Difference between revisions of "Hongloumeng/de4/Chapter 49"

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Die geschminkten Mädchen schneiden rohes Fleisch und essen Geröstetes
 
Die geschminkten Mädchen schneiden rohes Fleisch und essen Geröstetes
  
Es wird erzählt, dass Duftlinse [香菱]<ref>Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftlinse". Xue Pan<ref>Chin. 薛蟠 Xuē Pán, Schatzspanges älterer Bruder, bekannt für seinen zügellosen Lebenswandel.</ref>s Konkubine, ehemals Zhen Yinglian.</ref>, als sie die anderen fröhlich plaudern und lachen sah, auf sie zuging und lächelnd sagte: „Schaut euch doch dieses Gedicht an. Wenn es taugt, lerne ich weiter; wenn es immer noch nicht gut ist, gebe ich das Dichten für immer auf.“ Damit reichte sie das Gedicht an Kajaljade [林黛玉]<ref>Chin. 黛玉 Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade". Lin Daiyu, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren des Romans.</ref> und die anderen. Sie lasen:
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Es wird erzählt, dass Duftlinse [香菱]<ref>Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftlinse“. Konkubine von Xue Pan, ehemals Zhen Yinglian.</ref>, als sie die anderen fröhlich plaudern und lachen sah, auf sie zuging und lächelnd sagte: „Schaut euch doch dieses Gedicht an. Wenn es taugt, lerne ich weiter; wenn es immer noch nicht gut ist, gebe ich das Dichten für immer auf.“ Damit reichte sie das Gedicht an Kajaljade [林黛玉]<ref>Chin. 黛玉 Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade“. Lin Daiyu, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren des Romans.</ref> und die anderen. Sie lasen:
  
 
     Des Mondes Glanz, wie schwer ihn zu verbergen,
 
     Des Mondes Glanz, wie schwer ihn zu verbergen,
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     Warum denn kann der Mond nicht immer rund sein?
 
     Warum denn kann der Mond nicht immer rund sein?
  
Nachdem die anderen es gelesen hatten, sagten sie lächelnd: „Dieses Gedicht ist nicht nur gut, es ist auch neuartig, geschickt und geistvoll. So bewahrheitet sich das Sprichwort: ‚Nichts auf der Welt ist schwer, wenn man nur den festen Willen hat.‘ In unserer Dichtgesellschaft bist du auf jeden Fall willkommen.“ Duftlinse konnte das in ihrem Herzen nicht glauben und meinte, die anderen wollten sie nur zum Narren halten. So fragte sie immer wieder bei Kajaljade und Schatzspange [薛宝钗]<ref>Chin. 宝钗 Bǎochāi (vollst. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange". Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.</ref> nach.
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Nachdem die anderen es gelesen hatten, sagten sie lächelnd: „Dieses Gedicht ist nicht nur gut, es ist auch neuartig, geschickt und geistvoll. So bewahrheitet sich das Sprichwort: ‚Nichts auf der Welt ist schwer, wenn man nur den festen Willen hat.‘ In unserer Dichtgesellschaft bist du auf jeden Fall willkommen.“ Duftlinse konnte das in ihrem Herzen nicht glauben und meinte, die anderen wollten sie nur zum Narren halten. So fragte sie immer wieder bei Kajaljade und Schatzspange [薛宝钗]<ref>Chin. 宝钗 Bǎochāi (vollst. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange“. Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.</ref> nach.
  
Mitten in diesem Gespräch kamen ein paar kleine Dienstmädchen und alte Frauen eilig herbei und sagten lachend: „Es sind eine ganze Menge junge Damen und Herrinnen gekommen, die wir gar nicht kennen. Die gnädigen Herrinnen und Fräulein sollten schnell hingehen und die Verwandten begrüßen.“ Frau Li [李纨]<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán, auch „Schleierfrau". Witwe des früh verstorbenen Jia Zhu, Vorsteherin des Gartens.</ref> fragte lächelnd: „Was soll denn das heißen? Sagt erst einmal klar, wessen Verwandte es sind!“ Die alten Frauen und Mädchen sagten lachend: „Die beiden jüngeren Schwestern der gnädigen Frau sind da. Und ein Fräulein, das die jüngere Schwester des großen Fräulein Schnee sein soll, und ein junger Herr, der der Bruder des großen jungen Herrn Schnee sein soll. Wir gehen jetzt die Frau Tante holen. Die gnädige Frau und die Fräulein können schon vorausgehen.“ Damit eilten sie davon. Schatzspange sagte lächelnd: „Sollten etwa unser Xue Ke [薛蝌]<ref>Chin. 薛蝌 Xuē Kē, Vetter von Xue Pan und Schatzspange.</ref> und seine Schwester gekommen sein?“ Auch Frau Li sagte lächelnd: „Ist etwa unsere Tante wieder nach Peking gekommen? Wie konnten sie alle gleichzeitig eintreffen? Das ist wirklich seltsam.“ Alle waren verwundert und begaben sich zu den oberen Gemächern von Dame Wang [王夫人]<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Kaufmann Aufrecht, Mutter von Schatzjade.</ref>, wo sie ein dichtes Gedränge von Menschen vorfanden.
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Mitten in diesem Gespräch kamen ein paar kleine Dienstmädchen und alte Frauen eilig herbei und sagten lachend: „Es sind eine ganze Menge junge Damen und Herrinnen gekommen, die wir gar nicht kennen. Die gnädigen Herrinnen und Fräulein sollten schnell hingehen und die Verwandten begrüßen.“ Frau Li [李纨]<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán. Witwe des früh verstorbenen Jia Zhu, Vorsteherin des Gartens.</ref> fragte lächelnd: „Was soll denn das heißen? Sagt erst einmal klar, wessen Verwandte es sind!“ Die alten Frauen und Mädchen sagten lachend: „Die beiden jüngeren Schwestern der gnädigen Frau sind da. Und ein Fräulein, das die jüngere Schwester des großen Fräulein Schnee sein soll, und ein junger Herr, der der Bruder des großen jungen Herrn Schnee sein soll. Wir gehen jetzt die Frau Tante holen. Die gnädige Frau und die Fräulein können schon vorausgehen.“ Damit eilten sie davon. Schatzspange sagte lächelnd: „Sollten etwa unser Xue Ke [薛蝌]<ref>Chin. 薛蝌 Xuē Kē, Vetter von Xue Pan und Schatzspange.</ref> und seine Schwester gekommen sein?“ Auch Frau Li sagte lächelnd: „Ist etwa unsere Tante wieder nach Peking gekommen? Wie konnten sie alle gleichzeitig eintreffen? Das ist wirklich seltsam.“ Alle waren verwundert und begaben sich zu den oberen Gemächern von Dame Wang [王夫人]<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Kaufmann Aufrecht, Mutter von Schatzjade.</ref>, wo sie ein dichtes Gedränge von Menschen vorfanden.
  
Es hatte sich folgendermaßen zugetragen: Der Bruder von Dame Xing [邢夫人]<ref>Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén. Ehefrau von Kaufmann Begnadigung.</ref> war mit seiner Frau und ihrer Tochter Xiuyan [岫烟]<ref>Chin. 岫烟 Xiùyān, vollst. 邢岫烟 Xíng Xiùyān. Nichte von Dame Xing.</ref> nach Peking gereist, um bei Dame Xing Unterschlupf zu suchen. Zufällig war auch Phönixglanz<ref>Chin. 凤姐 Fèngjie (vollst. 王熙凤 Wáng Xīfèng), wörtl. „Phönix-Glanz". Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.</ref>' [王熙凤] Bruder Wang Ren [王仁] auf dem Weg in die Hauptstadt, und die beiden verschwägerten Familien hatten sich zu einer gemeinsamen Reise zusammengeschlossen. Als sie auf halbem Wege ihre Boote vor Anker legten, trafen sie auf Frau Lis verwitwete Tante, die mit ihren beiden Töchtern – die ältere hieß Li Wen [李紋]<ref>Chin. 李紋 Lǐ Wén, Nichte von Frau Li.</ref>, die jüngere Li Qi [李綺]<ref>Chin. 李綺 Lǐ Qǐ, Nichte von Frau Li.</ref> – ebenfalls in die Hauptstadt reiste. Beim Gespräch stellte sich heraus, dass sie miteinander verwandt waren, und so setzten die drei Familien die Reise gemeinsam fort. Dann war da noch Xue Ke [薛蝌], ein Vetter von Xue Pan [薛蟠], dessen Vater noch zu Lebzeiten in Peking seine Schwester Xue Baoqin [薛宝琴]<ref>Chin. 薛宝琴 Xuē Bǎoqín, Schatzspanges jüngere Kusine, berühmt für ihre Schönheit und Dichtkunst.</ref> mit dem Sohn des Akademikers Mei [梅翰林] verlobt hatte. Nun wollte er sie zur Hochzeit in die Hauptstadt bringen. Als er hörte, dass Wang Ren nach Peking aufbrach, schloss er sich mit seiner Schwester an und holte die Reisegesellschaft ein. So trafen sie heute alle bei ihren jeweiligen Verwandten ein.
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Es hatte sich folgendermaßen zugetragen: Der Bruder von Dame Xing [邢夫人]<ref>Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén. Ehefrau von Kaufmann Begnadigung.</ref> war mit seiner Frau und ihrer Tochter Xiuyan [岫烟]<ref>Chin. 岫烟 Xiùyān, vollst. 邢岫烟 Xíng Xiùyān. Nichte von Dame Xing.</ref> nach Peking gereist, um bei Dame Xing Unterschlupf zu suchen. Zufällig war auch Phönixglanz<ref>Chin. 凤姐 Fèngjie (vollst. 王熙凤 Wáng Xīfèng), wörtl. „Phönix-Glanz“. Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.</ref>' [王熙凤] Bruder Wang Ren [王仁] auf dem Weg in die Hauptstadt, und die beiden verschwägerten Familien hatten sich zu einer gemeinsamen Reise zusammengeschlossen. Als sie auf halbem Wege ihre Boote vor Anker legten, trafen sie auf Frau Lis verwitwete Tante, die mit ihren beiden Töchtern – die ältere hieß Li Wen [李紋]<ref>Chin. 李紋 Lǐ Wén, Nichte von Frau Li.</ref>, die jüngere Li Qi [李綺]<ref>Chin. 李綺 Lǐ Qǐ, Nichte von Frau Li.</ref> – ebenfalls in die Hauptstadt reiste. Beim Gespräch stellte sich heraus, dass sie miteinander verwandt waren, und so setzten die drei Familien die Reise gemeinsam fort. Dann war da noch Xue Ke [薛蝌], ein Vetter von Xue Pan [薛蟠]<ref>Chin. 薛蟠 Xuē Pán, älterer Bruder von Schatzspange, bekannt für seinen zügellosen Lebenswandel.</ref>, dessen Vater noch zu Lebzeiten in Peking seine Schwester Xue Baoqin [薛宝琴]<ref>Chin. 薛宝琴 Xuē Bǎoqín, jüngere Kusine von Schatzspange, berühmt für ihre Schönheit und Dichtkunst.</ref> mit dem Sohn des Akademikers Mei [梅翰林] verlobt hatte. Nun wollte er sie zur Hochzeit in die Hauptstadt bringen. Als er hörte, dass Wang Ren nach Peking aufbrach, schloss er sich mit seiner Schwester an und holte die Reisegesellschaft ein. So trafen sie heute alle bei ihren jeweiligen Verwandten ein.
  
 
Als die gegenseitigen Begrüßungen und die ersten Gespräche vorüber waren, zeigten sich die Herzoginmutter [贾母]<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die älteste und ranghöchste Person der Kaufmann-Familie.</ref> und Dame Wang überaus erfreut. Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Kein Wunder, dass gestern Abend der Lampendocht immerzu geknistert und Flocken geworfen hat – das war ein Vorzeichen für den heutigen Besuch.“ Man tauschte Familienneuigkeiten aus, besah die mitgebrachten Geschenke und lud die Gäste zu Wein und Speisen ein. Phönixglanz hatte selbstredend alle Hände voll zu tun und war beschäftigter denn je. Frau Li und Schatzspange unterhielten sich natürlich mit ihrer Tante und den Schwestern über die Zeit der Trennung.
 
Als die gegenseitigen Begrüßungen und die ersten Gespräche vorüber waren, zeigten sich die Herzoginmutter [贾母]<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die älteste und ranghöchste Person der Kaufmann-Familie.</ref> und Dame Wang überaus erfreut. Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Kein Wunder, dass gestern Abend der Lampendocht immerzu geknistert und Flocken geworfen hat – das war ein Vorzeichen für den heutigen Besuch.“ Man tauschte Familienneuigkeiten aus, besah die mitgebrachten Geschenke und lud die Gäste zu Wein und Speisen ein. Phönixglanz hatte selbstredend alle Hände voll zu tun und war beschäftigter denn je. Frau Li und Schatzspange unterhielten sich natürlich mit ihrer Tante und den Schwestern über die Zeit der Trennung.
  
Als Kajaljade all dies sah, war sie zunächst erfreut, doch dann fiel ihr ein, dass alle anderen Verwandte hatten, nur sie allein stand da ohne eine einzige Angehörige, und unwillkürlich kamen ihr die Tränen. Schatzjade [贾宝玉]<ref>Chin. 宝玉 Bǎoyù (vollst. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade". Der männliche Hauptprotagonist des Romans.</ref>, der ihren Schmerz zutiefst verstand, tröstete sie ausgiebig, bis sie sich wieder fasste.
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Als Kajaljade all dies sah, war sie zunächst erfreut, doch dann fiel ihr ein, dass alle anderen Verwandte hatten, nur sie allein stand da ohne eine einzige Angehörige, und unwillkürlich kamen ihr die Tränen. Schatzjade [贾宝玉]<ref>Chin. 宝玉 Bǎoyù (vollst. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade“. Der männliche Hauptprotagonist des Romans.</ref>, der ihren Schmerz zutiefst verstand, tröstete sie ausgiebig, bis sie sich wieder fasste.
  
Danach eilte Schatzjade in den Hof der Freude am Roten und sagte zu Dufthauch [袭人]<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Die Überraschende" (nach dem Gedicht „der Blütenduft greift den Menschen an"). Schatzjades erste Kammerzofe.</ref>, Moschusmond [麝月]<ref>Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschus-Mond". Eine von Schatzjades Kammerzofen.</ref>, Heitermuster [晴雯]<ref>Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster". Eine von Schatzjades Kammerzofen.</ref> und den anderen lachend: „Warum geht ihr nicht schnell hinüber und seht euch die Neuankömmlinge an? Wer hätte gedacht – Schatzspanges leiblicher Bruder sieht so aus, wie er aussieht, aber dieser Vetter von ihr hat in Gestalt und Auftreten etwas ganz anderes; er sieht eher wie ihr leiblicher Bruder aus. Noch erstaunlicher ist Folgendes: Ihr habt tagein, tagaus gesagt, Schatzspange sei eine unübertreffliche Schönheit. Aber seht euch jetzt einmal ihre Schwester an, und erst die beiden Schwestern unserer Schwägerin – mir fehlen ganz die Worte! Oh Himmel, oh Himmel, wie viel Feinheit und Geist hast du aufgewandt, um solche Menschen über alle anderen zu erheben! Wie ein Frosch im Brunnen habe ich immer nur gedacht, die paar Mädchen hier bei uns seien ohnegleichen. Aber man braucht gar nicht in der Ferne zu suchen – schon die eigene Umgebung bietet Schönheiten, von denen eine die andere übertrifft. Heute habe ich wieder dazugelernt! Und wer weiß, ob es außer diesen nicht noch weitere gibt?“
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Danach eilte Schatzjade in den Hof der Freude am Roten und sagte zu Dufthauch [袭人]<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Die Überraschende“ (nach dem Gedicht „der Blütenduft greift den Menschen an“). Schatzjades erste Kammerzofe.</ref>, Moschusmond [麝月]<ref>Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschus-Mond“. Eine von Schatzjades Kammerzofen.</ref>, Heitermuster [晴雯]<ref>Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster“. Eine von Schatzjades Kammerzofen.</ref> und den anderen lachend: „Warum geht ihr nicht schnell hinüber und seht euch die Neuankömmlinge an? Wer hätte gedacht – Schatzspanges leiblicher Bruder sieht so aus, wie er aussieht, aber dieser Vetter von ihr hat in Gestalt und Auftreten etwas ganz anderes; er sieht eher wie ihr leiblicher Bruder aus. Noch erstaunlicher ist Folgendes: Ihr habt tagein, tagaus gesagt, Schatzspange sei eine unübertreffliche Schönheit. Aber seht euch jetzt einmal ihre Schwester an, und erst die beiden Schwestern unserer Schwägerin – mir fehlen ganz die Worte! Oh Himmel, oh Himmel, wie viel Feinheit und Geist hast du aufgewandt, um solche Menschen über alle anderen zu erheben! Wie ein Frosch im Brunnen habe ich immer nur gedacht, die paar Mädchen hier bei uns seien ohnegleichen. Aber man braucht gar nicht in der Ferne zu suchen – schon die eigene Umgebung bietet Schönheiten, von denen eine die andere übertrifft. Heute habe ich wieder dazugelernt! Und wer weiß, ob es außer diesen nicht noch weitere gibt?“
  
 
Während er so redete, lachte und seufzte er vor sich hin. Dufthauch befürchtete, er sei wieder in einen seiner Wahnzustände geraten, und wollte deshalb nicht hinübergehen. Heitermuster und die anderen aber waren längst hingelaufen, hatten sich alles angeschaut und kamen kichernd zurück. Sie sagten zu Dufthauch: „Geh schnell und sieh sie dir an! Die Nichte der älteren Herrin, die Schwester vom Fräulein Schnee, die beiden Schwestern der älteren jungen Herrin – die vier sehen aus wie ein Bündel von vier Wasserlauchstängeln!“
 
Während er so redete, lachte und seufzte er vor sich hin. Dufthauch befürchtete, er sei wieder in einen seiner Wahnzustände geraten, und wollte deshalb nicht hinübergehen. Heitermuster und die anderen aber waren längst hingelaufen, hatten sich alles angeschaut und kamen kichernd zurück. Sie sagten zu Dufthauch: „Geh schnell und sieh sie dir an! Die Nichte der älteren Herrin, die Schwester vom Fräulein Schnee, die beiden Schwestern der älteren jungen Herrin – die vier sehen aus wie ein Bündel von vier Wasserlauchstängeln!“
  
Kaum war dieses Wort gefallen, da kam auch schon Tanchun [探春]<ref>Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin". Dritte Tochter von Kaufmann Aufrecht, auch „Spürfrühling<ref>Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin". Dritte Tochter von Kaufmann Aufrecht.</ref>" genannt.</ref> lachend herein, um Schatzjade aufzusuchen, und sagte: „Unsere Dichtgesellschaft wird richtig aufblühen!“ Schatzjade erwiderte lachend: „Genau! Nur weil du so begeistert die Dichtgesellschaft gegründet hast, hat es wie durch Geister und Götter all diese Leute zu uns gebracht. Nur eines weiß ich nicht: Haben sie denn das Dichten gelernt?“ Tanchun antwortete: „Ich habe sie eben alle gefragt. Sie geben sich zwar bescheiden, aber dem Anschein nach können sie es alle. Und selbst wenn jemand es wirklich nicht kann, ist das auch keine Schwierigkeit – du brauchst dir nur Duftlinse anzuschauen.“
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Kaum war dieses Wort gefallen, da kam auch schon Tanchun [探春]<ref>Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin“. Dritte Tochter von Kaufmann Aufrecht.</ref> lachend herein, um Schatzjade aufzusuchen, und sagte: „Unsere Dichtgesellschaft wird richtig aufblühen!“ Schatzjade erwiderte lachend: „Genau! Nur weil du so begeistert die Dichtgesellschaft gegründet hast, hat es wie durch Geister und Götter all diese Leute zu uns gebracht. Nur eines weiß ich nicht: Haben sie denn das Dichten gelernt?“ Tanchun antwortete: „Ich habe sie eben alle gefragt. Sie geben sich zwar bescheiden, aber dem Anschein nach können sie es alle. Und selbst wenn jemand es wirklich nicht kann, ist das auch keine Schwierigkeit – du brauchst dir nur Duftlinse anzuschauen.“
  
 
Dufthauch fragte lächelnd: „Man sagt, die Schwester des großen Fräulein Schnee sei noch hübscher. Was meint Ihr, drittes Fräulein?“ Tanchun erwiderte: „Das stimmt tatsächlich. Meiner Meinung nach reicht weder ihre ältere Schwester noch sonst jemand an sie heran.“ Dufthauch war erstaunt und sagte lachend: „Das ist ja seltsam! Wie kann jemand noch schöner sein? Ich muss unbedingt hinübergehen und sie mir ansehen.“
 
Dufthauch fragte lächelnd: „Man sagt, die Schwester des großen Fräulein Schnee sei noch hübscher. Was meint Ihr, drittes Fräulein?“ Tanchun erwiderte: „Das stimmt tatsächlich. Meiner Meinung nach reicht weder ihre ältere Schwester noch sonst jemand an sie heran.“ Dufthauch war erstaunt und sagte lachend: „Das ist ja seltsam! Wie kann jemand noch schöner sein? Ich muss unbedingt hinübergehen und sie mir ansehen.“
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So gingen Bruder und Schwester gemeinsam zur Herzoginmutter. Tatsächlich hatte Dame Wang Baoqin bereits als Ehrentochter angenommen, und die Herzoginmutter war überglücklich. Sie ließ das Mädchen nicht einmal im Garten wohnen, sondern bei sich übernachten. Xue Ke bezog das Bibliothekszimmer bei Xue Pan. Zu Dame Xing sagte die Herzoginmutter: „Deine Nichte braucht nicht gleich nach Hause zu gehen. Sie soll ein paar Tage hier im Garten wohnen und sich vergnügen.“
 
So gingen Bruder und Schwester gemeinsam zur Herzoginmutter. Tatsächlich hatte Dame Wang Baoqin bereits als Ehrentochter angenommen, und die Herzoginmutter war überglücklich. Sie ließ das Mädchen nicht einmal im Garten wohnen, sondern bei sich übernachten. Xue Ke bezog das Bibliothekszimmer bei Xue Pan. Zu Dame Xing sagte die Herzoginmutter: „Deine Nichte braucht nicht gleich nach Hause zu gehen. Sie soll ein paar Tage hier im Garten wohnen und sich vergnügen.“
  
Dame Xings Bruder lebte mit seiner Familie in ärmlichen Verhältnissen. Er war nach Peking gekommen in der Hoffnung, dass Dame Xing ihm eine Unterkunft besorgen und ihm finanziell unter die Arme greifen würde. Natürlich war er mit dem Vorschlag einverstanden. Dame Xing übergab Xiuyan der Obhut von Phönixglanz. Phönixglanz überlegte, dass die Mädchen im Garten zahlreich und von verschiedenem Temperament seien und es unbequem wäre, noch eine gesonderte Unterkunft einzurichten. Am besten brächte man Xiuyan bei Yingchun [迎春]<ref>Chin. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Frühlings-Willkommene", auch „Willkommenfrühling". Zweite Tochter von Kaufmann Begnadigung.</ref> unter – sollte sich Xiuyan später einmal unwohl fühlen und Dame Xing davon erfahren, hätte das nichts mit Phönixglanz zu tun.
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Dame Xings Bruder lebte mit seiner Familie in ärmlichen Verhältnissen. Er war nach Peking gekommen in der Hoffnung, dass Dame Xing ihm eine Unterkunft besorgen und ihm finanziell unter die Arme greifen würde. Natürlich war er mit dem Vorschlag einverstanden. Dame Xing übergab Xiuyan der Obhut von Phönixglanz. Phönixglanz überlegte, dass die Mädchen im Garten zahlreich und von verschiedenem Temperament seien und es unbequem wäre, noch eine gesonderte Unterkunft einzurichten. Am besten brächte man Xiuyan bei Yingchun [迎春]<ref>Chin. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Frühlings-Willkommene“. Zweite Tochter von Kaufmann Begnadigung.</ref> unter – sollte sich Xiuyan später einmal unwohl fühlen und Dame Xing davon erfahren, hätte das nichts mit Phönixglanz zu tun.
  
 
Abgesehen von den Zeiten, die Xiuyan bei ihrer Familie verbrachte, zahlte Phönixglanz ihr bei einem Aufenthalt von einem Monat und länger im Garten des Großen Anblicks die gleiche Zulage wie Yingchun. Phönixglanz beobachtete Xiuyan mit kühlem Blick und stellte fest, dass sie in Charakter und Wesen ganz anders war als Dame Xing und ihre Eltern – sie war sanft, warmherzig und liebenswert. Deshalb hatte Phönixglanz Mitleid mit ihr wegen ihrer Armut und ihres schweren Schicksals und behandelte sie mit mehr Zuneigung als die anderen Mädchen. Dame Xing dagegen kümmerte sich kaum um sie.
 
Abgesehen von den Zeiten, die Xiuyan bei ihrer Familie verbrachte, zahlte Phönixglanz ihr bei einem Aufenthalt von einem Monat und länger im Garten des Großen Anblicks die gleiche Zulage wie Yingchun. Phönixglanz beobachtete Xiuyan mit kühlem Blick und stellte fest, dass sie in Charakter und Wesen ganz anders war als Dame Xing und ihre Eltern – sie war sanft, warmherzig und liebenswert. Deshalb hatte Phönixglanz Mitleid mit ihr wegen ihrer Armut und ihres schweren Schicksals und behandelte sie mit mehr Zuneigung als die anderen Mädchen. Dame Xing dagegen kümmerte sich kaum um sie.
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Kaum waren alle untergebracht, da wurde der Marquis von Baoling, Shi Nai [史鼐], in eine hohe Provinzstelle versetzt und musste in Kürze mit seiner Familie abreisen, um den neuen Posten anzutreten. Da die Herzoginmutter sich nicht von Xiangji trennen mochte, behielt sie das Mädchen bei sich und nahm es im Kaufmann-Anwesen auf. Eigentlich wollte sie Phönixglanz beauftragen, ihr ein eigenes Quartier zuzuweisen, doch Xiangji bestand darauf, bei Schatzspange zu wohnen, und so ließ man es dabei bewenden.
 
Kaum waren alle untergebracht, da wurde der Marquis von Baoling, Shi Nai [史鼐], in eine hohe Provinzstelle versetzt und musste in Kürze mit seiner Familie abreisen, um den neuen Posten anzutreten. Da die Herzoginmutter sich nicht von Xiangji trennen mochte, behielt sie das Mädchen bei sich und nahm es im Kaufmann-Anwesen auf. Eigentlich wollte sie Phönixglanz beauftragen, ihr ein eigenes Quartier zuzuweisen, doch Xiangji bestand darauf, bei Schatzspange zu wohnen, und so ließ man es dabei bewenden.
  
Der Garten des Großen Anblicks war nun weit lebhafter als zuvor. Unter Frau Lis Führung waren es jetzt: Yingchun, Tanchun, Xichun [惜春]<ref>Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Frühlings-Bewahrerin", auch „Bewahrfrühling". Jüngste Tochter von Kaufmann Juwel<ref>Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Kaufmann Juwel". Das Oberhaupt des östlichen Ninguo-Zweigs der Kaufmann-Familie.</ref>.</ref>, Schatzspange, Kajaljade, Xiangji, Li Wen, Li Qi, Baoqin, Xing Xiuyan – und dazu Phönixglanz und Schatzjade, zusammen dreizehn Personen. Was das Alter betraf, so war nur Frau Li die Älteste; die übrigen zwölf waren alle nicht älter als fünfzehn, sechzehn oder siebzehn Jahre. Einige waren im selben Jahr, andere im selben Monat und am selben Tag, wieder andere zur selben Stunde geboren. In den meisten Fällen betrug der Unterschied nur wenige Monate oder Stunden. Sie selbst konnten die genaue Rangfolge kaum noch auseinanderhalten und riefen sich einfach nach Belieben „Bruder“, „Schwester“, „ältere Schwester“ oder „jüngere Schwester“.
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Der Garten des Großen Anblicks war nun weit lebhafter als zuvor. Unter Frau Lis Führung waren es jetzt: Yingchun, Tanchun, Xichun [惜春]<ref>Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Frühlings-Bewahrerin“. Jüngste Tochter von Kaufmann Juwel.</ref>, Schatzspange, Kajaljade, Xiangji, Li Wen, Li Qi, Baoqin, Xing Xiuyan – und dazu Phönixglanz und Schatzjade, zusammen dreizehn Personen. Was das Alter betraf, so war nur Frau Li die Älteste; die übrigen zwölf waren alle nicht älter als fünfzehn, sechzehn oder siebzehn Jahre. Einige waren im selben Jahr, andere im selben Monat und am selben Tag, wieder andere zur selben Stunde geboren. In den meisten Fällen betrug der Unterschied nur wenige Monate oder Stunden. Sie selbst konnten die genaue Rangfolge kaum noch auseinanderhalten und riefen sich einfach nach Belieben „Bruder“, „Schwester“, „ältere Schwester“ oder „jüngere Schwester“.
  
 
Duftlinse hatte nun nichts anderes im Sinn, als Gedichte zu schreiben, wagte aber nicht, Schatzspange allzu sehr damit zu belästigen. Zum Glück war jetzt Xiangji da. Xiangji aber liebte es über alles zu reden, und als Duftlinse sie nun um Unterweisung in der Dichtkunst bat, war sie ganz begeistert und schwadronierte Tag und Nacht. Schließlich sagte Schatzspange lachend: „Ich halte diesen Lärm wirklich nicht mehr aus. Wenn ein Mädchen allen Ernstes die Dichtkunst zum Hauptthema macht, werden gebildete Leute nur darüber lachen und sagen, es vergesse seinen Platz. Eine Duftlinse, die noch nicht aufgeklärt ist, und nun kommst du auch noch als Plaudertasche dazu! Was redet ihr denn den ganzen Tag? Von der Schwermut Du Fus [杜工部], der Schlichtheit Wei Yingwus [韦苏州], der Eleganz Wen Tingyuns [温八叉] und der Rätselhaftigkeit Li Shangyins [李义山]. Dabei habt ihr zwei leibhaftige Dichterinnen vor der Nase und erwähnt sie mit keinem Wort, sondern redet nur von Toten!“ Xiangji fragte sofort: „Welche beiden denn? Sag es mir, liebe Schwester!“ Schatzspange erwiderte lachend: „Die törichte Duftlinse mit ihrem bitteren Eifer und die verrückte Xiangji mit ihrem endlosen Gerede.“ Xiangji und Duftlinse brachen darüber in Gelächter aus.
 
Duftlinse hatte nun nichts anderes im Sinn, als Gedichte zu schreiben, wagte aber nicht, Schatzspange allzu sehr damit zu belästigen. Zum Glück war jetzt Xiangji da. Xiangji aber liebte es über alles zu reden, und als Duftlinse sie nun um Unterweisung in der Dichtkunst bat, war sie ganz begeistert und schwadronierte Tag und Nacht. Schließlich sagte Schatzspange lachend: „Ich halte diesen Lärm wirklich nicht mehr aus. Wenn ein Mädchen allen Ernstes die Dichtkunst zum Hauptthema macht, werden gebildete Leute nur darüber lachen und sagen, es vergesse seinen Platz. Eine Duftlinse, die noch nicht aufgeklärt ist, und nun kommst du auch noch als Plaudertasche dazu! Was redet ihr denn den ganzen Tag? Von der Schwermut Du Fus [杜工部], der Schlichtheit Wei Yingwus [韦苏州], der Eleganz Wen Tingyuns [温八叉] und der Rätselhaftigkeit Li Shangyins [李义山]. Dabei habt ihr zwei leibhaftige Dichterinnen vor der Nase und erwähnt sie mit keinem Wort, sondern redet nur von Toten!“ Xiangji fragte sofort: „Welche beiden denn? Sag es mir, liebe Schwester!“ Schatzspange erwiderte lachend: „Die törichte Duftlinse mit ihrem bitteren Eifer und die verrückte Xiangji mit ihrem endlosen Gerede.“ Xiangji und Duftlinse brachen darüber in Gelächter aus.
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Schatzspange bemerkte: „Da heißt es wirklich mit Recht: ‚Jeder hat sein eigenes Schicksal.‘ Sie hätte sich nie träumen lassen, dass Baoqin jetzt hierher käme, und nun, da sie hier ist, hat die Herzoginmutter sie auch noch so ins Herz geschlossen.“ Xiangji sagte: „Außer bei der Herzoginmutter kannst du auch noch hier im Garten nach Herzenslust lachen und scherzen, essen und trinken. Wenn du zu den Gemächern der Herrin gehst und die Herrin da ist, kannst du ruhig mit ihr plaudern und etwas länger bleiben – das macht nichts. Aber wenn die Herrin nicht da ist, geh nicht hinein, dort sind viele Menschen mit bösem Herzen, die uns alle schaden wollen.“ Schatzspange, Baoqin, Duftlinse und Yinger [莺儿] lachten darüber. Schatzspange sagte lächelnd: „Man meint, du hättest kein Gespür, und dann zeigst du doch wieder, dass du eins hast. Aber auch wenn du Gespür hast, bist du im Reden doch zu geradeheraus. Unsere Baoqin hat ein wenig Ähnlichkeit mit dir. Du sagst immer, ich solle deine ältere Schwester sein – ich schlage vor, du erkennst sie heute als deine jüngere Schwester an.“
 
Schatzspange bemerkte: „Da heißt es wirklich mit Recht: ‚Jeder hat sein eigenes Schicksal.‘ Sie hätte sich nie träumen lassen, dass Baoqin jetzt hierher käme, und nun, da sie hier ist, hat die Herzoginmutter sie auch noch so ins Herz geschlossen.“ Xiangji sagte: „Außer bei der Herzoginmutter kannst du auch noch hier im Garten nach Herzenslust lachen und scherzen, essen und trinken. Wenn du zu den Gemächern der Herrin gehst und die Herrin da ist, kannst du ruhig mit ihr plaudern und etwas länger bleiben – das macht nichts. Aber wenn die Herrin nicht da ist, geh nicht hinein, dort sind viele Menschen mit bösem Herzen, die uns alle schaden wollen.“ Schatzspange, Baoqin, Duftlinse und Yinger [莺儿] lachten darüber. Schatzspange sagte lächelnd: „Man meint, du hättest kein Gespür, und dann zeigst du doch wieder, dass du eins hast. Aber auch wenn du Gespür hast, bist du im Reden doch zu geradeheraus. Unsere Baoqin hat ein wenig Ähnlichkeit mit dir. Du sagst immer, ich solle deine ältere Schwester sein – ich schlage vor, du erkennst sie heute als deine jüngere Schwester an.“
  
Xiangji musterte Baoqin eine Weile und sagte dann lächelnd: „Dieser Umhang passt wirklich nur ihr. Jede andere sähe darin nicht halb so gut aus.“ Gerade als sie das sagte, kam Hupo [琥珀]<ref>Chin. 琥珀 Hǔpò, wörtl. „Bernstein". Eine Kammerzofe der Herzoginmutter.</ref> herein und meldete lächelnd: „Die Herzoginmutter lässt ausrichten, Fräulein Schnee solle Fräulein Baoqin nicht zu streng halten. Sie ist noch klein und soll haben, was sie will, und sich nehmen, was sie möchte, ohne sich Gedanken zu machen.“
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Xiangji musterte Baoqin eine Weile und sagte dann lächelnd: „Dieser Umhang passt wirklich nur ihr. Jede andere sähe darin nicht halb so gut aus.“ Gerade als sie das sagte, kam Hupo [琥珀]<ref>Chin. 琥珀 Hǔpò, wörtl. „Bernstein“. Eine Kammerzofe der Herzoginmutter.</ref> herein und meldete lächelnd: „Die Herzoginmutter lässt ausrichten, Fräulein Schnee solle Fräulein Baoqin nicht zu streng halten. Sie ist noch klein und soll haben, was sie will, und sich nehmen, was sie möchte, ohne sich Gedanken zu machen.“
  
 
Schatzspange erhob sich sofort und antwortete höflich. Dann stieß sie Baoqin an und sagte lachend: „Was für ein Glückskind du doch bist! Geh lieber weg von hier, damit wir dir nicht unrecht tun. Ich möchte wirklich wissen, worin ich dir denn nachstehe.“
 
Schatzspange erhob sich sofort und antwortete höflich. Dann stieß sie Baoqin an und sagte lachend: „Was für ein Glückskind du doch bist! Geh lieber weg von hier, damit wir dir nicht unrecht tun. Ich möchte wirklich wissen, worin ich dir denn nachstehe.“
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Gleich darauf redete Kajaljade Baoqin einfach mit „Schwesterchen“ an, ohne ihren Namen zu nennen, ganz als wären sie leibliche Schwestern. Baoqin, jung und warmherzig, dabei von Natur aus klug, hatte von klein auf lesen und schreiben gelernt. In den paar Tagen, die sie nun bei der Kaufmann-Familie wohnte, hatte sie sich bereits einen Überblick über die Personen verschafft. Als sie sah, dass die Mädchen hier keine seichten Putzpuppen waren und sich alle gut mit ihrer älteren Schwester verstanden, wollte auch sie nicht unhöflich sein. Da sie Kajaljade als besonders herausragend erkannte, verhielt sie sich ihr gegenüber noch herzlicher und ehrerbietiger als den anderen. Schatzjade beobachtete das alles und wunderte sich im Stillen.
 
Gleich darauf redete Kajaljade Baoqin einfach mit „Schwesterchen“ an, ohne ihren Namen zu nennen, ganz als wären sie leibliche Schwestern. Baoqin, jung und warmherzig, dabei von Natur aus klug, hatte von klein auf lesen und schreiben gelernt. In den paar Tagen, die sie nun bei der Kaufmann-Familie wohnte, hatte sie sich bereits einen Überblick über die Personen verschafft. Als sie sah, dass die Mädchen hier keine seichten Putzpuppen waren und sich alle gut mit ihrer älteren Schwester verstanden, wollte auch sie nicht unhöflich sein. Da sie Kajaljade als besonders herausragend erkannte, verhielt sie sich ihr gegenüber noch herzlicher und ehrerbietiger als den anderen. Schatzjade beobachtete das alles und wunderte sich im Stillen.
  
Als kurz darauf die Schatzspange-Schwestern zu Tante Schnee [薛姨妈]<ref>Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, „Tante Schnee". Die Mutter von Schatzspange und Xue Pan, Schwester von Dame Wang.</ref> gingen, Xiangji sich zur Herzoginmutter begab und Kajaljade in ihre Räume zurückkehrte, um sich auszuruhen, folgte Schatzjade ihr und sagte lächelnd: „Ich habe zwar das ‚Westzimmer‘ [Anm.: Das Xixiangji (西厢记), berühmtes Theaterstück von Wang Shifu aus der Yuan-Dynastie] gelesen und einige Stellen auch verstanden, und als ich ein paarmal scherzhaft daraus zitierte, warst du böse auf mich. Aber heute ist mir aufgefallen, dass ich einen Satz darin doch nicht verstehe. Ich sage ihn dir, und du erklärst ihn mir.“
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Als kurz darauf die Schatzspange-Schwestern zu Tante Schnee [薛姨妈]<ref>Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, „Tante Schnee“. Mutter von Schatzspange und Xue Pan, Schwester von Dame Wang.</ref> gingen, Xiangji sich zur Herzoginmutter begab und Kajaljade in ihre Räume zurückkehrte, um sich auszuruhen, folgte Schatzjade ihr und sagte lächelnd: „Ich habe zwar das ‚Westzimmer‘ [Anm.: Das Xixiangji (西厢记), berühmtes Theaterstück von Wang Shifu aus der Yuan-Dynastie] gelesen und einige Stellen auch verstanden, und als ich ein paarmal scherzhaft daraus zitierte, warst du böse auf mich. Aber heute ist mir aufgefallen, dass ich einen Satz darin doch nicht verstehe. Ich sage ihn dir, und du erklärst ihn mir.“
  
 
Kajaljade merkte, dass dahinter etwas steckte, und sagte lächelnd: „Sag ihn, ich höre zu.“ Schatzjade erwiderte lächelnd: „In der Szene ‚Die Aufregung um den Brief‘ gibt es einen wunderbaren Satz: ‚Seit wann hat Meng Guang das Tablett des Liang Hong angenommen?‘ [Anm.: Anspielung auf die Geschichte von Liang Hong und seiner Frau Meng Guang aus der Han-Zeit, die als Muster ehelicher Harmonie galt. Meng Guang reichte ihrem Mann das Essenstablett stets auf Augenhöhe empor – ein Zeichen tiefen Respekts.] Dieser Satz ist einfach herrlich. ‚Meng Guang nahm das Tablett des Liang Hong an‘ – das sind nur fünf Zeichen, eine geläufige Anspielung. Aber das Geniale sind die drei Wörtchen ‚seit wann‘, die so geistreich die Frage stellen. Seit wann hat sie es angenommen? Sag mir, seit wann?“
 
Kajaljade merkte, dass dahinter etwas steckte, und sagte lächelnd: „Sag ihn, ich höre zu.“ Schatzjade erwiderte lächelnd: „In der Szene ‚Die Aufregung um den Brief‘ gibt es einen wunderbaren Satz: ‚Seit wann hat Meng Guang das Tablett des Liang Hong angenommen?‘ [Anm.: Anspielung auf die Geschichte von Liang Hong und seiner Frau Meng Guang aus der Han-Zeit, die als Muster ehelicher Harmonie galt. Meng Guang reichte ihrem Mann das Essenstablett stets auf Augenhöhe empor – ein Zeichen tiefen Respekts.] Dieser Satz ist einfach herrlich. ‚Meng Guang nahm das Tablett des Liang Hong an‘ – das sind nur fünf Zeichen, eine geläufige Anspielung. Aber das Geniale sind die drei Wörtchen ‚seit wann‘, die so geistreich die Frage stellen. Seit wann hat sie es angenommen? Sag mir, seit wann?“
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Xiangji rief: „Lasst uns schnell über das Dichten sprechen! Ich möchte wissen, wer diesmal der Gastgeber ist!“ Frau Li erklärte: „Es war meine Idee. Ich dachte mir, der eigentliche Termin ist zwar vorbei und der nächste noch weit weg, aber da es nun glücklicherweise schneit, könnten wir eine außerordentliche Sitzung einberufen – zugleich als Begrüßung für die Neuen und als Dichtversammlung. Was meint ihr?“ Schatzjade sagte als Erster: „Das ist eine ausgezeichnete Idee. Nur ist es heute schon spät; wenn es bis morgen aufklart, wäre es schade.“ Die anderen meinten: „Es sieht nicht so aus, als würde der Schnee aufhören. Und selbst wenn, über Nacht fällt genug, um sich daran zu erfreuen.“
 
Xiangji rief: „Lasst uns schnell über das Dichten sprechen! Ich möchte wissen, wer diesmal der Gastgeber ist!“ Frau Li erklärte: „Es war meine Idee. Ich dachte mir, der eigentliche Termin ist zwar vorbei und der nächste noch weit weg, aber da es nun glücklicherweise schneit, könnten wir eine außerordentliche Sitzung einberufen – zugleich als Begrüßung für die Neuen und als Dichtversammlung. Was meint ihr?“ Schatzjade sagte als Erster: „Das ist eine ausgezeichnete Idee. Nur ist es heute schon spät; wenn es bis morgen aufklart, wäre es schade.“ Die anderen meinten: „Es sieht nicht so aus, als würde der Schnee aufhören. Und selbst wenn, über Nacht fällt genug, um sich daran zu erfreuen.“
  
Frau Li sagte: „Hier bei mir ist es zwar hübsch, aber an der Hütte am Verschneiten Schilf [蘆雪广] ist es noch schöner. [Anm.: Das Zeichen 广 (guǎng) bezeichnet ein an einen Berg gebautes Haus. Nach Han Yus Gedicht „Begleitung des Zensors Du auf einer Wanderung zu den zwei Tempeln westlich des Xiang-Flusses“: „Bambus gespalten, die Quelle entspringt, Galerien gebaut an den Fels.“ In verschiedenen Ausgaben steht stattdessen ‚Klause‘, ‚Halle‘ oder ‚Hütte‘, was alles unzutreffend ist. Hier nach der Gengchen-Handschrift korrigiert.] Ich habe schon jemanden hingeschickt, um die Bodenheizung anzufeuern. Wir werden uns rund um den Ofen setzen und dichten. Die Herzoginmutter hätte wohl kaum Gefallen daran, und da es ja nur ein kleines Vergnügen unter uns ist, brauchen wir nur Phönixglanz Bescheid zu geben. Jeder von euch steuert ein oder zwei Liang Silber bei und schickt es zu mir." Sie zeigte auf Duftlinse, Baoqin, Li Wen, Li Qi und Xiuyan: „Diese fünf sind natürlich ausgenommen. Von uns zählen die zweite Schwester, weil sie krank ist, und die vierte Schwester, die sich entschuldigt hat, auch nicht mit. Wenn ihr vier eure Anteile schickt und ich insgesamt fünf oder sechs Liang zusammenbringe, wird es mehr als genug sein.“
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Frau Li sagte: „Hier bei mir ist es zwar hübsch, aber an der Hütte am Verschneiten Schilf [蘆雪广] ist es noch schöner. [Anm.: Das Zeichen 广 (guǎng) bezeichnet ein an einen Berg gebautes Haus. Nach Han Yus Gedicht „Begleitung des Zensors Du auf einer Wanderung zu den zwei Tempeln westlich des Xiang-Flusses“: „Bambus gespalten, die Quelle entspringt, Galerien gebaut an den Fels.“ In verschiedenen Ausgaben steht stattdessen ‚Klause‘, ‚Halle‘ oder ‚Hütte‘, was alles unzutreffend ist. Hier nach der Gengchen-Handschrift korrigiert.] Ich habe schon jemanden hingeschickt, um die Bodenheizung anzufeuern. Wir werden uns rund um den Ofen setzen und dichten. Die Herzoginmutter hätte wohl kaum Gefallen daran, und da es ja nur ein kleines Vergnügen unter uns ist, brauchen wir nur Phönixglanz Bescheid zu geben. Jeder von euch steuert ein oder zwei Liang Silber bei und schickt es zu mir.Sie zeigte auf Duftlinse, Baoqin, Li Wen, Li Qi und Xiuyan: „Diese fünf sind natürlich ausgenommen. Von uns zählen die zweite Schwester, weil sie krank ist, und die vierte Schwester, die sich entschuldigt hat, auch nicht mit. Wenn ihr vier eure Anteile schickt und ich insgesamt fünf oder sechs Liang zusammenbringe, wird es mehr als genug sein.“
  
 
Schatzspange und alle anderen stimmten zu. Als man dann Thema und Reim festlegen wollte, sagte Frau Li lächelnd: „Darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht. Morgen bei der Veranstaltung werdet ihr es erfahren.“ Danach plauderte man noch eine Weile, bevor alle zur Herzoginmutter gingen. Über diesen Tag gibt es weiter nichts zu berichten.
 
Schatzspange und alle anderen stimmten zu. Als man dann Thema und Reim festlegen wollte, sagte Frau Li lächelnd: „Darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht. Morgen bei der Veranstaltung werdet ihr es erfahren.“ Danach plauderte man noch eine Weile, bevor alle zur Herzoginmutter gingen. Über diesen Tag gibt es weiter nichts zu berichten.
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Am nächsten Morgen in aller Frühe konnte Schatzjade vor lauter Aufregung kaum schlafen. Sobald es hell wurde, richtete er sich auf und hob den Bettvorhang hoch. Obwohl Türen und Fenster noch geschlossen waren, fiel ihm ein gleißend heller Schein ins Auge. Sogleich wurde er unruhig und befürchtete, der Himmel habe sich aufgeklärt und die Sonne scheine bereits. Hastig stand er auf, schob den Fensterrahmen hoch und spähte durch die Glasscheibe nach draußen. Es war gar kein Sonnenlicht – über Nacht war dicker Schnee gefallen, wohl über einen Fuß hoch, und vom Himmel rieselte es immer noch wie gezupfte Baumwolle und gezogene Watte. Schatzjade war überglücklich, weckte eilig seine Bediensteten und machte sich zurecht. Er zog nur eine auberginefarbene Robe aus Wollstoff mit Fuchspelzfutter an, darüber ein kurzes Übergewand aus Seeotter-Fell, band den Gürtel um, warf den Jadennadelregenmantel über, setzte den goldenen Rattanhut auf und schlüpfte in die Überschuhe aus Birnbaumholz. Dann machte er sich eilig auf den Weg zur Hütte am Verschneiten Schilf.
 
Am nächsten Morgen in aller Frühe konnte Schatzjade vor lauter Aufregung kaum schlafen. Sobald es hell wurde, richtete er sich auf und hob den Bettvorhang hoch. Obwohl Türen und Fenster noch geschlossen waren, fiel ihm ein gleißend heller Schein ins Auge. Sogleich wurde er unruhig und befürchtete, der Himmel habe sich aufgeklärt und die Sonne scheine bereits. Hastig stand er auf, schob den Fensterrahmen hoch und spähte durch die Glasscheibe nach draußen. Es war gar kein Sonnenlicht – über Nacht war dicker Schnee gefallen, wohl über einen Fuß hoch, und vom Himmel rieselte es immer noch wie gezupfte Baumwolle und gezogene Watte. Schatzjade war überglücklich, weckte eilig seine Bediensteten und machte sich zurecht. Er zog nur eine auberginefarbene Robe aus Wollstoff mit Fuchspelzfutter an, darüber ein kurzes Übergewand aus Seeotter-Fell, band den Gürtel um, warf den Jadennadelregenmantel über, setzte den goldenen Rattanhut auf und schlüpfte in die Überschuhe aus Birnbaumholz. Dann machte er sich eilig auf den Weg zur Hütte am Verschneiten Schilf.
  
Als er aus dem Tor des Hofes trat und sich nach allen Seiten umsah, war ringsum alles einheitlich weiß. Nur in der Ferne standen grüne Kiefern und smaragdener Bambus. Er kam sich vor wie in einer gläsernen Schatulle eingeschlossen. So ging er zum Fuß des Berghangs und bog gerade um die Ecke, als ihm ein kalter Duft in die Nase stieg. Er blickte zurück und sah, dass im Hof des Klosters Gefangenes Grün [栊翠庵], dem Haus der Nonne Miaoyu [妙玉]<ref>Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wundersame Jade". Eine buddhistische Nonne, die im Kloster Gefangenes Grün im Garten lebt.</ref>, ein Dutzend roter Pflaumenbäume blühten, deren Blüten rot wie Karmesin vor dem Weiß des Schnees um so lebendiger und herrlicher leuchteten. Schatzjade blieb stehen und erfreute sich eine Weile an dem Anblick, bevor er weiterging. Auf der Wespentaillenbrücke kam ihm eine Gestalt mit Regenschirm entgegen – es war jemand, den Frau Li ausgesandt hatte, um Phönixglanz zu holen.
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Als er aus dem Tor des Hofes trat und sich nach allen Seiten umsah, war ringsum alles einheitlich weiß. Nur in der Ferne standen grüne Kiefern und smaragdener Bambus. Er kam sich vor wie in einer gläsernen Schatulle eingeschlossen. So ging er zum Fuß des Berghangs und bog gerade um die Ecke, als ihm ein kalter Duft in die Nase stieg. Er blickte zurück und sah, dass im Hof des Klosters Gefangenes Grün [栊翠庵], dem Haus der Nonne Miaoyu [妙玉]<ref>Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wundersame Jade“. Eine buddhistische Nonne, die im Kloster Gefangenes Grün im Garten lebt.</ref>, ein Dutzend roter Pflaumenbäume blühten, deren Blüten rot wie Karmesin vor dem Weiß des Schnees um so lebendiger und herrlicher leuchteten. Schatzjade blieb stehen und erfreute sich eine Weile an dem Anblick, bevor er weiterging. Auf der Wespentaillenbrücke kam ihm eine Gestalt mit Regenschirm entgegen – es war jemand, den Frau Li ausgesandt hatte, um Phönixglanz zu holen.
  
 
Als Schatzjade an der Hütte am Verschneiten Schilf ankam, waren dort Dienstmädchen und alte Frauen gerade dabei, den Schnee zu kehren und Wege freizuschaufeln. Diese Hütte lag am Flussufer vor einem Berg, auf einem Schotterstrand. Es waren einige wenige Räume in einer Reihe, strohgedeckt mit Lehmwänden, umgeben von einem Hibiskuszaun und mit Bambusfenstern versehen. Schob man die Fenster auf, konnte man angeln. Ringsum war alles von Schilf überwuchert. Ein schmaler, sich windender Pfad führte durch das Schilf hindurch zur Bambusbrücke am Lotoswurzelkiosk.
 
Als Schatzjade an der Hütte am Verschneiten Schilf ankam, waren dort Dienstmädchen und alte Frauen gerade dabei, den Schnee zu kehren und Wege freizuschaufeln. Diese Hütte lag am Flussufer vor einem Berg, auf einem Schotterstrand. Es waren einige wenige Räume in einer Reihe, strohgedeckt mit Lehmwänden, umgeben von einem Hibiskuszaun und mit Bambusfenstern versehen. Schob man die Fenster auf, konnte man angeln. Ringsum war alles von Schilf überwuchert. Ein schmaler, sich windender Pfad führte durch das Schilf hindurch zur Bambusbrücke am Lotoswurzelkiosk.
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Frau Li und die anderen eilten hinaus, fanden die beiden und sagten: „Wenn ihr rohes Fleisch essen wollt, bringe ich euch zur Herzoginmutter. Meinetwegen esst dort einen ganzen rohen Hirsch und werdet krank davon – das geht mich dann nichts an. Bei diesem Schnee und dieser Kälte wollt ihr mir Scherereien machen!“ Schatzjade erwiderte lachend: „Aber nein, wir braten es doch!“ Frau Li sagte: „Na, dann ist es etwas anderes.“ Und schon kamen alte Frauen mit einem Eisenofen, Eisenspießen und einem Drahtrost angeschleppt. Frau Li warnte noch: „Passt auf, dass ihr euch nicht schneidet, und heult mir nicht vor!“ Damit ging sie mit Tanchun wieder hinein.
 
Frau Li und die anderen eilten hinaus, fanden die beiden und sagten: „Wenn ihr rohes Fleisch essen wollt, bringe ich euch zur Herzoginmutter. Meinetwegen esst dort einen ganzen rohen Hirsch und werdet krank davon – das geht mich dann nichts an. Bei diesem Schnee und dieser Kälte wollt ihr mir Scherereien machen!“ Schatzjade erwiderte lachend: „Aber nein, wir braten es doch!“ Frau Li sagte: „Na, dann ist es etwas anderes.“ Und schon kamen alte Frauen mit einem Eisenofen, Eisenspießen und einem Drahtrost angeschleppt. Frau Li warnte noch: „Passt auf, dass ihr euch nicht schneidet, und heult mir nicht vor!“ Damit ging sie mit Tanchun wieder hinein.
  
Phönixglanz hatte Friedchen [平儿]<ref>Chin. 平儿 Píng’ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz’ erste Kammerzofe und Vertraute.</ref> geschickt mit der Nachricht, sie könne nicht kommen, weil sie mit der Auszahlung der Jahreszulagen beschäftigt sei. Aber als Xiangji Friedchen sah, wollte sie sie nicht gehen lassen. Friedchen war auch ein lustiges Mädchen, das mit Phönixglanz schon alles miterlebt hatte. Als sie sah, wie vergnüglich es zuging, machte sie gerne mit. Sie streifte ihre Armreife ab, und zu dritt hockten sie sich um das Öfchen und wollten gleich die ersten drei Stücke braten.
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Phönixglanz hatte Friedchen [平儿]<ref>Chin. 平儿 Píng’ér, wörtl. „Friedchen“. Phönixglanz’ erste Kammerzofe und Vertraute.</ref> geschickt mit der Nachricht, sie könne nicht kommen, weil sie mit der Auszahlung der Jahreszulagen beschäftigt sei. Aber als Xiangji Friedchen sah, wollte sie sie nicht gehen lassen. Friedchen war auch ein lustiges Mädchen, das mit Phönixglanz schon alles miterlebt hatte. Als sie sah, wie vergnüglich es zuging, machte sie gerne mit. Sie streifte ihre Armreife ab, und zu dritt hockten sie sich um das Öfchen und wollten gleich die ersten drei Stücke braten.
  
 
Drüben beobachteten Schatzspange und Kajaljade, die an solche Szenen gewöhnt waren, das Geschehen ohne Verwunderung. Baoqin, Tante Li und die anderen Neuankömmlinge aber staunten nicht schlecht. Tanchun und Frau Li hatten inzwischen Thema und Reim festgelegt. Tanchun sagte lächelnd: „Riecht ihr das? Der Duft ist bis hierher zu riechen. Ich will auch davon essen!“ Damit ging sie hinaus und gesellte sich zu ihnen.
 
Drüben beobachteten Schatzspange und Kajaljade, die an solche Szenen gewöhnt waren, das Geschehen ohne Verwunderung. Baoqin, Tante Li und die anderen Neuankömmlinge aber staunten nicht schlecht. Tanchun und Frau Li hatten inzwischen Thema und Reim festgelegt. Tanchun sagte lächelnd: „Riecht ihr das? Der Duft ist bis hierher zu riechen. Ich will auch davon essen!“ Damit ging sie hinaus und gesellte sich zu ihnen.

Latest revision as of 12:43, 15 April 2026

Kapitel 49 Glaswelt mit weißem Schnee und roten Pflaumenblüten Die geschminkten Mädchen schneiden rohes Fleisch und essen Geröstetes

Es wird erzählt, dass Duftlinse [香菱][1], als sie die anderen fröhlich plaudern und lachen sah, auf sie zuging und lächelnd sagte: „Schaut euch doch dieses Gedicht an. Wenn es taugt, lerne ich weiter; wenn es immer noch nicht gut ist, gebe ich das Dichten für immer auf.“ Damit reichte sie das Gedicht an Kajaljade [林黛玉][2] und die anderen. Sie lasen:

   Des Mondes Glanz, wie schwer ihn zu verbergen,
   sein Schattenbild so zart, sein Wesen kalt.
   Der Waschstein hallt durch tausend Meilen Weiß,
   der Hahn kräht, wenn die fünfte Wache bricht.
   Im grünen Regenmantel hört man Flöten,
   am Turm lehnt sich ein roter Ärmel an.
   Selbst Chang’e sollte fragend sich erkundigen:
   Warum denn kann der Mond nicht immer rund sein?

Nachdem die anderen es gelesen hatten, sagten sie lächelnd: „Dieses Gedicht ist nicht nur gut, es ist auch neuartig, geschickt und geistvoll. So bewahrheitet sich das Sprichwort: ‚Nichts auf der Welt ist schwer, wenn man nur den festen Willen hat.‘ In unserer Dichtgesellschaft bist du auf jeden Fall willkommen.“ Duftlinse konnte das in ihrem Herzen nicht glauben und meinte, die anderen wollten sie nur zum Narren halten. So fragte sie immer wieder bei Kajaljade und Schatzspange [薛宝钗][3] nach.

Mitten in diesem Gespräch kamen ein paar kleine Dienstmädchen und alte Frauen eilig herbei und sagten lachend: „Es sind eine ganze Menge junge Damen und Herrinnen gekommen, die wir gar nicht kennen. Die gnädigen Herrinnen und Fräulein sollten schnell hingehen und die Verwandten begrüßen.“ Frau Li [李纨][4] fragte lächelnd: „Was soll denn das heißen? Sagt erst einmal klar, wessen Verwandte es sind!“ Die alten Frauen und Mädchen sagten lachend: „Die beiden jüngeren Schwestern der gnädigen Frau sind da. Und ein Fräulein, das die jüngere Schwester des großen Fräulein Schnee sein soll, und ein junger Herr, der der Bruder des großen jungen Herrn Schnee sein soll. Wir gehen jetzt die Frau Tante holen. Die gnädige Frau und die Fräulein können schon vorausgehen.“ Damit eilten sie davon. Schatzspange sagte lächelnd: „Sollten etwa unser Xue Ke [薛蝌][5] und seine Schwester gekommen sein?“ Auch Frau Li sagte lächelnd: „Ist etwa unsere Tante wieder nach Peking gekommen? Wie konnten sie alle gleichzeitig eintreffen? Das ist wirklich seltsam.“ Alle waren verwundert und begaben sich zu den oberen Gemächern von Dame Wang [王夫人][6], wo sie ein dichtes Gedränge von Menschen vorfanden.

Es hatte sich folgendermaßen zugetragen: Der Bruder von Dame Xing [邢夫人][7] war mit seiner Frau und ihrer Tochter Xiuyan [岫烟][8] nach Peking gereist, um bei Dame Xing Unterschlupf zu suchen. Zufällig war auch Phönixglanz[9]' [王熙凤] Bruder Wang Ren [王仁] auf dem Weg in die Hauptstadt, und die beiden verschwägerten Familien hatten sich zu einer gemeinsamen Reise zusammengeschlossen. Als sie auf halbem Wege ihre Boote vor Anker legten, trafen sie auf Frau Lis verwitwete Tante, die mit ihren beiden Töchtern – die ältere hieß Li Wen [李紋][10], die jüngere Li Qi [李綺][11] – ebenfalls in die Hauptstadt reiste. Beim Gespräch stellte sich heraus, dass sie miteinander verwandt waren, und so setzten die drei Familien die Reise gemeinsam fort. Dann war da noch Xue Ke [薛蝌], ein Vetter von Xue Pan [薛蟠][12], dessen Vater noch zu Lebzeiten in Peking seine Schwester Xue Baoqin [薛宝琴][13] mit dem Sohn des Akademikers Mei [梅翰林] verlobt hatte. Nun wollte er sie zur Hochzeit in die Hauptstadt bringen. Als er hörte, dass Wang Ren nach Peking aufbrach, schloss er sich mit seiner Schwester an und holte die Reisegesellschaft ein. So trafen sie heute alle bei ihren jeweiligen Verwandten ein.

Als die gegenseitigen Begrüßungen und die ersten Gespräche vorüber waren, zeigten sich die Herzoginmutter [贾母][14] und Dame Wang überaus erfreut. Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Kein Wunder, dass gestern Abend der Lampendocht immerzu geknistert und Flocken geworfen hat – das war ein Vorzeichen für den heutigen Besuch.“ Man tauschte Familienneuigkeiten aus, besah die mitgebrachten Geschenke und lud die Gäste zu Wein und Speisen ein. Phönixglanz hatte selbstredend alle Hände voll zu tun und war beschäftigter denn je. Frau Li und Schatzspange unterhielten sich natürlich mit ihrer Tante und den Schwestern über die Zeit der Trennung.

Als Kajaljade all dies sah, war sie zunächst erfreut, doch dann fiel ihr ein, dass alle anderen Verwandte hatten, nur sie allein stand da ohne eine einzige Angehörige, und unwillkürlich kamen ihr die Tränen. Schatzjade [贾宝玉][15], der ihren Schmerz zutiefst verstand, tröstete sie ausgiebig, bis sie sich wieder fasste.

Danach eilte Schatzjade in den Hof der Freude am Roten und sagte zu Dufthauch [袭人][16], Moschusmond [麝月][17], Heitermuster [晴雯][18] und den anderen lachend: „Warum geht ihr nicht schnell hinüber und seht euch die Neuankömmlinge an? Wer hätte gedacht – Schatzspanges leiblicher Bruder sieht so aus, wie er aussieht, aber dieser Vetter von ihr hat in Gestalt und Auftreten etwas ganz anderes; er sieht eher wie ihr leiblicher Bruder aus. Noch erstaunlicher ist Folgendes: Ihr habt tagein, tagaus gesagt, Schatzspange sei eine unübertreffliche Schönheit. Aber seht euch jetzt einmal ihre Schwester an, und erst die beiden Schwestern unserer Schwägerin – mir fehlen ganz die Worte! Oh Himmel, oh Himmel, wie viel Feinheit und Geist hast du aufgewandt, um solche Menschen über alle anderen zu erheben! Wie ein Frosch im Brunnen habe ich immer nur gedacht, die paar Mädchen hier bei uns seien ohnegleichen. Aber man braucht gar nicht in der Ferne zu suchen – schon die eigene Umgebung bietet Schönheiten, von denen eine die andere übertrifft. Heute habe ich wieder dazugelernt! Und wer weiß, ob es außer diesen nicht noch weitere gibt?“

Während er so redete, lachte und seufzte er vor sich hin. Dufthauch befürchtete, er sei wieder in einen seiner Wahnzustände geraten, und wollte deshalb nicht hinübergehen. Heitermuster und die anderen aber waren längst hingelaufen, hatten sich alles angeschaut und kamen kichernd zurück. Sie sagten zu Dufthauch: „Geh schnell und sieh sie dir an! Die Nichte der älteren Herrin, die Schwester vom Fräulein Schnee, die beiden Schwestern der älteren jungen Herrin – die vier sehen aus wie ein Bündel von vier Wasserlauchstängeln!“

Kaum war dieses Wort gefallen, da kam auch schon Tanchun [探春][19] lachend herein, um Schatzjade aufzusuchen, und sagte: „Unsere Dichtgesellschaft wird richtig aufblühen!“ Schatzjade erwiderte lachend: „Genau! Nur weil du so begeistert die Dichtgesellschaft gegründet hast, hat es wie durch Geister und Götter all diese Leute zu uns gebracht. Nur eines weiß ich nicht: Haben sie denn das Dichten gelernt?“ Tanchun antwortete: „Ich habe sie eben alle gefragt. Sie geben sich zwar bescheiden, aber dem Anschein nach können sie es alle. Und selbst wenn jemand es wirklich nicht kann, ist das auch keine Schwierigkeit – du brauchst dir nur Duftlinse anzuschauen.“

Dufthauch fragte lächelnd: „Man sagt, die Schwester des großen Fräulein Schnee sei noch hübscher. Was meint Ihr, drittes Fräulein?“ Tanchun erwiderte: „Das stimmt tatsächlich. Meiner Meinung nach reicht weder ihre ältere Schwester noch sonst jemand an sie heran.“ Dufthauch war erstaunt und sagte lachend: „Das ist ja seltsam! Wie kann jemand noch schöner sein? Ich muss unbedingt hinübergehen und sie mir ansehen.“

Tanchun berichtete: „Die Herzoginmutter war auf den ersten Blick so begeistert, dass sie die Herrin sogleich gedrängt hat, Baoqin als Ehrentochter anzunehmen. Die Herzoginmutter will für ihren Unterhalt aufkommen, das ist eben gerade beschlossen worden.“ Schatzjade fragte voller Freude: „Ist das wirklich wahr?“ Tanchun erwiderte: „Habe ich jemals gelogen?“ Dann fügte sie lächelnd hinzu: „Jetzt, wo sie so eine gute Enkeltochter hat, vergisst sie wohl den Enkelsohn darüber.“

Schatzjade sagte lachend: „Das macht nichts. Es ist nur recht und billig, dass man die Mädchen ein wenig mehr liebt. Morgen ist der Sechzehnte, da müsste unsere Gesellschaft zusammentreten.“ Tanchun wandte ein: „Kajaljade kann gerade erst wieder aufstehen, und die zweite Schwester ist krank geworden – es geht alles drunter und drüber.“ Schatzjade sagte: „Die zweite Schwester dichtet ja ohnehin nicht gern, auch ohne sie geht es.“

Tanchun schlug vor: „Warten wir lieber ein paar Tage, bis die Neuen sich eingelebt haben, und laden sie dann ein – wäre das nicht besser? Im Augenblick haben weder die Schwägerin noch Schatzspange den Kopf für Gedichte, außerdem ist Xiangji [史湘云][20] nicht da und Kajaljade gerade erst genesen – es passt niemandem. Warten wir lieber, bis Xiangji hier ist, die Neuen sich eingewöhnt haben, Kajaljade ganz gesund ist, die Schwägerin und Schatzspange wieder freier im Kopf sind und Duftlinse weitere Fortschritte gemacht hat. Dann halten wir eine große Vollversammlung der Gesellschaft – wäre das nicht herrlich? Und wir beide sollten jetzt zur Herzoginmutter gehen und uns erkundigen. Schatzspanges Schwester wird bestimmt bei uns wohnen bleiben. Falls die drei anderen aber nicht hier bleiben sollen, bitten wir die Herzoginmutter, sie im Garten unterzubringen. Dann haben wir noch mehr Leute, und es wird umso unterhaltsamer.“

Als Schatzjade das hörte, strahlte er übers ganze Gesicht und sagte eilig: „Du bist wirklich die Kluge von uns beiden. Ich bin doch ein Wirrkopf – habe mich nur sinnlos gefreut, ohne an so etwas zu denken.“

So gingen Bruder und Schwester gemeinsam zur Herzoginmutter. Tatsächlich hatte Dame Wang Baoqin bereits als Ehrentochter angenommen, und die Herzoginmutter war überglücklich. Sie ließ das Mädchen nicht einmal im Garten wohnen, sondern bei sich übernachten. Xue Ke bezog das Bibliothekszimmer bei Xue Pan. Zu Dame Xing sagte die Herzoginmutter: „Deine Nichte braucht nicht gleich nach Hause zu gehen. Sie soll ein paar Tage hier im Garten wohnen und sich vergnügen.“

Dame Xings Bruder lebte mit seiner Familie in ärmlichen Verhältnissen. Er war nach Peking gekommen in der Hoffnung, dass Dame Xing ihm eine Unterkunft besorgen und ihm finanziell unter die Arme greifen würde. Natürlich war er mit dem Vorschlag einverstanden. Dame Xing übergab Xiuyan der Obhut von Phönixglanz. Phönixglanz überlegte, dass die Mädchen im Garten zahlreich und von verschiedenem Temperament seien und es unbequem wäre, noch eine gesonderte Unterkunft einzurichten. Am besten brächte man Xiuyan bei Yingchun [迎春][21] unter – sollte sich Xiuyan später einmal unwohl fühlen und Dame Xing davon erfahren, hätte das nichts mit Phönixglanz zu tun.

Abgesehen von den Zeiten, die Xiuyan bei ihrer Familie verbrachte, zahlte Phönixglanz ihr bei einem Aufenthalt von einem Monat und länger im Garten des Großen Anblicks die gleiche Zulage wie Yingchun. Phönixglanz beobachtete Xiuyan mit kühlem Blick und stellte fest, dass sie in Charakter und Wesen ganz anders war als Dame Xing und ihre Eltern – sie war sanft, warmherzig und liebenswert. Deshalb hatte Phönixglanz Mitleid mit ihr wegen ihrer Armut und ihres schweren Schicksals und behandelte sie mit mehr Zuneigung als die anderen Mädchen. Dame Xing dagegen kümmerte sich kaum um sie.

Die Herzoginmutter und Dame Wang hatten Frau Li stets wegen ihrer Tüchtigkeit geschätzt und bewundert, dass sie in so jungen Jahren der Witwenschaft die Treue hielt. Als nun ihre verwitwete Tante kam, wollten sie diese auf keinen Fall auswärts wohnen lassen. Obwohl Tante Li sich heftig sträubte, bestand die Herzoginmutter auf ihrem Willen, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als mit Li Wen und Li Qi im Reisduftdorf einzuziehen.

Kaum waren alle untergebracht, da wurde der Marquis von Baoling, Shi Nai [史鼐], in eine hohe Provinzstelle versetzt und musste in Kürze mit seiner Familie abreisen, um den neuen Posten anzutreten. Da die Herzoginmutter sich nicht von Xiangji trennen mochte, behielt sie das Mädchen bei sich und nahm es im Kaufmann-Anwesen auf. Eigentlich wollte sie Phönixglanz beauftragen, ihr ein eigenes Quartier zuzuweisen, doch Xiangji bestand darauf, bei Schatzspange zu wohnen, und so ließ man es dabei bewenden.

Der Garten des Großen Anblicks war nun weit lebhafter als zuvor. Unter Frau Lis Führung waren es jetzt: Yingchun, Tanchun, Xichun [惜春][22], Schatzspange, Kajaljade, Xiangji, Li Wen, Li Qi, Baoqin, Xing Xiuyan – und dazu Phönixglanz und Schatzjade, zusammen dreizehn Personen. Was das Alter betraf, so war nur Frau Li die Älteste; die übrigen zwölf waren alle nicht älter als fünfzehn, sechzehn oder siebzehn Jahre. Einige waren im selben Jahr, andere im selben Monat und am selben Tag, wieder andere zur selben Stunde geboren. In den meisten Fällen betrug der Unterschied nur wenige Monate oder Stunden. Sie selbst konnten die genaue Rangfolge kaum noch auseinanderhalten und riefen sich einfach nach Belieben „Bruder“, „Schwester“, „ältere Schwester“ oder „jüngere Schwester“.

Duftlinse hatte nun nichts anderes im Sinn, als Gedichte zu schreiben, wagte aber nicht, Schatzspange allzu sehr damit zu belästigen. Zum Glück war jetzt Xiangji da. Xiangji aber liebte es über alles zu reden, und als Duftlinse sie nun um Unterweisung in der Dichtkunst bat, war sie ganz begeistert und schwadronierte Tag und Nacht. Schließlich sagte Schatzspange lachend: „Ich halte diesen Lärm wirklich nicht mehr aus. Wenn ein Mädchen allen Ernstes die Dichtkunst zum Hauptthema macht, werden gebildete Leute nur darüber lachen und sagen, es vergesse seinen Platz. Eine Duftlinse, die noch nicht aufgeklärt ist, und nun kommst du auch noch als Plaudertasche dazu! Was redet ihr denn den ganzen Tag? Von der Schwermut Du Fus [杜工部], der Schlichtheit Wei Yingwus [韦苏州], der Eleganz Wen Tingyuns [温八叉] und der Rätselhaftigkeit Li Shangyins [李义山]. Dabei habt ihr zwei leibhaftige Dichterinnen vor der Nase und erwähnt sie mit keinem Wort, sondern redet nur von Toten!“ Xiangji fragte sofort: „Welche beiden denn? Sag es mir, liebe Schwester!“ Schatzspange erwiderte lachend: „Die törichte Duftlinse mit ihrem bitteren Eifer und die verrückte Xiangji mit ihrem endlosen Gerede.“ Xiangji und Duftlinse brachen darüber in Gelächter aus.

Während sie noch sprachen, kam Baoqin herein. Sie trug einen Umhang, der in Gold und Grün schimmerte und von dem man nicht erkennen konnte, woraus er bestand. Schatzspange fragte sofort: „Woher hast du den?“ Baoqin erwiderte lachend: „Weil es draußen Graupel schneit, hat die Herzoginmutter dieses Stück heraussuchen lassen und mir geschenkt.“ Duftlinse trat heran und betrachtete ihn: „Kein Wunder, dass er so prächtig aussieht – er ist aus Pfauenfedern gewebt.“ Xiangji widersprach: „Wo denkst du hin! Das sind Kopffedern von Wildenten. Da siehst du, wie sehr die Herzoginmutter dich liebhat. So gern sie Schatzjade auch hat, ihm hat sie so etwas nicht gegeben.“

Schatzspange bemerkte: „Da heißt es wirklich mit Recht: ‚Jeder hat sein eigenes Schicksal.‘ Sie hätte sich nie träumen lassen, dass Baoqin jetzt hierher käme, und nun, da sie hier ist, hat die Herzoginmutter sie auch noch so ins Herz geschlossen.“ Xiangji sagte: „Außer bei der Herzoginmutter kannst du auch noch hier im Garten nach Herzenslust lachen und scherzen, essen und trinken. Wenn du zu den Gemächern der Herrin gehst und die Herrin da ist, kannst du ruhig mit ihr plaudern und etwas länger bleiben – das macht nichts. Aber wenn die Herrin nicht da ist, geh nicht hinein, dort sind viele Menschen mit bösem Herzen, die uns alle schaden wollen.“ Schatzspange, Baoqin, Duftlinse und Yinger [莺儿] lachten darüber. Schatzspange sagte lächelnd: „Man meint, du hättest kein Gespür, und dann zeigst du doch wieder, dass du eins hast. Aber auch wenn du Gespür hast, bist du im Reden doch zu geradeheraus. Unsere Baoqin hat ein wenig Ähnlichkeit mit dir. Du sagst immer, ich solle deine ältere Schwester sein – ich schlage vor, du erkennst sie heute als deine jüngere Schwester an.“

Xiangji musterte Baoqin eine Weile und sagte dann lächelnd: „Dieser Umhang passt wirklich nur ihr. Jede andere sähe darin nicht halb so gut aus.“ Gerade als sie das sagte, kam Hupo [琥珀][23] herein und meldete lächelnd: „Die Herzoginmutter lässt ausrichten, Fräulein Schnee solle Fräulein Baoqin nicht zu streng halten. Sie ist noch klein und soll haben, was sie will, und sich nehmen, was sie möchte, ohne sich Gedanken zu machen.“

Schatzspange erhob sich sofort und antwortete höflich. Dann stieß sie Baoqin an und sagte lachend: „Was für ein Glückskind du doch bist! Geh lieber weg von hier, damit wir dir nicht unrecht tun. Ich möchte wirklich wissen, worin ich dir denn nachstehe.“

Während sie noch so sprach, waren Schatzjade und Kajaljade hereingekommen, und Schatzspange spöttelte weiter. Xiangji sagte lächelnd: „Schatzspange, das sind zwar nur Scherze von dir, aber es gibt tatsächlich jemanden, der wirklich so denkt.“ Hupo sagte lächelnd: „Wenn sich wirklich jemand ärgert, dann ist es kein anderer als er.“ Dabei zeigte sie mit dem Finger auf Schatzjade. Schatzspange und Xiangji sagten beide: „Er ist nicht so einer.“ Hupo lachte wieder: „Wenn er es nicht ist, dann sie.“ Dabei zeigte sie auf Kajaljade.

Xiangji sagte daraufhin kein Wort. Schatzspange aber beeilte sich zu sagen: „Erst recht nicht! Für sie ist meine Schwester genauso wie ihre eigene Schwester. Sie hat sie sogar noch lieber als ich – wie könnte sie sich da ärgern? Du redest einfach ins Blaue hinein, das hat doch keinerlei Grundlage.“

Schatzjade, der Kajaljade seit jeher als etwas empfindlich kannte, aber von der jüngsten Entwicklung zwischen Kajaljade und Schatzspange noch nichts wusste, hatte befürchtet, Kajaljade könnte es übel nehmen, dass die Herzoginmutter Baoqin so bevorzugte. Als er nun hörte, was Xiangji sagte und wie Schatzspange darauf antwortete, und als er bei genauerer Betrachtung feststellte, dass Kajaljades Miene und Ton tatsächlich anders waren als sonst und Schatzspanges Worten entsprachen, war er ganz verwirrt und konnte es sich nicht erklären. [Anm.: Nach der Jiqi-Ausgabe, der mongolischen Prinzenpalast-Ausgabe und der Leningrader Handschrift lautet die Stelle: „war er ganz verwirrt und konnte es sich nicht erklären.“ Die Jiachen-Ausgabe und die Yang-Handschrift haben: „war er höchst verwundert.“ Die Gengchen-Ausgabe hat: „war er ganz verwirrt und unfroh.“] Er überlegte: „Die beiden haben sich doch früher nie gut verstanden, aber jetzt sieht es so aus, als seien sie zehnmal herzlicher zueinander als zu allen anderen.“

Gleich darauf redete Kajaljade Baoqin einfach mit „Schwesterchen“ an, ohne ihren Namen zu nennen, ganz als wären sie leibliche Schwestern. Baoqin, jung und warmherzig, dabei von Natur aus klug, hatte von klein auf lesen und schreiben gelernt. In den paar Tagen, die sie nun bei der Kaufmann-Familie wohnte, hatte sie sich bereits einen Überblick über die Personen verschafft. Als sie sah, dass die Mädchen hier keine seichten Putzpuppen waren und sich alle gut mit ihrer älteren Schwester verstanden, wollte auch sie nicht unhöflich sein. Da sie Kajaljade als besonders herausragend erkannte, verhielt sie sich ihr gegenüber noch herzlicher und ehrerbietiger als den anderen. Schatzjade beobachtete das alles und wunderte sich im Stillen.

Als kurz darauf die Schatzspange-Schwestern zu Tante Schnee [薛姨妈][24] gingen, Xiangji sich zur Herzoginmutter begab und Kajaljade in ihre Räume zurückkehrte, um sich auszuruhen, folgte Schatzjade ihr und sagte lächelnd: „Ich habe zwar das ‚Westzimmer‘ [Anm.: Das Xixiangji (西厢记), berühmtes Theaterstück von Wang Shifu aus der Yuan-Dynastie] gelesen und einige Stellen auch verstanden, und als ich ein paarmal scherzhaft daraus zitierte, warst du böse auf mich. Aber heute ist mir aufgefallen, dass ich einen Satz darin doch nicht verstehe. Ich sage ihn dir, und du erklärst ihn mir.“

Kajaljade merkte, dass dahinter etwas steckte, und sagte lächelnd: „Sag ihn, ich höre zu.“ Schatzjade erwiderte lächelnd: „In der Szene ‚Die Aufregung um den Brief‘ gibt es einen wunderbaren Satz: ‚Seit wann hat Meng Guang das Tablett des Liang Hong angenommen?‘ [Anm.: Anspielung auf die Geschichte von Liang Hong und seiner Frau Meng Guang aus der Han-Zeit, die als Muster ehelicher Harmonie galt. Meng Guang reichte ihrem Mann das Essenstablett stets auf Augenhöhe empor – ein Zeichen tiefen Respekts.] Dieser Satz ist einfach herrlich. ‚Meng Guang nahm das Tablett des Liang Hong an‘ – das sind nur fünf Zeichen, eine geläufige Anspielung. Aber das Geniale sind die drei Wörtchen ‚seit wann‘, die so geistreich die Frage stellen. Seit wann hat sie es angenommen? Sag mir, seit wann?“

Kajaljade konnte nicht anders und lachte auch, dann sagte sie: „Die Frage dort ist gut gestellt. Er fragt gut, und du fragst auch gut.“ Schatzjade erwiderte: „Früher hast du immer nur mich verdächtigt, und jetzt hast auch du nichts mehr gegen sie einzuwenden. Ich stehe allein da.“ Kajaljade sagte lächelnd: „Wer hätte gedacht, dass sie wirklich ein guter Mensch ist? Ich hatte sie immer für hinterhältig gehalten.“ Dann erzählte sie Schatzjade von Anfang an, wie sie sich beim Trinkspiel verplappert hatte, wie Schatzspange ihr Schwalbennester geschickt hatte und was sie während ihrer Krankheit miteinander besprochen hatten – alles in allen Einzelheiten.

Erst jetzt verstand Schatzjade den Zusammenhang und sagte lächelnd: „Das also war es! Ich habe mir die ganze Zeit den Kopf zerbrochen, ‚seit wann Meng Guang das Tablett des Liang Hong angenommen hat‘ – und nun stellt sich heraus, dass es seit dem Tag war, als ‚dem kleinen Mädchen der Mund überlief‘.“ Kajaljade kam dann auch auf Baoqin zu sprechen, doch als sie daran dachte, dass sie selbst keine Schwester hatte, kamen ihr unwillkürlich wieder die Tränen. Schatzjade tröstete sie sofort: „Da suchst du dir wieder selbst Kummer. Sieh dich doch an – dieses Jahr bist du noch dünner als letztes Jahr, und du schonst dich nicht. Jeden Tag, an dem alles gut ist, musst du dir unbedingt Kummer machen und eine Weile weinen, als wäre das Tagewerk sonst nicht vollbracht.“

Kajaljade wischte sich die Tränen ab und sagte: „In letzter Zeit merke ich nur, dass mir das Herz weh tut, aber die Tränen scheinen weniger geworden zu sein als früher. Das Herz schmerzt und schmerzt, aber die Tränen fließen nicht mehr so reichlich.“ Schatzjade erwiderte: „Das bildest du dir nur ein, weil du so ans Weinen gewöhnt bist. Wie könnten denn die Tränen weniger werden!“

Mitten in diesem Gespräch erschien ein kleines Dienstmädchen aus seinen Räumen und brachte einen Umhang aus Scharlachfilz. Es meldete: „Die ältere junge Herrin hat eben jemanden geschickt und lässt ausrichten, dass es schneit und sie für morgen eine Dichtversammlung besprechen möchte.“ Die Worte waren noch nicht zu Ende, da kam auch schon ein Mädchen von Frau Li, um Kajaljade zu sich zu bitten.

Schatzjade lud Kajaljade ein, gemeinsam zum Reisduftdorf zu gehen. Kajaljade zog sich zierliche rote Stiefelchen aus Schafsleder an, die mit Goldornamenten und Wolkenmustern besetzt waren, warf einen weiten scharlachroten Umhang aus Federkrepp mit weißem Fuchsfell über und band sich einen blaugrün und golden schimmernden Gürtel mit doppelten Ringen und Glücksknoten um. Den Kopf bedeckte sie mit einer Schneehaube. Zu zweit stapften sie durch den Schnee dahin. Drüben fanden sie bereits alle Mädchen versammelt. Fast alle trugen einheitlich scharlachrote Umhänge aus Filz oder Federkrepp. Nur Frau Li trug eine doppelreihige Jacke aus blaugrünem Wollstoff, und Schatzspange einen Kranichumhang aus dunkellila gemustertem Brokat mit ausländischem Seidenfutter. Einzig Xing Xiuyan trug nur ihre gewöhnliche, abgetragene Hauskleidung – sie besaß keinen Schutz gegen den Schnee.

Dann kam auch Xiangji an. Sie trug ein wattiertes Übergewand mit Zobelkopf-Außenseite und grauem Eichhörnchenfell als Futter, das ihr die Herzoginmutter geschenkt hatte, dazu eine Mütze im Zhaojun-Stil [Anm.: Benannt nach Wang Zhaojun, einer der „Vier großen Schönheiten“ des alten China] aus scharlachrotem Stoff, mit goldgefütterten blassgelben Wolkenmustern, und einen großen Umlegekragen aus Zobelfell.

Kajaljade sagte als Erste lachend: „Seht doch nur, da kommt Sun Wukong [Anm.: Der Affenkönig aus dem Roman ‚Die Reise nach Westen‘]! Sie hat auch einen Schneeumhang, aber absichtlich hat sie sich wie ein kleiner Barbaren-Kamelführer herausgeputzt.“ Xiangji lachte: „Seht euch an, was ich drunter trage!“ Damit legte sie das Übergewand ab. Darunter trug sie eine halbneue kurze offene Jacke in herbstgelbem Gold mit Drachenmustern, Hermelin gefüttert, darunter ein kurzes rosa Atlasgewand mit Fuchsklauenfutter, und um die Taille fest geschlungen einen Palastgürtel aus fünffarbiger Seide mit Schmetterlingsknoten und langen Quasten. An den Füßen trug sie Stiefelchen aus Hirschkuhleder. In dieser Aufmachung wirkte sie erst recht schlank und rank wie eine Wespe, zierlich wie ein Kranich.

Die anderen sagten lächelnd: „Sie liebt es eben, sich wie ein Junge zu kleiden, und sieht darin sogar noch hübscher aus als in Mädchenkleidern.“

Xiangji rief: „Lasst uns schnell über das Dichten sprechen! Ich möchte wissen, wer diesmal der Gastgeber ist!“ Frau Li erklärte: „Es war meine Idee. Ich dachte mir, der eigentliche Termin ist zwar vorbei und der nächste noch weit weg, aber da es nun glücklicherweise schneit, könnten wir eine außerordentliche Sitzung einberufen – zugleich als Begrüßung für die Neuen und als Dichtversammlung. Was meint ihr?“ Schatzjade sagte als Erster: „Das ist eine ausgezeichnete Idee. Nur ist es heute schon spät; wenn es bis morgen aufklart, wäre es schade.“ Die anderen meinten: „Es sieht nicht so aus, als würde der Schnee aufhören. Und selbst wenn, über Nacht fällt genug, um sich daran zu erfreuen.“

Frau Li sagte: „Hier bei mir ist es zwar hübsch, aber an der Hütte am Verschneiten Schilf [蘆雪广] ist es noch schöner. [Anm.: Das Zeichen 广 (guǎng) bezeichnet ein an einen Berg gebautes Haus. Nach Han Yus Gedicht „Begleitung des Zensors Du auf einer Wanderung zu den zwei Tempeln westlich des Xiang-Flusses“: „Bambus gespalten, die Quelle entspringt, Galerien gebaut an den Fels.“ In verschiedenen Ausgaben steht stattdessen ‚Klause‘, ‚Halle‘ oder ‚Hütte‘, was alles unzutreffend ist. Hier nach der Gengchen-Handschrift korrigiert.] Ich habe schon jemanden hingeschickt, um die Bodenheizung anzufeuern. Wir werden uns rund um den Ofen setzen und dichten. Die Herzoginmutter hätte wohl kaum Gefallen daran, und da es ja nur ein kleines Vergnügen unter uns ist, brauchen wir nur Phönixglanz Bescheid zu geben. Jeder von euch steuert ein oder zwei Liang Silber bei und schickt es zu mir.“ Sie zeigte auf Duftlinse, Baoqin, Li Wen, Li Qi und Xiuyan: „Diese fünf sind natürlich ausgenommen. Von uns zählen die zweite Schwester, weil sie krank ist, und die vierte Schwester, die sich entschuldigt hat, auch nicht mit. Wenn ihr vier eure Anteile schickt und ich insgesamt fünf oder sechs Liang zusammenbringe, wird es mehr als genug sein.“

Schatzspange und alle anderen stimmten zu. Als man dann Thema und Reim festlegen wollte, sagte Frau Li lächelnd: „Darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht. Morgen bei der Veranstaltung werdet ihr es erfahren.“ Danach plauderte man noch eine Weile, bevor alle zur Herzoginmutter gingen. Über diesen Tag gibt es weiter nichts zu berichten.

Am nächsten Morgen in aller Frühe konnte Schatzjade vor lauter Aufregung kaum schlafen. Sobald es hell wurde, richtete er sich auf und hob den Bettvorhang hoch. Obwohl Türen und Fenster noch geschlossen waren, fiel ihm ein gleißend heller Schein ins Auge. Sogleich wurde er unruhig und befürchtete, der Himmel habe sich aufgeklärt und die Sonne scheine bereits. Hastig stand er auf, schob den Fensterrahmen hoch und spähte durch die Glasscheibe nach draußen. Es war gar kein Sonnenlicht – über Nacht war dicker Schnee gefallen, wohl über einen Fuß hoch, und vom Himmel rieselte es immer noch wie gezupfte Baumwolle und gezogene Watte. Schatzjade war überglücklich, weckte eilig seine Bediensteten und machte sich zurecht. Er zog nur eine auberginefarbene Robe aus Wollstoff mit Fuchspelzfutter an, darüber ein kurzes Übergewand aus Seeotter-Fell, band den Gürtel um, warf den Jadennadelregenmantel über, setzte den goldenen Rattanhut auf und schlüpfte in die Überschuhe aus Birnbaumholz. Dann machte er sich eilig auf den Weg zur Hütte am Verschneiten Schilf.

Als er aus dem Tor des Hofes trat und sich nach allen Seiten umsah, war ringsum alles einheitlich weiß. Nur in der Ferne standen grüne Kiefern und smaragdener Bambus. Er kam sich vor wie in einer gläsernen Schatulle eingeschlossen. So ging er zum Fuß des Berghangs und bog gerade um die Ecke, als ihm ein kalter Duft in die Nase stieg. Er blickte zurück und sah, dass im Hof des Klosters Gefangenes Grün [栊翠庵], dem Haus der Nonne Miaoyu [妙玉][25], ein Dutzend roter Pflaumenbäume blühten, deren Blüten rot wie Karmesin vor dem Weiß des Schnees um so lebendiger und herrlicher leuchteten. Schatzjade blieb stehen und erfreute sich eine Weile an dem Anblick, bevor er weiterging. Auf der Wespentaillenbrücke kam ihm eine Gestalt mit Regenschirm entgegen – es war jemand, den Frau Li ausgesandt hatte, um Phönixglanz zu holen.

Als Schatzjade an der Hütte am Verschneiten Schilf ankam, waren dort Dienstmädchen und alte Frauen gerade dabei, den Schnee zu kehren und Wege freizuschaufeln. Diese Hütte lag am Flussufer vor einem Berg, auf einem Schotterstrand. Es waren einige wenige Räume in einer Reihe, strohgedeckt mit Lehmwänden, umgeben von einem Hibiskuszaun und mit Bambusfenstern versehen. Schob man die Fenster auf, konnte man angeln. Ringsum war alles von Schilf überwuchert. Ein schmaler, sich windender Pfad führte durch das Schilf hindurch zur Bambusbrücke am Lotoswurzelkiosk.

Die Dienstmädchen und alten Frauen sahen ihn in Regencape und Strohhut daherkommen und sagten lachend: „Eben noch haben wir gesagt, es fehle nur noch ein Fischer, und nun ist alles komplett. Die Fräulein kommen erst nach dem Frühstück – Ihr seid viel zu ungeduldig.“ Schatzjade musste umkehren. Als er den Duftgetränkten Pavillon erreichte, sah er Tanchun aus der Studierstube Herbstfrische kommen. Sie trug einen großen scharlachroten Filzumhang und eine Guanyin-Haube, stützte sich auf ein kleines Dienstmädchen, und hinter ihr ging eine Frau, die einen Regenschirm aus blauer Ölseide trug. Schatzjade wusste, dass sie zur Herzoginmutter unterwegs war, und wartete am Pavillon, bis sie herankam. Dann gingen sie zu zweit aus dem Garten.

Baoqin war noch im Innengemach mit dem Ankleiden und Frisieren beschäftigt.

Als alle Mädchen versammelt waren, klagte Schatzjade über Hunger und drängte immer wieder zur Eile. Endlich, endlich wurde aufgetragen, und das erste Gericht war in Kuhmilch gedämpftes Lamm. Die Herzoginmutter sagte: „Das ist eine Medizinspeise für uns alte Leute – ein Tier, das nie das Sonnenlicht erblickt hat. Schade, dass ihr Jungen das nicht essen dürft. Aber es gibt heute auch frisches Hirschfleisch, das könnt ihr nachher essen.“ Alle nahmen es hin. Nur Schatzjade konnte nicht warten – er übergoss eine Schale Reis mit Tee und schlang alles mit etwas eingelegtem Fasanengemüse hinunter.

Die Herzoginmutter sagte: „Ich weiß, dass ihr heute wieder etwas vorhabt. Vor lauter Aufregung habt ihr nicht einmal Zeit zum Essen.“ Sie befahl, man solle das Hirschfleisch für ihn zum Abendessen aufheben. Erst als Phönixglanz versicherte, es sei noch welches übrig, ließ sie davon ab.

Xiangji flüsterte Schatzjade zu: „Es gibt frisches Hirschfleisch – warum holen wir uns nicht ein Stück und bereiten es selbst im Garten zu? Das macht Spaß und schmeckt gut zugleich.“ Schatzjade war sofort Feuer und Flamme. Er bat Phönixglanz tatsächlich um ein Stück und ließ es von einer alten Frau in den Garten bringen.

Als sich nach der Mahlzeit die Gesellschaft auflöste, begaben sich alle in den Garten zur Hütte am Verschneiten Schilf, um Frau Lis Thema und Reim zu erfahren. Nur Xiangji und Schatzjade fehlten. Kajaljade sagte: „Die beiden dürfen nie zusammen sein – wenn sie zusammen sind, passieren die unmöglichsten Dinge. Die hocken bestimmt über dem Hirschfleisch.“

Gerade als sie das sagte, kam auch Tante Li herbei, um sich das bunte Treiben anzuschauen, und fragte Frau Li: „Was ist denn mit dem jungen Herrn mit dem Jadestein und dem Fräulein mit dem goldenen Qilin-Anhänger? Die beiden sind doch so sauber und fein und haben gewiss genug zu essen – und jetzt beraten sie ernsthaft, rohes Fleisch essen zu wollen. Die reden ganz eifrig hin und her. Ich kann einfach nicht glauben, dass man Fleisch roh essen kann!“ Alle lachten und riefen: „Das darf doch nicht wahr sein! Holt die beiden schnell her!“ Kajaljade lachte: „Das kann nur Xiangji eingefallen sein. Mein Orakel täuscht nie.“

Frau Li und die anderen eilten hinaus, fanden die beiden und sagten: „Wenn ihr rohes Fleisch essen wollt, bringe ich euch zur Herzoginmutter. Meinetwegen esst dort einen ganzen rohen Hirsch und werdet krank davon – das geht mich dann nichts an. Bei diesem Schnee und dieser Kälte wollt ihr mir Scherereien machen!“ Schatzjade erwiderte lachend: „Aber nein, wir braten es doch!“ Frau Li sagte: „Na, dann ist es etwas anderes.“ Und schon kamen alte Frauen mit einem Eisenofen, Eisenspießen und einem Drahtrost angeschleppt. Frau Li warnte noch: „Passt auf, dass ihr euch nicht schneidet, und heult mir nicht vor!“ Damit ging sie mit Tanchun wieder hinein.

Phönixglanz hatte Friedchen [平儿][26] geschickt mit der Nachricht, sie könne nicht kommen, weil sie mit der Auszahlung der Jahreszulagen beschäftigt sei. Aber als Xiangji Friedchen sah, wollte sie sie nicht gehen lassen. Friedchen war auch ein lustiges Mädchen, das mit Phönixglanz schon alles miterlebt hatte. Als sie sah, wie vergnüglich es zuging, machte sie gerne mit. Sie streifte ihre Armreife ab, und zu dritt hockten sie sich um das Öfchen und wollten gleich die ersten drei Stücke braten.

Drüben beobachteten Schatzspange und Kajaljade, die an solche Szenen gewöhnt waren, das Geschehen ohne Verwunderung. Baoqin, Tante Li und die anderen Neuankömmlinge aber staunten nicht schlecht. Tanchun und Frau Li hatten inzwischen Thema und Reim festgelegt. Tanchun sagte lächelnd: „Riecht ihr das? Der Duft ist bis hierher zu riechen. Ich will auch davon essen!“ Damit ging sie hinaus und gesellte sich zu ihnen.

Frau Li kam ebenfalls nach und sagte: „Die Gäste sind vollzählig. Habt ihr immer noch nicht genug gegessen?“ Xiangji kaute und redete gleichzeitig: „Erst wenn ich das hier esse, bekomme ich Lust auf Wein, und erst mit Wein kann ich dichten. Ohne dieses Hirschfleisch würde ich heute gewiss kein Gedicht zustande bringen.“ Dabei bemerkte sie Baoqin, die in ihrem Wildentenfeder-Umhang dastand und lachte. Xiangji rief: „Du Dummchen, komm her und probier!“ Baoqin antwortete lachend: „Das ist ja so schmutzig.“ Schatzspange redete ihr zu: „Probier ruhig, es schmeckt gut. Deine Schwester Kajaljade ist zu zart und würde es nicht vertragen, sonst würde sie es auch gern essen.“ Baoqin trat näher, kostete ein Stück und fand es tatsächlich köstlich. Also aß sie mit.

Kurz darauf schickte Phönixglanz ein kleines Mädchen, um Friedchen zurückzurufen. Friedchen sagte: „Fräulein Shi hält mich fest, geh nur voraus.“ Das Mädchen ging. Bald darauf erschien Phönixglanz selbst, ebenfalls mit einem Umhang über den Schultern, und sagte lachend: „Ihr esst hier solche Köstlichkeiten und sagt mir kein Wort davon!“ Damit setzte sie sich dazu und aß mit.

Kajaljade lachte: „Wo findet man nur so eine Bettlersbande! Schluss, Schluss damit! Heute erleidet die Hütte am Verschneiten Schilf eine Heimsuchung – Xiangji hat sie ruiniert und geschändet. Ich möchte um die Hütte am Verschneiten Schilf weinen!“ Xiangji erwiderte mit kühlem Spott: „Was verstehst du schon davon! ‚Ein wahrer Gelehrter hat seinen eigenen Stil.‘ Ihr mit eurer vorgetäuschten Reinheit und Erhabenheit – das ist es, was wirklich verabscheuungswürdig ist. Wir schlingen hier Fleisch in uns hinein, aber nachher werden unsere Verse kunstvoll sein wie Brokat und Stickerei.“ Schatzspange lachte: „Wenn du nachher keine guten Gedichte machst, reißen wir dir das Fleisch aus dem Magen und stopfen dir stattdessen schneebedecktes Schilf hinein, um die Hütte zu rächen.“

Damit war das Mahl beendet, und alle wuschen und spülten sich den Mund. Als Friedchen ihre Armreife wieder anlegen wollte, fehlte einer davon. Man suchte vorn und hinten, links und rechts – keine Spur davon. Alle waren verwundert. Phönixglanz aber lachte: „Ich weiß, wo der Armreif ist. Macht nur ruhig eure Gedichte, wir brauchen nicht weiter zu suchen. Geht nur nach Hause – in spätestens drei Tagen garantiere ich, dass er wieder da ist.“ Dann fragte sie: „Was für Gedichte schreibt ihr heute? Die Herzoginmutter hat daran erinnert, dass das Jahresende naht und wir für den ersten Monat Laternenrätsel brauchen.“

Alle sagten: „Stimmt, das hatten wir ganz vergessen. Lasst uns schnell ein paar schöne machen, damit wir im neuen Jahr etwas zum Vergnügen haben.“ Damit begaben sich alle in die beheizte Stube. Becher, Teller, Speisen und Leckereien waren schon aufgetragen. An der Wand hing bereits der Anschlag mit Thema, Reimschema und Form.

Schatzjade und Xiangji eilten hin und lasen: Es sollte ein Gemeinschaftsgedicht werden, ein fortlaufender fünfsilbiger Regelvers [Anm.: 五言排律, eine erweiterte Form des Regelgedichts mit mindestens zehn Versen] über die unmittelbare Schneelandschaft, im Reim der Gruppe „Zweites Xiao“ [Anm.: 二萧韵, die zweite Reimgruppe des unteren Ebenen-Tons]. Die Reihenfolge der Dichter war noch nicht festgelegt.

Frau Li sagte: „Ich bin keine besonders gute Dichterin. Ich setze die ersten drei Zeilen, und danach macht immer der weiter, der als Erster etwas parat hat.“ Schatzspange entgegnete: „Wir sollten doch eine feste Reihenfolge haben.“

Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.

Anmerkungen

  1. Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftlinse“. Konkubine von Xue Pan, ehemals Zhen Yinglian.
  2. Chin. 黛玉 Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade“. Lin Daiyu, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren des Romans.
  3. Chin. 宝钗 Bǎochāi (vollst. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange“. Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.
  4. Chin. 李纨 Lǐ Wán. Witwe des früh verstorbenen Jia Zhu, Vorsteherin des Gartens.
  5. Chin. 薛蝌 Xuē Kē, Vetter von Xue Pan und Schatzspange.
  6. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Kaufmann Aufrecht, Mutter von Schatzjade.
  7. Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén. Ehefrau von Kaufmann Begnadigung.
  8. Chin. 岫烟 Xiùyān, vollst. 邢岫烟 Xíng Xiùyān. Nichte von Dame Xing.
  9. Chin. 凤姐 Fèngjie (vollst. 王熙凤 Wáng Xīfèng), wörtl. „Phönix-Glanz“. Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.
  10. Chin. 李紋 Lǐ Wén, Nichte von Frau Li.
  11. Chin. 李綺 Lǐ Qǐ, Nichte von Frau Li.
  12. Chin. 薛蟠 Xuē Pán, älterer Bruder von Schatzspange, bekannt für seinen zügellosen Lebenswandel.
  13. Chin. 薛宝琴 Xuē Bǎoqín, jüngere Kusine von Schatzspange, berühmt für ihre Schönheit und Dichtkunst.
  14. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die älteste und ranghöchste Person der Kaufmann-Familie.
  15. Chin. 宝玉 Bǎoyù (vollst. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade“. Der männliche Hauptprotagonist des Romans.
  16. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Die Überraschende“ (nach dem Gedicht „der Blütenduft greift den Menschen an“). Schatzjades erste Kammerzofe.
  17. Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschus-Mond“. Eine von Schatzjades Kammerzofen.
  18. Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster“. Eine von Schatzjades Kammerzofen.
  19. Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin“. Dritte Tochter von Kaufmann Aufrecht.
  20. Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, eine Nichte der Herzoginmutter, temperamentvoll und fröhlich.
  21. Chin. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Frühlings-Willkommene“. Zweite Tochter von Kaufmann Begnadigung.
  22. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Frühlings-Bewahrerin“. Jüngste Tochter von Kaufmann Juwel.
  23. Chin. 琥珀 Hǔpò, wörtl. „Bernstein“. Eine Kammerzofe der Herzoginmutter.
  24. Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, „Tante Schnee“. Mutter von Schatzspange und Xue Pan, Schwester von Dame Wang.
  25. Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wundersame Jade“. Eine buddhistische Nonne, die im Kloster Gefangenes Grün im Garten lebt.
  26. Chin. 平儿 Píng’ér, wörtl. „Friedchen“. Phönixglanz’ erste Kammerzofe und Vertraute.