Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de/Chapter 98"
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(ZH-DE4 Korrektur-Update Kap. 98) |
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! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982) | ! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982) | ||
| − | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung | + | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
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| style="vertical-align:top; padding:15px; line-height:1.8;" | | | style="vertical-align:top; padding:15px; line-height:1.8;" | | ||
| + | 第九十八回 | ||
| + | 苦绛珠魂归离恨天 | ||
| + | 病神瑛泪洒相思地 | ||
话说宝玉见了贾政,回至房中,更觉头昏脑闷,懒怠动弹,连饭也没吃,便昏沉睡去。仍旧延医诊治,服药不效,索性连人也认不明白了。大家扶着他坐起来,还是像个好人。一连闹了几天。 | 话说宝玉见了贾政,回至房中,更觉头昏脑闷,懒怠动弹,连饭也没吃,便昏沉睡去。仍旧延医诊治,服药不效,索性连人也认不明白了。大家扶着他坐起来,还是像个好人。一连闹了几天。 | ||
那日恰是回九之期,说是若不过去,薛姨妈脸上过不去;若说去呢,宝玉这般光景。贾母明知是为黛玉而起,欲要告诉明白,又恐气急生变。宝钗是新媳妇,又难劝慰,必得姨妈过来才好。若不回九,姨妈嗔怪。便与王夫人、凤姐商议道:“我看宝玉竟是魂不守舍,起动是不怕的。用两乘小轿,叫人扶着,从园里过去,应了回九的吉期。以后请姨妈过来安慰宝钗,咱们一心一计的调治宝玉,可不两全?” | 那日恰是回九之期,说是若不过去,薛姨妈脸上过不去;若说去呢,宝玉这般光景。贾母明知是为黛玉而起,欲要告诉明白,又恐气急生变。宝钗是新媳妇,又难劝慰,必得姨妈过来才好。若不回九,姨妈嗔怪。便与王夫人、凤姐商议道:“我看宝玉竟是魂不守舍,起动是不怕的。用两乘小轿,叫人扶着,从园里过去,应了回九的吉期。以后请姨妈过来安慰宝钗,咱们一心一计的调治宝玉,可不两全?” | ||
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寿夭有定——每个人寿数的长(寿)短(夭)是命中注定的。 | 寿夭有定——每个人寿数的长(寿)短(夭)是命中注定的。 | ||
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| − | + | Achtundneunzigstes Kapitel | |
| − | + | ||
| − | + | Die bittere Purpurperle kehrt heim in den Himmel des Trennungsschmerzes, | |
| − | + | Der kranke Göttliche Glanzstein vergießt Tränen am Ort der Sehnsucht | |
| − | + | ||
| − | + | Wie berichtet, war Schatzjade <ref>Chinesisch: 宝玉</ref> nach der Begegnung mit Aufrecht Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾政</ref> in sein Zimmer zurückgekehrt und fühlte sich erst recht benommen und elend im Kopf, war zu träge, sich zu bewegen, aß nicht einmal etwas und fiel in dumpfen Schlummer. Man holte wieder Ärzte herbei und gab ihm Medizin, doch nichts wirkte; schließlich konnte er nicht einmal mehr die Leute um sich herum erkennen. Half man ihm in eine sitzende Stellung, sah er aus wie ein normaler Mensch. So ging es mehrere Tage lang. | |
| − | Die | + | |
| − | + | Dann kam der Tag des „Rückbesuchs am neunten Tag", und man sagte, wenn sie nicht hinübergingen, würde Tante Schnee <ref>Chinesisch: 薛姨妈</ref> das Gesicht verlieren; ginge man aber hin, dann wäre Schatzjades Zustand ein Hindernis. Die Herzoginmutter <ref>Chinesisch: 贾母</ref> wusste sehr wohl, dass seine Krankheit Kajaljades <ref>Chinesisch: 黛玉</ref> wegen entstanden war, und hätte ihm gerne reinen Wein eingeschenkt, fürchtete aber, dass ein Schock in seinem aufgebrachten Zustand etwas Schlimmes auslösen könnte. Schatzspange <ref>Chinesisch: 宝钗</ref> war eine frisch Vermählte, und es war schwierig, ihr Trost zu spenden; dazu wäre es nötig, dass ihre Mutter herüberkäme. Aber ginge man nicht zum "Rückbesuch am neunten Tag", würde die Tante sich beleidigt fühlen. So beriet sich die Herzoginmutter mit Frau König <ref>Chinesisch: 王夫人</ref> und Phönixglanz <ref>Chinesisch: 王熙凤</ref>: | |
| − | + | ||
| − | + | „Ich sehe, Schatzjades Geist ist außer Leib und Leben. Ihn zu bewegen macht nichts; nehmt zwei kleine Sänften, lasst ihn stützen, und tragt ihn durch den Garten hinüber. Damit ist die glückverheißende Frist des neunten Tages eingehalten. Danach bitten wir die Tante herüber, um Schatzspange zu trösten, und wir können uns einmütig um Schatzjades Behandlung kümmern. Wäre das nicht in beiderlei Hinsicht günstig?" | |
| + | |||
| + | Frau König stimmte zu, und man traf unverzüglich Vorbereitungen. Zum Glück war Schatzspange eine frisch Vermählte und Schatzjade ein verwirrter Narr, und so ließen beide sich von anderen lenken und hinüberführen. Schatzspange kannte die wahren Umstände nur zu gut und machte in ihrem Herzen einzig ihrer Mutter Vorwürfe, alles so töricht eingefädelt zu haben. Da die Dinge nun einmal so standen, wollte sie nicht viel dazu sagen. Nur Tante Schnee, als sie Schatzjades erbärmlichen Zustand sah, bereute sie alles zutiefst und wollte die Sache nur hastig hinter sich bringen. | ||
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| + | Nach der Rückkehr verschlimmerte sich Schatzjades Zustand weiter. Am nächsten Tag konnte er nicht einmal mehr sitzend aufrecht bleiben. Von Tag zu Tag wurde es schlimmer, bis er schließlich keinen Tropfen Suppe mehr hinunterbrachte. Tante Schnee und die anderen waren außer sich vor Sorge und ließen allenthalben berühmte Ärzte kommen, doch keiner konnte die Krankheitsursache benennen. Nur außerhalb der Stadtmauern, in einem verfallenen Tempel, wohnte ein mittelloser Arzt namens Bi, mit dem Beinamen Zhian, der die Ursache der Krankheit erkannte: Erschütterung durch Trauer und Freude zugleich, Durcheinander von Kälte und Wärme, unregelmäßiges Essen, Kummer und Zorn, die sich im Inneren gestaut hatten, so dass die aufrechte Lebensenergie blockiert war. Es handele sich um ein Zusammenspiel von innerer Verletzung und äußerer Erkältung. Er überlegte sorgfältig und verschrieb Medizin. Am Abend wurde sie verabreicht, und nach der zweiten Nachtwache zeigte sie tatsächlich etwas Wirkung: Schatzjade kam zu etwas Bewusstsein und verlangte nach Wasser. Die Herzoginmutter, Frau König und die anderen konnten endlich aufatmen. Man bat Tante Schnee, Schatzspange mitzunehmen, und alle gingen in die Gemächer der Herzoginmutter, um sich vorübergehend auszuruhen. | ||
| + | |||
| + | In einem kurzen Moment der Klarheit erkannte Schatzjade, dass er es wohl kaum überstehen würde. Als er sah, dass die anderen gegangen waren und nur Dufthauch <ref>Chinesisch: 袭人</ref> im Zimmer war, rief er sie zu sich, ergriff ihre Hand und sprach unter Tränen: | ||
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| + | „Ich muss dich etwas fragen: Wie ist Schwester Schatzspange hierhergekommen? Ich erinnere mich doch, dass Vater mir Schwester Kajaljade <ref>Chinesisch: 林妹妹</ref> zur Frau genommen hat. Wie kann es sein, dass Schwester Schatzspange sie verdrängt hat? Was macht sie hier? Ich würde es ihr gern sagen, aber ich fürchte, sie zu beleidigen. Habt ihr gehört, wie es Schwester Kajaljade geht? Hat sie sehr geweint?" | ||
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| + | Dufthauch wagte nicht, offen zu sprechen, und sagte nur: „Fräulein Kajaljade ist krank." | ||
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| + | Schatzjade erwiderte: „Ich will zu ihr gehen und nach ihr sehen." Er wollte aufstehen, doch nach den vielen Tagen ohne Essen und Trinken konnte er sich nicht mehr rühren. Da weinte er: „Ich werde sterben! Ich habe eine Bitte, die mir auf dem Herzen liegt: Richte der Herzoginmutter aus — auch Schwester Kajaljade liegt im Sterben, und auch ich kann nicht durchhalten. Zwei Kranke an zwei verschiedenen Orten, beide dem Tode nah — wenn dann beide sterben, wird es erst recht schwer sein, alles zu bewältigen. Besser wäre es, ein leeres Zimmer herzurichten und uns beide, mich und Schwester Kajaljade, dorthin zu bringen. Solange wir leben, kann man uns zusammen pflegen und behandeln; sterben wir, kann man uns zusammen aufbahren. Wenn du mir diesen Wunsch erfüllst, dann waren unsere Jahre der Freundschaft nicht vergebens." | ||
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| + | Dufthauch hörte diese Worte und wusste zugleich nicht, ob sie erschrecken, lachen oder weinen sollte. | ||
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| + | Schatzspange kam zufällig gerade mit Goldamsel <ref>Chinesisch: 莺儿</ref> vorbei, hörte alles mit an und sagte: | ||
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| + | „Statt dich zu schonen und deine Krankheit auszukurieren, redest du solches Unheil! Die Herzoginmutter hat sich gerade erst etwas beruhigt, und du schaffst neuen Kummer. Sie hat ihr ganzes Leben lang nur dich allein verwöhnt. Sie ist nun über achtzig Jahre alt. Selbst wenn ihr nicht an deinem Amt und deinem Titel liegt — wenn du ein rechtschaffener Mensch wirst, wird sie einen glücklichen Tag erleben. Das wäre nicht umsonst, nach all ihren Mühen. Und von deiner Mutter brauchen wir gar nicht erst zu sprechen — mit ihrem ganzen Herzblut und ihrer Kraft hat sie dich als einzigen Sohn großgezogen. Wenn du auf halbem Weg stirbst, was soll dann aus deiner Mutter werden? Ich selbst bin vielleicht vom Schicksal nicht begünstigt, aber so schlimm steht es auch mit mir nicht. Betrachte es von diesen drei Seiten: Selbst wenn du sterben wolltest — der Himmel würde es dir nicht erlauben! Also kannst du gar nicht sterben. Ruh dich vier, fünf Tage aus, lass den schädlichen Wind sich verflüchtigen, und wenn die große Harmonie und die aufrechte Lebensenergie sich wieder einstellen, verschwinden alle diese krankhaften Erscheinungen von selbst." | ||
| + | |||
| + | Schatzjade hörte dies und hatte wahrhaftig nichts darauf zu erwidern. Nach einer langen Weile sagte er schließlich, albern grinsend: „Du hast nun schon seit geraumer Zeit kein Wort mehr mit mir geredet, und jetzt hältst du mir diese großen Reden! Für wen sind die bestimmt?" | ||
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| + | Schatzspange hörte dies und sagte darauf: „Dann will ich dir die Wahrheit sagen. Vor ein paar Tagen, als du ohne Bewusstsein warst, ist Schwester Kajaljade gestorben." | ||
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| + | Schatzjade fuhr plötzlich hoch und rief laut und fassungslos: „Ist sie wirklich tot?" | ||
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| + | Schatzspange sagte: „Wirklich und wahrhaftig tot. Sollte ich etwa mit rotem Mund und weißer Zunge jemanden totfluchten? Die Herzoginmutter und deine Mutter wussten, wie innig ihr Geschwisterkinder wart. Sie fürchteten, wenn du von ihrem Tod erfährst, willst du auch sterben. Deshalb haben sie es dir verschwiegen." | ||
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| + | Als Schatzjade dies hörte, brach er hemmungslos in lautes Weinen aus und fiel aufs Bett zurück. Plötzlich wurde alles vor seinen Augen pechschwarz, und er konnte keine Richtung mehr erkennen. In seinem Herzen war alles verschwommen und benebelt, da sah er, wie jemand vor ihm auftauchte und auf ihn zukam. Verwirrt fragte Schatzjade: „Verzeiht, wo bin ich hier?" | ||
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| + | Jener erwiderte: „Dies ist der Weg zur Unterwelt, zu den Gelben Quellen. Deine Lebensspanne ist noch nicht abgelaufen — wie kommst du hierher?" | ||
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| + | Schatzjade sagte: „Ich habe eben erfahren, dass eine alte Bekannte gestorben ist, und bin hergekommen, um sie zu suchen. Ohne es zu bemerken, habe ich mich verirrt." | ||
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| + | Jener fragte: „Wer ist diese alte Bekannte?" | ||
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| + | Schatzjade sagte: „Lin Kajaljade aus Suzhou." | ||
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| + | Jener lächelte kühl: „Lin Kajaljade war im Leben kein gewöhnlicher Mensch und im Tod kein gewöhnlicher Geist. Sie hat keine Seele und keinen Geisthauch wie andere — wo willst du sie suchen? Die Seele und der Geisthauch gewöhnlicher Menschen vereinen sich bei der Geburt und bilden die Gestalt; im Tod lösen sie sich auf und werden wieder zu Äther. Was bei normalen Sterblichen ist, kann man schon nicht suchen und finden — wie erst bei Lin Kajaljade? Kehre schleunigst zurück!" | ||
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| + | Schatzjade hörte dies und stand eine ganze Weile wie erstarrt da, dann sagte er: „Wenn es heißt, die Toten lösen sich auf — wozu gibt es dann diese Unterwelt?" | ||
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| + | Jener lächelte kühl: „Diese Unterwelt — sagst du, es gibt sie, dann gibt es sie; sagst du, es gibt sie nicht, dann gibt es sie nicht. Sie wurde nur eingerichtet, weil die Welt der Sterblichen in Vorstellungen von Leben und Tod befangen ist. Man hat sie als warnende Belehrung erdacht. Denn der Himmel zürnt über die Torheiten der Menschen: Solche, die sich nicht mit ihrem Schicksal zufriedengeben; solche, deren Lebensfrist noch nicht abgelaufen ist und die sich doch selbst das Leben nehmen; solche, die der Wollust frönen, dem Zorn nachgeben und Gewalt ausüben und ohne Grund sich selbst zugrunde richten. Eigens für diese wurde die Hölle eingerichtet, um ihre Seelen einzukerkern und sie grenzenlose Qualen erleiden zu lassen — als Sühne für ihre Sünden zu Lebzeiten. Dass du nach Kajaljade suchst, ist ein Hineintappen in die eigene Falle. Zudem ist Kajaljade bereits ins Reich der Großen Leere zurückgekehrt. Wenn du sie aufrichtig suchen willst, pflege Besonnenheit und Selbstzucht in deinem Herzen — dann wirst du sie eines Tages wiedersehen. Wenn du aber nicht in Frieden lebst und dich des vorzeitigen Selbstmords schuldig machst, wirst du in der Unterwelt eingekerkert. Dann darfst du zwar deine Eltern sehen, aber Kajaljade wiederzusehen — das wird dir nimmer vergönnt sein." | ||
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| + | Als jener ausgeredet hatte, zog er einen Stein aus seinem Ärmel und warf ihn Schatzjade gegen die Brust. | ||
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| + | Schatzjade hatte diese Worte gehört und wurde zudem von dem Stein am Herzen getroffen; er erschrak so sehr, dass er sofort nach Hause zurückkehren wollte, doch er kannte den Weg nicht mehr. Gerade stand er ratlos da, als er plötzlich jemanden rufen hörte. Er blickte sich um — und es war niemand anderes als die Herzoginmutter, Frau König, Schatzspange, Dufthauch und die anderen, die weinend um ihn herumstanden und ihn beim Namen riefen. Er lag nach wie vor in seinem Bett. Auf dem Tischchen brannte die rote Lampe, vor dem Fenster schien der helle Mond — noch immer befand er sich inmitten von Brokat und Pracht, in der blühenden Welt. Als er sich sammelte und nachdachte, erkannte er: Es war alles nur ein großer Traum gewesen. Am ganzen Leib brach kalter Schweiß aus, aber sein Herz fühlte sich klar und rein an. Als er genauer darüber nachdachte, blieb nichts als ein hilfloses Seufzen. | ||
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| + | Von Anfang an hatte Schatzspange längst von Kajaljades Tod gewusst. Da die Herzoginmutter und die anderen dem gesamten Personal verboten hatten, Schatzjade davon zu erzählen — aus Angst, dass die Krankheit sonst unheilbar würde —, hatte sie sich zurückgehalten. Doch sie selbst kannte die wahre Ursache von Schatzjades Krankheit genau: Es war wegen Kajaljade, und der Verlust des Jade kam erst an zweiter Stelle. Darum nutzte sie die Gelegenheit, ihm reinen Wein einzuschenken, damit der Schmerz einmal voll ausbrechen, die Seele sich wieder sammeln und eine Heilung möglich werden konnte. Die Herzoginmutter, Frau König und die anderen verstanden Schatzspanges Absicht nicht und waren ihr böse wegen ihres unbesonnenen Handelns. Als sie dann jedoch sahen, dass Schatzjade wieder zu Bewusstsein kam, waren sie erleichtert. Sogleich ließ man den Arzt Bi aus dem vorderen Arbeitszimmer hereinbitten, um den Puls zu nehmen. Der Arzt trat ein, fühlte den Puls und sagte: | ||
| + | |||
| + | „Wie erstaunlich! Dieses Mal ist der Puls tief und ruhig, der Geist ist beruhigt und die gestaute Beklemmung hat sich aufgelöst. Morgen gebe ich ein regulierendes Mittel, und man darf auf Genesung hoffen." | ||
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| + | Er ging hinaus. Alle waren beruhigt und gingen auseinander. | ||
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| + | Dufthauch hatte Schatzspange von Anfang an tief übelgenommen, dass sie alles verraten hatte, doch es kam ihr nicht über die Lippen. Goldamsel rügte ihre Herrin im Vertrauen: „Sie waren doch allzu voreilig, Fräulein." | ||
| + | |||
| + | Schatzspange erwiderte: „Was verstehst du schon davon? Komme, was da mag — ich stehe dafür ein." | ||
| + | |||
| + | So ließ Schatzspange alle Vorwürfe und Tadel gelassen an sich abperlen und beobachtete nur aufmerksam Schatzjades Krankheit, um verborgen Nadelstiche zur Heilung zu setzen. | ||
| + | |||
| + | Eines Tages fühlte Schatzjade allmählich, wie sein Geist sich beruhigte. Wenn auch der Gedanke an Kajaljade ihn zuweilen überkam, war er dabei noch halb verwirrt. Zudem sprach Dufthauch ihm beständig zu und erklärte nach und nach: „Der Herr hat Fräulein Schatzspange ausgewählt, weil sie eine gütige und aufrichtige Natur hat. Er fand, Fräulein Kajaljades Wesen sei zu eigensinnig, und fürchtete ohnehin, dass sie nicht lange leben würde. Die Herzoginmutter hatte Sorge, Ihr wüsstet nicht, was gut für Euch ist, und würdet Euch in Eurer Krankheit noch mehr aufregen. Darum ließ sie Schneegans <ref>Chinesisch: 雪雁</ref> herüberkommen, um Euch zu beruhigen." | ||
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| + | Schatzjade fühlte sich trotzdem voller Bitterkeit und vergoss immer wieder Tränen. Wollte er den Tod suchen, so dachte er an die Worte des Fremden im Traum und fürchtete auch, der Herzoginmutter und seiner Mutter Kummer zu bereiten. Loslösen konnte er sich nicht. Dann dachte er auch: Kajaljade war nun tot, und Schatzspange war eine Persönlichkeit allerersten Ranges. So begann er an die „Bestimmung von Gold und Jade" zu glauben und fand allmählich etwas Frieden. | ||
| + | |||
| + | Schatzspange sah, dass keine ernste Gefahr mehr drohte, und so beruhigte sich auch ihr eigenes Herz. Nachdem sie gewissenhaft alle Pflichten einer Schwiegertochter gegenüber der Herzoginmutter und Frau König erfüllt hatte, sann sie auf Wege, Schatzjades Kummer zu lindern. Obwohl Schatzjade nicht oft aufsitzen konnte, sah er doch häufig Schatzspange an seinem Bett sitzen, und das alte Verlangen regte sich unwillkürlich wieder. Schatzspange ermahnte ihn jedes Mal mit ernsthaften Worten und tröstete ihn: „Die Gesundheit geht vor. Da wir nun Mann und Frau sind, kommt es auf die eine Stunde nicht an." | ||
| + | |||
| + | In Schatzjades Herzen war zwar vieles nicht nach seinem Willen, doch tagsüber leisteten ihm die Herzoginmutter, Frau König, Tante Schnee und andere abwechselnd Gesellschaft. Nachts ging Schatzspange allein schlafen, und die Herzoginmutter schickte zudem Leute, um auf ihn achtzugeben. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in Ruhe pflegen zu lassen. Als er Schatzspanges sanftes und zartes Wesen erlebte, übertrug er allmählich etwas von seiner Liebe zu Kajaljade auf Schatzspange. Doch davon wird später berichtet. | ||
| + | |||
| + | Nun muss erzählt werden, was sich am Tag von Schatzjades Hochzeit ereignete. Kajaljade hatte bei hellem Tag bereits das Bewusstsein verloren. Doch ein winziger Faden von Atemhauch in Brust und Mund riss nicht ab. Seidenweiß Pflaume <ref>Chinesisch: 李纨</ref> und Purpurkuckuck <ref>Chinesisch: 紫鹃</ref> weinten, als ginge es um ihr eigenes Leben. Am Abend kam Kajaljade noch einmal zu sich, öffnete schwach die Augen und schien nach Wasser oder Suppe zu verlangen. Zu dieser Zeit war Schneegans <ref>Chinesisch: 雪雁</ref> bereits gegangen; nur Purpurkuckuck und Seidenweiß Pflaume waren noch an ihrer Seite. Purpurkuckuck brachte eine kleine Schale Longansuppe, vermischt mit Birnensaft, und flößte ihr mit einem silbernen Löffelchen zwei, drei Löffel ein. Kajaljade schloss die Augen und ruhte eine Weile. In ihrem Herzen war es bald hell, bald dunkel. Da Seidenweiß Pflaume sah, dass es Kajaljade etwas besser ging, wusste sie genau, dass es das letzte Aufflackern vor dem Tod war, rechnete aber damit, dass es noch einen halben Tag dauern würde. So kehrte sie zum Duftreisdorf <ref>Chinesisch: 稻香村</ref> zurück, um sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern. | ||
| + | |||
| + | Hier öffnete Kajaljade die Augen und sah, dass nur Purpurkuckuck, ihre Amme und einige kleine Mägde da waren. Mit einer Hand griff sie nach Purpurkuckucks Hand, presste sie fest und sagte unter größter Anstrengung: | ||
| + | |||
| + | „Ich bin am Ende. Du hast mir so viele Jahre gedient, und ich hatte gehofft, wir beide könnten immer zusammenbleiben. Aber nun..." | ||
| + | |||
| + | Sie brach ab und keuchte eine Weile, schloss die Augen und ruhte. Purpurkuckuck spürte, wie Kajaljade ihre Hand nicht losließ, und wagte selbst nicht, sich zu rühren. Ihrem Aussehen nach ging es ihr besser als am Vormittag, und Purpurkuckuck dachte schon, vielleicht könnte sie noch einmal umkehren. Doch als sie diese Worte hörte, lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Nach langer Zeit sprach Kajaljade wieder: | ||
| + | |||
| + | „Schwester — ich habe hier keine Verwandten. Mein Leib ist rein. Bitte sorge dafür, dass man mich nach Hause bringt." | ||
| + | |||
| + | Bei diesen Worten schloss sie wieder die Augen und verstummte. Ihre Hand aber wurde immer fester, der Atem ging stoßweise, die Atemzüge kamen lang heraus und kurz hinein, bereits sehr eilig und gehetzt. | ||
| + | |||
| + | Purpurkuckuck geriet in Panik und ließ sogleich nach Seidenweiß Pflaume schicken. Zum Glück kam gerade Erkundefrühling <ref>Chinesisch: 探春</ref> vorbei. Als Purpurkuckuck sie sah, flüsterte sie hastig: | ||
| + | |||
| + | „Drittes Fräulein, schauen Sie doch bitte nach Fräulein Kajaljade!" | ||
| + | |||
| + | Dabei fielen ihre Tränen wie Regen. Erkundefrühling trat heran und befühlte Kajaljades Hand — sie war bereits kalt. Auch der Blick aus ihren Augen hatte sich zerstreut. Erkundefrühling und Purpurkuckuck weinten und ließen Wasser bringen, um Kajaljade zu waschen. Gerade eilte Seidenweiß Pflaume herein. Die drei sahen einander an, doch bevor sie ein Wort sagen konnten — gerade als sie Kajaljade abzuwischen begannen —, rief Kajaljade plötzlich mit lauter, durchdringender Stimme: | ||
| + | |||
| + | „Schatzjade! Schatzjade! Du hast doch ..." | ||
| + | |||
| + | Beim Wort „doch" brach kalter Schweiß aus ihrem ganzen Körper, und sie verstummte. Purpurkuckuck und die anderen stützten sie eilig, doch der Schweiß strömte nur stärker, und ihr Körper wurde allmählich kalt. Erkundefrühling und Seidenweiß Pflaume ließen die Mägde in aller Eile Haar und Kleidung richten. Da rollten Kajaljades Augen nach oben — es war aus! | ||
| + | |||
| + | Die duftende Seele, ein Faden nur, verwehte im Wind, | ||
| + | Die Sorge, ein Gespinst, floss in den Traum der dritten Nachtwache. | ||
| + | |||
| + | In dem Augenblick, als Kajaljade den letzten Atemzug tat, war es genau die Stunde, in der Schatzjade Schatzspange zur Frau nahm. Purpurkuckuck und die anderen brachen in lautes Weinen aus. Seidenweiß Pflaume und Erkundefrühling dachten an Kajaljades liebenswerte Art von einst, und wie sie heute erst recht zu bedauern war. Sie weinten ebenfalls bittere Tränen. Da die Xiaoxiang-Pavillon <ref>Chinesisch: 潇湘馆</ref> sehr weit von den Hochzeitsgemächern entfernt lag, hörte man dort drüben nichts davon. Eine Weile weinten alle laut, als sie in der Ferne den Klang von Musik vernahmen. Sie lauschten, doch dann war es wieder still. Erkundefrühling und Seidenweiß Pflaume traten in den Hof hinaus und lauschten nochmals — nur das Rascheln der Bambusspitzen im Wind war zu hören, und der Mondschatten wanderte über die Mauer. Wie trostlos und einsam! Man schickte nach der Frau von Lin Zhixiao, ließ Kajaljade aufbahren und Leute zur Totenwache bestellen und wartete auf den nächsten Morgen, um Phönixglanz zu benachrichtigen. | ||
| + | |||
| + | Phönixglanz hatte gesehen, wie die Herzoginmutter und Frau König bereits vor Aufregung ganz erschöpft waren. Aufrecht Kaufmann brach auf, und Schatzjades Zustand hatte sich noch verschlimmert. Sie war ohnehin schon äußerst besorgt. Würde sie jetzt auch noch die Todesnachricht von Kajaljade überbringen, fürchtete sie, dass die Herzoginmutter und Frau König vor Kummer und Sorge ernsthaft erkranken könnten. So ging sie persönlich in den Garten. Als sie in der Xiaoxiang-Pavillon ankam, konnte auch sie nicht anders als zu weinen. Sie traf Seidenweiß Pflaume und Erkundefrühling und erfuhr, dass alles Nötige vorbereitet war. | ||
| + | |||
| + | „Sehr gut", sagte sie. „Nur — warum habt ihr vorhin nichts gesagt? Ich habe mir solche Sorgen gemacht." | ||
| + | |||
| + | Erkundefrühling sagte: „Wir haben gerade den Herrn verabschiedet. Wie hätten wir es da sagen können?" | ||
| + | |||
| + | Phönixglanz sagte: „Ihr beide habt Mitleid mit ihr gehabt, das war rücksichtsvoll. Aber jetzt muss ich drüben nach dem Sorgenkind sehen. Diese Sache hier ist aber schwierig: Wenn wir es heute nicht melden, geht es nicht. Melden wir es aber, fürchte ich, dass die Herzoginmutter es nicht verkraftet." | ||
| + | |||
| + | Seidenweiß Pflaume sagte: „Geh erst einmal hin und handle nach den Umständen. Berichte es dann, wenn sich die Gelegenheit ergibt." | ||
| + | |||
| + | Phönixglanz nickte und eilte fort. | ||
| + | |||
| + | Als Phönixglanz bei Schatzjade eintraf und hörte, dass der Arzt sagte, es bestehe keine Gefahr, waren die Herzoginmutter und Frau König etwas erleichtert. Da sprach Phönixglanz, abseits von Schatzjade, behutsam über Kajaljades Tod. Die Herzoginmutter und Frau König erschraken zutiefst. Der Herzoginmutter strömten die Tränen übers Gesicht: | ||
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| + | „Ich habe sie ins Verderben gestürzt! Aber dieses Kind war auch allzu töricht." | ||
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| + | Sie wollte in den Garten gehen, um an ihrem Totenbett zu weinen, doch ihr Herz hing auch an Schatzjade — sie konnte sich weder für das eine noch das andere entscheiden. Frau König und die anderen unterdrückten ihre Trauer und redeten der Herzoginmutter zu: | ||
| + | |||
| + | „Gehen Sie nicht selbst hin, Mutter. Ihre Gesundheit ist wichtiger." | ||
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| + | Die Herzoginmutter hatte keine Wahl und bat Frau König, an ihrer Stelle zu gehen, und sagte noch: „Richte ihrem Geist von mir aus: ‚Nicht aus Herzlosigkeit bin ich nicht gekommen, um dich auf deinem letzten Weg zu begleiten. Nur gibt es Näheres und Ferneres: Du bist die Tochter meiner leiblichen Tochter, das ist mir nah genug. Aber verglichen mit Schatzjade ist Schatzjade mir noch näher. Sollte Schatzjade etwas zustoßen — wie könnte ich dann seinem Vater gegenübertreten?'" | ||
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| + | Bei diesen Worten weinte sie aufs Neue. Frau König sprach ihr Trost zu: | ||
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| + | „Fräulein Kajaljade war die, die die Herzoginmutter am meisten geliebt hat. Doch über Leben und Tod entscheidet das Schicksal; nun, da sie gestorben ist, können wir nichts mehr für sie tun. Nur bei der Bestattung sollten wir sie auf das Beste verabschieden. Erstens können wir damit unser Gewissen ein wenig beruhigen. Zweitens werden die Seelen der verstorbenen Tante und ihrer Tochter ein wenig Frieden finden." | ||
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| + | Die Herzoginmutter weinte bei diesen Worten nur noch bitterer. | ||
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| + | Phönixglanz fürchtete, dass die Alte sich zu sehr grämte, und schickte, da sie ja wusste, dass Schatzjades Verstand getrübt war, heimlich jemanden mit einer Notlüge: „Schatzjade drüben sucht nach der Herzoginmutter." | ||
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| + | Die Herzoginmutter hielt erst da inne mit Weinen und fragte: „Es gibt doch nicht wieder ein Unglück?" | ||
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| + | Phönixglanz lächelte beschwichtigend: „Nein, nichts dergleichen. Er vermisst wohl einfach seine Großmutter." | ||
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| + | Die Herzoginmutter stützte sich sogleich auf Perle <ref>Chinesisch: 珍珠</ref>, und Phönixglanz folgte ihr. | ||
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| + | Auf halbem Weg trafen sie Frau König, die gerade zurückkam, und die erstattete der Herzoginmutter Bericht. Die Herzoginmutter trauerte natürlich von Neuem, doch da sie auf dem Weg zu Schatzjade war, schluckte sie ihre Tränen und sprach gefasst: | ||
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| + | „Wenn dem so ist, gehe ich auch nicht mehr hin. Macht ihr das unter euch aus. Wenn ich es sehe, bricht es mir das Herz. Nur tut ihr nicht unrecht — das ist alles, worum ich bitte." | ||
| + | |||
| + | Frau König und Phönixglanz sagten einhellig zu. | ||
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| + | Die Herzoginmutter kam zu Schatzjades Bett. Als sie ihn sah, fragte sie: „Was wolltest du von mir?" | ||
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| + | Schatzjade lächelte: „Ich habe gestern Abend Schwester Kajaljade gesehen. Sie sagte, sie wolle nach Süden zurückkehren. Ich dachte, niemand könnte sie zum Bleiben bewegen außer Ihnen, Großmutter. Halten Sie sie doch für mich zurück!" | ||
| + | |||
| + | Die Herzoginmutter sagte: „Gewiss, mach dir keine Sorgen." | ||
| + | |||
| + | Dufthauch half Schatzjade sich hinzulegen. Die Herzoginmutter ging hinüber zu Schatzspange. | ||
| + | |||
| + | Zu jener Zeit war Schatzspange noch nicht zum „Rückbesuch am neunten Tag" aufgebrochen, und so war ihr in Gesellschaft noch etwas schamhaft zumute. An diesem Tag sah sie, dass die Herzoginmutter mit tränennassem Gesicht kam. Sie reichte ihr Tee, und die Herzoginmutter bat sie, Platz zu nehmen. Schatzspange setzte sich seitlich neben sie und fragte: | ||
| + | |||
| + | „Ich höre, Schwester Kajaljade ist krank. Geht es ihr besser?" | ||
| + | |||
| + | Als die Herzoginmutter dies hörte, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten und sagte: | ||
| + | |||
| + | „Mein Kind, ich sage es dir, aber du darfst Schatzjade nichts verraten. Alles ist wegen deiner Schwester Kajaljade geschehen, und du hast deswegen so viel Unrecht erdulden müssen. Nun, da du seine Ehefrau bist, sage ich es dir: Deine Schwester Kajaljade ist schon seit zwei, drei Tagen tot. Genau in der Stunde deiner Hochzeit ist sie gestorben. Diese Krankheit Schatzjades — sie rührt daher. Ihr alle habt früher zusammen im Garten gelebt. Ihr wisst das sicherlich." | ||
| + | |||
| + | Schatzspange lief das Blut ins Gesicht. Als sie an Kajaljades Tod dachte, konnte auch sie die Tränen nicht halten. Die Herzoginmutter sprach noch eine Weile, dann ging sie. | ||
| + | |||
| + | Von da an dachte Schatzspange tausendmal hin und her und fasste einen Plan, wagte aber nicht, überstürzt zu handeln. Erst als der „Rückbesuch am neunten Tag" vorüber war, setzte sie ihren Plan um. Und tatsächlich ging es Schatzjade daraufhin besser. Erst dann konnte man miteinander reden, ohne ständig auf der Hut sein zu müssen. | ||
| + | |||
| + | Nur Schatzjade — obwohl seine Krankheit von Tag zu Tag besser wurde, konnte sein eigensinniges Herz nicht loslassen: Er wollte unbedingt selbst hingehen und um sie weinen. Die Herzoginmutter und die anderen wussten, dass die Krankheit noch nicht an der Wurzel geheilt war, und erlaubten ihm kein wildes Grübeln. Doch sein Kummer war unerträglich, und er erlitt immer wieder Rückfälle. Da war es schließlich der Arzt, der die seelische Ursache der Krankheit erkannte und riet, man solle ihn ruhig seinen Gefühlen freien Lauf lassen, und danach mit Medizin regulieren — so würde die Heilung schneller voranschreiten. | ||
| + | |||
| + | Als Schatzjade das hörte, wollte er sofort zur Xiaoxiang-Pavillon. Die Herzoginmutter und die anderen ließen einen Bambusstuhl herbeibringen und halfen Schatzjade hinein. Die Herzoginmutter und Frau König gingen voraus. Als sie die Xiaoxiang-Pavillon betraten und Kajaljades Sarg erblickten, hatte die Herzoginmutter bereits so viele Tränen vergossen, dass sie kaum noch atmen konnte. Phönixglanz und die anderen redeten mehrfach auf sie ein, bis sie sich beruhigte. Auch Frau König weinte bitterlich. Seidenweiß Pflaume bat die Herzoginmutter und Frau König, sich im inneren Zimmer auszuruhen. Auch dort vergossen sie noch Tränen. Als Schatzjade eintraf, dachte er daran, wie er vor seiner Krankheit oft hierhergekommmen war. Heute standen die Räume noch, doch die Bewohnerin war nicht mehr. Er brach in hemmungsloses Schluchzen aus. Er dachte daran, wie vertraut sie einst miteinander gewesen waren, und dass er sie heute im Tod verabschiedete — wie konnte er da nicht erst recht von Trauer übermannt werden? Alle hatten befürchtet, Schatzjade würde sich nach seiner Krankheit zu sehr grämen, und versuchten, ihn zu trösten. Aber Schatzjade weinte bereits, als ginge es um sein Leben, und man musste ihn stützen und zur Ruhe bringen. Auch die anderen Begleiter, darunter Schatzspange, weinten alle bitterlich. | ||
| + | |||
| + | Doch Schatzjade bestand darauf, Purpurkuckuck zu sich zu rufen, und fragte sie, was seine Schwester vor ihrem Tod noch gesagt habe. Purpurkuckuck hatte Schatzjade von Herzen gehasst, doch als sie ihn so sah, wurde ihr Herz etwas weicher. Zudem waren die Herzoginmutter und Frau König beide zugegen, und sie wagte nicht, Schatzjade zu schelten. So erzählte sie der Reihe nach: wie Fräulein Kajaljade wieder krank geworden war, wie sie die Tücher verbrannt und die Gedichtmanuskripte dem Feuer übergeben hatte, und was sie vor ihrem Tod gesagt hatte. Schatzjade weinte aufs Neue, bis ihm die Kehle zugeschnürt und der Mund ausgetrocknet war. Erkundefrühling nutzte die Gelegenheit und erzählte auch noch von Kajaljades letztem Wunsch, den Sarg in den Süden zurückzubringen. Die Herzoginmutter und Frau König begannen wieder zu weinen. Zum Glück verstand Phönixglanz es, mit guten Worten Trost zu spenden, so dass sie sich etwas beruhigten. Dann schlug sie vor, in die Gemächer zurückzukehren. Schatzjade wollte sich nicht losreißen, doch die Herzoginmutter drängte ihn, und er kehrte widerwillig in sein Zimmer zurück. | ||
| + | |||
| + | Die Herzoginmutter, betagt wie sie war, hatte seit dem Beginn von Schatzjades Krankheit Tag und Nacht keine Ruhe gehabt. Nun, nach diesem erneuten Ausbruch tiefer Trauer, spürte sie Schwindel und Fieber aufkommen. Obwohl sie sich um Schatzjade sorgte, konnte sie sich nicht mehr aufrecht halten. Sie musste in ihr Zimmer zurückkehren und sich niederlegen. Auch Frau König, deren Herz noch stärker schmerzte, zog sich zurück. Sie schickte Buntwolke <ref>Chinesisch: 彩云</ref>, um Dufthauch zu helfen und nach Schatzjade zu sehen, und sagte: „Wenn Schatzjade wieder trauert, kommt sofort und sagt uns Bescheid." | ||
| + | |||
| + | Schatzspange wusste, dass Schatzjade seinen Schmerz nicht so bald verwinden konnte. Anstatt ihn zu trösten, stichelte sie mit feinen Worten. Schatzjade fürchtete, Schatzspange könnte sich gekränkt fühlen, und hielt seine Tränen zurück und fasste sich. Nach einer ruhigen Nacht kamen am nächsten Morgen alle, um nach ihm zu sehen. Er war zwar noch schwach und kraftlos, doch seine Seelennot schien um einiges leichter geworden. So pflegte man ihn mit besonderer Sorgfalt, und er erholte sich allmählich. Zum Glück erkrankte die Herzoginmutter nicht ernsthaft. Nur Frau König konnte ihren Herzschmerz nicht überwinden. | ||
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| + | Eines Tages kam Tante Schnee zu Besuch, sah, dass es Schatzjade etwas besser ging, und war beruhigt. Sie blieb vorläufig. | ||
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| + | An einem Tag lud die Herzoginmutter Tante Schnee eigens zu einer Besprechung ein und sagte: | ||
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| + | „Schatzjades Leben haben wir allein der Tante zu verdanken. Nun scheint keine Gefahr mehr zu drohen. Nur Eure Tochter hat so viel erdulden müssen. Wenn Schatzjade sich hundert Tage erholt hat und wieder bei Kräften ist, und die Trauerzeit für die Edle Gemahlin <ref>Chinesisch: 元妃</ref> vorüber ist, wäre der rechte Zeitpunkt für die Hochzeitsnacht. Ich möchte Euch bitten, einen besonders günstigen Tag auszuwählen." | ||
| + | |||
| + | Tante Schnee sagte: „Die Herzoginmutter hat eine vortreffliche Idee. Warum mich fragen? Meine Schatzspange mag äußerlich einfach wirken, aber sie hat ein klares Herz. Ihre Herzoginmutter kennt ihr Wesen seit jeher. Wenn die beiden nur in Eintracht miteinander leben — dann wird die Herzoginmutter viel Sorge los, meine Schwester wird getröstet, und auch mir fällt ein Stein vom Herzen. Die Herzoginmutter möge den Tag bestimmen. Werden wir auch Verwandte einladen oder nicht?" | ||
| + | |||
| + | Die Herzoginmutter sagte: „Die Hochzeit von Schatzjade und Eurer Tochter — das ist die größte Sache ihres Lebens! Und nach wie vielen Schwierigkeiten haben wir endlich diesen Punkt erreicht. Wir müssen unbedingt mehrere Tage festlich feiern und alle Verwandten einladen. Erstens danken wir dem Himmel. Zweitens trinken wir gemeinsam ein Glas Wein zum Fest — ich als alte Frau habe mir genug Sorgen gemacht, das soll nicht umsonst gewesen sein." | ||
| + | |||
| + | Tante Schnee hörte das und freute sich natürlich. Dann sprach sie über die Mitgiftvorbereitungen. Die Herzoginmutter sagte: | ||
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| + | „Wir sind Verwandte, die untereinander heiraten. Ich denke, all dieser Aufwand ist nicht nötig. Was die Einrichtung betrifft — ihr Zimmer ist ohnehin schon voll ausgestattet. Wenn Schatzspange ein paar besondere Lieblingsstücke hat, bringen Sie die einfach mit. Schatzspange ist nicht empfindlich in solchen Dingen — ganz anders als meine arme Enkelin, deren empfindliches Wesen der Grund war, dass sie nicht alt werden konnte." | ||
| + | |||
| + | Bei diesen Worten weinte auch Tante Schnee. | ||
| + | |||
| + | Gerade in diesem Moment kam Phönixglanz herein und fragte lachend: „Herzoginmutter, Tante — worüber seid ihr schon wieder traurig?" | ||
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| + | Tante Schnee sagte: „Wir sprachen gerade über Schwester Kajaljade, und da wurde es uns schwer ums Herz." | ||
| + | |||
| + | Phönixglanz lachte: „Die Herzoginmutter und die Tante mögen jetzt bitte aufhören, traurig zu sein. Ich habe gerade einen Witz gehört und wollte ihn der Herzoginmutter und der Tante erzählen." | ||
| + | |||
| + | Die Herzoginmutter wischte sich die Tränen ab und lächelte schwach: „Du willst dich bestimmt wieder über jemanden lustig machen! Erzähl schon, die Tante und ich hören zu. Aber wenn wir nicht lachen, lassen wir dich nicht so leicht davon." | ||
| − | + | Da begann Phönixglanz, noch bevor sie den Mund aufgemacht hatte, schon mit beiden Händen herumzufuchteln, und bog sich vor Lachen. | |
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| − | + | Was sie erzählte, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel. | |
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| − | + | Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). | |
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Latest revision as of 19:30, 28 April 2026
| 中文原文 (程甲本 1982) | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
|---|---|
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第九十八回 苦绛珠魂归离恨天 病神瑛泪洒相思地 话说宝玉见了贾政,回至房中,更觉头昏脑闷,懒怠动弹,连饭也没吃,便昏沉睡去。仍旧延医诊治,服药不效,索性连人也认不明白了。大家扶着他坐起来,还是像个好人。一连闹了几天。 那日恰是回九之期,说是若不过去,薛姨妈脸上过不去;若说去呢,宝玉这般光景。贾母明知是为黛玉而起,欲要告诉明白,又恐气急生变。宝钗是新媳妇,又难劝慰,必得姨妈过来才好。若不回九,姨妈嗔怪。便与王夫人、凤姐商议道:“我看宝玉竟是魂不守舍,起动是不怕的。用两乘小轿,叫人扶着,从园里过去,应了回九的吉期。以后请姨妈过来安慰宝钗,咱们一心一计的调治宝玉,可不两全?” 王夫人答应了,即刻预备。幸亏宝钗是新媳妇,宝玉是个疯傻的,由人掇弄过去了。宝钗也明知其事,心里只怨母亲办得糊涂,事已至此,不肯多言。独有薛姨妈看见宝玉这般光景,心里懊悔,只得草草完事。 回家,宝玉越加沉重。次日,连起坐都不能了。日重一日,甚至汤水不进。薛姨妈等忙了手脚,各处遍请名医,皆不识病源。只有城外破寺中住着个穷医,姓毕,别号知庵的,诊得病源是悲喜激射,冷暖失调,饮食失时,忧忿滞中,正气壅闭:此内伤外感之症。于是度量用药。至晚服了,二更后,果然省些人事,便要喝水。贾母、王夫人等才放了心,请了薛姨妈,带了宝钗,都到贾母那里,暂且歇息。 宝玉片时清楚,自料难保,见诸人散后,房中只有袭人,因唤袭人至跟前,拉着手哭道:“我问你:宝姐姐怎么来的?我记得老爷给我娶了林妹妹过来,怎么叫宝姐姐赶出去了?他为什么霸占住在这里?我要说呢,又恐怕得罪了他。你们听见林妹妹哭的怎么样了?”袭人不敢明说,只得说道:“林姑娘病着呢。”宝玉又道:“我瞧瞧他去。”说着要起来,那知连日饮食不进,身子岂能动转。便哭道:“我要死了!我有一句心里的话,只求你回明老太太:横竖林妹妹也是要死的,我如今也不能保,两处两个病人,都要死的。死了越发难张罗,不如腾一处空房子,趁早把我和林妹妹两个抬在那里,活着也好一处医治、伏侍,死了也好一处停放。你依我这话,不枉了几年的情分。”袭人听了这些话,又急又笑又痛。 宝钗恰好同着莺儿过来,也听见了,便说道:“你放着病不保养,何苦说这些不吉利的话呢?老太太才安慰了些,你又生出事来。老太太一生疼你一个,如今八十多岁的人了,虽不图你的诰封,将来你成了人,老太太也看着乐一天,也不枉了老人家的苦心。太太更是不必说了,一生的心血精神,抚养了你这一个儿子,若是半途死了,太太将来怎么样呢?我虽是薄命,也不至于此。据此三件看来,你就要死,那天也不容你死的,所以你是不能死的。只管安稳着养个四五天后,风邪散了,太和正气一足,自然这些邪病都没有了。” 宝玉听了,竟是无言可答,半晌,方才嘻嘻的笑道:“你是好些时不和我说话了,这会子说这些大道理的话给谁听?”宝钗听了这话,便又说道:“实告诉你说罢,那两日你不知人事的时候,林妹妹已经亡故了。”宝玉忽然坐起,大声诧异道:“果真死了吗?”宝钗道: “果真死了,岂有红口白舌咒人死的呢?老太太、太太知道你姐妹和睦,你听见他死了,自然你也要死,所以不肯告诉你。” 宝玉听了,不禁放声大哭,倒在床上,忽然眼前漆黑,辨不出方向。心中正自恍惚,只见眼前好像有人走来。宝玉茫然问道:“借问此是何处?”那人道:“此是阴司泉路。你寿未终,何故至此?”宝玉道:“适闻有一故人已死,遂寻访至此,不觉迷途。”那人道:“故人是谁?”宝玉道:“姑苏林黛玉。”那人冷笑道:“林黛玉生不同人,死不同鬼,无魂无魄,何处寻访?凡人魂魄,聚而成形,散而为气,生前聚之,死则散焉。常人尚无可寻访,何况林黛玉呢?汝快回去罢。” 宝玉听了,呆了半晌,道:“既云死者散也,又如何有这个阴司呢?”那人冷笑道:“那阴司说有便有,说无就无。皆为世俗溺于生死之说,设言以警世,便道上天深怒愚人:或不守分安常;或生禄未终,自行夭折;或嗜淫欲,尚气逞凶,无故自殒者:特设此地狱,囚其魂魄,受无边的苦,以偿生前之罪。汝寻黛玉,是无故自陷也。且黛玉已归太虚幻境,汝若有心寻访,潜心修养,自然有时相见;如不安生,即以自行夭折之罪,囚禁阴司,除父母之外,图一见黛玉,终不能矣。”那人说毕,袖中取出一石,向宝玉心口掷来。 宝玉听了这话,又被这石子打着心窝,吓的即欲回家,只恨迷了道路。正在踌躇,忽听那边有人唤他。回首看时,不是别人,正是贾母、王夫人、宝钗、袭人等围绕哭泣叫着,自己仍旧躺在床上。见案上红灯,窗前皓月,依然锦绣丛中,繁华世界。定神一想,原来竟是一场大梦。浑身冷汗,觉得心内清爽。仔细一想,真正无可奈何,不过长叹数声。 起初宝钗早知黛玉已死,因贾母等不许众人告诉宝玉知道,恐添病难治。自己却深知宝玉之病,实因黛玉而起,失玉次之,故趁势说明,使其一痛决绝,神魂一归,庶可疗治。贾母、王夫人等不知宝钗的用意,深怪他造次。后来见宝玉醒了过来,方才放心,立刻到外书房请了毕大夫进来诊视。那大夫进来诊了脉,便道:“奇怪!这回脉气沉静,神安郁散,明日进调理的药,就可以望好了。”说着出去。众人各自安心散去。 袭人起初深怨宝钗不该告诉,惟是口中不好说出。莺儿背地也说宝钗道:“姑娘忒性急了。”宝钗道:“你知道什么?好歹横竖有我呢。”那宝钗任人诽谤,并不介意,只窥察宝玉心病,暗下针砭。 一日,宝玉渐觉神志安定,虽一时想起黛玉,尚有糊涂。更有袭人缓缓的将“老爷选定的宝姑娘为人和厚;嫌林姑娘秉性古怪,原恐早夭;老太太恐你不知好歹,病中着急,所以叫雪雁过来哄你”的话,时常劝解。宝玉终是心酸落泪。欲待寻死,又想着梦中之言,又恐老太太、太太生气,又不得撩开。又想黛玉已死,宝钗又是第一等人物,方信“金玉姻缘”有定,自己也解了好些。 宝钗看来不妨大事,于是自己心也安了,只在贾母、王夫人等前尽行过家庭之礼后,便设法以释宝玉之忧。宝玉虽不能时常坐起,亦常见宝钗坐在床前,禁不住生来旧病。宝钗每以正言解劝,以“养身要紧,你我既为夫妇,岂在一时”之语安慰他。那宝玉心里虽不顺遂,无奈日里贾母、王夫人及薛姨妈等轮流相伴,夜间宝钗独去安寝,贾母又派人服侍,只得安心静养。又见宝钗举动温柔,也就渐渐的将爱慕黛玉的心肠,略移在宝钗身上。此是后话。 却说宝玉成家的那一日,黛玉白日已经昏晕过去,却心头口中一丝微气不断,把个李纨和紫鹃哭的死去活来。到了晚间,黛玉却又缓过来了,微微睁开眼,似有要水要汤的光景。此时雪雁已去,只有紫鹃和李纨在旁。紫鹃便端了一盏桂圆汤和的梨汁,用小银匙灌了两三匙。黛玉闭着眼静养了一会子,觉得心里似明似暗的。此时李纨见黛玉略缓,明知是回光返照的光景,却料着还有一半天耐头,自己回到稻香村,料理了一回事情。 这里黛玉睁开眼一看,只有紫鹃和奶妈并几个小丫头在那里,便一手攥了紫鹃的手,使着劲说道:“我是不中用的人了。你伏侍我几年,我原指望咱们两个总在一处,不想我……”说着,又喘了一会儿,闭了眼歇着。紫鹃见他攥着不肯松手,自己也不敢挪动。看他的光景,比早半天好些,只当还可以回转,听了这话,又寒了半截。半天,黛玉又说道:“妹妹,我这里并没亲人,我的身子是干净的,你好歹叫他们送我回去。”说到这里,又闭了眼不言语了。那手却渐渐紧了,喘成一处,只是出气大,入气小,已经促疾的很了。 紫鹃慌了,连忙叫人请李纨,可巧探春来了。紫鹃见了,忙悄悄的说道:“三姑娘,瞧瞧林姑娘罢。”说着,泪如雨下。探春过来,摸了摸黛玉的手,已经凉了,连目光也都散了。探春、紫鹃正哭着叫人端水来给黛玉擦洗,李纨赶忙进来了。三个人才见了,不及说话。刚擦着,猛听黛玉直声叫道:“宝玉!宝玉!你好……”说到“好”字,便浑身冷汗,不作声了。紫鹃等急忙扶住,那汗愈出,身子便渐渐的冷了。探春、李纨叫人乱着拢头穿衣,只见黛玉两眼一翻,呜呼! 香魂一缕随风散,愁绪三更入梦遥! 当时黛玉气绝,正是宝玉娶宝钗的这个时辰。紫鹃等都大哭起来。李纨、探春想他素日的可疼,今日更加可怜,便也伤心痛哭。因潇湘馆离新房子甚远,所以那边并没听见。一时,大家痛哭了一阵,只听得远远一阵音乐之声,侧耳一听,却又没有了。探春、李纨走出院外再听时,惟有竹梢风动,月影移墙,好不凄凉冷淡。一时叫了林之孝家的过来,将黛玉停放毕,派人看守,等明早去回凤姐。 凤姐因见贾母、王夫人等忙乱,贾政起身,又为宝玉昏愦更甚,正在着急异常之时,若是又将黛玉的凶信回了,恐贾母、王夫人愁苦交加,急出病来,只得亲自到园。到了潇湘馆内,也不免哭了一场。见了李纨、探春,知道诸事齐备,就说:“很好。只是刚才你们为什么不言语,叫我着急?”探春道:“刚才送老爷,怎么说呢?”凤姐道:“这倒是你们两个可怜他些。这么着,我还得那边去招呼那个冤家呢。但是这件事好累坠:若是今日不回,使不得;若回了,恐怕老太太搁不住。”李纨道:“你去见机行事,得回再回方好。”凤姐点头,忙忙的去了。 凤姐到了宝玉那里,听见大夫说不妨事,贾母、王夫人略觉放心,凤姐便背了宝玉,缓缓的将黛玉的事回明了。贾母、王夫人听得,都唬了一大跳。贾母眼泪交流,说道:“是我弄坏了他了!但只是这个丫头也忒傻气。”说着,便要到园里去哭他一场,又惦记着宝玉:两头难顾。王夫人等含悲共劝贾母:“不必过去,老太太身子要紧。”贾母无奈,只得叫王夫人自去。又说:“你替我告诉他的阴灵:并不是我忍心不来送你,只为有个亲疏:你是我的外孙女儿,是亲的了;若与宝玉比起来,可是宝玉比你更亲些。倘宝玉有些不好,我怎么见他父亲呢?”说着,又哭起来。王夫人劝道:“林姑娘是老太太最疼的,但只寿夭有定,如今已经死了,无可尽心,只是葬礼上要上等的发送:一则可以少尽咱们的心,二则就是姑太太和外甥女儿的阴灵儿也可以少安了。”贾母听到这里,越发痛哭起来。 凤姐恐怕老人家伤感太过,明仗着宝玉心中不甚明白,便偷偷的使人来撒个谎儿,哄老太太道:“宝玉那里找老太太呢。”贾母听见,才止住泪,问道:“不是又有什么缘故?”凤姐陪笑道:“没什么缘故,他大约是想老太太的意思。”贾母连忙扶了珍珠儿,凤姐也跟着过来。 走至半路,正遇王夫人过来,一一回明了贾母。贾母自然又是哀痛的,只因要到宝玉那边,只得忍泪含悲的说道:“既这么着,我也不过去了,由你们办罢,我看着心里也难受。只别委屈了他就是了。”王夫人、凤姐一一答应了。 贾母才过宝玉这边来,见了宝玉,因问:“你做什么找我?”宝玉笑道:“我昨日晚上看见林妹妹来了,他说要回南去。我想没人留的住,还得老太太给我留一留他。”贾母听着,说:“使得,只管放心罢。”袭人因扶宝玉躺下。贾母出来,到宝钗这边来。 那时宝钗尚未回九,所以每每见了人,倒有些含羞之意。这一天,见贾母满面泪痕,递了茶,贾母叫他坐下。宝钗侧身陪着坐了,才问道:“听得林妹妹病了,不知他可好些了?”贾母听了这话,那眼泪止不住流下来,因说道:“我的儿,我告诉你,你可别告诉宝玉。都是因你林妹妹,才叫你受了多少委屈。你如今作媳妇了,我才告诉你:这如今你林妹妹没了两三天了,就是娶你的那个时辰死的。如今宝玉这一番病,还是为着这个。你们先都在园子里,自然也都是明白的。”宝钗把脸飞红了,想到黛玉之死,又不免落下泪来。贾母又说了一会话,去了。 自此,宝钗千回万转,想了一个主意,只不肯造次,所以过了回九,才想出这个法子来。如今果然好些,然后大家说话才不至似前留神。 独是宝玉虽然病势一天好似一天,他的痴心总不能解,必要亲去哭他一场。贾母等知他病未除根,不许他胡思乱想。怎奈他郁闷难堪,病多反复。倒是大夫看出心病,索性叫他开散了,再用药调理,倒可好得快些。 宝玉听说,立刻要往潇湘馆来。贾母等只得叫人抬了竹椅子过来,扶宝玉坐上,贾母、王夫人即便先行。到了潇湘馆内,一见黛玉灵柩,贾母已哭得泪干气绝。凤姐等再三劝住。王夫人也哭了一场。李纨便请贾母、王夫人在里间歇着,犹自落泪。宝玉一到,想起未病之先,常到这里,今日屋在人亡,不禁嚎啕大哭。想起从前何等亲密,今日死别,怎不更加伤感!众人原恐宝玉病后过哀,都来解劝。宝玉已经哭得死去活来,大家搀扶歇息。其馀随来的,如宝钗,俱极痛哭。 独是宝玉必要叫紫鹃来见,问明姑娘临死有何话说。紫鹃本来深恨宝玉,见如此,心里已回过来些;又有贾母、王夫人都在这里,不敢洒落宝玉。便将林姑娘怎么复病,怎么烧毁帕子,焚化诗稿,并将临死说的话,一一的都告诉了。宝玉又哭得气噎喉干。探春趁便又将黛玉临终嘱咐带柩回南的话也说了一遍。贾母、王夫人又哭起来。多亏凤姐能言劝慰,略略止些,便请贾母等回去。宝玉那里肯舍,无奈贾母逼着,只得勉强回房。 贾母有了年纪的人,打从宝玉病起,日夜不宁,今又大痛一阵,已觉头晕身热。虽是不放心惦着宝玉,却也扎挣不住,回到自己房中睡下。王夫人更加心痛难禁,也便回去。派了彩云,帮着袭人照应,并说:“宝玉若再悲戚,速来告诉我们。”宝钗知是宝玉一时必不能舍,也不相劝,只用讽刺的话说他。宝玉倒恐宝钗多心,也便饮泣收心。歇了一夜,倒也安隐。 明日一早,众人都来瞧他,但觉气虚身弱,心病倒觉去了几分。于是加意调养,渐渐的好起来。贾母幸不成病。惟是王夫人心痛未痊。那日薛姨妈过来探望,看见宝玉精神略好,也就放心,暂且住下。 一日,贾母特请薛姨妈过去商量,说:“宝玉的命,都亏姨太太救的。如今想来不妨了。独委屈了你的姑娘。如今宝玉调养百日,身体复旧,又过了娘娘的功服,正好圆房。要求姨太太作主,另择个上好的吉日。”薛姨妈便道:“老太太主意很好,何必问我?宝丫头虽生的粗笨,心里却还是极明白的。他的情性,老太太素日是知道的。但愿他们两口儿言和意顺,从此老太太也省好些心,我姐姐也安慰些,我也放了心了。老太太就定个日子。还通知亲戚不用呢?”贾母道:“宝玉和你们姑娘生来第一件大事,况且费了多少周折,如今才得安逸,必要大家热闹几天,亲戚都要请的:一来酬愿;二则咱们吃杯喜酒,也不枉我老人家操了好些心。” 薛姨妈听着,自然也是喜欢的,便将要办妆奁的话也说了一番。贾母道:“咱们亲上做亲,我想也不必这些。若说动用的,他屋里已经满了;必定宝丫头他心爱的要你几件,姨太太就拿了来。我看宝丫头也不是多心的人,比不的我那外孙女儿的脾气,所以他不得长寿。”说着,连薛姨妈也便落泪。 恰好凤姐进来,笑道:“老太太、姑妈又想着什么了?”薛姨妈道:“我和老太太说起你林妹妹来,所以伤心。”凤姐笑道:“老太太和姑妈且别伤心,我刚才听了个笑话儿来了,意思说给老太太和姑妈听。”贾母拭了拭眼泪,微笑道:“你又不知要编派谁呢!你说来,我和姨太太听听。说不笑,我们可不依。”只见那凤姐未从张口,先用两只手比着,笑弯了腰了。 未知他说出些什么来,下回分解。 红口白舌──语本“赤口白舌”,亦简称“赤口”。恶神名,主争讼。见宋·储泳《祛疑说》:“赤口,小煞耳。人或忤之,率多斗讼。”民间有端午节祭祀赤口白舌恶神以祈福避灾的风俗,事见宋·吴自牧《梦粱录·卷三·五月》:“或仕宦等家以生硃于(端午)午时书‘五月五日中天节,赤口白舌尽消灭’之句。”又宋·周密《武林旧事·卷三·端午》:“又以青罗作‘赤口白舌’帖子,与艾人并悬门楣,以为禳禬。”(禳禬:举行祭祀,祈求消灾。)引申为空口胡说,不知轻重。 寿夭有定——每个人寿数的长(寿)短(夭)是命中注定的。 |
Achtundneunzigstes Kapitel Die bittere Purpurperle kehrt heim in den Himmel des Trennungsschmerzes, Der kranke Göttliche Glanzstein vergießt Tränen am Ort der Sehnsucht Wie berichtet, war Schatzjade [1] nach der Begegnung mit Aufrecht Kaufmann [2] in sein Zimmer zurückgekehrt und fühlte sich erst recht benommen und elend im Kopf, war zu träge, sich zu bewegen, aß nicht einmal etwas und fiel in dumpfen Schlummer. Man holte wieder Ärzte herbei und gab ihm Medizin, doch nichts wirkte; schließlich konnte er nicht einmal mehr die Leute um sich herum erkennen. Half man ihm in eine sitzende Stellung, sah er aus wie ein normaler Mensch. So ging es mehrere Tage lang. Dann kam der Tag des „Rückbesuchs am neunten Tag", und man sagte, wenn sie nicht hinübergingen, würde Tante Schnee [3] das Gesicht verlieren; ginge man aber hin, dann wäre Schatzjades Zustand ein Hindernis. Die Herzoginmutter [4] wusste sehr wohl, dass seine Krankheit Kajaljades [5] wegen entstanden war, und hätte ihm gerne reinen Wein eingeschenkt, fürchtete aber, dass ein Schock in seinem aufgebrachten Zustand etwas Schlimmes auslösen könnte. Schatzspange [6] war eine frisch Vermählte, und es war schwierig, ihr Trost zu spenden; dazu wäre es nötig, dass ihre Mutter herüberkäme. Aber ginge man nicht zum "Rückbesuch am neunten Tag", würde die Tante sich beleidigt fühlen. So beriet sich die Herzoginmutter mit Frau König [7] und Phönixglanz [8]: „Ich sehe, Schatzjades Geist ist außer Leib und Leben. Ihn zu bewegen macht nichts; nehmt zwei kleine Sänften, lasst ihn stützen, und tragt ihn durch den Garten hinüber. Damit ist die glückverheißende Frist des neunten Tages eingehalten. Danach bitten wir die Tante herüber, um Schatzspange zu trösten, und wir können uns einmütig um Schatzjades Behandlung kümmern. Wäre das nicht in beiderlei Hinsicht günstig?" Frau König stimmte zu, und man traf unverzüglich Vorbereitungen. Zum Glück war Schatzspange eine frisch Vermählte und Schatzjade ein verwirrter Narr, und so ließen beide sich von anderen lenken und hinüberführen. Schatzspange kannte die wahren Umstände nur zu gut und machte in ihrem Herzen einzig ihrer Mutter Vorwürfe, alles so töricht eingefädelt zu haben. Da die Dinge nun einmal so standen, wollte sie nicht viel dazu sagen. Nur Tante Schnee, als sie Schatzjades erbärmlichen Zustand sah, bereute sie alles zutiefst und wollte die Sache nur hastig hinter sich bringen. Nach der Rückkehr verschlimmerte sich Schatzjades Zustand weiter. Am nächsten Tag konnte er nicht einmal mehr sitzend aufrecht bleiben. Von Tag zu Tag wurde es schlimmer, bis er schließlich keinen Tropfen Suppe mehr hinunterbrachte. Tante Schnee und die anderen waren außer sich vor Sorge und ließen allenthalben berühmte Ärzte kommen, doch keiner konnte die Krankheitsursache benennen. Nur außerhalb der Stadtmauern, in einem verfallenen Tempel, wohnte ein mittelloser Arzt namens Bi, mit dem Beinamen Zhian, der die Ursache der Krankheit erkannte: Erschütterung durch Trauer und Freude zugleich, Durcheinander von Kälte und Wärme, unregelmäßiges Essen, Kummer und Zorn, die sich im Inneren gestaut hatten, so dass die aufrechte Lebensenergie blockiert war. Es handele sich um ein Zusammenspiel von innerer Verletzung und äußerer Erkältung. Er überlegte sorgfältig und verschrieb Medizin. Am Abend wurde sie verabreicht, und nach der zweiten Nachtwache zeigte sie tatsächlich etwas Wirkung: Schatzjade kam zu etwas Bewusstsein und verlangte nach Wasser. Die Herzoginmutter, Frau König und die anderen konnten endlich aufatmen. Man bat Tante Schnee, Schatzspange mitzunehmen, und alle gingen in die Gemächer der Herzoginmutter, um sich vorübergehend auszuruhen. In einem kurzen Moment der Klarheit erkannte Schatzjade, dass er es wohl kaum überstehen würde. Als er sah, dass die anderen gegangen waren und nur Dufthauch [9] im Zimmer war, rief er sie zu sich, ergriff ihre Hand und sprach unter Tränen: „Ich muss dich etwas fragen: Wie ist Schwester Schatzspange hierhergekommen? Ich erinnere mich doch, dass Vater mir Schwester Kajaljade [10] zur Frau genommen hat. Wie kann es sein, dass Schwester Schatzspange sie verdrängt hat? Was macht sie hier? Ich würde es ihr gern sagen, aber ich fürchte, sie zu beleidigen. Habt ihr gehört, wie es Schwester Kajaljade geht? Hat sie sehr geweint?" Dufthauch wagte nicht, offen zu sprechen, und sagte nur: „Fräulein Kajaljade ist krank." Schatzjade erwiderte: „Ich will zu ihr gehen und nach ihr sehen." Er wollte aufstehen, doch nach den vielen Tagen ohne Essen und Trinken konnte er sich nicht mehr rühren. Da weinte er: „Ich werde sterben! Ich habe eine Bitte, die mir auf dem Herzen liegt: Richte der Herzoginmutter aus — auch Schwester Kajaljade liegt im Sterben, und auch ich kann nicht durchhalten. Zwei Kranke an zwei verschiedenen Orten, beide dem Tode nah — wenn dann beide sterben, wird es erst recht schwer sein, alles zu bewältigen. Besser wäre es, ein leeres Zimmer herzurichten und uns beide, mich und Schwester Kajaljade, dorthin zu bringen. Solange wir leben, kann man uns zusammen pflegen und behandeln; sterben wir, kann man uns zusammen aufbahren. Wenn du mir diesen Wunsch erfüllst, dann waren unsere Jahre der Freundschaft nicht vergebens." Dufthauch hörte diese Worte und wusste zugleich nicht, ob sie erschrecken, lachen oder weinen sollte. Schatzspange kam zufällig gerade mit Goldamsel [11] vorbei, hörte alles mit an und sagte: „Statt dich zu schonen und deine Krankheit auszukurieren, redest du solches Unheil! Die Herzoginmutter hat sich gerade erst etwas beruhigt, und du schaffst neuen Kummer. Sie hat ihr ganzes Leben lang nur dich allein verwöhnt. Sie ist nun über achtzig Jahre alt. Selbst wenn ihr nicht an deinem Amt und deinem Titel liegt — wenn du ein rechtschaffener Mensch wirst, wird sie einen glücklichen Tag erleben. Das wäre nicht umsonst, nach all ihren Mühen. Und von deiner Mutter brauchen wir gar nicht erst zu sprechen — mit ihrem ganzen Herzblut und ihrer Kraft hat sie dich als einzigen Sohn großgezogen. Wenn du auf halbem Weg stirbst, was soll dann aus deiner Mutter werden? Ich selbst bin vielleicht vom Schicksal nicht begünstigt, aber so schlimm steht es auch mit mir nicht. Betrachte es von diesen drei Seiten: Selbst wenn du sterben wolltest — der Himmel würde es dir nicht erlauben! Also kannst du gar nicht sterben. Ruh dich vier, fünf Tage aus, lass den schädlichen Wind sich verflüchtigen, und wenn die große Harmonie und die aufrechte Lebensenergie sich wieder einstellen, verschwinden alle diese krankhaften Erscheinungen von selbst." Schatzjade hörte dies und hatte wahrhaftig nichts darauf zu erwidern. Nach einer langen Weile sagte er schließlich, albern grinsend: „Du hast nun schon seit geraumer Zeit kein Wort mehr mit mir geredet, und jetzt hältst du mir diese großen Reden! Für wen sind die bestimmt?" Schatzspange hörte dies und sagte darauf: „Dann will ich dir die Wahrheit sagen. Vor ein paar Tagen, als du ohne Bewusstsein warst, ist Schwester Kajaljade gestorben." Schatzjade fuhr plötzlich hoch und rief laut und fassungslos: „Ist sie wirklich tot?" Schatzspange sagte: „Wirklich und wahrhaftig tot. Sollte ich etwa mit rotem Mund und weißer Zunge jemanden totfluchten? Die Herzoginmutter und deine Mutter wussten, wie innig ihr Geschwisterkinder wart. Sie fürchteten, wenn du von ihrem Tod erfährst, willst du auch sterben. Deshalb haben sie es dir verschwiegen." Als Schatzjade dies hörte, brach er hemmungslos in lautes Weinen aus und fiel aufs Bett zurück. Plötzlich wurde alles vor seinen Augen pechschwarz, und er konnte keine Richtung mehr erkennen. In seinem Herzen war alles verschwommen und benebelt, da sah er, wie jemand vor ihm auftauchte und auf ihn zukam. Verwirrt fragte Schatzjade: „Verzeiht, wo bin ich hier?" Jener erwiderte: „Dies ist der Weg zur Unterwelt, zu den Gelben Quellen. Deine Lebensspanne ist noch nicht abgelaufen — wie kommst du hierher?" Schatzjade sagte: „Ich habe eben erfahren, dass eine alte Bekannte gestorben ist, und bin hergekommen, um sie zu suchen. Ohne es zu bemerken, habe ich mich verirrt." Jener fragte: „Wer ist diese alte Bekannte?" Schatzjade sagte: „Lin Kajaljade aus Suzhou." Jener lächelte kühl: „Lin Kajaljade war im Leben kein gewöhnlicher Mensch und im Tod kein gewöhnlicher Geist. Sie hat keine Seele und keinen Geisthauch wie andere — wo willst du sie suchen? Die Seele und der Geisthauch gewöhnlicher Menschen vereinen sich bei der Geburt und bilden die Gestalt; im Tod lösen sie sich auf und werden wieder zu Äther. Was bei normalen Sterblichen ist, kann man schon nicht suchen und finden — wie erst bei Lin Kajaljade? Kehre schleunigst zurück!" Schatzjade hörte dies und stand eine ganze Weile wie erstarrt da, dann sagte er: „Wenn es heißt, die Toten lösen sich auf — wozu gibt es dann diese Unterwelt?" Jener lächelte kühl: „Diese Unterwelt — sagst du, es gibt sie, dann gibt es sie; sagst du, es gibt sie nicht, dann gibt es sie nicht. Sie wurde nur eingerichtet, weil die Welt der Sterblichen in Vorstellungen von Leben und Tod befangen ist. Man hat sie als warnende Belehrung erdacht. Denn der Himmel zürnt über die Torheiten der Menschen: Solche, die sich nicht mit ihrem Schicksal zufriedengeben; solche, deren Lebensfrist noch nicht abgelaufen ist und die sich doch selbst das Leben nehmen; solche, die der Wollust frönen, dem Zorn nachgeben und Gewalt ausüben und ohne Grund sich selbst zugrunde richten. Eigens für diese wurde die Hölle eingerichtet, um ihre Seelen einzukerkern und sie grenzenlose Qualen erleiden zu lassen — als Sühne für ihre Sünden zu Lebzeiten. Dass du nach Kajaljade suchst, ist ein Hineintappen in die eigene Falle. Zudem ist Kajaljade bereits ins Reich der Großen Leere zurückgekehrt. Wenn du sie aufrichtig suchen willst, pflege Besonnenheit und Selbstzucht in deinem Herzen — dann wirst du sie eines Tages wiedersehen. Wenn du aber nicht in Frieden lebst und dich des vorzeitigen Selbstmords schuldig machst, wirst du in der Unterwelt eingekerkert. Dann darfst du zwar deine Eltern sehen, aber Kajaljade wiederzusehen — das wird dir nimmer vergönnt sein." Als jener ausgeredet hatte, zog er einen Stein aus seinem Ärmel und warf ihn Schatzjade gegen die Brust. Schatzjade hatte diese Worte gehört und wurde zudem von dem Stein am Herzen getroffen; er erschrak so sehr, dass er sofort nach Hause zurückkehren wollte, doch er kannte den Weg nicht mehr. Gerade stand er ratlos da, als er plötzlich jemanden rufen hörte. Er blickte sich um — und es war niemand anderes als die Herzoginmutter, Frau König, Schatzspange, Dufthauch und die anderen, die weinend um ihn herumstanden und ihn beim Namen riefen. Er lag nach wie vor in seinem Bett. Auf dem Tischchen brannte die rote Lampe, vor dem Fenster schien der helle Mond — noch immer befand er sich inmitten von Brokat und Pracht, in der blühenden Welt. Als er sich sammelte und nachdachte, erkannte er: Es war alles nur ein großer Traum gewesen. Am ganzen Leib brach kalter Schweiß aus, aber sein Herz fühlte sich klar und rein an. Als er genauer darüber nachdachte, blieb nichts als ein hilfloses Seufzen. Von Anfang an hatte Schatzspange längst von Kajaljades Tod gewusst. Da die Herzoginmutter und die anderen dem gesamten Personal verboten hatten, Schatzjade davon zu erzählen — aus Angst, dass die Krankheit sonst unheilbar würde —, hatte sie sich zurückgehalten. Doch sie selbst kannte die wahre Ursache von Schatzjades Krankheit genau: Es war wegen Kajaljade, und der Verlust des Jade kam erst an zweiter Stelle. Darum nutzte sie die Gelegenheit, ihm reinen Wein einzuschenken, damit der Schmerz einmal voll ausbrechen, die Seele sich wieder sammeln und eine Heilung möglich werden konnte. Die Herzoginmutter, Frau König und die anderen verstanden Schatzspanges Absicht nicht und waren ihr böse wegen ihres unbesonnenen Handelns. Als sie dann jedoch sahen, dass Schatzjade wieder zu Bewusstsein kam, waren sie erleichtert. Sogleich ließ man den Arzt Bi aus dem vorderen Arbeitszimmer hereinbitten, um den Puls zu nehmen. Der Arzt trat ein, fühlte den Puls und sagte: „Wie erstaunlich! Dieses Mal ist der Puls tief und ruhig, der Geist ist beruhigt und die gestaute Beklemmung hat sich aufgelöst. Morgen gebe ich ein regulierendes Mittel, und man darf auf Genesung hoffen." Er ging hinaus. Alle waren beruhigt und gingen auseinander. Dufthauch hatte Schatzspange von Anfang an tief übelgenommen, dass sie alles verraten hatte, doch es kam ihr nicht über die Lippen. Goldamsel rügte ihre Herrin im Vertrauen: „Sie waren doch allzu voreilig, Fräulein." Schatzspange erwiderte: „Was verstehst du schon davon? Komme, was da mag — ich stehe dafür ein." So ließ Schatzspange alle Vorwürfe und Tadel gelassen an sich abperlen und beobachtete nur aufmerksam Schatzjades Krankheit, um verborgen Nadelstiche zur Heilung zu setzen. Eines Tages fühlte Schatzjade allmählich, wie sein Geist sich beruhigte. Wenn auch der Gedanke an Kajaljade ihn zuweilen überkam, war er dabei noch halb verwirrt. Zudem sprach Dufthauch ihm beständig zu und erklärte nach und nach: „Der Herr hat Fräulein Schatzspange ausgewählt, weil sie eine gütige und aufrichtige Natur hat. Er fand, Fräulein Kajaljades Wesen sei zu eigensinnig, und fürchtete ohnehin, dass sie nicht lange leben würde. Die Herzoginmutter hatte Sorge, Ihr wüsstet nicht, was gut für Euch ist, und würdet Euch in Eurer Krankheit noch mehr aufregen. Darum ließ sie Schneegans [12] herüberkommen, um Euch zu beruhigen." Schatzjade fühlte sich trotzdem voller Bitterkeit und vergoss immer wieder Tränen. Wollte er den Tod suchen, so dachte er an die Worte des Fremden im Traum und fürchtete auch, der Herzoginmutter und seiner Mutter Kummer zu bereiten. Loslösen konnte er sich nicht. Dann dachte er auch: Kajaljade war nun tot, und Schatzspange war eine Persönlichkeit allerersten Ranges. So begann er an die „Bestimmung von Gold und Jade" zu glauben und fand allmählich etwas Frieden. Schatzspange sah, dass keine ernste Gefahr mehr drohte, und so beruhigte sich auch ihr eigenes Herz. Nachdem sie gewissenhaft alle Pflichten einer Schwiegertochter gegenüber der Herzoginmutter und Frau König erfüllt hatte, sann sie auf Wege, Schatzjades Kummer zu lindern. Obwohl Schatzjade nicht oft aufsitzen konnte, sah er doch häufig Schatzspange an seinem Bett sitzen, und das alte Verlangen regte sich unwillkürlich wieder. Schatzspange ermahnte ihn jedes Mal mit ernsthaften Worten und tröstete ihn: „Die Gesundheit geht vor. Da wir nun Mann und Frau sind, kommt es auf die eine Stunde nicht an." In Schatzjades Herzen war zwar vieles nicht nach seinem Willen, doch tagsüber leisteten ihm die Herzoginmutter, Frau König, Tante Schnee und andere abwechselnd Gesellschaft. Nachts ging Schatzspange allein schlafen, und die Herzoginmutter schickte zudem Leute, um auf ihn achtzugeben. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in Ruhe pflegen zu lassen. Als er Schatzspanges sanftes und zartes Wesen erlebte, übertrug er allmählich etwas von seiner Liebe zu Kajaljade auf Schatzspange. Doch davon wird später berichtet. Nun muss erzählt werden, was sich am Tag von Schatzjades Hochzeit ereignete. Kajaljade hatte bei hellem Tag bereits das Bewusstsein verloren. Doch ein winziger Faden von Atemhauch in Brust und Mund riss nicht ab. Seidenweiß Pflaume [13] und Purpurkuckuck [14] weinten, als ginge es um ihr eigenes Leben. Am Abend kam Kajaljade noch einmal zu sich, öffnete schwach die Augen und schien nach Wasser oder Suppe zu verlangen. Zu dieser Zeit war Schneegans [15] bereits gegangen; nur Purpurkuckuck und Seidenweiß Pflaume waren noch an ihrer Seite. Purpurkuckuck brachte eine kleine Schale Longansuppe, vermischt mit Birnensaft, und flößte ihr mit einem silbernen Löffelchen zwei, drei Löffel ein. Kajaljade schloss die Augen und ruhte eine Weile. In ihrem Herzen war es bald hell, bald dunkel. Da Seidenweiß Pflaume sah, dass es Kajaljade etwas besser ging, wusste sie genau, dass es das letzte Aufflackern vor dem Tod war, rechnete aber damit, dass es noch einen halben Tag dauern würde. So kehrte sie zum Duftreisdorf [16] zurück, um sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Hier öffnete Kajaljade die Augen und sah, dass nur Purpurkuckuck, ihre Amme und einige kleine Mägde da waren. Mit einer Hand griff sie nach Purpurkuckucks Hand, presste sie fest und sagte unter größter Anstrengung: „Ich bin am Ende. Du hast mir so viele Jahre gedient, und ich hatte gehofft, wir beide könnten immer zusammenbleiben. Aber nun..." Sie brach ab und keuchte eine Weile, schloss die Augen und ruhte. Purpurkuckuck spürte, wie Kajaljade ihre Hand nicht losließ, und wagte selbst nicht, sich zu rühren. Ihrem Aussehen nach ging es ihr besser als am Vormittag, und Purpurkuckuck dachte schon, vielleicht könnte sie noch einmal umkehren. Doch als sie diese Worte hörte, lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Nach langer Zeit sprach Kajaljade wieder: „Schwester — ich habe hier keine Verwandten. Mein Leib ist rein. Bitte sorge dafür, dass man mich nach Hause bringt." Bei diesen Worten schloss sie wieder die Augen und verstummte. Ihre Hand aber wurde immer fester, der Atem ging stoßweise, die Atemzüge kamen lang heraus und kurz hinein, bereits sehr eilig und gehetzt. Purpurkuckuck geriet in Panik und ließ sogleich nach Seidenweiß Pflaume schicken. Zum Glück kam gerade Erkundefrühling [17] vorbei. Als Purpurkuckuck sie sah, flüsterte sie hastig: „Drittes Fräulein, schauen Sie doch bitte nach Fräulein Kajaljade!" Dabei fielen ihre Tränen wie Regen. Erkundefrühling trat heran und befühlte Kajaljades Hand — sie war bereits kalt. Auch der Blick aus ihren Augen hatte sich zerstreut. Erkundefrühling und Purpurkuckuck weinten und ließen Wasser bringen, um Kajaljade zu waschen. Gerade eilte Seidenweiß Pflaume herein. Die drei sahen einander an, doch bevor sie ein Wort sagen konnten — gerade als sie Kajaljade abzuwischen begannen —, rief Kajaljade plötzlich mit lauter, durchdringender Stimme: „Schatzjade! Schatzjade! Du hast doch ..." Beim Wort „doch" brach kalter Schweiß aus ihrem ganzen Körper, und sie verstummte. Purpurkuckuck und die anderen stützten sie eilig, doch der Schweiß strömte nur stärker, und ihr Körper wurde allmählich kalt. Erkundefrühling und Seidenweiß Pflaume ließen die Mägde in aller Eile Haar und Kleidung richten. Da rollten Kajaljades Augen nach oben — es war aus! Die duftende Seele, ein Faden nur, verwehte im Wind, Die Sorge, ein Gespinst, floss in den Traum der dritten Nachtwache. In dem Augenblick, als Kajaljade den letzten Atemzug tat, war es genau die Stunde, in der Schatzjade Schatzspange zur Frau nahm. Purpurkuckuck und die anderen brachen in lautes Weinen aus. Seidenweiß Pflaume und Erkundefrühling dachten an Kajaljades liebenswerte Art von einst, und wie sie heute erst recht zu bedauern war. Sie weinten ebenfalls bittere Tränen. Da die Xiaoxiang-Pavillon [18] sehr weit von den Hochzeitsgemächern entfernt lag, hörte man dort drüben nichts davon. Eine Weile weinten alle laut, als sie in der Ferne den Klang von Musik vernahmen. Sie lauschten, doch dann war es wieder still. Erkundefrühling und Seidenweiß Pflaume traten in den Hof hinaus und lauschten nochmals — nur das Rascheln der Bambusspitzen im Wind war zu hören, und der Mondschatten wanderte über die Mauer. Wie trostlos und einsam! Man schickte nach der Frau von Lin Zhixiao, ließ Kajaljade aufbahren und Leute zur Totenwache bestellen und wartete auf den nächsten Morgen, um Phönixglanz zu benachrichtigen. Phönixglanz hatte gesehen, wie die Herzoginmutter und Frau König bereits vor Aufregung ganz erschöpft waren. Aufrecht Kaufmann brach auf, und Schatzjades Zustand hatte sich noch verschlimmert. Sie war ohnehin schon äußerst besorgt. Würde sie jetzt auch noch die Todesnachricht von Kajaljade überbringen, fürchtete sie, dass die Herzoginmutter und Frau König vor Kummer und Sorge ernsthaft erkranken könnten. So ging sie persönlich in den Garten. Als sie in der Xiaoxiang-Pavillon ankam, konnte auch sie nicht anders als zu weinen. Sie traf Seidenweiß Pflaume und Erkundefrühling und erfuhr, dass alles Nötige vorbereitet war. „Sehr gut", sagte sie. „Nur — warum habt ihr vorhin nichts gesagt? Ich habe mir solche Sorgen gemacht." Erkundefrühling sagte: „Wir haben gerade den Herrn verabschiedet. Wie hätten wir es da sagen können?" Phönixglanz sagte: „Ihr beide habt Mitleid mit ihr gehabt, das war rücksichtsvoll. Aber jetzt muss ich drüben nach dem Sorgenkind sehen. Diese Sache hier ist aber schwierig: Wenn wir es heute nicht melden, geht es nicht. Melden wir es aber, fürchte ich, dass die Herzoginmutter es nicht verkraftet." Seidenweiß Pflaume sagte: „Geh erst einmal hin und handle nach den Umständen. Berichte es dann, wenn sich die Gelegenheit ergibt." Phönixglanz nickte und eilte fort. Als Phönixglanz bei Schatzjade eintraf und hörte, dass der Arzt sagte, es bestehe keine Gefahr, waren die Herzoginmutter und Frau König etwas erleichtert. Da sprach Phönixglanz, abseits von Schatzjade, behutsam über Kajaljades Tod. Die Herzoginmutter und Frau König erschraken zutiefst. Der Herzoginmutter strömten die Tränen übers Gesicht: „Ich habe sie ins Verderben gestürzt! Aber dieses Kind war auch allzu töricht." Sie wollte in den Garten gehen, um an ihrem Totenbett zu weinen, doch ihr Herz hing auch an Schatzjade — sie konnte sich weder für das eine noch das andere entscheiden. Frau König und die anderen unterdrückten ihre Trauer und redeten der Herzoginmutter zu: „Gehen Sie nicht selbst hin, Mutter. Ihre Gesundheit ist wichtiger." Die Herzoginmutter hatte keine Wahl und bat Frau König, an ihrer Stelle zu gehen, und sagte noch: „Richte ihrem Geist von mir aus: ‚Nicht aus Herzlosigkeit bin ich nicht gekommen, um dich auf deinem letzten Weg zu begleiten. Nur gibt es Näheres und Ferneres: Du bist die Tochter meiner leiblichen Tochter, das ist mir nah genug. Aber verglichen mit Schatzjade ist Schatzjade mir noch näher. Sollte Schatzjade etwas zustoßen — wie könnte ich dann seinem Vater gegenübertreten?'" Bei diesen Worten weinte sie aufs Neue. Frau König sprach ihr Trost zu: „Fräulein Kajaljade war die, die die Herzoginmutter am meisten geliebt hat. Doch über Leben und Tod entscheidet das Schicksal; nun, da sie gestorben ist, können wir nichts mehr für sie tun. Nur bei der Bestattung sollten wir sie auf das Beste verabschieden. Erstens können wir damit unser Gewissen ein wenig beruhigen. Zweitens werden die Seelen der verstorbenen Tante und ihrer Tochter ein wenig Frieden finden." Die Herzoginmutter weinte bei diesen Worten nur noch bitterer. Phönixglanz fürchtete, dass die Alte sich zu sehr grämte, und schickte, da sie ja wusste, dass Schatzjades Verstand getrübt war, heimlich jemanden mit einer Notlüge: „Schatzjade drüben sucht nach der Herzoginmutter." Die Herzoginmutter hielt erst da inne mit Weinen und fragte: „Es gibt doch nicht wieder ein Unglück?" Phönixglanz lächelte beschwichtigend: „Nein, nichts dergleichen. Er vermisst wohl einfach seine Großmutter." Die Herzoginmutter stützte sich sogleich auf Perle [19], und Phönixglanz folgte ihr. Auf halbem Weg trafen sie Frau König, die gerade zurückkam, und die erstattete der Herzoginmutter Bericht. Die Herzoginmutter trauerte natürlich von Neuem, doch da sie auf dem Weg zu Schatzjade war, schluckte sie ihre Tränen und sprach gefasst: „Wenn dem so ist, gehe ich auch nicht mehr hin. Macht ihr das unter euch aus. Wenn ich es sehe, bricht es mir das Herz. Nur tut ihr nicht unrecht — das ist alles, worum ich bitte." Frau König und Phönixglanz sagten einhellig zu. Die Herzoginmutter kam zu Schatzjades Bett. Als sie ihn sah, fragte sie: „Was wolltest du von mir?" Schatzjade lächelte: „Ich habe gestern Abend Schwester Kajaljade gesehen. Sie sagte, sie wolle nach Süden zurückkehren. Ich dachte, niemand könnte sie zum Bleiben bewegen außer Ihnen, Großmutter. Halten Sie sie doch für mich zurück!" Die Herzoginmutter sagte: „Gewiss, mach dir keine Sorgen." Dufthauch half Schatzjade sich hinzulegen. Die Herzoginmutter ging hinüber zu Schatzspange. Zu jener Zeit war Schatzspange noch nicht zum „Rückbesuch am neunten Tag" aufgebrochen, und so war ihr in Gesellschaft noch etwas schamhaft zumute. An diesem Tag sah sie, dass die Herzoginmutter mit tränennassem Gesicht kam. Sie reichte ihr Tee, und die Herzoginmutter bat sie, Platz zu nehmen. Schatzspange setzte sich seitlich neben sie und fragte: „Ich höre, Schwester Kajaljade ist krank. Geht es ihr besser?" Als die Herzoginmutter dies hörte, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten und sagte: „Mein Kind, ich sage es dir, aber du darfst Schatzjade nichts verraten. Alles ist wegen deiner Schwester Kajaljade geschehen, und du hast deswegen so viel Unrecht erdulden müssen. Nun, da du seine Ehefrau bist, sage ich es dir: Deine Schwester Kajaljade ist schon seit zwei, drei Tagen tot. Genau in der Stunde deiner Hochzeit ist sie gestorben. Diese Krankheit Schatzjades — sie rührt daher. Ihr alle habt früher zusammen im Garten gelebt. Ihr wisst das sicherlich." Schatzspange lief das Blut ins Gesicht. Als sie an Kajaljades Tod dachte, konnte auch sie die Tränen nicht halten. Die Herzoginmutter sprach noch eine Weile, dann ging sie. Von da an dachte Schatzspange tausendmal hin und her und fasste einen Plan, wagte aber nicht, überstürzt zu handeln. Erst als der „Rückbesuch am neunten Tag" vorüber war, setzte sie ihren Plan um. Und tatsächlich ging es Schatzjade daraufhin besser. Erst dann konnte man miteinander reden, ohne ständig auf der Hut sein zu müssen. Nur Schatzjade — obwohl seine Krankheit von Tag zu Tag besser wurde, konnte sein eigensinniges Herz nicht loslassen: Er wollte unbedingt selbst hingehen und um sie weinen. Die Herzoginmutter und die anderen wussten, dass die Krankheit noch nicht an der Wurzel geheilt war, und erlaubten ihm kein wildes Grübeln. Doch sein Kummer war unerträglich, und er erlitt immer wieder Rückfälle. Da war es schließlich der Arzt, der die seelische Ursache der Krankheit erkannte und riet, man solle ihn ruhig seinen Gefühlen freien Lauf lassen, und danach mit Medizin regulieren — so würde die Heilung schneller voranschreiten. Als Schatzjade das hörte, wollte er sofort zur Xiaoxiang-Pavillon. Die Herzoginmutter und die anderen ließen einen Bambusstuhl herbeibringen und halfen Schatzjade hinein. Die Herzoginmutter und Frau König gingen voraus. Als sie die Xiaoxiang-Pavillon betraten und Kajaljades Sarg erblickten, hatte die Herzoginmutter bereits so viele Tränen vergossen, dass sie kaum noch atmen konnte. Phönixglanz und die anderen redeten mehrfach auf sie ein, bis sie sich beruhigte. Auch Frau König weinte bitterlich. Seidenweiß Pflaume bat die Herzoginmutter und Frau König, sich im inneren Zimmer auszuruhen. Auch dort vergossen sie noch Tränen. Als Schatzjade eintraf, dachte er daran, wie er vor seiner Krankheit oft hierhergekommmen war. Heute standen die Räume noch, doch die Bewohnerin war nicht mehr. Er brach in hemmungsloses Schluchzen aus. Er dachte daran, wie vertraut sie einst miteinander gewesen waren, und dass er sie heute im Tod verabschiedete — wie konnte er da nicht erst recht von Trauer übermannt werden? Alle hatten befürchtet, Schatzjade würde sich nach seiner Krankheit zu sehr grämen, und versuchten, ihn zu trösten. Aber Schatzjade weinte bereits, als ginge es um sein Leben, und man musste ihn stützen und zur Ruhe bringen. Auch die anderen Begleiter, darunter Schatzspange, weinten alle bitterlich. Doch Schatzjade bestand darauf, Purpurkuckuck zu sich zu rufen, und fragte sie, was seine Schwester vor ihrem Tod noch gesagt habe. Purpurkuckuck hatte Schatzjade von Herzen gehasst, doch als sie ihn so sah, wurde ihr Herz etwas weicher. Zudem waren die Herzoginmutter und Frau König beide zugegen, und sie wagte nicht, Schatzjade zu schelten. So erzählte sie der Reihe nach: wie Fräulein Kajaljade wieder krank geworden war, wie sie die Tücher verbrannt und die Gedichtmanuskripte dem Feuer übergeben hatte, und was sie vor ihrem Tod gesagt hatte. Schatzjade weinte aufs Neue, bis ihm die Kehle zugeschnürt und der Mund ausgetrocknet war. Erkundefrühling nutzte die Gelegenheit und erzählte auch noch von Kajaljades letztem Wunsch, den Sarg in den Süden zurückzubringen. Die Herzoginmutter und Frau König begannen wieder zu weinen. Zum Glück verstand Phönixglanz es, mit guten Worten Trost zu spenden, so dass sie sich etwas beruhigten. Dann schlug sie vor, in die Gemächer zurückzukehren. Schatzjade wollte sich nicht losreißen, doch die Herzoginmutter drängte ihn, und er kehrte widerwillig in sein Zimmer zurück. Die Herzoginmutter, betagt wie sie war, hatte seit dem Beginn von Schatzjades Krankheit Tag und Nacht keine Ruhe gehabt. Nun, nach diesem erneuten Ausbruch tiefer Trauer, spürte sie Schwindel und Fieber aufkommen. Obwohl sie sich um Schatzjade sorgte, konnte sie sich nicht mehr aufrecht halten. Sie musste in ihr Zimmer zurückkehren und sich niederlegen. Auch Frau König, deren Herz noch stärker schmerzte, zog sich zurück. Sie schickte Buntwolke [20], um Dufthauch zu helfen und nach Schatzjade zu sehen, und sagte: „Wenn Schatzjade wieder trauert, kommt sofort und sagt uns Bescheid." Schatzspange wusste, dass Schatzjade seinen Schmerz nicht so bald verwinden konnte. Anstatt ihn zu trösten, stichelte sie mit feinen Worten. Schatzjade fürchtete, Schatzspange könnte sich gekränkt fühlen, und hielt seine Tränen zurück und fasste sich. Nach einer ruhigen Nacht kamen am nächsten Morgen alle, um nach ihm zu sehen. Er war zwar noch schwach und kraftlos, doch seine Seelennot schien um einiges leichter geworden. So pflegte man ihn mit besonderer Sorgfalt, und er erholte sich allmählich. Zum Glück erkrankte die Herzoginmutter nicht ernsthaft. Nur Frau König konnte ihren Herzschmerz nicht überwinden. Eines Tages kam Tante Schnee zu Besuch, sah, dass es Schatzjade etwas besser ging, und war beruhigt. Sie blieb vorläufig. An einem Tag lud die Herzoginmutter Tante Schnee eigens zu einer Besprechung ein und sagte: „Schatzjades Leben haben wir allein der Tante zu verdanken. Nun scheint keine Gefahr mehr zu drohen. Nur Eure Tochter hat so viel erdulden müssen. Wenn Schatzjade sich hundert Tage erholt hat und wieder bei Kräften ist, und die Trauerzeit für die Edle Gemahlin [21] vorüber ist, wäre der rechte Zeitpunkt für die Hochzeitsnacht. Ich möchte Euch bitten, einen besonders günstigen Tag auszuwählen." Tante Schnee sagte: „Die Herzoginmutter hat eine vortreffliche Idee. Warum mich fragen? Meine Schatzspange mag äußerlich einfach wirken, aber sie hat ein klares Herz. Ihre Herzoginmutter kennt ihr Wesen seit jeher. Wenn die beiden nur in Eintracht miteinander leben — dann wird die Herzoginmutter viel Sorge los, meine Schwester wird getröstet, und auch mir fällt ein Stein vom Herzen. Die Herzoginmutter möge den Tag bestimmen. Werden wir auch Verwandte einladen oder nicht?" Die Herzoginmutter sagte: „Die Hochzeit von Schatzjade und Eurer Tochter — das ist die größte Sache ihres Lebens! Und nach wie vielen Schwierigkeiten haben wir endlich diesen Punkt erreicht. Wir müssen unbedingt mehrere Tage festlich feiern und alle Verwandten einladen. Erstens danken wir dem Himmel. Zweitens trinken wir gemeinsam ein Glas Wein zum Fest — ich als alte Frau habe mir genug Sorgen gemacht, das soll nicht umsonst gewesen sein." Tante Schnee hörte das und freute sich natürlich. Dann sprach sie über die Mitgiftvorbereitungen. Die Herzoginmutter sagte: „Wir sind Verwandte, die untereinander heiraten. Ich denke, all dieser Aufwand ist nicht nötig. Was die Einrichtung betrifft — ihr Zimmer ist ohnehin schon voll ausgestattet. Wenn Schatzspange ein paar besondere Lieblingsstücke hat, bringen Sie die einfach mit. Schatzspange ist nicht empfindlich in solchen Dingen — ganz anders als meine arme Enkelin, deren empfindliches Wesen der Grund war, dass sie nicht alt werden konnte." Bei diesen Worten weinte auch Tante Schnee. Gerade in diesem Moment kam Phönixglanz herein und fragte lachend: „Herzoginmutter, Tante — worüber seid ihr schon wieder traurig?" Tante Schnee sagte: „Wir sprachen gerade über Schwester Kajaljade, und da wurde es uns schwer ums Herz." Phönixglanz lachte: „Die Herzoginmutter und die Tante mögen jetzt bitte aufhören, traurig zu sein. Ich habe gerade einen Witz gehört und wollte ihn der Herzoginmutter und der Tante erzählen." Die Herzoginmutter wischte sich die Tränen ab und lächelte schwach: „Du willst dich bestimmt wieder über jemanden lustig machen! Erzähl schon, die Tante und ich hören zu. Aber wenn wir nicht lachen, lassen wir dich nicht so leicht davon." Da begann Phönixglanz, noch bevor sie den Mund aufgemacht hatte, schon mit beiden Händen herumzufuchteln, und bog sich vor Lachen. Was sie erzählte, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel. Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). |
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