Difference between revisions of "History of Sinology/de/Chapter 10"

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= Kapitel 10: Die Niederlande -- Von der VOC zu Leidens globaler Reichweite =
 
= Kapitel 10: Die Niederlande -- Von der VOC zu Leidens globaler Reichweite =
  
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== 1. Die Niederlaendische Ostindien-Kompanie und fruehe Kontakte ==
'''Uebersetzung in Bearbeitung'''
 
  
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Die niederlaendische Sinologie hat einen ganz eigenen Charakter. Anders als die franzoesische Tradition, die aus dem Boden der Jesuitenmissionen und der philosophischen Neugier der Aufklaerung erwuchs, oder die britische Tradition, die von protestantischem Missionseifer und den Beduerfnissen der Diplomatie gepraegt wurde, entstand die niederlaendische Sinologie aus dem kommerziellen Unternehmen der ''Verenigde Oost-Indische Compagnie'' (VOC) -- der Niederlaendischen Ostindien-Kompanie -- und aus der Kolonialverwaltung Niederlaendisch-Indiens. Diese merkantile und koloniale Genese verlieh der niederlaendischen Sinologie ein charakteristisches Interessenspektrum: das Studium der ueberseeischen chinesischen Gemeinschaften, der Sprachen und Braeuche Suedchinas und Suedostasiens sowie des sozialen und wirtschaftlichen Lebens der chinesischen Diaspora. Erst im zwanzigsten Jahrhundert trat die niederlaendische Sinologie vollstaendig in den Hauptstrom der europaeischen Chinastudien ein und wandte ihre Aufmerksamkeit von der chinesischen Peripherie auf das chinesische Zentrum.
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Die fruehesten niederlaendischen Berichte ueber China waren Produkte der Handelsschifffahrt. 1592 enthielt Waghenaers ''Schatz der Navigation'' Beobachtungen ueber China von Pomponius; 1595 bot Jan Huygen van Linschotens ''Reisebericht der Portugiesen nach dem Orient'' eine substantiellere Darstellung, die sowohl auf persoenlicher Erfahrung als auch auf portugiesischem Archivmaterial beruhte. Wie Zhang Xiping anmerkt, haben niederlaendische sinologische Historiker diese fruehen Reisenden als „Wanderer in einer Maerchenwelt und nicht als Kultiveure jungfraeulichen Bodens" charakterisiert -- Beobachter, die Wunder aufzeichneten, und nicht Gelehrte, die eine Zivilisation analysierten.<ref>David B. Honey, ''Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology'' (New Haven: American Oriental Society, 2001), Vorwort, xxii.</ref>
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Die Verwandlung von beilaeufiger Beobachtung zu systematischem Studium wurde durch die kommerziellen Beduerfnisse der VOC vorangetrieben, die im siebzehnten Jahrhundert Handelsniederlassungen in ganz Suedostasien errichtete, darunter an der Kueste Suedchinas und auf Taiwan. Der Wohlstand des chinesisch-niederlaendischen Handels erzeugte eine Nachfrage nach Sprachkompetenz und Kulturwissen, die die niederlaendischen Universitaeten schliesslich befriedigen sollten.
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Das siebzehnte Jahrhundert brachte eine Handvoll bemerkenswerter niederlaendischer Beitraege zum Studium Chinas hervor. 1628 stellte der niederlaendische Missionar Heurnius waehrend seiner Missionstaetigkeit auf Java ein chinesisch-niederlaendisch-lateinisches Woerterbuch zusammen. Professor Golius verfasste eine Abhandlung ueber den chinesischen Kalender. Vossius studierte chinesische Annalen. Und 1797 veroeffentlichte Houckgeest seinen Bericht ueber die Gesandtschaft der Niederlaendischen Ostindien-Kompanie an den chinesischen Kaiser 1794--1795. Diese Bemuehungen blieben jedoch vereinzelt und unsystematisch.<ref>Honey, ''Incense at the Altar'', Vorwort, x.</ref>
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Niederlaendische sinologische Historiker datieren den wahren Beginn ihrer Tradition auf das Jahr 1876, als Gustav Schlegel auf einen eigens geschaffenen Lehrstuhl fuer Sinologie an der Universitaet Leiden berufen wurde. Wie Zhang Xiping berichtet, ueberblickte Schlegel selbst in seiner Antrittsvorlesung am 27. Oktober 1877 den Stand der sinologischen Forschung in Europa und China und schloss, dass „die Niederlande mit der Einrichtung einer neuen Professur keineswegs hinter der Zeit zurueckgeblieben waren." Er stellte fest, dass fruehere Versuche, an anderen europaeischen Universitaeten Chinesischunterricht einzurichten, „von geringer Wirkung oder voellig nutzlos" gewesen seien und dass sogar in Frankreich, wo ein Lehrstuhl seit 1814 bestanden habe, „die Lage ziemlich aehnlich" gewesen sei.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, „Einführung in die westliche Sinologie", S. 165--168.</ref>
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== 2. Gustav Schlegel und die Leidener Tradition ==
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Gustav Schlegel (1840--1903) war ein ehemaliger Beamter der Niederlaendischen Ostindien-Kompanie, der in Indonesien und Fujian gedient hatte, wo er sowohl Mandarin als auch Hokkien lernte. Als Gelehrter bestand er auf dem Primat der unmittelbaren Auseinandersetzung mit chinesischen Texten -- seine beruehmte Maxime lautete „Einfach lesen, nicht mit Grammatik herumfummeln!" (''Alleen maar lezen, niets met grammatica te maken!'') -- ein Prinzip, das bis heute fuer die Leidener Schule charakteristisch geblieben ist.<ref>Peter K. Bol, „The China Historical GIS", ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020).</ref>
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Schlegels wissenschaftliche Interessen waren bemerkenswert breit. Er stellte ein vierbraendiges niederlaendisch-chinesisches Woerterbuch im Quanzhou-Dialekt zusammen (''Nederlandsch-Chineesch Woordenboek'', 1886--1890); veroeffentlichte Studien ueber die Himmels-und-Erde-Gesellschaft (''Thian Ti Hwui'', 1866) und die chinesische Astronomie (''Uranographie Chinoise'', 1875); und -- am folgenreichsten -- begruendete 1890 gemeinsam mit dem franzoesischen Bibliographen Henri Cordier das ''T'oung Pao''. Das ''T'oung Pao'', in englischer, franzoesischer und deutscher Sprache bei dem Leidener Verlag Brill erscheinend, wurde die aelteste und, nach allgemeinem Konsens, die massgeblichste sinologische Zeitschrift der Welt -- eine Position, die sie bis heute behauptet.<ref>Hilde De Weerdt, „MARKUS: Text Analysis and Reading Platform", in ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020); siehe auch den Leitfaden fuer Digital Humanities der University of Chicago Library.</ref>
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Die Gruendung des ''T'oung Pao'' war selbst eine bedeutende Leistung niederlaendisch-franzoesischer wissenschaftlicher Zusammenarbeit. Von Anfang an wurde die Zeitschrift von einem Leidener Professor und einem franzoesischen Sinologen gemeinsam herausgegeben -- eine Praxis, die bis heute fortbesteht. Unter ihren Herausgebern befanden sich Pelliot, Duyvendak, Demieéville, Zuercher und Gernet. Zhang Xiping stellt fest, dass die Zeitschrift „keine rein methodologischen Artikel oder rein theoretische Abhandlungen ohne neues dokumentarisches Beweismaterial oder Textanalyse auf Grundlage des klassischen Chinesisch statt fremdsprachiger Übersetzungen veroeffentlicht" -- ein Standard, der die philologische Strenge der Tradition widerspiegelt, die sie hervorgebracht hat.<ref>Tu Hsiu-chih, „DocuSky, A Personal Digital Humanities Platform for Scholars", ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020).</ref>
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Der von Schlegel geschaffene institutionelle Rahmen -- der Leidener Lehrstuhl, das ''T'oung Pao'', die Ausbildung von Dolmetschern fuer den Kolonialdienst -- setzte das Muster fuer die niederlaendische Sinologie der naechsten fuenfzig Jahre.
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== 3. J.J.M. de Groot -- Zwischen Leiden und Berlin ==
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Jan Jakob Maria de Groot (1854--1921) war Schlegels Schueler und in vielerlei Hinsicht sein geistiger Erbe. Wie sein Lehrer hatte De Groot in Niederlaendisch-Indien gedient, wo er ein bleibendes Interesse am religioesen und sozialen Leben der chinesischen Einwanderergemeinschaften Suedostasiens entwickelte.
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De Groots Hauptwerk, ''The Religious System of China'' (6 Baende, 1892--1910), war eine monumentale Studie der chinesischen Volksreligion, die auf Feldforschung unter den hokkiensprachigen Chinesen von Amoy (Xiamen) und den Überseechinesen Indonesiens beruhte. Seine weiteren bedeutenden Veroeffentlichungen umfassten ''Les fêtes annuellement célébrées à Émoui'' (Jaehrliche Feste der Chinesen von Amoy, 1886), ''Universismus'' (1918), ''Chinesische Urkunden zur Geschichte Asiens'' (1926) und ''Le code du Mahayana en Chine'' (1891). Er stellte auch eine bedeutende Sammlung von Artefakten zusammen, die sich auf die Volksbraeuche, Kleidung und Theatertraditionen der Minnan-Region beziehen und heute im Leidener Nationalen Voelkerkundemuseum aufbewahrt werden.<ref>Peter K. Bol und Wen-chin Chang, „The China Biographical Database", in ''Digital Humanities and East Asian Studies'' (Leiden: Brill, 2020).</ref>
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De Groots Karriere veranschaulicht eines der Unterscheidungsmerkmale der niederlaendischen Sinologie. Honey behandelt ihn in ''Incense at the Altar'' im Abschnitt ueber die deutsche Sinologie -- speziell als „Hollaender als Deutscher" --, weil De Groot 1912 Leiden verliess, um den Lehrstuhl fuer Chinesisch an der Universitaet Berlin anzunehmen, wo er bis zu seinem Tod wirkte.<ref>Siehe Kapitel 22 (Übersetzung) dieses Bandes ueber Herausforderungen der KI-Übersetzung.</ref> Dieser Wechsel spiegelte sowohl die internationale Mobilitaet der Sinologen des fruehen zwanzigsten Jahrhunderts als auch das Prestige des Berliner Lehrstuhls wider. Aber De Groots Ansatz -- die soziologische Erforschung der chinesischen Religion auf der Grundlage von Feldforschung unter ueberseeischen chinesischen Gemeinschaften -- war im Kern niederlaendisch, und sein Weggang von Leiden loeste eine lange Debatte ueber die kuenftige Ausrichtung der niederlaendischen Sinologie aus.
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Die Kernfrage war, ob Leiden weiterhin das Studium der ueberseeischen chinesischen Gemeinschaften in den niederlaendischen Kolonien -- die von Schlegel und De Groot begruendete Tradition -- in den Mittelpunkt stellen oder sich auf das Studium des eigentlichen China umorientieren sollte. Die Berufung von J.J.L. Duyvendak im Jahr 1919 entschied diese Debatte entschieden zugunsten des letzteren Weges.
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== 3b. A.F.P. Hulsewé und die chinesische Rechtsgeschichte ==
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Anthony François Paulus Hulsewé (1910--1993), der vierte Inhaber des Leidener Lehrstuhls fuer Chinesisch, studierte bei Duyvendak und spaeter in Peking und Kyoto. Urspruenglich beabsichtigte er, ueber das Recht der Tang-Dynastie zu arbeiten, aenderte jedoch seinen Kurs, als er erfuhr, dass Karl Buenger bereits eine Studie zu diesem Thema vorgelegt hatte, und wandte sich stattdessen dem Rechtssystem der Han-Dynastie zu. Seine Doktorarbeit, ''Remnants of Han Law'' (1955), und sein spaeteres ''Remnants of Ch'in Law'' (1985) etablierten ihn als die fuehrende westliche Autoritaet auf dem Gebiet der fruehen chinesischen Rechtsinstitutionen.
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Waehrend seiner zwanzigjaehrigen Amtszeit als Professor betreute Hulsewé Forschungsarbeiten zu einem ungewoehnlich breiten Themenspektrum -- fruehen chinesischen Buddhismus, mittelalterliche buddhistische Studien, klassische chinesische Erzaehlliteratur und marxistische Literaturtheorie in der Volksrepublik -- obwohl seine eigene Forschung auf die Rechts- und Institutionengeschichte der Qin- und Han-Zeit konzentriert blieb. Die Breite seiner Betreuungsinteressen spiegelte den geringen Umfang der niederlaendischen Sinologie wider, die von einem einzelnen Professor verlangte, ein bemerkenswert weites disziplinaeres Terrain abzudecken. Zhang Xiping stellt fest, dass diese vielfaeltigen Forschungsprojekte „neue wissenschaftliche Horizonte fuer die niederlaendische Sinologie eroeffneten und eine Riege von Forschungsspezialisten ausbildeten."
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== 4. J.J.L. Duyvendak und die Neuausrichtung der Leidener Sinologie ==
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Jan Julius Lodewijk Duyvendak (1889--1954) war De Groots Schueler, der nach einer Zeit im niederlaendischen diplomatischen Dienst (1912--1918) 1919 zum ausserordentlichen Professor fuer Sinologie in Leiden ernannt wurde. Seine Berufung markierte einen Wendepunkt in der Geschichte der niederlaendischen Sinologie.
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Duyvendak war der erste niederlaendische Sinologe, der den Schwerpunkt von Lehre und Forschung entschieden von den ueberseeischen chinesischen Gemeinschaften Niederlaendisch-Indiens auf China selbst verlagerte. Wie Zhang Xiping erlaeutert: „Das Studium der chinesischen Volksreligion und der Geheimgesellschaften wich dem Studium der klassischen chinesischen Philosophen und der chinesischen Staatsinstitutionen; die Betonung suedlicher Dialekte wie des Hokkien wich der Ausbildung in der Nationalsprache, ''guoyu''. Kurz gesagt, das Studium von Chinas ‚kleiner Tradition' wurde durch das Studium von Chinas ‚grosser Tradition' abgeloest."<ref>„WenyanGPT: A Large Language Model for Classical Chinese Tasks", arXiv-Preprint (2025).</ref>
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Diese Neuausrichtung war nicht bloss eine Frage persoenlicher Praeferenz. Sie spiegelte die politischen Transformationen des fruehen zwanzigsten Jahrhunderts wider -- den Sturz der Qing-Dynastie, den Aufstieg des chinesischen Nationalismus, den Wandel der niederlaendischen Kolonialverwaltung --, die einen neuen Typus des Chinaspezialisten erforderten: einen, der sich mit der chinesischen Mainstream-Gesellschaft und zeitgenoessischen politischen Entwicklungen auseinandersetzen konnte, nicht bloss mit den marginalen Gemeinschaften der kolonialen Peripherie.
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Duyvendak war der erste niederlaendische Sinologe, der sich fuer die Bewegung des Vierten Mai und die moderne chinesische Literatur interessierte; er machte Lu Xun und Hu Shi dem niederlaendischen Lesepublikum bekannt. Seine Veroeffentlichungen umspannten ein weites Spektrum: ''China tegen de Westerkim'' (China begegnet dem Westen, 1927), das Studien zum chinesischen Buchdruck, Wang Yangmings Philosophie und der Neuen Literaturbewegung vereinte; ''Wegen en gestalten der Chineesche geschiedenis'' (Wege und Gestalten der chinesischen Geschichte, 1935); und Übersetzungen des ''Tao Te Ching'' (1942) und des ''Buches des Herrn Shang'' (1928). Letzteres, eine Studie des legalistischen Philosophen Shang Yang, begruendete Duyvendaks internationalen Ruf als Philologe und Spezialist fuer vorqinzeitliches Denken.<ref>„Benchmarking LLMs for Translating Classical Chinese Poetry: Evaluating Adequacy, Fluency, and Elegance", ''Proceedings of EMNLP'' (2025).</ref>
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1930 wurde Duyvendak zum ordentlichen Professor befoerdert und hielt seine Antrittsvorlesung ueber „Geschichte und Konfuzianismus". Im selben Jahr wurde das Sinologische Institut (''Sinologisch Instituut'') in Leiden formell gegruendet, mit Duyvendak als erstem Direktor. Er begruendete auch die Leidener Reihe sinologischer Monographien, die bei Brill erscheint, die bis heute weiter aufgelegt wird und „die kollektive Leistung und wissenschaftliche Autoritaet der Leidener Sinologie repraesentiert."<ref>„A Multi Agent Classical Chinese Translation Method Based on Large Language Models", ''Scientific Reports'' 15 (2025).</ref>
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Waehrend der fuenfunddreissig Jahre von Duyvendaks Amtszeit in Leiden (1919--1954) wurde die niederlaendische Sinologie zutiefst von seiner Persoenlichkeit und seinen Interessen gepraegt. Er war ein international renommierter Gelehrter, der als Gastprofessor an der Columbia University wirkte und Studenten aus aller Welt anzog. Selbst waehrend des Zweiten Weltkriegs, als die Universitaet Leiden durch die deutsche Besatzung geschlossen wurde, unterrichtete er unter ausserordentlich schwierigen Bedingungen weiter. Seine Schueler brachten eine betraechtliche Zahl wichtiger Dissertationen hervor, von denen viele in der Leidener sinologischen Reihe veroeffentlicht wurden.<ref>Siehe z. B. Mark Edward Lewis und Curie Viragh, „Computational Stylistics and Chinese Literature", ''Journal of Chinese Literature and Culture'' 9, Nr. 1 (2022).</ref>
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Duyvendak spielte auch eine Rolle im institutionellen Leben der internationalen Sinologie. Seine Beteiligung am ''T'oung Pao'' -- er diente als dessen niederlaendischer Mitherausgeber -- staerkte die Position der Zeitschrift als fuehrende sinologische Publikation in Europa. Honey wuerdigt seinen Beitrag zur Redaktionspolitik des ''T'oung Pao'' in einer Erörterung von Pelliots Zusammenarbeit mit der Zeitschrift.<ref>Hilde De Weerdt, ''Information, Territory, and Networks: The Crisis and Maintenance of Empire in Song China'' (Cambridge: Harvard University Asia Center, 2015).</ref>
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== 5. Robert van Gulik -- Diplomat, Romancier, Sinologe ==
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Robert Hans van Gulik (1910--1967) war der farbenreichste und vielleicht der am weitesten bekannte niederlaendische Sinologe des zwanzigsten Jahrhunderts. Als Berufdiplomat, der in Tokio, Chongqing, Nanjing, Washington, Neu-Delhi, Beirut, Kuala Lumpur und schliesslich als Botschafter in Japan diente, verband Van Gulik seine offiziellen Pflichten mit einer ausserordentlich produktiven wissenschaftlichen und literarischen Karriere.
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Van Gulik wurde in Zutphen geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Niederlaendisch-Indien. Er studierte Chinesisch in Leiden, erwarb aber seinen Doktortitel in Utrecht mit einer Dissertation ueber ein indisches Thema. Seine intellektuellen Interessen waren grenzenlos: Er beherrschte fliessend Chinesisch, Japanisch, Sanskrit und mehrere andere Sprachen; er spielte die chinesische ''Guqin'' (siebensaitige Zither); er uebte chinesische Kalligraphie und Siegelschnitzerei; er sammelte chinesische Antiquitaeten, darunter seltene ''Qin''-Partituren und Holzschnittdruckromane der Ming-Dynastie; und er hielt einen Gibbon als Haustier.<ref>China-Princeton Digital Humanities Workshop 2025 (chinesedh2025.eas.princeton.edu).</ref>
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Seine wissenschaftlichen Veroeffentlichungen deckten ein erstaunliches Spektrum ab. Sein ''The Lore of the Chinese Lute'' (''Qin dao'', 1940) ist nach wie vor die massgebliche westliche Studie zur ''Guqin''-Tradition. ''Siddham: An Essay on the History of Sanskrit Studies in China and Japan'' (1956) erforschte die Übertragung indischen Wissens nach Ostasien. Sein ''T'ang-yin-pi-shih: Parallel Cases from Under the Pear-Tree'' (1956) war eine Übersetzung und Studie eines chinesischen Handbuchs der Rechtsprechung aus dem dreizehnten Jahrhundert. Seine Studie zu Mi Fus ''Yanshi'' (Geschichte des Tuschsteins, 1938) und sein ''Chinese Pictorial Art as Viewed by the Connoisseur'' (1958) zeigten seine Expertise in chinesischer Kunst und materieller Kultur.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 54--60.</ref>
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Van Guliks umstrittenste wissenschaftliche Werke waren seine Studien zur chinesischen Sexualkultur: ''Erotic Colour Prints of the Ming Period'' (''Mi xi tu kao'', 1951, privat gedruckt in Tokio in einer Auflage von fuenfzig Exemplaren) und ''Sexual Life in Ancient China'' (''Zhongguo gudai fang nei kao'', 1961). Diese Werke, bahnbrechend in ihrer Offenheit und auf seltenen Primaerquellen beruhend, etablierten Van Gulik als Gruenderfigur der westlichen Erforschung chinesischer Sexualitaet. Zhang Xiping merkt an, dass sein Interesse an diesem Thema durch seine Entdeckung spaetmingzeitlicher erotischer Drucke waehrend seiner Sammlertaetigkeit geweckt wurde -- „eine kuehne Tat in der konservativen Aera, in der er lebte."<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 96--97, unter Berufung auf Li Xueqin.</ref>
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Van Guliks Bekanntheit bei nichtspezialisierten Lesern beruht jedoch auf seiner Reihe von siebzehn Kriminalromanen mit Richter Di (Di Renjie), einem Magistraten des siebten Jahrhunderts. Inspiriert durch seine Übersetzung des chinesischen Kriminalromans ''Di gong an'' aus dem achtzehnten Jahrhundert (1949), schrieb Van Gulik die Richter-Di-Geschichten auf Englisch, uebersetzte einige von ihnen selbst ins Chinesische und Japanische und illustrierte sie im Stil traditioneller chinesischer Holzschnittdrucke. In den 1950er und 1960er Jahren veroeffentlicht, waren die Romane Bestseller, die in Zeitungen als Fortsetzungsromane erschienen, fuer das Fernsehen adaptiert und in Dutzende von Sprachen uebersetzt wurden. Sie sind bis heute lieferbar und fuehren westliche Leser weiterhin in die chinesische Rechtskultur, soziale Gepflogenheiten und aesthetische Empfindungen ein.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 102--113.</ref>
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Was Van Gulik von vielen Orientalisten unterschied, war die Tiefe seiner persoenlichen Auseinandersetzung mit den Kulturen, die er studierte. Er analysierte die chinesische Kultur nicht bloss aus wissenschaftlicher Distanz; er lebte sie. Er spielte die ''Guqin'' auf einem Niveau, das die Bewunderung chinesischer Kenner gewann; er uebte Kalligraphie und Siegelschnitzerei als Kuenste und nicht als akademische Uebungen; er schrieb die Richter-Di-Romane in einem Stil, der klassische chinesische literarische Konventionen mit westlicher Erzaehltechnik verband. Seine Sammlung chinesischer Antiquitaeten -- insbesondere seine ''Qin''-Partituren und mingzeitlichen Holzschnittdruckromane -- wurde mit dem Auge des Kenners ebenso wie des Gelehrten zusammengetragen. Zhang Xiping beobachtet, dass Van Guliks Zugang zur chinesischen Kultur von einem „intensiven Interesse an den Geschmaeckern und Vergnuegungen des traditionellen chinesischen Literaten" (''对中国传统文人的雅兴和嗜好有浓厚的兴趣'') gepraegt war, das ihn unter den westlichen Sinologen einzigartig machte.
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Sein letztes veroeffentlichtes Werk, ''The Gibbon in China'' (''Changbi yuan kao'', 1967), war eine charakteristisch exzentrische Studie ueber den Gibbon in der chinesischen Literatur und Kunst -- ein passender Abschluss einer Karriere, die von der Sanskrit-Philologie ueber chinesische Erotik bis zum Kriminalroman gereicht hatte. Van Gulik starb 1967 in Den Haag im Alter von siebenundfuenfzig Jahren; seine diplomatische Karriere war durch Krankheit vorzeitig beendet worden.
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Van Guliks Sammlung chinesischer Buecher, darunter viele seltene Ausgaben, wurde dem Leidener Sinologischen Institut vermacht. Zhang Xiping beobachtet, dass „seine Gelehrsamkeit und Vielseitigkeit viele westliche Sinologen in Erstaunen versetzte und die Bewunderung selbst der gelehrtesten chinesischen Wissenschaftler gewann."<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 114--117.</ref>
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== 6. Wilt Idema und die literarische Sinologie ==
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Die Nachkriegszeit erlebte eine Bluete der literarischen Sinologie in Leiden, die der niederlaendischen Schule eine internationale Bedeutung im Studium der chinesischen Literatur verlieh, die sie zuvor nicht besessen hatte.
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Bevor wir uns den literarischen Studien zuwenden, sei der Beitrag von Erik Zuercher (1928--2008) erwaehnt, der den Lehrstuhl fuer ostasiatische Geschichte in Leiden von 1962 bis 1993 innehatte und als Mitherausgeber des ''T'oung Pao'' diente. Seine Doktorarbeit, ''The Buddhist Conquest of China'' (1959), war eine bahnbrechende Studie ueber die Ausbreitung und Anpassung des Buddhismus im fruehmittelalterlichen China, die sein Interesse an den Prozessen zeigte, durch die die chinesische Zivilisation fremde intellektuelle Systeme absorbierte und transformierte -- ein Thema, das er spaeter auf die Jesuitenmission und, in unveroeffentlichten Arbeiten, auf den Marxismus ausdehnte. Zuercher gruendete auch das Dokumentationszentrum fuer das zeitgenoessische China in Leiden (1969) und war Pionier in der Verwendung visueller historischer Materialien in der Lehre.<ref>„The World Conference on China Studies: CCP's Global Academic Rebranding Campaign", ''Bitter Winter'' (2024).</ref>
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Wilt Lukas Idema (geboren 1944) war der erste niederlaendische Sinologe, der die klassische chinesische Literatur zum primaeren Schwerpunkt seiner Forschung machte. Durch die Lektuere von Van Guliks Richter-Di-Romanen in jungen Jahren inspiriert, studierte er Chinesisch in Leiden und absolvierte sein Aufbaustudium an der Universitaet Kyoto bei Tanaka Kenji, wo er Yuan-Drama und volkssprachliche Erzaehlliteratur studierte. Nach seiner Rueckkehr nach Leiden 1970 wurde er 1975 zum Professor ernannt und diente ab 1978 als Vorsitzender und Direktor des Sinologischen Instituts.<ref>Honey, ''Incense at the Altar'', Vorwort, xxii.</ref>
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Idemas wissenschaftliche Produktion war gewaltig und vielfaeltig. Seine Doktorarbeit ueber fruehe chinesische volkssprachliche Erzaehlliteratur begruendete seine Expertise in der ''Huaben''-Tradition. Seine vergleichenden Studien der ''Shijingshan tang huaben'' und der ''Sanyan''-Sammlungen beleuchteten die Editionspraktiken von Feng Menglong. Zu seinen bedeutendsten englischsprachigen Veroeffentlichungen gehoert ''Chinese Theater 1100--1450: A Source Book'' (gemeinsam mit Stephen H. West), eine monumentale Anthologie, die Übersetzungen von fuenf vollstaendigen ''Zaju''-Stuecken und umfangreiche Dokumentation zum sozialen Kontext der Theaterauffuehrung enthielt.<ref>„Academic Freedom and China", AAUP-Bericht (2024); ''Sinology vs. the Disciplines, Then &amp; Now'', China Heritage (2019).</ref>
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Zhang Xiping betont Idemas methodologische Eigenstaendigkeit. Anders als Gelehrte, die das chinesische Drama primaer ueber den literarischen Text (''quwen'') studierten, bestand Idema auf der Bedeutung von Regieanweisungen, Dialogen und Auffuehrungskontext -- ein Ansatz, der durch seine eigene jugendliche Erfahrung des Schreibens und Auffuehrens von Stuecken und durch seine soziologische Ausbildung in Japan gepraegt war. Er argumentierte, dass dramatische Texte fuer die Auffuehrung geschrieben wurden, nicht fuer die private Lektuere, und dass das Verstaendnis von Drama Aufmerksamkeit fuer die Darsteller erfordere -- „die Menschen, die Geschichten und Stuecken wirklich Lebenskraft verliehen."<ref>„They Don't Understand the Fear We Have: How China's Long Reach of Repression Undermines Academic Freedom at Australia's Universities", Human Rights Watch (2021).</ref>
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Idema nahm auch seine Verpflichtung ernst, die chinesische Kultur dem niederlaendischen Publikum zugaenglich zu machen. Gemeinsam mit Lloyd Haft verfasste er eine niederlaendischsprachige Geschichte der chinesischen Literatur (''Chinese Letterkunde''), die spaeter ins Englische uebersetzt wurde. Er uebersetzte systematisch klassische chinesische Lyrik, Erzaehlliteratur und Dramatik ins Niederlaendische -- Werke von Li Bai, Du Fu, Bai Juyi, Geschichten aus den ''Sanyan'' und dem ''Liaozhai'' sowie fuenf Yuan-''Zaju''-Stuecke --, was ihn zum produktivsten Übersetzer chinesischer Literatur in die niederlaendische Sprache machte.<ref>Kubin, ''Hanxue yanjiu xin shiye'', Kap. 7, S. 100--111.</ref>
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Idemas Bedeutung geht ueber seine einzelnen Veroeffentlichungen hinaus und umfasst die methodologische Neuausrichtung, die er im Studium der chinesischen Literatur in Leiden bewirkte. Sein Bestehen darauf, dass chinesisches Drama und volkssprachliche Erzaehlliteratur als darstellende Kuenste verstanden werden muessen -- nicht bloss als literarische Texte -- stellte die textzenrierten Ansaetze in Frage, die sowohl die chinesische als auch die westliche Forschung dominiert hatten. Er argumentierte, dass das Verhaeltnis zwischen verschiedenen Gattungen -- die gemeinsamen Handlungen, die Drama, Erzaehlliteratur und Erzaehlgesang (''shuochang'') teilten -- nur durch Beachtung der sozialen Kontexte der Auffuehrung verstanden werden koenne. Warum nahm dieselbe Geschichte in einem ''Zaju''-Stueck und in einer ''Huaben''-Erzaehlung unterschiedliche Formen an? Lag der Unterschied an den Anforderungen verschiedener Gattungen oder an Unterschieden in den ideologischen Ueberzeugungen der Autoren? Diese Fragen, denen Idema ueber seine gesamte Karriere nachging, brachten das Studium der chinesischen Literatur in einen produktiven Dialog mit Auffuehrungswissenschaft, Anthropologie und Soziologie.
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Als Übersetzer verband Idema wissenschaftliche Strenge mit einer ungewoehnlichen Sensibilitaet fuer die Anforderungen der Lesbarkeit. Seine niederlaendischen Übersetzungen des ''Shijing'', von Gedichten Li Bais, Du Fus, Bai Juyis, Du Mus und Li Shangyins sowie von Geschichten aus dem ''Liaozhai zhiyi'' machten die klassische chinesische Literatur erstmals wirklich fuer niederlaendische Leser zugaenglich. Er verfasste auch die erste niederlaendischsprachige Geschichte der chinesischen Literatur (''Chinese Letterkunde''), spaeter auf Englisch als ''A Guide to Chinese Literature'' (1997) veroeffentlicht, ein Werk, das sowohl Spezialisten als auch allgemeine Leser ansprach.
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Um Idema herum nahm eine eigenstaendige Schule der literarischen Sinologie in Leiden Gestalt an. Lloyd Haft spezialisierte sich auf moderne chinesische Lyrik, insbesondere das Werk von Bian Zhilin und Feng Zhi. Michel Hockx studierte literarische Gesellschaften der Republikzeit. Maghiel van Crevel wurde die fuehrende westliche Autoritaet fuer zeitgenoessische chinesische „Nebeldichtung" (''menglong shi''), mit besonderem Schwerpunkt auf dem Dichter Duo Duo. Koos Kuiper uebersetzte chinesische Filme; Agnes Schroeder studierte Suzhous Berglieder; und andere verfolgten Forschungen zu Puppentheater, populaerer Erzaehlliteratur und Frauenschrift (''nüshu''). Zhang Xiping beschreibt diese Gruppe als Schöpferin „einer reichen und pluralistischen Forschungslandschaft", die „alle Epochen und Gattungen der chinesischen Literatur -- antike, moderne und zeitgenoessische -- umfasste und dabei sowohl Mainstream als auch Marginalitaet, Individuelles und Kollektives, Textuelles und Performatives" abdeckte.<ref>Thomas Michael, „Heidegger's Legacy for Comparative Philosophy and the Laozi", ''International Journal of China Studies'' 11, Nr. 2 (2020): 299.</ref>
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== 7. Zeitgenoessische niederlaendische Sinologie ==
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Ein eigenstaendiger Strang der Leidener Sinologie widmete sich der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Chinas und der chinesischen Diaspora. Eduard B. Vermeer, Direktor des Dokumentationszentrums fuer das moderne China, verband das Studium chinesischer historischer Bewaesserungssysteme (''Water Conservancy and Irrigation in China'', 1977) mit Forschungen zur zeitgenoessischen provinziellen wirtschaftlichen Entwicklung und zur Lokalgeschichte, wie sie sich in Steininschriften aus Fujian offenbarte. Harriet Zurndorfer spezialisierte sich auf die soziooekomonische Geschichte von Huizhou und der Huizhou-Kaufleute und legte eine grosse Studie ueber Kontinuitaet und Wandel in dieser Region von 800 bis 1800 vor. Frank Pieke, in Anthropologie an den Universitaeten Amsterdam und Berkeley ausgebildet, fuehrte bahnbrechende Feldforschungen zu den chinesischen Gemeinschaften der Niederlande und zur Transformation chinesischer sozialer Netzwerke vom ''Danwei''-System (Arbeitseinheit) hin zu individueller Handlungsfaehigkeit waehrend der Reformaera durch -- Forschungen, die ihn von den Niederlanden in die Provinz Hebei und schliesslich auf eine Professur in Oxford fuehrten.
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Die Gruppe fuer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte setzte somit in modifizierter Form die Leidener Tradition der Aufmerksamkeit fuer die nicht-elitaere chinesische Gesellschaft und die ueberseeische chinesische Diaspora fort -- eine Tradition, die auf Schlegel und De Groot zurueckreichte, nun aber mit der theoretischen Raffinesse moderner Sozialwissenschaft betrieben wurde.
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Obwohl Schipper (1934--2021) einen Lehrstuhl an der École Pratique des Hautes Études in Paris innehatte, bevor er nach Leiden kam, machen seine niederlaendische Staatsangehoerigkeit und seine tiefe Verbundenheit mit Leidens intellektuellem Leben ihn auch zu einer Figur der niederlaendischen Sinologie. Seine achtjaehrige Ordination als daoistischer Priester auf Taiwan -- wo er unter dem Religionsnamen Shi Ding Qing praktizierte -- verschaffte ihm ein Insiderwissen ueber daoistische Rituale, das kein rein textorientierter Gelehrter haette erlangen koennen. Sein monumentales ''Projet Tao-tsang'', ein analytischer Katalog des gesamten daoistischen Kanons, bezog Gelehrte aus sieben europaeischen Laendern ein und wurde von der Europaeischen Wissenschaftsstiftung unterstuetzt.<ref>Steven Burik, ''The End of Comparative Philosophy and the Task of Comparative Thinking: Heidegger, Derrida, and Daoism'' (Albany: SUNY Press, 2009).</ref>
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Leonard Blussé (geboren 1946), Historiker an Leidens Fakultaet fuer Geschichte, hat seine Karriere dem Studium der chinesisch-niederlaendischen Beziehungen, der ueberseeischen chinesischen Gemeinschaften Suedostasiens und der VOC-Archive gewidmet. Zu seinen Werken zaehlen ''Strange Company: Chinese Settlers, Mestizo Women and the Dutch in VOC Batavia'' (1986), Studien ueber die niederlaendische Gesandtschaft nach China und das umfangreiche editorische Projekt der Veroeffentlichung der VOC-Taiwan-Archive. Er hat auch die Katalogisierung einer grossen Sammlung chinesischer Handelsdokumente aus Indonesien organisiert, darunter Vertraege, Clan-Aufzeichnungen und Geschaeftskorrespondenz -- Primaerquellen von ausserordentlichem Wert fuer das Studium der Geschichte der chinesischen Diaspora.<ref>David L. Hall und Roger T. Ames, ''Thinking Through Confucius'' (Albany: SUNY Press, 1987), Vorwort.</ref>
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Tony Saich (geboren 1953), obwohl er spaeter an Harvards Kennedy School wechselte, wurde in Leiden ausgebildet und trug zur niederlaendischen Tradition des Studiums zeitgenoessischer chinesischer Politik bei. Seine Doktorarbeit ueber die Urspruenge der ersten Einheitsfront der Kommunistischen Partei Chinas, die auf Archivforschungen ueber den Komintern-Agenten Sneevliet (Maring) beruhte, wurde als ''The Origins of the First United Front in China'' (1991) veroeffentlicht.<ref>François Jullien, ''Detour and Access: Strategies of Meaning in China and Greece'' (New York: Zone Books, 2000); vgl. „China as Method: Methodological Implications of François Jullien's Philosophical Detour through China", ''Contemporary French and Francophone Studies'' 28, Nr. 1 (2024).</ref>
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In den 1990er Jahren war das Leidener Sinologische Institut auf ueber dreissig Dozenten und mehr als dreihundert Studenten angewachsen und besass eine der groessten chinesischsprachigen Bibliotheken in Westeuropa. Vier Vollprofessuren deckten Literatur (Idema), Geschichte und Religion (Schipper, spaeter andere), Linguistik (Liang Zhaobing) und zeitgenoessische chinesische Politik und Verwaltung ab. Ein Dokumentationszentrum fuer das moderne China, urspruenglich 1969 von Zuercher gegruendet, stellte Ressourcen fuer das Studium des zeitgenoessischen China bereit.<ref>Wolfgang Kubin, ''Hanxue yanjiu xin shiye'' (Guilin: Guangxi shifan daxue chubanshe, 2013), Kap. 11, S. 194--195.</ref>
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Ein Unterscheidungsmerkmal der Leidener Sinologie ab den 1970er Jahren war ihr Engagement fuer die Modernisierung des chinesischen Sprachunterrichts. Liang Zhaobing (geboren 1936), ein auf Taiwan geborener Linguist mit Ausbildung in mehreren Disziplinen -- Englische Literatur, Medizin, Anthropologie, Linguistik, Psycholinguistik und Informatik --, wurde 1986 zum Professor fuer angewandte chinesische Linguistik berufen. Vor seiner Ankunft hatte Leiden die traditionelle niederlaendische Praxis befolgt, Chinesisch primaer anhand klassischer Texte zu unterrichten. Unter Liangs Leitung wurde ein modernes Curriculum fuer den chinesischen Sprachunterricht eingefuehrt, einschliesslich eines Studienjahres in China oder Taiwan fuer Studierende im vierten Jahr, das die praktische Sprachkompetenz der Leidener Absolventen grundlegend veraenderte. Zhang Xiping stellt fest, dass Liangs Innovationen „den Weg in eine neue Richtung fuer den chinesischen Sprachunterricht weltweit wiesen" und dass das fliessende, standardmaessige Mandarin, das die juengere Generation niederlaendischer Sinologen -- Maghiel van Crevel, Michel Hockx und andere -- sprach, ein direktes Ergebnis seiner paedagogischen Reformen war.
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Liang nahm auch an internationalen psycholinguistischen Forschungsprojekten teil, arbeitete mit Gelehrten aus ganz Europa an der Erforschung des Zweitspracherwerbs zusammen und bildete mehrere Doktoranden aus, die zu Spezialisten fuer Psycholinguistik und chinesische Sprachpaedagogik wurden.
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Das ''T'oung Pao'' bleibt mehr als 130 Jahre nach seiner Gruendung ein Monument niederlaendischer sinologischer Unternehmung und niederlaendisch-franzoesischer wissenschaftlicher Zusammenarbeit. Bei Brill in Leiden verlegt, gemeinsam von einem niederlaendischen und einem franzoesischen Gelehrten herausgegeben und Beitraege in englischer, franzoesischer und deutscher Sprache annehmend, hat es seine Position neben dem ''Harvard Journal of Asiatic Studies'' und dem ''Journal of Asian Studies'' als eine der drei massgeblichsten sinologischen Zeitschriften der Welt behauptet. Seine redaktionellen Standards -- das Bestehen auf originalem dokumentarischem Beweismaterial, die Forderung, dass Textanalysen auf klassischem Chinesisch und nicht auf Übersetzungen beruhen muessen, die Weigerung, rein theoretische oder methodologische Artikel zu veroeffentlichen -- verkoerpern die philologischen Prinzipien, die die europaeische sinologische Tradition seit ihren Anfaengen gekennzeichnet haben.<ref>Bryan W. Van Norden, ''Taking Back Philosophy: A Multicultural Manifesto'' (New York: Columbia University Press, 2017).</ref>
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Einer der bedeutendsten -- wenn auch oft uebersehenen -- Beitraege der niederlaendischen Nachkriegssinologie war die Umgestaltung der chinesischen Sprachpaedagogik. Unter der Leitung von Liang Zhaobing entwickelte Leiden eines der effektivsten Programme fuer den chinesischen Sprachunterricht in Europa. Das Programm kombinierte intensiven Praesenzunterricht in modernem Chinesisch mit einem obligatorischen Studienjahr in China oder Taiwan -- eine Anforderung, die bei ihrer Einfuehrung in den 1980er Jahren revolutionaer war, seitdem aber an fuehrenden sinologischen Institutionen weltweit zur Standardpraxis geworden ist.
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Die Ergebnisse waren eindrucksvoll. Waehrend fruehere Generationen niederlaendischer Sinologen oft mit dem gesprochenen Chinesisch zu kaempfen hatten -- Schlegels Maxime „Einfach lesen, nicht mit Grammatik herumfummeln" spiegelte eine Aera wider, in der das Lesen klassischer Texte die primaer geforderte Faehigkeit war --, konnte die Post-Liang-Generation Mandarin mit einer Gewandtheit sprechen, die ihre chinesischen Gespraechspartner in Erstaunen versetzte. Diese praktische Kompetenz oeffnete neue Tueren fuer Feldforschung, Archivrecherche und wissenschaftlichen Austausch und stellte sicher, dass die niederlaendische Sinologie in einer Aera wettbewerbsfaehig blieb, in der chinesische Sprachkompetenz zunehmend als selbstverstaendlich vorausgesetzt wurde.
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Die Integration psycholinguistischer Forschung in den Sprachunterricht war eine besondere Staerke des Leidener Programms. Liangs Teilnahme an internationalen Forschungsprojekten zum Zweitspracherwerb, die am Max-Planck-Institut fuer Psycholinguistik durchgefuehrt wurden und Gelehrte aus ganz Europa einbezogen, brachte die neuesten Erkenntnisse der Kognitionswissenschaft in die praktischen Herausforderungen des Chinesischunterrichts fuer westliche Studenten ein. Diese Verbindung von theoretischer Raffinesse und paedagogischer Wirksamkeit war charakteristisch fuer den niederlaendischen Ansatz -- praktisch, ohne bloss utilitaristisch zu sein, theoretisch informiert, ohne abstrakt akademisch zu sein.
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Die Geschichte der niederlaendischen Sinologie offenbart ein eigenstaendiges Muster. Aus den kommerziellen und kolonialen Anliegen der VOC geboren, konzentrierte sie sich anfangs auf die chinesischen Gemeinschaften der „maritimen Peripherie" -- die Überseechinesen Niederlaendisch-Indiens, die dialektsprachigen Bevoelkerungen von Fujian und Guangdong, die Volksbraeuche und Geheimgesellschaften Suedostasiens. Unter Duyvendak wurde sie bewusst auf die „grosse Tradition" der chinesischen Zivilisation umorientiert -- die klassischen Philosophen, die Staatsinstitutionen, die Nationalsprache. Unter Zuercher, Idema, Schipper und ihren Kollegen erreichte sie eine internationale Bedeutung im Studium chinesischer Religion, Literatur und Geschichte, die in keinem Verhaeltnis zur geringen Groesse des Landes und seiner Gelehrtengemeinschaft stand.
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Zwei Merkmale unterscheiden die niederlaendische Tradition von ihren Nachbarn. Das erste ist das Bestehen der Leidener Schule auf der unmittelbaren Auseinandersetzung mit chinesischen Texten -- Schlegels Aufforderung „Einfach lesen" --, ein Prinzip, das ueber fuenf Gelehrtengenerationen hinweg aufrechterhalten wurde und die niederlaendische Sinologie mit der philologischen Strenge der franzoesischen Tradition in Einklang bringt. Das zweite ist die Aufmerksamkeit fuer nicht-elitaere, nicht-kanonische und „periphere" Dimensionen der chinesischen Zivilisation -- Volksreligion, ueberseeische Gemeinschaften, volkssprachliche Literatur, populaere Auffuehrung --, die die kolonialen Urspruenge der niederlaendischen Tradition widerspiegelt, sich aber auch als Quelle wissenschaftlicher Kreativitaet erwiesen hat.
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Wie Zhang Xiping zusammenfasst, haben die Beitraege der niederlaendischen Schule zum Studium des chinesischen Seehandels, der ueberseeischen chinesischen Gemeinschaften und der Sozialgeschichte der chinesischen Kuestenregionen „die Maengel der chinesischen Mainstream-Geschichtsschreibung ergaenzt" und „blinde Flecken im Selbstverstaendnis der chinesischen Wissenschaft korrigiert." Diese Bereitschaft, das zu studieren, was chinesische Gelehrte selbst bisweilen uebersehen haben -- die „kleine Tradition" neben der „grossen Tradition" --, ist vielleicht der bleibenste Beitrag der niederlaendischen Sinologie zum internationalen Studium der chinesischen Zivilisation.<ref>Carine Defoort, „Is There Such a Thing as Chinese Philosophy? Arguments of an Implicit Debate", ''Philosophy East and West'' 51, Nr. 3 (2001): 393--413.</ref>
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== Anmerkungen ==
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== Bibliographie ==
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=== Primaerquellen ===
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* De Groot, J.J.M. ''The Religious System of China''. 6 Bde. Leiden: Brill, 1892--1910.
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* Duyvendak, J.J.L. ''The Book of Lord Shang''. London: Arthur Probsthain, 1928.
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* Duyvendak, J.J.L. ''Holland's Contribution to Chinese Studies''. London: The China Society, 1950.
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* Schlegel, Gustav. ''Nederlandsch-Chineesch Woordenboek''. 4 Bde. Leiden, 1886--1890.
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* Schlegel, Gustav. ''Thian Ti Hwui: The Hung-League or Heaven-Earth-League''. Batavia, 1866.
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* Van Gulik, Robert H. ''The Lore of the Chinese Lute'' (''Qin dao''). Tokio: Sophia University Press, 1940.
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* Van Gulik, Robert H. ''Sexual Life in Ancient China''. Leiden: Brill, 1961.
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* Zuercher, Erik. ''The Buddhist Conquest of China''. 2 Bde. Leiden: Brill, 1959.
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=== Sekundaerquellen ===
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* Honey, David B. ''Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology''. American Oriental Series 86. New Haven: American Oriental Society, 2001.
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* Zhang Xiping 张西平, Hrsg. ''Oumei hanxue de lishi yu xianzhuang'' 欧美汉学的历史与现状 (Geschichte und gegenwaertiger Stand der europaeischen und amerikanischen Sinologie). Zhengzhou: Daxiang chubanshe, 2005.
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* Zhang Xiping 张西平. „Vorlesung 8: Entwicklung der niederlaendischen Sinologie" (第八讲:荷兰汉学的发展). In ''Vorlesungen zur Geschichte der westlichen Sinologie''.
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* He Yin 何寅 und Xu Guanghua 许光华. ''Guowai hanxueshi'' 国外汉学史 (Geschichte der Sinologie im Ausland). Shanghai: Shanghai Waiyu Jiaoyu Chubanshe, 2002.
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* Zheng Haiyan 郑海燕. „Helan Zhongguo yanjiu de lishi fazhan" 荷兰中国研究的历史发展 (Die historische Entwicklung der Chinastudien in den Niederlanden). ''Guowai shehui kexue'' 国外社会科学, Nr. 3 (2005).
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* Idema, Wilt, und Lloyd Haft. ''A Guide to Chinese Literature''. Ann Arbor: Center for Chinese Studies, University of Michigan, 1997.
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* Blussé, Leonard. ''Strange Company: Chinese Settlers, Mestizo Women and the Dutch in VOC Batavia''. Dordrecht: Foris Publications, 1986.
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== Einzelnachweise ==
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<references />
  
 
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Kapitel 10: Die Niederlande -- Von der VOC zu Leidens globaler Reichweite

1. Die Niederlaendische Ostindien-Kompanie und fruehe Kontakte

Die niederlaendische Sinologie hat einen ganz eigenen Charakter. Anders als die franzoesische Tradition, die aus dem Boden der Jesuitenmissionen und der philosophischen Neugier der Aufklaerung erwuchs, oder die britische Tradition, die von protestantischem Missionseifer und den Beduerfnissen der Diplomatie gepraegt wurde, entstand die niederlaendische Sinologie aus dem kommerziellen Unternehmen der Verenigde Oost-Indische Compagnie (VOC) -- der Niederlaendischen Ostindien-Kompanie -- und aus der Kolonialverwaltung Niederlaendisch-Indiens. Diese merkantile und koloniale Genese verlieh der niederlaendischen Sinologie ein charakteristisches Interessenspektrum: das Studium der ueberseeischen chinesischen Gemeinschaften, der Sprachen und Braeuche Suedchinas und Suedostasiens sowie des sozialen und wirtschaftlichen Lebens der chinesischen Diaspora. Erst im zwanzigsten Jahrhundert trat die niederlaendische Sinologie vollstaendig in den Hauptstrom der europaeischen Chinastudien ein und wandte ihre Aufmerksamkeit von der chinesischen Peripherie auf das chinesische Zentrum.

Die fruehesten niederlaendischen Berichte ueber China waren Produkte der Handelsschifffahrt. 1592 enthielt Waghenaers Schatz der Navigation Beobachtungen ueber China von Pomponius; 1595 bot Jan Huygen van Linschotens Reisebericht der Portugiesen nach dem Orient eine substantiellere Darstellung, die sowohl auf persoenlicher Erfahrung als auch auf portugiesischem Archivmaterial beruhte. Wie Zhang Xiping anmerkt, haben niederlaendische sinologische Historiker diese fruehen Reisenden als „Wanderer in einer Maerchenwelt und nicht als Kultiveure jungfraeulichen Bodens" charakterisiert -- Beobachter, die Wunder aufzeichneten, und nicht Gelehrte, die eine Zivilisation analysierten.[1]

Die Verwandlung von beilaeufiger Beobachtung zu systematischem Studium wurde durch die kommerziellen Beduerfnisse der VOC vorangetrieben, die im siebzehnten Jahrhundert Handelsniederlassungen in ganz Suedostasien errichtete, darunter an der Kueste Suedchinas und auf Taiwan. Der Wohlstand des chinesisch-niederlaendischen Handels erzeugte eine Nachfrage nach Sprachkompetenz und Kulturwissen, die die niederlaendischen Universitaeten schliesslich befriedigen sollten.

Das siebzehnte Jahrhundert brachte eine Handvoll bemerkenswerter niederlaendischer Beitraege zum Studium Chinas hervor. 1628 stellte der niederlaendische Missionar Heurnius waehrend seiner Missionstaetigkeit auf Java ein chinesisch-niederlaendisch-lateinisches Woerterbuch zusammen. Professor Golius verfasste eine Abhandlung ueber den chinesischen Kalender. Vossius studierte chinesische Annalen. Und 1797 veroeffentlichte Houckgeest seinen Bericht ueber die Gesandtschaft der Niederlaendischen Ostindien-Kompanie an den chinesischen Kaiser 1794--1795. Diese Bemuehungen blieben jedoch vereinzelt und unsystematisch.[2]

Niederlaendische sinologische Historiker datieren den wahren Beginn ihrer Tradition auf das Jahr 1876, als Gustav Schlegel auf einen eigens geschaffenen Lehrstuhl fuer Sinologie an der Universitaet Leiden berufen wurde. Wie Zhang Xiping berichtet, ueberblickte Schlegel selbst in seiner Antrittsvorlesung am 27. Oktober 1877 den Stand der sinologischen Forschung in Europa und China und schloss, dass „die Niederlande mit der Einrichtung einer neuen Professur keineswegs hinter der Zeit zurueckgeblieben waren." Er stellte fest, dass fruehere Versuche, an anderen europaeischen Universitaeten Chinesischunterricht einzurichten, „von geringer Wirkung oder voellig nutzlos" gewesen seien und dass sogar in Frankreich, wo ein Lehrstuhl seit 1814 bestanden habe, „die Lage ziemlich aehnlich" gewesen sei.[3]

2. Gustav Schlegel und die Leidener Tradition

Gustav Schlegel (1840--1903) war ein ehemaliger Beamter der Niederlaendischen Ostindien-Kompanie, der in Indonesien und Fujian gedient hatte, wo er sowohl Mandarin als auch Hokkien lernte. Als Gelehrter bestand er auf dem Primat der unmittelbaren Auseinandersetzung mit chinesischen Texten -- seine beruehmte Maxime lautete „Einfach lesen, nicht mit Grammatik herumfummeln!" (Alleen maar lezen, niets met grammatica te maken!) -- ein Prinzip, das bis heute fuer die Leidener Schule charakteristisch geblieben ist.[4]

Schlegels wissenschaftliche Interessen waren bemerkenswert breit. Er stellte ein vierbraendiges niederlaendisch-chinesisches Woerterbuch im Quanzhou-Dialekt zusammen (Nederlandsch-Chineesch Woordenboek, 1886--1890); veroeffentlichte Studien ueber die Himmels-und-Erde-Gesellschaft (Thian Ti Hwui, 1866) und die chinesische Astronomie (Uranographie Chinoise, 1875); und -- am folgenreichsten -- begruendete 1890 gemeinsam mit dem franzoesischen Bibliographen Henri Cordier das T'oung Pao. Das T'oung Pao, in englischer, franzoesischer und deutscher Sprache bei dem Leidener Verlag Brill erscheinend, wurde die aelteste und, nach allgemeinem Konsens, die massgeblichste sinologische Zeitschrift der Welt -- eine Position, die sie bis heute behauptet.[5]

Die Gruendung des T'oung Pao war selbst eine bedeutende Leistung niederlaendisch-franzoesischer wissenschaftlicher Zusammenarbeit. Von Anfang an wurde die Zeitschrift von einem Leidener Professor und einem franzoesischen Sinologen gemeinsam herausgegeben -- eine Praxis, die bis heute fortbesteht. Unter ihren Herausgebern befanden sich Pelliot, Duyvendak, Demieéville, Zuercher und Gernet. Zhang Xiping stellt fest, dass die Zeitschrift „keine rein methodologischen Artikel oder rein theoretische Abhandlungen ohne neues dokumentarisches Beweismaterial oder Textanalyse auf Grundlage des klassischen Chinesisch statt fremdsprachiger Übersetzungen veroeffentlicht" -- ein Standard, der die philologische Strenge der Tradition widerspiegelt, die sie hervorgebracht hat.[6]

Der von Schlegel geschaffene institutionelle Rahmen -- der Leidener Lehrstuhl, das T'oung Pao, die Ausbildung von Dolmetschern fuer den Kolonialdienst -- setzte das Muster fuer die niederlaendische Sinologie der naechsten fuenfzig Jahre.

3. J.J.M. de Groot -- Zwischen Leiden und Berlin

Jan Jakob Maria de Groot (1854--1921) war Schlegels Schueler und in vielerlei Hinsicht sein geistiger Erbe. Wie sein Lehrer hatte De Groot in Niederlaendisch-Indien gedient, wo er ein bleibendes Interesse am religioesen und sozialen Leben der chinesischen Einwanderergemeinschaften Suedostasiens entwickelte.

De Groots Hauptwerk, The Religious System of China (6 Baende, 1892--1910), war eine monumentale Studie der chinesischen Volksreligion, die auf Feldforschung unter den hokkiensprachigen Chinesen von Amoy (Xiamen) und den Überseechinesen Indonesiens beruhte. Seine weiteren bedeutenden Veroeffentlichungen umfassten Les fêtes annuellement célébrées à Émoui (Jaehrliche Feste der Chinesen von Amoy, 1886), Universismus (1918), Chinesische Urkunden zur Geschichte Asiens (1926) und Le code du Mahayana en Chine (1891). Er stellte auch eine bedeutende Sammlung von Artefakten zusammen, die sich auf die Volksbraeuche, Kleidung und Theatertraditionen der Minnan-Region beziehen und heute im Leidener Nationalen Voelkerkundemuseum aufbewahrt werden.[7]

De Groots Karriere veranschaulicht eines der Unterscheidungsmerkmale der niederlaendischen Sinologie. Honey behandelt ihn in Incense at the Altar im Abschnitt ueber die deutsche Sinologie -- speziell als „Hollaender als Deutscher" --, weil De Groot 1912 Leiden verliess, um den Lehrstuhl fuer Chinesisch an der Universitaet Berlin anzunehmen, wo er bis zu seinem Tod wirkte.[8] Dieser Wechsel spiegelte sowohl die internationale Mobilitaet der Sinologen des fruehen zwanzigsten Jahrhunderts als auch das Prestige des Berliner Lehrstuhls wider. Aber De Groots Ansatz -- die soziologische Erforschung der chinesischen Religion auf der Grundlage von Feldforschung unter ueberseeischen chinesischen Gemeinschaften -- war im Kern niederlaendisch, und sein Weggang von Leiden loeste eine lange Debatte ueber die kuenftige Ausrichtung der niederlaendischen Sinologie aus.

Die Kernfrage war, ob Leiden weiterhin das Studium der ueberseeischen chinesischen Gemeinschaften in den niederlaendischen Kolonien -- die von Schlegel und De Groot begruendete Tradition -- in den Mittelpunkt stellen oder sich auf das Studium des eigentlichen China umorientieren sollte. Die Berufung von J.J.L. Duyvendak im Jahr 1919 entschied diese Debatte entschieden zugunsten des letzteren Weges.

3b. A.F.P. Hulsewé und die chinesische Rechtsgeschichte

Anthony François Paulus Hulsewé (1910--1993), der vierte Inhaber des Leidener Lehrstuhls fuer Chinesisch, studierte bei Duyvendak und spaeter in Peking und Kyoto. Urspruenglich beabsichtigte er, ueber das Recht der Tang-Dynastie zu arbeiten, aenderte jedoch seinen Kurs, als er erfuhr, dass Karl Buenger bereits eine Studie zu diesem Thema vorgelegt hatte, und wandte sich stattdessen dem Rechtssystem der Han-Dynastie zu. Seine Doktorarbeit, Remnants of Han Law (1955), und sein spaeteres Remnants of Ch'in Law (1985) etablierten ihn als die fuehrende westliche Autoritaet auf dem Gebiet der fruehen chinesischen Rechtsinstitutionen.

Waehrend seiner zwanzigjaehrigen Amtszeit als Professor betreute Hulsewé Forschungsarbeiten zu einem ungewoehnlich breiten Themenspektrum -- fruehen chinesischen Buddhismus, mittelalterliche buddhistische Studien, klassische chinesische Erzaehlliteratur und marxistische Literaturtheorie in der Volksrepublik -- obwohl seine eigene Forschung auf die Rechts- und Institutionengeschichte der Qin- und Han-Zeit konzentriert blieb. Die Breite seiner Betreuungsinteressen spiegelte den geringen Umfang der niederlaendischen Sinologie wider, die von einem einzelnen Professor verlangte, ein bemerkenswert weites disziplinaeres Terrain abzudecken. Zhang Xiping stellt fest, dass diese vielfaeltigen Forschungsprojekte „neue wissenschaftliche Horizonte fuer die niederlaendische Sinologie eroeffneten und eine Riege von Forschungsspezialisten ausbildeten."

4. J.J.L. Duyvendak und die Neuausrichtung der Leidener Sinologie

Jan Julius Lodewijk Duyvendak (1889--1954) war De Groots Schueler, der nach einer Zeit im niederlaendischen diplomatischen Dienst (1912--1918) 1919 zum ausserordentlichen Professor fuer Sinologie in Leiden ernannt wurde. Seine Berufung markierte einen Wendepunkt in der Geschichte der niederlaendischen Sinologie.

Duyvendak war der erste niederlaendische Sinologe, der den Schwerpunkt von Lehre und Forschung entschieden von den ueberseeischen chinesischen Gemeinschaften Niederlaendisch-Indiens auf China selbst verlagerte. Wie Zhang Xiping erlaeutert: „Das Studium der chinesischen Volksreligion und der Geheimgesellschaften wich dem Studium der klassischen chinesischen Philosophen und der chinesischen Staatsinstitutionen; die Betonung suedlicher Dialekte wie des Hokkien wich der Ausbildung in der Nationalsprache, guoyu. Kurz gesagt, das Studium von Chinas ‚kleiner Tradition' wurde durch das Studium von Chinas ‚grosser Tradition' abgeloest."[9]

Diese Neuausrichtung war nicht bloss eine Frage persoenlicher Praeferenz. Sie spiegelte die politischen Transformationen des fruehen zwanzigsten Jahrhunderts wider -- den Sturz der Qing-Dynastie, den Aufstieg des chinesischen Nationalismus, den Wandel der niederlaendischen Kolonialverwaltung --, die einen neuen Typus des Chinaspezialisten erforderten: einen, der sich mit der chinesischen Mainstream-Gesellschaft und zeitgenoessischen politischen Entwicklungen auseinandersetzen konnte, nicht bloss mit den marginalen Gemeinschaften der kolonialen Peripherie.

Duyvendak war der erste niederlaendische Sinologe, der sich fuer die Bewegung des Vierten Mai und die moderne chinesische Literatur interessierte; er machte Lu Xun und Hu Shi dem niederlaendischen Lesepublikum bekannt. Seine Veroeffentlichungen umspannten ein weites Spektrum: China tegen de Westerkim (China begegnet dem Westen, 1927), das Studien zum chinesischen Buchdruck, Wang Yangmings Philosophie und der Neuen Literaturbewegung vereinte; Wegen en gestalten der Chineesche geschiedenis (Wege und Gestalten der chinesischen Geschichte, 1935); und Übersetzungen des Tao Te Ching (1942) und des Buches des Herrn Shang (1928). Letzteres, eine Studie des legalistischen Philosophen Shang Yang, begruendete Duyvendaks internationalen Ruf als Philologe und Spezialist fuer vorqinzeitliches Denken.[10]

1930 wurde Duyvendak zum ordentlichen Professor befoerdert und hielt seine Antrittsvorlesung ueber „Geschichte und Konfuzianismus". Im selben Jahr wurde das Sinologische Institut (Sinologisch Instituut) in Leiden formell gegruendet, mit Duyvendak als erstem Direktor. Er begruendete auch die Leidener Reihe sinologischer Monographien, die bei Brill erscheint, die bis heute weiter aufgelegt wird und „die kollektive Leistung und wissenschaftliche Autoritaet der Leidener Sinologie repraesentiert."[11]

Waehrend der fuenfunddreissig Jahre von Duyvendaks Amtszeit in Leiden (1919--1954) wurde die niederlaendische Sinologie zutiefst von seiner Persoenlichkeit und seinen Interessen gepraegt. Er war ein international renommierter Gelehrter, der als Gastprofessor an der Columbia University wirkte und Studenten aus aller Welt anzog. Selbst waehrend des Zweiten Weltkriegs, als die Universitaet Leiden durch die deutsche Besatzung geschlossen wurde, unterrichtete er unter ausserordentlich schwierigen Bedingungen weiter. Seine Schueler brachten eine betraechtliche Zahl wichtiger Dissertationen hervor, von denen viele in der Leidener sinologischen Reihe veroeffentlicht wurden.[12]

Duyvendak spielte auch eine Rolle im institutionellen Leben der internationalen Sinologie. Seine Beteiligung am T'oung Pao -- er diente als dessen niederlaendischer Mitherausgeber -- staerkte die Position der Zeitschrift als fuehrende sinologische Publikation in Europa. Honey wuerdigt seinen Beitrag zur Redaktionspolitik des T'oung Pao in einer Erörterung von Pelliots Zusammenarbeit mit der Zeitschrift.[13]

5. Robert van Gulik -- Diplomat, Romancier, Sinologe

Robert Hans van Gulik (1910--1967) war der farbenreichste und vielleicht der am weitesten bekannte niederlaendische Sinologe des zwanzigsten Jahrhunderts. Als Berufdiplomat, der in Tokio, Chongqing, Nanjing, Washington, Neu-Delhi, Beirut, Kuala Lumpur und schliesslich als Botschafter in Japan diente, verband Van Gulik seine offiziellen Pflichten mit einer ausserordentlich produktiven wissenschaftlichen und literarischen Karriere.

Van Gulik wurde in Zutphen geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Niederlaendisch-Indien. Er studierte Chinesisch in Leiden, erwarb aber seinen Doktortitel in Utrecht mit einer Dissertation ueber ein indisches Thema. Seine intellektuellen Interessen waren grenzenlos: Er beherrschte fliessend Chinesisch, Japanisch, Sanskrit und mehrere andere Sprachen; er spielte die chinesische Guqin (siebensaitige Zither); er uebte chinesische Kalligraphie und Siegelschnitzerei; er sammelte chinesische Antiquitaeten, darunter seltene Qin-Partituren und Holzschnittdruckromane der Ming-Dynastie; und er hielt einen Gibbon als Haustier.[14]

Seine wissenschaftlichen Veroeffentlichungen deckten ein erstaunliches Spektrum ab. Sein The Lore of the Chinese Lute (Qin dao, 1940) ist nach wie vor die massgebliche westliche Studie zur Guqin-Tradition. Siddham: An Essay on the History of Sanskrit Studies in China and Japan (1956) erforschte die Übertragung indischen Wissens nach Ostasien. Sein T'ang-yin-pi-shih: Parallel Cases from Under the Pear-Tree (1956) war eine Übersetzung und Studie eines chinesischen Handbuchs der Rechtsprechung aus dem dreizehnten Jahrhundert. Seine Studie zu Mi Fus Yanshi (Geschichte des Tuschsteins, 1938) und sein Chinese Pictorial Art as Viewed by the Connoisseur (1958) zeigten seine Expertise in chinesischer Kunst und materieller Kultur.[15]

Van Guliks umstrittenste wissenschaftliche Werke waren seine Studien zur chinesischen Sexualkultur: Erotic Colour Prints of the Ming Period (Mi xi tu kao, 1951, privat gedruckt in Tokio in einer Auflage von fuenfzig Exemplaren) und Sexual Life in Ancient China (Zhongguo gudai fang nei kao, 1961). Diese Werke, bahnbrechend in ihrer Offenheit und auf seltenen Primaerquellen beruhend, etablierten Van Gulik als Gruenderfigur der westlichen Erforschung chinesischer Sexualitaet. Zhang Xiping merkt an, dass sein Interesse an diesem Thema durch seine Entdeckung spaetmingzeitlicher erotischer Drucke waehrend seiner Sammlertaetigkeit geweckt wurde -- „eine kuehne Tat in der konservativen Aera, in der er lebte."[16]

Van Guliks Bekanntheit bei nichtspezialisierten Lesern beruht jedoch auf seiner Reihe von siebzehn Kriminalromanen mit Richter Di (Di Renjie), einem Magistraten des siebten Jahrhunderts. Inspiriert durch seine Übersetzung des chinesischen Kriminalromans Di gong an aus dem achtzehnten Jahrhundert (1949), schrieb Van Gulik die Richter-Di-Geschichten auf Englisch, uebersetzte einige von ihnen selbst ins Chinesische und Japanische und illustrierte sie im Stil traditioneller chinesischer Holzschnittdrucke. In den 1950er und 1960er Jahren veroeffentlicht, waren die Romane Bestseller, die in Zeitungen als Fortsetzungsromane erschienen, fuer das Fernsehen adaptiert und in Dutzende von Sprachen uebersetzt wurden. Sie sind bis heute lieferbar und fuehren westliche Leser weiterhin in die chinesische Rechtskultur, soziale Gepflogenheiten und aesthetische Empfindungen ein.[17]

Was Van Gulik von vielen Orientalisten unterschied, war die Tiefe seiner persoenlichen Auseinandersetzung mit den Kulturen, die er studierte. Er analysierte die chinesische Kultur nicht bloss aus wissenschaftlicher Distanz; er lebte sie. Er spielte die Guqin auf einem Niveau, das die Bewunderung chinesischer Kenner gewann; er uebte Kalligraphie und Siegelschnitzerei als Kuenste und nicht als akademische Uebungen; er schrieb die Richter-Di-Romane in einem Stil, der klassische chinesische literarische Konventionen mit westlicher Erzaehltechnik verband. Seine Sammlung chinesischer Antiquitaeten -- insbesondere seine Qin-Partituren und mingzeitlichen Holzschnittdruckromane -- wurde mit dem Auge des Kenners ebenso wie des Gelehrten zusammengetragen. Zhang Xiping beobachtet, dass Van Guliks Zugang zur chinesischen Kultur von einem „intensiven Interesse an den Geschmaeckern und Vergnuegungen des traditionellen chinesischen Literaten" (对中国传统文人的雅兴和嗜好有浓厚的兴趣) gepraegt war, das ihn unter den westlichen Sinologen einzigartig machte.

Sein letztes veroeffentlichtes Werk, The Gibbon in China (Changbi yuan kao, 1967), war eine charakteristisch exzentrische Studie ueber den Gibbon in der chinesischen Literatur und Kunst -- ein passender Abschluss einer Karriere, die von der Sanskrit-Philologie ueber chinesische Erotik bis zum Kriminalroman gereicht hatte. Van Gulik starb 1967 in Den Haag im Alter von siebenundfuenfzig Jahren; seine diplomatische Karriere war durch Krankheit vorzeitig beendet worden.

Van Guliks Sammlung chinesischer Buecher, darunter viele seltene Ausgaben, wurde dem Leidener Sinologischen Institut vermacht. Zhang Xiping beobachtet, dass „seine Gelehrsamkeit und Vielseitigkeit viele westliche Sinologen in Erstaunen versetzte und die Bewunderung selbst der gelehrtesten chinesischen Wissenschaftler gewann."[18]

6. Wilt Idema und die literarische Sinologie

Die Nachkriegszeit erlebte eine Bluete der literarischen Sinologie in Leiden, die der niederlaendischen Schule eine internationale Bedeutung im Studium der chinesischen Literatur verlieh, die sie zuvor nicht besessen hatte.

Bevor wir uns den literarischen Studien zuwenden, sei der Beitrag von Erik Zuercher (1928--2008) erwaehnt, der den Lehrstuhl fuer ostasiatische Geschichte in Leiden von 1962 bis 1993 innehatte und als Mitherausgeber des T'oung Pao diente. Seine Doktorarbeit, The Buddhist Conquest of China (1959), war eine bahnbrechende Studie ueber die Ausbreitung und Anpassung des Buddhismus im fruehmittelalterlichen China, die sein Interesse an den Prozessen zeigte, durch die die chinesische Zivilisation fremde intellektuelle Systeme absorbierte und transformierte -- ein Thema, das er spaeter auf die Jesuitenmission und, in unveroeffentlichten Arbeiten, auf den Marxismus ausdehnte. Zuercher gruendete auch das Dokumentationszentrum fuer das zeitgenoessische China in Leiden (1969) und war Pionier in der Verwendung visueller historischer Materialien in der Lehre.[19]

Wilt Lukas Idema (geboren 1944) war der erste niederlaendische Sinologe, der die klassische chinesische Literatur zum primaeren Schwerpunkt seiner Forschung machte. Durch die Lektuere von Van Guliks Richter-Di-Romanen in jungen Jahren inspiriert, studierte er Chinesisch in Leiden und absolvierte sein Aufbaustudium an der Universitaet Kyoto bei Tanaka Kenji, wo er Yuan-Drama und volkssprachliche Erzaehlliteratur studierte. Nach seiner Rueckkehr nach Leiden 1970 wurde er 1975 zum Professor ernannt und diente ab 1978 als Vorsitzender und Direktor des Sinologischen Instituts.[20]

Idemas wissenschaftliche Produktion war gewaltig und vielfaeltig. Seine Doktorarbeit ueber fruehe chinesische volkssprachliche Erzaehlliteratur begruendete seine Expertise in der Huaben-Tradition. Seine vergleichenden Studien der Shijingshan tang huaben und der Sanyan-Sammlungen beleuchteten die Editionspraktiken von Feng Menglong. Zu seinen bedeutendsten englischsprachigen Veroeffentlichungen gehoert Chinese Theater 1100--1450: A Source Book (gemeinsam mit Stephen H. West), eine monumentale Anthologie, die Übersetzungen von fuenf vollstaendigen Zaju-Stuecken und umfangreiche Dokumentation zum sozialen Kontext der Theaterauffuehrung enthielt.[21]

Zhang Xiping betont Idemas methodologische Eigenstaendigkeit. Anders als Gelehrte, die das chinesische Drama primaer ueber den literarischen Text (quwen) studierten, bestand Idema auf der Bedeutung von Regieanweisungen, Dialogen und Auffuehrungskontext -- ein Ansatz, der durch seine eigene jugendliche Erfahrung des Schreibens und Auffuehrens von Stuecken und durch seine soziologische Ausbildung in Japan gepraegt war. Er argumentierte, dass dramatische Texte fuer die Auffuehrung geschrieben wurden, nicht fuer die private Lektuere, und dass das Verstaendnis von Drama Aufmerksamkeit fuer die Darsteller erfordere -- „die Menschen, die Geschichten und Stuecken wirklich Lebenskraft verliehen."[22]

Idema nahm auch seine Verpflichtung ernst, die chinesische Kultur dem niederlaendischen Publikum zugaenglich zu machen. Gemeinsam mit Lloyd Haft verfasste er eine niederlaendischsprachige Geschichte der chinesischen Literatur (Chinese Letterkunde), die spaeter ins Englische uebersetzt wurde. Er uebersetzte systematisch klassische chinesische Lyrik, Erzaehlliteratur und Dramatik ins Niederlaendische -- Werke von Li Bai, Du Fu, Bai Juyi, Geschichten aus den Sanyan und dem Liaozhai sowie fuenf Yuan-Zaju-Stuecke --, was ihn zum produktivsten Übersetzer chinesischer Literatur in die niederlaendische Sprache machte.[23]

Idemas Bedeutung geht ueber seine einzelnen Veroeffentlichungen hinaus und umfasst die methodologische Neuausrichtung, die er im Studium der chinesischen Literatur in Leiden bewirkte. Sein Bestehen darauf, dass chinesisches Drama und volkssprachliche Erzaehlliteratur als darstellende Kuenste verstanden werden muessen -- nicht bloss als literarische Texte -- stellte die textzenrierten Ansaetze in Frage, die sowohl die chinesische als auch die westliche Forschung dominiert hatten. Er argumentierte, dass das Verhaeltnis zwischen verschiedenen Gattungen -- die gemeinsamen Handlungen, die Drama, Erzaehlliteratur und Erzaehlgesang (shuochang) teilten -- nur durch Beachtung der sozialen Kontexte der Auffuehrung verstanden werden koenne. Warum nahm dieselbe Geschichte in einem Zaju-Stueck und in einer Huaben-Erzaehlung unterschiedliche Formen an? Lag der Unterschied an den Anforderungen verschiedener Gattungen oder an Unterschieden in den ideologischen Ueberzeugungen der Autoren? Diese Fragen, denen Idema ueber seine gesamte Karriere nachging, brachten das Studium der chinesischen Literatur in einen produktiven Dialog mit Auffuehrungswissenschaft, Anthropologie und Soziologie.

Als Übersetzer verband Idema wissenschaftliche Strenge mit einer ungewoehnlichen Sensibilitaet fuer die Anforderungen der Lesbarkeit. Seine niederlaendischen Übersetzungen des Shijing, von Gedichten Li Bais, Du Fus, Bai Juyis, Du Mus und Li Shangyins sowie von Geschichten aus dem Liaozhai zhiyi machten die klassische chinesische Literatur erstmals wirklich fuer niederlaendische Leser zugaenglich. Er verfasste auch die erste niederlaendischsprachige Geschichte der chinesischen Literatur (Chinese Letterkunde), spaeter auf Englisch als A Guide to Chinese Literature (1997) veroeffentlicht, ein Werk, das sowohl Spezialisten als auch allgemeine Leser ansprach.

Um Idema herum nahm eine eigenstaendige Schule der literarischen Sinologie in Leiden Gestalt an. Lloyd Haft spezialisierte sich auf moderne chinesische Lyrik, insbesondere das Werk von Bian Zhilin und Feng Zhi. Michel Hockx studierte literarische Gesellschaften der Republikzeit. Maghiel van Crevel wurde die fuehrende westliche Autoritaet fuer zeitgenoessische chinesische „Nebeldichtung" (menglong shi), mit besonderem Schwerpunkt auf dem Dichter Duo Duo. Koos Kuiper uebersetzte chinesische Filme; Agnes Schroeder studierte Suzhous Berglieder; und andere verfolgten Forschungen zu Puppentheater, populaerer Erzaehlliteratur und Frauenschrift (nüshu). Zhang Xiping beschreibt diese Gruppe als Schöpferin „einer reichen und pluralistischen Forschungslandschaft", die „alle Epochen und Gattungen der chinesischen Literatur -- antike, moderne und zeitgenoessische -- umfasste und dabei sowohl Mainstream als auch Marginalitaet, Individuelles und Kollektives, Textuelles und Performatives" abdeckte.[24]

7. Zeitgenoessische niederlaendische Sinologie

Ein eigenstaendiger Strang der Leidener Sinologie widmete sich der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Chinas und der chinesischen Diaspora. Eduard B. Vermeer, Direktor des Dokumentationszentrums fuer das moderne China, verband das Studium chinesischer historischer Bewaesserungssysteme (Water Conservancy and Irrigation in China, 1977) mit Forschungen zur zeitgenoessischen provinziellen wirtschaftlichen Entwicklung und zur Lokalgeschichte, wie sie sich in Steininschriften aus Fujian offenbarte. Harriet Zurndorfer spezialisierte sich auf die soziooekomonische Geschichte von Huizhou und der Huizhou-Kaufleute und legte eine grosse Studie ueber Kontinuitaet und Wandel in dieser Region von 800 bis 1800 vor. Frank Pieke, in Anthropologie an den Universitaeten Amsterdam und Berkeley ausgebildet, fuehrte bahnbrechende Feldforschungen zu den chinesischen Gemeinschaften der Niederlande und zur Transformation chinesischer sozialer Netzwerke vom Danwei-System (Arbeitseinheit) hin zu individueller Handlungsfaehigkeit waehrend der Reformaera durch -- Forschungen, die ihn von den Niederlanden in die Provinz Hebei und schliesslich auf eine Professur in Oxford fuehrten.

Die Gruppe fuer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte setzte somit in modifizierter Form die Leidener Tradition der Aufmerksamkeit fuer die nicht-elitaere chinesische Gesellschaft und die ueberseeische chinesische Diaspora fort -- eine Tradition, die auf Schlegel und De Groot zurueckreichte, nun aber mit der theoretischen Raffinesse moderner Sozialwissenschaft betrieben wurde.

Obwohl Schipper (1934--2021) einen Lehrstuhl an der École Pratique des Hautes Études in Paris innehatte, bevor er nach Leiden kam, machen seine niederlaendische Staatsangehoerigkeit und seine tiefe Verbundenheit mit Leidens intellektuellem Leben ihn auch zu einer Figur der niederlaendischen Sinologie. Seine achtjaehrige Ordination als daoistischer Priester auf Taiwan -- wo er unter dem Religionsnamen Shi Ding Qing praktizierte -- verschaffte ihm ein Insiderwissen ueber daoistische Rituale, das kein rein textorientierter Gelehrter haette erlangen koennen. Sein monumentales Projet Tao-tsang, ein analytischer Katalog des gesamten daoistischen Kanons, bezog Gelehrte aus sieben europaeischen Laendern ein und wurde von der Europaeischen Wissenschaftsstiftung unterstuetzt.[25]

Leonard Blussé (geboren 1946), Historiker an Leidens Fakultaet fuer Geschichte, hat seine Karriere dem Studium der chinesisch-niederlaendischen Beziehungen, der ueberseeischen chinesischen Gemeinschaften Suedostasiens und der VOC-Archive gewidmet. Zu seinen Werken zaehlen Strange Company: Chinese Settlers, Mestizo Women and the Dutch in VOC Batavia (1986), Studien ueber die niederlaendische Gesandtschaft nach China und das umfangreiche editorische Projekt der Veroeffentlichung der VOC-Taiwan-Archive. Er hat auch die Katalogisierung einer grossen Sammlung chinesischer Handelsdokumente aus Indonesien organisiert, darunter Vertraege, Clan-Aufzeichnungen und Geschaeftskorrespondenz -- Primaerquellen von ausserordentlichem Wert fuer das Studium der Geschichte der chinesischen Diaspora.[26]

Tony Saich (geboren 1953), obwohl er spaeter an Harvards Kennedy School wechselte, wurde in Leiden ausgebildet und trug zur niederlaendischen Tradition des Studiums zeitgenoessischer chinesischer Politik bei. Seine Doktorarbeit ueber die Urspruenge der ersten Einheitsfront der Kommunistischen Partei Chinas, die auf Archivforschungen ueber den Komintern-Agenten Sneevliet (Maring) beruhte, wurde als The Origins of the First United Front in China (1991) veroeffentlicht.[27]

In den 1990er Jahren war das Leidener Sinologische Institut auf ueber dreissig Dozenten und mehr als dreihundert Studenten angewachsen und besass eine der groessten chinesischsprachigen Bibliotheken in Westeuropa. Vier Vollprofessuren deckten Literatur (Idema), Geschichte und Religion (Schipper, spaeter andere), Linguistik (Liang Zhaobing) und zeitgenoessische chinesische Politik und Verwaltung ab. Ein Dokumentationszentrum fuer das moderne China, urspruenglich 1969 von Zuercher gegruendet, stellte Ressourcen fuer das Studium des zeitgenoessischen China bereit.[28]

Ein Unterscheidungsmerkmal der Leidener Sinologie ab den 1970er Jahren war ihr Engagement fuer die Modernisierung des chinesischen Sprachunterrichts. Liang Zhaobing (geboren 1936), ein auf Taiwan geborener Linguist mit Ausbildung in mehreren Disziplinen -- Englische Literatur, Medizin, Anthropologie, Linguistik, Psycholinguistik und Informatik --, wurde 1986 zum Professor fuer angewandte chinesische Linguistik berufen. Vor seiner Ankunft hatte Leiden die traditionelle niederlaendische Praxis befolgt, Chinesisch primaer anhand klassischer Texte zu unterrichten. Unter Liangs Leitung wurde ein modernes Curriculum fuer den chinesischen Sprachunterricht eingefuehrt, einschliesslich eines Studienjahres in China oder Taiwan fuer Studierende im vierten Jahr, das die praktische Sprachkompetenz der Leidener Absolventen grundlegend veraenderte. Zhang Xiping stellt fest, dass Liangs Innovationen „den Weg in eine neue Richtung fuer den chinesischen Sprachunterricht weltweit wiesen" und dass das fliessende, standardmaessige Mandarin, das die juengere Generation niederlaendischer Sinologen -- Maghiel van Crevel, Michel Hockx und andere -- sprach, ein direktes Ergebnis seiner paedagogischen Reformen war.

Liang nahm auch an internationalen psycholinguistischen Forschungsprojekten teil, arbeitete mit Gelehrten aus ganz Europa an der Erforschung des Zweitspracherwerbs zusammen und bildete mehrere Doktoranden aus, die zu Spezialisten fuer Psycholinguistik und chinesische Sprachpaedagogik wurden.

Das T'oung Pao bleibt mehr als 130 Jahre nach seiner Gruendung ein Monument niederlaendischer sinologischer Unternehmung und niederlaendisch-franzoesischer wissenschaftlicher Zusammenarbeit. Bei Brill in Leiden verlegt, gemeinsam von einem niederlaendischen und einem franzoesischen Gelehrten herausgegeben und Beitraege in englischer, franzoesischer und deutscher Sprache annehmend, hat es seine Position neben dem Harvard Journal of Asiatic Studies und dem Journal of Asian Studies als eine der drei massgeblichsten sinologischen Zeitschriften der Welt behauptet. Seine redaktionellen Standards -- das Bestehen auf originalem dokumentarischem Beweismaterial, die Forderung, dass Textanalysen auf klassischem Chinesisch und nicht auf Übersetzungen beruhen muessen, die Weigerung, rein theoretische oder methodologische Artikel zu veroeffentlichen -- verkoerpern die philologischen Prinzipien, die die europaeische sinologische Tradition seit ihren Anfaengen gekennzeichnet haben.[29]

Einer der bedeutendsten -- wenn auch oft uebersehenen -- Beitraege der niederlaendischen Nachkriegssinologie war die Umgestaltung der chinesischen Sprachpaedagogik. Unter der Leitung von Liang Zhaobing entwickelte Leiden eines der effektivsten Programme fuer den chinesischen Sprachunterricht in Europa. Das Programm kombinierte intensiven Praesenzunterricht in modernem Chinesisch mit einem obligatorischen Studienjahr in China oder Taiwan -- eine Anforderung, die bei ihrer Einfuehrung in den 1980er Jahren revolutionaer war, seitdem aber an fuehrenden sinologischen Institutionen weltweit zur Standardpraxis geworden ist.

Die Ergebnisse waren eindrucksvoll. Waehrend fruehere Generationen niederlaendischer Sinologen oft mit dem gesprochenen Chinesisch zu kaempfen hatten -- Schlegels Maxime „Einfach lesen, nicht mit Grammatik herumfummeln" spiegelte eine Aera wider, in der das Lesen klassischer Texte die primaer geforderte Faehigkeit war --, konnte die Post-Liang-Generation Mandarin mit einer Gewandtheit sprechen, die ihre chinesischen Gespraechspartner in Erstaunen versetzte. Diese praktische Kompetenz oeffnete neue Tueren fuer Feldforschung, Archivrecherche und wissenschaftlichen Austausch und stellte sicher, dass die niederlaendische Sinologie in einer Aera wettbewerbsfaehig blieb, in der chinesische Sprachkompetenz zunehmend als selbstverstaendlich vorausgesetzt wurde.

Die Integration psycholinguistischer Forschung in den Sprachunterricht war eine besondere Staerke des Leidener Programms. Liangs Teilnahme an internationalen Forschungsprojekten zum Zweitspracherwerb, die am Max-Planck-Institut fuer Psycholinguistik durchgefuehrt wurden und Gelehrte aus ganz Europa einbezogen, brachte die neuesten Erkenntnisse der Kognitionswissenschaft in die praktischen Herausforderungen des Chinesischunterrichts fuer westliche Studenten ein. Diese Verbindung von theoretischer Raffinesse und paedagogischer Wirksamkeit war charakteristisch fuer den niederlaendischen Ansatz -- praktisch, ohne bloss utilitaristisch zu sein, theoretisch informiert, ohne abstrakt akademisch zu sein.

Die Geschichte der niederlaendischen Sinologie offenbart ein eigenstaendiges Muster. Aus den kommerziellen und kolonialen Anliegen der VOC geboren, konzentrierte sie sich anfangs auf die chinesischen Gemeinschaften der „maritimen Peripherie" -- die Überseechinesen Niederlaendisch-Indiens, die dialektsprachigen Bevoelkerungen von Fujian und Guangdong, die Volksbraeuche und Geheimgesellschaften Suedostasiens. Unter Duyvendak wurde sie bewusst auf die „grosse Tradition" der chinesischen Zivilisation umorientiert -- die klassischen Philosophen, die Staatsinstitutionen, die Nationalsprache. Unter Zuercher, Idema, Schipper und ihren Kollegen erreichte sie eine internationale Bedeutung im Studium chinesischer Religion, Literatur und Geschichte, die in keinem Verhaeltnis zur geringen Groesse des Landes und seiner Gelehrtengemeinschaft stand.

Zwei Merkmale unterscheiden die niederlaendische Tradition von ihren Nachbarn. Das erste ist das Bestehen der Leidener Schule auf der unmittelbaren Auseinandersetzung mit chinesischen Texten -- Schlegels Aufforderung „Einfach lesen" --, ein Prinzip, das ueber fuenf Gelehrtengenerationen hinweg aufrechterhalten wurde und die niederlaendische Sinologie mit der philologischen Strenge der franzoesischen Tradition in Einklang bringt. Das zweite ist die Aufmerksamkeit fuer nicht-elitaere, nicht-kanonische und „periphere" Dimensionen der chinesischen Zivilisation -- Volksreligion, ueberseeische Gemeinschaften, volkssprachliche Literatur, populaere Auffuehrung --, die die kolonialen Urspruenge der niederlaendischen Tradition widerspiegelt, sich aber auch als Quelle wissenschaftlicher Kreativitaet erwiesen hat.

Wie Zhang Xiping zusammenfasst, haben die Beitraege der niederlaendischen Schule zum Studium des chinesischen Seehandels, der ueberseeischen chinesischen Gemeinschaften und der Sozialgeschichte der chinesischen Kuestenregionen „die Maengel der chinesischen Mainstream-Geschichtsschreibung ergaenzt" und „blinde Flecken im Selbstverstaendnis der chinesischen Wissenschaft korrigiert." Diese Bereitschaft, das zu studieren, was chinesische Gelehrte selbst bisweilen uebersehen haben -- die „kleine Tradition" neben der „grossen Tradition" --, ist vielleicht der bleibenste Beitrag der niederlaendischen Sinologie zum internationalen Studium der chinesischen Zivilisation.[30]

Anmerkungen

Bibliographie

Primaerquellen

  • De Groot, J.J.M. The Religious System of China. 6 Bde. Leiden: Brill, 1892--1910.
  • Duyvendak, J.J.L. The Book of Lord Shang. London: Arthur Probsthain, 1928.
  • Duyvendak, J.J.L. Holland's Contribution to Chinese Studies. London: The China Society, 1950.
  • Schlegel, Gustav. Nederlandsch-Chineesch Woordenboek. 4 Bde. Leiden, 1886--1890.
  • Schlegel, Gustav. Thian Ti Hwui: The Hung-League or Heaven-Earth-League. Batavia, 1866.
  • Van Gulik, Robert H. The Lore of the Chinese Lute (Qin dao). Tokio: Sophia University Press, 1940.
  • Van Gulik, Robert H. Sexual Life in Ancient China. Leiden: Brill, 1961.
  • Zuercher, Erik. The Buddhist Conquest of China. 2 Bde. Leiden: Brill, 1959.

Sekundaerquellen

  • Honey, David B. Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology. American Oriental Series 86. New Haven: American Oriental Society, 2001.
  • Zhang Xiping 张西平, Hrsg. Oumei hanxue de lishi yu xianzhuang 欧美汉学的历史与现状 (Geschichte und gegenwaertiger Stand der europaeischen und amerikanischen Sinologie). Zhengzhou: Daxiang chubanshe, 2005.
  • Zhang Xiping 张西平. „Vorlesung 8: Entwicklung der niederlaendischen Sinologie" (第八讲:荷兰汉学的发展). In Vorlesungen zur Geschichte der westlichen Sinologie.
  • He Yin 何寅 und Xu Guanghua 许光华. Guowai hanxueshi 国外汉学史 (Geschichte der Sinologie im Ausland). Shanghai: Shanghai Waiyu Jiaoyu Chubanshe, 2002.
  • Zheng Haiyan 郑海燕. „Helan Zhongguo yanjiu de lishi fazhan" 荷兰中国研究的历史发展 (Die historische Entwicklung der Chinastudien in den Niederlanden). Guowai shehui kexue 国外社会科学, Nr. 3 (2005).
  • Idema, Wilt, und Lloyd Haft. A Guide to Chinese Literature. Ann Arbor: Center for Chinese Studies, University of Michigan, 1997.
  • Blussé, Leonard. Strange Company: Chinese Settlers, Mestizo Women and the Dutch in VOC Batavia. Dordrecht: Foris Publications, 1986.

Einzelnachweise

  1. David B. Honey, Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology (New Haven: American Oriental Society, 2001), Vorwort, xxii.
  2. Honey, Incense at the Altar, Vorwort, x.
  3. Zhang Xiping, Vorlesung 1, „Einführung in die westliche Sinologie", S. 165--168.
  4. Peter K. Bol, „The China Historical GIS", Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020).
  5. Hilde De Weerdt, „MARKUS: Text Analysis and Reading Platform", in Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020); siehe auch den Leitfaden fuer Digital Humanities der University of Chicago Library.
  6. Tu Hsiu-chih, „DocuSky, A Personal Digital Humanities Platform for Scholars", Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020).
  7. Peter K. Bol und Wen-chin Chang, „The China Biographical Database", in Digital Humanities and East Asian Studies (Leiden: Brill, 2020).
  8. Siehe Kapitel 22 (Übersetzung) dieses Bandes ueber Herausforderungen der KI-Übersetzung.
  9. „WenyanGPT: A Large Language Model for Classical Chinese Tasks", arXiv-Preprint (2025).
  10. „Benchmarking LLMs for Translating Classical Chinese Poetry: Evaluating Adequacy, Fluency, and Elegance", Proceedings of EMNLP (2025).
  11. „A Multi Agent Classical Chinese Translation Method Based on Large Language Models", Scientific Reports 15 (2025).
  12. Siehe z. B. Mark Edward Lewis und Curie Viragh, „Computational Stylistics and Chinese Literature", Journal of Chinese Literature and Culture 9, Nr. 1 (2022).
  13. Hilde De Weerdt, Information, Territory, and Networks: The Crisis and Maintenance of Empire in Song China (Cambridge: Harvard University Asia Center, 2015).
  14. China-Princeton Digital Humanities Workshop 2025 (chinesedh2025.eas.princeton.edu).
  15. Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 54--60.
  16. Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 96--97, unter Berufung auf Li Xueqin.
  17. Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 102--113.
  18. Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 114--117.
  19. „The World Conference on China Studies: CCP's Global Academic Rebranding Campaign", Bitter Winter (2024).
  20. Honey, Incense at the Altar, Vorwort, xxii.
  21. „Academic Freedom and China", AAUP-Bericht (2024); Sinology vs. the Disciplines, Then & Now, China Heritage (2019).
  22. „They Don't Understand the Fear We Have: How China's Long Reach of Repression Undermines Academic Freedom at Australia's Universities", Human Rights Watch (2021).
  23. Kubin, Hanxue yanjiu xin shiye, Kap. 7, S. 100--111.
  24. Thomas Michael, „Heidegger's Legacy for Comparative Philosophy and the Laozi", International Journal of China Studies 11, Nr. 2 (2020): 299.
  25. Steven Burik, The End of Comparative Philosophy and the Task of Comparative Thinking: Heidegger, Derrida, and Daoism (Albany: SUNY Press, 2009).
  26. David L. Hall und Roger T. Ames, Thinking Through Confucius (Albany: SUNY Press, 1987), Vorwort.
  27. François Jullien, Detour and Access: Strategies of Meaning in China and Greece (New York: Zone Books, 2000); vgl. „China as Method: Methodological Implications of François Jullien's Philosophical Detour through China", Contemporary French and Francophone Studies 28, Nr. 1 (2024).
  28. Wolfgang Kubin, Hanxue yanjiu xin shiye (Guilin: Guangxi shifan daxue chubanshe, 2013), Kap. 11, S. 194--195.
  29. Bryan W. Van Norden, Taking Back Philosophy: A Multicultural Manifesto (New York: Columbia University Press, 2017).
  30. Carine Defoort, „Is There Such a Thing as Chinese Philosophy? Arguments of an Implicit Debate", Philosophy East and West 51, Nr. 3 (2001): 393--413.