Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 89"

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search
(German-only page for Hongloumeng chapter 89)
 
(DE4 Korrektur-Update Kap. 89)
 
(4 intermediate revisions by the same user not shown)
Line 1: Line 1:
__NOTOC__
+
Neunundachtzigstes Kapitel
<div style="background-color: #8b1a1a; color: white; padding: 12px 15px; margin: 0 0 20px 0; border-radius: 4px; font-size: 1.1em;">
 
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_82|<span style="color: #FFD700;">82</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_83|<span style="color: #FFD700;">83</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_84|<span style="color: #FFD700;">84</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_85|<span style="color: #FFD700;">85</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_86|<span style="color: #FFD700;">86</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_87|<span style="color: #FFD700;">87</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_88|<span style="color: #FFD700;">88</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">89</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_90|<span style="color: #FFD700;">90</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
 
</div>
 
  
<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
+
Die Verstorbene ist fort, doch die Dinge sind noch da — der junge Herr dichtet ein Lied,
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_89|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_89|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
+
Schlangenspiegelung im Becher — Fräulein Pin hört auf zu essen
</div>
 
  
= Kapitel 89 =
+
Wie berichtet, saß Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".</ref> gerade grübelnd da, als sie die Nachricht des kleinen Mädchens erschreckte. Hastig fragte sie: „Was für eine Amtssache?" Das Mädchen sagte: „Ich weiß es nicht. Eben kam ein Diener vom zweiten Tor herein und meldete dem gnädigen Herrn etwas Dringendes." Phönixglanz hörte, dass es das Ministerium für Öffentliche Arbeiten betraf, und beruhigte sich ein wenig. Sie sagte: „Geh zurück und bestelle der Gnädigen Frau, dass der Zweite Herr gestern Abend Geschäfte außerhalb der Stadt hatte und nicht zurückgekommen ist. Man möge zunächst den Ersten Herrn Zhen rufen." Das Mädchen ging.
== 人亡物在公子填词 / 蛇影杯弓颦卿绝粒 ==
 
  
Eine Amme brachte Tee. Sie saßen zusammen, erst  bei  Morgendämmerung  schlief  Miau-yü  endlich  ein. Die
+
Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Schein-Echtheit".</ref> kam, sprach mit dem Ministerialbeamten und berichtete dann Frau König: „Das Ministerium meldet: Gestern ging eine Eingabe des Oberflussinspektors ein — in Henan ist der Fluss an mehreren Stellen durchgebrochen und hat einige Präfekturen und Kreise überschwemmt. Es werden Staatsgelder benötigt, um Deiche und Stadtmauern zu reparieren. Die Beamten des Ministeriums müssen nun alles überwachen und schickten deshalb einen Boten zum gnädigen Herrn." Damit zog er sich zurück. Als Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".</ref> nach Hause kam, wurde ihm alles berichtet. Von da an bis in den Winter hatte Aufrecht Kaufmann täglich zu tun und war oft im Ministerium. Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref>s Studien wurden allmählich nachlässiger, doch aus Furcht, Aufrecht Kaufmann könnte es bemerken, wagte er nicht, der Schule fernzubleiben, und ging auch zu Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".</ref> seltener.
  
 +
Es war Mitte des zehnten Monats. Schatzjade stand auf und wollte zur Schule. Das Wetter war plötzlich kalt geworden. Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".</ref> hatte bereits ein Bündel Kleidung bereitgelegt und sagte: „Es ist heute sehr kalt — nimm morgens und abends lieber etwas Wärmeres." Sie holte ein Stück heraus und half Schatzjade hinein. Ein weiteres wickelte sie ein und gab es einem kleinen Mädchen, die es Beiming übergab: „Wenn der Zweite Herr sich umziehen will, halte alles bereit." Beiming sagte zu und folgte Schatzjade mit dem Filzbündel.
  
Aus: Jingsi shanmin 1815.
+
In der Schule erledigte Schatzjade seine Aufgaben, als plötzlich ein Windstoß gegen die Papierfenster klatschte. Dairu sagte: „Das Wetter schlägt schon wieder um." Er öffnete die Windtür — im Nordwesten türmten sich Wolkenberge und wälzten sich nach Südosten. Beiming kam herein: „Zweiter Herr, es wird kalt — zieht Euch etwas über." Schatzjade nickte. Beiming brachte ein Kleidungsstück herein. Schatzjade schaute hin — und erstarrte. Auch die kleinen Schüler rissen die Augen auf. Es war der Goldbrokat-Fasanenpelz, den Heitermuster<ref>Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster".</ref> einst geflickt hatte. Schatzjade fragte: „Warum hast du ausgerechnet den mitgebracht? Wer hat ihn dir gegeben?" Beiming: „Die Mädchen drinnen haben ihn eingepackt." Schatzjade sagte: „Mir ist nicht so kalt — ich ziehe ihn lieber nicht an. Pack ihn wieder ein." Dairu dachte, Schatzjade wolle das Kleidungsstück schonen, und freute sich über seine Sparsamkeit. Beiming bat: „Zieht ihn doch an, Zweiter Herr. Wenn Ihr Euch erkältet, bin ich schuld. Tut es mir zuliebe." Schatzjade musste ihn widerwillig anziehen und saß dann reglos und geistesabwesend vor seinen Büchern. Dairu dachte, er lese, und ließ ihn in Ruhe.
  
Nonne schickte nach den Ärzten, verschiedene kamen und nahmen ihren Puls. Es gab ebenso viele unterschiedliche Diagnosen wie Doktoren. Exzessive Sorgen, die die Milz schädigten; entzündliches Eindringen in den Blutkreislauf; Angriff eines bösen Geistes; Kombination einer inneren Erkältung und äußeren Unterkühlung. Keine dieser Diagnosen schien überzeugend. Schließlich kam ein Arzt, dessen erste Frage nach dem Pulsfühlen war: „Hat das Fräulein Meditation praktiziert?“
+
Am Abend bat Schatzjade Dairu um einen Tag Urlaub wegen Unwohlsein. Dairu, selbst ein alter Mann, der nur der Gesellschaft einiger Kinder wegen Schule hielt und selbst oft kränkelte, ließ sich gern einen Schüler weniger sorgen; zumal er wusste, dass Aufrecht Kaufmann beschäftigt und die Herzoginmutter nachsichtig war — so nickte er.
Eine ältere Nonne informierte ihn, daß sie regelmäßig meditiere.
 
„Und ist diese Krankheit recht plötzlich letzte Nacht ausgebrochen?“ – „Ja.“ – „Zweifellos Hitze im Herzbereich aufgrund des Eindringens eines umherwandernden bösen Dämons.“ –
 
„Wird sie wieder gesund?“ –
 
„Glücklicherweise schien die Meditation nicht allzu weit fortgeschritten, so daß der Geist nicht zu tief in sie eindringen konnte. Sie wird sich höchstwahrscheinlich erholen.“
 
Er schrieb ein Rezept für einen Kräutersud, der das Herzfeuer senken sollte. Miau-yü zeigte bereits nach einer Dosis der Medikation Zeichen der Besserung.
 
Die Nachricht ihres Anfalls breitete sich schnell aus und wurde zum Stadtgespräch. „Es war vorherbestimmt, daß all diese Sittsamkeit und Religion für ein Mädchen ihres Alters zuviel war. Besonders für so ein attraktives, lebendiges Ding..., außerdem hat sie einen anständigen und empfindsamen Charakter. Irgendwann wird sie jemandem folgen und dort unterkommen und wird sich damit unter Wert verkaufen.“
 
Nach ein paar Tagen ging es Miau-yü ein wenig besser. Aber ihre Konzentration schien fort zu sein, und sie fühlte sich wie in Trance.
 
Hsi-tschun saß in ihrem Zimmer, als plötzlich Tsai-ping hereinkam.
 
„Fräulein, haben sie gehört, was mit Schwester Miau-yü geschehen ist?“ –
 
„Nein – was denn?“ –
 
„Ich hörte Fräulein Hsing und Frau Dschu gestern darüber sprechen. Erinnern sie sich an den Tag, an welchem sie Go spielte? Offensichtlich hatte sie in der folgenden Nacht einen Anfall. Sie erzählte von Banditen, die sie verschleppen wollten, und ähnliche seltsame Dinge. Sie hat sich immer noch nicht erholt. Finden Sie das nicht auch merkwürdig?“
 
  
 +
Schatzjade kehrte direkt nach Hause zurück, begrüßte die Herzoginmutter und Frau König mit der gleichen Erklärung — natürlich glaubte man ihm. Er saß kurz und ging dann in den Garten. Im Hof der Roten Freude<ref>Hof der Roten Freude (怡红院): „Hof der Roten Freude", Schatzjades Wohnsitz im Garten der Großen Anschauung.</ref> war er nicht so heiter und gesprächig wie sonst, sondern legte sich angezogen auf den Kang. Dufthauch fragte: „Das Abendessen ist fertig — willst du jetzt essen oder später?" Schatzjade sagte: „Ich esse nichts, mir ist unwohl. Esst ihr."
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
+
Dufthauch sagte: „Dann solltest du wenigstens das Kleid ausziehen. Das Stück verträgt keine grobe Behandlung." Schatzjade: „Muss nicht sein." Dufthauch: „Es geht nicht nur um den feinen Stoff — sieh dir die Näharbeit an! Die sollte man nicht ruinieren!" Diese Worte trafen Schatzjades wunden Punkt. Er seufzte: „Dann nimm es und verwahre es gut. Ich werde es nie wieder tragen." Er stand auf und zog es aus. Als Dufthauch es nehmen wollte, hatte er es bereits selbst zusammengelegt. Dufthauch fragte verwundert: „Seit wann ist der Zweite Herr so sorgfältig?" Schatzjade antwortete nicht. Als er fertig war, fragte er: „Wo ist das Tuch, in das es eingewickelt war?" Moschusmond<ref>Moschusmond: Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".</ref> reichte es eilig herüber und ließ ihn selbst einpacken, wobei sie Dufthauch hinter seinem Rücken zuzwinkerte und kicherte.
Hsi-tschun dachte bei sich: ‚Miau-yü ist zwar rein, aber sie hat den weltlichen Kontakt noch nicht abgebrochen. Wäre ich nur in eine andere Familie geboren worden! Hätte ich nur die Freiheit, eine Ordensschwester zu werden! Ich würde niemals von bösen Geistern in Versuchung geführt. Ich weiß, ich könnte jeden schlechten Gedanken überwinden und die vollständige Loslösung von der Welt mitsamt ihren Verwirrungen erreichen.‘ - Mit diesen Gedanken erfuhr sie eine plötzliche Erleuchtung, die man so beschreiben könnte:
 
  
Am Anfang, als noch kein Raum war,
+
Schatzjade beachtete es nicht und saß niedergeschlagen da. Die Uhr auf dem Regal schlug; er sah auf seine Taschenuhr — schon Viertel nach fünf. Bald brachte ein Mädchen Licht. Dufthauch sagte: „Wenn du nicht essen willst, trink wenigstens eine halbe Schale heiße Reissuppe. Hungern ist nicht gut — wenn sich Leerlaufhitze einstellt, müssen wir es ausbaden." Schatzjade schüttelte den Kopf: „Ich habe noch keinen richtigen Hunger — wenn ich mich zwinge, wird mir nur schlecht." Dufthauch: „Dann geh lieber gleich schlafen." Dufthauch und Moschusmond richteten das Bett, und Schatzjade legte sich hin. Er wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Erst gegen Morgen döste er kurz ein, doch nach nicht mehr als der Dauer einer Mahlzeit war er schon wieder wach.
hatte kein Ding seinen Ort.
 
Alles kommt aus der Leere,
 
zur Leere kehrt alles zurück.
 
  
Sie forderte eine Magd auf, etwas Räucherstäbchen anzuzünden, und meditierte eine Weile. Dann nahm sie ihr Go-Handbuch und begann, es durchzusehen und die Techniken so großer Go-Meister wie den alten Kung Jung und Wang Dji-hsin zu studieren. Es gab die Strategien „In Lotusblüten eingerollter Krebs“ und „Der Wellensittich schlägt den Hasen“; doch sie fand nichts davon besonders eindrucksvoll und „Tod aus den Ecken in sechs­und­dreißig Zügen“ fand sie schwer zu verstehen und noch schwerer zu merken. Es war die „Drachenkette der zehn galoppierenden Pferde“, die ihr Interesse weckte. Sie übte sie gerade, als sie jemanden in den Hof kommen hörte, der rief:
+
Dufthauch und Moschusmond waren ebenfalls aufgestanden. Dufthauch sagte: „Ich habe gehört, wie du dich bis zum fünften Nachtwächtersignal gewälzt hast. Ich wagte nicht zu fragen. Dann bin ich selbst eingeschlafen — hast du schließlich doch geschlafen?" Schatzjade: „Kurz. Ich weiß nicht, warum ich so früh aufgewacht bin." Dufthauch: „Fehlt dir etwas?" Schatzjade: „Nein, ich bin nur unruhig im Herzen."
„Tsai-ping!“
 
Doch um zu wissen, wer dieser Besucher war, muß man zum nächsten Kapitel gehen.
 
88. Bau-yü erfreut seine Großmutter, indem er einen Waisen lobt
 
Djia Dschën stärkt die Familiendisziplin, indem er zwei widerspenstige Diener bestraft.
 
  
Hsi-tschun rätselte über dem Go-Handbuch, als sie jemanden draußen rufen hörte: „Tsai-ping!“
+
Dufthauch fragte: „Gehst du heute in die Schule?" Schatzjade: „Ich habe gestern schon einen Tag Urlaub genommen. Heute möchte ich im Garten spazieren und mich ein wenig zerstreuen, aber es ist so kalt. Richtet mir ein Zimmer her, mit einem Räuchergefäß, Papier, Tusche, Pinsel und Tuschstein. Ihr könnt eure Sachen machen — ich möchte einen halben Tag still für mich sitzen. Schickt mir niemanden herein." Moschusmond sagte: „Wenn der Zweite Herr in Ruhe arbeiten will, wer würde ihn stören?" Dufthauch meinte: „Das ist sehr gut — so erkältest du dich auch nicht, und ein wenig Stille sammelt den Geist." Dann fragte sie: „Wenn du keine Lust auf Essen hast — was soll die Küche machen? Sag es früh." Schatzjade: „Etwas Einfaches, kein großes Aufheben. Legt nur ein paar Früchte in das Zimmer — ihres Duftes wegen." Dufthauch: „Welches Zimmer soll es sein? Die meisten sind nicht sauber genug. Nur das, wo Heitermuster früher wohnte — da kommt niemand hin, es ist noch sauber, nur etwas kalt." Schatzjade: „Macht nichts — stellt den Kohleofen hinüber." Dufthauch sagte zu.
Sie erkannte die Stimme von Yüan-yang. Tsai-ping ging hinaus in den Hof und erschien wieder mit Yüan-yang, gefolgt von einem jüngeren Dienstmädchen, das ein kleines Paket, das in gelbe Seide eingewickelt war, trug.
 
„Was ist das?“, fragte Hsi-tschun, ihre Neugierde wurde größer. Yüan-yang erklärte: „Nächstes Jahr ist der einundachtzigste Geburtstag der gnädigen Frau und weil in einundachtzig die neun versteckt ist (sowohl die Wurzel als auch die Quersumme), hat sich vorgenommen und versprochen, neun Nächte Wohltaten und fromme Handlungen zu vollbringen, es müssen dreitausendsechshunderteinundfünfzig Kopien des Sutras des makellosen Diamanten angefertigt werden. Das alles wurde den Sutren-Schreiberlingen ausgehändigt. Aber es gibt da ein bekanntes Sprichwort: „Wenn das Diamantensutra die äußere Hülle der Magie ist, ist sein Herz das Sutra des Herzens der Weisheit.“ Mit anderen Worten, um die eigene Leistung zu steigern, sollte man auch in das Herz-Sutra schauen. Also will die gnädige Frau nun auch Kopien davon haben und weil diese eine große Bedeutung und eine Verbindung mit unserer Göttin der Barmherzigkeit haben, will sie 365 Kopien von den jungen Damen und jungen Herrinnen der Familie haben. Abgesehen von Fräulein Liän, die zu beschäftigt ist, den Haushalt zu machen und sowieso nicht schreiben kann, haben alle Herrinnen, die irgendwie schreiben können einen Anteil an diesem Akt der Frömmigkeit und Ergebenbheit, sogar Frau Dschën und die anderen Damen Herrn Dschëns aus dem östlichen Herrenhaus. Natürlich wird von jedem Familienangehörigen erwartet mitzumachen.“
 
Hsi-tschun nickte.
 
„Andere Dinge mache ich vielleicht nicht so gut, aber wenn es um das Abschreiben von Sutren geht, bin ich im eigenen Element. Laß sie gleich hier und trink etwas Tee!“, Yüan-yang stellte die kleinen Pakete auf den Tisch und setzte sich mit Hsi-tschun, während Tsai-ping ihr eine Tasse Tee einschenkte.
 
Wirst du auch etwas kopieren?“, fragte Hsi-tschun mit einem Lächeln.
 
„Ärgere mich nicht, Fräulein!“, antwortete Yüan-yang, „vor drei oder vier Jahren hätte ich das vielleicht gekonnt. – Aber ich habe keine Praxis mehr. Wann hast du mich zuletzt mit einem Pinsel in der Hand gesehen?“ –
 
„Aber denke an das Verdienst, das du erlangen würdest.“ –
 
„Ich habe schon daran gedacht“, antwortete Yüan-yang. „Jeden Tag, nachdem ich die gnädige Frau zu Bett gebracht habe, habe ich Buddhas Namen angerufen und meinen ‚Buddha-Reis‘ gezählt. Ich habe mehr als drei Jahre immer eine Schüssel Reiskörner, Korn für Korn mit einem Gebetsspruch durchmeditiert. Und ich werde diesen Reis jetzt gut aufbewahren, bis die Herzoginmutter die neuntägige Meditation macht. Dann werde ich sie als meine anzubetende Boddhisatva nehmen und das ist auch eine kleine Geste meines Mitgefühls und meiner Ergebung für die gnädige Frau.“ – Hsi-tschun entgegnete: „Es hört sich an, als wenn unsere Herzoginmutter die Göttin der Barmherzigkeit und du die Tochter des Drachenkönigs würden!“ –
 
„Oh nein, Fräulein!“, protestierte Yüan-yang, „das ist zu viel der Ehre. Es ist trotzdem wahr, ich könnte niemandem außer der gnädigen Frau dienen. Ich muß durch eine Art Karma aus einem früheren Leben an sie gebunden sein.“
 
Mit diesen Worten erhob sich Yüan-yang, um zu gehen, und bat das jüngere Mädchen, das kleine Paket zu öffnen und den Inhalt Hsi-tschun zu zeigen.
 
„Dieses Bündel weißen Papiers soll für die Sutren benutzt werden. Und während du schreibst“, fuhr sie fort und gab ihr ein Bündel tibetischer Räucherstäbchen, „sollst du die hier anzünden.“
 
Hsi-tschun nickte und Yüan-yang kehrte mit ihren anderen Dienstmädchen zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück, wo sie dem Backgammon-ähnlichen Spiel Schuang-lu zwischen der Herzoginmutter und Li Wan zuschaute. Li Wan würfelte gut und räumte mit ihrem nächsten Zug einige der Steine der Herzoginmutter ab. Yüan-yang hatte Schwierigkeiten ein ern­stes Gesicht zu machen.
 
Sie wurden dann von ihrem Spiel durch die Ankunft von Bau-yü abgelenkt, der in jeder Hand einen kleinen geflochtenen Käfig hielt, in welchen sich Kampfgrashüpfer befanden.
 
„Ich hörte, du habest nicht gut geschlafen, Großmutter“, sagte er, „also habe ich dir diese mitgebracht, damit sie dich aufheitern.“ Die Herzoginmutter lachte.
 
„Nur weil dein Vater nicht zu Hause ist, hast du bloß noch Flausen im Kopf.“
 
Als er seine Unschuld beteuerte, fragte die Herzoginmutter:
 
„Warum bist du dann nicht in der Schule? Was hast du denn überhaupt mit diesen Dingern vor?“ –
 
„Das war nicht meine Idee, Großmutter“, erklärte Bau-yü, „vor ein oder zwei Tagen mußten Huan und Lan jeder ein Reimpaar in der Schule schreiben, und als Huan stecken blieb, flüsterte ich ihm etwas zu, um ihm zu helfen. Als er es zitierte, war der Lehrer beeindruckt und lobte ihn dafür sehr. Huan kaufte mir diese Kampfgrashüpfer zum Dank. Ich würde sie dir gerne schenken.“ –
 
„Hat der Huan nicht täglich geübt?“, rief die Herzoginmutter aus, „kann er noch nicht einmal selbst ein Reimpaar machen? Dann sollte er von seinem Lehrer ein paar hinter die Ohren bekommen. Das würde ihm eine Lektion sein. Und du, hast du vergessen, wie es war, als dein Vater zu Hause war und dich um ein paar Verse gebeten hat? Du hattest soviel Respekt, daß du aussahst, wie ein kleines Gespenst. Bilde dir jetzt bloß nicht zuviel ein. Was für ein Bengel dieser Huan ist! Um Hilfe zu betteln und dann nach einem netten Geschenk zu suchen, um dich damit zu kaufen! So klein und weiß schon, wie man die anderen ausnutzt, er sollte sich schämen! Der Himmel alleine weiß, wie er sein wird, wenn er groß ist.“
 
Gelächter erfüllte den Raum.
 
„Aber erzähl’ mir vom jungen Lan“, fuhr die Herzoginmutter fort. „Wie hat er es geschafft? Als jüngster hätte ihm streng genommen Huan helfen müssen.“
 
Bau-yü lachte: „Oh nein! Er brauchte keine Hilfe. Er konnte das allei­ne.“ –
 
„Das glaube ich dir nicht!“, sagte die Herzoginmutter, „das waren wieder du und deine Tricks, da bin ich mir sicher. Hör’ dich an! Ein Kamel, das aus einer Schafherde kommt! Nur weil du nun so erwachsen und so gut mit deinen Gedichten bist.“
 
Bau-yü lächelte: „Nein, ernsthaft, Lan hat es wirklich gut alleine ge­schafft. Der Lehrer war sehr zufrieden und sagte, er hätte eine großartige Zukunft vor sich. Wenn du mir nicht glaubst, Großmutter, laß ihn herkommen und teste ihn selbst.“ –
 
„Wenn das war ist“, sagte die Herzoginmutter, „dann bin ich überglücklich dies zu hören. Aber ich habe das Gefühl, daß du das alles nur erfindest. Wenn er diese Dinge wirklich in seinem Alter kann, kann er sehr selbständig werden, wenn er aufwächst.“
 
Sie sah Li Wan an und dachte an Lans Vater Djia Dschu.
 
„Welcher Trost, wäre das für den Tod deines älteren Bruders“, fuhr sie in Bau-yüs Richtung fort, „und was für eine gut verdiente Belohnung für die ganzen Anstrengungen seiner Mutter, ihn zu erziehen! Irgendwann wird er die Säule der Familie sein, um sie zu unterstützen, wie sein Vater es wäre!“
 
Der Gedanke brachte sie zum Weinen. Li Wan war auch gerührt, aber als sie sah, daß die gnädige Frau von Gefühlen gepackt wurde, unterdrückte sie ihre eigenen Tränen und sagte mit einem mutigen Lächeln:
 
„Was immer für ein Glück wir vielleicht haben werden, Großmutter, verdanken wir alles dir. Ich bete nur, daß Lan deinen Erwartungen gerecht und der ganzen Familie Glück bringen wird. Sein Forschritt sollte Anlaß zur Freude sein. Bitte rege dich nicht auf.“
 
Sie drehte sich zu Bau-yü.
 
„Und bitte pflanz ihm nicht deine übertriebenen Ideen des Erfolgs ein, Bau-yü. Du meinst es ja nur gut. Er ist nur ein Kind, erinnere dich daran. Er könnte dich ernst nehmen und nicht merken, daß du ihn nur ermutigen willst; und dann wird er stolz und eingebildet und niemals besser werden.“ –
 
„Gut gesagt, meine Liebe“, kommentierte die Herzoginmutter, „aber denke auch daran, daß er immer noch sehr jung ist und nicht zu hart erzogen werden sollte. Kinder sind nur bis zu einem gewissen Punkt stark. Wenn man sie zu früh treibt, kann man sie ruinieren. Dann sind sie vielleicht nie fähig, anständig zu studieren, und all deine Mühen werden vergebens sein.“
 
Li Wan konnte sich nicht länger beherrschen und brach in Tränen aus. Als Djia Huan und Djia Lan in das Zimmer kamen, trocknete sie schnell ihre Augen. Die beiden machten der Herzoginmutter ihre Abendaufwartung. Lan begrüßte dann seine Mutter und kehrte zurück, um voller Respekt an der Seite seiner Urgroßmutter zu stehen.
 
„Ich habe gerade von deinem Onkel Bau-yü gehört“, sagte die Herzo­gin­mutter, „wie gut du mit deinem Reimpaar warst und welches Lob du von deinem Lehrer bekommen hast.“
 
Lan lächelte bescheiden. Yüan-yang kam nun herüber, um zu sagen, daß das Abendessen fertig war.
 
„Ich möchte Frau Hsüä einladen“, sagte die Herzoginmutter, und Hu-po schickte sofort ein Mädchen hinüber zu den Gemächern der Dame Wang. Bau-yü und Djia Huan zogen sich zurück, während Li Wans Mägde Su-yün und die jüngeren Dienstmädchen kamen, um das Backgammon-Spiel wegzuräumen. Li Wan wartete auf die Herzoginmutter, und Djia Lan stand seiner Mutter zur Seite:
 
„Ihr beide dürft zum Abendessen bei mir bleiben“, sagte die Herzogin­mut­ter.
 
„Ja, Großmutter“, antwortete Li Wan. Kurz darauf wurde das Abend­essen herein gebracht und die Mädchen kehrten mit folgender Nachricht aus den Gemächern der Dame Wang zurück:
 
„Frau Hsüä bedauert, daß sie sich in diesen Tagen um zuviel zu kümmern hat und nicht kommen kann. Sie kommt nach dem Abendessen nur für einen kurzen Besuch herüber.“
 
Die Herzoginmutter bat Djia Lan sich neben sie zu setzen. Unsere Erzählung läßt nun einige weitere Details dieses Abendessens aus. Nach dem Abendessen, als sie ihre Hände gewaschen und den Mund gespült hatte, legte sich die Herzoginmutter auf ihre Couch und plauderte mit ihrer Schwieger­en­ke­lin und ihrem Urenkel. Ein junges Dienstmädchen kam herein und bat Hu-po zu sagen, daß Herr Dschën, der während der derzeitigen Abwesenheit von Djia Dschëng und Djia Liän die Geschäfte im Jung-guo-Anwesen beauf­sich­tig­te, draußen wartete, um seine Abendaufwartung zu machen.
 
„Sag’ ihm, daß ich mich für seine Aufwartung bedanke“, sagte die Her­zo­ginmutter, „aber daß er nicht hereinkommen muß. Er kann nach Hause ge­hen und sich ausruhen. Er muß müde sein, nach diesem arbeitsreichen Tag.“
 
Das Mädchen gab dies an die alten Damen draußen weiter, Vetter Dschën wurde informiert und kehrte zum Ning-guo-Anwesen zurück.
 
Am folgenden Tag kam er wieder herüber zum Jung-guo-Anwesen, um nach den Tagesgeschäften zu sehen. Die Dienstleute am Tor berichteten nacheinander von verschiedenen Dingen. Einer der Diener sagte, ein Landvogt sei mit Früchten gekommen. Vetter Dschën fragte nach der Liste, der Diener gab sie ihm, und er ging sie durch, sie enthielt meist Obst nach der Jahreszeit, etwas Wild und einiges Gemüse.
 
„Wer schaut normalerweise nach diesen Waren?“, fragte Djia Dschën.
 
„Dschou Juee, Herr.“
 
Dschou Juee wurde vorgeladen, und Vetter Dschën unterrichtete ihn: „Geh durch die gesamte Ware auf dieser Liste und zähle nach. Dann stelle ich eine Kopie und Bestätigung aus. Sag’ der Küche, sie sollen aus diesem Zutaten ein paar zusätzliche Gerichte kochen, wenn sie das Mittagessen für die Diener vorbereiten, die die Ware gebracht haben. Der Landvogt soll auch etwas zu essen haben, bevor er geht, und das übliche Trinkgeld.“ –
 
„Ja, Herr.“
 
Dschou Juee befahl den Dienern, die Ware in Hsi-fëngs Hof zu tragen und gab ihnen Anweisungen, die Waren zu zählen. Dann ging er, nur um kurz später vor Vetter Dschën zu erscheinen: „Entschuldigen Sie, Herr, hatten sie eigentlich schon den Eingang überprüft?“ –
 
„Denkst du, ich habe Zeit, das zu machen?“, antwortete Djia Dschën ungeduldig. „Ich habe dir die Liste gegeben, und du sollst den Eingang nach der Liste überprüfen.“ –
 
„Ich habe alle Artikel, so gut ich kann, überpüft, Herr, und alles scheint in Ordnung zu sein. Aber vielleicht würden Sie gerne den Landvogt holen, da Sie selbst nur eine Kopie haben, um zu sehen, ob die Liste echt ist. –
 
„Was für eine Aufregung wegen ein bißchen Obst!“, rief Djia Dschën. „Es ist wirklich nicht so wichtig. Dein Wort reicht mir dafür.“ –
 
In diesem Moment kam Bau-örl in das Zimmer und machte vor Djia Dschën einen Kotau:
 
„Ich bitte darum, mich mit auswärtigen Aufgaben statt mit Aufgaben im Hause zu beauftragen, Herr“, sagte er.
 
„Worum geht es hier?“, fragte Djia Dschën, der sich zu Bau-örl und Dschou Juee umdrehte.
 
„Ich darf mich hier nicht äußern“, antwortete Bau-örl.
 
„Wer hat dich denn gefragt?“, sagte Vetter Dschën brüsk.
 
„Ich habe es satt, andere Leute auszuspionieren!“, murmelte Bau-örl zu sich selbst.
 
„Herr“, warf Dschou Juee unverzüglich ein, „ich bin seit Jahren für die Miete der Bauern und Einkommen verantwortlich und im Durchschnitt fließt, würde ich sagen, jedes Jahr ein Wert von um die drei- bis fünfhundertausend Taels durch meine Hände, und ich habe nie ein Wort der Unzufriedenheit vom Herrn oder den Herrinnen über irgendetwas gehört, schon gar nicht über so eine Kleinigkeit wie diese. Nach Bau-örl, werden wir mit dem ganzen Besitz und den Häusern der Familie meinetwegen Pleite gehen!“ –
 
‚Es sieht aus, als würde Bau-örl hier Unruhe stiften‘, dachte Vetter Dschën für sich. ‚Ich werde ihn besser los.‘ –
 
„Geh mir aus den Augen!“, bellte er. Dann wandte er sich von Bau-örl zu Dschou Juee: „Das ist alles. Mach’ mit deiner Arbeit weiter.“
 
Die zwei Diener verschwanden.
 
Nicht viel später ruhte sich Djia Dschën in seinem Studierzimmer aus, als er einen großen Tumult vor dem Haupttor ausbrechen hörte. Er schickte einen Diener, um zu fragen, was los sei. Dieser kam zurück, um zu berichten, daß es einen Kampf zwischen Bau-örl und einem Adoptivsohn von Dschou Juee gebe.
 
„Wer ist dieser Adoptivsohn?“, fragte Djia Dschën.
 
„Hë San ist sein Name, Herr“, antwortete der Diener. „Ein wertloser Zeitgenosse, der die meiste Zeit mit Trinken oder Ärgermachen vergeudet. Er kommt oft her und treibt sich im Pförtnerhaus herum. Er sah, daß es eine Meinungsverschiedenheit zwischen Bau-örl und Dschou Juee gab und mischte sich ein.“ –
 
„Wie ekelhaft!“, rief  Djia Dschën. „Schickt einmal Bau-örl und diesen Kerl Hë San sofort zu mir! Was ist mit Dschou Juee?“ –
 
„Er verschwand, als der Kampf anfing, Herr.“ –
 
„Find ihn sofort! Das ist ja unglaublich!“ –
 
„Ja, Herr!“
 
Mitten in dieser Aufregung kehrte Djia Liän zurück und Djia Dschën erzählte ihm, was in seiner Abwesenheit vorgefallen war.
 
„Unglaublich! Das geht ja nicht!“, schrie Djia Liän. Er schickte einen weiteren Diener zur Hilfe, um Dschou Juee zu fassen, der bald merkte, daß eine Flucht unmöglich war, sich selbst aufgab und vor die Herren kam.
 
„Fesselt alle!“, befahl Djia Dschën, und Djia Liän fügte hinzu, sich hauptsächlich an Dschou Juee wendend: „Das, was ihr vorhin bei Herrn Dschën vorgebracht habt, war damit abgeschlossen. Warum geht ihr dann nach draußen und fangt wieder mit dem Streit an? Und als wäre das nicht schlimm genug, mußt du auch noch diese Brut von dir mithineinziehen, Hë San! Und als du ihn zur Ruhe bringen solltest, – verschwindest du einfach!“
 
Er versetzte Dschou Juee ein paar kräftige Tritte.
 
„Es reicht nicht, nur ihn zu strafen“, sagte Djia Dschën eisern und befahl seinen Männern jedem, Bau-örl und Hë San, fünfzig Peitschenhiebe zu geben, und schickte sie zu packen. Als dies getan war, setzten sich er und Djia Liän zusammen, um über die Familienangelegenheiten zu reden.
 
In den Quartieren der Diener wurde dieser Vorfall das Thema vieler privater Unterhaltungen. Manche sahen es als Versuch Vetter Dschëns, von seiner eigenen Inkompetenz abzulenken; andere sagten, er sei nur unfähig, Konflikte zu lösen; während es wieder andere als einen Beleg für seinen unangenehmen Charakter hielten. „Vor einiger Zeit gab es doch diesen Skandal mit den Schwestern You. War es nicht Bau-örl, der Herrn Liän zurückgerufen hat, um den Konflikt zu lösen? Jetzt schimpft er, daß Bau-örl nicht gut arbeite. Wahrscheinlich war Bau-örls Ehefrau Herrn Dschën nicht so zu Diensten, wie sie es bei Djia Liän war. Es gab viele Gerüchte, und alle waren unterschiedlich.
 
Währenddessen verlor der Djia-Clan keine Zeit damit, Djia Dschëngs Aufstieg am Ministerium für Gewerbe und öffentliche Bauten zu ihrem finanziellen Vorteil zu nutzen. Djia Yün wollte sicherlich auch seinen Teil her­aus­schlagen. Er ging herum, versprach Unternehmern Arbeit, handelte Prozente  für sich selbst aus  und machte sich auf den Weg zu den Gemächern
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
+
Während sie sprachen, brachte ein kleines Mädchen eine Schale auf einem Tablett und reichte sie Moschusmond: „Die Blumen-Schwester hat das eben bestellt — die Köchin hat es geschickt." Moschusmond nahm es entgegen — eine Schale Schwalbennestersuppe. Sie fragte Dufthauch: „Hast du das bestellt?" Dufthauch lachte: „Gestern Abend hat der Zweite Herr nichts gegessen und sich die ganze Nacht gewälzt — heute Morgen muss er sich doch leer fühlen. Deshalb habe ich die Mädchen in die Küche geschickt." Dufthauch ließ ein Tischchen aufstellen; Moschusmond half Schatzjade beim Trinken und Mundspülen. Da kam Herbstmuster: „Das Zimmer ist fertig — wartet aber, bis die erste Kohlehitze verflogen ist, ehe der Zweite Herr hineingeht." Schatzjade nickte; sein Herz war voll, doch er mochte nicht reden.
seiner ehemaligen Gönnerin Hsi-fëng, nachdem er moderne Seidenwaren ge­kauft hatte.
 
Hsi-fëng, die gerade von einem ihrer Dienstmädchen erfahren hatte, daß  „Herr Dschën und Herr Liän in einer schlechten Laune waren und die Die­­ner schlugen“, war gerade dabei, jemanden hinüber zu schicken, um Ein­zel­heiten herauszufinden, als sie sah, daß Djia Liän selbst hereinkam. Sie be­kam die ganze Geschichte von ihm zu hören.
 
„Es könnte alles wegen einer Kleinigkeit gewesen sein“, kommentierte sie, „aber wir müssen ein solches Benehmen wegen der Außenwirkung um jeden Preis verhindern. Wenn sie denken, sie könnten jetzt damit davon kommen, wenn das Familienvermögen sich vermehren sollte, was wird passieren, wenn die jüngere Generation alles übernimmt? Sie werden eine Meuterei vor sich haben. Ich erinnere mich, vor ein oder zwei Jahren, habe ich die schrecklichste Szene im Ning-guo-Anwesen gesehen: –Djiau Da-tschi lag breit auf der Treppe, war total betrunken und fluchte wie ein Kesselflicker. Keiner von uns wurde verschont. Es ist mir egal, ob er in der Vergangenheit besondere Aufgaben erledigte. Diener sollten ihren Platz kennen und einen angemessenen Sinn für Respekt zeigen. Der Ärger mit Djia Dschëns Ehefrau – bitte versteh mich nicht falsch – ist, daß sie zu wenig Mißtrauen hat und ihre Angestellten mit allem davonkommen läßt. Dieser Bau-örl – oder was immer sein Name ist – bei ihnen, ist typisch. Wo ich gerade daran denke, war er früher nicht sehr hilfreich für dich und Djia Dschën? Seid ihr nicht etwas undankbar, wenn ihr jetzt anfangt, ihn auszupeitschen?“
 
Wie mit einem Stachel tief ins Herz getroffen, versuchte Djia Liän un­be­holfen, das Thema zu wechseln. Sogleich fiel ihm eine wichtige Ver­ab­re­dung ein und er ging.
 
Hsiau-hung kam nun herein, um die Ankunft von Djia Yün an­zu­kün­di­gen.
 
‚Ich frage mich, was er diesmal vorhat?‘ grübelte Hsi-fëng. Dann sagte sie laut zu Hsiau-hung: „Du läßt ihn besser herein.“
 
Hsiau-hung ging hinaus. Sie sah Djia Yün ins Gesicht und lächelte leicht. Er ging auf sie zu und sagte: „Haben Sie Fräulein Liän gesagt, daß ich hier bin, Hsiau-hung?“ Sie errötete: „Ich nehme an, Sie haben viele wichtige Geschäfte, Herr Yün.“ –
 
„Im Gegenteil, ich wünschte nur, ich hätte öfter Grund hierherzu­kom­men und Sie zu ärgern, Fräulein Hsiau-hung... Ich erinnere mich an letztes Jahr, als Sie bei Onkel Bau-yü gearbeitet haben und ich mit Ihnen ...“
 
Er wollte mehr sagen, aber Hsiau-hung, die Angst hatte, jemand könnte sie sehen, fragte schnell: „Ich hatte Ihnen damals ein Taschentuch gegeben, haben Sie es gesehen?“
 
Ihre Worte erfreuten und erregten Djia Yün so, daß ihm sein Herz aufging. Aber bevor er etwas sagen konnte, kam ein Mädchen aus Hsi-fëngs Zimmer herein, und er und Hsiau-hung waren verpflichtet, sofort hineinzugehen. Sie gingen Seite an Seite, nah genug, damit er ihr zuflüstern konnte:
 
„Wenn ich gehe, mußt du mich hinausbegleiten. Ich muß dir etwas sagen, daß dich vielleicht amüsiert.“
 
Sie errötete stark und warf ihm einen Blick zu, ohne ein Wort zu sagen. Sie ging vor ihm hinein, um Hsi-fëng von seinem Herannahen zu informieren, kehrte zurück, um ihn hineinzuführen, hob den Türvorhang und gab ihm ein Zeichen, während sie zu ihm in förmlichstem Ton sagte:
 
„Die Dame würde sich nun freuen, sie zu sehen, Herr.“
 
Mit einem Lächeln folgte Djia Yün ihr in den Raum und grüßte Hsi-fëng. Er teilte die Grüße seiner Mutter mit, welche Hsi-fëng höflich erwiderte, bevor sie fragte: „Und was führt dich heute her?“
 
Djia Yün verfiel in eine Rede: „Die große Freundlichkeit meiner Tante mir gegenüber in der Vergangenheit war mir immer sehr bewußt und eine Quelle endloser Dankbarkeit. Ich habe auf eine Gelegenheit gewartet, dir ein Geschenk meiner Achtung zu überreichen und habe es nur aus Angst zurückgehalten, daß du so eine Geste unangebracht finden würdest. Das heutige Fest des neunten September ist endlich eine ausreichende Rechtfertigung für meinen Kauf von etwas Kleinem, was, obwohl ich weiß, daß du bereits von allem mehr als genug hast, ich dich ganz bescheiden bitte, mir zu Ehren als Zeichen meiner ehrlichen und bescheidenen Ergebenheit anzunehmen.“
 
Hsi-fëng lachte.
 
„Komm schon. Hör’ auf mit dem Unsinn. Was soll das alles? Setz’ dich und erzähl’ es mir.“
 
Djia Yün nahm Platz und legte seine Mitbringsel behutsam mit beiden Händen auf den Tisch neben ihnen.
 
„Du bist doch aus der Familie“, fuhr Hsi-fëng fort, „also warum gibst du dein Geld so aus? Ich brauche solche Dinge nicht und erwarte sie nicht. Komm nun, erzähl’ mir, warum du wirklich hier bist.“ –
 
„Wahrlich, aus keinem anderen Grund als meine tiefe, und bis jetzt unausgedrückte Dankbarkeit...“
 
Da war nun die Spur eines Lächelns.
 
„Komm hör’ auf damit“, sagte Hsi-fëng. „Ich weiß ganz genau, daß du knapp bei Kasse bist, ich weiß Bescheid. Erwarte nicht von mir, das ich Dinge von dir für nichts annehme. Wenn du willst, daß ich dein Geschenk annehme, dann sag’ mir die Wahrheit. Wenn du weiter statt den Knochen das Fleisch ausspuckst und dafür die Knochen im Mund behältst, wenn du also weiter so um den heißen Brei redest, werde ich die Geschenke sicherlich nicht annehmen.“
 
Djia Yün war gezwungen, zum Punkt zu kommen. Er erhob sich und schenkte sein unterwürfigstes Lächeln.
 
„Naja, es ist nicht so, daß ich mir das einbilde: Ich hörte vor ein paar Tagen, daß Herr Dschëng vom Ministerium die Oberaufsicht über den Bau des kaiserlichen Mausoleums bekommen hat und, da ich ein oder zwei Freunde mit beachtlicher Erfahrung in diesem Bereich habe – sehr kompetente Menschen, möchte ich hinzufügen –, möchte ich einfach fragen, ob es möglich für dich wäre, ein Wort für sie bei Herrn Dschëng einzulegen. Wenn ein oder zwei Aufträge bei ihnen hängenblieben, wäre ich dir für immer etwas schuldig. Und wenn du mich selbst hier am Herrenhaus für irgendetwas brauchen solltest, stehe ich selbstverständlich für dich, Tante Hsi-fëng, zur Verfügung.“ –
 
„Bei den meisten Angelegenheiten, weiß ich, daß ich einen bestimmten Einfluß habe“, antwortete Hsi-fëng, „aber wenn es um solche Sachen geht, so sind die großen Aufträge komplett in der Hand der Vorsteher und anderer Beamter, während kleinere Arbeiten an die Angestellten und Läufer gehen. Kein anderer erhält auch nur einen Blick da hinein, fürchte ich. Nur unsere eigenen Leute können bei Herrn Dschëng als sein Personal arbeiten. Sogar dein Onkel Liän  bekommt nur einen Fuß in die Tür, wenn es etwas gibt, daß direkt mit der Familie zu tun hat. Er hat nichts mit offiziellen Geschäften zu tun. Bei uns zu Hause dagegen ist es ja so, wenn die Sachen in einem Bereich geordnet sind, brechen in einem anderen Bereich wieder Probleme aus – sogar Herr Dschën hat Probleme, die Angelegenheiten in Ordnung zu halten. Du bist jung und Jungen wie du wären niemals fähig, so etwas zu meistern. Nein, ich fürchte, welche Arbeiten es auch immer am Ministerium gegeben hat, sie sind fast alle vergeben. Die Menschen sehnen sich nach Arbeit. Sicher gibt es zu Hause etwas, daß du tun kannst, um Körper und Seele im Einklang zu halten? Ich meine es ernst. Geh nach Hause und denk’ noch einmal darüber nach. Und erachte die Dankbarkeit als ausgedrückt an. Und nimm diese Sachen hier wieder mit, von wo auch immer sie herkommen.“
 
Während sie sprach, war eine Gruppe Kindermädchen mit der kleinen Tchiau-djie ins Zimmer gekommen, in einem farbenreich bestickten Kittel gekleidet und den Arm voller Spielsachen. Sie rannte zu ihrer Mutter, lachte und plauderte. Djia Yün stand sofort auf, wandte seine Blickrichtung, seine Aufmerksamkeit und sein schmieriges Lächeln von Hsi-fëng zu ihrer Tochter.
 
„Das ist also meine respektierte Kusine? Gibt es da irgendein kleines Geschenk, daß du gerne von mir hättest, Kleine?“
 
Ein lautes „Waaah!“ platzte zwischen Tchiau-djies Lippen hervor, und Djia Yün zog sich schnell zurück.
 
„Na, na, mein Schatz! Komm her!“ Hsi-fëng hielt das Kind dicht an sich, „das ist dein Vetter Yün. Erkennst Du ihn nicht mehr?“
 
Djia Yün versuchte es wieder: „Was für ein süßes Mädchen! So ein hübsches Gesicht verspricht Glück auf Lebenszeit.“
 
Tchiau-djie drehte ihren kleinen Kopf, um ihn noch einmal kurz anzusehen und brach sofort wieder in Geschrei aus. Das wiederholte sich ein paar Mal. Djia Yün spürte, daß er nicht länger willkommen war und erhob sich zum Gehen.
 
„Vergiß deine Sachen nicht“, sagte Hsi-fëng.
 
„Oh bitte, Tante Feng! Tu mir diesen einen Gefallen...“ –
 
„Wenn du sie nicht selbst mitnimmst, werde ich dir jemanden damit hinterher schicken. Ehrlich Yün, das ist nicht die Art, solche Dinge zu regeln. Du bist hier kein Fremder. Wenn eine Möglichkeit auftaucht, werde ich es dich sicher wissen lassen. Bis dahin gibt es nichts, was ich tun kann, und es gibt nichts, was du durch eine solche Verschwendung von Geld und Zeit gewinnen kannst.“
 
Djia Yün konnte sehen, daß sie nicht nachgeben würde. Er errötete, als er das Haus verließ. „Ich werde trotzdem nach einem geeigneten Geschenk weitersuchen.“ –
 
„Hsiau-hung, trag diese Dinge für Herr Yün in die Halle“, sagte Hsi-fëng höflich, „und begleite ihn hinaus.“
 
‚Die Leute haben recht‘, dachte Yün bei sich auf seinem Weg nach draußen. ‚Sie ist ein wahrer Tyrann! Bewegt sich nicht einen Fingerbreit! Hart wie ein Knochen! Geschieht ihr Recht, wenn sie keinen Erben produzieren kann. Ihr kleines Mädchen hat mir auch ein komisches Gefühl gegeben... Sie schien etwas gegen mich zu haben, fast, als hätten wir eine Fehde aus einem früheren Leben. Was für ein Pech! Jetzt habe ich mich den ganzen Tag darum bemüht, alles umsonst!’
 
Hsiau-hung sah, daß Djia Yün enttäuscht war, und war auch selbst unglücklich. Sie nahm das Paket und folgte ihm hinaus. Er nahm es ihr ab und, als niemand sie sah, öffnete er es, nahm zwei bestickte Seidenstücke heraus und gab sie ihr heimlich. Erst wollte sie diese nicht annehmen und protestierte flüsternd: „Sie sollten das nicht, Herr Yün. Denken Sie daran, wie furchtbar das für uns beide aussehen muß, wenn Frau Liän das herausfinden würde.“ –
 
„Sei nicht dumm. Behalt sie. Sie wird es nicht wissen. Wenn du es nicht annimmst, sehe ich das als persönliche Beleidigung an.“
 
Hsiau-hung lächelte eitel und nahm sie an. „Wenn Sie darauf bestehen. Aber ich will sie nicht. Ich weiß wirklich nicht, was ich denken soll.“
 
Ihr Gesicht brannte wieder. Djia Yün lachte und sagte: „Diese Dinge haben ja keine Bedeutung.“
 
Nun hatten sie das innere Tor erreicht und Djia Yün versteckte die übrigen Geschenke in seinem Gewand, während Hsiau-hung ihn drängte zu gehen.
 
„Sie müssen jetzt gehen“,  sagte sie, „wenn Sie hier irgendetwas wollen, fragen Sie nach mir. Nun, da ich Fräulein Liän diene, können Sie mich direkt ansprechen.“
 
Djia Yün nickte. „Sie ist ein solcher Tyrann. Ich kann leider nicht öfter kommen. Vergessen Sie aber nicht, was ich gerade sagte. Wenn ich die Möglichkeit habe, Sie wiederzusehen, erzähle ich Ihnen noch mehr.
 
Hsiau-hung errötete von Ohr zu Ohr. „Sie sollten jetzt wirklich besser gehen. Sie können so oft wiederkommen, wie Sie wollen. Sie sollten nicht zu  Fräulein Liän auf Distanz gehen.“ –
 
„Ich verstehe.“
 
Djia Yün ging seinen Weg und Hsiau-hung stand im Tor und verfolgte ihn lange mit einem nachdenklichen Blick. Dann drehte sie sich um und ging wieder hinein.
 
Währenddessen gab Hsi-fëng Anweisungen für das Abendessen und fragte die Dienerinnen, ob ihr Reisbrei fertig sei. Sie eilten davon, um danach zu fragen, und kehrten nach einer kurzen Weile zurück, um zu sagen, daß der Reisbrei zubereitet sei.
 
„Ich hätte gerne ein paar Gerichte mit diesem eingelegten Gemüse, das gerade aus dem Süden gekommen ist“, sagte Hsi-fëng. Tchiu-tung übernahm die Verantwortung dafür und sagte den anderen Mädchen, mit dem Auf­decken weiterzumachen. Ping kam herein und sagte mit einem Lächeln:
 
„Ich hatte fast vergessen zu berichten: Als Ihr heute mittag bei der gnädigen Frau wart, schickte eine Äbtissin vom Wassermondkloster, um jemanden bei Ihnen um zwei Gläser des eingelegten südlichen Gemüses und einen Vorschuß von ein paar Monaten zu bitten. Die Äbtissin sei gesundheitlich angeschlagen, berichtete die Botin. Ich fragte, was los sei, und sie sagte, es hätte alles vor vier oder fünf Tagen angefangen. Sie hatte Ärger mit einigen der buddhistischen und dauistischen Novizen, die trotz mehrerer Warnungen ihr Licht über Nacht anließen. Dann bemerkte sie eines Nachts, daß die Lampen bei Mitternacht noch immer brannten, und sie rief sie öfter. Sie hörte keine Antwort und dachte, daß sie eingeschlafen sein müßten, noch mit Licht an; also ging sie selbst, das Licht auszumachen. Als sie zurück zu ihrem Raum kam, passierte etwas Merkwürdiges: Sie sah einen Mann und eine Frau zusammen auf dem Ofenbett sitzen und als sie die beiden fragte, wer sie seien, fiel als Antwort eine Schlinge um ihren Hals. Ihre Hilfeschreie weckten die anderen Schwestern, die ihre Lichter anmachten und herausgeeilt kamen. Sie lag bereits auf dem Boden mit Schaum vor dem Mund. Dem Himmel sei Dank, sie wurde wieder wach. Sie kann noch immer kein richtiges Essen zu sich nehmen, weswegen sie daran dachte, um ein bißchen eingelegtes Gemüse zu bitten. Da Sie nicht hier waren, dachte ich, ich hätte keine Befugnis, ihr etwas zu geben. Ich erklärte ihr also, daß Sie keine Zeit hätten und oben wären, sagte, daß ich es später Ihnen gegenüber erwähnen würde und schickte sie zurück. Ich hätte es fast vergessen, wenn ich nicht gerade gehört hätte, wie Sie selbst um Gemüse baten.“
 
Hsi-fëng starrte einen Moment lang nachdenklich. „Wir haben noch so viel südliches Gemüse“, sagte sie endlich, „schicke das Gemüse auf jeden Fall dahin. Das Geld kann ja Herr Tjin morgen hier abholen.“
 
Als sie noch sprachen, kam Hsiau-hung herein, um zu berichten, daß ein Bote von Djia Liän angekommen war. Das Geschäft habe ihn von der Stadt ferngehalten und er komme diese Nacht nicht zurück. Hsi-fëng sagte: „Ja.“ Während sie sprachen, hörte sie plötzlich ein Geschrei aus dem hinteren Haus kommen und eines der jüngeren Mädchen kam atemlos in den Hofgarten gerannt. Ping war bereits da, und nun standen mehrere andere Mädchen herum und fingen an, miteinander zu tuscheln.
 
„Worüber sprecht ihr da?“, fragte Hsi-fëng.
 
„Eines der Mädchen hat sich erschrocken“, antwortete Ping, „sie sagt, sie hätte einen Geist oder so etwas gesehen.“ –
 
„Was hat sie über Geister gesagt?“, fragte Hsi-fëng scharf. Das besagte Mädchen betrat den Raum.
 
„Was soll der Unsinn mit Geistern?“, fragte Hsi-fëng.
 
„Ich war gerade hinten draußen, Herrin“, antwortete das Mädchen, „und habe eine der Frauen um mehr Kohle für den Ofen gebeten, als ich dieses laute, fürchterliche Geräusch hörte, das von den drei leeren Gebäuden kommt. Erst dachte ich, es sei nur eine Katze gewesen, die eine Maus jagt, aber dann hörte ich ein ‚Aach‘, als würde jemand seufzen. Ich habe mich sehr gefürchtet und rannte zurück.“
 
„So ein Unsinn!“, schimpfte Hsi-fëng, „ich werde es nicht zulassen, daß Leute bei mir im Haus so einen abergläubigen Unsinn reden! Ich habe niemals an solche Dinge geglaubt. Raus mit dir!“
 
Das Mädchen ging hinaus. Hsi-fëng ließ Tsai-ming die Haushaltsbücher des Tages überpüfen. Es war fast zehn Uhr, als sie fertig wurde. Hsi-fëng und die anderen unterhielten sich eine Weile, dann ging sie zu den Dienern, entließ sie in die Nacht und ging selbst zu Bett. Kurz vor zwölf lag sie im Halbschlaf im Bett, als es sie plötzlich gruselte und sie erschreckt aufwachte. Sie lag zitternd da, ihre Furcht wuchs, bis sie es nicht länger aushielt und nach Ping und Tchiu-tung herüberrief, damit sie ihr Gesellschaft leisteten. Keine von beiden verstand den merkwürdigen Zustand, indem sie sich befand.
 
Tchiu-tung war eigentlich eher ablehnend gegenüber Hsi-fëng, aber sie war in Ungnade bei Djia Liän gefallen, wegen der Rolle, die sie in der Verfolgung von You Örl-djie gespielt hatte und war danach auf Hsi-fëngs Seite gezogen worden, obwohl ihre Loyalität eine Sache der Bequemlichkeit war und nicht mit der Hingabe Pings zu vergleichen war. Als sie in dieser Situation ihre Herrin in einem solchen Zustand sah, stand sie gehorsam neben dem Bett und gab ihr Tee. Hsi-fëng nahm einen Schluck und sagte: „Danke. Ihr könnt wieder schlafen gehen. Ping wird sich schon ausreichend um mich kümmern.“
 
Aber Tchiu-tung wollte ihr gefallen und protestierte deshalb:
 
„Sicher Herrin, wenn Sie nicht schlafen können, wäre es doch besser, wenn wir abwechselnd mit Ihnen aufbleiben würden?“
 
Hsi-fëng war bereits eingeschlafen. Die Mädchen hörten einen entfernten Hahnenschrei und, als sie sahen, daß Hsi-fëng nun fest schlief, legten sich beide noch voll bekleidet ein wenig bis zum Tagesanbruch hin. Dann erwachten sie und fingen geschäftig an, sich zurecht zu machen. Als Hsi-fëng erwachte, waren ihre Gedanken immer noch von dem Schrecken der Nacht beherrscht. Trotz ihrer Verwirrung wollte sie sich von ihrem Wesen her um jeden Preis durchsetzen und kämpfte sich mit großer Anstrengung hoch. Sie saß in Gedanken gehüllt, als sie ein Mädchen im Hof rufen hörte: „Ist Ping-örl da?“
 
Ping-örl rief ihre Antwort hinaus, und das Mädchen hob den Türvorhang und kam herein. Es stellte sich heraus, daß sie von der Dame Wang geschickt wurde, um Djia Liän herbeizurufen.
 
„Da ist ein Bote vom Yamen mit drigenden Geschäften“, sagte sie, „und da der Herr gerade ausgegangen ist, schickt mich die gnädige Frau, um Herrn Liän zu bitten, herüberzukommen.“
 
Hsi-fëng erschrak.
 
Um die Umstände dieses dringenden Geschäftes herauszufinden, lese man bitte das nächste Kapitel.
 
89. Unser Held sieht das Werk einer vergangenen Liebe und ist so bewegt, daß er eine Ode verfaßt
 
Dai-yü fällt hysterischer Angst zum Opfer und beschließt zu verhungern.
 
  
Wir haben im letzten Kapitel gesehen, wie Hsi-fëng sich zwang aufzustehen und brütend in ihren Gemächern saß, als plötzlich ein Mädchen mit Neuigkeiten hereinkam.
+
Nach einer Weile kam ein kleines Mädchen und meldete: „Pinsel und Tusche sind aufgestellt." Schatzjade: „Gut." Ein anderes Mädchen: „Das Frühstück ist fertig — wo soll es serviert werden?" Schatzjade: „Bringt es einfach her, ohne Umstände." Das Mädchen ging, und bald wurde aufgetragen. Schatzjade lächelte Moschusmond und Dufthauch an: „Mir ist so schwer ums Herz — allein essen, fürchte ich, bringe ich nichts hinunter. Esst ihr beide mit mir, vielleicht bekomme ich dann auch mehr Appetit." Moschusmond lachte: „Das ist der Wunsch des Zweiten Herrn — wir wagen es nicht." Dufthauch sagte: „Eigentlich geht das schon — wir haben ja auch zusammen Wein getrunken. Nur wenn du dich einmal aufheitern willst, ist es vertretbar; aber aus Gewohnheit wäre es gegen alle Ordnung." Die drei setzten sich: Schatzjade oben, Dufthauch und Moschusmond an den Seiten.
„Um welche Amtssache geht es?“, fragte sie alarmiert.
 
„Ich weiß es nicht, Herrin“, antwortete das Mädchen, „einer der Torwächter vom zweiten, inneren Tor berichtete, daß es für euren Herrn wichtige Angelegenheiten gebe. Die gnädige Frau schickte mich her, um nach Herrn Liän zu fragen.“
 
Hsi-fëng wurde langsam ruhiger, als sie erfuhr, daß es nur eine Ministeriumsangelegenheit war.
 
„Sag’ der gnädigen Frau“, antwortete sie, „daß Herr Liän letzte Nacht geschäftlich unterwegs war und noch nicht zurückgekehrt ist. Sie sollte besser nach Herrn Dschën im anderen Haus schicken.“ –
 
„Ja, Herrin.“ Das Mädchen ging.
 
Nun kam Djia Dschën hinüber zum Jung-guo-Anwesen, um den Boten des Ministeriums zu empfangen. Als er die Fakten herausfand, berichtete er dies der Dame Wang.
 
„Der Bote sagt, das gestern der Minister zum Schutz des Gelben Flusses am südlichen Fluß eine Versammlung abgehalten habe, weil der Deich gebrochen sei. Es gibt Überflutungen mehrerer Provinzen, Präfekturen, Gebiete und Distrikte. Sie sammeln Geld für den Wiederaufbau des Stadtwalls. Das bedeutet, daß alle Beamten des Ministeriums mitarbeiten, deshalb hat das Ministerium mich hergeschickt, um Eurem Herrn Bescheid zu sagen.“
 
Er sagte das und ging. Djia Dschëng wurde sofort bei seiner Rückkehr informiert und war fast den ganzen Winter täglich sehr beschäftigt und verbrachte fast die ganze Zeit im Ministerium. Das Studium für Bau-yü wurde immer entspannter. Er hatte Angst, sein Vater könnte ihn dabei entdecken. Das bewirkte, daß er stets zur Schule ging und daß er nicht mehr so viel Zeit mit Dai-yü verbrachte.
 
Eines Morgens mitten im zehnten Mondmonat, stand Bau-yü auf und bereitete sich darauf vor, wieder in die Schule zu gehen. Das Wetter wurde plötzlich kälter, und er sah Hsi-jën mit einem Bündel Winterkleidung kommen.
 
„Es ist sehr kalt heute“, sagte sie, „du wirst dich warm anziehen müssen.“
 
Sie wählte ein Gewand für ihn zum Anziehen und wickelte ein weiteres aus, welches sie einem jüngeren Mädchen übergab. Das Mädchen ging hinaus, gab es Bee-ming und sagte: „Es ist so kalt heute, du sollst das hier immer bei dir haben, falls Herr Bau-yü sich umziehen möchte.“
 
Bee-ming führte diese Anordnungen aus und folgte Bau-yü zur Schule mit dem in Fell gewickelten Bündel in seinen Armen.
 
Bei der Ankunft machte Bau-yü seine Schulaufgaben. Er wurde schnell von seinen Büchern vom Geräusch der im Wind raschelnden Papierfenster abgelenkt.
 
„Das Wetter scheint sich zum Schlechten geändert zu haben“, beobachtete der Lehrer und öffnete ein Guckloch in einem der Fenster und sah hinaus. Eine breite Masse dunkler Wolken im Nordwesten brandete unaufhörlich nach Südosten über den Himmel. Bee-ming kam in den Klassenraum.
 
„Es wird kälter, Herr Bau-yü.
 
  
[[Category:Books]]
+
Nach dem Essen brachte ein Mädchen Spültee; die beiden räumten ab. Schatzjade hielt seine Teetasse und versank in Gedanken. Nach einer Weile fragte er: „Ist das Zimmer fertig?" Moschusmond: „Das habe ich doch vorhin schon gemeldet — und du fragst noch einmal."
[[Category:Hongloumeng]]
+
 
 +
Schatzjade saß noch einen Moment, dann ging er in das Zimmer hinüber. Er zündete persönlich eine Räucherstange an, stellte Obst auf und schickte alle hinaus. Er schloss die Tür. Draußen verhielten sich Dufthauch und die anderen mucksmäuschenstill. Schatzjade nahm einen Bogen rosa Briefpapier mit goldenen Eckverzierungen hervor, murmelte einige Worte des Gebets, dann schrieb er:
 +
 
 +
Der Herr des Hofes der Roten Freude verbrennt dies zur Kenntnis der Schwester Heitermuster: Tee und Duft seien dir dargebracht, auf dass du kommst und dich daran erfreust.
 +
 
 +
Sein Gedicht lautete:
 +
 
 +
Treue Gefährtin — einsam sinne ich dir nach.
 +
Wer hätte gedacht, ein Sturm bricht über ebener Erde los,
 +
Und jählings wird dein Lebenslicht gelöscht!
 +
Wer flüstert nun zarte Worte?
 +
 
 +
Nach Osten fließt das Wasser — nie kehrt es gen Westen.
 +
Selbst im Traum kann ich dein Bild nicht mehr schaffen;
 +
Doch beim Aufhängen des Pelzes seh ich das Brokat der Regenwolken.
 +
Stille Sehnsucht — sie macht mich traurig.
 +
 
 +
Als er fertig geschrieben hatte, hielt er das Papier an den Weihrauch und verbrannte es. Still wartend, bis die Räucherstange herabgebrannt war, öffnete er die Tür und trat hinaus. Dufthauch fragte: „Schon fertig? War dir wohl wieder langweilig?" Schatzjade lächelte und log: „Ich hatte es nur im Herzen, und wollte ein stilles Plätzchen. Jetzt ist mir besser. Ich möchte noch ein wenig draußen spazieren."
 +
 
 +
Er ging geradewegs zum Xiaoxiang-Pavillon und rief im Hof: „Ist Schwester Lin zu Hause?" Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".</ref> antwortete: „Wer ist da?" Sie hob den Vorhang und lachte: „Der Zweite Herr Bao! Das Fräulein ist drinnen — bitte herein." Schatzjade ging mit Purpurkuckuck hinein. Kajaljade war im Hinterzimmer und rief: „Purpurkuckuck, lass den Zweiten Herrn hereinkommen." Schatzjade sah an der Tür zum Hinterzimmer ein neues Paar Spruchbänder aus purpurschwarzer Goldwolken-Drachenseide hängen:
 +
 
 +
Grünes Fenster, heller Mond — sie sind noch da;
 +
Die alten Weisen in den Annalen — sie sind nur noch Leere.
 +
 
 +
Schatzjade lächelte, trat ein und fragte: „Was macht die Schwester?" Kajaljade stand auf, kam ihm zwei Schritte entgegen und bot ihm lächelnd einen Platz an: „Ich bin beim Sutra-Abschreiben — nur noch zwei Zeilen. Wenn ich fertig bin, plaudern wir." Sie rief Schneegans, Tee zu bringen. Schatzjade sagte: „Beweg dich nicht, schreib nur weiter."
 +
 
 +
Er sah ein Rollbild an der Wand hängen: darauf eine Chang'e mit einer Dienerin und eine weitere Göttin mit einer Dienerin, die einen langen Kleiderbeutel trug. Um beide Gestalten zog sich leichte Wolkenwatte, sonst war kein Schmuck zu sehen — ganz im Stil der weißen Tuschezeichnungen des Li Longmian. Darüber stand in eleganter Kanzleischrift: „Bild des Frostgefechts". Schatzjade fragte: „Schwester, dieses ‚Bild des Frostgefechts' — hast du es erst kürzlich aufgehängt?" Kajaljade: „Ja. Gestern beim Aufräumen fiel es mir ein, und ich ließ es aufhängen." Schatzjade: „Was ist die Vorlage?" Kajaljade lachte: „Das kennst du doch bestens — und fragst noch!" Schatzjade lachte: „Mir fällt es gerade nicht ein — sag es mir." Kajaljade: „Kennst du nicht den Vers: ‚Reiffee und Mondgöttin trotzen beide der Kälte, im Mond und im Frost wetteifern sie an Schönheit'?" Schatzjade rief: „Ja, richtig! Das ist wirklich originell und geschmackvoll — und genau zur rechten Jahreszeit aufgehängt."
 +
 
 +
Er schaute sich noch ein wenig um. Schneegans brachte Tee. Schatzjade trank und wartete, bis Kajaljade fertig geschrieben hatte. Sie stand auf: „Verzeiht die Unhöflichkeit." Schatzjade lachte: „Immer noch so förmlich, Schwester." Er betrachtete Kajaljade: Sie trug ein weißes, mit Blumen besticktes Pelzjäckchen und darüber eine Weste aus Silberfuchsfell; das Haar war in einem einfachen Wolkenknoten hochgesteckt, mit nur einer schlichten Goldnadel und keinem Blumenschmuck; um die Hüften einen rosafarbenen bestickten Wattrock. Wahrlich:
 +
 
 +
Wie ein Jadebaum, schlank im Winde stehend,
 +
Wie eine duftende Lotosblüte, sanft im Tau sich öffnend.
 +
 
 +
Schatzjade fragte: „Hast du in den letzten Tagen Zither gespielt?" Kajaljade: „Seit zwei Tagen nicht. Vom Schreiben allein werden die Hände schon kalt — wo soll da noch Zither gespielt werden?" Schatzjade: „Vielleicht ist es auch besser so. Die Zither mag ein erhabenes Instrument sein, aber kein gutes: Noch nie hat jemand sich Reichtum, Rang und langes Leben erspielt — nur Kummer, Sehnsucht und Leid. Außerdem muss man sich die Noten merken, was anstrengend ist. Du bist ohnehin zart — erspare dir die Mühe." Kajaljade lächelte.
 +
 
 +
Schatzjade deutete auf die Wand: „Ist das deine Zither? Warum ist sie so kurz?" Kajaljade lachte: „Sie ist nicht kurz. Als ich klein war und spielen lernte, reichten meine Arme für gewöhnliche Zithern nicht aus, deshalb ließ man diese anfertigen. Zwar ist es kein verkohltes Paulownia-Holz, aber der Kranichberg und der Phönixschwanz sind gut proportioniert, und der Drachenteich und die Gänsefüße passen in der Höhe zusammen. Sieh dir die Risse an — sehen sie nicht aus wie Yakhaare? Deshalb ist auch der Klang klar und rein."
 +
 
 +
Schatzjade fragte: „Hast du in letzter Zeit Gedichte geschrieben?" Kajaljade: „Seit der Dichtergesellschaft kaum." Schatzjade lachte: „Täusch mich nicht. Ich habe gehört, wie du etwas sangst von ‚nicht zu erschrecken, das reine Herz — wie der Mond am Himmel'. Du hast es in die Zithermelodie eingebettet, und der Klang war besonders durchdringend. Stimmt das?" Kajaljade fragte: „Wie hast du das gehört?" Schatzjade: „Neulich kam ich von der Liaofeng-Veranda und hörte es. Ich wollte deine klare Melodie nicht stören und lauschte still eine Weile, dann ging ich. Nur eines wollte ich fragen: Die ersten Strophen standen im ebenen Ton, und am Ende wechseltest du plötzlich in den schrägen — was bedeutet das?" Kajaljade: „Das ist der natürliche Klang des Herzens. Man dichtet, wohin der Geist einen führt — eine feste Regel gibt es nicht." Schatzjade: „Ach so. Schade, dass ich kein musikalisches Ohr habe — da habe ich umsonst zugehört." Kajaljade sagte: „Seit alten Zeiten — wie viele wahre Kenner hat es je gegeben?"
 +
 
 +
Schatzjade merkte, dass seine Worte wieder unbedacht waren, und fürchtete, Kajaljades Herz zu verletzen. Er saß eine Weile; tausend Worte lagen ihm auf der Zunge, doch er fand nichts mehr zu sagen. Auch Kajaljade bereute ihren Satz — er war ihr entschlüpft und klang im Nachhinein zu kühl. Schatzjade vermutete, Kajaljade hege einen Vorbehalt, und stand verlegen auf: „Schwester, bleib sitzen. Ich möchte noch bei der Dritten Schwester vorbeischauen." Kajaljade: „Wenn du sie siehst, grüß sie von mir." Schatzjade sagte zu und ging.
 +
 
 +
Kajaljade kehrte an die Tür zurück und setzte sich grübelnd hin: „In letzter Zeit redet Schatzjade so halb und halb, bald kalt, bald warm — was meint er nur?" Da kam Purpurkuckuck: „Fräulein, schreibt Ihr nicht weiter? Soll ich die Schreibsachen wegräumen?" Kajaljade: „Ich schreibe nicht mehr — räum es weg." Sie ging ins Hinterzimmer und legte sich aufs Bett, um in aller Stille nachzudenken. Purpurkuckuck kam herein: „Fräulein, trinkt eine Schale Tee." Kajaljade: „Ich möchte nicht. Ich ruhe mich nur ein wenig aus — geht."
 +
 
 +
Purpurkuckuck trat hinaus und sah Schneegans allein vor sich hin starren. Sie trat neben sie: „Hast du jetzt auch etwas, das dich beschäftigt?" Schneegans hatte sie nicht kommen sehen und erschrak. Dann sagte sie: „Psst! Heute habe ich etwas gehört — ich erzähl es dir, es ist wirklich merkwürdig! Aber sag kein Wort." Sie wies mit dem Kinn zur Tür, ging voraus und winkte Purpurkuckuck mit, hinauszukommen. Auf der Terrasse vor der Tür flüsterte sie: „Schwester, hast du gehört? Schatzjade ist verlobt!"
 +
 
 +
Purpurkuckuck erschrak: „Woher kommt das? Ist das auch wahr?" Schneegans: „Und ob! Alle wissen es anscheinend, nur wir haben nichts gehört." Purpurkuckuck: „Von wem hast du es?" Schneegans: „Von Shishu. Es soll eine Präfektenfamilie sein — wohlhabend, das Mädchen schön."
 +
 
 +
Purpurkuckuck wollte mehr hören, als Kajaljade drinnen hustete, als stünde sie auf. Purpurkuckuck fürchtete, sie könnte herauskommen, zog Schneegans am Ärmel und legte den Finger auf die Lippen. Sie spähte hinein — nichts rührte sich. Leise fragte sie weiter: „Was hat Shishu genau gesagt?" Schneegans berichtete: „Neulich schickte mich das Fräulein zum Dritten Fräulein, um sich zu bedanken. Das Dritte Fräulein war nicht da, nur Shishu. Wir saßen herum und kamen zufällig auf Schatzjades Ungezogenheit zu sprechen. Shishu sagte: ‚Was soll aus dem Zweiten Herrn Bao werden? Er spielt nur und benimmt sich nicht wie ein Erwachsener — und dabei ist er schon verlobt und trotzdem noch so verträumt.' Ich fragte, ob es feststehe. Sie sagte ja — ein gewisser Herr Wang habe vermittelt. Dieser Herr Wang sei ein Verwandter des Osthauses, und so habe man nicht lange fragen müssen — auf den ersten Antrag sei es schon beschlossen gewesen."
 +
 
 +
Purpurkuckuck legte den Kopf schief und überlegte: „Merkwürdig!" Dann fragte sie: „Warum hat bei uns zu Hause niemand davon gesprochen?" Schneegans: „Shishu hat das auch erklärt: Es sei der Wille der Alten Ahnin. Wenn man darüber rede, könnte Schatzjade vor lauter Aufregung verrückt spielen; deshalb schweigen alle. Shishu hat es mir erzählt und mich dringend ermahnt: ‚Lass ja nichts verlauten — sonst heißt es, ich plaudere.' " Sie wies auf die Tür: „Deshalb habe ich auch vor ihr nichts gesagt. Heute hast du gefragt — da konnte ich es dir nicht verschweigen."
 +
 
 +
Gerade da schrie der Papagei: „Das Fräulein ist zurück! Schnell, bringt Tee!" Purpurkuckuck und Schneegans erschraken. Sie blickten sich um — niemand war da. Sie schimpften den Papagei aus, gingen hinein und sahen Kajaljade keuchend auf einem Stuhl sitzen. Purpurkuckuck versuchte unbefangen nach Tee und Wasser zu fragen. Kajaljade fragte: „Wo wart ihr beide? Man ruft und ruft, und keine Menschenseele kommt." Damit ging sie zum Kang, ließ sich fallen, drehte sich zur Wand und rief: „Lasst den Vorhang herunter." Purpurkuckuck und Schneegans taten es. Beide ahnten, dass Kajaljade ihr Gespräch belauscht haben könnte, doch keine wagte, das Thema zu berühren.
 +
 
 +
Tatsächlich hatte Kajaljade, die ohnehin voller Sorgen war, das geflüsterte Gespräch der beiden teilweise aufgeschnappt. Zwar hatte sie nicht alles verstanden, doch sieben oder acht Zehntel reichten aus: Es war, als hätte man sie in ein tiefes Meer geworfen. Sie dachte hin und her — es stimmte genau mit der Weissagung ihres Traums überein. Tausend Sorgen, zehntausend Groll türmten sich in ihr auf. Sie überlegte: „Lieber früh sterben, als mitansehen zu müssen, wie das Unerwartete geschieht — das wäre noch bitterer." Dann dachte sie an ihre Verwaistheit: „Von heute an werde ich meinen Körper Tag für Tag zugrunde richten. In einem Jahr oder einem halben ist der reine Himmel erreicht." Mit diesem Entschluss deckte sie sich nicht zu, legte keine zusätzliche Kleidung an, schloss die Augen und tat, als schliefe sie.
 +
 
 +
Purpurkuckuck und Schneegans kamen mehrmals herein, doch nichts regte sich, und sie wagten nicht zu rufen. Auch das Abendessen blieb unberührt. Nachdem die Lampen angezündet waren, schob Purpurkuckuck den Bettvorhang beiseite: Kajaljade schien zu schlafen, doch die Decke war ans Fußende getreten. Aus Angst vor Erkältung legte Purpurkuckuck sie behutsam wieder auf. Kajaljade rührte sich nicht. Kaum war Purpurkuckuck hinaus, streifte Kajaljade die Decke wieder ab.
 +
 
 +
Purpurkuckuck fragte Schneegans immer wieder: „War das heute die Wahrheit oder nicht?" Schneegans: „Natürlich!" Purpurkuckuck: „Woher weiß Shishu das?" Schneegans: „Von Xiaohong." Purpurkuckuck: „Ich fürchte, das Fräulein hat unser Gespräch gehört — hast du ihr Verhalten eben gesehen? Da steckt etwas dahinter. Von heute an dürfen wir das Thema nicht mehr erwähnen." Beide machten sich fertig zum Schlafen. Purpurkuckuck ging noch einmal nachsehen — die Decke war schon wieder abgetreten. Leise legte sie sie wieder auf. Der Rest der Nacht verging.
 +
 
 +
Am nächsten Morgen war Kajaljade ganz früh aufgestanden und saß allein und stumm da. Purpurkuckuck wachte auf und erschrak: „Fräulein, warum so früh?" Kajaljade: „Kein Wunder — ich bin früh eingeschlafen, also wache ich früh auf." Purpurkuckuck weckte Schneegans, und beide halfen bei der Morgentoilette. Kajaljade saß vor dem Spiegel und starrte ihr Spiegelbild an. Nach einer Weile flossen die Perlentränen unaufhörlich und durchtränkten das Seidentuch. Wahrlich:
 +
 
 +
Der hagere Schatten spiegelt sich im Frühlingswasser:
 +
Du solltest mich bemitleiden — ich bemitleide dich.
 +
 
 +
Purpurkuckuck wagte nicht zu trösten, aus Furcht, durch beiläufige Worte alte Wunden aufzureißen. Erst nach langer Zeit machte sich Kajaljade flüchtig zurecht; doch die Tränenspuren in ihren Augen trockneten nicht.
 +
 
 +
Wieder saß sie eine Weile, dann rief sie: „Purpurkuckuck, zünd Weihrauch an." Purpurkuckuck: „Fräulein, Ihr habt kaum geschlafen — wozu jetzt Weihrauch? Wollt Ihr Sutras abschreiben?" Kajaljade nickte. Purpurkuckuck: „Das Fräulein ist heute so früh aufgewacht und will jetzt auch noch Sutras schreiben — ist das nicht zu anstrengend?" Kajaljade sagte: „Keine Angst — je früher ich fertig bin, desto besser. Eigentlich geht es mir gar nicht um die Sutras — ich möchte mir durch das Schreiben die Zeit vertreiben. Wenn ihr später meine Schriftzüge seht, ist es, als säht ihr mich selbst." Bei diesen Worten liefen ihr die Tränen ungehindert herunter. Purpurkuckuck konnte nun nicht mehr trösten; sie selbst konnte ihre Tränen nicht zurückhalten.
 +
 
 +
In der Tat hatte Kajaljade ihren Entschluss gefasst: Von nun an würde sie ihren Körper absichtlich zugrunde richten. Essen und Trinken nahm sie kaum noch zu sich und verringerte beides täglich. Wenn Schatzjade von der Schule kam, erkundigte er sich zwar regelmäßig, doch Kajaljade wusste tausend Dinge zu sagen und wagte doch nichts — sie war älter geworden und konnte nicht mehr wie als Kind mit zärtlichem Scherz locken. Alles, was sie auf dem Herzen hatte, blieb unausgesprochen. Schatzjade wiederum wollte ihr die Wahrheit sagen und sie beruhigen, fürchtete aber, Kajaljade könnte zornig werden und die Krankheit verschlimmern. So beschränkten sich beide bei ihren Treffen auf oberflächliche Trostworte — wahrhaftig: je inniger verbunden, desto entfremdeter.
 +
 
 +
Zwar sorgten sich die Herzoginmutter, Frau König und andere um Kajaljade und ließen Ärzte kommen, doch sie dachten nur an ihre üblichen Beschwerden und ahnten nichts von ihrer Herzkrankheit. Purpurkuckuck und die anderen durchschauten es, wagten aber nichts zu sagen. So verringerte Kajaljade ihr Essen Tag für Tag. Nach einem halben Monat wurde ihr Verdauungsvermögen immer schwächer, und schließlich konnte sie nicht einmal mehr Reisbrei zu sich nehmen. Alles, was Kajaljade tagsüber hörte, schien ihr von Schatzjades Heirat zu handeln; jeder aus dem Hof der Roten Freude, vom Höchsten bis zum Niedrigsten, schien ihr so auszusehen, als bereiteten sie Schatzjades Hochzeit vor. Wenn Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".</ref> zu Besuch kam und Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.</ref> nicht mitbrachte, steigerte sich Kajaljades Argwohn noch mehr. Sie lehnte jeden Besuch ab, wollte keine Medizin nehmen und wünschte sich nur, schnell zu sterben. Im Schlaf hörte sie ständig jemanden „Zweite Herrin Bao" rufen. Ein einziger Argwohn wuchs zum Schlangenspiegelbild. Eines Tages hörte sie gänzlich auf zu essen — nicht einen Reiskorn nahm sie mehr zu sich. Kraftlos und fast atemlos lag sie dem Tode nahe.
 +
 
 +
Wie es um Kajaljades Leben stand, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.
 +
 
 +
<references />
 +
 
 +
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Neunundachtzigstes Kapitel

Die Verstorbene ist fort, doch die Dinge sind noch da — der junge Herr dichtet ein Lied, Schlangenspiegelung im Becher — Fräulein Pin hört auf zu essen

Wie berichtet, saß Phönixglanz[1] gerade grübelnd da, als sie die Nachricht des kleinen Mädchens erschreckte. Hastig fragte sie: „Was für eine Amtssache?" Das Mädchen sagte: „Ich weiß es nicht. Eben kam ein Diener vom zweiten Tor herein und meldete dem gnädigen Herrn etwas Dringendes." Phönixglanz hörte, dass es das Ministerium für Öffentliche Arbeiten betraf, und beruhigte sich ein wenig. Sie sagte: „Geh zurück und bestelle der Gnädigen Frau, dass der Zweite Herr gestern Abend Geschäfte außerhalb der Stadt hatte und nicht zurückgekommen ist. Man möge zunächst den Ersten Herrn Zhen rufen." Das Mädchen ging.

Herrlichkeit Kaufmann[2] kam, sprach mit dem Ministerialbeamten und berichtete dann Frau König: „Das Ministerium meldet: Gestern ging eine Eingabe des Oberflussinspektors ein — in Henan ist der Fluss an mehreren Stellen durchgebrochen und hat einige Präfekturen und Kreise überschwemmt. Es werden Staatsgelder benötigt, um Deiche und Stadtmauern zu reparieren. Die Beamten des Ministeriums müssen nun alles überwachen und schickten deshalb einen Boten zum gnädigen Herrn." Damit zog er sich zurück. Als Aufrecht Kaufmann[3] nach Hause kam, wurde ihm alles berichtet. Von da an bis in den Winter hatte Aufrecht Kaufmann täglich zu tun und war oft im Ministerium. Schatzjade[4]s Studien wurden allmählich nachlässiger, doch aus Furcht, Aufrecht Kaufmann könnte es bemerken, wagte er nicht, der Schule fernzubleiben, und ging auch zu Kajaljade[5] seltener.

Es war Mitte des zehnten Monats. Schatzjade stand auf und wollte zur Schule. Das Wetter war plötzlich kalt geworden. Dufthauch[6] hatte bereits ein Bündel Kleidung bereitgelegt und sagte: „Es ist heute sehr kalt — nimm morgens und abends lieber etwas Wärmeres." Sie holte ein Stück heraus und half Schatzjade hinein. Ein weiteres wickelte sie ein und gab es einem kleinen Mädchen, die es Beiming übergab: „Wenn der Zweite Herr sich umziehen will, halte alles bereit." Beiming sagte zu und folgte Schatzjade mit dem Filzbündel.

In der Schule erledigte Schatzjade seine Aufgaben, als plötzlich ein Windstoß gegen die Papierfenster klatschte. Dairu sagte: „Das Wetter schlägt schon wieder um." Er öffnete die Windtür — im Nordwesten türmten sich Wolkenberge und wälzten sich nach Südosten. Beiming kam herein: „Zweiter Herr, es wird kalt — zieht Euch etwas über." Schatzjade nickte. Beiming brachte ein Kleidungsstück herein. Schatzjade schaute hin — und erstarrte. Auch die kleinen Schüler rissen die Augen auf. Es war der Goldbrokat-Fasanenpelz, den Heitermuster[7] einst geflickt hatte. Schatzjade fragte: „Warum hast du ausgerechnet den mitgebracht? Wer hat ihn dir gegeben?" Beiming: „Die Mädchen drinnen haben ihn eingepackt." Schatzjade sagte: „Mir ist nicht so kalt — ich ziehe ihn lieber nicht an. Pack ihn wieder ein." Dairu dachte, Schatzjade wolle das Kleidungsstück schonen, und freute sich über seine Sparsamkeit. Beiming bat: „Zieht ihn doch an, Zweiter Herr. Wenn Ihr Euch erkältet, bin ich schuld. Tut es mir zuliebe." Schatzjade musste ihn widerwillig anziehen und saß dann reglos und geistesabwesend vor seinen Büchern. Dairu dachte, er lese, und ließ ihn in Ruhe.

Am Abend bat Schatzjade Dairu um einen Tag Urlaub wegen Unwohlsein. Dairu, selbst ein alter Mann, der nur der Gesellschaft einiger Kinder wegen Schule hielt und selbst oft kränkelte, ließ sich gern einen Schüler weniger sorgen; zumal er wusste, dass Aufrecht Kaufmann beschäftigt und die Herzoginmutter nachsichtig war — so nickte er.

Schatzjade kehrte direkt nach Hause zurück, begrüßte die Herzoginmutter und Frau König mit der gleichen Erklärung — natürlich glaubte man ihm. Er saß kurz und ging dann in den Garten. Im Hof der Roten Freude[8] war er nicht so heiter und gesprächig wie sonst, sondern legte sich angezogen auf den Kang. Dufthauch fragte: „Das Abendessen ist fertig — willst du jetzt essen oder später?" Schatzjade sagte: „Ich esse nichts, mir ist unwohl. Esst ihr."

Dufthauch sagte: „Dann solltest du wenigstens das Kleid ausziehen. Das Stück verträgt keine grobe Behandlung." Schatzjade: „Muss nicht sein." Dufthauch: „Es geht nicht nur um den feinen Stoff — sieh dir die Näharbeit an! Die sollte man nicht ruinieren!" Diese Worte trafen Schatzjades wunden Punkt. Er seufzte: „Dann nimm es und verwahre es gut. Ich werde es nie wieder tragen." Er stand auf und zog es aus. Als Dufthauch es nehmen wollte, hatte er es bereits selbst zusammengelegt. Dufthauch fragte verwundert: „Seit wann ist der Zweite Herr so sorgfältig?" Schatzjade antwortete nicht. Als er fertig war, fragte er: „Wo ist das Tuch, in das es eingewickelt war?" Moschusmond[9] reichte es eilig herüber und ließ ihn selbst einpacken, wobei sie Dufthauch hinter seinem Rücken zuzwinkerte und kicherte.

Schatzjade beachtete es nicht und saß niedergeschlagen da. Die Uhr auf dem Regal schlug; er sah auf seine Taschenuhr — schon Viertel nach fünf. Bald brachte ein Mädchen Licht. Dufthauch sagte: „Wenn du nicht essen willst, trink wenigstens eine halbe Schale heiße Reissuppe. Hungern ist nicht gut — wenn sich Leerlaufhitze einstellt, müssen wir es ausbaden." Schatzjade schüttelte den Kopf: „Ich habe noch keinen richtigen Hunger — wenn ich mich zwinge, wird mir nur schlecht." Dufthauch: „Dann geh lieber gleich schlafen." Dufthauch und Moschusmond richteten das Bett, und Schatzjade legte sich hin. Er wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Erst gegen Morgen döste er kurz ein, doch nach nicht mehr als der Dauer einer Mahlzeit war er schon wieder wach.

Dufthauch und Moschusmond waren ebenfalls aufgestanden. Dufthauch sagte: „Ich habe gehört, wie du dich bis zum fünften Nachtwächtersignal gewälzt hast. Ich wagte nicht zu fragen. Dann bin ich selbst eingeschlafen — hast du schließlich doch geschlafen?" Schatzjade: „Kurz. Ich weiß nicht, warum ich so früh aufgewacht bin." Dufthauch: „Fehlt dir etwas?" Schatzjade: „Nein, ich bin nur unruhig im Herzen."

Dufthauch fragte: „Gehst du heute in die Schule?" Schatzjade: „Ich habe gestern schon einen Tag Urlaub genommen. Heute möchte ich im Garten spazieren und mich ein wenig zerstreuen, aber es ist so kalt. Richtet mir ein Zimmer her, mit einem Räuchergefäß, Papier, Tusche, Pinsel und Tuschstein. Ihr könnt eure Sachen machen — ich möchte einen halben Tag still für mich sitzen. Schickt mir niemanden herein." Moschusmond sagte: „Wenn der Zweite Herr in Ruhe arbeiten will, wer würde ihn stören?" Dufthauch meinte: „Das ist sehr gut — so erkältest du dich auch nicht, und ein wenig Stille sammelt den Geist." Dann fragte sie: „Wenn du keine Lust auf Essen hast — was soll die Küche machen? Sag es früh." Schatzjade: „Etwas Einfaches, kein großes Aufheben. Legt nur ein paar Früchte in das Zimmer — ihres Duftes wegen." Dufthauch: „Welches Zimmer soll es sein? Die meisten sind nicht sauber genug. Nur das, wo Heitermuster früher wohnte — da kommt niemand hin, es ist noch sauber, nur etwas kalt." Schatzjade: „Macht nichts — stellt den Kohleofen hinüber." Dufthauch sagte zu.

Während sie sprachen, brachte ein kleines Mädchen eine Schale auf einem Tablett und reichte sie Moschusmond: „Die Blumen-Schwester hat das eben bestellt — die Köchin hat es geschickt." Moschusmond nahm es entgegen — eine Schale Schwalbennestersuppe. Sie fragte Dufthauch: „Hast du das bestellt?" Dufthauch lachte: „Gestern Abend hat der Zweite Herr nichts gegessen und sich die ganze Nacht gewälzt — heute Morgen muss er sich doch leer fühlen. Deshalb habe ich die Mädchen in die Küche geschickt." Dufthauch ließ ein Tischchen aufstellen; Moschusmond half Schatzjade beim Trinken und Mundspülen. Da kam Herbstmuster: „Das Zimmer ist fertig — wartet aber, bis die erste Kohlehitze verflogen ist, ehe der Zweite Herr hineingeht." Schatzjade nickte; sein Herz war voll, doch er mochte nicht reden.

Nach einer Weile kam ein kleines Mädchen und meldete: „Pinsel und Tusche sind aufgestellt." Schatzjade: „Gut." Ein anderes Mädchen: „Das Frühstück ist fertig — wo soll es serviert werden?" Schatzjade: „Bringt es einfach her, ohne Umstände." Das Mädchen ging, und bald wurde aufgetragen. Schatzjade lächelte Moschusmond und Dufthauch an: „Mir ist so schwer ums Herz — allein essen, fürchte ich, bringe ich nichts hinunter. Esst ihr beide mit mir, vielleicht bekomme ich dann auch mehr Appetit." Moschusmond lachte: „Das ist der Wunsch des Zweiten Herrn — wir wagen es nicht." Dufthauch sagte: „Eigentlich geht das schon — wir haben ja auch zusammen Wein getrunken. Nur wenn du dich einmal aufheitern willst, ist es vertretbar; aber aus Gewohnheit wäre es gegen alle Ordnung." Die drei setzten sich: Schatzjade oben, Dufthauch und Moschusmond an den Seiten.

Nach dem Essen brachte ein Mädchen Spültee; die beiden räumten ab. Schatzjade hielt seine Teetasse und versank in Gedanken. Nach einer Weile fragte er: „Ist das Zimmer fertig?" Moschusmond: „Das habe ich doch vorhin schon gemeldet — und du fragst noch einmal."

Schatzjade saß noch einen Moment, dann ging er in das Zimmer hinüber. Er zündete persönlich eine Räucherstange an, stellte Obst auf und schickte alle hinaus. Er schloss die Tür. Draußen verhielten sich Dufthauch und die anderen mucksmäuschenstill. Schatzjade nahm einen Bogen rosa Briefpapier mit goldenen Eckverzierungen hervor, murmelte einige Worte des Gebets, dann schrieb er:

Der Herr des Hofes der Roten Freude verbrennt dies zur Kenntnis der Schwester Heitermuster: Tee und Duft seien dir dargebracht, auf dass du kommst und dich daran erfreust.

Sein Gedicht lautete:

Treue Gefährtin — einsam sinne ich dir nach. Wer hätte gedacht, ein Sturm bricht über ebener Erde los, Und jählings wird dein Lebenslicht gelöscht! Wer flüstert nun zarte Worte?

Nach Osten fließt das Wasser — nie kehrt es gen Westen. Selbst im Traum kann ich dein Bild nicht mehr schaffen; Doch beim Aufhängen des Pelzes seh ich das Brokat der Regenwolken. Stille Sehnsucht — sie macht mich traurig.

Als er fertig geschrieben hatte, hielt er das Papier an den Weihrauch und verbrannte es. Still wartend, bis die Räucherstange herabgebrannt war, öffnete er die Tür und trat hinaus. Dufthauch fragte: „Schon fertig? War dir wohl wieder langweilig?" Schatzjade lächelte und log: „Ich hatte es nur im Herzen, und wollte ein stilles Plätzchen. Jetzt ist mir besser. Ich möchte noch ein wenig draußen spazieren."

Er ging geradewegs zum Xiaoxiang-Pavillon und rief im Hof: „Ist Schwester Lin zu Hause?" Purpurkuckuck[10] antwortete: „Wer ist da?" Sie hob den Vorhang und lachte: „Der Zweite Herr Bao! Das Fräulein ist drinnen — bitte herein." Schatzjade ging mit Purpurkuckuck hinein. Kajaljade war im Hinterzimmer und rief: „Purpurkuckuck, lass den Zweiten Herrn hereinkommen." Schatzjade sah an der Tür zum Hinterzimmer ein neues Paar Spruchbänder aus purpurschwarzer Goldwolken-Drachenseide hängen:

Grünes Fenster, heller Mond — sie sind noch da; Die alten Weisen in den Annalen — sie sind nur noch Leere.

Schatzjade lächelte, trat ein und fragte: „Was macht die Schwester?" Kajaljade stand auf, kam ihm zwei Schritte entgegen und bot ihm lächelnd einen Platz an: „Ich bin beim Sutra-Abschreiben — nur noch zwei Zeilen. Wenn ich fertig bin, plaudern wir." Sie rief Schneegans, Tee zu bringen. Schatzjade sagte: „Beweg dich nicht, schreib nur weiter."

Er sah ein Rollbild an der Wand hängen: darauf eine Chang'e mit einer Dienerin und eine weitere Göttin mit einer Dienerin, die einen langen Kleiderbeutel trug. Um beide Gestalten zog sich leichte Wolkenwatte, sonst war kein Schmuck zu sehen — ganz im Stil der weißen Tuschezeichnungen des Li Longmian. Darüber stand in eleganter Kanzleischrift: „Bild des Frostgefechts". Schatzjade fragte: „Schwester, dieses ‚Bild des Frostgefechts' — hast du es erst kürzlich aufgehängt?" Kajaljade: „Ja. Gestern beim Aufräumen fiel es mir ein, und ich ließ es aufhängen." Schatzjade: „Was ist die Vorlage?" Kajaljade lachte: „Das kennst du doch bestens — und fragst noch!" Schatzjade lachte: „Mir fällt es gerade nicht ein — sag es mir." Kajaljade: „Kennst du nicht den Vers: ‚Reiffee und Mondgöttin trotzen beide der Kälte, im Mond und im Frost wetteifern sie an Schönheit'?" Schatzjade rief: „Ja, richtig! Das ist wirklich originell und geschmackvoll — und genau zur rechten Jahreszeit aufgehängt."

Er schaute sich noch ein wenig um. Schneegans brachte Tee. Schatzjade trank und wartete, bis Kajaljade fertig geschrieben hatte. Sie stand auf: „Verzeiht die Unhöflichkeit." Schatzjade lachte: „Immer noch so förmlich, Schwester." Er betrachtete Kajaljade: Sie trug ein weißes, mit Blumen besticktes Pelzjäckchen und darüber eine Weste aus Silberfuchsfell; das Haar war in einem einfachen Wolkenknoten hochgesteckt, mit nur einer schlichten Goldnadel und keinem Blumenschmuck; um die Hüften einen rosafarbenen bestickten Wattrock. Wahrlich:

Wie ein Jadebaum, schlank im Winde stehend, Wie eine duftende Lotosblüte, sanft im Tau sich öffnend.

Schatzjade fragte: „Hast du in den letzten Tagen Zither gespielt?" Kajaljade: „Seit zwei Tagen nicht. Vom Schreiben allein werden die Hände schon kalt — wo soll da noch Zither gespielt werden?" Schatzjade: „Vielleicht ist es auch besser so. Die Zither mag ein erhabenes Instrument sein, aber kein gutes: Noch nie hat jemand sich Reichtum, Rang und langes Leben erspielt — nur Kummer, Sehnsucht und Leid. Außerdem muss man sich die Noten merken, was anstrengend ist. Du bist ohnehin zart — erspare dir die Mühe." Kajaljade lächelte.

Schatzjade deutete auf die Wand: „Ist das deine Zither? Warum ist sie so kurz?" Kajaljade lachte: „Sie ist nicht kurz. Als ich klein war und spielen lernte, reichten meine Arme für gewöhnliche Zithern nicht aus, deshalb ließ man diese anfertigen. Zwar ist es kein verkohltes Paulownia-Holz, aber der Kranichberg und der Phönixschwanz sind gut proportioniert, und der Drachenteich und die Gänsefüße passen in der Höhe zusammen. Sieh dir die Risse an — sehen sie nicht aus wie Yakhaare? Deshalb ist auch der Klang klar und rein."

Schatzjade fragte: „Hast du in letzter Zeit Gedichte geschrieben?" Kajaljade: „Seit der Dichtergesellschaft kaum." Schatzjade lachte: „Täusch mich nicht. Ich habe gehört, wie du etwas sangst von ‚nicht zu erschrecken, das reine Herz — wie der Mond am Himmel'. Du hast es in die Zithermelodie eingebettet, und der Klang war besonders durchdringend. Stimmt das?" Kajaljade fragte: „Wie hast du das gehört?" Schatzjade: „Neulich kam ich von der Liaofeng-Veranda und hörte es. Ich wollte deine klare Melodie nicht stören und lauschte still eine Weile, dann ging ich. Nur eines wollte ich fragen: Die ersten Strophen standen im ebenen Ton, und am Ende wechseltest du plötzlich in den schrägen — was bedeutet das?" Kajaljade: „Das ist der natürliche Klang des Herzens. Man dichtet, wohin der Geist einen führt — eine feste Regel gibt es nicht." Schatzjade: „Ach so. Schade, dass ich kein musikalisches Ohr habe — da habe ich umsonst zugehört." Kajaljade sagte: „Seit alten Zeiten — wie viele wahre Kenner hat es je gegeben?"

Schatzjade merkte, dass seine Worte wieder unbedacht waren, und fürchtete, Kajaljades Herz zu verletzen. Er saß eine Weile; tausend Worte lagen ihm auf der Zunge, doch er fand nichts mehr zu sagen. Auch Kajaljade bereute ihren Satz — er war ihr entschlüpft und klang im Nachhinein zu kühl. Schatzjade vermutete, Kajaljade hege einen Vorbehalt, und stand verlegen auf: „Schwester, bleib sitzen. Ich möchte noch bei der Dritten Schwester vorbeischauen." Kajaljade: „Wenn du sie siehst, grüß sie von mir." Schatzjade sagte zu und ging.

Kajaljade kehrte an die Tür zurück und setzte sich grübelnd hin: „In letzter Zeit redet Schatzjade so halb und halb, bald kalt, bald warm — was meint er nur?" Da kam Purpurkuckuck: „Fräulein, schreibt Ihr nicht weiter? Soll ich die Schreibsachen wegräumen?" Kajaljade: „Ich schreibe nicht mehr — räum es weg." Sie ging ins Hinterzimmer und legte sich aufs Bett, um in aller Stille nachzudenken. Purpurkuckuck kam herein: „Fräulein, trinkt eine Schale Tee." Kajaljade: „Ich möchte nicht. Ich ruhe mich nur ein wenig aus — geht."

Purpurkuckuck trat hinaus und sah Schneegans allein vor sich hin starren. Sie trat neben sie: „Hast du jetzt auch etwas, das dich beschäftigt?" Schneegans hatte sie nicht kommen sehen und erschrak. Dann sagte sie: „Psst! Heute habe ich etwas gehört — ich erzähl es dir, es ist wirklich merkwürdig! Aber sag kein Wort." Sie wies mit dem Kinn zur Tür, ging voraus und winkte Purpurkuckuck mit, hinauszukommen. Auf der Terrasse vor der Tür flüsterte sie: „Schwester, hast du gehört? Schatzjade ist verlobt!"

Purpurkuckuck erschrak: „Woher kommt das? Ist das auch wahr?" Schneegans: „Und ob! Alle wissen es anscheinend, nur wir haben nichts gehört." Purpurkuckuck: „Von wem hast du es?" Schneegans: „Von Shishu. Es soll eine Präfektenfamilie sein — wohlhabend, das Mädchen schön."

Purpurkuckuck wollte mehr hören, als Kajaljade drinnen hustete, als stünde sie auf. Purpurkuckuck fürchtete, sie könnte herauskommen, zog Schneegans am Ärmel und legte den Finger auf die Lippen. Sie spähte hinein — nichts rührte sich. Leise fragte sie weiter: „Was hat Shishu genau gesagt?" Schneegans berichtete: „Neulich schickte mich das Fräulein zum Dritten Fräulein, um sich zu bedanken. Das Dritte Fräulein war nicht da, nur Shishu. Wir saßen herum und kamen zufällig auf Schatzjades Ungezogenheit zu sprechen. Shishu sagte: ‚Was soll aus dem Zweiten Herrn Bao werden? Er spielt nur und benimmt sich nicht wie ein Erwachsener — und dabei ist er schon verlobt und trotzdem noch so verträumt.' Ich fragte, ob es feststehe. Sie sagte ja — ein gewisser Herr Wang habe vermittelt. Dieser Herr Wang sei ein Verwandter des Osthauses, und so habe man nicht lange fragen müssen — auf den ersten Antrag sei es schon beschlossen gewesen."

Purpurkuckuck legte den Kopf schief und überlegte: „Merkwürdig!" Dann fragte sie: „Warum hat bei uns zu Hause niemand davon gesprochen?" Schneegans: „Shishu hat das auch erklärt: Es sei der Wille der Alten Ahnin. Wenn man darüber rede, könnte Schatzjade vor lauter Aufregung verrückt spielen; deshalb schweigen alle. Shishu hat es mir erzählt und mich dringend ermahnt: ‚Lass ja nichts verlauten — sonst heißt es, ich plaudere.' " Sie wies auf die Tür: „Deshalb habe ich auch vor ihr nichts gesagt. Heute hast du gefragt — da konnte ich es dir nicht verschweigen."

Gerade da schrie der Papagei: „Das Fräulein ist zurück! Schnell, bringt Tee!" Purpurkuckuck und Schneegans erschraken. Sie blickten sich um — niemand war da. Sie schimpften den Papagei aus, gingen hinein und sahen Kajaljade keuchend auf einem Stuhl sitzen. Purpurkuckuck versuchte unbefangen nach Tee und Wasser zu fragen. Kajaljade fragte: „Wo wart ihr beide? Man ruft und ruft, und keine Menschenseele kommt." Damit ging sie zum Kang, ließ sich fallen, drehte sich zur Wand und rief: „Lasst den Vorhang herunter." Purpurkuckuck und Schneegans taten es. Beide ahnten, dass Kajaljade ihr Gespräch belauscht haben könnte, doch keine wagte, das Thema zu berühren.

Tatsächlich hatte Kajaljade, die ohnehin voller Sorgen war, das geflüsterte Gespräch der beiden teilweise aufgeschnappt. Zwar hatte sie nicht alles verstanden, doch sieben oder acht Zehntel reichten aus: Es war, als hätte man sie in ein tiefes Meer geworfen. Sie dachte hin und her — es stimmte genau mit der Weissagung ihres Traums überein. Tausend Sorgen, zehntausend Groll türmten sich in ihr auf. Sie überlegte: „Lieber früh sterben, als mitansehen zu müssen, wie das Unerwartete geschieht — das wäre noch bitterer." Dann dachte sie an ihre Verwaistheit: „Von heute an werde ich meinen Körper Tag für Tag zugrunde richten. In einem Jahr oder einem halben ist der reine Himmel erreicht." Mit diesem Entschluss deckte sie sich nicht zu, legte keine zusätzliche Kleidung an, schloss die Augen und tat, als schliefe sie.

Purpurkuckuck und Schneegans kamen mehrmals herein, doch nichts regte sich, und sie wagten nicht zu rufen. Auch das Abendessen blieb unberührt. Nachdem die Lampen angezündet waren, schob Purpurkuckuck den Bettvorhang beiseite: Kajaljade schien zu schlafen, doch die Decke war ans Fußende getreten. Aus Angst vor Erkältung legte Purpurkuckuck sie behutsam wieder auf. Kajaljade rührte sich nicht. Kaum war Purpurkuckuck hinaus, streifte Kajaljade die Decke wieder ab.

Purpurkuckuck fragte Schneegans immer wieder: „War das heute die Wahrheit oder nicht?" Schneegans: „Natürlich!" Purpurkuckuck: „Woher weiß Shishu das?" Schneegans: „Von Xiaohong." Purpurkuckuck: „Ich fürchte, das Fräulein hat unser Gespräch gehört — hast du ihr Verhalten eben gesehen? Da steckt etwas dahinter. Von heute an dürfen wir das Thema nicht mehr erwähnen." Beide machten sich fertig zum Schlafen. Purpurkuckuck ging noch einmal nachsehen — die Decke war schon wieder abgetreten. Leise legte sie sie wieder auf. Der Rest der Nacht verging.

Am nächsten Morgen war Kajaljade ganz früh aufgestanden und saß allein und stumm da. Purpurkuckuck wachte auf und erschrak: „Fräulein, warum so früh?" Kajaljade: „Kein Wunder — ich bin früh eingeschlafen, also wache ich früh auf." Purpurkuckuck weckte Schneegans, und beide halfen bei der Morgentoilette. Kajaljade saß vor dem Spiegel und starrte ihr Spiegelbild an. Nach einer Weile flossen die Perlentränen unaufhörlich und durchtränkten das Seidentuch. Wahrlich:

Der hagere Schatten spiegelt sich im Frühlingswasser: Du solltest mich bemitleiden — ich bemitleide dich.

Purpurkuckuck wagte nicht zu trösten, aus Furcht, durch beiläufige Worte alte Wunden aufzureißen. Erst nach langer Zeit machte sich Kajaljade flüchtig zurecht; doch die Tränenspuren in ihren Augen trockneten nicht.

Wieder saß sie eine Weile, dann rief sie: „Purpurkuckuck, zünd Weihrauch an." Purpurkuckuck: „Fräulein, Ihr habt kaum geschlafen — wozu jetzt Weihrauch? Wollt Ihr Sutras abschreiben?" Kajaljade nickte. Purpurkuckuck: „Das Fräulein ist heute so früh aufgewacht und will jetzt auch noch Sutras schreiben — ist das nicht zu anstrengend?" Kajaljade sagte: „Keine Angst — je früher ich fertig bin, desto besser. Eigentlich geht es mir gar nicht um die Sutras — ich möchte mir durch das Schreiben die Zeit vertreiben. Wenn ihr später meine Schriftzüge seht, ist es, als säht ihr mich selbst." Bei diesen Worten liefen ihr die Tränen ungehindert herunter. Purpurkuckuck konnte nun nicht mehr trösten; sie selbst konnte ihre Tränen nicht zurückhalten.

In der Tat hatte Kajaljade ihren Entschluss gefasst: Von nun an würde sie ihren Körper absichtlich zugrunde richten. Essen und Trinken nahm sie kaum noch zu sich und verringerte beides täglich. Wenn Schatzjade von der Schule kam, erkundigte er sich zwar regelmäßig, doch Kajaljade wusste tausend Dinge zu sagen und wagte doch nichts — sie war älter geworden und konnte nicht mehr wie als Kind mit zärtlichem Scherz locken. Alles, was sie auf dem Herzen hatte, blieb unausgesprochen. Schatzjade wiederum wollte ihr die Wahrheit sagen und sie beruhigen, fürchtete aber, Kajaljade könnte zornig werden und die Krankheit verschlimmern. So beschränkten sich beide bei ihren Treffen auf oberflächliche Trostworte — wahrhaftig: je inniger verbunden, desto entfremdeter.

Zwar sorgten sich die Herzoginmutter, Frau König und andere um Kajaljade und ließen Ärzte kommen, doch sie dachten nur an ihre üblichen Beschwerden und ahnten nichts von ihrer Herzkrankheit. Purpurkuckuck und die anderen durchschauten es, wagten aber nichts zu sagen. So verringerte Kajaljade ihr Essen Tag für Tag. Nach einem halben Monat wurde ihr Verdauungsvermögen immer schwächer, und schließlich konnte sie nicht einmal mehr Reisbrei zu sich nehmen. Alles, was Kajaljade tagsüber hörte, schien ihr von Schatzjades Heirat zu handeln; jeder aus dem Hof der Roten Freude, vom Höchsten bis zum Niedrigsten, schien ihr so auszusehen, als bereiteten sie Schatzjades Hochzeit vor. Wenn Tante Schnee[11] zu Besuch kam und Schatzspange[12] nicht mitbrachte, steigerte sich Kajaljades Argwohn noch mehr. Sie lehnte jeden Besuch ab, wollte keine Medizin nehmen und wünschte sich nur, schnell zu sterben. Im Schlaf hörte sie ständig jemanden „Zweite Herrin Bao" rufen. Ein einziger Argwohn wuchs zum Schlangenspiegelbild. Eines Tages hörte sie gänzlich auf zu essen — nicht einen Reiskorn nahm sie mehr zu sich. Kraftlos und fast atemlos lag sie dem Tode nahe.

Wie es um Kajaljades Leben stand, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.

  1. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
  2. Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Schein-Echtheit".
  3. Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".
  4. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
  5. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
  6. Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".
  7. Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster".
  8. Hof der Roten Freude (怡红院): „Hof der Roten Freude", Schatzjades Wohnsitz im Garten der Großen Anschauung.
  9. Moschusmond: Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".
  10. Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".
  11. Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".
  12. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.

Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).