Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 78"

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Achtundsiebzigstes Kapitel
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Der alte Gelehrte lässt zum Vergnügen ein Gedicht auf eine schöne Kriegerin verfassen; der verliebte junge Herr erfindet eine Totenklage auf die Hibiskusgöttin<ref>芙蓉女儿 (Fúróng Nǐ’ér), die „Hibiskustochter“. Schatzjades Totenklage „芙蓉女儿诼“ ist eines der bedeutendsten literarischen Stücke im Roman und eine Hommage an die elegische Tradition der Chu-Ci (楚辞).</ref>
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_78|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_78|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 78 =
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Es wird erzählt, dass Dame König, nachdem die beiden Nonnen Duftblümchen und die anderen mitgenommen hatten, zur Herzoginmutter ging, um ihr den Morgengruß zu entbieten. Als sie die Herzoginmutter guter Stimmung vorfand, nutzte sie die Gelegenheit und berichtete: „In Schatzjades Räumen gibt es eine Dienerin namens Heitermuster. Das Mädchen ist schon groß geworden, und obendrein ist sie das ganze Jahr über krank. Ich habe bemerkt, dass sie fauler und ungezogener ist als die anderen. Vor kurzem lag sie wieder über zehn Tage krank darnieder; der Arzt diagnostizierte Mädchenschwindsucht, und deshalb habe ich sie sofort fortschicken lassen. Wenn sie genesen ist, brauchen wir sie nicht zurückzurufen — man kann sie dann gleich ihren Leuten zur Verheiratung geben. Was die Schauspielmädchen betrifft, die seinerzeit das Theaterspielen lernten, so habe ich sie ebenfalls auf eigene Verantwortung freigelassen. Erstens haben sie durchs Theaterspielen gelernt, ungehemmt zu reden und alles Mögliche daherzuplappern — wie soll das angehen, wenn die jungen Damen so etwas hören? Zweitens ist es nur recht und billig, dass man sie freilässt, nachdem sie eine Zeitlang gesungen haben. Außerdem haben wir ohnehin zu viele Dienerinnen. Wenn es nicht genug sind, wählen wir eben ein paar neue aus — das ist dasselbe.“
== 老學士閑徵姽嫿詞 / 痴公子杜撰芙蓉誄 ==
 
=== Der alte Gelehrte laesst zum Vergnuegen ein Gedicht auf eine schoene Kriegerin verfassen; Der verliebte junge Herr erfindet eine Totenklage auf die Hibiskusgottheit ===
 
  
en Weg und fragte: „Wohin bringt ihr sie?“
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Die Herzoginmutter nickte: „Das ist durchaus vernünftig. Ich habe mir auch schon so etwas gedacht. Aber diese Heitermuster — ich fand sie immer ausgezeichnet. Wie konnte es so weit kommen? Meiner Meinung nach können all die anderen Dienerinnen an Aussehen, Gewandtheit, Redekunst und Handarbeit nicht mit ihr mithalten. Ich dachte, sie allein sei es wert, Schatzjade künftig zu dienen. Wer hätte geahnt, dass sie sich so verändern würde?“
Dschou Juees Frau und die anderen Sklavinnen wußten sehr gut, wie sich Bau-yü stets benahm, und befürchteten, er würde durch sein Geschwätz die Sache verderben, darum erwiderten sie ihm lächelnd: „Mit dir hat das nichts zu tun. Geh an deine Bücher!“
 
„Liebe Schwestern, so wartet doch!“ bat Bau-yü lächelnd. „Ich habe euch etwas zu sagen.“
 
„Die gnädige Frau hat uns verboten, auch nur einen Augenblick zu zögern“, beharrte Dschou Juees Frau. „Was also gäbe es da noch zu sagen?! Wir haben nur auszuführen, was die gnädige Frau uns befiehlt, und um andere Dinge können wir uns nicht groß bekümmern.“
 
Sï-tji, die sich an Bau-yü klammerte, kaum daß sie ihn erblickt hatte, bat ihn jetzt: „Sie können da nichts machen. Geh doch du zur gnädigen Frau und bitte für mich!“
 
Unwillkürlich wurde auch Bau-yü von Kummer ergriffen, und mit Tränen in den Augen sagte er: „Ich weiß nicht, was du Schlimmes angestellt hast. Tjing-wën ist auch krank, und du gehst jetzt fort. Was soll werden, wenn ihr alle geht?“ Ungeduldig fuhr Dschou Juees Frau inzwischen Sï-tji an: „Du bist jetzt kein Beinahe-Fräulein mehr, und wenn du nicht hören willst, kann ich dich auch schlagen. Bilde dir nur nicht ein, du könntest dich noch genauso aufführen wie früher, als dein Fräulein die Hand über dich gehalten hat. Sieh zu, daß du endlich weiterkommst, anstatt hier noch lange zu schwatzen. Was ist das überhaupt für ein Benehmen, sich so an den jungen Herrn zu klammern?“ Und ohne sich auf weitere Erörterungen einzulassen, zogen die Sklavenfrauen Sï-tji mit sich fort.
 
Bau-yü hatte Angst, die Frauen könnten ihn anschwärzen gehen, darum starrte er ihnen nur böse nach, und erst als sie schon weit fort waren, streckte er die Hand nach ihnen aus und sagte empört: „Merkwürdig, merkwürdig! Wie kommt es nur, daß die Frauen, kaum daß sie verheiratet sind und mit Männergeruch in Berührung kommen, so gemein werden, daß man eher sie umbringen möchte als die Männer?“
 
Als die alten Sklavenfrauen, die das Gartentor zu hüten hatten, diese Worte vernahmen, mußten sie unwillkürlich lachen und fragten ihn: „Demnach sind wohl alle Mädchen gut, und alle Frauen sind schlecht?“
 
„Genau so ist es“, bestätigte Bau-yü und nickte dazu.
 
Lächelnd baten die Sklavenfrauen: „Dann erklärt uns doch bitte noch einen Satz, den wir in unserer Dummheit nicht verstehen...“
 
Aber noch ehe sie weitersprechen konnten, kamen einige andere alte Sklavenfrauen und warnten sie dringend: „Seid vorsichtig! Ruft alle zusammen und bleibt auf euren Posten! Die gnädige Frau kommt persönlich in den Garten, um das Personal zu inspizieren. Wahrscheinlich wird sie auch hierher kommen. Außerdem hat sie befohlen, daß der Vetter der Magd Tjing-wën aus dem Hof der Freude am Roten und die Frau des Vetters sofort geholt werden und hier warten, um Tjing-wën mitzunehmen.“
 
Dann setzten sie lächelnd hinzu: „Buddha Amitabha! Endlich hat der Himmel die Augen geöffnet und schafft uns diese bösartige Hexe vom Hals. Jetzt werden wir alle ein bißchen friedlicher leben!“
 
Kaum hatte Bau-yü gehört, Dame Wang sei im Garten, um das Personal zu inspizieren, befürchtete er sogleich, jetzt werde auch Tjing-wën nicht mehr zu halten sein, und wie im Flug stürzte er davon. Deshalb hatte er die letzte Äußerung der Zufriedenheit schon nicht mehr wahrgenommen.
 
Als Bau-yü in den Hof der Freude am Roten trat, fand er dort einen ganzen Trupp Leute vor. Dame Wang saß mit zorniger Miene im Zimmer und schenkte ihm keine Beachtung, als sie ihn sah.
 
Tjing-wën hatte schon vier, fünf Tage lang nicht einmal Wasser und Reis zu sich genommen. Sie war krank und schwach. Als sie jetzt vom Ofenbett gezerrt wurde, war ihr Haar zerzaust, und ihr Gesicht war schmutzig, zwei Frauen mußten sie stützen. Auf Befehl von Dame Wang durfte sie nur behalten, was sie auf dem Leib trug. All ihre guten Kleider sollten dableiben, damit bessere Mädchen sie tragen könnten.
 
Dann gab Dame Wang den Befehl, alle Sklavenmädchen des Gehöfts zusammenzurufen, um sich eine nach der andern anzusehen. Nachdem Dame Wang neulich wütend geworden war und Wang Schan-baus Frau die Gelegenheit genutzt hatte, um Tjing-wën zu Fall zu bringen, hatten sich noch andere gefunden, die sich mit den Mädchen im Garten nicht verstanden und deshalb ebenfalls die Gunst der Stunde nutzten, um ein paar Worte anzubringen.
 
Dame Wang hatte sich alles gut gemerkt, und nur weil sie durch die Feiertage beschäftigt gewesen war, hatte sie sich einige Tage geduldet. Jetzt aber war sie extra gekommen, um alle Mädchen persönlich in Augenschein zu nehmen. Dabei war die Sache mit Tjing-wën nur das eine, denn man hatte sie darauf aufmerksam gemacht, daß Bau-yü schon groß sei und um die Geheimnisse der Erwachsenen wisse, doch statt sich zu vervollkommnen, werde er durch die Mägde in seinen Räumen verdorben. Dies war schlimmer als die Anwesenheit von Tjing-wën, und deshalb sah sich Dame Wang jedes einzelne Sklavenmädchen von Hsi-jën bis hinunter zu den allergeringsten, die für grobe Arbeiten eingesetzt waren, mit eigenen Augen an. Anschließend fragte sie: „Wer hat an einem Tag mit Bau-yü Geburtstag?“
 
Das betreffende Mädchen wagte nicht, sich zu melden, aber eine alte Amme zeigte mit dem Finger auf sie und sagte: „Hier, diese Huee-hsiang, die auch Sï-örl genannt wird, hat am selben Tag Geburtstag wie er.“
 
Dame Wang sah sich das Mädchen aufmerksam an, und wenn es auch nicht halb so gut aussah wie Tjing-wën, war es doch in einem bestimmten Maße frisch und lieblich. Ihrem Benehmen war anzumerken, daß sie klug war, und auch ihre Aufmachung unterschied sich von der der übrigen.
 
Mit kühlem Lächeln sagte Dame Wang: „Noch so ein schamloses Ding! Sie hat insgeheim behauptet, wenn zwei am selben Tag Geburtstag hätten, würden sie Mann und Frau. – Das hast du doch gesagt? Du hast wohl geglaubt, weil ich weit weg wohne, wüßte ich von nichts? Aber wie du siehst, bin ich körperlich zwar nicht oft hier, mein Herz und meine Ohren aber sind es sehr wohl. Glaubt ihr, ich würde meinen einzigen Sohn in aller Seelenruhe von euch verführen und verderben lassen?“
 
Als Sï-örl hörte, wie Dame Wang die Worte wiederholte, die sie ehedem heimlich zu Bau-yü gesagt hatte, wurde sie unwillkürlich rot, ließ den Kopf hängen und begann zu weinen. Dame Wang befahl sofort, man solle ihre Angehörigen kommen lassen, um sie abzuholen und mit jemandem zu verheiraten. Dann fragte sie: „Wer ist Yä-lü Hsiung-nu?“
 
Die alten Ammen zeigten auf Fang-guan, und Dame Wang erklärte: „Ein Schauspielermädchen ist natürlich ein Fuchsdämon0! Als ihr letztens freigelassen werden solltet, wolltet ihr nicht fort. Aber dann hättet ihr euch bescheiden in euer Los fügen müssen. Du aber spukst hier herum und stiftest Bau-yü zu allem möglichen Unfug an.“
 
„Wie würde ich das wagen!“ verteidigte sich Fang-guan lächelnd.
 
„Du widersprichst mir noch?“ fragte Dame Wang und lächelte dabei ebenfalls. „Dann frage ich dich, wer hat im vorvorigen Jahr, während wir an den Kaisergräbern waren, Bau-yü dazu angestiftet, diese Wu-örl von den Lius zu sich zu nehmen? Glücklicherweise war es dem Mädchen vom Schicksal beschieden, jung zu sterben. Wenn sie hier hereingekommen wäre und du dich mit ihr zusammengetan hättest, dann hättet ihr den ganzen Garten auf den Kopf gestellt. Von anderen ganz zu schweigen, du hast ja selbst deine eigene Pflegemutter an die Wand gedrückt.“
 
Dann befahl sie: „Ruft ihre Pflegemutter, damit sie sie abholt! Sie darf ihr selbst einen Bräutigam von außerhalb suchen. Und gebt ihr all ihre Sachen mit!“
 
Als nächstes ordnete sie an, von den Schauspielermädchen, die man damals den einzelnen Mädchen zugeteilt hatte, dürfe keine einzige im Garten bleiben. Sie sollten alle von ihrer jeweiligen Pflegemutter abgeholt und nach deren Ermessen verheiratet werden.
 
Kaum war dieser Befehl übermittelt, als sich die Pflegemütter der Schauspielermädchen sogleich außerordentlich dankbar und zufrieden zeigten. Alle gemeinsam erschienen sie vor Dame Wang, um sich kniefällig zu bedanken und die Mädchen fortzuführen.
 
Dann durchsuchte Dame Wang alle Sachen in Bau-yüs Räumen, und alles, was ihr befremdlich vorkam, ließ sie einstecken oder zusammenrollen und in ihre eigenen Räume tragen. „Jetzt herrscht Sauberkeit“, sagte sie anschließend, „und wir erspraren uns das Gerede von Außenstehenden.“
 
Hsi-jën und Schë-yüä wurden ermahnt: „Nehmt euch in acht! Wenn auch nur das Geringste passiert, kenne ich kein Erbarmen mehr! Ich habe schon nachschlagen lassen0, dieses Jahr ist für einen Umzug nicht geeignet, darum soll er einstweilen noch hierbleiben, aber nächstes Jahr zieht ihr wieder mit ihm aus, damit ich Ruhe finde.“
 
Nach diesen Worten führte Dame Wang ihr ganzes Gefolge hinaus, ohne auch nur Tee getrunken zu haben, und setzte ihre Inspektion an anderer Stelle fort. Aber wir wollen nicht vorgreifen.
 
Bau-yü hatte ursprünglich angenommen, Dame Wang sei nur zu einer einfachen Kontrolle gekommen und es läge nichts weiter vor. Nun aber war sie förmlich mit Donner und Blitz erschienen. Alle ihre Vorwürfe hatten Dinge betroffen, die wirklich gesagt worden waren, und kein Wort davon war unwahr. Darum ließ sich wahrscheinlich an ihren Entschlüssen nichts mehr ändern.
 
Bau-yü wäre vor lauter Wut zwar am liebsten gestorben, aber solange Dame Wang voller Zorn war, wagte er kein überflüssiges Wort zu sagen und keinen überflüssigen Schritt zu tun. Statt dessen begleitete er sie bis zum Duftgetränkten Pavillon. Hier befahl ihm Dame Wang: „Geh zurück und lies brav in deinen Büchern! Paß auf, wenn du morgen gefragt wirst! Dein Vater hat sich vorhin schon einmal geärgert.“
 
Erst nach dieser Aufforderung machte Bau-yü kehrt. Den ganzen Weg überlegte er: „Wer kann da so geschwätzig gewesen sein? Zumal doch niemand etwas davon weiß, was bei mir vorgeht. Warum konnte sie das alles so genau sagen?“ Mit diesem Gedanken trat er ins Haus und erblickte Hsi-jën, die ihren Tränen freien Lauf ließ.
 
Wie sollte sich Bau-yü jetzt nicht betrüben, da ihm der wichtigste Mensch genommen wurde! Also warf er sich aufs Bett und heulte ebenfalls.
 
Hsi-jën wußte, daß ihm nichts so nahe ging wie die Trennung von Tjing-wën, darum stieß sie ihn an und redete ihm zu: „Weinen hat keinen Zweck. Steh auf und laß dir sagen, Tjing-wën ging es schon besser. Jetzt kann sie sich noch zu Hause ein paar Tage in Ruhe erholen. Wenn du wirklich nicht von ihr lassen kannst, dann warte, bis der Zorn der gnädigen Frau verraucht ist, und bitte dann bei der alten gnädigen Frau. Dann kann es nicht schwer sein, daß sie mit der Zeit wieder zurückkommen darf. Es ist nur ein Zufall, daß die gnädige Frau auf die Verleumdungen der Leute gehört und im Zorn so entschieden hat.“
 
„Ich weiß nicht, was für ein himmelschreiendes Verbrechen Tjing-wën begangen haben soll“, sagte Bau-yü schluchzend.
 
„Die gnädige Frau verübelt ihr nur, daß sie so gut ausieht und dadurch unvermeidlich ein wenig leichtfertig ist“, erläuterte Hsi-jën. „Sie weiß nur zu gut, daß kein Friede herrschen kann, wo so eine Schönheit lebt, und deshalb verabscheut sie sie. Solche plumpen, groben Dinger wie wir aber sind ihr recht.“
 
„Das mag sein“, sagte Bau-yü, „aber woher weiß sie selbst unsere heimlichen Scherzworte? Die kann kein Fremder verraten haben. Das ist merkwürdig.“
 
„Du selbst kennst doch keine Tabus“, entgegnete Hsi-jën. „Wenn du dich einmal freust, ist es dir ganz egal, ob jemand dabei ist oder nicht. Wenn ich dir Zeichen machte und dich zu warnen versuchte, wußten die Leute schon alles, ehe du auch nur etwas gemerkt hast.“
 
„Aber wie kommt es, daß die gnädige Frau, wenn sie über die Fehler von allen Bescheid weiß, weder dich noch Schë-yüä oder Tjiu-wën angesprochen hat?“ fragte Bau-yü verwundert.
 
Betroffen senkte Hsi-jën den Kopf, als sie das hörte, und wußte lange nichts zu erwidern, bis sie endlich mit lächelnder Miene sagte: „Ja, eben! Wenn man bedenkt, daß auch wir in unseren unbedachten Scherzen gegen die guten Sitten verstoßen, warum hat sie uns dann vergessen? Wahrscheinlich hat sie noch andere Sorgen, und erst wenn sie damit fertig ist, wird sie sich uns vornehmen. Wer weiß?“
 
„Du bist das gerühmte Muster an Güte und Tüchtigkeit, und die beiden hast du geformt und erzogen. Was sollte es bei euch für Verstöße zu bestrafen geben?“ sagte Bau-yü lächelnd. „Fang-guan ist noch klein und ein bißchen zu keck, so hat sie sich unvermeidlich aufs hohe Roß gesetzt und Leute unter Druck gesetzt, deren Haß sie sich dadurch zuzog. Bei Sï-örl trage ich die Schuld. Als ich mich einmal mit dir gezankt hatte, befahl ich sie hinterher zu mir, um sie einige feinere Arbeiten verrichten zu lassen, und so hat sie sich eine höhere Stellung angemaßt. Nur dadurch ist es zu diesem Ende gekommen.
 
Aber Tjing-wën ist genau wie du in jungen Jahren aus den Räumen der alten gnädigen Frau hierher gekommen. Und wenn sie auch besser gewachsen ist als andere, so ist doch das kein besonderer Hinderungsgrund. Und mag sie ihrem Charakter nach auch offenherzig sein und eine scharfe Zunge haben, so hat sie doch euch nichts getan. Ich denke mir, sie ist wirklich zu gut gewachsen, und das hat ihre Sache verdorben.“ Bei diesen Worten brach er wieder in Tränen aus.
 
Hsi-jën bedachte sorgfältig, was er gesagt hatte, und es schien ihr, als ob er an ihr zweifelte. Darum konnte sie ihm nicht gut länger zureden und sagte statt dessen seufzend: „Der Himmel allein weiß es. Du wirst jetzt doch nicht herausfinden, wer daran schuld ist, und sinnlos herumzuheulen hat keinen Zweck. Das beste wird sein, du beruhigst dich und wartest ab, bis die alte gnädige Frau einmal in guter Stimmung ist. Dann erklärst du ihr alles und verlangst Tjing-wën zurück.“
 
„Du mußt mich nicht mit haltlosen Bemerkungen zu trösten versuchen“, entgegnete Bau-yü, „wie soll ich abwarten, bis die gnädige Frau sich beruhigt hat, und dann auf eine günstige Gelegenheit lauern, um Tjing-wën zurückzuverlangen? Wartet ihre Krankheit vielleicht? Seitdem sie als Kind hierher kam, ist sie verwöhnt worden und hat keinen einzigen Tag lang Kränkungen hinnehmen müssen. Selbst ich, der ich ihren Charakter kenne, habe sie oft genug verletzt.
 
Daß sie jetzt weggeschickt wurde, ist dasselbe, als würde ein Orchideentopf, der eben die ersten zarten Blätter bekommt, in den Schweinekoben gestellt. Zumal sie schwer krank ist und obendrein noch voller Verdruß. Sie hat auch keine leiblichen Eltern mehr, sondern nur einen ständig betrunkenen Vetter. Wie lange wird sie es dort aushalten können, so wenig, wie sie an so etwas gewöhnt ist? Wer weiß, ob ich sie überhaupt noch einmal wiedersehe!“
 
Lachend erwiderte Hsi-jën darauf: „Also wirklich, du bist wie der Bezirksvorsteher, der die ganze Stadt in Brand stecken kann0, während die Bevölkerung nicht einmal eine Lampe anzünden darf. Wenn wir einmal aus Versehen einen störenden Satz sagen, dann heißt es, das sei unheilbringendes Gerede. Jetzt aber dichtest du ihr ohne weiteres etwas an, als ob es so sein müßte. Auch wenn sie zarter sein mag als andere, wird es doch so schlimm nicht kommen.“
 
„Ich dichte ihr nicht einfach etwas an, schon im Frühjahr hat es ein Vorzeichen gegeben“, verteidigte sich Bau-yü.
 
Sofort wollte Hsi-jën wissen, was das gewesen sei, und Bau-yü erklärte ihr: „Der blühende Zierapfelbaum unten an der Treppe ist ohne jeden Grund zur Hälfte verdorrt, und da wußte ich, daß etwas passieren wird. Nun hat es sich an ihr bewahrheitet.“
 
Wieder lachte Hsi-jën, ehe sie ihm endlich vorhielt: „Eigentlich wollte ich es ja nicht sagen, aber nun kann ich es nicht mehr für mich behalten. Du benimmst dich wirklich wie ein altes Weib. Wie kann ein studierter Mann so etwas sagen! Kümmern sich Pflanzen und Bäume vielleicht um die Menschen? Wenn du nicht weibisch bist, bist du wirklich zum Trottel geworden.“
 
„Was wißt ihr schon davon!“ sagte Bau-yü und seufzte. „Nicht nur Pflanzen und Bäume, alle Dinge auf der Welt haben Gefühl und Verstand wie die Menschen. Und wenn sie einen verständnisvollen Freund gefunden haben, sind sie außerordentlich feinfühlig. Wenn ich dir große Beispiele nennen soll, so sind da der Wacholderbaum vor dem Konfuziustempel0, die Schafgarbe an Konfuzius‘ Grab0, der Lebensbaum vor dem Tempel für Dschu-gë Liang0 und die Kiefern an Yüä Fees Grab0.
 
All das sind berühmte Gewächse, die dem aufrechten Geist dieser Männer folgen und in Jahrtausenden nicht vergehen. Wenn die Welt in Unordnung ist, dann verkümmern sie, und wenn die Welt in Ordnung ist, dann gedeihen sie wieder. Im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sind sie mehrmals verdorrt und wieder zum Leben erwacht. Sind das etwa keine Vorzeichen?
 
Wenn ich dir kleine Beispiele anführen soll, so sind da die Päonien vor dem Adlerholzpavillon der Yang Tai-dschën0 und der Baum des Gedenkens an ihrem Aufrechten Turm0 zu nennen sowie das Gras auf dem Grabhügel der Wang Dschau-djün0. Sind das nicht ebenfalls feinfühlige Gewächse? Genauso wollte auch der Zierapfelbaum anzeigen, daß seine Herrin sterben wird, und darum ist zuerst er zur Hälfte gestorben.“
 
Als Hsi-jën diese närrische Rede hörte, war ihr zum Lachen wie auch zum Seufzen zumute, und lächelnd sagte sie: „Du bringst mich wirklich immer mehr in Zorn mit deinem Gerede. Wer ist denn Tjing-wën, daß du dir solche Gedanken machst und sie mit so großen Menschen vergleichst? Und außerdem, wie gut sie auch sein mag, kann sie mir doch den Rang nicht streitig machen. Wenn also von dem Zierapfelbaum die Rede ist, deutet er wohl zuerst auf mich, ehe sie an die Reihe kommt. Wahrscheinlich werde also ich sterben müssen!“
 
Als Bau-yü das hörte, hielt er ihr rasch den Mund zu und redete auf sie ein: „Warum mußt du so etwas sagen? Noch ist das Schicksal der einen nicht klar, da fängst du auf diese Weise an. Schluß jetzt, wir reden nicht mehr davon! Sonst könnte es geschehen, daß zu den dreien, die ich schon verloren habe, noch eine vierte hinzukommt.“
 
Hsi-jën hörte dies mit heimlicher Freude und sagte sich: „Wie hättest du die Sache auch anders zum Abschluß bringen wollen?“
 
„In Zukunft wollen wir nicht mehr davon reden und einfach so tun, als ob die drei tot wären, und das ist alles“, schlug Bau-yü vor. „Schließlich hat es ja auch schon Tote gegeben, ohne daß es mir viel ausgemacht hätte. Das ist genau dasselbe. Jetzt aber wollen wir von der Gegenwart sprechen! Denn ihre Sachen sind noch hier, und man darf zwar Höherstehende betrügen, aber nicht die Tieferstehenden. Darum mußt du heimlich jemand hinschicken, der ihr die Sachen bringt. Und wenn wir vielleicht noch erspartes Geld haben, solltest du ihr davon ein paar Münzschnüre0 schicken, damit sie sich auskurieren kann. Schließlich habt ihr eine Zeitlang wie Schwestern gelebt.“
 
„Du hältst uns wirklich für gar zu kleinlich und herzlos“, sagte Hsi-jën daraufhin lächelnd. „Als ob es erst deiner Aufforderung bedurft hätte! Vorhin schon habe ich alle ihre Kleider und was sie sonst noch besaß, zusammenpacken und beiseite legen lassen. Es gibt nur bei Tage zu viele neugierige Augen, so daß Unannehmlichkeiten daraus entstehen könnten, darum wollen wir bis zum Abend warten und dann heimlich Mutter Sung zu ihr schicken. Ich habe auch ein paar Münzschnüre gespart, die soll sie ebenfalls haben.“
 
Bau-yüs Dank nahm kein Ende, bis Hsi-jën endlich lächelnd bemerkte: „Schließlich bin ich doch seit langem ein gerühmtes Muster an Tüchtigkeit, muß ich mir da nicht wenigstens diesen Ruhm erwerben?“
 
Als Bau-yü diese Worte hörte, die er selbst eben gesagt hatte, lächelte er rasch und redete ein Weilchen begütigend auf Hsi-jën ein. Am Abend wurde Mutter Sung dann wirklich heimlich losgeschickt.
 
Nachdem Bau-yü durch entsprechende Aufträge alle beschäftigt wußte, hatte er die Möglichkeit, allein durch das rückwärtige Seitentor hinauszugehen und dort eine von den alten Sklavenfrauen zu bitten, sie möge ihn zu Tjing-wën führen. Zuerst wollte sich die Alte auf keinen Fall darauf einlassen und sagte, sie habe Angst, daß es jemand erfahren könnte. „Wenn es der gnädigen Frau gemeldet wird, habe ich nichts mehr zum Leben“, erklärte sie.
 
So mußte Bau-yü erst flehentlich bitten und einiges Geld versprechen, ehe die Alte ihn endlich hinführte.
 
Tjing-wën war seinerzeit von den Lais für Geld gekauft worden. Damals war sie erst zehn Jahre alt und ließ ihr Haar noch nicht wachsen. Weil sie oft von Mutter Lai mit ins Haus gebracht wurde und ebenso hübsch wie aufgeweckt war, fand die Herzoginmutter großes Gefallen an ihr. Daraufhin machte Mutter Lai sie der Herzoginmutter zum Geschenk, und so war sie schließlich in Bau-yüs Räume gekommen.
 
Als Tjing-wën ins Haus kam, erinnerte sie sich weder an ihre Heimat noch an ihre Eltern und wußte nur, daß sie einen Vetter hatte, der zwar ein guter Koch war, aber stellungslos herumlungerte. So bat Tjing-wën die Lais, sie sollten auch ihren Vetter kaufen, damit er eine Stellung bekam. Gerührt davon, daß Tjing-wën ihre alten verwandtschaftlichen Beziehungen nicht vergaß, obwohl sie inzwischen bei der Herzoginmutter diente, außerordentlich aufgeweckt war und eine spitze Zunge sowie ein temperamentvolles Wesen besaß, kauften die Lais auch Tjing-wëns Vetter und sorgten dafür, daß er ein Mädchen aus dem Hause zur Frau bekam.
 
Aber kaum daß der Vetter durch die Heirat in gesicherten Verhältnissen lebte, vergaß er auch schon, wie er jahrelang als Herumtreiber hatte leben müssen, und begann, hemmungslos zu trinken, ohne sich um seine Frau zu kümmern. Diese jedoch war eine gefühlvolle Schönheit, und als sie sah, daß ihr Mann sie nicht beachtete, empfand sie unvermeidlich den Kummer des Jadebaums zwischen gemeinem Schilf und die Qualen einer vernachlässigten jungen Frau. Doch dann stellte sie fest, daß ihr Mann sehr großzügig war und nicht im mindesten eifersüchtig, und nun ließ sie ihren Trieben und Gefühlen freien Lauf. Im ganzen Anwesen war sie auf der Suche nach Helden und Talenten, und schließlich hatte die Hälfte aller Männer, Herren so gut wie Sklaven, bei ihr die Prüfung abgelegt.
 
Wenn die Frage gestellt wird, wie die beiden hießen – es waren jener Trottel Duo und seine Frau Dëng, mit der Djia Liän, wie in einem früheren Kapitel erzählt wurde0, zu tun gehabt hatte. Sie waren die einzigen Verwandten, die Tjing-wën noch besaß, und so hielt sie sich nach ihrem Hinauswurf im Hause der beiden auf.
 
Der Trottel Duo war ausgegangen, und Frau Dëng besuchte nach dem Essen eine Nachbarin, so daß Tjing-wën allein im äußeren Zimmer lag. Nachdem Bau-yü der alten Sklavin befohlen hatte, im Hof Wache zu halten, hob er den Strohvorhang auf und trat ins Haus. Auf den ersten Blick entdeckte er Tjing-wën, die auf dem Ofenbett aus gestampfter Erde schlief, das nur mit einer Schilfmatte bedeckt war. Zum Glück hatte sie noch ihr Bettzeug aus den alten Tagen.
 
Hilflos trat Bau-yü näher, streckte weinend die Hand nach ihr aus und berührte sie sacht, wobei er leise ihren Namen rief.
 
Tjing-wën, die sich verkühlt hatte und von ihrem Vetter und seiner Frau beschimpft worden war, hatte sich eine weitere Krankheit zugezogen und den ganzen Tag gehustet, ehe sie endlich eingenickt war. Als sie hörte, wie jemand sie rief, schlug sie mit Mühe ihre Sternenaugen auf, und als sie Bau-yü erkannte, war sie erschrocken und erfreut, betrübt und schmerzlich berührt zugleich.Mit aller Kraft umklammerte sie seine Hand, und erst nach langem Weinen und Schluchzen brachte sie den halben Satz hervor: „Ich glaubte schon, ich würde dich nicht mehr wiedersehen, ...“ Dann mußte sie unaufhörlich husten.
 
Auch Bau-yü konnte nichts anderes tun als schluchzen. Schließlich sagte Tjing-wën: „Buddha Amitabha! Gut, daß du gekommen bist! Gib mir eine halbe Schale von dem Tee! Ich habe solchen Durst und rief schon die ganze Zeit, ohne daß jemand kam.“
 
Rasch wischte sich Bau-yü die Tränen ab und fragte: „Wo ist der Tee?
 
„Dort auf dem Ofensims“, erwiderte Tjing-wën.
 
Als Bau-yü sich umsah, erblickte er einen schwarzen irdenen Tiegel, der mit einer Teekanne keinerlei Ähnlichkeit hatte. Vom Tisch nahm er eine Schale, die so groß und so plump war, daß sie nicht wie eine Teeschale aussah, und noch bevor er sie in der Hand hielt, stieg ihm daraus ein ranziger Geruch in die Nase. Also spülte er sie erst ein paarmal mit Wasser aus, ehe er nach dem Tiegel griff und eine halbe Schale daraus eingoß. Das Getränk sah rötlich aus und gar nicht wie Tee.
 
„Gib schnell her und laß mich einen Schluck trinken!“ drängte ihn Tjing-wën, die sich auf ihr Kissen stützte. „Das ist schon Tee. Du kannst ihn natürlich nicht mit unserem vergleichen.“
 
Als Bau-yü das hörte, kostete er zunächst selbst einen Schluck, aber es schmeckte durchaus nicht aromatisch und frisch, sondern nur bitter und herb mit einer winzigen Andeutung von Teegeschmack. Jetzt erst reichte er Tjing-wën die Schale, und als ob es süßer Tau wäre, den sie bekommen hatte, stürzte sie die Flüssigkeit in einem Zug hinunter. Still bei sich dachte Bau-yü: „Mit dem guten Tee, den es bei uns gibt, war sie oftmals unzufrieden, und heute trinkt sie das hier. Da sieht man, daß die Alten recht hatten, wenn sie sagten ,Der Satte ist der Speisen überdrüssig, der Hungrige ißt sich an Abfällen satt.‘ Ebenso heißt es ja ,Wer satt ist vom Reis, sehnt sich nach nüchterner Reissuppe.‘ “
 
Unter Tränen fragte er sie: „Wolltest du mir etwas sagen? Dann tu es jetzt, solange wir allein sind!“
 
„Was soll ich schon sagen?“ erklärte Tjing-wën schluchzend. „Für mich zählen jetzt jeder Tag und jede Stunde. Ich weiß gut genug, daß ich spätestens in drei oder fünf Tagen heimgehen werde. Aber eines bereitet mir noch im Tode Verdruß. Ich bin zwar ein wenig hübscher als andere, aber ich hatte durchaus keine heimlichen Absichten auf dich und habe in keiner Weise versucht, dich zu verführen. Warum also hat man sich darauf versteift, ich sei eine Füchsin? Damit kann ich mich nicht abfinden.
 
Jetzt stehe ich unter diesem falschen Verdacht, doch obwohl ich meinem Ende entgegensehe, habe ich nichts zu bereuen. Hätte ich früher gewußt, wie alles kommt, dann hätte ich mich anders verhalten. So aber habe ich in meinem törichten Sinn geglaubt, wir würden zusammenbleiben. Nun ist dieses grundlose Gerücht aufgekommen, und ich muß Unrecht leiden, ohne mich irgendwo beklagen zu können.“ Nach diesen Worten brach sie erneut in Tränen aus.
 
Bau-yü griff nach ihrem Handgelenk und fühlte, daß es dürr wie trockenes Reisig geworden war. Dennoch trug sie noch vier silberne Ringe am Arm, und so sagte er weinend: „Leg sie doch ab, bis du wieder gesund bist!“ Und er streifte ihr die Armringe ab und schob sie unter das Kopfkissen. Dann sagte er: „Schade um deine Fingernägel! Mit wieviel Mühe hast du sie zwei Tsun lang wachsen lassen, und nun wirst du sie verderben, ehe du wieder gesund bist.“
 
Tjing-wën wischte sich die Tränen ab, griff nach einer Schere und schnitt die beiden langen Fingernägel an ihrer linken Hand, die den Röhrenblättern von Lauch glichen, bis zur Wurzel ab. Dann zog sie sich unter der Bettdecke ihre alte rote Seidenjacke aus, die sie auf der bloßen Haut trug, und reichte sie Bau-yü zusammen mit den Fingernägeln, wobei sie sagte: „Heb das auf! Wenn du es später ansiehst, wird es sein, als ob du mich selber siehst. Und zieh schnell deine Unterjacke aus und laß sie mich anziehen. Wenn ich dann einsam im Sarg liege, wird es mir vorkommen, als ob ich noch immer im Hof der Freude am Roten wäre. Eigentlich dürfte das nicht sein, aber da ich nun einmal zu Unrecht verdächtigt werde, bleibt mir gar nichts anderes übrig.“
 
Rasch zog Bau-yü sich um und steckte die Fingernägel zu sich.
 
Weinend forderte Tjing-wën ihn auf: „Wenn du zurück bist und die anderen das sehen, sollst du nicht lügen, sondern wahrheitsgemäß sagen, daß es von mir ist. Gerade weil man mich zu Unrecht verdächtigt hat. Und mehr ist es ja nicht.“
 
Kaum hatte sie das gesagt, als die Frau ihres Vetters lachend durch den aufgehobenen Vorhang hereinkam und sagte: „Bestens! Ich habe alles gehört, was ihr gesagt habt!“ Dann wandte sie sich an Bau-yü und fragte: „Was willst du als Herr hier in den Räumen des Gesindes? Du hast wohl bemerkt, daß ich jung und hübsch bin, und willst mich verführen?“
 
Erschrocken bat Bau-yü mit lächelnder Miene: „Nicht so laut, gute Schwester! Sie hat mir so lange gedient, darum bin ich heimlich gekommen, um nach ihr zu sehen.“
 
Nun zog Frau Dëng ihn mit sich in den Innenraum und sagte dabei lächelnd: „Wenn du willst, daß ich leise bin, ist das nicht schwer. Du brauchst mir nur einen Gefallen zu tun.“ Mit diesen Worten setzte sie sich auf den Rand des Ofenbetts und preßte Bau-yü fest an ihre Brust.
 
So etwas hatte Bau-yü noch nie erlebt. Sein Herz begann stürmisch zu hämmern, und vor Erregung lief er rot an. Beschämt und erschrocken bat er: „Nicht doch, gute Schwester!“
 
„Pah!“ sagte Frau Dëng und kniff ihre Weinäuglein zusammen, „ich habe immer nur gehört, du seist ein geübter Kämpe an den Stätten der Liebe, warum genierst du dich da plötzlich?“
 
„Laß mich los!“ forderte Bau-yü sie auf, immer noch rot im Gesicht. „Wir können ja über alles reden. Aber was soll die Alte dort draußen denken, wenn sie uns hört?“
 
„Ich bin schon lange hier“, verriet Frau Dëng lächelnd. „Die Alte habe ich weggeschickt, damit sie am Gartentor wartet. Ich war schon lange neugierig auf dich, und jetzt bist du hier. Nachdem ich so viel von dir gehört habe, kann ich dich endlich einmal sehen, und nun bist du ganz umsonst so hübsch gewachsen, bist wie ein Feuerwerkskörper ohne Füllung, der alles nur vortäuscht. Du genierst dich ja mehr als ich.
 
Da sieht man, daß man nicht glauben darf, was die Leute reden. Als man das Mädchen hinauswarf, glaubte ich fest, ihr hättet ein heimliches Verhältnis gehabt. Aber als ich vorhin kam, habe ich eine Weile am Fenster gelauscht, und im Haus wart nur ihr. Wenn ihr etwas miteinander gehabt hättet, würdet ihr natürlich darüber gesprochen haben, aber ihr habt euch nicht einmal gegenseitig in Verwirrung gebracht. Da sieht man, wie viele Fälle von unrechter Kränkung es gibt auf der Welt! Jetzt bereue ich, euch für nichts und wieder nichts verdächtigt zu haben. Und deshalb kannst du ganz ruhig sein. Komm nur wieder, ich werde dich nicht mehr belästigen.“
 
Jetzt erst war Bau-yü wieder beruhigt. Er stand auf und brachte seine Kleider in Ordnung, dann bat er: „Sorg nur ein paar Tage gut für sie, Schwester! Ich werde jetzt gehen.“ Mit diesen Worten trat er in den Außenraum hinaus und sagte Tjing-wën Bescheid. Beide wollten sie nicht voneinander lassen, und dennoch mußten sie sich trennen. Da Tjing-wën wußte, wie schwer Bau-yü dies fiel, zog sie sich schließlich die Bettdecke über den Kopf und beachtete ihn nicht mehr, bis er endlich ging.
 
Ursprünglich hatte Bau-yü vorgehabt, auch noch Fang-guan und Sï-örl zu besuchen, aber nun wurde es dunkel, und er war schon so lange fort, daß er Angst hatte, man könnte ihn suchen, und dann würde neues Unheil daraus entstehen. Darum war es besser, wenn er jetzt in den Garten zurückkehrte und für den nächsten Tag neue Pläne machte. Als er an das rückwärtige Seitentor kam, trugen die Sklavenjungen gerade das Bettzeug aus, und drinnen kontrollierten die alten Ammen, ob alle da waren. Wäre er auch nur einen Moment später gekommen, wäre das Tor schon geschlossen gewesen. So kam er in den Garten zurück, und glücklicherweise hatte niemand etwas bemerkt.
 
Wieder in seinen Räumen, sagte Bau-yü nur zu Hsi-jën, er sei bei Tante Hsüä gewesen, und damit war die Sache abgetan. Als bald darauf sein Bett gemacht wurde, fragte Hsi-jën notgedrungen, wie sie heute nacht schlafen wollten, aber Bau-yü erwiderte nur: „Das ist mir einerlei.“
 
In den letzten ein, zwei Jahren, seitdem Dame Wang ihr Beachtung schenkte, hatte Hsi-jën großen Wert auf ihre Würde gelegt. Wenn sie mit Bau-yü allein war, auch des Nachts, hielt sie sich fern von ihm und war zurückhaltender als in ihren Kinderjahren. Wenn sie auch keine großen Pflichten hatte, war es doch mühsam genug, alle Nadelarbeiten zu machen und für Bau-yü wie für die kleineren Sklavenmädchen das Geld und die Kleider zu verwalten. Ihr altes Leiden des Blutspuckens war zwar geheilt, aber wenn sie sich anstrengte oder erkältete, war immer noch Blut im Auswurf, und deshalb hatte sie in der letzten Zeit auch nicht in einem Zimmer mit Bau-yü geschlafen.
 
Bau-yü, der nachts häufig wach wurde, war dann immer sehr ängstlich und rief nach jemandem. Da Tjing-wën einen leichten Schlaf hatte und sich auch sehr leise bewegte, war ihr die Aufgabe zugefallen, nachts für ihn Tee einzugießen und andere Aufträge zu erfüllen, und deshalb hatte nur sie vor seinem Bett geschlafen. Jetzt, wo Tjing-wën fort war, mußte Hsi-jën wohl oder übel fragen, denn sie bedachte, daß dieser Nachtdienst noch wichtiger war als der Dienst am Tage.
 
Als Bau-yü antwortete, ihm sei es einerlei, blieb Hsi-jën nichts weiter übrig, als sich an die Regel der früheren Jahre zu halten, und so holte sie ihr Bettzeug und richtete sich damit vor Bau-yüs Lager ein. Bau-yü brütete den ganzen Abend stumm vor sich hin, und als er endlich auf Hsi-jëns Mahnung hin schlafen gegangen war und auch sie sich niedergelegt hatte, hörte sie, wie er auf seinem Kissen seufzte und stöhnte und sich von einer Seite auf die andere wälzte. Erst als die dritte Nachtwache schon vorbei war, wurde er allmählich ruhiger, und schließlich schnarchte er leise. Nun erst war Hsi-jën beruhigt und döste selber ein. Es dauerte aber nicht länger als man braucht, um eine halbe Schale Tee zu trinken, da rief Bau-yü: „Tjing-wën!“
 
Sofort schlug Hsi-jën die Augen auf, meldete sich und fragte, was er wolle. Als Bau-yü nach Tee verlangte, stand Hsi-jën rasch auf, spülte sich in der Schüssel die Hände und goß aus der Warmhaltekanne eine halbe Schale voll Tee ein, die sie ihm reichte.
 
Lächelnd sagte Bau-yü: „Ich bin so daran gewöhnt, nach ihr zu rufen, daß ich vergessen habe, daß du es bist.“
 
Ebenfalls lächelnd, erwiderte Hsi-jën: „Als sie noch neu hier war, hast du im Schlaf auch immer nach mir gerufen. Erst nach einem halben Jahr hattest du dich umgewöhnt. Ich konnte es mir denken, daß der Name Tjing-wën bleiben würde, auch wenn Tjing-wën nicht mehr da ist.“
 
Damit legten sich beide wieder schlafen, und erneut wälzte sich Bau-yü eine ganze Nachtwache lang hin und her und schlief erst in der fünften Wache endlich ein. Da sah er, wie Tjing-wën von draußen hereinkam. Sie war anzusehen wie immer, und als sie im Zimmer stand, sagte sie lächelnd zu Bau-yü: „Lebt alle wohl, ich komme nicht mehr wieder!“ Mit diesen Worten machte sie kehrt und ging hinaus. Als Bau-yü sie anrief, machte er wieder Hsi-jën wach. Zuerst dachte sie noch, er habe auch diesmal aus Gewohnheit Tjing-wëns Namen gerufen, aber dann sah sie, daß Bau-yü weinte, und hörte ihn sagen: „Tjing-wën ist gestorben.“
 
„Was sagst du da?“ hielt sie ihm vor. „Du weißt, daß das Unsinn ist. Was, wenn dich jemand hört?“
 
Bau-yü wollte natürlich nicht auf sie hören und hoffte sehnlichst, daß es bald hell würde, damit er jemanden losschicken konnte, um sich Gewißheit zu verschaffen.
 
Doch als es dann Tag geworden war, kam auch schon eines der kleineren Sklavenmädchen aus den Räumen von Dame Wang und verlangte, daß man ihr auf der Stelle das vordere Seitentor öffnete, damit sie im Auftrag von Dame Wang das Folgende bestellen konnte: „Bau-yü muß sofort geweckt werden, damit er sich schnell wäscht und anzieht und dann drüben erscheint. Jemand hat den gnädigen Herrn eingeladen, den schönen Herbst zu genießen und die Duftblüten zu bewundern, und weil ihm das Gedicht gefiel, das Bau-yü neulich verfaßt hat, will er ihn mitnehmen.
 
So lautet der Auftrag der gnädigen Frau, und kein Wort darf daran fehlen. Also lauft schnell hin und sagt Bescheid, daß er sofort kommen soll. Der gnädige Herr wartet in den Haupträumen und will noch mit ihm zusammen eingerührtes Mehl essen. Der junge Herr Huan ist schon da. Beeilt euch, beeilt euch! Und schickt noch jemand zu dem kleinen Herrn Lan, um auch ihm dasselbe zu bestellen!“
 
Jeder Satz, den sie sagte, wurde drinnen von den alten Sklavenfrauen bestätigt. Dabei knöpften sie sich die Kleider zu und öffneten zugleich das Tor. Zwei oder drei von ihnen machten sich in beiden Richtungen auf den Weg und zogen sich im Gehen fertig an.
 
Als Hsi-jën hörte, daß ans Hoftor geklopft wurde, konnte sie sich denken, daß es um etwas Wichtiges ging, und während sie rasch jemand hinausschickte, um Nachfrage zu halten, stand sie auch schon auf. Nachdem sie dann die Botschaft vernommen hatte, schickte sie schnell jemand nach Waschwasser und trieb zugleich Bau-yü an, er solle aufstehen und sich waschen. Sie selbst aber ging seine Kleider holen. Da sie bedachte, daß er mit Djia Dschëng zusammen ausgehen würde, wollte sie ihn nichts allzu Auffälliges oder Neues anziehen lassen und brachte ihm deshalb nur unscheinbare Kleider.
 
Bau-yü blieb nun keine andere Wahl, als schleunigst hinüberzugehen, und tatsächlich fand er Djia Dschëng dort beim Imbiß und in bester Stimmung. Rasch entbot Bau-yü seinen Morgengruß, dann begrüßten Djia Huan und Djia Lan auch Bau-yü.
 
Djia Dschëng befahl Bau-yü, Platz zu nehmen und von dem Brei zu essen, dann sagte er, zu Djia Huan und Djia Lan gewandt: „Beim Studium der Bücher steht Bau-yü hinter euch zurück, doch in der Fähigkeit, Parallelsätze zu bilden und Gedichte zu erwidern, reicht ihr nicht an ihn heran. Bei unserm heutigen Besuch wird man euch bestimmt drängen, Verse zu machen, dabei soll Bau-yü euch helfen.“
 
Dame Wang, die so ein Urteil über ihn noch nie gehört hatte, war jetzt wirklich außerordentlich froh.
 
Als Djia Dschëng bald darauf mit den Knaben fort war und Dame Wang sich eben zur Herzoginmutter begeben wollte, erschienen die Pflegemütter von Fang-guan und zwei anderen Schauspielermädchen und meldeten ihr: „Seitdem Fang-guan neulich die Gnade erfahren hat, von Euch freigelassen zu werden, ist sie geradezu verrückt. Sie trinkt keinen Tee, sie ißt keinen Reis, und sie hat Ou-guan und Juee-guan dazu angestiftet, daß sie alle drei auf Gedeih und Verderb darauf bestehen wollen, sich die Haare abzuschneiden und Nonnen zu werden.
 
Wir glaubten, das sei nur kindliches Gerede, weil sie die Verhältnisse draußen nicht gewöhnt sind – das gibt es ja –, und dachten, nach ein paar Tagen würde alles wieder gut sein. Doch wider Erwarten toben sie nur immer mehr, und auch durch Schläge und Schelte sind sie nicht zur Räson zu bringen. Wir wissen uns wirklich keinen Rat mehr, und deshalb sind wir gekommen, um Euch zu bitten, daß Ihr sie entweder ihrem Wunsch gemäß Nonnen werden laßt oder ihnen eine Belehrung verabfolgt und sie dann jemand anders als Ziehtochter gebt, denn für uns ist dieses Glück nicht bestimmt.“
 
„Unsinn!“ sagte Dame Wang. „Vielleicht richten wir uns noch nach ihnen! Ins Kloster kann man nicht leichtfertig gehen. Jede von ihnen bekommt eine Tracht Prügel, und dann wollen wir sehen, ob sie immer noch verrückt spielen!“
 
Da man zum fünfzehnten Tag des achten Monats gerade in allen Klöstern Opfergaben dargebracht hatte, waren der üblichen Regel nach aus den verschiedenen Klöstern Nonnen gekommen, um Opfergebäck zu bringen, und Dame Wang hatte die Nonnen Dschï-tung aus dem Wassermondkloster und Yüan-hsin aus dem Ksitigarbha-Kloster für ein paar Tage dabehalten.
 
Als die Nonnen jetzt diese Neuigkeiten hörten, brannten sie gleich darauf, die Mädchen in die Hand zu bekommen, um sie für sich arbeiten zu lassen, und so sagten sie zu Dame Wang: „Euer Anwesen ist das von gütigen Menschen, und daß Ihr, gnädige Frau, so fromm seid, vergelten Euch die kleinen Mädchen nun in dieser Weise. Es heißt zwar, man könne nicht leichtfertig ins Kloster gehen, aber man muß auch wissen, daß nach Buddhas Gesetz alle gleichviel gelten.
 
Unser Buddha ist entschlossen, sämtliche Lebewesen zu erlösen, auch wenn es Hühner und Hunde sind, doch leider kommen die Verirrten nicht zur Erkenntnis. Wer wirklich die Wurzel des Guten in sich trägt und zur Erkenntnis erwachen kann, der vermag dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. Deshalb finden sich in den Sutras nicht wenige Fälle, daß Tiger und Wölfe, Schlangen und Würmer den rechten Weg gefunden haben.
 
Diese Mädchen hier haben keinen Vater und keine Mutter mehr und sind von ihrer Heimat weit entfernt. Nachdem sie in Reichtum und Vornehmheit gelebt haben, bedenken sie jetzt, wie hart ihr Geschick von klein auf gewesen ist, so daß sie sich einem leichtfertigen Gewerbe ergaben, und wissen auch, wie ihr zukünftiges Leben aussehen würde.
 
  
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Dame König lächelte: „Die alte gnädige Frau hatte mit ihrer Wahl ganz recht. Nur hat sie wohl nicht das Glück, das ihr bestimmt ist, und deshalb bekam sie diese Krankheit. Wie das Sprichwort sagt: 'Wenn ein Mädchen achtzehn wird, ändert sie sich achtzehnmal.' Zudem haben begabte Menschen zwangsläufig auch ihre Eigenheiten. Was hätte die alte gnädige Frau in ihrem Leben nicht schon alles erfahren? Auch ich habe diese Sache bereits seit drei Jahren im Auge behalten. Anfangs hatte ich sie ebenfalls ausgewählt, und seither beobachtete ich sie genau. Bei kühlem Hinsehen übertrifft sie zwar in jeder Hinsicht die anderen, nur ist sie nicht besonnen genug. Was Besonnenheit und Kenntnis der großen Umgangsformen betrifft, steht Dufthauch an erster Stelle. Man sagt zwar, eine tüchtige Ehefrau und eine schöne Nebenfrau, doch ist es noch besser, wenn sie sanftmütig im Wesen und gesetzt im Auftreten ist. Dufthauch mag zwar vom Aussehen her eine Stufe unter Heitermuster stehen, doch wenn man sie ins Gemach nimmt, zählt sie immer noch zu den Besten. Zudem ist sie großzügig im Handeln und aufrichtig im Herzen. In all den Jahren hat sie Schatzjade nie in seinem Unfug unterstützt. Wann immer Schatzjade sich gar zu wild aufgeführt hat, hat sie ihm eindringlich abgeraten. Nachdem ich sie zwei Jahre lang geprüft und keinen Fehler gefunden hatte, habe ich still und leise ihr monatliches Dienerinnengehalt eingestellt und stattdessen aus meinem eigenen Monatsgeld zwei Liang Silber für sie abgezweigt — nur, damit sie selbst es weiß und sich noch gewissenhafter um ihre Tugend bemüht. Warum ich es nicht offen ausgesprochen habe? Erstens ist Schatzjade noch zu jung, und wenn der gnädige Herr davon erführe, könnte er sagen, es lenke ihn vom Studium ab. Zweitens würde Schatzjade, sobald er wüsste, dass sie bereits seine Nebenfrau ist, glauben, sie würde es nicht mehr wagen, ihn zu ermahnen und zurechtzuweisen, und erst recht zügellos werden. Deshalb habe ich erst heute der alten gnädigen Frau Bericht erstattet.“
[[Category:Hongloumeng]]
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Die Herzoginmutter hörte dies und lächelte: „Ach so ist das! Dann ist es ja umso besser. Dufthauch war von klein auf schweigsam und still — ich hielt sie immer für eine mundlose Kürbisflasche. Wenn du sie so gut kennst, kann es keinen großen Fehler geben. Und dein Gedanke, es Schatzjade nicht offen zu sagen, ist sogar noch klueeger. Reden wir nicht weiter darüber, es genügt, wenn wir es im Herzen wissen. Ich kenne Schatzjade — er wird auch künftig nicht auf Frau und Nebenfrau hören. Auch ich verstehe ihn nicht und habe noch nie ein solches Kind gesehen. All sein anderer Unfug ist ja verständlich, nur dass er sich so sehr zu den Dienerinnen hingezogen fühlt, ist rätselhaft. Ich habe mir deshalb auch Sorgen gemacht und ihn oft heimlich beobachtet. Dass er mit den Dienerinnen scherzt, müsste eigentlich heißen, dass er groß geworden ist und die Dinge zwischen Mann und Frau versteht, und sich darum gern in ihrer Nähe aufhält. Doch wenn man genau nachforscht, ist es eben nicht deshalb. Ist das nicht seltsam? Wahrscheinlich ist er eigentlich ein Mädchen, das versehentlich als Junge geboren wurde.“
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Alle lachten. Dame König berichtete ferner, wie Aufrecht Schatz Kaufmannjade heute gelobt und die Knaben zu einem Ausflug mitgenommen hatte. Die Herzoginmutter freute sich darüber noch mehr.
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Bald darauf erschien Willkommensfrühling, fein herausgeputzt, um sich zu verabschieden, ehe sie zu ihrer Familie zurückkehrte. Auch Phönixglanz kam zum Morgengruß. Nachdem das Frühstück serviert war und man noch eine Weile geplaudert und gelacht hatte, ging die Herzoginmutter zum Mittagsschlaf.
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Danach rief Dame König Phönixglanz zu sich und fragte, ob die Arzneipillen schon zubereitet seien. Phönixglanz erwiderte: „Noch nicht. Ich nehme immer noch Heiltränke. Aber die gnädige Frau braucht sich keine Sorgen zu machen — mir geht es schon viel besser.“ Da Dame König sah, dass sie wieder so munter war wie früher, glaubte sie ihr. Dann berichtete sie von der Vertreibung Heitermusters und der anderen und fuhr fort: „Warum ist Fräulein Schatzspange heimlich zu sich nach Hause zum Schlafen gegangen, ohne dass ihr es wusstet? Neulich habe ich auf meinem Weg alles inspiziert. Es stellte sich heraus, dass auch die neue Amme des kleinen Lan recht kokett ist — sie gefällt mir nicht. Ich habe es deiner Schwägerin gesagt: Am besten schickt man sie fort. Zumal der kleine Lan schon groß ist und keine Amme mehr braucht. Ich fragte deine Schwägerin: 'Hast du etwa auch nicht gewusst, dass Fräulein Schatzspange fortgegangen ist?' Sie sagte, Schatzspange habe es ihr durchaus mitgeteilt — sie wolle nur zwei, drei Tage bleiben, bis es der Tante besser gehe, und dann zurückkommen. Ihrer Tante fehlt im Grunde nichts Ernstes, es ist nur wieder der übliche Husten und die Rückenschmerzen, die sie jedes Jahr hat. Aber Schatzspanges Fortgehen muss einen besonderen Grund haben. Ob sie jemand gekränkt hat? Das Kind nimmt sich alles so zu Herzen. Wir sind Verwandte und leben unter einem Dach — es wäre nicht gut, wenn man jemanden beleidigt.“
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Phönixglanz lächelte: „Wer sollte sie schon grundlos kränken? Außerdem ist sie den ganzen Tag im Garten, und da sind nur die Schwestern unter sich.“
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Dame König überlegte: „Vielleicht hat Schatzjade mit seinem losen Mundwerk und seiner Gedankenlosigkeit — er ist ja wie ein Narr und kennt keine Hemmungen — in einem fröhlichen Augenblick etwas Unbedachtes gesagt.“
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Phönixglanz lächelte: „Da macht sich die gnädige Frau zu viele Sorgen. Wenn man ihn hinaußchickt, um ernste Dinge zu besprechen, benimmt er sich wie ein Trottel. Aber unter den Schwestern und den Dienerinnen, ob groß oder klein, ist er die Zuvorkommenheit selbst und hat stets Angst, jemanden zu verletzen — da kann ihn wirklich niemand böse nehmen. Ich denke, Schwester Xüs Fortgehen hat mit der Durchsuchung der Dienerinnensachen neulich zu tun. Die Durchsuchung fand ja statt, weil man den Leuten im Garten nicht mehr traute. Da Schatzspange aber eine Verwandte ist und ebenfalls Dienerinnen und ältere Frauen hier hat, konnten wir sie nicht mit durchsuchen. Sie fürchtete wohl, wir könnten sie in Verdacht haben, und hat sich deshalb vorsichtshalber selbst zurückgezogen. Das ist auch durchaus angemessen — man sollte solchen Verdacht von sich fernhalten.“
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Dame König fand diese Erklärung einleuchtend, senkte nachdenklich den Kopf und ließ dann Schatzspange rufen, um die Sache vom neulichen Tag aufzuklären, ihren Verdacht zu zerstreün und sie einzuladen, wie zuvor im Garten zu wohnen. Schatzspange lächelte: „Ich wollte eigentlich schon länger gehen, aber die Tante hatte so viele wichtige Angelegenheiten, dass ich den richtigen Zeitpunkt nicht finden konnte, es anzusprechen. Nun wurde meine Mutter gerade wieder krank, und die beiden zuverlässigen Frauen bei uns daheim liegen ebenfalls darnieder, also habe ich die Gelegenheit genutzt. Da die Tante jetzt Bescheid weiß, kann ich meine Gründe offen darlegen und mich ab heute ordentlich verabschieden und meine Sachen holen lassen.“
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Dame König und Phönixglanz sagten lächelnd: „Du bist zu eigensinnig. Am besten ziehst du wieder ein. Wegen einer Nichtigkeit sollte man die verwandtschaftlichen Beziehungen nicht aufs Spiel setzen.“
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Schatzspange erwiderte lächelnd: „Mit Verlaub, das ist ein Missverständnis. Ich gehe nicht wegen irgendwelcher Vorfaelle. Erstens ist meine Mutter in letzter Zeit geistig viel schwächer geworden, und nachts hat sie niemand Zuverlässigen bei sich — es gibt nur mich. Zweitens steht meines Bruders Hochzeit bevor, und es fehlt noch vieles an Näharbeiten und Haushaltsgegenständen, bei deren Beschaffung ich Mutter helfen muss. Die Tante und Schwester Phönixglanz kennen unsere Verhältnisse — ich übertreibe nicht. Drittens: Seit ich im Garten wohne, steht das kleine Seitentor im Südosten ständig offen, eigentlich für meinen Weg. Aber man kann nicht verhindern, dass auch andere den kürzeren Weg nehmen und durch dieses Tor gehen, ohne dass jemand sie kontrolliert. Wenn dort etwas passiert, verlieren beide Seiten das Gesicht. Zudem war mein Einzug in den Garten keine große Sache. In früheren Jahren waren wir alle noch jung, und zu Hause gab es nichts zu tun — da war es schöner, bei den Schwestern im Garten zu sein, zu nähen und zu plaudern, als allein zu Hause zu sitzen. Jetzt aber sind wir alle älter geworden und haben alle unsere Pflichten. Zudem trifft die Tante in den letzten Jahren ein Unglück nach dem anderen, und der Garten ist viel zu groß, um überall aufzupassen — alles hängt miteinander zusammen. Je weniger Leute dort wohnen, desto weniger Sorgen. Deshalb gehe ich nicht nur selbst, sondern möchte der Tante auch raten: Was man einsparen kann, sollte man einsparen, ohne dass es der Würde eines großen Hauses Abbruch täte. Meiner Ansicht nach könnte man die Ausgaben für den Garten durchaus streichen. Das sage ich nicht leichtfertig — die Tante kennt unsere Familie gut genug. Waren wir denn früher etwa so heruntergekommen?“
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Phönixglanz hörte diese ganze Rede und sagte lächelnd zu Dame König: „Was sie sagt, ist richtig. Man sollte sie nicht zwingen.“ Dame König nickte: „Mir fällt auch nichts mehr ein, was ich dagegen sagen könnte. Tu, wie du meinst.“
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Während sie noch sprachen, kehrten Schatzjade und die anderen bereits zurück. Er berichtete, sein Vater sei noch nicht aufgebrochen und habe sie vorsorglich früher heimgeschickt, damit es nicht zu dunkel würde. Dame König fragte sogleich: „Hast du dich heute blamiert?“ Schatzjade lächelte: „Nicht nur keine Blamage — ich habe sogar allerhand mitgebracht!“ Gleich darauf übernahmen die alten Dienerinnen am zweiten Tor von den Dienern allerlei Gegenstände. Dame König besah sie: drei Fächer, drei Fächeranhänger, sechs Kästchen mit Schreibutensilien, drei Schnüre Duftkügelchen und drei Jadeplatten mit Seidenquasten. Schatzjade erklärte: „Das hier ist vom Hanlin-Akademiker Mei, das vom Hofrat Yang, und das vom Beamten Li — jeder hat eine Garnitur bekommen.“ Dann holte er noch ein kleines sandelhölzernes Schutzamulett mit einer Buddhafigur aus seinem Gewand hervor und sagte: „Das hat mir der Herzog von Qing persönlich geschenkt.“
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Dame König erkundigte sich noch, wer bei dem Festmahl zugegen war und welche Gedichte verfasst wurden. Dann ließ sie nur Schatzjades Anteil von jemandem tragen und ging mit Schatzjade, Orchidee Kaufmann und Unheil Kaufmann zur Herzoginmutter. Die Herzoginmutter betrachtete alles mit großer Freude und stellte natürlich auch einige Fragen. Schatzjade aber dachte die ganze Zeit nur an Heitermuster. Sobald er die Fragen beantwortet hatte, sagte er, das Reiten habe ihn durchgeschüttelt und ihm täten die Knochen weh. Die Herzoginmutter sagte: „Dann geh schnell zurück, zieh dich um und beweg dich ein wenig, das wird helfen. Aber leg dich nicht hin!“ Schatzjade folgte dem Rat und eilte in den Garten zurück.
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Inzwischen warteten Moschusmond und Herbstmuster mit zwei kleinen Dienerinnen auf ihn. Als Schatzjade sich von der Herzoginmutter verabschiedet hatte, nahm Herbstmuster die Schreibutensilien auf, und gemeinsam folgten sie ihm in den Garten. Schatzjade beklagte sich unentwegt über die Hitze. Während er ging, nahm er seine Mütze ab und lockerte den Gürtel; die schwere Oberkleidung zog er aus und gab sie Moschusmond zu tragen. Er trug nur noch eine gefütterte Jacke aus hellgrüner, kiefernblütenfarbener Seide, unter der die blutrote Hose hervorlugte.
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Als Herbstmuster diese rote Hose sah, die Heitermuster genähnt hatte, seufzte sie: „Diese Hose sollte man wohl beiseitelegen. Das Stück ist noch da, aber der Mensch ist fort.“
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Moschusmond stimmte seufzend ein: „Das ist wirklich Heitermusters Nähandarbeit. Wahrhaftig — die Dinge bleiben, die Menschen gehen!“
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Herbstmuster gab Moschusmond einen leichten Stoß und sagte lächelnd: „Diese Hose mit der kiefernblütenfarbenen Jacke und den schieferblauen Stiefeln — da kommt sein indigoblaues Haar und sein schneeweißes Gesicht erst richtig zur Geltung!“
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Schatzjade tat, als höre er nichts. Nach ein paar weiteren Schritten blieb er stehen und sagte: „Ich möchte einen Spaziergang machen. Wie soll das gehen?“ Moschusmond sagte: „Am helllichten Tag, wovor hast du Angst? Wirst du dich etwa verlaufen?“ Sie befahl zwei kleinen Dienerinnen, ihm zu folgen. „Wir bringen diese Sachen weg und kommen gleich zurück.“ Schatzjade sagte: „Liebe Schwestern, wartet auf mich, dann gehe ich mit euch.“ Moschusmond erwiderte: „Wir sind gleich wieder da. Wir haben beide die Hände voll — die eine traegt die Vier Schätze des Studierzimmers, die andere Mütze, Gewand, Gürtel und Schuhe. Das sieht ja aus wie ein Aufmarsch! Was für ein Anblick!“ Schatzjade hörte dies, und es kam ihm gerade recht, also ließ er die beiden gehen.
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Er nahm die zwei kleinen Dienerinnen mit hinter einen Felsblock. Ohne große Umschweife fragte er die beiden: „Seit ich fort war — hat Schwester Dufthauch jemanden geschickt, um nach Schwester Heitermuster zu sehen?“
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Die eine antwortete: „Sie hat Mutter Song hingeschickt.“
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„Was hat sie berichtet, als sie zurückkam?“ fragte Schatzjade.
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„Mutter Song sagte, Schwester Heitermuster habe die ganze Nacht mit gestrecktem Hals gerufen. Heute früh hat sie die Augen geschlossen und den Mund nicht mehr aufbekommen. Sie weiß nichts mehr von der Welt, bringt keinen Ton mehr heraus und atmet nur noch ganz schwach.“
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Hastig fragte Schatzjade: „Wen hat sie die ganze Nacht gerufen?“
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„Ihre Mutter“, sagte das kleine Mädchen.
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Schatzjade wischte sich die Tränen ab: „Hat sie noch jemand anderen gerufen?“
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„Sonst niemanden, soweit ich gehört habe.“
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„Du bist töricht“, sagte Schatzjade. „Du hast bestimmt nicht richtig hingehört.“
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Das andere kleine Mädchen, das aufgewecktere von beiden, trat vor und sagte: „Stimmt, sie ist wirklich töricht!“ Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Ich habe nicht nur genau hingehört, ich bin sogar selbst heimlich hingegangen und habe nach ihr gesehen.“
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„Du bist selbst hingegangen?“ fragte Schatzjade überrascht.
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„Ja“, sagte das Mädchen. „Ich dachte, Schwester Heitermuster war von jeher anders als die übrigen und hat uns immer gut behandelt. Jetzt, wo sie zu Unrecht fortgejagt wurde, können wir nichts für sie tun. Aber sie wenigstens zu besuchen — das sind wir ihr schuldig für all die Jahre, in denen sie gut zu uns war. Selbst wenn es jemand erfährt und der gnädigen Frau meldet und wir eine Tracht Prügel bekommen — das nehme ich gern in Kauf. Also habe ich mich eine Tracht Prügel riskierend hinausgeschlichen und nach ihr gesehen. Und wer hätte gedacht: So klug und aufgeweckt sie ihr ganzes Leben lang war, so war sie es auch noch bis zum letzten Atemzug. Weil sie wusste, dass man mit den gewöhnlichen Leuten dort nichts reden konnte, hielt sie einfach die Augen geschlossen und ruhte aus. Aber als sie mich sah, öffnete sie die Augen, ergriff meine Hand und fragte: 'Wo ist Schatzjade?' Ich erzählte ihr die Wahrheit. Sie seufzte und sagte: 'Ich werde ihn nicht mehr sehen können.' Darauf sagte ich: 'Schwester, warum wartest du nicht, bis er zurückkommt, und seht euch noch einmal? Würde das nicht beider Herzenswunsch erfüllen?' Da lächelte sie und sagte: 'Ihr wisst es noch nicht. Ich sterbe gar nicht. Im Himmel fehlt eine Blumengöttin, und der Jadekaiser hat mir befohlen, das Amt der Blumenhüterin zu übernehmen. Ich muss heute, in der zweiten Viertelstunde der Stunde Wei, meinen Dienst antreten. Schatzjade wird aber erst in der dritten Viertelstunde der Stunde Wei nach Hause kommen. Es fehlt nur eine Viertelstunde, aber wir können uns nicht mehr sehen. Wenn gewöhnliche Sterbliche sterben sollen, schickt Yama, der Höllenrichter, kleine Geister, um ihre Seelen zu holen. Wenn man das hinauszogern will, braucht man nur Papiergeld zu verbrennen und Speiseopfer darzubringen — die Geister sind damit beschäftigt, das Geld aufzuraffen, und der Sterbende kann noch ein wenig länger bleiben. Aber mich rufen die Götter des Himmels persönlich — da lässt sich auch nicht eine Viertelstunde hinauszügern.' Als ich das hörte, konnte ich es kaum glauben. Doch als ich zurückkam und heimlich auf die Uhr schaute, war es tatsächlich in der zweiten Viertelstunde der Stunde Wei, dass sie den letzten Atemzug tat, und genau in der dritten Viertelstunde kam jemand und sagte uns, du seiest zurück. Die Zeiten stimmen genau überein.“
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Schatzjade rief hastig: „Du liest keine Bücher und weißt es daher nicht: So etwas gibt es wirklich! Nicht nur hat jede Blume eine Göttin, jede einzelne Blumenart hat ihre eigene Göttin, und darüber hinaus gibt es noch eine oberste Blumengöttin. Aber ob sie die oberste Blumengöttin geworden ist oder nur die Hüterin einer einzelnen Blumenart, das weiß ich nicht.“
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Das kleine Mädchen wusste im Augenblick nicht, was es antworten sollte. Da es gerade August war und die Hibiskusblumen auf dem Gartenteich in voller Blüte standen, fiel ihr beim Anblick der Blumen die passende Antwort ein: „Ich habe sie auch gefragt, welche Blume sie hütet, damit wir ihr künftig Opfer darbringen können. Sie sagte: 'Himmelsgeheimnisse dürfen nicht verraten werden. Da du so fromm bist, sage ich es nur dir allein. Du darfst es nur Schatzjade erzählen. Wenn du es außer ihm noch jemandem verrätst, werden dich die fünf Donnerkeile treffen.' Dann hat sie mir gesagt, dass sie die Göttin der Hibiskusblüte ist.“
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Als Schatzjade das hörte, empfand er nicht nur keinen Zweifel, sondern seine Trauer verwandelte sich sogar in Freude. Er deutete auf die Hibiskusblüten und sagte lächelnd: „Diese Blume braucht wirklich eine solche Person als Hüterin. Ich wusste es ja, dass jemand wie sie bestimmt eine große Bestimmung haben würde. Obwohl sie dem Meer des Leidens entkommen ist und wir uns von nun an nicht mehr sehen können, bin ich doch nicht frei von Trauer und Sehnsucht.“ Dann dachte er: „Obwohl ich sie vor ihrem Tod nicht mehr sehen konnte, sollte ich doch wenigstens jetzt vor ihrem Geist eine Reverenz erweisen — das gebührt sich nach fünf, sechs Jahren inniger Verbundenheit.“
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Mit diesem Gedanken eilte er zurück in sein Zimmer, zog sich um und ging unter dem Vorwand, Kajaljade besuchen zu wollen, allein aus dem Garten, um die Totenbahre an der Stelle aufzusuchen, wo sie das letzte Mal gelegen hatte. Doch ihr Vetter und seine Frau hatten, kaum dass sie ihren letzten Atemzug getan hatte, gleich im Haus Bescheid gegeben, in der Hoffnung, möglichst schnell das übliche Bestattungsgeld zu bekommen. Dame König hatte, als sie davon erfuhr, zehn Liang Silber für die Bestattung angewiesen und außerdem befohlen: „Schafft sie sofort hinaus und verbrennt sie! Wer an Mädchenschwindsucht gestorben ist, den darf man auf keinen Fall aufbewahren!“ Der Vetter und seine Frau hatten das Geld erhalten, sogleich Leute angeheuert, den Leichnam eingesargt und zum Verbrennungsplatz vor der Stadt bringen lassen. Die zurückgebliebenen Kleider, Schmuckstücke und Haarnadeln, im Wert von drei- bis vierhundert Liang Gold, behielten Vetter und Frau für sich, als Rücklage für spätere Zeiten. Sie schlossen die Tür ab und begleiteten beide den Sarg — sie waren noch nicht zurück.
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Schatzjade kam also vor verschlossener Tür an und fand niemanden vor.
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Nachdem Schatzjade lange allein dort gestanden hatte und keinen anderen Ausweg fand, kehrte er in den Garten zurück. In seinem Zimmer fühlte er sich völlig leer. So schlug er den Weg zu Kajaljade ein. Doch Kajaljade war nicht in ihrem Zimmer. Auf die Frage, wo sie sei, antworteten die Dienerinnen: „Sie ist zu Fräulein Schatzspange gegangen.“ Schatzjade ging also zum Hengwu-Hof hinüber, doch dort herrschte Totenstille. Die Räume waren ausgeräumt und leer. Erschrocken fiel ihm ein, dass er vor ein paar Tagen etwas davon gehört hatte, dass Schatzspange ausziehen wolle, doch wegen der Arbeit der letzten Tage hatte er es völlig vergessen. Jetzt, da er es mit eigenen Augen sah, wusste er, dass sie tatsächlich fort war. Erstarrt stand er eine ganze Weile da.
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Da kam eine alte Dienerin des Weges. Schatzjade fragte hastig, was vorgefallen sei. Die Alte erklärte: „Fräulein Schatzspange ist ausgezogen. Wir passen hier auf und räumen noch die letzten Sachen zusammen. Gleich sind wir fertig. Bitte geht, junger Herr, damit wir noch den Staub fegen können. Von jetzt an könnt Ihr Euch den Weg hierher sparen.“
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Schatzjade hörte diese Worte und stand wie erstarrt. Vor seinen Augen rankten sich die Duftwinden und seltenen Schlingpflanzen im Hof, noch immer smaragdgrün und frisch, doch sie schienen ihm auf einmal von Schwermut überzogen, ganz anders als gestern. Sein Herz zog sich zusammen vor Trauer.
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Schweigend trat er hinaus und sah vor dem Tor den schattigen grünen Weg. Auch hier war schon längst niemand mehr vorübergegangen — ganz anders als in früheren Tagen, als die Dienerinnen der verschiedenen Häuser ohne Verabredung in Scharen hin und her liefen. Er beugte sich hinunter und blickte auf das Wasser unter dem Damm, das still und unaufhörlich dahinfoss. Sein Herz dachte: Wie kann es auf der Welt solche Herzlosigkeit geben!
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Er trauerte eine Weile, dann fiel ihm plötzlich ein: Siqin, Ruhua, Duftblümchen und die anderen, insgesamt fünf, waren fortgeschickt worden; Heitermuster war gestorben; nun war auch Schatzspange ausgezogen; Willkommensfrühling war zwar noch nicht fort, doch seit Tagen nicht zurückgekommen, und ständig erschienen Heiratsvermittler. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich alle im Garten zerstreün würden. Sich darüber zu graemen half auch nichts. Besser, er suchte Kajaljade auf und verbrachte den Tag bei ihr, und dann würde er mit Dufthauch zusammen sein — nur diese zwei, drei Menschen, die würden wohl bis zum Ende bei ihm bleiben.
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Mit diesem Gedanken ging er abermals zur Xiaoxiang-Bambushain-Fluss, doch Kajaljade war immer noch nicht zurück. Schatzjade dachte, er sollte wohl auch hinausgehen und sie verabschieden, doch er konnte seine Trauer nicht überwinden und blieb lieber. Niedergeschlagen kehrte er zurück.
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Gerade als er nicht wusste, wohin mit sich, kam ein Dienstmädchen von Dame König herein und suchte ihn: „Der gnädige Herr ist zurück und sucht Euch. Er hat ein neues Thema bekommen. Schnell, schnell!“
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Schatzjade musste wohl oder übel mitgehen. In Dame Königs Räumen angekommen, war sein Vater bereits hinausgegangen. Dame König ließ ihn ins Studierzimmer bringen.
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Aufrecht Kaufmann sass gerade mit seinen Beratern zusammen und sprach über die Schönheiten des Herbstausflugs. Dann sagte er: „Kurz bevor wir aufbrachen, kam plötzlich eine Geschichte zur Sprache, die in jeder Hinsicht ein Meisterwerk der Überlieferung ist. Acht Tugenden vereint sie in sich: Anmut, Geist, Treue, Gerechtigkeit, Edelmut und Tapferkeit. Ein prächtiges Thema — alle sollten eine Klagedichtung darauf verfassen.“
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Die Berater fragten neugierig, um welche wundersame Begebenheit es sich handle.
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Aufrecht Kaufmann erzählte: „Einst gab es einen König mit dem Titel Heng König<ref>恒王 (Héng Wáng), eine fiktive Figur. Die Geschichte der schönen Kriegerin Lin Siniang (林四娘) basiert auf einer in Shandong verbreiteten Geisterlegende, die auch in Pu Songlings „Liaozhai zhiyi“ (聊斋志异) erscheint.</ref>, der als Statthalter in Qingzhou residierte. Dieser Heng König liebte schönhe Frauen über alles und übte in seiner Freizeit die Kriegskunst. Darum wählte er viele schöne Mädchen aus und übte sie täglich im Waffenhandwerk. In seinen Mussestunden veranstaltete er tagelange Bankette und ließ die schönen Frauen im Kampf gegeneinander antreten. Unter seinen Damen gab es eine mit dem Nachnamen Lin, die vierte in der Geschwisterreihe, die nicht nur die schönste war, sondern auch die größte Meisterschaft in den Kriegskünsten besass. Alle nannten sie Lin Siniang. Heng König schätzte sie am meisten und beförderte sie zur Anführerin aller seiner Damen. Er verlieh ihr den Titel 'Guihua-Generalin' — die 'anmutig Schöne Generalin'.“
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Die Berater riefen: „Außerordentlich! Herrlich! Dem Wort 'Guihua' — 'anmutige Schönheit' — das Wort 'General' hinzuzufügen, macht es nur noch reizvoller und graziöser. Wahrlich ein einmaliger Ausdruck in der Geschichte der Literatur! Dieser Heng König muss wohl der größte Lebemann aller Zeiten gewesen sein!“
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Aufrecht Kaufmann lächelte: „Gewiss, das stimmt. Aber es gibt noch Erstaunlicheres und Bewundernswürdigeres zu berichten.“
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Die Berater fragten verwundert: „Was ist dann geschehen?“
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Aufrecht Kaufmann fuhr fort: „Im nächsten Jahr sammelten sich die Überbleibsel der Aufständischen — Reste der 'Gelben Turbane' und 'Roten Augenbraün' — erneut wie ein Schwarm und plünderten das Gebiet östlich der Berge. Heng König hielt sie für ein paar raeudige Schaffe und Hunde, die keinen großen Feldzug verdienten, und ritt mit leichter Kavallerie gegen sie. Doch die Rebellen waren überraschend listig und geschickt. Nach zwei verlorenen Schlachten fiel Heng König den Raeübern zum Opfer. Daraufhin sagten sich alle Zivil- und Militärbeamten in Qingzhou: 'Wenn nicht einmal der König siegen konnte — was sollen wir da ausrichten?' Sie waren schon drauf und dran, die Stadt zu übergeben. Als Lin Siniang die Todesnachricht erhielt, versammelte sie alle Kriegerinnen und sprach: 'Wir alle stehen in der Schuld des Königs. Himmel und Erde sind unsere Zeugen, doch wir können ihm nicht den zehntausendsten Teil seiner Gnade vergelten. Da der König nun sein Leben für das Reich gegeben hat, bin ich entschlossen, mein Leben für den König zu geben. Wer mir folgen will, komme sofort mit mir. Wer nicht will, möge sich zerstreün.' Als die Kriegerinnen diese Worte hörten, riefen alle einstimmig, sie seien bereit. So führte Lin Siniang ihre Schar bei Nacht aus der Stadt und fiel direkt über das Lager der Räuber her. Die Rebellen waren unvorbereitet, und einige ihrer Anführer wurden erschlagen. Doch als die Räuber sahen, dass es nur eine Handvoll Frauen war und sie nichts ausrichten konnten, schlugen sie mit aller Macht zurück, und in einem erbitterten Kampf wurde Lin Siniang und jede einzelne ihrer Kämpferinnen getötet, ohne dass eine am Leben blieb. So erfüllte Lin Siniang ihren Schwur der Treue und Gerechtigkeit. Als die Nachricht in die Hauptstadt gelangte, waren alle — vom Kaiser bis zum geringsten Beamten — erschüttert und voller Bewunderung. Was die Unterdrückung der Rebellen danach betrifft — natürlich schickte der Hof Truppen, und die kaiserlichen Armeen machten dem Spuk rasch ein Ende. Darüber brauchen wir nicht weiter zu sprechen. Aber allein Lin Siniangs Geschichte — ist die nicht bewundernswert?“
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Die Berater seufzten: „Wahrlich bewundernswert und erstaunlich! Ein hervorragendes Thema, das verdient, dass alle eine Klageode darauf verfassen.“ Schon hatte jemand Pinsel und Tusche geholt. Nach Aufrecht Kaufmanns mündlichem Bericht wurde, mit leichten Änderungen in der Wortwahl, eine kurze Einleitung niedergeschrieben und Aufrecht Kaufmann zur Durchsicht vorgelegt. Dieser sagte: „Es ist nicht mehr als das. Die andere Seite hat ohnehin die Originaleinleitung. Gestern erging nämlich ein kaiserlicher Erlass, wonach alle Personen aus früheren Dynastien, die Anerkennung verdienten, aber bisher übergangen worden waren, gemeldet werden sollten — ob Mönche, Nonnen, Bettler, Männer oder Frauen: Wer auch nur eine lobenswerte Tat vorzuweisen hat, dessen Lebenslauf soll dem Ritenministerium zur Prüfung vorgelegt werden. Deshalb wurde auch jene Originaleinleitung an das Ritenministerium geschickt. Alle, die davon hörten, wollen nun ein 'Lied auf die Anmutig-Schöne' verfassen, um ihre Treue und Gerechtigkeit zu würdigen.“
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Die Berater sagten lächelnd: „So muss es sein. Und noch bewundernswerter ist, dass unsere erlauchte Dynastie mit beispiellosen Gunsterweisen glänzt, wie es sie in keiner früheren Zeit je gegeben hat. Man kann wahrlich sagen: 'Im heiligen Reich gibt es nichts zu beklagen' — das Wort des Tang-Dichters hat sich in unserer Zeit bewahrheitet. Erst jetzt bekommt dieser Vers seinen vollen Sinn.“
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Aufrecht Kaufmann nickte: „Genau so ist es.“
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Während sie noch sprachen, trafen auch Unheil Kaufmann und Orchidee Kaufmann ein. Aufrecht Kaufmann ließ sie das Thema lesen. Die beiden waren zwar keine schlechten Dichter, und an Belesenheit standen sie Schatzjade nicht viel nach. Doch erstens schlugen sie grundsätzlich einen anderen Weg ein: In der Prüfungsdichtung mochten sie Schatzjade überlegen sein, doch in der freien Dichtung reichten sie bei weitem nicht an ihn heran. Zweitens war ihr Denken schwerfaellig und umständlich, während Schatzjades Geist leicht und graziös dahinflog. Ihre Gedichte lasen sich stets wie Examenarbeiten: steif, nüchtern und ohne Schwung.
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Schatzjade hingegen war zwar kein Gelehrter im eigentlichen Sinne, doch dank seiner angeborenen Klugheit und seiner Vorliebe für allerlei Bücher außerhalb des Kanons hielt er es für möglich, dass auch die Alten sich gelegentlich geirrt oder etwas erfunden hatten, und meinte, man dürfe nicht alles wörtlich nehmen. Wenn man sich ständig ängstlich an Regeln klammerte, kam bestenfalls ein steifes Flickwerk heraus, das keinem Vergnügen bereitete. Mit dieser Haltung im Herzen fiel ihm jedes Thema, ob schwer oder leicht, mühelos zu — wie einem gewandten Redner, der aus dem Nichts Geschichten spinnt, mit flinker Zunge lange Tiraden hält und alles durcheinanderwirft und außchmückt, bis ein ganzer Vortrag dasteht. Auch wenn es an Belegen mangelt, bringt er die ganze Gesellschaft zum Lächeln, und selbst die strengsten Kritiker können gegen diesen Schwung nichts ausrichten.
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In letzter Zeit hatte Aufrecht Kaufmann, mit zunehmendem Alter, sein Streben nach Ruhm und Ehre weitgehend abgelegt. In seiner Jugend war auch er ein Mann des Weins und der Poesie gewesen, doch vor den jüngeren Verwandten hatte er stets den rechten Weg betont. Nun stellte er fest, dass Schatzjade, obwohl er keine Bücher las, ein erstaunliches Verständnis für die Dichtkunst besass. Bei näherer Betrachtung hatte er die Familienehre doch nicht allzu sehr beschmutzt. Zudem waren auch die Vorfahren alle auf ähnliche Weise veranlagt gewesen: Zwar hatte es unter ihnen einige gegeben, die sich tief in die Prüfungsliteratur versenkt hatten, doch keiner war je durch die Prüfungen zu Amt und Würden gelangt. Offenbar war dies das Schicksal der Kaufmann-Familie. Da zudem die Herzoginmutter den Enkel verwöhnte, zwang Aufrecht Kaufmann ihn nicht länger zum Prüfungsstudium. Deshalb behandelte er ihn in letzter Zeit so. Gleichzeitig wünschte er sich, dass Unheil Kaufmann und Orchidee Kaufmann neben ihrer Prüfungsvorbereitung auch etwas von Schatzjades Talenten besässen; deshalb rief er, wann immer Gedichte zu verfassen waren, alle drei zusammen.
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Doch lassen wir die Abschweifungen. Aufrecht Kaufmann befahl den dreien, je eine Klageode zu verfassen: Wer zürst fertig wäre, erhalte eine Belohnung, und wer die beste abliefere, eine zusätzliche. Unheil Kaufmann und Orchidee Kaufmann hatten in letzter Zeit vor zahlreichem Publikum mehrere Gedichte vorgetragen und waren dadurch mutiger geworden. Sie lasen das Thema und gingen in sich. Bald hatte Orchidee Kaufmann seinen Text fertig. Unheil Kaufmann, der nicht zurückstehen wollte, vollendete seinen ebenfalls. Beide hatten ihre Verse niedergeschrieben, während Schatzjade noch in Gedanken versunken war.
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Aufrecht Kaufmann und die Berater besahen zunächst die Gedichte der beiden. Orchidee Kaufmanns war ein siebensilbiges Vierzeiler:
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    Guihua-Generalin Lin Siniang,
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    Jade war ihr Fleisch, Eisen ihr Herz.
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    Sie gab ihr Leben, um Heng König zu raeechen — noch heute duftet der Boden von Qingzhou.
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Die Berater lobten: „Für einen dreizehnjährigen Knaben ist das ganz ausgezeichnet! Man sieht, aus welch gelehrtem Hause er stammt!“ Aufrecht Kaufmann lächelte: „Für einen Knaben ist das eine beachtliche Leistung.“
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Dann lasen sie Unheil Kaufmanns Gedicht, einen fünfsilbigen Achtzeiler:
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    Die Schöne kennt noch keinen Gram,
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    doch in des Generals Herz glücht ein Schwur.
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    Sie wischt die Tränen, lässt den Seidenvorhang,
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    mit Groll im Herzen verlässt sie Qingzhou.
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    Sie wähnt, des Königs Gnade zu vergelten,
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    doch wie die Feinde besiegen?
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    Wer schreibt auf das Grab der Treue?
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    Auf ewig ein Name ohne gleichen.
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Die Berater sagten: „Noch besser! Ein paar Jahre älter, und man merkt, dass die Gedanken schon tiefer gehen.“ Aufrecht Kaufmann meinte: „Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich ergreifend.“ Die Berater entgegneten: „Mehr kann man nicht verlangen. Der dritte junge Herr ist nur zwei Jahre älter, und vor der Mündigkeit ist das schon beachtlich. In ein paar Jahren werden sie wie die beiden Ruans sein — der große und der kleine.“ Aufrecht Kaufmann lächelte: „Übertiebenes Lob. Ihr einziger Fehler ist, dass sie nicht fleissig genug studieren.“
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Dann fragte man nach Schatzjade. Die Berater sagten: „Der zweite junge Herr arbeitet sorgfaeltig und mit Bedacht. Das wird gewiss wieder etwas ganz anderes — voller Eleganz und Gefühl.“ Schatzjade lächelte: „Dieses Thema eignet sich nicht für die kurze Form. Es braucht ein längeres Stück im alten Stil — ein Lied oder eine Ballade — , um dem Gegenstand gerecht zu werden.“
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Alle erhoben sich, nickten und klatschten: „Hab ich es nicht gesagt — er denkt ganz anders! Bei jedem Thema prüft er zürst, welche Form angemessen ist. Das ist die Methode des Meisters. Wie beim Schneidern: Bevor man den Stoff zuschneidet, muss man die Masse kennen. Das Thema heißt 'Lied auf die Anmutig-Schöne', und da es eine Einleitung gibt, muss es ein längeres Lied im Balladenstil sein. Etwa nach dem Vorbild von Bai Juyis 'Lied vom ewigen Leid<ref>长恨歌 (Cháng Hèn Gē) von Bai Juyi (白居易, 772–846), eines der berühmtesten narrativen Gedichte der Tang-Dynastie über die tragische Liebesgeschichte von Kaiser Xuanzong und Yang Guifei<ref>杨贵妃 (Yáng Guìfēi, 719–756), berühmte Konkubine Kaiser Xuanzongs der Tang-Dynastie, Inbegriff weiblicher Schönheit in der chinesischen Kultur.</ref>.</ref>', oder als Nachahmung der historischen Oden, halb erzählend, halb besingend, fließend und elegant — nur so kann es gelingen.“
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Aufrecht Kaufmann stimmte zu, nahm selbst den Pinsel und bat Schatzjade lächelnd: „Also gut, diktiere, ich schreibe. Wenn es nicht gut ist, bekommst du Prügel. Wer hat dir erlaubt, vorab so große Töne zu spucken?“
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Schatzjade musste sich fügen und diktierte die erste Zeile:
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    Heng König liebte Krieg und schöne Frauen zugleich,
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Aufrecht Kaufmann las es und schüttelte den Kopf: „Grob.“ Ein Berater widersprach: „Gerade so muss es sein, damit es archaisch wirkt. Letztlich ist es nicht grob. Warten wir das Folgende ab.“ Aufrecht Kaufmann sagte: „Lassen wir es einstweilen stehen.“ Schatzjade diktierte weiter:
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    und ließ die schönen Mädchen Reiten und Schiessen üben.
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    Üppiger Gesang und sinnlicher Tanz gaben ihm keine Freude,
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    in Schlachtreihen und Waffengängen fand er sein Vergnügen.
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Aufrecht Kaufmann schrieb es auf. Die Berater sagten: „Allein die dritte Zeile ist schon altehrwürdig und kraftvoll. Und diese vier Zeilen als Auftakt sind äußerst gelungen.“ Aufrecht Kaufmann mahnte: „Spart euch das übertriebene Lob und seht zu, wie er die Wendung vollzieht.“ Schatzjade diktierte:
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    Vor den Augen wirbelt kein Schlachtfeldstaub empor,
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    im Lampenschein tanzt ein anmutiger Schatten.
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Alle riefen: „Herrlich! 'Kein Schlachtfeldstaub empor' — und dann als Kontrast 'ein anmutiger Schatten im Lampenschein'! Wortgebrauch und Verskunst — alles ist meisterhaft!“ Schatzjade fuhr fort:
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    Wenn sie den Befehl ruft, duftet ihr Mund nach Nelken,
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    Frostspeere und Schneeschwerter zittern in zärtlichen Händen.
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Die Berater klatschten lachend in die Hände: „Noch plastischer! War der junge Herr Schatzjade etwa selbst dabei und hat ihre Anmut gesehen und ihren Duft gerochen? Sonst würde er sich nicht so einfühlen!“ Schatzjade lächelte: „Wenn Mädchen Waffenübungen machen — wie tapfer sie sich auch geben, sie sind eben keine Männer. Ihre Zierlichkeit und Zärtlichkeit kann man sich auch ohne Hinsehen vorstellen.“
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Aufrecht Kaufmann sagte: „Statt weiter zu schwatzen, mach lieber weiter!“ Schatzjade überlegte und diktierte:
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    Nelkenknöpfe schmücken den Hibiskusgürtel,
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Alle sagten: „Wechsel zum Reim 'ao' — Xiao-Reim — , sehr gut! Das gibt Fluss und Schwung. Und die Zeile selbst ist bezaubernd und elegant.“ Aufrecht Kaufmann schrieb es nieder und bemerkte: „Die Zeile taugt nicht. Vorher hatte er schon 'duftender Mund' und 'zärtliche Hände' — wozu noch einmal? Das zeigt mangelnde Kraft; also greift er wieder zu bloßem Zierwerk, um die Lücke zu füllen.“
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Schatzjade lächelte: „Ein langes Lied braucht etwas schmückende Wortwahl. Sonst wird es zu karg.“
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Aufrecht Kaufmann entgegnete: „Schon, aber wie willst du nach dieser Zeile wieder zum Kriegerischen zurücklenken? Noch zwei, drei solche Zeilen, und es ist wie ein fünftes Rad am Wagen.“
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Schatzjade antwortete: „Dann wende ich es mit der nächsten Zeile ab und schließe zugleich. Das müsste gehen.“
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Aufrecht Kaufmann lachte kühl: „Was bildest du dir auf dein Können ein? Oben ein weiter, offener Satz, und jetzt willst du mit einer einzigen Zeile gleichzeitig wenden und schließen — da wird dir wohl die Kraft ausgehen.“
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Schatzjade überlegte kurz und sagte:
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    Nicht Perlen traegt sie an der Schärpe, sondern das Schwert.
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„Geht diese Zeile?“ fragte er hastig. Alle schlugen begeistert auf den Tisch. Aufrecht Kaufmann schrieb sie nieder, las sie lächelnd noch einmal und sagte: „Lassen wir sie stehen. Weiter.“ Schatzjade fuhr fort: „Wenn sie taugt, möchte ich in einem Zug weitermachen. Wenn nicht, streiche ich alles und denke mir eine andere Richtung aus.“
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„Genug geredet!“ befahl Aufrecht Kaufmann. „Wenn es nicht gut ist, schreibst du eben noch zehn oder hundert Stück — vor Mühe brauchst du dich nicht zu fürchten!“
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Also überlegte Schatzjade noch einen Augenblick und diktierte:
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    Nach der Schlacht, spät in der Nacht, erschöpft das Herz,
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    Spuren von Puder und Schminke beflecken die Seidenfahne.
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Aufrecht Kaufmann sagte: „Wieder ein Abschnitt. Wie weiter?“
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Schatzjade diktierte:
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    Im nächsten Jahr ziehen Räuber durch Shandong,
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    verschlingen wie Tiger und Panther, schwärmen wie Bienen.
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Die Berater sagten: „Gut das Wort 'ziehen'! Es zeigt sofort den Unterschied der Kräfteverhältnisse. Und die ganze Zeile wendet sich geschmeidig.“
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Schatzjade diktierte weiter:
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    Der König führt die Himmelstruppen gegen die Räuber,
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    doch nach einer Schlacht, nach zweien — kein Sieg.
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    Blutiger Wind bricht den Weizen auf den Hügeln,
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    leer steht das Tigerzelt unter der Kriegsfahne in der Sonne.
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    Die blauen Berge schweigen, das Wasser rauscht,
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    es ist die Stunde, da Heng König den Tod fand.
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    Regen wäscht weiße Knochen, Blut tränkt das Gras,
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    der Mond scheint kalt auf gelben Sand, Geister bewachen die Leiche.
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Alle sagten: „Meisterhaft, meisterhaft! Aufbau, Erzählung, Wortwahl — alles vollendet. Nun kommt Lin Siniang — da muss es eine geniale Wendung geben.“ Schatzjade diktierte:
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    Die Offiziere und Soldaten denken nur an ihr eigenes Leben,
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    Qingzhou wird vor ihren Augen zu Staub.
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    Doch unerwartet leuchtet Treue und Pflicht aus dem Frauengemach,
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    voller Zorn erheben sich die Geliebten des Königs.
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Die Berater sagten: „Kunstvoll eingeleitet!“ Aufrecht Kaufmann warnte: „Es wird zu lang. Ich fürchte, es wird schwerfaellig.“
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Schatzjade diktierte weiter:
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    Wer war des Königs Liebste unter allen?
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    Die Guihua-Generalin Lin Siniang!
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    Sie ruft die Mädchen von Qin herbei, treibt die Töchter von Zhao,
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    wie blühende Pflaumen und Pfirsiche treten sie aufs Schlachtfeld.
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    Auf besticktem Sattel benetzen Tränen den Frühlingsschmerz,
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    lautlos liegt die Rüstung in der kühlen Nachtluft.
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    Sieg oder Niederlage — wer mag es voraußagen?
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    Doch ihr Schwur gilt: Leben und Tod für den früheren König!
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    Die Macht der Räuber ist unbezwingbar,
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    gebrochene Weiden, zertretene Blüten — wahrlich zum Erbarmen!
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    Ihre Seelen schweben nahe der Stadtmauer, nah der Heimat,
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    Pferdehufe zertreten Rosenduft und Knochenmark.
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    Eilboten jagen die Nachricht in die Hauptstadt,
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    welche Söhne und Töchter trauerten nicht?
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    Der Kaiser erschrickt und grollt den Verlusten,
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    auch die Beamten senken beschämt das Haupt.
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    Wozu stehen Zivil- und Militärbeamte am Hof,
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    wenn sie hinter einer Frau zurückstehen — hinter Lin Siniang!
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    Mir entringt Lin Siniang einen langen Seufzer,
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    das Lied ist zu Ende, doch das Gefühl irrt noch umher.
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Als er fertig war, lobten alle ohne Ende und lasen das Ganze noch einmal von vorn. Aufrecht Kaufmann lächelte: „Ein paar gute Zeilen sind darunter, aber im Ganzen ist es nicht ergreifend genug.“ Dann sagte er: „Ihr könnt gehen.“
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Alle drei fühlten sich wie begnadigt und gingen hinaus, jeder in seine Räume.
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Die übrigen Personen hatten nichts Besonderes zu berichten; sie gingen am Abend wie gewöhnlich zu Bett. Nur Schatzjade trug ein betrübtes Herz. Als er in den Garten zurückkehrte, fiel sein Blick auf die Hibiskusblüten am Teich. Er dachte an die Worte des kleinen Mädchens, Heitermuster sei zur Hibiskusgöttin geworden, und plötzlich hellte sich seine Stimmung auf. Er betrachtete die Hibiskusblüten und seufzte eine Weile.
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Dann fiel ihm ein, dass er nach ihrem Tod nicht einmal an ihrem Totenschrein hatte opfern können. Warum sollte er nicht hier, vor den Hibiskusblüten, ein Totenopfer darbringen? Das wäre doch weit vornehmer als die gewöhnliche Trauervisite, wie es vulgäre Menschen taten.
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So beschloss er, die Zeremonie durchzuführen, hielt dann aber inne: „So geht es doch nicht. Man muss ordentlich gekleidet sein, und die Opfergaben müssen vollständig vorbereitet werden, um wahre Ehrfurcht zu zeigen.“ Er überlegte: „Wenn ich jetzt die gewöhnlichen Trauerriten der Welt nachahmte, gäbe das gar nicht. Es muss etwas Einzigartiges sein, etwas Originelles und nie Dagewesenes, das unserer beider Wesen gerecht wird. Die Alten sagen ja: 'Auch Wasserpfütze und Regenlache, auch Wasserlinse und Brunnenkresse, so gering sie sein mögen, können einem Fürsten als Opfer dargebracht und den Göttern geweiht werden.' Es kommt nicht auf den Wert der Gaben an, sondern allein auf die Aufrichtigkeit des Herzens. Das ist das eine.
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Zweitens muss auch der Klagetext und das Trauergedicht von eigener Hand und eigenem Denken sein, frei geschrieben, ohne die ausgetretenen Pfade der Vorgänger zu betreten — keine leeren Phrasen zum Blenden, sondern jedes Wort unter Tränen geschrieben, jeder Satz unter Schluchzen. Lieber fehlende Kunstfertigkeit bei überreichem Gefühl als schmückende Sprache bei mangelnder Trauer. Zudem haben die Alten oft Anspielungen verwendet — nicht ich bin der Erste. Nur sind die Menschen von heute so verblendet von Ruhm und Karriere, dass sie den Geist des Altertums völlig vergessen haben, aus Furcht, es könne ihrer Laufbahn schaden. Ich aber strebe nicht nach Ruhm; ich schreibe nicht für die Welt. Warum also sollte ich nicht den alten Meistern von Chu nacheifern — ihren 'Großen Worten', dem 'Ruf der Seele', der 'Begegnung mit dem Leid', den 'Neun Klagen', dem 'Verdorrten Baum', der 'Schwierigen Frage', dem 'Herbstwasser' und der 'Lebensbeschreibung des großen Herrn'? Ich will einzelne Zeilen mischen, kurze Parallelpaare einstreün, wahre Begebenheiten und Gleichnisse verwenden, der Eingebung folgen und dem Pinsel freien Lauf lassen — fröhlich sein, wenn ich schreibe, und weinen, wenn mir danach ist. Erst wenn Wort und Gefühl sich erschöpfen, höre ich auf. Warum sollte ich mich wie die Welt in enge Grenzen zwängen?“
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Da Schatzjade ohnehin kein Büchermensch war und nun auch noch diese eigenwilligen Gedanken hegte, war natürlich kein musterhaftes Gedicht zu erwarten. Er aber schrieb, ohne sich um anderer Urteil zu kümmern, ganz nach seinem Gutdünken und ohne jede Zurückhaltung einen langen Text zusammen. Auf ein Stück jener eisigen Haifischseide, die Heitermuster stets geliebt hatte, schrieb er ihn in sauberer Regelschrift nieder. Er nannte ihn 'Klage auf das Hibiskusmädchen', mit einer Einleitung und einem abschließenden Lied. Auch bereitete er vier Opfergaben vor, lauter Dinge, die Heitermuster stets gemocht hatte.
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Bei Mondschein in der Nacht ließ er das kleine Dienstmädchen die Gaben vor die Hibiskusblüten tragen. Zürst vollzog er den Ritus. Dann hängte er den Klagetext an einen Hibiskuszweig und sprach ihn unter Tränen:
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„Am Anfang des Großen Friedens, in nie wechselnder Ära, im Monat, da Hibiskus und Duftblüte um die Wette duften, an einem Tag, an dem nichts anderes bleibt als Ergebung — ich, der trübe Jade aus dem Hof der Roten Freude, bringe in aller Bescheidenheit Blüten der hundert Blumen, Haifischseidenstoff, Wasser aus der Duftgetränkten Qülle und Tee, der unter Ahornhonig gereift ist, dar. Obwohl diese vier Gaben gering sind, mögen sie meine Aufrichtigkeit und Treue bezeugen. Hiermit bringe ich mein Opfer dar vor der Hibiskusgöttin, Hüterin der Herbstschönheit, im Palast des Weißen Kaisers:
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Wenn ich bedenke, wie das Mädchen in diese trübe Welt kam und nun sechzehn Jahre auf Erden gelebt hat — ihre frühere Heimat, ihren Familiennamen, ihr Geschlecht: Alles ist längst verschüttet und nicht mehr zu erforschen. Doch ich, der Trübe Jade, hatte das Glück, ihr nahe zu sein — in Bett und Kissen, bei Kamm und Bad, in Ruhe und bei Festen, in Vertrautheit und Nähe — ganze fünf Jahre und acht Monate lang.
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Wenn ich an ihr früheres Wesen denke: Ihre Natur war so kostbar, dass Gold und Jade nicht genügen, sie zu beschreiben; ihre Art war so rein, dass Eis und Schnee ihr Gleichnis nicht erreichen; ihr Geist war so strahlend, dass Sterne und Sonne ihn nicht fassen; ihre Schönheit war so leuchtend, dass Blumen und Mond nur matter Abglanz sind. Alle Schwestern bewunderten ihre Anmut und Tugend, alle Älteren schätzten ihre Freundlichkeit und Güte.
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Wer hätte geahnt, dass Giftvögel ihre Höhe neiden und der Adler in die Falle des Jägers gerät? Dass giftiges Unkraut ihren Duft missgönnt und edle Orchideen unter der Sichel fallen? Die Blume war von Natur aus zart — wie sollte sie dem Sturm trotzen? Die Weide war von jeher trübsinnig — wie sollte sie dem Platzregen standhalten?
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Durch eine böse Verleumdung erkrankt, wurde sie von tödlichem Siechtum befallen. Ihre Kirschenlippen verloren die Röte und stöhnten nur noch; ihre Aprikosenwangen verblassten und wurden hager. Verleumdung und Schmaehung kamen aus dem Frauengemach; Dornen und Disteln wucherten bis zur Türschwelle. Nicht sie hat sich die Schuld aufgeladen — in Wahrheit hat man ihr die Schande aufgebürdet. Endloser Kummer versank in bodenloser Tiefe, unendliches Unrecht drückt sie in alle Ewigkeit.
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Ihre Erhabenheit erregte Neid — wie einst der Verbannte in Changsha litt sie hinter dem Frauenvorhang. Ihre Aufrichtigkeit wurde ihr zum Verhängnis — wie einst der Gerechte in Yuye verging sie unter dem Kopfschmuck der Frauen. Still trug sie ihre Bitterkeit, wer hatte Mitleid mit ihrem frühen Tod?
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Die Wolke der Unsterblichen zerstreute sich, ihre duftenden Spuren sind nicht mehr zu finden. Weder das Kraut gegen den Tod noch die Medizin der Wiedergeburt vermochte sie zu retten. Gestern noch zeichnete ich ihre Braün mit Tusche; heute — wessen Hand wird den kalten Jadeuing wärmen? In der Rauchpfanne stehen noch die Reste der Arznei; am Gewand haften noch die Spuren der Tränen. Der Spiegel zerbrach, der Luan-Vogel flog davon — mit Trauer öffne ich Moschusmonds Schatulle. Der Kamm ward zum Drachen — unter Klagen zerbrach Tanyuns Zahn.
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Goldene Haarnadeln liegen im Unkraut, eine Jadeschatulle im Staub. Leer steht das Gebälk, wo einst die Elstern nisteten — umsonst hängt dort die Nadel des siebten Abends. Zerrissen ist das Band der Mandarinenenteneine — wer knüpft den Faden des fünften Tages wieder?
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Zumal nun der Herbst herrscht, der Weiße Kaiser regiert, die einsame Decke von Träumen spricht und das leere Zimmer menschenleer ist. Der mondlose Hof unter den Wutongbäumen — die schöne Seele und der liebliche Schatten schwanden zugleich. Der Hibiskusvorhang hat seinen Duft verloren — das zärtliche Atmen und die leise Stimme verstummten für immer.
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Welkendes Gras bedeckt den Himmel — nicht nur Schilf und Rohr; Klagetöne erfüllen die Erde — nichts als Grillen und Heimchen. Auf dem bemoosten Pfad am späten Abend dringt kein Wäsche-Klopfen durch den Vorhang; im regengetränkten Garten hört man über die Mauer nur selten die klagende Flöte.
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Ihr duftender Name ist noch nicht verloschen — der Papagei am Dach ruft ihn immer noch. Doch ihre schöne Gestalt ist dem Vergehen nahe — der Zierapfelbaum vor dem Geländer welkte schon voraus.
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Beim Versteckspiel hinter dem Wandschirm fielen die Lotusblätter lautlos; beim Kräuterpflücken im Hof wartet die Orchidee vergebens auf Blüte. Zerrissen die Seidenfäden — wer nähte die Silberborten und bunten Bänder? Zerbrochen die Eisnadel — im goldenen Bügeleisen ruht ungeglättet der kaiserliche Duft.
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Gestern noch auf strengen Befehl bestieg sie den Wagen und verließ den duftenden Garten; heute unter grausamer Gewalt stützt sie sich auf den Stock und verlässt den einsamen Sarg. Da der Sarg verbrannt wurde — wie beschämt bin ich, das Versprechen des gemeinsamen Grabes gebrochen zu haben! Da der Steinsarkophag zu Asche ward — welche Schande, dass wir nicht gemeinsam zu Staub werden!
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So weht der Herbstwind über den alten Tempel, und Irrlichter verweilen; die untergehende Sonne sinkt über den wüsten Hügel, und weiße Knochen liegen zerstreut. Ulmen und Katalpen rauschen, Beifuß und Wermut wispern. Durch den Nebel schreit der Affe am Grabhügel, durch den Dunst weint der Geist am Felddamm.
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Ich glaubte fest, im roten Seidenzelt stehe der junge Herr in tiefer Zuneigung; nun erst glaube ich, im gelben Erdhügel leidet das Mädchen unter bitterem Schicksal. Runan sah Tränen aus Blut — Tropfen für Tropfen spritzten sie in den Herbstwind; Zize hört den letzten Herzschlag — still und stumm klagt er im kalten Mondlicht.
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O weh! Gewiss waren es böswillige Dämonen, die dieses Unheil anrichteten — doch waren es am Ende auch neidische Götter? Knebelt man den Verleumdern den Mund — reicht diese Strafe je aus? Schneidet man den Härtlingen das Herz auf — stillt das je den Zorn?
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Deine irdischen Bande waren zwar kurz, doch mein niedriger Sinn findet kein Ende. Aus unablässiger Sehnsucht stelle ich unablässige Fragen. So erfuhr ich: Der Himmlische Kaiser hat sein Banner entfaltet, im Blumenpalast wartet ein Amt. Im Leben war sie unter Orchideen und Duftpflanzen, im Tode herrscht sie über die Hibiskusblüten.
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Was das kleine Mädchen sagte, mag wie leeres Gerede klingen; doch wenn der Trübe Jade nachdenkt, hat es tiefen Sinn. Denn einst entführte Ye Fashan eine Seele, um eine Grabinschrift zu verfassen, und Li Changji wurde in die Unterwelt berufen, um einen Bericht zu schreiben — die Begebenheiten sind verschieden, doch das Prinzip ist dasselbe. Darum glaube ich fest, dass der Himmlische Kaiser in seiner Zuweisung des Amtes wahrhaft gerecht und angemessen gehandelt hat, ganz im Einklang mit ihrem innersten Wesen. In der Hoffnung, dass ihr unsterblicher Geist vielleicht hierher herabsteigt oder emporschwebt, wage ich, trotz meiner ungeschlachten Worte, die ihr feines Gehör beleidigen mögen, zu singen und sie herbei zu rufen:
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Warum ist der Himmel so unendlich blau? Fliegt sie auf einem Jadedrachen durch das Firmament?
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Warum ist die Erde so unendlich weit? Reitet sie auf einem Juwelen-Elefanten hinab in die Qüllen?
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Schaut sie empor zum schillernden Baldachin? Ist es der Glanz des Sterns Ji oder Wei?
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Reiht sich ein Federfächer als Vorhut auf? Schützen die Sterne Wei und Xu sie zur Seite?
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Treibt sie den Donnergott als Begleiter an? Trennt sie sich vom Mondlicht, das König Shu führt?
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Hört man die Raeder knirschen und achzen? Lenkt sie den Wagen der Luan- und Yi-Vögel?
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Duftet es so süß und betäubend? Flicht sie Liguster und Angelika zum Halsband?
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Funkelt ihr Rock und Gewand so leuchtend? Schmückt sie sich mit dem Mond als Ohrgehänge?
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Sind mit rankenden Kräutern die Stufen zum Altar geschmückt? Brennt eine Lotuskerze im Lampenol aus Orchideen?
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Traegt der Becher die Muster von Kürbis und Flaschenkürbis? Schenkt man Reiswein ein, gewürzt mit Zimtblüte?
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Blickt sie in die Wolken und hält den Blick fest? Sieht sie etwas in der Ferne schimmern?
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Lauscht sie in die Tiefe und spitzt die Ohren? Hört sie in der Stille etwas?
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Schwebt sie grenzenlos durch die Endlosigkeit? Wirft sie mich Elenden in den Staub zurück?
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Möge der Wind ihr Bote sein und mir den Wagen senden! Kann ich hoffen, dass wir gemeinsam die Zügel ergreifen und heimkehren?
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Mein Herz ist voller Kummer — doch was nützt all mein Wehklagen?
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Du ruhst so still in deinem langen Schlummer — ist es das Schicksal, das sich hier gewandelt hat?
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Da du nun im Grabe liegst und Frieden findest — bist du zurückgekehrt zu deinem wahren Wesen, ohne noch einmal verwandelt zu werden?
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Ich aber bin noch in Fesseln und hänge am Leben — wird dein Geist mich rufen, mich hierher zu locken?
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Komm herbei, bleib hier, komm doch herbei!
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Wenn du aber im formlosen Urnebel wohnst und in schweigender Stille ruhst — so kann ich, selbst wenn du hier wärst, dich nicht erblicken. Dann will ich Nebel-Efeu zum Wandschirm erheben und Schwertschilfrohr als Reihen aufstellen. Die schläfrigen Augen der Weiden wecken und das bittere Herz des Lotus befreien. Sunyue einladen am Felskap der Zimtpflanzen und Luofei begrüssen am Orchidenufer. Nongyue bläst die Flöte, und ein Klanginstrument aus Jade wird geschlagen. Die Göttin des Berges Song wird herbeigerufen und die Alte vom Berg Li geweckt. Die Seelen des Berges Penglai tanzen, die Tiere im Teich Xianchi springen. Der rote Drache singt in der Tiefe, der Phönix versammelt sich im Perlenwald.
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Ehrfurcht und Aufrichtigkeit — nicht in Opferschalen und Holzgefäßen. Der Wagen bricht auf von der Morgenrötlichen Stadt und kehrt zurück zum Feengarten. Mal scheint es, als ob die Grenze zwischen Sichtbar und Unsichtbar durchlässig würde; mal verdichtet sich der Dunst und versperrt plötzlich den Weg. Vereinigung und Trennung wie Wolken und Nebel, verschwommen wie Regen und Dunst. Der Staub legt sich, die Sterne stehen hoch; Bäche und Berge schimmern im Mittagsmond. Wie unruhig ist mein Herz! Wie zwischen Wachen und Träumen schwankend! So seufze ich in Sehnsucht, weinend und umherirrend. Menschenstimmen versinken in der Stille, Himmelstöne klingen in den Bambusdickichten. Aufgeschreckte Vögel flattern davon, Fische schnappen an der Wasserfläeche. Meine Klage ist mein Gebet, mein Ritus ist mein Segen. O weh! Nehmt dieses Opfer an!“
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Als er die Klage zu Ende gelesen hatte, verbrannte er Seidenopfer und goss Tee als Libation, doch konnte er sich nicht losreißen. Das kleine Mädchen musste ihn wieder und wieder drängen, ehe er sich schließlich umwandte. Da hörte er plötzlich hinter den Felsen jemanden lachen und sagen: „Bitte bleibt noch einen Augenblick!“
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Beide erschraken. Das kleine Mädchen sah sich um — da trat eine Gestalt hinter den Hibiskusblüten hervor. Sie schrie laut auf: „Ein Geist! Heitermuster zeigt sich als Geist!“ Auch Schatzjade blickte erschrocken hin — Wer es war, wird im nächsten Kapitel erzählt.
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<small>Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
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<references />

Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Achtundsiebzigstes Kapitel

Der alte Gelehrte lässt zum Vergnügen ein Gedicht auf eine schöne Kriegerin verfassen; der verliebte junge Herr erfindet eine Totenklage auf die Hibiskusgöttin[1]

Es wird erzählt, dass Dame König, nachdem die beiden Nonnen Duftblümchen und die anderen mitgenommen hatten, zur Herzoginmutter ging, um ihr den Morgengruß zu entbieten. Als sie die Herzoginmutter guter Stimmung vorfand, nutzte sie die Gelegenheit und berichtete: „In Schatzjades Räumen gibt es eine Dienerin namens Heitermuster. Das Mädchen ist schon groß geworden, und obendrein ist sie das ganze Jahr über krank. Ich habe bemerkt, dass sie fauler und ungezogener ist als die anderen. Vor kurzem lag sie wieder über zehn Tage krank darnieder; der Arzt diagnostizierte Mädchenschwindsucht, und deshalb habe ich sie sofort fortschicken lassen. Wenn sie genesen ist, brauchen wir sie nicht zurückzurufen — man kann sie dann gleich ihren Leuten zur Verheiratung geben. Was die Schauspielmädchen betrifft, die seinerzeit das Theaterspielen lernten, so habe ich sie ebenfalls auf eigene Verantwortung freigelassen. Erstens haben sie durchs Theaterspielen gelernt, ungehemmt zu reden und alles Mögliche daherzuplappern — wie soll das angehen, wenn die jungen Damen so etwas hören? Zweitens ist es nur recht und billig, dass man sie freilässt, nachdem sie eine Zeitlang gesungen haben. Außerdem haben wir ohnehin zu viele Dienerinnen. Wenn es nicht genug sind, wählen wir eben ein paar neue aus — das ist dasselbe.“

Die Herzoginmutter nickte: „Das ist durchaus vernünftig. Ich habe mir auch schon so etwas gedacht. Aber diese Heitermuster — ich fand sie immer ausgezeichnet. Wie konnte es so weit kommen? Meiner Meinung nach können all die anderen Dienerinnen an Aussehen, Gewandtheit, Redekunst und Handarbeit nicht mit ihr mithalten. Ich dachte, sie allein sei es wert, Schatzjade künftig zu dienen. Wer hätte geahnt, dass sie sich so verändern würde?“

Dame König lächelte: „Die alte gnädige Frau hatte mit ihrer Wahl ganz recht. Nur hat sie wohl nicht das Glück, das ihr bestimmt ist, und deshalb bekam sie diese Krankheit. Wie das Sprichwort sagt: 'Wenn ein Mädchen achtzehn wird, ändert sie sich achtzehnmal.' Zudem haben begabte Menschen zwangsläufig auch ihre Eigenheiten. Was hätte die alte gnädige Frau in ihrem Leben nicht schon alles erfahren? Auch ich habe diese Sache bereits seit drei Jahren im Auge behalten. Anfangs hatte ich sie ebenfalls ausgewählt, und seither beobachtete ich sie genau. Bei kühlem Hinsehen übertrifft sie zwar in jeder Hinsicht die anderen, nur ist sie nicht besonnen genug. Was Besonnenheit und Kenntnis der großen Umgangsformen betrifft, steht Dufthauch an erster Stelle. Man sagt zwar, eine tüchtige Ehefrau und eine schöne Nebenfrau, doch ist es noch besser, wenn sie sanftmütig im Wesen und gesetzt im Auftreten ist. Dufthauch mag zwar vom Aussehen her eine Stufe unter Heitermuster stehen, doch wenn man sie ins Gemach nimmt, zählt sie immer noch zu den Besten. Zudem ist sie großzügig im Handeln und aufrichtig im Herzen. In all den Jahren hat sie Schatzjade nie in seinem Unfug unterstützt. Wann immer Schatzjade sich gar zu wild aufgeführt hat, hat sie ihm eindringlich abgeraten. Nachdem ich sie zwei Jahre lang geprüft und keinen Fehler gefunden hatte, habe ich still und leise ihr monatliches Dienerinnengehalt eingestellt und stattdessen aus meinem eigenen Monatsgeld zwei Liang Silber für sie abgezweigt — nur, damit sie selbst es weiß und sich noch gewissenhafter um ihre Tugend bemüht. Warum ich es nicht offen ausgesprochen habe? Erstens ist Schatzjade noch zu jung, und wenn der gnädige Herr davon erführe, könnte er sagen, es lenke ihn vom Studium ab. Zweitens würde Schatzjade, sobald er wüsste, dass sie bereits seine Nebenfrau ist, glauben, sie würde es nicht mehr wagen, ihn zu ermahnen und zurechtzuweisen, und erst recht zügellos werden. Deshalb habe ich erst heute der alten gnädigen Frau Bericht erstattet.“

Die Herzoginmutter hörte dies und lächelte: „Ach so ist das! Dann ist es ja umso besser. Dufthauch war von klein auf schweigsam und still — ich hielt sie immer für eine mundlose Kürbisflasche. Wenn du sie so gut kennst, kann es keinen großen Fehler geben. Und dein Gedanke, es Schatzjade nicht offen zu sagen, ist sogar noch klueeger. Reden wir nicht weiter darüber, es genügt, wenn wir es im Herzen wissen. Ich kenne Schatzjade — er wird auch künftig nicht auf Frau und Nebenfrau hören. Auch ich verstehe ihn nicht und habe noch nie ein solches Kind gesehen. All sein anderer Unfug ist ja verständlich, nur dass er sich so sehr zu den Dienerinnen hingezogen fühlt, ist rätselhaft. Ich habe mir deshalb auch Sorgen gemacht und ihn oft heimlich beobachtet. Dass er mit den Dienerinnen scherzt, müsste eigentlich heißen, dass er groß geworden ist und die Dinge zwischen Mann und Frau versteht, und sich darum gern in ihrer Nähe aufhält. Doch wenn man genau nachforscht, ist es eben nicht deshalb. Ist das nicht seltsam? Wahrscheinlich ist er eigentlich ein Mädchen, das versehentlich als Junge geboren wurde.“

Alle lachten. Dame König berichtete ferner, wie Aufrecht Schatz Kaufmannjade heute gelobt und die Knaben zu einem Ausflug mitgenommen hatte. Die Herzoginmutter freute sich darüber noch mehr.

Bald darauf erschien Willkommensfrühling, fein herausgeputzt, um sich zu verabschieden, ehe sie zu ihrer Familie zurückkehrte. Auch Phönixglanz kam zum Morgengruß. Nachdem das Frühstück serviert war und man noch eine Weile geplaudert und gelacht hatte, ging die Herzoginmutter zum Mittagsschlaf.

Danach rief Dame König Phönixglanz zu sich und fragte, ob die Arzneipillen schon zubereitet seien. Phönixglanz erwiderte: „Noch nicht. Ich nehme immer noch Heiltränke. Aber die gnädige Frau braucht sich keine Sorgen zu machen — mir geht es schon viel besser.“ Da Dame König sah, dass sie wieder so munter war wie früher, glaubte sie ihr. Dann berichtete sie von der Vertreibung Heitermusters und der anderen und fuhr fort: „Warum ist Fräulein Schatzspange heimlich zu sich nach Hause zum Schlafen gegangen, ohne dass ihr es wusstet? Neulich habe ich auf meinem Weg alles inspiziert. Es stellte sich heraus, dass auch die neue Amme des kleinen Lan recht kokett ist — sie gefällt mir nicht. Ich habe es deiner Schwägerin gesagt: Am besten schickt man sie fort. Zumal der kleine Lan schon groß ist und keine Amme mehr braucht. Ich fragte deine Schwägerin: 'Hast du etwa auch nicht gewusst, dass Fräulein Schatzspange fortgegangen ist?' Sie sagte, Schatzspange habe es ihr durchaus mitgeteilt — sie wolle nur zwei, drei Tage bleiben, bis es der Tante besser gehe, und dann zurückkommen. Ihrer Tante fehlt im Grunde nichts Ernstes, es ist nur wieder der übliche Husten und die Rückenschmerzen, die sie jedes Jahr hat. Aber Schatzspanges Fortgehen muss einen besonderen Grund haben. Ob sie jemand gekränkt hat? Das Kind nimmt sich alles so zu Herzen. Wir sind Verwandte und leben unter einem Dach — es wäre nicht gut, wenn man jemanden beleidigt.“

Phönixglanz lächelte: „Wer sollte sie schon grundlos kränken? Außerdem ist sie den ganzen Tag im Garten, und da sind nur die Schwestern unter sich.“

Dame König überlegte: „Vielleicht hat Schatzjade mit seinem losen Mundwerk und seiner Gedankenlosigkeit — er ist ja wie ein Narr und kennt keine Hemmungen — in einem fröhlichen Augenblick etwas Unbedachtes gesagt.“

Phönixglanz lächelte: „Da macht sich die gnädige Frau zu viele Sorgen. Wenn man ihn hinaußchickt, um ernste Dinge zu besprechen, benimmt er sich wie ein Trottel. Aber unter den Schwestern und den Dienerinnen, ob groß oder klein, ist er die Zuvorkommenheit selbst und hat stets Angst, jemanden zu verletzen — da kann ihn wirklich niemand böse nehmen. Ich denke, Schwester Xüs Fortgehen hat mit der Durchsuchung der Dienerinnensachen neulich zu tun. Die Durchsuchung fand ja statt, weil man den Leuten im Garten nicht mehr traute. Da Schatzspange aber eine Verwandte ist und ebenfalls Dienerinnen und ältere Frauen hier hat, konnten wir sie nicht mit durchsuchen. Sie fürchtete wohl, wir könnten sie in Verdacht haben, und hat sich deshalb vorsichtshalber selbst zurückgezogen. Das ist auch durchaus angemessen — man sollte solchen Verdacht von sich fernhalten.“

Dame König fand diese Erklärung einleuchtend, senkte nachdenklich den Kopf und ließ dann Schatzspange rufen, um die Sache vom neulichen Tag aufzuklären, ihren Verdacht zu zerstreün und sie einzuladen, wie zuvor im Garten zu wohnen. Schatzspange lächelte: „Ich wollte eigentlich schon länger gehen, aber die Tante hatte so viele wichtige Angelegenheiten, dass ich den richtigen Zeitpunkt nicht finden konnte, es anzusprechen. Nun wurde meine Mutter gerade wieder krank, und die beiden zuverlässigen Frauen bei uns daheim liegen ebenfalls darnieder, also habe ich die Gelegenheit genutzt. Da die Tante jetzt Bescheid weiß, kann ich meine Gründe offen darlegen und mich ab heute ordentlich verabschieden und meine Sachen holen lassen.“

Dame König und Phönixglanz sagten lächelnd: „Du bist zu eigensinnig. Am besten ziehst du wieder ein. Wegen einer Nichtigkeit sollte man die verwandtschaftlichen Beziehungen nicht aufs Spiel setzen.“

Schatzspange erwiderte lächelnd: „Mit Verlaub, das ist ein Missverständnis. Ich gehe nicht wegen irgendwelcher Vorfaelle. Erstens ist meine Mutter in letzter Zeit geistig viel schwächer geworden, und nachts hat sie niemand Zuverlässigen bei sich — es gibt nur mich. Zweitens steht meines Bruders Hochzeit bevor, und es fehlt noch vieles an Näharbeiten und Haushaltsgegenständen, bei deren Beschaffung ich Mutter helfen muss. Die Tante und Schwester Phönixglanz kennen unsere Verhältnisse — ich übertreibe nicht. Drittens: Seit ich im Garten wohne, steht das kleine Seitentor im Südosten ständig offen, eigentlich für meinen Weg. Aber man kann nicht verhindern, dass auch andere den kürzeren Weg nehmen und durch dieses Tor gehen, ohne dass jemand sie kontrolliert. Wenn dort etwas passiert, verlieren beide Seiten das Gesicht. Zudem war mein Einzug in den Garten keine große Sache. In früheren Jahren waren wir alle noch jung, und zu Hause gab es nichts zu tun — da war es schöner, bei den Schwestern im Garten zu sein, zu nähen und zu plaudern, als allein zu Hause zu sitzen. Jetzt aber sind wir alle älter geworden und haben alle unsere Pflichten. Zudem trifft die Tante in den letzten Jahren ein Unglück nach dem anderen, und der Garten ist viel zu groß, um überall aufzupassen — alles hängt miteinander zusammen. Je weniger Leute dort wohnen, desto weniger Sorgen. Deshalb gehe ich nicht nur selbst, sondern möchte der Tante auch raten: Was man einsparen kann, sollte man einsparen, ohne dass es der Würde eines großen Hauses Abbruch täte. Meiner Ansicht nach könnte man die Ausgaben für den Garten durchaus streichen. Das sage ich nicht leichtfertig — die Tante kennt unsere Familie gut genug. Waren wir denn früher etwa so heruntergekommen?“

Phönixglanz hörte diese ganze Rede und sagte lächelnd zu Dame König: „Was sie sagt, ist richtig. Man sollte sie nicht zwingen.“ Dame König nickte: „Mir fällt auch nichts mehr ein, was ich dagegen sagen könnte. Tu, wie du meinst.“

Während sie noch sprachen, kehrten Schatzjade und die anderen bereits zurück. Er berichtete, sein Vater sei noch nicht aufgebrochen und habe sie vorsorglich früher heimgeschickt, damit es nicht zu dunkel würde. Dame König fragte sogleich: „Hast du dich heute blamiert?“ Schatzjade lächelte: „Nicht nur keine Blamage — ich habe sogar allerhand mitgebracht!“ Gleich darauf übernahmen die alten Dienerinnen am zweiten Tor von den Dienern allerlei Gegenstände. Dame König besah sie: drei Fächer, drei Fächeranhänger, sechs Kästchen mit Schreibutensilien, drei Schnüre Duftkügelchen und drei Jadeplatten mit Seidenquasten. Schatzjade erklärte: „Das hier ist vom Hanlin-Akademiker Mei, das vom Hofrat Yang, und das vom Beamten Li — jeder hat eine Garnitur bekommen.“ Dann holte er noch ein kleines sandelhölzernes Schutzamulett mit einer Buddhafigur aus seinem Gewand hervor und sagte: „Das hat mir der Herzog von Qing persönlich geschenkt.“

Dame König erkundigte sich noch, wer bei dem Festmahl zugegen war und welche Gedichte verfasst wurden. Dann ließ sie nur Schatzjades Anteil von jemandem tragen und ging mit Schatzjade, Orchidee Kaufmann und Unheil Kaufmann zur Herzoginmutter. Die Herzoginmutter betrachtete alles mit großer Freude und stellte natürlich auch einige Fragen. Schatzjade aber dachte die ganze Zeit nur an Heitermuster. Sobald er die Fragen beantwortet hatte, sagte er, das Reiten habe ihn durchgeschüttelt und ihm täten die Knochen weh. Die Herzoginmutter sagte: „Dann geh schnell zurück, zieh dich um und beweg dich ein wenig, das wird helfen. Aber leg dich nicht hin!“ Schatzjade folgte dem Rat und eilte in den Garten zurück.

Inzwischen warteten Moschusmond und Herbstmuster mit zwei kleinen Dienerinnen auf ihn. Als Schatzjade sich von der Herzoginmutter verabschiedet hatte, nahm Herbstmuster die Schreibutensilien auf, und gemeinsam folgten sie ihm in den Garten. Schatzjade beklagte sich unentwegt über die Hitze. Während er ging, nahm er seine Mütze ab und lockerte den Gürtel; die schwere Oberkleidung zog er aus und gab sie Moschusmond zu tragen. Er trug nur noch eine gefütterte Jacke aus hellgrüner, kiefernblütenfarbener Seide, unter der die blutrote Hose hervorlugte.

Als Herbstmuster diese rote Hose sah, die Heitermuster genähnt hatte, seufzte sie: „Diese Hose sollte man wohl beiseitelegen. Das Stück ist noch da, aber der Mensch ist fort.“

Moschusmond stimmte seufzend ein: „Das ist wirklich Heitermusters Nähandarbeit. Wahrhaftig — die Dinge bleiben, die Menschen gehen!“

Herbstmuster gab Moschusmond einen leichten Stoß und sagte lächelnd: „Diese Hose mit der kiefernblütenfarbenen Jacke und den schieferblauen Stiefeln — da kommt sein indigoblaues Haar und sein schneeweißes Gesicht erst richtig zur Geltung!“

Schatzjade tat, als höre er nichts. Nach ein paar weiteren Schritten blieb er stehen und sagte: „Ich möchte einen Spaziergang machen. Wie soll das gehen?“ Moschusmond sagte: „Am helllichten Tag, wovor hast du Angst? Wirst du dich etwa verlaufen?“ Sie befahl zwei kleinen Dienerinnen, ihm zu folgen. „Wir bringen diese Sachen weg und kommen gleich zurück.“ Schatzjade sagte: „Liebe Schwestern, wartet auf mich, dann gehe ich mit euch.“ Moschusmond erwiderte: „Wir sind gleich wieder da. Wir haben beide die Hände voll — die eine traegt die Vier Schätze des Studierzimmers, die andere Mütze, Gewand, Gürtel und Schuhe. Das sieht ja aus wie ein Aufmarsch! Was für ein Anblick!“ Schatzjade hörte dies, und es kam ihm gerade recht, also ließ er die beiden gehen.

Er nahm die zwei kleinen Dienerinnen mit hinter einen Felsblock. Ohne große Umschweife fragte er die beiden: „Seit ich fort war — hat Schwester Dufthauch jemanden geschickt, um nach Schwester Heitermuster zu sehen?“

Die eine antwortete: „Sie hat Mutter Song hingeschickt.“

„Was hat sie berichtet, als sie zurückkam?“ fragte Schatzjade.

„Mutter Song sagte, Schwester Heitermuster habe die ganze Nacht mit gestrecktem Hals gerufen. Heute früh hat sie die Augen geschlossen und den Mund nicht mehr aufbekommen. Sie weiß nichts mehr von der Welt, bringt keinen Ton mehr heraus und atmet nur noch ganz schwach.“

Hastig fragte Schatzjade: „Wen hat sie die ganze Nacht gerufen?“

„Ihre Mutter“, sagte das kleine Mädchen.

Schatzjade wischte sich die Tränen ab: „Hat sie noch jemand anderen gerufen?“

„Sonst niemanden, soweit ich gehört habe.“

„Du bist töricht“, sagte Schatzjade. „Du hast bestimmt nicht richtig hingehört.“

Das andere kleine Mädchen, das aufgewecktere von beiden, trat vor und sagte: „Stimmt, sie ist wirklich töricht!“ Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Ich habe nicht nur genau hingehört, ich bin sogar selbst heimlich hingegangen und habe nach ihr gesehen.“

„Du bist selbst hingegangen?“ fragte Schatzjade überrascht.

„Ja“, sagte das Mädchen. „Ich dachte, Schwester Heitermuster war von jeher anders als die übrigen und hat uns immer gut behandelt. Jetzt, wo sie zu Unrecht fortgejagt wurde, können wir nichts für sie tun. Aber sie wenigstens zu besuchen — das sind wir ihr schuldig für all die Jahre, in denen sie gut zu uns war. Selbst wenn es jemand erfährt und der gnädigen Frau meldet und wir eine Tracht Prügel bekommen — das nehme ich gern in Kauf. Also habe ich mich eine Tracht Prügel riskierend hinausgeschlichen und nach ihr gesehen. Und wer hätte gedacht: So klug und aufgeweckt sie ihr ganzes Leben lang war, so war sie es auch noch bis zum letzten Atemzug. Weil sie wusste, dass man mit den gewöhnlichen Leuten dort nichts reden konnte, hielt sie einfach die Augen geschlossen und ruhte aus. Aber als sie mich sah, öffnete sie die Augen, ergriff meine Hand und fragte: 'Wo ist Schatzjade?' Ich erzählte ihr die Wahrheit. Sie seufzte und sagte: 'Ich werde ihn nicht mehr sehen können.' Darauf sagte ich: 'Schwester, warum wartest du nicht, bis er zurückkommt, und seht euch noch einmal? Würde das nicht beider Herzenswunsch erfüllen?' Da lächelte sie und sagte: 'Ihr wisst es noch nicht. Ich sterbe gar nicht. Im Himmel fehlt eine Blumengöttin, und der Jadekaiser hat mir befohlen, das Amt der Blumenhüterin zu übernehmen. Ich muss heute, in der zweiten Viertelstunde der Stunde Wei, meinen Dienst antreten. Schatzjade wird aber erst in der dritten Viertelstunde der Stunde Wei nach Hause kommen. Es fehlt nur eine Viertelstunde, aber wir können uns nicht mehr sehen. Wenn gewöhnliche Sterbliche sterben sollen, schickt Yama, der Höllenrichter, kleine Geister, um ihre Seelen zu holen. Wenn man das hinauszogern will, braucht man nur Papiergeld zu verbrennen und Speiseopfer darzubringen — die Geister sind damit beschäftigt, das Geld aufzuraffen, und der Sterbende kann noch ein wenig länger bleiben. Aber mich rufen die Götter des Himmels persönlich — da lässt sich auch nicht eine Viertelstunde hinauszügern.' Als ich das hörte, konnte ich es kaum glauben. Doch als ich zurückkam und heimlich auf die Uhr schaute, war es tatsächlich in der zweiten Viertelstunde der Stunde Wei, dass sie den letzten Atemzug tat, und genau in der dritten Viertelstunde kam jemand und sagte uns, du seiest zurück. Die Zeiten stimmen genau überein.“

Schatzjade rief hastig: „Du liest keine Bücher und weißt es daher nicht: So etwas gibt es wirklich! Nicht nur hat jede Blume eine Göttin, jede einzelne Blumenart hat ihre eigene Göttin, und darüber hinaus gibt es noch eine oberste Blumengöttin. Aber ob sie die oberste Blumengöttin geworden ist oder nur die Hüterin einer einzelnen Blumenart, das weiß ich nicht.“

Das kleine Mädchen wusste im Augenblick nicht, was es antworten sollte. Da es gerade August war und die Hibiskusblumen auf dem Gartenteich in voller Blüte standen, fiel ihr beim Anblick der Blumen die passende Antwort ein: „Ich habe sie auch gefragt, welche Blume sie hütet, damit wir ihr künftig Opfer darbringen können. Sie sagte: 'Himmelsgeheimnisse dürfen nicht verraten werden. Da du so fromm bist, sage ich es nur dir allein. Du darfst es nur Schatzjade erzählen. Wenn du es außer ihm noch jemandem verrätst, werden dich die fünf Donnerkeile treffen.' Dann hat sie mir gesagt, dass sie die Göttin der Hibiskusblüte ist.“

Als Schatzjade das hörte, empfand er nicht nur keinen Zweifel, sondern seine Trauer verwandelte sich sogar in Freude. Er deutete auf die Hibiskusblüten und sagte lächelnd: „Diese Blume braucht wirklich eine solche Person als Hüterin. Ich wusste es ja, dass jemand wie sie bestimmt eine große Bestimmung haben würde. Obwohl sie dem Meer des Leidens entkommen ist und wir uns von nun an nicht mehr sehen können, bin ich doch nicht frei von Trauer und Sehnsucht.“ Dann dachte er: „Obwohl ich sie vor ihrem Tod nicht mehr sehen konnte, sollte ich doch wenigstens jetzt vor ihrem Geist eine Reverenz erweisen — das gebührt sich nach fünf, sechs Jahren inniger Verbundenheit.“

Mit diesem Gedanken eilte er zurück in sein Zimmer, zog sich um und ging unter dem Vorwand, Kajaljade besuchen zu wollen, allein aus dem Garten, um die Totenbahre an der Stelle aufzusuchen, wo sie das letzte Mal gelegen hatte. Doch ihr Vetter und seine Frau hatten, kaum dass sie ihren letzten Atemzug getan hatte, gleich im Haus Bescheid gegeben, in der Hoffnung, möglichst schnell das übliche Bestattungsgeld zu bekommen. Dame König hatte, als sie davon erfuhr, zehn Liang Silber für die Bestattung angewiesen und außerdem befohlen: „Schafft sie sofort hinaus und verbrennt sie! Wer an Mädchenschwindsucht gestorben ist, den darf man auf keinen Fall aufbewahren!“ Der Vetter und seine Frau hatten das Geld erhalten, sogleich Leute angeheuert, den Leichnam eingesargt und zum Verbrennungsplatz vor der Stadt bringen lassen. Die zurückgebliebenen Kleider, Schmuckstücke und Haarnadeln, im Wert von drei- bis vierhundert Liang Gold, behielten Vetter und Frau für sich, als Rücklage für spätere Zeiten. Sie schlossen die Tür ab und begleiteten beide den Sarg — sie waren noch nicht zurück.

Schatzjade kam also vor verschlossener Tür an und fand niemanden vor.

Nachdem Schatzjade lange allein dort gestanden hatte und keinen anderen Ausweg fand, kehrte er in den Garten zurück. In seinem Zimmer fühlte er sich völlig leer. So schlug er den Weg zu Kajaljade ein. Doch Kajaljade war nicht in ihrem Zimmer. Auf die Frage, wo sie sei, antworteten die Dienerinnen: „Sie ist zu Fräulein Schatzspange gegangen.“ Schatzjade ging also zum Hengwu-Hof hinüber, doch dort herrschte Totenstille. Die Räume waren ausgeräumt und leer. Erschrocken fiel ihm ein, dass er vor ein paar Tagen etwas davon gehört hatte, dass Schatzspange ausziehen wolle, doch wegen der Arbeit der letzten Tage hatte er es völlig vergessen. Jetzt, da er es mit eigenen Augen sah, wusste er, dass sie tatsächlich fort war. Erstarrt stand er eine ganze Weile da.

Da kam eine alte Dienerin des Weges. Schatzjade fragte hastig, was vorgefallen sei. Die Alte erklärte: „Fräulein Schatzspange ist ausgezogen. Wir passen hier auf und räumen noch die letzten Sachen zusammen. Gleich sind wir fertig. Bitte geht, junger Herr, damit wir noch den Staub fegen können. Von jetzt an könnt Ihr Euch den Weg hierher sparen.“

Schatzjade hörte diese Worte und stand wie erstarrt. Vor seinen Augen rankten sich die Duftwinden und seltenen Schlingpflanzen im Hof, noch immer smaragdgrün und frisch, doch sie schienen ihm auf einmal von Schwermut überzogen, ganz anders als gestern. Sein Herz zog sich zusammen vor Trauer.

Schweigend trat er hinaus und sah vor dem Tor den schattigen grünen Weg. Auch hier war schon längst niemand mehr vorübergegangen — ganz anders als in früheren Tagen, als die Dienerinnen der verschiedenen Häuser ohne Verabredung in Scharen hin und her liefen. Er beugte sich hinunter und blickte auf das Wasser unter dem Damm, das still und unaufhörlich dahinfoss. Sein Herz dachte: Wie kann es auf der Welt solche Herzlosigkeit geben!

Er trauerte eine Weile, dann fiel ihm plötzlich ein: Siqin, Ruhua, Duftblümchen und die anderen, insgesamt fünf, waren fortgeschickt worden; Heitermuster war gestorben; nun war auch Schatzspange ausgezogen; Willkommensfrühling war zwar noch nicht fort, doch seit Tagen nicht zurückgekommen, und ständig erschienen Heiratsvermittler. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich alle im Garten zerstreün würden. Sich darüber zu graemen half auch nichts. Besser, er suchte Kajaljade auf und verbrachte den Tag bei ihr, und dann würde er mit Dufthauch zusammen sein — nur diese zwei, drei Menschen, die würden wohl bis zum Ende bei ihm bleiben.

Mit diesem Gedanken ging er abermals zur Xiaoxiang-Bambushain-Fluss, doch Kajaljade war immer noch nicht zurück. Schatzjade dachte, er sollte wohl auch hinausgehen und sie verabschieden, doch er konnte seine Trauer nicht überwinden und blieb lieber. Niedergeschlagen kehrte er zurück.

Gerade als er nicht wusste, wohin mit sich, kam ein Dienstmädchen von Dame König herein und suchte ihn: „Der gnädige Herr ist zurück und sucht Euch. Er hat ein neues Thema bekommen. Schnell, schnell!“

Schatzjade musste wohl oder übel mitgehen. In Dame Königs Räumen angekommen, war sein Vater bereits hinausgegangen. Dame König ließ ihn ins Studierzimmer bringen.

Aufrecht Kaufmann sass gerade mit seinen Beratern zusammen und sprach über die Schönheiten des Herbstausflugs. Dann sagte er: „Kurz bevor wir aufbrachen, kam plötzlich eine Geschichte zur Sprache, die in jeder Hinsicht ein Meisterwerk der Überlieferung ist. Acht Tugenden vereint sie in sich: Anmut, Geist, Treue, Gerechtigkeit, Edelmut und Tapferkeit. Ein prächtiges Thema — alle sollten eine Klagedichtung darauf verfassen.“

Die Berater fragten neugierig, um welche wundersame Begebenheit es sich handle.

Aufrecht Kaufmann erzählte: „Einst gab es einen König mit dem Titel Heng König[2], der als Statthalter in Qingzhou residierte. Dieser Heng König liebte schönhe Frauen über alles und übte in seiner Freizeit die Kriegskunst. Darum wählte er viele schöne Mädchen aus und übte sie täglich im Waffenhandwerk. In seinen Mussestunden veranstaltete er tagelange Bankette und ließ die schönen Frauen im Kampf gegeneinander antreten. Unter seinen Damen gab es eine mit dem Nachnamen Lin, die vierte in der Geschwisterreihe, die nicht nur die schönste war, sondern auch die größte Meisterschaft in den Kriegskünsten besass. Alle nannten sie Lin Siniang. Heng König schätzte sie am meisten und beförderte sie zur Anführerin aller seiner Damen. Er verlieh ihr den Titel 'Guihua-Generalin' — die 'anmutig Schöne Generalin'.“

Die Berater riefen: „Außerordentlich! Herrlich! Dem Wort 'Guihua' — 'anmutige Schönheit' — das Wort 'General' hinzuzufügen, macht es nur noch reizvoller und graziöser. Wahrlich ein einmaliger Ausdruck in der Geschichte der Literatur! Dieser Heng König muss wohl der größte Lebemann aller Zeiten gewesen sein!“

Aufrecht Kaufmann lächelte: „Gewiss, das stimmt. Aber es gibt noch Erstaunlicheres und Bewundernswürdigeres zu berichten.“

Die Berater fragten verwundert: „Was ist dann geschehen?“

Aufrecht Kaufmann fuhr fort: „Im nächsten Jahr sammelten sich die Überbleibsel der Aufständischen — Reste der 'Gelben Turbane' und 'Roten Augenbraün' — erneut wie ein Schwarm und plünderten das Gebiet östlich der Berge. Heng König hielt sie für ein paar raeudige Schaffe und Hunde, die keinen großen Feldzug verdienten, und ritt mit leichter Kavallerie gegen sie. Doch die Rebellen waren überraschend listig und geschickt. Nach zwei verlorenen Schlachten fiel Heng König den Raeübern zum Opfer. Daraufhin sagten sich alle Zivil- und Militärbeamten in Qingzhou: 'Wenn nicht einmal der König siegen konnte — was sollen wir da ausrichten?' Sie waren schon drauf und dran, die Stadt zu übergeben. Als Lin Siniang die Todesnachricht erhielt, versammelte sie alle Kriegerinnen und sprach: 'Wir alle stehen in der Schuld des Königs. Himmel und Erde sind unsere Zeugen, doch wir können ihm nicht den zehntausendsten Teil seiner Gnade vergelten. Da der König nun sein Leben für das Reich gegeben hat, bin ich entschlossen, mein Leben für den König zu geben. Wer mir folgen will, komme sofort mit mir. Wer nicht will, möge sich zerstreün.' Als die Kriegerinnen diese Worte hörten, riefen alle einstimmig, sie seien bereit. So führte Lin Siniang ihre Schar bei Nacht aus der Stadt und fiel direkt über das Lager der Räuber her. Die Rebellen waren unvorbereitet, und einige ihrer Anführer wurden erschlagen. Doch als die Räuber sahen, dass es nur eine Handvoll Frauen war und sie nichts ausrichten konnten, schlugen sie mit aller Macht zurück, und in einem erbitterten Kampf wurde Lin Siniang und jede einzelne ihrer Kämpferinnen getötet, ohne dass eine am Leben blieb. So erfüllte Lin Siniang ihren Schwur der Treue und Gerechtigkeit. Als die Nachricht in die Hauptstadt gelangte, waren alle — vom Kaiser bis zum geringsten Beamten — erschüttert und voller Bewunderung. Was die Unterdrückung der Rebellen danach betrifft — natürlich schickte der Hof Truppen, und die kaiserlichen Armeen machten dem Spuk rasch ein Ende. Darüber brauchen wir nicht weiter zu sprechen. Aber allein Lin Siniangs Geschichte — ist die nicht bewundernswert?“

Die Berater seufzten: „Wahrlich bewundernswert und erstaunlich! Ein hervorragendes Thema, das verdient, dass alle eine Klageode darauf verfassen.“ Schon hatte jemand Pinsel und Tusche geholt. Nach Aufrecht Kaufmanns mündlichem Bericht wurde, mit leichten Änderungen in der Wortwahl, eine kurze Einleitung niedergeschrieben und Aufrecht Kaufmann zur Durchsicht vorgelegt. Dieser sagte: „Es ist nicht mehr als das. Die andere Seite hat ohnehin die Originaleinleitung. Gestern erging nämlich ein kaiserlicher Erlass, wonach alle Personen aus früheren Dynastien, die Anerkennung verdienten, aber bisher übergangen worden waren, gemeldet werden sollten — ob Mönche, Nonnen, Bettler, Männer oder Frauen: Wer auch nur eine lobenswerte Tat vorzuweisen hat, dessen Lebenslauf soll dem Ritenministerium zur Prüfung vorgelegt werden. Deshalb wurde auch jene Originaleinleitung an das Ritenministerium geschickt. Alle, die davon hörten, wollen nun ein 'Lied auf die Anmutig-Schöne' verfassen, um ihre Treue und Gerechtigkeit zu würdigen.“

Die Berater sagten lächelnd: „So muss es sein. Und noch bewundernswerter ist, dass unsere erlauchte Dynastie mit beispiellosen Gunsterweisen glänzt, wie es sie in keiner früheren Zeit je gegeben hat. Man kann wahrlich sagen: 'Im heiligen Reich gibt es nichts zu beklagen' — das Wort des Tang-Dichters hat sich in unserer Zeit bewahrheitet. Erst jetzt bekommt dieser Vers seinen vollen Sinn.“

Aufrecht Kaufmann nickte: „Genau so ist es.“

Während sie noch sprachen, trafen auch Unheil Kaufmann und Orchidee Kaufmann ein. Aufrecht Kaufmann ließ sie das Thema lesen. Die beiden waren zwar keine schlechten Dichter, und an Belesenheit standen sie Schatzjade nicht viel nach. Doch erstens schlugen sie grundsätzlich einen anderen Weg ein: In der Prüfungsdichtung mochten sie Schatzjade überlegen sein, doch in der freien Dichtung reichten sie bei weitem nicht an ihn heran. Zweitens war ihr Denken schwerfaellig und umständlich, während Schatzjades Geist leicht und graziös dahinflog. Ihre Gedichte lasen sich stets wie Examenarbeiten: steif, nüchtern und ohne Schwung.

Schatzjade hingegen war zwar kein Gelehrter im eigentlichen Sinne, doch dank seiner angeborenen Klugheit und seiner Vorliebe für allerlei Bücher außerhalb des Kanons hielt er es für möglich, dass auch die Alten sich gelegentlich geirrt oder etwas erfunden hatten, und meinte, man dürfe nicht alles wörtlich nehmen. Wenn man sich ständig ängstlich an Regeln klammerte, kam bestenfalls ein steifes Flickwerk heraus, das keinem Vergnügen bereitete. Mit dieser Haltung im Herzen fiel ihm jedes Thema, ob schwer oder leicht, mühelos zu — wie einem gewandten Redner, der aus dem Nichts Geschichten spinnt, mit flinker Zunge lange Tiraden hält und alles durcheinanderwirft und außchmückt, bis ein ganzer Vortrag dasteht. Auch wenn es an Belegen mangelt, bringt er die ganze Gesellschaft zum Lächeln, und selbst die strengsten Kritiker können gegen diesen Schwung nichts ausrichten.

In letzter Zeit hatte Aufrecht Kaufmann, mit zunehmendem Alter, sein Streben nach Ruhm und Ehre weitgehend abgelegt. In seiner Jugend war auch er ein Mann des Weins und der Poesie gewesen, doch vor den jüngeren Verwandten hatte er stets den rechten Weg betont. Nun stellte er fest, dass Schatzjade, obwohl er keine Bücher las, ein erstaunliches Verständnis für die Dichtkunst besass. Bei näherer Betrachtung hatte er die Familienehre doch nicht allzu sehr beschmutzt. Zudem waren auch die Vorfahren alle auf ähnliche Weise veranlagt gewesen: Zwar hatte es unter ihnen einige gegeben, die sich tief in die Prüfungsliteratur versenkt hatten, doch keiner war je durch die Prüfungen zu Amt und Würden gelangt. Offenbar war dies das Schicksal der Kaufmann-Familie. Da zudem die Herzoginmutter den Enkel verwöhnte, zwang Aufrecht Kaufmann ihn nicht länger zum Prüfungsstudium. Deshalb behandelte er ihn in letzter Zeit so. Gleichzeitig wünschte er sich, dass Unheil Kaufmann und Orchidee Kaufmann neben ihrer Prüfungsvorbereitung auch etwas von Schatzjades Talenten besässen; deshalb rief er, wann immer Gedichte zu verfassen waren, alle drei zusammen.

Doch lassen wir die Abschweifungen. Aufrecht Kaufmann befahl den dreien, je eine Klageode zu verfassen: Wer zürst fertig wäre, erhalte eine Belohnung, und wer die beste abliefere, eine zusätzliche. Unheil Kaufmann und Orchidee Kaufmann hatten in letzter Zeit vor zahlreichem Publikum mehrere Gedichte vorgetragen und waren dadurch mutiger geworden. Sie lasen das Thema und gingen in sich. Bald hatte Orchidee Kaufmann seinen Text fertig. Unheil Kaufmann, der nicht zurückstehen wollte, vollendete seinen ebenfalls. Beide hatten ihre Verse niedergeschrieben, während Schatzjade noch in Gedanken versunken war.

Aufrecht Kaufmann und die Berater besahen zunächst die Gedichte der beiden. Orchidee Kaufmanns war ein siebensilbiges Vierzeiler:

   Guihua-Generalin Lin Siniang,
   Jade war ihr Fleisch, Eisen ihr Herz.
   Sie gab ihr Leben, um Heng König zu raeechen — noch heute duftet der Boden von Qingzhou.

Die Berater lobten: „Für einen dreizehnjährigen Knaben ist das ganz ausgezeichnet! Man sieht, aus welch gelehrtem Hause er stammt!“ Aufrecht Kaufmann lächelte: „Für einen Knaben ist das eine beachtliche Leistung.“

Dann lasen sie Unheil Kaufmanns Gedicht, einen fünfsilbigen Achtzeiler:

   Die Schöne kennt noch keinen Gram,
   doch in des Generals Herz glücht ein Schwur.
   Sie wischt die Tränen, lässt den Seidenvorhang,
   mit Groll im Herzen verlässt sie Qingzhou.
   Sie wähnt, des Königs Gnade zu vergelten,
   doch wie die Feinde besiegen?
   Wer schreibt auf das Grab der Treue?
   Auf ewig ein Name ohne gleichen.

Die Berater sagten: „Noch besser! Ein paar Jahre älter, und man merkt, dass die Gedanken schon tiefer gehen.“ Aufrecht Kaufmann meinte: „Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich ergreifend.“ Die Berater entgegneten: „Mehr kann man nicht verlangen. Der dritte junge Herr ist nur zwei Jahre älter, und vor der Mündigkeit ist das schon beachtlich. In ein paar Jahren werden sie wie die beiden Ruans sein — der große und der kleine.“ Aufrecht Kaufmann lächelte: „Übertiebenes Lob. Ihr einziger Fehler ist, dass sie nicht fleissig genug studieren.“

Dann fragte man nach Schatzjade. Die Berater sagten: „Der zweite junge Herr arbeitet sorgfaeltig und mit Bedacht. Das wird gewiss wieder etwas ganz anderes — voller Eleganz und Gefühl.“ Schatzjade lächelte: „Dieses Thema eignet sich nicht für die kurze Form. Es braucht ein längeres Stück im alten Stil — ein Lied oder eine Ballade — , um dem Gegenstand gerecht zu werden.“

Alle erhoben sich, nickten und klatschten: „Hab ich es nicht gesagt — er denkt ganz anders! Bei jedem Thema prüft er zürst, welche Form angemessen ist. Das ist die Methode des Meisters. Wie beim Schneidern: Bevor man den Stoff zuschneidet, muss man die Masse kennen. Das Thema heißt 'Lied auf die Anmutig-Schöne', und da es eine Einleitung gibt, muss es ein längeres Lied im Balladenstil sein. Etwa nach dem Vorbild von Bai Juyis 'Lied vom ewigen LeidCite error: Closing </ref> missing for <ref> tag.</ref>', oder als Nachahmung der historischen Oden, halb erzählend, halb besingend, fließend und elegant — nur so kann es gelingen.“

Aufrecht Kaufmann stimmte zu, nahm selbst den Pinsel und bat Schatzjade lächelnd: „Also gut, diktiere, ich schreibe. Wenn es nicht gut ist, bekommst du Prügel. Wer hat dir erlaubt, vorab so große Töne zu spucken?“

Schatzjade musste sich fügen und diktierte die erste Zeile:

   Heng König liebte Krieg und schöne Frauen zugleich,

Aufrecht Kaufmann las es und schüttelte den Kopf: „Grob.“ Ein Berater widersprach: „Gerade so muss es sein, damit es archaisch wirkt. Letztlich ist es nicht grob. Warten wir das Folgende ab.“ Aufrecht Kaufmann sagte: „Lassen wir es einstweilen stehen.“ Schatzjade diktierte weiter:

   und ließ die schönen Mädchen Reiten und Schiessen üben.
   Üppiger Gesang und sinnlicher Tanz gaben ihm keine Freude,
   in Schlachtreihen und Waffengängen fand er sein Vergnügen.

Aufrecht Kaufmann schrieb es auf. Die Berater sagten: „Allein die dritte Zeile ist schon altehrwürdig und kraftvoll. Und diese vier Zeilen als Auftakt sind äußerst gelungen.“ Aufrecht Kaufmann mahnte: „Spart euch das übertriebene Lob und seht zu, wie er die Wendung vollzieht.“ Schatzjade diktierte:

   Vor den Augen wirbelt kein Schlachtfeldstaub empor,
   im Lampenschein tanzt ein anmutiger Schatten.

Alle riefen: „Herrlich! 'Kein Schlachtfeldstaub empor' — und dann als Kontrast 'ein anmutiger Schatten im Lampenschein'! Wortgebrauch und Verskunst — alles ist meisterhaft!“ Schatzjade fuhr fort:

   Wenn sie den Befehl ruft, duftet ihr Mund nach Nelken,
   Frostspeere und Schneeschwerter zittern in zärtlichen Händen.

Die Berater klatschten lachend in die Hände: „Noch plastischer! War der junge Herr Schatzjade etwa selbst dabei und hat ihre Anmut gesehen und ihren Duft gerochen? Sonst würde er sich nicht so einfühlen!“ Schatzjade lächelte: „Wenn Mädchen Waffenübungen machen — wie tapfer sie sich auch geben, sie sind eben keine Männer. Ihre Zierlichkeit und Zärtlichkeit kann man sich auch ohne Hinsehen vorstellen.“

Aufrecht Kaufmann sagte: „Statt weiter zu schwatzen, mach lieber weiter!“ Schatzjade überlegte und diktierte:

   Nelkenknöpfe schmücken den Hibiskusgürtel,

Alle sagten: „Wechsel zum Reim 'ao' — Xiao-Reim — , sehr gut! Das gibt Fluss und Schwung. Und die Zeile selbst ist bezaubernd und elegant.“ Aufrecht Kaufmann schrieb es nieder und bemerkte: „Die Zeile taugt nicht. Vorher hatte er schon 'duftender Mund' und 'zärtliche Hände' — wozu noch einmal? Das zeigt mangelnde Kraft; also greift er wieder zu bloßem Zierwerk, um die Lücke zu füllen.“

Schatzjade lächelte: „Ein langes Lied braucht etwas schmückende Wortwahl. Sonst wird es zu karg.“

Aufrecht Kaufmann entgegnete: „Schon, aber wie willst du nach dieser Zeile wieder zum Kriegerischen zurücklenken? Noch zwei, drei solche Zeilen, und es ist wie ein fünftes Rad am Wagen.“

Schatzjade antwortete: „Dann wende ich es mit der nächsten Zeile ab und schließe zugleich. Das müsste gehen.“

Aufrecht Kaufmann lachte kühl: „Was bildest du dir auf dein Können ein? Oben ein weiter, offener Satz, und jetzt willst du mit einer einzigen Zeile gleichzeitig wenden und schließen — da wird dir wohl die Kraft ausgehen.“

Schatzjade überlegte kurz und sagte:

   Nicht Perlen traegt sie an der Schärpe, sondern das Schwert.

„Geht diese Zeile?“ fragte er hastig. Alle schlugen begeistert auf den Tisch. Aufrecht Kaufmann schrieb sie nieder, las sie lächelnd noch einmal und sagte: „Lassen wir sie stehen. Weiter.“ Schatzjade fuhr fort: „Wenn sie taugt, möchte ich in einem Zug weitermachen. Wenn nicht, streiche ich alles und denke mir eine andere Richtung aus.“

„Genug geredet!“ befahl Aufrecht Kaufmann. „Wenn es nicht gut ist, schreibst du eben noch zehn oder hundert Stück — vor Mühe brauchst du dich nicht zu fürchten!“

Also überlegte Schatzjade noch einen Augenblick und diktierte:

   Nach der Schlacht, spät in der Nacht, erschöpft das Herz,
   Spuren von Puder und Schminke beflecken die Seidenfahne.

Aufrecht Kaufmann sagte: „Wieder ein Abschnitt. Wie weiter?“

Schatzjade diktierte:

   Im nächsten Jahr ziehen Räuber durch Shandong,
   verschlingen wie Tiger und Panther, schwärmen wie Bienen.

Die Berater sagten: „Gut das Wort 'ziehen'! Es zeigt sofort den Unterschied der Kräfteverhältnisse. Und die ganze Zeile wendet sich geschmeidig.“

Schatzjade diktierte weiter:

   Der König führt die Himmelstruppen gegen die Räuber,
   doch nach einer Schlacht, nach zweien — kein Sieg.
   Blutiger Wind bricht den Weizen auf den Hügeln,
   leer steht das Tigerzelt unter der Kriegsfahne in der Sonne.
   Die blauen Berge schweigen, das Wasser rauscht,
   es ist die Stunde, da Heng König den Tod fand.
   Regen wäscht weiße Knochen, Blut tränkt das Gras,
   der Mond scheint kalt auf gelben Sand, Geister bewachen die Leiche.

Alle sagten: „Meisterhaft, meisterhaft! Aufbau, Erzählung, Wortwahl — alles vollendet. Nun kommt Lin Siniang — da muss es eine geniale Wendung geben.“ Schatzjade diktierte:

   Die Offiziere und Soldaten denken nur an ihr eigenes Leben,
   Qingzhou wird vor ihren Augen zu Staub.
   Doch unerwartet leuchtet Treue und Pflicht aus dem Frauengemach,
   voller Zorn erheben sich die Geliebten des Königs.

Die Berater sagten: „Kunstvoll eingeleitet!“ Aufrecht Kaufmann warnte: „Es wird zu lang. Ich fürchte, es wird schwerfaellig.“

Schatzjade diktierte weiter:

   Wer war des Königs Liebste unter allen?
   Die Guihua-Generalin Lin Siniang!
   Sie ruft die Mädchen von Qin herbei, treibt die Töchter von Zhao,
   wie blühende Pflaumen und Pfirsiche treten sie aufs Schlachtfeld.
   Auf besticktem Sattel benetzen Tränen den Frühlingsschmerz,
   lautlos liegt die Rüstung in der kühlen Nachtluft.
   Sieg oder Niederlage — wer mag es voraußagen?
   Doch ihr Schwur gilt: Leben und Tod für den früheren König!
   Die Macht der Räuber ist unbezwingbar,
   gebrochene Weiden, zertretene Blüten — wahrlich zum Erbarmen!
   Ihre Seelen schweben nahe der Stadtmauer, nah der Heimat,
   Pferdehufe zertreten Rosenduft und Knochenmark.
   Eilboten jagen die Nachricht in die Hauptstadt,
   welche Söhne und Töchter trauerten nicht?
   Der Kaiser erschrickt und grollt den Verlusten,
   auch die Beamten senken beschämt das Haupt.
   Wozu stehen Zivil- und Militärbeamte am Hof,
   wenn sie hinter einer Frau zurückstehen — hinter Lin Siniang!
   Mir entringt Lin Siniang einen langen Seufzer,
   das Lied ist zu Ende, doch das Gefühl irrt noch umher.

Als er fertig war, lobten alle ohne Ende und lasen das Ganze noch einmal von vorn. Aufrecht Kaufmann lächelte: „Ein paar gute Zeilen sind darunter, aber im Ganzen ist es nicht ergreifend genug.“ Dann sagte er: „Ihr könnt gehen.“

Alle drei fühlten sich wie begnadigt und gingen hinaus, jeder in seine Räume.

Die übrigen Personen hatten nichts Besonderes zu berichten; sie gingen am Abend wie gewöhnlich zu Bett. Nur Schatzjade trug ein betrübtes Herz. Als er in den Garten zurückkehrte, fiel sein Blick auf die Hibiskusblüten am Teich. Er dachte an die Worte des kleinen Mädchens, Heitermuster sei zur Hibiskusgöttin geworden, und plötzlich hellte sich seine Stimmung auf. Er betrachtete die Hibiskusblüten und seufzte eine Weile.

Dann fiel ihm ein, dass er nach ihrem Tod nicht einmal an ihrem Totenschrein hatte opfern können. Warum sollte er nicht hier, vor den Hibiskusblüten, ein Totenopfer darbringen? Das wäre doch weit vornehmer als die gewöhnliche Trauervisite, wie es vulgäre Menschen taten.

So beschloss er, die Zeremonie durchzuführen, hielt dann aber inne: „So geht es doch nicht. Man muss ordentlich gekleidet sein, und die Opfergaben müssen vollständig vorbereitet werden, um wahre Ehrfurcht zu zeigen.“ Er überlegte: „Wenn ich jetzt die gewöhnlichen Trauerriten der Welt nachahmte, gäbe das gar nicht. Es muss etwas Einzigartiges sein, etwas Originelles und nie Dagewesenes, das unserer beider Wesen gerecht wird. Die Alten sagen ja: 'Auch Wasserpfütze und Regenlache, auch Wasserlinse und Brunnenkresse, so gering sie sein mögen, können einem Fürsten als Opfer dargebracht und den Göttern geweiht werden.' Es kommt nicht auf den Wert der Gaben an, sondern allein auf die Aufrichtigkeit des Herzens. Das ist das eine.

Zweitens muss auch der Klagetext und das Trauergedicht von eigener Hand und eigenem Denken sein, frei geschrieben, ohne die ausgetretenen Pfade der Vorgänger zu betreten — keine leeren Phrasen zum Blenden, sondern jedes Wort unter Tränen geschrieben, jeder Satz unter Schluchzen. Lieber fehlende Kunstfertigkeit bei überreichem Gefühl als schmückende Sprache bei mangelnder Trauer. Zudem haben die Alten oft Anspielungen verwendet — nicht ich bin der Erste. Nur sind die Menschen von heute so verblendet von Ruhm und Karriere, dass sie den Geist des Altertums völlig vergessen haben, aus Furcht, es könne ihrer Laufbahn schaden. Ich aber strebe nicht nach Ruhm; ich schreibe nicht für die Welt. Warum also sollte ich nicht den alten Meistern von Chu nacheifern — ihren 'Großen Worten', dem 'Ruf der Seele', der 'Begegnung mit dem Leid', den 'Neun Klagen', dem 'Verdorrten Baum', der 'Schwierigen Frage', dem 'Herbstwasser' und der 'Lebensbeschreibung des großen Herrn'? Ich will einzelne Zeilen mischen, kurze Parallelpaare einstreün, wahre Begebenheiten und Gleichnisse verwenden, der Eingebung folgen und dem Pinsel freien Lauf lassen — fröhlich sein, wenn ich schreibe, und weinen, wenn mir danach ist. Erst wenn Wort und Gefühl sich erschöpfen, höre ich auf. Warum sollte ich mich wie die Welt in enge Grenzen zwängen?“

Da Schatzjade ohnehin kein Büchermensch war und nun auch noch diese eigenwilligen Gedanken hegte, war natürlich kein musterhaftes Gedicht zu erwarten. Er aber schrieb, ohne sich um anderer Urteil zu kümmern, ganz nach seinem Gutdünken und ohne jede Zurückhaltung einen langen Text zusammen. Auf ein Stück jener eisigen Haifischseide, die Heitermuster stets geliebt hatte, schrieb er ihn in sauberer Regelschrift nieder. Er nannte ihn 'Klage auf das Hibiskusmädchen', mit einer Einleitung und einem abschließenden Lied. Auch bereitete er vier Opfergaben vor, lauter Dinge, die Heitermuster stets gemocht hatte.

Bei Mondschein in der Nacht ließ er das kleine Dienstmädchen die Gaben vor die Hibiskusblüten tragen. Zürst vollzog er den Ritus. Dann hängte er den Klagetext an einen Hibiskuszweig und sprach ihn unter Tränen:

„Am Anfang des Großen Friedens, in nie wechselnder Ära, im Monat, da Hibiskus und Duftblüte um die Wette duften, an einem Tag, an dem nichts anderes bleibt als Ergebung — ich, der trübe Jade aus dem Hof der Roten Freude, bringe in aller Bescheidenheit Blüten der hundert Blumen, Haifischseidenstoff, Wasser aus der Duftgetränkten Qülle und Tee, der unter Ahornhonig gereift ist, dar. Obwohl diese vier Gaben gering sind, mögen sie meine Aufrichtigkeit und Treue bezeugen. Hiermit bringe ich mein Opfer dar vor der Hibiskusgöttin, Hüterin der Herbstschönheit, im Palast des Weißen Kaisers:

Wenn ich bedenke, wie das Mädchen in diese trübe Welt kam und nun sechzehn Jahre auf Erden gelebt hat — ihre frühere Heimat, ihren Familiennamen, ihr Geschlecht: Alles ist längst verschüttet und nicht mehr zu erforschen. Doch ich, der Trübe Jade, hatte das Glück, ihr nahe zu sein — in Bett und Kissen, bei Kamm und Bad, in Ruhe und bei Festen, in Vertrautheit und Nähe — ganze fünf Jahre und acht Monate lang.

Wenn ich an ihr früheres Wesen denke: Ihre Natur war so kostbar, dass Gold und Jade nicht genügen, sie zu beschreiben; ihre Art war so rein, dass Eis und Schnee ihr Gleichnis nicht erreichen; ihr Geist war so strahlend, dass Sterne und Sonne ihn nicht fassen; ihre Schönheit war so leuchtend, dass Blumen und Mond nur matter Abglanz sind. Alle Schwestern bewunderten ihre Anmut und Tugend, alle Älteren schätzten ihre Freundlichkeit und Güte.

Wer hätte geahnt, dass Giftvögel ihre Höhe neiden und der Adler in die Falle des Jägers gerät? Dass giftiges Unkraut ihren Duft missgönnt und edle Orchideen unter der Sichel fallen? Die Blume war von Natur aus zart — wie sollte sie dem Sturm trotzen? Die Weide war von jeher trübsinnig — wie sollte sie dem Platzregen standhalten?

Durch eine böse Verleumdung erkrankt, wurde sie von tödlichem Siechtum befallen. Ihre Kirschenlippen verloren die Röte und stöhnten nur noch; ihre Aprikosenwangen verblassten und wurden hager. Verleumdung und Schmaehung kamen aus dem Frauengemach; Dornen und Disteln wucherten bis zur Türschwelle. Nicht sie hat sich die Schuld aufgeladen — in Wahrheit hat man ihr die Schande aufgebürdet. Endloser Kummer versank in bodenloser Tiefe, unendliches Unrecht drückt sie in alle Ewigkeit.

Ihre Erhabenheit erregte Neid — wie einst der Verbannte in Changsha litt sie hinter dem Frauenvorhang. Ihre Aufrichtigkeit wurde ihr zum Verhängnis — wie einst der Gerechte in Yuye verging sie unter dem Kopfschmuck der Frauen. Still trug sie ihre Bitterkeit, wer hatte Mitleid mit ihrem frühen Tod?

Die Wolke der Unsterblichen zerstreute sich, ihre duftenden Spuren sind nicht mehr zu finden. Weder das Kraut gegen den Tod noch die Medizin der Wiedergeburt vermochte sie zu retten. Gestern noch zeichnete ich ihre Braün mit Tusche; heute — wessen Hand wird den kalten Jadeuing wärmen? In der Rauchpfanne stehen noch die Reste der Arznei; am Gewand haften noch die Spuren der Tränen. Der Spiegel zerbrach, der Luan-Vogel flog davon — mit Trauer öffne ich Moschusmonds Schatulle. Der Kamm ward zum Drachen — unter Klagen zerbrach Tanyuns Zahn.

Goldene Haarnadeln liegen im Unkraut, eine Jadeschatulle im Staub. Leer steht das Gebälk, wo einst die Elstern nisteten — umsonst hängt dort die Nadel des siebten Abends. Zerrissen ist das Band der Mandarinenenteneine — wer knüpft den Faden des fünften Tages wieder?

Zumal nun der Herbst herrscht, der Weiße Kaiser regiert, die einsame Decke von Träumen spricht und das leere Zimmer menschenleer ist. Der mondlose Hof unter den Wutongbäumen — die schöne Seele und der liebliche Schatten schwanden zugleich. Der Hibiskusvorhang hat seinen Duft verloren — das zärtliche Atmen und die leise Stimme verstummten für immer.

Welkendes Gras bedeckt den Himmel — nicht nur Schilf und Rohr; Klagetöne erfüllen die Erde — nichts als Grillen und Heimchen. Auf dem bemoosten Pfad am späten Abend dringt kein Wäsche-Klopfen durch den Vorhang; im regengetränkten Garten hört man über die Mauer nur selten die klagende Flöte.

Ihr duftender Name ist noch nicht verloschen — der Papagei am Dach ruft ihn immer noch. Doch ihre schöne Gestalt ist dem Vergehen nahe — der Zierapfelbaum vor dem Geländer welkte schon voraus.

Beim Versteckspiel hinter dem Wandschirm fielen die Lotusblätter lautlos; beim Kräuterpflücken im Hof wartet die Orchidee vergebens auf Blüte. Zerrissen die Seidenfäden — wer nähte die Silberborten und bunten Bänder? Zerbrochen die Eisnadel — im goldenen Bügeleisen ruht ungeglättet der kaiserliche Duft.

Gestern noch auf strengen Befehl bestieg sie den Wagen und verließ den duftenden Garten; heute unter grausamer Gewalt stützt sie sich auf den Stock und verlässt den einsamen Sarg. Da der Sarg verbrannt wurde — wie beschämt bin ich, das Versprechen des gemeinsamen Grabes gebrochen zu haben! Da der Steinsarkophag zu Asche ward — welche Schande, dass wir nicht gemeinsam zu Staub werden!

So weht der Herbstwind über den alten Tempel, und Irrlichter verweilen; die untergehende Sonne sinkt über den wüsten Hügel, und weiße Knochen liegen zerstreut. Ulmen und Katalpen rauschen, Beifuß und Wermut wispern. Durch den Nebel schreit der Affe am Grabhügel, durch den Dunst weint der Geist am Felddamm.

Ich glaubte fest, im roten Seidenzelt stehe der junge Herr in tiefer Zuneigung; nun erst glaube ich, im gelben Erdhügel leidet das Mädchen unter bitterem Schicksal. Runan sah Tränen aus Blut — Tropfen für Tropfen spritzten sie in den Herbstwind; Zize hört den letzten Herzschlag — still und stumm klagt er im kalten Mondlicht.

O weh! Gewiss waren es böswillige Dämonen, die dieses Unheil anrichteten — doch waren es am Ende auch neidische Götter? Knebelt man den Verleumdern den Mund — reicht diese Strafe je aus? Schneidet man den Härtlingen das Herz auf — stillt das je den Zorn?

Deine irdischen Bande waren zwar kurz, doch mein niedriger Sinn findet kein Ende. Aus unablässiger Sehnsucht stelle ich unablässige Fragen. So erfuhr ich: Der Himmlische Kaiser hat sein Banner entfaltet, im Blumenpalast wartet ein Amt. Im Leben war sie unter Orchideen und Duftpflanzen, im Tode herrscht sie über die Hibiskusblüten.

Was das kleine Mädchen sagte, mag wie leeres Gerede klingen; doch wenn der Trübe Jade nachdenkt, hat es tiefen Sinn. Denn einst entführte Ye Fashan eine Seele, um eine Grabinschrift zu verfassen, und Li Changji wurde in die Unterwelt berufen, um einen Bericht zu schreiben — die Begebenheiten sind verschieden, doch das Prinzip ist dasselbe. Darum glaube ich fest, dass der Himmlische Kaiser in seiner Zuweisung des Amtes wahrhaft gerecht und angemessen gehandelt hat, ganz im Einklang mit ihrem innersten Wesen. In der Hoffnung, dass ihr unsterblicher Geist vielleicht hierher herabsteigt oder emporschwebt, wage ich, trotz meiner ungeschlachten Worte, die ihr feines Gehör beleidigen mögen, zu singen und sie herbei zu rufen:

Warum ist der Himmel so unendlich blau? Fliegt sie auf einem Jadedrachen durch das Firmament? Warum ist die Erde so unendlich weit? Reitet sie auf einem Juwelen-Elefanten hinab in die Qüllen? Schaut sie empor zum schillernden Baldachin? Ist es der Glanz des Sterns Ji oder Wei? Reiht sich ein Federfächer als Vorhut auf? Schützen die Sterne Wei und Xu sie zur Seite? Treibt sie den Donnergott als Begleiter an? Trennt sie sich vom Mondlicht, das König Shu führt? Hört man die Raeder knirschen und achzen? Lenkt sie den Wagen der Luan- und Yi-Vögel? Duftet es so süß und betäubend? Flicht sie Liguster und Angelika zum Halsband? Funkelt ihr Rock und Gewand so leuchtend? Schmückt sie sich mit dem Mond als Ohrgehänge? Sind mit rankenden Kräutern die Stufen zum Altar geschmückt? Brennt eine Lotuskerze im Lampenol aus Orchideen? Traegt der Becher die Muster von Kürbis und Flaschenkürbis? Schenkt man Reiswein ein, gewürzt mit Zimtblüte? Blickt sie in die Wolken und hält den Blick fest? Sieht sie etwas in der Ferne schimmern? Lauscht sie in die Tiefe und spitzt die Ohren? Hört sie in der Stille etwas? Schwebt sie grenzenlos durch die Endlosigkeit? Wirft sie mich Elenden in den Staub zurück? Möge der Wind ihr Bote sein und mir den Wagen senden! Kann ich hoffen, dass wir gemeinsam die Zügel ergreifen und heimkehren? Mein Herz ist voller Kummer — doch was nützt all mein Wehklagen? Du ruhst so still in deinem langen Schlummer — ist es das Schicksal, das sich hier gewandelt hat? Da du nun im Grabe liegst und Frieden findest — bist du zurückgekehrt zu deinem wahren Wesen, ohne noch einmal verwandelt zu werden? Ich aber bin noch in Fesseln und hänge am Leben — wird dein Geist mich rufen, mich hierher zu locken? Komm herbei, bleib hier, komm doch herbei!

Wenn du aber im formlosen Urnebel wohnst und in schweigender Stille ruhst — so kann ich, selbst wenn du hier wärst, dich nicht erblicken. Dann will ich Nebel-Efeu zum Wandschirm erheben und Schwertschilfrohr als Reihen aufstellen. Die schläfrigen Augen der Weiden wecken und das bittere Herz des Lotus befreien. Sunyue einladen am Felskap der Zimtpflanzen und Luofei begrüssen am Orchidenufer. Nongyue bläst die Flöte, und ein Klanginstrument aus Jade wird geschlagen. Die Göttin des Berges Song wird herbeigerufen und die Alte vom Berg Li geweckt. Die Seelen des Berges Penglai tanzen, die Tiere im Teich Xianchi springen. Der rote Drache singt in der Tiefe, der Phönix versammelt sich im Perlenwald.

Ehrfurcht und Aufrichtigkeit — nicht in Opferschalen und Holzgefäßen. Der Wagen bricht auf von der Morgenrötlichen Stadt und kehrt zurück zum Feengarten. Mal scheint es, als ob die Grenze zwischen Sichtbar und Unsichtbar durchlässig würde; mal verdichtet sich der Dunst und versperrt plötzlich den Weg. Vereinigung und Trennung wie Wolken und Nebel, verschwommen wie Regen und Dunst. Der Staub legt sich, die Sterne stehen hoch; Bäche und Berge schimmern im Mittagsmond. Wie unruhig ist mein Herz! Wie zwischen Wachen und Träumen schwankend! So seufze ich in Sehnsucht, weinend und umherirrend. Menschenstimmen versinken in der Stille, Himmelstöne klingen in den Bambusdickichten. Aufgeschreckte Vögel flattern davon, Fische schnappen an der Wasserfläeche. Meine Klage ist mein Gebet, mein Ritus ist mein Segen. O weh! Nehmt dieses Opfer an!“

Als er die Klage zu Ende gelesen hatte, verbrannte er Seidenopfer und goss Tee als Libation, doch konnte er sich nicht losreißen. Das kleine Mädchen musste ihn wieder und wieder drängen, ehe er sich schließlich umwandte. Da hörte er plötzlich hinter den Felsen jemanden lachen und sagen: „Bitte bleibt noch einen Augenblick!“

Beide erschraken. Das kleine Mädchen sah sich um — da trat eine Gestalt hinter den Hibiskusblüten hervor. Sie schrie laut auf: „Ein Geist! Heitermuster zeigt sich als Geist!“ Auch Schatzjade blickte erschrocken hin — Wer es war, wird im nächsten Kapitel erzählt.


Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. 芙蓉女儿 (Fúróng Nǐ’ér), die „Hibiskustochter“. Schatzjades Totenklage „芙蓉女儿诼“ ist eines der bedeutendsten literarischen Stücke im Roman und eine Hommage an die elegische Tradition der Chu-Ci (楚辞).
  2. 恒王 (Héng Wáng), eine fiktive Figur. Die Geschichte der schönen Kriegerin Lin Siniang (林四娘) basiert auf einer in Shandong verbreiteten Geisterlegende, die auch in Pu Songlings „Liaozhai zhiyi“ (聊斋志异) erscheint.