Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 106"

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= Kapitel 106 =
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== Phönixglanz <ref>Chinesisch: 王熙凤</ref> bringt Unheil über die Familie und schämt sich zutiefst ==
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_102|<span style="color: #FFD700;">102</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_103|<span style="color: #FFD700;">103</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_104|<span style="color: #FFD700;">104</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_105|<span style="color: #FFD700;">105</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">106</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_107|<span style="color: #FFD700;">107</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_108|<span style="color: #FFD700;">108</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_109|<span style="color: #FFD700;">109</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_110|<span style="color: #FFD700;">110</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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== Die Herzoginmutter <ref>Chinesisch: 贾母</ref> betet zum Himmel, um das Unglück abzuwenden ==
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Wie bereits erzählt, hatte Aufrecht Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾政</ref> erfahren, dass es der Herzoginmutter schlecht ging, und eilte sofort hinein, um nach ihr zu sehen. Er fand sie in einem Zustand des Schreckens, völlig außer Atem. Frau König <ref>Chinesisch: 王夫人</ref>, Mandarinenente <ref>Chinesisch: 鸳鸯</ref> und die anderen hatten sie wieder zu Bewusstsein gebracht. Man gab ihr sogleich Pillen zur Beruhigung und zur Lösung des stockenden Atems, und allmählich ging es ihr etwas besser, doch sie vergoss unaufhörlich Tränen der Verzweiflung. Aufrecht Kaufmann stand neben ihr und versuchte sie zu trösten. Er sagte immer wieder: "Es ist die Schuld eurer unwürdigen Söhne, die dieses Unglück herbeigeführt und der gnädigen Mutter solchen Schrecken eingejagt haben. Wenn die gnädige Mutter sich nur etwas beruhigen könnte, können die Söhne draußen die Angelegenheiten noch in Ordnung bringen. Wenn der gnädigen Mutter aber etwas zustößt, wird die Schuld der Söhne nur noch schwerer wiegen."
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Die Herzoginmutter sagte: "Ich habe über achtzig Jahre gelebt. Von meiner Mädchenzeit an, über die Zeit deines Vaters hinweg, haben wir stets unter dem Segen unserer Ahnen gelebt, und nie habe ich von solchen Dingen gehört. Nun, da ich alt bin, muss ich mit ansehen, wie ihr womöglich bestraft werdet — wie soll ich das nur ertragen? Am liebsten würde ich die Augen für immer schließen und euch eurem Schicksal überlassen!" Damit weinte sie erneut.
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Aufrecht Kaufmann war zu diesem Zeitpunkt äußerst beunruhigt, als von draußen die Nachricht kam: "Der Herr wird gebeten herauszukommen, es gibt Nachrichten vom Inneren Hof." Aufrecht Kaufmann eilte hinaus und sah den Haushofmeister des Fürsten von Beijing, der ihm sogleich entgegenrief: "Große Freude!" Aufrecht Kaufmann dankte und bat den Haushofmeister, sich zu setzen, und fragte: "Welche Botschaft hat der Fürst?"
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Der Haushofmeister berichtete: "Unser Fürst ist zusammen mit dem Fürsten von Xiping in den Palast gegangen, um Bericht zu erstatten. Er hat dem Thron all Eure Furcht und Eure Dankbarkeit für die kaiserliche Gnade vorgetragen. Seine Majestät zeigte großes Mitgefühl und gedachte auch des kürzlichen Ablebens der Edlen Gemahlin. Er wollte die Strafe nicht verschärfen und verfügte gnädig, dass Ihr weiterhin als Außerordentlicher Beamter im Ministerium für Öffentliche Arbeiten Dienst tun sollt. Was das beschlagnahmte Familienvermögen betrifft: Nur der Besitz von Begnadigung Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾赦</ref> wird eingezogen, alles Übrige wird zurückgegeben. Ferner erging der kaiserliche Befehl, pflichtbewusst den Dienst zu versehen. Lediglich die bei der Durchsuchung gefundenen Schuldscheine sollen von unserem Fürsten geprüft werden: Wo verbotene Wucherzinsen erhoben wurden, wird alles gemäß der Vorschriften eingezogen; was zu den erlaubten Zinssätzen verliehen wurde, wird mitsamt den Urkunden für Grundbesitz vollständig zurückgegeben. Kette Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾琏</ref> wird seines Ranges und Titels enthoben, doch von der Strafe befreit und freigelassen."
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Als Aufrecht Kaufmann dies vernommen hatte, erhob er sich sogleich, kniete nieder und dankte für die kaiserliche Gnade. Dann verneigte er sich vor dem Fürsten und bat: "Ich bitte den Herrn Haushofmeister, zunächst meinen demütigsten Dank zu übermitteln. Morgen früh werde ich am Hofe persönlich danken und anschließend dem Fürsten meinen Kotau erweisen." Der Haushofmeister ging.
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Kurz darauf wurde der kaiserliche Erlass übermittelt. Die zuständigen Beamten befolgten die Anordnungen und prüften alles einzeln: Was einzuziehen war, wurde eingezogen, was zurückzugeben war, wurde zurückgegeben. Kette Kaufmann wurde freigelassen. Sämtliche Diener und Dienerinnen, die unter Kaufmann Begnadigings Namen standen, wurden registriert und in den Staatsdienst überführt.
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Der arme Kette Kaufmann! Abgesehen von den Dokumenten, die gemäß den Vorschriften freigegeben wurden, war alles aus seinen Gemächern verschwunden. Was nicht offiziell eingezogen worden war, hatten die Durchsuchungsbeamten bereits an sich gerissen. Übrig geblieben waren nur Möbel und Hausrat. Kette Kaufmann war zunächst voller Angst vor Bestrafung gewesen, und seine Freilassung war schon ein großes Glück. Doch wenn er daran dachte, dass die über die Jahre angehäuften Schätze und Phönixglanz' persönliches Vermögen zusammen nicht weniger als fünfzig- bis siebzigtausend Goldstücke betrugen und nun über Nacht dahin waren, wie hätte ihn das nicht schmerzen sollen? Zudem war sein Vater noch im Gefängnis der Kaiserlichen Garde festgehalten, und Phönixglanz lag todkrank darnieder. Kummer und Schmerz überwältigten ihn gleichzeitig.
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Da rief ihn Aufrecht Kaufmann mit Tränen in den Augen zu sich und fragte: "Weil ich mit meinen Amtspflichten beschäftigt war, habe ich mich wenig um die Haushaltsangelegenheiten gekümmert und daher euch, dich und deine Frau, mit der Gesamtverwaltung betraut. Was dein Vater getrieben hat, war gewiss schwer zu unterbinden. Aber die Wucherzinsen und Ausbeuterei — wer hat das betrieben? Zudem ist so etwas einer Familie wie der unseren ganz und gar unwürdig. Dass es nun eingezogen wurde — beim Geld ist das nicht so schlimm, aber was für ein Ruf geht da hinaus in die Welt!"
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Kette Kaufmann kniete nieder und sagte: "Als ich die Familiengeschäfte führte, habe ich nicht den geringsten eigennützigen Gedanken gehegt. Alle Ein- und Ausgaben wurden von Lai Da, Wu Xindeng, Dai Liang und den anderen verbucht. Der Herr Onkel mag sie rufen und befragen. In den letzten Jahren ist aus der Schatzkammer mehr Silber hinausgegangen als hereingekommen. Obwohl ich nichts aus eigener Tasche zugeschossen habe, habe ich an vielen Stellen Löcher mit leeren Versprechungen gestopft. Der Herr Onkel braucht nur die gnädige Tante zu fragen, dann wird er es wissen. Was die ausgeliehenen Gelder betrifft — selbst ich weiß nicht, woher das Silber stammte. Da müsste man Zhou Rui und Wang'er fragen."
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Aufrecht Kaufmann sagte: "Wenn ich dich so höre, weißt du nicht einmal, was in deinem eigenen Haushalt vorgeht, geschweige denn in der übrigen Familie. Ich werde dich jetzt nicht weiter ausfragen. Du bist ein freier Mann — solltest du nicht schleunigst herausfinden, wie es um die Angelegenheiten deines Vaters und deines Vetters Herrlichkeit Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾珍</ref> steht?"
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Kette Kaufmann war voller Bitterkeit, hielt die Tränen zurück, antwortete mit einem "Ja" und ging hinaus.
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Aufrecht Kaufmann seufzte immer wieder und dachte bei sich: "Mein Großvater hat sich treu und rastlos für den Staat eingesetzt und große Verdienste erworben, wodurch unsere Familie zwei erbliche Ämter erhielt. Nun haben beide Häuser Verfehlungen begangen, und beide Titel wurden eingezogen. Ich sehe unter all diesen Söhnen und Neffen keinen einzigen, der etwas taugt. Oh Himmel, oh Himmel! Wie konnte es mit der Familie Kaufmann nur so weit kommen! Zwar bin ich durch die außerordentliche Gnade Seiner Majestät begünstigt worden und man hat mir das Familienvermögen zurückgegeben, doch die Ausgaben beider Häuser müssen nun von einem zusammengelegt werden. Wie soll ich das allein stemmen? Was Kette vorhin sagte, hat mich noch mehr erschreckt: Nicht nur ist die Schatzkammer leer, es gibt sogar Schulden! Die ganze Pracht dieser Jahre war nur leerer Schein. Ich kann mir nur selbst Vorwürfe machen, wie konnte ich nur so blind sein! Hätte mein Zhu noch gelebt, hätte ich wenigstens einen starken Arm an meiner Seite. Schatzjade <ref>Chinesisch: 宝玉</ref> ist zwar herangewachsen, aber er ist ein völlig nutzloser Mensch." Bei diesem Gedanken konnte er die Tränen nicht zurückhalten, die ihm über die Kleider liefen. Dann dachte er weiter: "Die Herzoginmutter ist so hochbetagt, und wir Söhne haben sie keinen einzigen Tag pflegen können. Im Gegenteil, wir haben der alten Dame solchen Schrecken eingejagt, dass sie halb tot war. All diese Sünden — wem kann ich sie anlasten?"
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Während er allein vor sich hin trauerte, meldeten die Diener: "Verschiedene Verwandte und Freunde sind gekommen, um ihre Aufwartung zu machen." Aufrecht Kaufmann dankte einem nach dem anderen. Er sagte: "Unsere Familie ist vom Unglück getroffen. Es ist meine Schuld, dass ich die Söhne und Neffen nicht richtig erzogen habe, und so ist es zu all dem gekommen."
  
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Einige sagten: "Ich wusste schon lange, dass der ältere Herr Begnadigung nicht recht handelte, und drüben der junge Herrlichkeit Kaufmann war noch schlimmer mit seinem übermütigen Treiben. Wenn es nur um Fehler bei Amtsgeschäften gegangen wäre, hätte man sich nichts vorzuwerfen. Aber dass sie es selbst verschuldet haben und nun den Herrn Aufrecht mit hineinziehen — das ist wirklich bedauerlich."
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_106|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_106|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 106 =
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Andere meinten: "Solche Dinge kommen in vielen Familien vor, und trotzdem wird nicht jeder vom Zensor angeklagt. Hätte der junge Herrlichkeit Kaufmann seine Freunde nicht verärgert, wäre es nicht so weit gekommen."
== 王熙凤致祸抱羞惭 / 贾太君祷天消祸患 ==
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Wieder andere sagten: "Man kann auch dem Zensor keinen Vorwurf machen. Wir haben gehört, dass es Diener aus eurem Haushalt und einige Bauernkerle waren, die draußen den Lärm gemacht haben. Der Zensor fürchtete, seine Anklage könnte unbegründet sein, und hat deshalb Leute von hier hergelockt, die dann alles ausgeplaudert haben. Ich dachte immer, eure Familie behandele ihre Diener besonders großzügig. Warum kam es trotzdem zu solchen Dingen?"
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Noch andere sagten: "Im Grunde kann man keinem Diener trauen. Heute sind wir unter guten Freunden, deshalb wage ich es zu sagen: Selbst Ihr als Beamter in der Provinz — ich kann bezeugen, dass Ihr selbst nicht bestechlich seid. Aber Euer Ruf draußen ist trotzdem nicht gut, und das liegt alles an Euren Dienern. Ihr solltet besser auf der Hut sein. Auch wenn man Euch diesmal das Familienvermögen gelassen hat — wenn Seine Majestät einmal Verdacht schöpft, wird es übel für Euch ausgehen."
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Als Aufrecht Kaufmann das hörte, wurde er unruhig und fragte: "Was habt ihr denn über meinen Ruf gehört?"
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Die anderen antworteten: "Wir haben zwar keine Beweise gesehen, aber man hört draußen sagen, dass auf Eurem Posten als Getreide-Intendant Eure Pförtner Geld von den Leuten verlangt hätten."
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Aufrecht Kaufmann sagte: "Das kann ich vor dem Himmel bezeugen: Niemals habe ich auch nur einen solchen Gedanken gehabt. Aber wenn die Diener draußen Unheil treiben und angeben, dann bin ich es, der dafür geradestehen muss."
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Die anderen sagten: "Jetzt Angst zu haben nützt auch nichts mehr. Am besten lasst Ihr die derzeitigen Verwalter streng überprüfen. Wenn sich Diener finden, die ihrem Herrn widersetzt haben, solltet Ihr sie streng bestrafen."
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Aufrecht Kaufmann nickte. Da kam ein Pförtner herein und meldete: "Der Schwiegersohn Sun hat jemanden geschickt, um zu sagen, dass er selbst zu beschäftigt sei, um zu kommen, aber jemanden zum Nachschauen geschickt habe. Er sagt, der ältere Herr Begnadigung schulde ihm eine Summe Silber, und die wolle er nun vom Herrn Aufrecht einfordern."
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Aufrecht Kaufmann war innerlich bedrückt und sagte nur: "Ich habe es zur Kenntnis genommen."
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Die Gäste sagten alle mit einem kalten Lachen: "Man sagt ja, der Schwiegersohn Sun Shaozuo sei ein Schandkerl, und so ist es tatsächlich. Jetzt, wo dem Schwiegervater alles genommen wurde, kommt er nicht nur nicht, um nach ihm zu sehen und ihm zu helfen, sondern fordert auch noch hastig Geld ein. Das ist wirklich unverschämt!"
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Aufrecht Kaufmann sagte: "Reden wir jetzt nicht von ihm. Diese Verbindung war von Anfang an eine Fehlentscheidung meines Bruders. Meine Nichte hat schon genug gelitten, und jetzt kommt er auch noch zu mir."
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Gerade als sie so sprachen, kam Xue Ke herein und sagte: "Ich habe erfahren, dass der Vorsitzende Zhao vom Kaiserlichen Garde-Gericht unbedingt nach dem Antrag des Zensors verfahren will. Ich fürchte, der ältere Herr Begnadigung und der junge Herrlichkeit Kaufmann werden das nicht durchstehen."
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Alle sagten: "Herr Aufrecht, Ihr solltet den Fürsten um Intervention bitten. Wenn man das nicht irgendwie abwendet, sind die beiden Familien erledigt."
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Aufrecht Kaufmann sagte seine Hilfe zu und dankte. Die Gäste gingen alle.
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Es war inzwischen Abend geworden. Aufrecht Kaufmann ging hinein, um der Herzoginmutter einen guten Abend zu wünschen, und fand sie etwas besser. Er kehrte in seine eigenen Gemächer zurück und machte Kette Kaufmann und seiner Frau Vorwürfe, dass sie nicht wüssten, was sich gehört. Dass nun die Sache mit den Wucherkrediten herausgekommen war, brachte der ganzen Familie Schande. Er war innerlich sehr aufgebracht. Doch da Phönixglanz schwer krank war und ihr gesamter Besitz beschlagnahmt worden war, konnte sie das natürlich nur bedrücken. Er konnte es ihr im Augenblick nicht vorwerfen und schwieg vorerst. Die Nacht verlief ohne weitere Vorkommnisse.
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Am nächsten Morgen ging Aufrecht Kaufmann in den Palast, um sich für die kaiserliche Gnade zu bedanken. Dann fuhr er zum Palast des Fürsten von Beijing und zum Palast des Fürsten von Xiping, um sich dort zu bedanken, und bat die beiden Fürsten, sich um seinen Bruder und seinen Neffen zu kümmern. Beide Fürsten sagten ihre Hilfe zu. Aufrecht Kaufmann sprach auch bei befreundeten Amtskollegen vor, um deren Fürsprache zu erbitten.
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Unterdessen hatte Kette Kaufmann erfahren, dass die Angelegenheiten seines Vaters und seines Vetters nicht gut standen. Er wusste keinen Rat und kehrte nach Hause zurück. Friedchen <ref>Chinesisch: 平儿</ref> saß weinend bei Phönixglanz, während Qiutong im Nebenzimmer über Phönixglanz schimpfte. Kette Kaufmann ging an ihr Bett und sah Phönixglanz im Todeskampf liegen. So viele Vorwürfe er auch haben mochte, in diesem Augenblick konnte er kein Wort herausbringen.
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Friedchen sagte weinend: "Was geschehen ist, ist geschehen. Was weg ist, kommt nicht wieder. Aber die Herrin ist in diesem Zustand — wir sollten doch wenigstens noch einmal einen Arzt rufen!" Kette Kaufmann spuckte verächtlich aus: "Pah! Ob ich selber überlebe, weiß ich noch nicht, und da soll ich mich noch um sie kümmern?"
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Phönixglanz hörte das, öffnete die Augen und blickte ihn an. Obwohl sie kein Wort sagte, liefen ihr die Tränen über die Wangen. Als sie sah, dass Kette Kaufmann hinausging, sagte sie zu Friedchen: "Du solltest nicht so weltfremd sein. Wo wir jetzt stehen, was kümmerst du dich noch um mich? Am liebsten würde ich heute noch sterben. Wenn du nur ein wenig Mitgefühl für mich hast und nach meinem Tod die kleine Pfiffigmädchen <ref>Chinesisch: 巧姐</ref> großziehst, werde ich dir selbst aus dem Totenreich dankbar sein."
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Friedchen weinte nur noch heftiger. Phönixglanz sagte: "Du bist nicht dumm. Obwohl sie es mir nicht ins Gesicht sagen, geben sie mir bestimmt die Schuld. Die Sache hat zwar draußen angefangen, aber hätte ich nicht Geld verliehen, hätte ich damit nichts zu tun gehabt. Nun waren all meine Pläne und Ränke umsonst. Mein ganzes Leben habe ich gekämpft, um an der Spitze zu stehen, und am Ende bin ich allen hintendran. Und dann habe ich noch dunkel gehört, dass Herrlichkeit Kaufmann angeklagt wird, sich die Ehefrau eines ehrlichen Bürgers als Nebenfrau genommen zu haben und sie in den Tod getrieben zu haben, als sie sich weigerte. Da soll ein gewisser Zhang verwickelt sein. Überlege einmal, wer das sonst sein könnte. Wenn diese Sache vor Gericht kommt, wird unser Zweiter Herr nicht davon freikommen. Wie soll ich dann jemals wieder jemandem ins Gesicht blicken? Am liebsten würde ich sofort sterben, aber ich bringe es nicht über mich, Gift zu schlucken oder Gold zu trinken. Wenn du jetzt einen Arzt rufst, ist das nicht Fürsorge, sondern du schadest mir damit!" Friedchen hörte zu und wurde immer verzweifelter. Da die Lage wirklich aussichtslos war und sie fürchtete, Phönixglanz könnte sich etwas antun, wich sie nicht mehr von ihrer Seite.
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Glücklicherweise wusste die Herzoginmutter nichts von den Einzelheiten. Da sie sich in den letzten Tagen etwas besser fühlte und Aufrecht Kaufmann nichts zugestoßen war und Schatzjade und Schatzspange <ref>Chinesisch: 宝钗</ref> ihr täglich zur Seite standen und sie keinen Moment allein ließen, war sie etwas beruhigt. Da sie Phönixglanz von jeher am meisten liebte, rief sie Mandarinenente: "Nimm etwas von meinen persönlichen Dingen und bringe es Phönixglanz. Und gib Friedchen auch etwas Silbergeld und sage ihr, sie solle sich gut um Phönixglanz kümmern. Ich werde später alles weitere anordnen." Ferner wies sie Frau König an, sich um die Frau Strafe <ref>Chinesisch: 邢夫人</ref> zu kümmern.
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Zu dieser Zeit war das Stillfriede-Anwesen bereits in Staatsbesitz übergegangen. Sämtlicher Besitz, Grundstücke und Dienerschaft waren registriert und eingezogen worden. Die Herzoginmutter ließ eine Kutsche schicken, um Dame Sonders mit ihrer Schwiegertochter herüberzuholen. Das einst so stolze Stillfriede-Anwesen — es waren nur noch die beiden Frauen übrig geblieben, dazu Peifeng und Xieluan, ohne einen einzigen Diener. Die Herzoginmutter wies ihnen ein Haus neben Bedauerfrühlings Wohnung zu, stellte vier ältere Dienerinnen und zwei junge Mägde zu ihrer Bedienung ab. Mahlzeiten und täglicher Bedarf wurden aus der großen Küche geliefert. Kleidung und sonstige Dinge schickte die Herzoginmutter ebenfalls. Für kleinere Ausgaben wurde ein Budget aus der Haupt-Kassenstelle bewilligt, berechnet nach dem monatlichen Satz jedes Mitglieds des Prunkwille-Anwesens.
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Begnadigung Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann und Rong Kaufmann waren im Gefängnis der Kaiserlichen Garde, und für ihren Unterhalt dort konnte die Kassenstelle tatsächlich nichts aufbringen. Phönixglanz besaß inzwischen nichts mehr, und Kette Kaufmann war von Schulden erdrückt. Aufrecht Kaufmann verstand nichts von Haushaltsangelegenheiten und sagte nur: "Ich habe bereits Fürsprecher beauftragt, man wird sich schon kümmern." Kette Kaufmann wusste keinen Rat. Er dachte an die Verwandten: Die Familie der Tante Schnee <ref>Chinesisch: 薛姨妈</ref> war bereits ruiniert, Onkel König Ziteng war tot. Die übrigen Verwandten gab es zwar, aber keiner konnte helfen. So musste er heimlich jemanden aufs Land schicken, um einige Ländereien für ein paar tausend Goldstücke zu verkaufen, damit die Gefängniskosten gedeckt werden konnten. Bei diesem Treiben sahen die Diener, dass die Herrschaft am Ende war, und trieben selbst ihr Unwesen. Auch die Pachteinnahmen vom Ostgut wurden unter allerlei Vorwänden angezapft. Doch davon wird später erzählt.
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Die Herzoginmutter sah, wie die erblichen Titel der Ahnen eingezogen worden waren, wie ihre Söhne und Enkel im Gefängnis saßen und verhört wurden. Die Frau Strafe und Dame Sonders weinten Tag und Nacht, und Phönixglanz lag im Sterben. Zwar waren Schatzjade und Schatzspange an ihrer Seite, doch die konnten sie nur trösten, nicht aber ihre Sorgen teilen. Tag und Nacht fand sie keine Ruhe, grübelte vor und zurück, und die Tränen trockneten nicht.
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Eines Abends schickte sie Schatzjade fort. Sie richtete sich mühsam auf und befahl Mandarinenente, in allen Buddhahallen Weihrauch anzuzünden. In ihrem eigenen Hof ließ sie eine große Weihrauchschale aufstellen, stützte sich auf ihren Stock und ging hinaus in den Hof. Hupo wusste, dass die Herzoginmutter Buddha anbeten wollte, und legte ein großes, scharlachrotes Filzkissen zum Knien aus. Die Herzoginmutter steckte Räucherstäbchen an, kniete nieder, machte zahllose Verbeugungen, betete eine Weile zu Buddha und sprach dann unter Tränen zum Himmel und zur Erde:
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"Erhabener Himmel und barmherziger Buddha, hört mich an! Ich, Shi aus dem Hause Kaufmann, bete in aufrichtiger Demut und flehe um die Barmherzigkeit des Buddha. Seit Generationen hat unsere Familie niemals Gewalt geübt oder andere tyrannisiert. Ich habe meinem Mann geholfen und meine Söhne unterstützt, und wenn ich auch nicht immer Gutes tun konnte, so habe ich doch nie Böses getan. Es muss an der jüngeren Generation liegen, die in Hochmut und Verschwendung, in Ausschweifung und Vergeudung lebte, bis schließlich das ganze Haus durchsucht und beschlagnahmt wurde. Nun sitzen Söhne und Enkel im Gefängnis, und es steht schlimm um sie. All dies geschieht wegen meiner Sünden allein, weil ich die Jüngeren nicht erzogen habe. So ist es dahin gekommen. Ich flehe den erhabenen Himmel an, uns zu beschützen: Mögen die Gefangenen dem Unheil entkommen und in Glück gewandelt werden; mögen die Kranken bald genesen. Alle Sünden der Familie will ich allein auf mich nehmen; ich bitte um Gnade für Söhne und Enkel. Wenn der erhabene Himmel meine aufrichtige Demut erhört, so gewähre mir einen baldigen Tod und verschone meine Nachkommen."
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Als sie in ihrer stillen Andacht diese Worte sprach, konnte sie die Tränen nicht mehr halten und begann bitterlich zu schluchzen. Mandarinenente und Zhenzhu versuchten sie zu trösten und führten sie behutsam in ihr Gemach zurück.
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Da kamen Frau König, Schatzjade und Schatzspange herein, um der Herzoginmutter eine gute Nacht zu wünschen. Als sie die Herzoginmutter so in Trauer sahen, brachen auch sie drei in lautes Weinen aus.
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Schatzspange trug noch eine weitere Last der Trauer: Ihr Bruder saß draußen im Gefängnis und stand vor der Hinrichtung, und ob sein Urteil gemildert werden konnte, war ungewiss. Die Schwiegereltern waren zwar nicht in Gefahr, doch der Niedergang der Familie war offensichtlich. Schatzjade war immer noch halb verrückt und ohne jeden Ehrgeiz. Wenn sie an ihr weiteres Leben dachte, weinte sie noch bitterer als die Herzoginmutter und Frau König.
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Auch Schatzjade hatte, als er Schatzspange so sah, seinen eigenen Kummer. Er dachte: "Die Herzoginmutter ist alt und findet keine Ruhe. Vater und Mutter sind bei diesem Anblick untröstlich. Die Schwestern sind wie Wolken zerstreut, von Tag zu Tag werden es weniger. Wenn ich an die fröhlichen Tage im Garten denke, als wir Gedichte schrieben und Dichterversammlungen abhielten — was für ein fröhliches Treiben war das! Seit Schwester Dai-yü gestorben ist, bin ich in tiefer Schwermut versunken. Nun habe ich zwar Schwester Schatzspange an meiner Seite, und so kann ich nicht ständig weinen. Zudem sorgt sie sich selbst um ihren Bruder und ihre Mutter und zeigt nur selten ein Lächeln. Und heute, da ich sie so untröstlich sehe, bricht mir das Herz noch mehr." Und er begann laut zu schluchzen.
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Mandarinenente, Farbwölkchen, Yinger, Dufthauch <ref>Chinesisch: 袭人</ref> schauten zu, und jede hatte ihre eigenen traurigen Gedanken; auch sie begannen schluchzend zu weinen. Die übrigen Mägde wurden von dem Anblick ergriffen und weinten ebenfalls. Niemand tröstete mehr, und aus dem ganzen Raum drang Wehklagen zum Himmel empor. Die Nachtwächterinnen draußen erschraken und meldeten es eilig Aufrecht Kaufmann.
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Aufrecht Kaufmann grübelte gerade in seinem Arbeitszimmer, als die Nachricht von den Leuten der Herzoginmutter kam. Voller Sorge sprang er auf und eilte in die inneren Gemächer. Schon von Weitem hörte er viele weinende Stimmen und fürchtete, der Herzoginmutter sei etwas Schlimmes zugestoßen. Halb von Sinnen vor Angst stürzte er hinein, doch als er sah, dass sie aufrecht saß und nur weinte, fiel ihm ein Stein vom Herzen.
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Er sagte: "Wenn die Herzoginmutter traurig ist, solltet ihr sie trösten! Wie könnt ihr alle zusammen losweinen?" Daraufhin hörten alle hastig auf und starrten sich gegenseitig verdutzt an. Aufrecht Kaufmann trat vor, um die alte Dame zu beruhigen, und sagte auch den anderen ein paar Worte. Alle dachten bei sich: "Wir wollten doch die Herzoginmutter aufmuntern und trösten. Wie konnten wir uns nur so vergessen und das Weinen noch schlimmer machen?"
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Während sie noch ganz durcheinander waren, führte eine alte Dienerin zwei Frauen aus dem Haushalt der Familie Shi herein. Nachdem sie der Herzoginmutter ihren Respekt erwiesen und alle Anwesenden begrüßt hatten, sagten sie: "Unser Herr, unsere Herrin und unser Fräulein haben uns geschickt, um zu sagen: Sie haben von den Ereignissen in Ihrem Hause gehört — es ist wirklich keine große Sache, nur ein vorübergehender Schreck. Sie fürchten, die Herzoginmutter, der Herr und die gnädige Frau könnten sich Sorgen machen, und lassen ausrichten, dass der Herr Aufrecht außer Gefahr ist. Unser Fräulein wollte selbst kommen, aber da ihre Hochzeit in wenigen Tagen bevorsteht, kann sie leider nicht."
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Die Herzoginmutter fand es etwas unbeholfen, sich bei Dienerinnen zu bedanken, und sagte: "Richtet meinen Gruß aus, wenn ihr zurückkehrt. Es ist das Schicksal unserer Familie, dass es so kommen musste. Wir sind ihrem Herrn und ihrer Herrin für die Anteilnahme sehr dankbar. An einem anderen Tag werde ich persönlich meinen Dank aussprechen. Euer Fräulein heiratet — der Bräutigam braucht sicher nicht extra vorgestellt zu werden. Wie steht es um seine familiären Verhältnisse?"
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Die beiden Frauen antworteten: "Die Familie ist nicht besonders wohlhabend, aber der junge Herr ist sehr gut aussehend und von freundlichem Wesen. Wir haben ihn mehrmals gesehen, und er ähnelt fast eurem Herrn Schatzjade. Man hört auch, dass sein literarisches Talent vortrefflich sei."
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Die Herzoginmutter hörte das mit Freude und sagte: "Wenn es so ist, dann ist das wunderbar, das ist das Glück eurer Fräulein. Nur halten wir in unserer Familie noch an den Sitten des Südens fest, deshalb haben wir den Bräutigam noch nicht gesehen. Neulich musste ich an meine eigene Familie denken. Ich habe die junge Xiangfluss-Wolke immer am meisten geliebt. Von den dreihundertsechzig Tagen im Jahr hat sie früher mehr als zweihundert bei mir verbracht. So ist sie bei mir aufgewachsen, und ich wollte ihr eigentlich selbst einen guten Ehemann suchen. Aber da ihr Onkel nicht zu Hause war, konnte ich die Sache nicht in die Hand nehmen. Nun, da das Glück ihr einen guten Bräutigam beschert hat, bin ich beruhigt. Sie heiratet noch in diesem Monat, und ich hatte vorgehabt, dabei ein Glas Hochzeitswein zu trinken. Doch nun, mit all dem Ärger bei uns, ist mein Herz wie ein kochender Kessel — wie könnte ich da zu einer Hochzeit gehen? Richtet bei eurer Rückkehr meine besten Grüße aus und sagt: Alle bei uns lassen grüßen. Und richtet eurem Fräulein aus, sie solle sich meinetwegen keine Sorgen machen. Ich bin über achtzig — selbst wenn ich sterbe, kann man nicht sagen, ich hätte kein gesegnetes Leben gehabt. Ich wünsche mir nur, dass sie nach der Hochzeit mit ihrem Mann in Eintracht und Frieden hundert Jahre alt werden. Dann kann ich beruhigt sterben."
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Bei diesen Worten kamen ihr unwillkürlich die Tränen.
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Die Frau sagte: "Die gnädige Herrin möge sich nicht grämen. Wenn das Fräulein verheiratet ist und nach dem Neunten Tag zurückkehrt, wird sie gewiss mit ihrem Gemahl kommen, um der Herzoginmutter ihren Respekt zu erweisen. Dann wird sich die gnädige Herrin freuen!"
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Die Herzoginmutter nickte. Die Frauen gingen.
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Während die anderen nicht weiter darauf achteten, hatte allein Schatzjade zugehört und war in Gedanken versunken. Er dachte bei sich: "Warum müssen Mädchen, wenn sie erwachsen werden, unbedingt verheiratet werden? Kaum sind sie verheiratet, werden sie zu einem ganz anderen Menschen. Schwester Xiangfluss-Wolke, so ein Mensch, und ihr Onkel hat sie einfach in eine Ehe gedrängt. Wenn sie mich in Zukunft sieht, wird sie sich bestimmt nicht mehr um mich kümmern. Wenn man so weit ist, dass sich niemand mehr um einen kümmert, wozu dann noch leben?"
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Bei diesem Gedanken überkam ihn erneut der Kummer. Da die Herzoginmutter sich gerade erst beruhigt hatte, wagte er nicht zu weinen und saß nur stumm und bedrückt da.
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Nach einer Weile kam Aufrecht Kaufmann noch einmal herein, um nach der Herzoginmutter zu sehen. Es ging ihr etwas besser, und er ging wieder hinaus. Er ließ den Verwalter Lai Da rufen und trug ihm auf, das vollständige Personalregister aller verantwortlichen Familiendiener zu bringen. Er ging alles durch. Abgesehen von den unter Begnadigung Kaufmann eingezogenen Personen waren noch über dreißig Familien aufgeführt, zusammen zweihundertzwölf Personen beiderlei Geschlechts. Aufrecht Kaufmann ließ die einundvierzig männlichen Diener, die derzeit im Dienst standen, vortreten und befragte sie zu den jährlichen Ein- und Ausgaben des Haushalts. Der Hauptverwalter legte die Kontobücher der letzten Zeit vor. Als Aufrecht Kaufmann hineinschaute, sah er, dass die Ausgaben die Einnahmen bei weitem überstiegen. Zudem kamen über Jahre hinweg Kosten für den kaiserlichen Palast hinzu, und in den Büchern fanden sich zahlreiche von außen aufgenommene Schulden. Dann prüfte er die Pachteinnahmen aus den Ländereien in der östlichen Provinz: In den letzten Jahren betrugen sie nicht einmal die Hälfte von dem, was zu Großvaters Zeiten hereinkam, während die Ausgaben um das Zehnfache gestiegen waren. Aufrecht Kaufmann war entsetzt und stampfte wütend mit dem Fuß auf: "Das ist ja ungeheuerlich! Ich dachte, Kette führe den Haushalt und habe alles im Griff. Nun erfahre ich, dass wir schon seit Jahren weit über unsere Verhältnisse leben und nur den schönen Schein wahren. Die erblichen Titel und Besoldungen hat man für nebensächlich gehalten — wie hätte das nicht zum Ruin führen sollen? Wenn ich jetzt anfange zu sparen, ist es längst zu spät." Damit ging er mit den Händen auf dem Rücken auf und ab und fand keinen Ausweg.
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Die Diener wussten, dass Aufrecht Kaufmann nichts von der Haushaltsführung verstand und sich vergeblich sorgte. Sie sagten: "Der Herr braucht sich nicht so aufzuregen. Allen Familien geht es so. Wenn man alles zusammenrechnet, haben selbst die Fürstenhäuser nicht genug. Man wahrt eben den Anschein und wurstelt sich durch. Immerhin hat der Herr durch die kaiserliche Gnade wenigstens dieses bisschen Familienvermögen behalten dürfen. Wenn alles eingezogen worden wäre, würde der Herr doch trotzdem weiterleben!"
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Aufrecht Kaufmann fuhr sie zornig an: "Redet keinen Unsinn! Ihr Knechte seid die gewissenlosesten Kreaturen: Wenn es eurem Herrn gut ging, habt ihr nach Belieben herumgewirtschaftet. Wenn alles aufgebraucht ist, lauft ihr einer nach dem anderen davon. Kümmert ihr euch, ob euer Herr lebt oder stirbt? Ihr sagt, es sei nicht alles beschlagnahmt worden — aber wisst ihr denn: Draußen steht unser Ruf so schlecht, dass wir nicht einmal das Grundkapital retten können. Und ihr prahlt noch draußen herum, gebt an und betrügt die Leute? Wenn dann Ärger kommt, schiebt ihr alles auf den Herrn. Was die Sache des älteren Herrn Begnadigung und des Herrn Juwel betrifft — es heißt, ein Familiendiener namens Bao Er hat den Lärm gemacht. Ich sehe aber in diesem Register keinen Bao Er. Wie ist das zu erklären?"
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Die Diener antworteten: "Dieser Bao Er steht nicht in unserer Personalliste. Früher war er im Register des Stillfriede-Anwesens geführt. Weil der Zweite Herr ihn für verlässlich hielt, hat er ihn mitsamt seiner Frau herübergeholt. Nachdem seine Frau gestorben war, ging er zurück ins Stillfriede-Anwesen. Als der Herr damals mit seinen Amtsgeschäften beschäftigt war und die Herzoginmutter, die gnädigen Frauen und die jungen Herren zum Mausoleum gereist waren, übernahm der Herrlichkeit Kaufmann die Haushaltsaufsicht und holte Bao Er mit herüber. Danach ging der auch wieder. Der Herr hat sich seit Jahren nicht um solche Angelegenheiten gekümmert und kann davon natürlich nichts wissen. Der Herr denkt vielleicht, dass nur die Personen im Register existieren. In Wirklichkeit hat aber jeder seine eigenen Verwandten — sogar Diener haben wieder Diener."
  
od kann ich nichts tun, um meine Lethargie und Depression loszuwerden, und ich muß mich zusammenreißen, nicht ständig zu weinen, um Bau-tschai nicht zu bekümmern, die selber um ihren Bruder und ihre Mutter trauert und nur sehr selten ein Lächeln auf ihrem Gesicht sehen läßt.“
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Aufrecht Kaufmann rief: "Unerhört!" Er sah ein, dass sich das alles nicht auf die Schnelle klären ließ, und schickte die Diener fort. Er hatte sich bereits fest vorgenommen, zunächst den Ausgang der Verfahren gegen Begnadigung Kaufmann und die anderen abzuwarten und dann zu entscheiden.
Bau-tschais untröstliches Weinen traf ihn so sehr, daß er selber laut hoffnungslos zu weinen begann, was wiederum Yüan-yang, Tsai-yün, Ying-örl und Hsi-jën traurig stimmte, und bald weinte jeder von ihnen bitterlich aus eigenen Beweggründen. Zuletzt ging die Welle dieses hinderlichen Kummers bis zu den anderen Mägden über, und es war niemand mehr übrig, der selber hätte trösten können. Ein Chor des Jammers erfüllte den Raum und erreichte die Ohren der Dienstmädchen in der Nachtschicht, welche dies umgehend Djia Dschëng berichteten.
 
Djia Dschëng grübelte immer noch in seinem Arbeitszimmer, was inzwischen zur Gewohnheit geworden war, als die Neuigkeiten ihn erreichten. Er sprang alarmiert auf und eilte zu den Gemächern der Herzoginmutter. Auf seinem Weg hörte er den Klang weinender Stimmen in der Ferne und fürchtete das Schlimmste für die alte Dame. Als er eilig die Gemächer betrat, war er tödlich besorgt. Er fand sie zu seiner großen Erleichterung schluchzend, aber lebendig.
 
Er wandte sich an die versammelte Familie und hielt ihnen vor: „Die Herzoginmutter ist traurig. In einem solchen Moment solltet ihr die gnädige Frau Djia besser trösten und mit eurem kollektiven Gejammer nicht alles noch schlimmer machen.“
 
Als alle die Stimme von Djia Dschëng hörten, herrschte plötzlich Stille, alle starrten sich verblüfft an. Djia Dschëng sagte der Herzoginmutter ein paar Worte, dann sprach er zu den anderen, bevor er ging.
 
‚Wir kamen her, um die gnädige Frau aufzuheitern,‘ dachten sie bei sich, ‚wir wollten sie trösten. Wie konnten wir uns nur so vergessen und damit alles nur noch schlimmer machen?‘
 
Sie waren immer noch in einem Zustand der Verwirrung, als eine altes Dienstmädchen mit zwei Frauen aus dem Schï-Haushalt eintraf. Nachdem sie vor der Herzoginmutter geknickst und alle Anwesenden gegrüßt hatten, überbrachten sie ihre Nachricht: „Unser hochedler Herr, die hochedle Herrin, die kaiserliche Konkubine, und Fräulein Schï haben uns mit einer Nachricht geschickt: Sie haben von Euren Neuigkeiten gehört und möchten Euch versichern, daß dies keine schlimme Sache sei. Sie befürchteten, daß Herr Dschëng und die Herzoginmutter sich grundlos Sorgen machten und baten uns, nachdrücklich zu sagen, daß Herr Dschëng sich beruhigen solle. Er selbst sei nicht in Gefahr. Fräulein Schï wäre selbst gekommen, doch wird sie in einigen Tagen heiraten.“
 
Die Herzoginmutter fühlte sich etwas unbeholfen, den Dienstmädchen ihre Dankbarkeit auszudrücken. „Wenn ihr zurückkehrt“, sagte sie, „überbringt Eurem Herrn und Eurer Herrin meine Hochachtung. Was unserer Familie widerfuhr, war vom Schicksal so bestimmt. An einem anderen Tag werde ich den Hochedlen persönlich für ihre Anteilnahme danken. Und für Hsiang-yüns Hochzeit bin ich sicher, daß sie sich einen guten jungen Ehemann gewählt hat. Ich wäre sehr froh, etwas von seiner Familie zu hören.“ – „Seine Familie ist nicht besonders wohlhabend“, antworteten die Frauen. „Doch er ist ein angenehmer, junger Mann und hat eine freundliche Natur. Wir haben ihn einige Male gesehen, und er ähnelt äußerlich sehr eurem Herrn Bau-yü. Er hat auch ein besonderes literarisches Talent.“
 
Der Herzoginmutter gefiel diese Beschreibung sehr, und sie sagte erfreut. „Wir sind ja alle aus dem Süden. Auch wenn wir hier lange leben, haben ihre und unsere Familie stets die alten südlichen Heiratssitten aufrecht erhalten, und deswegen haben wir den Bräutigam bis zum heutigen Tage nicht zu Gesicht bekommen. Gerade eben dachte ich noch an meine eigene Familie, besonders an Hsiang-yün. Sie war mir immer die Liebste. Als kleines Mädchen hatte sie immer mehr als zweihundert Tage im Jahr bei mir verbracht. Ich hatte mir vorgenommen, ihr selbst einen angenehmen Ehemann zu suchen, wenn sie erwachsen würde, doch da ihr Onkel nicht zu Hause war, konnte ich kaum die Initiative ergreifen. Nun, da das Glück sie begünstigt und sie eine gute Partie gefunden hat, bin ich ja beruhigt. Ich weiß, daß sie noch in diesem Monat heiraten wird, und ich hätte an dem Empfang so gern ein Glas Wein mitgetrunken. Leider hat es bei uns Verwicklungen gegeben und mein Herz ist wie ein kochender Topf, wie könnte ich in diesem Zustand zur Hochzeit gehen? Bitte überbringt ihnen bei Eurer Rückkehr meine Hochachtung und sagt, daß wir alle ihnen das Beste wünschen. Und sagt Fräulein Schï, sie soll sich meinetwegen nicht sorgen. Ich bin jetzt über achtzig und wenn ich sterbe, habe ich keinen Grund, mich zu beklagen. Ich konnte meinen Segen genug auskosten. Mein einziges Gebet ist, daß sie und ihr Mann glücklich miteinander leben und ein hohes Alter erreichen. Dann kann ich zufrieden sterben.“
 
Während sie sprach, kamen der Herzoginmutter wieder die Tränen. Eines der Dienstmädchen der Familie Schï sagte: „Bitte macht euch nicht selbst unglücklich, gnädige Frau Djia. Wenn Fräulein Schï erst verheiratet ist und ihren Neunten Tag gefeiert hat, bin ich sicher, werden sie und ihr Mann herkommen, um bei Euch vorbeizuschauen. So können Sie ihn selbst kennenlernen, und das wird Euch erfreuen.“
 
Die Herzoginmutter nickte. Die Frauen gingen. Bau-yü schien die einzige Person zu sein, die von den Neuigkeiten über Hsiang-yüns bevorstehende Hochzeit betroffen war. Er schaute etwas verwirrt und dachte bei sich: „Warum müssen die Mädchen nur unmittelbar, sobald sie erwachsen sind, verheiratet werden? Einmal verheiratet, haben sie kaum Freiheiten mehr. Sogar die liebe Hsiang-yün muß dem Willen ihres Onkels gehorchen. Wenn wir sie bald wieder treffen, wird es wieder das Gleiche sein. Sie wird einfach nur distanziert zu mir sein. Wozu soll ich denn noch leben, wenn ich für immer so gemieden werde?“
 
Er hätte beinahe wieder geweint. Doch seiner Großmutter zuliebe bemühte er sich, nicht zu weinen, und stattdessen brütete er im Stillen.
 
Djia Dschëng war immer noch besorgt um die Gesundheit der Herzoginmutter und kam gerade vorbei, um zu sehen, wie es ihr ging. Er stellte eine leichte Verbesserung fest und ging wieder hinaus. Er bestellte den Verwalter Lai Da zu sich, trug diesem auf, die vollständigen Haushaltsbücher mit allen Hausangestellten in verantwortlichen Stellungen zu bringen. Er ging das Register Eintrag für Eintrag durch. Abgesehen von Djia Schës Dienern, die verhaftet worden waren, waren dort mehr als dreißig Familien in dem Register mit insgesamt zweihundertzwöf männlichen und weiblichen Angestellten aufgeführt. Djia Dschëng schickte nach einundzwanzig männlichen Dienern, die zur Zeit im Haus angestellt waren und ging mit ihnen sämtliche Einnahmen und Ausgaben der letzten Jahre in verschiedenen Bereichen durch. Der Hauptverwalter zeigte das Kontenbuch zur näheren Betrachtung, und Djia Dschëng konnte auf einen Blick sehen, daß nichts im Gleichgewicht war. Die Ausgaben überstiegen die Einnahmen um einiges und zusätzliche Ausgaben fielen über mehrere Jahre in Zusammenhang mit der kaiserlichen Nebenfrau an. Weiterhin wurden Einträge über unregelmäßige Anleihen außerhalb gefunden. Als er die Renten des Familienvermögens in den östlichen Provinzen betrachtete, konnte er sehen, daß das Einkommen in den letzten Jahren auf weniger als die Hälfte als noch zu Großvaters Zeiten gesunken war, während die Familienausgaben um das Zehnfache gestiegen waren. Diese offensichtliche Mißwirtschaft war ein großer Schock für ihn und er stampfte verärgert mit dem Fuß: „Das ist ungeheuerlich! Ich dachte, Liän sei in der Lage, mit so etwas zurecht zu kommen. Und jetzt sehe ich, daß wir uns in den Ruin gewirtschaftet haben, nur um eine leere Fassade aufrecht zu erhalten. Wir haben weit über unsere Verhältnisse gelebt. Diese Sorglosigkeit mußte ins Verderben führen. Und jetzt ist es zu spät, um mit dem Sparen anzufangen.“
 
Er ging mit den Händen hinter dem Rücken auf und ab und fand keinen Ausweg aus diesem tiefen Familienelend. Seine Diener wußten, daß ihr Herr nicht der Mann für Haushaltsbücher war und jedes Bemühen seinerseits nichts bringen würde.
 
„Es bringt nichts, sich unnötig zu sorgen, Herr“, rieten sie ihm, „es ist mit jedem Haushalt das Gleiche, sogar bei den Prinzen aus dem Reich! Wenn Sie ihre Konten sehen könnten, würden Sie sehen, daß jene ebenso wenig mit ihrem Vermögen haushalten können. Sie bewahren nur den Anschein und wursteln den ganzen Tag herum so gut, wie sie können. Bedenkt nur, daß ihr Euch glücklich schätzen solltet. Der Kaiser war so freundlich und gestattete Ihnen, Euer Familieneigentum zu bewahren. Doch selbst wenn alles konfisziert worden wäre, so würdet Ihr doch immer noch auf die eine oder andere Art zurechtkommen!“
 
„Was redet ihr für einen Unsinn“, rief Djia Dschëng wütend, „ihr Diener seid wertlose Räuber, selbst der letzte von euch! Als es eurem Herrn gut ging, habt ihr alles wie verrückt ausgegeben. Und wenn nichts mehr übrig ist, tretet ihr bei nächster Gelegenheit den Rückzug an. Was bedeutet es euch, ob wir leben oder sterben? Ihr sagt, wir können glücklich sein, daß nicht alles konfisziert wurde, doch was wißt ihr eigentlich davon? Erkennt ihr nicht, daß so, wie es mit unserem Ruf aussieht, es schwierig sein wird, dem Konkurs zu entgehen? Und wenn ihr euch so benehmt, als wäret ihr reich, so redet, als wäret ihr wichtig, aber Leute von vorne bis hinten anschwindelt, dann haben wir keine Chance. Wenn Unheil kommt, seid ihr froh, daß wir die Folgen auf uns nehmen. Ich bin darüber informiert, daß einer von euch, ein Diener mit dem Namen Bau Örl, die Gerüchte verbreitet hat, die meinen Bruder und Herrn Dschën beschuldigt haben. Warum ist sein Name nicht in dem Register aufgeführt?“ –
 
„Er steht nicht offiziell in unseren Büchern, Herr“, lautete die Antwort, „er gehörte eigentlich zum Ning-guo Register. Dann fiel sein Blick auf Herrn Liän als eine vertrauenswürdige Person, und er und seine Frau wurden von Herrn Liän aufgenommen. Seine Frau starb, und danach ging er in das Ning-guo-Anwesen zurück. Einmal, als Sie in der Behörde so beschäftigt waren, Herr, waren die Herzoginmutter, die anderen Damen und die anderen jungen Herren zum Trauern im Mausoleum, da kam Herr Dschën herüber, um auf dieser Seite alles zu untersuchen und nahm Bau Örl mit sich. Bau Örl ging danach mit ihm wieder zurück ins Ning-guo-Anwesen. Es ist viele Jahre her, daß Sie sich mit solchen Angelegenheiten beschäftigt haben, Herr, und es überrascht kaum, daß Sie von diesen Dingen nichts wissen. Wahrscheinlich denken Sie, sein Name sei der Einzige, der nicht im Register steht. Tatsächlich hat jeder Mann seine verschiedenen Angehörigen – sogar Diener haben ihre eigenen Diener!“ – „Unerhört!“ protestierte Djia Dschëng.
 
Djia Dschëng verstand, daß er sowieso nicht in kurzer Zeit alles herausfinden könnte, und er entließ seine Diener. Er hatte sich fest vorgenommen, erst abzuwarten, was bei der Untersuchung von Djia Schë und Vetter Dschën herauskam, und dann erst zu entscheiden, was zu tun war.
 
Einen Tag später saß er in seinem Studierzimmer und rechnete im Haushaltsbuch, als ein Diener herbeieilte, um ihn zu informieren, daß seine Präsenz am Hof verlangt würde. Djia Dschëng brach auf der Stelle voller Unruhe auf.
 
Um herauszufinden, ob das Urteil für ihn günstig oder eher schlecht war, muß man das nächste Kapitel lesen.
 
107. Aus weiser Großzügigkeit verteilt die Herzoginmutter ihren persönli­chen Besitz
 
Dank kaiserlicher Gunst empfängt Djia Dschëng den erblichen Rang und Titel seines Bruders.
 
  
Djia Dschëng kam am Palast an und begrüßte die verschiedenen Prinzen und Militär-Geheimräte, die versammelt waren, um ihn zu treffen.
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Eines Tages saß er in seinem Arbeitszimmer und rechnete, als ein Bote hereingestürzt kam und rief: "Der Herr wird gebeten, sofort zum Inneren Hof zu kommen, man wünscht ihn zu befragen!" Aufrecht Kaufmann erschrak zutiefst und machte sich auf den Weg.
„Seine Majestät hat uns angewiesen, Sie heute hierherzurufen“, sagte der Prinz von Bei-jing. „Ich befolge des Kaisers Befehl, um Sie zu befragen.“
 
Djia Dschëng kniete umgehend nieder und die Befragung wurde fortgesetzt: „War Ihnen bewußt, daß ihr älterer Bruder sich mit einem Beamten der Provinz zu seinem Vorteil verschworen hatte? Daß er seinen Einfluß mißbraucht und schutzlose Bürger schikaniert hat? Daß er seinem Sohn das Glücksspiel und ein nachlässiges Leben erlaubt hat und daß dieser Sohn mutwillig die Verlobte einer unschuldigen Person in sein Bett führte und sie zu Tode brachte, als sie sein Verlangen nicht stillen wollte? War Ihnen all das bekannt?“
 
Djia Dschën antwortete, so gut er konnte: „Seitdem ich Dank seiner Majestät Bildungskomissar wurde, war ich zunächst verpflichtet, Entlastungsmaßnahmen zu überwachen und dann, bei meiner Rückkehr nach Hause gegen Ende des letzten Winters, wurde ich von meinen Vorgesetzten abgeordnet, Sanierungsarbeiten zu überwachen und wurde anschließend als Getreide-Intendant in die Provinz Djianghsi berufen. Von dieser letzten Stellung kehrte ich unter Anklage in die Hauptstadt zurück und habe gerade meine frühere Position in der Arbeitsbehörde wieder angetreten. Ich habe mich wirklich bemüht, diese amtlichen Pflichten gründlich zu erfüllen. Doch ich fürchte, daß ich dabei völlig vernachlässigt habe, meinen eigenen Haushalt in Ordnung zu halten. Für diesen unentschuldbaren Fehler auf meiner Seite, für mein offensichtliches Versagen, meinen Söhnen und Neffen die richtigen Verhaltensgrundsätze beizubringen, für meine üble Undankbarkeit gegenüber dem Thron, kann ich nur darum bitten, daß seine Majestät mich mit der angemessenen Strenge bestrafen.“
 
Der Prinz von Bei-jing begab sich fort, um dies mit dem Kaiser zu besprechen und kehrte nach einem kurzen Moment mit dem Kaiserlichen Edikt zurück, welches er der versammelten Gesellschaft vortrug: „Wir haben eine Anklage vom Zensorat erhalten, die besagt, daß Djia Schë sich mit einem Beamten der Provinz verschworen hat und seinen eigenen Einfluß ausnutzte, um schutzlose Bürger zu schikanieren. Der Provinzbeamte, den der Zensor nannte, war der Präfekt von Ping-an. Djia Schë, so besagt es die Anklage, sprach sich mit dem Präfekten ab, um Einfluß auf die Untersuchung zu nehmen. Bei näherer Untersuchung bestätigte Djia Schë jedoch, daß der Präfekt tatsächlich mit ihm durch Heirat verwandt war und daß ihre Beziehung eine rein persönliche war. Der Zensor war weiterhin nicht in der Lage, diesen Teil der Anklage zu belegen. Ein anderer Teil wurde allerdings bestätigt, nämlich daß Djia Schë seinen persönlichen Einfluß benutzte, um einen Mann namens Schï Dai-Dsï zu nötigen, sich von einem antiquarischen Fächer zu trennen. Hierbei handelt es sich aber lediglich um Bagatellen und muß daher von den ernsten Fällen des Mißbrauchs getrennt werden. Der darauf folgende Selbstmord von Schï Dai-Dsï kann ebenso nur als Resultat seiner eigenen Exzentrizität gedeutet werden, und es ist unwahrscheinlich, daß er ‚in den Tod getrieben‘ wurde. Wir sehen uns also bereit, Djia Schë Nachsicht zu zeigen und ihn zum Strafdienst an einem Militärposten an der Grenze zu versetzen, wo er sich durch pflichttreuen Dienst freikaufen kann.
 
Mit Bezug auf die erste Klage, die gegen Djia Dschën hervorgebracht wurde, daß er gewaltsam die Verlobte eines unschuldigen Bürgers in sein Bett genommen und sie zu Tode gebracht habe, als sie seinen Willen nicht erfüllen wollte: Nach Begutachtung des eigentlichen Berichtes im Zensorat fanden wir heraus, daß die besagte Dame, ein gewisses Fräulein You Örl-djie, mit einem gewissen Dschang Hua verlobt wurde, als beide noch im Mutterleib waren. Die Hochzeit wurde nie gefeiert, tatsächlich wünschte Dschang selbst, daß sie auf Grund seiner eigenen Armut annuliert würde. Die Mutter von You Örl-djie war auch damit einverstanden, daß ihre Tochter als Konkubine genommen würde, nicht von Djia Dschën selbst, sondern von seinem jüngeren Vetter. Also war dies offensichtlich keine ‚gewaltsame Besitznahme’. Dann der Fall von Fräulein You San-djie: hier lautet die Anklage, daß sie nach ihrem Selbstmord geheim beerdigt und ihr Tod von den Behörden vertuscht wurde. Bei weiteren Untersuchungen wurde herausgefunden, daß dieses Fräulein You San-djie die jüngere Schwester von Djia Dschëns Frau war und daß ihre eigentliche Absicht war, eine Hochzeit für sie zu arrangieren. Die weit verbreiteten und bösen Gerüchte, die um ihre Person kursierten, ihre eigenen Gefühle der Scham und der Reue, sowie das Bestehen ihres Verlobten darauf, ihm die Brautgeschenke zurückzugeben, waren die eigentliche Ursache ihres Selbstmordes, keine schlechte Behandlung oder Nötigung auf Seiten Djia Dschëns. Als Träger der erblichen Position jedoch, verdient Djia Dschën, für die Unkenntnisse über das Gesetz schwer bestraft zu werden, und für seinen Fehler, die Beerdigung einer verschiedenen Person nicht berichtet zu haben. In Anbetracht der Tatsache, daß er der Nachkomme eines Adeligen und somit eine auserwählte Person ist, können wir nicht die schwere Strafe verhängen, die das Gesetz vorsieht, sondern bewahren unsere Diskretion, womit wir ihn verurteilen, seines erblichen Titels enthoben und an die Küste geschickt zu werden, wo er seine Schuld durch gehorsame Pflichterfüllung abarbeiten kann. Djia Jung, der zu jung ist, um in die Angelegenheiten ver­wickelt zu sein, wird freigesprochen. Djia Dschëng hat über viele Jahre Posten in der Provinz besetzt, in welchen er gewissenhaft und weise diente und er wird von den Konsequenzen seines Versagens, seinen Haushalt richtig zu führen, entbunden.“
 
Djia Dschëng reagierte mit Tränen der Dankbarkeit auf das Edikt und verbeugte sich hastig, zuerst in Richtung des Kaiserlichen Throns, dann in Richtung des Prinzen, welchen er bat, dem Kaiser seine demütigste Erge­ben­heit zu übermitteln.
 
„Danke dem Himmel“, sagte der Prinz, „es besteht kein Bedarf für weiteres.“ –
 
„Meine Dankbarkeit gegenüber Seiner Majestät, mich so großzügig der Schuld entbunden und meinen Teil des Familieneigentums bewahrt zu haben, kennt keine Grenzen“, sagte Djia Dschëng, „ich habe ein wirklich schlechtes Gewissen. Bitte erlaubt mir, dem Kaiser all meine geerbten Güter und angesammeltes Eigentum zu überlassen.“ –
 
„Seine Majestät ist gegenüber seinen Untertanen in der Tat human und einfühlsam. Er ist weise und anspruchsvoll in seinen Urteilen und täuscht sich nie, weder bei der Belohnung von Rechtschaffenheit noch bei der Bestrafung des Lasters. Dadurch, daß Sie Ihr Eigentum wiedererlangt haben, wurde Ihnen eine ausgezeichnete Ehre zu Teil. Auf Ihrer Seite ist nun keine weitere Geste erforderlich.“
 
Die anderen Edelleute  stimmten überein.
 
So verbeugte sich Djia Dschëng wieder, zuerst in Richtung des Kaisers und dann zu dem Prinzen und verließ den Palast. Er eilte dann nach Hause, um der Herzoginmutter die Neuigkeiten zu überbringen, da er wußte, mit welchem Bangen seine Rückkehr erwartet wurde. Der gesamte Haushalt der Familie Djia, Männer und Frauen, wartete ängstlich am Eingang des Jung-guo-Anwesens, um das Ergebnis seiner Besprechung zu vernehmen und seufzten tief vor Erleichterung, als sie ihn sicher nach Hause kommen sahen. Niemand wagte es, ihn zu fragen, als er an ihnen vorbei direkt in die Gemächer der Herzoginmutter eilte. Er berichtete ihr die Einzelheiten des letzten Erlasses. Die Herzoginmutter war zwar erleichtert darüber, daß einige Anklagepunkte wegfielen, war aber verständlicherweise bestürzt darüber zu erfahren, daß zwei Titel der Familie verloren und daß Djia Schë und Vetter Dschën beide zu Strafdiensten verurteilt worden waren. Die Dame Hsing und You-schï brachen einfach zusammen, als sie die Neuigkeiten vernahmen.
 
„Mach’ dir keine Sorgen, Mutter“, flehte Djia Dschëng, „obwohl Bruder Schë an der Grenze dienen muß, dient er immer noch dem Reich und wird nicht schlecht behandelt. Wenn er sich lobenswert beträgt, wird er vollständig wieder eingesetzt. Und Dschën ist immer noch ein junger Mann und ein wenig harte Arbeit wird ihm gewiß nicht schaden. Eine solche Lehre hätten wir ihm früher oder später ohnehin erteilen müssen. Wir können nicht ewig die Lorbeeren unserer Ahnen ernten.“
 
Er fügte noch mehr Worte dieser Art hinzu, welche die Herzoginmutter trösteten. Dennoch hatte sie Djia Schë nie besonders gemocht, und Vetter Dschën war nicht ihr eigener Enkel. Doch die Dame Hsing und You-schï waren untröstlich.
 
‚Wir sind ruiniert!‘, dachte die Dame Hsing bei sich. ‚Wenn mein Mann in seinem Alter noch ins Exil geschickt wird, an wen kann ich mich dann wenden? Liän ist zwar mein Sohn, doch er fühlte sich immer mehr zu seinem Onkel Dschëng hingezogen als zu seinem eigenen Vater. Nun, da wir alle mit Dschëng verwandt sind, müssen sich Liän und Hsi-fëng noch mehr dieser Seite der Familie zuwenden. Ich werde völlig verlassen sein. Für meine letzten Tage erwartet mich nichts als Einsamkeit und Kummer, das ist nichts Gutes.‘
 
Neben Djia Dschën war seine Frau You-schï schon immer allein für das Ning-guo-Anwesen verantwortlich. Sie war die einzige in der Familie, die sich den Respekt der Angestellten erworben hatte. Sie und Vetter Dschën hatten darüber hinaus eine schöne Hochzeit gehabt. Nun wurde er unehrenhaft fortgeschickt, ihr gesamter Besitz wurde beschlagnahmt, und sie würden gezwungen sein, im Jung-guo Zweig um Unterstützung zu bitten. Die Herzoginmutter liebte sie zwar sehr, doch immer noch mußte sie im fremden Haushalt leben, und sie müßte Djie Yüän und Pei-fëng erziehen, nicht zu vergessen das Ehepaar Jung-örl und seine Frau, die keine Menschen waren, um einen eigenen Haushalt zu führen.
 
‚Es war wirklich Liäns Schuld, daß meine Schwestern so übel enden mußten‘, dachte sie, ‚und trotzdem haben Liän und Hsi-fëng unversehrt überlebt, während wir in diese verzweifelte Lage gebracht wurden, wie könnte man da noch weiterleben?‘
 
Die Herzoginmutter war sehr betroffen von You-schïs untröstlichem Schluchzen und wandte sich an Djia Dschëng, um ihn zu fragen: „Jetzt, da ihr Urteil gesprochen ist, haben Bruder Schë und der junge Dschën die Erlaubnis, nach Hause zu kommen? Jung wurde frei gesprochen, deshalb nehme ich an, daß er freigelassen wird.“ –
 
„Eigentlich sind solche Besuche nicht erlaubt“, antwortete Djia Dschëng. Doch ich habe mich bereits danach erkundigt, ob Bruder Schë und Vetter Dschën als persönliche Gunst Vorbereitungen für ihre Abreise treffen dürften, und die Strafbehörde hat gnädigerweise ihre Zustimmung gegeben. Ich nehme an, daß Jung-örl mit seinem Vater und Großvater zusammen her­aus­kommt. Jetzt mach’ dir bitte keine Sorgen mehr, Mutter. Ich werde alles für sie tun, was ich kann.“ –
 
„Ich werde langsam alt und greisenhaft“, sagte die Herzoginmutter unter Tränen. „Vor Jahren habe ich mich zuletzt nach den Familienfinanzen erkundigt. Ich weiß, daß alles im Ning-guo-Anwesen beschlagnahmt wurde, und das schließt auch das Haus selbst mit ein. Auf unserer Seite wurden deinem Bruder Schë und Liän auch alle Sachen genommen. Nun, sag’ es mir besser jetzt: Wieviel Geld haben wir übrig? Und was sind unsere Anwesen in den östlichen Provinzen wert? Wenn die beiden gehen müssen, werden wir ihnen ein paar Tausend Silbertael mit auf den Weg geben.“
 
Djia Dschëng saß in der Falle.
 
‚Wenn ich die Wahrheit sage‘, dachte er bei sich, ‚wird es ein großer Schock für sie. Doch wenn ich es geheim halte, weiß der Himmel allein, wie wir unseren derzeitigen Bedarf decken können, geschweige denn in der Zukunft.‘
 
„Hättest du besser nicht gefragt, Mutter“, begann er, „ich hätte dich niemals damit belästigt. Doch seit du gefragt hast und Liän da ist, bin ich verpflichtet zu sagen, daß ich gestern die Familienkonten überprüft und die Wahrheit entdeckt habe. Sie lautet wie folgt: Unsere Kassen sind seit langer Zeit völlig leer. Abgesehen davon, daß alles ausgegeben ist, haben wir sogar draußen erhebliche Schulden. Irgendwie muß ich ohne Verzögerung an Geld gelangen, um die Beamten zu besänftigen, die in Bruder Schës Fall verwickelt waren. Ohne ein solches Eingreifen, fürchte ich, werden sie beide leiden, trotz der großzügigen Anordnungen Seiner Majestät. Ich bin immer noch nicht sicher, wie man an das Geld kommen könnte. Auf die östlichen Anwesen kann man sich nicht verlassen. Die Mieteinnahmen für das kommende Jahr reichen nicht, um die Löcher zu stopfen. Unser einziger Rückhalt wird sein, Kleidung und Schmuck, die wir glücklicherweise noch besitzen, zu verkaufen und den Ertrag davon Bruder Schë und Vetter Dschën mit auf den Weg zu geben. Wie wir selber dann zurecht kommen werden, ist wieder ein ganz anderes Problem.“
 
Die Herzoginmutter brach noch einmal in ein Flut von Tränen aus: „Ist es wirklich so hoffnungslos? Sind wir so tief gefallen? Ich habe so etwas niemals erlebt. Ich kann mich an meine eigene Familie in längst vergangenen Tagen erinnern. Sie waren zehnmal größer als wir, dennoch konnten sie jahrelang über ihre Verhältnisse leben. Und sogar am Ende befiel sie kein solches Unglück. Es kam eher allmählich. Erst nach ein oder zwei Jahren waren sie am Ende. Doch wie du es beschreibst, werden wir die ein oder zwei Jahre nicht mehr überstehen!“
 
„Wenn wir doch nur die zwei geerbten Güter hätten, auf die wir zurückgreifen könnten“, sagte Djia Dschëng, „dann könnten wir einen Kredit aufnehmen. Doch wie die Dinge im Moment stehen, wird uns niemand Geld leihen.“
 
Auch seine Wangen waren nun tränenüberströmt. „Es hat keinen Sinn, unsere Verwandten um Hilfe zu bitten“, fuhr er fort, „diejenigen, die uns helfen würden, haben selber kein Geld und diejenigen, die welches haben, wollen uns nicht helfen. Ich habe die Konten gestern nicht auf jede Einzelheit überprüft, doch ich habe das Register der Haushaltsbesetzung überflogen. Wir können uns kaum selber am Leben halten, wie erst dann eine solche Menge an Dienern?“
 
Diese letzten Einzelheiten in Djia Dschëngs Bericht über die finanzielle Misere versetzten die Herzoginmutter in noch tiefere Schwermut. Zur selben Zeit kamen Djia Schë, Vetter Dschën und Djia Jung an und begrüßten sie. Sie sah die drei, nahm Djia Schë an der Hand, Vetter Dschën an der anderen und brach in Schluchzen aus. Die zwei Männer neigten ihren Kopf vor Scham und fielen, als sie die Herzoginmutter weinen sahen, auf ihre Knie und weinten: „Wir haben die Familie entehrt! Wir haben die Titel unserer Vorväter verloren! Wir haben dir Kummer bereitet! Wir sind noch nicht einmal wert, nach unserem Tod beerdigt zu werden!“
 
Ein Chor des Jammerns erfüllte nach diesen Worten den Raum.
 
„Nun kommt schon“, drängte Djia Dschëng, „wir dürfen keine Zeit damit verlieren, eine Möglichkeit zu überlegen, um ihnen Geld anzubieten. Sie können höchstens ein bis zwei Tage bei uns bleiben.“
 
Die Herzoginmutter gab ihr Bestes, um ihren Kummer zurückzuhalten. „Geht, ihr beide“, sagte sie, ihre Tränen zurückhaltend, „und sprecht mit euren Frauen!“ Sie wandte sich an Djia Dschëng: „Es darf keinen Aufschub geben, und ich sehe, es bringt nichts, sich etwas zu leihen. Wir haben so wenig Zeit. Ich muß selbst etwas tun. Oje, das ist alles so schrecklich verwirrend! Die Dinge können einfach nicht so weitergehen!“
 
Sie rief Yüan-yang zu sich und schickte sie mit Anweisungen fort. Djia Schë und Vetter Dschën verließen währenddessen den Raum und sprachen draußen tränenreich mit Djia Dschëng, drückten dabei ihr Bedauern für ihren damaligen Eigensinn aus und sahen kummervoll dem Exil entgegen, das ihnen bevorstand. Sie gingen hinüber und wehklagten bei ihren Frauen. Djia Schë wurde langsam alt, und die Aussicht auf Trennung für ihn und seine Gattin, die Dame Hsing, war weniger erschütternd als für Vetter Dschën und You-schï.
 
Djia Liän und Djia Jung hielten die Hände ihres Vaters und weinten an seiner Seite. Grenzdienst war eine weniger schlimme Strafe als militärische Verbannung, doch es war immer noch eine lange und schwere Geduldsprobe. Sie konnten nur versuchen, sich dem mit Magenschmerzen so gut wie möglich zu fügen.
 
Die Herzoginmutter trug der Dame Hsing, der Dame Wang, Yüan-yang und einem Schwarm von Mägden auf, jede einzelne ihrer Truhen und Kisten der drei Herrinnen zu durchsuchen und allen persönlichen Besitz, den sie seit ihrer Eheschließung über die Jahre angesammelt hatten, zu holen. Dann rief sie Djia Schë, Djia Dschëng, Vetter Dschën und alle anderen Männer zu sich, um bei ihrer Verteilung zugegen zu sein. Sie begann damit, Djia Schë dreitausend Silbertael zu geben.
 
„Du wirst zweitausend mit dir nehmen“, sagte sie, „für die Reise und weitere Ausgaben, und eintausend überläßt du deiner Frau. Diese dreitausend sind für dich, Dschën. Du nimmst eintausend mit dir und überläßt deiner Frau zweitausend. So sind sie, auch wenn sie hier bei uns leben, immer noch unabhängig und in der Lage, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich selbst kümmere mich um die Hochzeit von Hsi-tschun. Und nun Hsi-fëng. Es tut mir leid für sie, sie hat sich so lange so viel Mühe gegeben und endet nun mittellos. Sie soll auch dreitausend Tael bekommen, und es soll alles für ihren Gebrauch sein und wird Liän nichts davon geben. Ich weiß, daß sie jetzt zu krank und nicht in der Lage ist, es selbst in Empfang zu nehmen, deshalb wird Ping-örl es ihr bringen.“
 
„Hier sind einige Umhänge, die meinem Mann gehörten und einige Kleider und Schmuck, die ich trug, als ich noch jung war – Ich brauche sie nicht mehr. Die Männerkleider können unter Schë, Dschën, Liän und Jung aufgeteilt werden. Ihre Frauen teilen sich die Damenkleider. Diese fünfhundert Silbertael sind für Liän, um den Transport von Fräulein Dai-yüs Sarg in den Süden zu bezahlen.“
 
Als die Verteilung vollendet war, wandte sie sich an Djia Dschëng: „Die  Schulden,  die  du  erwähntest,  müssen  umgehend  beglichen  werden.  
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Ob Glück oder Unglück, wird im nächsten Kapitel erzählt.
Nimm dazu bitte dieses Gold! Die vorgefallenen Untaten zwingen mich zu solch drastischen Mitteln, doch glaube nicht, daß ich vergessen habe, daß du mein Sohn bist. Du wirst deinen Anteil zur rechten Zeit erhalten. Bau-yü ist verheiratet und kann behalten, was hier übrig ist – Gold und Silber im Wert von einigen tausend Tael. Und Li Wan: sie war mir immer eine so pflichtbewußte Schwiegerenkelin, und die kleine Lan ist ein so süßes Kind. Hier ist auch etwas für sie. So, nun bin ich am Ende.“
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Djia Dschëng war zu Tränen gerührt, als er sah, wie genau sie alles ausgearbeitet hatte.
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<small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
„Wir haben versagt, Mutter!“, schluchzte er, fiel dann auf die Knie, „wir haben unsere Sohnespflichten dir gegenüber in deinem Alter verfehlt. Und trotzdem bist du noch so großzügig! Wir schämen uns so, daß wir am liebsten im Boden versinken würden!“
 
„Ach, Unsinn!“, rief die Herzoginmutter, „wäre diese Krise nicht gekommen, hätte ich es für mich selbst behalten! Doch laßt uns ernst sein: unser Hausstand ist zu umfangreich. Du bist der letzte hier mit einer amtlichen Stellung, Dschëng, deshalb brauchen wir nicht mehr als ein paar Diener. Sagt den Verwaltern, sie sollen den Hausstand zusammenrufen und alles Nötige klären. Jede Einrichtung muß mit so wenig Dienern wie möglich auskommen. Wäre unser Haushalt konfisziert worden, was wäre dann gewesen? Dasselbe gilt für die Gemächer der Damen. Für einige Mägde müssen wir Ehemänner finden und die anderen abfinden und ihnen die Freiheit zurückgeben. Und obwohl uns der Besitz geblieben ist, denke ich immer noch, es wäre das Beste, den Garten abzugeben. Liän sollte der Auftrag gegeben werden, die ländlichen Güter zu bewerten. Manche können verkauft werden, manche werden aufrecht erhalten, wie es eben passend scheint. Weiterhin wird es in Zukunft keinen Prunk mehr geben, keine falsche Fassade. Wir müssen realistisch sein. Und eine weitere Sache sollte ich erwähnen. Wir haben immer noch etwas Geld, das der Familie Dschën in Djiangnan gehört. Es wird bei deiner Frau sicher sein, Dschëng. Es sollte jemand geschickt werden, der es ihnen direkt bringt. Wenn uns noch etwas anderes zustoßen sollte, würden wir sie nur noch in weiteren Ärger verwickeln, wir müssen ja nicht vom Regen in die Traufe kommen.“
 
Djia Dschëng, der sich seiner kläglichen Unfähigkeit in solchen Angelegenheiten bewußt war, murmelte reuevoll: „Ja, Mutter“ zu all diesen deutlichen, praktischen Anweisungen, dachte aber bei sich: „Was für ein Organisationstalent sie hat! Und was für wertlose Stümper wir im Gegensatz dazu sind!“
 
Er konnte sehen, daß die Herzoginmutter müde war, und bat sie, sich hinzulegen und auszuruhen.
 
„Das wenige, was ihr seht, ist alles, was mir geblieben ist“, sagte sie. „Wenn ich sterbe, könnt ihr damit meine Beerdigung bezahlen und den Rest meinen Mägden geben.“
 
Als Djia Dschëng und die anderen das hörten, waren sie noch bedrückter und fielen auf die Knie.
 
„Bitte gönne dir etwas Ruhe, Mutter. Es wird die Zeit kommen, daß wir deinen Segen empfangen und wieder die Gunst Seiner Majestät erwerben, dann werden wir alles tun, um unsere vergangenen Fehler zu begleichen, das Glück der Familie wiederherzustellen und dich bis in dein hundertstes Jahr zu unterstützen.“
 
„Wenn ihr das nur irgendwie wieder gut machen könntet“, sagte die Herzoginmutter, „dann kann ich unseren Ahnen nach meinem Tod mit Stolz gegenübertreten. Denkt nicht, daß ich nur ein angenehmes Leben führen kann und Armut fürchte! So ist es nicht. In den letzten Jahren erschient ihr so wohlhabend, und ich war froh, nicht zu stören, bei Laune zu bleiben und meinen eigenen Tätigkeiten nachgehen zu können. Ich hätte mir uns nicht einen Moment in einer so einer heiklen Situation vorstellen können. Ich hatte nicht erwartet, daß Ihr an unsere Ahnen heranreicht, doch ich dachte, wir könnten zumindest den Standard halten. Ich hatte nie gedacht, daß die beiden Verbrecher werden.“
 
Während die Herzoginmutter ihren Monolog hielt, platzte Fëng-örl ins Zimmer und wendete sich aufgeregt an die Dame Wang: „Oh, Herrin! Frau Liän hörte heute morgen die Neuigkeiten vom Hof und weinte so heftig, daß sie keine Luft mehr bekommt. Ping-örl schickt mich, es Sie wissen zu lassen.“
 
„Wie geht es Frau Liän?“, fragte die Herzoginmutter, bevor sie zu Ende gesprochen hatte. „Heute überhaupt nicht gut“, antwortete die Dame Wang für Fëng-örl.
 
„Alle“, rief die gnädige Frau und erhob sich schwerfällig. „sind der Fluch meines Lebens! Sie wollen mich nur ins Grab bringen!“
 
Sie bat eine ihrer Mägde, ihr zu helfen und kündigte an, daß sie Hsi-fëng selbst einen Besuch abstatten werde. Djia Dschëng wollte sie zurückhalten und bemühte sich, sie zu beruhigen:
 
„Das ist viel zuviel Streß für dich, Mutter. Du hast dich schon damit verausgabt, eine Lösung für unsere Probleme zu finden. Du mußt dir selbst wirklich etwas Ruhe gönnen. Ich bin sicher, meine Frau wird hinüber gehen und nach Hsi-fëng sehen. Es gibt keinen Grund, dich weiteren Kümmernissen auszusetzen. Wenn dir irgendetwas Ernstes passiert, wie könnte ich mir das jemals verzeihen?“
 
„Ihr könnt nun alle gehen“, ordnete die Herzoginmutter an. „Kommt etwas später wieder! Es gibt da noch einige Dinge, die ich Euch sagen möchte.“
 
Djia Dschëng, dessen Versuch, sie als ihr Sohn zu trösten, fehlgeschlagen war, wagte nicht, noch ein Wort zu sagen. Er ging hinaus, um die Vorbereitungen für die Abreise der Verbannten zu überwachen und wies Djia Liän an, Diener auszusuchen, die sie begleiten sollten.
 
Yüan-yang versammelte eine Gruppe von Dienstmädchen, um Hsi-fëngs Anteil an den Geschenken der Herzoginmutter zu tragen und letztere in Hsi-fëngs Gemächer zu begleiten. Hsi-fëng war sehr schwach und kaum bei Bewußtsein, während Ping-örls Augen vom Weinen rot und geschwollen waren. Als sie hörte, daß die Herzoginmutter und die Dame Wang in Begleitung von Bau-yü und Bau-tschai auf dem Weg zu ihr waren, eilte Ping-örl ängstlich hinaus, um sie zu grüßen.
 
„Wie geht es ihr jetzt?“, fragte die Herzoginmutter, als sie Ping-örl sah.
 
Ping-örl befürchtete, die alte Dame zu erschrecken. „Ein wenig besser, gnädige Frau.“
 
Sie führte die Gesellschaft herein, eilte an Hsi-fëngs Bett und zog vorsichtig die Bettvorhänge zur Seite. Hsi-fëng öffnete ihre Augen. Als sie sah, daß die Herzoginmutter das Zimmer betreten hatte, schämte sie sich. Zuvor war sie zu dem Schluß gekommen, daß sich die ganze Familie gegen sie gewandt hatte, daß sich niemand mehr um sie sorgte, daß es allen gleichgültig war, ob sie lebte oder tot sei. Und jetzt kam die Herzoginmutter persönlich vorbei, um sie zu besuchen. Ihr Herz war erleichtert und die angestaute Luft schien entweichen zu können, sie strengte sich sogar an, sich aufzusetzen; doch die Herzoginmutter trug Ping-örl auf, sie wieder hinzulegen.
 
„Beweg dich nicht“, sagte sie zu Hsi-fëng, „fühlst du dich jetzt ein biß­chen besser?“
 
Hsi-fëng hielt ihre Tränen zurück und sagte. „Seit ich als junge Braut hierher gekommen war, haben du, Mutter und Tante Wang mich geliebt. Wie grausam war ich vom Schicksal verfolgt, ich habe darin versagt, dir und Tante Wang gegenüber meine Pflichten zu erfüllen, dennoch behandelt ihr mich gut und habt mich den Haushalt organisieren lassen. Doch ich habe den Haushalt ins Chaos gestürzt. Ich habe vor Dir und der Tante das Gesicht verloren. Ich verdiene es wirklich nicht, daß ihr mich heute besucht. Ich fürchte, der Himmel wird mich dafür bestrafen, indem er mir die letzten zwei der drei Tage nimmt, die mir noch zum Leben übrig bleiben.“
 
Sie schluchzte heftig.
 
„Diesen ganzen Unsinn haben andere angefangen,“ tröstete sie die Herzoginmutter. „Es hat nichts mit dir zu tun. Ich weiß, daß etwas von deinem Besitz beschlagnahmt wurde, doch sorge dich nicht: Ich habe dir einige Geschenke mitgebracht, sieh selbst!“
 
Sie wies eines der Dienstmädchen an, die Geschenke vor ihr auszubreiten. Besitztümer hatten Hsi-fëng immer viel bedeutet und der plötzliche Verlust all ihrer weltlichen Güter hatte ihr einen schweren Schlag versetzt. Sie hatte sich selbst mit dem Gedanken gequält, daß jeder in der Familie ihr die Schuld für das gab, was vorgefallen war. Als sie zwischen Leben und Tod schwebte, kam sogar die Herzoginmutter und die Dame Wang vorbei und beruhigten sie. Und war nicht auch Djia Liän nichts passiert? Hsi-fëng fühlte sich etwas erleichtert und verneigte sich von ihren Kissen aus vor der Herzoginmutter: „Bitte mach’ dir um mich keine Sorgen, Großmutter! Wenn ich weiterhin deinen Segen genießen kann und meine Gesundheit sich erholt, werde ich voller Freude eure Dienstmagd für schwere Arbeiten sein, mein Herz und meine Seele hingeben, um dir und Tante Wang zu dienen.“
 
Diese demütige Dankbarkeit ging der Herzoginmutter ans Herz, sie brach zusammen und weinte. Bau-yü folgte umgehend darauf. So eine Familienkrise hatte er noch nie erlebt. Sein Leben hatte bis dahin aus friedlichen und angenehmen Beschäftigungen bestanden, und er war stets von allem wirklichen Leid ferngehalten worden. Doch jetzt sah er, wohin er auch blickte, nur Kummer und Leid. Erst jetzt wurde ihm seine eigene Beschränktheit vor Augen geführt; und wenn er jemand anderes weinen sah, tat er es ihm automatisch gleich.
 
Als sie sah, in welch kümmerlichem Zustand ihre Besucher waren, nahm sich Hsi-fëng zusammen, um ein paar heitere Worte zu sagen und bat dann die Herzoginmutter und die Dame Wang, in ihre Gemächer zurückzukehren; sie versprach, nach ihrer Genesung umgehend vorbeizuschauen. Dabei erhob sie ihren Kopf schwach vom Kissen. „Paß gut auf sie auf!“, trug die Herzoginmutter Ping-örl auf. „Und wenn es euch an irgend etwas mangelt, laßt es mich wissen.“
 
Sie nahm die Dame Wang mit zurück in ihre eigenen Gemächer. Auf ihrem Weg konnte sie aus jedem Winkel Gejammer hören. Das war mehr, als sie ertragen konnte. Sie schickte die Dame Wang fort und wies Bau-yü an, sich von seinem Onkel Schë und Vetter Dschën zu verabschieden und danach sofort zurückzukommen.
 
Völlig allein ließ sie sich nun auf ihr Bett fallen und weinte. Yüan-yang versuchte auf alle erdenklichen Arten, sie zu trösten, und schließlich schlief die Herzoginmutter ein.
 
Verständlicherweise sahen Djia Schë und Vetter Dschën ihre bevorstehends Verbannung mit wenig Begeisterung. Die zu ihrer Begleitung ausgewählten Männer waren ebenfalls unwillig zu gehen und beklagten sich bitter über ihr Los. Im Leben verlassen zu werden ist in Wahrheit noch schmerzhafter, als durch den Tod getrennt zu werden, und das Verfolgen eines solchen Abschieds ist meist noch trauriger als der eigentliche Abschied selbst. Das Jung-guo-Anwesen, einst ein so strahlender Ort der Vornehmheit, war nun von Jammern und Klagen erfüllt.
 
Djia Dschëng war gewöhnlich ein großer Verfechter von Formalitäten, und so fuhr er trotz allem fort, Djia Schë den ernsten Respekt entgegen zu bringen, der einem älteren Bruder gebührte. Die zwei Brüder reichten sich daheim die Hände, und Djia Dschëng ritt dann vor hinter die Stadtmauer und wartete dort, um rituell das Glas Wein zum Abschied zu trinken. Er ermahnte Djia Schë, sich an die Erwartungen zu erinnern, die der Staat ihm wegen seiner Vorfahren entgegenbrachte und sich dessen würdig zu erweisen. Djia Schë und Vetter Dschën wischten sich die Tränen aus den Augen und begaben sich auf den Weg zu ihren verschiedenen Reisezielen.
 
Djia Dschëng kehrte mit Bau-yü zurück nach Hause.
 
  
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Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Kapitel 106

Phönixglanz [1] bringt Unheil über die Familie und schämt sich zutiefst

Die Herzoginmutter [2] betet zum Himmel, um das Unglück abzuwenden

Wie bereits erzählt, hatte Aufrecht Kaufmann [3] erfahren, dass es der Herzoginmutter schlecht ging, und eilte sofort hinein, um nach ihr zu sehen. Er fand sie in einem Zustand des Schreckens, völlig außer Atem. Frau König [4], Mandarinenente [5] und die anderen hatten sie wieder zu Bewusstsein gebracht. Man gab ihr sogleich Pillen zur Beruhigung und zur Lösung des stockenden Atems, und allmählich ging es ihr etwas besser, doch sie vergoss unaufhörlich Tränen der Verzweiflung. Aufrecht Kaufmann stand neben ihr und versuchte sie zu trösten. Er sagte immer wieder: "Es ist die Schuld eurer unwürdigen Söhne, die dieses Unglück herbeigeführt und der gnädigen Mutter solchen Schrecken eingejagt haben. Wenn die gnädige Mutter sich nur etwas beruhigen könnte, können die Söhne draußen die Angelegenheiten noch in Ordnung bringen. Wenn der gnädigen Mutter aber etwas zustößt, wird die Schuld der Söhne nur noch schwerer wiegen."

Die Herzoginmutter sagte: "Ich habe über achtzig Jahre gelebt. Von meiner Mädchenzeit an, über die Zeit deines Vaters hinweg, haben wir stets unter dem Segen unserer Ahnen gelebt, und nie habe ich von solchen Dingen gehört. Nun, da ich alt bin, muss ich mit ansehen, wie ihr womöglich bestraft werdet — wie soll ich das nur ertragen? Am liebsten würde ich die Augen für immer schließen und euch eurem Schicksal überlassen!" Damit weinte sie erneut.

Aufrecht Kaufmann war zu diesem Zeitpunkt äußerst beunruhigt, als von draußen die Nachricht kam: "Der Herr wird gebeten herauszukommen, es gibt Nachrichten vom Inneren Hof." Aufrecht Kaufmann eilte hinaus und sah den Haushofmeister des Fürsten von Beijing, der ihm sogleich entgegenrief: "Große Freude!" Aufrecht Kaufmann dankte und bat den Haushofmeister, sich zu setzen, und fragte: "Welche Botschaft hat der Fürst?"

Der Haushofmeister berichtete: "Unser Fürst ist zusammen mit dem Fürsten von Xiping in den Palast gegangen, um Bericht zu erstatten. Er hat dem Thron all Eure Furcht und Eure Dankbarkeit für die kaiserliche Gnade vorgetragen. Seine Majestät zeigte großes Mitgefühl und gedachte auch des kürzlichen Ablebens der Edlen Gemahlin. Er wollte die Strafe nicht verschärfen und verfügte gnädig, dass Ihr weiterhin als Außerordentlicher Beamter im Ministerium für Öffentliche Arbeiten Dienst tun sollt. Was das beschlagnahmte Familienvermögen betrifft: Nur der Besitz von Begnadigung Kaufmann [6] wird eingezogen, alles Übrige wird zurückgegeben. Ferner erging der kaiserliche Befehl, pflichtbewusst den Dienst zu versehen. Lediglich die bei der Durchsuchung gefundenen Schuldscheine sollen von unserem Fürsten geprüft werden: Wo verbotene Wucherzinsen erhoben wurden, wird alles gemäß der Vorschriften eingezogen; was zu den erlaubten Zinssätzen verliehen wurde, wird mitsamt den Urkunden für Grundbesitz vollständig zurückgegeben. Kette Kaufmann [7] wird seines Ranges und Titels enthoben, doch von der Strafe befreit und freigelassen."

Als Aufrecht Kaufmann dies vernommen hatte, erhob er sich sogleich, kniete nieder und dankte für die kaiserliche Gnade. Dann verneigte er sich vor dem Fürsten und bat: "Ich bitte den Herrn Haushofmeister, zunächst meinen demütigsten Dank zu übermitteln. Morgen früh werde ich am Hofe persönlich danken und anschließend dem Fürsten meinen Kotau erweisen." Der Haushofmeister ging.

Kurz darauf wurde der kaiserliche Erlass übermittelt. Die zuständigen Beamten befolgten die Anordnungen und prüften alles einzeln: Was einzuziehen war, wurde eingezogen, was zurückzugeben war, wurde zurückgegeben. Kette Kaufmann wurde freigelassen. Sämtliche Diener und Dienerinnen, die unter Kaufmann Begnadigings Namen standen, wurden registriert und in den Staatsdienst überführt.

Der arme Kette Kaufmann! Abgesehen von den Dokumenten, die gemäß den Vorschriften freigegeben wurden, war alles aus seinen Gemächern verschwunden. Was nicht offiziell eingezogen worden war, hatten die Durchsuchungsbeamten bereits an sich gerissen. Übrig geblieben waren nur Möbel und Hausrat. Kette Kaufmann war zunächst voller Angst vor Bestrafung gewesen, und seine Freilassung war schon ein großes Glück. Doch wenn er daran dachte, dass die über die Jahre angehäuften Schätze und Phönixglanz' persönliches Vermögen zusammen nicht weniger als fünfzig- bis siebzigtausend Goldstücke betrugen und nun über Nacht dahin waren, wie hätte ihn das nicht schmerzen sollen? Zudem war sein Vater noch im Gefängnis der Kaiserlichen Garde festgehalten, und Phönixglanz lag todkrank darnieder. Kummer und Schmerz überwältigten ihn gleichzeitig.

Da rief ihn Aufrecht Kaufmann mit Tränen in den Augen zu sich und fragte: "Weil ich mit meinen Amtspflichten beschäftigt war, habe ich mich wenig um die Haushaltsangelegenheiten gekümmert und daher euch, dich und deine Frau, mit der Gesamtverwaltung betraut. Was dein Vater getrieben hat, war gewiss schwer zu unterbinden. Aber die Wucherzinsen und Ausbeuterei — wer hat das betrieben? Zudem ist so etwas einer Familie wie der unseren ganz und gar unwürdig. Dass es nun eingezogen wurde — beim Geld ist das nicht so schlimm, aber was für ein Ruf geht da hinaus in die Welt!"

Kette Kaufmann kniete nieder und sagte: "Als ich die Familiengeschäfte führte, habe ich nicht den geringsten eigennützigen Gedanken gehegt. Alle Ein- und Ausgaben wurden von Lai Da, Wu Xindeng, Dai Liang und den anderen verbucht. Der Herr Onkel mag sie rufen und befragen. In den letzten Jahren ist aus der Schatzkammer mehr Silber hinausgegangen als hereingekommen. Obwohl ich nichts aus eigener Tasche zugeschossen habe, habe ich an vielen Stellen Löcher mit leeren Versprechungen gestopft. Der Herr Onkel braucht nur die gnädige Tante zu fragen, dann wird er es wissen. Was die ausgeliehenen Gelder betrifft — selbst ich weiß nicht, woher das Silber stammte. Da müsste man Zhou Rui und Wang'er fragen."

Aufrecht Kaufmann sagte: "Wenn ich dich so höre, weißt du nicht einmal, was in deinem eigenen Haushalt vorgeht, geschweige denn in der übrigen Familie. Ich werde dich jetzt nicht weiter ausfragen. Du bist ein freier Mann — solltest du nicht schleunigst herausfinden, wie es um die Angelegenheiten deines Vaters und deines Vetters Herrlichkeit Kaufmann [8] steht?"

Kette Kaufmann war voller Bitterkeit, hielt die Tränen zurück, antwortete mit einem "Ja" und ging hinaus.

Aufrecht Kaufmann seufzte immer wieder und dachte bei sich: "Mein Großvater hat sich treu und rastlos für den Staat eingesetzt und große Verdienste erworben, wodurch unsere Familie zwei erbliche Ämter erhielt. Nun haben beide Häuser Verfehlungen begangen, und beide Titel wurden eingezogen. Ich sehe unter all diesen Söhnen und Neffen keinen einzigen, der etwas taugt. Oh Himmel, oh Himmel! Wie konnte es mit der Familie Kaufmann nur so weit kommen! Zwar bin ich durch die außerordentliche Gnade Seiner Majestät begünstigt worden und man hat mir das Familienvermögen zurückgegeben, doch die Ausgaben beider Häuser müssen nun von einem zusammengelegt werden. Wie soll ich das allein stemmen? Was Kette vorhin sagte, hat mich noch mehr erschreckt: Nicht nur ist die Schatzkammer leer, es gibt sogar Schulden! Die ganze Pracht dieser Jahre war nur leerer Schein. Ich kann mir nur selbst Vorwürfe machen, wie konnte ich nur so blind sein! Hätte mein Zhu noch gelebt, hätte ich wenigstens einen starken Arm an meiner Seite. Schatzjade [9] ist zwar herangewachsen, aber er ist ein völlig nutzloser Mensch." Bei diesem Gedanken konnte er die Tränen nicht zurückhalten, die ihm über die Kleider liefen. Dann dachte er weiter: "Die Herzoginmutter ist so hochbetagt, und wir Söhne haben sie keinen einzigen Tag pflegen können. Im Gegenteil, wir haben der alten Dame solchen Schrecken eingejagt, dass sie halb tot war. All diese Sünden — wem kann ich sie anlasten?"

Während er allein vor sich hin trauerte, meldeten die Diener: "Verschiedene Verwandte und Freunde sind gekommen, um ihre Aufwartung zu machen." Aufrecht Kaufmann dankte einem nach dem anderen. Er sagte: "Unsere Familie ist vom Unglück getroffen. Es ist meine Schuld, dass ich die Söhne und Neffen nicht richtig erzogen habe, und so ist es zu all dem gekommen."

Einige sagten: "Ich wusste schon lange, dass der ältere Herr Begnadigung nicht recht handelte, und drüben der junge Herrlichkeit Kaufmann war noch schlimmer mit seinem übermütigen Treiben. Wenn es nur um Fehler bei Amtsgeschäften gegangen wäre, hätte man sich nichts vorzuwerfen. Aber dass sie es selbst verschuldet haben und nun den Herrn Aufrecht mit hineinziehen — das ist wirklich bedauerlich."

Andere meinten: "Solche Dinge kommen in vielen Familien vor, und trotzdem wird nicht jeder vom Zensor angeklagt. Hätte der junge Herrlichkeit Kaufmann seine Freunde nicht verärgert, wäre es nicht so weit gekommen."

Wieder andere sagten: "Man kann auch dem Zensor keinen Vorwurf machen. Wir haben gehört, dass es Diener aus eurem Haushalt und einige Bauernkerle waren, die draußen den Lärm gemacht haben. Der Zensor fürchtete, seine Anklage könnte unbegründet sein, und hat deshalb Leute von hier hergelockt, die dann alles ausgeplaudert haben. Ich dachte immer, eure Familie behandele ihre Diener besonders großzügig. Warum kam es trotzdem zu solchen Dingen?"

Noch andere sagten: "Im Grunde kann man keinem Diener trauen. Heute sind wir unter guten Freunden, deshalb wage ich es zu sagen: Selbst Ihr als Beamter in der Provinz — ich kann bezeugen, dass Ihr selbst nicht bestechlich seid. Aber Euer Ruf draußen ist trotzdem nicht gut, und das liegt alles an Euren Dienern. Ihr solltet besser auf der Hut sein. Auch wenn man Euch diesmal das Familienvermögen gelassen hat — wenn Seine Majestät einmal Verdacht schöpft, wird es übel für Euch ausgehen."

Als Aufrecht Kaufmann das hörte, wurde er unruhig und fragte: "Was habt ihr denn über meinen Ruf gehört?"

Die anderen antworteten: "Wir haben zwar keine Beweise gesehen, aber man hört draußen sagen, dass auf Eurem Posten als Getreide-Intendant Eure Pförtner Geld von den Leuten verlangt hätten."

Aufrecht Kaufmann sagte: "Das kann ich vor dem Himmel bezeugen: Niemals habe ich auch nur einen solchen Gedanken gehabt. Aber wenn die Diener draußen Unheil treiben und angeben, dann bin ich es, der dafür geradestehen muss."

Die anderen sagten: "Jetzt Angst zu haben nützt auch nichts mehr. Am besten lasst Ihr die derzeitigen Verwalter streng überprüfen. Wenn sich Diener finden, die ihrem Herrn widersetzt haben, solltet Ihr sie streng bestrafen."

Aufrecht Kaufmann nickte. Da kam ein Pförtner herein und meldete: "Der Schwiegersohn Sun hat jemanden geschickt, um zu sagen, dass er selbst zu beschäftigt sei, um zu kommen, aber jemanden zum Nachschauen geschickt habe. Er sagt, der ältere Herr Begnadigung schulde ihm eine Summe Silber, und die wolle er nun vom Herrn Aufrecht einfordern."

Aufrecht Kaufmann war innerlich bedrückt und sagte nur: "Ich habe es zur Kenntnis genommen."

Die Gäste sagten alle mit einem kalten Lachen: "Man sagt ja, der Schwiegersohn Sun Shaozuo sei ein Schandkerl, und so ist es tatsächlich. Jetzt, wo dem Schwiegervater alles genommen wurde, kommt er nicht nur nicht, um nach ihm zu sehen und ihm zu helfen, sondern fordert auch noch hastig Geld ein. Das ist wirklich unverschämt!"

Aufrecht Kaufmann sagte: "Reden wir jetzt nicht von ihm. Diese Verbindung war von Anfang an eine Fehlentscheidung meines Bruders. Meine Nichte hat schon genug gelitten, und jetzt kommt er auch noch zu mir."

Gerade als sie so sprachen, kam Xue Ke herein und sagte: "Ich habe erfahren, dass der Vorsitzende Zhao vom Kaiserlichen Garde-Gericht unbedingt nach dem Antrag des Zensors verfahren will. Ich fürchte, der ältere Herr Begnadigung und der junge Herrlichkeit Kaufmann werden das nicht durchstehen."

Alle sagten: "Herr Aufrecht, Ihr solltet den Fürsten um Intervention bitten. Wenn man das nicht irgendwie abwendet, sind die beiden Familien erledigt."

Aufrecht Kaufmann sagte seine Hilfe zu und dankte. Die Gäste gingen alle.

Es war inzwischen Abend geworden. Aufrecht Kaufmann ging hinein, um der Herzoginmutter einen guten Abend zu wünschen, und fand sie etwas besser. Er kehrte in seine eigenen Gemächer zurück und machte Kette Kaufmann und seiner Frau Vorwürfe, dass sie nicht wüssten, was sich gehört. Dass nun die Sache mit den Wucherkrediten herausgekommen war, brachte der ganzen Familie Schande. Er war innerlich sehr aufgebracht. Doch da Phönixglanz schwer krank war und ihr gesamter Besitz beschlagnahmt worden war, konnte sie das natürlich nur bedrücken. Er konnte es ihr im Augenblick nicht vorwerfen und schwieg vorerst. Die Nacht verlief ohne weitere Vorkommnisse.

Am nächsten Morgen ging Aufrecht Kaufmann in den Palast, um sich für die kaiserliche Gnade zu bedanken. Dann fuhr er zum Palast des Fürsten von Beijing und zum Palast des Fürsten von Xiping, um sich dort zu bedanken, und bat die beiden Fürsten, sich um seinen Bruder und seinen Neffen zu kümmern. Beide Fürsten sagten ihre Hilfe zu. Aufrecht Kaufmann sprach auch bei befreundeten Amtskollegen vor, um deren Fürsprache zu erbitten.

Unterdessen hatte Kette Kaufmann erfahren, dass die Angelegenheiten seines Vaters und seines Vetters nicht gut standen. Er wusste keinen Rat und kehrte nach Hause zurück. Friedchen [10] saß weinend bei Phönixglanz, während Qiutong im Nebenzimmer über Phönixglanz schimpfte. Kette Kaufmann ging an ihr Bett und sah Phönixglanz im Todeskampf liegen. So viele Vorwürfe er auch haben mochte, in diesem Augenblick konnte er kein Wort herausbringen.

Friedchen sagte weinend: "Was geschehen ist, ist geschehen. Was weg ist, kommt nicht wieder. Aber die Herrin ist in diesem Zustand — wir sollten doch wenigstens noch einmal einen Arzt rufen!" Kette Kaufmann spuckte verächtlich aus: "Pah! Ob ich selber überlebe, weiß ich noch nicht, und da soll ich mich noch um sie kümmern?"

Phönixglanz hörte das, öffnete die Augen und blickte ihn an. Obwohl sie kein Wort sagte, liefen ihr die Tränen über die Wangen. Als sie sah, dass Kette Kaufmann hinausging, sagte sie zu Friedchen: "Du solltest nicht so weltfremd sein. Wo wir jetzt stehen, was kümmerst du dich noch um mich? Am liebsten würde ich heute noch sterben. Wenn du nur ein wenig Mitgefühl für mich hast und nach meinem Tod die kleine Pfiffigmädchen [11] großziehst, werde ich dir selbst aus dem Totenreich dankbar sein."

Friedchen weinte nur noch heftiger. Phönixglanz sagte: "Du bist nicht dumm. Obwohl sie es mir nicht ins Gesicht sagen, geben sie mir bestimmt die Schuld. Die Sache hat zwar draußen angefangen, aber hätte ich nicht Geld verliehen, hätte ich damit nichts zu tun gehabt. Nun waren all meine Pläne und Ränke umsonst. Mein ganzes Leben habe ich gekämpft, um an der Spitze zu stehen, und am Ende bin ich allen hintendran. Und dann habe ich noch dunkel gehört, dass Herrlichkeit Kaufmann angeklagt wird, sich die Ehefrau eines ehrlichen Bürgers als Nebenfrau genommen zu haben und sie in den Tod getrieben zu haben, als sie sich weigerte. Da soll ein gewisser Zhang verwickelt sein. Überlege einmal, wer das sonst sein könnte. Wenn diese Sache vor Gericht kommt, wird unser Zweiter Herr nicht davon freikommen. Wie soll ich dann jemals wieder jemandem ins Gesicht blicken? Am liebsten würde ich sofort sterben, aber ich bringe es nicht über mich, Gift zu schlucken oder Gold zu trinken. Wenn du jetzt einen Arzt rufst, ist das nicht Fürsorge, sondern du schadest mir damit!" Friedchen hörte zu und wurde immer verzweifelter. Da die Lage wirklich aussichtslos war und sie fürchtete, Phönixglanz könnte sich etwas antun, wich sie nicht mehr von ihrer Seite.

Glücklicherweise wusste die Herzoginmutter nichts von den Einzelheiten. Da sie sich in den letzten Tagen etwas besser fühlte und Aufrecht Kaufmann nichts zugestoßen war und Schatzjade und Schatzspange [12] ihr täglich zur Seite standen und sie keinen Moment allein ließen, war sie etwas beruhigt. Da sie Phönixglanz von jeher am meisten liebte, rief sie Mandarinenente: "Nimm etwas von meinen persönlichen Dingen und bringe es Phönixglanz. Und gib Friedchen auch etwas Silbergeld und sage ihr, sie solle sich gut um Phönixglanz kümmern. Ich werde später alles weitere anordnen." Ferner wies sie Frau König an, sich um die Frau Strafe [13] zu kümmern.

Zu dieser Zeit war das Stillfriede-Anwesen bereits in Staatsbesitz übergegangen. Sämtlicher Besitz, Grundstücke und Dienerschaft waren registriert und eingezogen worden. Die Herzoginmutter ließ eine Kutsche schicken, um Dame Sonders mit ihrer Schwiegertochter herüberzuholen. Das einst so stolze Stillfriede-Anwesen — es waren nur noch die beiden Frauen übrig geblieben, dazu Peifeng und Xieluan, ohne einen einzigen Diener. Die Herzoginmutter wies ihnen ein Haus neben Bedauerfrühlings Wohnung zu, stellte vier ältere Dienerinnen und zwei junge Mägde zu ihrer Bedienung ab. Mahlzeiten und täglicher Bedarf wurden aus der großen Küche geliefert. Kleidung und sonstige Dinge schickte die Herzoginmutter ebenfalls. Für kleinere Ausgaben wurde ein Budget aus der Haupt-Kassenstelle bewilligt, berechnet nach dem monatlichen Satz jedes Mitglieds des Prunkwille-Anwesens.

Begnadigung Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann und Rong Kaufmann waren im Gefängnis der Kaiserlichen Garde, und für ihren Unterhalt dort konnte die Kassenstelle tatsächlich nichts aufbringen. Phönixglanz besaß inzwischen nichts mehr, und Kette Kaufmann war von Schulden erdrückt. Aufrecht Kaufmann verstand nichts von Haushaltsangelegenheiten und sagte nur: "Ich habe bereits Fürsprecher beauftragt, man wird sich schon kümmern." Kette Kaufmann wusste keinen Rat. Er dachte an die Verwandten: Die Familie der Tante Schnee [14] war bereits ruiniert, Onkel König Ziteng war tot. Die übrigen Verwandten gab es zwar, aber keiner konnte helfen. So musste er heimlich jemanden aufs Land schicken, um einige Ländereien für ein paar tausend Goldstücke zu verkaufen, damit die Gefängniskosten gedeckt werden konnten. Bei diesem Treiben sahen die Diener, dass die Herrschaft am Ende war, und trieben selbst ihr Unwesen. Auch die Pachteinnahmen vom Ostgut wurden unter allerlei Vorwänden angezapft. Doch davon wird später erzählt.

Die Herzoginmutter sah, wie die erblichen Titel der Ahnen eingezogen worden waren, wie ihre Söhne und Enkel im Gefängnis saßen und verhört wurden. Die Frau Strafe und Dame Sonders weinten Tag und Nacht, und Phönixglanz lag im Sterben. Zwar waren Schatzjade und Schatzspange an ihrer Seite, doch die konnten sie nur trösten, nicht aber ihre Sorgen teilen. Tag und Nacht fand sie keine Ruhe, grübelte vor und zurück, und die Tränen trockneten nicht.

Eines Abends schickte sie Schatzjade fort. Sie richtete sich mühsam auf und befahl Mandarinenente, in allen Buddhahallen Weihrauch anzuzünden. In ihrem eigenen Hof ließ sie eine große Weihrauchschale aufstellen, stützte sich auf ihren Stock und ging hinaus in den Hof. Hupo wusste, dass die Herzoginmutter Buddha anbeten wollte, und legte ein großes, scharlachrotes Filzkissen zum Knien aus. Die Herzoginmutter steckte Räucherstäbchen an, kniete nieder, machte zahllose Verbeugungen, betete eine Weile zu Buddha und sprach dann unter Tränen zum Himmel und zur Erde:

"Erhabener Himmel und barmherziger Buddha, hört mich an! Ich, Shi aus dem Hause Kaufmann, bete in aufrichtiger Demut und flehe um die Barmherzigkeit des Buddha. Seit Generationen hat unsere Familie niemals Gewalt geübt oder andere tyrannisiert. Ich habe meinem Mann geholfen und meine Söhne unterstützt, und wenn ich auch nicht immer Gutes tun konnte, so habe ich doch nie Böses getan. Es muss an der jüngeren Generation liegen, die in Hochmut und Verschwendung, in Ausschweifung und Vergeudung lebte, bis schließlich das ganze Haus durchsucht und beschlagnahmt wurde. Nun sitzen Söhne und Enkel im Gefängnis, und es steht schlimm um sie. All dies geschieht wegen meiner Sünden allein, weil ich die Jüngeren nicht erzogen habe. So ist es dahin gekommen. Ich flehe den erhabenen Himmel an, uns zu beschützen: Mögen die Gefangenen dem Unheil entkommen und in Glück gewandelt werden; mögen die Kranken bald genesen. Alle Sünden der Familie will ich allein auf mich nehmen; ich bitte um Gnade für Söhne und Enkel. Wenn der erhabene Himmel meine aufrichtige Demut erhört, so gewähre mir einen baldigen Tod und verschone meine Nachkommen."

Als sie in ihrer stillen Andacht diese Worte sprach, konnte sie die Tränen nicht mehr halten und begann bitterlich zu schluchzen. Mandarinenente und Zhenzhu versuchten sie zu trösten und führten sie behutsam in ihr Gemach zurück.

Da kamen Frau König, Schatzjade und Schatzspange herein, um der Herzoginmutter eine gute Nacht zu wünschen. Als sie die Herzoginmutter so in Trauer sahen, brachen auch sie drei in lautes Weinen aus.

Schatzspange trug noch eine weitere Last der Trauer: Ihr Bruder saß draußen im Gefängnis und stand vor der Hinrichtung, und ob sein Urteil gemildert werden konnte, war ungewiss. Die Schwiegereltern waren zwar nicht in Gefahr, doch der Niedergang der Familie war offensichtlich. Schatzjade war immer noch halb verrückt und ohne jeden Ehrgeiz. Wenn sie an ihr weiteres Leben dachte, weinte sie noch bitterer als die Herzoginmutter und Frau König.

Auch Schatzjade hatte, als er Schatzspange so sah, seinen eigenen Kummer. Er dachte: "Die Herzoginmutter ist alt und findet keine Ruhe. Vater und Mutter sind bei diesem Anblick untröstlich. Die Schwestern sind wie Wolken zerstreut, von Tag zu Tag werden es weniger. Wenn ich an die fröhlichen Tage im Garten denke, als wir Gedichte schrieben und Dichterversammlungen abhielten — was für ein fröhliches Treiben war das! Seit Schwester Dai-yü gestorben ist, bin ich in tiefer Schwermut versunken. Nun habe ich zwar Schwester Schatzspange an meiner Seite, und so kann ich nicht ständig weinen. Zudem sorgt sie sich selbst um ihren Bruder und ihre Mutter und zeigt nur selten ein Lächeln. Und heute, da ich sie so untröstlich sehe, bricht mir das Herz noch mehr." Und er begann laut zu schluchzen.

Mandarinenente, Farbwölkchen, Yinger, Dufthauch [15] schauten zu, und jede hatte ihre eigenen traurigen Gedanken; auch sie begannen schluchzend zu weinen. Die übrigen Mägde wurden von dem Anblick ergriffen und weinten ebenfalls. Niemand tröstete mehr, und aus dem ganzen Raum drang Wehklagen zum Himmel empor. Die Nachtwächterinnen draußen erschraken und meldeten es eilig Aufrecht Kaufmann.

Aufrecht Kaufmann grübelte gerade in seinem Arbeitszimmer, als die Nachricht von den Leuten der Herzoginmutter kam. Voller Sorge sprang er auf und eilte in die inneren Gemächer. Schon von Weitem hörte er viele weinende Stimmen und fürchtete, der Herzoginmutter sei etwas Schlimmes zugestoßen. Halb von Sinnen vor Angst stürzte er hinein, doch als er sah, dass sie aufrecht saß und nur weinte, fiel ihm ein Stein vom Herzen.

Er sagte: "Wenn die Herzoginmutter traurig ist, solltet ihr sie trösten! Wie könnt ihr alle zusammen losweinen?" Daraufhin hörten alle hastig auf und starrten sich gegenseitig verdutzt an. Aufrecht Kaufmann trat vor, um die alte Dame zu beruhigen, und sagte auch den anderen ein paar Worte. Alle dachten bei sich: "Wir wollten doch die Herzoginmutter aufmuntern und trösten. Wie konnten wir uns nur so vergessen und das Weinen noch schlimmer machen?"

Während sie noch ganz durcheinander waren, führte eine alte Dienerin zwei Frauen aus dem Haushalt der Familie Shi herein. Nachdem sie der Herzoginmutter ihren Respekt erwiesen und alle Anwesenden begrüßt hatten, sagten sie: "Unser Herr, unsere Herrin und unser Fräulein haben uns geschickt, um zu sagen: Sie haben von den Ereignissen in Ihrem Hause gehört — es ist wirklich keine große Sache, nur ein vorübergehender Schreck. Sie fürchten, die Herzoginmutter, der Herr und die gnädige Frau könnten sich Sorgen machen, und lassen ausrichten, dass der Herr Aufrecht außer Gefahr ist. Unser Fräulein wollte selbst kommen, aber da ihre Hochzeit in wenigen Tagen bevorsteht, kann sie leider nicht."

Die Herzoginmutter fand es etwas unbeholfen, sich bei Dienerinnen zu bedanken, und sagte: "Richtet meinen Gruß aus, wenn ihr zurückkehrt. Es ist das Schicksal unserer Familie, dass es so kommen musste. Wir sind ihrem Herrn und ihrer Herrin für die Anteilnahme sehr dankbar. An einem anderen Tag werde ich persönlich meinen Dank aussprechen. Euer Fräulein heiratet — der Bräutigam braucht sicher nicht extra vorgestellt zu werden. Wie steht es um seine familiären Verhältnisse?"

Die beiden Frauen antworteten: "Die Familie ist nicht besonders wohlhabend, aber der junge Herr ist sehr gut aussehend und von freundlichem Wesen. Wir haben ihn mehrmals gesehen, und er ähnelt fast eurem Herrn Schatzjade. Man hört auch, dass sein literarisches Talent vortrefflich sei."

Die Herzoginmutter hörte das mit Freude und sagte: "Wenn es so ist, dann ist das wunderbar, das ist das Glück eurer Fräulein. Nur halten wir in unserer Familie noch an den Sitten des Südens fest, deshalb haben wir den Bräutigam noch nicht gesehen. Neulich musste ich an meine eigene Familie denken. Ich habe die junge Xiangfluss-Wolke immer am meisten geliebt. Von den dreihundertsechzig Tagen im Jahr hat sie früher mehr als zweihundert bei mir verbracht. So ist sie bei mir aufgewachsen, und ich wollte ihr eigentlich selbst einen guten Ehemann suchen. Aber da ihr Onkel nicht zu Hause war, konnte ich die Sache nicht in die Hand nehmen. Nun, da das Glück ihr einen guten Bräutigam beschert hat, bin ich beruhigt. Sie heiratet noch in diesem Monat, und ich hatte vorgehabt, dabei ein Glas Hochzeitswein zu trinken. Doch nun, mit all dem Ärger bei uns, ist mein Herz wie ein kochender Kessel — wie könnte ich da zu einer Hochzeit gehen? Richtet bei eurer Rückkehr meine besten Grüße aus und sagt: Alle bei uns lassen grüßen. Und richtet eurem Fräulein aus, sie solle sich meinetwegen keine Sorgen machen. Ich bin über achtzig — selbst wenn ich sterbe, kann man nicht sagen, ich hätte kein gesegnetes Leben gehabt. Ich wünsche mir nur, dass sie nach der Hochzeit mit ihrem Mann in Eintracht und Frieden hundert Jahre alt werden. Dann kann ich beruhigt sterben."

Bei diesen Worten kamen ihr unwillkürlich die Tränen.

Die Frau sagte: "Die gnädige Herrin möge sich nicht grämen. Wenn das Fräulein verheiratet ist und nach dem Neunten Tag zurückkehrt, wird sie gewiss mit ihrem Gemahl kommen, um der Herzoginmutter ihren Respekt zu erweisen. Dann wird sich die gnädige Herrin freuen!"

Die Herzoginmutter nickte. Die Frauen gingen.

Während die anderen nicht weiter darauf achteten, hatte allein Schatzjade zugehört und war in Gedanken versunken. Er dachte bei sich: "Warum müssen Mädchen, wenn sie erwachsen werden, unbedingt verheiratet werden? Kaum sind sie verheiratet, werden sie zu einem ganz anderen Menschen. Schwester Xiangfluss-Wolke, so ein Mensch, und ihr Onkel hat sie einfach in eine Ehe gedrängt. Wenn sie mich in Zukunft sieht, wird sie sich bestimmt nicht mehr um mich kümmern. Wenn man so weit ist, dass sich niemand mehr um einen kümmert, wozu dann noch leben?"

Bei diesem Gedanken überkam ihn erneut der Kummer. Da die Herzoginmutter sich gerade erst beruhigt hatte, wagte er nicht zu weinen und saß nur stumm und bedrückt da.

Nach einer Weile kam Aufrecht Kaufmann noch einmal herein, um nach der Herzoginmutter zu sehen. Es ging ihr etwas besser, und er ging wieder hinaus. Er ließ den Verwalter Lai Da rufen und trug ihm auf, das vollständige Personalregister aller verantwortlichen Familiendiener zu bringen. Er ging alles durch. Abgesehen von den unter Begnadigung Kaufmann eingezogenen Personen waren noch über dreißig Familien aufgeführt, zusammen zweihundertzwölf Personen beiderlei Geschlechts. Aufrecht Kaufmann ließ die einundvierzig männlichen Diener, die derzeit im Dienst standen, vortreten und befragte sie zu den jährlichen Ein- und Ausgaben des Haushalts. Der Hauptverwalter legte die Kontobücher der letzten Zeit vor. Als Aufrecht Kaufmann hineinschaute, sah er, dass die Ausgaben die Einnahmen bei weitem überstiegen. Zudem kamen über Jahre hinweg Kosten für den kaiserlichen Palast hinzu, und in den Büchern fanden sich zahlreiche von außen aufgenommene Schulden. Dann prüfte er die Pachteinnahmen aus den Ländereien in der östlichen Provinz: In den letzten Jahren betrugen sie nicht einmal die Hälfte von dem, was zu Großvaters Zeiten hereinkam, während die Ausgaben um das Zehnfache gestiegen waren. Aufrecht Kaufmann war entsetzt und stampfte wütend mit dem Fuß auf: "Das ist ja ungeheuerlich! Ich dachte, Kette führe den Haushalt und habe alles im Griff. Nun erfahre ich, dass wir schon seit Jahren weit über unsere Verhältnisse leben und nur den schönen Schein wahren. Die erblichen Titel und Besoldungen hat man für nebensächlich gehalten — wie hätte das nicht zum Ruin führen sollen? Wenn ich jetzt anfange zu sparen, ist es längst zu spät." Damit ging er mit den Händen auf dem Rücken auf und ab und fand keinen Ausweg.

Die Diener wussten, dass Aufrecht Kaufmann nichts von der Haushaltsführung verstand und sich vergeblich sorgte. Sie sagten: "Der Herr braucht sich nicht so aufzuregen. Allen Familien geht es so. Wenn man alles zusammenrechnet, haben selbst die Fürstenhäuser nicht genug. Man wahrt eben den Anschein und wurstelt sich durch. Immerhin hat der Herr durch die kaiserliche Gnade wenigstens dieses bisschen Familienvermögen behalten dürfen. Wenn alles eingezogen worden wäre, würde der Herr doch trotzdem weiterleben!"

Aufrecht Kaufmann fuhr sie zornig an: "Redet keinen Unsinn! Ihr Knechte seid die gewissenlosesten Kreaturen: Wenn es eurem Herrn gut ging, habt ihr nach Belieben herumgewirtschaftet. Wenn alles aufgebraucht ist, lauft ihr einer nach dem anderen davon. Kümmert ihr euch, ob euer Herr lebt oder stirbt? Ihr sagt, es sei nicht alles beschlagnahmt worden — aber wisst ihr denn: Draußen steht unser Ruf so schlecht, dass wir nicht einmal das Grundkapital retten können. Und ihr prahlt noch draußen herum, gebt an und betrügt die Leute? Wenn dann Ärger kommt, schiebt ihr alles auf den Herrn. Was die Sache des älteren Herrn Begnadigung und des Herrn Juwel betrifft — es heißt, ein Familiendiener namens Bao Er hat den Lärm gemacht. Ich sehe aber in diesem Register keinen Bao Er. Wie ist das zu erklären?"

Die Diener antworteten: "Dieser Bao Er steht nicht in unserer Personalliste. Früher war er im Register des Stillfriede-Anwesens geführt. Weil der Zweite Herr ihn für verlässlich hielt, hat er ihn mitsamt seiner Frau herübergeholt. Nachdem seine Frau gestorben war, ging er zurück ins Stillfriede-Anwesen. Als der Herr damals mit seinen Amtsgeschäften beschäftigt war und die Herzoginmutter, die gnädigen Frauen und die jungen Herren zum Mausoleum gereist waren, übernahm der Herrlichkeit Kaufmann die Haushaltsaufsicht und holte Bao Er mit herüber. Danach ging der auch wieder. Der Herr hat sich seit Jahren nicht um solche Angelegenheiten gekümmert und kann davon natürlich nichts wissen. Der Herr denkt vielleicht, dass nur die Personen im Register existieren. In Wirklichkeit hat aber jeder seine eigenen Verwandten — sogar Diener haben wieder Diener."

Aufrecht Kaufmann rief: "Unerhört!" Er sah ein, dass sich das alles nicht auf die Schnelle klären ließ, und schickte die Diener fort. Er hatte sich bereits fest vorgenommen, zunächst den Ausgang der Verfahren gegen Begnadigung Kaufmann und die anderen abzuwarten und dann zu entscheiden.

Eines Tages saß er in seinem Arbeitszimmer und rechnete, als ein Bote hereingestürzt kam und rief: "Der Herr wird gebeten, sofort zum Inneren Hof zu kommen, man wünscht ihn zu befragen!" Aufrecht Kaufmann erschrak zutiefst und machte sich auf den Weg.

Ob Glück oder Unglück, wird im nächsten Kapitel erzählt.


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Chinesisch: 王熙凤
  2. Chinesisch: 贾母
  3. Chinesisch: 贾政
  4. Chinesisch: 王夫人
  5. Chinesisch: 鸳鸯
  6. Chinesisch: 贾赦
  7. Chinesisch: 贾琏
  8. Chinesisch: 贾珍
  9. Chinesisch: 宝玉
  10. Chinesisch: 平儿
  11. Chinesisch: 巧姐
  12. Chinesisch: 宝钗
  13. Chinesisch: 邢夫人
  14. Chinesisch: 薛姨妈
  15. Chinesisch: 袭人