Difference between revisions of "Hongloumeng/de4/Chapter 50"

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Im Gehege der Warmen Düfte ersinnt man Laternenrätsel
 
Im Gehege der Warmen Düfte ersinnt man Laternenrätsel
  
Es wird erzählt, dass Schatzspange [薛宝钗]<ref>Chin. 宝钗 Bǎochāi (vollst. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange". Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.</ref> sagte: „Wir sollten doch eine feste Reihenfolge haben. Lasst mich das aufschreiben.“ Damit ließ sie alle Lose ziehen, um die Abfolge zu bestimmen. Phönixglanz [王熙凤]<ref>Chin. 凤姐 Fèngjie (vollst. 王熙凤 Wáng Xīfèng), wörtl. „Phönix-Glanz". Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.</ref> sagte: „Wenn ihr es so macht, möchte ich auch eine Zeile an den Anfang setzen.“ Alle sagten lachend: „Das ist umso besser!“ Schatzspange schrieb über den Namen „Alte Reisduftbäuerin“ noch das Zeichen „Feng“. Frau Li [李纨]<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán, auch „Schleierfrau". Witwe des früh verstorbenen Jia Zhu, Vorsteherin des Gartens.</ref> erklärte Phönixglanz das Thema. Phönixglanz überlegte lange und sagte dann lachend: „Lacht mich nicht aus. Ich habe nur eine einzige grobe Zeile, mehr fällt mir nicht ein.“ Alle sagten lachend: „Je gröber, desto besser! Sag sie uns und geh dann ruhig deinen Geschäften nach.“
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Es wird erzählt, dass Schatzspange [薛宝钗]<ref>Chin. 宝钗 Bǎochāi (vollst. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange“. Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.</ref> sagte: „Wir sollten doch eine feste Reihenfolge haben. Lasst mich das aufschreiben.“ Damit ließ sie alle Lose ziehen, um die Abfolge zu bestimmen. Phönixglanz [王熙凤]<ref>Chin. 凤姐 Fèngjie (vollst. 王熙凤 Wáng Xīfèng), wörtl. „Phönix-Glanz“. Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.</ref> sagte: „Wenn ihr es so macht, möchte ich auch eine Zeile an den Anfang setzen.“ Alle sagten lachend: „Das ist umso besser!“ Schatzspange schrieb über den Namen „Alte Reisduftbäuerin“ noch das Zeichen „Feng“. Frau Li [李纨]<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán. Witwe des früh verstorbenen Jia Zhu, Vorsteherin des Gartens.</ref> erklärte Phönixglanz das Thema. Phönixglanz überlegte lange und sagte dann lachend: „Lacht mich nicht aus. Ich habe nur eine einzige grobe Zeile, mehr fällt mir nicht ein.“ Alle sagten lachend: „Je gröber, desto besser! Sag sie uns und geh dann ruhig deinen Geschäften nach.“
  
 
Phönixglanz sagte lächelnd: „Ich dachte mir, wenn es schneit, muss der Nordwind wehen. Letzte Nacht habe ich die ganze Nacht den Nordwind gehört, und so habe ich meine Zeile:
 
Phönixglanz sagte lächelnd: „Ich dachte mir, wenn es schneit, muss der Nordwind wehen. Letzte Nacht habe ich die ganze Nacht den Nordwind gehört, und so habe ich meine Zeile:
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Alle sahen einander lächelnd an und sagten: „Die Zeile ist zwar grob, doch sieht man nicht, was danach kommen wird – und gerade das ist die richtige Art, ein Gedicht zu beginnen. Sie ist nicht nur gut, sie lässt auch den Nachfolgenden weiten Raum. So soll sie als Erste stehen. Alte Reisduftbäuerin, schreib sie schnell auf und dichte weiter!“
 
Alle sahen einander lächelnd an und sagten: „Die Zeile ist zwar grob, doch sieht man nicht, was danach kommen wird – und gerade das ist die richtige Art, ein Gedicht zu beginnen. Sie ist nicht nur gut, sie lässt auch den Nachfolgenden weiten Raum. So soll sie als Erste stehen. Alte Reisduftbäuerin, schreib sie schnell auf und dichte weiter!“
  
Phönixglanz, Tante Li und Friedchen [平儿]<ref>Chin. 平儿 Píng’ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz’ erste Kammerzofe und Vertraute.</ref> tranken noch zwei Becher Wein und gingen dann. Frau Li schrieb die Zeile auf und fuhr selbst fort:
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Phönixglanz, Tante Li und Friedchen [平儿]<ref>Chin. 平儿 Píng’ér, wörtl. „Friedchen“. Phönixglanz’ erste Kammerzofe und Vertraute.</ref> tranken noch zwei Becher Wein und gingen dann. Frau Li schrieb die Zeile auf und fuhr selbst fort:
  
 
     Die ganze Nacht hat der Nordwind geweht,
 
     Die ganze Nacht hat der Nordwind geweht,
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     Im Schmutz der Erde – wie rein doch das Weiß,
 
     Im Schmutz der Erde – wie rein doch das Weiß,
  
Duftlinse [香菱]<ref>Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftlinse". Xue Pan<ref>Chin. 薛蟠 Xuē Pán, Schatzspanges älterer Bruder, bekannt für seinen zügellosen Lebenswandel.</ref>s Konkubine, ehemals Zhen Yinglian.</ref> sprach:
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Duftlinse [香菱]<ref>Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftlinse“. Konkubine von Xue Pan, ehemals Zhen Yinglian.</ref> sprach:
  
 
     wie Jade bedeckt liegt der Boden.
 
     wie Jade bedeckt liegt der Boden.
 
     Dem welken Gras wird neues Leben geschenkt,
 
     Dem welken Gras wird neues Leben geschenkt,
  
Tanchun [探春]<ref>Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin". Dritte Tochter von Kaufmann Aufrecht, auch „Spürfrühling<ref>Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin". Dritte Tochter von Kaufmann Aufrecht.</ref>" genannt.</ref> fuhr fort:
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Tanchun [探春]<ref>Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin“. Dritte Tochter von Kaufmann Aufrecht.</ref> fuhr fort:
  
 
     verdorrtes Röhricht trägt neuen Schmuck.
 
     verdorrtes Röhricht trägt neuen Schmuck.
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     Moschuskohle glüht im Bronzegefäß,
 
     Moschuskohle glüht im Bronzegefäß,
  
Baoqin [薛宝琴]<ref>Chin. 薛宝琴 Xuē Bǎoqín, Schatzspanges jüngere Kusine, berühmt für ihre Schönheit und Dichtkunst.</ref> machte weiter:
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Baoqin [薛宝琴]<ref>Chin. 薛宝琴 Xuē Bǎoqín, jüngere Kusine von Schatzspange, berühmt für ihre Schönheit und Dichtkunst.</ref> machte weiter:
  
 
     in bestickten Ärmeln wärmt goldener Zobel.
 
     in bestickten Ärmeln wärmt goldener Zobel.
 
     Sein Glanz beschämt den Spiegel am Fenster,
 
     Sein Glanz beschämt den Spiegel am Fenster,
  
Kajaljade [林黛玉]<ref>Chin. 黛玉 Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade". Lin Daiyu, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren des Romans.</ref> fiel ein:
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Kajaljade [林黛玉]<ref>Chin. 黛玉 Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade“. Lin Daiyu, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren des Romans.</ref> fiel ein:
  
 
     sein Duft verklebt den Pfeffer an der Wand.
 
     sein Duft verklebt den Pfeffer an der Wand.
 
     Der schiefe Wind bläst immerfort,
 
     Der schiefe Wind bläst immerfort,
  
Schatzjade [贾宝玉]<ref>Chin. 宝玉 Bǎoyù (vollst. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade". Der männliche Hauptprotagonist des Romans.</ref> knüpfte an:
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Schatzjade [贾宝玉]<ref>Chin. 宝玉 Bǎoyù (vollst. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade“. Der männliche Hauptprotagonist des Romans.</ref> knüpfte an:
  
 
     reine Träume werden flüchtig und fern.
 
     reine Träume werden flüchtig und fern.
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Frau Li sagte lächelnd: „Wenn man es Zeile für Zeile beurteilt, ist alles wie aus einem Guss – nur Schatzjades Beitrag fällt wieder ab.“ Schatzjade erwiderte lächelnd: „Ich kann nun einmal keine Gemeinschaftsgedichte. Ihr müsst mir das nachsehen.“
 
Frau Li sagte lächelnd: „Wenn man es Zeile für Zeile beurteilt, ist alles wie aus einem Guss – nur Schatzjades Beitrag fällt wieder ab.“ Schatzjade erwiderte lächelnd: „Ich kann nun einmal keine Gemeinschaftsgedichte. Ihr müsst mir das nachsehen.“
  
Frau Li sagte lächelnd: „Wir können dir doch nicht bei jeder Sitzung etwas nachsehen! Mal sagst du, der Reim sei zu schwierig, dann hast du beim Korrigieren Fehler eingebaut, und jetzt verstehst du dich nicht auf Gemeinschaftsgedichte. Heute wirst du bestraft! Vorhin habe ich gesehen, wie schön die roten Pflaumenbäume im Kloster Gefangenes Grün [栊翠庵] blühen. Ich möchte einen Zweig davon für meine Vase. Aber Miaoyu [妙玉]<ref>Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wundersame Jade". Eine buddhistische Nonne, die im Kloster Gefangenes Grün im Garten lebt.</ref> ist mir in ihrem Wesen zuwider, und ich lasse sie deswegen links liegen. Darum sollst du mir jetzt zur Strafe einen Zweig holen.“
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Frau Li sagte lächelnd: „Wir können dir doch nicht bei jeder Sitzung etwas nachsehen! Mal sagst du, der Reim sei zu schwierig, dann hast du beim Korrigieren Fehler eingebaut, und jetzt verstehst du dich nicht auf Gemeinschaftsgedichte. Heute wirst du bestraft! Vorhin habe ich gesehen, wie schön die roten Pflaumenbäume im Kloster Gefangenes Grün [栊翠庵] blühen. Ich möchte einen Zweig davon für meine Vase. Aber Miaoyu [妙玉]<ref>Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wundersame Jade“. Eine buddhistische Nonne, die im Kloster Gefangenes Grün im Garten lebt.</ref> ist mir in ihrem Wesen zuwider, und ich lasse sie deswegen links liegen. Darum sollst du mir jetzt zur Strafe einen Zweig holen.“
  
 
Alle fanden die Strafe zugleich elegant und unterhaltsam. Auch Schatzjade nahm sie gern auf sich und wollte gleich losgehen. Doch Xiangji und Kajaljade sagten beide: „Draußen ist es eiskalt. Trink erst einen Becher heißen Wein, ehe du gehst!“
 
Alle fanden die Strafe zugleich elegant und unterhaltsam. Auch Schatzjade nahm sie gern auf sich und wollte gleich losgehen. Doch Xiangji und Kajaljade sagten beide: „Draußen ist es eiskalt. Trink erst einen Becher heißen Wein, ehe du gehst!“
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Frau Li protestierte: „Schatzjade einfach so davonkommen zu lassen, damit bin ich nicht einverstanden.“ Eilig schaltete Xiangji sich ein: „Ich habe ein gutes Thema für ihn!“ Alle wollten wissen, welches. Xiangji sagte: „Er soll über ‚Besuch bei Miaoyu mit der Bitte um einen roten Pflaumenzweig‘ dichten – wäre das nicht köstlich?“ Alle sagten: „Das ist köstlich!“
 
Frau Li protestierte: „Schatzjade einfach so davonkommen zu lassen, damit bin ich nicht einverstanden.“ Eilig schaltete Xiangji sich ein: „Ich habe ein gutes Thema für ihn!“ Alle wollten wissen, welches. Xiangji sagte: „Er soll über ‚Besuch bei Miaoyu mit der Bitte um einen roten Pflaumenzweig‘ dichten – wäre das nicht köstlich?“ Alle sagten: „Das ist köstlich!“
  
Kaum war das Wort gefallen, da kam Schatzjade strahlend mit einem Zweig roter Pflaumenblüten auf der Schulter herein. Die Dienstmädchen nahmen ihn sofort entgegen und stellten ihn in die Vase. Alle bedankten sich lachend. Schatzjade sagte lachend: „Bewundert ihn jetzt nur – ihr wisst ja nicht, wie viel Mühe es mich gekostet hat!“ Während er das sagte, reichte ihm Tanchun schon einen Becher gewärmten Wein, und die Mädchen kamen herbei, ihm Cape und Hut abzunehmen und den Schnee abzubürsten. Aus jedem Haushalt wurden zusätzliche Kleidungsstücke gebracht, und auch Dufthauch [袭人]<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Die Überraschende" (nach dem Gedicht „der Blütenduft greift den Menschen an"). Schatzjades erste Kammerzofe.</ref> hatte jemanden mit einer halbneuen Fuchsklauenjacke geschickt.
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Kaum war das Wort gefallen, da kam Schatzjade strahlend mit einem Zweig roter Pflaumenblüten auf der Schulter herein. Die Dienstmädchen nahmen ihn sofort entgegen und stellten ihn in die Vase. Alle bedankten sich lachend. Schatzjade sagte lachend: „Bewundert ihn jetzt nur – ihr wisst ja nicht, wie viel Mühe es mich gekostet hat!“ Während er das sagte, reichte ihm Tanchun schon einen Becher gewärmten Wein, und die Mädchen kamen herbei, ihm Cape und Hut abzunehmen und den Schnee abzubürsten. Aus jedem Haushalt wurden zusätzliche Kleidungsstücke gebracht, und auch Dufthauch [袭人]<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Die Überraschende“ (nach dem Gedicht „der Blütenduft greift den Menschen an“). Schatzjades erste Kammerzofe.</ref> hatte jemanden mit einer halbneuen Fuchsklauenjacke geschickt.
  
 
Frau Li befahl, einen Teller mit gedämpften großen Taroknollen aufzutragen sowie zwei weitere Teller mit roten Mandarinen, goldgelben Orangen und Oliven, und ließ sie Dufthauch bringen.
 
Frau Li befahl, einen Teller mit gedämpften großen Taroknollen aufzutragen sowie zwei weitere Teller mit roten Mandarinen, goldgelben Orangen und Oliven, und ließ sie Dufthauch bringen.
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Kaum hatte Kajaljade zu Ende geschrieben und alle wollten das Gedicht besprechen, da stürmten ein paar Dienstmädchen herein und meldeten: „Die Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die älteste und ranghöchste Person der Kaufmann-Familie.</ref> kommt!“
 
Kaum hatte Kajaljade zu Ende geschrieben und alle wollten das Gedicht besprechen, da stürmten ein paar Dienstmädchen herein und meldeten: „Die Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die älteste und ranghöchste Person der Kaufmann-Familie.</ref> kommt!“
  
Alle eilten hinaus, um sie zu empfangen, und sagten lächelnd: „Was hat sie nur für gute Laune!“ Von fern erblickten sie die Herzoginmutter [贾母], die in einen weiten Umhang gehüllt, mit einer warmen Mütze aus Graufeh auf dem Kopf, in einem kleinen Bambustragstuhl saß und einen Regenschirm aus blauer Ölseide hielt. Neben ihr gingen Mandarinenente [鸳鸯]<ref>Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente". Erste Kammerzofe der Herzoginmutter. Mandarinenenten gelten in China als Symbol ehelicher Treue.</ref>, Hupo [琥珀]<ref>Chin. 琥珀 Hǔpò, wörtl. „Bernstein". Eine Kammerzofe der Herzoginmutter.</ref> und fünf oder sechs weitere Dienstmädchen, jede mit einem Schirm, und begleiteten den Tragstuhl.
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Alle eilten hinaus, um sie zu empfangen, und sagten lächelnd: „Was hat sie nur für gute Laune!“ Von fern erblickten sie die Herzoginmutter [贾母], die in einen weiten Umhang gehüllt, mit einer warmen Mütze aus Graufeh auf dem Kopf, in einem kleinen Bambustragstuhl saß und einen Regenschirm aus blauer Ölseide hielt. Neben ihr gingen Mandarinenente [鸳鸯]<ref>Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente“. Erste Kammerzofe der Herzoginmutter. Mandarinenenten gelten in China als Symbol ehelicher Treue.</ref>, Hupo [琥珀]<ref>Chin. 琥珀 Hǔpò, wörtl. „Bernstein“. Eine Kammerzofe der Herzoginmutter.</ref> und fünf oder sechs weitere Dienstmädchen, jede mit einem Schirm, und begleiteten den Tragstuhl.
  
 
Frau Li und die anderen wollten ihr entgegeneilen, doch die Herzoginmutter schickte jemanden vor, um sie aufzuhalten, und ließ ausrichten: „Bleibt, wo ihr seid.“ Als sie herankam, sagte die Herzoginmutter lächelnd: „Ich bin heimlich hergekommen, ohne eurer Herrin und Phönixglanz etwas zu sagen. Im tiefen Schnee in diesem Stuhl zu sitzen, macht mir nichts aus – aber warum sollten die beiden sich durch den Schnee quälen?“
 
Frau Li und die anderen wollten ihr entgegeneilen, doch die Herzoginmutter schickte jemanden vor, um sie aufzuhalten, und ließ ausrichten: „Bleibt, wo ihr seid.“ Als sie herankam, sagte die Herzoginmutter lächelnd: „Ich bin heimlich hergekommen, ohne eurer Herrin und Phönixglanz etwas zu sagen. Im tiefen Schnee in diesem Stuhl zu sitzen, macht mir nichts aus – aber warum sollten die beiden sich durch den Schnee quälen?“
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Damit nahm sie wieder in ihrem Bambustragstuhl Platz. Alle begleiteten sie, und sie kamen am Lotoswurzelkiosk vorbei, dann in einen ummauerten Gang, der im Osten und Westen jeweils in einem Straßentor endete. An jedem Torgebäude waren innen und außen Steinplatten mit Inschriften eingelassen. Das Westtor, durch das sie jetzt gingen, trug außen die Zeichen „Durch die Wolken“ und innen „Über den Mond“.
 
Damit nahm sie wieder in ihrem Bambustragstuhl Platz. Alle begleiteten sie, und sie kamen am Lotoswurzelkiosk vorbei, dann in einen ummauerten Gang, der im Osten und Westen jeweils in einem Straßentor endete. An jedem Torgebäude waren innen und außen Steinplatten mit Inschriften eingelassen. Das Westtor, durch das sie jetzt gingen, trug außen die Zeichen „Durch die Wolken“ und innen „Über den Mond“.
  
In der Mitte des Gangs traten sie durch das nach Süden weisende Haupttor ein. Die Herzoginmutter stieg aus dem Tragstuhl, und Xichun [惜春]<ref>Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Frühlings-Bewahrerin", auch „Bewahrfrühling". Jüngste Tochter von Kaufmann Juwel<ref>Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Kaufmann Juwel". Das Oberhaupt des östlichen Ninguo-Zweigs der Kaufmann-Familie.</ref>.</ref> kam ihr schon entgegen. Durch einen überdachten Wandelgang gelangten sie zu Xichuns Schlafgemach, über dessen Tür die drei Zeichen „Gehege der Warmen Düfte“ [暖香坞] prangten. Schon schlugen mehrere Hände den scharlachroten Filzvorhang zurück, und ein warmer Duft schlug ihnen entgegen.
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In der Mitte des Gangs traten sie durch das nach Süden weisende Haupttor ein. Die Herzoginmutter stieg aus dem Tragstuhl, und Xichun [惜春]<ref>Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Frühlings-Bewahrerin“. Jüngste Tochter von Kaufmann Juwel.</ref> kam ihr schon entgegen. Durch einen überdachten Wandelgang gelangten sie zu Xichuns Schlafgemach, über dessen Tür die drei Zeichen „Gehege der Warmen Düfte“ [暖香坞] prangten. Schon schlugen mehrere Hände den scharlachroten Filzvorhang zurück, und ein warmer Duft schlug ihnen entgegen.
  
 
Alle traten ein. Die Herzoginmutter dachte nicht daran, sich hinzusetzen, und fragte nur: „Wo ist das Bild?“ Xichun erwiderte lächelnd: „Bei dieser Kälte gerinnt die Leimfarbe und wird spröde. Ich hatte Angst, das Bild zu verderben, und habe es daher weggeräumt.“
 
Alle traten ein. Die Herzoginmutter dachte nicht daran, sich hinzusetzen, und fragte nur: „Wo ist das Bild?“ Xichun erwiderte lächelnd: „Bei dieser Kälte gerinnt die Leimfarbe und wird spröde. Ich hatte Angst, das Bild zu verderben, und habe es daher weggeräumt.“
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Alle sagten strahlend: „Vielen Dank für die Mühe!“
 
Alle sagten strahlend: „Vielen Dank für die Mühe!“
  
Über diesem Gespräch hatten sie den Garten bereits verlassen und waren in den Gemächern der Herzoginmutter angelangt. Nach dem Essen plauderte man noch eine Weile, als plötzlich Tante Schnee [薛姨妈]<ref>Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, „Tante Schnee". Die Mutter von Schatzspange und Xue Pan, Schwester von Dame Wang<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Kaufmann Aufrecht, Mutter von Schatzjade.</ref>.</ref> erschien.
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Über diesem Gespräch hatten sie den Garten bereits verlassen und waren in den Gemächern der Herzoginmutter angelangt. Nach dem Essen plauderte man noch eine Weile, als plötzlich Tante Schnee [薛姨妈]<ref>Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, „Tante Schnee“. Mutter von Schatzspange und Xue Pan, Schwester von Dame Wang.</ref> erschien.
  
 
„Was für ein Schnee!“ sagte sie. „Den ganzen Tag bin ich nicht herübergekommen, um Euch meine Aufwartung zu machen, gnädige Frau. Seid Ihr heute nicht in Stimmung? Eigentlich solltet Ihr den Schnee bewundern.“ Die Herzoginmutter erwiderte lächelnd: „Warum nicht in Stimmung? Ich habe die Mädchen besucht und mich bei ihnen vergnügt.“
 
„Was für ein Schnee!“ sagte sie. „Den ganzen Tag bin ich nicht herübergekommen, um Euch meine Aufwartung zu machen, gnädige Frau. Seid Ihr heute nicht in Stimmung? Eigentlich solltet Ihr den Schnee bewundern.“ Die Herzoginmutter erwiderte lächelnd: „Warum nicht in Stimmung? Ich habe die Mädchen besucht und mich bei ihnen vergnügt.“

Latest revision as of 12:42, 15 April 2026

Kapitel 50 An der Hütte am Verschneiten Schilf wetteifert man beim Gemeinschaftsgedicht Im Gehege der Warmen Düfte ersinnt man Laternenrätsel

Es wird erzählt, dass Schatzspange [薛宝钗][1] sagte: „Wir sollten doch eine feste Reihenfolge haben. Lasst mich das aufschreiben.“ Damit ließ sie alle Lose ziehen, um die Abfolge zu bestimmen. Phönixglanz [王熙凤][2] sagte: „Wenn ihr es so macht, möchte ich auch eine Zeile an den Anfang setzen.“ Alle sagten lachend: „Das ist umso besser!“ Schatzspange schrieb über den Namen „Alte Reisduftbäuerin“ noch das Zeichen „Feng“. Frau Li [李纨][3] erklärte Phönixglanz das Thema. Phönixglanz überlegte lange und sagte dann lachend: „Lacht mich nicht aus. Ich habe nur eine einzige grobe Zeile, mehr fällt mir nicht ein.“ Alle sagten lachend: „Je gröber, desto besser! Sag sie uns und geh dann ruhig deinen Geschäften nach.“

Phönixglanz sagte lächelnd: „Ich dachte mir, wenn es schneit, muss der Nordwind wehen. Letzte Nacht habe ich die ganze Nacht den Nordwind gehört, und so habe ich meine Zeile:

   ‚Die ganze Nacht hat der Nordwind geweht ...‘

Geht das?“

Alle sahen einander lächelnd an und sagten: „Die Zeile ist zwar grob, doch sieht man nicht, was danach kommen wird – und gerade das ist die richtige Art, ein Gedicht zu beginnen. Sie ist nicht nur gut, sie lässt auch den Nachfolgenden weiten Raum. So soll sie als Erste stehen. Alte Reisduftbäuerin, schreib sie schnell auf und dichte weiter!“

Phönixglanz, Tante Li und Friedchen [平儿][4] tranken noch zwei Becher Wein und gingen dann. Frau Li schrieb die Zeile auf und fuhr selbst fort:

   Die ganze Nacht hat der Nordwind geweht,
   und morgens noch wirbeln die Flocken.
   Im Schmutz der Erde – wie rein doch das Weiß,

Duftlinse [香菱][5] sprach:

   wie Jade bedeckt liegt der Boden.
   Dem welken Gras wird neues Leben geschenkt,

Tanchun [探春][6] fuhr fort:

   verdorrtes Röhricht trägt neuen Schmuck.
   Der Preis steigt für ländlichen Wein,

Li Qi [李綺][7] setzte hinzu:

   reiche Ernte füllt herrschaftliche Speicher.
   Das Messrohr zeigt den Winterbeginn an,

Li Wen [李紋][8] sprach weiter:

   der Große Wagen hat sich gedreht.
   Die kalten Berge verloren ihr Grün,

Xiuyan [岫烟][9] ergänzte:

   der gefrorene Bach liegt reglos und still.
   Leicht hält der Schnee auf dürren Weidenzweigen,

Xiangji [史湘云][10] fügte hinzu:

   doch nicht auf zerrissenen Bananenblättern.
   Moschuskohle glüht im Bronzegefäß,

Baoqin [薛宝琴][11] machte weiter:

   in bestickten Ärmeln wärmt goldener Zobel.
   Sein Glanz beschämt den Spiegel am Fenster,

Kajaljade [林黛玉][12] fiel ein:

   sein Duft verklebt den Pfeffer an der Wand.
   Der schiefe Wind bläst immerfort,

Schatzjade [贾宝玉][13] knüpfte an:

   reine Träume werden flüchtig und fern.
   Woher ertönt die Pflaumenflöte?

Schatzspange setzte fort:

   Wer bläst die jadenem Flöte zu Haus?
   Die Riesenschildkröte fürchtet, die Erdachse sinke,

Hier unterbrach Frau Li lächelnd: „Ich gehe nachschauen, ob man euch frischen Wein wärmt.“ Sie trug Baoqin auf fortzufahren, doch Xiangji war bereits aufgestanden:

   in Schneewolken kämpfen sich Drachen.
   Einsam ein Boot kehrt zum öden Ufer zurück,

Nun erhob sich auch Baoqin und sprach:

   die Reitgerte weist nach der Brücke am Ba-Fluss.
   Mit Pelzen beschenkt gedenkt man des Grenzheers,

Xiangji wollte natürlich niemandem nachstehen, und niemand war so flink wie sie. Sie reckte sich, zog die Brauen hoch und rief:

   mit Watte gefüttert gedenkt man der Pflichtarbeit.
   Hügel und Höhlen unterscheiden sich kaum,

Schatzspange lobte laut und setzte selbst hinzu:

   Zweige und Äste fürchten, bewegt zu werden.
   Schneeweiß trägt jeder leichten Schritt,

Eilig schaltete Kajaljade sich ein:

   es tanzt und wirbelt wie schlanke Taille.
   Gekochte Taro bringt neuen Genuss,

Dabei stieß sie Schatzjade an und befahl ihm, weiterzumachen. Schatzjade aber war ganz versunken darin, wie Schatzspange, Baoqin und Kajaljade zu dritt mit Xiangji wetteiferten – er fand es überaus unterhaltsam und hatte das Dichten vergessen. Erst als Kajaljade ihn anstieß, setzte er fort:

   gestreutes Salz erinnert an alte Lieder.
   Im Schilfmantel sitzt noch der Angler am Fluss,

Xiangji lachte: „Hör auf, du taugst nichts und hältst uns nur auf!“ Da hörte man Baoqin fortfahren:

   die Holzfälleraxt im Wald ist verstummt.
   Wie kauernde Elefanten türmen sich Berge,

Eilig schloss Xiangji an:

   wie eine gewundene Schlange zieht der Pfad sich fern.
   Blüten entstehen durch Kälte erst,

Schatzspange und die anderen lobten laut. Tanchun fuhr fort:

   ihre Farbe trotzt dem Frost und welkt nicht.
   Im tiefen Hof erschrecken frierende Spatzen,

Während Xiangji durstig nach ihrem Tee griff, sagte Xiuyan schon:

   im leeren Gebirge weint ein alter Kauz.
   Die Flocken tanzen treppauf, treppab,

Eilig stellte Xiangji die Teeschale ab und setzte fort:

   sie treiben im Teich auf und nieder.
   Strahlend glänzen sie im frühen Morgenrot,

Kajaljade fuhr fort:

   verschwenderisch fallen sie in die lange Nacht.
   Die Treue vergisst die Kälte von drei Fuß Eis,

Lachend sagte Xiangji rasch:

   guter Schnee vertreibt des Herrschers Sorgen.
   Erstarrt auf dem Lager – wer fragt nach dem Armen?

Auch Baoqin beeilte sich lachend:

   lustwandelnd freut sich der Reisende.
   Der Himmelswebstuhl zerschneidet weiße Bänder,

Wieder rief Xiangji eilig:

   im Luftspiegelungsmeer ging das Meerseidentuch verloren.

Kajaljade ließ Xiangji keine Zeit und sprach sogleich:

   Einsam blickt man auf Terrassen und Hallen,

Eilig fuhr Xiangji fort:

   in schlichter Armut denkt man an Reisschale und Kürbisflasche.

Auch Baoqin gab nicht nach und sagte sofort:

   Das Eis im Kessel beginnt zu kochen für den Tee,

Xiangji fand großes Vergnügen daran und rief lachend:

   doch nur schwer will das Laub im Ofen brennen.

Kajaljade sagte ebenfalls lachend:

   Keinen Besen hat der Mönch in den Bergen,

Baoqin lachte auch:

   im Schnee vergraben gräbt das Kind nach der Zither.

Xiangji krümmte sich vor Lachen und murmelte eine Zeile. Die anderen fragten: „Was hast du gesagt?“ Xiangji rief laut:

   Am Steinturm schläft friedlich der Kranich,

Kajaljade hielt sich lachend die Brust und schrie:

   auf weichem Teppich wärmt sich die Katze.

Auch Baoqin beeilte sich lachend:

   Im Mondschein türmen sich silberne Wogen,

Xiangji setzte schnell fort:

   in Wolken verbirgt sich die rote Burg.

Lachend deklamierte Kajaljade:

   Der Pflaumenduft dringt durch den Schnee, zum Kauen zart,

Schatzspange lobte und schloss sofort an:

   der Bambus im Regen klingt wie betrunken.

Baoqin sprach ebenfalls eilig:

   Den Brautentengurt benetzt der Schnee,

Xiangji setzte rasch fort:

   am Eisvogelschmuck gefriert der Reif.

Kajaljade fuhr fort:

   Auch ohne Wind weht es sanft und still,

Lachend ergänzte Baoqin:

   auch ohne Regen rauscht es unaufhörlich.

Xiangji hatte sich vor Lachen nach vorn geworfen. Die anderen hatten es längst aufgegeben mitzudichten und beobachteten nur noch lachend, wie die drei sich gegenseitig überboten. Kajaljade stieß Xiangji an, damit sie weitermache, und sagte: „Dein Talent ist wohl erschöpft? Ich möchte hören, was deine Zunge noch leisten kann!“ Doch Xiangji warf sich in Schatzspanges Arme und konnte nicht aufhören zu lachen. Schatzspange schob sie hoch und verlangte: „Wenn du wirklich etwas kannst, dann verbrauche alle Reime der Xiao-Reimgruppe, dann erst gebe ich mich geschlagen!“

Lachend erhob sich Xiangji und erklärte: „Ich dichte ja nicht mehr – ich kämpfe ums Überleben!“

Die anderen sagten lachend: „Dann sag du es uns.“

Tanchun, die längst eingesehen hatte, dass sie keinen Beitrag mehr würde leisten können, hatte alle Verse niedergeschrieben und machte nun darauf aufmerksam: „Es fehlt noch der Schluss.“ Frau Li nahm ihr die Blätter aus der Hand und bildete die nächste Zeile:

   Heutige Freuden im Vers festhalten,

Li Qi schloss ab:

   die Urkaiser Shun und Yao im Gedicht verehren.

Frau Li sagte: „Genug, genug! Auch wenn die Reimgruppe noch nicht erschöpft ist – die übrigen Silben gewaltsam zu verwenden, würde das Gedicht nur verderben.“

Alle gingen das Gedicht sorgfältig durch. Da Xiangji die meisten Zeilen beigesteuert hatte, sagten alle lachend: „Das ist ganz dem Hirschfleisch zu verdanken.“

Frau Li sagte lächelnd: „Wenn man es Zeile für Zeile beurteilt, ist alles wie aus einem Guss – nur Schatzjades Beitrag fällt wieder ab.“ Schatzjade erwiderte lächelnd: „Ich kann nun einmal keine Gemeinschaftsgedichte. Ihr müsst mir das nachsehen.“

Frau Li sagte lächelnd: „Wir können dir doch nicht bei jeder Sitzung etwas nachsehen! Mal sagst du, der Reim sei zu schwierig, dann hast du beim Korrigieren Fehler eingebaut, und jetzt verstehst du dich nicht auf Gemeinschaftsgedichte. Heute wirst du bestraft! Vorhin habe ich gesehen, wie schön die roten Pflaumenbäume im Kloster Gefangenes Grün [栊翠庵] blühen. Ich möchte einen Zweig davon für meine Vase. Aber Miaoyu [妙玉][14] ist mir in ihrem Wesen zuwider, und ich lasse sie deswegen links liegen. Darum sollst du mir jetzt zur Strafe einen Zweig holen.“

Alle fanden die Strafe zugleich elegant und unterhaltsam. Auch Schatzjade nahm sie gern auf sich und wollte gleich losgehen. Doch Xiangji und Kajaljade sagten beide: „Draußen ist es eiskalt. Trink erst einen Becher heißen Wein, ehe du gehst!“

Xiangji griff sofort nach der Kanne, und Kajaljade reichte einen großen Becher, den Xiangji bis zum Rand füllte. Xiangji sagte lachend: „Wenn du unseren Wein trinkst und dann keinen Zweig bringst, wird deine Strafe verdoppelt!“ Rasch leerte Schatzjade den Becher und stapfte durch den Schnee davon.

Frau Li wollte jemanden mitschicken, doch Kajaljade hielt sie eilig zurück: „Nicht nötig, mit einer Begleitung würde er ihn nicht bekommen.“ Frau Li nickte und sagte: „Da hast du recht.“ Dann befahl sie den Dienstmädchen, eine Vase in Mädchenschulterform zu holen und mit Wasser zu füllen, damit der Zweig hineingestellt werden könne. Dann sagte sie lächelnd: „Wenn Schatzjade zurück ist, sollten wir die roten Pflaumenblüten besingen.“

Sogleich rief Xiangji: „Ich mache als Erste ein Gedicht!“ Aber Schatzspange widersprach sofort: „Dir erlauben wir heute auf keinen Fall noch mehr zu dichten. Du hast dich immer vorgedrängt und die anderen nicht zum Zuge kommen lassen – das ist doch langweilig. Wenn Schatzjade zurück ist, soll er zur Strafe allein eins dichten. Er sagte ja, er könne keine Gemeinschaftsgedichte – nun soll er eben allein dichten.“

Kajaljade lachte: „Das stimmt. Und ich habe noch eine weitere Idee: Das Gemeinschaftsgedicht war nicht genug, also lasst diejenigen, die am wenigsten beigetragen haben, über die roten Pflaumenblüten dichten.“

Schatzspange stimmte zu: „Genau richtig! Xing Xiuyan und die Li-Schwestern haben ihr Talent nicht zeigen können, und sie sind zudem unsere Gäste. Baoqin, Kajaljade und Xiangji haben sich so viel genommen – wir alle sollten nicht weiterdichten und es ganz diesen dreien überlassen.“

Frau Li wandte ein: „Li Qi dichtet nicht so gut, lasst lieber Baoqin an ihrer Stelle schreiben.“ Dem musste Schatzspange sich fügen. Dann schlug sie vor: „Als Reime nehmen wir die drei Schriftzeichen ‚Hong‘ – Rot, ‚Mei‘ – Pflaume und ‚Hua‘ – Blüte. Jede schreibt ein siebensilbiges Regelgedicht: Xing Xiuyan auf den Reim ‚Hong‘, Li Wen auf den Reim ‚Mei‘ und Baoqin auf den Reim ‚Hua‘.“

Frau Li protestierte: „Schatzjade einfach so davonkommen zu lassen, damit bin ich nicht einverstanden.“ Eilig schaltete Xiangji sich ein: „Ich habe ein gutes Thema für ihn!“ Alle wollten wissen, welches. Xiangji sagte: „Er soll über ‚Besuch bei Miaoyu mit der Bitte um einen roten Pflaumenzweig‘ dichten – wäre das nicht köstlich?“ Alle sagten: „Das ist köstlich!“

Kaum war das Wort gefallen, da kam Schatzjade strahlend mit einem Zweig roter Pflaumenblüten auf der Schulter herein. Die Dienstmädchen nahmen ihn sofort entgegen und stellten ihn in die Vase. Alle bedankten sich lachend. Schatzjade sagte lachend: „Bewundert ihn jetzt nur – ihr wisst ja nicht, wie viel Mühe es mich gekostet hat!“ Während er das sagte, reichte ihm Tanchun schon einen Becher gewärmten Wein, und die Mädchen kamen herbei, ihm Cape und Hut abzunehmen und den Schnee abzubürsten. Aus jedem Haushalt wurden zusätzliche Kleidungsstücke gebracht, und auch Dufthauch [袭人][15] hatte jemanden mit einer halbneuen Fuchsklauenjacke geschickt.

Frau Li befahl, einen Teller mit gedämpften großen Taroknollen aufzutragen sowie zwei weitere Teller mit roten Mandarinen, goldgelben Orangen und Oliven, und ließ sie Dufthauch bringen.

Xiangji berichtete Schatzjade eilig von den Gedichtthemen und drängte ihn, schnell zu schreiben. Schatzjade bat: „Liebe Schwestern, lasst mich den Reim selbst wählen, anstatt ihn festzulegen.“ Alle sagten: „Mach, wie du willst.“

Dabei bewunderten alle den Pflaumenzweig. Er war nur etwa zwei Fuß hoch, aber ein Seitenast ragte kreuz und quer hervor, wohl fünf bis sechs Fuß lang. Kleinere Zweige sprossen davon ab – manche gewunden wie verschlungene Drachen, manche starr wie erstarrte Würmer, manche einsam und dünn wie ein Pinsel, manche dicht gedrängt wie ein Wäldchen. Die Blüten leuchteten rot wie Schminke, und ihr Duft übertraf selbst Orchideen. Alle waren voll des Lobes.

Unterdessen hatten Xing Xiuyan, Li Wen und Baoqin ihre Gedichte bereits fertig und schrieben sie nieder. Die anderen lasen sie in der Reihenfolge der Reime „Rot“, „Pflaume“ und „Blüte“. Sie lauteten:

Lob der roten Pflaumenblüte – Reim auf „Rot“ Xing Xiuyan

   Noch blüht kein Pfirsich, keine Aprikose rot,
   schon lacht sie im Ostwind trotz Frost und Kälte.
   Im Geiste fliegt die Seele zum Gipfel von Yu,
   getrennt durch Morgenrot träumt man von Luofu.
   Grüne Kelche geschmückt wie mit leuchtenden Kerzen,
   wie berauschte Geister auf verblasstem Regenbogen.
   Nein, dies ist keine gewöhnliche Farbe –
   in Eis und Schnee blüht sie, bald zart, bald tief.

Lob der roten Pflaumenblüte – Reim auf „Pflaume“ Li Wen

   Nicht weiße Pflaumen will ich besingen, sondern rote,
   die prangend als Erste dem trunkenen Blick sich bieten.
   Das frostbleiche Antlitz trägt Spuren wie Blut,
   das bittere Herz, selbst ohne Groll, zerfällt zu Asche.
   Ein Elixier verlieh ihr wahrer Knochen Wandlung,
   vom Jadeteich stieg sie herab in neuem Leib.
   Im Norden wie Süden – der Frühling strahlt,
   den Bienen und Faltern sei gesagt: Zweifelt nicht!

Lob der roten Pflaumenblüte – Reim auf „Blüte“ Xue Baoqin

   Spärlich die Zweige, doch üppig die Blüte,
   ein Frühlingsfest, als wetteiferten Mädchen im Putz.
   Im stillen Hof bleibt kein Rest von Schnee,
   über Fluss und Bergen schwebt Abendrot.
   Kühle Träume folgen dem Flötenklang,
   wie Feenduft treibt ein Floß auf dem Purpurfluss.
   Einst stand dieser Baum auf der Jadeplattform –
   wie sonst hätte er solche Blütenpracht!

Alle lobten die Gedichte lächelnd und meinten, das letzte sei das beste. Schatzjade war zutiefst erstaunt über Baoqins wachen Geist, war sie doch die Jüngste. Kajaljade und Xiangji füllten gemeinsam einen kleinen Becher mit Wein und reichten ihn Baoqin als Glückwunsch. Schatzspange sagte lächelnd: „Jedes der drei Gedichte hat seine eigenen Vorzüge. Bisher habt ihr beide euch Tag für Tag an mir abgearbeitet, jetzt nehmt ihr euch wohl sie vor.“

Frau Li fragte Schatzjade: „Hast du dein Gedicht fertig?“ Schatzjade erwiderte eilig: „Ich hatte schon etwas, aber als ich die drei Gedichte las, habe ich es vor Staunen vergessen. Lasst mich nachdenken!“

Als Xiangji das hörte, griff sie nach einem Messingschürhaken, schlug damit an ihr Handöfchen und sagte lachend: „Ich schlage die Trommel! Wenn beim letzten Trommelschlag nichts fertig ist, wird die Strafe verdoppelt!“ Schatzjade lachte: „Ich hab es schon.“

Kajaljade nahm den Pinsel und sagte: „Sprich, ich schreibe.“ Xiangji schlug einmal zu und rief lachend: „Der erste Schlag!“ Schatzjade sagte lachend: „Fertig! Schreib nur.“ Alle hörten ihn sprechen:

   Noch ehe der Wein fließt, noch ehe der Vers geformt,

Kajaljade schrieb und schüttelte lachend den Kopf: „Der Anfang ist mittelmäßig.“ Xiangji drängte: „Schnell!“ Schatzjade fuhr lächelnd fort:

   such ich den Frühling und frag den Winter im Feenland Penglai.

Kajaljade und Xiangji nickten lächelnd: „Das hat schon etwas.“ Schatzjade sprach weiter:

   Nicht Tau aus der Guanyin-Flasche begehre ich,
   nur einen Zweig erbitt ich vor der Göttin Tor.

Kajaljade schrieb und schüttelte wieder den Kopf: „Ein Zufallstreffer.“ Xiangji trieb mit dem zweiten Trommelschlag zur Eile. Schatzjade deklamierte lächelnd weiter:

   Blutroten Schnee trag ich kühn aus der Welt der Stille,
   Purpurwolken reiß ich heraus und kehr ins Menschenreich.
   Den Hagern im Dichtermantel, wen dauert's, dass er friert?
   Noch klebt am Kleid das grüne Moos vom Tempelgrund.

Kaum hatte Kajaljade zu Ende geschrieben und alle wollten das Gedicht besprechen, da stürmten ein paar Dienstmädchen herein und meldeten: „Die Herzoginmutter[16] kommt!“

Alle eilten hinaus, um sie zu empfangen, und sagten lächelnd: „Was hat sie nur für gute Laune!“ Von fern erblickten sie die Herzoginmutter [贾母], die in einen weiten Umhang gehüllt, mit einer warmen Mütze aus Graufeh auf dem Kopf, in einem kleinen Bambustragstuhl saß und einen Regenschirm aus blauer Ölseide hielt. Neben ihr gingen Mandarinenente [鸳鸯][17], Hupo [琥珀][18] und fünf oder sechs weitere Dienstmädchen, jede mit einem Schirm, und begleiteten den Tragstuhl.

Frau Li und die anderen wollten ihr entgegeneilen, doch die Herzoginmutter schickte jemanden vor, um sie aufzuhalten, und ließ ausrichten: „Bleibt, wo ihr seid.“ Als sie herankam, sagte die Herzoginmutter lächelnd: „Ich bin heimlich hergekommen, ohne eurer Herrin und Phönixglanz etwas zu sagen. Im tiefen Schnee in diesem Stuhl zu sitzen, macht mir nichts aus – aber warum sollten die beiden sich durch den Schnee quälen?“

Alle gaben ihr recht, stürzten herbei, nahmen ihr den Umhang ab und stützten sie beim Aussteigen. Als die Herzoginmutter ins Zimmer trat, bemerkte sie als Erstes lachend: „Was für herrliche Pflaumenblüten! Ihr versteht es, euch zu vergnügen – da bin ich hier gerade richtig!“ Während sie das sagte, ließ Frau Li sogleich ein großes Wolfsfell bringen und in der Mitte des Ofenbetts ausbreiten. Die Herzoginmutter setzte sich und sagte lächelnd: „Macht nur weiter mit Plaudern, Lachen, Essen und Trinken. Weil die Tage jetzt kurz sind, wage ich keinen Mittagsschlaf mehr. Ich habe ein Weilchen Domino gespielt, dann bin ich auf euch gekommen und hergekommen, um meinen Spaß zu haben.“

Frau Li reichte ihr sofort ein Handöfchen, und Tanchun brachte ein eigenes Paar Becher und Essstäbchen, goss eigenhändig gewärmten Wein ein und reichte ihn der Herzoginmutter. Die Herzoginmutter trank einen Schluck und fragte: „Was ist das dort auf dem Teller?“ Alle reichten ihn ihr rasch und erklärten: „Marinierte Wachteln.“ Die Herzoginmutter sagte: „Die mag ich. Reißt mir ein, zwei Keulchen davon ab.“ Frau Li antwortete sofort, ließ sich Wasser zum Händewaschen bringen und zerlegte das Geflügel eigenhändig.

„Setzt euch wieder hin und unterhaltet euch, ich höre zu“, forderte die Herzoginmutter sie auf. Zu Frau Li sagte sie: „Auch du, setz dich hin! Macht es genau so, als wäre ich nicht gekommen – sonst gehe ich wieder.“ Alle setzten sich der Rangfolge gemäß, nur Frau Li rückte auf den untersten Platz.

Die Herzoginmutter fragte, was sie getrieben hätten, und sie antworteten: „Gedichte.“ Die Herzoginmutter sagte: „Statt Gedichte zu machen, solltet ihr lieber Laternenrätsel ersinnen, damit wir im Neujahrsmonat etwas zum Vergnügen haben.“ Alle stimmten zu.

Nach einer Weile Plauderei sagte die Herzoginmutter: „Hier ist es feucht. Bleibt nicht zu lange sitzen, sonst schadet es euch.“ Dann fügte sie hinzu: „Bei eurer vierten Schwester ist es wärmer. Gehen wir hinüber und schauen, wie weit sie mit ihrem Bild ist. Wird sie es bis Neujahr fertig haben?“

Alle sagten lachend: „Bis Neujahr? Vielleicht bis zum Drachenbootfest im nächsten Jahr!“ Die Herzoginmutter rief: „Ist das die Möglichkeit! Dann braucht sie ja länger, als es gedauert hat, diesen Garten zu bauen!“

Damit nahm sie wieder in ihrem Bambustragstuhl Platz. Alle begleiteten sie, und sie kamen am Lotoswurzelkiosk vorbei, dann in einen ummauerten Gang, der im Osten und Westen jeweils in einem Straßentor endete. An jedem Torgebäude waren innen und außen Steinplatten mit Inschriften eingelassen. Das Westtor, durch das sie jetzt gingen, trug außen die Zeichen „Durch die Wolken“ und innen „Über den Mond“.

In der Mitte des Gangs traten sie durch das nach Süden weisende Haupttor ein. Die Herzoginmutter stieg aus dem Tragstuhl, und Xichun [惜春][19] kam ihr schon entgegen. Durch einen überdachten Wandelgang gelangten sie zu Xichuns Schlafgemach, über dessen Tür die drei Zeichen „Gehege der Warmen Düfte“ [暖香坞] prangten. Schon schlugen mehrere Hände den scharlachroten Filzvorhang zurück, und ein warmer Duft schlug ihnen entgegen.

Alle traten ein. Die Herzoginmutter dachte nicht daran, sich hinzusetzen, und fragte nur: „Wo ist das Bild?“ Xichun erwiderte lächelnd: „Bei dieser Kälte gerinnt die Leimfarbe und wird spröde. Ich hatte Angst, das Bild zu verderben, und habe es daher weggeräumt.“

Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Aber zu Neujahr will ich es haben. Mach keine Ausflüchte, hol es hervor und mal weiter!“

Kaum hatte sie ausgesprochen, da trat plötzlich Phönixglanz lachend herein. Sie trug eine purpurne Lammfelljacke. „Alte Ahne, Ihr geht einfach weg, ohne einem Menschen etwas zu sagen. Da konnte ich schön nach Euch suchen!“ sagte sie.

Die Herzoginmutter, natürlich erfreut über ihr Kommen, erwiderte: „Ich hatte Angst, ihr würdet frieren, und habe deshalb nicht erlaubt, euch Bescheid zu sagen. Du bist wirklich ein Schlaufuchs, dass du mich gefunden hast. Aber eigentlich gehört das gar nicht zur kindlichen Ehrerbietung.“

Phönixglanz erwiderte lachend: „Ehrerbietung hat mich ja gar nicht hergetrieben! Als ich in Eure Gemächer kam, war es dort mucksmäuschenstill. Ich fragte die kleinen Mädchen, aber die wollten nichts sagen und schickten mich in den Garten. Während ich noch rätselte, kamen plötzlich zwei, drei Nonnen, und da wurde mir alles klar: Die Nonnen bringen doch die Neujahrsgebete und wollen die Jahreszuwendungen und Weihrauchgelder abholen. Ihr habt zum Jahresende viel um die Ohren und wolltet Euch bestimmt vor diesen Gläubigern drücken. Also fragte ich sofort die Nonnen – und tatsächlich hatte ich recht. Ich gab ihnen schnell die Jahreszuwendungen und komme jetzt, um zu melden: Die Gläubiger sind weg, Ihr braucht Euch nicht länger zu verstecken! Außerdem ist ein zarter junger Fasan für Euch zubereitet. Bitte kommt zum Abendessen – wenn Ihr noch wartet, wird er zäh und trocken.“

Während sie so sprach, lachten alle.

Phönixglanz wartete gar keine Antwort der Herzoginmutter ab, sondern befahl, den Tragstuhl zu bringen. Lächelnd stieg die Herzoginmutter ein, von Phönixglanz gestützt. Von allen begleitet und unter Plaudern und Lachen verließen sie den Gang durch das Osttor. Ringsum war alles wie weiß gepudert und aus Silber gegossen.

Plötzlich erblickten sie Baoqin, die in ihrem Wildentenfeder-Umhang auf dem Berghang stand und wartete. Hinter ihr hielt ein Dienstmädchen eine Vase mit einem roten Pflaumenzweig. Alle sagten lachend: „Deshalb also fehlten die beiden – sie hat sich auch einen Zweig geholt und wartet hier auf uns.“

Die Herzoginmutter rief voller Freude: „Seht nur – das Mädchen auf dem Berghang, in dieser Kleidung, und dahinter die Pflaumenblüten – woran erinnert euch das?“ Alle sagten lächelnd: „An Qiu Yings ‚Bild der Zwei Schönheiten‘ [Anm.: Qiu Ying (仇十洲), berühmter Maler der Ming-Dynastie], das in Euren Gemächern hängt.“

Die Herzoginmutter schüttelte lächelnd den Kopf: „Die auf dem Bild hat nicht solche Kleider an. Und so schön ist sie auch nicht!“ Kaum hatte sie das gesagt, erschien hinter Baoqin eine Gestalt in einem großen scharlachroten Filzumhang. „Was ist das noch für ein Mädchen?“ fragte die Herzoginmutter. Alle lachten: „Wir sind doch alle hier – das ist Schatzjade.“ Die Herzoginmutter seufzte lächelnd: „Meine Augen werden immer schlechter.“

Als sie herankamen, waren es tatsächlich Baoqin und Schatzjade. Schatzjade wandte sich lächelnd an Schatzspange, Kajaljade und die anderen: „Ich war eben noch einmal im Kloster Gefangenes Grün. Miaoyu schenkt jeder von euch einen Zweig Pflaumenblüten. Ich habe sie schon austragen lassen.“

Alle sagten strahlend: „Vielen Dank für die Mühe!“

Über diesem Gespräch hatten sie den Garten bereits verlassen und waren in den Gemächern der Herzoginmutter angelangt. Nach dem Essen plauderte man noch eine Weile, als plötzlich Tante Schnee [薛姨妈][20] erschien.

„Was für ein Schnee!“ sagte sie. „Den ganzen Tag bin ich nicht herübergekommen, um Euch meine Aufwartung zu machen, gnädige Frau. Seid Ihr heute nicht in Stimmung? Eigentlich solltet Ihr den Schnee bewundern.“ Die Herzoginmutter erwiderte lächelnd: „Warum nicht in Stimmung? Ich habe die Mädchen besucht und mich bei ihnen vergnügt.“

Tante Schnee sagte lächelnd: „Gestern Abend hatte ich schon vor, unsere gnädige Frau zu bitten, mir heute den Garten für einen Tag zu überlassen, um ein paar bescheidene Tische aufzustellen und Euch einzuladen, den Schnee zu bewundern. Aber dann hörte ich, Ihr hättet Euch früh zur Ruhe begeben, und meine Tochter sagte mir, Ihr fühltet Euch nicht ganz wohl. Deshalb habe ich heute nicht gewagt, Euch zu stören. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich Euch einladen sollen.“

Die Herzoginmutter erwiderte lächelnd: „Das ist doch erst der erste Schnee im zehnten Monat. Es wird noch öfter schneien – da ist es nicht zu spät, dann Geld auszugeben.“ Tante Schnee lachte: „Wenn dem so ist, wird meine kindliche Ehrerbietung noch aufrichtiger.“

Phönixglanz sagte lachend: „Passt nur auf, dass Ihr es nicht vergesst, Frau Tante. Am besten wiegt Ihr gleich fünfzig Liang Silber ab und gebt sie mir zur Aufbewahrung. Sobald es schneit, richte ich alles her – so müsst Ihr Euch nicht kümmern und könnt es auch nicht vergessen.“

Die Herzoginmutter lachte: „Wenn es so ist, dann gebt ihr die fünfzig Liang Silber, Frau Tante, und ich teile mit ihr – jeder fünfundzwanzig. Wenn es dann schneit, tue ich so, als wäre mir nicht wohl, und die Sache verläuft im Sande. Ihr habt gar keine Umstände, aber Phönixglanz und ich haben einen echten Gewinn.“

Phönixglanz klatschte lachend in die Hände: „Herrlich! Ganz mein Gedanke!“ Alle lachten.

Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Pfui, du Schamlose! Sofort kletterst du an der Stange hoch, die man dir hinhält! Dabei solltest du sagen: Die Frau Tante ist unser Gast, bei uns muss sie sich ohnehin einschränken, da müssten wir sie einladen – wie können wir sie Geld ausgeben lassen! Statt so zu reden, besitzt du noch die Frechheit, im Voraus fünfzig Liang zu verlangen. Du hast wirklich keine Scham!“

Phönixglanz erwiderte lachend: „Unsere alte Ahne hat wahrlich einen scharfen Blick! Sie wollte es nur ausprobieren. Wäre die Frau Tante nachgiebig gewesen und hätte die fünfzig Liang herausgerückt, hätte sie mit mir geteilt. Aber weil absehbar war, dass es nicht klappt, machte sie eine Kehrtwende und hat mich mit großen Reden abgekanzelt. Nun verlange ich auch kein Silber mehr von der Frau Tante, sondern gebe ihr welches, damit sie ein Essen für Euch ausrichtet, alte Ahne. Außerdem überreiche ich Euch noch fünfzig Liang als Strafe dafür, dass ich mich um Dinge gekümmert habe, die mich nichts angehen. Ist es so recht?“

Sie hatte noch nicht ausgeredet, da warfen sich alle vor Lachen aufs Ofenbett.

Dann sprach die Herzoginmutter darüber, wie Baoqin im Schnee mit dem Pflaumenzweig aufgetaucht war und dabei schöner ausgesehen habe als ein Bild. Anschließend wollte sie genau die acht Zeichen für Geburtsjahr, -monat, -tag und -stunde wissen und erkundigte sich nach ihren Familienverhältnissen.

Tante Schnee ahnte, dass die Herzoginmutter die Absicht hatte, Baoqin mit Schatzjade zu verheiraten. Im Grunde wäre sie einverstanden gewesen, doch Baoqin war bereits mit dem Sohn der Meis verlobt. Da die Herzoginmutter sich noch nicht offen geäußert hatte, konnte auch sie nicht direkt darauf eingehen und wählte einen Umweg.

„Das Mädchen hat kein Glück“, sagte sie. „Vorvoriges Jahr ist ihr Vater gestorben. Solange er noch lebte, hat sie viel von der Welt gesehen. Die vier großen Gebirge und die fünf heiligen Berge hat sie mit ihren Eltern bereist. Ihr Vater verstand es, das Leben zu genießen, und da er überall Handel trieb, verbrachte die Familie mal hier ein Jahr, mal dort ein halbes Jahr, so dass sie fünf oder sechs Zehntel des ganzen Reiches gesehen haben. Damals hat er sie hier mit dem Sohn des Akademikers Mei verlobt, und ausgerechnet im Jahr darauf ist er gestorben. Ihre Mutter leidet zudem an Schwindsucht...“

„Wie schade!“ fiel Phönixglanz ihr ins Wort, noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, und stampfte seufzend mit dem Fuß auf. „Gerade wollte ich als Heiratsvermittlerin auftreten, und nun ist sie schon verlobt!“

Die Herzoginmutter fragte lächelnd: „Für wen wolltest du denn werben?“ Phönixglanz erwiderte: „Fragt nicht danach, alte Ahne! In meinem Herzen wusste ich genau, dass die beiden ein Paar wären. Aber da sie schon verlobt ist, hat es keinen Sinn mehr, darüber zu reden. Lassen wir es.“

Die Herzoginmutter wusste, wen Phönixglanz gemeint hatte. Als sie hörte, dass Baoqin bereits vergeben war, ließ sie das Thema fallen.

Man plauderte noch eine Weile, dann löste sich die Gesellschaft auf. Über die Nacht gibt es nichts zu berichten.

Am nächsten Tag hatte es aufgeklart. Nach dem Essen ermahnte die Herzoginmutter persönlich Xichun: „Egal ob es kalt oder warm ist, mal einfach weiter und werde bis Neujahr fertig. Wenn es wirklich gar nicht geht, dann eben nicht. Aber das Allerwichtigste ist: Baoqin mit dem Mädchen und den Pflaumenblüten von gestern musst du haargenau so, wie wir es gesehen haben, ohne einen einzigen Fehler, schnell auf das Bild bringen.“

Xichun war zwar in Verlegenheit, aber sie musste es versprechen. Als bald darauf alle kamen, um ihr beim Malen zuzuschauen, saß Xichun nur da und blickte geistesabwesend vor sich hin.

Frau Li sagte lächelnd zu den anderen: „Lasst sie in Ruhe nachdenken. Wir unterhalten uns inzwischen. Gestern hat die Herzoginmutter befohlen, wir sollten Laternenrätsel machen. Als ich dann mit Li Qi und Li Wen zu Hause war und wir nicht einschlafen konnten, habe ich zwei Rätsel aus den ‚Vier Büchern‘ [Anm.: Die Vier Bücher – Lunyu, Mengzi, Daxue und Zhongyong – Grundtexte des Konfuzianismus] erdacht, und die beiden auch, jede zwei.“

Alle sagten: „Das ist genau das Richtige. Sag sie uns, wir raten!“ Frau Li sagte lächelnd: „‚Die Göttin Guanyin hat keine Familienchronik.‘ Zu erraten ist eine Stelle aus den Vier Büchern.“

Xiangji rief sofort: „‚Am Höchsten Guten innehalten‘!“ [Anm.: 在止于至善, aus dem Daxue] Doch Schatzspange sagte lächelnd: „Denk erst darüber nach, was ‚Familienchronik‘ bedeutet, bevor du rätst.“ Frau Li sagte: „Überleg noch einmal.“ Kajaljade lachte: „Ah, ich hab's! Es ist: ‚Gütig, doch ohne Beweis.‘“ [Anm.: 虽善无征, aus dem Zhongyong – Guanyin ist gütig (善), hat aber als Gottheit keine irdische Familiengeschichte als „Beweis“ (征)]

Alle sagten: „Das ist die richtige Stelle.“

Frau Li sagte weiter: „‚Ein Teich voll grünem Gras – wie heißt das Gras?‘ Das ist ebenfalls aus den Vier Büchern.“ Xiangji rief eilig: „Das muss ‚Schilf und Rohr‘ sein [Anm.: 蒲芦也, aus den Vier Büchern – Schilf, das im Wasser wächst]. Oder etwa nicht?“

Frau Li sagte lächelnd: „Das hast du richtig erraten. Li Wens Rätsel ist: ‚Wasser fließt am Stein vorbei und wird kalt.‘ Zu erraten ist der Name einer Person aus alter Zeit.“ Tanchun fragte lachend: „Ist es Shan Tao?“ [Anm.: 山涛 – „Berg-Welle“, wobei 山 = Stein/Berg und 涛 = Welle/fließendes Wasser kalt]

Li Wen bestätigte lächelnd: „Ja, richtig.“

Frau Li fuhr fort: „Li Qis Rätsel ist das Zeichen ‚Glühwürmchen‘. Zu erraten ist ein einzelnes Schriftzeichen.“ Alle rätselten lange, bis Baoqin lächelnd sagte: „Das ist tiefsinnig! Ist es nicht das Zeichen ‚hua‘ – Blume?“ [Anm.: 花]

Li Qi bestätigte lächelnd: „Genau richtig.“

Die anderen fragten: „Was haben Glühwürmchen mit Blumen zu tun?“ Kajaljade erklärte lächelnd: „Das ist höchst scharfsinnig! Glühwürmchen sind doch, wie das Zeichen ‚hua‘ besagt, ‚aus Gras verwandelt‘.“ [Anm.: Das Zeichen 花 (hua = Blüte) enthält das Radikal 艹 (Gras) und 化 (verwandeln). Nach alter chinesischer Vorstellung entstehen Glühwürmchen (萤 = ying) durch Verwandlung (化) aus Gras (草).]

Alle verstanden und sagten lachend: „Gut!“

Schatzspange wandte ein: „Die Rätsel sind zwar gut, aber sie treffen nicht den Geschmack der Herzoginmutter. Wir sollten lieber einfache, alltagsnahe Dinge nehmen, an denen Edle wie Einfache gleichermaßen Freude haben können.“

Alle stimmten zu: „Ja, vertraute Alltagsdinge müssen es sein.“

Xiangji meldete sich lachend: „Ich habe eins nach dem Lied-Tonmuster ‚Die roten Lippen betupfen‘ [Anm.: 点绛唇, ein Ci-Tonmuster] gedichtet. Es ist etwas ganz Gewöhnliches – versucht es zu raten!“ Und sie rezitierte:

   Den Tälern und Bächen entrissen,
   tollt es durch den Staub dieser Welt.
   Doch was für ein Sinn?
   Ruhm und Reichtum sind nur eitel,
   hinten folgt nichts mehr nach.

Niemand konnte es lösen. Nach langem Überlegen glaubten die einen, es sei ein buddhistischer Mönch, andere meinten einen daoistischen Priester, wieder andere eine Marionette. Schatzjade lachte nur und sagte schließlich: „Alles falsch! Es muss ein dressierter Affe sein.“ [Anm.: Der Affe stammt aus Bergen und Tälern (溪壑分离), tollt in der Menschenwelt umher, Ruhm und Gewinn sind ihm egal – und „hinten folgt nichts mehr nach“ bezieht sich auf den abgeschnittenen Schwanz.]

Xiangji bestätigte lachend: „Genau, der ist es.“

„Die ersten Sätze passen“, sagten die anderen, „aber wie erklärt sich der letzte?“ Xiangji fragte zurück: „Gibt es dressierte Affen, denen nicht der Schwanz abgehackt worden ist?“ Alle lachten und meinten: „Selbst beim Rätselmachen ist sie noch so absonderlich.“

Frau Li sagte: „Baoqin, deine Tante hat erzählt, du hast viel gesehen und bist viel gereist. Da solltest du unbedingt auch Rätsel machen, zumal du gut dichtest – gib sie uns zum Raten auf!“

Baoqin nickte lächelnd und ging beiseite, um nachzudenken. Da hatte auch Schatzspange ein Rätsel fertig und rezitierte:

   Stockwerk auf Stockwerk aus edelstem Holz,
   doch kein Meister hat es erbaut.
   Und mag der Wind auch noch so blasen –
   kein Dachglöckchen setzt er in Gang.
   – Welches Ding ist gemeint?

Während alle noch rätselten, ließ auch Schatzjade sich vernehmen:

   Unendlich fern sind Himmel und Erde,
   nach dem Jadelattich-Fest ist Vorsicht geboten.
   Auf den Ruf von Phönix und Kranich muss man achten
   und schluchzend die Antwort zum Himmel senden.

Kajaljade hatte ebenfalls ein Rätsel erdacht und trug es vor:

   Was braucht das edle Ross noch seidene Zügel,
   wenn es wild um Stadt und Graben jagt?
   Auf einen Wink des Herrn fährt es wie Blitz und Donner
   und steht allein berühmt auf dem Rücken der Riesenschildkröte.

Tanchun hatte gleichfalls ein Rätsel fertig und wollte es gerade vortragen, als Baoqin lächelnd herantrat und sagte: „Unter den Orten, die ich von klein auf besucht habe, waren auch viele historische Stätten. Ich habe zehn davon ausgewählt und zu jeder ein Erinnerungsgedicht verfasst. Meine Verse sind zwar grob, aber sie erinnern an vergangene Ereignisse, und in jedem Gedicht ist ein gewöhnlicher Alltagsgegenstand verborgen. Liebe Schwestern, versucht sie zu erraten!“

Alle sagten: „Das ist geschickt gemacht! Warum schreibst du sie nicht auf, damit alle sie lesen können?“

Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.

Anmerkungen

  1. Chin. 宝钗 Bǎochāi (vollst. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange“. Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.
  2. Chin. 凤姐 Fèngjie (vollst. 王熙凤 Wáng Xīfèng), wörtl. „Phönix-Glanz“. Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.
  3. Chin. 李纨 Lǐ Wán. Witwe des früh verstorbenen Jia Zhu, Vorsteherin des Gartens.
  4. Chin. 平儿 Píng’ér, wörtl. „Friedchen“. Phönixglanz’ erste Kammerzofe und Vertraute.
  5. Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftlinse“. Konkubine von Xue Pan, ehemals Zhen Yinglian.
  6. Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin“. Dritte Tochter von Kaufmann Aufrecht.
  7. Chin. 李綺 Lǐ Qǐ, Nichte von Frau Li.
  8. Chin. 李紋 Lǐ Wén, Nichte von Frau Li.
  9. Chin. 岫烟 Xiùyān, vollst. 邢岫烟 Xíng Xiùyān. Nichte von Dame Xing.
  10. Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, eine Nichte der Herzoginmutter, temperamentvoll und fröhlich.
  11. Chin. 薛宝琴 Xuē Bǎoqín, jüngere Kusine von Schatzspange, berühmt für ihre Schönheit und Dichtkunst.
  12. Chin. 黛玉 Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade“. Lin Daiyu, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren des Romans.
  13. Chin. 宝玉 Bǎoyù (vollst. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade“. Der männliche Hauptprotagonist des Romans.
  14. Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wundersame Jade“. Eine buddhistische Nonne, die im Kloster Gefangenes Grün im Garten lebt.
  15. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Die Überraschende“ (nach dem Gedicht „der Blütenduft greift den Menschen an“). Schatzjades erste Kammerzofe.
  16. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die älteste und ranghöchste Person der Kaufmann-Familie.
  17. Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente“. Erste Kammerzofe der Herzoginmutter. Mandarinenenten gelten in China als Symbol ehelicher Treue.
  18. Chin. 琥珀 Hǔpò, wörtl. „Bernstein“. Eine Kammerzofe der Herzoginmutter.
  19. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Frühlings-Bewahrerin“. Jüngste Tochter von Kaufmann Juwel.
  20. Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, „Tante Schnee“. Mutter von Schatzspange und Xue Pan, Schwester von Dame Wang.