Difference between revisions of "Xue Mo Desert Daughters/de/Chapter 10"
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Yinger bemerkte, dass viele Wanderarbeiter ständig auf sie zeigten und tuschelten. Da sie die Arbeit immer besser beherrschte, wuchs die Zahl ihrer gesammelten Pflanzenresteeimer. Ab einem bestimmten Tag war sie plötzlich diejenige, die am meisten sammelte. Die Frauen blickten sie seltsam an. Auch sie selbst fand es merkwürdig. Sie stellte fest, dass ihr Pflanzenrestehaufen jedes Mal, wenn sie nach der Mittagspause zur Arbeit kam, beträchtlich gewachsen war. | Yinger bemerkte, dass viele Wanderarbeiter ständig auf sie zeigten und tuschelten. Da sie die Arbeit immer besser beherrschte, wuchs die Zahl ihrer gesammelten Pflanzenresteeimer. Ab einem bestimmten Tag war sie plötzlich diejenige, die am meisten sammelte. Die Frauen blickten sie seltsam an. Auch sie selbst fand es merkwürdig. Sie stellte fest, dass ihr Pflanzenrestehaufen jedes Mal, wenn sie nach der Mittagspause zur Arbeit kam, beträchtlich gewachsen war. | ||
| − | An diesem Tag ging Yinger nach dem Essen nicht wie üblich auf den Bahnschwellen ausruhen. Sie ließ die Tür einen Spalt offen und spähte zum Pflanzenrestelager. Eine halbe Stunde später tauchte Daniu auf. Verstohlen, mit einem | + | An diesem Tag ging Yinger nach dem Essen nicht wie üblich auf den Bahnschwellen ausruhen. Sie ließ die Tür einen Spalt offen und spähte zum Pflanzenrestelager. Eine halbe Stunde später tauchte Daniu auf. Verstohlen, mit einem Gewebesack, blickte er sich um, und als er sicher war, dass niemand hinsah, schüttete er die Pflanzenreste aus dem Sack auf Yingers Haufen. Yinger verstand: Diese Wurzeln stammten bestimmt von der Straße. Der Weg zur Betriebszentrale war großteils mit Pflanzenresten gepflastert. |
Yinger brannten die Wangen. Sie dachte: Wie kann er nur so etwas tun? Wenn das jemand entdeckt, wie kann ich mein Gesicht wahren? | Yinger brannten die Wangen. Sie dachte: Wie kann er nur so etwas tun? Wenn das jemand entdeckt, wie kann ich mein Gesicht wahren? | ||
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Yinger sagte: Wie können wir das annehmen? Sie brauchen doch auch Brennstoff zum Kochen. | Yinger sagte: Wie können wir das annehmen? Sie brauchen doch auch Brennstoff zum Kochen. | ||
| − | Der Alte lachte: Warum nicht? Ich sammle einfach neuen. Dem Vieh ist doch der Hintern nicht zugenäht. Er gab Lanlan zwei | + | Der Alte lachte: Warum nicht? Ich sammle einfach neuen. Dem Vieh ist doch der Hintern nicht zugenäht. Er gab Lanlan zwei Gewebesäcke und riet, den Dung zu trocknen, in die Säcke zu füllen und drinnen aufzubewahren. Sonst würden die Wanderarbeiter über Nacht alles stehlen. |
Die beiden dankten dem Alten und schoben den Karren Richtung Salzsee. Nach einer Weile veränderte sich die Landschaft. Die beiden erkannten, dass sie sich verlaufen hatten. Das war ein Problem. Sie rechneten: Es war fast Zeit für die Arbeit, und beide gerieten in Panik. Dann hatte Lanlan eine Idee: den Wagenspuren folgen, die sie beim Herkommen hinterlassen hatten. Zwar machten sie etliche Umwege, doch sie kamen nur eine Stunde zu spät. | Die beiden dankten dem Alten und schoben den Karren Richtung Salzsee. Nach einer Weile veränderte sich die Landschaft. Die beiden erkannten, dass sie sich verlaufen hatten. Das war ein Problem. Sie rechneten: Es war fast Zeit für die Arbeit, und beide gerieten in Panik. Dann hatte Lanlan eine Idee: den Wagenspuren folgen, die sie beim Herkommen hinterlassen hatten. Zwar machten sie etliche Umwege, doch sie kamen nur eine Stunde zu spät. | ||
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Als Lanlan und Yinger am Salzsee ankamen, hatte der Vorsteher gerade ein paar Arbeiter losgeschickt, um sie in der Sandwüste zu suchen. Als sie zurückkehrten, atmeten alle erleichtert auf. Lanlan hatte erwartet, dass der Vorsteher sie ausschimpfen würde, doch er sagte nur, sie sollten in Zukunft nicht zu tief in die Sandwüste gehen. | Als Lanlan und Yinger am Salzsee ankamen, hatte der Vorsteher gerade ein paar Arbeiter losgeschickt, um sie in der Sandwüste zu suchen. Als sie zurückkehrten, atmeten alle erleichtert auf. Lanlan hatte erwartet, dass der Vorsteher sie ausschimpfen würde, doch er sagte nur, sie sollten in Zukunft nicht zu tief in die Sandwüste gehen. | ||
| − | Die Schwägerinnen trockneten den Kameldung, füllten ihn in | + | Die Schwägerinnen trockneten den Kameldung, füllten ihn in Gewebesäcke und verstauten sie unter dem Bahnschwellenbett. Da auch Sansan ständig Brennstoff brauchte, gab Yinger ihr hin und wieder etwas ab. Sansans Miene besserte sich daraufhin. Einmal kamen Verwandte sie besuchen und brachten Sandkorn-Hirse mit, von der sie Yinger und Lanlan eine Schüssel abgab. |
Der Kameldung, den der Alte ihnen geschenkt hatte, war nicht viel wert, doch wann immer Yinger daran dachte, spürte sie eine tiefe Wärme. | Der Kameldung, den der Alte ihnen geschenkt hatte, war nicht viel wert, doch wann immer Yinger daran dachte, spürte sie eine tiefe Wärme. | ||
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Yinger fiel auf, dass das Gesicht des Arbeiters etwas sehr Vertrautes hatte. Sie überlegte und überlegte und erkannte schließlich: Auch Lingguans Gesicht hatte das. Es war die Gelehrsamkeit. Unwillkürlich sah sie ihn genauer an und fragte: Hast du studiert? Bevor er antworten konnte, sagte ein anderer für ihn: „Unser Baozi ist ein Hochbegabter! Er hat die Uni-Aufnahmeprüfung bestanden, aber seine Familie hatte kein Geld, ihn zu unterstützen.“ Yinger sah, dass „Baozi“ eine finstere Miene machte, und wandte sich ab, um ihm nicht wehzutun, und betrachtete den Salzsee. | Yinger fiel auf, dass das Gesicht des Arbeiters etwas sehr Vertrautes hatte. Sie überlegte und überlegte und erkannte schließlich: Auch Lingguans Gesicht hatte das. Es war die Gelehrsamkeit. Unwillkürlich sah sie ihn genauer an und fragte: Hast du studiert? Bevor er antworten konnte, sagte ein anderer für ihn: „Unser Baozi ist ein Hochbegabter! Er hat die Uni-Aufnahmeprüfung bestanden, aber seine Familie hatte kein Geld, ihn zu unterstützen.“ Yinger sah, dass „Baozi“ eine finstere Miene machte, und wandte sich ab, um ihm nicht wehzutun, und betrachtete den Salzsee. | ||
| − | Der Salzsee glich den Weizenfeldern im Dorf – ein langer Streifen neben dem anderen. Das Salz wuchs wie der Weizen auf den Feldern: Hatte man das alte Salz herausgeholt, wuchs in der | + | Der Salzsee glich den Weizenfeldern im Dorf – ein langer Streifen neben dem anderen. Das Salz wuchs wie der Weizen auf den Feldern: Hatte man das alte Salz herausgeholt, wuchs in der Sole neues nach. Unaufhörlich. Da man außerhalb des Beckens stehen musste, um Salz zu fördern, waren die Becken nicht breit – etwa zwei Meter –, doch die Länge konnte man beliebig wählen, oft hundert Meter und mehr. Was Yingers Augen verätzt hatte, war die grüne Salzlauge in den Becken. |
Baozi begann wieder zu arbeiten. Er schob das Schiebebrett ins Salzbecken und schob und zog das alte Salz hin und her, bis der Sand abgelöst war. Dann nahm er einen über drei Meter langen Eisenlöffel und begann, Salz herauszuschöpfen. Er hob einen vollen Löffel, stützte ihn auf sein Bein und hebelte ein paarmal, doch der Löffel wackelte nur. Also schüttete er etwas Salz ab. Obwohl nur noch etwas mehr als die Hälfte übrig war, sah es immer noch mühsam aus. Nach ein paar Löffeln keuchte er bereits. Yinger dachte: So wird er nicht viel verdienen. | Baozi begann wieder zu arbeiten. Er schob das Schiebebrett ins Salzbecken und schob und zog das alte Salz hin und her, bis der Sand abgelöst war. Dann nahm er einen über drei Meter langen Eisenlöffel und begann, Salz herauszuschöpfen. Er hob einen vollen Löffel, stützte ihn auf sein Bein und hebelte ein paarmal, doch der Löffel wackelte nur. Also schüttete er etwas Salz ab. Obwohl nur noch etwas mehr als die Hälfte übrig war, sah es immer noch mühsam aus. Nach ein paar Löffeln keuchte er bereits. Yinger dachte: So wird er nicht viel verdienen. | ||
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Sie lauschte aufmerksam, und das Geräusch wurde lauter. An der Stelle, wo es herkam, entdeckte sie tatsächlich Anzeichen von brechendem Eis. | Sie lauschte aufmerksam, und das Geräusch wurde lauter. An der Stelle, wo es herkam, entdeckte sie tatsächlich Anzeichen von brechendem Eis. | ||
| − | Sie überlegte: Kristallisierte das Salz vielleicht zuerst zu einer Spiegelfläche und zerbrach dann in glitzernde Salzkörner? Sicher. Sie erinnerte sich, dass Sansan gesagt hatte, der Salzgehalt der | + | Sie überlegte: Kristallisierte das Salz vielleicht zuerst zu einer Spiegelfläche und zerbrach dann in glitzernde Salzkörner? Sicher. Sie erinnerte sich, dass Sansan gesagt hatte, der Salzgehalt der Sole dürfe weder zu hoch noch zu niedrig sein. Nur in einem bestimmten Bereich kristallisierte das Salz. |
| − | Sie dachte: Sicher hatte der Regen den Salzgehalt der | + | Sie dachte: Sicher hatte der Regen den Salzgehalt der Sole verändert. Sicher. |
Nach einer Weile des Nachdenkens gab sie es auf, dem Grund der Kristallisation nachzuspüren. Sie schaute einfach auf die Wasseroberfläche, beobachtete das kaum wahrnehmbare Brechen der Salzplatten, lauschte dem bald hörbaren, bald verstummenden Knacken und vergaß allmählich, wo sie war. | Nach einer Weile des Nachdenkens gab sie es auf, dem Grund der Kristallisation nachzuspüren. Sie schaute einfach auf die Wasseroberfläche, beobachtete das kaum wahrnehmbare Brechen der Salzplatten, lauschte dem bald hörbaren, bald verstummenden Knacken und vergaß allmählich, wo sie war. | ||
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Da die Karten nun auf dem Tisch lagen, wurde der Vorsteher offensiver. Er begann, Schwester Wu Gemüse in Yingers Unterkunft bringen zu lassen. Am Salzsee gab es nichts Verlockendes als Gemüse. Etwa einmal pro Woche kam ein Gemüselaster aus der Stadt. Die Familien der Salzangestellten wurden zu hauptamtlichen Gemüsekäufern. Am Tag des Lasters standen sie schon früh Schlange. Auch die Wanderarbeiter schickten jemanden, um billiges Gemüse zu kaufen – doch selbst das billigste Gemüse wurde in der Sandwüste mindestens um ein Vielfaches teurer. Yinger sehnte sich natürlich nach Gemüse. Ihre Handflächen schälten sich ständig, und man sagte, das komme vom Gemüsemangel. | Da die Karten nun auf dem Tisch lagen, wurde der Vorsteher offensiver. Er begann, Schwester Wu Gemüse in Yingers Unterkunft bringen zu lassen. Am Salzsee gab es nichts Verlockendes als Gemüse. Etwa einmal pro Woche kam ein Gemüselaster aus der Stadt. Die Familien der Salzangestellten wurden zu hauptamtlichen Gemüsekäufern. Am Tag des Lasters standen sie schon früh Schlange. Auch die Wanderarbeiter schickten jemanden, um billiges Gemüse zu kaufen – doch selbst das billigste Gemüse wurde in der Sandwüste mindestens um ein Vielfaches teurer. Yinger sehnte sich natürlich nach Gemüse. Ihre Handflächen schälten sich ständig, und man sagte, das komme vom Gemüsemangel. | ||
| − | Der Vorsteher hatte viele Trucker als Freunde, und jedes Mal, wenn sie Salz holten, brachten sie ihm ein paar | + | Der Vorsteher hatte viele Trucker als Freunde, und jedes Mal, wenn sie Salz holten, brachten sie ihm ein paar Gewebesäcke voll Gemüse mit. Der Vorsteher ließ Schwester Wu etwas davon zu Yinger bringen. Yinger sagte: Nein danke. Schwester Wu legte das Gemüse trotzdem auf den Boden. Yinger ließ Lanlan nicht daran rühren. Das Gemüse war anfangs noch knackig und grün, nach einem Tag schon gelb und welk. Sansan rief entsetzt: Das ist Verschwendung! Sie wusch das fast verfaulte Gemüse und aß es selbst. Yinger kümmerte sich nicht darum. |
Schwester Wu brachte weiter Gemüse, und Yinger lehnte weiter ab. Sie sagte auch nicht viel. Vielleicht hatte der Vorsteher einen Kühlschrank, denn Schwester Wu brachte jedes Mal Frisches. Kaum war Schwester Wu weg, bediente sich Sansan. Sie sagte: Yinger isst es ja sowieso nicht, bevor es verdirbt, kann ich es genauso gut essen. Allmählich sprach sich die Sache herum, und kaum hatte Schwester Wu das Gemüse gebracht und war zur Tür hinaus, strömten die Arbeiter herbei und teilten es unter sich auf. | Schwester Wu brachte weiter Gemüse, und Yinger lehnte weiter ab. Sie sagte auch nicht viel. Vielleicht hatte der Vorsteher einen Kühlschrank, denn Schwester Wu brachte jedes Mal Frisches. Kaum war Schwester Wu weg, bediente sich Sansan. Sie sagte: Yinger isst es ja sowieso nicht, bevor es verdirbt, kann ich es genauso gut essen. Allmählich sprach sich die Sache herum, und kaum hatte Schwester Wu das Gemüse gebracht und war zur Tür hinaus, strömten die Arbeiter herbei und teilten es unter sich auf. | ||
Latest revision as of 12:25, 8 April 2026
In den folgenden Tagen wagte Daniu nicht, bei ihnen vorbeizukommen. Er betrachtete Yinger nur aus der Ferne. Nachts schob Yinger stets den Riegel vor die Tür. Lanlan missverstand die Situation: Da Yinger in jener Nacht zuerst hinausgegangen war und Daniu ihr gefolgt war, musste wohl etwas zwischen ihnen vorgefallen sein. Etwas war es tatsächlich, nur nicht das, was Lanlan sich vorstellte. Yinger wollte es eigentlich nicht erklären, um Danius Ruf nicht zu schaden. Als sie aber merkte, dass Lanlan sie falsch verstand, erzählte sie doch den ganzen Hergang. Lanlan knirschte mit den Zähnen: Wenn er wieder kommt, gebe ich ihm eine ordentliche Tracht Prügel.
Dagegen hatte Sansan ihre Einstellung gegenüber Yinger merklich geändert. Vor Yingers Ankunft hatte sie ein Verhältnis mit Daniu gehabt. Das Gerede darüber kursierte am Salzsee heftig. Angeblich war Daniu mit Sansan im Bett gewesen. Eigentlich wollte Daniu das nicht herumerzählen, doch Sansan erzählte den Leuten, Daniu habe versucht, sie zu verführen, und sie habe ihn zurechtgewiesen – was für Daniu sehr beschämend war. Daniu wurde wütend und verriet seinerseits, dass er mit Sansan geschlafen hatte. Sansan mochte an Daniu, dass er hart arbeitete und gut verdiente. Nun aber richtete sich Danius Blick auf Yinger, und Sansan wurde Yinger gegenüber kühl. Da Yinger und Lanlan ihre Kochsachen in der Sandwüste verloren hatten, verbot Sansan ihnen zwar nicht, ihren Herd mitzubenutzen, aber die Herzlichkeit war deutlich verschwunden.
Lanlan dachte: Im selben Topf rühren, beim Bücken und Aufstehen ständig aufeinander treffen, immer nach jemandes Laune schielen – das ist unerträglich. Also fragte sie den Vorsteher, wo man Kochgeschirr kaufen könne. Der Vorsteher gab ihnen ein paar Stücke, die frühere Wanderarbeiter zurückgelassen hatten, und sagte, sie sollten sie vorerst benutzen. Dann fragte er, ob sie ein eigenes Zimmer wollten. Lanlan dachte, wie auch immer, es war besser, jemanden in der Nähe zu haben, und sagte: Nein, wir bleiben bei Sansan. Der Vorsteher sagte: Auch gut.
Nach einigen Tagen am Salzsee hatte Yinger viele Unannehmlichkeiten entdeckt: Sie hatten keine Wechselkleidung, kein Toilettenpapier für die Periode und so weiter. Besonders schlimm war, dass ihre Bettdecken auf dem toten Kamelrücken geblieben waren – sie waren vermutlich längst zerfetzt. In der Wüste war es tagsüber glühendheiß und nachts bitterkalt. Tagsüber starb der Esel vor Hitze, nachts konnte der Hund erfrieren. Sobald die Sonne unterging, heulte der Wüstenwind immer wieder. Gegen die frühen Morgenstunden war die Hütte kalt wie ein Eiskeller. Anfangs hatte Sansan noch ihre alte Wolldecke Yinger und Lanlan überlassen. Yinger fand die Decke schmutzig und legte stets erst ihr himmelblaues Oberteil auf die Haut, bevor sie die Decke darüber deckte. Seit jener Filmnacht hatte Sansan die Decke demonstrativ wieder an sich genommen. Yinger verstand: Sie glaubte bestimmt, Yinger habe ihr den Herzensmann weggeschnappt.
Alles andere war noch erträglich, nur die Kälte in den frühen Morgenstunden war kaum auszuhalten. Die Schwägerinnen konnten nur angezogen schlafen. Zum Glück spendete auch die Arbeitskleidung etwas Wärme: Nachmittags gewaschen, war sie in der zweiten Nachthälfte trocken und konnte als Decke dienen. Aber die Kälte durchdrang immer mehrere Kleidungsschichten und verursachte ihnen ständig Halsschmerzen.
Und dann das Kamel – im Sandmeer war es natürlich ein bequemes Schiff, aber am Salzsee wurde es zur Last. Sie mussten ihm ständig Futter suchen. Der Vorsteher vermittelte ihnen einen mongolischen Hirten in der Nähe, der es ein paar Tage hüten sollte. Doch das Kamel war von Dorfleuten geliehen. Obwohl Kamele meist für die Frühjahrsbestellung gebraucht wurden und im Herbst meistens untätig herumstanden, würde der Besitzer bei zu langer Abwesenheit vielleicht Einwände erheben. Lanlan wollte auf einen Liangzhouer warten, der zum Salzholen kam, damit der das Kamel mitnehmen konnte. Sie rechnete nach: Salz hin transportieren und verkaufen könnte zwar etwas einbringen, das war aber sicher nicht so lohnend wie die Arbeit am Salzsee. Außerdem war der Verdienst am Salzsee bares Geld, während sie beim Salztransport erst Getreide eintauschen und dann das Getreide verkaufen müssten – sehr umständlich.
Lanlan bat die Wanderarbeiter, sich für sie umzuhören: Falls Liangzhouer Salzhändler kämen, sollten sie ihr Bescheid geben. Doch sie stellte fest, dass ihr Bild vom Salzsee zehn Jahre alt war. Damals war die Straße noch nicht ausgebaut, und Dorfleute kamen noch zum Salzholen. Jetzt war die Straße längst fertig. Zwar führte sie in eine andere Richtung, weg von Liangzhou, aber Lastwagen störte die Entfernung nicht. Ein Laster transportierte mehrere Tonnen auf einmal – ein Kamel trug nur ein paar hundert Jin. Lanlan dachte: Sie war wie eine Fliege in der Flasche – die Welt hatte sich längst verändert, doch ihr Denken steckte noch in der Erinnerung fest. Hätte sie das gewusst, wäre sie gleich zum Arbeiten hergekommen. Sie erkundigte sich: Von Liangzhou aus konnte man mit dem Bus in eine andere Stadt fahren und dort einen Wagen zum Salzsee nehmen. Angeblich freuten sich die Fahrer besonders über weibliche Anhalter – man brauchte nur zu winken, und sie traten auf die Bremse. Aber wenn man an einen Übeltäter geriet, zahlte man auch einen Preis.
Lanlan verstand nun, warum es so viele Schakale in der Sandwüste gab. Früher waren oft bewaffnete Salzhändler unterwegs und feuerten hin und wieder einen Schuss ab. Du auch, ich auch – so konnten sich die Schakale, selbst wenn sie es wollten, nicht vermehren. Jetzt tuckerten die Lastwagen, die Salzhändler mit Kamelen wurden selten, und die Schüsse ebenso.
Lanlan dachte: Sie hatte nur ein paar Dinge erlebt – vom Mädchen zur Ehefrau, Schläge vom Mann, Scheidungsstreit … – und die Veränderungen der Welt verschlugen ihr bereits die Sprache. Wäre sie nicht zum Salzsee gekommen, hätte sie noch geglaubt, die Welt stünde still seit ihrer Mädchenzeit.
Auch der Salzsee hatte sich stark verändert. Früher wurde das Salz von Hand geschürft, jetzt gab es auch Maschinenabbau. Früher konnte man ein Kaninchen mitbringen und gegen eine Kamelladung Salz tauschen. Das ging nun nicht mehr – man musste mit Geld bezahlen. Die anderen Veränderungen waren nicht weiter bedeutsam, nur der Lastwagen hatte die Kraft des Kamels mit einem Schlag jämmerlich erscheinen lassen. Endlich verstand sie, warum das Salztransportieren zu einem seltenen Gewerbe geworden war.
Vor dem Gang in die Sandwüste hatte sie noch stolz auf ihren Plan gewesen.
Diese Welt – wer nicht hinschaut, weiß nichts; wer hinschaut, erschrickt.
Sie dachte: Erst einmal eine Weile arbeiten. Wenn es hier gut läuft und jemand das Kamel ins Dorf zurückbringen konnte, würden sie eben hier bleiben und arbeiten.
Sie dachte: Welcher Erdboden begräbt nicht seine Menschen?
46
Der Vorsteher hatte irgendwoher erfahren, dass Lanlan und Yinger keine Bettdecken hatten, und schickte einen Arbeiter mit zwei Wolldecken vorbei.
Die Decken waren dick und aus reiner Wolle – für Yinger und Lanlan ein wahrer Rettungsanker in der Not.
Yinger bemerkte, dass viele Wanderarbeiter ständig auf sie zeigten und tuschelten. Da sie die Arbeit immer besser beherrschte, wuchs die Zahl ihrer gesammelten Pflanzenresteeimer. Ab einem bestimmten Tag war sie plötzlich diejenige, die am meisten sammelte. Die Frauen blickten sie seltsam an. Auch sie selbst fand es merkwürdig. Sie stellte fest, dass ihr Pflanzenrestehaufen jedes Mal, wenn sie nach der Mittagspause zur Arbeit kam, beträchtlich gewachsen war.
An diesem Tag ging Yinger nach dem Essen nicht wie üblich auf den Bahnschwellen ausruhen. Sie ließ die Tür einen Spalt offen und spähte zum Pflanzenrestelager. Eine halbe Stunde später tauchte Daniu auf. Verstohlen, mit einem Gewebesack, blickte er sich um, und als er sicher war, dass niemand hinsah, schüttete er die Pflanzenreste aus dem Sack auf Yingers Haufen. Yinger verstand: Diese Wurzeln stammten bestimmt von der Straße. Der Weg zur Betriebszentrale war großteils mit Pflanzenresten gepflastert.
Yinger brannten die Wangen. Sie dachte: Wie kann er nur so etwas tun? Wenn das jemand entdeckt, wie kann ich mein Gesicht wahren?
Sie weckte Lanlan leise und schickte sie zu Daniu, um ihm zu sagen, er solle damit aufhören. Als Daniu das nächste Mal kam, ging Lanlan zu ihm. Bei Lanlans Anblick zeigte Daniu keinerlei Verlegenheit. Lanlan kam zurück und sagte zu Yinger: Er sagt, du sollst dich nicht darum kümmern, wenn etwas passiert, nimmt er es auf sich. Lanlan lachte: Er sagt auch, du seist eine Zimtzicke. Er meint, so hättest du mindestens ein- bis zweihundert Yuan mehr im Monat.
Yinger sagte verärgert: Für was hält er mich? So gewissenlos verdientes Geld will ich nicht. Am nächsten Mittag, als Daniu es wieder tat, ging Yinger ihm entgegen. Mit finsterer Miene verlangte sie, er solle aufhören, ihr Gesicht zu schwärzen. Als Daniu sah, dass Yinger wirklich zornig war, sagte er: Na gut, mein heißer Hintern ist auf eine kalte Ofenbank gestoßen. … Du musst nur mein Herz verstehen, ich meine es wirklich gut mit dir. Wer weiß nicht, wie süß der Mittagsschlaf ist? Ich nehme die Mühe auf mich, damit du es ein wenig leichter hast.
Yinger drohte, es dem Vorsteher zu melden, falls er weitermache.
Das versetzte Daniu in Panik: Na gut, ich hör auf, reicht das? – Damit verschwand er eilig.
Zurück in der Unterkunft, war Yinger in kalten Schweiß gebadet. Sie dachte: Wenn die Leute davon erfahren, könnte sie sich nicht einmal im Gelben Fluss reinwaschen. Das war doch nichts anderes als Diebstahl! Außerdem würden die anderen denken, zwischen ihm und ihr ginge etwas vor – warum sonst sollte jemand auf den Mittagsschlaf verzichten und so etwas tun?
Tatsächlich hörte sie am nächsten Tag zufällig einen Wanderarbeiter sagen: Schaut mal, die hübsche Frau dort ist Danius heimliche Geliebte.
Sie war beschämt und wütend zugleich. Sie vermutete, dass das Gerücht von zwei Personen stammen konnte. Erstens von Daniu selbst – angeblich waren Wanderarbeiter so, da es an Frauen mangelte, war ihre Fantasie besonders rege, und sie erfanden gern pikante Geschichten. Die zweite Person war möglicherweise Sansan. Ihrem Blick nach zu urteilen, sah sie in Yinger tatsächlich eine Rivalin. Wie die Frauen aus Liangzhou erzeugte sie bei Yingers Anblick eine besondere Brise. Yingers Mutter hätte gesagt: „Schau, wie sie wetterleuchtet.“
Obwohl sie im selben Raum wohnten, sah Sansan Yinger kaum je ins Gesicht und sprach auch nicht mit ihr. So konnten Yinger und Lanlan ihren Herd nicht mehr mitbenutzen. Lanlan fand ein paar Ziegelsteine und baute vor der Tür einen kleinen Ofen. Ringsum gab es zwar Sträucher, aber die dienten der Sandstabilisierung und durften nicht gefällt werden. So nutzten Yinger und Lanlan die Pausen nach der Arbeit, um Kameldung zu sammeln. Zum Kochen mochten sie die Kamelkotkügelchen am liebsten, weil sie lange brannten – ein paar hineingeworfen, und sie glühten eine ganze Weile. Aber auch die Wanderarbeiter kochten selbst, und alle sammelten Kameldung; die Kinder der Salzangestellten sammelten ebenfalls. Bei so vielen Sammlern wurde der Dung zur Rarität.
Manchmal mussten sie eine Stunde damit verbringen, genug Brennmaterial für eine einzige Mahlzeit zu sammeln.
An diesem Tag gingen die beiden in der Mittagspause wieder Brennmaterial sammeln. Lanlan sagte: Diesmal ordentlich – sie liehen einen Karren und fuhren zum Weideland des Hirten. Dort gab es allerdings auch kaum Dung. Lanlan sagte: Hätten wir gewusst, wie wertvoll Kameldung ist, hätten wir unterwegs das aufgesammelt, was unser eigenes Kamel fallen ließ. Yinger sagte: Damals waren wir nicht Herr unseres Lebens, wer denkt da so weit? Trotzdem bedauerte auch sie den auf dem Weg verstreuten Kameldung. Sie dachte: Das menschliche Herz ist seltsam. Manchmal ist die Gier unersättlich, manchmal ist man auch mit wenig zufrieden. Jetzt brauchten sie nur einen Haufen Dungkügelchen zu entdecken, und sie stürmten jubelnd darauf zu. Diese Freude war sicher nicht geringer als die eines Gelehrten, der die Kaiserprüfung besteht.
Beim Schieben des Karrens sanken die Räder ständig in den Sand ein, und bald waren beide schweißgebadet. Lanlan sagte: Der Dung, den sie gesammelt hatten, wog weniger als ihr Schweiß. Vom ständigen Bücken beim Pflanzenrestensammeln taten beiden die Rücken weh, und sie wollten sich auf den Bahnschwellen ausruhen. Doch manche Dinge musste man tun, ob man wollte oder nicht. Sie hielten die Augen offen und suchten – wie zuvor den Salzsee – nach allem, was als Brennstoff taugte. So drängend wie damals das Herz, so drängend auch jetzt. Es war zum Lachen: Die heilige Stätte im Herzen war jetzt jene Sandmulde, in der Kameldung lag.
Nach gut einer Stunde Suche hatte Yinger genug und sagte: Lass uns zurückgehen, sonst kommen wir zu spät zur Arbeit. Lanlan sagte: Wir sind nun mal hier, lass uns noch weitersuchen. Ich glaube nicht, dass den Viechern der Hintern zugenäht wurde.
Kaum gesagt, entdeckten sie tatsächlich einen Haufen Kameldung, der in einer nahen Sandmulde lag und ihnen entgegenzulachen schien. Beide waren überglücklich und zogen den Karren hin. Es fühlte sich traumhaft an – als hätte ein Fuchsgeist ihnen das Essen gekocht. Mancher Dung war trocken, mancher noch feucht. Ohne sich vor dem Schmutz zu ekeln, schaufelten sie trockenen und feuchten in den Karren. Lanlan sagte: Dieses Kamel ist wirklich seltsam, immer am selben Platz zu koten. Yinger sagte: Jedes Wesen hat seine Gewohnheiten – vielleicht haben die, wie Menschen, auch ihre eigene Toilette.
Sie luden den Kameldung auf den Karren und wollten gerade gehen, als ein greiser Husten erklang. Beide erschraken. Ein alter Mann kam hinter einer Sandkuppe hervor. Erst jetzt entdeckte Yinger, dass hinter der Kuppe eine kleine Hütte stand. Da sie sehr klein war und ihre Wände aus Salzkrusten gemauert waren, sah sie auf den ersten Blick aus wie die Erde selbst, und halb von der Sandkuppe verdeckt, war sie ihren Augen entgangen.
Der Alte fragte: Warum stehlt ihr mein Brennmaterial?
Da begriffen sie, dass auch dieser Kameldung von jemandem gesammelt worden war. Beide schämten sich zutiefst und brannten vor Scham. Lanlan erklärte die Lage. Der Alte sagte: Ach, ihr seid aus Liangzhou? Gut, den Kameldung schenke ich euch.
Yinger sagte: Wie können wir das annehmen? Sie brauchen doch auch Brennstoff zum Kochen.
Der Alte lachte: Warum nicht? Ich sammle einfach neuen. Dem Vieh ist doch der Hintern nicht zugenäht. Er gab Lanlan zwei Gewebesäcke und riet, den Dung zu trocknen, in die Säcke zu füllen und drinnen aufzubewahren. Sonst würden die Wanderarbeiter über Nacht alles stehlen.
Die beiden dankten dem Alten und schoben den Karren Richtung Salzsee. Nach einer Weile veränderte sich die Landschaft. Die beiden erkannten, dass sie sich verlaufen hatten. Das war ein Problem. Sie rechneten: Es war fast Zeit für die Arbeit, und beide gerieten in Panik. Dann hatte Lanlan eine Idee: den Wagenspuren folgen, die sie beim Herkommen hinterlassen hatten. Zwar machten sie etliche Umwege, doch sie kamen nur eine Stunde zu spät.
Als Lanlan und Yinger am Salzsee ankamen, hatte der Vorsteher gerade ein paar Arbeiter losgeschickt, um sie in der Sandwüste zu suchen. Als sie zurückkehrten, atmeten alle erleichtert auf. Lanlan hatte erwartet, dass der Vorsteher sie ausschimpfen würde, doch er sagte nur, sie sollten in Zukunft nicht zu tief in die Sandwüste gehen.
Die Schwägerinnen trockneten den Kameldung, füllten ihn in Gewebesäcke und verstauten sie unter dem Bahnschwellenbett. Da auch Sansan ständig Brennstoff brauchte, gab Yinger ihr hin und wieder etwas ab. Sansans Miene besserte sich daraufhin. Einmal kamen Verwandte sie besuchen und brachten Sandkorn-Hirse mit, von der sie Yinger und Lanlan eine Schüssel abgab.
Der Kameldung, den der Alte ihnen geschenkt hatte, war nicht viel wert, doch wann immer Yinger daran dachte, spürte sie eine tiefe Wärme.
Sie dachte: Auf dieser Welt gibt es doch mehr gute Menschen. Zugleich wurde ihre Dung-Sammel-Geschichte bei den Hirten zu einer Lachnummer unter den Wanderarbeitern. Jedes Mal, wenn jemand davon erzählte, brachen alle in Gelächter aus.
47
Es regnete, und am Salzsee bekamen die Pflanzenrestesammlerinnen frei. Ein paar Wanderarbeiter kamen und baten Lanlan, die wieder aufgerissenen Wunden an ihren Beinen zu nähen. Da sie sich daran gewöhnt hatte, traute Lanlan es sich inzwischen auch zu. Yinger fand es drinnen zu laut und ging hinaus.
Obwohl sie schon einige Tage am Salzsee war, hatte Yinger keine Gelegenheit gehabt, sich umzuschauen, da sie beim Pflanzenrestesammeln stationär auf dem Salzrücken war.
Nun half das Wetter nach, und da sie sich zerstreuen wollte, schlenderte sie aus der Unterkunft, um den Salzsee zu betrachten.
Die Wanderarbeiter wurden nach Leistung bezahlt – je mehr Salz man förderte, desto mehr verdiente man –, und viele arbeiteten trotz des Regens. Einige lösten gerade die Salzkruste. Wie bereits erwähnt, war diese Kruste die harte Erdoberflächenschicht über dem Salzsee. Zuerst musste die härteste Schicht mit Sprengstoff gesprengt werden, dann wurde mit dem Bohrer die etwas weichere Kruste abgehoben, dann die Schicht aus Sand-Salz-Gemisch entfernt, und erst dann konnte man das in Salzlauge getränkte alte Salz sehen.
Die Arbeiter, die die Kruste lösten, schwangen ihre Bohrer. Die Bohrspitze war dreieckig. Die Bohrstange hatte vier Kanten, war etwa einen Meter lang und mit einem etwa gleichlangen Holzgriff versehen. Nach Sansans Auskunft wog der Bohrer über zwanzig Kilo. Die Arbeiter hoben den Bohrer, stießen ihn mit Kraft hinab, warteten, bis er sich in die Kruste biss, und hebelten dann mit Wucht – so brach ein großes Stück Kruste ab. Da die Kruste hart genug war, wurden halbwegs regelmäßige Stücke zum Mauern und Häuserbauen verwendet. Die unregelmäßigen dienten als ausgezeichnetes Material für Straßen in der Wüste.
Plötzlich rief ein Arbeiter aus der Ferne: He —! Hier, eine Salzwurzel für dich.
Yinger dachte, er riefe jemand anderen. Erst nach mehrmaligem Rufen erkannte sie, dass er sie meinte. Sie dachte, die Salzwurzel, die er erwähnte, sei einfach ein Pflanzenrest – davon sammelte sie jeden Tag, wozu sollte er ihr eine geben? Doch der Mann hielt etwas Glitzerndes in den Händen.
Bei genauerem Hinsehen unterschied es sich völlig von den Pflanzenresten, die sie sammelte, und sie ging hin. Der Arbeiter war ein hübscher junger Mann, er lächelte Yinger an und reichte ihr das Glitzernde. Yinger sah es sich an, und ihre Augen leuchteten auf. Das Ding war wirklich wunderschön. Es bestand aus großen Salzkörnern, die zusammengewachsen waren – kristallklar und transparent, geformt wie eine Skulptur. Yinger freute sich sehr darüber und bedankte sich. Der Mann lächelte strahlend: Wofür bedankst du dich bei mir? Wenn schon, dann beim Salzsee – der hat es geformt.
Yinger fiel auf, dass das Gesicht des Arbeiters etwas sehr Vertrautes hatte. Sie überlegte und überlegte und erkannte schließlich: Auch Lingguans Gesicht hatte das. Es war die Gelehrsamkeit. Unwillkürlich sah sie ihn genauer an und fragte: Hast du studiert? Bevor er antworten konnte, sagte ein anderer für ihn: „Unser Baozi ist ein Hochbegabter! Er hat die Uni-Aufnahmeprüfung bestanden, aber seine Familie hatte kein Geld, ihn zu unterstützen.“ Yinger sah, dass „Baozi“ eine finstere Miene machte, und wandte sich ab, um ihm nicht wehzutun, und betrachtete den Salzsee.
Der Salzsee glich den Weizenfeldern im Dorf – ein langer Streifen neben dem anderen. Das Salz wuchs wie der Weizen auf den Feldern: Hatte man das alte Salz herausgeholt, wuchs in der Sole neues nach. Unaufhörlich. Da man außerhalb des Beckens stehen musste, um Salz zu fördern, waren die Becken nicht breit – etwa zwei Meter –, doch die Länge konnte man beliebig wählen, oft hundert Meter und mehr. Was Yingers Augen verätzt hatte, war die grüne Salzlauge in den Becken.
Baozi begann wieder zu arbeiten. Er schob das Schiebebrett ins Salzbecken und schob und zog das alte Salz hin und her, bis der Sand abgelöst war. Dann nahm er einen über drei Meter langen Eisenlöffel und begann, Salz herauszuschöpfen. Er hob einen vollen Löffel, stützte ihn auf sein Bein und hebelte ein paarmal, doch der Löffel wackelte nur. Also schüttete er etwas Salz ab. Obwohl nur noch etwas mehr als die Hälfte übrig war, sah es immer noch mühsam aus. Nach ein paar Löffeln keuchte er bereits. Yinger dachte: So wird er nicht viel verdienen.
Dann dachte sie: Vielleicht kann er in ein paar Jahren so arbeiten wie Daniu. Aber hätte er dann noch seine Gelehrsamkeit? Würde er so derb werden wie Daniu?
Daniu hatte Yinger wohl im Blick behalten. Kaum war sie hier, kam er schon hinterher. Als er sah, dass Yinger Baozi beobachtete, blickte auch er finster. Nach einer Weile rief er: „Na sowas, wer arbeitet denn so? Wie ein dürrer Hund, der gegen den Wind furzt. Schau mir zu.“ Er riss Baozi den Löffel aus der Hand und hatte im Handumdrehen über zehn Löffel herausgeschöpft. Das ging wirklich wie ein Sturm, der Herbstlaub fegt. Obwohl Yinger ihn verabscheute, bewunderte sie seine Kraft.
Daniu schöpfte noch ein paar Löffel und blickte dann herablassend auf Baozi. Baozi sagte trotzig: In einem Jahr Training kann ich das genauso gut wie du. Daniu lachte schallend: Genauso wie ich? Im nächsten Leben vielleicht. Ich habe von Geburt an Bärenkräfte. Damit packte er Baozi, und mit einem Ruck hob er ihn mit einem Arm über seinen Kopf. Daniu sagte: „Mach die Augen zu!“ und warf Baozi ins Salzbecken.
Yinger schrie Daniu wütend an: „Wie kannst du nur so was tun?“
Noch bevor sie ausgesprochen hatte, war Baozi schon gluckernd an die Oberfläche getrieben. Die Arbeiter lachten laut. Das spezifische Gewicht der Salzlauge war höher als das des menschlichen Körpers – wer hineinfiel, trieb sofort nach oben.
Baozi kam schimpfend ans Ufer geklettert.
Als Yinger sah, dass er nicht in Gefahr war, beruhigte sie sich. Sie wusste: Wenn sie noch länger bliebe, würde Daniu womöglich noch mehr Unsinn anstellen. Also entfernte sie sich, setzte sich an eine ruhige Stelle und betrachtete die Salzwurzel. Deren kristallene Klarheit sickerte allmählich in ihr Herz.
Der Regen war nicht stark, etwas mehr als Nieselregen. Die Regenfäden fielen in den Salzsee und erzeugten ein Rascheln. Allmählich versank sie in dieser Stimmung. Schon lange war ihr Herz ständig von weltlichen Dingen beunruhigt gewesen – rastlos, hektisch, geschäftig – ohne je eine Chance auf Stille.
Jetzt war es wirklich gut: Das dunkelgrüne Wasser der Becken, die kühlen Regenfäden, die im Regen kaum sichtbar in die Ferne wogenden Sandwellen und die vom Regen verschleierte Welt – alles drang in ihr Herz. Sie erkannte: Wenn sie mit Menschen zu tun hatte, gab es stets tausend Hilflosigkeiten und Sorgen, das menschliche Durcheinander brachte ihr Herz immer in Aufruhr. Wenn sie schlicht der Natur gegenüberstand, schenkte die Natur ihr Stille, einen Hauch von Gelassenheit, eine über allem schwebende Leere.
Undeutlich drangen im Regen ungewöhnliche Geräusche zu ihr, ähnlich dem Klang, wenn im Frühling das Eis auf der Oberfläche zu schmelzen beginnt.
Sie bekam etwas Angst – Angst, dass aus der grünklaren Salzlauge plötzlich ein Ungeheuer kriechen und sie hinunterziehen könnte. Aber schon lachte sie über sich selbst. Ehrlich gesagt, nach mehreren Prüfungen nahm sie vieles gelassener.
Sie lauschte aufmerksam, und das Geräusch wurde lauter. An der Stelle, wo es herkam, entdeckte sie tatsächlich Anzeichen von brechendem Eis.
Sie überlegte: Kristallisierte das Salz vielleicht zuerst zu einer Spiegelfläche und zerbrach dann in glitzernde Salzkörner? Sicher. Sie erinnerte sich, dass Sansan gesagt hatte, der Salzgehalt der Sole dürfe weder zu hoch noch zu niedrig sein. Nur in einem bestimmten Bereich kristallisierte das Salz.
Sie dachte: Sicher hatte der Regen den Salzgehalt der Sole verändert. Sicher.
Nach einer Weile des Nachdenkens gab sie es auf, dem Grund der Kristallisation nachzuspüren. Sie schaute einfach auf die Wasseroberfläche, beobachtete das kaum wahrnehmbare Brechen der Salzplatten, lauschte dem bald hörbaren, bald verstummenden Knacken und vergaß allmählich, wo sie war.
Zum Glück kam auch Daniu nicht, um sie zu belästigen. So saß sie im feinen Regen, bis Lanlans Stimme zu ihr herüberdrang und sie zum Essen rief.
48
Nach dem Essen sehnte sich Yinger noch immer nach der Stille am Salzsee und wollte Lanlan mitziehen. Gerade als sie hinausgehen wollte, brachte Sansan eine Frau mit, die alle „Schwester Wu“ nannten. Alle Pflanzenrestesammlerinnen unterstanden Schwester Wu. Jeden Tag zählte sie die von Yinger und den anderen gesammelten Eimer. Sie war gut zu Yinger – beim Abzählen füllte sie die Eimer nie ganz voll. So sammelten sich mit der Zeit ein paar Eimer mehr in ihrem Buch an, als tatsächlich gesammelt worden waren. Yinger war ihr dankbar. Zwar waren diese zusätzlichen Eimer höchstens ein paar Yuan wert, aber wenn jemand Fremdes einen so behandelte, konnte man da nicht dankbar sein?
Schwester Wu bat Lanlan und Sansan, kurz hinauszugehen – sie wolle mit Yinger ein paar Worte unter vier Augen wechseln. Lanlan und die anderen gingen.
Schwester Wu schaute sich um und sagte: Oh, ich wusste gar nicht, dass du es so schwer hast. Das ist wirklich meine Schuld. Sag mir in Zukunft, was dir fehlt. Was der großen Schwester gehört, gehört auch dir.
Yinger wusste, dass sie etwas auf dem Herzen hatte – sonst wäre sie nicht im Regen gekommen –, aber sie mochte nicht zuerst fragen.
Schwester Wu redete noch allerlei Belangloses, bevor sie endlich zur Sache kam. Sie fragte: Und, was hältst du von unserem Vorsteher?
Yinger fragte: Welchen Vorsteher meinst du? Schwester Wu lachte: Na, den, den ihr den „alten Totjungen“ nennt. Obwohl Yinger selbst ihn nie so genannt hatte, wurde sie verlegen. Sie sagte: Er ist ganz nett. Schau, diese Wolldecke ist von ihm geliehen.
Schwester Wu seufzte: Wirklich, der Vorsteher ist ein herzlicher Mensch – welcher Arbeiter hat nicht schon von seiner Güte profitiert? Alle nennen ihn den „Retter in der Not“. Yinger hatte noch nie gehört, dass ihn jemand so nannte, stimmte aber stillschweigend zu.
Schwester Wu fuhr fort: Du weißt vielleicht nicht, dass seine Frau gestorben ist.
Yinger ahnte, was sie sagen wollte, und ihr Herz begann zu klopfen.
Schwester Wu sprach es tatsächlich aus. Sie sagte: Er hat dich im Herzen.
Und: Er hat dich mehrere Tage beobachtet und festgestellt, dass du eine Gute bist.
Und: Von all den Frauen, die er gesehen hat, gefällst du ihm am besten.
Und: Du brauchst nur zu nicken, und du kannst Delikatessen essen und Scharfes trinken und musst nie wieder leiden.
Und: Die Frauen, die diesen Platz ausfüllen wollen, könnten einen Kamelkarren füllen. Wenn du willst, kann er dich auf der Stelle heiraten.
Und sie sagte noch vieles mehr.
Yinger schwieg eine Weile. Sie suchte nach passenden Gründen, die den anderen nicht verletzten und doch eine Absage waren. Sie überlegte und überlegte, fand aber keinen guten Grund und dachte: Am besten sage ich die Wahrheit. So sagte sie: Es ist ja ein gutes Angebot, aber leider habe ich nicht das Glück dafür. Auch ich habe jemanden im Herzen.
Schwester Wu machte „Oh“ und fragte: Wo ist er?
In der Provinzhauptstadt, bei der Arbeit.
Obwohl Yinger nicht wusste, wo Lingguan tatsächlich war, sagte sie wie von einer unsichtbaren Hand geführt „Provinzhauptstadt“. Absichtlich sagte sie nicht, er arbeite als Hilfsarbeiter, sondern nur „bei der Arbeit“. Das konnte man verstehen, wie man wollte. Auch Gouverneur sein war „Arbeit“, Teller spülen war auch „Arbeit“. Was er genau tat, konnte die andere sich selbst zusammenreimen.
Nun konnte Schwester Wu nicht mehr viel sagen. Sie redete noch eine Weile ins Blaue und bat Yinger, es sich noch einmal zu überlegen, und ging.
Kaum hereingekommen, legte Sansan ihre bisherige Kälte ab. Sie hatte nämlich draußen am Fenster gelauscht. Sie sagte: Warum sagst du nicht ja? Der ist wirklich ein goldenes Brötchen! Wie viele Frauen träumen davon, diese Lücke zu füllen! Wenn du unsicher bist, lass ihn doch erst die Heiratsurkunde ausstellen! Hörst du nicht, er will sofort heiraten. Wie kannst du so ein Angebot ablehnen? Und: Findest du ihn zu alt? Eigentlich ist er gar nicht so alt, hier sind Wind und Sand stark, die Haut wird natürlich dunkler als bei Städtern.
Lanlan sagte nichts.
Yinger bat sie, einen Spaziergang zu machen. Unter Sansans Schirm gingen die beiden zu der Stelle, an der Yinger vormittags gesessen hatte. Es regnete immer noch gleich stark. Man sagte: „Morgenregen bringt nicht viel, den ganzen Tag nur Wärme“ – und so war es. Auch wenn der Regen die Kleidung durchnässte, verlieh er der Welt eine gewisse Poesie. Lanlan sagte: Was diese Sache angeht – es ist eigentlich ein gutes Angebot. Mensch, was denkst du so weit? Außerdem, du denkst an ihn, aber wer weiß, was er gerade treibt? Eigentlich sollte ich das nicht sagen, aber hast du darüber nachgedacht? Manches liegt nicht in deiner Hand.
Yinger verstand, was Lanlan meinte. Ihr Herz wurde mit einem Schlag grau. Sie kniff die Augen zusammen und blickte in die Ferne. Die Arbeiter im Regen waren verschwunden.
Der Salzsee war sehr still. Nur das Geräusch der Regenfäden auf dem Schirm, und ab und zu konnte man undeutlich das Brechen der Salzschicht hören.
Yinger seufzte: Ich erzähle dir etwas. Als Kind hat mein Vater mir ein Jade-Amulett gekauft, das ich sehr liebte. Eines Tages spuckte mein Bruder darauf – absichtlich, um mich zu ärgern. Er wusste von meinem Reinlichkeitswahn. Ich fand es schmutzig und zerschlug es. Verstehst du? … Ich weiß genau, dass man im Leben manchmal sich selbst unterordnen und sich manchen Menschen und Dingen fügen muss. Aber ich kann nicht anders. Man lebt nur ein paar Jahrzehnte – warum nicht sauber leben? Manche Dinge, die einmal schmutzig geworden sind, kann man nie wieder reinwaschen, oder?
Lanlan seufzte lang.
Yinger sagte: Auch in deinem Herzen gibt es doch Dinge, die nicht befleckt werden dürfen? In meinem auch. Wenn das weg wäre, hätte das Leben keinen Sinn mehr.
Und: Ich will nicht wegen ein bisschen gutem Essen, gutem Trinken und guter Kleidung den Grund meines Lebens wegwerfen.
Und: Für diesen Lebensgrund bin ich bereit, nicht zu leben.
Lanlan sagte: Schau dich an, was redest du da? Doch sie verstand: Yinger hatte sich wirklich unwiderruflich entschieden.
49
Durch Sansans Propaganda wussten alle am Salzsee vom Herzen des Vorstehers. Der Vorsteher fühlte sich bloßgestellt. Männer waren so – für sie war es wichtiger als alles andere, das Gesicht zu wahren. Also kamen immer mehr Leute zu Yinger und sagten dasselbe wie Schwester Wu. Die Gründe, warum Yinger zustimmen sollte, wurden immer zahlreicher, doch jeder einzelne zerschellte an Yingers Lebensgrund.
Yinger sagte auch nichts, sie schwieg nur. Doch dieses Schweigen steigerte unversehens ihren Wert in den Augen des Vorstehers. Jemand berichtete: Der Vorsteher habe gesagt, wenn er sie nicht bekomme, sei dieses Leben umsonst gelebt.
Da die Karten nun auf dem Tisch lagen, wurde der Vorsteher offensiver. Er begann, Schwester Wu Gemüse in Yingers Unterkunft bringen zu lassen. Am Salzsee gab es nichts Verlockendes als Gemüse. Etwa einmal pro Woche kam ein Gemüselaster aus der Stadt. Die Familien der Salzangestellten wurden zu hauptamtlichen Gemüsekäufern. Am Tag des Lasters standen sie schon früh Schlange. Auch die Wanderarbeiter schickten jemanden, um billiges Gemüse zu kaufen – doch selbst das billigste Gemüse wurde in der Sandwüste mindestens um ein Vielfaches teurer. Yinger sehnte sich natürlich nach Gemüse. Ihre Handflächen schälten sich ständig, und man sagte, das komme vom Gemüsemangel.
Der Vorsteher hatte viele Trucker als Freunde, und jedes Mal, wenn sie Salz holten, brachten sie ihm ein paar Gewebesäcke voll Gemüse mit. Der Vorsteher ließ Schwester Wu etwas davon zu Yinger bringen. Yinger sagte: Nein danke. Schwester Wu legte das Gemüse trotzdem auf den Boden. Yinger ließ Lanlan nicht daran rühren. Das Gemüse war anfangs noch knackig und grün, nach einem Tag schon gelb und welk. Sansan rief entsetzt: Das ist Verschwendung! Sie wusch das fast verfaulte Gemüse und aß es selbst. Yinger kümmerte sich nicht darum.
Schwester Wu brachte weiter Gemüse, und Yinger lehnte weiter ab. Sie sagte auch nicht viel. Vielleicht hatte der Vorsteher einen Kühlschrank, denn Schwester Wu brachte jedes Mal Frisches. Kaum war Schwester Wu weg, bediente sich Sansan. Sie sagte: Yinger isst es ja sowieso nicht, bevor es verdirbt, kann ich es genauso gut essen. Allmählich sprach sich die Sache herum, und kaum hatte Schwester Wu das Gemüse gebracht und war zur Tür hinaus, strömten die Arbeiter herbei und teilten es unter sich auf.
Die Nachricht, dass Yinger das Gemüse des Vorstehers nicht anrührte, verbreitete sich schnell am ganzen Salzsee. Alle sagten: Diese Frau hat Charakter – knackiges, grünes, frisches Gemüse! Wenn sie schon den Vorsteher so abweist, hat Daniu wohl nicht einmal ein Härchen von ihr berührt? Die vielen Geschichten, die Daniu in Umlauf gebracht hatte, glaubte niemand mehr. Je mehr man es weitererzählte, desto mehr wurde Yinger zur Legende.
Doch Daniu missdeutete Yingers Herz. Er glaubte, Yinger behandle den Vorsteher so, weil sie ihn, Daniu, liebte. Dieser Gedanke trieb ihm mehrmals das Blut in Wallung. Sobald er Yinger allein sah, nutzte er die Gelegenheit und sagte: Da du mich so behandelst, werde auch ich dich von Herzen gut behandeln. Und: Warte nur, ich werde es dir beweisen. – Yinger war völlig verwirrt; sie wusste nicht, wie sie ihn angeblich „behandelt“ haben sollte.
Daniu war überzeugt, dass Yinger seine Kraft bewunderte. Er konnte jenen Blick nicht vergessen, den sie ihm zugeworfen hatte, als er wie ein Sturmwind Salz schöpfte. Dieser Blick war voller Staunen gewesen – Daniu deutete ihn als Bewunderung. Tag und Nacht sann er über diesen Blick nach und dichtete immer neue Blicke hinzu. Berauscht von diesen Blicken, steigerte er sich Tag für Tag, arbeitete mit noch mehr Elan und förderte eines Tages sogar elf Tonnen Salz.
Wer sich in seiner eigenen Welt berauscht, findet stets zahllose Gründe, warum andere ihn bewundern. Daniu dachte, Yinger habe keinen Grund, ihn nicht zu lieben. Er war stark, hatte sehnige Muskeln und sah auch sonst ordentlich aus. Nur beim Geldverdienen war er dem Vorsteher unterlegen, aber auch er verdiente nicht wenig. Außerdem war des Vorstehers Geld schwarzes Geld, aus unreiner Quelle. Eines Tages, wenn der Schnee schmolz und die Leiche zum Vorschein kam, würde der Staat das Geld einziehen. Sein Geld war hingegen Blut-und-Schweiß-Geld, das ihm niemand streitig machen konnte. Und er hatte gehört, dass Frauen starke Männer bevorzugten. Der Vorsteher war längst über seine starken Jahre hinaus – wie konnte er sich mit Daniu an „Kraft“ messen?
Daniu summte ständig ein fröhliches Liedchen. Die Melodie klang nach „Unser Leben ist voller Sonnenschein“, war aber durch zu viele Fehltöne zu einem anderen Lied mutiert. Es war ein altes Lied, offenbar ein Filmsong. In der Arbeiterunterkunft gab es ein kleines Instrument – eines, das man mit einer Hand zupfte und auf dem man mit der anderen die Tasten drückte. Dazu ein zerfleddertes Buch, in dem das Lied schlummerte. Eines Tages, als Baozi sich zu Tode langweilte, weckte er es auf. Anfangs stöhnte es nur dumpf. Ein paar Tage später lebte es auf und er tänzelte mit den Klängen des Instruments umher. Vom Zuhören lernte auch Daniu es summen. Ob beim Gehen oder bei der Arbeit – er summte die Melodie.
Alle sagten: Schaut, Daniu hat die Liebeskrankheit.
50
Schwester Wu kam wieder. Diesmal ohne Gemüse. Sie sagte nur, die beiden Pflanzenrestesammlerinnen seien zurückgekehrt, und Yinger und Lanlan sollten eine andere Arbeit übernehmen. Yinger lächelte und sagte: Gut, was auch immer. Wenn es keine Arbeit gibt, können wir auch nach Hause gehen. Schwester Wu lachte: Was denkst du denn? Eigentlich ist die neue Arbeit sauberer als Pflanzenrestesammeln. Zwar Knochenarbeit, aber ohne Salzlauge und so. Lanlan sagte: Gut, was auch immer.
Die neue Arbeit war Sanddämmen. Der Wind trieb die Sanddünen ständig umher. Wanderte eine Düne in ein Salzbecken, war dieses Becken tot.
Es gab mehrere Methoden zur Sandstabilisierung: Erstens Erde auf die Dünen tragen und auf dem Sand Erdwälle anlegen; zweitens Weizenstroh in den Sand drücken und netzartig verflechten. Da am Salzsee Stroh knapp war, verwendete man meist die Erdmethode. Der Betrieb hatte für die Wälle Vorgaben festgelegt – Breite, Höhe, Bezahlung pro Meter. … Doch egal welche Methode, die Wirkung war nur vorübergehend. Sobald der Flugsand die künstlichen Barrieren verschüttete, wurden die Dünen wieder lebendig. Deshalb war Sanddämmen am Salzsee eine Dauerarbeit.
Am Arbeitsplatz angekommen, stellte Yinger sofort fest: Sanddämmen war viel härter als Pflanzenrestesammeln. Man arbeitete unter der gnadenlosen Sonne.
Auf den Dünen gab es keinen Schutz, und die Sonne tobte sich aus. Aber das war noch nicht das Schlimmste – am schlimmsten war das Erdtragen. Zwei Personen trugen eine Planen-Stange, beluden sie mit Erde und schwankten die Düne hinauf. Auf einer Düne zu gehen hieß: einen Schritt vor, einen halben zurücksinken. Schon ohne Last war es mühsam – erst recht mit schwerer Bürde.
Jedes Mal, wenn sie Erde die Düne hinauftrug, spürte Yinger, wie die Tragstange in ihre Hände biss und der Druck bis in die Knochen drang. Das Gewicht der Erde verwandelte sich in eine Zugkraft, die sie ständig die Düne hinabzerren wollte. Die Füße sanken in den Sand, der Sand drang in die Schuhe und schmiegte sich an die Füße. Nach wenigen Schritten war sie in erbärmlicher Verfassung. Sie biss die Zähne zusammen, hielt verbissen den Atem an und schleppte eine Ladung Erde auf die Düne, warf dann die Stange hin und brach zusammen. Als sie die Blicke der Frauen auf sich bemerkte, waren ihr deren spöttische Blicke auch egal – sie keuchte nur.
Lanlan wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte: Versuchen wir’s einen Tag lang. Wenn du es nicht durchhältst, sagen wir Bescheid, rechnen ab und gehen nach Hause.
Yinger sagte: Was soll zu Hause besser sein? Schau, all diese Frauen machen es doch auch. Wenn sie es können, warum nicht auch wir?
Mit zusammengebissenen Zähnen trugen die beiden noch ein paar Ladungen. Yinger spürte, dass Hände und Beine nicht mehr ihre eigenen waren. Der Schweiß rann nicht nur aus den Poren, sondern quoll auch aus den Augenhöhlen – wahrhaftig „die Handflächen schälen sich, die Augenhöhlen schwitzen“. Am schlimmsten waren die Beine: Bei jeder Bewegung schnitten Messer in die Waden. Sie vermutete eine Bänderverletzung, doch als sie mehrmals die schmerzende Stelle untersuchte, fand sie keine Blutergüsse.
Bis zum Mittag hatten die beiden ordentlich geschwitzt, doch der Erdwall war kaum gewachsen. Yinger rechnete grob: Bei diesem Tempo würden sie nicht viel verdienen.
Da der Arbeitsplatz ein Stück von der Unterkunft entfernt lag, beschlossen die beiden, nicht zurückzugehen. Sie hatten Wasser und Brot mitgebracht. Eigentlich wollten sie auch die Mittagspause zum Arbeiten nutzen, doch kaum hatten sie sich kurz ausgeruht, wollte keine mehr aufstehen. Ein Blick auf die Leistung der anderen – sie schämten sich heimlich.
Gerade als sie einander bitter anlächelten, kamen Daniu und Baozi sie suchen. Bei ihrem Anblick stürmte Daniu mit großem Getöse die Düne hinauf. Lanlan grüßte herzlich. Auch Yinger nickte lächelnd. Das versetzte Daniu in überwältigte Freude. Er und Baozi trugen Erde, und im Nu war der Erdwall länger als alles, was die beiden den ganzen Vormittag geschafft hatten.
Daniu sagte: Ihr seid wirklich dumm. Schaut, wie die anderen es machen. Er ging hin und kratzte den Erdwall eines anderen auf, und erst da erkannte Yinger den Trick. Die anderen formten zuerst den Sand zu einem Wall und bedeckten ihn nur oben mit einer Erdschicht. So reichte eine Ladung Erde für ein langes Stück Wall.
Lanlan sagte: Aber wenn der Wind die Erde wegbläst, ist es dann nicht, als hätte man gar nichts gemacht?
Daniu sagte: Wer kümmert sich um die Ewigkeit? Alle pfuschen – „die Katze scharrt den Dreck zu“ –, wenn du’s nicht genauso machst, verdienst du keinen Pfifferling.
Lanlan fragte: Kontrolliert der Betrieb das nicht?
Daniu sagte: Alles ist machbar. Schlimmstenfalls schenkst du dem Prüfer eine Schachtel Zigaretten – der drückt ein Auge zu, und das war’s. Lanlan sagte: So eine Betrügerei können wir nicht. Wenn wir gewissenloses Geld verdienen wollten, müssten wir dafür nicht in die Sandwüste kommen.
Daniu und Baozi legten sich mächtig ins Zeug und waren schweißgebadet. Als die Arbeitszeit begann, sagte Daniu zu Yinger: Ich rede mit dem Vorsteher – am besten gibt er dir was Leichteres. Diese Arbeit bringt ja einen Esel um.
Nach einer Pause begannen die beiden wieder, Erde zu tragen. Yinger hatte kaum noch Kontrolle über ihren Körper. Mehrmals, als sie es mühsam bis zur halben Düne geschafft hatte, brach sie zusammen, und die Erde war natürlich verschüttet. Auch Lanlan schwankte vor und zurück und keuchte schwer. Beide waren völlig erschöpft, aber keine wollte mogeln.
Lanlan erzählte: Einst gab es einen frommen Mann, der drei Jahre lang Räucherstäbchen brannte und sehr andächtig war. Da verwandelte sich ein Bodhisattva in einen Salzhändler und prüfte ihn. Der Mann holte eine manipulierte Waage hervor und ergaunerte ein halbes Pfund Salz. Der Bodhisattva lächelte: Drei Jahre Räucherstäbchen – nicht wert wie ein halbes Pfund Salz. Lanlan sagte: Die drei Jahre Verdienst des Mannes waren durch das halbe Pfund ergaunertes Salz zunichtegemacht. Kultivierung sei hauptsächlich Kultivierung des Herzens. Yinger aber sagte: Ob Verdienst oder nicht, das ist mir egal. Ich kann so etwas einfach nicht tun. Arm ist arm, wir leben eben bescheidener. Wir sind doch nicht nur diese paar Groschen wert. Die beiden arbeiteten weiter ehrlich nach Vorschrift. Obwohl sie am Ende nur noch ein Haufen Lehm waren, war ihr Ergebnis kläglich. Grob gerechnet – ohne Danius Hilfe – war der Verdienst eines ganzen Tages Sanddämmen geringer als ein halber Tag Pflanzenrestesammeln.
51
Daniu hatte Ärger bekommen.
Bei Einbruch der Dämmerung kehrten die beiden zur Unterkunft zurück und hörten von Sansan: Daniu hatte den Vorsteher geschlagen. Die Geschichte war einfach. Daniu glaubte, er stünde mit dem Vorsteher auf vertrautem Fuß, und wollte ein gutes Wort für Yinger einlegen, damit sie wieder Pflanzenreste sammeln durfte. Er vergaß, dass er, egal wie stark, immer noch ein einfacher Arbeiter war. Das Wort „Vertrautheit“ passte nur zwischen Gleichgestellte. Sansan fügte hinzu: Der „alte Totjunge“ hegte ohnehin Groll gegen Daniu. Ein einfacher Wanderarbeiter wagte es, ihm eine Frau streitig zu machen. Er suchte schon lange nach einem Vorwand – und Daniu lief ihm direkt in die Schusslinie. Der Vorsteher kniff die Augen zusammen, musterte Daniu und sagte schließlich: Wem ist die Hose aufgeplatzt, dass du herausguckst? – Soll heißen: Wer glaubst du eigentlich, wer du bist? Da wurde Daniu wütend.
Baozi erzählte: Daniu war ohnehin schon wütend auf den Vorsteher und wollte ihn schon lange schlagen. Nachdem der Vorsteher um Yinger geworben hatte, knirschte Daniu mit den Zähnen und sagte: Der sollte mal in seine Pisse schauen – ein alter Esel, der an zartem Klee knabbern will? Er sagte noch vieles mehr. Einige Arbeiter, die sich beim Vorsteher einschmeicheln wollten, trugen die Worte weiter. Der Vorsteher nannte Daniu daraufhin einen alten Furz. Da wurde Daniu wütend.
Doch auch der wütende Daniu war noch Daniu. Wäre er kleinlaut abgezogen, wäre nichts passiert. Der Vorsteher war zum Schimpfen geboren – ein paar Beschimpfungen hätte man aushalten können. Aber Daniu hatte Yinger versprochen, ihr eine leichtere Arbeit zu besorgen. Er musste sein Wort halten. Ein anständiger Kerl mit Haaren, Blut, Knochen und Grips – wie konnte er sein Wort gegenüber einer Frau brechen?
Er wollte unbedingt aussprechen, was er zu sagen hatte. Früher hatte der Vorsteher sich jedes Mal, wenn er betrunken war, von Daniu in die Unterkunft tragen lassen und ihn dabei „Bruder“ genannt. Der Vorsteher hatte Daniu auch Aufgaben erledigen lassen, die er den fest angestellten Salzarbeitern nicht anvertrauen wollte – deren habgierige Augen waren auf den Posten des Vorstehers gerichtet. So kannte Daniu viele Geheimnisse des Vorstehers. Aber Daniu war loyal und hatte nur ein einziges Mal, betrunken, wie ein Stier geheult und zu der ihn pflegenden Sansan gesagt: Diese verdammte Welt ist so ungerecht – mancher braucht nur ein paar Handgriffe und scheffelt Geld wie Herbstlaub, und er selbst schuftet sich zu Tode und verdient gerade genug zum Überleben.
Daniu, der die Machenschaften des Vorstehers kannte, begann für allerlei Leute ein gutes Wort einzulegen und verschaffte sich damit Ansehen.
Aber diesmal, kaum erwähnte er Yinger, wurde der Vorsteher aschfahl und befahl ihm hinauszugehen. Hätte der Vorsteher nur „Raus!“ gebrüllt,
wäre Daniu auch gegangen. Aber der Vorsteher hätte ihn nicht schubsen sollen. Ein Schubser, zwei Schubser – da gehorchten Danius Hände nicht mehr, und er schubste zurück. Sansan sagte: Stell dir vor, bei Danius Kraft – der Vorsteher prallte gegen den Schreibtisch und hätte ihn beinahe umgerissen.
Sansan sagte: Wäre es nur der Tisch gewesen, wäre es nicht schlimm. Aber der Vorsteher hätte nicht zum Stuhl greifen sollen – in dem Moment, als er den Stuhl schwang, änderte sich sein Status. Er wurde vom Vorsteher zu einem Mann, der sich mit Daniu prügeln wollte. Daniu wollte nicht kämpfen, aber seine Hände wollten es. Daniu schwang den Arm, und der Stuhl zerbrach. Dann krachte Danius Faust in das Gesicht des Vorstehers und schlug ihm zwei Schneidezähne heraus.
Damit hatte Daniu sich strafbar gemacht. Zähne auszuschlagen war angeblich zwar keine große Sache, galt aber als Körperverletzung – ob leichte oder geringfügige, jedenfalls Körperverletzung. Die Polizei der Salzsee-Wache kam, um Daniu zu verhaften. Daniu floh in die Sandwüste. Sansan sagte: Daniu sei erledigt. Durch diesen einen Faustschlag habe sich sein Schicksal gewendet. Der Betrieb habe seinen Monatslohn einbehalten – für die Arztkosten des Vorstehers. Aber Geld sei nebensächlich; der größte Verlust sei, dass der Betrieb ihn nie wieder einstellen werde. Wenn die Polizei ihn fange, sei Gefängnis sicher. Und mit seiner Flucht werde die Sache noch ernster – wer weiß, wie viele Jahre er absitzen müsse?
Die Wanderarbeiter sagten alle: Frauen bedeuten Unheil.
Yinger erinnerte sich an Danius Worte: „Warte nur, ich werde es dir beweisen.“ Ihr Herz war schwer. Wie man es auch drehte – Daniu hatte ihretwegen Ärger bekommen. Hätte er nicht für sie Fürsprache eingelegt, wäre er weiterhin der Arbeitsheld gewesen. Angeblich war Daniu der Stolz des Salzsees; jedes Mal, wenn Inspekteure aus der Provinz kamen, besuchten sie seinen Arbeitsplatz. Ohne Yinger hätte der Vorsteher ihm sicher den Gefallen getan. Aber zwei Löwen kämpften nun mal um eine Löwin auf Leben und Tod – erst recht zwei Männer aus Fleisch und Blut. Und der Vorsteher wollte ja kein Reich erobern – warum sollte er sein Gesicht opfern, um ein Herz zu gewinnen?
Auch Lanlan runzelte schweigend die Stirn. Sansan hatte die Sache sehr ernst dargestellt. Die Schwägerinnen hatten schwere Herzen. Ohne Polizei wäre es nicht so schlimm gewesen. Im Dorf prügelten sich die Leute ständig – blutende Nasen, ausgeschlagene Zähne, das kam massenweise vor. Wer kümmerte sich da um „Körperverletzung“? Aber sobald die Uniformierten mitmischten, wurde es kompliziert. Angeblich waren die Uniformierten in Liangzhou gnadenlos und konnten selbst unschuldige Menschen zu Mördern machen. Bei dem Gedanken, dass die Polizei Daniu jagte, pochte Lanlans Herz wie ein Spatz im Käfig.
Die Nacht war schon sehr dunkel. Die drei Frauen, jede mit eigenen Sorgen, fanden keinen Schlaf. Die Öllampe flackerte und warf geheimnisvolle, unergründliche Schatten. Draußen heulte der Wind. Nachts war es meistens so. Man sagte, Anxi sei der Windkasten der Welt – ein Sturm im Jahr, der vom Frühling bis zum Winter blies. Da es kaum Bäume gab, die den Wind aufhielten, blies der Wind aus dem Windkasten schnurstracks bis hierher und erzeugte allerlei gespenstische Geräusche. In diesen Geräuschen waren verschiedene Fratzen, mit wirrem Haar und geschürzten Lippen, die nach Belieben schauerliche Melodien bliesen. Yinger sah deutlich ihre im Wind flatternden langen Haare – bald wie ein Pferdeschweif im Wind, bald wie wahnsinnige Schlangen.
Sansan seufzte: Dieser Daniu – ihm ging es doch gut, warum musste er aufmüpfig werden? Er finanziert doch seiner Schwester das Studium. Wenn ihm was passiert – zack –, bricht der Himmel ein.
Lanlan und Yinger konnten nur seufzen.
Plötzlich klopfte jemand an die Tür. Das Klopfen war sehr vorsichtig und klang im Wind kaum hörbar. Die drei blickten sich an.
Wer? fragte Sansan.
Die Person schwieg und klopfte weiter.
Sansan sagte: Wenn du deinen Namen nicht nennst, geh weg. Noch ein Klopfer, und ich rufe um Hilfe. Mitten in der Nacht.
Von draußen kam eine Stimme: Sansan.
Sansan stieß einen Schrei aus und sprang vom Bett. Im Nu hatte sie den Riegel aufgeschoben.
Daniu kam herein.
Yinger dröhnte der Kopf. Die Polizei suchte ihn, und er wagte es, hierher zu kommen?
Daniu war über und über mit Staub bedeckt. Zuerst suchte er eine Schüssel, schöpfte Wasser und trank gierig. Dann wischte er sich den Mund und sagte zu Yinger: Hier kann ich nicht bleiben. Komm mit mir nach Xinjiang!
Yinger wusste nicht, was sie antworten sollte.
Daniu fuhr fort: Xinjiang ist riesig. Ich habe ja keinen umgebracht, die werden mich nicht ewig verfolgen. Hier kann ich nicht bleiben. Du weißt, der „alte Totjunge“ ist rachsüchtig und hartherzig. Selbst wenn die Polizei mich nicht schnappt, unter ihm kann ich nicht mehr wie ein Mensch leben. … Komm mit mir, ich werde dich ein Leben lang gut behandeln. Wirklich.
Sansan blickte Yinger an, voller Neid. Sie schien verärgert über Yingers Undankbarkeit.
Yinger lächelte bitter und blickte Lanlan an. Lanlan verstand den Blick und sagte zu Daniu: Du weißt es nicht – sie hat jemanden im Herzen. Ihr Herz ist längst vergeben. Danius Gesicht wurde aschgrau: Wenn du schon jemanden hast, warum warst du dann so gut zu mir?
Yinger schüttelte den Kopf. Sie wollte sagen: Wie war ich denn gut zu dir? Ich habe dir kein Wort gesagt, nichts für dich getan – woher kommt dieses „Gutsein“? Aber dann dachte sie, das würde ihn bloßstellen. Lanlan sprach es für sie aus: Sie hat dir doch gar nichts getan. So ist sie von Natur aus – jeder, der sie sieht, mag sie. Du hast dir etwas eingebildet.
Danius Gesicht erstarrte. Nach einer Weile sagte er: Wen du liebst, ist mir egal – jedenfalls liebe ich dich. Und wenn ich sterbe, ich muss dich kriegen.
Dieses „kriegen“ klang sehr rau. Yingers Miene verfinsterte sich. Sie wollte sagen: Für was hältst du mich? Lanlan sagte ebenfalls: Was ist das für eine Rede? Erzwungene Melonen sind nicht süß. Schau, wie gut Sansan zu dir ist.
Sansans Gesicht strahlte auf, und sie blickte Daniu an.
Daniu aber runzelte die Stirn und sagte kein Wort. Nach einer Weile sagte er: Lass mich darüber nachdenken. Wenn ich es nicht verwinden kann, komme ich wieder.
Es wurde still. Dann begann Daniu zu schluchzen. Er wischte sich mit der Hand übers Gesicht und wischte eine Handvoll Tränen weg. Niemand hätte erwartet, dass dieser Ochse von einem Kerl wie ein kleines Mädchen schluchzen würde. Man sah, dass die Sache ihn schwer getroffen hatte. Nachdem er eine Weile gewischt hatte, sagte Daniu mit gequälter Miene: Ich bin erledigt, alles ist vorbei. Wenn die mich schnappen, schlagen sie mich tot. Du weißt nicht, diese Herzlosen, die quälen einen bis aufs Blut. Der Sohn des Vorstehers ist Polizist. Und selbst wenn ich die Polizei überstehe, werden mich die Häftlinge totschlagen. Du weißt nicht, am schlimmsten sind die Häftlinge – die haben sechsundsechzig Methoden, jemanden fertigzumachen. Jede einzelne ist tödlich. Sieh dir „Kaputte-Niere“ an … ja, den, der die Jutesäcke näht – seine beiden Nieren haben die Häftlinge mit den Ellbogen kaputtgeschlagen.
Daniu sog die Luft durch die Zähne, saß eine Weile stumm da und sagte dann: Selbst wenn ich lebend rauskomme, wollen die mich nicht mehr. … Wie soll ich da nach Hause gehen? Meine Eltern behandeln mich wie einen Geldbaum. Meine Schwester ist auch auf mich angewiesen. … Ich wage gar nicht, zu Ende zu denken – wenn ich das tue, will ich nicht mehr leben.
Lanlan sagte: Ein gestandener Mann, und du redest so? Es geht doch nicht um den Kopf. Wenn es hier nicht mehr geht, gehst du woandershin.
Daniu sagte: Du hast gut reden. Heutzutage … Aber ich füge mich meinem Schicksal. Ein Wahrsager hat mir gesagt, dieses Jahr hätte ich eine eiserne Schwelle. Ich bin ihr ausgewichen und ausgewichen und hab’s trotzdem nicht geschafft. … Ich fürchte mich auch nicht vor Prügel. Ich fürchte die Schande.
Weißt du, bei uns zu Hause – sobald du einmal im Kittchen warst, ist dein Name besudelt. Du kannst schrubben, so viel du willst, der geht nicht mehr ab.
Yinger sagte: Du solltest zum Vorsteher gehen und dich entschuldigen. Vielleicht verzeiht er dir.
Daniu sagte: Das wird er nicht. Ich kenne seinen Charakter. Wenn alles gutgeht, ist er auch gut. Aber sobald du sein Naturell auch nur ein wenig streifst, hasst er dich lebenslang. Diesmal hat er riesig das Gesicht verloren – soll er mich verschonen? Außerdem weiß ich zu viel über ihn. Er wollte mich schon längst loswerden.
Dann verfinsterte sich Danius Miene, und er sagte zu Sansan: Die Sache, die ich dir erzählt habe – erzähl sie bloß nicht weiter. Wenn das rauskommt, verlierst auch du deinen Kopf. Er seufzte tief.