Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 83"

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Dreiundachtzigstes Kapitel
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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Ein Besuch im Palast: Die Kaiserliche Gemahlin Jia<ref>Die Kaiserliche Gemahlin Jia (贾元春, Yuánchūn): Älteste Tochter Aufrecht Kaufmanns, Nebengemahlin des Kaisers.</ref> liegt krank darnieder,
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_83|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_83|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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Aufruhr in der Frauenkammer: Schatzspange schluckt stumm ihre Tränen
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= Kapitel 83 =
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Wie berichtet, wollten Erkundefrühling<ref>Erkundefrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".</ref> und Xiangfluss-Wolke<ref>Xiangfluss-Wolke: Chin. 湘云 Xiāngyún, wörtl. „Wolke des Xiang-Flusses".</ref> gerade aufbrechen, als sie draußen jemanden schimpfen hörten: „Du nichtsnutziges Balg! Was bist du für ein Ding, dass du dich hier im Garten herumtreibst!" Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".</ref> rief laut: „Hier kann man nicht mehr wohnen!" — mit einer Hand zum Fenster deutend, verdrehten sich ihre Augen nach oben. Denn obwohl Kajaljade im Garten der Großen Anschauung unter dem Schutz der Alten Ahnin lebte, war sie doch in Gegenwart anderer stets auf der Hut. Als sie nun die alte Dienerin draußen so fluchen hörte, hätte es bei anderen Menschen nichts zu bedeuten gehabt, doch Kajaljade bezog es gänzlich auf sich. Sie dachte: „Ein Mädchen aus vornehmem Haus — nur weil es keine Eltern mehr hat, schickt irgendwer diese Alte, um so zu schmähen!" Die Kränkung zerriss ihr Herz, und sie fiel in Ohnmacht. Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".</ref> rief unter Tränen: „Fräulein, was ist mit Euch? Wacht doch auf!" Auch Erkundefrühling rief eine Weile. Erst nach langer Zeit kam Kajaljade wieder zu Atem, doch sprechen konnte sie noch nicht; ihre Hand wies immer noch zum Fenster hinaus.
== 省宫闱贾元妃染恙 / 闹闺阃薛宝钗吞声 ==
 
  
ährend die jüngeren, die hinzugekommen waren, alle vulgär und unkul­ti­viert waren. Plötzlich erinnerte er sich an Tjin-dschung und dachte voller Trauer daran, daß es niemanden mehr gab, mit dem er ein vertrauliches Gespräch führen könne. Obwohl er innerlich traurig war, wagte er nicht, etwas zu sagen, sondern verschloß es in seinem Herzen und begann zu lesen. Dai-ju teilte Bau-yü mit: „Da heute dein erster Schultag ist, kannst du heute früher gehen. Morgen interpretieren wir Texte. Da du ja nicht dumm bist, interpretierst du mir morgen ein, zwei Textabschnitte, so dass ich sehen kann, wie viel du in letzter Zeit gelesen hast. Dann weiß ich, wo du stehst.“ Als Bau-yü dies hörte, begann sein Herz schneller zu schlagen. Wie Bau-yü tags darauf dem Unterricht folgte, erfährt man im nächsten Kapitel.
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Erkundefrühling verstand, öffnete die Tür und trat hinaus. Sie sah, wie die alte Dienerin, einen Knotenstock in der Hand, ein schmutziges Mädchen vor sich hertrieb: „Ich bin hier, um die Blumen und Bäume im Garten zu beaufsichtigen — was hast du hier zu suchen? Wart nur, zu Hause werde ich dir eine Lektion erteilen!" Das Mädchen drehte den Kopf zur Seite, steckte den Finger in den Mund und grinste die Alte an. Erkundefrühling schalt: „Ihr Leute werdet immer frecher! Ist dies ein Ort zum Schimpfen?" Die Alte sah, dass es Erkundefrühling war, und sagte eilig mit unterwürfigem Lächeln: „Das war meine Enkelin — als sie mich kommen sah, lief sie mir nach. Ich wollte sie nur verjagen, ich würde doch hier nicht fluchen!" Erkundefrühling rief: „Genug der Worte, verschwindet sofort! Das Fräulein Lin ist nicht wohl — macht, dass ihr fortkommt!" Die Alte gehorchte mit mehrfachem „Jawohl" und trollte sich; auch das Mädchen rannte davon.
82. Der Schulmeister ermahnt ein unbändiges Herz durch Auszüge aus den Klassikern
 
Die Kranke in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erschrak wegen eines Geisteralptraums.
 
  
Im Folgenden gibt es zu berichten, daß Bau-yü, als er aus der Schule heimkam, die Herzoginmutter traf. Sie sagte lachend zu ihm: „Gut! Nun ist das wilde Pferd gezähmt und hat ein Zaumzeug verpaßt bekommen. Geh, berichte deinem Vater, danach kannst du wiederkommen und spielen!“ Bau-yü war einverstanden und ging, Djia Dschëng zu sehen. Dieser fragte: „Ist die Schule jetzt schon aus? Hat dir der Lehrer Schularbeiten aufgegeben?“
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Erkundefrühling kehrte zurück und fand Xiangfluss-Wolke, die Kajaljades Hand hielt und weinte. Purpurkuckuck stützte Kajaljade mit einem Arm und rieb ihr mit der anderen Hand die Brust. Kajaljades Augen drehten sich allmählich zurück. Erkundefrühling sagte lächelnd: „Du hast wohl die Worte der alten Frau gehört und dir etwas eingebildet?" Kajaljade schüttelte nur den Kopf. Erkundefrühling fuhr fort: „Sie hat ihre Enkelin gescholten — auch ich habe es gehört. Solche Leute reden ohne jede Rücksicht; was verstehen die von Feingefühl?" Kajaljade seufzte, fasste Erkundefrühlings Hand und rief: „Schwester …" — doch weiter sagte sie nichts. Erkundefrühling sprach: „Nimm dir das nicht zu Herzen. Dass ich dich besuche, gehört sich unter Schwestern, zumal du wenig Bedienung hast. Wenn du nur ruhig deine Arznei nimmst und an Erfreuliches denkst und Tag für Tag wieder zu Kräften kommst — dann können wir wieder eine Dichtgesellschaft gründen und Verse schmieden, wäre das nicht schön?" Xiangfluss-Wolke stimmte zu: „Genau, wie die Dritte Schwester sagt — warum sollte man sich nicht darüber freuen?" Kajaljade schluchzte: „Ihr wollt nur, dass ich fröhlich bin — aber mir armen ist solche Freude nicht mehr vergönnt. Ich fürchte, es wird nicht mehr reichen." Erkundefrühling sagte: „Das sagst du zu hart. Wer wird nicht einmal krank? Wie kommst du nur auf solche Gedanken? Ruh dich gut aus, wir gehen zur Alten Ahnin und kommen später wieder nach dir sehen. Wenn du etwas brauchst, lass es Purpurkuckuck mir ausrichten." Kajaljade sagte unter Tränen: „Liebe Schwester, wenn du zur Alten Ahnin gehst, sag nur, ich lasse grüßen, mir sei etwas unwohl — es sei nichts Ernstes, die Alte Ahnin brauche sich keine Sorgen zu machen." Erkundefrühling bejahte: „Ich weiß, ruh dich nur aus." Damit gingen sie und Xiangfluss-Wolke hinaus.
Bau-yü antwortete: „Stimmt. Morgens muß ich früh aufstehen und Bücher repetieren, nach dem Essen Schreiben üben und nachmittags Bücher zusammenfassen und erläutern sowie Aufsätze lesen.“ Als Djia Dschëng das gehört hatte, nickte er und sagte: „Geh, setz’ dich noch zu deiner Großmutter. Du solltest auch ein biß­chen gesellschaftliche Umgangsformen lernen, nicht nur störrisch herumtollen. Geh abends ein bißchen früher schlafen und steh morgens ein bißchen früher für die Schule auf! Hast du das gehört?“ Bau-yü bejahte dies prompt mit ein paar „Jawohls“, kam heraus, schaute eilig bei seiner Mutter vorbei und stattete dann seiner Großmutter einen Besuch ab.
 
Er kam eilig heraus und wollte zur Herberge am Hsiau-Hsiang-Fluß gehen. Kaum war er zur Tür hereingekommen, klatschte er in die Hände und rief lachend: „Da bin ich wieder!“ Sein plötzliches Eintreffen erschreckte Dai-yü. Zi Juan zog den Vorhang auf, Bau-yü kam herein und setzte sich. Dai-yü sagte: „Ich dachte, ich hätte gehört, daß du zum Studieren gegangen seist. So schnell schon wieder da?“ Bau-yü antwortete: „Tja, unglaublich! Als mich mein Vater heute zum Studieren schickte, kam es mir vor, als würde ich euch nie wieder sehen. Ich habe den ganzen Tag kaum ertragen; als ich euch gerade sah, kam ich mir wie gestorben und wiedergeboren vor. Die Redewendung der Vorfahren, ein Tag Trennung komme einem wie drei Jahre vor, trifft wirklich zu.“
 
Dai-yü fragte: „Und hast du deine Aufwartungen gemacht?“, Bau-yü antwortete: „Alle“. Dai-yü fragte weiter: „Und warst du auch woanders?“ – „Nein.“ – „Du solltest auch bei deinen Kusinen vorbeischauen.“ Bau-yü entgegnete: „Mir ist gerade nicht danach, ich will nur ein Weilchen mit meiner kleinen Schwester hier sitzen und plaudern. Und dann heißt mich mein Vater noch früh schlafen gehen und früh aufstehen, ich muß morgen früh wieder bei ihnen vorbeischauen.“ Dai-yü sagte: „Setz’ dich ein bißchen, aber dann mußt du dich ausruhen gehen.“ Bau-yü sagte: „Müde soll ich sein? Ach, woher denn! Ich bin einfach niedergeschlagen. Da setzen wir uns gerade für einen Moment, die Niedergeschlagenheit verfliegt, und schon drängst du mich wieder.
 
Dai-yü lächelte und wies Dsï-djüan an: „Gieß für den Herr eine Tasse meines Drachenbrunnentees auf! Jetzt, wo der Herr studiert, müssen wir ja respektvoll zurückbleiben.“ Dsï-djüan stimmte lachend zu, holte Teeblätter, und ließ ein junges Dienstmädchen Tee aufgießen. Bau-yü schloß sich mit den Worten an: „Was erwähnst du noch das Studieren, ich kann dieses akademische Gerede nicht ausstehen. Noch lächerlicher ist der Achtgliedrige Aufsatz, man braucht ihn nur, um zu Amt und Würden zu kommen und sein Auskommen zu haben; wie kann man behaupten, mit ihm die Sicht der Weisen wiederzugeben? Dann gibt es da Aufsätze, bei denen man ein paar Klassiker genommen und zusammengestückelt hat. Noch lächerlicher sind jene, die keine Substanz haben, von Ost nach West gezogen, zu Kuhgeistern und Schlangendämonen gemacht und für ein universelles Geheimnis gehalten werden, damit werden dann die Weisen erläutert. Nun ermahnt mich mein Vater immer und immer wieder, das zu lernen, und ich wage keine Widerworte, und da kommst du in diesem Moment wieder mit dem Studieren.“
 
Dai-yü sagte: „Wir Mädchen mögen das zwar nicht, aber ich habe ja in der Kindheit mit deinem Lehrer Yü-tsun auch schon einmal die Bücher gelesen. In ihnen gibt es auch Einfühlsames und Vernünftiges, Prägnantes wie Subtiles, aber Tiefgründiges. Obwohl ich es damals nicht ganz verstanden habe, habe ich doch die Qualität gespürt, man kann sie nicht kategorisch ablehnen. Darüberhinaus mußt du zu Amt und Würden kommen, das ist klarer und wertvoller.“ Bau-yü, der bis hierhin zugehört hatte, empfand die Worte als nicht sehr überzeugend, weil er Dai-yü nie für einen solchen Menschen gehalten hatte – wie konnte sie sich dafür nur so begeistern? Da er ihr auch nicht ins Gesicht widersprechen wollte, räusperte er sich nur einmal kurz zustimmend.
 
Während sie noch sprachen, hörten sie, wie sich draußen zwei Leute unterhielten, und zwar Tjiu-wën und Dsï-djüan. Sie hörten gerade Tjiu-wën sagen: „Hsi-jën befahl mir, Bau-yü von der Herzoginmutter abzuholen, wer hätte gedacht, daß er hier ist.“ Dsï-djüan sagte: „Wir gießen erst hier Tee auf, es könnte auch sein, daß wir beide erst trinken lassen sollten und wir dann erst zur Herzoginmutter gehen.“ Die beiden kamen herein. Bau-yü sagte lachend zu Tjiu-wën: „Ich gehe gleich rüber, entschuldige, daß du soviel Mühe hattest, mich zu finden.“ Tjiu-wën kam gar nicht zu einer Erwiderung, da hatte Dsï-djüan schon gesagt: „Geh schnell rüber, wenn du den Tee getrunken hast, hier hat schon jemand den ganzen Tag nach dir gesucht.“ Tjiu-wën spuckte aus und sagte: „Pfui! Welch eine Bastard-Dienstmagd!“, so daß alle in Lachen ausbrachen. Bau-yü stand endlich auf und verabschiedete sich. Dai-yü brachte ihn bis zur Tür. Dsï-djüan stand am Fuß der Treppe, bis er gegangen war, erst dann kehrte sie wieder zurück ins Zimmer.  
 
Als Bau-yü in seinem Roten Hof der Freude ankam, sah er, wie Hsi-jën gerade herauskam, um ihn zu begrüßen.
 
„Bist du zurück?“, fragte sie.
 
Tjiu-wën antwortete für ihn: „Oh, der Herr ist schon lange zurück, er war bei Frau Lin.“
 
„Ist irgendetwas geschehen, als ich fort war?“, fragte Bau-yü.
 
„Ach, nicht viel“, antwortete Hsi-jën spitz.“ Nur ein Vortrag von Yüan-yang. Frau Fang Tsai schickte sie, um uns wissen zu lassen, daß dein Herr Vater es dieses Mal ernst meinte mit deinem Studium und, falls irgendjemand von uns Dienstmädchen es wage, noch einmal mit dir zu spielen, es uns ergehen werde wie Tjing-wën und Sï-tji.“ Sie seufzte: „Ich denke, ich habe immer mein Bestes getan, um dir zu dienen, und das ist der Dank dafür. Das gibt doch keinen Sinn.“
 
Während sie sprach, wurde sie traurig. Bau-yü eilte sich, sie zu trösten: „Liebe Schwester! Sei unbesorgt. So lange ich ein guter Schüler bin, wird keiner von euch noch irgendein Wort von der Herzoginmutter hören müssen. Ich habe vor, an diesem Abend noch einige Texte zu lesen. Der Lehrer hat mir sogar aufgegeben, für morgen eine schriftliche Darstellung vorzubereiten. Sollte es irgendetwas geben, daß ich brauche, so werden es Schë-yüä und Tjiu-wën für mich besorgen, du kannst dich derweil erholen.“
 
„Wenn du ernsthaft studieren willst“, sagte Hsi-jën, „dann macht es uns Spaß, dir zu dienen.“
 
Von ihren Worten angeregt, nahm Bau-yü eilig sein Abendessen ein und ließ die Leselampen anzünden. Er setzte sich weiter abseits, um das, was er bereits früher gelesen hatte, noch einmal durchzuarbeiten, die Vier Bücher des konfuzianischen Kanons. Nun, wie las er seine Texte? Er blätterte durch das erste Buch, las die Texte, schien sie auch im Wesentlichen zu verstehen. Doch in dem Moment, als er ins Detail vordrang, schienen sich die Texte seinem Zugriff zu verweigern. Er wandte sich hilfesuchend an die Anmerkungen, las die dazugehörenden Textstellen, strengte sich dabei so an, daß es sich anfühlte, als wäre er von einer Keule getroffen worden.
 
,In Gedichten finde ich mich leicht zurecht‘, dachte er bei sich selbst, ,doch aus diesem Stoff werde ich einfach nicht schlau.‘
 
Er lehnte sich zurück, sprach nur wirres Zeug vor sich hin. Schë-yüä und Hsi-jën halfen ihm, bis er ins Bett ging. Erst danach legten sich die beiden selbst schlafen.
 
Kurz darauf erwachten sie und hörten, wie er sich unruhig auf dem Ofenbett hin und her wälzte.
 
„Bist du immer noch wach? Denkst du immer noch nach?“, fragte Hsi-jën, „du sollst deine Geistekräfte schonen, damit du morgen gut lernen kannst.“
 
„Ich weiß“, sagte Bau-yü, „aber ich kann einfach nicht schlafen. Komm und nimm eine von meinen Decken herunter!“ –
 
„Es ist nicht warm genug heute Nacht. Behalte sie lieber bei dir!“
 
„Ich bin so aufgekratzt!“ Er warf die obere Decke nun selbst hinunter. Hsi-jën kletterte sofort hinüber, um die Decke zurückzulegen, und berührte mit der Hand seine Stirn. Sie fühlte sich leicht fiebrig an.
 
„Bleib liegen!“, sagte sie, „du hast leicht Fieber.“ –
 
„Nein, ich bin nicht krank.“ –
 
„Aber was ist denn los?“ –
 
„Es ist nichts. Ich bin nur nervös, das ist alles. Mach’ doch bitte keinen Staatsakt daraus! Wenn Vater das herausfindet, wird er mir sicherlich vorwerfen, ich suchte nach einer Ausrede, um nicht zum Unterricht gehen zu müssen. Es scheint mir eher ein Zufall zu sein. Morgen früh fühle ich mich bereits wieder besser, und bin ich erst einmal in der Schule, dann läuft es wie immer.“
 
Hsi-jën gab nach.
 
„Ich werde hier an deiner Seite schlafen“, sagte sie. Sie bearbeitete eine Weile seinen Rücken mit Klopfmassage, und beide waren unmerklich eingeschlafen. Als sie aufwachten, stand die Sonne bereits hoch am Himmel.
 
„Hilfe!“, jammerte Bau-yü, „ich bin zu spät!“ Schnell wusch und kämmte er sich, absolvierte die Runde seiner Morgenaufwartungen und machte sich dann sofort auf den Weg zur Schule. Als er das Klassenzimmer betrat, verhieß der ernste Gesichtsausdruck des Lehrers nichts gutes.
 
„Kein Wunder, daß dein Vater so sauer ist und du ihn dazu gebracht hast, dich einen Taugenichts zu nennen! Schon am zweiten Tag faulenzt du und kommst erst jetzt.“
 
Bau-yü berichtete ihm von seinem Fieber in der Nacht zuvor, ging dann an seinen Tisch und setzte sich, um zu arbeiten.
 
Es war spät nachmittags, als der Lehrer ihn nach vorne rief:
 
„Bau-yü, komm nach vorne! Interpretiere diesen Text!“
 
Bau-yü ging nach vorne. Nach In-Augenscheinnahme bemerkte er zu seiner Erleichterung, daß dieser Text zu denen gehörte, die er kannte: Gespräche, Kapitel 9, Vers 22: Die Jugend muß voller Ehrfurcht sein. ,Was für ein Glücksfall!‘, dachte er bei sich, ,Buddha sei Dank, es ist nicht aus der Großen Lehre oder der Doktrin der Mitte!‘ –
 
„Wie soll ich das interpretieren, Herr Lehrer?“ –
 
„Fasse diese Sätze zusammen!“ –
 
Bau-yü rezitierte zunächst das ursprüngliche Kapitel laut und begann dann:
 
„In diesem Vers haben wir die weisen Vorfahren, die ihre Nachkommen ermutigten, fleißig zu sein, sonst würden sie enden wie...“
 
An dieser Stelle schaute Bau-yü zu Dai-ju auf. Der Lehrer spürte, was kommen würde, und versuchte, seine Verlegenheit mit einem kurzen Auflachen zu verbergen: „Komm Junge, komm schon, sprich ruhig weiter! Was hält dich zurück? Denke daran: Die Auslegung der Klassiker ist von den normalen Regeln mündlicher Verbote befreit. In  den Riten, Buch I heißt es: ‚Beim Arbeiten mit den Klassikern gibt es keine Verbote für die Nomenklatur.‘ Also: Sonst würden sie enden wie ...?“
 
„... wie jemand, der auch als Erwachsener nichts gelernt hat“, sagte Bau-yü. „Man nehme zuerst die beiden Wörter ‚voller Ehrfurcht‘. Diese beiden Wörter ermutigen die nachfolgende Generation. Wenn man dagegen nicht genügend Ehrfurcht hat, ist dies eine Warnung vor der Zukunft.“
 
Er schaute wieder zu Dai-ju hoch.
 
Dai-ju sagte: „Das könnte gehen. Zusammengefaßt heißt das?“
 
Bau-yü begann wieder:
 
„Unsere Eltern sagen: Wenn man jung ist, benutzt man seine geistige Kraft. Man ist intelligent und voller Kraft, das macht einem fast Angst. In dieser Phase scheint es so, daß man selbst eine rosigere Zukunft hat als die Eltern. Aber ist man schon vierzig oder fünfzig und immer noch nicht erfolgreich und berühmt, hat man kein Geschimpfe mehr zu befürchten und scheint nützlich zu sein. Dann hat man auch nichts mehr zu fürchten.“
 
„Deine Interpretation war leidlich klar“, kommentierte Dai-ju mit einem trockenen Lächeln. „Aber ich fürchte, deine Ausdrucksweise ist noch recht kindisch. Der Ausdruck ‚nicht berühmt werden“ bezieht sich nicht auf den Erfolg im Weltlichen, also in der Beamtenkarriere, sondern mehr auf die persönlichen Errungenschaften in moralischer und intellektueller Hinsicht. In diesem Sinne beinhaltet das keinesfalls Amtsränge. Im Gegenteil, viele der großen Weisen des Altertums waren unbedeutende nicht verbeamtete Personen, die sich aus der Welt zurückzogen; und doch halten wir sie in höchsten Ehren, oder nicht?“
 
„Du hast den letzten Satz nicht richtig ausgelegt“, fuhr er fort. „Der Ausdruck „nicht genügend Ehrfurcht haben“ bedeutet, daß jemand dich leicht durchschauen kann. Der Ausdruck „nichts wissend“ heißt nicht, daß man vor etwas Angst hat. Wenn man von innen nach außen sieht, erfährt man erst die Details. Verstehst du das?“ –
 
Bau-yü: „Ich verstehe.“ –
 
„Gut. Hier ist ein anderer Text, bitte interpretiere ihn ebenfalls!“, sagte Dai-ju.
 
Dai-ju blätterte einen Artikel zurück und zeigte Bau-yü folgende Textstelle. Es waren wieder die Gespräche, dieses Mal Kapitel 9, Vers 18: „Die Seltenheit einer ernsthaften Liebe zur Tugend.“ Bau-yü witterte Gefahr und sagte mit seinem offensten Lächeln: „Ich befürchte, ich befürchte, ich weiß hierzu nichts zu sagen, Herr Lehrer.“ – „Unsinn, mein Junge! Würdest du das schreiben, wenn diese Textstelle als Thema in deinem Prüfungsaufsatz drankäme?“
 
Bau-yü hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen und begann widerstrebend: „Die Vorfahren erkannten, daß die Menschen die Tugend nicht liebten, stattdessen fielen sie beim ersten Anblick von Schönheit auf die Knie und beteten sie an. Sie hielten die Tugend für die natürliche Grundlage der Dinge. Die Menschen streben überhaupt nicht nach der Tugend. Auch Schönheit ist ein Geschenk des Himmels, wer möchte sie nicht besitzen. Schönheit gehört zu den menschlichen Verlockungen, wohingegen Tugend ein natürliches Prinzip ist. Wie kann ein Prinzip hoffen, mit der Begierde um die Zuneigung der Menschen zu wetteifern? Konfuzius beklagt sich über den Zustand der Welt und hofft auf eine Wandlung der Herzen. Das, was angestrebt wird, ist meist oberflächlich und kurzlebig. Wie schön wäre es, wenn die Menschen so nach Tugend streben würden wie nach Schönheit ...“ –
 
„Danke, das ist genug“, sagte Dai-ju. „Ich habe nur noch eine Frage an dich. Wenn du die Worte der Vorfahren so gut verstanden hast, warum machst du immer wieder dieselben zwei Fehler? Ich bin nur ein Außenstehender, aber auch ohne Erläuterung von deinem Vater kann ich deine moralischen Schwächen erkennen. Wie könntest du dich nicht anstrengen, weiterzukommen? Du bist derzeit ein vielversprechender Jugendlicher, oder wie es in unseren Texten heißt: ‚berühmt zu werden“ und ‚nicht genügend Ehrfurcht haben“ – das liegt alles in deiner Macht. Ob du diese Chancen ergreifst oder nicht,  das  hängt  ganz  von  deinen eigenen An-
 
  
Bau-yü in der Hausschule mit seinem Lehrer Dai-ju. Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Purpurkuckuck stützte Kajaljade beim Hinlegen. Schneegans besorgte alles Nötige; Purpurkuckuck selbst wachte an ihrer Seite, blickte auf Kajaljade, und ihr Herz tat weh, doch sie wagte nicht zu weinen. Kajaljade lag mit geschlossenen Augen da, fand aber keinen Schlaf. Sonst empfand sie den Garten als still und einsam — jetzt, da sie im Bett lag, hörte sie plötzlich überall Wind, Insektenzirpen, Vogelstimmen, Schritte und aus der Ferne das Weinen von Kindern. Alles zusammen machte sie nervös. Sie rief: „Lass den Bettvorhang herab."
strengungen ab. Wirst du ‚berühmt‘ oder wirst Du ‚nicht genügend Ehrfurcht haben‘?“ –
 
„Ich gebe dir einen Monat Zeit, in der du deine alten Texte erneut gründlich durcharbeitest, und einen weiteren Monat, in dem du neue Texte studierst. Danach gebe ich dir Themen für Aufsätze. Wenn ich auch nur ein Zeichen von Nachlässigkeit bei dir entdecke, hast du keine Nachsicht von mir zu erwarten. Wie das Sprichwort sagt: ‚Das Erwachsenendasein bedeutet nicht zu faulenzen. Faulenzen führt zu Mißerfolg.‘ Wenn du ein guter Schüler sein willst, dann behältst du alles, was ich gesagt habe.“ – „Ja, Herr Lehrer.“
 
Und so müssen wir Bau-yü für den Moment verlassen, ihn zu seinen täglichen Studien schicken, die er widerstrebend absolviert. Während seiner Abwesenheit an der Schule, wurde der Hof der Freude am Roten so ruhig, daß er nicht mehr wiederzuerkennen war, und die Tage vergingen langsam und ereignislos. Hsi-jën fand sogar Zeit, etwas zu nähen. Eines Tages saß sie dabei, einen Betelnuß-Beutel zu besticken, und dachte darüber nach, daß Bau-yü jetzt beschäftigt war und daß die Mädchen doch nicht hungern müßten. Wäre dies bereits früher so gewesen, hätte Tjing-wën niemals ein solch elendes Ende ereilt. Arme Tjing-wën! Hsi-jën seufzte: „Wenn der Hase stirbt, weint der Fuchs.“ Sie weinte unbemerkt. Plötzlich dachte sie, sie könne nie Bau-yüs Frau werden, nur seine Konkubine. So wie Bau-yü mit seinen Mitmenschen umging, war er sehr vertrauenswürdig. Doch was wäre, wenn er vorhätte, eine fürchterliche Frau zu heiraten? War es ihr Schicksal, eine zweite You Örl-djie oder Hsiang-ling zu werden? Die Herzoginmutter und die Dame Wang ließen gelegentlich durchblicken, daß Hsi-fëng seine Braut werde. Damit war natürlich Dai-yü gemeint. Aber Dai-yü ist jemand, der immer zweifelt.
 
Bei diesen Gedanken  wurde  Hsi-jën  heiß  und ihr Herz raste.  Ihre Sticke­rei wurde ungenau. Schnell ließ sie diese liegen und begab sich seufzend zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß.
 
Dai-yü las ein Buch. Als sie Hsi-jën eintreten sah, rückte sie beiseite und forderte sie nickend auf, sich zu setzen.
 
„Ich hoffe, Sie fühlen sich ein wenig besser, Fräulein“, begann Hsi-jën, ängstlich darauf bedacht, den richtigen Ton zu treffen.
 
„Mir geht es etwas besser“, antwortete Dai-yü. „Was hast du daheim gemacht?“
 
„Jetzt, wo mein Herr in der Schule ist“, antwortete Hsi-jën, „ist es zu Haus sehr ruhig, deshalb dachte ich, ich komme kurz auf ein Schwätzchen vorbei.“
 
Dsï-djüan kam mit Tee herein, und Hsi-jën erhob sich schnell.
 
„Bleib’ sitzen, liebe Dsï-djüan.“ Sie lachte, als sie fortfuhr: „Ich hörte, daß Tjiu-wën sagte, daß du dich über uns lustig gemacht hast.“
 
„Ihr glaubt doch nicht, was sie da erzählt, oder?“, sagte Dsï-djüan mit einem Lächeln. „Alles, was ich meinte, war, daß, wenn mein Herr den ganzen Tag in der Schule ist, Schwester Bau verhindert war und nicht einmal Hsiang-ling vorbeikam, um uns zu besuchen. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie langweilig das ist?“
 
Hsi-jën nutzte die Gelegenheit: „Hsiang-ling sagst du? Ach, das arme Mädchen! Sie tut mir so leid! Sie ist mit der Ehefrau von Herrn Pan aneinander geraten, sie hat es ja schwer! Sie ist sogar noch ärmer dran als eine gewisse Person ...“ An dieser Stelle hielt Hsi-jën zwei Finger hoch, um auf die zweite junge Frau des Hauses zu verweisen – Hsi-fëng. „Sie kann sich nicht einmal darum kümmern, was die Leute von ihr denken.“
 
Dai-yü fuhr fort: „Sie hat aber auch genügend ertragen. Weißt du noch, wie das Mädchen You Er gestorben ist!“.
 
„Ich weiß“, sagte Hsi-jën, „im Grunde sind doch beide Menschen. Nur ihre Einstellungen waren sehr verschieden. Wie kann man so giftig werden? Das ist nicht gut für den Namen der Familie.“
 
Dies war das erste Mal, daß Dai-yü Hsi-jën derart tratschen hörte, und sie begann, Verdacht zu schöpfen, was wirklich dahinter steckte.
 
„Das ist schwer zu beurteilen“, sagte sie, „in jeder familiären Angelegenheit muß entweder die eine oder die andere Seite gewinnen. Wenn es nicht der Ostwind ist, so ist es der Westwind.“ –
 
„Eine Konkubine kennt in ihrem Herzen ihren rechten Platz und wagt es nicht, jemand anderen zu ärgern“, sagte Hsi-jën.
 
An diesem Punkt der Unterhaltung hörte man die Stimme einer älteren Dame auf dem äußeren Hof.
 
„Wohnt hier Frau Lin? Ist sie hier?“ Hsüä-yän ging hinaus, um zu sehen, wer dort war und erkannte die Frau vage als eine von Frau Hsüäs Bediensteten.
 
„Was möchten Sie?“, fragte sie.
 
„Ich bin auf einem Botengang im Auftrag von Fräulein Bau-tschai“, antwortete die Dame, „etwas für Frau Lin.“
 
„Warten Sie einen Moment.“ Hsüä-yän ging hinein, um Dai-yü um Rat zu fragen. Diese beauftragte sie, die alte Dame herein zu lassen. Im Zimmer angelangt, machte sie einen Knicks vor Dai-yü, dann verdrehte sie die Augen und starrte sie neugierig an, sprach aber nicht davon, was sie hergebracht hatte. Dai-yü fühlte sich allmählich verwirrt und fragte danach, warum sie Bau-tschai geschickt habe.
 
„Einen Topf in Honig eingelegter Lychees wurde mir von Frau Bau-tschai aufgetragen, Ihnen zu bringen, Frau Lin“, antwortete die alte Dame, ihre Gesichtszüge entspannten sich zu einem Lächeln. Dann schaute sie zu Hsi-jën hinüber. „Ist das nicht das hübsche Dienstmädchen von Herrn Bau-yü?“
 
„Woher kennen Sie mich, liebe  Amme?“, fragte Hsi-jën. Die alte Dame lachte: „Nun, während wir stets das Zimmer von Frau Bau-tschai beaufsichti-gen, schaffen wir es kaum, mit der Herrin und Frau Bau-tschai für Besuche auszugehen, deshalb kennen sich die Mädchen untereinander nicht.Wir behalten allerdings all die jungen Mädchen, die uns über den Weg laufen, vage im Gedächtnis.“
 
Sie reichte Hsüä-yän den Topf, schaute noch einmal hinüber zu Dai-yü, wandte sich dann zurück zu Hsi-jën und sagte mit einem vertrauten Lächeln:
 
„Kein Wunder, daß unsere Herrin sagt, Herrin Dai-yü und Ihr Herr Djia Bau-yü seien füreinander geschaffen! In ihrem Aussehen gleicht sie wahrlich einer Fee!“
 
Hsi-jën machte einen gewagten Versuch, weitere Fehler abzuwenden.
 
„Komm, Amme, Sie sind sicher müde! Warum setzen Sie sich nicht und trinken eine Tasse Tee?“
 
„Ach nein – wir haben daheim zu viel zu tun“, die alte Dame schnatterte unbedacht weiter. „Wir sind drüben alle beschäftigt für Frau Luo-tjin. Und ich muß noch die zwei Töpfe mit Lychees hier von Frau Bau-tschai an Herrn Bau-yü abliefern.“
 
Sie verabschiedete sich und watschelte geschäftig aus dem Zimmer. Dai-yü, die  Bau-tschai zuliebe versucht hatte, ihren Ärger über die Art und Weise, wie die alte Frau hereinplatzte, zu verbergen, rief ihr nach:
 
„Bitte danke Frau Bau-tschai für dieses nette Geschenk.“
 
„Bla-bla-bla-bla-bla“, man konnte die alte Dame noch Selbstgespräche führen hören. „Außer Bau-yü hätte sich niemand eine so feine junge Dame aussuchen können.“
 
Dai-yü gab vor, nichts zu hören.
 
„Wirklich“, sagte Hsi-jën und versuchte, die ganze Sache mit einem Lachen abzutun, „wenn man erst so ein Alter erreicht hat, redet man meist nur noch Unsinn. Da weiß man nicht, ob man zanken oder einfach nur lachen soll.“
 
Hsüä-yän gab Dai-yü die Lychees.
 
Dai-yü sagte: „Mir ist nicht danach, räumst du sie weg?“
 
Sie unterhielten sich noch ein wenig und dann brach Hsi-jën auf.
 
Als Dai-yü an diesem Abend ihre Gemächer betrat, um sich für die Nacht umzukleiden, erblickte sie wieder die Lychees. Diese erinnerten sie an den Besuch der alten Dienstmagd und ließen den stechenden Schmerz wieder aufleben, den sie durch ihr taktloses Geschnatter erdulden mußte. Die Däm-merung brach an, und in der Stille schienen sie tausend düstere Gedanken einzuholen und ihre Seele zu erdrücken.
 
„Mit meiner Gesundheit geht es bergab..., und ich werde immer älter. Ich weiß, Bau-yü liebt mich mehr als jeden anderen. Aber Großmutter und Tante Wang haben es immer noch nicht bemerkt! Wenn doch nur meine Eltern dies schon arrangiert hätten, als sie noch am Leben waren... Doch angenommen, sie hätten es? Was wäre, wenn sie mich mit jemand anders verheiratet hätten? Wer wäre nur mit Bau-yü vergleichbar? Vielleicht bin ich letzten Endes so doch am besten bedient! Wenigstens gibt es noch etwas Hoffnung.“
 
Wie eine Spindel zwischen den Fäden bewegten sich ihre geheimen Hoffnungen und Ängste auf und ab und zogen sich immer fester und fester um ihr Herz. Endlich, mit einem Seufzen und einigen Tränen, fiel sie ermattet und niedergeschlagen in ihrem Kleid aufs Bett.
 
Nach einer Weile wurde sie eines jüngeren Dienstmädchens gewahr, welches eintrat und sagte:
 
„Frau Lin, Herr Djia Yü-tsun ist draußen und möchte Sie sehen.“ –
 
,Was er wohl möchte?‘, dachte Dai-yü bei sich selbst, ,ich bin keiner seiner regulären Schüler. Ich bin noch nicht mal ein Junge. Er unterrichtete mich lediglich als ich noch ein kleines Mädchen war. Schließlich hat er all die Male, als er Onkel Dschëng besuchte, nie nach mir gefragt, warum sollte ich ihn jetzt sehen müssen?‘
 
Sie trug der Magd auf, ihren größten Respekt zu übermitteln und Herrn Djia Yü-tsun für das Aufwarten zu danken, doch zu sagen, daß ihre schlechte Gesundheit von ihr verlange, im Bett zu bleiben.
 
„Aber Herrin“, sagte die Magd, „ich denke, er ist gekommen, um Ihnen zu gratulieren, es sind auch einige Leute aus Nanking gekommen.“
 
Während sie sprach, kam eine Gruppe, darunter Hsi-fëng, die Dame Hsing, die Dame Wang und Bau-tschai, ins Zimmer und verkündete jubelnd:
 
„Gratulation, meine Liebe! Und gute Reise!“ –
 
„Was meint ihr?“, fragte Dai-yü mit größter Verwunderung.
 
„Nun komm schon!“ Es war Hsi-fëng, die antwortete. „Tu doch nicht so, als hättest du die Neuigkeiten noch nicht gehört! Dein Vater wurde zum Getreideinspekteur der Provinz Hubei ernannt und ist eine zweite, sehr glückliche Ehe eingegangen. Er halte es nicht für gut für deine Gesundheit, dich hier ganz allein zu lassen, und fragte deshalb Djia Yü-tsun, ob er als Vermittler agieren könnte. Du bist verpflichtet einen Mann zu ehelichen, der dich in Verbindung mit deiner neuen Stiefmutter bringt, ich glaube, es handelt sich dabei auch um einen Witwer. Sie schickt Leute, um dich mit nach Hause zu nehmen. Es ist gut möglich, daß du dann direkt heiraten wirst. All dies war die Idee deiner Stiefmutter. Aus Sorge, daß du unterwegs nicht genügend behütet wirst, haben wir deinen Vetter Liän beauftragt, dich zu begleiten.“
 
Hsi-fëngs Worte ließen Dai-yü in Schweiß ausbrechen. Sie glaubte ihren Vater als Beamten dort stehen zu sehen. Sie begann, in Panik zu geraten und erwiderte trotzig:
 
„Das ist nicht wahr! Das ist alles ein Trick von Hsi-fëng!“
 
Sie sah, wie die Herrin Hsing der Herrin Wang einen bedeutungsvollen Blick zuwarf:
 
„Sie glaubt uns nicht. Komm, wir verschwenden unsere Zeit!“
 
„Tante Wang! Tante Hsing! Bitte geht nicht!“ Ihre Tränen zurückhaltend, flehte Dai-yü sie an. Doch sie erhielt keine Antwort. Alle schauten sie mit einem merkwürdigen Lächeln an und gingen dann gemeinsam fort.
 
Als sie nun da stand und die Frauen gehen sah, wurde sie von Panik ergriffen. Sie versuchte zu sprechen, doch das einzige Geräusch, das ertönte, war ein ersticktes Schluchzen tief aus ihrer Kehle. Dann blickte sie um sich und sah, daß man sie bereits zu den Gemächern der Herzoginmutter gebracht hatte. Im selben Moment dachte sie bei sich: „Großmutter ist die einzige, die mich noch retten kann!“ Sie kniete vor der alten Dame und umfaßte sie.
 
„Rette mich Großmutter, bitte! Ich sterbe lieber als mit ihnen nach Süden zu gehen! Diese Stiefmutter ist überhaupt nicht meine wirkliche Mutter. Ich möchte einfach nur hier bei dir bleiben!“
 
Das Gesicht der Herzoginmutter ließ nur ein kaltes Lächeln erkennen. „Das hat nichts mit mir zu tun.“ –
 
„Doch was wird jetzt aus mir, Großmutter?“, schluchzte sie.
 
„Die zweite Ehefrau eines Mannes zu sein, hat seine Vorteile“, antwortete die Herzoginmutter. „Denke nur an die doppelte Mitgift.“ – „Wenn ich bleibe, werde ich dir keinen zusätzlichen Aufwand bereiten, ich verspreche es. Oh bitte rette mich!“ – „Das hilft dir nicht“, sagte die Herzoginmutter. „Alle Mädchen heiraten und verlassen das Haus. Du bist ein Kind und verstehst von solchen Dingen nichts. Du kannst hier nicht für immer leben, das weißt du doch.“ – „Ich würde alles tun, um zu bleiben – Ich werde für meine Bleibe arbeiten und Essen zubereiten, eine Sklavin sein, alles! Bitte hilf mir!“ Die Herzoginmutter antwortete nicht. Dai-yü umarmte sie wieder und schluchzte: „Oh, Großmutter! Du warst immer so gut zu mir, hast dich so um mich ge­kümmert – wie kannst du dich gar nicht mehr um mich kümmern, wo ich dich wirklich brauche? Sorgst du dich denn gar nicht mehr um mich? Ich bin zwar keines von deinen wirklichen Enkelkindern, eine echte Djia wie die anderen, aber meine Mutter war deine eigene Tochter, dein eigen Fleisch und Blut! Ihr zuliebe hab Erbarmen mit mir! Bitte beschütze mich!“
 
Mit diesen letzten Worten warf sie sich wie verrückt an die alte Dame, begrub den Kopf in ihren Schoß und schluchzte gewaltig.
 
„Yüan-yang“, befahl die alte Dame, „bring Frau Dai-yü in ihr Zimmer, um sich auszuruhen. Sie erschöpft mich.“
 
Die Entschlossenheit in der Stimme der Herzoginmutter war nicht zu verkennen. Für Dai-yü erschien Selbstmord als letzter Ausweg. Sie erhob sich, und als sie aus dem Zimmer ging, schmerzte es sie, daß sie keine Mutter mehr hatte. All die Zuneigung von ihrer Großmutter, ihren Tanten und Kusinen stellte sich nun als das heraus, was es wirklich war und immer war – eine Schau. Plötzlich dachte sie: „Ausgerechnet Bau-yü habe ich heute noch nicht gesehen. Er könnte noch einen Ausweg wissen!“ Und als dieser Gedanke ih-ren Geist durchdrang, blickte sie auf, und auf einmal stand Bay-yü höchstper­sönlich vor ihr.
 
Dieser sagte lachend: „Dann mal meine besten Glückwünsche, Schwe­ster­­herz!“
 
Das war zu viel für Dai-yü. Der letzte Rest ihrer damenhaften Zurückhaltung löste sich in Luft auf. Sie nahm ihn fest in die Arme und rief: „Jetzt weiß ich, wie herzlos und grausam du wirklich bist, Bau-yü!“ –
 
„Nein, das stimmt nicht“, antwortete er. „Du hast jetzt deine eigene Familie, so müssen wir getrennte Wege gehen.“
 
Dai-yü hörte immer verzweifelter zu und wußte nicht mehr, wie sie aus dieser Situation herauskommen soll. Hilflos klammerte sie sich an ihn und weinte:
 
„Oh, Bau-yü! Wieso läßt du mich mit jemand anderem fortgehen?!“
 
„Wenn du nicht gehen willst, dann bleib’ hier“, antwortete er gelassen. „Ursprünglich warst du mir versprochen. Deshalb kamst du zu uns. Wie habe ich dich immer behandelt, hast du nichts bemerkt?“
 
Plötzlich schien alles klar. Sie war also doch Bau-yü versprochen. Natürlich war sie es! In einem Zug wandelte sich ihre Traurigkeit in Freude.
 
„Ich habe mich festgelegt bis zum Tode. Aber du mußt mir sagen: Soll ich gehen oder bleiben?“
 
„Ich habe dir gesagt, du sollst hier bei mir bleiben. Wenn du mir immer noch nicht vertraust, sieh in mein Herz!“
 
Mit diesen Worten nahm er ein kleines Messer und stach sich in die Brust. Das Blut schoß hervor. Voller Entsetzen versuchte Dai-yü, den Blutstrom mit der Hand zu stillen, und schrie:
 
„Wie konntest du nur? Du hättest mich zuerst töten sollen!“ – „Beruhige dich!“, sagte Bau-yü, „ich zeige dir jetzt mein Herz.“
 
Er tastete in dem offenen Fleisch herum, um das Herz zu finden, während Dai-yü zitterte, weinte und fürchtete, daß es noch schlimmer würde, sie hielt ihn fest und weinte bitterlich.
 
„Oh nein!“, sagte Bau-yü, „es ist nicht mehr da! Meine Zeit ist gekommen!“
 
Seine Augen flackerten, und er fiel mit einem dumpfen Schlag auf den Boden. Dai-yü gab einen durchdringenden Schrei von sich. Sie hörte Dsï-djüan nach ihr rufen:
 
„Frau Lin! Frau Lin! Sie haben einen Alptraum! Wachen Sie auf! Nun kommen Sie schon, Sie müssen sich ausziehen und richtig schlafen!“
 
Dai-yü drehte sich um. Es war alles nur ein Alptraum. Doch sie konnte immer noch ihre beinahe zugeschnürte Kehle spüren, ihr Herz raste immer noch, die Oberseite ihres Kissens war schweißgetränkt, und ein kribbelnder, eisiger Schauer lief über ihren Rücken, der sogar ihr Herz erkalten ließ.
 
,Mutter und Vater starben vor langer Zeit. Bau-yü und ich waren niemals verlobt‘, dachte sie bei sich, ,wie konnte ich nur so etwas träumen?‘
 
Die Szenen ihres Traumes kamen ihr wieder vor Augen. Sie überlegte, daß sie in dieser Welt auf sich allein gestellt war. Angenommen Bau-yü stürbe wirklich – was dann? Der Gedanke allein reichte aus, all den Schmerz und die Verwirrung wiederzubringen. Sie begann zu weinen, und feine Reihen von Schweißperlen bedeckten ihren gesamten Körper. Letztlich rappelte sie sich auf, zog ihr Gewand aus und trug Dsï-djüan auf, ihr Bett herzurichten. Sie legte sich wieder hin und begann sich hin und her zu wälzen, unfähig zu schlafen. Sie konnte das zarte Säuseln des Windes außerhalb des Fensters hö-ren – oder war es der Nieselregen, der sanft auf das Dach fiel? Auf einmal ließ der Klang nach, und sie glaubte, jemanden in der Ferne nach ihr rufen zu hören. Doch es war nur Dsï-djüan, die bereits eingeschlafen war und in einer Ecke des Raumes schnarchte. Mit großer Mühe kämpfte sich Dai-yü aus dem Bett, wickelte die Bettdecke um sich und stand auf. Ein eisiger Durchzug aus einem Riß im Fensterrahmen brachte sie selbst unter der Decke zum Frö­steln. Sie begann gerade einzuschlummern, als die Spatzen ihren Dämmerungschor aus ihren Nestern im Bambus einleiteten. Das erste Licht des Tages drang eben durch die Fensterläden.
 
Dai-yü war nun wieder hellwach und begann zu husten. Dsï-djüan erwachte sofort.
 
„Immer noch wach, Frau Lin? Auch noch husten – es klingt als hätten Sie sich erkältet. Es ist beinahe hell, bald wird es Morgen! Bitte versuchen Sie nicht zu viel nachzudenken und ruhen Sie sich aus. Sie müssen schlafen.“
 
„Ich will nicht schlafen“, antwortete Dai-yü. „Was soll gut daran sein? Ich kann einfach nicht.“ – „Du wirst aber trotzdem schlafen.“ Diese Worte wurden von einem weiteren Hustenanfall unterbrochen.
 
Dsï-djüan betrachtete die Gestalt von Frau Lin, wurde traurig und wollte nicht wieder schlafen gehen. Als sie wieder ihr Husten hörte, eilte sie hinüber, um einen Spucknapf zu besorgen. Inzwischen dämmerte es draußen.
 
„Willst du nicht mehr schlafen?“, fragte Dai-yü.
 
„Schlafen?“, antwortete Dsï-djüan heiter. „Es ist schon Tag.“
 
„Wenn das so ist, könntest du den Spucknapf wechseln?“
 
„Gewiß, Frau Lin.“
 
Dsï-djüan legte den vollen Spucknapf auf einen Tisch außerhalb des Zimmers und besorgte zügig einen neuen, den sie am Fuße des Ofenbetts plazierte. Als sie dann die Tür des Zimmers sorgfältig hinter sich geschlossen und die blumenbestickte Gardine heruntergelassen hatte, ging sie hinaus, um Hsüä-yän zu wecken, und nahm den vollen Spucknapf mit sich. Als sie den Napf gerade auskippen wollte, betrachtete sie ihn genauer und entdeckte zu ihrem Entsetzen etwas Blut im Schleim.
 
„Meine Güte!“ stieß sie aus. „Wie schrecklich!“
 
„Was ist denn los?“, rief Dai-yü plötzlich von innen.
 
„Ach, nichts, Herrin!“
 
Dsï-djüan versuchte ihr bestes, ihren Fehler zu vertuschen. „Der Spucknapf verrutschte in meiner Hand und ist beinahe heruntergefallen.“ – „Hast du nichts Merkwürdiges im Schleim gefunden?“
 
„Oh nein, Herrin.“ Dsï-djüan hatte einen Kloß in der Kehle und konnte nichts mehr sagen. Tränen strömten ihr über die Wangen.
 
Dai-yü hatte bereits einen süßlichen Geschmack im Mund bemerkt und schon Verdacht geschöpft, ihre Vermutungen wurden noch durch Dsï-djüans Schreck verstärkt und nun auch noch von dem unverkennbaren Ausdruck von Traurigkeit in der Stimme.
 
Dai-yü fühlte sich in ihrem Herzen zu acht bis neun Zehntel darin be­stä­tigt und rief darauf hin Dsï-djüan: „Komm herein, draußen könntest du dich erkälten.“
 
„Ich komme, Herrin“, sagte sie, ihre Stimme klang noch jämmerlicher als zuvor. Ihr traurig schniefender Klang ließ Dai-yü erzittern. Die Tür öffnete sich, und sie trat ein, tupfte dabei immer noch ihre Augen mit einem Taschentuch trocken.
 
„Nun komm her“, sagte Dai-yü, „so früh morgens am weinen?“
 
„Wer weint?“, sagte Dsï-djüan und versuchte zu lächeln. „Ich fühle mich nur ein wenig unwohl so früh am Morgen, und meine Augen jucken ein wenig, das ist alles. Sie waren diese Nacht länger auf als je zuvor, nicht wahr, Herrin? Ich konnte sie die ganze Nacht husten hören.“
 
„Ich weiß. Je mehr ich nach Schlaf verlangte, desto wacher wurde ich.“
 
„Es geht Ihnen nicht gut, Herrin. Ich denke, all die Sorgen ruinieren Ihre Gesundheit. Und eine gute Gesundheit ist wie der Berg in dem Sprichwort: Bewahre den Berg grün, bewahre den Berg grün, und du wirst in keinem Winter mehr Holz zum Heizen entbehren. Nebenbei, jeder hier sorgt sich sehr um Sie. Ihre Großmutter, die Herrinnen, einfach jeder!“
 
Wie konnte Dsï-djüan auch wissen, daß das bloße Aufzählen dieser heimischen Namen, die dazu gedacht waren, sie zu beruhigen und zu trösten, die Schrecken ihres Alptraumes wieder erweckten? Dai-yü fühlte ihr Herz trommeln, ihr wurde schwarz vor Augen, und sie war kurz davor, in Ohnmacht zu fallen. Dsï-djüan holte schnell den Spucknapf herbei, während Hsüä-yän sanft den Rücken klopfmassierte. Nach einer Weile spie sie einen weiteren Mund voll Schleim aus. Darin waren dicke sich windende Fäden dunkelroten Blutes. Die beiden Dienstmädchen waren blaß vor Angst. An beiden Seiten wurde sie von ihnen gestützt, bis sie schließlich, kaum bei Bewußtsein, niedersank. Dsï-djüan, welcher ihr schwerer Zustand durchaus bewußt war, schaute zu Hsüä-yän, und sie ließ sie eilig jemanden rufen.
 
Hsüä-yän war kaum aus der Tür, da kamen bereits Tsuee-lou und Tsui-mo lachend in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß gelaufen.
 
„Wann kommt Frau Dai-yü aus dem Haus?“ erkundigte sich Tsuee-lou erheitert. „Meine Herrin und die dritte Herrin Frau Tan-tschun sind beide bei der vierten Herrin Frau Hsi-tschun, um das Gemälde der vierten Herrin bewundern.“
 
Hsüä-yän winkte mit der Hand ab.
 
Beide erschraken und fragten: „Was ist denn los?“ Hsüä-yän schilderte ihnen, was passiert war, worauf sie vor Entsetzen erstarrten.
 
„Das Ganze ist todernst! Warum hast du der Herzoginmutter noch nichts erzählt? Wie schrecklich! Wie konntest du so dumm sein!“
 
„Ich war gerade auf dem Weg als ihr ankamt“, antwortete Hsüä-yän.
 
„Wer redet da draußen?“, rief Dsï-djüan aus dem Schlafzimmer. „Frau Dai-yü möchte es wissen.“
 
Die drei gingen gemeinsam hinein, um Dai-yü eingehüllt im Bett liegend zu finden.
 
„Worüber all die Aufregung?“, fragte sie. „Wer erzählt solche Geschichten?“
 
Es war Tsui-mo, die antwortete:
 
„Frau Tan-tschun und Frau Hsiang-yün sind eben hinüber zu Frau Hsi-tschun, um das Gemälde der vierten Herrin zu bewundern, und sie schickten uns, Sie zu fragen, ob Sie daran teilnehmen möchten, Frau Lin. Es tut uns leid zu hören, daß es Ihnen nicht gut geht.“
 
„Es ist nichts Ernstes“, sagte Dai-yü. „Ich fühle mich nur ein wenig schwach, das ist alles. Es wird besser, wenn ich mich ausgeruht habe. Gebt ihr Frau Tan-tschun und Frau Hsiang-yün Bescheid, daß sie nach dem Mittagessen doch zu mir kommen mögen, wenn sie nicht zu beschäftigt sind? Ich nehme an, Herr Bau-yü war noch nicht dort, oder doch?“ –
 
„Nein, Herrin“, antworteten sie. Tsui-mo sagte: „Herr Bau-yü war die letzten paar Tage täglich in der Schule, und der Herr kontrolliert jeden Tag die Hausaufgaben, so kann er hier nicht mehr so herumspringen, wie er es sonst tut.“
 
Dai-yü war still und in Gedanken versunken. Die zwei Dienstmädchen standen dort noch eine Weile und zogen sich dann diskret zurück.
 
Am Lotus-Pavillon wurde Hsi-tschuns Gemälde, eine Übersicht über den Garten, von Tan-tschun und Hsiang-yün nach seinem ästhetischen Wert begutachtet. Zu viel hier, nicht genug dort, etwas zu dünn aufgetragen. Ein Platz, zu dicht ineinander gedrängt. Sie dachten an eine lyrische Inschrift und wünschten dafür Dai-yüs Rat. Sie diskutierten miteinander, als Tsuee-lou und Tsui-mo zurückkamen und sehr nervös wirkten. Hsiang-yün war die erste, die fragte:
 
„Warum ist Fräulein Dai-yü nicht mit euch gekommen?“ –
 
„Sie hatte letzte Nacht einen schweren Rückfall, Herrin“, antwortete Tsuee-lou, „und hustete die ganze Nacht über. Laut Hsüä-yän war der Schleim in ihrem Spucknapf mit Blut durchsetzt.“ –
 
„Bist du sicher?“, fragte Tan-tschun bestürzt.
 
„Ziemlich sicher“, antwortete Tsuee-lou.
 
„Wir waren eben dort, um nach ihr zu sehen, Herrin“, sagte Tsui-mo. „Sie sieht fürchterlich aus und hat kaum Kraft zu sprechen.“
 
„Wenn sie so krank ist, wird sie kaum in der Lage sein zu sprechen“, sagte Hsiang-yün unverblümt.
 
Tan-tschun sagte: „Was für ein Unsinn, Yun! Daß sie nicht sprechen kann, bedeutet doch nicht schon...“
 
Tan-tschun brach mitten im Satz ab.
 
„Dai hat einen wachen Geist“, sagte Hsi-tschun. Doch sie hat immer die Angewohnheit, alles zu ernst zu nehmen. Wenn sie doch nur über allem stehen könnte.“
 
„Wir müssen ohnehin losgehen und schauen, wie es ihr geht“, sagte Tan-tschun. „Wenn es wirklich ernst ist, rufen wir besser Tante Wang und lassen es Großmutter wissen, so daß sie einen Arzt holen können und herausfinden, was zu tun ist.“
 
Hsiang-yün stimmte zu und sie und Tan-tschun machten sich mit einigen der jüngeren Dienstmädchen auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Hsi-tschun sagte, sie werde später nachkommen.
 
Zu sehen, wie die Mädchen in ihr Zimmer kamen, verursachte Dai-yü ein merkwürdiges Gefühl und ließ sie noch mehr über ihren Traum nachdenken.
 
  
[[Category:Books]]
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Schneegans brachte eine Schale Schwalbennestersuppе und reichte sie Purpurkuckuck. Purpurkuckuck fragte leise durch den Vorhang: „Fräulein, trinkt einen Schluck Suppe." Kajaljade machte nur ein leises Geräusch der Zustimmung. Purpurkuckuck gab die Schale an Schneegans zurück, half Kajaljade beim Aufsetzen, nahm die Schale zurück, prüfte die Temperatur an den Lippen; mit einem Arm stützte sie Kajaljades Schultern, mit der anderen Hand führte sie die Schale an deren Lippen. Kajaljade öffnete leicht die Augen, trank zwei, drei Schlucke und schüttelte den Kopf — sie mochte nicht mehr. Purpurkuckuck gab die Schale Schneegans zurück und half Kajaljade behutsam, sich wieder hinzulegen.
[[Category:Hongloumeng]]
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Nach einer Weile der Stille kam etwas Ruhe auf. Dann hörte man vor dem Fenster eine leise Stimme fragen: „Ist die Schwester Purpurkuckuck zu Hause?" Schneegans eilte hinaus und sah, dass es Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".</ref> war. Sie flüsterte: „Komm herein, Schwester." Dufthauch flüsterte ebenfalls: „Wie geht es dem Fräulein?" Auf dem Weg berichtete Schneegans von den Geschehnissen der Nacht und des Morgens. Dufthauch erschrak und sagte: „Kein Wunder! Eben kam Cuilü zu uns und erzählte, das Fräulein sei krank. Der Zweite Herr Bao hat mich sofort geschickt, nachzusehen."
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Gerade sprachen sie noch, als Purpurkuckuck den Vorhang des inneren Gemachs hob und nach draußen spähte. Als sie Dufthauch sah, winkte sie sie herbei. Dufthauch trat leise ein und fragte: „Schläft das Fräulein?" Purpurkuckuck nickte und fragte: „Hast du eben alles gehört, Schwester?" Dufthauch nickte ebenfalls und sagte mit gerunzelter Stirn: „Was soll nur daraus werden? Auch jener hat mich gestern Nacht halb zu Tode erschreckt." Purpurkuckuck fragte hastig: „Was war denn?" Dufthauch erzählte: „Gestern Abend ging er noch völlig gesund schlafen, doch mitten in der Nacht schrie er plötzlich auf, er habe Herzschmerzen. Er redete wirres Zeug und sagte, es fühle sich an, als werde sein Herz mit einem Messer herausgeschnitten — das ging so bis nach dem Vierten Nachtwachenschlag. Ist das nicht erschreckend? Heute kann er nicht in die Schule; es soll noch ein Arzt kommen."
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Gerade sprachen sie, als Kajaljade hinter dem Vorhang erneut zu husten begann. Purpurkuckuck eilte herbei und hielt die Spuckschale. Kajaljade öffnete matt die Augen und fragte: „Mit wem sprichst du?" Purpurkuckuck antwortete: „Die Schwester Dufthauch ist gekommen, nach dem Fräulein zu sehen." Dufthauch trat ans Bett. Kajaljade ließ sich von Purpurkuckuck aufrichten und deutete auf den Bettrand, damit Dufthauch Platz nehme. Dufthauch setzte sich seitwärts und drängte lächelnd: „Fräulein, bleibt lieber liegen." Kajaljade sagte: „Das macht nichts. Macht mir doch bitte nicht solch ein Aufheben. Vorhin war die Rede davon, dass jemand mitten in der Nacht Herzschmerzen bekam — wer war das?" Dufthauch antwortete: „Der Zweite Herr Bao hatte nur einen Albtraum, es war nichts Ernstes." Kajaljade verstand, dass Dufthauch fürchtete, sie würde sich Sorgen machen, und war ihr zugleich dankbar und traurig. Sie fragte beiläufig: „Wenn es ein Albtraum war — hat er denn sonst nichts gesagt?" Dufthauch sagte: „Nein, nichts." Kajaljade nickte, schwieg lange, seufzte und sagte dann: „Sagt dem Zweiten Herrn Bao nicht, dass es mir schlecht geht — sonst stört es seinen Unterricht und macht den Herrn Vater zornig." Dufthauch bejahte und ermahnte nochmals: „Fräulein, legt Euch hin und ruht Euch aus." Kajaljade nickte und ließ sich von Purpurkuckuck stützen.
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Dufthauch saß noch eine Weile daneben und sprach einige tröstende Worte, dann verabschiedete sie sich. Im Hof der Roten Freude sagte sie nur, das Fräulein fühle sich ein wenig unwohl, es sei aber nichts Ernstes. Erst da beruhigte sich Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref>.
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Erkundefrühling und Xiangfluss-Wolke gingen inzwischen aus dem Xiaoxiang-Pavillon geradewegs zur Alten Ahnin. Erkundefrühling ermahnte Xiangfluss-Wolke unterwegs: „Schwester, wenn wir gleich die Alte Ahnin sehen, sei nicht wieder so unbesonnen wie vorhin." Xiangfluss-Wolke nickte lachend: „Ich weiß. Vorhin war ich so erschrocken, dass ich den Kopf verlor." Damit waren sie bei der Alten Ahnin. Erkundefrühling erwähnte Kajaljades Krankheit. Die Alte Ahnin wurde unruhig und sagte: „Diese beiden Jade-Kinder machen immer Ärger mit Krankheiten! Das Mädchen Lin wird auch älter — auf ihren Körper muss man achtgeben. Ich finde, das Kind nimmt sich alles zu sehr zu Herzen." Niemand wagte zu antworten. Die Alte Ahnin wies Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".</ref> an: „Sag ihnen: Wenn morgen der Arzt kommt, um Schatzjade zu untersuchen, soll er anschließend auch das Fräulein Lin besuchen." Mandarinenente bejahte und übermittelte die Botschaft den Dienerinnen, die ihrerseits die Nachricht weitergaben. Erkundefrühling und Xiangfluss-Wolke aßen mit der Alten Ahnin zu Abend und kehrten dann gemeinsam in den Garten zurück.
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Am nächsten Tag kam der Arzt, untersuchte Schatzjade und befand, es sei nichts als eine Verdauungsstörung mit leichter Erkältung — nicht weiter schlimm; einige schweißtreibende Mittel, und es werde sich geben. Frau König und Phönixglanz schickten jemanden mit dem Rezept zur Alten Ahnin, und gleichzeitig wurde dem Xiaoxiang-Pavillon mitgeteilt, der Arzt komme gleich. Purpurkuckuck bejahte und deckte Kajaljade eilig zu, ließ den Bettvorhang herab; Schneegans räumte hastig das Zimmer auf.
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Bald kam Kette Kaufmann<ref>Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadeschale".</ref> mit dem Arzt herein und sagte: „Dieser Herr Doktor kommt öfter — die Fräulein brauchen sich nicht zurückzuziehen." Die alten Dienerinnen hoben den Vorhang, Kette Kaufmann ließ dem Arzt den Vortritt, und sie nahmen im Zimmer Platz. Kette Kaufmann sagte: „Schwester Purpurkuckuck, schildere dem Herrn Doktor Wang zunächst den Krankheitsverlauf des Fräuleins." Der Arzt König sagte: „Warten wir erst. Lasst mich den Puls fühlen, dann sage ich, was ich gefunden habe. Wenn etwas nicht stimmt, können die Schwestern mich korrigieren." Purpurkuckuck schob durch den Vorhang Kajaljades eine Hand auf das Pulskissen heraus und streifte behutsam Armreif und Ärmel zurück, damit der Puls nicht gestört werde.
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Doktor Wang fühlte lange den Puls, ließ auch die andere Hand reichen und trat dann mit Kette Kaufmann ins Vorzimmer. Er verbeugte sich vor Kette Kaufmann und sagte: „Alle sechs Pulse sind gespannt — die Ursache liegt in lang angestauter innerer Bedrückung." Purpurkuckuck kam ebenfalls heraus und stellte sich an die Tür des inneren Gemachs. Doktor Wang wandte sich an sie: „Die Patientin dürfte häufig an Schwindel leiden, wenig Appetit haben und viel träumen. Gegen fünf Uhr morgens wacht sie gewiss mehrfach auf. Auch wenn sie tagsüber etwas hört, das sie nichts angeht, regt sie sich darüber auf; dazu kommen Argwohn und Ängstlichkeit. Wer sie nicht kennt, hält ihr Wesen vielleicht für launisch, aber in Wirklichkeit liegt es an der Erschöpfung des Leber-Yin und dem Verfall der Herz-Energie — alles Auswirkungen dieser Krankheit. Stimmt das?" Purpurkuckuck nickte und sagte zu Kette Kaufmann: „Er hat es genau getroffen." Der Arzt sagte: „Wenn dem so ist, dann ist es klar."
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Damit stand er auf und ging mit Kette Kaufmann in das äußere Arbeitszimmer, um das Rezept zu schreiben. Die Diener hatten bereits ein Blatt korallenrotes Briefpapier vorbereitet. Doktor Wang trank seinen Tee und schrieb dann mit dem Pinsel:
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„Alle sechs Pulse sind gespannt und langsam, verursacht durch lang angestaute Bedrückung. Der linke Cun-Puls ist kraftlos — die Herz-Energie ist bereits erschöpft. Der Guan-Puls allein ist stark — Leber-Feuer dominiert. Da das Holz-Qi nicht freien Lauf hat, wird es unausweichlich die Milz-Erde angreifen: der Appetit schwindet. Im äußersten Fall obsiegt es über die Lunge — das Lungen-Metall erleidet unweigerlich Schaden. Wenn das Qi nicht die Essenz bewegt, verdichtet sie sich zu Schleim; das Blut folgt dem aufsteigenden Qi — so kommt es zum Bluthusten. Die angemessene Behandlung ist: Leber befreien, Lunge schützen, Herz und Milz nähren. Obgleich stärkende Mittel nötig sind, können sie nicht überstürzt angewendet werden. Vorläufig verordne ich die ‚Schwarze Xiaoyao-Formel' als Einstieg, gefolgt von der ‚Guifei Guijin-Formel' zur Fortsetzung. Mit aller Bescheidenheit unterbreite ich dies der Beurteilung höherer Sachverständiger."
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Darunter notierte er sieben Bestandteile nebst Zubereitungshinweisen.
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Kette Kaufmann nahm das Rezept und fragte: „Bei Blutstau und Blutandrang — darf man Chaihu verwenden?" Doktor Wang lachte: „Der Zweite Herr weiß, dass Chaihu ein aufsteigendes Mittel ist und bei Blutungen als kontraindiziert gilt. Doch wenn man es in Schildkrötenblut anbrät, ist Chaihu unentbehrlich, um das Qi der Leber und Gallenblase zu entfalten. Das Schildkrötenblut verhindert das Aufsteigen und nährt zugleich das Leber-Yin und unterdrückt das Feuer. Deshalb heißt es im ‚Inneren Klassiker': ‚Durchlässiges mit Durchlässigem behandeln, Verstopftes mit Verstopftem behandeln.' Chaihu in Schildkrötenblut gewendet — das ist die Methode, den Feldherrn Zhou Bo zu gebrauchen, um die Dynastie Liu zu sichern." Kette Kaufmann nickte: „So ist das also — nun verstehe ich." Doktor Wang fügte hinzu: „Zunächst zwei Dosen, dann wird angepasst oder eine neue Formel verschrieben. Ich habe noch eine Kleinigkeit zu erledigen und kann nicht lange bleiben; ich komme ein andermal wieder zur Visite." Kette Kaufmann begleitete ihn hinaus und fragte: „Und die Arznei für meinen Bruder?" Der Arzt sagte: „Beim Zweiten Herrn Bao ist es nichts Ernstes, noch eine Dosis, und er ist wohlauf." Damit stieg er in die Kutsche und fuhr davon.
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Kette Kaufmann ließ die Arznei besorgen und ging zu Phönixglanz, um ihr Kajaljades Diagnose und das Rezept zu berichten. Da kam Zhou Ruis Frau und trug einige unwichtige Angelegenheiten vor. Kette Kaufmann hörte die Hälfte und sagte: „Berichte das der Zweiten Herrin — ich habe noch zu tun." Damit ging er.
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Als Zhou Ruis Frau mit ihrem Bericht fertig war, sagte sie: „Ich war vorhin beim Fräulein Lin. So wie die aussieht, geht es ihr wirklich schlecht: kein Tropfen Farbe im Gesicht, nur noch Haut und Knochen. Ich fragte sie, aber sie sagte nichts und weinte nur. Dann hat mir Purpurkuckuck im Vertrauen gesagt: ‚Das Fräulein ist jetzt krank; wenn sie etwas braucht, will sie selbst nicht bitten. Ich möchte bei der Zweiten Herrin vorschüssig ein oder zwei Monatslöhne abholen: Die Arznei wird zwar aus dem Gemeinschaftsfonds bezahlt, aber für Kleinigkeiten braucht man auch Bargeld.' Das habe ich ihr zugesagt und komme nun in ihrem Auftrag zur Herrin."
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Phönixglanz senkte lange den Kopf und sagte dann: „So machen wir es: Ich schenke ihr ein paar Tael Silber. Aber sag dem Fräulein Lin nichts davon. Die Monatslöhne vorschüssig auszuzahlen geht nicht: Wenn eine damit anfängt, wollen es alle — das ginge doch nicht! Erinnerst du dich noch, wie die Tante Zhao und das Dritte Fräulein sich wegen der Monatslöhne stritten? Außerdem, wie du selbst weißt: Es geht mehr hinaus als hereinkommt, das Geld reicht hinten und vorne nicht. Wer es nicht weiß, meint, ich wirtschafte schlecht; und dann gibt es noch die Sorte, die behauptet, ich schleppe alles zu meiner Herkunftsfamilie. Schwester Zhou, du hast doch selbst die Bücher in der Hand — davon wirst du wohl etwas wissen."
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Zhou Ruis Frau sagte: „Das ist wahrhaftig zum Verzweifeln! Bei einem solchen Haushalt — außer unserer Herrin mit ihrem Geschick könnte das niemand führen. Nicht nur eine Frau brächte das nicht fertig — selbst ein Mann mit drei Köpfen und sechs Armen käme nicht zurecht. Und dann noch solch dummes Geschwätz!" Dann lachte sie und fuhr fort: „Und das ist noch nicht alles! Draußen reden die Leute noch größeren Unsinn. Neulich kam Zhou Rui nach Hause und erzählte, was die Leute auf der Straße sagen. Die bilden sich ein, unser Haus schwimme in Gold: ‚Das Haus Kaufmann hat mehrere Schatzkammern voller Silber und Gold, und alles Geschirr ist mit Gold eingelegt und Jade besetzt.' Andere sagen: ‚Die Tochter ist Kaiserliche Gemahlin, natürlich bekommt die Familie die Hälfte der kaiserlichen Schätze. Als die Gemahlin zum Heimatbesuch kam, brachte sie wagenweise Gold und Silber mit — deshalb ist das Haus eingerichtet wie ein Kristallpalast. Als sie im Tempel ein Gelübde einlösten, gaben sie Zigtausende Tael aus — das war wie ein Haar vom Ochsen!' Wieder andere behaupten: ‚Die Löwen vor dem Tor sind wahrscheinlich aus Jade! Im Garten stand ein goldener Qilin — einen haben sie gestohlen, jetzt ist nur noch einer übrig. Die Frauen und Fräulein im Haus, gar nicht zu reden, aber selbst die Mägde rühren keinen Finger: Sie trinken Wein, spielen Schach, spielen Laute und malen — es gibt ja genug Bedienstete. Sie tragen nur Seide und Brokat und essen und tragen lauter Dinge, die gewöhnliche Leute nicht kennen. Und die jungen Herren und Fräulein — wenn sie den Mond am Himmel wollen, steigt jemand hinauf und holt ihn.' Es gibt sogar ein Lied: ‚Haus Stillfriede-Anwesen, Prunkwille-Anwesen, Gold und Silber wie Kehricht. Aufessen kann man's nicht, auftragen nicht — rechnet man zusammen …'" Bei diesen Worten stockte sie plötzlich. Denn im Lied hieß es: „rechnet man zusammen, ist alles nur leerer Schein." Zhou Ruis Frau hatte sich verplappert und brach erschrocken ab.
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Phönixglanz hatte es bereits verstanden — es musste ein ungünstiger Vers sein — und fragte nicht weiter nach. Sie sagte nur: „Das alles ist nicht so wichtig. Aber woher kommt die Sache mit dem goldenen Qilin?" Zhou Ruis Frau lachte: „Das ist der kleine goldene Qilin, den der Taoistenpriester im Tempel dem Zweiten Herrn Bao schenkte. Er ging verloren, und das Fräulein Shi fand ihn und gab ihn zurück — und daraus wurde dieses Gerücht. Ist das nicht zum Lachen?" Phönixglanz sagte: „Das ist nicht zum Lachen, das ist zum Fürchten. Uns geht es von Tag zu Tag schlechter, und nach außen hin prangt es so. Wie das Sprichwort sagt: ‚Menschen fürchten den Ruhm wie Schweine die Mast.' Und es ist ja nur leerer Ruhm — wer weiß, was daraus noch wird!" Zhou Ruis Frau sagte: „Die Herrin hat recht. Nur — in der ganzen Stadt, in jedem Teehaus, jeder Schenke und jeder Gasse redet man so, und das nicht erst seit gestern. Wie will man allen Leuten den Mund stopfen?"
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Phönixglanz nickte nachdenklich, ließ dann Friedchen<ref>Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedliche".</ref> ein paar Tael Silber abwiegen und gab sie Zhou Ruis Frau: „Bring das Purpurkuckuck und sag nur, ich schicke es ihr zum Einkaufen. Wenn sie etwas aus dem Gemeinschaftsfonds braucht, soll sie sich nehmen, aber sprich nicht von Monatlohn-Vorschuss. Sie ist ein kluges Mädchen und wird verstehen. Wenn ich Zeit habe, komme ich selbst nach dem Fräulein sehen." Zhou Ruis Frau nahm das Silber und ging.
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Inzwischen war Kette Kaufmann hinausgegangen. Ein Diener kam ihm entgegen und meldete: „Der Ältere Herr lässt den Zweiten Herrn rufen." Kette Kaufmann eilte zu Begnadigung Kaufmann. Begnadigung Kaufmann sagte: „Ich habe eben gehört, dass im Palast ein Kaiserlicher Arzt und zwei Assistenten zu einer Patientin gerufen wurden — das dürfte keine gewöhnliche Hofdame sein. Gibt es in den letzten Tagen Nachrichten aus dem Palast der Gemahlin?" Kette Kaufmann verneinte. Begnadigung Kaufmann sagte: „Erkundige dich beim Zweiten Herrn und bei deinem Cousin Zhen. Oder schicke jemanden zur Kaiserlichen Akademie, um Näheres zu erfahren." Kette Kaufmann bejahte, schickte Boten zur Akademie und eilte zu Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".</ref> und Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Schein-Echtheit".</ref>. Aufrecht Kaufmann fragte: „Woher stammt das Gerücht?" Kette Kaufmann antwortete: „Der Ältere Herr hat es eben erzählt." Aufrecht Kaufmann sagte: „Geh am besten mit Cousin Zhen und erkundige dich genauer." Kette Kaufmann sagte: „Ich habe schon jemanden zur Kaiserlichen Akademie geschickt." Damit zog er sich zurück und traf Herrlichkeit Kaufmann, der ihm bereits entgegenkam und denselben Bericht brachte. Beide gingen gemeinsam zu Aufrecht Kaufmann. Aufrecht Kaufmann sagte: „Falls es die Kaiserliche Gemahlin Yuan betrifft, werden wir früher oder später Nachricht erhalten." Auch Begnadigung Kaufmann kam hinzu.
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Gegen Mittag waren die Kundschafter noch nicht zurück. Da meldeten die Pförtner: „Zwei Eunuchen sind draußen und wünschen die beiden Herren zu sprechen." Begnadigung Kaufmann sagte: „Bittet sie herein." Die Pförtner führten die Eunuchen herein. Begnadigung Kaufmann und Aufrecht Kaufmann empfingen sie am zweiten Tor. Zuerst erkundigten sie sich nach dem Wohlbefinden der Kaiserlichen Gemahlin; dann traten alle in die Halle und nahmen Platz. Der Eunuch sprach: „Die Kaiserliche Gemahlin Eures Hauses war in den letzten Tagen unwohl. Gestern erging ein kaiserlicher Erlass: Vier weibliche Verwandte dürfen sie besuchen, jede mit einer Magd; weitere Begleitung ist nicht gestattet. Die männlichen Verwandten dürfen nur am äußeren Palasttor ihre Visitenkarten abgeben und auf Nachricht warten; das Betreten des Palastes ist ihnen untersagt. Der Besuch ist morgen zwischen der Chen- und Si-Stunde gestattet, die Abreise zwischen der Shen- und You-Stunde." Aufrecht Kaufmann und Begnadigung Kaufmann standen auf und nahmen den Erlass entgegen. Man bot den Eunuchen Tee an, und sie verabschiedeten sich.
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Begnadigung Kaufmann und Aufrecht Kaufmann begleiteten sie bis zum Haupttor und kehrten zurück, um die Alte Ahnin zu informieren. Die Alte Ahnin überlegte: „Vier weibliche Verwandte — das werden ich, die beiden Schwiegertöchter und noch eine sein." Niemand wagte etwas zu sagen. Die Alte Ahnin dachte nach: „Es muss Phönixglanz sein — sie versteht es, sich um alles zu kümmern." Begnadigung Kaufmann und Aufrecht Kaufmann verbeugten sich und gingen, um die weiteren Vorbereitungen zu treffen. Kette Kaufmann und Hibiskus Kaufmann sollten das Haus hüten; alle anderen männlichen Verwandten vom „Wen"-Radikal bis zum „Cao"-Radikal sollten mitgehen. Vier grüne Sänften und über zehn Kutschen mit grünem Verdeck wurden für den Morgen bereitgestellt. Begnadigung Kaufmann und Aufrecht Kaufmann gingen wieder hinein und berichteten der Alten Ahnin: „Der Besuch ist zwischen der Chen- und Si-Stunde; der Rückweg beginnt zwischen Shen und You. Bitte ruht Euch heute früh aus, damit Ihr morgen zeitig aufbrechen könnt." Die Alte Ahnin sagte: „Ich weiß, geht nur." Die Herren zogen sich zurück. Frau Strafe, Frau König und Phönixglanz sprachen noch eine Weile über Urfrühlings Krankheit und gingen dann auseinander.
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Am nächsten Morgen, in der Dämmerung, waren alle Lichter angezündet, alle Damen gewaschen und geschmückt, alle Herren bereit. Zur ersten Stunde kamen Lin Zhixiao und Lai Da zum zweiten Tor und meldeten: „Sänften und Wagen stehen bereit." Bald darauf erschienen auch Begnadigung Kaufmann und Frau Strafe. Man frühstückte; Phönixglanz stützte die Alte Ahnin zum Wagen. Jeder Dame folgte eine Magd. Zwei Reitknechte ritten voraus zum äußeren Palasttor; die Familie folgte. Kette Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann hüteten das Haus.
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Am äußeren westlichen Palasttor hielt die Gesellschaft an. Zwei Eunuchen traten heraus und verkündeten: „Die Damen des Hauses Jia mögen eintreten; die Herren haben am inneren Palasttor zu warten und dürfen nicht eintreten." Die vier Sänften folgten den Eunuchen; die Herren gingen zu Fuß hinterher. Am inneren Tor verweilten die Herren; die Sänften wurden bis zum Palast der Kaiserlichen Gemahlin getragen. Dort stiegen die Damen aus und wurden von Hofdamen geführt. Als sie das Schlafgemach der Gemahlin erreichten, erstrahlte es in feierlichem Glanz. Zwei Hofdamen übermittelten: „Es genügt ein Gruß — alle Zeremonien sind erlassen." Die Alte Ahnin dankte, trat ans Bett, grüßte die Gemahlin, und alle nahmen die angewiesenen Plätze ein. Urfrühling fragte die Alte Ahnin: „Wie geht es Euch in letzter Zeit?" Die Alte Ahnin erhob sich zitternd, gestützt auf ein Mädchen, und antwortete: „Dank der Gnade Ihrer Majestät bin ich noch bei guter Gesundheit." Urfrühling fragte auch Frau Strafe und Frau König nach ihrem Wohlbefinden. Dann wandte sie sich an Phönixglanz: „Wie steht es mit dem Haushalt?" Phönixglanz erhob sich und antwortete: „Wir kommen zurecht." Urfrühling sagte: „Diese Jahre haben dir viel Mühe gemacht."
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Gerade wollte Phönixglanz antworten, da brachte eine Hofdame eine Liste mit vielen Visitenkarten. Urfrühling las die Namen — Begnadigung Kaufmann, Aufrecht Kaufmann und die anderen —, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie trocknete sie mit einem Seidentuch und befahl: „Heute fühle ich mich etwas besser — lasst sie draußen ruhen." Die Alte Ahnin erhob sich und dankte. Urfrühling sagte unter Tränen: „Als Vater, Tochter und Geschwister sind wir schlechter daran als eine einfache Familie, die sich jederzeit sehen kann." Die Alte Ahnin unterdrückte ihre Tränen: „Eure Majestät braucht sich nicht zu grämen — die Familie genießt dank Eurer Majestät viele Segnungen." Urfrühling fragte noch: „Wie steht es mit Schatzjade?" Die Alte Ahnin antwortete: „In letzter Zeit lernt er recht fleißig. Sein Vater hält ihn streng, und seine Aufsätze sind auch besser geworden." Urfrühling sagte: „So ist es recht." Dann befahl sie, im Außenpalast ein Bankett auszurichten. Hofdamen und Eunuchen geleiteten die Besucher in einen Saal, wo alles gerichtet war. Man nahm nach Rang Platz und speiste.
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Nach dem Essen dankte die Alte Ahnin. Man verweilte noch eine Weile, doch als die You-Stunde nahte, wagte man nicht länger zu bleiben. Alle verabschiedeten sich von Urfrühling; Hofdamen geleiteten sie bis zum inneren Tor, und die Eunuchen brachten sie hinaus. Die Alte Ahnin und ihre Begleiterinnen stiegen in die Sänften, wurden draußen von Begnadigung Kaufmann und den anderen empfangen, und alle kehrten gemeinsam heim. Man beriet auch schon die Besuche der folgenden Tage.
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Nun zu Goldosmanthus Schnees Haushalt: Seit sie Becken Schnee fortgejagt hatte, fehlte ihr tagsüber der Streitpartner. Duftkastanie wohnte inzwischen bei Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.</ref>, und nur Baochan war noch bei ihr. Doch seit Baochan zur Nebenfrau Becken Schnees bestimmt worden war, gab sie sich nicht mehr so unterwürfig wie zuvor. In Jinguis Augen war sie damit nur eine weitere Gegnerin — zu spät bereute sie es.
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Eines Tages hatte Jingui ein paar Gläser Wein getrunken und lag auf dem Kang. Sie wollte Baochan als Zielscheibe benutzen. „Wohin ist der Herr neulich verreist?" fragte sie. „Du weißt es natürlich." Baochan entgegnete: „Woher soll ich das wissen? Wenn er es nicht einmal der Herrin sagt, woher sollte ich es wissen?" Jingui lachte höhnisch: „Wo gibt es heute noch Herrinnen und Mägde? Es ist alles eure Welt geworden. Andere darf man ja nicht reizen — die haben ihren Schutzschild. Du bist immerhin noch meine Magd; ich frage dich ein einziges Wort, und du schneidest mir eine Grimasse. Da du so mächtig bist, warum erdrosselst du mich nicht? Dann könntest du oder Duftkastanie die Herrin spielen — wäre das nicht fein? Aber leider sterbe ich nicht, und das steht euch im Weg."
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Baochan konnte das nicht hinnehmen und starrte Jingui mit weit aufgerissenen Augen an: „Diese Reden, Herrin, spart Euch für andere. Ich habe Euch kein Wort widersprochen. Wenn Ihr es nicht wagt, andere zu reizen, warum lasst Ihr's dann an uns aus? Was anständig wäre, tut Ihr, als hörtet Ihr es nicht!" Damit brach sie in lautes Weinen aus. Jingui wurde noch wilder, sprang vom Kang und wollte Baochan schlagen. Doch Baochan hatte das Temperament der Familie Xia und gab keinen Fingerbreit nach. Jingui fegte Tische, Stühle und Tassen um. Baochan schrie nach Gerechtigkeit, ohne sich um sie zu kümmern.
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Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".</ref>, die drüben bei Schatzspange saß, hörte den Tumult und rief: „Duftkastanie, geh hinüber und sieh nach — versuch, sie zu beruhigen." Schatzspange sagte: „Das geht nicht, Mama. Wenn sie hingeht, ist das Öl ins Feuer." Tante Schnee sagte: „Dann gehe ich selbst." Schatzspange erwiderte: „Meiner Meinung nach solltest du auch nicht gehen. Lass sie sich austoben — es hilft doch nichts." Tante Schnee rief: „So geht das nicht weiter!" und ging, gestützt auf eine Magd, zu Jingui hinüber. Schatzspange folgte, ermahnte aber Duftkastanie: „Bleib hier."
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Mutter und Tochter kamen an Jinguis Zimmertür, und drinnen wurde immer noch gekreischt und geweint. Tante Schnee rief: „Was soll das wieder? Stellt ihr das Haus auf den Kopf? Sieht das noch aus wie ein ordentlicher Haushalt? Bei unseren niedrigen Mauern und kleinen Höfen — habt ihr keine Angst, dass die Verwandten euch auslachen?" Aus Jinguis Zimmer kam die Antwort: „Ich hätte ja Angst vor Gerede! Aber hier steht der Besen auf dem Kopf — es gibt keine Herrin, keine Magd, keine Hauptfrau, keine Nebenfrau — alles geht drunter und drüber! Wir von der Familie Xia kennen solche Zustände nicht; das halte ich nicht aus!"
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Schatzspange sagte: „Liebe Schwägerin, Mama ist nur gekommen, weil sie den Lärm hörte. Wenn sie vor Aufregung nicht zwischen ‚Schwägerin' und ‚Baochan' unterschieden hat — was macht das schon? Lasst uns die Sache klären und friedlich zusammenleben, damit Mama nicht jeden Tag um unseretwillen Sorgen hat." Tante Schnee stimmte zu: „Ja, klärt erst die Sache — danach könnt ihr mir immer noch Vorwürfe machen!"
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Jingui höhnte: „Liebes Fräulein, liebes Fräulein, du bist ja so tugendhaft und gütig! Du wirst sicher einen guten Mann und eine gute Familie bekommen — ganz anders als ich, die lebend Witwe spielt, ohne Verwandte, der man auf dem Kopf herumtanzt. Ich bin eben ein einfältiger Mensch — nur bitte, Fräulein, nimm mir nicht jedes Wort übel. Ich hatte keine Eltern, die mich erzogen haben. Und was in meinem Schlafgemach zwischen Mann und Frauen geschieht, hat das Fräulein ohnehin nicht zu bestimmen!"
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Schatzspange hörte das — Scham und Zorn zugleich, und der Anblick ihrer Mutter tat ihr zusätzlich weh. Sie schluckte ihren Ärger hinunter und sagte: „Schwägerin, ich rate dir, weniger zu reden. Wer kritisiert dich? Wer schikaniert dich? Von Duftkastanie gar nicht zu reden — ich habe nie ein lautes Wort gegen sie gesagt."
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Jingui schlug auf den Kangrand und weinte noch lauter: „Wie könnte ich mich mit Duftkastanie vergleichen! Nicht einmal den Staub unter ihren Füßen bin ich wert! Sie ist lange genug hier, kennt die Absichten des Fräuleins und versteht sich einzuschmeicheln. Ich bin neu hier und kann nicht schmeicheln — wie darf man mich mit ihr vergleichen? Wie grausam! Es können eben nicht alle das Glück einer Kaiserlichen Gemahlin haben. Seid lieber gütig — sonst müsst ihr am Ende noch wie ich einen Dummkopf heiraten und lebendig Witwe spielen, das wäre eine schöne Blamage!"
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Tante Schnee konnte nicht mehr an sich halten, stand auf und rief: „Ohne meiner eigenen Tochter schmeicheln zu wollen — sie redet dir mit jedem Satz gut zu, und du stachelst sie mit jedem Satz! Wenn du etwas auszusetzen hast, lass es an mir aus — mich umzubringen wäre kein großes Ding!" Schatzspange beschwichtigte: „Mama, rege dich nicht auf. Wir sind doch gekommen, um zu schlichten — wenn wir uns selbst aufregen, kommt noch mehr Ärger hinzu. Gehen wir lieber und lassen die Schwägerin zur Ruhe kommen." Sie wies Baochan an: „Du hörst auch auf." Und damit gingen sie.
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Im Hof begegneten ihnen eine Magd der Alten Ahnin und Duftkastanie. Tante Schnee fragte: „Woher kommst du? Geht es der Alten Ahnin gut?" Das Mädchen antwortete: „Der Alten Ahnin geht es gut. Sie schickt mich, um der Tante guten Tag zu sagen, für die Litschis neulich zu danken und dem Fräulein Qin zu gratulieren." Schatzspange fragte: „Wann bist du gekommen?" Die Magd antwortete: „Schon vor einer ganzen Weile." Tante Schnee errötete verlegen: „Wie du siehst, gibt es bei uns zu Hause solchen Aufruhr — euer Haus lacht gewiss über uns." Das Mädchen sagte: „Aber Tante, so etwas gibt es doch überall — wo gibt es nicht einmal Streit? Das denkt Ihr Euch nur." Man kehrte in Tante Schnees Zimmer zurück, und nach einer kurzen Weile ging die Magd.
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Schatzspange hatte gerade Duftkastanie etwas zugeflüstert, als Tante Schnee plötzlich aufschrie: „Mein linker Rippenbogen schmerzt fürchterlich!" Damit sank sie auf den Kang. Schatzspange und Duftkastanie waren entsetzt.
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Wie es weiterging, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.
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Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Dreiundachtzigstes Kapitel

Ein Besuch im Palast: Die Kaiserliche Gemahlin Jia[1] liegt krank darnieder, Aufruhr in der Frauenkammer: Schatzspange schluckt stumm ihre Tränen

Wie berichtet, wollten Erkundefrühling[2] und Xiangfluss-Wolke[3] gerade aufbrechen, als sie draußen jemanden schimpfen hörten: „Du nichtsnutziges Balg! Was bist du für ein Ding, dass du dich hier im Garten herumtreibst!" Kajaljade[4] rief laut: „Hier kann man nicht mehr wohnen!" — mit einer Hand zum Fenster deutend, verdrehten sich ihre Augen nach oben. Denn obwohl Kajaljade im Garten der Großen Anschauung unter dem Schutz der Alten Ahnin lebte, war sie doch in Gegenwart anderer stets auf der Hut. Als sie nun die alte Dienerin draußen so fluchen hörte, hätte es bei anderen Menschen nichts zu bedeuten gehabt, doch Kajaljade bezog es gänzlich auf sich. Sie dachte: „Ein Mädchen aus vornehmem Haus — nur weil es keine Eltern mehr hat, schickt irgendwer diese Alte, um so zu schmähen!" Die Kränkung zerriss ihr Herz, und sie fiel in Ohnmacht. Purpurkuckuck[5] rief unter Tränen: „Fräulein, was ist mit Euch? Wacht doch auf!" Auch Erkundefrühling rief eine Weile. Erst nach langer Zeit kam Kajaljade wieder zu Atem, doch sprechen konnte sie noch nicht; ihre Hand wies immer noch zum Fenster hinaus.

Erkundefrühling verstand, öffnete die Tür und trat hinaus. Sie sah, wie die alte Dienerin, einen Knotenstock in der Hand, ein schmutziges Mädchen vor sich hertrieb: „Ich bin hier, um die Blumen und Bäume im Garten zu beaufsichtigen — was hast du hier zu suchen? Wart nur, zu Hause werde ich dir eine Lektion erteilen!" Das Mädchen drehte den Kopf zur Seite, steckte den Finger in den Mund und grinste die Alte an. Erkundefrühling schalt: „Ihr Leute werdet immer frecher! Ist dies ein Ort zum Schimpfen?" Die Alte sah, dass es Erkundefrühling war, und sagte eilig mit unterwürfigem Lächeln: „Das war meine Enkelin — als sie mich kommen sah, lief sie mir nach. Ich wollte sie nur verjagen, ich würde doch hier nicht fluchen!" Erkundefrühling rief: „Genug der Worte, verschwindet sofort! Das Fräulein Lin ist nicht wohl — macht, dass ihr fortkommt!" Die Alte gehorchte mit mehrfachem „Jawohl" und trollte sich; auch das Mädchen rannte davon.

Erkundefrühling kehrte zurück und fand Xiangfluss-Wolke, die Kajaljades Hand hielt und weinte. Purpurkuckuck stützte Kajaljade mit einem Arm und rieb ihr mit der anderen Hand die Brust. Kajaljades Augen drehten sich allmählich zurück. Erkundefrühling sagte lächelnd: „Du hast wohl die Worte der alten Frau gehört und dir etwas eingebildet?" Kajaljade schüttelte nur den Kopf. Erkundefrühling fuhr fort: „Sie hat ihre Enkelin gescholten — auch ich habe es gehört. Solche Leute reden ohne jede Rücksicht; was verstehen die von Feingefühl?" Kajaljade seufzte, fasste Erkundefrühlings Hand und rief: „Schwester …" — doch weiter sagte sie nichts. Erkundefrühling sprach: „Nimm dir das nicht zu Herzen. Dass ich dich besuche, gehört sich unter Schwestern, zumal du wenig Bedienung hast. Wenn du nur ruhig deine Arznei nimmst und an Erfreuliches denkst und Tag für Tag wieder zu Kräften kommst — dann können wir wieder eine Dichtgesellschaft gründen und Verse schmieden, wäre das nicht schön?" Xiangfluss-Wolke stimmte zu: „Genau, wie die Dritte Schwester sagt — warum sollte man sich nicht darüber freuen?" Kajaljade schluchzte: „Ihr wollt nur, dass ich fröhlich bin — aber mir armen ist solche Freude nicht mehr vergönnt. Ich fürchte, es wird nicht mehr reichen." Erkundefrühling sagte: „Das sagst du zu hart. Wer wird nicht einmal krank? Wie kommst du nur auf solche Gedanken? Ruh dich gut aus, wir gehen zur Alten Ahnin und kommen später wieder nach dir sehen. Wenn du etwas brauchst, lass es Purpurkuckuck mir ausrichten." Kajaljade sagte unter Tränen: „Liebe Schwester, wenn du zur Alten Ahnin gehst, sag nur, ich lasse grüßen, mir sei etwas unwohl — es sei nichts Ernstes, die Alte Ahnin brauche sich keine Sorgen zu machen." Erkundefrühling bejahte: „Ich weiß, ruh dich nur aus." Damit gingen sie und Xiangfluss-Wolke hinaus.

Purpurkuckuck stützte Kajaljade beim Hinlegen. Schneegans besorgte alles Nötige; Purpurkuckuck selbst wachte an ihrer Seite, blickte auf Kajaljade, und ihr Herz tat weh, doch sie wagte nicht zu weinen. Kajaljade lag mit geschlossenen Augen da, fand aber keinen Schlaf. Sonst empfand sie den Garten als still und einsam — jetzt, da sie im Bett lag, hörte sie plötzlich überall Wind, Insektenzirpen, Vogelstimmen, Schritte und aus der Ferne das Weinen von Kindern. Alles zusammen machte sie nervös. Sie rief: „Lass den Bettvorhang herab."

Schneegans brachte eine Schale Schwalbennestersuppе und reichte sie Purpurkuckuck. Purpurkuckuck fragte leise durch den Vorhang: „Fräulein, trinkt einen Schluck Suppe." Kajaljade machte nur ein leises Geräusch der Zustimmung. Purpurkuckuck gab die Schale an Schneegans zurück, half Kajaljade beim Aufsetzen, nahm die Schale zurück, prüfte die Temperatur an den Lippen; mit einem Arm stützte sie Kajaljades Schultern, mit der anderen Hand führte sie die Schale an deren Lippen. Kajaljade öffnete leicht die Augen, trank zwei, drei Schlucke und schüttelte den Kopf — sie mochte nicht mehr. Purpurkuckuck gab die Schale Schneegans zurück und half Kajaljade behutsam, sich wieder hinzulegen.

Nach einer Weile der Stille kam etwas Ruhe auf. Dann hörte man vor dem Fenster eine leise Stimme fragen: „Ist die Schwester Purpurkuckuck zu Hause?" Schneegans eilte hinaus und sah, dass es Dufthauch[6] war. Sie flüsterte: „Komm herein, Schwester." Dufthauch flüsterte ebenfalls: „Wie geht es dem Fräulein?" Auf dem Weg berichtete Schneegans von den Geschehnissen der Nacht und des Morgens. Dufthauch erschrak und sagte: „Kein Wunder! Eben kam Cuilü zu uns und erzählte, das Fräulein sei krank. Der Zweite Herr Bao hat mich sofort geschickt, nachzusehen."

Gerade sprachen sie noch, als Purpurkuckuck den Vorhang des inneren Gemachs hob und nach draußen spähte. Als sie Dufthauch sah, winkte sie sie herbei. Dufthauch trat leise ein und fragte: „Schläft das Fräulein?" Purpurkuckuck nickte und fragte: „Hast du eben alles gehört, Schwester?" Dufthauch nickte ebenfalls und sagte mit gerunzelter Stirn: „Was soll nur daraus werden? Auch jener hat mich gestern Nacht halb zu Tode erschreckt." Purpurkuckuck fragte hastig: „Was war denn?" Dufthauch erzählte: „Gestern Abend ging er noch völlig gesund schlafen, doch mitten in der Nacht schrie er plötzlich auf, er habe Herzschmerzen. Er redete wirres Zeug und sagte, es fühle sich an, als werde sein Herz mit einem Messer herausgeschnitten — das ging so bis nach dem Vierten Nachtwachenschlag. Ist das nicht erschreckend? Heute kann er nicht in die Schule; es soll noch ein Arzt kommen."

Gerade sprachen sie, als Kajaljade hinter dem Vorhang erneut zu husten begann. Purpurkuckuck eilte herbei und hielt die Spuckschale. Kajaljade öffnete matt die Augen und fragte: „Mit wem sprichst du?" Purpurkuckuck antwortete: „Die Schwester Dufthauch ist gekommen, nach dem Fräulein zu sehen." Dufthauch trat ans Bett. Kajaljade ließ sich von Purpurkuckuck aufrichten und deutete auf den Bettrand, damit Dufthauch Platz nehme. Dufthauch setzte sich seitwärts und drängte lächelnd: „Fräulein, bleibt lieber liegen." Kajaljade sagte: „Das macht nichts. Macht mir doch bitte nicht solch ein Aufheben. Vorhin war die Rede davon, dass jemand mitten in der Nacht Herzschmerzen bekam — wer war das?" Dufthauch antwortete: „Der Zweite Herr Bao hatte nur einen Albtraum, es war nichts Ernstes." Kajaljade verstand, dass Dufthauch fürchtete, sie würde sich Sorgen machen, und war ihr zugleich dankbar und traurig. Sie fragte beiläufig: „Wenn es ein Albtraum war — hat er denn sonst nichts gesagt?" Dufthauch sagte: „Nein, nichts." Kajaljade nickte, schwieg lange, seufzte und sagte dann: „Sagt dem Zweiten Herrn Bao nicht, dass es mir schlecht geht — sonst stört es seinen Unterricht und macht den Herrn Vater zornig." Dufthauch bejahte und ermahnte nochmals: „Fräulein, legt Euch hin und ruht Euch aus." Kajaljade nickte und ließ sich von Purpurkuckuck stützen.

Dufthauch saß noch eine Weile daneben und sprach einige tröstende Worte, dann verabschiedete sie sich. Im Hof der Roten Freude sagte sie nur, das Fräulein fühle sich ein wenig unwohl, es sei aber nichts Ernstes. Erst da beruhigte sich Schatzjade[7].

Erkundefrühling und Xiangfluss-Wolke gingen inzwischen aus dem Xiaoxiang-Pavillon geradewegs zur Alten Ahnin. Erkundefrühling ermahnte Xiangfluss-Wolke unterwegs: „Schwester, wenn wir gleich die Alte Ahnin sehen, sei nicht wieder so unbesonnen wie vorhin." Xiangfluss-Wolke nickte lachend: „Ich weiß. Vorhin war ich so erschrocken, dass ich den Kopf verlor." Damit waren sie bei der Alten Ahnin. Erkundefrühling erwähnte Kajaljades Krankheit. Die Alte Ahnin wurde unruhig und sagte: „Diese beiden Jade-Kinder machen immer Ärger mit Krankheiten! Das Mädchen Lin wird auch älter — auf ihren Körper muss man achtgeben. Ich finde, das Kind nimmt sich alles zu sehr zu Herzen." Niemand wagte zu antworten. Die Alte Ahnin wies Mandarinenente[8] an: „Sag ihnen: Wenn morgen der Arzt kommt, um Schatzjade zu untersuchen, soll er anschließend auch das Fräulein Lin besuchen." Mandarinenente bejahte und übermittelte die Botschaft den Dienerinnen, die ihrerseits die Nachricht weitergaben. Erkundefrühling und Xiangfluss-Wolke aßen mit der Alten Ahnin zu Abend und kehrten dann gemeinsam in den Garten zurück.

Am nächsten Tag kam der Arzt, untersuchte Schatzjade und befand, es sei nichts als eine Verdauungsstörung mit leichter Erkältung — nicht weiter schlimm; einige schweißtreibende Mittel, und es werde sich geben. Frau König und Phönixglanz schickten jemanden mit dem Rezept zur Alten Ahnin, und gleichzeitig wurde dem Xiaoxiang-Pavillon mitgeteilt, der Arzt komme gleich. Purpurkuckuck bejahte und deckte Kajaljade eilig zu, ließ den Bettvorhang herab; Schneegans räumte hastig das Zimmer auf.

Bald kam Kette Kaufmann[9] mit dem Arzt herein und sagte: „Dieser Herr Doktor kommt öfter — die Fräulein brauchen sich nicht zurückzuziehen." Die alten Dienerinnen hoben den Vorhang, Kette Kaufmann ließ dem Arzt den Vortritt, und sie nahmen im Zimmer Platz. Kette Kaufmann sagte: „Schwester Purpurkuckuck, schildere dem Herrn Doktor Wang zunächst den Krankheitsverlauf des Fräuleins." Der Arzt König sagte: „Warten wir erst. Lasst mich den Puls fühlen, dann sage ich, was ich gefunden habe. Wenn etwas nicht stimmt, können die Schwestern mich korrigieren." Purpurkuckuck schob durch den Vorhang Kajaljades eine Hand auf das Pulskissen heraus und streifte behutsam Armreif und Ärmel zurück, damit der Puls nicht gestört werde.

Doktor Wang fühlte lange den Puls, ließ auch die andere Hand reichen und trat dann mit Kette Kaufmann ins Vorzimmer. Er verbeugte sich vor Kette Kaufmann und sagte: „Alle sechs Pulse sind gespannt — die Ursache liegt in lang angestauter innerer Bedrückung." Purpurkuckuck kam ebenfalls heraus und stellte sich an die Tür des inneren Gemachs. Doktor Wang wandte sich an sie: „Die Patientin dürfte häufig an Schwindel leiden, wenig Appetit haben und viel träumen. Gegen fünf Uhr morgens wacht sie gewiss mehrfach auf. Auch wenn sie tagsüber etwas hört, das sie nichts angeht, regt sie sich darüber auf; dazu kommen Argwohn und Ängstlichkeit. Wer sie nicht kennt, hält ihr Wesen vielleicht für launisch, aber in Wirklichkeit liegt es an der Erschöpfung des Leber-Yin und dem Verfall der Herz-Energie — alles Auswirkungen dieser Krankheit. Stimmt das?" Purpurkuckuck nickte und sagte zu Kette Kaufmann: „Er hat es genau getroffen." Der Arzt sagte: „Wenn dem so ist, dann ist es klar."

Damit stand er auf und ging mit Kette Kaufmann in das äußere Arbeitszimmer, um das Rezept zu schreiben. Die Diener hatten bereits ein Blatt korallenrotes Briefpapier vorbereitet. Doktor Wang trank seinen Tee und schrieb dann mit dem Pinsel:

„Alle sechs Pulse sind gespannt und langsam, verursacht durch lang angestaute Bedrückung. Der linke Cun-Puls ist kraftlos — die Herz-Energie ist bereits erschöpft. Der Guan-Puls allein ist stark — Leber-Feuer dominiert. Da das Holz-Qi nicht freien Lauf hat, wird es unausweichlich die Milz-Erde angreifen: der Appetit schwindet. Im äußersten Fall obsiegt es über die Lunge — das Lungen-Metall erleidet unweigerlich Schaden. Wenn das Qi nicht die Essenz bewegt, verdichtet sie sich zu Schleim; das Blut folgt dem aufsteigenden Qi — so kommt es zum Bluthusten. Die angemessene Behandlung ist: Leber befreien, Lunge schützen, Herz und Milz nähren. Obgleich stärkende Mittel nötig sind, können sie nicht überstürzt angewendet werden. Vorläufig verordne ich die ‚Schwarze Xiaoyao-Formel' als Einstieg, gefolgt von der ‚Guifei Guijin-Formel' zur Fortsetzung. Mit aller Bescheidenheit unterbreite ich dies der Beurteilung höherer Sachverständiger."

Darunter notierte er sieben Bestandteile nebst Zubereitungshinweisen.

Kette Kaufmann nahm das Rezept und fragte: „Bei Blutstau und Blutandrang — darf man Chaihu verwenden?" Doktor Wang lachte: „Der Zweite Herr weiß, dass Chaihu ein aufsteigendes Mittel ist und bei Blutungen als kontraindiziert gilt. Doch wenn man es in Schildkrötenblut anbrät, ist Chaihu unentbehrlich, um das Qi der Leber und Gallenblase zu entfalten. Das Schildkrötenblut verhindert das Aufsteigen und nährt zugleich das Leber-Yin und unterdrückt das Feuer. Deshalb heißt es im ‚Inneren Klassiker': ‚Durchlässiges mit Durchlässigem behandeln, Verstopftes mit Verstopftem behandeln.' Chaihu in Schildkrötenblut gewendet — das ist die Methode, den Feldherrn Zhou Bo zu gebrauchen, um die Dynastie Liu zu sichern." Kette Kaufmann nickte: „So ist das also — nun verstehe ich." Doktor Wang fügte hinzu: „Zunächst zwei Dosen, dann wird angepasst oder eine neue Formel verschrieben. Ich habe noch eine Kleinigkeit zu erledigen und kann nicht lange bleiben; ich komme ein andermal wieder zur Visite." Kette Kaufmann begleitete ihn hinaus und fragte: „Und die Arznei für meinen Bruder?" Der Arzt sagte: „Beim Zweiten Herrn Bao ist es nichts Ernstes, noch eine Dosis, und er ist wohlauf." Damit stieg er in die Kutsche und fuhr davon.

Kette Kaufmann ließ die Arznei besorgen und ging zu Phönixglanz, um ihr Kajaljades Diagnose und das Rezept zu berichten. Da kam Zhou Ruis Frau und trug einige unwichtige Angelegenheiten vor. Kette Kaufmann hörte die Hälfte und sagte: „Berichte das der Zweiten Herrin — ich habe noch zu tun." Damit ging er.

Als Zhou Ruis Frau mit ihrem Bericht fertig war, sagte sie: „Ich war vorhin beim Fräulein Lin. So wie die aussieht, geht es ihr wirklich schlecht: kein Tropfen Farbe im Gesicht, nur noch Haut und Knochen. Ich fragte sie, aber sie sagte nichts und weinte nur. Dann hat mir Purpurkuckuck im Vertrauen gesagt: ‚Das Fräulein ist jetzt krank; wenn sie etwas braucht, will sie selbst nicht bitten. Ich möchte bei der Zweiten Herrin vorschüssig ein oder zwei Monatslöhne abholen: Die Arznei wird zwar aus dem Gemeinschaftsfonds bezahlt, aber für Kleinigkeiten braucht man auch Bargeld.' Das habe ich ihr zugesagt und komme nun in ihrem Auftrag zur Herrin."

Phönixglanz senkte lange den Kopf und sagte dann: „So machen wir es: Ich schenke ihr ein paar Tael Silber. Aber sag dem Fräulein Lin nichts davon. Die Monatslöhne vorschüssig auszuzahlen geht nicht: Wenn eine damit anfängt, wollen es alle — das ginge doch nicht! Erinnerst du dich noch, wie die Tante Zhao und das Dritte Fräulein sich wegen der Monatslöhne stritten? Außerdem, wie du selbst weißt: Es geht mehr hinaus als hereinkommt, das Geld reicht hinten und vorne nicht. Wer es nicht weiß, meint, ich wirtschafte schlecht; und dann gibt es noch die Sorte, die behauptet, ich schleppe alles zu meiner Herkunftsfamilie. Schwester Zhou, du hast doch selbst die Bücher in der Hand — davon wirst du wohl etwas wissen."

Zhou Ruis Frau sagte: „Das ist wahrhaftig zum Verzweifeln! Bei einem solchen Haushalt — außer unserer Herrin mit ihrem Geschick könnte das niemand führen. Nicht nur eine Frau brächte das nicht fertig — selbst ein Mann mit drei Köpfen und sechs Armen käme nicht zurecht. Und dann noch solch dummes Geschwätz!" Dann lachte sie und fuhr fort: „Und das ist noch nicht alles! Draußen reden die Leute noch größeren Unsinn. Neulich kam Zhou Rui nach Hause und erzählte, was die Leute auf der Straße sagen. Die bilden sich ein, unser Haus schwimme in Gold: ‚Das Haus Kaufmann hat mehrere Schatzkammern voller Silber und Gold, und alles Geschirr ist mit Gold eingelegt und Jade besetzt.' Andere sagen: ‚Die Tochter ist Kaiserliche Gemahlin, natürlich bekommt die Familie die Hälfte der kaiserlichen Schätze. Als die Gemahlin zum Heimatbesuch kam, brachte sie wagenweise Gold und Silber mit — deshalb ist das Haus eingerichtet wie ein Kristallpalast. Als sie im Tempel ein Gelübde einlösten, gaben sie Zigtausende Tael aus — das war wie ein Haar vom Ochsen!' Wieder andere behaupten: ‚Die Löwen vor dem Tor sind wahrscheinlich aus Jade! Im Garten stand ein goldener Qilin — einen haben sie gestohlen, jetzt ist nur noch einer übrig. Die Frauen und Fräulein im Haus, gar nicht zu reden, aber selbst die Mägde rühren keinen Finger: Sie trinken Wein, spielen Schach, spielen Laute und malen — es gibt ja genug Bedienstete. Sie tragen nur Seide und Brokat und essen und tragen lauter Dinge, die gewöhnliche Leute nicht kennen. Und die jungen Herren und Fräulein — wenn sie den Mond am Himmel wollen, steigt jemand hinauf und holt ihn.' Es gibt sogar ein Lied: ‚Haus Stillfriede-Anwesen, Prunkwille-Anwesen, Gold und Silber wie Kehricht. Aufessen kann man's nicht, auftragen nicht — rechnet man zusammen …'" Bei diesen Worten stockte sie plötzlich. Denn im Lied hieß es: „rechnet man zusammen, ist alles nur leerer Schein." Zhou Ruis Frau hatte sich verplappert und brach erschrocken ab.

Phönixglanz hatte es bereits verstanden — es musste ein ungünstiger Vers sein — und fragte nicht weiter nach. Sie sagte nur: „Das alles ist nicht so wichtig. Aber woher kommt die Sache mit dem goldenen Qilin?" Zhou Ruis Frau lachte: „Das ist der kleine goldene Qilin, den der Taoistenpriester im Tempel dem Zweiten Herrn Bao schenkte. Er ging verloren, und das Fräulein Shi fand ihn und gab ihn zurück — und daraus wurde dieses Gerücht. Ist das nicht zum Lachen?" Phönixglanz sagte: „Das ist nicht zum Lachen, das ist zum Fürchten. Uns geht es von Tag zu Tag schlechter, und nach außen hin prangt es so. Wie das Sprichwort sagt: ‚Menschen fürchten den Ruhm wie Schweine die Mast.' Und es ist ja nur leerer Ruhm — wer weiß, was daraus noch wird!" Zhou Ruis Frau sagte: „Die Herrin hat recht. Nur — in der ganzen Stadt, in jedem Teehaus, jeder Schenke und jeder Gasse redet man so, und das nicht erst seit gestern. Wie will man allen Leuten den Mund stopfen?"

Phönixglanz nickte nachdenklich, ließ dann Friedchen[10] ein paar Tael Silber abwiegen und gab sie Zhou Ruis Frau: „Bring das Purpurkuckuck und sag nur, ich schicke es ihr zum Einkaufen. Wenn sie etwas aus dem Gemeinschaftsfonds braucht, soll sie sich nehmen, aber sprich nicht von Monatlohn-Vorschuss. Sie ist ein kluges Mädchen und wird verstehen. Wenn ich Zeit habe, komme ich selbst nach dem Fräulein sehen." Zhou Ruis Frau nahm das Silber und ging.

Inzwischen war Kette Kaufmann hinausgegangen. Ein Diener kam ihm entgegen und meldete: „Der Ältere Herr lässt den Zweiten Herrn rufen." Kette Kaufmann eilte zu Begnadigung Kaufmann. Begnadigung Kaufmann sagte: „Ich habe eben gehört, dass im Palast ein Kaiserlicher Arzt und zwei Assistenten zu einer Patientin gerufen wurden — das dürfte keine gewöhnliche Hofdame sein. Gibt es in den letzten Tagen Nachrichten aus dem Palast der Gemahlin?" Kette Kaufmann verneinte. Begnadigung Kaufmann sagte: „Erkundige dich beim Zweiten Herrn und bei deinem Cousin Zhen. Oder schicke jemanden zur Kaiserlichen Akademie, um Näheres zu erfahren." Kette Kaufmann bejahte, schickte Boten zur Akademie und eilte zu Aufrecht Kaufmann[11] und Herrlichkeit Kaufmann[12]. Aufrecht Kaufmann fragte: „Woher stammt das Gerücht?" Kette Kaufmann antwortete: „Der Ältere Herr hat es eben erzählt." Aufrecht Kaufmann sagte: „Geh am besten mit Cousin Zhen und erkundige dich genauer." Kette Kaufmann sagte: „Ich habe schon jemanden zur Kaiserlichen Akademie geschickt." Damit zog er sich zurück und traf Herrlichkeit Kaufmann, der ihm bereits entgegenkam und denselben Bericht brachte. Beide gingen gemeinsam zu Aufrecht Kaufmann. Aufrecht Kaufmann sagte: „Falls es die Kaiserliche Gemahlin Yuan betrifft, werden wir früher oder später Nachricht erhalten." Auch Begnadigung Kaufmann kam hinzu.

Gegen Mittag waren die Kundschafter noch nicht zurück. Da meldeten die Pförtner: „Zwei Eunuchen sind draußen und wünschen die beiden Herren zu sprechen." Begnadigung Kaufmann sagte: „Bittet sie herein." Die Pförtner führten die Eunuchen herein. Begnadigung Kaufmann und Aufrecht Kaufmann empfingen sie am zweiten Tor. Zuerst erkundigten sie sich nach dem Wohlbefinden der Kaiserlichen Gemahlin; dann traten alle in die Halle und nahmen Platz. Der Eunuch sprach: „Die Kaiserliche Gemahlin Eures Hauses war in den letzten Tagen unwohl. Gestern erging ein kaiserlicher Erlass: Vier weibliche Verwandte dürfen sie besuchen, jede mit einer Magd; weitere Begleitung ist nicht gestattet. Die männlichen Verwandten dürfen nur am äußeren Palasttor ihre Visitenkarten abgeben und auf Nachricht warten; das Betreten des Palastes ist ihnen untersagt. Der Besuch ist morgen zwischen der Chen- und Si-Stunde gestattet, die Abreise zwischen der Shen- und You-Stunde." Aufrecht Kaufmann und Begnadigung Kaufmann standen auf und nahmen den Erlass entgegen. Man bot den Eunuchen Tee an, und sie verabschiedeten sich.

Begnadigung Kaufmann und Aufrecht Kaufmann begleiteten sie bis zum Haupttor und kehrten zurück, um die Alte Ahnin zu informieren. Die Alte Ahnin überlegte: „Vier weibliche Verwandte — das werden ich, die beiden Schwiegertöchter und noch eine sein." Niemand wagte etwas zu sagen. Die Alte Ahnin dachte nach: „Es muss Phönixglanz sein — sie versteht es, sich um alles zu kümmern." Begnadigung Kaufmann und Aufrecht Kaufmann verbeugten sich und gingen, um die weiteren Vorbereitungen zu treffen. Kette Kaufmann und Hibiskus Kaufmann sollten das Haus hüten; alle anderen männlichen Verwandten vom „Wen"-Radikal bis zum „Cao"-Radikal sollten mitgehen. Vier grüne Sänften und über zehn Kutschen mit grünem Verdeck wurden für den Morgen bereitgestellt. Begnadigung Kaufmann und Aufrecht Kaufmann gingen wieder hinein und berichteten der Alten Ahnin: „Der Besuch ist zwischen der Chen- und Si-Stunde; der Rückweg beginnt zwischen Shen und You. Bitte ruht Euch heute früh aus, damit Ihr morgen zeitig aufbrechen könnt." Die Alte Ahnin sagte: „Ich weiß, geht nur." Die Herren zogen sich zurück. Frau Strafe, Frau König und Phönixglanz sprachen noch eine Weile über Urfrühlings Krankheit und gingen dann auseinander.

Am nächsten Morgen, in der Dämmerung, waren alle Lichter angezündet, alle Damen gewaschen und geschmückt, alle Herren bereit. Zur ersten Stunde kamen Lin Zhixiao und Lai Da zum zweiten Tor und meldeten: „Sänften und Wagen stehen bereit." Bald darauf erschienen auch Begnadigung Kaufmann und Frau Strafe. Man frühstückte; Phönixglanz stützte die Alte Ahnin zum Wagen. Jeder Dame folgte eine Magd. Zwei Reitknechte ritten voraus zum äußeren Palasttor; die Familie folgte. Kette Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann hüteten das Haus.

Am äußeren westlichen Palasttor hielt die Gesellschaft an. Zwei Eunuchen traten heraus und verkündeten: „Die Damen des Hauses Jia mögen eintreten; die Herren haben am inneren Palasttor zu warten und dürfen nicht eintreten." Die vier Sänften folgten den Eunuchen; die Herren gingen zu Fuß hinterher. Am inneren Tor verweilten die Herren; die Sänften wurden bis zum Palast der Kaiserlichen Gemahlin getragen. Dort stiegen die Damen aus und wurden von Hofdamen geführt. Als sie das Schlafgemach der Gemahlin erreichten, erstrahlte es in feierlichem Glanz. Zwei Hofdamen übermittelten: „Es genügt ein Gruß — alle Zeremonien sind erlassen." Die Alte Ahnin dankte, trat ans Bett, grüßte die Gemahlin, und alle nahmen die angewiesenen Plätze ein. Urfrühling fragte die Alte Ahnin: „Wie geht es Euch in letzter Zeit?" Die Alte Ahnin erhob sich zitternd, gestützt auf ein Mädchen, und antwortete: „Dank der Gnade Ihrer Majestät bin ich noch bei guter Gesundheit." Urfrühling fragte auch Frau Strafe und Frau König nach ihrem Wohlbefinden. Dann wandte sie sich an Phönixglanz: „Wie steht es mit dem Haushalt?" Phönixglanz erhob sich und antwortete: „Wir kommen zurecht." Urfrühling sagte: „Diese Jahre haben dir viel Mühe gemacht."

Gerade wollte Phönixglanz antworten, da brachte eine Hofdame eine Liste mit vielen Visitenkarten. Urfrühling las die Namen — Begnadigung Kaufmann, Aufrecht Kaufmann und die anderen —, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie trocknete sie mit einem Seidentuch und befahl: „Heute fühle ich mich etwas besser — lasst sie draußen ruhen." Die Alte Ahnin erhob sich und dankte. Urfrühling sagte unter Tränen: „Als Vater, Tochter und Geschwister sind wir schlechter daran als eine einfache Familie, die sich jederzeit sehen kann." Die Alte Ahnin unterdrückte ihre Tränen: „Eure Majestät braucht sich nicht zu grämen — die Familie genießt dank Eurer Majestät viele Segnungen." Urfrühling fragte noch: „Wie steht es mit Schatzjade?" Die Alte Ahnin antwortete: „In letzter Zeit lernt er recht fleißig. Sein Vater hält ihn streng, und seine Aufsätze sind auch besser geworden." Urfrühling sagte: „So ist es recht." Dann befahl sie, im Außenpalast ein Bankett auszurichten. Hofdamen und Eunuchen geleiteten die Besucher in einen Saal, wo alles gerichtet war. Man nahm nach Rang Platz und speiste.

Nach dem Essen dankte die Alte Ahnin. Man verweilte noch eine Weile, doch als die You-Stunde nahte, wagte man nicht länger zu bleiben. Alle verabschiedeten sich von Urfrühling; Hofdamen geleiteten sie bis zum inneren Tor, und die Eunuchen brachten sie hinaus. Die Alte Ahnin und ihre Begleiterinnen stiegen in die Sänften, wurden draußen von Begnadigung Kaufmann und den anderen empfangen, und alle kehrten gemeinsam heim. Man beriet auch schon die Besuche der folgenden Tage.

Nun zu Goldosmanthus Schnees Haushalt: Seit sie Becken Schnee fortgejagt hatte, fehlte ihr tagsüber der Streitpartner. Duftkastanie wohnte inzwischen bei Schatzspange[13], und nur Baochan war noch bei ihr. Doch seit Baochan zur Nebenfrau Becken Schnees bestimmt worden war, gab sie sich nicht mehr so unterwürfig wie zuvor. In Jinguis Augen war sie damit nur eine weitere Gegnerin — zu spät bereute sie es.

Eines Tages hatte Jingui ein paar Gläser Wein getrunken und lag auf dem Kang. Sie wollte Baochan als Zielscheibe benutzen. „Wohin ist der Herr neulich verreist?" fragte sie. „Du weißt es natürlich." Baochan entgegnete: „Woher soll ich das wissen? Wenn er es nicht einmal der Herrin sagt, woher sollte ich es wissen?" Jingui lachte höhnisch: „Wo gibt es heute noch Herrinnen und Mägde? Es ist alles eure Welt geworden. Andere darf man ja nicht reizen — die haben ihren Schutzschild. Du bist immerhin noch meine Magd; ich frage dich ein einziges Wort, und du schneidest mir eine Grimasse. Da du so mächtig bist, warum erdrosselst du mich nicht? Dann könntest du oder Duftkastanie die Herrin spielen — wäre das nicht fein? Aber leider sterbe ich nicht, und das steht euch im Weg."

Baochan konnte das nicht hinnehmen und starrte Jingui mit weit aufgerissenen Augen an: „Diese Reden, Herrin, spart Euch für andere. Ich habe Euch kein Wort widersprochen. Wenn Ihr es nicht wagt, andere zu reizen, warum lasst Ihr's dann an uns aus? Was anständig wäre, tut Ihr, als hörtet Ihr es nicht!" Damit brach sie in lautes Weinen aus. Jingui wurde noch wilder, sprang vom Kang und wollte Baochan schlagen. Doch Baochan hatte das Temperament der Familie Xia und gab keinen Fingerbreit nach. Jingui fegte Tische, Stühle und Tassen um. Baochan schrie nach Gerechtigkeit, ohne sich um sie zu kümmern.

Tante Schnee[14], die drüben bei Schatzspange saß, hörte den Tumult und rief: „Duftkastanie, geh hinüber und sieh nach — versuch, sie zu beruhigen." Schatzspange sagte: „Das geht nicht, Mama. Wenn sie hingeht, ist das Öl ins Feuer." Tante Schnee sagte: „Dann gehe ich selbst." Schatzspange erwiderte: „Meiner Meinung nach solltest du auch nicht gehen. Lass sie sich austoben — es hilft doch nichts." Tante Schnee rief: „So geht das nicht weiter!" und ging, gestützt auf eine Magd, zu Jingui hinüber. Schatzspange folgte, ermahnte aber Duftkastanie: „Bleib hier."

Mutter und Tochter kamen an Jinguis Zimmertür, und drinnen wurde immer noch gekreischt und geweint. Tante Schnee rief: „Was soll das wieder? Stellt ihr das Haus auf den Kopf? Sieht das noch aus wie ein ordentlicher Haushalt? Bei unseren niedrigen Mauern und kleinen Höfen — habt ihr keine Angst, dass die Verwandten euch auslachen?" Aus Jinguis Zimmer kam die Antwort: „Ich hätte ja Angst vor Gerede! Aber hier steht der Besen auf dem Kopf — es gibt keine Herrin, keine Magd, keine Hauptfrau, keine Nebenfrau — alles geht drunter und drüber! Wir von der Familie Xia kennen solche Zustände nicht; das halte ich nicht aus!"

Schatzspange sagte: „Liebe Schwägerin, Mama ist nur gekommen, weil sie den Lärm hörte. Wenn sie vor Aufregung nicht zwischen ‚Schwägerin' und ‚Baochan' unterschieden hat — was macht das schon? Lasst uns die Sache klären und friedlich zusammenleben, damit Mama nicht jeden Tag um unseretwillen Sorgen hat." Tante Schnee stimmte zu: „Ja, klärt erst die Sache — danach könnt ihr mir immer noch Vorwürfe machen!"

Jingui höhnte: „Liebes Fräulein, liebes Fräulein, du bist ja so tugendhaft und gütig! Du wirst sicher einen guten Mann und eine gute Familie bekommen — ganz anders als ich, die lebend Witwe spielt, ohne Verwandte, der man auf dem Kopf herumtanzt. Ich bin eben ein einfältiger Mensch — nur bitte, Fräulein, nimm mir nicht jedes Wort übel. Ich hatte keine Eltern, die mich erzogen haben. Und was in meinem Schlafgemach zwischen Mann und Frauen geschieht, hat das Fräulein ohnehin nicht zu bestimmen!"

Schatzspange hörte das — Scham und Zorn zugleich, und der Anblick ihrer Mutter tat ihr zusätzlich weh. Sie schluckte ihren Ärger hinunter und sagte: „Schwägerin, ich rate dir, weniger zu reden. Wer kritisiert dich? Wer schikaniert dich? Von Duftkastanie gar nicht zu reden — ich habe nie ein lautes Wort gegen sie gesagt."

Jingui schlug auf den Kangrand und weinte noch lauter: „Wie könnte ich mich mit Duftkastanie vergleichen! Nicht einmal den Staub unter ihren Füßen bin ich wert! Sie ist lange genug hier, kennt die Absichten des Fräuleins und versteht sich einzuschmeicheln. Ich bin neu hier und kann nicht schmeicheln — wie darf man mich mit ihr vergleichen? Wie grausam! Es können eben nicht alle das Glück einer Kaiserlichen Gemahlin haben. Seid lieber gütig — sonst müsst ihr am Ende noch wie ich einen Dummkopf heiraten und lebendig Witwe spielen, das wäre eine schöne Blamage!"

Tante Schnee konnte nicht mehr an sich halten, stand auf und rief: „Ohne meiner eigenen Tochter schmeicheln zu wollen — sie redet dir mit jedem Satz gut zu, und du stachelst sie mit jedem Satz! Wenn du etwas auszusetzen hast, lass es an mir aus — mich umzubringen wäre kein großes Ding!" Schatzspange beschwichtigte: „Mama, rege dich nicht auf. Wir sind doch gekommen, um zu schlichten — wenn wir uns selbst aufregen, kommt noch mehr Ärger hinzu. Gehen wir lieber und lassen die Schwägerin zur Ruhe kommen." Sie wies Baochan an: „Du hörst auch auf." Und damit gingen sie.

Im Hof begegneten ihnen eine Magd der Alten Ahnin und Duftkastanie. Tante Schnee fragte: „Woher kommst du? Geht es der Alten Ahnin gut?" Das Mädchen antwortete: „Der Alten Ahnin geht es gut. Sie schickt mich, um der Tante guten Tag zu sagen, für die Litschis neulich zu danken und dem Fräulein Qin zu gratulieren." Schatzspange fragte: „Wann bist du gekommen?" Die Magd antwortete: „Schon vor einer ganzen Weile." Tante Schnee errötete verlegen: „Wie du siehst, gibt es bei uns zu Hause solchen Aufruhr — euer Haus lacht gewiss über uns." Das Mädchen sagte: „Aber Tante, so etwas gibt es doch überall — wo gibt es nicht einmal Streit? Das denkt Ihr Euch nur." Man kehrte in Tante Schnees Zimmer zurück, und nach einer kurzen Weile ging die Magd.

Schatzspange hatte gerade Duftkastanie etwas zugeflüstert, als Tante Schnee plötzlich aufschrie: „Mein linker Rippenbogen schmerzt fürchterlich!" Damit sank sie auf den Kang. Schatzspange und Duftkastanie waren entsetzt.

Wie es weiterging, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.

  1. Die Kaiserliche Gemahlin Jia (贾元春, Yuánchūn): Älteste Tochter Aufrecht Kaufmanns, Nebengemahlin des Kaisers.
  2. Erkundefrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".
  3. Xiangfluss-Wolke: Chin. 湘云 Xiāngyún, wörtl. „Wolke des Xiang-Flusses".
  4. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
  5. Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".
  6. Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".
  7. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
  8. Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".
  9. Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadeschale".
  10. Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedliche".
  11. Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".
  12. Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Schein-Echtheit".
  13. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
  14. Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".

Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).