Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 62"

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Kapitel 62
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Xiangfluss-Wolke [湘云] schläft betrunken auf einer Steinbank zwischen Päonienblüten
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">62</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_63|<span style="color: #FFD700;">63</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_64|<span style="color: #FFD700;">64</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_65|<span style="color: #FFD700;">65</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_66|<span style="color: #FFD700;">66</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_67|<span style="color: #FFD700;">67</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_68|<span style="color: #FFD700;">68</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_69|<span style="color: #FFD700;">69</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_70|<span style="color: #FFD700;">70</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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Duftkastanies bestickter Rock wird beim Blumenspiel beschmutzt
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Friedchen [平儿] kam heraus und wies Frau Lin Zhixiao an: „Aus großen Angelegenheiten mache man kleine, aus kleinen gar keine — das ist die Art eines gedeihenden Hauses. Wenn man bei jeder Kleinigkeit gleich mit Glockengeläut und Trommelschlag ein großes Aufheben macht, ist das keine vernünftige Weise. Bringt jetzt Mutter und Tochter zurück; sie sollen wie zuvor ihren Dienst versehen. Die Frau des Qin Xian schickt ebenfalls wieder zurück. Es braucht von dieser Sache nicht mehr gesprochen zu werden. Nur soll man täglich sorgfältig Wache halten." Damit stand sie auf und ging. Frau Lius Mutter und Tochter kotzten eilig vor ihr nieder. Frau Lin brachte sie zurück in den Garten und erstattete Seidenweiß Pflaume [李纨] und Erkundefrühling [探春] Bericht; beide sagten: „Wir haben es zur Kenntnis genommen. Wenn alles erledigt ist, umso besser."
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_62|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_62|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 62 =
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Schachspielerin [司棋] und die anderen hatten sich umsonst in Aufregung versetzt. Die Frau des Qin Xian aber, die endlich eine Gelegenheit gefunden hatte, sich einzuschleichen, hatte gerade einen halben Tag lang triumphiert. In der Küche war sie eifrig damit beschäftigt gewesen, Gerätschaften, Reis, Getreide, Kohle und dergleichen in Empfang zu nehmen, und hatte dabei allerlei Fehlbestände aufgedeckt: „Beim Rundkornreis fehlen zwei Shi <ref>altes Hohlmaß, ca. 100 Liter</ref>, beim Alltagsreis ist ein Monat zu viel ausgegeben worden, und auch bei der Kohle stimmen die Zahlen nicht." Gleichzeitig hatte sie Geschenke für Frau Lin Zhixiao vorbereiten lassen — heimlich einen Korb Kohle, fünfhundert Pfund Brennholz und eine Traglast Rundkornreis — und draußen durch Neffen und Nichten zum Haus der Familie Lin schicken lassen. Ferner bereitete sie Geschenke für die Buchhaltung vor und richtete einige Gerichte her, um ihre neuen Kolleginnen zu bewirten, wobei sie sagte: „Nun, da ich hier bin, bin ich ganz auf Ihre Unterstützung angewiesen. Von nun an sind wir eine Familie. Wo ich nicht aufpassen kann, helft mir bitte alle." Mitten in diesem Trubel kam plötzlich jemand und sagte: „Sieh zu, dass du nach dem Frühstück verschwindest. Die Schwägerin Liu war schuldlos; man hat ihr die Verwaltung wieder übertragen." Als die Frau des Qin Xian dies hörte, fuhr ihr der Schreck in die Glieder. Entmutigt, mit hängendem Kopf, strich sie augenblicklich die Flaggen und verstummte die Trommeln; sie packte ihre Sachen und ging. Die Geschenke an andere waren umsonst verschwendet; obendrein musste sie von ihrem eigenen Besitz die aufgedeckten Fehlbestände ersetzen. Selbst Schachspielerin war so verärgert, dass sie sich kaum fassen konnte, doch es war nichts mehr zu machen.
== 憨湘雲醉眠芍藥茵 / 呆香菱情解石榴裙 ==
 
=== Die uebermuetige Xiangyun schlaeft ihren Rausch auf einem Pfingstrosenkissen aus; Die traeumerische Xiangling versteht die Bedeutung des Granatapfelrocks ===
 
  
?“ fragten Hsi-jën und Tjing-wën sogleich. „Hat wieder einmal jemand etwas falsch gemacht?“
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Die Nebenfrau Zhao hatte sich die ganze Zeit in Angst befunden, weil Farbwölkchen ihr heimlich so viele Dinge zugesteckt hatte und Jadearmreif den Streit darüber angefacht hatte; sie fürchtete, man könnte der Sache auf den Grund gehen, und horchte jeden Tag schweißnass nach Neuigkeiten. Da kam Farbwölkchen und sagte: „Schatzjade [宝玉] hat alles auf sich genommen; von nun an gibt es keine Schwierigkeiten mehr." Erst da beruhigte sich die Nebenfrau Zhao. Doch Unheil Kaufmann [贾环], als er davon hörte, wurde misstrauisch. Er holte alle Dinge hervor, die Farbwölkchen ihm heimlich geschenkt hatte, und warf sie Farbwölkchen ins Gesicht: „Du doppelzüngiges Ding! Ich will das alles nicht. Wenn du nicht mit Schatzjade unter einer Decke stecktest, warum sollte er sich für dich einsetzen? Wenn du die Kühnheit hattest, mir die Sachen zu geben, hättest du es keinem Menschen verraten sollen. Da du es ihm nun doch erzählt hast, macht es keinen Spaß mehr, die Sachen zu behalten." Farbwölkchen erschrak, schwor Stein und Bein, weinte gar und erklärte sich auf alle erdenkliche Weise, doch Unheil Kaufmann wollte ihr partout nicht glauben und sagte: „Wenn ich nicht unsere frühere Zuneigung berücksichtigen würde, ginge ich zur Zweiten Schwägerin und sagte: ‚Farbwölkchen hat es gestohlen und mir gegeben, ich wage es nicht anzunehmen.' Denk einmal darüber nach." Damit schleuderte er seine Hand los und ging hinaus. Nebenfrau Zhao schimpfte aufgebracht: „Du undankbarer Wurm, du Madenherz, du Unglücksbrut!" Farbwölkchen weinte sich vor Zorn die Augen aus. Nebenfrau Zhao tröstete sie auf jede Weise: „Gutes Kind, er hat dein treues Herz verkannt — das sehe ich wohl. Lass mich die Sachen aufbewahren; in ein paar Tagen wird er von selbst zur Besinnung kommen." Damit wollte sie die Sachen einsammeln. Doch Farbwölkchen packte alles trotzig zusammen, und als niemand es sah, ging sie in den Garten und warf alles in den Fluss — was sank, sank; was trieb, trieb davon. In der Nacht weinte sie vor Zorn still unter ihrer Decke.
„Was klemmt da unter dem Tuschereibstein?“ fragte Bau-yü. „Bestimmt hat wieder eine von euch vergessen, ihr Stickmuster wegzulegen.“
 
Als Tjing-wën den Tuschereibstein eilig hochnahm und das Papier aufhob, erwies es sich als ein beschriebener Bogen. Sie reichte ihn Bau-yü, und er las: „Miau-yü, der Mensch außerhalb der Schwelle, verneigt sich ergeben, um aus der Ferne einen Geburtstagsgruß zu entbieten.“
 
Kaum hatte Bau-yü zu Ende gelesen, sprang er hastig auf und fragte: „Wer hat das entgegengenommen, ohne mir einen Ton zu sagen?“
 
Hsi-jën und Tjing-wën, die aus seinem Benehmen schlossen, daß es der Brief einer gewichtigen Persönlichkeit sein müsse, fragten ihrerseits: „Wer hat gestern einen Brief angenommen?“
 
Sofort kam Sï-örl hereingestürzt und berichtete lächelnd: „Miau-yü hat den Brief nicht selber gebracht, sondern ein Muttchen damit hergeschickt. Ich habe ihn dort hingelegt und ihn dann über dem Weintrinken vergessen.“
 
„Und wir dachten wunder von wem der Brief sei, daß du dich so darüber aufregst“, sagten die anderen. „Das ist er doch nicht wert.“
 
Nichtsdestotrotz befahl Bau-yü: „Holt mir schnell Papier!“
 
Als das Papier gebracht war, rieb er Tusche an, wußte aber nicht, womit er den Ausdruck „Mensch außerhalb der Schwelle“ in seinem Antwortschreiben passend erwidern sollte. Den Schreibpinsel in der Hand, brütete er lange vor sich hin, ohne daß ihm etwas eingefallen wäre. Dann sagte er sich: „Wenn ich Bau-tschai frage, wird sie mir vorhalten, ich sei wunderlich, darum ist es besser, ich frage Dai-yü!“
 
Mit diesem Gedanken schob er den Brief in den Ärmel und machte sich auf den Weg zu Dai-yü. Eben war er am Duftgetränkten Pavillon vorüber, da kam ihm schwankenden Schrittes0 Hsiu-yän entgegen. „Wohin gehst du?“ erkundigte er sich.
 
„Ich bin auf dem Weg zu Miau-yü, um mich mit ihr zu unterhalten“, erwiderte Hsiu-yän.
 
Verwundert sagte Bau-yü: „Miau-yü ist eine Eigenbrötlerin, die sich nicht dem Zeitgeschmack fügt. Von zehntausend Menschen findet kein einziger Gnade in ihren Augen. Wenn du ihre Wertschätzung genießt, mußt du etwas anderes sein als wir profanen Leute.“
 
„Sie braucht mich nicht unbedingt wirklich zu schätzen“, sagte Hsiu-yän lächelnd. „Wir waren einfach zehn Jahre lang unmittelbare Nachbarn, als sie im Kloster des sich Kräuselnden Weihrauchs ihre Meditationsübungen trieb. Unsere Familie war nämlich arm und wohnte zehn Jahre lang in einem Haus zur Miete, das dem Kloster gehörte. Wenn ich nichts zu tun hatte, ging ich zu Miau-yü ins Kloster und leistete ihr Gesellschaft. Die Schriftzeichen, die ich beherrsche, hat sie mir beigebracht.
 
Wir sind also nicht nur Freunde aus schlechten Zeiten, sie ist auch halb und halb meine Lehrerin. Als wir bei unsern Verwandten Zuflucht suchten, erfuhr ich, sie habe sich hierher gewandt, weil sie sich nicht dem Zeitgeschmack beugen wollte, was ihr von mächtigen Leuten verübelt wurde. Jetzt hat uns das Schicksal wieder zusammengeführt, und unsere Gefühle füreinander sind unverändert. Im Gegenteil, sie ist noch freundlicher zu mir als damals.“
 
Bau-yü war es bei diesen Worten, als ob ein Blitz aus heiterem Himmel ihn getroffen hätte, und er sagte: „Kein Wunder, daß du in deinem Betragen und deiner Ausdrucksweise so frei bist wie ein wilder Kranich oder eine ziehende Wolke. Das also ist der Grund! Aber ich war gerade unterwegs, um jemand in einer Sache um Rat zu fragen, die Miau-yü betrifft. Daß ich jetzt dich getroffen habe, muß wirklich eine Fügung des Himmels sein, und so will ich mich an dich wenden.“ Mit diesen Worten gab er Hsiu-yän den Glückwunschbrief zu lesen.
 
„Sie kann aus ihrer Haut einfach nicht heraus!“ kommentierte Hsiu-yän mit einem Lächeln. „Diese Unbekümmertheit und Extravaganz sind ihr angeboren. Wo hätte man je gesehen, daß sich jemand in einem Glückwunsch mit seinem Pseudonym bezeichnet. So etwas nennt der Volksmund ‚Nicht Mönch und nicht Laie, weder Mann noch Frau.‘ Was soll das darstellen?
 
„Du siehst das nicht richtig“, sagte Bau-yü rasch, „sie steht außerhalb solcher Kategorien. Sie ist ein Mensch, der für gewöhnliche Menschen unbegreiflich ist. Diesen Brief hat sie mir nur geschrieben, weil sie meint, daß ich nicht völlig unwissend sei. Ich weiß jedoch nicht, wie ich den Ausdruck erwidern soll, den sie gebraucht hat. Eben wollte ich Kusine Dai-yü danach fragen, da bin ich dir begegnet.“
 
Als Hsiu-yän dies gehört hatte, musterte sie Bau-yü aufmerksam von Kopf bis Fuß, dann sagte sie lächelnd: „Kein Wunder, wenn das Sprichwort sagt ‚Jemand von Angesicht zu kennen ist wichtiger, als um seinen Ruf zu wissen.‘ Kein Wunder auch, daß Miau-yü dir diesen Brief geschickt hat. Und kein Wunder schließlich, daß sie dir im vergangenen Jahr die blühenden Aprikosenzweige schenkte. Wenn sie schon so zu dir ist, muß ich dir erst recht erklären, was sie hier meint.
 
Sie sagt oft, es gebe bei den Dichtern der Han- und der Djin-Zeit, der Zeit der Fünf Dynastien sowie der Tang- und der Sung-Zeit keine guten Verse mit Ausnahme von nur zwei Zeilen, nämlich:
 
‚Und hättest du eiserne Schwellen,0
 
ein Erdhügel ist schließlich dein Los.
 
Deshalb nennt sie sich den ‚Menschen außerhalb der Schwelle‘. Unter den Prosaschriftstellern schätzt sie Dschuang-dsï0 und nennt sich deshalb manchmal auch den ‚Sonderling‘. Hätte sie sich in ihrem Brief als ‚der Sonderling‘ bezeichnet, dann hättest du ihr als ‚der Weltling‘ antworten können. Denn mit ‚Sonderling‘ will sie sagen, daß sie einsam außerhalb der Menge steht, da würde sie sich freuen, wenn du bescheiden von dir sagst, daß du im Getümmel der Welt stehst.
 
Wenn sie sich jetzt den ‚Menschen außerhalb der Schwelle‘ genannt hat, will sie damit zum Ausdruck bringen, daß sie sich außerhalb dieser ‚eisernen Schwellen‘ bewegt, also nenn du dich nur den ‚Menschen innerhalb der Schwelle‘, dann triffst du ihren Sinn.“
 
„Ach so!“ rief Bau-yü aus, dem es wie Schuppen von den Augen gefallen war. Dann fuhr er lächelnd fort: „Kein Wunder, daß unser Familientempel ‚Kloster Eiserne Schwelle‘ heißt. Das also ist die Erklärung dafür. Jetzt aber will ich gehen und meine Antwort schreiben!“
 
Also ging Hsiu-yän weiter zum Kloster Gefangenes Grün, während Bau-yü in seine Räume zurückkehrte und dort auf einen Briefbogen die Zeichen schrieb: ‚Bau-yü, der Mensch innerhalb der Schwelle, verneigt sich ergebenst zum Dank.‘ Diesen Brief trug er eigenhändig zum Kloster Gefangenes Grün und schob ihn dort bescheiden durch den Spalt zwischen den Torflügeln.
 
Als er von dort zurückkam, hatte sich Fang-guan eben frisiert und trug das Haar zu einem Knoten aufgesteckt, den sie mit Blumen und Federschmuck verziert hatte. Sofort befahl Bau-yü ihr, die Frisur zu ändern, und ließ ihr die kürzeren Haare rund um den Kopf abrasieren, so daß die bläulich schimmernde Kopfhaut zu sehen war. Das restliche Haar wurde durch einen deutlichen Mittelscheitel geteilt. „Im Winter“, kündigte er ihr an, „bekommst du eine große Zobelfellmütze, einen ‚Schlafenden Hasen‘, auf den Kopf und an die Füße Kampfstiefelchen mit Tigerkopfkappen und bunten Wolkenmustern. Oder aber du läßt die Hosenbeine lose und trägst weiße Strümpfe und dazu bortierte Schuhe mit dicken Sohlen.“
 
Dann sagte er: „Der Name Fang-guan gefällt mir nicht, du mußt einen männlichen Namen bekommen, das ist originell!“ Und er änderte ihren Namen in Hsiung-nu – „tapferer Sklave“.
 
Fang-guan war damit sehr zufrieden. „Dann mußt du mich aber auch mitnehmen, wenn du ausreitest“, verlangte sie. „Und wenn jemand fragt, wer ich bin, sagst du, ich sei einer deiner Knaben, wie Ming-yän.“
 
„Aber man sieht dir doch an, was du bist“, wandte Bau-yü lächelnd ein.
 
„Also du bist aber auch wirklich einfallslos“, sagte Fang-guan und lächelte ebenfalls. „Es leben doch genug Angehörige von Reiterstämmen mit ihren Familien hier bei uns. Du sagst einfach, ich sei einer von ihnen. Zumal alle sagen, ich sähe hübsch aus, wenn ich mir Zöpfe flechte. Ist das nicht eine gute Idee?“
 
„Das ist sogar ausgezeichnet!“ lobte Bau-yü hocherfreut. „Ich habe auch schon oft gesehen, daß Beamte ausländische Kriegsgefangene in ihrem Gefolge haben. Sie sind geschätzt, weil sie Wind und Frost nicht fürchten und gute Reiter sind. Aber dann mußt du auch einen enstprechenden Namen haben. Ich werde dich Yä-lü Hsiung-nu0 nennen. Hsiung-nu klingt überhaupt genauso wie der Stammesname der Hsiung-nu, der Hunnen. Auch die Tjüan-jung-Barbaren trugen solche Namen.
 
Diese beiden Stämme waren schon zu Zeiten von Yau und Schun0 eine Bedrohung für China, besonders unter der Djin- und der Tang-Dynastie hat unser Land schwer unter ihnen gelitten. Wir dagegen sind so glücklich, in der Zeit des heute regierenden Kaisers zu leben, der ein direkter Nachfahre des Großen Schun ist. Seine Tüchtigkeit, Tugend, Menschlichkeit und Sohnesliebe erstrahlen bis zum Himmel, und seine Herrschaft ist unvergänglich wie Himmel und Erde, Sonne und Mond.
 
Deshalb braucht man heute nicht mit Schild und Lanze gegen die Bösewichter zu ziehen, die sich unter so vielen Dynastien aufrührerisch und zügellos gebärdet haben, sie kommen vielmehr auf Geheiß des Himmels mit erhobenen Händen und gesenktem Kopf aus der Ferne herbei, um sich zu unterwerfen. Es ist nur zu richtig, sie zu demütigen, um den Ruhm unseres Herrschers zu mehren.“
 
„Da solltest du dich im Bogenschießen und Reiten üben und ein wenig die Kriegskunst studieren, um dann mutig auszuziehen und ein paar Aufrührer zu fangen“, hielt ihm Fang-guan lächelnd entgegen. „Könntest du damit nicht deine Untertanentreue und deine Einsatzbereitschaft unter Beweis stellen? Warum mußt du dich statt dessen unserer bedienen und dabei großartig den Mund aufreißen, obwohl es nur Spiel und Belustigung für dich ist, wenn du auch sagst, du wolltest damit die Verdienste und die Tugenden des Herrschers preisen?“
 
„Du verstehst das eben nicht“, belehrte Bau-yü sie lächelnd. „Heute sind die Anwohner der Vier Meere gehorsam, und in allen acht Richtungen herrscht Frieden, für Jahrhunderte und Jahrtausende können die Waffen schweigen. Deshalb müssen wir den Herrscher preisen, auch wenn es nur bei Scherz und Spiel ist, um so zu zeigen, daß wir es zu würdigen wissen, wenn wir den Frieden billig genießen dürfen.“
 
Fang-guan fand es vernünftig, was er gesagt hatte, und da sie es beide für richtig und angemessen hielten, nannte Bau-yü sie nun Yä-lü Hsiung-nu. Dabei gab es in den beiden Anwesen der Djias wirklich Leute, die seinerzeit von Bau-yüs Vorfahren in Gefangenschaft genommen und ihnen deshalb als Sklaven geschenkt worden waren. Aber sie wurden nur als Pferdeknechte gebraucht, weiter waren sie zu nichts nütze.
 
Als Hsiang-yün, die selbst eine starke Vorliebe für törichte Spiele hatte und sich gern militärisch herausstaffierte, indem sie einen Phönixgürtel anlegte und umgeschlagene Manschetten trug, jetzt sah, wie Fang-guan von Bau-yü als Junge gekleidet wurde, zog sie ihre Kuee-guan ebenfalls wie einen Sklavenjungen an. Da Kuee-guan ihr Haar ohnehin kurz getragen hatte, weil sie so während ihrer Schauspielerzeit leichter Maske machen konnte, und überdies sehr behende war, fiel die Verwandlung nicht schwer.
 
Selbst Li Wan und Tan-tschun fanden Gefallen an der Sache und veranlaßten Bau-tjin, daß sie aus ihrer Dou-guan ebenfalls einen Knaben machte. Mit zwei Haarknoten auf dem Kopf, in einer kurzen Jacke und mit roten Schuhen fehlte ihr nur die Schminke im Gesicht, um wie ein Dienerknabe auf der Bühne auszusehen, der seinem Herrn die Zither nachträgt.
 
Kuee-guans Namen änderte Hsiang-yün in Da-ying – „großer Held“ –, und da ihr Familienname Wee lautete, gab sie sich mit keiner anderen Anrede als Wee Da-ying – „Nur ein großer Held“ – für sie zufrieden, wobei sie an die Zeile dachte:
 
„Nur ein großer Held vermag der eignen Farbe treu zu bleiben.“
 
Muß man denn zu Schminke und Puder greifen, um als Mann zu gelten? wollte sie damit sagen.
 
Dou-guan trug ihren Namen, weil sie nach Wuchs und Jahren noch sehr klein und dabei quicklebendig war. Im Garten wurde sie A-dou oder Miau-dou-dsï – „die niedliche Erbse“ – gerufen. Da Bau-tjin fand, solche Namen wie Tjin-tung – „Zitherknabe“ – und Schu-tung – „Bücherknabe“ – seien zu geläufig, Dou – „Erbse“ – dagegen sei etwas Originelles, änderte sie den Namen in Dou-tung – „Erbsenknabe“.
 
Nach dem Essen gab Ping-örl ihr Dankgelage, und da es ihr im Garten der Roten Düfte zu heiß war, hatte sie in der Halle im Ulmenschatten die Tische decken lassen. Zur allgemeinen Freude brachte Frau You die beiden Nebenfrauen Pee-fëng und Hsiä-yüan mit, um sie am Vergnügen teilhaben zu lassen. Beide waren sie jung und lieblich-unbekümmert und kamen nur selten ins Jung-guo-Anwesen herüber.
 
Als sie heute in den Garten kamen und hier mit Hsiang-yün, Hsiang-ling, Fang-guan, Juee-guan und all den anderen zusammentrafen, konnte man wirklich sagen „Gleich und gleich gesellt sich gern.“ Da war des Lachens und Schwatzens kein Ende, und anstatt sich um Frau You zu kümmern, überließen sie dies den Sklavenmädchen, während sie selbst sich mit den anderen die Zeit vertrieben.
 
Als sie dabei auch in den Hof der Freude am Roten kamen, hörten sie, wie Bau-yü nach Yä-lü Hsiung-nu rief. Darüber brachen Pee-fëng, Hsiä-yüan und Hsiang-ling in Lachen aus, fragten, was das für eine Sprache sei, und versuchten anschließend, den Namen nachzusprechen. Aber mal verhedderten sie sich dabei, mal vergaßen sie eine Silbe davon, und das trieben sie so lange, bis sie schließlich Yä-lü-dsï – „Wildesel“ – daraus gemacht hatten, worüber sich jedermann, der es hörte, vor Lachen ausschütten wollte.
 
Als Bau-yü sah, wie alle ihren Scherz damit trieben, befürchtete er, Fang-guan würde sich dadurch erniedrigt fühlen, deshalb sagte er rasch: „Wie ich gehört habe, gibt es westlich des Ozeans,  in Frankreich,  ein Glas mit gol-
 
  
Pee-fëng . Aus: Gai Qi 1879.
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Unterdessen war Schatzjades Geburtstag herangekommen. Es stellte sich heraus, dass auch Kostbarzither Schnee an diesem selben Tag Geburtstag hatte beide teilten das gleiche Datum. Da Dame König nicht zu Hause war, feierte man nicht so festlich wie in früheren Jahren. Nur der daoistische Meister Zhang schickte vier Geschenke und tauschte das Namensamulett <ref>Ein Brauch, bei dem der Meister als „Adoptivvater" des Kindes ein schützendes Amulett überreicht</ref>; aus einigen Mönchsklöstern und Nonnenkonventen kamen Opferspitzen, Bilder des Gottes der Langlebigkeit, Memorialtafeln und ein neues Schutzschloss des Geburtssterns für das laufende Jahr. Die Geschichtenerzählerinnen, die regelmäßig ins Haus kamen, gratulierten zum Geburtstag. Aus dem Hause Fliederranke König <ref>Dame Königs Bruder, ein hoher Beamter</ref> kam wie immer ein Satz Kleidung, ein Paar Schuhe mit Strümpfen, hundert Langlebigkeitspfirsiche und hundert Bündel feiner silberfädiger Nudeln. Von Tante Schnee [薛姨妈] kam etwas weniger. Von den übrigen Hausbewohnern schickte Dame Sonders wie stets ein Paar Schuhe mit Strümpfen; Phönixglanz [熙凤] schenkte einen in Palastmanier gearbeiteten vierseitigen Harmonie-Beutel mit einem goldenen Langlebigkeitsgott darin und einem persischen Spielzeug. In alle Tempel wurden Leute geschickt, um Almosen zu verteilen. Für Kostbarzither Schnee gab es noch eigene Geschenke, die hier nicht alle aufgezählt werden können. Unter den Schwestern schenkte man sich ganz ungezwungen — die eine gab einen Fächer, eine andere ein Schriftzeichen, wieder eine ein Bild oder ein Gedicht — alles nur, um dem Anlass Genüge zu tun.
goldenen Sternchen darin.  Dieses Goldsternglas  wird in der einheimischen Barbarensprache Venturina0 genannt. Was meinst du, wollen wir daraus einen Vergleich ableiten und dich in Venturina umbenennen?“
 
„Einverstanden!“ sagte Fang-guan, der dies noch besser gefiel, und damit war ihr Name erneut geändert. Die anderen aber, denen das Wort zu zungenbrecherisch war, übersetzten es sich ins Chinesische und nannten sie Bo-li – „Glas“.
 
Doch genug jetzt der müßigen Worte, besser sollte davon erzählt werden, wie man sich in der Halle im Ulmenschatten bei dem, was sich ein Weingelage nennt, vergnügte. Eine Geschichtenerzählerin mußte die Trommel schlagen, und die zwanzig Tischgäste ließen dabei eine Päonienblüte von Hand zu Hand gehen, die Ping-örl gepflückt hatte. Das war ihr Trinkspiel.
 
Als sie sich damit einige Zeit unterhalten hatten, wurde gemeldet: „Es sind zwei Frauen aus dem Hause der Dschëns mit Geschenken da.“
 
Während Tan-tschun mit Li Wan und Frau You in die „Palaverhalle“ ging, um die Botinnen zu empfangen, verließ der Rest der Gesellschaft die Tafel, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Pee-fëng und Hsiä-yüan wollten auf der Schaukel schwingen, und Bau-yü erbot sich: „Stellt euch beide darauf, ich schiebe euch an!“
 
„Nicht doch!“ lehnte Pee-fëng erschrocken ab, „willst du uns Ärger bereiten? Sag lieber deinem Wildesel, sie soll uns anschieben!“
 
„Laß doch bitte diesen Scherz, liebe Schwester!“ bat Bau-yü sofort. „Wenn die andern das hören, werden sie es euch nachmachen und ihren Schimpf mit ihr treiben.
 
Hsiä-yüan aber warnte: „Wie willst du schaukeln, wenn du so lachst? Wenn du herunterfällst, zerbrichst du, und das Eigelb läuft aus!“
 
Nun ging Pee-fëng auf sie los, um sie zu schlagen, und der Spaß und das Lachen wollten nicht enden. Plötzlich aber stürzten Hals über Kopf ein paar Leute aus dem Ning-guo-Anwesen herbei und meldeten: „Der alte gnädige Herr ist in den Himmel eingegangen.“
 
Alle fuhren erschrocken zusammen und fragten bestürzt: „Wie kann er plötzlich tot sein, wo er doch eben noch gesund war?“
 
„Der alte gnädige Herr hat Tag für Tag Elixiere gebraut, seine Bemü­hun­gen werden sicher Erfolg gehabt haben, so daß er ist unter die Un­sterblichen entrückt ist“, antworteten die Leute vom Gesinde.
 
Als Frau You die Nachricht erfuhr, geriet sie unwillkürlich in Verwirrung, waren doch weder Djia Dschën und ihr Sohn noch Djia Liän zu Hause, so daß vorübergehend kein einziger Mann da war, auf den sie sich hätte stützen können. Deshalb konnte sie nichts anderes tun, als rasch ihren Schmuck abzulegen und sofort jemanden ins Kloster der Dunklen Wahrheit zu schicken, um dort alle Mönche einzusperren, bis ihr Mann wieder da war, um sie zu verhören. Dann bestieg sie eilig einen Wagen und begab sich mit Lai Schëngs Frau und anderen alten Verwalterinnen vor die Stadt.
 
Zugleich ließ sie Ärzte kommen, um feststellen zu lassen, woran Djia Djing gestorben war. Aber wie sollten sie eine Pulsdiagnose stellen, wenn der Patient schon tot war?! Sie wußten jedoch, daß die Atemübungen, die er getrieben hatte, Unfug waren, und daß er in seinem Irrglauben so weit gegangen war, die Sterne anzubeten, Nachtwachen zu halten und Zinnoberpräparate einzunehmen, was seinen Körper und seinen Geist überanstrengen und endlich zum Tode führen mußte. Obwohl er tot war, fühlte sich seine Bauchdecke hart wie Eisen an, sein Gesicht aber, und besonders die Lippen, waren von rotvioletter Färbung, gekräuselt und gesprungen. Also verkündeten sie den Verwalterfrauen: „Er ist gestorben, weil er sich mit seinen dauistischen Wunderdrogen die Eingeweide verbrannt hat.“
 
Hastig berichteten auch die Dauisten: „Der gnädige Herr hat sich mit einem Elixier umgebracht, das er nach einem Geheimrezept neu zusammengestellt hatte. Wir warnten ihn davor, es einzunehmen, solange er nicht durch Taten und Tugend zur Genüge darauf vorbereitet sei, wider Erwarten hat er jedoch heute nacht heimlich davon genommen, während er seine Nachtwache hielt, und ist unter die Unsterblichen aufgestiegen. Wahrscheinlich hat er auf Grund seiner aufrichtigen Ergebenheit den rechten Weg erlangt und ist so dem Meer des Kummers entronnen, hat seine irdische Hülle abgestreift und kann jetzt selbst über sich gebieten.“
 
Frau You ging nicht darauf ein und befahl, man solle die Mönche so lange hinter Schloß und Riegel halten, bis Djia Dschën sie wieder freilassen würde. Dann schickte sie Eilboten mit der Nachricht auf den Weg.
 
Da es im Kloster der Dunklen Wahrheit zu eng war, um den Toten aufzubahren, und der Leichnam genausowenig in die Stadt gebracht werden konnte, ließ sie ihn eiligst einkleiden und dann in einer Sänfte in das Kloster Eiserne Schwelle tragen, um ihn dort aufzubahren. An den Fingern zählte sie ab, daß es bis zur Rückkehr von Djia Dschën mindestens einen halben Monat dauern würde, und da das Wetter schon sengend heiß war, so daß man unmöglich so lange warten konnte, traf sie von sich aus die Entscheidung, durch einen Astrologen einen Tag auswählen zu lassen, um den Toten einzusargen.
 
Der Sarg war schon seit Jahren vorbereitet gewesen und hatte im Kloster Eiserne Schwelle bereitgestanden, was sich als sehr praktisch erwies. Drei Tage später sollte die Trauerzeit beginnen. Gleichzeitig ließ sie, während noch auf Djia Dschën gewartet wurde, durch buddhistische und dauistische Mönche die Totenmessen lesen.
 
Im Jung-guo-Anwesen konnte Hsi-fëng ihre Räume nicht verlassen, Li Wan mußte sich um die Mädchen kümmern, und Bau-yü hatte von praktischen Dingen keine Ahnung. So mußten alle Angelegenheiten der äußeren Haushaltsführung vorübergehend zweitrangigen Verwaltern übertragen werden. Auch Djia Biän, Djia Guang, Djia Hung, Djia Ying, Djia Tschang und Djia Ling bekamen jeder seine Aufgaben. Da Frau You nicht nach Hause zurückkehren konnte, ließ sie ihre Stiefmutter holen und bat sie, einstweilen im Ning-guo-Anwesen dem Haushalt vorzustehen. Die Stiefmutter aber gab sich erst zufrieden, als sie auch ihre beiden unverheirateten Töchter mitbringen durfte.
 
Als Djia Dschën die Trauerbotschaft empfangen hatte, bat er sofort um Urlaub, denn er sowohl wie Djia Jung hatten jeder sein Amt. Nun wußten die Beamten des Zeremonialministeriums zwar, welch große Bedeutung der regierende Kaiser den Prinzipien der Kindes- und der Bruderliebe beimaß, aber sie wagten nicht, eine eigenmächtige Entscheidung zu treffen, und baten deshalb in einem Thronbericht um Befehle.
 
Der Himmelssohn in seiner unübertroffenen Menschlichkeit und Sohnesliebe, der die Nachkommen verdienter Beamter stets mit größter Wertschätzung bedachte, erkundigte sich nach der Lektüre des Thronberichts sogleich, welchen Posten Djia Djing bekleidet habe. Das Zeremonialministerium antwortete, Djia Djing habe die Staatsprüfungen als Djin-schï bestanden, der Titel seiner Vorfahren aber sei bereits seinem Sohn Djia Dschën übertragen worden. Auf Grund seines fortgeschrittenen Alters und seiner zahlreichen Gebrechen habe sich Djia Djing außerhalb der Hauptstadt im Kloster der Dunklen Wahrheit der Ruhe hingegeben, wo er jetzt einer Krankheit erlegen sei. Sein Sohn Dschën und sein Enkel Jung befänden sich im Trauerzug anläßlich des Staatsbegräbnisses und bäten jetzt um Urlaub, um an Djia Djings Sarg eilen zu können.
 
Gleich nachdem er dies erfahren hatte, ließ der Himmelssohn ein außerordentliches Gnadendekret ergehen, in dem es hieß: „Obschon Djia Djing kein Amt bekleidete und somit vor dem Staat keinerlei Verdienste hat, wird er in Ansehung der Meriten seines Großvaters postum mit der fünften Rangklasse ausgezeichnet. Sein Sohn und sein Enkel sollen seinen Sarg durch das untere Nordtor in die Hauptstadt geleiten, um den Toten in ihrem Privatanwesen aufzubahren. Nach Abschluß des Trauerzeremoniells sollen sie den Sarg in den Heimatort der Familie überführen. Das Amt für Opfergaben, Speisen und Bankette soll das Opfer für höhere Staatsbeamte gewähren. Jedem am Hof, vom Prinzen und Herzog an abwärts, ist es gestattet zu kondolieren. Dies ist Unser kaiserlicher Wille.“
 
Dieses Dekret rief nicht nur bei den Djias größte Dankbarkeit hervor, auch die Hofbeamten zollten dem Herrscher nicht enden wollendes höchstes Lob.
 
Djia Dschën und sein Sohn kehrten dann in größter Eile in die Hauptstadt zurück. Dabei trafen sie auf halbem Wege mit Djia Biän und Djia Guang zusammen, die ihnen in Begleitung einiger Knechte pfeilschnell entgegengeritten kamen. Als sie Djia Dschëns ansichtig wurden, ließen sie sich vom Pferd gleiten und entboten ihren Gruß. Sofort fragte Djia Dschën, was sie hier machten.
 
„Die Schwägerin hatte Angst, die alte gnädige Frau würde ohne Begleitung sein, wenn Ihr zurückkommt, darum hat sie uns beide geschickt, um der alten gnädigen Frau das Geleit zu geben“, berichtete Djia Biän.
 
Djia Dschën lobte diese Entscheidung, dann fragte er, welche Schritte zu Hause unternommen worden seien. Also schilderte Djia Biän, wie Frau You die dauistischen Mönche eingesperrt hatte, wie sie den Leichnam in den Familientempel überführen ließ und wie sie, weil nun niemand mehr im Hause war, ihre Stiefmutter mit deren Töchtern in den Haupträumen einquartierte.
 
Als Djia Jung, der ebenfalls aus dem Sattel gestiegen war, hörte, seine beiden Stieftanten seien im Hause, warf er Djia Dschën einen lächelnden Blick zu. Djia Dschën aber sagte nur mehrmals: „Es ist gut so!“ Dann gab er seinem Pferd die Peitsche und ritt weiter.
 
Ohne in Gasthäusern einzukehren, zogen sie, ständig die Pferde wechselnd, Tag und Nacht wie im Flug weiter. Nachdem sie endlich vor den Toren der Hauptstadt waren, eilten sie als erstes zum Kloster Eiserne Schwelle, wo sie nicht früher als in der vierten Nachtwache ankamen. Als die Wächter sie hörten, weckten sie rasch alle anderen. Inzwischen war Djia Dschën vom Pferd gestiegen und hatte mit Djia Jung zusammen laut zu jammern begonnen. Auf den Knien rutschten sie vom Tempeltor bis vor den Sarg, wo sie mit der Stirn den Boden berührten und blutige Tränen weinten. So gebärdeten sie sich, bis es hell wurde und ihre Kehlen heiser waren.
 
Nachdem sie von Frau You und den anderen begrüßt worden waren, zogen Vater und Sohn die Trauergewänder an, die das Ritual vorschreibt, und warfen sich noch einmal vor dem Sarg auf die Erde. Da aber noch vieles zu regeln war, konnte Djia Dschën nicht einfach Augen und Ohren dagegen verschließen und mußte notgedrungen seinen Kummer etwas zurückdrängen, um allen seine Anweisungen zu erteilen. Zuerst verkündete er den Verwandten und Freunden den Inhalt des kaiserlichen Dekrets, dann schickte er Djia Jung nach Hause, um ihn dort die Vorbereitungen für die Aufbahrung des Toten treffen zu lassen.
 
Danach bedurfte es keines weiteren Wortes, damit Djia Jung sich aufs Pferd schwang und flugs nach Hause ritt. Hier befahl er zunächst, man solle Tische und Stühle aus der vorderen Halle räumen, die Holzblenden entfernen und Trauervorhänge aufhängen, vor dem Tor einen offenen Stand für die Trommler sowie einen Ehrenbogen errichten und so weiter, dann eilte er in die inneren Gemächer, um seine Stiefgroßmutter und die beiden Stieftanten zu begrüßen.
 
Nun war die alte Frau You schon ziemlich bei Jahren und schlief deshalb gern und oft. So auch jetzt, als ihre beiden Töchter mit den Sklavenmädchen bei einer Handarbeit saßen.
 
Als die beiden Schwestern You ihren Stiefneffen hereinkommen sahen, sprachen sie ihm artig ihr Bedauern über den Kummer aus, den er hatte. Djia Jung aber wandte sich lachend an die zweite Schwester You und sagte: „Da bist du ja, Tante! Mein Vater hat schon Sehnsucht nach dir.“ 
 
Errötend schimpfte die zweite Schwester You: „Wenn ich dich Bengel nicht alle paar Tage einmal schelte, scheinst du dich nicht wohl zu fühlen. Der Anstand geht dir immer mehr verloren. Dabei bist du ein junger Herr aus guter Familie, liest Tag für Tag Bücher und studierst das Ritual. Aber ein Lümmel aus einfacher Familie benimmt sich besser als du.“ Mit diesen Worten griff sie nach einem Bügeleisen, hielt Djia Jungs Kopf fest und machte Anstalten, ihn zu schlagen.
 
Schützend legte Djia Jung die Arme um den Kopf, ließ sich an die Brust der zweiten Schwester You fallen und bat um Gnade. Nun trat die dritte Schwester You näher, um ihm den Mund zu zerreißen, und sagte dabei: „Warte nur! Wenn deine Mutter wieder zu Hause ist, werden wir ihr alles erzählen!“
 
 
  
Die zweite Schwester You. Aus: Wang Xilian 1832.
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An diesem Tag stand Schatzjade früh auf, wusch und kämmte sich, legte Kappe und Gürtel an und ging in den Vorderen Saal, wo Li Gui und vier, fünf andere bereits Räucherwerk und Kerzen für Himmel und Erde aufgestellt hatten. Schatzjade entzündete den Weihrauch. Nach Vollzug der Zeremonie, dem Teetrankopfer und dem Verbrennen der Papiergaben begab er sich in den Ahnentempel und die Ahnenhalle des Ningfu <ref>das östliche Palais der Kaufmann-Familie</ref>, vollzog dort die Riten, trat auf die Mondterrasse hinaus und verbeugte sich in der Ferne vor der Alten Herrin, Aufrecht Kaufmann, Dame König und den anderen. Dann ging er der Reihe nach zu Dame Sonderss Obergemächern, vollzog die Riten, saß ein Weilchen und kehrte ins Rongfu zurück. Zuerst besuchte er Tante Schnee, die ihn dringlich festhielt; dann traf er Xue Ke, dem er ebenfalls seine Aufwartung machte, bevor er endlich in den Garten trat. Heitermuster [晴雯] und Moschusmond [麝月] folgten ihm, ein kleines Mädchen trug die Filzunterlage. Von Seidenweiß Pflaumes Gemach angefangen, besuchte er der Reihe nach alle Älteren. Dann ging er wieder aus dem Zweiten Tor hinaus und machte bei seinen vier Ammen — Li, Zhao, Zhang und Wang — seine Aufwartung, bevor er zurückkehrte. Obwohl alle ihm den Kowtow erweisen wollten, nahm er ihn nicht an. Zurück im Zimmer, kamen Dufthauch [袭人] und die anderen nur, um ihm ein Wort des Glückwunsches zu sagen. Dame König hatte nämlich verfügt, dass junge Leute keine Ehrerbietungen entgegennehmen sollten, da dies das Glück und die Lebenskraft mindere — daher kniete niemand nieder.
Rasch kniete Djia Jung mit lächelnder Miene auf dem Ofenbett nieder und bat erneut um Vergebung. Als die beiden Schwestern darüber lachten, versuchte Djia Jung, der zweiten Schwester You etwas von den Kardamomsamen wegzunehmen, die sie in der Hand hielt, doch sie spuckte ihm einen Mundvoll ausgekauter Kerne mitten ins Gesicht. Er aber, nicht faul, leckte alles mit der Zunge ab und aß es auf.
 
Nun war es selbst den Sklavenmädchen zuviel, und lächelnd hielt eine von ihnen ihm vor:  „Ihr  seid in tiefer Trauer,  dort  schläft  Eure Großmutter, und die beiden sind schließlich und endlich, auch wenn sie jung sind, Eure Tanten. Schämt Ihr Euch denn gar nicht bei dem Gedanken an Eure Mutter? Wenn der gnädige Herr wieder zu Hause ist, werden wir ihm alles erzählen, und dann geht es Euch schlecht!“
 
Rasch ließ Djia Jung von den Schwestern You ab, umhalste das Sklavenmädchen, küßte es auf den Mund und sagte: „Du hast ja so recht, mein Herz, meine Leber! Komm, wir wollen den beiden den Mund wäßrig machen!“
 
Sofort stieß ihn das Sklavenmädchen zurück und schimpfte wütend: „Kurzlebiger Teufel Ihr! Habt Ihr nicht Eure Frau und Eure eigenen Mägde, daß Ihr mit uns Euren Unfug treiben müßt? Wer Bescheid weiß, wird sagen, es ist nur Spaß, aber unter denen, die nicht Bescheid wissen, gibt es Leute genug, die ein schmutziges Herz und faulige Lungen haben und die ihre Nase in alles hineinstecken müssen, um dann müßig die Zunge zu wetzen. Durch deren Geschwätz ist drüben im andern Anwesen schon jedermann der Meinung, bei uns herrschten lose Sitten.“
 
„Soll nur jeder hübsch vor der eigenen Tür kehren, dann hat er genug zu tun!“ erwiderte Djia Jung lächelnd. „Und hat man nicht sogar die Han- und die Tang-Dynastie „die dreckige Tang und die stinkende Han“ genannt? Warum soll man ausgerechnet uns ungehudelt lassen? Welche Familie hat denn nicht ihre Affären? Wollt ihr mich drängen, davon zu erzählen? So streng auch der alte gnädige Herr drüben ist, an seine jungen Nebenfrauen hat sich Onkel Liän trotzdem herangemacht, und so standhaft Onkel Liäns Frau auch ist, wollte Onkel Juee trotzdem mit ihr ins Bett. Mir kann man nichts vormachen.
 
Während er so seinem Mundwerk freien Lauf ließ und allen erdenklichen Unsinn von sich gab, sah er, daß die alte Frau You aus dem Schlaf erwachte. Also entbot er ihr seinen Gruß und fragte nach ihrem Befinden. Dann sagte er: „Es ist lieb von Euch, alte Ahne, daß Ihr Euch diese Mühe macht, und es ist lieb von den beiden Tanten, daß sie diese Last auf sich nehmen! Mein Vater und ich, wir sind Euch zu unendlichem Dank verpflichtet. Wenn die Sache erst vorüber ist, werden wir mit der ganzen Familie zu Euch ins Haus kommen und unsern Stirnaufschlag vor Euch machen.“
 
Die alte Frau You nickte und sagte: „Was redest du da, mein Junge? Unter Verwandten muß das schon sein!“ Dann fragte sie: „Wie geht es deinem Vater? Wann habt ihr die Nachricht erhalten, und wann seid ihr zurückgekommen?“
 
„Wir sind eben erst angekommen“, behauptete Djia Jung lächelnd. „Vater hat mich als erstes hergeschickt, um nach Euch zu sehen und Euch zu bitten, unbedingt so lange hierzubleiben, bis alles erledigt ist.“ Dabei warf er der zweiten Schwester You einen heimlichen Blick zu.
 
Lächelnd murmelte die zweite Schwester You durch die Zähne: „Du glattzüngiger kleiner Affe! Meinst du, wir bleiben hier, um deinen Vater zu bemuttern?“
 
„Keine Bange!“ sagte Djia Jung im Scherz, „mein Vater macht sich Tag für Tag Gedanken um die beiden Tanten, weil er zwei hübsche, junge, reiche und wohlerzogene Männer für sie finden möchte. All die Jahre hat er vergeblich gesucht, und jetzt auf dem Rückweg hat er einen gefunden.
 
„Aus welcher Familie stammt er?“ erkundigte sich die alte Frau You sofort, die ihm ohne weiteres glaubte.
 
Die beiden Schwestern aber legten ihre Handarbeiten beiseite, gingen lächelnd auf Djia Jung los, um ihn zu schlagen, und sagten dabei: „Glaubt nicht diesem Lügner, Mutter! Der Donner soll ihn erschlagen!“
 
Auch die Sklavenmädchen bekräftigten: „Der Himmel hat Augen! Nehmt Euch vor dem Donner in acht!“
 
Im selben Augenblick kamen Leute, um zu melden: „Es ist alles fertig, junger Herr! Kommt heraus und seht es Euch an, damit Ihr dem gnädigen Herrn darüber berichten könnt.
 
Lachend folgte ihnen Djia Jung nach draußen.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
 
64. Ein zurückhaltendes Mädchen schreibt bekümmert Verse über fünf Schönheiten,
 
ein ausschweifender Mann opfert begeistert seinen Anhänger mit neun Drachen.
 
  
Als Djia Jung sah, daß alles vorbereitet war, ritt er schnellstens ins Kloster zurück, um Djia Dschën davon Meldung zu machen, und noch in derselben Nacht wurden für alles die Verantwortlichen eingeteilt, wurde auch die Trauerfahne und was sonst an Insignien notwendig war zurechtgemacht. Die erste morgendliche Doppelstunde am vierten wurde ausgewählt, um den Sarg mit dem Toten in die Stadt überzuführen, und Boten wurden ausgeschickt, um alle Verwandten und Freunde davon zu unterrichten.
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Nach einer Weile kamen Unheil Kaufmann, Orchidee Kaufmann und andere. Dufthauch hielt sie eilig zurück, sie setzten sich kurz hin und gingen dann. Schatzjade sagte lachend, er sei müde vom vielen Herumgehen, und ließ sich aufs Bett sinken. Er hatte erst eine halbe Tasse Tee getrunken, als von draußen lautes Geschnatter und Gelächter einer ganzen Schar Mädchen zu hören war, die hereinkam: Es waren Cuimo, Xiaoluo, Cuilu, Ruhua, Zhuan'er — Xing Höhlennebel Strafes Zofe —, die Amme mit der kleinen Pfiffigmädchen auf dem Arm, Cailuan, Xiuluan — acht oder neun Personen insgesamt, alle mit roten Filzdecken in den Armen, lachend. Sie riefen: „Die Geburtstagsgratulanten haben schon die Tür eingerannt — schnell bringt uns Nudeln zu essen!" Gerade als sie hereinkamen, erschienen auch Erkundefrühling, Xiangfluss-Wolke, Kostbarzither Schnee, Höhlennebel Strafe und Bedauerfrühling [惜春]. Schatzjade eilte ihnen lachend entgegen: „Ich wage es kaum, euch zu bemühen — schnell bereitet guten Tee!" Im Zimmer gab es das übliche höfliche Hin und Her, dann nahm jeder Platz. Dufthauch und die anderen brachten Tee; man hatte gerade den ersten Schluck genommen, da kam auch Friedchen, herausgeputzt wie eine blühende Blume. Schatzjade eilte ihr entgegen und lachte: „Ich war vorhin an Schwester Fengs Tür; man sagte mir, sie sei drinnen, und ich konnte sie nicht sehen. Ich habe dann jemanden hineingeschickt, um Schwester einzuladen." Friedchen lachte: „Ich war gerade dabei, deiner Schwester beim Frisieren zu helfen und konnte nicht herauskommen. Als ich dann hörte, dass du mich auch eingeladen hattest, fühlte ich mich dessen nicht würdig und bin eigens hergekommen, um dir den Kowtow zu machen." Schatzjade lachte: „Ich bin dessen auch nicht würdig." Dufthauch hatte im Vorzimmer bereits einen Sitz vorbereitet und lud sie ein. Friedchen machte einen Knicks; Schatzjade verbeugte sich unablässig. Friedchen kniete nieder; Schatzjade kniete ebenfalls eilig nieder; Dufthauch half ihnen schnell auf. Friedchen machte noch einen Knicks; Schatzjade erwiderte mit einer Verbeugung. Dufthauch schob Schatzjade lachend an: „Mach noch eine Verbeugung!" Schatzjade sagte: „Es ist doch schon vorbei — warum noch eine Verbeugung?" Dufthauch lachte: „Das war ihre Geburtstagsgratulation für dich. Heute ist aber auch ihr Geburtstag, also solltest auch du ihr gratulieren." Als Schatzjade das hörte, freute er sich und verbeugte sich eilig: „Ach, heute ist ja auch Schwesterchens Geburtstag!" Friedchen erwiderte unablässig mit Knicksen. Xiangfluss-Wolke zog Kostbarzither Schnee und Höhlennebel Strafe heran und sagte: „Ihr vier solltet euch gegenseitig gratulieren — den ganzen Tag lang!" Erkundefrühling fragte eilig: „Ach, Schwester Xing hat auch heute? Das hatte ich ganz vergessen!" Sie befahl hastig ihrem Mädchen: „Geh zur Zweiten Herrin und sag ihr, sie solle schnell noch ein Geschenk nachholen, dasselbe wie für Fräulein Qin, und es zum Zimmer des Zweiten Fräuleins bringen lassen." Das Mädchen ging. Höhlennebel Strafe, da Xiangfluss-Wolke es geradeheraus gesagt hatte, musste nun wohl oder übel in den verschiedenen Gemächern ihre Aufwartung machen.
Als der Tag gekommen war, waren die Trauerriten besonders prächtig, und die Gäste sammelten sich zahlreich wie Wolken. Die Schaulustigen, die den Weg vom Kloster Eiserne Schwelle bis zum Ning-guo-Anwesen säumten, zählten nach Zehntausenden. Die einen waren ganz Mitgefühl, die anderen ganz Bewunderung, und nur das Heer der Halbgebildeten sagte: „Die Begräbniszeremonien sollten eher schlicht als prunkvoll sein.“0 So hörte man den ganzen Weg über die vielfältigsten Kommentare.
 
Erst am Nachmittag langte der Trauerzug an. Der Sarg wurde in der Haupthalle aufgestellt, dann wurden Opfergaben dargebracht, und als die Totenklage beendet war, gingen die Verwandten und Freunde nach und nach fort. Zurück blieben nur die Sippenangehörigen, die sich um weitere Gäste kümmern und andere Aufgaben versehen sollten. Von der angeheirateten Verwandtschaft war als einziger der Bruder von Dame Hsing noch nicht wieder gegangen.
 
Djia Dschën und Djia Jung, gebunden durch die Trauerregeln, durften den Sarg weder tagsüber noch bei Nacht nicht verlassen, so hart sie das auch ankam. Doch wenn die Trauergäste gegangen waren, nutzten sie rasch die Gelegenheit, um sich mit Frau Yous Stiefschwestern abzugeben.
 
Auch Bau-yü begab sich Tag für Tag in Trauerkleidern ins Ning-guo-Anwesen hinüber und kehrte erst abends wieder in den Garten zurück, wenn alle Gäste fort waren. Hsi-fëng, die noch nicht wieder genesen war, konnte nicht ständig anwesend sein, aber wenn die Rituale vollzogen wurden oder wenn Verwandte und Freunde erschienen, um Opfer zu bringen, schleppte auch sie sich hinüber und half Frau You, mit allem fertig zu werden.
 
Eines Tages, als das Opfer gebracht und die Frühmahlzeit eingenommen war, legte sich Djia Dschën neben dem Sarg in seinen Kleidern schlafen, denn die Tage waren noch lang, und durch die Anstrengungen der letzten Zeit war er müde. Da keine Gäste kamen, begab sich Bau-yü in den Garten hinüber, um nach Dai-yü zu sehen. Vorher aber ging er in den Hof der Freude am Roten. Als er hier durch das Tor trat, fand er den Hof still und menschenleer, nur im Schatten des Wandelgangs hatten ein paar alte Sklavenfrauen und kleinere Sklavenmädchen Kühlung gesucht. Einige lagen da und schliefen, andere dösten im Sitzen vor sich hin. Bau-yü tat jedoch nichts, um sie zu stören.
 
Die einzige, die Bau-yü bemerkte, war Sï-örl, die rasch herantrat, um den Türvorhang für ihn aufzuschlagen. Aber als sie den Vorhang eben hochgehoben hatte, kam plötzlich Fang-guan lachend aus der Tür gestürzt und wäre beinahe mit Bau-yü zusammengeprallt. Kaum hatte sie ihn erkannt, blieb sie lächelnd stehen und fragte: „Wie kommst du auf einmal hierher?“ Dann bat sie: „Halt mir Tjing-wën vom Halse, sie will mich hauen!“
 
Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, prasselte drinnen etwas auf den Boden, dann kam Tjing-wën gelaufen und schimpfte: „Wohin läufst du, kleines Spitzbein? Hast du verloren, mußt du dich auch schlagen lassen. Jetzt möchte ich sehen, wer dir beisteht, wo Bau-yü nicht zu Hause ist!“
 
Lachend hielt Bau-yü sie auf und sagte: „Sie ist noch klein! Was sie dir getan hat, weiß ich nicht, aber vergib ihr um meinetwillen!“
 
Tjing-wën, die Bau-yü noch nicht zurück erwartet hatte, fühlte sich durch sein plötzliches Erscheinen unwillkürlich zum Lachen gereizt. „Fang-guan muß ein verwandelter Fuchsdämon0 sein!“ rief sie aus. „So schnell kann nicht einmal ein Talisman wirken, der Schutzgötter und Himmelsgeneräle zu beschwören vermag.“ Dann sagte sie zu Fang-guan: „Meinst du, ich hätte Angst, wenn du dir göttlichen Beistand verschaffst?“ Und schon riß sie sich los und griff nach Fang-guan, um sie zu packen, Fang-guan aber versteckte sich rasch hinter Bau-yüs Rücken.
 
Nun griff Bau-yü mit der einen Hand nach Tjing-wën, mit der anderen nach Fang-guan und führte sie so ins Haus. Dort stellte er fest, daß Schë-yüä, Tjiu-wën, Bi-hën und Dsï-hsiau auf dem westlichen Ofenbett saßen und mit Kürbiskernen Faustraten um Schläge auf die Hand gespielt hatten. Fang-guan hatte gegen Tjing-wën verloren, wollte sich aber nicht von ihr schlagen lassen und war deshalb hinausgelaufen. Um sie zu verfolgen, war Tjing-wën aufgesprungen und hatte dabei alle Kerne, die sie im Schoß hielt, auf den Boden geworfen.
 
Fröhlich sagte Bau-yü: „Endlos, wie der Tag ist, habe ich schon befürchtet, ihr könntet Langeweile haben, wenn ich nicht zu Hause bin, würdet euch nach dem Essen vielleicht schlafen legen und euch so eine Krankheit holen. Gut, daß ihr etwas gefunden habt, um euch amüsieren und die Zeit zu vertreiben!“ Dann vermißte er Hsi-jën und fragte: „Wo ist eure Schwester Hsi-jën?“
 
„Hsi-jën? Die wird immer mehr zur verknöcherten Denkerin“, erklärte Tjing-wën. „Sie sitzt mutterseelenallein im inneren Zimmer mit dem Gesicht zur Wand. Wir sind die ganze Zeit nicht hineingegangen und wissen nicht, was sie treibt. Es ist kein Laut von ihr zu hören. Schleich dich nur rasch hinein! Vielleicht ist schon die große Erleuchtung über sie gekommen.
 
Bau-yü lachte und ging wirklich hinein. Dort saß Hsi-jën auf dem Bett nahe am Fenster und hielt eine graue Netzhülle in den Händen, an der sie knüpfte. Als sie Bau-yü hereinkommen sah, stand sie rasch auf und sagte lächelnd: „Was lügt diese Tjing-wën da über mich zusammen? Ich habe es eilig, das Netz hier fertig zu knüpfen, deshalb hatte ich keine Zeit für ihre Albernheiten und habe gesagt: ,Spielt ihr nur! Ich will die Gelegenheit nutzen, daß der junge Herr nicht zu Hause ist, und mich solange drinnen still hinsetzen, um mich auszuruhen.‘ Sie aber redet diesen Unsinn zusammen und behauptet, ich säße mit dem Gesicht zur Wand und meditierte. Nachher werde ich ihr dafür den Mund zerreißen.“
 
Lächelnd setzte sich Bau-yü dicht neben Hsi-jën, sah sich ihre Knüpferei an und sagte: „An so einem langen Tag solltest du dich wirklich ausruhen oder dich mit den andern zusammen vergnügen. Sonst hättest du auch meine Kusine Lin besuchen können. Warum mußt du bei dieser Hitze noch etwas knüpfen? Wozu brauchst du das?“
 
„Ich habe gesehen, daß deine Fächerhülle noch dieselbe ist, die du damals bekamst, als drüben im andern Anwesen die Frau von Herrn Jung gestorben war“, erklärte ihm Hsi-jën. „Da man eine dunkle Fächerhülle nur braucht, wenn in der Familie oder bei Freunden in der Sommerszeit ein Trauerfall eintritt, was nicht öfter als ein- oder zweimal im Jahr vorkommt, lohnt es sich normalerweise nicht, so etwas anzufertigen.
 
Jetzt mußt du wegen des Todesfalls drüben im andern Anwesen jeden Tag hinüber und dabei die Fächerhülle tragen, darum mache ich dir schnell eine neue, als Ersatz für die alte. Du selbst hast zwar keinen Sinn für solche Sachen, aber wenn die alte gnädige Frau zurückkommt und dich so sieht, wird sie sagen, wir seien faul und kümmerten uns nicht einmal darum, was du anziehst und am Körper trägst.“
 
„Es ist lieb von dir, daß du daran gedacht hast“, versicherte Bau-yü, „aber du darfst dich nicht damit überanstrengen. Mit einem Hitzschlag ist nicht zu spaßen.“
 
Inzwischen brachte Fang-guan eine Schale mit Tee, der im Wasserbad gekühlt worden war. Wegen Bau-yüs zarter Konstitution wagte man nämlich selbst in den Sommermonaten nicht, Eis zu verwenden, und kühlte die Teekanne, indem man sie in eine Schüssel mit frischem Brunnenwasser stellte, das immer wieder erneuert wurde.
 
Bau-yü trank die Schale zur Hälfte aus, ohne sie Fang-guan abzunehmen, dann sagte er zu Hsi-jën: „Bevor ich herkam, habe ich Ming-yän befohlen, er solle mir sofort Bescheid geben, wenn drüben bei Vetter Dschën wichtige Gäste erscheinen. Wenn nichts Wesentliches ist, gehe ich nicht wieder hinüber.“ Mit diesen Worten ging er hinaus. An der Außentür drehte er sich noch einmal um und sagte zu Bi-hën und den anderen: „Wenn etwas Dringendes sein sollte, findet ihr mich bei Kusine Lin.“ Und er machte sich auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, um Dai-yü zu besuchen.
 
Eben ging Bau-yü über die Duftgetränkte Brücke, als er Hsüä-yän erblickte, die in Begleitung zweier alter Sklavinnen daherkam, die Wassernüsse, Lotoswurzeln, Melonen und andere Früchte trugen. Sofort erkundigte er sich: „Was will dein Fräulein damit? Sie hat sich doch aus solchen kalten Sachen nie viel gemacht. Will sie vielleicht eins von den anderen Fräulein oder eine der jungen Herrinnen einladen?
 
„Ich werde dir erzählen, was ich weiß“, kündigte Hsüä-yän lächelnd an, „aber du darfst dem Fräulein nichts davon sagen.“
 
Bau-yü versprach es ihr, indem er nickte, worauf Hsüä-yän den beiden Alten befahl: „Geht ihr schon voraus und übergebt die Früchte Schwester Dsï-djüan! Wenn sie nach mir fragt, sagt ihr, ich müsse noch etwas erledigen und käme gleich.“
 
Erst als die beiden jawohl gesagt hatten und gegangen waren, begann Hsüä-yän: „Unser Fräulein fühlt sich erst seit ein paar Tagen etwas wohler. Heute kam nach dem Essen Fräulein Tan-tschun zu ihr, um sie zu einem gemeinsamen Besuch bei der zweiten jungen Herrin aufzufordern. Sie ist aber nicht mitgegangen. Dann muß ihr etwas eingefallen sein, und sie hat eine Weile stumm vor sich hin gebrütet. Schließlich griff sie zum Pinsel und schrieb einiges nieder, womöglich Gedichte.  
 
Als sie mir befahl, die Früchte zu holen, hörte ich noch, wie sie zu Dsï-djüan sagte, sie solle den kleinen Zithertisch abräumen, der drinnen im Zimmer steht, und in die Mitte des Außenraums stellen. Und dann sollte sie den Weihrauchkessel mit dem Drachenmuster daraufstellen, damit er bereit sei, wenn ich mit den Früchten wiederkäme.
 
Aber wenn sie Besuch erwartete, würde sie doch keinen Weihrauchkessel aufstellen lassen. Räuchwerwerk brennt sie allenfalls dort ab, wo sie zu sitzen und zu schlafen pflegt, sonst stellt sie sich nur frische Blumen und Früchte wie etwa Zierquitten hin. Und ihre Kleider räuchert sie auch nicht gern.
 
  
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Erkundefrühling sagte lachend: „Es ist schon amüsant — zwölf Monate im Jahr, und jeden Monat gibt es mehrere Geburtstage. Bei so vielen Menschen kommt es zu solchen Zufällen: drei am selben Tag, zwei am selben Tag. Sogar der Neujahrstag wird nicht verschont — die älteste Schwester <ref>Urfrühling</ref> hat ihn für sich beansprucht. Kein Wunder, dass sie so großes Glück hat — ihr Geburtstag kommt allen zuvor. Es ist auch zugleich der Geburtstag des Urgroßvaters. Nach dem Laternenfest kommen die Alte Herrin und Schwester Bao <ref>Schatzspange [宝钗</ref>] — Mutter und Tochter treffen es zufällig. Am ersten des dritten Monats ist die Gnädige Frau dran, am neunten der Zweite Bruder Lian. Im zweiten Monat hat niemand Geburtstag." Dufthauch sagte: „Am zwölften des zweiten Monats ist Fräulein Lin — wie kann niemand sein? Nur ist sie eben nicht von unserem Haus." Erkundefrühling lachte: „Was ist nur mit meinem Gedächtnis!" Schatzjade zeigte lachend auf Dufthauch: „Sie und die Jüngere Schwester Lin haben am gleichen Tag Geburtstag, deshalb erinnert sie sich." Erkundefrühling lachte: „Ach so, ihr beiden habt am selben Tag! Jedes Jahr macht ihr uns nicht einmal einen einzigen Kowtow. Und Friedchens Geburtstag wussten wir auch nicht — das erfahren wir erst jetzt." Friedchen lachte: „Wir stehen ja nur auf der Namensliste der Dienerschaft; wir haben weder das Glück, Geburtstagsglückwünsche zu empfangen, noch den Rang, Geschenke entgegenzunehmen — wozu also Aufhebens machen? Da feiert man lieber still. Heute hat er es nun doch ausgeplaudert — wenn die Fräulein in ihre Zimmer zurückgehen, komme ich noch zum Gratulieren." Erkundefrühling lachte: „Wir wollen dich auch nicht behelligen. Nur möchte ich heute unbedingt deinen Geburtstag feiern, sonst habe ich kein ruhiges Gewissen." Schatzjade, Xiangfluss-Wolke und alle anderen stimmten einstimmig zu. Erkundefrühling wies ihr Mädchen an: „Geh und sag der Herrin, wir alle zusammen haben gesagt, dass wir Friedchen heute den ganzen Tag nicht herauslassen. Wir haben auch alle zusammengelegt, um ihren Geburtstag zu feiern." Das Mädchen ging lachend davon. Nach einer Weile kam es zurück und sagte: „Die Zweite Herrin lässt sagen: Vielen Dank, dass die Fräulein ihr die Ehre erweisen. Sie möchte nur wissen, was es zu essen gibt; wenn man nur die Zweite Herrin nicht vergisst, wird sie kommen und sie nicht belästigen." Alle lachten.
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Erkundefrühling sagte: „Es trifft sich gut, dass heute die Innenküche kein Essen vorbereitet; alles, die Nudeln und das Gemüse, wird von der Außenküche erledigt. Wir können also zusammenlegen und Frau Liu beauftragen, alles zu übernehmen, und es hier drinnen zubereiten lassen — das wäre doch praktisch." Alle stimmten zu. Erkundefrühling schickte einerseits jemanden zu Seidenweiß Pflaume und Schatzspange, um sie zu fragen, andererseits ließ sie Frau Liu hereinrufen und wies sie an, in der Innenküche schnell zwei Tische mit Speisen und Wein herzurichten. Frau Liu verstand nicht, was der Anlass war, und sagte, die Außenküche habe doch alles vorbereitet. Erkundefrühling lachte: „Du weißt es ja noch nicht — heute ist Fräulein Friedchens Geburtstag! Was die Außenküche vorbereitet, ist für die Offiziellen da oben. Jetzt haben wir privat zusammengelegt und wollen eigens für Fräulein Friedchen zwei Tische vorbereiten, um sie zu bewirten. Du brauchst nur die feinsten und ausgefallensten Gerichte auszuwählen; die Rechnung reichst du bei mir ein." Frau Liu lachte: „Ach, heute ist also auch Fräulein Friedchens Geburtstag — das wusste ich gar nicht!" Damit machte sie vor Friedchen einen Kowtow; Friedchen zog sie erschrocken hoch. Frau Liu eilte davon, um das Festessen vorzubereiten.
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Hier lud Erkundefrühling noch Schatzjade ein, und alle gingen zusammen in den Saal, um Nudeln zu essen. Als Seidenweiß Pflaume und Schatzspange vollzählig erschienen waren, schickte man auch nach Tante Schnee und Kajaljade [黛玉]. Da das Wetter mild war und Kajaljades Krankheit sich gebessert hatte, kam auch sie. Es war ein prachtvolles Bild — der Saal war voller Menschen.
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Xue Ke schickte noch Tücher, Fächer, Weihrauch und Seide als Geburtstagsgeschenke für Schatzjade. Schatzjade ging daraufhin zu ihm, um ihn beim Nudelessen zu begleiten. Beide Familien hatten Geburtstagswein bereitet und beschenkten sich gegenseitig. Zur Mittagszeit trank Schatzjade noch zwei Becher Wein mit Xue Ke. Schatzspange kam mit Kostbarzither Schnee herüber, um Xue Ke die Riten zu erweisen und ihm einzuschenken. Dann ermahnte Schatzspange Xue Ke: „Den Wein von zu Hause brauchst du nicht mehr herüberschicken zu lassen — diese Förmlichkeit können wir uns sparen. Lade einfach die Angestellten zum Trinken ein. Bruder Bao und ich gehen wieder hinein; wir müssen noch Gäste bewirten und können dir nicht länger Gesellschaft leisten." Xue Ke beeilte sich zu sagen: „Schwester und Bruder mögen nur gehen — die Angestellten dürften ohnehin gleich kommen." Schatzjade entschuldigte sich eilig und ging mit seinen Schwestern zurück.
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Kaum waren sie durch das Ecktor getreten, befahl Schatzspange einer Dienerin, die Tür abzuschließen, und nahm den Schlüssel an sich. Schatzjade sagte hastig: „Warum diese Tür abschließen? Es gehen doch nicht so viele Leute hier durch. Zudem sind die Tante, die Schwester und die jüngere Schwester alle drinnen — wenn jemand etwas von zu Hause holen muss, ist das doch umständlich." Schatzspange lachte: „Vorsicht ist besser als Nachsicht. Schau dir doch eure Seite an — all die Vorfälle der letzten Tage! Von unserer Seite war niemand betroffen — das zeigt doch, wie wirkungsvoll das Verschließen dieser Tür ist. Wenn sie offen stünde, könnten jene Leute die Abkürzung nehmen und hier durchlaufen — wen sollte man dann aufhalten? Lieber schließen wir ab; dann sind auch Mama und ich eingeschränkt, und niemand geht hier durch. Wenn dann etwas passiert, kann man es wenigstens nicht den Leuten von dieser Seite zur Last legen." Schatzjade lachte: „Da weiß also auch die Schwester von den Diebstählen bei uns in letzter Zeit?" Schatzspange lachte: „Du kennst nur die zwei Sachen mit dem Rosenwasser und dem Fulingcreme-Zucker — die kamen nur ans Licht, weil Personen verwickelt waren. Wären nicht Personen verwickelt gewesen, wüsstest du nicht einmal von diesen beiden. Aber es gibt noch einige Dinge, die bedeutender sind als diese beiden. Wenn sie künftig nicht ans Tageslicht kommen, ist es aller Glück; kommen sie heraus, werden noch viele Leute drinnen mit hineingezogen. Du kümmerst dich ja auch sonst nicht um solche Dinge, darum sage ich es dir. Friedchen ist ein kluger Mensch; ihr habe ich es neulich auch gesagt — eben weil ihre Herrin nicht draußen sein kann, musste ich sie ins Bild setzen. Wenn nichts herauskommt, lassen wir alle gern die Hände davon. Kommt es aber heraus, hat sie bereits einen Plan im Kopf und weiß, wie vorzugehen ist, sodass keine Unschuldigen leiden. Hör einfach auf mich: Sei künftig aufmerksam und vorsichtig — und erzähle das keinem zweiten Menschen."
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Während sie so sprachen, gelangten sie an den Qinfang-Pavillon <ref>‚Pavillon des durchdringenden Dufts'</ref>. Dort sahen sie Dufthauch, Duftkastanie, Daishu, Suyun, Heitermuster, Moschusmond, Duftblümchen, Ruiguan, Lotoswürzlein und etwa zehn andere, die den Fischen zuschauten und sich vergnügten. Als sie die Ankommenden sahen, riefen sie: „Im Päonien-Gatter ist alles vorbereitet — kommt schnell zum Festmahl!" Schatzspange und die anderen gingen mit ihnen gemeinsam zum Hongxiangpu <ref>‚Rotes Duft-Beet'</ref>, dem kleinen, dreijochigen, offenen Pavillon inmitten der Päonienbeete. Sogar Dame Sonders war eingeladen worden und schon da; alle waren versammelt, nur Friedchen fehlte noch.
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Friedchen war nämlich hinausgegangen, denn aus den Familien Lai, Lin und anderen kamen Geburtstagsgeschenke in rascher Folge. Dienstboten aller Ränge — oberer, mittlerer und unterer — kamen in großer Zahl, um zu gratulieren und Geschenke zu bringen. Friedchen war damit beschäftigt, Trinkgelder auszugeben und sich zu bedanken, und berichtete gleichzeitig jedes Geschenk einzeln Phönixglanz — einige behielt man, andere lehnte man ab, wieder andere nahm man an und verschenkte sie sogleich weiter. Nachdem sie eine Weile geschäftig gewesen war, wartete sie noch, bis Phönixglanz ihre Nudeln gegessen hatte, wechselte dann die Kleidung und kam in den Garten.
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Kaum hatte sie den Garten betreten, kamen einige Mädchen, um sie abzuholen, und zusammen gingen sie zum Hongxiangpu. Dort waren die Tische mit Schildpattgeschirr gedeckt und die Sitzpolster mit Lotosblumenmuster ausgelegt. Alle lachten: „Das Geburtstagskind ist vollzählig!" Oben sollten vier Sitze den vier Geburtstagskindern vorbehalten sein, doch alle vier weigerten sich. Tante Schnee sagte: „Ich bin alt und passe nicht in eure Runde; ich fühle mich befangen. Lieber lege ich mich draußen im Saal gemütlich hin — das wäre angenehmer. Ich kann ohnehin nicht viel essen und trinke kaum Wein; wenn ich Platz mache, ist es für die anderen bequemer." Dame Sonders und die anderen bestanden darauf, doch Schatzspange sagte: „Das geht schon in Ordnung. Mama soll es sich im Saal bequem machen — man kann ihr von dem, was sie gern isst, etwas hinüberschicken, dann ist sie zufriedener. Außerdem ist dort vorne niemand, und sie kann ein Auge darauf haben." Erkundefrühling und die anderen lachten: „Wenn es so ist — Gehorsam ist besser als Höflichkeit." Also begleiteten sie sie zum Beratungssaal, sahen zu, wie die Mädchen einen Brokatpolster, Rückenlehne und Kissen auflegten, und ermahnte sie: „Massiert der Tante ordentlich die Beine, und wenn sie Tee oder Wasser will, drückt euch nicht davor. Nachher wird Essen gebracht — wenn die Tante gegessen hat, bekommt ihr den Rest. Nur geht nicht von hier weg!" Die kleinen Mädchen antworteten alle brav.
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Erkundefrühling und die anderen kehrten zurück. Schließlich einigte man sich, dass Kostbarzither Schnee und Höhlennebel Strafe oben saßen, Friedchen mit dem Gesicht nach Westen und Schatzjade nach Osten. Erkundefrühling hatte auch Mandarinenente [鸳鸯] <ref>die Lieblingszofe der Alten Herrin</ref> eingeladen, und die beiden saßen nebeneinander, ihnen gegenüber als Gastgeberinnen. Am westlichen Tisch saßen Schatzspange, Kajaljade, Xiangfluss-Wolke, Willkommensfrühling und Bedauerfrühling, und man zog noch Duftkastanie und Jadearmreif als Beigesellinnen hinzu. Am dritten Tisch saßen Dame Sonders und Seidenweiß Pflaume, die noch Dufthauch und Farbwölkchen zu sich holten. Am vierten Tisch saßen Purpurkuckuck, Ying'er, Heitermuster, Xiaoluo, Schachspielerin und andere. Nun wollten Erkundefrühling und die anderen noch das Zeremonielle des Einschenkens durchführen, aber die vier Geburtstagskinder sagten alle: „Wenn wir so weitermachen, sitzen wir den ganzen Tag nur bei den Förmlichkeiten!" Also ließ man es sein. Zwei Geschichtenerzählerinnen wollten zur Geburtstagsfeier ein Erzähllied vortragen, doch alle sagten: „Wir haben keine Lust, euch wilde Geschichten zuzuhören — geht in den Saal und unterhaltet die Tante!" Gleichzeitig wählte man verschiedene Speisen aus und ließ sie Tante Schnee bringen.
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Schatzjade sagte: „Einfach nur so zu sitzen, ist langweilig — wir sollten ein Trinkspiel spielen." Die einen sagten, dieses Spiel sei gut, die anderen jenes. Kajaljade sagte: „Ich schlage vor, wir nehmen Pinsel und Tusche, schreiben alle Spiele auf, rollen sie zu Losen zusammen und ziehen eins heraus — welches gezogen wird, das spielen wir." Alle fanden das ausgezeichnet. Man holte ein Set Pinsel, Tusche und Blumenpapier. Duftkastanie hatte in letzter Zeit Gedichte studiert und übte täglich das Schreiben; als sie die Schreibutensilien sah, konnte sie sich nicht zurückhalten, stand sofort auf und sagte: „Ich schreibe!" Alle überlegten eine Weile und kamen auf etwa zehn Spiele, die sie diktierten und die Duftkastanie eins nach dem anderen aufschrieb, zusammenrollte und in eine Vase warf. Erkundefrühling ließ Friedchen ziehen. Friedchen rührte darin und zog mit den Essstäbchen eins heraus. Man öffnete es — darauf stand: „Shefu" <ref>‚Rätsel verstecken und erraten', ein altes, anspruchsvolles literarisches Trinkspiel</ref>. Schatzspange lachte: „Da habt ihr den Urahn aller Trinkspiele herausgezogen! Das Shefu gibt es seit dem Altertum; die ursprüngliche Form ist verloren gegangen, und dies ist eine spätere Fassung — schwieriger als alle anderen Spiele. Die Hälfte hier kann es nicht. Besser, wir vernichten das Los und ziehen ein anderes, das für jeden etwas bietet." Erkundefrühling lachte: „Was einmal gezogen ist, kann man nicht vernichten. Wir ziehen jetzt noch eins; wenn das für jedermann geeignet ist, spielen jene das, und wir spielen Shefu." Dann ließ sie Dufthauch ziehen, und es war: „Muzhang" <ref>‚Daumenkrieg', das bekannte Fingerspiel</ref>. Xiangfluss-Wolke sagte lachend: „Das ist kurz und bündig — ganz nach meinem Geschmack! Ich spiele nicht dieses Shefu — das ist ja zum Einschlafen langweilig. Ich gehe Fingerschnalzen!" Erkundefrühling sagte: „Nur sie bringt die Ordnung durcheinander — Schwester Bao, bestrafe sie schnell mit einem Becher!" Schatzspange ließ sich nicht bitten und flößte Xiangfluss-Wolke einen Becher ein.
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Erkundefrühling sagte: „Ich trinke einen Becher — ich bin die Spielleiterin und brauche nichts zu erklären; hört einfach auf meine Anweisungen." Sie ließ die Spielwürfel und den Würfelbecher bringen. „Von Schwester Qin angefangen wird der Reihe nach gewürfelt; wer die gleiche Zahl hat, die beiden spielen Shefu." Kostbarzither Schnee warf eine Drei. Höhlennebel Strafe, Schatzjade und die anderen warfen alle andere Zahlen; erst Duftkastanie warf ebenfalls eine Drei. Kostbarzither Schnee lachte: „Es muss sich auf etwas hier im Raum beziehen — wenn es auf etwas draußen geht, wäre das zu weit hergeholt." Erkundefrühling sagte: „Selbstverständlich. Wer es dreimal nicht errät, trinkt einen Strafbecher. Du versteckst, sie errät." Kostbarzither Schnee überlegte einen Moment und sagte das Zeichen „alt" (老 lǎo). Duftkastanie, die in diesem Spiel nicht geübt war, konnte auf die Schnelle nichts finden; sie sah sich im ganzen Raum um, fand aber kein Sprichwort, das mit „alt" zusammenhing. Xiangfluss-Wolke hatte als Erste zugehört und sah sich nun auch eifrig um; plötzlich bemerkte sie über dem Türsturz die drei Zeichen „Hongxiangpu" (Rotes Duft-Beet) und wusste, dass Kostbarzither Schnee das Zeichen „pu" (Garten) meinte — aus dem Confucius-Ausspruch „Ich bin nicht so gut wie ein alter Gärtner" (吾不如老圃). Da Duftkastanie es nicht erraten konnte und die Trommeln zur Eile mahnten, zog Xiangfluss-Wolke heimlich an Duftkastanies Ärmel und flüsterte ihr zu, sie solle „Medizin" (藥 yào) sagen <ref>藥 reimt als Anspielung auf 芍 (Päonie), da der Saal im Päoniengarten steht</ref>. Kajaljade aber hatte es gesehen und rief: „Bestraft sie schnell — da wird wieder heimlich weitergegeben!" Alle erfuhren es sofort, und man bestrafte Xiangfluss-Wolke mit einem weiteren Becher. Xiangfluss-Wolke schlug verärgert mit den Essstäbchen auf Kajaljades Hand. Dann wurde auch Duftkastanie mit einem Becher bestraft. Als Nächstes hatten Schatzspange und Erkundefrühling dieselbe Augenzahl. Erkundefrühling versteckte das Zeichen „Mensch" (人 rén). Schatzspange lachte: „Dieses ‚Mensch' ist aber reichlich vage." Erkundefrühling lachte: „Ich füge ein Zeichen hinzu — zwei versteckte für einen Ratetipp, dann ist es nicht mehr vage." Darauf sagte sie das Zeichen „Fenster" (窗 chuāng). Schatzspange überlegte; da sie auf dem Tisch Huhn sah, erriet sie, dass Erkundefrühling die beiden Begriffe „Hühnerfenster" (雞窗) und „Hühnermann" (雞人, der Hahn-Rufbeamte) verwendete, und riet auf „Sitzstange" (塒 shí) <ref>aus dem Shijing: „Das Huhn geht auf die Sitzstange" 雞棲於塒</ref>. Erkundefrühling erkannte, dass Schatzspange richtig geraten hatte, und beide lachten; jede trank einen Schluck aus ihrem Türbecher.
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Xiangfluss-Wolke konnte nicht länger warten und rief schon mit Schatzjade „Drei!" und „Fünf!" und warf die Finger. Drüben riefen auch Dame Sonders und Mandarinenente über den Tisch hinweg „Sieben!" und „Acht!" und spielten ebenfalls. Friedchen und Dufthauch bildeten ein weiteres Paar; es klirrte und klapperte nur so von den Armreifen an ihren Handgelenken. Bald hatte Xiangfluss-Wolke gegen Schatzjade gewonnen, Dufthauch gegen Friedchen, und Dame Sonders gegen Mandarinenente. Die drei Verlierer mussten eine „Weinoberfläche" und einen „Weinboden" liefern <ref>‚Weinoberfläche': ein literarisches Zitat vor dem Trinken; ‚Weinboden': ein Spruch nach dem Trinken</ref>. Xiangfluss-Wolke legte fest: „Die ‚Weinoberfläche' muss einen Satz aus einem klassischen Text, einen Vers aus einem alten Gedicht, einen Namen aus dem Dominospiel, einen Namen einer Opernmelodie und einen Satz aus dem Staatskalender enthalten — alles zusammen zu einem sinnvollen Satz verbunden. Der ‚Weinboden' muss der Name einer Frucht oder eines Gemüses sein, das etwas mit Menschen zu tun hat." Alle lachten: „Nur ihre Spielregeln sind so umständlich wie ihre Reden, aber es hat durchaus seinen Reiz." Man trieb Schatzjade, schnell zu beginnen. Schatzjade lachte: „Wer hat so etwas je gesagt — lasst mich wenigstens nachdenken!" Kajaljade sagte: „Trink noch einen Becher mehr, ich sage es für dich." Schatzjade trank tatsächlich, und dann hörte er Kajaljade sagen:
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Abendrot und einsame Wildgans fliegen gemeinsam empor;
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Im scharfen Wind am Fluss unter dem Himmel — der Trauergesang der Wildgans;
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Aber es ist eine Gans mit gebrochenem Fuß;
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Sie ruft, dass es einem neunfach die Eingeweide umwendet;
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Dies ist: „Die Wildgänse kommen als Gäste."
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Alle lachten und sagten: „Diese Kette hat wirklich ihren Reiz." Kajaljade nahm eine Haselnuss und sagte als Weinboden:
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Die Haselnuss hat nichts zu tun mit dem Waschbrett hinter der Mauer;
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Woher kommt das Klopfen von zehntausend Häusern, die Kleider waschen?
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Nach dem Spiel sagten auch Mandarinenente, Dufthauch und die anderen je ein Sprichwort mit dem Zeichen „Langlebigkeit" (壽) darin — was hier nicht im Einzelnen aufgeführt werden kann.
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Alle spielten der Reihe nach wild durcheinander. Dann hatten oben Xiangfluss-Wolke und Kostbarzither Schnee dieselbe Augenzahl, und Seidenweiß Pflaume und Höhlennebel Strafe ebenfalls. Seidenweiß Pflaume versteckte das Zeichen „Kürbisflasche" (瓢 piáo), Höhlennebel Strafe riet „grün" (綠 lǜ) <ref>Aus dem Vers „Eine Kürbisflasche an der grünen Wand" bzw. dem Sprichwort „leere grüne Kürbisflasche"</ref>. Die beiden verstanden sich und tranken je einen Schluck. Xiangfluss-Wolke aber verlor beim Fingerspiel und wurde zur „Weinoberfläche" und zum „Weinboden" aufgefordert. Kostbarzither Schnee lachte: „Bitte den Herrn in seinen eigenen Kessel!" <ref>Anspielung auf die Tang-Geschichte der Verfolgung des Rebellenanführers</ref>. Alle lachten und sagten: „Der Ausdruck passt perfekt!" Xiangfluss-Wolke sprach:
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Tosend und donnernd brausend;
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Zwischen den Klippen türmen sich Wellen bis zum Himmel;
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Man braucht eine Eisenkette, um das einsame Boot festzumachen;
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Gerade in einen Sturm über dem ganzen Fluss geraten;
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Ungeeignet zum Reisen.
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Alle lachten: „Was für ein herzzerreißender Unsinn! Kein Wunder, dass sie dieses Spiel vorgeschlagen hat — absichtlich, um alle zum Lachen zu bringen!" Dann wollte man ihren Weinboden hören. Xiangfluss-Wolke trank ihren Wein, nahm ein Stück Entenfleisch zum Kauen und entdeckte in der Schüssel einen halben Entenkopf, den sie herausfischte, um das Hirn zu essen. Alle drängten sie: „Hör auf, nur zu essen — sag endlich deinen Spruch!" Xiangfluss-Wolke hielt den Entenkopf mit den Essstäbchen hoch und sprach:
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Dieser Entenkopf (yatou) ist nicht jenes Dienstmädchen (yatou);
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Woher nähme die Magd wohl Osmanthusöl für ihr Haar?
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Alle brachen in noch lauteres Gelächter aus. Heitermuster, Xiaoluo, Ying'er und eine ganze Schar kamen herbei und riefen: „Fräulein Yun macht sich über uns lustig! Bestraft sie schnell mit einem Becher! Wieso sollten ausgerechnet wir Osmanthusöl verwenden? Im Gegenteil, jede von uns sollte ein Fläschchen Osmanthusöl bekommen!" Kajaljade lachte: „Sie würde euch gern ein Fläschchen Öl geben, fürchtet aber, dabei in einen Diebstahlsprozess verwickelt zu werden." <ref>Anspielung auf den gerade erst beigelegten Diebstahl des Rosenwassers.</ref> Die anderen beachteten es nicht weiter, aber Schatzjade verstand sofort und senkte den Kopf. Farbwölkchen, die ein schlechtes Gewissen hatte, wurde unwillkürlich rot. Schatzspange warf Kajaljade schnell einen verstohlenen Blick zu. Kajaljade bereute ihren Versprecher — sie hatte eigentlich Schatzjade necken wollen, doch dabei vergessen, dass sie Farbwölkchen damit bloßstellte. Hastig lenkte sie mit einer Runde Spielen und Fingerwerfen ab.
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Dann hatten Schatzjade und Schatzspange dieselbe Augenzahl. Schatzspange versteckte das Zeichen „Schatz" (寶 bǎo). Schatzjade überlegte und erkannte, dass Schatzspange scherzhaft auf sein Tonglingyu <ref>den Jade des Numinosen Verstehens, den Schatzjade um den Hals trägt</ref> anspielte. Er lachte: „Schwester macht sich lustig über mich, aber ich habe es erraten. Schwester möge nicht böse sein — es ist das Zeichen aus Schwesterchens Name, nämlich ‚Haarnadel' (釵 chāi)." Alle fragten: „Wie das?" Schatzjade sagte: „Sie sagte ‚Schatz' (寶), und darunter folgt natürlich ‚Jade' (玉). Ich rate ‚Haarnadel' (釵), und in einem alten Gedicht heißt es: ‚Die Jadehaarnadel zerbricht, die rote Kerze erkalt' — trifft das nicht zu?" Xiangfluss-Wolke sagte: „Diese Verwendung aktueller Anspielungen geht nicht — beide sollten bestraft werden!" Duftkastanie sagte eilig: „Es ist nicht nur eine aktuelle Anspielung — es gibt auch einen klassischen Beleg!" Xiangfluss-Wolke sagte: „‚Schatzjade' als zwei Zeichen zusammen haben keinen klassischen Beleg; das steht vielleicht auf Neujahrssprüchen, aber in der Dichtung und den kanonischen Schriften findet es sich nicht." Duftkastanie sagte: „Neulich, als ich die fünfsilbrigen Regelgedichte von Cen Jiazhou <ref>Cen Shen, Tang-Dichter</ref> las, fand ich den Vers: ‚Diese Gegend ist reich an Edelsteinen' (此鄉多寶玉). Wie konntest du das vergessen? Und dann las ich ein Sieben-Zeichen-Quartett von Li Yishan <ref>Li Shangyin, Tang-Dichter</ref>, in dem steht: ‚Die Juwelenhaarnadel verstaubt Tag für Tag' (寶釵無日不生塵). Da musste ich noch lachen, dass beider Namen tatsächlich in Tang-Gedichten stehen!" Alle lachten: „Das hat sie doch schachmatt gesetzt — schnell einen Strafbecher!" Xiangfluss-Wolke hatte nichts mehr zu sagen und musste trinken. Dann ging es weiter — Paare bildeten sich und spielten Shefu oder Fingerwerfen. Weil die Alte Herrin und Dame König nicht zu Hause waren, gab es keine Aufsicht, und so vergnügte man sich nach Herzenslust: man rief und schrie, lachte und lärmte. Der ganze Saal war ein Wirbel von Rot und Grün, ein Schimmern von Jade und Perlen — wahrhaftig ein rauschendes Fest. Nachdem man eine Weile gespielt hatte, stand man auf, um sich die Beine zu vertreten. Plötzlich war Xiangfluss-Wolke verschwunden. Man dachte, sie sei nach draußen gegangen und werde gleich wiederkommen; doch je länger man wartete, desto weniger war von ihr zu sehen. Man schickte Leute in alle Richtungen, um sie zu suchen — vergeblich.
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Da kamen Frau Lin Zhixiao und einige ältere Dienerinnen, teils aus Sorge, es könnte ein dienstlicher Anlass bestehen, teils aus Furcht, die jungen Mädchen könnten in Abwesenheit Dame Königs die Autorität Erkundefrühlings und der anderen nicht respektieren und sich hemmungslos betrinken. Erkundefrühling, die ihre Absicht sofort durchschaute, lachte: „Ihr kommt wieder, um nach uns zu sehen, weil ihr uns nicht traut. Wir haben nicht übermäßig getrunken — wir haben uns nur vergnügt und den Wein nur als Vorwand genommen. Ihr Mütter braucht euch keine Sorgen zu machen." Seidenweiß Pflaume und Dame Sonders lachten ebenfalls: „Geht nur und ruht euch aus — wir lassen sie bestimmt nicht zu viel trinken." Frau Lin Zhixiao und die anderen lachten: „Wir wissen schon — selbst wenn die Alte Herrin die Fräulein zum Trinken auffordert, trinken die Fräulein kaum. Natürlich, wenn die Damen nicht zu Hause sind, wird nur gespielt. Wir kamen nur, um zu hören, ob es etwas gibt. Außerdem: Der Tag ist lang, und nachdem die Fräulein eine Weile gespielt haben, sollten sie ein paar Kleinigkeiten zu sich nehmen. Gewöhnlich essen sie ja nicht viel Verschiedenes; wenn sie nun ein oder zwei Becher Wein trinken, ohne genug zu essen, könnte es ihnen schaden." Erkundefrühling lachte: „Da haben die Mütter recht — wir wollen gerade essen." Sie wandte sich um und bat, Gebäck zu bringen. Die Mädchen gehorchten und bestellten es eilig. Erkundefrühling lud lächelnd ein: „Geht und ruht euch aus, oder geht zu Tante drüben und plaudert mit ihr. Wir schicken euch gleich Wein." Frau Lin Zhixiao und die anderen lehnten lächelnd ab: „Wir wagen es nicht, das anzunehmen." Sie standen noch eine Weile und zogen sich dann zurück. Friedchen befühlte ihre Wangen und lachte: „Mein Gesicht ist ganz heiß — ich schäme mich, von ihnen gesehen zu werden. Ich meine, wir sollten aufhören, ehe sie noch einmal kommen — das wäre doch peinlich." Erkundefrühling lachte: „Macht nichts — solange wir nicht im Ernst trinken, ist es gut."
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Gerade da kam ein kleines Mädchen lachend herbeigelaufen: „Fräulein, kommt schnell und schaut nach Fräulein Yun! Sie hat sich betrunken, und weil sie Abkühlung suchte, ist sie hinten auf dem Felsenberg auf einer Steinbank eingeschlafen!" Als alle das hörten, sagten sie lachend: „Pst, keinen Lärm!" Sie gingen hin, um nachzusehen, und fanden tatsächlich Xiangfluss-Wolke auf einer Steinbank an einem verborgenen Platz hinter den Felsen schlafend, versunken in duftende Träume<ref>Diese berühmte Szene — Xiangfluss-Wolke schlafend zwischen Päonienblüten — gehört zu den ikonischen Bildern des Romans und wurde unzählige Male in der chinesischen Malerei dargestellt.</ref>. Ringsum waren Päonienblüten auf ihren ganzen Körper herabgefallen — auf Kopf, Gesicht und Kleid, überall rote, duftende Blütenblätter in wirrem Durcheinander. Der Fächer in ihrer Hand lag auf dem Boden, halb von herabgefallenen Blüten bedeckt. Ein Schwarm Bienen und Schmetterlinge summte dicht um sie herum. Sie hatte ein Taschentuch aus Haifischhaut genommen, ein Bündel Päonienblätter darin eingewickelt und als Kissen benutzt. Alle sahen es an und waren gleichzeitig entzückt und belustigt. Sie kamen eilig heran, rüttelten sie, riefen sie und stützten sie. Xiangfluss-Wolke murmelte noch im Schlaf Trinkspielverse, undeutlich vor sich hin lallend:
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Duftend die Quelle und klar der Wein;
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Im Jadebecher glänzt Bernsteinlicht;
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Getrunken bis der Mond über den Pflaumenzweigen steht;
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Trunken nach Hause geleitet;
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Passend zum Empfang lieber Freunde.
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Alle rüttelten sie lachend und sagten: „Wach schnell auf und komm essen! Wenn du auf dieser feuchten Steinbank schläfst, wirst du noch krank!" Xiangfluss-Wolke öffnete langsam ihre herbstklaren Augen, sah die Versammelten und blickte an sich herab; da erst bemerkte sie, dass sie betrunken war. Eigentlich war sie hergekommen, um sich an der Kühle zu erfrischen; doch weil sie zwei Strafbecher zu viel getrunken hatte und ihre zarte Gestalt den Wein nicht vertrug, war sie eingeschlafen. Im Herzen war sie beschämt. Hastig stand sie auf und ging mühsam mit den anderen zum Hongxiangpu. Sie wusch sich das Gesicht und trank zwei Tassen starken Tee. Erkundefrühling befahl sofort, den Nüchternheitsstein <ref>Chin. 醒酒石 xǐngjiǔ shí — ein kühler Stein, den man in den Mund nimmt oder an die Stirn hält, um schneller nüchtern zu werden.</ref> zu bringen und ihn ihr in den Mund zu stecken. Dann ließ sie sie noch etwas säuerliche Suppe trinken, und erst danach ging es ihr etwas besser.
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Anschließend wählte man einige Schalen Obst und Speisen aus und schickte sie Phönixglanz. Phönixglanz schickte ebenfalls einige Sachen herüber. Schatzspange und die anderen aßen ihr Gebäck; manche saßen, manche standen, manche betrachteten draußen die Blumen, manche lehnten am Geländer und schauten den Fischen zu — jeder vergnügte sich und plauderte auf seine Weise. Erkundefrühling spielte mit Kostbarzither Schnee Schach; Schatzspange und Höhlennebel Strafe sahen der Partie zu. Kajaljade und Schatzjade standen unter einem Blumenstrauch und tuschelten leise miteinander — niemand wusste, was sie sagten. Da kamen Frau Lin Zhixiao und eine Gruppe Frauen mit einer jungen Frau herein. Die junge Frau hatte ein betrübtes, ängstliches Gesicht, wagte nicht, in den Saal zu treten, sondern kniete schon an der Treppe nieder und schlug vernehmlich den Kopf auf den Boden. Erkundefrühling war gerade von einem gegnerischen Stein umzingelt worden; sie rechnete hin und her, kam aber nur auf zwei Augen, musste also aufgeben. Ihre Augen waren starr auf das Schachbrett gerichtet, eine Hand griff in die Dose und klapperte mit den Steinen, in Gedanken versunken. Frau Lin Zhixiao stand schon eine ganze Weile da. Erst als Erkundefrühling den Kopf wandte, um nach Tee zu fragen, bemerkte sie sie und fragte: „Was gibt es?" Frau Lin Zhixiao deutete auf die Frau und sagte: „Das ist die Mutter von Cai'er, dem kleinen Mädchen aus dem Zimmer des Vierten Fräuleins <ref>Bedauerfrühling</ref>. Sie gehört zum Gartenpersonal. Ihr Mundwerk ist ganz übel; eben habe ich sie befragt, und was sie sagte, wage ich dem Fräulein gar nicht zu berichten — man sollte sie einfach hinauswerfen." Erkundefrühling sagte: „Warum berichtet ihr es nicht der Ersten Herrin?" Frau Lin Zhixiao sagte: „Eben ist die Erste Herrin schon zum Saal hinüber zur Frau Tante gegangen; ich habe sie auf dem Weg gesehen und es ihr schon berichtet. Sie sagte, ich solle es dem Fräulein melden." Erkundefrühling sagte: „Warum berichtet ihr es nicht der Zweiten Herrin?" Friedchen sagte: „Es schadet nichts, auch nicht zu gehen; ich sage es ihr, wenn ich zurückkomme." Erkundefrühling nickte: „Wenn es so ist, jagt sie hinaus. Wenn die Gnädige Frau zurückkommt, wird man endgültig entscheiden." Damit wandte sie sich wieder dem Schachspiel zu. Frau Lin Zhixiao führte die Frau fort — davon sei hier nicht weiter die Rede.
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Kajaljade und Schatzjade standen unter den Blumen, und obwohl sie einander fernstanden, verstanden sie sich wortlos. Kajaljade sagte: „Eure dritte Schwester ist wirklich ein kluges Mädchen. Obwohl man ihr die Verwaltung anvertraut hat, geht sie keinen Schritt über ihre Befugnisse hinaus. Eine andere hätte sich längst als Herrscherin aufgespielt." Schatzjade sagte: „Du weißt ja nicht — als du krank warst, hat sie einige wichtige Sachen durchgesetzt. Der Garten wurde aufgeteilt und Verantwortlichen zugewiesen; jetzt darf man nicht einmal mehr ein Gras zu viel pflücken. Sie hat auch mehrere überflüssige Ausgaben gestrichen und dabei mich und Schwester Feng als Exempel benutzt, um andere zu disziplinieren. Sie ist eine, die im Stillen wohl kalkuliert — das geht weit über bloße Klugheit hinaus." Kajaljade sagte: „So muss es sein. In unserem Haus wird auch zu viel ausgegeben. Obwohl ich mich nicht um die Verwaltung kümmere, habe ich in müßigen Stunden oft für euch nachgerechnet: Es wird mehr ausgegeben als eingenommen. Wenn man jetzt nicht spart, wird man bald in Schwierigkeiten geraten." Schatzjade lachte: „Wie auch immer es ausgehen mag — uns beiden wird es an nichts fehlen." Als Kajaljade das hörte, drehte sie sich um und ging in den Saal, um mit Schatzspange zu plaudern und zu lachen.
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Schatzjade wollte gerade gehen, als Dufthauch mit einem kleinen, ineinander verschlungenen Lacktablett in der Hand kam, darauf ordentlich zwei Tassen frischer Tee. Sie fragte: „Wo ist sie hin? Ich habe gesehen, dass ihr beiden eine ganze Weile keinen Tee getrunken habt, und eigens zwei Tassen gebracht — und nun ist sie weg." Schatzjade sagte: „Da drüben ist sie — bring ihr eine hin." Er nahm sich selbst eine Tasse. Dufthauch trug die andere hin, doch Kajaljade war bei Schatzspange, und es gab nur eine Tasse. Also sagte sie: „Wer von euch durstig ist, nehme sie zuerst; ich hole noch eine." Schatzspange lachte: „Ich bin gar nicht durstig — ich möchte nur einen Schluck zum Mundspülen." Damit nahm sie zuerst die Tasse, trank einen Schluck und reichte die Hälfte Kajaljade. Dufthauch lachte: „Ich hole noch eine." Kajaljade lachte: „Du weißt doch, bei meiner Krankheit hat der Arzt mir verboten, viel Tee zu trinken. Diese halbe Tasse reicht vollkommen — wie aufmerksam von dir." Damit trank sie die Tasse leer und stellte sie ab. Dufthauch kam, um Schatzjades Tasse abzuholen. Schatzjade fragte: „Wo ist Duftblümchen die ganze Zeit? Ich habe sie nirgends gesehen." Dufthauch sah sich um und sagte: „Eben war sie noch hier mit einigen anderen beim Blumenspiel — jetzt ist sie verschwunden."
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Als Schatzjade das hörte, eilte er in sein Zimmer. Dort lag Duftblümchen tatsächlich mit dem Gesicht zur Wand auf dem Bett und schlief. Schatzjade rüttelte sie: „Hör auf zu schlafen! Lass uns draußen spielen — gleich gibt es Essen." Duftblümchen sagte: „Ihr trinkt alle Wein und kümmert euch nicht um mich — da habe ich mich einen halben Tag gelangweilt und bin eben schlafen gegangen." Schatzjade zog sie hoch und lachte: „Heute Abend trinken wir zu Hause noch — und dann sage ich Schwester Dufthauch, dass sie dich mit an den Tisch nimmt. Was sagst du dazu?" Duftblümchen sagte: „Wenn Lotoswürzlein und Ruiguan nicht mit nach oben gehen, stehe ich allein da, und das ist auch nicht gut. Außerdem bin ich die Nudeln nicht gewöhnt, und heute Morgen habe ich auch nicht richtig gegessen. Eben war ich hungrig und habe schon der Schwägerin Liu gesagt, sie solle mir eine Schale Suppe und eine halbe Schale Rundkornreis bringen; ich esse hier und bin fertig. Wenn es heute Abend Wein gibt, dann darf mich keiner einschränken — ich will nach Herzenslust trinken, bis ich genug habe. Früher zu Hause habe ich zwei bis drei Pfund guten Huiquan-Wein getrunken! Seit ich dieses elende Gewerbe gelernt habe und sie sagten, es verderbe die Stimme, habe ich seit Jahren keinen Tropfen mehr gesehen. Heute breche ich das Fasten!" Schatzjade sagte: „Das ist leicht zu machen."
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Gerade kam tatsächlich jemand von Frau Liu mit einem Speisenkasten. Xiaoyan nahm ihn entgegen und öffnete ihn: Darin war eine Schale Garnelen-Bällchen-Suppe mit Hühnerhaut, eine Schale in Reiswein gedämpfte Ente, ein Teller eingelegte Gänsebrust und ein Teller mit vier Sahne-Piniennuss-Blätterteigrollen, dazu eine große Schale dampfenden, schimmernden grünen Rundkornreises aus duftenden Reisterrassen. Xiaoyan stellte alles auf den Tisch, holte Beilagen und Essstäbchen und schöpfte eine Schale Reis. Duftblümchen sagte: „Alles so fettig und ölig — wer isst denn so etwas!" Sie goss sich nur Suppe über den Reis und aß eine Schale, nahm zwei Stücke eingelegte Gans und hörte auf. Schatzjade roch daran und fand, es duftet feiner als gewöhnlich; also aß er eine Blätterteigrolle und bat auch Xiaoyan, sich eine halbe Schale Reis zu nehmen, Suppe darüber zu gießen — es schmeckte köstlich. Xiaoyan und Duftblümchen lachten beide. Nach dem Essen wollte Xiaoyan den Rest zurückbringen. Schatzjade sagte: „Iss du es auf — wenn es nicht reicht, lass noch mehr bringen." Xiaoyan sagte: „Nicht nötig, das reicht. Vorhin hat Schwester Moschusmond uns zwei Teller Gebäck gegeben; wenn ich jetzt noch dies esse, brauche ich nichts mehr." Sie stellte sich an den Tisch und aß alles auf. Zwei Blätterteigrollen legte sie beiseite und sagte: „Die sind für meine Mutter. Heute Abend zum Weintrinken gebt mir bitte zwei Schalen Wein, das reicht." Schatzjade lachte: „Du magst also auch Wein? Dann trinken wir heute Abend ordentlich miteinander! Schwester Dufthauch und Schwester Heitermuster vertragen auch einiges, möchten aber gewöhnlich nicht. Heute brechen wir alle das Fasten! Ach, noch etwas — ich wollte es dir sagen und hab es glatt vergessen; jetzt fällt es mir ein: Kümmere dich in Zukunft ganz um Duftblümchen. Wenn sie etwas versäumt, weis sie darauf hin — Dufthauch kann nicht auf alle aufpassen." Xiaoyan sagte: „Ich weiß Bescheid, da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Aber was wird nun aus Wu'er?" Schatzjade sagte: „Sag Frau Liu, sie soll sie morgen direkt hereinkommen lassen. Ich sage den Leuten Bescheid, und die Sache ist erledigt." Duftblümchen hörte das und lachte: „Das ist wirklich vernünftig." Xiaoyan rief zwei kleine Mädchen herein, die beim Händewaschen und Teeeinschenken halfen; sie selbst räumte das Geschirr auf, übergab es der Dienerin, wusch sich die Hände und ging zu Frau Liu — davon sei hier nicht weiter die Rede.
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Schatzjade ging hinaus, um im Hongxiangpu die Schwestern aufzusuchen; Duftblümchen folgte ihm mit Tuch und Fächer. Kaum waren sie aus dem Hoftor, kamen Dufthauch und Heitermuster Hand in Hand zurück. Schatzjade fragte: „Wo wollt ihr hin?" Dufthauch sagte: „Das Essen ist angerichtet — wir kommen, um dich zum Essen zu holen." Schatzjade erzählte ihnen lachend, dass er eben schon gegessen hatte. Dufthauch lachte: „Ich sag ja immer, du isst wie eine Katze — wenn du etwas Duftendes riechst, willst du es haben. Essen aus einem fremden Topf schmeckt immer besser. Aber du solltest trotzdem hinaufgehen und den anderen wenigstens ein bisschen Gesellschaft leisten." Heitermuster tippte Duftblümchen mit dem Finger auf die Stirn und sagte: „Du bist eine richtige kleine Verführerin — wann bist du nur davongeschlichen, um zu essen? Ihr zwei habt euch wohl heimlich verabredet, ohne uns ein Wort zu sagen!" Dufthauch lachte: „Es war purer Zufall — von Verabredung kann keine Rede sein." Heitermuster sagte: „Wenn das so ist, braucht ihr uns ja gar nicht mehr. Morgen gehen wir alle, und Duftblümchen allein reicht völlig." Dufthauch lachte: „Wir alle können gehen — nur du nicht." Heitermuster sagte: „Gerade ich muss als Erste gehen — ich bin faul und dumm, habe ein schlechtes Temperament und bin zu nichts nutze." Dufthauch lachte: „Wenn jemand wieder ein Loch in die Pfauenfederjacke brennt — wer flickt es dann, wenn du weg bist? Hör auf, mir etwas vorzuspielen. Wenn ich dich um eine Arbeit bitte, bist du so faul, dass du keine Nadel quer und keinen Faden längs bewegst. Es ist ja auch nicht meine Privatarbeit, worum ich dich bitte — es ist alles für ihn, und trotzdem willst du nichts tun. Aber als ich ein paar Tage fort war, warst du todkrank und hast eine ganze Nacht lang, ohne an dein Leben zu denken, die Jacke für ihn geflickt — was war denn das für ein Grund? Sag schon, lach nicht nur stumm — damit ist niemandem gedient." Lachend und plaudernd kamen sie in den Saal. Tante Schnee war auch da. Alle setzten sich der Reihe nach zum Essen. Schatzjade tränkte nur eine halbe Schale Reis mit Tee und aß pro forma. Nach dem Essen trank man Tee, plauderte und scherzte.
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Draußen hatten Xiaoluo, Duftkastanie, Duftblümchen, Ruiguan, Lotoswürzlein, Douguan und vier, fünf andere den ganzen Garten durchstreift. Sie pflückten Blumen und Gräser, setzten sich mitten in einen Haufen Blumen und spielten das Blumenspiel <ref>ein Spiel, bei dem man Pflanzen nennt, deren Namen zusammengesetzte Wörter ergeben</ref>. Die eine sagte: „Ich habe eine Guanyin-Weide." Eine andere sagte: „Ich habe eine Luohan-Kiefer." Wieder eine: „Ich habe einen Junzi-Bambus." <ref>‚Bambus des Edlen'</ref> Die nächste: „Ich habe eine Meirenjiao." <ref>‚Schöne-Frauen-Banane'</ref> Eine: „Ich habe ein Xingxingcui." <ref>‚Sternengrün'</ref> Eine andere: „Ich habe eine Yueyuehong." <ref>‚Monat für Monat rot', die Monatsrose</ref> Eine: „Ich habe eine Päonienblüte vom Päonienpavillon." <ref>Anspielung auf das berühmte Drama ‚Mudanting' von Tang Xianzu</ref> Eine andere: „Ich habe eine Wollmispel-Frucht aus der ‚Geschichte der Laute'." <ref>Anspielung auf die Oper ‚Pipaji'</ref> Douguan sagte: „Ich habe eine Geschwisterblume." Da wusste niemand mehr etwas. Duftkastanie aber sagte: „Ich habe eine Eheleute-Orchidee." Douguan sagte: „Von einer Eheleute-Orchidee habe ich noch nie gehört." Duftkastanie erklärte: „Bei einer Lan-Orchidee sitzt nur eine Blüte am Stängel, bei einer Hui-Orchidee mehrere. Wenn zwei Stängel einer Hui-Orchidee Blüten in verschiedener Höhe tragen, nennt man das Brüder-Orchidee; wenn sie Kopf an Kopf blühen, heißt das Eheleute-Orchidee. Meine hier blüht Kopf an Kopf — was stimmt daran nicht?" Douguan hatte nichts mehr einzuwenden; sie stand auf und sagte spöttisch: „Und wenn die zwei Blüten verschieden groß sind, ist das eine Vater-und-Sohn-Orchidee, ja? Und wenn sie in verschiedene Richtungen schauen, eine Feinde-Orchidee, was? Dein Mann ist seit über einem halben Jahr verreist, und du sehnst dich so sehr nach dem, was Eheleute miteinander treiben, dass du dir auch noch Eheleute-Orchideen ausdenkst. Schämst du dich nicht!" Duftkastanie errötete, stand hastig auf und wollte Douguan kneifen, dabei lachend schimpfend: „Du freches kleines Ding mit deinem verdorbenen Mundwerk! Das ist ja pures Fiebergeschwätz!" Als Douguan sah, dass Duftkastanie aufstehen wollte, ließ sie das natürlich nicht zu und drückte sie mit dem ganzen Körper nieder. Sie wandte den Kopf zu Ruiguan und den anderen und bat lachend: „Kommt und helft mir, sie in ihr Lügenmaul zu kneifen!" Die beiden wälzten sich im Gras. Die anderen klatschten lachend in die Hände und warnten nur: „Vorsicht, da ist eine Pfütze! Wie schade um ihren neuen Rock!" Douguan wandte den Kopf und erblickte tatsächlich eine Lache Regenwasser — aber Duftkastanies Rock war schon zur Hälfte davon besudelt. Beschämt riss sich Douguan von Duftkastanie los und lief davon. Die anderen wollten sich vor Lachen ausschütten; aber aus Angst, Duftkastanie würde ihren Zorn an ihnen auslassen, liefen sie lachend auseinander.
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Duftkastanie stand auf und blickte an sich herab. Sie sah, wie die grüne Brühe an ihrem Rock herunterlief. Sie schimpfte wie ein Rohrspatz. Gerade da kam Schatzjade, der die Mädchen beim Blumenspiel gesehen und selbst einige Blumen und Gräser gesammelt hatte, um mitzuspielen. Als er plötzlich sah, dass alle davongelaufen waren und nur noch Duftkastanie mit gesenktem Kopf an ihrem Rock herumzupfte, fragte er: „Warum sind sie alle weggelaufen?" Duftkastanie sagte: „Ich hatte eine Eheleute-Orchidee, und weil sie es nicht kannten, sagten sie, ich hätte mir das ausgedacht. Darüber sind wir ins Zanken gekommen, und sie haben mir meinen neuen Rock verdorben." Schatzjade stampfte klagend mit dem Fuß auf: „Wenn es euer Haus wäre, könntet ihr hundert solcher Stücke am Tag verderben, ohne dass es der Rede wert wäre. Aber erstens ist der Stoff von Fräulein Qin mitgebracht worden, und Schwester Bao und du hatten jede nur einen; ihrer ist noch gut, und deiner ist schon schmutzig — wie unwürdig gegenüber ihrer Aufmerksamkeit! Zweitens: Die Tante ist eine alte Frau mit losem Mundwerk — und dabei höre ich sie auch so schon immer sagen, ihr versteht nichts vom Haushalten und macht nur alles kaputt, statt euer Glück zu schätzen. Wenn die Tante das sieht, gibt es wieder Ärger." Duftkastanie traf das mitten ins Herz, und statt betrübt zu sein, freute sie sich sogar und sagte lachend: „Genau das ist es! Obwohl ich einige neue Röcke habe, ist keiner wie dieser hier. Wenn ich einen gleichen hätte, könnte ich ihn schnell umziehen — das wäre gut. Den Rest besprechen wir später." Schatzjade sagte: „Beweg dich nicht! Steh nur still — sonst werden auch Unterkleid, Kniehosen und Schuhe schmutzig. Ich habe eine Idee: Dufthauch hat letzten Monat einen Rock genäht, der genau so aussieht wie dieser; weil sie noch in Trauer ist, trägt sie ihn nicht. Man könnte ihn dir schenken, damit du dich umziehst — was meinst du?" Duftkastanie lachte und schüttelte den Kopf: „Das geht nicht. Wenn die anderen davon hören, wäre es unangenehm." Schatzjade sagte: „Was ist daran zu fürchten? Wenn die Trauer vorbei ist und sie etwas Hübsches haben möchte, darfst du ihr dann etwa nichts anderes schenken? So bist du doch sonst im Umgang! Außerdem ist es nichts Heimliches — man braucht es nur Schwester Bao zu sagen. Die einzige Sorge ist, dass die Tante sich ärgern könnte." Duftkastanie überlegte; es leuchtete ihr ein, und sie nickte lachend: „Dann also so — enttäusche mich nicht. Ich warte auf dich; aber lass sie es unbedingt persönlich bringen."
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Als Schatzjade das hörte, freute er sich ungemein, versprach alles und eilte zurück. Im Gehen sann er bei sich: „Wie schade um ein solches Mädchen — keine Eltern, hat sogar ihren eigenen Familiennamen vergessen, wurde entführt und musste ausgerechnet an diesen Tyrannen <ref>Becken Schnee [薛蟠</ref>, Schatzspanges gewalttätiger Bruder] verkauft werden." Dann dachte er noch an den Tag neulich, als auch Friedchens Schicksal ihm so unerwartet aufgefallen war — und heute kam nun dieses noch unerwartetere Ereignis dazu. Vertieft in wirre Gedanken kam er in sein Zimmer, nahm Dufthauch beiseite und erzählte ihr alles. Duftkastanie war ein Mensch, den jedermann liebte und bemitleidete. Dufthauch war von Natur aus großzügig und zudem seit jeher mit Duftkastanie befreundet. Kaum hatte sie die Nachricht gehört, öffnete sie die Truhe, nahm den Rock heraus, faltete ihn ordentlich und ging mit Schatzjade los, um Duftkastanie zu suchen. Die stand immer noch an derselben Stelle und wartete. Dufthauch lachte: „Ich sage ja immer, du treibst es zu bunt — du musst erst eine Geschichte anstellen!" Duftkastanie errötete und lachte: „Vielen Dank, Schwester! Wer hätte gedacht, dass diese boshaften Gören so gemein sein würden." Damit nahm sie den Rock entgegen, breitete ihn aus und sah: Er war tatsächlich derselbe wie ihrer. Dann hieß sie Schatzjade, sich umzudrehen, griff kreuzweise nach hinten, band den verschmutzten Rock ab und legte den neuen an. Dufthauch sagte: „Gib mir den schmutzigen; ich nehme ihn mit, reinige ihn und bringe ihn dir dann. Wenn du ihn zurücknimmst und man sieht ihn, gibt es Fragen." Duftkastanie sagte: „Liebe Schwester, nimm ihn mit und gib ihn irgendeiner Schwester. Da ich jetzt diesen habe, brauche ich den anderen nicht mehr." Dufthauch sagte: „Du bist aber großzügig!" Duftkastanie machte eilig einen Knicks zum Dank; Dufthauch nahm den schmutzigen Rock und ging.
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Duftkastanie sah, wie Schatzjade auf dem Boden hockte und die Eheleute-Orchidee und die Zwillingsblüten-Wassernuss <ref>eine Frucht, die wie zusammengewachsene Zwillinge aussieht — auch eine Anspielung auf eheliche Verbundenheit</ref> mit einem Stöckchen eine kleine Grube auskratzte. Erst streute er herabgefallene Blütenblätter als Unterlage hinein, dann bettete er Orchidee und Wassernuss sorgfältig darauf und deckte sie mit weiteren Blüten zu; schließlich häufelte er Erde darüber und machte alles glatt. Duftkastanie nahm seine Hand und lachte: „Was soll das denn schon wieder? Kein Wunder, dass alle sagen, du führst immer geheimnisvoll seltsame Dinge auf, die einem die Haut kräuseln! Sieh nur deine Hände — ganz schmutzig von Erde und Moos! Geh schnell und wasch sie!" Schatzjade lachte, stand auf und ging sich die Hände waschen; Duftkastanie ging ebenfalls davon. Die beiden waren schon einige Schritte weit auseinander, als Duftkastanie sich umdrehte und Schatzjade zurückrief. Schatzjade wusste nicht, was sie noch zu sagen hatte, und kam mit beiden erdigen Händen lachend zurück: „Was gibt es?" Duftkastanie lachte nur. Gerade kam ihr Mädchen Zhen'er und sagte: „Die Zweite Herrin wartet auf dich und möchte mit dir sprechen." Erst da sagte Duftkastanie zu Schatzjade: „Die Sache mit dem Rock — erzähle das bloß nicht deinem Bruder <ref>Becken Schnee</ref>!" Damit drehte sie sich um und ging. Schatzjade lachte: „Ja, bin ich denn verrückt — soll ich etwa meinen Kopf in den Rachen des Tigers stecken?" Damit ging auch er sich die Hände waschen.
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Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.

Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Kapitel 62 Xiangfluss-Wolke [湘云] schläft betrunken auf einer Steinbank zwischen Päonienblüten Duftkastanies bestickter Rock wird beim Blumenspiel beschmutzt

Friedchen [平儿] kam heraus und wies Frau Lin Zhixiao an: „Aus großen Angelegenheiten mache man kleine, aus kleinen gar keine — das ist die Art eines gedeihenden Hauses. Wenn man bei jeder Kleinigkeit gleich mit Glockengeläut und Trommelschlag ein großes Aufheben macht, ist das keine vernünftige Weise. Bringt jetzt Mutter und Tochter zurück; sie sollen wie zuvor ihren Dienst versehen. Die Frau des Qin Xian schickt ebenfalls wieder zurück. Es braucht von dieser Sache nicht mehr gesprochen zu werden. Nur soll man täglich sorgfältig Wache halten." Damit stand sie auf und ging. Frau Lius Mutter und Tochter kotzten eilig vor ihr nieder. Frau Lin brachte sie zurück in den Garten und erstattete Seidenweiß Pflaume [李纨] und Erkundefrühling [探春] Bericht; beide sagten: „Wir haben es zur Kenntnis genommen. Wenn alles erledigt ist, umso besser."

Schachspielerin [司棋] und die anderen hatten sich umsonst in Aufregung versetzt. Die Frau des Qin Xian aber, die endlich eine Gelegenheit gefunden hatte, sich einzuschleichen, hatte gerade einen halben Tag lang triumphiert. In der Küche war sie eifrig damit beschäftigt gewesen, Gerätschaften, Reis, Getreide, Kohle und dergleichen in Empfang zu nehmen, und hatte dabei allerlei Fehlbestände aufgedeckt: „Beim Rundkornreis fehlen zwei Shi [1], beim Alltagsreis ist ein Monat zu viel ausgegeben worden, und auch bei der Kohle stimmen die Zahlen nicht." Gleichzeitig hatte sie Geschenke für Frau Lin Zhixiao vorbereiten lassen — heimlich einen Korb Kohle, fünfhundert Pfund Brennholz und eine Traglast Rundkornreis — und draußen durch Neffen und Nichten zum Haus der Familie Lin schicken lassen. Ferner bereitete sie Geschenke für die Buchhaltung vor und richtete einige Gerichte her, um ihre neuen Kolleginnen zu bewirten, wobei sie sagte: „Nun, da ich hier bin, bin ich ganz auf Ihre Unterstützung angewiesen. Von nun an sind wir eine Familie. Wo ich nicht aufpassen kann, helft mir bitte alle." Mitten in diesem Trubel kam plötzlich jemand und sagte: „Sieh zu, dass du nach dem Frühstück verschwindest. Die Schwägerin Liu war schuldlos; man hat ihr die Verwaltung wieder übertragen." Als die Frau des Qin Xian dies hörte, fuhr ihr der Schreck in die Glieder. Entmutigt, mit hängendem Kopf, strich sie augenblicklich die Flaggen und verstummte die Trommeln; sie packte ihre Sachen und ging. Die Geschenke an andere waren umsonst verschwendet; obendrein musste sie von ihrem eigenen Besitz die aufgedeckten Fehlbestände ersetzen. Selbst Schachspielerin war so verärgert, dass sie sich kaum fassen konnte, doch es war nichts mehr zu machen.

Die Nebenfrau Zhao hatte sich die ganze Zeit in Angst befunden, weil Farbwölkchen ihr heimlich so viele Dinge zugesteckt hatte und Jadearmreif den Streit darüber angefacht hatte; sie fürchtete, man könnte der Sache auf den Grund gehen, und horchte jeden Tag schweißnass nach Neuigkeiten. Da kam Farbwölkchen und sagte: „Schatzjade [宝玉] hat alles auf sich genommen; von nun an gibt es keine Schwierigkeiten mehr." Erst da beruhigte sich die Nebenfrau Zhao. Doch Unheil Kaufmann [贾环], als er davon hörte, wurde misstrauisch. Er holte alle Dinge hervor, die Farbwölkchen ihm heimlich geschenkt hatte, und warf sie Farbwölkchen ins Gesicht: „Du doppelzüngiges Ding! Ich will das alles nicht. Wenn du nicht mit Schatzjade unter einer Decke stecktest, warum sollte er sich für dich einsetzen? Wenn du die Kühnheit hattest, mir die Sachen zu geben, hättest du es keinem Menschen verraten sollen. Da du es ihm nun doch erzählt hast, macht es keinen Spaß mehr, die Sachen zu behalten." Farbwölkchen erschrak, schwor Stein und Bein, weinte gar und erklärte sich auf alle erdenkliche Weise, doch Unheil Kaufmann wollte ihr partout nicht glauben und sagte: „Wenn ich nicht unsere frühere Zuneigung berücksichtigen würde, ginge ich zur Zweiten Schwägerin und sagte: ‚Farbwölkchen hat es gestohlen und mir gegeben, ich wage es nicht anzunehmen.' Denk einmal darüber nach." Damit schleuderte er seine Hand los und ging hinaus. Nebenfrau Zhao schimpfte aufgebracht: „Du undankbarer Wurm, du Madenherz, du Unglücksbrut!" Farbwölkchen weinte sich vor Zorn die Augen aus. Nebenfrau Zhao tröstete sie auf jede Weise: „Gutes Kind, er hat dein treues Herz verkannt — das sehe ich wohl. Lass mich die Sachen aufbewahren; in ein paar Tagen wird er von selbst zur Besinnung kommen." Damit wollte sie die Sachen einsammeln. Doch Farbwölkchen packte alles trotzig zusammen, und als niemand es sah, ging sie in den Garten und warf alles in den Fluss — was sank, sank; was trieb, trieb davon. In der Nacht weinte sie vor Zorn still unter ihrer Decke.

Unterdessen war Schatzjades Geburtstag herangekommen. Es stellte sich heraus, dass auch Kostbarzither Schnee an diesem selben Tag Geburtstag hatte — beide teilten das gleiche Datum. Da Dame König nicht zu Hause war, feierte man nicht so festlich wie in früheren Jahren. Nur der daoistische Meister Zhang schickte vier Geschenke und tauschte das Namensamulett [2]; aus einigen Mönchsklöstern und Nonnenkonventen kamen Opferspitzen, Bilder des Gottes der Langlebigkeit, Memorialtafeln und ein neues Schutzschloss des Geburtssterns für das laufende Jahr. Die Geschichtenerzählerinnen, die regelmäßig ins Haus kamen, gratulierten zum Geburtstag. Aus dem Hause Fliederranke König [3] kam wie immer ein Satz Kleidung, ein Paar Schuhe mit Strümpfen, hundert Langlebigkeitspfirsiche und hundert Bündel feiner silberfädiger Nudeln. Von Tante Schnee [薛姨妈] kam etwas weniger. Von den übrigen Hausbewohnern schickte Dame Sonders wie stets ein Paar Schuhe mit Strümpfen; Phönixglanz [熙凤] schenkte einen in Palastmanier gearbeiteten vierseitigen Harmonie-Beutel mit einem goldenen Langlebigkeitsgott darin und einem persischen Spielzeug. In alle Tempel wurden Leute geschickt, um Almosen zu verteilen. Für Kostbarzither Schnee gab es noch eigene Geschenke, die hier nicht alle aufgezählt werden können. Unter den Schwestern schenkte man sich ganz ungezwungen — die eine gab einen Fächer, eine andere ein Schriftzeichen, wieder eine ein Bild oder ein Gedicht — alles nur, um dem Anlass Genüge zu tun.

An diesem Tag stand Schatzjade früh auf, wusch und kämmte sich, legte Kappe und Gürtel an und ging in den Vorderen Saal, wo Li Gui und vier, fünf andere bereits Räucherwerk und Kerzen für Himmel und Erde aufgestellt hatten. Schatzjade entzündete den Weihrauch. Nach Vollzug der Zeremonie, dem Teetrankopfer und dem Verbrennen der Papiergaben begab er sich in den Ahnentempel und die Ahnenhalle des Ningfu [4], vollzog dort die Riten, trat auf die Mondterrasse hinaus und verbeugte sich in der Ferne vor der Alten Herrin, Aufrecht Kaufmann, Dame König und den anderen. Dann ging er der Reihe nach zu Dame Sonderss Obergemächern, vollzog die Riten, saß ein Weilchen und kehrte ins Rongfu zurück. Zuerst besuchte er Tante Schnee, die ihn dringlich festhielt; dann traf er Xue Ke, dem er ebenfalls seine Aufwartung machte, bevor er endlich in den Garten trat. Heitermuster [晴雯] und Moschusmond [麝月] folgten ihm, ein kleines Mädchen trug die Filzunterlage. Von Seidenweiß Pflaumes Gemach angefangen, besuchte er der Reihe nach alle Älteren. Dann ging er wieder aus dem Zweiten Tor hinaus und machte bei seinen vier Ammen — Li, Zhao, Zhang und Wang — seine Aufwartung, bevor er zurückkehrte. Obwohl alle ihm den Kowtow erweisen wollten, nahm er ihn nicht an. Zurück im Zimmer, kamen Dufthauch [袭人] und die anderen nur, um ihm ein Wort des Glückwunsches zu sagen. Dame König hatte nämlich verfügt, dass junge Leute keine Ehrerbietungen entgegennehmen sollten, da dies das Glück und die Lebenskraft mindere — daher kniete niemand nieder.

Nach einer Weile kamen Unheil Kaufmann, Orchidee Kaufmann und andere. Dufthauch hielt sie eilig zurück, sie setzten sich kurz hin und gingen dann. Schatzjade sagte lachend, er sei müde vom vielen Herumgehen, und ließ sich aufs Bett sinken. Er hatte erst eine halbe Tasse Tee getrunken, als von draußen lautes Geschnatter und Gelächter einer ganzen Schar Mädchen zu hören war, die hereinkam: Es waren Cuimo, Xiaoluo, Cuilu, Ruhua, Zhuan'er — Xing Höhlennebel Strafes Zofe —, die Amme mit der kleinen Pfiffigmädchen auf dem Arm, Cailuan, Xiuluan — acht oder neun Personen insgesamt, alle mit roten Filzdecken in den Armen, lachend. Sie riefen: „Die Geburtstagsgratulanten haben schon die Tür eingerannt — schnell bringt uns Nudeln zu essen!" Gerade als sie hereinkamen, erschienen auch Erkundefrühling, Xiangfluss-Wolke, Kostbarzither Schnee, Höhlennebel Strafe und Bedauerfrühling [惜春]. Schatzjade eilte ihnen lachend entgegen: „Ich wage es kaum, euch zu bemühen — schnell bereitet guten Tee!" Im Zimmer gab es das übliche höfliche Hin und Her, dann nahm jeder Platz. Dufthauch und die anderen brachten Tee; man hatte gerade den ersten Schluck genommen, da kam auch Friedchen, herausgeputzt wie eine blühende Blume. Schatzjade eilte ihr entgegen und lachte: „Ich war vorhin an Schwester Fengs Tür; man sagte mir, sie sei drinnen, und ich konnte sie nicht sehen. Ich habe dann jemanden hineingeschickt, um Schwester einzuladen." Friedchen lachte: „Ich war gerade dabei, deiner Schwester beim Frisieren zu helfen und konnte nicht herauskommen. Als ich dann hörte, dass du mich auch eingeladen hattest, fühlte ich mich dessen nicht würdig und bin eigens hergekommen, um dir den Kowtow zu machen." Schatzjade lachte: „Ich bin dessen auch nicht würdig." Dufthauch hatte im Vorzimmer bereits einen Sitz vorbereitet und lud sie ein. Friedchen machte einen Knicks; Schatzjade verbeugte sich unablässig. Friedchen kniete nieder; Schatzjade kniete ebenfalls eilig nieder; Dufthauch half ihnen schnell auf. Friedchen machte noch einen Knicks; Schatzjade erwiderte mit einer Verbeugung. Dufthauch schob Schatzjade lachend an: „Mach noch eine Verbeugung!" Schatzjade sagte: „Es ist doch schon vorbei — warum noch eine Verbeugung?" Dufthauch lachte: „Das war ihre Geburtstagsgratulation für dich. Heute ist aber auch ihr Geburtstag, also solltest auch du ihr gratulieren." Als Schatzjade das hörte, freute er sich und verbeugte sich eilig: „Ach, heute ist ja auch Schwesterchens Geburtstag!" Friedchen erwiderte unablässig mit Knicksen. Xiangfluss-Wolke zog Kostbarzither Schnee und Höhlennebel Strafe heran und sagte: „Ihr vier solltet euch gegenseitig gratulieren — den ganzen Tag lang!" Erkundefrühling fragte eilig: „Ach, Schwester Xing hat auch heute? Das hatte ich ganz vergessen!" Sie befahl hastig ihrem Mädchen: „Geh zur Zweiten Herrin und sag ihr, sie solle schnell noch ein Geschenk nachholen, dasselbe wie für Fräulein Qin, und es zum Zimmer des Zweiten Fräuleins bringen lassen." Das Mädchen ging. Höhlennebel Strafe, da Xiangfluss-Wolke es geradeheraus gesagt hatte, musste nun wohl oder übel in den verschiedenen Gemächern ihre Aufwartung machen.

Erkundefrühling sagte lachend: „Es ist schon amüsant — zwölf Monate im Jahr, und jeden Monat gibt es mehrere Geburtstage. Bei so vielen Menschen kommt es zu solchen Zufällen: drei am selben Tag, zwei am selben Tag. Sogar der Neujahrstag wird nicht verschont — die älteste Schwester [5] hat ihn für sich beansprucht. Kein Wunder, dass sie so großes Glück hat — ihr Geburtstag kommt allen zuvor. Es ist auch zugleich der Geburtstag des Urgroßvaters. Nach dem Laternenfest kommen die Alte Herrin und Schwester Bao [6]] — Mutter und Tochter treffen es zufällig. Am ersten des dritten Monats ist die Gnädige Frau dran, am neunten der Zweite Bruder Lian. Im zweiten Monat hat niemand Geburtstag." Dufthauch sagte: „Am zwölften des zweiten Monats ist Fräulein Lin — wie kann niemand sein? Nur ist sie eben nicht von unserem Haus." Erkundefrühling lachte: „Was ist nur mit meinem Gedächtnis!" Schatzjade zeigte lachend auf Dufthauch: „Sie und die Jüngere Schwester Lin haben am gleichen Tag Geburtstag, deshalb erinnert sie sich." Erkundefrühling lachte: „Ach so, ihr beiden habt am selben Tag! Jedes Jahr macht ihr uns nicht einmal einen einzigen Kowtow. Und Friedchens Geburtstag wussten wir auch nicht — das erfahren wir erst jetzt." Friedchen lachte: „Wir stehen ja nur auf der Namensliste der Dienerschaft; wir haben weder das Glück, Geburtstagsglückwünsche zu empfangen, noch den Rang, Geschenke entgegenzunehmen — wozu also Aufhebens machen? Da feiert man lieber still. Heute hat er es nun doch ausgeplaudert — wenn die Fräulein in ihre Zimmer zurückgehen, komme ich noch zum Gratulieren." Erkundefrühling lachte: „Wir wollen dich auch nicht behelligen. Nur möchte ich heute unbedingt deinen Geburtstag feiern, sonst habe ich kein ruhiges Gewissen." Schatzjade, Xiangfluss-Wolke und alle anderen stimmten einstimmig zu. Erkundefrühling wies ihr Mädchen an: „Geh und sag der Herrin, wir alle zusammen haben gesagt, dass wir Friedchen heute den ganzen Tag nicht herauslassen. Wir haben auch alle zusammengelegt, um ihren Geburtstag zu feiern." Das Mädchen ging lachend davon. Nach einer Weile kam es zurück und sagte: „Die Zweite Herrin lässt sagen: Vielen Dank, dass die Fräulein ihr die Ehre erweisen. Sie möchte nur wissen, was es zu essen gibt; wenn man nur die Zweite Herrin nicht vergisst, wird sie kommen und sie nicht belästigen." Alle lachten.

Erkundefrühling sagte: „Es trifft sich gut, dass heute die Innenküche kein Essen vorbereitet; alles, die Nudeln und das Gemüse, wird von der Außenküche erledigt. Wir können also zusammenlegen und Frau Liu beauftragen, alles zu übernehmen, und es hier drinnen zubereiten lassen — das wäre doch praktisch." Alle stimmten zu. Erkundefrühling schickte einerseits jemanden zu Seidenweiß Pflaume und Schatzspange, um sie zu fragen, andererseits ließ sie Frau Liu hereinrufen und wies sie an, in der Innenküche schnell zwei Tische mit Speisen und Wein herzurichten. Frau Liu verstand nicht, was der Anlass war, und sagte, die Außenküche habe doch alles vorbereitet. Erkundefrühling lachte: „Du weißt es ja noch nicht — heute ist Fräulein Friedchens Geburtstag! Was die Außenküche vorbereitet, ist für die Offiziellen da oben. Jetzt haben wir privat zusammengelegt und wollen eigens für Fräulein Friedchen zwei Tische vorbereiten, um sie zu bewirten. Du brauchst nur die feinsten und ausgefallensten Gerichte auszuwählen; die Rechnung reichst du bei mir ein." Frau Liu lachte: „Ach, heute ist also auch Fräulein Friedchens Geburtstag — das wusste ich gar nicht!" Damit machte sie vor Friedchen einen Kowtow; Friedchen zog sie erschrocken hoch. Frau Liu eilte davon, um das Festessen vorzubereiten.

Hier lud Erkundefrühling noch Schatzjade ein, und alle gingen zusammen in den Saal, um Nudeln zu essen. Als Seidenweiß Pflaume und Schatzspange vollzählig erschienen waren, schickte man auch nach Tante Schnee und Kajaljade [黛玉]. Da das Wetter mild war und Kajaljades Krankheit sich gebessert hatte, kam auch sie. Es war ein prachtvolles Bild — der Saal war voller Menschen.

Xue Ke schickte noch Tücher, Fächer, Weihrauch und Seide als Geburtstagsgeschenke für Schatzjade. Schatzjade ging daraufhin zu ihm, um ihn beim Nudelessen zu begleiten. Beide Familien hatten Geburtstagswein bereitet und beschenkten sich gegenseitig. Zur Mittagszeit trank Schatzjade noch zwei Becher Wein mit Xue Ke. Schatzspange kam mit Kostbarzither Schnee herüber, um Xue Ke die Riten zu erweisen und ihm einzuschenken. Dann ermahnte Schatzspange Xue Ke: „Den Wein von zu Hause brauchst du nicht mehr herüberschicken zu lassen — diese Förmlichkeit können wir uns sparen. Lade einfach die Angestellten zum Trinken ein. Bruder Bao und ich gehen wieder hinein; wir müssen noch Gäste bewirten und können dir nicht länger Gesellschaft leisten." Xue Ke beeilte sich zu sagen: „Schwester und Bruder mögen nur gehen — die Angestellten dürften ohnehin gleich kommen." Schatzjade entschuldigte sich eilig und ging mit seinen Schwestern zurück.

Kaum waren sie durch das Ecktor getreten, befahl Schatzspange einer Dienerin, die Tür abzuschließen, und nahm den Schlüssel an sich. Schatzjade sagte hastig: „Warum diese Tür abschließen? Es gehen doch nicht so viele Leute hier durch. Zudem sind die Tante, die Schwester und die jüngere Schwester alle drinnen — wenn jemand etwas von zu Hause holen muss, ist das doch umständlich." Schatzspange lachte: „Vorsicht ist besser als Nachsicht. Schau dir doch eure Seite an — all die Vorfälle der letzten Tage! Von unserer Seite war niemand betroffen — das zeigt doch, wie wirkungsvoll das Verschließen dieser Tür ist. Wenn sie offen stünde, könnten jene Leute die Abkürzung nehmen und hier durchlaufen — wen sollte man dann aufhalten? Lieber schließen wir ab; dann sind auch Mama und ich eingeschränkt, und niemand geht hier durch. Wenn dann etwas passiert, kann man es wenigstens nicht den Leuten von dieser Seite zur Last legen." Schatzjade lachte: „Da weiß also auch die Schwester von den Diebstählen bei uns in letzter Zeit?" Schatzspange lachte: „Du kennst nur die zwei Sachen mit dem Rosenwasser und dem Fulingcreme-Zucker — die kamen nur ans Licht, weil Personen verwickelt waren. Wären nicht Personen verwickelt gewesen, wüsstest du nicht einmal von diesen beiden. Aber es gibt noch einige Dinge, die bedeutender sind als diese beiden. Wenn sie künftig nicht ans Tageslicht kommen, ist es aller Glück; kommen sie heraus, werden noch viele Leute drinnen mit hineingezogen. Du kümmerst dich ja auch sonst nicht um solche Dinge, darum sage ich es dir. Friedchen ist ein kluger Mensch; ihr habe ich es neulich auch gesagt — eben weil ihre Herrin nicht draußen sein kann, musste ich sie ins Bild setzen. Wenn nichts herauskommt, lassen wir alle gern die Hände davon. Kommt es aber heraus, hat sie bereits einen Plan im Kopf und weiß, wie vorzugehen ist, sodass keine Unschuldigen leiden. Hör einfach auf mich: Sei künftig aufmerksam und vorsichtig — und erzähle das keinem zweiten Menschen."

Während sie so sprachen, gelangten sie an den Qinfang-Pavillon [7]. Dort sahen sie Dufthauch, Duftkastanie, Daishu, Suyun, Heitermuster, Moschusmond, Duftblümchen, Ruiguan, Lotoswürzlein und etwa zehn andere, die den Fischen zuschauten und sich vergnügten. Als sie die Ankommenden sahen, riefen sie: „Im Päonien-Gatter ist alles vorbereitet — kommt schnell zum Festmahl!" Schatzspange und die anderen gingen mit ihnen gemeinsam zum Hongxiangpu [8], dem kleinen, dreijochigen, offenen Pavillon inmitten der Päonienbeete. Sogar Dame Sonders war eingeladen worden und schon da; alle waren versammelt, nur Friedchen fehlte noch.

Friedchen war nämlich hinausgegangen, denn aus den Familien Lai, Lin und anderen kamen Geburtstagsgeschenke in rascher Folge. Dienstboten aller Ränge — oberer, mittlerer und unterer — kamen in großer Zahl, um zu gratulieren und Geschenke zu bringen. Friedchen war damit beschäftigt, Trinkgelder auszugeben und sich zu bedanken, und berichtete gleichzeitig jedes Geschenk einzeln Phönixglanz — einige behielt man, andere lehnte man ab, wieder andere nahm man an und verschenkte sie sogleich weiter. Nachdem sie eine Weile geschäftig gewesen war, wartete sie noch, bis Phönixglanz ihre Nudeln gegessen hatte, wechselte dann die Kleidung und kam in den Garten.

Kaum hatte sie den Garten betreten, kamen einige Mädchen, um sie abzuholen, und zusammen gingen sie zum Hongxiangpu. Dort waren die Tische mit Schildpattgeschirr gedeckt und die Sitzpolster mit Lotosblumenmuster ausgelegt. Alle lachten: „Das Geburtstagskind ist vollzählig!" Oben sollten vier Sitze den vier Geburtstagskindern vorbehalten sein, doch alle vier weigerten sich. Tante Schnee sagte: „Ich bin alt und passe nicht in eure Runde; ich fühle mich befangen. Lieber lege ich mich draußen im Saal gemütlich hin — das wäre angenehmer. Ich kann ohnehin nicht viel essen und trinke kaum Wein; wenn ich Platz mache, ist es für die anderen bequemer." Dame Sonders und die anderen bestanden darauf, doch Schatzspange sagte: „Das geht schon in Ordnung. Mama soll es sich im Saal bequem machen — man kann ihr von dem, was sie gern isst, etwas hinüberschicken, dann ist sie zufriedener. Außerdem ist dort vorne niemand, und sie kann ein Auge darauf haben." Erkundefrühling und die anderen lachten: „Wenn es so ist — Gehorsam ist besser als Höflichkeit." Also begleiteten sie sie zum Beratungssaal, sahen zu, wie die Mädchen einen Brokatpolster, Rückenlehne und Kissen auflegten, und ermahnte sie: „Massiert der Tante ordentlich die Beine, und wenn sie Tee oder Wasser will, drückt euch nicht davor. Nachher wird Essen gebracht — wenn die Tante gegessen hat, bekommt ihr den Rest. Nur geht nicht von hier weg!" Die kleinen Mädchen antworteten alle brav.

Erkundefrühling und die anderen kehrten zurück. Schließlich einigte man sich, dass Kostbarzither Schnee und Höhlennebel Strafe oben saßen, Friedchen mit dem Gesicht nach Westen und Schatzjade nach Osten. Erkundefrühling hatte auch Mandarinenente [鸳鸯] [9] eingeladen, und die beiden saßen nebeneinander, ihnen gegenüber als Gastgeberinnen. Am westlichen Tisch saßen Schatzspange, Kajaljade, Xiangfluss-Wolke, Willkommensfrühling und Bedauerfrühling, und man zog noch Duftkastanie und Jadearmreif als Beigesellinnen hinzu. Am dritten Tisch saßen Dame Sonders und Seidenweiß Pflaume, die noch Dufthauch und Farbwölkchen zu sich holten. Am vierten Tisch saßen Purpurkuckuck, Ying'er, Heitermuster, Xiaoluo, Schachspielerin und andere. Nun wollten Erkundefrühling und die anderen noch das Zeremonielle des Einschenkens durchführen, aber die vier Geburtstagskinder sagten alle: „Wenn wir so weitermachen, sitzen wir den ganzen Tag nur bei den Förmlichkeiten!" Also ließ man es sein. Zwei Geschichtenerzählerinnen wollten zur Geburtstagsfeier ein Erzähllied vortragen, doch alle sagten: „Wir haben keine Lust, euch wilde Geschichten zuzuhören — geht in den Saal und unterhaltet die Tante!" Gleichzeitig wählte man verschiedene Speisen aus und ließ sie Tante Schnee bringen.

Schatzjade sagte: „Einfach nur so zu sitzen, ist langweilig — wir sollten ein Trinkspiel spielen." Die einen sagten, dieses Spiel sei gut, die anderen jenes. Kajaljade sagte: „Ich schlage vor, wir nehmen Pinsel und Tusche, schreiben alle Spiele auf, rollen sie zu Losen zusammen und ziehen eins heraus — welches gezogen wird, das spielen wir." Alle fanden das ausgezeichnet. Man holte ein Set Pinsel, Tusche und Blumenpapier. Duftkastanie hatte in letzter Zeit Gedichte studiert und übte täglich das Schreiben; als sie die Schreibutensilien sah, konnte sie sich nicht zurückhalten, stand sofort auf und sagte: „Ich schreibe!" Alle überlegten eine Weile und kamen auf etwa zehn Spiele, die sie diktierten und die Duftkastanie eins nach dem anderen aufschrieb, zusammenrollte und in eine Vase warf. Erkundefrühling ließ Friedchen ziehen. Friedchen rührte darin und zog mit den Essstäbchen eins heraus. Man öffnete es — darauf stand: „Shefu" [10]. Schatzspange lachte: „Da habt ihr den Urahn aller Trinkspiele herausgezogen! Das Shefu gibt es seit dem Altertum; die ursprüngliche Form ist verloren gegangen, und dies ist eine spätere Fassung — schwieriger als alle anderen Spiele. Die Hälfte hier kann es nicht. Besser, wir vernichten das Los und ziehen ein anderes, das für jeden etwas bietet." Erkundefrühling lachte: „Was einmal gezogen ist, kann man nicht vernichten. Wir ziehen jetzt noch eins; wenn das für jedermann geeignet ist, spielen jene das, und wir spielen Shefu." Dann ließ sie Dufthauch ziehen, und es war: „Muzhang" [11]. Xiangfluss-Wolke sagte lachend: „Das ist kurz und bündig — ganz nach meinem Geschmack! Ich spiele nicht dieses Shefu — das ist ja zum Einschlafen langweilig. Ich gehe Fingerschnalzen!" Erkundefrühling sagte: „Nur sie bringt die Ordnung durcheinander — Schwester Bao, bestrafe sie schnell mit einem Becher!" Schatzspange ließ sich nicht bitten und flößte Xiangfluss-Wolke einen Becher ein.

Erkundefrühling sagte: „Ich trinke einen Becher — ich bin die Spielleiterin und brauche nichts zu erklären; hört einfach auf meine Anweisungen." Sie ließ die Spielwürfel und den Würfelbecher bringen. „Von Schwester Qin angefangen wird der Reihe nach gewürfelt; wer die gleiche Zahl hat, die beiden spielen Shefu." Kostbarzither Schnee warf eine Drei. Höhlennebel Strafe, Schatzjade und die anderen warfen alle andere Zahlen; erst Duftkastanie warf ebenfalls eine Drei. Kostbarzither Schnee lachte: „Es muss sich auf etwas hier im Raum beziehen — wenn es auf etwas draußen geht, wäre das zu weit hergeholt." Erkundefrühling sagte: „Selbstverständlich. Wer es dreimal nicht errät, trinkt einen Strafbecher. Du versteckst, sie errät." Kostbarzither Schnee überlegte einen Moment und sagte das Zeichen „alt" (老 lǎo). Duftkastanie, die in diesem Spiel nicht geübt war, konnte auf die Schnelle nichts finden; sie sah sich im ganzen Raum um, fand aber kein Sprichwort, das mit „alt" zusammenhing. Xiangfluss-Wolke hatte als Erste zugehört und sah sich nun auch eifrig um; plötzlich bemerkte sie über dem Türsturz die drei Zeichen „Hongxiangpu" (Rotes Duft-Beet) und wusste, dass Kostbarzither Schnee das Zeichen „pu" (Garten) meinte — aus dem Confucius-Ausspruch „Ich bin nicht so gut wie ein alter Gärtner" (吾不如老圃). Da Duftkastanie es nicht erraten konnte und die Trommeln zur Eile mahnten, zog Xiangfluss-Wolke heimlich an Duftkastanies Ärmel und flüsterte ihr zu, sie solle „Medizin" (藥 yào) sagen [12]. Kajaljade aber hatte es gesehen und rief: „Bestraft sie schnell — da wird wieder heimlich weitergegeben!" Alle erfuhren es sofort, und man bestrafte Xiangfluss-Wolke mit einem weiteren Becher. Xiangfluss-Wolke schlug verärgert mit den Essstäbchen auf Kajaljades Hand. Dann wurde auch Duftkastanie mit einem Becher bestraft. Als Nächstes hatten Schatzspange und Erkundefrühling dieselbe Augenzahl. Erkundefrühling versteckte das Zeichen „Mensch" (人 rén). Schatzspange lachte: „Dieses ‚Mensch' ist aber reichlich vage." Erkundefrühling lachte: „Ich füge ein Zeichen hinzu — zwei versteckte für einen Ratetipp, dann ist es nicht mehr vage." Darauf sagte sie das Zeichen „Fenster" (窗 chuāng). Schatzspange überlegte; da sie auf dem Tisch Huhn sah, erriet sie, dass Erkundefrühling die beiden Begriffe „Hühnerfenster" (雞窗) und „Hühnermann" (雞人, der Hahn-Rufbeamte) verwendete, und riet auf „Sitzstange" (塒 shí) [13]. Erkundefrühling erkannte, dass Schatzspange richtig geraten hatte, und beide lachten; jede trank einen Schluck aus ihrem Türbecher.

Xiangfluss-Wolke konnte nicht länger warten und rief schon mit Schatzjade „Drei!" und „Fünf!" und warf die Finger. Drüben riefen auch Dame Sonders und Mandarinenente über den Tisch hinweg „Sieben!" und „Acht!" und spielten ebenfalls. Friedchen und Dufthauch bildeten ein weiteres Paar; es klirrte und klapperte nur so von den Armreifen an ihren Handgelenken. Bald hatte Xiangfluss-Wolke gegen Schatzjade gewonnen, Dufthauch gegen Friedchen, und Dame Sonders gegen Mandarinenente. Die drei Verlierer mussten eine „Weinoberfläche" und einen „Weinboden" liefern [14]. Xiangfluss-Wolke legte fest: „Die ‚Weinoberfläche' muss einen Satz aus einem klassischen Text, einen Vers aus einem alten Gedicht, einen Namen aus dem Dominospiel, einen Namen einer Opernmelodie und einen Satz aus dem Staatskalender enthalten — alles zusammen zu einem sinnvollen Satz verbunden. Der ‚Weinboden' muss der Name einer Frucht oder eines Gemüses sein, das etwas mit Menschen zu tun hat." Alle lachten: „Nur ihre Spielregeln sind so umständlich wie ihre Reden, aber es hat durchaus seinen Reiz." Man trieb Schatzjade, schnell zu beginnen. Schatzjade lachte: „Wer hat so etwas je gesagt — lasst mich wenigstens nachdenken!" Kajaljade sagte: „Trink noch einen Becher mehr, ich sage es für dich." Schatzjade trank tatsächlich, und dann hörte er Kajaljade sagen:

Abendrot und einsame Wildgans fliegen gemeinsam empor;
Im scharfen Wind am Fluss unter dem Himmel — der Trauergesang der Wildgans;
Aber es ist eine Gans mit gebrochenem Fuß;
Sie ruft, dass es einem neunfach die Eingeweide umwendet;
Dies ist: „Die Wildgänse kommen als Gäste."

Alle lachten und sagten: „Diese Kette hat wirklich ihren Reiz." Kajaljade nahm eine Haselnuss und sagte als Weinboden:

Die Haselnuss hat nichts zu tun mit dem Waschbrett hinter der Mauer;
Woher kommt das Klopfen von zehntausend Häusern, die Kleider waschen?

Nach dem Spiel sagten auch Mandarinenente, Dufthauch und die anderen je ein Sprichwort mit dem Zeichen „Langlebigkeit" (壽) darin — was hier nicht im Einzelnen aufgeführt werden kann.

Alle spielten der Reihe nach wild durcheinander. Dann hatten oben Xiangfluss-Wolke und Kostbarzither Schnee dieselbe Augenzahl, und Seidenweiß Pflaume und Höhlennebel Strafe ebenfalls. Seidenweiß Pflaume versteckte das Zeichen „Kürbisflasche" (瓢 piáo), Höhlennebel Strafe riet „grün" (綠 lǜ) [15]. Die beiden verstanden sich und tranken je einen Schluck. Xiangfluss-Wolke aber verlor beim Fingerspiel und wurde zur „Weinoberfläche" und zum „Weinboden" aufgefordert. Kostbarzither Schnee lachte: „Bitte den Herrn in seinen eigenen Kessel!" [16]. Alle lachten und sagten: „Der Ausdruck passt perfekt!" Xiangfluss-Wolke sprach:

Tosend und donnernd brausend;
Zwischen den Klippen türmen sich Wellen bis zum Himmel;
Man braucht eine Eisenkette, um das einsame Boot festzumachen;
Gerade in einen Sturm über dem ganzen Fluss geraten;
Ungeeignet zum Reisen.

Alle lachten: „Was für ein herzzerreißender Unsinn! Kein Wunder, dass sie dieses Spiel vorgeschlagen hat — absichtlich, um alle zum Lachen zu bringen!" Dann wollte man ihren Weinboden hören. Xiangfluss-Wolke trank ihren Wein, nahm ein Stück Entenfleisch zum Kauen und entdeckte in der Schüssel einen halben Entenkopf, den sie herausfischte, um das Hirn zu essen. Alle drängten sie: „Hör auf, nur zu essen — sag endlich deinen Spruch!" Xiangfluss-Wolke hielt den Entenkopf mit den Essstäbchen hoch und sprach:

Dieser Entenkopf (yatou) ist nicht jenes Dienstmädchen (yatou);
Woher nähme die Magd wohl Osmanthusöl für ihr Haar?

Alle brachen in noch lauteres Gelächter aus. Heitermuster, Xiaoluo, Ying'er und eine ganze Schar kamen herbei und riefen: „Fräulein Yun macht sich über uns lustig! Bestraft sie schnell mit einem Becher! Wieso sollten ausgerechnet wir Osmanthusöl verwenden? Im Gegenteil, jede von uns sollte ein Fläschchen Osmanthusöl bekommen!" Kajaljade lachte: „Sie würde euch gern ein Fläschchen Öl geben, fürchtet aber, dabei in einen Diebstahlsprozess verwickelt zu werden." [17] Die anderen beachteten es nicht weiter, aber Schatzjade verstand sofort und senkte den Kopf. Farbwölkchen, die ein schlechtes Gewissen hatte, wurde unwillkürlich rot. Schatzspange warf Kajaljade schnell einen verstohlenen Blick zu. Kajaljade bereute ihren Versprecher — sie hatte eigentlich Schatzjade necken wollen, doch dabei vergessen, dass sie Farbwölkchen damit bloßstellte. Hastig lenkte sie mit einer Runde Spielen und Fingerwerfen ab.

Dann hatten Schatzjade und Schatzspange dieselbe Augenzahl. Schatzspange versteckte das Zeichen „Schatz" (寶 bǎo). Schatzjade überlegte und erkannte, dass Schatzspange scherzhaft auf sein Tonglingyu [18] anspielte. Er lachte: „Schwester macht sich lustig über mich, aber ich habe es erraten. Schwester möge nicht böse sein — es ist das Zeichen aus Schwesterchens Name, nämlich ‚Haarnadel' (釵 chāi)." Alle fragten: „Wie das?" Schatzjade sagte: „Sie sagte ‚Schatz' (寶), und darunter folgt natürlich ‚Jade' (玉). Ich rate ‚Haarnadel' (釵), und in einem alten Gedicht heißt es: ‚Die Jadehaarnadel zerbricht, die rote Kerze erkalt' — trifft das nicht zu?" Xiangfluss-Wolke sagte: „Diese Verwendung aktueller Anspielungen geht nicht — beide sollten bestraft werden!" Duftkastanie sagte eilig: „Es ist nicht nur eine aktuelle Anspielung — es gibt auch einen klassischen Beleg!" Xiangfluss-Wolke sagte: „‚Schatzjade' als zwei Zeichen zusammen haben keinen klassischen Beleg; das steht vielleicht auf Neujahrssprüchen, aber in der Dichtung und den kanonischen Schriften findet es sich nicht." Duftkastanie sagte: „Neulich, als ich die fünfsilbrigen Regelgedichte von Cen Jiazhou [19] las, fand ich den Vers: ‚Diese Gegend ist reich an Edelsteinen' (此鄉多寶玉). Wie konntest du das vergessen? Und dann las ich ein Sieben-Zeichen-Quartett von Li Yishan [20], in dem steht: ‚Die Juwelenhaarnadel verstaubt Tag für Tag' (寶釵無日不生塵). Da musste ich noch lachen, dass beider Namen tatsächlich in Tang-Gedichten stehen!" Alle lachten: „Das hat sie doch schachmatt gesetzt — schnell einen Strafbecher!" Xiangfluss-Wolke hatte nichts mehr zu sagen und musste trinken. Dann ging es weiter — Paare bildeten sich und spielten Shefu oder Fingerwerfen. Weil die Alte Herrin und Dame König nicht zu Hause waren, gab es keine Aufsicht, und so vergnügte man sich nach Herzenslust: man rief und schrie, lachte und lärmte. Der ganze Saal war ein Wirbel von Rot und Grün, ein Schimmern von Jade und Perlen — wahrhaftig ein rauschendes Fest. Nachdem man eine Weile gespielt hatte, stand man auf, um sich die Beine zu vertreten. Plötzlich war Xiangfluss-Wolke verschwunden. Man dachte, sie sei nach draußen gegangen und werde gleich wiederkommen; doch je länger man wartete, desto weniger war von ihr zu sehen. Man schickte Leute in alle Richtungen, um sie zu suchen — vergeblich.

Da kamen Frau Lin Zhixiao und einige ältere Dienerinnen, teils aus Sorge, es könnte ein dienstlicher Anlass bestehen, teils aus Furcht, die jungen Mädchen könnten in Abwesenheit Dame Königs die Autorität Erkundefrühlings und der anderen nicht respektieren und sich hemmungslos betrinken. Erkundefrühling, die ihre Absicht sofort durchschaute, lachte: „Ihr kommt wieder, um nach uns zu sehen, weil ihr uns nicht traut. Wir haben nicht übermäßig getrunken — wir haben uns nur vergnügt und den Wein nur als Vorwand genommen. Ihr Mütter braucht euch keine Sorgen zu machen." Seidenweiß Pflaume und Dame Sonders lachten ebenfalls: „Geht nur und ruht euch aus — wir lassen sie bestimmt nicht zu viel trinken." Frau Lin Zhixiao und die anderen lachten: „Wir wissen schon — selbst wenn die Alte Herrin die Fräulein zum Trinken auffordert, trinken die Fräulein kaum. Natürlich, wenn die Damen nicht zu Hause sind, wird nur gespielt. Wir kamen nur, um zu hören, ob es etwas gibt. Außerdem: Der Tag ist lang, und nachdem die Fräulein eine Weile gespielt haben, sollten sie ein paar Kleinigkeiten zu sich nehmen. Gewöhnlich essen sie ja nicht viel Verschiedenes; wenn sie nun ein oder zwei Becher Wein trinken, ohne genug zu essen, könnte es ihnen schaden." Erkundefrühling lachte: „Da haben die Mütter recht — wir wollen gerade essen." Sie wandte sich um und bat, Gebäck zu bringen. Die Mädchen gehorchten und bestellten es eilig. Erkundefrühling lud lächelnd ein: „Geht und ruht euch aus, oder geht zu Tante drüben und plaudert mit ihr. Wir schicken euch gleich Wein." Frau Lin Zhixiao und die anderen lehnten lächelnd ab: „Wir wagen es nicht, das anzunehmen." Sie standen noch eine Weile und zogen sich dann zurück. Friedchen befühlte ihre Wangen und lachte: „Mein Gesicht ist ganz heiß — ich schäme mich, von ihnen gesehen zu werden. Ich meine, wir sollten aufhören, ehe sie noch einmal kommen — das wäre doch peinlich." Erkundefrühling lachte: „Macht nichts — solange wir nicht im Ernst trinken, ist es gut."

Gerade da kam ein kleines Mädchen lachend herbeigelaufen: „Fräulein, kommt schnell und schaut nach Fräulein Yun! Sie hat sich betrunken, und weil sie Abkühlung suchte, ist sie hinten auf dem Felsenberg auf einer Steinbank eingeschlafen!" Als alle das hörten, sagten sie lachend: „Pst, keinen Lärm!" Sie gingen hin, um nachzusehen, und fanden tatsächlich Xiangfluss-Wolke auf einer Steinbank an einem verborgenen Platz hinter den Felsen schlafend, versunken in duftende Träume[21]. Ringsum waren Päonienblüten auf ihren ganzen Körper herabgefallen — auf Kopf, Gesicht und Kleid, überall rote, duftende Blütenblätter in wirrem Durcheinander. Der Fächer in ihrer Hand lag auf dem Boden, halb von herabgefallenen Blüten bedeckt. Ein Schwarm Bienen und Schmetterlinge summte dicht um sie herum. Sie hatte ein Taschentuch aus Haifischhaut genommen, ein Bündel Päonienblätter darin eingewickelt und als Kissen benutzt. Alle sahen es an und waren gleichzeitig entzückt und belustigt. Sie kamen eilig heran, rüttelten sie, riefen sie und stützten sie. Xiangfluss-Wolke murmelte noch im Schlaf Trinkspielverse, undeutlich vor sich hin lallend:

Duftend die Quelle und klar der Wein;
Im Jadebecher glänzt Bernsteinlicht;
Getrunken bis der Mond über den Pflaumenzweigen steht;
Trunken nach Hause geleitet;
Passend zum Empfang lieber Freunde.

Alle rüttelten sie lachend und sagten: „Wach schnell auf und komm essen! Wenn du auf dieser feuchten Steinbank schläfst, wirst du noch krank!" Xiangfluss-Wolke öffnete langsam ihre herbstklaren Augen, sah die Versammelten und blickte an sich herab; da erst bemerkte sie, dass sie betrunken war. Eigentlich war sie hergekommen, um sich an der Kühle zu erfrischen; doch weil sie zwei Strafbecher zu viel getrunken hatte und ihre zarte Gestalt den Wein nicht vertrug, war sie eingeschlafen. Im Herzen war sie beschämt. Hastig stand sie auf und ging mühsam mit den anderen zum Hongxiangpu. Sie wusch sich das Gesicht und trank zwei Tassen starken Tee. Erkundefrühling befahl sofort, den Nüchternheitsstein [22] zu bringen und ihn ihr in den Mund zu stecken. Dann ließ sie sie noch etwas säuerliche Suppe trinken, und erst danach ging es ihr etwas besser.

Anschließend wählte man einige Schalen Obst und Speisen aus und schickte sie Phönixglanz. Phönixglanz schickte ebenfalls einige Sachen herüber. Schatzspange und die anderen aßen ihr Gebäck; manche saßen, manche standen, manche betrachteten draußen die Blumen, manche lehnten am Geländer und schauten den Fischen zu — jeder vergnügte sich und plauderte auf seine Weise. Erkundefrühling spielte mit Kostbarzither Schnee Schach; Schatzspange und Höhlennebel Strafe sahen der Partie zu. Kajaljade und Schatzjade standen unter einem Blumenstrauch und tuschelten leise miteinander — niemand wusste, was sie sagten. Da kamen Frau Lin Zhixiao und eine Gruppe Frauen mit einer jungen Frau herein. Die junge Frau hatte ein betrübtes, ängstliches Gesicht, wagte nicht, in den Saal zu treten, sondern kniete schon an der Treppe nieder und schlug vernehmlich den Kopf auf den Boden. Erkundefrühling war gerade von einem gegnerischen Stein umzingelt worden; sie rechnete hin und her, kam aber nur auf zwei Augen, musste also aufgeben. Ihre Augen waren starr auf das Schachbrett gerichtet, eine Hand griff in die Dose und klapperte mit den Steinen, in Gedanken versunken. Frau Lin Zhixiao stand schon eine ganze Weile da. Erst als Erkundefrühling den Kopf wandte, um nach Tee zu fragen, bemerkte sie sie und fragte: „Was gibt es?" Frau Lin Zhixiao deutete auf die Frau und sagte: „Das ist die Mutter von Cai'er, dem kleinen Mädchen aus dem Zimmer des Vierten Fräuleins [23]. Sie gehört zum Gartenpersonal. Ihr Mundwerk ist ganz übel; eben habe ich sie befragt, und was sie sagte, wage ich dem Fräulein gar nicht zu berichten — man sollte sie einfach hinauswerfen." Erkundefrühling sagte: „Warum berichtet ihr es nicht der Ersten Herrin?" Frau Lin Zhixiao sagte: „Eben ist die Erste Herrin schon zum Saal hinüber zur Frau Tante gegangen; ich habe sie auf dem Weg gesehen und es ihr schon berichtet. Sie sagte, ich solle es dem Fräulein melden." Erkundefrühling sagte: „Warum berichtet ihr es nicht der Zweiten Herrin?" Friedchen sagte: „Es schadet nichts, auch nicht zu gehen; ich sage es ihr, wenn ich zurückkomme." Erkundefrühling nickte: „Wenn es so ist, jagt sie hinaus. Wenn die Gnädige Frau zurückkommt, wird man endgültig entscheiden." Damit wandte sie sich wieder dem Schachspiel zu. Frau Lin Zhixiao führte die Frau fort — davon sei hier nicht weiter die Rede.

Kajaljade und Schatzjade standen unter den Blumen, und obwohl sie einander fernstanden, verstanden sie sich wortlos. Kajaljade sagte: „Eure dritte Schwester ist wirklich ein kluges Mädchen. Obwohl man ihr die Verwaltung anvertraut hat, geht sie keinen Schritt über ihre Befugnisse hinaus. Eine andere hätte sich längst als Herrscherin aufgespielt." Schatzjade sagte: „Du weißt ja nicht — als du krank warst, hat sie einige wichtige Sachen durchgesetzt. Der Garten wurde aufgeteilt und Verantwortlichen zugewiesen; jetzt darf man nicht einmal mehr ein Gras zu viel pflücken. Sie hat auch mehrere überflüssige Ausgaben gestrichen und dabei mich und Schwester Feng als Exempel benutzt, um andere zu disziplinieren. Sie ist eine, die im Stillen wohl kalkuliert — das geht weit über bloße Klugheit hinaus." Kajaljade sagte: „So muss es sein. In unserem Haus wird auch zu viel ausgegeben. Obwohl ich mich nicht um die Verwaltung kümmere, habe ich in müßigen Stunden oft für euch nachgerechnet: Es wird mehr ausgegeben als eingenommen. Wenn man jetzt nicht spart, wird man bald in Schwierigkeiten geraten." Schatzjade lachte: „Wie auch immer es ausgehen mag — uns beiden wird es an nichts fehlen." Als Kajaljade das hörte, drehte sie sich um und ging in den Saal, um mit Schatzspange zu plaudern und zu lachen.

Schatzjade wollte gerade gehen, als Dufthauch mit einem kleinen, ineinander verschlungenen Lacktablett in der Hand kam, darauf ordentlich zwei Tassen frischer Tee. Sie fragte: „Wo ist sie hin? Ich habe gesehen, dass ihr beiden eine ganze Weile keinen Tee getrunken habt, und eigens zwei Tassen gebracht — und nun ist sie weg." Schatzjade sagte: „Da drüben ist sie — bring ihr eine hin." Er nahm sich selbst eine Tasse. Dufthauch trug die andere hin, doch Kajaljade war bei Schatzspange, und es gab nur eine Tasse. Also sagte sie: „Wer von euch durstig ist, nehme sie zuerst; ich hole noch eine." Schatzspange lachte: „Ich bin gar nicht durstig — ich möchte nur einen Schluck zum Mundspülen." Damit nahm sie zuerst die Tasse, trank einen Schluck und reichte die Hälfte Kajaljade. Dufthauch lachte: „Ich hole noch eine." Kajaljade lachte: „Du weißt doch, bei meiner Krankheit hat der Arzt mir verboten, viel Tee zu trinken. Diese halbe Tasse reicht vollkommen — wie aufmerksam von dir." Damit trank sie die Tasse leer und stellte sie ab. Dufthauch kam, um Schatzjades Tasse abzuholen. Schatzjade fragte: „Wo ist Duftblümchen die ganze Zeit? Ich habe sie nirgends gesehen." Dufthauch sah sich um und sagte: „Eben war sie noch hier mit einigen anderen beim Blumenspiel — jetzt ist sie verschwunden."

Als Schatzjade das hörte, eilte er in sein Zimmer. Dort lag Duftblümchen tatsächlich mit dem Gesicht zur Wand auf dem Bett und schlief. Schatzjade rüttelte sie: „Hör auf zu schlafen! Lass uns draußen spielen — gleich gibt es Essen." Duftblümchen sagte: „Ihr trinkt alle Wein und kümmert euch nicht um mich — da habe ich mich einen halben Tag gelangweilt und bin eben schlafen gegangen." Schatzjade zog sie hoch und lachte: „Heute Abend trinken wir zu Hause noch — und dann sage ich Schwester Dufthauch, dass sie dich mit an den Tisch nimmt. Was sagst du dazu?" Duftblümchen sagte: „Wenn Lotoswürzlein und Ruiguan nicht mit nach oben gehen, stehe ich allein da, und das ist auch nicht gut. Außerdem bin ich die Nudeln nicht gewöhnt, und heute Morgen habe ich auch nicht richtig gegessen. Eben war ich hungrig und habe schon der Schwägerin Liu gesagt, sie solle mir eine Schale Suppe und eine halbe Schale Rundkornreis bringen; ich esse hier und bin fertig. Wenn es heute Abend Wein gibt, dann darf mich keiner einschränken — ich will nach Herzenslust trinken, bis ich genug habe. Früher zu Hause habe ich zwei bis drei Pfund guten Huiquan-Wein getrunken! Seit ich dieses elende Gewerbe gelernt habe und sie sagten, es verderbe die Stimme, habe ich seit Jahren keinen Tropfen mehr gesehen. Heute breche ich das Fasten!" Schatzjade sagte: „Das ist leicht zu machen."

Gerade kam tatsächlich jemand von Frau Liu mit einem Speisenkasten. Xiaoyan nahm ihn entgegen und öffnete ihn: Darin war eine Schale Garnelen-Bällchen-Suppe mit Hühnerhaut, eine Schale in Reiswein gedämpfte Ente, ein Teller eingelegte Gänsebrust und ein Teller mit vier Sahne-Piniennuss-Blätterteigrollen, dazu eine große Schale dampfenden, schimmernden grünen Rundkornreises aus duftenden Reisterrassen. Xiaoyan stellte alles auf den Tisch, holte Beilagen und Essstäbchen und schöpfte eine Schale Reis. Duftblümchen sagte: „Alles so fettig und ölig — wer isst denn so etwas!" Sie goss sich nur Suppe über den Reis und aß eine Schale, nahm zwei Stücke eingelegte Gans und hörte auf. Schatzjade roch daran und fand, es duftet feiner als gewöhnlich; also aß er eine Blätterteigrolle und bat auch Xiaoyan, sich eine halbe Schale Reis zu nehmen, Suppe darüber zu gießen — es schmeckte köstlich. Xiaoyan und Duftblümchen lachten beide. Nach dem Essen wollte Xiaoyan den Rest zurückbringen. Schatzjade sagte: „Iss du es auf — wenn es nicht reicht, lass noch mehr bringen." Xiaoyan sagte: „Nicht nötig, das reicht. Vorhin hat Schwester Moschusmond uns zwei Teller Gebäck gegeben; wenn ich jetzt noch dies esse, brauche ich nichts mehr." Sie stellte sich an den Tisch und aß alles auf. Zwei Blätterteigrollen legte sie beiseite und sagte: „Die sind für meine Mutter. Heute Abend zum Weintrinken gebt mir bitte zwei Schalen Wein, das reicht." Schatzjade lachte: „Du magst also auch Wein? Dann trinken wir heute Abend ordentlich miteinander! Schwester Dufthauch und Schwester Heitermuster vertragen auch einiges, möchten aber gewöhnlich nicht. Heute brechen wir alle das Fasten! Ach, noch etwas — ich wollte es dir sagen und hab es glatt vergessen; jetzt fällt es mir ein: Kümmere dich in Zukunft ganz um Duftblümchen. Wenn sie etwas versäumt, weis sie darauf hin — Dufthauch kann nicht auf alle aufpassen." Xiaoyan sagte: „Ich weiß Bescheid, da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Aber was wird nun aus Wu'er?" Schatzjade sagte: „Sag Frau Liu, sie soll sie morgen direkt hereinkommen lassen. Ich sage den Leuten Bescheid, und die Sache ist erledigt." Duftblümchen hörte das und lachte: „Das ist wirklich vernünftig." Xiaoyan rief zwei kleine Mädchen herein, die beim Händewaschen und Teeeinschenken halfen; sie selbst räumte das Geschirr auf, übergab es der Dienerin, wusch sich die Hände und ging zu Frau Liu — davon sei hier nicht weiter die Rede.

Schatzjade ging hinaus, um im Hongxiangpu die Schwestern aufzusuchen; Duftblümchen folgte ihm mit Tuch und Fächer. Kaum waren sie aus dem Hoftor, kamen Dufthauch und Heitermuster Hand in Hand zurück. Schatzjade fragte: „Wo wollt ihr hin?" Dufthauch sagte: „Das Essen ist angerichtet — wir kommen, um dich zum Essen zu holen." Schatzjade erzählte ihnen lachend, dass er eben schon gegessen hatte. Dufthauch lachte: „Ich sag ja immer, du isst wie eine Katze — wenn du etwas Duftendes riechst, willst du es haben. Essen aus einem fremden Topf schmeckt immer besser. Aber du solltest trotzdem hinaufgehen und den anderen wenigstens ein bisschen Gesellschaft leisten." Heitermuster tippte Duftblümchen mit dem Finger auf die Stirn und sagte: „Du bist eine richtige kleine Verführerin — wann bist du nur davongeschlichen, um zu essen? Ihr zwei habt euch wohl heimlich verabredet, ohne uns ein Wort zu sagen!" Dufthauch lachte: „Es war purer Zufall — von Verabredung kann keine Rede sein." Heitermuster sagte: „Wenn das so ist, braucht ihr uns ja gar nicht mehr. Morgen gehen wir alle, und Duftblümchen allein reicht völlig." Dufthauch lachte: „Wir alle können gehen — nur du nicht." Heitermuster sagte: „Gerade ich muss als Erste gehen — ich bin faul und dumm, habe ein schlechtes Temperament und bin zu nichts nutze." Dufthauch lachte: „Wenn jemand wieder ein Loch in die Pfauenfederjacke brennt — wer flickt es dann, wenn du weg bist? Hör auf, mir etwas vorzuspielen. Wenn ich dich um eine Arbeit bitte, bist du so faul, dass du keine Nadel quer und keinen Faden längs bewegst. Es ist ja auch nicht meine Privatarbeit, worum ich dich bitte — es ist alles für ihn, und trotzdem willst du nichts tun. Aber als ich ein paar Tage fort war, warst du todkrank und hast eine ganze Nacht lang, ohne an dein Leben zu denken, die Jacke für ihn geflickt — was war denn das für ein Grund? Sag schon, lach nicht nur stumm — damit ist niemandem gedient." Lachend und plaudernd kamen sie in den Saal. Tante Schnee war auch da. Alle setzten sich der Reihe nach zum Essen. Schatzjade tränkte nur eine halbe Schale Reis mit Tee und aß pro forma. Nach dem Essen trank man Tee, plauderte und scherzte.

Draußen hatten Xiaoluo, Duftkastanie, Duftblümchen, Ruiguan, Lotoswürzlein, Douguan und vier, fünf andere den ganzen Garten durchstreift. Sie pflückten Blumen und Gräser, setzten sich mitten in einen Haufen Blumen und spielten das Blumenspiel [24]. Die eine sagte: „Ich habe eine Guanyin-Weide." Eine andere sagte: „Ich habe eine Luohan-Kiefer." Wieder eine: „Ich habe einen Junzi-Bambus." [25] Die nächste: „Ich habe eine Meirenjiao." [26] Eine: „Ich habe ein Xingxingcui." [27] Eine andere: „Ich habe eine Yueyuehong." [28] Eine: „Ich habe eine Päonienblüte vom Päonienpavillon." [29] Eine andere: „Ich habe eine Wollmispel-Frucht aus der ‚Geschichte der Laute'." [30] Douguan sagte: „Ich habe eine Geschwisterblume." Da wusste niemand mehr etwas. Duftkastanie aber sagte: „Ich habe eine Eheleute-Orchidee." Douguan sagte: „Von einer Eheleute-Orchidee habe ich noch nie gehört." Duftkastanie erklärte: „Bei einer Lan-Orchidee sitzt nur eine Blüte am Stängel, bei einer Hui-Orchidee mehrere. Wenn zwei Stängel einer Hui-Orchidee Blüten in verschiedener Höhe tragen, nennt man das Brüder-Orchidee; wenn sie Kopf an Kopf blühen, heißt das Eheleute-Orchidee. Meine hier blüht Kopf an Kopf — was stimmt daran nicht?" Douguan hatte nichts mehr einzuwenden; sie stand auf und sagte spöttisch: „Und wenn die zwei Blüten verschieden groß sind, ist das eine Vater-und-Sohn-Orchidee, ja? Und wenn sie in verschiedene Richtungen schauen, eine Feinde-Orchidee, was? Dein Mann ist seit über einem halben Jahr verreist, und du sehnst dich so sehr nach dem, was Eheleute miteinander treiben, dass du dir auch noch Eheleute-Orchideen ausdenkst. Schämst du dich nicht!" Duftkastanie errötete, stand hastig auf und wollte Douguan kneifen, dabei lachend schimpfend: „Du freches kleines Ding mit deinem verdorbenen Mundwerk! Das ist ja pures Fiebergeschwätz!" Als Douguan sah, dass Duftkastanie aufstehen wollte, ließ sie das natürlich nicht zu und drückte sie mit dem ganzen Körper nieder. Sie wandte den Kopf zu Ruiguan und den anderen und bat lachend: „Kommt und helft mir, sie in ihr Lügenmaul zu kneifen!" Die beiden wälzten sich im Gras. Die anderen klatschten lachend in die Hände und warnten nur: „Vorsicht, da ist eine Pfütze! Wie schade um ihren neuen Rock!" Douguan wandte den Kopf und erblickte tatsächlich eine Lache Regenwasser — aber Duftkastanies Rock war schon zur Hälfte davon besudelt. Beschämt riss sich Douguan von Duftkastanie los und lief davon. Die anderen wollten sich vor Lachen ausschütten; aber aus Angst, Duftkastanie würde ihren Zorn an ihnen auslassen, liefen sie lachend auseinander.

Duftkastanie stand auf und blickte an sich herab. Sie sah, wie die grüne Brühe an ihrem Rock herunterlief. Sie schimpfte wie ein Rohrspatz. Gerade da kam Schatzjade, der die Mädchen beim Blumenspiel gesehen und selbst einige Blumen und Gräser gesammelt hatte, um mitzuspielen. Als er plötzlich sah, dass alle davongelaufen waren und nur noch Duftkastanie mit gesenktem Kopf an ihrem Rock herumzupfte, fragte er: „Warum sind sie alle weggelaufen?" Duftkastanie sagte: „Ich hatte eine Eheleute-Orchidee, und weil sie es nicht kannten, sagten sie, ich hätte mir das ausgedacht. Darüber sind wir ins Zanken gekommen, und sie haben mir meinen neuen Rock verdorben." Schatzjade stampfte klagend mit dem Fuß auf: „Wenn es euer Haus wäre, könntet ihr hundert solcher Stücke am Tag verderben, ohne dass es der Rede wert wäre. Aber erstens ist der Stoff von Fräulein Qin mitgebracht worden, und Schwester Bao und du hatten jede nur einen; ihrer ist noch gut, und deiner ist schon schmutzig — wie unwürdig gegenüber ihrer Aufmerksamkeit! Zweitens: Die Tante ist eine alte Frau mit losem Mundwerk — und dabei höre ich sie auch so schon immer sagen, ihr versteht nichts vom Haushalten und macht nur alles kaputt, statt euer Glück zu schätzen. Wenn die Tante das sieht, gibt es wieder Ärger." Duftkastanie traf das mitten ins Herz, und statt betrübt zu sein, freute sie sich sogar und sagte lachend: „Genau das ist es! Obwohl ich einige neue Röcke habe, ist keiner wie dieser hier. Wenn ich einen gleichen hätte, könnte ich ihn schnell umziehen — das wäre gut. Den Rest besprechen wir später." Schatzjade sagte: „Beweg dich nicht! Steh nur still — sonst werden auch Unterkleid, Kniehosen und Schuhe schmutzig. Ich habe eine Idee: Dufthauch hat letzten Monat einen Rock genäht, der genau so aussieht wie dieser; weil sie noch in Trauer ist, trägt sie ihn nicht. Man könnte ihn dir schenken, damit du dich umziehst — was meinst du?" Duftkastanie lachte und schüttelte den Kopf: „Das geht nicht. Wenn die anderen davon hören, wäre es unangenehm." Schatzjade sagte: „Was ist daran zu fürchten? Wenn die Trauer vorbei ist und sie etwas Hübsches haben möchte, darfst du ihr dann etwa nichts anderes schenken? So bist du doch sonst im Umgang! Außerdem ist es nichts Heimliches — man braucht es nur Schwester Bao zu sagen. Die einzige Sorge ist, dass die Tante sich ärgern könnte." Duftkastanie überlegte; es leuchtete ihr ein, und sie nickte lachend: „Dann also so — enttäusche mich nicht. Ich warte auf dich; aber lass sie es unbedingt persönlich bringen."

Als Schatzjade das hörte, freute er sich ungemein, versprach alles und eilte zurück. Im Gehen sann er bei sich: „Wie schade um ein solches Mädchen — keine Eltern, hat sogar ihren eigenen Familiennamen vergessen, wurde entführt und musste ausgerechnet an diesen Tyrannen [31], Schatzspanges gewalttätiger Bruder] verkauft werden." Dann dachte er noch an den Tag neulich, als auch Friedchens Schicksal ihm so unerwartet aufgefallen war — und heute kam nun dieses noch unerwartetere Ereignis dazu. Vertieft in wirre Gedanken kam er in sein Zimmer, nahm Dufthauch beiseite und erzählte ihr alles. Duftkastanie war ein Mensch, den jedermann liebte und bemitleidete. Dufthauch war von Natur aus großzügig und zudem seit jeher mit Duftkastanie befreundet. Kaum hatte sie die Nachricht gehört, öffnete sie die Truhe, nahm den Rock heraus, faltete ihn ordentlich und ging mit Schatzjade los, um Duftkastanie zu suchen. Die stand immer noch an derselben Stelle und wartete. Dufthauch lachte: „Ich sage ja immer, du treibst es zu bunt — du musst erst eine Geschichte anstellen!" Duftkastanie errötete und lachte: „Vielen Dank, Schwester! Wer hätte gedacht, dass diese boshaften Gören so gemein sein würden." Damit nahm sie den Rock entgegen, breitete ihn aus und sah: Er war tatsächlich derselbe wie ihrer. Dann hieß sie Schatzjade, sich umzudrehen, griff kreuzweise nach hinten, band den verschmutzten Rock ab und legte den neuen an. Dufthauch sagte: „Gib mir den schmutzigen; ich nehme ihn mit, reinige ihn und bringe ihn dir dann. Wenn du ihn zurücknimmst und man sieht ihn, gibt es Fragen." Duftkastanie sagte: „Liebe Schwester, nimm ihn mit und gib ihn irgendeiner Schwester. Da ich jetzt diesen habe, brauche ich den anderen nicht mehr." Dufthauch sagte: „Du bist aber großzügig!" Duftkastanie machte eilig einen Knicks zum Dank; Dufthauch nahm den schmutzigen Rock und ging.

Duftkastanie sah, wie Schatzjade auf dem Boden hockte und die Eheleute-Orchidee und die Zwillingsblüten-Wassernuss [32] mit einem Stöckchen eine kleine Grube auskratzte. Erst streute er herabgefallene Blütenblätter als Unterlage hinein, dann bettete er Orchidee und Wassernuss sorgfältig darauf und deckte sie mit weiteren Blüten zu; schließlich häufelte er Erde darüber und machte alles glatt. Duftkastanie nahm seine Hand und lachte: „Was soll das denn schon wieder? Kein Wunder, dass alle sagen, du führst immer geheimnisvoll seltsame Dinge auf, die einem die Haut kräuseln! Sieh nur deine Hände — ganz schmutzig von Erde und Moos! Geh schnell und wasch sie!" Schatzjade lachte, stand auf und ging sich die Hände waschen; Duftkastanie ging ebenfalls davon. Die beiden waren schon einige Schritte weit auseinander, als Duftkastanie sich umdrehte und Schatzjade zurückrief. Schatzjade wusste nicht, was sie noch zu sagen hatte, und kam mit beiden erdigen Händen lachend zurück: „Was gibt es?" Duftkastanie lachte nur. Gerade kam ihr Mädchen Zhen'er und sagte: „Die Zweite Herrin wartet auf dich und möchte mit dir sprechen." Erst da sagte Duftkastanie zu Schatzjade: „Die Sache mit dem Rock — erzähle das bloß nicht deinem Bruder [33]!" Damit drehte sie sich um und ging. Schatzjade lachte: „Ja, bin ich denn verrückt — soll ich etwa meinen Kopf in den Rachen des Tigers stecken?" Damit ging auch er sich die Hände waschen.

Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.

  1. altes Hohlmaß, ca. 100 Liter
  2. Ein Brauch, bei dem der Meister als „Adoptivvater" des Kindes ein schützendes Amulett überreicht
  3. Dame Königs Bruder, ein hoher Beamter
  4. das östliche Palais der Kaufmann-Familie
  5. Urfrühling
  6. Schatzspange [宝钗
  7. ‚Pavillon des durchdringenden Dufts'
  8. ‚Rotes Duft-Beet'
  9. die Lieblingszofe der Alten Herrin
  10. ‚Rätsel verstecken und erraten', ein altes, anspruchsvolles literarisches Trinkspiel
  11. ‚Daumenkrieg', das bekannte Fingerspiel
  12. 藥 reimt als Anspielung auf 芍 (Päonie), da der Saal im Päoniengarten steht
  13. aus dem Shijing: „Das Huhn geht auf die Sitzstange" 雞棲於塒
  14. ‚Weinoberfläche': ein literarisches Zitat vor dem Trinken; ‚Weinboden': ein Spruch nach dem Trinken
  15. Aus dem Vers „Eine Kürbisflasche an der grünen Wand" bzw. dem Sprichwort „leere grüne Kürbisflasche"
  16. Anspielung auf die Tang-Geschichte der Verfolgung des Rebellenanführers
  17. Anspielung auf den gerade erst beigelegten Diebstahl des Rosenwassers.
  18. den Jade des Numinosen Verstehens, den Schatzjade um den Hals trägt
  19. Cen Shen, Tang-Dichter
  20. Li Shangyin, Tang-Dichter
  21. Diese berühmte Szene — Xiangfluss-Wolke schlafend zwischen Päonienblüten — gehört zu den ikonischen Bildern des Romans und wurde unzählige Male in der chinesischen Malerei dargestellt.
  22. Chin. 醒酒石 xǐngjiǔ shí — ein kühler Stein, den man in den Mund nimmt oder an die Stirn hält, um schneller nüchtern zu werden.
  23. Bedauerfrühling
  24. ein Spiel, bei dem man Pflanzen nennt, deren Namen zusammengesetzte Wörter ergeben
  25. ‚Bambus des Edlen'
  26. ‚Schöne-Frauen-Banane'
  27. ‚Sternengrün'
  28. ‚Monat für Monat rot', die Monatsrose
  29. Anspielung auf das berühmte Drama ‚Mudanting' von Tang Xianzu
  30. Anspielung auf die Oper ‚Pipaji'
  31. Becken Schnee [薛蟠
  32. eine Frucht, die wie zusammengewachsene Zwillinge aussieht — auch eine Anspielung auf eheliche Verbundenheit
  33. Becken Schnee