden, wogenden Meer verschmelzen. Jedes herzliche Wort der Zuschauer, jedes leuchtend rote Halstuch, das von den Jungen Pionieren geschickt wurde, jede Münze von Kindergartenkindern, die eindringlichen Ermahnungen der Landsleute aus Hongkong und Macau... All dies schlägt Wellen im Inneren der Mädchen. Die Mädchen hören klar, wie jede Welle laut ruft: „Für das Vaterland Ehre gewinnen, China beleben!“

Wenn die Leser diesen bescheidenen Text lesen, sollte der aufsehenerregende Weltcup-Volleyballwettbewerb bereits beendet sein. Als der Autor schrieb, konnte er das Ergebnis dieses Weltwettbewerbs noch nicht vorhersagen. Vor dem Wettkampf waren sich die Mädchen der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft und ihre Trainer sehr bewusst, dass der Weg zur Weltmeisterschaft für die chinesischen Mädchen nicht eben war – auf dem Spielfeld würden gewaltige Kämpfe stattfinden. Natürlich war die Aufstellung der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft im Vergleich zu vor vier Jahren vollständiger und stärker geworden, Technik und Taktik hatten sich deutlich verbessert, sie konnten als Weltklasseteam gelten. In den Worten der Sportlerinnen selbst: Nur noch eine Stufe fehlt bis zum Gipfel. In Xu Yinshengs Worten: Die chinesische Frauen-Volleyballmannschaft trennt nur noch ein Blatt Papier vom Weltmeistertitel. Diese letzte Stufe zu erklimmen, dieses Blatt Papier zu durchstoßen, ist nicht leicht. Egal, welche Schwierigkeiten auf dem Weg liegen, unsere Mädchen sind entschlossen, mit aller Kraft zu klettern. Vor vier Jahren kamen die Mädchen singend „Keine Tränen, keine Trauer“ aus Japan zurück. Welches Lied werden sie diesmal beim Zurückkommen singen? In der heutigen Volleyballwelt gibt es viele starke Gegner, die Situation auf dem Spielfeld ist schwer vorherzusagen, es können zufällige Faktoren auftreten. Aber egal wie Sieg oder Niederlage ausfallen, die 30-jährigen Bemühungen, „in die Welt hinauszugehen“, der von Generation zu Generation weitergegebene Kampfgeist für die Ehre des Vaterlandes – all das ist lobenswert und preisenswert. Erfreulich ist auch, dass hinter ihnen eine noch jüngere Gruppe von Talenten herangewachsen ist und schnell reift. Sie werden unablässig weiterkämpfen, weiter streben...

Ist ihr Ziel die Weltmeisterschaft? Ja, aber nicht nur das. Was sie von Generation zu Generation mühsam anstreben, ist die große Zukunft unseres Mutterlandes!


Nachwort

Die Feuerwerkskörper zum Frühlingsfest knallten noch in der Luft, als ich eilig nach Süden aufbrach, in die kleine Stadt Yuzhou in Hunan, um der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft zu folgen.

Vor der Abreise hörte ich, dass Yuan Weimins Frau und Kind erkrankt waren, und besuchte sie deshalb. Yuan Weimins Frau Zheng Huying ermahnte mich tausendmal, ihrem Mann nichts von der Krankheit von Mutter und Kind zu erzählen. Sie sagte: „Er ist so beschäftigt, lass ihn sich dadurch nicht ablenken.“ Deng Ruozhengs Frau Cai Xiqin gab mir eine kleine Tüte Erdnüsse mit, die ich ihrem Mann bringen sollte. Sie sagte liebevoll: „Er isst das gern, bring ihm ein bisschen als Zeichen der Zuneigung!“ Ihr einziges Kind war über zehn Jahre alt, aber behindert und ging bis heute nicht zur Schule. Wenn der Vater nicht da war, machte es große Schwierigkeiten. Xiao Cai konnte es kaum kontrollieren, sie war sehr besorgt. Vor ein paar Tagen, als sie Deng Ruozeng schrieb, waren ihr unwillkürlich ein paar Sätze herausgerutscht. Sie sagte: „Ich bereue wirklich, dass ich ihm davon erzählt habe. Du musst ihm unbedingt sagen, dass es dem Kind jetzt gut geht, es gibt keine Probleme, er soll sich keine Sorgen machen.“

Der Zug fuhr nachts nach Süden. Meine Gedanken wurden von den schlichten und doch gefühlvollen Worten dieser beiden „Volleyball-Ehefrauen“ tief bewegt. Die Ehemänner kämpften für die Volleyballsache quer durchs Land, konnten sich nicht um die Familie kümmern, die Ehefrauen hatten nicht nur keine Klagen, keine Vorwürfe, sondern trugen still die schweren Haushaltslasten, ertrugen die verschiedenen Sorgen des Lebens und unterstützten und ermutigten ihre Männer bei ihrer Arbeit mit ganzer Kraft... Menschen sagen oft, dass in einer chinesischen Familie, wenn ein Mitglied beruflich etwas erreichen will, meist ein anderes „das Kissen sein“ und Opfer bringen muss. Diese beiden „Volleyball-Ehefrauen“ (Volleyballspielerinnen der 1960-er Jahre) bringen genau solche Opfer, um den Kampf ihrer Ehemänner in der Karriere zu unterstützen, nicht wahr?

Von ihnen ausgehend dachte ich an die Tausende und Abertausende chinesischer Mädchen und ihre Trainer und Teamleiter, die für die Aufholjagd der Frauen-Volleyballmannschaft um Weltniveau zu erreichen geschwitzt und sich angestrengt hatten. In den 1960-er Jahren, als ich Sportreporter war, habe ich an vielen Orten das Wintertraining der Volleyballmädchen mit eigenen Augen gesehen. Hunderte Mädchen, Schweiß vermischt mit Schlamm, wälzten sich auf dem chinesischen Boden, um Bälle zu retten – diese heroischen Szenen sind mir noch lebhaft in Erinnerung. Obwohl sie selbst keine Chance hatten, den Weltgipfel des Volleyballs zu erklimmen, sind sie zweifellos alle leuchtende Pflastersteine auf dem Weg der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft in die Welt.

Aber noch nie hatte ich eine Gelegenheit wie diese, Tag und Nacht mit den Mädchen der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft zusammen zu sein. Yuzhou empfing mich, den Besucher aus dem Norden, mit seinem charakteristischen endlosen Regen. Dort blieb ich über zwanzig Tage, sah aber nur einen halben sonnigen Tag. Der lautlose feine Nieselregen schien niemals abzureißen oder aufzuhören. Ehrlich gesagt, ihr Trainingsleben war bei weitem nicht so attraktiv wie die Wettkampfszenen. Aber im Training konnte man viele bewegende Szenen sehen, die man im Wettkampf nicht sieht. Das Leben war so monoton, das Training so hart, aber die Mädchen der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft ertrugen es bereitwillig und still...

Spät in der Nacht lag ich im Bett, hörte das Prasseln des Regens vor dem Fenster und dachte mühsam nach. Die chinesische Frauen-Volleyballmannschaft besteht seit fast dreißig Jahren, ihre Mitglieder haben unzählige Male gewechselt, aber ein hoher Geist leuchtet in jeder Generation von Sportlerinnen. Was für ein Geist ist das eigentlich? Ah, das ist eine große Liebe, eine tiefe Liebe zu unserem Vaterland und Volk. Genau diese tiefe, große Liebe macht die alten und neuen Sportlerinnen der chinesischen Frauen-Volleyballmannschaft so selbstlos, so hingebungsvoll!

Eben dieselbe tiefe Liebe motivierte mich, entfachte das Feuer der Schreibleidenschaft in meinem Herzen. Diesen Sommer war Peking außergewöhnlich heiß, aber meine innere Leidenschaft war noch heißer als das Wetter. Nach einem Tag voller geschäftiger Arbeit schrieb ich schweißgebadet am Schreibtisch. In über einem Monat Freizeit schrieb ich hastig diese rohen Zeilen nieder.

Ich erinnere mich, dass der berühmte französische Schriftsteller Balzac einmal sagte: „Der Romanautor war stets der Sekretär seiner Zeitgenossen.“ Nun, als Autor von Reportageliteratur sollte man erst recht ein treuer Sekretär seiner Zeitgenossen sein. Nach Abschluss dieses Textes bedauere ich zutiefst: Von den Hunderten chinesischen Volleyballmädchen, über die man schreiben sollte, habe ich nur ein oder zwei Dutzend getroffen. Die große Mehrheit von ihnen habe ich bis heute nicht kennengelernt. So blieben unvermeidlich zahlreiche bewegende Geschichten unerwähnt. Wenn die Geschichten von noch mehr Mädchen einbezogen worden wären, wäre dieses Gemälde sicherlich viel großartiger, viel bewegender geworden.

(Ursprünglich veröffentlicht in „Dangdai“, 5. Ausgabe 1981)

Anekdoten aus Sanmen Li

Qiao Mai


Im Frühjahr des Jahres 1980, in einer Ecke der 9,6 Millionen Quadratkilometer unseres Landes, ereignete sich etwas sehr Kleines und zugleich sehr Großes, völlig Gewöhnliches und doch Außergewöhnliches, das auf den ersten Blick überraschend erschien, bei genauerer Betrachtung aber durchaus zu erwarten war.

Gute Neuigkeiten bleiben im Haus, schlechte eilen tausend Meilen. Die Nachricht bekam Flügel und verbreitete sich mit dem schneidenden Frühlingswind rasch in alle Richtungen, löste bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Reaktionen aus: zorniges Aufspringen und Tadel, schadenfroher Spott und Hohn, ernste Nachdenklichkeit, Seufzen mit bitterem Lächeln...

Dadurch wurde ein einst völlig unbekanntes kleines Dorf berühmt – verstreut auf einer großen Salzwiese am linken Ufer des Dongliao-Flusses gelegen, die vierte Produktionsbrigade von Sanmen Li der Shiwu-Kommune im Kreis Huaide, Provinz Jilin. Dies ist die Geschichte von fünf Kommunisten und ihrer merkwürdigen Erfahrung...


Unsere Position als Kommunisten unter den Massen

Das traditionelle Gengshenjahr – das Jahr des Affen – und das Frühlingsfest standen bevor. Die Bauern, die ein Jahr lang geschwitzt und sich abgemüht hatten, waren fröhlich damit beschäftigt, Schweine zu schlachten, Reis zu waschen und Dampfbrötchen zu machen, zum Markt zu gehen, um Neujahrsbilder zu kaufen, Glasnudeln einzutauschen, Fisch zu kaufen und Schnaps zu holen. Am Himmel knallten vereinzelt die Feuerwerkskörper ungeduldiger Kinder, in der Luft mischte sich leichter Pulvergeruch, was die Neujahrsstimmung verstärkte.

Doch in diesen Tagen zog etwas die Herzen der Bauern von Sanmen Li stärker an als das Frühlingsfest – die Nachricht über die leistungsbezogene Entlohnung und die freiwillige Bildung von Arbeitsgruppen. Seit Tagen wurde auf dem Düngerhaufen, am Esstisch, auf der heißen Bettkante unter Mond- und Schneelicht, wo man schwer einschlafen konnte, von Kadern, alten Bauern, Vätern und Söhnen, Onkeln und Brüdern sowie unter jungen Ehepaaren über nichts anderes diskutiert. Das war keine Kleinigkeit! Arbeit und Produktion auf Arbeitsgruppen aufteilen – wenn die Herzen zusammenpassen, die Pferde zusammenpassen, dann braucht man sich keine Sorgen um mehr Getreide, mehr Beitrag, frühen Wohlstand zu machen. Aber wie sollten die Arbeitsgruppen eingeteilt werden? Wer mit wem in einer Gruppe? Die Menschen warteten ungeduldig.

Schließlich kam der Brigadesekretär Shen Chun persönlich ins Dorf, um die Sitzung für die Gruppenaufteilung zu leiten. Zuerst versammelte er die fünf Parteimitglieder der Brigade zu einer Gruppensitzung und forderte alle auf, die Anweisungen der Parteizentrale zur Umsetzung des Produktions-Verantwortlichkeitssystems gewissenhaft umzusetzen. Besonders betonte er, dass sich die Parteimitglieder bei der Gruppeneinteilung nicht zusammenscharen, sondern sich am besten auf die verschiedenen Gruppen verteilen sollten, um die Führung der Partei zu stärken. Alle nickten zustimmend. Dann erst läutete er die Glocke, um die Menschen zu versammeln. Es war eine beispiellos große Gemeindemitglieder-Versammlung, die Begeisterung für die Teilnahme war mit der an den Versammlungen zur Anklage der Großgrundbesitzer während der Bodenreform vergleichbar. Das normalerweise viel zu groß und leer wirkende „Brigadenhaus“ war diesmal eng. Es kamen nicht nur Arbeitskräfte, Familienoberhäupter, sondern auch neugierige Kinder und stillende Frauen. Dicker Tabakqualm stieg auf wie Nebelschleier gegen Frost und verdunkelte die extra eingesetzte 200-Watt-Glühbirne. Aber es war sehr still im Raum, nicht das übliche endlose Geplauder und Scherzen bei Versammlungen.

Der Sekretär verlas das betreffende Dokument des Kreiskomitees und erläuterte dann den Vorschlag des Brigaden-Parteikomitees. Der Vorschlag war ganz einfach: Aufgrund der Arbeitskräfte, des Landes und des Viehs dieser Produktionsbrigade wurde es für angemessen gehalten, zwei Arbeitsgruppen zu bilden. Wenn die Gruppen zu klein wären, gäbe es nicht genug Leute.

Die Bauern waren ungeduldig im Herzen und ungeduldig im Mund. Kaum hatte Shen Chun ausgeredet, riefen schon einige: „Diese Politik ist gut! Wir unterstützen sie! Wenn es freiwillige Zusammenarbeit ist, dann soll jemand die Fahne aufstellen und Leute werben!“ Einer rief, viele antworteten. Im Saal riefen Brüder einander, Freunde einander, es wurde chaotisch.

Als Shen Chun das sah – die allgemeine Tendenz, der Wille des Volkes – freute er sich innerlich, bewunderte heimlich, wie sehr die Politik der Zentrale beim Volk ankam, und war sicher, dass die Arbeitsgruppen gut eingeteilt werden könnten und die Produktion im nächsten Jahr nicht schiefgehen würde. Er erklärte hastig die Punkte zu beachten bei der Gruppeneinteilung, hauptsächlich die Hoffnung, Hauptarbeitskräfte und schwache Arbeitskräfte gut zu kombinieren und Unausgewogenheit zu vermeiden – andernorts hatte es solche Probleme gegeben. Zugleich vergaß Sekretär Shen Chun als Führungsperson natürlich nicht, alle zu ermahnen, Großzügigkeit zu zeigen, Einheit und Freundschaft, gegenseitige Rücksichtnahme usw.

Die Anmeldung begann. Jemand rief: „Wir haben Tian Fu als Gruppenleiter!“ Dann wurden die Namen dieser und jener Gruppenmitglieder verlesen. Wieder rief jemand: „Wir haben Wang Zhanhe als Fahnenträger!“ Dann wurden ebenfalls die Namen dieser und jener Gruppenmitglieder verlesen. Der Brigadesekretär zeigte sich hocherfreut – hatte man sich nicht bereits vorab verständigt! Das zeigte die hohe Begeisterung für die Gruppeneinteilung und die begeisterte Unterstützung für die Politik der Partei. Aber als gerade die Namen verlesen wurden, war der Saal so laut, die Geschwindigkeit zu schnell, alles ging durcheinander – Sekretär Shen hatte nicht genau mitbekommen, wer mit wem in einer Gruppe war. Er hatte nur vage das Gefühl, dass in Tian Fus Gruppe die meisten Leng hießen, in Wang Zhanhes Gruppe fast alle Wang hießen, und es schien, einige Leute waren noch in keiner der beiden Gruppen. Sekretär Shen forderte eilig auf: „Wenn es im Grunde schon zwei Gruppen gibt, ist das auch gut – nehmt sie als Grundlage. Schaut mal, wer noch nicht in einer Gruppe ist, welche Gruppe ihn will, in welche Gruppe er will, meldet euch schnell!“

Nach den Worten des Sekretärs wurde der eben noch lebhafte Saal plötzlich still, nur noch das angestrengte Schmatzgeräusch beim Rauchen und deutlich unnatürliches Husten. Sekretär Shen war etwas verwundert, also erklärte er mit der Geduld eines Lehrers noch einmal die Richtlinien und fragte dann: „Wer ist noch nicht in einer Gruppe? Hebt mal die Hand, zählt euch erst mal zusammen, welche Gruppe euch willkommen heißt, in welche Gruppe ihr wollt. Wer ist das?“ Dabei begann er die Menschen genau zu mustern.

Dicker Tabakqualm stieg noch stärker auf, der Rauch stieg erst zur Decke, senkte sich dann langsam nach unten und drückte fast auf die Köpfe der Menschen. Die Blicke der Menschen waren etwas seltsam. Sekretär Shen wurde noch verwunderter. Plötzlich bemerkte er im wirbelnden Tabakqualm fünf gesenkte Köpfe. Die Köpfe waren so tief gesenkt, dass man sie kaum bemerkte, und selbst wenn man sie sah, konnte man ihre Gesichter und Augen nicht erkennen. Es war mitten im Winter, Frost am Fenster, aber an den Haaransätzen und Stirnen dieser fünf Personen glänzten Schweißperlen.

Das Gesicht des Sekretärs des Parteikomitees der Brigade Sanmen Li, Shen Chun, wurde plötzlich rot, als hätte ihn eine unsichtbare Hand geohrfeigt. Er sah es klar: Das waren keine genau die fünf Parteimitglieder dieser Produktionsbrigade. Schau: der hochgewachsene Gruppenleiter Wang Cai, über fünfzig Jahre alt, die demobilisierten Soldaten, die jungen, gutaussehenden Burschen Rong Fengchun und Liu Qingzhou, der Mann aus Hebei, der kräftige Mann mittleren Alters Wang Hanzhou und seine Frau Wang Shumei mit kurz geschnittenem Haar. Richtig, genau diese fünf waren nicht in einer Gruppe. Verwirrt erinnerte sich Shen Chun an die kürzlich stattgefundene Neuwahl des Produktionsbrigadeleiters. Damals hatte man das Parteimitglied Rong Fengchun als Brigadeleiter abgewählt und durch ein Nicht-Parteimitglied ersetzt. War das nicht ein Vorbote für das heutige Geschehen? Ja. Leider hatte er damals nicht aufgepasst.

Shen Chun blieb nichts anderes übrig, als nach der Röte im Gesicht sein Herz mühsam zu beruhigen und sehr vorsichtig zu sagen: „Ich sehe gerade, es gibt noch einige Haushalte, die darauf warten, in eine Gruppe aufgenommen zu werden, das sind alles Genossen, man kann doch nicht einfach ein paar Familien ausstoßen, das wäre auch nicht gut. Schaut mal, welche Gruppe bereit ist, sie aufzunehmen.“

Schweigen. Shen Chuns Unbehagen nahm von Minute zu Minute zu, als würde sein ganzes Blut nach außen quellen. Als er wieder zu seinen fünf Genossen schaute, waren deren Köpfe noch tiefer gesenkt. „Schaut mal... welche Gruppe...“ Shen Chuns Stimme wurde immer schwächer, sodass er selbst daran zweifelte, ob er überhaupt noch sprach. Schweigen, immer noch Schweigen. Es war so still im Raum, dass sogar das Geräusch der Kinder beim Trinken verstummte. Wer weiß, wie viel Zeit so verging.

„Unsere Gruppe ist voll!“ Plötzlich sagte jemand, die Stimme war leise, aber der Ton sehr entschlossen, sodass alle im Raum erschraken. Alle Augen wandten sich um – es war der eben noch fahnentragende Wang Zhanhe. „Unsere Gruppe hat auch genug!“ Ein rotgesichtiger Kerl folgte mit lauter Stimme: „Hat der Sekretär nicht gerade von Freiwilligkeit gesprochen? Wir wollen freiwillig genau diese Leute, die wir bereits haben.“ Das war der Schlusspunkt. Die Blicke verrieten alles – diese Menschen schauten genau hin! Keine der Gruppen wollte die fünf Parteimitglieder!

An diesem Abend versammelten sich diese abgewiesenen Parteimitglieder wie von selbst im Haus des Parteigruppenleiters Wang Cai. Wang Cai war der Älteste unter ihnen, hatte fast dreißig Jahre Parteizugehörigkeit und war etwa zwanzig Jahre Produktionsbrigadeleiter gewesen. Dieser alte Genosse, der ab acht Jahren als Halbwüchsiger harte Arbeit leistete, war damals eine erstklassige Arbeitskraft im Dorf, später zog er auf Schlachtfeldern in den Krieg, überquerte den Fluss zur Unterstützung Koreas gegen Amerika, und im unvergesslichen Jahr 1967 wurde er mit einem drei Fuß hohen Spitzhut, der ihn als „Kapitalistenweg-Anhänger“ brandmarkte, vor der gesamten Brigade zur Schau gestellt. Nun waren seine Schläfen grau, der Held war alt geworden! Aber war er wirklich alt geworden? Heute Abend schaute Wang Cai auf die Genossen, die schweigend zusammengekommen waren, und in seinem Herzen stieg ein bitteres Gefühl auf. Er betrachtete nacheinander die Gesichter aller – manche niedergeschlagen, manche voller Unmut. Die einzige weibliche Parteigenossin, Wang Shumei aus Hebei, hatte gerötete Augen, und beim Atmen hörte man noch ihr Schluchzen. Er wollte sie mit ein paar Worten trösten, doch er fand nichts zu sagen. In diesem Moment ergriff der Jüngste unter ihnen, der 27-jährige Rong Fengchun, das Wort: „Das ist doch pure Schikane! Wie können sie keinen einzigen von uns nehmen wollen! Sie betrachten uns Parteimitglieder wirklich wie einen Becher kaltes Wasser, den man bis auf den Grund durchschauen kann! Das müssen wir bei der Kommune und beim Kreis zur Sprache bringen.“

„Genau!“, pflichtete Wang Hanzhou bei. In Hebei war er einst Sekretär des Brigadekomsomol gewesen und verfügte über einiges an theoretischem Fundament. Er liebte es, Dinge auf prinzipieller Ebene zu betrachten, und sagte nun in seinem Hebei-Dialekt: „Die Kommunistische Partei führt alles – wenn sie bei der Gruppeneinteilung keine Parteimitglieder wollen, ist das Klassenkampf!“ Ein anderer junger Parteigenosse, Liu Qingzhou, griff das auf und steigerte die Tonlage noch weiter: „Genau! Das heißt doch, dass sie die Führung der Partei nicht wollen, dass sie die ‘Vier Prinzipien’ ablehnen! Wir müssen mit Sekretär Shen reden – ihre beiden selbst gebildeten Gruppen sind nicht rechtmäßig und müssen aufgelöst werden!“

„Ich glaube nicht, dass man das unbedingt zum Klassenkampf hochstilisieren muss“, wandte die Parteigenossin Wang Shumei realistischer ein. „Die meisten befürchten wohl einfach, dass wir bei der Arbeit nicht taugen. Wir sollten sie nicht drängen – lasst uns selbst eine Gruppe bilden. Wenn wir früher anfangen und später aufhören, können wir doch nicht immer die Letzten bleiben?“ Liu Qingzhou stimmte zu: „Das stimmt auch! Atomraketen und Satelliten bauen können wir vielleicht nicht, aber wenn es ernst wird – das Land bestellen, mit so einem kräftigen Körper – das sollten wir doch hinbekommen?“

Die Meinungen gingen durcheinander, man konnte sich nicht einigen. Wang Cai hörte diesen Diskussionen zu, und in seinem Herzen brodelte es. Konnte man das wirklich zum Klassenkampf erklären? Natürlich waren das wütende Worte. War es wirklich so, dass sie schwach waren und bei der Arbeit nicht mithalten konnten? Auch das stimmte nicht ganz. Er hatte das Gefühl, dass alle nicht die wahre Ursache ansprachen. Sahen sie sie nicht? Oder wollten sie es nicht so sehen? Er wollte alle dazu bringen, bei sich selbst nach Gründen zu suchen, und sagte: „Wir sind fünf Leute – bis auf mich, der über 50 ist, sind die meisten um die 30, selbst Hanzhou ist erst 46, genau im besten Alter für Bauern, um tüchtig zu arbeiten. Aber wie haben wir in den letzten Jahren gearbeitet? Ich bin Gruppenleiter, ich weiß das genau. Ihr seid nicht dumm, ihr wisst es auch. Von anderen gar nicht zu reden – nehmen wir mich. Ich dachte, ich sei alt, und im Dorf hätte ich, wenn nicht Verdienste, so doch Mühen aufzuweisen. Jetzt arbeiten meine beiden Söhne in der Stadt, verdienen gut, und allein von meinem Privatfeld ernte ich jährlich vier Dan Getreide. Nachdem es meiner Familie gut ging, wollte ich nur noch als alter Herr mein Glück genießen, kümmerte mich weniger um die Angelegenheiten aller, ging nicht mehr aufs Feld, war kein richtiger Kommunist mehr. Was heute in der Versammlung geschah – dafür trage ich Verantwortung, ich habe die Partei enttäuscht...“

Als der alte Wang Cai das sagte, senkten alle anderen die Augen. Rong Fengchun war jung und konnte solche Worte nicht ertragen, er sagte schnell: „Du bist alt – wenn, dann müssen wir Jungen uns vorwerfen lassen. Ich kam als Demobilisierter zurück, kannte mich mit Feldarbeit nicht aus, spielte gern den lässigen Teamleiter, hatte eine schlechte Haltung gegenüber den Leuten, war ziemlich arrogant. Nach meiner Hochzeit gab es Beschwerden von Genossen – sie sagten, ich sei blitzblank gekleidet, fahre auf meinem Rad herum, täglich hierhin, dorthin, kassiere nur Zusatzarbeitspunkte. Damals war ich auch verärgert. Als man mich als Teamleiter abwählte, fühlte sich das auch nicht gut an. Aber jetzt sehe ich – habe ich damit nicht die Partei in Verruf gebracht?“ Der junge Mann sprach und weinte dabei.

Daraufhin begannen alle Selbstkritik zu üben. Einer sagte, er sei Lagerverwalter geworden, weil ihm die Frontarbeit zu anstrengend war; ein anderer, er sei jung, aber dennoch Schweinehirt geworden; wieder andere sagten, sie seien geschickt, wollten aber nicht mehr aufs Feld. Ja, wir Parteimitglieder – außer Shumei waren alle beim Militär gewesen, alle waren Produktionsteamleiter gewesen, alle konnten gut reden, doch eines hatten wir gemeinsam: Den Marxismus-Leninismus predigten wir nur anderen, aus „zum Wohle des chinesischen und des Weltvolkes arbeiten“ wurde „zum eigenen Wohl arbeiten“.

„Wer einen Stuhl sieht, setzt sich hin; wer Essen sieht, bekommt Appetit – selbst ein Tausend-Li-Pferd erliegt der Verlockung des Stalles. Wer wird ein stallverliebtes Tausend-Li-Pferd unterstützen?“ Als alle genug gesagt hatten, fasste Wang Cai zusammen: „Wann sind wir Parteimitglieder so geworden?“ In Gedanken versunken wollte er seinen Genossen Mut zusprechen, doch er fand nicht die passenden Worte. Er versuchte sich zu erinnern, wie damals auf dem Schlachtfeld der Gruppenführer oder Kompanieführer ihn ermutigt hatte, wenn sie in solch eine Situation gerieten. Aber er konnte sich nicht erinnern. Die Kommunisten von damals schienen eine solche Niederlage nie erlebt zu haben. Die Kommunisten von damals waren unter den Volksmassen wie Fische im Wasser, wie Vögel im Wald – nie hatte man gehört, dass sie vom Volk im Stich gelassen wurden. Immer wieder hörte man stattdessen, wie alte Frauen oder ältere Schwestern, Onkel und große Brüder, manchmal sogar kleine Jungs und Mädchen, die gerade erst verstanden, was gut und böse war, lieber unter den Peitschen und Knüppeln der Feinde bluteten, lieber ihre Häuser abbrennen und ihre Brunnen zuschütten ließen, manchmal sogar das ganze Dorf, Jung und Alt, den feuerspeienden Maschinengewehren der Feinde entgegentraten, als dass sie zuließen, dass ein Parteigenosse auch nur das Geringste erlitt. Und unsere Parteimitglieder konnten jederzeit und überall für die Interessen des Volkes alles, selbst ihr Leben, mit höchstem Bewusstsein opfern. Die Partei war das Herz des Volkes, das Volk war das Leben der Partei.

Aber jetzt waren wir fünf Kommunisten unerwünscht. Wen sollten wir beschuldigen? Wem die Schuld geben? In dieser kalten Winternacht, in diesem einsamen kleinen Lehmhaus auf dem warmen Ofenbett, diskutierte eine kleine Gruppe der Kommunistischen Partei Chinas mit noch nie dagewesener Ernsthaftigkeit ein äußerst wichtiges Thema: unsere Position, wir Kommunisten, unter den Massen. Was für ein zum Nachdenken anregendes Thema! Der Mond stand hoch am Himmel, die Sterne strahlten hell, auf der großen Salzwüste schimmerte es schneeweiß. War das das widerliche salzige Laugensalz oder der reine Glanz des Mondes?

Die drei Sterne wanderten, die Nacht war zur Hälfte vorbei, und die Diskussion der Parteizellengruppe des Vierten Teams von Sanmenli kam zu einem wichtigen Schluss: Nicht die Massen haben uns im Stich gelassen, sondern wir haben die Massen enttäuscht. Nicht das Volk will uns Kommunisten nicht mehr, sondern wir sind keine richtigen Kommunisten mehr.

Was sollten wir tun? Einfach aufgeben? Untergehen? Nein, wir stehen dort wieder auf, wo wir gefallen sind!


Was für ein Vorbild sollen wir Kommunisten sein

Am Morgen nach der Gruppeneinteilung verbreitete sich eine erstaunliche Nachricht blitzschnell im Dorf: Die Parteimitglieder hatten selbst eine Gruppe gegründet.

Diese Nachricht löste sofort verschiedenste Diskussionen im Dorf aus. Einige nickten zustimmend: „So ist es besser, keiner klebt am anderen, keiner behindert den anderen.“ Manche drückten es bissiger aus: „Die Parteimitglieder sollen sich auch mal selbst durch Arbeit ernähren.“ Einige Ältere aber fühlten sich unwohl dabei. Sie erinnerten sich an die vielen guten Eigenschaften der Parteimitglieder – ihre Fairness bei Entscheidungen, ihre Hilfsbereitschaft, ihre Bereitschaft, selbst Nachteile in Kauf zu nehmen, ihr Respekt gegenüber Älteren. Fehler hatten sie, besonders in den letzten Jahren, aber wer hatte keine Fehler? Selbst das beste Pferd stolpert einmal – sollte man wirklich keinen einzigen von ihnen nehmen? Sie machten den eifrigen Gruppeneinteilern Vorwürfe.

Doch es gab auch jemanden, der sehr glücklich war. Das war ein chronisch Kranker, der Ärmste im Dorf, klein und dünn wie ein Strohhalm, mit einem Gesicht wie eine Eierschale – er konnte nur Schweine hüten, nicht aufs Feld gehen. Er hieß Dai Hongyuan. Bei der Gruppeneinteilung an jenem Abend hatte er begeistert verkündet: „Ich schließe mich der Gruppe von Wang Zhanhe an.“

„Wir haben genug Leute“, sagten die aus Wangs Gruppe schnell.

„Dann melde ich mich bei Chuanfus Gruppe“, sagte Dai Hongyuan. Er kannte seine Grenzen und war daher sehr anpassungsfähig – Hauptsache, er fand irgendeine Gruppe. „Wenn wir dich auch noch nehmen, sind wir zu viele“, erklärten auch die aus dieser Gruppe schnell. Dai Hongyuan verdrehte die Augen und brachte kein Wort heraus. Als er jetzt hörte, dass die Parteimitglieder eine eigene Arbeitsgruppe gegründet hatten, rannte er schnell nach Hause, ließ sein Kind seine Frau vom südlichen Feld holen, die gerade Gras sammelte, schloss die Tür fest zu, und das Ehepaar beriet sich angespannt. Seine Frau, seine Jugendfreundin und treue Leidensgefährtin in Armut, zog Grashalme aus ihren Haaren, während sie ihm zuhörte. Schnell stand ein äußerst ernsthafter Familienentschluss fest: Sie würden sich bei der Parteigruppe anmelden. Dai Hongyuan lief auf seinen dünnen Beinen los, sein kleines Gesicht vor Aufregung gerötet. Er suchte den Parteizellenleiter Wang Cai auf – er war sehr zuversichtlich.

Dieser Dai Hongyuan war mit drei Jahren an die Familie Dai verkauft worden, war jetzt 47 und wusste weder, woher er kam, noch wohin seine Eltern gegangen waren. Er war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Mit 25 Jahren bekam er einen schweren Darmverschluss und lag drei Monate im Krankenhaus in Siping und Changchun. 21 Tage lang konnte er weder essen noch trinken und überlebte nur dank Glukoseinfusionen. Die Rechnung belief sich auf über 1600 Yuan – alles wurde vom Kollektiv bezahlt. Er sagte immer: „Ich habe keine Verwandten, die Kommunistische Partei ist meine Verwandtschaft. Ich hatte nie eine Mutter, die Kommunistische Partei ist meine Mutter.“ Bei der Gruppeneinteilung dachte er, mit der Wang-Gruppe sei er verwandt (seine Adoptivmutter hieß Wang), mit der Leng-Gruppe war er durch Heirat verbunden – welche Gruppe würde ihn nicht nehmen wollen? Aber ausgerechnet keine von beiden wollte ihn. „Wer will schon diese Last!“ sagten manche. Jetzt kam er zu dem Kommunisten Wang Cai, mit Tränen in den Augen rief er: „Dritter Onkel“ (das war nach dörflicher Verwandtschaft, tatsächlich waren sie nicht wirklich Onkel und Neffe), „ich möchte eurer Parteigruppe beitreten. Andere wollen mich nicht, aber mit der Kommunistischen Partei – die Kommunistische Partei wird mich doch nicht im Stich lassen?“

Obwohl es ein Halbinvalide war, der kam, war Wang Cai sehr bewegt. Er spürte, dass es in diesem Moment Unterstützung, Ermutigung und auch Vertrauen bedeutete, wenn jemand kam, um sich anzuschließen, und sagte schnell: „Wenn es dir nichts ausmacht, komm zu uns. Wenn wir Hartes essen, sollst du nicht Dünnes trinken.“ Dai Hongyuan war sehr bescheiden und stammelte: „Ich bin nicht mal einen halben guten Mann wert – wenn ihr mich nehmt, werdet ihr weniger Getreide ernten.“ Wang Cai sagte: „Keine Sorge, wir werden kein einziges Korn weniger ernten, sondern sogar mehr als die beiden anderen Gruppen. In den letzten Jahren haben wir Parteimitglieder unsere Kraft nicht in die Produktion gesteckt, haben nur geredet, andere belehrt, waren selbst nicht gut – das tut uns gegenüber den Dorfbewohnern leid. Dieses Jahr werden wir unsere Kraft anders einsetzen. Die Parteimitglieder haben sich entschieden, bei der Produktionsentwicklung eine Vorreiterrolle zu spielen, unsere Arbeitsgruppe zur besten in der ganzen Kommune zu machen. Dieses Jahr wollen wir Parteimitglieder hervorstechen – auch wenn wir dabei zugrunde gehen, wollen wir die Ersten sein. Wir werden alles geben – wenn du die Anstrengung nicht scheust, komm zu uns.“

Danach nahmen sie noch zwei weitere Haushalte von Arbeiterfamilien auf, die niemand wollte, und bildeten offiziell die Arbeitsgruppe. Die Parteizelle der Brigade genehmigte ihre Zusammensetzung und ordnete diese Gruppen als erste, zweite und dritte Arbeitsgruppe an. Aber die Bauern von Sanmenli hatten ihre eigene Art der Benennung. Die Gruppe mit hauptsächlich Wangs nannten sie „Wang-Gruppe“, die mit hauptsächlich Lengs „Leng-Gruppe“, und die mit hauptsächlich Parteimitgliedern nannten sie originell „Parteigruppe“.

Ah, „Parteigruppe“! War das eine herzliche Bezeichnung oder enthielt sie eine gewisse Ironie?

Jedenfalls wurde so die Fahne der „Parteigruppe“ gehisst, und das jüngste Parteimitglied, Rong Fengchun, raffte sich auf und übernahm als erster Gruppenleiter. Wohlmeinende Leute bangten um sie. Jemand rechnete aus: Von der Zahl her hätten sie etwa zehn Arbeitsfähige, davon außer drei Parteimitgliedern mittleren Alters noch einen Kranken, drei Alte, einen Halbjungen, sechs junge Mädchen, und in geschäftigen Zeiten könnten sie noch fünf Hausfrauen mobilisieren (darunter zwei alte Frauen). Der Älteste war 74, die Jüngste 16. So versammelten sie die Alten, Schwachen und Invaliden des ganzen Dorfes. Die anderen beiden Gruppen dagegen bestanden ausschließlich aus kräftigen Arbeitern. Kein Wunder, dass Spaßvögel Reime schmiedeten: „‘Wang-Gruppe’ stark, ‘Leng-Gruppe’ prächtig, ‘Parteigruppe’ ganz schön schwächlich!“ Andere Wohlmeinende sorgten sich: „Im Herbst – wie soll die ‘Parteigruppe’ das Stück aufführen?“ Aufführen konnte man es – tatsächlich war das Stück bereits angelaufen, seit dem Moment, als die „Parteigruppe“ offiziell gegründet wurde. Sie fürchteten sich nicht vor Belastungen, waren bereit, den Invaliden Dai Hongyuan und die Arbeiterfamilien ohne Arbeitskraft aufzunehmen – das zeigte die großzügige Haltung der Kommunisten, für andere zurückzustecken, und gewann ihnen die Bewunderung der gutherzigen Bauern. Jetzt überwanden sie die Schwierigkeit der schwachen Arbeitskraft und brachten den Dünger rechtzeitig aus – wenn auch stolpernd und rennend.

Die „Parteigruppe“ wurde wirklich auf die Probe gestellt während der Frühjahrsaussaat.

Der strenge Winter war vorbei. Der Frühlingswind färbte die Weidenzweige grün, wie die Menschen es erwartet hatten. Auch auf der großen Salzwüste sprossen hier und da leise grüne Knospen. Die grünen Knospen verbanden sich allmählich, die Farbe wurde von hell zu dunkel, und im Sonnenlicht schien es, als wären auf der Erde Jadeblätter eingelegt. Das Eis im Dongliaofluss schmolz, und wenn Wagen vorbeikamen, hielten die Tiere immer an, um vom kühlen, süßen Wasser zu trinken, dann hoben sie den Kopf zum Himmel, wieherten und gingen weiter. Die alten Leute, die den ganzen Winter im Lehmhaus eingeschlossen waren, kamen auch heraus, stützten sich an den Weidezäunen, streckten ihre Knochen, blinzelten in die Augen und betrachteten lange die Wildgansformationen am blauen Himmel. Der Frühling war da, voller Hoffnung, voller Zeit. Die Leute von Sanmenli waren hochmotiviert – sie wollten im ersten Frühling der 1980er Jahre richtig loslegen.

Die drei Arbeitsgruppen schwärmten aus ins duftende Feld. So wie manche prophezeit hatten, die „Parteigruppe“ könne den Dünger im Frühling nicht rechtzeitig ausbringen, so prophezeiten jetzt wieder welche, sie könnten ihr Land nicht rechtzeitig besäen. In diesem Moment kam der Parteizellenleiter Wang Cai mit seiner hochgewachsenen Gestalt aufs Feld. Er nahm eine Handvoll feuchter Erde, drückte sie fest zusammen und sagte wie einen Schwur: „Ich spiele nicht mehr den bequemen alten Herrn – ich setze diese Knochen ein, los geht’s!“ In seiner Jugend hatte er ein unstetes Leben geführt und litt an Magenkrämpfen – wenn sie auftraten, wälzte er sich vor Schmerzen. Jetzt ging er mit der Medizinflasche aufs Feld – wenn die Krankheit kam, schluckte er eine Tablette. Jeden Tag stand er als Erster vor der Morgendämmerung auf, weckte die Genossen seiner Gruppe von Haus zu Haus und ging bei frühem Frost aufs Feld. Früher hatte man weitständig gepflanzt, dieses Jahr schlug er dichte Einzelpflanzung vor. Er nahm einen kleinen Stock und trat vorne die Felder ab, ohne Maß, ohne Berechnung, ein Schritt nach dem anderen, die Abstände genau 45 Zentimeter – als hätte er ein elektrisches Stahlmaßband an den Füßen. Die ganze Aussaatperiode hindurch lief er so – fünfzehn qing Maisfeld, alles so abgelaufen. Täglich durchschnittlich über zwanzigtausend Meter. Aber das war kein gemütlicher Spaziergang auf ebener Straße, sondern auf lockeren Dämmen, tief und flach, hin und her ohne Abweichung. Am Dongliaofluss gab es weder Berge noch Bäume, der Sandsturm war stark, manchmal so stark, dass Menschen auf ebenem Boden stolperten, geschweige denn auf einem schmalen lockeren Damm. Der Sandsturm konnte den Willen eines Kämpfers nicht erschüttern. Der Kommunist Wang Cai ging so Schritt für Schritt vorwärts. Hinter ihm waren die Genossen der „Parteigruppe“.

Wang Hanzhou war für das Düngersieben zuständig. Er war erst vor wenigen Jahren aus Hebei hergezogen. In Hebei arbeitete man anders. Jede Region hatte ihre eigene Arbeitsweise. Man passte sich an. Aber in den letzten Jahren hatte er die Arbeitsweise nicht gut gelernt – jetzt musste er, wenn er keine geschickten Tricks kannte, eben mit roher Kraft arbeiten, schweißtriefend ohne Pause. Rong Fengchun trug den ganzen Frühling nicht seinen glänzenden Bräutigamanzug, er hatte ihn längst gegen die grasgrüne Armeeuniform getauscht, die er vom Militär mitgebracht hatte. Durch Frühlingswind und Schweiß bleichte die Uniform schnell aus, und sein junges, hübsches Gesicht wurde kohlschwarz. Seine Frau hatte Mitleid mit ihrem Mann, schlachtete heimlich eine alte Henne und kochte sie mit Steinpilzen, die sie im Elternhaus gesammelt hatte. Als sie zu essen begannen, sagte Rong Fengchun zu seiner Frau: „Du musst keine Hühner schlachten, ich gehe nicht kaputt – meine Kraft kommt aus dem Herzen, ich kann sie gar nicht aufbrauchen.“ Jener Liu Qingzhou, der eigentlich noch jung war, aber als „alter Kürbis, der nicht mehr aufgeht“ bezeichnet wurde, stand nach Wang Cai am zweitfrühesten auf. Er war Absolvent der Huaide Mittelschule Nr. 18 und liebte es, gewählt zu sprechen. „Bruder Qingzhou, so früh!“ – „Das ist auch ein Umschlag von Extrem zu Extrem“, sagte er lächelnd. „Früher kam ich nie pünktlich zur Arbeit, jetzt muss ich früh aufstehen, um ein neues Gleichgewicht zu erreichen.“

In der hektischen Frühjahrsbestellung kamen auch die Familienangehörigen der „Parteigruppen“-Mitglieder. Wirklich, wer Leute hatte, stellte Leute, wer Kraft hatte, stellte Kraft, und wer keine Kraft hatte, kam zum moralischen Beistand. Darunter waren junge Frauen, Schulkinder und ein alter Mann mit schneeweißem Bart, klein, bucklig, fast zu einem Kreis gebogen – das war Wang Hanzhous 74-jähriger Vater. Diese Familienangehörigen hatten Söhne, Väter, Ehemänner oder Brüder „in der Partei“. Diese „in der Partei“ befindlichen Verwandten standen dieses Jahr vor einer ernsten Prüfung. Der Erfolg oder Misserfolg dieser Prüfung schien auch ihr Schicksal zu betreffen. Sie sagten es nicht, aber alle dachten im Herzen daran. „Unterstützt unsere ‘Parteigruppe’!“ Das schien ihr unausgesprochenes Motto zu sein. Andere Gruppen hatten einen Säer und einen Düngerstreuer, sie hatten mindestens zwei Säer und zwei Düngerstreuer. Hinter einem Pflug folgte oft eine lange Schlange von Menschen. Es schien, als würden sie nicht Land bestellen, sondern mit ihren Verwandten gemeinsam ein heiliges Werk vollbringen. Dieses Werk ließ sich nicht einfach in Arbeitspunkten und wirtschaftlichem Nutzen ausdrücken. Es machte ihren Geist außergewöhnlich konzentriert und hob ihre Stimmung besonders. Und wenn Menschen konzentriert und hochgestimmt sind, können sie oft Dinge tun, die sie normalerweise nicht tun könnten. Dieses Jahr säten sie schnell, gut und sorgfältig – ganz anders als die in unserem Norden übliche grobe Art, mit dem großen Pflug Furchen zu ziehen und das Saatgut mit vollen Händen zu streuen.

Bei der Frühjahrsaussaat dieses Jahres strengten sich die drei Arbeitsgruppen des Vierten Teams von Sanmenli an, und die Arbeitseffizienz stieg erheblich. Letztes Jahr brauchten sie für die Aussaat einen ganzen Monat. Dieses Jahr war es durch die Gruppeneinteilung in 15 Tagen sauber erledigt.

Der gute Regen kennt die Jahreszeit. Die gütige Mutter Natur half ihren Kindern rechtzeitig. Gleich nach der Frühjahrsaussaat fiel ein Frühlingsregen. Die Samen keimten, die Sämlinge durchbrachen die Erde, die Felder wurden grün. Sekretär Shen Chun organisierte eine Inspektion der Setzlinge in der ganzen Brigade, an der Brigadeführer, Produktionsteamführer und Arbeitsgruppenleiter teilnahmen. Sie inspizierten die Felder der Brigade und stellten fest: Wo auch immer die Setzlinge gleichmäßig, vollständig und kräftig waren, wo sie tiefgrün und schwarz waren – das waren sicher die Felder der „Parteigruppe“. „Schaut euch an, wie die ‘Parteigruppe’ ihr Land bestellt hat – vom Feldrand bis zum Ende, nirgends fehlen Setzlinge“, sagten die Leute der „Wang-Gruppe“ und „Leng-Gruppe“ mit etwas Bewunderung.

Setzlinge zu sehen bringt dreifache Freude. Die „Parteigruppe“ war noch motivierter. Die „Wang-Gruppe“ und „Leng-Gruppe“ wagten nicht nachzulassen und beeilten sich, fehlende Pflanzen nachzusetzen. „Die ‘Parteigruppe’ hat’s drauf, wir lernen von euch!“, sagten einige von ihnen aufrichtig. „Die Setzlinge der ‘Parteigruppe’ sind zu dicht – später können sie vielleicht keine Kolben bilden und nur süße Stängel liefern“, sagten andere, ebenfalls aufrichtig.

Tatsächlich, nach ein paar Tagen wurden die grünen Setzlinge der „Parteigruppe“ auf dem ganzen Feld gelb. Das war Nährstoffmangel. Die einzige Lösung war, schnell Dünger nachzutragen. Kunstdünger wirkt am schnellsten. Gruppenleiter Rong Fengchun eilte zur Kommune um auf Hilfe zu drängen. Das Kommuneamt wurde sofort nervös. Sie hatten das Schicksal der „Parteigruppe“ die ganze Zeit im Auge! „Ihr wenigen repräsentiert alle Parteimitglieder der Kommune.“ Das waren die Worte des Parteisekretärs der Shiwu-Kommune. Nicht nur die ganze Kommune – sogar der Kreissekretär, die Abteilungsleiter des Bezirks hatten ihre Herzen daran gehängt! Die Kommune wollte der „Parteigruppe“ gerne bevorzugt helfen, doch leider hatte sie keinen Kunstdünger zur Hand. Der Parteisekretär der Shiwu-Kommune machte sich persönlich auf den Weg zur benachbarten Maochengzi-Kommune, um um Unterstützung zu erbitten. Als Maochengzi hörte, dass es die „Parteigruppe“ von Sanmenli brauchte, wurden auch sie nervös. „Diese ‘Parteigruppe’ repräsentiert auch unsere Parteimitglieder!“, sagte der Parteisekretär der Maochengzi-Kommune. Sie teilten sofort sechs Tonnen Ammoniumnitrat von ihren eigenen Vorräten zu.

Das Ammoniumnitrat wurde herangeschafft, und die „Wang-Gruppe“ und „Leng-Gruppe“ schauten sehnsüchtig zu. Gerade jetzt Kunstdünger nachzutragen, das traf genau ins Schwarze. „Die ‘Parteigruppe’ hat schließlich die Partei im Rücken. Wir Gruppen ohne Parteimitglieder, wir einfachen Leute, sind wohl Stiefkinder“, dachten sie.

Gleichzeitig dachte die „Parteigruppe“: Können Kommunisten allein speisen? Können wir nur an uns denken und die Massen ignorieren? Alle guten Dinge für uns, jeden Vorteil ergreifen – ist das der Stil von uns Kommunisten? Nein, das ist es nicht. Wir nehmen lieber etwas weniger Getreide, haben lieber etwas mehr Nachteile, aber wir können nicht die Natur der Partei ändern. Drei mal zwei ist sechs. Die sechs Tonnen Ammoniumnitrat wurden gleichmäßig verteilt – zwei Tonnen pro Gruppe. Das war nicht einfach Dünger verteilen, das waren tonnenweise Getreide! Das war nicht Getreide verteilen, das war die Tradition der Partei weitergeben! Die „Wang-Gruppe“ und „Leng-Gruppe“ waren zutiefst bewegt. Bauern haben weiche Herzen – ein bisschen Gutes zu erfahren ist schon viel, geschweige denn tonnenweise Dünger in einem kritischen Moment – ihre Herzen rückten näher an die Herzen der Parteimitglieder.

„Hmm, die Parteizellengruppe von Sanmenli sieht langsam so aus, wie sie sollte“, sagte der Parteisekretär der Shiwu-Kommune nickend, als er davon hörte. Die „Parteigruppe“ übergab die Düngerarbeit an die Frauen. Wang Shumei mobilisierte fünf Hausfrauen, darunter Wang Cais Frau und Rong Fengchuns Mutter. Frauen arbeiten sorgfältig und schludern nicht – die Gruppe konnte sich darauf verlassen. Früher trug man Kunstdünger mit der Hacke auf, stand aufrecht, hackte Löcher und warf den Dünger mit vollen Händen hinein; dieses Jahr brachen die Frauen der „Parteigruppe“ mit der Gewohnheit – sie stachen mit kleinen Holzstäben Löcher, füllten den Dünger mit Löffeln ab, beugten sich hinunter und gaben ihn Punkt für Punkt in die Löcher, als würden sie ihre geliebten Kinder stillen. Landfrauen haben harte Lebensbedingungen, schwere häusliche Lasten, viele leiden an unheilbaren Krankheiten. Rong Fengchuns Mutter hatte in jungen Jahren Zwillinge geboren und seitdem hatte sie chronische Schulterschmerzen. Wang Shumei hatte eine Nierenentzündung, die gerade jetzt ausbrach, ihre beiden Beine waren geschwollen, wenn man drückte, blieb eine Delle, die lange nicht verschwand. Aber sie alle arbeiteten weiter. Vor ihren Ehemännern und Söhnen sagten sie nie ein Wort über Müdigkeit, Bitterkeit oder Schmerz – ihre schweißnassen Gesichter trugen immer ein Lächeln, nur das Lächeln, das man auf den Gesichtern unermüdlich arbeitender Frauen in harmonischen Familien findet. Abends zu Hause konnten die Männer sich hinsetzen oder hinhocken, eine Zigarette rauchen, sich Rücken und Beine reiben – sie aber mussten sich noch vor dem Herd bücken, Feuer machen, hastig Reis waschen und kochen. Das Feuer beschien ihre Gesichter, der Rauch reizte ihre Augen, doch ihre unachtsamen Ehemänner und Söhne bemerkten selten, dass ihre Hände und Beine zitterten. So arbeiteten sie viele Tage lang und schafften es, vor dem Regen den Dünger auf allen Feldern der Gruppe auszubringen.

Im Nu war die Zeit zum Jäten da. In Sanmenli gab es viel Land und wenig Leute – das Jäten folgte der Methode der Großen Nordwüste: große breite Hacken, beide Arme schwingend, grob und schnell, wie ein Wettrennen, donnernd – im Handumdrehen war ein großes Feld fertig, wie viel Unkraut man erwischte, war egal. Wang Hanzhou aus Hebei passte sich anfangs schwer an die Arbeit hier an. Seine Heimat lag direkt am Fuß der Großen Mauer, keine hundert Li von Qinhuangdao entfernt. Dort hatte das Jäten eine seltsame Besonderheit: Man ging rückwärts. Und man arbeitete sehr sorgfältig – weil es wenig Land und viele Menschen gab, durfte man keinen einzigen Setzling verletzen, wie eine junge Frau beim Sticken. Als Wang Hanzhou in Sanmenli zum Jäten kam und plötzlich von rückwärts auf vorwärts umstellen musste, fand er das sehr seltsam – er arbeitete nicht nur unbeholfen und langsam, sondern ging beim Jäten unwillkürlich wieder rückwärts, was Gelächter auslöste. Dazu kam sein besonderer Akzent – die hiesigen Bauern waren sehr neugierig, wenn sie hörten, wie er „gestern“ als „yege“ aussprach und „Bauch hungrig“ als „Bauch liegt“ – ob junge Mädchen oder alte Männer, alle mussten Tränen lachen. Manche schelmischen jungen Frauen und Mädchen neckten ihn gern – wenn sie ihn von Weitem sahen, blieben sie stehen, spitzten die Stimmen und riefen im Chor: „Schwager“ (wer weiß, von welcher Verwandtschaft), „hat dein Bauch yege gelegen?“ So wurde Wang Hanzhou immer zurückhaltender bei der Frontarbeit.

Aber Wang Hanzhou hatte auch seine Vorzüge. Dieses Jahr verlangte die „Parteigruppe“ beim Jäten Qualität – alle Setzlinge bewahren, alles Unkraut entfernen, „zu zehn Zehnteln pflanzen, zu zehn Zehnteln bewahren“, „ein fruchtbares Jahr ist kein Feld ohne Setzlinge“. Genau das war die Stärke der Hebei-Jätemethode. Wang Hanzhou hatte sein Einsatzgebiet. Auf dem Feld störte ihn außer dem Vorwärtsgehen, das ihm noch etwas ungewohnt war, nichts mehr – seine Sorgfalt, seine ernsthafte Haltung, sein Geist, keinen Setzling zu verletzen, all das bewunderte man von Herzen. Wang Hanzhou, der bisher als „kann nicht jäten“ abgestempelt worden war, wurde zum Vorreiter. Eine Gruppe junger Leute lernte von ihm, jätete fein und hackte tief. So entstand in Sanmenli eine neue Jätemethode. Als Sekretär Shen Chun wieder mit Leuten kam, um die Sommerpflege zu inspizieren, und die Felder der „Parteigruppe“ sah, nickten er und die Inspektionsgruppe anerkennend und sagten, solche Felder einmal zu jäten sei wie zweimal.


Was für ein Saatgut sind wir Kommunisten

Die Feldfrüchte wuchsen üppig, als wären sie im Wettbewerb. Die große Salzwüste war bereits von einem prächtigen grünen Vorhang bedeckt. Die Feldfrüchte der „Parteigruppe“ ragten weiterhin heraus, eine reiche Ernte war sicher. Die Haltung der Menschen änderte sich allmählich. Aber die „Parteigruppe“ blieb vorsichtig und wagte nicht, auch nur ein bisschen nachzulassen.

„Dass andere auf uns herabsehen, heißt nicht, dass wir auf andere herabsehen dürfen“, sagte der Parteizellenleiter Wang Cai oft zu seinen Genossen, noch als es die „Parteigruppe“ schwer hatte. „Wir wohnen alle im selben Dorf – wir können doch nicht immer Nadel gegen Weizen stehen! Die Gruppen sind getrennt, aber nicht die Herzen – Kommunisten müssen weiterhin Stil zeigen.“

Und so handelten sie auch. Im Sommer, zur Erntezeit des Winterweizens, waren die Arbeitskräfte sehr knapp. „Pflanzen auf Eis, ernten in Feuer“, „Weizenernte in drei Schlägen“ – unter der feurigen Sonne neigte der Weizen im Handumdrehen die Köpfe, wenn man ihn nicht rechtzeitig erntete, fielen die Körner ab. Ausgerechnet jetzt sagte die Wettervorhersage starken Regen voraus. Die Herbsternte retten – wirklich gegen den Himmel um die Ernte kämpfen! Die „Parteigruppe“ hatte zwar keine starken Arbeitskräfte, aber viele mobilisierbare Hände und großen Elan. Andere Gruppen ruhten sich zweimal pro Halbtag aus, sie nur einmal, mittags machten sie auch keine Pause, stopften hastig etwas Essen in sich hinein und gingen wieder aufs Feld. Sie hatten schnell den Weizen geerntet und eingefahren. Jetzt waren die beiden anderen Gruppen in Panik, besonders die „Leng-Gruppe“. Große Weizenfelder standen noch draußen und drohten umzukippen. In Sanmenli gab es hauptsächlich Mischgetreide, ein bisschen Weizen war kostbar. Für Gäste Nudeln kochen, zu Neujahr und Frühlingsfest Jiaozi machen – alles hing von diesem bisschen Ertrag ab. Die Leute der „Leng-Gruppe“ waren in Panik, aßen nicht, tranken nicht, ruhten nicht, arbeiteten verzweifelt – je hektischer sie waren, desto schwerer ließ sich der Weizen ernten. Sie blickten zum Horizont – die schwarzen Wolken wurden größer, auch der Wind wurde kühler. Genau in diesem Moment stürmte eine Gruppe Menschen ins Weizenfeld und begann sofort, Staub und Wind aufwirbelnd, zu arbeiten. Die „Leng-Gruppe“ schaute auf – es waren Leute, die die „Parteigruppe“ geschickt hatte. Sie waren sehr bewegt und dankten überschwänglich. Die „Parteigruppe“ aber sagte: „Das ist doch gegenseitige Unterstützung!“ Die Herzen der Menschen rückten noch näher zusammen.

Nach der Gruppeneinteilung wurden auch Arbeitsgeräte und dergleichen in drei Teile geteilt, aber sie benutzten weiterhin gemeinsam ein Lager – jede Gruppe besetzte eine Ecke, es gab nie Streit. Anders als an manchen Orten, wo nach der Gruppenteilung hohe Mauern im Lager errichtet und mehrere Tore geöffnet wurden, jeder seinen eigenen Weg ging wie Fremde, benachbarte Gruppen einander wie in Sichtweite, Hähne und Hunde einander hörten, aber bis zum Tod keinen Kontakt hatten.

Die Weidenzweige röteten sich, die Nordgänse flogen nach Süden – im Handumdrehen kam der prächtige Herbst. Nachdem das Kleingetreide eingefahren war, zeigte sich der Vorsprung der „Parteigruppe“ in konkreten materiellen Ergebnissen. Ob Weizen, Hirse, kleine Bohnen oder Sonnenblumenkerne – der Pro-Kopf-Ertrag der „Parteigruppe“ übertraf die beiden anderen Gruppen, teilweise fast um das Doppelte. Auch bei den vier Hauptfrüchten (Gaoliang, Hirse, Mais, Sojabohnen) lag die „Parteigruppe“ weit vorne. Die gesamte Arbeitsgruppe produzierte bis zu fünfundfünfzig Tonnen. Die „Wang-Gruppe“ und „Leng-Gruppe“ waren auch nicht schlecht. Die drei Gruppen des Teams zusammen produzierten über vierzig Tonnen mehr Getreide als im Vorjahr.

Das war ein großer produktiver Sieg. Aber das Bemerkenswerte war noch mehr. Vor kurzem hatte Sanmenli die Produktionsteamführung neu gewählt – das Parteimitglied Liu Qingzhou wurde von allen drei Gruppen einstimmig zum Produktionsteamleiter gewählt, die „Wang-Gruppe“ und „Leng-Gruppe“ nannten ihn sogar „Obergruppenleiter“ – das bedeutete, Liu Qingzhou sei auch ihr Gruppenleiter. Für Sekretär Shen Chun war diese Situation ganz natürlich ein weiteres Vorzeichen dafür, dass sich die Zusammensetzung der drei Arbeitsgruppen von Sanmenli ändern würde. Die „Wang-Gruppe“ und „Leng-Gruppe“ hatten bereits durchblicken lassen, sie wollten „sich der ‘Parteigruppe’ annähern“. Manche aktivierten sich im Verborgenen und sagten zu einem Parteimitglied: „Nach Neujahr musst du zu unserer Gruppe kommen. Ohne Parteiführung geht es doch nicht!“ Am stärksten reagierten darauf die jungen Männer und Mädchen in den beiden Gruppen. Junge Leute sehen das Leben gern mit eigenen Augen, sie haben eigene Bestrebungen, achten nicht wie ältere Menschen so sehr auf wirtschaftliche Gesichtspunkte, sondern mehr auf die Bedürfnisse des geistigen Lebens. Sie sagten sehr unzufrieden: „Die Gruppeneinteilung in Sanmenli ist sehr problematisch. Sie haben alle Parteimitglieder wegverteilt – wie sollen wir in die Partei eintreten, uns weiterentwickeln? Wer soll uns anleiten? Können etwa diese Geflügelten“ (Nichtparteimitglieder) „Parteipaten sein?“ Auf solche Vorwürfe hatten ihre Väter und Brüder keine Antwort. So hatten nach fast einem Jahr harten Kampfes, Kummer und Entbehrungen die Kommunisten des Vierten Teams von Sanmenli gemeinsam mit den Dorfbewohnern ein Jahr reicher Ernte erlebt. Sie hatten in diesem kleinen Dorf auf den 9,6 Millionen Quadratkilometern unseres Landes (auf einer Karte im Maßstab 1:500.000 nicht zu finden), als grundlegendste Zelle der Partei, das Ansehen der Partei wiederhergestellt und das Vertrauen der Volksmassen zurückgewonnen.

Wie war dieses Ansehen verloren gegangen und wie wurde es wiedererlangt? Der Parteisekretär der Sanmenli-Brigade überlegte tief, während er sprach. Früher hatte man die Probleme der Parteimitglieder durchaus erkannt und Maßnahmen ergriffen. Kritik, Einzelgespräche, Schulungen, Studium der zwölf Grundsätze – aber es half nicht viel. Welche Methode hatte man diesmal angewandt? Keine. Keine Methode. Die Brigadezelle und das Kommunekomitee hatten nicht einmal ein Wort der Kritik oder des Vorwurfs geäußert, doch die Parteimitglieder richteten sich alle auf und korrigierten ihre Fehler – welche mächtige Autorität hatte dieses Wunder bewirkt? Es war das Leben, es waren die Volksmassen, es war eine äußerst strenge und doch äußerst gerechte gesellschaftliche Realität. „Wir Kommunisten sind wie Saatgut, das Volk ist wie die Erde“ – so hatte es der Führer unserer Partei schon längst gesagt. Saatgut kann nicht ohne Erde überleben, so wie der Riese Antäus ohne die Mutter Erde vom Feind getötet werden konnte. In diesen Jahren hatten wir tausendundeine Lektionen gelernt, aber im Grunde war es genau diese eine: Wir als Saatgut hatten uns vom Volk als Erde gelöst.

Wenn wir mutig dieser Realität ins Auge sehen, die Brust recken, nicht durch Erklärungen, sondern durch Handeln, nicht durch andere, sondern durch uns selbst die Fehler überwinden, die Traditionen der Partei hochhalten, mit unseren eigenen Händen unser eigenes Bild wiederherstellen – dann können wir sicher wieder blühen und Früchte tragen, unser Ziel erreichen, so wie es unsere fünf einfachen Parteimitglieder auf dieser fruchtbaren und doch armen, reichen und doch kargen großen Salzwüste von Sanmenli geschafft haben.

(Erstveröffentlichung in „Chunfeng“, 1981, Nr. 6)


Die Tränen der Euphrat-Pappel

Meng Xiaoyun


In der Welt ist die Euphrat-Pappel – die älteste Pappelart – selten geworden.

Am Rand der Taklamakan-Wüste sah ich diesen seltenen Baum. Er ist groß, der Stamm gebogen wie der Rücken eines Alten. Sein Aussehen ist unscheinbar, doch er besitzt große Lebenskraft, erträgt Trockenheit, Salzböden, Sandstürme und kann unter den harten natürlichen Bedingungen wachsen – glühend heiße Sommer, eiskalte Winter, nur zehn Millimeter Niederschlag im Jahr. Die uigurischen Bauern sagen: Die Euphrat-Pappel lebt dreitausend Jahre – tausend Jahre wächst sie ohne zu sterben, tausend Jahre steht sie tot, ohne zu fallen, tausend Jahre liegt sie am Boden, ohne zu verfaulen.

Die Einheimischen nennen die Euphrat-Pappel den „weinenden Baum“. Der Grund: Je trockener die Umgebung, in der sie lebt, desto mehr Wasser speichert sie in ihrem Inneren. Wenn man den Stamm mit einer Säge durchtrennt, spritzt aus dem Stumpf bis zu einem Meter hoch gelbes Wasser. Wenn etwas die Rinde verletzt, sickert Wasser aus der „Wunde“ – es sieht aus, als würde sie traurig weinen. Seit Jahrtausenden haben diese wild wachsenden natürlichen Euphrat-Pappeln den Menschen still verschiedenste Schätze geboten: Ihr Holz ist hervorragendes Baumaterial; ihre jungen Zweige und Blätter sind Futter, das Rinder und Schafe gern fressen; selbst ihre „Tränen“, die schnell zu einem kristallinen Stoff werden, genannt Euphrat-Alkali, können gegessen und zur Seifenherstellung verwendet werden... Oh, dieser weinende Baum! Ich streichelte den rauen Stamm der Euphrat-Pappel und war tief bewegt von ihrem wertvollen Charakter.

Plötzlich dachte ich an einen Lehrer der landwirtschaftlichen Hochschule, Qian Zongren, den ich in Tarim kennengelernt hatte. Jeder Fremde, der seine rauen Hände schüttelte und sein dunkles, faltiges Gesicht sah, würde niemals glauben, dass er erst 39 Jahre alt war, und auch nicht, dass er ein Intellektueller war.

Vier ganze Nachmittage und vier ganze Nächte erzählte mir Qian Zongren von seinen 20 Jahren mühsamen Selbststudiums. Er war kein Erfolgreicher, man könnte sogar sagen, er war ein Gescheiterter. Seine Worte, Satz für Satz, waren wie Tränen, die vom Euphrat-Pappel-Baum tropften.


Abschiedslied

Im August 1964 saß im langsamen Zug von Lanzhou nach Turpan ein etwa 20-jähriger junger Mann, groß und dünn, der sehr ehrlich und auch sehr melancholisch wirkte. Er hatte kein Gepäck, keine Tasche, nach dem Kauf der Fahrkarte war er mittellos – er besuchte keine Verwandten, machte keine Geschäfte, doch er war unterwegs in die Ferne. Dieser junge Mann hieß Qian Zongren, aus dem Shizhou-Produktionsteam im Kreis Xiangxiang, Hunan.

Der Zug ratterte schwer dahin, die schweren Räder rollten über die Schienen, rollten und rollten, als würden sie seine Kindheitsträume zermalmen; draußen am Fenster zog die karge Gobi vorbei wie seine verflossene Studentenzeit. Vielleicht war es vom Schicksal bestimmt, dass er mit 20 in der Fremde stranden sollte. Er war ein pflichtbewusster, fleißiger, reiner junger Mann – seit er denken konnte, lastete ein Stein auf ihm, der ihm die Luft nahm, ein Schatten begleitete ihn immer – er war der Sohn eines „Großbauern“. Deshalb konnte er nicht in den Komsomol eintreten, verlor dreimal die Chance auf ein Universitätsstudium und konnte nicht einmal in seiner Heimat leben. Um fair zu sein: Als während der Bodenreform die Klassenzugehörigkeit der Familie Qian Zongrens zum ersten Mal als „arme Bauern“ eingestuft wurde, war dies durchaus nachvollziehbar. Doch wegen eines geringfügigen Familienstreits hatte er den damaligen Vorsitzenden der Bauernvereinigung verärgert, der die Familie Qian als „Pachtgroßbauern“ einstufte. In der stürmischen Bodenreformbewegung im Süden behinderte diese geringfügige Ungerechtigkeit nicht die Größe dieser Bewegung, aber genau dieser kleine Fehler führte zur Tragödie in Qian Zongrens erster Lebenshälfte.

„Verehrte Fahrgäste, bitte beachten Sie, dass dieser Zug ziemlich überfüllt ist. Um die Ordnung und Hygiene in den Waggons zu gewährleisten, bitten wir Sie, in jedem Waggon einen Fahrgastvertreter zu wählen, der bereit ist, allen herzlich zu helfen...“ ertönte die Zugdurchsage. „Wählen wir doch diesen jungen Mann“, schlug ein alter Mann vor und zeigte auf Qian Zongren. „Ja, ich denke, das passt, er sieht so ehrlich und aufrichtig aus...“ stimmte eine Frau mit einem Kind auf dem Arm zu. Die Atmosphäre im Waggon wurde lebhaft, alle richteten warme und vertrauensvolle Blicke auf Qian Zongren.

Was gibt es auf der Welt Wertvolleres als Vertrauen? Qian Zongren wollte das Vertrauen der Menschen nicht enttäuschen. Er scheute keine Mühe und hatte auch die Kraft dazu. In seiner Heimat hatte er, um sich das Schulgeld zu verdienen, rote Ziegel geschleppt, Wasser getragen, Karren geschoben - verglichen damit war diese Arbeit hier nichts. Kehren, Wischen, Gepäck ordnen - während der langen Reise arbeitete Qian Zongren unermüdlich für alle. Wenn ein Kind sich erleichtern musste, hielt er den Nachttopf hin; als eine alte Dame sich unwohl fühlte, durchsuchte er alle anderen Waggons nach einem Arzt. Die Fahrgäste verfassten einen Dankesbrief, und deshalb legte ihm der Koch sogar einen zusätzlichen Löffel Gemüse in seine Essschale.

Ein Grashalm, der lange unter einer Steinplatte gedrückt, vernachlässigt und übersehen worden war, erhielt plötzlich von dieser Gruppe völlig fremder Menschen Aufmerksamkeit, Vertrauen und Anerkennung. Sie kannten Qian Zongrens Herkunft und Geschichte nicht, und das spielte auch keine Rolle. Sie sahen einen lebendigen Menschen - einen jungen Mann mit einem warmen Herzen.

Diese Szene ließ Qian Zongren an eine besondere Reise zurückdenken. Ein Jahr zuvor hatte Nordchina unter Überschwemmungen gelitten, die Bahnverbindung durch Zhengzhou war unterbrochen, und eine Gruppe von Studenten mit Zulassungsbescheiden der Technischen Universität Harbin musste einen Umweg über Jinan nehmen, dann nach Yantai fahren und von dort mit dem Schiff nach Dalian. Die Technische Universität Harbin hatte in Jinan ein Rückkehrkomitee organisiert. Ein junger Mann sprang auf die Bühne des Platzes, hielt ein Megaphon hoch und sagte: „Kommilitonen, in dieser besonderen schwierigen Situation dürft ihr nicht ungeduldig werden, wir müssen den Geist gegenseitiger Hilfe und Freundschaft zeigen. Ein neuer Kommilitone namens Qian hat freiwillig anderen Studenten beim Gepäcktransport geholfen, seine Betten im Hotel abgetreten und selbst auf der Straße übernachtet. Wir sollten von ihm lernen...“ Er sprach von Qian Zongren, und das war ein Vertrauen, das jenem in diesem Moment im Zug glich, als man ihn zum Fahrgastvertreter wählte.

Damals konnte niemand Qian Zongrens komplexe Gefühle verstehen. Obwohl die Erstsemester ihre Anmeldung verzögern mussten, waren sie doch fröhlich gestimmt - voller Vorfreude auf das kommende Studentenleben. Qian Zongren hingegen hatte keine Ummeldeunterlagen für seinen Haushaltsregistereintrag bei sich. Er war zwar an der Technischen Universität Harbin aufgenommen worden, aber ob er dort studieren konnte und wie lange, war noch ungewiss. Die Zukunft war unvorhersehbar!

Das Schicksal spielte ihm immer wieder Streiche. 1962, bei seiner ersten Hochschulaufnahmeprüfung, hatte Qian Zongren hervorragende Ergebnisse erzielt und gehörte zu den besten zehn in ganz Hunan. Die Rekrutierungsgruppe der Tsinghua-Universität wollte ihn aufnehmen. Doch der stellvertretende Parteisekretär der Zweiten Mittelschule Xiangxiang nutzte die Eifersucht eines studentischen Kaders aus, stahl Qian Zongrens Tagebuch, riss Passagen aus dem Zusammenhang und änderte das Ergebnis der politischen Prüfung zu: „Schlechte Herkunft, reaktionäres Denken, nicht zur Aufnahme geeignet.“ So fiel Qian Zongren durch. Aber er gab nicht auf und wurde im folgenden Jahr mit hervorragenden Leistungen in der Fakultät für Präzisionsinstrumente der Technischen Universität Harbin aufgenommen. Er war überglücklich und schlief die ganze Nacht nicht.

Zu jener Zeit begann die Longfeng-Kommune gerade mit einer „Vier-Säuberungen“-Pilotkampagne. Sekretär S der Kommune war Leiter der Arbeitsgruppe in der Fuzhou-Brigade. Gerade als sie damit beschäftigt waren, die Klassenkräfte zu organisieren und zu untersuchen, kam die Nachricht, dass Qian Zongren zur Universität zugelassen worden war. Am selben Abend wurde im Dorf eine Massenversammlung einberufen. In der Rede von Sekretär S gab es einen Abschnitt, der Qian Zongren Schauer über den Rücken jagte: „Gibt es hier bei uns keine Klassenkampf-Tendenzen? Nach mehr als 20 Jahren der Befreiung hat diese Brigade nur einen Absolventen eines pädagogischen Colleges, und jetzt wurde ein Sohn eines Großbauern namens Qian Zongren zur Universität zugelassen, sogar für ein Geheimnisfach (er verstand das Wort ‚Präzision’ nicht). Warum gehen so viele Kinder armer und mittlerer Bauern nicht zur Universität, aber er darf auf so eine gute Universität? Und jemand hat das auch noch genehmigt - sagen Sie, ist das nicht Klassenkampf? Können wir ihn zur Universität gehen lassen? Ich erkläre hiermit: Wer immer ihm die Genehmigung für die Universität erteilt, trägt die Verantwortung, wer für ihn die Formalitäten erledigt, trägt die Verantwortung!“

Qian Zongren war wütend und verzweifelt. Nach der Versammlung suchte er sofort Sekretär S auf. S sprach in einem offiziellen Ton: „Das ist eine Prinzipienfrage von großer Bedeutung, du kannst das nicht verstehen...“ Sollte die Zukunft des jungen Mannes etwa wieder leichtfertig zerstört werden? Qian Zongren weinte bitterlich, aber Tränen konnten jemanden wie S nicht rühren. Wie konnte er wissen, wie Qian Zongren Tag und Nacht gekämpft hatte, um die Chance auf eine höhere Bildung zu bekommen! Wie konnte er seine sehnliche Hoffnung verstehen, die Schwelle zur Universität zu überschreiten!

Mit neunzehn Jahren konnte er diese grausame Realität nicht akzeptieren. Qian Zongren ging nach Hause und weinte und weinte, wieder ohne eine Nacht zu schlafen. Die Brigadekader weigerten sich, ihm die Ummeldeunterlagen auszustellen. Gerade zu dieser Zeit kamen mehr als zehn Universitätsstudenten, die von der Zweiten Mittelschule Xiangxiang stammten, zum Urlaub nach Hause. Als sie davon hörten, diskutierten sie empört mit den Kommunekadern und schrieben gemeinsam einen Brief an das Bildungsministerium, um die Situation zu schildern. Qian Zongren machte sich, im Vertrauen auf die Politik der Partei und mit einem Bericht ausgerüstet, mit leeren Händen auf den Weg nach Harbin.

Sein Schicksal lag in den Händen von Sekretär S und anderen. Der vor Scham und Wut rasende Sekretär S schickte einen Brief an die Technische Universität Harbin und forderte, Qian Zongrens Zulassung zu widerrufen. Das Parteikomitee der Technischen Universität Harbin schickte daraufhin Genosse Sun Jinglüe nach Xiangxiang, um Nachforschungen anzustellen und Verhandlungen zu führen. Er kam zur Longfeng-Kommune, um die Politik der Partei zu erklären: „Man berücksichtigt die Klassenzugehörigkeit, aber legt nicht alles darauf fest, entscheidend ist das politische Verhalten.“ Er bat das „Vier-Säuberungen“-Arbeitsteam, Qian Zongren das Studium zu ermöglichen. Sekretär S mobilisierte sofort seine Leute und verfasste mehr als zehn Seiten Material, das besagte, dass Qians „politisches Verhalten schlecht“ sei. Als Sun Jinglüe verstand, dass dieses Material reine Erfindung war, und vernünftig argumentierte, weigerte sich Sekretär S angesichts der Fakten unvernünftig zu sein und sagte tatsächlich: „Wenn unsere Parteiführung auf Kommuneebene nicht einmal gegen ein Kind von Grundbesitzern und Großbauern ankommt, was für Auswirkungen wird das haben? Ist eure Technische Universität Harbin eine kommunistische oder eine nationalistische Schule? Warum unterstützt ihr nicht die armen und mittleren Bauern, sondern Grundbesitzer und Großbauern!“ Schließlich wurde er sogar unverschämt: „Wenn ihr unbedingt wollt, dass Qian Zongren studiert, ziehen wir sofort das Arbeitsteam ab, und ihr könnt Leute schicken, um die ‚Vier Säuberungen’ hier durchzuführen.“

Die Verhandlungen scheiterten. Die Technische Universität Harbin hatte keine andere Wahl, als Qian Zongren zu raten, das Studium abzubrechen.


Ach, vergangene Zeiten wie Rauch...

Abschied, Abschied - diesmal verabschiedete er sich nicht von seiner Heimat, sondern von den guten Freunden, mit denen er drei Monate zusammen studiert hatte. Die gesamte Klasse begleitete ihn zum Bahnhof von Harbin. Qian Zongren weinte, alle weinten. „Zongren, wir warten auf deine Rückkehr.“ „Zongren, falls du nicht zurückkommen kannst, kannst du zu Hause literarisch schaffen, das ist auch ein Erfolg.“ „Wie sollte er nicht zurückkommen können? Die Schulleitung hat persönlich gesagt, dass wir wollen, dass du studierst, aber einige Probleme müssen geklärt werden, bevor du zurückkommen kannst.“ Naiver Zongren, wie konntest du ahnen, dass dies nur der Wunsch deiner Kommilitonen war. Wie konntest du ahnen, dass du von nun an nie wieder zurückkehren und nie wieder die Schwelle der Technischen Universität Harbin überschreiten würdest?

Abschied, wieder Abschied - diesmal verabschiedete er sich vom Prüfungsort. Um studieren zu können, hatte Qian Zongren so viel geopfert, aber er hatte noch nicht alle Hoffnung verloren. Bei jenem Gespräch im Vorjahr, als ihm zum Abbruch des Studiums geraten wurde, hatte er unter Tränen noch gefragt: „Wenn ich später wieder die Hochschulaufnahmeprüfung machen will, darf ich das dann?“ Der Genosse von der Technischen Universität Harbin, der ihn nach Hause begleitete, sagte aufrichtig: „Wir hoffen, dass du nächstes Jahr wieder die Prüfung machst und dich wieder bei der Technischen Universität Harbin bewirbst. Wir heißen dich willkommen.“ Die anwesenden Kommunekader stimmten sofort zu: „Kein Problem, du darfst dich anmelden.“ Qian Zongren glaubte ihnen leichtgläubig. Im folgenden Jahr hatte er alles vorbereitet und ging zur Anmeldung, doch das „Vier-Säuberungen“-Arbeitsteam legte ihm Steine in den Weg. Er lief neunmal zur Kommune, neunmal wurde er vor die Tür gesetzt, und die Anmeldefrist lief ab. Qian Zongren verlor den Appetit, konnte nicht schlafen. Niedergeschlagenheit, Verzweiflung und Sorge lasteten auf seinem Herzen. Zum ersten Mal empfand er seine eigene Schwäche. Am 15. Juli jenes Jahres strömten die Schüler der zwölften Klasse in die Prüfungsräume. Auch Qian Zongren, dessen Seele an den Prüfungsort gebunden war, ging unwillkürlich dorthin. Er konnte nur von Weitem zuschauen. Die jungen Leute schrieben konzentriert ihre Antworten, der so vertraute und liebe Prüfungsort - lebe wohl! Qian Zongren warf einen letzten tiefen Blick auf den Prüfungsort, rannte zum kleinen Fluss, umarmte einen Kampferbaum und weinte lange Zeit allein. Dann schrieb er zwei Verse: „Wer sagt, dass hohe Ideale und ewiger Wille nicht zählen, selbst kleinste Schritte sind wie ein Langer Marsch...“ Abschied, wieder Abschied. Diesmal verabschiedete er sich wirklich von seiner Heimat, wer weiß, ob es ein Abschied für immer war. Er wollte in die trostloseste, trostloseste Wüste gehen. Wenn er nicht studieren konnte, hatte er immer noch ein Herz und zwei Hände, um am Aufbau des Vaterlandes teilzunehmen. Aus irgendeinem Grund empfand Qian Zongren ein geheimnisvolles Gefühl für die Zukunft, gemischt mit glühender Sehnsucht. Er schrieb eifrig und verfasste im Zug nach Westen ein „Abschiedslied“: „Mit schwerem Blick schaue ich zurück, die Bedeutung schwer zu erklären, Abfahrt und Rückkehr beide ungewiss. Die Dampfpfeife drängt, die Heimatliebe verblasst, das Rollen der Räder kündet von langer Reise. Künftige Taten sollen frühere übertreffen, vielleicht ist die Fremde besser als die Heimat. Suche den Ort, wo Helden wirken können, gute Blumen duften überall.“


Gute Blumen duften überall

Im Lesesaal der Bibliothek von Aksu, Xinjiang, erschien die Gestalt eines jungen Mannes, groß und schlank, die Haut vom Wind und Sand rau geworden - dieser junge Mann war Qian Zongren. Er arbeitete als Arbeiter in der Versuchsbaumfarm, sein Monatslohn betrug 33 Yuan. Er hatte kein Geld, um Bücher zu kaufen, aber er fand einen Weg: Jeden Sonntag, wenn es gerade dämmerte, machte er sich auf den Weg. Von der Baumfarm bis zur Stadt Aksu waren es 30 Li. Er eilte schnell in die Kreisstadt und war als erster da, der auf die Öffnung des Lesesaals wartete. Die Bibliothekarin kannte diesen jungen Mann schon. Schau, zur Mittagszeit aß er Maisbrot und las dabei immer noch. „Gehärtet wie Stahl“, „Schneewald“, „Mitternacht“, „Der stille Don“, „Aufbruch zu neuen Ufern“, „Die Elenden“... Viele berühmte Werke aus dem In- und Ausland hatte er fast alle in dieser Zeit gelesen.

„Ein Idiot, ein echter Träumer – nicht mal sonntags macht er Pause.“ Die Arbeiter auf derselben Schlafpritsche waren fast alle Analphabeten und Wanderarbeiter aus ganz China. Ohne Bildung konnten sie Qian Zongrens Drang nach Wissen nicht begreifen. Nach der Schicht spielten die meisten Karten oder schliefen – wie sollten sie verstehen, welche Freude Bücher bereiten können?

Vom Tag seiner Ankunft in der Baumfarm an wurde Qian Zongren von den Leuten als „Dummkopf“ bezeichnet.

Eigentlich hätte Qian Zongren eine bessere Arbeitsstelle finden können. Sein Landsmann Li Jinyun kannte den Direktor Chang vom Arbeitsamt gut. Der kleine Li sagte, sein Bruder wolle nach Xinjiang kommen, um Arbeit zu finden, und der alte Chang sagte sofort zu. So kam Qian Zongren anstelle von Li Jinyuns Bruder nach Aksu.

Als es darum ging, die Arbeit zuzuweisen, fragte ein Sachbearbeiter: „Wie kennst du Direktor Chang? Was ist deine Beziehung zu ihm?“ Qian Zongren konnte nicht lügen und erzählte alles genau. Das Gesicht des Sachbearbeiters verfinsterte sich sofort: „Die Arbeit ist nicht leicht zu vergeben. Hast du eine Haushaltsregistrierung? Kannst du sie beschaffen?“ „Ich habe keine Haushaltsregistrierung. Wahrscheinlich kann ich sie auch nicht so schnell bekommen.“ „Hast du irgendwelche besonderen Fähigkeiten?“ „Nein. Ich kann nur arbeiten.“ „Dann geh zur Baumfarm, um Land urbar zu machen und Bäume zu pflanzen, ist das in Ordnung?“ „Ja.“

Nachdem Qian Zongren in der Versuchsbaumfarm angekommen war, erzählte er den Arbeitern in seinem Schlafsaal davon. Alle verspotteten ihn als Dummkopf: „Warum hast du nicht gesagt, dass du ein Verwandter von Direktor Chang bist? Dann hätte man dich sofort in einer regionalen Fabrik oder Behörde unterbringen können. Die Haushaltsregistrierung kann man später langsam regeln. Du bist wirklich zu dumm.“ Qian Zongren würde wahrscheinlich sein Leben lang nicht lernen zu lügen. Er war schon sehr zufrieden - solange er politisch nicht mehr diskriminiert wurde, war es, als sei er aus der Hölle ins Paradies gekommen. Selbst harte Arbeit und Leiden nahm er gerne in Kauf.

Er hatte nicht genügend Winterkleidung, keine Bettwäsche, aber das kümmerte diesen jungen Mann nicht. Wichtig war, eine Tintenflasche zu finden, um sie als Öllampe zu verwenden - er wollte lernen, er wollte schreiben. Die Essays, die Qian Zongren in der Aksu-Zeitung veröffentlichte, und die Kurzgeschichten „Das Mädchen vom Erschließungstrupp“ und „Erkenntnis“ in der Zeitschrift „Xinjiang-Literatur“ - all das wurde unter dieser kleinen Öllampe geschrieben.

Qian Zongrens Talente wurden von der Leitung der Baumfarm geschätzt. Die Baumfarm gründete eine Amateur-Kunstpropagandatruppe, und Qian Zongren schrieb zahlreiche Sketche, Sprechgesänge und kleine Theaterstücke. Danach wurde er zum Lagerverwalter und lebte recht interessant. Die Zeit ist wie ein stiller Arzt, der seelische Wunden heilen und die Qualen der Verzweiflung lindern kann. Der Boden von Aksu ist fruchtbar genug - es ist unmöglich, dass dort keine roten Blumen und grünes Gras wachsen. Qian Zongren hatte auf diesem Boden Fuß gefasst und Wurzeln geschlagen.

Es war wohl 1965, als viele Arbeiter die Baumfarm verließen, weil sie die niedrigen Löhne und das harte Leben lästig fanden. Im Zelt blieben nur noch Qian Zongren und ein anderer Arbeiter. Gruppenleiter He vom „Vier-Säuberungen“-Arbeitsteam des Bezirks kam zur Baumfarm, um die Arbeit zu überprüfen, und entdeckte an Qian Zongrens Bettrand dieses Gedicht: „Wer sagt, dass es außerhalb der Grenze nicht trostlos ist, Sandsturm im Zelt, Staub im Bett. Chinas Söhne und Töchter haben den Willen, hier zu sein. Wenn wir an die schöne Landschaft Jiangnans denken, schwitzen wir, um ihr ein neues Gewand zu geben. Wie könnte ich nicht an meine Lieben denken, meine Gedanken meinen Eltern schicken. Wenn meine Wurzeln tief sind, ist dies meine Heimat. Möge ich gedeihen wie die Bäume, sei es Tamariske oder Pappel.“

Der alte He lobte es wiederholt. In einer Versammlung hob er Qian Zongren hervor. Das Vertrauen überwältigte erneut Qian Zongrens viel geprüftes Herz. Die Kluft zwischen den Menschen verringerte sich. Er offenbarte dem alten He vollständig die Familiengeschichte und sein persönliches Schicksal. Der alte He zeigte tiefes Mitgefühl und schlug Qian Zongren vor, die „Vier-Säuberungen“-Bewegung zu nutzen, die sich gerade umfassend entfaltete, um eine Neubewertung der Familien-Klassenzugehörigkeit an seinem Herkunftsort zu beantragen. Zongren hatte damals kein Geld für die Heimreise und schrieb einen sehr langen Bericht, den er an die Zentrale des „Vier-Säuberungen“-Arbeitsteams des Provinzkomitees Hunan schickte. Unerwartet wurde dies in den chaotischen Jahren zu einem Vorwurf gegen ihn, er wolle die Klassenzugehörigkeit seiner Familie revidieren. Das war ein äußerst empfindlicher Nerv. Die Longfeng-Kommune in Xiangxiang schickte neunmal hintereinander Briefe an die Versuchsbaumfarm Aksu und forderte, Qian Zongren zur „Umerziehung durch Arbeit“ an seinen Herkunftsort zurückzuschicken.

Es ist besser, jene chaotischen Jahre nicht zu erwähnen - im riesigen China hatte fast jede Familie, jeder gutherzige Mensch sein eigenes schwer zu beschreibendes leidvolles Schicksal. Qian Zongren gehörte unzweifelhaft zu den „schwarzen sieben Kategorien“. Allein diese Punkte reichten: Erstens, er hatte sich in die Universität eingeschlichen und war ausgeschlossen worden; zweitens, er hielt an seiner reaktionären Haltung fest und wollte seine Familie rehabilitieren; drittens, er schrieb reaktionäre Gedichte und veröffentlichte giftige Werke; viertens, er erschlich das Vertrauen von „kapitalistischen Wegegehern“ und versuchte, in die revolutionären Reihen einzudringen. Die Vergangenheit ist unerträglich zurückzudenken - Selbstkritik, Denunziation, Fesselung, Schläge, Zwangsarbeit, Flucht, überall umherwandernd...

Tag und Nacht wurde er aufgehängt und abwechselnd geschlagen, mit schweren Fußfesseln gefesselt und in ein Erdgefängnis gesperrt. Menschen ritten auf ihm wie auf einem Pferd, peitschten ihn, damit er gegen die Wand rannte, verbrannten sein Gesicht mit Zigaretten. Qian Zongren konnte dieses unmenschliche Leben nicht ertragen. Eines Tages, als die Wärter einschliefen, hebelte er das Fenster des Erdgefängnisses auf und floh - nach Ürümqi, nach Kashgar, wo er umherwanderte. Er verbrachte den langen Winter in den Ruinen der Wüste...

Das Leben hatte ihm alles genommen, ihn entblößt, ihn aus dem Kreis normaler Menschen ausgeschlossen und auf eine schwarze Liste gesetzt. Aber in seinem Herzen war ein Feuer, das nicht erloschen war. Er wollte lernen. Im Gefängnis rezitierte er auswendig alte Texte und Gedichte, leitete mathematische Formeln ab. In den „Studienklassen“ nutzte er die Gelegenheit, Selbstkritiken zu schreiben, um Grammatik und Rhetorik zu lernen. Er hoffte, dass eines Tages seine Weisheit dem Vaterland dienen und sein angesammeltes Wissen dem Volk zugutekommen könnte. Was für ein Leben, das sich in widrigen Umständen unaufhaltsam stärkte! Was für eine Seele, die in der trockenen Wüste standhaft blieb!

In jenen langen Jahren begann die Kluft zwischen den Menschen sich grenzenlos zu vergrößern - so sehr, dass die Baumfarm keinen Platz für Qian Zongren hatte und ihn an seinen Herkunftsort zurückschickte. So groß, dass Qian Zongren sich unter Tränen von seiner Verlobten trennen musste, obwohl die liebevolle Frau tausende von Meilen gereist war, um seinetwillen nach Xinjiang zu kommen. Qian Zongren musste sich von Aksu verabschieden, wo er sechs Jahre gelebt hatte.

Auf dem gepflasterten Weg in der Kreisstadt ging er einsam dahin, als eine schlanke, elegante Frau auf ihn zukam - es war Wen Huanan, seine Klassenkameradin aus der Mittelschule. Er wollte ihr ausweichen. Seit seiner Rückkehr in die Heimat wagte er es nicht, seine Mitschüler und Lehrer zu treffen. „Ist das nicht Zongren? Komm doch zu mir nach Hause.“ Die gütige Wen Huanan hörte von Zongrens Schicksal und sagte mitfühlend: „Du hast doch das Tischlerhandwerk gelernt, oder? Komm zur Zweiten Mittelschule und repariere Türen und Fenster. Ich bin die Verwalterin.“ Diese herzlichen Worte gaben dem einsamen Zongren ein wenig Wärme.

Qian Zongren arbeitete sechs oder sieben Tage in der Zweiten Mittelschule, bis er von einem Lehrer entdeckt und hinausgeworfen wurde. Selbst Wen Huanan bekam eine ordentliche Rüge, er sei eine gefährliche Person. Wie herzzerreißend - selbst das Recht auf Arbeit wurde ihm genommen. Qian Zongren trug seine Tischlerwerkzeuge, schleppte sich mit schweren Schritten dahin, die seelische Last ließ ihn kaum atmen. Am 29. Dezember 1974 verließ er erneut seine Heimat und begann zu wandern. Wohin sollte er gehen? Wie sollte er leben? Der 30-jährige Qian Zongren fühlte Melancholie und Ratlosigkeit.

In Wuhan hatte er das Glück, einen jungen Lackierer kennenzulernen, der seinem Leben neue Kraft verlieh. Dieser junge Lackierer hieß Du, sah etwa wie 26 oder 27 Jahre alt aus und war ein ‚gebildeter Jugendlicher’, der auf dem Land gearbeitet hatte. In der dritten Mine der Wuhan Eisen- und Stahlgesellschaft arbeitete Qian Zongren als Tischler für andere, der kleine Du lackierte. Eines Tages las Qian Zongren in der Fabrik die Wandzeitungen über die Kritik an Lin und Konfuzius. Der kleine Du klopfte ihm auf die Schulter: „Meister Qian, du interessierst dich auch für Politik. Komm, besuch mich mal.“

Qian Zongren kam zur Unterkunft des jungen Lackierers - es war eine Hütte aus Abfallbrettern. Im Raum gab es zwei Betten, zusammengebaut aus Holzbrettern, darauf ausgestreutes Stroh. Was ihm den tiefsten Eindruck machte, waren die Bücher, die Bett und Boden bedeckten, voller Unterstreichungen und Markierungen mit Kugelschreiber - alles Bücher über Philosophie und Geschichte, kein einziger Roman. Der junge Lackierer las gerade Engels „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“ und Marx’ „Der Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten“.

„Was nützt es dir, diese Bücher zu lesen?“, fragte Qian Zongren. „Weißt du, warum China so chaotisch ist?“, fragte der junge Lackierer zurück. „Ich suche nach Antworten. Weißt du, gegen wen sich die Kritik an Lin und Konfuzius richtet? Gegen Premierminister Zhou...“ Der junge Lackierer begann mit der Geschichte der chinesischen Revolution und erklärte die damalige politische Lage Chinas. Qian Zongren erzählte auch von seinen eigenen Erfahrungen und sagte dann mit Gefühl: „Ich habe einen Schatten, den ich nicht loswerden kann!“ „Die Theorie, dass nur die Klassenzugehörigkeit zählt, ist idealistisch. Die schwere Last auf deinem Rücken wurde von Menschen auferlegt. Was Menschen auferlegt haben, können Menschen auch wieder wegnehmen...“

Dieses Gespräch erschütterte Qian Zongren zutiefst. Er erkannte seine eigene Armut und Enge. Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass er sich von seinem „Schatten“ verabschieden sollte, so schwer es auch sein mochte, ihn abzuschütteln. Der Schatten war eine Illusion, aber Qian Zongren war real.


Nur zwei Jahre älter

Im Winter 1981 bestieg Qian Zongren den Zug nach Süden, von Ürümqi nach Xi’an. Seine Gefühle waren komplex.

Von Juli 1978 bis Frühjahr 1981 hatte Qian Zongren in den Zwischenräumen zwischen intensiver Arbeit und schweren Haushaltsaufgaben acht Universitätskurse absolviert, über vierzig Notizbücher geschrieben, zwanzig Übungshefte ausgefüllt und mit fast durchweg vollen Punktzahlen das Abschlusszeugnis der Pädagogischen Xinjiang Normal-Fernuniversität erhalten. Im September 1981 bestand er die Aufnahmeprüfung für ein Graduiertenstudium bei Professor Liu Shuqin an der Mathematischen Fakultät der Nordwest-Universität und belegte den ersten Platz unter 26 Kandidaten. Er wartete und wartete, aber der Zulassungsbescheid kam nicht. Was war der Grund? Er war bereits 37 Jahre alt, dies war vielleicht die letzte Chance für eine höhere Ausbildung. Wie konnte Qian Zongren sie verpassen? Er musste nach Xi’an fahren, um Klarheit zu bekommen.

Hatte ich etwa wieder einen Fehler gemacht? Qian Zongren dachte nach, während der Zug dahinfuhr. In der Mathematik gibt es einen Begriff namens „bedingter Extremwert“. Eine bestimmte Größe kann unter festen Bedingungen durch Variation interner Faktoren den größten Wert erreichen. Ein Mensch kann nur unter nicht veränderbaren Bedingungen sein Bestes geben und nach dem größten „Wert“ streben. In den acht Jahren nach seiner Rückkehr nach Aksu hatte Qian Zongren genau mit dieser positiven Einstellung nach dem größten „Wert“ im Leben gestrebt.

Nach der Trennung vom jungen Lackierer kehrte Qian Zongren zum Straßenbautrupp der Versuchsbaumfarm zurück. Alle früheren Anschuldigungen gegen ihn waren mit einem Schlag vergessen, er war wieder ein einfacher Arbeiter. Der Straßenbau fand weit entfernt von Wohnsiedlungen statt, in der Wüste wurden Zelte aufgeschlagen, das Trinkwasser war trüb und schlammig, das Essen bestand aus eingelegtem Gemüse und Maisbrei. Eis und Schnee räumen, gefrorene Erde ausheben, gegen den Sandsturm Steine schaufeln - all diese Leiden waren ertragbar. Qian Zongren war dankbar, dass es keine quälenden politischen Bewegungen mehr gab. Das Leben war stabil, er konnte wieder selbst lernen.

Auf der Straßenbaustelle, in den Zelten der Wüste, begann er mit ein paar Wörterbüchern und Altpapier, die Struktur chinesischer Schriftzeichen zu erforschen. Nach unzähligen schlaflosen Nächten untersuchte er alle chinesischen Schriftzeichen Strich für Strich, ordnete und kategorisierte sie wiederholt. Bis Ende 1975 hatte er eine „Strichfolge-Nummerierungsmethode für chinesische Schriftzeichen“ entwickelt.

Zufällig gab es in der „Referenznachricht“ einen Bericht über einen chinesischstämmigen Amerikaner, der eine „Zwei-Zeichen-Suchmethode“ erfunden hatte, die im Grunde dieselbe wie Qian Zongrens Sortiermethode war. Qian Zongren fasste Mut und schickte seine Sortiermethode und Zeichentabelle an die „Volkszeitung“ mit der Bitte um Weiterempfehlung. Die „Volkszeitung“ leitete sie an den Shangwu-Verlag weiter. Zwei Jahre später sortierte der Shangwu-Verlag bei der Aufräumung von Materialien diese aus und schickte sie an Qian Zongren zurück. Es hieß, der Verlag habe keine Forschungseinrichtung für diesen Bereich, er solle sie an andere Abteilungen schicken oder von entsprechenden Experten prüfen lassen. Während der nationalen Wissenschaftskonferenz jenes Jahres wurde bereits berichtet, dass jemand eine ähnliche Strichfolge-Nummerierungsmethode erfunden hatte. Danach wurden nacheinander fortgeschrittenere Methoden berichtet. Qian Zongren konnte nicht mithalten. Er lebte in einem abgelegenen Gebiet, hatte weder jemanden zur Anleitung noch ausreichend Bücher und Materialien, keine Verbindung zu wissenschaftlich-technischen Abteilungen oder Bildungseinrichtungen - wer sollte ihn anleiten? Wer sollte ihn unterstützen? Selbst wenn er ein gewisses Niveau erreichte und einen bestimmten Standard erfüllte - wer sollte ihn entdecken? Wer sollte ihn empfehlen? Wer sollte ihn anerkennen? Wer sollte ihn einstellen?

Aber Qian Zongren hatte dabei sein Potenzial entdeckt und beschloss, Universitätskurse im Selbststudium zu absolvieren und sich für ein Graduiertenstudium zu bewerben.

Jeder Schritt kostete Herzblut und Opfer. Qian Zongren konnte kein Fach wählen, er hatte keine Bücher - welche Bücher verfügbar waren, bestimmten, was er studierte. In der Nähe fand er nur den ersten Band eines unvollständigen Lehrbuchs „Höhere Mathematik“. Er schickte über siebzig Briefe an Xinhua-Buchhandlungen in Peking, Shanghai, Tianjin und anderen Städten, aber keine hatten es vorrätig. Er kontaktierte Verwandte und Freunde im Landesinneren, aber keiner konnte helfen. Er schrieb an die Technische Universität Harbin und bat darum, die Lehrbücher seines früheren Studienfachs kaufen zu dürfen - keine Antwort. Nach unzähligen Mühen bekam er schließlich nur ein paar Mathematikbücher und ein Englisch-Chinesisch-Wörterbuch.

Die Zeit war so eingeteilt: Tagsüber erledigte Qian Zongren gewissenhaft seine Arbeit, übernahm möglichst schwere Aufgaben, fehlte nie bei Dienstveranstaltungen - um unvermeidliche Kritik zu vermeiden. In der normalen Ruhezeit musste er körperlich arbeiten (Möbel bauen, um Geld zu verdienen), sonst konnte er den Grundunterhalt seiner Familie nicht sichern - der Lohn war niedrig, oben waren die Eltern, unten Frau und Kinder, alle mussten von ihm ernährt werden. Außer fünf Stunden Schlaf nutzte er jede einzelne Minute: Essen, Waschen, Gehen, Toilettengang - alles zählte als Lernzeit. In zwei Jahren lernte er vom ABC an, prägte sich fünftausend Vokabeln ein, löste über zehntausend Rechenaufgaben. Sein Körper magerte täglich ab, sein Gewicht nahm täglich ab, aber das spielte keine Rolle - dies war eine besondere Phase des Zeitgewinnens.

Er hatte es endlich geschafft, aber bis jetzt hatte er keinen Zulassungsbescheid erhalten.

Der schwere stählerne Zugkörper gab dröhnende Geräusche von sich. Schicksal, warum bist du so gnadenlos zu mir? Soll mein lebenslanger Traum wieder zerschmettert werden? Was habe ich falsch gemacht? Was habe ich falsch gemacht?

Qian Zongren fand schließlich in den Tiefen seiner Erinnerung einen Fehler - er hatte sein Alter um zwei Jahre zu niedrig angegeben. Aber nur so konnte er die Prüfungszulassung erhalten! 1978 lag die Altersgrenze für Graduiertenstudien bei 40 Jahren, 1979 und 1980 bei 38 Jahren, 1981 wurde sie auf 35 Jahre gesenkt, aber Qian Zongren war bereits 37. Er hatte sein Lebensschiff früh in die Ferne hinausgeschoben, aber die Zeit war am Ufer vertrödelt worden - war das seine Schuld? Qian Zongren schrieb einen Bericht an das Büro für Graduiertenstudien der Nordwest-Universität und schilderte seine besondere Geschichte und seinen Wunsch zu studieren. Er hoffte auf Verständnis und Mitgefühl.

In diesem Moment las Qian Zongren im Zug still diesen Bericht:

„Ich habe mein Leben lang davon geträumt, die Chance zu haben, eine höhere Schule zu besuchen, selbst für eine sehr kurze Zeit. Ich strebe nicht nach Ruhm, es verbessert auch meine wirtschaftliche Lage nicht. Ich verlange nur grundlegende Lebensbedingungen, sehne mich aber nach einer besseren Lernumgebung. Ich möchte ausprobieren, ob die Jugend eines Menschen aufleuchten kann, wenn das Land dem Wunsch eines seiner Kinder nach Bildung nachkommt. Ich bin bereit, in zwei Jahren einen dreijährigen Studiengang zu absolvieren und vorzeitig abzuschließen, um den Alterskonflikt zu lösen. Sollte sich zu irgendeinem Zeitpunkt herausstellen, dass ich mit anderen jungen, hervorragenden Studenten nicht mithalten kann, werde ich sofort das Studium abbrechen...“

Er erinnerte sich an die Wiederholungsprüfung in Xi’an und die Begegnung mit Professor Liu Shuqin. Dieser 74-jährige Gelehrte hatte Qian Zongrens Geschichte kennengelernt, hatte Mitgefühl mit ihm, mochte ihn und war der Meinung, dass das Alter keine Prinzipienfrage sei. Es gab in früheren Jahren auch Präzedenzfälle für die Aufnahme Älterer, und er empfahl der Universität eine Ausnahmegenehmigung. Die Begründung lautete: Erstens, der Kandidat hat gute Prüfungsergebnisse. Nach Einschätzung des Betreuers liegt sein tatsächliches Niveau durch das vollständige Selbststudium ohne Anleitung noch höher als die Prüfungspunktzahl zeigt, und er hat tatsächlich Ausbildungspotenzial. Zweitens, aus der Geschichte des Kandidaten geht hervor, dass sein Alter durch die falsche Linie verzögert wurde. Der Kandidat selbst hat sein Bestes getan, um dies zu kompensieren - auch wenn er älter ist, verdient seine Situation Verständnis. Drittens, angesichts der schlechten Lebensumstände und Lernbedingungen des Kandidaten verdient seine lange beharrliche Selbstbildung Bewunderung. Viertens, die mathematische Fakultät hat ihr Graduiertenkontingent nicht voll ausgeschöpft. Da Ausbildungskapazität vorhanden ist und das Land dringend Talente braucht, sollte die Chance nicht verpasst werden. Dieser Vorschlag wurde von der mathematischen Fakultät diskutiert und schriftlich an die Universität weitergeleitet.

War mein Bittbericht und der Vorschlag der mathematischen Fakultät nicht genehmigt worden? Als Qian Zongren zur Nordwest-Universität kam und das ausdruckslose Gesicht des Verantwortlichen im Büro für Graduiertenstudien sah, wurde sein Herz kalt. „Ich verkünde Ihnen im Namen der Universität, dass Sie wegen Überschreitens der Altersgrenze nicht zugelassen werden.“ Ein verheerender Schlag. „Sie haben das so überstürzt entschieden?“, fragte Qian Zongren stammelnd. Die Antwort war ebenso kalt, in rein geschäftsmäßiger Haltung: „Das Alter ist fest, wir haben keinen Verhandlungsspielraum.“ Das Alter ist fest, aber Menschen sind flexibel. Die Zulassungsvorschriften wurden von Menschen gemacht - können Menschen nicht kleine Änderungen vornehmen? Qian Zongrens Herz gab nicht auf, noch gab es einen Hoffnungsschimmer.

Er besuchte Professor Liu Shuqin. Professor Liu war sehr verärgert: „Der Graduiertenstudent, den ich aufnehmen wollte - warum wurde ich nicht konsultiert, bevor man ihn ablehnte? Wenn das Alter überschritten ist, dann ist es eben überschritten. Mit 35 Jahren kann man es schaffen, mit 37 Jahren auch. Geh nach Peking zum Bildungsministerium und frage, ob beim Altersproblem noch Spielraum besteht. Ich gebe dir einen Brief mit, wende dich zuerst an Zhang Guanghou vom Mathematischen Institut, er wird dir helfen.“ Professor Liu nahm dreißig Yuan aus seiner Brieftasche und ließ sein Kind für Qian Zongren ein Schnellzugticket nach Peking kaufen.

Zhang Guanghou empfing Qian Zongren trotz seiner vielen Verpflichtungen. Qian Zongren sagte: „Die erfolgreichsten Menschen der Welt haben ihre goldene Zeit zwischen 25 und 30 Jahren, 90% derjenigen, die vor 40 Ergebnisse erzielen. Ich bin fast 40, aber ich denke, ich kann zu den 10% gehören.“ Zhang Guanghou lobte wiederholt: „Gut, du scheinst sehr ehrgeizig zu sein. Jeder hat das Recht, in die 10% zu gelangen. Auch nach 40 gibt es viele, die Ergebnisse erzielen. Wir haben wenig Kontakt zum Bildungsministerium. Ich kenne zwei Reporter von der ‚Guangming-Tageszeitung’ und der ‚Chinesischen Jugendzeitschrift’ sehr gut, sie verstehen die Politik sehr gut. Versuch es mal bei ihnen.“

Qian Zongren ging mit dem Brief von Zhang Guanghou zur „Guangming-Tageszeitung“. Reporter Lin war sehr hilfsbereit, kontaktierte sofort die Graduiertenabteilung des Bildungsministeriums und übergab Qian Zongrens Bittschrift für das Graduiertenstudium. Die Graduiertenabteilung des Bildungsministeriums schrieb an das Hochschulamt der Provinz Shaanxi: „Qian Zongrens Situation ist tatsächlich besonders. Wir bitten das Hochschulamt der Provinz Shaanxi, mit der Nordwest-Universität zu überlegen, ob dies als Sonderfall behandelt werden kann.“

Qian Zongren kehrte voller Hoffnung nach Xi’an zurück und ging erneut zu dem verantwortlichen Genossen im Büro für Graduiertenstudien der Nordwest-Universität. Die Antwort war kalt und ausweichend: „Das Bildungsministerium bat uns zu überlegen, sagte aber nicht, dass wir ihn definitiv aufnehmen müssen. In unserer chinesischen Fakultät gab es einen frischgebackenen Absolventen, der ebenfalls über der Altersgrenze lag und die Punktzahl überschritt, eigentlich zur Aufnahme vorgesehen war, aber weil die chinesische Fakultät mehr Kandidaten über der Punktzahl hatte als Plätze verfügbar waren, wurde dieser ältere Kandidat nicht aufgenommen. Um alle gleich zu behandeln, können wir Sie nicht aufnehmen. Dass Sie nicht zur Universität gehen konnten und während der ‚Kulturrevolution’ allerlei Leiden erfuhren, dafür haben wir Mitgefühl, aber das hat nichts mit uns zu tun. Selbstgebildete Talente müssen nicht alle Graduiertenstudenten werden, auch in Xinjiang kann man viel erreichen.“

Professor Liu Shuqin war erneut empört: „Das ist völlig unvernünftig. Geh noch einmal nach Peking, such Jiang Nanxiang, Hua Luogeng...“ Er holte wieder 30 Yuan heraus und gab sie Qian Zongren für die Reise nach Peking. Obwohl Qian Zongren bereits spürte, dass die Hoffnung gering war, wollte er Professor Lius guten Willen nicht enttäuschen und kam zum zweiten Mal nach Peking.

Die Graduiertenabteilung des Bildungsministeriums antwortete, dass die Entscheidungsgewalt für die Graduiertenaufnahme bei der Universität liege. Wenn die Universität sich definitiv weigere aufzunehmen, könne auch das Bildungsministerium nichts tun. Qian Zongren konnte nicht lange in Peking bleiben, zwei Yuan pro Tag für die Unterkunft machten ihn fast mittellos. Er verabschiedete sich von dem hilfsbereiten Reporter Lin, doch unerwartet teilte ihm Lin eine Nachricht mit, die ihm das Gefühl gab, „nach der Dunkelheit kommt wieder ein Dorf“ - das Hochschulamt der Provinz Shaanxi hatte bereits die Technische Universität Harbin angerufen. Wenn die Nordwest-Universität Qian Zongren nicht aufnehme, sei die Technische Universität Harbin bereit, es zu erwägen.

Qian Zongren wartete geduldig einige Tage in Peking. Die Antwort des Büros für Graduiertenstudien der Technischen Universität Harbin kam: Wir haben unser Bestes gegeben, aber wir sind eine technische Hochschule. Genosse Qian Zongren hat sich für Naturwissenschaften beworben. Es ist sehr schwierig, einen passenden Betreuer für ihn zu finden.

So oft flammte Hoffnung auf, und so oft wurde die Hoffnung zunichtegemacht. Qian Zongrens Herz sank. Nur wegen zweier Jahre hatte er 10.000e Kilometer zurückgelegt, fast 100 Tage unterwegs, mehrere 100 Yuan ausgegeben. Wenn er die Bedingungen gehabt hätte, diese Zeit zum Lernen zu nutzen, hätte er wahrscheinlich ein Jahr Graduiertenstudium abgeschlossen.

Während die Menschen Qian Zongren bedauerten, äußerten sie auch diese Seufzer: Der Wert eines Menschen liegt im Menschen selbst. Zwei Jahre - was bedeuten die schon im langen Fluss des Lebens? Doch einige unserer Institutionen nehmen diesen unbedeutenden äußeren Faktor so ernst, als wäre er heilig und unantastbar, während sie talentierte Menschen selbst ignorieren. Wie viele Talente werden durch starre Personalsysteme unterdrückt, zurückgestellt, begraben - sollte dieses System, das Menschen fesselt, nicht reformiert werden?


„Kenner von Talenten“ gibt es überall

Qian Zongren, dieses Gräslein, das aus einer Steinspalte hervorbrach, traf nicht nur auf kalte und glatte Steine. Er erfuhr auch die Wärme und Zuwendung des Frühlingswinds. Er traf viele „Kenner von Talenten“, war Professor Liu Shuqin von der Nordwest-Universität nicht einer von ihnen? Professor Lius Brief an das Bildungsministerium bewahrte Zongren stets bei sich auf: „Ich bin der Ansicht, dass Qian Zongrens tatsächliches Niveau sehr hoch ist, alle Grundlagen vorhanden sind. Wenn man ihm bessere Bedingungen für eine Weiterbildung gibt, wird das sicher Erfolg zeigen, und es ist sehr wahrscheinlich, dass er Ergebnisse erzielen wird. ... Solche Talente nur wegen Altersüberschreitung abzulehnen ist wirklich Verschwendung und Vergeudung von Talenten. Ich fühle mich sehr unwohl damit, es scheint dem derzeit propagierten Geist zu widersprechen. ... Ich bin zuversichtlich und wage es, meine verbleibenden Jahre zu nutzen, um ihn mit Hilfe anderer Genossen sorgfältig auszubilden. ... Ich bin schon alt, habe nicht oft die Gelegenheit, für die ‚Vier Modernisierungen’ des Landes etwas beizutragen, deshalb habe ich diesen Brief geschrieben...“ Jedes Mal, wenn er das las, durchströmte eine warme Welle Qian Zongrens Herz. Auch wenn überall Hindernisse waren, gab es doch Menschen, die ihn verstanden, die ihn entdeckten und anerkannten!

Da war auch Professor Yang Weiqi von der Grundlagenabteilung des Pekinger Instituts für Technologie, den er nie persönlich getroffen hatte. Bei einer Konferenz in Qingdao traf er Zhang Guanghou und Liu Shuqin. Er empörte sich über die Ablehnung von Qian Zongrens Aufnahme und war tief bewegt von Qian Zongrens Geist der Selbststärkung in widrigen Umständen. Er beschloss, 1982 eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen und Qian Zongren als Graduiertenstudenten aufzunehmen, und erhielt die Zustimmung des Bildungsministeriums. Obwohl dieser Wunsch aus verschiedenen Gründen nicht erfüllt wurde, nahm Qian Zongren Yang Weiqis gute Absicht zu Herzen. Bis heute steht er noch in brieflichem Kontakt mit diesem Professor, den er nie getroffen hat, als sein „außeruniversitärer Graduiertenstudent“. „Kenner von Talenten“ gibt es überall, bekannte und unbekannte, jene enthusiastischen Gelehrten, Experten, Reporter - in kritischen Momenten streckten sie alle Qian Zongren ihre unterstützende Hand entgegen. Zwanzig Jahre waren vergangen, Qian Zongren war auf viele Schwierigkeiten gestoßen, hatte aber auch das Verständnis vieler Menschen erfahren. Er wurde nicht von den Qualen eines deformierten Lebens verschlungen, sondern formte stattdessen einen anderen Charakter.

Nachdem er bei der Graduiertenprüfung durchgefallen war, kehrte Qian Zongren erneut nach Xinjiang zurück. In Aksu traf Qian Zongren auf einen weiteren „Kenner von Talenten“ - Xuan Huiliang, den Propagandaleiter des Bezirks Aksu. Das war wirklich ein großes Glück im Unglück für Qian Zongren. Nachdem Xuan Huiliang Qian Zongrens autobiografisches Material gelesen hatte, war er tief bewegt. Dieser junge Mann verfolgte seine Ideale so beharrlich, ohne falsche Übertreibung oder Selbstdarstellung, zwischen den Zeilen pulsierte ein aufrichtiges Herz. Er ging persönlich zur Versuchsbaumfarm, um Qian Zongrens Situation zu untersuchen. Er hörte einige kritische Stimmen, zum Beispiel, dass Qian Zongren kalt und verschlossen gegenüber Menschen sei, nach Ruhm und Gewinn strebe, sich nicht um seine eigentliche Arbeit kümmere. Aber selbst diejenigen, die eine Meinung gegen ihn hatten, gaben zu, dass seine Entschlossenheit, nach all den Qualen am Selbststudium festzuhalten, bewundernswert war. Xuan Huiliang verstand Qian Zongren, mochte Qian Zongren - er sah die Qualitäten und das Potenzial dieses jungen Mannes. Er betrat die Unterkunft dieses jungen Mannes - eine heruntergekommene kleine Hütte. Qian Zongren musterte den Besucher von oben bis unten: nicht groß, mit schwarzer Brille, elegante Ausstrahlung. Er hätte nicht gedacht, dass dieser ihm fremde Propagandaleiter zu einem guten Lehrer und Freund auf seinem weiteren Lebensweg werden würde. Xuan Huiliang ist ein Mann, über den man ausführlich schreiben sollte. Seit er Qian Zongren im Mai 1982 zum ersten Mal begegnete, hat er ihm innerhalb eines halben Jahres bei drei entscheidenden Angelegenheiten geholfen. Der erste Schritt bestand darin, Qian von einem Arbeiter in einen Kaderangestellten umzuwandeln. Xuan Huiliang plante, Qian Zongren an eine Mittelschule im Bezirk Aksu zu versetzen, wo die Bibliotheksressourcen und Lernbedingungen besser waren als auf der Baumfarm. Zunächst wandte er sich an die Zweite Mittelschule, aber diese lehnte ab mit dem Argument, Qians Hunan-Akzent eigne sich nicht für den Unterricht. Dann wandte er sich an die Vierte Mittelschule, die jedoch erklärte, Qian Zongren müsse erst vom Arbeiter- in den Kaderstatus überführt werden, um als regulärer Lehrer zu gelten. Xuan Huiliang rannte zur Kulturabteilung und zur Abteilung für Land- und Forstwirtschaft – dort verlief alles reibungslos. Doch bei der Bezirkspersonalabteilung geriet die Sache ins Stocken. Ein Sachbearbeiter erklärte, die Überführung von Arbeitern zu Kadern werde im September einheitlich geprüft, man müsse noch einen Monat warten.

Doch in dieser Zeit erhielt Qian Zongren ein Telegramm von Professor Yang Weiqi vom Pekinger Institut für Industrietechnik, in dem dieser ihn aufforderte, sofort seine Personalakte einzusenden – das Pekinger Institut wollte ihn als Ausnahme als Mathematik-Doktoranden für das Jahr 1982 aufnehmen. Eine Gelegenheit, die man nicht verpassen durfte. Dummerweise war Qians Personalakte verschwunden. Als 1980 das Kommando der Erdölindustrie für Südxinjiang unter der neu gegründeten Erdölverwaltung gerade anlief, benötigte man Lehrkräfte und Übersetzer und hatte Qian Zongren willkommen geheißen. Daher war seine Personalakte an die Erdölabteilung geschickt worden. Wer hätte ahnen können, dass im darauffolgenden Jahr diese Einheit zu den stillgelegten, zusammengelegten oder umstrukturierten Betrieben gehörte und kein Personal mehr benötigte? So ging Qian Zongrens Personalakte verloren.

Das Pekinger Institut für Industrietechnik telegrafierte ein zweites Mal und drängte. Xuan Huiliangs Gemütszustand war ebenso angespannt wie der von Qian Zongren. Er lief zur Personalabteilung, um zu verhandeln, erzählte von Qian Zongrens Schicksal und hoffte auf deren Mitgefühl. Er bat sie, die Aktenunterlagen zu ersetzen, Qian Zongrens Überführung vom Arbeiter- in den Kaderstatus vorzeitig zu genehmigen und dann die gesamte Dokumentation dieser Überführung als neue Personalakte an das Pekinger Institut zu senden. Doch die Sachbearbeiter zeigten sich völlig ungerührt und lehnten Lao Xuans Bitte ab.

Der Bezirks-Propaganda-Leiter hatte weder Personalhoheit noch Finanzkontrolle, aber er besaß ein Gerechtigkeitsempfinden. Obwohl er überall auf Widerstände stieß, wollte er Qian Zongren dennoch zum Erfolg verhelfen. Xuan Huiliang überschritt schließlich seinen Zuständigkeitsbereich – was nicht ganz den chinesischen Verwaltungsvorschriften entsprach –, kopierte Qian Zongrens Überführungsformular, Autobiografie und Beurteilungen eins nach dem anderen, versah sie mit dem großen Stempel der Propagandaabteilung und schickte alles nach Peking.

Doch letztlich war es einen Schritt zu spät, der Zeitpunkt verpasst, sodass Qian Zongrens Aufnahme als Doktorand am Pekinger Institut für Industrietechnik wieder scheiterte. Xuan Huiliang war sehr niedergeschlagen. Er empfand Empörung über den bürokratischen Stil mancher Behörden und ihre unerträgliche Gleichgültigkeit gegenüber Talenten, zugleich bedauerte er zutiefst, dass ein Talent wie Qian Zongren verschüttet wurde. Wie viele günstige Gelegenheiten hatte Qian Zongren bereits verloren! Er sagte zu Xuan Huiliang: „Ich bin gezwungen worden, in die Berge zu gehen, es gibt kein Zurück mehr. Egal ob Erfolg oder Misserfolg – ich werde mit dem Rücken zum Wasser kämpfen. Egal auf welche Weise, ich will mich weiterbilden und werde es mir nicht erlauben, mich zurückzuziehen.“ Diese Gemütsverfassung hatte etwas Heroisch-Tragisches.

Eine Welle war noch nicht abgeebbt, da kam schon die nächste. Ein Kollege vom Büro des Guangming-Tagblatts in Xinjiang schrieb Qian Zongren einen Brief und teilte ihm mit, dass das ständige Komiteemitglied Fu Wen der autonomen Region eine Anweisung bezüglich Qian Zongrens Einsatz erlassen hatte: Er solle in der Nähe an die Tarim-Landwirtschaftsuniversität versetzt werden, dort eine Probezeit absolvieren und anschließend unterrichten. Dies ließ in Qian Zongrens Herzen natürlich neue Hoffnung aufkeimen. Er ging zur Organisationsabteilung des Bezirks Aksu – diese Anweisung lag seit zwei Monaten unbeachtet in einer Schublade. Die Antwort der Organisationsabteilung lautete: Wir sind für Kader auf Bezirksebene und höher zuständig, einschließlich Professoren, Dozenten und Ingenieure. Jemand wie Sie fällt nicht in unsere Zuständigkeit. Selbst wenn Sie es täten – die Tarim-Landwirtschaftsuniversität ist eine gemeinsam vom Ministerium für Landwirtschaft, Viehzucht und Fischerei und vom Produktions- und Aufbaukorps betriebene Hochschule, auf die wir keinen Einfluss haben. So wurde die Anweisung von der Organisationsabteilung an die Kulturabteilung weitergeleitet, und die Kulturabteilung legte sie erneut unbeachtet ab. Xuan Huiliang trat auf den Plan und hakte nach. Aus einem Stapel wirrer Dokumente fischte er die Anweisung hervor und machte sich erneut zum Vermittler. Mit der Anweisung in der Hand fuhr er über hundert Kilometer von Aksu nach Alaer, suchte die Leitung der Tarim-Landwirtschaftsuniversität auf, lief zur Versuchsbaumfarm und zur Bezirkspersonalabteilung, redete sich den Mund fusselig, und schließlich gelang es ihm, dass Qian Zongren Anfang 1983 an der Tarim-Landwirtschaftsuniversität seinen Dienst antreten konnte.

Qian Zongren seufzte: „Wenn China doch mehr Kader wie Bezirks-Propaganda-Leiter Xuan hätte!“ Ja, wenn die Mitarbeiter unserer Personalabteilungen alle wie Xuan Huiliang wären und ihrem Herzen regelmäßig etwas Wärme zuführten, wären die Angelegenheiten in China viel einfacher zu regeln.

Qian Zongrens Lehrtätigkeit an der Tarim-Landwirtschaftsuniversität beendete endlich seine 20-jährige holprige Laufbahn. Man kann nur hoffen, dass er in seinem künftigen Leben keine tragische Rolle mehr spielen muss. Man kann nur hoffen, dass er Erfolg hat. Hoffen wir es!

„Was vergangen ist, ist vergangen. Wenn ich in den nächsten 20 Jahren etwas für das Volk tun und die Anerkennung der Menschen erhalten kann, werde ich zufrieden sein. Es wird beweisen, dass meine Anstrengungen der vergangenen 20 Jahre nicht umsonst waren. Ich möchte durch eigene Anstrengung die Anerkennung der Gesellschaft erlangen, damit junge Menschen, die gerade mit dem eifrigen Selbststudium begonnen haben und auf Rückschläge stoßen, Zuversicht gewinnen, und damit jene, die mich geschlagen und am Vorankommen gehindert haben, sehen können: Ein kleiner Grashalm will durch die Erde brechen, und niemand kann ihn niederdrücken. Ich bin voller Vertrauen ins Leben und glaube, dass man gegen das Schicksal ankämpfen kann. Wunder erscheinen oft in widrigen Umständen. Schließlich hoffe ich, dass unsere derzeitige Politik stabil bleibt, und sei es nur für ein halbes Jahrhundert.“

Ich bin überzeugt, dass Qian Zongren, als er dies alles erzählte, Tränen in seinem Herzen hatte. Ganz gewiss.

Das Leben – das ist das Leben. Hier gibt es Bitterkeit und Mühe, aber auch menschliche Schöpferkraft und Leidenschaft. Es gibt Schmutz, aber noch mehr gibt es menschlichen Glanz. Hier gibt es Schmerz, aber auch Selbstbeherrschung, Geduld und vor allem die schöpferische Freude, die aus Selbstaufopferung gewonnen wird.

Qian Zongren trägt die Spuren der Vergangenheit an sich, doch er birgt auch die Saat der Zukunft. Sein Gesichtsausdruck, seine Haltung – alles zeigt die Wellenbewegung von Gedanken, Leidenschaft und Leben. Man kann sogar den tosenden Ruf seines Inneren hören. Seine Erfahrungen, sein Charakter, seine Persönlichkeit, sein Geist – all dies lässt mich an die Pappeln am Ufer des Tarim denken, an diese Bäume, die weinen können.

Qian Zongren ist eine solche Pappel mit Wurzeln in Alaer, eine einst übersehene, doch unbeugsame Seele. Im Sturmwind aus Sand und Dürre, sich von Salz und Alkali ernährend, wird das unterdrückte, verzerrte Leben letztlich seinen Stamm aufrichten. Er klagt nicht, er verliert nicht den Mut, denn er weiß, dass seine persönliche Tragödie auch das Unglück der gesamten Gesellschaft war. Das Leben ist vorangeschritten, und er genießt nun gemeinsam mit dem Volk und dem Land die Wärme des Frühlings.


Oh, Pappelbaum, prächtiger Baum!

Oh, Pappeltränen, heroisch-tragische Tränen!

(Ursprünglich erschienen in „Wenhui Monatsheft“, Ausgabe Nr. 4, 1984)


Die Wildnis ruft

Wang Zhaojun


Geschichte und Gegenwart prallen aufeinander wie elektrische Funken, und über die Wildnis rollt folgender Donner: „Senkt die hohe Zugbrücke vor dem alten Stadttor!“

Die Geschichte zeigte einst folgendes Bild:

Im traurigen Herbstwind, auf dem wilden alten Pfad wirbeln die Hufe der aufständischen Armee Staub in den Himmel. Man kann sehen, dass auf jeder Fahne in diesem Sand- und Erdnebel geschrieben steht: „Verteilt das Land, gleicht Arm und Reich aus!“ Die rebellierenden Bauern kämpfen auf den Schlachtfeldern, jagen durch die Zentralebene, um Land zu erhalten. Wie viele Soldaten haben in dieser traurigen, kalten, einsamen Wildnis ihre blutverschmierten Körper und Uniformen zurückgelassen! Der Himmel ist bewölkt und feucht, als ob unzählige Geister noch immer nicht weichen wollen und im blutigen Wind leise das Klagelied über die leidenschaftliche Liebe zum Land singen...

Neuzeit. Chinas Dörfer. Die Nacht schwarz wie Basalt.

Ein Bauer, der seinen Wucherkredit nicht zurückzahlen kann, steht vor der grausamen Wahl: entweder ins Gefängnis gehen und seine Tochter verkaufen oder das einzige kleine Stück Land verkaufen. Schmerzvoll drückt er seinen blutroten Fingerabdruck auf den Grundstücksvertrag. An diesem Tag, vielleicht auch erst in der Morgendämmerung des nächsten Tages, führt er seine ganze Familie auf die Wanderschaft. Das kleine Stück Land, das sein Herz fesselte und das gestern noch ihm gehörte, gehört heute... Er kniet darauf nieder, wirft sich zu Boden, schiebt den dicken Schnee beiseite, und seine von blauen Adern durchzogenen großen Hände graben verzweifelt, graben und graben, bis er schließlich ein Stück Erde ausgräbt. Er steckt diese Erde in seinen Busen. Zuletzt wirft er einen Blick auf das Land, von dem er sich nur schwer trennen kann, und mit Tränen in den Augen betritt er den verschneiten, schmalen Pfad der Heimatlosigkeit...

Dies ist die tiefe Zuneigung der Chinesen zum Land. Dies ist jener heiße Boden, jene Wildnis, in die unsere Vorfahren Generation um Generation all ihren Schweiß, all ihre Weisheit, all ihre Hoffnung gegossen haben! Nur wenn sie zwischen Leben und Land wählen müssen, könnten sie möglicherweise ihr Land aufgeben. Manche würden sogar lieber mit dem Land sterben! So bildete die lange, glühende Leidenschaft eine unzerbrechliche Tradition – das Land wurde vergöttlicht. Von den Fünf Elementen steht die Erde in der Mitte; von den drei Schätzen der Feudalfürsten steht das Land an erster Stelle. Im weiten China hat fast jedes Dorf einen Gesellschaftstempel, einen Erdgotttempel. Die Menschen formten aus ihren Gefühlen eine solche Gottheit und ließen sie über alles im Dorf herrschen. Ehrfurcht, Anbetung, Opfer und Weihrauch, ohne die geringste Widersetzlichkeit. Am fünften Wu-Tag nach Frühlingsanfang oder Herbstanfang fanden alle Gebete vor der Aussaat und alle Feiern nach der Ernte vor diesem kleinen Erdgotttempel statt. Schalen mit grünen Bohnen und gelben Bohnen, Teller mit Weizen und Hirse, Krüge mit neuem Reis und feinem Wein, getrocknete Kaki und frisch gepflückte Datteln, dazu Nudeln, Eier, Papiergeld und Kerzen – alles wurde dem Erdgott dargebracht. Die Menschen hofften, dass der Erdgott sie in dieser fröhlichen Atmosphäre mit Seilen fest an das Land binden würde, damit sie es niemals verlassen müssten.

Heute – wo ist dies heute? Die Sonne geht im Westen unter, die feuerroten Wolken verfärben sich zu tiefem Purpur. Männer, die ihre Waren verkauft haben, zählen Stapel von Geldscheinen und strahlen vor Freude. Sie besorgen sich Schnaps und Bier, Wurst, gebratenes Hähnchen und Erdnüsse, setzen sich an die Tische des Bauernmarktes und genießen fröhlich den städtischen Abend, ohne jede Traurigkeit oder Kummer. Die Heimatlosigkeit scheint zu einem Vergnügen geworden zu sein. Sie scheinen bereits die Herren dieses Ortes geworden zu sein!

Schau, mehrere hundert ausgebildete Dorfmädchen steigen aus großen Reisebussen. Die Ältesten sind um die zwanzig, die Jüngsten erst sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Sie tragen bunte, nicht unmodische Kleidung. Sie sind gekommen, um in der Großstadt als Hausmädchen zu arbeiten. Vor ihnen erheben sich große Gebäude, Baumreihen, verkehrsreiche Straßen und Geschäfte voller Waren, die ihre neugierigen Blicke anziehen. Die enge und doch weite Welt des Dorfes kann ihre Herzen und ihre Sehnsüchte nicht mehr fassen. Sie haben die Wildnis verlassen, sind fröhlich fortgegangen, so bereitwillig, so freudig... Seltsam? Seltsam! Selbst Menschen, die gesellschaftlichen Veränderungen gegenüber eher gleichgültig sind, werden sich fragen: Wo ist die Zuneigung der Bauern zum Land geblieben? Warum können sie sich von ihrem warmen Zuhause, auf das sie angewiesen sind, trennen, von den goldenen Reisfeldern und den grünen Gemüsebeeten? Wie ist diese Veränderung entstanden, und welche Erkenntnisse und Auswirkungen wird sie auf die chinesische Gesellschaft haben? Wenn Sie meine Fragen beantworten, fragen Sie bitte nicht nach den Klischees mancher Artikel, übertriebenen Berichten und trockenen Theorien. Angesichts neuer Veränderungen, mein Freund, müssen Sie Ihre bisherigen Erfahrungen ablegen, denn die Strömung ist bereits vor Ihre Augen geschwappt, und fast jeder spürt deutlich ihren ernsthaften Aufprall. Geschichte und Gegenwart prallen wie elektrische Funken aufeinander und lassen auf der Erde Donner rollen. Die Wildnis ruft uns so eindringlich zu: „Senkt die hohe Zugbrücke vor dem alten Stadttor und lernt das fließende Wasser, die duftenden Gräser und die sonnige Straße hier kennen!“

Die Menschen sind satt, aber nicht zufrieden. Der Zug hat den alten Traum vom Pfirsichblütental zerschmettert. Sie hatten keine Zeit, den Staub von ihren Hosenbeinen zu klopfen, sondern brachen von der Wildnis auf und gingen in eine andere Welt.

Dem Ruf der Wildnis folgend, kam ich nach Henan.

Was für ein altes, weites und fruchtbares Land dies ist! Die dicke gelbe Erde birgt die Geschichte der chinesischen Nation; der mächtige Gelbe Fluss erzählt von der langen Tradition dieser Geschichte. Hunderttausende von Jahren sind vergangen, doch im Wörterbuch der Geschichte stehen noch immer absurde Redewendungen wie „Landwirtschaft als Grundlage“ und „Mangel an Kleidung und Nahrung“. Auf diesem Land, auf dem die Landwirtschaft an erster Stelle steht, wurden Unwissenheit und Hunger noch immer nicht beseitigt – so wie die Steinbuddhas am Longmen-Tor noch immer ihr seit Jahrtausenden unverändertes halb-lächelndes Gesicht zeigen.

Erst heute, nach der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei, als der warme Wind aus Anhui und Sichuan nach Zhongzhou wehte, begann Henan zu erwachen. Doch kaum war das Verantwortlichkeitssystem eingeführt, befürchteten einige, die Landverteilung könnte dazu führen, dass man „ein zweites Mal leiden“ müsse. So verbrachten der Gelbe Fluss und die Flüsse Yi und Luo das Jahr 1979 im Hin und Her von Zweifeln. Doch ein Jahr später bewiesen die Fakten, dass das Volk Henans nicht nur nicht „ein zweites Mal leiden“ musste, sondern das Ernährungsproblem rasch löste. Für eine Provinz, die landesweit die zweitgrößte Bevölkerung hat, in einem Jahr ein Problem zu lösen, das seit über tausend Jahren nicht gelöst wurde – ist das nicht ein Wunder?

Von Nanyang, Luoyang und Puyang bis Yucheng, Xiangcheng und Shangcheng – überall sieht man: Auf den alten gelben Pfaden fahren große und kleine Wagen, die Baumwolle und Getreide verkaufen. Das fahle Aussehen verschwindet aus den Gesichtern der Bauern, die Wildnis erhält grünes Leben, jeder Quadratzoll Ackerland hat Eltern gefunden, die sich um ihn kümmern, Süßkartoffeln werden zu Futter, und weiße Porzellanschalen sind gefüllt mit dampfenden Nudeln.

Unzählige Berichte haben diese Fakten längst zu flüchtig geschichteten und abgelösten Schichten der Geschichte gemacht, doch ich möchte erkunden: Wie gestalten die Menschen, die das Problem von Ernährung und Kleidung gelöst haben, ihr neues Leben? Rauchen sie ihre alten Pfeifen und hocken an der Wand in der Sonne? Halten sie sich an die alte Lehre „Sie wissen nicht von Han, geschweige denn von Wei und Jin“? Ich bin besorgt, denn unsere Nation ist leicht zufriedenzustellen.

Die Züge auf der Longhai-Linie fahren Tag und Nacht ostwärts und westwärts durch die Zentralebene. Viele Jahre lang wussten die Menschen nur, dass dort schwarze Schienen lagen, und sahen die weißen Dampfwolken, die die Züge ausstießen. Doch welche Beziehung die Eisenbahn zu ihrem Leben hatte, darüber dachten sie selten nach. Sie glaubten fest daran, dass sie für immer vom Land leben würden, dass das Land alles liefern könnte, was sie brauchten.

Aber der heutige Zug hat diese Dörfer, diese Felder und diese Menschen aufgeweckt.

Die Kader des Dorfes Baizhuang in der Gemeinde Jicheng saßen auf den Feldern und blickten schweren Herzens auf den pfeilschnellen Zug, der über ihr Land raste. Das schrille Pfeifen konnte ihre gerunzelten Stirnen nicht glätten, der ausgestoßene weiße Dampf verwandelte sich in ihren Herzen sofort in bedrohliche schwarze Wolken. Das Eisenbahn-Doppelspurprojekt hatte ihnen über hundert Mu gutes Land genommen. Für ein kleines Dorf mit nur vierhundert Mu Land – welch gewaltiger Verlust! Ursprünglich besaß jeder 6,4 Fen Land, nun war es umgekehrt auf 4,6 Fen geschrumpft. Sie rechneten mit den Fingern: Selbst wenn der Ertrag pro Mu 2.000 Jin Getreide betrug (was nicht leicht zu erreichen war), würde auf jeden keine 1.000 Jin mehr entfallen. Nach Produktionswert gerechnet, waren es kaum mehr als 100 Yuan, und nach Abzug der Produktionskosten blieben nur noch ein paar Dutzend Yuan übrig. Das heißt: Nach einem Jahr harter Arbeit auf dem Feld würde man, wenn es gut lief, gerade einmal satt werden.

Der Zug hatte ihr Land verschluckt, Himmel und Erde waren so eng geworden. Wie ein Vogel, der entdeckt, dass er in einem Käfig sitzt, empfanden sie eine gewisse Panik. Als sie den Zug betrachteten, spürten sie plötzlich in ihrem tiefen Nachdenken auf subtile Weise, dass sich die Gesellschaft veränderte, dass eine mächtige Strömung wie dieser Zug an ihr Dorf heranrollte. Ah, warum wurde die Eisenbahn zur Doppelspur ausgebaut? Um Dinge zu transportieren, immer mehr Dinge – Kohle, Maschinen, Schweine, Zement, Gemüse... Aber befinden sich unsere Dinge auf diesem Zug? Nein, weder etwas Verkauftes noch etwas Gekauftes. Sie spürten, dass sie von der Strömung weit, sehr weit zurückgelassen worden waren. Warum können wir uns nicht dieser Strömung anschließen? Wir haben auch Hände. Könnten wir nicht etwas produzieren, uns dieser Strömung anschließen und daraus neue Vorteile ziehen, sodass wir nicht mehr wie unsere Vorfahren in einer Ecke gefangen leben müssen? Der Zug hatte nicht umsonst ihr Land genommen – er gab den Dorfbewohnern neue Erkenntnisse. Nachdem das neue Geheimnis entdeckt war, konnten sie ihre Freude kaum noch zurückhalten. „Stimmt, wir können uns nicht länger hier auf dem Land zusammenpressen!“, sagte Parteisekretär Bai Xichuan. „Wir müssen auch einen Weg finden, Geld zu verdienen.“ Die stellvertretenden Sekretäre Bai Yuhe und Bai Mingshun sagten ebenfalls mit Nachdruck: „Wir müssen einen anderen Weg finden, sonst wird das Leben immer karger.“

Für chinesische Bauern, die seit Jahrtausenden vom Land gelebt haben, kann diese Forderung, das Land zu verlassen, breitere Wege zu suchen und sich aktiv der modernen Gesellschaft anzuschließen, nur als natürliches und doch großartiges Erwachen bezeichnet werden.

Zunächst scheiterten sie. Sie dachten nur ans Geldverdienen und begannen mit der Verarbeitung und Produktion von Raupenkettenwellen, aber sie konnten nicht viel verkaufen. Später versuchten sie sich im Elektro- und Gasschweißen, doch auch hier gab es nicht viel Arbeit. Einige sagten, Gebäck sei sehr profitabel, also stellten sie auf Mondkuchen und Bonbons um und züchteten sogar Silberpilze und Champignons. Nach einem Jahr geschäftiger Arbeit stellten sie bei der Abrechnung fest: Sie hatten kaum Geld verdient.

Das Scheitern lieferte Lektionen. Bai Xichuan und die Kader und Mitglieder erkannten, dass Geldverdienen im Geschäft etwas anderes war als Landwirtschaft. Der Handel hat seine eigenen Regeln, man muss die Branche durchschauen und darf nicht nur mit Bauernaugen schauen. Die Mitglieder erinnerten ihn daran, dass in all den Jahren nur die Tofuwerkstatt florierte. Es gab viele lokale Sojabohnen, Tofu verkaufte sich schnell, Okara konnte die Viehzucht ausweiten, und die Viehzucht konnte mehr Dünger liefern, sodass auch der Getreideertrag steigen konnte.

Sie beschlossen, die Produktion von Sojaprodukten zu entwickeln, insbesondere auf getrocknete Produkte zu setzen und mehr Fuba herzustellen.

Anfangs stellten sie Fuba vollständig mit traditionellen Methoden her. 22 kleine Eisentöpfe, die Sojamilchtöpfe standen in kochenden Wassertöpfen, die Temperatur reichte nicht aus, und die hergestellte Fuba war schwarz und der Preis stieg nicht. Bai Xichuan erkannte, dass dies nicht funktionierte, er musste Wege zur Verbesserung finden, vor allem von anderen lernen.

Bai Xichuan nahm einige Leute mit und reiste zur technologisch fortgeschrittenen Fuba-Fabrik in Guilin, um zu lernen. Aber nichts ist ohne Schwierigkeiten. Als sie dort ankamen, sagten sie viele nette Worte, aber man ließ sie einfach nicht hinein. Bai Xichuan war so besorgt, dass er nicht essen und nicht schlafen konnte. Die schöne Landschaft hatte für die Gruppe nicht die geringste Anziehungskraft. Bai Xichuan hätte am liebsten zwei Monate lang als Kurzzeitarbeiter für die Fabrik gearbeitet, wenn sie ihn nur hätten lernen lassen. Man sagte, es sei wegen der Hygienevorschriften. Bai Xichuan hätte sich am liebsten mit Alkohol desinfiziert und frisch gekochte Kleidung angezogen, wenn er nur hätte teilnehmen dürfen. In dieser kalten Behandlung spürten sie allmählich den Geruch einer kommerziellen Gesellschaft. Dieser Wettbewerbsgeist stimulierte Bai Xichuans traditionell bäuerlich schlichtes und aufrichtiges Herz stark. Die Gesellschaft hatte sich bereits so schnell verändert, kein Wunder, dass die Dörfer immer so rückständig waren. Er war entschlossen, mit dieser Strömung Schritt zu halten, sich ihr anzuschließen und unbedingt voranzukommen. Sie baten die Parteiorganisation und die örtliche Regierung um Hilfe, und nach vielem gutem Zureden erhielten sie schließlich die Zusage für „einen groben Rundgang“. Es war wirklich nur ein grober Rundgang – sie gingen die vorgegebene Route entlang, durften die entscheidenden Stellen nicht sehen, und wenn sie technische Fragen stellten, wollte man nicht antworten. Sie schauten gierig. Leider war die Zeit viel zu knapp, sie konnten sich nur grob an Kessel, Mahlwerk, Sojamilchherstellung, Dämpfpfannen und Trockenraum sowie die ungefähren Arbeitsabläufe erinnern.

Als sie nach Hause zurückkehrten, begannen sie auf der Grundlage der Eindrücke von ein paar Leuten mit dem Bau der Fuba-Fabrik. Sie kauften Ausrüstung, bauten Fabrikgebäude und verließen sich auf die Anstrengungen der Dorfbewohner. In nur zwei Monaten war die Fuba-Fabrik fertig. Am 10. April wurde der Versuch gestartet, und er gelang auf Anhieb. Als die erste Charge Fuba hergestellt wurde, war Bai Xichuan voller Gefühle. Er freute sich über diesen schnellen Erfolg. Der Druck der Zeit hatte die Menschen mutig und klug gemacht. Er dachte an die kalte Behandlung in Guilin, an die harte Arbeit des ganzen Dorfes und fühlte, wie schwierig es war, mit dieser Zeit Schritt zu halten!

Nachdem diese Fuba-Fabrik gebaut worden war, die weder Rohstoffprobleme noch Produktionsprobleme hatte und die auch einen guten Absatz hatte, veränderte sie sehr schnell die Arbeitsstruktur von Baizhuang. Die großen Mengen an Okara veranlassten sie, eine Zuchtfarm von beträchtlichem Umfang einzurichten. Der Dünger aus der Zuchtfarm musste auf die Felder gebracht werden, was die Mechanisierung erweiterte. Milch und Schweine brauchten spezialisierte Verkäufer. Die kontinuierliche Produktion der Fuba-Fabrik erforderte viele Arbeitskräfte für verschiedene Arbeitsschritte. Die Tofuwerkstatt und die Gewürzfabrik expandierten ebenfalls. Das neue Leben erforderte neue Wohnungen, was die Baumannschaft vergrößerte... Diese Arbeiten beanspruchten 94,4 % der Arbeitskräfte des Dorfes, nur 5,6 % der Arbeitskräfte beschäftigten sich noch mit Landwirtschaft. Dies zwang sie, die kompetentesten Landwirtschaftstechniker für die Bewirtschaftung des Landes einzusetzen und die Mechanisierung der Landwirtschaft stark zu beschleunigen. Die Befürchtung, dass nach dem Verantwortlichkeitssystem keine Maschinen mehr eingesetzt werden könnten, war durch die Fakten widerlegt worden. Die Entwicklung der Warenwirtschaft in Baizhuang hatte die große Mehrheit der Menschen bereits vom Land weggeführt und zu Arbeitern gemacht. 1983 hatte ihr Tageslohn bereits 4 Yuan erreicht, und die Mitglieder dieses Dorfes bekamen Wasser, Strom, Wohnraum, Gemüse, Bildung und medizinische Versorgung vollständig von der Brigade bezahlt.

Die Bauern lernten viele Dinge, die sie vorher nicht kannten. Sowohl in der Industrie und in den Nebengewerben als auch in der Landwirtschaft führte Baizhuang ein striktes Verantwortlichkeitssystem mit Verträgen ein. Der Vertrag ist das Gesetz. Wer gegen den Vertrag verstößt, wird bestraft, und eine der Strafmaßnahmen ist das Arbeitsverbot – die schwerste Strafe.

Bai Xichuan sagte: „Die alten Methoden funktionieren nicht mehr. Wir haben eine neue Methode gefunden: Man muss nicht schlagen, sie wirken von selbst.“

Wenn Wünsche auf diese natürliche Weise respektiert werden, schreitet die Geschichte voran. Die Menschen sind vom Land weggegangen und haben schnell gelernt, was sie zuvor nicht wussten.

Was für ein heißer Sommer dies war! Vom Hulao-Pass bis zum Mangling-Hügel hatte es auf diesem Hügelland seit vielen Tagen nicht geregnet.

Niu Xin’an, Parteisekretär der Heyao-Brigade in Gongyi, war noch nie so unruhig gewesen. Er machte sich Sorgen um das Problem der Gesamtfabrik der Brigade. Die Landwirtschaft war verpachtet und voller Vitalität, er musste sich nicht viel Sorgen machen. Aber diese kleine Fabrik wurde immer schlechter geführt und befand sich fast in einem unhaltbaren Zustand. Die Parteiorganisation beschloss, eine Ausschreibung durchzuführen, aber die Meinungen waren sehr geteilt: Einige boten sehr hoch, einige eher niedrig, einige waren gegen die Ausschreibung. In den chaotischen Diskussionen bemerkte er die Meinung eines jungen Mannes namens Li Zizhong. Er wies scharf auf die Blindheit der hohen Gebote hin und kritisierte, dass manche Leute versuchten, durch Ausschlachten der Ausrüstung Profit zu machen, ihre Taschen zu füllen und dann die Fabrik fallenzulassen. Die Schärfe und Loyalität des jungen Mannes erschütterten Niu Xin’an stark. Zweifellos dachte Li Zizhong langfristig an die Interessen des ganzen Dorfes.

Aber die Bedingungen, die dieser junge Mann forderte, waren so schwer zu erfüllen! Er wollte ein Direktoren-Verantwortlichkeitssystem, die Befugnis, Arbeiter anzuwerben und zu entlassen, die Befugnis, Arbeiterlöhne zu erhöhen oder zu senken, die Befugnis zu belohnen und zu bestrafen, die Befugnis, Ausrüstung hinzuzufügen oder auszutauschen, die Befugnis über Einkauf und Verkauf... Kurz gesagt: Wenn ihm die Fabrik übergeben würde, wollte er über alles entscheiden.

Li Zizhong, der Lehrer, Teamleiter, Empfangsmitarbeiter im Kreisempfangsbüro und Direktor einer Schnapsbrennerei gewesen war, war zweifellos eine fähige und intelligente Persönlichkeit. Aber könnte man ihm erlauben, die Brigade nicht eingreifen zu lassen und selbst alle Macht zu übernehmen? Könnte man ihm diese „Handlungsfreiheit“, diese gelbe Fahne, geben?

Niu Xin’an versank in schwer zu vertreibenden Sorgen. Er hatte in letzter Zeit einige Orte besucht und spürte zutiefst, dass seine eigene Generation bald zurückfallen würde. Erstens keine Bildung – er verstand nichts; zweitens war er an Landwirtschaft gewöhnt, seine Gedanken waren fest an Land, Weizen und Süßkartoffeln gebunden, dagegen im Handel Profit zu machen – dazu fehlte ihm das Talent; drittens hatten viele Menschen innerlich Vorbehalte gegen diese Marktwirtschaft; und dann ließ auch die Energie nach. Auf jeden Fall mussten junge Leute eingesetzt werden. Ein fähiger junger Mann stand vor ihm – warum ihn nicht einsetzen? Er wollte Macht, also gab man ihm Macht, schloss einen Vertrag ab und ließ ihn arbeiten!

So übernahm Li Zizhong diese heruntergekommene kleine Fabrik – veraltete Maschinen, faule Arbeiter, 360.000 Yuan Außenschulden, über vierzig Gläubiger, die abwechselnd Schulden eintrieben. Li Zizhong blieb ruhig, redete mit seiner glatten Zunge wiederholt über die Schwierigkeiten. Wenn es gar nicht anders ging, gab er den Leuten erst mal 5 Yuan als Beschwichtigung oder ging in den Gemüsegarten und pflückte ein paar Tomaten, um die wütenden Gläubiger zu bewirten. Dann nutzte er seine Macht, entließ zunächst einige Kader-Kinder, die während der Arbeit fernsahen, Drachen steigen ließen und oft Stahlrohre gegen Schnaps und Zigaretten tauschten, stellte dann einige erfahrene Facharbeiter ein, legte neue Fabrikregeln fest und begann dann mit der Herstellung von Ziegelmaschinen.

Er hatte dies gründlich durchdacht: Das Leben der Bauern verbesserte sich rapide, der Hausbau war für Bauern die wichtigste Angelegenheit, Ziegel und Dachziegel waren knappe Güter, Ziegelmaschinen waren natürlich Verkaufsschlager. Nachdem er die Arbeit geregelt hatte, schlug er der Brigade vor: „Ich will 1.000 Yuan für Werbung ausgeben.“

Diese Maßnahme verblüffte viele Leute. 1.000 Yuan ausgeben, um in der Zeitung ein paar Zeilen Text und ein Bild zu schalten – war das nicht verrückt? Doch Niu Xin’an stimmte zu. Er sagte: „Zizhong, mach einfach nach deinem Plan. Wenn es schiefgeht, übernimmt die Brigade die Verluste!“

Die Werbung wurde geschaltet. Li Zizhong wedelte mit seinem Fächer und wartete gelassen auf gute Nachrichten. Tatsächlich war er innerlich nicht ruhig. Er wollte die neuen Mittel der modernen Gesellschaft ausprobieren. Er wusste, dass sich die Gesellschaft bereits verändert hatte, dass die Methode der alten Generation – „Die alte Gans legt Eier, ohne zu gackern“ – nicht mehr funktionierte. Wenn man sich dieser Gesellschaft anschließen wollte, musste man alle erlaubten neuen Waffen einsetzen. Er hatte recht. Bald kamen über zehn Briefe aus der Provinz mit Bestellungen für Ziegelmaschinen der Fabrik.

Tatsächlich hatte die Fabrik zu diesem Zeitpunkt noch nicht genügend Produktionskapazität. Das führte zu hektischem Durcheinander. Li Zizhong las „sorglos“ Zeitung, hörte Radio, trank Tee und rauchte, aber nur die Sterne am Nachthimmel wussten, dass Li Zizhong nachts oft grübelte und sich schlaflos hin und her wälzte. Nach ein paar Tagen hatte er eine neue Idee. Er beauftragte große staatliche Fabriken mit der Herstellung einiger Teile, die seine Fabrik schwer bearbeiten konnte. Damals befanden sich diese großen Fabriken alle in Umstrukturierungen, die Arbeiter hatten keine Arbeit. Sie schlossen Verträge mit der Gießerei der Traktorenfabrik Luoyang, der Instrumenten- und Maschinenfabrik Sanmenxia und der Fabrik 407 in Luoyang ab – große Teile mit Löchern und große Zahnräder wurden alle von ihnen übernommen, beide Seiten waren sehr zufrieden.

So kam das erste Geschäft zustande. Die kleine Fabrik hatte großes Kapital. Auch die Motivation der Arbeiter stieg. Das Geschäft in der Provinz war noch nicht zu Ende, als Li Zizhong bereits einen Brief an die „Anhui Daily“ schickte und fragte, ob sie einige Ziegelmaschinen vertreiben könnten. Die „Anhui Daily“ veröffentlichte schnell seinen Brief. Die Ziegelmaschinenfabrik der Heyao-Brigade erhielt auf einmal über 80 Bestellbriefe. Einige Leute wollten zur Fabrik kommen, um die Ware abzuholen, aber Li Zizhong hielt sie ab. Li Zizhong wusste: Wenn Leute kämen und sähen, wie klein ihre Fabrik war, würden sie das Interesse verlieren. Also richtete er Vertriebsstellen in Xuzhou, Wuhu, Anqing, Fuyang und Hefei ein und lieferte die Waren nach Anhui. So nahmen sie im Januar 100.000 Yuan ein, im Februar 200.000 Yuan, im März 300.000 Yuan, im April 400.000 Yuan. Mit diesem Kapital von einer Million Yuan erweiterten sie Fabrikgebäude, modernisierten die Ausrüstung, stellten mehr Facharbeiter ein, produzierten alle Teile selbst, und das Rückgrat wurde gestärkt. Bis September waren ihre Ziegelmaschinen ausverkauft, einige Einkäufer kamen zur Fabrik und markierten sogar ihre Einzelteile, damit andere sie nicht anfassen konnten.

„Das Merkmal der modernen Gesellschaft ist, dass neue Dinge in Hülle und Fülle auftauchen, aber sehr schnell von anderen erlernt werden.“ Li Zizhong hatte dies bereits begriffen. Sie schalteten Werbung, andere schalteten auch Werbung. Li Zizhong brachte die Mustermaschinen persönlich zu Ausstellungen und Vertriebsstellen und führte vor Ort Demonstrationen durch. Andere machten das auch, also führten sie Installation, Wartung und regelmäßige Kundenbefragungen ein, was von den Kunden sehr geschätzt wurde – die Kunden machten sogar Werbung für sie. Als andere auch diese Methoden erlernten, wechselten sie zu einem anderen Ort. Als viele Ziegelmaschinenfabriken nach Anhui gingen, gingen die Verkäufer der Heyao-Brigade nach Shandong. 1982 gaben sie in Shandong nur 900 Yuan für Werbung aus, verkauften aber über 200 Ziegelmaschinen und nahmen über 1,3 Millionen Yuan ein. Überall wurde vertrieben, also setzten sie auf Preissenkungen und Qualitätsverbesserungen, und die Konkurrenz konnte nicht mithalten. Li Zizhong zerbrach sich jeden Tag den Kopf über Strategien und Taktiken. Er wusste: Sobald man in einem Bereich scheiterte, würde das Geschäft zusammenbrechen.

„Handel bedeutet nicht Betrug, heute muss man beim Geschäftemachen ehrlich sein.“ Li Zizhong kannte die neuen Geschäftsregeln auswendig. „Der Kunde ist König, Qualität ist Leben, Zeit ist Geld.“

Einmal kam ein Hinkender aus Liaoning. Er besuchte mehrere Ziegelmaschinenfabriken in Gongyi und kam schließlich zur Heyao-Brigade. Li Zizhong wusste, dass dies ein kluger Mann war, und sagte zu ihm: „Die Ziegelmaschinen im Kreis Gong sind gut und schlecht, auch unsere sind nicht perfekt. Schauen Sie sich alles genau an. Wenn Sie nicht kaufen, macht das nichts, auch Ihre Meinung ist wertvoll.“

Der Mann schaute wiederholt, kaufte aber immer noch nicht. Li Zizhong lud ihn zum Essen ein, er aß nicht. Beim Weggehen sah Li Zizhong, dass er Schwierigkeiten beim Gehen hatte, also schickte er ein Auto, um ihn zum Bahnhof zu bringen, und half ihm, eine Fahrkarte zu kaufen. Als der Hinkende gerade in den Zug steigen wollte, zögerte er plötzlich, zog einen Scheck über 11.000 Yuan heraus und kaufte entschlossen je eine 280er-Ziegelmaschine und einen Mischer.

Nachdem er den Hinkenden verabschiedet hatte, sagte Li Zizhong: „Heutzutage muss man im Geschäft offen und ehrlich sein. Brüder und Schwestern zu täuschen ist kleinlich. Wenn man nur auf schnellen Profit aus ist und jedem sofort das Geld aus der Tasche ziehen will, erreicht man oft nichts. Man muss auch auf Menschen achten können. Bei solch klugen Leuten kann man nur durch Aufrichtigkeit Vertrauen in Menschen und Maschinen gewinnen.“ Li Zizhong sagte nicht, wie er die Psychologie der Menschen studierte. Er wusste, dass moderne Unternehmer nicht wie manche alten Bauern sein dürfen, die immer versuchen, durch List zu siegen, und oft wegen Oberflächlichkeit Verluste erleiden.

1982 erreichte der Gesamtproduktionswert dieser kleinen Fabrik der Brigade 4,2 Millionen Yuan. Im Jahr, als er übernahm, betrug der Produktionswert der Fabrik 120.000 Yuan – in drei Jahren eine Steigerung um das 35-fache.

Erkundung ist ein Wagnis, aber ein Wagnis ist 10.000-mal großartiger als Mittelmäßigkeit. Die Menschen verließen das Land, wandten sich der Industrie zu und lernten schnell Industriemanagement.

Ein Toyota-Kleinwagen raste auf der staubigen kleinen Landstraße dahin und wirbelte eine Staubwolke auf. Chang Jianguo, Direktor der Aluminiumoxid-Mine am Fang-Berg im Kreis Yu, gehörte zur Delegation, die zu einer Besuchs- und Geschäftsreise in die Bundesrepublik Deutschland aufbrach. Er blickte durch das Autofenster auf die Wildnis, und sein Herz wogte.

Alles begann hier. Das Leben begann hier, die Schule begann hier, Wildgemüse sammeln begann hier, am Hang Getreide anbauen begann hier – hier ist die Wurzel. Vor zehn Jahren, als er erkannte, dass man von diesen kahlen Bergen und wilden Feldern allein kein gutes Leben führen konnte, führte er entschlossen 17 Menschen zu diesem menschenleeren kahlen Berg. Es gab keine Bäume, also kein Holz; es gab keine Erde, man konnte nicht einmal einen Grashalm pflanzen; es gab nur Steine, und zwar solche, die sich weder zum Hausbau noch zum Kalkbrennen eigneten. Aber Chang Jianguo war fest überzeugt, dass die Natur ihnen in dieser Wildnis etwas Nützliches geschenkt hatte. Er war in Gongyi gewesen und hatte gesehen, dass das dortige Aluminiumoxid sehr dem hiesigen Gestein ähnelte. Er und seine Gefährten gruben und gruben, ob nun Nordwind mit Schneeflocken oder feiner Regen mit Sandkörnern, ob sengender Sommer oder strenger Herbstfrost – nichts konnte sie zurückhalten. Um das Gespenst der Armut loszuwerden, kämpften sie wie Besessene. Schließlich fanden sie, was sie gesucht hatten, bauten einen Ofen und brannten die erste Charge Aluminiumoxid. Aber ob sie es verkaufen konnten, war noch eine Frage! Plötzlich dachte er, dass dies wirklich ein Wagnis war. Wenn sie keinen Absatz fänden oder die Ware überhaupt nicht den Standards entsprach, wären die Anstrengungen von 18 Menschen umsonst gewesen.

Das Auto fuhr über die Dreiwegkreuzung, vor ihnen lag der Fang-Berg. Chang Jianguo öffnete das Fenster und streckte den Kopf hinaus. Er blickte gierig auf diesen Berg seiner Heimat. Fangshan – der Name war nicht umsonst. Er unterschied sich von jedem anderen Berg, hatte keine majestätische Silhouette, keine verschlungenen Gipfel und Täler, nicht die Kiefern und Wolken des Huangshan, auch nicht die Quellen und Tempel des Emei. Er war nur ein einsamer Berg, der unvermittelt aus der Wildnis ragte, ohne glatte, sanft geschwungene Linien – vier Kanten standen auf der Erde wie eine Pyramide, deren Spitze abgeschnitten war. Was für ein Berg mit Charakter! Damals dachte er: Menschen sind genauso. Um einen eigenen Namen zu haben und einen eigenen Weg zu gehen, muss man besondere Eigenschaften haben. Er war entschlossen, für die erste Warencharge einen Kunden zu finden.

Wie drängte die Zeit! Die armen Landsleute hofften so sehr darauf, Geld zu haben. Er musste diese Ware so schnell wie möglich begutachten lassen. Ursprünglich dachte er nur an den Inlandsmarkt, aber die Stahlproduktion im Inland entwickelte sich nicht schnell, dann kamen Anpassungen, feuerfeste Materialien verkauften sich schlecht; auch die Stahlindustrie im Ausland lief nicht gut. Aber nach dieser vorübergehenden Flaute würde es sicher eine Erholung geben. Lagerten nicht einige Händler Aluminiumoxid für die Entwicklung in ein paar Jahren? Chang Jianguo kam plötzlich auf einen kühnen Gedanken: Zum Zoll gehen, eine Zertifizierung beantragen und Export anstreben.

Bis heute weiß Chang Jianguo nicht, warum er plötzlich so eine kühne Idee hatte. Aus der Armut geborene Sehnsucht, im Kampf gewachsener Mut – das Herz eines Bauern weitete sich plötzlich auf die ganze Welt aus. Diese Welt ist so reich und vielfältig, und wir brauchen nur einen winzigen Teil davon, um genug zu haben. Früher hatte man überhaupt nicht an diese Welt gedacht, so wie die Vorfahren nie an das Aluminiumoxid am Fang-Berg gedacht hatten! Umgekehrt: Auf der Welt gibt es so viele Menschen, jeder Reichtum wird von vielen Augen beobachtet. Wer ihn zuerst ergreift, ist ein Held. Hier gibt es keine Almosen, keinerlei Träume vom „Warten am Baumstumpf auf ein Kaninchen“.

Also brach auch Chang Jianguo von hier auf, nahm einen Sack gebrannter Proben auf den Rücken und eilte zum Zoll in Qingdao. Dort wurde durch chemische Analysen festgestellt, dass die Qualität sehr gut war. Die Außenhandelsabteilung versprach, vorrangig für sie Geschäfte zu vermitteln – sie brauchten sich um den Absatz keine Sorgen zu machen. Chang Jianguo war so glücklich, dass er sich auf einmal 20 Jin leichter fühlte! Erst jetzt bemerkte er das schöne Meer. Was für ein weites Meer! Rauchige Wellen, grenzenlos, Himmel und Wasser verschmelzen. Menschen aus abgelegenen Bergdörfern waren zwar manchmal stolz auf die Weite und Tiefe des Festlands gewesen, aber als sie das Meer sahen, konnten sie nicht umhin, die großartige Anmut und die tiefe Substanz des Meeres zu bewundern. Als die Wellen zu seinen Füßen schlugen, kam ihm ein Gedanke: Auf der anderen Seite dieses Meeres liegt eine noch größere Welt. Man muss es wagen, das Meer zu überqueren!

So kam es, dass eine Mine mit 18 Leuten und nur 2.000 Yuan Kapital mit weit entfernten Teilen der Welt verbunden wurde. Wie mühsam dies war! Nicht nur das materielle Leben, auch die Gedanken fanden keine Ruhe. Um sich widerwillig für seine „Überbetonung des Handels gegenüber der Landwirtschaft“ zu kritisieren, musste er jedes Jahr einen großen Stapel Selbstkritiken an die Vorgesetzten schreiben. Zur geschäftigen Erntezeit musste er die Arbeiter „entlassen“, damit sie an der Weizenernte teilnahmen, aber nachts wachten sie noch immer über ihre Ofenfeuer. Erschöpfung – sobald man sich hinlegte, schmerzten alle Glieder, man wollte sich nicht mehr erheben, aber man musste weitermachen, musste sich abmühen. Alle schauten auf diesen Ort, der mehr Geld einbrachte als Eierverkauf.

Vom Bergdorf ans Meer, vom Meer in die Luft – das dauerte volle zehn Jahre. Diese zehn Jahre abseits vom Land! Von 18 Leuten auf 1800, von 2.000 Yuan Kapital auf 20 Millionen Yuan Vermögen – die Zahl der Menschen hatte sich verhundertfacht, das Vermögen vertausendfacht. Für den Staat wurden 17 Millionen US-Dollar Devisen erwirtschaftet. Das war natürlich ein kleines Wunder. Aber dieses Wunder wurde mit Mut, Schweiß und unerschütterlichem Geist erkauft. Chang Jianguo konnte nicht ausdrücken, wie dankbar er seinen Gefährten, seinen Arbeitskollegen und den sie unterstützenden Landsleuten war. Solange diese Leute sagten, es sei gut, war alles in Ordnung, denn das war das Ziel. Ob andere lobten oder nicht, war unwichtig – das war mit anderen Interessen verflochten. Als also Hühnerhalter als Vorbildarbeiter in die Provinzhauptstadt gingen, aber niemand es wagte, die Aluminiumoxid-Mine am Fang-Berg zu loben, gruben Chang Jianguo und seine Gefährten in diesem tiefen Bergtal schweigend weiter nach ihrer Hoffnung, Leidenschaft und ihrem Glück.

Das Flugzeug hob ab. Beim Blick aus dem Bullauge auf die Erde war alles so ordentlich – Bergrücken, Täler, Wälder, Wüsten, Städte, Dörfer... Als sie im Begriff waren, die Staatsgrenze zu verlassen, wanderten seine Gedanken wieder zur Mine. Er hatte darüber nachgedacht: Warum konnte sich diese Mine entwickeln? Der erste Grund, oder der einzige Grund, war seine Freiheit. Er musste nicht hierhin um Genehmigung bitten und dorthin Bericht erstatten; die Arbeiter waren die Vorgesetzten, das Unternehmen war der Vorgesetzte – der eine an seiner Seite, der andere in seinem Herzen. Wie praktisch! In dieser Welt, die wie ein Krabbennetz ist, kann man den ganzen Leib bewegen, wenn man an einem Haar zieht. Man scheut die Maus und fürchtet die Schale, man fürchtet Verleumdung und Kritik – selbst das Verrücken eines Stuhls scheint das ganze Land durcheinanderzubringen. Was für ein festes und doch zerbrechliches Netz! Zum Glück war er nicht in diesem Netz. „Den Berg als König besetzen“, unabhängig und selbstständig – es gab nicht nur keine so vielen Beschränkungen, sondern auch so viel Autonomie: Die ganze Mine hatte nur fünf Parteimitglieder, alle anderen arbeiteten in verschiedenen Fabriken, es gab keine weiteren Büros oder Abteilungen. Was er entschied, wurde zur Tat. Als er beschloss, eine Baumaterialfabrik zur Herstellung von Porzellanfliesen zu errichten, wurde ein 76 Meter langer Tunnelofen in nur 42 Tagen fertiggestellt – in staatlichen Unternehmen hätte das mindestens acht Monate gedauert! Er konnte technisches Personal anwerben; er konnte je nach Arbeitsleistung Arbeiter kritisieren, bestrafen oder entlassen; er konnte finanzielle Regelungen treffen und so jeden fest an das Unternehmen binden. Das nannte man „gemeinsamer Wohlstand und gemeinsamer Verlust“. Verkäufer essen und trinken doch oft – also nahm man einen bestimmten Prozentsatz aus dem Gesamtumsatz als Bonus. Bei viel Verkauf gab es viel Geld, bei wenig erhielt man nichts. Reisekosten, Bewirtungskosten – alles war darin enthalten. Der Lohn aller in der Fabrik war variabel: Wenn die Mine Überschüsse machte, wurden alle reich; bei Verlusten verloren alle. So bildete sich unmerklich eine Kontrolle, und auch die Qualität war gesichert...

Das Flugzeug flog im azurblauen Himmel, tatsächlich ist die Luft selbst farblos und durchsichtig. Chang Jianguo wusste nicht, wie andere ihn sahen, aber er wusste selbst, dass er ein gutes Herz hatte. Als er jene Dutzend Arbeiter entließ, war sein Herz sehr unruhig gewesen. Er hoffte, dass alle friedlich miteinander auskommen könnten, wie im Himmel, wo sich alle liebten. Aber dies war nicht der Himmel, also musste man irdische Methoden anwenden. Wenn ihr nicht ordentlich arbeitet, faul seid, Unfug macht, Eigentum stehlt, mein Unternehmen schädigt, gegen Disziplin und Vorschriften verstoßt – dann tut es mir leid. Chang Jianguo hatte einmal überlegt, ob das nicht etwas despotisch sei. Er hatte ernsthaft über Demokratie und Freiheit nachgedacht. Er konnte unverantwortliches Verhalten nicht tolerieren – das war keine Demokratie, das führte zwangsläufig zu Zerfall und Korruption, zu endlosem Streit, Verzögerungen und unkalkulierbaren Verlusten. Dass er auf diese Weise etwas erreichen konnte, lag vollständig daran, dass er Bauer war. Dieser niedrigste Status wurde gerade zu einem Luxus, einem Privileg. Chang Jianguo saß im Flugzeug, betrachtete seine Kleidung, die der anderer ähnelte, und hätte am liebsten laut verkündet: „Ich bin Bauer, das ist ein so kostbarer Titel! Gerade weil ich nichts hatte, habe ich alles!“

Die erste Station war Hamburg, die zweite Frankfurt... Er besichtigte überall, und an jedem Ort verhandelte er ein paar Geschäfte. Gesichtsausdrücke beobachten, Psychologie ergründen, die Marktlage studieren, vorsichtig Preise festlegen, Bankette, glitzernde Lichter und Wein, Autos rasten vorbei, lächelnde Gesichter, Schecks... Chang Jianguo war anfangs etwas schwindlig, aber bald wurde er ruhig. Er bewunderte die Arbeitseffizienz und den pragmatischen Geist der Leute. Eine unsichtbare Kraft erschütterte sein in einer engen Welt geformtes Herz mit begrenzter Kapazität. Er gab zu, dass er seine Mängel und Schwächen erkannt hatte. Was man nur durch Propaganda erhielt, war so einseitig – die anderen hatten ihre Stärken. Er lernte großzügig und offen von ihnen.

Erst als er wieder zu diesem Kontinent zurückflog und wieder diese Wildnis betrat, wurde sein Herz wieder unruhig. Die Wolken am Himmel und der Staub auf der Erde hatten Schatten hinterlassen, die wieder herbeischwebten. Nach der Zentraldirektive Nr. 1 hatte er sein Glück heiß gefeiert, aber das war schließlich auch nur Glück. Viele Notwendigkeiten machten ihn noch immer unruhig. Er und seinesgleichen konnten nur passiv auf etwas warten, nicht aber etwas bestimmen, ob Segen oder Fluch.

Er könnte das Unternehmen noch größer machen, mehr Devisen verdienen, aber er fürchtete den Neid anderer. Viele erkannten nicht an, dass Management Arbeit ist. Das ließ ihn ans Trinken denken. Für das Unternehmen musste er trinken, um „Inspektionen und Anleitungen“ von Beamten zu bewältigen, Geschäfte anzubahnen, Kollegen zu treffen... alles erforderte Trinken, manchmal mehrere Runden am Tag – eine regelrechte Katastrophe! Liebte er Alkohol? Nein, am liebsten aß er eine Schale Reis, eine kleine Schüssel Suppe, einen Teller Gemüse – nicht kalt, nicht extravagant, bequem zu essen, wie schön! Aber dieser Alkohol – konnte man ohne ihn etwas erreichen? Der Magen kaputt, die Stimme heiser, den Körper einsetzen, um den Angriffen von allen Seiten zu widerstehen! Gewinne gehen ans Kollektiv, Verluste bleiben beim Einzelnen. Selbst mit tausend Gefühlen – mit wem könnte man darüber sprechen? Außerdem – bei solchen Unternehmen war die Rohstoffversorgung überhaupt nicht geplant: Stahl, Zement, Instrumente, Reagenzien – was konnte man ohne Beziehungen bekommen? Man war gezwungen, Hintertüren zu nutzen. Alte Schulden häuften sich, am Ende bezahlte einer, was tausend gegessen hatten – wer konnte das aushalten? Ich muss allen nach dem Mund reden, wenn eine Schlüsselfigur niest, bekomme ich drei Tage lang kein Auge zu. So großer Ehrgeiz, so beachtliches Einkommen, aber politisch so verletzlich! Angst vor Veränderungen, vor Vereinheitlichung, vor Neid, vor Journalisten – nur nicht vor eigenem Gewinn und Verlust. Chang Jianguo fühlte, dass dieses Hin- und Herhetzen tatsächlich ein Kampf gegen das eigene Leben war. Er weinte.

Wie sehr wünschte er sich, diese künstlichen Grenzen zu verwischen! Ob vom Ministerium, von der Provinz, vom Kreis oder von der Brigade betrieben – außer Geldscheinen, die gleich waren, herrschte überall strenge Hierarchie. Vollzeit, Teilzeit, Arbeiter-Bauern, Arbeiter statt Kader, acht Lohnstufen, fünfundzwanzig Dienstgrade. Brecht das auf! Jede Hürde wählt einen General – wer es kann, ist ein Held! Wie wäre das? Dafür stellte er extra einige staatlich angestellte Fachkräfte ein. Er hoffte, diese Schwellen zu durchbrechen – so wäre es einfacher.

Wie sehr wünschte er sich, einige Theoretiker engagieren zu können, die für ihn, für die Unternehmer seines Landes und für alle Unternehmen Chinas eine Verteidigung formulieren würden: Was ist eigentlich der rechte Weg und was der falsche? Wie lassen sich Dinge erledigen, ohne Hintertüren zu benutzen? Was ist wirklich Arbeit? Wie sollen Ruhm, Verdienste und Verfehlungen eines Menschen bewertet werden?

Wie sehr wünschte er sich ein Gesetz, das all jene erfolgreichen Errungenschaften festschreiben würde, das jene Hände zurückhält, die sich nicht ausstrecken sollten, und das all jene Angelegenheiten regelt, die unbedingt geregelt werden müssen...

Er stieg aus dem Flugzeug, dann aus dem Zug und fuhr schließlich mit einem Toyota zurück zum Fang-Berg, zurück zur Mine. Als er wieder an jenem Ort stand, von dem aus er aufgebrochen war, bewegte ihn die grenzenlose Weite der Berglandschaft zutiefst. Er blickte auf den hohen Schornstein auf dem Bergrücken, auf die ausgedehnten Fabrikhallen und das Minengelände, das einer kleinen Stadt glich, und lauschte den majestätischen und wundervollen Klängen, die wie eine Symphonie von dort herüberdrangen. Er dachte bei sich: Endlich haben wir uns aus unserem Kokon herausgearbeitet.

Ja, die Bauern haben das Land verlassen und sind in diese sich aufbäumende Strömung eingetreten. Das Erwachen ist ungleich schwieriger als das Aufstehen, denn unsere Träume waren allzu alt und allzu berauschend. Was für ein schweres Land ist dies doch! Die Yin-Ruinen von Anyang, die Longmen-Grotten, der Berg Shouyang, die drei Beamten und drei Abschiede, der tausendjährige Kriegsstaub auf alten Schlachtfeldern... Fast jeder Ortsname symbolisiert bereutes Blut und Schweiß, verrostete Waffen und verwitterte Leichname. Unsere Nation ist von solchen Ebenen ausgegangen. Wir sind auf diesen Ebenen mehrere tausend Jahre lang gewandert, langsame Jahrtausende! Und dennoch umschlingen uns Armut und Unwissenheit noch immer wie giftige Schlangen. Obwohl in jedem Haushalt unzählige Räucherstäbchen angezündet wurden in der Hoffnung, im emporsteigenden Rauch ein Leben in Wohlstand zu finden – all dies blieb nur ein Traum. Die Erde lag weiterhin in todesgleicher Stille da. Was gab es schon in den Dörfern? Verfallene Strohhütten, schwere Mühlsteine und diese farblosen Wege. Auf jenen Wegen mit ihren tiefen Wagenspuren und Rinderhufabdrücken zog ein mageres, knochiges altes Rind einen verfallenen Wagen, Jahr für Jahr, mit langsamen, schwerfälligen Schritten. Ein Rind brach zusammen, und ein anderes Rind steckte schweigend seinen Kopf ins Joch, Generation um Generation, wandernd, seufzend, als ob niemand uns belästigen würde, solange wir nur bereit wären, so für immer weiterzugehen.

Aber diese Welt ist unausgeglichen. Vor über dreihundert Jahren, als Li Zicheng die Ming-Dynastie gestürzt hatte, sahen wir nur eine neue Qing-Dynastie. An der Spitze der politischen Pyramide saß ein Kaiser, der in seinem muffigen, stinkenden Palast den schönen Traum von Abschottung und Selbstherrlichkeit träumte. Doch gerade in dieser Epoche schufen die Briten mit ihrer industriellen Revolution eine neue Gesellschaftsform, und von da an schwoll der Reichtum wie aufgehender Hefeteig an, Waren strömten wie Fluten in die Welt hinaus. Nicht lange danach kamen sie als Kolonisatoren, die mit ihren ausländischen Gewehren und Kanonen die Tore des großen Qing-Reiches aufsprengten, sie drangen von der einen Seite der Erdkugel zur anderen vor. Selbst achthundert Lin Zexu hätten die Petroleumlampen und Webstühle der „Teufel“ nicht aufhalten können.

Eine Minderheit erwachte und machte Revolution; aber die Mehrheit schlummerte weiter im verdorrten Gras auf dem Land. Die schwachen Vorreiter wurden von tausenden schweren Stricken gefesselt, sie stolperten schon nach einem halben Schritt. Wir schlossen schließlich wieder unsere Tore, und gleichgültig wie heftig die Wogen des Ozeans auch an unsere Türen schlugen, rezitierten wir in Erschöpfung und Hunger weiterhin solche Lehren: „Ackerbau und Gelehrsamkeit sind das Höchste, Handel ist zweitrangig, Handwerk noch niedriger.“ „Widme dich dem Ackerbau und der Seidenraupenzucht, fünfzig Frühlingszwiebeln, ein Beet Schnittlauch, im Haushalt zwei säugende Schweine, fünf Hühner.“ „Balken, Werkzeuge, Öl und Kerzen – alles stammt von Pflanzungen, wenn wir die Tore schließen, haben wir alles, was wir zum Leben brauchen, bedauerlich nur, dass im Haus kein eigener Salzbrunnen ist!“ Als eine Milliarde Menschen nach diesem Lehrbuch handelten, wurden die Grasländer zerstört, die Bergwälder abgeholzt, es gab weder Fisch noch Fleisch, und obwohl an jedem leeren Regal Zitate hingen, konnten die Zitate das Ernährungsproblem nicht lösen. Vor einigen Jahren erwachten wir endlich wieder einmal. Sobald man beginnt, die Gesetzmäßigkeiten zu respektieren, gibt es auch einen Weg.

Der Weg wurde aus jener Ebene herausgetreten, der erste Fußabdruck trägt noch die Spuren der Unsicherheit, aber schnell bildeten sich Feldwege. Unzählige kleine Pfade, ohne Anfang und Ende, verbunden und verflochten, formten ein ganz neues Netz auf der Ebene. Die Menschen transportierten ihre Waren auf diesen kleinen Wegen und dehnten die Pfade zu Marktstädten aus, zu den Städten, zu den internationalen Märkten. Wer einmal das Meer gesehen hat, findet das Wasser anderswo schal – wer bereits die neue Welt kennengelernt hat, will nicht mehr in seiner armen Hütte gefangen bleiben. Sie sind nicht mehr zufrieden mit einer Schüssel Nudeln und warmer Winterkleidung, alles verändert sich. Unsere Väter und Brüder haben das Land nicht aufgegeben, sie sind nur nicht mehr mit der Selbstversorgung zufrieden, nicht mehr mit der Naturalwirtschaft. Diese Veränderung lässt sich sehr deutlich an den vernachlässigten Erdgottheiten ablesen: Kümmert sich noch jemand um jene drei Erdtempel, die einst wie Götter verehrt wurden? Ob in der kalten Nacht oder am geschäftigen Tag, sie hocken einsam dort. Das wilde Gras wächst bis zu ihrem Scheitel empor. Niemand bringt den Erdgottheiten mehr törichte Opfer dar. Die Erdgötter sind in den Herzen der Menschen tatsächlich in Vergessenheit geraten, kalt und allmählich verlassen.

Die Ebene ruft mit nie gekannter Aufregung den Menschen zu: Geht weiter, von jedem Punkt aus könnt ihr die ganze Welt erreichen!

Wenn wir die kleinen Pfade auf der weiten Ebene sehen, sollten wir die Schlammflecken an den Füßen der Wanderer nicht vergessen – diese Erkenntnis ist vielleicht bedeutsamer als die vorangegangene Erzählung.

Die Welt ist schön.

Wer hat diese Schönheit geschaffen?

Gott hat den Himmel mit farbigen Wolken bedeckt, die Sonne leiht dem Mond ihr Licht, die Erde gebiert hohe Berge, fließende Gewässer, taubedeckte Bäume und mit Gold und Jade geschmückte Felder, Kinder mit glänzenden Augen, Mädchen mit bunten Kleidern und süßem Lachen, Künstler schmücken mit Inspiration die Herzen der Menschen...

Yang Jixiang, ein Blumenzüchter-Spezialist aus dem Kreis Xiangcheng, schmückt die Welt mit frischen Blumen.

Dies ist ein farbenreiches, von Poesie durchströmtes Unternehmen. Doch der Herr dieses Unternehmens hat allzu viel Schweiß und Herzblut geopfert.

Sie waren einst verarmte, heruntergekommene Landbewohner. Eine Familie mit neun Köpfen, die mit einem Handkarren Steine transportierte, um sich zu ernähren, und ausgerechnet der Haushaltsvorstand Yang Jixiang wurde von einem Auto angefahren, sein Arm brach, der Gips wurde nicht richtig angelegt, er blieb behindert, kaum genug zum Überleben. Die kleine Tochter starb; der Sohn Zhigang war erst vierzehn Jahre alt, als er den Weg seines Vaters einschlug, aber dann wurde auch der kleine Esel gestohlen. Also übernahm die Mutter die Aufgabe des Sohnes. Sie zogen und zogen, mit zäher Hartnäckigkeit kämpften sie ums Überleben.

Vielleicht war das Leben zu trocken, zu eintönig, zu grau, plötzlich verliebte sich Yang Jixiang in Blumen. Zum ersten Mal holte er von jemandem einen Topf mit Monatsrosen, diese goldglänzende, tiefrote Monatsrose, wie Feuer, strahlend, leuchtend, sie empfing ihn herzlich und vermittelte ihm ein volles Gefühl für Schönheit. Yang Jixiang war verzaubert. Später bekam er auch noch eine Kumquat, das ganze Jahr über saftig grün, die diesem trockenen Familienleben frische Lebendigkeit verlieh.

Später schlugen ihm einige Freunde vor, Blumen zu züchten. Shengsan und Zhang Diancheng brachten einige mit, Wang Jianting und Hou Mu brachten auch welche, sie hatten Mitleid mit dieser wirtschaftlich bedrängten Familie und hofften, weniger traurige Gesichter bei ihnen zu sehen. Yang Jixiang war bewegt. Mit dem verletzten Arm konnte er keine schwere Arbeit leisten, warum nicht Blumen pflanzen? Erstens schön anzusehen, und zweitens konnte man ein wenig Geld damit verdienen.

Das Tor zur Kunst ist das Tor zur Hölle. Sobald Yang Jixiang sich in die Blumenzucht verliebte, war es wie besessen. Er sparte jeden Cent, der irgendwie zu sparen war, um Blumen und Pflanzen zu kaufen. Deshalb aßen die Kinder jahrelang kein Fleisch, trugen keine neuen Kleider, konnten nicht zur Schule gehen. Yang Jixiang jedoch kaufte nur alle möglichen Fachbücher über Blumenzucht zum Lesen. Als sie endlich ein wenig Geld hatten, beschlossen die Eheleute, hinauszugehen und einen Meister zu suchen, um ihre Fähigkeiten zu verbessern.

Sie reisten nach Liuzhou, wo der alte Blumengärtner Ding Wenqi ihnen beibrachte, wie man Steine bearbeitet, wie man Holzrahmen zusammenstellt, wie man ständig die Seele kultiviert und die künstlerische Vollendung vertieft, damit die Schönheit aus dem Herzen kommt und sich in den Blumen und Bäumen ausdrückt, und wie man bei Bonsai die Beziehungen zwischen Dick und Dünn, Innen und Außen, Nah und Fern, Verborgen und Offen gestaltet. Um ihren Horizont zu erweitern, versuchten sie auf jede erdenkliche Weise, sich auf die Messe in Kanton zu drängen. Die Baumstumpf-Bonsais dort zogen sie tief in ihren Bann. Es gab welche aus Ulmen, Zypressen, Araukarien, Buchsbaum und Fujian-Tee, in tausend Formen und Gestalten, waren faszinierend. Später reisten sie nach Fuzhou und suchten im Westsee-Park den alten Blumengärtner Zheng Xinqin auf. Ihre Fertigkeiten verbesserten sich weiter. Auf dem Rückweg starrten beide aus dem Fenster, von der Morgendämmerung bis zur Abenddämmerung. Sie betrachteten jede Landschaft ganz genau, bewerteten ihre Stimmung, ihre Besonderheiten, ihren Geschmack. Ferne Berge, dunkelgrüne Wälder, die alten, knorrigen großen Bäume, das schimmernde Grün des jungen Bambus, jeder Gipfel, jede Felsenhöhle, die Bambuszäune der Bergdörfer und die kleinen Häuser der Städte, die Segelboote auf dem Fluss und die Quellen in den Schluchten, gewölbte Brücken, grüne Flächen, Gräber – sie wurden von der Schönheit der Natur geformt und bereichert.

Sie leisteten harte Arbeit für diese Blumen. An einem heißen Sommertag mag es eine angenehme Beschäftigung sein, ein oder zwei Töpfe zu gießen; aber zweitausend Töpfe zu gießen bedeutet, halb tot vor Erschöpfung zu sein. Wenn man zweitausend Pflanzen veredelt, kann es eine ganze Familie halb umbringen! Aber sie schreckten nicht vor dieser Arbeit zurück. Sie sammelten allmählich viel Wissen an, sie verstanden, warum Monatsrosen im Süden so klein blühen, warum Pfingstrosen im Süden nicht überleben wollen, wie man Blattläuse und Schildläuse bekämpft, warum die Milan vergilbt, wie man die Kroton züchtet...

Sie erlangten einen gewissen Bekanntheitsgrad. Der Provinzparteisekretär Liu Jie sagte bei einem Treffen mit ihm: „Deine Winterblüten-Bonsais sind zu wenige, diese Art von Bonsai hat einen besonderen Charme, wenn man sie exportieren würde, könnte man damit viele Devisen einbringen.“ Liu Jie gab ihm eine Aufgabe: Züchte mit aller Kraft Winterblüten-Bonsais. Wo aber sollte man Pflaumenwurzeln finden? Nach langem Suchen hörten sie schließlich, dass es im Qinling-Gebirge viele alte Pflaumenbäume gab, also machten sich Vater und Sohn mit zwanzig Säcken, einer kleinen Säge, einer Eisenhacke und einem Messer auf den Weg.

Das war wahrhaftig der berühmte Shu-Weg, der „schwerer als der Aufstieg zum blauen Himmel“ galt. Beim Aufstieg krochen sie Schritt für Schritt, beim Abstieg rutschten sie Abschnitt für Abschnitt hinunter. An den steilen Felswänden Pflaumenbäume auszugraben bedeutete, dass man bei der kleinsten Unachtsamkeit abstürzen und sterben konnte. Aber gerade wegen der Gefahr und Einzigartigkeit wurden hier alte Pflaumenbäume bewahrt, wurde die Schönheit bewahrt – an gewöhnlichen Orten hatte die Banalität bereits alles besetzt. Ihr einziges Vergnügen waren die überall wachsenden Winterblüten, hoch oben im Gebirge, in diesem eiskalten Wind dufteten sie so erhaben und elegant, ihre Farbe so hervorstechend und außergewöhnlich, tief und großzügig.

Was man sucht, daran findet man Freude.

Schließlich bauten sie einen Blumengarten. Was für ein herrlicher Anblick! Im Frühling blühten Ulmen-Blattblüten in Rot, weiße Michelien öffneten sich, die Blüten der Cinerarien waren betörend blau, rosafarbene und tiefrote Pfirsichblüten wetteiferten in ihrer Schönheit. Die rötlichen Azaleen, goldgelbe Winterjasmin, Frühlingsblüten und Goldglöckchen erblühten alle. Sie riefen den Frühling herbei und schmückten den Frühling. Nach den edlen Pfingstrosen und den schönen Pfingstrosen kam der Sommer, Vierjahreszeiten-Duftstrauch, Milan, Sommerazaleen und Wachsbegonien zeigten sich wie himmlische Feen in ihrer ganzen Pracht. Eine Blütezeit vergeht noch nicht, eine andere beginnt schon. Im August die Osmanthus, im September blühten Chrysanthemen und Hibiskus so anmutig, Silberbällchen wie vornehme Hofdamen. Selbst im Winter blühten hier die Blumen in allen Farben: Winterblüten natürlich, Alpenveilchen mit rosigen Wangen, Weihnachtskakteen in Rot gekleidet, die flauschigen Sinningien, zarte Narzissen. Besonders die Clivien, deren fleischige, bandförmige Blätter in der Mitte einen blühenden Blütenstand wie eine Feuerkugel trugen, leidenschaftlich, großzügig, würdevoll, ruhig – wie ein edler Herr!

Für diese Blumen hatten sie außer sparsamem Leben auch noch Schulden von über viertausend Yuan aufgenommen.

Die Schönheit brachte ihnen Bewunderung und Respekt, aber auch Hässlichkeit.

Manche kamen „zu Besuch“ und verlangten freimütig einige Töpfe Blumen, die Heuchlerischeren sagten nichts, aber wenn der Gastgeber nur sagte: „Wenn du welche willst, nimm doch zwei Töpfe mit“, dann nahmen sie ohne jede Zurückhaltung. Kader aus der Gegend und von auswärts kamen „zur Besichtigung“ und zum „Besuch“ und wollten ein paar Blumen als „Andenken“ mitnehmen. Manche taten so, als seien sie alte Bekannte, und wenn Yang Jixiang nicht zu Hause war, nannten sie die Hausfrau „große Schwester hier, große Schwester da“, als ob sie nahe Verwandte wären, und bekamen ebenfalls ihren Vorteil. Ein Melonenverkäufer erschwindelte über zwanzig Töpfe. Ein Polizist von der örtlichen Wache kam mit dem Motorrad und nahm drei Töpfe Hibiskus mit. Im Jahr 1982 machte Yang Jixiangs Tochter eine unvollständige Statistik: Die so weggetragenen Blumen hatten einen Wert von über zweitausend Yuan.

Die Familie Yang war nicht geizig, und sie machten diese Aufstellung auch nicht, um später Forderungen zu stellen, sondern sie wollten nur wissen, wie viele Pflanzen sie im Jahr insgesamt gezüchtet hatten, um ungefähr eine Zahl zu haben. Von den weggetragenen Blumen hätten sie einige gern wirklich verschenkt, meist an Bekannte und Freunde, aber gute Freunde wiederum wollten hartnäckig ihre Blumen nicht nehmen. Den Großteil mussten sie abgeben. Drei-, fünfmal geben war noch in Ordnung, aber einmal nicht zu geben ging nicht – dann gab es böse Kommentare und übles Gerede, unerträglich hässlich.

Manche sagten: „Was für Clivien, ein paar Blätter wie Maisblätter, eine einzelne Blüte verkaufen sie für hundert Yuan!“ Andere sagten: „Was für Palmfarne, sehen aus wie ein verfaulter Süßkartoffelhaufen, ein paar Blätter verkaufen sie für über zehn Yuan, ein paar seltsame Pflaumenwurzeln sollen so viel wert sein?“ „Die Yang Jixiang-Familie hat Kontakt zu hohen Beamten, kleine Kader wie uns nehmen sie gar nicht mehr wahr. Ist ja nur Blumenzucht!“ ... Das Ständige Komitee des Volkskongresses des Kreises und die Frauenvereinigung hielten Sitzungen ab und ließen Yang Jixiang Clivien, Palmfarne und andere Blumen zur Dekoration der Tagungssäle bringen. Nach Ende der beiden Konferenzen forderte der Vorsitzende Yang auf, etwas Geld zu kassieren, Yang Jixiang erhob jeweils fünfzehn Yuan.

Der stellvertretende Parteisekretär des Kreises kam mit einem Schauspieler zur Blumenschau, ursprünglich wollte er zwei oder drei Töpfe, dann nahm er auf einmal sechzehn Töpfe mit, darunter über Jahre gezüchtete wertvolle Clivien, Spargel und Palmfarne, im Gesamtwert von über 280 Yuan. Der stellvertretende Sekretär sagte: „Rechne mal aus, wie viel? Schreib einen Beleg.“ Yang Jixiang zögerte lange, er wollte eigentlich nichts verlangen, aber der Wert war wirklich zu hoch, er hatte keine Beziehung zu diesem Schauspieler; wenn er aber etwas verlangte, würde er dann das Gesicht des Kreisparteisekretärs beschädigen? Nach langem Überlegen schrieb er einen Beleg über 150 Yuan. Das Kreiskomitee erstattete nicht, leitete es ans Kulturbüro weiter, das Kulturbüro erstattete auch nicht, leitete es wiederum ans Dongguan-Theater...

Letztes Jahr besuchte Yang Jixiang Liu Jie, hauptsächlich um über die Züchtung von Winterblüten-Bonsais zu sprechen. Liu Jie fragte, ob Leute einfach Blumen wegnahmen, und Yang Jixiang erzählte wahrheitsgemäß ein wenig davon. Später veröffentlichte die „Henan Ribao“ das bearbeitete Protokoll dieses Gesprächs.

Diese drei Vorfälle lösten im Kreis Xiangcheng einen gewaltigen Aufruhr aus. „Dieser Yang Jixiang-Bursche traut sich sogar, Geld aus der heißen Pfanne zu greifen!“ „Er schenkt dem Schauspieler Blumen und will dann auch noch Geld, das gehört sich nicht.“ „Er ist doch aus unserem Kreis, wenn der Kreis große Versammlungen abhält und Blumen braucht, verlangt er noch Geld!“

Einige Behördenkader saßen oft zusammen und sagten im spöttischen Ton: „He, wer hat denn die Blumen von diesem Spezialisten genommen? Wir jedenfalls nicht.“ „Solche Spezialisten sind Spekulanten, die muss man bestrafen. Eine Strafe von acht- oder zehntausend wäre angemessen.“ Diese Hetze wurde immer stärker, Yang Jixiang stand unter großem Druck. Ein Schlag nach dem anderen traf ihn. Yang Jixiangs Gespräch mit Liu Jie hatte viele Menschen in ihrem heuchlerischen, niederträchtigen Gesicht verletzt, sie hätten am liebsten alles Unglück auf Yang Jixiang gehäuft.

Das ganze Frühlingsfest verbrachte die Familie Yang unter enormem Druck. Was für ein Verbrechen hatten sie begangen? Was für einen Fehler? Von der öffentlichen Meinung bis zu den Justizorganen richteten sich alle Speerspitzen gegen einen unschuldigen Spezialisten. Yang Jixiang war zutiefst verletzt, er wusste nun, was es heißt, dass ein Kreisbeamter weniger zählt als der lokale Machthaber, er wusste, dass ein starker Drache die lokale Schlange nicht unterdrückt. Hatte er nicht nur dem Provinzparteisekretär ein paar wahrheitsgemäße Worte gesagt? Und dabei nicht einmal die Absicht gehabt, sich zu beschweren. Aber manche konnten das nicht ertragen! Als ob, wer immer in jener Gegend Beamter werden will, alles in dieser Gegend ihm gehört, sogar jede Eidechse! Sie lieben die Theorie unbegrenzter Macht, wie Kinder Fleischkuchen lieben.

Das ganze Jahr über waren die Blumen noch immer so schön, Yang Jixiang verbreitete weiterhin die Schönheit in alle Himmelsrichtungen, aber was ihm blieb, waren Sorge und Unruhe. Erst jetzt entdeckte er, wie zerbrechlich er als Spezialist war, wie ein frisch aus der Erde sprießender zarter Keim. Geld ist so furchterregend, kein Wunder, dass niemand es wagt, reich zu werden; Schönheit, so unglücklich, kein Wunder, dass Menschen mit Ambitionen sich vor den mittelmäßigen Massen demütigen müssen, um deren Vergebung zu erbitten. Ist das etwa normal? „Wenn es so weitergeht, will ich kein leidender Spezialist mehr sein.“ Er bat die Blumenschutzgöttin, diese schönen Blumen und die Blumenzüchter gut zu schützen, eine neue Version der „Begegnung des Alten Qiu mit dem Unsterblichen“ für die neue Zeit aufzuführen.

Nie zuvor war die Ebene so voller Lebenskraft wie heute.

Schau: Die Grashalme durchbrechen hartnäckig die harte Erdkruste, strecken ihre Köpfe hervor, ziehen mit Hilfe der strahlenden Sonne und des warmen Frühlingswinds auf wundersame Weise grüne Gewänder an; die großen Bäume, die einen ganzen Winter lang Wind und Kälte widerstanden haben, raffen sich auf, das Wasser des Gelben Flusses bricht die Eisblöcke nach und nach auf und strömt dem Meer entgegen; die feuchte Luft, die vom Ozean herüberweht, weckt die Tamarisken in der Wüste auf. Verwandelnd, aufsteigend, schwingend – so entstehen auf dieser weiten Ebene Druckhöhen und -tiefen, und damit entsteht Wind.

Die Gesellschaft und die Natur gleichen sich aufs Haar. Wenn der Frühlingswind über die Ebene streicht, durch Täler heult und Wasserwellen aufwühlt, gerät auch dieser Teil unserer Welt in Bewegung. Was keine Gegenkraft bildet, beschleunigt vorwärts – das sind die Boten der Zeit; was Gegenkräfte bildet, wird zum Wirbelwind, der überall, wo er hinkommt, jedes Blatt zwingt, seine eigene Stimme zu erheben...

Der Wind erhebt sich, von den Spitzen des grünen Schilfs.

Der Wind kräuselt das seichte Frühlingswasser des Xiao-Shang-Flusses. Am Ufer des Xiao-Shang-Flusses steht ein Ringofen. Der Besitzer des Ofens ist Wei Fugen. Dieser kleingewachsene Bauer hat das Land vollständig aufgegeben und sich ganz diesem Ziegelbrennen gewidmet. Er schloss einen Vertrag mit einer Produktionsgruppe im Kreis Linying: Jährlich zahlt er der Produktionsgruppe, deren Erde er abbaut, 10.980 Yuan und versprach, den beiden Produktionsgruppenleitern je ein Fahrrad zu kaufen.

Räucherstäbchen ziehen Geister an! Gerade als Wei Fugens Geschäft florierte, begannen diese beiden kleinsten aller Kader, ihre Macht im größtmöglichen Umfang auszuüben. Sie kamen abwechselnd, um Geld zu „leihen“. Der Xiao-Shang-Fluss kann es bezeugen, der hohe Schornstein kann es bezeugen, Wei Fugens Kollegen können es bezeugen: Zwei Personen, einer holte sich 28.200 rote Ziegel, der andere schleppte 34.000 Stück weg, einer „lieh“ 800 Yuan, der andere „lieh“ über 1.100 Yuan. Bat er sie, einen Schuldschein zu schreiben, schrieben sie keinen.

Diese Herren des Landes hatten keine Gewohnheit, Verträge zu respektieren. Diese Leute waren wie Casinobetreiber: Egal wer Geld verdient, sie müssen ihren Anteil haben, denn man arbeitet auf ihrem Territorium. Sonst können sie einen ruinieren. So ein großer Ringofen, Wei Fugen kann ihn jedenfalls nicht wie eine Schnecke einfach wegtragen.

Also fürchtete Wei Fugen ihren Zorn und gab nach, um des lieben Friedens willen. Sie wurden immer unverschämter, ein Fass ohne Boden lässt sich nicht füllen. Als Wei Fugen leicht Einwände erhob, gaben sie die Drohung ab: Es wird nicht mehr erlaubt, weiter Erde abzubauen!

Das war gleichbedeutend damit, den Ziegelofen stillzulegen.

Sie häuften auch auf dem ursprünglich flachen Land kleine Erdhügel auf – wer weiß, wie viel Geld sie für jeden dieser falschen Gräber erpressen wollen!

Die Entwicklung von Industrie und Handel stößt auf feudale Hindernisse.

Wei Fugen stand oft vor dem Grab von Yang Zaixing und grübelte. Der berühmte General Yang Zaixing, der gegen die Jin kämpfte, war hier in zahlenmäßiger Unterlegenheit gefallen. Wei Fugen fürchtete nicht die Oberen, selbst wenn es Veränderungen gäbe, müsste es eine Erklärung geben, zumindest müsste ein Preis ausgehandelt werden, bevor etwas verstaatlicht wird! Aber er fürchtete das Unheil vor seiner Nase. Er war allein, ohne Brüder, klein und schwach, während die andere Seite einen großen Clan und viele Leute hatte, der Bruder war stellvertretender Parteisekretär der Brigade. Man muss sagen: „Mit solchen kann man wirklich nicht konkurrieren.“ Sollte er etwa wie Yang Zaixing hier am Xiao-Shang-Fluss sterben? Dann würde er diesen Schornstein zurücklassen als Denkmal, um den Menschen zu erzählen, welche Kraft das Leben derer erstickt hat, die das Land verlassen haben...

Der Wind, da er Wind ist, weht nicht nur an einen einzigen Ort.

Im Bezirk Xuchang gab es einen Birnenzucker-Verkäufer, der eine Lizenz hatte und monatlich pünktlich 35 Yuan Steuern zahlte. Als man sah, dass sein Geschäft gut lief, wurde der Steuerbeamte unzufrieden und verlangte eine Nachzahlung von 500 Yuan. Der Geschäftsinhaber lud diesen hirnlosen Beamten einmal zum Trinken ein, der Steuerbeamte war zufrieden und reduzierte die Steuer auf 200 Yuan. Nicht lange darauf verlangte er vom Geschäftsinhaber, ihm Akazienstangen für den Hausbau zu besorgen, der Geschäftsinhaber hatte Schwierigkeiten, der Steuerbeamte war unzufrieden, die Steuer sollte wieder auf 500 Yuan steigen, also beeilte sich der Geschäftsinhaber, alles zu besorgen und zu überbringen, und der Steuerbeamte war wieder zufrieden. Später hatte der Steuerbeamte ein Auge auf die Tochter des Geschäftsinhabers geworfen und wollte, dass dieses Mädchen seine Schwiegertochter wird, der Geschäftsinhaber war nicht einverstanden, der Steuerbeamte war unzufrieden, die Steuer stieg wieder auf 500 Yuan...

Es gibt einen Zeichentrickfilm namens „Der Hirnlose und der Unzufriedene“. In China gibt es viele hirnlose Menschen, und dummerweise sind sie ständig unzufrieden – was soll man da tun!

Hört den Wind hier, wie unheimlich und eisig er ist! Der Einzelunternehmer Feng Dianzhe aus dem Kreis Yiyang wurde mit einer zu hohen Steuernachforderung belegt. Er ging nicht zur Versammlung der Kreiseinheitsfront (Feng hatte wichtige Verwandte im Ausland), sondern ließ seine Frau Wang Fenjiao die Situation erklären. Der Leiter des Steueramts tadelte sie: „Der Feng Dianzhe, selbst wenn du dich bei der Einheitsfrontabteilung beschwerst, nützt es nichts, die Einheitsfrontabteilung ist für Mönchstempel und christliche Kirchen zuständig (völliger Unsinn!). Was für eine Behörde ist das schon? Früher warst du eine Familienangehörige eines Konterrevolutionärs, jetzt bist du mindestens die Angehörige eines Schurken. Hab keine Angst vor Feng Dianzhe, dem Zehntausend-Yuan-Haushalt, du hast wirtschaftliche Macht, aber keine politische Macht (Achtung!). Du hast zwölftausend, ich bestrafe dich mit dreizehntausend, ich werde dich nicht ruhen lassen, bis du ruiniert bist!“ Der Buchhalter dieses Amtes sagte zu ihm: „Wie viel dir gesagt wird zu zahlen, musst du zahlen, du darfst nicht fragen, jede Frage kostet 20 Yuan.“ Feng zahlte monatlich 191 Yuan Steuern, jetzt sollte er 3.822 Yuan nachzahlen, er fühlte sich völlig am Ende und trank Gift (zum Glück überlebte er).

Der Wind wehte nicht schwach! Nach diesem Sturm reduzierte sich allein in der Provinz Henan die Zahl der gewerblichen Einzelunternehmer auf einen Schlag um 80.000, das sind 20 Prozent! Bei jedem Windhauch versuchten manche, die Wellen zu schüren und das Blatt zu wenden.

Der Wind wehte bis nach Peking. Ein stellvertretender Minister warf einen Stapel Verkehrsunfallfotos auf den Tisch und ließ seiner Wut freien Lauf, beklagte sich, dass es zu viele Transport-Spezialisten gäbe, die Menschen totführen und so weiter. Da erhob sich sofort ein Mitarbeiter des Forschungsbüros des Provinzkomitees Henan und widersprach energisch: „Ja, es ist nicht schwer, so dreißig oder fünfzig Beispiele zu finden, China ist so, bei allem kann man Beweise finden. Aber warum berechnest du nicht das Verhältnis? Haben die staatlichen mehr Unfälle oder die privaten? Soweit ich weiß, behandeln die Spezialisten ihre Fahrzeuge mit äußerster Sorgfalt, jede verlorene Arbeitsstunde, jeder Unfall bedeutet für sie einen großen Verlust. Die Tatsache in Henan ist, dass das Verhältnis von Verkehrsunfällen bei Transport-Spezialisten sehr gering ist. Die chinesischen Bauern hatten es früher so schwer, jetzt sind sie endlich wohlhabend geworden, ist das nicht ein Fortschritt? Wer vom Verkehrsministerium kümmert sich um sie? Mit welchem Recht wird so gegen sie vorgegangen...“

Wer immer ins wirkliche Leben eintaucht und den privaten Diskussionen zuhört, wird feststellen, dass Debatten und Vitalität gemeinsam auf jener Ebene wachsen. Lasst diese Vitalität sich weiterentwickeln, lasst die Probleme klar ausdiskutiert werden. Sonst könnte der Wind, der von den Spitzen des grünen Schilfs weht, zu einem Sturm werden, der Zweige bricht und zerstört, oder zumindest dafür sorgt, dass bei der Ernte in Duling „die Ähren noch unreif, aber alle schon gebeugt“ sind.

Die Pyramide wird zu Grünland werden. Das Dorf umzingelt wieder einmal die Stadt. Der Fluss kümmert sich nicht um die Trauer des Teichs und fließt weiter zum Meer. Die Ebene ruft: In der Geschichte gibt es nichts Allmächtiges...

Ach, unsere Ebene war nie so „produktiv“ wie heute, sie schafft nicht nur eine riesige Menge an materiellem Reichtum, sondern auch Gedanken. Bewegt, entwickelnd, verflochten, kämpfend – dort gibt es berührende Klänge, prächtige Farben, lebendige Helden und Narren, auch wunderbare Poesie und tiefe Subtexte... Obwohl es nur ein Vorspiel ist, ist dieses Vorspiel so glanzvoll! Unsere heutige Ebene zwingt die Menschen, sie nicht mehr gleichgültig zu übersehen.

Setz dich ruhig auf eine grüne Grasfläche und höre den Klängen der Ebene zu. Sie sagt uns: Das Pfirsichblütenland aus Tao Qians Pinsel ist nicht mehr die höchste Sehnsucht der chinesischen Bauern, viele Konzepte wie Familie, Arbeit, Privateigentum, persönliche Interessen und so weiter sollten neu bewertet werden. Wir sollten in dieser neuen Bewertung einen Schlüssel finden. Unzählige Fakten sagen den Menschen: Dass wir zu essen haben, liegt nicht an der Barmherzigkeit des Metzgers, des Bäckers und des Brauers, sondern daran, dass sie ihr eigenes Interesse verfolgen. „Lasst jedes Mitglied der Gesellschaft sein größtes Interesse verfolgen, ich habe nie gesehen, dass diejenigen, die vorgeben, zum Wohl anderer zu handeln, viel beigetragen hätten.“ Das sagte Adam Smith schon lange.

Aber die Volkswirtschaftslehre ist nicht mehr nur eine Disziplin des Landes von Adam Smith und Keynes, die chinesischen Dörfer liefern neue Inhalte. Die Engländer trieben mit der Methode der Einhegung die Hirten von den grünen Weiden und verschafften so den englischen Textilfabriken große Mengen an Arbeitern, wir hingegen lassen mit einer so natürlichen, gesunden, menschlichen Weise Hunderte Millionen von Bauern von den Feldwegen auf dem Land aufbrechen und sich dem Strom der modernen Gesellschaft anschließen. Ich weiß nicht, warum eine Gruppe von Menschen diese so großartige Transformation ständig anprangert und angreift!

Ein auf die Ebene geschriebenes Buch der „Politischen Ökonomie“ sagt uns: Die Warenwirtschaft muss sich in freier Luft entwickeln können, nach dem Motto „Einander mit Speichel befeuchten ist nicht so gut, wie einander in Flüssen und Seen zu vergessen“. Die westliche Industrie und das Gewerbe entwickelten sich, nachdem sie die Fesseln der Leibeigenschaft abgeworfen hatten, an Orten, die die feudalen Zünfte nicht kontrollieren konnten; die chinesische Industrie und das Gewerbe übertrafen nach der Zeit der Streitenden Reiche die entsprechenden Perioden im Westen, dass sie schließlich doch zurückfielen, lag hauptsächlich daran, dass dieser Herr des Feudalsystems zu despotisch und zu töricht war. Shi Jie aus der Song-Zeit sagte in der „Shi-Zuchen-Sammlung“: „Die Verbote des Staates sind nicht ausgewogen zwischen zu locker und zu streng.“ Politik und Wirtschaft sollten nicht Großvater und Enkel sein, sondern Ehemann und Ehefrau, leider gibt es auf unserer Ebene noch immer viele solcher Großväter, diese „Feudalherren“, die glauben, dass jede Eidechse auf ihrem Territorium ihnen gehört, die nach Belieben die neuen wirtschaftlichen Keimlinge unterdrücken und ihre „Ehefrau“ misshandeln, sodass sie hilflos ist. Diejenigen, die festen Privatbesitz und damit verfestigte Gedanken haben, versuchen immer, jede Form von Erhebung zu planieren, damit sie auf der flachen Ebene ungehindert herrschen können. Aber der historische Trend hat eine solche Richtung festgelegt: Die Pyramide wird zu Grasland – grünem, lebendigem Grasland, das das Sonnenlicht empfängt und der Natur Reichtum schenkt.

Auf jener Ebene ist eine Gruppe von Menschen hervorgetreten, eine täglich wachsende, gewaltige Zahl. Sie sind von der Ebene aufgebrochen, wurden zu Unternehmern, zu Händlern, zu neuen Pädagogen und Künstlern. An ihnen sehen wir, wie der unterdrückte Mut, die Intelligenz und das Talent so heftig hervorbrechen. Wenn Hunderttausende solcher Menschen anerkannt werden, werden die Stimmen, die sie erheben, und die Erfahrungen, die sie mitbringen, diese Grenzen verwischen und gleichzeitig viele Erkenntnisse klären und viele neue Bereiche eröffnen. Das größte Geschenk, das die Pioniere von der Ebene erhalten werden, ist: Das Bauernproblem ist nicht mehr eine schwere Last, die schwer zu tragen ist, sondern ein riesiger Öltank.

Die Szenen auf der Ebene sind so aufregend, nicht weil jede Familie ein Radio hat, nicht weil es eine Gruppe von Zehntausend-Yuan-Haushalten gibt, sondern wegen der Veränderung des Systems. Sieh, sie machen aus Sojabohnen Tofu-Stäbchen, aus Süßkartoffeln Alkohol, verarbeiten Früchte zu Konserven, verwandeln Futter in Schweine, Enten, Hühner und Kaninchen. So sammeln sich die kleinen Ströme der Waren auf der Ebene, Züge, Autos, die Motorräder der Händler und die silbernen Zungen der Verkäufer führen diese Ströme in die Städte und bringen städtische Güter zurück in die Dörfer, Waren verbinden die gesamte Gesellschaft wie ein Netz. Diese Warenwelle verbindet sich auch mit der anderen Seite des Ozeans, viele Produkte der Bauern dringen auf den internationalen Markt vor. Die Fabriken der Bauern konkurrieren mit einzigartigen Vorteilen mit den staatlichen Unternehmen. Die Naturalwirtschaft geht allmählich zur Warenwirtschaft über, die Qualität der chinesischen Gesellschaftswirtschaft verändert sich leise in Richtung Zivilisation. Das Dorf umzingelt wieder einmal die Stadt! Alle Kräfte nehmen dazu Stellung. So weint der Teich traurig, er ist leicht zufriedenzustellen und will nicht fließen, er verfault lieber, als etwas zu verlieren, deshalb schimpft er das fließende Flusswasser als seicht und grob und warnt alarmistisch die Menschen: Wenn das Flusswasser über die Ufer tritt, kann man keine Segel setzen! Aber der Fluss singt weiterhin, die Menschen setzen weiterhin Segel, werfen Netze aus und fischen. Der Teich verflucht auch das Meer, weil das fließende Wasser zu ihm strömt und es bereichert. Das Meer nimmt mit gewaltigem Appetit gewaltigen Reichtum auf. Das Meer bleibt gelassen, es ist immer so tief, so groß, so selbstbewusst.

Die Wellen auf der Ebene schlagen wirklich gegen die alten Stadtmauern, die frische Luft lockt die schläfrigen Menschen innerhalb der Stadtmauern. Viele Menschen befinden sich in der Sorge des Voranschreitens und der Angst des Rückzugs, sie wollen lieber Zwerge sein, als dass Äste ihre Kopfhaut zerkratzen. Aber die neue Wirtschaft, die neuen Gedanken, die neuen Menschen und das neue System wachsen hartnäckig weiter. Eine große schwere Geburt kann ein glänzendes Baby hervorbringen. Hört, die Ebene ruft uns laut zu: „Mach große Schritte, schreibe eine neue ‚Geschichte der Unternehmensgründung’. In der Geschichte gibt es nichts Allmächtiges, nur das Schaffen ist heilig!“

(Ursprünglich erschienen in „Baogao Wenxue“, Ausgabe 6, 1984)


Heißblütige Männer

Li Shifei


Das heiße Blut im Herzen ist bereits zum Sieden gebracht.

— „Die Internationale“


I. Kann man Yuan Geng treffen?

In der heutigen Zeit, in der die Reformwellen heftig schlagen, sind die Industriezone Shekou und ihr Leiter Yuan Geng im In- und Ausland bekannt und erregen immer mehr Aufmerksamkeit.

Aber die Aufgabe anzunehmen, über Yuan Geng zu schreiben, ist etwas riskant. Ich habe ihn nie gesehen, habe auch nicht viele Materialien über ihn sammeln können, und ich hörte, dass es sehr schwierig ist, ihn zu interviewen: Er ist ständiger stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Hong Kong China Merchants Bureau (die Leute nennen ihn deshalb liebevoll „Direktor Yuan“), verbringt die meiste Zeit in Hongkong, und wenn er nach Shekou kommt, ist er so beschäftigt, dass er wirklich keine Zeit hat, Interviews zu geben. Aber als ich früher mehrmals mit auswärtigen Schriftstellern nach Shekou kam, hörte ich Berichte, sah Videos, Yuan Geng und Shekou hatten bereits mein starkes Interesse geweckt, und diese Schreibaufgabe anzunehmen bedeutete, nach Shekou gehen zu können – diese Versuchung war unwiderstehlich. „Kann ich Yuan Geng treffen?“ „Selbst wenn ich Yuan Geng nicht treffen kann, muss ich schreiben!“ Das sogenannte „Risiko“ ist nichts weiter, als dass ich nichts oder nichts Gutes schreibe, mein persönliches Gesicht leidet, verglichen mit dem Risiko, das Yuan Geng und seine Freunde bei der Reform eingehen, ist das absolut unbedeutend.

Allein um die Luft der Reform in Shekou zu atmen, lohnt es sich, hier eine Weile zu bleiben.

„Wenn du nur sehr kurz bleiben kannst, rate ich dir, rechtzeitig den Rückzug anzutreten und nicht den Fehler eines gewissen Filmdrehbuchautors zu wiederholen.“ So riet mir ein wohlmeinender Freund. Danke für die gute Absicht dieses Freundes, aber einen angespannten Bogen kann man nicht mehr entspannen, der Rückzug ist schwierig.


II. Nächtlicher Besuch bei Liang Xian

Ein Interview in Shekou zu führen ist wirklich nicht leicht. Ich kam Mitte Juli nach Shekou, Yuan Geng war ins Ausland gereist, man sagte, er komme Ende Juli oder Anfang August zurück. Eine Person, die ihn am besten kennt, die seit der Zeit der Dongjiang-Kolonne mit ihm zusammengearbeitet hat und jetzt Berater der Industriezone Shekou ist, Xu Zhiming, war nach Australien gereist, um Verwandte zu besuchen, Rückkehrdatum ungewiss. Der Arbeitsrhythmus hier unterscheidet sich sehr von dem im Inland, „Zeit ist Geld, Effizienz ist Leben“, tagsüber ist die Arbeit intensiv, Gespräche zu führen ist sehr schwierig, auch abendliche Besuche müssen vorher vereinbart werden, denn viele formelle und informelle Sitzungen finden abends statt. Eines Tages traf ich an der Aufzugstür des Bürogebäudes Yuan Gengs Sohn Yuan Zhongyin, der Journalist Chen Yihao von der „Shenzhen Special Zone Daily“ stellte ihm mein Anliegen vor, er sagte sofort: „Was gibt es da Gutes zu schreiben? So viele Leute haben schon über ihn geschrieben, man könnte einfach alles sammeln und ein Buch machen.“ Ich dachte, das ist der Einfluss seines Vaters, er mag Interviews nicht besonders. „Langsam, ich werde dich sicher finden“, sagte ich mir im Stillen.

Dank der Hilfe von Huang Hongjian, einer Drehbuchautorin und Schriftstellerin vom Pearl Film Studio, die hier als stellvertretende Leiterin des Büros arbeitete, wurde für einen Abend um 21 Uhr ein Besuch bei Liang Xian, Mitglied des Verwaltungskomitees der Industriezone, vereinbart. Ich, Huang Hongjian und Chen Yihao gingen zu dritt, durchquerten den Küstengarten, genossen die Meeresbrise, gingen an dem hell erleuchteten „Sea World“-Schiff Minghua vorbei und spazierten zu Liang Xians Wohnung. Ich hatte bereits gehört, dass er 1962 an der Sun Yat-sen Universität in der Fremdsprachenabteilung abschloss, ein hervorragender Schüler von Professor Liang Zongdai war und sich sehr gut mit französischer Literatur auskannte. Tatsächlich, beim ersten Treffen spürte ich, dass er ein Mensch voller künstlerischem Temperament war.

Er zog Hongkong-Dollar heraus, kaufte einige Dosen eisgekühlte Cola für die Gäste und plauderte dann fröhlich mit uns.

„Ihr seid Literaten, ich bin Geschäftsmann. Ich habe die Literatur aufgegeben und bin ins Geschäft gegangen. Meine Frau ist auch Literatin, sie unterrichtet an der Zentralen Akademie für Dramatische Kunst. Ich sagte zu ihr: Die Tang-Gedichte und Song-Lyrik, die du unterrichtest, sind sehr schön, aber sie lösen nicht das Bauchproblem der gewöhnlichen Leute. China hat zu viele Literaten wie euch, und zu wenige Geschäftsleute wie mich.“ Plötzlich sagte er einen Satz auf Englisch zu Huang Hongjian: „I will change you into a business woman.“ Ich war verwirrt, Huang Hongjian reagierte zunächst auch nicht, Chen Yihao übersetzte: „Er sagt, er will dich in eine Geschäftsfrau verwandeln.“ Wir lachten alle fröhlich.

Als Liang Xian die Universität abschloss, hungerten die gewöhnlichen Leute gerade, wahrscheinlich brauchte keine Einheit einen Spezialisten für französische Literatur, später kam er zum Verkehrsministerium. Im Juli 1979 wurde er zur Hong Kong China Merchants Bureau entsandt, etwas mehr als ein halbes Jahr später als Yuan Geng. Yuan Geng schätzte ihn sehr, manche sagen, er sei Yuan Gengs „Gehirn“.

„Als ich nach Hongkong ging, sagte meine Frau: Ich fürchte am meisten, dass du kein Rückgrat hast, wenn du kein Rückgrat hast, dann lass uns lieber gleich scheiden. Natürlich habe ich dieses Rückgrat, ein ins Ausland entsandter Kader mit ein bisschen Herzblut strebt nicht nach ein paar großen Haushaltsgeräten, sondern fühlt sich beschämt, den Kopf nicht hochhalten zu können!“ Gleich nach der Ankunft in Hongkong sahen wir jeden Tag im Fernsehen junge Flüchtlinge in Handschellen, in Reihen gefesselt, auf dem Meer trieben die Leichen von Flüchtlingen, wir konnten es nicht ertragen, schalteten mit einem Knall den Fernseher aus.“Wenn wir im Inland unsere Aufbauarbeit nicht ordentlich bewältigen können, dann verachten uns sogar die Kinder jener ins Ausland entsandten Kader, die selbst in Hongkong aufgewachsen sind – das tut im Herzen wirklich weh. Deshalb verstehe ich Yuan Gengs Stimmung bezüglich seiner Reformbemühungen so gut. Er hat einmal gesagt: ‘Der Grund, warum ich so handle, liegt darin, dass ich die ursprünglichen Absichten verwirklichen möchte, die ich beim Parteieintritt hegte.’“

Diese Worte versetzten meine Stimmung in eine tiefe Schwermut. Nach einer kurzen Pause fasste Liang Xian zusammen: „Unter den Menschen, die ich gut kenne, gibt es zwei Männer mit heißem Blut: Der eine ist Liu Rentao, der Patenonkel meiner Frau, und der andere ist Yuan Geng!“ Was für eine treffende Bezeichnung – „Männer mit heißem Blut“! Diese beiden Menschen in einem Atemzug zu nennen, war einfach zu passend. Ich konnte nicht anders, als plötzlich innerlich bewegt zu sein, denn ich hatte das Gefühl, den besten Weg in Yuan Gengs innere Welt gefunden zu haben.

Tatsächlich war es ein bemerkenswerter Zufall: Liu Rentao, der zwanzig Jahre älter war als ich, gehörte zu den älteren Menschen, die ich verehrte, und war trotz des Altersunterschieds mein Freund. Dieser erstklassige chinesische Augenarzt war in den Anfangsjahren der Volksrepublik Direktor des Shanghaier Arbeiterkrankenhauses gewesen und hatte Marschall Liu Bocheng ein Glasauge eingesetzt. Später schrieb er das Filmdrehbuch „Die Friedenstaube“ und wechselte den Beruf zum Filmdrehbuchautor. Während der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ wurde er im Zhuhai-Filmstudio verleumdet und als „historischer Konterrevolutionär“ gebrandmarkt, man brach ihm fünf Rippen und warf ihn ins Gefängnis. Während seiner überwachten Arbeit in der „Kaderschule vom 7. Mai“ in Yingde sah er eine Bäuerin, die wegen eines Katarakts auf beiden Augen erblindet war. Ohne Rücksicht auf seine eigene politische Situation und ohne jegliche medizinische Ausstattung fasste er den Entschluss, die Patientin mit einer Rasierklinge zu operieren. Wohlmeinende Menschen warnten ihn: „Wenn du scheiterst, gilt das als Klassenrache, und du wanderst wieder ins Gefängnis.“ Er hörte nicht darauf – und am Ende hatte er Erfolg. „Als Arzt habe ich meine Seele gerettet“, sagte er. Nun ist er über siebzig Jahre alt und hat testamentarisch verfügt: Nach seinem Tod sollen seine Augen der Augenbank der Medizinischen Hochschule Zhongshan gespendet werden. Anschließend setzt er sich überall dafür ein, Blindenschulen wiederherzustellen und neue zu gründen...

Liu Rentao und Yuan Geng haben völlig unterschiedliche Lebenswege und Karrieren durchlaufen, aber ihre lodernde Leidenschaft, ihr reines Herz und ihr Opfergeist – wie ähnlich sie sich doch sind! Wenn ich von dem mir vertrauten Liu Rentao ausgehend mir den mir unbekannten Yuan Geng vorstelle, habe ich das Gefühl, dass auch Yuan Geng mir allmählich vertraut wird.


Dritter Teil: Der „Abenteurer“

Dass Liu Rentao als jemand, der unter Diktatur stand, einer armen Bäuerin mit einer Rasierklinge den grauen Star entfernte, war riskant. Dass Yuan Geng in Shekou Reformen durchführte, war mit noch größerem Risiko verbunden: Hatten nicht zwei Jahre zuvor manche Leute in Zeitungsartikeln mit versteckten Andeutungen die Sonderwirtschaftszonen angegriffen!

Aber die Zeiten hatten sich dennoch grundlegend geändert – die heutigen Reformen werden unter der Führung des Zentralkomitees der Partei durchgeführt. Am 9. Februar 1983 besichtigte der Generalsekretär Hu Yaobang das Industriegebiet Shekou. Yuan Geng öffnete dem Generalsekretär gegenüber sein Herz und seine Leber, und die beiden führten einen außerordentlich bemerkenswerten Dialog.

Yuan Geng: Was die Reformfrage angeht, müssen wir jetzt umfassende Reformen durchführen. Betrachtet man die Geschichte, so haben all jene, die Reformen durchführten, kein gutes Ende gefunden. Vor mehr als zweitausend Jahren führte Shang Yang Reformen durch und wurde am Ende durch fünf Pferde gevierteilt. Auch Wang Anshis Reformen fanden kein gutes Ende. Kang Youwei und Liang Qichao wollten lediglich eine konstitutionelle Monarchie einführen, sie waren Reformisten – und doch wurden die sechs Edlen enthauptet. Sun Yatsen scheiterte ebenfalls mit seinen Reformen. Ich denke, dass unsere heutigen Reformen nicht das gleiche Schicksal wie unsere Vorgänger erleiden werden, denn wir führen sie unter der Führung der Partei durch – es wird keine Probleme geben, oder? Wir sind es wert, dieses Risiko einzugehen!

Hu Yaobang: Die Reformen der Vergangenheit wurden von einer kleinen Anzahl von Menschen aus den unteren Schichten durchgeführt, während die Führenden, die Herrschenden, sie unterdrückten. Heute ist es anders – wir als Führende rufen selbst dazu auf und drängen die unteren Ebenen zur Reform. Heute und damals unterscheiden sich grundlegend!

Yuan Geng: Wir haben das Gefühl, dass unsere Kader die Massen nicht besonders fürchten, sondern nur ihre direkten Vorgesetzten – sie haben Angst, dass der Vorgesetzte sie nicht mag und sie dann nicht mehr als Funktionäre tätig sein können. Was mich als kleinen Anführer betrifft: Jedes Mal, wenn ich nach Shekou komme, werde ich am Pier mit großem Gefolge empfangen, die Genossen unten befürchten nichts mehr, als dass die Betreuung nicht gründlich genug ausfällt. Wenn man selbst nicht bei klarem Bewusstsein ist, verliert man leicht den Boden unter den Füßen, und mit der Zeit fürchtet man weder die Massen noch die Untergebenen, denn die Massen und die Untergebenen können mich nicht absetzen – ich fürchte nur das Verkehrsministerium, ich fürchte nur den direkten Vorgesetzten, denn nur diese können mich meines Amtes entheben.

Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Massen die Kader überwachen und dass die Massen das Recht haben, Kader zu wählen und abzuberufen. Wir möchten hier ein Reformpilotprojekt durchführen: Das Verwaltungskomitee soll durch Wahlen der Massen gebildet werden, jedes Jahr wird eine Vertrauensabstimmung durchgeführt, und wenn die Misstrauensvoten mehr als die Hälfte ausmachen, muss das Verwaltungskomitee neu gewählt werden. Wenn bei einzelnen Mitgliedern die Misstrauensvoten mehr als die Hälfte betragen, müssen sie zurücktreten. Eine solche offene, direkte, durch Volksabstimmung gewählte Führungsmannschaft wird an das denken, was die Massen denken, sich um das sorgen, was die Massen beunruhigt, und wird wirklich gute Dinge für die Massen tun. Denn sobald manche Führungskräfte die Macht in Händen halten, kommen andere automatisch mit Geschenken zur Tür. Wenn der Kopf nicht klar ist und man sich nicht selbst disziplinieren kann, verliert man den Boden unter den Füßen. Es gibt auch manche Kader, die selbst nichts verstehen und doch so tun, als ob sie es täten – und so weiter. Wenn die Massen das Recht haben, Kader zu wählen und zu überwachen, bin ich überzeugt, dass sich die Struktur und der Arbeitsstil der Kader verändern lassen. Wir möchten eine solche nicht ganz kleine Reform durchführen und sind bereit, ein gewisses Risiko einzugehen.

Hu Yaobang: (nickt) Gut! Sehr gut! Yuan Geng: Der Generalsekretär hat „gut“ gesagt – das halten wir schriftlich fest und reichen sofort einen entsprechenden Antrag ein. Hu Yaobang: (steht fröhlich auf) In unserer Geschichte gab es einen berühmten Dramatiker namens Guan Hanqing – in welchem Stück, das habe ich vergessen – verspottete er die Bürokraten. Er wagte es nicht, die Beamten auf der Bühne zu beschimpfen, sondern schimpfte nur auf die Trommel vor dem Theater. Ein Liedtext sagt: „Ein großer Baum, innen hohl, an beiden Enden nur die Rinde gespannt, jeden Tag dreimal auf den Gerichtssaal geschlagen: dong dong dong.“ Das heißt: verstehe nichts, verstehe nichts, verstehe wieder nichts! (Alle lachen)

Dass der Generalsekretär des Zentralkomitees der Partei und der Parteisekretär des Industriegebiets Shekou so herzlich übereinstimmen und an einem Strang ziehen – das muss in der Entwicklungsgeschichte Shekous mit besonderem Nachdruck festgehalten werden.

Am 24. April 1983 wurde durch Wahl das neue Verwaltungskomitee des Industriegebiets Shekou gebildet. Am 22. April 1984 fand planmäßig die Vertrauensabstimmung für das Verwaltungskomitee statt. Musste diese Vertrauensabstimmung wirklich durchgeführt werden? Yu Dehai, der Leiter der Kaderabteilung, sagte: „Selbst ich war etwas zögerlich. Denn die Ergebnisse der Vertrauensabstimmung müssen eingelöst werden – wenn die Vertrauensstimmen nicht die Hälfte erreichen, muss man zurücktreten. Ich dachte mir, ob wir nicht einfach eine Meinungsumfrage machen sollten. Aber Yuan Geng war sehr entschlossen – es musste unbedingt eine Vertrauensabstimmung sein.“ Das Ergebnis: Bei allen Mitgliedern des Verwaltungskomitees überstieg die Zahl der Vertrauensstimmen die Hälfte, Yuan Geng erhielt die meisten Vertrauensvoten. Am selben Abend wurden alle Stimmzettel veröffentlicht, jeder konnte sie einsehen. Obwohl auf manchen Zetteln die kritischen Bemerkungen sehr scharf waren – wie „dieser und jener hat geringe Fähigkeiten“ oder „diesem und jenem kann man nicht vertrauen“ – wurde nichts verschleiert.

Dies war die wichtigste aller Reformen im Industriegebiet Shekou.


Vierter Teil: „Wenn sie dort nicht loslassen, dann kündige ich!“

Dass die Führungsmannschaft durch Wahlen gebildet wird und regelmäßig Vertrauensabstimmungen stattfinden – das war eine wohlüberlegte Entscheidung Yuan Gengs. Er hatte tief erkannt: Wenn man das Kadersystem nicht reformiert, wenn man die Kaderstruktur nicht verändert, kann von Reformen nicht die Rede sein, und die „vier Modernisierungen“ wären nur ein leeres Wort.

Manche Führungskader fragten tatsächlich Besucher von der britischen Universität Cambridge: „Wie groß ist die Cam-Brücke, die eure Universität gebaut hat?“ Sie fragten amerikanische Besucher: „Die Engländer sprechen Englisch – welche Sprache sprecht ihr Amerikaner?“ Wieder andere berichteten führenden Genossen des Zentralkomitees von ihren Erfahrungen während einer Studienreise nach Hongkong: „In meinem Denken hat sich eine 360-Grad-Wende vollzogen!“ Solche Dinge sind zum Lachen und zum Weinen zugleich. Wie können solche Kader die schwere Aufgabe des Aufbaus der „vier Modernisierungen“ übernehmen!

Als Shekou noch dabei war, die „fünf Verbindungen und eine Planierung“ zu schaffen (Wasser-, Strom-, Straßen-, Gas- und Windversorgung sowie Landplanierung) und die Kommandozentrale nur etwa zwanzig Kader hatte, begann Yuan Geng bereits darüber nachzudenken, wie man ein junges, wissensbasiertes, professionelles und revolutionäres Kaderteam aufbauen könnte. 1981 beseitigte er Widerstände und entschied entschlossen, eine Fortbildungsklasse für Unternehmensführungs-Kader zu organisieren, bei der Absolventen naturwissenschaftlich-technischer Universitäten aus dem ganzen Land rekrutiert wurden. Mit seinen eigenen Worten: „Ich bin ein Abenteurer, und für die Reformen in Shekou habe ich aus dem ganzen Land eine Gruppe kleiner Abenteurer zusammengesucht.“

Damals hatte das Industriegebiet Shekou noch nicht genug Kraft, um eigene Rekrutierungsbeauftragte zu entsenden, und beauftragte das Informationsbüro des dem Verkehrsministerium unterstellten Instituts für Verkehrswissenschaft, die erste Prüfung in Wuhan abzuhalten. Der erste, der den Prüfungsraum betrat, war Wang Chaoliang, ein Ingenieur aus der Schiffskörper-Forschungsabteilung des Forschungsinstituts für Binnenschifffahrt des Verkehrsministeriums am Yangtse.

Wang Chaoliang wurde 1938 in Wuxi, Provinz Jiangsu, geboren und schloss 1960 sein Studium im Fachbereich Flugzeugkonstruktion der Fakultät für Luftfahrttechnik an der Nordwestlichen Polytechnischen Universität ab. Bereits 1958 hatte er, basierend auf ausländischen Unterlagen, als erster in China mit der Erforschung des Luftkissenprinzips für Luftkissenboote begonnen und gemeinsam mit seinen Kommilitonen ein Modell gebaut, das auf dem Weimingsee der Peking-Universität vorgeführt wurde. Damals lagen die Briten mit ihrer Forschung an Luftkissenbooten nur ein halbes Jahr vor ihnen. Doch in einer Zeit, in der die „große Stahlproduktion“ höher geschätzt wurde als wissenschaftliche Forschung, war das Schicksal der Forschung dieser jungen Burschen besiegelt. Nach seinem Abschluss wurde er einer Flugzeugfabrik als Hauptkonstrukteur in der Flugzeug-Konstruktionsabteilung zugeteilt. Damals musste die Produktion den in der Fabrik stationierten Militärvertretern gehorchen, und diese vertrauten nur sowjetischen Experten und sowjetischen Bauplänen. Zum Beispiel war vorgeschrieben, dass für bestimmte Propeller Holz aus dem Ural verwendet werden musste, für Gussformen nur ukrainischer Sand – selbst wenn China besseres Holz und besseren Sand hatte, durfte nichts geändert werden. Der junge Wang Chaoliang hatte einen Bauch voller Ärger, konnte aber nichts dagegen tun. Die Jahre flossen dahin: Wang Chaoliang arbeitete 17 Jahre lang am Flugzeugdesign, musste aber mitansehen, wie Chinas Luftfahrtindustrie sogar hinter Indien zurückblieb. Vier Jahre lang forschte er an Luftkissenbooten, doch kein einziges Boot wurde zu Wasser gelassen – der Schmerz über seine unerfüllten Ambitionen quälte seinen Ehrgeiz. Als sich die Gelegenheit für eine Studienreise in die Bundesrepublik Deutschland ergab, wurde der einzige Platz der Tochter eines Ministers gegeben, die fachlich überhaupt nicht mit ihm zu vergleichen war. Als er in der Zeitung die Anzeige über die Rekrutierung für die Fortbildungsklasse für Unternehmensführungskader im Industriegebiet Shekou sah, war er überglücklich: „Shekou ist ein Ort, an dem man nach seinen Fähigkeiten arbeiten kann – ich gehe dorthin!“ Sofort schnitt er die Anzeige aus und klebte sie sorgfältig in ein Notizbuch.

Er betrat als Erster den Prüfungsraum und verließ ihn auch als Erster. Schriftliche Prüfung, mündliches Vorstellungsgespräch – die Ergebnisse waren ausgezeichnet. Genosse Lin Hongci vom Informationsbüro, der die Prüfung leitete, kam zu dem Schluss: Das ist ein Talent, wir nehmen ihn! Doch in China gab es einen großen Widerspruch: Die Produktionsmittel gehören dem ganzen Volk, die Kader aber sind Privateigentum der jeweiligen Arbeitseinheit. Eine Einheit kann ein oder mehrere Talente ein ganzes Leben lang auf Eis legen.

Das Forschungsinstitut für Yangtse-Schifffahrt wollte niemanden freigeben. Im November 1981 lag Yuan Geng gerade in einem Krankenhaus in Kanton. Lin Hongci besuchte ihn in der Ostabteilung des Provinzkrankenhauses Guangdong und berichtete ihm über die Rekrutierungssituation, besonders über das Problem mit Wang Chaoliang. Yuan Geng war sehr bewegt. „Ist der kleine Wang Parteimitglied?“ „Nein.“ „Wenn er kein Parteimitglied ist, ist es etwas einfacher. Ich weiß nicht, ob er den Mut hat, einen Anfang zu machen: Wenn die Stelle ihn nicht freigibt, soll er kündigen! Ich nehme ihn auf. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man sich beim Staatsrat beschwert. Ich möchte, dass ein oder zwei Genossen dieses Präzedenzfall schaffen. Wenn es zum Staatsrat geht, berichten wir die Situation dieses Genossen nach oben – die zentrale Führung wird uns unterstützen. Genosse Zeng Tao, der Direktor der Nachrichtenagentur Xinhua, hofft ebenfalls, dass wir das ‘Privateigentum an Kadern’ durchbrechen können. Jetzt ist die Verschwendung von Talenten ein zu ernstes Problem. Menschen werden in ihren Einheiten nicht voll eingesetzt, und dann lässt man sie nicht wechseln – diese Situation muss aufgebrochen werden!“

Lin Hongci war von Yuan Gengs Worten bewegt und schrieb einen Brief, in dem er Wang Chaoliang den Inhalt dieses Gesprächs mitteilte, während er gleichzeitig über verschiedene Kanäle versuchte, durch Überzeugungsarbeit und Vermittlung eine Lösung zu erreichen. Schließlich musste Wang Chaoliang nicht kündigen – die Einheit willigte ein, ihn freizugeben. 1982 kam Wang Chaoliang ins Industriegebiet Shekou.


Fünfter Teil: Der Betriebswirtschafts-Masterstudent

An einem Abend im Dezember 1982 kam ein etwa dreißigjähriger junger Mann zu Yuan Gengs Wohnung in Xiyuan in Peking. Dies war ein vorher vereinbartes Treffen. Der junge Mann hieß Yu Changmin und hatte gerade sein Studium als erster Absolvent des Studiengangs Unternehmensführung an der Tsinghua-Universität abgeschlossen. Er hatte ursprünglich 1970 seinen Abschluss an der Fakultät für Elektrotechnik der Tsinghua-Universität im Fach Automatisierung gemacht, acht oder neun Jahre gearbeitet und dabei schmerzlich erkannt, dass die chinesische Unternehmensführung viel zu viele Mängel aufwies. 1979 kehrte er zur Tsinghua zurück, um ein Masterstudium in Unternehmensführung aufzunehmen. 1980 verbrachte Yu Changmin ein Jahr in Japan und studierte speziell das japanische Unternehmensführungs-System. Die Japaner betrachteten dies als wichtige Information – die Zeitung „Yomiuri Shimbun“ veröffentlichte einen Sonderbericht darüber und druckte sein Foto ab. Nun hatte Yu Changmin seinen Abschluss gemacht – was sollte er tun? Die Universität schlug vor, er solle zur China Enterprise Research Association gehen, die dem Staatlichen Wirtschaftskomitee unterstand. Das war natürlich eine fachlich passende und attraktive Position, aber seine in Wuhan arbeitende Ehefrau konnte kaum nach Peking versetzt werden. Gerade zu dieser Zeit wehte der Wind der Shekour Reformen in seine Ohren. Jede Woche ging er in die Stadt, um die „Zeitung der Sonderwirtschaftszone Shenzhen „ zu kaufen, und erhielt eine der ersten Ausgaben der „Investitionsbroschüre“, die er wie einen Schatz betrachtete und mit großem Eifer studierte. Es war nicht schwer zu erkennen: Das Industriegebiet Shekou war genau der ideale Ort, um seine Ambitionen zu verwirklichen. Nach Shekou gehen! Der Entschluss war gefasst, und auch die Fakultät signalisierte Unterstützung. Nun war Yuan Geng zu einer Konferenz in Peking, und durch einen Freund vermittelt kam er zu diesem Besuch.

Im Moment der Begegnung beobachteten sich die beiden. „Ist das der berühmte Reformer Yuan Geng? Er trägt eine chinesische Baumwolljacke und sieht aus wie ein ganz gewöhnlicher alter Kader – überhaupt nicht wie die Reformerfigur, die ich mir vorgestellt hatte. Und ich habe gehört, dass sein Bildungsniveau nicht sehr hoch ist... Lohnt es sich wirklich, unter ihm zu arbeiten?“ Diese flüchtigen Gedanken konnte Yu Changmin nicht weiter verfolgen, denn Yuan Geng hatte ihm bereits herzlich einen Platz angeboten und Tee eingeschenkt. Das Gespräch kam direkt zur Sache. „Was ist Ihrer Meinung nach das tödliche Problem der chinesischen Wirtschaft?“ „Das System.“ „Richtig!“ Yuan Geng wurde lebhaft und begann ausführlich zu sprechen: „Der Direktor einer Shanghaier Werft hat sich einmal bei mir beschwert und gesagt, dass sie eintausend Menschen brauchten, die Arbeitsverwaltung aber nur dreihundert brauchbare Leute schickte – die anderen siebenhundert waren nutzlose Leute, die man dazupackte. Wenn man mehr anfordert, packt man noch mehr dazu, und wenn noch mehr übrig sind – nun ja, es ist eben der große gemeinsame Topf, alle können durcheinander essen, Hauptsache man hat etwas zu essen, und das wird auch noch als sozialistische Überlegenheit bezeichnet! Auf diese Weise gibt es in den Fabriken immer mehr überflüssiges Personal, die Fabrik wird zu einer kleinen Gesellschaft. Hier beuten die Faulen die Fleißigen aus, es bildet sich eine furchtbare gesellschaftliche Gewohnheitskraft, die die Qualität unseres Volkes verdirbt! Wenn wir dieses System nicht reformieren, haben wir keine Zukunft!“

„In meiner Abschlussarbeit habe ich die Frage der Unternehmensqualität angesprochen.“ „Welche Erkenntnisse haben Sie?“ „Qualität ist vergleichbar mit grundlegender Wirkung – wie beim Frauen-Volleyball: Sie haben einen grundlegenden Arbeitsstil entwickelt und verfügen deshalb über Kampfkraft.“ „Stellen wir uns ein Unternehmen als Mannschaft vor: Wenn Sie der Trainer sind und andere Ihnen beliebig Leute zuweisen – was machen Sie dann?“ „Ich nehme sie nicht.“ „Nicht nehmen geht nicht!“ „Dann mache ich nicht weiter.“ „Richtig, genau so muss man es machen.“ Alt und Jung, je mehr sie sprachen, desto besser verstanden sie sich – beide hatten das Gefühl, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben. Die flüchtigen Zweifel, die tief in Yu Changmins Innerem aufgetaucht waren, verschwanden vollständig. „Bei uns muss man ein gewisses Risiko eingehen.“ „Gerade deshalb will ich dorthin – wenn schon alles aufgebaut wäre, wozu sollte ich dann noch hingehen?“ „Haben Sie persönliche Forderungen?“ „Ich fordere nur, dass meine Familie mitkommen kann.“ „Das werden wir arrangieren.“ Zwei Monate später starb Yu Changmins Vater, und er kehrte für die Beerdigung nach Hause zurück. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Universität ihre Haltung geändert – die Fakultät wollte ihn behalten.

Die Fakultät für Unternehmensführung war gerade erst gegründet worden, die Arbeit erforderte Personal – die Gründe waren durchaus nachvollziehbar. Doch Yu Changmins Herz war bereits mit Yuan Geng nach Shekou geflogen und ließ sich nicht mehr zurückholen.

Im März 1983 lud Yuan Geng den Präsidenten der Tsinghua-Universität, Liu Da, nach Shekou ein. Die Fakultät schickte Yu Changmin als Begleitung mit. Die Absicht der Fakultätsleitung war, dass der Universitätspräsident einen Eindruck von Yu Changmin bekommen sollte, um ihn zum Bleiben zu überreden und gleichzeitig das Problem der Haushaltsregistrierung seiner Familie zu lösen. Doch es kam anders als erwartet. Sobald Liu Da und seine Gruppe in Shekou ankamen, fragte Yuan Geng Yu Changmin, ob die Versetzungsangelegenheit geklärt sei, und Yu Changmin deutete an, dass man mit Liu Da sprechen müsse. Yu Changmin bat noch einmal: „Herr Präsident, lassen Sie mich nach Shekou gehen.“ „Die Fakultät hat mich gebeten, Ihnen beim Bleiben zu helfen, und ich habe auch versprochen, Sie zu halten.“ Präsident Liu sah sichtlich betreten aus. Yuan Geng bat wiederholt um Unterstützung: „Genosse Liu Da, geben Sie uns den kleinen Yu bitte – wir brauchen dringend Fachleute für Unternehmensführung.“

Liu Da war bewegt. Dieser alte Genosse, der an der „12. Dezember-Bewegung“ teilgenommen hatte, war bereits 1957 als Forstminister dafür bekannt gewesen, „Intellektuelle zu beschützen“. Er verstand die Bedürfnisse Shekous und die Gefühle Yuan Gengs und Yu Changmins vollkommen. Aber er musste die Fakultätsleitung respektieren und versprach, nach seiner Rückkehr mit der Fakultät eine Lösung zu besprechen.

Nach der Rückkehr schrieb Yu Changmin der Fakultät einen Bericht, in dem er sich für die Ausbildung und Förderung bedankte und erklärte, dass es für die Fakultät für Unternehmensführung der Tsinghua notwendig sei, ihre eigenen Absolventen am Aufbau Shekous teilnehmen zu lassen, da dies für zukünftige Forschung und Informationsquellen der Universität von entscheidender Bedeutung sei.

Das Problem löste sich wie durch ein Messer, das durch Butter gleitet. Im Juli waren die Versetzungsformalitäten für beide Ehepartner erledigt.

Als Yu Changmin sich im Verwaltungsgebäude des Industriegebiets meldete, traf er vor dem Gebäude auf Yuan Geng. Yuan Geng nahm herzlich seine Hand und ging mit ihm vom Haupteingang bis zum Aufzug, während er dabei sagte: „Sie erforschen Unternehmensführung – machen Sie sich erst einmal mit der Situation vertraut, und wenn Sie sich sicher fühlen, sprechen wir über die Arbeit...“

Yuan Geng schrieb auch einen Dankesbrief an Liu Da, in dem es unter anderem hieß:

Was den kleinen Yu betrifft, so bewundern die Genossen Ihren Geist der Selbstlosigkeit zutiefst. Dass Tsinghua einen kleinen Yu verliert, schadet der großen Sache nicht, aber dass Shekou ihn gewinnt, ist wie ein Tiger, dem Flügel wachsen... Warten Sie nur ab – Tsinghuas Schüler werden die ganze Welt erfüllen, und das Industriegebiet wird davon profitieren.

Der gefühlvolle Liu Da gab diesen Brief an Yu Changmin weiter, damit er ihn als ewige Erinnerung bewahren konnte.


Sechster Teil: Ein Sonntagmorgen

Sonntagmorgen, 8 Uhr. Gu Liji war gerade aufgestanden, hatte sein Gesicht gewaschen und bereitete sich gerade Instantnudeln zu. Die vier Kommilitonen im selben Zimmer schliefen noch tief und fest. Am Samstagabend durfte man länger aufbleiben, alle hatten bis spät in die Nacht gearbeitet – jetzt sollten sie ein wenig länger schlafen. Gu Liji bewegte sich leise und vorsichtig, um ja kein Geräusch zu machen.

„Entschuldigung, wohnt der Genosse Gu Liji hier?“ Eine Stimme drang vom Flur herein. Gu Liji sah nach draußen – auf dem Korridor standen ein über sechzigjähriger alter Mann und ein junges Mädchen. „Ich bin Gu Liji, und Sie sind?“

„Ich bin Yuan Geng, Yuan Geng aus Shekou.“ Der alte Mann streckte als Erster die Hand aus. „Das ist meine Tochter Niya. Sie machte sich Sorgen um meinen Gesundheitszustand und wollte unbedingt mitkommen – aber tatsächlich geht es mir noch ganz gut. Sehen Sie, eine halbe Stunde Fahrradfahren – leicht und angenehm.“ Gu Liji hätte im Traum nicht gedacht, dass der hochberühmte Yuan Geng ins Studentenwohnheim der Tsinghua-Universität kommen würde, um ihn zu suchen.

Er war zutiefst bewegt. „Lassen Sie uns unten sprechen – die Kommilitonen schlafen noch.“ Unten gab es eine Sitzbank mit Rückenlehne, und die drei setzten sich nebeneinander. Der Maimorgen war weder kalt noch heiß, die Sonne schien mild, eine leichte Brise wehte über ihre Gesichter, auf dem Campus herrschte eine friedliche Atmosphäre. „Ich habe gehört, Sie haben eine Vereinigung von Unternehmensführungs-Enthusiasten gegründet?“ „Ja, jetzt haben wir mehr als tausend Mitglieder. Zur Gründungsversammlung kamen Liu Da und Yu Guangyuan.“ „Ich habe auch gehört, Sie möchten Fabrikdirektor werden?“ „Ihre Informationen sind ja sehr gut“, lachte Gu Liji. „Ich habe tatsächlich gesagt, dass ich Fabrikdirektor werden möchte – deswegen bin ich sogar in einige Schwierigkeiten geraten.“ „Was für Schwierigkeiten?“ „Manche Leute haben gesagt, ich sei ein Ehrgeizling.“ „Das ist ja empörend! Fabrikdirektor werden zu wollen, was für ein Ehrgeiz soll das sein! ‘Ein Soldat, der nicht General werden will, ist kein guter Soldat’ – hat das Napoleon gesagt oder wer? Was ist falsch daran, wenn ein Universitätsstudent Fabrikdirektor werden will!“ „Ich studiere Informatik, aber mir scheint, dass China noch dringender Führungstalente braucht, deshalb habe ich freiwillig alle Kurse des Masterstudiengangs für Unternehmensführung als Gasthörer besucht.“ „Kommen Sie nach Shekou – wir haben dort eine Fortbildungsklasse für Unternehmensführungskader und wollen große Mengen an Führungstalenten ausbilden.“ „Letztes Jahr im November sah ich ein Video über Shekou, da war mein Herz schon bewegt – nur hatte ich mich noch nicht endgültig entschieden.“ „Und jetzt?“ „Jetzt habe ich mich entschieden – ich gehe nach Shekou.“ „Gut! Wir heißen Sie willkommen! Gibt es irgendwelche Schwierigkeiten?“ Welche Schwierigkeiten? Im Frühsommer 1982 gab es in der Gesellschaft immer noch viele kritische Stimmen über die Sonderwirtschaftszone Shenzhen. Manche Leute schrieben Zeitungsartikel über die Konzessionsgebiete im alten China und deuteten an, dass die Sonderwirtschaftszone Gefahr laufe, zu einem Konzessionsgebiet zu werden – das erzeugte einen unsichtbaren Druck, weshalb manche sagten, „die Zukunft der Sonderwirtschaftszone ist ungewiss“. Dies konnte man außer Acht lassen. Gu Liji wollte mit jemandem wie Yuan Geng zusammenarbeiten – da war es das Risiko wert. Die Firma in Shanghai hoffte, dass er zurückkehren würde, und er konnte sich eine der untergeordneten Fabriken aussuchen – das hatte durchaus eine gewisse Anziehungskraft für ihn. Seit seinem Schulabschluss 1967 hatte er 1968 eine Stelle in der Shanghaier Reparaturwerkstatt für Textildruckmaschinen angetreten und in zehn Jahren als Kesselheizer, Dreher, Fräser, Schlosser und Elektriker gearbeitet sowie als hauptamtlicher Sekretär der Jugendorganisation fungiert. Weil er das chaotische Treiben der von Wang Hongwens kleinen Brüdern kontrollierten Rebellentruppe in der Fabrik nicht ertragen konnte, stritt Gu Liji 1974 einmal mit ihnen, wurde kritisiert, erhielt aber die Sympathie der Arbeiter und baute tiefe Gefühle zu den Arbeitern auf. Nun stand der Universitätsabschluss bevor, und die Freunde hofften alle, dass er zurückkehren würde. Nach dem Sturz der „Viererbande“ führte man in der Fabrik Säuberungsmaßnahmen durch, und er war der Leiter der Materialgruppe.

Wenn er nicht zur Universität gegangen wäre, hätte er längst eine Führungsposition eingenommen. Wenn er jetzt zurückging, wäre die berufliche Einordnung kein Problem. Aber das fremde Shekou hatte für ihn eine größere Anziehungskraft als das vertraute Shanghai – er wollte Shekou wählen. Etwas problematischer war, dass weder seine Mutter noch seine Frau damit einverstanden waren, dass er Shanghai verließ. In Shanghai gab es geräumige Wohnungen, die Geschwister lebten alle auswärts, die Mutter hoffte, dass er in ihrer Nähe blieb, und die Bindung seiner Frau an Shanghai war noch selbstverständlicher. Das waren menschliche Gefühle.

„Ich muss meine Mutter und meine Frau überzeugen“, sagte Gu Liji etwas verlegen lächelnd. Yuan Geng konnte junge Menschen sehr gut verstehen und ihnen vertrauen. Dass Gu Liji sich entschlossen für Shekou entschied, rührte ihn, und er begann in einen Redeschwall auszubrechen.

„Ihre Wahl ist richtig. In Shekou gibt es großartige Möglichkeiten, sich zu bewähren. Warum wollen wir in Shekou ein Industriegebiet aufbauen? Um an diesem Ort Reformen durchzuführen, umfassende Reformen – von der Unternehmensführung über das Personalsystem bis zum Lohnsystem muss alles reformiert werden, sonst gibt es keinen Ausweg. In den vergangenen dreißig Jahren haben uns extrem ‘linkes’ Denken und erstarrte Systeme bitter geschadet. Als wir Anfang 1979 gerade nach Shekou kamen, fand man in der Bucht noch die Leichen von illegalen Auswanderern – alles junge Leute. Warum wollten sie fliehen? Weil wir arm sind!

Die ‘Viererbande’ redete von ‘politischen Grenzschutz’ – je mehr sie davon redeten, desto mehr Menschen flohen. In manchen Dörfern waren fast alle jungen und kräftigen Männer geflohen – man konnte nur weinen, ohne Tränen zu haben! Gegenüber von Shekou liegt Hongkongs Yuen Long, nur 6.000 Meter entfernt. An klaren Tagen kann man die Hochhäuser sehen – und gerade während unserer ‘zehn Jahre Chaos’ hat sich Hongkong entwickelt. Wir können nicht noch einmal blind herumwirtschaften – wir müssen die Wirtschaft nach vorne bringen, und dafür müssen wir die rückständigen Systeme reformieren. Obwohl das Industriegebiet Shekou nur 2,14 Quadratkilometer groß ist und im Vergleich zu den 9,6 Millionen Quadratkilometern des ganzen Landes nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist – wenn unsere Reformen erfolgreich sind, hat das große Bedeutung für das ganze Land. Selbst wenn wir scheitern sollten, sind wir nur ein Tropfen auf den heißen Stein und schaden dem Ganzen nicht. Natürlich werden wir uns mit aller Kraft bemühen, Erfolg zu haben und Misserfolg zu vermeiden. Unsere Generation ist alt geworden. Als wir erkannten, dass wir etwas leisten müssen, blieb uns nicht mehr viel Zeit. Deshalb ruht die Hoffnung auf euch...“

Gu Liji spürte, wie sein Blut schneller zu fließen begann, und sein ganzer Körper wurde warm. Niya, die die ganze Zeit über geschwiegen hatte, blickte ihren Vater an, und auch ihre Augen wurden etwas feucht...


Siebter Teil: Die Pressekonferenz

Gu Liji kam aus der Fortbildungsklasse, arbeitete eine Zeit lang als Sekretär im Büro des Industriegebiets und wurde im April 1984 zum Büroleiter ernannt. Als ich im Juli nicht auf Yuan Geng warten konnte, musste ich wegen einer Angelegenheit kurz nach Kanton zurückkehren. Am 5. August kehrte ich nach Shekou zurück und hörte, dass Gu Liji am frühen Morgen des 6. nach Hongkong fahren würde. Am Abend des 5. besuchte ich ihn. „Yuan Geng ist nach Hongkong zurückgekehrt. Morgen Nachmittag kommt er nach Shekou zurück. Abends um halb acht hält er im Festsaal des Klubhauses einen Vortrag. Ich habe meinen Hongkong-Trip um einen Tag verschoben, um diesen Vortrag zu hören. Der Vortrag ist öffentlich, jeder kann kommen – Sie sind herzlich willkommen.“ Kaum hatten wir uns getroffen, teilte mir Gu Liji diese gute Nachricht mit.

„Können Sie ein Treffen für mich arrangieren?“

„Das wird wohl schwierig – er bleibt nicht lange in Shekou, und sobald er zurückkommt, gibt es viele Dinge zu erledigen. Am besten begleiten Sie ihn nach dem Vortrag morgen zu seinem Quartier bei seinem Sohn oder ins Gästehaus – so können Sie beim Gehen mit ihm sprechen, vielleicht zehn Minuten lang...“

Ich war etwas enttäuscht. War es wirklich so schwierig, Yuan Geng zu treffen?

Wie auch immer – ich würde erst einmal seinen Vortrag hören.

Am 6. August um halb acht Uhr abends begann Yuan Gengs Vortrag pünktlich.

Der Festsaal des Klubhauses wurde normalerweise für Filmvorführungen genutzt, aber manchmal fanden hier auch große Versammlungen und Pressekonferenzen statt. Auch die heutige Versammlung wurde Pressekonferenz genannt, und auf den Straßen hingen Plakate. Der Saal, der etwa tausend Menschen fassen konnte, war im Wesentlichen voll, und wenn man hinüberschaute, sah man überall junge, fröhliche Gesichter.

Yuan Geng saß zusammen mit Xiong Bingquan, dem Leiter der Entwicklungsabteilung der China Merchants Group in Hongkong, und anderen, die ihn auf der Auslandsreise begleitet hatten, auf dem Podium. Gu Liji leitete die Versammlung.

Zu Beginn schwenkte Yuan Geng lächelnd zwei Blätter Papier und sagte:

„Keine Angst, ich spreche nur ein oder zwei Stunden.“

Die Leute lachten – in Wahrheit befürchteten sie, dass er zu kurz sprechen würde.

„Diese Auslandsreise dauerte 23 Tage. Wir besuchten 4 Länder, 16 Unternehmen und 18 Städte – von Singapur aus ging es westwärts nach Großbritannien, dann in die USA und nach Japan, wir sind einmal um die ganze Erde gereist. Überall wurden wir mit großer Ehre und außergewöhnlicher Gastfreundschaft empfangen. Als ich früher als Diplomat ins Ausland reiste, wurde ich nie so empfangen. Das liegt nicht daran, dass man uns vier Personen schätzt, sondern an den Veränderungen bei China Merchants und im Industriegebiet Shekou – daran haben alle hier ihren Anteil. Ich habe tief empfunden, welche Ehre es ist, ein Mensch aus Shekou zu sein.“

Yuan Geng vertrat stets die Ansicht, dass man bei Auslandsreisen sein eigenes Geld ausgeben müsse – wenn man das Geld anderer Leute ausgebe, befinde man sich bei Verhandlungen in einer passiven, schwachen Position. Für diese Reise hatten sie eine Kreditkarte mit 200.000 US-Dollar dabei, was ausreichend war. Überall hielten sie an diesem Prinzip fest – nur in Singapur funktionierte es nicht. Obwohl wir und Singapur damals noch keine diplomatischen Beziehungen hatten, war der Empfang durch die zuständigen Stellen in Singapur außerordentlich freundlich. Sie passierten den Zoll ohne Kontrolle und wurden vom Flughafen direkt zum luxuriösesten Shangri-La Grand Hotel gebracht. Yuan Geng wurde in der prachtvollsten „Präsidentensuite“ untergebracht (vor ihm hatte die britische Premierministerin Margaret Thatcher hier gewohnt, nach ihm bezog US-Außenminister George Shultz das Zimmer). Die tägliche Zimmergebühr betrug umgerechnet 5.000 Hongkong-Dollar. Alle Besichtigungswünsche wurden vollständig erfüllt. Als sie bei der Abreise die Rechnung bezahlen wollten, sagte der Hotelmanager: „Bevor Sie ankamen, hat bereits jemand alle Kosten bezahlt.“

Sie besichtigten die Versorgungsbasis der Nordsee-Ölfelder in Aberdeen, Großbritannien. Die britischen Unternehmer empfingen sie trotz der Welle von Streiks der Seeleute weiterhin herzlich und höflich, was einen tiefen Eindruck bei ihnen hinterließ. Ebenso beeindruckend waren die endlos blühenden Rosen in Nordengland. Yuan Geng sagte: „Wir hatten ursprünglich geplant, innerhalb von drei Jahren 200.000 Rosenstöcke zu pflanzen und Shekou zu einer Rosenstadt zu machen – aber jetzt scheint das zu rückständig...“

Der Schwerpunkt dieser Reise lag auf den USA, die Hauptaufgabe war die Unterzeichnung des Vertrags zur Einführung einer Floatglas-Fabrik.

In Pittsburgh verlieh die Greater Pittsburgh Chamber of Commerce Yuan Geng die Ehrenmitgliedschaft.

In Montreal verlieh die chinesischstämmige Bürgermeisterin Li Guiruo Yuan Geng die Ehrenbürgerschaft und überreichte ihm einen goldenen Schlüssel. Die

Bürgermeisterin sagte beim Bankett: „Ich bin hundertprozentig Chinesin und hundertprozentig Amerikanerin.“ Yuan Geng sagte: „Ich schätze ihre Worte sehr.“ Über die Verhandlungen zur Einführung der Floatglas-Fabrik lässt sich nicht so leicht und einfach berichten. Yuan Geng hatte einmal gesagt: „In wirtschaftlichen Fragen gibt es keine Sentimentalität, keine Rücksicht auf Verwandtschaft! Geschweige denn bei Verhandlungen mit Ausländern!“ Bevor wir Yuan Gengs Verhandlungskunst bewundern können, ist es notwendig, die verschlungenen Wege zu betrachten, die im Inland für die Einführung dieser Fabrik durchlaufen werden mussten. Lassen wir Yuan Geng selbst die Situation schildern.

Am 22. März 1984 sagte Yuan Geng in seiner Ansprache an die Teilnehmer der dritten Fortbildungsklasse für Unternehmensführungs-Kader:

„Das Zentralkomitee hat am 10. März ein Dokument herausgegeben, und alle waren sehr erfreut – aber wir sollten uns nicht zu früh freuen. Man darf nicht glauben, dass mit einer Anweisung von oben alle Probleme gelöst sind. Offene Herausforderungen mag es nicht mehr geben, aber Bürokratismus, Neid, kleinliches Denken und Schikanen gibt es immer noch. Zum Beispiel die Floatglas-Fabrik, über die wir gerade verhandeln – bis jetzt ist sie noch nicht genehmigt worden. Unser Land muss jedes Jahr große Mengen Glas importieren – warum erlaubt man uns nicht, mit modernster Technologie Glas herzustellen, um die Importe zu ersetzen? Kürzlich haben wir zwei fähige Kolleginnen zum Hauptamt für Baumaterialien geschickt, um zu verhandeln. Als sie hingingen, stimmten die Leute dort sofort zu und sagten: ‘Geht nur zurück, alles ist in Ordnung.’ Aber als unsere Unternehmensabteilung dann Leute mit dem Vertrag hinschickte, um den Stempel zu bekommen, haben sie alles wieder rückgängig gemacht. Auf die Frage, warum sie so handelten, sagten sie: ‘Ihr habt Reporter und Schriftsteller mitgebracht – wie hätte ich da nicht zustimmen können? Wenn es schiefgeht, schreibt ihr Reportagen oder interne Berichte – das würde ich doch nicht aushalten können’?...“

Wirklich – gute Dinge haben viele Hindernisse. Nach neun Monaten Verhandlungen wurde diese inländische Hürde endlich überwunden. Die Verhandlungen mit den Amerikanern konnten natürlich nicht so lange dauern, aber wie intensiv das Feilschen war, kann man sich vorstellen. Die amerikanische Floatglas-Fabrik ist technologisch sehr fortschrittlich – geradezu eine Glasstadt! Sie produziert die verschiedensten Arten von Glas. Es gibt eine Art gehärtetes Glas – man kann aus 20 Metern Entfernung mit einem 11-Kilogramm-Hammer darauf schlagen, der Boden vibriert, aber das Glas bleibt heil.

Der Plan verlief reibungslos, ohne jeden Schaden. Wir gehen eine Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten ein, investieren gemeinsam 100 Millionen US-Dollar, führen eine technologisch gleichwertige Produktionsanlage ein und erwerben die Rechte an ihrem wertvollen Patent. Danach werden wir in der Lage sein, eine zweite, eine dritte und weitere solcher Fabriken zu errichten.

Dies ist eine wirtschaftlich außerordentlich sinnvolle Entscheidung. Der zentrale Brennpunkt der intensiven Verhandlungen konzentrierte sich auf den genauen Prozentsatz, den die jährlich zu zahlende Patentgebühr vom Gesamtumsatz ausmachen sollte.

Die amerikanische Seite verlangte zunächst sechs Prozent, wir konterten mit einem Gegenangebot von vier Prozent. Die Amerikaner senkten ihr Angebot auf fünf Prozent, wir erhöhten unseres auf viereinhalb Prozent. Um jeden noch so kleinen Vorteil wurde verbissen gerungen, was zu einer festgefahrenen Pattsituation führte. In diesem kritischen Moment ergriff Yuan Geng das Wort und richtete seine Ausführungen direkt an die versammelten Verhandlungspartner.

„Meine sehr geehrten Herren aus Amerika“, begann er mit ruhiger, aber bestimmter Stimme, „unsere chinesischen Vorfahren haben bereits vor viertausend Jahren den Kompass erfunden, vor zweitausend Jahren das Schießpulver entwickelt. Die gesamte Menschheit auf diesem Planeten profitiert noch heute von diesen wahrhaft großartigen wissenschaftlichen Errungenschaften und kulturellen Leistungen, doch unsere Ahnen haben niemals auch nur einen einzigen Cent an Patentgebühren dafür verlangt oder eingefordert. Wir als ihre direkten Nachkommen haben niemals unsere eigenen Vorfahren als Dummköpfe oder Versager beschimpft, sondern empfinden im Gegenteil großen Stolz und tiefe Ehre über ihre Leistungen. Darf ich Sie nun höflich fragen, meine Herren: Wo genau befanden sich Ihre eigenen Vorfahren zu jener fernen Zeit? Ich vermute stark, sie hingen wahrscheinlich noch auf den Bäumen herum. Bitte schauen Sie doch einmal genau auf Ihre eigene Brust herab - ist dort vielleicht die Behaarung besonders dicht und üppig...?“

Die amerikanischen Verhandlungspartner blickten tatsächlich verwundert nach unten auf ihre eigene Brust, und einer nach dem anderen begann breit zu grinsen und zu lachen. „Aber bitte, meine Herren, Sie müssen sich absolut nicht fürchten oder Angst haben“, fuhr Yuan Geng in versöhnlichem Ton fort, „denn meine eigentliche Intention ist keineswegs, überhaupt keine Patentgebühren zu zahlen, sondern ich fordere lediglich Fairness, Gerechtigkeit und angemessene Vernunft in dieser wichtigen Angelegenheit!“ Dies war der absolut typische Yuan-Geng-Stil in Reinform: direkt, ehrlich, humorvoll und zugleich äußerst geschickt und gewitzt. Die amerikanischen Geschäftsleute schätzten und respektierten genau diese Art der Kommunikation sehr. Hätten wir Chinesen uns auf diese Weise geäußert, hätten manche von uns womöglich energisch protestiert und entrüstet ausgerufen: „Sie beleidigen unsere ehrwürdigen Vorfahren - dies ist absolut unerträglich, nicht zu tolerieren!“ Schließlich, nach weiteren intensiven Diskussionen, wurde eine für beide Seiten akzeptable Vereinbarung getroffen: vierkommafünfundsiebzig Prozent Patentgebühr über einen Zeitraum von zehn Jahren. Dies war unter den gegebenen Umständen außerordentlich vorteilhaft für uns. Eine große chinesische Stadt hatte zuvor eine technologisch nicht annähernd so fortschrittliche englische Glasfabrik importiert, bei der die Patentgebühr fünf Prozent betrug und die Vertragsdauer sich auf zwölf Jahre erstreckte. Yuan Geng schloss seine Ausführungen mit einem leidenschaftlichen und kämpferischen Statement: „Die Vereinigten Staaten von Amerika konzentrieren sowohl die allerbesten Dinge der ganzen Welt als auch gleichzeitig die allerschlechtesten Dinge. Wir müssen von ihren Stärken und positiven Errungenschaften lernen, dürfen aber niemals den amerikanischen Weg in seiner Gesamtheit gehen!“ Die Weltwirtschaft befindet sich gegenwärtig in einer Phase der Rezession und des Rückgangs, die industriellen Strukturen werden weltweit grundlegend reorganisiert und umgestaltet. Als ich vor fünf Jahren die verschiedenen Regionen der Welt bereiste, hatten diese Länder noch eine gewisse Vitalität und Lebendigkeit, heute jedoch herrscht weitgehender Stillstand und Stagnation. „Manche Analysten und Beobachter sagen voraus, dass in den späten 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts das Zentrum der Weltwirtschaft sich nach Osten verlagern wird, hin zu den Küstenregionen des Pazifischen Ozeans.“ Unser früheres wirtschaftliches und gesellschaftliches System hat die Menschen träge und faul gemacht, doch jetzt vollzieht sich ein tiefgreifender Wandel. Als ich auf dieser Reise einmal rund um den gesamten Erdball gereist war und heute Nachmittag um halb fünf Uhr meinen Fuß auf den Kai von Shekou setzte, empfand ich ein Gefühl von unbeschreiblicher Frische und Lebendigkeit, jeder einzelne Grashalm, jeder Baum erschien mir außerordentlich vertraut und liebenswert. „Am ersten Oktober wird der prachtvolle Festwagen aus Shekou vor dem Platz des Himmlischen Friedens vorbeifahren! Falls dies die Herzen der Menschen tief bewegt und erschüttert, dann ist dies das große Verdienst von euch allen, das eure harte Arbeit widerspiegelt!“ Die kapitalistische Welt des Westens mag materiell außerordentlich reich und wohlhabend sein, doch ihr geistiges und moralisches Leben ist erschreckend arm und verödet. Wir hingegen befinden uns auf einem aufsteigenden Pfad nach oben, wir werden mit absoluter Gewissheit diese Länder einholen und schließlich überholen!“ Yuan Geng sprach nur etwa anderthalb Stunden lang, dann erklärte er die Versammlung für beendet, doch alle Anwesenden hätten ihm noch viel länger zuhören mögen, so fesselnd waren seine Worte. Als Yuan Geng den Versammlungssaal verließ, wurde er sofort von einer großen Menschenmenge umringt, und ich gab meinen ursprünglichen Plan auf, ihm zu folgen und weitere Fragen zu stellen.


Achter Teil: „Welche geheimen Verschwörungen oder raffinierten Intrigen führen Sie im Schilde?“

Am 7. August hatte Yuan Geng den gesamten Tag über ununterbrochen Besprechungen und Sitzungen, und man sagte mir, dass er auch am 8. keine Zeit haben würde, da er bereits am frühen Morgen des 9. wieder nach Hongkong zurückkehren müsse. Ich hatte mittlerweile jede Hoffnung aufgegeben, ihn in diesen beiden Tagen persönlich treffen und sprechen zu können. Am Abend setzte ich mich hin und schrieb ihm einen ausführlichen Brief, in dem ich ihm erklärte, dass ich, falls es mir nicht gelingen sollte, während dieser Reise mit ihm ein Gespräch zu führen, geduldig warten würde, bis er das nächste Mal aus Hongkong zurückkehren würde.

Am Morgen des 8. August übergab ich diesen sorgfältig verfassten Brief dem stellvertretenden Parteisekretär der Industriezone, Qiao Shengli, mit der höflichen Bitte, ihn an Yuan Geng weiterzuleiten.

Am Vormittag des 8. besuchte ich Wang Chaoliang im großen Verwaltungsgebäude, und wir hatten uns gerade erst niedergesetzt, als der stellvertretende Büroleiter Huang Zhenchao hastig und außer Atem hereineilte und mich aufgeregt rief: „Direktor Yuan ist unerwartet zurückgekommen, kommen Sie schnell, um ihn zu treffen!“ Ich entschuldigte mich höflich bei Wang Chaoliang, erklärte, dass wir unseren Termin auf einen anderen Zeitpunkt verschieben müssten, und folgte eilig Huang Zhenchao in Richtung von Yuan Gengs Büro. Das Büro der Industriezone und Yuan Gengs persönliches Büro waren durch eine Verbindungstür miteinander verbunden, in der Mitte durch große Flächen durchsichtigen Glases getrennt. Schon aus der Ferne konnte ich Yuan Geng deutlich erkennen, der in seinen Händen einen großen Stapel wichtiger Dokumente und Papiere hielt. Als ich ihm zur Begrüßung die Hand reichte und schüttelte, erklärte Huang Zhenchao nebenbei zu Yuan Geng gewandt: „Es handelt sich nur um ein kurzes Kennenlernen, es wird nicht viel von Ihrer wertvollen Zeit in Anspruch nehmen.“ Yuan Geng jedoch lächelte auf eine völlig entspannte und ungezwungene Art und Weise und sagte in scherzhaftem Ton: „Sie sind also von der renommierten Literaturzeitschrift ‘Huacheng’? Welche geheimen Verschwörungen oder raffinierten Intrigen führen Sie denn im Schilde?“ Dieser eine spielerische Scherzsatz verkürzte sofort die Distanz zwischen uns erheblich, und ich hatte das deutliche Gefühl, dass hinter diesen scheinbar leichthin dahingeworfenen Worten eine Art verborgener Subtext oder tiefere Bedeutung lag. Ich wusste bereits, dass Yuan Geng sich auch für literarische und kulturelle Fragen lebhaft interessierte und sie aufmerksam verfolgte. Liang Xian hatte mir einmal erzählt, dass Yuan Geng vor einigen Jahren während einer Konferenz in Peking Zhang Jies berühmten Roman „Liebe kann man nicht vergessen“ sowie die dazugehörigen kritischen Rezensionen und Kommentare gelesen hatte und Liang Xian dann fragte: „Kennst du diese talentierte Schriftstellerin persönlich? Lass uns sie doch nach Shekou einladen!“ Ich war überzeugt, dass er auch die in den vergangenen Jahren recht beachtliche Aufmerksamkeit erregende Literaturzeitschrift „Huacheng“ kannte und verfolgte, und seine scherzhafte Bemerkung über „Verschwörungen und Intrigen“ war wahrscheinlich durchaus mit Bedacht gewählt und hatte einen tieferen Sinn.

Ich erwiderte sein Lächeln und sagte in ebenso freundlichem Ton: „Ich führe überhaupt keine geheime Verschwörung, sondern einen völlig offenen Plan - ich möchte über Sie persönlich und über die faszinierende Entwicklung von Shekou schreiben und berichten.“

Er führte mich in den kleinen, gemütlichen Besprechungsraum, der sich genau zwischen den beiden Büros befand, ließ sich bequem in einen Rattansessel sinken, lehnte sich entspannt zurück und nahm eine Körperhaltung ein, die deutlich signalisierte, dass er bereit war für ein längeres, ausführliches Gespräch. „Über mich persönlich gibt es wirklich nichts Besonderes oder Lobenswertes zu schreiben“, begann er in bescheidenem Ton. „Bitte schreiben Sie nicht, dass hier bei uns alles wunderbar und perfekt ist, denn hier gibt es tatsächlich eine Vielzahl von Problemen und Schwierigkeiten.

Jeder einzelne Schritt vorwärts in unserem Reformprozess muss durch harte Kämpfe und Auseinandersetzungen erkämpft werden, überall sind wir von Widersprüchen und Konflikten umgeben.“ Ich antwortete: „Genau dieser Aspekt ist es, der mich besonders anzieht und fasziniert.“ „Ein Land ohne echte Demokratie kann nicht erfolgreich sein und wird keinen Fortschritt machen, und wenn die breiten Massen der Bevölkerung kein wirkliches Recht haben, die leitenden Funktionäre zu kontrollieren, zu überwachen und gegebenenfalls abzusetzen, dann gibt es keine wahre Demokratie.

Wir haben in unserem Kadersystem grundlegende und tiefgreifende Reformen durchgeführt und implementiert. In den ausländischen westlichen Ländern können die Massen bei politischen Reden und Versammlungen die Politiker mit faulen Eiern, mit matschigen Tomaten bewerfen, und der Redner hält mit einem schützenden Regenschirm seine Rede trotzdem weiter. Man mag behaupten, ihre Demokratie sei nur oberflächlich und nicht echt, aber dieses System ist durchaus nützlich und effektiv für die Konsolidierung und Aufrechterhaltung der Herrschaft der Bourgeoisie. Wir sollten in China eine echte sozialistische Demokratie praktizieren und verwirklichen. Chinas bürgerlich-demokratische Revolution war historisch gesehen unvollständig und nicht zu Ende geführt. Sun Yatsen wollte tatsächlich eine demokratische Ordnung etablieren, aber er starb viel zu früh und konnte es nicht vollenden. Die chinesische Nation ist zweifellos großartig und hervorragend, aber die Last der Geschichte, die auf ihr lastet, ist einfach zu schwer und drückend.“ An dieser Stelle des Gesprächs kam Huang Hongji herein und unterbrach, um zu sagen: „Ich habe kürzlich die Tochter eines hochrangigen zentralen Führers empfangen und betreut. Sie studiert in den Vereinigten Staaten Betriebswirtschaft und Unternehmensführung. Auch sie äußerte in unserem Gespräch: In Amerika habe sie tiefe Eindrücke gewonnen und empfinde, dass unsere großartige chinesische Nation unter einer viel zu schweren historischen Last und Bürde leidet.

„Die amerikanische Nation“, fuhr Yuan Geng fort, „hat einfach nicht diese einengenden traditionellen Rahmen und Beschränkungen. Ich habe in meinem Vortrag auch davon gesprochen: Ihre ‘Governor’-Zigarettenwerbung hat einen Werbespruch, der lautet ‘Wenn du es willst, dann tu es einfach’. Hongkong konnte diesen Slogan nicht akzeptieren und übersetzte ihn um in ‘Was getan werden sollte, das tue’. Natürlich kann man nicht einfach alles tun, was einem gerade in den Sinn kommt, aber bei uns können wir vieles, was tatsächlich getan werden sollte und müsste, nicht in die Tat umsetzen.“

Anschließend stellte ich ihm Fragen zu seinem persönlichen Lebensweg und seiner Biographie, und er antwortete in knapper, präziser Form, wobei er besonderen Nachdruck legte auf seinen Eintritt in die Partei und die Zeit seiner Inhaftierung während der verheerenden „Kulturrevolution“. Ohne dass wir es merkten, hatten wir bereits fast eine volle Stunde lang intensiv miteinander gesprochen. In diesem Moment trat der stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungskomitees, Wang Jingui, in den Raum, blieb mit einem höflichen Lächeln still an der Tür stehen und bewegte sich nicht. Ich verstand sofort, dass er Yuan Geng zur nächsten Sitzung abholen wollte, und dass unser Gespräch nun zu Ende gehen musste.

Huang Hongji vereinbarte sofort telefonisch einen Termin mit Yuan Gengs Ehefrau, der Genossin Wang Zongqian, die im vornehmen Prinzenhotel wohnte. Wir fuhren unverzüglich dorthin und führten ein etwa einstündiges, sehr aufschlussreiches Gespräch mit der freundlichen, warmherzigen Wang Dajie, der „großen Schwester Wang“. Der Schwerpunkt unseres Gesprächs lag auf Yuan Gengs leidvoller Zeit der Inhaftierung, und über die Verhältnisse und Zustände innerhalb und außerhalb des Gefängnisses wurde mir nun einiges deutlich klarer. Wang Dajie sprach in bedächtigem Tempo, aber mit tiefer innerer Bewegung und Zuneigung:

„Viele Menschen, die eine solche grausame Folter und Qual durchgemacht haben, kamen aus dem Gefängnis heraus und waren völlig gebrochen, erschöpft und zerstört. Aber er nicht, ganz im Gegenteil - sein Tatendrang, sein Elan und seine Energie wurden sogar noch größer und stärker als zuvor.“ Ich dachte innerlich bei mir: Genau das ist der wahre Yuan Geng, so wie ich ihn mir vorgestellt habe! Einige Tage später berichtete Qiao Shengli dem Genossen Chen Yihao: „Direktor Yuan hat meinen Brief gelesen und versprochen, dass er beim nächsten Mal, wenn er aus Hongkong zurückkommt, erneut mit mir sprechen wird.“

Doch schon kurze Zeit später wurde er von dem Genossen Xiang Nan nach Fujian eingeladen und dorthin gerufen.

Am Vormittag des 25. August erhielt ich die erfreuliche Nachricht, dass Yuan Geng nach Shekou zurückgekehrt sei. Ich griff sofort zum Telefon und rief ihn eilig im Prinzenhotel an, um Kontakt aufzunehmen. Doch leider war es bereits zu spät - er musste nach dem Mittagessen wieder nach Hongkong zurückkehren, und sein gesamter Vormittag war bereits vollständig mit Terminen ausgefüllt. Genau während unseres Telefongesprächs musste er den Hörer kurz beiseitelegen und zur Tür gehen, um sie zu öffnen. Er sagte zu mir in freundlichem Ton:

„Wenn Sie noch irgendwelche Fragen haben, dann stellen Sie sie doch einfach hier am Telefon. Das macht überhaupt nichts, denn wir haben keinerlei Geheimnisse zu verbergen.“

Ich war nicht auf ein spontanes Telefoninterview vorbereitet gewesen und konnte nicht alle Fragen sofort vollständig zusammenstellen. Deshalb fragte ich ihn nur nach einigen spezifischen Details und konkreten Zahlen bezüglich seiner Auslandsreise, und er beantwortete jede einzelne Frage ausführlich und geduldig. Dann fragte er mich: „Werden all diese Informationen auch tatsächlich veröffentlicht werden?“ Ich antwortete: „Das ist noch nicht sicher entschieden.“ Er entgegnete gelassen: „Eine Veröffentlichung wäre auch völlig in Ordnung und macht mir nichts aus, denn an jenem Tag haben auch ausländische Gäste und Beobachter meinen Vortrag gehört.“

Ich fragte weiter: „Wäre es für Sie in Ordnung, wenn ich Ihnen später die Korrekturfahnen zusende, damit Sie sie durchsehen können? So könnten wir sicherstellen, dass es keine sachlichen Fehler oder Abweichungen gibt.“ Er antwortete bestimmt: „Das ist absolut nicht notwendig und nicht nötig. Es sollte nicht alles einer vorherigen Zensur und Kontrolle unterworfen werden. Wenn es hier und da kleine Fehler gibt, ist das auch nicht schlimm. Menschen sind nun einmal aus Fleisch und Blut, da sind Fehler einfach unvermeidlich.

Wenn dabei auch mal ein kleiner Skandal oder eine Peinlichkeit entsteht, macht das auch nichts.“ „Gut, ich danke Ihnen vielmals für Ihre Zeit und Offenheit.“ „Ich danke Ihnen ebenfalls.“ Plötzlich erinnerte ich mich an zwei bemerkenswerte Sätze, die Yuan Geng bei einer Gelegenheit gesagt hatte. Einmal führte Yuan Geng persönlich eine Gruppe von Teilnehmern eines Ausbildungskurses für Unternehmensführung durch die Industriezone. Als sie vor dem Eingang der Aluminiumfabrik standen, stellte er den Kursteilnehmern diese Fabrik folgendermaßen vor: Den Bau des Fabrikgebäudes hatten wir an japanische Bauunternehmer vergeben, und 23 japanische Arbeiter hatten es in nur 27 Tagen vollständig fertiggestellt. Selbst als sintflutartiger Regen so heftig niederging, dass man die Augen kaum offenhalten konnte, arbeiteten sie ohne Unterbrechung weiter. Ein Arbeiter stürzte von einer großen Höhe herab und verletzte sich dabei. Sein eigener Bruder lief zu ihm hin, sah kurz nach, stellte fest, dass sein Bruder nicht in Lebensgefahr schwebte, und kehrte dann sofort zu seiner Arbeit zurück, um weiterzuarbeiten.

Yuan Geng sagte damals mit Nachdruck: „Wenn Japan mit einer solchen Arbeitsethik und Disziplin nicht wohlhabend und reich werden würde, dann hätte der Himmel selbst kein Recht und keine Gerechtigkeit! Wenn Chinas Reform mit solcher Entschlossenheit nicht erfolgreich sein sollte und nicht zu Wohlstand führen würde, dann hätte auch der Himmel kein Recht!“ Jetzt möchte ich hinzufügen: Wenn Shekous Reform mit solcher Energie und solchem Engagement nicht erfolgreich sein sollte, dann hätte der Himmel wahrhaftig kein Recht und keine Gerechtigkeit!


Neunter Teil: Die Seele des großen Vogels Dapeng

Der heute 66-jährige Yuan Geng ist eine stattliche, imposante Erscheinung, elegant und gewandt in seinen Bewegungen. Er vereint in sich sowohl die kultivierte Ausstrahlung eines erfahrenen Diplomaten als auch das praktische Geschick eines erfolgreichen Unternehmers und Wirtschaftsmannes. Er besitzt eine natürliche, magnetische Anziehungskraft, die Menschen in seinen Bann zieht. Aber wie kommt dieser außergewöhnliche Mann eigentlich zu uns?

Wenn wir die dichten Schleier und Nebel der Geschichte beiseiteschieben und zurückblicken, dann sehen wir die festen, unerschütterlichen Fußspuren eines heißblütigen, mutigen jungen Mannes, der für seine Ideale kämpfte. Er wurde in dem Dorf Shuiba in der Stadt Dapeng im Kreis Bao’an (das heute zum Longgang-Bezirk der Stadt Shenzhen gehört) geboren. Seine Familie besaß einen fruchtbaren Obstgarten und gehörte damit zu den Familien mit bescheidenem, aber gesichertem Wohlstand in der Gegend. Die wilden, tosenden Wellen der Dapeng-Bucht haben seinen Charakter und sein Temperament tiefgreifend geprägt und geformt.

1935 schloss er erfolgreich die renommierte Guangya-Mittelschule in Kanton ab, und anschließend besuchte er eine Fachschule für Vermessung. Nachdem er für eine kurze Zeit als Landvermesser gearbeitet hatte, trat er in die von Chen Jitang gegründete Yantang-Militärakademie ein. Nachdem Chen Jitang entmachtet worden war, wurde diese Militärakademie zu einer Zweigstelle der nationalistischen Zentralen Militärakademie umgewandelt. In der Militärschule war Yuan Geng ein außerordentlich aktiver und geschickter Fußballtorwart, der sich durch intensives Training einen starken, widerstandsfähigen Körper und eine robuste körperliche Konstitution aufbaute.

Nach seinem Abschluss an der Militärakademie beobachtete er mit wachsender Enttäuschung, wie die Ausbilder, die ständig von Rechtschaffenheit und moralischen Prinzipien redeten, einer nach dem anderen in Korruption und Sittenverfall versanken und angesichts der drohenden Gefahr für die chinesische Nation völlig gleichgültig und apathisch blieben. Voller Empörung und Zorn kehrte er in seine Heimatstadt Dapeng zurück, übernahm dort die Position des Direktors der Ersten Grundschule und war gleichzeitig als Ausbilder für die örtliche Selbstverteidigungstruppe tätig.

Die Schule wurde von der Nationalistischen Partei (Kuomintang) betrieben und verwaltet, während die Selbstverteidigungstruppe von Deng Yandas sogenannter Dritter Partei organisiert worden war. Aber sowohl in der Schule als auch in der Selbstverteidigungstruppe gab es kommunistische Untergrund-Parteimitglieder, die im Geheimen aktiv waren. Der in Uniform gekleidete und mit einem Säbel bewaffnete Yuan Geng, der in seine Heimat zurückgekehrt war, stellte in der lokalen Gemeinschaft eine wichtige und einflussreiche Persönlichkeit dar. Alle drei konkurrierenden politischen Kräfte schenkten ihm

große Aufmerksamkeit und betrachteten ihn als potenziell wichtigen Verbündeten. Der kommunistische Untergrund-Kreisparteisekretär Wang Wen zog sogar zu ihm und lebte mit ihm unter einem Dach, um ihn persönlich und aus nächster Nähe beobachten und einschätzen zu können. Die Herzen von wahren Revolutionären und aufrichtigen Patrioten finden immer zueinander und verstehen sich. Yuan Geng freundete sich sehr schnell mit den kommunistischen Untergrund-Parteimitgliedern Wang Wen, Zhong Wen und Lai Zhongyuan an und entwickelte auch eine enge Beziehung zu dem Lehrer Wang Bai, der von der Parteiorganisation sorgfältig aufgebaut und gefördert wurde. Ob es um die Organisation von Abendschulen für Erwachsene ging, um Theateraufführungen oder um welche Aktivitäten auch immer, die der Propaganda gegen die japanische Invasion dienten - Yuan Geng beteiligte sich stets aktiv und mit großem Engagement. Bei einer Gelegenheit führten sie das bekannte Theaterstück „Leg deine Peitsche nieder“ auf. Wang Bai spielte die Rolle der singenden Tochter, Yuan Geng verkörperte den mutigen jungen Mann, der den Vater daran hindert, seine Tochter zu schlagen. Als er mit voller Leidenschaft „Leg deine Peitsche nieder!“ rief, ging er so vollständig in seiner Rolle auf und vergaß völlig, dass er nur Theater spielte. Viele Zuschauer im Publikum waren ebenfalls so mitgerissen, dass sie mit ihm zusammen nach vorne auf die Bühne stürmten...

Am 27. März des Jahres 1939 trat Yuan Geng auf Empfehlung der beiden Genossen Wang Wen und Zhong Wen der Kommunistischen Partei Chinas bei. Von diesem bedeutsamen Tag an hat er nicht einen einzigen Tag lang den glorreichen und ehrenvollen Titel eines Mitglieds der Kommunistischen Partei Chinas in irgendeiner Weise enttäuscht oder beschmutzt.

In jener Zeit existierte in der Region eine fortschrittliche, progressive Publikation mit dem bedeutungsvollen Namen „Die Seele des großen Vogels Dapeng“. Yuan Geng veröffentlichte in dieser Zeitschrift eine satirische Karikatur, die die Nationalistische Partei (Kuomintang) scharf kritisierte und angriff. Dies verletzte die lokale Kreisparteibehörde der Kuomintang tief, und seine persönliche Situation wurde zunehmend gefährdet und prekär. Die Parteiorganisation verlegte ihn deshalb im Winter des Jahres 1939 zur Sicherheit zu der von der Partei geführten Anti-Japanischen Guerillaeinheit. Von diesem Zeitpunkt an begann seine ruhmreiche militärische Kampfkarriere bei der berühmten Dongjiang-Kolonne. Der Sohn der Dapeng-Bucht breitete seine Flügel aus und flog wie der legendäre mythische Riesenvogel Dapeng hoch in den Himmel empor.

Während des langen Anti-Japanischen Widerstandskrieges entsandten die Vereinigten Staaten von Amerika als verbündete Macht jeweils eine militärische Beobachtergruppe sowohl nach Yan’an als auch zur Dongjiang-Kolonne. Yuan Geng, der die wichtige Position des Leiters der Dongjiang-Verbindungsstelle innehatte, pflegte regelmäßigen und intensiven Kontakt mit der amerikanischen Beobachtergruppe bei der Dongjiang-Kolonne. Gemäß den klaren Anweisungen des Zentralkomitees der Partei tauschte die Dongjiang-Kolonne mit der amerikanischen Beobachtergruppe wertvolle Informationen und Geheimdienstberichte über die japanischen Militäreinheiten in Südchina aus, was eine aktive und konstruktive Rolle im gemeinsamen Kampf zum erfolgreichen Bekämpfen des japanischen Imperialismus spielte.

Als die japanischen Invasoren schließlich kapitulierten und sich ergaben, befanden sich die britischen Streitkräfte noch weit entfernt in Burma. Ein einzelner Marinekonteradmiral erreichte mit nur einem einzigen Bataillon Soldaten per Flugzeugträger die Stadt Hongkong. Seine militärischen Kräfte waren bei Weitem nicht ausreichend, um die öffentliche Ordnung und Sicherheit aufrechtzuerhalten, daher bat er die Hongkong-Kowloon-Brigade der Dongjiang-Kolonne dringend, nicht abzuziehen und weiterhin präsent zu bleiben. Die Dongjiang-Kolonne erbat Anweisungen vom Zentralkomitee, und das Zentralkomitee antwortete per Telegramm: Um den Bürgerkriegsplänen und -intrigen der Nationalistischen Partei wirksam entgegenzutreten, sollten sie die Region Hongkong-Kowloon entschlossen und vollständig räumen; gleichzeitig forderte das Zentralkomitee aber, in Hongkong eine Verbindungsstelle einzurichten. Die Dongjiang-Kolonne entsandte Yuan Geng nach Hongkong, um dort zu verhandeln. Yuan Geng erfüllte diese wichtige und heikle Mission mit Würde und Kompetenz und führte sie zu einem erfolgreichen Abschluss. Er wurde zum ersten Leiter des Hongkonger Verbindungsbüros ernannt, welches später zum Vorläufer der heutigen Xinhua-Nachrichtenagentur-Niederlassung in Hongkong wurde. Wer hätte damals auch nur im Traum daran gedacht, dass der Weg der Geschichte so verschlungen, verdreht und unvorhersehbar verlaufen würde - dass mehr als zwanzig Jahre später diese glorreichen Verdienste und Leistungen plötzlich in angebliche schwere „Verbrechen“ umgedeutet und verdreht werden würden.


Zehnter Teil: Das berüchtigte Qincheng-Gefängnis

Am 6. April des Jahres 1968 verließ Yuan Geng bereits in den frühen Morgenstunden sein Zuhause im Stadtteil Xiyuan, um zu seiner Dienststelle zu fahren und seiner Arbeit nachzugehen. Anfang April herrschte in Peking noch beißende Frühlingskälte, mit schneidendem Wind und aufgewirbeltem Sand. Überall in der Stadt klebten aggressive, mörderisch formulierte Dazibao-Wandzeitungen, die eine düstere, bedrohliche Atmosphäre schufen und Yuan Geng äußerst bedrückt und niedergeschlagen machten. Er hatte gerade erst die anstrengende Arbeit im Zusammenhang mit der Betreuung und dem Transport indonesischer Überseechinesen-Flüchtlinge abgeschlossen und war zu einem vorläufigen Abschluss gekommen. Er hatte noch keine Zeit gehabt, auch nur einmal tief durchzuatmen und sich zu erholen, als er schon wieder zur regulären Arbeit zurückkehren musste. In der letzten Zeit hatte er immer wieder beunruhigende Nachrichten gehört, dass alte Kampfgefährten von der Dongjiang-Kolonne ihre Freiheit verloren hatten oder spurlos verschwunden und verschollen waren. Inmitten all seiner Empörung und seines Zorns bewahrte er dennoch äußerlich Ruhe und Besonnenheit.

Kurz nachdem er in seinem Büro angekommen war, kam jemand und überbrachte ihm eine Nachricht: „Der Minister hat etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen.“ Er öffnete die Tür zum Büro des Ministers und sah, dass außer dem Minister selbst noch zwei Angehörige der öffentlichen Sicherheitsbehörde anwesend waren. Jener Minister, dessen Name häufig und regelmäßig in den Zeitungen erschien, hatte ein Gesicht, das starr und ausdruckslos wie eine hölzerne Schnitzfigur wirkte.

„Yuan Geng“, verkündete der Minister in kaltem, sachlichem Ton, „Sie sind hiermit verhaftet!“

Am Nachmittag desselben Tages wurde in der Behörde eine große Versammlung aller Mitarbeiter einberufen. Der Minister verkündete vor der versammelten Belegschaft: „Yuan Geng ist ein amerikanischer Spion und Geheimagent, er ist in Übereinstimmung mit dem Gesetz rechtmäßig verhaftet worden.“ Yuan Gengs gute Freunde und unmittelbare Nachbarn, Liu Yamin und Liu Danyi, die in den 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts gemeinsam mit ihm als Konsuln im Generalkonsulat in Jakarta, Indonesien, gedient hatten, tauschten untereinander traurige und empörte Blicke voller Verzweiflung aus. Die Erinnerung daran, wie Yuan Geng und sie im Jahr 1954 gemeinsam die historische Bandung-Konferenz schützten und die Sicherheit von Ministerpräsident Zhou Enlai gewährleisteten, war noch kristallklar und lebendig in ihren Köpfen präsent. Damals war Yuan Geng unermüdlich zwischen Jakarta und Bandung hin- und hergereist, hatte sich intensiv in der lokalen Überseechinesen-Gemeinschaft bewegt und engagiert. Seine Augen waren rot vor Übermüdung geworden, er war sichtbar dünner und ausgezehrter geworden. Eine solch aufrichtige, glühende Treue und Ergebenheit führte nun zu einem derart schrecklichen und ungerechten Ende. Wo war denn nun die Gerechtigkeit des Himmels, wo war die göttliche Gerechtigkeit?!

Zur exakt gleichen Zeit wurde die Genossin Wang Zongqian aus ihrem Büro unter Bewachung nach Hause gebracht und eskortiert. Man befahl ihr in harschem Ton, sämtliche Schlüssel auszuhändigen und abzugeben, und dann begann eine gründliche Hausdurchsuchung. Schränke und Kommoden wurden durchwühlt und auf den Kopf gestellt, die Durchsuchung dauerte vom Nachmittag bis zum Einbruch der Dunkelheit. Danach wurde sie wieder unter Bewachung zur Behörde zurückgebracht, um auch ihren Schreibtisch dort zu durchsuchen. Als sie das Haus verließ, stellte sie entsetzt fest, dass ihre drei Kinder vor der Haustür ausgesperrt worden waren und nicht ins Haus durften. Auch die linken und rechten Nachbarn wagten es nicht, die Kinder aufzunehmen und ihnen Unterschlupf zu gewähren. Die Kinder standen draußen und weinten bittere Tränen...

Von diesem Tag an verschwand Yuan Geng vollständig aus dem Leben und aus der Öffentlichkeit. Wang Zongqian wusste überhaupt nicht, wo er festgehalten wurde, sie wusste nicht einmal, ob er noch am Leben oder bereits tot war. Egal wo sie nachfragte und Erkundigungen einholte, überall hieß es nur, man wisse nichts, man habe keine Informationen. Im Jahr 1969 ging Wang Zongqian zusammen mit ihrer Behörde in die sogenannte Kaderschule, die in der Stadt Zoucheng in der Provinz Shandong eingerichtet worden war. Die Kinder mussten in Peking bei ihrer Großmutter zurückbleiben. Obwohl Wang Zongqian offiziell auch als „Kaderschülerin“ galt, durfte sie als „Familienangehörige eines Konterrevolutionären“ nur die allerschmutzigsten und körperlich anstrengendsten Arbeiten verrichten, wie zum Beispiel menschliche Fäkalien aus Toilettengruben zu schöpfen oder die öffentlichen Toiletten zu putzen und zu reinigen. Ihre linke Schulter litt unter einer schmerzhaften Periarthritis, die Schmerzen waren so stark, dass sie ihren Arm kaum noch heben konnte. Der Arzt empfahl dringend, nach Peking zurückzukehren, um sich dort behandeln zu lassen, aber die Leitung der Kaderschule verweigerte die Erlaubnis kategorisch. Erst im Frühsommer des Jahres 1972, als ihr ältester Sohn Zhongyin kurz davor stand, aufs Land geschickt zu werden, um dort als Jugendlicher bei den Bauern zu arbeiten, wurde ihr endlich gestattet, Urlaub zu nehmen und nach Hause zu fahren, um für ihren Sohn die Kleidung zu waschen und sein Gepäck für die lange Reise vorzubereiten.

Im Juli des Jahres 1972, nachdem Yuan Geng bereits vier Jahre und drei Monate lang inhaftiert gewesen war, benachrichtigte plötzlich und völlig unerwartet jemand Wang Zongqian, dass sie ins berüchtigte Qincheng-Gefängnis kommen solle, um ihren Mann dort zu besuchen. „Er lebt noch, er lebt noch!“ Dieser eine überwältigende Gedanke füllte Wang Zongqians Herz und ihre Seele vollständig aus und ließ keinen Raum für andere Empfindungen. Mit schmerzlicher Bestürzung stellte Wang Zongqian bei diesem Besuch fest, dass Yuan Geng große Schwierigkeiten beim Gehen hatte, dass seine Stimme sich stark verändert hatte und klang, und dass er überhaupt nicht mehr wusste, welches Jahr oder welcher Monat gerade war! Der Grund dafür war, dass im Gefängnis Tag und Nacht ununterbrochen die Lichter brannten, sodass die Gefangenen den Wechsel zwischen Tag und Nacht nicht mehr klar unterscheiden oder sich merken konnten und vollständig ihr Zeitgefühl verloren hatten. Beim Schlafen war es nur erlaubt, mit dem Gesicht nach außen zu liegen, ein Bein musste immer unten sein und wurde dadurch über lange Zeit zusammengedrückt, was zu Muskelschwund und Atrophie führte. Weil er über lange Zeit nicht sprechen durfte, waren seine Stimmbänder heiser

geworden und hatten ihre normale Funktion teilweise verloren. Ich hatte einmal gehört, dass Yuan Geng während seiner Jahre im Gefängnis überhaupt nichts Lebendiges zu sehen bekam, außer bei den seltenen Hofgängen, wenn er im Innenhof an der Mauer ein paar Grashalme wachsen sah. Als ich ihn fragte, ob das tatsächlich so gewesen sei, antwortete er: „Nein, da waren auch noch Ameisen. Ich habe mich sehr intensiv mit Ameisen beschäftigt und kenne mich mittlerweile gut mit ihnen aus.“

Dieser eine scheinbar leichthin dahingesagte Satz enthält und verbirgt in sich eine unermessliche Schwere, eine unbeschreibliche Last an Leid! Nachdem Wang Zongqian Yuan Geng im Gefängnis getroffen und gesehen hatte, setzte sie alle ihre Kräfte daran, ihn zu retten und ihm zu helfen. „Bevor ich ihn nicht gesehen hatte, wusste ich überhaupt nicht, ob er noch lebte oder bereits tot war. Aber jetzt, da ich endlich weiß, dass er noch am Leben ist, habe ich ständig Angst, dass er sterben könnte! Solange das Problem nicht aufgeklärt und gelöst ist - wenn er stirbt, werden die Kinder alle gezwungen sein, diese schwarze Last auf ihren Schultern zu tragen! Er war in einem Raum im oberen Stockwerk untergebracht und musste für den täglichen Hofgang in den Innenhof im Erdgeschoss hinuntergehen. Das Auf- und Absteigen der Treppen war für ihn äußerst mühsam und beschwerlich. Ich ging zur zentralen Beschwerde- und Empfangsstelle, um dort vorzusprechen, und bat darum, dass er in ein Zimmer im Erdgeschoss verlegt werden möge. Diese bescheidene Bitte wurde tatsächlich angenommen und bewilligt.“

Yuan Geng wurde in ein Zimmer im Erdgeschoss verlegt. Dort entdeckte er unter der Strohmatte ein kleines Büschel grau-weißer menschlicher Haare. Er schloss daraus und urteilte, dass hier zuvor eine weibliche Genossin festgehalten worden sein musste, die über fünfzig Jahre alt gewesen war. Später, bei einem offiziellen Bankett, erwähnte er diese Begebenheit zufällig im Gespräch mit der Genossin Wang Guangmei. Wang Guangmei bestätigte sofort: „Das stimmt absolut, das war genau das Zimmer, in dem ich selbst inhaftiert war.“

Yuan Geng wurde am dreißigsten September des Jahres 1973 aus dem Gefängnis entlassen, nachdem er exakt fünfeinhalb Jahre lang eingesperrt gewesen war.

Während seiner Zeit in der Haft war es so gewesen, dass immer wenn er sich im Schlaf umdrehte oder seine Schlafposition veränderte, sofort ein Wächter von außen laut an die Tür klopfte. In der Nacht riss das plötzliche Klopfen an der Tür die Menschen häufig aus dem Schlaf. Als Yuan Geng nach Hause zurückgekehrt war und gerade erst eingeschlafen war, schreckte er jedes Mal plötzlich auf und erwachte in Panik. Das war echte, tiefgreifende Angst und Panik, ein Trauma, das tief in seiner Seele saß. Erst nach einem halben Jahr verschwand diese psychische Herzkrankheit und Angststörung allmählich und löste sich langsam auf. Aber die normale Funktion des verkümmerten und atrophierten Beines wiederherzustellen, dauerte noch erheblich länger. Jeden einzelnen Tag stützte Wang Zongqian ihren Mann Yuan Geng liebevoll, und sie gingen zusammen Schritt für Schritt, zunächst ganz langsam, dann immer weitere Strecken, dann immer schneller. Sie übten ein ganzes Jahr lang täglich, bis beide Beine endlich wieder ausgeglichen und gleichmäßig funktionierten.

Noch trauriger und erschütternder war das Schicksal anderer Menschen: Manche Gefangene waren gezwungen gewesen, jahrelang in ihrer Gefängniszelle ununterbrochen im Kreis herumzulaufen. Als sie aus dem Gefängnis herauskamen, hatten sie völlig verlernt, in einer geraden Linie zu gehen, sie drehten sich ständig automatisch im Kreis und konnten nicht einmal mehr sicher eine Straße überqueren. Mensch, oh Mensch! Wo war die menschliche Würde geblieben, was war aus ihr geworden! Nach mehr als einem Jahr der sorgfältigen Erholung, Rehabilitation und medizinischen Behandlung wurde Yuan Geng im Jahr 1975 dem Verkehrsministerium zugeteilt und übernahm dort die Position des stellvertretenden Leiters der Abteilung für Auswärtige Angelegenheiten. Kaum hatte er seine Arbeit wieder aufgenommen, wurde Yuan Gengs Geist und sein Kopf genauso aktiv und beweglich wie sein gerade erst wiederhergestellter und rehabilitierter Körper. Bevor er seine Arbeit wieder aufgenommen hatte, fuhr Yuan Geng mit dem Fahrrad in die Stadt, und er hatte ständig das Gefühl, dass die an ihm vorbeifahrenden Privatwagen sich viel zu herrisch und rücksichtslos verhielten. Er dachte bei sich: „Können die denn nicht etwas langsamer fahren?!“ Nachdem er seine Arbeit wieder aufgenommen hatte, saß er nun selbst in einem Dienstwagen, und manchmal hatte er das Gefühl, dass die Fahrradfahrer am Straßenrand im Weg waren und störten. Er dachte dann: „Können die nicht näher am Straßenrand fahren?!“ Sehr schnell wurde ihm dieser subtile, aber bedeutsame psychologische Wandel in seiner Einstellung bewusst, und er warnte sich innerlich und sagte zu sich selbst: „Du darfst es auf keinen Fall zulassen, dass dein Hinterteil deinen Kopf kommandiert und lenkt!“

Diese Maxime und dieser Grundsatz wurden über viele Jahre hinweg zu einem seiner festen Glaubenssätze und Lebensprinzipien.


Elfter Teil. Die allererste Lektion in Hongkong

Im Jahr 1978 wurde Yuan Geng, der den größten Teil seines Lebens in militärischen und diplomatischen Bereichen gearbeitet hatte, im Alter von bereits über sechzig Jahren in ein völlig neues Gebiet versetzt und begann, sich mit wirtschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Er wurde nach Hongkong entsandt, um dort bei der traditionsreichen China Merchants Group die Position des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden zu übernehmen.

Die China Merchants Group ist eine historische Institution, die im Jahr 1872 von Li Hongzhang, dem damaligen Großminister für die nördlichen Ozeanangelegenheiten der Qing-Dynastie, gegründet worden war. Am 15. Januar 1950 revoltierten 13 Schiffe der Hongkonger Zweigstelle der China Merchants Group heroisch und kehrten in die Umarmung des Mutterlandes zurück. Von diesem bedeutsamen Tag an wurde die China Merchants Group zur offiziellen Vertretung des Verkehrsministeriums in Hongkong. Die aufeinanderfolgenden Minister des Verkehrsministeriums übernahmen traditionell gleichzeitig auch die Position des Vorstandsvorsitzenden der Hongkonger China Merchants Group, sodass der stellvertretende Vorstandsvorsitzende faktisch und in der Praxis der tatsächlich verantwortliche Leiter war. Wenn man von Li Hongzhang an zu zählen beginnt, war Yuan Geng bereits der 29. in dieser ehrwürdigen Reihe.

Die Hongkonger China Merchants Group hatte unter dem schädlichen Einfluss extrem linker ideologischer Strömungen und Denkweisen gelitten. Ihr Geschäftsbereich war einseitig und beschränkt, sie hielt sich ängstlich in ihrer kleinen Ecke zurück, und über mehrere Jahrzehnte hinweg hatte es praktisch keine nennenswerte Entwicklung oder Expansion gegeben. Als Yuan Geng sein Amt antrat, begann er gemäß der vom Zentralkomitee festgelegten strategischen Richtlinie - „mit der Schifffahrt als Zentrum, gestützt auf Hongkong und Macao, mit dem Festland als Hinterland, dem Ausland zugewandt, vielfältiges und diversifiziertes Geschäft betreibend, Industrie und Handel kombinierend, Kauf und Verkauf vereinend“ - mit eiserner Hand und unerschütterlicher Entschlossenheit eine umfassende, grundlegende Neuordnung durchzuführen.

Yuan Geng sagte in seiner Rede auf einer Wirtschaftskonferenz der teilweise geöffneten Küstenstädte:

„Meine allererste Lektion in Hongkong bestand darin, dass ich ein großes Bürogebäude kaufte, und zwar zu einem außerordentlich günstigen Preis - wir zahlten nur 61.800.000 Hongkong-Dollar. Bei der ersten Anzahlung ging es um einen Scheck über 20 Millionen. Das war an einem Freitag, und wir hatten vereinbart, dass die Übergabe am Nachmittag um 14 Uhr in der Kanzlei eines Rechtsanwalts stattfinden sollte, wo beide Seiten gleichzeitig Geld gegen Ware austauschen würden. Wir stellten einen Scheck über 20 Millionen aus und gingen damit zur Anwaltskanzlei. Die Verkäuferseite erschien ebenfalls mit mehreren Personen. Unten vor dem Gebäude standen mehrere Autos mit laufenden Motoren bereit. Als wir nach oben kamen, tauschten alle Beteiligten gleichzeitig die Dokumente und das Geld aus und unterschrieben die Verträge. Nachdem die Unterschriften geleistet waren, nahmen zwei Personen von der Gegenseite den Scheck fest zwischen sich eingeklemmt und eilten sofort nach unten. Ein Geschäftsführer blieb zurück, um mit uns die nachfolgenden Details und Angelegenheiten zu regeln. Dieser Scheck wurde mit dem Auto auf dem schnellstmöglichen Weg sofort zur Bank gefahren. Denn am nächsten Tag war Samstag, und die Banken waren geschlossen, am Sonntag ebenfalls. Falls sie am Freitagnachmittag vor 15 Uhr den Scheck nicht zur Bank gebracht hätten, hätten sie die Zinsen für drei ganze Tage auf diese 20 Millionen verloren. Deshalb bestanden sie so nachdrücklich darauf, den Scheck pünktlich zu erhalten. Unser Finanzverantwortlicher kam zurück und berichtete uns, dass die Szene dort wirklich sehr eindrucksvoll und bewegend gewesen sei. Natürlich konnten wir uns auch mit geschlossenen Augen sehr gut vorstellen, warum diese kapitalistischen Geschäftsleute die Zinsen auf 20 Millionen für drei Tage so außerordentlich wichtig nahmen und schätzten. Zu jener Zeit betrug der variable Zinssatz 14 Prozent, für drei Tage machte das mehrere 10.000 Dollar aus. Wären wir Kollegen vom Festland gewesen, hätte das niemanden gekümmert. Der Scheck wäre einfach mit nach Hause genommen worden. Da gab es überhaupt kein Bewusstsein für so etwas! Das war meine allererste Lektion in Hongkong. Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich damals völlig ahnungslos war und von nichts eine Ahnung hatte. Ich bin erst vor etwas mehr als fünf Jahren zum ersten Mal mit wirtschaftlicher Arbeit in Berührung gekommen. Aber gleich zu Beginn entdeckte ich: Die wirtschaftliche Arbeit in China hat wirklich sehr, sehr viele Probleme! Die China Merchants Group hat zahlreiche Tochtergesellschaften. Als ich eine Überprüfung durchführte, stellte ich fest, dass Schecks über Nacht zu Hause aufbewahrt wurden, und das kümmerte absolut niemanden, das war völlig normal. Sehr schnell tauschte ich den verantwortlichen Finanzmann aus und holte einen Absolventen der Ostchinesischen Finanzuniversität. Ich erklärte ihm ausführlich diese Prinzipien und Zusammenhänge, und innerhalb nur einer Woche konnte er es vollständig akzeptieren und verstehen. Er sagte, dass Finanzmanagement hier in Hongkong und Finanzmanagement auf dem Festland zwei völlig verschiedene Dinge seien. Er begann sofort mit umfassenden Ordnungsmaßnahmen. Nach dieser grundlegenden Neuordnung begannen die finanziellen Mittel reichlich zu fließen und hereinzuströmen. ... Dieses Sprichwort ‘Zeit ist Geld’ ist wirklich nicht ohne tieferen Grund und Sinn. Jetzt beschimpfen mich viele Leute deswegen, aber tatsächlich ist dieser Satz überhaupt nicht meine eigene Erfindung oder Kreation. China hat schon sehr früh gesagt: ‘Eine Stunde Zeit ist ein Stück Gold’ - das ist noch viel drastischer formuliert als bei mir, denn es besagt, dass Zeit wertvoller und wichtiger ist als Geld!“

Als die China Merchants Group endlich auf dem richtigen Kurs war und gut lief, begann Yuan Geng bereits über die nächsten Schritte der weiteren Entwicklung und Expansion nachzudenken. Anfang 1979 reiste er zusammen mit relevanten Kollegen und Mitarbeitern mit detaillierten Plänen für die Entwicklung der Industriezone in Shekou nach Peking, um den leitenden Genossen Li Xiannian und Gu Mu persönlich Bericht zu erstatten. Diese zeigten großes Interesse an dem Projekt und stimmten zu, die gesamte Nanshan-Halbinsel der Industriezone zuzuteilen. Aber Yuan Geng hatte nicht den Mut, ein so großes Gebiet zu übernehmen, er wollte nur bescheidene 2,14 Quadratkilometer. Als der Genosse Li Xiannian seinen Füller in die Hand nahm, um auf ihrem Bericht seine Unterschrift zu leisten, sagte Yuan Geng innerlich still zu sich selbst: „Genosse Xiannian, bitte unterschreiben Sie! Mit diesem einen Federstrich, den Sie jetzt setzen, werden Sie den Kindern und Kindeskindern, den zukünftigen Generationen der chinesischen Nation, großen Segen und Wohlstand bringen!“


Zwölfter Teil: Frische, Lebendigkeit und neue Vitalität

Im August 1984 wurde die allererste Ausstellung für Kalligraphie und Malerei der Shekou-Industriezone mit großem Erfolg eröffnet. Als die Besucher die geräumige Ausstellungshalle betraten, sahen sie unmittelbar vor sich einen kunstvoll gestalteten Paravent-Wandschirm. Genau in der Mitte hing ein Werk in schwungvoller Grasschrift-Kalligraphie, dessen kraftvolle und fließende Pinselführung sofort die Aufmerksamkeit auf sich zog. Wenn man dann den tatsächlichen Inhalt genauer betrachtete, war dieser noch außergewöhnlicher und beeindruckender in seinem Geist und seiner Großartigkeit. Dies war ein Werk des vielseitig talentierten und künstlerisch begabten Yuan Geng. Ich konnte einfach nicht widerstehen, zog mein Notizbuch hervor und schrieb den gesamten Text sorgfältig ab.


Den Mikrowellenturm besteigen

Oben auf dem Mikrowellenturm, nach dem ersten Aufklaren des Himmels, taucht das Wasser den gesamten Himmel in reines, klares Blau. Der Blick schweift in die Ferne, das gesamte Universum erscheint klein, die ausgestreckte Hand könnte die Milchstraße greifen und pflücken. Adler gleiten über schwebende Wolken hinweg, Möwen wenden sich in wütenden, schäumenden Wellen, was gibt es da zu fürchten vor Wind und donnerndem Unwetter? Den Himmel hochheben, die Erde enthüllen - so zeigt sich der wahre Mut und die Einsicht echter Männer. Der Wutong-Berg grüßt ehrfurchtsvoll die umliegenden Gipfel, sie erscheinen wie spielende Drachen, die direkt nach Tuen Mun im Nordwesten rollen. Der rauschende, tosende Perlfluss strömt südwärts ins weite Meer, bespritzt und übergießt die Lingding-Bucht mit lebendigen Frühlingsfarben. Fabrikhallen reihen sich dicht wie Fischschuppen aneinander, Segelmasten stehen in Reihen aufgestellt, als hätte die göttliche Schlange mächtige Flügel erhalten. China erhebt sich und steigt empor, Helden und außergewöhnliche Talente treten in großer Zahl hervor.

Die Zeit war Jiazi im zyklischen Kalender, die Saison entsprach dem Qingming-Fest. Nach dem Besuch des Marktes bestieg ich den Shekou-Mikrowellenturm und empfand ein Gefühl tiefer Frische und Erneuerung. Als die Inspiration kam, füllte ich spontan die klassische lyrische Form [Nian Nu Jiao]. Ob die metrischen Regeln und Gesetze korrekt eingehalten sind, darum kümmere ich mich nicht besonders, wichtig ist mir der Sinn und die Bedeutung.

Yuan Geng aus Bao’an


Ich schenkte besondere Aufmerksamkeit den vier Schriftzeichen „Gefühl tiefer Frische“. Yuan Geng hatte auch in seinem Brief an Liu Da, den Präsidenten der renommierten Tsinghua-Universität, geschrieben:

„Jedes Mal, wenn ich den Mikrowellenturm besteige, habe ich dieses Gefühl von Frische und Erneuerung.“ Man kann deutlich erkennen, dass der Ausdruck „Gefühl der Frische“ keineswegs zufällig oder beliebig gewählt war. Ich teile diese Empfindung vollständig. Nach mehr als fünf Jahren intensiven Aufbaus und sorgfältiger Entwicklung ist Shekou zu einer neu geschaffenen, modernen Hafenstadt herangewachsen und gereift. Die Industriezone hat natürlich die Industrie als ihre Hauptaufgabe und ihren Schwerpunkt. Von den 98 eingeführten Projekten haben bereits 25 den Betrieb aufgenommen und produzieren aktiv. Dutzende von Fabriken, mehrere 100 Wohngebäude, elegante Gartenvillen am Strand - all dies ist auf dem einst öden, verlassenen Küstenstreifen wie aus dem Boden emporgestiegen. „Fabrikhallen reihen sich dicht wie Fischschuppen, Segelmasten stehen in Reihen“ - das ist eine völlig realistische Beschreibung ohne auch nur die geringste Übertreibung oder poetische Ausschmückung. Das siebenstöckige Verwaltungsgebäude des Verwaltungskomitees der Industriezone grenzt unmittelbar an den Wuwan-Hafen. Zahlreiche ausländische Ölgesellschaften und große Finanzkonzerne haben hier ihre Repräsentanzbüros eingerichtet. Schnelle Tragflügelboote verkehren regelmäßig zwischen Shekou und Hongkong hin und her. Vor dem Eingang des Gebäudes sprudelt und spritzt ein löwenzahnförmiger, runder Springbrunnen wie fliegende Perlen und sprühende Jade. Hinter dem Gebäude, auf dem Gipfel des Hügels, steht das eingeführte Mikrowellen-Kommunikationsgebäude, das dem fortgeschrittenen technischen Niveau der 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts entspricht. Wenn man diesen Turm besteigt und in alle vier Himmelsrichtungen blickt, kann man die gesamte Industriezone mit einem Blick erfassen und überblicken. Kein Wunder, dass dies einer von Yuan Gengs absoluten Lieblingsorten ist, den er besonders schätzt.

In der Mitte der Küstenlinie der Wuwan-Bucht liegt vor Anker das prächtige Minghua-Schiff. Auf diesem Schiff hat der Genosse Deng Xiaoping persönlich mit seiner eigenen Kalligraphie die vier Schriftzeichen „Welt der Meere“ geschrieben und dem Schiff verliehen. Dieser luxuriöse und prachtvolle große Passagierdampfer wurde im Jahr 1962 in Frankreich gebaut. Später wurde er von der Kanton-Hochsee-Reederei erworben und gekauft. Während 21 Jahren kreuzte und reiste er unermüdlich über die Weltmeere, besuchte Dutzende von Hafenstädten in verschiedensten Ländern. Jetzt ist er außer Dienst gestellt und in den Ruhestand getreten, und das alte, aber gleichzeitig ewig junge Shekou ist zu seinem endgültigen Bestimmungsort und seiner Heimat geworden. Obwohl es nicht mehr auf den Meeren fährt und navigiert, hat es nichts von seiner eleganten Ausstrahlung und Anmut verloren. Mit seinen komfortablen Gästezimmern, exzellenten Restaurants, eleganten Tanzsälen, vielfältigen Geschäften und unterhaltsamen Vergnügungsparks zieht es Tausende und Abertausende von Besuchern und Touristen an. Wenn die Nacht hereinbricht, erstrahlt es in hellem Licht, Feuerwerk steigt in den Himmel empor - es gleicht wahrhaftig einem prächtigen Palast auf dem Meer. Als Yuan Geng im vergangenen Jahr die Entscheidung traf, drei Mio. Yuan für den Kauf dieses Schiffes auszugeben, erhob sich eine Welle von Widerstand und ablehnenden Stimmen. Jetzt jedoch beweisen die Tatsachen und die Realität eindeutig, dass es Shekou eine außergewöhnliche und einzigartige Attraktion hinzugefügt hat. Wieder einmal lag Yuan Geng richtig.

Am Abend gehe ich gerne am Meerufer spazieren und lasse meine Gedanken schweifen. Ich setze mich auf die Brüstung aus poliertem Granit, betrachte die leuchtenden Lichter auf beiden Ufern, lausche dem Rauschen der unzähligen Wellen. Geschichte und Gegenwart kreuzen sich in meinem Kopf, überlagern und verschmelzen miteinander wie übereinandergelegte Bilder. Mein Herz ist ebenso unruhig und bewegt wie das große, weite Meer vor mir. Nicht weit westlich von hier befindet sich das berühmte Lingding-Meer, die Mündung des mächtigen Perlflusses. Die Stimme des großen Patrioten Wen Tianxiang, der bitter seine schmerzlichen Verse „Im Lingding-Meer klage ich über mein einsames, verlassenes Schicksal“ rezitierte, und die Stimme von Lu Xiufu, der mit dem jungen Song-Kaiser auf dem Rücken entschlossen ins tosende Meer sprang, scheinen aus der tiefen historischen Vergangenheit zu mir herüberzuklingen. Die alte, von Rost überzogene Kanone auf der linken Festung der Chiwan-Küste ist ein noch deutlicheres, greifbareres Zeugnis dieser bewegten Geschichte. Vor 144 Jahren feuerte sie mutig und tapfer ihre Geschosse gegen die übermächtige Flotte des britischen Empire ab, das sich für unbesiegbar hielt. Damit öffnete sie den Vorhang und läutete den Beginn des verheerenden Opiumkrieges ein. Aber obwohl diese Kanone den Hochmut und die Arroganz der Piratenschiffe treffen und dämpfen konnte, vermochte sie doch nicht die tiefe Fäulnis und Verrottung der Qing-Dynastie wegzuschießen. Sie wurde zusammen mit dem großen Patrioten Lin Zexu verraten und im Stich gelassen. Blumen öffnen ihre Blüten und verwelken wieder, die Gezeiten steigen und fallen in ihrem ewigen Rhythmus. 100 Jahre vergingen Schritt für Schritt, bis endlich das revolutionäre und alles umwälzende Jahr 1949 anbrach. Der Kommandeur des Artillerieregiments der Chinesischen Volksbefreiungsarmee, Yuan Geng, befehligte seine tapferen Artilleriesoldaten, erschütterte und erschreckte die feindlichen Truppen zutiefst, befreite mit einem entscheidenden Schlag dieses kostbare Stück Land und die Dazhan-Insel im Lingding-Meer. Aber wer hätte je gedacht oder auch nur geahnt, dass 30 Jahre historischer Umwege, Irrwege und vergeudeter Zeit diesem herrlichen Land mit seinen großartigen Bergen und Flüssen nicht gerecht werden würden. Einige junge Menschen verloren ihr Vertrauen und ihren Glauben an das Vaterland. In finsteren, mondlosen Nächten, wenn starker Wind wehte, kamen sie heimlich an diesen öden, verlassenen Strand, stiegen hier ins Wasser und versuchten verzweifelt, zu den verlockenden Lichtern Hongkongs auf der gegenüberliegenden Seite hinüberzuschwimmen. Wie viele von ihnen ertranken auf halbem Weg in den tückischen Strömungen! Die steigenden Gezeiten schoben ihre leblosen Körper und Leichen wieder zurück an genau den Ort, von dem sie ursprünglich aufgebrochen waren. Als Yuan Geng vor fünf Jahren nach Shekou zurückkehrte und die Leichen dieser Unglücklichen und tragischen Opfer sah, war sein Schmerz und seine Trauer wahrhaftig unbeschreiblich und nicht in Worte zu fassen. Jetzt aber, nur fünf kurze Jahre später - was in der Geschichte kaum mehr als ein flüchtiger Augenblick ist -, steht die nächtliche Beleuchtung von Shekou der auf der gegenüberliegenden Seite in nichts nach. Man erzählt, dass Yuan Geng auf der anderen Seite im Auto gefahren ist und von dort aus die Nachtszene von Shekou betrachtete. Seine Freude und sein Glück waren dabei ebenso unbeschreiblich und jenseits aller Worte. Ich blickte auf die jungen Liebespaare, die flüsternd und sich unterhaltend auf den langen Bänken im Strandgarten saßen, ich beobachtete die fröhlich hüpfenden und springenden Kinder an der Seite ihrer jungen Eltern. In meinem Herzen sagte ich still und leise: Ich wünsche euch allen Segen und alles Gute, ihr glücklichen Menschen von Shekou!

Dies sind die sichtbaren, greifbaren Zeichen und Manifestationen der Frische und Erneuerung. Aber was ist mit den unsichtbaren? Die Reformen des Wirtschaftssystems, des Personalsystems, des Lohnsystems, und die daraus resultierenden tiefgreifenden Veränderungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen und in den gesellschaftlichen Wertvorstellungen - diese Aspekte der Frische und Erneuerung im Bereich des Überbaus sind noch schöner, noch bewegender und berührender als die strahlenden Lichter der Nacht.

Ach, das frische, lebendige, erneuerte Shekou!


Dreizehnter Teil: Herzblut, Schweiß und Hingabe

Das frische, lebendige und faszinierende Shekou wurde von mehreren tausend hart arbeitenden Menschen mit ihrem Herzblut, ihrem Schweiß und ihren eigenen Händen erschaffen und geformt. Unter all diesen engagierten Menschen hat Yuan Geng noch mehr Herzblut, noch mehr Energie und Lebenskraft hineingegossen. In der frühen Gründungsphase der Industriezone fungierte Zhang Zhensheng, der Generaldirektor der zur Hongkonger China Merchants Group gehörenden Hochseereederei, als Gesamtkommandeur des Projekts. Er setzte Yuan Gengs strategische Absichten und Visionen auf hervorragende Weise in die Praxis um, arbeitete hart und gründlich, Tag und Nacht unermüdlich, und hinterließ bei allen Beteiligten einen tiefen, bleibenden Eindruck. Nachdem er nach Hongkong zurückgekehrt war, übernahm Yuan Geng persönlich die hauptverantwortliche Führungsposition in der Industriezone. Er dachte sowohl über die großen strategischen Richtlinien und Grundsatzfragen nach, kümmerte sich aber auch um konkrete, praktische Probleme und Details. Bei der Behandlung und Lösung von Problemen nahm er stets eine strategische Perspektive aus großer Höhe ein, blickte weit voraus in die Zukunft. Er arbeitete jeden Tag mehr als zehn Stunden lang. Mittags lehnte er sich für einige wenige Minuten in seinem Rattansessel zurück, um sich kurz auszuruhen, und arbeitete dann sofort weiter. Abends blieb er häufig bis tief in die Nacht hinein im Büro.

Unter den ersten Fabriken, die in die Industriezone eingeführt wurden, befand sich das Huamei-Stahlwerk, ein Joint-Venture-Unternehmen zwischen der China Merchants Group und einem Hongkonger Partner. Dieser Geschäftsmann mit dem Familiennamen Shi war ursprünglich ein Spekulant, der mit Grundstücken und Aktien handelte, und hatte eigentlich überhaupt kein wirkliches Interesse daran, eine Fabrik zu betreiben. Ein befreundeter Überseechinese, den Yuan Geng während seiner Arbeitszeit in Indonesien kennengelernt hatte, untersuchte im Auftrag von Herrn Shi die Stahltechnologie auf dem chinesischen Festland. Er kam zu dem Schluss, dass der Betrieb eines Walzstahlwerks in Shekou profitabel sein würde, und riet Herrn Shi nachdrücklich, in dieses Projekt zu investieren. Beide Seiten konnten davon profitieren, und so kamen sie schnell zu einer Einigung. Die eingeführte Ausrüstung war nach den Standards des Festlandes sehr fortschrittlich, die Gesamtinvestition belief sich auf fast 100 Millionen Hongkong-Dollar.

Im Frühjahr des Jahres 1984 fand eine gemeinsame Sitzung der Aktionäre des Stahlwerks und des Verwaltungskomitees der Industriezone statt, um über betriebliche Probleme und Herausforderungen zu diskutieren. Die Hafengesellschaft brachte einen seit Langem ungelösten Fall zur Sprache: Zu Beginn des Fabrikbaus hatte die Fabrikseite mehr als dreitausend Tonnen Stahl und Eisen im offenen Freilager des Wuwan-Hafens gelagert, und das bereits seit über sieben Monaten. Die Hafengesellschaft wollte nun 600.000 Hongkong-Dollar an Lagergebühren nachfordern, aber die Fabrikseite weigerte sich standhaft, diese Zahlung zu leisten. Der Fall blieb ungelöst.

Als dieses Problem auf den Tisch kam, wurde die Atmosphäre im Raum sofort angespannt und gespannt. Herr Shi wurde sehr aufgeregt und emotional, rief sowohl den Finanzmanager als auch den leitenden Chefingenieur herbei und begann intensiv um den Preis zu feilschen und zu verhandeln. Sie argumentierten, dass die Fabrik über keinen eigenen Lagerplatz verfüge, deshalb hätten sie die Waren nicht abholen können, und das könne man ihnen nicht zur Last legen. Yuan Geng schlug vor, gemeinsam zur Fabrik zu fahren und sich die Situation vor Ort anzusehen. Tatsächlich gab es keinen Lagerplatz, aber das war eindeutig das Ergebnis schlechter Betriebsführung und mangelhaften Managements. Durch eine gründliche Neuordnung könnte durchaus Lagerplatz freigeräumt und geschaffen werden.

Herr Shi erkannte, dass seine Position schwach war und er im Unrecht lag, und bot an, die Hälfte der Lagergebühren zu zahlen. Das Problem war noch nicht gelöst, und es war bereits Zeit für das Mittagessen. Yuan Geng sagte, dass sie am Nachmittag weiter diskutieren würden. Nach dem Mittagessen, in der kurzen Zeitspanne, entschied Yuan Geng entschlossen und zügig, überzeugte die Leute unserer Seite durch intensive Überzeugungsarbeit, erklärte ihnen nachdrücklich und eindringlich, wie schwierig es sei, Herrn Shi als Investor für den Bau einer Fabrik zu gewinnen, man müsse aus größerer und weitreichenderer Perspektive die Dinge betrachten und bereit sein, Zugeständnisse zu machen. Als die Nachmittagssitzung begann, sagte Herr Shi bereits ungeduldig und mit sichtlicher Verärgerung: „Direktor Yuan, treffen Sie endlich eine Entscheidung! Die Fabrik gehört schließlich auch der Investmentgesellschaft Zhaoshangju zu einem nicht unerheblichen Teil!“ Yuan Geng antwortete bedächtig und ohne jede Eile in seiner Stimme: „In dieser Angelegenheit und bei dieser Sachlage tragen meiner Ansicht nach beide Seiten eine gewisse Verantwortung. Der Stahl gehört zweifellos der Fabrik, wie kann es dann sein, dass die Fabrik ihn über einen derart langen Zeitraum hinweg am Hafen lagern lässt und dort liegen bleibt? Die Fabrik verfügt über keinen eigenen Lagerplatz, und das liegt eindeutig an einer chaotischen und unorganisierten Betriebsführung und Verwaltung. Aber auch die Hafengesellschaft verhält sich nicht korrekt und angemessen. Warum habt ihr nicht nachdrücklich darauf gedrängt, dass der Warenbesitzer seine Fracht abholt, und stattdessen zugelassen, dass dieser Stahl über einen derart langen Zeitraum dort herumliegt und den wertvollen Platz blockiert? Glaubt ihr etwa, es genügt, solange man Lagergebühren kassieren kann und damit Einnahmen erzielt? Ihr solltet vielmehr das Gesamtinteresse der gesamten Industriezone im Blick haben und gründlich darüber nachdenken, wie man auf diese Weise die Produktion fördern und voranbringen kann. Da ein solches Problem zum allerersten Mal auftritt und wir noch keine vergleichbaren Erfahrungen haben, lautet meine persönliche Meinung und mein Vorschlag: Dieses eine Mal werden wir die Lagergebühren erlassen und darauf verzichten, aber es darf kein nächstes Mal geben, das muss absolut klar sein. Die Fabrik muss sich jedoch verpflichten, diesen gesamten Stahl so schnell wie nur irgend möglich von dort abzutransportieren und wegzuschaffen.“ Diese völlig unerwartete und überraschende Art und Weise, das Problem zu lösen, rührte den etwas über 30 Jahre alten Herrn Shi zutiefst und bewegte ihn sehr. Er erhob sich spontan von seinem Stuhl und sagte mit aufrichtiger Dankbarkeit: „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Herr Yuan! Ich bin sowohl mit dem Mund als auch mit dem Herzen völlig überzeugt und einverstanden! Die Fabrik nimmt diese berechtigte Kritik selbstverständlich an und wird den gesamten Stahl innerhalb einer festgelegten Frist abtransportieren.“ In der Folgezeit steigerte sich Herrn Shis Engagement und seine Begeisterung für die Zusammenarbeit enorm, und die Kooperation zwischen beiden Seiten verlief fortan durchgehend sehr gut und harmonisch. Eine wirklich gute, attraktive und zuverlässige Investitionsumgebung zu schaffen und zu gewährleisten, dass die Investoren tatsächlich profitable Geschäfte machen können und Gewinn erzielen, nur so kann man weiteres ausländisches Kapital anziehen und anwerben – dies war durchgehend und konsequent einer der wichtigsten Leitgedanken von Yuan Geng. 1982, bei der feierlichen Eröffnungszeremonie der Shekou-Filiale der Nanyang Commercial Bank, verkündete Yuan Geng vor allen Anwesenden eine Halbierung der Verlade- und Entladegebühren, was einen wahren Sturm an begeistertem und anhaltendem Applaus auslöste. Damals verstanden einige Genossen diese Entscheidung noch nicht und konnten ihre Bedeutung nicht richtig einschätzen, aber später bewiesen die Tatsachen und die praktischen Ergebnisse eindeutig Yuan Gengs strategischen Weitblick und seine visionäre Planung. Diese gezielte Maßnahme spielte eine hervorragende und äußerst positive Rolle bei der Anwerbung ausländischen Kapitals.


Bei der feierlichen Eröffnungszeremonie der japanischen Firma Sanyo (Shekou) sagte Yuan Geng mit viel Humor und Charme zu den anwesenden Gästen: „Meine sehr verehrten Herren, wir hoffen aufrichtig und wünschen uns von Herzen, dass Sie hier gutes Geld verdienen. Ihr Geldverdienen und Ihr geschäftlicher Erfolg sind gleichbedeutend mit unserem eigenen Sieg und Triumph.“

Das bedeutet selbstverständlich keineswegs und in keiner Weise, dass wir selbst nicht auch Geld verdienen wollen und auf eigene Gewinne verzichten. Yuan Geng sagte auch zu den Geschäftsführern und leitenden Managern der westlichen Ölgesellschaften mit der gleichen Offenheit und Direktheit: „Meine sehr geschätzten Herren, ich habe fest vor, Geld aus Ihren wohlgefüllten Taschen herauszuholen und für uns zu gewinnen. Ob es mir tatsächlich gelingen wird, dieses Geld herauszuholen, das hängt ganz allein von meinem persönlichen Können, meinen Fähigkeiten und meinem Geschick ab.“ Auf diese außerordentlich offenen, direkten und unverblümten Worte reagierten die Geschäftsführer und Manager stets mit spontanem und anerkennendem Applaus. Doch zu glauben oder anzunehmen, dass Yuan Geng die grundlegenden sozialistischen Prinzipien missachtet oder die legitimen Interessen der Arbeiter und Werktätigen ignoriert, wäre ein fundamentaler Irrtum. In den wirklich grundlegenden und wesentlichen Fragen und Angelegenheiten war Yuan Geng absolut standhaft, kompromisslos und unerschütterlich.

Im Mai des Jahres 1983 ereignete sich in der Kaida-Spielzeugfabrik, die allein und ausschließlich von der Hongkonger Firma Kaida Industry Limited mit ausländischem Kapital betrieben wurde, ein aufsehenerregender Vorfall und Zwischenfall, der die gesamte Industriezone erschütterte und in heftige Diskussionen versetzte.

Bereits seit einer ganzen Weile hatte diese Fabrik, um exzessiven Übergewinn und maximalen Profit zu erzielen und zu jagen, die Arbeiter systematisch dazu gezwungen, übermäßige Überstunden zu leisten, manchmal bis vier Uhr morgens, ja sogar bis sechs Uhr morgens in der Frühe, wobei ein einzelner Arbeiter faktisch die Arbeit von zwei Arbeitern erledigen musste. Zahlreiche Arbeiter brachen völlig erschöpft und ausgelaugt zusammen und sanken zu Boden, die Krankheitsrate unter den Arbeitern stieg dramatisch und alarmierend an. Wer sich weigerte, Überstunden zu leisten, dem drohte umgehend die Entlassung. Die Kaida-Fabrik wurde zum zentralen Brennpunkt und zum Hauptgesprächsthema der Menschen in der gesamten Industriezone.

Ende Mai fand der erste Jugendverbandskongress der Industriezone statt, und die Kaida-Fabrikarbeiterin Zheng Yanping war als Delegierte des Jugendverbands gewählt worden. Doch genau zu dieser Zeit bereitete sich die Fabrik intensiv auf die Verkaufshochsaison zum bevorstehenden Kindertag am ersten Juni vor, hatte eine enorme Menge an Bestellungen angenommen und arbeitete verzweifelt und fieberhaft daran, die Produktion zu schaffen. Obwohl der Jugendverbandskongress abends stattfand und somit die normale Arbeitszeit überhaupt nicht beeinträchtigte oder störte, verbot die Fabrikleitung Zheng Yanping dennoch kategorisch, an der wichtigen Versammlung teilzunehmen. Zheng Yanping, die normalerweise und für gewöhnlich qualitativ hochwertige Arbeit leistete, sehr effizient arbeitete und äußerst selten Fehler machte, wurde dennoch von der Fabrikleitung völlig grundlos und ohne jede Rechtfertigung von der Arbeit suspendiert, mit der absurden Anschuldigung und dem konstruierten Vorwurf der „Verweigerung von Überstunden“.

Die Arbeiter waren zutiefst empört und in heller Aufregung! Shekou ist schließlich und letztendlich sozialistisches Territorium und sozialistischer Boden, wie kann man es dulden und zulassen, dass Kapitalisten hier nach Belieben schalten und walten und tun, was ihnen gefällt!

Der Jugendverband kann und darf sich nicht in die internen Angelegenheiten der Fabrik einmischen, aber die Gewerkschaft kann es sehr wohl und hat diese Befugnis.

Die Kaida-Fabrik war eine der Fabriken, die relativ früh in der Industriezone investiert hatte, und mit ihrer großen Belegschaft eine der bedeutendsten und größten Fabriken. Zu jener Zeit beschäftigte sie mehr als 1200 Arbeiter und machte damit ein volles Drittel der gesamten Arbeiterschaft der Industriezone aus. Als die Gewerkschaft aufgebaut und etabliert wurde, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungskomitees Xiong Bingquan mit großem Nachdruck: „Wenn die Gewerkschaft der Kaida-Fabrik nicht richtig aufgebaut werden kann und funktioniert, dann ist das gleichbedeutend damit, dass die Gewerkschaftsarbeit in der gesamten Industriezone gescheitert ist!“ Die Fabrikgewerkschaft wurde schließlich erfolgreich aufgebaut und etabliert, und die stellvertretende Sekretärin des Jugendkomitees der Industriezone, Duanmu Mo, wurde zur Vorsitzenden der Gewerkschaft ernannt und übernahm diese wichtige Position zusätzlich. Dieses junge Mädchen aus Lianyungang in der Provinz Jiangsu, die eine Brille trug, war, obwohl sie erst 23 Jahre alt war, bereits seit drei vollen Jahren als hauptamtliche Funktionärin in der Jugendarbeit tätig, und in Fragen der grundlegenden Prinzipien war sie absolut kompromisslos und unnachgiebig. Im vergangenen Jahr hatte die Kaida-Fabrik rechtswidrig und illegal die Wohnheime der Arbeiter durchsucht. Sie hatte damals der Führung der Industriezone einen detaillierten Untersuchungsbericht vorgelegt. Zu jenem Zeitpunkt hatte die Investmentgesellschaft Zhaoshangju aus Rücksicht auf die Gesamtsituation und das große Ganze beschlossen, diese Angelegenheit nicht zu einem großen Skandal werden zu lassen, und die Sache in aller Ruhe und Besonnenheit geklärt und gelöst. Jetzt meldete Duanmu Mo die aktuelle Situation erneut zeitnah und umgehend über die verschiedenen Hierarchieebenen hinweg an die Führung der Industriezone.

Der ausführliche Bericht erreichte schließlich Yuan Gengs Schreibtisch und landete in seinen Händen. Yuan Geng hatte Zheng Yanping persönlich nie gesehen oder getroffen, aber er hatte bereits vor drei Jahren direkten Kontakt mit den Arbeiterinnen der Kaida-Fabrik gehabt, und in jüngster Zeit kümmerte er sich besonders intensiv um ihre aktuelle Situation und ihr Wohlergehen. Er hegte für sie tiefe Gefühle, wie ein Vater sie für seine Töchter empfindet.

Im Jahr 1981 kam Yuan Geng aus Hongkong herüber nach Shekou und hörte, dass die Arbeiterinnen der Kaida-Fabrik kein warmes Wasser zum Duschen hatten, keine Tische zum Briefeschreiben besaßen und ihre Briefe im engen Gang und Korridor schreiben mussten, und dass einige von ihnen aus tiefem Heimweh weinten und Tränen vergossen. Unverzüglich und ohne zu zögern ging er zusammen mit dem stellvertretenden Kommandeur Liu Qinglin und dem Büroleiter Yu Weiping in die Wohnheime, um die Arbeiterinnen zu besuchen und sich persönlich ein Bild zu machen. Er führte herzliche Gespräche mit den Arbeiterinnen, tröstete sie einfühlsam und liebevoll, versprach ihnen fest und verbindlich, dass innerhalb von nur drei Tagen ihre Schwierigkeiten definitiv gelöst werden würden. Beim Abschied streckte er seinen kleinen Finger aus und sagte mit einem warmen Lächeln: „Glaubt ihr mir und meinen Worten? Wollt ihr nicht mit mir die Finger verhaken und einen Schwur ablegen?“ Die jungen Mädchen hätten niemals damit gerechnet und sich in ihren kühnsten Träumen nicht vorgestellt, dass der Hauptkommandeur und oberste Befehlshaber so außerordentlich freundlich, warmherzig und zugänglich sein könnte. Die dunklen Sorgenwolken auf ihren Gesichtern verschwanden wie auf einen Schlag vollständig und waren wie weggefegt, und sie lachten fröhlich und befreit: „Wir glauben Ihnen!“ „Wir vertrauen Ihnen völlig!“ Das war nicht einfach nur Vertrauen in Yuan Geng als Person und Individuum, sondern vielmehr Vertrauen in die Kommunistische Partei und in den Sozialismus! Doch nun behandelte die Fabrikleitung die Arbeiter auf eine derart grundlose, willkürliche und inakzeptable Weise, dass weiteres Nachgeben und Zugeständnisse einen Verrat an den fundamentalen Prinzipien bedeutet hätten. Tief bewegt und erregt schrieb er auf den Bericht seine klare Stellungnahme: „Überstunden müssen auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruhen. Man muss mit den Kapitalisten auf der Gegenseite ernst und mit allem Nachdruck reden und ihnen unmissverständlich klarmachen, dass ihr chaotisches und willkürliches Verhalten absolut nicht geduldet wird.“ Für die Arbeiter einzutreten und zu sprechen, Zheng Yanping wieder in ihre Arbeit einzusetzen, die legitimen Rechte und Interessen der Arbeiter in ausländisch finanzierten Einzelunternehmen konsequent zu schützen und zu verteidigen – all das gehörte zur unveräußerlichen und zwingenden Pflicht und Verantwortung der Gewerkschaft, von der sie sich nicht freimachen konnte.

Gemäß dem Geist und der Intention seiner klaren Weisung ging Duanmu Mo tief und intensiv in die Wohnheime der Arbeiterinnen hinein und führte dort über einen längeren Zeitraum umfangreiche, gründliche und wiederholte Untersuchungen durch. Weil die Arbeiter ständig Überstunden leisteten, mussten die meisten Gespräche mit den Arbeitern erst nach Mitternacht geführt werden und zogen sich häufig bis ein oder zwei Uhr nachts hin. Einige Arbeiter fürchteten die Rache und Vergeltung des Chefs und wagten es nicht, in den Wohnheimen vor anderen Leuten offen zu sprechen, und klopften daher regelmäßig spät in der Nacht an ihre Tür. Nach mehr als einem ganzen Monat harter, intensiver und aufopferungsvoller Arbeit gelang es ihr schließlich, eine beträchtliche Menge an erstklassigem Quellenmaterial aus erster Hand zu sammeln und zusammenzutragen. Aus diesem Grund schrieb die Arbeitsgruppe der Gesamtgewerkschaft von Shenzhen einen Brief an das Parteikomitee der Industriezone, in dem sie die Genossin Duanmu Mo für ihre hohe Wachsamkeit, ihre starke organisatorische Disziplin, ihre gewissenhafte und verantwortungsvolle Arbeit sowie ihre aktive und proaktive Haltung lobte und ausdrücklich würdigte.

Anschließend wurden unter der konkreten Anleitung und direkten Führung des Parteikomitees der Industriezone, der Zonengewerkschaft sowie der Gesamtgewerkschaft von Shenzhen und in enger, koordinierter Zusammenarbeit aller relevanten Abteilungen alle rechtswidrigen Handlungen und Vergehen der Fabrik über mehrere Jahre hinweg systematisch gesammelt und dokumentiert, einschließlich der im vergangenen Jahr durchgeführten illegalen Durchsuchung der Arbeiterwohnheime und der schwerwiegenden Verletzung grundlegender Menschenrechte sowie der Tatsache, dass die Fabrikleitung grenzenlose und unkontrollierte Überstunden anordnete, was der körperlichen Gesundheit der Arbeiter ernsthafte und gravierende Schäden zufügte. All diese Vorfälle und Fakten wurden vollständig zusammengetragen, sorgfältig zu einem umfassenden Dokument aufbereitet und der Fabrikleitung vorgelegt, mit der unmissverständlichen Forderung: Falls keine Korrektur der Fehler und des Fehlverhaltens erfolgt, würde man rechtliche Schritte einleiten und den Rechtsweg beschreiten, um eine Lösung zu erzwingen.

Die Fabrikleitung verstand sehr genau und klar die möglichen Konsequenzen einer rechtlichen Auseinandersetzung. Wieder einmal war es das Wertgesetz und die ökonomische Logik, die ihre Wirkung entfalteten. Unter den vielfältigen und intensiven Bemühungen von allen Seiten sah sich der Fabrikbesitzer schließlich gezwungen und hatte keine andere Wahl, als zuzustimmen, Zheng Yanping wieder in ihre Arbeit einzusetzen, ihr den Lohn für die gesamte Zeit der Suspendierung nachzuzahlen, Überstunden nur noch auf freiwilliger Basis zuzulassen und die tägliche Überstundenzeit auf maximal zwei Stunden zu begrenzen und zu kontrollieren.

Der Kampf war erfolgreich gewonnen worden. Die ursprünglich ganz gewöhnliche Arbeiterin Zheng Yanping wurde im Verlauf dieses Kampfes gestählt und geschult, entwickelte sich weiter und wurde schließlich zur stellvertretenden Vorsitzenden der Kaida-Fabrikgewerkschaft und zur Frauenkommissarin der Gewerkschaft der Industriezone ernannt. Duanmu Mo, die ursprünglich in Lianyungang zwei Jahre lang Englisch als Fachstudium studiert hatte, wurde inzwischen auf Empfehlung der Organisationsabteilung der Industriezone zur Aufnahmeprüfung der Shenzhen-Universität zugelassen und bestand diese erfolgreich, um dort in der Fortbildungsklasse für Kader am Fachbereich Unternehmensführung und Management zu studieren. Die schwere Last und große Verantwortung der Gewerkschaftsarbeit in der Kaida-Fabrik ruhte nun vollständig auf den Schultern von Zheng Yanping.

Alle ausländischen Einzelunternehmen und Joint-Venture-Betriebe der Industriezone hatten diesen bedeutsamen Kampf miterlebt und beobachtet. Dieser Sieg im Kampf war die umfassende und entschiedene Gegenantwort unserer Seite auf die ganze Serie von schlechten und inakzeptablen Verhaltensweisen der Kaida-Fabrik seit ihrer Inbetriebnahme. Auch diejenigen Menschen, die an Shekou zweifelten und sich fragten: „Ist es nun am Ende sozialistisch oder kapitalistisch?“, konnten aus diesem Vorfall die notwendigen und eindeutigen Schlussfolgerungen ziehen.


Vierzehnter Teil: Die Rosenstadt

„Yuan Geng denkt über die großen Richtlinien und strategischen Planungen nach, und das schließt auch ein, dass er Rosen pflanzen lässt, um Shekou zu verschönern und attraktiver zu machen. Er bewilligte 100.000 Yuan als spezielles Sonderbudget und holte persönlich die beiden Liu aus Peking hierher.“ Der frühere Leiter des Büros der Industriezone und jetzige stellvertretende Büroleiter, Genosse Yu Weiping, erzählte mir dies in einem ausführlichen Gespräch. (Im April dieses Jahres wurde der jüngere Gu Liji zum Büroleiter ernannt, und er selbst wurde zum stellvertretenden Leiter – das ist ein lebendiges Beispiel für das Prinzip, dass man sowohl aufsteigen als auch absteigen kann.)

Die beiden Lius sind alte und langjährige Freunde von Yuan Geng, Liu Yamin und Liu Danyi.

Liu Danyi stammt aus Haimen in der Provinz Jiangsu, und seine Vorfahren waren berühmt und weithin bekannt für ihre Kunst, Blumen zu züchten und Bonsai-Pflanzen zu kultivieren, und trugen sogar den ehrenvollen Titel „Feld-Gelehrte höchsten Ranges“. Er selbst liebte und verehrte seit seiner frühesten Kindheit das Züchten von Blumen mit großer Leidenschaft. Nach seinem Beitritt zur Neuen Vierten Armee im Jahr 1940 hatte er keine Zeit und keine ruhige Muße mehr für das Züchten von Blumen. Während des „zehn Jahre währenden Chaos“ der Kulturrevolution wurde er kaltgestellt und an den Rand gedrängt, und erst in dieser Zeit konnte er seine alte Leidenschaft und sein geliebtes Hobby wieder aufleben lassen und fortsetzen. Die Blumen, die er züchtete, genossen in ganz Peking einen beachtlichen Ruf und hohes Ansehen. Liu Yamins Geschichte mit dem Blumenzüchten ist zeitlich kürzer, erst drei Jahre, aber durch sein intensives, konzentriertes und hingebungsvolles Studium und seine praktische Arbeit kann auch er als wirklicher Experte und Meister im Blumenzüchten bezeichnet werden. Beide sind Vorstandsmitglieder der Pekinger Monatsrosen-Gesellschaft und züchten jeweils mehrere hundert Stöcke von Monatsrosen in ihren Gärten.

Der 67 Jahre alte Liu Yamin und der 64 Jahre alte Liu Danyi waren beide bereits im wohlverdienten Ruhestand. Sie waren beide sehr verantwortungsbewusste und zuverlässige Kader gewesen, bezogen ein ansehnliches Gehalt und hatten beide ein erfülltes und glückliches Familienleben. Eigentlich hätten sie in der Hauptstadt in Ruhe und Frieden das Glück des Familienlebens genießen sollen, aber Yuan Geng hatte es tatsächlich geschafft, sie zu „verführen“ und zu „überreden“, nach Shekou zu kommen.

„Wären wir nicht von Yuan Geng persönlich eingeladen worden, wären wir niemals hergekommen,“ sagte der große, kräftige und gesund wirkende alte Liu Yamin mit Überzeugung.

Liu Danyi empfahl Yuan Geng darüber hinaus auch einen jungen Mann, nämlich Long Quan, 36 Jahre alt, ebenfalls Vorstandsmitglied der Pekinger Monatsrosen-Gesellschaft. Yuan Geng schrieb persönlich einen Einladungsbrief und holte ihn her, wo er als Assistent der beiden Lius fungieren sollte. Long Quan ist ein Angehöriger der Tujia-Nationalität aus dem westlichen Hunan, ein Neffe des berühmten Schriftstellers Shen Congwen auf der mütterlichen Seite und ein Cousin des renommierten Malers Huang Yongyu. Sein Vater ist Professor an der Zentralen Minderheiten-Universität. Er wuchs bis zu seinem siebten Lebensjahr in seiner Heimat auf und kam erst dann zu seinen Eltern nach Peking. Weil er die Sprache nicht beherrschte und verstehen konnte, begann er erst im Alter von neun Jahren, die Grundschule zu besuchen. Er besuchte die Schule insgesamt neun Jahre lang, und gerade in dem Jahr, in dem er die Mittelschule abschloss, begann die „Große Proletarische Kulturrevolution“, und so wurde er Lehrling in der Pekinger Automobilfabrik. Die Roten Garden kamen in die Fabrik, um die „Vier Alten“ zu zerstören, zerschlugen alle Blumentöpfe der Fabrik vollständig, und rissen sogar daumendicke Dattelbäumchen aus dem Boden und dem Hof. Dieser schlichte, einfache und aufrichtige Tujia-Jugendliche konnte das alles unter keinen Umständen verstehen oder nachvollziehen. Er hatte tiefes Mitleid mit diesen Blumen, Pflanzen und kleinen Bäumchen. In der Nacht schlich er sich heimlich hinaus, brachte ein kleines Dattelbäumchen mit nach Hause, pflanzte es in seinem eigenen Hof und begann gleichzeitig, selbst Blumen zu züchten. Er hatte kein höheres oder abstraktes Ziel oder eine große Philosophie, er fühlte einfach nur instinktiv und aus tiefstem Herzen, dass man schöne und wertvolle Dinge lieben, schützen und bewahren sollte. Die Bergblumen seiner Heimat waren so wunderschön, warum sollte man sie nicht auch in Peking züchten können? Von diesem Zeitpunkt an knüpfte er eine unauflösliche und tiefe Verbindung mit Blumen.

Später wurde er Kader in einer Druckerei für nationale Minderheiten, verwandte aber seine gesamte Freizeit ausschließlich auf das Züchten von Blumen, bis zu einem Grad der völligen Besessenheit und Faszination. Nach über zehn Jahren Wind und Regen war der Dattelbaum in seinem Hof längst zu einem großen Baum herangewachsen und trug reichlich Datteln. Die mehr als 400 Rosenstöcke, die er züchtete, erneuerte er Jahr für Jahr mit neuen Sorten, und sie erlangten Berühmtheit in ganz Peking. Obwohl er niemals eine Universität besucht hatte, lud ihn Professor Chen Junyu, der Leiter der Abteilung für Gartenbau an der Pekinger Forsthochschule, ein, Vorlesungen für seine Doktoranden zu halten. Im Mai 1983 fand in Peking die dritte Monatsrosen-Ausstellung statt, bei der über 400 verschiedene Sorten und mehr als 3.000 Töpfe ausgestellt wurden, darunter auch 20 Töpfe, die er zur Ausstellung geschickt hatte, jeder Topf eine eigene Sorte. Die westdeutsche Expertin Marianna kam zur Besichtigung, und er begleitete sie und gab Erklärungen, während ein stellvertretender Chefingenieur der Gartenbauabteilung persönlich als Dolmetscher fungierte. Als diese Expertin sah, dass er jung war, unauffällig und eher bäuerlich wirkte, wollte sie ihn absichtlich auf die Probe stellen und testete sein Wissen. Sie zeigte auf eine berühmte Blume und fragte ihn, welche Sorte das sei. Ohne auch nur einen Moment zu zögern antwortete er: „Das ist die Sorte ‘Star’ aus Ihrem Land, die weltweit drittbeste und berühmteste Sorte, und in den 1970er-Jahren war sie die allerbeste überhaupt.“ Die westdeutsche Expertin war außerordentlich überrascht und erstaunt. Tatsächlich konnte Long Quan nicht nur mehrere hundert verschiedene Sorten identifizieren und unterscheiden, sondern er kannte auch die Herkunft und die Legenden vieler Sorten, und wenn er darüber sprach, konnte er sie aufzählen wie Perlen an einer Schnur, fließend und mühelos.

Am 6. Mai brachte er 600 Setzlinge mit sich und flog nach Kanton. Am selben Tag holte ihn das Auto der Industriezone ab und brachte ihn nach Shekou. Am 8. führte Yuan Geng ein persönliches Gespräch mit ihm und fragte ihn, ob er sich an das Leben hier anpassen könne. Er antwortete entschlossen: „Ich will ein Pionier sein und werde niemals ein Deserteur!“ Die Setzlinge, die er mitgebracht hatte, wiesen eine Erfolgsquote von über 90 Prozent auf. Am 17. Mai ließ Yuan Geng ihn zusammen mit Liu Danyi nach Peking zurückkehren, und einen Monat später kam er erneut zurück und brachte diesmal über 4.000 Setzlinge mit.

Jetzt wohnen die drei Männer, alt und jung, zusammen in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit Wohnzimmer, die ihnen von der Industriezone zur Verfügung gestellt wurde. Im Wohnzimmer stehen nur einige wenige Rattanstühle und ein Schwarz-Weiß-Fernseher, und sie kochen und waschen alles selbst und erledigen die gesamte Hausarbeit eigenständig. Nach den Standards von Shekou kann man sagen, dass ihr Leben eher bescheiden und einfach ist. Aber sie sind zufrieden und finden ihr Glück in ihrer Arbeit. Jeden Morgen gehen die beiden alten Herren zu Fuß 20 Minuten lang zur Baumschule, arbeiten dort unter der brennenden und sengenden Sonne und leiten die Arbeiter beim Veredeln und Düngen an. Long Quan hingegen geht früh morgens weg und kommt spät am Abend zurück, verbringt den ganzen Tag in der Baumschule und arbeitet dort zusammen mit den Arbeitern.

Ich bin ein völliger Laie, was das Züchten von Blumen angeht, aber als ich ihnen zuhörte, wie sie über ihre Erfahrungen mit Blumen sprachen, lernte ich enorm viel und profitierte außerordentlich. „Alle ausgezeichneten und hochwertigen Sorten werden durch Veredelung und Kreuzung gezüchtet und entwickelt,“ sagte der alte Liu Yamin zu mir. „Alle Blumen und Früchte degenerieren, wenn sie nicht veredelt werden. Nehmen Sie zum Beispiel Pfirsichbäume: Selbst wenn Sie die besten Pfirsiche haben und deren Kerne in die Erde pflanzen, wachsen daraus nur wilde Pfirsiche, die ungenießbar sind und nur als Unterlagen für Veredelungen verwendet werden können. Kreuzung erfordert künstliche Bestäubung und ist noch viel komplexer und aufwendiger.“

In meinem Herzen dachte ich jedoch: Ist die Reform in Shekou nicht auch in gewissem Sinne eine Art von Veredelung und Kreuzung? Über viele Jahre hinweg haben wir uns abgeschottet und isoliert, dachten immer, unser eigenes System sei am reinsten und besten, als ob Marx nur an unserem Ofenbett-Rand säße und nur für uns da wäre. Und was war das Ergebnis? Das wissen alle. Kreuzung bringt Neues hervor – das ist wahrscheinlich ein universelles Gesetz, das auch für das Schreiben von Artikeln gilt. Man kann nicht ewig starr an alten Regeln festhalten.

Long Quan ist jung und denkt noch umfassender und tiefer über viele Dinge nach. Er sagte, dass China bereits seit der Jin-Dynastie historische Aufzeichnungen über das Züchten von Monatsrosen hat. Im Ausland gab es ursprünglich nur gewöhnliche Rosen, aber keine Monatsrosen, die in allen vier Jahreszeiten blühen. Die Monatsrose wurde aus China in die Welt exportiert. Im Rosengarten von Napoleons Kaiserin Josephine gab es Monatsrosen, die aus China eingeführt worden waren. Nach dem Opiumkrieg verfiel mit der zunehmenden Schwäche des Landes auch die Zucht von Monatsrosen immer mehr. Heute haben die USA, Japan, Deutschland, Frankreich und andere Länder alle ihre eigenen Monatsrosen-Gesellschaften, aber wir in China haben noch keine nationale Gesellschaft, nur Städte wie Peking und Shanghai haben gerade erst begonnen, solche zu gründen. Andere Länder wollen mit uns Austausch betreiben, aber wir haben keine ausgezeichneten Sorten anzubieten. Die alten Sorten, für die sich Ausländer interessieren, wie Grüne Blüte, Eisengriff-Rot, Monatsrosen-Pfingstrose und Rosa Monatsrosen-Kugel, sind bereits äußerst schwer zu finden.

„Was ist derzeit die beste Sorte der Welt?“ fragte ich mit großem Interesse.

„Gelber Frieden ist die beste. Während des Zweiten Weltkriegs schnitt ein Franzose Zweige ab und schickte sie in die Vereinigten Staaten.“

„Was sind deine Pläne und Ziele?“

„Ich möchte, dass Monatsrosen in Shekou tiefe Wurzeln schlagen und gedeihen. Im Allgemeinen sind Monatsrosen nicht gut an zu heißes Klima angepasst, über 24 Grad Celsius blühen sie nicht gut. Jetzt ist Juli, und wie Sie sehen, sind die Blüten tatsächlich sehr klein. Ich möchte einige Forschungen durchführen, damit Shekou nicht nur zu einer Rosenstadt wird, sondern die Rosen auch in allen vier Jahreszeiten gut blühen können.“

„Du arbeitest hier zwei Jahre. Hat deine Frau keine Einwände dagegen?“

„Natürlich hat sie Einwände. Ich habe spät geheiratet, mein Kind ist erst drei Jahre alt. Als ich hierher kam, haben sie mich zum Flughafen gebracht. Als ich ins Flugzeug steigen wollte, rief das Kind ‘Papa’, und mir kamen fast die Tränen, ich wagte nicht, mich umzudrehen. Aber ich bereue es nicht. Um Shekou zu verschönern, ist ein persönliches Opfer absolut lohnenswert. Die beiden alten Genossen sind mein Vorbild und Beispiel.“ Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Manche Leute sagen, ich sei wegen der vier großen Konsumgüter und wegen des hohen Gehalts nach Shekou gekommen. Tatsächlich habe ich zu Hause bereits alle großen Konsumgüter, und ich wohne auch geräumig. Hier bekomme ich monatlich 200 Yuan, aber die Logistikabteilung der Luftwaffe hat mich eingeladen, dort Blumen zu züchten, und bot mir 250 Yuan pro Monat plus einen kleinen Dienstwagen. Ich bin auch dort nicht hingegangen. Ich bin jetzt schon über einen Monat hier, aber was die ‘Meereswelt’ ist, wo das Einkaufszentrum liegt – ich weiß nicht, wo das ist. Ich kenne nur den Weg von meinem Wohnheim zur Baumschule.“

In der einfachen Bambushütte der Rosenbaumschule saß ich und hörte diesem sonnengebräunten, mageren Tujia-Jugendlichen zu, wie er mir sein Herz ausschüttete und seine innersten Gedanken mitteilte, und ich war zutiefst bewegt und gerührt. Überall unter dem Himmel gibt es duftende Gräser und schöne Dinge, aber in Shekou kann man überall und an jeder Ecke wunderschöne und edle Seelen und Herzen sehen. Genosse Yuan Geng, du bist wirklich außergewöhnlich und großartig! Du hast diese drei Menschen, die Blumen züchten, nach Shekou geholt, und sie züchten nicht nur Rosen, sondern sie kultivieren auch leuchtende und strahlende geistige Blumen. Die prächtigen, in voller Blüte stehenden Rosen, die du in England gesehen hast – wir werden sie mit Sicherheit auch haben.


Fünfzehnter Teil: Der erregte und aufgewühlte Ingenieur

Am 10. Juli veröffentlichte die Yangcheng-Abendzeitung auf der Titelseite an prominenter Stelle eine Nachricht der Nachrichtenagentur Xinhua mit der Überschrift „Das Shekou-Konzept“. Unter der Unterüberschrift „Wer Kader ist, muss neue Situationen schaffen und eröffnen“ stand eine Passage mit folgendem Wortlaut:

Shekou hat eine sogenannte „Meereswelt“, bei der ein großes, außer Dienst gestelltes Touristenschiff fest an der Küste der Shenzhen-Bucht verankert und befestigt wurde und nun als Hotel und Vergnügungsort dient. Es heißt, dass ein derart außergewöhnliches und originelles Hotel auch weltweit äußerst selten ist. Der frühere Geschäftsführer dieser „Meereswelt“ war von korrektem Arbeitsstil, arbeitete hart und unermüdlich, wurde aber vor kurzem entlassen und seines Amtes enthoben. Der Grund war, dass er für die „Meereswelt“ keinen kreativen und innovativen Beitrag geleistet hat.

„Ich stimme absolut nicht zu und akzeptiere nicht, dass ich keinen kreativen und innovativen Beitrag geleistet habe!“ Der frühere Geschäftsführer der „Meereswelt“, Ingenieur Wang Chaoliang, sagte dies zu mir in einem außerordentlich erregten und emotional aufgewühlten Zustand.

Tatsächlich waren die meisten Meinungen und Kommentare, die ich zu hören bekam, sympathisch und mitfühlend gegenüber Wang Chaoliang. Die Leute sagten, er habe hart und unter schwierigen Bedingungen am Aufbau gearbeitet und einen wichtigen Beitrag zur möglichst frühen Eröffnung der „Meereswelt“ geleistet. Sie sagten, er habe nach nur 155 Tagen bereits begonnen, Gewinne zu erzielen, und ihn auszuwechseln sei völlig grundlos. Sie sagten, die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter des Minghua-Schiffs vermisse ihn, und wenn man eine Abstimmung durchführen würde, würde er mit Sicherheit eine überwältigende Mehrheit erhalten...

„Ich bewundere Direktor Yuan sehr und zutiefst, und die Reform sowie die großen Errungenschaften in Shekou sind untrennbar mit ihm verbunden. Aber in der Angelegenheit des Minghua-Schiffs verstehe ich absolut nicht, warum er so gehandelt hat! Ich habe stets und ausnahmslos nach seinen Anweisungen gearbeitet. Wenn man sagt, ich hätte Fehler und Mängel, dann frage ich: Wer hat keine Fehler? Wer ist perfekt? Niemand!“

Der 46 Jahre alte Wang Chaoliang ist nicht groß gewachsen, aber voller Energie und Tatkraft. Er spricht direkt, offen und unverblümt und verbirgt seine erregten Gefühle und Emotionen in keiner Weise. Ich hatte das Gefühl, dass ich ihn verstehen konnte, und ich hoffte aufrichtig, eine Freundschaft mit ihm aufbauen zu können. Er hatte 17 Jahre lang Flugzeuge konstruiert und entworfen, fünf Jahre lang Luftkissenboote entwickelt, seine großen Ambitionen und Träume waren noch nicht erfüllt, und er war mit enormen Hoffnungen nach Shekou gekommen. Er wollte in seinen besten Jahren etwas Großes schaffen und erreichen. Doch kaum hatte die Arbeit am Minghua-Schiff wirklich begonnen, wurde er bereits wieder ausgewechselt und abgelöst. Seine schmerzlichen und bitteren Gefühle kann man sich lebhaft vorstellen und nachempfinden.

Er beruhigte sich allmählich und erzählte mir ausführlich von der Situation vor und nach der Eröffnung des Minghua-Schiffs.

Wang Chaoliang wurde am 19. November 1983 vom Vorstand der „Meereswelt Aktiengesellschaft“ offiziell zum Geschäftsführer ernannt. Am 22. November wurde das Minghua-Schiff an seinen jetzigen Standort geschleppt, wo es auf Grund gesetzt wurde. Damals war der Strand noch nicht aufgefüllt und planiert, die Straße war noch nicht fertiggestellt, und um zum Schiff zu gelangen, musste man ein kleines Boot nehmen. Sowohl auf dem Schiff als auch an Land gab es eine enorme Menge an Arbeit zu erledigen. Am Abend des 1. Dezember beschloss der Vorstand, dass am 15. Januar 1984 eine Probe-Eröffnung und am 1. Februar eine offizielle Eröffnung stattfinden sollte.

Yuan Geng kümmerte sich außerordentlich intensiv und mit größter Aufmerksamkeit um die Eröffnung des Minghua-Schiffs. Wenn er in Peking an Sitzungen teilnahm, fragte er jedes Mal, wenn er ein Ferngespräch führte, zwangsläufig nach dem Stand der Dinge beim Minghua-Schiff. Anfang Dezember kehrte er aus Peking zurück und sah, dass die Vorbereitungsarbeiten für die Eröffnung nicht besonders zufriedenstellend verliefen, und war außerordentlich besorgt und angespannt.

Yuan Fuxing von der Organisationsabteilung des Verwaltungskomitees ging jeden Morgen ab fünf Uhr joggen, um sich körperlich fit zu halten. Am Morgen des 7. lief er gegen sechs Uhr in der Nähe des Minghua-Schiffs. Rundherum war keine Menschenseele zu sehen. Er sah nur Yuan Geng, der völlig allein am Strand stand, den Kragen seines Wollmantels hochgestellt, um sich gegen den schneidenden und eisigen Wind zu schützen, und schweigend und in tiefe Gedanken versunken auf das Minghua-Schiff starrte. Dieser Organisationskader, der Yuan Gengs Charakter und Persönlichkeit zutiefst verstand und kannte, wusste sofort, dass der Direktor mit dem Fortschritt der Arbeiten unzufrieden war. Er störte Yuan Geng nicht, sondern lief weiter entlang des Strands.

Am selben Abend kam Yuan Geng erneut in die Nähe des Minghua-Schiffs und traf dort zufällig auf den Geschäftsführer Wang Chaoliang, den stellvertretenden Geschäftsführer Hu Zongli und die Sekretärin Yu Qi. „Wann beabsichtigt ihr, zu eröffnen?“ fragte Yuan Geng ohne Umschweife und direkt Wang Chaoliang. „Wir planen, am 1. Februar zu eröffnen,“ antwortete Wang Chaoliang. „Dann haben wir keine gemeinsame Sprache und können nicht miteinander reden!“ sagte Yuan Geng ohne Rücksicht auf Gesichtswahrung. „Er ist erst seit etwas über zwei Wochen im Amt...“ sagte die Sekretärin Yu Qi vorsichtig und behutsam. „Das ist mir völlig egal! Er ist der Geschäftsführer, also wende ich mich an ihn!“ Yuan Geng drehte sich mit einer entschiedenen Handbewegung um und ging verärgert weg, und die anderen Personen folgten ihm eilig und dicht hinter ihm her. Als sie den Eingang des Meeresblick-Restaurants erreichten, blieb Yuan Geng stehen und fuhr fort: „Wenn man arbeitet, muss man sein Herz und seine Seele hineinlegen, sich voll und ganz einsetzen und darf nicht herumtrödeln und schleppen. Ich alter Mann bin besorgt und angespannt, seid ihr es nicht?“ „Direktor Yuan, genau so arbeite ich,“ sagte Wang Chaoliang mit Würde und ohne Unterwürfigkeit. „Ich weiß sehr wohl, dass du hart und fleißig arbeitest. Aber eine Eröffnung im Februar ist viel zu spät, Genosse! Man muss nicht erst alles perfekt fertigstellen, bevor man eröffnet, man kann doch zuerst teilweise eröffnen. Heute ist der 7. Dezember, in acht Tagen, also am 15. Dezember, muss eine teilweise Eröffnung stattfinden, das ist absolut notwendig.“ „Wir werden es auf jeden Fall schaffen!“ Wang Chaoliang reagierte sofort und ohne zu zögern und überreichte gleichzeitig den vom stellvertretenden Geschäftsführer Hu Zongli entworfenen „Betriebsplan der Meereswelt Aktiengesellschaft“ (Diskussionsentwurf) mit beiden Händen respektvoll an Yuan Geng. Yuan Geng nahm das Dokument entgegen, und seine Haltung hatte sich bereits deutlich gemildert und beruhigt. Er wandte sich an die Sekretärin Yu Qi und sagte: „Xiao Yu, hältst du das durch und aus? Hat dein Vater dich jemals so angeschrien und kritisiert?“

Yu Qi, deren Vater einst Leiter der Kulturabteilung einer Provinz gewesen war, hatte verschiedenste Temperamente von Führungskadern erlebt und kennengelernt und ließ sich nicht einschüchtern: „Es gibt nichts, was ich nicht aushalten könnte. Allerdings war mein Vater nie so heftig und streng.“

In derselben Nacht blieb Yuan Geng fast die ganze Nacht wach und ohne Schlaf und prüfte sorgfältig und detailliert den „Betriebsplan“. Er schrieb direkt auf das Dokument mit großen, schwungvollen Schriftzügen eine lange und ausführliche Stellungnahme: „Dieser Bericht ist in seiner Analyse grundsätzlich wissenschaftlich und fundiert. Aber die Geschäftsführungs-Abteilung strebt immer nach Vollständigkeit und Perfektion und will erst eröffnen, wenn alles perfekt ist, deshalb wird die Eröffnung auf Februar nächsten Jahres (Frühlingsfest) verschoben. Ich persönlich bin der Meinung, dass man nicht warten sollte, bis alle Bedingungen vollständig erfüllt sind, bevor man mit dem Geschäftsbetrieb beginnt. Eine frühere Eröffnung ermöglicht schrittweise Verbesserungen und schrittweise Ausbildung und Training. Wenn man denkt, dass man erst eröffnen kann, wenn alles perfekt vorbereitet ist, dann wird es wahrscheinlich niemals möglich sein, zehnfache Perfektion zu erreichen. Wir müssen für das erste halbe Jahr mit Verlusten rechnen. Menschen brauchen einen gewissen Geist und eine innere Einstellung, den Erfolg oder Misserfolg des Unternehmens als persönlichen Erfolg oder Misserfolg zu betrachten, Herz und Seele hineinzulegen, sich voll und ganz einzusetzen, einen guten Betriebsstil zu pflegen und erstklassigen Service zu bieten. Selbst wenn man vorübergehend kein Geld verdient, ist das akzeptabel und erlaubt, denn niemand hat die Garantie, mit Sicherheit Geld zu verdienen. Aber eines glaube ich fest und unerschütterlich: Die Shekou-Industriezone braucht eine ‘Meereswelt’ wie das Minghua-Schiff. Landesweit gesehen verleiht dies Shekou eine besondere Farbe und Ausstrahlung. Ich vertraue den Führungskräften und sollte ihnen größere Autonomie gewähren, damit sie gemeinsam ihre kreative und innovative Kraft sowie ihren Verantwortungsgeist entwickeln und entfalten können. Lasst diese jungen Leute einen neuen Weg erkunden und finden, wir müssen sie unterstützen und dürfen nicht bei jedem Rückschlag kaltes Wasser auf sie gießen.

Aber wenn sie manchmal angesichts von Schwierigkeiten ratlos sind oder nicht genügend Entschlossenheit und Mut aufbringen, um Schwierigkeiten zu überwinden, dann sollte man sie ermutigen und konstruktiv kritisieren.

Das Minghua-Schiff liegt nun seit einem halben Monat hier, die Arbeit wird nicht energisch vorangetrieben, es fehlt jegliches Gefühl der Dringlichkeit, vor Ort herrscht eine kalte und träge Atmosphäre, der Fortschritt der Arbeiten sowohl auf dem Schiff als auch an Land ist langsam, die Leute machen sich gegenseitig Vorwürfe, die Personalabteilung ist bei der Rekrutierung nicht energisch genug, und der Vorstand befindet sich zeitweise in einem Zustand, in dem niemand Entscheidungen treffen kann...

Bei den Bauarbeiten am Minghua-Schiff und der Gesamtarbeit fühle ich mich sehr unwohl und besorgt. Als ich mit den Leuten der Geschäftsführung sprach, zeigte ich emotionale Erregung, vielleicht konnten die jungen Leute das nicht gut vertragen, aber sie haben alle später zum Ausdruck gebracht, dass sie die Vorbereitungs-Arbeiten auf dem Schiff definitiv beschleunigen und so früh wie möglich eine teilweise Eröffnung anstreben werden...“

Am nächsten Vormittag organisierte der Generaldirektor der Reederei der Investmentgesellschaft Zhaoshangju, Jiang Bo, gemäß Yuan Gengs Stellungnahme und Anweisung ein gemeinsames Koordinierungstreffen aller relevanten Abteilungen und konkretisierte die spezifischen Maßnahmen für die Eröffnung am 15. Dezember. Danach folgte eine Woche intensivster Arbeit Tag und Nacht ohne Unterbrechung.

Am 15. Dezember hatte das Minghua-Schiff 50 Gästezimmer vorbereitet. Yuan Geng, Jiang Bo und Wang Jingui kamen an Bord, um die Vorbereitungen für die Eröffnung zu inspizieren, und äußerten ihre Zufriedenheit. Am 16. Dezember kamen die ersten Gäste an Bord und übernachteten dort. Am 23. Dezember gab der Vorstandsvorsitzende Wang Jingui im Tanzsaal des Minghua-Schiffs ein großes Bankett für die ausländischen Gäste und die Geschäftsleute aus Hongkong, die in der Industriezone tätig waren.

Am 26. Januar 1984 kamen Deng Xiaoping und andere führende Genossen der zentralen Partei- und Staatsführung an Bord des Minghua-Schiffs, aßen dort zu Mittag und ruhten sich aus. Sie hörten sich Yuan Gengs ausführlichen Bericht an, und Genosse Deng Xiaoping schrieb fröhlich und mit großer Freude die vier Schriftzeichen „Meereswelt“. Von diesem Zeitpunkt an wurde das Minghua-Schiff weit und breit berühmt und bekannt.

Wang Chaoliang gibt zu und räumt ein, dass das Minghua-Schiff ohne Yuan Gengs energisches und kompromissloses Drängen am 26. Januar nicht in der Lage gewesen wäre, Deng Xiaoping und die anderen Genossen zu empfangen. Er bewunderte zutiefst und von ganzem Herzen Yuan Gengs strategischen Weitblick und seine Fähigkeit, die Gesamtsituation zu überblicken. Yuan Geng wusste natürlich im Voraus nicht, dass Genosse Deng Xiaoping kommen würde, aber sein Gefühl der Dringlichkeit war absolut richtig und vollkommen angemessen. Dennoch ist Wang Chaoliang der festen Überzeugung, dass er Yuan Gengs Auftrag und Vertrauen nicht enttäuscht hat, und er fühlt sich nach wie vor ungerecht behandelt und zu Unrecht kritisiert. „Die Arbeit, die du jetzt für die Vorbereitung der Zweiten Zivilluftfahrtgesellschaft leistest, ist doch viel wichtiger als das Minghua-Schiff, nicht wahr? Das zeigt doch deutlich, dass Yuan Geng dir nach wie vor vertraut und dich schätzt.“ Die Zweite Zivilluftfahrtgesellschaft wurde von der Hongkonger Investmentgesellschaft Zhaoshangju und den Provinzen Fujian, Guangdong und Guangxi gemeinsam initiiert, und Wang Chaoliang nimmt als Vertreter der Zhaoshangju an den Vorbereitungsarbeiten teil. „Natürlich ist die Zweite Zivilluftfahrtgesellschaft, falls sie tatsächlich erfolgreich aufgebaut werden kann, um ein Vielfaches wichtiger als das Minghua-Schiff. Aber als man mir am 11. April mitteilte, dass meine Arbeit geändert wird und ich abgelöst werde, wurde mir nicht gesagt, dass ich diese Aufgabe übernehmen sollte. Wenn man mir das so gesagt hätte, hätte ich überhaupt keine Einwände gehabt. Diese Aufgabe wurde mir erst am 7. Mai übertragen.“

„Ob man es ausspricht oder nicht, ist letztlich egal, jedenfalls hat man dich damit beauftragt. Was hat Yuan Geng damals zu dir gesagt?“ „Er sagte: ‘Nachdem deine Arbeit angepasst wurde, haben wir ständig darüber nachgedacht, welche neue Arbeit für dich geeignet wäre. Jetzt beauftragen wir dich mit der Vorbereitung der Zweiten Zivilluftfahrtgesellschaft. Wenn du bereit bist, diese Arbeit zu übernehmen, dann mach dich zunächst auf eine Reise.’“ „Er hat das Wort ‘Anpassung’ verwendet, das zeigt deutlich, dass es keine ‘Entlassung’ war, und schon gar keine ‘Absetzung’. Du solltest die Sache positiv sehen, eine großzügige und offene Haltung einnehmen und nicht ständig an solchen Dingen festhalten und grübeln.“ „Die Zweite Zivilluftfahrtgesellschaft wird jetzt hauptsächlich von der Zivilluftfahrtbehörde geleitet, und ich fürchte, dass daraus nichts werden wird. In letzter Zeit soll ich für die vierte Ausbildungsklasse für Unternehmensführungskader eine wichtige Rekrutierungsgruppe leiten, die in den Nordwesten und Südwesten des Landes reist.“ „Das zeigt umso mehr das große Vertrauen in dich. Geh mit Freude und Enthusiasmus daran, denk nicht mehr so viel über vergangene Dinge nach.“ Ich versuchte, ihn wie ein alter Freund zu beraten und zu ermutigen.

Wang Chaoliang brach zu seiner Reise auf. Doch kritische Stimmen und negative Kommentare über den neuen Geschäftsführer des Minghua-Schiffs, Zheng Yi, erfüllten meine Ohren von allen Seiten und ließen mich nicht mehr los. Ich begann zu zweifeln: Hat Yuan Geng möglicherweise die falsche Person ausgewählt und eingesetzt? Auch Yuan Geng ist ein lebendiger Mensch aus Fleisch und Blut, und wenn er gelegentlich die falsche Person auswählt, wäre das nicht verwunderlich oder ungewöhnlich. Aber das Minghua-Schiff ist von so großer Bedeutung... Ich beschloss, selbst an Bord des Minghua-Schiffs zu gehen und diesen 24 Jahre alten Geschäftsführer persönlich zu besuchen und kennenzulernen.


Sechzehnter Teil: Der junge Geschäftsführer

An einem Nachmittag ging ich hinauf zur obersten Ebene des Minghua-Schiffs und klopfte an die Tür des Geschäftsführerbüros. Dieses Büro besteht aus zwei Räumen, einem äußeren und einem inneren. Der äußere Raum ist das Büro der Sekretärin Yu Qi, der innere Raum ist das gemeinsame Büro des Geschäftsführers und des stellvertretenden Geschäftsführers. Die Person, die mir die Tür öffnete, war zufällig Zheng Yi höchstpersönlich. Er trug ein bunt kariertes Oberhemd, eine Brille mit dunklem Rahmen, sein Gesicht war hell und klar, und er hatte immer noch das typische Auftreten und den Habitus eines Universitätsstudenten, noch nicht ganz in der Berufswelt angekommen. Nachdem er meinen Presseausweis gesehen hatte, sagte er zu Yu Qi: „Ich habe noch einige dringende Angelegenheiten zu erledigen, empfange du ihn zunächst einmal.“ Damit ging er in den inneren Raum hinein und schloss die Tür hinter sich. „Was für eine Arroganz und was für eine Überheblichkeit!“ dachte ich im Stillen bei mir. Aber auch Yu Qi begann nicht sofort ein Gespräch mit mir, sondern saß da und schrieb konzentriert weiter an irgendetwas. Ich

musste mich also auf das Sofa setzen und geduldig warten.

Nach ungefähr einer halben Stunde begann Yu Qi schließlich, höflich und freundlich mit mir zu sprechen und sich zu unterhalten. Sie ist eine Genossin von etwa 30 Jahren, wirkt sehr ernst, besonnen und reif, und ist ebenfalls Absolventin der renommierten Tsinghua-Universität. Ich erklärte ihr meine Aufgabe, einen ausführlichen Artikel über Yuan Geng zu schreiben, und sagte, ich hoffte, aus ihrer speziellen Perspektive etwas über Yuan Gengs Art und Weise zu erfahren, wie er Menschen auswählt und einsetzt.

Sie war außerordentlich sensibel und reagierte sofort, indem sie zu mir sagte: „Ich persönlich hatte ein gutes Verhältnis zum ehemaligen Generaldirektor Wang Chaoliang und halte ihn für einen sehr guten Genossen. Er ist warmherzig, aufrichtig, arbeitet aktiv und hat gute Beziehungen zu den Massen. Aber sein künstlerisches Temperament ist zu ausgeprägt, er ist unentschlossen, ihm fehlt die Durchsetzungskraft, sein Management kann mit der Entwicklung der Lage nicht Schritt halten. Direktor Yuan traf eine entschlossene Entscheidung und ersetzte ihn durch Zheng Yi - das war der richtige Schachzug. Dieser Generaldirektor mag zwar jung sein, aber er hat Durchsetzungskraft und die Qualitäten eines Führungstalents. Sein Meisterstück nach seinem Amtsantritt war die Reform des Lohnsystems. Er schaffte das Grundgehalt ab und führte ein reines Positionsgehalt ein, vergrößerte die Unterschiede und konnte so die Motivation der Kader und Arbeiter besser mobilisieren. Einige Menschen haben eine andere Meinung zu dieser Reform, aber Yuan Lan unterstützt sie. Er sagte, warum sollten wir es nicht versuchen.“

Zu diesem Zeitpunkt kam Zheng Yi aus dem Nebenraum, wo er telefoniert hatte. Yu Qi sagte nur: „Er ist gekommen, um über Direktor Yuan zu schreiben, du kannst mit ihm sprechen.“ Dann erklärte sie mir: „Zheng Yi hält die Erfahrungen der Minghua für noch nicht ausgereift und empfängt keine Journalisten. Wenn du über Yuan Geng schreiben willst, wird er gleich mit dir sprechen.“ Dann sprach sie weiter über Yuan Geng. „Direktor Yuan denkt auf einer höheren Ebene als wir. Warum bestand er darauf, die Minghua zu kaufen, und warum hatte er es so eilig mit der Eröffnung? Er dachte vom Standpunkt des Erdöls im Südchinesischen Meer aus. Die bestehenden Fabriken im Industriegebiet sind nicht sehr groß und haben keine großen Entwicklungsmöglichkeiten. Wenn wir es schaffen, die logistische Basis für das Erdöl im Südchinesischen Meer zu werden, sind die Entwicklungsaussichten unbegrenzt. Um dies zu erreichen, müssen wir in der Lage sein, die Mitarbeiter der Erdölgesellschaften zu halten, aber die paar Hotels und Restaurants, die wir ursprünglich hatten, reichen bei Weitem nicht aus. Bevor das Nanhai-Restaurant fertig ist, kann die Minghua eine große Rolle spielen. Deshalb legt Direktor Yuan großen Wert auf die Minghua. Als sie eröffnet wurde und das Management nicht in Gang kam, war er auch besorgt.“

Zheng Yi öffnete schließlich die Tür und bat mich herein. Mein Eindruck von ihm war zu diesem Zeitpunkt Offenheit, nicht Arroganz.

„Das ist ein attraktiver Posten“, sagte er lächelnd, „aber ich bin kein qualifizierter Manager, ich bin jederzeit bereit abzutreten. Wenn ich die Arbeit nicht gut mache, werde ich abtreten. Aber selbst wenn ich sie gut mache, könnte ich aus irgendeinem Kampfbedürfnis heraus abtreten müssen. Vielleicht können die Leute mich jetzt tolerieren, aber ich weiß nicht, bis zu welchem Grad sie mich tolerieren werden.“

Ich begann, Sympathie für ihn zu empfinden. Er war schließlich erst 24 Jahre alt, im gleichen Alter wie mein ältester Sohn, und einige Mängel waren nicht überraschend.

„Wir haben in der Vergangenheit oft gesagt, dass Kader auf- und absteigen können, aber wegen unseres Systems konnten wir das überhaupt nicht umsetzen. Jetzt wollen wir genau das wirklich erreichen, das ist Reform. Beim Auf- und Absteigen kann es manchmal zu nicht ganz angemessenen Entscheidungen kommen, und diejenigen, die absteigen, werden zwangsläufig leiden, aber die Richtung dieser Reform ist richtig und muss beibehalten werden. Kürzlich habe ich einen Generaldirektor der Zimmerverwaltung entlassen, der aus Hongkong eingeladen worden war. Er verdiente 6.000 Hongkong-Dollar im Monat und hatte keine Fehler bei der Arbeit gemacht, aber ich habe ihn entlassen, der einzige Grund war, dass er nicht lächeln konnte! Er hatte den ganzen Tag ein finsteres Gesicht und war unfreundlich. Das mag bei anderen Arbeiten unwichtig sein, aber an dieser Position an der Rezeption geht das nicht - die Gäste würden denken, dass man unhöflich zu ihnen ist. Als ich ihn entließ, hatte er keine Einwände, sagte einfach, er gehe, und als man durch seine Freunde nachfragte, sagte er auch, er habe keine Einwände. In seinen Augen war es ganz einfach: Wenn ich den Generaldirektor nicht zufriedenstellen kann, sollte ich gehen. Das ist die Hongkonger Mentalität. Wenn wir unsere Genossen austauschen würden, wäre das nicht möglich, sie würden sich endlos mit einem streiten. Nur eine Luohu-Brücke dazwischen, und die Mentalitäten sind so unterschiedlich.“ Ich empfand nicht nur Sympathie, sondern fast schon Bewunderung. „Ich will strenges Management durchsetzen und hoffe, ein Managementsystem zu etablieren, das sich sowohl vom japanischen als auch vom amerikanischen unterscheidet, sowohl streng als auch menschlich ist, Rechtsstaatlichkeit statt Personenherrschaft. Ich bin gerade dabei, es auszuprobieren. Der Versuch könnte scheitern, aber aus dem Scheitern werden wir Lehren ziehen, und das ist auch ein Vermögen. Natürlich habe ich viele Mängel, ebenso wie Yuan Geng Mängel hat, und das könnte ein Faktor für das Scheitern sein. Yuan Gengs Mängel könnten für Shekou katastrophal sein. Wir geben unser Bestes, um ein Scheitern zu vermeiden, denn wenn wir scheitern, wären die Auswirkungen zu groß.“

Ich empfand nicht nur Bewunderung, sondern fast schon Respekt.

„Bei einigen Dingen habe ich auch eine andere Meinung als Yuan Geng. Zum Beispiel war es Yuan Gengs Idee, unser chinesisches Restaurant an das von Hongkonger Geschäftsleuten investierte Huayuan-Restaurant zu verpachten, und ich habe bis heute eine andere Meinung. Er rief mich an und sagte, ich solle keine Angst haben, dass Kapitalisten Geld verdienen - das ist natürlich richtig, aber der Schwerpunkt der Hongkonger Geschäftsleute liegt auf dem Huayuan-Restaurant, wir können hier nur eine Nebenrolle spielen. Wenn Huayuan das Fleisch bekommt und wir an den Knochen nagen, kann es nicht gut gehen.“

Er hat wirklich Ecken und Kanten. Yuan Geng mag keine Ja-Sager, er wird solche abweichenden Meinungen nicht unbedingt akzeptieren, aber er wird sie nicht übelnehmen. Das ist Zheng Yis Glück.

„Einige Leute sagen, wenn das Nanhai-Restaurant eröffnet wird, ist es mit der Minghua vorbei. Ich sehe das nicht so. Es kann die Minghua nicht ersetzen. Mit besonderen Merkmalen und Service, wenn wir diese beiden Punkte gut machen, haben wir große Zukunftschancen. Ich will meine Hand auch ins Binnenland ausstrecken und Niederlassungen in Shanghai, Kanton und anderen Städten einrichten. Der Tourismussektor kann nicht auf einen Ort beschränkt bleiben.“

Ich sagte mir innerlich: Das ist ein Führungstalent! Als ich mich verabschiedete, sagte ich, ich würde eines Tages zu ihm nach Hause kommen, und er begrüßte das. Ich wollte auch erfahren, was die Organisationsabteilung von ihm hielt, und besuchte daher Yu Dehai, Mitglied des Parteikomitees des Industriegebiets und stellvertretender Sekretär der Disziplinarkommission sowie Leiter der Abteilung für Organisation und Kader, und Yuan Fuxing, der für die Kaderzuteilung zuständig war.

An der Parteitreue dieser beiden Genossen zweifelte ich nicht. Der 39-jährige Yu Dehai war ursprünglich Ingenieur und hatte mehrere Jahre lang als Direktor der Zhonghong-Sauerstofffabrik gearbeitet, der ersten Fabrik im Industriegebiet. Er leitete die Fabrik so gut, dass die Hongkonger Kapitalisten alle Hongkonger Mitarbeiter zurückzogen und ihm alle Befugnisse der Fabrik übertrugen. „Ich hätte mir im Traum nicht vorstellen können, dass ich ins Parteikomitee aufgenommen und mit der Kaderverwaltung betraut werde. Ich bin bis heute noch nicht einmal bei Yuan Geng zuhause gewesen gegangen. Wenn es nicht klappt, kann ich schlimmstenfalls wieder Ingenieur werden.“ Ich glaubte an seine Aufrichtigkeit. Was seine Meinung zu Zheng Yi und Wang Chaoliang betraf, so meinte er, dass beide ihre Stärken hätten. Zheng Yi sei durchsetzungsfähiger, Wang Chaoliang habe bessere Beziehungen zu den Massen. In einer Situation, in der das Management ziemlich chaotisch war, sei es richtig gewesen, Zheng Yi einzusetzen. Die Abteilung für Organisation und Kader stimmte zu, und auch das Parteikomitee stimmte einstimmig zu. Aber Wang Chaoliangs Verdienste könnten nicht ausgelöscht werden, er sollte weiterhin wichtige Aufgaben erhalten. Bezüglich der Entlassung einiger Arbeiter durch Zheng Yi war Yu Dehai nicht sehr einverstanden: „Ich sagte zu Zheng Yi, ich habe in der Sauerstofffabrik mehrere Jahre lang keinen einzigen Arbeiter entlassen, und die Fabrik wurde trotzdem sehr gut geführt.“

Yuan Fuxing war 36 Jahre alt, aber durch regelmäßigen Sport und sein von Natur aus puppenhaftes Gesicht wirkte er wie ein junger Mann in den Zwanzigern. Er hatte sein Studium der Informatik an der Zhejiang-Universität abgeschlossen und mehrere Jahre an der Lanzhou-Universität unterrichtet. 1980, als einige Studenten für das Volksvertreteramt kandidierten und übertriebene Aussagen machten, wollte man später bei der Jobvermittlung nach dem Abschluss gegen diese Studenten vorgehen, und er war der Erste in der Fakultät, der für die Studenten eintrat. „Damals waren einige politische Mitarbeiter eifrig dabei, weil sie dachten, das Jahr 1957 käme wieder und man würde wieder Rechtsabweichler festnehmen. Ich kannte diese Studenten am besten, sie waren diejenigen, die normalerweise am fleißigsten lernten, einige waren sogar Vorzeigeschüler. Sie hatten viel gelesen, hatten viel Kontakt mit ausländischen Materialien, sorgten sich um das Land und die Menschen, waren besorgt um unser Land und sagten unweigerlich einige übertriebene Dinge, aber ich wage zu garantieren, dass keiner von ihnen die Absicht hatte, die Partei oder den Sozialismus zu bekämpfen.“ Gut gesagt! Kein Wunder, dass er seit seiner Ankunft in Shekou immer mit Kaderarbeit betraut wurde.

Als Yuan Geng überlegte, Zheng Yi anstelle von Wang Chaoliang einzusetzen, fragte er zuerst Yuan Fuxing um seine Meinung. „Aus menschlicher Sicht ist Zheng skrupellos und nimmt keine Rücksicht auf Gefühle; Wang nimmt Rücksicht auf Gefühle, und die Besatzung spricht immer noch gut von ihm. Aber wir müssen uns auf Rechtsstaatlichkeit verlassen und können nicht von persönlichen Gefühlen ausgehen. Wang hat die falschen Leute eingesetzt, das Team ist nicht einheitlich, einige der Leute, die er schätzte, haben ihm hinter dem Rücken Steine in den Weg gelegt, und diejenigen, die er hätte einsetzen sollen, wurden nicht eingesetzt. Zum Beispiel gab es einen Kader aus Huiyang, der Leiter einer regionalen Theatertruppe und Manager einer Filmfirma gewesen war. Er war sehr fähig und hatte eine gute Beziehung zu Wang, aber er verkaufte drei Monate lang Chips für elektronische Spielautomaten. Wang wollte ihn zum Manager der Unterhaltungs-Abteilung machen, konnte sich aber lange nicht entscheiden.“ Ich kannte diesen Genossen, er sympathisierte mit Wang Chaoliang, wollte nicht auf der Minghua bleiben und ging als Personalleiter zum Shenzhen-Fernsehen. Er war erst 42 Jahre alt. Es wurde gesagt, dass Zheng Yi sagte, er sei zu alt und wollte ihn nicht einsetzen. Auf jeden Fall konnte er ihn nicht halten – das ist wirklich schade.

„Aber Wang Chaoliang ist warmherzig und aufrichtig und hat viele Ideen. Wenn es mit dem zweiten Luftfahrtprojekt nicht klappt, müssen wir ihm eine passende Arbeit zuweisen. Der Generaldirektor des Nanhai-Restaurants wird von der Hongkonger Investorenseite entsandt, wir überlegen gerade die Personalie für den stellvertretenden Generaldirektor, Wang ist auch einer der Kandidaten.

„Yuan Geng hat Weitblick, Zheng Yi zu fördern. Ursprünglich haben wir auch um Zheng Yi gezittert, jetzt hat die Praxis bewiesen, dass er die Arbeit in Gang gebracht hat, im Juli war die Bilanz ausgeglichen. Ob er heranwachsen kann, hängt davon ab, dass er selbst Erfahrungen und Lehren zusammenfasst. Man muss keine Angst vor Fehlern haben, auch alte Kader haben Fehler gemacht.

„Yuan Geng betont, dass man bei der Verwendung von Kadern manchmal wie ein Mannschaftstrainer sein muss. Auf dem Spielfeld sagt der Trainer, Nummer 4 runter, Nummer 7 rauf, damit meint er nicht, dass Nummer 4 nicht gut ist, er will vielleicht nur ausprobieren, ob Nummer 7 gut werfen kann, ob die Sprungkraft gut ist...“

Dieser Vergleich ist wirklich interessant. Ich erinnerte mich, dass Yuan Geng in einer Rede auch über diesen Standpunkt gesprochen hatte. „Wir müssen es zu einer Normalität machen, dass Kader auf- und absteigen können. Dass du heute diesen Manager machst und morgen runtergehst und jemand anders hochkommt, ist normal, aber viele von uns halten das für nicht normal. Das Abnormale in etwas Normales zu verwandeln, das ist Reform.“

Plötzlich kam mir eine seltsame Assoziation, ich fand, dass Yuan Geng und der Volleyballtrainer Yuan Weimin etwas Ähnlichkeit besaßen, die beiden Gesichter überlagerten sich in meinem Kopf. In gewisser Weise wafr Yuan Geng doch auch ein Trainer, oder? Dieser Trainer war streng mit seinen Spielern. Eine Geschichte, die mir sowohl Yu Dehai als auch Yuan Fuxing erzählten, zeigte Yuan Gengs Strenge gegenüber Zheng Yi.

Es gab einen Buchhalter aus Shanghai. Zheng Yi hatte einmal mit ihm gesprochen und hielt ihn für ein Führungstalent, also entschied er, ihn zum Manager des Minghua-Kaufhauses zu machen. Aber die Abteilung für Organisation und Kader stimmte nicht zu, weil das Industriegebiet gerade Finanzpersonal brauchte, und empfahl stattdessen einen anderen Genossen aus einem Schulungskurs für Unternehmensführung. Zheng Yi konnte es nicht verstehen und lief zum Verwaltungskomitee, um Yuan Geng und Yu Dehai zu finden. Yuan Geng sagte: „In Kaderfragen hört man auf die Abteilung für Organisation und Kader.“ Zheng Yi fragte: „Vertraut ihr mir nun oder nicht?“ Yuan Geng sagte ernst: „Wir vertrauen dir und vertrauen dir nicht. Wir vertrauen dir, deshalb haben wir dich zum Generaldirektor gemacht; wir vertrauen dir nicht, weil wir nicht wissen, ob du die Aufgabe gut erfüllen kannst, deshalb müssen wir dich weiter prüfen, schauen jeden Tag auf deine Berichte, schauen auf deinen Geschäftsgang, schauen, wie dein Ansehen bei den Massen ist.“

Später verstand Zheng Yi es, akzeptierte den von der Abteilung für Organisation und Kader empfohlenen Genossen, und die Praxis bewies, dass er die Arbeit sehr gut machte. Zheng Yi ging dann zu Yu Dehai, um sich zu entschuldigen. Yu Dehai sagte: „Wofür entschuldigst du dich? Das ist normale Arbeit.“

Auf einer Wirtschaftskonferenz der teilweise geöffneten Küstenstädte erwähnte Yuan Geng in seiner Rede diese Angelegenheit (natürlich ohne Namen zu nennen) und erhob sie auf eine theoretische Ebene: „Unsere Kader haben keine absolute Verantwortung, also haben sie auch keine absolute Macht. Der Grund ist einfach: Bei einem kapitalistischen Unternehmen trägt der Unternehmer die absolute Verantwortung und hat auch alle Macht. Denn das Vermögen gehört ihm, deshalb hat er die volle Verantwortung. Wenn dieses Unternehmen bankrott geht, erhängt sich die ganze Familie. Aber unsere Unternehmen sind Staatseigentum, gehören dem ganzen Volk. Wenn Macht, Verantwortung und Interessen noch nicht sehr klar sind, sollte man Einzelpersonen keine absolute Macht geben. Die Personalauswahl muss über die Personalabteilung laufen, weil die Organisationsabteilung der Partei die gesamte Kadermannschaft kennt. Diese Diskussion fand kürzlich statt. Wie man die Aktivität der Kader mobilisieren kann, damit sie Macht, Verantwortung und Interesse haben, diese Frage ist noch nicht vollständig gelöst.“

An einem Samstagabend besuchte ich unangekündigt Zheng Yis in seiner neuen Wohnung. Er war erst kürzlich nach seiner Hochzeit eingezogen, im Wohnzimmer gab es keinerlei Einrichtung. Zwei junge Leute, die ich noch nie gesehen hatte, saßen dort, offensichtlich kam ich zur Unzeit. Zheng Yi stellte sie lächelnd vor: „Sie sind alle Manager. Wir können jetzt einen Managerclub gründen.“ Der Große war Chen Gang, Manager der neu gegründeten Yinxing Electronic Engineering Company, 26 Jahre alt; der Kleine war Zhu Jiajun, der Zheng Yis Position als Manager des Shanghai-Restaurants übernahm, 25 Jahre alt, beide hatten ein Studium der automatischen Steuerung abgeschlossen. Ich dachte an den Vergleich mit dem „Trainer“ und stellte mir unwillkürlich vor, sie seien Sportler, und wünschte ihnen in Gedanken: Möget ihr alle auf dem Wettkampfplatz des wirtschaftlichen Aufbaus Goldmedaillen gewinnen!

Sie hatten etwas zu erledigen, Zheng Yi versprach, am nächsten Montag um 19:30 Uhr zu meinem Gästehaus zu kommen.

Am Montagabend um 19:10 Uhr kam Zheng Yi hastig: „Tut mir sehr leid, heute Abend habe ich etwas zu tun, lass uns ein andermal reden.“ Damit ging er hastig wieder. Ich stand auf dem Flur und schaute nach unten, sah, wie er in einen beigefarbenen Werkstattwagen sprang, und nach dem Anfahren beschleunigt er und raste davon. Auch beim Autofahren hatte dieser Mensch Charakter. Ich wusste, dass „in einem kleinen Auto herumfahren“ auch eines der Diskussionsthemen war. Vielleicht würde nur ein Manager, der nicht Auto fahren kann, als bescheiden gelten. Aber Manager, die Auto fahren können, werden sicherlich immer mehr werden.

Am nächsten Abend kam Zheng Yi im Regen.

„Gestern habe ich nicht einhalten können, weil ich mit Dutzenden von Mitarbeitern der Unterhaltungsabteilung zum Xiangmihu-See zum Grillen gegangen bin. Heute Abend war ursprünglich geplant, mit einer anderen Gruppe zu gehen, aber wegen des Regens wurde es verschoben. Ich kann nicht zulassen, dass die Arbeiter ständig Angst vor mir haben, ich muss eine Beziehung zu ihnen aufbauen, damit sie das Unternehmen von Herzen lieben und Angst haben, von hier entlassen zu werden. Wenn ich Arbeiter entlasse, wird das kritisiert, wenn ich solche Dinge mache, wird niemand etwas sagen.“

Ich sagte: „Man sollte den Arbeitern ein Gefühl der Eigenverantwortung geben, sie sollten dich respektieren, aber auch das Gefühl haben, dass sie als Menschen gleichwertig sind.“ Er stimmte zu. Dann wechselte das Thema zur Unternehmensführung und zum Management.

„Über mich wird zu viel geredet, ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken. Wenn mich jemand nach etwas fragt, erkläre ich es, wenn nicht, kümmere ich mich nicht darum. Jetzt bearbeite ich nach Arbeitsbeginn von 8 bis 9 Uhr die täglichen Angelegenheiten, die restlichen 7 Stunden denke ich über die Entwicklung in den nächsten Jahren nach. Ich verhandle gerade mit einem Hongkonger Konsortium, um große Investitionen für einen großen Wasservergnügungspark einzubringen, bitte behalte das vorerst für dich.“ Er nannte eine Investitionssumme, die wirklich sehr beträchtlich war. Wenn die Verhandlungen erfolgreich wären, würde die Meeresfläche um die Minghua herum zu einer echten „Seewelt“ werden. „Die Verhandlungen über die Niederlassung in Shanghai waren bereits erfolgreich, in ein paar Tagen fahre ich nach Shanghai, um den Vertrag zu unterzeichnen. Auch Kanton soll erschlossen werden, viele Städte sollen erschlossen werden. Nur ein Schiff zu betreiben, ist nicht sehr interessant...“

Er sprach mit Begeisterung, ich hörte mit großem Interesse zu. Ich assoziierte mit einigen Menschen und fand, er gehörte zu der Kategorie von Personen, bei denen sowohl Stärken als auch Schwächen relativ ausgeprägt sind. Hier werden solche Menschen geschätzt, bekommen Hilfe und können neue Situationen schaffen; an anderen Orten ist ihre Lage nicht so erfreulich. Ich empfand Yuan Geng als umso wertvoller.


Siebzehnter Teil: Das Blut kocht

Ich habe einen Monat in Shekou verbracht und mich mit Yuan Geng weniger als eine Stunde unterhalten. Mit seinen Kindern konnte ich überhaupt nicht sprechen, daher kenne ich sein Familienleben zu wenig, was bedauerlich ist. Ein junger Mensch sagte mir: „Yuan Zhongyin hat über viele Dinge gesprochen, Yuan Gengs Familienleben ist sehr interessant.“ Ich bat ihn um eine Einführung, er sagte: „Sprich mit Yuan Zhongyin, das sind bei mir Informationen aus zweiter Hand.“ Aber Yuan Zhongyin war auf Dienstreise, ich konnte nicht ewig hier auf ihn warten.

Ich hatte an Yuan Zhongyins Tür geklopft. Die Tür öffnete eine etwa 60-jährige Hakka-Frau, ich vermutete, dass es Yuan Gengs Schwägerin war. Yuan Geng hatte zwei Brüder in die Revolution mitgenommen, ein Bruder wurde im antijapanischen Widerstandskrieg von einem japanischen Flugzeug getötet, diese Schwägerin lebte immer in der Yuan-Familie. Die alte Frau empfing mich herzlich, leider konnte ich kein Hakka sprechen, ich musste lächelnd gehen.

Den oben genannten jungen Mensch muss ich erwähnen, wenn ich diesen Text beende.

Er heißt Zhou Weimin, Absolvent der Tsinghua-Universität. 1976 saß er wegen seiner Teilnahme an der „Bewegung des 5. April“ ein halbes Jahr im Gefängnis, nach dem Sturz der „Viererbande“ war er stellvertretender Sekretär des Jugendkomitees der Tsinghua-Universität. Aus bestimmten historischen Gründen wurde er zu einer umstrittenen Persönlichkeit. Nach seiner Ankunft in Shekou war er ein halbes Jahr lang Leiter der Propagandaabteilung, dann ein halbes Jahr Leitungsmonteur in der Telefongesellschaft, und erst in den letzten Monaten war er stellvertretender Manager der Immobiliengesellschaft geworden. Dieser Werdegang an sich ist sehr interessant. Dass Yuan Geng ihn einsetzte, bedeutete ein gewisses Risiko. Er und seine Frau Yu Qi hatten sich mental darauf vorbereitet, Shekou zu verlassen, aber blieben schließlich doch.

Yuan Gengs Reden hören junge Leute gern. Aber wenn er einige Dinge mehrmals wiederholte, wurden einige junge Leute ungeduldig und sagten: „Ist Yuan Geng alt geworden, ist er geschwätzig geworden?“ Zhou Weimin sammelte diese Rückmeldungen sowie andere Kritik an Yuan Gengs Mängeln und schrieb Yuan Geng einen Brief. Ein paar Tage später drückte Yuan Geng fest seine Hand und sagte: „Danke dir! Seit langem hat mir niemand mehr solche Meinungen mitgeteilt. Du solltest mich in Zukunft öfter daran erinnern.“ Als Genosse Hu Yaobang letztes Jahr Shekou inspizierte, stellte Yuan Geng ihm besonders einige junge Kader wie Gu Liji, Zhao Yong und Zhou Weimin vor. Genosse Yaobang fragte nach ihrem Alter und anderen Umständen und sagte voller Gefühl: „Neulich gab es eine Fernsehsendung namens ‘Rangliste der Besten’, darin standen zwei Sätze: Die späteren Wellen des Yangtse drängen die vorderen, und Helden entstehen aus jungen Männern. Ich denke, ihr seid wohl diese jungen Männer.“ Wie viele tatkräftige junge Männer haben sich in Shekou versammelt! Was ich in nur einem Monat gehört und gesehen habe, verschaffte mir einen starken Eindruck: Hier ist nicht nur ein Yuan Geng, ein Mann mit heißem Blut. Allein unter den Genossen, die ich besucht habe, finde ich, egal ob alt oder jung, Mann oder Frau, gelobt oder umstritten, eine Gemeinsamkeit - sie alle lieben Shekou, sie sehnen sich nach Reform. Obwohl ihre Ansichten zu bestimmten Menschen und Dingen unterschiedlich sein mögen, sind ihre Herzen heiß, ihr Blut ist heiß. Dies ist wirklich das Reich der heißblütigen Männer (und natürlich auch Frauen)!

Wenn man Städte mit Menschen vergleichen kann, dann ist das erst fünf Jahre alte Shekou, diese lebhafte kleine Hafenstadt, genau ein heißblütiger Mann mit unbegrenzter Zukunft!

Shekous Hafen ist mit der langen Küstenlinie des Vaterlandes verbunden, Shekous Straßen sind mit dem weiten Land des Vaterlandes verbunden. Von der Küste bis ins Landesinnere, von den Dörfern bis in die Städte, drängt die Welle der Reform mit unaufhaltsamer Kraft vorwärts. In dieser Welle kämpfen noch viel mehr heißblütige Männer mutig! Das Blut in ihrer Brust kocht bereits, sie wollen für die Wahrheit kämpfen!

Die Wahrheit ist Reform! Reform ist Wahrheit!

(Originalveröffentlichung in „Huacheng“, Heft 6, 1984)


Li Bingyin (Hg.)

Der Große Bericht

40 Jahre Reform und Öffnung in China


Ausgewählte Reportage-Literatur




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