Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 79"

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Neunundsiebzigstes Kapitel
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Kajaljade verbessert Schatzjades Trauerode — Willkommensfrühling wird versehentlich an einen Wolf aus Zhongshan<ref>中山狼 (Zhōngshān Láng), Anspielung auf die Fabel „Der Wolf vom Zhongshan“ (中山狼传): Ein Gelehrter rettet einen Wolf, doch der Wolf will ihn anschließend fressen. Die Wendung bezeichnet einen Undankbaren — hier eine Anspielung auf Sun Shaozu.</ref> verheiratet
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_79|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_79|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 79 =
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Es wird erzählt, dass Schatzjade [贾宝玉] gerade die Totenklage für Heitermuster [晴雯] beendet hatte, als er zwischen den Blumenstauden eine Stimme hörte, die ihn zusammenfahren ließ. Er trat hervor und schaute genau hin — es war niemand anders als Kajaljade [林黛玉], die über das ganze Gesicht lächelte und sagte: »Was für ein wunderbar neuartiger Opfertext! Er verdient es, gemeinsam mit der Inschrift auf dem Grabstein der Cao E <ref>Cao E war ein Mädchen der Han-Dynastie, berühmt für ihre Kindesliebe; die Grabinschrift gilt als Meisterwerk</ref> überliefert zu werden.«
== 薛文起悔娶河東獅 / 賈迎春誤嫁中山狼 ==
 
=== Xue Wenqi bereut, eine Xanthippe geheiratet zu haben; Jia Yingchun heiratet versehentlich einen Zhongshan-Wolf ===
 
  
echten Weg gefunden haben.
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Unwillkürlich errötete Schatzjade, als er das hörte, und antwortete lachend: »Ich hatte mir überlegt, dass all die Opfertexte auf dieser Welt nur noch abgedroschene Klischees sind, und habe deshalb eine neue Form gewählt. Das war freilich nur eine Spielerei für den Augenblick, und ich konnte nicht ahnen, dass du zuhören würdest. Wenn etwas daran absolut nicht geht, warum änderst du es nicht
Diese Mädchen hier haben keinen Vater und keine Mutter mehr und sind von ihrer Heimat weit entfernt. Nachdem sie in Reichtum und Vornehmheit gelebt haben, bedenken sie jetzt, wie hart ihr Geschick von klein auf gewesen ist, so daß sie sich einem leichtfertigen Gewerbe ergaben, und wissen auch, wie ihr zukünftiges Leben aussehen würde. Wenn sie sich deshalb abwenden vom Meer der Kümmernisse, das Haus verlassen und sich für eine zukünftige Existenz kultivieren, so ist das ein hohes Anliegen, und Ihr, gnädige Frau, solltet dieser guten Absicht keine Schranken setzen.
 
Dame Wang war stets auf gute Taten bedacht, und als sie nach dem Bericht der Pflegemütter den Mädchen nicht ihren Willen lassen wollte, geschah das, weil sie sich sagte, Fang-guan und die anderen seien schließlich Kinder und hätten diese Absicht nur geäußert, weil es einmal nicht nach ihrem Kopf gehen sollte, es sei aber zu befürchten, daß sie die klösterliche Reinheit auf die Dauer nicht ertragen und sich dann Sünden zuschulden kommen lassen würden.
 
Die Worte der beiden Mädchenräuberinnen klangen jedoch sehr einleuchtend, und außerdem hatte Dame Wang in den letzten Tagen vielerlei häusliche Sorgen. Darüberhinaus hatte Dame Hsing ihre Leute geschickt, um zu bestellen, sie wollten am nächsten Tag Ying-tschun für einige Zeit nach Hause holen, damit ihre künftigen Schwiegereltern sie kennenlernten, und eine Heiratsvermittlerin  war  erschienen,  um eine Verlobung  für Tan-tschun
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Kajaljade sagte: »Wo ist dein Manuskript? Ich muss es mir einmal sorgfältig durchlesen. Von dem ganzen langen Sermon habe ich nicht viel verstanden, nur zwei Sätze in der Mitte aufgeschnappt, irgendetwas von 'Hinter roten Seidenvorhängen, ein Herrensohn voller Liebe; unter dem Hügel aus gelber Erde, ein Mädchen vom Schicksal geschlagen.' Dieser Parallelsatz hat zwar einen guten Sinn, aber die 'roten Seidenvorhänge' sind doch ziemlich abgedroschen. Dabei liegt ein gebrauchsfertiges Bild aus der Wirklichkeit vor der Nase. Warum hast du das nicht verwendet?«
vorzuschlagen. Angesichts dieser Probleme hatte Dame Wang natürlich für derartige Kleinigkeiten keinen Sinn. Darum entgegnete sie den Nonnen mit lächelnder Miene: „Wenn ihr so meint, wie wäre es dann, wenn ihr sie als eure Novizinnen mitnähmt?
 
Kaum hatten die beiden Nonnen das gehört, riefen sie den Namen Buddhas an und sagten: „Bestens, bestens! Dadurch leistet Ihr im Verborgenen keine geringe Wohltat.“ Und schon bedankten sie sich kniefällig bei ihr.
 
„So geht sie fragen, ob es wirklich ihr Ernst ist!“ wies Dame Wang die drei Pflegemütter an. „Dann sollen sie herkommen, um in meiner Gegenwart ihren Äbtissinnen den Respekt zu erweisen.“
 
Die drei Frauen gingen fort und kamen tatsächlich mit den drei Mädchen zurück. Dame Wang fragte sie immer wieder, aber die drei hatten ihren Entschluß gefaßt und vollzogen vor den beiden Nonnen ihren Stirnaufschlag. Auch vor Dame Wang fielen sie nieder, um sich zu verabschieden, und als Dame Wang sah, daß sie fest entschlossen waren und sich nicht umstimmen ließen, empfand sie Schmerz und Mitleid für sie und ließ rasch durch ihre Leute ein paar Sachen holen, die sie den Mädchen schenkte. Auch die beiden Nonnen bekamen Geschenke.
 
So ging Fang-guan mit der Nonne Dschï-tung aus dem Wassermondkloster, Juee-guan und Ou-guan dagegen hielten sich an die Nonne Yüan-hsin aus dem Ksitigarbha-Kloster.  
 
Im nächsten Kapitel wird weitererzählt.
 
78. Ein alter Gelehrter läßt in müßiger Laune Gedichte über eine liebliche Schöne schreiben,
 
ein törichtes Herrensöhnchen denkt sich eine Totenklage für das Hibiskusmädchen aus.
 
  
Nachdem die beiden Nonnen Fang-guan und die anderen Mädchen weggeführt hatten, begab sich Dame Wang zur Herzoginmutter, um ihr den Morgengruß zu entbieten, und da sie sah, daß die Herzoginmutter in guter Stimmung war, berichtete sie ihr beiläufig: „Diese Tjing-wën in Bau-yüs Räumen ist ein großes Mädchen geworden. Außerdem ist sie das ganze Jahr über krank. Und wie ich oft gesehen habe, ist sie weitaus ungezogener als alle andern und obendrein faul. Jetzt hat sie wieder mehr als zehn Tage krank gelegen, und als der Arzt geholt wurde, um sie zu untersuchen, sagte er, sie leide an Auszehrung, wie das bei jungen Mädchen häufig der Fall ist. Deshalb habe ich sie schleunigst nach Hause geschickt. Wenn sie wieder gesund wird, braucht sie aber nicht wieder hergerufen zu werden. Man sollte ihrer Familie gestatten, ihr einen Mann zu geben, und damit Schluß.
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Schatzjade fragte hastig: »Was für ein gebrauchsfertiges Bild?«
Außerdem habe ich mir auch erlaubt, diese Schauspielermädchen fortzuschicken. Zum einen wissen sie durch die Operntexte, die sie gelernt haben, ihre Worte nicht zu wägen und reden allen möglichen Unfug daher, der nicht das Richtige für die Ohren unserer Mädchen ist, zum andern gehört es sich auch so, sie unentgeltlich freizulassen, nachdem sie eine Zeitlang für uns gesungen haben. Zumal wir zu viele Mägde im Hause haben. Und wenn es einmal nicht genug sein sollten, können wir dann ein paar neue aussuchen.“
 
Die Herzoginmutter nickte beifällig und sagte dabei: „Das war ganz richtig von dir, ich hatte auch schon daran gedacht. Aber Tjing-wën hielt ich immer für ein gutes Mädchen. Wie kommt es nur, daß jetzt so etwas aus ihr geworden ist? In meinen Augen reichten die meisten andern Mädchen an sie nicht heran, ob es nun um Aussehen, Gewandtheit, Redefertigkeit oder Nadelarbeiten ging. In Zukunft hätte man sie Bau-yü wohl ganz und gar zuteilen können. Wer konnte schon ahnen, daß sie sich so verändert!“
 
„Eure Wahl war schon richtig, alte gnädige Frau“, erklärte Dame Wang lächelnd, „wahrscheinlich war dem Mädchen einfach kein Glück beschieden, und sie hat deshalb diese Krankheit bekommen. Auch der Volksmund sagt ja ‚Ehe ein Mädchen erwachsen ist, macht es achtzehn Verwandlungen durch.‘ Und wer begabt ist, wird unvermeidlich ein wenig kapriziös. Ihr habt doch das alles schon gesehen in Eurem Leben, alte gnädige Frau.
 
Vor drei Jahren hatte ich mit ihr das gleiche im Sinn wie Ihr. Ich hatte sie für ihn vorgesehen und hatte seitdem ein Auge auf sie. Nüchtern betrachtet, übertraf sie die andern in jeder Beziehung, nur war sie nicht eben sehr gesetzt. In bezug auf Gesetztheit und Würde ist Hsi-jën die Erste von allen. Es heißt zwar ‚die Gattin sittsam, die Nebenfrau schön‘, aber es ist schon besser, wenn auch eine Nebenfrau einen folgsamen Charakter und ein gesetztes Wesen erkennen läßt. Dem Aussehen nach reicht Hsi-jën zwar nicht ganz an Tjing-wën heran, aber als Nebenfrau wäre sie bestens geeignet. Zumal ihre Handlungsweise großzügig ist und ihr Sinn redlich. In all den Jahren hat sie kein einziges Mal Bau-yüs Launen nachgegeben. Wenn er gar zu großen Unfug anstellte, hat sie jedesmal nach Kräften auf ihn eingeredet.
 
Nachdem ich sie so zwei Jahre lang beobachtet und nicht den geringsten Fehler festgestellt hatte, veranlaßte ich stillschweigend, daß sie nicht mehr das Monatsgeld einer Magd bekommt. Vielmehr lasse ich ihr zwei Liang Silber von meinem eigenen Monatsgeld zahlen. Nur damit sie Bescheid weiß und sich um so aufmerksamer bemüht, sich in alles hineinzufinden. Offen habe ich nichts davon gesagt, zum einen weil Bau-yü noch zu jung ist und sein Vater der Meinung sein könnte, es lenke ihn von seinen Büchern ab, zum andern weil Bau-yü glauben würde, wenn sie schon seine Nebenfrau ist, habe sie ihm nichts mehr zu sagen, und sich deswegen noch zügelloser aufführen würde. So kommt es, daß ich Euch erst heute davon berichte, alte gnädige Frau.“
 
„So ist das also!“ sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Na, um so besser! Hsi-jën ist von klein auf so still gewesen, daß ich schon glaubte, sie sei auf den Mund gefallen. Aber wenn du sie so genau kennst, kann sie wohl keine schwerwiegenden Fehler haben. Auch deine Überlegung, Bau-yü nichts davon zu sagen, ist gut. Es soll auch niemand etwas davon erwähnen, es reicht, wenn alle Bescheid wissen. Ich kenne Bau-yü gut genug, um zu wissen, daß er nicht auf die Ratschläge von Frau und Nebenfrau hören wird. Ich werde aus ihm nicht klug und habe auch nie ein Kind von dieser Art gesehen.
 
Alle andern Unarten müssen sein, aber daß es ihn so zu den Mädchen zieht, ist schwer zu verstehen. Ich mache mir Sorgen deswegen und habe ihn immer wieder nüchtern beobachtet. Zuerst glaubte ich nicht anders, als daß er mit den Mädchen herumtollt, weil er erwachsen wird und von den Dingen zwischen Mann und Frau Bescheid weiß, so daß er den Mädchen deshalb gern nahe ist. Aber bei näherer Betrachtung erkennt man, daß es ihm gar nicht darum geht. Wird die Sache dadurch nicht noch merkwürdiger? Ich denke mir, er sollte bestimmt selbst als Mädchen zur Welt kommen und ist nur aus Versehen als Junge geboren worden.“
 
Alle lachten darüber, und nun berichtete Dame Wang noch, wie Djia Dschëng heute Bau-yü gelobt und ihn dann mit den anderen zusammen zu einem Besuch mitgenommen hatte. Als die Herzoginmutter das hörte, wurde ihre Stimmung noch fröhlicher als zuvor.
 
Bald darauf erschien, fertig zurechtgemacht, Ying-tschun, um sich zu verabschieden, bevor sie sich zu ihren Eltern hinüberbegab. Auch Hsi-fëng erschien zum Morgengruß, wartete der Herzoginmutter beim Frühstück auf und plauderte dann eine Zeitlang mit ihr. Nachdem die Herzoginmutter sich zur Mittagsruhe zurückgezogen hatte, erkundigte sich Dame Wang bei Hsi-fëng, ob ihre Arzneikugeln schon zubereitet worden seien.
 
„Nein“, erwiderte Hsi-fëng, „noch nehme ich flüssige Medizin. Aber seid nur unbesorgt, gnädige Frau, es geht mir schon viel besser.“
 
Da Dame Wang sah, daß Hsi-fëng wieder ganz die alte war, zweifelte sie nicht an ihren Worten und berichtete ihr, wie sie Tjing-wën hinausgeworfen hatte. Dann fragte sie: „Wie kommt es, daß Bau-tschai aus eigenem Antrieb wieder zu Hause schläft und ihr nichts davon wißt? Neulich nämlich habe ich, da ich einmal dabei war, überall kontrolliert und zu meiner Überraschung gefunden, daß Lans neue Amme0 von verführerischer Schönheit war, was mir gründlich mißfiel. Darum sagte ich deiner Schwägerin, es sei besser, sie ihres Weges zu schicken, zumal der kleine Lan schon groß genug ist, um ohne Amme auszukommen.
 
Dann fragte ich deine Schwägerin, ob sie etwa nichts davon wisse, daß Bau-tschai außerhalb schläft, und darauf erwiderte sie, Bau-tschai habe es ihr gesagt, und es sei nur für zwei, drei Tage gewesen, bis ihre Mutter wieder gesund sei, dann habe sie in den Garten zurückkehren wollen. Dabei hat ihre Mutter gar nichts Ernstliches, nur Husten und Hüftschmerzen wie in jedem Jahr. Bestimmt wird Bau-tschai einen anderen Grund haben, außerhalb zu schlafen. Ob etwa jemand sie gekränkt hat? Sie nimmt sich doch alles so zu Herzen. Es wäre wirklich besser, wenn es unter Verwandten, die zusammen wohnen, ohne Kränkungen abgehen könnte.“
 
„Wer sollte sie für nichts und wieder nicht gekränkt haben?“ fragte Hsi-fëng lächelnd. „Zumal sie den ganzen Tag im Garten ist, wo sie mit niemand anders zusammenkommt als mit ihren Kusinen.“
 
„Ob vielleicht Bau-yü unbedacht etwas gesagt hat?“ überlegte Dame Wang in anderer Richtung. „Dumm, wie er ist, kennt er kein Tabu, und wenn er in der Stimmung dazu ist, läßt er seinem Mund freien Lauf.“
 
„Jetzt macht Ihr Euch übertriebene Sorgen, gnädige Frau“, wandte Hsi-fëng ein und lächelte wieder. „Wenn er in der Öffentlichkeit etwas Ernsthaftes zu erledigen hat und über ernsthafte Dinge sprechen muß, benimmt er sich wohl wie ein Narr, aber drinnen vor seinen Schwestern und Kusinen und vor den großen und kleinen Mägden ist er außerordentlich nachgiebig und hat im Gegenteil Angst, jemanden zu kränken. Seinetwegen kann bestimmt niemand böse sein.
 
Ich denke mir, Kusine Bau-tschai wird den Garten deshalb verlassen haben, weil neulich der Besitz aller Mägde durchsucht worden ist. Sie sagt sich natürlich, daß die Durchsuchung nur stattgefunden hat, weil wir jemand im Garten mißtrauen. Und da sie als Verwandte mit Mägden und alten Ammen im Garten wohnt, bei denen wir nicht gut eine Durchsuchung anstellen können, wird sie befürchten, wir könnten einen Verdacht gegen sie hegen, und hat empfindlich darauf reagiert, indem sie sich zurückzog. Sie mußte ja etwas tun, um dem Verdacht zu entgehen.“
 
Diese Worte erschienen Dame Wang sehr vernünftig, und nachdem sie einige Zeit mit gesenktem Kopf nachgedacht hatte, ließ sie Bau-tschai zu sich bitten und erläuterte ihr die Sache von neulich, um ihre Zweifel zu zerstreuen. Dann befahl sie ihr, in den Garten zurückzukehren und hier zu wohnen wie bisher.
 
Daraufhin setzte Bau-tschai ein Lächeln auf und erwiderte: „Den Garten zu verlassen war schon lange mein Plan, aber da Ihr mit so vielen wichtigen Dingen beschäftigt wart, konnte ich schlecht deswegen zu Euch kommen. Der Zufall wollte es, daß es meiner Mutter neulich wieder einmal nicht gut ging und daß auch die beiden Frauen bei ihr, auf die Verlaß ist, krank waren. Darum bin ich einfach zu ihr hinübergezogen. Es trifft sich gut, daß Ihr es jetzt erfahren habt, da kann ich Euch die Gründe darlegen und mich ab heute verabschieden, um auch meine Sachen hinüberschaffen zu lassen.“
 
„Du bist wirklich starrsinnig!“ bemerkten Dame Wang und Hsi-fëng. „Das einzig Richtige ist, daß du in den Garten zurückkehrst. Entfremde dich doch nicht so einer Nichtigkeit wegen deiner Verwandtschaft!“
 
„Ich verstehe überhaupt nicht, worum es geht“, erklärte Bau-tschai und lächelte wieder. „Ausgezogen bin ich nicht, weil etwas vorgefallen wäre, sondern weil der Gesundheitszustand meiner Mutter viel schlechter ist als früher und weil sie abends und nachts niemand anders hat, auf den sie sich verlassen kann, als mich allein. Zum anderen will mein Bruder in allernächster Zeit heiraten, und es sind noch so viele Nadelarbeiten zu machen, und soviel Hausrat ist noch zu besorgen. Ihr, Frau Tante, und auch du, Kusine Hsi-fëng, seid doch über unsere Familienangelegenheiten im Bilde und wißt, daß ich euch nichts vormache.
 
Zum dritten steht, seitdem ich im Garten wohne, das kleine Seitentor im Südosten ständig offen. Ich sollte es benutzen können, dazu war das eigentlich gedacht. Es ist aber nicht zu verhindern, daß auch andere dort ein- und ausgehen, um sich den Weg abzukürzen. Eine Kontrolle darüber gibt es jedoch nicht. Wenn daraus etwas entstünde, wäre das unerfreulich für beide Seiten.
 
Außerdem war ich ja nicht aus irgendeinem schwerwiegenden Grund in den Garten gezogen, um hier zu wohnen. Vor ein paar Jahren waren wir alle noch klein und hatten zu Hause keine Aufgaben. Anstatt draußen allein herumzuhocken, war es besser für mich, hier mit den Kusinen zusammen zu sein und Nadelarbeiten zu machen oder zu scherzen. Jetzt aber sind wir alle groß, und jede hat ihre Pflichten.
 
Außerdem sind Euch, Frau Tante, in diesem Jahr immer wieder Unannehmlichkeiten begegnet. Denn der Garten ist zu groß und nicht mit einem Blick zu überschauen. Das spielt alles eine Rolle. Ein paar Leute weniger, und Ihr habt weniger Sorgen. Deshalb bestehe ich jetzt nicht nur auf meinem Auszug, ich rate Euch auch zu reduzieren, was zu reduzieren ist, ehe alle darüber an Anstand verlieren. Wie ich meine, könnte auch an den Kosten für den Garten gespart werden, und die Zeiten sind ja nicht mehr dieselben, die sie einmal waren. Ihr wißt gut genug über unsere Verhältnisse Bescheid, Frau Tante. War es seinerzeit vielleicht auch schon so still um uns wie jetzt?“
 
Nachdem Hsi-fëng diese Worte vernommen hatte, sagte sie lächelnd zu Dame Wang: „Sie hat vollkommen recht, wir sollten sie nicht drängen.“
 
„Ich kann dir nichts darauf erwidern“, sagte Dame Wang zu Bau-tschai und nickte. „Also mach, wie du meinst!“
 
Während sie das eben sagte, kam Bau-yü mit den anderen beiden zurück und berichtete, sein Vater sei noch dort geblieben, habe sie aber schon nach Hause geschickt, bevor es dunkel werde.
 
„Hast du dich auch nicht wieder einmal lächerlich gemacht?“ erkundigte Dame Wang sich rasch.
 
„Ich habe mich nicht nur nicht lächerlich gemacht, ich habe sogar eine Menge Geschenke eingeheimst“, antwortete Bau-yü lächelnd. Im nächsten Augenblick brachten die alten Sklavenfrauen die Gaben, die sie am Innentor aus den Händen der Sklavenjungen entgegengenommen hatten, und Dame Wang erblickte drei Fächer, drei Fächeranhänger, sechs Kästchen mit Schreibpinseln und Tusche, drei Gebetsketten aus Duftholzperlen und drei jadene Gürtelringe.
 
Bau-yü erklärte: „Das ist von Herrn Mee, dem Mitglied der Kaiserlichen Akademie, das vom stellvertretenden Minister Yang und das von Unterstaatssekretär Li. Davon bekommt jeder von uns seinen Anteil.“ Dann zog er ein aus Sandelholz geschnitztes Amulett in Form eines Buddhafigürchens aus dem Busen und sagte: „Das hier hat der Herzog Tjing-guo mir ganz allein geschenkt.“
 
Nachdem Dame Wang sich noch erkundigt hatte, wer alles dabei gewesen sei und was für Gedichte verfaßt worden seien, befahl sie, man solle Bau-yüs Anteil an den Geschenken nehmen, und ging dann mit Bau-yü, Djia Lan und Djia Huan zur Herzoginmutter. Als diese die Geschenke sah, kannte ihre Freude keine Grenze, und natürlich stellte auch sie etliche Fragen.
 
Bau-yü indessen hatte nichts anderes im Kopf als den Gedanken an Tjing-wën, darum sagte er, als alle Fragen beantworten waren, er sei vom Reiten so durchgeschüttelt, daß ihm die Knochen weh täten. Daraufhin befahl ihm die Herzoginmutter: „Geh schnell in deine Räume, zieh dich um und verschaff dir ein wenig Auflockerung, dann wird es wieder gut. Aber du darfst dich nicht schlafen legen.“
 
Kaum hatte Bau-yü das gehört, ging er auch schon hinaus. Draußen warteten Schë-yüä und Tjiu-wën mit zwei weiteren Sklavenmädchen. Als sie ihn kommen sahen, nahm ihm Tjiu-wën die Kästchen mit den Schreibpinseln und der Tusche ab, dann folgten sie ihm in den Garten. „Heiß ist es!“ beklagte sich Bau-yü in einem fort, nahm im Gehen seine Kopfbedeckung ab, löste seinen Gürtel, zog das Übergewand aus und gab alles Schë-yüä zum Tragen. Jetzt hatte er nur noch ein dünn gefüttertes Gewand aus dunkelgrüner Seide an, unter dem blutrote Hosen hervorlugten.
 
Tjiu-wën erkannte, daß es die roten Hosen waren, die Tjing-wën genäht hatte, und so bemerkte sie seufzend: „Diese Hosen sollten wir beiseite legen, denn hier kann man wirklich sagen: ‚Der Mensch ist tot, doch seine Dinge leben fort.‘“ Und Schë-yüä bestätigte lächelnd: „Ja, das ist Tjing-wëns Arbeit.“ Dann seufzte sie ebenfalls und sagte nun auch: „Wirklich, ‚das Werk hat seinen Schöpfer überdauert.‘“
 
Jetzt griff Tjiu-wën nach Schë-yüäs Hand und sagte lächelnd: „Mit dem grünen Gewand und den dunkelblauen Stiefeln zusammen bringen diese Hosen das blauschwarze Haar und das schneeweiße Gesicht besonders gut zu Geltung.“
 
Bau-yü, der vor ihnen ging, tat so, als ob er es nicht gehört habe, machte noch ein paar Schritte, blieb dann stehen und sagte: „Ich möchte noch ein Stück laufen. Geht das wohl?“
 
„Wovor hast du Angst am hellichten Tag?“ fragte Schë-yüä. „Glaubst du vielleicht, du könntest verloren gehen?“ Dann befahl sie den beiden kleineren Sklavenmädchen, sie sollten Bau-yü begleiten, und setzte hinzu: „Wir tragen die Sachen weg und kommen dann nach.“
 
„Ich kann auch ein wenig später gehen, Schwesterchen“, bot Bau-yü an.
 
„Wir sind ja gleich wieder da“, sagte Schë-yüä. „Was macht denn das für einen Eindruck, wenn wir beide dich mit vollen Händen begleiten – als ob wir dir deine Ranginsignien nachtrügen, die eine trägt die Vier Schätze der Studierstube0, die andere Hut, Gewand, Gürtel und Schuhe.“
 
Das war es, was Bau-yü hören wollte, und so ließ er die beiden gehen. Dann führte er die beiden kleineren Sklavenmädchen hinter einen künstlichen Felsen und fragte dort ohne Umschweife: „Hat Schwester Hsi-jën jemand zu Schwester Tjing-wën geschickt, als ich fort war?“
 
„Sie hat Mutter Sung geschickt, um nach ihr zu sehen“, antwortete eines der Mädchen.
 
„Und was hat Mutter Sung gesagt, als sie zurückkam?“ wollte Bau-yü wissen.
 
„Sie hat gesagt, Schwester Tjing-wën habe die ganze Nacht über geschrien“ berichtete das Mädchen. „Heute früh habe sie mit geschlossenen Augen ruhig dagelegen, sei nicht mehr bei Bewußtsein gewesen, habe keinen Ton mehr hervorgebracht und nur noch mit Mühe Luft bekommen.“
 
„Nach wem hat sie die ganze Nacht geschrien?“ fragte Bau-yü begierig.
 
„Nach ihrer Mutter“, gab das Mädchen Auskunft.
 
„Und nach wem noch?“ ließ Bau-yü nicht locker und wischte sich die Tränen ab.
 
„Davon weiß ich nichts, daß sie noch nach jemand anders gerufen haben soll“, erklärte das Mädchen.
 
„Du bist dumm“, urteilte Bau-yü, „wahrscheinlich hast du nicht richtig zugehört.“
 
Das andere Sklavenmädchen kannte sich besser aus, darum trat es nach Bau-yüs letzten Worten näher und sagte: „Sie ist wirklich dumm. Ich aber habe nicht nur genau zugehört, ich bin sogar selbst heimlich bei Schwester Tjing-wën gewesen.“
 
„Warum das?“ fragte Bau-yü sofort.
 
„Weil ich bedacht habe, daß Schwester Tjing-wën anders war als die übrigen, sie war immer so gut zu uns“, berichtete das Mädchen. „Nachdem sie jetzt so ungerecht behandelt worden ist und hinaus mußte, konnte unsereins nichts anderes für sie tun, als sie zu besuchen, um ihr ihre Liebe zu uns zu vergelten. Hätte das jemand bemerkt und der gnädigen Frau gemeldet, hätte es eine Tracht Prügel gesetzt, aber das mußte man in Kauf nehmen. So habe ich mich heimlich zu ihr geschlichen, auch auf die Gefahr hin, Schläge zu bekommen.
 
Und siehe da, sie ist ihr Leben lang klug gewesen, und daran hat sich auch nichts geändert, als es ans Sterben ging. Sie hielt die Augen nur geschlossen, um Kräfte zu sammeln, weil sie sich sagte, daß die profanen Leute, die um sie waren, doch nicht zu reden verständen. Als ich kam, schlug sie die Augen auf, nahm mich bei der Hand und fragte: ‚Wohin ist Bau-yü gegangen?‘ Ich gab ihr wahrheitsgemäß Auskunft, da hat sie geseufzt und gesagt: ‚Wir können uns nicht mehr wiedersehen.‘ ‚Warum wartest du nicht, bis er zurück ist und zu dir kommt, Schwester?‘ fragte ich sie. ‚Wäre dann euer beider Wunsch nicht erfüllt?‘
 
Daraufhin hat sie mit lächelndem Gesicht gesagt: ‚Ihr wißt es noch nicht, ich sterbe gar nicht. Im Himmel fehlt eine Blumengöttin, und der Jadekaiser0 hat befohlen, ich solle den Posten übernehmen. Heute nachmittag um halb drei muß ich mein Amt antreten. Bau-yü aber kommt erst um dreiviertel drei nach Hause zurück. Einer einzigen Viertelstunde wegen können wir uns nicht mehr wiedersehen. Wenn jemand stirbt auf der Welt und der Höllenkönig läßt ihn holen, werden kleine Teufel geschickt, die seine Seele gefangennehmen. Wenn aber der Sterbende noch ein Stündchen dableiben soll, braucht man nur etwas Opfergeld zu verbrennen oder ein wenig Brei zu vergießen, dann stürzen sich die Teufel darauf, und der Sterbende erhält einen Aufschub. Ich aber werde von Götterboten in den Himmel gebeten, wie dürfte ich mich da verspäten?!‘
 
Als ich das hörte, wollte ich es nicht recht glauben, aber als ich wieder im Zimmer war und genau nach der Uhr sah, ergab sich, daß sie wirklich um halb drei aufgehört hatte zu atmen, und um dreiviertel erschien jemand, um uns zu holen, weil du zurückgekommen warst. Da zeigte sich, daß alles übereinstimmte.“
 
„Du kannst nicht lesen und kennst die Bücher nicht, deshalb weißt du nichts davon, aber es gibt das wirklich“, erklärte Bau-yü eifrig. „Nicht nur, daß jede Blumenart ihre Göttin hat, es gibt auch noch eine Göttin für alle Blumen. Jetzt weiß ich nicht, ob sie die Göttin aller Blumen geworden ist oder nur für eine einzige Art verantwortlich ist.“
 
Im ersten Moment wußte das Sklavenmädchen nichts darauf zu erwidern, aber da eben der achte Monat war und im Garten am Teich der Hibiskus in voller Blüte stand, inspirierte der Anblick sie, rasch zu behaupten: „Ich habe Schwester Tjing-wën gebeten, mir zu sagen, für welche Blume sie zuständig sein werde, damit wir ihr Opfer bringen könnten, da hat sie gesagt: ‚Die Geheimnisse des Himmels dürfen nicht enthüllt werden, aber weil du so ergeben und aufrichtig bist, will ich es dir verraten, doch du darfst es nur Bau-yü allein weitersagen. Wenn jemand anders als er das Geheimnis erfährt, wird dich ein fünffacher Donner erschlagen.‘ Und dann hat sie mir anvertraut, daß sie speziell für den Hibiskus zuständig sein wird.“
 
Nicht nur daß diese Nachricht Bau-yü nicht erstaunte, vielmehr verwandelte sie seinen Kummer in Freude. Er wies mit der Hand nach den Hibiskusstauden und sagte strahlend: „Diese Blume ist es wert, in der Obhut eines solchen Menschen zu stehen! Ich hatte mir schon gedacht, daß eine Aufgabe sie erwartet. Jetzt ist sie dem Meer des Kummers entronnen, aber wir können uns nie wiedersehen, und so werde ich unvermeidlich um sie trauern und mich nach ihr sehnen.“ Dann überlegte er: „Auch wenn ich sie vor ihrem Tod nicht mehr wiedergesehen habe, kann ich doch hingehen und mich vor ihrem Sarg verneigen, um meiner Pflicht nach den fünf, sechs Jahren unserer Freundschaft Genüge zu tun.“
 
Nachdem er sich das überlegt hatte, ging er in seine Räume und zog sich um. Dann verließ er unter dem Vorwand, Dai-yü einen Besuch machen zu wollen, ohne jede Begleitung den Garten und begab sich dorthin, wo er Tjing-wën zuletzt gesehen hatte, weil er annahm, dort werde sie aufgebahrt sein. In Wirklichkeit aber hatten ihr Vetter und seine Frau, kaum daß Tjing-wën ihren letzten Atem ausgehaucht hatte, drinnen davon Meldung gemacht, um nur ja so schnell wie möglich die paar Liang Silber zu bekommen, die es für gewöhnlich als Zuschuß für eine Beerdigung gab.
 
Als Dame Wang die Nachricht erhielt, befahl sie, man solle den beiden ein Einäscherungsgeld von zehn Liang Silber zahlen. „Der Leichnam soll sofort vor die Stadt geschafft und verbrannt werden“, lautete ihre Anordnung. „Ein Mädchen, das an der Auszehrung gestorben ist, darf auf keinen Fall im Hause behalten werden.“
 
Auf Dame Wangs Befehl hin hatten Tjing-wëns Vetter und seine Frau das Geld empfangen und dann Leute angeheuert, die die Tote einsargen und nach dem Verbrennungsplatz außerhalb der Stadt schaffen mußten. Tjing-wëns Kleidung und Schmuck, die vielleicht drei- oder vierhundert Liang Silber wert sein mochten, hatten sie zur späteren Verwendung beiseite gelegt. Dann hatten sie die Haustür abgeschlossen und waren zu zweit dem Sarg gefolgt.
 
Bau-yüs Besuch erwies sich somit als ein Schlag ins Wasser, und nachdem er eine Zeitlang herumgestanden hatte, blieb ihm keine andere Wahl, als in den Garten zurückzukehren. In seinen Räumen kam es ihm jedoch so öde vor, daß er sich nun wirklich auf den Weg machte, um Dai-yü zu besuchen. Dai-yü aber war gerade nicht da, und als er fragte, wohin sie gegangen sei, antworteten ihre Sklavenmädchen: „Sie ist zu Fräulein Bau-tschai gegangen.“
 
Bau-yü ging also weiter zum Haselwurzpark. Hier fand er alles still und verlassen, und die Zimmer waren ausgeräumt, was ihm unwillkürlich einen tüchtigen Schreck einjagte. Dann erblickte er plötzlich eine alte Sklavin, die auf ihn zukam, und fragte rasch, was hier los sei.
 
„Fräulein Bau-tschai ist ausgezogen“, antwortete die Alte. „Das Haus ist uns zur Aufsicht übergeben worden, aber es ist noch nicht ganz geräumt. Wir helfen noch ein paar Sachen hinüberbringen, dann ist hier Schluß. Und Ihr geht jetzt bitte, Herr, damit wir ausfegen können. Eure Besuche hier könnt Ihr Euch in Zukunft sparen.“
 
Bau-yü stand lange Zeit völlig verwirrt da und schaute auf die duftenden Rankenpflanzen und die exotischen Klettergewächse im Hof, die noch immer so frisch und grün waren, aber plötzlich erschien es ihm hier öde und kalt im Vergleich zu früher, und das vermehrte seinen Schmerz. Schweigend trat er hinaus, und dort fiel ihm auf, daß auf dem baumbestandenen Deich vor dem Tor, wo früher der Strom der Sklavenmädchen, die hier spazierengingen, nie abgerissen war, lange Zeit kein Mensch vorüberkam. Er beugte sich vor und schaute auf das Wasser unten am Deich, aber es floß genauso schwellend und munter dahin wie ehedem, so daß er sich fragte: „Wie kann es nur so etwas Gefühlloses geben auf der Welt?“
 
So trauerte er ein Weilchen vor sich hin, dann fiel ihm mit einem Mal wieder ein, daß Sï-tji, Ju-hua, Fang-guan und zwei weitere Mädchen den Garten verlassen hatten und daß Tjing-wën gestorben war. So hatte Bau-tschai nun mit ihrem ganzen Anhang ihr Gartenhaus geräumt. Ying-tschun war zwar noch nicht fort, aber sie kam schon tagelang nicht mehr in den Garten, und ständig erschienen Heiratsvermittlerinnen, um auf eine baldige Hochzeit zu drängen. Über kurz oder lang würden wohl alle den Garten verlassen, und es half gar nichts, wenn er sich daraüber aufregte. Darum war es wohl das beste, wenn er zu Dai-yü ging und ihr für den Rest des Tages Gesellschaft leistete, um dann in seine eigenen Räume zurückzukehren und sich dort mit Hsi-jën abzugeben. Mit diesen beiden würde er wohl bis ans Ende seiner Tage zusammenbleiben.
 
Als er diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, ging er noch einmal zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, aber Dai-yü war noch immer nicht da. Jetzt dachte er daran, daß es wahrscheinlich richtig sein würde, hinauszugehen und Tjing-wën das letzte Geleit zu geben. Aber dann sagte er sich, diesem Schmerz sei er nicht gewachsen und er täte besser daran hierzubleiben. So ging er schließlich niedergeschlagen und mit hängendem Kopf nach Hause. Während er sich noch fragte, was er mit sich anfangen sollte, erschien plötzlich eines der Sklavenmädchen der Dame Wang, um ihm zu bestellen: „Der gnädige Herr ist zurück und verlangt nach dir. Er hat wieder ein gutes Thema parat. Beeil dich, beeil dich!“
 
Notgedrungen mußte Bau-yü ihr folgen, aber als er zu Dame Wang kam, war sein Vater schon fort, und Dame Wang erteilte den Befehl, jemand solle Bau-yü zur Bibliothek begleiten.
 
Währenddessen berichtete Djia Dschëng im Kreis seiner Hausgäste von seinem Herbstausflug und sagte dabei: „Kurz bevor wir auseinandergingen, kam das Gespräch plötzlich auf ein Thema, das für alle Zeiten ein Gegenstand der Bewunderung bleiben wird. Es geht dabei ebenso um Schönheit und Eleganz wie um Treue und Edelsinn. Überhaupt ist es ein ausgezeichnetes Thema, auf das wir zusammen Trauergedichte schreiben sollten.“
 
Als seine Gäste das hörten, baten sie sogleich um Aufklärung, was für eine wunderbare Geschichte damit gemeint sei, und Djia Dschëng erzählte: „Es war einmal ein Prinz, der den Titel Prinz Hëng0 trug und dem das Gebiet Tjing-dschou0 anvertraut war. Dieser Prinz Hëng war ein großer Freund weiblicher Schönheit, außerdem fand er in seiner Freizeit Gefallen an Waffenübungen. Darum wählte er eine große Zahl schöner Mädchen aus und ließ sie tagtäglich exerzieren. Wann immer er Zeit dazu hatte, hielt er mehrtägige Gelage ab und ließ seine Schönen dabei Kampf- und Eroberungsspiele vorführen.
 
Eine seiner Nebenfrauen hieß mit Familiennamen Lin, und weil sie das vierte Kind ihrer Eltern war, wurde sie von allen nur die Vierte Lin genannt. Sie war die Schönste von allen, aber noch mehr übertraf sie die andern durch die Geschicklichkeit, mit der sie die Waffen handhabte. Prinz Hëng war so begeistert von ihr, daß er ihr den Oberbefehl über all seine Nebenfrauen übertrug und sie General Lieblich nannte...“
 
„Wie wunderbar und wie ausgefallen!“ erklärten die Hausgäste. „Mit dem Generalstitel zusammen kommt das Wort ‚lieblich‘ ganz besonders zur Wirkung. Das ist wirklich ein einzigartiger Ausdruck. Dieser Prinz Hëng war gewiß der größte Romantiker aller Zeiten.“
 
„Das ist schon richtig“, sagte Djia Dschëng lächelnd, „aber es kommt noch seltsamer und auch beklagenswerter.“
 
„Was hat sich denn Seltsames zugetragen?“ erkundigten sich seine Gäste.
 
Und Djia Dschëng fuhr fort: „Unerwartet rotteten sich dann versprengte Räuberbanden vom Schlage der Gelben Turbane und der Roten Augenbrauen0 zusammen, um die Gegend von Schan-dung zu plündern. Prinz Hëng war der Meinung, wegen so einer Meute brauche man nicht viel Aufhebens zu machen, und setzte nur leichte Reiterei ein, um die Räuber zu vernichten. Wider Erwarten zeigte sich jedoch, daß diese Räuber sehr gewitzt waren. Nach zwei Schlachten waren sie noch immer nicht besiegt, und Prinz Hëng wurde von ihnen erschlagen.
 
Daraufhin sagten die Zivil- und Militärbeamten von Tjing-dschou: ‚Wenn der Prinz sie nicht bezwingen konnte, um wieviel weniger werden dann wir dazu in der Lage sein!‘ Und sie schickten sich an, die Stadt auszuliefern.
 
Als aber die Vierte Lin0 die Schreckensnachricht erfuhr, rief sie ihre Kriegerinnen zusammen und sagte: ‚Die Gnade, die wir stets vom Prinzen erfahren haben, ist so hoch wie der Himmel und so stark wie die Erde. Wir werden auch nicht den zehntausendsten Teil davon je vergelten können. Jetzt, wo der Prinz sein Leben dem Vaterland zum Opfer gebracht hat, bin ich entschlossen, mein Leben dem Prinzen zum Opfer zu bringen. Wer von euch gewillt ist, es mir gleichzutun, der folge mir. Wer dazu nicht bereit ist, der gehe seines Weges.‘
 
Als die Kriegerinnen das hörten, erklärten sie einmütig, sie wollten mit ihr ziehen. Daraufhin verließ die Vierte Lin noch in derselben Nacht mit ihnen die Stadt und drang geradewegs in das Lager der Räuber ein, die darauf nicht gefaßt waren und mehrere ihrer Anführer verloren. Dann aber bemerkten sie, daß sie nur einer Handvoll Frauen gegenüberstanden, die nicht viel ausrichten konnten, griffen zu den Waffen und lieferten ihnen ein heftiges Gefecht, in dem von der Vierten Lin und ihren Gefährtinnen keine einzige am Leben blieb, so daß der Treueschwur der Vierten Lin erfüllt war.
 
Als das in der Hauptstadt bekannt wurde, waren Kaiser und Beamtenschaft gleichermaßen erschüttert und verwundert. Vom Hof wurden dann natürlich Leute entsandt, und als diese Regierungstruppen eintrafen, wurden die Räuberhorden restlos aufgerieben, aber das ist nicht weiter der Rede wert. Doch was sagen Sie jetzt zu der Standhaftigkeit der Vierten Lin, meine Herren? Ist sie nicht bewunderungswürdig?“
 
„Bewunderungswürdig und höchst erstaunlich, in der Tat!“ pflichteten seine Gäste ihm bei. „Das ist wirklich ein hervorragendes Thema, um Verse des Gedenkens zu schreiben.“ Und schon hatte einer der Männer Schreibpinsel und Tuschereibstein geholt und schrieb nach Djia Dschëngs Erzählung eine kurze Einleitung nieder, wobei er nur wenige Wörter leicht veränderte.
 
Djia Dschëng sah das Geschriebene durch, dann sagte er: „Es kann so bleiben. Auch dort hat man schon eine Einleitung geschrieben. Gestern wurde ein kaiserlicher Sondererlaß empfangen, in dem befohlen wird, alle Personen festzustellen, die Lob und Auszeichnung verdienen, bisher aber übergangen worden sind. Auch wenn es sich um Mönche, Nonnen, Bettler oder Frauen handelt – wenn jemand eine rühmenswerte Tat vollbracht hat, soll sein Lebenslauf sogleich ans Ministerium der Riten eingesandt werden, damit dieses den Kaiser um eine Auszeichnung bitten kann. So ist auch jene Einleitung schon ans Ritenministerium geschickt worden. Nachdem Sie von der Sache erfahren haben, meine Herren, sollte jeder von Ihnen ein Gedicht über General Lieblich verfassen, um ihrer Treue ein Denkmal zu setzen.“
 
„Das müssen wir tun!“ stimmten ihm alle zu, „aber am bewunderungswürdigsten ist es, daß unsere herrschende Dynastie solche lange nicht geübten Riten wiederbelebt und so große Gnade walten läßt. Darin wird sie wahrhaftig von keiner der früheren Dynastien erreicht, und hier kann man wirklich sagen ‚Vom heiligen Herrscherhaus wird nichts versäumt.‘ Diese Formulierung hat jemand unter der Tang-Dynastie vorweggenommen, und unter unserer Dynastie erfüllt sie sich. Heute erst sind das nicht mehr nur leere Worte.“
 
„Genau so ist es“, bestätigte Djia Dschëng kopfnickend.
 
Bei diesen Worten erschienen Djia Huan und Djia Lan und mußten sich auf Djia Dschëngs Geheiß das Thema durchlesen. Die beiden verstanden sich wohl auch darauf, Gedichte zu schreiben, und der Wortschatz, den sie im Kopf hatten, war nicht viel geringer als der von Bau-yü, aber erstens gingen sie einen ganz anderen Weg als Bau-yü, indem sie ihn scheinbar weit übertrafen, wenn es um Prüfungsaufsätze ging, während sie auf dem Gebiet der übrigen Literatur bei weitem nicht an ihn heranreichten. Und zweitens war der Geist der beiden stumpf im Vergleich zu Bau-yüs wachem und feinsinnigem Verstand, und ihre Gedichte schrieben sie nach denselben Prinzipien wie die achtgliedrigen Prüfungsaufsätze, wodurch sie unvermeidlich pedantisch und mittelmäßig ausfallen mußten.
 
Bau-yü war durchaus kein Buchgelehrter, aber er verfügte über eine natürliche Klugheit und las gern alle möglichen Bücher, deshalb war er der Meinung, daß es auch bei den Klassikern frei erfundene und fehlerhafte Stellen gab, so daß man sich nicht zu eng an sie halten konnte. Wenn man stets ängstlich darauf bedacht war, sich an bewährte Vorbilder zu halten, konnte man zwar auch etwas zusammenpappen, aber das würde dann ohne jeden Reiz sein.
 
Mit diesen Ansichten im Kopf wagte er sich an jedes beliebige Thema, so wie es zungenfertige Redner tun, die aus dem Nichts heraus einzig mit Hilfe ihrer Beredsamkeit lange Vorträge halten. Wenn es auch keiner Prüfung standhält, was sie sagen, so fühlen sich doch alle durch sie belehrt, und Männer ernster Worte sind nicht in der Lage, gegen solche Schönredner aufzukommen.
 
Djia Dschëng war in der Letzten Zeit gealtert, und sein Streben nach Ruhm und Gewinn hatte stark nachgelassen, auch war er seiner ursprünglichen Natur nach ein Freund von Gedichten, Wein und ausgelassenen Reden. Seinen Söhnen und Neffen gegenüber kam er natürlich nicht umhin, sie auf den rechten Weg zu führen, aber neuerdings war er zu der Ansicht gekommen, daß Bau-yü sich zwar nicht den klassischen Büchern widmete, jedoch ein großes Verständnis für die Dichtkunst hatte und so bei sorgfältiger Betrachtung den Ahnen keine allzu große Schande machte. Genau genommen, waren auch die Ahnen nicht anders gewesen. Einige von ihnen hatten es zwar auf dem Gebiet der Prüfungsaufsätze zu großer Perfektion gebracht, aber aufsehenerregende Verdienste hatte sich keiner damit erworben.
 
Wie es aussah, war es der Sippe der Djias nicht anders beschieden. Zumal auch Djia Dschëngs Mutter eine zärtliche Schwäche für Bau-yü hatte, wollte er ihn nicht gewaltsam drängen, sich mit Prüfungsvorbereitungen zu beschäftigen. In diesem Sinne hatte er ihn in der jüngsten Zeit behandelt, und er hätte es gern gesehen, wenn sich Djia Huan und Djia Lan mit Ausnahme der Prüfungsaufsätze an Bau-yü ein Beispiel genommen hätten. Darum ließ er, wenn er sie Gedichte schreiben lassen wollte, stets alle drei rufen, um sie zum Wetteifern anzuregen.
 
Djia Huan und Djia Lan hatten in letzter Zeit schon mehrmals in Gesellschaft Gedichte verfaßt, und das hatte ihnen Mut gegeben. Als sie jetzt das Thema sahen, begannen sie nachzugrübeln, und Djia Lan wurde als erster fertig. Aus Angst, letzter zu werden, war auch Djia Huan schon fertig geworden, und während sie beide ihre Gedichte schon aufschrieben, war Bau-yü noch ganz in Gedanken.
 
Djia Lans Gedicht war der folgende Vierzeiler:
 
„General Lieblich, die Vierte Frau Lin,
 
  war schön wie Jade und mutig zugleich.
 
  Seitdem für Prinz Hëng sie ihr Leben gab,
 
  duftet die Erde von Tjing-dschou nach ihr.“
 
Als Djia Dschëngs Gäste diese Zeilen gelesen hatten, lobten sie: „Um als Dreizehnjähriger so ein Gedicht zu schreiben, muß man schon aus einer hochgebildeten Familie stammen. Das ist wirklich nicht gelogen.“
 
Lächelnd erwiderte Djia Dschëng: „Es ist die Ausdrucksweise eines Kindes. Aber trotzdem, er hat sich Mühe gegeben.“ Dann las er, was Djia Huan geschrieben hatte:
 
„Sorglos verlief ihr Leben bislang,
 
  jetzt hat es nur noch den einen Zweck.
 
  Weinend tritt sie aus dem Prunkgemach,
 
  zürnend verläßt sie die Stadt Tjing-dschou.
 
  Zu rächen gilt es des Prinzen Tod,
 
  wiewohl die Räuber in Übermacht.
 
  Wer singt den Nachruf am Grabe ihr,
 
  die für ewig Einmaliges tat?“
 
„Das ist noch besser!“ sagten alle. „Schließlich ist er ja auch ein paar Jahre älter, doch auch sein Ansatz ist ein anderer.“
 
„Es ist zwar nicht ganz verkehrt, aber doch nichts Echtes“, urteilte Djia Dschëng.
 
„Laßt es gut sein!“ sagten seine Gäste. „Der dritte junge Herr ist nur wenig älter als sein Neffe. Wenn er schon als Junge so etwas zuwege bringt, werden vielleicht bei einigem Fleiß in ein paar Jahren noch Juan der Große und Juan der Kleine0 aus den beiden.“
 
„Zuviel des Lobes!“ wehrte Djia Dschëng ab. „Der Fehler der beiden ist, daß sie nicht lernen wollen.“ Dann fragte er, wie weit Bau-yü mit seinem Gedicht sei.
 
„Der zweite junge Herr ziseliert seine Verse sorgfältig, bestimmt wird es wieder etwas Elegantes und Ergreifendes, anders als die beiden Gedichte eben“, sagten seine Gäste.
 
Bau-yü aber erklärte lächelnd: „Für dieses Thema scheint mir der Neue Stil nicht geeignet, es muß ein Lied oder eine Ballade im Alten Stil und von entsprechender Länge sein, damit es etwas Rechtes wird.“0
 
Als die Hausgäste das hörten, standen sie auf und nickten, klatschten in die Hände und sagten: „Haben wir nicht gesagt, er packt es anders an?! Bei jedem Thema muß man zuerst überlegen, ob sich der Stil dafür eignet oder nicht. Das ist das Geheimnis erfahrener Meister. Es ist genau wie beim Schneidern – man muß maßnehmen, bevor man die Schere ansetzt. Das Thema lautet ‚General Lieblich‘, außerdem liegt schon eine Einleitung vor, also kommt als Form nur eine lange Ballade in Betracht, vielleicht in der Art des ‚Liedes von der ewigen Reue‘ von Bai Djü-i0 oder auch in der Art eines Lobliedes auf das Altertum, halb Schilderung und halb Festgesang, fließend und anmutig. Nur so kann man den Reiz des Themas voll ausschöpfen.“
 
Djia Dschëng stimmte ihnen zu und griff selber zu Schreibpinsel und Papier.
 
  
[[Category:Books]]
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Kajaljade erwiderte lachend: »Ist nicht bei uns das Gitterwerk der Fenster mit rosiger Gaze <ref>茜纱, qiansha, eine Art durchscheinender Seidenstoff</ref> bespannt? Warum sagst du nicht: 'Am rosigen Gazefenster, ein Herrensohn voller Liebe'?«
[[Category:Hongloumeng]]
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Als Schatzjade das hörte, stampfte er unwillkürlich vor Begeisterung mit dem Fuß auf und rief lachend: »Ausgezeichnet! Nur zu treffend! Nur du kannst auf so etwas kommen und es so sagen! Man sieht, dass es überall auf der Welt und zu allen Zeiten von gebrauchsfertigen schönen Bildern und wunderbaren Szenen nur so wimmelt — nur die Narren und Dummköpfe können sie nicht erdenken und nicht aussprechen. Allerdings ist da noch eines: Obwohl diese Änderung außerordentlich neuartig und schön ist, kannst zwar du dieses Bild für dich beanspruchen, ich aber bin dessen keineswegs würdig.« Und im gleichen Atemzug wiederholte er zwanzig- oder dreißigmal »Nicht würdig!«
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Kajaljade erwiderte lachend: »Was macht das schon! Mein Fenster kann auch dein Fenster sein, warum willst du das so streng auseinanderhalten? Im Altertum teilten selbst Fremde wohlgenährte Pferde und feine Pelze <ref>Anspielung auf die Lunyu (Gespräche des Konfuzius), wo Zilu sagt, er würde seine Pferde und Pelze gerne mit Freunden teilen</ref> miteinander, ohne es zu bedauern, wenn sie dadurch abgenutzt wurden. Um wieviel mehr muss das für uns gelten!«
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Schatzjade erwiderte lachend: »Was zählen schon Pferde und Pelze, wenn es um den Umgang mit Freunden geht? Selbst Gold und weißer Jade fallen da nicht ins Gewicht. Aber so respektlos mit einem Mädchenzimmer zu verfahren, das geht auf gar keinen Fall. Am besten ändere ich einfach den 'Herrensohn' und das 'Mädchen', dann wird es ganz zu deiner Totenklage für sie. Zumal du im Alltag immer sehr gut zu ihr warst. Lieber gebe ich den ganzen langen Text weg, als dass ich auf den neuen Ausdruck mit der 'rosigen Gaze' verzichte. Am besten ändern wir es so: 'Am rosigen Gazefenster, ein Fräulein voller Liebe; unter dem Hügel aus gelber Erde, eine Magd vom Schicksal geschlagen.' So hat es zwar nichts mehr mit mir zu tun, aber ich bin trotzdem vollauf zufrieden.«
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Kajaljade erwiderte lachend: »Sie war schließlich nicht meine Magd, wozu also soll ich so etwas sagen? Außerdem sind 'Fräulein' und 'Magd' auch keine besonders feinen Ausdrücke. Warte also, bis mein Purpurkuckuck [紫鹃] stirbt, dann ist es immer noch früh genug, den Satz so zu verwenden.«
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Als Schatzjade das hörte, sagte er rasch lachend: »Warum musst du sie denn beschreien?«
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Kajaljade erwiderte lachend: »Du hast mit dem Beschreien angefangen, nicht ich.«
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Schatzjade sagte: »Jetzt hab ich's! So wird es genau richtig. Am besten sagen wir: 'Am rosigen Gazefenster — ich bin dir nicht bestimmt; unter dem Hügel aus gelber Erde — warum warst du so vom Schicksal geschlagen?'«
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Als Kajaljade das hörte, wurde sie bleich vor plötzlichem Kummer, und obwohl tausend Ängste und Zweifel ihr Herz befielen, wollte sie sich das nicht anmerken lassen. Stattdessen nickte sie rasch mit lächelndem Gesicht und sagte beifällig: »So ist es wirklich gut geändert. Aber nun musst du nicht weiter daran herumändern. Beschäftige dich lieber mit etwas Ordentlichem. Eben hat die gnädige Frau [王夫人] jemanden geschickt, um dir auszurichten, du sollst morgen in aller Frühe zu deiner großen Tante [邢夫人] hinübergehen. Für deine zweite Schwester [迎春] ist ein Bewerber gefunden und angenommen worden, und morgen kommt wohl jemand aus der Familie des Bräutigams, um den Verlobungsbesuch zu machen. Darum sollt ihr alle hinübergehen.«
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Schatzjade schlug die Hände zusammen und sagte: »Warum diese Eile? Mir geht es auch nicht besonders gut, wer weiß, ob ich morgen überhaupt hinübergehen kann.«
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Kajaljade sagte: »Da fängst du wieder an! Ich rate dir, zügele endlich dein Temperament. Du wirst schließlich von Jahr zu Jahr älter ...« Während sie noch sprach, überkam sie ein Hustenanfall.
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Schatzjade sagte eilig: »Hier ist es kühl und zugig, und wir stehen schon die ganze Zeit hier herum. Lass uns schnell nach Hause gehen!«
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Kajaljade sagte: »Ich gehe auch heim und lege mich zur Ruhe. Wir sehen uns morgen.« Damit machte sie sich auf den Weg.
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Schatzjade wandte sich lustlos zum Gehen, doch plötzlich fiel ihm ein, dass Kajaljade ohne Begleitung war. Rasch befahl er einem kleinen Mädchen, ihr zu folgen und sie nach Hause zu bringen. Er selbst kehrte zum Hof der Roten Freude [怡红院] zurück, wo tatsächlich eine alte Amme wartete, die Dame König geschickt hatte, um ihm zu bestellen, er solle morgen in aller Frühe zu Begnadigung Kaufmann [贾赦] hinübergehen — ganz wie Kajaljade es eben gesagt hatte.
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Begnadigung Kaufmann hatte Willkommensfrühling [迎春] nämlich bereits einem Mann namens Sun verlobt. Diese Familie Sun stammte aus der Präfektur Datong [大同], ihre Vorfahren waren Militärbeamte gewesen und hatten einst als Klienten unter dem Schutz der Ning- und des Prunkwille-Anwesens gestanden, so dass man sie durchaus als altbefreundete Familie bezeichnen konnte. Derzeit lebte nur ein einziger Sun in der Hauptstadt, der den erblichen Rang eines Kommandeurs innehatte. Er hieß Sun Shaozu [孙绍祖], war von stattlicher Gestalt und kräftigem Körperbau, geübt in Bogenschießen und Reitkunst, gewandt im gesellschaftlichen Umgang und geschickt im Taktieren, noch keine dreißig Jahre alt, dazu von beträchtlichem Vermögen, und wartete beim Kriegsministerium auf eine freie Stelle zur Beförderung.
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Da er noch unverheiratet war und Begnadigung Kaufmann ihn als Enkel einer altbefreundeten Familie betrachtete, dessen Charakter und Vermögensverhältnisse zueinander passten, hatte er ihn wohlwollend als Schwiegersohn auserkoren. Auch der Herzoginmutter [贾母] hatte er davon berichtet. Doch die Herzoginmutter war im Herzen nicht sonderlich zufrieden. Sie überlegte jedoch, dass ihr Einspruch wohl kaum Gehör finden würde, dass Ehen eine Sache des Himmels und des Schicksals seien, und dass überdies der leibliche Vater die Entscheidung traf — wozu also sollte sie sich unnötig einmischen? So sagte sie nur knapp: »Gut, ich weiß Bescheid« und ließ es dabei bewenden.
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Aufrecht Kaufmann [贾政] war die Familie Sun trotz der alten Beziehungen zutiefst zuwider. Denn jener Vorfahre der Suns hatte sich seinerzeit nur deshalb unter den Schutz der Rong- und Ning-Familien gestellt, weil er von deren Macht und Einfluss hatte profitieren wollen, um ein sonst unlösbares Problem zu bereinigen — keineswegs stammten die Suns aus einer berühmten Literatenfamilie. Deshalb hatte Aufrecht Kaufmann zweimal dagegen Einwände erhoben, doch als Begnadigung Kaufmann nicht auf ihn hören wollte, musste er es hinnehmen.
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Schatzjade hatte diesen Sun Shaozu noch nie von Angesicht gesehen, musste aber notgedrungen am nächsten Tag hinübergehen, um der Pflicht Genüge zu tun. Dann erfuhr er, der Hochzeitstermin sei sehr knapp angesetzt, noch in diesem Jahr solle Willkommensfrühling das Haus verlassen. Als er zudem mitbekam, dass Dame Strafe [邢夫人] der Herzoginmutter gemeldet hatte, Willkommensfrühling werde aus dem Garten der Großen Anschauung [大观园] abgeholt, verging ihm erst recht jede Freude. Tag für Tag brütete er stumpfsinnig vor sich hin und wusste nichts mit sich anzufangen.
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Als er dann auch noch erfuhr, dass vier Zofen Willkommensfrühling in die Ehe begleiten würden, stampfte er abermals mit dem Fuß auf und klagte seufzend: »Wieder fünf reine Menschen weniger auf dieser Welt!«
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So streifte er Tag für Tag in der Gegend der Insel der Violetten Wassernüsse<ref>紫菱洲 (Zǐlíng Zhōu), der Ort im Garten der Großen Anschauung, an dem Willkommensfrühling wohnte. Schatzjades wehmütige Besuche dort nach Willkommensfrühlings Weggang sind ein wiederkehrendes Motiv des Verlustes.</ref> umher und hielt sehnsüchtig Ausschau. Die Fenster und Vorhänge waren öde und verlassen, nur ein paar alte Frauen, die zum Nachtdienst eingeteilt waren, hielten sich noch dort auf. Auch die Knöterichblüten und Schilfblätter am Ufer, die grünen Seekannen und die duftenden Wassernüsse im Teich schienen ihm welk und schwermütig zu hängen, als trauerten sie um die Verschwundene — wie ganz anders als das gewohnte Bild wettstreitender Farben und Schönheit! Überwältigt von diesem öden und bedrückenden Anblick, konnte Schatzjade seine Gefühle nicht bezwingen und sang unwillkürlich ein Lied vor sich hin:
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    Kalt weht der Herbstwind am nächtlichen Teich,
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    bläst ungerührt alle roten Blüten davon.
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    Knöterich und Wassernüsse ertragen den Kummer kaum,
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    schwerer Tau und dichter Reif drücken die zarten Stängel nieder.
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    Verstummt ist das Klappern der Schachsteine am langen Tag,
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    Schwalbenkot beschmutzt die vergessenen Spielbretter.
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    Schon seit Alters her betrauern die Menschen den Abschied von Freunden — um wieviel mehr leide ich, der ich Geschwister verliere!
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Kaum hatte Schatzjade zu Ende gesungen, hörte er hinter sich jemanden lachend sagen: »Was trauerst du hier schon wieder vor dich hin?«
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Als er sich rasch umsah, erkannte er Duftkastanie [香菱]. Er wandte sich um und fragte lachend: »Meine liebe Schwester, was führt dich jetzt hierher? Du warst schon so lange nicht mehr im Garten.«
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Duftkastanie klatschte in die Hände und sagte fröhlich: »Natürlich wäre ich gerne gekommen! Aber seit dein Vetter [Becken Schnee] zurück ist, bin ich nicht mehr so frei und ungebunden wie zuvor. Eben hatte unsere gnädige Frau [薛姨妈] jemanden geschickt, um deine Kusine Phönixglanz [王熙凤] zu suchen, aber sie war nicht zu finden, und es hieß, sie sei in den Garten gegangen. Als ich das hörte, bat ich darum, diesen Auftrag übernehmen und sie im Garten suchen zu dürfen. Ich traf ihre Zofe, die sagte, sie sei im Reisduftdorf [稻香村]. Gerade bin ich auf dem Weg dorthin, da treffe ich dich hier. Aber sag mir, wie geht es Schwester Dufthauch [袭人] in letzter Zeit? Wie konnte Schwester Heitermuster [晴雯] nur so plötzlich sterben, an welcher Krankheit litt sie eigentlich? Das zweite Fräulein [迎春] ist auch so schnell ausgezogen. Schau nur, wie leer und verlassen es hier aussieht!«
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Schatzjade konnte nicht schnell genug auf all ihre Fragen antworten und lud sie ein, ihn zum Hof der Roten Freude zu begleiten, um mit ihm Tee zu trinken.
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Duftkastanie erwiderte: »Im Moment geht das leider nicht. Warte, bis ich die zweite junge Herrin [Phönixglanz] gefunden und meinen Auftrag erledigt habe, dann komme ich.«
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Schatzjade fragte: »Was ist das für ein Auftrag, dass er so eilig ist?«
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Duftkastanie antwortete: »Es geht um die Heirat deines Vetters, darum ist es dringend.«
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Schatzjade sagte: »Richtig! Aus welcher Familie kommt denn nun eigentlich seine Braut? Ich habe nur gehört, wie es ein halbes Jahr lang deswegen hin und her ging. Mal hieß es, die Familie Zhang sei die beste, dann sollte es Familie Li sein, dann wieder wurde über König-Familie verhandelt. Ich weiß gar nicht, was die Töchter all dieser Familien verbrochen haben, dass man so unbekümmert über sie herfällt!«
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Duftkastanie sagte: »Jetzt ist es endgültig entschieden, da braucht keine weitere Familie mehr durchgehechelt zu werden.«
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Schatzjade fragte hastig: »Und welche Familie ist es geworden?«
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Duftkastanie berichtete: »Als dein Vetter letztens auf Geschäftsreise war, hat er nebenher auch Verwandte besucht. Diese Familie ist schon seit langem mit unserer verschwägert, und ebenso wie wir sind sie beim Finanzministerium als Fernhändler eingetragen. Auch sie gehören zu den ganz großen Häusern. Neulich, als davon die Rede war, hieß es, in euren beiden Anwesen kenne man sie ebenfalls. In ganz Chang'an [长安, Anm.: hier als Bezeichnung für die Hauptstadt] nennt sie jedermann vom Fürsten bis zum Krämer nur die 'Duftblüten-Xias'.«
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Schatzjade fragte lachend: »Warum heißen sie denn 'Duftblüten-Xias'?«
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Duftkastanie erklärte: »Sie heißen mit Familiennamen Xia [夏] und sind ganz außerordentlich reich. Von ihrem sonstigen Ackerland ganz zu schweigen — sie besitzen mehrere Dutzend Qing <ref>ein Qing entspricht ca. 6,7 Hektar</ref> reiner Duftblütenplantagen [桂花, Osmanthus]. Alle Osmanthus-Handlungen in Chang'an und Umgebung gehören ihnen, und selbst die Ziergewächse im Kaiserpalast sind Tributgaben von ihnen. So sind sie zu diesem Beinamen gekommen. Der alte Herr ist inzwischen gestorben, und es gibt nur noch die alte Dame, die mit einer leiblichen Tochter lebt. Söhne oder Brüder hat sie keine, und es ist schon bedauerlich, dass die Familie damit aussterben wird.«
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Schatzjade warf rasch ein: »Was kümmert es uns, ob sie aussterben oder nicht! Taugt denn dieses Mädchen etwas? Und wie kommt es, dass euer junger Herr Gefallen an ihr gefunden hat?«
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Duftkastanie erwiderte lachend: »Zum einen war es eine Fügung des Himmels, zum anderen heißt es ja: 'In den Augen eines Verliebten wird jedes Mädchen zur Xi Shi <ref>berühmte Schönheit des Altertums</ref>.' Da die Familien schon seit Generationen miteinander befreundet sind, hatten die beiden als Kinder zusammen gespielt. Dem Verwandtschaftsgrad nach sind sie Vetter und Kusine, da gab es also keinen Grund für Verdächtigungen. Zwar waren sie dann einige Jahre voneinander getrennt, aber als dein Vetter neulich zu Besuch kam und die alte Frau Xia — die, wie gesagt, keinen eigenen Sohn hat — sah, was für ein stattlicher Mann er geworden war, da weinte und lachte sie zugleich und freute sich mehr über ihn als über einen leiblichen Sohn.
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Sie ließ die beiden sich wiedersehen, und da zeigte sich, dass das Mädchen inzwischen aufgeblüht war wie eine Blume. Auch Lesen und Schreiben hatte sie zu Hause gelernt, und so war dein Vetter auf der Stelle Feuer und Flamme für sie. Mit dem Geschäftsführer und einer ganzen Schar von Gehilfen aus der Pfandleihe hat er sich dort für drei oder vier Tage eingenistet, und obwohl man ihn einlud, noch ein paar Tage länger zu bleiben, drängte er schließlich energisch darauf, nach Hause zurückzukehren.
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Kaum war er hier zur Tür herein, hat er unserer gnädigen Frau die Ohren vollgejammert, sie solle für ihn um das Mädchen anhalten. Und da unsere gnädige Frau das Mädchen aus eigener Anschauung kannte und die beiden Familien einander ebenbürtig sind, hat sie eingewilligt. Sie beriet sich hier mit der Tante [薛姨妈] und dem Fräulein Phönixglanz [凤姐], dann schickte man Boten zu den Xias, und dort wurde sogleich zugesagt. Nur ist der Termin für die Hochzeit sehr knapp, darum haben wir alle Hände voll zu tun. Aber auch ich kann es kaum erwarten, dass sie ins Haus kommt — dann haben wir ja wieder eine Dichterin mehr!«
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Schatzjade sagte mit kühlem Lächeln: »Das sagst du so leicht dahin, aber wenn ich das höre, mache ich mir vor allem um dich Sorgen und frage mich, was aus dir werden soll.«
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Unwillkürlich errötete Duftkastanie und erwiderte mit förmlicher Miene: »Was soll das für eine Rede sein! Wir haben einander stets mit Achtung behandelt, und jetzt fängst du plötzlich mit solchen Dingen an. Was soll das heißen? Kein Wunder, dass alle sagen, man solle sich mit dir nicht zu eng einlassen!« Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und ging davon.
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Duftkastanies Verhalten machte Schatzjade ganz betroffen, und er fühlte sich, als hätte er etwas verloren. Lange stand er unschlüssig da, überlegte hin und her, und unvermerkt rollten ihm die Tränen über die Wangen. Niedergeschlagen kehrte er zum Hof der Roten Freude zurück. Die ganze Nacht fand er keine Ruhe; im Traum rief er bald nach Heitermuster, bald schreckte er aus Albträumen hoch, und so ging es in einem fort.
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Am nächsten Tag hatte er keinen Appetit, und sein Körper fühlte sich fiebrig an. All die Demütigungen, Schrecken und Kümmernisse der letzten Tage — die Durchsuchung des Gartens des Großen Anblicks, die Vertreibung von Siqi [司棋], der Abschied von Willkommensfrühling und der Tod von Heitermuster — hatten ihren Tribut gefordert. Hinzu kam eine Erkältung, und so war eine Krankheit daraus entstanden, die ihn ans Bett fesselte.
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Als die Herzoginmutter davon erfuhr, kam sie Tag für Tag persönlich, um nach ihm zu sehen. Dame König machte sich insgeheim Vorwürfe und fragte sich, ob sie Heitermusters wegen nicht zu hart mit ihm ins Gericht gegangen war. Doch obwohl sie innerlich so empfand, ließ sie sich äußerlich nichts anmerken. Sie ordnete nur an, die alten Ammen sollten gut für ihn sorgen, und zweimal am Tag musste ein Arzt kommen, um ihm den Puls zu fühlen und Medizin zu verschreiben.
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Erst nach einem ganzen Monat stellte sich allmählich eine Besserung ein. Die Herzoginmutter befahl, er solle sich schonen und dürfe erst nach hundert Tagen wieder Fleisch, Fisch, Fettiges und Nudeln zu sich nehmen und das Haus verlassen. Während dieser hundert Tage durfte er nicht einmal vor das Hoftor treten, sondern konnte nur innerhalb seiner Räume scherzen und spielen.
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Nach vierzig oder fünfzig Tagen hatte Schatzjade diese Einschränkungen so satt, dass es wie Feuer in ihm loderte und er es kaum noch aushalten konnte. Sosehr er auch versuchte, sich Auswege zu schaffen — die Herzoginmutter und Dame König blieben unbeugsam, und er musste sich fügen. So trieb er es mit den Zofen bunt und planlos, vergnügte sich nach Herzenslust und spielte alle möglichen Streiche.
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Dann hörte er, dass Becken Schnee [薛蟠] ein Festmahl mit Theateraufführung gab, dass es dort äußerst lebhaft zuging, und dass er bereits geheiratet habe. Es hieß, das Fräulein Xia sei außerordentlich hübsch und beherrsche auch ein wenig die Schriftgelehrsamkeit — Schatzjade hätte sie liebend gerne sofort gesehen.
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Einige Zeit später erfuhr er, dass Willkommensfrühling das Haus verlassen hatte. Der Gedanke, wie er einst mit seinen Schwestern zusammen gewesen war, so vertraut und einander so nah, und dass sie sich, selbst wenn sie sich je wiedersähen, gewiss nicht mehr so nahe sein würden wie früher — und dass er sie jetzt nicht einmal besuchen konnte — , das alles schmerzte ihn zutiefst. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als still zu erdulden und sich einstweilen mit den Zofen zu vergnügen, um sich die Schwermut zu vertreiben. Immerhin blieb er so von den Vorwürfen Aufrecht Kaufmanns verschont, der ihn sonst zum Bücherlesen gedrängt hätte.
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In diesen hundert Tagen hätte es nur noch gefehlt, dass er den Hof der Roten Freude in Schutt und Asche legte — er trieb es mit den Mädchen derart zügellos, dass er alle nur erdenklichen Torheiten und Streiche beging. Doch davon brauchen wir hier nicht im Einzelnen zu berichten.
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Erzählen wir nun von Duftkastanie. Nachdem sie Schatzjade an jenem Tag so scharf zurechtgewiesen hatte, sagte sie sich im Stillen, Schatzjade habe ihr absichtlich zu nahe treten wollen. »Kein Wunder, dass unser Fräulein Schatzspange [薛宝钗] es nicht wagt, ihm nahe zu kommen — ich bin Fräulein Schatzspange bei Weitem nicht gewachsen! Kein Wunder auch, dass Fräulein Kajaljade ständig mit ihm streitet und bitterlich weint — gewiss hat er auch sie des Öfteren vor den Kopf gestoßen. Von nun an werde ich ihm lieber aus dem Weg gehen.« Und so kam sie fortan nicht einmal mehr leichtfertig in den Garten der Großen Anschauung.
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Tag für Tag war sie mit Vorbereitungen beschäftigt. Nachdem Becken Schnee geheiratet hatte, sagte sie sich, nun habe sie gewissermaßen einen Schutzschild gewonnen: Ein Teil der Verantwortung würde von ihren Schultern genommen, und es würde insgesamt friedlicher zugehen. Außerdem hatte sie gehört, die neue Herrin sei eine begabte und schöne Frau, von feiner Art und friedfertigem Wesen. Daher sehnte sie den Tag der Ankunft der Braut noch zehnmal ungeduldiger herbei als Becken Schnee selbst. Und als die Hochzeit endlich stattgefunden hatte und die Braut ins Haus gekommen war, bediente Duftkastanie sie mit allergrößter Sorgfalt und Aufmerksamkeit.
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Was nun diese junge Frau Xia betraf: Sie war in diesem Jahr gerade siebzehn Jahre alt, durchaus von ansehnlichem Äußeren und konnte auch einige Schriftzeichen lesen und schreiben. Was freilich ihre Gerissenheit und Berechnung anging, stand sie der Phönixglanz [王熙凤] kaum nach. Nur hatte sie einen entscheidenden Nachteil: Ihr Vater war früh gestorben, und sie hatte keine leiblichen Brüder. Ihre verwitwete Mutter lebte allein mit dieser Tochter, die sie verhätschelte und verwöhnte, als wäre sie ein kostbarer Schatz. Was die Tochter auch tat, die Mutter gab in allem nach. Durch diese maßlose Verwöhnung hatte sich in ihr ein Charakter wie der des Räubers Zhi [盗跖, Anm.: berüchtigter Räuber des Altertums, Inbegriff von Rücksichtslosigkeit] herausgebildet: Sich selbst erhob sie wie einen Bodhisattva auf den Altar, andere betrachtete sie als Dreck unter ihren Füßen. Nach außen hin besaß sie die Anmut von Blumen und Weiden, im Innern jedoch barg sie die Wildheit von Sturm und Donner. Schon zu Hause hatte sie die Zofen ständig herumkommandiert, leichtfertig beschimpft und mit schwerer Hand geschlagen.
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Nun, da sie geheiratet hatte, wollte sie als Herrin des Hauses auftreten. Die Zeiten der mädchenhaften Zurückhaltung und Sanftmut waren vorbei — jetzt musste sie ihre Autorität unter Beweis stellen, um die Untergebenen in Schach zu halten. Außerdem sah sie, dass Becken Schnee von hartem Naturell und hochmütigem Gebaren war — wenn sie ihn nicht gleich zu Anfang, solange das Eisen noch heiß war, weichkochte, würde sie sich später nicht mehr gegen ihn behaupten können. Und als sie dann noch sah, dass mit Duftkastanie eine ebenso begabte wie schöne Nebenfrau im Hause lebte, fasste sie den Entschluss, es dem Song-Gründer Taizu gleichzutun, der das Südliche Tang vernichtet hatte <ref>Anspielung auf Kaiser Taizu der Song-Dynastie, der das Südliche Tang-Reich besiegte</ref>: »Auf dem eigenen Lager darf niemand sonst ruhig schlafen!«
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Da ihre Familie den Beinamen »Duftblüten-Xia« trug, hatte man ihr den Kindernamen Jin Gui [金桂, »Goldene Osmanthusblüte«] gegeben. Zu Hause hatte sie es allen verboten, die Zeichen »Jin« und »Gui« in den Mund zu nehmen, und wer in einem unbedachten Moment auch nur eines der beiden Zeichen aussprach, den ließ sie gnadenlos bestrafen. Da sie jedoch einsah, dass man die Zeichen für »Osmanthusblüte« nicht gänzlich verbieten konnte, musste ein anderer Name her. Und da es vom Osmanthus die Sage gibt, er wachse im Kaltpalast der Mondgöttin Chang'e [广寒嫦娥], benannte sie die Osmanthusblüte kurzerhand in »Chang'e-Blume« um — womit sie zugleich ihren eigenen erhabenen Stand andeuten wollte.
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Becken Schnee war von jeher ein Mensch, der das Neue liebte und das Alte wegwarf. Zudem hatte er zwar Mut unter dem Einfluss von Wein, doch fehlte ihm die Ausdauer nüchternen Durchhaltens. Nun, da er eine solche Ehefrau bekommen hatte, befand er sich noch im Rausch des Neuen und gab in allem nach. Als Jin Gui sah, wie die Dinge lagen, wurde sie Schritt für Schritt dreister. Im ersten Monat hielten sich beide noch die Waage; nach dem zweiten Monat jedoch sank Becken Schnees Selbstbehauptung merklich.
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Eines Tages, nachdem Becken Schnee getrunken hatte, wollte er irgendetwas unternehmen und besprach sich zuvor mit Jin Gui. Jin Gui aber verweigerte sich rundweg. Becken Schnee konnte sich nicht beherrschen und sagte einige unwirsche Worte, dann ging er schmollend seiner Wege. Jin Gui geriet darüber in eine solche Wut, dass sie heulte wie eine Betrunkene, weder Tee noch Suppe anrührte und sich krank stellte. Als ein Arzt gerufen wurde, erklärte dieser: »Blut und Qi sind in Aufruhr geraten, sie muss brusterweiternde und Qi-beruhigende Medizin einnehmen.«
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Tante Schnee [薛姨妈] war so erzürnt, dass sie Becken Schnee eine Standpauke hielt: »Jetzt hast du geheiratet und solltest bald einen Sohn auf dem Arm haben, und trotzdem benimmst du dich so! Die Leute haben wie ein Phönixenei diese einzige Tochter aufgezogen, zarter als ein Blümchen, und weil sie dich für einen anständigen Menschen hielten, haben sie dir ihre Tochter zur Frau gegeben. Anstatt dich zu besinnen und ein ordentliches, friedliches Leben zu führen, musst du dich volllaufen lassen und sie quälen. Und jetzt kosten Arzt und Medizin wieder Geld — alles umsonst!«
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Von dieser Predigt überkam Becken Schnee tiefe Reue, und er ging zu Jin Gui, um sie zu trösten. Jin Gui aber sah, dass ihre Schwiegermutter den Ehemann so gescholten hatte, und wurde erst recht übermütig. Sie ließ es sich in ihrer Empörung erst recht angelegen sein, sich zu zieren und Becken Schnee links liegenzulassen. Becken Schnee wusste sich keinen Rat mehr und machte sich nur noch selbst Vorwürfe. Erst nach zehn Tagen oder zwei Wochen gelang es ihm mühsam, Jin Gui umzustimmen. Von nun an verdoppelte er seine Vorsicht, und sein Selbstbewusstsein sank noch weiter.
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Als Jin Gui sah, dass die Fahne ihres Mannes immer tiefer sank und die Schwiegermutter gutmütig war, begann sie schrittweise, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Anfangs beherrschte sie nur Becken Schnee, dann griff sie, gestützt auf ihren Liebreiz, nach Tante Schnee und schließlich auch nach Schatzspange [薛宝钗]. Schatzspange hatte ihre Ränke längst durchschaut und parierte sie bei jeder Gelegenheit geschickt mit Worten, um ihre Ambitionen im Keim zu ersticken. Jin Gui erkannte, dass sie gegen Schatzspange nicht ankam, und so oft sie auch nach einer Schwachstelle suchte, fand sie keine. Da blieb ihr nichts anderes übrig, als sich geschmeidig anzupassen und sich vorläufig zu fügen.
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Eines Tages, als Jin Gui nichts zu tun hatte, plauderte sie mit Duftkastanie und erkundigte sich nach deren Heimat und Eltern. Duftkastanie antwortete, sie habe alles vergessen. Das missfiel Jin Gui, die ihr vorwarf, sie wolle sie absichtlich belügen. Dann fragte sie, wer ihr eigentlich den Namen »Duftkastanie« [香菱, wörtlich: »Duftende Wassernuss«] gegeben habe. Duftkastanie antwortete: »Das Fräulein [Schatzspange] hat ihn mir gegeben.«
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Jin Gui sagte mit kühlem Lächeln: »Alle sagen, das Fräulein sei so gebildet, aber allein schon dieser Name ist ein Unsinn.«
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Duftkastanie erwiderte hastig lachend: »Ach, die gnädige Frau weiß es nicht! Die Gelehrsamkeit unseres Fräuleins wird sogar vom Herrn Onkel [Aufrecht Kaufmann] immer wieder gelobt!«
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Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.
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<small>Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
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Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Neunundsiebzigstes Kapitel

Kajaljade verbessert Schatzjades Trauerode — Willkommensfrühling wird versehentlich an einen Wolf aus Zhongshan[1] verheiratet

Es wird erzählt, dass Schatzjade [贾宝玉] gerade die Totenklage für Heitermuster [晴雯] beendet hatte, als er zwischen den Blumenstauden eine Stimme hörte, die ihn zusammenfahren ließ. Er trat hervor und schaute genau hin — es war niemand anders als Kajaljade [林黛玉], die über das ganze Gesicht lächelte und sagte: »Was für ein wunderbar neuartiger Opfertext! Er verdient es, gemeinsam mit der Inschrift auf dem Grabstein der Cao E [2] überliefert zu werden.«

Unwillkürlich errötete Schatzjade, als er das hörte, und antwortete lachend: »Ich hatte mir überlegt, dass all die Opfertexte auf dieser Welt nur noch abgedroschene Klischees sind, und habe deshalb eine neue Form gewählt. Das war freilich nur eine Spielerei für den Augenblick, und ich konnte nicht ahnen, dass du zuhören würdest. Wenn etwas daran absolut nicht geht, warum änderst du es nicht?«

Kajaljade sagte: »Wo ist dein Manuskript? Ich muss es mir einmal sorgfältig durchlesen. Von dem ganzen langen Sermon habe ich nicht viel verstanden, nur zwei Sätze in der Mitte aufgeschnappt, irgendetwas von 'Hinter roten Seidenvorhängen, ein Herrensohn voller Liebe; unter dem Hügel aus gelber Erde, ein Mädchen vom Schicksal geschlagen.' Dieser Parallelsatz hat zwar einen guten Sinn, aber die 'roten Seidenvorhänge' sind doch ziemlich abgedroschen. Dabei liegt ein gebrauchsfertiges Bild aus der Wirklichkeit vor der Nase. Warum hast du das nicht verwendet?«

Schatzjade fragte hastig: »Was für ein gebrauchsfertiges Bild?«

Kajaljade erwiderte lachend: »Ist nicht bei uns das Gitterwerk der Fenster mit rosiger Gaze [3] bespannt? Warum sagst du nicht: 'Am rosigen Gazefenster, ein Herrensohn voller Liebe'?«

Als Schatzjade das hörte, stampfte er unwillkürlich vor Begeisterung mit dem Fuß auf und rief lachend: »Ausgezeichnet! Nur zu treffend! Nur du kannst auf so etwas kommen und es so sagen! Man sieht, dass es überall auf der Welt und zu allen Zeiten von gebrauchsfertigen schönen Bildern und wunderbaren Szenen nur so wimmelt — nur die Narren und Dummköpfe können sie nicht erdenken und nicht aussprechen. Allerdings ist da noch eines: Obwohl diese Änderung außerordentlich neuartig und schön ist, kannst zwar du dieses Bild für dich beanspruchen, ich aber bin dessen keineswegs würdig.« Und im gleichen Atemzug wiederholte er zwanzig- oder dreißigmal »Nicht würdig!«

Kajaljade erwiderte lachend: »Was macht das schon! Mein Fenster kann auch dein Fenster sein, warum willst du das so streng auseinanderhalten? Im Altertum teilten selbst Fremde wohlgenährte Pferde und feine Pelze [4] miteinander, ohne es zu bedauern, wenn sie dadurch abgenutzt wurden. Um wieviel mehr muss das für uns gelten!«

Schatzjade erwiderte lachend: »Was zählen schon Pferde und Pelze, wenn es um den Umgang mit Freunden geht? Selbst Gold und weißer Jade fallen da nicht ins Gewicht. Aber so respektlos mit einem Mädchenzimmer zu verfahren, das geht auf gar keinen Fall. Am besten ändere ich einfach den 'Herrensohn' und das 'Mädchen', dann wird es ganz zu deiner Totenklage für sie. Zumal du im Alltag immer sehr gut zu ihr warst. Lieber gebe ich den ganzen langen Text weg, als dass ich auf den neuen Ausdruck mit der 'rosigen Gaze' verzichte. Am besten ändern wir es so: 'Am rosigen Gazefenster, ein Fräulein voller Liebe; unter dem Hügel aus gelber Erde, eine Magd vom Schicksal geschlagen.' So hat es zwar nichts mehr mit mir zu tun, aber ich bin trotzdem vollauf zufrieden.«

Kajaljade erwiderte lachend: »Sie war schließlich nicht meine Magd, wozu also soll ich so etwas sagen? Außerdem sind 'Fräulein' und 'Magd' auch keine besonders feinen Ausdrücke. Warte also, bis mein Purpurkuckuck [紫鹃] stirbt, dann ist es immer noch früh genug, den Satz so zu verwenden.«

Als Schatzjade das hörte, sagte er rasch lachend: »Warum musst du sie denn beschreien?«

Kajaljade erwiderte lachend: »Du hast mit dem Beschreien angefangen, nicht ich.«

Schatzjade sagte: »Jetzt hab ich's! So wird es genau richtig. Am besten sagen wir: 'Am rosigen Gazefenster — ich bin dir nicht bestimmt; unter dem Hügel aus gelber Erde — warum warst du so vom Schicksal geschlagen?'«

Als Kajaljade das hörte, wurde sie bleich vor plötzlichem Kummer, und obwohl tausend Ängste und Zweifel ihr Herz befielen, wollte sie sich das nicht anmerken lassen. Stattdessen nickte sie rasch mit lächelndem Gesicht und sagte beifällig: »So ist es wirklich gut geändert. Aber nun musst du nicht weiter daran herumändern. Beschäftige dich lieber mit etwas Ordentlichem. Eben hat die gnädige Frau [王夫人] jemanden geschickt, um dir auszurichten, du sollst morgen in aller Frühe zu deiner großen Tante [邢夫人] hinübergehen. Für deine zweite Schwester [迎春] ist ein Bewerber gefunden und angenommen worden, und morgen kommt wohl jemand aus der Familie des Bräutigams, um den Verlobungsbesuch zu machen. Darum sollt ihr alle hinübergehen.«

Schatzjade schlug die Hände zusammen und sagte: »Warum diese Eile? Mir geht es auch nicht besonders gut, wer weiß, ob ich morgen überhaupt hinübergehen kann.«

Kajaljade sagte: »Da fängst du wieder an! Ich rate dir, zügele endlich dein Temperament. Du wirst schließlich von Jahr zu Jahr älter ...« Während sie noch sprach, überkam sie ein Hustenanfall.

Schatzjade sagte eilig: »Hier ist es kühl und zugig, und wir stehen schon die ganze Zeit hier herum. Lass uns schnell nach Hause gehen!«

Kajaljade sagte: »Ich gehe auch heim und lege mich zur Ruhe. Wir sehen uns morgen.« Damit machte sie sich auf den Weg.

Schatzjade wandte sich lustlos zum Gehen, doch plötzlich fiel ihm ein, dass Kajaljade ohne Begleitung war. Rasch befahl er einem kleinen Mädchen, ihr zu folgen und sie nach Hause zu bringen. Er selbst kehrte zum Hof der Roten Freude [怡红院] zurück, wo tatsächlich eine alte Amme wartete, die Dame König geschickt hatte, um ihm zu bestellen, er solle morgen in aller Frühe zu Begnadigung Kaufmann [贾赦] hinübergehen — ganz wie Kajaljade es eben gesagt hatte.

Begnadigung Kaufmann hatte Willkommensfrühling [迎春] nämlich bereits einem Mann namens Sun verlobt. Diese Familie Sun stammte aus der Präfektur Datong [大同], ihre Vorfahren waren Militärbeamte gewesen und hatten einst als Klienten unter dem Schutz der Ning- und des Prunkwille-Anwesens gestanden, so dass man sie durchaus als altbefreundete Familie bezeichnen konnte. Derzeit lebte nur ein einziger Sun in der Hauptstadt, der den erblichen Rang eines Kommandeurs innehatte. Er hieß Sun Shaozu [孙绍祖], war von stattlicher Gestalt und kräftigem Körperbau, geübt in Bogenschießen und Reitkunst, gewandt im gesellschaftlichen Umgang und geschickt im Taktieren, noch keine dreißig Jahre alt, dazu von beträchtlichem Vermögen, und wartete beim Kriegsministerium auf eine freie Stelle zur Beförderung.

Da er noch unverheiratet war und Begnadigung Kaufmann ihn als Enkel einer altbefreundeten Familie betrachtete, dessen Charakter und Vermögensverhältnisse zueinander passten, hatte er ihn wohlwollend als Schwiegersohn auserkoren. Auch der Herzoginmutter [贾母] hatte er davon berichtet. Doch die Herzoginmutter war im Herzen nicht sonderlich zufrieden. Sie überlegte jedoch, dass ihr Einspruch wohl kaum Gehör finden würde, dass Ehen eine Sache des Himmels und des Schicksals seien, und dass überdies der leibliche Vater die Entscheidung traf — wozu also sollte sie sich unnötig einmischen? So sagte sie nur knapp: »Gut, ich weiß Bescheid« und ließ es dabei bewenden.

Aufrecht Kaufmann [贾政] war die Familie Sun trotz der alten Beziehungen zutiefst zuwider. Denn jener Vorfahre der Suns hatte sich seinerzeit nur deshalb unter den Schutz der Rong- und Ning-Familien gestellt, weil er von deren Macht und Einfluss hatte profitieren wollen, um ein sonst unlösbares Problem zu bereinigen — keineswegs stammten die Suns aus einer berühmten Literatenfamilie. Deshalb hatte Aufrecht Kaufmann zweimal dagegen Einwände erhoben, doch als Begnadigung Kaufmann nicht auf ihn hören wollte, musste er es hinnehmen.

Schatzjade hatte diesen Sun Shaozu noch nie von Angesicht gesehen, musste aber notgedrungen am nächsten Tag hinübergehen, um der Pflicht Genüge zu tun. Dann erfuhr er, der Hochzeitstermin sei sehr knapp angesetzt, noch in diesem Jahr solle Willkommensfrühling das Haus verlassen. Als er zudem mitbekam, dass Dame Strafe [邢夫人] der Herzoginmutter gemeldet hatte, Willkommensfrühling werde aus dem Garten der Großen Anschauung [大观园] abgeholt, verging ihm erst recht jede Freude. Tag für Tag brütete er stumpfsinnig vor sich hin und wusste nichts mit sich anzufangen.

Als er dann auch noch erfuhr, dass vier Zofen Willkommensfrühling in die Ehe begleiten würden, stampfte er abermals mit dem Fuß auf und klagte seufzend: »Wieder fünf reine Menschen weniger auf dieser Welt!«

So streifte er Tag für Tag in der Gegend der Insel der Violetten Wassernüsse[5] umher und hielt sehnsüchtig Ausschau. Die Fenster und Vorhänge waren öde und verlassen, nur ein paar alte Frauen, die zum Nachtdienst eingeteilt waren, hielten sich noch dort auf. Auch die Knöterichblüten und Schilfblätter am Ufer, die grünen Seekannen und die duftenden Wassernüsse im Teich schienen ihm welk und schwermütig zu hängen, als trauerten sie um die Verschwundene — wie ganz anders als das gewohnte Bild wettstreitender Farben und Schönheit! Überwältigt von diesem öden und bedrückenden Anblick, konnte Schatzjade seine Gefühle nicht bezwingen und sang unwillkürlich ein Lied vor sich hin:

   Kalt weht der Herbstwind am nächtlichen Teich,
   bläst ungerührt alle roten Blüten davon.
   Knöterich und Wassernüsse ertragen den Kummer kaum,
   schwerer Tau und dichter Reif drücken die zarten Stängel nieder.
   Verstummt ist das Klappern der Schachsteine am langen Tag,
   Schwalbenkot beschmutzt die vergessenen Spielbretter.
   Schon seit Alters her betrauern die Menschen den Abschied von Freunden — um wieviel mehr leide ich, der ich Geschwister verliere!

Kaum hatte Schatzjade zu Ende gesungen, hörte er hinter sich jemanden lachend sagen: »Was trauerst du hier schon wieder vor dich hin?«

Als er sich rasch umsah, erkannte er Duftkastanie [香菱]. Er wandte sich um und fragte lachend: »Meine liebe Schwester, was führt dich jetzt hierher? Du warst schon so lange nicht mehr im Garten.«

Duftkastanie klatschte in die Hände und sagte fröhlich: »Natürlich wäre ich gerne gekommen! Aber seit dein Vetter [Becken Schnee] zurück ist, bin ich nicht mehr so frei und ungebunden wie zuvor. Eben hatte unsere gnädige Frau [薛姨妈] jemanden geschickt, um deine Kusine Phönixglanz [王熙凤] zu suchen, aber sie war nicht zu finden, und es hieß, sie sei in den Garten gegangen. Als ich das hörte, bat ich darum, diesen Auftrag übernehmen und sie im Garten suchen zu dürfen. Ich traf ihre Zofe, die sagte, sie sei im Reisduftdorf [稻香村]. Gerade bin ich auf dem Weg dorthin, da treffe ich dich hier. Aber sag mir, wie geht es Schwester Dufthauch [袭人] in letzter Zeit? Wie konnte Schwester Heitermuster [晴雯] nur so plötzlich sterben, an welcher Krankheit litt sie eigentlich? Das zweite Fräulein [迎春] ist auch so schnell ausgezogen. Schau nur, wie leer und verlassen es hier aussieht!«

Schatzjade konnte nicht schnell genug auf all ihre Fragen antworten und lud sie ein, ihn zum Hof der Roten Freude zu begleiten, um mit ihm Tee zu trinken.

Duftkastanie erwiderte: »Im Moment geht das leider nicht. Warte, bis ich die zweite junge Herrin [Phönixglanz] gefunden und meinen Auftrag erledigt habe, dann komme ich.«

Schatzjade fragte: »Was ist das für ein Auftrag, dass er so eilig ist?«

Duftkastanie antwortete: »Es geht um die Heirat deines Vetters, darum ist es dringend.«

Schatzjade sagte: »Richtig! Aus welcher Familie kommt denn nun eigentlich seine Braut? Ich habe nur gehört, wie es ein halbes Jahr lang deswegen hin und her ging. Mal hieß es, die Familie Zhang sei die beste, dann sollte es Familie Li sein, dann wieder wurde über König-Familie verhandelt. Ich weiß gar nicht, was die Töchter all dieser Familien verbrochen haben, dass man so unbekümmert über sie herfällt!«

Duftkastanie sagte: »Jetzt ist es endgültig entschieden, da braucht keine weitere Familie mehr durchgehechelt zu werden.«

Schatzjade fragte hastig: »Und welche Familie ist es geworden?«

Duftkastanie berichtete: »Als dein Vetter letztens auf Geschäftsreise war, hat er nebenher auch Verwandte besucht. Diese Familie ist schon seit langem mit unserer verschwägert, und ebenso wie wir sind sie beim Finanzministerium als Fernhändler eingetragen. Auch sie gehören zu den ganz großen Häusern. Neulich, als davon die Rede war, hieß es, in euren beiden Anwesen kenne man sie ebenfalls. In ganz Chang'an [长安, Anm.: hier als Bezeichnung für die Hauptstadt] nennt sie jedermann vom Fürsten bis zum Krämer nur die 'Duftblüten-Xias'.«

Schatzjade fragte lachend: »Warum heißen sie denn 'Duftblüten-Xias'?«

Duftkastanie erklärte: »Sie heißen mit Familiennamen Xia [夏] und sind ganz außerordentlich reich. Von ihrem sonstigen Ackerland ganz zu schweigen — sie besitzen mehrere Dutzend Qing [6] reiner Duftblütenplantagen [桂花, Osmanthus]. Alle Osmanthus-Handlungen in Chang'an und Umgebung gehören ihnen, und selbst die Ziergewächse im Kaiserpalast sind Tributgaben von ihnen. So sind sie zu diesem Beinamen gekommen. Der alte Herr ist inzwischen gestorben, und es gibt nur noch die alte Dame, die mit einer leiblichen Tochter lebt. Söhne oder Brüder hat sie keine, und es ist schon bedauerlich, dass die Familie damit aussterben wird.«

Schatzjade warf rasch ein: »Was kümmert es uns, ob sie aussterben oder nicht! Taugt denn dieses Mädchen etwas? Und wie kommt es, dass euer junger Herr Gefallen an ihr gefunden hat?«

Duftkastanie erwiderte lachend: »Zum einen war es eine Fügung des Himmels, zum anderen heißt es ja: 'In den Augen eines Verliebten wird jedes Mädchen zur Xi Shi [7].' Da die Familien schon seit Generationen miteinander befreundet sind, hatten die beiden als Kinder zusammen gespielt. Dem Verwandtschaftsgrad nach sind sie Vetter und Kusine, da gab es also keinen Grund für Verdächtigungen. Zwar waren sie dann einige Jahre voneinander getrennt, aber als dein Vetter neulich zu Besuch kam und die alte Frau Xia — die, wie gesagt, keinen eigenen Sohn hat — sah, was für ein stattlicher Mann er geworden war, da weinte und lachte sie zugleich und freute sich mehr über ihn als über einen leiblichen Sohn.

Sie ließ die beiden sich wiedersehen, und da zeigte sich, dass das Mädchen inzwischen aufgeblüht war wie eine Blume. Auch Lesen und Schreiben hatte sie zu Hause gelernt, und so war dein Vetter auf der Stelle Feuer und Flamme für sie. Mit dem Geschäftsführer und einer ganzen Schar von Gehilfen aus der Pfandleihe hat er sich dort für drei oder vier Tage eingenistet, und obwohl man ihn einlud, noch ein paar Tage länger zu bleiben, drängte er schließlich energisch darauf, nach Hause zurückzukehren.

Kaum war er hier zur Tür herein, hat er unserer gnädigen Frau die Ohren vollgejammert, sie solle für ihn um das Mädchen anhalten. Und da unsere gnädige Frau das Mädchen aus eigener Anschauung kannte und die beiden Familien einander ebenbürtig sind, hat sie eingewilligt. Sie beriet sich hier mit der Tante [薛姨妈] und dem Fräulein Phönixglanz [凤姐], dann schickte man Boten zu den Xias, und dort wurde sogleich zugesagt. Nur ist der Termin für die Hochzeit sehr knapp, darum haben wir alle Hände voll zu tun. Aber auch ich kann es kaum erwarten, dass sie ins Haus kommt — dann haben wir ja wieder eine Dichterin mehr!«

Schatzjade sagte mit kühlem Lächeln: »Das sagst du so leicht dahin, aber wenn ich das höre, mache ich mir vor allem um dich Sorgen und frage mich, was aus dir werden soll.«

Unwillkürlich errötete Duftkastanie und erwiderte mit förmlicher Miene: »Was soll das für eine Rede sein! Wir haben einander stets mit Achtung behandelt, und jetzt fängst du plötzlich mit solchen Dingen an. Was soll das heißen? Kein Wunder, dass alle sagen, man solle sich mit dir nicht zu eng einlassen!« Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und ging davon.

Duftkastanies Verhalten machte Schatzjade ganz betroffen, und er fühlte sich, als hätte er etwas verloren. Lange stand er unschlüssig da, überlegte hin und her, und unvermerkt rollten ihm die Tränen über die Wangen. Niedergeschlagen kehrte er zum Hof der Roten Freude zurück. Die ganze Nacht fand er keine Ruhe; im Traum rief er bald nach Heitermuster, bald schreckte er aus Albträumen hoch, und so ging es in einem fort.

Am nächsten Tag hatte er keinen Appetit, und sein Körper fühlte sich fiebrig an. All die Demütigungen, Schrecken und Kümmernisse der letzten Tage — die Durchsuchung des Gartens des Großen Anblicks, die Vertreibung von Siqi [司棋], der Abschied von Willkommensfrühling und der Tod von Heitermuster — hatten ihren Tribut gefordert. Hinzu kam eine Erkältung, und so war eine Krankheit daraus entstanden, die ihn ans Bett fesselte.

Als die Herzoginmutter davon erfuhr, kam sie Tag für Tag persönlich, um nach ihm zu sehen. Dame König machte sich insgeheim Vorwürfe und fragte sich, ob sie Heitermusters wegen nicht zu hart mit ihm ins Gericht gegangen war. Doch obwohl sie innerlich so empfand, ließ sie sich äußerlich nichts anmerken. Sie ordnete nur an, die alten Ammen sollten gut für ihn sorgen, und zweimal am Tag musste ein Arzt kommen, um ihm den Puls zu fühlen und Medizin zu verschreiben.

Erst nach einem ganzen Monat stellte sich allmählich eine Besserung ein. Die Herzoginmutter befahl, er solle sich schonen und dürfe erst nach hundert Tagen wieder Fleisch, Fisch, Fettiges und Nudeln zu sich nehmen und das Haus verlassen. Während dieser hundert Tage durfte er nicht einmal vor das Hoftor treten, sondern konnte nur innerhalb seiner Räume scherzen und spielen.

Nach vierzig oder fünfzig Tagen hatte Schatzjade diese Einschränkungen so satt, dass es wie Feuer in ihm loderte und er es kaum noch aushalten konnte. Sosehr er auch versuchte, sich Auswege zu schaffen — die Herzoginmutter und Dame König blieben unbeugsam, und er musste sich fügen. So trieb er es mit den Zofen bunt und planlos, vergnügte sich nach Herzenslust und spielte alle möglichen Streiche.

Dann hörte er, dass Becken Schnee [薛蟠] ein Festmahl mit Theateraufführung gab, dass es dort äußerst lebhaft zuging, und dass er bereits geheiratet habe. Es hieß, das Fräulein Xia sei außerordentlich hübsch und beherrsche auch ein wenig die Schriftgelehrsamkeit — Schatzjade hätte sie liebend gerne sofort gesehen.

Einige Zeit später erfuhr er, dass Willkommensfrühling das Haus verlassen hatte. Der Gedanke, wie er einst mit seinen Schwestern zusammen gewesen war, so vertraut und einander so nah, und dass sie sich, selbst wenn sie sich je wiedersähen, gewiss nicht mehr so nahe sein würden wie früher — und dass er sie jetzt nicht einmal besuchen konnte — , das alles schmerzte ihn zutiefst. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als still zu erdulden und sich einstweilen mit den Zofen zu vergnügen, um sich die Schwermut zu vertreiben. Immerhin blieb er so von den Vorwürfen Aufrecht Kaufmanns verschont, der ihn sonst zum Bücherlesen gedrängt hätte.

In diesen hundert Tagen hätte es nur noch gefehlt, dass er den Hof der Roten Freude in Schutt und Asche legte — er trieb es mit den Mädchen derart zügellos, dass er alle nur erdenklichen Torheiten und Streiche beging. Doch davon brauchen wir hier nicht im Einzelnen zu berichten.

Erzählen wir nun von Duftkastanie. Nachdem sie Schatzjade an jenem Tag so scharf zurechtgewiesen hatte, sagte sie sich im Stillen, Schatzjade habe ihr absichtlich zu nahe treten wollen. »Kein Wunder, dass unser Fräulein Schatzspange [薛宝钗] es nicht wagt, ihm nahe zu kommen — ich bin Fräulein Schatzspange bei Weitem nicht gewachsen! Kein Wunder auch, dass Fräulein Kajaljade ständig mit ihm streitet und bitterlich weint — gewiss hat er auch sie des Öfteren vor den Kopf gestoßen. Von nun an werde ich ihm lieber aus dem Weg gehen.« Und so kam sie fortan nicht einmal mehr leichtfertig in den Garten der Großen Anschauung.

Tag für Tag war sie mit Vorbereitungen beschäftigt. Nachdem Becken Schnee geheiratet hatte, sagte sie sich, nun habe sie gewissermaßen einen Schutzschild gewonnen: Ein Teil der Verantwortung würde von ihren Schultern genommen, und es würde insgesamt friedlicher zugehen. Außerdem hatte sie gehört, die neue Herrin sei eine begabte und schöne Frau, von feiner Art und friedfertigem Wesen. Daher sehnte sie den Tag der Ankunft der Braut noch zehnmal ungeduldiger herbei als Becken Schnee selbst. Und als die Hochzeit endlich stattgefunden hatte und die Braut ins Haus gekommen war, bediente Duftkastanie sie mit allergrößter Sorgfalt und Aufmerksamkeit.

Was nun diese junge Frau Xia betraf: Sie war in diesem Jahr gerade siebzehn Jahre alt, durchaus von ansehnlichem Äußeren und konnte auch einige Schriftzeichen lesen und schreiben. Was freilich ihre Gerissenheit und Berechnung anging, stand sie der Phönixglanz [王熙凤] kaum nach. Nur hatte sie einen entscheidenden Nachteil: Ihr Vater war früh gestorben, und sie hatte keine leiblichen Brüder. Ihre verwitwete Mutter lebte allein mit dieser Tochter, die sie verhätschelte und verwöhnte, als wäre sie ein kostbarer Schatz. Was die Tochter auch tat, die Mutter gab in allem nach. Durch diese maßlose Verwöhnung hatte sich in ihr ein Charakter wie der des Räubers Zhi [盗跖, Anm.: berüchtigter Räuber des Altertums, Inbegriff von Rücksichtslosigkeit] herausgebildet: Sich selbst erhob sie wie einen Bodhisattva auf den Altar, andere betrachtete sie als Dreck unter ihren Füßen. Nach außen hin besaß sie die Anmut von Blumen und Weiden, im Innern jedoch barg sie die Wildheit von Sturm und Donner. Schon zu Hause hatte sie die Zofen ständig herumkommandiert, leichtfertig beschimpft und mit schwerer Hand geschlagen.

Nun, da sie geheiratet hatte, wollte sie als Herrin des Hauses auftreten. Die Zeiten der mädchenhaften Zurückhaltung und Sanftmut waren vorbei — jetzt musste sie ihre Autorität unter Beweis stellen, um die Untergebenen in Schach zu halten. Außerdem sah sie, dass Becken Schnee von hartem Naturell und hochmütigem Gebaren war — wenn sie ihn nicht gleich zu Anfang, solange das Eisen noch heiß war, weichkochte, würde sie sich später nicht mehr gegen ihn behaupten können. Und als sie dann noch sah, dass mit Duftkastanie eine ebenso begabte wie schöne Nebenfrau im Hause lebte, fasste sie den Entschluss, es dem Song-Gründer Taizu gleichzutun, der das Südliche Tang vernichtet hatte [8]: »Auf dem eigenen Lager darf niemand sonst ruhig schlafen!«

Da ihre Familie den Beinamen »Duftblüten-Xia« trug, hatte man ihr den Kindernamen Jin Gui [金桂, »Goldene Osmanthusblüte«] gegeben. Zu Hause hatte sie es allen verboten, die Zeichen »Jin« und »Gui« in den Mund zu nehmen, und wer in einem unbedachten Moment auch nur eines der beiden Zeichen aussprach, den ließ sie gnadenlos bestrafen. Da sie jedoch einsah, dass man die Zeichen für »Osmanthusblüte« nicht gänzlich verbieten konnte, musste ein anderer Name her. Und da es vom Osmanthus die Sage gibt, er wachse im Kaltpalast der Mondgöttin Chang'e [广寒嫦娥], benannte sie die Osmanthusblüte kurzerhand in »Chang'e-Blume« um — womit sie zugleich ihren eigenen erhabenen Stand andeuten wollte.

Becken Schnee war von jeher ein Mensch, der das Neue liebte und das Alte wegwarf. Zudem hatte er zwar Mut unter dem Einfluss von Wein, doch fehlte ihm die Ausdauer nüchternen Durchhaltens. Nun, da er eine solche Ehefrau bekommen hatte, befand er sich noch im Rausch des Neuen und gab in allem nach. Als Jin Gui sah, wie die Dinge lagen, wurde sie Schritt für Schritt dreister. Im ersten Monat hielten sich beide noch die Waage; nach dem zweiten Monat jedoch sank Becken Schnees Selbstbehauptung merklich.

Eines Tages, nachdem Becken Schnee getrunken hatte, wollte er irgendetwas unternehmen und besprach sich zuvor mit Jin Gui. Jin Gui aber verweigerte sich rundweg. Becken Schnee konnte sich nicht beherrschen und sagte einige unwirsche Worte, dann ging er schmollend seiner Wege. Jin Gui geriet darüber in eine solche Wut, dass sie heulte wie eine Betrunkene, weder Tee noch Suppe anrührte und sich krank stellte. Als ein Arzt gerufen wurde, erklärte dieser: »Blut und Qi sind in Aufruhr geraten, sie muss brusterweiternde und Qi-beruhigende Medizin einnehmen.«

Tante Schnee [薛姨妈] war so erzürnt, dass sie Becken Schnee eine Standpauke hielt: »Jetzt hast du geheiratet und solltest bald einen Sohn auf dem Arm haben, und trotzdem benimmst du dich so! Die Leute haben wie ein Phönixenei diese einzige Tochter aufgezogen, zarter als ein Blümchen, und weil sie dich für einen anständigen Menschen hielten, haben sie dir ihre Tochter zur Frau gegeben. Anstatt dich zu besinnen und ein ordentliches, friedliches Leben zu führen, musst du dich volllaufen lassen und sie quälen. Und jetzt kosten Arzt und Medizin wieder Geld — alles umsonst!«

Von dieser Predigt überkam Becken Schnee tiefe Reue, und er ging zu Jin Gui, um sie zu trösten. Jin Gui aber sah, dass ihre Schwiegermutter den Ehemann so gescholten hatte, und wurde erst recht übermütig. Sie ließ es sich in ihrer Empörung erst recht angelegen sein, sich zu zieren und Becken Schnee links liegenzulassen. Becken Schnee wusste sich keinen Rat mehr und machte sich nur noch selbst Vorwürfe. Erst nach zehn Tagen oder zwei Wochen gelang es ihm mühsam, Jin Gui umzustimmen. Von nun an verdoppelte er seine Vorsicht, und sein Selbstbewusstsein sank noch weiter.

Als Jin Gui sah, dass die Fahne ihres Mannes immer tiefer sank und die Schwiegermutter gutmütig war, begann sie schrittweise, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Anfangs beherrschte sie nur Becken Schnee, dann griff sie, gestützt auf ihren Liebreiz, nach Tante Schnee und schließlich auch nach Schatzspange [薛宝钗]. Schatzspange hatte ihre Ränke längst durchschaut und parierte sie bei jeder Gelegenheit geschickt mit Worten, um ihre Ambitionen im Keim zu ersticken. Jin Gui erkannte, dass sie gegen Schatzspange nicht ankam, und so oft sie auch nach einer Schwachstelle suchte, fand sie keine. Da blieb ihr nichts anderes übrig, als sich geschmeidig anzupassen und sich vorläufig zu fügen.

Eines Tages, als Jin Gui nichts zu tun hatte, plauderte sie mit Duftkastanie und erkundigte sich nach deren Heimat und Eltern. Duftkastanie antwortete, sie habe alles vergessen. Das missfiel Jin Gui, die ihr vorwarf, sie wolle sie absichtlich belügen. Dann fragte sie, wer ihr eigentlich den Namen »Duftkastanie« [香菱, wörtlich: »Duftende Wassernuss«] gegeben habe. Duftkastanie antwortete: »Das Fräulein [Schatzspange] hat ihn mir gegeben.«

Jin Gui sagte mit kühlem Lächeln: »Alle sagen, das Fräulein sei so gebildet, aber allein schon dieser Name ist ein Unsinn.«

Duftkastanie erwiderte hastig lachend: »Ach, die gnädige Frau weiß es nicht! Die Gelehrsamkeit unseres Fräuleins wird sogar vom Herrn Onkel [Aufrecht Kaufmann] immer wieder gelobt!«

Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.


Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. 中山狼 (Zhōngshān Láng), Anspielung auf die Fabel „Der Wolf vom Zhongshan“ (中山狼传): Ein Gelehrter rettet einen Wolf, doch der Wolf will ihn anschließend fressen. Die Wendung bezeichnet einen Undankbaren — hier eine Anspielung auf Sun Shaozu.
  2. Cao E war ein Mädchen der Han-Dynastie, berühmt für ihre Kindesliebe; die Grabinschrift gilt als Meisterwerk
  3. 茜纱, qiansha, eine Art durchscheinender Seidenstoff
  4. Anspielung auf die Lunyu (Gespräche des Konfuzius), wo Zilu sagt, er würde seine Pferde und Pelze gerne mit Freunden teilen
  5. 紫菱洲 (Zǐlíng Zhōu), der Ort im Garten der Großen Anschauung, an dem Willkommensfrühling wohnte. Schatzjades wehmütige Besuche dort nach Willkommensfrühlings Weggang sind ein wiederkehrendes Motiv des Verlustes.
  6. ein Qing entspricht ca. 6,7 Hektar
  7. berühmte Schönheit des Altertums
  8. Anspielung auf Kaiser Taizu der Song-Dynastie, der das Südliche Tang-Reich besiegte