Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 68"

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Kapitel 68
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苦尤娘赚入大观园 / 酸凤姐大闹宁国府
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Die bitterböse Phönixglanz lockt die Zweitschwester Sonders ins Prunkwille-Anwesen; Phönixglanz stiftet Aufruhr im Stillfriede-Anwesen
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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Die bitterböse Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, die gewiefte und machtbewusste Ehefrau von Kette Kaufmann.</ref> spielt die Gütige und bewirkt mit List eine öffentliche Klage. Die geheime Gattin, die Zweitschwester Sonders<ref>Zweitschwester Sonders: Chin. 尤二姐 Yóu Èrjiě, die heimliche Zweitfrau von Kette Kaufmann.</ref>, wird ins Prunkwille-Anwesen gelockt und gerät in die Falle.
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_68|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_68|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 68 =
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Es wird erzählt, dass Kette Kaufmann<ref>Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, zweiter Sohn von Begnadigung Kaufmann, Ehemann von Phönixglanz.</ref> nach seiner Abreise erfuhr, dass der Friedenskommandant gerade auf Grenzinspektion war und erst in etwa einem Monat zurückerwartet wurde. Er musste in seiner Unterkunft warten. Als der Kommandant schließlich zurückkam, erledigten sie die Angelegenheit, doch die Rückreise zog sich hin — insgesamt waren fast zwei Monate vergangen.
== 苦尤娘賺入大觀園 / 酸鳳姐大鬧寧國府 ==
 
=== Die leidgepruefte Frau You wird in den Grossen Garten gelockt; Die bittere Xifeng schlaegt im Ningguo-Anwesen grossen Laerm ===
 
  
damit sie ihren Stirnaufschlag vor ihnen macht, und dabei sage ich, sie sei deine Schwester und ich hätte größte Zuneigung zu ihr gefaßt. Wegen meiner Probleme mit dem Kinderkriegen hätte ich bereits die Absicht gehabt, zwei Mädchen als Beischläferinnen zu kaufen, aber weil ich jetzt solchen Gefallen an deiner Schwester gefunden hätte und weil das die Gelegenheit zu einer Doppelverschwägerung geben würde, sei ich gewillt, sie als Nebenfrau ins Haus zu nehmen.
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Unterdessen hatte Phönixglanz längst alles durchgerechnet. Kaum war Kette Kaufmann fort, ließ sie Handwerker aller Art kommen und die drei Zimmer des östlichen Seitenflügels herrichten — mit derselben Ausstattung und Einrichtung wie ihre eigenen Hauptgemächer. Am vierzehnten Tag meldete sie der Herzoginmutter<ref>Herzoginmutter: Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die alte Matriarchin des Kaufmann-Hauses.</ref> und Dame König, sie wolle am fünfzehnten in aller Frühe zum Nonnenkloster, um Weihrauch darzubringen. Sie nahm nur Friedchen<ref>Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, die treue und kluge Leibmagd von Phönixglanz.</ref>, Fenger, Frau Zhou Rui und Dame König Er mit — vier Personen. Noch bevor sie in die Kutsche stieg, erzählte sie allen, worum es wirklich ging. Dann wies sie die männlichen Diener an, schlichte Kleidung anzulegen und schlichte Decken auf die Kutsche zu spannen, und fuhr geradewegs los.
Und weil ihre Eltern und Geschwister vor kurzem alle weggestorben seien und sie es schwer habe, sich in diesen harten Zeiten ohne Familie und ohne Einkommen über Wasser zu halten, könne man sie wirklich nicht gut warten lassen, bis die Trauerzeit um sei. Meine Absicht sei es, sie ins Haus zu nehmen und erst einmal im Seitenflügel wohnen zu lassen, der schon für sie hergerichtet sei, die wirkliche Hochzeit aber erst nach Abschluß der Trauerperiode vollziehen zu lassen. Darauf werde ich mich mit aller Kraft versteifen und alle Vorwürfe an mir abprallen lassen. Und sollten Unannehmlichkeiten daraus erwachsen, bleibt ihr doch davon unberührt. Überlegt es euch, ob es so geht oder nicht!“
 
„Ihr seid wirklich großmütig, Tante!“ lobte Djia Jung und strahlte, und Frau You bestärkte ihn darin. „Wenn alles geregelt ist, werden wir nicht verfehlen, zu Euch zu kommen, um Euch kniefällig zu danken.“
 
Dann befahl Frau You ihren Sklavenmädchen, sie sollten Hsi-fëng helfen, sich zu frisieren und zu waschen, außerdem ließ sie Wein und Speisen auftragen und bediente Hsi-fëng mit eigener Hand. Hsi-fëng aber hielt sich nicht lange auf und bestand darauf zu gehen. Wieder im Garten, informierte sie die zweite Schwester You, erzählte ihr, wie sie voller Sorge gewesen sei, welche Erkundigungen sie eingeholt habe, welchen Plan sie entwickelt habe, und wie die zweite Schwester You sich verhalten müsse, damit alle Beteiligten glimpflich davonkämen. Sie vergaß auch nicht, darauf hinzuweisen: „Nur wenn ich diesen ‚Fischkopf zerlege‘, wird es uns allen gut gehen.“
 
Was wirklich geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. 
 
69. Durch einen kleinen Kunstgriff tötet Hsi-fëng ,mit fremder Hand‘,
 
angesichts der großen Auswegslosigkeit nimmt die zweite Schwester You sich das Leben.
 
  
Als die zweite Schwester You gehört hatte, was Hsi-fëng ihr sagte, fand sie kein Ende mit ihrem Dank und folgte ihr willig. Auch Frau You konnte natürlich bei so einem wichtigen Zeremoniell nicht fehlen, und so kam sie herüber, um dabeizusein, wenn Hsi-fëng die Sache der Herzoginmutter meldete. „Du halt den Mund und überlaß es mir, zu reden!“ wurde sie von Hsi-fëng ermahnt.
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Glückskind<ref>Chin. 兴儿 Xīng'er. 兴 xīng „Glück/Aufregung“. Kette Kaufmanns Dienerbursche.</ref> führte den Weg, und so gelangten sie direkt vor die Tür der Zweiten Schwester You und klopften an. Die Frau von Bao Er öffnete. Glückskind sagte lachend: „Meldet schnell der Zweiten Herrin — die Erste Herrin ist da!"
„Das versteht sich von selbst“, sagte Frau You, „aber so wirst du die Vorwürfe einstecken müssen, wenn sich welche ergeben.“ Mit diesen Worten betraten sie die Räume der Herzoginmutter.
 
Die Herzoginmutter plauderte und scherzte eben zum Zeitvertreib mit den Mädchen aus dem Garten, als sie plötzlich sah, daß Hsi-fëng eine schöne blutjunge Frau hereinführte. Rasch kniff sie die Augen zusammen, um sie zu mustern, dann fragte sie: „Aus wessen Familie ist sie? Sie sieht sympathisch aus.“
 
Darauf trat Hsi-fëng vor und forderte sie auf: „Seht sie Euch genau an, alte Ahne! Gefällt sie Euch?“ Dann zog sie die zweite Schwester You flink an der Hand und sagte: „Das ist die Schwiegergroßmutter. Mach schnell deinen Stirnaufschlag vor ihr!“ Sofort ließ sich die zweite Schwester You auf die Knie nieder und begann, mit der Stirn auf den Boden zu schlagen.
 
Dann wies Hsi-fëng der Reihe nach auf die Mädchen des Hauses, erklärte dabei, wer jede war, und setzte hinzu: „Merk dir, wer sie sind, und nachdem die gnädigen Frauen dich gesehen haben, entbietest du auch ihnen den zeremoniellen Gruß!“
 
Vorläufig wechselte die zweite Schwester You mit jedem der Mädchen ein Grußwort, dann blieb sie mit gesenktem Kopf an der Seite stehen. Die Herzoginmutter betrachtete sie von oben bis unten und fragte dann: „Wie heißt du? Und wie alt bist du?“
 
Aber lächelnd mischte Hsi-fëng sich ein: „Fragt sie nichts, alte Ahne! Sagt nur, ob sie schöner ist als ich!“
 
Nun setzte die Herzoginmutter ihre Brille auf und befahl Yüan-yang und Hu-po: „Führt sie hierher, damit ich ihre Haut sehen kann!“
 
Alle schmunzelten und mußten die zweite Schwester You wohl oder übel zur Herzoginmutter hinüberschieben. Diese nahm sie genau in Augenschein, dann befahl sie Hu-po: „Zeig mir ihre Hände!“ Und Yüan-yang mußte noch den Rock der zweiten Schwester You anheben.
 
Als die Herzoginmutter fertig war mit der Besichtigung, nahm sie die Brille wieder ab und sagte lächelnd: „Ein makelloses Mädchen. Wie mir scheint, ist sie noch ein wenig schöner als du.“
 
Da kniete Hsi-fëng rasch mit lächelnder Miene nieder, um die Geschichte, die sie sich drüben bei Frau You ausgedacht hatte, in allen Einzelheiten vorzutragen, und schloß mit der Bitte: „Ihr müßt gnädig sein, alte Ahne, und ihr gestatten, schon jetzt zu uns zu ziehen! Erst wenn ein Jahr vergangen ist, werden sie die Ehe vollziehen.“
 
„Dagegen ist nichts einzuwenden“, sagte die Herzoginmutter. „Es ist schön, daß du derart gütig bist. Aber die Ehe dürfen sie wirklich erst nach einem Jahr vollziehen!“
 
Als Hsi-fëng das hörte, berührte sie mit der Stirn den Boden, dann bat sie die Herzoginmutter, sie solle ihr zwei Frauen mitgeben, die vor den gnädigen Frauen bestätigen konnten, daß alles ihr Wille sei. Die Herzoginmutter erklärte sich einverstanden und bestimmte zwei Sklavenfrauen, die die zweite Schwester You zu Dame Hsing und den anderen gnädigen Frauen begleiten mußten. Dame Wang, die tief bekümmert gewesen war über den schlechten Namen, den sich Hsi-fëng gemacht hatte, war natürlich über ihre jetzige Handlungsweise hocherfreut. Und die zweite Schwester You sah wieder Licht, als sie nun im Seitenflügel des Wohngehöfts von Djia Liän und Hsi-fëng wohnen durfte.
 
Auf der anderen Seite ließ Hsi-fëng durch einen ihrer Beauftragten Dschang Hua anstacheln, er solle seine Verlobte zurückfordern, und versprach ihm, neben der reichen Mitgift, die er zu erwarten hätte, wolle sie ihm Silber geben, von dem das Paar sich einrichten und sein Leben fristen könnte.
 
Dschang Hua klagte nur mutlos und lustlos noch einmal gegen die Djias. Dann mußte er hören, wie der von Djia Jung entsandte Verwalter aussagte: „Dschang Hua war es, der die Verlobung rückgängig gemacht hat. Seine Verlobte ist mit unserer Familie verwandt. Daß wir sie ins Haus genommen haben, ist wahr, die Behauptung über ihre Hochzeit jedoch ist erlogen. Nur weil Dschang Hua seine Schulden verschleppt hat und sie trotz Mahnung nicht begleichen wollte, hat er meine Herrschaften fälschlich dieser Dinge bezichtigt.“
 
Der Zensor, dessen Familie schon seit Generationen mit den Djias und den Wangs befreundet war und der obendrein ein Schmiergeld erhalten hatte, sagte nur, Dschang Hua sei ein Schurke, der die Djias aus Armut erpressen wolle, er weigerte sich, die Anklageschrift entgegenzunehmen, und befahl, ihn durchzuprügeln und hinauszuwerfen. Draußen bestach Tjing-örl die Büttel, damit sie nicht zu stark zuschlugen, und anschließend setzte er Dschang Hua zu: „Mit dir war sie zuerst verlobt. Wenn du nur auf der Hochzeit bestehst, muß der Beamte sie dir zusprechen.“
 
Also verklagte Dschang Hua die Djias ein weiteres Mal, wieder instruierte Wang Hsin den Zensor, und nun entschied er: „Dschang Hua soll das Silber, das er den Djias schuldet, termingemäß und in voller Höhe zurückzahlen. Seine Verlobte soll er heiraten, sobald er dazu in der Lage ist.“ Diesen Spruch verkündete er in der Amtshalle in Anwesenheit von Dschang Huas Vater, den er hatte vorladen lassen. Auch von Tjing-örl bekam Dschang Huas Vater alles erklärt, und froh über die Aussicht, die Schwiegertochter mit einer reichen Zugabe zurückzubekommen, begab er sich zu den Djias, um die zweite Schwester You abzuholen.
 
Mit erschrockener Miene lief Hsi-fëng zur Herzoginmutter, berichtete ihr und sagte, das alles liege nur daran, daß Frau You so unklug gehandelt habe, das Verlöbnis mit den Dschangs nicht rückgängig zu machen, was die Leute dazu veranlaßt habe, eine Klage zu erheben, die nun amtlicherseits auf diese Weise entschieden worden sei.
 
Sofort ließ die Herzoginmutter Frau You zu sich herüberrufen und warf ihr vor, sie habe unziemlich gehandelt. „Wenn deine jüngere Schwester schon als Kind im Mutterleib mit dem Mann verlobt worden war und du die Verlobung nicht rückgängig gemacht hast, warst du es, die ihn dazu gebracht hat, diese dumme Anklage zu erheben.“
 
„Aber er hat doch das Silber genommen, wie kann er da nicht einverstanden gewesen sein?“ verteidigte sich Frau You.
 
„Dschang Hua hat jetzt ausgesagt, er habe kein Silber gesehen und bei ihm sei auch niemand gewesen“, fiel Hsi-fëng ein, die am Rande stand. „Und sein Vater sagt: ‚Die Mutter der Verlobten hat einmal mit mir gesprochen, aber ich habe durchaus nicht zugestimmt. Nachdem ihre Mutter gestorben war, habt ihr sie als Nebenfrau ins Haus genommen.‘ Da wir keinen Gegenbeweis haben, mußten wir ihn reden lassen. Ein Glück nur, daß der junge Herr Liän nicht zu Hause ist und noch nicht die Ehe mit ihr vollzogen hat! Von daher gäbe es also keinen Hinderungsgrund. Aber da sie einmal hier ist, können wir sie schlecht wieder herausgeben, ohne daß unser Ansehen darunter leidet.“
 
„Da die Ehe noch nicht vollzogen ist und da es unserem Ansehen noch mehr schaden würde, wenn wir jemand mit Gewalt die Verlobte wegnähmen, ist es das beste, wir schicken sie zurück“, entschied die Herzoginmutter. „Werden wir etwa kein anderes gutes Mädchen für ihn finden?“
 
Als die zweite Schwester You das hörte, berichtete sie der Herzoginmutter: „Aber meine Mutter hat dem Mann wirklich an dem und dem Tag des soundsovielten Monats des Jahres sowieso zehn Liang Silber gegeben, und er hat sich mit der Aufhebung der Verlobung einverstanden erklärt. Er ist verrückt vor Armut, deshalb hat er uns angezeigt und behauptet dabei das Gegenteil. Meine ältere Schwester trifft keine Schuld.“
 
„Da sieht man, daß man sich mit arglistigen Menschen nicht einlassen darf“, sagte die Herzoginmutter darauf. „Wenn die Dinge so liegen, soll Hsi-fëng Rat schaffen.“
 
Hsi-fëng hatte keine andere Wahl als zuzustimmen. Als sie in ihre Räume zurückgekehrt war, ließ sie Djia Jung Bescheid sagen. Dieser wußte nur zu gut, daß Hsi-fëng der Meinung war, es würde einen sehr schlechten Eindruck machen, wenn man die zweite Schwester You durch Dschang Hua abholen ließe, darum meldete er die Sache an Djia Dschën weiter, und dann wurde in aller Heimlichkeit jemand zu Dschang Hua geschickt, um ihm zu sagen: „Du hast jetzt so viel Silber, warum willst du unbedingt deine ehemalige Verlobte wiederhaben? Hast du denn, wenn du dich so darauf versteifst, gar keine Angst, daß die Herrschaften böse werden und irgendeinen Vorwand gegen dich suchen, durch den du so ums Leben kommst, daß man sich die Beerdigung sparen kann? Mit dem Silber kannst du doch in eure Heimat zurückkehren und allemal eine gute Braut finden. Wenn du dich dazu entschließen kannst, bekommst du sogar noch etwas Reisegeld.“
 
Dschang Hua dachte kurz nach und fand den Vorschlag annehmbar. Nachdem er sich noch mit seinem Vater beraten hatte und sie nun insgesamt an die hundert Liang Silber bekommen hatten, machten sie sich am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache auf den Weg und kehrten in ihren Heimatort zurück.
 
Als Djia Jung auf seine Erkundigungen hin hiervon Kenntnis erhalten hatte, meldete er der Herzoginmutter und Hsi-fëng: „Aus Furcht vor einer Strafe für seine falsche Anklage ist Dschang Hua mit seinem Vater zusammen geflohen. Die Behörden wissen bereits davon und stellen keine weiteren Ermittlungen mehr an. Damit ist der Fall erledigt.“
 
Nun überlegte Hsi-fëng: „Wenn ich dafür gesorgt hätte, daß Dschang Hua seine Verlobte zurückbekommt, wäre nicht auszuschließen gewesen, daß Djia Liän bei seiner Rückkehr etwas Geld ausgegeben und sie wieder in seinen Besitz gebracht hätte. Dieser Dschang Hua hätte bestimmt nachgegeben. Da ist es schon besser, die zweite Schwester You bleibt hier, und ich denke mir etwas anderes aus. Ich weiß aber nicht, wohin Dschang Hua jetzt gegangen ist. Wenn ich zulasse, daß er irgend jemand von der Sache erzählt oder den Fall später unter einem Vorwand erneut aufrollt, schade ich mir nur selbst. Ich hätte das Ruder nie aus der Hand geben dürfen!“
 
Ihre Reue fand kein Ende, ehe sie nicht einen neuen Plan gefaßt hatte und Lai Wang heimlich befahl, er solle Dschang Hua suchen lassen, um ihn dann entweder als Räuber vor Gericht zu bringen und hinrichten zu lassen oder aber heimlich mit ihm abzurechnen. Auf jeden Fall mußte Dschang Hua sterben, damit das Unheil mit der Wurzel ausgerottet wurde und ihr Ansehen keinen Schaden litt.
 
Nachdem Lai Wang diesen Befehl erhalten hatte und wieder zu Hause war, sagte er sich: „Der Mann ist verschwunden, und damit ist der Fall erledigt. Weshalb also soviel Aufhebens machen? Ein Menschenleben geht den Himmel an und ist kein Kinderspiel. Ich will mir etwas ausdenken, wie ich sie hinters Licht führen kann!“ Also hielt er sich für ein paar Tage außerhalb verborgen, und als er zurückkam, sagte er zu Hsi-fëng: „Dschang Hua hatte etliches Silber bei sich, und schon am dritten Tag nach seiner Flucht ist er im Morgengrauen in der Gegend von Djing-kou0 von Straßenräubern niedergeschlagen und umgebracht worden. Sein Vater ist dann in einem Gasthauszimmer durch den erlittenen Schreck gestorben. Es hat eine Leichenschau stattgefunden, und die beiden sind dort begraben worden.“
 
Hsi-fëng wollte ihm nicht glauben und drohte: „Wenn du gelogen hast, und ich finde es durch jemand anders heraus, dann schlage ich dir die Zähne ein.“ Aber sie ließ die Sache auf sich beruhen und stellte keine weiteren Nachforschungen mehr an. Zur zweiten Schwester You war sie auffallend freundlich, noch zehnmal mehr als zu einer leiblichen Schwester.
 
Als Djia Liän endlich seine Aufgabe erfüllt hatte und zurückkam, ritt er als erstes zu seinem neuen Haus und fand es still und verschlossen. Nur ein alter Wächter war da, bei dem er sich erkundigte, was vorgefallen sei. Der Alte erzählte ihm alles so, wie es gewesen war, und Djia Liän stampfte mit dem Fuß, obwohl er im Sattel saß.
 
Notgedrungen mußte er erst einmal Djia Schë und Dame Hsing begrüßen und über die Erledigung seines Auftrags berichten. Djia Schë war sehr zufrieden mit ihm und lobte, er sei ein brauchbarer Helfer. Dann belohnte er ihn mit einhundert Liang Silber und schenkte ihm obendrein ein siebzehnjähriges Sklavenmädchen namens Tjiu-tung aus seinen eigenen Räumen als Beischläferin. Djia Liän nahm sie mit einem Stirnaufschlag zum Zeichen des Dankes entgegen, und seine Freude kannte keine Grenze.
 
Als er auch die Herzoginmutter und die übrigen Hausgenossen begrüßt hatte und dann seine eigenen Räume aufsuchte, waren seine Züge unvermeidlich ein wenig von Scham gezeichnet. Doch wider Erwarten machte Hsi-fëng nicht ihr übliches Gesicht, als sie ihm mit der zweiten Schwester You zusammen zur Begrüßung entgegentrat und sie die gebräuchlichen Phrasen über das Wetter miteinander wechselten.
 
Während Djia Liän von Tjiu-tung erzählte, leuchteten natürlich Stolz und Selbstzufriedenheit aus seinen Augen. Hsi-fëng hörte ihn an, dann gab sie rasch den Befehl, zwei Sklavenfrauen sollten das Mädchen mit dem Wagen von drüben abholen. Noch war der erste Stachel aus ihrem Herzen nicht entfernt, da kam aus heiterem Himmel ein zweiter dazu. Doch wohl oder übel mußte sie es schweigend erdulden und gute Miene zum bösen Spiel machen. Sie ließ dann zum einen eine Weintafel herrichten, um den Heimgekehrten zu bewillkommnen, und führte zum anderen Tjiu-tung zur Herzoginmutter, zu Dame Wang und zu den übrigen, um sie vorzustellen. Still bei sich war Djia Liän verwundert.
 
Inzwischen war schon der zwölfte Tag des zwölften Monats gekommen, und Djia Dschën mußte aufbrechen. Zuerst entbot er seinen zeremoniellen Gruß im Ahnentempel, dann kam er herüber, um auch vor der Herzoginmutter und den übrigen zum Abschied niederzuknien.Alle Familienangehörigen gaben ihm das Geleit bis zum Pavillon der Tränen0, nur Djia Liän und Djia Jung begleiteten ihn drei Tage und drei Nächte lang, und kehrten dann erst um. Den ganzen Weg über schärfte Djia Dschën ihnen ein, sie sollten alle Kraft auf die Führung des Hauswesens richten und dergleichen mehr, und mit dem Mund versprachen sie es ihm beide. Außerdem wechselten sie auch ein paar hochtönende Redensarten, die hier nicht umständlich wiedergegeben werden müssen.
 
Wenn Hsi-fëng in ihren Räumen war, behandelte sie die zweite Schwester You äußerlich natürlich so, daß nichts daran auszusetzen war, in ihrem Herzen jedoch brütete sie andere Pläne aus, und als sie einmal mit der zweiten Schwester You allein war, legte sie los: „Von dir werden böse Dinge erzählt, meine Schwester. Sogar die alte gnädige Frau und die gnädige Frau haben davon gehört und sagen nun, schon als Mädchen im Haus deiner Mutter seist du nicht keusch gewesen und hättest auch mit deinem Schwager etwas gehabt.
 
‚Du hast eine ausgesucht, die keiner mehr haben wollte‘, sagten sie mir vorwurfsvoll. ‚Willst du sie nicht wegschicken und eine bessere suchen?‘ Als ich das hörte, bin ich beinahe geplatzt vor Wut. Ich habe herauszufinden versucht, wer das erzählt hat, aber es war nicht festzustellen. Wie soll ich jetzt dem Sklavengesinde auf die Dauer ins Gesicht sehen? Etwas Schönes habe ich mir da aufgeladen!“
 
Nachdem sie zweimal in dieser Weise geredet hatte, wurde sie vor Ärger krank und konnte nicht mehr essen und trinken. Mit Ausnahme von Ping-örl gab es unter den Sklavenmädchen und -frauen keine, die nicht alles mögliche daherredete, anzügliche Reden führte und insgeheim stichelte.
 
Tjiu-tung dagegen war der Meinung, weil niemand anders als Djia Schë sie Djia Liän zum Geschenk gemacht hatte, könne es keine bessere geben als sie selbst, und so verachtete sie sogar Hsi-fëng und Ping-örl, von der zweiten Schwester You ganz zu schweigen. Sooft sie den Mund aufmachte, hetzte sie: „So eine dahergelaufene Dirne! Erst hurt sie herum, und als sie keiner mehr wollte, hat sie geheiratet. Und so etwas will mir hier den Rang streitig machen!“ Wenn Hsi-fëng das hörte, freute sie sich im stillen, und wenn die zweite Schwester You es hörte, war sie im stillen beschämt, verärgert und wütend.
 
Seitdem Hsi-fëng krank spielte, aß sie nicht mehr mit der zweiten Schwester You zusammen und ließ ihr das Essen jeden Tag durch das Gesinde in ihre Räume bringen. Aber Essen wie Tee waren gleichermaßen ungenießbar. Ping-örl, die das nicht mit ansehen konnte, ließ für ihr eigenes Geld Speisen herrichten, die sie ihr brachte. Manchmal sagte sie auch einfach, sie wolle mit ihr im Garten spazierengehen, um dann in der Gartenküche eine Suppe für sie kochen zu lassen. Und niemand wagte es, Hsi-fëng davon zu unterrichten. Doch als Tjiu-tung die beiden einmal dabei ertappt hatte, bohrte sie bei Hsi-fëng: „Ausgerechnet von Ping-örl wird Euer Ruf untergraben, junge Herrin. Hier muß das schöne Essen verderben, und sie füttert diese Person heimlich im Garten.“
 
Daraufhin wurde Ping-örl von Hsi-fëng gescholten: „Anderer Leute Katzen fangen Ratten, nur meine Katze muß Hühner stehlen.“
 
Da Ping-örl nicht wagte, sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen, mußte sie sich fortan von der zweiten Schwester You fernhalten. Gegen Tjiu-tung aber hegte sie von nun an einen heimlichen Haß, über den sie schlecht etwas verlauten lassen konnte.
 
  
Aus: Chengjiaben 1791.
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Die Frau von Bao Er erschrak so, dass ihr die Seele aus dem Leib zu fahren schien, und rannte hinein, um die Zweitschwester Sonders zu benachrichtigen. Auch die Zweitschwester Sonders erschrak, doch da der Besuch nun einmal da war, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn mit gebührender Höflichkeit zu empfangen. Eilig richtete sie ihre Kleidung und ging hinaus.
Von den Gartenbewohnern sympathisierten Li Wan, Ying-tschun, Hsi-tschun und andere mit Hsi-fëng, während Bau-yü, Dai-yü und ihnen Gleichgesinnte sich insgeheim um die zweite Schwester You Sorgen machten. Zwar konnten sie nicht gut etwas unternehmen, aber sie sahen, daß man Mitleid mit ihr haben mußte, und sooft sie kam,  bedauerten sie sie.  Aber auch wenn niemand ihr Gespräch belauschen konnte, weinte die zweite Schwester You nur und wagte sich nicht zu beklagen.
 
Hsi-fëng ließ auch keinerlei schlechte Absichten erkennen. Wenn Djia Liän nach Hause kam, sah er sie stets nur gütig, und deshalb war er unachtsam. Außerdem hegte Djia Liän angesichts der überaus zahlreichen Beischläferinnen und Sklavenmädchen, die Djia Schë sein eigen nannte, schon immer ungehörige Absichten und hatte nur nicht gewagt, sie in die Tat umzusetzen.
 
Andererseits waren Tjiu-tung und ihresgleichen böse auf ihren Gebieter, weil er alt und trottelhaft war, zwar noch einen unersättlichen Appetit hatte, aber nicht mehr die Kraft, ordentlich zu kauen, so daß man sich fragen mußte, wozu er die vielen Mädchen eigentlich bei sich behielt. Abgesehen von einigen wenigen, die ein Gefühl für Anstand und Scham besaßen, vergnügten sich die übrigen wohl mit den Sklavenjungen vom Innentor, wenn sie nicht gar durch das Spiel ihrer Augen und Brauen versuchten, heimlich mit Djia Liän anzubändeln, wobei es nur aus Furcht vor Djia Schës Gewalt noch zu keinem Ergebnis gekommen war.
 
Gerade Tjiu-tung war für Djia Liän eine alte Bekannte, wenn es auch kein einziges Mal zu einer wirklichen Begegnung zwischen ihnen gekommen war. Jetzt hatte es der Himmel gut gemeint, und Djia Schë hatte sie Djia Liän zum Geschenk gemacht. Nun waren die beiden wie prasselndes Feuer und trockenes Reisig, unzertrennlich wie Leim und Lack und unbeschwert fröhlich wie Neuvermählte. Tagelang ließen sie nicht voneinander ab. Deshalb wurde Djia Liäns Interesse für die zweite Schwester You allmählich lau, und nur Tjiu-tung war für ihn noch das Leben.
 
Für Hsi-fëng war Tjiu-tung selbst zwar ein Gegenstand des Hasses, aber erfreulich fand sie die Möglichkeit, sich ihrer zu bedienen, um zuerst die zweite Schwester You loszuwerden, während sie selbst im Hintergrund bliebe, so daß sie ‚mit fremder Hand töten‘ und ‚vom Berg aus den kämpfenden Tigern zusehen‘ könnte. Wenn Tjiu-tung die zweite Schwester You erledigt hätte, wollte sie ihrerseits Tjiu-tung erledigen.
 
Nachdem dieser Plan einmal feststand, sagte sie häufig unter vier Augen zu Tjiu-tung: „Du bist noch jung und kennst dich nicht aus. Sie ist hier die jüngere gnädige Frau und der Liebling unseres jungen Herrn, selbst ich muß ihr einige Zugeständnisse machen. Du gräbst dir doch dein eigenes Grab, wenn du ihr mit Härte entgegentrittst.“
 
Solche Worte verdrossen Tjiu-tung nur um so mehr, und Tag für Tag schalt sie mit lauter Stimme: „Die junge gnädige Frau ist zu weichlich. Derartige Nachsicht ist nichts für mich. Irgendwie ist ihr die ganze Autorität abhanden gekommen. Sie ist großmütig, ich aber lasse mir keinen Sand in die Augen streuen. Die Hure soll mich kennenlernen!“
 
Hsi-fëng in ihrem Zimmer tat so, als ob sie nicht den Mut hätte, etwas dagegen zu sagen, und die zweite Schwester You in ihrem Zimmer weinte nur, aß nichts mehr und traute sich nicht, Djia Liän davon zu berichten. Als am nächsten Tag der Herzoginmutter auffiel, wie rot und geschwollen die Augen der zweiten Schwester You waren, fragte sie sie nach dem Grund, aber auch ihr wagte die zweite Schwester You nichts zu sagen.
 
Tjiu-tung jedoch, die sich überall in den Vordergrund drängte und ihre Reize spielen ließ, bemerkte insgeheim zur Herzoginmutter und zu Dame Wang: „Die versteht es, die Leidende zu spielen! Den ganzen Tag flennt sie grundlos herum. Hinter unserem Rücken aber betet sie, daß die zweite junge Herrin und ich nur bald sterben, damit sie ganz nach ihren Wünschen mit dem jungen Herrn leben kann.“
 
„So eine betörende Schönheit läßt auf ein neidisches Herz schließen“, sagte die Herzoginmutter darauf. „Hsi-fëng ist so gut zu ihr, sie aber muß Streit suchen und eifersüchtig sein. Sie ist wahrhaftig ein undankbares Ding!“ Und mit der Zeit ließ ihr Gefallen an der zweiten Schwester You nach.
 
Als die anderen merkten, daß die zweite Schwester You von der Herzoginmutter nicht mehr gemocht wurde, trampelten sie natürlich erst recht auf ihr herum und brachten es damit so weit, daß die zweite Schwester You nicht leben und nicht sterben konnte. Ein Glück war es noch, daß Ping-örl sie immer wieder zu trösten versuchte, wenn sie sie hinter Hsi-fëngs Rücken so antraf.
 
Aber die zweite Schwester You war ein Mensch mit Magen und Darm wie aus Blumen, mit Fleisch und Haut wie aus Schnee. Wie sollte sie da solchen Quälereien gewachsen sein! Nach nur einem Monat, den sie an ihrem heimlichen Groll gelitten hatte, wurde sie vor Ärger krank. Arme und Beine waren ihr träge geworden, und Appetit hatte sie auch nicht mehr, so daß sie allmählich gelb und mager wurde.
 
Eines Abends, als sie die Augen schloß, um zu schlafen, sah sie ihre jüngere Schwester mit den Ente-Erpel-Schwertern auf sich zutreten und hörte sie sagen: „Du hattest immer ein törichtes Herz und einen weichen Sinn, Schwester, deshalb mußt du jetzt diese Enttäuschung erleben. Glaub nicht mehr den blumigen Worten und den raffinierten Reden dieser eifersüchtigen Frau! Nach außen hin ist sie gütig, aber innerlich ist sie verschlagen. Ihr Haß wird keine Ruhe finden, ehe sie dich nicht umgebracht hat.
 
Wenn ich noch in dieser Welt lebte, hätte ich bestimmt nicht zugelassen, daß du zu ihr ziehst, oder zumindest nicht, daß sie dich so behandelt. Aber es mußte ja so kommen. Wir haben weder züchtig noch tüchtig gelebt und haben die Männer dazu gebracht, daß sie Anstand und Sitte zerstörten. Das ist nun die Vergeltung dafür. Hör jetzt auf mich und erschlage das eifersüchtige Weib mit diesen Schwertern, dann aber komm mit mir, tritt vor den Richtertisch der Fee Warnendes Trugbild und laß sie über dich entscheiden! Sonst opferst du sinnlos dein Leben, ohne daß dich jemand bedauert.“
 
„Schwesterchen“, erwiderte die zweite Schwester You unter Tränen, „wenn ich mich mein Leben lang schlecht aufgeführt habe, ist die Vergeltung, die mich jetzt trifft, die zwangsläufige Folge. Warum soll ich auch noch die Schuld eines Mordes auf mich nehmen? Laß mich nur weiter aushalten! Vielleicht hat der Himmel Erbarmen mit mir und läßt es mir wieder gut gehen. Wäre damit nicht beiden Seiten geholfen?“
 
„Du bist und bleibst eine Närrin“, hielt die dritte Schwester You ihr vor und lächelte dabei. „Seit Anbeginn gilt ‚Die Netze des Himmels sind allumfassend, sie sind grobmaschig, und doch lassen sie nichts durch.‘ Und ‚Der Weg des Himmels ist es, die Vergeltung zu lieben.Auch wenn du das Vergangene bereust und ein neuer Mensch geworden bist, hast du doch zwischen Vater und Sohn, Vetter und Vetter solche Verwirrung gestiftet, daß sie sich verhalten haben wie die wilden Hirsche, die sich ein und dasselbe Weibchen teilen. Wie könnte es der Himmel da zulassen, daß du in Frieden lebst?“
 
„Wenn ich nicht in Frieden leben darf, muß wohl auch das so sein, und ich werde keinen Groll deswegen hegen“, sagte die zweite Schwester You unter Tränen.
 
Als die Jüngere das hörte, stieß sie einen langen Seufzer aus und verschwand. Die zweite Schwester You aber fuhr erschrocken auf und merkte, daß es ein Traum gewesen war. Als dann Djia Liän kam, um nach ihr zu sehen, sagte sie, da weiter niemand dabei war, unter Tränen zu ihm: „Ich werde nicht wieder gesund. Ein halbes Jahr bin ich jetzt bei dir und weiß, daß ich schwanger bin, wenn ich auch nicht wissen kann, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Wenn der Himmel Mitleid mit mir hat, werde ich das Kind noch zur Welt bringen können. Wenn nicht, gibt es keine Sicherheit für mein Leben, geschweige denn für das des Kindes.“
 
„Beruhige dich!“ sagte Djia Liän ebenfalls unter Tränen. „Ich werde einen verständigen Mann herbitten, der dich gesund macht.“ Und er ging hinaus, um sofort nach einem Arzt zu schicken.
 
Wider Erwarten war jedoch Hofarzt Wang auf den Gedanken verfallen, sich bei der Armee Verdienste zu erwerben, die später seinen Kindern zugute kommen sollten. Deshalb kamen die Sklavenjungen mit einem Hofarzt namens Hu wieder, dessen Rufname Djün-jung lautete. Als er eingetreten war und der Kranken die Pulse gefühlt hatte, sagte er, sie leide unter einer unregelmäßigen Periode und brauche nur eine kräftige Stärkung.
 
„Aber ihre Regel hat schon vor drei Monaten ausgesetzt, und sie muß sich häufig erbrechen. Ich vermute, sie wird wohl schwanger sein“, wandte Djia Liän ein.
 
Daraufhin befahl Hu Djün-jung den alten Sklavenfrauen, sie sollten ihre Herrin bitten, ihm noch einmal die Hand zu zeigen, und wohl oder übel schob die zweite Schwester You noch einmal ihren Arm unter dem Bettvorhang durch.
 
Hu Djün-jung fühlte ihr zum zweiten Mal lange die Pulse, dann verkündete er: „Bei einer Schwangerschaft müßte sich der Leberpuls kräftig anfühlen. Aber wenn das Element Holz zu üppig wird, entsteht Feuer. Die unregelmäßige Periode wird nur durch das Holz der Leber bewirkt. Ich muß so kühn sein, die junge gnädige Frau zu bitten, mir ihr kostbares Antlitz ein wenig zu enthüllen, damit ich sehen kann, was ihre Miene über ihren Lebenshauch offenbart. Dann erst wage ich, ihr ein Medikament zu verschreiben.“
 
Djia Liän hatte keine andere Wahl, als anzuordnen, man solle den Bettvorhang einen Spalt weit anheben, und die zweite Schwester You solle ihr Gesicht sehen lassen. Doch der flüchtige Anblick genügte, um die Seele von Hu Djün-jung bis zum neunten Himmel entschweben zu lassen. Sein ganzer Körper war wie gelähmt, und sein Denken setzte aus.
 
Nachdem der Bettvorhang wieder herabgelassen war, begleitete Djia Liän den Arzt hinaus und wollte wissen, was nun sei. „Das ist keine Schwangerschaft“, erklärte Hu Djün-jung, „es ist lediglich das angestaute Blut, das sich verdickt hat. Darum kommt es nur darauf an, dieses Blut abzuleiten und die Adern für die Periode durchlässig zu machen.“ Danach schrieb er sein Rezept, verabschiedete sich und ging.
 
Djia Liän befahl, man solle dem Arzt sein Honorar bringen, die Zutaten für die Arznei holen, sie zubereiten und der zweiten Schwester You zu trinken geben. Noch in der Nacht bekam dann die zweite Schwester You Bauchschmerzen, die sich nicht stillen ließen, und schließlich ging ihr ein voll ausgebildeter männlicher Fötus ab. Danach setzte eine Blutung ein, die nicht wieder aufhören wollte, und die zweite Schwester You wurde ohnmächtig.
 
Als Djia Liän die Neuigkeit erfuhr, fluchte er laut auf Hu Djün-jung, schickte nach einem anderen Arzt, um die Kranke behandeln zu lassen, und schickte auch jemand los, um Anklage gegen Hu Djün-jung zu erheben. Aber Hu Djün-jung erfuhr davon, schnürte flugs sein Bündel und machte sich aus dem Staub.
 
Inzwischen stellte der neue Arzt fest: „Eure werte Gattin hat von Natur aus eine schwächliche Konstitution. Seitdem sie schwanger war, muß sie wohl einigen Ärger erfahren haben, der sich angestaut hat. Jener Herr hat mit seiner Tiger- und Wolfsmedizin den Lebenshauch Eurer werten Gattin zu acht, neun Zehnteln zerstört. An eine baldige Genesung ist nicht zu denken. Aber wenn sie Heiltränke und zugleich Arzneikugeln einnimmt und außerdem mit überflüssigem Gerede verschont wird, besteht vielleicht noch einige Aussicht auf Genesung.“ Mit diesen Worten ging er davon.
 
Djia Liän aber ließ in seiner Wut feststellen, wer den Arzt Hu geholt hatte, und als er es heraushatte, schlug er den Schuldigen halbtot.
 
Noch zehnmal aufgeregter als Djia Liän gebärdete sich Hsi-fëng. Klagend rief sie aus: „Uns war vom Schicksal kein Sohn bestimmt, und nachdem uns jetzt endlich einer in Aussicht stand, mußten wir an so einen unfähigen Arzt geraten!“ Dann brannte sie für Himmel und Erde Weihrauch ab, fiel auf die Knie und betete: „Auch wenn ich dafür krank werden muß, bitte ich nur um das eine, daß Schwester You wieder ganz gesundet, von neuem schwanger wird und einen Sohn gebiert. Dann will ich auf ewig fleischlose Fastenspeisen essen und zu Buddha beten!“
 
Djia Liän und alle anderen, die davon erfuhren, waren des Lobes voll.
 
Wenn Djia Liän mit Tjiu-tung zusammen war, kochte Hsi-fëng Suppen und Brühen und ließ sie der zweiten Schwester You hinübertragen. Außerdem hielt sie Ping-örl vor, sie müsse zum Unglück geboren sein, und sagte: „Mit dir ist es dasselbe wie mit mir, aber ich bin viel krank, während du nie krank bist und trotzdem nicht schwanger wirst. Der jüngeren Herrin ist das bestimmt nur zugestoßen, weil uns beiden kein Glück beschieden ist. Oder vielleicht ist jemand daran schuld, der ihr auf Grund seines ungünstigen Horoskops entgegensteht.“
 
Also schickte sie jemand aus, um die Wahrsager befragen zu lassen, und der Bescheid, den die Botin zurückbrachte, lautete: „Die Schuld trägt eine, die im Zeichen des Hasen geboren0 ist.“ Nun rechneten alle nach, und die einzige, auf die das zutraf, war Tjiu-tung. Darum hieß es, sie sei schuld.
 
Tjiu-tung hatte mit ansehen müssen, wie Djia Liän in den letzten Tagen Ärzte holen und Arznei kochen ließ, wie er die Leute schlug und selbst die Hunde beschimpfte, und wie er die zweite Schwester You mit zärtlicher Fürsorge umgab. Schon das hatte genügt, um ihr Herz randvoll mit Essig zu füllen. Als sie jetzt noch hören mußte, sie solle die Schuldige sein, und als Hsi-fëng ihr riet, sie solle sich vorübergehend woanders einen Unterschlupf suchen und in ein paar Monaten wiederkommen, da schimpfte sie mit Tränen der Wut in den Augen: „Was kümmert es mich, was dieses blinde Wahrsagerpack zusammenschwindelt! ‚Brunnenwasser tut dem Flußwasser nichts zuleide‘, sagt man, warum also soll ich schuld sein? Draußen hat sich das feine Püppchen mit wer weiß wem abgegeben, und kaum daß sie hier ist, steht ihr jemand durch sein Horoskop entgegen.
 
Wie will sie überhaupt mir nichts, dir nichts zu einem Kind gekommen sein? Davon hat sie doch nur erzählt, um unsern jungen Herrn kirre zu machen, so empfänglich wie er für Schmeicheleien ist. Und selbst wenn sie ein Kind gehabt hat, weiß man noch nicht, ob es mit Familiennamen Dschang oder Wang hätte heißen müssen. Wenn Ihr so viel Wert auf einen Bastard legt, junge gnädige Frau, ich hätte keine Freude daran! Und überhaupt – wer könnte auf die Dauer nicht auch ein Kind haben? Jede könnte das! Wenn ich in einem Jahr oder einem halben ein Kind habe, ist es wenigstens ohne jede Beimischung!“
 
Allen war zum Lachen bei dieser Tirade, aber keine hatte den Mut dazu, es zu tun.
 
Zufällig kam eben Dame Hsing, um nach der Kranken zu sehen, und sofort klagte ihr Tjiu-tung unter Tränen: „Der zweite junge Herr und die junge Herrin wollen mich hinauswerfen und obdachlos machen. Erbarmt Euch meiner, gnädige Frau!“
 
Aufgeregt machte Dame Hsing zuerst Hsi-fëng eine Zeitlang Vorhaltungen, dann schalt sie Djia Liän: „Du undankbares Geschöpf! Welche Fehler sie auch immer haben mag, ist sie dennoch ein Geschenk deines Vaters. Wenn du sie um einer andern willen hinauswerfen willst, die du dir von draußen geholt hast, gilt dir dein Vater also nichts mehr, wie? Anstatt sie hinauszuwerfen, tätest du besser daran, sie ihm zurückzugeben.“ Damit ging sie wütend hinaus.
 
Tjiu-tung aber hatte erreicht, was sie wollte, und ging nun so weit, sich unter die Fenster der zweiten Schwester You zu stellen, um dort laut zu schimpfen und zu weinen, was natürlich den Ärger der zweiten Schwester You nur vermehrte.
 
Am Abend, als Djia Liän bei Tjiu-tung im Bett lag und Hsi-fëng bereits schlief, kam Ping-örl nach der zweiten Schwester You sehen und redete ihr leise zu: „Kurier dich nur schön und achte nicht auf das Biest!“
 
„Meine Schwester!“ sagte die zweite Schwester You und griff nach Ping-örls Hand, „seitdem ich hier bin, habe ich das Glück, von dir umsorgt zu werden, und du mußtest wer weiß wie oft um meinetwillen leiden. Falls ich mit dem Leben davonkomme, will ich dir deine Güte vergelten, doch ich fürchte, es wird nichts daraus und du mußt bis zu meiner nächsten Existenz darauf warten.“
 
Auch Ping-örl konnte die Tränen nicht zurückhalten, als sie ihr sagte: „Wenn ich es mir recht überlege, bin nur ich an deinem Unglück schuld. Ich habe ein törichtes Herz und habe i h r nie etwas verschwiegen, warum hätte ich es ihr also nicht sagen sollen, als ich erfuhr, daß es dich gibt. Und daraus ist dann all dieses Unheil entstanden.“
 
„Da hast du unrecht!“ widersprach die zweite Schwester You eilig. „Auch wenn du ihr nichts gesagt hättest, herausgefunden hätte sie es doch. Du hast es ihr bloß als erste gesagt. Außerdem war es ja mein ganzes Sinnen und Trachten, hierher zu ziehen, damit die Sache ihre Ordnung hätte. Das hat mit dir nichts zu tun.“
 
Beide weinten noch ein Weilchen zusammen, dann erteilte Ping-örl der zweiten Schwester You ein paar gutgemeinte Ermahnungen, und erst als es schon tiefe Nacht war, ging sie in ihr Zimmer zurück, um zu schlafen.
 
Währenddessen sagte sich die zweite Schwester You: „da die Krankheit nun einmal Macht über mich gewonnen hat, und es mir von Tag zu Tag schlechter geht anstatt besser, werde ich bestimmt nicht wieder gesund. Wozu soll ich diesen kleinlichen Ärger ertragen, zumal ich mein Kind verloren habe, an das sich mein Herz hätte klammern können. Besser, ich sterbe und mache damit reinen Tisch! Ich habe die Leute oft sagen hören, man könne sich mit Rohgold umbringen0. Das ist doch sauberer, als wenn ich mich aufhänge oder mir die Kehle durchschneide!“
 
Nachdem sie den Gedanken zu Ende geführt hatte, rappelte sie sich mühsam auf, öffnete eine Truhe, suchte ein Stück unbearbeitetes Gold heraus, ohne zu wissen, wieviel es wog, und mit Tränen in den Augen schob sie es sich gewaltsam in den Mund. Dann mußte sie mehrmals mit aller Macht schlucken, ehe sie es endlich herunter bekam. Dann zog sie sich in größter Eile ordentlich an, schmückte sich mit ihrem Kopfputz und legte sich auf das Ofenbett. Niemand hatte auch nur das geringste bemerkt.
 
Als die Sklavenmädchen und -frauen die zweite Schwester You am nächsten Morgen nicht rufen hörten, machten sie sich unbekümmert an ihre eigene Toilette, während Hsi-fëng mit Tjiu-tung hinüberging, um den Älteren ihren Morgengruß zu entbieten.
 
Da schalt Ping-örl, die es nicht länger mit ansehen konnte, die Sklavenmädchen: „Ihr seid wirklich nur wert, jemand zu bedienen, der kein Herz im Leibe hat und der euch schlägt und beschimpft, wenn ihr mit einer Kranken kein bißchen Mitleid habt. Wollt ihr nicht zeigen, daß ihr wißt, was sich gehört, auch wenn sie gutartig ist, anstatt daß ihr die Sache so übertreibt und ‚mitschiebt, wenn die Mauer schon im Fallen ist‘?“
 
Nun machten die Sklavenmädchen die Tür auf, und als sie ins Zimmer traten, entdeckten sie, daß die zweite Schwester You sauber gekleidet und geschmückt tot auf dem Ofenbett lag. Zutiefst erschrocken, schrien und riefen sie durcheinander. Auch Ping-örl trat nun herein, und beim Anblick der Toten begann sie unwillkürlich, laut zu weinen. Auch die anderen wurden, obwohl sie in steter Furcht vor Hsi-fëng lebten, vom Schmerz gepackt bei dem Gedanken, daß die zweite Schwester You nun tot war, die sich doch Tieferstehenden gegenüber wirklich freundlich und nachsichtig benommen hatte und ein besserer Mensch als Hsi-fëng gewesen war, und da weinten sie ebenfalls um sie, wenn auch nicht so, daß sie dabei von Hsi-fëng überrascht werden konnten.
 
Im Nu war der Vorfall im ganzen Anwesen bekannt. Djia Liän kam herein, nahm die Tote in seine Arme und weinte hemmungslos, ohne wieder aufzuhören. Auch Hsi-fëng klagte unter geheuchelten Tränen: „Du hartherzige Schwester! Warum hast du mich hier allein zurückgelassen und meine Güte mit Undank gelohnt?“
 
Frau You und Djia Jung kamen ebenfalls herüber, um ein Weilchen zu weinen, und trösteten Djia Liän. Dann erstattete Djia Liän Dame Wang über die Angelegenheit Bericht und bat darum, die Tote fünf Tage lang im Birnendufthof aufbahren zu dürfen, um sie dann ins Kloster Eiserne Schwelle zu überführen, und Dame Wang gestattete es. Also schickte Djia Liän rasch Leute zum Birnendufthof, die das Tor aufschlossen und die Haupträume leer machten, um den Leichnam dort aufzubahren.
 
Da es nach Djia Liäns Ansicht keine Art war, die Tote durch den Hinterausgang hinauszutragen, ließ er dem Birnendufthof gegenüber eine große Bresche in die Hauptmauer schlagen. Zu beiden Seiten wurden Behelfsbauten aufgestellt und Altäre für die Totenrituale errichtet. Dann wurde die Tote auf eine mit atlasbezogenen Decken und Kissen gepolsterte Bahre gelegt und mit dem Leichentuch bedeckt. In Begleitung mehrerer Sklavenfrauen trugen acht Sklavenjungen die Bahre von der Innenmauer bis zum Birnendufthof.
 
  
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Vor der Tür stieg Phönixglanz gerade aus der Kutsche. Die Zweitschwester Sonders musterte sie: alles Silberschmuck in schlichtem Weiß auf dem Kopf, ein mondweißes Atlasjäckchen, ein blaugrüner Atlasumhang, ein weißer Seidenrock. Ihre Brauen geschwungen wie Weidenblätter, an den Spitzen fein aufwärts gezogen; die Augen horizontal wie der Blick eines scharlachroten Phönix, der Blick scharf und durchdringend. Anmutig wie ein Pfirsichbaum im Frühling, rein wie eine Chrysantheme im Herbst. Frau Zhou Rui und Dame König Er stützten sie beim Betreten des Hofes.
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Die Zweitschwester Sonders eilte lächelnd entgegen, verneigte sich tief und sagte sogleich: „Dass die ältere Schwester sich persönlich herabgelassen hat — ich habe Euch nicht einmal von ferne empfangen können! Verzeiht mir die Übereilung!" Damit verneigte sie sich bis zum Boden.
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Phönixglanz erwiderte eilig lächelnd die Begrüßung, und die beiden gingen Hand in Hand ins Zimmer.
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Phönixglanz nahm den Ehrenplatz ein. Die Zweitschwester Sonders ließ ein Kissen bringen und wollte sich verbeugen. Sie sagte: „Ich bin jung und unerfahren. Seit meiner Ankunft hier haben meine Mutter und meine ältere Schwester alles besprochen und entschieden. Dass ich heute die Ehre habe, Euch zu begegnen — wenn die ältere Schwester meine bescheidene Herkunft nicht verschmäht, bitte ich in allen Dingen um Eure Anleitung und Belehrung. Ich will Euch mit Leib und Seele dienen."
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Damit vollzog sie die Verbeugung. Phönixglanz erhob sich rasch vom Platz und erwiderte die Verbeugung, wobei sie eilig sagte: „Alles ist nur die Schuld meiner beschränkten Frauensicht! Ich habe meinem Mann ständig geraten, vorsichtig zu sein und nicht draußen nach Blumen und Weiden zu greifen, aus Sorge, es könne den Eltern Kummer bereiten. Das sind eben die Sorgen unserer törichten Herzen. Aber der Zweite Herr hat meine gute Absicht missverstanden. Dass er sich draußen amüsiert — mag sein, er konnte es vor mir verbergen. Aber dass er nun die ältere Schwester als Zweitgemahlin heiratet, das ist doch eine große Angelegenheit mit allen dazugehörigen Zeremonien — und auch das hat er mir nicht gesagt! Dabei habe ich dem Zweiten Herrn sogar selbst geraten, frühzeitig eine solche Verbindung einzugehen, damit für Nachkommen gesorgt sei. Doch er hat mich offenbar für eine jener eifersüchtigen Frauen gehalten und diese wichtige Sache heimlich durchgeführt, ohne mir ein Wort zu sagen. So habe ich ein Unrecht erlitten, das ich nicht aussprechen kann — nur Himmel und Erde sind meine Zeugen.
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Schon vor zehn Tagen habe ich davon gehört, aber aus Furcht, der Zweite Herr würde es nicht gerne hören, habe ich nichts gesagt. Jetzt, da er glücklicherweise auf Fernreise ist, bin ich persönlich gekommen, um meinen Besuch zu machen. Ich bitte die ältere Schwester, mein aufrichtiges Herz zu verstehen, und bitte Euch, die Mühe auf sich zu nehmen und ins Haus zu ziehen. Wir Schwestern wohnen dann zusammen, beraten einmütig den Zweiten Herrn, mahnen ihn zu Besonnenheit in seinen Geschäften und zur Pflege seiner Gesundheit — das wäre das Rechte.
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Wenn die ältere Schwester hier draußen lebt und ich drinnen, wäre das — auch wenn ich gering und unwürdig bin, Euch Gesellschaft zu leisten — für mein Herz nicht erträglich. Außerdem: Wenn Außenstehende davon erführen, würde es keinen guten Eindruck machen. Der Ruf des Zweiten Herrn steht auf dem Spiel — und wenn über mich geredet wird, klage ich nicht.
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Deshalb liegt mein ganzer Ruf in diesem Leben in der Hand der älteren Schwester. Was jene niedrigen Dienstleute reden — sie kennen mich als strenge Hausherrin und machen hinter meinem Rücken ihre Bemerkungen. Das ist das Übliche. Die ältere Schwester ist eine Person von Format — wie könnte sie solchem Gerede Glauben schenken? Hätte ich wirklich Fehler, dann wären da oben drei Schwiegereltern, in der Mitte unzählige Schwägerinnen und Schwiegertöchter, und das Haus Kaufmann ist eine Familie von Rang — hätte man mich bis heute geduldet? Dass der Zweite Herr die ältere Schwester heimlich draußen geheiratet hat — andere würden zürnen, ich aber empfinde es als Glück. Der Himmel und alle Buddhas konnten nicht mitansehen, wie ich von kleinen Leuten verleumdet werde, und haben diese Sache geschickt. Ich bin heute gekommen, um die ältere Schwester zu bitten, zu mir ins Haus zu ziehen, mit demselben Rang und Anteil wie ich, denselben Pflichten gegenüber den Schwiegereltern und demselben Recht, den Gatten zu ermahnen. Wenn es Freude gibt, freuen wir uns gemeinsam; wenn es Kummer gibt, trauern wir gemeinsam — Schwestern wie leibliche, verbunden wie Knochen und Fleisch. Nicht nur werden jene kleinen Leute dann ihre früheren Fehlurteile über mich bereuen, auch der Zweite Herr selbst wird, wenn er heimkommt und es sieht, als Ehemann im Stillen seine früheren Vorurteile bereuen. Die ältere Schwester ist also meine große Wohltäterin, die meinen früheren Ruf vollständig reinwäscht!
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Wenn die ältere Schwester nicht mit mir kommt, bin ich bereit, hier zu bleiben und Euch Gesellschaft zu leisten. Ich will gern die Jüngere sein und Euch jeden Tag beim Kämmen und Waschen bedienen. Ich bitte nur, dass die ältere Schwester vor dem Zweiten Herrn ein gutes Wort für mich einlegt und mir ein Plätzchen zum Leben gönnt — dann sterbe ich zufrieden!"
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Bei diesen Worten brach sie in heftiges Schluchzen aus. Die Zweitschwester Sonders, die das sah, konnte ihre eigenen Tränen nicht zurückhalten.
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Nachdem sich die beiden begrüßt und der Rangfolge nach gesetzt hatten, trat auch Friedchen vor, um ihren Gruß zu erweisen. Die Zweitschwester Sonders erkannte an ihrem feinen Auftreten, ihrem vornehmen Benehmen und ihrer Schönheit sofort, dass es Friedchen sein musste. Eilig hielt sie sie persönlich zurück und sagte nur: „Schwester, lasst das! Ihr und ich sind gleich!"
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Phönixglanz erhob sich ebenfalls lachend und sagte: „Das geht zu weit! Schwester, nehmt ruhig ihre Verbeugung an — sie ist nur unsere Dienerin. Bitte macht das nicht noch einmal."
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Dann ließ sie Frau Zhou aus dem Bündel vier Stücke feinstes Stofftuch und vier Paar goldene Perlen-Haarnadeln als Begrüßungsgeschenk hervorholen. Die Zweitschwester Sonders nahm sie dankend entgegen. Die beiden tranken Tee und sprachen über Vergangenes. Phönixglanz gab sich durch und durch selbstanklagend — „die Schuld liegt ganz bei mir, anderen kann ich keinen Vorwurf machen, ich bitte nur die ältere Schwester um ihre Zuneigung" und dergleichen.
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Die Zweitschwester Sonders hielt Phönixglanz nach alledem für eine überaus gute Person. Dass niedrige Dienstleute ihre Herrin verleumden, wenn sie unzufrieden sind, sei ja ganz natürlich. So öffnete sie ihr Herz, plauderte eine Weile und betrachtete Phönixglanz bereits als Seelenverwandte. Zudem priesen Frau Zhou Rui und andere nebenbei Phönixglanz' viele gute Taten als Hausherrin — nur sei sie zu gutherzig und mache sich dadurch Feinde. „Die Zimmer sind schon hergerichtet — die Herrin braucht nur hinzugehen und es sich anzusehen", sagten sie.
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Die Zweitschwester Sonders hatte sich ohnehin nichts sehnlicher gewünscht, als ins Haus zu ziehen und dort zusammenzuleben. Wie hätte sie da nicht einwilligen sollen! Sie sagte: „Natürlich sollte ich mit der älteren Schwester gehen. Nur — was wird mit den Dingen hier?"
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Phönixglanz sagte: „Das ist nicht schwer. Die Truhen und wertvollen Sachen der älteren Schwester lässt sie von den Burschen ins Haus bringen. Das grobe Zeug braucht man nicht, jemand soll darauf aufpassen. Wen die ältere Schwester für zuverlässig hält, der bleibt hier."
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Die Zweitschwester Sonders sagte hastig: „Da ich die ältere Schwester nun getroffen habe — wenn ich ins Haus ziehe, überlasse ich alles Eurer Regie. Ich bin noch nicht lange hier und habe nie einen Haushalt geführt, verstehe nichts von der Welt — wie könnte ich Entscheidungen treffen? Diese paar Truhen nehme ich mit. Viel habe ich ohnehin nicht — das meiste gehört ja dem Zweiten Herrn."
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Phönixglanz befahl Frau Zhou Rui, alles zu verzeichnen und sorgfältig in den östlichen Seitenflügel bringen zu lassen. Dann drängte sie die Zweitschwester Sonders, sich umzukleiden. Hand in Hand stiegen die beiden in die Kutsche, saßen beieinander, und Phönixglanz flüsterte ihr zu:
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„In unserem Haus herrschen strenge Regeln. Von der Sache weiß die Ahnherrin überhaupt nichts. Wenn sie erführe, dass der Zweite Herr dich in der Trauerzeit geheiratet hat, ließe sie ihn totschlagen. Vorerst darfst du die Ahnherrin und die Gnädigen Frauen nicht sehen. Wir haben einen sehr großen Garten, in dem die jungen Damen wohnen — da kommt nicht leicht jemand hin. Du wohnst erst einmal ein paar Tage im Garten. Wenn ich eine Möglichkeit gefunden habe, die Sache richtig zu erklären, dann trittst du vor sie — das ist sicherer."
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Die Zweitschwester Sonders sagte: „Ich überlasse alles der älteren Schwester."
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Die Burschen, die die Kutsche begleiteten, waren vorher alle eingeweiht worden und fuhren nicht zum Haupttor, sondern direkt zum Hintertor.
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Nach dem Aussteigen schickte Phönixglanz alle fort und führte die Zweitschwester Sonders durch das Hintertor des Gartens der Großen Anschauung [大观园] zu Frau Li [李纨], um sich vorzustellen. Zu diesem Zeitpunkt wussten schon neun von zehn Bewohnern des Gartens Bescheid. Als nun Phönixglanz die Neue hereinbrachte, kamen viele herbei, um sie zu sehen und zu befragen. Die Zweitschwester Sonders begrüßte alle der Reihe nach. Wer sie sah, war von ihrer Anmut und Liebenswürdigkeit angetan und konnte nicht umhin, sie zu loben.
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Phönixglanz ermahnte alle Anwesenden einzeln: „Keiner darf nach draußen ein Wort verlauten lassen! Wenn die Ahnherrin oder die Gnädigen Frauen davon erfahren, bringe ich euch als Erste um!" Die Mütterchen und Mädchen im Garten fürchteten Phönixglanz ohnehin allesamt, und da es sich zudem um eine Sache handelte, die Kette Kaufmann während der doppelten Reichs- und Familientrauer begangen hatte, und sie wussten, wie heikel die Angelegenheit war, mischte sich keine ein.
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Phönixglanz bat Frau Li unter vier Augen, die Zweitschwester Sonders einige Tage bei sich aufzunehmen: „Sobald alles geregelt ist, holen wir sie selbstverständlich herüber." Frau Li sah, dass Phönixglanz drüben schon Zimmer hatte herrichten lassen, und da man sich in der Trauerzeit ohnehin nicht öffentlich äußern sollte, war dies nur vernünftig. Also nahm sie die Zweitschwester Sonders vorübergehend auf.
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Phönixglanz ließ dann nach und nach alle Dienstmädchen der Zweiten Schwester You entfernen und schickte stattdessen ein eigenes Mädchen zum Aufwarten. Heimlich wies sie die Dienerinnen des Gartens an: „Passt gut auf sie auf! Wenn sie abhaut oder verschwindet, ziehe ich euch zur Rechenschaft!" Dann ging sie selbst auf anderen Wegen weiter.
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Alle im Haus wunderten sich insgeheim: „Seit wann ist Phönixglanz so tugendhaft geworden?"
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Die Zweitschwester Sonders aber war mit ihrer Unterbringung zufrieden und sah, dass die jungen Damen im Garten alle freundlich zu ihr waren. Sie glaubte, am richtigen Ort angekommen zu sein.
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Doch schon drei Tage später begann das Dienstmädchen Shanjie, immer ungehorsamer zu werden. Als die Zweitschwester Sonders einmal sagte: „Mir ist das Haaröl ausgegangen, geh zur Ersten Herrin und bitte um Nachschub", fuhr Shanjie sie an: „Zweite Herrin, Ihr wisst wirklich nicht, was sich gehört! Unsere Herrin muss jeden Tag der Ahnherrin aufwarten, der einen Gnädigen Frau, der anderen Gnädigen Frau. Dazu alle Schwägerinnen und Schwestern, oben und unten mehrere hundert Personen — jeden Tag warten alle auf ihr Wort. Auf den Tag gerechnet gibt es mindestens zwanzig große und dreißig bis fünfzig kleine Angelegenheiten. Draußen, von der Kaiserlichen Nebengemahlin angefangen über Herzöge und Marquis, wie viele Geschenke und Besuche! Im Haus die ganzen Verwandten und Freunde! Tausende Liang Silber und Zehntausende Kupfermünzen gehen täglich durch ihre eine Hand, ihr eines Herz, ihren einen Mund. Wegen so einer Nichtigkeit soll ich sie belästigen? Ich rate Euch, bescheidener zu sein! Wir sind doch nicht durch Brautwerber und ordentliche Heirat hergekommen. Es ist bereits einzigartig großherzig von ihr, dass sie Euch so behandelt! Wäre da jemand anders, die hätte Euch bei solchen Worten sofort angebrüllt und Euch vor die Tür gesetzt — ob lebendig oder tot, was hättet Ihr dann tun können?"
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Nach dieser Predigt senkte die Zweitschwester Sonders den Kopf und dachte, an diesen Worten sei etwas dran — sie müsse sich eben fügen.
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Shanjie brachte ihr nach und nach nicht einmal mehr das Essen pünktlich — mal zu früh, mal zu spät, und was sie brachte, waren Reste. Als die Zweitschwester Sonders sich zweimal beschwerte, fing Shanjie stattdessen an zu schreien. Die Zweitschwester Sonders fürchtete, man könnte sagen, sie sei unzufrieden und unbescheiden, und erduldete es schweigend.
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Alle fünf oder acht Tage ließ sich Phönixglanz einmal bei ihr blicken — stets mit freundlicher Miene und dem Wort „Schwester" auf den Lippen. „Sollten die Dienstleute dich schlecht behandeln und du kommst nicht mit ihnen zurecht, sag es nur mir, dann bestrafe ich sie", sagte sie. Dann schalt sie die Mädchen und Frauen: „Ich kenne euch — die Sanften schikaniert ihr, vor den Harten kuscht ihr. Hinter meinem Rücken fürchtet ihr niemanden mehr. Wenn die Zweite Herrin mir auch nur ein einziges Mal ‚Nein' meldet, verlange ich euer Leben!"
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Die Zweitschwester Sonders sah Phönixglanz so gutherzig und dachte: „Wenn ich schon sie habe, die sich kümmert, warum sollte ich da noch selbst Aufheben machen? Dass die Dienstleute sich nicht benehmen können, ist normal. Wenn ich sie anschwärze und sie bestraft werden, heißt es hinterher, ich sei nicht tugendhaft." So deckte sie die Verfehlungen sogar noch zu.
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Derweil schickte Phönixglanz König Er hinaus, um Nachforschungen anzustellen. Bald wusste sie alles über die Zweitschwester Sonders: Sie war schon einmal verlobt gewesen. Der Bräutigam war erst neunzehn, trieb sich Tag für Tag in Hurenhäusern und Spielhöllen herum, kümmerte sich nicht um seinen Lebensunterhalt, hatte sein ganzes Erbe durchgebracht, und sein Vater hatte ihn verstoßen. Er lebte jetzt in einer Spielhölle. Sein Vater hatte zehn Liang Silber von der alten You genommen und die Verlobung aufgelöst, doch der junge Mann wusste noch nichts davon. Er hieß Zhang Hua.
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Phönixglanz, die nun alle Einzelheiten kannte, steckte König Er zwanzig Liang Silber zu und befahl ihm heimlich, Zhang Hua aufzustöbern, ihn zu verköstigen, ihm eine Klageschrift aufsetzen zu lassen und damit bei der zuständigen Behörde Anzeige erstatten zu lassen. Die Anklage gegen den zweiten Herrn Kette Kaufmann lautete: „Reichstrauer und Familientrauer missachtend, gegen kaiserliche Erlasse und hinter dem Rücken der Eltern, auf Reichtum und Macht gestützt, eine Verlobung gewaltsam aufgelöst und unter Vernachlässigung der Erstgemahlin erneut geheiratet."
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Zhang Hua kannte die Machtverhältnisse und wagte zunächst nicht, etwas zu unternehmen. König Er berichtete Phönixglanz, die wütend schimpfte: „Dieser räudige Hund, den man nicht an die Mauer stellen kann! Sag ihm genau: Selbst wenn er unsere Familie des Hochverrats anklagte, passiert nichts! Es geht nur darum, mit dem Streit ein allgemeines Gesichtsverlust herbeizuführen. Wenn die Klage zu groß wird, werde ich sie schon zu regeln wissen."
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König Er tat wie geheißen und redete Zhang Hua ins Gewissen. Phönixglanz wies König Er außerdem an: „Wenn er dich verklagt, gehst du einfach mit ihm zur Verhandlung." So und so, dies und das — „ich weiß schon, was ich tue."
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König Er, der sich auf ihre Anleitung verließ, ließ Zhang Hua seinen eigenen Namen in die Klageschrift einfügen: „Klage mich ruhig an als denjenigen, der die Gelder überreicht und den Zweiten Herrn zu allem angestiftet hat."
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So hatte Zhang Hua einen Ansatz, und nachdem er sich mit König Er beraten hatte, schrieben sie die Klageschrift und reichten sie am nächsten Tag beim Zensorat ein.
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Das Zensorat sah, dass es sich um eine Klage gegen Kette Kaufmann handelte, und dass ein Hausdiener namens König Er darin vorkam. Also schickte man Gerichtsboten zum Haus Kaufmann, um König Er zur Verhandlung vorzuladen. Die Boten wagten nicht, eigenmächtig einzutreten, und ließen nur eine Nachricht überbringen. König Er aber wartete schon darauf, brauchte keine Nachricht — er stand längst in der Straße bereit. Als er die Boten sah, ging er ihnen lachend entgegen: „Macht Euch keine Mühe, Brüder! Es muss wegen meiner Sache sein. Da hilft nichts, fesselt mich schnell." Die Boten wagten das nicht und sagten nur: „Kommt einfach mit, macht keinen Spaß."
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So kniete er vor dem Richter nieder. Der Zensuor ließ ihm die Klageschrift vorlesen. König Er tat, als lese er sie zum ersten Mal, schlug den Kopf auf den Boden und sagte: „Die Angelegenheit ist mir bestens bekannt. Mein Herr hat das tatsächlich getan. Nur hat Zhang Hua, der seit langem mein Feind ist, mich absichtlich hineingezogen. Es gibt noch andere Beteiligte — ich bitte den Herrn Richter, weiter zu fragen."
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Zhang Hua schlug den Kopf auf den Boden und sagte: „Es gibt zwar noch andere, aber ich wage nicht, sie anzuklagen, deshalb habe ich nur den Diener angeklagt."
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König Er tat aufgeregt und sagte: „Du Dummkopf, sag es doch schnell! Das hier ist der kaiserliche Gerichtshof — selbst wenn es der Herr persönlich ist, musst du ihn nennen!"
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Zhang Hua nannte daraufhin Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Herrlichkeit Kaufmann, junger Herr des Ostpalasts.</ref>. Der Zensuor hatte keine andere Wahl, als auch Herrlichkeit Kaufmann vorladen zu lassen.
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Phönixglanz hatte zuvor Qinger losgeschickt, um heimlich nachzufragen. Als die Klage erhoben war, ließ sie sofort König Xin kommen, erzählte ihm alles und befahl ihm, den Zensuor zu bitten, die Sache nur zum Schein aufzubauschen und einzuschüchtern, sonst nichts. Dazu gab sie ihm dreihundert Liang Silber für die Bestechung. Noch in derselben Nacht suchte König Xin den Zensuor privat auf und legte die Grundlage. Der Zensuor, der die Zusammenhänge durchschaute, steckte das Bestechungsgeld ein. Am nächsten Tag erklärte er bei der Verhandlung, Zhang Hua sei ein Taugenichts, der Schulden beim Haus Kaufmann habe und mit frei erfundenen Anschuldigungen ehrbare Leute verleumde. Da der Zensuor zudem mit König Ziteng [王子腾] befreundet war und König Xin nur einen kurzen Besuch zu Hause machte — schließlich handelte es sich ja um die Familie Kaufmann, und alle waren froh, die Sache zu beenden —, wurde auch dort nicht weiter nachgehakt. Man ließ nur Herrlichkeit Kaufmann zur Verhandlung vorladen.
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Herrlichkeit Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ostpalasts (Ning-guo-fu).</ref> waren gerade mit den Begräbnisvorbereitungen für Herrlichkeit Kaufmanns Vater beschäftigt, als plötzlich ein Bote kam und meldete: „Jemand hat euch angeklagt, und zwar so und so und so — trefft schnell Vorkehrungen!" Herrlichkeit Kaufmann erschrak und eilte zu Herrlichkeit Kaufmann. Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Davor hatte ich mich gehütet — aber was für eine Dreistigkeit!" Sofort ließ er zweihundert Liang Silber einpacken und Leute hinschicken, um den Zensuor zu bestechen, und schickte Diener zur Verhandlung.
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Gerade als sie noch berieten, wurde gemeldet: „Die Zweite Herrin aus dem Westpalast ist da!" Herrlichkeit Kaufmann erschrak über diese Nachricht, er wollte sich zusammen mit Herrlichkeit Kaufmann schnell verstecken. Doch Phönixglanz war schon hereingetreten und rief: „Na, lieber großer Bruder, da habt ihr ja zusammen mit den jungen Herren feine Sachen angestellt!"
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Herrlichkeit Kaufmann eilte herbei und verbeugte sich. Phönixglanz packte ihn und zog ihn mit sich. Herrlichkeit Kaufmann lachte nur noch und sagte: „Bedient eure Tante gut, lasst Vieh schlachten und das Essen herrichten!" Damit ließ er eilig sein Pferd satteln und machte sich davon.
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Phönixglanz kam mit Herrlichkeit Kaufmann in die Haupträume. Die Schwägerin Sonders kam ihr gerade entgegen. Als sie Phönixglanz' zornige Miene sah, fragte sie lächelnd: „Was ist denn so dringend?"
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Phönixglanz spuckte ihr mitten ins Gesicht und schrie: „Euer Sonders-Mädchen, das keiner mehr wollte, habt ihr heimlich zu den Kaufmanns geschickt! Sind denn alle Kaufmann-Männer so gut, dass es nirgendwo sonst auf der Welt einen Mann gibt? Wenn du sie schon hergeben willst, dann mit drei Brautwerbern und sechs Zeugen, alles ordentlich und nach Brauch! Du hast dir das Hirn vernebeln lassen. In Reichs- und Familientrauer zugleich hast du sie einfach hergeschickt! Jetzt wird uns verklagt, und ich als eine, die keinen Fuß hat, auf dem sie stehen kann — in den Amtsstuben weiß man längst, dass ich streng und eifersüchtig bin. Jetzt wird mein Name genannt, und man will mich verstoßen lassen! Was habe ich in eurem Haus verbrochen, dass ihr mir so schadet? Oder hat die Ahnherrin oder die Gnädige Frau etwas gegen mich und ihr habt diese Falle gebaut, um mich loszuwerden? Dann gehen wir jetzt beide zusammen vor Gericht und klären die Sache! Danach laden wir die ganze Sippe ein, und jeder sagt offen, was er denkt. Gebt mir den Scheidebrief, und ich gehe!"
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Dabei weinte sie laut, zerrte an der Schwägerin Sonders und wollte mit ihr zum Gericht gehen. Herrlichkeit Kaufmann kniete sich auf den Boden und schlug den Kopf auf die Erde, immer wieder flehend: „Tante, beruhigt Euch doch!"
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Phönixglanz schimpfte weiter auf Herrlichkeit Kaufmann: „Du vom Blitz geschlagener, von fünf Dämonen zerrissener gewissenloser Kerl! Weißt du nicht, wie hoch der Himmel und wie dick die Erde ist? Tagaus, tagein stiftest du Unfrieden und treibst schamlose, gesetzlose, familienzerstörende Geschäfte! Deine verstorbene Mutter im Jenseits verzeiht dir das nicht, die Ahnen verzeihen es nicht — und du wagst es, mich beschwichtigen zu wollen!" Weinend und schimpfend holte sie aus, um ihn zu schlagen.
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Herrlichkeit Kaufmann schlug rasch den Kopf auf den Boden und sagte: „Tante, schlagt Euch nicht die Hand wund — lasst mich mich selbst schlagen!" Damit schlug er sich links und rechts selbst ins Gesicht und fragte sich selbst: „Wirst du in Zukunft dich noch in alles einmischen, was dich nichts angeht? Wirst du in Zukunft nur noch auf deinen Onkel hören und nicht mehr auf deine Tante?"
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Alle Umstehenden wollten zugleich trösten und lachen, wagten aber nicht zu lachen.
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Phönixglanz warf sich in die Arme der Schwägerin Sonders, heulte zum Himmel und zur Erde und schluchzte laut: „Dass du deinem Bruder eine Frau nimmst, ärgert mich nicht! Aber warum habt ihr es so gemacht, dass es gegen kaiserliche Erlasse verstößt, und hängt mir diesen Schandnamen an? Gehen wir doch zum Gericht, bevor die Häscher kommen! Oder noch besser — gehen wir zur Ahnherrin und der Gnädigen Frau und legen es der ganzen Sippe vor! Wenn ich so schlecht bin und meinem Mann keine Zweitfrau und Nebenfrau gönne, dann gebt mir den Scheidebrief, und ich verschwinde sofort!
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Eure Schwester habe ich eigenhändig ins Haus geholt, und aus Angst, die Ahnherrin und die Gnädige Frau könnten böse werden, habe ich nicht einmal gewagt, es zu melden. Sie wohnt dort mit feinstem Essen, goldenen Sklavinnen und silbernen Dienern im Garten! Ich habe eilig die Zimmer herrichten lassen, mit demselben Rang wie ich — alles bereit für den Tag, an dem die Ahnherrin es erfährt. Ich dachte, wenn sie erst eingezogen ist, werden wir alle brav und anständig leben und ich lasse die Vergangenheit ruhen.
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Aber nun stellt sich heraus, dass sie schon einen Verlobten hatte! Was ihr da getrieben habt, davon weiß ich überhaupt nichts. Jetzt wird mir der Prozess gemacht! Gestern war ich so verzweifelt, dass ich — auch wenn ich selbst vor Gericht ginge, es wäre die Schande eures Hauses Kaufmann! — nicht anders konnte, als heimlich fünfhundert Liang von der Gnädigen Frau zu nehmen und die Beamten zu bestechen. Und mein Diener sitzt immer noch im Gefängnis!"
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So weinte und schimpfte sie abwechselnd und wollte sich schließlich den Schädel einschlagen. Die Schwägerin Sonders war wie ein durchgekneteter Teig, ihre Kleider von Tränen und Rotz durchtränkt. Sie sagte nur: „Du Ungeheuer von Sohn! Was für feine Sachen hast du mit deinem Vater angestellt! Hab ich's nicht gleich gesagt?"
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Phönixglanz hörte das, fasste weinend die Schwägerin Sonders am Gesicht, starrte sie frontal an und fragte: „Bist du wahnsinnig? Hast du einen Kürbis im Mund stecken? Oder haben sie dir eine Trense angelegt? Warum hast du mir nichts gesagt? Wenn du es mir gesagt hättest, wäre jetzt alles friedlich! Wie konnte es so weit kommen, dass Gerichte und Behörden bemüht werden? Und jetzt machst du ihnen noch Vorwürfe! ‚Ist die Frau tugendhaft, hat der Mann weniger Unglück', heißt es, und ‚Äußere Stärke ist nicht so viel wert wie innere Stärke.' Wenn du etwas getaugt hättest, hätten die das alles nie angestellt! Aber du hast weder Geschick noch Mundwerk — du bist ein Kürbis mit abgesägtem Mund, der nur still dasitzt und auf den guten Ruf einer tugendhaften Frau hofft. Am Ende fürchten sie dich nicht und hören nicht auf dich!" Dann spuckte sie ihr noch ein paarmal ins Gesicht.
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Die Schwägerin Sonders weinte ebenfalls: „Wie könnte ich nicht ermahnt haben? Aber glaubst du, sie hören auf mich? Was soll ich denn machen? Ich kann der Schwester nicht verdenken, dass sie wütend ist — ich kann nur zuhören."
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Inzwischen knieten all die Nebenfrauen, Mädchen und Dienerinnen dicht an dicht am Boden und baten lachend: „Die Zweite Herrin ist doch die Verständigste! Auch wenn unsere Herrin im Unrecht ist — Ihr habt sie genug gedemütigt. Unsere Herrinnen waren sich doch immer so gut — bitte bewahrt ihr das Gesicht!"
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Man reichte Tee. Phönixglanz warf auch den zu Boden, wischte sich die Augen, richtete sich die Haare und schimpfte dann noch auf Herrlichkeit Kaufmann: „Geh hinaus und hol deinen Vater! Ich will ihn persönlich fragen: Der eigene Großvater ist erst sieben mal sieben Tage bestattet, und der Neffe heiratet — diesen Brauch kenne ich noch nicht. Da kann ich ja gleich für die Zukunft lernen, wie man Söhne und Neffen erzieht!"
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Herrlichkeit Kaufmann kniete nur da und schlug den Kopf auf den Boden: „Diese Sache hat mit meinen Eltern gar nichts zu tun! Euer Sohn war es, der einen Moment lang verrückt wurde und den Onkel angestiftet hat. Mein Vater weiß gar nichts davon. Gerade bereitet er die Überführung des Großvaters vor. Wenn die Tante jetzt Aufsehen macht, ist es auch um Euren Sohn geschehen. Bestraft mich, wie Ihr wollt — ich nehme jede Strafe an. Aber den Prozess — bitte, Tante, regelt Ihr ihn. Euer Sohn kann so eine große Sache nicht bewältigen. Die Tante ist doch eine Person von Format — kennt Ihr nicht das Sprichwort: ‚Ein gebrochener Arm bleibt im Ärmel verborgen'? Euer Sohn war dumm genug, eine Dummheit zu begehen — wie ein Hund oder eine Katze. Da die Tante mich bestraft, wird sie doch nicht auf meine Stufe herabsteigen. Die Tante muss sich leider noch die Mühe machen, die Sache draußen in Ordnung zu bringen. Euer Sohn hat die Dummheit angerichtet, und die Tante muss die Scherben aufkehren — aber sie liebt ihren Sohn doch trotzdem."
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Phönixglanz sah, wie Mutter und Sohn sich so verhielten, und erkannte, dass sie nicht weitergehen konnte. Also wechselte sie Miene und Ton und sagte versöhnlich zur Schwägerin Sonders: „Ich bin jung und unverständig. Als ich hörte, dass jemand klagt, hat es mich so erschreckt, dass ich nicht mehr wusste, was ich tat. Wie unhöflich muss ich eben zur Schwägerin gewesen sein! Wie Hibiskus sagt — ‚der gebrochene Arm bleibt im Ärmel' —, bitte die Schwägerin, mir zu vergeben. Und bitte sprich mit dem Bruder, damit er den Prozess erst einmal niederschlägt."
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Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten einhellig: „Die Tante braucht sich keine Sorgen zu machen — den Onkel wird es nicht im Geringsten treffen. Ihr sagtet, Ihr hättet fünfhundert Liang ausgegeben — selbstverständlich werden wir Mutter und Sohn fünfhundert Liang zusammenbringen und Euch hinüberschicken, damit Ihr den Verlust ausgleichen könnt. Es wäre unverzeihlich, wenn die Tante obendrein noch Schulden machen müsste. Aber noch eins: Vor der Ahnherrin und den Gnädigen Frauen — da muss die Tante bitte taktvoll sein und diese Dinge nicht erwähnen."
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Phönixglanz lachte kalt: „Ihr habt mir etwas über den Kopf gezogen und erwartet jetzt, dass ich euch decke! Ich bin zwar dumm, aber so dumm nicht. Die Schwester meines Schwagers ist auch mein Mann, und wenn die Schwägerin fürchtet, er bleibe ohne Nachkommen — fürchte ich das etwa nicht noch mehr? Die Schwester der Schwägerin ist wie meine eigene Schwester. Als ich davon hörte, war ich so froh, dass ich die ganze Nacht kein Auge zutat. Sofort ließ ich die Zimmer herrichten und wollte sie aufnehmen. Die Dienstleute mit ihrem Sklavenverstand sagten allerdings: ‚Die Herrin ist zu gutmütig! Wenn wir zu bestimmen hätten, würden wir erst die Ahnherrin und die Gnädige Frau informieren, dann die Zimmer herrichten und sie abholen — das wäre noch früh genug.' Als ich das hörte, hätte ich sie am liebsten geschlagen und beschimpft, konnte es aber lassen.
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Aber es kam nicht, wie ich wollte! Aus heiterem Himmel tauchte dieser Zhang Hua auf und erstattete Anzeige. Als ich das erfuhr, habe ich zwei Nächte lang kein Auge zugemacht, wagte aber nicht, Aufhebens zu machen. Heimlich ließ ich Erkundigungen einziehen, wer dieser Zhang Hua sei und wo er die Dreistigkeit hernehme. Nach zwei Tagen Nachforschung stellte sich heraus, dass es ein nichtsnutziger Bettler ist. Jung und unerfahren, wie ich bin, musste ich lachen und sagte: ‚Was kann der schon anklagen?' Aber die Burschen erklärten: ‚Die Zweite Herrin war ihm einst versprochen. Jetzt ist er in der Klemme — ob er erfriert oder verhungert, er stirbt so oder so. Jetzt hat er dieses Recht in der Hand, und selbst wenn er stirbt, stirbt er wenigstens für etwas. Wie kann man es ihm verdenken? Die Sache wurde zu überstürzt gemacht. Reichstrauer — ein Vergehen. Familientrauer — ein Vergehen. Hinter dem Rücken der Eltern heimlich geheiratet — ein Vergehen. Die Erstfrau verlassen und erneut geheiratet — ein Vergehen. Wie das Sprichwort sagt: Wer seine Haut riskiert, kann sogar den Kaiser vom Pferd ziehen. Ein Mann, der vor Armut verrückt geworden ist, wozu ist der nicht fähig? Zumal er das volle Recht auf seiner Seite hat — auf eine Einladung zu warten ist unmöglich.'
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Schwägerin, selbst wenn ich Han Xin oder Zhang Liang wäre — nach diesen Worten wäre mir jeder Gedanke vergangen. Euer Bruder ist nicht da, ich hatte niemanden zum Beraten — nichts blieb übrig, als Geld hinzulegen. Aber je mehr Geld ich ausgab, desto mehr pressten sie mich aus. Ich bin wie eine Maus mit einem Geschwür am Schwanz — kein Tropfen Blut mehr übrig. Vor Aufregung und Ärger musste ich herkommen."
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Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten, ohne sie ausreden zu lassen: „Keine Sorgen, wir regeln das selbstverständlich!"
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Herrlichkeit Kaufmann fuhr fort: „Dieser Zhang Hua hat nur aus purer Verzweiflung heraus geklagt. Mein Plan wäre: Wir bieten ihm etwas Silber an und lassen ihn gestehen, dass er falsch und grundlos geklagt hat. Wir regeln seinen Prozess, und wenn er herauskommt, geben wir ihm noch etwas Geld — dann ist die Sache erledigt."
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Phönixglanz lachte: „Liebes Kind, kein Wunder, dass du so kopflos solche Dummheiten anstellst — du bist wirklich naiv! Wenn er heute einwilligt und den Prozess übersteht und das Geld bekommt, ist es vorerst erledigt. Aber solche Taugenichtse — wenn das Geld verbraucht ist, suchen sie neue Vorwände und pressen einen wieder. Außerdem: Wenn er sagt, er habe nichts verbrochen — warum hat man ihm dann Geld gegeben? Am Ende ist es eine nie endende Geschichte."
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Herrlichkeit Kaufmann, der ein kluger Mensch war, verstand sofort und sagte lachend: „Ich habe noch eine Idee. ‚Wer den Ärger gebracht hat, muss ihn auch forttragen.' Am besten erledige ich das selbst. Ich gehe zu Zhang Hua und frage ihn: Will er unbedingt die Person haben, oder ist er bereit, sich mit Geld abfinden zu lassen und eine andere zu heiraten? Wenn er die Person will, muss ich meine Zweite Tante überreden, dass sie herauskommt und ihn heiratet. Wenn er Geld will, geben wir ihm welches."
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Phönixglanz rief hastig: „Auch wenn du das sagst — ich bringe es nicht übers Herz, deine Tante hinauszuschicken! Auf keinen Fall! Guter Neffe, wenn du mich liebst, gib ihm lieber mehr Geld!"
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Herrlichkeit Kaufmann wusste genau, dass Phönixglanz mit dem Mund zwar so redete, im Herzen aber nichts lieber wollte, als dass die Person von selbst ging — sie selbst spielte nur die Tugendhafte. Was immer sie jetzt sagte, er gehorchte.
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Phönixglanz, zufrieden, sagte dann: „Die Sache draußen lässt sich regeln — aber wie geht es zu Hause weiter? Du solltest mit mir hinüberfahren und es der Ahnherrin erklären."
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Herrlichkeit Kaufmann bat Phönixglanz um Rat, wie man die Lüge am besten formulieren solle. Phönixglanz lachte kalt: „Wenn du nicht das Talent dazu hast, warum hast du dich dann darauf eingelassen? Jetzt diese Jammerpose — das ist mir zuwider. Aber andererseits bin ich ein weichherziger Mensch und lasse mich von jedem herumschubsen, und trotzdem habe ich ein gutes Herz. Ich muss es wohl übernehmen.
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Ihr beide haltet euch einfach fern. Ich bringe eure Schwester zur Ahnherrin und der Gnädigen Frau und lasse sie den Kotau machen. Ich sage: Sie ist die Schwester meines Schwagers, ich habe sie kennengelernt und fand sie sehr nett. Da ich selbst nicht gerade fruchtbar bin, hatte ich ohnehin vor, ein oder zwei Mädchen ins Haus zu nehmen. Als ich nun die Schwester meines Schwagers traf und sah, wie gut sie ist — Verwandte untereinander zu heiraten ist doch das Beste —, habe ich beschlossen, sie als Zweitfrau aufzunehmen. Da ihre Eltern und Schwestern vor Kurzem alle verstorben sind und sie in Armut lebt, konnte sie die hundert Tage Trauer nicht abwarten, denn sie hätte kein Zuhause und keinen Unterhalt gehabt. Deshalb habe ich sie schon ins Haus geholt, die Zimmer im Seitenflügel sind hergerichtet, und sie wohnt vorerst dort. Erst wenn die Trauer vorüber ist, wird die Ehe vollzogen.
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Mit meiner schamlosen Miene und meiner Hartnäckigkeit drücke ich das schon durch. Wenn es Ärger gibt, fällt er nicht auf euch zurück. Was meint ihr, Mutter und Sohn?"
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Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten einhellig lachend: „Nur die Tante hat eine so großmütige und kluge Art! Wenn alles geregelt ist, kommen wir selbstverständlich herüber, um uns zu bedanken."
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Die Schwägerin Sonders ließ die Mädchen Phönixglanz beim Waschen und Frisieren bedienen, ordnete ein Essen an und reichte persönlich Wein und wählte die Gerichte aus.
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Phönixglanz blieb nicht lange und ging entschlossen. Im Garten erzählte sie der Zweiten Schwester You die ganze Geschichte — wie sie sich Mühe gegeben habe, Erkundigungen einzuziehen, wie sie einen Plan ersonnen habe, wie man so und so vorgehen müsse, um alle vor Strafe zu bewahren, und dass sie selbst die Sache in die Hand nehmen müsse.
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Was dann weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
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<references />

Latest revision as of 19:30, 28 April 2026

Kapitel 68 苦尤娘赚入大观园 / 酸凤姐大闹宁国府 Die bitterböse Phönixglanz lockt die Zweitschwester Sonders ins Prunkwille-Anwesen; Phönixglanz stiftet Aufruhr im Stillfriede-Anwesen

Die bitterböse Phönixglanz[1] spielt die Gütige und bewirkt mit List eine öffentliche Klage. Die geheime Gattin, die Zweitschwester Sonders[2], wird ins Prunkwille-Anwesen gelockt und gerät in die Falle.

Es wird erzählt, dass Kette Kaufmann[3] nach seiner Abreise erfuhr, dass der Friedenskommandant gerade auf Grenzinspektion war und erst in etwa einem Monat zurückerwartet wurde. Er musste in seiner Unterkunft warten. Als der Kommandant schließlich zurückkam, erledigten sie die Angelegenheit, doch die Rückreise zog sich hin — insgesamt waren fast zwei Monate vergangen.

Unterdessen hatte Phönixglanz längst alles durchgerechnet. Kaum war Kette Kaufmann fort, ließ sie Handwerker aller Art kommen und die drei Zimmer des östlichen Seitenflügels herrichten — mit derselben Ausstattung und Einrichtung wie ihre eigenen Hauptgemächer. Am vierzehnten Tag meldete sie der Herzoginmutter[4] und Dame König, sie wolle am fünfzehnten in aller Frühe zum Nonnenkloster, um Weihrauch darzubringen. Sie nahm nur Friedchen[5], Fenger, Frau Zhou Rui und Dame König Er mit — vier Personen. Noch bevor sie in die Kutsche stieg, erzählte sie allen, worum es wirklich ging. Dann wies sie die männlichen Diener an, schlichte Kleidung anzulegen und schlichte Decken auf die Kutsche zu spannen, und fuhr geradewegs los.

Glückskind[6] führte den Weg, und so gelangten sie direkt vor die Tür der Zweiten Schwester You und klopften an. Die Frau von Bao Er öffnete. Glückskind sagte lachend: „Meldet schnell der Zweiten Herrin — die Erste Herrin ist da!"

Die Frau von Bao Er erschrak so, dass ihr die Seele aus dem Leib zu fahren schien, und rannte hinein, um die Zweitschwester Sonders zu benachrichtigen. Auch die Zweitschwester Sonders erschrak, doch da der Besuch nun einmal da war, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn mit gebührender Höflichkeit zu empfangen. Eilig richtete sie ihre Kleidung und ging hinaus.

Vor der Tür stieg Phönixglanz gerade aus der Kutsche. Die Zweitschwester Sonders musterte sie: alles Silberschmuck in schlichtem Weiß auf dem Kopf, ein mondweißes Atlasjäckchen, ein blaugrüner Atlasumhang, ein weißer Seidenrock. Ihre Brauen geschwungen wie Weidenblätter, an den Spitzen fein aufwärts gezogen; die Augen horizontal wie der Blick eines scharlachroten Phönix, der Blick scharf und durchdringend. Anmutig wie ein Pfirsichbaum im Frühling, rein wie eine Chrysantheme im Herbst. Frau Zhou Rui und Dame König Er stützten sie beim Betreten des Hofes.

Die Zweitschwester Sonders eilte lächelnd entgegen, verneigte sich tief und sagte sogleich: „Dass die ältere Schwester sich persönlich herabgelassen hat — ich habe Euch nicht einmal von ferne empfangen können! Verzeiht mir die Übereilung!" Damit verneigte sie sich bis zum Boden.

Phönixglanz erwiderte eilig lächelnd die Begrüßung, und die beiden gingen Hand in Hand ins Zimmer.

Phönixglanz nahm den Ehrenplatz ein. Die Zweitschwester Sonders ließ ein Kissen bringen und wollte sich verbeugen. Sie sagte: „Ich bin jung und unerfahren. Seit meiner Ankunft hier haben meine Mutter und meine ältere Schwester alles besprochen und entschieden. Dass ich heute die Ehre habe, Euch zu begegnen — wenn die ältere Schwester meine bescheidene Herkunft nicht verschmäht, bitte ich in allen Dingen um Eure Anleitung und Belehrung. Ich will Euch mit Leib und Seele dienen."

Damit vollzog sie die Verbeugung. Phönixglanz erhob sich rasch vom Platz und erwiderte die Verbeugung, wobei sie eilig sagte: „Alles ist nur die Schuld meiner beschränkten Frauensicht! Ich habe meinem Mann ständig geraten, vorsichtig zu sein und nicht draußen nach Blumen und Weiden zu greifen, aus Sorge, es könne den Eltern Kummer bereiten. Das sind eben die Sorgen unserer törichten Herzen. Aber der Zweite Herr hat meine gute Absicht missverstanden. Dass er sich draußen amüsiert — mag sein, er konnte es vor mir verbergen. Aber dass er nun die ältere Schwester als Zweitgemahlin heiratet, das ist doch eine große Angelegenheit mit allen dazugehörigen Zeremonien — und auch das hat er mir nicht gesagt! Dabei habe ich dem Zweiten Herrn sogar selbst geraten, frühzeitig eine solche Verbindung einzugehen, damit für Nachkommen gesorgt sei. Doch er hat mich offenbar für eine jener eifersüchtigen Frauen gehalten und diese wichtige Sache heimlich durchgeführt, ohne mir ein Wort zu sagen. So habe ich ein Unrecht erlitten, das ich nicht aussprechen kann — nur Himmel und Erde sind meine Zeugen.

Schon vor zehn Tagen habe ich davon gehört, aber aus Furcht, der Zweite Herr würde es nicht gerne hören, habe ich nichts gesagt. Jetzt, da er glücklicherweise auf Fernreise ist, bin ich persönlich gekommen, um meinen Besuch zu machen. Ich bitte die ältere Schwester, mein aufrichtiges Herz zu verstehen, und bitte Euch, die Mühe auf sich zu nehmen und ins Haus zu ziehen. Wir Schwestern wohnen dann zusammen, beraten einmütig den Zweiten Herrn, mahnen ihn zu Besonnenheit in seinen Geschäften und zur Pflege seiner Gesundheit — das wäre das Rechte.

Wenn die ältere Schwester hier draußen lebt und ich drinnen, wäre das — auch wenn ich gering und unwürdig bin, Euch Gesellschaft zu leisten — für mein Herz nicht erträglich. Außerdem: Wenn Außenstehende davon erführen, würde es keinen guten Eindruck machen. Der Ruf des Zweiten Herrn steht auf dem Spiel — und wenn über mich geredet wird, klage ich nicht.

Deshalb liegt mein ganzer Ruf in diesem Leben in der Hand der älteren Schwester. Was jene niedrigen Dienstleute reden — sie kennen mich als strenge Hausherrin und machen hinter meinem Rücken ihre Bemerkungen. Das ist das Übliche. Die ältere Schwester ist eine Person von Format — wie könnte sie solchem Gerede Glauben schenken? Hätte ich wirklich Fehler, dann wären da oben drei Schwiegereltern, in der Mitte unzählige Schwägerinnen und Schwiegertöchter, und das Haus Kaufmann ist eine Familie von Rang — hätte man mich bis heute geduldet? Dass der Zweite Herr die ältere Schwester heimlich draußen geheiratet hat — andere würden zürnen, ich aber empfinde es als Glück. Der Himmel und alle Buddhas konnten nicht mitansehen, wie ich von kleinen Leuten verleumdet werde, und haben diese Sache geschickt. Ich bin heute gekommen, um die ältere Schwester zu bitten, zu mir ins Haus zu ziehen, mit demselben Rang und Anteil wie ich, denselben Pflichten gegenüber den Schwiegereltern und demselben Recht, den Gatten zu ermahnen. Wenn es Freude gibt, freuen wir uns gemeinsam; wenn es Kummer gibt, trauern wir gemeinsam — Schwestern wie leibliche, verbunden wie Knochen und Fleisch. Nicht nur werden jene kleinen Leute dann ihre früheren Fehlurteile über mich bereuen, auch der Zweite Herr selbst wird, wenn er heimkommt und es sieht, als Ehemann im Stillen seine früheren Vorurteile bereuen. Die ältere Schwester ist also meine große Wohltäterin, die meinen früheren Ruf vollständig reinwäscht!

Wenn die ältere Schwester nicht mit mir kommt, bin ich bereit, hier zu bleiben und Euch Gesellschaft zu leisten. Ich will gern die Jüngere sein und Euch jeden Tag beim Kämmen und Waschen bedienen. Ich bitte nur, dass die ältere Schwester vor dem Zweiten Herrn ein gutes Wort für mich einlegt und mir ein Plätzchen zum Leben gönnt — dann sterbe ich zufrieden!"

Bei diesen Worten brach sie in heftiges Schluchzen aus. Die Zweitschwester Sonders, die das sah, konnte ihre eigenen Tränen nicht zurückhalten.

Nachdem sich die beiden begrüßt und der Rangfolge nach gesetzt hatten, trat auch Friedchen vor, um ihren Gruß zu erweisen. Die Zweitschwester Sonders erkannte an ihrem feinen Auftreten, ihrem vornehmen Benehmen und ihrer Schönheit sofort, dass es Friedchen sein musste. Eilig hielt sie sie persönlich zurück und sagte nur: „Schwester, lasst das! Ihr und ich sind gleich!"

Phönixglanz erhob sich ebenfalls lachend und sagte: „Das geht zu weit! Schwester, nehmt ruhig ihre Verbeugung an — sie ist nur unsere Dienerin. Bitte macht das nicht noch einmal."

Dann ließ sie Frau Zhou aus dem Bündel vier Stücke feinstes Stofftuch und vier Paar goldene Perlen-Haarnadeln als Begrüßungsgeschenk hervorholen. Die Zweitschwester Sonders nahm sie dankend entgegen. Die beiden tranken Tee und sprachen über Vergangenes. Phönixglanz gab sich durch und durch selbstanklagend — „die Schuld liegt ganz bei mir, anderen kann ich keinen Vorwurf machen, ich bitte nur die ältere Schwester um ihre Zuneigung" und dergleichen.

Die Zweitschwester Sonders hielt Phönixglanz nach alledem für eine überaus gute Person. Dass niedrige Dienstleute ihre Herrin verleumden, wenn sie unzufrieden sind, sei ja ganz natürlich. So öffnete sie ihr Herz, plauderte eine Weile und betrachtete Phönixglanz bereits als Seelenverwandte. Zudem priesen Frau Zhou Rui und andere nebenbei Phönixglanz' viele gute Taten als Hausherrin — nur sei sie zu gutherzig und mache sich dadurch Feinde. „Die Zimmer sind schon hergerichtet — die Herrin braucht nur hinzugehen und es sich anzusehen", sagten sie.

Die Zweitschwester Sonders hatte sich ohnehin nichts sehnlicher gewünscht, als ins Haus zu ziehen und dort zusammenzuleben. Wie hätte sie da nicht einwilligen sollen! Sie sagte: „Natürlich sollte ich mit der älteren Schwester gehen. Nur — was wird mit den Dingen hier?"

Phönixglanz sagte: „Das ist nicht schwer. Die Truhen und wertvollen Sachen der älteren Schwester lässt sie von den Burschen ins Haus bringen. Das grobe Zeug braucht man nicht, jemand soll darauf aufpassen. Wen die ältere Schwester für zuverlässig hält, der bleibt hier."

Die Zweitschwester Sonders sagte hastig: „Da ich die ältere Schwester nun getroffen habe — wenn ich ins Haus ziehe, überlasse ich alles Eurer Regie. Ich bin noch nicht lange hier und habe nie einen Haushalt geführt, verstehe nichts von der Welt — wie könnte ich Entscheidungen treffen? Diese paar Truhen nehme ich mit. Viel habe ich ohnehin nicht — das meiste gehört ja dem Zweiten Herrn."

Phönixglanz befahl Frau Zhou Rui, alles zu verzeichnen und sorgfältig in den östlichen Seitenflügel bringen zu lassen. Dann drängte sie die Zweitschwester Sonders, sich umzukleiden. Hand in Hand stiegen die beiden in die Kutsche, saßen beieinander, und Phönixglanz flüsterte ihr zu:

„In unserem Haus herrschen strenge Regeln. Von der Sache weiß die Ahnherrin überhaupt nichts. Wenn sie erführe, dass der Zweite Herr dich in der Trauerzeit geheiratet hat, ließe sie ihn totschlagen. Vorerst darfst du die Ahnherrin und die Gnädigen Frauen nicht sehen. Wir haben einen sehr großen Garten, in dem die jungen Damen wohnen — da kommt nicht leicht jemand hin. Du wohnst erst einmal ein paar Tage im Garten. Wenn ich eine Möglichkeit gefunden habe, die Sache richtig zu erklären, dann trittst du vor sie — das ist sicherer."

Die Zweitschwester Sonders sagte: „Ich überlasse alles der älteren Schwester."

Die Burschen, die die Kutsche begleiteten, waren vorher alle eingeweiht worden und fuhren nicht zum Haupttor, sondern direkt zum Hintertor.

Nach dem Aussteigen schickte Phönixglanz alle fort und führte die Zweitschwester Sonders durch das Hintertor des Gartens der Großen Anschauung [大观园] zu Frau Li [李纨], um sich vorzustellen. Zu diesem Zeitpunkt wussten schon neun von zehn Bewohnern des Gartens Bescheid. Als nun Phönixglanz die Neue hereinbrachte, kamen viele herbei, um sie zu sehen und zu befragen. Die Zweitschwester Sonders begrüßte alle der Reihe nach. Wer sie sah, war von ihrer Anmut und Liebenswürdigkeit angetan und konnte nicht umhin, sie zu loben.

Phönixglanz ermahnte alle Anwesenden einzeln: „Keiner darf nach draußen ein Wort verlauten lassen! Wenn die Ahnherrin oder die Gnädigen Frauen davon erfahren, bringe ich euch als Erste um!" Die Mütterchen und Mädchen im Garten fürchteten Phönixglanz ohnehin allesamt, und da es sich zudem um eine Sache handelte, die Kette Kaufmann während der doppelten Reichs- und Familientrauer begangen hatte, und sie wussten, wie heikel die Angelegenheit war, mischte sich keine ein.

Phönixglanz bat Frau Li unter vier Augen, die Zweitschwester Sonders einige Tage bei sich aufzunehmen: „Sobald alles geregelt ist, holen wir sie selbstverständlich herüber." Frau Li sah, dass Phönixglanz drüben schon Zimmer hatte herrichten lassen, und da man sich in der Trauerzeit ohnehin nicht öffentlich äußern sollte, war dies nur vernünftig. Also nahm sie die Zweitschwester Sonders vorübergehend auf.

Phönixglanz ließ dann nach und nach alle Dienstmädchen der Zweiten Schwester You entfernen und schickte stattdessen ein eigenes Mädchen zum Aufwarten. Heimlich wies sie die Dienerinnen des Gartens an: „Passt gut auf sie auf! Wenn sie abhaut oder verschwindet, ziehe ich euch zur Rechenschaft!" Dann ging sie selbst auf anderen Wegen weiter.

Alle im Haus wunderten sich insgeheim: „Seit wann ist Phönixglanz so tugendhaft geworden?"

Die Zweitschwester Sonders aber war mit ihrer Unterbringung zufrieden und sah, dass die jungen Damen im Garten alle freundlich zu ihr waren. Sie glaubte, am richtigen Ort angekommen zu sein.

Doch schon drei Tage später begann das Dienstmädchen Shanjie, immer ungehorsamer zu werden. Als die Zweitschwester Sonders einmal sagte: „Mir ist das Haaröl ausgegangen, geh zur Ersten Herrin und bitte um Nachschub", fuhr Shanjie sie an: „Zweite Herrin, Ihr wisst wirklich nicht, was sich gehört! Unsere Herrin muss jeden Tag der Ahnherrin aufwarten, der einen Gnädigen Frau, der anderen Gnädigen Frau. Dazu alle Schwägerinnen und Schwestern, oben und unten mehrere hundert Personen — jeden Tag warten alle auf ihr Wort. Auf den Tag gerechnet gibt es mindestens zwanzig große und dreißig bis fünfzig kleine Angelegenheiten. Draußen, von der Kaiserlichen Nebengemahlin angefangen über Herzöge und Marquis, wie viele Geschenke und Besuche! Im Haus die ganzen Verwandten und Freunde! Tausende Liang Silber und Zehntausende Kupfermünzen gehen täglich durch ihre eine Hand, ihr eines Herz, ihren einen Mund. Wegen so einer Nichtigkeit soll ich sie belästigen? Ich rate Euch, bescheidener zu sein! Wir sind doch nicht durch Brautwerber und ordentliche Heirat hergekommen. Es ist bereits einzigartig großherzig von ihr, dass sie Euch so behandelt! Wäre da jemand anders, die hätte Euch bei solchen Worten sofort angebrüllt und Euch vor die Tür gesetzt — ob lebendig oder tot, was hättet Ihr dann tun können?"

Nach dieser Predigt senkte die Zweitschwester Sonders den Kopf und dachte, an diesen Worten sei etwas dran — sie müsse sich eben fügen.

Shanjie brachte ihr nach und nach nicht einmal mehr das Essen pünktlich — mal zu früh, mal zu spät, und was sie brachte, waren Reste. Als die Zweitschwester Sonders sich zweimal beschwerte, fing Shanjie stattdessen an zu schreien. Die Zweitschwester Sonders fürchtete, man könnte sagen, sie sei unzufrieden und unbescheiden, und erduldete es schweigend.

Alle fünf oder acht Tage ließ sich Phönixglanz einmal bei ihr blicken — stets mit freundlicher Miene und dem Wort „Schwester" auf den Lippen. „Sollten die Dienstleute dich schlecht behandeln und du kommst nicht mit ihnen zurecht, sag es nur mir, dann bestrafe ich sie", sagte sie. Dann schalt sie die Mädchen und Frauen: „Ich kenne euch — die Sanften schikaniert ihr, vor den Harten kuscht ihr. Hinter meinem Rücken fürchtet ihr niemanden mehr. Wenn die Zweite Herrin mir auch nur ein einziges Mal ‚Nein' meldet, verlange ich euer Leben!"

Die Zweitschwester Sonders sah Phönixglanz so gutherzig und dachte: „Wenn ich schon sie habe, die sich kümmert, warum sollte ich da noch selbst Aufheben machen? Dass die Dienstleute sich nicht benehmen können, ist normal. Wenn ich sie anschwärze und sie bestraft werden, heißt es hinterher, ich sei nicht tugendhaft." So deckte sie die Verfehlungen sogar noch zu.

Derweil schickte Phönixglanz König Er hinaus, um Nachforschungen anzustellen. Bald wusste sie alles über die Zweitschwester Sonders: Sie war schon einmal verlobt gewesen. Der Bräutigam war erst neunzehn, trieb sich Tag für Tag in Hurenhäusern und Spielhöllen herum, kümmerte sich nicht um seinen Lebensunterhalt, hatte sein ganzes Erbe durchgebracht, und sein Vater hatte ihn verstoßen. Er lebte jetzt in einer Spielhölle. Sein Vater hatte zehn Liang Silber von der alten You genommen und die Verlobung aufgelöst, doch der junge Mann wusste noch nichts davon. Er hieß Zhang Hua.

Phönixglanz, die nun alle Einzelheiten kannte, steckte König Er zwanzig Liang Silber zu und befahl ihm heimlich, Zhang Hua aufzustöbern, ihn zu verköstigen, ihm eine Klageschrift aufsetzen zu lassen und damit bei der zuständigen Behörde Anzeige erstatten zu lassen. Die Anklage gegen den zweiten Herrn Kette Kaufmann lautete: „Reichstrauer und Familientrauer missachtend, gegen kaiserliche Erlasse und hinter dem Rücken der Eltern, auf Reichtum und Macht gestützt, eine Verlobung gewaltsam aufgelöst und unter Vernachlässigung der Erstgemahlin erneut geheiratet."

Zhang Hua kannte die Machtverhältnisse und wagte zunächst nicht, etwas zu unternehmen. König Er berichtete Phönixglanz, die wütend schimpfte: „Dieser räudige Hund, den man nicht an die Mauer stellen kann! Sag ihm genau: Selbst wenn er unsere Familie des Hochverrats anklagte, passiert nichts! Es geht nur darum, mit dem Streit ein allgemeines Gesichtsverlust herbeizuführen. Wenn die Klage zu groß wird, werde ich sie schon zu regeln wissen."

König Er tat wie geheißen und redete Zhang Hua ins Gewissen. Phönixglanz wies König Er außerdem an: „Wenn er dich verklagt, gehst du einfach mit ihm zur Verhandlung." So und so, dies und das — „ich weiß schon, was ich tue."

König Er, der sich auf ihre Anleitung verließ, ließ Zhang Hua seinen eigenen Namen in die Klageschrift einfügen: „Klage mich ruhig an als denjenigen, der die Gelder überreicht und den Zweiten Herrn zu allem angestiftet hat."

So hatte Zhang Hua einen Ansatz, und nachdem er sich mit König Er beraten hatte, schrieben sie die Klageschrift und reichten sie am nächsten Tag beim Zensorat ein.

Das Zensorat sah, dass es sich um eine Klage gegen Kette Kaufmann handelte, und dass ein Hausdiener namens König Er darin vorkam. Also schickte man Gerichtsboten zum Haus Kaufmann, um König Er zur Verhandlung vorzuladen. Die Boten wagten nicht, eigenmächtig einzutreten, und ließen nur eine Nachricht überbringen. König Er aber wartete schon darauf, brauchte keine Nachricht — er stand längst in der Straße bereit. Als er die Boten sah, ging er ihnen lachend entgegen: „Macht Euch keine Mühe, Brüder! Es muss wegen meiner Sache sein. Da hilft nichts, fesselt mich schnell." Die Boten wagten das nicht und sagten nur: „Kommt einfach mit, macht keinen Spaß."

So kniete er vor dem Richter nieder. Der Zensuor ließ ihm die Klageschrift vorlesen. König Er tat, als lese er sie zum ersten Mal, schlug den Kopf auf den Boden und sagte: „Die Angelegenheit ist mir bestens bekannt. Mein Herr hat das tatsächlich getan. Nur hat Zhang Hua, der seit langem mein Feind ist, mich absichtlich hineingezogen. Es gibt noch andere Beteiligte — ich bitte den Herrn Richter, weiter zu fragen."

Zhang Hua schlug den Kopf auf den Boden und sagte: „Es gibt zwar noch andere, aber ich wage nicht, sie anzuklagen, deshalb habe ich nur den Diener angeklagt."

König Er tat aufgeregt und sagte: „Du Dummkopf, sag es doch schnell! Das hier ist der kaiserliche Gerichtshof — selbst wenn es der Herr persönlich ist, musst du ihn nennen!"

Zhang Hua nannte daraufhin Herrlichkeit Kaufmann[7]. Der Zensuor hatte keine andere Wahl, als auch Herrlichkeit Kaufmann vorladen zu lassen.

Phönixglanz hatte zuvor Qinger losgeschickt, um heimlich nachzufragen. Als die Klage erhoben war, ließ sie sofort König Xin kommen, erzählte ihm alles und befahl ihm, den Zensuor zu bitten, die Sache nur zum Schein aufzubauschen und einzuschüchtern, sonst nichts. Dazu gab sie ihm dreihundert Liang Silber für die Bestechung. Noch in derselben Nacht suchte König Xin den Zensuor privat auf und legte die Grundlage. Der Zensuor, der die Zusammenhänge durchschaute, steckte das Bestechungsgeld ein. Am nächsten Tag erklärte er bei der Verhandlung, Zhang Hua sei ein Taugenichts, der Schulden beim Haus Kaufmann habe und mit frei erfundenen Anschuldigungen ehrbare Leute verleumde. Da der Zensuor zudem mit König Ziteng [王子腾] befreundet war und König Xin nur einen kurzen Besuch zu Hause machte — schließlich handelte es sich ja um die Familie Kaufmann, und alle waren froh, die Sache zu beenden —, wurde auch dort nicht weiter nachgehakt. Man ließ nur Herrlichkeit Kaufmann zur Verhandlung vorladen.

Herrlichkeit Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann[8] waren gerade mit den Begräbnisvorbereitungen für Herrlichkeit Kaufmanns Vater beschäftigt, als plötzlich ein Bote kam und meldete: „Jemand hat euch angeklagt, und zwar so und so und so — trefft schnell Vorkehrungen!" Herrlichkeit Kaufmann erschrak und eilte zu Herrlichkeit Kaufmann. Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Davor hatte ich mich gehütet — aber was für eine Dreistigkeit!" Sofort ließ er zweihundert Liang Silber einpacken und Leute hinschicken, um den Zensuor zu bestechen, und schickte Diener zur Verhandlung.

Gerade als sie noch berieten, wurde gemeldet: „Die Zweite Herrin aus dem Westpalast ist da!" Herrlichkeit Kaufmann erschrak über diese Nachricht, er wollte sich zusammen mit Herrlichkeit Kaufmann schnell verstecken. Doch Phönixglanz war schon hereingetreten und rief: „Na, lieber großer Bruder, da habt ihr ja zusammen mit den jungen Herren feine Sachen angestellt!"

Herrlichkeit Kaufmann eilte herbei und verbeugte sich. Phönixglanz packte ihn und zog ihn mit sich. Herrlichkeit Kaufmann lachte nur noch und sagte: „Bedient eure Tante gut, lasst Vieh schlachten und das Essen herrichten!" Damit ließ er eilig sein Pferd satteln und machte sich davon.

Phönixglanz kam mit Herrlichkeit Kaufmann in die Haupträume. Die Schwägerin Sonders kam ihr gerade entgegen. Als sie Phönixglanz' zornige Miene sah, fragte sie lächelnd: „Was ist denn so dringend?"

Phönixglanz spuckte ihr mitten ins Gesicht und schrie: „Euer Sonders-Mädchen, das keiner mehr wollte, habt ihr heimlich zu den Kaufmanns geschickt! Sind denn alle Kaufmann-Männer so gut, dass es nirgendwo sonst auf der Welt einen Mann gibt? Wenn du sie schon hergeben willst, dann mit drei Brautwerbern und sechs Zeugen, alles ordentlich und nach Brauch! Du hast dir das Hirn vernebeln lassen. In Reichs- und Familientrauer zugleich hast du sie einfach hergeschickt! Jetzt wird uns verklagt, und ich als eine, die keinen Fuß hat, auf dem sie stehen kann — in den Amtsstuben weiß man längst, dass ich streng und eifersüchtig bin. Jetzt wird mein Name genannt, und man will mich verstoßen lassen! Was habe ich in eurem Haus verbrochen, dass ihr mir so schadet? Oder hat die Ahnherrin oder die Gnädige Frau etwas gegen mich und ihr habt diese Falle gebaut, um mich loszuwerden? Dann gehen wir jetzt beide zusammen vor Gericht und klären die Sache! Danach laden wir die ganze Sippe ein, und jeder sagt offen, was er denkt. Gebt mir den Scheidebrief, und ich gehe!"

Dabei weinte sie laut, zerrte an der Schwägerin Sonders und wollte mit ihr zum Gericht gehen. Herrlichkeit Kaufmann kniete sich auf den Boden und schlug den Kopf auf die Erde, immer wieder flehend: „Tante, beruhigt Euch doch!"

Phönixglanz schimpfte weiter auf Herrlichkeit Kaufmann: „Du vom Blitz geschlagener, von fünf Dämonen zerrissener gewissenloser Kerl! Weißt du nicht, wie hoch der Himmel und wie dick die Erde ist? Tagaus, tagein stiftest du Unfrieden und treibst schamlose, gesetzlose, familienzerstörende Geschäfte! Deine verstorbene Mutter im Jenseits verzeiht dir das nicht, die Ahnen verzeihen es nicht — und du wagst es, mich beschwichtigen zu wollen!" Weinend und schimpfend holte sie aus, um ihn zu schlagen.

Herrlichkeit Kaufmann schlug rasch den Kopf auf den Boden und sagte: „Tante, schlagt Euch nicht die Hand wund — lasst mich mich selbst schlagen!" Damit schlug er sich links und rechts selbst ins Gesicht und fragte sich selbst: „Wirst du in Zukunft dich noch in alles einmischen, was dich nichts angeht? Wirst du in Zukunft nur noch auf deinen Onkel hören und nicht mehr auf deine Tante?"

Alle Umstehenden wollten zugleich trösten und lachen, wagten aber nicht zu lachen.

Phönixglanz warf sich in die Arme der Schwägerin Sonders, heulte zum Himmel und zur Erde und schluchzte laut: „Dass du deinem Bruder eine Frau nimmst, ärgert mich nicht! Aber warum habt ihr es so gemacht, dass es gegen kaiserliche Erlasse verstößt, und hängt mir diesen Schandnamen an? Gehen wir doch zum Gericht, bevor die Häscher kommen! Oder noch besser — gehen wir zur Ahnherrin und der Gnädigen Frau und legen es der ganzen Sippe vor! Wenn ich so schlecht bin und meinem Mann keine Zweitfrau und Nebenfrau gönne, dann gebt mir den Scheidebrief, und ich verschwinde sofort!

Eure Schwester habe ich eigenhändig ins Haus geholt, und aus Angst, die Ahnherrin und die Gnädige Frau könnten böse werden, habe ich nicht einmal gewagt, es zu melden. Sie wohnt dort mit feinstem Essen, goldenen Sklavinnen und silbernen Dienern im Garten! Ich habe eilig die Zimmer herrichten lassen, mit demselben Rang wie ich — alles bereit für den Tag, an dem die Ahnherrin es erfährt. Ich dachte, wenn sie erst eingezogen ist, werden wir alle brav und anständig leben und ich lasse die Vergangenheit ruhen.

Aber nun stellt sich heraus, dass sie schon einen Verlobten hatte! Was ihr da getrieben habt, davon weiß ich überhaupt nichts. Jetzt wird mir der Prozess gemacht! Gestern war ich so verzweifelt, dass ich — auch wenn ich selbst vor Gericht ginge, es wäre die Schande eures Hauses Kaufmann! — nicht anders konnte, als heimlich fünfhundert Liang von der Gnädigen Frau zu nehmen und die Beamten zu bestechen. Und mein Diener sitzt immer noch im Gefängnis!"

So weinte und schimpfte sie abwechselnd und wollte sich schließlich den Schädel einschlagen. Die Schwägerin Sonders war wie ein durchgekneteter Teig, ihre Kleider von Tränen und Rotz durchtränkt. Sie sagte nur: „Du Ungeheuer von Sohn! Was für feine Sachen hast du mit deinem Vater angestellt! Hab ich's nicht gleich gesagt?"

Phönixglanz hörte das, fasste weinend die Schwägerin Sonders am Gesicht, starrte sie frontal an und fragte: „Bist du wahnsinnig? Hast du einen Kürbis im Mund stecken? Oder haben sie dir eine Trense angelegt? Warum hast du mir nichts gesagt? Wenn du es mir gesagt hättest, wäre jetzt alles friedlich! Wie konnte es so weit kommen, dass Gerichte und Behörden bemüht werden? Und jetzt machst du ihnen noch Vorwürfe! ‚Ist die Frau tugendhaft, hat der Mann weniger Unglück', heißt es, und ‚Äußere Stärke ist nicht so viel wert wie innere Stärke.' Wenn du etwas getaugt hättest, hätten die das alles nie angestellt! Aber du hast weder Geschick noch Mundwerk — du bist ein Kürbis mit abgesägtem Mund, der nur still dasitzt und auf den guten Ruf einer tugendhaften Frau hofft. Am Ende fürchten sie dich nicht und hören nicht auf dich!" Dann spuckte sie ihr noch ein paarmal ins Gesicht.

Die Schwägerin Sonders weinte ebenfalls: „Wie könnte ich nicht ermahnt haben? Aber glaubst du, sie hören auf mich? Was soll ich denn machen? Ich kann der Schwester nicht verdenken, dass sie wütend ist — ich kann nur zuhören."

Inzwischen knieten all die Nebenfrauen, Mädchen und Dienerinnen dicht an dicht am Boden und baten lachend: „Die Zweite Herrin ist doch die Verständigste! Auch wenn unsere Herrin im Unrecht ist — Ihr habt sie genug gedemütigt. Unsere Herrinnen waren sich doch immer so gut — bitte bewahrt ihr das Gesicht!"

Man reichte Tee. Phönixglanz warf auch den zu Boden, wischte sich die Augen, richtete sich die Haare und schimpfte dann noch auf Herrlichkeit Kaufmann: „Geh hinaus und hol deinen Vater! Ich will ihn persönlich fragen: Der eigene Großvater ist erst sieben mal sieben Tage bestattet, und der Neffe heiratet — diesen Brauch kenne ich noch nicht. Da kann ich ja gleich für die Zukunft lernen, wie man Söhne und Neffen erzieht!"

Herrlichkeit Kaufmann kniete nur da und schlug den Kopf auf den Boden: „Diese Sache hat mit meinen Eltern gar nichts zu tun! Euer Sohn war es, der einen Moment lang verrückt wurde und den Onkel angestiftet hat. Mein Vater weiß gar nichts davon. Gerade bereitet er die Überführung des Großvaters vor. Wenn die Tante jetzt Aufsehen macht, ist es auch um Euren Sohn geschehen. Bestraft mich, wie Ihr wollt — ich nehme jede Strafe an. Aber den Prozess — bitte, Tante, regelt Ihr ihn. Euer Sohn kann so eine große Sache nicht bewältigen. Die Tante ist doch eine Person von Format — kennt Ihr nicht das Sprichwort: ‚Ein gebrochener Arm bleibt im Ärmel verborgen'? Euer Sohn war dumm genug, eine Dummheit zu begehen — wie ein Hund oder eine Katze. Da die Tante mich bestraft, wird sie doch nicht auf meine Stufe herabsteigen. Die Tante muss sich leider noch die Mühe machen, die Sache draußen in Ordnung zu bringen. Euer Sohn hat die Dummheit angerichtet, und die Tante muss die Scherben aufkehren — aber sie liebt ihren Sohn doch trotzdem."

Phönixglanz sah, wie Mutter und Sohn sich so verhielten, und erkannte, dass sie nicht weitergehen konnte. Also wechselte sie Miene und Ton und sagte versöhnlich zur Schwägerin Sonders: „Ich bin jung und unverständig. Als ich hörte, dass jemand klagt, hat es mich so erschreckt, dass ich nicht mehr wusste, was ich tat. Wie unhöflich muss ich eben zur Schwägerin gewesen sein! Wie Hibiskus sagt — ‚der gebrochene Arm bleibt im Ärmel' —, bitte die Schwägerin, mir zu vergeben. Und bitte sprich mit dem Bruder, damit er den Prozess erst einmal niederschlägt."

Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten einhellig: „Die Tante braucht sich keine Sorgen zu machen — den Onkel wird es nicht im Geringsten treffen. Ihr sagtet, Ihr hättet fünfhundert Liang ausgegeben — selbstverständlich werden wir Mutter und Sohn fünfhundert Liang zusammenbringen und Euch hinüberschicken, damit Ihr den Verlust ausgleichen könnt. Es wäre unverzeihlich, wenn die Tante obendrein noch Schulden machen müsste. Aber noch eins: Vor der Ahnherrin und den Gnädigen Frauen — da muss die Tante bitte taktvoll sein und diese Dinge nicht erwähnen."

Phönixglanz lachte kalt: „Ihr habt mir etwas über den Kopf gezogen und erwartet jetzt, dass ich euch decke! Ich bin zwar dumm, aber so dumm nicht. Die Schwester meines Schwagers ist auch mein Mann, und wenn die Schwägerin fürchtet, er bleibe ohne Nachkommen — fürchte ich das etwa nicht noch mehr? Die Schwester der Schwägerin ist wie meine eigene Schwester. Als ich davon hörte, war ich so froh, dass ich die ganze Nacht kein Auge zutat. Sofort ließ ich die Zimmer herrichten und wollte sie aufnehmen. Die Dienstleute mit ihrem Sklavenverstand sagten allerdings: ‚Die Herrin ist zu gutmütig! Wenn wir zu bestimmen hätten, würden wir erst die Ahnherrin und die Gnädige Frau informieren, dann die Zimmer herrichten und sie abholen — das wäre noch früh genug.' Als ich das hörte, hätte ich sie am liebsten geschlagen und beschimpft, konnte es aber lassen.

Aber es kam nicht, wie ich wollte! Aus heiterem Himmel tauchte dieser Zhang Hua auf und erstattete Anzeige. Als ich das erfuhr, habe ich zwei Nächte lang kein Auge zugemacht, wagte aber nicht, Aufhebens zu machen. Heimlich ließ ich Erkundigungen einziehen, wer dieser Zhang Hua sei und wo er die Dreistigkeit hernehme. Nach zwei Tagen Nachforschung stellte sich heraus, dass es ein nichtsnutziger Bettler ist. Jung und unerfahren, wie ich bin, musste ich lachen und sagte: ‚Was kann der schon anklagen?' Aber die Burschen erklärten: ‚Die Zweite Herrin war ihm einst versprochen. Jetzt ist er in der Klemme — ob er erfriert oder verhungert, er stirbt so oder so. Jetzt hat er dieses Recht in der Hand, und selbst wenn er stirbt, stirbt er wenigstens für etwas. Wie kann man es ihm verdenken? Die Sache wurde zu überstürzt gemacht. Reichstrauer — ein Vergehen. Familientrauer — ein Vergehen. Hinter dem Rücken der Eltern heimlich geheiratet — ein Vergehen. Die Erstfrau verlassen und erneut geheiratet — ein Vergehen. Wie das Sprichwort sagt: Wer seine Haut riskiert, kann sogar den Kaiser vom Pferd ziehen. Ein Mann, der vor Armut verrückt geworden ist, wozu ist der nicht fähig? Zumal er das volle Recht auf seiner Seite hat — auf eine Einladung zu warten ist unmöglich.'

Schwägerin, selbst wenn ich Han Xin oder Zhang Liang wäre — nach diesen Worten wäre mir jeder Gedanke vergangen. Euer Bruder ist nicht da, ich hatte niemanden zum Beraten — nichts blieb übrig, als Geld hinzulegen. Aber je mehr Geld ich ausgab, desto mehr pressten sie mich aus. Ich bin wie eine Maus mit einem Geschwür am Schwanz — kein Tropfen Blut mehr übrig. Vor Aufregung und Ärger musste ich herkommen."

Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten, ohne sie ausreden zu lassen: „Keine Sorgen, wir regeln das selbstverständlich!"

Herrlichkeit Kaufmann fuhr fort: „Dieser Zhang Hua hat nur aus purer Verzweiflung heraus geklagt. Mein Plan wäre: Wir bieten ihm etwas Silber an und lassen ihn gestehen, dass er falsch und grundlos geklagt hat. Wir regeln seinen Prozess, und wenn er herauskommt, geben wir ihm noch etwas Geld — dann ist die Sache erledigt."

Phönixglanz lachte: „Liebes Kind, kein Wunder, dass du so kopflos solche Dummheiten anstellst — du bist wirklich naiv! Wenn er heute einwilligt und den Prozess übersteht und das Geld bekommt, ist es vorerst erledigt. Aber solche Taugenichtse — wenn das Geld verbraucht ist, suchen sie neue Vorwände und pressen einen wieder. Außerdem: Wenn er sagt, er habe nichts verbrochen — warum hat man ihm dann Geld gegeben? Am Ende ist es eine nie endende Geschichte."

Herrlichkeit Kaufmann, der ein kluger Mensch war, verstand sofort und sagte lachend: „Ich habe noch eine Idee. ‚Wer den Ärger gebracht hat, muss ihn auch forttragen.' Am besten erledige ich das selbst. Ich gehe zu Zhang Hua und frage ihn: Will er unbedingt die Person haben, oder ist er bereit, sich mit Geld abfinden zu lassen und eine andere zu heiraten? Wenn er die Person will, muss ich meine Zweite Tante überreden, dass sie herauskommt und ihn heiratet. Wenn er Geld will, geben wir ihm welches."

Phönixglanz rief hastig: „Auch wenn du das sagst — ich bringe es nicht übers Herz, deine Tante hinauszuschicken! Auf keinen Fall! Guter Neffe, wenn du mich liebst, gib ihm lieber mehr Geld!"

Herrlichkeit Kaufmann wusste genau, dass Phönixglanz mit dem Mund zwar so redete, im Herzen aber nichts lieber wollte, als dass die Person von selbst ging — sie selbst spielte nur die Tugendhafte. Was immer sie jetzt sagte, er gehorchte.

Phönixglanz, zufrieden, sagte dann: „Die Sache draußen lässt sich regeln — aber wie geht es zu Hause weiter? Du solltest mit mir hinüberfahren und es der Ahnherrin erklären."

Herrlichkeit Kaufmann bat Phönixglanz um Rat, wie man die Lüge am besten formulieren solle. Phönixglanz lachte kalt: „Wenn du nicht das Talent dazu hast, warum hast du dich dann darauf eingelassen? Jetzt diese Jammerpose — das ist mir zuwider. Aber andererseits bin ich ein weichherziger Mensch und lasse mich von jedem herumschubsen, und trotzdem habe ich ein gutes Herz. Ich muss es wohl übernehmen.

Ihr beide haltet euch einfach fern. Ich bringe eure Schwester zur Ahnherrin und der Gnädigen Frau und lasse sie den Kotau machen. Ich sage: Sie ist die Schwester meines Schwagers, ich habe sie kennengelernt und fand sie sehr nett. Da ich selbst nicht gerade fruchtbar bin, hatte ich ohnehin vor, ein oder zwei Mädchen ins Haus zu nehmen. Als ich nun die Schwester meines Schwagers traf und sah, wie gut sie ist — Verwandte untereinander zu heiraten ist doch das Beste —, habe ich beschlossen, sie als Zweitfrau aufzunehmen. Da ihre Eltern und Schwestern vor Kurzem alle verstorben sind und sie in Armut lebt, konnte sie die hundert Tage Trauer nicht abwarten, denn sie hätte kein Zuhause und keinen Unterhalt gehabt. Deshalb habe ich sie schon ins Haus geholt, die Zimmer im Seitenflügel sind hergerichtet, und sie wohnt vorerst dort. Erst wenn die Trauer vorüber ist, wird die Ehe vollzogen.

Mit meiner schamlosen Miene und meiner Hartnäckigkeit drücke ich das schon durch. Wenn es Ärger gibt, fällt er nicht auf euch zurück. Was meint ihr, Mutter und Sohn?"

Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten einhellig lachend: „Nur die Tante hat eine so großmütige und kluge Art! Wenn alles geregelt ist, kommen wir selbstverständlich herüber, um uns zu bedanken."

Die Schwägerin Sonders ließ die Mädchen Phönixglanz beim Waschen und Frisieren bedienen, ordnete ein Essen an und reichte persönlich Wein und wählte die Gerichte aus.

Phönixglanz blieb nicht lange und ging entschlossen. Im Garten erzählte sie der Zweiten Schwester You die ganze Geschichte — wie sie sich Mühe gegeben habe, Erkundigungen einzuziehen, wie sie einen Plan ersonnen habe, wie man so und so vorgehen müsse, um alle vor Strafe zu bewahren, und dass sie selbst die Sache in die Hand nehmen müsse.

Was dann weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.

  1. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, die gewiefte und machtbewusste Ehefrau von Kette Kaufmann.
  2. Zweitschwester Sonders: Chin. 尤二姐 Yóu Èrjiě, die heimliche Zweitfrau von Kette Kaufmann.
  3. Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, zweiter Sohn von Begnadigung Kaufmann, Ehemann von Phönixglanz.
  4. Herzoginmutter: Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die alte Matriarchin des Kaufmann-Hauses.
  5. Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, die treue und kluge Leibmagd von Phönixglanz.
  6. Chin. 兴儿 Xīng'er. 兴 xīng „Glück/Aufregung“. Kette Kaufmanns Dienerbursche.
  7. Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Herrlichkeit Kaufmann, junger Herr des Ostpalasts.
  8. Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ostpalasts (Ning-guo-fu).