Difference between revisions of "Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 9"

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= 第九回 / Kapitel 9 =
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== 恋风流情友入家塾 ==
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=== 起嫌疑顽童闹学堂 ===
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| 9.Vertraute Freunde, die das Schöne lieben, treten in die Familienschule ein;ungezogene Knaben, die einen Verdacht hegen, stiften Unruhe im Schulzimmer.
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| 第九回<br/><br/>恋风流情友入家塾 起嫌疑顽童闹学堂<br/><br/>Kapitel 9<br/><br/>Gleichgesinnte Gefährten betreten die Familienschule —<br/><br/>Argwöhnische Knaben veranstalten Tumult im Studierraum<br/><br/>---
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| Tjin Yä und sein Sohn warteten also nur darauf, daß ihnen ein Bote der Djias die Nachricht brachte, es sei ein Glückstag für den Schulanfang ausgesucht worden. Aber Bau-yü war so begierig darauf, mit Tjin Dschung zusammenzukommen, daß er nichts anderes mehr im Sinn hatte und bestimmte, er wolle unbedingt vom übernächsten Tag an den Unterricht besuchen.
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| Qin Ye [秦业] und sein Sohn warteten eigens darauf, dass die Familie Kaufmann [贾] einen Boten mit der Nachricht schickte, welcher Glückstag für den Schulanfang bestimmt worden sei. Da Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz".</ref> [贾宝玉] es aber kaum erwarten konnte, Qin Zhong<ref>Chin. 秦钟 Qín Zhōng, wörtl. „Qin-Glocke".</ref> [秦钟] wiederzusehen, kümmerte er sich um nichts anderes und bestimmte den übernächsten Tag für seinen Schulanfang. „Übermorgen früh bitte ich den jungen Herrn Qin zu mir, damit wir uns hier treffen und gemeinsam zur Schule gehen können" — mit dieser Nachricht sandte er einen Boten los.
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9.Vertraute Freunde, die das Schöne lieben, treten in die Familienschule ein;ungezogene Knaben, die einen Verdacht hegen, stiften Unruhe im Schulzimmer.
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Tjin Yä und sein Sohn warteten also nur darauf, daß ihnen ein Bote der Djias die Nachricht brachte, es sei ein Glückstag für den Schulanfang ausgesucht worden. Aber Bau-yü war so begierig darauf, mit Tjin Dschung zusammenzukommen, daß er nichts anderes mehr im Sinn hatte und bestimmte, er wolle unbedingt vom übernächsten Tag an den Unterricht besuchen.
| „Übermorgen früh bitte ich den jungen Herrn Tjin zu mir, und dann gehen wir gemeinsam zur Schule“, lautete die Nachricht, die er übermitteln ließ.
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„Übermorgen früh bitte ich den jungen Herrn Tjin zu mir, und dann gehen wir gemeinsam zur Schule“, lautete die Nachricht, die er übermitteln ließ.
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Als der Tag gekommen war und Bau-yü in aller Frühe aufstand, hatte Hsi-jën längst die Bücher und das Schreibzeug ordentlich zusammengelegt und saß geistesabwesend bei Bau-yü auf der Bettkante. Als sie sah, daß er wach war, mußte sie ihm wohl oder übel beim Frisieren und Waschen zur Hand gehen.
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Bau-yü bemerkte, daß Hsi-jën in gedrückter Stimmung war, und so fragte er lächelnd: „Was fehlt dir wieder einmal, liebste Schwester? Du bist mir doch nicht
 
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Kapitel: 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · 11 · 12 · 13 · 14 · ← Inhalt

第九回 / Kapitel 9

恋风流情友入家塾

起嫌疑顽童闹学堂

DE3 (Schwarz/Woesler) DE4 (Woesler, 4. Aufl.)

9.Vertraute Freunde, die das Schöne lieben, treten in die Familienschule ein;ungezogene Knaben, die einen Verdacht hegen, stiften Unruhe im Schulzimmer. Tjin Yä und sein Sohn warteten also nur darauf, daß ihnen ein Bote der Djias die Nachricht brachte, es sei ein Glückstag für den Schulanfang ausgesucht worden. Aber Bau-yü war so begierig darauf, mit Tjin Dschung zusammenzukommen, daß er nichts anderes mehr im Sinn hatte und bestimmte, er wolle unbedingt vom übernächsten Tag an den Unterricht besuchen. „Übermorgen früh bitte ich den jungen Herrn Tjin zu mir, und dann gehen wir gemeinsam zur Schule“, lautete die Nachricht, die er übermitteln ließ. Als der Tag gekommen war und Bau-yü in aller Frühe aufstand, hatte Hsi-jën längst die Bücher und das Schreibzeug ordentlich zusammengelegt und saß geistesabwesend bei Bau-yü auf der Bettkante. Als sie sah, daß er wach war, mußte sie ihm wohl oder übel beim Frisieren und Waschen zur Hand gehen. Bau-yü bemerkte, daß Hsi-jën in gedrückter Stimmung war, und so fragte er lächelnd: „Was fehlt dir wieder einmal, liebste Schwester? Du bist mir doch nicht etwa böse, weil ich zur Schule gehe und euch hier einsam zurücklasse?“ Ebenfalls lächelnd, erwiderte Hsi-jën: „Wie kannst du so etwas sagen! Lernen ist doch etwas sehr Gutes. Wenn man nicht lernt, vertut man leichtfertig sein Leben, und wie steht man dann da? Es geht mir nur darum: Denk beim Lernen an die Bücher, und sonst denk an Zuhause, anstatt mit denen dort herumzutoben! Wenn der gnädige Herr dich bei so etwas trifft, ist mit ihm nicht zu spaßen! Und dann – wenn es auch heißt, man muß sich tüchtig anstrengen –, solltest du besser nicht so viele Stunden nehmen. Zum einen kann man nicht richtig kauen, wenn man zu gierig ißt, zum anderen muß man auch auf seine Gesundheit achten. Das ist es, woran ich gedacht habe und was du erwägen solltest.“ Bau-yü stimmte jedem Wort zu, das sie gesagt hatte, und sie fuhr fort: „Den Pelz habe ich zusammengepackt und den Dienerknaben gegeben. Denk daran, ihn anzuziehen, wenn es kalt ist in der Schule! Dort ist es nicht wie zu Hause, wo andere für dich darauf achten. Holzkohle für den Fußofen und den Handofen habe ich ihnen auch gegeben. Aber du mußt ihnen befehlen nachzulegen, diese Faulenzer tun keinen Handschlag, wenn du nichts sagst, und lassen dich einfach erfrieren.“ „Sei unbesorgt!“ erwiderte Bau-yü darauf. „Außer Hause kann ich gut alles selbst regeln. Kommt ihr mir hier nicht um vor Langeweile! Ihr müßt öfter einmal zu Kusine Lin gehen und euch mit ihr zusammen die Zeit vertreiben!“ Inzwischen war Bau-yü fertig angezogen, und Hsi-jën drängte ihn, die Herzogimutter, Djia Dschëng und Dame Wang aufzusuchen. Bau-yü aber ermahnte erst noch Tjing-wën, Schë-yüä und die anderen mit ein paar Sätzen, ehe er zur Herzoginmutter ging, die ihm natürlich auch noch einiges mit auf den Weg zu geben hatte. Danach ging er zu Dame Wang und anschließend in die Bibliothek zu Djia Dschëng. Ausgerechnet heute war Djia Dschëng etwas früher nach Hause zurückgekommen und unterhielt sich in der Bibliothek eben mit seinen Schützlingen. Als plötzlich Bau-yü hereinkam, um ihm seinen Gruß zu entbieten, und dann berichtete, er gehe zur Schule, lachte Djia Dschëng sarkastisch und sagte: „Wenn du noch einmal sagst, du gehst zur Schule, komme ich um vor Scham! Mir scheint, es wäre richtiger zu sagen, du gehst spielen. Gib acht, daß du meinen Boden nicht beschmutzt, auf dem du stehst, und meine Tür, an die du dich lehnst!“ Seine Kostgänger und Schützlinge, die sich längst von ihren Plätzen erhoben hatten, sagten jetzt lächelnd: „Warum müßt Ihr nur wieder so sein, ehrwürdiger Freund unserer Väter? Heute geht Euer Sohn zur Schule, und in zwei, drei Jahren kann er sich bei den Prüfungen einen Namen machen. Er ist ganz bestimmt nicht mehr so kindisch wie ehedem. Aber jetzt ist schon bald Essenszeit, und er muß sich endlich verabschieden!“ Damit faßten zwei ältere unter ihnen Bau-yü an den Händen und gingen mit ihm hinaus. „Wer begleitet Bau-yü?“ erkundigte sich Djia Dschëng. Von draußen waren Antwortrufe zu hören, und schon kamen drei, vier kräftige Männer herein, die mit gebeugtem Knie ihren Gruß entboten. Djia Dschëng erkannte Li Guee, den Sohn von Bau-yüs Amme Li, unter ihnen und sprach ihn an: „Ihr seid doch ganze Tage beim Unterricht mit ihm zusammen, was hat er denn nun für Bücher studiert? Wahrscheinlich hat er irgendwelchen haltlosen Unsinn gelesen und sich ein paar extrafeine Rüpeleien zu eigen gemacht. Wartet nur, bis ich ein wenig Muße habe, dann werde ich zuerst Euch die Haut vom Leibe schinden, und dann rechne ich mit diesem Versager ab!“ Damit hatte er Li Guee so sehr erschreckt, daß er rasch auf beide Knie niederfiel, die Mütze abnahm und hörbar mit der Stirn auf den Boden schlug, wobei er immer wieder sagte: „Sehr wohl, sehr wohl!“ Dann berichtete er: „Er hat das ‚Buch der Lieder‘ schon bis zum dritten Band gelesen, wo es heißt ‚You, you! schrei‘n die Hirsche, Lotosblätter und Entengrütze.‘ Ich sage wirklich die Wahrheit!“ Alle brachen in ein schallendes Gelächter aus, und selbst Djia Dschëng konnte nicht an sich halten und lachte mit. Dann sagte er: „Und wenn er noch dreißig Bände vom ‚Buch der Lieder‘ liest, macht er doch damit nur sich selbst etwas vor und hält die Leute zum besten. Bestell dem Herrn Lehrer in der Schule einen Gruß und richte ihm aus, ich hätte gesagt, er brauche sich nicht routinemäßig mit dem ‚Buch der Lieder‘ und der klassischen Prosa aufzuhalten, er solle vielmehr in einem Zug die Vier Bücher erklären und auswendig lernen lassen. Das ist das Allerwichtigste!“ Li Guee antwortete rasch : „Sehr wohl!“ Und als er merkte, daß Djia Dschëng ihm nichts weiter sagen wollte, zog er sich wieder zurück. Bau-yü hatte inzwischen ganz allein außerhalb des Hofes gewartet und dabei kaum zu atmen gewagt. Als jetzt seine Begleiter erschienen, ging er rasch mit ihnen davon. Li Guee klopfte sich den Staub von den Kleidern und sagte dabei: „Habt Ihr das gehört, kleiner Herr? Zuerst will er uns die Haut abziehen! Anderer Leute Sklaven gewinnen noch ein bißchen Ansehen durch ihren Herrn, unsereiner aber wird für nichts und wieder nichts mit geschlagen und mit gescholten. Habt doch in Zukunft ein wenig Mitleid mit uns!“ „Nimm es dir nicht zu Herzen, Bruder!“ erwiderte Bau-yü lächelnd. „Morgen werde ich dich bewirten.“ „Wer wagt wohl zu hoffen, von Euch bewirtet zu werden, kleiner Gebieter!“ sagte Li Guee. „Es reicht ja, wenn Ihr auf einen Satz hört, den man Euch sagt, oder wenigstens auf einen halben!“ Mittlerweile waren sie in die Räume der Herzoginmutter gekommen, wo Tjin Dschung schon lange wartete. Die Herzoginmutter sprach eben mit ihm. Als Tjin Dschung und Bau-yü einander begrüßt und sich dann von der Herzoginmutter verabschiedet hatten, fiel Bau-yü plötzlich ein, daß er Dai-yü noch nicht auf Wiedersehen gesagt hatte. Also ging er rasch in ihr Zimmer, wo sie am Fenster vor dem Spiegel saß und ihren Putz in Ordnung brachte. Als Dai-yü hörte, wie Bau-yü sagte, er gehe jetzt in die Schule, bemerkte sie lächelnd: „Dann wirst du ja bald ‚im Krötenpalast einen Kassiazweig brechen‘. Begleiten kann ich dich nicht.“ „Liebstes Kusinchen“, bat Bau-yü, „iß bitte erst, wenn ich aus der Schule zurück bin, und misch auch deine Schminkpaste erst, wenn ich wieder hier bin!“ So schwatzten sie noch lange, ehe Bau-yü endlich ging. Da rief Dai-yü ihn noch einmal an und fragte: „Warum gehst du dich von Kusine Bau-tschai nicht verabschieden?“ Aber Bau-yü lachte nur, anstatt zu antworten. Er begab sich jetzt mit Tjin Dschung geradeswegs zur Schule. Die Freischule der Djias war nicht weit entfernt, nicht mehr als ein Li. Der Urahn hatte sie eingerichtet, weil er fürchtete, es könnte junge Leute in der Sippe geben, für die aus Armut kein Lehrer angestellt werden konnte. Sie sollten hier eintreten und lernen können. Jeder aus der Sippe, der einen Beamtenposten innehatte, steuerte je nach der Höhe seines Gehalts eine bestimmte Menge Silber für die Schulkosten bei, und gemeinsam wählten sie einen bejahrten, tugendhaften Mann zum Schulleiter, der die jungen Leute unterrichtete. Als Bau-yü und Tjin Dschung heute in die Schule gekommen waren und mit jedem einzelnen Mitschüler den zeremoniellen Gruß gewechselt hatten, begannen sie ihre Lektüre. Von diesem Tag an kamen und gingen sie gemeinsam, setzten sich zusammen hin und standen zusammen wieder auf, und so wurden sie immer vertrauter miteinander. Es kam noch hinzu, daß die Herzoginmutter in ihrer liebevollen Fürsorge Tjin Dschung häufig für drei oder fünf Tage dabehielt und ihn genausogern hatte wie ihre Urenkelkinder. Weil sie sah, daß Tjin Dschung nicht eben sehr begütert war, half sie ihm auch mit Kleidung, Schuhen und anderen Dingen. Es brauchte keinen vollen Monat, damit Tjin Dschung im Jung-guo-Anwesen heimisch wurde. Nun war Bau-yü ein Mensch, der mit seinem Los nie zufrieden war und den Regungen seines Herzens stets freien Lauf ließ. Er zeigte auch jetzt seine alte Schwäche, indem er verstohlen zu Tjin Dschung sagte: „Wir beide sind gleichaltrig, überdies sind wir Schulkameraden, darum wollen wir uns in Zukunft nicht mehr als Onkel und Neffe anreden, sondern nur noch als Bruder und Freund!“ Tjin Dschung sträubte sich anfangs dagegen, aber als Bau-yü nicht auf ihn hören wollte und ihn nur noch Bruder nannte oder ihn mit seinem Ehrennamen Djing-tjing anredete, blieb ihm nichts weiter übrig, als ihn einmal so, einmal so anzureden. In die Schule gingen zwar nur Angehörige der eigenen Sippe und einige angeheiratete junge Leute, aber wie der Volksmund richtig sagt, kann ein Drache neun Junge haben, und jedes ist von einer anderen Art. Wo viele Menschen beisammen sind, findet man unvermeidlich Schlangen unter die Drachen gemischt, und so gab es auch hier niedriggesinnte Menschen. Als jetzt Bau-yü und Tjin Dschung dazugekommen waren, die beide ein blumengleiches Aussehen hatten, und die Mitschüler bemerkten, daß Tjin Dschung sanft und schüchtern war, ein jedes Mal errötete, bevor er den Mund aufmachte, und daß Bau-yü imstande war, sich ihm zuliebe zu demütigen und seinen Zorn zu besänftigen, daß er mitfühlend in seiner Art und zart in seiner Sprache war, wodurch sie sich beide so nahe gekommen waren, da war es kein Wunder, daß sie bei einer Reihe von Mitschülern in Verdacht gerieten. Hinter ihrem Rücken wurde geschwatzt und gemunkelt, Schmähreden und Gerüchte verbreiteten sich in der Schule und außerhalb. Auch Hsüä Pan hatte, nachdem sie zu den Djias gezogen waren, erfahren, daß es hier eine Familienschule gab, die von vielen jungen Leuten besucht wurde, und da war es nicht zu vermeiden, daß sich ein plötzliches Gelüste nach Knabenschönheit bei ihm regte. So hatte auch er dem Namen nach begonnen, die Schule zu besuchen. Allerdings war er ein Fischer, der drei Tage lang fischte und zwei Tage lang die Netze trocknen ließ. Die Schulkosten und gelegentliche Geschenke, die Djia Dai-ju von Hsüä Pan bekam, waren sinnlos vertan, denn dieser lernte nicht das mindeste bei ihm, es kam ihm nur darauf an, hier seine ‚Brüderschaften‘ zu schließen. Tatsächlich gab es unter den kleineren Schülern etliche, die auf das Silber und das Geld, das Essen und die Kleidung aus waren, die sie von Hsüä Pan erhielten, und sich von ihm betören ließen. Aber davon braucht nicht weiter berichtet zu werden. Besonders waren es zwei gefühlvolle kleinere Schüler, von denen ich nicht weiß, zu welchem Zweig der Familie sie gehörten. Ich habe auch nicht nachgeforscht, wie sie hießen. In der Schule hatten sie, weil sie von edlem, anmutigem Wuchs waren, die Spitznamen ‚Duftliebchen‘ und ‚Jadeschätzchen‘ bekommen. Und obwohl alle ein heimliches Verlangen nach ihnen hatten und Wünsche hegten, die den Knaben schädlich sind, wagte es aus Furcht vor Hsüä Pans Macht niemand, sich ihnen zu nähern. Als jetzt Bau-yü und Tjin Dschung in die Schule kamen und die beiden sahen, war es nicht anders möglich, als daß auch sie sich unwiderstehlich zu ihnen hingezogen fühlten. Doch weil sie erfuhren, die beiden seien mit Hsüä Pan befreundet, wagten sie nicht, leichtfertig vorzugehen. Duftliebchen und Jadeschätzchen fanden genauso an Bau-yü und Tjin Dschung Gefallen. So hatten zwar alle vier denselben Wunsch, aber noch war er nicht Wirklichkeit geworden. Jeder von ihnen setzte sich täglich bei Unterrichtsbeginn auf seinen Platz, aber ihre Blicke trafen sich, sie redeten in Anspielungen miteinander, machten sich versteckte Komplimente und verstanden einander auch von weitem. Dabei waren sie äußerlich bemüht, alles vor fremden Augen geheimzuhalten. Wider Erwarten gab es aber doch ein paar gewiefte Burschen, die die Sache durchschauten und hinter dem Rücken der vier die Augen verdrehten, hüstelten oder die Stimme erhoben. Und so ging es nicht nur einen Tag. Einmal war Djia Dai-ju einer Erledigung wegen schon früher nach Hause gegangen und hatte den Schülern aufgegeben, zu einem siebensilbigen Satz einen Parallelsatz zu bilden, den sie am nächsten Tag vorlegen sollten. Die Aufsicht über die Schulangelegenheiten hatte er einstweilen Djia Juee übertragen. Der Zufall wollte es, daß Hsüä Pan in der letzten Zeit nicht einmal zu jeder Anwesenheitskontrolle in die Schule kam. So nahm Tjin Dschung die Gelegenheit wahr und machte Duftliebchen mit Augen und Brauen heimliche Zeichen, woraufhin sie beide unter dem Vorwand, ein kleines Geschäft verrichten zu wollen, in den hinteren Hof gingen, um ein vertrautes Gespräch zu führen. „Kümmern sich die Erwachsenen bei dir zu Hause darum, mit wem du befreundet bist...?“ fragte Tjin Dschung den anderen als Erstes. Aber noch ehe er ausgesprochen hatte, hustete es hinter ihnen, und als sie erschrocken mit den Köpfen herumfuhren, erblickten sie ihren Schulkameraden Djin Jung. Duftliebchen, dessen Temperament etwas hitzig war, fragte, erregt vor Scham und Zorn: „Was gibt es da zu husten? Dürfen wir beide vielleicht nicht miteinander sprechen?“ „Und darf ich vielleicht nicht husten, wenn ihr miteinander sprecht?“ fragte Djin Jung grinsend. „Ich möchte bloß wissen, warum ihr euch nicht in aller Öffentlichkeit unterhaltet, wenn ihr etwas zu bereden habt. Wer hat euch eigentlich erlaubt, so heimlich und verstohlen hierher zu schleichen, und was treibt ihr hier für Geschichten? Jetzt habe ich euch erwischt, da hilft kein Leugnen! Entweder ihr laßt mich auch mal mitmachen, dann sage ich kein Wort davon, oder aber die ganze Schule erfährt es!“ Tjin Dschung und Duftliebchen schoß vor Erregung das Blut ins Gesicht, und sie fragten: „Wobei hast du uns erwischt?“ „Auf frischer Tat habe ich euch erwischt“, sagte Djin Jung. Dann klatschte er in die Hände und rief lachend: „Hier werden prima Sesambrötchen gebacken! Wer kauft eins zum Essen?“ Zornig und aufgebracht eilten Tjin Dschung und Duftliebchen in den Unterrichtsraum zurück und beklagten sich bei Djia Juee über Djin Jung. Djin Jung habe sie ohne jeden Grund beleidigt, sagten sie. Nun war dieser Djia Juee ein Mensch, der vor allem auf seinen Vorteil bedacht war und keinerlei Anstand besaß. Seine Stellung in der Schule nutzte er aus, um die Jüngeren zu zwingen, ihn freizuhalten. Später hatte er sich an Hsüä Pan gehängt, weil er auf das Silber und das Geld, den Wein und das Fleisch erpicht war, das er bei ihm bekam. Er ließ ihm jede tyrannische Eigenmächtigkeit durchgehen, und anstatt ihn zu zügeln, machte er sich, nur um sein Wohlgefallen zu erringen, sogar zum ‚Helfershelfer des Tyrannen‘. Hsüä Pan aber hatte die Beständigkeit von Entengrütze, die auf dem Wasser treibt, seine Zuneigung ging heute nach Ost und morgen nach West. Er hatte unlängst neue Freunde gefunden, Duftliebchen und Jadeschätzchen aber hatte er fallengelassen. Selbst Djin Jung war einstmals sein Freund gewesen, hatte aber zugunsten von Duftliebchen und Jadeschätzchen den Laufpaß bekommen. Jetzt waren Duftliebchen und Jadeschätzchen ihrerseits verstoßen worden, und Djia Juee hatte niemanden mehr, der bei Hsüä Pan ein gutes Wort für ihn einlegen konnte. Er störte sich aber nicht etwa an Hsüä Pans Treulosigkeit, vielmehr war er auf Duftliebchen und Jadeschätzchen böse, weil sie ihm nicht mehr als Fürsprecher dienten. So waren Djia Juee, Djin Jung und ihresgleichen eifersüchtig auf Duftliebchen und Jadeschätzchen, und als sich jetzt Tjin Dschung und Duftliebchen über Djin Jung beschwerten, ging das Djia Juee erst recht gegen den Strich. Nun konnte er Tjin Dschung nicht gut herunterputzen, statt dessen wollte er an Duftliebchen ein Exempel statuieren und hielt ihm entgegen, er sei ein aufdringlicher Nörgler. Dazu machte er ihm noch einige ernsthafte Vorhaltungen. So holte sich nicht nur Duftliebchen eine Abfuhr, auch Tjin Dschung fühlte sich mit beschämt, und sie kehrten beide auf ihre Plätze zurück. Djin Jung war außerordentlich zufrieden. Er wiegte seinen Kopf, schnalzte mit der Zunge und schwatzte allen möglichen Unsinn. Das aber konnte Jadeschätzchen nicht mit anhören, und so begannen sie sich von Platz zu Platz tuschelnd zu zanken. Dabei behauptete Djin Jung steif und fest: „Eben habe ich klar und deutlich gesehen, wie sich die beiden im Hof geküßt und die Hintern befummelt haben. Sie hatten ausgemacht, sich gegenseitig zu ficken, und wollten Grashalme ziehen, damit der, der den längeren zog, als Erster durfte.“ So redete er den größten Unfug daher, nur weil es ihm Spaß machte, und war nicht auf der Hut, daß auch noch andere ihn hören konnten. Und schon hatte er jemanden in Wut gebracht. Wer das war? Er hieß Djia Tjiang und war einer der Ururenkel der Hauptlinie der Djias im Ning-guo-Anwesen. Seine Eltern waren beide früh gestorben, er hatte von klein auf bei Djia Dschën gelebt. Jetzt war er sechzehn Jahre alt und sah noch edler und lieblicher aus als sein Vetter Djia Jung, mit dem er auf vertrautem Fuß stand und häufig beisammen war. Nun gab es aber viele Leute im Ning-guo-Anwesen und ebensoviel Geschwätz. Unzufriedene Sklaven verstehen sich bestens darauf, Gerüchte in die Welt zu setzen und ihre Herrschaft zu schmähen. Ich weiß nicht, welcher niedrigdenkende Mensch wieder Verleumdungen in Umlauf gesetzt hatte, aber Djia Dschën mußte wohl etwas Häßliches munkeln gehört haben und hatte, um sich auch selbst vor Verdächtigungen zu schützen, Djia Tjiang eigene Räume außerhalb des Ning-guo-Anwesens zugewiesen, wo er einen selbständigen Haushalt führen sollte. Djia Tjiang war nicht nur schön von Gestalt, er war dabei auch schlau. Dem Namen nach ging er zwar zur Schule, aber das war bloße Tarnung, denn er besuchte weiter Hahnenkämpfe und Hunderennen und verbrachte seine Zeit in Freudenhäusern. Dabei verließ er sich ganz darauf, daß Djia Dschën eine Schwäche für ihn hatte und Djia Jung ihm behilflich war. Wer von den Sippenangehörigen hätte es da gewagt, ihm zu nahe zu treten! So gut wie sich Djia Tjiang mit Djia Jung stand, konnte er es nicht dulden, daß Tjin Dschung von jemandem beleidigt wurde. Schon wollte er mutig vortreten, um das Unrecht zu sühnen, aber dann überdachte er die Sache noch einmal in seinem Herzen. „Djin Jung und Djia Juee sind mit Onkel Hsüä befreundet“, sagte er sich. „Und ich bin mit Onkel Hsüä auch immer gut ausgekommen. Wenn ich jetzt offen in Erscheinung trete und die anderen erzählen es Alt Hsüä, leidet natürlich unser gutes Verhältnis darunter. Mische ich mich aber nicht ein, sind doch diese Gerüchte zu beschämend für alle. Warum sollte ich nicht eine List gebrauchen, damit dieses Gerede aufhört und gleichzeitig mein Ansehen gewahrt bleibt?“ Als dieser Gedanke zur Klarheit gereift war, gab er ebenfalls vor, ein kleines Geschäft verrichten zu müssen, und ging hinaus, wo er heimlich Bau-yüs Bücherknaben Ming-yän zu sich rief und ihn, „So und so...“, mit ein paar Sätzen aufstachelte. Ming-yän war der tüchtigste von Bau-yüs Sklavenjungen, dazu jung und unerfahren. Jetzt hörte er von Djia Tjiang, Djin Jung habe Tjin Dschung so beleidigt, daß selbst sein Herr Bau-yü mit davon betroffen sei, und Djin Jung würde sich ohne einen ordentlichen Denkzettel beim nächsten Mal sicher noch größere Dreistigkeiten erlauben und dann kaum noch zu bändigen sein. Nun war Ming-yän fähig, auch ohne Grund jemandem Gewalt anzutun. Darum stürmte er jetzt, als er die Nachricht vernommen hatte und sich von Djia Tjiang unterstützt sah, Hals über Kopf in den Unterrichtsraum, um sich Djin Jung vorzuknöpfen. Er redete ihn nicht einmal mit ‚junger Herr‘ an, sondern sagte einfach: „He, Djin! Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“ Jetzt stampfte Djia Tjiang mit den Stiefeln auf, brachte betont seine Kleidung in Ordnung, schaute nach dem Sonnenstand, sagte: „Es wird Zeit!“, und erklärte Djia Juee, er habe eine Besorgung zu machen und müsse deshalb etwas früher gehen. Djia Juee, der es nicht wagte, ihn aufzuhalten, mußte ihn gehen lassen. Inzwischen hatte Ming-yän Djin Jung am Arm gepackt und fragte ihn: „Hat das etwas mit deinem Schwanz zu tun, ob wir arschficken oder nicht? Schließlich haben wir nicht deinen Vater gefickt, verdammt noch mal! Wenn du ein Kerl bist, komm raus und versuch dein Glück mit Herrn Ming-yän!“ Alle im Raum glotzten vor Schreck wie versteinert. Djia Juee schrie Ming-yän an, er solle sich benehmen, und Djin Jung, dessen Gesicht vor Wut fahl geworden war, sagte: „Du wagst es, du Sklave, du niedriger Wicht? Das werde ich mit deinem Herrn abmachen!“ Damit riß er sich los und wollte sich auf Bau-yü und Tjin Dschung stürzen. Aber noch ehe er den ersten Schritt gemacht hatte, kam sausend ein Tuschereibstein von hinten geflogen, den wer weiß wer geworfen hatte. Glücklicherweise traf er nicht und schlug vielmehr auf einem der Nachbarplätze auf, wo Djia Lan und Djia Djün saßen. Djia Djün gehörte zur Generation der Urenkel im Jung-guo-Anwesen und entstammte einer nahe verwandten Nebenlinie der Sippe. Auch seine Mutter war in jungen Jahren Witwe geworden und hatte nur diesen einen Sohn. Djia Djün war mit Djia Lan eng befreundet, und darum saßen sie zusammen an einem Tisch. Wenn Djia Djün auch noch klein war, hatte er doch große Vorsätze und war dreist und unerschrocken. Es hatte ihn kalt gelassen, als er sah, daß einer von Djin Jungs Freunden diesen heimlich unterstützen wollte, indem er einen Tuschereibstein nach Ming-yän schleuderte. Aber wie konnte er ruhig bleiben, als der Reibstein, anstatt Ming-yän zu treffen, gerade vor ihm auf den Tisch niederkrachte und den Wasserbehälter aus Porzellan zertrümmerte, so daß schmutziges Wasser seine Bücher bespritzte! „Ihr Sträflingspack!“ schimpfte er. „Jetzt geht es erst richtig los!“ Damit ergriff er den Tuschereibstein und wollte ihn zurückwerfen, aber Djia Lan, der Unannehmlichkeiten lieber aus dem Wege ging, hielt den Reibstein fest und redete nach Kräften auf Djia Djün ein. „Liebster Vetter“, sagte er, „uns geht doch das nichts an!“ Aber Djia Djün konnte die Angelegenheit natürlich nicht auf sich beruhen lassen. Er packte deshalb mit beiden Händen einen Kasten mit Büchern und warf ihn durch den Raum. Aber klein und schlapp, wie er war, erreichte sein Geschoß nicht das Ziel und landete genau auf dem Tisch, an dem Bau-yü und Tjin Dschung saßen. Krach! machte es, und Bücher, Papier, Pinsel und Reibstein flogen durcheinander über den ganzen Tisch. Auch Bau-yüs Teeschale war mit getroffen. Die Schale zerbrach, und der Tee lief aus. Nun sprang Djia Djün auf, um den Jungen zu packen, der den Tuschereibstein geworfen hatte. Djin Jung hatte sich inzwischen einen großen Bambusprügel gegriffen, konnte aber in dem engen Raum voller Jungen das lange Ding nicht richtig herumwirbeln lassen. Doch schon hatte Ming-yän einen Schlag damit abbekommen und schrie jetzt aufgeregt: „Wollt ihr nicht endlich mitmachen?“ Bau-yü hatte noch drei andere kleine Sklavenjungen – Tschu-yau, Sau-hung und Mo-yü, einer so frech wie der andere. „Ihr Konkubinenbrut, habt ihr zu den Waffen gegriffen?!“ schrien sie, und Mo-yü faßte den schweren Balken, der dazu diente, die Tür zu versperren, während Sau-hung und Tschu-yau ihre Pferdepeitschen zur Hand hatten. So stürzten sie wie ein Bienenschwarm hinein. Djia Juee stellte sich in seiner Aufregung hier jemandem in den Weg und redete dort auf jemanden ein, aber wer hörte schon auf ihn! Alle tobten wild durcheinander. Von der Menge der zuchtlosen Knaben trugen die einen dazu bei, die Stimmung zu heben, indem sie im rechten Augenblick ungefährdet ein paar Schläge von hinten austeilten, andere verkrochen sich ängstlich am Rande, und manche standen hoch aufgerichtet auf den Tischen, klatschten in die Hände, lachten wie verrückt und schrien: „Feste, feste!“ So war der Raum in wenigen Augenblicken zu einem brodelnden Kessel geworden. Als Li Guee und die anderen erwachsenen Sklaven von draußen hörten, daß drinnen der Aufruhr tobte, gingen sie rasch hinein, geboten Ruhe und fragten nach dem Grund für die Aufregung. Aber darüber war die Meinung geteilt, der eine sagte so, der andere so. Also schimpfte Li Guee erst einmal Ming-yän und seine drei Gefährten aus und jagte sie aus dem Raum. Tjin Dschung hatte eine Schramme am Kopf, der mit Djin Jungs Bambusprügel Bekanntschaft gemacht hatte, und Bau-yü wischte sie eben mit dem Aufschlag seines Gewandes ab. Als er sah, daß alle zur Ruhe gebracht waren, befahl er Li Guee: „Sammle meine Bücher ein und bring mein Pferd! Ich will zum gnädigen Herrn, ihm alles zu berichten! Man hat uns beleidigt, mehr will ich gar nicht davon sagen, und als wir uns in aller Form bei Herrn Djia Juee darüber beklagten, hat er uns die Schuld aufgegeben. Er hat geduldet, daß die andern uns beschimpfen, und hat sie noch aufgestachelt, unsern Ming-yän zu hauen. Tjin Dschung haben sie sogar den Kopf aufgeschlagen. Wie soll ich noch länger hier lernen? Ming-yän hatte sich doch nur eingemischt, weil ich beleidigt worden war. Das Beste ist wirklich, ich gehe!“ „Nicht so hitzig, kleiner Herr!“ redete Li Guee ihm zu. „Wenn der gnädige Herr schon wieder zu Hause ist, weil er hier etwas zu tun hat, und Ihr ihn wegen so einer Lappalie belästigt, würde uns das sehr ins Unrecht setzen. Ich halte es für das Beste, solche Sachen immer gleich an Ort und Stelle zu erledigen. Warum müßt Ihr unbedingt den gnädigen Herrn auf Euch aufmerksam machen?“ Dann fuhr er fort: „Alles ist nur Eure Schuld, Herr Djia Juee! Wenn Euer Großvater nicht in der Schule ist, seid Ihr hier der Leiter, und alle verhalten sich so, wie Ihr sie leitet. Wenn sie sich etwas zuschulden kommen lassen, muß Schläge bekommen, wer Schläge verdient, und Strafe, wer Strafe verdient. Wie konntet Ihr es zulassen, daß so ein Tumult entsteht, ohne daß Ihr eingegriffen habt?“ „Ich habe ja geschrien, aber keiner hat auf mich gehört“, verteidigte sich Djia Juee. „Nehmt es mir nicht übel“, erwiderte Li Guee mit einem Lächeln, „aber für gewöhnlich benehmt Ihr Euch selbst nicht ganz korrekt, und deshalb hören sie nicht auf Euch. Wenn der Skandal jetzt bis vor den gnädigen Herrn gelangt, kommt Ihr auch nicht ungeschoren davon. Also macht Euch lieber rasch Gedanken, wie die Sache beizulegen ist!“ „Was heißt hier beilegen?“ wandte Bau-yü ein. „Ich gehe es melden, auf jeden Fall!“ Und Tjin Dschung sagte unter Tränen: „Wo Djin Jung ist, gehe ich nicht länger zur Schule!“ „Was soll denn das heißen?“ fragte Bau-yü. „Sollen die etwa kommen dürfen und wir nicht? Ich werde allen genau darüber berichten, und Djin Jung wird hinausgeworfen.“ Dann wandte er sich an Li Guee, um zu fragen: „Über welchen Zweig der Familie ist Djin Jung überhaupt mit uns verwandt?“ Li Guee dachte kurz nach und sagte dann: „Ihr solltet besser nicht danach fragen, damit das Verhältnis von Euch jungen Herren untereinander nicht noch mehr leidet.“ Aber da rief Ming-yän durchs Fenster: „Er ist der Neffe der Frau Eures Vetters Huang aus der Ostgasse, und so einer will kräftig genug sein, andern den Rücken zu stärken und uns Angst einzujagen! Herrn Djia Huangs Frau ist seine Tante väterlicherseits. – Du, Deine Tante ist eine Speichelleckerin, die vor der Frau von Herrn Djia Liän immer nur auf den Knien rutscht und sie bittet, ihr Sachen zu borgen, die sie in die Pfandleihe schaffen kann. Solche Art Herrschaften kann ich nur verachten!“ „Du verfluchtes kleines Aas!“ fuhr Li Guee ihn an. „Mußt ausgerechnet du von diesen Klatschgeschichten wissen?“ „Ich hatte gedacht, er sei mit wer weiß wem verwandt“, sagte Bau-yü mit höhnischem Lächeln. „Dabei ist er ein Neffe der Frau von Vetter Huang. Mit der werde ich gleich mal ein Wörtchen reden!“ Damit wollte er wirklich gehen und befahl Ming-yän, hereinzukommen und ihm die Bücher zusammenzupacken. Während Ming-yän damit beschäftigt war, sagte er mit Genugtuung: „Warum wollt Ihr selbst gehen, Herr? Ich werde zu ihr gehen und sagen, die alte gnädige Frau wolle sie etwas fragen. Dann miete ich einen Wagen und bringe sie, und Ihr könnt sie in Gegenwart der alten gnädigen Frau zur Rede stellen. Ist das nicht einfacher?“ „Daß du verrecken mögest!“ schrie Li Guee ihn an. „Paß auf, daß ich dir nicht zuerst eine ordentliche Tracht verpasse, wenn wir zu Hause sind, und dann dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau berichte, daß Bau-yü nur von dir aufgehetzt worden ist! Kaum habe ich ihn hier mit Müh und Not halbwegs zur Ruhe gebracht, da kommst du wieder mit einer neuen Idee. Du hast die ganze Schule in Aufruhr versetzt, und anstatt nun mit einem andern Mittel auch wieder für Ruhe zu sorgen, wie es sich gehören würde, willst du die Sache immer noch schlimmer machen.“ Jetzt erst wagte sich Ming-yän nicht mehr zu mucksen. Auch Djia Juee, dessen Gewissen alles andere als rein war, hatte Angst, der Skandal könnte noch weitere Kreise ziehen, darum demütigte er sich und leistete erst bei Tjin Dschung und dann bei Bau-yü Abbitte. Zuerst wollten die beiden nichts davon wissen, aber dann sagte Bau-yü: „Ich brauche es auch nicht zu melden, aber Djin Jung muß sich entschuldigen, dann erst ist die Sache erledigt!“ Djin Jung weigerte sich zunächst, aber Djia Juees Druck konnte er schließlich nicht widerstehen. Auch Li Guee und die anderen redeten ihm gut zu. „Du hast die Sache angefangen, jetzt mußt du ihr auch ein Ende machen“, sagten sie. Nun konnte sich Djin Jung nicht länger sträuben, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich vor Tjin Dschung zu verbeugen. Bau-yü war das noch nicht genug, er bestand auf einem Stirnaufschlag. Djia Juee, der keinen anderen Wunsch hatte, als die Sache erst einmal beizulegen, redete Djin Jung leise zu: „Was heißt hier umbringen, wenn nur der Kopf ab soll, sagt der Volksmund. Alles halb so schlimm! Und wer sich selbst in Unannehmlichkeiten bringt, der kann nicht umhin, seinen Zorn herunterzuschlucken. Mach einen Stirnaufschlag, und der Fall ist erledigt!“ Djin Jung blieb nun keine andere Wahl, er mußte vor Tjin Dschung niederknien und mit der Stirn den Boden berühren. Im nächsten Kapitel soll alles näher erläutert werden.

Gewerbe Minne[1] und sein Sohn warteten eigens darauf, dass die Familie Kaufmann [贾] einen Boten mit der Nachricht schickte, welcher Glückstag für den Schulanfang bestimmt worden sei. Da Schatzjade[2] [贾宝玉] es aber kaum erwarten konnte, Liebglocke Minne[3] [秦钟] wiederzusehen, kümmerte er sich um nichts anderes und bestimmte den übernächsten Tag für seinen Schulanfang. „Übermorgen früh bitte ich den jungen Herrn Qin zu mir, damit wir uns hier treffen und gemeinsam zur Schule gehen können" — mit dieser Nachricht sandte er einen Boten los.

Als der Tag gekommen war und Schatzjade frühmorgens aufwachte, hatte Dufthauch[4] [袭人] längst die Bücher, Pinsel und Schreibutensilien zusammengepackt und alles ordentlich hergerichtet. Sie saß auf der Bettkante und war in trübe Gedanken versunken. Als sie sah, dass Schatzjade aufgewacht war, half sie ihm pflichtgemäß beim Waschen und Ankleiden.

Schatzjade bemerkte ihre gedrückte Stimmung und fragte lächelnd: „Liebste Schwester, was bedrückt dich schon wieder? Bist du mir etwa böse, weil ich zur Schule gehe und euch hier einsam zurücklasse?"

Dufthauch erwiderte lächelnd: „Was redest du da! Lernen ist doch etwas Gutes. Wenn man nicht lernt, vergeudet man sein ganzes Leben — was soll dann daraus werden? Nur eines bitte ich dich: Wenn du lernst, dann denke an die Bücher; wenn du nicht lernst, denke an zu Hause. Lass dich nicht mit den anderen zum Herumtollen verleiten — wenn der gnädige Herr dich dabei erwischt, ist nicht zu spaßen! Und auch wenn es heißt, man müsse ehrgeizig und fleißig sein, solltest du lieber etwas weniger Stoff durcharbeiten: Erstens kann man nicht richtig kauen, wenn man zu gierig zubeißt, und zweitens musst du auch auf deine Gesundheit achten. Das sind meine Gedanken — bitte nimm sie dir zu Herzen."

Bei jedem Satz, den Dufthauch sagte, nickte Schatzjade zustimmend. Dufthauch fuhr fort: „Den schweren Pelzmantel habe ich eingepackt und den Dienern mitgegeben. In der Schule ist es kalt — denk daran, ihn anzuziehen oder zu wechseln, denn dort ist es nicht wie zu Hause, wo jemand auf dich achtet. Holzkohle für den Fußwärmer und den Handwärmer habe ich ihnen ebenfalls mitgegeben. Aber du musst sie daran erinnern, nachzulegen! Diese Faulenzer rühren keinen Finger, wenn du nichts sagst, und lassen dich einfach erfrieren."

„Sei unbesorgt", sagte Schatzjade. „Wenn ich außer Haus bin, kann ich mich schon selbst um alles kümmern. Ihr solltet hier auch nicht vor Langeweile umkommen — geht öfter einmal zu Schwester Lin hinüber und vertreibt euch zusammen die Zeit."

Inzwischen war er fertig angezogen, und Dufthauch drängte ihn, die Herzoginmutter[5] [贾母], Aufrecht Kaufmann[6] [贾政] und Dame König aufzusuchen. Schatzjade aber ermahnte erst noch Heitermuster[7] [晴雯] und Moschusmond[8] [麝月] mit einigen Worten, ehe er zur Herzoginmutter ging. Auch sie hatte natürlich noch einige Ermahnungen für ihn. Danach ging er zu Dame König und anschließend in die Bibliothek, um Aufrecht Kaufmann aufzusuchen.

Ausgerechnet an diesem Tag war Aufrecht Kaufmann etwas früher nach Hause gekommen und unterhielt sich in der Bibliothek gerade mit seinen Schützlingen und Kostgängern. Als plötzlich Schatzjade hereinkam, um seinen Gruß zu entbieten, und berichtete, er gehe zur Schule, lachte Aufrecht Kaufmann höhnisch und sagte: „Wenn du noch einmal das Wort ‚Schule' in den Mund nimmst, sterbe ich vor Scham! Meiner Meinung nach solltest du lieber gleich sagen, dass du spielen gehst — das wäre ehrlicher. Pass auf, dass du mir nicht den Boden beschmutzt, auf dem du stehst, und die Tür, an die du dich lehnst!"

Die Kostgänger und Schützlinge, die sich längst von ihren Plätzen erhoben hatten, sagten lächelnd: „Warum müsst Ihr nur wieder so streng sein, ehrwürdiger Freund unserer Väter! Euer Sohn geht heute zur Schule, und in zwei, drei Jahren kann er sich bei den Prüfungen bereits einen Namen machen. Ganz gewiss ist er nicht mehr so kindisch wie früher. Es ist bald Essenszeit — der junge Herr sollte sich nun verabschieden." Damit fassten zwei der Älteren Schatzjade bei den Händen und geleiteten ihn hinaus.

Aufrecht Kaufmann fragte: „Wer begleitet Schatzjade?"

Von draußen waren Antwortrufe zu hören, und sogleich kamen drei oder vier kräftige Männer herein, die mit gebeugtem Knie ihren Gruß entboten. Aufrecht Kaufmann erkannte Edelstein Pflaume[9], den Sohn von Schatzjades Amme, unter ihnen und sprach ihn an: „Ihr begleitet ihn Tag für Tag zur Schule — was hat er denn nun eigentlich gelernt? Er hat sich den Bauch mit Klatschgeschichten und unsinnigem Geschwätz vollgestopft und sich in allerlei feinen Frechheiten geübt. Wartet nur, bis ich ein wenig Muße habe: Zuerst ziehe ich euch die Haut ab, und dann rechne ich mit diesem Taugenichts ab!"

Das erschreckte Edelstein Pflaume so sehr, dass er hastig auf beide Knie niederfiel, seine Mütze abnahm und hörbar mit der Stirn auf den Boden schlug, wobei er unablässig „Jawohl, jawohl!" sagte. Dann berichtete er: „Der junge Herr hat das Buch der Lieder bereits bis zum dritten Band gelesen, da steht so etwas wie: ‚Jau, jau, schrein die Hirsche, Lotosblätter und Entengrütze[10]...' Euer Diener lügt wahrhaftig nicht."

Alle brachen in schallendes Gelächter aus, und selbst Aufrecht Kaufmann konnte sich das Lachen nicht verbeißen. Dann sagte er: „Selbst wenn er dreißig Bände vom Buch der Lieder liest, tut er doch nichts anderes, als sich die Ohren zuzuhalten und die Glocke zu stehlen [Anm.: Sprichwort für Selbsttäuschung] — er macht sich und anderen etwas vor! Geh und bestelle dem Herrn Lehrer in der Schule meinen Gruß; sag ihm, ich hätte gesagt: Das Buch der Lieder und die klassische Prosa braucht er gar nicht erst der Form halber durchzunehmen — er soll lieber die Vier Bücher [Anm.: die vier konfuzianischen Hauptwerke: Lúnyǔ, Mèngzǐ, Dàxué, Zhōngyōng] in einem Zug erklären und auswendig lernen lassen. Das ist das Allerwichtigste!"

Edelstein Pflaume antwortete hastig: „Jawohl!" Als er merkte, dass Aufrecht Kaufmann nichts weiter zu sagen hatte, zog er sich zurück.

Schatzjade hatte währenddessen allein außerhalb des Hofes gestanden und kaum zu atmen gewagt. Als seine Begleiter herauskamen, eilte er rasch mit ihnen davon. Edelstein Pflaume und die anderen klopften sich den Staub von den Kleidern und sagten dabei: „Habt Ihr das gehört, junger Herr? Zuerst will er uns die Haut abziehen! Anderer Leute Diener können durch ihren Herrn noch ein wenig Ansehen gewinnen, aber wir werden ohne Grund mitbeschimpft und mitgeschlagen. Habt doch in Zukunft ein wenig Erbarmen mit uns!"

Schatzjade lachte und sagte: „Lieber Bruder, nimm es dir nicht zu Herzen. Morgen lade ich dich ein."

Edelstein Pflaume entgegnete: „Wer wagte es, darauf zu hoffen, von Euch eingeladen zu werden, kleiner Gebieter! Es reicht ja, wenn Ihr auch nur einen halben Satz von dem beherzigt, was man Euch sagt."

Damit waren sie bei der Herzoginmutter angekommen, wo Liebglocke Minne bereits wartete. Die Herzoginmutter unterhielt sich gerade mit ihm. Die beiden Jungen begrüßten einander, verabschiedeten sich von der Herzoginmutter, und da fiel Schatzjade plötzlich ein, dass er sich noch nicht von Kajaljade[11] [林黛玉] verabschiedet hatte. Also eilte er rasch in ihr Zimmer. Kajaljade saß gerade am Fenster vor dem Spiegel und ordnete ihre Frisur. Als sie hörte, dass Schatzjade zur Schule ging, sagte sie lächelnd: „Wunderbar! Dann gehst du wohl hin, um ‚im Krötenpalast einen Kassiazweig zu pflücken' [Anm.: Metapher für das Bestehen der Beamtenprüfung]. Ich kann dich leider nicht begleiten."

Schatzjade sagte: „Liebstes Schwesterchen, warte mit dem Abendessen auf mich, bis ich aus der Schule zurück bin. Und die Schminke und die Lippenpaste — misch sie auch erst, wenn ich wieder da bin." Er plauderte noch lange, ehe er sich endlich losriss.

Kajaljade rief ihn noch einmal zurück und fragte: „Warum gehst du dich nicht auch von Schwester Schatzspange[12] [薛宝钗] verabschieden?" Schatzjade lachte nur, ohne zu antworten, und machte sich geradewegs mit Liebglocke Minne auf den Weg zur Schule.

Die Familienschule der Kaufmanns lag nicht weit entfernt, nur etwa ein Li [Anm.: ca. 500 Meter]. Sie war vom Urahn der Familie gegründet worden, weil er befürchtete[13], dass manche jungen Leute in der Sippe zu arm sein könnten, um einen Privatlehrer anzustellen — sie sollten hierher kommen und studieren können. Jedes Familienmitglied, das ein Amt bekleidete, steuerte je nach der Höhe seines Gehalts einen Beitrag zu den Schulkosten bei. Gemeinsam hatten sie einen bejahrten, tugendhaften Mann zum Schulmeister gewählt, der eigens die jungen Leute der Sippe unterrichtete.

Als nun Schatzjade und Liebglocke Minne eintrafen, tauschten sie mit jedem einzelnen Mitschüler den zeremoniellen Gruß aus und begannen mit dem Studium. Von diesem Tag an kamen und gingen sie stets gemeinsam, saßen zusammen und standen zusammen auf, und ihre Freundschaft vertiefte sich immer mehr. Hinzu kam, dass die Herzoginmutter Liebglocke Minne in ihr Herz geschlossen hatte und ihn häufig drei oder fünf Tage bei sich behielt, wobei sie ihn genauso liebevoll behandelte wie ihre eigenen Urenkel. Als sie sah, dass Liebglocke Minne nicht eben wohlhabend war, beschenkte sie ihn außerdem mit Kleidung, Schuhen und anderen Dingen. Noch kein Monat war vergangen, da fühlte sich Liebglocke Minne im Anwesen der Kaufmanns wie zu Hause.

Schatzjade war von Natur aus ein unruhiger Geist, der stets den Eingebungen seines Herzens folgte. So zeigte sich auch jetzt wieder seine sonderbare Eigenart, und er flüsterte Liebglocke Minne zu: „Wir sind doch gleich alt, und außerdem sind wir Schulkameraden — lass uns in Zukunft nicht mehr als Onkel und Neffe verkehren, sondern nur noch als Brüder und Freunde!" Anfangs sträubte sich Liebglocke Minne, aber gegen Schatzjades Beharren kam er nicht an. Schatzjade nannte ihn nur noch „Bruder" oder rief ihn bei seinem Ehrennamen „Jingqing", und so blieb Liebglocke Minne nichts anderes übrig, als sich in diesen ungezwungenen Ton zu fügen.

Obwohl die Schüler dieser Schule allesamt Sippenangehörige oder angeheiratete Verwandte waren, gilt doch das Sprichwort: „Ein Drache bringt neun Junge hervor, und jedes ist von anderer Art." Wo viele Menschen beisammen sind, mischen sich unvermeidlich Schlangen unter die Drachen, und so gab es auch hier einige fragwürdige Gestalten.

Seit Schatzjade und Liebglocke Minne hinzugekommen waren — beide hübsch wie frische Blumen —, und die Mitschüler bemerkten, dass Liebglocke Minne schüchtern und sanftmütig war, bei jedem Wort errötete und ein mädchenhaftes Wesen hatte, und dass Schatzjade von Natur aus bereit war, sich um seinetwillen zu erniedrigen und ihm nachzugeben, dabei zärtlich in seiner Art und schmeichelnd in seiner Sprache war — da wurde ihre Freundschaft nur umso inniger, und man konnte es den Mitschülern nicht verdenken, dass allerlei Verdächtigungen aufkamen. Hinter ihrem Rücken wurde getuschelt und gemunkelt, Verleumdungen und Gerüchte verbreiteten sich im ganzen Schulgebäude.

Becken Schnee[14] [薛蟠], der nach dem Umzug zu Dame König erfahren hatte, dass es eine Familienschule gab, in der sich viele junge Leute versammelten, hatte prompt Gelüste auf Männerliebe [Anm.: wörtl. „Drache-Yang-Neigung", eine euphemistische Bezeichnung für homosexuelles Begehren] verspürt und gab deshalb ebenfalls vor, die Schule zu besuchen. Allerdings war er ein Fischer, der drei Tage lang die Angel auswarf und zwei Tage lang die Netze trocknen ließ. Die Schulgebühren und Geschenke, die er dem Schulmeister Kaufmann Dai-ru [贾代儒] zukommen ließ, waren reine Verschwendung, denn er lernte nicht das Geringste — es ging ihm nur darum, „Schwurbrüder" zu finden. Tatsächlich gab es unter den jüngeren Schülern etliche, die das Silber, die Kleidung und das Essen begehrten, das Becken Schnee ihnen bot, und die sich von ihm verführen ließen — doch davon muss nicht weiter die Rede sein.

Besonders gab es zwei zartbesaitete junge Schüler. Zu welchem Zweig der Familie sie gehörten, weiß ich nicht; auch ihre wirklichen Namen habe ich nicht nachgeprüft. Weil sie von anmutigem, bestrickendem Wesen waren, hatte man ihnen in der ganzen Schule Spitznamen gegeben: der eine hieß „Duftliebchen" [香怜], der andere „Jadeschätzchen" [玉爱]. Obwohl viele ein heimliches Verlangen nach ihnen hegten und Gedanken pflegten, die den Knaben hätten schaden können, wagte es doch niemand aus Furcht vor Becken Schnees Macht, sich ihnen zu nähern.

Als nun Schatzjade und Liebglocke Minne in die Schule kamen und die beiden erblickten, konnten auch sie sich einer gewissen Bewunderung und Zuneigung nicht erwehren. Doch weil sie wussten, dass beide Schützlinge Becken Schnees waren, wagten sie nichts zu unternehmen. Auch Duftliebchen und Jadeschätzchen ihrerseits hatten ein Auge auf Schatzjade und Liebglocke Minne geworfen. So hegten alle vier im Stillen zärtliche Gefühle füreinander, ohne dass es je zum Ausbruch kam.

Jeden Tag, wenn sie in die Schule kamen, saßen sie zwar jeder auf seinem Platz, aber ihre Blicke suchten einander; sie machten sich durch versteckte Anspielungen verständlich, sprachen vom Maulbeerbaum, wenn sie die Esche meinten, und verständigten sich aus der Ferne mit stillem Einverständnis — nach außen hin aber bemühten sie sich, alles vor fremden Augen zu verbergen. Wider Erwarten gab es jedoch einige gewiefte Burschen, die die Sache durchschauten. Hinter dem Rücken der vier verdrehten sie die Augen, hüstelten vielsagend oder erhoben die Stimme — und das geschah nicht nur an einem einzigen Tag.

Wie es der Zufall wollte, hatte der Schulmeister Dai-ru an diesem Tag etwas zu erledigen und war frühzeitig nach Hause gegangen. Er hatte den Schülern aufgegeben, zu einem siebensilbigen Vers einen Parallelvers zu bilden, den sie am nächsten Tag vorlegen sollten. Die Aufsicht über die Schule hatte er einstweilen Glücksstein Kaufmann[15] [贾瑞] übertragen. Und glücklicherweise ließ sich Becken Schnee in letzter Zeit kaum noch in der Schule blicken.

So nutzte Liebglocke Minne die Gelegenheit und machte Duftliebchen mit Augenzwinkern und Mienenspielen heimliche Zeichen. Beide gaben vor, auf die kleine Latrine zu müssen, und gingen in den Hinterhof, um ein vertrauliches Gespräch zu führen.

Liebglocke Minne fragte als Erstes: „Kümmern sich die Erwachsenen bei dir zu Hause darum, mit wem du befreundet bist?" — Doch noch ehe er den Satz beendet hatte, hustete jemand hinter ihnen. Erschrocken fuhren die beiden herum und erblickten ihren Schulkameraden Goldruhm[16] [金荣].

Duftliebchen, der ein etwas hitziges Temperament hatte, wurde zugleich rot vor Scham und Zorn und fragte: „Was hustest du da? Dürfen wir zwei etwa nicht miteinander reden?"

Goldruhm grinste: „Natürlich dürft ihr reden, und natürlich darf ich husten! Ich möchte nur wissen: Wenn ihr etwas zu besprechen habt, warum sagt ihr es dann nicht offen? Was habt ihr euch so heimlich und verstohlen hierher zu schleichen und was treibt ihr für krumme Dinge? Jetzt habe ich euch erwischt — da hilft kein Leugnen! Entweder lasst ihr mich mitmachen, und ich sage kein Wort, oder ich mache es allen bekannt!"

Liebglocke Minne und Duftliebchen schoß vor Aufregung die Röte ins Gesicht: „Was hast du denn erwischt?"

Goldruhm lachte: „Auf frischer Tat habe ich euch erwischt, jawohl!" Dann klatschte er in die Hände und rief lachend: „Hier werden erstklassige Sesambrötchen gebacken! Wollt ihr keins kaufen?"

Liebglocke Minne und Duftliebchen, gleichermaßen zornig und aufgebracht, eilten hinein und beschwerten sich bei Glücksstein Kaufmann über Goldruhm. Goldruhm habe sie ohne jeden Grund beleidigt, sagten sie.

Nun war dieser Glücksstein Kaufmann ein Mensch, der vor allem auf seinen eigenen Vorteil bedacht war und keinerlei Anstand besaß. Er missbrauchte seine Stellung in der Schule, um unter dem Deckmantel der Pflicht privaten Interessen nachzugehen, und zwang die jüngeren Schüler, ihn freizuhalten. Später hatte er sich an Becken Schnee gehängt, weil er auf dessen Silber, Wein und Fleisch erpicht war; und so ließ er Becken Schnee nach Belieben schalten und walten, ohne ihn im Geringsten zu zügeln — im Gegenteil, er machte sich zu seinem Helfershelfer, um sich bei ihm einzuschmeicheln.

Doch Becken Schnee hatte die Beständigkeit von treibender Wasserlinse: Heute liebte er den einen, morgen den anderen. Kürzlich hatte er neue Freunde gefunden und Duftliebchen und Jadeschätzchen fallen gelassen. Selbst Goldruhm war einst sein guter Freund gewesen, doch seit Duftliebchen und Jadeschätzchen aufgetaucht waren, hatte er ihn beiseitgeschoben. Jetzt waren auch Duftliebchen und Jadeschätzchen bei ihm in Ungnade gefallen.

So hatte Glücksstein Kaufmann niemanden mehr, der bei Becken Schnee ein gutes Wort für ihn hätte einlegen können. Anstatt Becken Schnees Treulosigkeit zu tadeln, war er auf Duftliebchen und Jadeschätzchen erbost, weil sie nicht mehr für ihn bei Becken Schnee sprachen. Deshalb waren Glücksstein Kaufmann, Goldruhm und ihre Anhänger eifersüchtig auf die beiden.

Als nun Liebglocke Minne und Duftliebchen sich über Goldruhm beschwerten, missfiel das Glücksstein Kaufmann von vornherein. Liebglocke Minne wagte er nicht zurechtzuweisen, dafür machte er an Duftliebchen ein Exempel und beschuldigte ihn, ein Unruhestifter zu sein, und herrschte ihn heftig an. So holte sich Duftliebchen eine demütigende Abfuhr, und auch Liebglocke Minne zog sich beschämt auf seinen Platz zurück.

Goldruhm hingegen war äußerst zufrieden mit sich. Er wiegte den Kopf, schnalzte mit der Zunge und ließ noch allerlei loses Gerede vom Stapel. Jadeschätzchen, der das nicht mit anhören konnte, begann sich von seinem Platz aus leise mit ihm zu zanken. Goldruhm behauptete steif und fest: „Eben habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie die beiden im Hinterhof sich geküsst und am Hintern befummelt haben, ein Paar zum Vögeln — sie haben Grashalme gezogen, und wer den längeren zog, durfte zuerst!"

Goldruhm schwatzte vergnügt diesen Unsinn daher, ohne zu bedenken, dass auch andere zuhörten. Und tatsächlich hatte er bereits jemanden in Wut gebracht. Wer war es?

Es war ein junger Mann namens Edelrose Kaufmann[17] [贾蔷], ein leiblicher Ururenkel der Hauptlinie im Stillfriede-Anwesen. Beide Eltern waren früh gestorben, und er war seit seiner Kindheit bei Herrlichkeit Kaufmann[18] [贾珍] aufgewachsen. Jetzt war er sechzehn Jahre alt und sah noch schöner und eleganter aus als Hibiskus Kaufmann [贾蓉]. Die beiden verstanden sich ausgezeichnet und waren ständig beisammen. Im Stillfriede-Anwesen gab es jedoch viele Leute und noch mehr Klatsch — unzufriedene Diener, die sich darauf verstanden, Gerüchte zu fabrizieren und ihre Herrschaft zu verleumden. So waren allerhand üble Reden in Umlauf gekommen. Herrlichkeit Kaufmann hatte wohl Wind davon bekommen und wollte jedem Verdacht aus dem Weg gehen. Daher hatte er Edelrose Kaufmann eigene Räume außerhalb des Stillfriede-Anwesens zugewiesen und ihn angewiesen, einen selbständigen Haushalt zu gründen.

Edelrose Kaufmann war von ansehnlicher Gestalt und klugem Verstand. Obwohl er dem Namen nach die Schule besuchte, war das nur Tarnung — in Wahrheit besuchte er weiterhin Hahnenkämpfe und Hunderennen und verbrachte seine Zeit mit Blumen und Weiden [Anm.: Vergnügungsviertel]. Er verließ sich darauf, dass Herrlichkeit Kaufmann ihn von oben mit Nachsicht und Herrlichkeit Kaufmann ihn von der Seite mit Beistand versah, weshalb kein Sippenangehöriger es wagte, sich mit ihm anzulegen.

Da er Herrlichkeit Kaufmann so nahestand, konnte er es unmöglich dulden, dass Liebglocke Minne beleidigt wurde. Schon wollte er mutig vortreten und für Gerechtigkeit sorgen, doch dann überlegte er sich die Sache: „Goldruhm, Glücksstein Kaufmann und ihr Anhang sind allesamt Vertraute von Onkel Xue. Auch ich habe bisher stets ein gutes Verhältnis zu Onkel Xue gehabt. Wenn ich jetzt offen Partei ergreife und die es ihm erzählen, leidet unser Einvernehmen. Aber wenn ich nichts unternehme, sind diese Gerüchte für alle beschämend. Wäre es nicht klüger, eine List zu gebrauchen, mit der ich das Gerede zum Schweigen bringe, ohne dass jemand sein Gesicht verliert?"

Als er zu diesem Schluss gekommen war, gab auch er vor, auf die Latrine zu müssen, ging hinaus und rief heimlich Schatzjades Bücherknaben Mingyuan [茗烟] zu sich. „So und so...", stachelte er ihn mit ein paar geschickten Worten auf.

Mingyuan war der tüchtigste unter Schatzjades Dienerjungen, dazu jung und unerfahren in den Dingen der Welt. Als er nun von Edelrose Kaufmann erfuhr, dass Goldruhm Liebglocke Minne so unverschämt beleidigt hatte — wobei sogar sein Herr Schatzjade mit hineingezogen wurde — und dass man ihm eine Lektion erteilen müsse, da er sonst beim nächsten Mal noch dreister und nicht mehr zu bändigen sein würde, brauchte Mingyuan, der ohnehin stets bereit war, andere auch ohne Grund einzuschüchtern, keine weitere Überredung. Von Edelrose Kaufmann ermutigt, stürmte er kopfüber in den Unterrichtsraum, um sich Goldruhm vorzunehmen. Er redete ihn nicht einmal mit „junger Herr" an, sondern sagte bloß: „Du, Jin — was glaubst du eigentlich, wer du bist!"

Edelrose Kaufmann stampfte derweil bedeutungsvoll mit den Stiefeln auf, ordnete betont seine Kleidung, blickte nach dem Sonnenstand und sagte: „Es wird Zeit." Dann erklärte er Glücksstein Kaufmann, er habe etwas zu erledigen und müsse etwas früher gehen. Glücksstein Kaufmann wagte es nicht, ihn aufzuhalten.

Hier drinnen hatte Mingyuan bereits Goldruhm am Kragen gepackt und fragte: „Ob wir Ärsche ficken oder nicht — was geht dich das an? Wir haben jedenfalls nicht deinen Vater gefickt! Wenn du ein Kerl bist, komm raus und versuch dein Glück mit dem Herrn Mingyuan!"

Alle im Raum starrten wie versteinert. Glücksstein Kaufmann fuhr Mingyuan an, er solle sich benehmen. Goldruhm, dem vor Wut das Blut aus dem Gesicht wich, schrie: „Was für eine Frechheit! Wenn schon die Sklaven sich so aufführen, werde ich es mit deinem Herrn abmachen!" Damit riss er sich los und wollte sich auf Schatzjade und Liebglocke Minne stürzen.

Doch noch ehe er den ersten Schritt getan hatte, sauste ein Tuschereibstein von hinten heran — wer ihn geworfen hatte, war nicht zu erkennen. Glücklicherweise traf er nicht, sondern landete auf dem Nachbartisch, an dem Orchidee Kaufmann[19] [贾兰] und Jun Kaufmann [贾菌] saßen.

Jun Kaufmann gehörte ebenfalls zur nahe verwandten Nebenlinie der Urenkel-Generation im Jung-guo-Anwesen. Seine Mutter war früh verwitwet und lebte allein mit ihm. Jun Kaufmann und Orchidee Kaufmann waren eng befreundet und saßen daher zusammen. Obwohl Jun Kaufmann noch klein war, hatte er große Ambitionen und war furchtlos und verwegen.

Er hatte kalt beobachtet, wie einer von Goldruhms Anhängern diesem heimlich beizuspringen versuchte und den Tuschereibstein nach Mingyuan schleuderte. Der aber verfehlte sein Ziel und krachte direkt vor ihm auf den Tisch, wobei er das Porzellan-Tuschereibstein-Wassergefäß in tausend Stücke schlug und seine Bücher mit schwarzer Tusche bespritzte.

Jun Kaufmann konnte das nicht hinnehmen und fluchte: „Ihr verdammten Halunken! Jetzt geht es erst richtig los!" Er griff sich den Reibstein und wollte ihn zurückschleudern, doch Orchidee Kaufmann, der Ärger lieber aus dem Weg ging, hielt ihn fest und redete eindringlich auf ihn ein: „Lieber Bruder, das geht uns doch nichts an!"

Aber Jun Kaufmann ließ sich nicht bremsen. Er packte mit beiden Händen seinen Bücherkasten und schleuderte ihn in Richtung des Angreifers. Da er aber klein und schwach war, flog der Kasten nicht weit genug und krachte auf den Tisch von Schatzjade und Liebglocke Minne. Mit lautem Poltern fielen Bücher, Papier, Pinsel und Reibstein durcheinander, und auch Schatzjades Teeschale ging zu Bruch — die Scherben flogen, und der Tee lief über den Tisch.

Jun Kaufmann sprang auf, um den Werfer des Reibsteins zu packen. Goldruhm hatte sich derweil einen langen Bambusprügel gegriffen, konnte ihn aber im engen, menschengefüllten Raum nicht richtig schwingen. Mingyuan bekam bereits einen Hieb ab und schrie aufgeregt: „Wollt ihr nicht endlich mitmachen!"

Schatzjade hatte noch drei weitere Dienerjungen: Chuyao [锄药], Saohong [扫红] und Moyu [墨雨] — einer frecher als der andere. „Ihr Hurensöhne! Die greifen zu Waffen!" schrien sie durcheinander. Moyu schnappte sich den schweren Türriegel, Saohong und Chuyao hatten ihre Reitpeitschen zur Hand, und wie ein Bienenschwarm stürzten sie in den Raum.

Glücksstein Kaufmann versuchte verzweifelt, hier dem einen den Weg zu versperren und dort auf einen anderen einzureden, aber niemand hörte auf ihn — alle tobten wild durcheinander. Von der Menge der Knaben halfen die einen mit „Friedensschlägen" [Anm.: Schläge, die man unter dem Vorwand, schlichten zu wollen, austeilt] die Stimmung anzuheizen; andere verkrochen sich ängstlich in einer Ecke; wieder andere standen aufrecht auf den Tischen, klatschten in die Hände, lachten wie verrückt und schrien: „Drauf! Drauf!" Innerhalb weniger Augenblicke kochte der ganze Raum wie ein brodelnder Kessel.

Als Edelstein Pflaume und die anderen erwachsenen Diener draußen den Aufruhr hörten, eilten sie sofort herein und geboten mit vereinten Kräften Ruhe. Sie fragten nach dem Grund für den Tumult, aber jeder erzählte etwas anderes. Also schimpfte Edelstein Pflaume erst einmal Mingyuan und seine drei Kameraden gründlich aus und jagte sie hinaus.

Qin Zhongs Kopf war inzwischen mit Goldruhms Bambusprügel in Berührung gekommen — eine Schicht Haut war abgeschürft. Schatzjade tupfte ihm gerade mit seinem Rockschoß die Wunde ab. Als er sah, dass die Menge zur Ruhe gebracht worden war, befahl er: „Edelstein Pflaume, pack die Bücher zusammen! Bring mein Pferd, ich reite nach Hause und erstatte dem gnädigen Herrn Bericht! Man hat uns beleidigt, und als wir uns in aller Form bei Herrn Glücksstein Kaufmann beschwerten, gab er uns die Schuld. Er ließ zu, dass man uns beschimpft, und stachelte die anderen sogar noch an, unseren Mingyuan zu verprügeln. Selbst Liebglocke Minne haben sie den Kopf aufgeschlagen — wozu soll ich hier noch weiter studieren? Mingyuan hat sich doch nur eingemischt, weil ich beleidigt worden war. Am besten lösen wir die Schule gleich auf!"

Edelstein Pflaume redete ihm zu: „Nicht so voreilig, junger Herr! Wenn der gnädige Herr des Hauses wegen einer Angelegenheit schon nach Hause gegangen ist und Ihr ihn jetzt wegen einer solchen Lappalie behelligt, sehen wir schlecht aus. Meiner Meinung nach ist es am besten, solche Dinge gleich an Ort und Stelle zu regeln, anstatt den gnädigen Herrn damit zu beunruhigen. — Und was Euch betrifft, Herr Glücksstein Kaufmann: Wenn Euer Großvater nicht da ist, seid Ihr hier der Aufseher — alle richten sich nach Eurem Vorbild. Wenn sich jemand etwas zuschulden kommen lässt, dann bestraft ihn mit Schlägen oder Strafen, wie es sich gehört. Wie konntet Ihr es zulassen, dass so ein Tumult ausbricht, ohne einzugreifen?"

Glücksstein Kaufmann verteidigte sich: „Ich habe ja geschrien, aber keiner hat auf mich gehört."

Edelstein Pflaume erwiderte lächelnd: „Nehmt es mir nicht übel, aber für gewöhnlich benehmt Ihr Euch selbst nicht gerade untadelig — deshalb hören sie auch nicht auf Euch. Wenn der Skandal jetzt bis zum gnädigen Herrn durchsickert, kommt auch Ihr nicht ungeschoren davon. Also überlegt lieber schnell, wie die Sache beizulegen ist!"

„Was heißt hier beilegen?" wandte Schatzjade ein. „Ich gehe auf jeden Fall und erstatte Bericht!"

Und Liebglocke Minne sagte unter Tränen: „Solange Goldruhm hier ist, besuche ich diese Schule nicht mehr!"

Schatzjade fragte: „Warum auch? Wenn die anderen hier herkommen dürfen, können wir das auch! Ich werde allen die Wahrheit berichten und dafür sorgen, dass Goldruhm hinausgeworfen wird." Dann wandte er sich an Edelstein Pflaume: „Über welchen Familienzweig ist Goldruhm eigentlich mit uns verwandt?"

Edelstein Pflaume überlegte kurz und sagte dann: „Das solltet Ihr lieber nicht fragen, sonst gibt es noch mehr böses Blut unter euch jungen Herren."

Da rief Mingyuan von draußen durchs Fenster: „Er ist der Neffe von Frau Huang Kaufmann aus der Ostgasse — und so einer will sich aufspielen und uns Angst einjagen! Seine Tante ist Herrn Huang Kaufmanns Frau. Und was macht die? Die rutscht ständig auf den Knien vor der Frau von Herrn Kette Kaufmann [贾琏] herum [d.i. Phönixglanz[20], 王熙凤] und bettelt sie an, ihr Sachen zum Versetzen zu leihen. Solche Herrschaften kann ich nur verachten!"

„Du verfluchtes kleines Biest!" schrie Edelstein Pflaume ihn an. „Musst ausgerechnet du von diesem Klatsch wissen und ihn auch noch breittreten!"

Schatzjade sagte mit höhnischem Lächeln: „Ich dachte, er sei mit wer weiß wem verwandt — und dabei ist er bloß ein Neffe der Frau von Vetter Huang! Mit der werde ich mal ein Wörtchen reden!"

Damit wollte er tatsächlich aufbrechen und befahl Mingyuan, hereinzukommen und die Bücher zusammenzupacken. Mingyuan gehorchte und sagte dabei vergnügt: „Warum wollt Ihr selbst hingehen, junger Herr? Ich gehe zu ihr und sage, die Herzoginmutter wolle sie etwas fragen. Dann miete ich einen Wagen, bringe sie her, und Ihr könnt sie vor der Herzoginmutter zur Rede stellen. Wäre das nicht einfacher?"

„Dass du verrecken mögest!" fuhr Edelstein Pflaume ihn an. „Warte nur, bis wir zu Hause sind — zuerst prügle ich dich durch, und dann berichte ich dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau, dass Schatzjade nur von dir aufgehetzt worden ist! Kaum habe ich ihn hier mit Müh und Not halbwegs beruhigt, kommst du wieder mit einer neuen Idee. Du hast die ganze Schule in Aufruhr versetzt, und anstatt nun für Ruhe zu sorgen, willst du die Sache noch größer machen!"

Erst jetzt wagte Mingyuan nicht mehr, den Mund aufzumachen.

Auch Glücksstein Kaufmann, der fürchtete, der Skandal könnte noch größere Kreise ziehen, und dessen Gewissen alles andere als rein war, musste sich herbeilassen, erst bei Liebglocke Minne und dann bei Schatzjade Abbitte zu leisten. Anfangs wollten die beiden nichts davon wissen, aber dann sagte Schatzjade: „Ich brauche es auch nicht zu melden, aber Goldruhm muss sich entschuldigen — erst dann ist die Sache erledigt!"

Goldruhm weigerte sich zunächst, doch zuletzt konnte er dem Druck von Glücksstein Kaufmann nicht mehr widerstehen. Auch Edelstein Pflaume und die anderen redeten ihm gut zu: „Du hast den Streit angefangen, also musst du ihm auch ein Ende machen!"

So konnte sich Goldruhm nicht länger sträuben und verbeugte sich vor Liebglocke Minne. Schatzjade aber war das noch nicht genug — er bestand auf einem Kotau. Glücksstein Kaufmann, dem vor allem daran lag, die Angelegenheit beizulegen, redete Goldruhm leise zu: „Das Sprichwort sagt: ‚Beim Töten genügt es, wenn der Kopf den Boden berührt' — mehr kann man nicht verlangen. Du hast dir selbst die Suppe eingebrockt, da musst du wohl oder übel deinen Stolz herunterschlucken. Mach einen Kotau, und der Fall ist erledigt!"

Goldruhm blieb keine andere Wahl. Er trat vor und berührte vor Liebglocke Minne mit der Stirn den Boden.

Doch wollen wir nun hören, wie es im nächsten Kapitel weitergeht.

  1. Chin. 秦业 Qín Yè. 业 yè „Gewerbe/Beruf“. Vater von Liebglocke Minne und Anmutig Minne.
  2. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz".
  3. Chin. 秦钟 Qín Zhōng, wörtl. „Qin-Glocke".
  4. Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die Betörende".
  5. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die greise Matriarchin der Familie Kaufmann.
  6. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann/Gerecht", Schatzjades strenger Vater.
  7. Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster", eine von Schatzjades Dienerinnen.
  8. Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond", eine von Schatzjades Dienerinnen.
  9. Chin. 李贵 Lǐ Guì. 贵 guì „kostbar/edel“. Schatzjades Diener.
  10. Edelstein Pflaumes Zitat ist eine **komische Falsch-Erinnerung**: Er meint vermutlich das berühmte Eröffnungsgedicht des 小雅 Xiǎoyǎ aus dem 诗经 Shījīng, „鹿鸣" Lùmíng „Hirschgesang": 呦呦鹿鸣,食野之苹 yōuyōu lùmíng, shí yě zhī píng „Jau-jau schreien die Hirsche, sie fressen das Beifuß-Kraut der Wildnis". Das Original spricht von 苹 píng „Beifuß" (Artemisia), 蒿 hāo „Wermut" und 芩 qín „Schilfrohr" — allesamt unscheinbare Wildkräuter, die Sinnbild der ehrenwerten Bescheidenheit waren (das Lied feiert das Gastmahl, das ein gerechter Herr seinen Beamten gewährt). Edelstein Pflaume verwechselt das mit „Lotosblätter und Entengrütze" (荷叶莲蓬) — botanisch unmöglich, literarisch absurd, ein klassisches Beispiel der konfuzianischen Schul-Inkompetenz, über die Jia Zheng und seine Schützlinge nicht umhin können zu lachen.
  11. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Jade in Kajal-Schwarz".
  12. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Haarspange".
  13. 义学 yìxué „Wohltätigkeits-Schule" oder 家塾 jiāshú „Familien-Schule" — in Aristokratie und reicher Beamtenfamilie der Qing-Zeit institutionalisierte Bildungs-Einrichtung der Sippe (族 zú): wohlhabende Sippenmitglieder finanzierten den gemeinsamen Hauslehrer, an dem alle Söhne der Sippe — auch die ärmeren — lernen konnten. Diese Solidarität sollte den Aufstieg der gesamten 宗 zōng (Geschlecht) durch Beamtenprüfungen sichern und den Sippenverband zusammenhalten. Die Verfallserscheinungen der Jia-Familienschule (homoerotische Verstrickungen, Lehrer-Vetternwirtschaft, Disziplinlosigkeit) symbolisieren den moralischen Niedergang der Sippe und zugleich den Niedergang der konfuzianischen Bildungs-Ideale.
  14. Chin. 薛蟠 Xuē Pán, der rohe, ungebildete Sohn der Tante Schnee.
  15. Chin. 贾瑞 Jiǎ Ruì, wörtl. „Glücksstein Kaufmann", Enkel des Schulmeisters.
  16. Chin. 金荣 Jīn Róng. 金 jīn „Gold“; 荣 róng „Ruhm“. Unruhestifter in der Schule.
  17. Chin. 贾蔷 Jiǎ Qiáng, wörtl. „Edelrose Kaufmann", ein gutaussehender junger Mann aus dem Stillfriede-Anwesen.
  18. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Stillfriede-Anwesen.
  19. Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann", Sohn von Seidenweiß Pflaume.
  20. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix im hellen Glanz".

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