Difference between revisions of "Jing Shanhai/de/Part 5"

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= Durch Berge und Meere — Teil 5 =
 
= Durch Berge und Meere — Teil 5 =
  
Plötzlich tauchte in ihrer Vorstellung eine kräftige Gestalt auf der Kiemeninsel auf, die wie ein Pfeil ins Meer sprang und nach dem Eintauchen kraftvoll schwamm. Das war He Chengshou. In seiner Jugend muss er das so gemacht haben, denn er war ein Nachkomme der Kiemenmenschen, fast ein amphibisches Wesen.
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Chutou lächelte und fuhr fort: „Eigentlich bleibe ich auch deshalb nicht zu Hause auf dem Feld, weil ich das Fischen lieben gelernt habe. Bei uns daheim isst man, geht aufs Feld, arbeitet einen halben Tag und kommt wieder heim — jeden Tag dasselbe, ein stumpfsinniges Einerlei. Besonders im Sommer und Herbst, wenn die Felder hochstehen, überall grüne Vorhänge, kein Lüftchen dringt durch, man kriegt kaum Luft. Aber hier — das Meer ist so weit, endlos, wirklich befreiend. Wenn man zum Fischen rausfährt, begegnet man vielleicht wundersamen Dingen. Zweite Tante, hast du schon mal das Glühwürmchenmeer gesehen? Oder das Bernsteinmeer? Ich habe beides gesehen."
  
Aber sie schämte sich sofort für ihre Vorstellung. Warum denke ich an ihn? Warum sollte ich an ihn denken? Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar und konzentrierte sich wieder auf das Meer. Als sie ihren Blick zur näheren Umgebung wandte, sah sie das Hegemonenpeitsche. In diesem Moment schien die Abendsonne auf dieses Riff und verwandelte es in eine goldene lange Peitsche.
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Wu Xiaohao war verblüfft und fragte, was ein Glühwürmchenmeer und ein Bernsteinmeer seien. Chutou sagte, beides könne man nur nachts sehen. Im Glühwürmchenmeer leuchte jede Wellenkuppe blau schimmernd — wunderschön. Im Bernsteinmeer sei das Wasser durchsichtig wie Bernstein, und man könne die Fischschwärme darin sehen. Wu Xiaohao lachte: „So märchenhaft! Chutou, du solltest Gedichte schreiben." Chutou schüttelte den Kopf: „Schreiben kann ich nicht."
  
Mehrere Fischerboote näherten sich aus der Ferne. Sie dachte: Die Menschen auf den Booten schauen wahrscheinlich zur Guaxinjue hinauf, denken an ihre Heimkehr, an ihre Lieben. Im Leben braucht jeder eine „Guaxinjue“. Meine „Guaxinjue“ ist in Yucheng – das ist Diandian.
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Wu Xiaohao fragte, wie es mit Erdaohe stehe — ob er immer noch im Hafen seine Erpressungen treibe. Chutou sagte ja, niemand könne ihn aufhalten. Vor ein paar Tagen habe man gehört, dass seine Schläger wieder einige Leute verletzt hätten. Wu Xiaohao seufzte: „Ach, für so etwas gibt es keine Poesie."
  
Sie saß auf dem Berggipfel, dachte nach und schaute aufs Meer. Sie sah, wie die Wolken über dem Meer von weiß zu rot wurden, das Meer von blau zu schwarz, wie der Leuchtturm auf der Kiemeninsel aufleuchtete und die Lichter im Fischerhafen hell erstrahlten.
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Nach einer Weile wollte Chutou gehen. Wu Xiaohao bat ihn, die beiden Kisten Fisch mitzunehmen, doch er weigerte sich beharrlich, riss sich von ihrer Hand los und rannte davon. Als Guo Mo zurückkam, bat Wu Xiaohao sie, den Fisch mit nach Hause zu nehmen. Guo Mo sagte: „Mein Vater ist Fischer — zu Hause mangelt es nie an so etwas. Aber ich kann sie mitnehmen, in den Kühlschrank stellen, und wenn du nach Hause fährst, nimmst du sie mit." Wu Xiaohao sagte: „Gut, danke."
  
Als sie dann nach Nordosten schaute, war der Himmel dort weit erleuchtet – das war der Nachtglanz der Yucheng. Sie dachte an ihre „Guaxinjue“, stellte sich das süße Aussehen ihrer Tochter vor, und ihr Herz wurde weich wie Wasser, sie schaute sehnsüchtig in diese Richtung.
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Nachdem sie die Pläne für die „Kaipoer Neujahrsgala" besprochen hatten, nahm Guo Mo den Fisch und ging. Wu Xiaohao suchte im Internet nach Neuigkeiten und stieß auf eine Meldung: Die Ergebnisse der schriftlichen Prüfung für die Aufnahme von Beamten in zentralen Behörden und deren nachgeordneten Einrichtungen für 2013 seien veröffentlicht worden. Wu Xiaohao rief Wang Jingjing an und fragte, ob sie ihr Ergebnis schon kenne. Wang Jingjing seufzte: „Ja, keine Chance. Ich bin so enttäuscht, so verzweifelt!" Damit legte sie auf. Wu Xiaohao dachte: Jingjings Stimmung ist schlecht — ich sollte sie bei Gelegenheit trösten.
  
Hinter ihr waren Schritte und Stimmen zu hören. Als sie sich umdrehte, sah sie ein junges Paar, das ebenfalls hierher kam. Wu Xiaohao dachte: Sie sind wahrscheinlich zum Liebestreffen hier, ich sollte ihnen Platz machen. Gerade als sie aufstehen wollte, begannen die beiden zu streiten. Der Mann sagte: „Wenn du durch die Prüfung kommst, was mache ich dann?“ Die Frau sagte: „Du kannst doch auch die Prüfung machen.“ Der Mann sagte: „Meine Familie ist in Kaipo, nach dem Abschluss bin ich endlich zurückgekommen, und meine Eltern sind auch alt – kann ich wieder weggehen?“ Die Frau sagte: „Das ist mir egal, ich habe es hier wirklich satt!“
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Eigentlich hatte Wu Xiaohao vorgehabt, abends zu ihr zu gehen, doch am Nachmittag setzte plötzlich ein Nordwestwind ein, auf See Stärke sieben bis acht. Aus Sorge um die Fischerboote ging sie ins Sicherheitsbüro und ließ Li Yanmi laufend bei den Fischerdörfern nachfragen. Erst in der zweiten Nachthälfte, als der Wind nachließ und aus keinem Dorf ein Unfall gemeldet wurde, ging sie schlafen.
  
Der Mann sah Wu Xiaohao und kam näher: „Ist das nicht die Bürgermeisterin Wu? Bitte überzeugen Sie meine Freundin, sie soll nicht an der nationalen Beamtenprüfung teilnehmen.“ Wu Xiaohao bat die beiden, sich zu setzen, und unterhielt sich mit ihnen. So erfuhr sie, dass dies ein Paar war: Der Mann hieß Sun Wei, er war ein Dorfbeamter mit Hochschulabschluss und in Songshurun Village tätig. Die Frau hieß Wang Mingming und war Buchhalterin im Gemeindeamt für Finanzen. Beide hatten letztes Jahr ihren Abschluss an der Shandong University of Finance and Economics gemacht und waren zusammen nach Kaipo gekommen, aber jetzt wollte Wang Mingming an der nationalen Beamtenprüfung teilnehmen und hier weggehen.
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Am nächsten Abend besuchte sie Jingjing. Als sie sich den Bauernhochhäusern näherte und hinaufblickte, war „Bruder Niu" nirgends zu sehen — nur Sterne funkelten über den Dächern. Erst als sie den Innenhof der drei Wohnblöcke betrat, merkte sie, dass dies wirklich ein Bauernquartier war. Vor und hinter den Häusern lagen Ackergeräte, Möbel, sogar Brennholz. Neben einem Treppenaufgang flackerte Feuerschein, Rauch stieg auf — tatsächlich hatten zwei Frauen eine Backplatte aufgestellt und buken Pfannkuchen. Beim Anblick des Pfannkuchenstapels überkam Wu Xiaohao eine heftige Sehnsucht nach ihrer Mutter, denn in ihrer Schulzeit — auf der Mittelschule in der Kreisstadt, auf dem Gymnasium in der Bezirksstadt — hatte sie jede Woche ein Bündel von Mutters Pfannkuchen gegessen.
  
Wu Xiaohao fragte Wang Mingming, warum sie es satt habe. Wang Mingming seufzte: „Oh! Seit ich im Finanzamt arbeite, haben die Konten, die ich führe, meine Weltanschauung zerstört. In der Universität lehrten uns die Professoren, dass wir nach dem Eintritt in den Buchhaltungsberuf die rote Linie einhalten sollten – diese rote Linie bedeutet, keine falschen Konten zu führen. Aber hier lässt mich die Führung täglich Fälschungen machen, ich halte es wirklich nicht mehr aus.“ Wu Xiaohao fragte: „Was für Fälschungen?“ Wang Mingming sagte: „Was nicht erstattet werden sollte, wird mit allen Mitteln erstattet. Falsche Rechnungen, handgeschriebene Quittungen – überall.“ „Wer unterschreibt denn?“ „Der Abteilungsleiter, der Sekretär, die Bürgermeisterin.“ „Stecken sie sich das Geld nach der Erstattung selbst ein?“ „Nicht wirklich. Zumindest Sekretär Zhou nicht. Soweit ich weiß, gehört Sekretär Zhou zum Typ ‚berührt nicht den Topf'. Obwohl er falsche Rechnungen unterschreibt, steckt er sich nie auch nur einen Cent in die eigene Tasche. Er plant eine Beförderung und würde sich nie vom Geld verführen lassen und seine Zukunft zerstören.“ Wu Xiaohao fand es seltsam: „Warum lässt er dich dann Konten fälschen?“ „Das ist auch alternativlos, die Gemeinde hat kein Geld. Offizielle Bewirtung plus graue Ausgaben – die Führung muss sich etwas einfallen lassen.“ „Was sind graue Ausgaben?“ „Geschenke zu Festen geben. Das Mondfest steht bevor, wieder müssen Karten und Geschenke gekauft werden. Gestern hörte ich den Abteilungsleiter sagen, dass man zweihundert Schachteln Seegurken kaufen muss, für über zweihunderttausend Yuan. Außerdem sollen im größten Einkaufszentrum der Stadt Einkaufskarten im Wert von hunderttausend Yuan gekauft werden. Dieses Geld ist nirgendwo verbucht, was soll man machen? Man muss zweckgebundene Gelder von oben zweckentfremden, zum Beispiel Brandschutzgelder, Wasserbau-Gelder usw. Kürzlich wurden spezielle Dürrehilfegelder von oben bewilligt, und die Führung plant, auch dieses Geld zu verwenden.
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Hinauf in den vierten Stock, hinein in die Wohnung von Sun Wei und Wang Jingjing. Drinnen sah es völlig anders aus als das bäuerliche Treiben draußen: Die Möbel waren schlicht, aber die Einrichtung war mit Geschmack und künstlerischem Gespür gestaltet. Wu Xiaohao ließ sich in ein bananenförmiges Sofa sinken, nahm den Kaffee entgegen, den Jingjing ihr reichte, und sagte: „Ihr habt euch ein hübsches kleines Leben eingerichtet. Peking hat nicht geklappt — aber hier kann man genauso glücklich sein." Jingjing lächelte: „So sehe ich das auch. Wir haben beschlossen, am Wochenende zum Standesamt zu gehen und nach dem Neujahrsfest die Hochzeit zu feiern."
  
Wu Xiaohao riss den Mund auf, fühlte, wie Wut ihre Brust füllte und beinahe explodierte. Sie dachte an Laozis Worte „Der Weg des Himmels nimmt vom Überfluss und gibt dem Mangel. Der Weg der Menschen ist das Gegenteil: Er nimmt vom Mangel und gibt dem Überfluss“, stand abrupt auf und sagte: „Wie kann man so etwas tun? Die Feldfrüchte der Leute verdorren bald, wenn die Gemeinde die Dürrehilfegelder zweckentfremdet, um oben Geschenke zu machen – wo bleibt da das Gewissen?
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Wu Xiaohao riss die Augen auf: „Oh? Wie kommt der plötzliche Sinneswandel?"
  
Sun Wei sagte: „Bürgermeisterin Wu, Sie wissen das nicht – zu Festen oben Geschenke zu machen ist öffentlich bekannt geworden, alle Gemeinden machen das, niemand will die Regel brechen.
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Sun Wei sagte: „Vor allem, weil ihre Arbeit jetzt in Ordnung ist — sie muss keine gefälschten Bücher mehr führen." Jingjing strahlte: „Heute hatte das Finanzamt eine Vollversammlung. Der Amtsleiter hat die Anweisungen von oben weitergegeben: Die acht Bestimmungen und sechs Verbote des Zentralkomitees sind strikt einzuhalten, der Unsitte des Schenkens zu den Feiertagen wird ein entschiedener Riegel vorgeschoben. Der Amtsleiter sagte: ‚Dieses Jahr wird zu den Feiertagen nicht geschenkt — wer schenkt, bekommt den Hintern versohlt.' Uns fiel ein Stein vom Herzen — so eine Erleichterung!" Wu Xiaohao sagte: „Nicht nur ihr in der Finanzverwaltung seid erleichtert — alle, die diese Unsitte verabscheuten, atmen auf. Gestern hat die Gemeindeführung in ihrer Sitzung genau darüber gesprochen: Kader dürfen weder schenken noch Geschenke annehmen." Jingjing sagte: „Dann will ich auch nicht mehr an der Prüfung teilnehmen und bleibe gern in Kaipo. Vize-Bürgermeisterin Wu, Sie müssen unbedingt zu unserer Hochzeit kommen!" Wu Xiaohao sagte: „Versprochen!"
  
Wu Xiaohao wusste das teilweise. In den letzten Jahren, wenn Feste nahten, rannten alle Gemeindeleiter zum Bezirksamt und zu wichtigen Abteilungen. Weil Gemeinden keine politischen Konsultativgremien haben, kam niemand zum Bezirkskonsultativrat, um Geschenke zu machen, was einige ausgediente Beamte sehr wütend machte. Ihre direkte Vorgesetzte, Vizedirektorin Tie Xiumei, stand am Fenster und schaute auf die vorbeifahrenden Geschenkautos draußen, sagte schmerzerfüllt, diese Leute würden die Brücke abreißen, nachdem sie den Fluss überquert hätten, sie hätten ihr Gewissen längst aufgegeben.
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Sie bemerkte eine Gitarre an der Wand und fragte, wer von den beiden spiele. Wang Jingjing deutete auf Sun Wei: „Er. An der Uni war er Leiter der Kultursparte der Studierendenvertretung und hat ständig Veranstaltungen organisiert."
  
Wang Mingming sagte mit entschlossenem Ton: „An so einem Ort weiterzubleiben – welchen Sinn hat das? Deshalb habe ich beschlossen, an der nationalen Prüfung teilzunehmen und mich für eine Buchhalterstelle in einem Ministerium zu bewerben. Ich glaube, in zentralen Behörden muss man keine falschen Konten führen. Wenn ich dieses Jahr nicht bestehe, versuche ich es nächstes Jahr – auf jeden Fall will ich hier weg!“
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Wu Xiaohao bat Sun Wei, etwas vorzuspielen. Ohne jede Befangenheit nahm er die Gitarre von der Wand, schlug ein Intro an und begann „Das Mädchen aus dem Blumenhaus" von Cui Jian zu singen. Diesen Rocksong hatte Wu Xiaohao während des Studiums oft von Kommilitonen gehört; jedes Mal, wenn die Zeilen erklangen „Du fragst mich, wohin ich gehe — ich zeige in Richtung Meer", war sie vor Begeisterung kaum zu halten. Als sie Sun Wei nun singen hörte, erwachte die Erinnerung. Nach dem letzten Akkord klatschte sie: „Wunderbar! Ich plane mit Stationsleiterin Guo Mo eine ‚Kaipoer Neujahrsgala', und wir haben zu wenige Programmpunkte — wie wäre es mit einem Soloauftritt von dir?"
  
Wu Xiaohao sagte: „Warte noch ab, nach dem 18. Parteitag könnte sich dieser Trend ändern.“
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Sun Wei nickte und spielte eine fröhliche Melodie.
  
Wang Mingming schüttelte wiederholt den Kopf: „Ich glaube nicht, dass eine Konferenz das alles ändern kann. Wenn Regeln erst einmal etabliert sind, ist es sehr schwer, sie zu ändern.“
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Wu Xiaohao sah, dass sie nicht zu überzeugen war, und dachte: Versuche es doch, du wirst nicht resigniert sein, wenn du es nicht versuchst.
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Nach einer Weile, als es vollständig dunkel war, schlug Sun Wei vor zurückzugehen. Die drei stiegen gemeinsam hinab. Beim Wohnhaus erfuhr Wu Xiaohao, dass die beiden hier ein Zimmer mieteten und zusammenlebten. Wu Xiaohao fragte: „Was macht euer Vermieter?“ Sun Wei sagte: „Er macht Kleingeschäfte in der Stadt und hat uns das Haus vermietet.Wu Xiaohao fragte nach der monatlichen Miete. Sun Wei sagte fünfhundert.
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Wu Xiaohao und Guo Mo beschlossen, bei der „Kaipoer Neujahrsgala" das Schlagwerkstück „Jin Qiu Liang" aus dem Dorf Shiwu in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht nur in der Gemeinde, sondern auch auf Bezirks- und Stadtebene sollte es aufgeführt und in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Stadt aufgenommen werden. Dafür fuhren sie eigens noch einmal zum Duftberg. Diesmal war Wu Xiaohao mit ihrem eigenen Motorrad unterwegs. Sie hatte gemerkt, dass man auf dem Land ohne Fahrzeug nicht auskam, und im Einvernehmen mit You Haoliang ein neues gekauft.
  
Wu Xiaohao schaute hinauf – Niugu streckte immer noch seinen Kopf aus dem Fenster. Sie zeigte darauf und fragte: „Ihr seid Nachbarn von diesem Kalb?“ Wang Mingming sagte: „Ja, gegenüber.“ „Wer züchtet das Kalb?“ „Ein älteres Paar, beide über sechzig. Ihr Sohn arbeitet in der Stadt und hat eine Wohnung gekauft. Sie müssen beim Abbezahlen des Wohnungsdarlehens helfen, haben keine andere Möglichkeit gefunden und deshalb ein Kalb gezüchtet.
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Im Dorf Shiwu ließen sie die alten Männer zusammenrufen und Runde um Runde spielen. Wu Xiaohao ließ Guo Mo ein Video aufnehmen und bat die Alten dann zu erklären, warum das Stück „Jin Qiu Liang" — „Das Pfund rechne in Unzen" — heiße. Der Alte Blumentrommler erklärte: Früher wog man mit sechzehn Liang pro Jin, doch das Umrechnen war kompliziert — man musste Liang in Jin umwandeln. Die Alten hatten dafür ein Merkreim-System entwickelt: eins gleich null-sechs-zwei-fünf, zwei gleich eins-zwei-fünf, drei gleich eins-acht-sieben-fünf ... Irgendwann hatte jemand diese Berechnungen in Trommelrhythmen umgesetzt — das war „Jin Qiu Liang".
  
Wu Xiaohao dachte: Viele Landbewohner ziehen in Städte und Gemeinden, der Urbanisierungsprozess wird immer schneller.
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Guo Mo presste beide Hände auf die Brust und riss die Augen auf: „Was? Berechnungen als Trommelrhythmen? Das eine ist Mathematik, das andere Musik — wie soll das gehen?" Wu Xiaohao sagte: „Vergiss nicht — auch die Notenbezeichnungen bestehen aus Zahlen." „Diese Merkverse verstehe ich nicht, ich bin völlig verwirrt. Was heißt eins-null-sechs-zwei-fünf, und eins-zwei-fünf?" Wu Xiaohao erklärte: „Im Sechzehn-Liang-System entspricht ein Liang null Komma null sechs zwei fünf Jin, zwei Liang null Komma eins zwei fünf Jin, und so weiter."
  
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Die alten Männer begannen erneut zu spielen und wiesen die beiden an, besonders auf die Trommelschläge zu achten. Wu Xiaohao rief auf dem Handy den Merkvers auf und hörte Schlag für Schlag mit. Tatsächlich — inmitten des lebhaften Zusammenspiels von großer Glocke, kleiner Glocke, Becken und Zimbeln verbarg die Trommel ein Geheimnis. Plötzlich schlug sie sechsmal, nach einigen Takten Pause zweimal, dann fünfmal. Sechs, zwei, fünf — damit war ein Liang ausgedrückt. Von da an verstand sie alles und rief lächelnd die Merkwerte: „Eins, zwei, fünf — zwei Liang! Eins, acht, sieben, fünf — drei Liang! ..." Bis alle fünfzehn Liang durchgezählt waren. Die alten Männer waren begeistert und markierten die Vollendung des ganzen Jin mit einem besonders schwungvollen Schlussschlag.
  
An diesem Tag las Wu Xiaohao gerade Dokumente in ihrem Büro, als ein Mensch mit verbundenem Kopf hereinkam und sie „Tante“ nannte. Es war Chutou, der gekommen war. Wu Xiaohao fragte, wie er sich verletzt habe. Er rief laut: „Von einem Fischereityrannen geschlagen!“ „Ein Fischereityrann? Wo?“ „Am Qianshen-Kai. So unverschämt!“
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Wu Xiaohao seufzte bewundernd: „Weil ‚Jin Qiu Liang' darin steckt, ist diese Trommelpartitur äußerst komplex — gewöhnliche Musiker könnten das nicht spielen."
  
Wu Xiaohao goss ihm ein Glas Wasser ein, bat Chutou, sich zu setzen und zu erzählen. Chutou erzählte mit einem Gesicht voller Empörung von seinen Erlebnissen, wobei die Bandage auf seinem Kopf zu einer direkten Beweisführung wurde. Ursprünglich arbeitete er auf der Kiemeninsel für einen Bootseigner namens Bao. Dieser Boss Bao verkaufte seinen Fang nicht sofort, sondern lagerte ihn in einem Kühlhaus, um ihn vor dem Neujahr zu verkaufen und einen höheren Preis zu erzielen. Aber diese Vorgehensweise verärgerte die Fischhändler, die ihn zum Feind machten. Am Qianshen-Kai gab es einen besonders mächtigen Fischereityrannen, einen Nordostchinesen, genannt „Erdaohezi“, mit zwei Narben auf dem Kopf. Mit einem Wort oder Tritt von ihm zitterte der ganze Kai. Welchen Fang er wollte, musste der Kapitän ihm verkaufen, und auch noch zu einem reduzierten Preis. Aber Boss Bao kaufte ihm nicht ab, gab ihm nicht ein einziges Boot, was Erdaohezi wütend machte. Vor drei Tagen fuhren Chutou und die anderen wieder aufs Meer hinaus und kamen mit einem Boot voller Fisch zurück. Heute Morgen, kurz vor dem Kai, kam Boss Bao plötzlich aus dem Steuerhaus und forderte die Besatzung auf, sich zu bewaffnen und für einen Kampf bereitzumachen. Er sagte, Erdaohezi habe ihn gerade angerufen und verlange diese Ladung unbedingt. Chutou fühlte sich als Angestellter des Bosses verpflichtet, seinen Befehlen zu folgen, also nahm jeder eine Eisenstange. Kaum hatte das Boot angelegt, sprangen Raufbolde an Bord und griffen Boss Bao an. Boss Bao befahl der Besatzung, sich zu wehren. Gerade als Chutou nach vorn wollte, wurde sein Kopf von jemandem getroffen, der Hut fiel ins Wasser. Glücklicherweise war er noch bei Bewusstsein, schwamm zu einer Ecke des Hafens, kletterte heraus und ging zur Hafenklinik, um seine Wunde verbinden zu lassen. Er hörte von anderen, dass Boss Bao mit einem Messer in die Schulter gestochen worden war und bereits ins Krankenhaus der Yucheng gebracht wurde.
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Der Alte Blumentrommler setzte die letzten Trommelschläge, dirigierte die anderen zum Schluss und deutete mit dem Schlegel auf Wu Xiaohao: „Du bist eine tüchtige Bürgermeisterin. In dreißig Jahren hat kein junger Mensch ‚Jin Qiu Liang' verstanden — du bist die Erste!"
  
Nachdem sie dies gehört hatte, konnte Wu Xiaohao ihre Empörung nicht zurückhalten: „Erdaohezi beherrscht so den Markt, und niemand kümmert sich darum?“ „Habt ihr nicht die Polizei gerufen?“ Chutou sagte: „Doch, die Polizei kam und schaute sich das an, sagte aber, man werde es klären, wenn der Boss wieder gesund sei. Aber ich hörte von den Kollegen, dass die Polizeistation Erdaohezi schützt, eine Anzeige bringt nichts.“ Wu Xiaohao war sehr überrascht: „Was? Wie kann die Polizeistation so handeln?“ Chutou sagte: „Der Boss von Erdaohezi ist mächtig, er hat die Polizeistation gekauft.“ „Wer ist sein Boss?“ „Der Ba-Boss der Shenhua-Gruppe, Spitzname ‚Bawang'.“ Vor Wu Xiaohaos Augen blitzte das Hegemonenpeitsche am Meer auf und das Yunhua-Gebäude über dem Hegemonenpeitsche.
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Guo Mo schüttelte ungläubig den Kopf: „Ich habe nichts verstanden — Vize-Bürgermeisterin, ich ziehe den Hut! Aber warum haben unsere Vorfahren ein Jin auf sechzehn Liang festgelegt? Wie umständlich!"
  
Plötzlich ertönte ein Nebelhorn, tief und lang. Wu Xiaohao dachte: Dieses Nebelhorn kommt sicher aus dem Hafen von Walbucht. Was bedeutet es? Vielleicht hält es ein Fischer während der Schonzeit nicht mehr aus und will trotzdem aufs Meer hinaus, und drückt so nachts seine Gefühle aus?  Das Nebelhorn weckte auch in Wu Xiaohao einen starken Impuls. Sie dachte: Jetzt bin ich auch eine Fischerin von Liangpo, auch ich bin bereit zum Aufbruch. Obwohl das Meer gefährlich ist, obwohl mir die Erfahrung fehlt – ich habe keine Angst. Ich will mich schnell anpassen und schnell wachsen.  Sie wollte noch ein wenig lesen, bevor sie schlief, und nahm ein Buch aus der Schublade. Das Buch war dick wie ein Ziegelstein, der Titel lautete „Geschichte des heutigen Tages“ – es war ihr Lieblingsbuch zum Lesen und auch das nützlichste.  Heute war der 29. August. Sie schlug die Seite „29. August“ auf und sah als ersten Eintrag „1842 – Unterzeichnung des Vertrags von Nanking (Nanjing) zwischen China und Großbritannien“. Sie begann aufmerksam zu lesen. Obwohl sie mit diesem Abschnitt der Geschichte sehr vertraut war, konnte sie bei jedem Lesen spüren, wie der Rauch des Opiumkriegs sich gerade erst verzog und die demütigende, mörderische Atmosphäre auf dem britischen Kriegsschiff „Cornwallis“ noch in der Luft lag.  Wu Xiaohao war während ihres Studiums von „Geschichte des heutigen Tages“ fasziniert. Am Ende des ersten Semesters, gerade nach Abschluss der Kurse „Geschichte des alten China (Teil 1)“ und „Geschichte des alten Weltgeschichte“, wollte sie eine Semesterarbeit schreiben. An diesem Tag suchte sie in der Bibliothek nach Referenzmaterial und entdeckte plötzlich ein Buch mit dem Titel „Geschichte des heutigen Tages“. Sie hatte diese Rubrik früher in Zeitungen gesehen, aber nicht besonders beachtet. Als sie nun ein solches Buch in der Hand hielt, entdeckte sie plötzlich eine andere Facette der Geschichte. Die Geschichte in Lehrbüchern ist linear, die Geschichte in diesem Buch ist nicht-linear. Die Geschichte in Lehrbüchern ist in realistischem Stil geschrieben, dieses Buch hat einen magischen Charakter. Mehrere tausend Jahre wurden plötzlich zu einem Wald, der Wald bestand aus 365 großen Bäumen. Nein, genau genommen sollten es 365 plus ein Viertel sein, denn der 29. Februar erscheint nur alle vier Jahre. Baum für Baum stand da, hoch aufragend, ohne Anfang und Ende. Jeder Baum repräsentierte einen Tag, behängt mit Früchten. Die Früchte waren süß und sauer, bitter und scharf; manche erfreuten das Auge, andere trieften von Blut. Wenn man einen einzelnen Baum betrachtete, sprang man plötzlich in vergangene Dynastien, dann wieder in die Moderne, mal ins Ausland, mal zurück nach China – die Wirkung war außerordentlich stark und vermittelte ein Gefühl schwerer Melancholie. Nachdem sie das Buch durchgelesen hatte, war sie inspiriert und schrieb ihre Leseerfahrungen in einem Aufsatz nieder mit dem Titel „Eine andere Facette der Geschichte – Gedanken zu 'Geschichte des heutigen Tages'„.  Nach der Fertigstellung zeigte sie den Aufsatz zwei Professoren. Professor Kang Youwei, der Weltgeschichte unterrichtete, kritisierte sie heftig und sagte, sie sei auf einen Holzweg geraten, ja sogar in eine gefährliche Obsession verfallen. Geschichte sei eine Wissenschaft, und Wissenschaft dürfe nicht verwirrend sein. Noch ernster sei, dass Studentin Xiaohao einen logischen Fehler begangen habe – Geschichte habe kein „Heute“, Geschichte sei immer „Gestern“ und „Vorgestern“. Wu Xiaohao war nicht überzeugt und dachte: Professor, Sie haben das Konzept verdreht. Das „Heute“ in diesem Buch ist nur eine Datumsmarkierung, nicht das „Heute“, das Sie verstehen und das gerade stattfindet. Glücklicherweise lobte Professor Fang Zhiliang, der chinesische Geschichte unterrichtete, ihren Aufsatz und sagte, sie solle divergentes Denken entwickeln und sich nicht von Lehrbüchern oder Professorenvorträgen einschränken lassen. Professor Fang empfahl ihren Aufsatz auch einer Jugendzeitschrift, und er wurde bald veröffentlicht, was ihre Kommilitonen Wu Xiaohao mit anderen Augen sehen ließ.  Nach der Veröffentlichung des Aufsatzes gab Wu Xiaohao das Buch „Geschichte des heutigen Tages“ an die Bibliothek zurück, ging selbst in eine Buchhandlung und kaufte sich ein Exemplar, das sie wiederholt las. Sie las jeden Tag ein historisches Ereignis, suchte oft nach verwandtem Material und verstand den Zusammenhang dieser Geschichte, um schließlich ihre Auswirkung auf den historischen Verlauf und ihre historische Bewertung zu verstehen. Diese Methode förderte auch ihr Lernen, sodass ihre Fachkurse alle mit „Ausgezeichnet“ bewertet wurden.  Eines Tages hatte Wu Xiaohao wieder eine Inspiration und beschloss, auch ihre persönlichen wichtigen Ereignisse in diesem Buch festzuhalten. Wenn sie an einem Tag etwas Wichtiges erlebte, suchte sie das entsprechende Datum im Buch und notierte es in den leeren Spalten. Diese Aufzeichnungsmethode war interessanter als Tagebuchschreiben. Zum Beispiel im dritten Studienjahr, am 20. April, als die ganze Klasse mit dem Zug nach Qufu fuhr, um die konfuzianische Kultur zu studieren. Nach der Rückkehr nach Jinan notierte sie unter dem 20. April in „Geschichte des heutigen Tages“: „Unter Führung der Lehrer Qufu besucht, die 'Drei Kong' besichtigt.“ Dann sah sie im Buch nach: An diesem Tag in der chinesischen und ausländischen Geschichte geschahen wichtige Ereignisse wie „429 – Geburt des römischen Kaisers“, „1934 – Das Zentralkomitee der KPCh verabschiedet das 'Sechspunkteprogramm zur Rettung der Nation gegen Japan'„, „1981 – In Tongxiang, Provinz Zhejiang, werden Überreste einer Dorfgemeinschaft der Urgesellschaft entdeckt“, „1930 – Aufstand gegen die Briten in der indischen Stadt Peshawar“, „1972 – Die amerikanische Raumfähre Apollo 16 landet auf dem Mond“, „1996 – Atomsicherheitsgipfelkonferenz der acht Länder in Moskau eröffnet“ usw.  Eine Mitbewohnerin entdeckte ihre Aufzeichnungen und sagte, sie wolle berühmt werden. Wu Xiaohao sagte: „Wo habe ich solche Ambitionen? Ich denke nur: Die Geschichte der Menschheit besteht aus individuellen Geschichten. Obwohl mein Leben unbedeutend ist und ich, wie mein Name sagt, nur ein kleines Grasbüschel bin, kann ich doch, wenn ich meine Erfahrungen festhalte, die Ära widerspiegeln und Geschichte reflektieren.“ So behielt sie diese Gewohnheit bei.  Wu Xiaohao war fasziniert von „Geschichte des heutigen Tages“ und ebenso von der Geschichte in den Lehrbüchern. Sie dachte: Selbst wenn ich in dieser Welt nur ein paar Jahrzehnte lebe, kann ich durch das Studium der Geschichte meinen Blick über fünftausend Jahre schweifen lassen, die Veränderungen betrachten, die die Menschheit durchgemacht hat, die Zivilisationen, die sie geschaffen hat, die Fehler, die sie begangen hat, darüber nachdenken, was gewonnen und verloren wurde, Gesetzmäßigkeiten erforschen und späteren Generationen als Lehre dienen – welch großes Glück! Als Professor Fang sie ermutigte, sich für ein Masterstudium in Archäologie zu bewerben und sich sogar bereit erklärte, sie als Schülerin aufzunehmen, war sie sehr bewegt. Im letzten Semester lernte sie eifrig und bereitete sich darauf vor, problemlos aufgenommen zu werden und Professor Fangs Schülerin zu werden. You Haoliang jedoch war entschieden dagegen, dass sie ein Masterstudium aufnahm. Er sagte, die Eltern bräuchten sie zur Pflege im Alter, und der Vater habe bereits für Wu Xiaohao arrangiert, dass sie an der ersten Mittelschule in Pingwei unterrichten könne. Wu Xiaohao wusste: Wenn sie dorthin ging, würde sie in das Netz fallen, das die Familie You gewoben hatte, und könnte nur gehorsam die Schwiegertochter der Familie You sein und sich von ihnen herumkommandieren lassen. Wenn sie an das Gesicht ihres zukünftigen Schwiegervaters dachte, des ehemaligen stellvertretenden Kreisleiters, der ständig ein überhebliches Lächeln trug, als würde er jederzeit andere belehren wollen, war sie zutiefst unwillig.  Eines Abends zeigte You Haoliang in dem kleinen gemieteten Haus auf eine Mauerecke und sagte: „Du willst doch Archäologie studieren? Wenn du nicht auf mich hörst, lasse ich hier jemanden Archäologie betreiben.“ Wu Xiaohao fragte: „Was meinst du damit?“ You Haoliang sagte bösartig: „Ich begrabe dich unter der Erde und lasse spätere Generationen dich ausgraben, um zu sehen, aus welcher Dynastie diese Totengebeine stammen!“  Wu Xiaohao fiel sofort in Ohnmacht. Als sie aufwachte, lag sie nackt im Bett, und You Haoliang lag auf ihr und wiederholte alte Lektionen. Sie weigerte sich mitzumachen, weinte und wehrte sich ab. You Haoliang wurde brutal und sagte dabei: „Ohne die finanzielle Unterstützung unserer Familie hättest du, Wu Xiaohao, überhaupt studieren können? Du willst nach dem Studium nicht zurückkommen, um dich zu revanchieren, sondern willst auch noch weiter studieren? Du bist undankbar! Du hast wilde Träume!“  Wu Xiaohao litt die ganze Nacht und beschloss zu kapitulieren. Sie sagte zu You Haoliang: Sie würde auf das Masterstudium verzichten und sich für eine Beamtenstelle in Yucheng bewerben – das sei nah an der Kreisstadt Pingwei, und es sei auch bequem, die Alten zu besuchen. You Haoliang besprach sich mit seiner Familie und machte auch einen Kompromiss – er stimmte zu, dass Wu Xiaohao nach Yucheng ging. Wu Xiaohao verstand: In den Augen des zukünftigen Schwiegervaters mit seinem starken Geltungsdrang war Yucheng zwar nur ein Bezirk, aber ein Stadtbezirk, und die Schwiegertochter arbeitete praktisch in der Stadt, was seiner Familie Ehre brachte.  So notierte sie unter dem „26. Februar“ in „Geschichte des heutigen Tages“:  2002 – Antritt der Stelle bei der Politischen Konsultativkonferenz des Bezirks Yucheng  Nachdem sie alle Einträge vom „29. August“ gelesen hatte, beschloss Wu Xiaohao, heute auch einen eigenen Eintrag zu machen. Sie nahm den Stift und schrieb in die leere Spalte der Buchseite:  2012 – Begleitete Bürgermeisterin zur Kiemeninsel. Wollte dem Bezirksleiter die Autotür öffnen, wurde vom Sekretär streng kritisiert  ---  **10**  Tagsüber war das Regierungsgebäude von Liangpo voller Menschen, aber nach Feierabend wurde es kalt und leer. Obwohl der Sekretär eine Wohnung hatte, fuhr er nach der Arbeit meist in die Stadt zurück, da sein alter Vater an Depressionen litt und sein Sohn gerade die Oberschule besuchte – beide brauchten Betreuung. Die Bürgermeisterin wohnte zwar in Liangpo, aber ihr Privathaus lag ziemlich weit vom Regierungsgebäude entfernt. Etwa zehn weitere Personen wohnten in der Stadt, manche fuhren mit dem Bus, manche bildeten Fahrgemeinschaften und pendelten täglich als „Wanderkader“. Wu Xiaohao wollte nicht hin und her fahren – sie fand es zu anstrengend, jeden Tag sechzig Kilometer zu pendeln. Das Büro für Sicherheitsinspektion hatte einen Kleinbus, Li Yanmi fuhr ihn jeden Tag in die Stadt zurück und lud Wu Xiaohao ein mitzufahren, aber sie lehnte ab. Sie dachte: Das ist ein öffentliches Fahrzeug, ich bin zwar für Sicherheit zuständig, aber das kann kein Grund sein, mitzufahren.  In Wirklichkeit wollte sie nicht in die Stadt zurückfahren, sondern in Liangpo bleiben, weil sie ein Gefühl der Befreiung genießen wollte. Seit Beginn des Studiums klebte You Haoliang wie Baumharz an ihr, bis er sie in der Hand hatte. Nach der Heirat gab es ständig Konflikte wegen unterschiedlicher Ansichten. You Haoliang hatte keine feste Arbeit, registrierte eine Firma, mietete ein Büro in der Stadt und versuchte täglich durch Spekulationen Geld zu verdienen, indem er die persönlichen Beziehungen seines Vaters nutzte. In der Stadt und im Bezirk gab es mehrere Beamte, die alte Untergebene von You Dazhuo waren. You Haoliang ging schamlos zu ihnen, ließ sie Verbindungen herstellen und Projekte vermitteln, die er dann an andere weitervergab. Bei Einladungen zum Essen ließ You Haoliang oft Wu Xiaohao als Begleitung auftreten, um diese Beamten und Geschäftsleute zu unterhalten. Manche wurden betrunken und verloren die Kontrolle, machten anzügliche Bemerkungen. Ein Abteilungsleiter, der über zwanzig Jahre älter war als Wu Xiaohao, nannte sie tatsächlich „kleine Schwester“. Manche dachten, da sie für You Haoliang Projekte vermittelten, sollte seine Frau hocherfreut sein. Aber Wu Xiaohao konnte sich nicht freuen, saß da wie ein Eisblock und ließ die Atmosphäre am Tisch abrupt abkühlen. Nach der Rückkehr nach Hause schimpfte You Haoliang mit Wu Xiaohao und sagte, sie verstehe es nicht, ihrem Mann zu folgen, säße da mit einem Gesicht wie ein Stück Holz und denke nicht an das Wohl der Familie und des Kindes. Wu Xiaohao sagte: „Ich arbeite und verdiene mein Gehalt, ist das nicht für die Familie und das Kind? Ich bin eine anständige Beamtin, ich kann nicht als deine Begleiterin dienen!“ You Haoliang wurde sehr wütend und drohte ihr Gewalt an, mit Schlägen und Tritten. Gezwungenermaßen musste Wu Xiaohao ihn wieder zu Geschäftsessen begleiten, aber wenn sie etwas mehr redete oder etwas mehr lächelte, beschuldigte You Haoliang sie nach der Rückkehr, vor anderen zu flirten, und schlug sie wieder.  Wu Xiaohao ließ sich nicht alles gefallen. Wenn es zu häuslicher Gewalt kam, hatte sie sogar die Polizei gerufen. Aber als die Polizei kam, wechselte You Haoliang sofort sein Gesicht, entschuldigte sich bei der Polizei, bei seiner Frau, bei seinen Schwiegereltern und sagte, er sei impulsiv gewesen und habe seine Emotionen nicht unter Kontrolle gehabt, er würde sich sicher bessern. Die Polizei sah ihn so und kritisierte ihn ein paar Mal, forderte sie auf, ihre Ehe gut zu führen und die Familienharmonie zu bewahren, dann kehrte sie zur Polizeistation zurück. Aber nach einiger Zeit fiel You Haoliang in alte Muster zurück und schlug sie wieder. Wu Xiaohao hatte auch an Scheidung gedacht, ihre beste Freundin Yueyue hatte mit ihr darüber gesprochen. Yueyue unterstützte sie entschieden: „Du bist eine gebildete Frau, wie kannst du dich so demütigen lassen?“ Wu Xiaohao fasste Mut und stellte You Haoliang zur Rede. You Haoliang spielte jedoch die Karte mit dem Kind aus und behauptete, dass bei einer Scheidung Diandian bei ihm bleiben müsse und Wu Xiaohao ihre Tochter nie wieder sehen dürfte. Bei dem Gedanken an dieses Ergebnis brach Wu Xiaohao das Herz, sie war am Boden zerstört. Denn sie liebte ihre Tochter zu sehr – ohne ihre Tochter würde sie vielleicht den Mut zum Weiterleben verlieren. Was sie zögern ließ, war auch, dass You Haoliang das Kind ebenfalls liebte und gut kochen konnte – Diandian war ihm sehr zugetan. Angesichts dieser Situation wählte Wu Xiaohao wieder die Geduld. Nach mehreren Jahren des Ertragens konnte sie es nicht mehr aushalten und wählte schließlich die Flucht – sie nahm die Stelle auf dem Land an.  Nach ihrer Ankunft in Liangpo wurde es besser. Nach einem Arbeitstag hatte sie abends Ruhe und Frieden, konnte Bücher lesen, im Internet surfen, Nachrichten in sozialen Medien durchsehen und mit einigen Leuten chatten. Natürlich musste sie auch jeden Tag mit ihrer Tochter telefonieren, um zu erfahren, wie es ihr ging, und ihre Mutterliebe auszudrücken.  An diesem Abend ging Wu Xiaohao nach dem Essen hinaus und beschloss, den Guaxin-Hügel zu besuchen.  Sie verließ den Regierungskomplex, bog nach rechts ab, ging die Ost-West-Straße entlang, bog dann wieder nach rechts ab, und der Guaxin-Pavillon erschien zwischen zwei Bauernhäusern. Wu Xiaohao ging zu den Häusern und entdeckte, dass das kleine gelbe Kalb immer noch seinen Kopf aus dem Fenster von Liu Gongs Haus streckte. Sie rief ihm nach, wie sie es Liu Gong hatte tun hören: „Niugu!“ Das Kalb senkte den Kopf, um sie anzusehen, dann hob es plötzlich seinen Kopf zum Himmel und muht laut.  Sie hörte heraus, dass in diesem Muhen komplexe Bedeutungen lagen – das Leiden der Gefangenschaft, die Sehnsucht nach den Bergen, alles schien darin enthalten zu sein. Als sie es wieder ansah, wurde ihr Herz ein wenig sauer.  Wu Xiaohao verließ die Bauernhäuser und ging zum Dorf Liangpo. Hier gab es außer dem Guaxin-Pavillon nur ein paar schnell wachsende Pappeln – kahl und langweilig. Sie stellte sich vor, wie spektakulär der alte Schnurbaum gewesen sein musste, der vor sechzig Jahren hier stand. Es war zu schade, dass der Baum gefällt worden war.  Sie ging weiter, bis sie am Fuß des Guaxin-Hügels ankam. Sie stieg den Kiesweg hinauf, die Kiefern zu beiden Seiten wichen zurück. Drei Kilometer entfernt war das endlose Meer, die Kiemeninsel in Form eines liegenden Ochsen schwebte auf der Horizontlinie. Sie setzte sich auf einen flachen nackten Felsen und schaute zur Kiemeninsel hinüber. Sie dachte an Li Dabiao und Wan Yufeng – ob sie wohl zu Abend gegessen hatten? Und Chutou – war er gerade auf der Insel? Wenn nicht, in welchem Gebiet des weiten Meeres fischte er gerade?  Plötzlich sprang in ihrer Vorstellung eine kräftige Gestalt von der Kiemeninsel ins Meer und schwamm kraftvoll. Das war Rong Chengchi. In seiner Jugend musste er das oft getan haben, denn er war ein Nachkomme der Kiemenmenschen, fast ein amphibisches Wesen.  Aber dann schämte sie sich für diese Vorstellung. Warum dachte sie an ihn? Warum sollte ich an ihn denken? Sie strich sich durchs Haar und richtete ihren Blick wieder konzentriert aufs Meer. Als sie näher heranschaute, sah sie den Hegemonenpeitschewall. In diesem Moment beleuchtete die Abendsonne den Riffwall und ließ ihn zu einer goldenen langen Peitsche werden.  Mehrere Fischerboote näherten sich aus der Ferne. Sie dachte, die Menschen auf den Booten würden wohl zum Guaxin-Hügel hinaufblicken, an die Heimkehr denken, an ihre Lieben. Im Leben muss jeder einen „Guaxin-Hügel“ haben. Ihr „Guaxin-Hügel“ war in Yucheng, das war Diandian.  Sie saß auf dem Berggipfel, dachte nach und schaute aufs Meer. Sie sah, wie die Wolken über dem Meer von weiß zu rot wurden, das Meer von blau zu schwarz, wie das Licht im Leuchtturm auf der Kiemeninsel aufflammte und die Lichter im Fischerhafen hell aufleuchteten.  Als sie sich dann in Richtung Nordosten umdrehte, war ein großer Teil des Himmels hell erleuchtet – das war die Nacht von Yucheng. Wenn sie an ihren „Guaxin-Hügel“ dachte, an das niedliche Aussehen ihrer Tochter, wurde sie zärtlich wie Wasser und schaute lange in diese Richtung.  Hinter ihr waren Schritte und Stimmen zu hören. Sie drehte sich um und sah ein junges Paar, das ebenfalls hierher kam. Wu Xiaohao dachte: Sie sind wohl zum Date hier, ich sollte ihnen Platz machen. Gerade als sie aufstehen wollte, begannen die beiden zu streiten. Der Mann sagte: „Wenn du weggehst, was soll ich tun?“ Die Frau sagte: „Du gehst doch auch!“ Der Mann sagte: „Meine Familie ist in Liangpo, nach dem Abschluss bin ich endlich zurückgekommen, meine Eltern sind auch alt – kann ich wieder weggehen?“ Die Frau sagte: „Das ist mir egal, ich habe hier wirklich genug!“  Der Mann sah Wu Xiaohao, kam näher und sagte: „Ist das nicht Bürgermeisterin Wu? Überzeugen Sie doch bitte meine Freundin, dass sie nicht an der nationalen Beamtenprüfung teilnehmen soll.“ Wu Xiaohao bat sie, sich zu setzen, und nach einem Gespräch erfuhr sie, dass dies ein Paar war – der Mann hieß Sun Wei und war ein Universitätsabsolvent, der als Dorfbeamter in Songruan Village arbeitete, die Frau hieß Wang Pingping und war Buchhalterin im Stadtfinanzamt. Sie hatten beide ihren Abschluss an der Shandong University of Finance and Economics gemacht, waren letztes Jahr zusammen nach Liangpo gekommen, aber jetzt wollte Wang Pingping an der nationalen Beamtenprüfung teilnehmen und plante, diesen Ort zu verlassen.  Wu Xiaohao fragte Wang Pingping, warum sie gesagt habe, sie habe genug. Wang Pingping seufzte: „Ach, seit ich im Finanzamt angefangen habe, haben die Konten, mit denen ich zu tun habe, meine Weltanschauung zerstört. An der Universität sagten unsere Professoren, wir sollten nach Antritt einer Buchhalterstelle streng die rote Linie einhalten – diese rote Linie bedeutet, keine falschen Konten zu führen. Aber hier zwingen mich die Vorgesetzten ständig, zu fälschen, ich halte es wirklich nicht mehr aus.“ Wu Xiaohao fragte: „Was fälschen?“ Wang Pingping sagte: „Was nicht abgerechnet werden sollte, wird auf alle möglichen Arten abgerechnet. Falsche Rechnungen und Quittungen gibt es zuhauf.“ „Wessen Unterschriften sind darauf?“ „Die des Amtsleiters, des Sekretärs, der Bürgermeisterin.“ „Nach der Abrechnung stecken sie es selbst ein?“ „Das nicht. Zumindest Sekretär Zhou nicht. Soweit ich weiß, ist Sekretär Zhou vom Typ, der sich nicht selbst bereichert. Obwohl er falsche Rechnungen unterschreibt, steckt er nie einen Cent in seine eigene Tasche. Er bereitet sich auf eine Beförderung vor und würde sich nie wegen Geld seine Zukunft verbauen.“ Wu Xiaohao war verwundert: „Warum lässt er Sie dann Konten fälschen?“ „Das ist auch eine Notlösung, die Stadt hat kein Geld. Öffentliche Bewirtung und graue Ausgaben – die Führungskräfte müssen sich etwas einfallen lassen.“ „Was sind graue Ausgaben?“ „An Feiertagen Geschenke verteilen. Das Mondfest steht bevor, wieder müssen Geschenke und Karten gekauft werden. Gestern hörte ich den Amtsleiter sagen, wir müssen zwei Dutzend Packungen Seegurken kaufen, das kostet über zweihunderttausend. Außerdem müssen wir im größten Einkaufszentrum der Stadt Einkaufsgutscheine im Wert von einhunderttausend kaufen. Dieses Geld ist nicht vorgesehen, was tun? Wir müssen zweckgebundene Mittel von oben zweckentfremden, zum Beispiel Brandschutzgelder, Wassergelder und so weiter. Kürzlich hat die übergeordnete Behörde Dürrehilfegelder überwiesen, und die Führung plant, dieses Geld zu verwenden.“  Wu Xiaohao riss die Augen auf, fühlte, wie Wut in ihrer Brust aufstieg und fast explodierte. Sie dachte an Laozis Worte: „Der Weg des Himmels ist es, dem Überfluss zu nehmen und dem Mangel zu geben. Der Weg der Menschen ist anders: Er nimmt vom Mangel, um den Überfluss zu mehren.“ Sie sprang auf: „Wie kann man so etwas tun? Die Feldfrüchte der gewöhnlichen Leute sind dabei zu verdorren. Wenn die Stadt Dürrehilfegelder zweckentfremdet, um nach oben Geschenke zu verteilen – wo bleibt da das Gewissen?“  Sun Wei sagte: „Bürgermeisterin Wu, Sie wissen nicht: An Feiertagen nach oben Geschenke zu verteilen, ist öffentlich bekannt geworden, alle Städte und Gemeinden tun es, niemand traut sich, diese Regel zu brechen.“  Wu Xiaohao wusste etwas darüber. In den letzten Jahren liefen um die Feiertage herum alle Bürgermeister der Städte und Gemeinden zum Bezirksamtsgebäude und zu wichtigen Abteilungen. Da Städte und Gemeinden keine Politische Konsultativkonferenz hatten, kam niemand zur Bezirks-Konsultativkonferenz, um Geschenke abzugeben, was einige pensionierte Beamte verärgerte. Ihre direkte Vorgesetzte, die Abteilungsleiterin Jin Shoulan, stand am Fenster, schaute auf die Geschenkautos draußen und sagte mit Bedauern, diese Leute hätten die Brücke hinter sich abgerissen, nachdem sie den Fluss überquert hatten – wie undankbar!  Wang Pingping sagte mit entschlossenem Ton: „An so einem Ort zu bleiben – welchen Sinn hat das? Deshalb habe ich beschlossen, an der nationalen Prüfung teilzunehmen, und mich für eine Buchhalterstelle in einem Ministerium beworben. Ich glaube, in zentralen Behörden muss man keine falschen Konten führen. Wenn ich dieses Jahr nicht bestehe, versuche ich es nächstes Jahr wieder. Auf jeden Fall will ich von hier weg!“  Wu Xiaohao sagte: „Warte noch ein bisschen. Nach dem 18. Parteitag könnte sich dieser Wind ändern.“  Wang Pingping schüttelte wiederholt den Kopf: „Ich glaube nicht, dass eine Konferenz all das ändern kann. Sobald sich ungeschriebene Regeln etabliert haben, ist es sehr schwer, sie zu ändern.“  Wu Xiaohao sah, dass sie nicht zu überzeugen war, und dachte: Versuch es doch, wenn du nicht bestehst, wirst du dich fügen.  Nach einer Weile, als es völlig dunkel war, schlug Sun Wei vor zurückzugehen. Die drei standen auf und gingen den Berg hinunter. Als sie zu den Bauernhäusern kamen, erfuhr Wu Xiaohao, dass die beiden hier ein Zimmer gemietet hatten und zusammen lebten. Wu Xiaohao fragte: „Wer ist Ihr Vermieter?“ Sun Wei sagte: „Er macht kleine Geschäfte in der Stadt und vermietet das Haus an uns.“ Wu Xiaohao fragte, wie viel Miete pro Monat. Sun Wei sagte fünfhundert.  Wu Xiaohao schaute nach oben – Niugu streckte immer noch seinen Kopf aus dem Fenster und blickte zu ihnen hinunter. Wu Xiaohao zeigte darauf und fragte: „Ihr seid Nachbarn dieses Kalbs?“ Wang Pingping sagte: „Ja, gegenüber.“ „Wer züchtet das Kalb?“ „Ein älteres Ehepaar, beide über sechzig. Ihr Sohn arbeitet in der Stadt und hat eine Wohnung gekauft. Sie müssen ihrem Sohn helfen, das Hypothekendarlehen abzubezahlen. Ihnen fiel nichts anderes ein, also haben sie ein Kalb gekauft.“  Wu Xiaohao dachte: Die Landbevölkerung zieht massenhaft in die Städte, die Urbanisierung schreitet immer schneller voran.  ---  **11**  An diesem Tag saß Wu Xiaohao gerade in ihrem Büro und las Dokumente, als eine Person mit verbundenem Kopf hereinkam und sie „Tante“ nannte – es war Chutou. Wu Xiaohao fragte, wie er sich verletzt habe. Er antwortete lautstark: „Von den Fischereityrannen geschlagen!“ „Fischereityrannen? Wo?“ „Am Qianwan-Pier. Die schikanieren uns wirklich zu sehr!“  Wu Xiaohao goss ihm ein Glas Wasser ein, bat Chutou, sich zu setzen und zu erzählen. Chutou erzählte mit seinem bandagierten Kopf und den blauen Flecken im Gesicht von seinem Schicksal. Auf der Kiemeninsel arbeitete er für einen Reeder namens Bao. Dieser Boss Bao verkaufte seinen Fang nie sofort nach dem Fischen, sondern lagerte ihn in seinem Kühlhaus, um ihn vor dem Neujahr zu einem höheren Preis zu verkaufen. Aber damit verärgerte er die Fischhändler, die ihn als Feind betrachteten. Im Qianwan-Hafen gab es einen besonders gefährlichen Fischereityrann, einen Nordostchinesen, genannt „Erdaohe“, mit zwei Narben auf dem Kopf. Mit einem Wort von ihm zitterte der ganze Pier. Welches Boot er auch haben wollte – die Kapitäne mussten ihm den Fang verkaufen, und zwar zu einem reduzierten Preis. Aber Boss Bao respektierte ihn nicht und gab ihm kein einziges Boot, was Erdaohe wütend machte. Vor drei Tagen gingen Chutou und die anderen wieder aufs Meer hinaus und kehrten mit einer Bootsladung Fisch zurück. Heute Morgen, kurz vor der Ankunft am Pier, kam Boss Bao plötzlich aus der Kapitänskajüte und befahl der Crew, sich zu bewaffnen und sich auf einen Kampf vorzubereiten. Er sagte, Erdaohe habe ihn gerade angerufen und wollte diese Bootsladung unbedingt haben. Chutou fühlte sich als Angestellter des Bosses verpflichtet, den Befehlen zu folgen, also nahm er mit den Kollegen jeweils eine Eisenstange. Kaum hatte das Boot angelegt, sprang eine Gruppe Schläger an Bord und griff Boss Bao an. Boss Bao befahl der Crew, die Waffen einzusetzen. Chutou wollte gerade eingreifen, als ihn jemand am Kopf traf und er ins Wasser fiel. Zum Glück war er noch bei Bewusstsein, schwamm in eine Ecke des Hafens, kletterte heraus und ging zur Hafenklinik, um die Wunde verbinden zu lassen. Von anderen hörte er, dass Boss Baos Schulter von jemandem mit einem Messer verletzt worden war und er bereits ins Krankenhaus von Yucheng gebracht worden war.  Als Wu Xiaohao das hörte, konnte sie ihre Wut nicht zurückhalten: „Erdaohe verhält sich so tyrannisch – kümmert sich denn niemand darum? Habt ihr die Polizei gerufen?“ Chutou sagte: „Wir haben die Polizei gerufen, die Polizisten kamen und schauten sich um, sagten aber, sie würden sich darum kümmern, wenn Boss Bao wieder gesund sei. Aber ich hörte von Kollegen, dass die Polizeistation Erdaohe schützt – eine Anzeige zu erstatten bringt nichts.“ Wu Xiaohao war sehr überrascht: „Was? Wie kann die Polizeistation so etwas tun?“ Chutou sagte: „Erdaohes Boss ist mächtig und hat die Polizeistation gekauft.“ „Wer ist sein Boss?“ „Der Ba-Chef vom Shenhua-Konzern, sein Spitzname ist 'Bawang'.“ Vor Wu Xiaohaos Augen erschienen der Hegemonenpeitschewall am Meer und das prächtige Gebäude auf dem Hegemonenpeitschewall.
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Wu Xiaohao hatte in ihrem Geschichtsstudium darüber gelesen und erklärte: In der Vor-Qin-Zeit hatten die Alten nach dem Hebelprinzip die Holzbalkenwaage erfunden. Die sieben Sterne des Großen Bären und die sechs Sterne des Südlichen Scheffels ergaben zusammen dreizehn — entsprechend dreizehn Liang pro Jin, und jede Markierung auf der Waage hieß „Stern". Nach der Reichseinigung fügte Kaiser Qin Shihuang die drei irdischen Sterne „Glück, Wohlstand und Langes Leben" hinzu. So ergaben Himmel und Erde zusammen sechzehn Sterne, und sechzehn Liang wurden als ein Jin festgesetzt. Per kaiserlichem Erlass durfte bei keinem Handel zu wenig gewogen werden — wer ein Liang unterschlug, verlor einen Stern und büßte Glück und Lebensjahre ein.
  
Chutou schaute Wu Xiaohao an, seine Augen voller Sorge. „Zweite Tante, du bist doch Bürgermeisterin, du musst dich darum kümmern! Deshalb bin ich ja zu dir gekommen.“ Wu Xiaohao lächelte bei diesen Worten: „Du denkst wohl, deine zweite Tante ist ein hoher Beamter? Ich bin nur stellvertretende Bürgermeisterin, und zwar die rangniedrigste.“ Chutou sagte: „Jedenfalls hast du hier das Sagen, du musst etwas gegen diese Fischerei-Tyrannen unternehmen!“ Wu Xiaohao erwiderte: „Ich werde es der Führung melden und wir beraten uns. Wie geht es deiner Verletzung? Ist es schlimm? Warst du in letzter Zeit zu Hause?“ Chutou schüttelte den Kopf: „Meine Verletzung ist leicht, kein Problem. Ich fahre in die Yucheng, um nach dem Chef zu sehen. Wenn er mich nicht braucht, fahre ich nach Hause. Der Chef ist jedenfalls verletzt und kann vorerst nicht aufs Meer hinaus.“  Wu Xiaohao erhielt eine gemeinsame Mitteilung der Organisationsabteilung des Bezirkskomitees und der Parteischule, dass sie am Montag an einer Schulung für neu ernannte Kader teilnehmen sollte. Sie plante, nach Hause zu fahren, das Wochenende zu verbringen und dann zur Parteischule zu gehen. Doch Sonne, Mond und Erde verschworen sich – am Samstag stellten sie sich in einer Linie auf und durchkreuzten ihre Pläne. Das Wetteramt kündigte an, dass am 1. und 2. September eine astronomische Springflut auftreten würde, die die Küstengebiete beeinflussen könnte. Die Stadt- und Bezirksregierungen gaben dringende Mitteilungen heraus und forderten alle Küstenorte auf, sich umfassend vorzubereiten.  Meizhou hatte eine siebzehn Kilometer lange Küstenlinie mit Fischereihäfen, Badeorten und zahlreichen Meeresaquakulturen. Besonders die Zuchtanlagen der Jufeng-Gruppe erforderten verstärkte Schutzmaßnahmen. Huang Chengshou meldete sich in der Führungssitzung freiwillig, dort Wache zu halten. Wu Xiaohao fand, sie müsse als Sicherheitsbeauftragte an den gefährlichsten Ort und meldete sich ebenfalls. Der Bürgermeister sagte, falls eine schwere Katastrophe eintrete, müsse man Hilfe von oben anfordern, und ließ auch Bian Haibo, den Leiter des Zivilbüros, mitkommen. An diesem Nachmittag fuhren die drei zusammen los.  Als sie beim Regierungsauto ankamen, schaute der Fahrer Lao Zhang in die Ferne und sagte: „Da kommt Bian Duanduan angewatschelt.“ Sie drehte sich um und sah Bian Haibo mit seinem dicken Bauch wie ein Pinguin heranwackeln. Sie fragte, warum man ihn „Duanduan“ nenne. Lao Zhang erklärte, Direktor Bian sei berühmt für seine Witze. Wenn Führungskräfte aus Stadt oder Bezirk kämen, würden sie ihn ausdrücklich zur Begleitung anfordern, weil er für Stimmung sorgen könne.  Wu Xiaohao war jetzt nicht fröhlich – sie ärgerte sich über die Sitzordnung. Nach den Regeln hätte Direktor Bian auf dem Beifahrersitz sitzen müssen, während sie und der Bürgermeister hinten säßen. Aber sie wollte unbedingt vermeiden, neben dem Bürgermeister zu sitzen, falls er wieder unangemessene Gedanken hätte und ihr mit dem Finger gegen die Stirn schnippte. Sie dachte: Wenn der Bürgermeister das noch einmal macht, sterbe ich auf der Stelle. Doch als Huang Chengshou den großen Mann kommen sah, öffnete er plötzlich die Fahrertür. Bian Duanduan rannte eilig herüber, um ihn aufzuhalten: „Bürgermeister, Sie sollten hinten sitzen, das ist mein Platz!“ Huang Chengshou sagte mit unbewegter Miene: „Steht dein Name auf diesem Sitz? Ich fahre zur Inspektion und habe vorne eine bessere Sicht. Verstehst du das nicht?“ Als Wu Xiaohao das hörte, atmete sie erleichtert auf und setzte sich hinter den Bürgermeister.  Der dicke Direktor kletterte von der anderen Seite ins Auto und schnaufte beim Hinsetzen schwer. Lao Zhang sagte: „Bian Duanduan, du sitzt heute hinten, erzähl uns ein paar Witze!“ Direktor Bian antwortete: „Gerne, solange Bürgermeisterin Wu nichts dagegen hat.“ Er drehte sich um und schaute Wu Xiaohao an. Wu Xiaohao dachte: Wir fahren zur Katastrophenabwehr, was für Witze willst du da erzählen? Sie drehte sich weg und schaute schweigend aus dem Fenster. Huang Chengshou sagte: „Setz deine Fähigkeiten richtig ein! Kollege Bian soll Witze erzählen – was für eine Haltung ist das?“ Wu Xiaohao dankte dem Bürgermeister innerlich für diese Worte und drehte sich wieder um. Bian Duanduan sagte: „Erzähle ich nicht, erzähle ich nicht, ich nähe mir den Mund zu!“ Er hob tatsächlich beide Hände und machte Nähbewegungen vor seinem Mund, Stich für Stich, mit Zischlauten. Wu Xiaohao konnte nicht anders und lachte.  Huang Chengshou sagte nun, seiner Einschätzung nach würde diese astronomische Springflut heftig werden. Ob man den großen Damm der Jufeng-Gruppe halten könne, sei eine schwierige Frage. Er rief mit seinem Handy Direktor Xun an und fragte, wo er sei. Direktor Xun sagte, er sei gerade auf dem Damm und organisiere die Rettungsmaßnahmen.  Wu Xiaohao kannte die Jufeng-Gruppe und war schon mit ihrer Tochter zum Spielen dort gewesen. Der Chef Xun Yunkai war kein Einheimischer. Vor über zwanzig Jahren hatte die Partei- und Regierungsführung von Meizhou ihn eingeladen, hier Garnelen zu züchten. Er verwandelte die Wattflächen in Zuchtbecken. Weil ihm die Fläche zu klein war, forderte er mehr Land vom Meer und baute einen drei Li langen Damm, um große Meeresflächen einzuschließen. So erweiterte er die Zuchtfläche auf fünftausend Mu und wurde zur Modellperson der Stadt. Die „Anhai Tageszeitung“ veröffentlichte eine lange Reportage mit dem Titel „Der Mann, der das Meer teilt“, die besagte, Xun Yunkai schneide vom Bart des Meeres ein großes Stück ab und verwandle es in Schatzkammern.  Am Damm südlich der Flussmündung empfing sie der schweißbedeckte Xun Yunkai. Huang Chengshou fragte, was los sei. Xun Yunkai deutete auf den Damm und sagte, eine Stelle sei beschädigt und werde gerade repariert. Sie gingen hin und sahen, dass der Steinschutz und das Zementfundament außen eine zwei bis drei Meter breite Lücke aufwiesen. Der Sand des Damms war teilweise ausgewaschen worden, und viele Leute warfen Sandsäcke hinein. Huang Chengshou schaute genau hin und sagte, man müsse das schnell reparieren und ausreichend Personal und Material bereitstellen, um die Riesenflut am Abend zu bewältigen. Xun Yunkai nickte zustimmend: „Seien Sie beruhigt, Bürgermeister. Ich habe Erfahrung, ich kämpfe seit dreißig Jahren gegen das Meer.“  Der Bürgermeister und Bian Duanduan inspizierten mit Direktor Xun den Damm. Wu Xiaohao fühlte sich überflüssig und beschloss, Sandsäcke zu tragen. Sie ging zum Fuß des Damms, wo jemand gerade einen gefüllten Sack aufhob und auf die Schulter werfen wollte. Aber der Sack war zu schwer, zwei Versuche schlugen fehl. Ein Mann mittleren Alters lachte sie aus: „Wie viel wiegst du denn?“ Wu Xiaohao sagte: „Kümmere dich nicht um mein Gewicht, hilf mir schnell!“ Der Mann stützte den Sandsack und legte ihn ihr auf die Schulter.  Der Damm war zwar nur etwa zehn Meter hoch, aber die Innenseite hatte keinen Steinschutz. Die Sandsackträger mussten Schritt für Schritt im Sand hoch, für jeden Schritt nach vorne rutschten sie einen halben zurück – äußerst anstrengend. Wu Xiaohao schaffte es mit Mühe nach oben, ihre Beine zitterten leicht. Als sie zum Meer hinausschaute – Himmel und Meer in einer Farbe, friedlich und ruhig – wusste sie aber: Das Meer sammelte Kräfte für einen neuen Angriff gegen diejenigen, die es geteilt hatten. Sie wurde unwillkürlich ängstlich und sorgte sich um die Sicherheit des Damms.  Sie ging wieder hinunter, Sack für Sack. Nach einer Weile kamen der Bürgermeister und die anderen zurück und entdeckten sie. Xun Yunkai sagte: „Bürgermeisterin Wu, Sie dürfen sich nicht so abmühen, setzen Sie sich und ruhen Sie sich aus.“ Alle hörten mit der Arbeit auf und setzten sich hin.  Huang Chengshou und die anderen gingen an den Rand eines großen Beckens zum Rauchen, Wu Xiaohao setzte sich ebenfalls dorthin. Das Becken hatte eine Fläche von zwei bis drei Mu, die Abendsonne spiegelte sich darin – ziemlich prächtig. Wu Xiaohao fragte Direktor Xun, wie die Garnelenzucht rentabel sei. Xun Yunkai seufzte: „Ach, fragen Sie nicht. Seit vor zwanzig Jahren an Chinas Küsten die Garnelenpest ausbrach, muss man bei der Garnelenzucht besonders vorsichtig sein. Sobald man Anzeichen der Seuche entdeckt, muss man die Garnelen sofort verkaufen, sonst sterben alle. Man sollte besser Austern, Muscheln und ähnliches züchten, mehrere Standbeine haben, dann ist es sicherer.“  Während Wu Xiaohao mit ihm sprach, bemerkte sie, dass im Wasser dichte Garnelenschwärme am Beckenrand entlang schwammen, Runde um Runde. Sie fragte, warum sie in Schwärmen so schwämmen. Huang Chengshou erklärte, Garnelen hätten einen Wandertrieb. Jedes Jahr wanderten sie von der Mitte der südlichen Gelben Meeres nach Norden, zum nördlichen Teil des Gelben Meeres und in den Bohai-Golf, um zu laichen, danach kehrten sie zurück. Obwohl gezüchtete Garnelen ein Leben lang in Becken lebten, habe sich ihre Natur nicht verändert. Wu Xiaohao schaute auf die ständig kreisenden Garnelenschwärme: „Sie tun mir wirklich leid.“ Huang Chengshou sagte: „Reden Sie nicht wie eine Umweltaktivistin und verteidigen Sie Fische und Garnelen. Die Meeresressourcen sind jetzt stark erschöpft. Ohne Zucht – wie sollen wir die Mäuler all der Meeresfrüchte-Liebhaber stopfen?“  Wu Xiaohao dachte: Der Bürgermeister hat auch recht. Nehmen wir mich: Seit ich in Yu bin, bin ich auch zur Meeresfrüchte-Liebhaberin geworden. Garnelen, Schwimmkrabben, Tintenfische, Miesmuscheln, Kammmuscheln – meist aus Zucht. Ich esse sie und hege gleichzeitig Mitgefühl für sie – ist das nicht eine scheinheilige Haltung? Bei diesem Gedanken schaute sie auf die im Wasser kreisenden Garnelenschwärme und schämte sich.  Als Direktor Xun aufstand, um Anweisungen zu geben, und die anderen weiter entfernt waren, beschloss Wu Xiaohao, dem Bürgermeister von der Fischerei-Tyrannei am Hafen zu berichten. Sie erzählte von Chutous Schlägerei vor einigen Tagen. Huang Chengshou kratzte sich an seinem großen Kinn: „Hör nicht auf das Gejammer deines Neffen. Wo gibt es in unserer Gemeinde Fischerei-Tyrannen? Der Polizeichef hat mir gesagt, das war ein Streit um die öffentliche Ordnung, man hat sich schon darum gekümmert.“  Als Wu Xiaohao das hörte, wurde ihre Stimmung schwer und sie schwieg.  Nach einer Weile rief Direktor Xun alle zur Arbeit, bis zur Abendflut zu arbeiten. Alle standen auf der mit Sandsäcken bedeckten Dammkrone und starrten aufs Meer hinaus. Jetzt brandeten die Wellen heran wie Tausende weißer Seelöwen, die zum Ufer stürmten. Nachdem sie den Strand überflutet hatten, begannen sie den Damm anzugreifen. Bei jedem Aufprall bebte der ganze Damm, die hochspritzende Gischt mischte sich mit Sand und Schlamm und krachte schwer herab. Wu Xiaohaos Haare und Kleidung waren sofort durchnässt, eiskaltes Meerwasser lief über ihre Kopfhaut in den Kragen. Sie schrie auf und ihre Füße rutschten weg. Huang Chengshou packte sie schnell und zog sie zur Innenseite des Damms.  Wu Xiaohao sah nun endlich, wie tief der Hass des Meeres gegen jene war, die es geteilt hatten.  Eine weitere Riesenwelle kam heran, Wu Xiaohao drehte sich um. Als die silberne Gischt herabfiel, sah sie, wie die Garnelen im Becken aufgeregt herumsprangen, als würden sie antworten.  In der Nähe ertönten Schreie, Leute rannten von beiden Seiten herbei. Wu Xiaohao lief hin und sah: Die Wellen hatten ein Loch in den Damm gerissen, Steine der Uferbefestigung stürzten polternd hinein. Huang Chengshou brüllte: „Schnell Sandsäcke rein!“ Er packte einen Sack und warf ihn hinein. Alle packten mit an, Sandsäcke flogen in die Lücke. Doch die Kraft der Wellen war zu stark, die Sandsäcke wurden sofort weggespült.  Als die Hälfte des Damms weggerissen war, befahl Direktor Xun den mit Steinen beladenen Traktoren, heranzufahren und die Lücke mit den Fahrzeugen selbst zu füllen. Beide Traktorfahrer trauten sich nicht und blieben stehen. Direktor Xun rief: „Seid ihr Männer? Dann geht hocken und pinkeln! Verschwindet!“ Der junge Fahrer stieg kleinlaut aus. Xun kletterte auf den Fahrersitz und wollte den Traktor zur Lücke fahren. Alle riefen: „Direktor Xun, Vorsicht!“ Xun Yunkai fuhr den Traktor auf etwa zehn Meter an die Lücke heran, sprang dann ab und ließ den Traktor mit der Steinladung vorwärts rollen und kopfüber hineinstürzen. Alle jubelten und applaudierten.  Da fuhr der andere Traktor ebenfalls auf die Lücke zu – der Fahrer war tatsächlich Huang Chengshou! Wu Xiaohao wusste nicht, wann er den Fahrer ersetzt hatte. Sie dachte: Der Bürgermeister kann auch Traktor fahren? Und auch solche gefährlichen Stunts?  Doch als dieser Traktor ganz nah an der Lücke war und Huang Chengshou abspringen wollte, blieb sein Hosenbein an einem Teil hängen. Er zerrte mehrmals daran, kam aber nicht frei und stürzte mit dem Traktor in die Lücke. Alle schrien „Bürgermeister!“, ihre Rufe vermischten sich mit den Wellen.  Dann geschah etwas noch Schlimmeres. In dem Moment, als Huang Chengshou hineinfiel, schlug eine Riesenwelle in die Lücke, die andere Seite des Damms brach plötzlich weg, und das Meerwasser strömte mit einem Rauschen in das Garnelenbecken.  Xun Yunkai schlug sich die Hände vor den Kopf: „Ruiniert! Alles ruiniert!“  Die Ladefläche des Traktors ragte aus dem Wasser. Wu Xiaohao schaute ängstlich dorthin, hoffend, der Bürgermeister würde auftauchen. Doch sie starrte lange hin ohne Bewegung, bis sie jemanden rufen hörte: „Der Bürgermeister! Der Bürgermeister ist dort!“  Sie folgte der Richtung und sah am gegenüberliegenden Ufer des Garnelenbeckens eine Person ans Ufer klettern und zu ihnen herüberwinken.  ---  Die Garnelen waren nach Hause zurückgekehrt, und auch Wu Xiaohao fuhr nach Hause. Sie saß in Direktor Xuns Auto zurück nach Yu, vor ihren Augen wogte noch das tosende Meerwasser. Sie dachte: Die abgetrennte Ecke war wieder Meer geworden, die unzähligen gezüchteten Garnelen waren in die Umarmung des Meeres zurückgekehrt. Aber konnten künstlich gezüchtete Garnelen, die nie Sturm und Wellen erlebt hatten, nach Norden schwimmen zum Laichen?  Vor Wu Xiaohaos Augen tanzte noch die Silhouette des Bürgermeisters. Als er ins Wasser gefallen war, im Garnelenbecken auftauchte und winkte, hatte er die glühende Abenddämmerung als Hintergrund. Wu Xiaohao fand das irgendwie heroisch. Obwohl der Bürgermeister sie einmal beleidigt hatte, war seine heutige Leistung wirklich nicht schlecht. Den Traktor zum Füllen der Lücke zu fahren – Direktor Xun traute sich, er traute sich auch. Dass ihn die reißende Strömung nicht ertränkt hatte – war er vielleicht wirklich ein Kiemenmensch?  Ihr fiel wieder der Leberfleck unter dem Kinn des Bürgermeisters ein. Sie dachte, Biologen sollten ihn genau untersuchen, ob dort nicht doch zurückgebildete Kiemen waren.  Ihre Wohnsiedlung Jinhua war erreicht. Wu Xiaohao stieg aus, dankte dem Fahrer, ging auf Zehenspitzen die Treppe hinauf und öffnete leise die Tür. Sie wollte ihrer Tochter eine Überraschung bereiten.  Das Geräusch der sich öffnenden Tür ließ Diandian vom Fernsehen aufspringen. Sie warf die Kleidung weg, die sie im Arm hielt, und rannte mit ausgebreiteten Armen auf Wu Xiaohao zu. Wu Xiaohao fing sie auf, küsste ihren Scheitel und murmelte: „Diandian, Mama hat dich so vermisst!“  Doch Diandian stieß sie weg: „Stimmt nicht, du bist nicht Mama.“  „Was stimmt nicht?“  „Der Geruch stimmt nicht.“  Du Haoliang nahm vom Sofa ein Hemd, das Wu Xiaohao getragen hatte, und hielt es ihr vors Gesicht: „Das riecht nach Mama!“  Wu Xiaohao nahm das Kleidungsstück, drückte es an ihre Wange, umarmte ihre Tochter, Tränen in den Augen. Ihre Tochter war besonders geruchsempfindlich, besonders für Mamas Geruch. Im Kindergarten, beim Mutter-Kind-Such-Spiel mit verbundenen Augen, konnte Diandian dem Geruch ihrer Mutter folgen und in ihre Arme springen. Als Wu Xiaohao einmal auf einer Konferenz außerhalb war und ihre Tochter schrecklich vermisste, fragte sie am Telefon, ob Diandian Mama vermisse. Das Kind antwortete: „Nein, Mama ist in meinen Armen.“ Sie hatte Mamas Kleidung zum Kuscheln geholt und beim Fernsehen den Geruch eingeatmet. Deshalb ließ Wu Xiaohao absichtlich ein oder zwei getragene Kleidungsstücke ungewaschen im Schrank, um die Sehnsucht der Tochter nach der Mutter zu lindern.  Du Haoliang kam aus der Küche, musterte sie durch zusammengekniffene Augen: „Diandian, deine Mama ist nach nur einer Woche auf dem Land zum Wildfang geworden!“ 
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Der Alte Blumentrommler sagte: „Genau. Die Alten haben zwei Sprüche hinterlassen: ‚Wer auf der Waage betrügt, dem widerfährt kein Gutes. Wer gerecht wiegt und voll misst, ist ein guter Mensch!'"
  
Kapitel 2
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Guo Mo klopfte auf die große Trommel: „Herrje, in ‚Jin Qiu Liang' steckt ja eine ganze Welt an Kultur — wir müssen das sofort als Kulturerbe anmelden!"
  
Der beißende Meerwind
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Zurück in Kaipo, setzte sich Wu Xiaohao sogleich an den Computer und verfasste den Antrag auf Aufnahme ins immaterielle Kulturerbe. Nach gründlicher Recherche war sie überzeugt, dass „Jin Qiu Liang" ein einzigartiges Kulturgut war. Zudem war es genau am Ort der „Verbliebenen Schönheit vom Duftberg" entdeckt worden — ein Beleg für das reiche kulturelle Erbe dieses Bergdorfes. Konfuzius hatte gesagt: „Wenn die Riten verloren gehen, suche man sie auf dem Lande" — wie wahr.
  
Xiaomans Notizen:  
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Plötzlich packte sie der Schreibdrang. In zwei Abenden verfasste sie einen Aufsatz mit dem Titel „Trommeln und Gongs erklingen: ‚Jin Qiu Liang'" unter dem Namen „Wu Xiaohao & Guo Mo". Als Guo Mo ihn las, klopfte sie sich wieder und wieder aufs Herz: „Ich bin so aufgeregt! Ich wollte immer eine Veröffentlichung, um die mittlere Gehaltsstufe zu erreichen und mehr Lohn zu bekommen, aber ich kann nicht schreiben — dieser Aufsatz hilft mir enorm!"
  
2015 – Huang Chengshou verschwand beim Sturz ins Meer
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Noch am selben Tag schickte Wu Xiaohao den Artikel per E-Mail an eine Provinzzeitung.
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Am sechsundzwanzigsten Tag des Mondmonats war Markttag in Kaipo. Weil es der letzte Markt vor dem Neujahrsfest war, kamen besonders viele Besucher. Wu Xiaohao und Guo Mo erstatteten Sekretär Zhou Bericht und legten die Neujahrsgala auf diesen Tag.
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Am Morgen kam Wang Jingjing zu Wu Xiaohao und brachte eine Plastiktüte mit: Die Nachbarn hätten ihr Rind geschlachtet und wollten heute auf dem Markt Fleisch verkaufen; sie habe gleich etwas mitgekauft, damit Wu Xiaohao es über die Feiertage mit nach Hause nehmen könne. Wu Xiaohao starrte die Tüte an und fragte: „Meinst du das Rind aus dem Bauernhochhaus — den ‚Bruder Niu', der immer den Kopf rausstreckte und in die Berge schaute?" Wang Jingjing sagte: „Ja. Der alte Nachbar hat das Rind großgezogen und konnte es nicht die Treppe hinunterführen, also hat er es oben schlachten lassen. Frühmorgens gab es einen Riesenlärm; wir gingen hinüber, und weil es gerade passte, kauften wir zehn Kilo." Wu Xiaohao wehrte hastig ab: „Ich will das nicht — dieses Fleisch bringe ich nicht runter! Nimm es zurück!" Wang Jingjing sagte: „Warum nicht? Ein Rind wird doch großgezogen, damit man es schlachtet und isst." „Aber ich kann kein Fleisch von ‚Bruder Niu' essen — nimm es schnell weg!" Als Wang Jingjing ihre Entschlossenheit sah, schnalzte sie mit der Zunge und ging mit dem Fleisch davon.
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Die „Kaipoer Neujahrsgala" fand auf dem kleinen Platz vor dem Verwaltungsgebäude statt. Obwohl Nordwind blies und Schneeflocken wirbelten, stand das Publikum dichtgedrängt — vor allem junge Leute, denn die meisten Wanderarbeiter waren zum Neujahrsfest heimgekehrt. Als die Gemeindeführung in der ersten Reihe Platz genommen hatte, moderierte Guo Mo in leicht küstendialektgefärbtem Hochchinesisch an und bat Sekretär Zhou Bin auf die Bühne. Der Sekretär legte seine Daunenjacke ab, trat im Anzug vor das Mikrofon, zog Bilanz über Kaipos Erfolge im Jahr 2012 und rief die Kader und Einwohner auf, den Geist des 18. Parteitags zu studieren und umzusetzen.
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Die Vorstellung begann — als erster Programmpunkt „Jin Qiu Liang" aus dem Dorf Shiwu. Die alten Männer trugen die leuchtend gelben Kostüme, die Guo Mo aus dem Kulturetat hatte anfertigen lassen, und trommelten mit Begeisterung — das Publikum war augenblicklich Feuer und Flamme. Es folgten Beiträge aus verschiedenen Dörfern und von der Gemeindeverwaltung. Sun Weis Gitarrenauftritt mit „Das Mädchen aus dem Blumenhaus" und das Solo „Der Sohn geht tausend Meilen" von Lehrer Yan Sen, dem Musiklehrer der Mittelschule Kaipo, ernteten tosenden Applaus. Wu Xiaohao erfuhr vom Propagandabeauftragten Qi nebenan, dass Lehrer Yan Guo Mos Ehemann sei. Sie bemerkte, dass der beleibte Musiklehrer gut zehn Jahre älter war als Guo Mo.
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Guo Mo trat wieder auf die Bühne, wechselte grinsend in den Dialekt und moderierte: „Ihr wisst ja alle, ich bin aus Qianwan-Dorf Zwei. Früher gingen unsere Männer fischen, und die Frauen sammelten Muscheln, flickten Netze, kochten, bedienten die Männer — so beschäftigt, dass sie sich nicht mal die Haare kämmen konnten. Heutzutage fahren die Männer aufs Meer und kommen tagelang nicht zurück — was machen die Frauen? Wenn sie nicht die Alten versorgen und die Kinder hüten, spielen sie Karten oder gehen bummeln. Kartenspielen kostet Geld, Bummeln und Klamotten und Leckereien kaufen auch — die Männer nennen sie deshalb ‚verschwenderische Weiber'. Ein paar dieser Weiber haben sich beraten: Lasst uns nicht nur Karten spielen und bummeln, machen wir was Feines! Also kamen sie zusammen zum Tanzen und Singen und gründeten die ‚Verschwenderische-Weiber-Gesangs-und-Tanzgruppe'. Sollen sie auftreten?"
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Das Publikum johlte: „Ja!"
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Zwölf junge Frauen erschienen — bunt gekleidet in Rot und Grün, tanzten und sangen. Ihr Gesang war durchschnittlich, aber ihre Tanzschritte sprühten vor Energie und zeigten die ungebändigte Lebensfreude der Fischerfrauen. Von der Gemeindeführung bis zum einfachen Zuschauer — alle waren mitgerissen. Zhou Bin reckte Wu Xiaohao den Daumen entgegen: „Dieser Auftritt ist fantastisch!" Wu Xiaohao sagte: „Das sind alles Guo Mos Verwandte aus dem Heimatdorf — Schwägerinnen und Cousinen. Guo Mo hat sie persönlich trainiert." Zhou Bin nickte anerkennend: „Hm, die kleine Guo hat durchaus Talent."
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Nach einem Chorauftritt einiger junger Mitarbeiterinnen des Familienplanungsbüros mit „Unser Leben ist voller Sonnenschein" sang Guo Mo ein Solo — „Ich hab dir einen Schlüssel machen lassen" von Liu Ruoying. Ihre Stimme war süß und kam dem Original erstaunlich nahe. Wu Xiaohao dachte: Guo Mos Figur, ihre goldene Stimme — die Natur hat es wirklich gut mit ihr gemeint.
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Am Nachmittag bat Wu Xiaohao den Leiter des Sicherheitsbüros Li Yanmi in ihr Büro, um die Sicherheitskontrollen über die Feiertage zu besprechen. Doch Sekretär Zhou rief an und bat sie zu sich. Sie bat Li Yanmi zu warten und ging zum Büro des Sekretärs am östlichen Ende des zweiten Stocks. „Sekretär, was kann ich für Sie tun?"
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Zhou Bin blickte ernst und reichte ihr sein Handy: „Vize-Bürgermeisterin Wu, Sie sind für die Kulturstation zuständig. Sehen Sie sich an, was die kleine Guo mir da geschrieben hat — was soll das bedeuten?"
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Wu Xiaohao las auf dem Display ein paar Zeilen, wie Verse angeordnet, ohne Satzzeichen:
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Heute in festlichem Kleid auf der Bühne
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Singe ich, was mein Herz fühlt
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Nur für den Sekretär allein
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Ob Sie es wohl verstehen
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Wu Xiaohao schüttelte den Kopf: „Diese Guo Mo, ach! Sekretär, soll ich mit ihr sprechen?"
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Der Sekretär sagte: „Nicht nötig — Hauptsache, Sie wissen Bescheid."
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Als sie aus seinem Büro trat, dachte Wu Xiaohao bei sich: Sekretär, Sekretär — dein Ruf als „Teflonpfanne" ist wahrhaftig verdient.
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Weil Wu Xiaohao über die Feiertage Bereitschaftsdienst hatte und nicht zu den Schwiegereltern fahren konnte, vereinbarte sie mit You Haoliang, am achtundzwanzigsten Tag des Mondmonats nach Pingchou zu fahren, um beide Elternpaare zu besuchen. An jenem Vormittag holte You Haoliang mit Diandian Wu Xiaohao in Kaipo ab. Zuerst zu Diandians Großeltern mütterlicherseits, dann zu den Großeltern väterlicherseits — dort Mittagessen, dann zurück. Am Silvesterabend würde You Haoliang mit Diandian in Pingchou feiern.
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Wu Xiaohao hatte gehört, dass die Gemeindeverwaltung in früheren Jahren den Kadern Neujahrsgeschenke ausgegeben hatte — Schnaps, Fisch und dergleichen. Doch dieses Jahr waren wegen der acht Bestimmungen und sechs Verbote sämtliche Geschenke gestrichen worden. Sie rief You Haoliang an und bat ihn, ein paar Kisten Schnaps zu kaufen; sie selbst würde in Kaipo Fisch besorgen. Auf dem Markt kaufte sie drei Kisten Makrelen, drei Kisten Degenfisch und drei Kisten Quallen — als Geschenke für die Schwiegereltern, ihre eigenen Eltern und die älteste Schwester.
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Um neun Uhr kam You Haoliang mit dem Familien-Golf — noch zu siebzig Prozent wie neu — und Diandian am Gemeindegebäude an. Wu Xiaohao stellte den Wagen vor ihrer Unterkunft ab und begann, die Geschenke einzuladen. You Haoliang warf einen Blick in ihr Zimmer und sagte verächtlich: „Du hast dich aufgerieben, um hier unten ‚Beamtin' zu spielen — und das alles für dieses Loch und dieses klapprige Bett?" Diandian stimmte ein: „Wirklich unmöglich — nicht mal ein Sofa!" Wu Xiaohao tätschelte den Scheitel ihrer Tochter: „Schätzchen, man kommt nicht auf die Welt, um es sich nur bequem zu machen."
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Zu dritt trugen sie die Sachen zum Auto. Wu Xiaohao entdeckte im Kofferraum einen prallgefüllten Sack und fragte, was darin sei. Diandian sagte: „Böller — ein Geschenk von jemandem. Papa sagt, die bringen wir heute Opa, damit er sich freut." Wu Xiaohao wurde sofort misstrauisch und fragte You Haoliang, von wem die stammten. You Haoliang sagte: „Von Direktor Li." Diandian ergänzte: „Und eine Karte war auch dabei!" Wu Xiaohao wurde wütend: „You Yanzhu, du hast wirklich keine Augen im Kopf! Wie kannst du so etwas annehmen?" You Haoliang kniff die Augen zusammen und grinste: „Ach komm, das ist doch ganz normal." Wu Xiaohao sagte: „Überhaupt nicht normal! Ich bin für Sicherheit zuständig — wenn mir ein Böllerhersteller Geschenke macht, ist das, als legte er mir eine Bombe vor die Tür!" Sie zerrte den Sack aus dem Kofferraum und verlangte die Karte. You Haoliang weigerte sich und setzte sich ins Auto. Wu Xiaohao streckte wütend die Hand aus: „Gib her! Sofort!" You Haoliang zog die Karte aus der Brusttasche und warf sie ihr vor die Füße.
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Wu Xiaohao hob sie auf — eine Einkaufskarte des Kaufhauses „Goldener Thron", aufgeladen mit zweitausend Yuan. Sie rief sofort Li Yanmi an und bat ihn herunterzukommen. Das Sicherheitsbüro lag im Gebäude nebenan; Li Yanmi erschien, sah Wu Xiaohao und lachte verlegen: „Vor ein paar Tagen habe ich bei einer Kontrolle illegaler Böllerwerkstätten einige Böller konfisziert. Ein Sack davon — zum Neujahrsknallen." Wu Xiaohao sagte: „Konfiszierte Böller gehören vernichtet — wie kannst du sie verschenken?" Li Yanmi strich sich den gelben Bart: „Vernichten wäre doch schade ..." Wu Xiaohao fuhr ihn scharf an: „Du willst mich vernichten! Die acht Bestimmungen und sechs Verbote hast du auch gelernt — wie kannst du sie so unterlaufen? Nicht nur gefälschte Quittungen — du verschenkst auch Karten, das ist noch ernster!" Sie drückte ihm die Einkaufskarte in die Hand. Li Yanmi lächelte peinlich berührt, steckte die Karte ein und ging.
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Auf der Autobahn nach Pingchou schwieg You Haoliang, die Hände am Steuer; Wu Xiaohao kochte immer noch vor Wut. Diandian lehnte sich auf dem Rücksitz zurück, spitzte die Lippen und sagte: „Ich glaube, in unserem Auto sind noch Böller — gleich explodieren sie! Bumm! Bumm! Bumm! ..." Dabei riss sie die Hände auseinander und mimte Explosionen. Wu Xiaohao musste trotz allem schmunzeln, nahm ihre Tochter in den Arm und sagte: „Diandian, heute zu Hause bitte höflich sein — die Großeltern anständig begrüßen." Diandian rief laut: „Yes!" Dann klopfte sie ihrem Vater auf die Schulter: „You Yanzhu, You Yanzhu." You Haoliang zuckte die Schulter: „Was ist?" Diandian sagte: „Du bist doch ein Älterer — ich begrüße dich!" Dann hielt sie sich kichernd den Mund zu.
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An der Ausfahrt Pingchou verließen sie die Autobahn. Nach weiteren zehn Kilometern erreichten sie das Dorf Wujiazhuang. Die Straße war gesäumt von bunten Marktständen, vor jedem eine Menschentraube. In Wujiazhuang war am dritten und achten Tag des Monats Markttag — heute, der achtundzwanzigste, war der lebhafteste Neujahrsmarkt. Wu Xiaohao erinnerte sich an die Neujahrsmärkte ihrer Kindheit: Kein Geld in der Tasche, aber aufgeregt wie nur was — allein die Menschen und Waren anzuschauen hatte sich angefühlt wie ein Gewinn. Sie sagte zu Diandian: „Wir steigen aus und gehen zu Fuß durch den Markt zu Omas Haus." Sie bat You Haoliang, langsam zu fahren und die Stände nicht anzufahren.
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Kaum war Wu Xiaohao ausgestiegen, lief sie Chutou über den Weg. Er stand mit seinem kleinen Sohn vor einem Fischstand; der Junge hielt eine Spielzeugschlange in der Hand, die sich täuschend echt hin und her wand. Wu Xiaohao rief: „Chutou!" Chutou sah sie, ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht — doch als er You Haoliang im Auto erblickte, drehte er sich wortlos um, zog seinen Sohn mit sich und spuckte verächtlich: „Pah!"
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Wu Xiaohao war verblüfft. Sie hatte You Haoliang doch gebeten, Chutous Fisch zu verkaufen — war das nicht erledigt? War er unzufrieden?
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Sie sah Chutous Rücken verschwinden, erkundigte sich am Stand nach den Fischpreisen: Degenfisch sieben Yuan pro Jin, Makrele neun Yuan. Sie fragte sich, zu welchem Preis You Haoliang Chutous Fisch wohl verkauft hatte.
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Plötzlich rief Diandian „Oma!" und lief los — ihre Mutter stand am Straßenrand. Beim Anblick der heranstürmenden Enkelin beugte sich die alte Frau vor, streckte die Arme aus, das Gesicht weit aufgerissen vor Freude, als finge sie einen Schatz, der vom Himmel fiel. Wu Xiaohao war zuletzt am Mondfest zu Hause gewesen; jetzt bemerkte sie, dass ihre Mutter noch mehr weiße Haare und zwei Zähne weniger hatte. Sie trat heran und sagte „Mama". Die Mutter, mit einem Arm Diandian umschlungen, griff mit der anderen Hand nach der Tochter: „Ich warte hier seit dem Morgen auf euch. Ach — wo ist Diandians Vater?" Diandian deutete nach hinten: „Papa kommt."
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You Haoliangs Auto steckte in der Menschenmenge fest; Diandian rannte hin. Wu Xiaohao schaute sich auf dem Markt um und sagte: „Mama, eben bin ich Chutou begegnet — er hat mich nicht beachtet, er scheint wütend auf mich zu sein. Was ist passiert?" Das Gesicht der Mutter verfinsterte sich; sie senkte die Stimme: „Du hast ihn dir zum Feind gemacht. Im ganzen Dorf redet er schlecht über dich — du seist Beamtin geworden und erkennest deinen Neffen nicht mehr an." Wu Xiaohao erschrak: „Warum sagt er das?" Die Mutter sagte: „Du hast ihm beim Fischverkauf geholfen — der Fisch war acht, neun Yuan das Pfund wert. Diandians Vater hat den Fisch genommen und ihm hinterher nur drei Yuan pro Pfund gegeben. Wie kann Diandians Vater einen Verwandten so behandeln? Der Junge hat Haus und Familie verlassen, um dieses lebensgefährliche Fischerhandwerk zu betreiben, und dann schält ihm dein Mann auch noch das Fell ab — was soll das?" Als Wu Xiaohao das hörte, schwoll ihr der Kopf, und sie fluchte innerlich: Dieser You Yanzhu steckt wirklich so tief im Geldsack, dass er die eigene Verwandtschaft vergisst.
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Chutou war nirgends mehr zu sehen. Sie schickte ihm eine Textnachricht: „Chutou, es tut mir leid. Eben habe ich von meiner Mutter erfahren, dass dein Schwager dir viel zu wenig für den Fisch gezahlt hat. Ich werde den Unterschied ausgleichen. Frohes Neujahr!"
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You Haoliang kam mit dem Auto angefahren. Die Schwiegermutter lächelte ihn demütig an: „Diandians Vater ist da?" You Haoliang antwortete nicht, lächelte nur mit zusammengekniffenen Augen und fuhr in die Hintergasse. Wu Xiaohaos Wut wurde noch größer. Dieser You Yanzhu — wirklich ohne Augen. Die Allüren des „Beamtensohnes" war er nie losgeworden. In all den Ehejahren hatte er den Schwiegereltern gegenüber stets eine hochnäsige Haltung an den Tag gelegt und sie nie „Vater" oder „Mutter" genannt.
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Vor dem verfallenen Hof der Familie Wu lud You Haoliang den Kofferraum aus. Der Schwiegervater stand da, die von der Fabrikarbeit ruinierten Arme angewinkelt, und murmelte: „Ach, schon dass ihr vorbeischaut, reicht doch — und dann noch so viel mitbringen, viel zu viel!" Diandian rief „Opa!" Der Großvater antwortete, fischte mühsam einen Hundert-Yuan-Schein aus der Tasche und sagte mit einschmeichelndem Lächeln: „Diandian, Opa gibt dir Glücksgeld fürs neue Jahr!" Diandian nahm es und verbeugte sich zum Dank.
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Drinnen angekommen, begann die Schwiegermutter, Wasser einzuschenken. You Haoliang sagte: „Lass gut sein, wir müssen gleich weiter — Diandians andere Oma hat schon das Essen fertig." Wu Xiaohao hätte gern noch ein wenig bei ihren Eltern gesessen, aber es war bereits elf Uhr. Sie sagte, sie müsse noch ihre Schwester besuchen. Die Mutter sagte: „Geh ruhig — deiner Schwester geht es nicht gut." Wu Xiaohao fragte alarmiert: „Was ist mit ihr?" Die Mutter sagte: „Dein Schwager ist weggelaufen." Wu Xiaohao wurde noch besorgter: „Weggelaufen? Warum?" Die Mutter schien sich nicht zu trauen, es auszusprechen, und sah furchtsam zum Vater. Der aber riss die Augen auf und brüllte: „Soll er laufen! Die Familie Wu braucht den nicht!" Diandian hielt sich die Wangen und guckte mit großen Augen: „Wie gruselig!" Wu Xiaohao sagte zu ihrem Mann: „Bring Diandian erst mal raus."
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Als die beiden draußen waren, fragte Wu Xiaohao, was passiert sei. Die Mutter sagte: „Dein Vater ist schuld, der alte Dickschädel — er besteht darauf, dass dein Schwager den Namen ändern muss." Unter Tränen erzählte sie die Vorgeschichte: In diesem Winter hatten ein paar gebildete Alte im Dorf die Wu-Familienchronik weitergeführt. Der Vater bestand darauf, dass sein Schwiegersohn Chen Weizhong den Namen in Wu Weizhong ändern müsse, damit er Nachkommen in der Chronik habe. Chen Weizhong weigerte sich, lief zu seiner Familie zurück und kam auch zum Neujahrsfest nicht wieder.
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Wu Xiaohao warf ihrem Vater zornige Blicke zu. Damals hatten ihre Eltern nach drei Töchtern unbedingt einen Sohn gewollt, waren jahrelang als „Übergebärende Guerillakämpfer" unterwegs gewesen und hatten doch nur zwei weitere Mädchen bekommen. Der Vater war zutiefst frustriert gewesen und hatte den Kindern die Namen Kleines Gras, Kleiner Beifuß, Kleine Lotos, Kleiner Farn und Kleiner Wermut gegeben — bei ihrem Anblick wurde er wütend und schimpfte, trat sie weg oder packte sie am Arm und schleuderte sie beiseite. Ohne Sohn hatte er sich einen Einheiratsschwiegersohn nehmen müssen. Vor zehn Jahren war über eine Vermittlung Chen Weizhong aus dem dreißig Kilometer entfernten Berggebiet gekommen und hatte die älteste Schwester Xiaocao geheiratet. Man hatte vereinbart, dass Chen Weizhong nach der Heirat nicht den Namen ändern müsse, solange die Kinder den Namen Wu trügen. Doch die älteste Schwester hatte zwei Töchter und keinen Sohn bekommen.
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Da erschien plötzlich die älteste Schwester. Sie rief „Xiaohao!" und warf sich dem Vater kniend zu Füßen: „Vater, hab Erbarmen mit deiner Tochter — lass mich nicht zur Witwe werden! Heute ist der achtundzwanzigste, Neujahrsmarkt, und Chen Weizhong ist immer noch nicht zurück! Heute Morgen habe ich mich überwunden und ihn persönlich gebeten — er hat gesagt, wenn er den Namen ändern muss, kommt er nie wieder ins Dorf Wu."
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Der Vater zitterte am ganzen Leib: „Wenn er den Namen nicht ändert, bin ich der Letzte meines Stammes! In der Familienchronik stehen wir seit Generationen — und bei mir reißt der Faden ab! Was für eine Schande! Ich habe ihm meine Tochter gegeben — kann er da nicht ein bisschen Mitleid mit mir haben?"
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Wu Xiaohao half ihrer Schwester auf und fragte den Vater: „Wird diese Chronik wieder wie früher geführt — nur die Männer, keine Frauen?"
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Der Vater sagte: „Ja! Fünf Töchter — und alle zählen nicht, eine glatte Null!"
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Bei diesen Worten schnürte es Wu Xiaohao das Herz zusammen. Sie fragte, wer die Chronik bearbeite. Der Vater nannte Wu Jiaxuan. Wu Xiaohao sagte: „Ich rede mit ihm. In unserer Zeit wird überall reformiert — da müssen auch die Regeln der Familienchronik geändert werden. Andernorts nehmen sie längst auch Frauen auf — dann hättest du doch Nachkommen!" Der Vater sagte: „Dann geh schnell zu ihm! Wenn es beim Alten bleibt, trinke ich Gift — diese Schande ertrage ich nicht!"
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Wu Xiaohao bat ihre Schwester, sie hinzuführen. Wu Jiaxuan, über achtzig, hatte einst die private Dorfschule besucht, war lange Dorfbuchhalter gewesen und trank gern. Also kaufte sie im kleinen Laden eine Kiste guten Schnaps und trug sie unter dem Arm mit. Im Haus des Alten sagte sie herzlich „Urgroßvater" und erklärte, sie komme zum Neujahrsfest zu Besuch. Wu Jiaxuan beäugte die Schnapskiste, strich seinen schneeweißen Ziegenbart und sagte: „Die große Bürgermeisterin bringt mir Schnaps — das ist ja allerhand!" Wu Xiaohao flüsterte ihrer Schwester zu: „Woher weiß er, dass ich Bürgermeisterin bin?" Xiaocao sagte: „Seit Herbst erzählt Vater es jedem — das ganze Dorf weiß es." Wu Xiaohaos Herz wurde warm: Dass Vater stolz auf mich ist, war immer mein Traum — und er hat sich anscheinend erfüllt. Er sieht seine Tochter nicht mehr als Unkraut.
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Sie setzten sich, und Wu Xiaohao sprach den Alten auf den weggelaufenen Schwager an; Xiaocao stand daneben mit Tränen in den Augen. Der Alte sagte: „Wie kann er einfach weglaufen? Früher mussten Einheiratsschwiegersöhne den Namen ändern — das war der Sinn der Sache." Wu Xiaohao sagte: „Das war früher. Heute haben viele Orte die Chronik-Regeln reformiert und nehmen auch Frauen auf. Zum Beispiel: Wenn eine Familie mehrere Töchter hat, werden nicht nur ihre Namen eingetragen, sondern auch, wen sie geheiratet haben. Dann würde mein Vater nicht mehr das Gefühl haben, ohne Nachkommen zu sein, und müsste meinen Schwager nicht zum Namenswechsel zwingen." Wu Jiaxuan dachte einen Moment nach und nickte: „Von diesem Verfahren habe ich auch gehört, aber ich dachte immer, die Regeln der Ahnen dürfe man nicht ändern. Wenn du sagst, es sei gut ... nun, unsere Familie Wu hat noch nie jemanden gehabt, der Bürgermeister war."
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Kaum waren sie aus dem Haus des Alten getreten, rief Xiaocao sofort ihren Mann an: „Du brauchst den Namen nicht zu ändern — komm schnell zurück!" Dann gab sie das Handy der Schwester. Wu Xiaohao sagte zu Chen Weizhong, sie habe den alten Wu Jiaxuan überzeugt — künftig würden Männer und Frauen gleichermaßen in die Familienchronik aufgenommen. Chen Weizhong sagte am Telefon: „Gut, dann komme ich heute Nachmittag nach Hause."
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Nach dem Gespräch umarmte Xiaocao ihre kleine Schwester und weinte: „Xiaohao, du hast deine große Schwester gerettet ..."
  
 
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Latest revision as of 04:29, 9 April 2026

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Durch Berge und Meere — Teil 5

Chutou lächelte und fuhr fort: „Eigentlich bleibe ich auch deshalb nicht zu Hause auf dem Feld, weil ich das Fischen lieben gelernt habe. Bei uns daheim isst man, geht aufs Feld, arbeitet einen halben Tag und kommt wieder heim — jeden Tag dasselbe, ein stumpfsinniges Einerlei. Besonders im Sommer und Herbst, wenn die Felder hochstehen, überall grüne Vorhänge, kein Lüftchen dringt durch, man kriegt kaum Luft. Aber hier — das Meer ist so weit, endlos, wirklich befreiend. Wenn man zum Fischen rausfährt, begegnet man vielleicht wundersamen Dingen. Zweite Tante, hast du schon mal das Glühwürmchenmeer gesehen? Oder das Bernsteinmeer? Ich habe beides gesehen."

Wu Xiaohao war verblüfft und fragte, was ein Glühwürmchenmeer und ein Bernsteinmeer seien. Chutou sagte, beides könne man nur nachts sehen. Im Glühwürmchenmeer leuchte jede Wellenkuppe blau schimmernd — wunderschön. Im Bernsteinmeer sei das Wasser durchsichtig wie Bernstein, und man könne die Fischschwärme darin sehen. Wu Xiaohao lachte: „So märchenhaft! Chutou, du solltest Gedichte schreiben." Chutou schüttelte den Kopf: „Schreiben kann ich nicht."

Wu Xiaohao fragte, wie es mit Erdaohe stehe — ob er immer noch im Hafen seine Erpressungen treibe. Chutou sagte ja, niemand könne ihn aufhalten. Vor ein paar Tagen habe man gehört, dass seine Schläger wieder einige Leute verletzt hätten. Wu Xiaohao seufzte: „Ach, für so etwas gibt es keine Poesie."

Nach einer Weile wollte Chutou gehen. Wu Xiaohao bat ihn, die beiden Kisten Fisch mitzunehmen, doch er weigerte sich beharrlich, riss sich von ihrer Hand los und rannte davon. Als Guo Mo zurückkam, bat Wu Xiaohao sie, den Fisch mit nach Hause zu nehmen. Guo Mo sagte: „Mein Vater ist Fischer — zu Hause mangelt es nie an so etwas. Aber ich kann sie mitnehmen, in den Kühlschrank stellen, und wenn du nach Hause fährst, nimmst du sie mit." Wu Xiaohao sagte: „Gut, danke."

Nachdem sie die Pläne für die „Kaipoer Neujahrsgala" besprochen hatten, nahm Guo Mo den Fisch und ging. Wu Xiaohao suchte im Internet nach Neuigkeiten und stieß auf eine Meldung: Die Ergebnisse der schriftlichen Prüfung für die Aufnahme von Beamten in zentralen Behörden und deren nachgeordneten Einrichtungen für 2013 seien veröffentlicht worden. Wu Xiaohao rief Wang Jingjing an und fragte, ob sie ihr Ergebnis schon kenne. Wang Jingjing seufzte: „Ja, keine Chance. Ich bin so enttäuscht, so verzweifelt!" Damit legte sie auf. Wu Xiaohao dachte: Jingjings Stimmung ist schlecht — ich sollte sie bei Gelegenheit trösten.

Eigentlich hatte Wu Xiaohao vorgehabt, abends zu ihr zu gehen, doch am Nachmittag setzte plötzlich ein Nordwestwind ein, auf See Stärke sieben bis acht. Aus Sorge um die Fischerboote ging sie ins Sicherheitsbüro und ließ Li Yanmi laufend bei den Fischerdörfern nachfragen. Erst in der zweiten Nachthälfte, als der Wind nachließ und aus keinem Dorf ein Unfall gemeldet wurde, ging sie schlafen.

Am nächsten Abend besuchte sie Jingjing. Als sie sich den Bauernhochhäusern näherte und hinaufblickte, war „Bruder Niu" nirgends zu sehen — nur Sterne funkelten über den Dächern. Erst als sie den Innenhof der drei Wohnblöcke betrat, merkte sie, dass dies wirklich ein Bauernquartier war. Vor und hinter den Häusern lagen Ackergeräte, Möbel, sogar Brennholz. Neben einem Treppenaufgang flackerte Feuerschein, Rauch stieg auf — tatsächlich hatten zwei Frauen eine Backplatte aufgestellt und buken Pfannkuchen. Beim Anblick des Pfannkuchenstapels überkam Wu Xiaohao eine heftige Sehnsucht nach ihrer Mutter, denn in ihrer Schulzeit — auf der Mittelschule in der Kreisstadt, auf dem Gymnasium in der Bezirksstadt — hatte sie jede Woche ein Bündel von Mutters Pfannkuchen gegessen.

Hinauf in den vierten Stock, hinein in die Wohnung von Sun Wei und Wang Jingjing. Drinnen sah es völlig anders aus als das bäuerliche Treiben draußen: Die Möbel waren schlicht, aber die Einrichtung war mit Geschmack und künstlerischem Gespür gestaltet. Wu Xiaohao ließ sich in ein bananenförmiges Sofa sinken, nahm den Kaffee entgegen, den Jingjing ihr reichte, und sagte: „Ihr habt euch ein hübsches kleines Leben eingerichtet. Peking hat nicht geklappt — aber hier kann man genauso glücklich sein." Jingjing lächelte: „So sehe ich das auch. Wir haben beschlossen, am Wochenende zum Standesamt zu gehen und nach dem Neujahrsfest die Hochzeit zu feiern."

Wu Xiaohao riss die Augen auf: „Oh? Wie kommt der plötzliche Sinneswandel?"

Sun Wei sagte: „Vor allem, weil ihre Arbeit jetzt in Ordnung ist — sie muss keine gefälschten Bücher mehr führen." Jingjing strahlte: „Heute hatte das Finanzamt eine Vollversammlung. Der Amtsleiter hat die Anweisungen von oben weitergegeben: Die acht Bestimmungen und sechs Verbote des Zentralkomitees sind strikt einzuhalten, der Unsitte des Schenkens zu den Feiertagen wird ein entschiedener Riegel vorgeschoben. Der Amtsleiter sagte: ‚Dieses Jahr wird zu den Feiertagen nicht geschenkt — wer schenkt, bekommt den Hintern versohlt.' Uns fiel ein Stein vom Herzen — so eine Erleichterung!" Wu Xiaohao sagte: „Nicht nur ihr in der Finanzverwaltung seid erleichtert — alle, die diese Unsitte verabscheuten, atmen auf. Gestern hat die Gemeindeführung in ihrer Sitzung genau darüber gesprochen: Kader dürfen weder schenken noch Geschenke annehmen." Jingjing sagte: „Dann will ich auch nicht mehr an der Prüfung teilnehmen und bleibe gern in Kaipo. Vize-Bürgermeisterin Wu, Sie müssen unbedingt zu unserer Hochzeit kommen!" Wu Xiaohao sagte: „Versprochen!"

Sie bemerkte eine Gitarre an der Wand und fragte, wer von den beiden spiele. Wang Jingjing deutete auf Sun Wei: „Er. An der Uni war er Leiter der Kultursparte der Studierendenvertretung und hat ständig Veranstaltungen organisiert."

Wu Xiaohao bat Sun Wei, etwas vorzuspielen. Ohne jede Befangenheit nahm er die Gitarre von der Wand, schlug ein Intro an und begann „Das Mädchen aus dem Blumenhaus" von Cui Jian zu singen. Diesen Rocksong hatte Wu Xiaohao während des Studiums oft von Kommilitonen gehört; jedes Mal, wenn die Zeilen erklangen „Du fragst mich, wohin ich gehe — ich zeige in Richtung Meer", war sie vor Begeisterung kaum zu halten. Als sie Sun Wei nun singen hörte, erwachte die Erinnerung. Nach dem letzten Akkord klatschte sie: „Wunderbar! Ich plane mit Stationsleiterin Guo Mo eine ‚Kaipoer Neujahrsgala', und wir haben zu wenige Programmpunkte — wie wäre es mit einem Soloauftritt von dir?"

Sun Wei nickte und spielte eine fröhliche Melodie.

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2

Wu Xiaohao und Guo Mo beschlossen, bei der „Kaipoer Neujahrsgala" das Schlagwerkstück „Jin Qiu Liang" aus dem Dorf Shiwu in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht nur in der Gemeinde, sondern auch auf Bezirks- und Stadtebene sollte es aufgeführt und in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Stadt aufgenommen werden. Dafür fuhren sie eigens noch einmal zum Duftberg. Diesmal war Wu Xiaohao mit ihrem eigenen Motorrad unterwegs. Sie hatte gemerkt, dass man auf dem Land ohne Fahrzeug nicht auskam, und im Einvernehmen mit You Haoliang ein neues gekauft.

Im Dorf Shiwu ließen sie die alten Männer zusammenrufen und Runde um Runde spielen. Wu Xiaohao ließ Guo Mo ein Video aufnehmen und bat die Alten dann zu erklären, warum das Stück „Jin Qiu Liang" — „Das Pfund rechne in Unzen" — heiße. Der Alte Blumentrommler erklärte: Früher wog man mit sechzehn Liang pro Jin, doch das Umrechnen war kompliziert — man musste Liang in Jin umwandeln. Die Alten hatten dafür ein Merkreim-System entwickelt: eins gleich null-sechs-zwei-fünf, zwei gleich eins-zwei-fünf, drei gleich eins-acht-sieben-fünf ... Irgendwann hatte jemand diese Berechnungen in Trommelrhythmen umgesetzt — das war „Jin Qiu Liang".

Guo Mo presste beide Hände auf die Brust und riss die Augen auf: „Was? Berechnungen als Trommelrhythmen? Das eine ist Mathematik, das andere Musik — wie soll das gehen?" Wu Xiaohao sagte: „Vergiss nicht — auch die Notenbezeichnungen bestehen aus Zahlen." „Diese Merkverse verstehe ich nicht, ich bin völlig verwirrt. Was heißt eins-null-sechs-zwei-fünf, und eins-zwei-fünf?" Wu Xiaohao erklärte: „Im Sechzehn-Liang-System entspricht ein Liang null Komma null sechs zwei fünf Jin, zwei Liang null Komma eins zwei fünf Jin, und so weiter."

Die alten Männer begannen erneut zu spielen und wiesen die beiden an, besonders auf die Trommelschläge zu achten. Wu Xiaohao rief auf dem Handy den Merkvers auf und hörte Schlag für Schlag mit. Tatsächlich — inmitten des lebhaften Zusammenspiels von großer Glocke, kleiner Glocke, Becken und Zimbeln verbarg die Trommel ein Geheimnis. Plötzlich schlug sie sechsmal, nach einigen Takten Pause zweimal, dann fünfmal. Sechs, zwei, fünf — damit war ein Liang ausgedrückt. Von da an verstand sie alles und rief lächelnd die Merkwerte: „Eins, zwei, fünf — zwei Liang! Eins, acht, sieben, fünf — drei Liang! ..." Bis alle fünfzehn Liang durchgezählt waren. Die alten Männer waren begeistert und markierten die Vollendung des ganzen Jin mit einem besonders schwungvollen Schlussschlag.

Wu Xiaohao seufzte bewundernd: „Weil ‚Jin Qiu Liang' darin steckt, ist diese Trommelpartitur äußerst komplex — gewöhnliche Musiker könnten das nicht spielen."

Der Alte Blumentrommler setzte die letzten Trommelschläge, dirigierte die anderen zum Schluss und deutete mit dem Schlegel auf Wu Xiaohao: „Du bist eine tüchtige Bürgermeisterin. In dreißig Jahren hat kein junger Mensch ‚Jin Qiu Liang' verstanden — du bist die Erste!"

Guo Mo schüttelte ungläubig den Kopf: „Ich habe nichts verstanden — Vize-Bürgermeisterin, ich ziehe den Hut! Aber warum haben unsere Vorfahren ein Jin auf sechzehn Liang festgelegt? Wie umständlich!"

Wu Xiaohao hatte in ihrem Geschichtsstudium darüber gelesen und erklärte: In der Vor-Qin-Zeit hatten die Alten nach dem Hebelprinzip die Holzbalkenwaage erfunden. Die sieben Sterne des Großen Bären und die sechs Sterne des Südlichen Scheffels ergaben zusammen dreizehn — entsprechend dreizehn Liang pro Jin, und jede Markierung auf der Waage hieß „Stern". Nach der Reichseinigung fügte Kaiser Qin Shihuang die drei irdischen Sterne „Glück, Wohlstand und Langes Leben" hinzu. So ergaben Himmel und Erde zusammen sechzehn Sterne, und sechzehn Liang wurden als ein Jin festgesetzt. Per kaiserlichem Erlass durfte bei keinem Handel zu wenig gewogen werden — wer ein Liang unterschlug, verlor einen Stern und büßte Glück und Lebensjahre ein.

Der Alte Blumentrommler sagte: „Genau. Die Alten haben zwei Sprüche hinterlassen: ‚Wer auf der Waage betrügt, dem widerfährt kein Gutes. Wer gerecht wiegt und voll misst, ist ein guter Mensch!'"

Guo Mo klopfte auf die große Trommel: „Herrje, in ‚Jin Qiu Liang' steckt ja eine ganze Welt an Kultur — wir müssen das sofort als Kulturerbe anmelden!"

Zurück in Kaipo, setzte sich Wu Xiaohao sogleich an den Computer und verfasste den Antrag auf Aufnahme ins immaterielle Kulturerbe. Nach gründlicher Recherche war sie überzeugt, dass „Jin Qiu Liang" ein einzigartiges Kulturgut war. Zudem war es genau am Ort der „Verbliebenen Schönheit vom Duftberg" entdeckt worden — ein Beleg für das reiche kulturelle Erbe dieses Bergdorfes. Konfuzius hatte gesagt: „Wenn die Riten verloren gehen, suche man sie auf dem Lande" — wie wahr.

Plötzlich packte sie der Schreibdrang. In zwei Abenden verfasste sie einen Aufsatz mit dem Titel „Trommeln und Gongs erklingen: ‚Jin Qiu Liang'" unter dem Namen „Wu Xiaohao & Guo Mo". Als Guo Mo ihn las, klopfte sie sich wieder und wieder aufs Herz: „Ich bin so aufgeregt! Ich wollte immer eine Veröffentlichung, um die mittlere Gehaltsstufe zu erreichen und mehr Lohn zu bekommen, aber ich kann nicht schreiben — dieser Aufsatz hilft mir enorm!"

Noch am selben Tag schickte Wu Xiaohao den Artikel per E-Mail an eine Provinzzeitung.

Am sechsundzwanzigsten Tag des Mondmonats war Markttag in Kaipo. Weil es der letzte Markt vor dem Neujahrsfest war, kamen besonders viele Besucher. Wu Xiaohao und Guo Mo erstatteten Sekretär Zhou Bericht und legten die Neujahrsgala auf diesen Tag.

Am Morgen kam Wang Jingjing zu Wu Xiaohao und brachte eine Plastiktüte mit: Die Nachbarn hätten ihr Rind geschlachtet und wollten heute auf dem Markt Fleisch verkaufen; sie habe gleich etwas mitgekauft, damit Wu Xiaohao es über die Feiertage mit nach Hause nehmen könne. Wu Xiaohao starrte die Tüte an und fragte: „Meinst du das Rind aus dem Bauernhochhaus — den ‚Bruder Niu', der immer den Kopf rausstreckte und in die Berge schaute?" Wang Jingjing sagte: „Ja. Der alte Nachbar hat das Rind großgezogen und konnte es nicht die Treppe hinunterführen, also hat er es oben schlachten lassen. Frühmorgens gab es einen Riesenlärm; wir gingen hinüber, und weil es gerade passte, kauften wir zehn Kilo." Wu Xiaohao wehrte hastig ab: „Ich will das nicht — dieses Fleisch bringe ich nicht runter! Nimm es zurück!" Wang Jingjing sagte: „Warum nicht? Ein Rind wird doch großgezogen, damit man es schlachtet und isst." „Aber ich kann kein Fleisch von ‚Bruder Niu' essen — nimm es schnell weg!" Als Wang Jingjing ihre Entschlossenheit sah, schnalzte sie mit der Zunge und ging mit dem Fleisch davon.

Die „Kaipoer Neujahrsgala" fand auf dem kleinen Platz vor dem Verwaltungsgebäude statt. Obwohl Nordwind blies und Schneeflocken wirbelten, stand das Publikum dichtgedrängt — vor allem junge Leute, denn die meisten Wanderarbeiter waren zum Neujahrsfest heimgekehrt. Als die Gemeindeführung in der ersten Reihe Platz genommen hatte, moderierte Guo Mo in leicht küstendialektgefärbtem Hochchinesisch an und bat Sekretär Zhou Bin auf die Bühne. Der Sekretär legte seine Daunenjacke ab, trat im Anzug vor das Mikrofon, zog Bilanz über Kaipos Erfolge im Jahr 2012 und rief die Kader und Einwohner auf, den Geist des 18. Parteitags zu studieren und umzusetzen.

Die Vorstellung begann — als erster Programmpunkt „Jin Qiu Liang" aus dem Dorf Shiwu. Die alten Männer trugen die leuchtend gelben Kostüme, die Guo Mo aus dem Kulturetat hatte anfertigen lassen, und trommelten mit Begeisterung — das Publikum war augenblicklich Feuer und Flamme. Es folgten Beiträge aus verschiedenen Dörfern und von der Gemeindeverwaltung. Sun Weis Gitarrenauftritt mit „Das Mädchen aus dem Blumenhaus" und das Solo „Der Sohn geht tausend Meilen" von Lehrer Yan Sen, dem Musiklehrer der Mittelschule Kaipo, ernteten tosenden Applaus. Wu Xiaohao erfuhr vom Propagandabeauftragten Qi nebenan, dass Lehrer Yan Guo Mos Ehemann sei. Sie bemerkte, dass der beleibte Musiklehrer gut zehn Jahre älter war als Guo Mo.

Guo Mo trat wieder auf die Bühne, wechselte grinsend in den Dialekt und moderierte: „Ihr wisst ja alle, ich bin aus Qianwan-Dorf Zwei. Früher gingen unsere Männer fischen, und die Frauen sammelten Muscheln, flickten Netze, kochten, bedienten die Männer — so beschäftigt, dass sie sich nicht mal die Haare kämmen konnten. Heutzutage fahren die Männer aufs Meer und kommen tagelang nicht zurück — was machen die Frauen? Wenn sie nicht die Alten versorgen und die Kinder hüten, spielen sie Karten oder gehen bummeln. Kartenspielen kostet Geld, Bummeln und Klamotten und Leckereien kaufen auch — die Männer nennen sie deshalb ‚verschwenderische Weiber'. Ein paar dieser Weiber haben sich beraten: Lasst uns nicht nur Karten spielen und bummeln, machen wir was Feines! Also kamen sie zusammen zum Tanzen und Singen und gründeten die ‚Verschwenderische-Weiber-Gesangs-und-Tanzgruppe'. Sollen sie auftreten?"

Das Publikum johlte: „Ja!"

Zwölf junge Frauen erschienen — bunt gekleidet in Rot und Grün, tanzten und sangen. Ihr Gesang war durchschnittlich, aber ihre Tanzschritte sprühten vor Energie und zeigten die ungebändigte Lebensfreude der Fischerfrauen. Von der Gemeindeführung bis zum einfachen Zuschauer — alle waren mitgerissen. Zhou Bin reckte Wu Xiaohao den Daumen entgegen: „Dieser Auftritt ist fantastisch!" Wu Xiaohao sagte: „Das sind alles Guo Mos Verwandte aus dem Heimatdorf — Schwägerinnen und Cousinen. Guo Mo hat sie persönlich trainiert." Zhou Bin nickte anerkennend: „Hm, die kleine Guo hat durchaus Talent."

Nach einem Chorauftritt einiger junger Mitarbeiterinnen des Familienplanungsbüros mit „Unser Leben ist voller Sonnenschein" sang Guo Mo ein Solo — „Ich hab dir einen Schlüssel machen lassen" von Liu Ruoying. Ihre Stimme war süß und kam dem Original erstaunlich nahe. Wu Xiaohao dachte: Guo Mos Figur, ihre goldene Stimme — die Natur hat es wirklich gut mit ihr gemeint.

Am Nachmittag bat Wu Xiaohao den Leiter des Sicherheitsbüros Li Yanmi in ihr Büro, um die Sicherheitskontrollen über die Feiertage zu besprechen. Doch Sekretär Zhou rief an und bat sie zu sich. Sie bat Li Yanmi zu warten und ging zum Büro des Sekretärs am östlichen Ende des zweiten Stocks. „Sekretär, was kann ich für Sie tun?"

Zhou Bin blickte ernst und reichte ihr sein Handy: „Vize-Bürgermeisterin Wu, Sie sind für die Kulturstation zuständig. Sehen Sie sich an, was die kleine Guo mir da geschrieben hat — was soll das bedeuten?"

Wu Xiaohao las auf dem Display ein paar Zeilen, wie Verse angeordnet, ohne Satzzeichen:

Heute in festlichem Kleid auf der Bühne

Singe ich, was mein Herz fühlt

Nur für den Sekretär allein

Ob Sie es wohl verstehen

Wu Xiaohao schüttelte den Kopf: „Diese Guo Mo, ach! Sekretär, soll ich mit ihr sprechen?"

Der Sekretär sagte: „Nicht nötig — Hauptsache, Sie wissen Bescheid."

Als sie aus seinem Büro trat, dachte Wu Xiaohao bei sich: Sekretär, Sekretär — dein Ruf als „Teflonpfanne" ist wahrhaftig verdient.

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3

Weil Wu Xiaohao über die Feiertage Bereitschaftsdienst hatte und nicht zu den Schwiegereltern fahren konnte, vereinbarte sie mit You Haoliang, am achtundzwanzigsten Tag des Mondmonats nach Pingchou zu fahren, um beide Elternpaare zu besuchen. An jenem Vormittag holte You Haoliang mit Diandian Wu Xiaohao in Kaipo ab. Zuerst zu Diandians Großeltern mütterlicherseits, dann zu den Großeltern väterlicherseits — dort Mittagessen, dann zurück. Am Silvesterabend würde You Haoliang mit Diandian in Pingchou feiern.

Wu Xiaohao hatte gehört, dass die Gemeindeverwaltung in früheren Jahren den Kadern Neujahrsgeschenke ausgegeben hatte — Schnaps, Fisch und dergleichen. Doch dieses Jahr waren wegen der acht Bestimmungen und sechs Verbote sämtliche Geschenke gestrichen worden. Sie rief You Haoliang an und bat ihn, ein paar Kisten Schnaps zu kaufen; sie selbst würde in Kaipo Fisch besorgen. Auf dem Markt kaufte sie drei Kisten Makrelen, drei Kisten Degenfisch und drei Kisten Quallen — als Geschenke für die Schwiegereltern, ihre eigenen Eltern und die älteste Schwester.

Um neun Uhr kam You Haoliang mit dem Familien-Golf — noch zu siebzig Prozent wie neu — und Diandian am Gemeindegebäude an. Wu Xiaohao stellte den Wagen vor ihrer Unterkunft ab und begann, die Geschenke einzuladen. You Haoliang warf einen Blick in ihr Zimmer und sagte verächtlich: „Du hast dich aufgerieben, um hier unten ‚Beamtin' zu spielen — und das alles für dieses Loch und dieses klapprige Bett?" Diandian stimmte ein: „Wirklich unmöglich — nicht mal ein Sofa!" Wu Xiaohao tätschelte den Scheitel ihrer Tochter: „Schätzchen, man kommt nicht auf die Welt, um es sich nur bequem zu machen."

Zu dritt trugen sie die Sachen zum Auto. Wu Xiaohao entdeckte im Kofferraum einen prallgefüllten Sack und fragte, was darin sei. Diandian sagte: „Böller — ein Geschenk von jemandem. Papa sagt, die bringen wir heute Opa, damit er sich freut." Wu Xiaohao wurde sofort misstrauisch und fragte You Haoliang, von wem die stammten. You Haoliang sagte: „Von Direktor Li." Diandian ergänzte: „Und eine Karte war auch dabei!" Wu Xiaohao wurde wütend: „You Yanzhu, du hast wirklich keine Augen im Kopf! Wie kannst du so etwas annehmen?" You Haoliang kniff die Augen zusammen und grinste: „Ach komm, das ist doch ganz normal." Wu Xiaohao sagte: „Überhaupt nicht normal! Ich bin für Sicherheit zuständig — wenn mir ein Böllerhersteller Geschenke macht, ist das, als legte er mir eine Bombe vor die Tür!" Sie zerrte den Sack aus dem Kofferraum und verlangte die Karte. You Haoliang weigerte sich und setzte sich ins Auto. Wu Xiaohao streckte wütend die Hand aus: „Gib her! Sofort!" You Haoliang zog die Karte aus der Brusttasche und warf sie ihr vor die Füße.

Wu Xiaohao hob sie auf — eine Einkaufskarte des Kaufhauses „Goldener Thron", aufgeladen mit zweitausend Yuan. Sie rief sofort Li Yanmi an und bat ihn herunterzukommen. Das Sicherheitsbüro lag im Gebäude nebenan; Li Yanmi erschien, sah Wu Xiaohao und lachte verlegen: „Vor ein paar Tagen habe ich bei einer Kontrolle illegaler Böllerwerkstätten einige Böller konfisziert. Ein Sack davon — zum Neujahrsknallen." Wu Xiaohao sagte: „Konfiszierte Böller gehören vernichtet — wie kannst du sie verschenken?" Li Yanmi strich sich den gelben Bart: „Vernichten wäre doch schade ..." Wu Xiaohao fuhr ihn scharf an: „Du willst mich vernichten! Die acht Bestimmungen und sechs Verbote hast du auch gelernt — wie kannst du sie so unterlaufen? Nicht nur gefälschte Quittungen — du verschenkst auch Karten, das ist noch ernster!" Sie drückte ihm die Einkaufskarte in die Hand. Li Yanmi lächelte peinlich berührt, steckte die Karte ein und ging.

Auf der Autobahn nach Pingchou schwieg You Haoliang, die Hände am Steuer; Wu Xiaohao kochte immer noch vor Wut. Diandian lehnte sich auf dem Rücksitz zurück, spitzte die Lippen und sagte: „Ich glaube, in unserem Auto sind noch Böller — gleich explodieren sie! Bumm! Bumm! Bumm! ..." Dabei riss sie die Hände auseinander und mimte Explosionen. Wu Xiaohao musste trotz allem schmunzeln, nahm ihre Tochter in den Arm und sagte: „Diandian, heute zu Hause bitte höflich sein — die Großeltern anständig begrüßen." Diandian rief laut: „Yes!" Dann klopfte sie ihrem Vater auf die Schulter: „You Yanzhu, You Yanzhu." You Haoliang zuckte die Schulter: „Was ist?" Diandian sagte: „Du bist doch ein Älterer — ich begrüße dich!" Dann hielt sie sich kichernd den Mund zu.

An der Ausfahrt Pingchou verließen sie die Autobahn. Nach weiteren zehn Kilometern erreichten sie das Dorf Wujiazhuang. Die Straße war gesäumt von bunten Marktständen, vor jedem eine Menschentraube. In Wujiazhuang war am dritten und achten Tag des Monats Markttag — heute, der achtundzwanzigste, war der lebhafteste Neujahrsmarkt. Wu Xiaohao erinnerte sich an die Neujahrsmärkte ihrer Kindheit: Kein Geld in der Tasche, aber aufgeregt wie nur was — allein die Menschen und Waren anzuschauen hatte sich angefühlt wie ein Gewinn. Sie sagte zu Diandian: „Wir steigen aus und gehen zu Fuß durch den Markt zu Omas Haus." Sie bat You Haoliang, langsam zu fahren und die Stände nicht anzufahren.

Kaum war Wu Xiaohao ausgestiegen, lief sie Chutou über den Weg. Er stand mit seinem kleinen Sohn vor einem Fischstand; der Junge hielt eine Spielzeugschlange in der Hand, die sich täuschend echt hin und her wand. Wu Xiaohao rief: „Chutou!" Chutou sah sie, ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht — doch als er You Haoliang im Auto erblickte, drehte er sich wortlos um, zog seinen Sohn mit sich und spuckte verächtlich: „Pah!"

Wu Xiaohao war verblüfft. Sie hatte You Haoliang doch gebeten, Chutous Fisch zu verkaufen — war das nicht erledigt? War er unzufrieden?

Sie sah Chutous Rücken verschwinden, erkundigte sich am Stand nach den Fischpreisen: Degenfisch sieben Yuan pro Jin, Makrele neun Yuan. Sie fragte sich, zu welchem Preis You Haoliang Chutous Fisch wohl verkauft hatte.

Plötzlich rief Diandian „Oma!" und lief los — ihre Mutter stand am Straßenrand. Beim Anblick der heranstürmenden Enkelin beugte sich die alte Frau vor, streckte die Arme aus, das Gesicht weit aufgerissen vor Freude, als finge sie einen Schatz, der vom Himmel fiel. Wu Xiaohao war zuletzt am Mondfest zu Hause gewesen; jetzt bemerkte sie, dass ihre Mutter noch mehr weiße Haare und zwei Zähne weniger hatte. Sie trat heran und sagte „Mama". Die Mutter, mit einem Arm Diandian umschlungen, griff mit der anderen Hand nach der Tochter: „Ich warte hier seit dem Morgen auf euch. Ach — wo ist Diandians Vater?" Diandian deutete nach hinten: „Papa kommt."

You Haoliangs Auto steckte in der Menschenmenge fest; Diandian rannte hin. Wu Xiaohao schaute sich auf dem Markt um und sagte: „Mama, eben bin ich Chutou begegnet — er hat mich nicht beachtet, er scheint wütend auf mich zu sein. Was ist passiert?" Das Gesicht der Mutter verfinsterte sich; sie senkte die Stimme: „Du hast ihn dir zum Feind gemacht. Im ganzen Dorf redet er schlecht über dich — du seist Beamtin geworden und erkennest deinen Neffen nicht mehr an." Wu Xiaohao erschrak: „Warum sagt er das?" Die Mutter sagte: „Du hast ihm beim Fischverkauf geholfen — der Fisch war acht, neun Yuan das Pfund wert. Diandians Vater hat den Fisch genommen und ihm hinterher nur drei Yuan pro Pfund gegeben. Wie kann Diandians Vater einen Verwandten so behandeln? Der Junge hat Haus und Familie verlassen, um dieses lebensgefährliche Fischerhandwerk zu betreiben, und dann schält ihm dein Mann auch noch das Fell ab — was soll das?" Als Wu Xiaohao das hörte, schwoll ihr der Kopf, und sie fluchte innerlich: Dieser You Yanzhu steckt wirklich so tief im Geldsack, dass er die eigene Verwandtschaft vergisst.

Chutou war nirgends mehr zu sehen. Sie schickte ihm eine Textnachricht: „Chutou, es tut mir leid. Eben habe ich von meiner Mutter erfahren, dass dein Schwager dir viel zu wenig für den Fisch gezahlt hat. Ich werde den Unterschied ausgleichen. Frohes Neujahr!"

You Haoliang kam mit dem Auto angefahren. Die Schwiegermutter lächelte ihn demütig an: „Diandians Vater ist da?" You Haoliang antwortete nicht, lächelte nur mit zusammengekniffenen Augen und fuhr in die Hintergasse. Wu Xiaohaos Wut wurde noch größer. Dieser You Yanzhu — wirklich ohne Augen. Die Allüren des „Beamtensohnes" war er nie losgeworden. In all den Ehejahren hatte er den Schwiegereltern gegenüber stets eine hochnäsige Haltung an den Tag gelegt und sie nie „Vater" oder „Mutter" genannt.

Vor dem verfallenen Hof der Familie Wu lud You Haoliang den Kofferraum aus. Der Schwiegervater stand da, die von der Fabrikarbeit ruinierten Arme angewinkelt, und murmelte: „Ach, schon dass ihr vorbeischaut, reicht doch — und dann noch so viel mitbringen, viel zu viel!" Diandian rief „Opa!" Der Großvater antwortete, fischte mühsam einen Hundert-Yuan-Schein aus der Tasche und sagte mit einschmeichelndem Lächeln: „Diandian, Opa gibt dir Glücksgeld fürs neue Jahr!" Diandian nahm es und verbeugte sich zum Dank.

Drinnen angekommen, begann die Schwiegermutter, Wasser einzuschenken. You Haoliang sagte: „Lass gut sein, wir müssen gleich weiter — Diandians andere Oma hat schon das Essen fertig." Wu Xiaohao hätte gern noch ein wenig bei ihren Eltern gesessen, aber es war bereits elf Uhr. Sie sagte, sie müsse noch ihre Schwester besuchen. Die Mutter sagte: „Geh ruhig — deiner Schwester geht es nicht gut." Wu Xiaohao fragte alarmiert: „Was ist mit ihr?" Die Mutter sagte: „Dein Schwager ist weggelaufen." Wu Xiaohao wurde noch besorgter: „Weggelaufen? Warum?" Die Mutter schien sich nicht zu trauen, es auszusprechen, und sah furchtsam zum Vater. Der aber riss die Augen auf und brüllte: „Soll er laufen! Die Familie Wu braucht den nicht!" Diandian hielt sich die Wangen und guckte mit großen Augen: „Wie gruselig!" Wu Xiaohao sagte zu ihrem Mann: „Bring Diandian erst mal raus."

Als die beiden draußen waren, fragte Wu Xiaohao, was passiert sei. Die Mutter sagte: „Dein Vater ist schuld, der alte Dickschädel — er besteht darauf, dass dein Schwager den Namen ändern muss." Unter Tränen erzählte sie die Vorgeschichte: In diesem Winter hatten ein paar gebildete Alte im Dorf die Wu-Familienchronik weitergeführt. Der Vater bestand darauf, dass sein Schwiegersohn Chen Weizhong den Namen in Wu Weizhong ändern müsse, damit er Nachkommen in der Chronik habe. Chen Weizhong weigerte sich, lief zu seiner Familie zurück und kam auch zum Neujahrsfest nicht wieder.

Wu Xiaohao warf ihrem Vater zornige Blicke zu. Damals hatten ihre Eltern nach drei Töchtern unbedingt einen Sohn gewollt, waren jahrelang als „Übergebärende Guerillakämpfer" unterwegs gewesen und hatten doch nur zwei weitere Mädchen bekommen. Der Vater war zutiefst frustriert gewesen und hatte den Kindern die Namen Kleines Gras, Kleiner Beifuß, Kleine Lotos, Kleiner Farn und Kleiner Wermut gegeben — bei ihrem Anblick wurde er wütend und schimpfte, trat sie weg oder packte sie am Arm und schleuderte sie beiseite. Ohne Sohn hatte er sich einen Einheiratsschwiegersohn nehmen müssen. Vor zehn Jahren war über eine Vermittlung Chen Weizhong aus dem dreißig Kilometer entfernten Berggebiet gekommen und hatte die älteste Schwester Xiaocao geheiratet. Man hatte vereinbart, dass Chen Weizhong nach der Heirat nicht den Namen ändern müsse, solange die Kinder den Namen Wu trügen. Doch die älteste Schwester hatte zwei Töchter und keinen Sohn bekommen.

Da erschien plötzlich die älteste Schwester. Sie rief „Xiaohao!" und warf sich dem Vater kniend zu Füßen: „Vater, hab Erbarmen mit deiner Tochter — lass mich nicht zur Witwe werden! Heute ist der achtundzwanzigste, Neujahrsmarkt, und Chen Weizhong ist immer noch nicht zurück! Heute Morgen habe ich mich überwunden und ihn persönlich gebeten — er hat gesagt, wenn er den Namen ändern muss, kommt er nie wieder ins Dorf Wu."

Der Vater zitterte am ganzen Leib: „Wenn er den Namen nicht ändert, bin ich der Letzte meines Stammes! In der Familienchronik stehen wir seit Generationen — und bei mir reißt der Faden ab! Was für eine Schande! Ich habe ihm meine Tochter gegeben — kann er da nicht ein bisschen Mitleid mit mir haben?"

Wu Xiaohao half ihrer Schwester auf und fragte den Vater: „Wird diese Chronik wieder wie früher geführt — nur die Männer, keine Frauen?"

Der Vater sagte: „Ja! Fünf Töchter — und alle zählen nicht, eine glatte Null!"

Bei diesen Worten schnürte es Wu Xiaohao das Herz zusammen. Sie fragte, wer die Chronik bearbeite. Der Vater nannte Wu Jiaxuan. Wu Xiaohao sagte: „Ich rede mit ihm. In unserer Zeit wird überall reformiert — da müssen auch die Regeln der Familienchronik geändert werden. Andernorts nehmen sie längst auch Frauen auf — dann hättest du doch Nachkommen!" Der Vater sagte: „Dann geh schnell zu ihm! Wenn es beim Alten bleibt, trinke ich Gift — diese Schande ertrage ich nicht!"

Wu Xiaohao bat ihre Schwester, sie hinzuführen. Wu Jiaxuan, über achtzig, hatte einst die private Dorfschule besucht, war lange Dorfbuchhalter gewesen und trank gern. Also kaufte sie im kleinen Laden eine Kiste guten Schnaps und trug sie unter dem Arm mit. Im Haus des Alten sagte sie herzlich „Urgroßvater" und erklärte, sie komme zum Neujahrsfest zu Besuch. Wu Jiaxuan beäugte die Schnapskiste, strich seinen schneeweißen Ziegenbart und sagte: „Die große Bürgermeisterin bringt mir Schnaps — das ist ja allerhand!" Wu Xiaohao flüsterte ihrer Schwester zu: „Woher weiß er, dass ich Bürgermeisterin bin?" Xiaocao sagte: „Seit Herbst erzählt Vater es jedem — das ganze Dorf weiß es." Wu Xiaohaos Herz wurde warm: Dass Vater stolz auf mich ist, war immer mein Traum — und er hat sich anscheinend erfüllt. Er sieht seine Tochter nicht mehr als Unkraut.

Sie setzten sich, und Wu Xiaohao sprach den Alten auf den weggelaufenen Schwager an; Xiaocao stand daneben mit Tränen in den Augen. Der Alte sagte: „Wie kann er einfach weglaufen? Früher mussten Einheiratsschwiegersöhne den Namen ändern — das war der Sinn der Sache." Wu Xiaohao sagte: „Das war früher. Heute haben viele Orte die Chronik-Regeln reformiert und nehmen auch Frauen auf. Zum Beispiel: Wenn eine Familie mehrere Töchter hat, werden nicht nur ihre Namen eingetragen, sondern auch, wen sie geheiratet haben. Dann würde mein Vater nicht mehr das Gefühl haben, ohne Nachkommen zu sein, und müsste meinen Schwager nicht zum Namenswechsel zwingen." Wu Jiaxuan dachte einen Moment nach und nickte: „Von diesem Verfahren habe ich auch gehört, aber ich dachte immer, die Regeln der Ahnen dürfe man nicht ändern. Wenn du sagst, es sei gut ... nun, unsere Familie Wu hat noch nie jemanden gehabt, der Bürgermeister war."

Kaum waren sie aus dem Haus des Alten getreten, rief Xiaocao sofort ihren Mann an: „Du brauchst den Namen nicht zu ändern — komm schnell zurück!" Dann gab sie das Handy der Schwester. Wu Xiaohao sagte zu Chen Weizhong, sie habe den alten Wu Jiaxuan überzeugt — künftig würden Männer und Frauen gleichermaßen in die Familienchronik aufgenommen. Chen Weizhong sagte am Telefon: „Gut, dann komme ich heute Nachmittag nach Hause."

Nach dem Gespräch umarmte Xiaocao ihre kleine Schwester und weinte: „Xiaohao, du hast deine große Schwester gerettet ..."