Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de/Chapter 70"
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| − | ! style="width:50%" | 中文原文 ( | + | ! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982) |
| − | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung | + | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
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一時丫鬟們又拿了許多各式各樣的送飯的來,頑了一回。紫鵑笑道:「這一回的勁大,姑娘來放罷。」黛玉聽說,用手帕墊著手,頓了一頓,果然風緊力大,接過籰子來,隨著風箏的勢將籰子一松,只聽一陣豁刺刺響,登時籰子線盡。黛玉因讓眾人來放。眾人都笑道:「各人都有,你先請罷。」黛玉笑道:「這一放雖有趣,只是不忍。」李紈道:「放風箏圖的是這一樂,所以又說放晦氣,你更該多放些,把你這病根兒都帶了去就好了。」紫鵑笑道:「我們姑娘越發小氣了。那一年不放幾個子,今忽然又心疼了。姑娘不放,等我放。」說著便向雪雁手中接過一把西洋小銀剪子來,齊籰子根下寸絲不留,咯登一聲鉸斷,笑道:「這一去把病根兒可都帶了去了。」那風箏飄飄搖搖,只管往後退了去,一時只有雞蛋大小,展眼只剩了一點黑星,再展眼便不見了。眾人皆仰面睃眼說:「有趣,有趣。」寶玉道: 「可惜不知落在那裡去了。若落在有人煙處,被小孩子得了還好,若落在荒郊野外無人煙處,我替他寂寞。想起來把我這個放去,教他兩個作伴兒罷。」於是也用剪子剪斷,照先放去。探春正要剪自己的鳳凰,見天上也有一個鳳凰,因道:「這也不知是誰家的。」眾人皆笑說:「且別剪你的,看他倒象要來絞的樣兒。」說著,只見那鳳凰漸逼近來,遂與這鳳凰絞在一處。眾人方要往下收線,那一家也要收線,正不開交,又見一個門扇大的玲瓏喜字帶響鞭,在半天如鐘鳴一般,也逼近來。眾人笑道:「這一個也來絞了。且別收,讓他三個絞在一處倒有趣呢。」說著,那喜字果然與這兩個鳳凰絞在一處。三下齊收亂頓,誰知線都斷了,那三個風箏飄飄搖搖都去了。眾人拍手哄然一笑,說:「倒有趣,可不知那喜字是誰家的,忒促狹了些。」黛玉說:「我的風箏也放去了,我也乏了,我也要歇歇去了。」寶釵說: 「且等我們放了去,大家好散。」說著,看姊妹都放去了,大家方散。黛玉回房歪著養乏。要知端的,下回便見。 | 一時丫鬟們又拿了許多各式各樣的送飯的來,頑了一回。紫鵑笑道:「這一回的勁大,姑娘來放罷。」黛玉聽說,用手帕墊著手,頓了一頓,果然風緊力大,接過籰子來,隨著風箏的勢將籰子一松,只聽一陣豁刺刺響,登時籰子線盡。黛玉因讓眾人來放。眾人都笑道:「各人都有,你先請罷。」黛玉笑道:「這一放雖有趣,只是不忍。」李紈道:「放風箏圖的是這一樂,所以又說放晦氣,你更該多放些,把你這病根兒都帶了去就好了。」紫鵑笑道:「我們姑娘越發小氣了。那一年不放幾個子,今忽然又心疼了。姑娘不放,等我放。」說著便向雪雁手中接過一把西洋小銀剪子來,齊籰子根下寸絲不留,咯登一聲鉸斷,笑道:「這一去把病根兒可都帶了去了。」那風箏飄飄搖搖,只管往後退了去,一時只有雞蛋大小,展眼只剩了一點黑星,再展眼便不見了。眾人皆仰面睃眼說:「有趣,有趣。」寶玉道: 「可惜不知落在那裡去了。若落在有人煙處,被小孩子得了還好,若落在荒郊野外無人煙處,我替他寂寞。想起來把我這個放去,教他兩個作伴兒罷。」於是也用剪子剪斷,照先放去。探春正要剪自己的鳳凰,見天上也有一個鳳凰,因道:「這也不知是誰家的。」眾人皆笑說:「且別剪你的,看他倒象要來絞的樣兒。」說著,只見那鳳凰漸逼近來,遂與這鳳凰絞在一處。眾人方要往下收線,那一家也要收線,正不開交,又見一個門扇大的玲瓏喜字帶響鞭,在半天如鐘鳴一般,也逼近來。眾人笑道:「這一個也來絞了。且別收,讓他三個絞在一處倒有趣呢。」說著,那喜字果然與這兩個鳳凰絞在一處。三下齊收亂頓,誰知線都斷了,那三個風箏飄飄搖搖都去了。眾人拍手哄然一笑,說:「倒有趣,可不知那喜字是誰家的,忒促狹了些。」黛玉說:「我的風箏也放去了,我也乏了,我也要歇歇去了。」寶釵說: 「且等我們放了去,大家好散。」說著,看姊妹都放去了,大家方散。黛玉回房歪著養乏。要知端的,下回便見。 | ||
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| − | + | Kapitel 70 | |
| − | Der Drachen taumelte | + | 林黛玉重建桃花社 / 史湘云偶填柳絮词 |
| − | + | Kajaljade gründet die Pfirsichblüten-Dichtgesellschaft neu; Xiangfluss-Wolke dichtet ein Weidenkätzchen-Lied | |
| − | Gerade wollte | + | |
| − | + | Es wird erzählt, dass Kette Kaufmann<ref>Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, zweiter Sohn von Begnadigung Kaufmann.</ref> sich sieben Tage und Nächte lang im Birnenblütenhof aufhielt, wo Mönche und Taoisten ununterbrochen buddhistische Zeremonien abhielten. Dann rief ihn die Herzoginmutter<ref>Herzoginmutter: Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die alte Matriarchin des Kaufmann-Hauses.</ref> zu sich und ordnete an, die Verstorbene solle auf keinen Fall im Familientempel beigesetzt werden. Kette Kaufmann hatte keine Wahl und musste sich erneut mit dem Mönch Shijue besprechen. Man wählte einen Grabplatz oberhalb der Grablege von Dritter Schwester You und ließ die Erde aufbrechen, um die Tote zu bestatten. Am Tag der Beisetzung erschienen lediglich einige Sippenmitglieder, das Ehepaar König Xin sowie Dame Sonders mit ihrer Schwiegertochter. Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, die gewiefte Ehefrau von Kette Kaufmann.</ref> kümmerte sich um nichts und ließ ihn alles selbst erledigen. | |
| − | + | ||
| − | + | Da überdies das Jahresende nahte und sich die verschiedensten Angelegenheiten wie Igelstacheln häuften, kam auch noch Lin Zhixiao mit einer Namensliste herein. Es waren insgesamt acht unverheiratete junge Burschen von fünfundzwanzig Jahren, die heiraten und einen eigenen Haushalt gründen sollten, und man wartete darauf, dass drinnen die zur Entlassung anstehenden Mägde für die Zuordnung bestimmt würden. | |
| − | Alle klatschten in die Hände und lachten | + | |
| − | „Meinen Drachen habe ich fliegen lassen, müde | + | Phönixglanz las die Liste durch und ging zuerst zur Herzoginmutter und Dame König<ref>Dame König: Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, Ehefrau von Aufrecht Kaufmann.</ref>, um nachzufragen. Man beriet gemeinsam, und obwohl es einige gab, die eigentlich zugeteilt werden sollten, hatte jede einen besonderen Grund dagegen: Als Erste hatte Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, die treue Leibmagd der Herzoginmutter.</ref> geschworen, nicht zu gehen. Seit jenem Tag hatte sie kein Wort mehr mit Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, der Hauptheld des Romans.</ref> gewechselt und trug weder prächtigen Schmuck noch aufwendige Kleidung. Als alle sahen, wie fest ihr Entschluss war, mochte niemand sie drängen. |
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| − | + | Als Zweite war Bernstein [琥珀] krank und kam diesmal nicht in Frage. Farbwölkchen hatte sich kürzlich mit Unheil Kaufmann überworfen und litt ebenfalls an einer unheilbaren Krankheit. Nur die gröberen Hauptmägde aus Phönixglanz' und Seidenweiß Pflaumes [李纨] Haushalten wurden entlassen, alle übrigen waren noch zu jung. Man befahl den jungen Burschen, sich draußen selbst Frauen zu suchen. | |
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| − | + | Nun hatte sich in der vergangenen Zeit, da Phönixglanz krank gewesen war und Seidenweiß Pflaume sowie Erkundefrühling die Haushaltsführung übernommen hatten und keine freie Minute fanden, und da dann Neujahr und die Festtage folgten und unzählige Dinge zu erledigen waren, die Dichtgesellschaft einfach aufgelöst. Jetzt war es zwar Mitte des Frühlings, und man hätte Zeit gehabt, doch Schatzjade war wegen Liuxiangliáns kaltem Verschwinden, wegen Dritter Schwester Yous Selbstentleibung mit dem Schwert, wegen Zweiter Schwester Yous Goldtod und wegen Liuwuers Erkrankung — ein Kummer folgte dem anderen, und müßige Sorgen und grundloser Groll türmten sich ohne Unterlass — so durcheinander geraten, dass sein Ausdruck wie benommen wirkte, seine Worte oft verwirrt waren und er an einer Art Geistesverwirrung zu leiden schien. Dufthauch [袭人] und die anderen erschraken so sehr, dass sie es nicht wagten, der Herzoginmutter davon zu berichten, und ihn stattdessen auf hunderterlei Weise zum Spielen und Lachen zu bewegen suchten. | |
| − | + | ||
| + | An diesem Morgen war er gerade aufgewacht, als er aus dem Vorzimmer unablässiges kicherndes und gackerndes Gelächter hörte. Dufthauch sagte lachend: „Geh schnell hinaus und rette sie! Heitermuster [晴雯] und Moschusmond [麝月] haben Xiongnu [芳官/雄奴] gepackt und kitzeln ihn durch!" Als Schatzjade das hörte, warf er rasch seinen graugehäuteten Pelzmantel über und ging hinaus, um nachzusehen. Er sah die drei: Die Bettdecken waren noch nicht zusammengelegt, die Oberkleider noch nicht angezogen. Heitermuster trug nur ein kleines, lauchgrünes Jäckchen aus schimmernder Seide, ein rotes Unterhemd und rote Pantoffeln, das Haar offen hängend, und saß rittlings auf Xiongnu. Moschusmond hatte ein rotes Brustband aus Seide an und war in ein altes Gewand gehüllt und kitzelte Xiongnu unter den Rippen. Xiongnu lag auf dem Kang, trug ein enganliegendes Jäckchen mit Blumenmuster, rote Hosen und grüne Strümpfe und strampelte mit beiden Füßen, vor Lachen kaum noch Luft bekommend. | ||
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| + | Schatzjade eilte lachend herbei und rief: „Zwei Große überfallen einen Kleinen — lasst mich helfen!" Damit kletterte er auch aufs Bett und begann Heitermuster zu kitzeln. Heitermuster war an der kitzligen Stelle getroffen, ließ lachend Xiongnu los und wehrte sich gegen Schatzjade. Xiongnu nutzte die Gelegenheit und drückte Heitermuster nieder, um sie unter den Rippen zu kitzeln. Dufthauch rief lachend: „Passt auf, dass ihr euch nicht erkältet!" Aber die vier, die sich ineinander verwickelt hatten, boten einen komischen Anblick. | ||
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| + | Da kam plötzlich Biyue [碧月], eine Magd, die Seidenweiß Pflaume geschickt hatte. „Gestern Abend hat unsere Herrin hier ein Taschentuch vergessen. Ist es vielleicht noch hier?" Kleine Schwalbe [小燕] sagte: „Ja, ja, ja! Ich habe es vom Boden aufgehoben, wusste aber nicht, wem es gehört. Ich habe es gerade gewaschen, es hängt draußen zum Trocknen und ist noch nicht trocken." | ||
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| + | Biyue sah die vier beim Herumtollen und lachte: „Hier ist es aber lustig! Am frühen Morgen schon kichert und kreischt ihr und tobt zusammen herum." Schatzjade lachte: „Bei euch sind doch auch genug Leute — warum spielt ihr nicht?" Biyue antwortete: „Unsere Herrin spielt nicht und hält auch die beiden Nebenfrauen und Fräulein Qin [宝琴] mit fest. Jetzt ist Fräulein Qin auch noch zur Herzoginmutter gegangen, und es ist noch einsamer geworden. Wenn die beiden Nebenfrauen nach diesem Jahr gehen und nächsten Winter fort sind, wird es noch stiller. Schaut euch doch mal Fräulein Schnees [宝钗] Haushalt an — seit Duftkastanies [香菱] Weggang ist es viel kühler geworden, und Fräulein Wolke [湘云] steht ganz allein da." | ||
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| + | Noch während sie sprach, schickte Xiangfluss-Wolke<ref>Xiangfluss-Wolke: Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, eine lebhafte, fröhliche und dichtbegabte Cousine.</ref> [史湘云] ihre Magd Jadegras [翠缕] herüber, um auszurichten: „Bitte den Zweiten Herrn, schnell herauszukommen und schöne Gedichte zu betrachten." Als Schatzjade das hörte, fragte er eilig: „Wo gibt es schöne Gedichte?" Jadegras lachte: „Die Fräuleins sind alle am Duftende-Quelle-Pavillon [沁芳亭]. Wenn du hingehst, wirst du es erfahren." | ||
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| + | Als Schatzjade das hörte, wusch und kämmte er sich eilig und ging hinaus. Tatsächlich saßen Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, die empfindsame Cousine von Schatzjade.</ref>, Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, die tugendhafte und kluge Tochter der Tante Schnee.</ref> [薛宝钗], Xiangfluss-Wolke, Schatzharfe [宝琴] und Erkundefrühling dort und hielten ein Gedicht in der Hand. Als sie ihn kommen sahen, sagten alle lachend: „Und jetzt bist du immer noch nicht aufgestanden! Unsere Dichtgesellschaft hat sich ein ganzes Jahr lang nicht getroffen, und niemand hat sich darum bemüht, sie wieder aufleben zu lassen. Jetzt, im Frühling, wenn sich alles erneuert, wäre der richtige Zeitpunkt, sie wieder neu ins Leben zu rufen!" | ||
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| + | Xiangfluss-Wolke lachte: „Als die Dichtgesellschaft gegründet wurde, war es Herbst — das verhieß kein Gedeihen. Jetzt aber, wo alles dem Frühling entgegenstrebt, stehen alle Zeichen auf Wachstum und Blüte. Und da dieses Pfirsichblütengedicht so schön ist, sollten wir die Meerzapfengesellschaft in eine Pfirsichblütengesellschaft umwandeln!" | ||
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| + | Schatzjade hörte zu, nickte und sagte: „Sehr gut." Dann drängte er, das Gedicht sehen zu dürfen. Die anderen sagten: „Lasst uns jetzt gleich zur Reisduftbäuerin [稻香老农, Seidenweiß Pflaume] gehen und alles gemeinsam beschließen." Damit standen alle auf und gingen zusammen zum Reisduftdorf [稻香村]. | ||
| + | |||
| + | Während Schatzjade neben den anderen herging, las er auf dem Blatt den „Wandel der Pfirsichblüten": | ||
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| + | Draußen vor dem Vorhang weht der Ostwind zart, | ||
| + | die Pfirsichblüten blühen vor der Tür. | ||
| + | Dahinter sitzt die Schöne, schmückt sich kaum, | ||
| + | nur ein Vorhang trennt sie von den Blüten hier. | ||
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| + | Der Ostwind hebt den Vorhang, will sie sehn, | ||
| + | die Blüten spähen, doch er rollt sich nicht. | ||
| + | Die Pfirsichblüten draußen blühn wie je, | ||
| + | doch drinnen ist die Frau noch blasser als ihr Licht. | ||
| + | |||
| + | Die Blüten fühlen Mitleid, werden traurig auch, | ||
| + | durch den Vorhang dringt die Botschaft mit dem Wind. | ||
| + | Der Wind durchweht den Seidenvorhang, Blüten füllen den Hof, | ||
| + | vor dem Hof macht Frühlingsfarbe das Herz verwund'. | ||
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| + | Im moosbedeckten Hof steht das Tor nur angelehnt, | ||
| + | an der Balustrade lehnt einsam die Gestalt. | ||
| + | Sie weint im Ostwind an der Brüstung still, | ||
| + | im roten Rock steht sie bei Pfirsichblüten, kalt. | ||
| + | |||
| + | Die Blütenblätter wirbeln bunt herab, | ||
| + | frisch rot erblüht, in tiefem Grün das Laub. | ||
| + | In Nebel eingehüllt, in Dunst versiegelt, tausend Bäume stehn, | ||
| + | sie färben Turm und Wand in rotes Trüb. | ||
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| + | Der Himmelsweber riss das Mandarinentenbrokattuch, | ||
| + | vom Frühlingsrausch erwachend, schiebt sie das Korallenkissen fort. | ||
| + | Die Zofe bringt das goldne Becken Wasser dar, | ||
| + | im Duftquell spiegelt sich der Schminke kühler Ort. | ||
| + | |||
| + | Die Schminke glänzt — wem gleicht sie am Gesicht? | ||
| + | Der Blüte Farbe und des Menschen Tränen sind's. | ||
| + | Vergleicht man Tränen mit der Pfirsichblüte gar — | ||
| + | die Träne fließt beständig, doch die Blüte strahlt beschwingt. | ||
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| + | Mit tränenden Augen schaut sie Blüten an, die Träne trocknet bald, | ||
| + | und ist die Träne trocken, welkt im Lenz die Blüte auch. | ||
| + | Die welke Blüte birgt die welke Frau, | ||
| + | die Blüte fällt, die Frau ermattet — Dämmerung bricht ein. | ||
| + | Ein Kuckucksruf — der Frühling ist dahin, | ||
| + | einsam der Vorhang, leer der Mondesschein. | ||
| + | |||
| + | Schatzjade las es und lobte es nicht mit Worten, doch Tränen rollten ihm die Wangen herab. Er wusste sogleich, dass es von Kajaljade stammte, und eben darum weinte er. Aus Angst, die anderen könnten es bemerken, wischte er sich schnell die Augen. Dann fragte er: „Wie seid ihr daran gekommen?" | ||
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| + | Schatzharfe lachte: „Rate doch, wer es geschrieben hat!" Schatzjade lachte: „Natürlich das Manuskript der Herrin vom Bambushain [潇湘子]." Schatzharfe lachte: „Dabei habe ich es doch geschrieben!" Schatzjade lachte: „Das glaube ich nicht. Dieser Ton, dieser Ausdruck unterscheidet sich völlig vom Stil der Bewohnerin des Duftkrautgartens [蘅芜, Schatzspange]. Darum glaube ich es nicht." | ||
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| + | Schatzspange lachte: „Deswegen verstehst du eben nichts davon. Hatte denn Du Fu [杜工部] etwa nur Verse wie ‚Zwei Herbste schon blühen die Astern — Tränen ferner Tage'? Er hatte ebenso ‚Rot platzt der Regen, fett die Pflaume' und ‚Wasserpflanzen, windgetrieben, grüne Bänder lang' — durchaus reizvolle Zeilen!" | ||
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| + | Schatzjade lachte: „Das ist gewiss richtig. Aber ich weiß, dass die ältere Schwester der jüngeren niemals solch traurige Verse erlaubt hätte, und die jüngere Schwester, obwohl sie das Talent dazu besitzt, würde sie gewiss nicht schreiben. Das ist nicht wie bei Schwester Lin, die selbst Trennung und Trauer erfahren hat und darum solch klagende Töne anstimmt." Alle lachten, als sie das hörten. | ||
| + | |||
| + | Man hatte das Reisduftdorf bereits erreicht, und als man Seidenweiß Pflaume das Gedicht zeigte, lobte diese es natürlich überschwänglich. Als man auf die Dichtgesellschaft zu sprechen kam, beschloss man gemeinsam: „Morgen ist der zweite Tag des dritten Monats — dann gründen wir die Gesellschaft neu, benennen die ‚Meerzapfengesellschaft' in ‚Pfirsichblütengesellschaft' um, und Kajaljade wird die Gesellschaftsleiterin. Morgen nach dem Mittagessen versammeln wir uns alle im Bambushain." | ||
| + | |||
| + | Man begann gleich, Themen festzulegen. Kajaljade schlug vor: „Schreibt alle ein Pfirsichblütengedicht mit hundert Reimpaaren." Schatzspange wandte ein: „Das geht nicht. Es gibt seit jeher die meisten Pfirsichblütengedichte. Was man auch schreibt, es wird in ein altes Muster fallen — das lässt sich nicht mit deinem Gedicht im alten Stil vergleichen. Wir müssen uns etwas anderes überlegen." | ||
| + | |||
| + | Noch während sie sprachen, wurde gemeldet: „Die Tante Onkelfrau ist gekommen. Die Fräuleins möchten bitte herauskommen, um ihre Aufwartung zu machen." Also gingen alle nach vorn, um König Zitengs Gemahlin zu begrüßen, und man unterhielt sich mit ihr. Nachdem man gemeinsam gespeist hatte, begleitete man sie in den Garten und zeigte ihr alles. Erst nach dem Abendessen, als die Laternen angezündet wurden, ging sie. | ||
| + | |||
| + | Am nächsten Tag war Erkundefrühlings Geburtstag. Urfrühling [元春] hatte schon am frühen Morgen zwei kleine Eunuchen mit einigen Spielzeugen geschickt. Auch die gesamte Familie brachte Geburtstagsgeschenke, das versteht sich von selbst. Nach dem Mittagessen zog Erkundefrühling ihre Festkleidung an und ging überall hin, um sich zu bedanken. | ||
| + | |||
| + | Kajaljade sagte lachend zu den anderen: „Meine Gesellschaftsgründung kommt schon wieder ungelegen — ich habe ganz vergessen, dass diese Tage ihr Geburtstag ist. Auch wenn kein Fest mit Wein und Theater gefeiert wird, muss man sie doch den ganzen Tag bei der Herzoginmutter und Dame König Gesellschaft leisten lassen. Wie soll man da freie Zeit finden?" Darum verschob man es auf den fünften Tag. | ||
| + | |||
| + | An diesem Morgen, nachdem alle Schwestern in den Gemächern beim Frühstück aufgewartet hatten, traf ein Brief von Aufrecht Kaufmann [贾政] ein. Schatzjade erkundigte sich nach seinem Befinden, faltete den Brief mit den Grüßen an die Herzoginmutter auseinander und las ihr vor. Es waren nur die üblichen Grußformeln und die Mitteilung, dass er um die Mitte des sechsten Monats in die Hauptstadt zurückkehren werde. Die übrigen Familienbriefe und Geschäftsmitteilungen wurden von Kette Kaufmann und Dame König gelesen. | ||
| + | |||
| + | Als alle hörten, dass er im sechsten oder siebten Monat zurückkommen würde, freuten sich alle über die Maßen. Doch gerade in diesen Tagen war König Zitengs Tochter dem Sohn des Fürsten von Baoning zur Frau versprochen worden, und die Hochzeit war für den zehnten Tag des fünften Monats angesetzt. Phönixglanz war wieder mit den Vorbereitungen beschäftigt und drei bis fünf Tage am Stück nicht zu Hause. | ||
| + | |||
| + | An diesem Tag kam König Zitengs Gemahlin erneut, um Phönixglanz abzuholen und zugleich alle Nichten und Neffen zu einem vergnüglichen Tag einzuladen. Die Herzoginmutter und Dame König befahlen Schatzjade, Erkundefrühling, Kajaljade und Schatzspange, zusammen mit Phönixglanz mitzugehen. Niemand wagte zu widersprechen, und so gingen alle in ihre Zimmer, um sich neu zu schmücken. Die fünf verabschiedeten sich und verbrachten den Tag dort. Erst bei Laternenschein kamen sie zurück. | ||
| + | |||
| + | Als Schatzjade den Hof der Roten Freude [怡红院] betrat, ruhte er sich eine halbe Stunde aus. Dufthauch nutzte die Gelegenheit und riet ihm, sich ein wenig zu sammeln und in seiner freien Zeit die Bücher zu ordnen, um sich vorzubereiten. Schatzjade zählte an den Fingern und sagte: „Es ist noch früh genug." | ||
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| + | Dufthauch erwiderte: „Die Bücher sind das Erste und die Schriftübungen das Zweite. Wenn es dann soweit ist, hast du vielleicht die Bücher, aber wo sind dann deine Schriftproben?" Schatzjade lachte: „Ich habe doch oft welche geschrieben — sind die nicht alle aufgehoben worden?" | ||
| + | |||
| + | Dufthauch sagte: „Natürlich habe ich sie aufgehoben. Als du gestern nicht zu Hause warst, habe ich sie herausgenommen und gezählt — es sind gerade mal fünfzig oder sechzig Stück. In drei oder vier Jahren nur so wenige Blätter? Meiner Meinung nach solltest du ab morgen alle anderen Gedanken ablegen und jeden Tag fleißig einige Blätter Schönschrift üben, um die Lücken zu füllen. Es muss zwar nicht für jeden Tag eines da sein, aber im Großen und Ganzen sollte es passabel aussehen." | ||
| + | |||
| + | Als Schatzjade das hörte, sichtete er hastig selbst alles noch einmal und erkannte, dass es wirklich nicht ausreichte. Also sagte er: „Ab morgen schreibe ich jeden Tag hundert Zeichen, dann passt es." Man sprach noch eine Weile und legte sich dann schlafen. | ||
| + | |||
| + | Am nächsten Tag stand er auf, wusch sich, kämmte sich und setzte sich unter das Fenster, rieb die Tusche an und begann in schöner Regelschrift Vorlagen abzuschreiben. Als die Herzoginmutter ihn nicht erscheinen sah, dachte sie, er sei krank, und schickte sofort jemanden, um nachzufragen. Schatzjade ging daraufhin, ihr seinen Morgengruß darzubringen, und erklärte, er habe am frühen Morgen mit dem Schreiben begonnen und sei deshalb spät gekommen. | ||
| + | |||
| + | Als die Herzoginmutter das hörte, freute sie sich sehr und befahl: „Von nun an schreibe und lies nur nach Herzenslust. Du brauchst nicht herauszukommen, wenn du nicht willst. Geh und sage es auch deiner Mutter." | ||
| + | |||
| + | Schatzjade ging zu Dame König und erklärte es ihr. Dame König sagte: „Im letzten Moment das Schwert zu wetzen, nützt auch nichts mehr. Wenn er sich jetzt so aufregt — hätte er jeden Tag ein wenig geschrieben und gelesen, wie viel ließe sich da noch schaffen! Dieses Hetzen wird ihn nur wieder krank machen." | ||
| + | |||
| + | Schatzjade beteuerte, es sei nicht so schlimm. Auch die Herzoginmutter sorgte sich, er könne sich krank hetzen. Da sagten Erkundefrühling und Schatzspange lachend: „Die Herzoginmutter braucht sich nicht zu sorgen. Die Bücher können wir ihm zwar nicht abnehmen, aber die Schriftübungen schon. Wenn jede von uns jeden Tag eine Seite für ihn abschreibt, kommen wir über diese Hürde. Erstens wird der Herr Vater bei seiner Rückkehr nicht böse, und zweitens macht er sich nicht krank vor Aufregung." | ||
| + | |||
| + | Die Herzoginmutter hörte das und freute sich grenzenlos. | ||
| + | |||
| + | Kajaljade hatte nämlich gehört, dass Aufrecht Kaufmann bei seiner Rückkehr gewiss nach Schatzjades Fortschritten fragen werde, und fürchtete, dass Schatzjade sein Herz zu sehr an andere Dinge hängte und zur Zeit der Prüfung Nachteile erleiden würde. Deshalb tat sie selbst so, als interessiere sie sich nicht dafür, rief die Dichtgesellschaft nicht ein und versuchte auch nicht, ihn mit äußeren Dingen abzulenken. | ||
| + | |||
| + | Erkundefrühling und Schatzspange übten jeden Tag eine Seite Regelschrift für Schatzjade, und Schatzjade selbst legte sich ebenfalls ins Zeug und schrieb mal zweihundert, mal dreihundert Zeichen am Tag. Bis Ende des dritten Monats hatte man wieder eine beträchtliche Anzahl zusammengebracht. An diesem Tag rechnete man durch: Noch fünfzig Seiten fehlten, und man käme gerade so über die Runden. | ||
| + | |||
| + | Da kam unerwartet Purpurkuckuck [紫鹃] herein und brachte Schatzjade eine Schriftrolle. Als er sie öffnete, waren es auf altem, öligem Bambuspapier sorgfältig abgeschriebene Fliegenkopf-Miniaturschrift im Stil von Zhong You und Wang Xizhi, und die Handschrift glich seiner eigenen bis aufs Haar. Schatzjade war so erfreut, dass er Purpurkuckuck eine tiefe Verbeugung machte und dann persönlich hinging, um sich zu bedanken. | ||
| + | |||
| + | Auch Xiangfluss-Wolke und Schatzharfe hatten je einige Seiten abgeschrieben und ihm geschenkt. Obwohl die Gesamtzahl nicht ganz die erforderliche Menge erreichte, genügte es doch zum Durchkommen. Schatzjade war beruhigt und begann daraufhin, die Bücher, die er lesen sollte, noch einmal durchzuarbeiten. | ||
| + | |||
| + | Gerade als er Tag für Tag fleißig lernte, kam es dazu, dass die Küste in der Nähe des Meeres von einer Sturmflut heimgesucht wurde, die mehrere Bezirke verwüstete. Die Provinzbeamten reichten Berichte ein, und auf kaiserlichen Befehl wurde Aufrecht Kaufmann angewiesen, auf seinem Rückweg die Hilfsmaßnahmen und Rechnungen zu überprüfen. So gerechnet, würde er erst gegen Winterende zurückkehren. Als Schatzjade davon hörte, legte er Bücher und Schriftübungen sofort wieder beiseite und trieb sich wie zuvor müßig umher. | ||
| + | |||
| + | Es war Spätfrühling, und Xiangfluss-Wolke langweilte sich. Als sie die Weidenkätzchen im Wind tanzen sah, dichtete sie spontan ein kleines Lied nach der Melodie „Wie ein Traum": | ||
| + | |||
| + | Ist es Stickgarn, das zerfasert fällt? | ||
| + | Es rollt den halben Vorhang duftend auf. | ||
| + | Mit zarter Hand pflückt sie es selbst — | ||
| + | vergeblich lässt sie Kuckuck klagen, Schwalbe neiden. | ||
| + | Halt ein, halt ein! | ||
| + | Lass nicht den Frühlingsglanz von dannen scheiden! | ||
| + | |||
| + | Sie war mit ihrem Werk zufrieden, schrieb es auf ein Blatt Papier und zeigte es Schatzspange. Dann ging sie zu Kajaljade. Kajaljade las es und sagte lachend: „Gut! Frisch und reizvoll. Aber das könnte ich nicht." | ||
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| + | Xiangfluss-Wolke lachte: „Bei all unseren Gesellschaftstreffen haben wir noch nie Lieder gedichtet. Warum rufst du nicht morgen ein Treffen zum Liederdichten ein — das wäre einmal etwas anderes und ganz erfrischend!" Als Kajaljade das hörte, packte sie plötzlich die Begeisterung, und sie sagte: „Das ist ein ausgezeichneter Vorschlag! Ich werde sie sofort einladen." Damit ließ sie einige Sorten Obst und Gebäck vorbereiten und schickte zugleich Boten zu allen Eingeladenen. | ||
| + | |||
| + | Währenddessen legten die beiden Freundinnen als Thema Weidenkätzchen fest und bestimmten mehrere verschiedene Liedmelodien, die sie auf ein Blatt schrieben und an die Wand hefteten. | ||
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| + | Als die anderen kamen und es sahen — das Thema war Weidenkätzchen, und jede sollte in einer anderen kurzen Liedmelodie dichten —, lasen sie auch Xiangfluss-Wolkes Lied und lobten es eine Weile. Schatzjade lachte: „Im Liederdichten sind wir weniger geübt, aber wir müssen uns trotzdem etwas zusammenreimen." Also zogen alle Lose. | ||
| + | |||
| + | Schatzspange zog „Am Ufer des Flusses" [临江仙], Schatzharfe „Mond über dem Westfluss" [西江月], Erkundefrühling „Melodie aus Nanke" [南柯子], Kajaljade „Tang Duoling" [唐多令] und Schatzjade „Schmetterling liebt die Blume" [蝶恋花]. | ||
| + | |||
| + | Purpurkuckuck entzündete eine Stange Süßtraumräucherstäbchen, und alle versanken in Nachdenken. Bald hatte Kajaljade etwas und schrieb es nieder. Gleich darauf waren auch Schatzharfe und Schatzspange fertig. Nachdem die drei geschrieben hatten, schauten sie sich gegenseitig die Verse an. Schatzspange lachte: „Lasst mich erst eure fertig lesen, dann zeige ich meines." | ||
| + | |||
| + | Erkundefrühling rief lachend: „Oh weh! Wie schnell brennt das Räucherstäbchen heute herunter — nur noch drei Zehntel sind übrig! Ich habe erst die Hälfte!" Dann fragte sie, ob Schatzjade schon fertig sei. Schatzjade hatte zwar einiges geschrieben, war aber selbst unzufrieden, hatte alles wieder ausgestrichen und wollte neu beginnen. Als er sich umdrehte und das Räucherstäbchen ansah, war es fast niedergebrannt. | ||
| + | |||
| + | Seidenweiß Pflaume lachte: „Das zählt als verloren. Die Halbe von der Bananenschwester soll sie immerhin aufschreiben." Als Erkundefrühling das hörte, schrieb sie eilig auf. Die anderen schauten — es war nur die Hälfte einer „Melodie aus Nanke": | ||
| + | |||
| + | Lose hängen feine Fäden, | ||
| + | Vergeblich spinnen sich die Ranken. | ||
| + | Nicht binden noch halten lässt es sich — | ||
| + | nach Ost und West, nach Süd und Nord mag jedes treiben, sonder Schranken. | ||
| + | |||
| + | Seidenweiß Pflaume lachte: „Das lässt sich doch gut fortsetzen — warum machst du nicht weiter?" Schatzjade sah, dass das Räucherstäbchen erloschen war, gab bereitwillig seine Niederlage zu und weigerte sich, etwas Halbherziges abzuliefern. Er legte den Pinsel hin und ging hinüber, um diese halbe Strophe zu betrachten. Als er sah, dass sie unvollendet war, regte sich gerade dadurch sein Ehrgeiz, und er nahm den Pinsel und setzte fort: | ||
| + | |||
| + | Fällt sie, so traure nicht, mein Freund, | ||
| + | fliegt sie herbei, so weiß ich selbst Bescheid. | ||
| + | Wenn Lerche trauert und der Schmetterling ermattet, | ||
| + | kehrt späte Blütezeit — | ||
| + | selbst wenn im nächsten Lenz wir uns wiedersehn, | ||
| + | trennt uns ein ganzes Jahr an Zeit. | ||
| + | |||
| + | Alle lachten: „Deinen eigenen Teil bringst du nicht zustande, und hier fällt dir plötzlich etwas ein! Selbst wenn es gut ist, zählt es nicht." Dann lasen sie Kajaljades „Tang Duoling": | ||
| + | |||
| + | Puder fällt am Blütenstrand, | ||
| + | Duft verwelkt am Schwalbenbau. | ||
| + | Knäuel um Knäuel, Paar an Paar zu Ballen. | ||
| + | Treibend wie ein Menschenleben, zart und flüchtig, | ||
| + | in leerer Zärtlichkeit | ||
| + | von Eleganz und Glanz zu lallen. | ||
| + | |||
| + | Selbst Gras und Bäume kennen Gram, | ||
| + | die Jugend wird vor der Zeit weiß und grau. | ||
| + | Ach, wer sammelt, wer verwirft in diesem Leben? | ||
| + | Dem Ostwind angetraut — der Frühling kümmert's nicht, | ||
| + | treibt, wie ihr wollt! | ||
| + | Wer könnte bleiben, wer sich widersetzen? | ||
| + | |||
| + | Alle lasen es, nickten und seufzten: „Allzu traurig! Gut ist es freilich." Dann lasen sie Schatzharfes „Mond über dem Westfluss": | ||
| + | |||
| + | Am Han-Palast vereinzelt, doch begrenzt, | ||
| + | Am Sui-Damm Tupfer ohne Zahl. | ||
| + | Drei Frühlinge Geschäft dem Ostwind dargebracht — | ||
| + | wie Mondlicht und Pflaumenblüte: alles nur ein Traum. | ||
| + | An wie vielen Höfen fallen rote Blüten? | ||
| + | Wessen Haus umweht der Duftschneehauch? | ||
| + | Von Süd bis Nord, ein und dasselbe Los — | ||
| + | nur wer scheiden muss, dem wiegt der Gram so schwer. | ||
| + | |||
| + | Alle sagten lachend: „Ihr Ton ist wahrlich kraftvoll. ‚An wie vielen Höfen' und ‚Wessen Haus' — diese beiden Zeilen sind am schönsten!" | ||
| + | |||
| + | Schatzspange lachte: „Aber letztlich ist auch das zu trübsinnig. Ich denke mir, Weidenkätzchen sind von Natur leichte, wurzellose, haltlose Dinge. Doch nach meiner Auffassung sollte man sie gerade schön reden — erst dann fällt man nicht in die üblichen Muster. Darum habe ich etwas zusammengereimt, das euren Geschmack vielleicht nicht trifft." Alle lachten: „Sei nicht so bescheiden! Lasst uns lesen, es ist gewiss gut." So lasen sie ihr „Am Ufer des Flusses": | ||
| + | |||
| + | Vor der weißen Jadehalle tanzt der Frühling, | ||
| + | der Ostwind wirbelt alles gleichmäßig empor. | ||
| + | |||
| + | Xiangfluss-Wolke lachte als Erste: „Wunderbar, dieses ‚der Ostwind wirbelt alles gleichmäßig empor'! Allein diese Zeile übertrifft alle anderen." Dann lasen sie weiter: | ||
| + | |||
| + | In Bienenschwärmen, Schmetterlingsgeschwadern bunt. | ||
| + | Wann je folgte es dem fließenden Wasser? | ||
| + | Muss es denn im Blütenstaub vergehen? | ||
| + | Zehntausend Fäden, tausend Ranken bleiben unverrückt, | ||
| + | mag es sich scharen oder trennen nach Belieben. | ||
| + | Lacht nicht, Jugendglanz, über das Fehlen jeder Wurzel — | ||
| + | wenn guter Wind mir häufig Kraft verleiht, | ||
| + | trägt er mich hinauf zu den Wolken! | ||
| + | |||
| + | Alle schlugen auf den Tisch und riefen begeistert: „Wahrhaftig, großartig gewendet! Natürlich in Kraft und Schwung — dieses Lied gebührt der erste Platz. In wehmütiger Innigkeit muss man der Herrin vom Xiaoxiang den Vorrang lassen, in anmutiger Zierlichkeit der Kissennebelschönen [枕霞, Xiangfluss-Wolke], und die kleine Schnee [Schatzharfe] sowie die Bananengästin [蕉客, Erkundefrühling] sind heute durchgefallen und müssen bestraft werden." | ||
| + | |||
| + | Schatzharfe lachte: „Wir nehmen unsere Strafe hin — aber was geschieht mit dem, der ein leeres Blatt abgegeben hat?" Seidenweiß Pflaume sagte: „Keine Eile — den bestrafen wir erst recht schwer. Beim nächsten Mal dient es als Beispiel." | ||
| + | |||
| + | Noch war das Wort nicht zu Ende gesprochen, als draußen am Fenster auf dem Bambus ein Geräusch ertönte, als wäre ein Fensterladen umgekippt, und alle erschraken. Als die Mägde hinausgingen, um nachzusehen, rief eine Magd draußen vor dem Vorhang: „Ein großer Schmetterlings-Drachen hat sich in der Bambusspitze verfangen!" | ||
| + | |||
| + | Die Mägde lachten: „Was für ein hübscher Drachen! Wer weiß, wem die Schnur gerissen ist — holt ihn herunter!" Als Schatzjade und die anderen das hörten, kamen sie alle heraus, um ihn zu betrachten. Schatzjade lachte: „Ich kenne diesen Drachen. Das ist der von Fräulein Jiaohong [娇红] aus dem Hof des Großen Herrn. Nehmt ihn herunter und bringt ihn ihr zurück." | ||
| + | |||
| + | Purpurkuckuck lachte: „Als gäbe es auf der ganzen Welt nicht zwei gleiche Drachen und nur sie hätte einen solchen! Mir ist es egal, ich nehme ihn mir." Erkundefrühling sagte: „Purpurkuckuck wird auch knauserig! Ihr habt doch selbst welche. Jetzt einen aufzulesen, den jemand hat fliegen lassen — fürchtet ihr euch nicht vor dem bösen Omen?" | ||
| + | |||
| + | Kajaljade lachte: „Ganz recht! Man weiß ja nicht, wer sein Unglück damit hat fliegen lassen wollen. Werft ihn schnell hinaus! Holt unsere eigenen heraus, dann lassen auch wir unser Unglück fliegen!" Als Purpurkuckuck das hörte, befahl sie den kleinen Mägden, den Drachen hinauszubringen und den diensthabenden Frauen am Gartentor zu geben, damit sie ihn zurückgeben könnten, falls jemand danach suchen sollte. | ||
| + | |||
| + | Die kleinen Mägde drinnen hatten das Wort „Drachensteigen" gehört und konnten es kaum erwarten. Sie machten sich mit Händen und Füßen daran, einen Schönheitsdrachen herauszuholen. Einige schleppten hohe Hocker herbei, andere banden die Schnurkreuze, wieder andere wickelten die Haspeln. Schatzspange und die anderen standen alle am Hoftor und befahlen den Mägden, draußen auf dem freien Platz die Drachen steigen zu lassen. | ||
| + | |||
| + | Schatzharfe lachte: „Deiner ist nicht besonders hübsch — der große Phönix mit den weichen Flügeln von der dritten Schwester ist schöner." Schatzspange lachte: „Allerdings!" Dann wandte sie sich lachend an Jadtusche [翠墨] und sagte: „Hol euren auch, dann lasst ihn steigen!" Jadtusche ging vergnügt los, um ihn zu holen. | ||
| + | |||
| + | Schatzjade geriet auch in Begeisterung und schickte eine kleine Magd nach Hause mit dem Auftrag: „Hol den großen Fisch, den mir Verwalterin Lai Da gestern geschenkt hat." Das Mädchen war lange fort und kam mit leeren Händen zurück. Lachend sagte es: „Fräulein Heitermuster hat ihn gestern schon fliegen lassen." | ||
| + | |||
| + | Schatzjade rief: „Ich habe ihn noch nicht ein einziges Mal steigen lassen!" Erkundefrühling lachte: „Immerhin hat sie dein Unglück für dich fliegen lassen." Schatzjade sagte: „Na gut. Dann bringt den großen Krebs!" Die Magd ging und kam mit mehreren Leuten zurück, die einen Schönheitsdrachen und eine Haspel trugen. „Fräulein Dufthauch lässt ausrichten, den Krebs habe sie gestern dem Dritten Herrn [贾环] gegeben. Diesen hier hat Verwalterin Lin gerade erst gebracht — lasst diesen steigen." | ||
| + | |||
| + | Schatzjade betrachtete ihn genau — der Schönheitsdrachen war äußerst kunstvoll gearbeitet. Erfreut befahl er, ihn steigen zu lassen. Inzwischen hatte auch Erkundefrühling ihren holen lassen, und Jadtusche war mit einigen kleinen Mägden auf dem Hügel drüben schon beim Steigenlassen. Schatzharfe befahl ebenfalls, ihre große rote Fledermaus zu holen. Auch Schatzspange war in Hochstimmung und ließ ihren holen — es war eine Kette von sieben großen Wildgänsen, und alle wurden in die Luft gelassen. | ||
| + | |||
| + | Nur Schatzjades Schönheitsdrachen wollte nicht steigen. Schatzjade sagte, die Mägde könnten nicht damit umgehen, und versuchte es selbst eine halbe Stunde lang, aber der Drachen stieg nur bis Dachhöhe und fiel wieder herunter. Vor Aufregung brach Schatzjade der Schweiß aus, und alle lachten. | ||
| + | |||
| + | Schatzjade warf den Drachen wütend auf den Boden und deutete mit dem Finger darauf: „Wäre es keine Schönheit, würde ich sie mit den Füßen zertrampeln!" Kajaljade lachte: „Das liegt an der Hauptschnur — sie ist nicht gut. Lass sie hinausbringen und von jemandem die Hauptschnur neu binden!" Schatzjade schickte jemanden los, um die Schnur neu binden zu lassen, und nahm sich inzwischen einen anderen Drachen zum Steigenlassen. Alle blickten hinauf: Die Drachen am Himmel waren schon hoch in die Lüfte gestiegen. | ||
| + | |||
| + | Bald darauf brachten die Mägde noch viele verschiedenartig gestaltete Drachen, und man spielte eine Weile. Purpurkuckuck lachte: „Diesmal ist der Wind stark — Fräulein, kommt und lasst ihn los!" Als Kajaljade das hörte, stützte sie ihre Hand mit einem Taschentuch, gab einmal kräftig Zug, und tatsächlich war der Wind stark. Sie übernahm die Haspel und ließ, der Zugkraft des Drachens folgend, die Haspel los. Ein reißendes Rattern ertönte, und im Nu war die Schnur der Haspel abgelaufen. | ||
| + | |||
| + | Kajaljade lud die anderen ein, ihre Drachen loszulassen. Alle lachten: „Jede hat ihren eigenen — bitte, fang du an!" Kajaljade lachte: „Loslassen macht zwar Spaß, aber es tut mir doch leid." Seidenweiß Pflaume sagte: „Drachensteigen ist doch für dieses Vergnügen da. Darum sagt man auch, man lässt sein Unglück fliegen. Du solltest umso mehr loslassen — nimm deine Krankheitswurzeln alle mit fort!" | ||
| + | |||
| + | Purpurkuckuck lachte: „Unser Fräulein wird immer geiziger! Jedes Jahr lässt sie ein paar steigen, und jetzt tut ihr das Herz plötzlich weh. Wenn das Fräulein nicht loslässt, dann lasse ich los." Damit nahm sie Schneegans [雪雁] eine kleine silberne Schere westlicher Machart aus der Hand, setzte sie direkt an der Haspelwurzel an, so dass nicht ein Fingerbreit Schnur übrig blieb, und — ratsch! — schnitt sie durch. Lachend rief sie: „Damit fliegt auch die Krankheit mitsamt allen Wurzeln davon!" | ||
| + | |||
| + | Der Drachen taumelte und schwankte und entfernte sich immer weiter. Bald war er nur noch so groß wie ein Hühnerei, einen Augenblick später nur noch ein schwarzer Punkt, und nach einem weiteren Augenblick war er verschwunden. Alle reckten die Hälse, kniffen die Augen zusammen und riefen: „Wie herrlich, wie herrlich!" | ||
| + | |||
| + | Schatzjade sagte: „Schade, dass man nicht weiß, wo er herunterkommt. Fällt er dort, wo Menschen wohnen, und finden Kinder ihn, so ist es noch gut. Fällt er aber in einer wüsten, menschenleeren Gegend nieder, fühle ich seine Einsamkeit mit. Bei dem Gedanken will ich auch meinen loslassen, damit die beiden Gefährten füreinander haben." Also schnitt auch er die Schnur durch und ließ seinen Drachen genauso fliegen. | ||
| + | |||
| + | Gerade wollte Erkundefrühling ihre Phönixschnur durchschneiden, da entdeckte sie am Himmel noch einen zweiten Phönix und sagte: „Von wem der wohl stammt?" Alle lachten: „Warte noch mit dem Abschneiden! Es sieht so aus, als wollten sie sich miteinander verheddern." | ||
| + | |||
| + | Tatsächlich kam der andere Phönix immer näher und verstrickte sich mit Erkundefrühlings Phönix. Man wollte die Schnur einholen, doch der andere Besitzer tat dasselbe. Noch während sie im Gerangel waren, tauchte ein riesiger, türflügelgroßer, kunstvoll gearbeiteter Doppelfreude-Drachen mit Rasselpeitsche auf, dessen Klang am Himmel wie Glockengeläut dröhnte, und näherte sich ebenfalls. | ||
| + | |||
| + | Alle lachten: „Der will sich wohl auch verheddern! Holt die Schnur nicht ein — wenn sich alle drei verknoten, ist es erst richtig lustig!" Und tatsächlich verschlang sich der Doppelfreudedrachen mit den beiden Phönixen. Man zerrte und ruckte von drei Seiten, doch plötzlich rissen alle Schnüre zugleich, und die drei Drachen segelten schwankend davon. | ||
| + | |||
| + | Alle klatschten in die Hände und lachten laut: „Wie lustig! Aber wem gehört wohl der Doppelfreudedrachen? Der hat sich ganz schön frech benommen!" Kajaljade sagte: „Meinen Drachen habe ich auch fliegen lassen, und ich bin müde — ich gehe mich ausruhen." Schatzspange sagte: „Wartet noch, bis auch wir unsere losgelassen haben, dann können wir alle auseinandergehen." | ||
| − | Nachdem | + | Nachdem man zugesehen hatte, wie auch die Schwestern ihre Drachen fliegen ließen, trennte man sich. Kajaljade ging in ihr Zimmer und legte sich hin, um zu ruhen. |
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| − | + | Wer wissen will, wie es weiterging, erfahre es im nächsten Kapitel. | |
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Latest revision as of 19:36, 28 April 2026
| 中文原文 (程甲本 1982) | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
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話說賈璉自在梨香院伴宿七日夜,天天僧道不斷做佛事。賈母喚了他去,吩咐不許送往家廟中。賈璉無法,只得又和時覺說了,就在尤三姐之上點了一個穴,破土埋葬。那日送殯,只不過族中人與王信夫婦,尤氏婆媳而已。鳳姐一應不管,只憑他自去辦理。因又年近歲逼,諸務蝟集不算外,又有林之孝開了一個人名單子來,共有八個二十五歲的單身小廝應該娶妻成房,等裡面有該放的丫頭們好求指配。鳳姐看了,先來問賈母和王夫人。大家商議,雖有幾個應該發配的,奈各人皆有原故:第一個鴛鴦發誓不去。自那日之後,一向未和寶玉說話,也不盛妝濃飾。眾人見他志堅,也不好相強。第二個琥珀,又有病,這次不能了。彩雲因近日和賈環分崩,也染了無醫之症。只有鳳姐兒和李紈房中粗使的大丫鬟出去了,其餘年紀未足。令他們外頭自娶去了。 原來這一向因鳳姐病了,李紈探春料理家務不得閑暇,接著過年過節,出來許多雜事,竟將詩社擱起。如今仲春天氣,雖得了工夫,爭奈寶玉因冷遁了柳湘蓮,劍刎了尤小妹,金逝了尤二姐,氣病了柳五兒,連連接接,閑愁胡恨,一重不了一重添。弄得情色若痴,語言常亂,似染怔忡之疾。慌的襲人等又不敢回賈母,只百般逗他頑笑。 這日清晨方醒,只聽外間房內咭咭呱呱笑聲不斷。襲人因笑說:「你快出去解救,晴雯和麝月兩個人按住溫都里那膈肢呢。」寶玉聽了,忙披上灰鼠襖子出來一瞧,只見他三人被褥尚未疊起,大衣也未穿。那晴雯只穿蔥綠院綢小襖,紅小衣紅睡鞋,披著頭髮,騎在雄奴身上。麝月是紅綾抹胸,披著一身舊衣,在那裡抓雄奴的肋肢。雄奴卻仰在炕上,穿著撒花緊身兒,紅褲綠襪,兩腳亂蹬,笑的喘不過氣來。寶玉忙上前笑說:「兩個大的欺負一個小的,等我助力。」說著,也上床來膈肢晴雯。晴雯觸癢,笑的忙丟下雄奴,和寶玉對抓。雄奴趁勢又將晴雯按倒,向他肋下抓動。襲人笑說:「仔細凍著了。」看他四人裹在一處倒好笑。 忽有李紈打發碧月來說:「昨兒晚上奶奶在這裡把塊手帕子忘了,不知可在這裡?」小燕說:「有,有,有,我在地下拾了起來,不知是那一位的,才洗了出來晾著,還未乾呢。」碧月見他四人亂滾,因笑道:「倒是這裡熱鬧,大清早起就咭咭呱呱的頑到一處。」寶玉笑道:「你們那裡人也不少,怎麼不頑?」碧月道: 「我們奶奶不頑,把兩個姨娘和琴姑娘也賓住了。如今琴姑娘又跟了老太太前頭去了,更寂寞了。兩個姨娘今年過了,到明年冬天都去了,又更寂寞呢。你瞧寶姑娘那裡,出去了一個香菱,就冷清了多少,把個雲姑娘落了單。」 正說著,只見湘雲又打發了翠縷來說:「請二爺快出去瞧好詩。」寶玉聽了,忙問:「那裡的好詩?」翠縷笑道:「姑娘們都在沁芳亭上,你去了便知。」寶玉聽了,忙梳洗了出來,果見黛玉,寶釵,湘雲,寶琴,探春都在那裡,手裡拿著一篇詩看。見他來時,都笑說:「這會子還不起來,咱們的詩社散了一年,也沒有人作興。如今正是初春時節,萬物更新,正該鼓舞另立起來才好。」湘雲笑道:「一起詩社時是秋天,就不應發達。如今卻好萬物逢春,皆主生盛。況這首桃花詩又好,就把海棠社改作桃花社。」寶玉聽著,點頭說:「很好。」且忙著要詩看。眾人都又說:「咱們此時就訪稻香老農去,大家議定好起的。」說著,一齊起來,都往稻香村來。寶玉一壁走,一壁看那紙上寫著《桃花行》一篇,曰: 桃花簾外東風軟,桃花簾內晨妝懶。 簾外桃花簾內人,人與桃花隔不遠。 東風有意揭簾櫳,花欲窺人簾不捲。 桃花簾外開仍舊,簾中人比桃花瘦。 花解憐人花也愁,隔簾消息風吹透。 風透湘簾花滿庭,庭前春色倍傷情。 閑苔院落門空掩,斜日欄桿人自憑。 憑欄人向東風泣,茜裙偷傍桃花立。 桃花桃葉亂紛紛,花綻新紅葉凝碧。 霧裹煙封一萬株,烘樓照壁紅模糊。 天機燒破鴛鴦錦,春酣欲醒移珊枕。 侍女金盆進水來,香泉影蘸胭脂冷。 胭脂鮮艷何相類,花之顏色人之淚; 若將人淚比桃花,淚自長流花自媚。 淚眼觀花淚易乾,淚乾春盡花憔悴。 憔悴花遮憔悴人,花飛人倦易黃昏。 一聲杜宇春歸盡,寂寞簾櫳空月痕。 寶玉看了並不稱贊,卻滾下淚來。便知出自黛玉,因此落下淚來,又怕眾人看見,又忙自己擦了。因問:「你們怎麼得來?」寶琴笑道:「你猜是誰做的?」寶玉笑道:「自然是瀟湘子稿。」寶琴笑道:「現是我作的呢。」寶玉笑道:「我不信。這聲調口氣,迥乎不像蘅蕪之體,所以不信。」寶釵笑道:「所以你不通。難道杜工部首首只作『叢菊兩開他日淚』之句不成!一般的也有『紅綻雨肥梅』『水荇牽風翠帶長』之媚語。」寶玉笑道:「固然如此說。但我知道姐姐斷不許妹妹有此傷悼語句,妹妹雖有此才,是斷不肯作的。比不得林妹妹曾經離喪,作此哀音。」眾人聽說,都笑了。 已至稻香村中,將詩與李紈看了,自不必說稱賞不已。說起詩社,大家議定:“明日乃三月初二日,就起社,便改'海棠社'為'桃花社',林黛玉就為社主。明日飯後,齊集瀟湘館”。因又大家擬題,黛玉便說:「大家就要桃花詩一百韻。」寶釵道:「使不得。從來桃花詩最多,縱作了必落套,比不得你這一首古風。須得再擬。」正說著,人回:「舅太太來了。姑娘出去請安。」因此大家都往前頭來見王子騰的夫人,陪著說話。吃飯畢,又陪入園中來,各處游頑一遍。至晚飯後掌燈方去。 次日乃是探春的壽日,元春早打發了兩個小太監送了幾件頑器。合家皆有壽儀,自不必說。飯後,探春換了禮服,各處行禮。黛玉笑向眾人道:「我這一社開的又不巧了,偏忘了這兩日是他的生日。雖不擺酒唱戲的,少不得都要陪他在老太太,太太跟前頑笑一日,如何能得閑空兒。」因此改至初五。 這日眾姊妹皆在房中侍早膳畢,便有賈政書信到了。寶玉請安,將請賈母的安稟拆開念與賈母聽,上面不過是請安的話,說六月中準進京等語。其餘家信事務之帖,自有賈璉和王夫人開讀。眾人聽說六七月回京,都喜之不盡。偏生近日王子騰之女許與保寧侯之子為妻,擇日於五月初十日過門,鳳姐兒又忙著張羅,常三五日不在家。這日王子騰的夫人又來接鳳姐兒,一併請眾甥男甥女閑樂一日。賈母和王夫人命寶玉,探春,林黛玉,寶釵四人同鳳姐去。眾人不敢違拗,只得回房去另妝飾了起來。五人作辭,去了一日,掌燈方回。寶玉進入怡紅院,歇了半刻,襲人便乘機見景勸他收一收心,閑時把書理一理預備著。寶玉屈指算一算說:「還早呢。」襲人道:「書是第一件,字是第二件。到那時你縱有了書,你的字寫的在那裡呢?」寶玉笑道:「我時常也有寫的好些,難道都沒收著?」襲人道:「何曾沒收著。你昨兒不在家,我就拿出來共算,數了一數,才有五六十篇。這三四年的工夫,難道只有這幾張字不成。依我說,從明日起,把別的心全收了起來,天天快臨幾張字補上。雖不能按日都有,也要大概看得過去。」寶玉聽了,忙的自己又親檢了一遍,實在搪塞不去,便說:「明日為始,一天寫一百字才好。」說話時大家安下。至次日起來梳洗了,便在窗下研墨,恭楷臨帖。賈母因不見他,只當病了,忙使人來問。寶玉方去請安,便說寫字之故,先將早起清晨的工夫盡了出來,再作別的,因此出來遲了。賈母聽了,便十分歡喜,吩咐他:「以後只管寫字念書,不用出來也使得。你去回你太太知道。」寶玉聽說,便往王夫人房中來說明。王夫人便說:「臨陣磨槍,也不中用。有這會子著急,天天寫寫念念,有多少完不了的。這一趕,又趕出病來才罷。」寶玉回說不妨事。這裡賈母也說怕急出病來。探春寶釵等都笑說:「老太太不用急。書雖替他不得,字卻替得的。我們每人每日臨一篇給他,搪塞過這一步就完了。一則老爺到家不生氣,二則他也急不出病來。」賈母聽說,喜之不盡。 原來林黛玉聞得賈政回家,必問寶玉的功課,寶玉肯分心,恐臨期吃了虧。因此自己只裝作不耐煩,把詩社便不起,也不以外事去勾引他。探春寶釵二人每日也臨一篇楷書字與寶玉,寶玉自己每日也加工,或寫二百三百不拘。至三月下旬,便將字又集湊出許多來。這日正算,再得五十篇,也就混的過了。誰知紫鵑走來,送了一捲東西與寶玉,拆開看時,卻是一色老油竹紙上臨的鐘王蠅頭小楷,字跡且與自己十分相似。喜的寶玉和紫鵑作了一個揖,又親自來道謝。史湘雲寶琴二人亦皆臨了幾篇相送。湊成雖不足功課,亦足搪塞了。寶玉放了心,於是將所應讀之書,又溫理過幾遍。正是天天用功,可巧近海一帶海嘯,又遭蹋了幾處生民。地方官題本奏聞,奉旨就著賈政順路查看賬濟回來。如此算去,至冬底方回。寶玉聽了,便把書字又擱過一邊,仍是照舊遊蕩。 時值暮春之際,史湘雲無聊,因見柳花飄舞,便偶成一小令,調寄《如夢令》,其詞曰: 豈是繡絨殘吐, 捲起半簾香霧, 纖手自拈來, 空使鵑啼燕妒。 且住,且住, 莫使春光別去。 自己作了,心中得意,便用一條紙兒寫好,與寶釵看了,又來找黛玉。黛玉看畢,笑道:「好,也新鮮有趣。我卻不能。」湘雲笑道:「咱們這幾社總沒有填詞。你明日何不起社填詞,改個樣兒,豈不新鮮些。」黛玉聽了,偶然興動,便說:「這話說的極是。我如今便請他們去。」說著,一面吩咐預備了幾色果點之類,一面就打發人分頭去請眾人。這裡他二人便擬了柳絮之題,又限出幾個調來,寫了綰在壁上。 眾人來看時,以柳絮為題,限各色小調。又都看了史湘雲的,稱賞了一回。寶玉笑道:「這詞上我們平常,少不得也要胡謅起來。」於是大家拈鬮,寶釵便拈得了《臨江仙》,寶琴拈得《西江月》,探春拈得了《南柯子》,黛玉拈得了《唐多令》,寶玉拈得了《蝶戀花》。紫鵑炷了一支夢甜香,大家思索起來。一時黛玉有了,寫完。接著寶琴寶釵都有了。他三人寫完,互相看時,寶釵便笑道:「我先瞧完了你們的,再看我的。」探春笑道:「噯呀,今兒這香怎麼這樣快,已剩了三分了。我才有了半首。」因又問寶玉可有了。寶玉雖作了些,只是自己嫌不好,又都抹了,要另作,回頭看香,已將燼了。李紈笑道:「這算輸了。蕉丫頭的半首且寫出來。」探春聽說,忙寫了出來。眾人看時,上面卻只半首《南柯子》,寫道是: 空掛纖纖縷, 徒垂絡絡絲, 也難綰系也難羈, 一任東西南北各分離。 李紈笑道:「這也卻好作,何不續上?」寶玉見香沒了,情願認負,不肯勉強塞責,將筆擱下,來瞧這半首。見沒完時,反倒動了興開了機,乃提筆續道是: 落去君休惜,飛來我自知。 鶯愁蝶倦晚芳時, 縱是明春再見隔年期。 眾人笑道:「正經你份內的又不能,這卻偏有了。縱然好,也不算得。」說著,看黛玉的《唐多令》: 粉墮百花州,香殘燕子樓。 一團團逐對成毬。 飄泊亦如人命薄, 空繾綣,說風流。 草木也知愁,韶華竟白頭! 嘆今生誰舍誰收? 嫁與東風春不管, 憑爾去,忍淹留。 眾人看了,俱點頭感嘆,說:「太作悲了,好是固然好的。」因又看寶琴的是《西江月》: 漢苑零星有限,隋堤點綴無窮。 三春事業付東風,明月梅花一夢。 幾處落紅庭院,誰家香雪簾櫳? 江南江北一般同,偏是離人恨重! 眾人都笑說:「到底是他的聲調壯。『幾處』『誰家』兩句最妙。」寶釵笑道:「終不免過於喪敗。我想,柳絮原是一件輕薄無根無絆的東西,然依我的主意,偏要把他說好了,才不落套。所以我謅了一首來,未必合你們的意思。」眾人笑道:「不要太謙。我們且賞鑒,自然是好的。」因看這一首,《臨江仙》道是: 白玉堂前春解舞,東風捲得均勻。 湘雲先笑道:「好一個『東風捲得均勻』!這一句就出人之上了。」又看底下道: 蜂團蝶陣亂紛紛。 幾曾隨逝水,豈必委芳塵。 萬縷千絲終不改,任他隨聚隨分。 韶華休笑本無根, 好風頻借力,送我上青雲。 眾人拍案叫絕,都說:「果然翻得好,氣力自然,是這首為尊。纏綿悲戚,讓瀟湘妃子,情致嫵媚,卻是枕霞,小薛與蕉客今日落第,要受罰的。」寶琴笑道:「我們自然受罰,但不知付白卷子的又怎麼罰?」李紈道:「不要忙,這定要重重罰他。下次為例。」 一語未了,只聽窗外竹子上一聲響,恰似窗屜子倒了一般,眾人唬了一跳。丫鬟們出去瞧時,簾外丫鬟嚷道:「一個大蝴蝶風箏掛在竹梢上了。」眾丫鬟笑道: 「好一個齊整風箏!不知是誰家放斷了繩,拿下他來。」寶玉等聽了,也都出來看時,寶玉笑道:「我認得這風箏。這是大老爺那院里嬌紅姑娘放的,拿下來給他送過去罷。」紫鵑笑道:「難道天下沒有一樣的風箏,單他有這個不成?我不管,我且拿起來。」探春道:「紫鵑也學小氣了。你們一般的也有,這會子拾人走了的,也不怕忌諱。」黛玉笑道:「可是呢,知道是誰放晦氣的,快掉出去罷。把咱們的拿出來,咱們也放晦氣。」紫鵑聽了,趕著命小丫頭們將這風箏送出與園門上值日的婆子去了,倘有人來找,好與他們去的。 這裡小丫頭們聽見放風箏,巴不得七手八腳都忙著拿出個美人風箏來。也有搬高凳去的,也有捆剪子股的,也有撥籰子的。寶釵等都立在院門前,命丫頭們在院外敞地下放去。寶琴笑道:「你這個不大好看,不如三姐姐的那一個軟翅子大鳳凰好。」寶釵笑道:「果然。」 因回頭向翠墨笑道:「你把你們的拿來也放放。」翠墨笑嘻嘻的果然也取去了。寶玉又興頭起來,也打發個小丫頭子家去,說:「把昨兒賴大娘送我的那個大魚取來。」小丫頭子去了半天,空手回來,笑道:「晴姑娘昨兒放走了。」寶玉道:「我還沒放一遭兒呢。」探春笑道:「橫豎是給你放晦氣罷了。」寶玉道:「也罷。再把那個大螃蟹拿來罷。」丫頭去了,同了幾個人扛了一個美人並籰子來,說道:「襲姑娘說,昨兒把螃蟹給了三爺了。這一個是林大娘才送來的,放這一個罷。」 寶玉細看了一回,只見這美人做的十分精緻。心中歡喜,便命叫放起來。此時探春的也取了來,翠墨帶著幾個小丫頭子們在那邊山坡上已放了起來。寶琴也命人將自己的一個大紅蝙蝠也取來。寶釵也高興,也取了一個來,卻是一連七個大雁的,都放起來。獨有寶玉的美人放不起去。寶玉說丫頭們不會放,自己放了半天,只起房高便落下來了。急的寶玉頭上出汗,眾人又笑。寶玉恨的擲在地下,指著風箏道:「若不是個美人,我一頓腳跺個稀爛。」黛玉笑道:「那是頂線不好,拿出去另使人打了頂線就好了。」寶玉一面使人拿去打頂線,一面又取一個來放。大家都仰面而看,天上這幾個風箏都起在半空中去了。 一時丫鬟們又拿了許多各式各樣的送飯的來,頑了一回。紫鵑笑道:「這一回的勁大,姑娘來放罷。」黛玉聽說,用手帕墊著手,頓了一頓,果然風緊力大,接過籰子來,隨著風箏的勢將籰子一松,只聽一陣豁刺刺響,登時籰子線盡。黛玉因讓眾人來放。眾人都笑道:「各人都有,你先請罷。」黛玉笑道:「這一放雖有趣,只是不忍。」李紈道:「放風箏圖的是這一樂,所以又說放晦氣,你更該多放些,把你這病根兒都帶了去就好了。」紫鵑笑道:「我們姑娘越發小氣了。那一年不放幾個子,今忽然又心疼了。姑娘不放,等我放。」說著便向雪雁手中接過一把西洋小銀剪子來,齊籰子根下寸絲不留,咯登一聲鉸斷,笑道:「這一去把病根兒可都帶了去了。」那風箏飄飄搖搖,只管往後退了去,一時只有雞蛋大小,展眼只剩了一點黑星,再展眼便不見了。眾人皆仰面睃眼說:「有趣,有趣。」寶玉道: 「可惜不知落在那裡去了。若落在有人煙處,被小孩子得了還好,若落在荒郊野外無人煙處,我替他寂寞。想起來把我這個放去,教他兩個作伴兒罷。」於是也用剪子剪斷,照先放去。探春正要剪自己的鳳凰,見天上也有一個鳳凰,因道:「這也不知是誰家的。」眾人皆笑說:「且別剪你的,看他倒象要來絞的樣兒。」說著,只見那鳳凰漸逼近來,遂與這鳳凰絞在一處。眾人方要往下收線,那一家也要收線,正不開交,又見一個門扇大的玲瓏喜字帶響鞭,在半天如鐘鳴一般,也逼近來。眾人笑道:「這一個也來絞了。且別收,讓他三個絞在一處倒有趣呢。」說著,那喜字果然與這兩個鳳凰絞在一處。三下齊收亂頓,誰知線都斷了,那三個風箏飄飄搖搖都去了。眾人拍手哄然一笑,說:「倒有趣,可不知那喜字是誰家的,忒促狹了些。」黛玉說:「我的風箏也放去了,我也乏了,我也要歇歇去了。」寶釵說: 「且等我們放了去,大家好散。」說著,看姊妹都放去了,大家方散。黛玉回房歪著養乏。要知端的,下回便見。 |
Kapitel 70 林黛玉重建桃花社 / 史湘云偶填柳絮词 Kajaljade gründet die Pfirsichblüten-Dichtgesellschaft neu; Xiangfluss-Wolke dichtet ein Weidenkätzchen-Lied Es wird erzählt, dass Kette Kaufmann[1] sich sieben Tage und Nächte lang im Birnenblütenhof aufhielt, wo Mönche und Taoisten ununterbrochen buddhistische Zeremonien abhielten. Dann rief ihn die Herzoginmutter[2] zu sich und ordnete an, die Verstorbene solle auf keinen Fall im Familientempel beigesetzt werden. Kette Kaufmann hatte keine Wahl und musste sich erneut mit dem Mönch Shijue besprechen. Man wählte einen Grabplatz oberhalb der Grablege von Dritter Schwester You und ließ die Erde aufbrechen, um die Tote zu bestatten. Am Tag der Beisetzung erschienen lediglich einige Sippenmitglieder, das Ehepaar König Xin sowie Dame Sonders mit ihrer Schwiegertochter. Phönixglanz[3] kümmerte sich um nichts und ließ ihn alles selbst erledigen. Da überdies das Jahresende nahte und sich die verschiedensten Angelegenheiten wie Igelstacheln häuften, kam auch noch Lin Zhixiao mit einer Namensliste herein. Es waren insgesamt acht unverheiratete junge Burschen von fünfundzwanzig Jahren, die heiraten und einen eigenen Haushalt gründen sollten, und man wartete darauf, dass drinnen die zur Entlassung anstehenden Mägde für die Zuordnung bestimmt würden. Phönixglanz las die Liste durch und ging zuerst zur Herzoginmutter und Dame König[4], um nachzufragen. Man beriet gemeinsam, und obwohl es einige gab, die eigentlich zugeteilt werden sollten, hatte jede einen besonderen Grund dagegen: Als Erste hatte Mandarinenente[5] geschworen, nicht zu gehen. Seit jenem Tag hatte sie kein Wort mehr mit Schatzjade[6] gewechselt und trug weder prächtigen Schmuck noch aufwendige Kleidung. Als alle sahen, wie fest ihr Entschluss war, mochte niemand sie drängen. Als Zweite war Bernstein [琥珀] krank und kam diesmal nicht in Frage. Farbwölkchen hatte sich kürzlich mit Unheil Kaufmann überworfen und litt ebenfalls an einer unheilbaren Krankheit. Nur die gröberen Hauptmägde aus Phönixglanz' und Seidenweiß Pflaumes [李纨] Haushalten wurden entlassen, alle übrigen waren noch zu jung. Man befahl den jungen Burschen, sich draußen selbst Frauen zu suchen. Nun hatte sich in der vergangenen Zeit, da Phönixglanz krank gewesen war und Seidenweiß Pflaume sowie Erkundefrühling die Haushaltsführung übernommen hatten und keine freie Minute fanden, und da dann Neujahr und die Festtage folgten und unzählige Dinge zu erledigen waren, die Dichtgesellschaft einfach aufgelöst. Jetzt war es zwar Mitte des Frühlings, und man hätte Zeit gehabt, doch Schatzjade war wegen Liuxiangliáns kaltem Verschwinden, wegen Dritter Schwester Yous Selbstentleibung mit dem Schwert, wegen Zweiter Schwester Yous Goldtod und wegen Liuwuers Erkrankung — ein Kummer folgte dem anderen, und müßige Sorgen und grundloser Groll türmten sich ohne Unterlass — so durcheinander geraten, dass sein Ausdruck wie benommen wirkte, seine Worte oft verwirrt waren und er an einer Art Geistesverwirrung zu leiden schien. Dufthauch [袭人] und die anderen erschraken so sehr, dass sie es nicht wagten, der Herzoginmutter davon zu berichten, und ihn stattdessen auf hunderterlei Weise zum Spielen und Lachen zu bewegen suchten. An diesem Morgen war er gerade aufgewacht, als er aus dem Vorzimmer unablässiges kicherndes und gackerndes Gelächter hörte. Dufthauch sagte lachend: „Geh schnell hinaus und rette sie! Heitermuster [晴雯] und Moschusmond [麝月] haben Xiongnu [芳官/雄奴] gepackt und kitzeln ihn durch!" Als Schatzjade das hörte, warf er rasch seinen graugehäuteten Pelzmantel über und ging hinaus, um nachzusehen. Er sah die drei: Die Bettdecken waren noch nicht zusammengelegt, die Oberkleider noch nicht angezogen. Heitermuster trug nur ein kleines, lauchgrünes Jäckchen aus schimmernder Seide, ein rotes Unterhemd und rote Pantoffeln, das Haar offen hängend, und saß rittlings auf Xiongnu. Moschusmond hatte ein rotes Brustband aus Seide an und war in ein altes Gewand gehüllt und kitzelte Xiongnu unter den Rippen. Xiongnu lag auf dem Kang, trug ein enganliegendes Jäckchen mit Blumenmuster, rote Hosen und grüne Strümpfe und strampelte mit beiden Füßen, vor Lachen kaum noch Luft bekommend. Schatzjade eilte lachend herbei und rief: „Zwei Große überfallen einen Kleinen — lasst mich helfen!" Damit kletterte er auch aufs Bett und begann Heitermuster zu kitzeln. Heitermuster war an der kitzligen Stelle getroffen, ließ lachend Xiongnu los und wehrte sich gegen Schatzjade. Xiongnu nutzte die Gelegenheit und drückte Heitermuster nieder, um sie unter den Rippen zu kitzeln. Dufthauch rief lachend: „Passt auf, dass ihr euch nicht erkältet!" Aber die vier, die sich ineinander verwickelt hatten, boten einen komischen Anblick. Da kam plötzlich Biyue [碧月], eine Magd, die Seidenweiß Pflaume geschickt hatte. „Gestern Abend hat unsere Herrin hier ein Taschentuch vergessen. Ist es vielleicht noch hier?" Kleine Schwalbe [小燕] sagte: „Ja, ja, ja! Ich habe es vom Boden aufgehoben, wusste aber nicht, wem es gehört. Ich habe es gerade gewaschen, es hängt draußen zum Trocknen und ist noch nicht trocken." Biyue sah die vier beim Herumtollen und lachte: „Hier ist es aber lustig! Am frühen Morgen schon kichert und kreischt ihr und tobt zusammen herum." Schatzjade lachte: „Bei euch sind doch auch genug Leute — warum spielt ihr nicht?" Biyue antwortete: „Unsere Herrin spielt nicht und hält auch die beiden Nebenfrauen und Fräulein Qin [宝琴] mit fest. Jetzt ist Fräulein Qin auch noch zur Herzoginmutter gegangen, und es ist noch einsamer geworden. Wenn die beiden Nebenfrauen nach diesem Jahr gehen und nächsten Winter fort sind, wird es noch stiller. Schaut euch doch mal Fräulein Schnees [宝钗] Haushalt an — seit Duftkastanies [香菱] Weggang ist es viel kühler geworden, und Fräulein Wolke [湘云] steht ganz allein da." Noch während sie sprach, schickte Xiangfluss-Wolke[7] [史湘云] ihre Magd Jadegras [翠缕] herüber, um auszurichten: „Bitte den Zweiten Herrn, schnell herauszukommen und schöne Gedichte zu betrachten." Als Schatzjade das hörte, fragte er eilig: „Wo gibt es schöne Gedichte?" Jadegras lachte: „Die Fräuleins sind alle am Duftende-Quelle-Pavillon [沁芳亭]. Wenn du hingehst, wirst du es erfahren." Als Schatzjade das hörte, wusch und kämmte er sich eilig und ging hinaus. Tatsächlich saßen Kajaljade[8], Schatzspange[9] [薛宝钗], Xiangfluss-Wolke, Schatzharfe [宝琴] und Erkundefrühling dort und hielten ein Gedicht in der Hand. Als sie ihn kommen sahen, sagten alle lachend: „Und jetzt bist du immer noch nicht aufgestanden! Unsere Dichtgesellschaft hat sich ein ganzes Jahr lang nicht getroffen, und niemand hat sich darum bemüht, sie wieder aufleben zu lassen. Jetzt, im Frühling, wenn sich alles erneuert, wäre der richtige Zeitpunkt, sie wieder neu ins Leben zu rufen!" Xiangfluss-Wolke lachte: „Als die Dichtgesellschaft gegründet wurde, war es Herbst — das verhieß kein Gedeihen. Jetzt aber, wo alles dem Frühling entgegenstrebt, stehen alle Zeichen auf Wachstum und Blüte. Und da dieses Pfirsichblütengedicht so schön ist, sollten wir die Meerzapfengesellschaft in eine Pfirsichblütengesellschaft umwandeln!" Schatzjade hörte zu, nickte und sagte: „Sehr gut." Dann drängte er, das Gedicht sehen zu dürfen. Die anderen sagten: „Lasst uns jetzt gleich zur Reisduftbäuerin [稻香老农, Seidenweiß Pflaume] gehen und alles gemeinsam beschließen." Damit standen alle auf und gingen zusammen zum Reisduftdorf [稻香村]. Während Schatzjade neben den anderen herging, las er auf dem Blatt den „Wandel der Pfirsichblüten": Draußen vor dem Vorhang weht der Ostwind zart, die Pfirsichblüten blühen vor der Tür. Dahinter sitzt die Schöne, schmückt sich kaum, nur ein Vorhang trennt sie von den Blüten hier. Der Ostwind hebt den Vorhang, will sie sehn, die Blüten spähen, doch er rollt sich nicht. Die Pfirsichblüten draußen blühn wie je, doch drinnen ist die Frau noch blasser als ihr Licht. Die Blüten fühlen Mitleid, werden traurig auch, durch den Vorhang dringt die Botschaft mit dem Wind. Der Wind durchweht den Seidenvorhang, Blüten füllen den Hof, vor dem Hof macht Frühlingsfarbe das Herz verwund'. Im moosbedeckten Hof steht das Tor nur angelehnt, an der Balustrade lehnt einsam die Gestalt. Sie weint im Ostwind an der Brüstung still, im roten Rock steht sie bei Pfirsichblüten, kalt. Die Blütenblätter wirbeln bunt herab, frisch rot erblüht, in tiefem Grün das Laub. In Nebel eingehüllt, in Dunst versiegelt, tausend Bäume stehn, sie färben Turm und Wand in rotes Trüb. Der Himmelsweber riss das Mandarinentenbrokattuch, vom Frühlingsrausch erwachend, schiebt sie das Korallenkissen fort. Die Zofe bringt das goldne Becken Wasser dar, im Duftquell spiegelt sich der Schminke kühler Ort. Die Schminke glänzt — wem gleicht sie am Gesicht? Der Blüte Farbe und des Menschen Tränen sind's. Vergleicht man Tränen mit der Pfirsichblüte gar — die Träne fließt beständig, doch die Blüte strahlt beschwingt. Mit tränenden Augen schaut sie Blüten an, die Träne trocknet bald, und ist die Träne trocken, welkt im Lenz die Blüte auch. Die welke Blüte birgt die welke Frau, die Blüte fällt, die Frau ermattet — Dämmerung bricht ein. Ein Kuckucksruf — der Frühling ist dahin, einsam der Vorhang, leer der Mondesschein. Schatzjade las es und lobte es nicht mit Worten, doch Tränen rollten ihm die Wangen herab. Er wusste sogleich, dass es von Kajaljade stammte, und eben darum weinte er. Aus Angst, die anderen könnten es bemerken, wischte er sich schnell die Augen. Dann fragte er: „Wie seid ihr daran gekommen?" Schatzharfe lachte: „Rate doch, wer es geschrieben hat!" Schatzjade lachte: „Natürlich das Manuskript der Herrin vom Bambushain [潇湘子]." Schatzharfe lachte: „Dabei habe ich es doch geschrieben!" Schatzjade lachte: „Das glaube ich nicht. Dieser Ton, dieser Ausdruck unterscheidet sich völlig vom Stil der Bewohnerin des Duftkrautgartens [蘅芜, Schatzspange]. Darum glaube ich es nicht." Schatzspange lachte: „Deswegen verstehst du eben nichts davon. Hatte denn Du Fu [杜工部] etwa nur Verse wie ‚Zwei Herbste schon blühen die Astern — Tränen ferner Tage'? Er hatte ebenso ‚Rot platzt der Regen, fett die Pflaume' und ‚Wasserpflanzen, windgetrieben, grüne Bänder lang' — durchaus reizvolle Zeilen!" Schatzjade lachte: „Das ist gewiss richtig. Aber ich weiß, dass die ältere Schwester der jüngeren niemals solch traurige Verse erlaubt hätte, und die jüngere Schwester, obwohl sie das Talent dazu besitzt, würde sie gewiss nicht schreiben. Das ist nicht wie bei Schwester Lin, die selbst Trennung und Trauer erfahren hat und darum solch klagende Töne anstimmt." Alle lachten, als sie das hörten. Man hatte das Reisduftdorf bereits erreicht, und als man Seidenweiß Pflaume das Gedicht zeigte, lobte diese es natürlich überschwänglich. Als man auf die Dichtgesellschaft zu sprechen kam, beschloss man gemeinsam: „Morgen ist der zweite Tag des dritten Monats — dann gründen wir die Gesellschaft neu, benennen die ‚Meerzapfengesellschaft' in ‚Pfirsichblütengesellschaft' um, und Kajaljade wird die Gesellschaftsleiterin. Morgen nach dem Mittagessen versammeln wir uns alle im Bambushain." Man begann gleich, Themen festzulegen. Kajaljade schlug vor: „Schreibt alle ein Pfirsichblütengedicht mit hundert Reimpaaren." Schatzspange wandte ein: „Das geht nicht. Es gibt seit jeher die meisten Pfirsichblütengedichte. Was man auch schreibt, es wird in ein altes Muster fallen — das lässt sich nicht mit deinem Gedicht im alten Stil vergleichen. Wir müssen uns etwas anderes überlegen." Noch während sie sprachen, wurde gemeldet: „Die Tante Onkelfrau ist gekommen. Die Fräuleins möchten bitte herauskommen, um ihre Aufwartung zu machen." Also gingen alle nach vorn, um König Zitengs Gemahlin zu begrüßen, und man unterhielt sich mit ihr. Nachdem man gemeinsam gespeist hatte, begleitete man sie in den Garten und zeigte ihr alles. Erst nach dem Abendessen, als die Laternen angezündet wurden, ging sie. Am nächsten Tag war Erkundefrühlings Geburtstag. Urfrühling [元春] hatte schon am frühen Morgen zwei kleine Eunuchen mit einigen Spielzeugen geschickt. Auch die gesamte Familie brachte Geburtstagsgeschenke, das versteht sich von selbst. Nach dem Mittagessen zog Erkundefrühling ihre Festkleidung an und ging überall hin, um sich zu bedanken. Kajaljade sagte lachend zu den anderen: „Meine Gesellschaftsgründung kommt schon wieder ungelegen — ich habe ganz vergessen, dass diese Tage ihr Geburtstag ist. Auch wenn kein Fest mit Wein und Theater gefeiert wird, muss man sie doch den ganzen Tag bei der Herzoginmutter und Dame König Gesellschaft leisten lassen. Wie soll man da freie Zeit finden?" Darum verschob man es auf den fünften Tag. An diesem Morgen, nachdem alle Schwestern in den Gemächern beim Frühstück aufgewartet hatten, traf ein Brief von Aufrecht Kaufmann [贾政] ein. Schatzjade erkundigte sich nach seinem Befinden, faltete den Brief mit den Grüßen an die Herzoginmutter auseinander und las ihr vor. Es waren nur die üblichen Grußformeln und die Mitteilung, dass er um die Mitte des sechsten Monats in die Hauptstadt zurückkehren werde. Die übrigen Familienbriefe und Geschäftsmitteilungen wurden von Kette Kaufmann und Dame König gelesen. Als alle hörten, dass er im sechsten oder siebten Monat zurückkommen würde, freuten sich alle über die Maßen. Doch gerade in diesen Tagen war König Zitengs Tochter dem Sohn des Fürsten von Baoning zur Frau versprochen worden, und die Hochzeit war für den zehnten Tag des fünften Monats angesetzt. Phönixglanz war wieder mit den Vorbereitungen beschäftigt und drei bis fünf Tage am Stück nicht zu Hause. An diesem Tag kam König Zitengs Gemahlin erneut, um Phönixglanz abzuholen und zugleich alle Nichten und Neffen zu einem vergnüglichen Tag einzuladen. Die Herzoginmutter und Dame König befahlen Schatzjade, Erkundefrühling, Kajaljade und Schatzspange, zusammen mit Phönixglanz mitzugehen. Niemand wagte zu widersprechen, und so gingen alle in ihre Zimmer, um sich neu zu schmücken. Die fünf verabschiedeten sich und verbrachten den Tag dort. Erst bei Laternenschein kamen sie zurück. Als Schatzjade den Hof der Roten Freude [怡红院] betrat, ruhte er sich eine halbe Stunde aus. Dufthauch nutzte die Gelegenheit und riet ihm, sich ein wenig zu sammeln und in seiner freien Zeit die Bücher zu ordnen, um sich vorzubereiten. Schatzjade zählte an den Fingern und sagte: „Es ist noch früh genug." Dufthauch erwiderte: „Die Bücher sind das Erste und die Schriftübungen das Zweite. Wenn es dann soweit ist, hast du vielleicht die Bücher, aber wo sind dann deine Schriftproben?" Schatzjade lachte: „Ich habe doch oft welche geschrieben — sind die nicht alle aufgehoben worden?" Dufthauch sagte: „Natürlich habe ich sie aufgehoben. Als du gestern nicht zu Hause warst, habe ich sie herausgenommen und gezählt — es sind gerade mal fünfzig oder sechzig Stück. In drei oder vier Jahren nur so wenige Blätter? Meiner Meinung nach solltest du ab morgen alle anderen Gedanken ablegen und jeden Tag fleißig einige Blätter Schönschrift üben, um die Lücken zu füllen. Es muss zwar nicht für jeden Tag eines da sein, aber im Großen und Ganzen sollte es passabel aussehen." Als Schatzjade das hörte, sichtete er hastig selbst alles noch einmal und erkannte, dass es wirklich nicht ausreichte. Also sagte er: „Ab morgen schreibe ich jeden Tag hundert Zeichen, dann passt es." Man sprach noch eine Weile und legte sich dann schlafen. Am nächsten Tag stand er auf, wusch sich, kämmte sich und setzte sich unter das Fenster, rieb die Tusche an und begann in schöner Regelschrift Vorlagen abzuschreiben. Als die Herzoginmutter ihn nicht erscheinen sah, dachte sie, er sei krank, und schickte sofort jemanden, um nachzufragen. Schatzjade ging daraufhin, ihr seinen Morgengruß darzubringen, und erklärte, er habe am frühen Morgen mit dem Schreiben begonnen und sei deshalb spät gekommen. Als die Herzoginmutter das hörte, freute sie sich sehr und befahl: „Von nun an schreibe und lies nur nach Herzenslust. Du brauchst nicht herauszukommen, wenn du nicht willst. Geh und sage es auch deiner Mutter." Schatzjade ging zu Dame König und erklärte es ihr. Dame König sagte: „Im letzten Moment das Schwert zu wetzen, nützt auch nichts mehr. Wenn er sich jetzt so aufregt — hätte er jeden Tag ein wenig geschrieben und gelesen, wie viel ließe sich da noch schaffen! Dieses Hetzen wird ihn nur wieder krank machen." Schatzjade beteuerte, es sei nicht so schlimm. Auch die Herzoginmutter sorgte sich, er könne sich krank hetzen. Da sagten Erkundefrühling und Schatzspange lachend: „Die Herzoginmutter braucht sich nicht zu sorgen. Die Bücher können wir ihm zwar nicht abnehmen, aber die Schriftübungen schon. Wenn jede von uns jeden Tag eine Seite für ihn abschreibt, kommen wir über diese Hürde. Erstens wird der Herr Vater bei seiner Rückkehr nicht böse, und zweitens macht er sich nicht krank vor Aufregung." Die Herzoginmutter hörte das und freute sich grenzenlos. Kajaljade hatte nämlich gehört, dass Aufrecht Kaufmann bei seiner Rückkehr gewiss nach Schatzjades Fortschritten fragen werde, und fürchtete, dass Schatzjade sein Herz zu sehr an andere Dinge hängte und zur Zeit der Prüfung Nachteile erleiden würde. Deshalb tat sie selbst so, als interessiere sie sich nicht dafür, rief die Dichtgesellschaft nicht ein und versuchte auch nicht, ihn mit äußeren Dingen abzulenken. Erkundefrühling und Schatzspange übten jeden Tag eine Seite Regelschrift für Schatzjade, und Schatzjade selbst legte sich ebenfalls ins Zeug und schrieb mal zweihundert, mal dreihundert Zeichen am Tag. Bis Ende des dritten Monats hatte man wieder eine beträchtliche Anzahl zusammengebracht. An diesem Tag rechnete man durch: Noch fünfzig Seiten fehlten, und man käme gerade so über die Runden. Da kam unerwartet Purpurkuckuck [紫鹃] herein und brachte Schatzjade eine Schriftrolle. Als er sie öffnete, waren es auf altem, öligem Bambuspapier sorgfältig abgeschriebene Fliegenkopf-Miniaturschrift im Stil von Zhong You und Wang Xizhi, und die Handschrift glich seiner eigenen bis aufs Haar. Schatzjade war so erfreut, dass er Purpurkuckuck eine tiefe Verbeugung machte und dann persönlich hinging, um sich zu bedanken. Auch Xiangfluss-Wolke und Schatzharfe hatten je einige Seiten abgeschrieben und ihm geschenkt. Obwohl die Gesamtzahl nicht ganz die erforderliche Menge erreichte, genügte es doch zum Durchkommen. Schatzjade war beruhigt und begann daraufhin, die Bücher, die er lesen sollte, noch einmal durchzuarbeiten. Gerade als er Tag für Tag fleißig lernte, kam es dazu, dass die Küste in der Nähe des Meeres von einer Sturmflut heimgesucht wurde, die mehrere Bezirke verwüstete. Die Provinzbeamten reichten Berichte ein, und auf kaiserlichen Befehl wurde Aufrecht Kaufmann angewiesen, auf seinem Rückweg die Hilfsmaßnahmen und Rechnungen zu überprüfen. So gerechnet, würde er erst gegen Winterende zurückkehren. Als Schatzjade davon hörte, legte er Bücher und Schriftübungen sofort wieder beiseite und trieb sich wie zuvor müßig umher. Es war Spätfrühling, und Xiangfluss-Wolke langweilte sich. Als sie die Weidenkätzchen im Wind tanzen sah, dichtete sie spontan ein kleines Lied nach der Melodie „Wie ein Traum": Ist es Stickgarn, das zerfasert fällt? Es rollt den halben Vorhang duftend auf. Mit zarter Hand pflückt sie es selbst — vergeblich lässt sie Kuckuck klagen, Schwalbe neiden. Halt ein, halt ein! Lass nicht den Frühlingsglanz von dannen scheiden! Sie war mit ihrem Werk zufrieden, schrieb es auf ein Blatt Papier und zeigte es Schatzspange. Dann ging sie zu Kajaljade. Kajaljade las es und sagte lachend: „Gut! Frisch und reizvoll. Aber das könnte ich nicht." Xiangfluss-Wolke lachte: „Bei all unseren Gesellschaftstreffen haben wir noch nie Lieder gedichtet. Warum rufst du nicht morgen ein Treffen zum Liederdichten ein — das wäre einmal etwas anderes und ganz erfrischend!" Als Kajaljade das hörte, packte sie plötzlich die Begeisterung, und sie sagte: „Das ist ein ausgezeichneter Vorschlag! Ich werde sie sofort einladen." Damit ließ sie einige Sorten Obst und Gebäck vorbereiten und schickte zugleich Boten zu allen Eingeladenen. Währenddessen legten die beiden Freundinnen als Thema Weidenkätzchen fest und bestimmten mehrere verschiedene Liedmelodien, die sie auf ein Blatt schrieben und an die Wand hefteten. Als die anderen kamen und es sahen — das Thema war Weidenkätzchen, und jede sollte in einer anderen kurzen Liedmelodie dichten —, lasen sie auch Xiangfluss-Wolkes Lied und lobten es eine Weile. Schatzjade lachte: „Im Liederdichten sind wir weniger geübt, aber wir müssen uns trotzdem etwas zusammenreimen." Also zogen alle Lose. Schatzspange zog „Am Ufer des Flusses" [临江仙], Schatzharfe „Mond über dem Westfluss" [西江月], Erkundefrühling „Melodie aus Nanke" [南柯子], Kajaljade „Tang Duoling" [唐多令] und Schatzjade „Schmetterling liebt die Blume" [蝶恋花]. Purpurkuckuck entzündete eine Stange Süßtraumräucherstäbchen, und alle versanken in Nachdenken. Bald hatte Kajaljade etwas und schrieb es nieder. Gleich darauf waren auch Schatzharfe und Schatzspange fertig. Nachdem die drei geschrieben hatten, schauten sie sich gegenseitig die Verse an. Schatzspange lachte: „Lasst mich erst eure fertig lesen, dann zeige ich meines." Erkundefrühling rief lachend: „Oh weh! Wie schnell brennt das Räucherstäbchen heute herunter — nur noch drei Zehntel sind übrig! Ich habe erst die Hälfte!" Dann fragte sie, ob Schatzjade schon fertig sei. Schatzjade hatte zwar einiges geschrieben, war aber selbst unzufrieden, hatte alles wieder ausgestrichen und wollte neu beginnen. Als er sich umdrehte und das Räucherstäbchen ansah, war es fast niedergebrannt. Seidenweiß Pflaume lachte: „Das zählt als verloren. Die Halbe von der Bananenschwester soll sie immerhin aufschreiben." Als Erkundefrühling das hörte, schrieb sie eilig auf. Die anderen schauten — es war nur die Hälfte einer „Melodie aus Nanke": Lose hängen feine Fäden, Vergeblich spinnen sich die Ranken. Nicht binden noch halten lässt es sich — nach Ost und West, nach Süd und Nord mag jedes treiben, sonder Schranken. Seidenweiß Pflaume lachte: „Das lässt sich doch gut fortsetzen — warum machst du nicht weiter?" Schatzjade sah, dass das Räucherstäbchen erloschen war, gab bereitwillig seine Niederlage zu und weigerte sich, etwas Halbherziges abzuliefern. Er legte den Pinsel hin und ging hinüber, um diese halbe Strophe zu betrachten. Als er sah, dass sie unvollendet war, regte sich gerade dadurch sein Ehrgeiz, und er nahm den Pinsel und setzte fort: Fällt sie, so traure nicht, mein Freund, fliegt sie herbei, so weiß ich selbst Bescheid. Wenn Lerche trauert und der Schmetterling ermattet, kehrt späte Blütezeit — selbst wenn im nächsten Lenz wir uns wiedersehn, trennt uns ein ganzes Jahr an Zeit. Alle lachten: „Deinen eigenen Teil bringst du nicht zustande, und hier fällt dir plötzlich etwas ein! Selbst wenn es gut ist, zählt es nicht." Dann lasen sie Kajaljades „Tang Duoling": Puder fällt am Blütenstrand, Duft verwelkt am Schwalbenbau. Knäuel um Knäuel, Paar an Paar zu Ballen. Treibend wie ein Menschenleben, zart und flüchtig, in leerer Zärtlichkeit von Eleganz und Glanz zu lallen. Selbst Gras und Bäume kennen Gram, die Jugend wird vor der Zeit weiß und grau. Ach, wer sammelt, wer verwirft in diesem Leben? Dem Ostwind angetraut — der Frühling kümmert's nicht, treibt, wie ihr wollt! Wer könnte bleiben, wer sich widersetzen? Alle lasen es, nickten und seufzten: „Allzu traurig! Gut ist es freilich." Dann lasen sie Schatzharfes „Mond über dem Westfluss": Am Han-Palast vereinzelt, doch begrenzt, Am Sui-Damm Tupfer ohne Zahl. Drei Frühlinge Geschäft dem Ostwind dargebracht — wie Mondlicht und Pflaumenblüte: alles nur ein Traum. An wie vielen Höfen fallen rote Blüten? Wessen Haus umweht der Duftschneehauch? Von Süd bis Nord, ein und dasselbe Los — nur wer scheiden muss, dem wiegt der Gram so schwer. Alle sagten lachend: „Ihr Ton ist wahrlich kraftvoll. ‚An wie vielen Höfen' und ‚Wessen Haus' — diese beiden Zeilen sind am schönsten!" Schatzspange lachte: „Aber letztlich ist auch das zu trübsinnig. Ich denke mir, Weidenkätzchen sind von Natur leichte, wurzellose, haltlose Dinge. Doch nach meiner Auffassung sollte man sie gerade schön reden — erst dann fällt man nicht in die üblichen Muster. Darum habe ich etwas zusammengereimt, das euren Geschmack vielleicht nicht trifft." Alle lachten: „Sei nicht so bescheiden! Lasst uns lesen, es ist gewiss gut." So lasen sie ihr „Am Ufer des Flusses": Vor der weißen Jadehalle tanzt der Frühling, der Ostwind wirbelt alles gleichmäßig empor. Xiangfluss-Wolke lachte als Erste: „Wunderbar, dieses ‚der Ostwind wirbelt alles gleichmäßig empor'! Allein diese Zeile übertrifft alle anderen." Dann lasen sie weiter: In Bienenschwärmen, Schmetterlingsgeschwadern bunt. Wann je folgte es dem fließenden Wasser? Muss es denn im Blütenstaub vergehen? Zehntausend Fäden, tausend Ranken bleiben unverrückt, mag es sich scharen oder trennen nach Belieben. Lacht nicht, Jugendglanz, über das Fehlen jeder Wurzel — wenn guter Wind mir häufig Kraft verleiht, trägt er mich hinauf zu den Wolken! Alle schlugen auf den Tisch und riefen begeistert: „Wahrhaftig, großartig gewendet! Natürlich in Kraft und Schwung — dieses Lied gebührt der erste Platz. In wehmütiger Innigkeit muss man der Herrin vom Xiaoxiang den Vorrang lassen, in anmutiger Zierlichkeit der Kissennebelschönen [枕霞, Xiangfluss-Wolke], und die kleine Schnee [Schatzharfe] sowie die Bananengästin [蕉客, Erkundefrühling] sind heute durchgefallen und müssen bestraft werden." Schatzharfe lachte: „Wir nehmen unsere Strafe hin — aber was geschieht mit dem, der ein leeres Blatt abgegeben hat?" Seidenweiß Pflaume sagte: „Keine Eile — den bestrafen wir erst recht schwer. Beim nächsten Mal dient es als Beispiel." Noch war das Wort nicht zu Ende gesprochen, als draußen am Fenster auf dem Bambus ein Geräusch ertönte, als wäre ein Fensterladen umgekippt, und alle erschraken. Als die Mägde hinausgingen, um nachzusehen, rief eine Magd draußen vor dem Vorhang: „Ein großer Schmetterlings-Drachen hat sich in der Bambusspitze verfangen!" Die Mägde lachten: „Was für ein hübscher Drachen! Wer weiß, wem die Schnur gerissen ist — holt ihn herunter!" Als Schatzjade und die anderen das hörten, kamen sie alle heraus, um ihn zu betrachten. Schatzjade lachte: „Ich kenne diesen Drachen. Das ist der von Fräulein Jiaohong [娇红] aus dem Hof des Großen Herrn. Nehmt ihn herunter und bringt ihn ihr zurück." Purpurkuckuck lachte: „Als gäbe es auf der ganzen Welt nicht zwei gleiche Drachen und nur sie hätte einen solchen! Mir ist es egal, ich nehme ihn mir." Erkundefrühling sagte: „Purpurkuckuck wird auch knauserig! Ihr habt doch selbst welche. Jetzt einen aufzulesen, den jemand hat fliegen lassen — fürchtet ihr euch nicht vor dem bösen Omen?" Kajaljade lachte: „Ganz recht! Man weiß ja nicht, wer sein Unglück damit hat fliegen lassen wollen. Werft ihn schnell hinaus! Holt unsere eigenen heraus, dann lassen auch wir unser Unglück fliegen!" Als Purpurkuckuck das hörte, befahl sie den kleinen Mägden, den Drachen hinauszubringen und den diensthabenden Frauen am Gartentor zu geben, damit sie ihn zurückgeben könnten, falls jemand danach suchen sollte. Die kleinen Mägde drinnen hatten das Wort „Drachensteigen" gehört und konnten es kaum erwarten. Sie machten sich mit Händen und Füßen daran, einen Schönheitsdrachen herauszuholen. Einige schleppten hohe Hocker herbei, andere banden die Schnurkreuze, wieder andere wickelten die Haspeln. Schatzspange und die anderen standen alle am Hoftor und befahlen den Mägden, draußen auf dem freien Platz die Drachen steigen zu lassen. Schatzharfe lachte: „Deiner ist nicht besonders hübsch — der große Phönix mit den weichen Flügeln von der dritten Schwester ist schöner." Schatzspange lachte: „Allerdings!" Dann wandte sie sich lachend an Jadtusche [翠墨] und sagte: „Hol euren auch, dann lasst ihn steigen!" Jadtusche ging vergnügt los, um ihn zu holen. Schatzjade geriet auch in Begeisterung und schickte eine kleine Magd nach Hause mit dem Auftrag: „Hol den großen Fisch, den mir Verwalterin Lai Da gestern geschenkt hat." Das Mädchen war lange fort und kam mit leeren Händen zurück. Lachend sagte es: „Fräulein Heitermuster hat ihn gestern schon fliegen lassen." Schatzjade rief: „Ich habe ihn noch nicht ein einziges Mal steigen lassen!" Erkundefrühling lachte: „Immerhin hat sie dein Unglück für dich fliegen lassen." Schatzjade sagte: „Na gut. Dann bringt den großen Krebs!" Die Magd ging und kam mit mehreren Leuten zurück, die einen Schönheitsdrachen und eine Haspel trugen. „Fräulein Dufthauch lässt ausrichten, den Krebs habe sie gestern dem Dritten Herrn [贾环] gegeben. Diesen hier hat Verwalterin Lin gerade erst gebracht — lasst diesen steigen." Schatzjade betrachtete ihn genau — der Schönheitsdrachen war äußerst kunstvoll gearbeitet. Erfreut befahl er, ihn steigen zu lassen. Inzwischen hatte auch Erkundefrühling ihren holen lassen, und Jadtusche war mit einigen kleinen Mägden auf dem Hügel drüben schon beim Steigenlassen. Schatzharfe befahl ebenfalls, ihre große rote Fledermaus zu holen. Auch Schatzspange war in Hochstimmung und ließ ihren holen — es war eine Kette von sieben großen Wildgänsen, und alle wurden in die Luft gelassen. Nur Schatzjades Schönheitsdrachen wollte nicht steigen. Schatzjade sagte, die Mägde könnten nicht damit umgehen, und versuchte es selbst eine halbe Stunde lang, aber der Drachen stieg nur bis Dachhöhe und fiel wieder herunter. Vor Aufregung brach Schatzjade der Schweiß aus, und alle lachten. Schatzjade warf den Drachen wütend auf den Boden und deutete mit dem Finger darauf: „Wäre es keine Schönheit, würde ich sie mit den Füßen zertrampeln!" Kajaljade lachte: „Das liegt an der Hauptschnur — sie ist nicht gut. Lass sie hinausbringen und von jemandem die Hauptschnur neu binden!" Schatzjade schickte jemanden los, um die Schnur neu binden zu lassen, und nahm sich inzwischen einen anderen Drachen zum Steigenlassen. Alle blickten hinauf: Die Drachen am Himmel waren schon hoch in die Lüfte gestiegen. Bald darauf brachten die Mägde noch viele verschiedenartig gestaltete Drachen, und man spielte eine Weile. Purpurkuckuck lachte: „Diesmal ist der Wind stark — Fräulein, kommt und lasst ihn los!" Als Kajaljade das hörte, stützte sie ihre Hand mit einem Taschentuch, gab einmal kräftig Zug, und tatsächlich war der Wind stark. Sie übernahm die Haspel und ließ, der Zugkraft des Drachens folgend, die Haspel los. Ein reißendes Rattern ertönte, und im Nu war die Schnur der Haspel abgelaufen. Kajaljade lud die anderen ein, ihre Drachen loszulassen. Alle lachten: „Jede hat ihren eigenen — bitte, fang du an!" Kajaljade lachte: „Loslassen macht zwar Spaß, aber es tut mir doch leid." Seidenweiß Pflaume sagte: „Drachensteigen ist doch für dieses Vergnügen da. Darum sagt man auch, man lässt sein Unglück fliegen. Du solltest umso mehr loslassen — nimm deine Krankheitswurzeln alle mit fort!" Purpurkuckuck lachte: „Unser Fräulein wird immer geiziger! Jedes Jahr lässt sie ein paar steigen, und jetzt tut ihr das Herz plötzlich weh. Wenn das Fräulein nicht loslässt, dann lasse ich los." Damit nahm sie Schneegans [雪雁] eine kleine silberne Schere westlicher Machart aus der Hand, setzte sie direkt an der Haspelwurzel an, so dass nicht ein Fingerbreit Schnur übrig blieb, und — ratsch! — schnitt sie durch. Lachend rief sie: „Damit fliegt auch die Krankheit mitsamt allen Wurzeln davon!" Der Drachen taumelte und schwankte und entfernte sich immer weiter. Bald war er nur noch so groß wie ein Hühnerei, einen Augenblick später nur noch ein schwarzer Punkt, und nach einem weiteren Augenblick war er verschwunden. Alle reckten die Hälse, kniffen die Augen zusammen und riefen: „Wie herrlich, wie herrlich!" Schatzjade sagte: „Schade, dass man nicht weiß, wo er herunterkommt. Fällt er dort, wo Menschen wohnen, und finden Kinder ihn, so ist es noch gut. Fällt er aber in einer wüsten, menschenleeren Gegend nieder, fühle ich seine Einsamkeit mit. Bei dem Gedanken will ich auch meinen loslassen, damit die beiden Gefährten füreinander haben." Also schnitt auch er die Schnur durch und ließ seinen Drachen genauso fliegen. Gerade wollte Erkundefrühling ihre Phönixschnur durchschneiden, da entdeckte sie am Himmel noch einen zweiten Phönix und sagte: „Von wem der wohl stammt?" Alle lachten: „Warte noch mit dem Abschneiden! Es sieht so aus, als wollten sie sich miteinander verheddern." Tatsächlich kam der andere Phönix immer näher und verstrickte sich mit Erkundefrühlings Phönix. Man wollte die Schnur einholen, doch der andere Besitzer tat dasselbe. Noch während sie im Gerangel waren, tauchte ein riesiger, türflügelgroßer, kunstvoll gearbeiteter Doppelfreude-Drachen mit Rasselpeitsche auf, dessen Klang am Himmel wie Glockengeläut dröhnte, und näherte sich ebenfalls. Alle lachten: „Der will sich wohl auch verheddern! Holt die Schnur nicht ein — wenn sich alle drei verknoten, ist es erst richtig lustig!" Und tatsächlich verschlang sich der Doppelfreudedrachen mit den beiden Phönixen. Man zerrte und ruckte von drei Seiten, doch plötzlich rissen alle Schnüre zugleich, und die drei Drachen segelten schwankend davon. Alle klatschten in die Hände und lachten laut: „Wie lustig! Aber wem gehört wohl der Doppelfreudedrachen? Der hat sich ganz schön frech benommen!" Kajaljade sagte: „Meinen Drachen habe ich auch fliegen lassen, und ich bin müde — ich gehe mich ausruhen." Schatzspange sagte: „Wartet noch, bis auch wir unsere losgelassen haben, dann können wir alle auseinandergehen." Nachdem man zugesehen hatte, wie auch die Schwestern ihre Drachen fliegen ließen, trennte man sich. Kajaljade ging in ihr Zimmer und legte sich hin, um zu ruhen. Wer wissen will, wie es weiterging, erfahre es im nächsten Kapitel.
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