Difference between revisions of "History of Sinology/de/Chapter 8"
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| − | = Kapitel 8: Frankreich | + | = Kapitel 8: Frankreich — Die Tradition des Collège de France und das Goldene Zeitalter der philologischen Sinologie = |
| − | + | == 1. Die Jesuiten und die Proto-Sinologie == | |
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| − | Diese | + | Die Geschichte der französischen Sinologie beginnt nicht in den Hörsälen von Paris, sondern an den kaiserlichen Höfen, Missionsstationen und Druckereien des späten Ming- und frühen Qing-China. Keine europäische Nation investierte so stark in die intellektuelle Begegnung mit China wie Frankreich, und keine Nation erntete reichere wissenschaftliche Dividenden. Der Bogen von der jesuitischen Proto-Sinologie bis zur Einrichtung des ersten Universitätslehrstuhls für Chinastudien 1814 bildet eine der großen Entwicklungslinien in der Geschichte des westlichen Orientalismus — und er wurde von Anfang an von einer unverwechselbaren Kombination aus königlicher Patronage, philosophischer Neugier und philologischem Ehrgeiz getrieben. |
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| + | Die französische Jesuitenmission nach China wurde unter der direkten Schirmherrschaft Ludwigs XIV. eingeweiht. 1685 brachen sechs Männer mit dem Titel „Königliche Mathematiker" (''mathématiciens du roi'') in den Osten auf. Fünf von ihnen — Jean de Fontaney, Joachim Bouvet, Jean-François Gerbillon, Louis Le Comte und Claude de Visdelou — erreichten Ningbo im Juli 1687 und reisten nach Peking weiter, wo sie 1688 vom Kangxi-Kaiser empfangen wurden.<ref>David B. Honey, ''Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology'' (New Haven: American Oriental Society, 2001), Vorwort, xxii.</ref> Die wissenschaftlichen Referenzen dieser Missionare waren zentral für die jesuitische Strategie der ''Akkommodation'', die erstmals von Matteo Ricci formuliert worden war: Indem sie den chinesischen Hof mit europäischen Fortschritten in Astronomie, Mathematik und Kartographie beeindruckten, zielten die Jesuiten darauf ab, Gehör für ihr Evangelium zu finden. Bouvet und Gerbillon dienten dem Kangxi-Kaiser als Tutoren in Mathematik und Astronomie und gewannen sein Vertrauen und seine Patronage. | ||
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| + | Die Konsequenzen für das sinologische Wissen waren tiefgreifend. Als Bouvet 1697 nach Frankreich zurückkehrte, brachte er neunundvierzig Bände chinesischer Bücher mit — ein Geschenk des Kangxi-Kaisers an Ludwig XIV. — und rekrutierte eine zweite Welle von Missionaren, darunter Joseph de Prémare, Dominique Parrenin, Jean-Baptiste Régis, Joseph-Anne-Marie de Moyriac de Mailla, Antoine Gaubil und Jean-Joseph-Marie Amiot.<ref>Honey, ''Incense at the Altar'', Vorwort, x.</ref> Diese Männer sollten die größten Gelehrtenmissionare des achtzehnten Jahrhunderts werden und Werke hervorbringen, die die Grundlagen für jede nachfolgende Generation französischer Sinologen legten. | ||
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| + | === Die drei großen Werke der jesuitischen Sinologie === | ||
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| + | Die jesuitische Sinologie des achtzehnten Jahrhunderts gipfelte in drei monumentalen Kompilationen, die Historiker zu Recht die „drei großen Werke" (''trois grands ouvrages'') der europäischen Proto-Sinologie genannt haben.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, „Einführung in die Studien zur westlichen Sinologie", S. 165–168.</ref> | ||
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| + | Das erste waren die ''Lettres édifiantes et curieuses'' (1702–1776), eine vierunddreißigbändige Sammlung von Briefen und Berichten der Missionare in ganz Asien, wovon die Bände sechzehn bis sechsundzwanzig Depeschen aus China enthielten. Die Briefe boten europäischen Lesern lebhafte Augenzeugenberichte über die chinesische Gesellschaft, Sitten und das intellektuelle Leben — „Tausende neuer Dinge" (''des milliers de choses nouvelles''), wie ein Zeitgenosse bemerkte — und wurden rasch in die meisten europäischen Sprachen übersetzt.<ref>Peter K. Bol, „The China Historical GIS", ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020).</ref> | ||
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| + | Das zweite war Jean-Baptiste Du Haldes ''Description géographique, historique, chronologique, politique et physique de l'Empire de la Chine et de la Tartarie chinoise'' (1735), eine vierbändige Enzyklopädie Chinas, zusammengestellt von einem Mann, der nie chinesischen Boden betreten hatte. Du Halde schöpfte aus Jahrzehnten jesuitischer Korrespondenz und Berichte, um das zu schaffen, was der Historiker Mo Dongyin „die größte Pyramide der westlichen Sinologie bis zu jenem Zeitpunkt" (''西洋汉学空前之金字塔'') nannte.<ref>Hilde De Weerdt, „MARKUS: Text Analysis and Reading Platform", in ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020); siehe auch den Digital-Humanities-Führer der University of Chicago Library.</ref> Es enthielt Übersetzungen von Abschnitten des ''Shijing'', Erzählungen aus dem ''Jin gu qi guan'', Prémares Übersetzung des ''Waisenkinds von Zhao'' (''Zhao shi gu er'') und Jean-Baptiste Bourguignon d'Anvilles Karten des chinesischen Reiches. Englische, deutsche und russische Ausgaben folgten fast unmittelbar. Voltaire und Montesquieu bezogen ihr Wissen über China weitgehend aus diesem Werk. | ||
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| + | Das dritte waren die ''Mémoires concernant l'histoire, les sciences, les arts, les mœurs, les usages des Chinois'' (1776–1814), eine sechzehnbändige Sammlung gelehrter Essays über chinesische Geschichte, Wissenschaft, Kunst und Gebräuche. Anders als Du Haldes Kompilation bewahrten die ''Mémoires'' die Originaltexte ihrer Autoren und strebten den Charakter einer akademischen Zeitschrift an, nicht einer Enzyklopädie. Ihre Veröffentlichung markierte, wie ein Gelehrter beobachtete, „die Vollendung eines von Ricci eingeleiteten Unternehmens" und den Höhepunkt der jesuitischen Gelehrsamkeit über China.<ref>Tu Hsiu-chih, „DocuSky, A Personal Digital Humanities Platform for Scholars", ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020).</ref> | ||
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| + | Unter den Jesuitengelehrten, die das linguistische Studium des Chinesischen vorantrieben, verdient Joseph de Prémare (1666–1736) besondere Erwähnung. Seine ''Notitia linguae sinicae'', um 1728 im Manuskript vollendet, aber erst 1831 veröffentlicht (als Robert Morrison sie in Malakka herausgab), war die anspruchsvollste Grammatik des klassischen Chinesisch im achtzehnten Jahrhundert. Prémare unterschied klar zwischen der Schriftsprache (''wen'') und der Umgangssprache, lieferte umfangreiche Beispiele aus der chinesischen Belletristik und bewies eine Beherrschung idiomatischer Wendungen, die von keinem zeitgenössischen europäischen Werk übertroffen wurde.<ref>Peter K. Bol und Wen-chin Chang, „The China Biographical Database", in ''Digital Humanities and East Asian Studies'' (Leiden: Brill, 2020).</ref> Wie Honey anmerkt, kursierte Prémares Grammatik im Manuskript unter den Jesuiten und war einigen europäischen Gelehrten bekannt, aber ihre Unterdrückung durch Étienne Fourmont — der die Priorität für seine eigene ''Grammatica duplex'' beanspruchen wollte — verzögerte ihren Einfluss um mehr als ein Jahrhundert.<ref>Siehe Kapitel 22 (Übersetzung) dieses Bandes zu den Herausforderungen der KI-Übersetzung.</ref> | ||
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| + | Du Halde selbst, obwohl nicht Sinologe im strengen Sinne, übte einen unermesslichen Einfluss auf das europäische Chinabild und auf die Entwicklung der Disziplin aus. Sein Werk etablierte die Vorlage einer weitreichenden Darstellung — Geographie, Geschichte, politische Institutionen, Religion, Philosophie, Literatur, Naturgeschichte —, die die französische sinologische Produktion für die folgenden zwei Jahrhunderte charakterisieren sollte. Es demonstrierte auch den Wert der systematischen Auswertung jesuitischer Quellen, eine Praxis, die spätere professionelle Sinologen sowohl fortsetzen als auch kritisieren sollten. | ||
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| + | Eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung der französischen Sinologie war die systematische Ansammlung chinesischer Bücher in Paris. Als Bouvet 1697 aus China zurückkehrte, bildeten die neunundvierzig Bände, die er mitbrachte, den Kern dessen, was zur bedeutendsten chinesischen Sammlung Europas werden sollte. Bis 1720 besaß die Königliche Bibliothek etwa eintausend chinesische Bände. Nach 1722 erweiterte sich die Sammlung dramatisch, als Foucquet 3.980 Bände aus China zurückbrachte. Parrenin und Prémare schickten ebenfalls große Sendungen. Bis 1742 hatte Fourmont einen Katalog der chinesischen Bestände erstellt, die etwa viertausend Bände umfassten und den Lesern zugänglich gemacht wurden. | ||
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| + | Der Jesuitenmissionar Jean-Joseph-Marie Amiot unterhielt eine jahrzehntelange Korrespondenz mit den Bibliothekaren der Königlichen Bibliothek und suchte aktiv nach seltenen chinesischen Büchern in Peking. „Die Bücher, die ich an die Königliche Bibliothek geschickt habe, sind jetzt sehr schwer zu finden", schrieb er an seinen Gönner Bertin. „Nur durch Zufall kann man gelegentlich auf sie stoßen." Amiot verstand den potenziellen Wert dieser Werke und war nicht nur vom Wunsch motiviert, der europäischen Wissenschaft zu dienen, sondern auch von einer vorausschauenden Sorge um die Bewahrung des chinesischen Kulturerbes — er war sich der chinesischen Geschichte der Bücherverbrennungen und literarischen Inquisitionen wohl bewusst. | ||
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| + | Wie Demiéville beobachtete: „Die Sammlung chinesischer Bücher der Königlichen Bibliothek spielte eine wichtige Rolle für die Entwicklung der französischen sinologischen Forschung; es war diesen kostbaren Sammlungen zu verdanken, dass die französische Sinologie im neunzehnten Jahrhundert alle anderen europäischen Länder weit hinter sich lassen konnte." Die Ansammlung dieser Ressourcen über mehr als ein Jahrhundert bildete das materielle Fundament, ohne das der Übergang zur professionellen Sinologie nicht möglich gewesen wäre. | ||
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| + | Im gesamten achtzehnten Jahrhundert war die Erstellung eines umfassenden chinesisch-französischen Wörterbuchs ein wiederkehrender Ehrgeiz der französischen Sinologen — und ein wiederkehrendes Scheitern. Huang Jialüe (Arcade Hoang), der fujianesische Gelehrte, der von 1702 bis zu seinem frühen Tod 1716 in Paris arbeitete, begann zwei Wörterbücher: eines nach Aussprache geordnet (42 Seiten) und eines nach Radikalen (998 Seiten mit 5.210 Zeichen). Keines wurde vollendet. Fourmont übernahm Huangs Manuskripte und setzte die Arbeit fort, aber seine Energien verzettelte er auf zu viele Projekte. Der jüngere De Guignes erbte den Ehrgeiz, konnte ihn aber im achtzehnten Jahrhundert nicht verwirklichen. | ||
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| + | Erst 1813 veröffentlichte Chrétien-Louis-Joseph de Guignes (der Jüngere) schließlich das ''Dictionnaire chinois, français et latin'', das weitgehend auf dem handschriftlichen chinesisch-lateinischen Wörterbuch basierte, das der italienische Jesuit Basilio Brollo 1694–1699 kompiliert hatte. Das Wörterbuch mit etwa 14.000 Zeichen war eine typographische Meisterleistung — gedruckt mit chinesischen Schriftzeichen, die Fourmont Jahrzehnte zuvor hatte schnitzen lassen —, war aber nicht ohne schwerwiegende Mängel. Rémusat, der bald den Lehrstuhl am Collège de France besetzen sollte, veröffentlichte eine vernichtende Kritik, und der deutsch-russische Sinologe Julius Klaproth gab ein ''Supplément'' (1819) heraus, das viele der Fehler korrigierte. Dennoch markierte die Veröffentlichung des Wörterbuchs den Höhepunkt einer jahrhundertelangen Anstrengung und lieferte ein unverzichtbares Werkzeug für die entstehende Disziplin der professionellen Sinologie. | ||
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| + | Der breitere kulturelle Kontext für die Entstehung der professionellen Sinologie war die Welle der „Chinoiserie" oder des „China-Fiebers" (''中国热''), die vom späten siebzehnten bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts das französische Geistesleben durchzog. Dieses Phänomen, das weit über den Import chinesischen Porzellans, chinesischer Seide und Lackwaren hinausging, beinhaltete eine nachhaltige Auseinandersetzung mit chinesischen Ideen — insbesondere konfuzianischer Ethik und chinesischen politischen Institutionen — durch einige der prominentesten Denker der Aufklärung. | ||
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| + | Der Philosoph La Mothe Le Vayer verglich Konfuzius bereits 1641 mit Sokrates. Voltaire pries die chinesische Regierungsführung als Vorbild aufgeklärten Despotismus. Die Physiokraten unter Führung von François Quesnay fanden in China Belege für ihre Theorien einer natürlichen Wirtschaftsordnung. Selbst Kritiker Chinas, wie Montesquieu, setzten sich ernsthaft mit chinesischen Quellen auseinander, um ihre Argumente zu formulieren. Wie Zhang Xiping argumentiert, schuf diese intellektuelle Gärung — die lebhafte Debatte über die Bedeutung der chinesischen Zivilisation für das europäische Selbstverständnis — die „sozialen und kulturellen Bedingungen", die notwendig waren, damit die Sinologie eine akademische Disziplin werden konnte. „Hätte es kein 'China-Fieber' gegeben, kein Interesse der französischen Intellektuellen an der chinesischen Kultur, hätte sich die Etablierung der Sinologie als professionelle Disziplin erheblich verzögern können." | ||
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| + | == 2. Abel-Rémusat und der erste Lehrstuhl (1814) == | ||
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| + | Der Übergang von der jesuitischen Proto-Sinologie zur professionellen, universitären Sinologie war weder plötzlich noch unausweichlich. Er erforderte ein Zusammentreffen intellektueller, institutioneller und politischer Bedingungen, die in Frankreich während der Revolutions- und Napoleonischen Zeit zusammenkamen. | ||
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| + | Im gesamten achtzehnten Jahrhundert hatte eine Handvoll weltlicher Gelehrter in Paris versucht, Chinesisch zu studieren, ohne den Vorteil eines Aufenthalts in China oder der Beherrschung der Sprache. Étienne Fourmont (1683–1745), der mit dem fujianesischen Informanten Arcade Hoang (Huang Jialüe) arbeitete, kompilierte Wörterbücher und Grammatiken des Chinesischen, die nach modernen Maßstäben zutiefst fehlerhaft waren — Fourmont glaubte beispielsweise, dass die Beherrschung der 214 Radikale die gesamte Sprache erschließen würde —, aber die erste nachhaltige Anstrengung eines nicht-missionarischen Europäers darstellten, sich mit der chinesischen Linguistik auseinanderzusetzen.<ref>„WenyanGPT: A Large Language Model for Classical Chinese Tasks", arXiv-Preprint (2025).</ref> Sein Rivale Nicolas Fréret (1688–1749), ein Historiker und Philologe von größerer Strenge, konzentrierte sich auf die chinesische Chronologie und ihre Implikationen für die biblische Geschichte und wurde 1714 der erste Europäer, der einem gelehrten Publikum chinesische Poesie laut vorlas — ein Anlass, den Zhang Xiping als „die erste Begegnung der chinesischen Dichtung mit Europa" beschrieb.<ref>„Benchmarking LLMs for Translating Classical Chinese Poetry: Evaluating Adequacy, Fluency, and Elegance", ''Proceedings of EMNLP'' (2025).</ref> | ||
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| + | Diese frühen Bemühungen blieben jedoch dilettantisch. Die weltlichen Sinologen des achtzehnten Jahrhunderts arbeiteten mit Material aus zweiter Hand, konnten chinesische Texte nicht selbständig lesen und ordneten ihre Forschung oft größeren philosophischen oder theologischen Programmen unter. Wie Zhang Xiping beobachtet, waren ihre Schriften „oberflächliche Auswahlen, grobe Einführungen und simplistische Kommentare, denen die Erleuchtung einer herausragenden historischen oder philosophischen Intelligenz fehlte".<ref>„A Multi Agent Classical Chinese Translation Method Based on Large Language Models", ''Scientific Reports'' 15 (2025).</ref> | ||
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| + | Der entscheidende Bruch kam mit Jean-Pierre Abel-Rémusat (1788–1832). In Paris als Sohn einer Arztfamilie geboren, entdeckte Rémusat das Chinesische durch die beiläufige Betrachtung einer chinesischen botanischen Illustration in einer Privatsammlung. Die geheimnisvollen Zeichen entflammten seine Phantasie, und er beschloss, sich die Sprache selbst beizubringen. Ohne verfügbare Lehrer und ohne angebotene Kurse arbeitete er mit Fourmonts ''Lingua sinica'' und mit verstreuten jesuitischen Übersetzungen, ergänzt durch eine handschriftliche Kopie eines chinesisch-lateinischen Wörterbuchs, die er erst 1812 erhielt.<ref>Siehe z.B. Mark Edward Lewis und Curie Viragh, „Computational Stylistics and Chinese Literature", ''Journal of Chinese Literature and Culture'' 9, Nr. 1 (2022).</ref> | ||
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| + | 1811, nach fünf Jahren Selbststudium, veröffentlichte Rémusat sein erstes sinologisches Werk, den ''Essai sur la langue et la littérature chinoises'', der sowohl seine Kompetenz als auch seine Ambitionen ankündigte. Am 29. November 1814 richtete das Collège de France einen Lehrstuhl für „chinesische und tatarisch-mandschurische Sprachen und Literaturen" (''langues et littératures chinoise et tartare-mandchoue'') ein, und Rémusat wurde zu seiner Besetzung ernannt. Er hielt seine Antrittsvorlesung am 16. Januar 1815.<ref>Hilde De Weerdt, ''Information, Territory, and Networks: The Crisis and Maintenance of Empire in Song China'' (Cambridge: Harvard University Asia Center, 2015).</ref> | ||
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| + | Dies war ein Gründungsmoment für die westliche Sinologie. Die Einrichtung eines eigenen Universitätslehrstuhls bedeutete, dass das Studium Chinas zu einer anerkannten akademischen Disziplin geworden war — nicht länger ein Anhängsel der Missionsarbeit, orientalischer Neugier oder philosophischer Spekulation. Rémusat war der erste professionelle Sinologe im Westen: ein Mann, der kein kirchliches oder diplomatisches Amt bekleidete, der seinen Lebensunterhalt durch Lehre und Schreiben über China verdiente und der die Methoden der modernen Philologie auf chinesische Texte anwandte. | ||
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| + | Seine Beiträge waren vielfältig. Seine ''Éléments de la grammaire chinoise'' (1822) wurden von Maspero als „die erste Grammatik, die dem Geist der chinesischen Sprache gemäß geschrieben wurde" und von anderen als „die Geburtsurkunde der modernen Sinologie" gefeiert.<ref>China-Princeton Digital Humanities Workshop 2025 (chinesedh2025.eas.princeton.edu).</ref> Seine Übersetzung des Romans ''Yu jiao li'' (1826) erfreute sich in Frankreich enormen Erfolgs und wurde im folgenden Jahr ins Englische rückübersetzt. Seine kommentierte Übersetzung von Faxians ''Fo guo ji'' — die ''Relation des royaumes bouddhiques'' — war nach dem Urteil Paul Demiévilles „das größte und dauerhafteste" seiner Werke und vermittelte dem Westen erstmals eine faire und wissenschaftliche Darstellung des Buddhismus, frei von den Verzerrungen missionarischer Feindseligkeit.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 54–60.</ref> | ||
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| + | Rémusat gründete 1822 auch die Société Asiatique und diente als Direktor der orientalischen Abteilung der Königlichen Bibliothek. Er bildete eine Generation von Studenten aus, unter ihnen Stanislas Julien, der die französische Sinologie zu neuen Höhen führen sollte. Sein vorzeitiger Tod während der Choleraepidemie von 1832 brach eine Karriere von außerordentlichem Versprechen ab, doch sein Vermächtnis war gesichert: Er hatte den institutionellen, methodischen und intellektuellen Rahmen geschaffen, in dem die französische Sinologie für den Rest des Jahrhunderts blühen sollte. | ||
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| + | Zhang Xiping identifiziert mehrere Merkmale, die Rémusats professionelle Sinologie von den Amateurversuchen seiner Vorgänger unterschieden. Erstens wurde die Forschung in Frankreich durchgeführt und nicht in China — der professionelle Sinologe musste kein Missionar oder Diplomat mit direktem Zugang zur chinesischen Gesellschaft sein, sondern konnte mit Texten, Wörterbüchern und Bibliothekssammlungen arbeiten. Dies barg das Risiko der Abstraktion und des Verlustes der „Feldforschungs"-Erfahrung, befreite den Gelehrten aber auch von den institutionellen Zwängen und ideologischen Bindungen des Missionswesens. Zweitens verschob sich der Forschungszweck von der religiösen Propagierung zum kulturellen Verständnis — Chinastudien wurden in Rémusats Händen zu einer humanistischen Disziplin und nicht zu einem Nebenprodukt der Evangelisierung. Drittens brachte der professionelle Sinologe die Methoden der modernen europäischen Wissenschaft mit — philologische Strenge, systematischen Vergleich, Aufmerksamkeit für sprachliche Evidenz — statt der impressionistischen und oft tendenziösen Ansätze der Amateure. Viertens begründete Rémusat die Tradition des interkulturellen Vergleichs, indem er Chinas Beziehungen zu seinen zentralasiatischen Nachbarn untersuchte und chinesische Textquellen nutzte, um die breitere asiatische Geschichte zu beleuchten. Wie Chavannes später beobachtete, war Rémusat „der Erste, der versuchte, als Ganzes alle Völker des Nordens und Westens zu betrachten, die Beziehungen zu China hatten". Schließlich rückte Rémusat die Literatur ins Zentrum der sinologischen Aufmerksamkeit, indem er Romane, Kurzgeschichten und buddhistische Erzählungen als „Fenster" zur chinesischen Zivilisation übersetzte — ein Ansatz, der die breitere französische intellektuelle Überzeugung widerspiegelte, dass Literatur der Spiegel der Gesellschaft sei. | ||
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| + | == 3. Stanislas Julien — Konsolidierung == | ||
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| + | Stanislas Julien (1797–1873) folgte Rémusat am Collège de France nach und hielt den Lehrstuhl über vier Jahrzehnte. Wenn Rémusat der Gründer war, so war Julien der Konsolidator — ein Übersetzer von außerordentlicher Produktivität, dessen Werk die Bandbreite und Tiefe der französischen sinologischen Gelehrsamkeit etablierte. | ||
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| + | Juliens sprachliche Fähigkeiten waren außergewöhnlich. Er beherrschte fließend Griechisch, Latein, Hebräisch, Sanskrit und Chinesisch, und seine Beherrschung des klassischen Chinesisch wurde von chinesischen Gelehrten selbst anerkannt. Seine Übersetzungen umfassten eine erstaunliche Vielfalt von Texten: den ''Mengzi'', das ''Daodejing'', buddhistische Schriften, das ''Waisenkind von Zhao'', technische Handbücher über Seidenraupenzucht und Porzellanherstellung und, am bemerkenswertesten, das ''Leben des Xuanzang'' (''Vie et voyages de Hiouen-Thsang'', 1853) und Xuanzangs eigenen Bericht seiner Reise nach Indien (''Mémoires sur les contrées occidentales'', 1857–1858).<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 96–97, nach Li Xueqin.</ref> | ||
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| + | Diese letzten beiden Werke festigten die Forschungslinie, die Rémusat mit seiner Übersetzung des ''Fo guo ji'' eröffnet hatte. Die französische Tradition, chinesische buddhistische Reiseliteratur als Quelle für die historische Geographie Zentral- und Südasiens zu nutzen — was Chavannes später das Studium von Chinas Beziehungen zu den Völkern des Nordens und Westens nannte —, wurde zu einem der Markenzeichen der Pariser Schule. | ||
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| + | Julien begründete auch den Prix Stanislas Julien, einen internationalen Preis für chinesische Übersetzung, der von der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres vergeben wird und zur renommiertesten Auszeichnung auf dem Gebiet wurde. James Legge gehörte zu seinen Preisträgern (1875), ein Beweis für die internationale Reichweite französischer sinologischer Standards.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 102–113.</ref> | ||
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| + | Doch Juliens Vermächtnis ist nicht ohne Ambivalenz. Seine Produktivität ging bisweilen auf Kosten philologischer Strenge. Spätere Gelehrte, insbesondere Pelliot, sollten die Präzision einiger seiner Wiedergaben bemängeln. Und die Breite seiner Übersetzungen, die von Philosophie bis zur Seidenraupenzucht reichte, spiegelte ein Verständnis der Sinologie als Totalstudium der chinesischen Zivilisation wider — ein Verständnis, das im zwanzigsten Jahrhundert durch den Aufstieg spezialisierter Disziplinen in Frage gestellt werden sollte. | ||
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| + | Zwischen Julien und Chavannes hielt der Marquis d'Hervey de Saint-Denys (1822–1892) den Lehrstuhl am Collège de France, eine Gestalt, die in den Standardgeschichten der Sinologie etwas zu Unrecht vernachlässigt worden ist. Honey erwähnt ihn kurz als Vorgänger von Chavannes, aber seine Beiträge waren nicht unbeträchtlich. D'Hervey de Saint-Denys war ein Aristokrat und Universalgelehrter, der Übersetzungen der Tang-Dichtung (''Poésies de l'époque des Thang'', 1862) und eine Studie über die chinesische Traumdeutung veröffentlichte, die spätere Entwicklungen in der Psychologie des Träumens vorwegnahm. Seine Übersetzungen, in vollendetem französischem Vers, stellten einen anderen Ansatz zum Problem der chinesischen Dichtung in der Übersetzung dar — einen, der auf literarische Eleganz statt auf philologische Präzision abzielte. Obwohl von den Leistungen seines Nachfolgers Chavannes überschattet, wahrte d'Hervey de Saint-Denys die Kontinuität des Lehrstuhls in einer Übergangsphase und hielt die französische Sinologie durch seine literarischen Veröffentlichungen im öffentlichen Blickfeld. | ||
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| + | === Institutionelles Wachstum in der französischen Sinologie des neunzehnten Jahrhunderts === | ||
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| + | Die Entwicklung der französischen Sinologie im neunzehnten Jahrhundert wurde von einer sich ausweitenden institutionellen Infrastruktur getragen. Der Lehrstuhl am Collège de France, 1814 eingerichtet, wurde 1843 durch die Einrichtung eines chinesischen Sprachkurses an der École des Langues Orientales Vivantes (heute INALCO) ergänzt. 1888 wurde die École française d'Extrême-Orient (EFEO) gegründet, zunächst mit Sitz in Hanoi, zur Erforschung der Zivilisationen Ost- und Südostasiens. Die EFEO sollte zu einer der wichtigsten sinologischen Forschungsinstitutionen der Welt werden und Generationen französischer Gelehrter die Möglichkeit bieten, Feldforschung und Archivarbeit in Asien durchzuführen. | ||
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| + | Die Gründung akademischer Zeitschriften war ebenso bedeutsam. Das ''Journal Asiatique'', Organ der Société Asiatique, erschien ab 1822 und bot den ersten regelmäßigen französischsprachigen Publikationsort für sinologische Forschung. ''T'oung Pao'', 1890 gemeinsam mit dem niederländischen Sinologen Schlegel gegründet, wurde rasch zur führenden internationalen sinologischen Zeitschrift. Das ''Bulletin de l'École française d'Extrême-Orient'' (BEFEO), 1901 ins Leben gerufen, veröffentlichte die Forschung der EFEO-Gelehrten. Zusammen mit den großen Forschungsbibliotheken und Museen von Paris — der Bibliothèque nationale, dem Musée Guimet, dem Musée Cernuschi — schufen diese Institutionen ein Umfeld für sinologische Forschung, das weltweit seinesgleichen suchte. | ||
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| + | == 4. Das Goldene Zeitalter: Chavannes, Pelliot, Maspero == | ||
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| + | Das späte neunzehnte und das frühe zwanzigste Jahrhundert erlebten, was zu Recht als das Goldene Zeitalter der französischen Sinologie bezeichnet werden darf. Zwischen der Berufung Édouard Chavannes' ans Collège de France 1893 und dem Tod Paul Pelliots und Henri Masperos 1945 brachte die Pariser Schule einen Korpus von Gelehrsamkeit hervor, der den Standard für die gesamte Disziplin setzte. David Honey widmet in ''Incense at the Altar'' den zentralen Abschnitt seiner Studie diesem „Triumvirat der Giganten", und es ist aus seinen durchdringenden Einschätzungen, ergänzt durch Zhang Xipings Darstellung, dass die folgenden Porträts gezeichnet werden. | ||
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| + | === Édouard Chavannes (1865–1918): Der Vater der modernen Sinologie === | ||
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| + | Chavannes, in Lyon geboren und an der École Normale Supérieure ausgebildet, wurde 1889 an die französische Gesandtschaft in Peking berufen, wo er die Forschung begann, die ihn für den Rest seines Lebens beschäftigen sollte. 1893 folgte er dem Marquis d'Hervey de Saint-Denys am Collège de France nach. | ||
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| + | Honey identifiziert Chavannes als „den Vater der modernen Sinologie" — ein Urteil, das von praktisch allen nachfolgenden Historikern der Disziplin geteilt wird.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 114–117.</ref> Die Grundlage für diesen Anspruch liegt nicht allein in Chavannes' Produktivität, die immens war, sondern in der Qualität und Dauerhaftigkeit seiner Methode. Wie Honey es formuliert: „Nichts, was er geschrieben hat, ist heute veraltet in Bezug auf intellektuelle Annahmen, begriffliche Klarheit oder methodischen Ansatz."<ref>„The World Conference on China Studies: CCP's Global Academic Rebranding Campaign", ''Bitter Winter'' (2024).</ref> Wo seine Vorgänger von unvollkommenen Annahmen über die chinesische Sprache, einer unzureichenden Beherrschung der traditionellen Bibliographie und ohne die Werkzeuge der historischen Phonologie gearbeitet hatten, brachte Chavannes die Standards der europäischen klassischen Philologie in die Sinologie ein — Präzision der Übersetzung, erschöpfende Annotation, Beherrschung der Primärquellen und die Weigerung, über die Belege hinausgehende Schlüsse zu ziehen. | ||
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| + | Honey bemerkt, dass wir Chavannes als Begründer der professionellen Sinologie betrachten können, weil „nichts, was er geschrieben hat, heute in Bezug auf intellektuelle Annahmen, begriffliche Klarheit oder methodischen Ansatz veraltet ist. Dass seine Werke der Aktualisierung bedürfen, trifft auf jede wissenschaftliche Produktion angesichts des Fortschritts der Erkenntnis zu. Doch sein Oeuvre bewahrt seinen Wert heute als Ganzes weit besser als das seiner Zeitgenossen, wegen seiner sorgfältigen Vollständigkeit, seiner Vorsicht, wo Beweise fehlten, und seiner Beherrschung einer Vielfalt von Quellen." Chavannes war auch darauf bedacht, nicht zu viele Schlussfolgerungen auf vergleichende Philologie oder historische Phonologie zu stützen, da die Wissenschaft der chinesischen Linguistik gerade erst in den Anfängen steckte. Was immer er an historischer Phonologie verwendete, formulierte er sorgfältig in vorläufigen Begriffen und als Ergänzung zu auf anderem Wege bereits gewonnenen Schlussfolgerungen. Seine Schüler Pelliot und Maspero waren die Ersten, die historische Phonologie systematisch und methodisch einwandfrei als wissenschaftliches Werkzeug einsetzten. | ||
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| + | Sein Meisterwerk war seine Teilübersetzung des ''Shiji'' (''Les Mémoires historiques de Se-ma Ts'ien'', fünf Bände, 1895–1905), die die ersten siebenundvierzig Kapitel von Sima Qians großem Geschichtswerk umfasste. Die Übersetzung wurde von einer gelehrten Einleitung, umfangreichen Anmerkungen und Anhängen begleitet, die unentbehrlich bleiben. Zhang Xiping nennt sie „ein allgemein anerkanntes Meisterwerk" (''盖世名作''), „bis heute vielfach zitiert".<ref>Honey, ''Incense at the Altar'', Vorwort, xxii.</ref> Das Werk etablierte das Modell — ein bedeutender chinesischer Text, in untadeliges Französisch übertragen und mit erschöpfendem wissenschaftlichem Apparat versehen —, dem Pelliot und Maspero folgen sollten. | ||
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| + | Chavannes' Interessen reichten weit über das ''Shiji'' hinaus. Seine Monographie ''Le T'ai Chan'' (1910) über den Kult des Berges Tai betrat Neuland in der Erforschung der chinesischen Volksreligion. Seine ''Mission archéologique dans la Chine septentrionale'' (1913–1915), basierend auf 1907 durchgeführter Feldforschung in der Mandschurei, Hebei, Shandong, Henan, Shaanxi und Shanxi, war Pionierarbeit für die archäologische Erforschung chinesischer Kunst und Epigraphik im Westen. Er begründete gemeinsam mit Pelliot die Erforschung des Manichäismus in China, lieferte grundlegende Studien über die Türken und veröffentlichte drei Bände buddhistischer Erzählungen, übersetzt aus dem chinesischen Tripitaka (''Cinq cents contes et apologues extraits du Tripiṭaka chinois'', 1910–1911), beschrieben als „ein kostbarer Schatz für die vergleichende Forschung".<ref>„Academic Freedom and China", AAUP-Bericht (2024); ''Sinology vs. the Disciplines, Then & Now'', China Heritage (2019).</ref> | ||
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| + | Vor allem aber war Chavannes ein Lehrer. Zu seinen Studenten am Collège de France und an der École Pratique des Hautes Études gehörten Pelliot, Maspero, Granet und der Archäologe und Schriftsteller Victor Segalen. Zhang Xiping schreibt, dass Chavannes, „zusammen mit den Studenten, die sich um ihn scharten, Paris' Krone als Hauptstadt der westlichen Sinologie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs aufrechterhielt".<ref>„They Don't Understand the Fear We Have: How China's Long Reach of Repression Undermines Academic Freedom at Australia's Universities", Human Rights Watch (2021).</ref> | ||
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| + | === Paul Pelliot (1878–1945): Der Marco Polo des Geistes === | ||
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| + | Pelliot war Chavannes' brillantester Schüler und der größte Philologe des Chinesischen im zwanzigsten Jahrhundert. Wie Honey schreibt: „Seine Beharrlichkeit des Gedächtnisses ermöglichte es ihm, die Fakten der chinesischen Geschichte, Textkritik, Bibliographie und Biographie zu nahezu jedem Thema oder jeder Epoche zu mobilisieren und sie geordnet zu analysieren. Sein Wissensschatz war immens und ermöglichte es ihm, als letzte Instanz sinologischer Fragen zu fungieren."<ref>Kubin, ''Hanxue yanjiu xin shiye'', Kap. 7, S. 100–111.</ref> | ||
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| + | Pelliot studierte Englisch an der Sorbonne, bevor er an die École des Langues Orientales Vivantes wechselte, wo er unter Chavannes Chinesisch studierte. Von 1900 bis 1904 arbeitete er an der École française d'Extrême-Orient in Hanoi, unterbrochen von einem dramatischen Einsatz während des Boxeraufstands an der Pekinger Gesandtschaft. 1905–1908 leitete er seine berühmte archäologische Expedition nach Zentralasien und erreichte 1908 die Höhlen von Dunhuang — ein Jahr nach Aurel Stein — und wählte mit seinem außerordentlichen bibliographischen Wissen die wertvollsten Manuskripte aus der versiegelten Bibliothek aus. Obwohl zahlenmäßig geringer als Steins Ausbeute, waren Pelliots Auswahlen von überlegener Qualität. Als er einige seiner Funde 1909 Luo Zhenyu und anderen chinesischen Gelehrten in Peking zeigte, erkannten sie sofort deren Bedeutung.<ref>Thomas Michael, „Heidegger's Legacy for Comparative Philosophy and the Laozi", ''International Journal of China Studies'' 11, Nr. 2 (2020): 299.</ref> | ||
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| + | 1911 wurde Pelliot zum Professor für Zentralasiatische Sprachen, Geschichte und Archäologie am Collège de France ernannt, eine Position, die er bis zu seinem Tod innehielt. Er war Mitherausgeber des ''T'oung Pao'' nach Cordiers Tod und wurde 1935 zum Präsidenten der Société Asiatique gewählt. | ||
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| + | Wie Honey schreibt, „wurde Paul Pelliot (1878–1945) der größte Philologe des Chinesischen dieses Jahrhunderts." Seine Karriere war sowohl von außerordentlichen Abenteuern als auch von außerordentlicher Gelehrsamkeit geprägt. Während des Boxeraufstands von 1900 zeichnete sich der junge Pelliot — damals kaum zweiundzwanzig — durch seinen Mut während der Belagerung der Pekinger Gesandtschaften aus. Seine zentralasiatische Expedition von 1905–1908 führte ihn durch einige der gefährlichsten Gebiete der Erde, und seine Auswahl der Manuskripte aus den Höhlen von Dunhuang war ein Akt bibliographischen Genies, vollbracht unter Bedingungen extremer physischer Entbehrung. Die Manuskripte und Artefakte, die er mitbrachte, sind heute zwischen der Bibliothèque nationale de France und dem Musée Guimet aufgeteilt und bilden eine der wichtigsten Sammlungen für das Studium der mittelalterlichen chinesischen Zivilisation. | ||
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| + | Pelliots Gelehrsamkeit war gekennzeichnet durch eine nahezu übermenschliche bibliographische Beherrschung und eine Leidenschaft für exakte Annotation. Sein Kommentarstil — dichte, fortlaufende Erörterungen einzelner Punkte, die sich aus der Übersetzung eines bedeutenden Textes ergeben — brachte Werke von außerordentlicher Gelehrsamkeit hervor, die aber bisweilen von abschreckender Trockenheit waren. Seine annotierten Editionen von Marco Polos Reisebericht und der ''Yuan chao bi shi'' (''Geheime Geschichte der Mongolen'') gehörten zu seinen ambitioniertesten Unternehmungen, obwohl keines bei seinem Tod vollendet war. Seine Studie über Zheng Hes Seefahrten (1933), sein mit Chavannes verfasstes Werk über den Manichäismus in China (1911) und seine unzähligen Rezensionen und bibliographischen Anmerkungen zeigten alle dieselben Qualitäten: Präzision, Gründlichkeit und ein kompromissloses Verlangen nach dokumentarischem Beweis.<ref>Steven Burik, ''The End of Comparative Philosophy and the Task of Comparative Thinking: Heidegger, Derrida, and Daoism'' (Albany: SUNY Press, 2009).</ref> | ||
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| + | Pelliots Ruf als „akademischer Polizist" der Sinologie — der Gelehrte, dessen vernichtende Rezensionen eine Karriere machen oder brechen konnten — war wohlverdient. Zhang Xiping bemerkt, dass er „der autoritativste Sinologe in der internationalen sinologischen Gemeinschaft der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts" war, eine Gestalt, deren Urteil nur wenige zu hinterfragen wagten.<ref>David L. Hall und Roger T. Ames, ''Thinking Through Confucius'' (Albany: SUNY Press, 1987), Vorwort.</ref> Doch Honey beobachtet, dass Pelliots Gelehrsamkeit selbst „belastend" sein konnte: Sein Engagement für erschöpfende Dokumentation hinderte ihn bisweilen daran, die breiteren Synthesen zu erzielen, die Maspero mit seinem humanistischeren Temperament zu leisten vermochte. | ||
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| + | === Henri Maspero (1883–1945): ''L'homme de la Chine antique'' === | ||
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| + | Maspero, Sohn des berühmten Ägyptologen Gaston Maspero, brachte in die Sinologie eine Verbindung von philologischer Strenge und historischer Vorstellungskraft ein, die ihn in vielerlei Hinsicht zum vollständigsten Gelehrten der drei machte. Wie Honey schreibt, war er „kaum weniger geschickt als Annotator und Textkommentator" als Pelliot, „aber er besaß auch ein hoch entwickeltes Gespür für Geschichte, das es ihm ermöglichte, seine Forschung zusammenzufassen und vorläufige Schlussfolgerungen zu formulieren".<ref>François Jullien, ''Detour and Access: Strategies of Meaning in China and Greece'' (New York: Zone Books, 2000); vgl. „China as Method: Methodological Implications of François Jullien's Philosophical Detour through China", ''Contemporary French and Francophone Studies'' 28, Nr. 1 (2024).</ref> | ||
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| + | Maspero diente von 1908 bis 1920 an der École française d'Extrême-Orient in Hanoi, wo er bahnbrechende Forschung zur vietnamesischen historischen Phonologie betrieb, die Karlgrens Rekonstruktion der altchinesischen Aussprache den Weg bereitete. 1921 folgte er Chavannes am Collège de France nach. Er besuchte Japan 1928–1929, traf die großen japanischen Sinologen Naitō Konan und Kano Naoki und war einer der ersten westlichen Gelehrten, die die Bedeutung der japanischen sinologischen Forschung anerkannten.<ref>Wolfgang Kubin, ''Hanxue yanjiu xin shiye'' (Guilin: Guangxi shifan daxue chubanshe, 2013), Kap. 11, S. 194–195.</ref> | ||
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| + | Masperos Ansatz zur Sinologie zeichnete sich durch das aus, was Honey einen „humanistischen" Geist nennt. Wo Pelliots Werk trocken-technisch wirken konnte, war Masperos Forschung von einer tiefen Sympathie für die Menschen beseelt, deren Aufzeichnungen er studierte — ihre Überzeugungen, ihre Ängste, ihre kreativen Leistungen. Selbst seine technischsten Arbeiten zu Phonologie und Grammatik waren von einem Gespür für die lebendige Sprache hinter den geschriebenen Zeichen durchdrungen. Seine Forschung zum Daoismus etwa war nicht nur von philologischer Neugier motiviert, sondern von einem echten Interesse an den spirituellen Praktiken und kosmologischen Vorstellungen, die das Leben von Millionen Chinesen über viele Jahrhunderte prägten. | ||
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| + | Seine einzige Monographie, ''La Chine antique'' (1927), bleibt ein Meilenstein. Die chinesische Geschichte bis zur Vereinigung unter der Qin-Dynastie behandelnd, stützte sie sich auf eine außerordentliche Beherrschung der Primärquellen und bot Interpretationen, die trotz der gewaltigen Erweiterung des archäologischen Materials seit ihrer Veröffentlichung ihren Wert behalten. Wie Zhang Xiping anmerkt, „ist die reiche und substanzielle Dokumentation der Originalquellen des Buches nie revidiert worden und behält ihre verlässliche Nützlichkeit".<ref>Bryan W. Van Norden, ''Taking Back Philosophy: A Multicultural Manifesto'' (New York: Columbia University Press, 2017).</ref> | ||
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| + | Masperos Forschung zum Daoismus — insbesondere seine Studien zu den ''yangsheng''-Praktiken („Lebenspflege") im frühmittelalterlichen Daoismus — eröffnete ein völlig neues Feld. Seine monumentale posthume Edition der chinesischen Manuskripte aus Steins dritter zentralasiatischer Expedition festigte seinen Ruf als Philologe ersten Ranges. | ||
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| + | Sein Tod war eine Tragödie für die Wissenschaft und die Menschlichkeit. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde Maspero von den Nationalsozialisten verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert, wo er 1945 umkam — im selben Jahr, das den Tod Pelliots (durch Krankheit) und das fortdauernde Vermächtnis Granets durch seine Schüler sah. Der gleichzeitige Verlust dieser drei Gelehrten — Pelliot, Maspero und Granet — verwüstete die französische Sinologie und markierte das Ende ihres Goldenen Zeitalters.<ref>Carine Defoort, „Is There Such a Thing as Chinese Philosophy? Arguments of an Implicit Debate", ''Philosophy East and West'' 51, Nr. 3 (2001): 393–413.</ref> | ||
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| + | === Bernhard Karlgren und die Disziplin der historischen Phonologie === | ||
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| + | Obwohl Karlgren (1889–1978) Schwede und nicht Franzose war, gehört sein Werk untrennbar zur Geschichte der französischen Sinologie, denn es war in Paris — und im Dialog mit Chavannes, Pelliot und Maspero —, dass die Disziplin der chinesischen historischen Phonologie geschmiedet wurde. Honey widmet Karlgren eine ausführliche Erörterung innerhalb seiner Behandlung der französischen Schule und betont den „wechselseitigen Einfluss und die Schlag-auf-Schlag-Austausche" zwischen Maspero, Granet und Karlgren in den Zeitschriften der Epoche. | ||
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| + | Karlgrens Rekonstruktion der altchinesischen Phonologie — ''Études sur la phonologie chinoise'' (1915–1926) und ''Analytic Dictionary of Chinese and Sino-Japanese'' (1923) — lieferte den Sinologen ein Werkzeug von fundamentaler Bedeutung. Vor Karlgren hatten Gelehrte, die an vormodernen chinesischen Texten arbeiteten, keine zuverlässige Methode, um zu bestimmen, wie Wörter im Altertum ausgesprochen wurden — ein Handicap, das jeden Aspekt der Textanalyse betraf, von der Identifizierung der Reime im ''Shijing'' bis zur Rekonstruktion fremder Eigennamen in chinesischer Transkription. Karlgrens System, aufgebaut auf dem systematischen Vergleich moderner chinesischer Dialekte mit den Belegen der ''Qieyun''-Reimwörterbücher, machte es erstmals möglich, mit Präzision über die Phonologie des Mittel- und Altchinesischen zu sprechen. | ||
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| + | Maspero war sein gesamtes Leben lang tief mit phonologischen Fragen beschäftigt. Sein ''Le dialecte de Tch'ang-ngan sous les T'ang'' (1920) war eine bahnbrechende Studie zur tang-zeitlichen Aussprache des Hauptstadtdialekts. Seine Arbeit zur vietnamesischen historischen Phonologie während seiner Jahre in Hanoi — einschließlich seiner ''Études phonétiques sur les dialectes du Tonkin'' — bereitete den Weg für Karlgrens breitere Rekonstruktion. Wie Honey anmerkt: „Masperos Zeitgenossen, Marcel Granet (1884–1940) in der Soziologie des antiken China und Bernhard Karlgren (1889–1978) in der historischen Phonologie, spezialisierten sich auf das, was für Maspero allgemeine Interessen waren, und entwickelten unabhängige Disziplinen; aber weder sie noch Maspero können ohne Berücksichtigung ihres wechselseitigen Einflusses gewürdigt werden." | ||
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| + | Die Entwicklung der historischen Phonologie illustriert einen größeren Punkt über das Goldene Zeitalter der französischen Sinologie: Die größten Fortschritte kamen nicht von isoliertem individuellem Genie, sondern aus dem dichten Netz intellektuellen Austauschs, das Paris, Hanoi, Stockholm und Leiden verband. Das Collège de France, die EFEO, das ''T'oung Pao'' und die Société Asiatique bildeten den institutionellen Rahmen für diesen Austausch, und das gemeinsame Bekenntnis zur philologischen Strenge lieferte sein methodisches Fundament. | ||
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| + | Henri Cordier (1849–1925), obwohl weniger gefeiert als Chavannes oder Pelliot, leistete durch seine bibliographische Arbeit einen unverzichtbaren Beitrag zur französischen Sinologie. In den Vereinigten Staaten geboren und in Frankreich ausgebildet, reiste Cordier 1869 erstmals nach China und bekleidete später eine Position an der École des Langues Orientales Vivantes. Sein ''Magnum Opus'', die ''Bibliotheca Sinica'' (fünf Bände, 1904–1908, mit einem Supplement 1922–1924), war die erste umfassende Bibliographie westlicher Schriften über China und deckte Veröffentlichungen von den frühesten Zeiten bis in die 1920er Jahre ab. Nach Themen geordnet — Geographie, Naturgeschichte, soziale Entwicklung, Religion, Wissenschaft, Kunst, Sprache, Literatur, Sitten, Außenbeziehungen und Auslandschinesen —, wurde sie zum unverzichtbaren Ausgangspunkt für jede ernsthafte Forschung über China im Westen. Cordier war auch Mitherausgeber des ''T'oung Pao'' mit Schlegel und später mit Pelliot und veröffentlichte eine vierbändige allgemeine Geschichte Chinas (''Histoire générale de la Chine'', 1920–1921). Zhang Xiping vermerkt, dass Cordier, obwohl er kein Chinesisch las, durch seine bibliographische Leistung den Titel „einer der größten Pioniere der westlichen Sinologie" erwarb. | ||
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| + | Unter den spätjesuitischen Sinologen des neunzehnten Jahrhunderts, die die Tradition der missionarischen Gelehrsamkeit fortsetzten, ragt Séraphin Couvreur (1835–1919) heraus. 1870 in China angekommen, verbrachte Couvreur Jahrzehnte in der Provinz Zhili (Hebei), wo er das klassische Chinesisch meisterte und sich der Übersetzung des konfuzianischen Kanons widmete. Seine Übersetzungen der ''Vier Bücher'' (1895), des ''Shijing'' (1896), des ''Shujing'' (1897), des ''Liji'' (1899), des ''Chunqiu Zuozhuan'' (1914) und des ''Yili'' (1916) zeichneten sich durch ein zweisprachiges Format aus: Französisch und Latein nebeneinander, wobei das Latein oft eine wortgetreue Wiedergabe lieferte, die die freiere französische Prosa ergänzte. Seine Wörterbücher — das ''Dictionnaire français-chinois'' (1884) und das ''Dictionnaire chinois-français'' (1890) — waren weit verbreitet. Couvreurs Übersetzungen, von Zhang Xiping als „zuverlässig und elegant" (''准确优雅,无可挑剔'') beschrieben, blieben bis weit in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts im Druck und dienten weiterhin als Nachschlagewerke für Studenten der chinesischen Klassiker. | ||
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| + | == 5. Granet und die soziologische Sinologie == | ||
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| + | Marcel Granet (1884–1940) hebt sich von Chavannes, Pelliot und Maspero sowohl durch seine Methode als auch durch seine intellektuelle Herkunft ab. Während die drei Philologen ihren Ansatz aus der Tradition der klassischen Textgelehrsamkeit ableiteten, wurde Granet von der soziologischen Schule Émile Durkheims geprägt, und er brachte in die Sinologie eine Reihe von Fragen und analytischen Werkzeugen ein, die sich grundlegend von denen seiner Zeitgenossen unterschieden. | ||
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| + | Granet studierte an der École Normale Supérieure und lernte Chinesisch bei Chavannes, doch seine intellektuelle Prägung war zutiefst von Durkheims Religionssoziologie beeinflusst. Wie Honey schreibt, führte Granet in die sinologische Forschung „eine damals sehr neuartige Methode ein: die soziologische Forschung" (''une méthode alors très nouvelle: la recherche sociologique'').<ref>Carine Defoort, „'Chinese Philosophy' at European Universities: A Threefold Utopia", ''Dao'' 16, Nr. 1 (2017): 55–72.</ref> | ||
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| + | Seine Doktorarbeit, ''Fêtes et chansons anciennes de la Chine'' (1919), war eine brillante Übung soziologischer Interpretation. Die Liebeslieder des ''Guofeng''-Abschnitts des ''Shijing'' als sein Hauptmaterial nehmend, argumentierte Granet, dass es sich nicht um persönliche Lyrik handelte, sondern um Rückstände saisonaler Feste, bei denen bäuerliche Gemeinschaften — deren Alltag streng nach Geschlechtern getrennt war — zu ritualisierter Brautwerbung zusammenkamen. Die Lieder bewahrten Spuren dieser kollektiven Feiern, bei denen junge Männer und Frauen sich in antiphonischen Gesangswettbewerben engagierten, die als Mechanismus der Partnerwahl dienten. Wie Granet erklärte, „wurden die Liebesgedichte, die den größten Teil des ''Guofeng'' ausmachen, aus alten Volksliedern gesammelt und ausgewählt, die auf der Grundlage von Themen komponiert wurden, die von traditionellen improvisierten Gesangswettbewerben inspiriert waren".<ref>Zum koreanischen Buchdruck und zur Textüberlieferung siehe die UNESCO-Memory-of-the-World-Eintragung für das ''Jikji'' (ältester erhaltener Druck mit beweglichen Metalllettern, 1377); zur Goryeo Tripitaka siehe die UNESCO-Welterbe-Eintragung.</ref> | ||
| + | |||
| + | Honeys Behandlung Granets ist charakteristisch ausgewogen. Er würdigt Granets Originalität — was er „Textsoziologie" nennt — bemerkt aber, dass Granets Ansatz bisweilen zu nachlässig mit dem Textmaterial umging. Granet neigte dazu, durch Texte hindurchzulesen, statt sie genau zu lesen; seine soziologischen Kategorien überwältigten manchmal die Besonderheiten der Quellen. Doch sein Einfluss war enorm. Seine Hauptwerke — ''La religion des Chinois'' (1922), ''La civilisation chinoise'' (1929), ''La pensée chinoise'' (1934) und das posthume ''Catégories matrimoniales et relations de proximité dans la Chine ancienne'' (1939) — öffneten die chinesische Zivilisation für die Analyse der Sozialwissenschaften in einer Weise, die reine Philologie nicht vermochte. | ||
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| + | Granets Tod 1940, verursacht durch Trauer und Verzweiflung über die deutsche Invasion Frankreichs, wurde von Sinologen und Soziologen gleichermaßen betrauert. Zhang Xiping zitiert die Einschätzungen, die Granet „das Temperament eines Philosophen" und „die Eleganz eines Dichters" zuschrieben — Eigenschaften, die ihn von der strengeren philologischen Tradition unterschieden, die Pelliot und Chavannes repräsentierten.<ref>Zur Kolonialzeit siehe „Kangaku and the State: Colonial Collaboration between Korean and Japanese Traditional Sinologists", ''Sungkyun Journal of East Asian Studies'' 24, Nr. 2 (2024).</ref> | ||
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| + | == 6. Nachkriegswiederaufbau: Demiéville, Gernet, Vandermeersch == | ||
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| + | Der Zweite Weltkrieg fügte der französischen Sinologie katastrophale Verluste zu. Das nahezu gleichzeitige Ableben Pelliots (1945), Masperos (1945) und Granets (1940) sowie die Unterbrechung des französisch-chinesischen wissenschaftlichen Austauschs hinterließen das Fach ausgeblutet. Die Aufgabe des Wiederaufbaus fiel Paul Demiéville (1894–1979) zu, der zur zentralen Gestalt der französischen Nachkriegssinologie wurde. | ||
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| + | Demiéville, in Lausanne geboren und in Paris und Hanoi ausgebildet, war einer der bedeutendsten Buddhismusforscher des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine tiefe Kenntnis des Chinesischen, Japanischen, Sanskrit und Tibetischen befähigte ihn, das gesamte Spektrum ostasiatischer buddhistischer Traditionen mit einer Autorität zu bearbeiten, die nur wenige Zeitgenossen erreichten. Er folgte Maspero am Collège de France nach und diente ab 1947 gemeinsam mit Erik Zürcher als Mitherausgeber des ''T'oung Pao''. | ||
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| + | Unter Demiévilles Leitung erlangte die französische Sinologie ihr internationales Ansehen zurück. Er initiierte bedeutende Gemeinschaftsprojekte — darunter die ''Anthologie de la poésie chinoise classique'' (1962), eine bahnbrechende Sammlung unter Mitwirkung vieler führender französischer Sinologen — und bildete eine neue Generation von Gelehrten aus, die die Disziplin bis ins späte zwanzigste Jahrhundert tragen sollten. Seine eigene Forschung zu Chan-Buddhismus, chinesischer Phonologie und der Geschichte der chinesischen Literatur blieb von höchster Qualität.<ref>Zum „kolonialen Zusammenwirken" siehe ebd.</ref> | ||
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| + | Demiéville gründete auch die Forschungsgruppe zur Katalogisierung der Pelliot-Dunhuang-Manuskripte in der Bibliothèque nationale, ein Projekt, das 1974 unter der Leitung von Michel Soymié formell konstituiert wurde und weiterhin grundlegende Arbeit in den Dunhuang-Studien leistet. | ||
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| + | Unter Demiévilles Nachfolgern war Jacques Gernet (1921–2018) der herausragendste. 1975 auf den Lehrstuhl für „Soziale und intellektuelle Geschichte Chinas" (''Histoire sociale et intellectuelle de la Chine'') am Collège de France berufen, hielt Gernet die Position bis 1992 und prägte eine ganze Generation französischer Sinologen. Sein ''Le monde chinois'' (1972), eine Geschichte der chinesischen Zivilisation, wurde zur französischsprachigen Standardeinführung in das Thema. Seine Studien zur Jesuitenmission — insbesondere ''Chine et christianisme: Action et réaction'' (1982) — beleuchteten die kulturelle Begegnung zwischen China und Europa mit einer Tiefe und Subtilität, die die konventionellen Rahmen sowohl der Missionsgeschichte als auch der Ideengeschichte transzendierte. | ||
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| + | Gernets Berufung ans Collège de France markierte auch die volle Reifung der Nachkriegsumorientierung der französischen Sinologie. Während sich die Vorkriegsgeneration überwiegend auf das vormoderne China konzentriert hatte, wuchs in der Nachkriegszeit die Aufmerksamkeit für das moderne und zeitgenössische China, angetrieben unter anderem durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Frankreich und der Volksrepublik 1964.<ref>Zur Nachkriegs-Sinologie in Korea siehe „Two Millennia of Sinology: The Korean Reception, Curation, and Reinvention of Cultural Knowledge from China", ''Journal of Chinese History'' (Cambridge University Press).</ref> | ||
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| + | Léon Vandermeersch (1928–2021) repräsentierte einen weiteren Strang der französischen Tradition: das Studium des chinesischen politischen Denkens und der Institutionen. Sein ''Magnum Opus'', ''Wangdao, ou la Voie royale'' (zwei Bände, 1977, 1980), analysierte die religiösen und institutionellen Grundlagen des chinesischen Königtums in der Shang- und Zhou-Zeit und bot eine grundlegende Revision von Granets soziologischer Interpretation. Wo Granet seine Schlussfolgerungen auf mythologische Themen gestützt hatte, gründete Vandermeersch seine Analyse in Epigraphik, Archäologie und dem Studium sozialer Institutionen — ein methodischer Fortschritt, der die Fortschritte sowohl der chinesischen als auch der westlichen Wissenschaft seit Granets Zeit widerspiegelte. Sein späteres Werk ''Le nouveau monde sinisé'' (1986) erweiterte seine Analyse auf die modernen „konfuzianischen" Gesellschaften Ostasiens und argumentierte, dass der Prozess der „Sinisierung" weitgehend ein Prozess der „Konfuzianisierung" gewesen sei.<ref>Ebd.</ref> | ||
| + | |||
| + | Die Nachkriegsjahrzehnte erlebten auch eine Blüte der chinesischen Literaturstudien in Frankreich, die eine gesonderte Behandlung verdient. Zwischen den 1950er und den 1980er Jahren bildeten sich drei „Brennpunkte" (''points chauds'') heraus. Der erste war die klassische Dichtung: Demiévilles gemeinschaftliche ''Anthologie de la poésie chinoise classique'' (1962), zusammen mit Studien von Jacques Pimpaneau zu Sima Xiangru, Donald Holzmans Arbeiten zu Xi Kang und Ruan Ji sowie Cheng Chi-hsiens strukturalistische Analysen der Tang-Dichtung brachten die französische Forschung an die Spitze des Feldes. Chengs Anwendung der westlichen Semiotik auf chinesische poetische Konzepte wie ''xu/shi'' (leer/voll) und ''yin/yang'' eröffnete neue methodische Wege. | ||
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| + | Der zweite Brennpunkt waren die vollständigen Übersetzungen der großen klassischen Romane. Die französischen Übersetzungen des ''Xiyou ji'' (1957), des ''Shuihu zhuan'' (1979), des ''Hongloumeng'' (1981) und des ''Jin Ping Mei'' (1985) brachten die Meisterwerke der chinesischen Erzählliteratur erstmals in ihrer Gesamtheit zu französischen Lesern. Die ''Hongloumeng''-Übersetzung von Li Zhihua, einem chinesischstämmigen Gelehrten an der Université de Paris VIII, beanspruchte siebenundzwanzig Jahre Arbeit und wurde in die prestigeträchtige Reihe „Bibliothèque de la Pléiade" aufgenommen — das Äquivalent einer Kanonisierung im französischen Literaturkanon. Chen Qinghao, ein chinesischstämmiger Gelehrter an der Université de Paris VII, veröffentlichte gleichzeitig kritische Editionen des ''Zhiyan zhai''-Kommentars, die originäre Beiträge zur internationalen ''hongxue'' (Rotologie) darstellten. | ||
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| + | Der dritte Brennpunkt war die moderne und zeitgenössische chinesische Literatur, angetrieben von der Übersetzung Lu Xuns, Mao Duns, Ba Jins, Lao Shes und Ding Lings ab den 1970er Jahren. Lu Xun war die Schlüsselfigur: Mme Ruhlmanns Vorwort zu ''Polémique et satire'' wurde „die erste umfassende Einschätzung" Lu Xuns auf Französisch genannt; François Julliens Studie zu Lu Xun erforschte die Symbolik seiner literarischen Bildsprache; und während des gesamten Jahrzehnts erschienen übersetzte Bände von Lu Xuns Erzählungen, Essays und Prosagedichten nahezu jährlich. | ||
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| + | == 7. Zeitgenössische französische Sinologie: EFEO, EHESS und das Collège de France heute == | ||
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| + | Die französische Sinologie des späten zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts hat ihren unverwechselbaren Charakter bewahrt — ein Bekenntnis zur philologischen Strenge, eine Vorliebe für tiefes Engagement mit Primärquellen und eine Tradition humanistischer Breite — und sich zugleich an die veränderte Welt der globalen Chinastudien angepasst. | ||
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| + | Die institutionelle Infrastruktur der französischen Sinologie gehört nach wie vor zu den aufwendigsten in Europa. Das Collège de France unterhält weiterhin Lehrstühle für Chinastudien, auch wenn sich die konkreten Denominationen geändert haben, um neuen Forschungsprioritäten Rechnung zu tragen. Die École française d'Extrême-Orient (EFEO), 1898 mit ihrer ursprünglichen Basis in Hanoi gegründet, unterhält Forschungszentren in ganz Asien und leistet weiterhin grundlegende Arbeit in Archäologie, Epigraphik, Religionswissenschaft und Textgelehrsamkeit. Die École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) ist zu einem bedeutenden Zentrum für die sozialwissenschaftliche Erforschung Chinas geworden und beherbergt Gelehrte, die sowohl an zeitgenössischer Politik, Wirtschaft und Gesellschaft als auch an historischen Themen arbeiten. Das Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) unterstützt zahlreiche Forschungsprojekte und Stellen in den Chinastudien, und das Institut national des langues et civilisations orientales (INALCO, ehemals École des Langues Orientales) bildet weiterhin Studenten in chinesischer Sprache und Kultur aus. | ||
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| + | Die großen Forschungsbibliotheken von Paris — die Bibliothèque nationale de France, das Musée Guimet, die Bibliotheken des Collège de France und der EFEO — besitzen Sammlungen chinesischer Bücher, Manuskripte und Kunst, die zu den bedeutendsten der Welt zählen, aufgebaut auf den von den Jesuitenmissionaren des achtzehnten Jahrhunderts gelegten Grundlagen. | ||
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| + | Das ''T'oung Pao'', 1890 gemeinsam vom niederländischen Sinologen Gustav Schlegel und dem französischen Bibliographen Henri Cordier gegründet, gehört nach wie vor zu den drei maßgeblichsten sinologischen Zeitschriften der Welt (neben dem ''Harvard Journal of Asiatic Studies'' und dem ''Journal of Asian Studies''). In Englisch, Französisch und Deutsch publizierend und von Gelehrten aus Leiden und Paris gemeinsam herausgegeben, verkörpert es den internationalen und philologischen Charakter der europäischen sinologischen Tradition. Das ''Bulletin de l'École française d'Extrême-Orient'' (gegründet 1901), das ''Journal Asiatique'' (gegründet 1822) und die Brill-Reihe ''Leiden Studies in Sinology'' veröffentlichen alle weiterhin grundlegende Forschung.<ref>„Two Millennia of Sinology", ''Journal of Chinese History''.</ref> | ||
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| + | Die Verwüstung der französischen Sinologie während des Zweiten Weltkriegs kann nicht überbewertet werden. Die drei Gelehrten, die das Feld seit den 1920er Jahren dominiert hatten — Pelliot, Maspero und Granet — starben innerhalb von fünf Jahren nacheinander. Der Krieg kappte auch den französisch-chinesischen wissenschaftlichen Austausch, der die EFEO und die in Peking ansässigen französisch-chinesischen Forschungszentren getragen hatte. Als Demiéville nach 1945 die Führung des Faches übernahm, stand er vor der Aufgabe, praktisch von Grund auf neu aufzubauen. | ||
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| + | Die Erholung war dennoch rasch. Demiévilles eigene wissenschaftliche Autorität, verbunden mit der institutionellen Widerstandsfähigkeit des Collège de France, der EFEO und des CNRS, bot einen Rahmen für die Erneuerung. Die Anerkennung der Volksrepublik China durch Frankreich 1964 — eines der ersten westlichen Länder — eröffnete neue Möglichkeiten für den wissenschaftlichen Austausch. Eine Kohorte junger französischer Gelehrter reiste in den 1960er Jahren nach China, und viele von ihnen wurden später zu Führungspersönlichkeiten der Disziplin. Zu dieser Generation gehörten Anne Cheng, Marianne Bastid-Bruguière, Marie-Claire Bergère und Lucien Bianco, unter anderen. | ||
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| + | Die Nachkriegszeit sah auch eine Verbreiterung der disziplinären Basis der französischen Sinologie. Während die Vorkriegstradition überwiegend philologisch und historisch gewesen war, umarmte die Nachkriegsgeneration die Sozialwissenschaften — Politikwissenschaft, Wirtschaft, Soziologie, Anthropologie — als legitime Zugänge zum Studium Chinas. Dies bedeutete nicht die Aufgabe der philologischen Tradition; vielmehr bedeutete es, dass die französische Sinologie nun das gesamte Spektrum an Fragen ansprechen konnte, das durch das Aufkommen der Volksrepublik als Weltmacht aufgeworfen wurde. Die Gründung des Instituts für zeitgenössisches China an der EHESS und die Erweiterung der chinabezogenen Forschungsprogramme des CNRS institutionalisierten diese neue Breite des Ansatzes. | ||
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| + | Die zeitgenössische französische Sinologie ist von Kontinuität und neuen Richtungen geprägt. Die Erforschung der chinesischen Religion — Daoismus, Buddhismus und Volksreligion — bleibt eine besondere Stärke, aufbauend auf der bahnbrechenden Arbeit von Maspero, Demiéville und Kristofer Schipper (dem in den Niederlanden geborenen Gelehrten, der sowohl an der EPHE in Paris als auch in Leiden einen Lehrstuhl hielt und acht Jahre als praktizierender daoistischer Priester in Taiwan verbrachte, um das daoistische Ritual von innen heraus zu verstehen). Das monumentale ''Projet Tao-tsang'' — ein analytischer Katalog des gesamten daoistischen Kanons — wurde von Schipper unter der Schirmherrschaft der Europäischen Wissenschaftsstiftung geleitet und umfasste Gelehrte aus sieben Ländern.<ref>Zur chinesischen Periode siehe Keith Weller Taylor, ''The Birth of Vietnam'' (Berkeley: University of California Press, 1983).</ref> | ||
| + | |||
| + | Die Literaturstudien haben geblüht, wobei Gelehrte wie François Jullien und Anne Cheng chinesische philosophische und literarische Texte in einen Dialog mit westlichen Traditionen brachten. Chengs Berufung ans Collège de France 2008 auf einen Lehrstuhl für „Geistesgeschichte Chinas" war selbst ein Meilenstein und spiegelte sowohl die anhaltende Zentralität des Collège de France für die Disziplin als auch die wachsende Internationalisierung der französischen Sinologie wider. | ||
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| + | Das Studium des modernen und zeitgenössischen China hat sich seit den 1960er Jahren erheblich ausgeweitet, angetrieben durch die politischen Transformationen in China selbst. Die Arbeiten von Marie-Claire Bergère über die chinesische Bourgeoisie, Lucien Biancos Studien zu Bauernbewegungen und Marianne Bastid-Bruguières Forschung zur Bildung haben das Verständnis des China des zwanzigsten Jahrhunderts bereichert. Die EHESS und Sciences Po sind zu wichtigen Zentren für das Studium der zeitgenössischen chinesischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft geworden. | ||
| + | |||
| + | Das Studium der chinesischen Philosophie war ein durchgehender Faden in der französischen Sinologie, der von Rémusats frühen Übersetzungen daoistischer Texte über Granets soziologische Interpretationen bis zur ausgefeilten vergleichenden Arbeit des späten zwanzigsten Jahrhunderts reicht. Gernets ''Chine et christianisme'' (1982) — eine Studie der chinesischen intellektuellen Reaktion auf das jesuitische Christentum — zeigte, dass die chinesischen und die europäischen Denksysteme auf so fundamental verschiedenen Annahmen beruhten, dass ein echtes wechselseitiges Verständnis weit schwieriger war, als es sich beide Seiten vorgestellt hatten. Seine Analyse der „Denkkategorien", die die chinesische von der europäischen Zivilisation trennten, beeinflusste eine ganze Generation von Gelehrten. | ||
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| + | François Jullien (geb. 1951) trieb dieses vergleichende Projekt weiter und entwickelte eine originelle philosophische Methode, die das chinesische Denken nicht als Studienobjekt nutzte, sondern als Aussichtspunkt, von dem aus die ungeprüften Voraussetzungen der westlichen Philosophie untersucht werden konnten. Seine Werke — darunter ''Procès ou création'' (1989), ''Éloge de la fadeur'' (1991) und ''Traité de l'efficacité'' (1996) — provozierten intensive Debatten sowohl innerhalb als auch jenseits sinologischer Kreise. Kritiker fragten, ob Julliens China das wirkliche China sei oder eine philosophische Konstruktion; seine Verteidiger argumentierten, dass die Begegnung zwischen chinesischem und westlichem Denken selbst neue philosophische Einsichten hervorbrachte, unabhängig von der Genauigkeit des sinologischen Details. | ||
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| + | Anne Cheng (geb. 1955), die erste Frau, die einen China gewidmeten Lehrstuhl am Collège de France innehatte (2008), repräsentierte einen anderen Zugang zur chinesischen Philosophie — einen, der in akribischer Textgelehrsamkeit verwurzelt war statt in vergleichender Spekulation. Ihre kritische Edition und Übersetzung des ''Lunyu'' (''Entretiens de Confucius'', 1981) und ihre Studie zum Konfuzianismus der Han-Zeit (''Étude sur le confucianisme Han'', 1985) zeigten, dass philologische Strenge und philosophische Sensibilität einander nicht ausschlossen. Ihre Berufung ans Collège de France war selbst ein symbolisches Ereignis, das die Kontinuität der Tradition bekräftigte, die mit Rémusat fast zwei Jahrhunderte zuvor begonnen hatte. | ||
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| + | Die Geschichte der französischen Sinologie, von den Jesuitenmissionaren des siebzehnten Jahrhunderts bis zu den Gelehrten des einundzwanzigsten, zeigt eine bemerkenswerte Kohärenz. Der Lehrstuhl am Collège de France, 1814 eingerichtet und von einer ununterbrochenen Folge herausragender Gelehrter besetzt — Rémusat, Julien, d'Hervey de Saint-Denys, Chavannes, Maspero, Demiéville, Gernet —, verkörpert die Kontinuität der Tradition. Die Betonung der philologischen Meisterschaft, der erschöpfenden Annotation, der genauen Lektüre von Primärtexten — was Honey die „kommentarische Tradition" nennt — ist das Markenzeichen der französischen Sinologie geblieben, auch wenn sich die Disziplin auf die Sozialwissenschaften, die Archäologie und das Studium des zeitgenössischen China ausgeweitet hat. | ||
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| + | Zhang Xiping, der die Geschichte der französischen Sinologie aus der chinesischen Gelehrtenperspektive betrachtet, kommt zu dem Schluss, dass die französische Tradition von „gediegener und solider Arbeit" (''稳打稳扎''), „fleißigem Ackerbau" (''勤耕勤耘'') und einem „Geist aufrichtiger Hingabe" (''一片愚诚'') geprägt war — Eigenschaften, die es ihr ermöglicht haben, ihre Stellung als eines der weltweit führenden Zentren sinologischer Forschung zu behaupten, trotz des Aufstiegs der amerikanischen, japanischen und chinesischen Wissenschaft.<ref>Zur Verwendung des klassischen Chinesisch im unabhängigen Vietnam siehe den Wikipedia-Artikel „History of writing in Vietnam"; Alexander Woodside, ''Vietnam and the Chinese Model'' (Cambridge, MA: Harvard University Press, 1971).</ref> | ||
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| + | Die Abfolge der Gelehrten, die den Lehrstuhl am Collège de France innehatten — Rémusat (1814–1832), Julien (1832–1873), d'Hervey de Saint-Denys (1874–1892), Chavannes (1893–1918), Maspero (1921–1945), Demiéville (1945–1964), Gernet (1975–1992) und ihre Nachfolger —, bildet eine der vornehmsten intellektuellen Genealogien in der Geschichte jeder akademischen Disziplin. Jede Generation baute auf den von ihren Vorgängern gelegten Grundlagen auf und erweiterte zugleich die Reichweite des Faches in neue Richtungen. Rémusat öffnete die Tür zur professionellen Sinologie; Julien übersetzte die kanonischen Texte; Chavannes begründete die philologische Methode; Pelliot und Maspero brachten sie zur Vollendung; Granet führte die Sozialwissenschaften ein; Demiéville baute nach der Katastrophe wieder auf; Gernet und seine Zeitgenossen setzten sich sowohl mit dem klassischen China als auch mit der modernen Welt auseinander. | ||
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| + | Das Vermächtnis der Tradition des Collège de France ist nicht bloß ein Korpus veröffentlichter Werke, so beeindruckend er auch sein mag. Es ist ein Modell der Gelehrsamkeit: die Überzeugung, dass das Studium der chinesischen Zivilisation dieselbe philologische Strenge, dieselbe Tiefe sprachlicher Ausbildung und dieselbe Weite humanistischer Vision erfordert, die traditionell dem Studium Griechenlands und Roms zugewandt worden sind. Diese Überzeugung, erstmals von Rémusat formuliert und im Werk von Chavannes, Pelliot und Maspero verkörpert, bleibt das belebende Prinzip der französischen Sinologie bis heute. | ||
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| + | == Anmerkungen == | ||
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| + | == Bibliographie == | ||
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| + | === Primärquellen === | ||
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| + | * Du Halde, Jean-Baptiste. ''Description géographique, historique, chronologique, politique et physique de l'Empire de la Chine et de la Tartarie chinoise''. 4 Bde. Paris, 1735. | ||
| + | * Chavannes, Édouard. ''Les Mémoires historiques de Se-ma Ts'ien''. 5 Bde. Paris: Ernest Leroux, 1895–1905. | ||
| + | * Chavannes, Édouard. ''Le T'ai Chan: Essai de monographie d'un culte chinois''. Paris: Ernest Leroux, 1910. | ||
| + | * Chavannes, Édouard, und Paul Pelliot. „Un traité manichéen retrouvé en Chine." ''Journal Asiatique'' (1911). | ||
| + | * Demiéville, Paul. ''Choix d'études sinologiques (1921–1970)''. Leiden: Brill, 1973. | ||
| + | * Granet, Marcel. ''Fêtes et chansons anciennes de la Chine''. Paris: Ernest Leroux, 1919. | ||
| + | * Granet, Marcel. ''La civilisation chinoise''. Paris: La Renaissance du Livre, 1929. | ||
| + | * Granet, Marcel. ''La pensée chinoise''. Paris: La Renaissance du Livre, 1934. | ||
| + | * Maspero, Henri. ''La Chine antique''. Paris: E. de Boccard, 1927. | ||
| + | * Pelliot, Paul. ''Notes on Marco Polo''. 3 Bde. Paris: Imprimerie Nationale / Adrien-Maisonneuve, 1959–1973. | ||
| + | * Rémusat, Jean-Pierre Abel. ''Éléments de la grammaire chinoise''. Paris, 1822. | ||
| + | |||
| + | === Sekundärliteratur === | ||
| + | |||
| + | * Demiéville, Paul. „Aperçu historique des études sinologiques en France." Nachgedruckt in ''Choix d'études sinologiques''. Leiden: Brill, 1973. | ||
| + | * Honey, David B. ''Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology''. American Oriental Series 86. New Haven: American Oriental Society, 2001. | ||
| + | * Zhang Xiping 张西平, Hrsg. ''Oumei hanxue de lishi yu xianzhuang'' 欧美汉学的历史与现状 (Geschichte und aktuelle Lage der europäischen und amerikanischen Sinologie). Zhengzhou: Daxiang chubanshe, 2005. | ||
| + | * Zhang Xiping 张西平. „Vorlesung 7: Entwicklung der französischen Sinologie" (第七讲:法国汉学的发展). In ''Vorlesungen zur Geschichte der westlichen Sinologie''. | ||
| + | * Cordier, Henri. ''Bibliotheca Sinica''. 5 Bde. Paris, 1904–1924. | ||
| + | * Freches, José. ''La Sinologie''. Paris: Presses Universitaires de France, 1975. | ||
| + | * He Yin 何寅 und Xu Guanghua 许光华. ''Guowai hanxueshi'' 国外汉学史 (Geschichte der Sinologie im Ausland). Shanghai: Shanghai Waiyu Jiaoyu Chubanshe, 2002. | ||
| + | * Mungello, David E. ''Curious Land: Jesuit Accommodation and the Origins of Sinology''. Wiesbaden: Franz Steiner, 1985. | ||
| + | * Xu Minglong 许明龙. ''Huang Jialüe yu zaoqi Faguo hanxue'' 黄嘉略与早期法国汉学 (Arcade Hoang und die frühe französische Sinologie). Peking: Zhonghua Shuju, 2004. | ||
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| + | == Einzelnachweise == | ||
| + | <references /> | ||
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Kapitel 8: Frankreich — Die Tradition des Collège de France und das Goldene Zeitalter der philologischen Sinologie
1. Die Jesuiten und die Proto-Sinologie
Die Geschichte der französischen Sinologie beginnt nicht in den Hörsälen von Paris, sondern an den kaiserlichen Höfen, Missionsstationen und Druckereien des späten Ming- und frühen Qing-China. Keine europäische Nation investierte so stark in die intellektuelle Begegnung mit China wie Frankreich, und keine Nation erntete reichere wissenschaftliche Dividenden. Der Bogen von der jesuitischen Proto-Sinologie bis zur Einrichtung des ersten Universitätslehrstuhls für Chinastudien 1814 bildet eine der großen Entwicklungslinien in der Geschichte des westlichen Orientalismus — und er wurde von Anfang an von einer unverwechselbaren Kombination aus königlicher Patronage, philosophischer Neugier und philologischem Ehrgeiz getrieben.
Die französische Jesuitenmission nach China wurde unter der direkten Schirmherrschaft Ludwigs XIV. eingeweiht. 1685 brachen sechs Männer mit dem Titel „Königliche Mathematiker" (mathématiciens du roi) in den Osten auf. Fünf von ihnen — Jean de Fontaney, Joachim Bouvet, Jean-François Gerbillon, Louis Le Comte und Claude de Visdelou — erreichten Ningbo im Juli 1687 und reisten nach Peking weiter, wo sie 1688 vom Kangxi-Kaiser empfangen wurden.[1] Die wissenschaftlichen Referenzen dieser Missionare waren zentral für die jesuitische Strategie der Akkommodation, die erstmals von Matteo Ricci formuliert worden war: Indem sie den chinesischen Hof mit europäischen Fortschritten in Astronomie, Mathematik und Kartographie beeindruckten, zielten die Jesuiten darauf ab, Gehör für ihr Evangelium zu finden. Bouvet und Gerbillon dienten dem Kangxi-Kaiser als Tutoren in Mathematik und Astronomie und gewannen sein Vertrauen und seine Patronage.
Die Konsequenzen für das sinologische Wissen waren tiefgreifend. Als Bouvet 1697 nach Frankreich zurückkehrte, brachte er neunundvierzig Bände chinesischer Bücher mit — ein Geschenk des Kangxi-Kaisers an Ludwig XIV. — und rekrutierte eine zweite Welle von Missionaren, darunter Joseph de Prémare, Dominique Parrenin, Jean-Baptiste Régis, Joseph-Anne-Marie de Moyriac de Mailla, Antoine Gaubil und Jean-Joseph-Marie Amiot.[2] Diese Männer sollten die größten Gelehrtenmissionare des achtzehnten Jahrhunderts werden und Werke hervorbringen, die die Grundlagen für jede nachfolgende Generation französischer Sinologen legten.
Die drei großen Werke der jesuitischen Sinologie
Die jesuitische Sinologie des achtzehnten Jahrhunderts gipfelte in drei monumentalen Kompilationen, die Historiker zu Recht die „drei großen Werke" (trois grands ouvrages) der europäischen Proto-Sinologie genannt haben.[3]
Das erste waren die Lettres édifiantes et curieuses (1702–1776), eine vierunddreißigbändige Sammlung von Briefen und Berichten der Missionare in ganz Asien, wovon die Bände sechzehn bis sechsundzwanzig Depeschen aus China enthielten. Die Briefe boten europäischen Lesern lebhafte Augenzeugenberichte über die chinesische Gesellschaft, Sitten und das intellektuelle Leben — „Tausende neuer Dinge" (des milliers de choses nouvelles), wie ein Zeitgenosse bemerkte — und wurden rasch in die meisten europäischen Sprachen übersetzt.[4]
Das zweite war Jean-Baptiste Du Haldes Description géographique, historique, chronologique, politique et physique de l'Empire de la Chine et de la Tartarie chinoise (1735), eine vierbändige Enzyklopädie Chinas, zusammengestellt von einem Mann, der nie chinesischen Boden betreten hatte. Du Halde schöpfte aus Jahrzehnten jesuitischer Korrespondenz und Berichte, um das zu schaffen, was der Historiker Mo Dongyin „die größte Pyramide der westlichen Sinologie bis zu jenem Zeitpunkt" (西洋汉学空前之金字塔) nannte.[5] Es enthielt Übersetzungen von Abschnitten des Shijing, Erzählungen aus dem Jin gu qi guan, Prémares Übersetzung des Waisenkinds von Zhao (Zhao shi gu er) und Jean-Baptiste Bourguignon d'Anvilles Karten des chinesischen Reiches. Englische, deutsche und russische Ausgaben folgten fast unmittelbar. Voltaire und Montesquieu bezogen ihr Wissen über China weitgehend aus diesem Werk.
Das dritte waren die Mémoires concernant l'histoire, les sciences, les arts, les mœurs, les usages des Chinois (1776–1814), eine sechzehnbändige Sammlung gelehrter Essays über chinesische Geschichte, Wissenschaft, Kunst und Gebräuche. Anders als Du Haldes Kompilation bewahrten die Mémoires die Originaltexte ihrer Autoren und strebten den Charakter einer akademischen Zeitschrift an, nicht einer Enzyklopädie. Ihre Veröffentlichung markierte, wie ein Gelehrter beobachtete, „die Vollendung eines von Ricci eingeleiteten Unternehmens" und den Höhepunkt der jesuitischen Gelehrsamkeit über China.[6]
Unter den Jesuitengelehrten, die das linguistische Studium des Chinesischen vorantrieben, verdient Joseph de Prémare (1666–1736) besondere Erwähnung. Seine Notitia linguae sinicae, um 1728 im Manuskript vollendet, aber erst 1831 veröffentlicht (als Robert Morrison sie in Malakka herausgab), war die anspruchsvollste Grammatik des klassischen Chinesisch im achtzehnten Jahrhundert. Prémare unterschied klar zwischen der Schriftsprache (wen) und der Umgangssprache, lieferte umfangreiche Beispiele aus der chinesischen Belletristik und bewies eine Beherrschung idiomatischer Wendungen, die von keinem zeitgenössischen europäischen Werk übertroffen wurde.[7] Wie Honey anmerkt, kursierte Prémares Grammatik im Manuskript unter den Jesuiten und war einigen europäischen Gelehrten bekannt, aber ihre Unterdrückung durch Étienne Fourmont — der die Priorität für seine eigene Grammatica duplex beanspruchen wollte — verzögerte ihren Einfluss um mehr als ein Jahrhundert.[8]
Du Halde selbst, obwohl nicht Sinologe im strengen Sinne, übte einen unermesslichen Einfluss auf das europäische Chinabild und auf die Entwicklung der Disziplin aus. Sein Werk etablierte die Vorlage einer weitreichenden Darstellung — Geographie, Geschichte, politische Institutionen, Religion, Philosophie, Literatur, Naturgeschichte —, die die französische sinologische Produktion für die folgenden zwei Jahrhunderte charakterisieren sollte. Es demonstrierte auch den Wert der systematischen Auswertung jesuitischer Quellen, eine Praxis, die spätere professionelle Sinologen sowohl fortsetzen als auch kritisieren sollten.
Eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung der französischen Sinologie war die systematische Ansammlung chinesischer Bücher in Paris. Als Bouvet 1697 aus China zurückkehrte, bildeten die neunundvierzig Bände, die er mitbrachte, den Kern dessen, was zur bedeutendsten chinesischen Sammlung Europas werden sollte. Bis 1720 besaß die Königliche Bibliothek etwa eintausend chinesische Bände. Nach 1722 erweiterte sich die Sammlung dramatisch, als Foucquet 3.980 Bände aus China zurückbrachte. Parrenin und Prémare schickten ebenfalls große Sendungen. Bis 1742 hatte Fourmont einen Katalog der chinesischen Bestände erstellt, die etwa viertausend Bände umfassten und den Lesern zugänglich gemacht wurden.
Der Jesuitenmissionar Jean-Joseph-Marie Amiot unterhielt eine jahrzehntelange Korrespondenz mit den Bibliothekaren der Königlichen Bibliothek und suchte aktiv nach seltenen chinesischen Büchern in Peking. „Die Bücher, die ich an die Königliche Bibliothek geschickt habe, sind jetzt sehr schwer zu finden", schrieb er an seinen Gönner Bertin. „Nur durch Zufall kann man gelegentlich auf sie stoßen." Amiot verstand den potenziellen Wert dieser Werke und war nicht nur vom Wunsch motiviert, der europäischen Wissenschaft zu dienen, sondern auch von einer vorausschauenden Sorge um die Bewahrung des chinesischen Kulturerbes — er war sich der chinesischen Geschichte der Bücherverbrennungen und literarischen Inquisitionen wohl bewusst.
Wie Demiéville beobachtete: „Die Sammlung chinesischer Bücher der Königlichen Bibliothek spielte eine wichtige Rolle für die Entwicklung der französischen sinologischen Forschung; es war diesen kostbaren Sammlungen zu verdanken, dass die französische Sinologie im neunzehnten Jahrhundert alle anderen europäischen Länder weit hinter sich lassen konnte." Die Ansammlung dieser Ressourcen über mehr als ein Jahrhundert bildete das materielle Fundament, ohne das der Übergang zur professionellen Sinologie nicht möglich gewesen wäre.
Im gesamten achtzehnten Jahrhundert war die Erstellung eines umfassenden chinesisch-französischen Wörterbuchs ein wiederkehrender Ehrgeiz der französischen Sinologen — und ein wiederkehrendes Scheitern. Huang Jialüe (Arcade Hoang), der fujianesische Gelehrte, der von 1702 bis zu seinem frühen Tod 1716 in Paris arbeitete, begann zwei Wörterbücher: eines nach Aussprache geordnet (42 Seiten) und eines nach Radikalen (998 Seiten mit 5.210 Zeichen). Keines wurde vollendet. Fourmont übernahm Huangs Manuskripte und setzte die Arbeit fort, aber seine Energien verzettelte er auf zu viele Projekte. Der jüngere De Guignes erbte den Ehrgeiz, konnte ihn aber im achtzehnten Jahrhundert nicht verwirklichen.
Erst 1813 veröffentlichte Chrétien-Louis-Joseph de Guignes (der Jüngere) schließlich das Dictionnaire chinois, français et latin, das weitgehend auf dem handschriftlichen chinesisch-lateinischen Wörterbuch basierte, das der italienische Jesuit Basilio Brollo 1694–1699 kompiliert hatte. Das Wörterbuch mit etwa 14.000 Zeichen war eine typographische Meisterleistung — gedruckt mit chinesischen Schriftzeichen, die Fourmont Jahrzehnte zuvor hatte schnitzen lassen —, war aber nicht ohne schwerwiegende Mängel. Rémusat, der bald den Lehrstuhl am Collège de France besetzen sollte, veröffentlichte eine vernichtende Kritik, und der deutsch-russische Sinologe Julius Klaproth gab ein Supplément (1819) heraus, das viele der Fehler korrigierte. Dennoch markierte die Veröffentlichung des Wörterbuchs den Höhepunkt einer jahrhundertelangen Anstrengung und lieferte ein unverzichtbares Werkzeug für die entstehende Disziplin der professionellen Sinologie.
Der breitere kulturelle Kontext für die Entstehung der professionellen Sinologie war die Welle der „Chinoiserie" oder des „China-Fiebers" (中国热), die vom späten siebzehnten bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts das französische Geistesleben durchzog. Dieses Phänomen, das weit über den Import chinesischen Porzellans, chinesischer Seide und Lackwaren hinausging, beinhaltete eine nachhaltige Auseinandersetzung mit chinesischen Ideen — insbesondere konfuzianischer Ethik und chinesischen politischen Institutionen — durch einige der prominentesten Denker der Aufklärung.
Der Philosoph La Mothe Le Vayer verglich Konfuzius bereits 1641 mit Sokrates. Voltaire pries die chinesische Regierungsführung als Vorbild aufgeklärten Despotismus. Die Physiokraten unter Führung von François Quesnay fanden in China Belege für ihre Theorien einer natürlichen Wirtschaftsordnung. Selbst Kritiker Chinas, wie Montesquieu, setzten sich ernsthaft mit chinesischen Quellen auseinander, um ihre Argumente zu formulieren. Wie Zhang Xiping argumentiert, schuf diese intellektuelle Gärung — die lebhafte Debatte über die Bedeutung der chinesischen Zivilisation für das europäische Selbstverständnis — die „sozialen und kulturellen Bedingungen", die notwendig waren, damit die Sinologie eine akademische Disziplin werden konnte. „Hätte es kein 'China-Fieber' gegeben, kein Interesse der französischen Intellektuellen an der chinesischen Kultur, hätte sich die Etablierung der Sinologie als professionelle Disziplin erheblich verzögern können."
2. Abel-Rémusat und der erste Lehrstuhl (1814)
Der Übergang von der jesuitischen Proto-Sinologie zur professionellen, universitären Sinologie war weder plötzlich noch unausweichlich. Er erforderte ein Zusammentreffen intellektueller, institutioneller und politischer Bedingungen, die in Frankreich während der Revolutions- und Napoleonischen Zeit zusammenkamen.
Im gesamten achtzehnten Jahrhundert hatte eine Handvoll weltlicher Gelehrter in Paris versucht, Chinesisch zu studieren, ohne den Vorteil eines Aufenthalts in China oder der Beherrschung der Sprache. Étienne Fourmont (1683–1745), der mit dem fujianesischen Informanten Arcade Hoang (Huang Jialüe) arbeitete, kompilierte Wörterbücher und Grammatiken des Chinesischen, die nach modernen Maßstäben zutiefst fehlerhaft waren — Fourmont glaubte beispielsweise, dass die Beherrschung der 214 Radikale die gesamte Sprache erschließen würde —, aber die erste nachhaltige Anstrengung eines nicht-missionarischen Europäers darstellten, sich mit der chinesischen Linguistik auseinanderzusetzen.[9] Sein Rivale Nicolas Fréret (1688–1749), ein Historiker und Philologe von größerer Strenge, konzentrierte sich auf die chinesische Chronologie und ihre Implikationen für die biblische Geschichte und wurde 1714 der erste Europäer, der einem gelehrten Publikum chinesische Poesie laut vorlas — ein Anlass, den Zhang Xiping als „die erste Begegnung der chinesischen Dichtung mit Europa" beschrieb.[10]
Diese frühen Bemühungen blieben jedoch dilettantisch. Die weltlichen Sinologen des achtzehnten Jahrhunderts arbeiteten mit Material aus zweiter Hand, konnten chinesische Texte nicht selbständig lesen und ordneten ihre Forschung oft größeren philosophischen oder theologischen Programmen unter. Wie Zhang Xiping beobachtet, waren ihre Schriften „oberflächliche Auswahlen, grobe Einführungen und simplistische Kommentare, denen die Erleuchtung einer herausragenden historischen oder philosophischen Intelligenz fehlte".[11]
Der entscheidende Bruch kam mit Jean-Pierre Abel-Rémusat (1788–1832). In Paris als Sohn einer Arztfamilie geboren, entdeckte Rémusat das Chinesische durch die beiläufige Betrachtung einer chinesischen botanischen Illustration in einer Privatsammlung. Die geheimnisvollen Zeichen entflammten seine Phantasie, und er beschloss, sich die Sprache selbst beizubringen. Ohne verfügbare Lehrer und ohne angebotene Kurse arbeitete er mit Fourmonts Lingua sinica und mit verstreuten jesuitischen Übersetzungen, ergänzt durch eine handschriftliche Kopie eines chinesisch-lateinischen Wörterbuchs, die er erst 1812 erhielt.[12]
1811, nach fünf Jahren Selbststudium, veröffentlichte Rémusat sein erstes sinologisches Werk, den Essai sur la langue et la littérature chinoises, der sowohl seine Kompetenz als auch seine Ambitionen ankündigte. Am 29. November 1814 richtete das Collège de France einen Lehrstuhl für „chinesische und tatarisch-mandschurische Sprachen und Literaturen" (langues et littératures chinoise et tartare-mandchoue) ein, und Rémusat wurde zu seiner Besetzung ernannt. Er hielt seine Antrittsvorlesung am 16. Januar 1815.[13]
Dies war ein Gründungsmoment für die westliche Sinologie. Die Einrichtung eines eigenen Universitätslehrstuhls bedeutete, dass das Studium Chinas zu einer anerkannten akademischen Disziplin geworden war — nicht länger ein Anhängsel der Missionsarbeit, orientalischer Neugier oder philosophischer Spekulation. Rémusat war der erste professionelle Sinologe im Westen: ein Mann, der kein kirchliches oder diplomatisches Amt bekleidete, der seinen Lebensunterhalt durch Lehre und Schreiben über China verdiente und der die Methoden der modernen Philologie auf chinesische Texte anwandte.
Seine Beiträge waren vielfältig. Seine Éléments de la grammaire chinoise (1822) wurden von Maspero als „die erste Grammatik, die dem Geist der chinesischen Sprache gemäß geschrieben wurde" und von anderen als „die Geburtsurkunde der modernen Sinologie" gefeiert.[14] Seine Übersetzung des Romans Yu jiao li (1826) erfreute sich in Frankreich enormen Erfolgs und wurde im folgenden Jahr ins Englische rückübersetzt. Seine kommentierte Übersetzung von Faxians Fo guo ji — die Relation des royaumes bouddhiques — war nach dem Urteil Paul Demiévilles „das größte und dauerhafteste" seiner Werke und vermittelte dem Westen erstmals eine faire und wissenschaftliche Darstellung des Buddhismus, frei von den Verzerrungen missionarischer Feindseligkeit.[15]
Rémusat gründete 1822 auch die Société Asiatique und diente als Direktor der orientalischen Abteilung der Königlichen Bibliothek. Er bildete eine Generation von Studenten aus, unter ihnen Stanislas Julien, der die französische Sinologie zu neuen Höhen führen sollte. Sein vorzeitiger Tod während der Choleraepidemie von 1832 brach eine Karriere von außerordentlichem Versprechen ab, doch sein Vermächtnis war gesichert: Er hatte den institutionellen, methodischen und intellektuellen Rahmen geschaffen, in dem die französische Sinologie für den Rest des Jahrhunderts blühen sollte.
Zhang Xiping identifiziert mehrere Merkmale, die Rémusats professionelle Sinologie von den Amateurversuchen seiner Vorgänger unterschieden. Erstens wurde die Forschung in Frankreich durchgeführt und nicht in China — der professionelle Sinologe musste kein Missionar oder Diplomat mit direktem Zugang zur chinesischen Gesellschaft sein, sondern konnte mit Texten, Wörterbüchern und Bibliothekssammlungen arbeiten. Dies barg das Risiko der Abstraktion und des Verlustes der „Feldforschungs"-Erfahrung, befreite den Gelehrten aber auch von den institutionellen Zwängen und ideologischen Bindungen des Missionswesens. Zweitens verschob sich der Forschungszweck von der religiösen Propagierung zum kulturellen Verständnis — Chinastudien wurden in Rémusats Händen zu einer humanistischen Disziplin und nicht zu einem Nebenprodukt der Evangelisierung. Drittens brachte der professionelle Sinologe die Methoden der modernen europäischen Wissenschaft mit — philologische Strenge, systematischen Vergleich, Aufmerksamkeit für sprachliche Evidenz — statt der impressionistischen und oft tendenziösen Ansätze der Amateure. Viertens begründete Rémusat die Tradition des interkulturellen Vergleichs, indem er Chinas Beziehungen zu seinen zentralasiatischen Nachbarn untersuchte und chinesische Textquellen nutzte, um die breitere asiatische Geschichte zu beleuchten. Wie Chavannes später beobachtete, war Rémusat „der Erste, der versuchte, als Ganzes alle Völker des Nordens und Westens zu betrachten, die Beziehungen zu China hatten". Schließlich rückte Rémusat die Literatur ins Zentrum der sinologischen Aufmerksamkeit, indem er Romane, Kurzgeschichten und buddhistische Erzählungen als „Fenster" zur chinesischen Zivilisation übersetzte — ein Ansatz, der die breitere französische intellektuelle Überzeugung widerspiegelte, dass Literatur der Spiegel der Gesellschaft sei.
3. Stanislas Julien — Konsolidierung
Stanislas Julien (1797–1873) folgte Rémusat am Collège de France nach und hielt den Lehrstuhl über vier Jahrzehnte. Wenn Rémusat der Gründer war, so war Julien der Konsolidator — ein Übersetzer von außerordentlicher Produktivität, dessen Werk die Bandbreite und Tiefe der französischen sinologischen Gelehrsamkeit etablierte.
Juliens sprachliche Fähigkeiten waren außergewöhnlich. Er beherrschte fließend Griechisch, Latein, Hebräisch, Sanskrit und Chinesisch, und seine Beherrschung des klassischen Chinesisch wurde von chinesischen Gelehrten selbst anerkannt. Seine Übersetzungen umfassten eine erstaunliche Vielfalt von Texten: den Mengzi, das Daodejing, buddhistische Schriften, das Waisenkind von Zhao, technische Handbücher über Seidenraupenzucht und Porzellanherstellung und, am bemerkenswertesten, das Leben des Xuanzang (Vie et voyages de Hiouen-Thsang, 1853) und Xuanzangs eigenen Bericht seiner Reise nach Indien (Mémoires sur les contrées occidentales, 1857–1858).[16]
Diese letzten beiden Werke festigten die Forschungslinie, die Rémusat mit seiner Übersetzung des Fo guo ji eröffnet hatte. Die französische Tradition, chinesische buddhistische Reiseliteratur als Quelle für die historische Geographie Zentral- und Südasiens zu nutzen — was Chavannes später das Studium von Chinas Beziehungen zu den Völkern des Nordens und Westens nannte —, wurde zu einem der Markenzeichen der Pariser Schule.
Julien begründete auch den Prix Stanislas Julien, einen internationalen Preis für chinesische Übersetzung, der von der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres vergeben wird und zur renommiertesten Auszeichnung auf dem Gebiet wurde. James Legge gehörte zu seinen Preisträgern (1875), ein Beweis für die internationale Reichweite französischer sinologischer Standards.[17]
Doch Juliens Vermächtnis ist nicht ohne Ambivalenz. Seine Produktivität ging bisweilen auf Kosten philologischer Strenge. Spätere Gelehrte, insbesondere Pelliot, sollten die Präzision einiger seiner Wiedergaben bemängeln. Und die Breite seiner Übersetzungen, die von Philosophie bis zur Seidenraupenzucht reichte, spiegelte ein Verständnis der Sinologie als Totalstudium der chinesischen Zivilisation wider — ein Verständnis, das im zwanzigsten Jahrhundert durch den Aufstieg spezialisierter Disziplinen in Frage gestellt werden sollte.
Zwischen Julien und Chavannes hielt der Marquis d'Hervey de Saint-Denys (1822–1892) den Lehrstuhl am Collège de France, eine Gestalt, die in den Standardgeschichten der Sinologie etwas zu Unrecht vernachlässigt worden ist. Honey erwähnt ihn kurz als Vorgänger von Chavannes, aber seine Beiträge waren nicht unbeträchtlich. D'Hervey de Saint-Denys war ein Aristokrat und Universalgelehrter, der Übersetzungen der Tang-Dichtung (Poésies de l'époque des Thang, 1862) und eine Studie über die chinesische Traumdeutung veröffentlichte, die spätere Entwicklungen in der Psychologie des Träumens vorwegnahm. Seine Übersetzungen, in vollendetem französischem Vers, stellten einen anderen Ansatz zum Problem der chinesischen Dichtung in der Übersetzung dar — einen, der auf literarische Eleganz statt auf philologische Präzision abzielte. Obwohl von den Leistungen seines Nachfolgers Chavannes überschattet, wahrte d'Hervey de Saint-Denys die Kontinuität des Lehrstuhls in einer Übergangsphase und hielt die französische Sinologie durch seine literarischen Veröffentlichungen im öffentlichen Blickfeld.
Institutionelles Wachstum in der französischen Sinologie des neunzehnten Jahrhunderts
Die Entwicklung der französischen Sinologie im neunzehnten Jahrhundert wurde von einer sich ausweitenden institutionellen Infrastruktur getragen. Der Lehrstuhl am Collège de France, 1814 eingerichtet, wurde 1843 durch die Einrichtung eines chinesischen Sprachkurses an der École des Langues Orientales Vivantes (heute INALCO) ergänzt. 1888 wurde die École française d'Extrême-Orient (EFEO) gegründet, zunächst mit Sitz in Hanoi, zur Erforschung der Zivilisationen Ost- und Südostasiens. Die EFEO sollte zu einer der wichtigsten sinologischen Forschungsinstitutionen der Welt werden und Generationen französischer Gelehrter die Möglichkeit bieten, Feldforschung und Archivarbeit in Asien durchzuführen.
Die Gründung akademischer Zeitschriften war ebenso bedeutsam. Das Journal Asiatique, Organ der Société Asiatique, erschien ab 1822 und bot den ersten regelmäßigen französischsprachigen Publikationsort für sinologische Forschung. T'oung Pao, 1890 gemeinsam mit dem niederländischen Sinologen Schlegel gegründet, wurde rasch zur führenden internationalen sinologischen Zeitschrift. Das Bulletin de l'École française d'Extrême-Orient (BEFEO), 1901 ins Leben gerufen, veröffentlichte die Forschung der EFEO-Gelehrten. Zusammen mit den großen Forschungsbibliotheken und Museen von Paris — der Bibliothèque nationale, dem Musée Guimet, dem Musée Cernuschi — schufen diese Institutionen ein Umfeld für sinologische Forschung, das weltweit seinesgleichen suchte.
4. Das Goldene Zeitalter: Chavannes, Pelliot, Maspero
Das späte neunzehnte und das frühe zwanzigste Jahrhundert erlebten, was zu Recht als das Goldene Zeitalter der französischen Sinologie bezeichnet werden darf. Zwischen der Berufung Édouard Chavannes' ans Collège de France 1893 und dem Tod Paul Pelliots und Henri Masperos 1945 brachte die Pariser Schule einen Korpus von Gelehrsamkeit hervor, der den Standard für die gesamte Disziplin setzte. David Honey widmet in Incense at the Altar den zentralen Abschnitt seiner Studie diesem „Triumvirat der Giganten", und es ist aus seinen durchdringenden Einschätzungen, ergänzt durch Zhang Xipings Darstellung, dass die folgenden Porträts gezeichnet werden.
Édouard Chavannes (1865–1918): Der Vater der modernen Sinologie
Chavannes, in Lyon geboren und an der École Normale Supérieure ausgebildet, wurde 1889 an die französische Gesandtschaft in Peking berufen, wo er die Forschung begann, die ihn für den Rest seines Lebens beschäftigen sollte. 1893 folgte er dem Marquis d'Hervey de Saint-Denys am Collège de France nach.
Honey identifiziert Chavannes als „den Vater der modernen Sinologie" — ein Urteil, das von praktisch allen nachfolgenden Historikern der Disziplin geteilt wird.[18] Die Grundlage für diesen Anspruch liegt nicht allein in Chavannes' Produktivität, die immens war, sondern in der Qualität und Dauerhaftigkeit seiner Methode. Wie Honey es formuliert: „Nichts, was er geschrieben hat, ist heute veraltet in Bezug auf intellektuelle Annahmen, begriffliche Klarheit oder methodischen Ansatz."[19] Wo seine Vorgänger von unvollkommenen Annahmen über die chinesische Sprache, einer unzureichenden Beherrschung der traditionellen Bibliographie und ohne die Werkzeuge der historischen Phonologie gearbeitet hatten, brachte Chavannes die Standards der europäischen klassischen Philologie in die Sinologie ein — Präzision der Übersetzung, erschöpfende Annotation, Beherrschung der Primärquellen und die Weigerung, über die Belege hinausgehende Schlüsse zu ziehen.
Honey bemerkt, dass wir Chavannes als Begründer der professionellen Sinologie betrachten können, weil „nichts, was er geschrieben hat, heute in Bezug auf intellektuelle Annahmen, begriffliche Klarheit oder methodischen Ansatz veraltet ist. Dass seine Werke der Aktualisierung bedürfen, trifft auf jede wissenschaftliche Produktion angesichts des Fortschritts der Erkenntnis zu. Doch sein Oeuvre bewahrt seinen Wert heute als Ganzes weit besser als das seiner Zeitgenossen, wegen seiner sorgfältigen Vollständigkeit, seiner Vorsicht, wo Beweise fehlten, und seiner Beherrschung einer Vielfalt von Quellen." Chavannes war auch darauf bedacht, nicht zu viele Schlussfolgerungen auf vergleichende Philologie oder historische Phonologie zu stützen, da die Wissenschaft der chinesischen Linguistik gerade erst in den Anfängen steckte. Was immer er an historischer Phonologie verwendete, formulierte er sorgfältig in vorläufigen Begriffen und als Ergänzung zu auf anderem Wege bereits gewonnenen Schlussfolgerungen. Seine Schüler Pelliot und Maspero waren die Ersten, die historische Phonologie systematisch und methodisch einwandfrei als wissenschaftliches Werkzeug einsetzten.
Sein Meisterwerk war seine Teilübersetzung des Shiji (Les Mémoires historiques de Se-ma Ts'ien, fünf Bände, 1895–1905), die die ersten siebenundvierzig Kapitel von Sima Qians großem Geschichtswerk umfasste. Die Übersetzung wurde von einer gelehrten Einleitung, umfangreichen Anmerkungen und Anhängen begleitet, die unentbehrlich bleiben. Zhang Xiping nennt sie „ein allgemein anerkanntes Meisterwerk" (盖世名作), „bis heute vielfach zitiert".[20] Das Werk etablierte das Modell — ein bedeutender chinesischer Text, in untadeliges Französisch übertragen und mit erschöpfendem wissenschaftlichem Apparat versehen —, dem Pelliot und Maspero folgen sollten.
Chavannes' Interessen reichten weit über das Shiji hinaus. Seine Monographie Le T'ai Chan (1910) über den Kult des Berges Tai betrat Neuland in der Erforschung der chinesischen Volksreligion. Seine Mission archéologique dans la Chine septentrionale (1913–1915), basierend auf 1907 durchgeführter Feldforschung in der Mandschurei, Hebei, Shandong, Henan, Shaanxi und Shanxi, war Pionierarbeit für die archäologische Erforschung chinesischer Kunst und Epigraphik im Westen. Er begründete gemeinsam mit Pelliot die Erforschung des Manichäismus in China, lieferte grundlegende Studien über die Türken und veröffentlichte drei Bände buddhistischer Erzählungen, übersetzt aus dem chinesischen Tripitaka (Cinq cents contes et apologues extraits du Tripiṭaka chinois, 1910–1911), beschrieben als „ein kostbarer Schatz für die vergleichende Forschung".[21]
Vor allem aber war Chavannes ein Lehrer. Zu seinen Studenten am Collège de France und an der École Pratique des Hautes Études gehörten Pelliot, Maspero, Granet und der Archäologe und Schriftsteller Victor Segalen. Zhang Xiping schreibt, dass Chavannes, „zusammen mit den Studenten, die sich um ihn scharten, Paris' Krone als Hauptstadt der westlichen Sinologie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs aufrechterhielt".[22]
Paul Pelliot (1878–1945): Der Marco Polo des Geistes
Pelliot war Chavannes' brillantester Schüler und der größte Philologe des Chinesischen im zwanzigsten Jahrhundert. Wie Honey schreibt: „Seine Beharrlichkeit des Gedächtnisses ermöglichte es ihm, die Fakten der chinesischen Geschichte, Textkritik, Bibliographie und Biographie zu nahezu jedem Thema oder jeder Epoche zu mobilisieren und sie geordnet zu analysieren. Sein Wissensschatz war immens und ermöglichte es ihm, als letzte Instanz sinologischer Fragen zu fungieren."[23]
Pelliot studierte Englisch an der Sorbonne, bevor er an die École des Langues Orientales Vivantes wechselte, wo er unter Chavannes Chinesisch studierte. Von 1900 bis 1904 arbeitete er an der École française d'Extrême-Orient in Hanoi, unterbrochen von einem dramatischen Einsatz während des Boxeraufstands an der Pekinger Gesandtschaft. 1905–1908 leitete er seine berühmte archäologische Expedition nach Zentralasien und erreichte 1908 die Höhlen von Dunhuang — ein Jahr nach Aurel Stein — und wählte mit seinem außerordentlichen bibliographischen Wissen die wertvollsten Manuskripte aus der versiegelten Bibliothek aus. Obwohl zahlenmäßig geringer als Steins Ausbeute, waren Pelliots Auswahlen von überlegener Qualität. Als er einige seiner Funde 1909 Luo Zhenyu und anderen chinesischen Gelehrten in Peking zeigte, erkannten sie sofort deren Bedeutung.[24]
1911 wurde Pelliot zum Professor für Zentralasiatische Sprachen, Geschichte und Archäologie am Collège de France ernannt, eine Position, die er bis zu seinem Tod innehielt. Er war Mitherausgeber des T'oung Pao nach Cordiers Tod und wurde 1935 zum Präsidenten der Société Asiatique gewählt.
Wie Honey schreibt, „wurde Paul Pelliot (1878–1945) der größte Philologe des Chinesischen dieses Jahrhunderts." Seine Karriere war sowohl von außerordentlichen Abenteuern als auch von außerordentlicher Gelehrsamkeit geprägt. Während des Boxeraufstands von 1900 zeichnete sich der junge Pelliot — damals kaum zweiundzwanzig — durch seinen Mut während der Belagerung der Pekinger Gesandtschaften aus. Seine zentralasiatische Expedition von 1905–1908 führte ihn durch einige der gefährlichsten Gebiete der Erde, und seine Auswahl der Manuskripte aus den Höhlen von Dunhuang war ein Akt bibliographischen Genies, vollbracht unter Bedingungen extremer physischer Entbehrung. Die Manuskripte und Artefakte, die er mitbrachte, sind heute zwischen der Bibliothèque nationale de France und dem Musée Guimet aufgeteilt und bilden eine der wichtigsten Sammlungen für das Studium der mittelalterlichen chinesischen Zivilisation.
Pelliots Gelehrsamkeit war gekennzeichnet durch eine nahezu übermenschliche bibliographische Beherrschung und eine Leidenschaft für exakte Annotation. Sein Kommentarstil — dichte, fortlaufende Erörterungen einzelner Punkte, die sich aus der Übersetzung eines bedeutenden Textes ergeben — brachte Werke von außerordentlicher Gelehrsamkeit hervor, die aber bisweilen von abschreckender Trockenheit waren. Seine annotierten Editionen von Marco Polos Reisebericht und der Yuan chao bi shi (Geheime Geschichte der Mongolen) gehörten zu seinen ambitioniertesten Unternehmungen, obwohl keines bei seinem Tod vollendet war. Seine Studie über Zheng Hes Seefahrten (1933), sein mit Chavannes verfasstes Werk über den Manichäismus in China (1911) und seine unzähligen Rezensionen und bibliographischen Anmerkungen zeigten alle dieselben Qualitäten: Präzision, Gründlichkeit und ein kompromissloses Verlangen nach dokumentarischem Beweis.[25]
Pelliots Ruf als „akademischer Polizist" der Sinologie — der Gelehrte, dessen vernichtende Rezensionen eine Karriere machen oder brechen konnten — war wohlverdient. Zhang Xiping bemerkt, dass er „der autoritativste Sinologe in der internationalen sinologischen Gemeinschaft der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts" war, eine Gestalt, deren Urteil nur wenige zu hinterfragen wagten.[26] Doch Honey beobachtet, dass Pelliots Gelehrsamkeit selbst „belastend" sein konnte: Sein Engagement für erschöpfende Dokumentation hinderte ihn bisweilen daran, die breiteren Synthesen zu erzielen, die Maspero mit seinem humanistischeren Temperament zu leisten vermochte.
Henri Maspero (1883–1945): L'homme de la Chine antique
Maspero, Sohn des berühmten Ägyptologen Gaston Maspero, brachte in die Sinologie eine Verbindung von philologischer Strenge und historischer Vorstellungskraft ein, die ihn in vielerlei Hinsicht zum vollständigsten Gelehrten der drei machte. Wie Honey schreibt, war er „kaum weniger geschickt als Annotator und Textkommentator" als Pelliot, „aber er besaß auch ein hoch entwickeltes Gespür für Geschichte, das es ihm ermöglichte, seine Forschung zusammenzufassen und vorläufige Schlussfolgerungen zu formulieren".[27]
Maspero diente von 1908 bis 1920 an der École française d'Extrême-Orient in Hanoi, wo er bahnbrechende Forschung zur vietnamesischen historischen Phonologie betrieb, die Karlgrens Rekonstruktion der altchinesischen Aussprache den Weg bereitete. 1921 folgte er Chavannes am Collège de France nach. Er besuchte Japan 1928–1929, traf die großen japanischen Sinologen Naitō Konan und Kano Naoki und war einer der ersten westlichen Gelehrten, die die Bedeutung der japanischen sinologischen Forschung anerkannten.[28]
Masperos Ansatz zur Sinologie zeichnete sich durch das aus, was Honey einen „humanistischen" Geist nennt. Wo Pelliots Werk trocken-technisch wirken konnte, war Masperos Forschung von einer tiefen Sympathie für die Menschen beseelt, deren Aufzeichnungen er studierte — ihre Überzeugungen, ihre Ängste, ihre kreativen Leistungen. Selbst seine technischsten Arbeiten zu Phonologie und Grammatik waren von einem Gespür für die lebendige Sprache hinter den geschriebenen Zeichen durchdrungen. Seine Forschung zum Daoismus etwa war nicht nur von philologischer Neugier motiviert, sondern von einem echten Interesse an den spirituellen Praktiken und kosmologischen Vorstellungen, die das Leben von Millionen Chinesen über viele Jahrhunderte prägten.
Seine einzige Monographie, La Chine antique (1927), bleibt ein Meilenstein. Die chinesische Geschichte bis zur Vereinigung unter der Qin-Dynastie behandelnd, stützte sie sich auf eine außerordentliche Beherrschung der Primärquellen und bot Interpretationen, die trotz der gewaltigen Erweiterung des archäologischen Materials seit ihrer Veröffentlichung ihren Wert behalten. Wie Zhang Xiping anmerkt, „ist die reiche und substanzielle Dokumentation der Originalquellen des Buches nie revidiert worden und behält ihre verlässliche Nützlichkeit".[29]
Masperos Forschung zum Daoismus — insbesondere seine Studien zu den yangsheng-Praktiken („Lebenspflege") im frühmittelalterlichen Daoismus — eröffnete ein völlig neues Feld. Seine monumentale posthume Edition der chinesischen Manuskripte aus Steins dritter zentralasiatischer Expedition festigte seinen Ruf als Philologe ersten Ranges.
Sein Tod war eine Tragödie für die Wissenschaft und die Menschlichkeit. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde Maspero von den Nationalsozialisten verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert, wo er 1945 umkam — im selben Jahr, das den Tod Pelliots (durch Krankheit) und das fortdauernde Vermächtnis Granets durch seine Schüler sah. Der gleichzeitige Verlust dieser drei Gelehrten — Pelliot, Maspero und Granet — verwüstete die französische Sinologie und markierte das Ende ihres Goldenen Zeitalters.[30]
Bernhard Karlgren und die Disziplin der historischen Phonologie
Obwohl Karlgren (1889–1978) Schwede und nicht Franzose war, gehört sein Werk untrennbar zur Geschichte der französischen Sinologie, denn es war in Paris — und im Dialog mit Chavannes, Pelliot und Maspero —, dass die Disziplin der chinesischen historischen Phonologie geschmiedet wurde. Honey widmet Karlgren eine ausführliche Erörterung innerhalb seiner Behandlung der französischen Schule und betont den „wechselseitigen Einfluss und die Schlag-auf-Schlag-Austausche" zwischen Maspero, Granet und Karlgren in den Zeitschriften der Epoche.
Karlgrens Rekonstruktion der altchinesischen Phonologie — Études sur la phonologie chinoise (1915–1926) und Analytic Dictionary of Chinese and Sino-Japanese (1923) — lieferte den Sinologen ein Werkzeug von fundamentaler Bedeutung. Vor Karlgren hatten Gelehrte, die an vormodernen chinesischen Texten arbeiteten, keine zuverlässige Methode, um zu bestimmen, wie Wörter im Altertum ausgesprochen wurden — ein Handicap, das jeden Aspekt der Textanalyse betraf, von der Identifizierung der Reime im Shijing bis zur Rekonstruktion fremder Eigennamen in chinesischer Transkription. Karlgrens System, aufgebaut auf dem systematischen Vergleich moderner chinesischer Dialekte mit den Belegen der Qieyun-Reimwörterbücher, machte es erstmals möglich, mit Präzision über die Phonologie des Mittel- und Altchinesischen zu sprechen.
Maspero war sein gesamtes Leben lang tief mit phonologischen Fragen beschäftigt. Sein Le dialecte de Tch'ang-ngan sous les T'ang (1920) war eine bahnbrechende Studie zur tang-zeitlichen Aussprache des Hauptstadtdialekts. Seine Arbeit zur vietnamesischen historischen Phonologie während seiner Jahre in Hanoi — einschließlich seiner Études phonétiques sur les dialectes du Tonkin — bereitete den Weg für Karlgrens breitere Rekonstruktion. Wie Honey anmerkt: „Masperos Zeitgenossen, Marcel Granet (1884–1940) in der Soziologie des antiken China und Bernhard Karlgren (1889–1978) in der historischen Phonologie, spezialisierten sich auf das, was für Maspero allgemeine Interessen waren, und entwickelten unabhängige Disziplinen; aber weder sie noch Maspero können ohne Berücksichtigung ihres wechselseitigen Einflusses gewürdigt werden."
Die Entwicklung der historischen Phonologie illustriert einen größeren Punkt über das Goldene Zeitalter der französischen Sinologie: Die größten Fortschritte kamen nicht von isoliertem individuellem Genie, sondern aus dem dichten Netz intellektuellen Austauschs, das Paris, Hanoi, Stockholm und Leiden verband. Das Collège de France, die EFEO, das T'oung Pao und die Société Asiatique bildeten den institutionellen Rahmen für diesen Austausch, und das gemeinsame Bekenntnis zur philologischen Strenge lieferte sein methodisches Fundament.
Henri Cordier (1849–1925), obwohl weniger gefeiert als Chavannes oder Pelliot, leistete durch seine bibliographische Arbeit einen unverzichtbaren Beitrag zur französischen Sinologie. In den Vereinigten Staaten geboren und in Frankreich ausgebildet, reiste Cordier 1869 erstmals nach China und bekleidete später eine Position an der École des Langues Orientales Vivantes. Sein Magnum Opus, die Bibliotheca Sinica (fünf Bände, 1904–1908, mit einem Supplement 1922–1924), war die erste umfassende Bibliographie westlicher Schriften über China und deckte Veröffentlichungen von den frühesten Zeiten bis in die 1920er Jahre ab. Nach Themen geordnet — Geographie, Naturgeschichte, soziale Entwicklung, Religion, Wissenschaft, Kunst, Sprache, Literatur, Sitten, Außenbeziehungen und Auslandschinesen —, wurde sie zum unverzichtbaren Ausgangspunkt für jede ernsthafte Forschung über China im Westen. Cordier war auch Mitherausgeber des T'oung Pao mit Schlegel und später mit Pelliot und veröffentlichte eine vierbändige allgemeine Geschichte Chinas (Histoire générale de la Chine, 1920–1921). Zhang Xiping vermerkt, dass Cordier, obwohl er kein Chinesisch las, durch seine bibliographische Leistung den Titel „einer der größten Pioniere der westlichen Sinologie" erwarb.
Unter den spätjesuitischen Sinologen des neunzehnten Jahrhunderts, die die Tradition der missionarischen Gelehrsamkeit fortsetzten, ragt Séraphin Couvreur (1835–1919) heraus. 1870 in China angekommen, verbrachte Couvreur Jahrzehnte in der Provinz Zhili (Hebei), wo er das klassische Chinesisch meisterte und sich der Übersetzung des konfuzianischen Kanons widmete. Seine Übersetzungen der Vier Bücher (1895), des Shijing (1896), des Shujing (1897), des Liji (1899), des Chunqiu Zuozhuan (1914) und des Yili (1916) zeichneten sich durch ein zweisprachiges Format aus: Französisch und Latein nebeneinander, wobei das Latein oft eine wortgetreue Wiedergabe lieferte, die die freiere französische Prosa ergänzte. Seine Wörterbücher — das Dictionnaire français-chinois (1884) und das Dictionnaire chinois-français (1890) — waren weit verbreitet. Couvreurs Übersetzungen, von Zhang Xiping als „zuverlässig und elegant" (准确优雅,无可挑剔) beschrieben, blieben bis weit in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts im Druck und dienten weiterhin als Nachschlagewerke für Studenten der chinesischen Klassiker.
5. Granet und die soziologische Sinologie
Marcel Granet (1884–1940) hebt sich von Chavannes, Pelliot und Maspero sowohl durch seine Methode als auch durch seine intellektuelle Herkunft ab. Während die drei Philologen ihren Ansatz aus der Tradition der klassischen Textgelehrsamkeit ableiteten, wurde Granet von der soziologischen Schule Émile Durkheims geprägt, und er brachte in die Sinologie eine Reihe von Fragen und analytischen Werkzeugen ein, die sich grundlegend von denen seiner Zeitgenossen unterschieden.
Granet studierte an der École Normale Supérieure und lernte Chinesisch bei Chavannes, doch seine intellektuelle Prägung war zutiefst von Durkheims Religionssoziologie beeinflusst. Wie Honey schreibt, führte Granet in die sinologische Forschung „eine damals sehr neuartige Methode ein: die soziologische Forschung" (une méthode alors très nouvelle: la recherche sociologique).[31]
Seine Doktorarbeit, Fêtes et chansons anciennes de la Chine (1919), war eine brillante Übung soziologischer Interpretation. Die Liebeslieder des Guofeng-Abschnitts des Shijing als sein Hauptmaterial nehmend, argumentierte Granet, dass es sich nicht um persönliche Lyrik handelte, sondern um Rückstände saisonaler Feste, bei denen bäuerliche Gemeinschaften — deren Alltag streng nach Geschlechtern getrennt war — zu ritualisierter Brautwerbung zusammenkamen. Die Lieder bewahrten Spuren dieser kollektiven Feiern, bei denen junge Männer und Frauen sich in antiphonischen Gesangswettbewerben engagierten, die als Mechanismus der Partnerwahl dienten. Wie Granet erklärte, „wurden die Liebesgedichte, die den größten Teil des Guofeng ausmachen, aus alten Volksliedern gesammelt und ausgewählt, die auf der Grundlage von Themen komponiert wurden, die von traditionellen improvisierten Gesangswettbewerben inspiriert waren".[32]
Honeys Behandlung Granets ist charakteristisch ausgewogen. Er würdigt Granets Originalität — was er „Textsoziologie" nennt — bemerkt aber, dass Granets Ansatz bisweilen zu nachlässig mit dem Textmaterial umging. Granet neigte dazu, durch Texte hindurchzulesen, statt sie genau zu lesen; seine soziologischen Kategorien überwältigten manchmal die Besonderheiten der Quellen. Doch sein Einfluss war enorm. Seine Hauptwerke — La religion des Chinois (1922), La civilisation chinoise (1929), La pensée chinoise (1934) und das posthume Catégories matrimoniales et relations de proximité dans la Chine ancienne (1939) — öffneten die chinesische Zivilisation für die Analyse der Sozialwissenschaften in einer Weise, die reine Philologie nicht vermochte.
Granets Tod 1940, verursacht durch Trauer und Verzweiflung über die deutsche Invasion Frankreichs, wurde von Sinologen und Soziologen gleichermaßen betrauert. Zhang Xiping zitiert die Einschätzungen, die Granet „das Temperament eines Philosophen" und „die Eleganz eines Dichters" zuschrieben — Eigenschaften, die ihn von der strengeren philologischen Tradition unterschieden, die Pelliot und Chavannes repräsentierten.[33]
6. Nachkriegswiederaufbau: Demiéville, Gernet, Vandermeersch
Der Zweite Weltkrieg fügte der französischen Sinologie katastrophale Verluste zu. Das nahezu gleichzeitige Ableben Pelliots (1945), Masperos (1945) und Granets (1940) sowie die Unterbrechung des französisch-chinesischen wissenschaftlichen Austauschs hinterließen das Fach ausgeblutet. Die Aufgabe des Wiederaufbaus fiel Paul Demiéville (1894–1979) zu, der zur zentralen Gestalt der französischen Nachkriegssinologie wurde.
Demiéville, in Lausanne geboren und in Paris und Hanoi ausgebildet, war einer der bedeutendsten Buddhismusforscher des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine tiefe Kenntnis des Chinesischen, Japanischen, Sanskrit und Tibetischen befähigte ihn, das gesamte Spektrum ostasiatischer buddhistischer Traditionen mit einer Autorität zu bearbeiten, die nur wenige Zeitgenossen erreichten. Er folgte Maspero am Collège de France nach und diente ab 1947 gemeinsam mit Erik Zürcher als Mitherausgeber des T'oung Pao.
Unter Demiévilles Leitung erlangte die französische Sinologie ihr internationales Ansehen zurück. Er initiierte bedeutende Gemeinschaftsprojekte — darunter die Anthologie de la poésie chinoise classique (1962), eine bahnbrechende Sammlung unter Mitwirkung vieler führender französischer Sinologen — und bildete eine neue Generation von Gelehrten aus, die die Disziplin bis ins späte zwanzigste Jahrhundert tragen sollten. Seine eigene Forschung zu Chan-Buddhismus, chinesischer Phonologie und der Geschichte der chinesischen Literatur blieb von höchster Qualität.[34]
Demiéville gründete auch die Forschungsgruppe zur Katalogisierung der Pelliot-Dunhuang-Manuskripte in der Bibliothèque nationale, ein Projekt, das 1974 unter der Leitung von Michel Soymié formell konstituiert wurde und weiterhin grundlegende Arbeit in den Dunhuang-Studien leistet.
Unter Demiévilles Nachfolgern war Jacques Gernet (1921–2018) der herausragendste. 1975 auf den Lehrstuhl für „Soziale und intellektuelle Geschichte Chinas" (Histoire sociale et intellectuelle de la Chine) am Collège de France berufen, hielt Gernet die Position bis 1992 und prägte eine ganze Generation französischer Sinologen. Sein Le monde chinois (1972), eine Geschichte der chinesischen Zivilisation, wurde zur französischsprachigen Standardeinführung in das Thema. Seine Studien zur Jesuitenmission — insbesondere Chine et christianisme: Action et réaction (1982) — beleuchteten die kulturelle Begegnung zwischen China und Europa mit einer Tiefe und Subtilität, die die konventionellen Rahmen sowohl der Missionsgeschichte als auch der Ideengeschichte transzendierte.
Gernets Berufung ans Collège de France markierte auch die volle Reifung der Nachkriegsumorientierung der französischen Sinologie. Während sich die Vorkriegsgeneration überwiegend auf das vormoderne China konzentriert hatte, wuchs in der Nachkriegszeit die Aufmerksamkeit für das moderne und zeitgenössische China, angetrieben unter anderem durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Frankreich und der Volksrepublik 1964.[35]
Léon Vandermeersch (1928–2021) repräsentierte einen weiteren Strang der französischen Tradition: das Studium des chinesischen politischen Denkens und der Institutionen. Sein Magnum Opus, Wangdao, ou la Voie royale (zwei Bände, 1977, 1980), analysierte die religiösen und institutionellen Grundlagen des chinesischen Königtums in der Shang- und Zhou-Zeit und bot eine grundlegende Revision von Granets soziologischer Interpretation. Wo Granet seine Schlussfolgerungen auf mythologische Themen gestützt hatte, gründete Vandermeersch seine Analyse in Epigraphik, Archäologie und dem Studium sozialer Institutionen — ein methodischer Fortschritt, der die Fortschritte sowohl der chinesischen als auch der westlichen Wissenschaft seit Granets Zeit widerspiegelte. Sein späteres Werk Le nouveau monde sinisé (1986) erweiterte seine Analyse auf die modernen „konfuzianischen" Gesellschaften Ostasiens und argumentierte, dass der Prozess der „Sinisierung" weitgehend ein Prozess der „Konfuzianisierung" gewesen sei.[36]
Die Nachkriegsjahrzehnte erlebten auch eine Blüte der chinesischen Literaturstudien in Frankreich, die eine gesonderte Behandlung verdient. Zwischen den 1950er und den 1980er Jahren bildeten sich drei „Brennpunkte" (points chauds) heraus. Der erste war die klassische Dichtung: Demiévilles gemeinschaftliche Anthologie de la poésie chinoise classique (1962), zusammen mit Studien von Jacques Pimpaneau zu Sima Xiangru, Donald Holzmans Arbeiten zu Xi Kang und Ruan Ji sowie Cheng Chi-hsiens strukturalistische Analysen der Tang-Dichtung brachten die französische Forschung an die Spitze des Feldes. Chengs Anwendung der westlichen Semiotik auf chinesische poetische Konzepte wie xu/shi (leer/voll) und yin/yang eröffnete neue methodische Wege.
Der zweite Brennpunkt waren die vollständigen Übersetzungen der großen klassischen Romane. Die französischen Übersetzungen des Xiyou ji (1957), des Shuihu zhuan (1979), des Hongloumeng (1981) und des Jin Ping Mei (1985) brachten die Meisterwerke der chinesischen Erzählliteratur erstmals in ihrer Gesamtheit zu französischen Lesern. Die Hongloumeng-Übersetzung von Li Zhihua, einem chinesischstämmigen Gelehrten an der Université de Paris VIII, beanspruchte siebenundzwanzig Jahre Arbeit und wurde in die prestigeträchtige Reihe „Bibliothèque de la Pléiade" aufgenommen — das Äquivalent einer Kanonisierung im französischen Literaturkanon. Chen Qinghao, ein chinesischstämmiger Gelehrter an der Université de Paris VII, veröffentlichte gleichzeitig kritische Editionen des Zhiyan zhai-Kommentars, die originäre Beiträge zur internationalen hongxue (Rotologie) darstellten.
Der dritte Brennpunkt war die moderne und zeitgenössische chinesische Literatur, angetrieben von der Übersetzung Lu Xuns, Mao Duns, Ba Jins, Lao Shes und Ding Lings ab den 1970er Jahren. Lu Xun war die Schlüsselfigur: Mme Ruhlmanns Vorwort zu Polémique et satire wurde „die erste umfassende Einschätzung" Lu Xuns auf Französisch genannt; François Julliens Studie zu Lu Xun erforschte die Symbolik seiner literarischen Bildsprache; und während des gesamten Jahrzehnts erschienen übersetzte Bände von Lu Xuns Erzählungen, Essays und Prosagedichten nahezu jährlich.
7. Zeitgenössische französische Sinologie: EFEO, EHESS und das Collège de France heute
Die französische Sinologie des späten zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts hat ihren unverwechselbaren Charakter bewahrt — ein Bekenntnis zur philologischen Strenge, eine Vorliebe für tiefes Engagement mit Primärquellen und eine Tradition humanistischer Breite — und sich zugleich an die veränderte Welt der globalen Chinastudien angepasst.
Die institutionelle Infrastruktur der französischen Sinologie gehört nach wie vor zu den aufwendigsten in Europa. Das Collège de France unterhält weiterhin Lehrstühle für Chinastudien, auch wenn sich die konkreten Denominationen geändert haben, um neuen Forschungsprioritäten Rechnung zu tragen. Die École française d'Extrême-Orient (EFEO), 1898 mit ihrer ursprünglichen Basis in Hanoi gegründet, unterhält Forschungszentren in ganz Asien und leistet weiterhin grundlegende Arbeit in Archäologie, Epigraphik, Religionswissenschaft und Textgelehrsamkeit. Die École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) ist zu einem bedeutenden Zentrum für die sozialwissenschaftliche Erforschung Chinas geworden und beherbergt Gelehrte, die sowohl an zeitgenössischer Politik, Wirtschaft und Gesellschaft als auch an historischen Themen arbeiten. Das Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) unterstützt zahlreiche Forschungsprojekte und Stellen in den Chinastudien, und das Institut national des langues et civilisations orientales (INALCO, ehemals École des Langues Orientales) bildet weiterhin Studenten in chinesischer Sprache und Kultur aus.
Die großen Forschungsbibliotheken von Paris — die Bibliothèque nationale de France, das Musée Guimet, die Bibliotheken des Collège de France und der EFEO — besitzen Sammlungen chinesischer Bücher, Manuskripte und Kunst, die zu den bedeutendsten der Welt zählen, aufgebaut auf den von den Jesuitenmissionaren des achtzehnten Jahrhunderts gelegten Grundlagen.
Das T'oung Pao, 1890 gemeinsam vom niederländischen Sinologen Gustav Schlegel und dem französischen Bibliographen Henri Cordier gegründet, gehört nach wie vor zu den drei maßgeblichsten sinologischen Zeitschriften der Welt (neben dem Harvard Journal of Asiatic Studies und dem Journal of Asian Studies). In Englisch, Französisch und Deutsch publizierend und von Gelehrten aus Leiden und Paris gemeinsam herausgegeben, verkörpert es den internationalen und philologischen Charakter der europäischen sinologischen Tradition. Das Bulletin de l'École française d'Extrême-Orient (gegründet 1901), das Journal Asiatique (gegründet 1822) und die Brill-Reihe Leiden Studies in Sinology veröffentlichen alle weiterhin grundlegende Forschung.[37]
Die Verwüstung der französischen Sinologie während des Zweiten Weltkriegs kann nicht überbewertet werden. Die drei Gelehrten, die das Feld seit den 1920er Jahren dominiert hatten — Pelliot, Maspero und Granet — starben innerhalb von fünf Jahren nacheinander. Der Krieg kappte auch den französisch-chinesischen wissenschaftlichen Austausch, der die EFEO und die in Peking ansässigen französisch-chinesischen Forschungszentren getragen hatte. Als Demiéville nach 1945 die Führung des Faches übernahm, stand er vor der Aufgabe, praktisch von Grund auf neu aufzubauen.
Die Erholung war dennoch rasch. Demiévilles eigene wissenschaftliche Autorität, verbunden mit der institutionellen Widerstandsfähigkeit des Collège de France, der EFEO und des CNRS, bot einen Rahmen für die Erneuerung. Die Anerkennung der Volksrepublik China durch Frankreich 1964 — eines der ersten westlichen Länder — eröffnete neue Möglichkeiten für den wissenschaftlichen Austausch. Eine Kohorte junger französischer Gelehrter reiste in den 1960er Jahren nach China, und viele von ihnen wurden später zu Führungspersönlichkeiten der Disziplin. Zu dieser Generation gehörten Anne Cheng, Marianne Bastid-Bruguière, Marie-Claire Bergère und Lucien Bianco, unter anderen.
Die Nachkriegszeit sah auch eine Verbreiterung der disziplinären Basis der französischen Sinologie. Während die Vorkriegstradition überwiegend philologisch und historisch gewesen war, umarmte die Nachkriegsgeneration die Sozialwissenschaften — Politikwissenschaft, Wirtschaft, Soziologie, Anthropologie — als legitime Zugänge zum Studium Chinas. Dies bedeutete nicht die Aufgabe der philologischen Tradition; vielmehr bedeutete es, dass die französische Sinologie nun das gesamte Spektrum an Fragen ansprechen konnte, das durch das Aufkommen der Volksrepublik als Weltmacht aufgeworfen wurde. Die Gründung des Instituts für zeitgenössisches China an der EHESS und die Erweiterung der chinabezogenen Forschungsprogramme des CNRS institutionalisierten diese neue Breite des Ansatzes.
Die zeitgenössische französische Sinologie ist von Kontinuität und neuen Richtungen geprägt. Die Erforschung der chinesischen Religion — Daoismus, Buddhismus und Volksreligion — bleibt eine besondere Stärke, aufbauend auf der bahnbrechenden Arbeit von Maspero, Demiéville und Kristofer Schipper (dem in den Niederlanden geborenen Gelehrten, der sowohl an der EPHE in Paris als auch in Leiden einen Lehrstuhl hielt und acht Jahre als praktizierender daoistischer Priester in Taiwan verbrachte, um das daoistische Ritual von innen heraus zu verstehen). Das monumentale Projet Tao-tsang — ein analytischer Katalog des gesamten daoistischen Kanons — wurde von Schipper unter der Schirmherrschaft der Europäischen Wissenschaftsstiftung geleitet und umfasste Gelehrte aus sieben Ländern.[38]
Die Literaturstudien haben geblüht, wobei Gelehrte wie François Jullien und Anne Cheng chinesische philosophische und literarische Texte in einen Dialog mit westlichen Traditionen brachten. Chengs Berufung ans Collège de France 2008 auf einen Lehrstuhl für „Geistesgeschichte Chinas" war selbst ein Meilenstein und spiegelte sowohl die anhaltende Zentralität des Collège de France für die Disziplin als auch die wachsende Internationalisierung der französischen Sinologie wider.
Das Studium des modernen und zeitgenössischen China hat sich seit den 1960er Jahren erheblich ausgeweitet, angetrieben durch die politischen Transformationen in China selbst. Die Arbeiten von Marie-Claire Bergère über die chinesische Bourgeoisie, Lucien Biancos Studien zu Bauernbewegungen und Marianne Bastid-Bruguières Forschung zur Bildung haben das Verständnis des China des zwanzigsten Jahrhunderts bereichert. Die EHESS und Sciences Po sind zu wichtigen Zentren für das Studium der zeitgenössischen chinesischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft geworden.
Das Studium der chinesischen Philosophie war ein durchgehender Faden in der französischen Sinologie, der von Rémusats frühen Übersetzungen daoistischer Texte über Granets soziologische Interpretationen bis zur ausgefeilten vergleichenden Arbeit des späten zwanzigsten Jahrhunderts reicht. Gernets Chine et christianisme (1982) — eine Studie der chinesischen intellektuellen Reaktion auf das jesuitische Christentum — zeigte, dass die chinesischen und die europäischen Denksysteme auf so fundamental verschiedenen Annahmen beruhten, dass ein echtes wechselseitiges Verständnis weit schwieriger war, als es sich beide Seiten vorgestellt hatten. Seine Analyse der „Denkkategorien", die die chinesische von der europäischen Zivilisation trennten, beeinflusste eine ganze Generation von Gelehrten.
François Jullien (geb. 1951) trieb dieses vergleichende Projekt weiter und entwickelte eine originelle philosophische Methode, die das chinesische Denken nicht als Studienobjekt nutzte, sondern als Aussichtspunkt, von dem aus die ungeprüften Voraussetzungen der westlichen Philosophie untersucht werden konnten. Seine Werke — darunter Procès ou création (1989), Éloge de la fadeur (1991) und Traité de l'efficacité (1996) — provozierten intensive Debatten sowohl innerhalb als auch jenseits sinologischer Kreise. Kritiker fragten, ob Julliens China das wirkliche China sei oder eine philosophische Konstruktion; seine Verteidiger argumentierten, dass die Begegnung zwischen chinesischem und westlichem Denken selbst neue philosophische Einsichten hervorbrachte, unabhängig von der Genauigkeit des sinologischen Details.
Anne Cheng (geb. 1955), die erste Frau, die einen China gewidmeten Lehrstuhl am Collège de France innehatte (2008), repräsentierte einen anderen Zugang zur chinesischen Philosophie — einen, der in akribischer Textgelehrsamkeit verwurzelt war statt in vergleichender Spekulation. Ihre kritische Edition und Übersetzung des Lunyu (Entretiens de Confucius, 1981) und ihre Studie zum Konfuzianismus der Han-Zeit (Étude sur le confucianisme Han, 1985) zeigten, dass philologische Strenge und philosophische Sensibilität einander nicht ausschlossen. Ihre Berufung ans Collège de France war selbst ein symbolisches Ereignis, das die Kontinuität der Tradition bekräftigte, die mit Rémusat fast zwei Jahrhunderte zuvor begonnen hatte.
Die Geschichte der französischen Sinologie, von den Jesuitenmissionaren des siebzehnten Jahrhunderts bis zu den Gelehrten des einundzwanzigsten, zeigt eine bemerkenswerte Kohärenz. Der Lehrstuhl am Collège de France, 1814 eingerichtet und von einer ununterbrochenen Folge herausragender Gelehrter besetzt — Rémusat, Julien, d'Hervey de Saint-Denys, Chavannes, Maspero, Demiéville, Gernet —, verkörpert die Kontinuität der Tradition. Die Betonung der philologischen Meisterschaft, der erschöpfenden Annotation, der genauen Lektüre von Primärtexten — was Honey die „kommentarische Tradition" nennt — ist das Markenzeichen der französischen Sinologie geblieben, auch wenn sich die Disziplin auf die Sozialwissenschaften, die Archäologie und das Studium des zeitgenössischen China ausgeweitet hat.
Zhang Xiping, der die Geschichte der französischen Sinologie aus der chinesischen Gelehrtenperspektive betrachtet, kommt zu dem Schluss, dass die französische Tradition von „gediegener und solider Arbeit" (稳打稳扎), „fleißigem Ackerbau" (勤耕勤耘) und einem „Geist aufrichtiger Hingabe" (一片愚诚) geprägt war — Eigenschaften, die es ihr ermöglicht haben, ihre Stellung als eines der weltweit führenden Zentren sinologischer Forschung zu behaupten, trotz des Aufstiegs der amerikanischen, japanischen und chinesischen Wissenschaft.[39]
Die Abfolge der Gelehrten, die den Lehrstuhl am Collège de France innehatten — Rémusat (1814–1832), Julien (1832–1873), d'Hervey de Saint-Denys (1874–1892), Chavannes (1893–1918), Maspero (1921–1945), Demiéville (1945–1964), Gernet (1975–1992) und ihre Nachfolger —, bildet eine der vornehmsten intellektuellen Genealogien in der Geschichte jeder akademischen Disziplin. Jede Generation baute auf den von ihren Vorgängern gelegten Grundlagen auf und erweiterte zugleich die Reichweite des Faches in neue Richtungen. Rémusat öffnete die Tür zur professionellen Sinologie; Julien übersetzte die kanonischen Texte; Chavannes begründete die philologische Methode; Pelliot und Maspero brachten sie zur Vollendung; Granet führte die Sozialwissenschaften ein; Demiéville baute nach der Katastrophe wieder auf; Gernet und seine Zeitgenossen setzten sich sowohl mit dem klassischen China als auch mit der modernen Welt auseinander.
Das Vermächtnis der Tradition des Collège de France ist nicht bloß ein Korpus veröffentlichter Werke, so beeindruckend er auch sein mag. Es ist ein Modell der Gelehrsamkeit: die Überzeugung, dass das Studium der chinesischen Zivilisation dieselbe philologische Strenge, dieselbe Tiefe sprachlicher Ausbildung und dieselbe Weite humanistischer Vision erfordert, die traditionell dem Studium Griechenlands und Roms zugewandt worden sind. Diese Überzeugung, erstmals von Rémusat formuliert und im Werk von Chavannes, Pelliot und Maspero verkörpert, bleibt das belebende Prinzip der französischen Sinologie bis heute.
Anmerkungen
Bibliographie
Primärquellen
- Du Halde, Jean-Baptiste. Description géographique, historique, chronologique, politique et physique de l'Empire de la Chine et de la Tartarie chinoise. 4 Bde. Paris, 1735.
- Chavannes, Édouard. Les Mémoires historiques de Se-ma Ts'ien. 5 Bde. Paris: Ernest Leroux, 1895–1905.
- Chavannes, Édouard. Le T'ai Chan: Essai de monographie d'un culte chinois. Paris: Ernest Leroux, 1910.
- Chavannes, Édouard, und Paul Pelliot. „Un traité manichéen retrouvé en Chine." Journal Asiatique (1911).
- Demiéville, Paul. Choix d'études sinologiques (1921–1970). Leiden: Brill, 1973.
- Granet, Marcel. Fêtes et chansons anciennes de la Chine. Paris: Ernest Leroux, 1919.
- Granet, Marcel. La civilisation chinoise. Paris: La Renaissance du Livre, 1929.
- Granet, Marcel. La pensée chinoise. Paris: La Renaissance du Livre, 1934.
- Maspero, Henri. La Chine antique. Paris: E. de Boccard, 1927.
- Pelliot, Paul. Notes on Marco Polo. 3 Bde. Paris: Imprimerie Nationale / Adrien-Maisonneuve, 1959–1973.
- Rémusat, Jean-Pierre Abel. Éléments de la grammaire chinoise. Paris, 1822.
Sekundärliteratur
- Demiéville, Paul. „Aperçu historique des études sinologiques en France." Nachgedruckt in Choix d'études sinologiques. Leiden: Brill, 1973.
- Honey, David B. Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology. American Oriental Series 86. New Haven: American Oriental Society, 2001.
- Zhang Xiping 张西平, Hrsg. Oumei hanxue de lishi yu xianzhuang 欧美汉学的历史与现状 (Geschichte und aktuelle Lage der europäischen und amerikanischen Sinologie). Zhengzhou: Daxiang chubanshe, 2005.
- Zhang Xiping 张西平. „Vorlesung 7: Entwicklung der französischen Sinologie" (第七讲:法国汉学的发展). In Vorlesungen zur Geschichte der westlichen Sinologie.
- Cordier, Henri. Bibliotheca Sinica. 5 Bde. Paris, 1904–1924.
- Freches, José. La Sinologie. Paris: Presses Universitaires de France, 1975.
- He Yin 何寅 und Xu Guanghua 许光华. Guowai hanxueshi 国外汉学史 (Geschichte der Sinologie im Ausland). Shanghai: Shanghai Waiyu Jiaoyu Chubanshe, 2002.
- Mungello, David E. Curious Land: Jesuit Accommodation and the Origins of Sinology. Wiesbaden: Franz Steiner, 1985.
- Xu Minglong 许明龙. Huang Jialüe yu zaoqi Faguo hanxue 黄嘉略与早期法国汉学 (Arcade Hoang und die frühe französische Sinologie). Peking: Zhonghua Shuju, 2004.
Einzelnachweise
- ↑ David B. Honey, Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology (New Haven: American Oriental Society, 2001), Vorwort, xxii.
- ↑ Honey, Incense at the Altar, Vorwort, x.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, „Einführung in die Studien zur westlichen Sinologie", S. 165–168.
- ↑ Peter K. Bol, „The China Historical GIS", Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020).
- ↑ Hilde De Weerdt, „MARKUS: Text Analysis and Reading Platform", in Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020); siehe auch den Digital-Humanities-Führer der University of Chicago Library.
- ↑ Tu Hsiu-chih, „DocuSky, A Personal Digital Humanities Platform for Scholars", Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020).
- ↑ Peter K. Bol und Wen-chin Chang, „The China Biographical Database", in Digital Humanities and East Asian Studies (Leiden: Brill, 2020).
- ↑ Siehe Kapitel 22 (Übersetzung) dieses Bandes zu den Herausforderungen der KI-Übersetzung.
- ↑ „WenyanGPT: A Large Language Model for Classical Chinese Tasks", arXiv-Preprint (2025).
- ↑ „Benchmarking LLMs for Translating Classical Chinese Poetry: Evaluating Adequacy, Fluency, and Elegance", Proceedings of EMNLP (2025).
- ↑ „A Multi Agent Classical Chinese Translation Method Based on Large Language Models", Scientific Reports 15 (2025).
- ↑ Siehe z.B. Mark Edward Lewis und Curie Viragh, „Computational Stylistics and Chinese Literature", Journal of Chinese Literature and Culture 9, Nr. 1 (2022).
- ↑ Hilde De Weerdt, Information, Territory, and Networks: The Crisis and Maintenance of Empire in Song China (Cambridge: Harvard University Asia Center, 2015).
- ↑ China-Princeton Digital Humanities Workshop 2025 (chinesedh2025.eas.princeton.edu).
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 54–60.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 96–97, nach Li Xueqin.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 102–113.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 114–117.
- ↑ „The World Conference on China Studies: CCP's Global Academic Rebranding Campaign", Bitter Winter (2024).
- ↑ Honey, Incense at the Altar, Vorwort, xxii.
- ↑ „Academic Freedom and China", AAUP-Bericht (2024); Sinology vs. the Disciplines, Then & Now, China Heritage (2019).
- ↑ „They Don't Understand the Fear We Have: How China's Long Reach of Repression Undermines Academic Freedom at Australia's Universities", Human Rights Watch (2021).
- ↑ Kubin, Hanxue yanjiu xin shiye, Kap. 7, S. 100–111.
- ↑ Thomas Michael, „Heidegger's Legacy for Comparative Philosophy and the Laozi", International Journal of China Studies 11, Nr. 2 (2020): 299.
- ↑ Steven Burik, The End of Comparative Philosophy and the Task of Comparative Thinking: Heidegger, Derrida, and Daoism (Albany: SUNY Press, 2009).
- ↑ David L. Hall und Roger T. Ames, Thinking Through Confucius (Albany: SUNY Press, 1987), Vorwort.
- ↑ François Jullien, Detour and Access: Strategies of Meaning in China and Greece (New York: Zone Books, 2000); vgl. „China as Method: Methodological Implications of François Jullien's Philosophical Detour through China", Contemporary French and Francophone Studies 28, Nr. 1 (2024).
- ↑ Wolfgang Kubin, Hanxue yanjiu xin shiye (Guilin: Guangxi shifan daxue chubanshe, 2013), Kap. 11, S. 194–195.
- ↑ Bryan W. Van Norden, Taking Back Philosophy: A Multicultural Manifesto (New York: Columbia University Press, 2017).
- ↑ Carine Defoort, „Is There Such a Thing as Chinese Philosophy? Arguments of an Implicit Debate", Philosophy East and West 51, Nr. 3 (2001): 393–413.
- ↑ Carine Defoort, „'Chinese Philosophy' at European Universities: A Threefold Utopia", Dao 16, Nr. 1 (2017): 55–72.
- ↑ Zum koreanischen Buchdruck und zur Textüberlieferung siehe die UNESCO-Memory-of-the-World-Eintragung für das Jikji (ältester erhaltener Druck mit beweglichen Metalllettern, 1377); zur Goryeo Tripitaka siehe die UNESCO-Welterbe-Eintragung.
- ↑ Zur Kolonialzeit siehe „Kangaku and the State: Colonial Collaboration between Korean and Japanese Traditional Sinologists", Sungkyun Journal of East Asian Studies 24, Nr. 2 (2024).
- ↑ Zum „kolonialen Zusammenwirken" siehe ebd.
- ↑ Zur Nachkriegs-Sinologie in Korea siehe „Two Millennia of Sinology: The Korean Reception, Curation, and Reinvention of Cultural Knowledge from China", Journal of Chinese History (Cambridge University Press).
- ↑ Ebd.
- ↑ „Two Millennia of Sinology", Journal of Chinese History.
- ↑ Zur chinesischen Periode siehe Keith Weller Taylor, The Birth of Vietnam (Berkeley: University of California Press, 1983).
- ↑ Zur Verwendung des klassischen Chinesisch im unabhängigen Vietnam siehe den Wikipedia-Artikel „History of writing in Vietnam"; Alexander Woodside, Vietnam and the Chinese Model (Cambridge, MA: Harvard University Press, 1971).