Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 75"

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(DE4 Korrektur-Update Kap. 75)
 
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Fünfundsiebzigstes Kapitel
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<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_72|<span style="color: #FFD700;">72</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_73|<span style="color: #FFD700;">73</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_74|<span style="color: #FFD700;">74</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">75</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_76|<span style="color: #FFD700;">76</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_77|<span style="color: #FFD700;">77</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_78|<span style="color: #FFD700;">78</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_79|<span style="color: #FFD700;">79</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_80|<span style="color: #FFD700;">80</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
 
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Beim nächtlichen Festmahl kündigen seltsame Vorzeichen trübe Klagelaute an — Beim Mittherbstfest werden neue Verse zu glückverheißenden Vorzeichen
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_75|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_75|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 75 =
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Es wird erzählt, dass Frau Yóu <ref>尤氏</ref> sich im Zorn von Xīchūn <ref>惜春</ref> losgerissen hatte und nun zu Frau Wáng <ref>王夫人</ref> hinübergehen wollte. Doch die alten Ammen aus ihrem Gefolge flüsterten ihr leise zu: „Junge gnädige Frau, geht besser nicht ins Hauptgebäude hinüber. Eben sind ein paar Leute von der Familie Zhēn <ref>甄</ref> eingetroffen, und sie haben auch einige Sachen mitgebracht. Wir wissen nicht, worum es sich handelt, aber es scheint etwas Geheimes zu sein. Es wäre wohl unpassend, wenn Ihr jetzt dorthin ginget."
== 開夜宴異兆發悲音 / 賞中秋新詞得佳讖 ==
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Frau Yóu sagte: „Gestern habe ich gehört, wie der Herr erzählte, er habe im Hofanzeiger gelesen, die Zhēns hätten sich eines Verbrechens schuldig gemacht, ihr gesamter Familienbesitz sei beschlagnahmt worden, und sie sollten zur Aburteilung in die Hauptstadt überführt werden. Wie kann da jemand von ihnen hierher gekommen sein?"
=== Beim naechtlichen Festmahl kuenden seltsame Vorzeichen truebe Klaenge an; Beim Mittherbstfest werden neue Verse zu glueckverheissenden Prophezeiungen ===
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Die alte Amme erwiderte: „Eben das ist es ja! Die Frauen, die eben gekommen sind, sahen ganz verstört aus und waren äußerst aufgeregt und fahrig. Es hat bestimmt etwas mit einer geheimen Angelegenheit zu tun."
  
“ Nachdem er das geschrieben hatte, fügte er die Namen einiger Arzneimittel hinzu, aber das waren nur Ginseng, Engelwurz, Tragant und dergleichen.
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Daraufhin ging Frau Yóu nicht weiter, sondern kehrte zu Lǐ Wán <ref>李纨</ref> zurück. Der Leibarzt war gerade fortgegangen, nachdem er den Puls gefühlt hatte. Lǐ Wán fühlte sich in den letzten Tagen schon wieder etwas besser; in eine Decke gehüllt und auf Kissen gestützt, saß sie auf ihrem Bett und wünschte sich, dass ein oder zwei Besucherinnen kämen, mit denen sie ein wenig plaudern könnte. Als sie nun Frau Yóu hereinkommen sah, war diese nicht wie sonst freundlich und herzlich, sondern saß nur geistesabwesend da.
Ein Weilchen später, als der Arzt wieder fort war, gingen die alten Ammen mit dem Rezept zu Dame Wang, um ihr Bericht zu erstatten, und nun litt sie natürlich noch unter einem weiteren Kummer. Die Angelegenheit mit Sï-tji blieb daher vorläufig unerledigt.
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Lǐ Wán fragte: „Du bist schon so lange hier drüben — hast du denn irgendwo etwas gegessen? Du bist bestimmt hungrig." Und sie befahl Sùyún <ref>素云</ref>, nach einem frischen Imbiss zu sehen und etwas zu bringen.
Zufällig kam eben Frau You herüber, um Hsi-fëng einen Besuch zu machen, und nachdem sie eine Zeitlang bei ihr gesessen hatte, ging sie in den Garten, um auch Li Wan zu besuchen. Anschließend wollte sie noch zu den Mädchen gehen, aber da erschien plötzlich eine Botin von Hsi-tschun, um Frau You zu ihrer Herrin hinüberzubitten. Als Frau You dort angekommen war, berichtete Hsi-tschun ihr den Vorfall vom vergangenen Abend in allen Einzelheiten und ließ ihr dann die Sachen aus Ju-huas Truhe vorlegen.
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Frau Yóu fiel ihr sogleich ins Wort: „Nicht nötig, nicht nötig! Du bist die ganze Zeit krank gewesen, woher solltest du etwas Frisches haben? Außerdem bin ich gar nicht hungrig."
„Das sind tatsächlich Geschenke, die dein Bruder ihrem Bruder gemacht hat“, bestätigte Frau You, setzte dann aber hinzu: „Sie hätte sie bloß nicht heimlich hier hereinschaffen dürfen. Auf diese Weise ist das Monopolsalz zu Schmuggelsalz geworden0.“ Anschließend beschimpfte sie Ju-hua, das Fett müsse ihr das Herz verkleistert und sie dumm gemacht haben.
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Lǐ Wán sagte: „Gestern hat man mir aus dem Haus seiner Tante gutes Teemehl geschickt. Lass dir doch eine Schale davon anrühren!" Und sie befahl den Mägden, den Tee zuzubereiten. Frau Yóu aber saß gedankenverloren da und sagte kein Wort. Die Zofen und Frauen aus ihrem Gefolge schlugen vor: „Die junge Herrin hat sich heute Mittag noch nicht das Gesicht gewaschen. Wollt Ihr nicht die Gelegenheit nutzen und Euch frisch machen?"
Hsi-tschun dagegen erwiderte: „Erst erzieht ihr die Mägde nicht streng genug, und dann beschimpft ihr sie. Von allen Kusinen bin ich die einzige, die so eine unverschämte Magd hat, daß ich keinem Menschen mehr ins Gesicht sehen kann. Gestern habe ich Kusine Hsi-fëng gedrängt, sie auf der Stelle mitzunehmen, aber damit war Hsi-fëng nicht einverstanden, und da Ju-hua von drüben aus eurem Anwesen stammt, mußte ich mir sagen, Hsi-fëng habe recht. Heute wollte ich sie gerade zu euch hinüberbringen lassen, darum kommst du eben richtig, Schwägerin. Also nimm sie nur rasch mit! Ob ihr sie verprügeln, totschlagen oder verkaufen werdet, ist mir einerlei.
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Frau Yóu nickte dazu. Sogleich befahl Lǐ Wán der Zofe Sùyún, ihren Schminktisch zu holen. Sùyún brachte ihn herbei und legte zugleich ihr eigenes Rouge dazu, wobei sie lächelnd sagte: „Unsere Herrin hat so etwas leider nicht. Wenn Ihr es nicht für schmutzig haltet, junge gnädige Frau, bedient Euch ruhig von meinem."
Als Ju-hua das hörte, kniete sie noch einmal nieder und flehte unter Tränen: „Ich will das nie wieder tun, Fräulein, und ich bitte Euch nur um das eine: Denkt daran, was uns von klein auf miteinander verbunden hat, und laßt mich um alles in der Welt bei Euch leben und sterben!“
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Lǐ Wán verwies sie: „Ich habe zwar selbst keines, aber du hättest zu den gnädigen Fräulein gehen und von ihnen welches holen sollen. Wie kannst du einfach dein eigenes herausbringen? Ein Glück, dass sie es ist — eine andere wäre bestimmt böse geworden."
Auch Frau You und Hsi-tschuns alte Ammen setzten sich für Ju-hua ein und sagten: „Sie hat dieses eine Mal eine Dummheit gemacht und wird es kein zweites Mal wagen. Von Kindesbeinen an hat sie dir gedient, darum ist es nur recht und billig, wenn du sie bei dir behältst.
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Frau Yóu lachte und sagte: „Was macht das schon? Seitdem ich hierher komme, habe ich immer von allen etwas benutzt. Warum sollte ich plötzlich das ihre für schmutzig halten?" Während sie das sagte, setzte sie sich mit untergeschlagenen Beinen an den Rand des Kang-Ofenbetts. Yíndié <ref>银蝶</ref> trat eilig heran und streifte ihr die Armreifen und Fingerringe ab, breitete dann ein großes Handtuch über ihren Schoß und schützte so die Kleider sorgfältig. Das kleine Dienstmädchen Chǎodòu'er <ref>炒豆儿</ref> brachte eine große Schüssel warmes Wasser, trat vor Frau Yóu und hielt sie ihr hin, wobei sie sich lediglich vornüber beugte.
Aber Hsi-tschun besaß trotz ihrer Jugend die Charaktereigenschaft, unbeugsam rechtschaffen und stolz zu sein. Was man ihr auch sagen mochte, für sie galt nur, daß sie ihr Ansehen einbüßen würde, also biß sie die Zähne zusammen und lehnte es entschieden ab, Ju-hua bei sich zu behalten. Sie ging sogar noch weiter, indem sie erklärte: „Nicht nur, daß ich Ju-hua nicht mehr will, ich bin jetzt auch groß und kann nicht gut noch länger zu euch hinüberkommen. Zumal ich in letzter Zeit immer wieder gerüchteweise davon höre, daß heimlich irgendwelche haarsträubenden Dinge von euch erzählt werden. Wenn ich euch noch weiter besucher, werde ich selbst ins Gerede kommen.
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Lǐ Wán tadelte: „Was sind das für Manieren!" Auch Yíndié sagte lächelnd: „Keine Einzige von euch weiß sich den Umständen anzupassen — man sagt euch eine Sache, und ihr versteht nur die eine Sache! Nur weil die Herrin zu Hause großzügig mit uns umgeht und es nicht so genau nimmt, fühlst du dich wohl dabei und benimmst dich auch außer Haus und in Gegenwart der Verwandtschaft, wie es dir am bequemsten erscheint."
„Wer erzählt da von uns?“ fragte Frau You. „Und was gibt es von uns zu erzählen? Wer bist du, und wer sind wir? Wenn du hörst, wie jemand über uns herzieht, müßtest du ihn zur Rechenschaft ziehen, das wäre richtig!“
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Frau Yóu sagte: „Lass sie doch! Es geht ja nur darum, dass ich mich waschen will." Chǎodòu'er kniete sich eilig nieder. Frau Yóu bemerkte lächelnd: „Unser Gesinde — hoch und niedrig — versteht sich nur auf äußerliche Etikette und zur Schau gestellten Anstand. Was sie aber in Wirklichkeit anstellen, das hat es in sich!"
Aber mit kühlem Lächeln gab Hsi-tschun zur Antwort: „Das hast du aber fein gesagt! Für mich als Mädchen ist Zurückhaltung das einzige, was in Frage kommt. Was würde aus mir werden, wenn ich anfangen wollte zu rechten? Und noch etwas: Ich habe keine Angst davor, daß du wütend wirst. Glücklicherweise habe ich meinen eigenen Verstand, warum also sollte ich andere fragen?  
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Lǐ Wán hörte das und merkte sofort, dass Frau Yóu von den Ereignissen der vergangenen Nacht wusste. Darum fragte sie lächelnd: „Du redest nicht ohne Grund so. Wer hat denn etwas angestellt, das es in sich hat?"
Die Alten sagen zu Recht ‚Wenn es um Gut und Böse, Leben und Sterben geht, können auch Vater und Sohn einander nicht helfen.‘ Um wieviel mehr gilt das für mich und dich! Für mich heißt es nur, mich selbst zu bewahren, und das ist mir genug, mit euch will ich nichts zu tun haben. Ihr dürft mich also nicht mit hineinziehen, wenn euch in Zukunft etwas zustößt!
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Frau Yóu erwiderte: „Das fragst du mich?! Du tust ja so, als seist du nicht nur krank, sondern schon gestorben!"
Frau You war ärgerlich und belustigt zugleich, und zum anwesenden Gesinde gewandt, sagte sie: „Kein Wunder, wenn jedermann sagt, das vierte gnädige Fräulein sei jung und dumm! Ich hatte das bloß nicht glauben wollen. Habt ihr gehört, was sie eben gesagt hat, ohne Grund und Ursache, ohne Verständnis für Gut und Böse und ohne Gefühl für Maß und Norm? Es war zwar nur das Geschwätz eines Kindes, aber es konnte einem heiß und kalt dabei werden.“
 
„Das Fräulein ist noch jung“, sagten die alten Ammen lächelnd, „da müßt Ihr schon etwas einstecken, junge gnädige Frau!
 
Wieder lächelte Hsi-tschun geringschätzig und parierte: „Ich bin zwar jung, aber aus meinen Worten spricht nicht die Jugend. Ihr könnt nicht lesen, kennt kaum ein paar Schriftzeichen, also seid ihr die Dummköpfe. Jetzt seht ihr jemand, der Verstand besitzt, aber da sagt ihr, ich sei jung und dumm.“
 
„Ja, du gehörst zu den Besten in der Palastprüfung0, bist das größte Talent aller Zeiten“, höhnte Frau You. „Wir aber sind dumm und haben keinen Verstand. Bist du nun zufrieden?“
 
„Als ob es unter den Besten in der Palastprüfung keine Dummköpfe gäbe!“ erwiderte Hsi-tschun. „Man weiß doch, daß es auch unter ihnen welche gibt, denen die Erleuchtung fehlt.
 
„Fein sagst du das!“ fuhr wieder Frau You lächelnd fort. „Eben warst du noch das große Prüfungstalent, jetzt bist du ein weiser Mönch und sprichst von Erleuchtung.
 
„Wenn ich nicht erleuchtet wäre, würde ich auch nicht auf Ju-hua verzichten“, erklärte Hsi-tschun.
 
„Das zeigt nur, daß du hartherzig und kaltschnäuzig bist, bösartig und starrsinnig“, behauptete Frau You.
 
„‚Wer nicht hart zu sein versteht, kann auch nicht für sich einstehen.‘ Das ist ebenfalls ein Wort von den Alten“, gab Hsi-tschun zurück. „Warum soll ich mich, rein und sauber, wie ich bin, von euch in den Schmutz ziehen lassen?“
 
Da Frau You wirklich Dreck am Stecken hatte, fürchtete sie natürlich jede Erwähnung davon. Schon als von den Gerüchten die Rede gewesen war, hatten Scham und Wut ihr Herz bedrängt, weil sie das aber nicht gut an Hsi-tschun auslassen konnte, hatte sie es mehr oder weniger hinnehmen müssen.
 
Als sie aber den letzten Satz hörte, konnte sie sich nicht länger beherrschen und fragte: „Was heißt, wir ziehen dich in den Schmutz? Deine Magd hat etwas angestellt, und du greifst mich an. Lange genug habe ich mir das gefallen lassen, aber du bist immer selbstgerechter geworden und sagst mir jetzt solche Sachen! Wenn du so ein überaus edles Fräulein bist, werden wir uns in Zukunft von dir fernhalten, damit der gute Ruf des Fräuleins nicht leidet. Und Ju-hua werde ich sofort mitnehmen lassen.“ Mit diesen Worten erhob sie sich zornig von ihrem Platz, um zu gehen.
 
„Wenn du wirklich nicht mehr kommst, bleiben mir Zank und Streit erspart, und alle haben ihre Ruhe“, rief Hsi-tschun ihr noch hinterher, aber Frau You ging geradewegs hinaus, ohne etwas darauf zu erwidern.
 
Wer wissen will, wie es weiterging...
 
75. Klagelaute während eines nächtlichen Festmahls werden als seltsames Omen gedeutet,
 
neue Verse zum Mittelherbstfest werden als gutes Vorzeichen verstanden.
 
  
Frau You ging also im Zorn von Hsi-tschun fort und wollte sich nun zu Dame Wang begeben, als ihr die alten Ammen aus ihrem Gefolge leise meldeten: „Ihr geht besser nicht ins Hauptgebäude, junge gnädige Frau! Eben sind ein paar Leute von den Dschëns eingetroffen, und sie haben auch einige Sachen dabei. Es scheint sich um dringliche und geheime Dinge zu drehen, darum wäre es sicher nicht angebracht, wenn Ihr dorthin gehen würdet, junge gnädige Frau.“
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Kaum hatte sie ausgesprochen, wurde gemeldet: „Das Fräulein Schatzspange <ref>宝钗</ref> ist da!" Man rief eilig: „Schnell, bittet sie herein!" — da war Schatzspange <ref>宝钗</ref> auch schon ins Zimmer getreten. Frau Yóu wischte sich rasch das Gesicht ab, stand auf und bot ihr einen Sitz an, dann fragte sie: „Wie kommt es, dass du plötzlich ganz allein hereinkommst? Wo sind denn die anderen Kusinen?"
„Gestern hörte ich, wie der Herr sagte, er habe im Hofanzeiger gelesen, die Dschëns hätten sich eines Verbrechens schuldig gemacht, deshalb sei ihr Familienbesitz durchsucht und beschlagnahmt worden, und sie sollten zur Aburteilung in die Hauptstadt gebracht werden“, sagte Frau You. „Wie kann da jemand von ihnen gekommen sein?“
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Schatzspange <ref>宝钗</ref> antwortete: „Ich habe sie auch nicht gesehen. Meine Mutter fühlt sich heute nicht wohl, und unsere beiden Frauen liegen wegen einer Erkältung im Bett und können nicht aufstehen. Auf die übrigen ist kein Verlass, darum muss ich zu ihr hinübergehen und ihr über Nacht Gesellschaft leisten. Ich wollte es der Herzoginmutter <ref>贾母</ref> und der gnädigen Frau melden, aber dann dachte ich, da es nichts so Ernstes ist, brauche ich es ihnen gegenüber nicht zu erwähnen — wenn sie wieder gesund ist, komme ich ohnehin zurück. Deshalb wollte ich nur der Schwägerin Bescheid sagen."
„Eben!“ erwiderten die alten Ammen darauf, „die Frauen, die vorhin gekommen sind, machten einen ganz verstörten Eindruck und waren fahrig und aufgeregt. Bestimmt geht es darum, daß etwas verheimlicht werden soll.“
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Als Lǐ Wán das hörte, sah sie Frau Yóu nur an und lächelte, und Frau Yóu erwiderte den Blick ebenfalls lächelnd. Bald hatte Frau Yóu sich fertig gewaschen, und alle aßen zusammen von dem Teemehl-Brei. Lǐ Wán sagte lächelnd: „Wenn das so ist, will ich jemand schicken, der Frau Tante meine Grüße entbietet und sie fragt, an welcher Krankheit sie leidet. Da ich selbst krank bin, kann ich ja nicht persönlich kommen. Geh nur zu ihr, gute Schwester, ich werde schon jemanden beauftragen, auf deine Räume aufzupassen. Aber in ein, zwei Tagen musst du unbedingt wieder hier sein, damit man mir keinen Vorwurf macht."
Daraufhin ging Frau You nicht weiter und suchte statt dessen noch einmal Li Wan auf, bei der eben ein Hofarzt gewesen war, um ihr die Pulse zu fühlen. Da sie sich seit den letzten Tagen wieder etwas besser fühlte, saß sie, in Decken gehüllt und auf Kissen gestützt, auf ihrem Bett und wünschte sich, daß ein paar Besucherinnen kämen, mit denen sie plaudern könnte. Nun kam wirklich Frau You herein, aber anstatt freundlich und herzlich zu sein wie sonst, saß sie nur geistesabwesend da.
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Schatzspange <ref>宝钗</ref> sagte lächelnd: „Was sollte man dir vorwerfen? Das ist doch eine ganz gewöhnliche Sache du lässt ja nicht gegen Bestechung einen Räuber laufen! Meiner Meinung nach brauchst du auch nicht extra jemand Neues hinüber zu schicken. Bitte lieber die Wolke <ref>湘云</ref> hierher, damit sie ein paar Tage bei dir wohnt. Wäre das nicht einfacher?"
„Du bist heute schon so lange hier bei uns, hast du denn bei den andern etwas gegessen?“ erkundigte sich Li Wan. „Wahrscheinlich hast du Hunger.“ Und sie gab Su-yün den Befehl nachzusehen, ob etwas Frisches als Imbiß da war, das sie bringen konnte.
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Frau Yóu fragte: „Wo steckt denn die Kusine Shǐ <ref>史大妹妹</ref> eigentlich jetzt?"
Doch Frau You fiel ihr ins Wort und sagte: „Nicht doch, nicht doch! Woher willst du etwas Frisches im Hause haben, da du die ganze Zeit krank warst?! Außerdem habe ich gar keinen Hunger.“
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Schatzspange <ref>宝钗</ref> antwortete: „Ich habe sie eben zu eurer Tànchūn <ref>探春</ref> geschickt, damit sie zusammen hierher kommen. Dann kann ich auch ihr gleich Bescheid geben."
„Gestern habe ich von Lans Tante gutes Mehl zum Einrühren0 bekommen“, sagte Li Wan, die nicht lockerließ. „Ich werde dir eine Schale davon zurechtmachen lassen!“ Und sie befahl ihren Sklavenmädchen, die Speise zuzubereiten. Frau You aber saß wieder gedankenverloren da und sagte kein Wort.
 
Nun schlugen ihr die Sklavenmädchen und -frauen, die sie mitgebracht hatte, vor: „Ihr habt Euch heute mittag noch nicht das Gesicht gewaschen, junge gnädige Frau. Wollt Ihr nicht die Gelegenheit nutzen und Euch frisch machen?“
 
Frau You nickte dazu, und sofort erhielt Su-yün den Befehl, Li Wans Schminkkästchen holen zu gehen. Als sie damit wiederkam, brachte sie ihr eigenes Rouge mit und sagte lächelnd: „So etwas hat unsere Herrin nicht, das hier ist von mir. Wenn Ihr es nicht für schmutzig haltet, könnt Ihr davon nehmen, junge gnädige Frau.“
 
„Ich habe zwar so etwas nicht“, sagte Li Wan vorwurfsvoll, „aber du hättest zu den gnädigen Fräulein gehen müssen, um von ihnen welches zu holen. Wie kannst du einfach deines bringen? Ein Glück nur, daß sie es ist, eine andere wäre bestimmt böse geworden.“
 
„Aber das macht doch nichts!“ erwiderte Frau You lächelnd. „Wessen Rouge hätte ich noch nicht benutzt, seitdem ich hier herüberkomme?! Warum sollte ich plötzlich ihres für schmutzig halten?“ Während sie das sagte, setzte sie sich mit untergeschlagenen Beinen an den Rand des Ofenbetts, und Yin-diä trat heran, um ihr rasch die Armreifen und Fingerringe abzustreifen und ein großes Handtuch über ihren Schoß zu breiten, damit die Kleider geschützt waren. Dann trat das kleine Sklavenmädchen Tschau-dou-örl mit einer großen Schüssel warmem Wasser vor Frau You und hielt sie ihr hin, indem es sich einfach vornüber beugte.
 
„Wie benimmst du dich denn?“ fragte Li Wan, und auch Yin-diä sagte lächelnd: „Keine einzige von euch weiß sich den Umständen anzupassen, jede versteht nur, was man ihr ausdrücklich sagt. Nur weil uns die junge Herrin etwas großzügiger behandelt und es zu Hause nicht so genau nimmt, bist du selbstzufrieden geworden und verhältst dich auch außerhalb des Hauses und vor der Verwandtschaft so, wie es dir am bequemsten erscheint.“
 
„Laß sie doch!“ forderte Frau You sie auf. „Es geht ja lediglich darum, daß ich mich waschen will.“
 
Aber rasch kniete Tschau-dou-örl nieder, und nun bemerkte Frau You lächelnd: „Unser Gesinde – hoch und niedrig – weiß von Etikette und Ansehen nur äußerlich und zum Schein zu reden. Aber was sie anstellen, ist toll genug.“
 
Daraus schlußfolgerte Li Wan, daß Frau You von den Ereignissen der letzten Nacht bereits wußte, und deshalb sagte sie lächelnd: „Das redest du doch nicht einfach so daher. Wer hat denn etwas Tolles angestellt?“
 
„Das fragst du mich?“ gab ihr Frau You zurück. „Du tust ja, als ob du nicht krank, sondern schon tot wärst!
 
Das hatte sie kaum gesagt, als jemand meldete: „Fräulein Bau-tschai ist gekommen.“
 
Sofort gaben sie Befehl, man solle sie schnell hereinbitten, da trat Bau-tschai auch schon ins Zimmer. Schnell wischte sich Frau You das Gesicht ab und stand auf, um sie zum Platznehmen aufzufordern. Dann fragte sie: „Warum kommst du plötzlich allein? Wo sind deine Kusinen?
 
„Ja, eben, ich habe sie auch nicht gesehen“, erwiderte Bau-tschai. „Meine Mutter fühlt sich heute nicht wohl, und unsere beiden Frauen können einer Erkältung wegen nicht vom Ofenbett aufstehen. Auf die übrigen aber ist kein Verlaß, darum muß ich zu ihr hinübergehen und ihr über Nacht Gesellschaft leisten. Das wollte ich der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau melden, aber dann habe ich mir gesagt, da es nichts so Ernstes ist, brauchte ich es ihnen gegenüber nicht zu erwähnen, zumal ich ja wiederkomme, sobald sie gesund ist, und so wollte ich der Schwägerin Bescheid sagen.
 
Als Li Wan das hörte, sah sie nur Frau You an und lächelte, während Frau You den Blick erwiderte, ebenfalls lächelnd.
 
Nachdem Frau You sich dann fertig gewaschen hatte, aßen sie alle zusammen von dem Mehlbrei, und Li Wan sagte lächelnd: „Wenn das so ist, will ich jemand beauftragen, der Frau Tante meinen Gruß zu entbieten und sie zu fragen, an welcher Krankheit sie leidet. Da ich ebenfalls krank bin, kann ich das ja nicht selber machen. Geh nur zu ihr, Schwägerin, ich werde natürlich veranlassen, daß hier jemand auf deine Räume aufpaßt. Aber in ein, zwei Tagen mußt du auf jeden Fall wieder hier sein, damit man mir keine Vorwürfe macht.
 
„Was sollte man dir für Vorwürfe machen?“ fragte Bau-tschai lächelnd. „Das ist doch eine ganz normale Sache, du läßt ja nicht gegen Bestechung einen Verbrecher laufen. Meiner Meinung nach brauchst du auch niemand als Verstärkung in meine Räume zu schicken. Besser wäre es, Hsiang-yün hierher zu bitten, damit sie ein paar Tage bei dir wohnt. Wäre das nicht einfacher?
 
„Wo steckt sie überhaupt jetzt?“ wollte Frau You wissen.
 
„Ich habe sie eben nach Tan-tschun auf die Suche geschickt und sie gebeten, sie herzuholen, damit ich auch ihr klar Bescheid geben kann“, gab Bau-tschai Auskunft.
 
Als sie das eben sagte, wurde tatsächlich gemeldet: „Fräulein Hsiang-yün und das dritte gnädige Fräulein sind da.“
 
Nachdem man die beiden hatte Platz nehmen lassen, erklärte Bau-tschai, daß sie den Garten verlassen wollte, und Tan-tschun sagte: „Gut! Du kommst ja wieder, wenn die Frau Tante gesund ist, und wenn du nicht wiederkommst, ist es auch nicht so schlimm.“
 
„Das klingt aber seltsam!“ bemerkte Frau You mit lächelnder Miene. „Fängst du an, die Verwandtschaft hinauszuwerfen?“
 
„Genau!“ gab Tan-tschun kühl lächelnd zurück, „ehe jemand den Befehl bekommt, sie hinauszuwerfen, ist es besser, ich werfe sie hinaus. Verwandte sind gut und schön, aber es gibt auch keinen Grund, weshalb man immer und ewig mit ihnen zusammen leben sollte. Wir sind eine Familie, sind ein Fleisch und Blut, und doch benehmen sich alle wie Kampfhähne, einer würde den andern am liebsten auffressen.“
 
„Warum habe ich nur heute so ein Pech?“ fragte Frau You rasch und lächelte wieder. „Jede von euch treffe ich in zorniger Stimmung an.“
 
„Wer verlangt denn von dir, daß du so dicht an den heißen Herd gehst?“ fragte Tan-tschun ihrerseits. Dann erkundigte sie sich: „Wer hat dich wieder einmal gekränkt?“ Und anschließend überlegte sie laut: „Das vierte Fräulein würde es nicht fertigbringen, mit dir zu zanken. Wer also war es?“
 
Aber Frau You gab ihr nur eine unbestimmte Antwort. Da Tan-tschun wußte, daß sie Angst vor Unannehmlichkeiten hatte und deshalb nicht zuviel sagen wollte, setzte sie ihr lächelnd zu: „Spiel nicht die Unschuldige! Außer am Kaiserhof wird niemandem zur Strafe der Kopf abgeschlagen, du brauchst dich also nicht ständig vor diesem zu fürchten und vor jenem zu ängstigen. Um es geradeheraus zu sagen, gestern hat Wang Schan-baus Alte eine Ohrfeige von mir bekommen, und ich nehme die Strafe dafür auf mich. Hinter meinem Rücken wird man ein bißchen über mich reden, aber man kann mich ja schließlich deswegen nicht durchprügeln lassen.“
 
Als Bau-tschai fragte, warum sie die Alte geschlagen habe, berichtete Tan-tschun ihr in allen Einzelheiten, wie es am Vortag bei der Haussuchung zuging und wie sie mit Wang Schan-baus Frau aneinandergeraten war. Und als Frau You hörte, daß Tan-tschun ohnehin von der Sache erzählte, verschwieg sie auch nicht länger, was sich eben bei Hsi-tschun abgespielt hatte.
 
„Das liegt an ihrem verschrobenen Charakter“, kommentierte Tan-tschun. „Da zeigt sich ihr übersteigerter Stolz. Wir werden sie auch nicht mehr ummodeln.“ Dann setzte sie noch hinzu: „Als heute morgen alles ruhig blieb und ich erfuhr, daß der Taugenichts Hsi-fëng wieder krank liegt, habe ich meine alte Amme losgeschickt, um auszukundschaften, was mit Wang Schan-baus Frau ist. Und als sie wiederkam, hat sie berichtet, Wang Schan-baus Frau habe eine Tracht Prügel bekommen und die ältere gnädige Frau sei mit ihr böse, weil sie so übereifrig gewesen ist.“
 
„Das ist ihr recht geschehen!“ meinten Frau You und Li Wan, aber Tan-tschun sagte mit kühlem Lächeln: „Wer verstünde sich nicht darauf, den Leuten Sand in die Augen zu streuen?! Warten wir ab, wie es weitergeht!“
 
Darauf wußten Frau You und Li Wan nichts zu erwidern.
 
Kurze Zeit später schien es soweit zu sein, daß drüben gegessen wurde, und so kehrten Hsiang-yün und Bau-tschai in ihre Räume zurück, um ein paar Kleider einzupacken. Aber davon soll hier nicht die Rede sein.
 
Inzwischen verabschiedete sich Frau You von Li Wan und ging zur Herzoginmutter hinüber. Diese lehnte schräg auf ihrer Ruhebank und ließ sich von Dame Wang erzählen, was sich die Dschëns hatten zuschulden kommen lassen, wie ihr Besitz durchsucht und beschlagnahmt worden war und wie sie selbst in die Hauptstadt gebracht wurden, um ihre Strafe zu empfangen. Diesen Bericht hörte sie mit Unbehagen, und als sie jetzt sah, wie Frau You und die Mädchen eintraten, fragte sie: „Woher kommt ihr? Wißt ihr, ob es eurer Kusine Hsi-fëng und eurer Schwägerin heute besser geht?“
 
Sofort antworteten Frau You und die anderen: „Es geht heute beiden schon etwas besser.“
 
Die Herzoginmutter nickte, dann sagte sie seufzend: „Wir wollen uns nicht um anderer Leute Angelegenheiten bekümmern, sondern darüber beratschlagen, wie wir uns am fünfzehnten achten am Vollmond erfreuen wollen!“
 
„Es ist schon alles vorbereitet“, berichtete Dame Wang lächelnd. „Ich weiß bloß noch nicht, welchen Platz Ihr dafür ausersehen habt, alte gnädige Frau. Der Garten ist kahl, und der Nachtwind ist kalt.“
 
„Was sollte uns hindern, uns wärmer anzuziehen?“ fragte die Herzoginmutter. „Der Garten ist gerade der rechte Ort, um den Mond zu genießen, wie könnten wir also nicht dorthin gehen?“
 
Während sie das sagte, brachten die Sklavenfrauen und -mädchen schon den Eßtisch herein, und Dame Wang und Frau You beeilten sich, die Eßstäbchen aufzulegen und den Reis aufzutragen. Als die Herzoginmutter sah, daß außer ihren eigenen Zuspeisen, die man schon auf den Tisch gestellt hatte, noch zwei große Speiseschachteln hereingetragen wurden, konnte sie sich denken, daß ihr diese nach der alten Regel zum Zeichen kindlicher Ehrerbietung aus den einzelnen Häusern überbracht worden waren. Darum sagte sie: „Was ist das alles? Ich habe doch letztens schon ein paarmal befohlen, daß damit Schluß sein soll, und ihr könnt immer noch nicht hören. Die heutigen Zeiten sind mit denen des einstigen Überflusses nicht zu vergleichen.“
 
Sofort berichtete Yüan-yang: „Ich habe es mehrmals angeordnet, aber niemand wollte darauf hören. Darum mußte ich ihnen ihren Willen lassen.“ Und lächelnd erklärte Dame Wang: „Es ist ja alles nur Hausmannskost. Ich esse heute vegetarische Fastenspeisen, darum konnte ich nichts anderes schicken. Da Ihr Mehlklüter mit Bohnenkäse nicht gern mögt, habe ich nur ein Gericht für Euch ausgewählt, Schleimkrautpüree mit Pfeffer und Öl.“
 
„Das kommt gerade recht, darauf habe ich Appetit“, sagte die Herzoginmutter lächelnd, und schon stellte Yüan-yang den Teller vor sie hin.
 
Bau-tjin lehnte immer wieder höflich ab, ehe sie sich endlich hinsetzte, dann befahl die Herzoginmutter auch Tan-tschun, sie solle mitessen. Tan-tschun zierte sich genauso, ehe sie schließlich gegenüber von Bau-tjin Platz nahm. Rasch ging Dai-schu eine Eßschale für sie holen.
 
Nun wies Yüan-yang auf die übrigen Zuspeisen und sagte: „Bei diesen beiden Gerichten vermag ich nicht zu erkennen, was es ist. Der ältere gnädige Herr hat sie geschickt. In dieser Schüssel hier sind Bambussprossen mit Hühnermark, das hat Euch der gnädige Herr aus dem anderen Anwesen geschickt.“ Mit diesen Worten setzte sie die Schüssel auf den Tisch.
 
Die Herzoginmutter kostete zwei Häppchen davon, dann befahl sie: „Laßt das zurücktragen und bestellen, ich hätte davon gegessen. In Zukunft sollen sie mir nicht mehr Tag für Tag etwas schicken. Wenn ich etwas haben will, werde ich danach verlangen.“
 
Die Sklavenfrauen sagten jawohl und trugen die Speisen fort. Mehr soll davon nicht die Rede sein.
 
Dann sagte die Herzoginmutter: „Wenn nüchterne Reissuppe da ist, möchte ich davon haben!“
 
Sofort brachte ihr Frau You eine Schale voll und erläuterte, die Suppe sei aus rotem Reis zubereitet.
 
Die Herzoginmutter nahm ihr die Schale ab, aß sie zur Hälfte aus und gab dann die Weisung: „Bringt Hsi-fëng diese Suppe!“ Dann wies sie mit der Hand auf die entsprechenden Gefäße und fuhr fort: „Diese Schüssel mit Bambussprossen und diesen Teller mit getrocknetem Pökelfleisch vom Larvenroller sollen Dai-yü und Bau-yü essen! Den Teller dort mit dem Fleisch soll der kleine Lan bekommen!“ Anschließend forderte sie Frau You auf: „Ich bin fertig mit essen, iß du jetzt!“
 
Frau You sagte: „Jawohl!“ und wartete der Herzoginmutter beim Mundspülen und Händewaschen auf. Als das erledigt war, stand die Herzoginmutter auf und unterhielt sich mit Dame Wang, während sie zur Verdauung auf und ab ging.
 
Inzwischen sagte Frau You, daß sie sich nun setzen wolle, Tan-tschun und Bau-tschai aber standen auf und entschuldigten sich lächelnd bei Frau You, daß sie ihr nicht Gesellschaft leisten konnten.
 
„Jetzt bin ich ganz allein an dem großen Tisch, das bin ich nicht gewöhnt!“ klagte Frau You lächelnd.
 
Aber schon sagte die Herzoginmutter, ebenfalls lächelnd: „Yüan-yang! Hu-po! Packt die Gelegenheit beim Schopf und eßt auch etwas! Zugleich leistet ihr meinem Gast Gesellschaft!“
 
„Ja, gut!“ stimmte Frau You freudig zu. „Das hatte ich auch vorschlagen wollen.“
 
„Es macht Spaß, wenn man recht viele Leute essen sieht“, erklärte die Herzoginmutter. Dann wies sie auf Yin-diä und setzte hinzu: „Du bist auch ein braves Mädchen, iß du auch mit deiner Herrin zusammen! Auf die Etikette kannst du achten, wenn ihr wieder gegangen seid.“
 
„Komm schnell und zier dich nicht erst zum Schein!“ verlangte Frau You.
 
Dann legte die Herzoginmutter die Hände auf den Rücken und schaute den Essenden mit vergnügtem Gesicht zu. Als sie sah, daß eine der Sklavinnen, die das Auftragen zu besorgen hatte, eine Schale mit Reis brachte, wie ihn das Gesinde bekam, und daß auch Frau You nichtklebenden weißen Reis aß, fragte sie: „Ja, bist du denn von Sinnen, deiner Herrin von diesem Reis zu bringen?“
 
„Euer Reis ist alle, alte gnädige Frau“, erwiderte die Sklavin. „Dadurch, daß heute ein gnädiges Fräulein mehr zu Tisch war, hat er nicht ganz gereicht.“
 
„Wir müssen heute in allen Dingen die Mütze nach der Kopfweite schneidern“, warf Yüan-yang ein. „Überfluß können wir uns nicht leisten.“ Und Dame Wang berichtete rasch: „In den letzten beiden Jahren konnte der Reis von unseren Feldern infolge von Dürren und Überschwemmungen nicht in voller Menge abgeliefert werden. Besonders schwierig ist es mit den feineren Sorten. Deshalb wird nur soviel ausgeteilt, wie gegessen wird, weil wir Angst haben, eines Tages könnte er alle sein und gekaufter Reis würde nicht schmecken.“
 
„Da kann man ja wirklich sagen ‚Ohne Reis kann die geschickteste Hausfrau keine Reissuppe kochen‘“ bemerkte die Herzoginmutter lächelnd, und alle begannen zu lachen.
 
„Dann holt doch noch den Reis, der für das dritte gnädige Fräulein bestimmt war!“ verlangte Yüan-yang. „Das bleibt sich doch gleich. Warum seid ihr nur so denkfaul?“
 
„Mir hat es gereicht, für mich braucht nichts mehr geholt zu werden“, erklärte Frau You mit lächelnder Miene.
 
„Davon, daß es Euch gereicht hat, werde ich aber nicht satt“, entgegnete Yüan-yang, und rasch gingen die Sklavinnen hinaus, um den anderen Reis zu holen.
 
Bald darauf ging Dame Wang fort, um ihrerseits zu essen, während Frau You der Herzoginmutter noch Gesellschaft leistete und mit ihr plauderte und scherzte.
 
Als die erste Nachtwache angebrochen war, sagte die Herzoginmutter: „Es ist dunkel geworden. Fahr jetzt nach Hause!“
 
Jetzt erst verabschiedete sich Frau You und ging hinaus. Am Haupttor stieg sie in ihren Wagen, und Yin-diä setzte sich auf den Wagenrand. Nachdem die Sklavenfrauen den Wagenvorhang heruntergelassen hatten, gingen sie mit den kleineren Sklavenmädchen geradewegs zum Haupttor des Ning-guo-Anwesens hinüber und warteten dort.
 
Da die Tore beider Anwesen keine Pfeilschußweite voneinander entfernt waren, brauchte man beim gewöhnlichen Alltagsverkehr nicht ganz so penibel zu sein, zumal wenn es schon dunkel war und die Zahl der ein- und ausfahrenden Familienmitglieder besonders groß. Darum gingen die alten Sklavenfrauen und die kleineren Sklavenmädchen die paar Schritte einfach zu Fuß, während die Männer von beiden Toren rasch nach Osten und Westen bis zu den nächsten Straßenkreuzungen vorgingen und dort die Passanten zurückhielten.
 
Frau You gebrauchte auch kein Zugtier für ihren Wagen. Statt dessen mußten sieben oder acht Sklavenjungen an den Wagenringen und den Radnaben anpacken und den Wagen auf diese Weise sachte bis drüben zur Torauffahrt ziehen. Dann zogen sie sich nach draußen bis hinter die steinernen Löwenfiguren zurück, während die alten Sklavenfrauen den Wagenvorhang hochschlugen. Als erste stieg Yin-diä ab, um dann Frau You beim Aussteigen behilflich zu sein.
 
Da alles durch sieben oder acht große und kleine Laternen hell beleuchtet war, konnte Frau You erkennen, daß vier oder fünf größere Wagen neben den Steinlöwen standen. Daraus schloß sie, daß wieder Besucher zum Glücksspiel da waren, und sagte, an Yin-diä und die übrigen Sklavinnen gewandt: „Schaut nur! Wenn schon so viele mit dem Wagen da sind, wie viele mögen dann noch zu Pferde gekommen sein! Nur sind die Pferde natürlich im Stall angebunden, und wir sehen sie nicht. Ich möchte wohl wissen, wieviel Geld diese jungen Leute von ihren Eltern bekommen, daß sie sich auf diese Weise vergnügen können!“
 
Bei diesen Worten waren sie schon an der Haupthalle angelangt, und hier trat ihnen Djia Jungs Frau mit den übrigen Sklavenfrauen und -mädchen des Hauses zur Begrüßung entgegen, jede mit einer brennenden Kerze in der Hand.
 
Lächelnd sagte Frau You: „Schon immer hatte ich mir das heimlich ansehen wollen, doch es hatte sich nie eine Gelegenheit dazu ergeben. Aber heute trifft es sich günstig, und wir wollen einfach vor ihren Fenstern vorbeigehen!“
 
Die Sklavenfrauen sagten jawohl und leuchteten mit ihren Laternen, um Frau You den Weg zu weisen. Außerdem ging eine vor, um den aufwartenden Sklavenjungen unauffällig Bescheid zu sagen, damit sie sich nicht erschreckten. Als Frau You und ihre Begleiterinnen dann leise vor die Fenster traten, hörten sie von drinnen begeisterte Rufe, die sich mit Gelächter mischten, und zwischendurch ertönten auch Flüche und Schimpfwörter.
 
Die Sache war die, daß Djia Dschën, weil er sich noch in Trauer befand, weder Vergnügungstouren unternehmen noch Theatervorführungen veranstalten konnte, um sich zu zerstreuen. Und da er vor Langeweile zu vergehen drohte, dachte er sich ein Mittel aus, mit dem er sich Abwechslung verschaffen konnte. Unter dem Vorwand, Schießübungen abzuhalten, lud er am Tage die jungen Leute aus angesehenen Beamtenfamilien sowie reiche und vornehme Verwandte und Freunde ein, miteinander ihre Kräfte zu messen.
 
Dazu sagte er: „Nur einfach so herumzuschießen bringt keinen Nutzen. Nicht nur, daß man so keine Fortschritte machen kann, man verdirbt sich auch noch den Stil. Wir müssen Strafen festlegen und Preise aussetzen, damit jeder einen Anreiz hat, sich anzustrengen.“
 
Deshalb wurde in der Schießbahn unterhalb des Turms des Himmelsduftes eine Zielscheibe aufgestellt und vereinbart, daß jeden Tag nach der Frühmahlzeit danach geschossen werden sollte. Und weil Djia Dschën nicht seinen eigenen Namen dafür hergeben mochte, erteilte er Djia Jung den Befehl, als Veranstalter aufzutreten. Die Teilnehmer waren die Söhne altangesehener Familien, die allesamt auf großem Fuße lebten, und überdies waren sie noch im Jünglingsalter, eine rechte Rotte von jungen Stutzern, die sich mit Hahnenkämpfen und Hetzjagden abgaben und deren besonderes Interesse den Freudenmädchen galt.
 
Gemeinsam beschlossen sie, daß sie reihum für das Abendessen sorgen wollten, denn sie meinten, es ginge nicht an, daß Djia Jung allein dafür aufkam. So wurden Tag für Tag Schweine und Hammel geschlachtet sowie Gänse und Enten geköpft, und beinahe wie beim Wettstreit von Lin-tung0 wollte jeder damit prahlen, was für Kanonen der Kochkunst seine Familie in ihren Diensten hatte.
 
Es dauerte keinen halben Monat, bis Djia Schë und Djia Dschëng von der Sache erfuhren, aber da sie nicht wußten, wie es dabei in Wirklichkeit zuging, sagten sie noch, es sei recht so, und wer es auf zivilem Gebiet zu nichts gebracht habe, müsse sich in militärischen Dingen üben, besonders in einer Familie, die von den militärischen Verdiensten ihrer Ahnen zehrte. Darum wurde auch in beiden Gehöften befohlen, Djia Huan, Djia Dsung, Bau-yü und Djia Lan sollten jeden Tag nach dem Essen ebenfalls ins andere Anwesen hinübergehen und sich unter Djia Dschëns Anleitung im Schießen üben, ehe sie wieder in ihre Räume zurückkehren durften.
 
Aber Djia Dschën stand der Sinn nicht nach Schießübungen. Nachdem noch ein paar Tage vergangen waren, gab er vor, einen Ausgleich für die Arme zu brauchen, und so wurden an den Abenden Glücksspiele gespielt. Zuerst ging es nur darum, die Trinkrunden auszuknobeln, später aber wurde allmählich um Geld gespielt. Und nachdem jetzt drei oder vier Monate ins Land gegangen waren, gewann das Spielen immer mehr die Oberhand über das Schießen. Da wurden hemmungslos Karten geklopft, Würfel geworfen und Banken aufgelegt und die Nächte durchgemacht. Auch das Gesinde hatte seine kleinen Vorteile davon und wünschte nichts sehnlicher, als daß es so bliebe, darum war es schon zu einer festen Regel geworden. Außenstehende ahnten jedoch nicht das geringste davon.
 
Auch Dame Hsings jüngerer Bruder Hsing Dë-tjüan war neuerdings mit von der Partie, denn so etwas bereitete ihm unbändiges Vergnügen an dererlei. Hsüä Pan war natürlich ebenfalls mit Freuden dabei, war er doch stets der erste, wenn es darum ging, anderen Leuten sein Geld in den Rachen zu werfen.
 
Hsing Dë-tjüan war zwar der leibliche Bruder von Dame Hsing, aber nach Wesen und Verhalten war er ihr in keiner Weise ähnlich. Seine Vergnügungen bestanden nur darin, Wein zu trinken, um Geld zu spielen und die Nächte mit Freudenmädchen zu verbringen. Das Geld gab er mit vollen Händen aus, und im Umgang mit Menschen hegte er keine Hintergedanken. Wer gern Wein trank, den mochte er, und wer nicht trank, von dem hielt er sich fern. Diese Regel galt für hoch und niedrig, Herren und Knechte, und einen Unterschied zwischen Edlen und Gemeinen gab es für ihn nicht. Deshalb nannten ihn alle den ‚blöden Onkel‘. Hsüä Pan aber war schon längst als der ‚dumme Herr‘ bekannt.
 
Heute hatten die zwei sich zusammengetan, da sie beide gern ‚Hetzjagd‘ spielten, weil das so ein lebhaftes Spiel war. Sie hatten sich zwei Partner gesucht und würfelten im Außenraum auf dem Ofenbett. Von den anderen spielten mehrere an dem großen Tisch in der Mitte des Zimmers ‚Häscher‘, während die Kultivierteren im Innenraum mit Dominosteinen ‚Himmel und neun‘ spielten.
 
Die Sklavenjungen, die hier aufwarteten, waren alles Kinder von unter fünfzehn Jahren, erwachsene Sklaven hatten keinen Zutritt. Nur deshalb konnte Frau You ungehindert vor die Fenster gelangen, um heimlich hineinzuschauen. Unter den Anwesenden sah sie auch zwei sechzehn- oder siebzehnjährige Lustknaben, die den Gästen den Wein kredenzten und die so zurechtgemacht waren, daß sie aussahen wie mit Puder bestäubt oder aus Jade geschliffen.
 
Hsüä Pan hatte wieder einmal eine Partie verloren, was ihn ärgerlich machte, aber glücklicherweise zeigte sich nach der nächsten Partie, daß er nicht nur den Verlust wieder wettgemacht, sondern auch noch etwas dazugewonnen hatte, und so kam er wieder in Stimmung.
 
„Hören wir erst einmal auf und machen weiter, wenn wir gegessen haben!“ schlug Djia Dschën seinen Mitspielern vor. Dann erkundigte er sich, wie es bei den anderen Spielrunden aussah. Die Himmel-und-neun-Spieler im Innenraum hatten abgerechnet und warteten auf das Essen, aber die Würfelspieler, die ‚Häscher‘ spielten, waren noch nicht so weit und mochten noch nicht essen. Und da sie sich nicht drängeln ließen, wurde zunächst nur ein großer Tisch gedeckt, an dem Djia Dschën den Gästen Gesellschaft leistete, während er zugleich Djia Jung befahl, er solle warten und dann der anderen Runde Gesellschaft leisten.
 
Aufgeräumt, wie Hsüä Pan war, umhalste er einen der beiden Lustknaben und trank seinen Wein. Zugleich befahl er, auch dem ‚blöden Onkel‘ Wein zu reichen. Aber der ‚blöde Onkel‘ war ärgerlich, weil er verloren hatte, und nach zwei Bechern Wein war er schon so angetrunken, daß er den Lustknaben vorwarf, sie liefen nur den Gewinnern nach und kümmerten sich nicht um die Verlierer.
 
„Ihr Rammlerbande!“ schimpfte er. „Ihr seht nur immer zu, wo ihr bleibt! Dabei sind wir doch Tag für Tag beisammen, und ihr habt von jedem eure Vorteile. Nur weil ich heute ein paar Liang Silber verloren habe, fangt ihr an, Rangunterschiede zu machen. Als ob ihr in Zukunft nicht wieder mit euren Bitten zu mir kommen würdet!“
 
Da die anderen sahen, daß der Wein aus ihm sprach, sagten sie rasch: „Ihr habt vollkommen recht! Sie haben wirklich schlechte Manieren.“ Und sie befahlen: „Reicht dem Onkel schnell Wein und entschuldigt euch bei ihm!“
 
Die beiden Lustknaben waren derlei Szenen zur Genüge gewöhnt, darum knieten sie schnell mit dem Weingeschirr in den Händen nieder und sagten: „Bei unsereins ist das nun einmal so! Unser Meister hat uns beigebracht, wir sollten lieb und ehrerbietig zu jedem sein, solange er Geld und Macht hat, egal ob uns jemand nah oder fern steht, ob wir ihn mögen oder nicht. Doch selbst dann, wenn es ein lebender Buddha oder ein Heiliger wäre, dürften wir uns um keinen kümmern, der nicht Geld und Macht hat. Bedenkt auch, wie jung wir noch sind und welches unser Beruf ist, und laßt es uns gütigst durchgehen, werter Herr Onkel!“ Mit diesen Worten hielten sie ihm den Wein hin und knieten dann erneut nieder.
 
Hsing Dë-tjüan war zwar schon weich geworden, aber er stellte sich immer noch böse und beachtete die beiden nicht. Darum redeten ihm die anderen zu: „Diese Kinder meinen es ehrlich. Und Ihr habt doch in langer Gewohnheit immer Liebe und Mitgefühl für die Duftigen und Jadegleichen empfunden. Warum seid Ihr da heute so anders? Wie sollen die beiden wieder aufstehen, wenn Ihr den Wein nicht trinkt?“
 
„Wenn Ihr nicht wärt, meine Herren, würde ich sie auch weiterhin nicht beachten!“ erklärte Hsing Dë-tjüan, der nicht länger widerstehen konnte. Und erst mit diesen Worten nahm er den Weinbecher entgegen, leerte ihn in einem Zuge und ließ sich gleich noch einmal einschenken. Dann rief ihm der Wein etwas ins Gedächtnis zurück, und er geriet in eine trunkene Redseligkeit. Zuerst schlug er mit der Hand auf den Tisch, danach sagte er seufzend, an Djia Dschën gewandt: „Man kann den beiden wirklich nicht böse sein, wenn ihnen das Geld so lieb ist wie das eigene Leben. Wie viele Leute aus angesehenen Beamtenfamilien vergessen ihr eigen Fleisch und Blut, wenn es um Geld und Macht geht! Hast du davon gehört, mein werter Neffe, wie ich mich gestern über deine Tante von drüben habe ärgern müssen?“
 
„Nein“, sagte Djia Dschën, „davon habe ich nichts gehört.“
 
„Es ging um das verfluchte Geld“, fuhr Hsing Dë-tjüan fort. „Ist das schlimm, nein, ist das schlimm!“
 
Djia Dschën wußte sehr gut, daß sich Hsing Dë-tjüan mit Dame Hsing nicht verstand und daß sie ihn verabscheute und ihm immer wieder Vorwürfe machte. Darum redete er ihm zu: „Ihr seid aber auch ein bißchen zu verschwenderisch, Onkel. Wieviel habt Ihr auf diese Weise schon ausgegeben, wenn Ihr Euch so leicht davon trennt?“
 
„Mein werter Neffe“, erwiderte Hsing Dë-tjüan, „du weißt ja nicht, wie es bei uns Hsings eigentlich aussieht. Als meine Mutter starb, war ich noch klein und hatte keine Ahnung von den Dingen dieser Welt. Von meinen drei Schwestern ist deine Tante die älteste. Sie hat als erste geheiratet und das ganze Familienvermögen einfach hierher mitgenommen. Jetzt hat auch meine zweitälteste Schwester geheiratet, aber in eine sehr arme Familie. Meine drittälteste Schwester ist noch nicht aus dem Haus.
 
Unser ganzer Besitz wird hier von Wang Schan-baus Frau verwaltet, die von meiner Schwester mit in die Ehe gebracht wurde, und wenn ich Geld verlange, will ich keins haben, das euch Djias gehört. Der Familienbesitz von uns Hsings wäre für meine Bedürfnisse vollauf genug. Aber ich bekomme davon nichts in die Hand, und so muß ich Unrecht leiden, ohne daß es eine Stelle gibt, wo ich mich darüber beschweren könnte.“
 
Djia Dschën merkte, daß es weinseliges Geschwätz war, was Hsing Dë-tjüan von sich gab, und daß es keinen guten Eindruck machte, wenn die anderen Gäste das hörten, darum lenkte er ihn schnell mit ein paar begütigenden Worten davon ab.
 
Draußen jedoch hatte Frau You alles deutlich verstanden, und so flüsterte sie Yin-diä jetzt lächelnd zu: „Hast du das gehört? Das ist der Bruder der gnädigen Herrin aus dem Nordgehöft, der sich über sie beklagt. Wenn der eigene Bruder so über sie herzieht, kann man den andern erst recht keinen Vorwurf machen.“
 
Dann lauschte sie weiter, und nun hatten auch die anderen Schluß gemacht, die ‚Häscher‘ gespielt hatten, und verlangten nach Wein. Doch einer von ihnen fragte: „Wer hat da eben den Onkel gekränkt? Wir haben das nicht genau hören können. Sagt es uns, damit wir unsern Schiedsspruch fällen!“
 
Also erzählte ihnen Hsing Dë-tjüan, wie die beiden Lustknaben nur um die Gewinner scharwenzelten und die Verlierer unbeachtet ließen.
 
„Das kann einen wirklich ärgern“, bestätigte der junge Geck. „Kein Wunder, daß der Herr Onkel wütend geworden ist. – Ich möchte euch fragen, ihr beiden: Wenn der Herr Onkel verloren hat, dann hat er doch nur ein bißchen Geld verspielt, aber nicht seinen Schwanz, warum also wollt ihr nichts mehr wissen von ihm?“
 
Alle brachen in lautes Gelächter aus, und selbst Hsing Dë-tjüan prustete seinen Reis auf die Erde.
 
Draußen aber spuckte Frau You leise aus und schimpfte: „Hör dir das an! Kaum haben diese jungen Galgenschwengel die Würfel aus der Hand gelegt, müssen sie solche unflätigen Reden führen. Wer weiß, was sie noch alles von sich geben, wenn sie die gelbe Brühe weiter so in sich hineinschütten!“ Mit diesen Worten suchte sie ihre Räume auf, wo sie Schmuck und Kleider ablegte und ins Bett ging.
 
Die Gäste aber verabschiedeten sich erst in der vierten Nachtwache, und Djia Dschën begab sich hinein zu Pee-fëng.
 
Als er am nächsten Morgen aufgestanden war, kam jemand, um zu melden, die Wassermelonen und die Mondkekse seien bereitgelegt und müßten nur noch aufgeteilt und ausgetragen werden. Daraufhin wandte sich Djia Dschën mit dem Auftrag an Pee-fëng: „Bitte die junge Herrin darum, daß sie das Austragen beaufsichtigt, ich habe anderes zu tun.“
 
Pee-fëng sagte: „Jawohl!“ und ging es Frau You melden, der nun nichts weiter übrig blieb, als alles einzuteilen und durch ihre Sklavinnen austragen zu lassen.
 
Bald darauf kam Pee-fëng noch einmal und sagte: „Der Herr läßt Euch fragen, ob Ihr heute ausgehen wollt, junge gnädige Frau. Er sagt, da wir Trauer haben, könnten wir morgen am fünfzehnten nicht feiern. Heute abend jedoch wäre es günstig, da könnten wir alle zusammen wenigstens so tun als ob, ein wenig Melone und Mondkekse essen und einen Schluck Wein dazu trinken.“
 
„Ich will nicht ausgehen“, erwiderte Frau You. „Aber drüben liegt die ältere Schwägerin krank, und nun hat sich auch die Frau von Schwager Liän hinlegen müssen. Wenn ich nicht hinübergehe, ist dort überhaupt niemand mehr. Außerdem hat er doch gar keine Zeit, was redet er also?“
 
„Der Herr hat erklärt, für heute habe er allen Gästen abgesagt, und sie würden erst am sechzehnten wieder kommen.
 
  
[[Category:Books]]
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Gerade als sie das sagte, wurde tatsächlich gemeldet: „Das Fräulein Wolke vom Xiāng-Fluss <ref>湘云</ref> und das dritte gnädige Fräulein sind da!" Nachdem man ihnen Platz angeboten hatte, berichtete Schatzspange <ref>宝钗</ref> von ihrem Vorhaben, den Garten zu verlassen. Tànchūn <ref>探春</ref> sagte: „Das ist vollkommen in Ordnung. Nicht nur dass du wiederkommst, wenn Frau Tante gesund ist — selbst wenn du dann nicht wiederkämest, wäre das auch nicht schlimm."
[[Category:Hongloumeng]]
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Frau Yóu lachte: „Was für eine seltsame Rede! Fängst du an, die Verwandtschaft hinauszuwerfen?"
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Tànchūn <ref>探春</ref> entgegnete mit kühlem Lächeln: „Gewiss! Ehe jemand den Befehl bekommt, sie hinauszuwerfen, werfe lieber ich sie hinaus. Verwandte hin und her — es gibt keinen Grund, warum man unbedingt auf ewig zusammenleben müsste. Wir hier sind eine Familie, sind ein Fleisch und Blut, und doch benehmen sich alle wie Kampfhähne — einer würde den anderen am liebsten auffressen!"
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Frau Yóu sagte rasch und lächelnd: „Warum habe ich nur heute so ein Pech? Wohin ich auch komme, treffe ich euch Schwestern in zorniger Stimmung an."
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Tànchūn <ref>探春</ref> erwiderte: „Wer hat dich denn geheißen, so nah an den heißen Herd zu gehen?" Dann fragte sie: „Wer hat dich denn wieder gekränkt?" Und nach kurzem Nachdenken: „Das vierte Fräulein <ref>惜春</ref> würde sich nicht dazu herablassen, mit dir zu zanken. Wer also war es?"
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Frau Yóu gab nur eine unbestimmte Antwort. Tànchūn <ref>探春</ref> wusste, dass sie aus Furcht vor Unannehmlichkeiten nicht zuviel sagen wollte, und drang lächelnd in sie: „Spiel nicht die Unschuldige! Außer am Kaiserhof wird niemandem zur Strafe der Kopf abgeschlagen, du brauchst also nicht dauernd Angst zu haben. Um es geradeheraus zu sagen: Gestern habe ich König Shànbǎos <ref>王善保</ref> Alte geschlagen, und die Strafe dafür nehme ich auf mich. Im schlimmsten Fall wird hinter meinem Rücken über mich geredet — aber mich deshalb durchprügeln kann man doch wohl nicht!"
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Schatzspange <ref>宝钗</ref> fragte sofort, warum sie die Alte geschlagen habe, und Tànchūn <ref>探春</ref> berichtete in allen Einzelheiten, wie man in der Nacht zuvor die Hausdurchsuchung durchgeführt hatte und wie sie mit König Shànbǎos Frau aneinandergeraten war. Als Frau Yóu sah, dass Tànchūn <ref>探春</ref> ohnehin alles erzählt hatte, verschwieg auch sie nicht länger, was sich eben bei Xīchūn <ref>惜春</ref> zugetragen hatte.
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Tànchūn <ref>探春</ref> kommentierte: „Das liegt an ihrem verschrobenen Charakter. Sie übertreibt ihren Stolz bis zum Äußersten. Keiner von uns ist stolzer als sie." Dann fuhr sie fort: „Heute Morgen war alles still, und als ich hörte, dass Phönixglanz <ref>凤姐</ref> wieder krank liegt, habe ich meine alte Amme losgeschickt, um herauszufinden, was mit König Shànbǎos Frau ist. Sie kam zurück und berichtete, König Shànbǎos Frau habe eine Tracht Prügel bekommen, und die ältere gnädige Frau <ref>邢夫人</ref> sei böse auf sie, weil sie sich so wichtiggemacht habe."
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Frau Yóu und Lǐ Wán sagten: „Das geschieht ihr recht."
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Tànchūn <ref>探春</ref> aber sagte mit kühlem Lächeln: „Wer versteht es nicht, Sand in die Augen zu streuen? Wartet nur ab, wie die Sache weitergeht!" Darauf wussten Frau Yóu und Lǐ Wán nichts zu erwidern. Kurze Zeit später schien es soweit zu sein, dass drüben das Essen aufgetragen wurde; Xiāngyún <ref>湘云</ref> und Schatzspange <ref>宝钗</ref> kehrten in ihre Räume zurück, um ein paar Kleider einzupacken. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
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Frau Yóu verabschiedete sich von Lǐ Wán und ging zur Herzoginmutter <ref>贾母</ref> hinüber. Diese lehnte auf ihrer Ruhebank, und Frau Wáng <ref>王夫人</ref> berichtete ihr, wie die Familie Zhēn <ref>甄</ref> sich schuldig gemacht hatte, wie ihr Besitz beschlagnahmt worden war und sie zur Aburteilung nach der Hauptstadt gebracht werden sollten. Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> hörte das mit Unbehagen. Als sie nun die Kusinen eintreten sah, fragte sie: „Woher kommt ihr? Wisst ihr, ob es eurer Schwägerin Phönixglanz <ref>凤姐</ref> und der anderen Schwägerin heute besser geht?"
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Frau Yóu und die anderen antworteten sogleich: „Heute geht es beiden schon etwas besser."
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> nickte und sagte seufzend: „Kümmern wir uns nicht um anderer Leute Angelegenheiten. Lasst uns lieber beraten, wie wir am fünfzehnten des achten Monats den Mond bewundern wollen — das ist das Wichtigste!"
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Frau Wáng <ref>王夫人</ref> sagte lächelnd: „Es ist schon alles vorbereitet. Ich weiß nur nicht, welchen Ort die alte gnädige Frau dafür ausersehen hat. Nur dass es im Garten kahl ist und der Nachtwind kalt weht."
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> erwiderte lächelnd: „Was macht es schon, wenn man ein paar Kleider mehr anzieht? Der Garten ist gerade der rechte Ort, um den Mond zu genießen — wie könnten wir denn dort nicht hingehen?"
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Während sie noch sprachen, brachten die Dienerinnen und Zofen schon den Esstisch herein, und Frau Wáng <ref>王夫人</ref> sowie Frau Yóu beeilten sich, die Essstäbchen aufzulegen und die Speisen aufzutragen. Als die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sah, dass neben ihren eigenen Gerichten noch zwei große Speiseschachteln hereingetragen wurden, wusste sie, dass dies nach alter Sitte die Ehrengaben aus den einzelnen Häusern waren. Sie fragte: „Was ist das alles? Ich habe doch schon ein paarmal angeordnet, dass damit Schluss sein soll — und ihr wollt immer noch nicht hören! Die heutigen Zeiten sind nicht mehr mit denen des einstigen Überflusses zu vergleichen."
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Mandarinenente <ref>鸳鸯</ref> sagte sogleich: „Ich habe es mehrmals weitergegeben, aber niemand wollte darauf hören. Da musste ich es wohl geschehen lassen."
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Frau Wáng <ref>王夫人</ref> erklärte lächelnd: „Es ist ja alles nur Hausmannskost. Heute esse ich Fastenspeisen und konnte nichts anderes schicken. Da die alte gnädige Frau Mehlklöße und Bohnenkäse nicht besonders mag, habe ich nur ein Gericht ausgewählt — Schleimkrautpüree mit Pfefferöl."
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sagte lächelnd: „Das kommt gerade recht, darauf hatte ich gerade Appetit!" Mandarinenente <ref>鸳鸯</ref> stellte sogleich den Teller vor sie hin.
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Bǎoqín <ref>宝琴</ref> lehnte erst höflich ab, ehe sie sich setzte, dann befahl die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> auch Tànchūn <ref>探春</ref>, zum Essen zu kommen. Tànchūn <ref>探春</ref> zierte sich ebenso, ehe sie sich schließlich gegenüber von Bǎoqín <ref>宝琴</ref> niederließ. Dàishū <ref>待书</ref> ging eilig, um eine Essschale zu holen.
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Mandarinenente <ref>鸳鸯</ref> wies auf die anderen Gerichte: „Bei diesen beiden Gerichten kann ich nicht erkennen, was es ist — der ältere gnädige Herr <ref>贾赦</ref> hat sie geschickt. Dieses hier ist Bambussprossen mit Hühnermark, vom gnädigen Herrn <ref>贾政</ref> aus dem anderen Gebäude." Und sie stellte die Schüssel auf den Tisch.
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> kostete zwei Häppchen davon und befahl dann: „Lasst die beiden anderen zurücktragen und bestellt, ich hätte davon gegessen. In Zukunft braucht ihr mir nicht täglich etwas zu schicken. Wenn ich etwas haben möchte, werde ich danach verlangen." Die Frauen sagten „Jawohl" und trugen die Speisen fort. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> fragte: „Gibt es dünne Reissuppe? Davon möchte ich ein wenig." Frau Yóu reichte ihr sofort eine Schale und erklärte, es sei rote Reissuppe. Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> nahm sie entgegen, aß die Hälfte und gab dann die Anweisung: „Bringt diese Suppe der kleinen Phönixglanz <ref>凤哥儿</ref>!" Dann zeigte sie auf die entsprechenden Schüsseln: „Diese Bambussprossen und diesen Teller mit dem gepökelten Larvenroller sollen Kajaljade <ref>黛玉</ref> und Schatzjade <ref>宝玉</ref> bekommen, und jene Schüssel mit dem Fleisch soll der kleine Lán <ref>贾兰</ref> essen!" Dann wandte sie sich an Frau Yóu: „Ich bin fertig, nun iss du."
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Frau Yóu sagte „Jawohl" und wartete, bis die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sich den Mund gespült und die Hände gewaschen hatte. Dann stand die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> auf und unterhielt sich im Gehen mit Frau Wáng <ref>王夫人</ref>, um die Verdauung anzuregen. Frau Yóu bat um Erlaubnis, sich setzen zu dürfen. Tànchūn <ref>探春</ref> und Bǎoqín <ref>宝琴</ref> standen ebenfalls auf und sagten lächelnd: „Entschuldigt, dass wir nicht bleiben können."
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Frau Yóu sagte lächelnd: „Jetzt bin ich ganz allein an dem großen Tisch — das bin ich nicht gewohnt!"
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Frau Yóu rief erfreut: „Gut, gut, gut! Das wollte ich gerade vorschlagen."
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sagte lächelnd: „Es macht mir Freude, wenn ich recht vielen Leuten beim Essen zusehen kann." Dann zeigte sie auf Yíndié <ref>银蝶</ref>: „Das Mädchen ist auch brav — iss du auch mit deiner Herrin zusammen! Wenn ihr hier fort seid, könnt ihr wieder auf die Etikette achten."
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Frau Yóu rief: „Komm schnell her und ziere dich nicht!"
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> stellte sich mit den Händen auf dem Rücken daneben und schaute vergnügt zu. Als sie sah, dass eine der Aufwärterinnen eine Schale mit dem gewöhnlichen Gesindereis brachte und Frau Yóu auch nur weißen Nicht-Klebreis aß, fragte sie: „Bist du denn von Sinnen? Wie kannst du deiner Herrin diesen Reis bringen?"
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Die Frau erklärte: „Der Reis der alten gnädigen Frau ist aufgegessen. Dadurch, dass heute ein gnädiges Fräulein mehr am Tisch war, hat er nicht ganz gereicht."
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Mandarinenente <ref>鸳鸯</ref> bemerkte: „Heutzutage müssen wir in allen Dingen die Mütze genau nach der Kopfgröße schneidern — auch nicht der kleinste Rest bleibt übrig."
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Frau Wáng <ref>王夫人</ref> berichtete sogleich: „In den letzten beiden Jahren sind die Ernten wegen der Dürren und Überschwemmungen ungewiss gewesen, und der Reis von unseren Feldern konnte nicht in voller Menge abgeliefert werden. Besonders bei den feinen Reissorten ist es schwierig. Deshalb wird nur genau so viel ausgegeben, wie gebraucht wird — aus Angst, er könnte einmal ausgehen und zugekaufter Reis nicht munden."
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sagte lächelnd: „Da kann man ja wirklich sagen: ‚Ohne Reis kann die geschickteste Hausfrau keine Suppe kochen!'" Alle lachten auf.
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Mandarinenente <ref>鸳鸯</ref> schlug vor: „Dann holt doch einfach den Reis, der für das dritte Fräulein <ref>探春</ref> bestimmt war — das bleibt sich doch gleich! Was seid ihr nur so begriffsstutzig?"
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Frau Yóu sagte lächelnd: „Mir hat es gereicht, für mich braucht nichts geholt zu werden."
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Mandarinenente <ref>鸳鸯</ref> entgegnete: „Euch hat es vielleicht gereicht, aber ich muss auch noch satt werden!" Die Aufwärterinnen eilten hinaus, um den anderen Reis zu holen.
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Bald darauf ging auch Frau Wáng <ref>王夫人</ref>, um ihrerseits zu essen, während Frau Yóu bei der Herzoginmutter <ref>贾母</ref> blieb und ihr mit Plaudereien und Scherzen Gesellschaft leistete.
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Als die erste Nachtwache anbrach, sagte die Herzoginmutter <ref>贾母</ref>: „Es ist dunkel geworden. Fahr jetzt nach Hause!" Erst jetzt verabschiedete sich Frau Yóu und ging hinaus. Am Haupttor stieg sie in ihren Wagen, und Yíndié <ref>银蝶</ref> setzte sich auf den Wagenrand. Nachdem die Frauen den Vorhang heruntergelassen hatten, gingen sie mit den kleinen Dienstmädchen geradewegs zum Haupttor des Nínguó-Anwesens <ref>宁国府</ref> hinüber und warteten dort. Da die Tore der beiden Anwesen nicht einmal eine Pfeilschussweite voneinander entfernt lagen, brauchte man beim täglichen Hin und Her nicht so penibel zu sein — besonders wenn es schon dunkel war und umso mehr Familienmitglieder ein- und ausgingen. Darum gingen die alten Ammen mit den kleinen Mädchen die paar Schritte einfach zu Fuß hinüber. Von beiden Toren eilten die Männer nach Osten und Westen bis zu den Straßenecken vor und hielten dort die Passanten an.
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Frau Yóus Wagen wurde ohne Zugtiere bewegt — sieben oder acht Dienerknaben packten an den Wagenringen und Radnaben an und zogen ihn sachte zur Torauffahrt des Nínguó-Anwesens hinüber. Dann zogen sie sich hinter die steinernen Löwenfiguren zurück, während die alten Frauen den Wagenvorhang hochschlugen. Yíndié <ref>银蝶</ref> stieg als erste ab und half dann Frau Yóu beim Aussteigen. Sieben oder acht Laternen erleuchteten alles bis ins Kleinste.
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Frau Yóu bemerkte, dass neben den Steinlöwen vier oder fünf große Wagen standen, und schloss daraus, dass wieder Besucher zum Glücksspiel gekommen waren. An Yíndié <ref>银蝶</ref> und die anderen gewandt, sagte sie: „Seht nur! So viele sind mit dem Wagen da — wie viele mögen dann erst zu Pferde gekommen sein? Die Pferde stehen natürlich angebunden im Stall, so dass wir sie nicht sehen können. Ich möchte wohl wissen, wie viel Geld ihre Eltern erarbeitet haben, damit sie sich auf diese Weise vergnügen können!"
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Während sie das sagte, waren sie schon an der großen Halle angelangt. Jung Kaufmanns <ref>贾蓉</ref> Ehefrau kam ihnen mit den Dienerinnen und Mägden des Hauses entgegen, jede mit einer brennenden Kerze in der Hand.
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Frau Yóu sagte lächelnd: „Schon lange wollte ich einmal heimlich nach ihnen sehen, aber es hat sich nie eine Gelegenheit ergeben. Heute trifft es sich günstig — wir gehen einfach vor ihren Fenstern vorbei!"
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Die Frauen sagten „Jawohl" und leuchteten mit ihren Laternen voran. Eine von ihnen ging voraus, um den aufwartenden Dienerknaben unauffällig zu bedeuten, sie sollten sich nicht erschrecken. So schlich sich Frau Yóu mit ihrem Gefolge leise unter die Fenster, und sie hörten von drinnen begeisterte Rufe und Gelächter — doch mischten sich auch Flüche und Schimpfwörter dazwischen.
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Es verhielt sich folgendermaßen: Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> befand sich noch in der Trauerzeit und konnte darum weder Vergnügungstouren unternehmen noch sich an Theatervorführungen oder Musik erfreuen. Vor Langeweile hatte er sich ein Mittel zur Zerstreuung ersonnen: Unter dem Vorwand, Bogenschießen zu üben, lud er tagsüber junge Männer aus angesehenen Beamtenfamilien sowie wohlhabende Freunde und Verwandte ein, um miteinander ihre Kräfte zu messen. „Bloß so drauflos zu schießen", sagte er, „bringt gar nichts. Nicht nur, dass man keine Fortschritte macht — man verdirbt sich auch noch den Stil. Wir müssen Strafen festlegen und Preise aussetzen, damit jeder einen Anreiz hat, sich anzustrengen."
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So wurde unterhalb des Turms des Himmelsduftes auf der Schießbahn eine Zielscheibe aufgestellt, und man verabredete sich, jeden Tag nach dem Frühstück zum Schießen zu kommen. Da Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> seinen eigenen Namen nicht hergeben wollte, bestimmte er seinen Sohn Jung Kaufmann <ref>贾蓉</ref> zum Veranstalter. Die Teilnehmer waren allesamt Söhne aus erbadeligen Häusern, durchweg wohlhabend und im Jünglingsalter — eine rechte Schar von Stutzern und Taugenichtsen, die sich mit Hahnenkämpfen und Hetzjagden abgaben und in Freudenhäusern verkehrten.
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Gemeinsam beschlossen sie, abwechselnd für das Abendessen zu sorgen, damit nicht allein Jung Kaufmann <ref>贾蓉</ref> die Kosten trug. So wurden Tag für Tag Schweine und Hammel geschlachtet, Gänse und Enten geköpft — beinahe wie bei einem Wettstreit wollte jeder prahlen, welche Köche der Kochkunst er in seinen Diensten hatte.
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Keine zwei Wochen vergingen, da erfuhren es Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> und Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref>. Weil sie aber nicht wussten, was in Wirklichkeit dahintersteckte, sagten sie sogar, es sei ganz recht so: Wer auf zivilem Gebiet nichts erreicht habe, müsse sich in militärischen Dingen üben — zumal die Familie ihren Rang den kriegerischen Verdiensten der Vorfahren verdanke. Daraufhin wurde auch in beiden Häusern angeordnet, Jiǎ Huán <ref>贾环</ref>, Jiǎ Cóng <ref>贾琮</ref>, Schatzjade <ref>宝玉</ref> und Jiǎ Lán <ref>贾兰</ref> sollten jeden Tag nach dem Essen hinübergehen und sich unter Herrlichkeit Kaufmanns <ref>贾珍</ref> Anleitung im Bogenschießen üben, ehe sie zurückkehren durften.
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Doch Herrlichkeit Kaufmanns <ref>贾珍</ref> Sinn stand nicht nach Schießübungen. Nach ein, zwei weiteren Tagen gab er vor, sich die Arme ausruhen und die Kräfte schonen zu müssen. An den Abenden wurden zunächst harmlose Knobelspiele um Trinkrunden gespielt — bald aber ging es um Geld. Inzwischen waren drei bis vier Monate vergangen, und das Glücksspiel hatte längst die Oberhand über das Schießen gewonnen. Hemmungslos wurden Karten geklopft, Würfel geworfen und Banken aufgelegt — ganze Nächte hindurch. Das Gesinde hatte seine kleinen Vorteile davon und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass es so bliebe; so wurde es zu einem festen Brauch. Außenstehende ahnten nicht das Geringste.
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In jüngster Zeit war auch Xíng Déquán <ref>邢德全</ref>, der leibliche Bruder der Frau Xíng <ref>邢夫人</ref>, mit von der Partie, denn er war ebenso leidenschaftlich wie die anderen. Auch Xuē Pán <ref>薛蟠</ref> war natürlich dabei — war er doch von jeher der Erste, wenn es darum ging, sein Geld anderen in den Rachen zu werfen.
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Obwohl Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> der leibliche Bruder der Frau Xíng <ref>邢夫人</ref> war, unterschied er sich in Wesen und Verhalten grundlegend von ihr. Er kannte nur Wein, Glücksspiel und Freudenmädchen als Vergnügen. Das Geld gab er mit vollen Händen aus, und im Umgang mit Menschen war er ohne Falsch. Wer gern trank, den mochte er; wer nicht trank, von dem hielt er sich fern — ganz gleich, ob es um Herren oder Diener ging, er machte keinen Unterschied. Darum nannten ihn alle den „Blöden Onkel". Xuē Pán <ref>薛蟠</ref> wiederum war schon längst als der „Dumme Herr" bekannt.
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Die beiden hatten sich heute zusammengefunden, denn beide liebten das lebhafte Würfelspiel „Wer zuerst kommt". Sie hatten sich noch zwei Partner dazugeholt und spielten draußen auf dem Kang-Ofenbett. Einige andere spielten am großen Tisch in der Mitte des Raumes „Fanchóu", während im Innenraum eine kultiviertere Runde mit Dominosteinen „Himmel und Neun" spielte. Die aufwartenden Diener waren allesamt Knaben unter fünfzehn Jahren; erwachsene Männer hatten hier keinen Zutritt. Darum konnte Frau Yóu ungehindert ans Fenster herantreten und von draußen hineinspähen. Unter den Anwesenden bemerkte sie auch zwei sechzehn- oder siebzehnjährige Lustknaben, die zum Einschenken abgestellt waren und so herausgeputzt, als seien sie aus Puder und Jade geschliffen.
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Xuē Pán <ref>薛蟠</ref> hatte eben wieder eine Runde verloren und war schlechter Laune. Glücklicherweise ergab die zweite Runde, alles zusammengerechnet, sogar einen kleinen Gewinn, und seine Stimmung hob sich sogleich.
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Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> sagte: „Hören wir erst einmal auf und essen — danach geht es weiter!" Er erkundigte sich, wie es bei den anderen Spielrunden stand. Die „Himmel und Neun"-Spieler im Innenraum hatten abgerechnet und warteten aufs Essen. Die „Fanchóu"-Spieler aber waren noch nicht fertig und wollten nicht aufhören. Da man sie nicht drängen konnte, wurde zunächst nur ein großer Tisch gedeckt, an dem Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> den Gästen Gesellschaft leistete, während Jung Kaufmann <ref>贾蓉</ref> die andere Runde bedienen sollte.
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In bester Laune umhalste Xuē Pán <ref>薛蟠</ref> einen der Lustknaben und trank Wein. Zugleich ließ er dem „Blöden Onkel" ebenfalls einschenken. Aber der hatte als Verlierer keine gute Laune; nach zwei Schalen war er schon leicht betrunken und schimpfte die beiden Lustknaben, sie liefen nur den Gewinnern nach und kümmerten sich nicht um die Verlierer.
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„Ihr Rammlerbande!" fluchte er. „Immer nur dahin, wo der Wind bläst! Tag für Tag sind wir beisammen, von jedem habt ihr eure Vorteile — nur weil ich gerade ein paar Liang Silber verloren habe, fangt ihr an, Rangunterschiede zu machen! Als ob ihr uns in Zukunft nicht wieder um Gefälligkeiten bitten würdet!"
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Die anderen sahen, dass der Wein aus ihm sprach, und sagten beschwichtigend: „Ganz recht, ganz recht! Die beiden haben wirklich schlechte Manieren." Und sie befahlen: „Schnell, schenkt dem Onkel Wein ein und entschuldigt euch!"
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Die beiden Lustknaben waren an derlei Szenen bestens gewöhnt; sofort knieten sie mit dem Weingeschirr nieder und sagten: „Bei unsereins ist das nun einmal so: Unser Meister hat uns beigebracht, ohne Ansehen von Nähe oder Ferne, ohne Unterschied von Freundschaft oder Gleichgültigkeit — solange jemand Geld und Macht hat, sollen wir ihm liebevoll dienen. Und selbst wenn es ein lebender Buddha oder ein Unsterblicher wäre — hat er einmal kein Geld und keine Macht mehr, dürfen wir uns nicht um ihn kümmern. Bedenkt auch, wie jung wir sind und was unser Stand ist — wir bitten den Herrn Onkel, es uns gütigst nachzusehen!" Damit hielten sie den Wein empor und knieten erneut nieder.
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Obwohl Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> innerlich schon weich geworden war, stellte er sich immer noch zornig und beachtete die beiden nicht. Die anderen redeten ihm zu: „Die Jungen meinen es ehrlich. Und Ihr habt doch in langer Gewohnheit stets zarte Wesen umsorgt und Mitgefühl für Duftende und Jadegleiche gezeigt — warum seid Ihr heute so anders? Wenn Ihr den Wein nicht trinkt, wie sollen die beiden wieder aufstehen?"
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Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> hielt nicht länger stand und sagte: „Wäret Ihr nicht, meine Herren, würde ich sie weiter keines Blickes würdigen!" Damit nahm er den Becher, leerte ihn in einem Zug und ließ sich gleich nachschenken. Nun rief ihm der Wein vergangene Kränkungen ins Gedächtnis; er schlug mit der Hand auf den Tisch und sagte seufzend zu Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref>: „Man kann den beiden wirklich nicht böse sein, wenn ihnen das Geld über alles geht. Wie viele Leute aus angesehenen Beamtenfamilien gibt es, die ihr eigen Fleisch und Blut vergessen, sobald es um ‚Geld und Macht' geht! Hast du davon gehört, mein werter Neffe, wie ich mich gestern über deine Tante drüben geärgert habe?"
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Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> sagte: „Nein, davon habe ich nichts gehört."
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Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> seufzte: „Es ging um dieses verfluchte Geld. Schlimm, schlimm!"
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Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> wusste sehr wohl, dass sich Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> nicht mit der Frau Xíng <ref>邢夫人</ref> verstand und von ihr verabscheut wurde; bei jeder Gelegenheit machte er seinem Unmut Luft. Darum redete er ihm zu: „Onkel, Ihr seid aber auch ein wenig zu verschwenderisch. Wenn Ihr immerzu Geld ausgebt, wie viel ist dann noch da?"
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Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> erwiderte: „Mein werter Neffe, du weißt nicht, wie es bei uns im Hause Xíng wirklich aussieht. Als meine Mutter starb, war ich noch klein und hatte keine Ahnung von den Dingen der Welt. Von meinen drei Schwestern hat nur deine Tante, die älteste, jung geheiratet und das gesamte Familienvermögen an sich gerissen und mitgenommen. Meine zweitälteste Schwester hat zwar inzwischen auch geheiratet, aber in eine äußerst ärmliche Familie. Die drittälteste ist noch unverheiratet und lebt zu Hause. Unser gesamter Besitz wird hier von König Shànbǎos <ref>王善保</ref> Frau verwaltet, die meine Schwester als Mitgift-Dienerin mitgebracht hat. Wenn ich Geld verlange, will ich keines haben, das euch Kaufmanns <ref>贾</ref> gehört — der Besitz unserer Familie Xíng würde für meine Bedürfnisse vollauf genügen! Aber ich bekomme nichts davon in die Hand, und so leide ich Unrecht, ohne eine Stelle zu haben, wo ich mich darüber beschweren könnte."
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Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> merkte, dass dies weinseliges Geschwätz war, und fürchtete, die anderen Gäste könnten es hören und es als unschicklich empfinden. Darum lenkte er ihn rasch mit ein paar beschwichtigenden Worten ab.
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Draußen aber hatte Frau Yóu alles deutlich verstanden. Sie flüsterte Yíndié <ref>银蝶</ref> lächelnd zu: „Hast du das gehört? Das ist der Bruder der Frau aus dem Nordgehöft, der sich über seine Schwester beklagt. Wenn der eigene Bruder so über sie herzieht, kann man den anderen erst recht keinen Vorwurf machen."
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Als sie weiterlauschen wollte, hatten gerade auch die „Fanchóu"-Spieler aufgehört und verlangten nach Wein. Einer von ihnen fragte: „Wer hat da eben den Onkel gekränkt? Wir haben es nicht genau hören können — sagt es uns, damit wir urteilen können!"
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Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> erzählte daraufhin noch einmal, wie die beiden Lustknaben nur die Gewinner umschmeichelt und die Verlierer links liegen gelassen hatten.
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Einer der jungen Gecken sagte: „Da hat der Herr Onkel freilich recht, böse zu sein — das ist wirklich zum Ärgern! Aber ich muss euch beide fragen: Der Herr Onkel hat doch nur ein wenig Geld verspielt — seinen Schwanz hat er doch nicht verloren. Warum wollt ihr dann also nichts mehr von ihm wissen?"
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Alle brachen in schallendes Gelächter aus, und selbst Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> prustete seinen Reis auf den Boden.
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Frau Yóu spuckte draußen leise aus und schimpfte: „Hört euch das an! Kaum haben diese schandbaren Galgenschwengel die Würfel aus der Hand gelegt, fangen sie an, solche Zoten zu reißen. Wenn sie sich noch mehr von der gelben Brühe hinter die Binde gießen, wer weiß, was sie dann noch alles von sich geben!" Mit diesen Worten ging sie hinein, legte Schmuck und Kleider ab und ging zu Bett.
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Erst in der vierten Nachtwache löste Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> die Runde auf und begab sich zu Pèifèng <ref>佩凤</ref> ins Zimmer.
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Am nächsten Morgen stand er auf und erhielt sogleich die Meldung, dass die Wassermelonen und Mondkuchen bereitlägen und nur noch verteilt und ausgetragen werden müssten. Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> beauftragte Pèifèng <ref>佩凤</ref>: „Bitte die junge Herrin, die Verteilung zu beaufsichtigen — ich habe noch anderes zu tun."
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Pèifèng <ref>佩凤</ref> sagte „Jawohl" und ging es Frau Yóu melden, die nun die Aufteilung vornahm und alles durch ihre Leute austragen ließ. Bald darauf kam Pèifèng <ref>佩凤</ref> erneut und sagte: „Der Herr lässt Euch fragen, junge gnädige Frau, ob Ihr heute ausgehen wollt. Er sagt, da wir Trauer tragen, könnten wir morgen am Fünfzehnten nicht feiern. Heute Abend jedoch wäre es günstig — wir könnten alle zusammen wenigstens den Anlass ehren und ein wenig Melone, Mondkuchen und Wein genießen."
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Frau Yóu erwiderte: „Ich will gar nicht ausgehen. Drüben liegt die ältere Schwägerin krank, und nun hat sich auch Phönixglanz <ref>凤姐</ref> hinlegen müssen. Wenn ich nicht hinübergehe, ist dort überhaupt niemand mehr. Außerdem habe ich keine Zeit — was redet er von ‚den Anlass ehren'?"
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Pèifèng <ref>佩凤</ref> sagte: „Der Herr hat erklärt, für heute habe er allen Gästen abgesagt; sie kommen erst am Sechzehnten wieder. Auf jeden Fall wolle er Euch zum Wein einladen."
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Frau Yóu sagte lächelnd: „Er lädt mich ein — und ich kann keine Gegeneinladung aussprechen."
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Lachend ging Pèifèng <ref>佩凤</ref> hinaus, kam aber bald wieder und verkündete lächelnd: „Der Herr sagt, auch zum Abendessen möchte er Euch bitten. Kommt bitte unbedingt rechtzeitig zurück — ich soll Euch begleiten."
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Frau Yóu sagte: „Nun gut — was gibt es dann zum Frühstück? Schnell, damit ich danach aufbrechen kann."
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Pèifèng <ref>佩凤</ref> berichtete: „Der Herr sagt, er frühstückt draußen. Die junge gnädige Frau möge allein essen."
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Frau Yóu fragte: „Wen hat er heute draußen?"
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Pèifèng <ref>佩凤</ref> antwortete: „Ich habe nur gehört, dass zwei Neuankömmlinge aus Nánjīng <ref>南京</ref> da seien — wer sie sind, weiß ich nicht."
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Während dieses Gesprächs erschien auch Jung Kaufmanns <ref>贾蓉</ref> Frau, die sich bereits gewaschen und angekleidet hatte, um ihren Gruß zu entbieten. Bald darauf wurde der Tisch gedeckt. Frau Yóu nahm den oberen Platz ein, Jung Kaufmanns <ref>贾蓉</ref> Frau saß ihr gegenüber als Tischgesellschaft. Schwiegermutter und Schwiegertochter aßen gemeinsam, dann kleidete sich Frau Yóu um und fuhr ins Rónguó-Anwesen <ref>荣国府</ref> hinüber. Erst am Abend kehrte sie zurück.
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Tatsächlich hatte Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> ein ganzes Schwein kochen und einen ganzen Hammel braten lassen. Die übrigen Tafelgerichte und Früchte waren nicht zu zählen. In der Halle des Üppigen Grüns im Garten der Gesammelten Düfte prangten Pfauenmuster auf den Stellschirmen, und Lotos-Polster lagen ausgebreitet. Dorthin führte er seine Frau und seine Nebenfrauen. Erst wurde gegessen, dann Wein getrunken, und alle erfreuten sich in gelöster Stimmung am Anblick des Mondes. Um die erste Nachtwache herum war die Luft rein und der Mond hell — oben und unten schien alles wie Silber.
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Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> wollte Trinkspiele veranstalten, und so rief Frau Yóu auch Pèifèng <ref>佩凤</ref> und die anderen drei hinzu, die sich in einer Reihe auf die unteren Plätze setzen mussten. Sie spielten Fingerraten und Faustwette und tranken ein Weilchen. Als Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> schon einige Becher intus hatte, geriet er immer mehr in Stimmung. Er ließ eine Flöte aus Schwarzbambus holen und befahl Pèifèng <ref>佩凤</ref>, darauf zu spielen, während Wénhuā <ref>文花</ref> ein Lied sang. Ihre Stimme war so rein und zart, dass jedermanns Seele davon berauscht wurde und schier davonzufliegen drohte. Nach dem Gesang wurden erneut Trinkspiele gespielt. Gegen die dritte Nachtwache war Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> bereits zu acht Zehnteln betrunken. Eben hatten sich alle etwas übergezogen und Tee getrunken, frische Becher und neuen Wein erhalten — als man plötzlich von jenseits der Mauer ein langes, tiefes Seufzen hörte. Alle hatten es deutlich vernommen und wurden von jäher Furcht ergriffen.
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Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> schrie sofort mit strenger Stimme hinüber: „Wer ist da?!" Obwohl er die Frage mehrmals wiederholte, kam keine Antwort.
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Frau Yóu sagte: „Es wird wohl jemand vom Gesinde sein, das außerhalb der Mauer wohnt."
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Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> erwiderte: „Unsinn! Rings um diese Mauer gibt es keine Dienstbotenquartiere — und gleich nebenan liegt unser Ahnentempel. Wie sollte dort jemand sein?"
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Kaum hatte er ausgesprochen, fegte ein Windstoß über die Mauer, und es klang, als öffneten und schlössen sich die Türen der hölzernen Trennwände im Ahnentempel. Ein eisiger Hauch kam auf, der noch schneidender war als zuvor; das Mondlicht wurde trübe und fahl, ganz anders als vordem. Allen sträubten sich die Haare.
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Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> war zwar halb wieder nüchtern geworden und beherrschte sich besser als die anderen, doch auch er war innerlich zutiefst beunruhigt, und die ganze Stimmung war ihm verdorben. Widerstrebend hielt er noch ein Weilchen aus, dann ging er in seine Gemächer und legte sich schlafen.
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Am nächsten Morgen stand er in aller Frühe auf — es war der fünfzehnte Tag des Monats. Er führte die jungen Männer der Familie in den Ahnentempel, um das bei Neumond und Vollmond übliche Opfer darzubringen. Dabei durchsuchte er den Tempel sorgfältig, doch alles war wie gewohnt — keine Spur von etwas Ungewöhnlichem. Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> sagte sich, die Trunkenheit habe ihm einen Streich gespielt, und erwähnte den Vorfall nicht weiter. Nach dem Opfer ließ er die Türen wieder fest verschließen und verriegeln.
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Erst nach dem Abendessen fuhren Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> und Frau Yóu ins Rónguó-Anwesen <ref>荣国府</ref> hinüber. Dort saßen Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> und Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> bereits bei der Herzoginmutter <ref>贾母</ref>, plauderten und scherzten mit ihr. Kette Kaufmann <ref>贾琏</ref>, Schatzjade <ref>宝玉</ref>, Jiǎ Huán <ref>贾环</ref> und Jiǎ Lán <ref>贾兰</ref> standen in dienstfertiger Haltung daneben. Als Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> eintrat, begrüßte er jeden der Reihe nach. Nach zwei Sätzen befahl ihm die Herzoginmutter <ref>贾母</ref>, Platz zu nehmen. Respektvoll vornüber gebeugt, setzte er sich auf einen kleinen Hocker in der Nähe der Tür.
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> fragte lächelnd: „Wie macht sich dein Vetter Schatzjade <ref>宝玉</ref> in den letzten Tagen beim Bogenschießen?"
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Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> stand sogleich auf und gab lächelnd Auskunft: „Er hat große Fortschritte gemacht. Nicht nur sein Stil hat sich verbessert, er hat auch schon um eine Bogenstärke zugelegt."
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sagte: „Damit ist es aber genug — er soll sich nicht überanstrengen und vorsichtig sein, dass er sich nicht verletzt."
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Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> antwortete rasch mehrmals „Jawohl, jawohl."
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> fuhr fort: „Die Mondkuchen, die du gestern geschickt hast, waren gut. Die Wassermelonen sahen auch gut aus, aber als man sie aufschnitt, waren sie nicht besonders."
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Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref> erklärte lächelnd: „Die Mondkuchen hat ein neuer Koch zubereitet, der sich auf Gebäck spezialisiert hat. Ich habe sie erst selber gekostet, und weil sie tatsächlich gut waren, wagte ich es, sie Euch zu verehren. Die Wassermelonen waren in früheren Jahren immer gut — warum sie dieses Jahr nichts taugen, weiß ich auch nicht."
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Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> warf ein: „Wahrscheinlich wegen der vielen Regenfälle dieses Jahr."
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sagte lächelnd: „Der Mond ist schon aufgegangen — gehen wir jetzt den Weihrauch opfern!" Und sie stützte sich auf Schatzjades <ref>宝玉</ref> Schulter, und alle gingen zusammen in den Garten hinüber.
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Dort stand das Haupttor des Gartens bereits weit offen, und große Hornlaternen hingen daran. Auf der Mondterrasse vor der Halle des Vortrefflichen Schattens <ref>嘉荫堂</ref> brannten hohe Räucherkegel und Windlichter; Melonen, Mondkuchen und allerlei Früchte standen als Opfergaben bereit. Frau Xíng <ref>邢夫人</ref> und alle anderen weiblichen Gäste warteten schon seit geraumer Weile im Innern. Mondlicht und Lampenschein, der Duft der Kleider und Weihrauchwolken vereinigten sich zu einem üppigen Bild, das sich nicht mit Worten beschreiben lässt.
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Auf dem Boden lagen Gebetsteppiche und Brokatpolster. Nachdem die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sich die Hände gewaschen, den Weihrauch entzündet und ihre Verbeugungen vollzogen hatte, verneigten sich auch alle anderen. Dann sagte die Herzoginmutter <ref>贾母</ref>: „Den Mond bewundert man am besten vom Berg aus." Und sie befahl, zur großen Halle auf dem Bergrücken hinaufzugehen.
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Kaum hatten die Diener das gehört, eilten sie davon, um dort alles herzurichten. Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> trank derweil in der Halle des Vortrefflichen Schattens <ref>嘉荫堂</ref> Tee, ruhte sich ein wenig aus und plauderte. Als bald darauf gemeldet wurde: „Alles ist bereit!", machte sich die Herzoginmutter <ref>贾母</ref>, von beiden Seiten gestützt, an den Aufstieg.
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Frau Wáng <ref>王夫人</ref> warnte: „Auf den Steinen könnte es moosig und glatt sein — es wäre besser, sich im Bambustragstuhl hinauftragen zu lassen."
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> erwiderte: „Hier wird jeden Tag gefegt, und der Weg ist breit und eben — warum sollte ich mir nicht ein wenig die Knochen lockern?"
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So gingen Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> und Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> voraus als Führer, gefolgt von zwei alten Dienerinnen mit Handlaternen aus Widderhorn. Mandarinenente <ref>鸳鸯</ref>, Bernstein <ref>琥珀</ref> und Frau Yóu hielten sich dicht an der Herzoginmutter <ref>贾母</ref> und stützten sie. Frau Xíng <ref>邢夫人</ref> und die anderen folgten im Zug. So stiegen sie in Windungen den Hang hinauf — nach kaum hundert Schritten waren sie auf der höchsten Erhebung des Berges angelangt, wo eine weitläufige, offene Halle stand. Da sie auf dem Gipfel lag, trug sie den Namen Bergvilla Jadegrüne Erhebung <ref>凸碧山庄</ref>. Auf der Terrasse vor der Halle waren Tische und Stühle aufgestellt, und ein großer Stellschirm teilte den Bereich in zwei Hälften. Sämtliche Tische und Stühle waren rund — als Sinnbild für die Vereinigung des Vollmonds.
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In der Mitte am Ehrenplatz nahm die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> Platz. Zu ihrer Linken saßen Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref>, Herrlichkeit Kaufmann <ref>贾珍</ref>, Kette Kaufmann <ref>贾琏</ref> und Jung Kaufmann <ref>贾蓉</ref>; zu ihrer Rechten Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref>, Schatzjade <ref>宝玉</ref>, Jiǎ Huán <ref>贾环</ref> und Jiǎ Lán <ref>贾兰</ref>. So war der Kreis nur zur Hälfte besetzt — die untere Hälfte blieb leer.
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> bemerkte lächelnd: „Im Alltag hat man gar nicht den Eindruck, dass wir so wenig sind. Aber wenn man uns heute anschaut — wir sind wirklich nur eine Handvoll, kaum der Rede wert. Damals, in früheren Zeiten, waren an einem solchen Abend dreißig oder vierzig Leute zusammen — welch ein Trubel! Heute so wenige, das ist zu traurig. Die paar Leute, die wir noch einladen könnten, haben ihre eigenen Eltern und feiern zu Hause — man kann sie nicht herkommen lassen. Ruft also die Mädchen herüber, damit sie dort drüben Platz nehmen."
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Auf ihre Anweisung hin wurden Yíngchūn <ref>迎春</ref>, Tànchūn <ref>探春</ref> und Xīchūn <ref>惜春</ref> von der Tafel der Frau Xíng <ref>邢夫人</ref> hinter dem Stellschirm herübergebeten. Kette Kaufmann <ref>贾琏</ref>, Schatzjade <ref>宝玉</ref> und die anderen jüngeren Verwandten standen auf und überließen den drei Schwestern ihre Plätze; dann ordneten sie sich der Rangfolge gemäß auf den unteren Sitzen ein.
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> befahl, einen Duftblütenzweig abzubrechen, und wies eine Dienerin an, hinter dem Stellschirm die Trommel zu schlagen und den Zweig von Hand zu Hand gehen zu lassen. Bei wem der Zweig in der Hand war, wenn die Trommel verstummte, der sollte einen Becher Wein trinken und zur Strafe einen Witz erzählen. So begann das Spiel bei der Herzoginmutter <ref>贾母</ref>, ging dann zu Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> und weiter der Reihe nach. Nach knapp zwei Runden Trommelschlag hielt der Zweig genau in Jiǎ Zhèngs <ref>贾政</ref> Hand inne, und er musste notgedrungen trinken. Die Schwestern und Brüder stießen einander heimlich an und kniffen sich gegenseitig — alle warteten lächelnd darauf, was für einen Witz er erzählen würde. Als Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> sah, wie vergnügt die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> war, musste er wohl oder übel der Heiterkeit Genüge tun. Gerade wollte er anfangen, da warnte die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> noch lächelnd: „Wenn du uns nicht zum Lachen bringst, wirst du noch einmal bestraft!"
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Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> sagte lächelnd: „Ich kenne nur einen einzigen Witz. Wenn er nicht zum Lachen ist, muss ich die Strafe eben annehmen." Und schmunzelnd begann er: „In einer Familie gab es einen Mann, der hatte schreckliche Angst vor seiner Frau."
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Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, da lachten schon alle — aber nur, weil sie es noch nie erlebt hatten, dass Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> einen Witz erzählte.
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sagte lächelnd: „Das wird bestimmt etwas Gutes!"
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Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> erwiderte lächelnd: „Wenn es gut ist, muss die alte gnädige Frau einen Becher zusätzlich trinken."
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> lachte: „Das versteht sich!"
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Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> fuhr fort: „Dieser Mann, der seine Frau fürchtete, hatte noch nie gewagt, einen einzigen unerlaubten Schritt zu tun. Doch ausgerechnet am fünfzehnten des achten Monats ging er auf die Straße, um etwas einzukaufen, und traf dabei ein paar Freunde, die ihn mit Gewalt zu einem von ihnen nach Hause schleppten, um Wein zu trinken. Unglücklicherweise betrank er sich dort und schlief bei seinem Freund ein. Erst am nächsten Tag wachte er auf, bereute es bitterlich — aber was blieb ihm anderes übrig, als nach Hause zu gehen und seine Schuld einzugestehen? Seine Frau wusch sich gerade die Füße und sagte: ‚Wenn das so ist, dann leck mir die Füße sauber — dann verzeihe ich dir!' Der Mann musste ihr wohl oder übel die Füße lecken, aber unweigerlich wurde ihm so übel, dass er sich übergeben musste. Da wurde seine Frau wütend, drohte ihn zu schlagen und rief: ‚Was ist das für ein Benehmen!' Vor Angst kniete der Mann sofort nieder und flehte: ‚Es ist ja nicht, weil die Füße der Herrin schmutzig sind! Nur habe ich gestern Abend zu viel gelben Reiswein getrunken und außerdem ein paar gefüllte Mondkuchen gegessen, deshalb ist mir heute ein wenig übel.'"
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> und alle Anwesenden brachen in schallendes Gelächter aus. Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> schenkte sogleich einen Becher ein und reichte ihn der Herzoginmutter <ref>贾母</ref>. Diese sagte lächelnd: „Wenn das so ist, lasst schnell Branntwein holen, damit es euch nicht auch so ergeht!" Und wieder lachten alle.
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Darauf wurde erneut die Trommel geschlagen, und der Zweig machte von Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> aus die Runde. Ausgerechnet als er bei Schatzjade <ref>宝玉</ref> anlangte, verstummte die Trommel. Schatzjade <ref>宝玉</ref> war in Jiǎ Zhèngs <ref>贾政</ref> Anwesenheit ohnehin befangen und unruhig, und nun hielt er auch noch den Blütenzweig in der Hand. Er überlegte: ‚Wenn mein Witz nicht zum Lachen ist, heißt es wieder, ich hätte kein Redetalent — nicht einmal einen Witz kann er erzählen, geschweige denn etwas anderes. Mache ich es aber gut, heißt es, auf etwas Ordentliches verstehe er sich nicht, nur auf glattzüngiges Geschwätz — das wäre ein noch größerer Fehler. Besser, ich erzähle gar nichts.' Also stand er auf und entschuldigte sich: „Ich kann keine Witze erzählen — darf ich bitte um eine andere Aufgabe bitten?"
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Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> sagte: „Gut — dann gebe ich dir das Wort ‚Herbst' vor, und du schreibst aus dem Stegreif ein Gedicht, das zum heutigen Abend passt. Wenn es gut ist, wirst du belohnt; wenn nicht, nimm dich morgen in Acht!"
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> warf sogleich ein: „Wir haben doch ein so schönes Trinkspiel — warum muss er jetzt ein Gedicht schreiben?"
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Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> sagte: „Er kann das."
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> lenkte ein: „Nun gut, dann schreib." Und sie ließ Papier und Pinsel bringen.
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Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> legte fest: „Du darfst aber nicht solche abgegriffenen Wörter wie ‚Eis', ‚Jade', ‚Kristall', ‚Silber', ‚bunt', ‚strahlend', ‚hell' oder ‚rein' verwenden, sondern musst etwas Eigenes leisten und zeigen, was dich in den letzten Jahren bewegt hat."
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Das traf genau Schatzjades <ref>宝玉</ref> Empfinden. Sogleich fielen ihm vier Zeilen ein, er schrieb sie nieder und reichte den Bogen Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref>. Dieser las: ... (Anmerkung: An dieser Stelle hat das Manuskript eine Lücke.) Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> las es durch und nickte schweigend. Als die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> das sah, wusste sie, dass es nicht allzu schlecht sein konnte, und fragte: „Nun, wie ist es?"
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Um der Herzoginmutter <ref>贾母</ref> eine Freude zu machen, sagte Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref>: „Er hat sich Mühe gegeben. Nur weil er nicht fleißig genug liest, ist die Wortwahl nicht edel."
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Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sagte: „Lass gut sein! Wie alt ist er denn? Muss er unbedingt ein großes Genie sein? Man sollte ihn belohnen — dann wird er in Zukunft noch eifriger."
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Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> sagte: „Ganz recht." Und er wandte sich um und befahl einer alten Amme: „Geh hinüber und lass dir von den Dienerknaben in meinem Arbeitszimmer zwei von den Fächern geben, die ich aus Hǎinán <ref>海南</ref> mitgebracht habe — die soll er bekommen."
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Schatzjade <ref>宝玉</ref> verbeugte sich zum Dank und kehrte auf seinen Platz zurück, um am Trinkspiel weiter teilzunehmen. Da nun hatte Jiǎ Lán <ref>贾兰</ref> gesehen, wie Schatzjade <ref>宝玉</ref> belohnt worden war, und trat seinerseits vor den Tisch, um ebenfalls ein Gedicht zu verfassen. Er reichte es Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref>, und dieser las: ... (Anmerkung: An dieser Stelle hat das Manuskript ebenfalls eine Lücke.) Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> las es und konnte seine Freude nicht verbergen. Als er beide Gedichte der Herzoginmutter <ref>贾母</ref> erklärte, war auch sie hocherfreut und befahl Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> sogleich, Jiǎ Lán <ref>贾兰</ref> ebenfalls zu belohnen. Dann kehrten alle auf ihre Plätze zurück und setzten das Trinkspiel fort.
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Diesmal hielt der Blütenzweig in Jiǎ Shès <ref>贾赦</ref> Hand inne. Notgedrungen trank er Wein und begann seinen Witz: „In einer Familie gab es einen überaus pflichtbewussten Sohn. Eines Tages wurde seine Mutter krank, und obwohl er überall Ärzte suchte, fand er keinen. Schließlich holte er eine alte Frau, die sich auf Akupunktur verstand. Die Alte, die von der Pulsdiagnostik keine Ahnung hatte, erklärte, es sei ‚Feuer des Herzens', und wenn man die Mutter jetzt mit Nadeln behandle, werde sie bald wieder gesund. Da erschrak der Sohn und fragte: ‚Das Herz stirbt, wenn es Eisen berührt — wie wollt Ihr denn mit Nadeln dorthin stechen?' Die Alte antwortete: ‚Ich steche nicht ins Herz, nur in die Rippen.' Der Sohn fragte: ‚Aber die Rippen sind doch weit vom Herzen entfernt — wie soll das helfen?' Die Alte erwiderte: ‚Das macht nichts. Ihr wisst wohl nicht, wie viele Eltern auf dieser Welt ein Herz haben, das ganz auf die eine Seite geneigt ist!'"
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Alle lachten los. Auch die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> musste einen halben Becher Wein trinken. Nach einer Weile sagte sie lächelnd: „Da könnte diese Alte auch mich behandeln."
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Als Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> das hörte, merkte er, dass seine Worte unbedacht gewesen waren und die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sich getroffen fühlte. Sofort stand er auf, ergriff lächelnd ihren Weinbecher, um nachzuschenken, und lenkte das Gespräch rasch auf ein anderes Thema. Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> konnte die Sache nicht gut weiterverfolgen und ließ das Trinkspiel fortsetzen.
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Zu aller Überraschung hielt der Blütenzweig nun in Jiǎ Huáns <ref>贾环</ref> Hand an. Jiǎ Huán <ref>贾环</ref> hatte in letzter Zeit gewisse Fortschritte im Lernen gemacht, war aber ebenso wie Schatzjade <ref>宝玉</ref> nicht sonderlich auf den eigentlichen Lehrstoff erpicht. Er las vielmehr gern Gedichte, wobei ihm besonders das Seltsame und Unheimliche, Unsterbliche und Geisterhafte behagten. Als er sah, wie Schatzjade <ref>宝玉</ref> für sein Gedicht belohnt wurde, juckte es ihn in den Fingern — doch in Jiǎ Zhèngs <ref>贾政</ref> Gegenwart wagte er nicht, sich vorzudrängen. Nun aber hielt er glücklicherweise den Blütenzweig in der Hand, bat also um Papier und Pinsel und warf im Nu einen Vierzeiler nieder, den er Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> reichte.
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Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> las die Verse und fand sie zwar ungewöhnlich, erkannte aber zwischen den Zeilen eine Abneigung gegen das Lernen. Missmutig sagte er: „Da sieht man, dass die beiden Brüder sind! In Wortwahl und Ausdruck neigen sie beide auf Abwege; in Zukunft werden sie sich wohl nicht an Lot und Richtschnur halten — ein heilloses Pack! Die Alten sprachen von den ‚Zwei Vorzüglichen', und tatsächlich könnte man auch euch beide so nennen — nur müsste das Wort ‚vorzüglich' dann im Sinne von ‚vorzüglich schwer zu erziehen' verstanden werden. Der Ältere hält sich ganz offen für einen zweiten Wēn Tíngyún, und nun bildet sich der Jüngere ein, Cáo Táng sei in ihm wiederauferstanden."
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Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> und die anderen lachten. Dann ließ sich Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> das Gedicht geben, las es durch und lobte es in den höchsten Tönen: „Meiner Meinung nach hat dieses Gedicht echtes Rückgrat! Eine Familie wie die unsere kann man nicht mit diesen armseligen Gelehrten vergleichen, die im Licht des Mondes und beim Schein von Glühwürmchen studieren müssen, nur damit sie eines Tages ‚im Krötenpalast einen Lorbeerzweig brechen' und endlich frei atmen können. Natürlich müssen unsere Kinder die Bücher studieren, aber wenn sie nur ein wenig aufgeweckter sind als andere, ist ihnen ein Amt sicher, sobald die Zeit dafür reif ist. Warum also unnötig Zeit verschwenden und aus ihnen Bücherwürmer machen? Darum gefällt mir sein Gedicht — es atmet den Geist unseres fürstlichen Hauses." Dann ließ er durch jemanden aus seinen Räumen allerlei Spielsachen und Kostbarkeiten holen und schenkte sie Jiǎ Huán <ref>贾环</ref>. Dabei tätschelte er ihm den Kopf und sagte lächelnd: „Mach nur so weiter — das ist der Stil unserer Familie! Unser Erbtitel wird dir ganz bestimmt nicht entgehen."
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Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> hörte das und warnte sofort: „Das war doch nur leichtfertiges Gerede — da kann man doch noch lange nicht auf die Zukunft schließen."
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Darauf wurde wieder Wein eingeschenkt und das Trinkspiel noch eine Weile fortgesetzt. Dann sagte die Herzoginmutter <ref>贾母</ref>: „Geht jetzt. Draußen warten bestimmt noch eure jungen Freunde — auch sie dürft ihr nicht vernachlässigen. Zudem ist die zweite Nachtwache schon weit vorgerückt. Macht Schluss und lasst mich noch ein Weilchen mit den Mädchen genießen, dann will ich mich zur Ruhe legen."
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Als Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> und die anderen das hörten, beendeten sie das Spiel, alle leerten noch einmal gemeinsam ihre Becher, und dann gingen die Herren mit Söhnen und Neffen davon. Wer Näheres wissen will, der lese das nächste Kapitel.
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Latest revision as of 19:30, 28 April 2026

Fünfundsiebzigstes Kapitel

Beim nächtlichen Festmahl kündigen seltsame Vorzeichen trübe Klagelaute an — Beim Mittherbstfest werden neue Verse zu glückverheißenden Vorzeichen

Es wird erzählt, dass Frau Yóu [1] sich im Zorn von Xīchūn [2] losgerissen hatte und nun zu Frau Wáng [3] hinübergehen wollte. Doch die alten Ammen aus ihrem Gefolge flüsterten ihr leise zu: „Junge gnädige Frau, geht besser nicht ins Hauptgebäude hinüber. Eben sind ein paar Leute von der Familie Zhēn [4] eingetroffen, und sie haben auch einige Sachen mitgebracht. Wir wissen nicht, worum es sich handelt, aber es scheint etwas Geheimes zu sein. Es wäre wohl unpassend, wenn Ihr jetzt dorthin ginget." Frau Yóu sagte: „Gestern habe ich gehört, wie der Herr erzählte, er habe im Hofanzeiger gelesen, die Zhēns hätten sich eines Verbrechens schuldig gemacht, ihr gesamter Familienbesitz sei beschlagnahmt worden, und sie sollten zur Aburteilung in die Hauptstadt überführt werden. Wie kann da jemand von ihnen hierher gekommen sein?" Die alte Amme erwiderte: „Eben das ist es ja! Die Frauen, die eben gekommen sind, sahen ganz verstört aus und waren äußerst aufgeregt und fahrig. Es hat bestimmt etwas mit einer geheimen Angelegenheit zu tun."

Daraufhin ging Frau Yóu nicht weiter, sondern kehrte zu Lǐ Wán [5] zurück. Der Leibarzt war gerade fortgegangen, nachdem er den Puls gefühlt hatte. Lǐ Wán fühlte sich in den letzten Tagen schon wieder etwas besser; in eine Decke gehüllt und auf Kissen gestützt, saß sie auf ihrem Bett und wünschte sich, dass ein oder zwei Besucherinnen kämen, mit denen sie ein wenig plaudern könnte. Als sie nun Frau Yóu hereinkommen sah, war diese nicht wie sonst freundlich und herzlich, sondern saß nur geistesabwesend da. Lǐ Wán fragte: „Du bist schon so lange hier drüben — hast du denn irgendwo etwas gegessen? Du bist bestimmt hungrig." Und sie befahl Sùyún [6], nach einem frischen Imbiss zu sehen und etwas zu bringen. Frau Yóu fiel ihr sogleich ins Wort: „Nicht nötig, nicht nötig! Du bist die ganze Zeit krank gewesen, woher solltest du etwas Frisches haben? Außerdem bin ich gar nicht hungrig." Lǐ Wán sagte: „Gestern hat man mir aus dem Haus seiner Tante gutes Teemehl geschickt. Lass dir doch eine Schale davon anrühren!" Und sie befahl den Mägden, den Tee zuzubereiten. Frau Yóu aber saß gedankenverloren da und sagte kein Wort. Die Zofen und Frauen aus ihrem Gefolge schlugen vor: „Die junge Herrin hat sich heute Mittag noch nicht das Gesicht gewaschen. Wollt Ihr nicht die Gelegenheit nutzen und Euch frisch machen?" Frau Yóu nickte dazu. Sogleich befahl Lǐ Wán der Zofe Sùyún, ihren Schminktisch zu holen. Sùyún brachte ihn herbei und legte zugleich ihr eigenes Rouge dazu, wobei sie lächelnd sagte: „Unsere Herrin hat so etwas leider nicht. Wenn Ihr es nicht für schmutzig haltet, junge gnädige Frau, bedient Euch ruhig von meinem." Lǐ Wán verwies sie: „Ich habe zwar selbst keines, aber du hättest zu den gnädigen Fräulein gehen und von ihnen welches holen sollen. Wie kannst du einfach dein eigenes herausbringen? Ein Glück, dass sie es ist — eine andere wäre bestimmt böse geworden." Frau Yóu lachte und sagte: „Was macht das schon? Seitdem ich hierher komme, habe ich immer von allen etwas benutzt. Warum sollte ich plötzlich das ihre für schmutzig halten?" Während sie das sagte, setzte sie sich mit untergeschlagenen Beinen an den Rand des Kang-Ofenbetts. Yíndié [7] trat eilig heran und streifte ihr die Armreifen und Fingerringe ab, breitete dann ein großes Handtuch über ihren Schoß und schützte so die Kleider sorgfältig. Das kleine Dienstmädchen Chǎodòu'er [8] brachte eine große Schüssel warmes Wasser, trat vor Frau Yóu und hielt sie ihr hin, wobei sie sich lediglich vornüber beugte. Lǐ Wán tadelte: „Was sind das für Manieren!" Auch Yíndié sagte lächelnd: „Keine Einzige von euch weiß sich den Umständen anzupassen — man sagt euch eine Sache, und ihr versteht nur die eine Sache! Nur weil die Herrin zu Hause großzügig mit uns umgeht und es nicht so genau nimmt, fühlst du dich wohl dabei und benimmst dich auch außer Haus und in Gegenwart der Verwandtschaft, wie es dir am bequemsten erscheint." Frau Yóu sagte: „Lass sie doch! Es geht ja nur darum, dass ich mich waschen will." Chǎodòu'er kniete sich eilig nieder. Frau Yóu bemerkte lächelnd: „Unser Gesinde — hoch und niedrig — versteht sich nur auf äußerliche Etikette und zur Schau gestellten Anstand. Was sie aber in Wirklichkeit anstellen, das hat es in sich!" Lǐ Wán hörte das und merkte sofort, dass Frau Yóu von den Ereignissen der vergangenen Nacht wusste. Darum fragte sie lächelnd: „Du redest nicht ohne Grund so. Wer hat denn etwas angestellt, das es in sich hat?" Frau Yóu erwiderte: „Das fragst du mich?! Du tust ja so, als seist du nicht nur krank, sondern schon gestorben!"

Kaum hatte sie ausgesprochen, wurde gemeldet: „Das Fräulein Schatzspange [9] ist da!" Man rief eilig: „Schnell, bittet sie herein!" — da war Schatzspange [10] auch schon ins Zimmer getreten. Frau Yóu wischte sich rasch das Gesicht ab, stand auf und bot ihr einen Sitz an, dann fragte sie: „Wie kommt es, dass du plötzlich ganz allein hereinkommst? Wo sind denn die anderen Kusinen?" Schatzspange [11] antwortete: „Ich habe sie auch nicht gesehen. Meine Mutter fühlt sich heute nicht wohl, und unsere beiden Frauen liegen wegen einer Erkältung im Bett und können nicht aufstehen. Auf die übrigen ist kein Verlass, darum muss ich zu ihr hinübergehen und ihr über Nacht Gesellschaft leisten. Ich wollte es der Herzoginmutter [12] und der gnädigen Frau melden, aber dann dachte ich, da es nichts so Ernstes ist, brauche ich es ihnen gegenüber nicht zu erwähnen — wenn sie wieder gesund ist, komme ich ohnehin zurück. Deshalb wollte ich nur der Schwägerin Bescheid sagen." Als Lǐ Wán das hörte, sah sie Frau Yóu nur an und lächelte, und Frau Yóu erwiderte den Blick ebenfalls lächelnd. Bald hatte Frau Yóu sich fertig gewaschen, und alle aßen zusammen von dem Teemehl-Brei. Lǐ Wán sagte lächelnd: „Wenn das so ist, will ich jemand schicken, der Frau Tante meine Grüße entbietet und sie fragt, an welcher Krankheit sie leidet. Da ich selbst krank bin, kann ich ja nicht persönlich kommen. Geh nur zu ihr, gute Schwester, ich werde schon jemanden beauftragen, auf deine Räume aufzupassen. Aber in ein, zwei Tagen musst du unbedingt wieder hier sein, damit man mir keinen Vorwurf macht." Schatzspange [13] sagte lächelnd: „Was sollte man dir vorwerfen? Das ist doch eine ganz gewöhnliche Sache — du lässt ja nicht gegen Bestechung einen Räuber laufen! Meiner Meinung nach brauchst du auch nicht extra jemand Neues hinüber zu schicken. Bitte lieber die Wolke [14] hierher, damit sie ein paar Tage bei dir wohnt. Wäre das nicht einfacher?" Frau Yóu fragte: „Wo steckt denn die Kusine Shǐ [15] eigentlich jetzt?" Schatzspange [16] antwortete: „Ich habe sie eben zu eurer Tànchūn [17] geschickt, damit sie zusammen hierher kommen. Dann kann ich auch ihr gleich Bescheid geben."

Gerade als sie das sagte, wurde tatsächlich gemeldet: „Das Fräulein Wolke vom Xiāng-Fluss [18] und das dritte gnädige Fräulein sind da!" Nachdem man ihnen Platz angeboten hatte, berichtete Schatzspange [19] von ihrem Vorhaben, den Garten zu verlassen. Tànchūn [20] sagte: „Das ist vollkommen in Ordnung. Nicht nur dass du wiederkommst, wenn Frau Tante gesund ist — selbst wenn du dann nicht wiederkämest, wäre das auch nicht schlimm." Frau Yóu lachte: „Was für eine seltsame Rede! Fängst du an, die Verwandtschaft hinauszuwerfen?" Tànchūn [21] entgegnete mit kühlem Lächeln: „Gewiss! Ehe jemand den Befehl bekommt, sie hinauszuwerfen, werfe lieber ich sie hinaus. Verwandte hin und her — es gibt keinen Grund, warum man unbedingt auf ewig zusammenleben müsste. Wir hier sind eine Familie, sind ein Fleisch und Blut, und doch benehmen sich alle wie Kampfhähne — einer würde den anderen am liebsten auffressen!" Frau Yóu sagte rasch und lächelnd: „Warum habe ich nur heute so ein Pech? Wohin ich auch komme, treffe ich euch Schwestern in zorniger Stimmung an." Tànchūn [22] erwiderte: „Wer hat dich denn geheißen, so nah an den heißen Herd zu gehen?" Dann fragte sie: „Wer hat dich denn wieder gekränkt?" Und nach kurzem Nachdenken: „Das vierte Fräulein [23] würde sich nicht dazu herablassen, mit dir zu zanken. Wer also war es?" Frau Yóu gab nur eine unbestimmte Antwort. Tànchūn [24] wusste, dass sie aus Furcht vor Unannehmlichkeiten nicht zuviel sagen wollte, und drang lächelnd in sie: „Spiel nicht die Unschuldige! Außer am Kaiserhof wird niemandem zur Strafe der Kopf abgeschlagen, du brauchst also nicht dauernd Angst zu haben. Um es geradeheraus zu sagen: Gestern habe ich König Shànbǎos [25] Alte geschlagen, und die Strafe dafür nehme ich auf mich. Im schlimmsten Fall wird hinter meinem Rücken über mich geredet — aber mich deshalb durchprügeln kann man doch wohl nicht!" Schatzspange [26] fragte sofort, warum sie die Alte geschlagen habe, und Tànchūn [27] berichtete in allen Einzelheiten, wie man in der Nacht zuvor die Hausdurchsuchung durchgeführt hatte und wie sie mit König Shànbǎos Frau aneinandergeraten war. Als Frau Yóu sah, dass Tànchūn [28] ohnehin alles erzählt hatte, verschwieg auch sie nicht länger, was sich eben bei Xīchūn [29] zugetragen hatte. Tànchūn [30] kommentierte: „Das liegt an ihrem verschrobenen Charakter. Sie übertreibt ihren Stolz bis zum Äußersten. Keiner von uns ist stolzer als sie." Dann fuhr sie fort: „Heute Morgen war alles still, und als ich hörte, dass Phönixglanz [31] wieder krank liegt, habe ich meine alte Amme losgeschickt, um herauszufinden, was mit König Shànbǎos Frau ist. Sie kam zurück und berichtete, König Shànbǎos Frau habe eine Tracht Prügel bekommen, und die ältere gnädige Frau [32] sei böse auf sie, weil sie sich so wichtiggemacht habe." Frau Yóu und Lǐ Wán sagten: „Das geschieht ihr recht." Tànchūn [33] aber sagte mit kühlem Lächeln: „Wer versteht es nicht, Sand in die Augen zu streuen? Wartet nur ab, wie die Sache weitergeht!" Darauf wussten Frau Yóu und Lǐ Wán nichts zu erwidern. Kurze Zeit später schien es soweit zu sein, dass drüben das Essen aufgetragen wurde; Xiāngyún [34] und Schatzspange [35] kehrten in ihre Räume zurück, um ein paar Kleider einzupacken. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Frau Yóu verabschiedete sich von Lǐ Wán und ging zur Herzoginmutter [36] hinüber. Diese lehnte auf ihrer Ruhebank, und Frau Wáng [37] berichtete ihr, wie die Familie Zhēn [38] sich schuldig gemacht hatte, wie ihr Besitz beschlagnahmt worden war und sie zur Aburteilung nach der Hauptstadt gebracht werden sollten. Die Herzoginmutter [39] hörte das mit Unbehagen. Als sie nun die Kusinen eintreten sah, fragte sie: „Woher kommt ihr? Wisst ihr, ob es eurer Schwägerin Phönixglanz [40] und der anderen Schwägerin heute besser geht?" Frau Yóu und die anderen antworteten sogleich: „Heute geht es beiden schon etwas besser." Die Herzoginmutter [41] nickte und sagte seufzend: „Kümmern wir uns nicht um anderer Leute Angelegenheiten. Lasst uns lieber beraten, wie wir am fünfzehnten des achten Monats den Mond bewundern wollen — das ist das Wichtigste!" Frau Wáng [42] sagte lächelnd: „Es ist schon alles vorbereitet. Ich weiß nur nicht, welchen Ort die alte gnädige Frau dafür ausersehen hat. Nur dass es im Garten kahl ist und der Nachtwind kalt weht." Die Herzoginmutter [43] erwiderte lächelnd: „Was macht es schon, wenn man ein paar Kleider mehr anzieht? Der Garten ist gerade der rechte Ort, um den Mond zu genießen — wie könnten wir denn dort nicht hingehen?" Während sie noch sprachen, brachten die Dienerinnen und Zofen schon den Esstisch herein, und Frau Wáng [44] sowie Frau Yóu beeilten sich, die Essstäbchen aufzulegen und die Speisen aufzutragen. Als die Herzoginmutter [45] sah, dass neben ihren eigenen Gerichten noch zwei große Speiseschachteln hereingetragen wurden, wusste sie, dass dies nach alter Sitte die Ehrengaben aus den einzelnen Häusern waren. Sie fragte: „Was ist das alles? Ich habe doch schon ein paarmal angeordnet, dass damit Schluss sein soll — und ihr wollt immer noch nicht hören! Die heutigen Zeiten sind nicht mehr mit denen des einstigen Überflusses zu vergleichen." Mandarinenente [46] sagte sogleich: „Ich habe es mehrmals weitergegeben, aber niemand wollte darauf hören. Da musste ich es wohl geschehen lassen." Frau Wáng [47] erklärte lächelnd: „Es ist ja alles nur Hausmannskost. Heute esse ich Fastenspeisen und konnte nichts anderes schicken. Da die alte gnädige Frau Mehlklöße und Bohnenkäse nicht besonders mag, habe ich nur ein Gericht ausgewählt — Schleimkrautpüree mit Pfefferöl." Die Herzoginmutter [48] sagte lächelnd: „Das kommt gerade recht, darauf hatte ich gerade Appetit!" Mandarinenente [49] stellte sogleich den Teller vor sie hin. Bǎoqín [50] lehnte erst höflich ab, ehe sie sich setzte, dann befahl die Herzoginmutter [51] auch Tànchūn [52], zum Essen zu kommen. Tànchūn [53] zierte sich ebenso, ehe sie sich schließlich gegenüber von Bǎoqín [54] niederließ. Dàishū [55] ging eilig, um eine Essschale zu holen. Mandarinenente [56] wies auf die anderen Gerichte: „Bei diesen beiden Gerichten kann ich nicht erkennen, was es ist — der ältere gnädige Herr [57] hat sie geschickt. Dieses hier ist Bambussprossen mit Hühnermark, vom gnädigen Herrn [58] aus dem anderen Gebäude." Und sie stellte die Schüssel auf den Tisch. Die Herzoginmutter [59] kostete zwei Häppchen davon und befahl dann: „Lasst die beiden anderen zurücktragen und bestellt, ich hätte davon gegessen. In Zukunft braucht ihr mir nicht täglich etwas zu schicken. Wenn ich etwas haben möchte, werde ich danach verlangen." Die Frauen sagten „Jawohl" und trugen die Speisen fort. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Die Herzoginmutter [60] fragte: „Gibt es dünne Reissuppe? Davon möchte ich ein wenig." Frau Yóu reichte ihr sofort eine Schale und erklärte, es sei rote Reissuppe. Die Herzoginmutter [61] nahm sie entgegen, aß die Hälfte und gab dann die Anweisung: „Bringt diese Suppe der kleinen Phönixglanz [62]!" Dann zeigte sie auf die entsprechenden Schüsseln: „Diese Bambussprossen und diesen Teller mit dem gepökelten Larvenroller sollen Kajaljade [63] und Schatzjade [64] bekommen, und jene Schüssel mit dem Fleisch soll der kleine Lán [65] essen!" Dann wandte sie sich an Frau Yóu: „Ich bin fertig, nun iss du." Frau Yóu sagte „Jawohl" und wartete, bis die Herzoginmutter [66] sich den Mund gespült und die Hände gewaschen hatte. Dann stand die Herzoginmutter [67] auf und unterhielt sich im Gehen mit Frau Wáng [68], um die Verdauung anzuregen. Frau Yóu bat um Erlaubnis, sich setzen zu dürfen. Tànchūn [69] und Bǎoqín [70] standen ebenfalls auf und sagten lächelnd: „Entschuldigt, dass wir nicht bleiben können." Frau Yóu sagte lächelnd: „Jetzt bin ich ganz allein an dem großen Tisch — das bin ich nicht gewohnt!" Die Herzoginmutter [71] sagte lächelnd: „Mandarinenente [72]! Bernstein [73]! Packt die Gelegenheit beim Schopf und esst auch etwas, zugleich leistet ihr dem Gast Gesellschaft." Frau Yóu rief erfreut: „Gut, gut, gut! Das wollte ich gerade vorschlagen." Die Herzoginmutter [74] sagte lächelnd: „Es macht mir Freude, wenn ich recht vielen Leuten beim Essen zusehen kann." Dann zeigte sie auf Yíndié [75]: „Das Mädchen ist auch brav — iss du auch mit deiner Herrin zusammen! Wenn ihr hier fort seid, könnt ihr wieder auf die Etikette achten." Frau Yóu rief: „Komm schnell her und ziere dich nicht!" Die Herzoginmutter [76] stellte sich mit den Händen auf dem Rücken daneben und schaute vergnügt zu. Als sie sah, dass eine der Aufwärterinnen eine Schale mit dem gewöhnlichen Gesindereis brachte und Frau Yóu auch nur weißen Nicht-Klebreis aß, fragte sie: „Bist du denn von Sinnen? Wie kannst du deiner Herrin diesen Reis bringen?" Die Frau erklärte: „Der Reis der alten gnädigen Frau ist aufgegessen. Dadurch, dass heute ein gnädiges Fräulein mehr am Tisch war, hat er nicht ganz gereicht." Mandarinenente [77] bemerkte: „Heutzutage müssen wir in allen Dingen die Mütze genau nach der Kopfgröße schneidern — auch nicht der kleinste Rest bleibt übrig." Frau Wáng [78] berichtete sogleich: „In den letzten beiden Jahren sind die Ernten wegen der Dürren und Überschwemmungen ungewiss gewesen, und der Reis von unseren Feldern konnte nicht in voller Menge abgeliefert werden. Besonders bei den feinen Reissorten ist es schwierig. Deshalb wird nur genau so viel ausgegeben, wie gebraucht wird — aus Angst, er könnte einmal ausgehen und zugekaufter Reis nicht munden." Die Herzoginmutter [79] sagte lächelnd: „Da kann man ja wirklich sagen: ‚Ohne Reis kann die geschickteste Hausfrau keine Suppe kochen!'" Alle lachten auf. Mandarinenente [80] schlug vor: „Dann holt doch einfach den Reis, der für das dritte Fräulein [81] bestimmt war — das bleibt sich doch gleich! Was seid ihr nur so begriffsstutzig?" Frau Yóu sagte lächelnd: „Mir hat es gereicht, für mich braucht nichts geholt zu werden." Mandarinenente [82] entgegnete: „Euch hat es vielleicht gereicht, aber ich muss auch noch satt werden!" Die Aufwärterinnen eilten hinaus, um den anderen Reis zu holen. Bald darauf ging auch Frau Wáng [83], um ihrerseits zu essen, während Frau Yóu bei der Herzoginmutter [84] blieb und ihr mit Plaudereien und Scherzen Gesellschaft leistete.

Als die erste Nachtwache anbrach, sagte die Herzoginmutter [85]: „Es ist dunkel geworden. Fahr jetzt nach Hause!" Erst jetzt verabschiedete sich Frau Yóu und ging hinaus. Am Haupttor stieg sie in ihren Wagen, und Yíndié [86] setzte sich auf den Wagenrand. Nachdem die Frauen den Vorhang heruntergelassen hatten, gingen sie mit den kleinen Dienstmädchen geradewegs zum Haupttor des Nínguó-Anwesens [87] hinüber und warteten dort. Da die Tore der beiden Anwesen nicht einmal eine Pfeilschussweite voneinander entfernt lagen, brauchte man beim täglichen Hin und Her nicht so penibel zu sein — besonders wenn es schon dunkel war und umso mehr Familienmitglieder ein- und ausgingen. Darum gingen die alten Ammen mit den kleinen Mädchen die paar Schritte einfach zu Fuß hinüber. Von beiden Toren eilten die Männer nach Osten und Westen bis zu den Straßenecken vor und hielten dort die Passanten an.

Frau Yóus Wagen wurde ohne Zugtiere bewegt — sieben oder acht Dienerknaben packten an den Wagenringen und Radnaben an und zogen ihn sachte zur Torauffahrt des Nínguó-Anwesens hinüber. Dann zogen sie sich hinter die steinernen Löwenfiguren zurück, während die alten Frauen den Wagenvorhang hochschlugen. Yíndié [88] stieg als erste ab und half dann Frau Yóu beim Aussteigen. Sieben oder acht Laternen erleuchteten alles bis ins Kleinste.

Frau Yóu bemerkte, dass neben den Steinlöwen vier oder fünf große Wagen standen, und schloss daraus, dass wieder Besucher zum Glücksspiel gekommen waren. An Yíndié [89] und die anderen gewandt, sagte sie: „Seht nur! So viele sind mit dem Wagen da — wie viele mögen dann erst zu Pferde gekommen sein? Die Pferde stehen natürlich angebunden im Stall, so dass wir sie nicht sehen können. Ich möchte wohl wissen, wie viel Geld ihre Eltern erarbeitet haben, damit sie sich auf diese Weise vergnügen können!" Während sie das sagte, waren sie schon an der großen Halle angelangt. Jung Kaufmanns [90] Ehefrau kam ihnen mit den Dienerinnen und Mägden des Hauses entgegen, jede mit einer brennenden Kerze in der Hand. Frau Yóu sagte lächelnd: „Schon lange wollte ich einmal heimlich nach ihnen sehen, aber es hat sich nie eine Gelegenheit ergeben. Heute trifft es sich günstig — wir gehen einfach vor ihren Fenstern vorbei!" Die Frauen sagten „Jawohl" und leuchteten mit ihren Laternen voran. Eine von ihnen ging voraus, um den aufwartenden Dienerknaben unauffällig zu bedeuten, sie sollten sich nicht erschrecken. So schlich sich Frau Yóu mit ihrem Gefolge leise unter die Fenster, und sie hörten von drinnen begeisterte Rufe und Gelächter — doch mischten sich auch Flüche und Schimpfwörter dazwischen.

Es verhielt sich folgendermaßen: Herrlichkeit Kaufmann [91] befand sich noch in der Trauerzeit und konnte darum weder Vergnügungstouren unternehmen noch sich an Theatervorführungen oder Musik erfreuen. Vor Langeweile hatte er sich ein Mittel zur Zerstreuung ersonnen: Unter dem Vorwand, Bogenschießen zu üben, lud er tagsüber junge Männer aus angesehenen Beamtenfamilien sowie wohlhabende Freunde und Verwandte ein, um miteinander ihre Kräfte zu messen. „Bloß so drauflos zu schießen", sagte er, „bringt gar nichts. Nicht nur, dass man keine Fortschritte macht — man verdirbt sich auch noch den Stil. Wir müssen Strafen festlegen und Preise aussetzen, damit jeder einen Anreiz hat, sich anzustrengen." So wurde unterhalb des Turms des Himmelsduftes auf der Schießbahn eine Zielscheibe aufgestellt, und man verabredete sich, jeden Tag nach dem Frühstück zum Schießen zu kommen. Da Herrlichkeit Kaufmann [92] seinen eigenen Namen nicht hergeben wollte, bestimmte er seinen Sohn Jung Kaufmann [93] zum Veranstalter. Die Teilnehmer waren allesamt Söhne aus erbadeligen Häusern, durchweg wohlhabend und im Jünglingsalter — eine rechte Schar von Stutzern und Taugenichtsen, die sich mit Hahnenkämpfen und Hetzjagden abgaben und in Freudenhäusern verkehrten. Gemeinsam beschlossen sie, abwechselnd für das Abendessen zu sorgen, damit nicht allein Jung Kaufmann [94] die Kosten trug. So wurden Tag für Tag Schweine und Hammel geschlachtet, Gänse und Enten geköpft — beinahe wie bei einem Wettstreit wollte jeder prahlen, welche Köche der Kochkunst er in seinen Diensten hatte. Keine zwei Wochen vergingen, da erfuhren es Jiǎ Shè [95] und Jiǎ Zhèng [96]. Weil sie aber nicht wussten, was in Wirklichkeit dahintersteckte, sagten sie sogar, es sei ganz recht so: Wer auf zivilem Gebiet nichts erreicht habe, müsse sich in militärischen Dingen üben — zumal die Familie ihren Rang den kriegerischen Verdiensten der Vorfahren verdanke. Daraufhin wurde auch in beiden Häusern angeordnet, Jiǎ Huán [97], Jiǎ Cóng [98], Schatzjade [99] und Jiǎ Lán [100] sollten jeden Tag nach dem Essen hinübergehen und sich unter Herrlichkeit Kaufmanns [101] Anleitung im Bogenschießen üben, ehe sie zurückkehren durften.

Doch Herrlichkeit Kaufmanns [102] Sinn stand nicht nach Schießübungen. Nach ein, zwei weiteren Tagen gab er vor, sich die Arme ausruhen und die Kräfte schonen zu müssen. An den Abenden wurden zunächst harmlose Knobelspiele um Trinkrunden gespielt — bald aber ging es um Geld. Inzwischen waren drei bis vier Monate vergangen, und das Glücksspiel hatte längst die Oberhand über das Schießen gewonnen. Hemmungslos wurden Karten geklopft, Würfel geworfen und Banken aufgelegt — ganze Nächte hindurch. Das Gesinde hatte seine kleinen Vorteile davon und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass es so bliebe; so wurde es zu einem festen Brauch. Außenstehende ahnten nicht das Geringste.

In jüngster Zeit war auch Xíng Déquán [103], der leibliche Bruder der Frau Xíng [104], mit von der Partie, denn er war ebenso leidenschaftlich wie die anderen. Auch Xuē Pán [105] war natürlich dabei — war er doch von jeher der Erste, wenn es darum ging, sein Geld anderen in den Rachen zu werfen. Obwohl Xíng Déquán [106] der leibliche Bruder der Frau Xíng [107] war, unterschied er sich in Wesen und Verhalten grundlegend von ihr. Er kannte nur Wein, Glücksspiel und Freudenmädchen als Vergnügen. Das Geld gab er mit vollen Händen aus, und im Umgang mit Menschen war er ohne Falsch. Wer gern trank, den mochte er; wer nicht trank, von dem hielt er sich fern — ganz gleich, ob es um Herren oder Diener ging, er machte keinen Unterschied. Darum nannten ihn alle den „Blöden Onkel". Xuē Pán [108] wiederum war schon längst als der „Dumme Herr" bekannt. Die beiden hatten sich heute zusammengefunden, denn beide liebten das lebhafte Würfelspiel „Wer zuerst kommt". Sie hatten sich noch zwei Partner dazugeholt und spielten draußen auf dem Kang-Ofenbett. Einige andere spielten am großen Tisch in der Mitte des Raumes „Fanchóu", während im Innenraum eine kultiviertere Runde mit Dominosteinen „Himmel und Neun" spielte. Die aufwartenden Diener waren allesamt Knaben unter fünfzehn Jahren; erwachsene Männer hatten hier keinen Zutritt. Darum konnte Frau Yóu ungehindert ans Fenster herantreten und von draußen hineinspähen. Unter den Anwesenden bemerkte sie auch zwei sechzehn- oder siebzehnjährige Lustknaben, die zum Einschenken abgestellt waren und so herausgeputzt, als seien sie aus Puder und Jade geschliffen.

Xuē Pán [109] hatte eben wieder eine Runde verloren und war schlechter Laune. Glücklicherweise ergab die zweite Runde, alles zusammengerechnet, sogar einen kleinen Gewinn, und seine Stimmung hob sich sogleich. Herrlichkeit Kaufmann [110] sagte: „Hören wir erst einmal auf und essen — danach geht es weiter!" Er erkundigte sich, wie es bei den anderen Spielrunden stand. Die „Himmel und Neun"-Spieler im Innenraum hatten abgerechnet und warteten aufs Essen. Die „Fanchóu"-Spieler aber waren noch nicht fertig und wollten nicht aufhören. Da man sie nicht drängen konnte, wurde zunächst nur ein großer Tisch gedeckt, an dem Herrlichkeit Kaufmann [111] den Gästen Gesellschaft leistete, während Jung Kaufmann [112] die andere Runde bedienen sollte. In bester Laune umhalste Xuē Pán [113] einen der Lustknaben und trank Wein. Zugleich ließ er dem „Blöden Onkel" ebenfalls einschenken. Aber der hatte als Verlierer keine gute Laune; nach zwei Schalen war er schon leicht betrunken und schimpfte die beiden Lustknaben, sie liefen nur den Gewinnern nach und kümmerten sich nicht um die Verlierer. „Ihr Rammlerbande!" fluchte er. „Immer nur dahin, wo der Wind bläst! Tag für Tag sind wir beisammen, von jedem habt ihr eure Vorteile — nur weil ich gerade ein paar Liang Silber verloren habe, fangt ihr an, Rangunterschiede zu machen! Als ob ihr uns in Zukunft nicht wieder um Gefälligkeiten bitten würdet!" Die anderen sahen, dass der Wein aus ihm sprach, und sagten beschwichtigend: „Ganz recht, ganz recht! Die beiden haben wirklich schlechte Manieren." Und sie befahlen: „Schnell, schenkt dem Onkel Wein ein und entschuldigt euch!" Die beiden Lustknaben waren an derlei Szenen bestens gewöhnt; sofort knieten sie mit dem Weingeschirr nieder und sagten: „Bei unsereins ist das nun einmal so: Unser Meister hat uns beigebracht, ohne Ansehen von Nähe oder Ferne, ohne Unterschied von Freundschaft oder Gleichgültigkeit — solange jemand Geld und Macht hat, sollen wir ihm liebevoll dienen. Und selbst wenn es ein lebender Buddha oder ein Unsterblicher wäre — hat er einmal kein Geld und keine Macht mehr, dürfen wir uns nicht um ihn kümmern. Bedenkt auch, wie jung wir sind und was unser Stand ist — wir bitten den Herrn Onkel, es uns gütigst nachzusehen!" Damit hielten sie den Wein empor und knieten erneut nieder. Obwohl Xíng Déquán [114] innerlich schon weich geworden war, stellte er sich immer noch zornig und beachtete die beiden nicht. Die anderen redeten ihm zu: „Die Jungen meinen es ehrlich. Und Ihr habt doch in langer Gewohnheit stets zarte Wesen umsorgt und Mitgefühl für Duftende und Jadegleiche gezeigt — warum seid Ihr heute so anders? Wenn Ihr den Wein nicht trinkt, wie sollen die beiden wieder aufstehen?" Xíng Déquán [115] hielt nicht länger stand und sagte: „Wäret Ihr nicht, meine Herren, würde ich sie weiter keines Blickes würdigen!" Damit nahm er den Becher, leerte ihn in einem Zug und ließ sich gleich nachschenken. Nun rief ihm der Wein vergangene Kränkungen ins Gedächtnis; er schlug mit der Hand auf den Tisch und sagte seufzend zu Herrlichkeit Kaufmann [116]: „Man kann den beiden wirklich nicht böse sein, wenn ihnen das Geld über alles geht. Wie viele Leute aus angesehenen Beamtenfamilien gibt es, die ihr eigen Fleisch und Blut vergessen, sobald es um ‚Geld und Macht' geht! Hast du davon gehört, mein werter Neffe, wie ich mich gestern über deine Tante drüben geärgert habe?" Herrlichkeit Kaufmann [117] sagte: „Nein, davon habe ich nichts gehört." Xíng Déquán [118] seufzte: „Es ging um dieses verfluchte Geld. Schlimm, schlimm!" Herrlichkeit Kaufmann [119] wusste sehr wohl, dass sich Xíng Déquán [120] nicht mit der Frau Xíng [121] verstand und von ihr verabscheut wurde; bei jeder Gelegenheit machte er seinem Unmut Luft. Darum redete er ihm zu: „Onkel, Ihr seid aber auch ein wenig zu verschwenderisch. Wenn Ihr immerzu Geld ausgebt, wie viel ist dann noch da?" Xíng Déquán [122] erwiderte: „Mein werter Neffe, du weißt nicht, wie es bei uns im Hause Xíng wirklich aussieht. Als meine Mutter starb, war ich noch klein und hatte keine Ahnung von den Dingen der Welt. Von meinen drei Schwestern hat nur deine Tante, die älteste, jung geheiratet und das gesamte Familienvermögen an sich gerissen und mitgenommen. Meine zweitälteste Schwester hat zwar inzwischen auch geheiratet, aber in eine äußerst ärmliche Familie. Die drittälteste ist noch unverheiratet und lebt zu Hause. Unser gesamter Besitz wird hier von König Shànbǎos [123] Frau verwaltet, die meine Schwester als Mitgift-Dienerin mitgebracht hat. Wenn ich Geld verlange, will ich keines haben, das euch Kaufmanns [124] gehört — der Besitz unserer Familie Xíng würde für meine Bedürfnisse vollauf genügen! Aber ich bekomme nichts davon in die Hand, und so leide ich Unrecht, ohne eine Stelle zu haben, wo ich mich darüber beschweren könnte." Herrlichkeit Kaufmann [125] merkte, dass dies weinseliges Geschwätz war, und fürchtete, die anderen Gäste könnten es hören und es als unschicklich empfinden. Darum lenkte er ihn rasch mit ein paar beschwichtigenden Worten ab.

Draußen aber hatte Frau Yóu alles deutlich verstanden. Sie flüsterte Yíndié [126] lächelnd zu: „Hast du das gehört? Das ist der Bruder der Frau aus dem Nordgehöft, der sich über seine Schwester beklagt. Wenn der eigene Bruder so über sie herzieht, kann man den anderen erst recht keinen Vorwurf machen." Als sie weiterlauschen wollte, hatten gerade auch die „Fanchóu"-Spieler aufgehört und verlangten nach Wein. Einer von ihnen fragte: „Wer hat da eben den Onkel gekränkt? Wir haben es nicht genau hören können — sagt es uns, damit wir urteilen können!" Xíng Déquán [127] erzählte daraufhin noch einmal, wie die beiden Lustknaben nur die Gewinner umschmeichelt und die Verlierer links liegen gelassen hatten. Einer der jungen Gecken sagte: „Da hat der Herr Onkel freilich recht, böse zu sein — das ist wirklich zum Ärgern! Aber ich muss euch beide fragen: Der Herr Onkel hat doch nur ein wenig Geld verspielt — seinen Schwanz hat er doch nicht verloren. Warum wollt ihr dann also nichts mehr von ihm wissen?" Alle brachen in schallendes Gelächter aus, und selbst Xíng Déquán [128] prustete seinen Reis auf den Boden. Frau Yóu spuckte draußen leise aus und schimpfte: „Hört euch das an! Kaum haben diese schandbaren Galgenschwengel die Würfel aus der Hand gelegt, fangen sie an, solche Zoten zu reißen. Wenn sie sich noch mehr von der gelben Brühe hinter die Binde gießen, wer weiß, was sie dann noch alles von sich geben!" Mit diesen Worten ging sie hinein, legte Schmuck und Kleider ab und ging zu Bett. Erst in der vierten Nachtwache löste Herrlichkeit Kaufmann [129] die Runde auf und begab sich zu Pèifèng [130] ins Zimmer.

Am nächsten Morgen stand er auf und erhielt sogleich die Meldung, dass die Wassermelonen und Mondkuchen bereitlägen und nur noch verteilt und ausgetragen werden müssten. Herrlichkeit Kaufmann [131] beauftragte Pèifèng [132]: „Bitte die junge Herrin, die Verteilung zu beaufsichtigen — ich habe noch anderes zu tun." Pèifèng [133] sagte „Jawohl" und ging es Frau Yóu melden, die nun die Aufteilung vornahm und alles durch ihre Leute austragen ließ. Bald darauf kam Pèifèng [134] erneut und sagte: „Der Herr lässt Euch fragen, junge gnädige Frau, ob Ihr heute ausgehen wollt. Er sagt, da wir Trauer tragen, könnten wir morgen am Fünfzehnten nicht feiern. Heute Abend jedoch wäre es günstig — wir könnten alle zusammen wenigstens den Anlass ehren und ein wenig Melone, Mondkuchen und Wein genießen." Frau Yóu erwiderte: „Ich will gar nicht ausgehen. Drüben liegt die ältere Schwägerin krank, und nun hat sich auch Phönixglanz [135] hinlegen müssen. Wenn ich nicht hinübergehe, ist dort überhaupt niemand mehr. Außerdem habe ich keine Zeit — was redet er von ‚den Anlass ehren'?" Pèifèng [136] sagte: „Der Herr hat erklärt, für heute habe er allen Gästen abgesagt; sie kommen erst am Sechzehnten wieder. Auf jeden Fall wolle er Euch zum Wein einladen." Frau Yóu sagte lächelnd: „Er lädt mich ein — und ich kann keine Gegeneinladung aussprechen." Lachend ging Pèifèng [137] hinaus, kam aber bald wieder und verkündete lächelnd: „Der Herr sagt, auch zum Abendessen möchte er Euch bitten. Kommt bitte unbedingt rechtzeitig zurück — ich soll Euch begleiten." Frau Yóu sagte: „Nun gut — was gibt es dann zum Frühstück? Schnell, damit ich danach aufbrechen kann." Pèifèng [138] berichtete: „Der Herr sagt, er frühstückt draußen. Die junge gnädige Frau möge allein essen." Frau Yóu fragte: „Wen hat er heute draußen?" Pèifèng [139] antwortete: „Ich habe nur gehört, dass zwei Neuankömmlinge aus Nánjīng [140] da seien — wer sie sind, weiß ich nicht." Während dieses Gesprächs erschien auch Jung Kaufmanns [141] Frau, die sich bereits gewaschen und angekleidet hatte, um ihren Gruß zu entbieten. Bald darauf wurde der Tisch gedeckt. Frau Yóu nahm den oberen Platz ein, Jung Kaufmanns [142] Frau saß ihr gegenüber als Tischgesellschaft. Schwiegermutter und Schwiegertochter aßen gemeinsam, dann kleidete sich Frau Yóu um und fuhr ins Rónguó-Anwesen [143] hinüber. Erst am Abend kehrte sie zurück.

Tatsächlich hatte Herrlichkeit Kaufmann [144] ein ganzes Schwein kochen und einen ganzen Hammel braten lassen. Die übrigen Tafelgerichte und Früchte waren nicht zu zählen. In der Halle des Üppigen Grüns im Garten der Gesammelten Düfte prangten Pfauenmuster auf den Stellschirmen, und Lotos-Polster lagen ausgebreitet. Dorthin führte er seine Frau und seine Nebenfrauen. Erst wurde gegessen, dann Wein getrunken, und alle erfreuten sich in gelöster Stimmung am Anblick des Mondes. Um die erste Nachtwache herum war die Luft rein und der Mond hell — oben und unten schien alles wie Silber. Herrlichkeit Kaufmann [145] wollte Trinkspiele veranstalten, und so rief Frau Yóu auch Pèifèng [146] und die anderen drei hinzu, die sich in einer Reihe auf die unteren Plätze setzen mussten. Sie spielten Fingerraten und Faustwette und tranken ein Weilchen. Als Herrlichkeit Kaufmann [147] schon einige Becher intus hatte, geriet er immer mehr in Stimmung. Er ließ eine Flöte aus Schwarzbambus holen und befahl Pèifèng [148], darauf zu spielen, während Wénhuā [149] ein Lied sang. Ihre Stimme war so rein und zart, dass jedermanns Seele davon berauscht wurde und schier davonzufliegen drohte. Nach dem Gesang wurden erneut Trinkspiele gespielt. Gegen die dritte Nachtwache war Herrlichkeit Kaufmann [150] bereits zu acht Zehnteln betrunken. Eben hatten sich alle etwas übergezogen und Tee getrunken, frische Becher und neuen Wein erhalten — als man plötzlich von jenseits der Mauer ein langes, tiefes Seufzen hörte. Alle hatten es deutlich vernommen und wurden von jäher Furcht ergriffen. Herrlichkeit Kaufmann [151] schrie sofort mit strenger Stimme hinüber: „Wer ist da?!" Obwohl er die Frage mehrmals wiederholte, kam keine Antwort. Frau Yóu sagte: „Es wird wohl jemand vom Gesinde sein, das außerhalb der Mauer wohnt." Herrlichkeit Kaufmann [152] erwiderte: „Unsinn! Rings um diese Mauer gibt es keine Dienstbotenquartiere — und gleich nebenan liegt unser Ahnentempel. Wie sollte dort jemand sein?" Kaum hatte er ausgesprochen, fegte ein Windstoß über die Mauer, und es klang, als öffneten und schlössen sich die Türen der hölzernen Trennwände im Ahnentempel. Ein eisiger Hauch kam auf, der noch schneidender war als zuvor; das Mondlicht wurde trübe und fahl, ganz anders als vordem. Allen sträubten sich die Haare. Herrlichkeit Kaufmann [153] war zwar halb wieder nüchtern geworden und beherrschte sich besser als die anderen, doch auch er war innerlich zutiefst beunruhigt, und die ganze Stimmung war ihm verdorben. Widerstrebend hielt er noch ein Weilchen aus, dann ging er in seine Gemächer und legte sich schlafen. Am nächsten Morgen stand er in aller Frühe auf — es war der fünfzehnte Tag des Monats. Er führte die jungen Männer der Familie in den Ahnentempel, um das bei Neumond und Vollmond übliche Opfer darzubringen. Dabei durchsuchte er den Tempel sorgfältig, doch alles war wie gewohnt — keine Spur von etwas Ungewöhnlichem. Herrlichkeit Kaufmann [154] sagte sich, die Trunkenheit habe ihm einen Streich gespielt, und erwähnte den Vorfall nicht weiter. Nach dem Opfer ließ er die Türen wieder fest verschließen und verriegeln.

Erst nach dem Abendessen fuhren Herrlichkeit Kaufmann [155] und Frau Yóu ins Rónguó-Anwesen [156] hinüber. Dort saßen Jiǎ Shè [157] und Jiǎ Zhèng [158] bereits bei der Herzoginmutter [159], plauderten und scherzten mit ihr. Kette Kaufmann [160], Schatzjade [161], Jiǎ Huán [162] und Jiǎ Lán [163] standen in dienstfertiger Haltung daneben. Als Herrlichkeit Kaufmann [164] eintrat, begrüßte er jeden der Reihe nach. Nach zwei Sätzen befahl ihm die Herzoginmutter [165], Platz zu nehmen. Respektvoll vornüber gebeugt, setzte er sich auf einen kleinen Hocker in der Nähe der Tür. Die Herzoginmutter [166] fragte lächelnd: „Wie macht sich dein Vetter Schatzjade [167] in den letzten Tagen beim Bogenschießen?" Herrlichkeit Kaufmann [168] stand sogleich auf und gab lächelnd Auskunft: „Er hat große Fortschritte gemacht. Nicht nur sein Stil hat sich verbessert, er hat auch schon um eine Bogenstärke zugelegt." Die Herzoginmutter [169] sagte: „Damit ist es aber genug — er soll sich nicht überanstrengen und vorsichtig sein, dass er sich nicht verletzt." Herrlichkeit Kaufmann [170] antwortete rasch mehrmals „Jawohl, jawohl." Die Herzoginmutter [171] fuhr fort: „Die Mondkuchen, die du gestern geschickt hast, waren gut. Die Wassermelonen sahen auch gut aus, aber als man sie aufschnitt, waren sie nicht besonders." Herrlichkeit Kaufmann [172] erklärte lächelnd: „Die Mondkuchen hat ein neuer Koch zubereitet, der sich auf Gebäck spezialisiert hat. Ich habe sie erst selber gekostet, und weil sie tatsächlich gut waren, wagte ich es, sie Euch zu verehren. Die Wassermelonen waren in früheren Jahren immer gut — warum sie dieses Jahr nichts taugen, weiß ich auch nicht." Jiǎ Zhèng [173] warf ein: „Wahrscheinlich wegen der vielen Regenfälle dieses Jahr." Die Herzoginmutter [174] sagte lächelnd: „Der Mond ist schon aufgegangen — gehen wir jetzt den Weihrauch opfern!" Und sie stützte sich auf Schatzjades [175] Schulter, und alle gingen zusammen in den Garten hinüber.

Dort stand das Haupttor des Gartens bereits weit offen, und große Hornlaternen hingen daran. Auf der Mondterrasse vor der Halle des Vortrefflichen Schattens [176] brannten hohe Räucherkegel und Windlichter; Melonen, Mondkuchen und allerlei Früchte standen als Opfergaben bereit. Frau Xíng [177] und alle anderen weiblichen Gäste warteten schon seit geraumer Weile im Innern. Mondlicht und Lampenschein, der Duft der Kleider und Weihrauchwolken vereinigten sich zu einem üppigen Bild, das sich nicht mit Worten beschreiben lässt. Auf dem Boden lagen Gebetsteppiche und Brokatpolster. Nachdem die Herzoginmutter [178] sich die Hände gewaschen, den Weihrauch entzündet und ihre Verbeugungen vollzogen hatte, verneigten sich auch alle anderen. Dann sagte die Herzoginmutter [179]: „Den Mond bewundert man am besten vom Berg aus." Und sie befahl, zur großen Halle auf dem Bergrücken hinaufzugehen. Kaum hatten die Diener das gehört, eilten sie davon, um dort alles herzurichten. Die Herzoginmutter [180] trank derweil in der Halle des Vortrefflichen Schattens [181] Tee, ruhte sich ein wenig aus und plauderte. Als bald darauf gemeldet wurde: „Alles ist bereit!", machte sich die Herzoginmutter [182], von beiden Seiten gestützt, an den Aufstieg. Frau Wáng [183] warnte: „Auf den Steinen könnte es moosig und glatt sein — es wäre besser, sich im Bambustragstuhl hinauftragen zu lassen." Die Herzoginmutter [184] erwiderte: „Hier wird jeden Tag gefegt, und der Weg ist breit und eben — warum sollte ich mir nicht ein wenig die Knochen lockern?" So gingen Jiǎ Shè [185] und Jiǎ Zhèng [186] voraus als Führer, gefolgt von zwei alten Dienerinnen mit Handlaternen aus Widderhorn. Mandarinenente [187], Bernstein [188] und Frau Yóu hielten sich dicht an der Herzoginmutter [189] und stützten sie. Frau Xíng [190] und die anderen folgten im Zug. So stiegen sie in Windungen den Hang hinauf — nach kaum hundert Schritten waren sie auf der höchsten Erhebung des Berges angelangt, wo eine weitläufige, offene Halle stand. Da sie auf dem Gipfel lag, trug sie den Namen Bergvilla Jadegrüne Erhebung [191]. Auf der Terrasse vor der Halle waren Tische und Stühle aufgestellt, und ein großer Stellschirm teilte den Bereich in zwei Hälften. Sämtliche Tische und Stühle waren rund — als Sinnbild für die Vereinigung des Vollmonds. In der Mitte am Ehrenplatz nahm die Herzoginmutter [192] Platz. Zu ihrer Linken saßen Jiǎ Shè [193], Herrlichkeit Kaufmann [194], Kette Kaufmann [195] und Jung Kaufmann [196]; zu ihrer Rechten Jiǎ Zhèng [197], Schatzjade [198], Jiǎ Huán [199] und Jiǎ Lán [200]. So war der Kreis nur zur Hälfte besetzt — die untere Hälfte blieb leer. Die Herzoginmutter [201] bemerkte lächelnd: „Im Alltag hat man gar nicht den Eindruck, dass wir so wenig sind. Aber wenn man uns heute anschaut — wir sind wirklich nur eine Handvoll, kaum der Rede wert. Damals, in früheren Zeiten, waren an einem solchen Abend dreißig oder vierzig Leute zusammen — welch ein Trubel! Heute so wenige, das ist zu traurig. Die paar Leute, die wir noch einladen könnten, haben ihre eigenen Eltern und feiern zu Hause — man kann sie nicht herkommen lassen. Ruft also die Mädchen herüber, damit sie dort drüben Platz nehmen." Auf ihre Anweisung hin wurden Yíngchūn [202], Tànchūn [203] und Xīchūn [204] von der Tafel der Frau Xíng [205] hinter dem Stellschirm herübergebeten. Kette Kaufmann [206], Schatzjade [207] und die anderen jüngeren Verwandten standen auf und überließen den drei Schwestern ihre Plätze; dann ordneten sie sich der Rangfolge gemäß auf den unteren Sitzen ein. Die Herzoginmutter [208] befahl, einen Duftblütenzweig abzubrechen, und wies eine Dienerin an, hinter dem Stellschirm die Trommel zu schlagen und den Zweig von Hand zu Hand gehen zu lassen. Bei wem der Zweig in der Hand war, wenn die Trommel verstummte, der sollte einen Becher Wein trinken und zur Strafe einen Witz erzählen. So begann das Spiel bei der Herzoginmutter [209], ging dann zu Jiǎ Shè [210] und weiter der Reihe nach. Nach knapp zwei Runden Trommelschlag hielt der Zweig genau in Jiǎ Zhèngs [211] Hand inne, und er musste notgedrungen trinken. Die Schwestern und Brüder stießen einander heimlich an und kniffen sich gegenseitig — alle warteten lächelnd darauf, was für einen Witz er erzählen würde. Als Jiǎ Zhèng [212] sah, wie vergnügt die Herzoginmutter [213] war, musste er wohl oder übel der Heiterkeit Genüge tun. Gerade wollte er anfangen, da warnte die Herzoginmutter [214] noch lächelnd: „Wenn du uns nicht zum Lachen bringst, wirst du noch einmal bestraft!" Jiǎ Zhèng [215] sagte lächelnd: „Ich kenne nur einen einzigen Witz. Wenn er nicht zum Lachen ist, muss ich die Strafe eben annehmen." Und schmunzelnd begann er: „In einer Familie gab es einen Mann, der hatte schreckliche Angst vor seiner Frau." Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, da lachten schon alle — aber nur, weil sie es noch nie erlebt hatten, dass Jiǎ Zhèng [216] einen Witz erzählte. Die Herzoginmutter [217] sagte lächelnd: „Das wird bestimmt etwas Gutes!" Jiǎ Zhèng [218] erwiderte lächelnd: „Wenn es gut ist, muss die alte gnädige Frau einen Becher zusätzlich trinken." Die Herzoginmutter [219] lachte: „Das versteht sich!" Jiǎ Zhèng [220] fuhr fort: „Dieser Mann, der seine Frau fürchtete, hatte noch nie gewagt, einen einzigen unerlaubten Schritt zu tun. Doch ausgerechnet am fünfzehnten des achten Monats ging er auf die Straße, um etwas einzukaufen, und traf dabei ein paar Freunde, die ihn mit Gewalt zu einem von ihnen nach Hause schleppten, um Wein zu trinken. Unglücklicherweise betrank er sich dort und schlief bei seinem Freund ein. Erst am nächsten Tag wachte er auf, bereute es bitterlich — aber was blieb ihm anderes übrig, als nach Hause zu gehen und seine Schuld einzugestehen? Seine Frau wusch sich gerade die Füße und sagte: ‚Wenn das so ist, dann leck mir die Füße sauber — dann verzeihe ich dir!' Der Mann musste ihr wohl oder übel die Füße lecken, aber unweigerlich wurde ihm so übel, dass er sich übergeben musste. Da wurde seine Frau wütend, drohte ihn zu schlagen und rief: ‚Was ist das für ein Benehmen!' Vor Angst kniete der Mann sofort nieder und flehte: ‚Es ist ja nicht, weil die Füße der Herrin schmutzig sind! Nur habe ich gestern Abend zu viel gelben Reiswein getrunken und außerdem ein paar gefüllte Mondkuchen gegessen, deshalb ist mir heute ein wenig übel.'" Die Herzoginmutter [221] und alle Anwesenden brachen in schallendes Gelächter aus. Jiǎ Zhèng [222] schenkte sogleich einen Becher ein und reichte ihn der Herzoginmutter [223]. Diese sagte lächelnd: „Wenn das so ist, lasst schnell Branntwein holen, damit es euch nicht auch so ergeht!" Und wieder lachten alle.

Darauf wurde erneut die Trommel geschlagen, und der Zweig machte von Jiǎ Zhèng [224] aus die Runde. Ausgerechnet als er bei Schatzjade [225] anlangte, verstummte die Trommel. Schatzjade [226] war in Jiǎ Zhèngs [227] Anwesenheit ohnehin befangen und unruhig, und nun hielt er auch noch den Blütenzweig in der Hand. Er überlegte: ‚Wenn mein Witz nicht zum Lachen ist, heißt es wieder, ich hätte kein Redetalent — nicht einmal einen Witz kann er erzählen, geschweige denn etwas anderes. Mache ich es aber gut, heißt es, auf etwas Ordentliches verstehe er sich nicht, nur auf glattzüngiges Geschwätz — das wäre ein noch größerer Fehler. Besser, ich erzähle gar nichts.' Also stand er auf und entschuldigte sich: „Ich kann keine Witze erzählen — darf ich bitte um eine andere Aufgabe bitten?" Jiǎ Zhèng [228] sagte: „Gut — dann gebe ich dir das Wort ‚Herbst' vor, und du schreibst aus dem Stegreif ein Gedicht, das zum heutigen Abend passt. Wenn es gut ist, wirst du belohnt; wenn nicht, nimm dich morgen in Acht!" Die Herzoginmutter [229] warf sogleich ein: „Wir haben doch ein so schönes Trinkspiel — warum muss er jetzt ein Gedicht schreiben?" Jiǎ Zhèng [230] sagte: „Er kann das." Die Herzoginmutter [231] lenkte ein: „Nun gut, dann schreib." Und sie ließ Papier und Pinsel bringen. Jiǎ Zhèng [232] legte fest: „Du darfst aber nicht solche abgegriffenen Wörter wie ‚Eis', ‚Jade', ‚Kristall', ‚Silber', ‚bunt', ‚strahlend', ‚hell' oder ‚rein' verwenden, sondern musst etwas Eigenes leisten und zeigen, was dich in den letzten Jahren bewegt hat." Das traf genau Schatzjades [233] Empfinden. Sogleich fielen ihm vier Zeilen ein, er schrieb sie nieder und reichte den Bogen Jiǎ Zhèng [234]. Dieser las: ... (Anmerkung: An dieser Stelle hat das Manuskript eine Lücke.) Jiǎ Zhèng [235] las es durch und nickte schweigend. Als die Herzoginmutter [236] das sah, wusste sie, dass es nicht allzu schlecht sein konnte, und fragte: „Nun, wie ist es?" Um der Herzoginmutter [237] eine Freude zu machen, sagte Jiǎ Zhèng [238]: „Er hat sich Mühe gegeben. Nur weil er nicht fleißig genug liest, ist die Wortwahl nicht edel." Die Herzoginmutter [239] sagte: „Lass gut sein! Wie alt ist er denn? Muss er unbedingt ein großes Genie sein? Man sollte ihn belohnen — dann wird er in Zukunft noch eifriger." Jiǎ Zhèng [240] sagte: „Ganz recht." Und er wandte sich um und befahl einer alten Amme: „Geh hinüber und lass dir von den Dienerknaben in meinem Arbeitszimmer zwei von den Fächern geben, die ich aus Hǎinán [241] mitgebracht habe — die soll er bekommen." Schatzjade [242] verbeugte sich zum Dank und kehrte auf seinen Platz zurück, um am Trinkspiel weiter teilzunehmen. Da nun hatte Jiǎ Lán [243] gesehen, wie Schatzjade [244] belohnt worden war, und trat seinerseits vor den Tisch, um ebenfalls ein Gedicht zu verfassen. Er reichte es Jiǎ Zhèng [245], und dieser las: ... (Anmerkung: An dieser Stelle hat das Manuskript ebenfalls eine Lücke.) Jiǎ Zhèng [246] las es und konnte seine Freude nicht verbergen. Als er beide Gedichte der Herzoginmutter [247] erklärte, war auch sie hocherfreut und befahl Jiǎ Zhèng [248] sogleich, Jiǎ Lán [249] ebenfalls zu belohnen. Dann kehrten alle auf ihre Plätze zurück und setzten das Trinkspiel fort.

Diesmal hielt der Blütenzweig in Jiǎ Shès [250] Hand inne. Notgedrungen trank er Wein und begann seinen Witz: „In einer Familie gab es einen überaus pflichtbewussten Sohn. Eines Tages wurde seine Mutter krank, und obwohl er überall Ärzte suchte, fand er keinen. Schließlich holte er eine alte Frau, die sich auf Akupunktur verstand. Die Alte, die von der Pulsdiagnostik keine Ahnung hatte, erklärte, es sei ‚Feuer des Herzens', und wenn man die Mutter jetzt mit Nadeln behandle, werde sie bald wieder gesund. Da erschrak der Sohn und fragte: ‚Das Herz stirbt, wenn es Eisen berührt — wie wollt Ihr denn mit Nadeln dorthin stechen?' Die Alte antwortete: ‚Ich steche nicht ins Herz, nur in die Rippen.' Der Sohn fragte: ‚Aber die Rippen sind doch weit vom Herzen entfernt — wie soll das helfen?' Die Alte erwiderte: ‚Das macht nichts. Ihr wisst wohl nicht, wie viele Eltern auf dieser Welt ein Herz haben, das ganz auf die eine Seite geneigt ist!'" Alle lachten los. Auch die Herzoginmutter [251] musste einen halben Becher Wein trinken. Nach einer Weile sagte sie lächelnd: „Da könnte diese Alte auch mich behandeln." Als Jiǎ Shè [252] das hörte, merkte er, dass seine Worte unbedacht gewesen waren und die Herzoginmutter [253] sich getroffen fühlte. Sofort stand er auf, ergriff lächelnd ihren Weinbecher, um nachzuschenken, und lenkte das Gespräch rasch auf ein anderes Thema. Die Herzoginmutter [254] konnte die Sache nicht gut weiterverfolgen und ließ das Trinkspiel fortsetzen.

Zu aller Überraschung hielt der Blütenzweig nun in Jiǎ Huáns [255] Hand an. Jiǎ Huán [256] hatte in letzter Zeit gewisse Fortschritte im Lernen gemacht, war aber ebenso wie Schatzjade [257] nicht sonderlich auf den eigentlichen Lehrstoff erpicht. Er las vielmehr gern Gedichte, wobei ihm besonders das Seltsame und Unheimliche, Unsterbliche und Geisterhafte behagten. Als er sah, wie Schatzjade [258] für sein Gedicht belohnt wurde, juckte es ihn in den Fingern — doch in Jiǎ Zhèngs [259] Gegenwart wagte er nicht, sich vorzudrängen. Nun aber hielt er glücklicherweise den Blütenzweig in der Hand, bat also um Papier und Pinsel und warf im Nu einen Vierzeiler nieder, den er Jiǎ Zhèng [260] reichte. Jiǎ Zhèng [261] las die Verse und fand sie zwar ungewöhnlich, erkannte aber zwischen den Zeilen eine Abneigung gegen das Lernen. Missmutig sagte er: „Da sieht man, dass die beiden Brüder sind! In Wortwahl und Ausdruck neigen sie beide auf Abwege; in Zukunft werden sie sich wohl nicht an Lot und Richtschnur halten — ein heilloses Pack! Die Alten sprachen von den ‚Zwei Vorzüglichen', und tatsächlich könnte man auch euch beide so nennen — nur müsste das Wort ‚vorzüglich' dann im Sinne von ‚vorzüglich schwer zu erziehen' verstanden werden. Der Ältere hält sich ganz offen für einen zweiten Wēn Tíngyún, und nun bildet sich der Jüngere ein, Cáo Táng sei in ihm wiederauferstanden." Jiǎ Shè [262] und die anderen lachten. Dann ließ sich Jiǎ Shè [263] das Gedicht geben, las es durch und lobte es in den höchsten Tönen: „Meiner Meinung nach hat dieses Gedicht echtes Rückgrat! Eine Familie wie die unsere kann man nicht mit diesen armseligen Gelehrten vergleichen, die im Licht des Mondes und beim Schein von Glühwürmchen studieren müssen, nur damit sie eines Tages ‚im Krötenpalast einen Lorbeerzweig brechen' und endlich frei atmen können. Natürlich müssen unsere Kinder die Bücher studieren, aber wenn sie nur ein wenig aufgeweckter sind als andere, ist ihnen ein Amt sicher, sobald die Zeit dafür reif ist. Warum also unnötig Zeit verschwenden und aus ihnen Bücherwürmer machen? Darum gefällt mir sein Gedicht — es atmet den Geist unseres fürstlichen Hauses." Dann ließ er durch jemanden aus seinen Räumen allerlei Spielsachen und Kostbarkeiten holen und schenkte sie Jiǎ Huán [264]. Dabei tätschelte er ihm den Kopf und sagte lächelnd: „Mach nur so weiter — das ist der Stil unserer Familie! Unser Erbtitel wird dir ganz bestimmt nicht entgehen." Jiǎ Zhèng [265] hörte das und warnte sofort: „Das war doch nur leichtfertiges Gerede — da kann man doch noch lange nicht auf die Zukunft schließen." Darauf wurde wieder Wein eingeschenkt und das Trinkspiel noch eine Weile fortgesetzt. Dann sagte die Herzoginmutter [266]: „Geht jetzt. Draußen warten bestimmt noch eure jungen Freunde — auch sie dürft ihr nicht vernachlässigen. Zudem ist die zweite Nachtwache schon weit vorgerückt. Macht Schluss und lasst mich noch ein Weilchen mit den Mädchen genießen, dann will ich mich zur Ruhe legen." Als Jiǎ Shè [267] und die anderen das hörten, beendeten sie das Spiel, alle leerten noch einmal gemeinsam ihre Becher, und dann gingen die Herren mit Söhnen und Neffen davon. Wer Näheres wissen will, der lese das nächste Kapitel.

  1. 尤氏
  2. 惜春
  3. 王夫人
  4. 李纨
  5. 素云
  6. 银蝶
  7. 炒豆儿
  8. 宝钗
  9. 宝钗
  10. 宝钗
  11. 贾母
  12. 宝钗
  13. 湘云
  14. 史大妹妹
  15. 宝钗
  16. 探春
  17. 湘云
  18. 宝钗
  19. 探春
  20. 探春
  21. 探春
  22. 惜春
  23. 探春
  24. 王善保
  25. 宝钗
  26. 探春
  27. 探春
  28. 惜春
  29. 探春
  30. 凤姐
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  33. 湘云
  34. 宝钗
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  36. 王夫人
  37. 贾母
  38. 凤姐
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  41. 贾母
  42. 王夫人
  43. 贾母
  44. 鸳鸯
  45. 王夫人
  46. 贾母
  47. 鸳鸯
  48. 宝琴
  49. 贾母
  50. 探春
  51. 探春
  52. 宝琴
  53. 待书
  54. 鸳鸯
  55. 贾赦
  56. 贾政
  57. 贾母
  58. 贾母
  59. 贾母
  60. 凤哥儿
  61. 黛玉
  62. 宝玉
  63. 贾兰
  64. 贾母
  65. 贾母
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  68. 宝琴
  69. 贾母
  70. 鸳鸯
  71. 琥珀
  72. 贾母
  73. 银蝶
  74. 贾母
  75. 鸳鸯
  76. 王夫人
  77. 贾母
  78. 鸳鸯
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  80. 鸳鸯
  81. 王夫人
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  83. 贾母
  84. 银蝶
  85. 宁国府
  86. 银蝶
  87. 银蝶
  88. 贾蓉
  89. 贾珍
  90. 贾珍
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  92. 贾蓉
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  95. 贾环
  96. 贾琮
  97. 宝玉
  98. 贾兰
  99. 贾珍
  100. 贾珍
  101. 邢德全
  102. 邢夫人
  103. 薛蟠
  104. 邢德全
  105. 邢夫人
  106. 薛蟠
  107. 薛蟠
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  109. 贾珍
  110. 贾蓉
  111. 薛蟠
  112. 邢德全
  113. 邢德全
  114. 贾珍
  115. 贾珍
  116. 邢德全
  117. 贾珍
  118. 邢德全
  119. 邢夫人
  120. 邢德全
  121. 王善保
  122. 贾珍
  123. 银蝶
  124. 邢德全
  125. 邢德全
  126. 贾珍
  127. 佩凤
  128. 贾珍
  129. 佩凤
  130. 佩凤
  131. 佩凤
  132. 凤姐
  133. 佩凤
  134. 佩凤
  135. 佩凤
  136. 佩凤
  137. 南京
  138. 贾蓉
  139. 贾蓉
  140. 荣国府
  141. 贾珍
  142. 贾珍
  143. 佩凤
  144. 贾珍
  145. 佩凤
  146. 文花
  147. 贾珍
  148. 贾珍
  149. 贾珍
  150. 贾珍
  151. 贾珍
  152. 贾珍
  153. 荣国府
  154. 贾赦
  155. 贾政
  156. 贾母
  157. 贾琏
  158. 宝玉
  159. 贾环
  160. 贾兰
  161. 贾珍
  162. 贾母
  163. 贾母
  164. 宝玉
  165. 贾珍
  166. 贾母
  167. 贾珍
  168. 贾母
  169. 贾珍
  170. 贾政
  171. 贾母
  172. 宝玉
  173. 嘉荫堂
  174. 邢夫人
  175. 贾母
  176. 贾母
  177. 贾母
  178. 嘉荫堂
  179. 贾母
  180. 王夫人
  181. 贾母
  182. 贾赦
  183. 贾政
  184. 鸳鸯
  185. 琥珀
  186. 贾母
  187. 邢夫人
  188. 凸碧山庄
  189. 贾母
  190. 贾赦
  191. 贾珍
  192. 贾琏
  193. 贾蓉
  194. 贾政
  195. 宝玉
  196. 贾环
  197. 贾兰
  198. 贾母
  199. 迎春
  200. 探春
  201. 惜春
  202. 邢夫人
  203. 贾琏
  204. 宝玉
  205. 贾母
  206. 贾母
  207. 贾赦
  208. 贾政
  209. 贾政
  210. 贾母
  211. 贾母
  212. 贾政
  213. 贾政
  214. 贾母
  215. 贾政
  216. 贾母
  217. 贾政
  218. 贾母
  219. 贾政
  220. 贾母
  221. 贾政
  222. 宝玉
  223. 宝玉
  224. 贾政
  225. 贾政
  226. 贾母
  227. 贾政
  228. 贾母
  229. 贾政
  230. 宝玉
  231. 贾政
  232. 贾政
  233. 贾母
  234. 贾母
  235. 贾政
  236. 贾母
  237. 贾政
  238. 海南
  239. 宝玉
  240. 贾兰
  241. 宝玉
  242. 贾政
  243. 贾政
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  245. 贾政
  246. 贾兰
  247. 贾赦
  248. 贾母
  249. 贾赦
  250. 贾母
  251. 贾母
  252. 贾环
  253. 贾环
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  255. 宝玉
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  257. 贾政
  258. 贾政
  259. 贾赦
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  264. 贾赦