Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de/Chapter 109"

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= 第一百九回 =
 
== 候芳魂五儿承错爱 / 还孽债迎女返真元 ==
 
  
 
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! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982)
 
! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982)
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! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026)
 
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第一百九回
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候芳魂五儿承错爱
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还孽债迎女返真元
 
话说宝钗叫袭人问出原故,恐宝玉悲伤成疾,便将黛玉临死的话与袭人假作闲谈,说是:“人在世上,有意有情。到了死后,各自干各自的去了,并不是生前那样的,人死后还是那样。活人虽有痴心,死的竟不知道。况且林姑娘既说仙去,他看凡人是个不堪的浊物,那里还肯混在世上?只是人自己疑心,所以招出些邪魔外祟来缠扰。”宝钗虽是与袭人说话,原说给宝玉听的。袭人会意,也说是:“没有的事。若说林姑娘的魂灵儿还在园里,我们也算相好,怎么没有梦见过一次?”
 
话说宝钗叫袭人问出原故,恐宝玉悲伤成疾,便将黛玉临死的话与袭人假作闲谈,说是:“人在世上,有意有情。到了死后,各自干各自的去了,并不是生前那样的,人死后还是那样。活人虽有痴心,死的竟不知道。况且林姑娘既说仙去,他看凡人是个不堪的浊物,那里还肯混在世上?只是人自己疑心,所以招出些邪魔外祟来缠扰。”宝钗虽是与袭人说话,原说给宝玉听的。袭人会意,也说是:“没有的事。若说林姑娘的魂灵儿还在园里,我们也算相好,怎么没有梦见过一次?”
 
宝玉在外面听着,细细的想道:“果然也奇!我知道林妹妹死了,那一日不想几遍,怎么从没梦见?想必他到天上去了,瞧我这凡夫俗子,不能交通神明,所以梦都没有一个儿。我如今就在外间睡,或者我从园里回来,他知道我的心,肯与我梦里一见。我必要问他实在那里去了,我也时常祭奠。若是果然不理我这浊物,竟无一梦,我便也不想他了。”主意已定,便说:“我今夜就在外间睡,你们也不用管我。”
 
宝玉在外面听着,细细的想道:“果然也奇!我知道林妹妹死了,那一日不想几遍,怎么从没梦见?想必他到天上去了,瞧我这凡夫俗子,不能交通神明,所以梦都没有一个儿。我如今就在外间睡,或者我从园里回来,他知道我的心,肯与我梦里一见。我必要问他实在那里去了,我也时常祭奠。若是果然不理我这浊物,竟无一梦,我便也不想他了。”主意已定,便说:“我今夜就在外间睡,你们也不用管我。”
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结缡(l í离)──典出《诗经·豳风·东山》:“亲结其缡,九十其仪。”意谓女儿出嫁时,由母亲将缡(佩巾)结在其身上。后即以“结缡”代指成婚或结婚。​
 
结缡(l í离)──典出《诗经·豳风·东山》:“亲结其缡,九十其仪。”意谓女儿出嫁时,由母亲将缡(佩巾)结在其身上。后即以“结缡”代指成婚或结婚。​
 
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erkannt. Also dann besorg’ uns diesen Mann!“
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= Kapitel 109 =
Djia Liän brach sofort auf, nur um mit der Nachricht zurückzukehren, daß der besagte Arzt Liu zur Zeit die Stadt verlassen habe, um seine Schüler zu unterrichten und erst in zehn Tagen zurückkomme. Doch weil die Angelegenheit dringend war, besorgte Djia Liän einen anderen, der bereits auf dem Weg war. Djia Dschëng konnte nur warten. Soviel dazu.
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== Wu'er empfängt fälschlich Zuneigung im Namen eines duftenden Geistes; ==
Während dieser Krankheit waren alle Damen in ständiger Aufwartung bei der Herzoginmutter. Bei einer Gelegenheit, als sie alle in den Gemächern versammelt waren, kam eine der alten Frauen, deren Aufgabe es war, das Seitentor des Gartens zu bewachen, mit einer Botschaft.
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== Im Kreislauf der Vergeltung kehrt Willkommensfrühling ins Wahre zurück ==
„Schwester Miau-yü vom Kloster Gefangenes Grün, die zur Zeit im Garten ist, hat gehört, daß die Herzoginmutter krank ist und kommt daher zu Besuch.“ –
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„Sie kommt so selten“, kommentierten alle, „geht und laßt sie sofort vor!“
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Hsi-fëng ging zum Bett der Herzoginmutter, um es ihr zu erzählen, und Hsiu-yän, Miau-yüs alte Freundin, ging hinaus, um sie zu empfangen. Miau-yü trug die Kopfbedeckung einer ungeschorenen Schwester und einen mondweißen Seidenumhang mit dem Flickwerk einer langen, ärmellosen Jacke darüber, abgesetzt mit Seide in wasserblauer Farbe. Sie hatte ihren Umhang mit einer in herbstlichen Farben gewebten Binde geschlossen, worunter sie einen langen, weißen damast-seidenen Rock, mit hellgrauen Mustern verziert, trug. In einer Hand hielt sie eine Gebetskette. Sie folgte der Dienerin und schritt würdevoll herein. Hsiu-yän begrüßte sie: „Als ich auch noch im Garten wohnte, konnte ich öfter kommen und Sie sehen. Doch in letzter Zeit gibt es wenige Diener im Garten, und es ist schwer für mich, allein hinauszugehen. Darüberhinaus ist das Seitentor oft geschlossen. Deswegen konnte ich Euch so lange nicht besuchen. Wie schön es ist, euch heute wiederzusehen!“ –
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Es wird erzählt, daß Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 (Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange". Ehefrau von Schatzjade.</ref> Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 (Xírén), wörtl. „Den Menschen überraschend duftend". Erste Kammerzofe von Schatzjade.</ref> beauftragt hatte, den wahren Grund herauszufinden. Aus Sorge, Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 (Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade". Protagonist des Romans.</ref> könnte vor Kummer krank werden, sprach sie mit Dufthauch absichtlich im Plauderton über Kajaljades letzte Worte vor ihrem Tod, so daß Schatzjade es mithören konnte. Sie sagte: „Solange ein Mensch auf der Welt ist, hat er Gefühle und Empfindungen. Doch nach dem Tode geht jeder seiner eigenen Wege, und es ist keineswegs so wie im Leben. Die Toten sind nicht mehr so, wie sie zu Lebzeiten waren. Die Lebenden mögen noch so sehr an ihnen hängen — die Verstorbenen wissen nichts davon. Zudem hat Fräulein Lin doch gesagt, sie gehe zu den Unsterblichen; sie betrachtet die Sterblichen als unreine, trübe Wesen — wie sollte sie sich noch in der irdischen Welt aufhalten wollen? Nur der eigene Argwohn der Menschen ruft allerlei Dämonen und böse Geister herbei, die einen dann heimsuchen." Obwohl Schatzspange mit Dufthauch sprach, waren die Worte für Schatzjades Ohren bestimmt. Dufthauch verstand und sagte ebenfalls: „So etwas gibt es nicht. Wenn Fräulein Lins Seele wirklich noch im Garten weilte — wir waren doch auch befreundet, warum habe ich dann nicht ein einziges Mal von ihr geträumt?"
„Ihr und die anderen wart hier immer in geschäftigem Treiben“, antwortete Miau-yü. „Deshalb konnte ich euch, auch als Ihr noch im Garten gewohnt hattet, nicht oft besuchen. Doch ich habe von dem derzeitigen Ärger gehört und erfuhr, daß die Herzoginmutter krank ist. Ich habe an euch gedacht und wollte Bau-tschai sehen. Was für einen Unterschied macht es für mich, ob die Tore geschlossen sind oder nicht? Ich wollte kommen und kam. Wenn ich mich entschieden hätte, nicht zu kommen, hätte es keinen Unterschied gemacht, ob mich jemand sehen wollte.“ Hsiu-yän lachte. „Du hast dich wirklich kein bißchen verändert!“
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Dann betraten sie das Zimmer der Herzoginmutter. Alle Damen hießen Miau-yü willkommen und sie ging an das Bett, erkundigte sich nach der Gesundheit der alten Dame und unterhielt sich ein wenig mit ihr.
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Schatzjade hörte draußen zu und dachte sorgfältig nach: „Es ist wirklich seltsam! Ich weiß, daß Schwester Lin tot ist, und denke jeden Tag unzählige Male an sie — warum habe ich nie von ihr geträumt? Gewiß ist sie in den Himmel aufgestiegen und blickt auf mich gewöhnlichen Sterblichen herab, der nicht mit den Göttern verkehren kann — deshalb habe ich nicht einen einzigen Traum gehabt. Wenn ich heute nacht draußen im Vorzimmer schlafe, oder wenn ich aus dem Garten zurückkomme, wird sie vielleicht mein Herz kennen und mir im Traume erscheinen wollen. Ich muß sie unbedingt fragen, wo sie wirklich hingegangen ist, dann werde ich ihr auch regelmäßig Opfer darbringen. Wenn sie sich aber tatsächlich um dieses trübe Wesen nicht kümmert und kein einziger Traum kommt, dann werde ich auch aufhören, an sie zu denken." Sein Entschluß stand fest, und er sagte: „Ich werde heute nacht draußen im Vorzimmer schlafen. Ihr braucht euch nicht um mich zu kümmern."
„Du bist ein weiblicher Boddhisattva“, sagte die alte Dame, „sag’ mir, wird es mir besser gehen oder nicht?“
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„Eine wohltätige und tugendhafte Person wie sie, Herzoginmutter, wird gewiß ein sehr hohes Alter erreichen“, antwortete Miau-yü. „Sie haben eine leichte Erkältung, und ich bin sicher, ein wenig Medizin wird alles wieder in Ordnung bringen. In ihrem Alter ist es wichtig, sich auszuruhen.“ –
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Schatzspange drängte ihn nicht, sondern sagte nur: „Du brauchst nicht so wirre Gedanken zu haben. Hast du nicht gesehen, wie aufgeregt die Mutter war, als du in den Garten gegangen bist, so daß sie kaum ein Wort herausbrachte? Wenn du jetzt noch nicht auf deine Gesundheit achtest und die Großmutter davon erfährt, wird sie wieder sagen, wir kümmerten uns nicht genug." Schatzjade sagte: „Es wird schon nichts sein, ich sitze noch ein Weilchen und komme dann herein. Du bist auch müde, leg dich zuerst schlafen." Schatzspange rechnete damit, daß er ohnehin hereinkommen würde, und sagte zum Schein: „Ich gehe schlafen. Laß die Schwester Dufthauch dich bedienen."
„Meine Krankheit liegt nicht an den unglücklichen Umständen“, sagte die Herzoginmutter. „Ich war immer frohen Mutes. Ich weiß nicht, warum ich derzeit Druck in der Brust und einen aufgeblähten Magen habe. Der letzte Arzt, den ich sah, sagte, daß ich mich in letzter Zeit etwas überanstrengt habe. Doch du weißt ganz genau, daß niemand wagt, mich aufzuregen! Ich glaube, der Arzt wußte nicht recht, wovon er sprach. Ich sagte Liän, der erste Arzt habe Recht gehabt. – Ich habe nur Magenbeschwerden und eine Erkältung. Liän sollte ihn morgen wieder herbestellen.“
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Sie rief Yüan-yang zu sich: „Sag’ in der Küche Bescheid, es soll etwas Vegetarisches zubereitet werden, sodaß Schwester Miau-yü etwas essen kann, während sie hier ist.“ –
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Schatzjade hörte das und fand es gerade passend. Als Schatzspange sich niedergelegt hatte, ließ er Dufthauch und Moschusmond<ref>Moschusmond: Chin. 麝月 (Shèyuè), wörtl. „Moschusmond". Dienstmädchen von Schatzjade.</ref> ein weiteres Bett aufschlagen und schickte ständig jemanden hinein, um nachzusehen, ob die Zweite Herrin schon eingeschlafen sei. Schatzspange tat absichtlich so, als schliefe sie, war aber die ganze Nacht unruhig. Schatzjade glaubte, Schatzspange schlafe, und sagte zu Dufthauch: „Geht alle schlafen, ich bin gar nicht traurig. Wenn du mir nicht glaubst, bediene mich, bis ich eingeschlafen bin, und geh dann hinein; du brauchst mich nur nicht zu wecken." Dufthauch bediente ihn tatsächlich bis zum Einschlafen, stellte Tee bereit, schloß die Tür und ging ins Innenzimmer, um nach dem Rechten zu sehen, legte sich dann selbst hin und döste nur, bereit, wieder herauszukommen, falls Schatzjade sich regen sollte.
„Ich habe bereits gegessen“, sagte Miau-yü, „ich möchte nichts.“ –
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„Auch wenn du nichts essen möchtest“, sagte die Dame Wang, „bleibe und plaudere doch noch mit uns.“ –
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Als Schatzjade sah, daß Dufthauch hineingegangen war, schickte er die beiden Nachtwache haltenden alten Weiber nach draußen. Dann setzte er sich leise auf, murmelte im Stillen einige Gebetsworte und legte sich erst dann nieder. Anfangs konnte er durchaus nicht einschlafen, doch nachdem er sein Herz beruhigt hatte, schlief er unversehens ein und ruhte die ganze Nacht friedlich. Erst als es hell wurde, erwachte er, rieb sich die Augen, saß da und dachte nach — doch er hatte keinen Traum gehabt. Er seufzte und sprach: „So ist es denn: ‚Seit langem trennt der Tod uns voneinander, und doch ist ihre Seele nie im Traum erschienen.'" <ref>Zitat aus Bai Juyis „Lied von der ewigen Sehnsucht", in dem der Kaiser Tang Xuanzong vergeblich auf den Traum seiner toten Geliebten Yang Guifei wartet.</ref>
„Nun gut, es ist lange her, daß ich das letzte Mal hier war. Ich wollte sowieso wissen, wie es euch allen geht.“
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Sie sprach noch etwas länger mit ihnen und sagte dann, daß sie gehen müsse. Wie sie sich umblickte, sah sie Hsi-tschun.
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Schatzspange hingegen hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Als sie hörte, wie Schatzjade draußen diese beiden Verse murmelte, erwiderte sie: „Da hast du dich unbedacht ausgedrückt — wenn Schwester Lin noch am Leben wäre, würde sie sich wieder ärgern." Als Schatzjade das hörte, wurde es ihm verlegen zumute, und er stand auf, kam verlegen herein und sagte: „Eigentlich wollte ich hereinkommen, doch weiß ich nicht, wie es kam — ich bin einfach eingenickt." Schatzspange sagte: „Ob du hereinkommst oder nicht, was geht mich das an!"
„Warum siehst du so dünn aus, Hsi-tschun?“, fragte sie. „Du darfst dich beim Malen nicht zu sehr erschöpfen.
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„Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr gemalt“, sagte Hsi-tschun. „Das Zimmer, das ich bewohne, hat zu wenig Licht. Außerdem ist mir zur Zeit nicht nach Malen.“ – „Wo lebst du denn jetzt?“, fragte Miau-yü.
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Auch Dufthauch hatte nicht geschlafen. Als sie die beiden reden hörte, stand sie eilig auf und brachte Tee. Da kam ein kleines Mädchen von der Herzoginmutter<ref>Herzoginmutter: Chin. 贾母 (Jiǎ Mǔ), auch „Alte Fürstin". Oberhaupt der Familie Kaufmann.</ref> herüber und fragte: „Hat der Zweite Herr Schatzjade letzte Nacht ruhig geschlafen? Wenn ja, soll er sich bald mit der Zweiten Herrin frisieren und herüberkommen." Dufthauch sagte: „Geh und melde der Herzoginmutter, daß Schatzjade letzte Nacht sehr ruhig geschlafen hat; er kommt gleich." Das kleine Mädchen ging. Schatzspange machte sich eilig zurecht, und Oriole, Dufthauch und die anderen folgten ihr. Zuerst ging sie zur Herzoginmutter und erwies ihr die Ehre, dann zu Frau König<ref>Frau König: Chin. 王夫人 (Wáng Fūrén). Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.</ref>, danach zu Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 (Wáng Xīfèng), wörtl. „Strahlender Phönix". Ehefrau von Kette Kaufmann, Haushälterin des Rong-Palastes.</ref> — allen machte sie ihren Besuch. Dann kehrte sie zur Herzoginmutter zurück und traf auch ihre Mutter an. Alle fragten: „Geht es Schatzjade abends gut?" Schatzspange sagte: „Er hat sich gleich hingelegt und geschlafen, es gab nichts." Alle waren beruhigt und plauderten noch ein wenig.
„In einem Zimmer östlich des Tores, durch das Ihr eben gekommen seid“, antwortete Hsi-tschun. „Es ist nicht weit, schau’ ruhig mal vorbei.“ –
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„Das werde ich eines Tages“, antwortete Miau-yü, „wenn ich mich in der richtigen Verfassung dazu befinde.
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Da kam ein kleines Mädchen herein und sagte: „Die Zweite Herrin Schwägerin will zurückfahren. Es heißt, daß von Schwager Suns Seite Leute gekommen sind und bei der Ersten Herrin einiges besprochen haben. Die Erste Herrin hat zum Quartier der Vierten Herrin schicken lassen und sagen lassen, man brauche sie nicht mehr aufzuhalten, sie solle gehen. Jetzt weint die Zweite Herrin Schwägerin bei der Ersten Herrin; wahrscheinlich kommt sie gleich, um sich von der Herzoginmutter zu verabschieden." Als die Herzoginmutter und alle es hörten, waren sie äußerst betrübt und sagten: „Willkommensfrühling<ref>Willkommensfrühling: Chin. 迎春 (Yíngchūn), wörtl. „Den Frühling willkommen heißen". Zweite Tochter von Begnadigung Kaufmann.</ref> ist doch eine so feine Person — warum muß das Schicksal ihr ausgerechnet solch einen Menschen bescheren? Ihr ganzes Leben lang kann sie den Kopf nicht heben — wie soll das nur enden?"
Hsi-tschun und die anderen führten sie hinaus und unterhielten sich beim Gehen. Als sie zurückkamen, informierten sie die Mägde, daß der Arzt bei der Herzoginmutter sei, und sie gingen alle ihrer Wege.
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Im Gegensatz zu jedermanns heiterer Voraussage verschlechterte sich der Zustand der Herzoginmutter weiter. Keine Behandlung, die ihr verordnet wurde, führte zur Besserung, und sie litt unter schwerem Durchfall. Djia Dschëng bemerkte, daß ihr Zustand kritisch wurde und war sehr betroffen. Er schickte einen Botschafter zum Amt, um Bescheid zu geben, daß er zu Hause bleibe. Er selbst und die Dame Wang bereiteten Tag und Nacht die Medizin für die alte Dame zu. Als sie an einem Tag etwas aß und trank, waren sie ein wenig zuversichtlicher. Ein altes Dienstmädchen schob ihren Kopf durch die Tür. Die Dame Wang schickte Tsai-yün hin, um zu sehen, wer es war. Es war eine der Frauen, die Ying-tschun mit zu ihrer Hochzeit genommen hatte.
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Während sie noch redeten, trat Willkommensfrühling herein, das Gesicht voller Tränenspuren. Da es Schatzspanges Geburtstag war, schluckte sie die Tränen hinunter, verabschiedete sich von allen und wollte gehen. Die Herzoginmutter kannte ihr Leid und versuchte sie nicht gewaltsam zurückzuhalten, sondern sagte nur: „Geh nur zurück, aber sei nicht traurig. Einen solchen Menschen zu treffen, dagegen ist kein Kraut gewachsen. In ein paar Tagen schicke ich jemanden, der dich wieder abholt." Willkommensfrühling sagte: „Die Großmutter hat mich von Anfang an geliebt, doch jetzt kann sie nichts mehr für mich tun. Die Ärmste, ich habe keine Gelegenheit mehr, wiederzukommen." Dabei strömten ihr die Tränen. Alle trösteten sie: „Was soll denn daran sein, daß du nicht wiederkommen könntest? Du bist doch nicht wie deine Dritte Schwester, die so weit weg ist, daß ein Wiedersehen schwierig wäre." Als die Herzoginmutter und die anderen an Willkommensfrühlings Dritte Schwester dachten, begannen unwillkürlich alle zu weinen. Da es Schatzspanges Geburtstag war, rissen sie sich zusammen und sagten: „So schwierig ist das auch nicht — wenn die Küstenprovinzen befriedet sind und die dortigen Anverwandten in die Hauptstadt versetzt werden, dann kann man sich wiedersehen." Alle sagten: „Ja, so wird es wohl sein."
„Warum bist du gekommen?“, fragte sie.
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„Ich habe eine Ewigkeit gewartet!“, antwortete die alte Frau. „Ich konnte nirgends eine Magd finden und wollte nicht hereinplatzen. Ich war sehr aufgeregt!“ –
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Willkommensfrühling mußte trauernd Abschied nehmen. Alle geleiteten sie hinaus und kehrten dann zur Herzoginmutter zurück. Von morgens bis abends war wieder ein ganzer Tag vergangen. Als die Leute sahen, daß die Herzoginmutter erschöpft war, zerstreuten sich alle.
„Wozu der Aufwand?“, fragte Tsai-yün. „Sag’ nicht, Herr Sun hat Fräulein Ying wieder etwas Schlimmes angetan!“
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„Es gibt keine Hoffnung mehr für sie!“, sagte die alte Frau. „Er hatte vorgestern einen seiner Ausbrüche, sie weinte die ganze Nacht, gestern würgte sie und konnte kaum atmen. Sie wollten keinen Arzt rufen und heute ist es sogar noch schlimmer!“
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Nur Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 (Xuē Yímā). Mutter von Schatzspange und Becken Schnee.</ref> verabschiedete sich von der Herzoginmutter und ging zu Schatzspange hinüber. Sie sagte: „Dein Bruder hat dieses Jahr hinter sich; man muß bis zu einer kaiserlichen Amnestie warten, bis seine Strafe gemildert und er ausgelöst werden kann. Diese paar Jahre — wie soll ich das allein und verlassen aushalten? Ich möchte deinen Zweiten Bruder verheiraten — was meinst du?" Schatzspange sagte: „Mutter hat Angst bekommen wegen der Heirat des älteren Bruders und zweifelt deshalb auch an der Sache des zweiten Bruders. Meiner Meinung nach sollte man es unbedingt tun. Die Xing-Schwägerin kennt Mutter ja — sie hat es hier auch recht schwer. Wenn man sie heiratet, mögen wir auch arm sein, aber es ist allemal besser, als bei fremden Leuten unterzukommen." Tante Schnee sagte: „Wenn du Gelegenheit hast, geh und sag es der Herzoginmutter — sag ihr, daß unser Haus niemanden hat und wir einen günstigen Tag wählen wollen." Schatzspange sagte: „Mutter soll nur mit dem Zweiten Bruder besprechen und einen guten Tag wählen, dann herüberkommen und es der Herzoginmutter und der Ersten Herrin sagen, sie heimführen, und damit ist die Sache erledigt. Die Erste Herrin hier kann es auch kaum erwarten, daß sie geheiratet wird." Tante Schnee sagte: „Heute habe ich gehört, daß auch die Xiang-Schwägerin bald zurückkehren wird. Die Herzoginmutter möchte, daß deine Schwester noch ein paar Tage hierbleibt, deshalb ist sie geblieben. Ich denke, auch sie wird nicht mehr lange bleiben — ihr Schwestern solltet noch ein paar Tage miteinander plaudern." Schatzspange sagte: „Ganz recht." Daraufhin saß Tante Schnee noch eine Weile, verabschiedete sich von allen und ging heim.
„Die Herzoginmutter ist selbst krank!“, sagte Tsai-yün. „Um Himmels willen, macht nicht so einen Lärm!“
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Die Dame Wang hatte diese Unterhaltung von innen gehört. Aus Angst, die Herzoginmutter könnte auf diese Ereignisse schlecht reagieren, trug sie Tsai-yün auf, das Dienstmädchen mitzunehmen und woanders mit ihr zu sprechen. Doch die Herzoginmutter hatte ihre Sinnesschärfe nicht verloren und verstand einen großen Teil der Unterhaltung.
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Nun wird erzählt, daß Schatzjade am Abend in sein Zimmer zurückkehrte und bei sich dachte: „Letzte Nacht ist Kajaljade mir wirklich nicht im Traum erschienen. Vielleicht ist sie schon zur Unsterblichen geworden und will sich deshalb einem so trüben Wesen wie mir nicht zeigen — das ist durchaus möglich. Oder aber ich war zu ungeduldig — auch das kann sein." Er ersann einen Plan und sagte zu Schatzspange: „Ich bin gestern zufällig draußen eingeschlafen, und es scheint, als hätte ich draußen ruhiger geschlafen als drinnen. Heute morgen fühlte ich mich auch klarer im Kopf. Ich möchte noch zwei Nächte draußen schlafen, aber ihr werdet mich wohl wieder daran hindern."
„Stirbt sie?“ weinte sie.
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„Bestimmt nicht“, sagte die Dame Wang. „Diese Frauen haben ihren Sinn für Angemessenheit verloren. Es ging ihr in den letzten Tagen nur etwas schlecht, sie waren deshalb besorgt und wollten einen Arzt kommen lassen.“ –
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Schatzspange hörte es und wußte genau, daß die Verse, die er am Morgen gemurmelt hatte, natürlich Kajaljades wegen gewesen waren. Da sie bedachte, daß sein eigensinniges Naturell nicht umzustimmen war, hielt sie es für besser, ihn zwei Nächte schlafen zu lassen, damit er sich die Sache vielleicht von selbst aus dem Kopf schlage; zudem hatte sie gehört, daß er in der vergangenen Nacht durchaus ruhig geschlafen hatte. Sie sagte: „Was für ein Unsinn! Schlaf nur, wir halten dich doch nicht auf. Nur denk dir nicht lauter wirres Zeug aus und ruf damit Dämonen und Spukgestalten herbei." Schatzjade lachte: „Wer denkt denn an so etwas?"
„Sie sollten besser meinen nehmen“, sagte die Herzoginmutter. „Sagt ihm, er soll nach ihr sehen.Die Dame Wang beauftragte Tsai-yün, die alte Frau zurück zur Dame Hsing zu schicken, und die alte Frau verließ sie.
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Die Herzoginmutter wurde auf einmal sehr betrübt. „Von meinen drei Enkelinnen“, sagte sie, „ist die älteste tot. Tan-tschun, meine dritte, ist verheiratet und lebt am anderen Ende der Welt und ich werde sie niemals wiedersehen. Und jetzt Ying-tschun, – ich wußte, daß ihr Leben schwer ist, doch irgendwie glaubte ich, sie würde noch bessere Tage sehen. Jetzt wird sie sterben und sie ist doch noch so jung! Und ich bin hier noch übrig, eine nutzlose, alte Frau ohne Grund, weiter zu leben.
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Dufthauch sagte: „Ich rate dem Zweiten Herrn, doch lieber im Zimmer zu schlafen. Draußen kann man nicht gleich nach dem Rechten sehen, und wenn Ihr Euch erkältet, ist das auch nicht gut." Schatzjade wollte gerade antworten, da machte Schatzspange Dufthauch ein Zeichen mit den Augen. Dufthauch verstand und sagte: „Na gut, dann laß wenigstens jemanden bei dir sein, der dir nachts Tee und Wasser bringen kann." Schatzjade lachte: „Wenn schon, dann komm du mit mir." Dufthauch wurde es peinlich zumute, augenblicklich errötete sie bis über beide Ohren und sagte kein Wort. Schatzspange kannte Dufthauchs gesetztes Wesen und sagte: „Sie ist es gewohnt, bei mir zu sein — laß sie nur bei mir. Moschusmond und Wu'er können sich um dich kümmern. Außerdem hat sie heute den ganzen Tag mit mir herumgewirtschaftet und ist müde — laß sie ein wenig ausruhen."
Die Damen Wang und Yüan-yang versuchten, sie zu trösten. Bau-tschai und Li Wan waren an diesem Tag nicht da, und Hsi-fëng war in den letzten Tagen auch wieder krank. Die DameWang fürchtete, daß die Krankheit der Herzoginmutter durch diesen geistigen Druck noch verschlimmert würde, und schickte sofort nach den anderen Damen, daß diese zur Herzoginmutter kommen möchten. Sie selbst kehrte in ihre eigenen Gemächer zurück und rief Tsai-yün zu sich.
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„Dieses dumme, alte Dienstmädchen!“, sagte sie ärgerlich, „wenn ich in Zukunft bei der Herzoginmutter bin, wirst du mich nicht noch einmal stören, egal, worum es geht!“
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Schatzjade ging lachend hinaus. Schatzspange wies Moschusmond und Wu'er an, für Schatzjade im Vorzimmer wieder ein Bett aufzuschlagen, und ermahnte die beiden: „Schlaft mit einem offenen Auge; ob Tee, ob Wasser — seid aufmerksam." Die beiden sagten ja und kamen heraus. Da sahen sie Schatzjade aufrecht auf dem Bett sitzen, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet — wahrhaftig wie ein Mönch. Die beiden wagten nicht zu sprechen und konnten ihn nur anblicken und kichern. Schatzspange schickte Dufthauch noch hinaus, um nach dem Rechten zu sehen. Als Dufthauch ihn so sah, mußte sie auch lachen und rief leise: „Es ist Zeit zu schlafen — was sitzt du denn da und meditierst?" Schatzjade öffnete die Augen, sah Dufthauch und sagte: „Geht nur alle schlafen, ich sitze noch ein Weilchen und lege mich dann hin." Dufthauch sagte: „Weil du gestern so warst, hat die Zweite Herrin die ganze Nacht nicht geschlafen. Wenn du so weitermachst, was soll denn das werden?" Schatzjade merkte, daß niemand schlafen würde, solange er selbst nicht schlief, und legte sich gehorsam nieder. Dufthauch ermahnte Moschusmond noch mit einigen Worten und ging dann hinein, schloß die Tür und schlief. Hier räumten Moschusmond und Wu'er ihre Betten zusammen und warteten, bis Schatzjade eingeschlafen war, dann legten sie sich selbst hin.
Tsai-yün versprach, diese Anweisungen zu befolgen und sagte nichts mehr. Die alte Frau war inzwischen bei der Dame Hsing angekommen, als die Neuigkeit antraf, daß Ying-tschun gestorben war. Die Dame Hsing brach in Tränen aus. Während Djia Schës Abwesenheit mußte sie Djia Liän zu den Suns schicken, daß er die Familie repräsentieren möge.
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Die Herzoginmutter war so krank, daß niemand es wagte, ihr die Neuigkeiten zu überbringen.
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Doch Schatzjade wollte schlafen und konnte nicht. Als er sah, wie die beiden ihre Betten richteten, fiel ihm plötzlich ein: „In jenem Jahr, als Dufthauch nicht zu Hause war, bedienten mich Heitermuster<ref>Heitermuster: Chin. 晴雯 (Qíngwén), wörtl. „Heiteres Wolkenmuster". Verstorbene Kammerzofe von Schatzjade.</ref> und Moschusmond. Nachts ging Moschusmond hinaus, und Heitermuster wollte sie erschrecken; weil sie nichts übergezogen hatte, erkältete sie sich, und schließlich ist sie an eben dieser Krankheit gestorben." Bei diesem Gedanken wandten sich alle seine Gedanken Heitermuster zu. Dann fiel ihm ein, daß Phönixglanz gesagt hatte, Wu'er sei Heitermuster wie ein Ebenbild, und er übertrug seine Sehnsucht nach Heitermuster auf Wu'er. Er tat so, als schliefe er, und beobachtete Wu'er verstohlen — je länger er schaute, desto mehr glich sie Heitermuster. Unwillkürlich regte sich wieder sein eigensinniges Wesen. Er lauschte und hörte, daß es im Innenzimmer still geworden war — dort schlief man also. Doch er wußte nicht, ob Moschusmond schon schlief, und rief absichtlich zwei Mal — doch niemand antwortete.
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Wu'er hörte, daß Schatzjade nach jemandem rief, und fragte: „Was wünscht der Zweite Herr?" Schatzjade sagte: „Ich möchte mir den Mund ausspülen." Wu'er sah, daß Moschusmond bereits schlief, und stand widerwillig auf, putzte die Kerze, goß eine Tasse Tee ein und hielt mit der anderen Hand die Spülschale. Da sie eilig aufgestanden war, trug sie nur ein dünnes pfirsichrotes Seidenjäckchen und hatte das Haar lose hochgesteckt. Als Schatzjade hinblickte, war es wahrhaftig, als sei Heitermuster wiedererstanden. Da fielen ihm Heitermusters Worte ein: „Hätte ich gewußt, daß ich den Ruf ohne die Tat trage, hätte ich auch gleich zur Tat geschritten" — und er starrte sie geistesabwesend an, ohne den Tee zu nehmen.
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Jene Wu'er hatte, seit Duftköpfchen fortgegangen war, eigentlich kein Herz mehr gehabt, hierher zu kommen. Später, als sie hörte, daß Phönixglanz sie hereinbeordert hatte, um Schatzjade zu bedienen, war sie noch ungeduldiger als Schatzjade selbst, der auf ihr Kommen wartete. Doch als sie dann wirklich da war und sah, wie Schatzspange und Dufthauch gleichermaßen vornehm und gesetzt waren, empfand sie in ihrem Herzen aufrichtige Bewunderung. Zudem bemerkte sie, daß Schatzjade sich verrückt und töricht benahm, nicht mehr so anmutig wie früher. Und sie hatte gehört, daß Frau König alle Mädchen, die mit Schatzjade gescherzt hatten, hinausgeworfen hatte. Deshalb legte sie ihre mädchenhafte Zärtlichkeit und ihre frühere schwärmerische Zuneigung ganz beiseite.
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Doch an diesem Abend behandelte der eigensinnige junge Herr sie wie Heitermuster und begann sie zu umhegen. Wu'er war längst vor Scham über beide Wangen errötet, wagte aber nicht laut zu sprechen und sagte nur leise: „Zweiter Herr, spült Euch doch den Mund." Schatzjade nahm lächelnd die Tasse in die Hand — ob er sich den Mund gespült hatte oder nicht, war unklar — und fragte dann grinsend: „Du warst doch mit Schwester Heitermuster befreundet, nicht wahr?" Wu'er wußte nicht, wovon er sprach, und sagte: „Wir waren alle Schwestern, es gab nichts, was nicht gut gewesen wäre." Schatzjade fragte leise weiter: „Als Heitermuster schwer krank war und ich sie besuchte — warst du da nicht auch dabei?" Wu'er lächelte leicht und nickte. Schatzjade fragte: „Hast du gehört, was sie gesagt hat?" Wu'er schüttelte den Kopf: „Nein."
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Schatzjade war bereits ganz entrückt und ergriff Wu'ers Hand. Wu'er erschrak und errötete, ihr Herz klopfte wild, und sie sagte leise: „Zweiter Herr, wenn Ihr etwas zu sagen habt, sagt es ruhig, aber bitte kein Zerren und Ziehen." Schatzjade ließ sie erst dann los und sagte: „Sie hat zu mir gesagt: ‚Hätte ich gewußt, daß ich den Ruf ohne die Tat trage, hätte ich auch gleich zur Tat geschritten.' Wie kannst du das nicht gehört haben?"
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Wu'er hörte das und merkte deutlich, daß diese Worte auf sie selbst abzielten, wagte aber nichts zu erwidern und sagte: „Das war doch ihr eigenes schamloses Gerede — können wir Mädchen so etwas sagen?" Schatzjade rief aufgeregt: „Wieso bist auch du so ein Moralprediger? Ich sehe, daß du ihr aufs Haar gleichst, deshalb sage ich dir diese Dinge — wie kannst du sie mit solchen Worten beschmutzen?" Wu'er wußte in diesem Augenblick nicht, was Schatzjade eigentlich meinte, und sagte: „Es ist spät in der Nacht, Zweiter Herr, legt Euch schlafen. Sitzt nicht die ganze Zeit auf, Ihr könntet Euch erkälten. Was haben die Herrin und Schwester Dufthauch vorhin gesagt?" Schatzjade sagte: „Mir ist nicht kalt."
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An dieser Stelle fiel ihm plötzlich ein, daß Wu'er keinen Mantel anhatte, und er fürchtete, sie könnte sich wie Heitermuster erkälten. Er fragte: „Warum bist du herübergekommen, ohne dir etwas überzuziehen?" Wu'er sagte: „Der Herr hat so dringend gerufen, wo hätte ich Zeit gehabt, mich erst ordentlich anzuziehen? Hätte ich gewußt, daß wir so lange reden, hätte ich mich auch angezogen." Schatzjade nahm sogleich seinen eigenen mondweißen Seidenwattejacke, die über ihn gebreitet lag, und reichte sie Wu'er, damit sie sich darin einwickle. Wu'er weigerte sich anzunehmen und sagte: „Der Zweite Herr soll sich zudecken, mir ist nicht kalt; wenn mir kalt ist, habe ich meine eigenen Sachen."
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Damit ging sie zu ihrem Bett zurück und zog eine lange Jacke über. Sie horchte — Moschusmond schlief tief und fest. Dann kam sie langsam herüber und sagte: „Wollte der Zweite Herr heute nacht nicht den Geist beruhigen?" Schatzjade lachte: „Ich sage es dir ehrlich — was ‚Geist beruhigen', ich wollte eigentlich Unsterblichen begegnen." Wu'er wurde immer mißtrauischer und fragte: „Welchen Unsterblichen begegnen?" Schatzjade sagte: „Wenn du es wissen willst, das ist eine lange Geschichte. Setz dich neben mich, dann erzähle ich es dir." Wu'er errötete und lachte: „Ihr liegt da im Bett — wie soll ich mich denn setzen?" Schatzjade sagte: „Was macht das schon? In jenem kalten Winter spielten deine Schwester Heitermuster und Schwester Moschusmond miteinander. Ich fürchtete, sie könne frieren, und nahm sie sogar mit unter eine Decke. Was ist schon dabei? Im allgemeinen soll man sich nicht so affig und heuchlerisch anstellen."
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Wu'er hörte es, und Satz für Satz klangen Schatzjades Worte wie Schmeichelei — doch wußte sie nicht, daß dieser eigensinnige junge Herr jedes Wort von Herzen meinte. Wu'er wußte in diesem Augenblick weder, ob sie gehen, stehen oder sich setzen sollte, und war ganz ratlos. Sie blickte ihn aus den Augenwinkeln an, preßte die Lippen zusammen und kicherte: „Hört auf, solches Zeug zu reden — wenn jemand das hört, was soll der denken? Kein Wunder, daß die Leute sagen, Ihr wendet Eure ganze Mühe nur an die Mädchen. Ihr habt doch die Zweite Herrin und Schwester Dufthauch, die wie Göttinnen sind — und mißt Euch lieber mit anderen herum. Wenn Ihr morgen wieder so redet, gehe ich zur Zweiten Herrin und sage es — dann schauen wir mal, wie Ihr den Leuten ins Gesicht blickt!"
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Gerade als sie das sagte, hörten sie draußen ein dumpfes Poltern, und beide erschraken. Im Innenzimmer hustete Schatzspange. Schatzjade hörte es und legte hastig den Finger auf die Lippen. Wu'er löschte eilig die Lampe und legte sich leise hin. In Wahrheit hatten Schatzspange und Dufthauch, da sie in der vergangenen Nacht nicht geschlafen und tagsüber den ganzen Tag geschuftet hatten, so fest geschlafen, daß sie ihr Gespräch gar nicht gehört hatten. Als es im Hof polterte, fuhren sie jäh aus dem Schlaf, lauschten eine Weile und hörten nichts mehr.
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Schatzjade lag im Bett und grübelte: „Sollte Schwester Lin gekommen sein, unser Gespräch gehört und uns absichtlich erschreckt haben?" Er wälzte sich hin und her, in wirren Gedanken, und erst nach der fünften Nachtwache fiel er in einen leichten Schlummer.
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Nun wird erzählt, daß Wu'er, die Schatzjades alberne Reden eine halbe Nacht lang über sich hatte ergehen lassen, überdies durch Schatzspanges Husten ein schlechtes Gewissen bekam, weil sie fürchtete, Schatzspange könnte alles gehört haben. Sie grübelte vor und zurück und schlief die ganze Nacht nicht. Am nächsten Morgen stand sie früh auf und sah, daß Schatzjade noch in tiefem Schlummer lag. Leise räumte sie das Zimmer auf. Inzwischen war Moschusmond wach geworden und sagte: „Warum bist du so früh aufgestanden? Hast du etwa die ganze Nacht nicht geschlafen?" Als Wu'er das hörte, glaubte sie, Moschusmond wüßte Bescheid, und konnte nur verlegen lächeln, ohne zu antworten. Bald standen auch Schatzspange und Dufthauch auf und öffneten die Tür. Als sie sahen, daß Schatzjade noch schlief, wunderten sie sich: „Wie kommt es, daß er draußen zwei Nächte lang so ruhig geschlafen hat?"
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Als Schatzjade erwachte und sah, daß alle schon auf waren, sprang er hastig auf. Er rieb sich die Augen und dachte sorgfältig nach — auch letzte Nacht hatte er nicht geträumt; die Wege der Unsterblichen und Sterblichen waren also wirklich getrennt. Langsam stieg er aus dem Bett und erinnerte sich an Wu'ers gestrige Worte, daß Schatzspange und Dufthauch wie himmlische Göttinnen seien — das war eigentlich gar nicht falsch. So starrte er Schatzspange geistesabwesend an.
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Schatzspange sah sein Starren und wußte, daß es wegen Kajaljade war, doch sie konnte nicht sicher sein, ob er geträumt hatte oder nicht. Nur daß sein Starren sie selbst verlegen machte. Sie sagte: „Bist du gestern nacht einer Unsterblichen begegnet?" Schatzjade hörte es und glaubte, Schatzspange habe das Gespräch von gestern abend gehört. Er lachte verlegen und sagte gezwungen: „Was für ein Unsinn!" Als Wu'er das hörte, wurde sie nur noch nervöser, wagte aber nichts zu sagen und beobachtete nur Schatzspanges Miene. Schatzspange fragte Wu'er lächelnd: „Hast du gehört, ob der Zweite Herr im Schlaf geredet hat?" Schatzjade hörte das, konnte nicht mehr sitzen bleiben und schlüpfte verlegen davon.
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Wu'er errötete tief und sagte nur vage: „In der ersten Nachthälfte hat er ein paar Sätze gesagt, ich habe nicht genau zugehört. Etwas von ‚einen falschen Ruf getragen' und ‚keinen ordentlichen Entschluß gefaßt' — ich habe es nicht verstanden und den Zweiten Herrn zum Schlafen ermahnt. Danach bin ich auch eingeschlafen und weiß nicht, ob der Zweite Herr noch weiter geredet hat." Schatzspange senkte den Kopf und überlegte: „Diese Worte beziehen sich eindeutig auf Kajaljade. Doch wenn ich ihn ständig draußen schlafen lasse, könnte sein Geist sich verirren und allerlei Blumen- und Weidengespenster herbeirufen. Zudem lag sein altes Leiden ja immer in seiner tiefen Zuneigung zu den Schwestern. Man muß einen Weg finden, seine Zuneigung auf mich zu lenken, dann wird es vielleicht Ruhe geben." Bei diesem Gedanken errötete sie unwillkürlich, und auch ihr wurde es verlegen zumute. So ging sie linkisch ins Zimmer, um sich frisieren und waschen zu lassen.
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Nun wird berichtet, daß die Herzoginmutter an den beiden festlichen Tagen etwas zuviel gegessen hatte und sich am Abend unwohl fühlte. Am nächsten Tag hatte sie ein Völlegefühl in der Brust. Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 (Yuānyāng), wörtl. „Mandarinenten-Paar". Engste Dienerin der Herzoginmutter.</ref> und die anderen wollten Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 (Jiǎ Zhèng), wörtl. „Aufrecht/Rechtschaffen". Vater von Schatzjade.</ref> benachrichtigen, doch die Herzoginmutter verbot es ihnen und sagte: „Ich war in den letzten Tagen etwas gierig und habe zuviel gegessen. Wenn ich eine Mahlzeit auslasse, wird es schon besser. Macht nur ja keinen Lärm!" So sagten Mandarinenente und die anderen niemandem Bescheid.
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Am Abend dieses Tages kehrte Schatzjade in sein Zimmer zurück. Schatzspange war gerade von ihrem Besuch bei der Herzoginmutter und Frau König zurückgekommen. Schatzjade dachte an die peinliche Angelegenheit vom Morgen und schämte sich. Schatzspange sah ihn so und wußte, daß es ihm unangenehm war. Da sie bedachte, daß er ein leidenschaftlicher Mensch war, mußte man seine Krankheit wohl mit Leidenschaft heilen. Sie überlegte und fragte Schatzjade dann: „Willst du heute abend wieder draußen schlafen?" Schatzjade fühlte sich beschämt und sagte: „Drinnen oder draußen, das ist alles dasselbe." Schatzspange wollte noch etwas sagen, aber es kam ihr nicht über die Lippen.
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Dufthauch sagte: „Laßt doch, was soll das für eine Ordnung sein? Ich glaube nicht, daß er so ruhig geschlafen hat." Wu'er hörte das und warf schnell ein: „Wenn der Zweite Herr draußen schläft, gibt es weiter nichts — nur redet er gern im Schlaf, man versteht kein Wort, und man traut sich auch nicht, ihm zu widersprechen." Dufthauch sagte: „Heute nacht werde ich draußen auf dem Bett schlafen und nachsehen, ob er im Schlaf redet oder nicht. Bringt einfach das Bettzeug des Zweiten Herrn ins Innenzimmer, dann ist es erledigt."
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Schatzspange hörte das und sagte nichts. Schatzjade schämte sich — wie hätte er da noch widersprechen können? Also fügte er sich und zog wieder ins Innenzimmer. Zum einen wollte Schatzjade sein Vergehen gutmachen und Schatzspanges Herz beruhigen; zum anderen fürchtete Schatzspange, Schatzjade könnte vor Grübelei krank werden, und zeigte ihm lieber etwas Zärtlichkeit und Nähe — eine List, um die Blume zu verpflanzen und den Stamm zu wechseln <ref>„yihua jie mu" — die Zuneigung von Kajaljade auf sich selbst zu lenken</ref>. So schlief Dufthauch tatsächlich an diesem Abend draußen. Schatzjade hatte natürlich die Absicht, sein Vergehen abzubüßen, und Schatzspange war natürlich nicht abgeneigt, den Gast zu empfangen. Von der Hochzeitsnacht bis zum heutigen Tage war es erst jetzt so weit, daß Regen und Wolken sich süß vereinten und Dunst und Nebel sich harmonisch vermischten <ref>poetische Umschreibung der ehelichen Vereinigung</ref>. Fortan „verbanden sich Yin und Yang, die fünf Wandlungsphasen fügten sich wunderbar zusammen und verdichteten sich" <ref>Zitat aus Zhou Dunyis „Erklärung zum Taiji-Diagramm" — ein Hinweis darauf, daß Schatzspange schwanger wurde</ref>. Doch dies ist eine spätere Geschichte.
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Am nächsten Morgen standen Schatzjade und Schatzspange gemeinsam auf. Schatzjade machte sich zurecht und ging als erstes zur Herzoginmutter hinüber. Die Herzoginmutter, die Schatzjade liebte und auch an Schatzspanges Pietät dachte, fiel plötzlich ein bestimmter Gegenstand ein. Sie ließ Mandarinenente eine Truhe öffnen und ein von den Vorfahren vererbtes Jadestück aus der Han-Dynastie herausnehmen — ein Jade-Jue <ref>ein ringförmiges Jadeschmuckstück mit einer Öffnung, Symbol für Entschluß und Trennung</ref>. Zwar kam es nicht an Schatzjades eigenen Jadestein heran, doch am Körper getragen war es durchaus kostbar. Mandarinenente fand es und reichte es der Herzoginmutter, wobei sie sagte: „Dieses Stück habe ich anscheinend noch nie gesehen. Die Herzoginmutter erinnert sich nach all den Jahren noch so genau — sie sagte, in welcher Truhe, in welchem Kästchen es lag, und ich brauchte nur hinzugreifen. Wozu läßt die Herzoginmutter es jetzt heraussuchen?" Die Herzoginmutter sagte: „Das weißt du nicht. Dieses Jadestück hat mein Urgroßvater meinem Großvater gegeben. Mein Großvater liebte mich, und als ich heiratete, ließ er mich zu sich kommen und gab es mir eigenhändig. Er sagte noch: ‚Dieses Jade stammt aus der Han-Dynastie und ist sehr kostbar. Wenn du es trägst, ist es, als sähest du mich.' Damals war ich noch klein; ich nahm es und machte mir nichts daraus — warf es einfach in die Truhe. Als ich hierherkam, sah ich, daß unsere Familie ohnehin viele Schätze besaß; was war das schon? Ich habe es nie getragen und über sechzig Jahre lang vergessen. Heute, da Schatzjade so voller Pietät ist und seinen Jadestein verloren hat, dachte ich daran, es herauszuholen und ihm zu geben — ganz im Sinne meines Großvaters, der es mir einst schenkte."
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Als Schatzjade seine Aufwartung gemacht hatte, sagte die Herzoginmutter freudig: „Komm her, ich zeige dir etwas." Schatzjade trat ans Bett, und die Herzoginmutter reichte ihm das Han-Jade. Schatzjade betrachtete es: Es war etwa drei Zoll im Umfang, melonenförmig, rötlich schimmernd und äußerst fein gearbeitet. Schatzjade pries es in den höchsten Tönen. Die Herzoginmutter fragte: „Gefällt es dir? Mein Urgroßvater hat es mir gegeben — ich vererbe es dir." Schatzjade lachte, machte eine tiefe Verbeugung zum Dank und wollte es seiner Mutter zeigen. Die Herzoginmutter sagte: „Wenn deine Mutter es sieht und es deinem Vater erzählt, wird er wieder sagen, ich liebte die Enkel mehr als die Söhne. Die haben es noch nie gesehen." Schatzjade ging lachend davon. Schatzspange und die anderen wechselten noch ein paar Worte und verabschiedeten sich ebenfalls.
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Von da an nahm die Herzoginmutter zwei Tage lang keine Nahrung zu sich. Die Brust war immer noch aufgebläht, und sie fühlte Schwindel und Husten. Frau Strafe<ref>Frau Strafe: Chin. 邢夫人 (Xíng Fūrén). Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.</ref>, Frau König, Phönixglanz und andere kamen, um nach ihr zu sehen. Da die Herzoginmutter noch bei gutem Geist war, ließen sie nur Aufrecht Kaufmann informieren, der sogleich kam und nach ihr sah. Aufrecht Kaufmann ging hinaus und rief sofort einen Arzt. Nach kurzer Zeit kam der Arzt, untersuchte den Puls und sagte, es handle sich bei einer betagten Person um eine Verdauungsstörung mit leichter Erkältung; ein wenig verdauungsanregende und schweißtreibende Medizin, und alles werde gut. Er schrieb ein Rezept. Aufrecht Kaufmann sah es sich an, erkannte gewöhnliche Kräuter und ließ die Medizin kochen und verabreichen. Danach kam Aufrecht Kaufmann morgens und abends, um nach der Herzoginmutter zu sehen.
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Drei Tage vergingen ohne Besserung. Aufrecht Kaufmann befahl Kette Kaufmann: „Erkundige dich nach einem guten Arzt und hole ihn schnell, um die Herzoginmutter zu untersuchen. Die Ärzte, die wir gewöhnlich rufen, scheinen mir nicht besonders gut zu sein — deshalb schicke ich dich." Kette Kaufmann überlegte und sagte: „Ich erinnere mich, daß in jenem Jahr, als Bruder Schatzjade krank war, ein Arzt gerufen wurde, der gar nicht praktizierte, und der hat ihn geheilt. Warum suchen wir nicht ihn?" Aufrecht Kaufmann sagte: „Die Heilkunst ist in der Tat äußerst schwierig; gerade die Ärzte, die nicht in Mode sind, haben oft die größte Begabung. Schick sofort Leute, ihn zu suchen." Kette Kaufmann ging eilig und kam zurück mit der Nachricht: „Dieser Doktor Liu ist kürzlich aufs Land gezogen, um als Lehrer zu arbeiten, und kommt nur alle zehn Tage in die Stadt. Jetzt können wir nicht so lange warten. Ich habe einen anderen bestellt, der kommt gleich." Aufrecht Kaufmann hörte es und mußte sich damit abfinden.
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Als die Herzoginmutter krank lag, kamen alle Frauen des Hauses täglich, um nach ihr zu sehen. Eines Tages, als alle versammelt waren, kam die alte Frau, die die Gartenpforte bewachte, herein und meldete: „Die ehrwürdige Meisterin Miao<ref>Meisterin Miao: Chin. 妙玉 (Miàoyù), wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Grünlack-Kloster.</ref> aus dem Grünlack-Kloster im Garten hat von der Krankheit der Herzoginmutter erfahren und kommt eigens, um nach ihr zu sehen." Die Leute sagten: „Sie kommt sonst nicht oft herüber; wenn sie heute eigens kommt, bittet sie schnell herein." Phönixglanz ging zum Bett und meldete es der Herzoginmutter. Höhlennebel Strafe<ref>Höhlennebel Strafe: Chin. 邢岫烟 (Xíng Xiùyān), wörtl. „Nebelwolke am Felsgipfel". Nichte von Frau Strafe.</ref>, die Meisterin Miao von früher kannte, ging als erste hinaus, um sie zu empfangen. Sie sah Meisterin Miao mit der Miaochangguan-Haube auf dem Kopf <ref>benannt nach der Figur Chen Miaochang aus dem Theaterstück „Der Jadehaarschmuck"</ref>, in einem mondweißen Seidenhemd, darüber eine lange Weste aus wasserblauem Atlas mit eingefaßtem Rand, mit einer herbstgelben Seidenkordel gegürtet, darunter einen weißen Seidenrock mit blasser Tuschmalerei. In der Hand hielt sie einen Fliegenwedel und einen Rosenkranz, und eine Dienerin folgte ihr — so kam sie herangeschwebt. Höhlennebel Strafe begrüßte sie und sagte: „Als ich noch im Garten wohnte, konnte ich dich oft besuchen. Seit weniger Leute im Garten wohnen, kommt man als einzelne Frau nicht leicht heraus, und außerdem ist unsere Gartenpforte meist geschlossen — deshalb habe ich dich in letzter Zeit nicht gesehen. Welch glückliches Treffen heute!" Meisterin Miao sagte: „Früher wart ihr alle in eurer lebhaften Gesellschaft, und obwohl du auch im äußeren Garten wohntest, schickte es sich für mich nicht, ständig zu kommen. Nun weiß ich, daß es hier nicht mehr so gut steht; ich habe gehört, daß die Herzoginmutter krank liegt; ich denke an dich und will auch Fräulein Schatzspange sehen. Ob ihr die Türen sperrt oder nicht — wenn ich kommen will, komme ich; und wenn ich nicht kommen will, könnt ihr mich auch nicht herbeirufen!" Höhlennebel Strafe lachte: „Du hast noch immer dein altes Temperament."
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Während sie sprachen, gelangten sie ins Zimmer der Herzoginmutter. Alle begrüßten sich. Meisterin Miao trat ans Bett der Herzoginmutter und erkundigte sich nach ihrem Befinden, wobei sie einige Höflichkeitsfloskeln sagte. Die Herzoginmutter sprach: „Du bist eine weibliche Bodhisattva — sag mir, ob meine Krankheit zu heilen ist oder nicht." Meisterin Miao sagte: „Ein so gütiger Mensch wie die Herzoginmutter hat gewiß noch viele Lebensjahre. Eine vorübergehende Erkältung — ein paar Rezepte, und es wird schon besser. Bei betagten Personen kommt es nur darauf an, sich nicht zu viele Sorgen zu machen." Die Herzoginmutter sagte: „Mir geht es gar nicht um solche Dinge — ich suche von jeher gern das Vergnügen. Diese Krankheit spüre ich kaum, nur die Brust ist mir beklemmt. Vorhin sagte der Arzt, es komme von Kummer und Ärger. Du weißt doch selbst — wer wagte es, mir Ärger zu bereiten? Ist das nicht ein Beweis, daß der Arzt den Puls nur mittelmäßig liest? Ich habe zu Kette Kaufmann gesagt, der erste Arzt, der Erkältung und Verdauungsstörung diagnostizierte, lag richtig — morgen soll er ihn wieder holen." Dann rief sie Mandarinenente: „Sag der Küche, sie soll ein rein vegetarisches Mahl zubereiten — die ehrwürdige Meisterin Miao soll hier zu Mittag essen." Meisterin Miao sagte: „Ich habe schon zu Mittag gegessen; ich esse nichts mehr." Frau König sagte: „Dann setz dich wenigstens noch ein Weilchen, und wir plaudern." Meisterin Miao sagte: „Ich habe euch schon lange nicht gesehen; heute kam ich, um nach euch zu sehen." Sie unterhielt sich noch eine Weile und wollte dann gehen. Da sah sie Bedauerfrühling<ref>Bedauerfrühling: Chin. 惜春 (Xīchūn), wörtl. „Den Frühling bewahren". Vierte Tochter der Familie Kaufmann, aus dem Ning-Palast.</ref> stehen und fragte: „Warum ist die Vierte Schwester so mager geworden? Du solltest nicht so viel malen und dein Herz anstrengen." Bedauerfrühling sagte: „Ich habe schon lange nicht mehr gemalt. Die Räume, in denen ich jetzt wohne, sind nicht so hell wie im Garten — deshalb habe ich keine Lust mehr zu malen." Meisterin Miao fragte: „Wo wohnst du denn jetzt?" Bedauerfrühling sagte: „Gleich östlich von der Pforte, durch die du eben gekommen bist. Wenn du mich besuchen willst, ist es ganz nah." Meisterin Miao sagte: „Wenn mir danach ist, komme ich dich besuchen." Bedauerfrühling und die anderen geleiteten sie hinaus. Als sie zurückkamen, hörten sie die Mägde sagen, der Arzt sei bei der Herzoginmutter, und alle zerstreuten sich vorläufig.
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Die Krankheit der Herzoginmutter verschlimmerte sich jedoch von Tag zu Tag. Die ärztliche Behandlung zeigte keine Wirkung, und es kam noch Durchfall hinzu. Aufrecht Kaufmann war sehr besorgt, wußte, daß die Krankheit schwer zu heilen war, und ließ seinen Urlaub vom Amt melden. Tag und Nacht pflegte er zusammen mit Frau König die Kranke persönlich und reichte ihr die Medizin.
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Eines Tages, als die Herzoginmutter ein wenig gegessen hatte und Aufrecht Kaufmanns Sorge etwas nachließ, sah er eine alte Frau vor der Tür herumspähen. Frau König schickte Farbwölkchen nachsehen, wer es sei. Farbwölkchen erkannte die Begleiterin, die Willkommensfrühling zum Hause Sun begleitet hatte, und sagte: „Was willst du hier?" Die alte Frau sagte: „Ich bin schon eine halbe Ewigkeit hier, konnte aber keine der Fräulein finden. Ich wagte nicht, mich vorzudrängen, und bin doch so in Sorge." Farbwölkchen fragte: „Was hast du für Sorgen? Hat der Schwiegersohn die Herrin wieder mißhandelt?" Die alte Frau sagte: „Der Herrin geht es schlecht! Vorgestern gab es wieder einen schrecklichen Streit, die Herrin weinte die ganze Nacht. Gestern hat Schleim ihr die Atemwege verstopft. Die haben auch keinen Arzt geholt, und heute ist es noch schlimmer." Farbwölkchen sagte: „Die Herzoginmutter ist krank — mach hier keine Aufregung."
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Frau König hatte drinnen alles gehört und fürchtete, die Herzoginmutter könnte es hören und sich aufregen. Eilig ließ sie Farbwölkchen die Frau nach draußen bringen. Doch die Herzoginmutter, deren Geist in der Krankheit besonders wach war, hatte jedes Wort gehört und fragte: „Will Willkommensfrühling sterben?" Frau König sagte: „Nein, nein. Die alten Weiber kennen kein Maß; sie sagen nur, sie sei seit einigen Tagen ein wenig krank und werde wohl nicht so schnell gesund. Sie kommen hierher, um nach dem Arzt zu fragen." Die Herzoginmutter sagte: „Dann schickt unseren Arzt hin. Beeilt euch!" Frau König ließ Farbwölkchen die alte Frau zur Ersten Herrin [Frau Strafe] schicken. Die alte Frau ging.
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Da begann die Herzoginmutter zu weinen und sagte: „Meine drei Enkeltöchter — eine hat das Glück bis zum Ende genossen und ist gestorben <ref>Urfrühling / Frühlingsbeginn, die kaiserliche Gemahlin</ref>; die Dritte ist weit fortgeheiratet und läßt sich nicht mehr sehen; Willkommensfrühling hat es zwar schwer, aber vielleicht übersteht sie es — doch daß ein so junges Mädchen schon sterben soll, damit habe ich nicht gerechnet. Wozu lebe ich Alte noch?" Frau König, Mandarinenente und die anderen trösteten sie eine ganze Weile.
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Zu dieser Zeit waren Schatzspange, Frau Li<ref>Frau Li: Chin. 李纨 (Lǐ Wán). Witwe von Zhu Kaufmann, Mutter von Lan Kaufmann.</ref> und die anderen nicht im Zimmer; Phönixglanz war seit kurzem selbst krank. Frau König, die fürchtete, die Herzoginmutter könnte vor Trauer noch kränker werden, ließ sie alle herbeiholen. Sie selbst ging in ihr Zimmer zurück und schalt Farbwölkchen: „Diese dumme Alte! Von jetzt an, wenn ich bei der Herzoginmutter bin, braucht ihr mit nichts zu kommen!" Die Mägde gehorchten und sagten nichts mehr.
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Doch kaum war die alte Frau bei Frau Strafe eingetroffen, brachten die Leute von draußen die Nachricht: „Die Zweite Herrin Schwägerin ist gestorben." Als Frau Strafe es hörte, weinte sie eine ganze Weile. Da Willkommensfrühlings Vater nicht daheim war, ließ sie nur Kette Kaufmann hingehen, um nachzusehen. Da die Herzoginmutter schwer krank war, wagte niemand, es ihr zu sagen. Ach, die arme Willkommensfrühling — blumenschön und mondgleich, kaum ein Jahr verheiratet, vom Hause Sun zu Tode gequält! Und da die Herzoginmutter im Sterben lag, konnte niemand fortgehen; man ließ die Familie Sun die Beerdigung notdürftig erledigen.
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Die Krankheit der Herzoginmutter nahm von Tag zu Tag zu. Sie dachte ständig an ihre Enkeltöchter. Einmal dachte sie an Xiangfluss-Wolke<ref>Xiangfluss-Wolke: Chin. 史湘云 (Shǐ Xiāngyún), wörtl. „Wolken über dem Xiang-Fluss". Cousine von Schatzjade.</ref> und schickte Leute, nach ihr zu sehen. Der Bote kam zurück und suchte leise Mandarinenente; da diese aber am Bett der Herzoginmutter saß und auch Frau König dabei war, traute er sich nicht hinauf. Er ging nach hinten und fand Hupo<ref>Hupo: Chin. 琥珀 (Hǔpò), wörtl. „Bernstein". Dienerin der Herzoginmutter.</ref> und erzählte ihr: „Die Herzoginmutter vermißt die Xiang-Schwester und hat mich losgeschickt, Erkundigungen einzuziehen. Wer hätte gedacht, daß die Xiang-Schwester bitter weint! Sie sagt, ihr Mann sei plötzlich schwer erkrankt, alle Ärzte hätten ihn gesehen, und man fürchtet, er werde nicht gesund. Wenn es sich in eine Schwindsucht verwandelt, könne er vielleicht noch vier, fünf Jahre hinschleppen. Die Xiang-Schwester macht sich große Sorgen. Sie weiß auch von der Krankheit der Herzoginmutter und kann nur nicht zur Aufwartung kommen. Sie bittet, es vor der Herzoginmutter nicht zu erwähnen, und falls die Herzoginmutter fragen sollte, sollen wir uns eine Ausrede einfallen lassen." Als Hupo das hörte, seufzte sie nur und sagte lange nichts. Dann sagte sie: „Geh nur." Hupo wagte es auch nicht, es zu berichten; sie wollte Mandarinenente informieren und sie lügen lassen. Als sie an das Bett der Herzoginmutter trat, sah sie, daß sich die Gesichtsfarbe der Herzoginmutter stark verändert hatte. Im Zimmer standen die Leute dicht an dicht und flüsterten: „Es sieht nicht gut aus." Da wagte sie nicht mehr zu sprechen.
  
Ohje, was für ein grausames Ende für so ein zartes Geschöpf, ihre blumenhafte Schönheit war innerhalb eines Ehejahres dahingewelkt!
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Aufrecht Kaufmann winkte Kette Kaufmann leise zu sich und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Kette Kaufmann antwortete leise, ging hinaus, versammelte alle im Hause anwesenden Leute und sagte: „Was die Angelegenheit der Herzoginmutter betrifft — sowie es so weit ist, geht schnell und verteilt die Aufgaben. Erstens: Laßt den Sarg herausschaffen und prüft, ob die Auskleidung in Ordnung ist. Zweitens: Geht schnell zu allen und nehmt die Maße für die Kleidung auf, schreibt alles genau auf und laßt die Schneider sofort die Trauerkleider nähen. Drittens: Die Trauerzelte, die Sargträger und das Geleit müssen bestellt werden. Viertens: Die Küche braucht mehr Personal." Laide und die anderen fragten: „Zweiter Herr, um all das braucht Ihr Euch nicht zu sorgen — wir haben alles schon vorbereitet. Nur eins: Woher kommt das Geld dafür?" Kette Kaufmann sagte: „Dieses Geld braucht nicht von außen zu kommen — die Herzoginmutter hat es selbst zurückgelegt. Der Herr hat es gerade so bestimmt: Es soll gut gemacht werden. Ich denke, auch nach außen soll es ansehnlich sein." Laide und die anderen antworteten und gingen, die Aufgaben zu verteilen.
  
Niemand von den Djias konnte das Haus mit der Herzoginmutter in einem solchen Zustand verlassen, und die Suns gaben Ying-tschun eine erwartungsgemäß notdürftige Beerdigung.
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Kette Kaufmann kehrte in sein eigenes Zimmer zurück und fragte Friedchen<ref>Friedchen: Chin. 平儿 (Píng'ér), wörtl. „Friedliches Kind". Nebenfrau und treue Gehilfin von Phönixglanz.</ref>: „Wie geht es deiner Herrin heute?" Friedchen deutete mit einer Lippenbewegung nach innen und sagte: „Sieh selbst." Kette Kaufmann trat ein und sah Phönixglanz, die sich gerade anziehen wollte, aber nicht mehr konnte und sich vorläufig auf den Kangtisch lehnte. Kette Kaufmann sagte: „Du wirst wohl nicht durchhalten können. Die Sache mit der Herzoginmutter — heute oder morgen wird es so weit sein. Kannst du dich noch aufraffen? Laß schnell das Zimmer aufräumen und dann geh hinauf. Wenn es soweit ist, können wir dann noch hierher zurückkommen?" Phönixglanz sagte: „Was gibt es hier noch aufzuräumen? Es sind nur noch diese paar Dinge, was soll man da fürchten? Geh du zuerst und sieh nach, ob der Herr dich braucht. Ich ziehe mich um und komme gleich." Kette Kaufmann ging zurück zum Zimmer der Herzoginmutter und berichtete Aufrecht Kaufmann leise: „Alles ist verteilt und geregelt." Aufrecht Kaufmann nickte.
Der Herzoginmutter ging es weiterhin immer schlechter, doch ihre einzigen Gedanken waren stets bei ihren Enkelinnen und Großnichten. Einmal stand Hsiang-yün im Zentrum ihrer Gedanken, und sie schickte eine Magd, um zu sehen, wo sie war. Die Magd kehrte zurück und schlich hinein, um heimlich Yüan-yang zu finden. Yüan-yang stand am Bett sowie die Dame Wang und die anderen Damen. Die Magd, welche nicht stören wollte, ging zurück, um Hu-po zu suchen. „Die Herzoginmutter schickt mich, um Neuigkeiten von Fräulein Hsiang-yün einzuholen“, sagte sie zu Hu-po, „und ich sah, daß sie bitterlich weinte! Ihr Ehemann ist plötzlich krank geworden, und die Ärzte sagen, es gäbe keine Hoffnung mehr für ihn. Im besten Fall kommt es zu einer Auszehrung, und er erlebt noch weitere vier oder fünf Jahre! Du kannst dir vorstellen, wie sehr Fräulein Hsiang-yün das zu schaffen macht! Sie ist von der Krankheit der Herzoginmutter tief bedrückt, doch jetzt kann sie ihr zu Hause einfach nicht verlassen. Sie sagte mir, ich solle die Krankheit ihres Mannes nicht gegenüber der Herzoginmutter erwähnen. Wenn sie nach Fräulein Hsiang-yün fragt, mußt du dir eine Ausrede für ihre Abwesenheit einfallen lassen.“
 
Hu-po seufzte tief und schickte die Magd nach langem Schweigen fort. Sie dachte auch, es sei unklug, die Herzoginmutter davon zu unterrichten und ging mit der Absicht an ihr Bett, mit Hilfe von Yüan-yang eine erfundene Geschichte zu erzählen. Sie fand die Herzoginmutter leichenblaß und jeder im Raum flüsterte: „Man kann sehen, daß sie von uns geht!“
 
Hu-po wagte kein Wort zu sagen. Djia Dschëng wandte sich an Djia Liän, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern, und Djia Liän schlich hinaus, um seine Anweisungen zu geben. Er versammelte draußen den restlichen Hausstand.
 
„Die Herzoginmutter weilt nicht mehr lange unter uns. Ihr müßt sicher gehen, daß alles in Ordnung ist. Zunächst untersucht ihr den Sarg und meßt ihn genau ab. Geht durch alle Gemächer, nehmt eines jeden Maße auf und gebt dem Schneider eine vollständige Liste mit Anweisungen, für jeden Trauergewänder zu schneidern. Sorgt dafür, daß im Garten für die Beerdigung ein Tuch aufgespannt wird und Sargträger bestellt werden. Und haltet die Küche voll besetzt.“ –
 
„Herr Liän“, antwortete Lai Da für die anderen, „machen Sie sich darüber keine Sorgen. Wir haben bereits an alles gedacht. Doch woher nehmen wir das Geld?“ –
 
„Wir müssen uns nichts leihen“, sagte Djia Liän, „die Herzoginmutter hat selbst vorgesorgt. Der Herr trug mir eben auf, daß er keine Kosten scheuen möchte. Es soll würdevoll vonstatten gehen; wir möchten alles gut präsentieren.“ –
 
„Ja, Herr.“ –
 
Lai Da und die anderen gingen sofort ihren Aufträgen nach, und Djia Liän kehrte in seine eigenen Gemächer zurück.
 
„Wie geht es Frau Liän?“, fragte er Ping-örl.
 
Ping-örl blickte in Richtung des inneren Raumes: „Geht und seht selbst!“
 
Djia Liän ging hinein. Hsi-fëng war bemüht, sich selbst anzukleiden, doch war sie zu schwach. Sie war auf dem Ofenbett zusammengebrochen und lehnte über dem Ofenbett-Tisch.
 
„Es ist jetzt keine Zeit zum Ausruhen!“, rief Djia Liän. „Mit der Herzoginmutter neigt es sich heute oder morgen zum Ende, und du mußt da sein. Beeil’  dich  und sag’,  daß  hier  alles aufgeräumt werden soll. Und nimm dich zusammen, wenn das Schlimmste passiert, werden wir uns nicht zurückziehen können.
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Von draußen wurde gemeldet: „Der Leibarzt ist da." Kette Kaufmann empfing ihn und ließ ihn den Puls fühlen. Der Arzt ging hinaus und sagte leise zu Kette Kaufmann: „Der Puls der Herzoginmutter ist ungünstig. Seid darauf gefaßt." Kette Kaufmann verstand und informierte Frau König und die anderen. Frau König gab Mandarinenente sogleich ein Zeichen, sie solle die Sterbekleider der Herzoginmutter heraussuchen und bereitlegen. Mandarinenente ging, um alles vorzubereiten.
„Es ist nichts mehr zum Aufräumen übrig!“, sagte Hsi-fëng bitter. „Nur noch etwas Krempel, nichts, worum man sich sorgen müßte. Geh nur vor, Djia Dschëng könnte nach dir verlangen. Komm wieder, wenn ich vernünftig angezogen bin.“
 
Djia Liän kehrte in die Gemächer der Herzoginmutter zurück, und berichtete  Djia Dschëng leise, daß alle Vorbereitungen getroffen und alle Aufträge erteilt worden seien. Djia Dschëng nickte. Der Kaiserliche Leibarzt wurde angekündigt, und Djia Liän ging hinaus, um ihn zu empfangen. Der Puls der Herzoginmutter wurde gemessen, und dann fuhr der Arzt fort, Djia Liän in gedämpftem Ton zu berichten: „Der Puls der Herzoginmutter ist sehr schwach. Ihr müßt auf das Schlimmste gefaßt sein.
 
Djia Liän verstand und überbrachte der Dame Wang und den anderen die Nachricht. Die Dame Wang gab Yüan-yang ein bedeutungsvolles Zeichen und trug ihr auf, die Begräbniskleidung der Herzoginmutter vorzubereiten. Yüan-yang ging sie holen.
 
Die Herzoginmutter öffnete ihre Augen und bat um etwas Tee. Die Dame Hsing brachte ihr eine Tasse Ginseng-Tee, und sie setzte ihre Lippen daran.
 
„Nicht sowas!“ protestierte sie. „Gebt mir vernünftigen Tee!“
 
Sie wagten nicht, ihr die Bitte zu verweigern und brachten ihr sofort normalen Tee. Sie nahm einen Schluck, dann noch einen und dann kündigte sie an, sie wolle sich aufsetzen.
 
„Mutter,“ flehte Djia Dschëng für die anderen, „was immer du möchtest, du mußt es uns nur sagen. Doch bitte streng dich selbst nicht zu sehr mit dem Sitzen an!“ –
 
„Ich habe etwas getrunken und fühle mich nun besser“, antwortete sie. „Ich möchte gerne sitzen und mich etwas unterhalten.“
 
Dschën-dschu und die anderen Mägde stützten sie vorsichtig mit den Händen. Sie schien wiederbelebt.
 
Doch ob sie nun weiterlebt oder nicht, das erfährt man im nächsten Kapitel.
 
  
110. Die Herzoginmutter stirbt und kehrt zurück ins Land der Schatten
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Die Herzoginmutter öffnete die Augen und verlangte nach Tee. Frau Strafe reichte ihr eine Tasse Ginsengbrühe. Die Herzoginmutter setzte gerade die Lippen an und sagte: „Das will ich nicht. Bringt mir eine Tasse Tee." Die Leute wagten nicht zu widersprechen und brachten ihn sogleich. Sie trank einen Schluck und wollte noch mehr, trank einen zweiten Schluck und sagte dann: „Ich möchte mich aufsetzen." Aufrecht Kaufmann und die anderen sagten: „Wenn die Herzoginmutter etwas wünscht, soll sie es nur sagen — aber bitte nicht aufstehen." Die Herzoginmutter sagte: „Ich habe einen Schluck Wasser getrunken, und mein Herz fühlt sich etwas besser. Ich möchte mich nur anlehnen und ein wenig mit euch reden." Perle und die anderen richteten sie vorsichtig auf, und man sah, daß die Herzoginmutter in diesem Augenblick etwas mehr Lebenskraft hatte.
Wang Hsi-fëng reizt ihre Stärke aus und büßt die Achtung der Familie ein.
 
  
Die Herzoginmutter saß aufrecht im Bett und begann zu sprechen: „Ich war über sechzig Jahre Teil der Familie Djia. Ich habe ein langes Leben gelebt und erfreute mich des vollen Glücks. Ich denke, ich kann sagen, daß alle, mein Ehemann, meine Kinder und Enkel gut erzogen waren. Und was Bau-yü angeht: Ich habe ihn so innig geliebt.“ Die Tränen liefen ihr über das Gesicht.
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Ob sie leben oder sterben wird — das wird im nächsten Kapitel erzählt.
Die Dame Wang schubste Bau-yü an das Bett. Die Herzoginmutter schob eine Hand unter der Bettdecke hervor und faßte ihn bei seiner Hand: „Mein Junge, du mußt mir versprechen, dein Bestes zu tun!“ -
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„Ja, Großmutter“, sagte Bau-yü, sein Herz war gerührt. Er kämpfte, um sein Weinen zurückzuhalten,und hörte ihr zu, wie sie fort fuhr:
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<small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
„Ich will einen meiner Urenkel sehen, und dann glaube ich, kann mein Herz zur Ruhe kommen. Wo ist mein kleiner Lan?“
 
Li Wan schubste Lan vor. Die Herzoginmutter ließ Bau-yü gehen und nahm Lan an die Hand. „Du mußt ein guter Junge sein und immer deine Pflichten für deine Mutter tun. Und wenn du groß bist, mußt du Ehre und Ruhm für sie gewinnen! Nun, wo ist Hsi-fëng?“
 
Hsi-fëng stand an der Seite des Bettes und eilte herum, um die Herzoginmutter zu sehen. „Hier bin ich.“ –
 
„Mein Kind“, sagte Die Herzoginmutter, „dein Problem ist, daß du zu gescheit bist! Versuch’ in Zukunft noch rücksichtsvoller zu sein und halte Frieden mit dem Schicksal. Ich weiß, daß gerade ich nicht von so etwas reden sollte; das meiste, was ich in meinem Leben tat, ist zu versuchen, ehrlich zu sein und mein Unglück mit Geduld zu ertragen. Ich war nie jemand, der fastet oder betet. Die einzige gute Arbeit, die ich jemals tat, war das Abschreiben des Diamanten-Sutras vor einem Jahr oder so. Ich frage mich, ob sie alle bereits verteilt wurden?“
 
Hsi-fëng informierte sie, daß die Abschriften noch nicht verteilt wurden.
 
„Je eher diese Tat der Ergebenheit vollbracht ist, desto besser“, sagte die alte Dame „Ich weiß, daß mein älterer Sohn Schë und Vetter Dschën im Exil festgehalten werden und nicht hier sein können: aber warum ist Hsiang-yün so herzlos, nicht zu kommen, um mich zu sehen?“
 
Yüan-yang und ihr anderen Mägde kannten den Grund zu gut, aber sagten nichts.
 
Die Herzoginmutter sah sich als nächstes Bau-tschai an. Als sie dies tat, seufzte sie und errötete im ganzen Gesicht. Djia Dschëng wußte, daß dies ein Zeichen des bevorstehenden Todes war. Er kam mit dem Ginsengtee vor, aber die Zähne der Herzoginmutter waren fest geschlossen. Sie schloß ihre Augen, öffnete sie dann noch einmal und starrte durch das ganze Zimmer. Die Dame Wang und Bau-tschai kamen herbei und unterstützten sie sanft, während die Dame Hsing und Hsi-fëng sie ankleideten. Die alte Dienerin bereitete das Bett vor, wo sie ausgelegt wurde, und arrangierten die Bettdecke. Man hörte ein leichtes Rasseln in ihrem Hals, ein Lächeln stahl sich über ihr Gesicht, und sie war gestorben. Sie war zweiundachtzig Jahre alt. Die Dienerinnen eilten vor, um sie in das Bett zu legen.
 
Djia Dschëng und die anderen Männer knieten im äußeren Zimmer, die Dame Hsing und die anderen Frauen knieten am Bett; von beiden erhob sich der erste Chor des Jammerns. Die Diener hatten draußen alle Vorbereitungen getroffen, und sobald die Nachricht aus den inneren Räumen kam, wurden alle Tore aufgeworfen, vom Haupteingang zu den inneren Toren, die zu den Gemächern der Herzoginmutter führten, und weißes Papier wurde an jede Tür geklebt.0 Das Beerdigungstuch wurde über dem Hof gespannt, und ein Gedächtnistorbogen wurde außerhalb des Haupteingangs errichtet. Jedes Mitglied des Haushalts zog sofort die Trauerkleidung an.
 
Djia Dschëng kündigte dem Ritenamt seinen Verlust und den Anfang seiner siebenundzwanzig-monatigen Trauerzeit an. Das Ritenamt schlug ein Grabmal vor, welches den Anweisungen des Herrschers in dieser Sache entsprechen sollte. Seine Majestät war eine Person von tiefstem Mitgefühl und Freundlichkeit. Seit Generationen hatte die Familie Djia dem Herrscherhaus gedient. Zudem war die Herzoginmutter die Großmutter der kaiserlichen Konkubine Yüän-tschun. Er wies an, daß sie eine Spende von eintausend Tael Silber bekämen, und befahl den Beamten des Ritenamtes, ihnen Geschenke zu geben und ihre Verehrung vor ihrem Sarg auszudrücken. Die Angestellten des Djia-Haushalts wurden losgeschickt, um allen Verwandten und Freunden der Familie die Nachricht vom Tod der Herzoginmutter zu überbringen und sie alle kamen zur Trauerfeier. Während sie wußten, daß die Djias vieles auf der Welt verloren hatten, sahen sie auch, daß die Familie immer noch in der Gunst des Kaisers stand. Ein günstiger Tag wurde für das Begräbnis und die folgende Zeremonie ausgewählt.
 
Seit Djia Schë von zu Hause weg war, war Djia Dschëng der ausführende Kopf der Familie. Zwei der Enkelsöhne der Herzoginmutter, Bau-yü und Djia Huan, und ihr Urenkel Djia Lan, waren alle zu jung, um am Empfang teilzunehmen, sie trauerten am Sarg. Ihr anderer Enkelsohn, Djia Liän war mit der Hilfe von Djia Jung und verschiedenen anderen weiblichen und männlichen Verwandten damit beschäftigt, die Diener zu organisieren. Die Damen Hsing und Wang, Li Wan, Hsi-fëng und Bau-tschai sollten die Haupttrauernden sein, und weinten am Sarg. Niemand konnte Hsi-fëng bei den Haushaltsangelegenheiten unterstützen. Frau You-schï, die seit Vetter Dschëns Abreise und ihrer Einsetzung im Jung-guo-Anwesen eine Vertrauensperson geworden war, hatte sich sehr im Hintergrund gehalten, und war sowieso nicht vertraut mit den Arbeiten dieser Seite der Familie. Dann war da noch Djia Jungs neue Frau, die noch unsicherer in dieser Angelegenheit war. Und da war auch Hsi-tschun, die noch immer zu jung und obwohl sie mit dem Jung-guo-Zweig aufgewachsen war, gänzlich unwissend geblieben war, was die Familienbräuche angeht. Keine von ihnen war eine wirklich gute Kandidatin für solche Angelegenheiten.
 
Die einzige Person für diese Arbeit war Hsi-fëng. Wenn Djia Liän für ‚draußen‘ zuständig war, würde es sehr sinnvoll für sie sein, das ‚Drinnen‘ zu erledigen und nach den weiblichen Gästen zu sehen. Sie war in der Vergangenheit immer sehr selbstsicher gewesen und hatte angenommen, daß die Beerdigung der Herzoginmutter der Höhepunkt ihrer Karriere sei, eine Gelegenheit für sie zu beweisen, wie unentbehrlich sie war. Die Damen Hsing und Wang erinnerten sich, wie gut sie die Beerdigung von Tjin Kë-tjing bewältigt hatte, und dachten, sie könnten sich auf sie verlassen, daß sie ihren Erfolg wiederholte. Als sie sie daher von ihren Pflichten als Trauernde freisprachen und sie baten, noch einmal volle Verantwortung als Aufsicht zu übernehmen, konnte Hsi-fëng dies kaum ablehnen.
 
,Nach allem‘, dachte sie bei sich selbst, ,hatte ich hier immer das Sagen. Die Diener sind daran gewöhnt, Anweisungen von mir zu erhalten. Es waren die Diener der Dame Hsing und You-schï, mit denen man vorher schwer umgehen konnte, und die sind alle gegangen. Es wird weniger angenehm sein, Rechnungen ohne Geld zu begleichen, aber ich werde Geld aus Großmutters Kapital nehmen, es sollte da also kein Problem geben. Es wird auch helfen, Liän als Unterstützng für den Empfang zu haben. Auch, wenn es mir nicht gut geht, denke ich, daß ich fähig bin, es zu schaffen, ohne mich in Verruf zu bringen. Es sollte einfacher sein als Tjin Kë-tjings Beerdigung.“
 
Sie wartete bis zum Morgen nach dem dritten Tag, an welchem die Zeremonien abgehalten wurden, um den Geist der Verstorbenen zurück im Jenseits willkommen zu heißen. Dann sagte sie Dschou Juees Frau, eine Vollversammlung des Personals zusammenzurufen und die Register mitzubringen. Als sie sie überprüfte, fand sie heraus, daß alle zusammen nur einundzwanzig Männer waren, neunzehn Mägde, und etwa ein Dutzend andere Mädchen. Insgesamt waren es nur über dreißig Personen, das war nicht genug.
 
‚Nun, wir haben weniger Diener für die Beerdigung der Herzoginmutter, als wir für die von Tjin Kë-tjing hatten!‘, dachte sie betroffen bei sich. ‚Sogar wenn ich extra Menschen aus den Landhäusern anforderte, wäre da noch immer ein ernster Mangel.‘
 
Sie drehte das Problem immer wieder in ihrem Kopf, als eine der jüngeren Mägde hereinkam: „Fräulein Yüan-yang möchte gerne, daß sie herüberkommen, um sie zu sehen, Frau Liän.“
 
Etwas widerstrebend ging Hsi-fëng hinüber zu den Gemächern der Herzoginmutter, wo sie Yüan-yang tränenüberströmt vorfand. Als sie Hsi-fëng sah, hielt sie sie fest und rief: „Setzen Sie sich bitte, Fräulein Liän, und lassen sie mich vor Ihnen einen Kotau machen! Ich weiß, man sollte solche Sachen nicht während einer Trauerphase machen, aber ich muß wirklich einen Kotau machen!“
 
Yüan-yang fiel auf ihre Knie, und Hsi-fëng streckte ihre Hände aus, um dies zu verhindern.
 
„Komm schon! Was bedeutet das alles? Wenn du etwas auf dem Herzen hast, dann sag’ es einfach!“
 
Yüan-yang bestand darauf, vor ihr zu knien, und Hsi-fëng fuhr mit ihren Bemühungen fort, sie auf die Füße zu stellen.
 
„Die Beerdigung der Herzoginmutter wurde ganz in ihre und Herrn Lians Hände gelegt“, sagte Yüan-yang. „Die Herzoginmutter hinterließ eine spezielle Geldsumme, um dies zu bezahlen. Während sie lebte, gab die Herzoginmutter nichts für sich selbst aus; nun, da die Zeit für ihre Beerdigung gekommen ist, flehe ich sie an, Fräulein, das Richtige zu tun, und sie auf eine standesgemäße Reise zu schicken! Gerade eben habe ich den Herrn darüber reden hören – ‚Das Buch der Gesänge dies‘, und ‚Konfuzius jenes‘ – ich habe nicht ein Wort von dem verstanden, was er sagte. Ich habe folgenden Satz aufgeschnappt: ‚Bei Beerdigungen ist wahre Trauer wichtiger als die Äußerlichkeiten.‘ - Ich bat Frau Bau-tschai zu erklären, was das hieß, und sie sagte, daß der Herr die Beerdigung einfach gestalten will. Er glaubt, daß Trauer aus tiefstem Herzen die treueste Form der Untergebenheit ist und daß ein verschwenderischer Aufwand nicht nötig sei. Aber wie ich das sehe, für jemanden wie die Herzoginmutter, sollten die Dinge etwas größer sein. Ich weiß, ich bin nur eine Dienerin, und habe kein Recht über diese Dinge zu sprechen, aber ich glaube, die Herzoginmutter hat uns beide geliebt, als sie lebte, Fräulein, beide, Sie und mich, und nun da sie tot ist, sind wir es ihr schuldig, sie stilvoll auf die Reise zu schicken! Ich weiß, wie gut sie bei solchen Sachen sind, Fräulein, und ich wollte sie um ihre Unterstützung bitten, so daß wir zusammen entscheiden können, was das Beste ist. Ich war mein ganzes Leben für die Herzoginmutter da, und auch im Tod bin ich ihr verpflichtet! Wenn ich nicht sehe, daß dies richtig gemacht wird, wie sollte ich ihr dann jemals wieder in das Gesicht sehen können?“
 
Hsi-fëng fand die Art, wie Yüan-yang sprach, eher seltsam.
 
„Mach’ dir keine Sorgen“, antwortete sie. „Natürlich wird alles den richtigen Stil haben. Herr Dschëng mag von dem Geld sprechen, aber wir müssen bestimmte Standards bewahren. Wir werden jede Münze des Geldes für die Dame Djia ausgeben, wenn es sein muß.“
 
„Bevor sie starb“, sagte Yüan-yang, „sagte die Herzoginmutter, daß alles, was nach der Verteilung in der Familie übrig bleibt, uns zu gute kommen soll. Wenn es da nicht genug Geld für die Beerdigung gibt, Fräulein, dann nehmen sie unseren Anteil der Sachen der Herzoginmutter und verpfänden sie. Was immer der Herr sagen mag, kann er kaum gegen die letzten Wünsche der Herzoginmutter angehen. Er war selbst dort, als sie alles einteilte.“ –
 
„Du warst immer so ein helles Köpfchen“, sagte Hsi-fëng, „was ist heute in dich gefahren?“ –
 
„Nichts ist in mich gefahren“, protestierte Yüan-yang, „ich weiß nur, daß die  Dame Hsing sich nicht darum kümmert und daß der Herr zu vorsichtig ist. Es kann sein, daß Sie derselben Meinung sind, wie der Herr, Herrin. Wenn Sie auch befürchten, daß wir ins Gerede kommen, wenn wir mit einem ausgeplünderten Haushalt eine solche anständige Beerdigung aufbringen können. Dann wird niemand sich trauen, der Herzoginmutter angemessen seine Ehre zu erweisen. Das wäre eine sehr schreckliche Sache! Ich bin nur eine Magd, daher ist es natürlich kein persönliches Problem von mir. Aber denken Sie daran, welche Schande das für die Familie wäre?“
 
„Du brauchst mich nicht daran zu erinnern“, antwortete Hsi-fëng. „Mach’ dir keine Gedanken! Ich kümmere mich um alles.“
 
Yüan-yang bat Hsi-fëng dringend darum, ihr Bestes zu tun, und gelobte ihre ewige Dankbarkeit.
 
‚Was für eine merkwürdige Kreatur‘, dachte Hsi-fëng bei sich, als sie die Gemächer der Herzoginmutter verließ. ‚Ich wundere mich, was in ihrem Kopf vorgeht. Natürlich hat sie recht: Großmutters Beerdigung sollte sehr stilvoll sein. Meine Güte! Ich kann Yüan-yangs Beschwerden nicht zuviel Aufmerksamkeit schenken! Ich halte mich besser an die Familientradition.
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Sie rief Wang Örls Frau herbei, schickte sie mit einer Nachricht zu Djia Liän und bat ihn, zu kommen.
 
„Was willst du von mir?“, fragte er, als er kurz danach ankam, „halte dich nur an deine Angelegenheiten im ‚Inneren‘. Da sollte es keine Probleme geben. Wenn du Zweifel hast, dann halte dich an Onkel Dschëngs Anweisungen.“
 
„Das ist es“, sagte Hsi-fëng, „was du sagst, trifft die Ängste Yüan-yangs.“
 
„Welche Ängste sind das?“
 
Hsi-fëng wiederholte den Kern der Unterhaltung mit Yüan-yang.
 
„Wer kümmert sich schon darum, was die Mägde sagen?“ schnaubte Djia Liän. „Ich war gerade drinnen und habe Onkel Dschëng gesehen, und er sagte: ‚Wir würden gerne etwas Großes für Mutters Begräbnis tun, aber obwohl die Leute verstehen, daß es ihr Geld ist, welches wir ausgeben, weniger gut informierte Beobachter werden uns verdächtigen, daß wir heimlich etwas von unseren eigenen Geldmittel genommen haben. Sie könnten denken, daß wir immer noch versteckten Reichtum besitzen. Natürlich wird niemand‘, fuhr Onkel Dschëng fort, ‚das übriggebliebene Geld, wenn wir nicht alles von ihrem Geld für das Begräbnis ausgeben, für den eigenen Bedarf wollen. Auf die eine oder andere Art sollte es für Großmutter ausgegeben werden. Nun, sie kam aus dem Süden, wir haben Begräbnisland der Vorfahren dort, es sind aber keine Gebäude darauf. Wenn ihr Sarg in den Süden transportiert würde, können wir mit dem Geld, das übrig ist, einige Gebäude auf dem Begräbnisland der Vorfahren aufbauen und einige Hektar Land kaufen, um unsere Opfer zu bringen. Wenn wir jemals selbst in den Süden zurückkehren, wird es nützlich sein und selbst wenn wir dies nicht tun, können wir immer noch die ärmeren Familienmitglieder dort wohnen lassen. Sie können die Räucherstäbchenopfer an den Feiertagen darbringen und regelmäßig die Gräber ausfegen.‘ Das war Onkel Dschëngs Vorschlag. Denkst du nicht, daß es ein anständiger Vorschlag ist? Du schlägst doch sicherlich nicht vor, daß wir den gesamten Betrag für die Beerdigung ausgeben, oder?“
 
„Wurde schon etwas von dem Geld ausgegeben?“, fragte Hsi-fëng.
 
„Nicht eine Münze“, antwortete Djia Liän. „Ich hörte, daß Mutter, als sie von diesem Vorschlag erfuhr, diesen lobte und ihr Bestes tat, sie beide, ihn und Tante Wang, bei ihren Plänen zu unterstützen. Also was kann ich tun? Ich habe bereits mehrere hundert Tael für das Tuch und die Rechnung der Sargträger eingerechnet, aber das Geld wurde noch nicht freigegeben. Wenn ich gehe und danach frage, sagen sie mir alle, daß das Geld da ist, aber daß ich erst die Arbeit verrichten muß und daß das später verrechnet wird. Es gibt keinen, von dem wir etwas leihen können: die Diener mit etwas eigenem Geld sind alle verschwunden. Als ich die Versammlung einberief, waren manche ‚krank‘, andere ‚auf dem Land‘, während diejenigen, die noch hier waren, nur aus reiner Not blieben und uns nichts nützen. Wie könnte man von ihnen noch Geld verlangen?“
 
Hsi-fëng war für einen Moment in Gedanken versunken. „Wie willst du es dann machen?“, fragte sie endlich.
 
Als sie sprach, kam eine Magd in das Zimmer: „Da ist eine Nachricht für Sie von der Dame Hsing, Fräulein. Heute ist der dritte Tag des Empfangs der Damen, und die Anordnungen gehen noch immer durcheinander. Die Gäste sollten nicht auf ihr Essen warten müssen, auch der Leichenschmaus wurde gemacht! Sie mußten nach ihren Speisen mehrmals fragen, bevor sie serviert wurden. Und sogar, als die Hauptspeisen ankamen, gab es noch immer keinen Reis. Sicher können wir es besser als so!“
 
Hsi-fëng eilte hinein, um den Dienern Anweisungen zu geben, das Mittagessen zu servieren, und sie bekamen es hin, etwas Passables vorzuweisen. Unglücklicherweise war da eine ungewöhnlich große Menge an Gästen an diesem Tag, und das Personal war sehr mürrisch und teilnahmslos. Hsi-fëng mußte sie selbst beaufsichtigen. Dann eilte sie hinaus und wies Wang Örls Frau an, eine Vollversammlung der Dienerinnen einzuberufen. Sie gab jeder klare Anweisungen, auf welche jede mit einem sicheren, „Ja, Frau Liän“, antwortete und am Nachmittag mit ihrem Nichtstun so weitermachten.
 
„Seht, wie spät es ist! Warum habt ihr die Speisen für das Abendessen noch nicht serviert?“, fragte Hsi-fëng.
 
„Das Essen zu servieren wäre kein Problem, Fräulein“, kam die Antwort, „wenn wir das nötige Geschirr dafür hätten.“
 
„Geschirr!“, rief Hsi-fëng. „Das ist eure Aufgabe! Natürlich bekommt ihr alles, was ihr braucht!“
 
Die Dienerinnen fügten sich widerwillig und improvisierten, während Hsi-fëng sofort in die Hauptwohnung ging, um die Damen Hsing und Wang um die Erlaubnis für die nötigen Geräte zu bitten. Aber um sie herum war immer noch so ein starker Gästeandrang, daß sie sie nicht offen ansprechen konnte. Der Abend kam näher und in ihrer Verzweiflung ging sie zu Yüan-yang und bat sie, das zweite Abendservice der Herzoginmutter nutzen zu dürfen.
 
„Warum kommt ihr und fragt ihn danach?“, rief Yüan-yang, „Herr Liän verpfändete es vor ein paar Jahren! Fragen Sie ihn besser, ob er es jemals wieder ausgelöst hat.“ –
 
„Ich will nicht das Silber“, sagte Hsi-fëng, „das normale Service würde reichen.“ –
 
„Was glaubst, haben die Damen Hsing und You benutzt, seit sie hier eingezogen sind?“, fragte Yüan-yang spitz.
 
Hsi-fëng wußte, daß sie wohl die Wahrheit sagte, und ging sofort zu den Gemächern der Dame Wang, wo sie Yü-tschuan und Tsai-yün dazu überredete, ihr ihr Service zu leihen. Sie machte eine schnelle Inventur mit Tsai-ming und bat darum, daß das Geschirr an die Diener weitergeleitet werde.
 
Yüan-yang sah Hsi-fëng in diesem Zustand der Hektik und dachte, obwohl sie sie nicht zurückrief, um zu klagen, bei sich: ‚Warum vermasselt Frau Liän, die früher so fähig war, die Dinge diesmal so sehr? Die letzten paar Tage waren eine Schande. Das ist eine armselige Form der Dankbarkeit für die Liebe der Herzoginmutter!’
 
Sie war sich nicht bewußt, daß die Dame Hsing das Geld absichtlich von Hsi-fëng fernhielt. Djia Dschëngs Ansichten über die Haushaltswirtschaft paßten genau zu ihren Zukunftsängsten, und sie sah jeden Tael, der bei der Beerdigung gespart wurde, als Beitrag nicht nur für die Familienreserven, sondern auch für ihre eigene finanzielle Sicherheit an. Ihre Stellung hier wurde von der Tatsache gestärkt, daß strenggenommen der älteste Sohn der Herzoginmutter für die Beerdigung verantwortlich war. Djia Schë war nicht zu Hause, aber Djia Dschëng war ein unverbesserlicher Verfechter der Konventionen, und er antwortete, wann immer er um Rat gefragt wurde: „Frag’ die Dame Hsing, was sie denkt.“ Die Dame Hsing betrachtete Hsi-fëng als extravagant und Djia Liän als nicht vertrauenswürdig und hielt daher stark an jeder Münze des Beerdigungsfonds fest. Yüan-yang jedoch setzte voraus, daß das Geld für die Beerdigung bereits freigegeben worden war und so schrieb sie die gegenwärtige Krise dem Mangel an Eifer und Loyalität seitens Hsi-fëng zu, sie jammerte unaufhörlich vor dem Sarg ihrer toten Herrin.
 
Die Damen Hsing und Wang wußten nur zu gut, über was Yüan-yang klagte, aber bevor sie erkannten, daß die Ursache in ihrer eigenen Ablehnung lag, Hsi-fëng anständig für ihre Aufgabe auszustatten, begannen sie, Hsi-fëng laut zu kritisieren: „Yüan-yang hat recht: Hsi-fëng läßt uns sehr hängen!“
 
Am Abend rief die Dame Wang Hsi-fëng zu sich und tadelte sie: „Wir mögen in etwas strapazierten Umständen leben, aber wir müssen unsere Standards trotzdem beibehalten. Während der letzten zwei oder drei Tage habe ich bemerkt, daß die Mägde nicht anständig nach unseren Gästen schauten. Sicher hast du es versäumt, ihnen entsprechende Anweisungen zu geben. Bitte gib dir mehr Mühe und zeige etwas mehr Familiengeist!“
 
Hsi-fëng war sprachlos. Sie hatte die Tatsache aufgebracht, daß sie nicht mit Geld ausgestattet worden war, aber Geld sollte eigentlich Djia Liäns Gebiet sein, während die Dame Wang sich über den ‚inneren‘ Dienst beschwerte. Sie traute sich nicht, etwas zu antworten.
 
„Strenggenommen“, sagte die Dame Hsing, die auf der anderen Seite stand, „sollten deine Tante Wang und ich, als Schwiegertöchter der Herzoginmutter, für den Empfang verantwortlich sein, nicht ein Mitglied der jüngeren Generation; aber wir sind sehr mit der Trauer beschäftigt, und deswegen haben wir dir die Verantwortng übertragen. Denk’ bloß nicht, du könntest nachlässig sein!“
 
Hsi-fëng wurde rot vor Zorn. Sie war gerade dabei, etwas zu ihrer eigenen Verteidigung zu sagen, als sie draußen eine Trommel hörte: Es war Zeit für das abendliche Papiergeldopfer. Ein Gejammer erhob sich von den versammelten Trauernden und ihre Chance zu sprechen war vorbei. Sie dachte, sie würde bis später warten, aber nach der Opfergabe zwang die Dame Wang sie, ihren Pflichten nachzukommen.
 
„Wir können hier auf die Dinge aufpassen. Du gehst und siehst zu, daß alles für morgen in Ordnung ist.“
 
Hsi-fëng traute sich nicht, ein Wort zu sagen, sondern ging hinaus, ihre Trauer und ihre Tränen so gut wie möglich verbergend. Sie rief erneut ein Personaltreffen ein und erinnerte alle nochmals an ihre Pflichten: „Die Damen, ihr Lieben, nehmt Rücksicht auf mich, ich bitte euch! Ich bin für alles von den Damen getadelt worden, und das nur, weil ihre eure Arbeit nicht anständig macht. Ihr macht uns alle lächerlich. Ich flehe euch an, euch morgen besonders anzustrengen.“ –
 
„Aber Fräulein“, kam die Antwort, „dies ist nicht das erte Mal, daß Sie die Veranwortung tragen. Sie kennen uns, wir würden uns niemals trauen, ihre Anweisungen zu mißachten. Aber diesmal verlangen die Damen zuviel. Schauen wir auf das letzte Essen: Manche wollten hier essen, manche in ihren eigenen Räumen. Wir baten die Dame So-und-so zu kommen und ihr Essen einzunehmen, und dann erscheint Frau Jemand-Anderes nicht. Wie können wir damit umgehen? Wir flehen sie an, Fräulein, reden sie mit den Mägden der Herzoginmutter und bitten sie sie, nicht so kleinlich zu sein!“
 
„Die Mägde der Herzoginmutter sind wirklich schwer zufriedenzustellen“, antwortete Hsi-fëng, „und für mich ist es schwer, den Mägden der Herzoginmutter Anweisungen zu geben. Wo ist jemand, mit dem ich sprechen kann?“
 
„Aber Fräulein Liän! Als Sie die Beerdigung für das Ning-guo-An­wesen durchgeführt haben, ließen Sie Leute schlagen, Sie schimpften sie aus, Sie haben eine sehr harte Linie eingeschlagen – und jeder hörte auf Sie. Werden Sie Ihre Autorität von diesen Mägden in Frage stellen lassen?“
 
„Bei jener Gelegenheit“, seufzte Hsi-fëng, „hatten die Damen keinen Grund, einen Fehler bei mir zu finden. Aber diesmal sind wir nicht im Ning-guo-Anwesen. Ich bin im eigenen Gebiet, damit überprüfbar und auf dem Präsentierteller. Also findet jeder einen Fehler bei mir. Außerdem, bekomme ich kein Geld, wenn ich darum bitte, es auszuzahlen. Wenn etwas bei dem Empfang gebraucht wird, schicke ich danach und nichts passiert, was kann ich tun?“
 
„Aber Herr Liän hat auf diesem Gebiet die Verantwortung. Sicher wird er Ihnen Geld geben, was immer Sie an Geld gebrauchen?“
 
„Das denkt ihr!“, antwortete Hsi-fëng. „Seine Hände sind genauso gebunden wie meine. Er hat keine Kontrolle über das Geld. Er muß selbst nach jeder Münze fragen. Er hat kaum Geld.“ –
 
„Aber hat er nicht das Geld der Herzoginmutter zur Verfügung?“ –
 
„Fragt die Verwalter“, sagte Hsi-fëng. „Die werden es euch sagen.“ –
 
„Kein Wunder, daß sich die männlichen Diener draußen beklagen! Sie sagen, was für eine große Arbeit das hier ist, welche harte Arbeit, und daß es keine Chance gibt, etwas nebenher zu verdienen. Wie können die Dinge nur glatt laufen, wenn es kein Geld gibt?“ –
 
„Genug“, sagte Hsi-fëng. „Alle von euch konzentrieren sich auf ihre Arbeit. Tut sie, so gut ihr könnt! Wenn ich mehr Klagen der Damen höre, werde ich Euch dafür verantwortlich machen.“ –
 
„Wir tun, was immer Sie uns sagen, Fräulein, wir werden kein Wort sagen. Aber mit all ihren verschiedenen Ideen, wird es schwer sein, jede einzelne der Damen zufrieden zu stellen.“
 
Hsi-fëng flehte sie an: „Meine Lieben! Helft mir morgen, bitte! Gebt mir eine Chance, die Sache anständig mit den Mägden zu bereden! Und wir werden wieder darüber sprechen.“
 
Die Diener gingen an ihre Arbeit.
 
Hsi-fëng fühlte sich sehr falsch behandelt, und je mehr sie über die Situation, in der sie war, nachdachte, desto angespannter wurde sie.
 
Beim ersten Licht nach einer schlaflosen Nacht, mußte sie sich noch einmal wegen ihrer Pflichten bei den Damen Hsing und Wang melden. Sie hätte gerne die Mägde diszipliniert, hatte aber Angst, den Groll der Dame Hsing auf sich zu ziehen. Sie hätte sich gerne der Dame Wang anvertraut, aber die Dame Hsing hatte bereits die Dame Wang gegen sie aufgehetzt. Die Mägde machten ihr das Leben noch schwerer als zuvor, als sie sahen, daß die Damen Hsi-fëng nicht unterstützten. Die einzige Ausnahme war Ping-örl, die Hsi-fëng loyal beistand. „Fräulein Liän möchte die Dinge gerne anständig machen“, erklärte sie den anderen, um sie für sich zu gewinnen. „Aber Herr Dschëng und die Damen haben Anweisungen für eine strenge Wirtschaftlichkeit gegeben, und es gibt nichts, was sie dagegen tun kann.“
 
Buddhistische Sutren wurden gelesen, dauistische Feiern abgehalten, es gab einen endlosen Fluß ritueller Klagen und Opfer für den Geist der Verstorbenen. Aber irgendwie war alles sowohl beim Trauern als bei den Opferritualen, dem Motto des Einsparens unterworfen. Täglich kamen Gefolge von Prinzen und Damen von hohem Rang. Keine von ihnen konnte Hsi-fëng persönlich empfangen, da sie zu beschäftigt war, die Dinge hinter den Kulissen in Ordnung zu halten. Sobald sie einen Diener mobilisiert hatte, wurde ein anderer schon wieder vermißt. Sie verlor ihre Geduld, sie bettelte; sie schlug sich durch eine Sitzung und mußte sich dann mit neuen Problemen beschäftigen. Nun war Yüan-yang nicht die einzige, die bemerkte, daß die Dinge schief liefen.
 
 
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中文原文 (程甲本 1982) Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026)

第一百九回 候芳魂五儿承错爱 还孽债迎女返真元 话说宝钗叫袭人问出原故,恐宝玉悲伤成疾,便将黛玉临死的话与袭人假作闲谈,说是:“人在世上,有意有情。到了死后,各自干各自的去了,并不是生前那样的,人死后还是那样。活人虽有痴心,死的竟不知道。况且林姑娘既说仙去,他看凡人是个不堪的浊物,那里还肯混在世上?只是人自己疑心,所以招出些邪魔外祟来缠扰。”宝钗虽是与袭人说话,原说给宝玉听的。袭人会意,也说是:“没有的事。若说林姑娘的魂灵儿还在园里,我们也算相好,怎么没有梦见过一次?” 宝玉在外面听着,细细的想道:“果然也奇!我知道林妹妹死了,那一日不想几遍,怎么从没梦见?想必他到天上去了,瞧我这凡夫俗子,不能交通神明,所以梦都没有一个儿。我如今就在外间睡,或者我从园里回来,他知道我的心,肯与我梦里一见。我必要问他实在那里去了,我也时常祭奠。若是果然不理我这浊物,竟无一梦,我便也不想他了。”主意已定,便说:“我今夜就在外间睡,你们也不用管我。” 宝钗也不强他,只说:“你不用胡思乱想。你没瞧见太太因你园里去了,急的话都说不出来?你这会子还不保养身子,倘或老太太知道了,又说我们不用心。”宝玉道:“白这么说罢咧,我坐一会子就进来。你也乏了,先睡罢。”宝钗料他必进来的,假意说道:“我睡了,叫袭姑娘伺候你罢。” 宝玉听了,正合机宜。等宝钗睡下,他便叫袭人、麝月另铺设下一副被褥,常叫人进来瞧二奶奶睡着了没有。宝钗故意装睡,也是一夜不宁。那宝玉只当宝钗睡着,便与袭人道:“你们各自睡罢,我又不伤感。你若不信,你就伏侍我睡了再进去,只要不惊动我就是了。”袭人果然伏侍他睡下,预备下了茶水,关好了门,进里间去照应了一回,各自假寐,等着宝玉若有动静再出来。 宝玉见袭人进去了,便将坐更的两个婆子支到外头。他轻轻的坐起来,暗暗的祝赞了几句,方才睡下。起初再睡不着,以后把心一静,谁知竟睡着了,却倒一夜安眠。直到天亮,方才醒来,拭了拭眼,坐着想了一回,并无有梦。便叹口气道:“正是‘悠悠生死别经年,魂魄不曾来入梦’。” 宝钗反是一夜没有睡着,听见宝玉在外边念这两句,便接口道:“这话你说莽撞了,若林妹妹在时,又该生气了。”宝玉听了,自觉不好意思,只得起来,搭讪着进里间来说:“我原要进来,不知怎么,一个盹儿就打着了。”宝钗道:“你进来不进来,与我什么相干!” 袭人也本没有睡,听见他们两个说话,即忙上来倒茶。只见老太太那边打发小丫头来问:“宝二爷昨夜睡的安顿么?若安顿,早早的同二奶奶梳洗了就过去。”袭人道:“你去回老太太,说宝玉昨夜很安顿,回来就过来。”小丫头去了。宝钗连忙梳洗了,莺儿、袭人等跟着,先到贾母那里行了礼。便到王夫人那边起,至凤姐,都让过了。仍到贾母处,见他母亲也过来了。大家问起:“宝玉晚上好么?”宝钗便说:“回去就睡了,没有什么。”众人放心,又说些闲话。 只见小丫头进来说:“二姑奶奶要回去了。听见说孙姑爷那边人来,到大太太那里说了些话。大太太叫人到四姑娘那边说不必留了,让他去罢。如今二姑奶奶在大太太那边哭呢,大约就过来辞老太太。”贾母众人听了,心中好不自在,都说:“二姑娘这么一个人,为什么命里遭着这样的人?一辈子不能出头,这可怎么好呢!” 说着,迎春进来,泪痕满面。因是宝钗的好日子,只得含着泪,辞了众人要回去。贾母知道他的苦处,也不便强留,只说道:“你回去也罢了,但只不用伤心,碰着这样人也是没法儿的。过几天,我再打发人接你去罢。”迎春道:“老太太始终疼我,如今也疼不来了,可怜我没有再来的时候儿了。”说着,眼泪直流。众人都劝道:“这有什么不能回来的呢?比不得你三妹妹隔得远,要见面就难了。”贾母等想起探春,不觉也大家落泪。为是宝钗的生日,只得转悲作喜说:“这也不难,只要海疆平静,那边亲家调进京来,就见的着了。”大家说:“可不是这么着么?” 说着,迎春只得含悲而别。大家送了出来,仍回贾母这里。从早至暮,又闹了一天。众人见贾母劳乏,各自散了。 独有薛姨妈辞了贾母,到宝钗那里,说道:“你哥哥是今年过了,直要等到皇恩大赦的时候减了等,才好赎罪。这几年叫我孤苦伶仃,怎么处?我想要给你二哥哥完婚,你想想好不好?”宝钗道:“妈妈是因为大哥哥娶了亲,唬怕了的,所以把二哥哥的事也疑惑起来。据我说,很该办。邢姑娘是妈妈知道的,如今在这里也很苦。娶了去,虽说咱们穷,究竟比他傍人门户好多着呢。”薛姨妈道:“你得便的时候,就去回明老太太,说我家没人,就要择日子了。”宝钗道:“妈妈只管和二哥哥商量,挑个好日子,过来和老太太、大太太说了,娶过去,就完了一宗事。这里大太太也巴不得娶了去才好。”薛姨妈道:“今日听见史姑娘也就回去了,老太太心里要留你妹妹在这里住几天,所以他住下了。我想他也是不定多早晚就走的人了,你们姐妹们也多叙几天话儿。”宝钗道:“正是呢。”于是薛姨妈又坐了一坐,出来辞了众人,回去了。 却说宝玉晚间归房,因想:“昨夜黛玉竟不入梦,或者他已经成仙,所以不肯来见我这种浊人,也是有的;不然,就是我的性儿太急了,也未可知。”便想了个主意,向宝钗说道:“我昨夜偶然在外头睡着,似乎比在屋里睡的安稳些,今日起来,心里也觉清净。我的意思,还要在外头睡两夜,只怕你们又来拦我。” 宝钗听了,明知早晨他嘴里念诗自然是为黛玉的事了。想来他那个呆性是不能劝的,倒好叫他睡两夜,索性自己死了心也罢了;况兼昨夜听他睡的倒也安静。便道:“好没来由!你只管睡去,我们拦你作什么?但只别胡思乱想的招出些邪魔外祟来。”宝玉笑道:“谁想什么?” 袭人道:“依我劝,二爷竟还是屋里睡罢。外边一时照应不到,着了凉,倒不好。”宝玉未及答言,宝钗却向袭人使了个眼色儿。袭人会意,道:“也罢,叫个人跟着你罢,夜里好倒茶倒水的。”宝玉便笑道:“这么说,你就跟了我来。”袭人听了,倒没意思起来,登时飞红了脸,一声也不言语。宝钗素知袭人稳重,便说道:“他是跟惯了我的,还叫他跟着我罢。叫麝月、五儿照料着也罢了。况且今日他跟着我闹了一天,也乏了,该叫他歇歇了。” 宝玉只得笑着出来。宝钗因命麝月、五儿给宝玉仍在外间铺设了,又嘱咐两个人:“醒睡些,要茶要水,都留点神儿。”两个答应着出来,看见宝玉端然坐在床上,闭目合掌,居然像个和尚一般,两个也不敢言语,只管瞅着他笑。宝钗又命袭人出来照应。袭人看见这般,却也好笑,便轻轻的叫道:“该睡了,怎么又打起坐来了?”宝玉睁开眼看见袭人,便道:“你们只管睡罢,我坐一坐就睡。”袭人道:“因为你昨日那个光景,闹的二奶奶一夜没睡,你再这么着成什么事?”宝玉料着自己不睡,都不肯睡,便收拾睡下。袭人又嘱咐了麝月等几句,才进去关门睡了。这里麝月、五儿两个人也收拾了被褥,伺候宝玉睡着,各自歇下。 那知宝玉要睡越睡不着,见他两个人在那里打铺,忽然想起:“那年袭人不在家时,晴雯、麝月两个人伏侍,夜间麝月出去,晴雯要唬他,因为没穿衣服着了凉,后来还是从这个病上死的。”想到这里,一心移在晴雯身上去了。忽又想起凤姐说五儿给晴雯脱了个影儿,因将想晴雯的心又移在五儿身上。自己假装睡着,偷偷儿的看那五儿,越瞧越像晴雯,不觉呆性复发。听了听里间已无声息,知是睡了。但不知麝月睡了没有,便故意叫了两声,却不答应。 五儿听见了宝玉叫人,便问道:“二爷要什么?”宝玉道:“我要漱漱口。”五儿见麝月已睡,只得起来,重新剪了蜡花,倒了一锺茶来,一手托着漱盂。却因赶忙起来的,身上只穿着一件桃红绫子小袄儿,松松的挽着一个儿。宝玉看时,居然晴雯复生。忽又想起晴雯说的“早知担了虚名,也就打个正经主意了”,不觉呆呆的呆看,也不接茶。 那五儿自从芳官去后,也无心进来了。后来听说凤姐叫他进来伏侍宝玉,竟比宝玉盼他进来的心还急。不想进来以后,见宝钗、袭人一般尊贵稳重,看着心里实在敬慕;又见宝玉疯疯傻傻,不似先前的丰致;又听见王夫人为女孩子们和宝玉玩笑都撵了:所以把那女儿的柔情和素日的痴心,一概搁起。 怎奈这位呆爷今晚把他当作晴雯,只管爱惜起来。那五儿早已羞得两颊红潮,又不敢大声说话,只得轻轻的说道:“二爷,漱口啊。”宝玉笑着接了茶在手中,也不知道漱了没有,便笑嘻嘻的问道:“你和晴雯姐姐好,不是啊?”五儿听了,摸不着头脑,便道:“都是姐妹,也没有什么不好的。”宝玉又悄悄的问道:“晴雯病重了,我看他去,不是你也去了么?”五儿微微笑着点头儿。宝玉道:“你听见他说什么了没有?”五儿摇着头儿道:“没有。”宝玉已经忘神,便把五儿的手一拉。五儿急的红了脸,心里乱跳,便悄悄说道:“二爷,有什么话只管说,别拉拉扯扯的。”宝玉才撒了手,说道:“他和我说来着:‘早知担了个虚名,也就打正经主意了。’你怎么没听见么?” 五儿听了,这话明明是撩拨自己的意思,又不敢怎么样,便说道:“那是他自己没脸,这也是我们女孩儿家说得的吗?”宝玉着急道:“你怎么也是这么个道学先生?我看你长的和他一模一样,我才肯和你说这个话,你怎么倒拿这些话糟蹋他?”此时五儿心中也不知宝玉是怎么个意思,便说道:“夜深了,二爷睡罢,别紧着坐着,看凉着了。刚才奶奶和袭人姐姐怎么嘱咐来?”宝玉道:“我不凉。” 说到这里,忽然想起五儿没穿着大衣裳,就怕他也像晴雯着了凉,便问道:“你为什么不穿上衣裳就过来?”五儿道:“爷叫的紧,那里有尽着穿衣裳的空儿?要知道说这半天话儿时,我也穿上了。”宝玉听了,连忙把自己盖的一件月白绫子绵袄儿揭起来,递给五儿,叫他披上。五儿只不肯接,说:“二爷盖着罢,我不凉;我凉,我有我的衣裳。” 说着,回到自己铺边,拉了一件长袄披上。又听了听,麝月睡的正浓,才慢慢过来说:“二爷今晚不是要养神呢吗?”宝玉笑道:“实告诉你罢,什么是养神,我倒是要遇仙的意思。”五儿听了,越发动了疑心,便问道:“遇什么仙?”宝玉道:“你要知道,这话长着呢。你挨着我来坐下,我告诉你。”五儿红了脸,笑道:“你在那里躺着,我怎么坐呢?”宝玉道:“这个何妨?那一年冷天,也是你晴雯姐姐和麝月姐姐玩,我怕冻着他,还把他揽在一个被窝儿里呢。这有什么?大凡一个人,总别酸文假醋的才好。” 五儿听了,句句都是宝玉调戏之意,那知这位呆爷却是实心实意的话。五儿此时走开不好,站着不好,坐下不好,倒没了主意。因拿眼一溜,抿着嘴儿笑道:“你别混说了,看人家听见,什么意思?怨不得人家说你专在女孩儿身上用工夫。你自己放着二奶奶和袭人姐姐都是仙人儿似的,只爱和别人混搅。明儿再说这些话,我回了二奶奶,看你什么脸见人!” 正说着,只听外面咕咚一声,把两个人唬了一跳。里间宝钗咳嗽了一声。宝玉听见,连忙努嘴儿。五儿也就忙忙的熄了灯,悄悄的躺下了。原来宝钗、袭人因昨夜不曾睡,又兼日间劳乏了一天,所以睡去,都不曾听见他们说话。此时院中一响,猛然惊醒,听了听,也无动静。 宝玉此时躺在床上,心里疑惑:“莫非林妹妹来了,听见我和五儿说话,故意吓我们的?”翻来覆去,胡思乱想,五更以后,才矇眬睡去。 却说五儿被宝玉鬼混了半夜,又兼宝钗咳嗽,自己怀着鬼胎,生怕宝钗听见了,也是思前想后,一夜无眠。次日一早起来,见宝玉尚自昏昏睡着,便轻轻儿的收拾了屋子。这时麝月已醒,便道:“你怎么这么早起来了?你难道一夜没睡吗?”五儿听这话,又似麝月知道了的光景,便只是讪笑,也不答言。一时宝钗、袭人也都起来,开了门。见宝玉尚睡,却也纳闷:“怎么在外头两夜睡的倒这么安稳呢?” 及宝玉醒来,见众人都起来了,自己连忙爬起。揉着眼睛,细想昨夜又不曾梦见,可是仙凡路隔了。慢慢的下了床,又想昨夜五儿说的宝钗、袭人都是天仙一般,这话却也不错,便怔怔的瞅着宝钗。 宝钗见他发怔,虽知他为黛玉之事,却也定不得梦不梦。只是瞅的自己倒不好意思的,便道:“你昨夜可遇见仙了么?”宝玉听了,只道昨晚的话宝钗听见了,笑着勉强说道:“这是那里的话?”那五儿听了这一句,越发心虚起来,又不好说的,只得且看宝钗的光景。只见宝钗又笑着问五儿道:“你听见二爷睡梦里和人说话来着么?”宝玉听了,自己坐不住,搭讪着走开了。五儿把脸飞红,只得含糊道:“前半夜倒说了几句,我也没听真。什么‘担了虚名’,又什么‘没打正经主意’,我也不懂,劝着二爷睡了。后来我也睡了,不知二爷还说来着没有。”宝钗低头一想:“这话明是为黛玉了。但尽着叫他在外头,恐怕心邪了,招出些花妖柳怪来。况兼他的旧病原在姐妹上情重,只好设法将他的心意挪移过来,然后能免无事。”想到这里,不免面红耳热起来,也就讪讪的进房梳洗去了。 且说贾母两日高兴,略吃多了些,这晚有些不受用,第二天便觉着胸口饱闷。鸳鸯等要回贾政,贾母不叫言语,说:“我这两日嘴馋些,吃多了点子。我饿一顿就好了,你们快别吵嚷。”于是鸳鸯等并没有告诉人。 这日晚间,宝玉回到自己屋里,见宝钗自贾母、王夫人处才请了晚安回来,宝玉想着早起之事,未免赧颜抱惭。宝钗看他这样的,也晓得是没意思的光景。因想着他是个痴情人,要治他的这个病,少不得仍以痴情治之。想了想,便问宝玉道:“你今夜还在外头睡去罢咧。”宝玉自觉没趣,便道:“里头外头都是一样的。”宝钗意欲再说,反觉碍难出口。袭人道:“罢呀,这倒是什么道理呢?我不信睡的那么安顿。”五儿听见这话,连忙接口道:“二爷在外头睡,别的倒没有什么,只爱说梦话,叫人摸不着头脑儿,又不敢驳他的回。”袭人便道:“我今日挪出床上睡睡,看说梦话不说。你们只管把二爷的铺盖铺在里间就完了。” 宝钗听了,也不作声。宝玉自己惭愧,那里还有强嘴的分儿,便依着搬进来。一则宝玉抱歉,欲安宝钗之心;二则宝钗恐宝玉思郁成疾,不如稍示柔情,使得亲近,以为移花接木之计。于是当晚袭人果然挪出去。这宝玉固然是有意负荆,那宝钗自然也无心拒客,从过门至今日,方才是雨腻云香,氤氲调畅。从此“二五之精,妙合而凝”。此是后话不提。 且说次日宝玉、宝钗同起,宝玉梳洗了,先过贾母这边来。这里贾母因疼宝玉,又想宝钗孝顺,忽然想起一件东西来。便叫鸳鸯开了箱子,取出祖上所遗的一个汉玉玦,虽不及宝玉他那块玉石,挂在身上却也稀罕。鸳鸯找出来递与贾母,便说道:“这件东西,我好像从没见的。老太太这些年还记得这样清楚,说是那一箱什么匣子里装着,我按着老太太的话,一拿就拿出来了。老太太这会子叫拿出来做什么?”贾母道:“你那里知道。这块玉还是祖爷爷给我们老太爷,老太爷疼我,临出嫁的时候叫了我去,亲手递给我的。还说:‘这玉是汉朝所佩的东西,很贵重,你拿着就像见了我的一样。’我那时还小,拿了来也不当什么,便撩在箱子里。到了这里,我见咱们家的东西也多,这算得什么,从没带过,一撩便撩了六十多年。今儿见宝玉这样孝顺,他又丢了一块玉,故此想着拿出来给他,也像是祖上给我的意思。” 一时宝玉请了安,贾母便喜欢道:“你过来,我给你一件东西瞧瞧。”宝玉走到床前,贾母便把那块汉玉递给宝玉。宝玉接来一瞧,这玉有三寸方圆,形似甜瓜,色有红晕,甚是精致。宝玉口口称赞。贾母道:“你爱么?这是我祖爷爷给我的,我传了你罢。”宝玉笑着,请了个安谢了,又拿了要送给他母亲瞧。贾母道:“你太太瞧了,告诉你老子,又说疼儿子不如疼孙子了。他们从没见过。”宝玉笑着去了。宝钗等又说了几句话,也辞了出来。 自此,贾母两日不进饮食,胸口仍是膨闷,觉得头晕目眩,咳嗽。邢、王二夫人、凤姐等请安,见贾母精神尚好,不过叫人告诉贾政,立刻来请了安。贾政出来,即请大夫看脉。不多一时,大夫来诊了脉,说是有年纪的人,停了些饮食,感冒些风寒,略消导发散些就好了。开了方子,贾政看了,知是寻常药品,命人煎好进服。以后贾政早晚进来请安。 一连三日,不见稍减。贾政又命贾琏:“打听好大夫,快去请来瞧老太太的病。咱们家常请的几个大夫,我瞧着不怎么好,所以叫你去。”贾琏想了一想,说道:“记得那年宝兄弟病的时候,倒是请了一个不行医的来瞧好了的,如今不如找他。”贾政道:“医道却是极难的,越是不兴时的大夫倒有本领。你就打发人去找来罢。”贾琏即忙答应去了。回来说道:“这刘大夫新近出城教书去了,过十来天进城一次。这时等不得,又请了一位,也就来了。”贾政听了,只得等着,不提。 且说贾母病时,合宅女眷,无日不来请安。一日,众人都在那里,只见看园内腰门的老婆子进来回说:“园里的栊翠庵的妙师父知道老太太病了,特来请安。”众人道:“他不常过来,今儿特来,你们快请进来。”凤姐走到床前回了贾母。岫烟是妙玉的旧相识,先走出去接他。只见妙玉头戴妙常冠,身上穿一件月白素绸袄儿,外罩一件水田青缎镶边长背心,拴着秋香色的丝绦,腰下系一条淡墨画的白绫裙,手执麈尾、念珠,跟着一个侍儿,飘飘拽拽的走来。岫烟见了问好,说是:“在园内住的时候儿,可以常来瞧瞧你。近来因为园内人少,一个人轻易难出来,况且咱们这里的腰门常关着,所以这些日子不得见你。今儿幸会。”妙玉道:“头里你们是热闹场中,你们虽在外园里住,我也不便常来亲近。如今知道这里的事情也不大好,又听说是老太太病着,又惦记着你,还要瞧瞧宝姑娘。我那管你们关不关,我要来就来;我不来,你们要我来也不能啊!”岫烟笑道:“你还是这种脾气。” 一面说着,已到贾母房中。众人见了,都问了好。妙玉走到贾母床前问候,说了几句套话。贾母便道:“你是个女菩萨,你瞧瞧我的病可好的了好不了?”妙玉道:“老太太这样慈善的人,寿数正有呢。一时感冒,吃几帖药,想来也就好了。有年纪的人,只要宽心些。”贾母道:“我倒不为这些,我是极爱寻快乐的。如今这病也不觉怎么着,只是胸膈饱闷。刚才大夫说是气恼所致。你是知道的,谁敢给我气受?这不是那大夫脉理平常么?我和琏儿说了,还是头一个大夫说感冒伤食的是,明儿还请他来。”说着,叫鸳鸯:“吩咐厨房里办一桌净素菜来,请妙师父这里便饭。”妙玉道:“我吃过午饭了,我是不吃东西的。”王夫人道:“不吃也罢,咱们多坐一会,说些闲话儿罢。”妙玉道:“我久已不见你们,今日来瞧瞧。”又说了一会话,便要走。回头见惜春站着,便问道:“四姑娘为什么这样瘦?不要只管爱画劳了心。”惜春道:“我久不画了。如今住的房屋不比园里的显亮,所以没兴头画。”妙玉道:“你如今住在那一所?”惜春道:“就是你才来的那个门东边的屋子,你要来很近。”妙玉道:“我高兴的时候来瞧你。”惜春等说着送了出去。回身过来,听见丫头们回说大夫在贾母那边呢,众人暂且散去。 那知贾母这病日重一日,延医调治不效,以后又添腹泻。贾政着急,知病难医,即命人到衙门告诉,日夜同王夫人亲侍汤药。 一日,见贾母略进些饮食,心里稍宽,只见老婆子在门外探头。王夫人叫彩云看去,问问是谁。彩云看了是陪迎春到孙家去的人,便道:“你来做什么?”婆子道:“我来了半日,这里找不着一个姐姐们,我又不敢冒撞,我心里又急。”彩云道:“你急什么?又是姑爷作践姑娘不成么?”婆子道:“姑娘不好了!前儿闹了一场,姑娘哭了一夜,昨日痰堵住了。他们又不请大夫,今日更利害了。”彩云道:“老太太病着呢,别大惊小怪的。”王夫人在内已听见了,恐老太太听见不受用,忙叫彩云带他外头说去。岂知贾母病中心静,偏偏听见,便道:“迎丫头要死了么?”王夫人便道:“没有。婆子们不知轻重,说是这两日有些病,恐不能就好,到这里问大夫。”贾母道:“瞧我的大夫就好,快请了去。”王夫人便叫彩云:“叫这婆子去回大太太去。”那婆子去了。 这里贾母便悲伤起来,说是:“我三个孙女儿:一个享尽了福死了;三丫头远嫁,不得见面;迎丫头虽苦,或者熬出来,不打量他年轻轻儿的就要死了。留着我这么大年纪的人活着做什么?”王夫人、鸳鸯等解劝了好半天。 这时宝钗、李氏等不在房中,凤姐近来有病。王夫人恐贾母生悲添病,便叫人叫了他们来陪着。自己回到房中,叫彩云来埋怨:“这婆子不懂事。以后我在老太太那里,你们有事,不用来回。”丫头们依命不言。 岂知那婆子刚到邢夫人那里,外头的人已传进来说:“二姑奶奶死了。”邢夫人听了,也便哭了一场。现今他父亲不在家中,只得叫贾琏快去瞧看。知贾母病重,众人都不敢回。可怜一位如花似月之女,结缡年馀,不料被孙家揉搓,以致身亡。又值贾母病笃,众人不便离开,竟容孙家草草完结。 贾母病势日增,只想这些孙女儿。一时想起湘云,便打发人去瞧他。回来的人悄悄的找鸳鸯,因鸳鸯在老太太身旁,王夫人等都在那里,不便上去。到了后头,找了琥珀,告诉他道:“老太太想史姑娘,叫我们去打听。那里知道史姑娘哭的了不得,说是姑爷得了暴病,大夫都瞧了,说这病只怕不能好。若是变了痨病,还可挨个四五年。所以史姑娘心里着急。又知道老太太病,只是不能过来请安。还叫我别在老太太跟前提起来,倘或老太太问起来,务必托你们变个法儿回老太太才好。”琥珀听了,“咳”了一声,也就不言语了,半日说道:“你去罢。”琥珀也不便回,心里打算告诉鸳鸯,叫他撒谎去。所以来到贾母床前,见贾母神色大变,地下站着一屋子的人,嘁嘁喳喳的说:“瞧着是不好。”也不敢言语了。 这里贾政悄悄的叫贾琏到身旁,向耳边说了几句话。贾琏轻轻的答应,出去了,便传齐了现在家里的一干人,说:“老太太的事,待好出来了,你们快快分头派人办去。头一件,先请出板来瞧瞧,好挂里子。快到各处将各人的衣服量了尺寸,都开明了,便叫裁缝去做孝衣。那棚杠、执事都讲定了。厨房里还该多派几个人。”赖大等回道:“二爷,这些事不用爷费心,我们早打算好了,只是这项银子在那里领呢?”贾琏道:“这项银子不用外头出,老太太自己早留下了。刚才老爷的主意,只要办的好,我想外面也要好看。”赖大等答应,派人分头办去。 贾琏复回到自己房中,便问平儿:“你奶奶今儿怎么样?”平儿把嘴往里一努,说:“你瞧去。”贾琏进内,见凤姐正要穿衣,一时动不得,暂且靠在炕桌儿上。贾琏道:“你只怕养不住了,老太太的事,今儿明儿就要出来了,你还脱得过么?快叫人将屋里收拾收拾,就该扎挣上去了。若有了事,你我还能回来么?”凤姐道:“咱们这里还有什么收拾的?不过就是这点子东西,还怕什么?你先去罢,看老爷叫你。我换件衣裳就来。”贾琏先回到贾母房里,向贾政悄悄的回道:“诸事已交派明白了。”贾政点头。 外面又报:“太医来了。”贾琏接入,诊了一回。大夫出来,悄悄的告诉贾琏:“老太太的脉气不好,防着些。”贾琏会意,与王夫人等说知。王夫人即忙使眼色叫鸳鸯过来,叫他把老太太的装裹衣服预备出来。鸳鸯自去料理。 贾母睁眼要茶喝,邢夫人便进了一杯参汤。贾母刚用嘴接着喝,便道:“不要这个,倒一锺茶来我喝。”众人不敢违拗,即忙送上来。一口喝了,还要,又喝一口,便说:“我要坐起来。”贾政等道:“老太太要什么,只管说,可以不必坐起来才好。”贾母道:“我喝了口水,心里好些儿,略靠着和你们说说话儿。”珍珠等用手轻轻的扶起,看见贾母这会子精神好了些。 未知生死,下回分解。 “悠悠”二句──语出唐·白居易《长恨歌》:“鸳鸯瓦冷霜华重,翡翠衾寒谁与共?悠悠生死别经年,魂魄不曾来入梦。临邛道士鸿都客,能以精诚致魂魄。”是指杨贵妃死后,唐玄宗希望在梦中相见而不可得。这正与贾宝玉思念林黛玉的情景一样,故借以感叹。​ 傍人门户——傍:依靠,依附。 门户:本义为大门或房门,引申以指人家或家庭。 语出宋·苏轼《东坡志林》卷一二:“桃符仰见艾人而骂曰:‘汝何等草芥,辄居我上?’艾人俯而应曰:‘汝已半截入土,犹争高下乎?’桃符怒,往复纷然不已。门神解之曰:‘吾辈不肖,方傍人门户,何暇争闲气耶!’”意谓依靠别人生活。与“寄人篱下”同义。​ 仙凡路隔──此语或化用了宋·苏轼《赠人》诗:“别后休论信息疏,仙凡自古亦殊途。”“仙凡殊途”与“仙凡路隔”近义,皆为仙境与人间无路可通之意。​ 二五之精,妙合而凝——二五:“二”指阴阳,“五”指五行。 语出宋·周敦颐《太极图说》:“五行之生也,各一其性。无极之真,二五之精,妙合而凝。乾道成男,坤道成女。二气交感,化生万物。”意谓由于阴阳与五行相互作用,生命才得以产生。这里是指薛宝钗怀孕。​ 汉玉玦(ju é决)──汉代传下来的玉玦。 玉玦:古人佩带的玉饰品,环形而有缺口。常用作表示决断、决绝的象征物。《荀子·大略》:“聘人以珪,问士以璧,召人以瑗,绝人以玦,反绝以环。”​ 妙常冠──这里指带发修行女尼所戴帽子。“妙常”即陈妙常,为明·高濓《玉簪记》传奇中的人物,本名陈娇莲,因逢兵乱而带发修行,法号妙常。这里的“妙常冠”即以舞台演出时陈妙常所戴女尼帽命名,亦与“昭君帽”一样,不过取其读者熟悉而又别致而已。​ 飘飘拽(y è曳)拽——形容衣服飘拂拖拉的样子。 拽拽:同“曳曳”。拖拉貌。​ 结缡(l í离)──典出《诗经·豳风·东山》:“亲结其缡,九十其仪。”意谓女儿出嫁时,由母亲将缡(佩巾)结在其身上。后即以“结缡”代指成婚或结婚。​

Kapitel 109

Wu'er empfängt fälschlich Zuneigung im Namen eines duftenden Geistes;

Im Kreislauf der Vergeltung kehrt Willkommensfrühling ins Wahre zurück

Es wird erzählt, daß Schatzspange[1] Dufthauch[2] beauftragt hatte, den wahren Grund herauszufinden. Aus Sorge, Schatzjade[3] könnte vor Kummer krank werden, sprach sie mit Dufthauch absichtlich im Plauderton über Kajaljades letzte Worte vor ihrem Tod, so daß Schatzjade es mithören konnte. Sie sagte: „Solange ein Mensch auf der Welt ist, hat er Gefühle und Empfindungen. Doch nach dem Tode geht jeder seiner eigenen Wege, und es ist keineswegs so wie im Leben. Die Toten sind nicht mehr so, wie sie zu Lebzeiten waren. Die Lebenden mögen noch so sehr an ihnen hängen — die Verstorbenen wissen nichts davon. Zudem hat Fräulein Lin doch gesagt, sie gehe zu den Unsterblichen; sie betrachtet die Sterblichen als unreine, trübe Wesen — wie sollte sie sich noch in der irdischen Welt aufhalten wollen? Nur der eigene Argwohn der Menschen ruft allerlei Dämonen und böse Geister herbei, die einen dann heimsuchen." Obwohl Schatzspange mit Dufthauch sprach, waren die Worte für Schatzjades Ohren bestimmt. Dufthauch verstand und sagte ebenfalls: „So etwas gibt es nicht. Wenn Fräulein Lins Seele wirklich noch im Garten weilte — wir waren doch auch befreundet, warum habe ich dann nicht ein einziges Mal von ihr geträumt?"

Schatzjade hörte draußen zu und dachte sorgfältig nach: „Es ist wirklich seltsam! Ich weiß, daß Schwester Lin tot ist, und denke jeden Tag unzählige Male an sie — warum habe ich nie von ihr geträumt? Gewiß ist sie in den Himmel aufgestiegen und blickt auf mich gewöhnlichen Sterblichen herab, der nicht mit den Göttern verkehren kann — deshalb habe ich nicht einen einzigen Traum gehabt. Wenn ich heute nacht draußen im Vorzimmer schlafe, oder wenn ich aus dem Garten zurückkomme, wird sie vielleicht mein Herz kennen und mir im Traume erscheinen wollen. Ich muß sie unbedingt fragen, wo sie wirklich hingegangen ist, dann werde ich ihr auch regelmäßig Opfer darbringen. Wenn sie sich aber tatsächlich um dieses trübe Wesen nicht kümmert und kein einziger Traum kommt, dann werde ich auch aufhören, an sie zu denken." Sein Entschluß stand fest, und er sagte: „Ich werde heute nacht draußen im Vorzimmer schlafen. Ihr braucht euch nicht um mich zu kümmern."

Schatzspange drängte ihn nicht, sondern sagte nur: „Du brauchst nicht so wirre Gedanken zu haben. Hast du nicht gesehen, wie aufgeregt die Mutter war, als du in den Garten gegangen bist, so daß sie kaum ein Wort herausbrachte? Wenn du jetzt noch nicht auf deine Gesundheit achtest und die Großmutter davon erfährt, wird sie wieder sagen, wir kümmerten uns nicht genug." Schatzjade sagte: „Es wird schon nichts sein, ich sitze noch ein Weilchen und komme dann herein. Du bist auch müde, leg dich zuerst schlafen." Schatzspange rechnete damit, daß er ohnehin hereinkommen würde, und sagte zum Schein: „Ich gehe schlafen. Laß die Schwester Dufthauch dich bedienen."

Schatzjade hörte das und fand es gerade passend. Als Schatzspange sich niedergelegt hatte, ließ er Dufthauch und Moschusmond[4] ein weiteres Bett aufschlagen und schickte ständig jemanden hinein, um nachzusehen, ob die Zweite Herrin schon eingeschlafen sei. Schatzspange tat absichtlich so, als schliefe sie, war aber die ganze Nacht unruhig. Schatzjade glaubte, Schatzspange schlafe, und sagte zu Dufthauch: „Geht alle schlafen, ich bin gar nicht traurig. Wenn du mir nicht glaubst, bediene mich, bis ich eingeschlafen bin, und geh dann hinein; du brauchst mich nur nicht zu wecken." Dufthauch bediente ihn tatsächlich bis zum Einschlafen, stellte Tee bereit, schloß die Tür und ging ins Innenzimmer, um nach dem Rechten zu sehen, legte sich dann selbst hin und döste nur, bereit, wieder herauszukommen, falls Schatzjade sich regen sollte.

Als Schatzjade sah, daß Dufthauch hineingegangen war, schickte er die beiden Nachtwache haltenden alten Weiber nach draußen. Dann setzte er sich leise auf, murmelte im Stillen einige Gebetsworte und legte sich erst dann nieder. Anfangs konnte er durchaus nicht einschlafen, doch nachdem er sein Herz beruhigt hatte, schlief er unversehens ein und ruhte die ganze Nacht friedlich. Erst als es hell wurde, erwachte er, rieb sich die Augen, saß da und dachte nach — doch er hatte keinen Traum gehabt. Er seufzte und sprach: „So ist es denn: ‚Seit langem trennt der Tod uns voneinander, und doch ist ihre Seele nie im Traum erschienen.'" [5]

Schatzspange hingegen hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Als sie hörte, wie Schatzjade draußen diese beiden Verse murmelte, erwiderte sie: „Da hast du dich unbedacht ausgedrückt — wenn Schwester Lin noch am Leben wäre, würde sie sich wieder ärgern." Als Schatzjade das hörte, wurde es ihm verlegen zumute, und er stand auf, kam verlegen herein und sagte: „Eigentlich wollte ich hereinkommen, doch weiß ich nicht, wie es kam — ich bin einfach eingenickt." Schatzspange sagte: „Ob du hereinkommst oder nicht, was geht mich das an!"

Auch Dufthauch hatte nicht geschlafen. Als sie die beiden reden hörte, stand sie eilig auf und brachte Tee. Da kam ein kleines Mädchen von der Herzoginmutter[6] herüber und fragte: „Hat der Zweite Herr Schatzjade letzte Nacht ruhig geschlafen? Wenn ja, soll er sich bald mit der Zweiten Herrin frisieren und herüberkommen." Dufthauch sagte: „Geh und melde der Herzoginmutter, daß Schatzjade letzte Nacht sehr ruhig geschlafen hat; er kommt gleich." Das kleine Mädchen ging. Schatzspange machte sich eilig zurecht, und Oriole, Dufthauch und die anderen folgten ihr. Zuerst ging sie zur Herzoginmutter und erwies ihr die Ehre, dann zu Frau König[7], danach zu Phönixglanz[8] — allen machte sie ihren Besuch. Dann kehrte sie zur Herzoginmutter zurück und traf auch ihre Mutter an. Alle fragten: „Geht es Schatzjade abends gut?" Schatzspange sagte: „Er hat sich gleich hingelegt und geschlafen, es gab nichts." Alle waren beruhigt und plauderten noch ein wenig.

Da kam ein kleines Mädchen herein und sagte: „Die Zweite Herrin Schwägerin will zurückfahren. Es heißt, daß von Schwager Suns Seite Leute gekommen sind und bei der Ersten Herrin einiges besprochen haben. Die Erste Herrin hat zum Quartier der Vierten Herrin schicken lassen und sagen lassen, man brauche sie nicht mehr aufzuhalten, sie solle gehen. Jetzt weint die Zweite Herrin Schwägerin bei der Ersten Herrin; wahrscheinlich kommt sie gleich, um sich von der Herzoginmutter zu verabschieden." Als die Herzoginmutter und alle es hörten, waren sie äußerst betrübt und sagten: „Willkommensfrühling[9] ist doch eine so feine Person — warum muß das Schicksal ihr ausgerechnet solch einen Menschen bescheren? Ihr ganzes Leben lang kann sie den Kopf nicht heben — wie soll das nur enden?"

Während sie noch redeten, trat Willkommensfrühling herein, das Gesicht voller Tränenspuren. Da es Schatzspanges Geburtstag war, schluckte sie die Tränen hinunter, verabschiedete sich von allen und wollte gehen. Die Herzoginmutter kannte ihr Leid und versuchte sie nicht gewaltsam zurückzuhalten, sondern sagte nur: „Geh nur zurück, aber sei nicht traurig. Einen solchen Menschen zu treffen, dagegen ist kein Kraut gewachsen. In ein paar Tagen schicke ich jemanden, der dich wieder abholt." Willkommensfrühling sagte: „Die Großmutter hat mich von Anfang an geliebt, doch jetzt kann sie nichts mehr für mich tun. Die Ärmste, ich habe keine Gelegenheit mehr, wiederzukommen." Dabei strömten ihr die Tränen. Alle trösteten sie: „Was soll denn daran sein, daß du nicht wiederkommen könntest? Du bist doch nicht wie deine Dritte Schwester, die so weit weg ist, daß ein Wiedersehen schwierig wäre." Als die Herzoginmutter und die anderen an Willkommensfrühlings Dritte Schwester dachten, begannen unwillkürlich alle zu weinen. Da es Schatzspanges Geburtstag war, rissen sie sich zusammen und sagten: „So schwierig ist das auch nicht — wenn die Küstenprovinzen befriedet sind und die dortigen Anverwandten in die Hauptstadt versetzt werden, dann kann man sich wiedersehen." Alle sagten: „Ja, so wird es wohl sein."

Willkommensfrühling mußte trauernd Abschied nehmen. Alle geleiteten sie hinaus und kehrten dann zur Herzoginmutter zurück. Von morgens bis abends war wieder ein ganzer Tag vergangen. Als die Leute sahen, daß die Herzoginmutter erschöpft war, zerstreuten sich alle.

Nur Tante Schnee[10] verabschiedete sich von der Herzoginmutter und ging zu Schatzspange hinüber. Sie sagte: „Dein Bruder hat dieses Jahr hinter sich; man muß bis zu einer kaiserlichen Amnestie warten, bis seine Strafe gemildert und er ausgelöst werden kann. Diese paar Jahre — wie soll ich das allein und verlassen aushalten? Ich möchte deinen Zweiten Bruder verheiraten — was meinst du?" Schatzspange sagte: „Mutter hat Angst bekommen wegen der Heirat des älteren Bruders und zweifelt deshalb auch an der Sache des zweiten Bruders. Meiner Meinung nach sollte man es unbedingt tun. Die Xing-Schwägerin kennt Mutter ja — sie hat es hier auch recht schwer. Wenn man sie heiratet, mögen wir auch arm sein, aber es ist allemal besser, als bei fremden Leuten unterzukommen." Tante Schnee sagte: „Wenn du Gelegenheit hast, geh und sag es der Herzoginmutter — sag ihr, daß unser Haus niemanden hat und wir einen günstigen Tag wählen wollen." Schatzspange sagte: „Mutter soll nur mit dem Zweiten Bruder besprechen und einen guten Tag wählen, dann herüberkommen und es der Herzoginmutter und der Ersten Herrin sagen, sie heimführen, und damit ist die Sache erledigt. Die Erste Herrin hier kann es auch kaum erwarten, daß sie geheiratet wird." Tante Schnee sagte: „Heute habe ich gehört, daß auch die Xiang-Schwägerin bald zurückkehren wird. Die Herzoginmutter möchte, daß deine Schwester noch ein paar Tage hierbleibt, deshalb ist sie geblieben. Ich denke, auch sie wird nicht mehr lange bleiben — ihr Schwestern solltet noch ein paar Tage miteinander plaudern." Schatzspange sagte: „Ganz recht." Daraufhin saß Tante Schnee noch eine Weile, verabschiedete sich von allen und ging heim.

Nun wird erzählt, daß Schatzjade am Abend in sein Zimmer zurückkehrte und bei sich dachte: „Letzte Nacht ist Kajaljade mir wirklich nicht im Traum erschienen. Vielleicht ist sie schon zur Unsterblichen geworden und will sich deshalb einem so trüben Wesen wie mir nicht zeigen — das ist durchaus möglich. Oder aber ich war zu ungeduldig — auch das kann sein." Er ersann einen Plan und sagte zu Schatzspange: „Ich bin gestern zufällig draußen eingeschlafen, und es scheint, als hätte ich draußen ruhiger geschlafen als drinnen. Heute morgen fühlte ich mich auch klarer im Kopf. Ich möchte noch zwei Nächte draußen schlafen, aber ihr werdet mich wohl wieder daran hindern."

Schatzspange hörte es und wußte genau, daß die Verse, die er am Morgen gemurmelt hatte, natürlich Kajaljades wegen gewesen waren. Da sie bedachte, daß sein eigensinniges Naturell nicht umzustimmen war, hielt sie es für besser, ihn zwei Nächte schlafen zu lassen, damit er sich die Sache vielleicht von selbst aus dem Kopf schlage; zudem hatte sie gehört, daß er in der vergangenen Nacht durchaus ruhig geschlafen hatte. Sie sagte: „Was für ein Unsinn! Schlaf nur, wir halten dich doch nicht auf. Nur denk dir nicht lauter wirres Zeug aus und ruf damit Dämonen und Spukgestalten herbei." Schatzjade lachte: „Wer denkt denn an so etwas?"

Dufthauch sagte: „Ich rate dem Zweiten Herrn, doch lieber im Zimmer zu schlafen. Draußen kann man nicht gleich nach dem Rechten sehen, und wenn Ihr Euch erkältet, ist das auch nicht gut." Schatzjade wollte gerade antworten, da machte Schatzspange Dufthauch ein Zeichen mit den Augen. Dufthauch verstand und sagte: „Na gut, dann laß wenigstens jemanden bei dir sein, der dir nachts Tee und Wasser bringen kann." Schatzjade lachte: „Wenn schon, dann komm du mit mir." Dufthauch wurde es peinlich zumute, augenblicklich errötete sie bis über beide Ohren und sagte kein Wort. Schatzspange kannte Dufthauchs gesetztes Wesen und sagte: „Sie ist es gewohnt, bei mir zu sein — laß sie nur bei mir. Moschusmond und Wu'er können sich um dich kümmern. Außerdem hat sie heute den ganzen Tag mit mir herumgewirtschaftet und ist müde — laß sie ein wenig ausruhen."

Schatzjade ging lachend hinaus. Schatzspange wies Moschusmond und Wu'er an, für Schatzjade im Vorzimmer wieder ein Bett aufzuschlagen, und ermahnte die beiden: „Schlaft mit einem offenen Auge; ob Tee, ob Wasser — seid aufmerksam." Die beiden sagten ja und kamen heraus. Da sahen sie Schatzjade aufrecht auf dem Bett sitzen, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet — wahrhaftig wie ein Mönch. Die beiden wagten nicht zu sprechen und konnten ihn nur anblicken und kichern. Schatzspange schickte Dufthauch noch hinaus, um nach dem Rechten zu sehen. Als Dufthauch ihn so sah, mußte sie auch lachen und rief leise: „Es ist Zeit zu schlafen — was sitzt du denn da und meditierst?" Schatzjade öffnete die Augen, sah Dufthauch und sagte: „Geht nur alle schlafen, ich sitze noch ein Weilchen und lege mich dann hin." Dufthauch sagte: „Weil du gestern so warst, hat die Zweite Herrin die ganze Nacht nicht geschlafen. Wenn du so weitermachst, was soll denn das werden?" Schatzjade merkte, daß niemand schlafen würde, solange er selbst nicht schlief, und legte sich gehorsam nieder. Dufthauch ermahnte Moschusmond noch mit einigen Worten und ging dann hinein, schloß die Tür und schlief. Hier räumten Moschusmond und Wu'er ihre Betten zusammen und warteten, bis Schatzjade eingeschlafen war, dann legten sie sich selbst hin.

Doch Schatzjade wollte schlafen und konnte nicht. Als er sah, wie die beiden ihre Betten richteten, fiel ihm plötzlich ein: „In jenem Jahr, als Dufthauch nicht zu Hause war, bedienten mich Heitermuster[11] und Moschusmond. Nachts ging Moschusmond hinaus, und Heitermuster wollte sie erschrecken; weil sie nichts übergezogen hatte, erkältete sie sich, und schließlich ist sie an eben dieser Krankheit gestorben." Bei diesem Gedanken wandten sich alle seine Gedanken Heitermuster zu. Dann fiel ihm ein, daß Phönixglanz gesagt hatte, Wu'er sei Heitermuster wie ein Ebenbild, und er übertrug seine Sehnsucht nach Heitermuster auf Wu'er. Er tat so, als schliefe er, und beobachtete Wu'er verstohlen — je länger er schaute, desto mehr glich sie Heitermuster. Unwillkürlich regte sich wieder sein eigensinniges Wesen. Er lauschte und hörte, daß es im Innenzimmer still geworden war — dort schlief man also. Doch er wußte nicht, ob Moschusmond schon schlief, und rief absichtlich zwei Mal — doch niemand antwortete.

Wu'er hörte, daß Schatzjade nach jemandem rief, und fragte: „Was wünscht der Zweite Herr?" Schatzjade sagte: „Ich möchte mir den Mund ausspülen." Wu'er sah, daß Moschusmond bereits schlief, und stand widerwillig auf, putzte die Kerze, goß eine Tasse Tee ein und hielt mit der anderen Hand die Spülschale. Da sie eilig aufgestanden war, trug sie nur ein dünnes pfirsichrotes Seidenjäckchen und hatte das Haar lose hochgesteckt. Als Schatzjade hinblickte, war es wahrhaftig, als sei Heitermuster wiedererstanden. Da fielen ihm Heitermusters Worte ein: „Hätte ich gewußt, daß ich den Ruf ohne die Tat trage, hätte ich auch gleich zur Tat geschritten" — und er starrte sie geistesabwesend an, ohne den Tee zu nehmen.

Jene Wu'er hatte, seit Duftköpfchen fortgegangen war, eigentlich kein Herz mehr gehabt, hierher zu kommen. Später, als sie hörte, daß Phönixglanz sie hereinbeordert hatte, um Schatzjade zu bedienen, war sie noch ungeduldiger als Schatzjade selbst, der auf ihr Kommen wartete. Doch als sie dann wirklich da war und sah, wie Schatzspange und Dufthauch gleichermaßen vornehm und gesetzt waren, empfand sie in ihrem Herzen aufrichtige Bewunderung. Zudem bemerkte sie, daß Schatzjade sich verrückt und töricht benahm, nicht mehr so anmutig wie früher. Und sie hatte gehört, daß Frau König alle Mädchen, die mit Schatzjade gescherzt hatten, hinausgeworfen hatte. Deshalb legte sie ihre mädchenhafte Zärtlichkeit und ihre frühere schwärmerische Zuneigung ganz beiseite.

Doch an diesem Abend behandelte der eigensinnige junge Herr sie wie Heitermuster und begann sie zu umhegen. Wu'er war längst vor Scham über beide Wangen errötet, wagte aber nicht laut zu sprechen und sagte nur leise: „Zweiter Herr, spült Euch doch den Mund." Schatzjade nahm lächelnd die Tasse in die Hand — ob er sich den Mund gespült hatte oder nicht, war unklar — und fragte dann grinsend: „Du warst doch mit Schwester Heitermuster befreundet, nicht wahr?" Wu'er wußte nicht, wovon er sprach, und sagte: „Wir waren alle Schwestern, es gab nichts, was nicht gut gewesen wäre." Schatzjade fragte leise weiter: „Als Heitermuster schwer krank war und ich sie besuchte — warst du da nicht auch dabei?" Wu'er lächelte leicht und nickte. Schatzjade fragte: „Hast du gehört, was sie gesagt hat?" Wu'er schüttelte den Kopf: „Nein."

Schatzjade war bereits ganz entrückt und ergriff Wu'ers Hand. Wu'er erschrak und errötete, ihr Herz klopfte wild, und sie sagte leise: „Zweiter Herr, wenn Ihr etwas zu sagen habt, sagt es ruhig, aber bitte kein Zerren und Ziehen." Schatzjade ließ sie erst dann los und sagte: „Sie hat zu mir gesagt: ‚Hätte ich gewußt, daß ich den Ruf ohne die Tat trage, hätte ich auch gleich zur Tat geschritten.' Wie kannst du das nicht gehört haben?"

Wu'er hörte das und merkte deutlich, daß diese Worte auf sie selbst abzielten, wagte aber nichts zu erwidern und sagte: „Das war doch ihr eigenes schamloses Gerede — können wir Mädchen so etwas sagen?" Schatzjade rief aufgeregt: „Wieso bist auch du so ein Moralprediger? Ich sehe, daß du ihr aufs Haar gleichst, deshalb sage ich dir diese Dinge — wie kannst du sie mit solchen Worten beschmutzen?" Wu'er wußte in diesem Augenblick nicht, was Schatzjade eigentlich meinte, und sagte: „Es ist spät in der Nacht, Zweiter Herr, legt Euch schlafen. Sitzt nicht die ganze Zeit auf, Ihr könntet Euch erkälten. Was haben die Herrin und Schwester Dufthauch vorhin gesagt?" Schatzjade sagte: „Mir ist nicht kalt."

An dieser Stelle fiel ihm plötzlich ein, daß Wu'er keinen Mantel anhatte, und er fürchtete, sie könnte sich wie Heitermuster erkälten. Er fragte: „Warum bist du herübergekommen, ohne dir etwas überzuziehen?" Wu'er sagte: „Der Herr hat so dringend gerufen, wo hätte ich Zeit gehabt, mich erst ordentlich anzuziehen? Hätte ich gewußt, daß wir so lange reden, hätte ich mich auch angezogen." Schatzjade nahm sogleich seinen eigenen mondweißen Seidenwattejacke, die über ihn gebreitet lag, und reichte sie Wu'er, damit sie sich darin einwickle. Wu'er weigerte sich anzunehmen und sagte: „Der Zweite Herr soll sich zudecken, mir ist nicht kalt; wenn mir kalt ist, habe ich meine eigenen Sachen."

Damit ging sie zu ihrem Bett zurück und zog eine lange Jacke über. Sie horchte — Moschusmond schlief tief und fest. Dann kam sie langsam herüber und sagte: „Wollte der Zweite Herr heute nacht nicht den Geist beruhigen?" Schatzjade lachte: „Ich sage es dir ehrlich — was ‚Geist beruhigen', ich wollte eigentlich Unsterblichen begegnen." Wu'er wurde immer mißtrauischer und fragte: „Welchen Unsterblichen begegnen?" Schatzjade sagte: „Wenn du es wissen willst, das ist eine lange Geschichte. Setz dich neben mich, dann erzähle ich es dir." Wu'er errötete und lachte: „Ihr liegt da im Bett — wie soll ich mich denn setzen?" Schatzjade sagte: „Was macht das schon? In jenem kalten Winter spielten deine Schwester Heitermuster und Schwester Moschusmond miteinander. Ich fürchtete, sie könne frieren, und nahm sie sogar mit unter eine Decke. Was ist schon dabei? Im allgemeinen soll man sich nicht so affig und heuchlerisch anstellen."

Wu'er hörte es, und Satz für Satz klangen Schatzjades Worte wie Schmeichelei — doch wußte sie nicht, daß dieser eigensinnige junge Herr jedes Wort von Herzen meinte. Wu'er wußte in diesem Augenblick weder, ob sie gehen, stehen oder sich setzen sollte, und war ganz ratlos. Sie blickte ihn aus den Augenwinkeln an, preßte die Lippen zusammen und kicherte: „Hört auf, solches Zeug zu reden — wenn jemand das hört, was soll der denken? Kein Wunder, daß die Leute sagen, Ihr wendet Eure ganze Mühe nur an die Mädchen. Ihr habt doch die Zweite Herrin und Schwester Dufthauch, die wie Göttinnen sind — und mißt Euch lieber mit anderen herum. Wenn Ihr morgen wieder so redet, gehe ich zur Zweiten Herrin und sage es — dann schauen wir mal, wie Ihr den Leuten ins Gesicht blickt!"

Gerade als sie das sagte, hörten sie draußen ein dumpfes Poltern, und beide erschraken. Im Innenzimmer hustete Schatzspange. Schatzjade hörte es und legte hastig den Finger auf die Lippen. Wu'er löschte eilig die Lampe und legte sich leise hin. In Wahrheit hatten Schatzspange und Dufthauch, da sie in der vergangenen Nacht nicht geschlafen und tagsüber den ganzen Tag geschuftet hatten, so fest geschlafen, daß sie ihr Gespräch gar nicht gehört hatten. Als es im Hof polterte, fuhren sie jäh aus dem Schlaf, lauschten eine Weile und hörten nichts mehr.

Schatzjade lag im Bett und grübelte: „Sollte Schwester Lin gekommen sein, unser Gespräch gehört und uns absichtlich erschreckt haben?" Er wälzte sich hin und her, in wirren Gedanken, und erst nach der fünften Nachtwache fiel er in einen leichten Schlummer.

Nun wird erzählt, daß Wu'er, die Schatzjades alberne Reden eine halbe Nacht lang über sich hatte ergehen lassen, überdies durch Schatzspanges Husten ein schlechtes Gewissen bekam, weil sie fürchtete, Schatzspange könnte alles gehört haben. Sie grübelte vor und zurück und schlief die ganze Nacht nicht. Am nächsten Morgen stand sie früh auf und sah, daß Schatzjade noch in tiefem Schlummer lag. Leise räumte sie das Zimmer auf. Inzwischen war Moschusmond wach geworden und sagte: „Warum bist du so früh aufgestanden? Hast du etwa die ganze Nacht nicht geschlafen?" Als Wu'er das hörte, glaubte sie, Moschusmond wüßte Bescheid, und konnte nur verlegen lächeln, ohne zu antworten. Bald standen auch Schatzspange und Dufthauch auf und öffneten die Tür. Als sie sahen, daß Schatzjade noch schlief, wunderten sie sich: „Wie kommt es, daß er draußen zwei Nächte lang so ruhig geschlafen hat?"

Als Schatzjade erwachte und sah, daß alle schon auf waren, sprang er hastig auf. Er rieb sich die Augen und dachte sorgfältig nach — auch letzte Nacht hatte er nicht geträumt; die Wege der Unsterblichen und Sterblichen waren also wirklich getrennt. Langsam stieg er aus dem Bett und erinnerte sich an Wu'ers gestrige Worte, daß Schatzspange und Dufthauch wie himmlische Göttinnen seien — das war eigentlich gar nicht falsch. So starrte er Schatzspange geistesabwesend an.

Schatzspange sah sein Starren und wußte, daß es wegen Kajaljade war, doch sie konnte nicht sicher sein, ob er geträumt hatte oder nicht. Nur daß sein Starren sie selbst verlegen machte. Sie sagte: „Bist du gestern nacht einer Unsterblichen begegnet?" Schatzjade hörte es und glaubte, Schatzspange habe das Gespräch von gestern abend gehört. Er lachte verlegen und sagte gezwungen: „Was für ein Unsinn!" Als Wu'er das hörte, wurde sie nur noch nervöser, wagte aber nichts zu sagen und beobachtete nur Schatzspanges Miene. Schatzspange fragte Wu'er lächelnd: „Hast du gehört, ob der Zweite Herr im Schlaf geredet hat?" Schatzjade hörte das, konnte nicht mehr sitzen bleiben und schlüpfte verlegen davon.

Wu'er errötete tief und sagte nur vage: „In der ersten Nachthälfte hat er ein paar Sätze gesagt, ich habe nicht genau zugehört. Etwas von ‚einen falschen Ruf getragen' und ‚keinen ordentlichen Entschluß gefaßt' — ich habe es nicht verstanden und den Zweiten Herrn zum Schlafen ermahnt. Danach bin ich auch eingeschlafen und weiß nicht, ob der Zweite Herr noch weiter geredet hat." Schatzspange senkte den Kopf und überlegte: „Diese Worte beziehen sich eindeutig auf Kajaljade. Doch wenn ich ihn ständig draußen schlafen lasse, könnte sein Geist sich verirren und allerlei Blumen- und Weidengespenster herbeirufen. Zudem lag sein altes Leiden ja immer in seiner tiefen Zuneigung zu den Schwestern. Man muß einen Weg finden, seine Zuneigung auf mich zu lenken, dann wird es vielleicht Ruhe geben." Bei diesem Gedanken errötete sie unwillkürlich, und auch ihr wurde es verlegen zumute. So ging sie linkisch ins Zimmer, um sich frisieren und waschen zu lassen.

Nun wird berichtet, daß die Herzoginmutter an den beiden festlichen Tagen etwas zuviel gegessen hatte und sich am Abend unwohl fühlte. Am nächsten Tag hatte sie ein Völlegefühl in der Brust. Mandarinenente[12] und die anderen wollten Aufrecht Kaufmann[13] benachrichtigen, doch die Herzoginmutter verbot es ihnen und sagte: „Ich war in den letzten Tagen etwas gierig und habe zuviel gegessen. Wenn ich eine Mahlzeit auslasse, wird es schon besser. Macht nur ja keinen Lärm!" So sagten Mandarinenente und die anderen niemandem Bescheid.

Am Abend dieses Tages kehrte Schatzjade in sein Zimmer zurück. Schatzspange war gerade von ihrem Besuch bei der Herzoginmutter und Frau König zurückgekommen. Schatzjade dachte an die peinliche Angelegenheit vom Morgen und schämte sich. Schatzspange sah ihn so und wußte, daß es ihm unangenehm war. Da sie bedachte, daß er ein leidenschaftlicher Mensch war, mußte man seine Krankheit wohl mit Leidenschaft heilen. Sie überlegte und fragte Schatzjade dann: „Willst du heute abend wieder draußen schlafen?" Schatzjade fühlte sich beschämt und sagte: „Drinnen oder draußen, das ist alles dasselbe." Schatzspange wollte noch etwas sagen, aber es kam ihr nicht über die Lippen.

Dufthauch sagte: „Laßt doch, was soll das für eine Ordnung sein? Ich glaube nicht, daß er so ruhig geschlafen hat." Wu'er hörte das und warf schnell ein: „Wenn der Zweite Herr draußen schläft, gibt es weiter nichts — nur redet er gern im Schlaf, man versteht kein Wort, und man traut sich auch nicht, ihm zu widersprechen." Dufthauch sagte: „Heute nacht werde ich draußen auf dem Bett schlafen und nachsehen, ob er im Schlaf redet oder nicht. Bringt einfach das Bettzeug des Zweiten Herrn ins Innenzimmer, dann ist es erledigt."

Schatzspange hörte das und sagte nichts. Schatzjade schämte sich — wie hätte er da noch widersprechen können? Also fügte er sich und zog wieder ins Innenzimmer. Zum einen wollte Schatzjade sein Vergehen gutmachen und Schatzspanges Herz beruhigen; zum anderen fürchtete Schatzspange, Schatzjade könnte vor Grübelei krank werden, und zeigte ihm lieber etwas Zärtlichkeit und Nähe — eine List, um die Blume zu verpflanzen und den Stamm zu wechseln [14]. So schlief Dufthauch tatsächlich an diesem Abend draußen. Schatzjade hatte natürlich die Absicht, sein Vergehen abzubüßen, und Schatzspange war natürlich nicht abgeneigt, den Gast zu empfangen. Von der Hochzeitsnacht bis zum heutigen Tage war es erst jetzt so weit, daß Regen und Wolken sich süß vereinten und Dunst und Nebel sich harmonisch vermischten [15]. Fortan „verbanden sich Yin und Yang, die fünf Wandlungsphasen fügten sich wunderbar zusammen und verdichteten sich" [16]. Doch dies ist eine spätere Geschichte.

Am nächsten Morgen standen Schatzjade und Schatzspange gemeinsam auf. Schatzjade machte sich zurecht und ging als erstes zur Herzoginmutter hinüber. Die Herzoginmutter, die Schatzjade liebte und auch an Schatzspanges Pietät dachte, fiel plötzlich ein bestimmter Gegenstand ein. Sie ließ Mandarinenente eine Truhe öffnen und ein von den Vorfahren vererbtes Jadestück aus der Han-Dynastie herausnehmen — ein Jade-Jue [17]. Zwar kam es nicht an Schatzjades eigenen Jadestein heran, doch am Körper getragen war es durchaus kostbar. Mandarinenente fand es und reichte es der Herzoginmutter, wobei sie sagte: „Dieses Stück habe ich anscheinend noch nie gesehen. Die Herzoginmutter erinnert sich nach all den Jahren noch so genau — sie sagte, in welcher Truhe, in welchem Kästchen es lag, und ich brauchte nur hinzugreifen. Wozu läßt die Herzoginmutter es jetzt heraussuchen?" Die Herzoginmutter sagte: „Das weißt du nicht. Dieses Jadestück hat mein Urgroßvater meinem Großvater gegeben. Mein Großvater liebte mich, und als ich heiratete, ließ er mich zu sich kommen und gab es mir eigenhändig. Er sagte noch: ‚Dieses Jade stammt aus der Han-Dynastie und ist sehr kostbar. Wenn du es trägst, ist es, als sähest du mich.' Damals war ich noch klein; ich nahm es und machte mir nichts daraus — warf es einfach in die Truhe. Als ich hierherkam, sah ich, daß unsere Familie ohnehin viele Schätze besaß; was war das schon? Ich habe es nie getragen und über sechzig Jahre lang vergessen. Heute, da Schatzjade so voller Pietät ist und seinen Jadestein verloren hat, dachte ich daran, es herauszuholen und ihm zu geben — ganz im Sinne meines Großvaters, der es mir einst schenkte."

Als Schatzjade seine Aufwartung gemacht hatte, sagte die Herzoginmutter freudig: „Komm her, ich zeige dir etwas." Schatzjade trat ans Bett, und die Herzoginmutter reichte ihm das Han-Jade. Schatzjade betrachtete es: Es war etwa drei Zoll im Umfang, melonenförmig, rötlich schimmernd und äußerst fein gearbeitet. Schatzjade pries es in den höchsten Tönen. Die Herzoginmutter fragte: „Gefällt es dir? Mein Urgroßvater hat es mir gegeben — ich vererbe es dir." Schatzjade lachte, machte eine tiefe Verbeugung zum Dank und wollte es seiner Mutter zeigen. Die Herzoginmutter sagte: „Wenn deine Mutter es sieht und es deinem Vater erzählt, wird er wieder sagen, ich liebte die Enkel mehr als die Söhne. Die haben es noch nie gesehen." Schatzjade ging lachend davon. Schatzspange und die anderen wechselten noch ein paar Worte und verabschiedeten sich ebenfalls.

Von da an nahm die Herzoginmutter zwei Tage lang keine Nahrung zu sich. Die Brust war immer noch aufgebläht, und sie fühlte Schwindel und Husten. Frau Strafe[18], Frau König, Phönixglanz und andere kamen, um nach ihr zu sehen. Da die Herzoginmutter noch bei gutem Geist war, ließen sie nur Aufrecht Kaufmann informieren, der sogleich kam und nach ihr sah. Aufrecht Kaufmann ging hinaus und rief sofort einen Arzt. Nach kurzer Zeit kam der Arzt, untersuchte den Puls und sagte, es handle sich bei einer betagten Person um eine Verdauungsstörung mit leichter Erkältung; ein wenig verdauungsanregende und schweißtreibende Medizin, und alles werde gut. Er schrieb ein Rezept. Aufrecht Kaufmann sah es sich an, erkannte gewöhnliche Kräuter und ließ die Medizin kochen und verabreichen. Danach kam Aufrecht Kaufmann morgens und abends, um nach der Herzoginmutter zu sehen.

Drei Tage vergingen ohne Besserung. Aufrecht Kaufmann befahl Kette Kaufmann: „Erkundige dich nach einem guten Arzt und hole ihn schnell, um die Herzoginmutter zu untersuchen. Die Ärzte, die wir gewöhnlich rufen, scheinen mir nicht besonders gut zu sein — deshalb schicke ich dich." Kette Kaufmann überlegte und sagte: „Ich erinnere mich, daß in jenem Jahr, als Bruder Schatzjade krank war, ein Arzt gerufen wurde, der gar nicht praktizierte, und der hat ihn geheilt. Warum suchen wir nicht ihn?" Aufrecht Kaufmann sagte: „Die Heilkunst ist in der Tat äußerst schwierig; gerade die Ärzte, die nicht in Mode sind, haben oft die größte Begabung. Schick sofort Leute, ihn zu suchen." Kette Kaufmann ging eilig und kam zurück mit der Nachricht: „Dieser Doktor Liu ist kürzlich aufs Land gezogen, um als Lehrer zu arbeiten, und kommt nur alle zehn Tage in die Stadt. Jetzt können wir nicht so lange warten. Ich habe einen anderen bestellt, der kommt gleich." Aufrecht Kaufmann hörte es und mußte sich damit abfinden.

Als die Herzoginmutter krank lag, kamen alle Frauen des Hauses täglich, um nach ihr zu sehen. Eines Tages, als alle versammelt waren, kam die alte Frau, die die Gartenpforte bewachte, herein und meldete: „Die ehrwürdige Meisterin Miao[19] aus dem Grünlack-Kloster im Garten hat von der Krankheit der Herzoginmutter erfahren und kommt eigens, um nach ihr zu sehen." Die Leute sagten: „Sie kommt sonst nicht oft herüber; wenn sie heute eigens kommt, bittet sie schnell herein." Phönixglanz ging zum Bett und meldete es der Herzoginmutter. Höhlennebel Strafe[20], die Meisterin Miao von früher kannte, ging als erste hinaus, um sie zu empfangen. Sie sah Meisterin Miao mit der Miaochangguan-Haube auf dem Kopf [21], in einem mondweißen Seidenhemd, darüber eine lange Weste aus wasserblauem Atlas mit eingefaßtem Rand, mit einer herbstgelben Seidenkordel gegürtet, darunter einen weißen Seidenrock mit blasser Tuschmalerei. In der Hand hielt sie einen Fliegenwedel und einen Rosenkranz, und eine Dienerin folgte ihr — so kam sie herangeschwebt. Höhlennebel Strafe begrüßte sie und sagte: „Als ich noch im Garten wohnte, konnte ich dich oft besuchen. Seit weniger Leute im Garten wohnen, kommt man als einzelne Frau nicht leicht heraus, und außerdem ist unsere Gartenpforte meist geschlossen — deshalb habe ich dich in letzter Zeit nicht gesehen. Welch glückliches Treffen heute!" Meisterin Miao sagte: „Früher wart ihr alle in eurer lebhaften Gesellschaft, und obwohl du auch im äußeren Garten wohntest, schickte es sich für mich nicht, ständig zu kommen. Nun weiß ich, daß es hier nicht mehr so gut steht; ich habe gehört, daß die Herzoginmutter krank liegt; ich denke an dich und will auch Fräulein Schatzspange sehen. Ob ihr die Türen sperrt oder nicht — wenn ich kommen will, komme ich; und wenn ich nicht kommen will, könnt ihr mich auch nicht herbeirufen!" Höhlennebel Strafe lachte: „Du hast noch immer dein altes Temperament."

Während sie sprachen, gelangten sie ins Zimmer der Herzoginmutter. Alle begrüßten sich. Meisterin Miao trat ans Bett der Herzoginmutter und erkundigte sich nach ihrem Befinden, wobei sie einige Höflichkeitsfloskeln sagte. Die Herzoginmutter sprach: „Du bist eine weibliche Bodhisattva — sag mir, ob meine Krankheit zu heilen ist oder nicht." Meisterin Miao sagte: „Ein so gütiger Mensch wie die Herzoginmutter hat gewiß noch viele Lebensjahre. Eine vorübergehende Erkältung — ein paar Rezepte, und es wird schon besser. Bei betagten Personen kommt es nur darauf an, sich nicht zu viele Sorgen zu machen." Die Herzoginmutter sagte: „Mir geht es gar nicht um solche Dinge — ich suche von jeher gern das Vergnügen. Diese Krankheit spüre ich kaum, nur die Brust ist mir beklemmt. Vorhin sagte der Arzt, es komme von Kummer und Ärger. Du weißt doch selbst — wer wagte es, mir Ärger zu bereiten? Ist das nicht ein Beweis, daß der Arzt den Puls nur mittelmäßig liest? Ich habe zu Kette Kaufmann gesagt, der erste Arzt, der Erkältung und Verdauungsstörung diagnostizierte, lag richtig — morgen soll er ihn wieder holen." Dann rief sie Mandarinenente: „Sag der Küche, sie soll ein rein vegetarisches Mahl zubereiten — die ehrwürdige Meisterin Miao soll hier zu Mittag essen." Meisterin Miao sagte: „Ich habe schon zu Mittag gegessen; ich esse nichts mehr." Frau König sagte: „Dann setz dich wenigstens noch ein Weilchen, und wir plaudern." Meisterin Miao sagte: „Ich habe euch schon lange nicht gesehen; heute kam ich, um nach euch zu sehen." Sie unterhielt sich noch eine Weile und wollte dann gehen. Da sah sie Bedauerfrühling[22] stehen und fragte: „Warum ist die Vierte Schwester so mager geworden? Du solltest nicht so viel malen und dein Herz anstrengen." Bedauerfrühling sagte: „Ich habe schon lange nicht mehr gemalt. Die Räume, in denen ich jetzt wohne, sind nicht so hell wie im Garten — deshalb habe ich keine Lust mehr zu malen." Meisterin Miao fragte: „Wo wohnst du denn jetzt?" Bedauerfrühling sagte: „Gleich östlich von der Pforte, durch die du eben gekommen bist. Wenn du mich besuchen willst, ist es ganz nah." Meisterin Miao sagte: „Wenn mir danach ist, komme ich dich besuchen." Bedauerfrühling und die anderen geleiteten sie hinaus. Als sie zurückkamen, hörten sie die Mägde sagen, der Arzt sei bei der Herzoginmutter, und alle zerstreuten sich vorläufig.

Die Krankheit der Herzoginmutter verschlimmerte sich jedoch von Tag zu Tag. Die ärztliche Behandlung zeigte keine Wirkung, und es kam noch Durchfall hinzu. Aufrecht Kaufmann war sehr besorgt, wußte, daß die Krankheit schwer zu heilen war, und ließ seinen Urlaub vom Amt melden. Tag und Nacht pflegte er zusammen mit Frau König die Kranke persönlich und reichte ihr die Medizin.

Eines Tages, als die Herzoginmutter ein wenig gegessen hatte und Aufrecht Kaufmanns Sorge etwas nachließ, sah er eine alte Frau vor der Tür herumspähen. Frau König schickte Farbwölkchen nachsehen, wer es sei. Farbwölkchen erkannte die Begleiterin, die Willkommensfrühling zum Hause Sun begleitet hatte, und sagte: „Was willst du hier?" Die alte Frau sagte: „Ich bin schon eine halbe Ewigkeit hier, konnte aber keine der Fräulein finden. Ich wagte nicht, mich vorzudrängen, und bin doch so in Sorge." Farbwölkchen fragte: „Was hast du für Sorgen? Hat der Schwiegersohn die Herrin wieder mißhandelt?" Die alte Frau sagte: „Der Herrin geht es schlecht! Vorgestern gab es wieder einen schrecklichen Streit, die Herrin weinte die ganze Nacht. Gestern hat Schleim ihr die Atemwege verstopft. Die haben auch keinen Arzt geholt, und heute ist es noch schlimmer." Farbwölkchen sagte: „Die Herzoginmutter ist krank — mach hier keine Aufregung."

Frau König hatte drinnen alles gehört und fürchtete, die Herzoginmutter könnte es hören und sich aufregen. Eilig ließ sie Farbwölkchen die Frau nach draußen bringen. Doch die Herzoginmutter, deren Geist in der Krankheit besonders wach war, hatte jedes Wort gehört und fragte: „Will Willkommensfrühling sterben?" Frau König sagte: „Nein, nein. Die alten Weiber kennen kein Maß; sie sagen nur, sie sei seit einigen Tagen ein wenig krank und werde wohl nicht so schnell gesund. Sie kommen hierher, um nach dem Arzt zu fragen." Die Herzoginmutter sagte: „Dann schickt unseren Arzt hin. Beeilt euch!" Frau König ließ Farbwölkchen die alte Frau zur Ersten Herrin [Frau Strafe] schicken. Die alte Frau ging.

Da begann die Herzoginmutter zu weinen und sagte: „Meine drei Enkeltöchter — eine hat das Glück bis zum Ende genossen und ist gestorben [23]; die Dritte ist weit fortgeheiratet und läßt sich nicht mehr sehen; Willkommensfrühling hat es zwar schwer, aber vielleicht übersteht sie es — doch daß ein so junges Mädchen schon sterben soll, damit habe ich nicht gerechnet. Wozu lebe ich Alte noch?" Frau König, Mandarinenente und die anderen trösteten sie eine ganze Weile.

Zu dieser Zeit waren Schatzspange, Frau Li[24] und die anderen nicht im Zimmer; Phönixglanz war seit kurzem selbst krank. Frau König, die fürchtete, die Herzoginmutter könnte vor Trauer noch kränker werden, ließ sie alle herbeiholen. Sie selbst ging in ihr Zimmer zurück und schalt Farbwölkchen: „Diese dumme Alte! Von jetzt an, wenn ich bei der Herzoginmutter bin, braucht ihr mit nichts zu kommen!" Die Mägde gehorchten und sagten nichts mehr.

Doch kaum war die alte Frau bei Frau Strafe eingetroffen, brachten die Leute von draußen die Nachricht: „Die Zweite Herrin Schwägerin ist gestorben." Als Frau Strafe es hörte, weinte sie eine ganze Weile. Da Willkommensfrühlings Vater nicht daheim war, ließ sie nur Kette Kaufmann hingehen, um nachzusehen. Da die Herzoginmutter schwer krank war, wagte niemand, es ihr zu sagen. Ach, die arme Willkommensfrühling — blumenschön und mondgleich, kaum ein Jahr verheiratet, vom Hause Sun zu Tode gequält! Und da die Herzoginmutter im Sterben lag, konnte niemand fortgehen; man ließ die Familie Sun die Beerdigung notdürftig erledigen.

Die Krankheit der Herzoginmutter nahm von Tag zu Tag zu. Sie dachte ständig an ihre Enkeltöchter. Einmal dachte sie an Xiangfluss-Wolke[25] und schickte Leute, nach ihr zu sehen. Der Bote kam zurück und suchte leise Mandarinenente; da diese aber am Bett der Herzoginmutter saß und auch Frau König dabei war, traute er sich nicht hinauf. Er ging nach hinten und fand Hupo[26] und erzählte ihr: „Die Herzoginmutter vermißt die Xiang-Schwester und hat mich losgeschickt, Erkundigungen einzuziehen. Wer hätte gedacht, daß die Xiang-Schwester bitter weint! Sie sagt, ihr Mann sei plötzlich schwer erkrankt, alle Ärzte hätten ihn gesehen, und man fürchtet, er werde nicht gesund. Wenn es sich in eine Schwindsucht verwandelt, könne er vielleicht noch vier, fünf Jahre hinschleppen. Die Xiang-Schwester macht sich große Sorgen. Sie weiß auch von der Krankheit der Herzoginmutter und kann nur nicht zur Aufwartung kommen. Sie bittet, es vor der Herzoginmutter nicht zu erwähnen, und falls die Herzoginmutter fragen sollte, sollen wir uns eine Ausrede einfallen lassen." Als Hupo das hörte, seufzte sie nur und sagte lange nichts. Dann sagte sie: „Geh nur." Hupo wagte es auch nicht, es zu berichten; sie wollte Mandarinenente informieren und sie lügen lassen. Als sie an das Bett der Herzoginmutter trat, sah sie, daß sich die Gesichtsfarbe der Herzoginmutter stark verändert hatte. Im Zimmer standen die Leute dicht an dicht und flüsterten: „Es sieht nicht gut aus." Da wagte sie nicht mehr zu sprechen.

Aufrecht Kaufmann winkte Kette Kaufmann leise zu sich und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Kette Kaufmann antwortete leise, ging hinaus, versammelte alle im Hause anwesenden Leute und sagte: „Was die Angelegenheit der Herzoginmutter betrifft — sowie es so weit ist, geht schnell und verteilt die Aufgaben. Erstens: Laßt den Sarg herausschaffen und prüft, ob die Auskleidung in Ordnung ist. Zweitens: Geht schnell zu allen und nehmt die Maße für die Kleidung auf, schreibt alles genau auf und laßt die Schneider sofort die Trauerkleider nähen. Drittens: Die Trauerzelte, die Sargträger und das Geleit müssen bestellt werden. Viertens: Die Küche braucht mehr Personal." Laide und die anderen fragten: „Zweiter Herr, um all das braucht Ihr Euch nicht zu sorgen — wir haben alles schon vorbereitet. Nur eins: Woher kommt das Geld dafür?" Kette Kaufmann sagte: „Dieses Geld braucht nicht von außen zu kommen — die Herzoginmutter hat es selbst zurückgelegt. Der Herr hat es gerade so bestimmt: Es soll gut gemacht werden. Ich denke, auch nach außen soll es ansehnlich sein." Laide und die anderen antworteten und gingen, die Aufgaben zu verteilen.

Kette Kaufmann kehrte in sein eigenes Zimmer zurück und fragte Friedchen[27]: „Wie geht es deiner Herrin heute?" Friedchen deutete mit einer Lippenbewegung nach innen und sagte: „Sieh selbst." Kette Kaufmann trat ein und sah Phönixglanz, die sich gerade anziehen wollte, aber nicht mehr konnte und sich vorläufig auf den Kangtisch lehnte. Kette Kaufmann sagte: „Du wirst wohl nicht durchhalten können. Die Sache mit der Herzoginmutter — heute oder morgen wird es so weit sein. Kannst du dich noch aufraffen? Laß schnell das Zimmer aufräumen und dann geh hinauf. Wenn es soweit ist, können wir dann noch hierher zurückkommen?" Phönixglanz sagte: „Was gibt es hier noch aufzuräumen? Es sind nur noch diese paar Dinge, was soll man da fürchten? Geh du zuerst und sieh nach, ob der Herr dich braucht. Ich ziehe mich um und komme gleich." Kette Kaufmann ging zurück zum Zimmer der Herzoginmutter und berichtete Aufrecht Kaufmann leise: „Alles ist verteilt und geregelt." Aufrecht Kaufmann nickte.

Von draußen wurde gemeldet: „Der Leibarzt ist da." Kette Kaufmann empfing ihn und ließ ihn den Puls fühlen. Der Arzt ging hinaus und sagte leise zu Kette Kaufmann: „Der Puls der Herzoginmutter ist ungünstig. Seid darauf gefaßt." Kette Kaufmann verstand und informierte Frau König und die anderen. Frau König gab Mandarinenente sogleich ein Zeichen, sie solle die Sterbekleider der Herzoginmutter heraussuchen und bereitlegen. Mandarinenente ging, um alles vorzubereiten.

Die Herzoginmutter öffnete die Augen und verlangte nach Tee. Frau Strafe reichte ihr eine Tasse Ginsengbrühe. Die Herzoginmutter setzte gerade die Lippen an und sagte: „Das will ich nicht. Bringt mir eine Tasse Tee." Die Leute wagten nicht zu widersprechen und brachten ihn sogleich. Sie trank einen Schluck und wollte noch mehr, trank einen zweiten Schluck und sagte dann: „Ich möchte mich aufsetzen." Aufrecht Kaufmann und die anderen sagten: „Wenn die Herzoginmutter etwas wünscht, soll sie es nur sagen — aber bitte nicht aufstehen." Die Herzoginmutter sagte: „Ich habe einen Schluck Wasser getrunken, und mein Herz fühlt sich etwas besser. Ich möchte mich nur anlehnen und ein wenig mit euch reden." Perle und die anderen richteten sie vorsichtig auf, und man sah, daß die Herzoginmutter in diesem Augenblick etwas mehr Lebenskraft hatte.

Ob sie leben oder sterben wird — das wird im nächsten Kapitel erzählt.


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 (Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange". Ehefrau von Schatzjade.
  2. Dufthauch: Chin. 袭人 (Xírén), wörtl. „Den Menschen überraschend duftend". Erste Kammerzofe von Schatzjade.
  3. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 (Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade". Protagonist des Romans.
  4. Moschusmond: Chin. 麝月 (Shèyuè), wörtl. „Moschusmond". Dienstmädchen von Schatzjade.
  5. Zitat aus Bai Juyis „Lied von der ewigen Sehnsucht", in dem der Kaiser Tang Xuanzong vergeblich auf den Traum seiner toten Geliebten Yang Guifei wartet.
  6. Herzoginmutter: Chin. 贾母 (Jiǎ Mǔ), auch „Alte Fürstin". Oberhaupt der Familie Kaufmann.
  7. Frau König: Chin. 王夫人 (Wáng Fūrén). Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.
  8. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 (Wáng Xīfèng), wörtl. „Strahlender Phönix". Ehefrau von Kette Kaufmann, Haushälterin des Rong-Palastes.
  9. Willkommensfrühling: Chin. 迎春 (Yíngchūn), wörtl. „Den Frühling willkommen heißen". Zweite Tochter von Begnadigung Kaufmann.
  10. Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 (Xuē Yímā). Mutter von Schatzspange und Becken Schnee.
  11. Heitermuster: Chin. 晴雯 (Qíngwén), wörtl. „Heiteres Wolkenmuster". Verstorbene Kammerzofe von Schatzjade.
  12. Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 (Yuānyāng), wörtl. „Mandarinenten-Paar". Engste Dienerin der Herzoginmutter.
  13. Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 (Jiǎ Zhèng), wörtl. „Aufrecht/Rechtschaffen". Vater von Schatzjade.
  14. „yihua jie mu" — die Zuneigung von Kajaljade auf sich selbst zu lenken
  15. poetische Umschreibung der ehelichen Vereinigung
  16. Zitat aus Zhou Dunyis „Erklärung zum Taiji-Diagramm" — ein Hinweis darauf, daß Schatzspange schwanger wurde
  17. ein ringförmiges Jadeschmuckstück mit einer Öffnung, Symbol für Entschluß und Trennung
  18. Frau Strafe: Chin. 邢夫人 (Xíng Fūrén). Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.
  19. Meisterin Miao: Chin. 妙玉 (Miàoyù), wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Grünlack-Kloster.
  20. Höhlennebel Strafe: Chin. 邢岫烟 (Xíng Xiùyān), wörtl. „Nebelwolke am Felsgipfel". Nichte von Frau Strafe.
  21. benannt nach der Figur Chen Miaochang aus dem Theaterstück „Der Jadehaarschmuck"
  22. Bedauerfrühling: Chin. 惜春 (Xīchūn), wörtl. „Den Frühling bewahren". Vierte Tochter der Familie Kaufmann, aus dem Ning-Palast.
  23. Urfrühling / Frühlingsbeginn, die kaiserliche Gemahlin
  24. Frau Li: Chin. 李纨 (Lǐ Wán). Witwe von Zhu Kaufmann, Mutter von Lan Kaufmann.
  25. Xiangfluss-Wolke: Chin. 史湘云 (Shǐ Xiāngyún), wörtl. „Wolken über dem Xiang-Fluss". Cousine von Schatzjade.
  26. Hupo: Chin. 琥珀 (Hǔpò), wörtl. „Bernstein". Dienerin der Herzoginmutter.
  27. Friedchen: Chin. 平儿 (Píng'ér), wörtl. „Friedliches Kind". Nebenfrau und treue Gehilfin von Phönixglanz.