Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de/Chapter 113"
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(ZH-DE4 Korrektur-Update Kap. 113) |
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! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982) | ! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982) | ||
| − | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung | + | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
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| + | 第一百十三回 | ||
| + | 忏宿冤凤姐托村妪 | ||
| + | 释旧憾情婢感痴郎 | ||
话说赵姨娘在寺内得了暴病,见人少了,更加混说起来,唬的众人发怔。就有两个女人搀着赵姨娘双膝跪在地下,说一会,哭一会。有时爬在地下叫饶说:“打杀我了!红胡子的老爷,我再不敢了。”有一时双手合着,也是叫疼,眼睛突出,嘴里鲜血直流,头发披散。人人害怕,不敢近前。这时又将天晚,赵姨娘的声音只管喑哑起来,居然鬼嚎的一般。无人敢在他跟前,只得叫了几个有胆量的男人进来坐着。赵姨娘一时死去,隔了些时又回过来,整整的闹了一夜。 | 话说赵姨娘在寺内得了暴病,见人少了,更加混说起来,唬的众人发怔。就有两个女人搀着赵姨娘双膝跪在地下,说一会,哭一会。有时爬在地下叫饶说:“打杀我了!红胡子的老爷,我再不敢了。”有一时双手合着,也是叫疼,眼睛突出,嘴里鲜血直流,头发披散。人人害怕,不敢近前。这时又将天晚,赵姨娘的声音只管喑哑起来,居然鬼嚎的一般。无人敢在他跟前,只得叫了几个有胆量的男人进来坐着。赵姨娘一时死去,隔了些时又回过来,整整的闹了一夜。 | ||
到了第二天,也不言语,只装鬼脸,自己拿手撕开衣服,露出胸膛,好像有人剥他的样子。可怜赵姨娘虽说不出来,其痛苦之状,实在难堪。正在危急,大夫来了,也不敢诊脉,只嘱咐:“办后事罢。”说了起身就走。那送大夫的家人再三央告说:“请老爷看看脉,小的好回禀家主。”那大夫用手一摸,已无脉息。贾环听了,这才大哭起来。众人只顾贾环,谁管赵姨娘蓬头赤脚死在炕上。只有周姨娘心里想到:“做偏房的下场头,不过如此!况他还有儿子,我将来死的时候,还不知怎样呢!”于是反倒悲切。 | 到了第二天,也不言语,只装鬼脸,自己拿手撕开衣服,露出胸膛,好像有人剥他的样子。可怜赵姨娘虽说不出来,其痛苦之状,实在难堪。正在危急,大夫来了,也不敢诊脉,只嘱咐:“办后事罢。”说了起身就走。那送大夫的家人再三央告说:“请老爷看看脉,小的好回禀家主。”那大夫用手一摸,已无脉息。贾环听了,这才大哭起来。众人只顾贾环,谁管赵姨娘蓬头赤脚死在炕上。只有周姨娘心里想到:“做偏房的下场头,不过如此!况他还有儿子,我将来死的时候,还不知怎样呢!”于是反倒悲切。 | ||
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遗绪——先人留下的功业。 | 遗绪——先人留下的功业。 | ||
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| − | du noch | + | Kapitel 113 |
| − | + | Frühere Schuld bereuen — Phönixglanz vertraut einer Bäuerin ihr Kind an | |
| − | „Ich! | + | Alten Groll lösen — die treue Dienerin wird vom törichten Liebhaber gerührt |
| − | + | ||
| − | + | Es wird erzählt, dass Nebenfrau Zhao<ref>Chin. 赵姨娘 Zhào Yíniáng. Nebenfrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Unheil Kaufmann.</ref> im Tempel von einer plötzlichen Krankheit befallen worden war. Als die Umstehenden weniger wurden, redete sie nur noch wilder wirres Zeug daher, was alle Anwesenden vor Schrecken erstarren ließ. Zwei Frauen stützten Nebenfrau Zhao, die auf beiden Knien auf dem Boden kniete, bald redete, bald weinte. Manchmal warf sie sich auf den Boden und schrie um Gnade: „Schlagt mich nicht tot! Herr mit dem roten Bart, ich wage es nie wieder!" Dann wieder faltete sie die Hände und schrie vor Schmerzen; die Augen traten ihr aus dem Kopf, frisches Blut floss aus ihrem Mund, die Haare hingen ihr aufgelöst herab. Alle hatten Angst und wagten sich nicht in ihre Nähe. Inzwischen war es Abend geworden, und Nebenfrau Zhaos Stimme wurde immer heiserer, bis sie wie das Heulen eines Gespenstes klang. Niemand wagte es, bei ihr zu bleiben; man musste einige beherzte Männer hereinrufen, die sich zu ihr setzten. Nebenfrau Zhao starb zwischendurch, kam aber nach einer Weile wieder zu sich und trieb so die ganze Nacht ihr Unwesen. | |
| − | + | ||
| − | „Ich | + | Am nächsten Tag sprach sie kein Wort mehr, schnitt nur noch Fratzen und riss sich mit den Händen die Kleider auf, entblößte die Brust, als ob jemand sie bei lebendigem Leibe häuten würde. Die arme Nebenfrau Zhao konnte zwar nicht mehr sprechen, doch ihr Leiden war wahrhaft unerträglich anzusehen. Gerade in diesem kritischen Augenblick kam der Arzt, wagte aber nicht einmal, den Puls zu fühlen, und sagte nur: „Bereitet die Bestattung vor!" Damit erhob er sich und wollte gehen. Der Diener, der den Arzt begleitete, bat inständig: „Bitte, Herr Doktor, fühlen Sie doch den Puls, damit ich meiner Herrschaft Bericht erstatten kann!" Der Arzt legte die Hand auf — es war kein Puls mehr zu fühlen. Als Unheil Kaufmann<ref>Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil Kaufmann". Schatzjades jüngerer Halbbruder.</ref> dies hörte, brach er erst in lautes Weinen aus. Alle kümmerten sich nur um Unheil Kaufmann; wer kümmerte sich schon um Nebenfrau Zhao, die mit wirren Haaren und nackten Füßen auf dem Kang gestorben war? Nur Nebenfrau Zhou dachte bei sich: „Das Schicksal einer Nebenfrau endet eben so! Dabei hat sie immerhin noch einen Sohn. Wenn ich einmal sterbe, wer weiß, wie es mir ergehen wird!" Und so empfand sie im Gegenteil tiefes Mitleid. |
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| + | Man berichtete Aufrecht Kaufmann<ref>Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann". Schatzjades Vater.</ref> von der Sache. Aufrecht Kaufmann schickte sofort jemanden, um alles Nötige wie üblich zu erledigen: Er solle Unheil Kaufmann drei Tage lang Gesellschaft leisten und dann gemeinsam mit ihm zurückkehren. Der Bote ging. | ||
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| + | Hier verbreitete sich die Nachricht von einem zum anderen, von zehn zu hundert, und alle wussten, dass Nebenfrau Zhao einst mit giftigem Herzen Menschen geschadet hatte und nun von den Richtern der Unterwelt zu Tode gepeitscht worden war. Manche sagten auch: „Die Frau des Zweiten Herrn Kette wird wohl auch nicht mehr gesund werden — so hat also sie es wohl bei den Unterweltrichtern angezeigt?" | ||
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| + | Diese Gerüchte drangen auch Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.</ref> zu Ohren, und sie war sehr beunruhigt. Wenn sie Phönixglanz' Zustand betrachtete, war wirklich keine Hoffnung auf Genesung mehr. Zudem war Kette Kaufmann<ref>Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.</ref> in letzter Zeit bei Weitem nicht mehr so liebevoll wie früher; da er ohnehin viel zu tun hatte, benahm er sich, als ginge ihn die Sache gar nichts an. Friedchen konnte vor Phönixglanz nur tröstende Worte sprechen. Dazu kam noch, dass Frau Strafe<ref>Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén. Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.</ref> und Frau König<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.</ref> zwar seit einigen Tagen zu Hause waren, aber nur Boten schickten, um nach ihr zu fragen, ohne persönlich vorbeizukommen — was Phönixglanz' Herz noch bitterer stimmte. Auch wenn Kette Kaufmann nach Hause kam, hatte er kein einziges herzliches Wort für sie. | ||
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| + | Phönixglanz wünschte sich zu dieser Zeit nur noch einen schnellen Tod. Sobald sie in Gedanken versank, kamen alle Dämonen herbei. Da sah sie, wie die Zweitschwester Sonders<ref>Chin. 尤二姐 Yóu Èrjiě. Kette Kaufmanns heimliche Nebenfrau, die durch Phönixglanz' Intrigen starb.</ref> von hinter dem Haus herbeikam, langsam auf ihr Bett zuging und sagte: „Schwester, wir haben uns so lange nicht gesehen! Ich, die jüngere Schwester, habe mich sehr nach Euch gesehnt; ich wollte Euch besuchen, aber konnte nicht. Nun habe ich endlich die Gelegenheit, hereinzukommen und Euch zu sehen. Schwester, Ihr habt all Eure Klugheit aufgebraucht, doch unser Zweiter Herr ist so töricht, er erkennt Eure guten Absichten gar nicht an! Im Gegenteil, er beklagt sich, Ihr hättet alles zu hart und zu grausam gemacht und ihm seine Karriere geraubt, sodass er sich jetzt vor den Menschen nicht mehr sehen lassen kann. Ich empfinde Empörung für Euch!" | ||
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| + | Phönixglanz sprach wie im Traum: „Ich bereue es jetzt auch, dass mein Herz zu eng war. Schwester, dass Ihr mir das Alte nicht nachtragt und mich trotzdem besuchen kommt ..." Friedchen, die daneben stand, hörte es und sagte: „Herrin, was sagt Ihr da?" Phönixglanz kam einen Augenblick zu sich und erinnerte sich, dass die Zweitschwester Sonders bereits tot war — sie musste gekommen sein, um ihr das Leben zu nehmen. Als Friedchen sie wachrief, bekam sie Angst; doch sie wollte es nicht aussprechen und sagte nur mit Mühe: „Ich bin geistig verwirrt und habe wohl im Traum geredet. Klopf mir ein wenig den Rücken." | ||
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| + | Friedchen klopfte ihr den Rücken, als eine kleine Magd hereinkam und sagte, die Alte Liu<ref>Chin. 刘姥姥 Liú Lǎolao, wörtl. „Oma Liu". Einfache Bäuerin und Wohltäterin.</ref> sei da; die Dienerinnen hätten sie hergebracht, um der Herrin ihre Aufwartung zu machen. Friedchen ging eilig hinunter und fragte: „Wo ist sie?" Die kleine Magd sagte: „Sie hat sich nicht getraut, einfach hereinzukommen, und wartet noch auf die Anweisung der Herrin." Friedchen hörte das und nickte nachdenklich. Da Phönixglanz in ihrer Krankheit sicher keinen Besuch empfangen wollte, sagte sie: „Die Herrin ruht sich gerade aus; lasst sie erst einmal warten. Hast du sie gefragt, warum sie kommt?" Die kleine Magd antwortete: „Man hat schon gefragt; es gibt nichts Besonderes. Sie sagt, sie habe vom Ableben der Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ. Oberhaupt der Kaufmann-Familie, Großmutter von Schatzjade.</ref> erfahren, und weil sie keine Nachricht bekommen habe, sei sie zu spät gekommen." | ||
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| + | Während die kleine Magd noch sprach, hörte Phönixglanz es und rief: „Friedchen, komm her! Die Leute kommen mit guten Absichten, um nach mir zu sehen — man darf sie nicht kalt behandeln. Geh und bitte die Alte Liu herein; ich möchte ein wenig mit ihr plaudern." Friedchen musste also hinausgehen und die Alte Liu hereinbitten. | ||
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| + | Phönixglanz wollte gerade die Augen schließen, als sie einen Mann und eine Frau auf den Kang zukommen sah, als wollten sie hinaufsteigen. Phönixglanz rief hastig nach Friedchen: „Woher kommt dieser Mann? Er ist bis hierher gelaufen!" Sie rief zweimal, doch nur Fenger und Kleine Rote kamen herbeigelaufen und fragten: „Was wünscht die Herrin?" Phönixglanz öffnete die Augen und sah niemanden mehr. Sie verstand in ihrem Herzen, was es war, wollte es aber nicht aussprechen, und fragte Fenger nur: „Wo ist denn Friedchen, dieses Ding, hingegangen?" Fenger antwortete: „Hat die Herrin sie nicht selbst losgeschickt, um die Alte Liu zu holen?" Phönixglanz sammelte sich eine Weile und sagte nichts mehr. | ||
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| + | Da kamen Friedchen und die Alte Liu mit einem kleinen Mädchen herein. „Wo ist unsere gnädige Frau?", fragte die Alte Liu. Friedchen führte sie an den Kang. Die Alte Liu sagte: „Ich wünsche der gnädigen Frau gute Gesundheit!" Phönixglanz öffnete die Augen, und unwillkürlich überkam sie tiefe Trauer. Sie sagte: „Alte Liu, wie geht es Euch? Warum kommt Ihr erst jetzt? Seht nur, Eure Enkelin ist auch schon so groß geworden." | ||
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| + | Die Alte Liu sah, dass Phönixglanz nur noch Haut und Knochen war und ihr Blick trübe und verwirrt, und auch ihr wurde es traurig ums Herz. Sie sagte: „Meine liebe gnädige Frau! Wie kommt es, dass Ihr in den paar Monaten, die ich Euch nicht gesehen habe, so krank geworden seid? Ich dumme alte Frau, warum bin ich nicht früher gekommen, um der gnädigen Frau meine Aufwartung zu machen?" Dann rief sie: „Qinger, grüß die gnädige Frau!" Qinger lachte nur. Phönixglanz betrachtete sie und empfand große Zuneigung; sie bat Kleine Rote, sich um das Mädchen zu kümmern. | ||
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| + | Die Alte Liu sagte: „Wir Landbewohner werden selten krank. Wenn wir aber einmal krank werden, bitten wir die Götter um Hilfe und geloben Opfergaben; von Medizin verstehen wir nichts. Ich denke, die Krankheit der gnädigen Frau kommt vielleicht daher, dass sie einem bösen Geist begegnet ist?" Friedchen fand diese Worte unpassend und zupfte sie heimlich am Ärmel. Die Alte Liu verstand den Wink und schwieg. Doch diese Worte trafen genau Phönixglanz' eigene Gedanken. Sie stemmte sich hoch und sagte: „Alte Liu, Ihr seid eine betagte Frau, und was Ihr sagt, ist nicht falsch. Habt Ihr schon gehört, dass auch die Nebenfrau Zhao, die Ihr kennt, gestorben ist?" Die Alte Liu war erstaunt: „Amitabha! Kerngesund war die Frau, und nun ist sie tot? Ich erinnere mich, sie hatte auch einen kleinen Sohn — was soll nun aus ihm werden?" Friedchen sagte: „Was soll schon sein? Er hat ja noch den Herrn und die Dame." Die Alte Liu sagte: „Fräulein, das versteht Ihr nicht. Schlimm genug, wenn die leibliche Mutter stirbt — eine Stiefmutter ist nicht zu gebrauchen!" Diese Worte rührten an Phönixglanz' eigenen Kummer, und sie begann bitterlich zu schluchzen. Alle kamen herbei, um sie zu trösten. | ||
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| + | Jie<ref>Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.</ref> hörte ihre Mutter weinen und lief zum Kang; sie nahm Phönixglanz bei der Hand und weinte ebenfalls. Phönixglanz sagte unter Tränen: „Hast du die Alte Liu schon begrüßt?" Jie sagte: „Nein." Phönixglanz sagte: „Deinen Namen hat sie dir gegeben — sie ist wie eine Patin für dich. Geh und begrüße sie." Jie trat vor die Alte Liu. Die Alte Liu zog sie hastig an sich und rief: „Amitabha! Erschlagt mich nicht mit so viel Ehre! Liebes Fräulein Jie, ich war über ein Jahr nicht hier — erkennst du mich noch?" Jie antwortete: „Natürlich erkenne ich Euch! Damals im Garten, als wir uns sahen, war ich noch klein. Vorvoriges Jahr, als Ihr kamt, habe ich Euch um Heuschrecken vom letzten Jahr gebeten, aber Ihr habt mir keine gebracht — Ihr habt es bestimmt vergessen!" Die Alte Liu sagte: „Liebes Fräulein, ich bin eine vergessliche alte Frau! Was die Heuschrecken angeht — bei uns auf dem Land gibt es davon massenhaft. Wenn Ihr nur zu uns kämet, könntet Ihr einen ganzen Wagen voll haben, ganz leicht." | ||
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| + | Phönixglanz sagte: „Dann nehmt sie doch gleich mit!" Die Alte Liu lachte: „So ein hochedles Fräulein, in Seide und Brokat aufgewachsen, verwöhnt mit feinstem Essen — wenn sie zu uns käme, womit sollte ich sie unterhalten, was sollte ich ihr zu essen geben? Das wäre doch mein Untergang!" Dabei lachte sie selbst und sagte dann: „Na gut, dann stifte ich dem Fräulein doch eine Heirat! Bei uns auf dem Land gibt es zwar kein Gold und keine Edelsteine wie hier, aber es gibt auch dort große Grundbesitzer mit Tausenden von Morgen Land, Hunderten von Rindern und reichlich Silber und Geld. Die gnädige Frau schaut freilich auf solche Familien herab, aber wir Landbewohner betrachten solche Grundbesitzer geradezu als himmlische Wesen." Phönixglanz sagte: „Wenn Ihr ein gutes Angebot habt, bin ich einverstanden." Die Alte Liu sagte: „Das war wohl nur ein Scherz. Bei einer gnädigen Frau wie Euch — hohe Beamtenfamilien und Fürstenhäuser würden sie vielleicht noch nicht nehmen wollen, wie könnten sie sie da einer Bauernfamilie geben? Selbst wenn die gnädige Frau einverstanden wäre — die Damen oben würden es nicht erlauben." | ||
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| + | Jie fand diese Worte unangenehm und ging zu Qinger hinüber, um mit ihr zu reden. Die beiden Mädchen verstanden sich sofort gut und waren bald vertraut miteinander. | ||
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| + | Friedchen fürchtete, die Alte Liu könne mit ihrem vielen Reden Phönixglanz belästigen, zog sie daher am Ärmel und sagte: „Ihr habt die Damen erwähnt — Ihr wart ja noch gar nicht bei ihnen! Ich lasse Euch jemanden bringen, der Euch hinführt. Die Reise soll sich ja gelohnt haben." Die Alte Liu wollte schon aufbrechen, doch Phönixglanz sagte: „Was eilt so? Setzt Euch doch. Ich wollte Euch fragen: Könnt Ihr in letzter Zeit über die Runden kommen?" | ||
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| + | Die Alte Liu dankte tausendmal und sagte: „Wenn wir nicht die gnädige Frau gehabt hätten — " Sie zeigte auf Qinger. „ — wären ihre Eltern verhungert. Obwohl wir Landbewohner es schwer haben, haben wir doch etliche Morgen Land dazugewonnen und einen Brunnen gegraben; wir pflanzen Gemüse und Obst, und was wir im Jahr dafür einnehmen, ist nicht wenig — es reicht zum Leben. In den letzten Jahren hat die gnädige Frau uns immer wieder Kleider und Stoffe geschickt. In unserem Dorf gelten wir als wohlhabend. Amitabha! Vor einigen Tagen war ihr Vater in der Stadt und hörte, dass bei der gnädigen Frau hier Hab und Gut beschlagnahmt worden sei — da wäre ich fast vor Schreck gestorben! Zum Glück sagte jemand, es sei nicht bei Euch gewesen, da beruhigte ich mich. Dann hörte ich, der Herr sei befördert worden, und ich freute mich und wollte kommen, um zu gratulieren, aber die Ernte auf dem Feld ließ es nicht zu. Gestern dann hörte ich, die Herzoginmutter sei nicht mehr. Ich war gerade auf dem Feld beim Bohnendreschen; als ich die Nachricht hörte, erschrak ich so, dass ich die Bohnen gar nicht mehr halten konnte, und weinte bitterlich mitten auf dem Feld. Ich sagte zu meinem Schwiegersohn: ‚Ich kann mich nicht mehr um euch kümmern. Ob es wahr ist oder nicht — ich muss in die Stadt und nachsehen!' Meine Tochter und mein Schwiegersohn sind auch keine herzlosen Menschen; als sie es hörten, weinten auch sie eine Weile. Heute, noch vor Tagesanbruch, trieben sie mich zur Eile an, in die Stadt zu fahren. Ich kenne ja keinen Menschen und hatte niemanden, den ich hätte fragen können. So ging ich geradewegs zum Hintertor. Als ich sah, dass die Türgötter mit weißem Papier überklebt waren, erschrak ich aufs Neue. Drinnen suchte ich nach Schwester Zhou, konnte sie aber nicht finden. Ich stieß auf ein kleines Mädchen, das mir sagte, Schwester Zhou sei in Ungnade gefallen und fortgejagt worden. Dann wartete ich noch lange, bis ich auf eine Bekannte traf, und erst dann wurde ich hereingelassen. Ich hätte nicht gedacht, dass auch die gnädige Frau so krank ist." Bei diesen Worten liefen ihr die Tränen herunter. | ||
| + | |||
| + | Friedchen war in Eile und ließ sie gar nicht ausreden, sondern zog sie mit sich und sagte: „Ihr redet nun schon so lange, Euer Mund muss ganz trocken sein — lasst uns Tee trinken gehen!" Sie zog die Alte Liu in die Gesindekammer. Qinger blieb bei Jie. Die Alte Liu sagte: „Tee brauche ich nicht. Liebes Fräulein, lasst jemanden mich zu den Damen bringen, damit ich ihnen meine Aufwartung mache und um die Herzoginmutter weine." Friedchen sagte: „Keine Eile. Heute schafft Ihr es ohnehin nicht mehr aus der Stadt hinaus. Vorhin hatte ich nur Angst, Ihr könntet unvorsichtig reden und unsere Herrin zum Weinen bringen, deshalb habe ich Euch herausgeholt. Nehmt es mir nicht übel." Die Alte Liu sagte: „Amitabha! Fräulein, da seid Ihr zu besorgt. Ich weiß das auch. Aber wie soll die Herrin nur gesund werden?" Friedchen fragte: „Was meint Ihr — ist es bedenklich oder nicht?" Die Alte Liu sagte: „Es ist eine Sünde, es auszusprechen, aber meiner Meinung nach sieht es nicht gut aus." | ||
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| + | Gerade als sie so sprachen, rief Phönixglanz wieder. Friedchen eilte ans Bett, doch Phönixglanz sagte nichts mehr. Friedchen wollte Fenger gerade fragen, als Kette Kaufmann hereinkam, zum Kang hinüberblickte, kein Wort sagte und ins Innenzimmer ging, wo er sich wütend schnaubend hinsetzte. Nur Herbstglöckchen<ref>Chin. 秋桐 Qiūtóng, wörtl. „Herbstzither". Nebenfrau von Kette Kaufmann.</ref> folgte ihm hinein, schenkte ihm Tee ein und umsorgte ihn eifrig, wobei sie leise miteinander tuschelten — man wusste nicht, worüber. Dann kam Kette Kaufmann heraus und rief Friedchen zu sich: „Nimmt die Herrin keine Medizin ein?" Friedchen antwortete: „Wie soll es ohne Medizin gehen?" Kette Kaufmann sagte: „Woher soll ich das wissen? Gib mir die Schlüssel zum Schrank." Friedchen sah, dass Kette Kaufmann erzürnt war, und wagte nicht zu fragen. Sie ging hinaus und flüsterte Phönixglanz nur ein Wort ins Ohr. Phönixglanz schwieg. Friedchen stellte daraufhin ein Kästchen bei Kette Kaufmann ab und ging. Kette Kaufmann schrie: „Hat dich ein Geist gerufen? Du stellst es hin — soll es sich selbst öffnen?" Friedchen schluckte ihren Ärger hinunter, öffnete das Kästchen, nahm die Schlüssel heraus, öffnete den Schrank und fragte: „Was soll ich herausnehmen?" Kette Kaufmann sagte: „Haben wir denn überhaupt noch etwas?" Friedchen weinte vor Wut und sagte: „Wenn Ihr etwas zu sagen habt, dann sagt es offen heraus! Und wenn ich dabei sterben sollte, ist es mir auch recht!" Kette Kaufmann sagte: „Muss man das erst noch sagen? Das Durcheinander vorher habt ihr angerichtet! Jetzt fehlen für die Trauerfeier der Herzoginmutter noch vier- bis fünftausend Tael Silber. Der Herr hat mich beauftragt, die Grundstücksregister des gemeinsamen Besitzes durchzugehen und Silber aufzutreiben. Hast du eine Ahnung, ob da noch etwas ist? Die Außenschulden — kann man die etwa unbezahlt lassen? Wer hat mich nur dazu gebracht, diesen Namen zu tragen! Da bleibt mir nichts anderes übrig, als die Sachen zu versetzen, die mir die Herzoginmutter gegeben hat. Bist du etwa dagegen?" | ||
| + | |||
| + | Friedchen hörte das und sagte kein Wort, sondern räumte die Dinge aus dem Schrank. Da kam Kleine Rote herübergelaufen und rief: „Schwester Friedchen, komm schnell! Der Herrin geht es schlecht!" Friedchen kümmerte sich nicht mehr um Kette Kaufmann und eilte hinüber. Sie sah, dass Phönixglanz mit den Händen ins Leere griff. Friedchen ergriff ihre Hand und rief weinend ihren Namen. Kette Kaufmann kam ebenfalls herüber, warf einen Blick auf sie und stampfte mit dem Fuß auf: „Wenn es so weit ist, dann bringt ihr mich auch noch um!" Auch ihm liefen die Tränen herunter. Fenger kam herein und sagte: „Draußen wird nach dem Zweiten Herrn gefragt." Kette Kaufmann musste also hinausgehen. | ||
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| + | Phönixglanz' Zustand verschlechterte sich immer mehr. Fenger und die anderen brachen in lautes Weinen aus. Jie hörte es und eilte herbei. Auch die Alte Liu lief schnell zum Kang, murmelte Gebete und vollzog einige Beschwörungen — und tatsächlich ging es Phönixglanz etwas besser. Bald darauf kam auch Frau König, die durch eine Magd Nachricht erhalten hatte. Als sie sah, dass Phönixglanz ruhiger geworden war, beruhigte sie sich etwas. Sie bemerkte die Alte Liu und sagte: „Alte Liu, wie geht es Euch? Wann seid Ihr angekommen?" Die Alte Liu begrüßte Frau König und sprach dann nur von Phönixglanz' Krankheit; sie berieten eine ganze Weile. Farbwölkchen kam herein und sagte: „Der Herr bittet die Dame zu sich." Frau König gab Friedchen noch einige Anweisungen und ging hinüber. | ||
| + | |||
| + | Phönixglanz hatte eine Weile lang gewütet, doch nun wurde sie wieder etwas klarer im Kopf. Als sie die Alte Liu noch hier sah und an deren Gebete und Beschwörungen glaubte, schickte sie Fenger und die anderen hinaus, bat die Alte Liu, sich an ihr Bett zu setzen, und erzählte ihr von ihrer Unruhe und den Geistererscheinungen. Die Alte Liu berichtete, welcher Bodhisattva in ihrem Dorf Wunder wirke und welcher Tempel sich als wirksam erwiesen habe. Phönixglanz sagte: „Ich bitte Euch, für mich zu beten. Wenn Opfergaben und Geld nötig sind — ich habe welches." Sie streifte einen goldenen Armreif von ihrem Handgelenk und reichte ihn der Alten Liu. Die Alte Liu sagte: „Gnädige Frau, das ist nicht nötig! Wir Landbewohner geloben etwas, und wenn es geholfen hat, opfern wir ein paar hundert Kupfermünzen, das ist alles — wozu braucht man so viel? Auch wenn ich für die gnädige Frau beten gehe, ist es ja nur ein Gelübde. Wenn die gnädige Frau wieder gesund ist und etwas opfern will, kann sie es selbst tun." Phönixglanz wusste, dass die Alte Liu es aufrichtig meinte, und wollte sie nicht drängen. So behielt sie den Armreif und sagte: „Alte Liu, mein Leben lege ich in Eure Hände. Und meine Jie, die ist auch ein Kind von tausend Krankheiten und Plagen — auch sie vertraue ich Euch an." Die Alte Liu stimmte bereitwillig zu und sagte dann: „So, wie ich sehe, ist es noch nicht spät, ich kann noch vor Einbruch der Nacht aus der Stadt kommen — ich gehe jetzt los. Wenn die gnädige Frau wieder gesund ist, lade ich sie ein, persönlich das Gelübde einzulösen." | ||
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| + | Phönixglanz wurde von den umherirrenden Geistern der Toten gequält und konnte es kaum erwarten, dass die Alte Liu ging. So sagte sie: „Wenn Ihr mir von Herzen helft und ich eine ruhige Nacht schlafen kann, bin ich Euch unendlich dankbar. Eure Enkelin — lasst sie doch hier ein paar Tage bleiben." Die Alte Liu sagte: „Ein Bauernkind hat keine Manieren und könnte sich hier unmöglich aufführen — ich nehme sie besser mit." Phönixglanz sagte: „Da seid Ihr zu besorgt. Wir sind doch eine Familie — was gibt es da zu fürchten? Auch wenn wir arm geworden sind, für eine Person mehr zu essen wird es schon noch reichen." Die Alte Liu sah Phönixglanz' aufrichtige Bitte und war froh, Qinger ein paar Tage hierbleiben zu lassen, um zu Hause ein Maul weniger füttern zu müssen. Nur fürchtete sie, Qinger wolle nicht. So sprach sie mit Qinger. Da Qinger sich mit Jie angefreundet hatte und Jie nicht wollte, dass sie ging, und Qinger selbst auch bleiben wollte, war die Sache entschieden. Die Alte Liu gab ihr noch ein paar Anweisungen, verabschiedete sich von Friedchen und eilte aus der Stadt. Davon sei nun nicht weiter die Rede. | ||
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| + | Was nun das Smaragdkloster betrifft: Es stand auf dem Grundstück der Kaufmann-Familie. Als man den Garten für den kaiserlichen Besuch errichtet hatte, war das Kloster in den Garten einbezogen worden. Die Kosten für Nahrung und Räucherwerk trug es immer selbst, ohne die Kaufmann-Familie zu belasten. Nachdem Wunderjade<ref>Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.</ref> geraubt worden war, erstattete die verbliebene Nonne Anzeige bei den Behörden. Einerseits wartete man auf den Ausgang der behördlichen Räubersuche, andererseits war es Wunderjades Stiftung, die man nicht auflösen konnte, und so lebte die Nonne weiter dort — sie hatte es lediglich der Kaufmann-Familie mitgeteilt. | ||
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| + | Obwohl alle im Haus davon wussten, wagte bei Aufrecht Kaufmanns frischer Trauer und seiner sonstigen Unruhe niemand, ihm solche nebensächlichen Dinge zu melden. Nur Beklagenswert<ref>Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bedauerfrühling". Vierte und jüngste Tochter der Kaufmann-Familie.</ref> wusste davon und war Tag und Nacht beunruhigt. Allmählich drang die Nachricht auch zu Schatzjades<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Jade". Der männliche Hauptprotagonist des Romans.</ref> Ohren: Wunderjade sei von Räubern entführt worden; andere sagten, Wunderjade habe weltliche Begierden entwickelt und sei mit einem Mann davongelaufen. Als Schatzjade das hörte, war er zutiefst bestürzt: „Sicherlich wurde sie von Banditen geraubt. So eine Person würde es sich niemals gefallen lassen — gewiss ist sie lieber in den Tod gegangen, als sich zu fügen." Doch da es keine Spur von ihr gab, war er in großer Sorge und seufzte Tag für Tag. Er sagte auch: „So ein Mensch, der sich selbst ‚Jenseits der Schwelle' nannte — wie konnte er ein solches Ende nehmen?" Dann dachte er weiter: „Wie lebhaft war es einst im Garten! Seit die Zweite Schwester verheiratet wurde, sind die einen gestorben, die anderen fortgezogen. Ich dachte, sie sei frei von jedem weltlichen Staub und würde bewahrt bleiben, doch unversehens kam ein Sturm über sie — noch seltsamer als der Tod der Schwester Lin<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade". Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren des Romans.</ref>!" So ging ein Gedanke in den nächsten über, und er erinnerte sich an die Worte im Zhuangzi über das Nichtige und Flüchtige: In dieser Welt ist es unvermeidlich, dass Wind die Wolken zerstreut. Unwillkürlich brach er in lautes Weinen aus. Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.</ref> und die anderen dachten, seine alte Krankheit breche wieder aus, und versuchten ihn auf jede erdenkliche Weise sanft zu beruhigen. | ||
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| + | Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Haarspange". Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.</ref> wusste anfangs nicht, was los war, und redete ihm auch mit ermahnenden Worten zu. Doch Schatzjade blieb niedergeschlagen und unempfänglich, und seine Gedanken wurden immer wirrer. Schatzspange konnte sich keinen Reim darauf machen und erkundigte sich mehrfach, bis sie erfuhr, dass Wunderjade geraubt worden war und ihr Verbleib unbekannt, worüber auch sie Trauer empfand. Doch weil Schatzjades Schwermut sie bekümmerte, sprach sie ernst zu ihm: „Lan<ref>Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann". Enkel von Aufrecht Kaufmann, Sohn von Seidenweiß Pflaume.</ref> ist seit der Rückkehr vom Begräbniszug zwar nicht mehr in die Schule gegangen, aber ich höre, er lernt Tag und Nacht unermüdlich. Er ist der Urenkel der Herzoginmutter. Die Herzoginmutter hat sich immer gewünscht, dass du ein tüchtiger Mensch wirst. Der Herr Vater macht sich Tag und Nacht Sorgen um dich. Wenn du dich wegen müßiger Gefühle und törichter Gedanken zugrunde richtest — was soll dann aus uns werden, die wir an deiner Seite leben?" Diese Worte ließen Schatzjade verstummen. Nach einer Weile sagte er erst: „Ich kümmere mich doch gar nicht um die Angelegenheiten anderer Leute! Ich beklage nur, dass das Glück unserer Familie im Niedergang begriffen ist." Schatzspange sagte: „Schon wieder! Der Herr und die Dame wollen doch nur, dass du ein tüchtiger Mensch wirst und das Erbe der Vorfahren fortführst. Du aber bleibst verbohrt und uneinsichtig — was soll man da machen?" Schatzjade fand ihre Worte nicht nach seinem Geschmack, lehnte sich auf den Tisch und schlief ein. Schatzspange kümmerte sich nicht weiter um ihn, rief Moschusmond und die anderen, um auf ihn aufzupassen, und ging selbst schlafen. | ||
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| + | Als Schatzjade sah, dass kaum jemand mehr im Zimmer war, dachte er: „Purpurkuckuck<ref>Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.</ref> ist hierher gekommen, und ich habe nie ein aufrichtiges Wort mit ihr gewechselt. Eiskalt lässt man sie hier sitzen — das bedrückt mich sehr. Sie ist ja nicht wie Mondschein oder Herbstmuster<ref>Chin. 秋纹 Qiūwén, wörtl. „Herbstmuster". Eine von Schatzjades Zofen.</ref>, die ich einfach so belassen kann. Ich erinnere mich, wie sie damals, als ich krank war, tagelang bei mir wachte; sogar ihr kleiner Spiegel ist noch bei mir — ihr Herz war wirklich nicht kalt. Warum nur begegnet sie mir jetzt so kühl? Wenn es wegen meiner Frau wäre — aber sie war doch Schwester Lins beste Vertraute, und ich sehe, dass meine Frau sie auch gut behandelt. Wenn ich nicht zu Hause bin, plaudert und lacht Purpurkuckuck durchaus mit ihr; doch sobald ich komme, geht Purpurkuckuck weg. Das muss wohl daran liegen, dass Schwester Lin gestorben ist und ich geheiratet habe. Ach, Purpurkuckuck, Purpurkuckuck! Du bist ein so kluges Mädchen — siehst du denn nicht, wie ich leide?" Dann überlegte er weiter: „Heute Abend sind alle entweder eingeschlafen oder mit Handarbeiten beschäftigt. Ich nutze die Gelegenheit und suche sie auf, um zu sehen, was sie zu sagen hat. Wenn ich sie in irgendeiner Weise beleidigt haben sollte, dann bitte ich eben um Verzeihung." Mit diesem Entschluss schlich er leise aus der Tür und machte sich auf die Suche nach Purpurkuckuck. | ||
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| + | Purpurkuckucks Kammer lag gleich im Inneren des westlichen Seitengebäudes. Schatzjade schlich sich leise zum Fenster. Drinnen brannte noch Licht. Er leckte mit der Zunge ein Loch in das Fensterpapier und spähte hinein: Purpurkuckuck saß allein bei der Lampe, tat nichts, saß nur reglos da. Schatzjade rief leise: „Schwester Purpurkuckuck, bist du noch wach?" Purpurkuckuck erschrak heftig, starrte lange vor sich hin und sagte dann: „Wer ist da?" Schatzjade antwortete: „Ich bin es." Purpurkuckuck erkannte Schatzjades Stimme und fragte: „Ist das der Zweite Herr Schatzjade?" Schatzjade antwortete leise mit einem „Ja". Purpurkuckuck fragte: „Was wollt Ihr hier?" Schatzjade sagte: „Ich habe etwas auf dem Herzen und möchte mit dir darüber sprechen. Mach die Tür auf, ich setze mich einen Augenblick zu dir." Purpurkuckuck schwieg eine Weile und sagte dann: „Zweiter Herr, was auch immer Ihr zu sagen habt — es ist spät, bitte geht zurück. Wir können morgen darüber reden." | ||
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| + | Schatzjade war wie vor den Kopf geschlagen. Er wollte noch hineingehen, fürchtete aber, Purpurkuckuck werde ihm nicht öffnen. Wollte er aber umkehren, so hatte Purpurkuckucks Abweisung all die verborgenen Gefühle in seinem Innern nur noch stärker hervorgerufen. So sagte er hilflos: „Ich habe auch gar nicht viel zu sagen — nur eine einzige Frage." Purpurkuckuck antwortete: „Wenn es nur eine Frage ist, dann stellt sie." Schatzjade schwieg lange. | ||
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| + | Purpurkuckuck hörte von drinnen, dass Schatzjade nichts mehr sagte. Sie wusste um seine alte Krankheit und fürchtete, ihre schroffe Abweisung könne seinen Anfall auslösen — das wäre auch nicht gut. So stand sie auf, lauschte aufmerksam und fragte: „Seid Ihr gegangen, oder steht Ihr noch wie ein Narr da? Ihr habt etwas zu sagen und sagt es nicht, steht nur hier herum und quält die Leute. Einen Menschen habt Ihr schon zu Tode gequält — wollt Ihr noch einen umbringen? Wozu das alles?" Dabei spähte auch sie durch das Loch, das Schatzjade geleckt hatte, und sah ihn draußen wie betäubt stehen. Sie wagte nicht weiterzusprechen, ging zurück und putzte den Lampendocht. Da hörte sie Schatzjade seufzen und sagen: „Schwester Purpurkuckuck, du warst doch nie so hartherzig wie Stein und Eisen! Warum hast du in letzter Zeit nicht ein einziges freundliches Wort für mich übrig? Ich bin freilich ein trüber, unwürdiger Mensch, und es steht Euch frei, mich nicht zu beachten. Doch wenn ich etwas falsch gemacht habe, so sag es mir bitte — dann mag Schwester mich meinetwegen ein Leben lang ignorieren, aber wenigstens stürbe ich als ein Geist, der seine Fehler kennt!" | ||
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| + | Purpurkuckuck hörte das und lachte kalt: „Das ist also alles, was der Zweite Herr zu sagen hat? Gibt es sonst noch etwas? Wenn es nur das ist — als unsere Herrin noch lebte, habe ich das auch oft genug gehört. Und wenn wir uns irgendwie verfehlt haben sollten — ich bin von der Dame hierher geschickt worden, da wendet Euch bitte an die Dame. Wir Dienstmädchen zählen ohnehin für gar nichts." Bei diesen Worten wurde ihre Stimme brüchig, und sie begann zu schluchzen und sich die Nase zu schnäuzen. Schatzjade draußen wusste, dass sie vor Kummer weinte, und stampfte aufgeregt mit dem Fuß: „Was soll das heißen! Meine Angelegenheiten — du bist nun schon einige Monate hier und weißt doch alles! Wenn schon niemand bereit ist, mir bei dir ein gutes Wort einzulegen, willst du mich etwa nicht einmal selbst sprechen lassen? Soll ich denn an dem Ungesagten ersticken?" Auch er begann zu schluchzen. | ||
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| + | Während Schatzjade hier seinen Kummer ergoss, sprach plötzlich hinter ihm jemand: „Wen wollt Ihr denn für Euch sprechen lassen? Wer ist wessen was? Wenn man sich an jemandem vergangen hat, muss man sich schon selbst entschuldigen! Ob das Gegenüber einem die Ehre erweist oder nicht, liegt in seinem Ermessen. Warum müsst Ihr Unbeteiligte wie uns als Prellbock benutzen?" Dieser Satz erschreckte die beiden drinnen wie draußen gleichermaßen. Wer war es? Es war Moschusmond. Schatzjade war peinlich berührt. Mondschein fuhr fort: „Wie soll es denn nun sein? Der eine bittet um Verzeihung, die andere beachtet ihn nicht. Nun beeil dich und bitte ordentlich um Entschuldigung! Ach, unsere Schwester Purpurkuckuck ist auch zu hartherzig! Bei dieser Kälte draußen hat er sie schon so lange angefleht, und nicht einmal ein Lebenszeichen hat sie von sich gegeben!" Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Die Zweite Herrin hat vorhin gefragt, wo Ihr steckt — es ist schon so spät, und sie wundert sich, wo Ihr seid. Was steht Ihr allein unter der Dachtraufe?" Purpurkuckuck rief von drinnen: „Was soll das alles? Ich habe den Zweiten Herrn längst gebeten, hineinzugehen; was er mir zu sagen hat, kann bis morgen warten. Wozu muss er hier stehen bleiben?" | ||
| − | + | Schatzjade wollte noch etwas sagen, doch da Mondschein hier war, brachte er es nicht über sich. Er ging mit Mondschein zurück und sagte im Gehen: „Es ist vorbei! Es ist vorbei! In diesem Leben werde ich mein Herz niemals offenlegen können. Nur der Himmel allein weiß die Wahrheit!" Bei diesen Worten strömten ihm die Tränen in Bächen herunter — man wusste nicht, woher sie kamen. Mondschein sagte: „Zweiter Herr, folgt meinem Rat und gebt es auf. Es ist schade um die vergeblichen Tränen." Schatzjade antwortete nicht und betrat das Zimmer. Schatzspange schlief bereits — oder tat zumindest so, wie Schatzjade wohl wusste. Dufthauch aber sagte: „Was es auch zu besprechen gibt, kann man es nicht morgen sagen? Unbedingt muss er dorthin rennen und einen Aufstand machen, bis ..." Hier hielt sie inne, wartete einen Moment und fuhr dann fort: „Fühlt Ihr Euch nicht unwohl?" Schatzjade sagte nichts, schüttelte nur den Kopf. Dufthauch bereitete sein Bett, und er legte sich hin. Dass er die ganze Nacht kein Auge zutat, versteht sich von selbst. | |
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| − | + | Purpurkuckuck ihrerseits war durch Schatzjades Besuch noch elender zumute geworden. Sie weinte die ganze Nacht durch und dachte hin und her: „Die Sache mit Schatzjades Hochzeit — ich weiß genau, dass er in seiner Krankheit nichts davon verstand; deshalb haben alle mit Täuschung und Trug die Heirat zustande gebracht. Später, als Schatzjade wieder bei Verstand war, erlitt er einen Rückfall seiner alten Krankheit; immer wieder weint er und sehnt sich zurück — er ist wahrlich kein herzloser, pflichtvergessener Mensch. Sein zartes Empfinden heute Abend war erst recht herzzerreißend. Nur unsere arme Herrin Lin — sie hatte wirklich nicht das Glück, sein Herz zu genießen. So betrachtet, sind die menschlichen Schicksalsbande alle vorherbestimmt: Solange das Ende noch nicht gekommen ist, gibt sich jeder seinen blinden Hoffnungen und eitlen Träumen hin. Wenn es dann aber unabwendbar ist, kümmert sich der Stumpfsinnige gar nicht mehr darum, während der Tieffühlende nur noch im Mondschein und im Abendwind seine Tränen vergießen kann. Die Tote weiß womöglich gar nichts davon; aber der Lebende — der leidet wirklich endlos und grenzenlos. So betrachtet, ist man am Ende schlechter dran als Gras und Stein: ohne Wissen und ohne Empfinden, aber wenigstens mit einem reinen Herzen." Bei diesem Gedanken erstarrte ihr heißes, schmerzliches Herz mit einem Mal zu Eis. Gerade wollte sie aufräumen und sich schlafen legen, als sie aus dem östlichen Hof lauten Lärm und Geschrei hörte. | |
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| − | + | Was dort geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. | |
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| − | + | <small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small> | |
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Latest revision as of 19:30, 28 April 2026
| 中文原文 (程甲本 1982) | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
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第一百十三回 忏宿冤凤姐托村妪 释旧憾情婢感痴郎 话说赵姨娘在寺内得了暴病,见人少了,更加混说起来,唬的众人发怔。就有两个女人搀着赵姨娘双膝跪在地下,说一会,哭一会。有时爬在地下叫饶说:“打杀我了!红胡子的老爷,我再不敢了。”有一时双手合着,也是叫疼,眼睛突出,嘴里鲜血直流,头发披散。人人害怕,不敢近前。这时又将天晚,赵姨娘的声音只管喑哑起来,居然鬼嚎的一般。无人敢在他跟前,只得叫了几个有胆量的男人进来坐着。赵姨娘一时死去,隔了些时又回过来,整整的闹了一夜。 到了第二天,也不言语,只装鬼脸,自己拿手撕开衣服,露出胸膛,好像有人剥他的样子。可怜赵姨娘虽说不出来,其痛苦之状,实在难堪。正在危急,大夫来了,也不敢诊脉,只嘱咐:“办后事罢。”说了起身就走。那送大夫的家人再三央告说:“请老爷看看脉,小的好回禀家主。”那大夫用手一摸,已无脉息。贾环听了,这才大哭起来。众人只顾贾环,谁管赵姨娘蓬头赤脚死在炕上。只有周姨娘心里想到:“做偏房的下场头,不过如此!况他还有儿子,我将来死的时候,还不知怎样呢!”于是反倒悲切。 且说那人赶回家去禀知贾政。贾政即派人去照例料理,陪着环儿住上三天,一同回来。那人去了。 这里一人传十,十人传百,都知道赵姨娘使了毒心害人,被阴司里拷打死了。又说是:“琏二奶奶只怕也好不了,这么说是琏二奶奶告的呢?” 这些话传到平儿耳内,甚是着急,看着凤姐的样子,实在是不能好的了。况且贾琏近日并不似先前的恩爱,本来事也多,竟像不与他相干的。平儿在凤姐跟前只管劝慰。又兼着邢、王二夫人回家几日,只打发人来问问,并不亲身来看,凤姐心里更加悲苦。贾琏回来也没有一句贴心的话。 凤姐此时只求速死,心里一想,邪魔悉至。只见尤二姐从房后走来,渐近床前,说:“姐姐,许久的不见了,做妹妹的想念的很,要见不能,如今好容易进来见见姐姐。姐姐的心机也用尽了,咱们的二爷糊涂,也不领姐姐的情,反倒怨姐姐作事过于刻薄,把他的前程去了,叫他如今见不得人。我替姐姐气不平。”凤姐恍惚说道:“我如今也后悔我的心忒窄了。妹妹不念旧恶,还来瞧我。”平儿在旁听见,说道:“奶奶说什么?”凤姐一时苏醒,想起尤二姐已死,必是他来索命。被平儿叫醒,心里害怕,又不肯说出,只得勉强说道:“我神魂不定,想是说梦话。给我捶捶。” 平儿上去捶着,见个小丫头子进来,说是刘老老来了,婆子们带着来请奶奶的安。平儿急忙下来说:“在那里呢?”小丫头子说:“他不敢就进来,还听奶奶的示下。”平儿听了点头,想凤姐病里必是懒怠见人,便说道:“奶奶现在养神呢,暂且叫他等着。你问他来有什么事么?”小丫头子说道:“他们问过了,没有事。说知道老太太去世了,因没有报,才来迟了。”小丫头子说着,凤姐听见,便叫:“平儿,你来。人家好心来瞧,不可冷淡了他。你去请了刘老老进来,我和他说说话儿。”平儿只得出来请刘老老这里坐。 凤姐刚要合眼,又见一个男人、一个女人走向炕前,就像要上炕的。凤姐急忙便叫平儿说:“那里来了一个男人,跑到这里来了。”连叫了两声,只见丰儿、小红赶来说:“奶奶要什么?”凤姐睁眼一瞧,不见有人,心里明白,不肯说出来,便问丰儿道:“平儿这东西那里去了?”丰儿道:“不是奶奶叫去请刘老老去了么?”凤姐定了一会神,也不言语。 只见平儿同刘老老带了一个小女孩儿进来,说:“我们姑奶奶在那里?”平儿引到炕边,刘老老便说:“请姑奶奶安。”凤姐睁眼一看,不觉一阵伤心,说:“老老,你好?怎么这时候才来?你瞧你外孙女儿也长的这么大了。”刘老老看着凤姐骨瘦如柴,神情恍惚,心里也就悲惨起来,说:“我的奶奶!怎么这几个月不见,就病到这个分儿?我糊涂的要死,怎么不早来请姑奶奶的安?”便叫青儿给姑奶奶请安。青儿只是笑。凤姐看了,倒也十分怜爱,便叫小红招呼着。 刘老老道:“我们屯乡里的人不会病的,若一病了,就要求神许愿,从不知道吃药。我想姑奶奶的病,别是撞着什么了罢?”平儿听着这话不在理,忙在背地里拉他。刘老老会意,便不言语了。那里知道这句话倒合了凤姐的意,扎挣着说:“老老,你是有年纪的人,说的不错。你见过的赵姨娘也死了,你知道么?”刘老老诧异道:“阿弥陀佛!好端端一个人,怎么就死了?我记得他也有一个小哥儿,这可怎么样呢?”平儿道:“那怕什么?他还有老爷、太太呢。”刘老老道:“姑娘,你那里知道。不好死了是亲生的,隔了肚皮子是不中用的。”这句话又招起凤姐的愁肠,呜呜咽咽的哭起来了。众人都来解劝。 巧姐儿听见他母亲悲哭,便走到炕前,用手拉着凤姐的手,也哭起来。凤姐一面哭着,道:“你见过了老老了没有?”巧姐儿道:“没有。”凤姐道:“你的名字还是他起的呢,就和干妈一样,你给他请个安。”巧姐儿便走到跟前。刘老老忙拉着道:“阿弥陀佛!不要折杀我了。巧姑娘,我一年多不来,你还认得我么?”巧姐儿道:“怎么不认得。那年在园里见的时候,我还小呢。前年你来,我和你要隔年的蝈蝈儿,你也没有给我,必是忘了。”刘老老道:“好姑娘,我是老糊涂了。要说蝈蝈儿,我们屯里多着呢,只是不到我们那里去;若去了,要一车也容易。” 凤姐道:“不然,你带了他去罢。”刘老老笑道:“姑娘这样千金贵体,绫罗裹大了的,吃的是好东西。到了我们那里,我拿什么哄他玩,拿什么给他吃呢?这倒不是坑杀我了么?”说着,自己还笑,因说:“那么着,我给姑娘做个媒罢。我们那里虽说是屯乡里,也有大财主人家,几千顷地,几百牲口,银子钱亦不少,只是不像这里有金的,有玉的。姑奶奶自然瞧不起这样人家。我们庄家人瞧着这样财主,也算是天上的人了。”凤姐道:“你说去,我愿意就给。”刘老老道:“这是玩话儿罢咧。放着姑奶奶这样,大官大府的人家只怕还不肯给,那里肯给庄家人?就是姑奶奶肯了,上头太太们也不给。”巧姐因他这话不好听,便走了去和青儿说话。两个女孩儿倒说得上,渐渐的就熟起来了。 这里平儿恐刘老老话多搅烦了凤姐,便拉了刘老老说:“你提起太太来,你还没有过去呢。我出去叫人带了你去见见,也不枉来这一趟。” 刘老老便要走,凤姐道:“忙什么?你坐下,我问你:近来的日子还过的么?”刘老老千恩万谢的说道:“我们若不仗着姑奶奶,”说着指着青儿说:“他的老子娘都要饿死了。如今虽说是庄家人苦,家里也挣了好几亩地,又打了一眼井,种些菜蔬、瓜果,一年卖的钱也不少,尽够他们嚼吃的了;这两年姑奶奶还时常给些衣服、布匹:在我们村里算过得的了。阿弥陀佛!前日他老子进城,听见姑奶奶这里动了家,我就几乎唬杀了。亏得又有人说不是这里,我才放心。后来又听见说这里老爷升了,我又喜欢,就要来道喜,为的是满地的庄稼来不得。昨日又听见说老太太没有了。我在地里打豆子,听见了这话,唬的连豆子都拿不起来了,就在地里狠狠的哭了一大场。我合女婿说:‘我也顾不得你们了,不管真话谎话,我是要进城瞧瞧去的。’我女儿、女婿也不是没良心的,听见了也哭了一会子,今儿天没亮就赶着我进城来了。我也不认得一个人,没有地方打听。一径来到后门,见是门神都糊了,我这一唬又不小。进了门,找周嫂子,再找不着。撞见一个小姑娘,说周嫂子得了不是,撵出去了。我又等了好半天,遇见个熟人,才得进来。不打谅姑奶奶也是这么病。”说着,就掉下泪来。 平儿着急,也不等他说完了,拉着就走,说:“你老人家说了半天,口也干了,咱们喝茶去罢。”拉着刘老老到下房坐着。青儿自在巧姐那边。刘老老道:“茶倒不要。好姑娘,叫人带了我去请太太的安,哭哭老太太去罢。”平儿道:“你不用忙,今儿也赶不出城去了。方才我是怕你说话不防头,招的我们奶奶哭,所以催你出来。你别思量。”刘老老道:“阿弥陀佛!姑娘这是多心,我也知道。倒是奶奶的病怎么好呢!”平儿道:“你瞧妨碍不妨碍?”刘老老道:“说是罪过,我瞧着不好。” 正说着,又听凤姐叫呢。平儿急到床前,凤姐又不言语了。平儿正问丰儿,贾琏进来,向炕上一瞧,也不言语,走到里间,气哼哼的坐下。只有秋桐跟了进去,倒了茶,殷勤一回,不知嘁嘁喳喳的说些什么。回来,贾琏叫平儿来问道:“奶奶不吃药么?”平儿道:“不吃药怎么样呢?”贾琏道:“我知道么?你拿柜子上的钥匙来罢。”平儿见贾琏有气,又不敢问,只得出来在凤姐耳边说了一声。凤姐不言语。平儿便将一个匣子搁在贾琏那里就走。贾琏道:“有鬼叫你吗?你搁着叫谁拿呢?”平儿忍气打开,取了钥匙,开了柜子,便问道:“拿什么?”贾琏道:“咱们有什么吗?”平儿气的哭道:“有话明说,人死了也愿意。”贾琏道:“这还要说么?头里的事是你们闹的,如今老太太的丧事还短了四五千银子,老爷叫我拿公中的地账弄银子,你说有么?外头拉的账不开发使得么?谁叫我应这个名儿!只好把老太太给我的东西折变去罢了,你不依么?” 平儿听了,一句不言语,将柜里东西搬出。只见小红过来说:“平姐姐快走,奶奶不好呢!”平儿也顾不得贾琏,急忙过来,见凤姐用手空抓,平儿用手攥着哭叫。贾琏也过来一瞧,把脚一跺道:“若是这样,是要我的命了!”说着掉下泪来。丰儿进来说:“外头找二爷呢。”贾琏只得出去。 这里凤姐愈加不好,丰儿等便大哭起来。巧姐听见赶来。刘老老也急忙走到炕前,嘴里念佛,捣了些鬼,果然凤姐好些。一时王夫人听了丫头的信,也过来了,先见凤姐安静些,心下略放心。见了刘老老,便说:“刘老老,你好?什么时候来的?”刘老老便说:“请太太安。”也不及说别的,只言凤姐的病,讲究了半天。彩云进来说:“老爷请太太呢。”王夫人叮咛了平儿几句话,便过去了。 凤姐闹了一会,此时又觉清楚些。见刘老老在这里,心里信他求神祷告,便把丰儿等支开,叫刘老老坐在床前,告诉他心神不宁,如见鬼的样子。刘老老便说我们屯里什么菩萨灵,什么庙有感应。凤姐道:“求你替我祷告。要用供献的银钱,我有。”便在手腕上褪下一只金镯子来交给他。刘老老道:“姑奶奶,不用这个。我们村庄人家许了愿,好了,花上几百钱就是了,那用这些?就是我替姑奶奶求去,也是许愿。等姑奶奶好了,要花什么,自己去花罢。”凤姐明知刘老老一片好心,不好勉强,只得留下,说:“老老,我的命交给你了。我的巧姐儿也是千灾百病的,也交给你了。”刘老老顺口答应,便说:“这么着,我看天气尚早,还赶的出城去,我就去了。明儿姑奶奶好了,再请还愿去。” 凤姐因被众冤魂缠绕害怕,巴不得他就去,便说:“你若肯替我用心,我能安稳睡一觉,我就感激你了。你外孙女儿,叫他在这里住下罢。”刘老老道:“庄家孩子没有见过世面,没的在这里打嘴,我带他去的好。”凤姐道:“这就是多心了。既是咱们一家人,这怕什么?虽说我们穷了,多一个人吃饭也不算什么。”刘老老见凤姐真情,乐得叫青儿住几天,省了家里的嚼吃。只怕青儿不肯,不如叫他来问问,若是他肯就留下。于是和青儿说了几句。青儿因与巧姐儿玩得熟了,巧姐又不愿意他去,青儿又要在这里。刘老老便吩咐了几句,辞了平儿,忙忙的赶出城去,不提。 且说栊翠庵原是贾府的地址,因盖省亲园子,将那庵圈在里头,向来食用香火,并不动贾府的钱粮。如今妙玉被劫,那女尼呈报到官。一则候官府缉盗的下落,二则是妙玉基业,不便离散,依旧住下,不过回明了贾府。 这时贾府的人虽都知道,只为贾政新丧,且又心事不宁,也不敢将这些没要紧的事回禀。只有惜春知道此事,日夜不安。渐渐传到宝玉耳边,说妙玉被贼劫去;又有的说妙玉凡心动了,跟人而走。宝玉听得,十分纳闷:“想来必是被强徒抢去,这个人必不肯受,一定不屈而死。”但是一无下落,心下甚不放心,每日长吁短叹。还说:“这样一个人,自称为‘槛外人’,怎么遭此结局?”又想到:“当日园中何等热闹!自从二姐姐出阁以来,死的死,嫁的嫁。我想他一尘不染,是保得住的了,岂知风波顿起,比林妹妹死的更奇!”由是一而二,二而三,追思起来,想到《庄子》上的话,虚无缥缈,人生在世,难免风流云散,不觉的大哭起来。袭人等又道是他的疯病发作,百般的温柔解劝。 宝钗初时不知何故,也用话箴规。怎奈宝玉抑郁不解,又觉精神恍惚。宝钗想不出道理,再三打听,方知妙玉被劫,不知去向,也是伤感。只为宝玉愁烦,便用正言解释,因提起:“兰儿自送殡回来,虽不上学,闻得日夜攻苦。他是老太太的重孙。老太太素来望你成人,老爷为你日夜焦心,你为闲情痴意糟蹋自己,我们守着你如何是个结果?”说得宝玉无言可答,过了一会,才说道:“我那管人家的闲事?只可叹咱们家的运气衰颓。”宝钗道:“可又来!老爷、太太原为是要你成人,接续祖宗遗绪,你只是执迷不悟,如何是好?”宝玉听来,话不投机,便靠在桌上睡去。宝钗也不理他,叫麝月等伺候着,自己却去睡了。 宝玉见屋里人少,想起:“紫鹃到了这里,我从没合他说句知心的话儿,冷冷清清撂着他,我心里甚不过意。他呢又比不得麝月、秋纹,我可以安放得的。想起从前我病的时候,他在我这里伴了好些时,如今他的那一面小镜子还在我这里,他的情意却也不薄了。如今不知为什么,见我就是冷冷的。若说为我们这一个呢,他是合林妹妹最好的,我看他待紫鹃也不错。我不在家的日子,紫鹃原也与他有说有笑的;到我来了,紫鹃便走开了。想来自然是为林妹妹死了,我便成了家的原故。嗳!紫鹃,紫鹃,你这样一个聪明女孩儿,难道连我这点子苦处都看不出来么?”因又一想:“今晚他们睡的睡,做活的做活,不如趁着这个空儿,我找他去,看他有什么话。倘或我还有得罪之处,便赔个不是也使得。”想定主意,轻轻的走出了房门,来找紫鹃。 那紫鹃的下房也就在西厢里间。宝玉悄悄的走到窗下,只见里面尚有灯光,便用舌头舐破窗纸,往里一瞧,见紫鹃独自挑灯,又不是做什么,呆呆的坐着。宝玉便轻轻的叫道:“紫鹃姐姐,还没有睡么?”紫鹃听了,唬了一跳,怔怔的半日,才说:“是谁?”宝玉道:“是我。”紫鹃听着似乎是宝玉的声音,便问:“是宝二爷么?”宝玉在外轻轻的答应了—声。紫鹃问道:“你来做什么?”宝玉道:“我有一句心里的话,要和你说说。你开了门,我到你屋里坐坐。”紫鹃停了一会儿,说道:“二爷有什么话,天晚了,请回罢,明日再说罢。” 宝玉听了,寒了半截。自己还要进去,恐紫鹃未必开门;欲要回去,这一肚子的隐情,越发被紫鹃这一句话勾起。无奈说道:“我也没有多馀的话,只问你一句。”紫鹃道:“既是一句,就请说。”宝玉半日反不言语。 紫鹃在屋里不见宝玉言语,知他素有痴病,恐怕一时实在抢白了他,勾起他的旧病,倒也不好了。因站起来,细听了一听,又问道:“是走了,还是傻站着呢?有什么又不说,尽着在这里怄人。已经怄死了一个,难道还要怄死一个么?这是何苦来呢!”说着,也从宝玉舐破之处往外一瞧,见宝玉在那里呆听。紫鹃不便再说,回身剪了剪烛花。忽听宝玉叹了一声道:“紫鹃姐姐,你从来不是这样铁心石肠,怎么近来连一句好好儿的话都不和我说了?我固然是个浊物,不配你们理我。但只我有什么不是,只望姐姐说明了,那怕姐姐一辈子不理我,我死了倒作个明白鬼呀!” 紫鹃听了,冷笑道:“二爷就是这个话呀,还有什么?若就是这句话呢,我们姑娘在时,我也跟着听俗了。若是我们有什么不好处呢,我是太太派来的,二爷倒是回太太去。左右我们丫头们更算不得什么了。”说到这里,那声儿便哽咽起来,说着又擤鼻涕。宝玉在外知他伤心哭了,便急的跺脚道:“这是怎么说!我的事情,你在这里几个月,还有什么不知道的?就便别人不肯替我告诉你,难道你还不叫我说,叫我憋死了不成?”说着,也呜咽起来了。 宝玉正在这里伤心,忽听背后一个人接言道:“你叫谁替你说呢?谁是谁的什么?自己得罪了人,自己央求呀!人家赏脸不赏在人家,何苦来拿我们这些没要紧的垫喘儿呢?”这一句话把里外两个人都吓了一跳。你道是谁?原来却是麝月。宝玉自觉脸上没趣。只见麝月又说道:“到底是怎么着?一个赔不是,一个又不理。你倒是快快儿的央求呀!嗳!我们紫鹃姐姐也就太狠心了,外头这么怪冷的,人家央求了这半天,总连个活动气儿也没有。”又向宝玉道:“刚才二奶奶说了,多早晚了,打量你在那里呢,你却一个人站在这房檐底下做什么?”紫鹃里面接着说道:“这可是什么意思呢?早就请二爷进去,有话明日说罢。这是何苦来!” 宝玉还要说话,因见麝月在这里,不好再说别的,只得一面同麝月走回,一面说道:“罢了!罢了!我今生今世也难剖白这个心了,惟有老天知道罢了!”说到这里,那眼泪也不知从何处来的,滔滔不断了。麝月道:“二爷,依我劝,你死了心罢,白赔眼泪,也可惜了儿的。”宝玉也不答言,遂进了屋子,只见宝钗睡了。宝玉也知宝钗装睡。却是袭人说了一句道:“有什么话,明日说不得?巴巴儿的跑到那里去闹,闹出……”说到这里,也就不肯说,迟一迟,才接着道:“身上不觉怎么样?”宝玉也不言语,只摇摇头儿。袭人便打发宝玉睡下。一夜无眠,自不必说。 这里紫鹃被宝玉一招,越发心里难受,直直的哭了一夜。思前想后:“宝玉的事,明知他病中不能明白,所以众人弄鬼弄神的办成了。后来宝玉明白了,旧病复发,时常哭想,并非忘情负义之徒。今日这种柔情,一发叫人难受。只可怜我们林姑娘真真是无福消受他。如此看来,人生缘分,都有一定:在那未到头时,大家都是痴心妄想;及至无可如何,那糊涂的也就不理会了,那情深义重的也不过临风对月,洒泪悲啼。可怜那死的倒未必知道;这活的真真是苦恼伤心,无休无了。算来竟不如草木石头,无知无觉,倒也心中干净。”想到此处,倒把一片酸热之心,一时冰冷了。才要收拾睡时,只听东院里吵嚷起来。 未知何事,下回分解。 忏宿冤——忏悔从前的冤仇。指赵姨娘忏悔从前请马道婆以魇魔法暗害王熙凤和贾宝玉的行为。 释旧憾——消除旧恨。指紫娟明白了宝玉并未背弃对黛玉的爱情,从而消除了对宝玉的怨恨。 一个男人、一个女人——暗指长安守备之子与张财主之女金哥。王熙凤受贿三千两,拆散了这一对未婚夫妻,以致二人双双自杀。(见第十五至十六回) 门神都糊了──旧俗遭丧事的人家,凡门神、对联等带彩色之物,皆用白纸贴盖严密,故刘老老一见贾府后门上的门神被白纸遮盖,便知贾母果真死了。 一尘不染——尘:佛教指色、声、香、味、触、法,合称“六尘”。引申以指污秽、污垢、污点。 语本“一尘不到”,出唐·唐彦谦《游清凉寺》:“南望水连桃叶渡,北来山枕石头城。一尘不到心源净,万有俱空眼界清。”佛教指信徒不受六尘污染而达到真性清净的境界。引申以指保持品格的纯洁高尚,没有丝毫污点。 遗绪——先人留下的功业。 |
Kapitel 113 Frühere Schuld bereuen — Phönixglanz vertraut einer Bäuerin ihr Kind an Alten Groll lösen — die treue Dienerin wird vom törichten Liebhaber gerührt Es wird erzählt, dass Nebenfrau Zhao[1] im Tempel von einer plötzlichen Krankheit befallen worden war. Als die Umstehenden weniger wurden, redete sie nur noch wilder wirres Zeug daher, was alle Anwesenden vor Schrecken erstarren ließ. Zwei Frauen stützten Nebenfrau Zhao, die auf beiden Knien auf dem Boden kniete, bald redete, bald weinte. Manchmal warf sie sich auf den Boden und schrie um Gnade: „Schlagt mich nicht tot! Herr mit dem roten Bart, ich wage es nie wieder!" Dann wieder faltete sie die Hände und schrie vor Schmerzen; die Augen traten ihr aus dem Kopf, frisches Blut floss aus ihrem Mund, die Haare hingen ihr aufgelöst herab. Alle hatten Angst und wagten sich nicht in ihre Nähe. Inzwischen war es Abend geworden, und Nebenfrau Zhaos Stimme wurde immer heiserer, bis sie wie das Heulen eines Gespenstes klang. Niemand wagte es, bei ihr zu bleiben; man musste einige beherzte Männer hereinrufen, die sich zu ihr setzten. Nebenfrau Zhao starb zwischendurch, kam aber nach einer Weile wieder zu sich und trieb so die ganze Nacht ihr Unwesen. Am nächsten Tag sprach sie kein Wort mehr, schnitt nur noch Fratzen und riss sich mit den Händen die Kleider auf, entblößte die Brust, als ob jemand sie bei lebendigem Leibe häuten würde. Die arme Nebenfrau Zhao konnte zwar nicht mehr sprechen, doch ihr Leiden war wahrhaft unerträglich anzusehen. Gerade in diesem kritischen Augenblick kam der Arzt, wagte aber nicht einmal, den Puls zu fühlen, und sagte nur: „Bereitet die Bestattung vor!" Damit erhob er sich und wollte gehen. Der Diener, der den Arzt begleitete, bat inständig: „Bitte, Herr Doktor, fühlen Sie doch den Puls, damit ich meiner Herrschaft Bericht erstatten kann!" Der Arzt legte die Hand auf — es war kein Puls mehr zu fühlen. Als Unheil Kaufmann[2] dies hörte, brach er erst in lautes Weinen aus. Alle kümmerten sich nur um Unheil Kaufmann; wer kümmerte sich schon um Nebenfrau Zhao, die mit wirren Haaren und nackten Füßen auf dem Kang gestorben war? Nur Nebenfrau Zhou dachte bei sich: „Das Schicksal einer Nebenfrau endet eben so! Dabei hat sie immerhin noch einen Sohn. Wenn ich einmal sterbe, wer weiß, wie es mir ergehen wird!" Und so empfand sie im Gegenteil tiefes Mitleid. Man berichtete Aufrecht Kaufmann[3] von der Sache. Aufrecht Kaufmann schickte sofort jemanden, um alles Nötige wie üblich zu erledigen: Er solle Unheil Kaufmann drei Tage lang Gesellschaft leisten und dann gemeinsam mit ihm zurückkehren. Der Bote ging. Hier verbreitete sich die Nachricht von einem zum anderen, von zehn zu hundert, und alle wussten, dass Nebenfrau Zhao einst mit giftigem Herzen Menschen geschadet hatte und nun von den Richtern der Unterwelt zu Tode gepeitscht worden war. Manche sagten auch: „Die Frau des Zweiten Herrn Kette wird wohl auch nicht mehr gesund werden — so hat also sie es wohl bei den Unterweltrichtern angezeigt?" Diese Gerüchte drangen auch Friedchen[4] zu Ohren, und sie war sehr beunruhigt. Wenn sie Phönixglanz' Zustand betrachtete, war wirklich keine Hoffnung auf Genesung mehr. Zudem war Kette Kaufmann[5] in letzter Zeit bei Weitem nicht mehr so liebevoll wie früher; da er ohnehin viel zu tun hatte, benahm er sich, als ginge ihn die Sache gar nichts an. Friedchen konnte vor Phönixglanz nur tröstende Worte sprechen. Dazu kam noch, dass Frau Strafe[6] und Frau König[7] zwar seit einigen Tagen zu Hause waren, aber nur Boten schickten, um nach ihr zu fragen, ohne persönlich vorbeizukommen — was Phönixglanz' Herz noch bitterer stimmte. Auch wenn Kette Kaufmann nach Hause kam, hatte er kein einziges herzliches Wort für sie. Phönixglanz wünschte sich zu dieser Zeit nur noch einen schnellen Tod. Sobald sie in Gedanken versank, kamen alle Dämonen herbei. Da sah sie, wie die Zweitschwester Sonders[8] von hinter dem Haus herbeikam, langsam auf ihr Bett zuging und sagte: „Schwester, wir haben uns so lange nicht gesehen! Ich, die jüngere Schwester, habe mich sehr nach Euch gesehnt; ich wollte Euch besuchen, aber konnte nicht. Nun habe ich endlich die Gelegenheit, hereinzukommen und Euch zu sehen. Schwester, Ihr habt all Eure Klugheit aufgebraucht, doch unser Zweiter Herr ist so töricht, er erkennt Eure guten Absichten gar nicht an! Im Gegenteil, er beklagt sich, Ihr hättet alles zu hart und zu grausam gemacht und ihm seine Karriere geraubt, sodass er sich jetzt vor den Menschen nicht mehr sehen lassen kann. Ich empfinde Empörung für Euch!" Phönixglanz sprach wie im Traum: „Ich bereue es jetzt auch, dass mein Herz zu eng war. Schwester, dass Ihr mir das Alte nicht nachtragt und mich trotzdem besuchen kommt ..." Friedchen, die daneben stand, hörte es und sagte: „Herrin, was sagt Ihr da?" Phönixglanz kam einen Augenblick zu sich und erinnerte sich, dass die Zweitschwester Sonders bereits tot war — sie musste gekommen sein, um ihr das Leben zu nehmen. Als Friedchen sie wachrief, bekam sie Angst; doch sie wollte es nicht aussprechen und sagte nur mit Mühe: „Ich bin geistig verwirrt und habe wohl im Traum geredet. Klopf mir ein wenig den Rücken." Friedchen klopfte ihr den Rücken, als eine kleine Magd hereinkam und sagte, die Alte Liu[9] sei da; die Dienerinnen hätten sie hergebracht, um der Herrin ihre Aufwartung zu machen. Friedchen ging eilig hinunter und fragte: „Wo ist sie?" Die kleine Magd sagte: „Sie hat sich nicht getraut, einfach hereinzukommen, und wartet noch auf die Anweisung der Herrin." Friedchen hörte das und nickte nachdenklich. Da Phönixglanz in ihrer Krankheit sicher keinen Besuch empfangen wollte, sagte sie: „Die Herrin ruht sich gerade aus; lasst sie erst einmal warten. Hast du sie gefragt, warum sie kommt?" Die kleine Magd antwortete: „Man hat schon gefragt; es gibt nichts Besonderes. Sie sagt, sie habe vom Ableben der Herzoginmutter[10] erfahren, und weil sie keine Nachricht bekommen habe, sei sie zu spät gekommen." Während die kleine Magd noch sprach, hörte Phönixglanz es und rief: „Friedchen, komm her! Die Leute kommen mit guten Absichten, um nach mir zu sehen — man darf sie nicht kalt behandeln. Geh und bitte die Alte Liu herein; ich möchte ein wenig mit ihr plaudern." Friedchen musste also hinausgehen und die Alte Liu hereinbitten. Phönixglanz wollte gerade die Augen schließen, als sie einen Mann und eine Frau auf den Kang zukommen sah, als wollten sie hinaufsteigen. Phönixglanz rief hastig nach Friedchen: „Woher kommt dieser Mann? Er ist bis hierher gelaufen!" Sie rief zweimal, doch nur Fenger und Kleine Rote kamen herbeigelaufen und fragten: „Was wünscht die Herrin?" Phönixglanz öffnete die Augen und sah niemanden mehr. Sie verstand in ihrem Herzen, was es war, wollte es aber nicht aussprechen, und fragte Fenger nur: „Wo ist denn Friedchen, dieses Ding, hingegangen?" Fenger antwortete: „Hat die Herrin sie nicht selbst losgeschickt, um die Alte Liu zu holen?" Phönixglanz sammelte sich eine Weile und sagte nichts mehr. Da kamen Friedchen und die Alte Liu mit einem kleinen Mädchen herein. „Wo ist unsere gnädige Frau?", fragte die Alte Liu. Friedchen führte sie an den Kang. Die Alte Liu sagte: „Ich wünsche der gnädigen Frau gute Gesundheit!" Phönixglanz öffnete die Augen, und unwillkürlich überkam sie tiefe Trauer. Sie sagte: „Alte Liu, wie geht es Euch? Warum kommt Ihr erst jetzt? Seht nur, Eure Enkelin ist auch schon so groß geworden." Die Alte Liu sah, dass Phönixglanz nur noch Haut und Knochen war und ihr Blick trübe und verwirrt, und auch ihr wurde es traurig ums Herz. Sie sagte: „Meine liebe gnädige Frau! Wie kommt es, dass Ihr in den paar Monaten, die ich Euch nicht gesehen habe, so krank geworden seid? Ich dumme alte Frau, warum bin ich nicht früher gekommen, um der gnädigen Frau meine Aufwartung zu machen?" Dann rief sie: „Qinger, grüß die gnädige Frau!" Qinger lachte nur. Phönixglanz betrachtete sie und empfand große Zuneigung; sie bat Kleine Rote, sich um das Mädchen zu kümmern. Die Alte Liu sagte: „Wir Landbewohner werden selten krank. Wenn wir aber einmal krank werden, bitten wir die Götter um Hilfe und geloben Opfergaben; von Medizin verstehen wir nichts. Ich denke, die Krankheit der gnädigen Frau kommt vielleicht daher, dass sie einem bösen Geist begegnet ist?" Friedchen fand diese Worte unpassend und zupfte sie heimlich am Ärmel. Die Alte Liu verstand den Wink und schwieg. Doch diese Worte trafen genau Phönixglanz' eigene Gedanken. Sie stemmte sich hoch und sagte: „Alte Liu, Ihr seid eine betagte Frau, und was Ihr sagt, ist nicht falsch. Habt Ihr schon gehört, dass auch die Nebenfrau Zhao, die Ihr kennt, gestorben ist?" Die Alte Liu war erstaunt: „Amitabha! Kerngesund war die Frau, und nun ist sie tot? Ich erinnere mich, sie hatte auch einen kleinen Sohn — was soll nun aus ihm werden?" Friedchen sagte: „Was soll schon sein? Er hat ja noch den Herrn und die Dame." Die Alte Liu sagte: „Fräulein, das versteht Ihr nicht. Schlimm genug, wenn die leibliche Mutter stirbt — eine Stiefmutter ist nicht zu gebrauchen!" Diese Worte rührten an Phönixglanz' eigenen Kummer, und sie begann bitterlich zu schluchzen. Alle kamen herbei, um sie zu trösten. Jie[11] hörte ihre Mutter weinen und lief zum Kang; sie nahm Phönixglanz bei der Hand und weinte ebenfalls. Phönixglanz sagte unter Tränen: „Hast du die Alte Liu schon begrüßt?" Jie sagte: „Nein." Phönixglanz sagte: „Deinen Namen hat sie dir gegeben — sie ist wie eine Patin für dich. Geh und begrüße sie." Jie trat vor die Alte Liu. Die Alte Liu zog sie hastig an sich und rief: „Amitabha! Erschlagt mich nicht mit so viel Ehre! Liebes Fräulein Jie, ich war über ein Jahr nicht hier — erkennst du mich noch?" Jie antwortete: „Natürlich erkenne ich Euch! Damals im Garten, als wir uns sahen, war ich noch klein. Vorvoriges Jahr, als Ihr kamt, habe ich Euch um Heuschrecken vom letzten Jahr gebeten, aber Ihr habt mir keine gebracht — Ihr habt es bestimmt vergessen!" Die Alte Liu sagte: „Liebes Fräulein, ich bin eine vergessliche alte Frau! Was die Heuschrecken angeht — bei uns auf dem Land gibt es davon massenhaft. Wenn Ihr nur zu uns kämet, könntet Ihr einen ganzen Wagen voll haben, ganz leicht." Phönixglanz sagte: „Dann nehmt sie doch gleich mit!" Die Alte Liu lachte: „So ein hochedles Fräulein, in Seide und Brokat aufgewachsen, verwöhnt mit feinstem Essen — wenn sie zu uns käme, womit sollte ich sie unterhalten, was sollte ich ihr zu essen geben? Das wäre doch mein Untergang!" Dabei lachte sie selbst und sagte dann: „Na gut, dann stifte ich dem Fräulein doch eine Heirat! Bei uns auf dem Land gibt es zwar kein Gold und keine Edelsteine wie hier, aber es gibt auch dort große Grundbesitzer mit Tausenden von Morgen Land, Hunderten von Rindern und reichlich Silber und Geld. Die gnädige Frau schaut freilich auf solche Familien herab, aber wir Landbewohner betrachten solche Grundbesitzer geradezu als himmlische Wesen." Phönixglanz sagte: „Wenn Ihr ein gutes Angebot habt, bin ich einverstanden." Die Alte Liu sagte: „Das war wohl nur ein Scherz. Bei einer gnädigen Frau wie Euch — hohe Beamtenfamilien und Fürstenhäuser würden sie vielleicht noch nicht nehmen wollen, wie könnten sie sie da einer Bauernfamilie geben? Selbst wenn die gnädige Frau einverstanden wäre — die Damen oben würden es nicht erlauben." Jie fand diese Worte unangenehm und ging zu Qinger hinüber, um mit ihr zu reden. Die beiden Mädchen verstanden sich sofort gut und waren bald vertraut miteinander. Friedchen fürchtete, die Alte Liu könne mit ihrem vielen Reden Phönixglanz belästigen, zog sie daher am Ärmel und sagte: „Ihr habt die Damen erwähnt — Ihr wart ja noch gar nicht bei ihnen! Ich lasse Euch jemanden bringen, der Euch hinführt. Die Reise soll sich ja gelohnt haben." Die Alte Liu wollte schon aufbrechen, doch Phönixglanz sagte: „Was eilt so? Setzt Euch doch. Ich wollte Euch fragen: Könnt Ihr in letzter Zeit über die Runden kommen?" Die Alte Liu dankte tausendmal und sagte: „Wenn wir nicht die gnädige Frau gehabt hätten — " Sie zeigte auf Qinger. „ — wären ihre Eltern verhungert. Obwohl wir Landbewohner es schwer haben, haben wir doch etliche Morgen Land dazugewonnen und einen Brunnen gegraben; wir pflanzen Gemüse und Obst, und was wir im Jahr dafür einnehmen, ist nicht wenig — es reicht zum Leben. In den letzten Jahren hat die gnädige Frau uns immer wieder Kleider und Stoffe geschickt. In unserem Dorf gelten wir als wohlhabend. Amitabha! Vor einigen Tagen war ihr Vater in der Stadt und hörte, dass bei der gnädigen Frau hier Hab und Gut beschlagnahmt worden sei — da wäre ich fast vor Schreck gestorben! Zum Glück sagte jemand, es sei nicht bei Euch gewesen, da beruhigte ich mich. Dann hörte ich, der Herr sei befördert worden, und ich freute mich und wollte kommen, um zu gratulieren, aber die Ernte auf dem Feld ließ es nicht zu. Gestern dann hörte ich, die Herzoginmutter sei nicht mehr. Ich war gerade auf dem Feld beim Bohnendreschen; als ich die Nachricht hörte, erschrak ich so, dass ich die Bohnen gar nicht mehr halten konnte, und weinte bitterlich mitten auf dem Feld. Ich sagte zu meinem Schwiegersohn: ‚Ich kann mich nicht mehr um euch kümmern. Ob es wahr ist oder nicht — ich muss in die Stadt und nachsehen!' Meine Tochter und mein Schwiegersohn sind auch keine herzlosen Menschen; als sie es hörten, weinten auch sie eine Weile. Heute, noch vor Tagesanbruch, trieben sie mich zur Eile an, in die Stadt zu fahren. Ich kenne ja keinen Menschen und hatte niemanden, den ich hätte fragen können. So ging ich geradewegs zum Hintertor. Als ich sah, dass die Türgötter mit weißem Papier überklebt waren, erschrak ich aufs Neue. Drinnen suchte ich nach Schwester Zhou, konnte sie aber nicht finden. Ich stieß auf ein kleines Mädchen, das mir sagte, Schwester Zhou sei in Ungnade gefallen und fortgejagt worden. Dann wartete ich noch lange, bis ich auf eine Bekannte traf, und erst dann wurde ich hereingelassen. Ich hätte nicht gedacht, dass auch die gnädige Frau so krank ist." Bei diesen Worten liefen ihr die Tränen herunter. Friedchen war in Eile und ließ sie gar nicht ausreden, sondern zog sie mit sich und sagte: „Ihr redet nun schon so lange, Euer Mund muss ganz trocken sein — lasst uns Tee trinken gehen!" Sie zog die Alte Liu in die Gesindekammer. Qinger blieb bei Jie. Die Alte Liu sagte: „Tee brauche ich nicht. Liebes Fräulein, lasst jemanden mich zu den Damen bringen, damit ich ihnen meine Aufwartung mache und um die Herzoginmutter weine." Friedchen sagte: „Keine Eile. Heute schafft Ihr es ohnehin nicht mehr aus der Stadt hinaus. Vorhin hatte ich nur Angst, Ihr könntet unvorsichtig reden und unsere Herrin zum Weinen bringen, deshalb habe ich Euch herausgeholt. Nehmt es mir nicht übel." Die Alte Liu sagte: „Amitabha! Fräulein, da seid Ihr zu besorgt. Ich weiß das auch. Aber wie soll die Herrin nur gesund werden?" Friedchen fragte: „Was meint Ihr — ist es bedenklich oder nicht?" Die Alte Liu sagte: „Es ist eine Sünde, es auszusprechen, aber meiner Meinung nach sieht es nicht gut aus." Gerade als sie so sprachen, rief Phönixglanz wieder. Friedchen eilte ans Bett, doch Phönixglanz sagte nichts mehr. Friedchen wollte Fenger gerade fragen, als Kette Kaufmann hereinkam, zum Kang hinüberblickte, kein Wort sagte und ins Innenzimmer ging, wo er sich wütend schnaubend hinsetzte. Nur Herbstglöckchen[12] folgte ihm hinein, schenkte ihm Tee ein und umsorgte ihn eifrig, wobei sie leise miteinander tuschelten — man wusste nicht, worüber. Dann kam Kette Kaufmann heraus und rief Friedchen zu sich: „Nimmt die Herrin keine Medizin ein?" Friedchen antwortete: „Wie soll es ohne Medizin gehen?" Kette Kaufmann sagte: „Woher soll ich das wissen? Gib mir die Schlüssel zum Schrank." Friedchen sah, dass Kette Kaufmann erzürnt war, und wagte nicht zu fragen. Sie ging hinaus und flüsterte Phönixglanz nur ein Wort ins Ohr. Phönixglanz schwieg. Friedchen stellte daraufhin ein Kästchen bei Kette Kaufmann ab und ging. Kette Kaufmann schrie: „Hat dich ein Geist gerufen? Du stellst es hin — soll es sich selbst öffnen?" Friedchen schluckte ihren Ärger hinunter, öffnete das Kästchen, nahm die Schlüssel heraus, öffnete den Schrank und fragte: „Was soll ich herausnehmen?" Kette Kaufmann sagte: „Haben wir denn überhaupt noch etwas?" Friedchen weinte vor Wut und sagte: „Wenn Ihr etwas zu sagen habt, dann sagt es offen heraus! Und wenn ich dabei sterben sollte, ist es mir auch recht!" Kette Kaufmann sagte: „Muss man das erst noch sagen? Das Durcheinander vorher habt ihr angerichtet! Jetzt fehlen für die Trauerfeier der Herzoginmutter noch vier- bis fünftausend Tael Silber. Der Herr hat mich beauftragt, die Grundstücksregister des gemeinsamen Besitzes durchzugehen und Silber aufzutreiben. Hast du eine Ahnung, ob da noch etwas ist? Die Außenschulden — kann man die etwa unbezahlt lassen? Wer hat mich nur dazu gebracht, diesen Namen zu tragen! Da bleibt mir nichts anderes übrig, als die Sachen zu versetzen, die mir die Herzoginmutter gegeben hat. Bist du etwa dagegen?" Friedchen hörte das und sagte kein Wort, sondern räumte die Dinge aus dem Schrank. Da kam Kleine Rote herübergelaufen und rief: „Schwester Friedchen, komm schnell! Der Herrin geht es schlecht!" Friedchen kümmerte sich nicht mehr um Kette Kaufmann und eilte hinüber. Sie sah, dass Phönixglanz mit den Händen ins Leere griff. Friedchen ergriff ihre Hand und rief weinend ihren Namen. Kette Kaufmann kam ebenfalls herüber, warf einen Blick auf sie und stampfte mit dem Fuß auf: „Wenn es so weit ist, dann bringt ihr mich auch noch um!" Auch ihm liefen die Tränen herunter. Fenger kam herein und sagte: „Draußen wird nach dem Zweiten Herrn gefragt." Kette Kaufmann musste also hinausgehen. Phönixglanz' Zustand verschlechterte sich immer mehr. Fenger und die anderen brachen in lautes Weinen aus. Jie hörte es und eilte herbei. Auch die Alte Liu lief schnell zum Kang, murmelte Gebete und vollzog einige Beschwörungen — und tatsächlich ging es Phönixglanz etwas besser. Bald darauf kam auch Frau König, die durch eine Magd Nachricht erhalten hatte. Als sie sah, dass Phönixglanz ruhiger geworden war, beruhigte sie sich etwas. Sie bemerkte die Alte Liu und sagte: „Alte Liu, wie geht es Euch? Wann seid Ihr angekommen?" Die Alte Liu begrüßte Frau König und sprach dann nur von Phönixglanz' Krankheit; sie berieten eine ganze Weile. Farbwölkchen kam herein und sagte: „Der Herr bittet die Dame zu sich." Frau König gab Friedchen noch einige Anweisungen und ging hinüber. Phönixglanz hatte eine Weile lang gewütet, doch nun wurde sie wieder etwas klarer im Kopf. Als sie die Alte Liu noch hier sah und an deren Gebete und Beschwörungen glaubte, schickte sie Fenger und die anderen hinaus, bat die Alte Liu, sich an ihr Bett zu setzen, und erzählte ihr von ihrer Unruhe und den Geistererscheinungen. Die Alte Liu berichtete, welcher Bodhisattva in ihrem Dorf Wunder wirke und welcher Tempel sich als wirksam erwiesen habe. Phönixglanz sagte: „Ich bitte Euch, für mich zu beten. Wenn Opfergaben und Geld nötig sind — ich habe welches." Sie streifte einen goldenen Armreif von ihrem Handgelenk und reichte ihn der Alten Liu. Die Alte Liu sagte: „Gnädige Frau, das ist nicht nötig! Wir Landbewohner geloben etwas, und wenn es geholfen hat, opfern wir ein paar hundert Kupfermünzen, das ist alles — wozu braucht man so viel? Auch wenn ich für die gnädige Frau beten gehe, ist es ja nur ein Gelübde. Wenn die gnädige Frau wieder gesund ist und etwas opfern will, kann sie es selbst tun." Phönixglanz wusste, dass die Alte Liu es aufrichtig meinte, und wollte sie nicht drängen. So behielt sie den Armreif und sagte: „Alte Liu, mein Leben lege ich in Eure Hände. Und meine Jie, die ist auch ein Kind von tausend Krankheiten und Plagen — auch sie vertraue ich Euch an." Die Alte Liu stimmte bereitwillig zu und sagte dann: „So, wie ich sehe, ist es noch nicht spät, ich kann noch vor Einbruch der Nacht aus der Stadt kommen — ich gehe jetzt los. Wenn die gnädige Frau wieder gesund ist, lade ich sie ein, persönlich das Gelübde einzulösen." Phönixglanz wurde von den umherirrenden Geistern der Toten gequält und konnte es kaum erwarten, dass die Alte Liu ging. So sagte sie: „Wenn Ihr mir von Herzen helft und ich eine ruhige Nacht schlafen kann, bin ich Euch unendlich dankbar. Eure Enkelin — lasst sie doch hier ein paar Tage bleiben." Die Alte Liu sagte: „Ein Bauernkind hat keine Manieren und könnte sich hier unmöglich aufführen — ich nehme sie besser mit." Phönixglanz sagte: „Da seid Ihr zu besorgt. Wir sind doch eine Familie — was gibt es da zu fürchten? Auch wenn wir arm geworden sind, für eine Person mehr zu essen wird es schon noch reichen." Die Alte Liu sah Phönixglanz' aufrichtige Bitte und war froh, Qinger ein paar Tage hierbleiben zu lassen, um zu Hause ein Maul weniger füttern zu müssen. Nur fürchtete sie, Qinger wolle nicht. So sprach sie mit Qinger. Da Qinger sich mit Jie angefreundet hatte und Jie nicht wollte, dass sie ging, und Qinger selbst auch bleiben wollte, war die Sache entschieden. Die Alte Liu gab ihr noch ein paar Anweisungen, verabschiedete sich von Friedchen und eilte aus der Stadt. Davon sei nun nicht weiter die Rede. Was nun das Smaragdkloster betrifft: Es stand auf dem Grundstück der Kaufmann-Familie. Als man den Garten für den kaiserlichen Besuch errichtet hatte, war das Kloster in den Garten einbezogen worden. Die Kosten für Nahrung und Räucherwerk trug es immer selbst, ohne die Kaufmann-Familie zu belasten. Nachdem Wunderjade[13] geraubt worden war, erstattete die verbliebene Nonne Anzeige bei den Behörden. Einerseits wartete man auf den Ausgang der behördlichen Räubersuche, andererseits war es Wunderjades Stiftung, die man nicht auflösen konnte, und so lebte die Nonne weiter dort — sie hatte es lediglich der Kaufmann-Familie mitgeteilt. Obwohl alle im Haus davon wussten, wagte bei Aufrecht Kaufmanns frischer Trauer und seiner sonstigen Unruhe niemand, ihm solche nebensächlichen Dinge zu melden. Nur Beklagenswert[14] wusste davon und war Tag und Nacht beunruhigt. Allmählich drang die Nachricht auch zu Schatzjades[15] Ohren: Wunderjade sei von Räubern entführt worden; andere sagten, Wunderjade habe weltliche Begierden entwickelt und sei mit einem Mann davongelaufen. Als Schatzjade das hörte, war er zutiefst bestürzt: „Sicherlich wurde sie von Banditen geraubt. So eine Person würde es sich niemals gefallen lassen — gewiss ist sie lieber in den Tod gegangen, als sich zu fügen." Doch da es keine Spur von ihr gab, war er in großer Sorge und seufzte Tag für Tag. Er sagte auch: „So ein Mensch, der sich selbst ‚Jenseits der Schwelle' nannte — wie konnte er ein solches Ende nehmen?" Dann dachte er weiter: „Wie lebhaft war es einst im Garten! Seit die Zweite Schwester verheiratet wurde, sind die einen gestorben, die anderen fortgezogen. Ich dachte, sie sei frei von jedem weltlichen Staub und würde bewahrt bleiben, doch unversehens kam ein Sturm über sie — noch seltsamer als der Tod der Schwester Lin[16]!" So ging ein Gedanke in den nächsten über, und er erinnerte sich an die Worte im Zhuangzi über das Nichtige und Flüchtige: In dieser Welt ist es unvermeidlich, dass Wind die Wolken zerstreut. Unwillkürlich brach er in lautes Weinen aus. Dufthauch[17] und die anderen dachten, seine alte Krankheit breche wieder aus, und versuchten ihn auf jede erdenkliche Weise sanft zu beruhigen. Schatzspange[18] wusste anfangs nicht, was los war, und redete ihm auch mit ermahnenden Worten zu. Doch Schatzjade blieb niedergeschlagen und unempfänglich, und seine Gedanken wurden immer wirrer. Schatzspange konnte sich keinen Reim darauf machen und erkundigte sich mehrfach, bis sie erfuhr, dass Wunderjade geraubt worden war und ihr Verbleib unbekannt, worüber auch sie Trauer empfand. Doch weil Schatzjades Schwermut sie bekümmerte, sprach sie ernst zu ihm: „Lan[19] ist seit der Rückkehr vom Begräbniszug zwar nicht mehr in die Schule gegangen, aber ich höre, er lernt Tag und Nacht unermüdlich. Er ist der Urenkel der Herzoginmutter. Die Herzoginmutter hat sich immer gewünscht, dass du ein tüchtiger Mensch wirst. Der Herr Vater macht sich Tag und Nacht Sorgen um dich. Wenn du dich wegen müßiger Gefühle und törichter Gedanken zugrunde richtest — was soll dann aus uns werden, die wir an deiner Seite leben?" Diese Worte ließen Schatzjade verstummen. Nach einer Weile sagte er erst: „Ich kümmere mich doch gar nicht um die Angelegenheiten anderer Leute! Ich beklage nur, dass das Glück unserer Familie im Niedergang begriffen ist." Schatzspange sagte: „Schon wieder! Der Herr und die Dame wollen doch nur, dass du ein tüchtiger Mensch wirst und das Erbe der Vorfahren fortführst. Du aber bleibst verbohrt und uneinsichtig — was soll man da machen?" Schatzjade fand ihre Worte nicht nach seinem Geschmack, lehnte sich auf den Tisch und schlief ein. Schatzspange kümmerte sich nicht weiter um ihn, rief Moschusmond und die anderen, um auf ihn aufzupassen, und ging selbst schlafen. Als Schatzjade sah, dass kaum jemand mehr im Zimmer war, dachte er: „Purpurkuckuck[20] ist hierher gekommen, und ich habe nie ein aufrichtiges Wort mit ihr gewechselt. Eiskalt lässt man sie hier sitzen — das bedrückt mich sehr. Sie ist ja nicht wie Mondschein oder Herbstmuster[21], die ich einfach so belassen kann. Ich erinnere mich, wie sie damals, als ich krank war, tagelang bei mir wachte; sogar ihr kleiner Spiegel ist noch bei mir — ihr Herz war wirklich nicht kalt. Warum nur begegnet sie mir jetzt so kühl? Wenn es wegen meiner Frau wäre — aber sie war doch Schwester Lins beste Vertraute, und ich sehe, dass meine Frau sie auch gut behandelt. Wenn ich nicht zu Hause bin, plaudert und lacht Purpurkuckuck durchaus mit ihr; doch sobald ich komme, geht Purpurkuckuck weg. Das muss wohl daran liegen, dass Schwester Lin gestorben ist und ich geheiratet habe. Ach, Purpurkuckuck, Purpurkuckuck! Du bist ein so kluges Mädchen — siehst du denn nicht, wie ich leide?" Dann überlegte er weiter: „Heute Abend sind alle entweder eingeschlafen oder mit Handarbeiten beschäftigt. Ich nutze die Gelegenheit und suche sie auf, um zu sehen, was sie zu sagen hat. Wenn ich sie in irgendeiner Weise beleidigt haben sollte, dann bitte ich eben um Verzeihung." Mit diesem Entschluss schlich er leise aus der Tür und machte sich auf die Suche nach Purpurkuckuck. Purpurkuckucks Kammer lag gleich im Inneren des westlichen Seitengebäudes. Schatzjade schlich sich leise zum Fenster. Drinnen brannte noch Licht. Er leckte mit der Zunge ein Loch in das Fensterpapier und spähte hinein: Purpurkuckuck saß allein bei der Lampe, tat nichts, saß nur reglos da. Schatzjade rief leise: „Schwester Purpurkuckuck, bist du noch wach?" Purpurkuckuck erschrak heftig, starrte lange vor sich hin und sagte dann: „Wer ist da?" Schatzjade antwortete: „Ich bin es." Purpurkuckuck erkannte Schatzjades Stimme und fragte: „Ist das der Zweite Herr Schatzjade?" Schatzjade antwortete leise mit einem „Ja". Purpurkuckuck fragte: „Was wollt Ihr hier?" Schatzjade sagte: „Ich habe etwas auf dem Herzen und möchte mit dir darüber sprechen. Mach die Tür auf, ich setze mich einen Augenblick zu dir." Purpurkuckuck schwieg eine Weile und sagte dann: „Zweiter Herr, was auch immer Ihr zu sagen habt — es ist spät, bitte geht zurück. Wir können morgen darüber reden." Schatzjade war wie vor den Kopf geschlagen. Er wollte noch hineingehen, fürchtete aber, Purpurkuckuck werde ihm nicht öffnen. Wollte er aber umkehren, so hatte Purpurkuckucks Abweisung all die verborgenen Gefühle in seinem Innern nur noch stärker hervorgerufen. So sagte er hilflos: „Ich habe auch gar nicht viel zu sagen — nur eine einzige Frage." Purpurkuckuck antwortete: „Wenn es nur eine Frage ist, dann stellt sie." Schatzjade schwieg lange. Purpurkuckuck hörte von drinnen, dass Schatzjade nichts mehr sagte. Sie wusste um seine alte Krankheit und fürchtete, ihre schroffe Abweisung könne seinen Anfall auslösen — das wäre auch nicht gut. So stand sie auf, lauschte aufmerksam und fragte: „Seid Ihr gegangen, oder steht Ihr noch wie ein Narr da? Ihr habt etwas zu sagen und sagt es nicht, steht nur hier herum und quält die Leute. Einen Menschen habt Ihr schon zu Tode gequält — wollt Ihr noch einen umbringen? Wozu das alles?" Dabei spähte auch sie durch das Loch, das Schatzjade geleckt hatte, und sah ihn draußen wie betäubt stehen. Sie wagte nicht weiterzusprechen, ging zurück und putzte den Lampendocht. Da hörte sie Schatzjade seufzen und sagen: „Schwester Purpurkuckuck, du warst doch nie so hartherzig wie Stein und Eisen! Warum hast du in letzter Zeit nicht ein einziges freundliches Wort für mich übrig? Ich bin freilich ein trüber, unwürdiger Mensch, und es steht Euch frei, mich nicht zu beachten. Doch wenn ich etwas falsch gemacht habe, so sag es mir bitte — dann mag Schwester mich meinetwegen ein Leben lang ignorieren, aber wenigstens stürbe ich als ein Geist, der seine Fehler kennt!" Purpurkuckuck hörte das und lachte kalt: „Das ist also alles, was der Zweite Herr zu sagen hat? Gibt es sonst noch etwas? Wenn es nur das ist — als unsere Herrin noch lebte, habe ich das auch oft genug gehört. Und wenn wir uns irgendwie verfehlt haben sollten — ich bin von der Dame hierher geschickt worden, da wendet Euch bitte an die Dame. Wir Dienstmädchen zählen ohnehin für gar nichts." Bei diesen Worten wurde ihre Stimme brüchig, und sie begann zu schluchzen und sich die Nase zu schnäuzen. Schatzjade draußen wusste, dass sie vor Kummer weinte, und stampfte aufgeregt mit dem Fuß: „Was soll das heißen! Meine Angelegenheiten — du bist nun schon einige Monate hier und weißt doch alles! Wenn schon niemand bereit ist, mir bei dir ein gutes Wort einzulegen, willst du mich etwa nicht einmal selbst sprechen lassen? Soll ich denn an dem Ungesagten ersticken?" Auch er begann zu schluchzen. Während Schatzjade hier seinen Kummer ergoss, sprach plötzlich hinter ihm jemand: „Wen wollt Ihr denn für Euch sprechen lassen? Wer ist wessen was? Wenn man sich an jemandem vergangen hat, muss man sich schon selbst entschuldigen! Ob das Gegenüber einem die Ehre erweist oder nicht, liegt in seinem Ermessen. Warum müsst Ihr Unbeteiligte wie uns als Prellbock benutzen?" Dieser Satz erschreckte die beiden drinnen wie draußen gleichermaßen. Wer war es? Es war Moschusmond. Schatzjade war peinlich berührt. Mondschein fuhr fort: „Wie soll es denn nun sein? Der eine bittet um Verzeihung, die andere beachtet ihn nicht. Nun beeil dich und bitte ordentlich um Entschuldigung! Ach, unsere Schwester Purpurkuckuck ist auch zu hartherzig! Bei dieser Kälte draußen hat er sie schon so lange angefleht, und nicht einmal ein Lebenszeichen hat sie von sich gegeben!" Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Die Zweite Herrin hat vorhin gefragt, wo Ihr steckt — es ist schon so spät, und sie wundert sich, wo Ihr seid. Was steht Ihr allein unter der Dachtraufe?" Purpurkuckuck rief von drinnen: „Was soll das alles? Ich habe den Zweiten Herrn längst gebeten, hineinzugehen; was er mir zu sagen hat, kann bis morgen warten. Wozu muss er hier stehen bleiben?" Schatzjade wollte noch etwas sagen, doch da Mondschein hier war, brachte er es nicht über sich. Er ging mit Mondschein zurück und sagte im Gehen: „Es ist vorbei! Es ist vorbei! In diesem Leben werde ich mein Herz niemals offenlegen können. Nur der Himmel allein weiß die Wahrheit!" Bei diesen Worten strömten ihm die Tränen in Bächen herunter — man wusste nicht, woher sie kamen. Mondschein sagte: „Zweiter Herr, folgt meinem Rat und gebt es auf. Es ist schade um die vergeblichen Tränen." Schatzjade antwortete nicht und betrat das Zimmer. Schatzspange schlief bereits — oder tat zumindest so, wie Schatzjade wohl wusste. Dufthauch aber sagte: „Was es auch zu besprechen gibt, kann man es nicht morgen sagen? Unbedingt muss er dorthin rennen und einen Aufstand machen, bis ..." Hier hielt sie inne, wartete einen Moment und fuhr dann fort: „Fühlt Ihr Euch nicht unwohl?" Schatzjade sagte nichts, schüttelte nur den Kopf. Dufthauch bereitete sein Bett, und er legte sich hin. Dass er die ganze Nacht kein Auge zutat, versteht sich von selbst. Purpurkuckuck ihrerseits war durch Schatzjades Besuch noch elender zumute geworden. Sie weinte die ganze Nacht durch und dachte hin und her: „Die Sache mit Schatzjades Hochzeit — ich weiß genau, dass er in seiner Krankheit nichts davon verstand; deshalb haben alle mit Täuschung und Trug die Heirat zustande gebracht. Später, als Schatzjade wieder bei Verstand war, erlitt er einen Rückfall seiner alten Krankheit; immer wieder weint er und sehnt sich zurück — er ist wahrlich kein herzloser, pflichtvergessener Mensch. Sein zartes Empfinden heute Abend war erst recht herzzerreißend. Nur unsere arme Herrin Lin — sie hatte wirklich nicht das Glück, sein Herz zu genießen. So betrachtet, sind die menschlichen Schicksalsbande alle vorherbestimmt: Solange das Ende noch nicht gekommen ist, gibt sich jeder seinen blinden Hoffnungen und eitlen Träumen hin. Wenn es dann aber unabwendbar ist, kümmert sich der Stumpfsinnige gar nicht mehr darum, während der Tieffühlende nur noch im Mondschein und im Abendwind seine Tränen vergießen kann. Die Tote weiß womöglich gar nichts davon; aber der Lebende — der leidet wirklich endlos und grenzenlos. So betrachtet, ist man am Ende schlechter dran als Gras und Stein: ohne Wissen und ohne Empfinden, aber wenigstens mit einem reinen Herzen." Bei diesem Gedanken erstarrte ihr heißes, schmerzliches Herz mit einem Mal zu Eis. Gerade wollte sie aufräumen und sich schlafen legen, als sie aus dem östlichen Hof lauten Lärm und Geschrei hörte. Was dort geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
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