Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 101"
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| − | + | = Kapitel 101 = | |
| − | < | + | == Im Garten der Großen Anschauung erschreckt ein Geist in der Mondnacht, == |
| − | + | == Im Sanhua-Tempel verkündet ein Orakelstab ein beunruhigendes Omen == | |
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| + | Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 (Wáng Xīfèng), wörtl. „Strahlender Phönix". Ehefrau von Kette Kaufmann, Haushälterin des Rong-Palastes.</ref> kehrte in ihr Zimmer zurück. Da Kette Kaufmann<ref>Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 (Jiǎ Liǎn). Sohn von Begnadigung Kaufmann, Ehemann von Phönixglanz.</ref> noch nicht heimgekehrt war, erteilte sie den mit Erkundefrühling<ref>Erkundefrühling: Chin. 探春 (Tànchūn), wörtl. „Den Frühling erspüren". Dritte Tochter von Aufrecht Kaufmann.</ref>s Reisegepäck und Aussteuer betrauten Leuten Anweisungen. Nach der Abenddämmerung fiel ihr plötzlich Erkundefrühling ein, und sie wollte nach ihr sehen. So befahl sie Feng'er und zwei Dienstmädchen, sie zu begleiten, während ein Mädchen vorausging und eine Laterne trug. Als sie aus der Tür traten, stand der Mond bereits hoch am Himmel und übergoß alles mit seinem Licht wie mit klarem Wasser. Phönixglanz befahl der Laternenträgerin: „Geh zurück." Als sie am Teehaus vorbeikam, hörte sie durch das Fenster leises Tuscheln drinnen — halb weinend, halb lachend, als würde etwas besprochen. Phönixglanz wußte, daß es nur die alten Weiber des Hauses sein konnten, die wieder irgendwelchen Klatsch verbreiteten. Höchst ungehalten, befahl sie Xiaohong: „Geh hinein und tue so, als ob nichts wäre, aber horche alles genau aus und bringe mit geschickten Worten die wahren Umstände zutage." Xiaohong gehorchte und ging. | ||
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| + | Phönixglanz nahm nur Feng'er mit und ging zum Gartentor. Es war noch nicht geschlossen, sondern stand nur angelehnt. So traten Herrin und Dienerin ein. Im Garten erschien ihnen das Mondlicht noch heller als draußen, und am Boden lagen viele Schatten von Bäumen. Kein Menschenlaut war zu hören; alles war einsam und trostlos. Sie wollte gerade den Weg zum Qiushuang-Haus einschlagen, als ein Windstoß durch die Bäume fuhr, die herabfallenden Blätter im ganzen Garten rascheln ließ und die Zweige zum Pfeifen brachte. Erschrockene Krähen und nächtigende Vögel flogen auf. Phönixglanz hatte Wein getrunken, und der Wind ließ sie frösteln. Feng'er hinter ihr zog den Kopf ein und rief: „Wie kalt!" Auch Phönixglanz konnte es nicht mehr aushalten und sagte zu Feng'er: „Lauf schnell zurück und bring mir die silberfuchsbesetzte Jacke. Ich warte bei der Dritten Schwester." Feng'er war nur zu froh, denn auch sie wollte sich wärmer anziehen, rief schnell: „Jawohl!" und rannte davon. | ||
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| + | Phönixglanz war kaum ein paar Schritte gegangen, als sie hinter sich ein Schnaufen und Schnüffeln hörte. Unwillkürlich sträubten sich ihr die Haare. Sie konnte nicht umhin, sich umzudrehen — und da war ein großes, schwarzglänzendes Etwas hinter ihr, das mit ausgestreckter Nase an ihr schnupperte, die Augen leuchtend wie Laternen. Phönixglanz erschrak zu Tode und stieß unwillkürlich ein „Ha!" aus — es war ein großer Hund. Das Tier riß den Kopf zurück, drehte sich um und rannte mit seinem buschigen, besenartigen Schwanz den großen Erdhügel hinauf, wo es stehen blieb und sich umdrehte, noch immer die Pfoten in Phönixglanzs Richtung erhoben. | ||
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| + | Phönixglanz zitterte am ganzen Leib und eilte zum Qiushuang-Haus. Gerade als sie die Tür erreichte und um den künstlichen Felsen herumkam, huschte ihr von vorn ein Schatten entgegen. Phönixglanz war argwöhnisch, dachte aber, es müsse ein Mädchen aus irgendeinem Hause sein, und fragte: „Wer ist da?" Obwohl sie zweimal fragte, kam niemand zum Vorschein. Schon begann ihr Geist zu schweben. In einem schemenhaften Zustand glaubte sie, hinter sich eine Stimme zu hören: „Erkennt die Tante mich denn nicht?" Phönixglanz drehte sich hastig um und erblickte eine Person von anmutiger Gestalt und eleganter Kleidung, die ihr sehr bekannt vorkam — nur konnte sie sich nicht erinnern, aus welchem Hause die junge Frau stammte. Da sprach die Person erneut: „Die Tante hat nur Sinn für Ruhm und Reichtum und hat alles, was ich ihr dereinst sagte — 'eine Grundlage für zehntausend Jahre' — den Wogen des Ostmeeres preisgegeben." Phönixglanz senkte nachdenklich den Kopf, konnte sich aber partout nicht erinnern. Die Person lächelte kühl: „Wie zärtlich war die Tante damals zu mir! Und jetzt hat sie alles vergessen." | ||
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| + | Da fiel es Phönixglanz ein: Es war die erste Gattin Hibiskus Kaufmanns — Qin-shi! Sie rief: „Ach! Du bist doch eine Tote! Wie kommst du hierher?" Sie spuckte aus und wollte sich umwenden und gehen, als sie über einen Stein stolperte und hinfiel. Wie aus einem Traum erwacht, war sie am ganzen Leib in Schweiß gebadet. Obwohl sich ihr die Haare noch immer sträubten, war ihr Verstand wieder klar. Schon sah sie Xiaohong und Feng'er in der Ferne näherkommen. | ||
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| + | Phönixglanz fürchtete, von den Leuten geredet zu werden, sprang eilig auf und sagte: „Was habt ihr so lange gemacht? Gebt schon her, ich ziehe mich an." Feng'er trat vor und half ihr in die Jacke. Xiaohong kam und stützte sie, als sie vorwärts gehen wollte. Phönixglanz sagte: „Ich war schon dort, aber sie schlafen alle schon. Gehen wir zurück." So kehrten sie eilig zu dritt ins Haus zurück. Kette Kaufmann war bereits daheim. Phönixglanz bemerkte, daß sein Gesicht ganz anders aussah als sonst. Sie wollte ihn fragen, aber da sie sein Temperament kannte, wagte sie es nicht und ging zu Bett. | ||
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| + | Am nächsten Morgen um fünf Uhr stand Kette Kaufmann auf, um den Obereunuchen Qiu Shi'an aufzusuchen und sich nach den Angelegenheiten zu erkundigen. Da es noch zu früh war, nahm er den Amtsboten-Bericht vom Vortag und blätterte ihn durch. Der erste Punkt betraf eine Eilauswahl von Abteilungsleitern im Personalministerium — genehmigt wie üblich. Der zweite war ein Bericht des Strafministeriums über den Militärgouverneur von Yunnan, König Zhong: Er hatte den Fall der illegalen Ausfuhr von „göttlichen Gewehren" und Schießpulver über die Grenze entdeckt; unter den achtzehn Angeklagten stand an erster Stelle ein gewisser Bao Yin, Diener des Großlehrers und Herzogs Jia Hua. Kette Kaufmann dachte nach und las weiter. Der dritte Punkt: Ein Bericht des Präfekten Li Xiao von Suzhou über einen Angestellten, der sich zugelassen hatte, daß sein Hausdiener unter Ausnutzung seiner Stellung die Frau eines Soldaten vergewaltigen wollte und sie, als sie sich wehrte, in den Tod trieb. Der Verbrecher hieß Shi Fu und gab sich als Diener des erblichen Titularadligen dritten Ranges Jia Fan aus. Kette Kaufmann war beunruhigt. Er wollte weiterlesen, fürchtete aber, zu spät zu kommen, um Qiu Shi'an zu treffen. So kleidete er sich an, aß nichts, trank nur zwei Schluck Tee, den Friedchen<ref>Friedchen: Chin. 平儿 (Píng'ér), wörtl. „Friedliches Kind". Nebenfrau und treue Gehilfin von Phönixglanz.</ref> ihm brachte, und ritt davon. Friedchen räumte die abgelegte Kleidung fort. | ||
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| + | Zu dieser Zeit war Phönixglanz noch nicht aufgestanden. Friedchen sagte: „Heute Nacht hat die Herrin kaum geschlafen. Lassen Sie mich Ihnen den Rücken klopfen, damit Sie ein wenig ruhen können." Phönixglanz schwieg. Friedchen deutete dies als Zustimmung, kletterte auf das Ruhebett und klopfte ihr sanft den Rücken. Gerade als Phönixglanz einzunicken begann, fing drüben die kleine Da-jie zu weinen an, und Phönixglanz riß die Augen wieder auf. Friedchen rief zum Nebenraum: „Li-Amme! Was soll das? Die Kleine weint — tätscheln Sie sie doch wenigstens! Sie schlafen wirklich zu gern!" Die Li-Amme fuhr aus dem Schlaf hoch, und bei Friedchens Worten brodelte es in ihr. Wütend klatschte sie dem Kind ein paarmal aufs Hinterteil und brummelte: „Du verfluchtes kleines Ding! Leg dich hin und stirb! Mitten in der Nacht so einen Höllenlärm machen!" Dabei kniff sie das Kind in den Arm. Darauf fing die Kleine erst recht laut an zu brüllen. | ||
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| + | Phönixglanz hörte es und sagte: „So geht es nicht! Hörst du? Sie quält schon wieder das Kind. Geh hin und verpasse der schwarzherzigen Alten ein paar ordentliche Schläge und bring das Mädchen her." Friedchen lachte: „Gnädige Frau, regen Sie sich nicht auf. Die wird doch nicht das Kind quälen! Wahrscheinlich hat sie es nur versehentlich angestoßen. Wenn Sie sie jetzt schlagen, dann reden die Leute morgen hinter Ihrem Rücken, man schlage bei uns nachts die Dienstboten." | ||
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| + | Phönixglanz schwieg lange, seufzte dann tief und sagte: „Sieh nur — jetzt bin ich noch bei bester Gesundheit. Wenn ich eines Tages sterbe und dieses kleine Unglückswurm zurücklasse — wer weiß dann, wie es ihm ergehen wird!" Friedchen lachte: „Was reden die Herrin da? Es ist gerade erst fünf Uhr morgens — wozu solche Worte?" Phönixglanz erwiderte kalt: „Das weißt du nicht. Ich habe es längst begriffen. Auch ich habe nicht mehr lange. Obwohl ich erst fünfundzwanzig bin — was andere nicht gesehen haben, habe ich gesehen; was andere nicht gegessen haben, habe ich gegessen; an Kleidung und Nahrung hat es mir nie gemangelt; alles, was die Welt zu bieten hat, habe ich besessen; meinen Stolz habe ich ausgelebt, meine Kämpfe habe ich alle gewonnen. Wenn es nur am Schriftzeichen für 'Langlebigkeit' an einem Strich fehlt — so sei es denn." | ||
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| + | Friedchen konnte die Tränen nicht zurückhalten. Phönixglanz lachte: „Jetzt brauchst du nicht so zu tun, als hättest du Mitleid. Wenn ich tot bin, werdet ihr euch alle nur freuen. Dann lebt ihr zusammen einträchtig und in Frieden — und ich bin euch kein Dorn im Auge mehr. Nur eines: Wenn ihr Verstand habt, dann kümmert euch um mein Kind." Friedchen weinte nun erst recht. Phönixglanz lachte: „Reiß dich zusammen! Ich bin doch noch nicht tot, und du heulst schon! Wenn ich nicht sterbe, heulst du dich noch zu Tode!" Friedchen trocknete hastig die Tränen: „Die Herrin sagt so betrübliche Dinge." Dann klopfte sie weiter, und Phönixglanz döste endlich ein. | ||
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| + | Friedchen stieg leise vom Bett, als sie draußen Schritte hörte. Kette Kaufmann war zu spät gekommen; der Eunuch war bereits zur Audienz gegangen. Verärgert kam er zurück und fragte Friedchen: „Sind sie immer noch nicht auf?" Friedchen antwortete: „Noch nicht." Kette Kaufmann stürmte herein und höhnte: „Wunderbar! Um diese Stunde noch im Bett — ihr führt einen richtigen Streik, und niemand will arbeiten!" Er verlangte lautstark Tee. Friedchen brachte schnell eine Schale. Da die Mägde sich, nachdem Kette Kaufmann ausgegangen war, wieder hingelegt hatten, ohne mit seiner Rückkehr zu rechnen, war der Tee nur lauwarm. Kette Kaufmann, wütend, warf die Schale zu Boden, wo sie in tausend Stücke zerbrach. | ||
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| + | Phönixglanz schreckte auf, kalt überlief es sie. Sie stöhnte, schlug die Augen auf und sah Kette Kaufmann wutschnaubend neben sich sitzen, während Friedchen, gebückt, die Scherben aufsammelte. Phönixglanz fragte: „Warum bist du so früh zurück?" Erst auf die zweite Frage bekam sie zur Antwort: „Willst du etwa, daß ich draußen krepiere?" Phönixglanz lachte: „Was hat das für einen Sinn? Sonst kommst du auch nicht so schnell zurück. Ich frage dich nur, und schon wirst du böse." Kette Kaufmann schimpfte: „Ich habe ihn nicht angetroffen — warum soll ich dann nicht schnell zurückkommen?" Phönixglanz beschwichtigte: „Wenn du ihn nicht getroffen hast, mußt du eben morgen etwas früher gehen, dann triffst du ihn schon." Kette Kaufmann brüllte: „Ich esse mein eigenes Essen und jage für andere die Rehe! Ich habe selbst einen Haufen Dinge zu erledigen, und keiner rührt sich. Warum soll ich mich für anderer Leute Sachen abrackern? Die, die es eigentlich angeht, sitzen gemütlich zu Hause und wissen weder, ob ich lebe oder tot bin; aber Feuerwerk und Theater sollen gespielt werden, um Geburtstag zu feiern! Mir renn ich die Beine ab!" Er spuckte auf den Boden und schimpfte auch auf Friedchen. | ||
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| + | Phönixglanz war so wütend, daß ihr die Kehle zuschnürte. Sie wollte streiten, überlegte es sich aber und beherrschte sich: „Warum bist du so aufgebracht? Was soll das Geschrei so früh am Morgen? Wer hat dich denn gebeten, dir fremde Angelegenheiten aufzuhalsen? Wenn du es einmal zugesagt hast, mußt du dich eben gedulden und es erledigen. Ich verstehe auch nicht, wie jemand, der selbst Probleme hat, trotzdem Theater und Festessen veranstalten kann." Kette Kaufmann: „Da hast du recht! Du solltest ihn selbst mal fragen!" Phönixglanz: „Wen?" Kette Kaufmann: „Wen? Deinen Bruder!" Phönixglanz: „Ihn?" Kette Kaufmann: „Wen sonst?" | ||
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| + | Phönixglanz fragte rasch, was denn ihr Bruder angestellt habe, und Kette Kaufmann berichtete: Seit seiner Ankunft in der Hauptstadt habe König Ren unter dem Namen des verstorbenen Onkels eine Trauerfeier veranstaltet und dabei mehrere tausend Silbertael erschwindelt. Als der zweite Onkel ihn deswegen rügte, habe er sich einen neuen Trick ausgedacht — nämlich unter dem Vorwand des Geburtstags des zweiten Onkels Geschenke einzutreiben. Nun habe der Zensor einen Bericht über die Schulden des verstorbenen Generals eingereicht, und König Zisheng und König Ren sollten den Fehlbetrag erstatten. Vater und Sohn hätten ihn, Kette Kaufmann, um Hilfe angefleht, und da es auch die Familie seiner Tante und Phönixglanzs betreffe, habe er zugesagt. Aber früh am Morgen sei er vergeblich zu Qiu Shi'an gerannt, und bei denen zu Hause würden fröhlich Theateraufführungen vorbereitet — das sei doch zum Rasendwerden! | ||
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| + | Phönixglanz begriff nun erst, wie König Ren sich benommen hatte. Doch da sie stets ihren Stolz wahrte und ihre Familie verteidigte, sagte sie: „Wie er sich auch benimmt — er ist immerhin dein leiblicher Schwager. Und außerdem werden der verstorbene Onkel und der lebende zweite Onkel dir dankbar sein. Ich bitte dich kniefällig, damit nicht andere meinetwegen leiden und hinter meinem Rücken schimpfen." Tränen liefen ihr über die Wangen; sie richtete sich auf und begann, sich die Haare zu ordnen. Kette Kaufmann beruhigte sich ein wenig: „So war es nicht gemeint. Dein Bruder hat sich schlecht benommen, das ist alles. Du brauchst nicht aufzustehen — du bist doch krank." Er ging hinaus. | ||
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| + | Phönixglanz trocknete ihre Tränen und sagte: „Es ist ohnehin Zeit aufzustehen. Wenn du es schon so sagst, dann kümmere dich bitte um die Sache. Das wäre ein Zeichen deiner guten Gesinnung. Außerdem betrifft es nicht nur mich — auch die Tante wird sich freuen." Kette Kaufmann brummte: „Ist gut, ist gut. Eine große Rübe braucht man nicht mit Jauche zu düngen." | ||
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| + | Friedchen bemerkte: „Warum steht die Herrin so früh auf? An anderen Tagen haben Sie doch Ihre feste Zeit! Der Herr weiß nicht, woher er seine schlechte Laune hat, und läßt es an uns aus. Die Herrin hat genug für ihn geleistet — bei allem steht sie an vorderster Front. Nun hat er ein bißchen etwas getan, und schon tut er so wichtig — als ob die Herrin das nicht verdient hätte!" Auch sie hatte Tränen in den Augen. | ||
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| + | Kette Kaufmann hatte ohnehin schlechte Laune — wie hätte er den schmeichlerischen und zugleich scharfen Worten seiner hübschen Gattin und Nebenfrau widerstehen können? Er lachte: „Genug, genug. Schon eine allein reicht aus, da braucht sie keine Verstärkung. Ich bin ja der Außenseiter — wenn ich erst tot bin, habt ihr Ruhe." Phönixglanz entgegnete: „So rede du auch nicht. Wer weiß, wie es einem ergeht? Wenn du nicht stirbst, sterbe ich vielleicht — je eher, desto besser." Und sie weinte erneut. Friedchen besänftigte sie eine Weile. Es war mittlerweile heller Tag geworden, und Kette Kaufmann ging hinaus, ohne ein weiteres Wort. | ||
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| + | Phönixglanz begann sich zu frisieren. Da kam ein Mädchen von Frau König: „Die Gnädige Frau läßt fragen, ob die Zweite Herrin heute zum Onkel hinübergeht. Wenn ja, soll sie zusammen mit der Zweiten Schwiegertochter Schatz gehen." Phönixglanz war durch den Streit am Morgen entmutigt und ärgerte sich über ihre Verwandten; zudem hatte ihr das Erlebnis im Garten letzte Nacht einen Schrecken eingejagt. So sagte sie: „Sag der Gnädigen Frau, ich habe noch ein paar Dinge zu erledigen und kann heute nicht mitkommen. Außerdem ist das bei denen ohnehin keine ernsthafte Angelegenheit. Wenn die Zweite Schwiegertochter Schatz gehen will, mag sie allein gehen." Das Mädchen überbrachte die Nachricht. | ||
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| + | Phönixglanz überlegte nach dem Ankleiden: „Auch wenn ich selbst nicht gehe, sollte ich doch einen Gruß bestellen. Außerdem ist Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 (Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange". Ehefrau von Schatzjade.</ref> als frischverheiratete junge Frau zum ersten Mal unterwegs — ich sollte hinübergehen und nach dem Rechten sehen." So stattete sie Frau König einen Besuch ab, hielt sie mit einer Sache hin und ging dann zu Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 (Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade". Protagonist des Romans.</ref>s Gemach. Dort lag Schatzjade angekleidet quer auf dem Ruhebett und starrte Schatzspange mit leeren Augen an, während sie sich frisierte. Phönixglanz blieb in der Tür stehen. Schatzspange bemerkte sie erst, als sie sich umdrehte, und bat sie sogleich herein. Auch Schatzjade setzte sich auf. Phönixglanz setzte sich lächelnd nieder. Schatzspange rügte Moschusmond<ref>Moschusmond: Chin. 麝月 (Shèyuè), wörtl. „Moschusmond". Dienstmädchen von Schatzjade.</ref>: „Ihr seht die Zweite Herrin hereinkommen und sagt kein Wort!" Moschusmond lachte: „Die Zweite Herrin hat doch gleich beim Eintreten die Hand gehoben, daß wir still sein sollen." | ||
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| + | Phönixglanz sprach zu Schatzjade: „Warum bist du noch nicht losgegangen? Was wartest du? Du bist ein erwachsener Mann und benimmst dich immer noch wie ein Kind. Deine Frau frisiert sich, und du liegst daneben und gaffst — das sieht man doch den ganzen Tag! Schämst du dich nicht vor den Mädchen?" Sie kicherte und schüttelte den Kopf. Schatzjade war zwar etwas verlegen, kümmerte sich aber nicht weiter darum. Schatzspange errötete vor Verlegenheit, wußte aber nichts zu sagen. Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 (Xírén), wörtl. „Den Menschen überraschend duftend". Erste Kammerzofe von Schatzjade.</ref> brachte Tee, worauf Schatzspange ablenkte und Phönixglanz eine Pfeife reichte. Phönixglanz nahm sie lachend entgegen: „Schwägerin, laß mich und kleid dich lieber an." | ||
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| + | Schatzjade suchte zerstreut nach diesem und jenem. Phönixglanz sagte: „Geh du vor — es gehört sich nicht, daß ein Herr auf die Damen wartet." Schatzjade erwiderte: „Mein Gewand ist mir nicht gut genug; besser war das Goldfasanbrokat-Kleid, das mir die Großmutter vor zwei Jahren schenkte." Phönixglanz neckte ihn: „Warum trägst du es denn nicht?" Schatzjade: „Es ist noch zu früh in der Saison." Phönixglanz fiel plötzlich ein, daß sie einen Fauxpas begangen hatte — denn an das Kleid knüpfte sich die Erinnerung an Heitermuster<ref>Heitermuster: Chin. 晴雯 (Qíngwén), wörtl. „Heiteres Wolkenmuster". Verstorbene Kammerzofe von Schatzjade.</ref>. Zum Glück war Schatzspange auch mit den Wangs verwandt, aber vor den Mädchen war es ihr bereits peinlich. | ||
| − | + | Dufthauch griff das Thema auf und erzählte, warum Schatzjade das Kleid nicht mehr tragen wollte: Seinerzeit, als das Kleid an jenem Geburtstag verbrannt wurde und Heitermuster, obwohl krank, es die ganze Nacht hindurch genäht hatte — und wie Schatzjade dann bei der Erinnerung an Heitermuster geschworen hatte, das Kleid nie wieder zu tragen und es für immer aufzubewahren. | |
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| − | + | Phönixglanz unterbrach: „Da du Heitermuster erwähnst — wie schade um das Mädchen! Hübsch und geschickt, nur die Zunge war scharf. Nun, wo ich gerade daran denke: Neulich sah ich in der Küche die Tochter der Liu — Wu'er heißt sie, das Mädchen sieht Heitermuster wie aus dem Gesicht geschnitten! Eigentlich wollte ich sie herüberholen, aber Friedchen sagte, die Gnädige Frau habe befohlen, keine Mädchen, die so aussehen, mehr zu Schatzjade zu schicken. Also habe ich es gelassen. Doch jetzt ist Schatzjade verheiratet — was gibt es noch zu befürchten? Ich lasse sie einfach kommen. Was meinst du, Schatzjade — wärst du einverstanden? Wenn du dich nach Heitermuster sehnst, brauchst du nur Wu'er anzusehen." | |
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| + | Schatzjade, der eigentlich gerade gehen wollte, stand da wie angewurzelt. Dufthauch sagte: „Er möchte es längst! Nur wegen der Gnädigen Frau hat er es nicht zu sagen gewagt." Phönixglanz: „Dann lasse ich sie morgen kommen. Der Gnädigen Frau gegenüber stehe ich gerade." Schatzjade war überglücklich und ging endlich zu seiner Großmutter. | ||
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| + | Hier half sich Schatzspange beim Ankleiden. Phönixglanz beobachtete die Ehegatten in ihrer zärtlichen Verbundenheit, mußte an Kette Kaufmanns Auftreten von heute morgen denken und war traurig. Sie erhob sich und ging mit Schatzspange zu Frau König hinüber. Dort verabschiedete sich Schatzjade von seiner Großmutter, die ihm einschärfte: „Trink nicht zuviel Wein und komm früh zurück." | ||
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| + | Schatzjade ging hinaus, kehrte aber im Hof nochmals um und flüsterte Schatzspange etwas ins Ohr. Schatzspange lachte: „Ist gut, nun geh schon!" Und scheuchte ihn fort. | ||
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| + | Kaum waren drei Worte zwischen der Großmutter, Phönixglanz und Schatzspange gewechselt, als Herbstmuster hereinkam und meldete: „Der Zweite Herr hat Beiming zurückgeschickt. Er hat eine Nachricht für die Zweite Herrin vergessen." Schatzspange fragte: „Was hat er denn nun wieder vergessen?" Herbstmuster sagte: „Beiming sagte: 'Der Zweite Herr bittet die Herrin: Wenn sie mitkommt, möge sie sich beeilen; wenn sie nicht mitkommt, soll sie nicht im Wind herumstehen.'" Alle lachten — die Großmutter, Phönixglanz und die Dienerinnen. Schatzspange errötete und schalt Herbstmuster: „Was für ein dummes Ding! Das ist doch keine Botschaft, für die man so aufgeregt angelaufen kommen muß!" Die Großmutter sagte lächelnd zu Schatzspange: „Geh nur, sonst gibt er keine Ruhe." Schatzspange ging, von Phönixglanzs Neckereien begleitet. | ||
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| + | Da erschien die Nonne Da-liao vom Sanhua-Tempel, begrüßte die Großmutter und Phönixglanz und setzte sich zum Tee. Die Großmutter fragte, warum sie so lange nicht mehr gekommen sei. Die Nonne erzählte von Zeremonien im Tempel für eine adlige Dame, deren Haus von Geistern heimgesucht wurde. Sie fragte, ob die Großmutter Lust habe, morgen an einer Zeremonie teilzunehmen. | ||
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| + | Phönixglanz, die solche Dinge stets verabscheut hatte, war nach dem gestrigen Erlebnis im Garten empfänglich geworden. Sie fragte neugierig nach dem Sanhua-Bodhisattva. Die Nonne erzählte eine phantastische Geschichte von einem dreiköpfigen, vieräugigen, acht Fuß großen Kind, das von einem alten, erleuchteten Affen auf einem Eisberg aufgezogen und unterrichtet wurde, bis er, nach tausend Jahren der Meditation, zum Himmel auffuhr. Wo er gepredigt hatte, regneten himmlische Blüten — daher der Name „Sanhua" — „Himmlische Blütenstreuung". | ||
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| + | Phönixglanz fragte: „Gibt es dafür Beweise?" Die Nonne erwiderte: „Gnädige Frau, was für Beweise kann es bei einem Buddha geben? Seit alten Zeiten hat der buddhistische Weihrauchkult niemals aufgehört — und das nur, weil er den Staat schützt und das Volk stärkt und es Zeichen seiner Wunderkraft gibt." Phönixglanz fand das überzeugend und sagte: „Dann will ich es morgen selbst versuchen. Gibt es in eurem Tempel Orakelstäbe? Wenn das Orakel meine innersten Gedanken errät, werde ich von nun an glauben." Die Nonne versicherte, ihre Stäbe seien äußerst wirkungsvoll. Die Großmutter schlug vor, bis zum Ersten des Monats zu warten. | ||
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| + | Am Ersten zog Phönixglanz sich zusammen und fuhr zum Sanhua-Tempel. Die Nonne empfing sie. Nach dem Tee wusch Phönixglanz die Hände, ging in die große Halle und entzündete Weihrauch. Ohne den heiligen Bildern einen Blick zu schenken, kniete sie mit aufrichtigem Herzen nieder, kowtaute und schüttelte den Orakelbehälter, wobei sie stumm um Erhellung der Geistererscheinung und ihrer Krankheit bat. Nach dreimaligem Schütteln sprang klappernd ein Stab heraus. Sie hob ihn auf und las: „Nummer dreiunddreißig, höchstes Glück." Die Nonne schlug die Deutung nach: „Phönixglanz kehrt in Brokat gekleidet in die Heimat zurück." | ||
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| + | Phönixglanz erschrak: „Gab es im Altertum auch jemanden namens Phönixglanz?" Die Nonne lachte: „Die gnädige Frau kennt doch gewiß die Geschichte des Phönixglanz aus der Han-Zeit, der um ein Amt bat?" Zhou Ruis Frau erinnerte sich: „Voriges Jahr hat der Geschichtenerzähler Li diese Episode vorgetragen. Wir haben ihm gesagt, er dürfe nicht den Namen der Herrin verwenden!" Phönixglanz lachte: „Stimmt ja, das hatte ich vergessen." Dann las sie die Verse: | ||
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| + | Zwanzig Jahre fern von der Heimat lebend, | ||
| + | Kehrt sie heute, in Brokat gekleidet, in den Garten heim. | ||
| + | Die Biene sammelt hundert Blumen und macht daraus den Honig — | ||
| + | Doch für wen die Mühe, für wen die Süße? | ||
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| + | Dann las sie weiter: | ||
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| + | Der Gerichtsdiener kommt, doch die Nachricht verspätet sich. | ||
| + | Den Streit soll man schlichten, die Heirat neu verhandeln. | ||
| − | + | Phönixglanz verstand nicht recht. Die Nonne deutete freudig: Da der Herr in eine Provinz versetzt sei, werde die Herrin gewiß bald in die Heimat Nanjing zurückkehren — das sei die „Heimkehr im Brokat". Phönixglanz war halb überzeugt. | |
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| + | Die Nonne ließ ein vegetarisches Mahl auftragen. Phönixglanz nippte nur und brach auf. Zu Hause deuteten alle das Orakel als vielversprechend: Vielleicht habe der Herr tatsächlich die Absicht, sie alle nach Nanjing mitzunehmen. Phönixglanz glaubte es nun auch. | ||
| − | + | Am Nachmittag erwachte Schatzjade von seinem Mittagsschlaf und vermißte Schatzspange. Als sie hereinkam und von dem Orakelstab erzählte, meinte sie: „Alle sagen, es sei gut. Aber meiner Meinung nach verbirgt sich hinter den Worten 'Heimkehr im Brokat' noch etwas anderes. Wir werden sehen." Schatzjade widersprach: „Diese Worte sind seit alters als Glückszeichen bekannt. Was soll da verborgen sein?" Schatzspange wollte gerade erklären, als ein Mädchen kam und sie zu Frau König rief. | |
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| − | + | Was es war, wird im nächsten Kapitel erzählt. | |
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| − | + | <small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small> | |
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Latest revision as of 19:30, 28 April 2026
Kapitel 101
Im Garten der Großen Anschauung erschreckt ein Geist in der Mondnacht,
Im Sanhua-Tempel verkündet ein Orakelstab ein beunruhigendes Omen
Phönixglanz[1] kehrte in ihr Zimmer zurück. Da Kette Kaufmann[2] noch nicht heimgekehrt war, erteilte sie den mit Erkundefrühling[3]s Reisegepäck und Aussteuer betrauten Leuten Anweisungen. Nach der Abenddämmerung fiel ihr plötzlich Erkundefrühling ein, und sie wollte nach ihr sehen. So befahl sie Feng'er und zwei Dienstmädchen, sie zu begleiten, während ein Mädchen vorausging und eine Laterne trug. Als sie aus der Tür traten, stand der Mond bereits hoch am Himmel und übergoß alles mit seinem Licht wie mit klarem Wasser. Phönixglanz befahl der Laternenträgerin: „Geh zurück." Als sie am Teehaus vorbeikam, hörte sie durch das Fenster leises Tuscheln drinnen — halb weinend, halb lachend, als würde etwas besprochen. Phönixglanz wußte, daß es nur die alten Weiber des Hauses sein konnten, die wieder irgendwelchen Klatsch verbreiteten. Höchst ungehalten, befahl sie Xiaohong: „Geh hinein und tue so, als ob nichts wäre, aber horche alles genau aus und bringe mit geschickten Worten die wahren Umstände zutage." Xiaohong gehorchte und ging.
Phönixglanz nahm nur Feng'er mit und ging zum Gartentor. Es war noch nicht geschlossen, sondern stand nur angelehnt. So traten Herrin und Dienerin ein. Im Garten erschien ihnen das Mondlicht noch heller als draußen, und am Boden lagen viele Schatten von Bäumen. Kein Menschenlaut war zu hören; alles war einsam und trostlos. Sie wollte gerade den Weg zum Qiushuang-Haus einschlagen, als ein Windstoß durch die Bäume fuhr, die herabfallenden Blätter im ganzen Garten rascheln ließ und die Zweige zum Pfeifen brachte. Erschrockene Krähen und nächtigende Vögel flogen auf. Phönixglanz hatte Wein getrunken, und der Wind ließ sie frösteln. Feng'er hinter ihr zog den Kopf ein und rief: „Wie kalt!" Auch Phönixglanz konnte es nicht mehr aushalten und sagte zu Feng'er: „Lauf schnell zurück und bring mir die silberfuchsbesetzte Jacke. Ich warte bei der Dritten Schwester." Feng'er war nur zu froh, denn auch sie wollte sich wärmer anziehen, rief schnell: „Jawohl!" und rannte davon.
Phönixglanz war kaum ein paar Schritte gegangen, als sie hinter sich ein Schnaufen und Schnüffeln hörte. Unwillkürlich sträubten sich ihr die Haare. Sie konnte nicht umhin, sich umzudrehen — und da war ein großes, schwarzglänzendes Etwas hinter ihr, das mit ausgestreckter Nase an ihr schnupperte, die Augen leuchtend wie Laternen. Phönixglanz erschrak zu Tode und stieß unwillkürlich ein „Ha!" aus — es war ein großer Hund. Das Tier riß den Kopf zurück, drehte sich um und rannte mit seinem buschigen, besenartigen Schwanz den großen Erdhügel hinauf, wo es stehen blieb und sich umdrehte, noch immer die Pfoten in Phönixglanzs Richtung erhoben.
Phönixglanz zitterte am ganzen Leib und eilte zum Qiushuang-Haus. Gerade als sie die Tür erreichte und um den künstlichen Felsen herumkam, huschte ihr von vorn ein Schatten entgegen. Phönixglanz war argwöhnisch, dachte aber, es müsse ein Mädchen aus irgendeinem Hause sein, und fragte: „Wer ist da?" Obwohl sie zweimal fragte, kam niemand zum Vorschein. Schon begann ihr Geist zu schweben. In einem schemenhaften Zustand glaubte sie, hinter sich eine Stimme zu hören: „Erkennt die Tante mich denn nicht?" Phönixglanz drehte sich hastig um und erblickte eine Person von anmutiger Gestalt und eleganter Kleidung, die ihr sehr bekannt vorkam — nur konnte sie sich nicht erinnern, aus welchem Hause die junge Frau stammte. Da sprach die Person erneut: „Die Tante hat nur Sinn für Ruhm und Reichtum und hat alles, was ich ihr dereinst sagte — 'eine Grundlage für zehntausend Jahre' — den Wogen des Ostmeeres preisgegeben." Phönixglanz senkte nachdenklich den Kopf, konnte sich aber partout nicht erinnern. Die Person lächelte kühl: „Wie zärtlich war die Tante damals zu mir! Und jetzt hat sie alles vergessen."
Da fiel es Phönixglanz ein: Es war die erste Gattin Hibiskus Kaufmanns — Qin-shi! Sie rief: „Ach! Du bist doch eine Tote! Wie kommst du hierher?" Sie spuckte aus und wollte sich umwenden und gehen, als sie über einen Stein stolperte und hinfiel. Wie aus einem Traum erwacht, war sie am ganzen Leib in Schweiß gebadet. Obwohl sich ihr die Haare noch immer sträubten, war ihr Verstand wieder klar. Schon sah sie Xiaohong und Feng'er in der Ferne näherkommen.
Phönixglanz fürchtete, von den Leuten geredet zu werden, sprang eilig auf und sagte: „Was habt ihr so lange gemacht? Gebt schon her, ich ziehe mich an." Feng'er trat vor und half ihr in die Jacke. Xiaohong kam und stützte sie, als sie vorwärts gehen wollte. Phönixglanz sagte: „Ich war schon dort, aber sie schlafen alle schon. Gehen wir zurück." So kehrten sie eilig zu dritt ins Haus zurück. Kette Kaufmann war bereits daheim. Phönixglanz bemerkte, daß sein Gesicht ganz anders aussah als sonst. Sie wollte ihn fragen, aber da sie sein Temperament kannte, wagte sie es nicht und ging zu Bett.
Am nächsten Morgen um fünf Uhr stand Kette Kaufmann auf, um den Obereunuchen Qiu Shi'an aufzusuchen und sich nach den Angelegenheiten zu erkundigen. Da es noch zu früh war, nahm er den Amtsboten-Bericht vom Vortag und blätterte ihn durch. Der erste Punkt betraf eine Eilauswahl von Abteilungsleitern im Personalministerium — genehmigt wie üblich. Der zweite war ein Bericht des Strafministeriums über den Militärgouverneur von Yunnan, König Zhong: Er hatte den Fall der illegalen Ausfuhr von „göttlichen Gewehren" und Schießpulver über die Grenze entdeckt; unter den achtzehn Angeklagten stand an erster Stelle ein gewisser Bao Yin, Diener des Großlehrers und Herzogs Jia Hua. Kette Kaufmann dachte nach und las weiter. Der dritte Punkt: Ein Bericht des Präfekten Li Xiao von Suzhou über einen Angestellten, der sich zugelassen hatte, daß sein Hausdiener unter Ausnutzung seiner Stellung die Frau eines Soldaten vergewaltigen wollte und sie, als sie sich wehrte, in den Tod trieb. Der Verbrecher hieß Shi Fu und gab sich als Diener des erblichen Titularadligen dritten Ranges Jia Fan aus. Kette Kaufmann war beunruhigt. Er wollte weiterlesen, fürchtete aber, zu spät zu kommen, um Qiu Shi'an zu treffen. So kleidete er sich an, aß nichts, trank nur zwei Schluck Tee, den Friedchen[4] ihm brachte, und ritt davon. Friedchen räumte die abgelegte Kleidung fort.
Zu dieser Zeit war Phönixglanz noch nicht aufgestanden. Friedchen sagte: „Heute Nacht hat die Herrin kaum geschlafen. Lassen Sie mich Ihnen den Rücken klopfen, damit Sie ein wenig ruhen können." Phönixglanz schwieg. Friedchen deutete dies als Zustimmung, kletterte auf das Ruhebett und klopfte ihr sanft den Rücken. Gerade als Phönixglanz einzunicken begann, fing drüben die kleine Da-jie zu weinen an, und Phönixglanz riß die Augen wieder auf. Friedchen rief zum Nebenraum: „Li-Amme! Was soll das? Die Kleine weint — tätscheln Sie sie doch wenigstens! Sie schlafen wirklich zu gern!" Die Li-Amme fuhr aus dem Schlaf hoch, und bei Friedchens Worten brodelte es in ihr. Wütend klatschte sie dem Kind ein paarmal aufs Hinterteil und brummelte: „Du verfluchtes kleines Ding! Leg dich hin und stirb! Mitten in der Nacht so einen Höllenlärm machen!" Dabei kniff sie das Kind in den Arm. Darauf fing die Kleine erst recht laut an zu brüllen.
Phönixglanz hörte es und sagte: „So geht es nicht! Hörst du? Sie quält schon wieder das Kind. Geh hin und verpasse der schwarzherzigen Alten ein paar ordentliche Schläge und bring das Mädchen her." Friedchen lachte: „Gnädige Frau, regen Sie sich nicht auf. Die wird doch nicht das Kind quälen! Wahrscheinlich hat sie es nur versehentlich angestoßen. Wenn Sie sie jetzt schlagen, dann reden die Leute morgen hinter Ihrem Rücken, man schlage bei uns nachts die Dienstboten."
Phönixglanz schwieg lange, seufzte dann tief und sagte: „Sieh nur — jetzt bin ich noch bei bester Gesundheit. Wenn ich eines Tages sterbe und dieses kleine Unglückswurm zurücklasse — wer weiß dann, wie es ihm ergehen wird!" Friedchen lachte: „Was reden die Herrin da? Es ist gerade erst fünf Uhr morgens — wozu solche Worte?" Phönixglanz erwiderte kalt: „Das weißt du nicht. Ich habe es längst begriffen. Auch ich habe nicht mehr lange. Obwohl ich erst fünfundzwanzig bin — was andere nicht gesehen haben, habe ich gesehen; was andere nicht gegessen haben, habe ich gegessen; an Kleidung und Nahrung hat es mir nie gemangelt; alles, was die Welt zu bieten hat, habe ich besessen; meinen Stolz habe ich ausgelebt, meine Kämpfe habe ich alle gewonnen. Wenn es nur am Schriftzeichen für 'Langlebigkeit' an einem Strich fehlt — so sei es denn."
Friedchen konnte die Tränen nicht zurückhalten. Phönixglanz lachte: „Jetzt brauchst du nicht so zu tun, als hättest du Mitleid. Wenn ich tot bin, werdet ihr euch alle nur freuen. Dann lebt ihr zusammen einträchtig und in Frieden — und ich bin euch kein Dorn im Auge mehr. Nur eines: Wenn ihr Verstand habt, dann kümmert euch um mein Kind." Friedchen weinte nun erst recht. Phönixglanz lachte: „Reiß dich zusammen! Ich bin doch noch nicht tot, und du heulst schon! Wenn ich nicht sterbe, heulst du dich noch zu Tode!" Friedchen trocknete hastig die Tränen: „Die Herrin sagt so betrübliche Dinge." Dann klopfte sie weiter, und Phönixglanz döste endlich ein.
Friedchen stieg leise vom Bett, als sie draußen Schritte hörte. Kette Kaufmann war zu spät gekommen; der Eunuch war bereits zur Audienz gegangen. Verärgert kam er zurück und fragte Friedchen: „Sind sie immer noch nicht auf?" Friedchen antwortete: „Noch nicht." Kette Kaufmann stürmte herein und höhnte: „Wunderbar! Um diese Stunde noch im Bett — ihr führt einen richtigen Streik, und niemand will arbeiten!" Er verlangte lautstark Tee. Friedchen brachte schnell eine Schale. Da die Mägde sich, nachdem Kette Kaufmann ausgegangen war, wieder hingelegt hatten, ohne mit seiner Rückkehr zu rechnen, war der Tee nur lauwarm. Kette Kaufmann, wütend, warf die Schale zu Boden, wo sie in tausend Stücke zerbrach.
Phönixglanz schreckte auf, kalt überlief es sie. Sie stöhnte, schlug die Augen auf und sah Kette Kaufmann wutschnaubend neben sich sitzen, während Friedchen, gebückt, die Scherben aufsammelte. Phönixglanz fragte: „Warum bist du so früh zurück?" Erst auf die zweite Frage bekam sie zur Antwort: „Willst du etwa, daß ich draußen krepiere?" Phönixglanz lachte: „Was hat das für einen Sinn? Sonst kommst du auch nicht so schnell zurück. Ich frage dich nur, und schon wirst du böse." Kette Kaufmann schimpfte: „Ich habe ihn nicht angetroffen — warum soll ich dann nicht schnell zurückkommen?" Phönixglanz beschwichtigte: „Wenn du ihn nicht getroffen hast, mußt du eben morgen etwas früher gehen, dann triffst du ihn schon." Kette Kaufmann brüllte: „Ich esse mein eigenes Essen und jage für andere die Rehe! Ich habe selbst einen Haufen Dinge zu erledigen, und keiner rührt sich. Warum soll ich mich für anderer Leute Sachen abrackern? Die, die es eigentlich angeht, sitzen gemütlich zu Hause und wissen weder, ob ich lebe oder tot bin; aber Feuerwerk und Theater sollen gespielt werden, um Geburtstag zu feiern! Mir renn ich die Beine ab!" Er spuckte auf den Boden und schimpfte auch auf Friedchen.
Phönixglanz war so wütend, daß ihr die Kehle zuschnürte. Sie wollte streiten, überlegte es sich aber und beherrschte sich: „Warum bist du so aufgebracht? Was soll das Geschrei so früh am Morgen? Wer hat dich denn gebeten, dir fremde Angelegenheiten aufzuhalsen? Wenn du es einmal zugesagt hast, mußt du dich eben gedulden und es erledigen. Ich verstehe auch nicht, wie jemand, der selbst Probleme hat, trotzdem Theater und Festessen veranstalten kann." Kette Kaufmann: „Da hast du recht! Du solltest ihn selbst mal fragen!" Phönixglanz: „Wen?" Kette Kaufmann: „Wen? Deinen Bruder!" Phönixglanz: „Ihn?" Kette Kaufmann: „Wen sonst?"
Phönixglanz fragte rasch, was denn ihr Bruder angestellt habe, und Kette Kaufmann berichtete: Seit seiner Ankunft in der Hauptstadt habe König Ren unter dem Namen des verstorbenen Onkels eine Trauerfeier veranstaltet und dabei mehrere tausend Silbertael erschwindelt. Als der zweite Onkel ihn deswegen rügte, habe er sich einen neuen Trick ausgedacht — nämlich unter dem Vorwand des Geburtstags des zweiten Onkels Geschenke einzutreiben. Nun habe der Zensor einen Bericht über die Schulden des verstorbenen Generals eingereicht, und König Zisheng und König Ren sollten den Fehlbetrag erstatten. Vater und Sohn hätten ihn, Kette Kaufmann, um Hilfe angefleht, und da es auch die Familie seiner Tante und Phönixglanzs betreffe, habe er zugesagt. Aber früh am Morgen sei er vergeblich zu Qiu Shi'an gerannt, und bei denen zu Hause würden fröhlich Theateraufführungen vorbereitet — das sei doch zum Rasendwerden!
Phönixglanz begriff nun erst, wie König Ren sich benommen hatte. Doch da sie stets ihren Stolz wahrte und ihre Familie verteidigte, sagte sie: „Wie er sich auch benimmt — er ist immerhin dein leiblicher Schwager. Und außerdem werden der verstorbene Onkel und der lebende zweite Onkel dir dankbar sein. Ich bitte dich kniefällig, damit nicht andere meinetwegen leiden und hinter meinem Rücken schimpfen." Tränen liefen ihr über die Wangen; sie richtete sich auf und begann, sich die Haare zu ordnen. Kette Kaufmann beruhigte sich ein wenig: „So war es nicht gemeint. Dein Bruder hat sich schlecht benommen, das ist alles. Du brauchst nicht aufzustehen — du bist doch krank." Er ging hinaus.
Phönixglanz trocknete ihre Tränen und sagte: „Es ist ohnehin Zeit aufzustehen. Wenn du es schon so sagst, dann kümmere dich bitte um die Sache. Das wäre ein Zeichen deiner guten Gesinnung. Außerdem betrifft es nicht nur mich — auch die Tante wird sich freuen." Kette Kaufmann brummte: „Ist gut, ist gut. Eine große Rübe braucht man nicht mit Jauche zu düngen."
Friedchen bemerkte: „Warum steht die Herrin so früh auf? An anderen Tagen haben Sie doch Ihre feste Zeit! Der Herr weiß nicht, woher er seine schlechte Laune hat, und läßt es an uns aus. Die Herrin hat genug für ihn geleistet — bei allem steht sie an vorderster Front. Nun hat er ein bißchen etwas getan, und schon tut er so wichtig — als ob die Herrin das nicht verdient hätte!" Auch sie hatte Tränen in den Augen.
Kette Kaufmann hatte ohnehin schlechte Laune — wie hätte er den schmeichlerischen und zugleich scharfen Worten seiner hübschen Gattin und Nebenfrau widerstehen können? Er lachte: „Genug, genug. Schon eine allein reicht aus, da braucht sie keine Verstärkung. Ich bin ja der Außenseiter — wenn ich erst tot bin, habt ihr Ruhe." Phönixglanz entgegnete: „So rede du auch nicht. Wer weiß, wie es einem ergeht? Wenn du nicht stirbst, sterbe ich vielleicht — je eher, desto besser." Und sie weinte erneut. Friedchen besänftigte sie eine Weile. Es war mittlerweile heller Tag geworden, und Kette Kaufmann ging hinaus, ohne ein weiteres Wort.
Phönixglanz begann sich zu frisieren. Da kam ein Mädchen von Frau König: „Die Gnädige Frau läßt fragen, ob die Zweite Herrin heute zum Onkel hinübergeht. Wenn ja, soll sie zusammen mit der Zweiten Schwiegertochter Schatz gehen." Phönixglanz war durch den Streit am Morgen entmutigt und ärgerte sich über ihre Verwandten; zudem hatte ihr das Erlebnis im Garten letzte Nacht einen Schrecken eingejagt. So sagte sie: „Sag der Gnädigen Frau, ich habe noch ein paar Dinge zu erledigen und kann heute nicht mitkommen. Außerdem ist das bei denen ohnehin keine ernsthafte Angelegenheit. Wenn die Zweite Schwiegertochter Schatz gehen will, mag sie allein gehen." Das Mädchen überbrachte die Nachricht.
Phönixglanz überlegte nach dem Ankleiden: „Auch wenn ich selbst nicht gehe, sollte ich doch einen Gruß bestellen. Außerdem ist Schatzspange[5] als frischverheiratete junge Frau zum ersten Mal unterwegs — ich sollte hinübergehen und nach dem Rechten sehen." So stattete sie Frau König einen Besuch ab, hielt sie mit einer Sache hin und ging dann zu Schatzjade[6]s Gemach. Dort lag Schatzjade angekleidet quer auf dem Ruhebett und starrte Schatzspange mit leeren Augen an, während sie sich frisierte. Phönixglanz blieb in der Tür stehen. Schatzspange bemerkte sie erst, als sie sich umdrehte, und bat sie sogleich herein. Auch Schatzjade setzte sich auf. Phönixglanz setzte sich lächelnd nieder. Schatzspange rügte Moschusmond[7]: „Ihr seht die Zweite Herrin hereinkommen und sagt kein Wort!" Moschusmond lachte: „Die Zweite Herrin hat doch gleich beim Eintreten die Hand gehoben, daß wir still sein sollen."
Phönixglanz sprach zu Schatzjade: „Warum bist du noch nicht losgegangen? Was wartest du? Du bist ein erwachsener Mann und benimmst dich immer noch wie ein Kind. Deine Frau frisiert sich, und du liegst daneben und gaffst — das sieht man doch den ganzen Tag! Schämst du dich nicht vor den Mädchen?" Sie kicherte und schüttelte den Kopf. Schatzjade war zwar etwas verlegen, kümmerte sich aber nicht weiter darum. Schatzspange errötete vor Verlegenheit, wußte aber nichts zu sagen. Dufthauch[8] brachte Tee, worauf Schatzspange ablenkte und Phönixglanz eine Pfeife reichte. Phönixglanz nahm sie lachend entgegen: „Schwägerin, laß mich und kleid dich lieber an."
Schatzjade suchte zerstreut nach diesem und jenem. Phönixglanz sagte: „Geh du vor — es gehört sich nicht, daß ein Herr auf die Damen wartet." Schatzjade erwiderte: „Mein Gewand ist mir nicht gut genug; besser war das Goldfasanbrokat-Kleid, das mir die Großmutter vor zwei Jahren schenkte." Phönixglanz neckte ihn: „Warum trägst du es denn nicht?" Schatzjade: „Es ist noch zu früh in der Saison." Phönixglanz fiel plötzlich ein, daß sie einen Fauxpas begangen hatte — denn an das Kleid knüpfte sich die Erinnerung an Heitermuster[9]. Zum Glück war Schatzspange auch mit den Wangs verwandt, aber vor den Mädchen war es ihr bereits peinlich.
Dufthauch griff das Thema auf und erzählte, warum Schatzjade das Kleid nicht mehr tragen wollte: Seinerzeit, als das Kleid an jenem Geburtstag verbrannt wurde und Heitermuster, obwohl krank, es die ganze Nacht hindurch genäht hatte — und wie Schatzjade dann bei der Erinnerung an Heitermuster geschworen hatte, das Kleid nie wieder zu tragen und es für immer aufzubewahren.
Phönixglanz unterbrach: „Da du Heitermuster erwähnst — wie schade um das Mädchen! Hübsch und geschickt, nur die Zunge war scharf. Nun, wo ich gerade daran denke: Neulich sah ich in der Küche die Tochter der Liu — Wu'er heißt sie, das Mädchen sieht Heitermuster wie aus dem Gesicht geschnitten! Eigentlich wollte ich sie herüberholen, aber Friedchen sagte, die Gnädige Frau habe befohlen, keine Mädchen, die so aussehen, mehr zu Schatzjade zu schicken. Also habe ich es gelassen. Doch jetzt ist Schatzjade verheiratet — was gibt es noch zu befürchten? Ich lasse sie einfach kommen. Was meinst du, Schatzjade — wärst du einverstanden? Wenn du dich nach Heitermuster sehnst, brauchst du nur Wu'er anzusehen."
Schatzjade, der eigentlich gerade gehen wollte, stand da wie angewurzelt. Dufthauch sagte: „Er möchte es längst! Nur wegen der Gnädigen Frau hat er es nicht zu sagen gewagt." Phönixglanz: „Dann lasse ich sie morgen kommen. Der Gnädigen Frau gegenüber stehe ich gerade." Schatzjade war überglücklich und ging endlich zu seiner Großmutter.
Hier half sich Schatzspange beim Ankleiden. Phönixglanz beobachtete die Ehegatten in ihrer zärtlichen Verbundenheit, mußte an Kette Kaufmanns Auftreten von heute morgen denken und war traurig. Sie erhob sich und ging mit Schatzspange zu Frau König hinüber. Dort verabschiedete sich Schatzjade von seiner Großmutter, die ihm einschärfte: „Trink nicht zuviel Wein und komm früh zurück."
Schatzjade ging hinaus, kehrte aber im Hof nochmals um und flüsterte Schatzspange etwas ins Ohr. Schatzspange lachte: „Ist gut, nun geh schon!" Und scheuchte ihn fort.
Kaum waren drei Worte zwischen der Großmutter, Phönixglanz und Schatzspange gewechselt, als Herbstmuster hereinkam und meldete: „Der Zweite Herr hat Beiming zurückgeschickt. Er hat eine Nachricht für die Zweite Herrin vergessen." Schatzspange fragte: „Was hat er denn nun wieder vergessen?" Herbstmuster sagte: „Beiming sagte: 'Der Zweite Herr bittet die Herrin: Wenn sie mitkommt, möge sie sich beeilen; wenn sie nicht mitkommt, soll sie nicht im Wind herumstehen.'" Alle lachten — die Großmutter, Phönixglanz und die Dienerinnen. Schatzspange errötete und schalt Herbstmuster: „Was für ein dummes Ding! Das ist doch keine Botschaft, für die man so aufgeregt angelaufen kommen muß!" Die Großmutter sagte lächelnd zu Schatzspange: „Geh nur, sonst gibt er keine Ruhe." Schatzspange ging, von Phönixglanzs Neckereien begleitet.
Da erschien die Nonne Da-liao vom Sanhua-Tempel, begrüßte die Großmutter und Phönixglanz und setzte sich zum Tee. Die Großmutter fragte, warum sie so lange nicht mehr gekommen sei. Die Nonne erzählte von Zeremonien im Tempel für eine adlige Dame, deren Haus von Geistern heimgesucht wurde. Sie fragte, ob die Großmutter Lust habe, morgen an einer Zeremonie teilzunehmen.
Phönixglanz, die solche Dinge stets verabscheut hatte, war nach dem gestrigen Erlebnis im Garten empfänglich geworden. Sie fragte neugierig nach dem Sanhua-Bodhisattva. Die Nonne erzählte eine phantastische Geschichte von einem dreiköpfigen, vieräugigen, acht Fuß großen Kind, das von einem alten, erleuchteten Affen auf einem Eisberg aufgezogen und unterrichtet wurde, bis er, nach tausend Jahren der Meditation, zum Himmel auffuhr. Wo er gepredigt hatte, regneten himmlische Blüten — daher der Name „Sanhua" — „Himmlische Blütenstreuung".
Phönixglanz fragte: „Gibt es dafür Beweise?" Die Nonne erwiderte: „Gnädige Frau, was für Beweise kann es bei einem Buddha geben? Seit alten Zeiten hat der buddhistische Weihrauchkult niemals aufgehört — und das nur, weil er den Staat schützt und das Volk stärkt und es Zeichen seiner Wunderkraft gibt." Phönixglanz fand das überzeugend und sagte: „Dann will ich es morgen selbst versuchen. Gibt es in eurem Tempel Orakelstäbe? Wenn das Orakel meine innersten Gedanken errät, werde ich von nun an glauben." Die Nonne versicherte, ihre Stäbe seien äußerst wirkungsvoll. Die Großmutter schlug vor, bis zum Ersten des Monats zu warten.
Am Ersten zog Phönixglanz sich zusammen und fuhr zum Sanhua-Tempel. Die Nonne empfing sie. Nach dem Tee wusch Phönixglanz die Hände, ging in die große Halle und entzündete Weihrauch. Ohne den heiligen Bildern einen Blick zu schenken, kniete sie mit aufrichtigem Herzen nieder, kowtaute und schüttelte den Orakelbehälter, wobei sie stumm um Erhellung der Geistererscheinung und ihrer Krankheit bat. Nach dreimaligem Schütteln sprang klappernd ein Stab heraus. Sie hob ihn auf und las: „Nummer dreiunddreißig, höchstes Glück." Die Nonne schlug die Deutung nach: „Phönixglanz kehrt in Brokat gekleidet in die Heimat zurück."
Phönixglanz erschrak: „Gab es im Altertum auch jemanden namens Phönixglanz?" Die Nonne lachte: „Die gnädige Frau kennt doch gewiß die Geschichte des Phönixglanz aus der Han-Zeit, der um ein Amt bat?" Zhou Ruis Frau erinnerte sich: „Voriges Jahr hat der Geschichtenerzähler Li diese Episode vorgetragen. Wir haben ihm gesagt, er dürfe nicht den Namen der Herrin verwenden!" Phönixglanz lachte: „Stimmt ja, das hatte ich vergessen." Dann las sie die Verse:
Zwanzig Jahre fern von der Heimat lebend, Kehrt sie heute, in Brokat gekleidet, in den Garten heim. Die Biene sammelt hundert Blumen und macht daraus den Honig — Doch für wen die Mühe, für wen die Süße?
Dann las sie weiter:
Der Gerichtsdiener kommt, doch die Nachricht verspätet sich. Den Streit soll man schlichten, die Heirat neu verhandeln.
Phönixglanz verstand nicht recht. Die Nonne deutete freudig: Da der Herr in eine Provinz versetzt sei, werde die Herrin gewiß bald in die Heimat Nanjing zurückkehren — das sei die „Heimkehr im Brokat". Phönixglanz war halb überzeugt.
Die Nonne ließ ein vegetarisches Mahl auftragen. Phönixglanz nippte nur und brach auf. Zu Hause deuteten alle das Orakel als vielversprechend: Vielleicht habe der Herr tatsächlich die Absicht, sie alle nach Nanjing mitzunehmen. Phönixglanz glaubte es nun auch.
Am Nachmittag erwachte Schatzjade von seinem Mittagsschlaf und vermißte Schatzspange. Als sie hereinkam und von dem Orakelstab erzählte, meinte sie: „Alle sagen, es sei gut. Aber meiner Meinung nach verbirgt sich hinter den Worten 'Heimkehr im Brokat' noch etwas anderes. Wir werden sehen." Schatzjade widersprach: „Diese Worte sind seit alters als Glückszeichen bekannt. Was soll da verborgen sein?" Schatzspange wollte gerade erklären, als ein Mädchen kam und sie zu Frau König rief.
Was es war, wird im nächsten Kapitel erzählt.
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
- ↑ Phönixglanz: Chin. 王熙凤 (Wáng Xīfèng), wörtl. „Strahlender Phönix". Ehefrau von Kette Kaufmann, Haushälterin des Rong-Palastes.
- ↑ Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 (Jiǎ Liǎn). Sohn von Begnadigung Kaufmann, Ehemann von Phönixglanz.
- ↑ Erkundefrühling: Chin. 探春 (Tànchūn), wörtl. „Den Frühling erspüren". Dritte Tochter von Aufrecht Kaufmann.
- ↑ Friedchen: Chin. 平儿 (Píng'ér), wörtl. „Friedliches Kind". Nebenfrau und treue Gehilfin von Phönixglanz.
- ↑ Schatzspange: Chin. 薛宝钗 (Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange". Ehefrau von Schatzjade.
- ↑ Schatzjade: Chin. 贾宝玉 (Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade". Protagonist des Romans.
- ↑ Moschusmond: Chin. 麝月 (Shèyuè), wörtl. „Moschusmond". Dienstmädchen von Schatzjade.
- ↑ Dufthauch: Chin. 袭人 (Xírén), wörtl. „Den Menschen überraschend duftend". Erste Kammerzofe von Schatzjade.
- ↑ Heitermuster: Chin. 晴雯 (Qíngwén), wörtl. „Heiteres Wolkenmuster". Verstorbene Kammerzofe von Schatzjade.