Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de/Chapter 79"
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(ZH-DE4 Korrektur-Update Kap. 79) |
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| − | ! style="width:50%" | 中文原文 ( | + | ! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982) |
| − | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung | + | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
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薛蟠本是個憐新棄舊的人,且是有酒膽無飯力的,如今得了這樣一個妻子,正在新鮮興頭上,凡事未免盡讓他些。那夏金桂見了這般形景,便也試著一步緊似一步。一月之中,二人氣概還都相平;至兩月之後,便覺薛蟠的氣概漸次低矮了下去。一日薛蟠酒後,不知要行何事,先與金桂商議,金桂執意不從。薛蟠忍不住便發了幾句話,賭氣自行了,這金桂便氣的哭如醉人一般,茶湯不進,裝起病來。請醫療治,醫生又說「氣血相逆,當進寬胸順氣之劑。」薛姨娘恨的罵了薛蟠一頓,說:「如今娶了親,眼前抱兒子了,還是這樣胡鬧。人家鳳凰蛋似的,好容易養了一個女兒,比花朵兒還輕巧,原看的你是個人物,才給你作老婆。你不說收了心安分守己,一心一計和和氣氣的過日子,還是這樣胡鬧,撞嗓了黃湯,折磨人家。這會子花錢吃藥白遭心。」一席話說的薛蟠後悔不迭,反來安慰金桂。金桂見婆婆如此說丈夫,越發得了意,便裝出些張致來,總不理薛蟠。薛蟠沒了主意,惟自怨而已,好容易十天半月之後,才漸漸的哄轉過金桂的心來,自此便加一倍小心,不免氣概又矮了半截下來。那金桂見丈夫旗纛漸倒,婆婆良善,也就漸漸的持戈試馬起來。先時不過挾制薛蟠,後來倚嬌作媚,將及薛姨媽,又將至薛寶釵。寶釵久察其不軌之心,每隨機應變,暗以言語彈壓其志。金桂知其不可犯,每欲尋隙,又無隙可乘,只得曲意附就。一日金桂無事,因和香菱閑談,問香菱家鄉父母。香菱皆答忘記,金桂便不悅,說有意欺瞞了他。回問他「香菱」二字是誰起的名字,香菱便答:「姑娘起的。」金桂冷笑道:「人人都說姑娘通,只這一個名字就不通。」香菱忙笑道:「噯喲,奶奶不知道,我們姑娘的學問連我們姨老爺時常還誇呢。」欲明後事,且見下回。 | 薛蟠本是個憐新棄舊的人,且是有酒膽無飯力的,如今得了這樣一個妻子,正在新鮮興頭上,凡事未免盡讓他些。那夏金桂見了這般形景,便也試著一步緊似一步。一月之中,二人氣概還都相平;至兩月之後,便覺薛蟠的氣概漸次低矮了下去。一日薛蟠酒後,不知要行何事,先與金桂商議,金桂執意不從。薛蟠忍不住便發了幾句話,賭氣自行了,這金桂便氣的哭如醉人一般,茶湯不進,裝起病來。請醫療治,醫生又說「氣血相逆,當進寬胸順氣之劑。」薛姨娘恨的罵了薛蟠一頓,說:「如今娶了親,眼前抱兒子了,還是這樣胡鬧。人家鳳凰蛋似的,好容易養了一個女兒,比花朵兒還輕巧,原看的你是個人物,才給你作老婆。你不說收了心安分守己,一心一計和和氣氣的過日子,還是這樣胡鬧,撞嗓了黃湯,折磨人家。這會子花錢吃藥白遭心。」一席話說的薛蟠後悔不迭,反來安慰金桂。金桂見婆婆如此說丈夫,越發得了意,便裝出些張致來,總不理薛蟠。薛蟠沒了主意,惟自怨而已,好容易十天半月之後,才漸漸的哄轉過金桂的心來,自此便加一倍小心,不免氣概又矮了半截下來。那金桂見丈夫旗纛漸倒,婆婆良善,也就漸漸的持戈試馬起來。先時不過挾制薛蟠,後來倚嬌作媚,將及薛姨媽,又將至薛寶釵。寶釵久察其不軌之心,每隨機應變,暗以言語彈壓其志。金桂知其不可犯,每欲尋隙,又無隙可乘,只得曲意附就。一日金桂無事,因和香菱閑談,問香菱家鄉父母。香菱皆答忘記,金桂便不悅,說有意欺瞞了他。回問他「香菱」二字是誰起的名字,香菱便答:「姑娘起的。」金桂冷笑道:「人人都說姑娘通,只這一個名字就不通。」香菱忙笑道:「噯喲,奶奶不知道,我們姑娘的學問連我們姨老爺時常還誇呢。」欲明後事,且見下回。 | ||
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| − | + | Neunundsiebzigstes Kapitel | |
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| − | + | Kajaljade verbessert Schatzjades Trauerode — Willkommensfrühling wird versehentlich an einen Wolf aus Zhongshan<ref>中山狼 (Zhōngshān Láng), Anspielung auf die Fabel „Der Wolf vom Zhongshan“ (中山狼传): Ein Gelehrter rettet einen Wolf, doch der Wolf will ihn anschließend fressen. Die Wendung bezeichnet einen Undankbaren — hier eine Anspielung auf Sun Shaozu.</ref> verheiratet | |
| − | Die | + | |
| + | Es wird erzählt, dass Schatzjade [贾宝玉] gerade die Totenklage für Heitermuster [晴雯] beendet hatte, als er zwischen den Blumenstauden eine Stimme hörte, die ihn zusammenfahren ließ. Er trat hervor und schaute genau hin — es war niemand anders als Kajaljade [林黛玉], die über das ganze Gesicht lächelte und sagte: »Was für ein wunderbar neuartiger Opfertext! Er verdient es, gemeinsam mit der Inschrift auf dem Grabstein der Cao E <ref>Cao E war ein Mädchen der Han-Dynastie, berühmt für ihre Kindesliebe; die Grabinschrift gilt als Meisterwerk</ref> überliefert zu werden.« | ||
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| + | Unwillkürlich errötete Schatzjade, als er das hörte, und antwortete lachend: »Ich hatte mir überlegt, dass all die Opfertexte auf dieser Welt nur noch abgedroschene Klischees sind, und habe deshalb eine neue Form gewählt. Das war freilich nur eine Spielerei für den Augenblick, und ich konnte nicht ahnen, dass du zuhören würdest. Wenn etwas daran absolut nicht geht, warum änderst du es nicht?« | ||
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| + | Kajaljade sagte: »Wo ist dein Manuskript? Ich muss es mir einmal sorgfältig durchlesen. Von dem ganzen langen Sermon habe ich nicht viel verstanden, nur zwei Sätze in der Mitte aufgeschnappt, irgendetwas von 'Hinter roten Seidenvorhängen, ein Herrensohn voller Liebe; unter dem Hügel aus gelber Erde, ein Mädchen vom Schicksal geschlagen.' Dieser Parallelsatz hat zwar einen guten Sinn, aber die 'roten Seidenvorhänge' sind doch ziemlich abgedroschen. Dabei liegt ein gebrauchsfertiges Bild aus der Wirklichkeit vor der Nase. Warum hast du das nicht verwendet?« | ||
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| + | Schatzjade fragte hastig: »Was für ein gebrauchsfertiges Bild?« | ||
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| + | Kajaljade erwiderte lachend: »Ist nicht bei uns das Gitterwerk der Fenster mit rosiger Gaze <ref>茜纱, qiansha, eine Art durchscheinender Seidenstoff</ref> bespannt? Warum sagst du nicht: 'Am rosigen Gazefenster, ein Herrensohn voller Liebe'?« | ||
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| + | Als Schatzjade das hörte, stampfte er unwillkürlich vor Begeisterung mit dem Fuß auf und rief lachend: »Ausgezeichnet! Nur zu treffend! Nur du kannst auf so etwas kommen und es so sagen! Man sieht, dass es überall auf der Welt und zu allen Zeiten von gebrauchsfertigen schönen Bildern und wunderbaren Szenen nur so wimmelt — nur die Narren und Dummköpfe können sie nicht erdenken und nicht aussprechen. Allerdings ist da noch eines: Obwohl diese Änderung außerordentlich neuartig und schön ist, kannst zwar du dieses Bild für dich beanspruchen, ich aber bin dessen keineswegs würdig.« Und im gleichen Atemzug wiederholte er zwanzig- oder dreißigmal »Nicht würdig!« | ||
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| + | Kajaljade erwiderte lachend: »Was macht das schon! Mein Fenster kann auch dein Fenster sein, warum willst du das so streng auseinanderhalten? Im Altertum teilten selbst Fremde wohlgenährte Pferde und feine Pelze <ref>Anspielung auf die Lunyu (Gespräche des Konfuzius), wo Zilu sagt, er würde seine Pferde und Pelze gerne mit Freunden teilen</ref> miteinander, ohne es zu bedauern, wenn sie dadurch abgenutzt wurden. Um wieviel mehr muss das für uns gelten!« | ||
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| + | Schatzjade erwiderte lachend: »Was zählen schon Pferde und Pelze, wenn es um den Umgang mit Freunden geht? Selbst Gold und weißer Jade fallen da nicht ins Gewicht. Aber so respektlos mit einem Mädchenzimmer zu verfahren, das geht auf gar keinen Fall. Am besten ändere ich einfach den 'Herrensohn' und das 'Mädchen', dann wird es ganz zu deiner Totenklage für sie. Zumal du im Alltag immer sehr gut zu ihr warst. Lieber gebe ich den ganzen langen Text weg, als dass ich auf den neuen Ausdruck mit der 'rosigen Gaze' verzichte. Am besten ändern wir es so: 'Am rosigen Gazefenster, ein Fräulein voller Liebe; unter dem Hügel aus gelber Erde, eine Magd vom Schicksal geschlagen.' So hat es zwar nichts mehr mit mir zu tun, aber ich bin trotzdem vollauf zufrieden.« | ||
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| + | Kajaljade erwiderte lachend: »Sie war schließlich nicht meine Magd, wozu also soll ich so etwas sagen? Außerdem sind 'Fräulein' und 'Magd' auch keine besonders feinen Ausdrücke. Warte also, bis mein Purpurkuckuck [紫鹃] stirbt, dann ist es immer noch früh genug, den Satz so zu verwenden.« | ||
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| + | Als Schatzjade das hörte, sagte er rasch lachend: »Warum musst du sie denn beschreien?« | ||
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| + | Kajaljade erwiderte lachend: »Du hast mit dem Beschreien angefangen, nicht ich.« | ||
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| + | Schatzjade sagte: »Jetzt hab ich's! So wird es genau richtig. Am besten sagen wir: 'Am rosigen Gazefenster — ich bin dir nicht bestimmt; unter dem Hügel aus gelber Erde — warum warst du so vom Schicksal geschlagen?'« | ||
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| + | Als Kajaljade das hörte, wurde sie bleich vor plötzlichem Kummer, und obwohl tausend Ängste und Zweifel ihr Herz befielen, wollte sie sich das nicht anmerken lassen. Stattdessen nickte sie rasch mit lächelndem Gesicht und sagte beifällig: »So ist es wirklich gut geändert. Aber nun musst du nicht weiter daran herumändern. Beschäftige dich lieber mit etwas Ordentlichem. Eben hat die gnädige Frau [王夫人] jemanden geschickt, um dir auszurichten, du sollst morgen in aller Frühe zu deiner großen Tante [邢夫人] hinübergehen. Für deine zweite Schwester [迎春] ist ein Bewerber gefunden und angenommen worden, und morgen kommt wohl jemand aus der Familie des Bräutigams, um den Verlobungsbesuch zu machen. Darum sollt ihr alle hinübergehen.« | ||
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| + | Schatzjade schlug die Hände zusammen und sagte: »Warum diese Eile? Mir geht es auch nicht besonders gut, wer weiß, ob ich morgen überhaupt hinübergehen kann.« | ||
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| + | Kajaljade sagte: »Da fängst du wieder an! Ich rate dir, zügele endlich dein Temperament. Du wirst schließlich von Jahr zu Jahr älter ...« Während sie noch sprach, überkam sie ein Hustenanfall. | ||
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| + | Schatzjade sagte eilig: »Hier ist es kühl und zugig, und wir stehen schon die ganze Zeit hier herum. Lass uns schnell nach Hause gehen!« | ||
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| + | Kajaljade sagte: »Ich gehe auch heim und lege mich zur Ruhe. Wir sehen uns morgen.« Damit machte sie sich auf den Weg. | ||
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| + | Schatzjade wandte sich lustlos zum Gehen, doch plötzlich fiel ihm ein, dass Kajaljade ohne Begleitung war. Rasch befahl er einem kleinen Mädchen, ihr zu folgen und sie nach Hause zu bringen. Er selbst kehrte zum Hof der Roten Freude [怡红院] zurück, wo tatsächlich eine alte Amme wartete, die Dame König geschickt hatte, um ihm zu bestellen, er solle morgen in aller Frühe zu Begnadigung Kaufmann [贾赦] hinübergehen — ganz wie Kajaljade es eben gesagt hatte. | ||
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| + | Begnadigung Kaufmann hatte Willkommensfrühling [迎春] nämlich bereits einem Mann namens Sun verlobt. Diese Familie Sun stammte aus der Präfektur Datong [大同], ihre Vorfahren waren Militärbeamte gewesen und hatten einst als Klienten unter dem Schutz der Ning- und des Prunkwille-Anwesens gestanden, so dass man sie durchaus als altbefreundete Familie bezeichnen konnte. Derzeit lebte nur ein einziger Sun in der Hauptstadt, der den erblichen Rang eines Kommandeurs innehatte. Er hieß Sun Shaozu [孙绍祖], war von stattlicher Gestalt und kräftigem Körperbau, geübt in Bogenschießen und Reitkunst, gewandt im gesellschaftlichen Umgang und geschickt im Taktieren, noch keine dreißig Jahre alt, dazu von beträchtlichem Vermögen, und wartete beim Kriegsministerium auf eine freie Stelle zur Beförderung. | ||
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| + | Da er noch unverheiratet war und Begnadigung Kaufmann ihn als Enkel einer altbefreundeten Familie betrachtete, dessen Charakter und Vermögensverhältnisse zueinander passten, hatte er ihn wohlwollend als Schwiegersohn auserkoren. Auch der Herzoginmutter [贾母] hatte er davon berichtet. Doch die Herzoginmutter war im Herzen nicht sonderlich zufrieden. Sie überlegte jedoch, dass ihr Einspruch wohl kaum Gehör finden würde, dass Ehen eine Sache des Himmels und des Schicksals seien, und dass überdies der leibliche Vater die Entscheidung traf — wozu also sollte sie sich unnötig einmischen? So sagte sie nur knapp: »Gut, ich weiß Bescheid« und ließ es dabei bewenden. | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann [贾政] war die Familie Sun trotz der alten Beziehungen zutiefst zuwider. Denn jener Vorfahre der Suns hatte sich seinerzeit nur deshalb unter den Schutz der Rong- und Ning-Familien gestellt, weil er von deren Macht und Einfluss hatte profitieren wollen, um ein sonst unlösbares Problem zu bereinigen — keineswegs stammten die Suns aus einer berühmten Literatenfamilie. Deshalb hatte Aufrecht Kaufmann zweimal dagegen Einwände erhoben, doch als Begnadigung Kaufmann nicht auf ihn hören wollte, musste er es hinnehmen. | ||
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| + | Schatzjade hatte diesen Sun Shaozu noch nie von Angesicht gesehen, musste aber notgedrungen am nächsten Tag hinübergehen, um der Pflicht Genüge zu tun. Dann erfuhr er, der Hochzeitstermin sei sehr knapp angesetzt, noch in diesem Jahr solle Willkommensfrühling das Haus verlassen. Als er zudem mitbekam, dass Dame Strafe [邢夫人] der Herzoginmutter gemeldet hatte, Willkommensfrühling werde aus dem Garten der Großen Anschauung [大观园] abgeholt, verging ihm erst recht jede Freude. Tag für Tag brütete er stumpfsinnig vor sich hin und wusste nichts mit sich anzufangen. | ||
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| + | Als er dann auch noch erfuhr, dass vier Zofen Willkommensfrühling in die Ehe begleiten würden, stampfte er abermals mit dem Fuß auf und klagte seufzend: »Wieder fünf reine Menschen weniger auf dieser Welt!« | ||
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| + | So streifte er Tag für Tag in der Gegend der Insel der Violetten Wassernüsse<ref>紫菱洲 (Zǐlíng Zhōu), der Ort im Garten der Großen Anschauung, an dem Willkommensfrühling wohnte. Schatzjades wehmütige Besuche dort nach Willkommensfrühlings Weggang sind ein wiederkehrendes Motiv des Verlustes.</ref> umher und hielt sehnsüchtig Ausschau. Die Fenster und Vorhänge waren öde und verlassen, nur ein paar alte Frauen, die zum Nachtdienst eingeteilt waren, hielten sich noch dort auf. Auch die Knöterichblüten und Schilfblätter am Ufer, die grünen Seekannen und die duftenden Wassernüsse im Teich schienen ihm welk und schwermütig zu hängen, als trauerten sie um die Verschwundene — wie ganz anders als das gewohnte Bild wettstreitender Farben und Schönheit! Überwältigt von diesem öden und bedrückenden Anblick, konnte Schatzjade seine Gefühle nicht bezwingen und sang unwillkürlich ein Lied vor sich hin: | ||
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| + | Kalt weht der Herbstwind am nächtlichen Teich, | ||
| + | bläst ungerührt alle roten Blüten davon. | ||
| + | Knöterich und Wassernüsse ertragen den Kummer kaum, | ||
| + | schwerer Tau und dichter Reif drücken die zarten Stängel nieder. | ||
| + | Verstummt ist das Klappern der Schachsteine am langen Tag, | ||
| + | Schwalbenkot beschmutzt die vergessenen Spielbretter. | ||
| + | Schon seit Alters her betrauern die Menschen den Abschied von Freunden — um wieviel mehr leide ich, der ich Geschwister verliere! | ||
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| + | Kaum hatte Schatzjade zu Ende gesungen, hörte er hinter sich jemanden lachend sagen: »Was trauerst du hier schon wieder vor dich hin?« | ||
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| + | Als er sich rasch umsah, erkannte er Duftkastanie [香菱]. Er wandte sich um und fragte lachend: »Meine liebe Schwester, was führt dich jetzt hierher? Du warst schon so lange nicht mehr im Garten.« | ||
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| + | Duftkastanie klatschte in die Hände und sagte fröhlich: »Natürlich wäre ich gerne gekommen! Aber seit dein Vetter [Becken Schnee] zurück ist, bin ich nicht mehr so frei und ungebunden wie zuvor. Eben hatte unsere gnädige Frau [薛姨妈] jemanden geschickt, um deine Kusine Phönixglanz [王熙凤] zu suchen, aber sie war nicht zu finden, und es hieß, sie sei in den Garten gegangen. Als ich das hörte, bat ich darum, diesen Auftrag übernehmen und sie im Garten suchen zu dürfen. Ich traf ihre Zofe, die sagte, sie sei im Reisduftdorf [稻香村]. Gerade bin ich auf dem Weg dorthin, da treffe ich dich hier. Aber sag mir, wie geht es Schwester Dufthauch [袭人] in letzter Zeit? Wie konnte Schwester Heitermuster [晴雯] nur so plötzlich sterben, an welcher Krankheit litt sie eigentlich? Das zweite Fräulein [迎春] ist auch so schnell ausgezogen. Schau nur, wie leer und verlassen es hier aussieht!« | ||
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| + | Schatzjade konnte nicht schnell genug auf all ihre Fragen antworten und lud sie ein, ihn zum Hof der Roten Freude zu begleiten, um mit ihm Tee zu trinken. | ||
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| + | Duftkastanie erwiderte: »Im Moment geht das leider nicht. Warte, bis ich die zweite junge Herrin [Phönixglanz] gefunden und meinen Auftrag erledigt habe, dann komme ich.« | ||
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| + | Schatzjade fragte: »Was ist das für ein Auftrag, dass er so eilig ist?« | ||
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| + | Duftkastanie antwortete: »Es geht um die Heirat deines Vetters, darum ist es dringend.« | ||
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| + | Schatzjade sagte: »Richtig! Aus welcher Familie kommt denn nun eigentlich seine Braut? Ich habe nur gehört, wie es ein halbes Jahr lang deswegen hin und her ging. Mal hieß es, die Familie Zhang sei die beste, dann sollte es Familie Li sein, dann wieder wurde über König-Familie verhandelt. Ich weiß gar nicht, was die Töchter all dieser Familien verbrochen haben, dass man so unbekümmert über sie herfällt!« | ||
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| + | Duftkastanie sagte: »Jetzt ist es endgültig entschieden, da braucht keine weitere Familie mehr durchgehechelt zu werden.« | ||
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| + | Schatzjade fragte hastig: »Und welche Familie ist es geworden?« | ||
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| + | Duftkastanie berichtete: »Als dein Vetter letztens auf Geschäftsreise war, hat er nebenher auch Verwandte besucht. Diese Familie ist schon seit langem mit unserer verschwägert, und ebenso wie wir sind sie beim Finanzministerium als Fernhändler eingetragen. Auch sie gehören zu den ganz großen Häusern. Neulich, als davon die Rede war, hieß es, in euren beiden Anwesen kenne man sie ebenfalls. In ganz Chang'an [长安, Anm.: hier als Bezeichnung für die Hauptstadt] nennt sie jedermann vom Fürsten bis zum Krämer nur die 'Duftblüten-Xias'.« | ||
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| + | Schatzjade fragte lachend: »Warum heißen sie denn 'Duftblüten-Xias'?« | ||
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| + | Duftkastanie erklärte: »Sie heißen mit Familiennamen Xia [夏] und sind ganz außerordentlich reich. Von ihrem sonstigen Ackerland ganz zu schweigen — sie besitzen mehrere Dutzend Qing <ref>ein Qing entspricht ca. 6,7 Hektar</ref> reiner Duftblütenplantagen [桂花, Osmanthus]. Alle Osmanthus-Handlungen in Chang'an und Umgebung gehören ihnen, und selbst die Ziergewächse im Kaiserpalast sind Tributgaben von ihnen. So sind sie zu diesem Beinamen gekommen. Der alte Herr ist inzwischen gestorben, und es gibt nur noch die alte Dame, die mit einer leiblichen Tochter lebt. Söhne oder Brüder hat sie keine, und es ist schon bedauerlich, dass die Familie damit aussterben wird.« | ||
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| + | Schatzjade warf rasch ein: »Was kümmert es uns, ob sie aussterben oder nicht! Taugt denn dieses Mädchen etwas? Und wie kommt es, dass euer junger Herr Gefallen an ihr gefunden hat?« | ||
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| + | Duftkastanie erwiderte lachend: »Zum einen war es eine Fügung des Himmels, zum anderen heißt es ja: 'In den Augen eines Verliebten wird jedes Mädchen zur Xi Shi <ref>berühmte Schönheit des Altertums</ref>.' Da die Familien schon seit Generationen miteinander befreundet sind, hatten die beiden als Kinder zusammen gespielt. Dem Verwandtschaftsgrad nach sind sie Vetter und Kusine, da gab es also keinen Grund für Verdächtigungen. Zwar waren sie dann einige Jahre voneinander getrennt, aber als dein Vetter neulich zu Besuch kam und die alte Frau Xia — die, wie gesagt, keinen eigenen Sohn hat — sah, was für ein stattlicher Mann er geworden war, da weinte und lachte sie zugleich und freute sich mehr über ihn als über einen leiblichen Sohn. | ||
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| + | Sie ließ die beiden sich wiedersehen, und da zeigte sich, dass das Mädchen inzwischen aufgeblüht war wie eine Blume. Auch Lesen und Schreiben hatte sie zu Hause gelernt, und so war dein Vetter auf der Stelle Feuer und Flamme für sie. Mit dem Geschäftsführer und einer ganzen Schar von Gehilfen aus der Pfandleihe hat er sich dort für drei oder vier Tage eingenistet, und obwohl man ihn einlud, noch ein paar Tage länger zu bleiben, drängte er schließlich energisch darauf, nach Hause zurückzukehren. | ||
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| + | Kaum war er hier zur Tür herein, hat er unserer gnädigen Frau die Ohren vollgejammert, sie solle für ihn um das Mädchen anhalten. Und da unsere gnädige Frau das Mädchen aus eigener Anschauung kannte und die beiden Familien einander ebenbürtig sind, hat sie eingewilligt. Sie beriet sich hier mit der Tante [薛姨妈] und dem Fräulein Phönixglanz [凤姐], dann schickte man Boten zu den Xias, und dort wurde sogleich zugesagt. Nur ist der Termin für die Hochzeit sehr knapp, darum haben wir alle Hände voll zu tun. Aber auch ich kann es kaum erwarten, dass sie ins Haus kommt — dann haben wir ja wieder eine Dichterin mehr!« | ||
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| + | Schatzjade sagte mit kühlem Lächeln: »Das sagst du so leicht dahin, aber wenn ich das höre, mache ich mir vor allem um dich Sorgen und frage mich, was aus dir werden soll.« | ||
| + | |||
| + | Unwillkürlich errötete Duftkastanie und erwiderte mit förmlicher Miene: »Was soll das für eine Rede sein! Wir haben einander stets mit Achtung behandelt, und jetzt fängst du plötzlich mit solchen Dingen an. Was soll das heißen? Kein Wunder, dass alle sagen, man solle sich mit dir nicht zu eng einlassen!« Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und ging davon. | ||
| + | |||
| + | Duftkastanies Verhalten machte Schatzjade ganz betroffen, und er fühlte sich, als hätte er etwas verloren. Lange stand er unschlüssig da, überlegte hin und her, und unvermerkt rollten ihm die Tränen über die Wangen. Niedergeschlagen kehrte er zum Hof der Roten Freude zurück. Die ganze Nacht fand er keine Ruhe; im Traum rief er bald nach Heitermuster, bald schreckte er aus Albträumen hoch, und so ging es in einem fort. | ||
| + | |||
| + | Am nächsten Tag hatte er keinen Appetit, und sein Körper fühlte sich fiebrig an. All die Demütigungen, Schrecken und Kümmernisse der letzten Tage — die Durchsuchung des Gartens des Großen Anblicks, die Vertreibung von Siqi [司棋], der Abschied von Willkommensfrühling und der Tod von Heitermuster — hatten ihren Tribut gefordert. Hinzu kam eine Erkältung, und so war eine Krankheit daraus entstanden, die ihn ans Bett fesselte. | ||
| + | |||
| + | Als die Herzoginmutter davon erfuhr, kam sie Tag für Tag persönlich, um nach ihm zu sehen. Dame König machte sich insgeheim Vorwürfe und fragte sich, ob sie Heitermusters wegen nicht zu hart mit ihm ins Gericht gegangen war. Doch obwohl sie innerlich so empfand, ließ sie sich äußerlich nichts anmerken. Sie ordnete nur an, die alten Ammen sollten gut für ihn sorgen, und zweimal am Tag musste ein Arzt kommen, um ihm den Puls zu fühlen und Medizin zu verschreiben. | ||
| + | |||
| + | Erst nach einem ganzen Monat stellte sich allmählich eine Besserung ein. Die Herzoginmutter befahl, er solle sich schonen und dürfe erst nach hundert Tagen wieder Fleisch, Fisch, Fettiges und Nudeln zu sich nehmen und das Haus verlassen. Während dieser hundert Tage durfte er nicht einmal vor das Hoftor treten, sondern konnte nur innerhalb seiner Räume scherzen und spielen. | ||
| + | |||
| + | Nach vierzig oder fünfzig Tagen hatte Schatzjade diese Einschränkungen so satt, dass es wie Feuer in ihm loderte und er es kaum noch aushalten konnte. Sosehr er auch versuchte, sich Auswege zu schaffen — die Herzoginmutter und Dame König blieben unbeugsam, und er musste sich fügen. So trieb er es mit den Zofen bunt und planlos, vergnügte sich nach Herzenslust und spielte alle möglichen Streiche. | ||
| + | |||
| + | Dann hörte er, dass Becken Schnee [薛蟠] ein Festmahl mit Theateraufführung gab, dass es dort äußerst lebhaft zuging, und dass er bereits geheiratet habe. Es hieß, das Fräulein Xia sei außerordentlich hübsch und beherrsche auch ein wenig die Schriftgelehrsamkeit — Schatzjade hätte sie liebend gerne sofort gesehen. | ||
| + | |||
| + | Einige Zeit später erfuhr er, dass Willkommensfrühling das Haus verlassen hatte. Der Gedanke, wie er einst mit seinen Schwestern zusammen gewesen war, so vertraut und einander so nah, und dass sie sich, selbst wenn sie sich je wiedersähen, gewiss nicht mehr so nahe sein würden wie früher — und dass er sie jetzt nicht einmal besuchen konnte — , das alles schmerzte ihn zutiefst. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als still zu erdulden und sich einstweilen mit den Zofen zu vergnügen, um sich die Schwermut zu vertreiben. Immerhin blieb er so von den Vorwürfen Aufrecht Kaufmanns verschont, der ihn sonst zum Bücherlesen gedrängt hätte. | ||
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| + | In diesen hundert Tagen hätte es nur noch gefehlt, dass er den Hof der Roten Freude in Schutt und Asche legte — er trieb es mit den Mädchen derart zügellos, dass er alle nur erdenklichen Torheiten und Streiche beging. Doch davon brauchen wir hier nicht im Einzelnen zu berichten. | ||
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| + | Erzählen wir nun von Duftkastanie. Nachdem sie Schatzjade an jenem Tag so scharf zurechtgewiesen hatte, sagte sie sich im Stillen, Schatzjade habe ihr absichtlich zu nahe treten wollen. »Kein Wunder, dass unser Fräulein Schatzspange [薛宝钗] es nicht wagt, ihm nahe zu kommen — ich bin Fräulein Schatzspange bei Weitem nicht gewachsen! Kein Wunder auch, dass Fräulein Kajaljade ständig mit ihm streitet und bitterlich weint — gewiss hat er auch sie des Öfteren vor den Kopf gestoßen. Von nun an werde ich ihm lieber aus dem Weg gehen.« Und so kam sie fortan nicht einmal mehr leichtfertig in den Garten der Großen Anschauung. | ||
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| + | Tag für Tag war sie mit Vorbereitungen beschäftigt. Nachdem Becken Schnee geheiratet hatte, sagte sie sich, nun habe sie gewissermaßen einen Schutzschild gewonnen: Ein Teil der Verantwortung würde von ihren Schultern genommen, und es würde insgesamt friedlicher zugehen. Außerdem hatte sie gehört, die neue Herrin sei eine begabte und schöne Frau, von feiner Art und friedfertigem Wesen. Daher sehnte sie den Tag der Ankunft der Braut noch zehnmal ungeduldiger herbei als Becken Schnee selbst. Und als die Hochzeit endlich stattgefunden hatte und die Braut ins Haus gekommen war, bediente Duftkastanie sie mit allergrößter Sorgfalt und Aufmerksamkeit. | ||
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| + | Was nun diese junge Frau Xia betraf: Sie war in diesem Jahr gerade siebzehn Jahre alt, durchaus von ansehnlichem Äußeren und konnte auch einige Schriftzeichen lesen und schreiben. Was freilich ihre Gerissenheit und Berechnung anging, stand sie der Phönixglanz [王熙凤] kaum nach. Nur hatte sie einen entscheidenden Nachteil: Ihr Vater war früh gestorben, und sie hatte keine leiblichen Brüder. Ihre verwitwete Mutter lebte allein mit dieser Tochter, die sie verhätschelte und verwöhnte, als wäre sie ein kostbarer Schatz. Was die Tochter auch tat, die Mutter gab in allem nach. Durch diese maßlose Verwöhnung hatte sich in ihr ein Charakter wie der des Räubers Zhi [盗跖, Anm.: berüchtigter Räuber des Altertums, Inbegriff von Rücksichtslosigkeit] herausgebildet: Sich selbst erhob sie wie einen Bodhisattva auf den Altar, andere betrachtete sie als Dreck unter ihren Füßen. Nach außen hin besaß sie die Anmut von Blumen und Weiden, im Innern jedoch barg sie die Wildheit von Sturm und Donner. Schon zu Hause hatte sie die Zofen ständig herumkommandiert, leichtfertig beschimpft und mit schwerer Hand geschlagen. | ||
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| + | Nun, da sie geheiratet hatte, wollte sie als Herrin des Hauses auftreten. Die Zeiten der mädchenhaften Zurückhaltung und Sanftmut waren vorbei — jetzt musste sie ihre Autorität unter Beweis stellen, um die Untergebenen in Schach zu halten. Außerdem sah sie, dass Becken Schnee von hartem Naturell und hochmütigem Gebaren war — wenn sie ihn nicht gleich zu Anfang, solange das Eisen noch heiß war, weichkochte, würde sie sich später nicht mehr gegen ihn behaupten können. Und als sie dann noch sah, dass mit Duftkastanie eine ebenso begabte wie schöne Nebenfrau im Hause lebte, fasste sie den Entschluss, es dem Song-Gründer Taizu gleichzutun, der das Südliche Tang vernichtet hatte <ref>Anspielung auf Kaiser Taizu der Song-Dynastie, der das Südliche Tang-Reich besiegte</ref>: »Auf dem eigenen Lager darf niemand sonst ruhig schlafen!« | ||
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| + | Da ihre Familie den Beinamen »Duftblüten-Xia« trug, hatte man ihr den Kindernamen Jin Gui [金桂, »Goldene Osmanthusblüte«] gegeben. Zu Hause hatte sie es allen verboten, die Zeichen »Jin« und »Gui« in den Mund zu nehmen, und wer in einem unbedachten Moment auch nur eines der beiden Zeichen aussprach, den ließ sie gnadenlos bestrafen. Da sie jedoch einsah, dass man die Zeichen für »Osmanthusblüte« nicht gänzlich verbieten konnte, musste ein anderer Name her. Und da es vom Osmanthus die Sage gibt, er wachse im Kaltpalast der Mondgöttin Chang'e [广寒嫦娥], benannte sie die Osmanthusblüte kurzerhand in »Chang'e-Blume« um — womit sie zugleich ihren eigenen erhabenen Stand andeuten wollte. | ||
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| + | Becken Schnee war von jeher ein Mensch, der das Neue liebte und das Alte wegwarf. Zudem hatte er zwar Mut unter dem Einfluss von Wein, doch fehlte ihm die Ausdauer nüchternen Durchhaltens. Nun, da er eine solche Ehefrau bekommen hatte, befand er sich noch im Rausch des Neuen und gab in allem nach. Als Jin Gui sah, wie die Dinge lagen, wurde sie Schritt für Schritt dreister. Im ersten Monat hielten sich beide noch die Waage; nach dem zweiten Monat jedoch sank Becken Schnees Selbstbehauptung merklich. | ||
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| + | Eines Tages, nachdem Becken Schnee getrunken hatte, wollte er irgendetwas unternehmen und besprach sich zuvor mit Jin Gui. Jin Gui aber verweigerte sich rundweg. Becken Schnee konnte sich nicht beherrschen und sagte einige unwirsche Worte, dann ging er schmollend seiner Wege. Jin Gui geriet darüber in eine solche Wut, dass sie heulte wie eine Betrunkene, weder Tee noch Suppe anrührte und sich krank stellte. Als ein Arzt gerufen wurde, erklärte dieser: »Blut und Qi sind in Aufruhr geraten, sie muss brusterweiternde und Qi-beruhigende Medizin einnehmen.« | ||
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| + | Tante Schnee [薛姨妈] war so erzürnt, dass sie Becken Schnee eine Standpauke hielt: »Jetzt hast du geheiratet und solltest bald einen Sohn auf dem Arm haben, und trotzdem benimmst du dich so! Die Leute haben wie ein Phönixenei diese einzige Tochter aufgezogen, zarter als ein Blümchen, und weil sie dich für einen anständigen Menschen hielten, haben sie dir ihre Tochter zur Frau gegeben. Anstatt dich zu besinnen und ein ordentliches, friedliches Leben zu führen, musst du dich volllaufen lassen und sie quälen. Und jetzt kosten Arzt und Medizin wieder Geld — alles umsonst!« | ||
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| + | Von dieser Predigt überkam Becken Schnee tiefe Reue, und er ging zu Jin Gui, um sie zu trösten. Jin Gui aber sah, dass ihre Schwiegermutter den Ehemann so gescholten hatte, und wurde erst recht übermütig. Sie ließ es sich in ihrer Empörung erst recht angelegen sein, sich zu zieren und Becken Schnee links liegenzulassen. Becken Schnee wusste sich keinen Rat mehr und machte sich nur noch selbst Vorwürfe. Erst nach zehn Tagen oder zwei Wochen gelang es ihm mühsam, Jin Gui umzustimmen. Von nun an verdoppelte er seine Vorsicht, und sein Selbstbewusstsein sank noch weiter. | ||
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| + | Als Jin Gui sah, dass die Fahne ihres Mannes immer tiefer sank und die Schwiegermutter gutmütig war, begann sie schrittweise, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Anfangs beherrschte sie nur Becken Schnee, dann griff sie, gestützt auf ihren Liebreiz, nach Tante Schnee und schließlich auch nach Schatzspange [薛宝钗]. Schatzspange hatte ihre Ränke längst durchschaut und parierte sie bei jeder Gelegenheit geschickt mit Worten, um ihre Ambitionen im Keim zu ersticken. Jin Gui erkannte, dass sie gegen Schatzspange nicht ankam, und so oft sie auch nach einer Schwachstelle suchte, fand sie keine. Da blieb ihr nichts anderes übrig, als sich geschmeidig anzupassen und sich vorläufig zu fügen. | ||
| + | |||
| + | Eines Tages, als Jin Gui nichts zu tun hatte, plauderte sie mit Duftkastanie und erkundigte sich nach deren Heimat und Eltern. Duftkastanie antwortete, sie habe alles vergessen. Das missfiel Jin Gui, die ihr vorwarf, sie wolle sie absichtlich belügen. Dann fragte sie, wer ihr eigentlich den Namen »Duftkastanie« [香菱, wörtlich: »Duftende Wassernuss«] gegeben habe. Duftkastanie antwortete: »Das Fräulein [Schatzspange] hat ihn mir gegeben.« | ||
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| + | Jin Gui sagte mit kühlem Lächeln: »Alle sagen, das Fräulein sei so gebildet, aber allein schon dieser Name ist ein Unsinn.« | ||
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| + | Duftkastanie erwiderte hastig lachend: »Ach, die gnädige Frau weiß es nicht! Die Gelehrsamkeit unseres Fräuleins wird sogar vom Herrn Onkel [Aufrecht Kaufmann] immer wieder gelobt!« | ||
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| + | Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel. | ||
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| − | + | <small>Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small> | |
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| − | + | <references /> | |
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Latest revision as of 19:36, 28 April 2026
| 中文原文 (程甲本 1982) | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
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話說寶玉祭完了晴雯,只聽花影中有人聲,倒唬了一跳。走出來細看,不是別人,卻是林黛玉,滿面含笑,口內說道:「好新奇的祭文!可與曹娥碑並傳的了。」 寶玉聽了,不覺紅了臉,笑答道:「我想著世上這些祭文都蹈於熟濫了,所以改個新樣,原不過是我一時的頑意,誰知又被你聽見了。有什麼大使不得的,何不改削改削。」黛玉道:「原稿在那裡?倒要細細一讀。長篇大論,不知說的是什麼,只聽見中間兩句,什麼‘紅綃帳裡,公子多情,黃土壟中,女兒薄命。’這一聯意思卻好,只是‘紅綃帳裡’未免熟濫些。放著現成真事,為什麼不用?」寶玉忙問:「什麼現成的真事?」黛玉笑道:「咱們如今都系霞影紗糊的窗槅,何不說‘茜紗窗下,公子多情’呢?」寶玉聽了,不禁跌足笑道:「好極,是極!到底是你想的出,說的出。可知天下古今現成的好景妙事盡多,只是愚人蠢子說不出想不出罷了。但只一件:雖然這一改新妙之極,但你居此則可,在我實不敢當。」說著,又接連說了一二十句「不敢」。黛玉笑道:「何妨。我的窗即可為你之窗,何必分晰得如此生疏。古人異姓陌路,尚然同肥馬,衣輕裘,敝之而無憾,何況咱們。」寶玉笑道:「論交之道,不在肥馬輕裘,即黃金白璧,亦不當錙銖較量。倒是這唐突閨閣,萬萬使不得的。如今我越性將『公子』『女兒』改去,竟算是你誄他的倒妙。況且素日你又待他甚厚,故今寧可棄此一篇大文,萬不可棄此『茜紗』新句。竟莫若改作『茜紗窗下,小姐多情,黃土壟中,丫鬟薄命。』如此一改,雖於我無涉,我也是愜懷的。」黛玉笑道:「他又不是我的丫頭,何用作此語。況且小姐丫鬟亦不典雅,等我的紫鵑死了,我再如此說,還不算遲。」寶玉聽了,忙笑道:「這是何苦又咒他。」黛玉笑道:「是你要咒的,並不是我說的。」寶玉道:「我又有了,這一改可妥當了。莫若說:『茜紗窗下,我本無緣;黃土壟中,卿何薄命。』」黛玉聽了,忡然變色,心中雖有無限的狐疑亂擬,外面卻不肯露出,反連忙含笑點頭稱妙,說:「果然改的好。再不必亂改了,快去幹正經事罷。才剛太太打發人叫你明兒一早快過大舅母那邊去。你二姐姐已有人家求准了,想是明兒那家人來拜允,所以叫你們過去呢。」寶玉拍手道:「何必如此忙?我身上也不大好,明兒還未必能去呢。」黛玉道:「又來了,我勸你把脾氣改改罷。一年大二年小,……」一面說話,一面咳嗽起來。寶玉忙道:「這裡風冷,咱們只顧呆站在這裡,快回去罷。」黛玉道:「我也家去歇息了,明兒再見罷。」說著,便自取路去了。寶玉只得悶悶的轉步,又忽想起來黛玉無人隨伴,忙命小丫頭子跟了送回去。自己到了怡紅院中,果有王夫人打發老嬤嬤來,吩咐他明日一早過賈赦那邊去,與方纔黛玉之言相對。 原來賈赦已將迎春許與孫家了。這孫家乃是大同府人氏,祖上系軍官出身,乃當日寧榮府中之門生,算來亦系世交。如今孫家只有一人在京,現襲指揮之職,此人名喚孫紹祖,生得相貌魁梧,體格健壯,弓馬嫻熟,應酬權變,年紀未滿三十,且又家資饒富,現在兵部候缺題升。因未有室,賈赦見是世交之孫,且人品家當都相稱合,遂青目擇為東床嬌婿。亦曾回明賈母。賈母心中卻不十分稱意,想來攔阻亦恐不聽,兒女之事自有天意前因,況且他是親父主張,何必出頭多事,為此只說「知道了」三字,餘不多及。賈政又深惡孫家,雖是世交,當年不過是彼祖希慕榮寧之勢,有不能了結之事才拜在門下的,並非詩禮名族之裔,因此倒勸諫過兩次,無奈賈赦不聽,也只得罷了。 寶玉卻從未會過這孫紹祖一面的,次日只得過去聊以塞責。只聽見說娶親的日子甚急,不過今年就要過門的,又見邢夫人等回了賈母將迎春接出大觀園去等事,越發掃去了興頭,每日痴痴呆呆的,不知作何消遣。又聽得說陪四個丫頭過去,更又跌足自嘆道:「從今後這世上又少了五個清潔人了。」因此天天到紫菱洲一帶地方徘徊瞻顧,見其軒窗寂寞,屏帳翛然,不過有幾個該班上夜的老嫗。再看那岸上的蓼花葦葉,池內的翠荇香菱,也都覺搖搖落落,似有追憶故人之態,迥非素常逞妍鬥色之可比。既領略得如此寥落凄慘之景,是以情不自禁,乃信口吟成一歌曰: 池塘一夜秋風冷,吹散芰荷紅玉影。 蓼花菱葉不勝愁,重露繁霜壓纖梗。 不聞永晝敲棋聲,燕泥點點污棋枰。 古人惜別憐朋友,況我今當手足情! 寶玉方纔吟罷,忽聞背後有人笑道:「你又發什麼呆呢?」寶玉回頭忙看是誰,原來是香菱。寶玉便轉身笑問道:「我的姐姐,你這會子跑到這裡來做什麼?許多日子也不進來逛逛。」香菱拍手笑嘻嘻的說道:「我何曾不來。如今你哥哥回來了,那裡比先時自由自在的了。才剛我們奶奶使人找你鳳姐姐的,竟沒找著,說往園子裡來了。我聽見了這信,我就討了這件差進來找他。遇見他的丫頭,說在稻香村呢。如今我往稻香村去,誰知又遇見了你。我且問你,襲人姐姐這幾日可好?怎麼忽然把個晴雯姐姐也沒了,到底是什麼病?二姑娘搬出去的好快,你瞧瞧這地方好空落落的。」寶玉應之不迭,又讓他同到怡紅院去吃茶。香菱道:「此刻竟不能,等找著璉二奶奶,說完了正經事再來。」寶玉道:「什麼正經事這麼忙?」香菱道:「為你哥哥娶嫂子的事,所以要緊。」寶玉道:「正是。說的到底是那一家的?只聽見吵嚷了這半年,今兒又說張家的好,明兒又要李家的,後兒又議論王家的。這些人家的女兒他也不知道造了什麼罪了,叫人家好端端議論。」香菱道:「這如今定了,可以不用搬扯別家了。」寶玉忙問:「定了誰家的?」香菱道:「因你哥哥上次出門貿易時,在順路到了個親戚家去。這門親原是老親,且又和我們是同在戶部掛名行商,也是數一數二的大門戶。前日說起來,你們兩府都也知道的。合長安城中,上至王侯,下至買賣人,都稱他家是‘桂花夏家’。」寶玉笑問道:「如何又稱為‘桂花夏家’?」香菱道:「他家本姓夏,非常的富貴。其餘田地不用說,單有幾十頃地獨種桂花,凡這長安城裡城外桂花局俱是他家的,連宮裡一應陳設盆景亦是他家貢奉,因此才有這個渾號。如今太爺也沒了,只有老奶奶帶著一個親生的姑娘過活,也並沒有哥兒兄弟,可惜他竟一門盡絕了。」寶玉忙道:「咱們也別管他絕後不絕後,只是這姑娘可好?你們大爺怎麼就中意了?」香菱笑道:「一則是天緣,二則是‘情人眼裡出西施’。當年又是通家來往,從小兒都一處廝混過。敘起親是姑舅兄妹,又沒嫌疑。雖離開了這幾年,前兒一到他家,夏奶奶又是沒兒子的,一見了你哥哥出落的這樣,又是哭,又是笑,竟比見了兒子的還勝。又令他兄妹相見,誰知這姑娘出落得花朵似的了,在家裡也讀書寫字,所以你哥哥當時就一心看準了。連當鋪裡老朝奉伙計們一群人蹧擾了人家三四日,他們還留多住幾日,好容易苦辭才放回家。你哥哥一進門,就咕咕唧唧求我們奶奶去求親。我們奶奶原也是見過這姑娘的,且又門當戶對,也就依了。和這裡姨太太鳳姑娘商議了,打發人去一說就成了。只是娶的日子太急,所以我們忙亂的很。我也巴不得早些過來,又添一個作詩的人了。」寶玉冷笑道:「雖如此說,但只我聽這話不知怎麼倒替你耽心慮後呢。」香菱聽了,不覺紅了臉,正色道:「這是什麼話!素日咱們都是廝抬廝敬的,今日忽然提起這些事來,是什麼意思!怪不得人人都說你是個親近不得的人。」一面說,一面轉身走了。 寶玉見他這樣,便悵然如有所失,呆呆的站了半天,思前想後,不覺滴下淚來,只得沒精打彩,還入怡紅院來。一夜不曾安穩,睡夢之中猶喚晴雯,或魘魔驚怖,種種不寧。次日便懶進飲食,身體作熱。此皆近日抄檢大觀園、逐司棋、別迎春、悲晴雯等羞辱驚恐悲凄之所致,兼以風寒外感,故釀成一疾,卧床不起。賈母聽得如此,天天親來看視。王夫人心中自悔不合因晴雯過於逼責了他。心中雖如此,臉上卻不露出。只吩咐眾奶娘等好生伏侍看守,一日兩次帶進醫生來診脈下藥。一月之後,方纔漸漸的痊愈。賈母命好生保養,過百日方許動葷腥油麵等物,方可出門行走。這一百日內,連院門前皆不許到,只在房中頑笑。四五十日後,就把他拘約的火星亂迸,那裡忍耐得住。雖百般設法,無奈賈母王夫人執意不從,也只得罷了。因此和那些丫鬟們無所不至,恣意耍笑作戲。又聽得薛蟠擺酒唱戲,熱鬧非常,已娶親入門,聞得這夏家小姐十分俊俏,也略通文翰,寶玉恨不得就過去一見才好。再過些時,又聞得迎春出了閣。寶玉思及當時姊妹們一處,耳鬢廝磨,從今一別,縱得相逢,也必不似先前那等親密了。眼前又不能去一望,真令人凄惶迫切之至。少不得潛心忍耐,暫同這些丫鬟們廝鬧釋悶,幸免賈政責備逼迫讀書之難。這百日內,只不曾拆毀了怡紅院,和這些丫頭們無法無天,凡世上所無之事,都頑耍出來。如今且不消細說。 且說香菱自那日搶白了寶玉之後,心中自為寶玉有意唐突他,「怨不得我們寶姑娘不敢親近,可見我不如寶姑娘遠矣;怨不得林姑娘時常和他角口氣的痛哭,自然唐突他也是有的了。從此倒要遠避他才好。」 因此,以後連大觀園也不輕易進來。日日忙亂著,薛蟠娶過親,自為得了護身符,自己身上分去責任,到底比這樣安寧些;二則又聞得是個有才有貌的佳人,自然是典雅和平的:因此他心中盼過門的日子比薛蟠還急十倍。好容易盼得一日娶過了門,他便十分殷勤小心伏侍。 原來這夏家小姐今年方十七歲,生得亦頗有姿色,亦頗識得幾個字。若論心中的邱壑經緯,頗步熙鳳之後塵。只吃虧了一件,從小時父親去世的早,又無同胞弟兄,寡母獨守此女,嬌養溺愛,不啻珍寶,凡女兒一舉一動,彼母皆百依百隨,因此未免嬌養太過,竟釀成個盜跖的性氣。愛自己尊若菩薩,窺他人穢如糞土;外具花柳之姿,內秉風雷之性。在家中時常就和丫鬟們使性弄氣,輕罵重打的。今日出了閣,自為要作當家的奶奶,比不得作女兒時靦腆溫柔,須要拿出這威風來,才鈐壓得住人;況且見薛蟠氣質剛硬,舉止驕奢,若不趁熱竈一氣炮製熟爛,將來必不能自豎旗幟矣;又見有香菱這等一個才貌俱全的愛妾在室,越發添了「宋太祖滅南唐」之意,「卧榻之側豈容他人酣睡」之心。因他家多桂花,他小名就喚做金桂。他在家時不許人口中帶出金桂二字來,凡有不留心誤道一字者,他便定要苦打重罰才罷。他因想桂花二字是禁止不住的,須另換一名,因想桂花曾有廣寒嫦娥之說,便將桂花改為嫦娥花,又寓自己身分如此。 薛蟠本是個憐新棄舊的人,且是有酒膽無飯力的,如今得了這樣一個妻子,正在新鮮興頭上,凡事未免盡讓他些。那夏金桂見了這般形景,便也試著一步緊似一步。一月之中,二人氣概還都相平;至兩月之後,便覺薛蟠的氣概漸次低矮了下去。一日薛蟠酒後,不知要行何事,先與金桂商議,金桂執意不從。薛蟠忍不住便發了幾句話,賭氣自行了,這金桂便氣的哭如醉人一般,茶湯不進,裝起病來。請醫療治,醫生又說「氣血相逆,當進寬胸順氣之劑。」薛姨娘恨的罵了薛蟠一頓,說:「如今娶了親,眼前抱兒子了,還是這樣胡鬧。人家鳳凰蛋似的,好容易養了一個女兒,比花朵兒還輕巧,原看的你是個人物,才給你作老婆。你不說收了心安分守己,一心一計和和氣氣的過日子,還是這樣胡鬧,撞嗓了黃湯,折磨人家。這會子花錢吃藥白遭心。」一席話說的薛蟠後悔不迭,反來安慰金桂。金桂見婆婆如此說丈夫,越發得了意,便裝出些張致來,總不理薛蟠。薛蟠沒了主意,惟自怨而已,好容易十天半月之後,才漸漸的哄轉過金桂的心來,自此便加一倍小心,不免氣概又矮了半截下來。那金桂見丈夫旗纛漸倒,婆婆良善,也就漸漸的持戈試馬起來。先時不過挾制薛蟠,後來倚嬌作媚,將及薛姨媽,又將至薛寶釵。寶釵久察其不軌之心,每隨機應變,暗以言語彈壓其志。金桂知其不可犯,每欲尋隙,又無隙可乘,只得曲意附就。一日金桂無事,因和香菱閑談,問香菱家鄉父母。香菱皆答忘記,金桂便不悅,說有意欺瞞了他。回問他「香菱」二字是誰起的名字,香菱便答:「姑娘起的。」金桂冷笑道:「人人都說姑娘通,只這一個名字就不通。」香菱忙笑道:「噯喲,奶奶不知道,我們姑娘的學問連我們姨老爺時常還誇呢。」欲明後事,且見下回。 |
Neunundsiebzigstes Kapitel Kajaljade verbessert Schatzjades Trauerode — Willkommensfrühling wird versehentlich an einen Wolf aus Zhongshan[1] verheiratet Es wird erzählt, dass Schatzjade [贾宝玉] gerade die Totenklage für Heitermuster [晴雯] beendet hatte, als er zwischen den Blumenstauden eine Stimme hörte, die ihn zusammenfahren ließ. Er trat hervor und schaute genau hin — es war niemand anders als Kajaljade [林黛玉], die über das ganze Gesicht lächelte und sagte: »Was für ein wunderbar neuartiger Opfertext! Er verdient es, gemeinsam mit der Inschrift auf dem Grabstein der Cao E [2] überliefert zu werden.« Unwillkürlich errötete Schatzjade, als er das hörte, und antwortete lachend: »Ich hatte mir überlegt, dass all die Opfertexte auf dieser Welt nur noch abgedroschene Klischees sind, und habe deshalb eine neue Form gewählt. Das war freilich nur eine Spielerei für den Augenblick, und ich konnte nicht ahnen, dass du zuhören würdest. Wenn etwas daran absolut nicht geht, warum änderst du es nicht?« Kajaljade sagte: »Wo ist dein Manuskript? Ich muss es mir einmal sorgfältig durchlesen. Von dem ganzen langen Sermon habe ich nicht viel verstanden, nur zwei Sätze in der Mitte aufgeschnappt, irgendetwas von 'Hinter roten Seidenvorhängen, ein Herrensohn voller Liebe; unter dem Hügel aus gelber Erde, ein Mädchen vom Schicksal geschlagen.' Dieser Parallelsatz hat zwar einen guten Sinn, aber die 'roten Seidenvorhänge' sind doch ziemlich abgedroschen. Dabei liegt ein gebrauchsfertiges Bild aus der Wirklichkeit vor der Nase. Warum hast du das nicht verwendet?« Schatzjade fragte hastig: »Was für ein gebrauchsfertiges Bild?« Kajaljade erwiderte lachend: »Ist nicht bei uns das Gitterwerk der Fenster mit rosiger Gaze [3] bespannt? Warum sagst du nicht: 'Am rosigen Gazefenster, ein Herrensohn voller Liebe'?« Als Schatzjade das hörte, stampfte er unwillkürlich vor Begeisterung mit dem Fuß auf und rief lachend: »Ausgezeichnet! Nur zu treffend! Nur du kannst auf so etwas kommen und es so sagen! Man sieht, dass es überall auf der Welt und zu allen Zeiten von gebrauchsfertigen schönen Bildern und wunderbaren Szenen nur so wimmelt — nur die Narren und Dummköpfe können sie nicht erdenken und nicht aussprechen. Allerdings ist da noch eines: Obwohl diese Änderung außerordentlich neuartig und schön ist, kannst zwar du dieses Bild für dich beanspruchen, ich aber bin dessen keineswegs würdig.« Und im gleichen Atemzug wiederholte er zwanzig- oder dreißigmal »Nicht würdig!« Kajaljade erwiderte lachend: »Was macht das schon! Mein Fenster kann auch dein Fenster sein, warum willst du das so streng auseinanderhalten? Im Altertum teilten selbst Fremde wohlgenährte Pferde und feine Pelze [4] miteinander, ohne es zu bedauern, wenn sie dadurch abgenutzt wurden. Um wieviel mehr muss das für uns gelten!« Schatzjade erwiderte lachend: »Was zählen schon Pferde und Pelze, wenn es um den Umgang mit Freunden geht? Selbst Gold und weißer Jade fallen da nicht ins Gewicht. Aber so respektlos mit einem Mädchenzimmer zu verfahren, das geht auf gar keinen Fall. Am besten ändere ich einfach den 'Herrensohn' und das 'Mädchen', dann wird es ganz zu deiner Totenklage für sie. Zumal du im Alltag immer sehr gut zu ihr warst. Lieber gebe ich den ganzen langen Text weg, als dass ich auf den neuen Ausdruck mit der 'rosigen Gaze' verzichte. Am besten ändern wir es so: 'Am rosigen Gazefenster, ein Fräulein voller Liebe; unter dem Hügel aus gelber Erde, eine Magd vom Schicksal geschlagen.' So hat es zwar nichts mehr mit mir zu tun, aber ich bin trotzdem vollauf zufrieden.« Kajaljade erwiderte lachend: »Sie war schließlich nicht meine Magd, wozu also soll ich so etwas sagen? Außerdem sind 'Fräulein' und 'Magd' auch keine besonders feinen Ausdrücke. Warte also, bis mein Purpurkuckuck [紫鹃] stirbt, dann ist es immer noch früh genug, den Satz so zu verwenden.« Als Schatzjade das hörte, sagte er rasch lachend: »Warum musst du sie denn beschreien?« Kajaljade erwiderte lachend: »Du hast mit dem Beschreien angefangen, nicht ich.« Schatzjade sagte: »Jetzt hab ich's! So wird es genau richtig. Am besten sagen wir: 'Am rosigen Gazefenster — ich bin dir nicht bestimmt; unter dem Hügel aus gelber Erde — warum warst du so vom Schicksal geschlagen?'« Als Kajaljade das hörte, wurde sie bleich vor plötzlichem Kummer, und obwohl tausend Ängste und Zweifel ihr Herz befielen, wollte sie sich das nicht anmerken lassen. Stattdessen nickte sie rasch mit lächelndem Gesicht und sagte beifällig: »So ist es wirklich gut geändert. Aber nun musst du nicht weiter daran herumändern. Beschäftige dich lieber mit etwas Ordentlichem. Eben hat die gnädige Frau [王夫人] jemanden geschickt, um dir auszurichten, du sollst morgen in aller Frühe zu deiner großen Tante [邢夫人] hinübergehen. Für deine zweite Schwester [迎春] ist ein Bewerber gefunden und angenommen worden, und morgen kommt wohl jemand aus der Familie des Bräutigams, um den Verlobungsbesuch zu machen. Darum sollt ihr alle hinübergehen.« Schatzjade schlug die Hände zusammen und sagte: »Warum diese Eile? Mir geht es auch nicht besonders gut, wer weiß, ob ich morgen überhaupt hinübergehen kann.« Kajaljade sagte: »Da fängst du wieder an! Ich rate dir, zügele endlich dein Temperament. Du wirst schließlich von Jahr zu Jahr älter ...« Während sie noch sprach, überkam sie ein Hustenanfall. Schatzjade sagte eilig: »Hier ist es kühl und zugig, und wir stehen schon die ganze Zeit hier herum. Lass uns schnell nach Hause gehen!« Kajaljade sagte: »Ich gehe auch heim und lege mich zur Ruhe. Wir sehen uns morgen.« Damit machte sie sich auf den Weg. Schatzjade wandte sich lustlos zum Gehen, doch plötzlich fiel ihm ein, dass Kajaljade ohne Begleitung war. Rasch befahl er einem kleinen Mädchen, ihr zu folgen und sie nach Hause zu bringen. Er selbst kehrte zum Hof der Roten Freude [怡红院] zurück, wo tatsächlich eine alte Amme wartete, die Dame König geschickt hatte, um ihm zu bestellen, er solle morgen in aller Frühe zu Begnadigung Kaufmann [贾赦] hinübergehen — ganz wie Kajaljade es eben gesagt hatte. Begnadigung Kaufmann hatte Willkommensfrühling [迎春] nämlich bereits einem Mann namens Sun verlobt. Diese Familie Sun stammte aus der Präfektur Datong [大同], ihre Vorfahren waren Militärbeamte gewesen und hatten einst als Klienten unter dem Schutz der Ning- und des Prunkwille-Anwesens gestanden, so dass man sie durchaus als altbefreundete Familie bezeichnen konnte. Derzeit lebte nur ein einziger Sun in der Hauptstadt, der den erblichen Rang eines Kommandeurs innehatte. Er hieß Sun Shaozu [孙绍祖], war von stattlicher Gestalt und kräftigem Körperbau, geübt in Bogenschießen und Reitkunst, gewandt im gesellschaftlichen Umgang und geschickt im Taktieren, noch keine dreißig Jahre alt, dazu von beträchtlichem Vermögen, und wartete beim Kriegsministerium auf eine freie Stelle zur Beförderung. Da er noch unverheiratet war und Begnadigung Kaufmann ihn als Enkel einer altbefreundeten Familie betrachtete, dessen Charakter und Vermögensverhältnisse zueinander passten, hatte er ihn wohlwollend als Schwiegersohn auserkoren. Auch der Herzoginmutter [贾母] hatte er davon berichtet. Doch die Herzoginmutter war im Herzen nicht sonderlich zufrieden. Sie überlegte jedoch, dass ihr Einspruch wohl kaum Gehör finden würde, dass Ehen eine Sache des Himmels und des Schicksals seien, und dass überdies der leibliche Vater die Entscheidung traf — wozu also sollte sie sich unnötig einmischen? So sagte sie nur knapp: »Gut, ich weiß Bescheid« und ließ es dabei bewenden. Aufrecht Kaufmann [贾政] war die Familie Sun trotz der alten Beziehungen zutiefst zuwider. Denn jener Vorfahre der Suns hatte sich seinerzeit nur deshalb unter den Schutz der Rong- und Ning-Familien gestellt, weil er von deren Macht und Einfluss hatte profitieren wollen, um ein sonst unlösbares Problem zu bereinigen — keineswegs stammten die Suns aus einer berühmten Literatenfamilie. Deshalb hatte Aufrecht Kaufmann zweimal dagegen Einwände erhoben, doch als Begnadigung Kaufmann nicht auf ihn hören wollte, musste er es hinnehmen. Schatzjade hatte diesen Sun Shaozu noch nie von Angesicht gesehen, musste aber notgedrungen am nächsten Tag hinübergehen, um der Pflicht Genüge zu tun. Dann erfuhr er, der Hochzeitstermin sei sehr knapp angesetzt, noch in diesem Jahr solle Willkommensfrühling das Haus verlassen. Als er zudem mitbekam, dass Dame Strafe [邢夫人] der Herzoginmutter gemeldet hatte, Willkommensfrühling werde aus dem Garten der Großen Anschauung [大观园] abgeholt, verging ihm erst recht jede Freude. Tag für Tag brütete er stumpfsinnig vor sich hin und wusste nichts mit sich anzufangen. Als er dann auch noch erfuhr, dass vier Zofen Willkommensfrühling in die Ehe begleiten würden, stampfte er abermals mit dem Fuß auf und klagte seufzend: »Wieder fünf reine Menschen weniger auf dieser Welt!« So streifte er Tag für Tag in der Gegend der Insel der Violetten Wassernüsse[5] umher und hielt sehnsüchtig Ausschau. Die Fenster und Vorhänge waren öde und verlassen, nur ein paar alte Frauen, die zum Nachtdienst eingeteilt waren, hielten sich noch dort auf. Auch die Knöterichblüten und Schilfblätter am Ufer, die grünen Seekannen und die duftenden Wassernüsse im Teich schienen ihm welk und schwermütig zu hängen, als trauerten sie um die Verschwundene — wie ganz anders als das gewohnte Bild wettstreitender Farben und Schönheit! Überwältigt von diesem öden und bedrückenden Anblick, konnte Schatzjade seine Gefühle nicht bezwingen und sang unwillkürlich ein Lied vor sich hin: Kalt weht der Herbstwind am nächtlichen Teich, bläst ungerührt alle roten Blüten davon. Knöterich und Wassernüsse ertragen den Kummer kaum, schwerer Tau und dichter Reif drücken die zarten Stängel nieder. Verstummt ist das Klappern der Schachsteine am langen Tag, Schwalbenkot beschmutzt die vergessenen Spielbretter. Schon seit Alters her betrauern die Menschen den Abschied von Freunden — um wieviel mehr leide ich, der ich Geschwister verliere! Kaum hatte Schatzjade zu Ende gesungen, hörte er hinter sich jemanden lachend sagen: »Was trauerst du hier schon wieder vor dich hin?« Als er sich rasch umsah, erkannte er Duftkastanie [香菱]. Er wandte sich um und fragte lachend: »Meine liebe Schwester, was führt dich jetzt hierher? Du warst schon so lange nicht mehr im Garten.« Duftkastanie klatschte in die Hände und sagte fröhlich: »Natürlich wäre ich gerne gekommen! Aber seit dein Vetter [Becken Schnee] zurück ist, bin ich nicht mehr so frei und ungebunden wie zuvor. Eben hatte unsere gnädige Frau [薛姨妈] jemanden geschickt, um deine Kusine Phönixglanz [王熙凤] zu suchen, aber sie war nicht zu finden, und es hieß, sie sei in den Garten gegangen. Als ich das hörte, bat ich darum, diesen Auftrag übernehmen und sie im Garten suchen zu dürfen. Ich traf ihre Zofe, die sagte, sie sei im Reisduftdorf [稻香村]. Gerade bin ich auf dem Weg dorthin, da treffe ich dich hier. Aber sag mir, wie geht es Schwester Dufthauch [袭人] in letzter Zeit? Wie konnte Schwester Heitermuster [晴雯] nur so plötzlich sterben, an welcher Krankheit litt sie eigentlich? Das zweite Fräulein [迎春] ist auch so schnell ausgezogen. Schau nur, wie leer und verlassen es hier aussieht!« Schatzjade konnte nicht schnell genug auf all ihre Fragen antworten und lud sie ein, ihn zum Hof der Roten Freude zu begleiten, um mit ihm Tee zu trinken. Duftkastanie erwiderte: »Im Moment geht das leider nicht. Warte, bis ich die zweite junge Herrin [Phönixglanz] gefunden und meinen Auftrag erledigt habe, dann komme ich.« Schatzjade fragte: »Was ist das für ein Auftrag, dass er so eilig ist?« Duftkastanie antwortete: »Es geht um die Heirat deines Vetters, darum ist es dringend.« Schatzjade sagte: »Richtig! Aus welcher Familie kommt denn nun eigentlich seine Braut? Ich habe nur gehört, wie es ein halbes Jahr lang deswegen hin und her ging. Mal hieß es, die Familie Zhang sei die beste, dann sollte es Familie Li sein, dann wieder wurde über König-Familie verhandelt. Ich weiß gar nicht, was die Töchter all dieser Familien verbrochen haben, dass man so unbekümmert über sie herfällt!« Duftkastanie sagte: »Jetzt ist es endgültig entschieden, da braucht keine weitere Familie mehr durchgehechelt zu werden.« Schatzjade fragte hastig: »Und welche Familie ist es geworden?« Duftkastanie berichtete: »Als dein Vetter letztens auf Geschäftsreise war, hat er nebenher auch Verwandte besucht. Diese Familie ist schon seit langem mit unserer verschwägert, und ebenso wie wir sind sie beim Finanzministerium als Fernhändler eingetragen. Auch sie gehören zu den ganz großen Häusern. Neulich, als davon die Rede war, hieß es, in euren beiden Anwesen kenne man sie ebenfalls. In ganz Chang'an [长安, Anm.: hier als Bezeichnung für die Hauptstadt] nennt sie jedermann vom Fürsten bis zum Krämer nur die 'Duftblüten-Xias'.« Schatzjade fragte lachend: »Warum heißen sie denn 'Duftblüten-Xias'?« Duftkastanie erklärte: »Sie heißen mit Familiennamen Xia [夏] und sind ganz außerordentlich reich. Von ihrem sonstigen Ackerland ganz zu schweigen — sie besitzen mehrere Dutzend Qing [6] reiner Duftblütenplantagen [桂花, Osmanthus]. Alle Osmanthus-Handlungen in Chang'an und Umgebung gehören ihnen, und selbst die Ziergewächse im Kaiserpalast sind Tributgaben von ihnen. So sind sie zu diesem Beinamen gekommen. Der alte Herr ist inzwischen gestorben, und es gibt nur noch die alte Dame, die mit einer leiblichen Tochter lebt. Söhne oder Brüder hat sie keine, und es ist schon bedauerlich, dass die Familie damit aussterben wird.« Schatzjade warf rasch ein: »Was kümmert es uns, ob sie aussterben oder nicht! Taugt denn dieses Mädchen etwas? Und wie kommt es, dass euer junger Herr Gefallen an ihr gefunden hat?« Duftkastanie erwiderte lachend: »Zum einen war es eine Fügung des Himmels, zum anderen heißt es ja: 'In den Augen eines Verliebten wird jedes Mädchen zur Xi Shi [7].' Da die Familien schon seit Generationen miteinander befreundet sind, hatten die beiden als Kinder zusammen gespielt. Dem Verwandtschaftsgrad nach sind sie Vetter und Kusine, da gab es also keinen Grund für Verdächtigungen. Zwar waren sie dann einige Jahre voneinander getrennt, aber als dein Vetter neulich zu Besuch kam und die alte Frau Xia — die, wie gesagt, keinen eigenen Sohn hat — sah, was für ein stattlicher Mann er geworden war, da weinte und lachte sie zugleich und freute sich mehr über ihn als über einen leiblichen Sohn. Sie ließ die beiden sich wiedersehen, und da zeigte sich, dass das Mädchen inzwischen aufgeblüht war wie eine Blume. Auch Lesen und Schreiben hatte sie zu Hause gelernt, und so war dein Vetter auf der Stelle Feuer und Flamme für sie. Mit dem Geschäftsführer und einer ganzen Schar von Gehilfen aus der Pfandleihe hat er sich dort für drei oder vier Tage eingenistet, und obwohl man ihn einlud, noch ein paar Tage länger zu bleiben, drängte er schließlich energisch darauf, nach Hause zurückzukehren. Kaum war er hier zur Tür herein, hat er unserer gnädigen Frau die Ohren vollgejammert, sie solle für ihn um das Mädchen anhalten. Und da unsere gnädige Frau das Mädchen aus eigener Anschauung kannte und die beiden Familien einander ebenbürtig sind, hat sie eingewilligt. Sie beriet sich hier mit der Tante [薛姨妈] und dem Fräulein Phönixglanz [凤姐], dann schickte man Boten zu den Xias, und dort wurde sogleich zugesagt. Nur ist der Termin für die Hochzeit sehr knapp, darum haben wir alle Hände voll zu tun. Aber auch ich kann es kaum erwarten, dass sie ins Haus kommt — dann haben wir ja wieder eine Dichterin mehr!« Schatzjade sagte mit kühlem Lächeln: »Das sagst du so leicht dahin, aber wenn ich das höre, mache ich mir vor allem um dich Sorgen und frage mich, was aus dir werden soll.« Unwillkürlich errötete Duftkastanie und erwiderte mit förmlicher Miene: »Was soll das für eine Rede sein! Wir haben einander stets mit Achtung behandelt, und jetzt fängst du plötzlich mit solchen Dingen an. Was soll das heißen? Kein Wunder, dass alle sagen, man solle sich mit dir nicht zu eng einlassen!« Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und ging davon. Duftkastanies Verhalten machte Schatzjade ganz betroffen, und er fühlte sich, als hätte er etwas verloren. Lange stand er unschlüssig da, überlegte hin und her, und unvermerkt rollten ihm die Tränen über die Wangen. Niedergeschlagen kehrte er zum Hof der Roten Freude zurück. Die ganze Nacht fand er keine Ruhe; im Traum rief er bald nach Heitermuster, bald schreckte er aus Albträumen hoch, und so ging es in einem fort. Am nächsten Tag hatte er keinen Appetit, und sein Körper fühlte sich fiebrig an. All die Demütigungen, Schrecken und Kümmernisse der letzten Tage — die Durchsuchung des Gartens des Großen Anblicks, die Vertreibung von Siqi [司棋], der Abschied von Willkommensfrühling und der Tod von Heitermuster — hatten ihren Tribut gefordert. Hinzu kam eine Erkältung, und so war eine Krankheit daraus entstanden, die ihn ans Bett fesselte. Als die Herzoginmutter davon erfuhr, kam sie Tag für Tag persönlich, um nach ihm zu sehen. Dame König machte sich insgeheim Vorwürfe und fragte sich, ob sie Heitermusters wegen nicht zu hart mit ihm ins Gericht gegangen war. Doch obwohl sie innerlich so empfand, ließ sie sich äußerlich nichts anmerken. Sie ordnete nur an, die alten Ammen sollten gut für ihn sorgen, und zweimal am Tag musste ein Arzt kommen, um ihm den Puls zu fühlen und Medizin zu verschreiben. Erst nach einem ganzen Monat stellte sich allmählich eine Besserung ein. Die Herzoginmutter befahl, er solle sich schonen und dürfe erst nach hundert Tagen wieder Fleisch, Fisch, Fettiges und Nudeln zu sich nehmen und das Haus verlassen. Während dieser hundert Tage durfte er nicht einmal vor das Hoftor treten, sondern konnte nur innerhalb seiner Räume scherzen und spielen. Nach vierzig oder fünfzig Tagen hatte Schatzjade diese Einschränkungen so satt, dass es wie Feuer in ihm loderte und er es kaum noch aushalten konnte. Sosehr er auch versuchte, sich Auswege zu schaffen — die Herzoginmutter und Dame König blieben unbeugsam, und er musste sich fügen. So trieb er es mit den Zofen bunt und planlos, vergnügte sich nach Herzenslust und spielte alle möglichen Streiche. Dann hörte er, dass Becken Schnee [薛蟠] ein Festmahl mit Theateraufführung gab, dass es dort äußerst lebhaft zuging, und dass er bereits geheiratet habe. Es hieß, das Fräulein Xia sei außerordentlich hübsch und beherrsche auch ein wenig die Schriftgelehrsamkeit — Schatzjade hätte sie liebend gerne sofort gesehen. Einige Zeit später erfuhr er, dass Willkommensfrühling das Haus verlassen hatte. Der Gedanke, wie er einst mit seinen Schwestern zusammen gewesen war, so vertraut und einander so nah, und dass sie sich, selbst wenn sie sich je wiedersähen, gewiss nicht mehr so nahe sein würden wie früher — und dass er sie jetzt nicht einmal besuchen konnte — , das alles schmerzte ihn zutiefst. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als still zu erdulden und sich einstweilen mit den Zofen zu vergnügen, um sich die Schwermut zu vertreiben. Immerhin blieb er so von den Vorwürfen Aufrecht Kaufmanns verschont, der ihn sonst zum Bücherlesen gedrängt hätte. In diesen hundert Tagen hätte es nur noch gefehlt, dass er den Hof der Roten Freude in Schutt und Asche legte — er trieb es mit den Mädchen derart zügellos, dass er alle nur erdenklichen Torheiten und Streiche beging. Doch davon brauchen wir hier nicht im Einzelnen zu berichten. Erzählen wir nun von Duftkastanie. Nachdem sie Schatzjade an jenem Tag so scharf zurechtgewiesen hatte, sagte sie sich im Stillen, Schatzjade habe ihr absichtlich zu nahe treten wollen. »Kein Wunder, dass unser Fräulein Schatzspange [薛宝钗] es nicht wagt, ihm nahe zu kommen — ich bin Fräulein Schatzspange bei Weitem nicht gewachsen! Kein Wunder auch, dass Fräulein Kajaljade ständig mit ihm streitet und bitterlich weint — gewiss hat er auch sie des Öfteren vor den Kopf gestoßen. Von nun an werde ich ihm lieber aus dem Weg gehen.« Und so kam sie fortan nicht einmal mehr leichtfertig in den Garten der Großen Anschauung. Tag für Tag war sie mit Vorbereitungen beschäftigt. Nachdem Becken Schnee geheiratet hatte, sagte sie sich, nun habe sie gewissermaßen einen Schutzschild gewonnen: Ein Teil der Verantwortung würde von ihren Schultern genommen, und es würde insgesamt friedlicher zugehen. Außerdem hatte sie gehört, die neue Herrin sei eine begabte und schöne Frau, von feiner Art und friedfertigem Wesen. Daher sehnte sie den Tag der Ankunft der Braut noch zehnmal ungeduldiger herbei als Becken Schnee selbst. Und als die Hochzeit endlich stattgefunden hatte und die Braut ins Haus gekommen war, bediente Duftkastanie sie mit allergrößter Sorgfalt und Aufmerksamkeit. Was nun diese junge Frau Xia betraf: Sie war in diesem Jahr gerade siebzehn Jahre alt, durchaus von ansehnlichem Äußeren und konnte auch einige Schriftzeichen lesen und schreiben. Was freilich ihre Gerissenheit und Berechnung anging, stand sie der Phönixglanz [王熙凤] kaum nach. Nur hatte sie einen entscheidenden Nachteil: Ihr Vater war früh gestorben, und sie hatte keine leiblichen Brüder. Ihre verwitwete Mutter lebte allein mit dieser Tochter, die sie verhätschelte und verwöhnte, als wäre sie ein kostbarer Schatz. Was die Tochter auch tat, die Mutter gab in allem nach. Durch diese maßlose Verwöhnung hatte sich in ihr ein Charakter wie der des Räubers Zhi [盗跖, Anm.: berüchtigter Räuber des Altertums, Inbegriff von Rücksichtslosigkeit] herausgebildet: Sich selbst erhob sie wie einen Bodhisattva auf den Altar, andere betrachtete sie als Dreck unter ihren Füßen. Nach außen hin besaß sie die Anmut von Blumen und Weiden, im Innern jedoch barg sie die Wildheit von Sturm und Donner. Schon zu Hause hatte sie die Zofen ständig herumkommandiert, leichtfertig beschimpft und mit schwerer Hand geschlagen. Nun, da sie geheiratet hatte, wollte sie als Herrin des Hauses auftreten. Die Zeiten der mädchenhaften Zurückhaltung und Sanftmut waren vorbei — jetzt musste sie ihre Autorität unter Beweis stellen, um die Untergebenen in Schach zu halten. Außerdem sah sie, dass Becken Schnee von hartem Naturell und hochmütigem Gebaren war — wenn sie ihn nicht gleich zu Anfang, solange das Eisen noch heiß war, weichkochte, würde sie sich später nicht mehr gegen ihn behaupten können. Und als sie dann noch sah, dass mit Duftkastanie eine ebenso begabte wie schöne Nebenfrau im Hause lebte, fasste sie den Entschluss, es dem Song-Gründer Taizu gleichzutun, der das Südliche Tang vernichtet hatte [8]: »Auf dem eigenen Lager darf niemand sonst ruhig schlafen!« Da ihre Familie den Beinamen »Duftblüten-Xia« trug, hatte man ihr den Kindernamen Jin Gui [金桂, »Goldene Osmanthusblüte«] gegeben. Zu Hause hatte sie es allen verboten, die Zeichen »Jin« und »Gui« in den Mund zu nehmen, und wer in einem unbedachten Moment auch nur eines der beiden Zeichen aussprach, den ließ sie gnadenlos bestrafen. Da sie jedoch einsah, dass man die Zeichen für »Osmanthusblüte« nicht gänzlich verbieten konnte, musste ein anderer Name her. Und da es vom Osmanthus die Sage gibt, er wachse im Kaltpalast der Mondgöttin Chang'e [广寒嫦娥], benannte sie die Osmanthusblüte kurzerhand in »Chang'e-Blume« um — womit sie zugleich ihren eigenen erhabenen Stand andeuten wollte. Becken Schnee war von jeher ein Mensch, der das Neue liebte und das Alte wegwarf. Zudem hatte er zwar Mut unter dem Einfluss von Wein, doch fehlte ihm die Ausdauer nüchternen Durchhaltens. Nun, da er eine solche Ehefrau bekommen hatte, befand er sich noch im Rausch des Neuen und gab in allem nach. Als Jin Gui sah, wie die Dinge lagen, wurde sie Schritt für Schritt dreister. Im ersten Monat hielten sich beide noch die Waage; nach dem zweiten Monat jedoch sank Becken Schnees Selbstbehauptung merklich. Eines Tages, nachdem Becken Schnee getrunken hatte, wollte er irgendetwas unternehmen und besprach sich zuvor mit Jin Gui. Jin Gui aber verweigerte sich rundweg. Becken Schnee konnte sich nicht beherrschen und sagte einige unwirsche Worte, dann ging er schmollend seiner Wege. Jin Gui geriet darüber in eine solche Wut, dass sie heulte wie eine Betrunkene, weder Tee noch Suppe anrührte und sich krank stellte. Als ein Arzt gerufen wurde, erklärte dieser: »Blut und Qi sind in Aufruhr geraten, sie muss brusterweiternde und Qi-beruhigende Medizin einnehmen.« Tante Schnee [薛姨妈] war so erzürnt, dass sie Becken Schnee eine Standpauke hielt: »Jetzt hast du geheiratet und solltest bald einen Sohn auf dem Arm haben, und trotzdem benimmst du dich so! Die Leute haben wie ein Phönixenei diese einzige Tochter aufgezogen, zarter als ein Blümchen, und weil sie dich für einen anständigen Menschen hielten, haben sie dir ihre Tochter zur Frau gegeben. Anstatt dich zu besinnen und ein ordentliches, friedliches Leben zu führen, musst du dich volllaufen lassen und sie quälen. Und jetzt kosten Arzt und Medizin wieder Geld — alles umsonst!« Von dieser Predigt überkam Becken Schnee tiefe Reue, und er ging zu Jin Gui, um sie zu trösten. Jin Gui aber sah, dass ihre Schwiegermutter den Ehemann so gescholten hatte, und wurde erst recht übermütig. Sie ließ es sich in ihrer Empörung erst recht angelegen sein, sich zu zieren und Becken Schnee links liegenzulassen. Becken Schnee wusste sich keinen Rat mehr und machte sich nur noch selbst Vorwürfe. Erst nach zehn Tagen oder zwei Wochen gelang es ihm mühsam, Jin Gui umzustimmen. Von nun an verdoppelte er seine Vorsicht, und sein Selbstbewusstsein sank noch weiter. Als Jin Gui sah, dass die Fahne ihres Mannes immer tiefer sank und die Schwiegermutter gutmütig war, begann sie schrittweise, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Anfangs beherrschte sie nur Becken Schnee, dann griff sie, gestützt auf ihren Liebreiz, nach Tante Schnee und schließlich auch nach Schatzspange [薛宝钗]. Schatzspange hatte ihre Ränke längst durchschaut und parierte sie bei jeder Gelegenheit geschickt mit Worten, um ihre Ambitionen im Keim zu ersticken. Jin Gui erkannte, dass sie gegen Schatzspange nicht ankam, und so oft sie auch nach einer Schwachstelle suchte, fand sie keine. Da blieb ihr nichts anderes übrig, als sich geschmeidig anzupassen und sich vorläufig zu fügen. Eines Tages, als Jin Gui nichts zu tun hatte, plauderte sie mit Duftkastanie und erkundigte sich nach deren Heimat und Eltern. Duftkastanie antwortete, sie habe alles vergessen. Das missfiel Jin Gui, die ihr vorwarf, sie wolle sie absichtlich belügen. Dann fragte sie, wer ihr eigentlich den Namen »Duftkastanie« [香菱, wörtlich: »Duftende Wassernuss«] gegeben habe. Duftkastanie antwortete: »Das Fräulein [Schatzspange] hat ihn mir gegeben.« Jin Gui sagte mit kühlem Lächeln: »Alle sagen, das Fräulein sei so gebildet, aber allein schon dieser Name ist ein Unsinn.« Duftkastanie erwiderte hastig lachend: »Ach, die gnädige Frau weiß es nicht! Die Gelehrsamkeit unseres Fräuleins wird sogar vom Herrn Onkel [Aufrecht Kaufmann] immer wieder gelobt!« Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel. Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
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