Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de/Chapter 77"
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(ZH-DE4 Korrektur-Update Kap. 77) |
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| − | ! style="width:50%" | 中文原文 ( | + | ! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982) |
| − | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung | + | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
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一時候他父子二人等去了,方欲過賈母這邊來時,就有芳官等三個的乾娘走來,回說:「芳官自前日蒙太太的恩典賞了出去,他就瘋了似的,茶也不吃,飯也不用,勾引上藕官蕊官,三個人尋死覓活,只要剪了頭髮做尼姑去。我只當是小孩子家一時出去不慣也是有的,不過隔兩日就好了。誰知越鬧越凶,打罵著也不怕。實在沒法,所以來求太太,或者就依他們做尼姑去,或教導他們一頓,賞給別人作女兒去罷,我們也沒這福。」王夫人聽了道:「胡說!那裡由得他們起來,佛門也是輕易人進去的!每人打一頓給他們,看還鬧不鬧了!」當下因八月十五日各廟內上供去,皆有各廟內的尼姑來送供尖之例,王夫人曾於十五日就留下水月庵的智通與地藏庵的圓心住兩日,至今日未回,聽得此信,巴不得又拐兩個女孩子去作活使喚,因都向王夫人道:「咱們府上到底是善人家。因太太好善,所以感應得這些小姑娘們皆如此。雖說佛門輕易難入,也要知道佛法平等。我佛立願,原是一切眾生無論雞犬皆要度他,無奈迷人不醒。若果有善根能醒悟,即可以超脫輪迴。所以經上現有虎狼蛇蟲得道者就不少。如今這兩三個姑娘既然無父無母,家鄉又遠,他們既經了這富貴,又想從小兒命苦入了這風流行次,將來知道終身怎麼樣,所以苦海回頭,出家修修來世,也是他們的高意。太太倒不要限了善念。」王夫人原是個好善的,先聽彼等之語不肯聽其自由者,因思芳官等不過皆系小兒女,一時不遂心,故有此意,但恐將來熬不得清凈,反致獲罪。今聽這兩個拐子的話大近情理;且近日家中多故,又有邢夫人遣人來知會,明日接迎春家去住兩日,以備人家相看;且又有官媒婆來求說探春等事,心緒正煩,那裡著意在這些小事上。既聽此言,便笑答道:「你兩個既這等說,你們就帶了作徒弟去如何?」兩個姑子聽了,念一聲佛道:「善哉!善哉!若如此,可是你老人家陰德不小。」說畢,便稽首拜謝。王夫人道:「既這樣,你們問他們去。若果真心,即上來當著我拜了師父去罷。」這三個女人聽了出去,果然將他三人帶來。王夫人問之再三,他三人已是立定主意,遂與兩個姑子叩了頭,又拜辭了王夫人。王夫人見他們意皆決斷,知不可強了,反倒傷心可憐,忙命人取了些東西來齎賞了他們,又送了兩個姑子些禮物。從此芳官跟了水月庵的智通,蕊官藕官二人跟了地藏庵的圓心,各自出家去了。再聽下回分解。 | 一時候他父子二人等去了,方欲過賈母這邊來時,就有芳官等三個的乾娘走來,回說:「芳官自前日蒙太太的恩典賞了出去,他就瘋了似的,茶也不吃,飯也不用,勾引上藕官蕊官,三個人尋死覓活,只要剪了頭髮做尼姑去。我只當是小孩子家一時出去不慣也是有的,不過隔兩日就好了。誰知越鬧越凶,打罵著也不怕。實在沒法,所以來求太太,或者就依他們做尼姑去,或教導他們一頓,賞給別人作女兒去罷,我們也沒這福。」王夫人聽了道:「胡說!那裡由得他們起來,佛門也是輕易人進去的!每人打一頓給他們,看還鬧不鬧了!」當下因八月十五日各廟內上供去,皆有各廟內的尼姑來送供尖之例,王夫人曾於十五日就留下水月庵的智通與地藏庵的圓心住兩日,至今日未回,聽得此信,巴不得又拐兩個女孩子去作活使喚,因都向王夫人道:「咱們府上到底是善人家。因太太好善,所以感應得這些小姑娘們皆如此。雖說佛門輕易難入,也要知道佛法平等。我佛立願,原是一切眾生無論雞犬皆要度他,無奈迷人不醒。若果有善根能醒悟,即可以超脫輪迴。所以經上現有虎狼蛇蟲得道者就不少。如今這兩三個姑娘既然無父無母,家鄉又遠,他們既經了這富貴,又想從小兒命苦入了這風流行次,將來知道終身怎麼樣,所以苦海回頭,出家修修來世,也是他們的高意。太太倒不要限了善念。」王夫人原是個好善的,先聽彼等之語不肯聽其自由者,因思芳官等不過皆系小兒女,一時不遂心,故有此意,但恐將來熬不得清凈,反致獲罪。今聽這兩個拐子的話大近情理;且近日家中多故,又有邢夫人遣人來知會,明日接迎春家去住兩日,以備人家相看;且又有官媒婆來求說探春等事,心緒正煩,那裡著意在這些小事上。既聽此言,便笑答道:「你兩個既這等說,你們就帶了作徒弟去如何?」兩個姑子聽了,念一聲佛道:「善哉!善哉!若如此,可是你老人家陰德不小。」說畢,便稽首拜謝。王夫人道:「既這樣,你們問他們去。若果真心,即上來當著我拜了師父去罷。」這三個女人聽了出去,果然將他三人帶來。王夫人問之再三,他三人已是立定主意,遂與兩個姑子叩了頭,又拜辭了王夫人。王夫人見他們意皆決斷,知不可強了,反倒傷心可憐,忙命人取了些東西來齎賞了他們,又送了兩個姑子些禮物。從此芳官跟了水月庵的智通,蕊官藕官二人跟了地藏庵的圓心,各自出家去了。再聽下回分解。 | ||
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| − | + | Siebenundsiebzigstes Kapitel | |
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| − | , | + | Die hübsche Dienerin stirbt zu Unrecht vor der Zeit; die schöne Schauspielerin schneidet alle Gefühle ab und kehrt zu Wasser und Mond zurück |
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| − | + | Es wird erzählt, dass Dame König nach dem Mittelherbstfest feststellte, dass Phönixglanz' Krankheit sich bereits gebessert hatte. Zwar war sie noch nicht völlig genesen, doch konnte sie schon wieder aufstehen und ausgehen. Dennoch ließ Dame König weiterhin jeden Tag den Arzt kommen, um ihr den Puls zu fühlen und Medizin zu verabreichen. Der Arzt verschrieb nun ein Rezept für Pillen zur Regulierung der Menstruation und Nährung der Lebenskraft. Dafür wurden zwei Liang<ref>Ein Liang (两) entspricht etwa 37,3 Gramm. Zwei Liang hochwertiger Ginseng (人参, rénshēn, Panax ginseng) waren ein beträchtlicher Wert — der Text erwähnt später einen Preis von dreißig Liang Silber pro Liang.</ref> besten Ginsengs benötigt. Als Dame König ihn holen ließ, fand man nach langem Suchen in einem kleinen Kästchen nur ein paar Wurzeln, nicht dicker als Haarnadeln. Dame König war damit nicht zufrieden und befahl, weiter zu suchen. Doch alles, was noch gefunden wurde, war ein großes Päckchen mit Fasern und Krümeln. | |
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| − | + | Ärgerlich sagte Dame König: „Wenn man keinen braucht, ist welcher da, aber sobald man welchen braucht, ist keiner mehr zu finden! Immer wieder habe ich euch gesagt, ihr sollt einmal nachsehen und alles an einer Stelle zusammenlegen. Aber ihr hört ja nicht und lasst alles irgendwo liegen. Ihr wisst einfach nicht, wie wertvoll er ist. Wenn man ihn kaufen muss, kostet er ein Vermögen, und dann taugt er nicht einmal!“ | |
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| − | + | Farbwölkchen erwiderte: „Wahrscheinlich ist keiner mehr da, außer diesem hier. Als letztes Mal die gnädige Frau von drüben welchen brauchte, habt Ihr ihr alles gegeben.“ | |
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| − | + | „Das kann nicht sein“, beharrte Dame König. „Such noch einmal gründlich!“ | |
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| − | + | Wohl oder übel suchte Farbwölkchen noch einmal und kam mit mehreren Päckchen Arzneikräuter zurück. „Wir kennen diese nicht“, sagte sie. „Seht bitte selbst nach, gnädige Frau. Außer diesen hier ist nichts mehr da.“ | |
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| − | + | Als Dame König die Päckchen öffnete, konnte sie sich ebenfalls nicht mehr erinnern, was für Kräuter das waren, doch eine einzige Ginsengwurzel war nicht darunter. Also schickte sie jemanden, um Phönixglanz zu fragen, ob sie welchen habe. Phönixglanz ließ antworten: „Ich habe nur etwas Ginsengpaste und ein paar Fasern. Die wenigen Wurzeln, die ich noch besitze, sind nicht von bester Qualität, und ich brauche sie täglich für meine eigenen Heiltränke.“ | |
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| − | + | Da blieb Dame König nichts anderes übrig, als sich an Dame Strafe zu wenden, doch diese ließ ausrichten: „Da ich selbst keinen mehr hatte, habe ich ja gerade bei euch welchen geholt. Der ist längst aufgebraucht.“ | |
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| − | + | So musste Dame König persönlich zur Herzoginmutter gehen, um sie zu bitten. Die Herzoginmutter befahl sogleich Mandarinenente, den Rest von früher zu holen. Es war noch ein großes Päckchen da, alles Wurzeln so dick wie ein Finger. Davon ließ sie zwei Liang abwiegen und Dame König geben. | |
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| − | + | Dame König übergab den Ginseng der Frau des Zhou Rui mit dem Auftrag, die Diener sollten ihn zum Arzt bringen. Außerdem ließ sie die unbekannten Päckchen mitschicken, damit der Arzt sie bestimme und die Namen darauf vermerke. | |
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| − | + | Nach einiger Zeit kam die Frau des Zhou Rui zurück und berichtete: „Die Päckchen sind alle ordentlich beschriftet. Der Ginseng ist zwar von allerbester Sorte, und heutzutage bekommt man so etwas nicht einmal für dreißig Liang Silber pro Liang. Aber er ist zu alt. Mit Ginseng ist es anders als mit anderen Dingen: Wie gut er auch sein mag, nach hundert Jahren zerfällt er von selbst zu Staub. Dieser hier ist zwar noch nicht zu Staub geworden, aber er ist nur noch morsches, fauliges Holz und hat keinerlei Wirkung mehr. Bitte verwahrt ihn, gnädige Frau, und besorgt stattdessen frischen, egal ob die Wurzeln dick oder dünn sind.“ | |
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| − | + | Dame König senkte schweigend den Kopf. Erst nach langer Pause sagte sie: „Da ist nichts zu machen. Wir müssen eben zwei Liang kaufen gehen.“ Sie hatte keine Lust, sich die übrigen Arzneien anzusehen, und befahl nur: „Räumt alles weg!“ Dann wandte sie sich an die Frau des Zhou Rui: „Geh und sag den Leuten draußen, sie sollen guten Ginseng besorgen und zwei Liang kaufen. Falls die alte gnädige Frau einmal fragen sollte, sagt einfach, wir hätten ihren Ginseng verwendet, und macht keine großen Worte darüber.“ | |
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| − | + | Die Frau des Zhou Rui wollte sich gerade auf den Weg machen, als Schatzspange, die ebenfalls anwesend war, lächelnd sagte: „Wartet, Tante! Der Ginseng, den man heutzutage draußen zu kaufen bekommt, taugt nichts. Selbst wenn einmal eine ganze Wurzel dabei ist, schneiden sie sie in zwei oder drei Stücke, setzen wertlose Enden und Fasern dazwischen und verkaufen das Ganze als gute Ware, ohne dass man die Qualität erkennen kann. Unser Laden hat ständig mit Ginsenghändlern zu tun. Lasst mich mit meiner Mutter sprechen, damit mein Bruder einen Gehilfen zu den Ginsenghändlern schickt und mit ihnen verhandelt. Er soll zwei Liang guten, unbearbeiteten Ginseng in Originalwurzeln beschaffen. Lieber geben wir ein paar Liang Silber mehr aus, dann haben wir dafür auch wirklich etwas Ordentliches.“ | |
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| − | + | Dame König lächelte: „Du bist wirklich verständig. Am besten gehst du persönlich.“ | |
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| − | + | Also ging Schatzspange und kam nach geraumer Zeit zurück mit der Nachricht: „Es ist schon jemand hingeschickt worden. Bis zum Abend wird es Bescheid geben. Morgen früh ist es noch nicht zu spät, die Arznei zuzubereiten.“ | |
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| − | + | Dame König freute sich und sagte: „Wahrhaftig, wie das Sprichwort sagt: 'Die Händlersfrau kämmt sich die Haare mit Wasser.' Früher hatten wir so viel guten Ginseng im Haus und haben ihn freigebig an andere verschenkt. Jetzt, wo wir selbst welchen brauchen, müssen wir überall um Hilfe bitten.“ Sie stiess einen langen Seufzer aus. | |
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| − | + | Schatzspange sagte lächelnd: „So wertvoll er auch ist, letztlich ist er doch nur Medizin und sollte den Menschen zugutekommen. Wir sind nicht wie jene Familien, die nichts von der Welt kennen und solche Dinge horten und verstecken, sobald sie welche haben.“ | |
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| − | + | Dame König nickte: „Sehr richtig gesprochen.“ | |
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| − | + | Nachdem Schatzspange gegangen war und sonst niemand im Zimmer war, rief Dame König die Frau des Zhou Rui herein und erkundigte sich nach dem Ergebnis der Durchsuchung des Gartens von neulich. Die Frau des Zhou Rui hatte bereits alles mit Phönixglanz und den anderen besprochen und berichtete nun Dame König ausführlich, ohne etwas auszulassen. | |
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| − | „Die | + | Dame König war zugleich erschrocken und zörnig, doch zugleich wusste sie nicht recht, wie sie die Sache handhaben sollte. Siqin<ref>司棋 (Sīqí), wörtlich „die das Schachspiel Leitende“. Willkommensfrühlings Zofe, die bei der Durchsuchung des Gartens (Kapitel 74) mit einem heimlichen Liebhaber ertappt wurde.</ref> war nämlich Willkommensfrühlings Dienerin und gehörte zur anderen Seite des Hauses; man musste also Dame Strafe benachrichtigen. Die Frau des Zhou Rui wandte ein: „Neulich war die gnädige Frau von drüben schon auf König Shanbaos Frau böse, weil sie sich in alles einmischte, und hat ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Jetzt stellt sie sich krank und will sich nicht mehr zeigen. Außerdem ist es ihre eigene Enkelin — sie hat sich selbst ins Gesicht geschlagen und tut jetzt am besten so, als hätte sie es vergessen, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Wenn wir jetzt hinübergehen und Bericht erstatten, wird man dort gleich argwöhnen, wir wollten uns einmischen. Besser wäre es, Siqin einfach hinüberzubringen mitsamt den Beweißtücken, sie vor der gnädigen Frau von drüben durchprügeln zu lassen und mit jemandem zu verheiraten, und dann bekommt das Fräulein eben eine neue Dienerin — wäre das nicht einfacher? Wenn wir es ihr erst mitteilen, wird die gnädige Frau von drüben nur wieder Ausreden finden und sagen: 'Wenn es so ist, hätte eure gnädige Frau es gleich selbst erledigen sollen — wozu sagt ihr es mir?' Und dann verzögert sich alles nur noch mehr. Wenn das Mädchen unterdessen die Gelegenheit nutzt und sich etwas antut, wäre das schlimm. Jetzt beobachten wir sie schon zwei, drei Tage, aber jeder wird auch mal nachlässig, und wenn sie einen unbeobachteten Moment findet, könnte ein Unglück geschehen.“ |
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| − | + | Dame König überlegte und sagte: „Da hast du recht. Erledige erst diesen Fall, dann nehmen wir uns unsere eigenen Plagegeister vor.“ | |
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| − | + | Die Frau des Zhou Rui versammelte daraufhin einige Dienerinnen und ging zürst zu Willkommensfrühling. Sie meldete ihr: „Die gnädigen Frauen haben beschlossen, dass Siqin nun alt genug ist. Ihre Mutter hat in den letzten Tagen die gnädige Frau gebeten, sie freizugeben und zu verheiraten. Ab heute soll sie gehen, und man wird Euch eine neue Dienerin zuteilen.“ Damit forderte sie Siqin auf, ihre Sachen zu packen. | |
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| − | + | Als Willkommensfrühling dies hörte, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten und schien voller Abschiedsschmerz. Sie hatte in der Nacht zuvor von den anderen Dienerinnen die wahren Gründe bereits geflüsternd erfahren. Obwohl es ihr nach all den Jahren schwerfiel, sich zu trennen, betraf die Sache die öffentliche Moral, und da ließ sich nichts machen. Siqin hatte Willkommensfrühling angefleht, für sie einzutreten, in der festen Hoffnung, das Fräulein würde sie mit aller Kraft verteidigen. Doch Willkommensfrühling war von langsamer Rede, hatte ein weiches Herz und leicht beeinflussbare Ohren und war nicht imstande, sich durchzusetzen. | |
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| − | + | Als Siqin sah, dass es keine Rettung gab, weinte sie und rief: „Fräulein, wie könnt Ihr so hartherzig sein! Diese zwei Tage habt Ihr mich hingehalten, und jetzt habt Ihr kein einziges Wort für mich?“ | |
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| − | + | Die Frau des Zhou Rui und die anderen sagten: „Willst du etwa, dass das Fräulein dich zurückhält? Selbst wenn es das täte, könntest du den Leuten im Garten nicht mehr unter die Augen treten. Hör auf unseren guten Rat: Pack schnell zusammen und geh, ohne dass jemand etwas merkt. Das ist für alle Seiten das Beste.“ | |
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| − | + | Willkommensfrühling sagte unter Tränen: „Ich weiß, was du angestellt hast. Würde ich trotzdem für dich eintreten und dich halten, wäre auch ich verloren. Schau dir Ruhua an — auch sie war jahrelang hier und musste gehen, und es wird nicht bei euch beiden bleiben. Früher oder später werden sich wohl alle hier trennen müssen. Meiner Meinung nach geht ihr am besten jede eures Weges.“ | |
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| − | + | Die Frau des Zhou Rui sagte: „Da sieht man, dass das Fräulein vernünftig ist. Morgen werden noch weitere gehen müssen. Sei also beruhigt!“ | |
| − | + | ||
| − | + | Siqin blieb nichts anderes übrig, als unter Tränen vor Willkommensfrühling niederzuknien, sich von den Schwestern zu verabschieden und Willkommensfrühling leise ins Ohr zu flüstern: „Wenn du erfährst, dass ich bestraft werde, dann leg bitte ein gutes Wort für mich ein — als Dank für unsere gemeinsame Zeit als Herrin und Dienerin!“ Auch Willkommensfrühling antwortete unter Tränen: „Sei beruhigt.“ | |
| − | + | ||
| − | + | Daraufhin führten die Frau des Zhou Rui und die anderen Siqin aus dem Hof. Sie ließen zwei Dienerinnen ihre Habseligkeiten tragen. Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, kam Xiuju von hinten nachgelaufen, sich ebenfalls die Tränen wischend, und reichte Siqin ein Seidenpäckchen: „Das schickt das Fräulein. Herrin und Dienerin — nun, da wir uns auf einmal trennen müssen, soll dies ein Andenken sein.“ | |
| − | + | ||
| − | + | Siqin nahm es entgegen und weinte nun erst recht. Sie und Xiuju umarmten sich noch einmal weinend. Die Frau des Zhou Rui drängte ungeduldig, und die beiden mussten sich trennen. | |
| − | + | ||
| − | + | Siqin flehte noch unter Tränen: „Liebe Tanten und Schwestern, habt doch ein Einsehen! Lasst mich wenigstens kurz anhalten und mich von meinen guten Freundinnen verabschieden — wir waren doch all diese Jahre so vertraut miteinander.“ | |
| − | + | ||
| − | + | Die Frau des Zhou Rui und die anderen hatten alle selbst genug zu tun. Diese Aufgabe zu erledigen war ihnen ohnehin lästig genug, und außerdem trugen sie den Dienerinnen deren frühere Überheblichkeit nach. Woher sollten sie da die Geduld nehmen, auf Siqins Wünsche einzugehen? So sagte die Frau des Zhou Rui kühl: „Ich rate dir, geh einfach! Hör auf mit dem Gezeter! Wir haben Wichtigeres zu tun. Ihr seid ja nicht zusammen aufgewachsen — wozu willst du dich von ihnen verabschieden? Die lachen sich doch nur über dich kaputt! Du versuchst nur, jede Minute hinauszuzögern, als ob sich dadurch etwas ändern würde. Hör auf meinen Rat und geh!“ Während sie so sprach, blieb sie keinen Augenblick stehen und führte Siqin schnurstracks zum hinteren Seitentor hinaus. Siqin wagte nichts mehr zu sagen und folgte ihnen hinaus. | |
| − | + | ||
| − | + | Wie der Zufall es wollte, kam gerade Schatzjade von draußen herein. Als er sah, dass Siqin hinausgeführt wurde und ihr hinterher jemand ihre Habseligkeiten trug, wusste er sofort, dass sie für immer gehen musste. Er hatte von dem Vorfall in der Nacht gehört, und zudem war Heitermusters Krankheit gerade an jenem Tag schlimmer geworden. Wenn er Heitermuster ausfragte, wollte sie ihm nicht sagen, woran es lag. Kürzlich war dann Ruhua fortgeschickt worden, und nun musste auch Siqin gehen. Schatzjade fühlte sich, als hätte er seine Seele verloren, und rief hastig: „Wohin bringt ihr sie?“ | |
| − | + | ||
| − | + | Die Frau des Zhou Rui und die anderen kannten Schatzjades Art nur zu gut und fürchteten, sein Gerede könne die Sache verderben. Lächelnd sagten sie: „Das geht dich nichts an. Geh und lies deine Bücher!“ | |
| − | + | ||
| − | + | „Liebe Schwestern, wartet doch einen Augenblick!“, bat Schatzjade lächelnd. „Ich habe euch etwas zu sagen.“ | |
| − | + | ||
| − | + | „Die gnädige Frau hat befohlen, keinen Augenblick zu zögern“, beharrte die Frau des Zhou Rui. „Was gäbe es da noch zu sagen? Wir führen nur die Befehle der gnädigen Frau aus, um andere Dinge können wir uns nicht kümmern.“ | |
| − | + | ||
| − | + | Siqin hatte sich an Schatzjade geklammert, sobald sie ihn erblickte, und bat ihn weinend: „Die können nichts machen. Geh du zur gnädigen Frau und bitte für mich!“ | |
| − | + | ||
| − | + | Unwillkürlich wurde auch Schatzjade von Kummer ergriffen. Mit Tränen in den Augen sagte er: „Ich weiß nicht, was du Schlimmes angestellt hast. Heitermuster ist krank, und jetzt gehst auch du fort. Wenn ihr alle geht — was soll dann werden?“ | |
| − | + | ||
| − | + | Die Frau des Zhou Rui fuhr Siqin ungeduldig an: „Du bist jetzt kein Beinahe-Fräulein mehr, und wenn du nicht gehorchst, kann ich dich auch schlagen! Bilde dir nicht ein, du könntest dich aufführen wie früher, als dein Fräulein die Hand über dich hielt. Sieh zu, dass du endlich weiterkommst, statt hier herumzuschwatzen! Was soll das für ein Benehmen sein, sich so an den jungen Herrn zu klammern!“ Ohne ein weiteres Wort zogen die Dienerinnen Siqin mit sich fort. | |
| − | + | ||
| − | + | Schatzjade fürchtete, die Frauen könnten ihn anschwärzen gehen, darum starrte er ihnen nur wütend nach. Erst als sie weit genug fort waren, streckte er die Hand aus und rief empört: „Seltsam, seltsam! Kaum dass diese Frauen einen Mann geheiratet und Männergeruch angenommen haben, werden sie so niedertraechtig, dass man eher sie umbringen möchte als die Männer!“ | |
| − | + | ||
| − | + | Die alten Dienerinnen, die das Gartentor bewachten, mussten unwillkürlich lachen und fragten: „Dann sind wohl alle Mädchen gut und alle verheirateten Frauen schlecht?“ | |
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| − | + | Schatzjade nickte: „Genau, genau!“ | |
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| − | + | Die Dienerinnen lachten: „Da hätten wir noch eine Frage, die wir in unserer Einfalt nicht verstehen ...“ | |
| − | + | ||
| − | + | Doch ehe sie weitersprechen konnten, kamen einige andere alte Dienerinnen herbeigelaufen und riefen: „Vorsicht! Ruft alle zusammen und bleibt auf euren Posten! Die gnädige Frau kommt persönlich in den Garten, um das Personal zu inspizieren. Wahrscheinlich kommt sie auch hierher! Außerdem hat sie befohlen, dass Heitermuster-Schwesterchens Vetter und seine Frau aus dem Hof der Roten Freude sofort hergeholt werden sollen, damit sie hier warten und ihre Schwester in Empfang nehmen!“ | |
| − | + | ||
| − | + | Dann fügte sie lächelnd hinzu: „Amitabha Buddha! Heute hat der Himmel endlich die Augen geöffnet und befreit uns von diesem Unheilsgeist! Jetzt werden wir alle etwas mehr Ruhe haben!“ | |
| − | + | ||
| − | + | Kaum hatte Schatzjade gehört, dass Dame König persönlich im Garten inspizierte, fürchtete er sogleich, auch Heitermuster werde nicht zu halten sein, und stürzte davon wie der Wind. Die letzten Worte der Zufriedenheit hatte er daher nicht mehr gehört. | |
| − | + | ||
| − | + | Als Schatzjade den Hof der Roten Freude erreichte, fand er dort eine ganze Schar Leute vor. Dame König sass mit zorniger Miene im Zimmer und beachtete ihn nicht, als sie ihn sah. | |
| − | + | ||
| − | + | Heitermuster hatte schon vier, fünf Tage lang weder Wasser noch Reis zu sich genommen. Schwach und mit kaum hörbarem Atem war sie gerade vom Kangofen heruntergezerrt worden, mit zerzaustem Haar und schmutzigem Gesicht. Zwei Frauen mussten sie stützen und führten sie fort. Dame König befahl, man solle ihr nur ihre Leibwäsche mitgeben; die guten Kleider sollten dableiben, damit bessere Dienerinnen sie tragen könnten. | |
| − | + | ||
| − | + | Dann ließ Dame König alle Dienerinnen des Hofes zusammenrufen und musterte sie eine nach der anderen. Nachdem Dame König kürzlich in Zorn geraten war, hatte König Shanbaos Frau die Gelegenheit ergriffen, Heitermuster anzuschwärzen. Auch andere, die mit den Dienerinnen im Garten im Streit lagen, hatten die günstige Stunde genutzt, um einiges hinzuzufügen. Dame König hatte sich alles genau gemerkt, und nur weil während der Feiertage viel zu tun gewesen war, hatte sie sich einige Tage geduldet. Heute war sie eigens gekommen, um sämtliche Dienerinnen persönlich in Augenschein zu nehmen. Die Sache mit Heitermuster war dabei nur das eine; denn man hatte ihr zugetragen, Schatzjade sei schon groß und verstehe die Dinge zwischen Mann und Frau, werde aber von den Dienerinnen in seinem Zimmer auf Abwege gebracht, statt sich zu vervollkommnen. Dies wog noch schwerer als die Angelegenheit mit Heitermuster. Deshalb ließ Dame König jede einzelne Dienerin, von Dufthauch bis hinunter zu den geringsten, die grobe Arbeiten verrichteten, an sich vorüber defilieren. | |
| − | + | ||
| − | + | Dann fragte sie: „Wer hat am selben Tag Geburtstag wie Schatzjade?“ | |
| − | + | ||
| − | + | Das betreffende Mädchen wagte nicht, sich zu melden. Eine alte Amme zeigte auf sie und sagte: „Diese hier, Huixiang, die auch 'die Vierte' genannt wird, hat am selben Tag Geburtstag wie er.“ | |
| − | + | ||
| − | + | Dame König musterte das Mädchen genau. Obwohl es nicht halb so hübsch war wie Heitermuster, hatte es doch eine gewisse frische Anmut. Seinem Benehmen war Klugheit anzumerken, und auch seine Aufmachung unterschied sich von der der übrigen. | |
| − | + | ||
| − | + | Mit kaltem Lächeln sagte Dame König: „Noch so ein schamloses Ding! Sie hat insgeheim behauptet, wenn zwei am selben Tag Geburtstag hätten, seien sie Mann und Frau. Das hast du gesagt, nicht wahr? Du hast wohl gedacht, weil ich weit weg wohne, wüsste ich von nichts? Aber mein Herz, meine Ohren und mein Verstand sind jederzeit hier. Glaubt ihr, ich lasse meinen einzigen Schatzjade seelenruhig von euch verführen und verderben?“ | |
| − | + | ||
| − | + | Als die Vierte hörte, wie Dame König die Worte wiederholte, die sie einst im Vertrauen zu Schatzjade gesagt hatte, wurde sie unwillkürlich rot, ließ den Kopf hängen und weinte still vor sich hin. Dame König befahl sofort, ihre Angehörigen zu rufen, damit sie sie abholten und verheirateten. | |
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| − | + | Dann fragte sie: „Wer ist Yelue Xiongnu?“ | |
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| − | + | Die alten Ammen zeigten auf Duftblümchen. Dame König erklärte: „Ein Schauspielmädchen ist natürlich ein Fuchsdämon! Als ihr letztens freigelassen werden solltet, wolltet ihr nicht gehen. Aber dann hättet ihr euch bescheiden in euer Los fügen müssen. Stattdessen spukst du hier herum und stiftest Schatzjade zu allem möglichen Unfug an!“ | |
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| − | + | Duftblümchen verteidigte sich lächelnd: „Ich würde es nie wagen, ihn zu etwas aufzustiften.“ | |
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| − | + | „Du widersprichst mir noch?“ sagte Dame König mit einem Lächeln, das kein Lächeln war. „Dann frage ich dich: Wer hat vorvergangenes Jahr, als wir an den Kaisergraebern waren, Schatzjade dazu angestiftet, dieses Mädchen Wür von den Lius zu sich zu nehmen? Glücklicherweise starb sie früh — wäre sie hereingekommen und hätte sich mit dir zusammengetan, hättet ihr den ganzen Garten auf den Kopf gestellt! Du hast sogar deine eigene Pflegemutter an die Wand gedrückt!“ | |
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| + | Dann befahl sie: „Ruft ihre Pflegemutter, sie soll sie abholen! Sie kann ihr selbst einen Bräutigam von außerhalb suchen. Gebt ihr all ihre Sachen mit!“ | ||
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| + | Ferner ordnete sie an, dass sämtliche Schauspielmädchen, die man seinerzeit den einzelnen Fräulein zugeteilt hatte, keine einzige im Garten bleiben dürften. Sie sollten alle von ihren jeweiligen Pflegemüttern abgeholt und nach deren Gutdünken verheiratet werden. | ||
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| + | Kaum war diese Anordnung ergangen, zeigten sich die Pflegemütter überaus dankbar und zufrieden. Gemeinsam erschienen sie vor Dame König, um sich kniefaellig zu bedanken und die Mädchen fortzuführen. | ||
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| + | Dann durchsuchte Dame König alle Gegenstände in Schatzjades Räumen. Alles, was ihr befremdlich vorkam, ließ sie einpacken oder zusammenrollen und in ihre eigenen Räume bringen. „Jetzt ist es sauber hier“, sagte sie, „und wir ersparen uns das Gerede Außenstehender.“ | ||
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| + | Dufthauch und Moschusmond wurden ermahnt: „Nehmt euch in Acht! Wenn auch nur das Geringste geschieht, kenne ich kein Erbarmen! Ich habe nachschlagen lassen: Dieses Jahr ist für einen Umzug ungünstig. Also bleibt er einstweilen hier, aber nächstes Jahr zieht ihr alle mit ihm wieder aus, damit ich Ruhe finde.“ | ||
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| + | Nach diesen Worten führte Dame König ihr ganzes Gefolge hinaus, ohne auch nur Tee getrunken zu haben, und setzte ihre Inspektion an anderer Stelle fort. Doch davon später. | ||
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| + | Schatzjade hatte ursprünglich gedacht, Dame König werde nur eine einfache Kontrolle durchführen. Wer hätte ahnen können, dass sie mit Donner und Blitz erscheinen würde? All ihre Vorwürfe betrafen Dinge, die tatsächlich gesagt worden waren, Wort für Wort zutreffend. Es war klar, dass nichts rückgängig zu machen war. Obwohl er am liebsten gestorben wäre, wagte er im Angesicht von Dame Königs Zorn kein überflüssiges Wort und keinen überflüssigen Schritt. Schweigend begleitete er Dame König bis zum Duftgetränkten Pavillon. Dort befahl sie ihm: „Geh zurück und lies deine Bücher! Pass auf, wenn du morgen geprüft wirst! Vorhin war dein Vater schon sehr verärgert.“ | ||
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| + | Erst jetzt machte Schatzjade kehrt. Auf dem ganzen Rückweg überlegte er: „Wer hat so geschwatzt? Niemand weiß doch, was hier vorgeht. Wie konnte sie alles so genau wissen?“ Mit diesen Gedanken betrat er seine Räume und fand Dufthauch in Tränen. | ||
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| + | Nun war ihm der wichtigste Mensch genommen worden — wie hätte er nicht trauern sollen? Er warf sich aufs Bett und weinte ebenfalls. | ||
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| + | Dufthauch wusste, dass ihm die Trennung von Heitermuster am meisten zusetzte, und stiess ihn an, um ihn zu trösten: „Weinen hilft jetzt nichts. Steh auf und hör zu: Heitermuster geht es schon besser. Jetzt kann sie sich zu Hause ein paar Tage in Ruhe erholen. Wenn du sie wirklich nicht loslassen kannst, warte, bis der Zorn der gnädigen Frau verraucht ist, und bitte dann bei der alten gnädigen Frau darum. Mit der Zeit kann sie vielleicht zurückkommen. Es ist nur ein Zufall, dass die gnädige Frau den Verleumdungen geglaubt und im Zorn so entschieden hat.“ | ||
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| + | „Ich möchte doch nur wissen, was für ein himmelschreiendes Verbrechen Heitermuster begangen haben soll!“ schluchzte Schatzjade. | ||
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| + | „Die gnädige Frau verübelt ihr nur, dass sie so hübsch ist“, erklärte Dufthauch. „Wer so schön ist, wirkt unvermeidlich ein wenig leichtfertig. Die gnädige Frau weiß genau, dass bei einer solchen Schönheit kein Friede herrschen kann, und deshalb verabscheut sie sie. Solche plumpen, groben Geschöpfe wie wir sind ihr lieber.“ | ||
| + | |||
| + | „Das mag sein“, erwiderte Schatzjade, „aber woher kennt die gnädige Frau sogar unsere heimlichen Scherzworte? Kein Außenstehender kann sie verraten haben. Das ist rätselhaft.“ | ||
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| + | „Du selbst kennst doch keine Tabus“, entgegnete Dufthauch. „Wenn du dich einmal freust, ist es dir völlig egal, ob jemand dabei ist oder nicht. Wenn ich dir Zeichen gab und dich warnen wollte, wussten die Leute längst Bescheid, noch ehe du überhaupt etwas bemerkt hattest.“ | ||
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| + | „Aber wie kommt es dann“, fragte Schatzjade verwundert, „dass die gnädige Frau über jedermanns Fehler Bescheid weiß, nur dich, Moschusmond und Herbstmuster nicht erwähnt hat?“ | ||
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| + | Betroffen senkte Dufthauch den Kopf. Lange wusste sie nichts zu erwidern, bis sie endlich lächelnd sagte: „Ja, eben! Wenn man bedenkt, dass auch wir in unseren unvorsichtigen Scherzen gegen die guten Sitten verstoßen haben — warum hat sie uns dann vergessen? Wahrscheinlich hat sie noch andere Sorgen, und erst wenn sie damit fertig ist, wird sie sich uns vornehmen.“ | ||
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| + | „Du bist das gerühmte Muster an Güte und Tüchigkeit“, sagte Schatzjade lächelnd, „und die beiden hast du geformt und erzogen. Was sollte es bei euch für Verstöße zu bestrafen geben? Duftblümchen ist noch klein und ein wenig zu keck, so hat sie sich aufs hohe Ross gesetzt und sich den Hass der Leute zugezogen. Bei der Vierten trage ich die Schuld. Als ich mich einmal mit dir gezankt hatte, rief ich sie hinterher zu mir, um feinere Arbeiten für mich zu erledigen, und so hat sie sich eine höhere Stellung angemasst. Nur deshalb ist es zu diesem Ende gekommen. | ||
| + | |||
| + | Aber Heitermuster ist genau wie du in jungen Jahren aus den Räumen der alten gnädigen Frau hereingekommen. Dass sie schöner gewachsen ist als andere, ist doch kein Verbrechen. Und mag sie auch einen offenherzigen Charakter und eine scharfe Zunge haben — euch hat sie doch nichts zuleide getan. Ich denke, sie ist wirklich zu hübsch, und das hat ihr Verderben gebracht.“ Bei diesen Worten brach er erneut in Tränen aus. | ||
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| + | Dufthauch überlegte sorgfaeltig. Es schien ihr, als ob Schatzjade an ihr zweifelte, und so konnte sie ihm nicht gut länger zureden. Stattdessen sagte sie seufzend: „Der Himmel allein weiß es. Jetzt wirst du doch nicht herausfinden, wer schuld ist, und sinnloses Weinen hat keinen Zweck. Am besten beruhigst du dich und wartest ab, bis die alte gnädige Frau einmal guter Stimmung ist. Dann erklärst du ihr alles und verlangst Heitermuster zurück.“ | ||
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| + | „Du brauchst mich nicht mit leeren Worten zu trösten“, entgegnete Schatzjade kühl. „Wie soll ich abwarten, bis der Zorn der gnädigen Frau verraucht ist, und dann auf eine günstige Gelegenheit lauern? Wartet ihre Krankheit vielleicht? Von Kindheit an ist sie verwöhnt worden und hat keinen einzigen Tag Kränkung erfahren müssen. Selbst ich, der ich ihren Charakter kenne, habe sie oft genug verletzt. | ||
| + | |||
| + | Dass sie jetzt fortgeschickt wurde, ist, als würde man einen Orchideentopf, der gerade die ersten zarten Knospen treibt, in einen Schweinestall stellen. Zumal sie schwer krank ist und obendrein voller Verdruss. Sie hat keine leiblichen Eltern, nur einen ständig betrunkenen Vetter. Dort wird sie sich überhaupt nicht zurechtfinden. Wer weiß, ob ich sie überhaupt noch einmal sehen werde!“ Er weinte nun noch bitterlicher. | ||
| + | |||
| + | Dufthauch lachte: „Da hast du es wieder: 'Nur der Beamte darf die Stadt in Brand stecken, aber das Volk darf nicht einmal eine Laterne anzünden!' Wenn wir aus Versehen einmal ein störendes Wort sagen, heißt es gleich, das sei unheilbringendes Gerede. Jetzt aber dichtest du ihr selbst die schlimmsten Dinge an, als wäre alles ausgemacht! So zartbesaitet sie auch sein mag, so schlimm wird es doch nicht kommen.“ | ||
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| + | „Ich dichte ihr nichts an“, erwiderte Schatzjade. „Schon im Frühling gab es ein Vorzeichen.“ | ||
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| + | „Was für ein Vorzeichen?“ fragte Dufthauch sofort. | ||
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| + | „Der schöne Zierapfelbaum<ref>海棠 (hǎi táng), der Zier-Holzapfelbaum (Malus spectabilis). Im Roman ein wiederkehrendes Symbol: Sein Verwelken wird als Omen für das Schicksal der Bewohner des Hofes der Freude am Roten gedeutet.</ref> vor unserer Treppe ist ohne jeden Grund zur Hälfte verdorrt“, erklärte Schatzjade. „Da wusste ich, dass etwas Ungewöhnliches geschehen würde. Und nun hat es sich an ihr bewahrheitet.“ | ||
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| + | Dufthauch lachte wieder: „Eigentlich wollte ich es nicht sagen, aber ich kann nicht anders. Du benimmst dich wirklich wie ein altes Weib! Wie kann ein Mann, der Bücher liest, so etwas sagen? Was haben Pflanzen und Bäume mit Menschen zu tun? Wenn du nicht weibisch bist, bist du zum Narren geworden.“ | ||
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| + | „Was wisst ihr schon davon!“, seufzte Schatzjade. „Nicht nur Pflanzen und Bäume — alle Dinge auf der Welt haben Gefühl und Verstand wie die Menschen. Wenn sie einen verständnisvollen Freund gefunden haben, zeigen sie außerordentliche Feinfühligkeit. | ||
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| + | Wenn ich große Beispiele anführe: Da ist der Wacholderbaum vor dem Konfuziustempel und die Schafgarbe an Konfuzius' Grab, der Lebensbaum vor Zhuge Liangs Tempel und die Kiefern an Yue Feis Grab. Das alles sind berühmte Gewächse, die dem aufrechten Geist dieser Männer folgen und in Jahrtausenden nicht vergehen. Wenn die Welt in Unordnung ist, verkümmern sie, und wenn die Welt in Ordnung ist, gedeihen sie wieder. Im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sind sie mehrmals verdorrt und wieder zum Leben erwacht. Sind das etwa keine Vorzeichen? | ||
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| + | Wenn ich kleine Beispiele anführe: Da sind die Päonien vor Yang Guifeis Adlerholzpavillon und der Baum des Gedenkens an ihrem Turm der Aufrichtigkeit zu nennen, sowie das Gras auf dem Grabhügel der Wang Zhaojun. Sind das nicht ebenfalls feinfühlige Gewächse? Genauso wie der Zierapfelbaum anzeigen wollte, dass seine Herrin sterben wird, und darum zürst er zur Hälfte abgestorben ist.“ | ||
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| + | Als Dufthauch diese versonnene Rede hörte, war ihr zugleich zum Lachen und zum Seufzen zumute. Lächelnd sagte sie: „Du bringst mich wirklich in Zorn mit deinem Gerede. Wer ist denn Heitermuster, dass du dir solche Gedanken machst und sie mit so großen Persönlichkeiten vergleichst? Und außerdem: Wie gut sie auch sein mag, sie kann mir doch nicht den Rang streitig machen. Wenn dieser Zierapfelbaum etwas bedeutet, dann deutet er zürst auf mich, ehe sie an die Reihe kommt. Wahrscheinlich werde also ich sterben!“ | ||
| + | |||
| + | Erschrocken hielt Schatzjade ihr den Mund zu: „Warum sagst du so etwas? Noch ist das Schicksal der einen nicht geklärt, und schon fängst du damit an! Schluss jetzt, kein Wort mehr davon! Sonst könnte es sein, dass zu den dreien, die ich verloren habe, noch eine vierte kommt.“ | ||
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| + | Dufthauch hörte dies mit heimlicher Zufriedenheit und dachte: Wie hättest du die Sache sonst zum Abschluss bringen wollen? | ||
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| + | „Von nun an wollen wir nicht mehr davon sprechen“, sagte Schatzjade. „Tun wir einfach so, als wären die drei gestorben, und damit gut. Schließlich hat es ja auch schon Tote gegeben, ohne dass es mir viel ausgemacht hätte. Das ist genau dasselbe. Jetzt aber wollen wir von der Gegenwart reden! Ihre Sachen sind noch hier. Man darf zwar die Obrigkeit täuschen, aber nicht die Untergebenen. Also schick heimlich jemanden, der ihr alles bringt. Und wenn wir noch erspartes Geld haben, schick ihr ein paar Schnüre Kupfermünzen, damit sie sich auskurieren kann. Schließlich habt ihr eine Zeitlang wie Schwestern zusammengelebt.“ | ||
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| + | „Du hältst uns wirklich für allzu kleinlich und herzlos“, erwiderte Dufthauch lächelnd. „Als ob ich deine Aufforderung gebraucht hätte! Vorhin habe ich bereits alle ihre Kleider und Habseligkeiten zusammenpacken und beiseitelegen lassen. Bei Tage sind zu viele neugierige Augen da, was nur Ärger bringen könnte. Warten wir bis zum Abend, dann schicke ich Mutter Song heimlich zu ihr. Auch ein paar Schnüre Kupfermünzen, die ich gespart habe, soll sie bekommen.“ | ||
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| + | Schatzjades Dank kannte keine Grenzen. Dufthauch bemerkte lächelnd: „Schließlich bin ich doch seit langem ein gerühmtes Muster an Tüchigkeit — muss ich mir da nicht wenigstens diesen Ruf bewahren?“ | ||
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| + | Als Schatzjade sich an seine eigenen Worte erinnert fühlte, lächelte er rasch und redete ein Weilchen begütigend auf sie ein. Am Abend wurde Mutter Song dann wirklich heimlich losgeschickt. | ||
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| + | Nachdem Schatzjade alle mit Aufträgen beschäftigt wusste, schlich er sich allein zum hinteren Seitentor hinaus und bat dort eine alte Dienerin, ihn zu Heitermuster zu bringen. Zürst wollte die Alte sich auf keinen Fall darauf einlassen: „Wenn es jemand erfährt und der gnädigen Frau gemeldet wird, habe ich nichts mehr zu essen!“ | ||
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| + | Doch Schatzjade flehte und flehte und versprach ihr Geld, bis die Alte ihn schließlich hinführte. | ||
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| + | Heitermuster war seinerzeit von der Familie Lai für Geld gekauft worden. Damals war sie erst zehn Jahre alt und trug ihr Haar noch kurz. Weil sie oft mit Mutter Lai zusammen ins Haus kam und äußerst hübsch und aufgeweckt war, fand die Herzoginmutter großen Gefallen an ihr. Daraufhin schenkte Mutter Lai sie der Herzoginmutter zum Gebrauch, und so gelangte sie schließlich in Schatzjades Gemächer. | ||
| + | |||
| + | Als Heitermuster ins Haus kam, erinnerte sie sich weder an ihre Heimat noch an ihre Eltern. Sie wusste nur, dass sie einen Vetter hatte, der zwar ein guter Koch war, aber stellungslos herumlungerte. So bat Heitermuster die Lais, auch ihren Vetter aufzunehmen und ihm eine Anstellung zu geben. Die Lais waren gerührt davon, dass Heitermuster, obwohl sie inzwischen bei der Herzoginmutter diente und äußerst aufgeweckt und redegewandt, allerdings auch spitzzüngig und temperamentvoll war, ihre alten verwandtschaftlichen Beziehungen nicht vergass. Also kauften sie auch Heitermusters Vetter und verheirateten ihn mit einer jungen Frau aus dem Haushalt. | ||
| + | |||
| + | Doch kaum lebte der Vetter nach der Heirat in gesicherten Verhältnissen, vergass er auch schon seine Jahre als Herumtreiber und begann, hemmungslos zu trinken, ohne sich um seine Familie zu kümmern. Seine Frau war jedoch eine gefühlvolle Schönheit. Als sie sah, dass ihr Mann sie nicht beachtete und weder Feingefühl noch Leidenschaft besass, sondern nur sinnlos dem Wein frönnte, empfand sie den Kummer des Jadeschilfs zwischen gemeinem Rohr und die Trauer einer vernachlässigten jungen Frau. Als sie dann feststellte, dass ihr Mann äußerst großzügig war und nicht die geringste Eifersucht kannte, ließ sie ihren Trieben freien Lauf. Im ganzen Anwesen ging sie auf die Suche nach Helden und Talenten, und schließlich hatte gut die Hälfte aller Männer, ob Herren oder Diener, bei ihr die Prüfung abgelegt. | ||
| + | |||
| + | Fragt man nach ihren Namen — es waren jener Trunkenbold Duo und seine Frau Laternchen Deng, mit denen Kette Kaufmann, wie in einem früheren Kapitel erzählt, zu tun gehabt hatte. Sie waren die einzigen Verwandten, die Heitermuster noch besass, und so hielt sie sich nach ihrem Hinauswurf in deren Haus auf. | ||
| + | |||
| + | Trunkenbold Duo war gerade ausgegangen, und Frau Deng war nach dem Essen zu einer Nachbarin gegangen. So lag Heitermuster allein im Vorderzimmer auf dem Ofenbett. Schatzjade hiess die alte Dienerin im Hof Wache stehen, hob selbst den Strohvorhang und trat ein. Auf den ersten Blick sah er Heitermuster auf dem Ofenbett aus gestampfter Erde liegen, das nur mit einer Schilfmatte bedeckt war. Zum Glück hatte sie noch ihr Bettzeug aus alten Tagen. | ||
| + | |||
| + | In seinem Herzen wusste er nicht, wohin mit sich. Er trat näher, streckte weinend die Hand aus, berührte sie sacht und rief leise ihren Namen. Heitermuster hatte sich verkühlt und war von ihrem Vetter und seiner Frau mit bösen Worten bedrängt worden, so dass zu ihrer Krankheit noch eine weitere kam. Den ganzen Tag hatte sie gehustet, ehe sie endlich in einen unruhigen Schlummer gefallen war. Als sie jemanden rufen hörte, schlug sie mühsam ihre Sternenaugen auf, und als sie Schatzjade erkannte, war sie erschrocken und erfreut, betrübt und schmerzlich berührt zugleich. Mit aller Kraft umklammerte sie seine Hand. Erst nach langem Schluchzen brachte sie hervor: „Ich dachte schon, ich würde dich nicht mehr sehen ...“ Dann musste sie ohne Unterlass husten. | ||
| + | |||
| + | Auch Schatzjade konnte nichts anderes tun als schluchzen. Heitermuster sagte: „Amitabha Buddha! Gut, dass du gekommen bist! Gib mir eine halbe Schale Tee! Ich habe solchen Durst und rufe schon die ganze Zeit, ohne dass jemand kommt.“ | ||
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| + | Hastig wischte sich Schatzjade die Tränen ab und fragte: „Wo ist der Tee?“ | ||
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| + | „Dort auf dem Ofensims“, erwiderte Heitermuster. | ||
| + | |||
| + | Als Schatzjade sich umsah, erblickte er einen schwarzen irdenen Tiegel, der keinerlei Ähnlichkeit mit einer Teekanne hatte. Vom Tisch nahm er eine Schale, die so groß und grob war, dass sie nicht wie eine Teeschale außah. Noch ehe er sie in der Hand hielt, stieg ihm ein ranziger, fettiger Geruch in die Nase. Also spülte er sie erst einige Male mit Wasser aus und goss dann aus dem Tiegel eine halbe Schale ein. Die Flüssigkeit war rötlich-trüb und sah ganz und gar nicht nach Tee aus. | ||
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| + | „Gib schnell her, lass mich trinken!“ drängte Heitermuster, die sich auf ihr Kissen stützte. „Das ist schon Tee. Du kannst ihn natürlich nicht mit unserem vergleichen.“ | ||
| + | |||
| + | Schatzjade kostete zunächst selbst. Es war weder aromatisch noch frisch, nur bitter und herb, mit einer vagen Andeutung von Teegeschmack. Dann reichte er die Schale Heitermuster. Als hätte sie süßen Tau bekommen, stürzte sie die Flüssigkeit in einem Zug hinunter. | ||
| + | |||
| + | Still dachte Schatzjade bei sich: Wie oft war sie mit unserem feinen Tee unzufrieden, und heute trinkt sie das hier! Wie wahr ist doch das alte Wort: 'Wer satt ist, verachtet Braten und Geröstetes; wer hungert, isst sich an Kleie und Spreu satt.' Und ebenso: 'Wer den Reis satt hat, sehnt sich nach dünner Reissuppe.' | ||
| + | |||
| + | Unter Tränen fragte er: „Hast du mir etwas zu sagen? Dann tu es jetzt, solange niemand da ist.“ | ||
| + | |||
| + | Schluchzend sagte Heitermuster: „Was gibt es schon zu sagen? Für mich zählt jetzt jede Stunde, jeder Tag. Ich weiß wohl, dass ich in höchstens drei bis fünf Tagen heimgehen werde. Aber eines bereitet mir noch im Tode Pein: Ich bin zwar ein wenig hübscher als andere, doch ich hatte keinerlei heimliche Absichten auf dich und habe dich in keiner Weise zu verführen versucht. Warum hat man sich so hartnäckig darauf versteift, ich sei eine Füchsin? Damit kann ich mich nicht abfinden! | ||
| + | |||
| + | Jetzt stehe ich unter diesem falschen Verdacht, und obwohl ich dem Tod ins Auge sehe, habe ich nichts zu bereuen. Hätte ich früher gewusst, wie alles kommen würde, hätte ich mich anders verhalten. So aber habe ich in meinem törichten Sinn geglaubt, wir würden für immer zusammenbleiben. Nun ist aus dem Nichts dieses Gerücht entstanden, und ich leide Unrecht, ohne mich irgendwo beklagen zu können.“ Nach diesen Worten brach sie erneut in Tränen aus. | ||
| + | |||
| + | Schatzjade griff nach ihrem Handgelenk und fühlte, dass es dürr wie trockenes Reisig geworden war. Dennoch trug sie noch vier silberne Armreifen. Weinend sagte er: „Leg sie ab und heb sie auf, bis du wieder gesund bist.“ Er streifte ihr die Armreifen ab und schob sie unter das Kopfkissen. Dann sagte er: „Wie schade um deine Fingernägel! Mit welcher Mühe hast du sie zwei Zoll lang wachsen lassen. Durch diese Krankheit werden sie wieder verderben.“ | ||
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| + | Heitermuster wischte sich die Tränen ab, griff nach einer Schere und schnitt die beiden langen Fingernägel an ihrer linken Hand, die wie Röhrenblätter vom Lauch außahen, bis zur Wurzel ab. Dann zog sie sich unter der Bettdecke die alte rote Seidenjacke aus, die sie auf der bloßen Haut trug, und reichte sie Schatzjade zusammen mit den Fingernägeln. | ||
| + | |||
| + | „Heb das auf“, sagte sie. „Wenn du es später ansiehst, wird es sein, als sähest du mich selbst. Und zieh schnell deine Unterjacke aus und lass sie mich anziehen. Wenn ich dann einsam im Sarg liege, wird es mir vorkommen, als wäre ich noch immer im Hof der Roten Freude. Eigentlich gehört sich das nicht, aber da man mich nun einmal zu Unrecht verdächtigt hat, bleibt mir keine andere Wahl.“ | ||
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| + | Schatzjade zog sich rasch um und steckte die Fingernägel zu sich. Weinend fügte Heitermuster hinzu: „Wenn du zurück bist und die anderen es sehen und fragen, brauchst du nicht zu lügen. Sag einfach, es sei von mir. Da man mich ohnehin zu Unrecht verdächtigt hat, kann ich es nun auch darauf ankommen lassen. Mehr ist es ja nicht.“ | ||
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| + | Kaum hatte sie das gesagt, als die Frau ihres Vetters lachend durch den Vorhang hereingetreten kam: „Bestens! Alles, was ihr gesagt habt, habe ich gehört!“ Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Was willst du als junger Herr hier in den Dienstbotenräumen? Du hast wohl bemerkt, dass ich jung und hübsch bin, und willst mich verführen?“ | ||
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| + | Erschrocken bat Schatzjade mit verbindlichem Lächeln: „Nicht so laut, gute Schwester! Sie hat mir so lange gedient, darum bin ich heimlich gekommen, um nach ihr zu sehen.“ | ||
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| + | Frau Deng zog ihn am Arm in den hinteren Raum und sagte lächelnd: „Wenn du willst, dass ich leise bin, ist das nicht schwer. Du brauchst mir nur einen Gefallen zu tun.“ Mit diesen Worten setzte sie sich auf den Rand des Ofenbetts und presste Schatzjade fest an ihre Brust. | ||
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| + | Dergleichen hatte Schatzjade noch nie erlebt. Sein Herz begann stürmisch zu hämmern, und vor Aufregung lief er puterrot an. Zugleich beschämt und erschrocken, bat er: „Nicht doch, gute Schwester!“ | ||
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| + | „Pah!“ sagte Frau Deng und kniff ihre weinschweren Augen zusammen. „Ich höre doch ständig, du seist ein geübter Kämpfer auf dem Schlachtfeld der Liebe — warum zierst du dich da plötzlich?“ | ||
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| + | „Schwester, lass mich los!“, bat Schatzjade mit rotem Gesicht. „Wir können über alles reden. Aber was soll die alte Dienerin draußen denken, wenn sie uns hört?“ | ||
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| + | Frau Deng lachte: „Ich bin schon längst hier. Die Alte habe ich zum Gartentor geschickt, damit sie dort wartet. Ich habe schon so lange auf dich gewartet, und heute habe ich dich endlich! Viel gehört habe ich von dir, aber Hörensagen ist nicht wie Sehen. Ganz umsonst bist du so hübsch — du bist wie ein Böller ohne Pulver, nur zum Angeben gut. Du genierst dich ja mehr als ich! | ||
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| + | Da sieht man, dass man den Leuten nicht glauben darf. Als unsere Schwester hinausgeworfen wurde, war ich fest überzeugt, ihr hättet ein heimliches Verhältnis. Aber als ich vorhin kam und am Fenster lauschte — ihr wart nur zu zweit im Zimmer — , da hättet ihr, wenn wirklich etwas zwischen euch gewesen wäre, bestimmt davon gesprochen. Doch ihr habt euch nicht im Geringsten nähergekommen! Da sieht man, wie viel Unrecht es auf der Welt gibt! Jetzt bereue ich, euch grundlos verdächtigt zu haben. Also sei ganz beruhigt: Komm künftig nur, ich werde dich nicht belästigen.“ | ||
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| + | Nun erst beruhigte sich Schatzjade. Er stand auf, brachte seine Kleider in Ordnung und bat: „Sorg nur ein paar Tage gut für sie, Schwester. Ich muss jetzt gehen.“ Dann trat er in den Vorderraum und verabschiedete sich von Heitermuster. Beide konnten sich nicht voneinander losreißen, und doch mussten sie sich trennen. Da Heitermuster wusste, wie schwer Schatzjade das fiel, zog sie sich schließlich die Bettdecke über den Kopf und beachtete ihn nicht mehr, bis er endlich ging. | ||
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| + | Schatzjade hatte noch vorgehabt, Duftblümchen und die Vierte zu besuchen, doch inzwischen war es dunkel geworden. Er war schon zu lange fort, und wenn man ihn vermisste, konnte neues Unheil entstehen. Also war es besser, in den Garten zurückzukehren und für den nächsten Tag neue Pläne zu machen. Als er zum hinteren Seitentor kam, trugen die Diener gerade das Bettzeug hinaus, und drinnen kontrollierten die alten Ammen, ob alle da waren. Wäre er auch nur einen Augenblick später gekommen, wäre das Tor bereits verschlossen gewesen. | ||
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| + | Schatzjade kehrte in den Garten zurück, und glücklicherweise hatte niemand etwas bemerkt. In seinen Räumen angelangt, sagte er Dufthauch nur, er sei bei Tante Xue gewesen, und damit war die Sache abgetan. | ||
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| + | Als bald darauf das Bett gerichtet wurde, musste Dufthauch notgedrungen fragen, wie sie heute Nacht schlafen wollten. Schatzjade antwortete nur: „Das ist mir einerlei.“ | ||
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| + | In den letzten ein, zwei Jahren, seit Dame König Dufthauch Beachtung schenkte, hatte diese großen Wert auf Würde gelegt. Wenn sie mit Schatzjade allein war, auch nachts, wahrte sie Abstand und war zurückhaltender als in ihren frühen Jahren. Zwar hatte sie keine großen Aufgaben, doch war es mühsam genug, alle Näharbeiten zu erledigen und für Schatzjade wie für die kleinen Dienerinnen Geld, Kleider und allerlei Gegenstände zu verwalten. Zudem hatte sie ihr altes Leiden des Blutspuckens zwar überwunden, doch bei Überanstrengung oder Erkältung zeigte sich stets wieder Blut im Auswurf. Deshalb hatte sie in letzter Zeit auch nicht in einem Zimmer mit Schatzjade geschlafen. | ||
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| + | Schatzjade jedoch wurde nachts häufig wach und war dann immer sehr ängstlich und rief nach jemandem. Da Heitermuster einen leichten Schlaf hatte und sich lautlos bewegen konnte, war ihr die Aufgabe zugefallen, nachts für ihn Tee einzuschenken und andere Handreichungen zu tun. Deshalb hatte nur sie neben seinem Bett geschlafen. Nun, da sie fort war, musste Dufthauch wohl oder übel fragen, denn dieser Nachtdienst war noch wichtiger als der Dienst am Tage. | ||
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| + | Da Schatzjade gesagt hatte, es sei ihm einerlei, blieb Dufthauch nichts übrig, als es wie in früheren Jahren zu halten. Sie holte ihr eigenes Bettzeug und richtete sich damit vor Schatzjades Lager ein. | ||
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| + | Schatzjade brütete den ganzen Abend stumm vor sich hin. Erst als Dufthauch ihn mahnte, sich hinzulegen, und auch sie sich niedergelegt hatte, hörte sie, wie er auf dem Kissen seufzte und stöhnte und sich von einer Seite auf die andere wälzte. Erst nach der dritten Nachtwache wurde er allmählich ruhiger, und schließlich schnarchte er leise. Nun erst war Dufthauch beruhigt und döste selbst ein. | ||
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| + | Doch es dauerte kaum so lange, wie man für eine halbe Schale Tee braucht, da rief Schatzjade: „Heitermuster!“ | ||
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| + | Sofort riss Dufthauch die Augen auf, meldete sich und fragte, was er wolle. Schatzjade bat um Tee. Dufthauch stand rasch auf, spülte sich in der Schüssel die Hände und goss aus der Warmhaltekanne eine halbe Schale ein, die sie ihm reichte. | ||
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| + | Lächelnd sagte Schatzjade: „Ich habe mich so daran gewöhnt, nach ihr zu rufen, dass ich ganz vergass, dass du es bist.“ | ||
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| + | Ebenfalls lächelnd erwiderte Dufthauch: „Als sie neu hierher kam, hast du im Schlaf auch immer nach mir gerufen. Erst nach einem halben Jahr hattest du dich umgewöhnt. Ich wusste, dass der Name Heitermuster bleiben würde, auch wenn Heitermuster nicht mehr da ist.“ | ||
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| + | Damit legten sich beide wieder hin. Erneut wälzte sich Schatzjade eine weitere Nachtwache lang von einer Seite auf die andere und schlief erst in der fünften Wache ein. Da sah er, wie Heitermuster von draußen hereinkam, außehend wie immer. Im Zimmer angekommen, sagte sie lächelnd zu Schatzjade: „Lebt alle wohl! Ich komme nicht wieder.“ Dann drehte sie sich um und ging hinaus. | ||
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| + | Als Schatzjade ihr nachrief, weckte er wieder Dufthauch. Zunächst glaubte sie, er habe aus alter Gewohnheit Heitermusters Namen gerufen, doch dann sah sie, dass er weinte, und hörte ihn sagen: „Heitermuster ist gestorben.“ | ||
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| + | „Was redest du da?“ hielt sie ihm vor. „Das ist doch Unsinn! Was sollen die Leute denken, wenn sie dich hören?“ | ||
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| + | Schatzjade wollte natürlich nicht auf sie hören und wartete sehnsüchtig darauf, dass es hell wurde, um jemanden nach Nachrichten auszuschicken. | ||
| + | |||
| + | Doch als es Tag wurde, stand schon eines der kleinen Dienstmädchen aus Dame Königs Räumen vor dem vorderen Seitentor und verlangte, man solle sofort öffnen, damit sie Dame Königs Botschaft überbringen könne: „Weckt Schatzjade sofort! Er soll sich schnell waschen und umziehen und herüberkommen. Jemand hat den gnädigen Herrn eingeladen, den schönen Herbst zu genießen und die Duftblüten zu bewundern. Weil der gnädige Herr sich über das Gedicht gefreut hat, das Schatzjade neulich verfasste, will er ihn mitnehmen. Das sind die Worte der gnädigen Frau, kein einziges darf fehlen! Lauft schnell und sagt ihm Bescheid, er soll sofort kommen! Der gnädige Herr wartet in den Haupträumen und will noch mit ihm zusammen Mehlsuppe frühstücken. Der junge Herr Huan ist schon da. Beeilt euch! Und schickt noch jemanden zum kleinen Herrn Lan — auch ihm soll dasselbe bestellt werden!“ | ||
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| + | Drinnen bestätigten die Dienerinnen jeden Satz, knöpften sich dabei die Kleider zu und öffneten das Tor. Zwei, drei von ihnen machten sich sofort in verschiedene Richtungen auf den Weg, noch während sie sich fertig anzogen. | ||
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| + | Als Dufthauch hörte, dass ans Hoftor gepocht wurde, ahnte sie, dass etwas Wichtiges vorlag. Während sie schnell jemanden nach draußen schickte, stand sie bereits selbst auf. Nachdem sie die Botschaft vernommen hatte, ließ sie sofort Waschwasser bringen und trieb Schatzjade zum Aufstehen an. Selbst ging sie seine Kleider holen. Da er Aufrecht Kaufmann begleiten sollte, wollte sie ihm nichts allzu Auffälliges oder Neues anziehen lassen und wählte daher nur Kleider zweiter Wahl. | ||
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| + | Schatzjade blieb nun keine andere Wahl, als schleunigst hinüberüzeilen. Tatsächlich fand er Aufrecht Kaufmann beim Frühstück vor, in bester Stimmung. Hastig entbot Schatzjade seinen Morgengruß. Auch Unheil Kaufmann und Orchidee Kaufmann begrüßten ihn. | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann befahl Schatzjade, Platz zu nehmen und von der Mehlsuppe zu essen. Dann wandte er sich an Unheil Kaufmann und Orchidee Kaufmann: „Beim Bücherstudium steht Schatzjade hinter euch zurück, doch in der Kunst, Parallelsätze zu bilden und Gedichte zu erwidern, reicht ihr nicht an ihn heran. Bei unserem heutigen Besuch wird man euch gewiss drängen, Verse zu machen — dabei soll euch Schatzjade helfen.“ | ||
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| + | Noch nie hatte Dame König solch ein Urteil aus dem Munde ihres Gatten gehört. Dies war eine ganz und gar unerwartete Freude. | ||
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| + | Bald darauf, nachdem Vater und Söhne aufgebrochen waren und Dame König sich gerade zur Herzoginmutter begeben wollte, erschienen die Pflegemütter von Duftblümchen und zwei anderen Schauspielmädchen und berichteten: „Seitdem Duftblümchen neulich die Gnade erfahren hat, freigelassen zu werden, ist sie völlig von Sinnen! Sie trinkt keinen Tee, sie isst keinen Reis. Sie hat Lotoswürzlein und Blütenstäubchen dazu angestiftet, dass alle drei auf Gedeih und Verderb darauf bestehen, sich die Haare abschneiden und Nonnen werden zu wollen. Wir dachten, das sei nur kindliches Gerede, weil sie die Verhältnisse draußen nicht gewöhnt sind — nach ein paar Tagen würde alles wieder gut sein. Doch wider Erwarten toben sie immer schlimmer, und auch Schläge und Schelte helfen nicht. Wir wissen wirklich keinen Rat mehr und bitten Euch, sie entweder ihrem Wunsch gemäß Nonnen werden zu lassen, oder ihnen eine Lektion zu erteilen und sie jemand anderem als Ziehtochter zu geben — für uns ist dieses Glück nicht bestimmt.“ | ||
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| + | „Unsinn!“ sagte Dame König. „Vielleicht richten wir uns noch nach ihnen! Ins Kloster geht man nicht leichtfertig. Jede bekommt eine Tracht Prügel, und dann werden wir sehen, ob sie immer noch verrückt spielen!“ | ||
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| + | Nun hatten sich gerade zum fünfzehnten Tag des achten Monats Nonnen aus den verschiedenen Tempeln eingefunden, um Opfergebäck zu bringen, wie es der Brauch verlangte. Dame König hatte die Nonne Zhitong aus dem Wassermondkloster<ref>水月庵 (Shuǐyuè Ān), wörtlich „Klause des Wassermondes“. Der Name spielt auf die buddhistische Metapher an, dass die Wirklichkeit so flüchtig ist wie der Mond, der sich im Wasser spiegelt.</ref> und Yuanxin vom Dizang-Tempel für ein paar Tage als Gäste behalten. | ||
| + | |||
| + | Als die beiden Nonnen diese Neuigkeiten hörten, brannten sie darauf, die Mädchen als Schülerinnen mitzunehmen — in Wahrheit, um sie als Arbeitskräfte zu benutzen. So sagten sie zu Dame König: „Euer Anwesen ist wahrlich ein Haus guter Menschen, und weil Ihr, gnädige Frau, so fromm seid, sind auch die Mädchen in dieser Weise erleuchtet worden. Gewiss ist der Eintritt ins Kloster nicht leichtfertig zu nehmen, doch man muss auch wissen, dass nach Buddhas Gesetz alle gleichwertig sind. Unser Buddha hat gelobt, sämtliche Lebewesen zu erlösen, seien es auch nur Hühner und Hunde, doch leider kommen die Verirrten nicht zur Erkenntnis. Wer die Wurzel des Guten in sich traegt und erwachen kann, vermag dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. In den Sutras finden sich genügend Fälle, in denen sogar Tiger, Wölfe, Schlangen und Würmer den rechten Weg gefunden haben. | ||
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| + | Diese Mädchen haben weder Vater noch Mutter, und ihre Heimat ist weit. Sie haben Reichtum und Vornehmheit erlebt und wissen, wie bitter ihr Schicksal von klein auf war, als sie einem leichtfertigen Gewerbe nachgehen mussten. Wer weiß, was die Zukunft bringt? Deshalb haben sie beschlossen, das Meer des Leidens zu verlassen und im Kloster für ein besseres nächstes Leben zu beten — das ist ein nobler Entschluss. Die gnädige Frau sollte ihre guten Absichten nicht einschränken.“ | ||
| + | |||
| + | Dame König war von Natur aus fromm gesinnt. Wenn sie vorhin den Wunsch der Mädchen abgelehnt hatte, so nur, weil sie fürchtete, die jungen Dinger könnten die Entsagung des Klosterlebens nicht ertragen und sich dadurch nur Schuld aufladen. Nun aber klangen die Worte der beiden Nonnen durchaus vernünftig. Zudem hatte der Haushalt in letzter Zeit ohnehin viele Sorgen: Dame Strafe hatte jemanden geschickt, um mitzuteilen, Willkommensfrühling solle nach Hause kommen, damit eine Familie sie sich ansehen könne; und es waren auch schon offizielle Heiratsvermittlerinnen gekommen, um sich nach Erkundefrühling zu erkundigen. Dame König war ohnehin gedanklich überlastet und hatte keine Nerven, sich mit solchen Nebensächlichkeiten zu befassen. Als sie die Worte der Nonnen hörte, lächelte sie und sagte: „Wenn es so ist, warum nehmt ihr sie nicht als eure Schülerinnen mit?“ | ||
| + | |||
| + | Die beiden Nonnen sprachen ein Gebet: „Vortrefflich! Vortrefflich! Wenn es so geschieht, ist Euer Verdienst an verborgener Tugend wahrlich nicht gering.“ Dann verneigten sie sich dankend. | ||
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| + | Dame König sagte: „Gut, dann fragt sie selbst. Wenn sie es wirklich ernst meinen, sollen sie hier vor mir ihre Lehrmeisterinnen begrüßen und dann mit ihnen gehen.“ | ||
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| + | Die drei Pflegemütter gingen hinaus und brachten die drei Mädchen herein. Dame König fragte sie noch mehrmals, aber die drei waren fest entschlossen. So knieten sie vor den beiden Nonnen nieder und verabschiedeten sich dann von Dame König. Als Dame König sah, wie entschieden sie waren, wusste sie, dass Zwang keinen Sinn mehr hatte. Gerührt ließ sie einige Geschenke bringen und den Mädchen mitgeben, und auch den beiden Nonnen schickte sie Geschenke. | ||
| + | |||
| + | Von da an folgte Duftblümchen der Nonne Zhitong ins Wassermondkloster, während Blütenstäubchen und Lotoswürzlein der Nonne Yuanxin ins Dizang-Kloster folgten. Alle drei verließen das weltliche Leben. | ||
| − | + | Was weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. | |
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| − | + | <small>Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small> | |
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Latest revision as of 19:36, 28 April 2026
| 中文原文 (程甲本 1982) | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
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話說王夫人見中秋已過,鳳姐病已比先減了,雖未大愈,可以出入行走得了,仍命大夫每日診脈服藥,又開了丸藥方子來配調經養榮丸。因用上等人參二兩,王夫人取時,翻尋了半日,只向小匣內尋了幾枝簪挺粗細的。王夫人看了嫌不好,命再找去,又找了一大包鬚末出來。王夫人焦躁道:「用不著偏有,但用著了,再找不著。成日家我說叫你們查一查,都歸攏在一處。你們白不聽,就隨手混撂。你們不知他的好處,用起來得多少換買來還不中使呢。」彩雲道:「想是沒了,就只有這個。上次那邊的太太來尋了些去,太太都給過去了。」王夫人道:「沒有的話,你再細找找。」彩雲只得又去找,拿了幾包藥材來說:「我們不認得這個,請太太自看。除這個再沒有了。」王夫人打開看時,也都忘了,不知都是什麼藥,並沒有一枝人參。因一面遣人去問鳳姐有無,鳳姐來說:「也只有些參膏蘆鬚。雖有幾枝,也不是上好的,每日還要煎藥里用呢。」王夫人聽了,只得向邢夫人那裡問去。邢夫人說:「因上次沒了,才往這裡來尋,早已用完了。」王夫人沒法,只得親身過來請問賈母。賈母忙命鴛鴦取出當日所餘的來,竟還有一大包,皆有手指頭粗細的,遂稱二兩與王夫人。王夫人出來交與周瑞家的拿去令小廝送與醫生家去,又命將那幾包不能辨得的藥也帶了去,命醫生認了,各包記號了來。 一時,周瑞家的又拿了進來說:「這幾包都各包好記上名字了。但這一包人參固然是上好的,如今就連三十換也不能得這樣的了,但年代太陳了。這東西比別的不同,憑是怎樣好的,只過一百年後,便自己就成了灰了。如今這個雖未成灰,然已成了朽糟爛木,也無性力的了。請太太收了這個,倒不拘粗細,好歹再換些新的倒好。」王夫人聽了,低頭不語,半日才說:「這可沒法了,只好去買二兩來罷。」也無心看那些,只命:「都收了罷。」因向周瑞家的說:「你就去說給外頭人們,揀好的換二兩來。倘一時老太太問,你們只說用的是老太太的,不必多說。」周瑞家的方纔要去時,寶釵因在坐,乃笑道:「姨娘且住。如今外頭賣的人參都沒好的。雖有一枝全的,他們也必截做兩三段,鑲嵌上蘆泡鬚枝,摻勻了好賣,看不得粗細。我們鋪子里常和參行交易,如今我去和媽說了,叫哥哥去托個夥計過去和參行商議說明,叫他把未作的原枝好參兌二兩來。不妨咱們多使幾兩銀子,也得了好的。」王夫人笑道:「倒是你明白。就難為你親自走一趟更好。」於是寶釵去了,半日回來說:「已遣人去,趕晚就有回信的。明日一早去配也不遲。」王夫人自是喜悅,因說道:「『賣油的娘子水梳頭』,自來家裡有好的,不知給了人多少。這會子輪到自己用,反倒各處求人去了。」說畢長嘆。寶釵笑道:「這東西雖然值錢,究竟不過是藥,原該濟眾散人才是。咱們比不得那沒見世面的人家,得了這個,就珍藏密斂的。」王夫人點頭道:「這話極是。」 一時寶釵去後,因見無別人在室,遂喚周瑞家的來問前日園中搜檢的事情可得個下落。周瑞家的是已和鳳姐等人商議停妥,一字不隱,遂回明王夫人。王夫人聽了,雖驚且怒,卻又作難,因思司棋系迎春之人,皆系那邊的人,只得令人去回邢夫人。周瑞家的回道:「前日那邊太太嗔著王善保家的多事,打了幾個嘴巴子,如今他也裝病在家,不肯出頭了。況且又是他外孫女兒,自己打了嘴,他只好裝個忘了,日久平服了再說。如今我們過去回時,恐怕又多心,倒像似咱們多事似的。不如直把司棋帶過去,一併連贓證與那邊太太瞧了,不過打一頓配了人,再指個丫頭來,豈不省事。如今白告訴去,那邊太太再推三阻四的,又說『既這樣你太太就該料理,又來說什麼』,豈不反耽擱了。倘那丫頭瞅空尋了死,反不好了。如今看了兩三天,人都有個偷懶的時候,倘一時不到,豈不倒弄出事來。」王夫人想了一想,說:「這也倒是。快辦了這一件,再辦咱們家的那些妖精。」 周瑞家的聽說,會齊了那幾個媳婦,先到迎春房裡,回迎春道:「太太們說了,司棋大了,連日他娘求了太太,太太已賞了他娘配人,今日叫他出去,另挑好的與姑娘使。」說著,便命司棋打點走路。迎春聽了,含淚似有不舍之意,因前夜已聞得別的丫鬟悄悄的說了原故,雖數年之情難捨,但事關風化,亦無可如何了。那司棋也曾求了迎春,實指望迎春能死保赦下的,只是迎春語言遲慢,耳軟心活,是不能作主的。司棋見了這般,知不能免,因哭道:「姑娘好狠心!哄了我這兩日,如今怎麼連一句話也沒有?」周瑞家的等說道:「你還要姑娘留你不成?便留下,你也難見園裡的人了。依我們的好話,快快收了這樣子,倒是人不知鬼不覺的去罷,大家體面些。」迎春含淚道:「我知道你幹了什麼大不是,我還十分說情留下,豈不連我也完了。你瞧入畫也是幾年的人,怎麼說去就去了。自然不止你兩個,想這園裡凡大的都要去呢。依我說,將來終有一散,不如你各人去罷。」周瑞家的道:「所以到底是姑娘明白。明兒還有打發的人呢,你放心罷。」司棋無法,只得含淚與迎春磕頭,和眾姊妹告別,又向迎春耳根說:「好歹打聽我要受罪,替我說個情兒,就是主僕一場!」迎春亦含淚答應:「放心。」 於是周瑞家的人等帶了司棋出了院門,又命兩個婆子將司棋所有的東西都與他拿著。走了沒幾步,後頭只見繡桔趕來,一面也擦著淚,一面遞與司棋一個絹包說:「這是姑娘給你的。主僕一場,如今一旦分離,這個與你作個想念罷。」司棋接了,不覺更哭起來了,又和繡桔哭了一回。周瑞家的不耐煩,只管催促,二人只得散了。司棋因又哭告道:「嬸子大娘們,好歹略徇個情兒,如今且歇一歇,讓我到相好的姊妹跟前辭一辭,也是我們這幾年好了一場。」周瑞家的等人皆各有事務,作這些事便是不得已了,況且又深恨他們素日大樣,如今那裡有工夫聽他的話,因冷笑道:「我勸你走罷,別拉拉扯扯的了。我們還有正經事呢。誰是你一個衣包里爬出來的,辭他們作什麼,他們看你的笑聲還看不了呢。你不過是挨一會是一會罷了,難道就算了不成!依我說快走罷。」一面說,一面總不住腳,直帶著往後角門出去了。司棋無奈,又不敢再說,只得跟了出來。 可巧正值寶玉從外而入,一見帶了司棋出去,又見後面抱著些東西,料著此去再不能來了。因聞得上夜之事,又兼晴雯之病亦因那日加重,細問晴雯,又不說是為何。上日又見入畫已去,今又見司棋亦走,不覺如喪魂魄一般,因忙攔住問道:「那裡去?」周瑞家的等皆知寶玉素日行為,又恐勞叨誤事,因笑道:「不干你事,快念書去罷。」寶玉笑道:「好姐姐們,且站一站,我有道理。」周瑞家的便道:「太太不許少捱一刻,又有什麼道理。我們只知遵太太的話,管不得許多。」 司棋見了寶玉,因拉住哭道:「他們做不得主,你好歹求求太太去。」寶玉不禁也傷心,含淚說道:「我不知你作了什麼大事,晴雯也病了,如今你又去。都要去了,這卻怎麼的好。」周瑞家的發躁向司棋道:「你如今不是副小姐了,若不聽話,我就打得你。別想著往日姑娘護著,任你們作耗。越說著,還不好走。如今和小爺們拉拉扯扯,成個什麼體統!」那幾個媳婦不由分說,拉著司棋便出去了。 寶玉又恐他們去告舌,恨的只瞪著他們,看已去遠,方指著恨道:「奇怪,奇怪,怎麼這些人只一嫁了漢子,染了男人的氣味,就這樣混帳起來,比男人更可殺了!」守園門的婆子聽了,也不禁好笑起來,因問道:「這樣說,凡女兒個個是好的了,女人個個是壞的了?」寶玉點頭道:「不錯,不錯!」婆子們笑道:「還有一句話我們糊塗不解,倒要請問請問。」方欲說時,只見幾個老婆子走來,忙說道:「你們小心,傳齊了伺候著。此刻太太親自來園裡,在那裡查人呢。只怕還查到這裡來呢。又吩咐快叫怡紅院的晴雯姑娘的哥嫂來,在這裡等著領出他妹妹去。」因笑道:「阿彌陀佛!今日天睜了眼,把這一個禍害妖精退送了,大家清淨些。」寶玉一聞得王夫人進來清查,便料定晴雯也保不住了,早飛也似的趕了去,所以這後來趁願之語竟未得聽見。 寶玉及到了怡紅院,只見一群人在那裡,王夫人在屋裡坐著,一臉怒色,見寶玉也不理。晴雯四五日水米不曾沾牙,懨懨弱息,如今現從炕上拉了下來,蓬頭垢面,兩個女人才架起來去了。王夫人吩咐,只許把他貼身衣服撂出去,餘者好衣服留下給好丫頭們穿。又命把這裡所有的丫頭們都叫來一一過目。原來王夫人自那日著惱之後,王善保家的去趁勢告倒了晴雯,本處有人和園中不睦的,也就隨機趁便下了些話。王夫人皆記在心中。因節間有事,故忍了兩日,今日特來親自閱人。一則為晴雯猶可,二則因竟有人指寶玉為由,說他大了,已解人事,都由屋裡的丫頭們不長進教習壞了。因這事更比晴雯一人較甚,乃從襲人起以至於極小作粗活的小丫頭們,個個親自看了一遍。因問:「誰是和寶玉一日的生日?」本人不敢答應,老嬤嬤指道: 「這一個蕙香,又叫作四兒的,是同寶玉一日生日的。」王夫人細看了一看,雖比不上晴雯一半,卻有幾分水秀。視其行止,聰明皆露在外面,且也打扮的不同。王夫人冷笑道:「這也是個不怕臊的。他背地裡說的,同日生日就是夫妻。這可是你說的?打諒我隔的遠,都不知道呢。可知道我身子雖不大來,我的心耳神意時時都在這裡。難道我通共一個寶玉,就白放心憑你們勾引壞了不成!」這個四兒見王夫人說著他素日和寶玉的私語,不禁紅了臉,低頭垂淚。王夫人即命也快把他家的人叫來,領出去配人。又問,「誰是耶律雄奴?」老嬤嬤們便將芳官指出。王夫人道:「唱戲的女孩子,自然是狐狸精了!上次放你們,你們又懶待出去,可就該安分守己才是。你就成精鼓搗起來,調唆著寶玉無所不為。」芳官笑辯道:「並不敢調唆什麼。」王夫人笑道:「你還強嘴。我且問你,前年我們往皇陵上去,是誰調唆寶玉要柳家的丫頭五兒了?幸而那丫頭短命死了,不然進來了,你們又連夥聚黨遭害這園子呢。你連你乾娘都欺倒了,豈止別人!」因喝命:「喚他乾娘來領去,就賞他外頭自尋個女婿去吧。把他的東西一概給他。」又吩咐上年凡有姑娘們分的唱戲的女孩子們,一概不許留在園裡,都令其各人乾娘帶出,自行聘嫁。一語傳出,這些乾娘皆感恩趁願不盡,都約齊與王夫人磕頭領去。王夫人又滿屋裡搜檢寶玉之物。凡略有眼生之物,一併命收的收,捲的捲,著人拿到自己房內去了。因說: 「這才乾凈,省得旁人口舌。」因又吩咐襲人麝月等人:「你們小心!往後再有一點份外之事,我一概不饒。因叫人查看了,今年不宜遷挪,暫且挨過今年,明年一併給我仍舊搬出去心凈。」說畢,茶也不吃,遂帶領眾人又往別處去閱人。暫且說不到後文。 如今且說寶玉只當王夫人不過來搜檢搜檢,無甚大事,誰知竟這樣雷嗔電怒的來了。所責之事皆系平日之語,一字不爽,料必不能輓回的。雖心下恨不能一死,但王夫人盛怒之際,自不敢多言一句,多動一步,一直跟送王夫人到沁芳亭。王夫人命:「回去好生念念那書,仔細明兒問你。才已發下恨了。」寶玉聽如此說,方回來,一路打算:「誰這樣犯舌?況這裡事也無人知道,如何就都說著了。」一面想,一面進來,只見襲人在那裡垂淚。且去了第一等的人,豈不傷心,便倒在床上也哭起來。襲人知他心內別的還猶可,獨有晴雯是第一件大事,乃推他勸道:「哭也不中用了。你起來我告訴你,晴雯已經好了,他這一家去,倒心凈養幾天。你果然捨不得他,等太太氣消了,你再求老太太,慢慢的叫進來也不難。不過太太偶然信了人的誹言,一時氣頭上如此罷了。」寶玉哭道:「我究竟不知晴雯犯了何等滔天大罪!」襲人道:「太太只嫌他生的太好了,未免輕佻些。在太太是深知這樣美人似的人必不安靜,所以恨嫌他,像我們這粗粗笨笨的倒好。」 寶玉道:「這也罷了。咱們私自頑話怎麼也知道了?又沒外人走風的,這可奇怪。」襲人道:「你有甚忌諱的,一時高興了,你就不管有人無人了。我也曾使過眼色,也曾遞過暗號,倒被那別人已知道了,你反不覺。」寶玉道:「怎麼人人的不是太太都知道,單不挑出你和麝月秋紋來?」襲人聽了這話,心內一動,低頭半日,無可回答,因便笑道:「正是呢。若論我們也有頑笑不留心的孟浪去處,怎麼太太竟忘了?想是還有別的事,等完了再發放我們,也未可知。」寶玉笑道:「你是頭一個出了名的至善至賢之人,他兩個又是你陶冶教育的,焉得還有孟浪該罰之處!只是芳官尚小過於伶俐些,未免倚強壓倒了人,惹人厭。四兒是我誤了他,還是那年我和你拌嘴的那日起,叫上來作些細活,未免奪占了地位,故有今日。只是晴雯也是和你一樣,從小兒在老太太屋裡過來的,雖然他生得比人強,也沒甚妨礙去處。就是他的性情爽利,口角鋒芒些,究竟也不曾得罪你們。想是他過於生得好了,反被這好所誤。」說畢,復又哭起來。 襲人細揣此話,好似寶玉有疑他之意,竟不好再勸,因嘆道:「天知道罷了。此時也查不出人來了,白哭一會子也無益。倒是養著精神,等老太太喜歡時,回明白了再要他是正理。」寶玉冷笑道:「你不必虛寬我的心。等到太太平服了再瞧勢頭去要時,知他的病等得等不得。他自幼上來嬌生慣養,何嘗受過一日委屈。連我知道他的性格,還時常衝撞了他。他這一下去,就如同一盆才抽出嫩箭來的蘭花送到豬窩裡去一般。況又是一身重病,裡頭一肚子的悶氣。他又沒有親爺熱娘,只有一個醉泥鰍姑舅哥哥。他這一去,一時也不慣的,那裡還等得幾日。知道還能見他一面兩面不能了!」說著又越發傷心起來。襲人笑道:「可是你『只許州官放火,不許百姓點燈』。我們偶然說一句略妨礙些的話,就說是不利之談,你如今好好的咒他,是該的了!他便比別人嬌些,也不至這樣起來。」寶玉道:「不是我妄口咒他,今年春天已有兆頭的。」襲人忙問何兆。寶玉道:「這階下好好的一株海棠花,竟無故死了半邊,我就知有異事,果然應在他身上。」襲人聽了,又笑起來,因說道:「我待不說,又撐不住,你太也婆婆媽媽的了。這樣的話,豈是你讀書的男人說的。草木怎又關係起人來?若不婆婆媽媽的,真也成了個呆子了。」寶玉嘆道:「你們那裡知道,不但草木,凡天下之物,皆是有情有理的,也和人一樣,得了知己,便極有靈驗的。若用大題目比,就有孔子廟前之檜,墳前之蓍,諸葛祠前之柏,岳武穆墳前之松。這都是堂堂正大隨人之正氣,千古不磨之物。世亂則萎,世治則榮,幾千百年了,枯而復生者幾次。這豈不是兆應?小題目比,就有楊太真沉香亭之木芍藥,端正樓之相思樹,王昭君冢上之草,豈不也有靈驗。所以這海棠亦應其人欲亡,故先就死了半邊。」襲人聽了這篇痴話,又可笑,又可嘆,因笑道:「真真的這話越發說上我的氣來了。那晴雯是個什麼東西,就費這樣心思,比出這些正經人來!還有一說,他縱好,也滅不過我的次序去。便是這海棠,也該先來比我,也還輪不到他。想是我要死了。」寶玉聽說,忙握他的嘴,勸道:「這是何苦!一個未清,你又這樣起來。罷了,再別提這事,別弄的去了三個,又饒上一個。」襲人聽說,心下暗喜道:「若不如此,你也不能了局。」寶玉乃道:「從此休提起,全當他們三個死了,不過如此。況且死了的也曾有過,也沒有見我怎麼樣,此一理也。如今且說現在的,倒是把他的東西,作瞞上不瞞下,悄悄的打發人送出去與了他。再或有咱們常時積攢下的錢,拿幾吊出去給他養病,也是你姊妹好了一場。」襲人聽了,笑道:「你太把我們看的又小器又沒人心了。這話還等你說,我才已將他素日所有的衣裳以至各什各物總打點下了,都放在那裡。如今白日裡人多眼雜,又恐生事,且等到晚上,悄悄的叫宋媽給他拿出去。我還有攢下的幾吊錢也給他罷。」寶玉聽了,感謝不盡。襲人笑道:「我原是久已出了名的賢人,連這一點子好名兒還不會買來不成!」寶玉聽他方纔的話,忙陪笑撫慰一時。晚間果密遣宋媽送去。 寶玉將一切人穩住,便獨自得便出了後角門,央一個老婆子帶他到晴雯家去瞧瞧。先是這婆子百般不肯,只說怕人知道,「回了太太,我還吃飯不吃飯!」無奈寶玉死活央告,又許他些錢,那婆子方帶了他來。這晴雯當日系賴大家用銀子買的,那時晴雯才得十歲,尚未留頭。因常跟賴嬤嬤進來,賈母見他生得伶俐標緻,十分喜愛。故此賴嬤嬤就孝敬了賈母使喚,後來所以到了寶玉房裡。這晴雯進來時,也不記得家鄉父母。只知有個姑舅哥哥,專能庖宰,也淪落在外,故又求了賴家的收買進來吃工食。賴家的見晴雯雖到賈母跟前,千伶百俐,嘴尖性大,卻倒還不忘舊,故又將他姑舅哥哥收買進來,把家裡一個女孩子配了他。成了房後,誰知他姑舅哥哥一朝身安泰,就忘卻當年流落時,任意吃死酒,家小也不顧。偏又娶了個多情美色之妻,見他不顧身命,不知風月,一味死吃酒,便不免有蒹葭倚玉之嘆,紅顏寂寞之悲。又見他器量寬宏,並無嫉衾妒枕之意,這媳婦遂恣情縱欲,滿宅內便延攬英雄,收納材俊,上上下下竟有一半是他考試過的。若問他夫妻姓甚名誰,便是上回賈璉所接見的多渾蟲燈姑娘兒的便是了。目今晴雯只有這一門親戚,所以出來就在他家。 此時多渾蟲外頭去了,那燈姑娘吃了飯去串門子,只剩下晴雯一人,在外間房內爬著。寶玉命那婆子在院門瞭哨,他獨自掀起草簾進來,一眼就看見晴雯睡在蘆席土炕上,幸而衾褥還是舊日鋪的。心內不知自己怎麼才好,因上來含淚伸手輕輕拉他,悄喚兩聲。當下晴雯又因著了風,又受了他哥嫂的歹話,病上加病,嗽了一日,才朦朧睡了。忽聞有人喚他,強展星眸,一見是寶玉,又驚又喜,又悲又痛,忙一把死攥住他的手。哽咽了半日,方說出半句話來:「我只當不得見你了。」接著便嗽個不住。寶玉也只有哽咽之分。晴雯道:「阿彌陀佛,你來的好,且把那茶倒半碗我喝。渴了這半日,叫半個人也叫不著。」寶玉聽說,忙拭淚問:「茶在那裡?」晴雯道:「那爐臺上就是。」寶玉看時,雖有個黑沙吊子,卻不像個茶壺。只得桌上去拿了一個碗,也甚大甚粗,不像個茶碗,未到手內,先就聞得油膻之氣。寶玉只得拿了來,先拿些水洗了兩次,復又用水汕過,方提起沙壺斟了半碗。看時,絳紅的,也太不成茶。晴雯扶枕道:「快給我喝一口罷!這就是茶了。那裡比得咱們的茶!」寶玉聽說,先自己嘗了一嘗,並無清香,且無茶味,只一味苦澀,略有茶意而已。嘗畢,方遞與晴雯。只見晴雯如得了甘露一般,一氣都灌下去了。寶玉心下暗道:「往常那樣好茶,他尚有不如意之處;今日這樣。看來,可知古人說的『飽飫烹宰,飢饜糟糠』,又道是『飯飽弄粥』,可見都不錯了。」一面想,一面流淚問道:「你有什麼說的,趁著沒人告訴我。」晴雯嗚咽道:「有什麼可說的!不過挨一刻是一刻,挨一日是一日。我已知橫豎不過三五日的光景,就好回去了。只是一件,我死也不甘心的:我雖生的比別人略好些,並沒有私情密意勾引你怎樣,如何一口死咬定了我是個狐狸精!我太不服。今日既已擔了虛名,而且臨死,不是我說一句後悔的話,早知如此,我當日也另有個道理。不料痴心傻意,只說大家橫豎是在一處。不想平空里生出這一節話來,有冤無處訴。」說畢又哭。寶玉拉著他的手,只覺瘦如枯柴,腕上猶戴著四個銀鐲,因泣道:「且卸下這個來,等好了再戴上罷。」因與他卸下來,塞在枕下。又說:「可惜這兩個指甲,好容易長了二寸長,這一病好了,又損好些。」晴雯拭泪,就伸手取了剪刀,將左手上兩根蔥管一般的指甲齊根鉸下;又伸手向被內將貼身穿著的一件舊紅綾襖脫下,並指甲都與寶玉道:「這個你收了,以後就如見我一般。快把你的襖兒脫下來我穿。我將來在棺材內獨自躺著,也就像還在怡紅院的一樣了。論理不該如此,只是擔了虛名,我可也是無可如何了。」寶玉聽說,忙寬衣換上,藏了指甲。晴雯又哭道:「回去他們看見了要問,不必撒謊,就說是我的。既擔了虛名,越性如此,也不過這樣了。」 一語未了,只見他嫂子笑嘻嘻掀簾進來,道:「好呀,你兩個的話,我已都聽見了。」又向寶玉道:「你一個作主子的,跑到下人房裡作什麼?看我年輕又俊,敢是來調戲我麽?」寶玉聽說,嚇的忙陪笑央道:「好姐姐,快別大聲。他伏侍我一場,我私自來瞧瞧他。」燈姑娘便一手拉了寶玉進裡間來,笑道:「你不叫嚷也容易,只是依我一件事。」說著,便坐在炕沿上,卻緊緊的將寶玉摟入懷中。寶玉如何見過這個,心內早突突的跳起來了,急的滿面紅漲,又羞又怕,只說:「好姐姐,別鬧。」燈姑娘乜斜醉眼,笑道:「呸!成日家聽見你風月場中慣作工夫的,怎麼今日就反訕起來。」寶玉紅了臉,笑道:「姐姐放手,有話咱們好說。外頭有老媽媽,聽見什麼意思。」燈姑娘笑道:「我早進來了,卻叫婆子去園門等著呢。我等什麼似的,今兒等著了你。雖然聞名,不如見面,空長了一個好模樣兒,竟是沒藥信的炮仗,只好裝幌子罷了,倒比我還發訕怕羞。可知人的嘴一概聽不得的。就比如方纔我們姑娘下來,我也料定你們素日偷雞盜狗的。我進來一會在窗下細聽,屋內只你二人,若有偷雞盜狗的事,豈有不談及於此,誰知你兩個竟還是各不相擾。可知天下委屈事也不少。如今我反後悔錯怪了你們。既然如此,你但放心。以後你只管來,我也不羅唣你。」寶玉聽說,才放下心來,方起身整衣央道:「好姐姐,你千萬照看他兩天。我如今去了。」說畢出來,又告訴晴雯。二人自是依依不捨,也少不得一別。晴雯知寶玉難行,遂用被蒙頭,總不理他,寶玉方出來。意欲到芳官四兒處去,無奈天黑,出來了半日,恐裡面人找他不見,又恐生事,遂且進園來了,明日再作計較。因乃至後角門,小廝正抱鋪蓋,裡邊嬤嬤們正查人,若再遲一步也就關了。 寶玉進入園中,且喜無人知道。到了自己房內,告訴襲人只說在薛姨媽家去的,也就罷了。一時鋪床,襲人不得不問今日怎麼睡。寶玉道:「不管怎麼睡罷了。」原來這一二年間襲人因王夫人看重了他了,越發自要尊重。凡背人之處,或夜晚之間,總不與寶玉狎昵,較先幼時反倒疏遠了。況雖無大事辦理,然一應針線並寶玉及諸小丫頭們凡出入銀錢衣履什物等事,也甚煩瑣;且有吐血舊症雖愈,然每因勞碌風寒所感,即嗽中帶血,故邇來夜間總不與寶玉同房。寶玉夜間常醒,又極膽小,每醒必喚人。因晴雯睡卧警醒,且舉動輕便,故夜晚一應茶水起坐呼喚之任皆悉委他一人,所以寶玉外床只是他睡。今他去了,襲人只得要問,因思此任比日間緊要之意。寶玉既答不管怎樣,襲人只得還依舊年之例,遂仍將自己舖蓋搬來設於床外。 寶玉發了一晚上呆。及催他睡下,襲人等也都睡後,聽著寶玉在枕上長吁短嘆,復去翻來,直至三更以後。方漸漸的安頓了,略有齁聲。襲人方放心,也就朦朧睡著。沒半盞茶時,只聽寶玉叫「晴雯」。襲人忙睜開眼連聲答應,問作什麼。寶玉因要吃茶。襲人忙下去向盆內蘸過手,從暖壺內倒了半盞茶來吃過。寶玉乃笑道:「我近來叫慣了他,卻忘了是你。」襲人笑道:「他一乍來時你也曾睡夢中直叫我,半年後才改了。我知道這晴雯人雖去了,這兩個字只怕是不能去的。」說著,大家又卧下。寶玉又翻轉了一個更次,至五更方睡去時,只見晴雯從外頭走來,仍是往日形景,進來笑向寶玉道:「你們好生過罷,我從此就別過了。」說畢,翻身便走。寶玉忙叫時,又將襲人叫醒。襲人還只當他慣了口亂叫,卻見寶玉哭了,說道:「晴雯死了。」襲人笑道:「這是那裡的話!你就知道胡鬧,被人聽著什麼意思。」寶玉那裡肯聽,恨不得一時亮了就遣人去問信。 及至天亮時,就有王夫人房裡小丫頭立等叫開前角門傳王夫人的話:「即時叫起寶玉,快洗臉,換了衣裳快來,因今兒有人請老爺尋秋賞桂花,老爺因喜歡他前兒作得詩好,故此要帶他們去。這都是太太的話,一句別錯了。你們快飛跑告訴他去,立刻叫他快來,老爺在上屋裡還等他吃麵茶呢。環哥兒已來了。快跑,快跑。再著一個人去叫蘭哥兒,也要這等說。」裡面的婆子聽一句,應一句,一面扣扭子,一面開門。一面早有兩三個人一行扣衣,一行分頭去了。襲人聽得叩院門,便知有事,忙一面命人問時,自己已起來了。聽得這話,促人來舀了面湯,催寶玉起來盥漱。他自去取衣。因思跟賈政出門,便不肯拿出十分出色的新鮮衣履來,只拿那二等成色的來。寶玉此時亦無法,只得忙忙的前來。果然賈政在那裡吃茶,十分喜悅。寶玉忙行了省晨之禮。賈環賈蘭二人也都見過寶玉。賈政命坐吃茶,向環蘭二人道:「寶玉讀書不如你兩個,論題聯和詩這種聰明,你們皆不及他。今日此去,未免強你們做詩,寶玉須聽便助他們兩個。」王夫人等自來不曾聽見這等考語,真是意外之喜。 一時候他父子二人等去了,方欲過賈母這邊來時,就有芳官等三個的乾娘走來,回說:「芳官自前日蒙太太的恩典賞了出去,他就瘋了似的,茶也不吃,飯也不用,勾引上藕官蕊官,三個人尋死覓活,只要剪了頭髮做尼姑去。我只當是小孩子家一時出去不慣也是有的,不過隔兩日就好了。誰知越鬧越凶,打罵著也不怕。實在沒法,所以來求太太,或者就依他們做尼姑去,或教導他們一頓,賞給別人作女兒去罷,我們也沒這福。」王夫人聽了道:「胡說!那裡由得他們起來,佛門也是輕易人進去的!每人打一頓給他們,看還鬧不鬧了!」當下因八月十五日各廟內上供去,皆有各廟內的尼姑來送供尖之例,王夫人曾於十五日就留下水月庵的智通與地藏庵的圓心住兩日,至今日未回,聽得此信,巴不得又拐兩個女孩子去作活使喚,因都向王夫人道:「咱們府上到底是善人家。因太太好善,所以感應得這些小姑娘們皆如此。雖說佛門輕易難入,也要知道佛法平等。我佛立願,原是一切眾生無論雞犬皆要度他,無奈迷人不醒。若果有善根能醒悟,即可以超脫輪迴。所以經上現有虎狼蛇蟲得道者就不少。如今這兩三個姑娘既然無父無母,家鄉又遠,他們既經了這富貴,又想從小兒命苦入了這風流行次,將來知道終身怎麼樣,所以苦海回頭,出家修修來世,也是他們的高意。太太倒不要限了善念。」王夫人原是個好善的,先聽彼等之語不肯聽其自由者,因思芳官等不過皆系小兒女,一時不遂心,故有此意,但恐將來熬不得清凈,反致獲罪。今聽這兩個拐子的話大近情理;且近日家中多故,又有邢夫人遣人來知會,明日接迎春家去住兩日,以備人家相看;且又有官媒婆來求說探春等事,心緒正煩,那裡著意在這些小事上。既聽此言,便笑答道:「你兩個既這等說,你們就帶了作徒弟去如何?」兩個姑子聽了,念一聲佛道:「善哉!善哉!若如此,可是你老人家陰德不小。」說畢,便稽首拜謝。王夫人道:「既這樣,你們問他們去。若果真心,即上來當著我拜了師父去罷。」這三個女人聽了出去,果然將他三人帶來。王夫人問之再三,他三人已是立定主意,遂與兩個姑子叩了頭,又拜辭了王夫人。王夫人見他們意皆決斷,知不可強了,反倒傷心可憐,忙命人取了些東西來齎賞了他們,又送了兩個姑子些禮物。從此芳官跟了水月庵的智通,蕊官藕官二人跟了地藏庵的圓心,各自出家去了。再聽下回分解。 |
Siebenundsiebzigstes Kapitel Die hübsche Dienerin stirbt zu Unrecht vor der Zeit; die schöne Schauspielerin schneidet alle Gefühle ab und kehrt zu Wasser und Mond zurück Es wird erzählt, dass Dame König nach dem Mittelherbstfest feststellte, dass Phönixglanz' Krankheit sich bereits gebessert hatte. Zwar war sie noch nicht völlig genesen, doch konnte sie schon wieder aufstehen und ausgehen. Dennoch ließ Dame König weiterhin jeden Tag den Arzt kommen, um ihr den Puls zu fühlen und Medizin zu verabreichen. Der Arzt verschrieb nun ein Rezept für Pillen zur Regulierung der Menstruation und Nährung der Lebenskraft. Dafür wurden zwei Liang[1] besten Ginsengs benötigt. Als Dame König ihn holen ließ, fand man nach langem Suchen in einem kleinen Kästchen nur ein paar Wurzeln, nicht dicker als Haarnadeln. Dame König war damit nicht zufrieden und befahl, weiter zu suchen. Doch alles, was noch gefunden wurde, war ein großes Päckchen mit Fasern und Krümeln. Ärgerlich sagte Dame König: „Wenn man keinen braucht, ist welcher da, aber sobald man welchen braucht, ist keiner mehr zu finden! Immer wieder habe ich euch gesagt, ihr sollt einmal nachsehen und alles an einer Stelle zusammenlegen. Aber ihr hört ja nicht und lasst alles irgendwo liegen. Ihr wisst einfach nicht, wie wertvoll er ist. Wenn man ihn kaufen muss, kostet er ein Vermögen, und dann taugt er nicht einmal!“ Farbwölkchen erwiderte: „Wahrscheinlich ist keiner mehr da, außer diesem hier. Als letztes Mal die gnädige Frau von drüben welchen brauchte, habt Ihr ihr alles gegeben.“ „Das kann nicht sein“, beharrte Dame König. „Such noch einmal gründlich!“ Wohl oder übel suchte Farbwölkchen noch einmal und kam mit mehreren Päckchen Arzneikräuter zurück. „Wir kennen diese nicht“, sagte sie. „Seht bitte selbst nach, gnädige Frau. Außer diesen hier ist nichts mehr da.“ Als Dame König die Päckchen öffnete, konnte sie sich ebenfalls nicht mehr erinnern, was für Kräuter das waren, doch eine einzige Ginsengwurzel war nicht darunter. Also schickte sie jemanden, um Phönixglanz zu fragen, ob sie welchen habe. Phönixglanz ließ antworten: „Ich habe nur etwas Ginsengpaste und ein paar Fasern. Die wenigen Wurzeln, die ich noch besitze, sind nicht von bester Qualität, und ich brauche sie täglich für meine eigenen Heiltränke.“ Da blieb Dame König nichts anderes übrig, als sich an Dame Strafe zu wenden, doch diese ließ ausrichten: „Da ich selbst keinen mehr hatte, habe ich ja gerade bei euch welchen geholt. Der ist längst aufgebraucht.“ So musste Dame König persönlich zur Herzoginmutter gehen, um sie zu bitten. Die Herzoginmutter befahl sogleich Mandarinenente, den Rest von früher zu holen. Es war noch ein großes Päckchen da, alles Wurzeln so dick wie ein Finger. Davon ließ sie zwei Liang abwiegen und Dame König geben. Dame König übergab den Ginseng der Frau des Zhou Rui mit dem Auftrag, die Diener sollten ihn zum Arzt bringen. Außerdem ließ sie die unbekannten Päckchen mitschicken, damit der Arzt sie bestimme und die Namen darauf vermerke. Nach einiger Zeit kam die Frau des Zhou Rui zurück und berichtete: „Die Päckchen sind alle ordentlich beschriftet. Der Ginseng ist zwar von allerbester Sorte, und heutzutage bekommt man so etwas nicht einmal für dreißig Liang Silber pro Liang. Aber er ist zu alt. Mit Ginseng ist es anders als mit anderen Dingen: Wie gut er auch sein mag, nach hundert Jahren zerfällt er von selbst zu Staub. Dieser hier ist zwar noch nicht zu Staub geworden, aber er ist nur noch morsches, fauliges Holz und hat keinerlei Wirkung mehr. Bitte verwahrt ihn, gnädige Frau, und besorgt stattdessen frischen, egal ob die Wurzeln dick oder dünn sind.“ Dame König senkte schweigend den Kopf. Erst nach langer Pause sagte sie: „Da ist nichts zu machen. Wir müssen eben zwei Liang kaufen gehen.“ Sie hatte keine Lust, sich die übrigen Arzneien anzusehen, und befahl nur: „Räumt alles weg!“ Dann wandte sie sich an die Frau des Zhou Rui: „Geh und sag den Leuten draußen, sie sollen guten Ginseng besorgen und zwei Liang kaufen. Falls die alte gnädige Frau einmal fragen sollte, sagt einfach, wir hätten ihren Ginseng verwendet, und macht keine großen Worte darüber.“ Die Frau des Zhou Rui wollte sich gerade auf den Weg machen, als Schatzspange, die ebenfalls anwesend war, lächelnd sagte: „Wartet, Tante! Der Ginseng, den man heutzutage draußen zu kaufen bekommt, taugt nichts. Selbst wenn einmal eine ganze Wurzel dabei ist, schneiden sie sie in zwei oder drei Stücke, setzen wertlose Enden und Fasern dazwischen und verkaufen das Ganze als gute Ware, ohne dass man die Qualität erkennen kann. Unser Laden hat ständig mit Ginsenghändlern zu tun. Lasst mich mit meiner Mutter sprechen, damit mein Bruder einen Gehilfen zu den Ginsenghändlern schickt und mit ihnen verhandelt. Er soll zwei Liang guten, unbearbeiteten Ginseng in Originalwurzeln beschaffen. Lieber geben wir ein paar Liang Silber mehr aus, dann haben wir dafür auch wirklich etwas Ordentliches.“ Dame König lächelte: „Du bist wirklich verständig. Am besten gehst du persönlich.“ Also ging Schatzspange und kam nach geraumer Zeit zurück mit der Nachricht: „Es ist schon jemand hingeschickt worden. Bis zum Abend wird es Bescheid geben. Morgen früh ist es noch nicht zu spät, die Arznei zuzubereiten.“ Dame König freute sich und sagte: „Wahrhaftig, wie das Sprichwort sagt: 'Die Händlersfrau kämmt sich die Haare mit Wasser.' Früher hatten wir so viel guten Ginseng im Haus und haben ihn freigebig an andere verschenkt. Jetzt, wo wir selbst welchen brauchen, müssen wir überall um Hilfe bitten.“ Sie stiess einen langen Seufzer aus. Schatzspange sagte lächelnd: „So wertvoll er auch ist, letztlich ist er doch nur Medizin und sollte den Menschen zugutekommen. Wir sind nicht wie jene Familien, die nichts von der Welt kennen und solche Dinge horten und verstecken, sobald sie welche haben.“ Dame König nickte: „Sehr richtig gesprochen.“ Nachdem Schatzspange gegangen war und sonst niemand im Zimmer war, rief Dame König die Frau des Zhou Rui herein und erkundigte sich nach dem Ergebnis der Durchsuchung des Gartens von neulich. Die Frau des Zhou Rui hatte bereits alles mit Phönixglanz und den anderen besprochen und berichtete nun Dame König ausführlich, ohne etwas auszulassen. Dame König war zugleich erschrocken und zörnig, doch zugleich wusste sie nicht recht, wie sie die Sache handhaben sollte. Siqin[2] war nämlich Willkommensfrühlings Dienerin und gehörte zur anderen Seite des Hauses; man musste also Dame Strafe benachrichtigen. Die Frau des Zhou Rui wandte ein: „Neulich war die gnädige Frau von drüben schon auf König Shanbaos Frau böse, weil sie sich in alles einmischte, und hat ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Jetzt stellt sie sich krank und will sich nicht mehr zeigen. Außerdem ist es ihre eigene Enkelin — sie hat sich selbst ins Gesicht geschlagen und tut jetzt am besten so, als hätte sie es vergessen, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Wenn wir jetzt hinübergehen und Bericht erstatten, wird man dort gleich argwöhnen, wir wollten uns einmischen. Besser wäre es, Siqin einfach hinüberzubringen mitsamt den Beweißtücken, sie vor der gnädigen Frau von drüben durchprügeln zu lassen und mit jemandem zu verheiraten, und dann bekommt das Fräulein eben eine neue Dienerin — wäre das nicht einfacher? Wenn wir es ihr erst mitteilen, wird die gnädige Frau von drüben nur wieder Ausreden finden und sagen: 'Wenn es so ist, hätte eure gnädige Frau es gleich selbst erledigen sollen — wozu sagt ihr es mir?' Und dann verzögert sich alles nur noch mehr. Wenn das Mädchen unterdessen die Gelegenheit nutzt und sich etwas antut, wäre das schlimm. Jetzt beobachten wir sie schon zwei, drei Tage, aber jeder wird auch mal nachlässig, und wenn sie einen unbeobachteten Moment findet, könnte ein Unglück geschehen.“ Dame König überlegte und sagte: „Da hast du recht. Erledige erst diesen Fall, dann nehmen wir uns unsere eigenen Plagegeister vor.“ Die Frau des Zhou Rui versammelte daraufhin einige Dienerinnen und ging zürst zu Willkommensfrühling. Sie meldete ihr: „Die gnädigen Frauen haben beschlossen, dass Siqin nun alt genug ist. Ihre Mutter hat in den letzten Tagen die gnädige Frau gebeten, sie freizugeben und zu verheiraten. Ab heute soll sie gehen, und man wird Euch eine neue Dienerin zuteilen.“ Damit forderte sie Siqin auf, ihre Sachen zu packen. Als Willkommensfrühling dies hörte, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten und schien voller Abschiedsschmerz. Sie hatte in der Nacht zuvor von den anderen Dienerinnen die wahren Gründe bereits geflüsternd erfahren. Obwohl es ihr nach all den Jahren schwerfiel, sich zu trennen, betraf die Sache die öffentliche Moral, und da ließ sich nichts machen. Siqin hatte Willkommensfrühling angefleht, für sie einzutreten, in der festen Hoffnung, das Fräulein würde sie mit aller Kraft verteidigen. Doch Willkommensfrühling war von langsamer Rede, hatte ein weiches Herz und leicht beeinflussbare Ohren und war nicht imstande, sich durchzusetzen. Als Siqin sah, dass es keine Rettung gab, weinte sie und rief: „Fräulein, wie könnt Ihr so hartherzig sein! Diese zwei Tage habt Ihr mich hingehalten, und jetzt habt Ihr kein einziges Wort für mich?“ Die Frau des Zhou Rui und die anderen sagten: „Willst du etwa, dass das Fräulein dich zurückhält? Selbst wenn es das täte, könntest du den Leuten im Garten nicht mehr unter die Augen treten. Hör auf unseren guten Rat: Pack schnell zusammen und geh, ohne dass jemand etwas merkt. Das ist für alle Seiten das Beste.“ Willkommensfrühling sagte unter Tränen: „Ich weiß, was du angestellt hast. Würde ich trotzdem für dich eintreten und dich halten, wäre auch ich verloren. Schau dir Ruhua an — auch sie war jahrelang hier und musste gehen, und es wird nicht bei euch beiden bleiben. Früher oder später werden sich wohl alle hier trennen müssen. Meiner Meinung nach geht ihr am besten jede eures Weges.“ Die Frau des Zhou Rui sagte: „Da sieht man, dass das Fräulein vernünftig ist. Morgen werden noch weitere gehen müssen. Sei also beruhigt!“ Siqin blieb nichts anderes übrig, als unter Tränen vor Willkommensfrühling niederzuknien, sich von den Schwestern zu verabschieden und Willkommensfrühling leise ins Ohr zu flüstern: „Wenn du erfährst, dass ich bestraft werde, dann leg bitte ein gutes Wort für mich ein — als Dank für unsere gemeinsame Zeit als Herrin und Dienerin!“ Auch Willkommensfrühling antwortete unter Tränen: „Sei beruhigt.“ Daraufhin führten die Frau des Zhou Rui und die anderen Siqin aus dem Hof. Sie ließen zwei Dienerinnen ihre Habseligkeiten tragen. Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, kam Xiuju von hinten nachgelaufen, sich ebenfalls die Tränen wischend, und reichte Siqin ein Seidenpäckchen: „Das schickt das Fräulein. Herrin und Dienerin — nun, da wir uns auf einmal trennen müssen, soll dies ein Andenken sein.“ Siqin nahm es entgegen und weinte nun erst recht. Sie und Xiuju umarmten sich noch einmal weinend. Die Frau des Zhou Rui drängte ungeduldig, und die beiden mussten sich trennen. Siqin flehte noch unter Tränen: „Liebe Tanten und Schwestern, habt doch ein Einsehen! Lasst mich wenigstens kurz anhalten und mich von meinen guten Freundinnen verabschieden — wir waren doch all diese Jahre so vertraut miteinander.“ Die Frau des Zhou Rui und die anderen hatten alle selbst genug zu tun. Diese Aufgabe zu erledigen war ihnen ohnehin lästig genug, und außerdem trugen sie den Dienerinnen deren frühere Überheblichkeit nach. Woher sollten sie da die Geduld nehmen, auf Siqins Wünsche einzugehen? So sagte die Frau des Zhou Rui kühl: „Ich rate dir, geh einfach! Hör auf mit dem Gezeter! Wir haben Wichtigeres zu tun. Ihr seid ja nicht zusammen aufgewachsen — wozu willst du dich von ihnen verabschieden? Die lachen sich doch nur über dich kaputt! Du versuchst nur, jede Minute hinauszuzögern, als ob sich dadurch etwas ändern würde. Hör auf meinen Rat und geh!“ Während sie so sprach, blieb sie keinen Augenblick stehen und führte Siqin schnurstracks zum hinteren Seitentor hinaus. Siqin wagte nichts mehr zu sagen und folgte ihnen hinaus. Wie der Zufall es wollte, kam gerade Schatzjade von draußen herein. Als er sah, dass Siqin hinausgeführt wurde und ihr hinterher jemand ihre Habseligkeiten trug, wusste er sofort, dass sie für immer gehen musste. Er hatte von dem Vorfall in der Nacht gehört, und zudem war Heitermusters Krankheit gerade an jenem Tag schlimmer geworden. Wenn er Heitermuster ausfragte, wollte sie ihm nicht sagen, woran es lag. Kürzlich war dann Ruhua fortgeschickt worden, und nun musste auch Siqin gehen. Schatzjade fühlte sich, als hätte er seine Seele verloren, und rief hastig: „Wohin bringt ihr sie?“ Die Frau des Zhou Rui und die anderen kannten Schatzjades Art nur zu gut und fürchteten, sein Gerede könne die Sache verderben. Lächelnd sagten sie: „Das geht dich nichts an. Geh und lies deine Bücher!“ „Liebe Schwestern, wartet doch einen Augenblick!“, bat Schatzjade lächelnd. „Ich habe euch etwas zu sagen.“ „Die gnädige Frau hat befohlen, keinen Augenblick zu zögern“, beharrte die Frau des Zhou Rui. „Was gäbe es da noch zu sagen? Wir führen nur die Befehle der gnädigen Frau aus, um andere Dinge können wir uns nicht kümmern.“ Siqin hatte sich an Schatzjade geklammert, sobald sie ihn erblickte, und bat ihn weinend: „Die können nichts machen. Geh du zur gnädigen Frau und bitte für mich!“ Unwillkürlich wurde auch Schatzjade von Kummer ergriffen. Mit Tränen in den Augen sagte er: „Ich weiß nicht, was du Schlimmes angestellt hast. Heitermuster ist krank, und jetzt gehst auch du fort. Wenn ihr alle geht — was soll dann werden?“ Die Frau des Zhou Rui fuhr Siqin ungeduldig an: „Du bist jetzt kein Beinahe-Fräulein mehr, und wenn du nicht gehorchst, kann ich dich auch schlagen! Bilde dir nicht ein, du könntest dich aufführen wie früher, als dein Fräulein die Hand über dich hielt. Sieh zu, dass du endlich weiterkommst, statt hier herumzuschwatzen! Was soll das für ein Benehmen sein, sich so an den jungen Herrn zu klammern!“ Ohne ein weiteres Wort zogen die Dienerinnen Siqin mit sich fort. Schatzjade fürchtete, die Frauen könnten ihn anschwärzen gehen, darum starrte er ihnen nur wütend nach. Erst als sie weit genug fort waren, streckte er die Hand aus und rief empört: „Seltsam, seltsam! Kaum dass diese Frauen einen Mann geheiratet und Männergeruch angenommen haben, werden sie so niedertraechtig, dass man eher sie umbringen möchte als die Männer!“ Die alten Dienerinnen, die das Gartentor bewachten, mussten unwillkürlich lachen und fragten: „Dann sind wohl alle Mädchen gut und alle verheirateten Frauen schlecht?“ Schatzjade nickte: „Genau, genau!“ Die Dienerinnen lachten: „Da hätten wir noch eine Frage, die wir in unserer Einfalt nicht verstehen ...“ Doch ehe sie weitersprechen konnten, kamen einige andere alte Dienerinnen herbeigelaufen und riefen: „Vorsicht! Ruft alle zusammen und bleibt auf euren Posten! Die gnädige Frau kommt persönlich in den Garten, um das Personal zu inspizieren. Wahrscheinlich kommt sie auch hierher! Außerdem hat sie befohlen, dass Heitermuster-Schwesterchens Vetter und seine Frau aus dem Hof der Roten Freude sofort hergeholt werden sollen, damit sie hier warten und ihre Schwester in Empfang nehmen!“ Dann fügte sie lächelnd hinzu: „Amitabha Buddha! Heute hat der Himmel endlich die Augen geöffnet und befreit uns von diesem Unheilsgeist! Jetzt werden wir alle etwas mehr Ruhe haben!“ Kaum hatte Schatzjade gehört, dass Dame König persönlich im Garten inspizierte, fürchtete er sogleich, auch Heitermuster werde nicht zu halten sein, und stürzte davon wie der Wind. Die letzten Worte der Zufriedenheit hatte er daher nicht mehr gehört. Als Schatzjade den Hof der Roten Freude erreichte, fand er dort eine ganze Schar Leute vor. Dame König sass mit zorniger Miene im Zimmer und beachtete ihn nicht, als sie ihn sah. Heitermuster hatte schon vier, fünf Tage lang weder Wasser noch Reis zu sich genommen. Schwach und mit kaum hörbarem Atem war sie gerade vom Kangofen heruntergezerrt worden, mit zerzaustem Haar und schmutzigem Gesicht. Zwei Frauen mussten sie stützen und führten sie fort. Dame König befahl, man solle ihr nur ihre Leibwäsche mitgeben; die guten Kleider sollten dableiben, damit bessere Dienerinnen sie tragen könnten. Dann ließ Dame König alle Dienerinnen des Hofes zusammenrufen und musterte sie eine nach der anderen. Nachdem Dame König kürzlich in Zorn geraten war, hatte König Shanbaos Frau die Gelegenheit ergriffen, Heitermuster anzuschwärzen. Auch andere, die mit den Dienerinnen im Garten im Streit lagen, hatten die günstige Stunde genutzt, um einiges hinzuzufügen. Dame König hatte sich alles genau gemerkt, und nur weil während der Feiertage viel zu tun gewesen war, hatte sie sich einige Tage geduldet. Heute war sie eigens gekommen, um sämtliche Dienerinnen persönlich in Augenschein zu nehmen. Die Sache mit Heitermuster war dabei nur das eine; denn man hatte ihr zugetragen, Schatzjade sei schon groß und verstehe die Dinge zwischen Mann und Frau, werde aber von den Dienerinnen in seinem Zimmer auf Abwege gebracht, statt sich zu vervollkommnen. Dies wog noch schwerer als die Angelegenheit mit Heitermuster. Deshalb ließ Dame König jede einzelne Dienerin, von Dufthauch bis hinunter zu den geringsten, die grobe Arbeiten verrichteten, an sich vorüber defilieren. Dann fragte sie: „Wer hat am selben Tag Geburtstag wie Schatzjade?“ Das betreffende Mädchen wagte nicht, sich zu melden. Eine alte Amme zeigte auf sie und sagte: „Diese hier, Huixiang, die auch 'die Vierte' genannt wird, hat am selben Tag Geburtstag wie er.“ Dame König musterte das Mädchen genau. Obwohl es nicht halb so hübsch war wie Heitermuster, hatte es doch eine gewisse frische Anmut. Seinem Benehmen war Klugheit anzumerken, und auch seine Aufmachung unterschied sich von der der übrigen. Mit kaltem Lächeln sagte Dame König: „Noch so ein schamloses Ding! Sie hat insgeheim behauptet, wenn zwei am selben Tag Geburtstag hätten, seien sie Mann und Frau. Das hast du gesagt, nicht wahr? Du hast wohl gedacht, weil ich weit weg wohne, wüsste ich von nichts? Aber mein Herz, meine Ohren und mein Verstand sind jederzeit hier. Glaubt ihr, ich lasse meinen einzigen Schatzjade seelenruhig von euch verführen und verderben?“ Als die Vierte hörte, wie Dame König die Worte wiederholte, die sie einst im Vertrauen zu Schatzjade gesagt hatte, wurde sie unwillkürlich rot, ließ den Kopf hängen und weinte still vor sich hin. Dame König befahl sofort, ihre Angehörigen zu rufen, damit sie sie abholten und verheirateten. Dann fragte sie: „Wer ist Yelue Xiongnu?“ Die alten Ammen zeigten auf Duftblümchen. Dame König erklärte: „Ein Schauspielmädchen ist natürlich ein Fuchsdämon! Als ihr letztens freigelassen werden solltet, wolltet ihr nicht gehen. Aber dann hättet ihr euch bescheiden in euer Los fügen müssen. Stattdessen spukst du hier herum und stiftest Schatzjade zu allem möglichen Unfug an!“ Duftblümchen verteidigte sich lächelnd: „Ich würde es nie wagen, ihn zu etwas aufzustiften.“ „Du widersprichst mir noch?“ sagte Dame König mit einem Lächeln, das kein Lächeln war. „Dann frage ich dich: Wer hat vorvergangenes Jahr, als wir an den Kaisergraebern waren, Schatzjade dazu angestiftet, dieses Mädchen Wür von den Lius zu sich zu nehmen? Glücklicherweise starb sie früh — wäre sie hereingekommen und hätte sich mit dir zusammengetan, hättet ihr den ganzen Garten auf den Kopf gestellt! Du hast sogar deine eigene Pflegemutter an die Wand gedrückt!“ Dann befahl sie: „Ruft ihre Pflegemutter, sie soll sie abholen! Sie kann ihr selbst einen Bräutigam von außerhalb suchen. Gebt ihr all ihre Sachen mit!“ Ferner ordnete sie an, dass sämtliche Schauspielmädchen, die man seinerzeit den einzelnen Fräulein zugeteilt hatte, keine einzige im Garten bleiben dürften. Sie sollten alle von ihren jeweiligen Pflegemüttern abgeholt und nach deren Gutdünken verheiratet werden. Kaum war diese Anordnung ergangen, zeigten sich die Pflegemütter überaus dankbar und zufrieden. Gemeinsam erschienen sie vor Dame König, um sich kniefaellig zu bedanken und die Mädchen fortzuführen. Dann durchsuchte Dame König alle Gegenstände in Schatzjades Räumen. Alles, was ihr befremdlich vorkam, ließ sie einpacken oder zusammenrollen und in ihre eigenen Räume bringen. „Jetzt ist es sauber hier“, sagte sie, „und wir ersparen uns das Gerede Außenstehender.“ Dufthauch und Moschusmond wurden ermahnt: „Nehmt euch in Acht! Wenn auch nur das Geringste geschieht, kenne ich kein Erbarmen! Ich habe nachschlagen lassen: Dieses Jahr ist für einen Umzug ungünstig. Also bleibt er einstweilen hier, aber nächstes Jahr zieht ihr alle mit ihm wieder aus, damit ich Ruhe finde.“ Nach diesen Worten führte Dame König ihr ganzes Gefolge hinaus, ohne auch nur Tee getrunken zu haben, und setzte ihre Inspektion an anderer Stelle fort. Doch davon später. Schatzjade hatte ursprünglich gedacht, Dame König werde nur eine einfache Kontrolle durchführen. Wer hätte ahnen können, dass sie mit Donner und Blitz erscheinen würde? All ihre Vorwürfe betrafen Dinge, die tatsächlich gesagt worden waren, Wort für Wort zutreffend. Es war klar, dass nichts rückgängig zu machen war. Obwohl er am liebsten gestorben wäre, wagte er im Angesicht von Dame Königs Zorn kein überflüssiges Wort und keinen überflüssigen Schritt. Schweigend begleitete er Dame König bis zum Duftgetränkten Pavillon. Dort befahl sie ihm: „Geh zurück und lies deine Bücher! Pass auf, wenn du morgen geprüft wirst! Vorhin war dein Vater schon sehr verärgert.“ Erst jetzt machte Schatzjade kehrt. Auf dem ganzen Rückweg überlegte er: „Wer hat so geschwatzt? Niemand weiß doch, was hier vorgeht. Wie konnte sie alles so genau wissen?“ Mit diesen Gedanken betrat er seine Räume und fand Dufthauch in Tränen. Nun war ihm der wichtigste Mensch genommen worden — wie hätte er nicht trauern sollen? Er warf sich aufs Bett und weinte ebenfalls. Dufthauch wusste, dass ihm die Trennung von Heitermuster am meisten zusetzte, und stiess ihn an, um ihn zu trösten: „Weinen hilft jetzt nichts. Steh auf und hör zu: Heitermuster geht es schon besser. Jetzt kann sie sich zu Hause ein paar Tage in Ruhe erholen. Wenn du sie wirklich nicht loslassen kannst, warte, bis der Zorn der gnädigen Frau verraucht ist, und bitte dann bei der alten gnädigen Frau darum. Mit der Zeit kann sie vielleicht zurückkommen. Es ist nur ein Zufall, dass die gnädige Frau den Verleumdungen geglaubt und im Zorn so entschieden hat.“ „Ich möchte doch nur wissen, was für ein himmelschreiendes Verbrechen Heitermuster begangen haben soll!“ schluchzte Schatzjade. „Die gnädige Frau verübelt ihr nur, dass sie so hübsch ist“, erklärte Dufthauch. „Wer so schön ist, wirkt unvermeidlich ein wenig leichtfertig. Die gnädige Frau weiß genau, dass bei einer solchen Schönheit kein Friede herrschen kann, und deshalb verabscheut sie sie. Solche plumpen, groben Geschöpfe wie wir sind ihr lieber.“ „Das mag sein“, erwiderte Schatzjade, „aber woher kennt die gnädige Frau sogar unsere heimlichen Scherzworte? Kein Außenstehender kann sie verraten haben. Das ist rätselhaft.“ „Du selbst kennst doch keine Tabus“, entgegnete Dufthauch. „Wenn du dich einmal freust, ist es dir völlig egal, ob jemand dabei ist oder nicht. Wenn ich dir Zeichen gab und dich warnen wollte, wussten die Leute längst Bescheid, noch ehe du überhaupt etwas bemerkt hattest.“ „Aber wie kommt es dann“, fragte Schatzjade verwundert, „dass die gnädige Frau über jedermanns Fehler Bescheid weiß, nur dich, Moschusmond und Herbstmuster nicht erwähnt hat?“ Betroffen senkte Dufthauch den Kopf. Lange wusste sie nichts zu erwidern, bis sie endlich lächelnd sagte: „Ja, eben! Wenn man bedenkt, dass auch wir in unseren unvorsichtigen Scherzen gegen die guten Sitten verstoßen haben — warum hat sie uns dann vergessen? Wahrscheinlich hat sie noch andere Sorgen, und erst wenn sie damit fertig ist, wird sie sich uns vornehmen.“ „Du bist das gerühmte Muster an Güte und Tüchigkeit“, sagte Schatzjade lächelnd, „und die beiden hast du geformt und erzogen. Was sollte es bei euch für Verstöße zu bestrafen geben? Duftblümchen ist noch klein und ein wenig zu keck, so hat sie sich aufs hohe Ross gesetzt und sich den Hass der Leute zugezogen. Bei der Vierten trage ich die Schuld. Als ich mich einmal mit dir gezankt hatte, rief ich sie hinterher zu mir, um feinere Arbeiten für mich zu erledigen, und so hat sie sich eine höhere Stellung angemasst. Nur deshalb ist es zu diesem Ende gekommen. Aber Heitermuster ist genau wie du in jungen Jahren aus den Räumen der alten gnädigen Frau hereingekommen. Dass sie schöner gewachsen ist als andere, ist doch kein Verbrechen. Und mag sie auch einen offenherzigen Charakter und eine scharfe Zunge haben — euch hat sie doch nichts zuleide getan. Ich denke, sie ist wirklich zu hübsch, und das hat ihr Verderben gebracht.“ Bei diesen Worten brach er erneut in Tränen aus. Dufthauch überlegte sorgfaeltig. Es schien ihr, als ob Schatzjade an ihr zweifelte, und so konnte sie ihm nicht gut länger zureden. Stattdessen sagte sie seufzend: „Der Himmel allein weiß es. Jetzt wirst du doch nicht herausfinden, wer schuld ist, und sinnloses Weinen hat keinen Zweck. Am besten beruhigst du dich und wartest ab, bis die alte gnädige Frau einmal guter Stimmung ist. Dann erklärst du ihr alles und verlangst Heitermuster zurück.“ „Du brauchst mich nicht mit leeren Worten zu trösten“, entgegnete Schatzjade kühl. „Wie soll ich abwarten, bis der Zorn der gnädigen Frau verraucht ist, und dann auf eine günstige Gelegenheit lauern? Wartet ihre Krankheit vielleicht? Von Kindheit an ist sie verwöhnt worden und hat keinen einzigen Tag Kränkung erfahren müssen. Selbst ich, der ich ihren Charakter kenne, habe sie oft genug verletzt. Dass sie jetzt fortgeschickt wurde, ist, als würde man einen Orchideentopf, der gerade die ersten zarten Knospen treibt, in einen Schweinestall stellen. Zumal sie schwer krank ist und obendrein voller Verdruss. Sie hat keine leiblichen Eltern, nur einen ständig betrunkenen Vetter. Dort wird sie sich überhaupt nicht zurechtfinden. Wer weiß, ob ich sie überhaupt noch einmal sehen werde!“ Er weinte nun noch bitterlicher. Dufthauch lachte: „Da hast du es wieder: 'Nur der Beamte darf die Stadt in Brand stecken, aber das Volk darf nicht einmal eine Laterne anzünden!' Wenn wir aus Versehen einmal ein störendes Wort sagen, heißt es gleich, das sei unheilbringendes Gerede. Jetzt aber dichtest du ihr selbst die schlimmsten Dinge an, als wäre alles ausgemacht! So zartbesaitet sie auch sein mag, so schlimm wird es doch nicht kommen.“ „Ich dichte ihr nichts an“, erwiderte Schatzjade. „Schon im Frühling gab es ein Vorzeichen.“ „Was für ein Vorzeichen?“ fragte Dufthauch sofort. „Der schöne Zierapfelbaum[3] vor unserer Treppe ist ohne jeden Grund zur Hälfte verdorrt“, erklärte Schatzjade. „Da wusste ich, dass etwas Ungewöhnliches geschehen würde. Und nun hat es sich an ihr bewahrheitet.“ Dufthauch lachte wieder: „Eigentlich wollte ich es nicht sagen, aber ich kann nicht anders. Du benimmst dich wirklich wie ein altes Weib! Wie kann ein Mann, der Bücher liest, so etwas sagen? Was haben Pflanzen und Bäume mit Menschen zu tun? Wenn du nicht weibisch bist, bist du zum Narren geworden.“ „Was wisst ihr schon davon!“, seufzte Schatzjade. „Nicht nur Pflanzen und Bäume — alle Dinge auf der Welt haben Gefühl und Verstand wie die Menschen. Wenn sie einen verständnisvollen Freund gefunden haben, zeigen sie außerordentliche Feinfühligkeit. Wenn ich große Beispiele anführe: Da ist der Wacholderbaum vor dem Konfuziustempel und die Schafgarbe an Konfuzius' Grab, der Lebensbaum vor Zhuge Liangs Tempel und die Kiefern an Yue Feis Grab. Das alles sind berühmte Gewächse, die dem aufrechten Geist dieser Männer folgen und in Jahrtausenden nicht vergehen. Wenn die Welt in Unordnung ist, verkümmern sie, und wenn die Welt in Ordnung ist, gedeihen sie wieder. Im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sind sie mehrmals verdorrt und wieder zum Leben erwacht. Sind das etwa keine Vorzeichen? Wenn ich kleine Beispiele anführe: Da sind die Päonien vor Yang Guifeis Adlerholzpavillon und der Baum des Gedenkens an ihrem Turm der Aufrichtigkeit zu nennen, sowie das Gras auf dem Grabhügel der Wang Zhaojun. Sind das nicht ebenfalls feinfühlige Gewächse? Genauso wie der Zierapfelbaum anzeigen wollte, dass seine Herrin sterben wird, und darum zürst er zur Hälfte abgestorben ist.“ Als Dufthauch diese versonnene Rede hörte, war ihr zugleich zum Lachen und zum Seufzen zumute. Lächelnd sagte sie: „Du bringst mich wirklich in Zorn mit deinem Gerede. Wer ist denn Heitermuster, dass du dir solche Gedanken machst und sie mit so großen Persönlichkeiten vergleichst? Und außerdem: Wie gut sie auch sein mag, sie kann mir doch nicht den Rang streitig machen. Wenn dieser Zierapfelbaum etwas bedeutet, dann deutet er zürst auf mich, ehe sie an die Reihe kommt. Wahrscheinlich werde also ich sterben!“ Erschrocken hielt Schatzjade ihr den Mund zu: „Warum sagst du so etwas? Noch ist das Schicksal der einen nicht geklärt, und schon fängst du damit an! Schluss jetzt, kein Wort mehr davon! Sonst könnte es sein, dass zu den dreien, die ich verloren habe, noch eine vierte kommt.“ Dufthauch hörte dies mit heimlicher Zufriedenheit und dachte: Wie hättest du die Sache sonst zum Abschluss bringen wollen? „Von nun an wollen wir nicht mehr davon sprechen“, sagte Schatzjade. „Tun wir einfach so, als wären die drei gestorben, und damit gut. Schließlich hat es ja auch schon Tote gegeben, ohne dass es mir viel ausgemacht hätte. Das ist genau dasselbe. Jetzt aber wollen wir von der Gegenwart reden! Ihre Sachen sind noch hier. Man darf zwar die Obrigkeit täuschen, aber nicht die Untergebenen. Also schick heimlich jemanden, der ihr alles bringt. Und wenn wir noch erspartes Geld haben, schick ihr ein paar Schnüre Kupfermünzen, damit sie sich auskurieren kann. Schließlich habt ihr eine Zeitlang wie Schwestern zusammengelebt.“ „Du hältst uns wirklich für allzu kleinlich und herzlos“, erwiderte Dufthauch lächelnd. „Als ob ich deine Aufforderung gebraucht hätte! Vorhin habe ich bereits alle ihre Kleider und Habseligkeiten zusammenpacken und beiseitelegen lassen. Bei Tage sind zu viele neugierige Augen da, was nur Ärger bringen könnte. Warten wir bis zum Abend, dann schicke ich Mutter Song heimlich zu ihr. Auch ein paar Schnüre Kupfermünzen, die ich gespart habe, soll sie bekommen.“ Schatzjades Dank kannte keine Grenzen. Dufthauch bemerkte lächelnd: „Schließlich bin ich doch seit langem ein gerühmtes Muster an Tüchigkeit — muss ich mir da nicht wenigstens diesen Ruf bewahren?“ Als Schatzjade sich an seine eigenen Worte erinnert fühlte, lächelte er rasch und redete ein Weilchen begütigend auf sie ein. Am Abend wurde Mutter Song dann wirklich heimlich losgeschickt. Nachdem Schatzjade alle mit Aufträgen beschäftigt wusste, schlich er sich allein zum hinteren Seitentor hinaus und bat dort eine alte Dienerin, ihn zu Heitermuster zu bringen. Zürst wollte die Alte sich auf keinen Fall darauf einlassen: „Wenn es jemand erfährt und der gnädigen Frau gemeldet wird, habe ich nichts mehr zu essen!“ Doch Schatzjade flehte und flehte und versprach ihr Geld, bis die Alte ihn schließlich hinführte. Heitermuster war seinerzeit von der Familie Lai für Geld gekauft worden. Damals war sie erst zehn Jahre alt und trug ihr Haar noch kurz. Weil sie oft mit Mutter Lai zusammen ins Haus kam und äußerst hübsch und aufgeweckt war, fand die Herzoginmutter großen Gefallen an ihr. Daraufhin schenkte Mutter Lai sie der Herzoginmutter zum Gebrauch, und so gelangte sie schließlich in Schatzjades Gemächer. Als Heitermuster ins Haus kam, erinnerte sie sich weder an ihre Heimat noch an ihre Eltern. Sie wusste nur, dass sie einen Vetter hatte, der zwar ein guter Koch war, aber stellungslos herumlungerte. So bat Heitermuster die Lais, auch ihren Vetter aufzunehmen und ihm eine Anstellung zu geben. Die Lais waren gerührt davon, dass Heitermuster, obwohl sie inzwischen bei der Herzoginmutter diente und äußerst aufgeweckt und redegewandt, allerdings auch spitzzüngig und temperamentvoll war, ihre alten verwandtschaftlichen Beziehungen nicht vergass. Also kauften sie auch Heitermusters Vetter und verheirateten ihn mit einer jungen Frau aus dem Haushalt. Doch kaum lebte der Vetter nach der Heirat in gesicherten Verhältnissen, vergass er auch schon seine Jahre als Herumtreiber und begann, hemmungslos zu trinken, ohne sich um seine Familie zu kümmern. Seine Frau war jedoch eine gefühlvolle Schönheit. Als sie sah, dass ihr Mann sie nicht beachtete und weder Feingefühl noch Leidenschaft besass, sondern nur sinnlos dem Wein frönnte, empfand sie den Kummer des Jadeschilfs zwischen gemeinem Rohr und die Trauer einer vernachlässigten jungen Frau. Als sie dann feststellte, dass ihr Mann äußerst großzügig war und nicht die geringste Eifersucht kannte, ließ sie ihren Trieben freien Lauf. Im ganzen Anwesen ging sie auf die Suche nach Helden und Talenten, und schließlich hatte gut die Hälfte aller Männer, ob Herren oder Diener, bei ihr die Prüfung abgelegt. Fragt man nach ihren Namen — es waren jener Trunkenbold Duo und seine Frau Laternchen Deng, mit denen Kette Kaufmann, wie in einem früheren Kapitel erzählt, zu tun gehabt hatte. Sie waren die einzigen Verwandten, die Heitermuster noch besass, und so hielt sie sich nach ihrem Hinauswurf in deren Haus auf. Trunkenbold Duo war gerade ausgegangen, und Frau Deng war nach dem Essen zu einer Nachbarin gegangen. So lag Heitermuster allein im Vorderzimmer auf dem Ofenbett. Schatzjade hiess die alte Dienerin im Hof Wache stehen, hob selbst den Strohvorhang und trat ein. Auf den ersten Blick sah er Heitermuster auf dem Ofenbett aus gestampfter Erde liegen, das nur mit einer Schilfmatte bedeckt war. Zum Glück hatte sie noch ihr Bettzeug aus alten Tagen. In seinem Herzen wusste er nicht, wohin mit sich. Er trat näher, streckte weinend die Hand aus, berührte sie sacht und rief leise ihren Namen. Heitermuster hatte sich verkühlt und war von ihrem Vetter und seiner Frau mit bösen Worten bedrängt worden, so dass zu ihrer Krankheit noch eine weitere kam. Den ganzen Tag hatte sie gehustet, ehe sie endlich in einen unruhigen Schlummer gefallen war. Als sie jemanden rufen hörte, schlug sie mühsam ihre Sternenaugen auf, und als sie Schatzjade erkannte, war sie erschrocken und erfreut, betrübt und schmerzlich berührt zugleich. Mit aller Kraft umklammerte sie seine Hand. Erst nach langem Schluchzen brachte sie hervor: „Ich dachte schon, ich würde dich nicht mehr sehen ...“ Dann musste sie ohne Unterlass husten. Auch Schatzjade konnte nichts anderes tun als schluchzen. Heitermuster sagte: „Amitabha Buddha! Gut, dass du gekommen bist! Gib mir eine halbe Schale Tee! Ich habe solchen Durst und rufe schon die ganze Zeit, ohne dass jemand kommt.“ Hastig wischte sich Schatzjade die Tränen ab und fragte: „Wo ist der Tee?“ „Dort auf dem Ofensims“, erwiderte Heitermuster. Als Schatzjade sich umsah, erblickte er einen schwarzen irdenen Tiegel, der keinerlei Ähnlichkeit mit einer Teekanne hatte. Vom Tisch nahm er eine Schale, die so groß und grob war, dass sie nicht wie eine Teeschale außah. Noch ehe er sie in der Hand hielt, stieg ihm ein ranziger, fettiger Geruch in die Nase. Also spülte er sie erst einige Male mit Wasser aus und goss dann aus dem Tiegel eine halbe Schale ein. Die Flüssigkeit war rötlich-trüb und sah ganz und gar nicht nach Tee aus. „Gib schnell her, lass mich trinken!“ drängte Heitermuster, die sich auf ihr Kissen stützte. „Das ist schon Tee. Du kannst ihn natürlich nicht mit unserem vergleichen.“ Schatzjade kostete zunächst selbst. Es war weder aromatisch noch frisch, nur bitter und herb, mit einer vagen Andeutung von Teegeschmack. Dann reichte er die Schale Heitermuster. Als hätte sie süßen Tau bekommen, stürzte sie die Flüssigkeit in einem Zug hinunter. Still dachte Schatzjade bei sich: Wie oft war sie mit unserem feinen Tee unzufrieden, und heute trinkt sie das hier! Wie wahr ist doch das alte Wort: 'Wer satt ist, verachtet Braten und Geröstetes; wer hungert, isst sich an Kleie und Spreu satt.' Und ebenso: 'Wer den Reis satt hat, sehnt sich nach dünner Reissuppe.' Unter Tränen fragte er: „Hast du mir etwas zu sagen? Dann tu es jetzt, solange niemand da ist.“ Schluchzend sagte Heitermuster: „Was gibt es schon zu sagen? Für mich zählt jetzt jede Stunde, jeder Tag. Ich weiß wohl, dass ich in höchstens drei bis fünf Tagen heimgehen werde. Aber eines bereitet mir noch im Tode Pein: Ich bin zwar ein wenig hübscher als andere, doch ich hatte keinerlei heimliche Absichten auf dich und habe dich in keiner Weise zu verführen versucht. Warum hat man sich so hartnäckig darauf versteift, ich sei eine Füchsin? Damit kann ich mich nicht abfinden! Jetzt stehe ich unter diesem falschen Verdacht, und obwohl ich dem Tod ins Auge sehe, habe ich nichts zu bereuen. Hätte ich früher gewusst, wie alles kommen würde, hätte ich mich anders verhalten. So aber habe ich in meinem törichten Sinn geglaubt, wir würden für immer zusammenbleiben. Nun ist aus dem Nichts dieses Gerücht entstanden, und ich leide Unrecht, ohne mich irgendwo beklagen zu können.“ Nach diesen Worten brach sie erneut in Tränen aus. Schatzjade griff nach ihrem Handgelenk und fühlte, dass es dürr wie trockenes Reisig geworden war. Dennoch trug sie noch vier silberne Armreifen. Weinend sagte er: „Leg sie ab und heb sie auf, bis du wieder gesund bist.“ Er streifte ihr die Armreifen ab und schob sie unter das Kopfkissen. Dann sagte er: „Wie schade um deine Fingernägel! Mit welcher Mühe hast du sie zwei Zoll lang wachsen lassen. Durch diese Krankheit werden sie wieder verderben.“ Heitermuster wischte sich die Tränen ab, griff nach einer Schere und schnitt die beiden langen Fingernägel an ihrer linken Hand, die wie Röhrenblätter vom Lauch außahen, bis zur Wurzel ab. Dann zog sie sich unter der Bettdecke die alte rote Seidenjacke aus, die sie auf der bloßen Haut trug, und reichte sie Schatzjade zusammen mit den Fingernägeln. „Heb das auf“, sagte sie. „Wenn du es später ansiehst, wird es sein, als sähest du mich selbst. Und zieh schnell deine Unterjacke aus und lass sie mich anziehen. Wenn ich dann einsam im Sarg liege, wird es mir vorkommen, als wäre ich noch immer im Hof der Roten Freude. Eigentlich gehört sich das nicht, aber da man mich nun einmal zu Unrecht verdächtigt hat, bleibt mir keine andere Wahl.“ Schatzjade zog sich rasch um und steckte die Fingernägel zu sich. Weinend fügte Heitermuster hinzu: „Wenn du zurück bist und die anderen es sehen und fragen, brauchst du nicht zu lügen. Sag einfach, es sei von mir. Da man mich ohnehin zu Unrecht verdächtigt hat, kann ich es nun auch darauf ankommen lassen. Mehr ist es ja nicht.“ Kaum hatte sie das gesagt, als die Frau ihres Vetters lachend durch den Vorhang hereingetreten kam: „Bestens! Alles, was ihr gesagt habt, habe ich gehört!“ Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Was willst du als junger Herr hier in den Dienstbotenräumen? Du hast wohl bemerkt, dass ich jung und hübsch bin, und willst mich verführen?“ Erschrocken bat Schatzjade mit verbindlichem Lächeln: „Nicht so laut, gute Schwester! Sie hat mir so lange gedient, darum bin ich heimlich gekommen, um nach ihr zu sehen.“ Frau Deng zog ihn am Arm in den hinteren Raum und sagte lächelnd: „Wenn du willst, dass ich leise bin, ist das nicht schwer. Du brauchst mir nur einen Gefallen zu tun.“ Mit diesen Worten setzte sie sich auf den Rand des Ofenbetts und presste Schatzjade fest an ihre Brust. Dergleichen hatte Schatzjade noch nie erlebt. Sein Herz begann stürmisch zu hämmern, und vor Aufregung lief er puterrot an. Zugleich beschämt und erschrocken, bat er: „Nicht doch, gute Schwester!“ „Pah!“ sagte Frau Deng und kniff ihre weinschweren Augen zusammen. „Ich höre doch ständig, du seist ein geübter Kämpfer auf dem Schlachtfeld der Liebe — warum zierst du dich da plötzlich?“ „Schwester, lass mich los!“, bat Schatzjade mit rotem Gesicht. „Wir können über alles reden. Aber was soll die alte Dienerin draußen denken, wenn sie uns hört?“ Frau Deng lachte: „Ich bin schon längst hier. Die Alte habe ich zum Gartentor geschickt, damit sie dort wartet. Ich habe schon so lange auf dich gewartet, und heute habe ich dich endlich! Viel gehört habe ich von dir, aber Hörensagen ist nicht wie Sehen. Ganz umsonst bist du so hübsch — du bist wie ein Böller ohne Pulver, nur zum Angeben gut. Du genierst dich ja mehr als ich! Da sieht man, dass man den Leuten nicht glauben darf. Als unsere Schwester hinausgeworfen wurde, war ich fest überzeugt, ihr hättet ein heimliches Verhältnis. Aber als ich vorhin kam und am Fenster lauschte — ihr wart nur zu zweit im Zimmer — , da hättet ihr, wenn wirklich etwas zwischen euch gewesen wäre, bestimmt davon gesprochen. Doch ihr habt euch nicht im Geringsten nähergekommen! Da sieht man, wie viel Unrecht es auf der Welt gibt! Jetzt bereue ich, euch grundlos verdächtigt zu haben. Also sei ganz beruhigt: Komm künftig nur, ich werde dich nicht belästigen.“ Nun erst beruhigte sich Schatzjade. Er stand auf, brachte seine Kleider in Ordnung und bat: „Sorg nur ein paar Tage gut für sie, Schwester. Ich muss jetzt gehen.“ Dann trat er in den Vorderraum und verabschiedete sich von Heitermuster. Beide konnten sich nicht voneinander losreißen, und doch mussten sie sich trennen. Da Heitermuster wusste, wie schwer Schatzjade das fiel, zog sie sich schließlich die Bettdecke über den Kopf und beachtete ihn nicht mehr, bis er endlich ging. Schatzjade hatte noch vorgehabt, Duftblümchen und die Vierte zu besuchen, doch inzwischen war es dunkel geworden. Er war schon zu lange fort, und wenn man ihn vermisste, konnte neues Unheil entstehen. Also war es besser, in den Garten zurückzukehren und für den nächsten Tag neue Pläne zu machen. Als er zum hinteren Seitentor kam, trugen die Diener gerade das Bettzeug hinaus, und drinnen kontrollierten die alten Ammen, ob alle da waren. Wäre er auch nur einen Augenblick später gekommen, wäre das Tor bereits verschlossen gewesen. Schatzjade kehrte in den Garten zurück, und glücklicherweise hatte niemand etwas bemerkt. In seinen Räumen angelangt, sagte er Dufthauch nur, er sei bei Tante Xue gewesen, und damit war die Sache abgetan. Als bald darauf das Bett gerichtet wurde, musste Dufthauch notgedrungen fragen, wie sie heute Nacht schlafen wollten. Schatzjade antwortete nur: „Das ist mir einerlei.“ In den letzten ein, zwei Jahren, seit Dame König Dufthauch Beachtung schenkte, hatte diese großen Wert auf Würde gelegt. Wenn sie mit Schatzjade allein war, auch nachts, wahrte sie Abstand und war zurückhaltender als in ihren frühen Jahren. Zwar hatte sie keine großen Aufgaben, doch war es mühsam genug, alle Näharbeiten zu erledigen und für Schatzjade wie für die kleinen Dienerinnen Geld, Kleider und allerlei Gegenstände zu verwalten. Zudem hatte sie ihr altes Leiden des Blutspuckens zwar überwunden, doch bei Überanstrengung oder Erkältung zeigte sich stets wieder Blut im Auswurf. Deshalb hatte sie in letzter Zeit auch nicht in einem Zimmer mit Schatzjade geschlafen. Schatzjade jedoch wurde nachts häufig wach und war dann immer sehr ängstlich und rief nach jemandem. Da Heitermuster einen leichten Schlaf hatte und sich lautlos bewegen konnte, war ihr die Aufgabe zugefallen, nachts für ihn Tee einzuschenken und andere Handreichungen zu tun. Deshalb hatte nur sie neben seinem Bett geschlafen. Nun, da sie fort war, musste Dufthauch wohl oder übel fragen, denn dieser Nachtdienst war noch wichtiger als der Dienst am Tage. Da Schatzjade gesagt hatte, es sei ihm einerlei, blieb Dufthauch nichts übrig, als es wie in früheren Jahren zu halten. Sie holte ihr eigenes Bettzeug und richtete sich damit vor Schatzjades Lager ein. Schatzjade brütete den ganzen Abend stumm vor sich hin. Erst als Dufthauch ihn mahnte, sich hinzulegen, und auch sie sich niedergelegt hatte, hörte sie, wie er auf dem Kissen seufzte und stöhnte und sich von einer Seite auf die andere wälzte. Erst nach der dritten Nachtwache wurde er allmählich ruhiger, und schließlich schnarchte er leise. Nun erst war Dufthauch beruhigt und döste selbst ein. Doch es dauerte kaum so lange, wie man für eine halbe Schale Tee braucht, da rief Schatzjade: „Heitermuster!“ Sofort riss Dufthauch die Augen auf, meldete sich und fragte, was er wolle. Schatzjade bat um Tee. Dufthauch stand rasch auf, spülte sich in der Schüssel die Hände und goss aus der Warmhaltekanne eine halbe Schale ein, die sie ihm reichte. Lächelnd sagte Schatzjade: „Ich habe mich so daran gewöhnt, nach ihr zu rufen, dass ich ganz vergass, dass du es bist.“ Ebenfalls lächelnd erwiderte Dufthauch: „Als sie neu hierher kam, hast du im Schlaf auch immer nach mir gerufen. Erst nach einem halben Jahr hattest du dich umgewöhnt. Ich wusste, dass der Name Heitermuster bleiben würde, auch wenn Heitermuster nicht mehr da ist.“ Damit legten sich beide wieder hin. Erneut wälzte sich Schatzjade eine weitere Nachtwache lang von einer Seite auf die andere und schlief erst in der fünften Wache ein. Da sah er, wie Heitermuster von draußen hereinkam, außehend wie immer. Im Zimmer angekommen, sagte sie lächelnd zu Schatzjade: „Lebt alle wohl! Ich komme nicht wieder.“ Dann drehte sie sich um und ging hinaus. Als Schatzjade ihr nachrief, weckte er wieder Dufthauch. Zunächst glaubte sie, er habe aus alter Gewohnheit Heitermusters Namen gerufen, doch dann sah sie, dass er weinte, und hörte ihn sagen: „Heitermuster ist gestorben.“ „Was redest du da?“ hielt sie ihm vor. „Das ist doch Unsinn! Was sollen die Leute denken, wenn sie dich hören?“ Schatzjade wollte natürlich nicht auf sie hören und wartete sehnsüchtig darauf, dass es hell wurde, um jemanden nach Nachrichten auszuschicken. Doch als es Tag wurde, stand schon eines der kleinen Dienstmädchen aus Dame Königs Räumen vor dem vorderen Seitentor und verlangte, man solle sofort öffnen, damit sie Dame Königs Botschaft überbringen könne: „Weckt Schatzjade sofort! Er soll sich schnell waschen und umziehen und herüberkommen. Jemand hat den gnädigen Herrn eingeladen, den schönen Herbst zu genießen und die Duftblüten zu bewundern. Weil der gnädige Herr sich über das Gedicht gefreut hat, das Schatzjade neulich verfasste, will er ihn mitnehmen. Das sind die Worte der gnädigen Frau, kein einziges darf fehlen! Lauft schnell und sagt ihm Bescheid, er soll sofort kommen! Der gnädige Herr wartet in den Haupträumen und will noch mit ihm zusammen Mehlsuppe frühstücken. Der junge Herr Huan ist schon da. Beeilt euch! Und schickt noch jemanden zum kleinen Herrn Lan — auch ihm soll dasselbe bestellt werden!“ Drinnen bestätigten die Dienerinnen jeden Satz, knöpften sich dabei die Kleider zu und öffneten das Tor. Zwei, drei von ihnen machten sich sofort in verschiedene Richtungen auf den Weg, noch während sie sich fertig anzogen. Als Dufthauch hörte, dass ans Hoftor gepocht wurde, ahnte sie, dass etwas Wichtiges vorlag. Während sie schnell jemanden nach draußen schickte, stand sie bereits selbst auf. Nachdem sie die Botschaft vernommen hatte, ließ sie sofort Waschwasser bringen und trieb Schatzjade zum Aufstehen an. Selbst ging sie seine Kleider holen. Da er Aufrecht Kaufmann begleiten sollte, wollte sie ihm nichts allzu Auffälliges oder Neues anziehen lassen und wählte daher nur Kleider zweiter Wahl. Schatzjade blieb nun keine andere Wahl, als schleunigst hinüberüzeilen. Tatsächlich fand er Aufrecht Kaufmann beim Frühstück vor, in bester Stimmung. Hastig entbot Schatzjade seinen Morgengruß. Auch Unheil Kaufmann und Orchidee Kaufmann begrüßten ihn. Aufrecht Kaufmann befahl Schatzjade, Platz zu nehmen und von der Mehlsuppe zu essen. Dann wandte er sich an Unheil Kaufmann und Orchidee Kaufmann: „Beim Bücherstudium steht Schatzjade hinter euch zurück, doch in der Kunst, Parallelsätze zu bilden und Gedichte zu erwidern, reicht ihr nicht an ihn heran. Bei unserem heutigen Besuch wird man euch gewiss drängen, Verse zu machen — dabei soll euch Schatzjade helfen.“ Noch nie hatte Dame König solch ein Urteil aus dem Munde ihres Gatten gehört. Dies war eine ganz und gar unerwartete Freude. Bald darauf, nachdem Vater und Söhne aufgebrochen waren und Dame König sich gerade zur Herzoginmutter begeben wollte, erschienen die Pflegemütter von Duftblümchen und zwei anderen Schauspielmädchen und berichteten: „Seitdem Duftblümchen neulich die Gnade erfahren hat, freigelassen zu werden, ist sie völlig von Sinnen! Sie trinkt keinen Tee, sie isst keinen Reis. Sie hat Lotoswürzlein und Blütenstäubchen dazu angestiftet, dass alle drei auf Gedeih und Verderb darauf bestehen, sich die Haare abschneiden und Nonnen werden zu wollen. Wir dachten, das sei nur kindliches Gerede, weil sie die Verhältnisse draußen nicht gewöhnt sind — nach ein paar Tagen würde alles wieder gut sein. Doch wider Erwarten toben sie immer schlimmer, und auch Schläge und Schelte helfen nicht. Wir wissen wirklich keinen Rat mehr und bitten Euch, sie entweder ihrem Wunsch gemäß Nonnen werden zu lassen, oder ihnen eine Lektion zu erteilen und sie jemand anderem als Ziehtochter zu geben — für uns ist dieses Glück nicht bestimmt.“ „Unsinn!“ sagte Dame König. „Vielleicht richten wir uns noch nach ihnen! Ins Kloster geht man nicht leichtfertig. Jede bekommt eine Tracht Prügel, und dann werden wir sehen, ob sie immer noch verrückt spielen!“ Nun hatten sich gerade zum fünfzehnten Tag des achten Monats Nonnen aus den verschiedenen Tempeln eingefunden, um Opfergebäck zu bringen, wie es der Brauch verlangte. Dame König hatte die Nonne Zhitong aus dem Wassermondkloster[4] und Yuanxin vom Dizang-Tempel für ein paar Tage als Gäste behalten. Als die beiden Nonnen diese Neuigkeiten hörten, brannten sie darauf, die Mädchen als Schülerinnen mitzunehmen — in Wahrheit, um sie als Arbeitskräfte zu benutzen. So sagten sie zu Dame König: „Euer Anwesen ist wahrlich ein Haus guter Menschen, und weil Ihr, gnädige Frau, so fromm seid, sind auch die Mädchen in dieser Weise erleuchtet worden. Gewiss ist der Eintritt ins Kloster nicht leichtfertig zu nehmen, doch man muss auch wissen, dass nach Buddhas Gesetz alle gleichwertig sind. Unser Buddha hat gelobt, sämtliche Lebewesen zu erlösen, seien es auch nur Hühner und Hunde, doch leider kommen die Verirrten nicht zur Erkenntnis. Wer die Wurzel des Guten in sich traegt und erwachen kann, vermag dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. In den Sutras finden sich genügend Fälle, in denen sogar Tiger, Wölfe, Schlangen und Würmer den rechten Weg gefunden haben. Diese Mädchen haben weder Vater noch Mutter, und ihre Heimat ist weit. Sie haben Reichtum und Vornehmheit erlebt und wissen, wie bitter ihr Schicksal von klein auf war, als sie einem leichtfertigen Gewerbe nachgehen mussten. Wer weiß, was die Zukunft bringt? Deshalb haben sie beschlossen, das Meer des Leidens zu verlassen und im Kloster für ein besseres nächstes Leben zu beten — das ist ein nobler Entschluss. Die gnädige Frau sollte ihre guten Absichten nicht einschränken.“ Dame König war von Natur aus fromm gesinnt. Wenn sie vorhin den Wunsch der Mädchen abgelehnt hatte, so nur, weil sie fürchtete, die jungen Dinger könnten die Entsagung des Klosterlebens nicht ertragen und sich dadurch nur Schuld aufladen. Nun aber klangen die Worte der beiden Nonnen durchaus vernünftig. Zudem hatte der Haushalt in letzter Zeit ohnehin viele Sorgen: Dame Strafe hatte jemanden geschickt, um mitzuteilen, Willkommensfrühling solle nach Hause kommen, damit eine Familie sie sich ansehen könne; und es waren auch schon offizielle Heiratsvermittlerinnen gekommen, um sich nach Erkundefrühling zu erkundigen. Dame König war ohnehin gedanklich überlastet und hatte keine Nerven, sich mit solchen Nebensächlichkeiten zu befassen. Als sie die Worte der Nonnen hörte, lächelte sie und sagte: „Wenn es so ist, warum nehmt ihr sie nicht als eure Schülerinnen mit?“ Die beiden Nonnen sprachen ein Gebet: „Vortrefflich! Vortrefflich! Wenn es so geschieht, ist Euer Verdienst an verborgener Tugend wahrlich nicht gering.“ Dann verneigten sie sich dankend. Dame König sagte: „Gut, dann fragt sie selbst. Wenn sie es wirklich ernst meinen, sollen sie hier vor mir ihre Lehrmeisterinnen begrüßen und dann mit ihnen gehen.“ Die drei Pflegemütter gingen hinaus und brachten die drei Mädchen herein. Dame König fragte sie noch mehrmals, aber die drei waren fest entschlossen. So knieten sie vor den beiden Nonnen nieder und verabschiedeten sich dann von Dame König. Als Dame König sah, wie entschieden sie waren, wusste sie, dass Zwang keinen Sinn mehr hatte. Gerührt ließ sie einige Geschenke bringen und den Mädchen mitgeben, und auch den beiden Nonnen schickte sie Geschenke. Von da an folgte Duftblümchen der Nonne Zhitong ins Wassermondkloster, während Blütenstäubchen und Lotoswürzlein der Nonne Yuanxin ins Dizang-Kloster folgten. Alle drei verließen das weltliche Leben. Was weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
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