Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 114"

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Kapitel 114
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Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix-Glanz". Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.</ref> durchwandert die Illusionen und kehrt nach Jinling zurück
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_112|<span style="color: #FFD700;">112</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_113|<span style="color: #FFD700;">113</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">114</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_115|<span style="color: #FFD700;">115</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_116|<span style="color: #FFD700;">116</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_117|<span style="color: #FFD700;">117</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_118|<span style="color: #FFD700;">118</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_119|<span style="color: #FFD700;">119</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_120|<span style="color: #FFD700;">120</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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Zhen Yingjia<ref>Chin. 甄应嘉 Zhēn Yīngjiā. Vater von Zhen Schatzjade.</ref> empfängt kaiserliche Gnade und kehrt an den Jadehof zurück
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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Es wird erzählt, dass Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Jade". Der männliche Hauptprotagonist des Romans.</ref> und Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Haarspange". Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.</ref>, als sie hörten, Phönixglanz sei in kritischem Zustand, eilig aufstanden. Die Dienstmädchen hielten Kerzen bereit und warteten auf. Gerade als sie den Hof verlassen wollten, schickte Frau König<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.</ref> jemanden herüber, der sagte: „Der Zweiten Herrin Kette geht es schlecht, doch sie hat den letzten Atem noch nicht getan. Der Zweite junge Herr und die Zweite junge Herrin mögen noch ein wenig warten. Die Krankheit der Zweiten Herrin Kette hat etwas Seltsames an sich: Von der dritten Nachtwache bis zur vierten hat sie ununterbrochen geredet, allerlei wirres Zeug gesagt, nach Boot und Sänfte verlangt und immer nur davon gesprochen, sie müsse eilig nach Jinling, um dort in irgendein Register eingetragen zu werden. Niemand versteht, was sie meint; sie weint und schreit nur. Der Zweite Herr Kette wusste sich keinen Rat und ließ ein Papierboot und eine Papiersänfte basteln, doch die sind noch nicht fertig. Die Zweite Herrin Kette liegt keuchend da und wartet. Die Gnädige Frau schickt uns zu sagen: Wartet, bis die Zweite Herrin Kette gegangen ist, und kommt dann erst herüber."
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_114|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_114|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 114 =
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Schatzjade sagte: „Das ist ja merkwürdig! Was will sie denn in Jinling?" Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.</ref> flüsterte leise: „Erinnerst du dich an den Traum, den du damals hattest? Ich weiß noch, du hast von vielen Registern erzählt. Könnte es sein, dass die Zweite Herrin Kette dorthin geht?" Als Schatzjade das hörte, nickte er und sagte: „Ja, stimmt! Leider kann ich mich an die Worte darin nicht mehr erinnern. So betrachtet, hat also jeder Mensch ein vorbestimmtes Schicksal. Ich frage mich nur, wohin die Schwester Lin gegangen ist. Jetzt, wo du mich daran erinnerst, beginne ich manches zu verstehen. Wenn ich diesen Traum noch einmal träumen könnte, würde ich ganz genau hinschauen — dann hätte ich die Gabe, die Zukunft vorherzusehen." Dufthauch sagte: „Mit einer Person wie dir kann man wirklich nicht reden! Ich habe nur beiläufig etwas erwähnt, und schon nimmst du es für bare Münze. Und selbst wenn du die Zukunft kennen würdest — was könntest du denn daran ändern?" Schatzjade sagte: „Ich fürchte nur, dass ich die Zukunft nicht sehen kann; wenn ich es aber könnte, bräuchte ich mir euretwegen nicht mehr so vergeblich den Kopf zu zerbrechen."
== 王熙凤历幻返金陵 / 甄应嘉蒙恩还玉阙 ==
 
  
en wir sie nicht vor Ihnen kritisieren, Fräulein. Wer sind wir, wenn wir uns mit ihr nach allem vergleichen? Nur gewöhnliche, grobe Leute. Wir singen unsere Liturgien, sprechen unsere Gebete, machen die Fürbitten für die Sünden anderer und hoffen uns einen kleinen Verdienst für uns zu verdienen, ein kleines gutes Karma.“ –
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Während die beiden noch sprachen, kam Schatzspange herüber und fragte: „Worüber redet ihr?" Schatzjade fürchtete, sie würde ihn ins Verhör nehmen, und sagte nur: „Wir sprechen über die Schwester Phönixglanz." Schatzspange sagte: „Der Mensch liegt im Sterben, und ihr führt immer noch Reden über sie. Letztes Jahr hast du noch gesagt, ich würde jemanden verwünschen — hat sich das Orakel denn nicht bewahrheitet?" Schatzjade dachte noch einmal nach, klatschte in die Hände und rief: „Richtig, richtig! So betrachtet, kannst du also tatsächlich die Zukunft vorhersagen. Dann frage ich dich doch gleich: Weißt du, wie es mir in Zukunft ergehen wird?" Schatzspange lachte und sagte: „Jetzt fängst du wieder an zu scherzen! Ich habe damals nur das Los, das sie gezogen hatte, auf gut Glück gedeutet — und du nimmst es für Ernst. Du und unsere Schwägerin, ihr seid ganz gleich: Als du deinen Jade verloren hattest, bat sie Wunderjade<ref>Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.</ref> um eine Geisterschrift, und als die Leute die Antwort nicht verstanden, sagte sie mir im Vertrauen, wie hellsichtig Wunderjade sei, wie tief sie in die Meditation eingedrungen sei und den Weg begriffen habe. Jetzt aber hat Wunderjade selbst dieses schwere Unglück erlitten — wie kann man da sagen, sie könne die Zukunft voraussehen? Und selbst wenn ich zufällig einmal richtig lag, was die Schwägerin betrifft — woher soll ich wirklich wissen, wie es um sie steht? Ich fürchte, ich weiß nicht einmal, was mir selbst bevorsteht. All diese Dinge sind von Grund auf nichtig und trügerisch — wie kann man ihnen Glauben schenken?"
„Was bedeutet ein wirklich gutes Karma?“, fragte Hsi-tschun ernst.
 
„Nun, Fräulein, die wirklich tugendhaften Familien wie deine ausgenommen, die nichts zu befürchten haben. Natürlich können adelige Mädchen und junge Damen niemals ganz sicher sein, wie lang ihr Wohlstand andauern wird. Wenn das Schicksal zuschlägt, kann sie nichts retten. Nichts, mit Ausnahme unsere Göttin Guan-yin: wenn unsere Göttin einen Sterblichen leiden sieht, wird ihr unsagbares Mitleid sie dazu bewegen, den Sterblichen zu retten. Deshalb beten wir alle zu ihr und sagen: ‚Geheiligt sei Guanyin, Bodhisattva des Grenzenlosen Mitgefühls und der Anmut, Befreierin, Retterin, Heilerin!‘ 
 
Eine Schwester führt ein schweres Leben, das ist wahr, härter als das einer jungen Dame aus einer reichen Familie. Doch wir sind errettet! Auch wenn wir nicht darauf hoffen können, ein Buddha oder eine Heilige zu werden, so werden wir wenigstens, wenn wir weiterhin unsere Ergebenheit zeigen, eines Tages in einem anderen Leben als Mann wiedergeboren. Allein das ist Belohnung genug. Wenigstens werden wir dann von den endlosen Versuchungen und stillen Drangsalen der Frauenwelt erlöst. Du bist noch zu jung, um das zu verstehen, Fräulein. Doch laß mich dir sagen, wenn eine junge Dame einst das Heim verläßt und heiratet, ist alles vorbei. Sie gehört für den Rest ihres Lebens ihrem Ehemann.
 
Im wahren religiösen Leben ist es die Ergebenheit, die zählt. Die Mei­ste­rin Miau-yü hielt sich selbst immer für ausgezeichnet, einfühlsam, überlegen. Für sie waren wir nur gemeine Sterbliche. Wenigstens kann das gewöhnliche Volk wie wir einfaches Karma erwerben, und nun sieh dir die Katastrophe an, die sie ereilte!“
 
Ihre Worte trafen auf ein offenes Ohr. Ungehindert von der Anwesenheit der Mägde erzählte Hsi-tschun die ganze Geschichte davon, wie schlecht You-schï sie behandelt hatte und wie sie zum Bleiben gebracht wurde, um sich um das Haus zu kümmern, und mit welcher verheerenden Konsequenz. Sie zeigte ihnen, wo sie bereits ein Stück ihres Haares abgeschnitten hatte.
 
„Ihr haltet mich nur für ein weiteres Weltkind, das einem Wahn verfallen ist! Doch das ist falsch. Schon lange Zeit wollte ich eine Nonne sein. Ich wußte nur nicht, wie ich dieses Ziel erreichen sollte.“
 
Die Schwestern gaben sich bewegt: „Bitte, Fräulein, sagen Sie so etwas nicht! Wenn Frau Dschën das hörte, würde sie uns gewaltig schelten und uns aus dem Kloster werfen. Eine junge Dame mit so einem guten Herz wie du, in so eine gute Familie geboren – du wirst mit Sicherheit einen netten jungen Mann heiraten und dein Leben in Prunk und Gelassenheit verbringen.
 
Hsi-tschuns errötete und fiel ihnen ins Wort: „Was läßt euch glauben, daß meine Schwiegerschwester euch fortgeschickt hätte und ich nicht Nonne werden kann?“
 
Die Schwestern bemerkten, wie ernst es ihr war, und entschieden, sie noch etwas weiter anzutreiben: „Fühlen Sie sich nicht angegriffen, Fräulein. Doch glauben Sie wirklich, daß die Damen und die jungen Damen Sie gehen lassen würden? Sie werden sich selbst damit nur unnötigen Ärger bereiten. Sie sollten an sich denken.“ –
 
„Wir werden sehen“, war Hsi-tschuns knapper Kommentar.
 
Tsai-ping glaubte, das würde zu nichts führen, und warf den Schwestern einen bedeutungsvollen Blick zu. Sie bemerkten den Hinweis und waren zu ängstlich, um Hsi-tschun weiter anzutreiben. Sie verabschiedeten sich. Hsi-tschun hielt sie nicht zurück, blickte ihnen verächtlich nach und sagte: „Glaubt nicht, Euer Kloster sei das einzige auf dieser Welt!“
 
Die Schwestern hielten es für klüger, nicht zu antworten.
 
Tsai-ping war über den Lauf der letzten Ereignisse betrübt und fürchtete, daß sie dafür beschuldigt werden könnte, wenn sie You-schï irgendeine bedauerliche Mitteilung vorenthielt: „Fräulein Hsi-tschun möchte sich immer noch den Kopf rasieren und eine Schwester werden. Sie war in den letzten Tagen nicht krank, sie lag zu Hause und haderte mit dem Schicksal. Vielleicht wäre es sicherer, ein bißchen aufzupassen. Wenn irgendwas passiert, werden wir später beschuldigt.“ –
 
„Sie will nicht wirklich von zuhause fort und einen heiligen Schwur ablegen“, sagte You-schï. „Sie glaubt nur, sie kann Herrn Dschën dazu benutzen, meine Autorität in Frage zu stellen. Nun, soweit ich betroffen bin, kann sie ruhig gehen und soll ihr Glück versuchen!“
 
Tsai-ping versuchte dennoch, Hsi-tschun von ihrem drastischen Vorhaben abzubringen. Doch Hsi-tschun blieb bei ihrem Entschluß, sie aß nichts mehr und ihr einziger Gedanke war nun, den letzten Schritt zu wagen und ihr letztes Haar abzuschneiden. Tsai-ping konnte das nicht länger ertragen und erzählte es allen Damen. Die Damen Wang und Hsing versuchten mehrere Male, es Hsi-tschun auszureden, doch ihre Mühen waren umsonst. Sie schien wie besessen.
 
Die zwei Damen wollten gerade gehen, um es Djia Dschëng zu berichten, als einer der Diener draußen die Ankunft von Frau Dschën und dem jungen Herrn Dschën Bau-yü ankündigte. Sie eilten hinaus, um ihre Gäste zu empfangen, und führten Frau Dschën in die Gemächer der Dame Wang, wo sie sich alle setzten, förmliche Grüße austauschten und sich freundlich miteinander unterhielten. Näheres wird darüber nun nicht berichtet. Frau Wang machte eine Anspielung auf die Ähnlichkeit ihrer beiden Söhne, der „zwei Jaden“ und drückte ihr Verlangen aus, Dschën Bau-yü selbst zu sehen. Es wurde sofort nach ihm geschickt, doch als Antwort wurde überbracht, daß er sich mit Herrn Dschëng im äußeren Studierzimmer unterhielt und daß sie eine wichtige Angelegenheit klären müßten. Bau-yü, Huan und Lan wurden auch versammelt, um im Studierzimmer ihr Mittagessen einzunehmen. Nach dem Essen kämen sie her. Nun wurde den Damen das Mittagessen serviert.
 
Djia Dschëng, der selbst die anatomische Ähnlichkeit zwischen Dschën Bau-yü und seinem eigenen Sohn bemerkt hatte, fuhr fort, die literarischen und scholastischen Fertigkeiten des jungen Mannes zu testen und war zutiefst beeindruckt von den flüssigen Antworten, die er gab. Er schickte nach seinem eigenen Bau-yü und anderen zwei Jungen, um ihnen diese Vorbilder an Tugendhaftigkeit vorzuführen, als Anreiz und Ermahnung und insbesondere, um Bau-yü eine günstige Gelegenheit des Selbstvergleichs zu bieten.
 
Bau-yü kam der Bitte sofort nach und erschien in farbloser Kleidung in Begleitung von Huan und Lan. Als er Dschën Bau-yü zum ersten Mal sah, schien es ihm fast, als wäre er mit einem alten Freund wieder vereint, und die Freude beruhte auf Gegenseitigkeit. Sie verbeugten sich voreinander, und Huan und Lan taten es ihnen gleich. Djia Dschëng saß auf einer Matte am Boden und hatte Herrn Dschën bei seiner Ankunft, einen Stuhl zum Sitzen angeboten, eine Einladung, die Herr Dschën deutlich zurückwies, da der Ältere sich auf einer niederen Ebene befand. Stattdessen setzte er sich auf ein Kissen am Boden. Nun, da Bau-yü und die anderen beiden die Gesellschaft begleitet hatten, wäre es für sie kaum angemessen, mit Djia Dschëng auf dem Boden zu sitzen. Andererseits konnten sie auch nicht stehen bleiben, während Herr Dschën, ihr Altersgenosse, unter ihnen saß. Djia Dschëng löste das Dilemma, indem er selbst aufstand, sich eine Weile mit ihnen unterhielt und dann die Diener anwies, das Mittagessen aufzutragen.
 
„Ich werde euch nun verlassen müssen“, sagte er zu Herr Dschën, „bitte entschuldigt mich. Ich werde euch an die jüngere Generation weiterreichen, die noch viel von euch lernen wird.“ –
 
„Wenn Ihr euch empfehlt, so bin ich es, Herr“, antwortete Dschën mit freundlicher Bescheidenheit, „der erfürchtig erwartet, viel von diesen Ehrenmännern zu lernen.“
 
Djia Dschëng antwortete noch etwas und brach auf. Dabei hielt er freundlich seinen jungen Besucher davon ab, ihn zu begleiten, doch gestattete er es Bau-yü, Djia Huan und Djia Lan, die voranschritten und hinter der Schwelle auf ihn warteten, um ihn in das innere Studierzimmer zu geleiten.
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Schatzjade sagte: „Sprechen wir nicht mehr davon. Sag mir lieber etwas über die Schwester Strafe. Seit bei uns hier ein Unglück nach dem anderen eintrifft, habe ich ihre Angelegenheit ganz vergessen. Eine so bedeutende Sache in eurer Familie — wie konnte sie so hastig und nachlässig abgetan werden, ohne Verwandte und Freunde einzuladen?" Schatzspange sagte: „Da sprichst du wieder weitschweifig! Von den Verwandten unserer Familie sind wir hier und die Wangs am nächsten; bei den Wangs gibt es keine tüchtigen Leute mehr; und bei uns hat es die große Trauerfeier für die Herzoginmutter gegeben, deshalb wurde auch niemand eingeladen — der Schwager Kette hat das Nötigste arrangiert. Es gibt zwar noch ein, zwei andere Verwandte, aber du warst ja nicht dort, woher willst du das wissen? Wenn man es bedenkt, ist das Schicksal unserer Schwägerin dem meinen recht ähnlich. Sie war ordentlich meinem Zweiten Bruder versprochen worden, und meine Mutter wollte ihm eigentlich eine angemessene Hochzeit ausrichten. Erstens aber sitzt mein älterer Bruder im Gefängnis, und der Zweite Bruder wollte ohnehin keine große Feier; zweitens wegen der Angelegenheiten in eurem Hause; und drittens hatte unsere Schwägerin es bei der Ersten Gnädigen Frau allzu schwer, und nach der Hausdurchsuchung wurde die Erste Gnädige Frau nur noch strenger — sie konnte es wirklich kaum noch ertragen. Darum habe ich mit meiner Mutter gesprochen, und so wurde sie eben notdürftig herübergeholt. Ich sehe, dass unsere Schwägerin jetzt geradezu aus ganzem Herzen meine Mutter versorgt und ehrt — besser als eine leibliche Schwiegertochter, ja zehnmal besser sogar; auch meinem Zweiten Bruder gegenüber erfüllt sie alle Pflichten einer Ehefrau; und mit Duftkastanie<ref>Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftkastanie". Konkubine von Becken Schnee.</ref> versteht sie sich auch bestens — wenn der Zweite Bruder nicht zu Hause ist, leben die beiden friedlich und einträchtig miteinander. Obwohl es ihnen an Geld fehlt, hat meine Mutter in letzter Zeit mehr Ruhe und Behagen. Nur wenn sie an meinen älteren Bruder denkt, kann sie die Tränen nicht zurückhalten. Obendrein schickt er ständig Leute nach Hause, um Geld zu verlangen — zum Glück schafft es der Zweite Bruder, draußen bei den Geschäftsleuten etwas aufzutreiben, um ihn zufriedenzustellen. Ich habe gehört, dass einige Häuser in der Stadt bereits verpfändet worden sind und nur noch eines übrig ist; jetzt planen sie, dorthin umzuziehen."
Sie kehrten zurück, baten Herr Dschën,  sich wieder zu setzen und man unterhielt sich ganz gewöhnlich in Bezug auf dieses langerwartete und ersehnte Treffen; davon sollen nun keine Details berichtet werden.
 
Wie Djia Bau-yü Dschën Bau-yü sah, wurde er sofort an ihre frühere Traumbegegnung erinnert. Er wußte aus Berichten über Dschën Bau-yü, daß sein Jade-Gegenstück eine Person seines Herzens wäre und er bestimmt war, in ihm einen wahren Freund zu finden. Da dies nun ihre erste wirkliche Begegnung war und weil Huan und Lan anwesend waren, spürte er das Bedürfnis, etwas diskreter zu sein und behalf sich mit freundlichen Übertreibungen, die zu solchen Gelegenheiten üblich sind: „Lang habe ich Sie aus der Ferne bewundert, doch bis heute ist mir die Ehre verwehrt geblieben, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Der heutige Tag ist ein Segen für mich. Vor mir sehe ich nun die Wiedergeburt eines perfekten Unsterblichen.“
 
Dschën Bau-yü hatte auch bereits viel von seinem Namensvetter gehört und fand, daß die Realität seine Erwartungen noch übertraf.
 
‚Er scheint eine angemessene Begleitung für meine Studien‘, dachte er bei sich, ‚doch kaum jemand teilt mein Streben. Doch er hat meinen Namen und sieht aus wie ich. Wir müssen irgendwie über den Fels der Wiedergeburt seelenverwandt sein. Ich habe erst sehr spät Fortschritte im Verstehen der höheren Prinzipien gemacht und sollte deshalb versuchen, an ihn weiterzugeben, was ich gelernt habe. Doch da dies unser erstes Treffen ist und da ich nicht sicher bin, wo unsere Sympathien liegen, sollte ich behutsam vorgehen.’
 
Er antwortete auf Djia Bau-yüs Bemerkungen auf eine Art, die ihm angemessen erschien: „Schon lange weiß ich um eure großen Begabungen. Ich fürchte, daß vor einer Person von solch hervorragender Reinheit, Feinheit und Anmut nur ein gewöhnlicher, dummer Sterblicher steht und durch unsere Namensgleichheit nur ihren Glanz beflecke.“
 
‚Sein Charakter scheint sympathisch‘, überlegte Djia Bau-yü, wie er dies hörte. ‚Doch warum schmeichelt er mir, als sei ich ein Mädchen? Wir sind doch Männer und daher Geschöpfe der Unreinheit.‘
 
„Ihr lobt mich unverdienterweise“, sagte er, „ich bin nichts als eine närrische Kreatur, eher ein Lump oder harter Stein. Wie kann ich mit einer Person von solcher Vorzüglichkeit und Erhabenheit wie euch verglichen werden? Ich bin es, der unwert ist, diesen Namen zu tragen.“
 
„Als ich jung war“, dachte Dschën Bau-yü laut zu Gunsten seines neuen Freundes, „war ich blind für meine eigene Beschränkung und folgte Ideen weit über meinem Rang. Doch dann geriet meine Familie in Bedrängnis und wir mußten die letzten Jahre in sehr bescheidenen Verhältnissen verbringen. Obwohl ich sonst kaum Erfahrungen mit der Wechselhaftigkeit des Lebens gemacht habe, fühle ich als Folge davon, daß ich ein höheres Wissen über die Wege der Welt und ein besseres Verständis von der ärmlichen Natur des Menschen erlangt habe. Andererseits haben Sie Ihr ganzes Leben überwiegend in Prunk verbracht, es hat Ihnen an nichts gemangelt, und ich bin sicher, Sie konnten Auszeichnung in literarischen Aufsätzen und in öffentlichen Angelegenheiten erwerben, Auszeichnungen, die Ihrem ehrwürdigen Vater gewiß großen Ruhm bereitet haben, so daß er Sie mit großem Stolz und Zuneigung sieht. Ich wiederhole, Sie sind des Namens wert, den wir beide tragen.“
 
Djia Bau-yü erkannte nun die verräterische Rhetorik und blieb still, überlegte eine passende Antwort, während Djia Huan sich für seinen Teil unwohl fühlte, so von der Unterhaltung ausgeschlossen zu sein. Djia Lan fand Dschën Bau-yüs kleine Predigt trotzdem höchst geistreich: „Ihr seid einfach zu bescheiden, Herr. Sicher, im Bereich der literarischen Aufsätze und der öffentlichen Angelegenheiten, von denen ihr sprecht, rührt es gewiß von langer Erfahrung her, wahre Fertigkeit und Wissen zu erlangen. Ich bin natürlich zu jung, um ein solches literarisches Wissen für mich zu beanspruchen, doch eine sorgfältige Prüfung von dem bißchen, was ich gelesen habe, hat mich zu dem Entschluß geführt, daß äußere Anmut und aufgesetzte Feinheit von geringem Wert sind, im Gegensatz zur Bildung eines guten Charakters.“
 
Djia Bau-yü fand die Bemerkungen seines Neffen äußerst selbstgefällig und überlegte, wo er nur so zu sprechen gelernt haben könnte. Er versuchte, Dschën Bau-yü eine Antwort vorwegzunehmen: „Ich habe Sie so verstanden, daß Sie gewöhnliche und umgangssprachliche Äußerungen verurteilen und Ihre eigene Sicht der Welt gebildet haben. Ich war so glücklich über die Gelegenheit, Sie heute zu treffen und von Ihnen etwas zu lernen, das mir hilft, aus der sterblichen Sphäre, in der wir leben, aufzusteigen und einen geistigeren Bereich zu betreten. Ich bin sicher, daß eine solche Begegnung helfen würde, mein Herz von weltlichen Gelüsten zu befreien und meine Augen für eine tiefere Sicht der Dinge zu öffnen. Aber ach, ich entnehme Ihren Worten, daß Sie mich für einen einfachen Menschen halten und mich nur aus Freundlichkeit zu diesem Geschwätz über weltliche Weisheit eingeladen haben.“
 
Der junge Dschën überlegte: ‚Mit Sicherheit hat er Geschichten von mir als kleines Kind gehört und denkt deshalb, daß ich aus Höflichkeit so spreche und dabei meine wahre Natur verdecke. Ich muß offen mit ihm sein. Wer weiß, vielleicht offenbart er sich doch als wahrer Freund.‘ - „Ich verstehe absolut den Ernst Eurer Bemerkungen“, begann er, „als ich noch jung war, habe ich auch alles abgelehnt, das inhaltlich flach oder klischeebelastet war. Doch ich wurde älter, und als mein Vater degradiert wurde und keine Neigung mehr zu gesellschaftlicher Unterhaltung hatte, fiel die Führungsrolle auf mich zurück. Im Zuge meiner Verpflichtungen bemerkte ich, daß jeder der erhabenen Edelleute, denen ich begegnete, unserem Familiennnamen auf die eine oder andere Art Ruhm und Ehre gebracht hatte. All ihre geschriebenen oder gesprochenen Worte waren voll Loyalität und brüderlicher Frömmigkeit, ihr ganzes Leben war der Tugend und der Wahrheit gewidmet und sie waren in der Tat ein passender Beitrag zu der erleuchteten Rolle, in welcher ich lebe. Für die freundlichen und erleuchtenden Anweisungen ihrer Väter und Lehrer gebührt ihnen jede Menge Dankbarkeit. Also verwarf ich allmählich die wirren Theorien und närrischen Gelüste meiner Jugend. Gegenwärtig suche ich immer noch nach Lehrern und Freunden, die mich anleiten können und mich aus meiner benebelten Unwissenheit führen, und ich halte es für einen großen Segen, Sie getroffen zu haben. Ich bin sicher, daß ich von Ihnen viel zu lernen habe. Glauben Sie mir, was ich zuvor sagte, war ernst gemeint!
 
Je mehr Djia Bau-yü hörte, desto verärgerter wurde er. Um der Höflichkeit willen murmelte er etwas Ähnliches als Antwort und wurde vor weiteren Verlegenheiten durch einen Ruf in die inneren Gemächer bewahrt: „Wenn die Herren aufgegessen haben, würde Herr Dschën dann bitte den Damen Gesellschaft leisten?“
 
Bau-yü nutzte diese Gelegenheit, um Dschën Bau-yü den Weg zu zeigen, und sie begaben sich begleitet von den anderen Jungen zu den Gemächern der Dame Wang. Wie er die Frau Dschën am Ehrenplatz sitzen sah, begrüßte Djia Bau-yü sie, Djia Huan und Djia Lan taten es ihm gleich, und Dschën Bau-yü begrüßte die Dame Wang auf die gleiche Weise. Dann saßen sich die beiden Damen und ihre zwei „Jaden“ genau gegenüber. Obwohl Djia Bau-yü nun verheiratet war, war Frau Dschën alt genug, sich aus diesem Anlaß nicht zurückhalten zu müssen, besonders durch die langjährige Verbindung ihrer beiden Familien. Sie sah, wie ähnlich sich die beiden waren und erwärmte sich sofort für Djia Bau-yü. Mit der Dame Wang war es das Gleiche, sie nahm Dschën Bau-yü an die Hand und überhäufte ihn mit Fragen, fand ihn sogar noch reifer als ihren eigenen Sohn. Sie blickte Djia Lan an und dachte bei sich, daß er eine feine Figur besitze, doch nicht annähernd auf einer Ebene mit seinen zwei Begleitern. Djia Huans grobe Erscheinung auf der anderen Seite erweckte keine Sympathie in ihr.
 
Als bekannt wurde, daß beide Bau-yüs zusammen waren, kamen alle Mägde vorbei, um nachzusehen.
 
„Unglaublich!“ murmelten sie zueinander.
 
„Daß sie denselben Namen haben ist das eine; aber sie sehen ja noch gleich aus – Gesicht, Figur, alles! Glücklicherweise ist unser Bau-yü in Trauerweiß gekleidet, sonst könnte man sie nicht auseinanderhalten!“
 
Dsï-djüan war besonders verblüfft. Sie dachte an Dai-yü: ‚Wenn sie nur noch leben würde! Sie hätten sie mit Dschën Bau-yü verheiraten können. Das hätte sie bestimmt gern getan.’
 
Als sie eben diesen Gedanken faßte, hörte sie Frau Dschën sagen: „Vor einigen Tagen hat mein Ehemann, der nun meint, Bau-yü sei in einem heiratsfähigen Alter, glaube ich, Herrn Dschëng gebeten, sich nach einer passenden Braut für ihn umzuschauen.“
 
Die Dame Wang war bereits sehr von Dschën Bau-yü angetan und antwortete, ohne zu zögern: „Ich wäre froh, als Ehestifterin für Ihren Sohn dienen zu können. Von unseren eigenen Mädchen sind leider zwei gestorben und eine ist bereits verheiratet. Vetter Dschën aus dem Ning-guo-Anwesen hat eine unverheiratete jüngere Schwester, doch sie ist noch ein wenig zu jung. Ich habe aber eine andere Idee. Meine ältere Schwiegertochter, von Geburt ein Mitglied der Li Familie, hat zwei Kusinen, zwei gut aussehende Mädchen. Die ältere der beiden ist bereits verlobt, doch die jüngere nicht und würde eine ausgezeichnete Braut für ihren Sohn abgeben. Ich könnte morgen für Sie einen Vorschlag einreichen. Ich sollte vielleicht erwähnen, daß sich Ihre Familie in etwas bescheidenen Umständen befindet.“ –
 
„Ihr seid unnötig freundlich“, sagte Frau Dschën. „Heutzutage möchte jeder nur von sich herumprahlen. Tatsächlich könnten Sie uns unter Ihnen stehen sehen.“ –
 
„Ihr Mann hat doch vor kurzem eine Beförderung erhalten“, sagte die Dame Wang, „und ich bin sicher, daß er in Zukunft nicht nur zu seinem alten Erfolg zurückkehren, sondern seinen Ruhm noch vermehren wird.“
 
Frau Dschën lächelte: „Wenn Ihre Prophezeiungen nur wahr würden. Nun, in diesem Fall sollte ich dankbar sein, wenn Ihr diesen Ehevorschlag für uns einreichen würdet.“
 
Wie Dschën Bau-yü die Unterhaltung über seine Verlobung vernahm, entschuldigte er sich und wurde von Djia Bau-yü und den anderen Jungen zurück ins Studierzimmer begleitet, wo sie Djia Dschëng wiedertrafen und sich eine Weile unterhielten. Dann erschien einer der Dschën-Diener, um nach Dschën Bau-yü zu rufen: „Frau Dschën bricht nun auf, Herr und möchte, daß ihr mitkommt.
 
Dschën Bau-yü verabschiedete sich und Djia Dschëng wies Bau-yü, Djia Huan und Djia Lan an, ihn hinaus zu begleiten. Und hier müssen wir ihn verlassen.
 
Seit seiner früheren Begegnung mit Dschën Bau-yüs Vater hatte Djia Bau-yü voller Vorfreude und Ungeduld auf die Ankunft seines vermeintlichen alter ego gewartet und gehofft, in ihm einen guten Freund zu finden. Da sie sich nun begegnet waren, war er völlig desillusioniert, hatte ihrer Unterhaltung entnommen, daß sie wie gegensätzliche Pole waren, weit voneinander entfernt wie sprichwörtlich Eis und Kohle. Er begab sich zurück in seine Gemächer in einer Stimmung absoluter Niedergeschlagenheit, sagte nicht ein Wort, gab nicht ein Lächeln von sich, sondern starrte leer in den Raum.
 
„Nun?“, fragte Bau-tschai, „ist er denn dein ‚lebendes Ebenbild‘?“
 
„Er sieht auf jeden Fall aus wie ich“, antwortete Bau-yü, „doch daran, wie er sprach, konnte ich erkennen, daß er nur ein Narr ist, nur ein weiterer Karrierewurm.“ –
 
„Da haben wir es, wieder suchst du nur nach den Fehlern!“, protestierte Bau-tschai, „wie kannst du so schnell wissen, daß er ein Karrierewurm ist?“ –
 
„Er hat viel geredet“, antwortete Bau-yü, „und in dem, was er sagte, war nichts Tiefgründiges oder Erleuchtendes. Er sprudelte nur von ‚literarischen Aufsätzen und öffentlichen Angelegenheiten‘, und ‚Loyalität und brüderlicher Frömmigkeit‘. Spricht so nicht ein Wurm? Es ist eine Schande, daß er aussieht wie ich. Da ich nun weiß, wie er ist, wünschte ich, er sähe anders aus.“
 
Bau-tschai wußte, daß er wieder eine seiner Marotten hatte: „Was du sagst, ist doch lächerlich! Wie kannst du denn anders aussehen? Seine Gedanken erscheinen mir soweit vernünftig. Ein Mann sollte im Leben vorankommen wollen und etwas erreichen. Nur weil du so überempfindlich und von deinen Gefühlen so eingenommen bist, heißt das etwa, daß jeder andere auch so sein muß? Du bezeichnest ihn schimpflicherweise als einen Wurm, obwohl du es bist, der keine Charakterstärke hat!“
 
Bau-yü fand Dschën Bau-yüs Predigt bereits ärgerlich genug. Mit Bau-tschais Hetzrede obendrauf fühlte er sich, als würde er in einem Sumpf der Verzweiflung versinken. Ein vertrautes Gefühl überwältigender Verschwommenheit schien ihn zu überkommen, und er konnte den nahenden Zusammenbruch spüren. Er sagte nichts, doch lächelte er leer, zur Verwirrung von Bau-tschai. Sie vermutete, daß er lächelte, um seine Empörung über ihre harten Worte zu verdecken, und entschied deshalb, ihn zu ignorieren. Doch für den Rest des Tages blieb er weiterhin so benebelt, weigerte sich sogar, mit Hsi-jën oder den anderen zu sprechen, als sie ihn reizten und als er am näch­sten Morgen aufstand, sah er genauso aus wie vor seiner Genesung.
 
Die Dame Wang hatte währenddessen beschlossen, Djia Dschëng über Hsi-tschuns Entschluß, sich den Kopf zu rasieren und das Gelübde abzulegen, informieren zu müssen. You-schï hatte sich als unfähig erwiesen, sie davon abzubringen, und es sah danach aus, daß eine weitere Widersetzung ihres Willens sie nur in den Selbstmord treiben würde. Sie bewachten sie Tag und Nacht, doch das war nur eine vorübergehende Maßnahme. Sie und ihr Vorhaben konnten so nicht für immer verhindert werden. Djia Dschëng seufzte und stampfte mit dem Fuß: „Womit hat das Ning-guo-Anwesen nur so ein Ende verdient.“
 
Er schickte nach Djia Jung: „Geh und sag’ deiner Mutter, daß sie sich ein letztes Mal bemühen soll, Hsi-tschun davon abzubringen. Wenn das Mädchen dann weiterhin auf seiner Narrheit besteht, werden wir es einfach behandeln, als sei es kein Mitglied unserer Familie mehr.“
 
You-schï tat, wie es ihr aufgetragen war, doch ihre Mühe bewirkte nur das Gegenteil und rief noch mehr Selbstmorddrohungen von Hsi-tschun hervor. „Ich bin ein Mädchen, und du weißt, ich kann nicht für den Rest meines Lebens zu Hause bleiben. Was ist, wenn ich in einer miserablen Ehe wie Ying-tschun ende? Was hat sie ihren Eltern Onkel Dschëng und Tante Wang nur für einen Kummer bereitet und dann ist sie gestorben... Wenn du mich liebst, denke von mir, ich sei tot, laß mich gehen, laß mich zumindest versuchen, ein reines Leben zu führen. Ich werde nicht weit weg von zuhause wohnen, nur im Kloster Gefangenes Grün, die ja ein Teil des Gartens und eine alte Familienadresse ist. Miau-yüs Nonnen leben immer noch dort. Das könnte mein Frauenkloster sein. Ihr könnt euch hier um meinen Bedarf kümmern. Bitte laßt mich das tun, das wäre ein Segen für mich. Wenn Sie sich weiterhin gegen mich wenden, zwingen Sie mich, meinem Leben ein Ende zu setzen. Wenn es mir erlaubt ist, meinem gewählten Weg zu folgen und wenn dann mein Bruder zurückkehrt, so werde ich ihm sagen, daß es aus freiem Willen geschehen ist. Doch wenn ich sterbe, wird er sicher behaupten, Sie hätten mich in den Tod getrieben.“
 
You-schï und Hsi-tschun waren nie miteinander im Einklang gewesen und außerdem konnte You-schï ihre Einwände verstehen. Sie erzählte dies der Dame Wang. Doch die Dame Wang war in Bau-tschais Gemächern, wo sie eben selbst entdeckt hatte, wie sehr sich Bau-yüs Zustand verschlechtert hatte und warf Hsi-jën vor: „Ihr seid alle zu nachlässig! Ihr hättet mir sofort sagen sollen, daß Bau-yü krank geworden ist!“ –
 
„Doch Herrin“, flehte Hsi-jën, „Bau-yü ist oft krank, – an manchen Tagen geht es ihm besser und dann wieder schlechter. Er hat Euch besucht und jeden Morgen seine Pflichten erfüllt und bis jetzt ging es ihm wirklich gut. Nun scheint es eine verrückte Wendung gegeben zu haben. Frau Bau-tschai wollte gerade hinüber gehen und es euch mitteilen, sie wollte nur nicht, daß ihr uns scheltet, daß wir so einen Trubel darum machen.“
 
Das Ausschelten Hsi-jëns und die Angst, daß sie und Bau-tschai seinetwegen leiden müßten, schien Bau-yüs Sinne wieder kurzzeitig zu beleben: „Mach’ dir keine Sorgen, Mutter. Mit mir ist alles in Ordnung. Ich fühle mich nur ein wenig traurig.“ –
 
„Mein Kind, vergiß nicht, daß du die Neigung hast, krank zu werden. Wenn ich es nur früher gewußt hätte, hätte ich einen Arzt rufen und etwas Medizin besorgen lassen können. Wenn du es selbst soweit kommen läßt, in so einen Zustand zu verfallen wie damals, als du deine Jade verloren hattest, wirst du uns wieder endlosen Ärger bereiten!“ –
 
„Wenn du dich immer noch sorgst, Mutter“, sagte Bau-yü, „dann ruf meinetwegen einen Arzt und besorge Medizin.“
 
Frau Wang beauftragte sofort eine Magd, einen Arzt zu rufen und war viel zu sehr mit Bau-yü beschäftigt, um an Hsi-tschuns missliche Lage zu denken. Später kam der Arzt an, untersuchte Bau-yü und schrieb ein Rezept, anschließend kehrte die Dame Wang wieder in ihre eigenen Gemächer zurück.
 
Über die nächsten Tage schien Bau-yü aber trotzdem noch geistesschwächer zu werden als jemals zuvor. Er hörte völlig auf zu essen und sein Zustand verursachte allgemeine Betroffenheit. Als die Zeit für die Zeremonie kam, die das Ende der Trauerperiode um die Herzoginmutter markierte, und da die Familie im Tempel besonders beschäftig war, wurde Djia Yün gerufen, um Bau-yüs Arzt zu befragen. Wegen des Mangels an Männern in Djia Liäns Umgebung, mußte Wang Jën auch hergebeten werden, um bei der Bewachung zu helfen. Tchiau-djie hatte ihre Mutter Tag und Nacht beweint und war auch krank geworden. In jeder Hinsicht bot das Jung-guo-Anwesen ein Bild des Chaos und des Elends.
 
Als die Familie von ihrem Dienst im Tempel zurückkehrte, ging die Dame Wang sofort Bau-yü besuchen. Sie sah, daß sein Zustand sich noch verschlechtert hatte. Er war bewußtlos und die Diener waren in hilfloser Panik. Die Dame Wang weinte bitterlich, ging zu Djia Dschëng und sagte: „Der Arzt sagt, es sei Zeitverschwendung, ihm weitere Medizin zu verschreiben und wir müssen auf das Schlimmste gefaßt sein.“
 
Djia Dschëng seufzte bitter und sah selbst nach. Bau-yü erweckte wirklich den Eindruck, daß er dem Tode nahe sei, und Djia Dschëng trug Djia Liän auf, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Djia Liän wagte nicht, ihm zu widersprechen und gab umgehend Anweisungen, Bau-yüs letzte Sachen vorbereiten zu lassen. Er fragte sich nur, woher sie das Geld für ein weiteres Begräbnis nehmen sollten, bis einer der Diener aufgeregt in den Raum eilte und schrie: „Herr Liän! Etwas Schreckliches! Noch eine Katastrophe!“
 
Djia Liän hatte keine Ahnung, was er meinen könnte, und blickte ihn erstarrt vor Angst an: „Was ist es?“
 
„Da ist ein Mönch am Tor und sagt, er habe Bau-yüs verlorene Jade wiedergebracht. Er verlangt zehntausend Tael dafür.“
 
Djia Liän spuckte dem Diener ins Gesicht: „Verdammt! Ich dachte von deiner Aufregung her, daß es etwas Ernstes sei. Hast du nichts von dem letzten Scherz gehört? Selbst wenn es die richtige Jade wäre, was würde sie dem Jungen denn noch bringen, wenn es bereits keine Hoffnung mehr für den ihn gibt?“ –
 
„Das habe ich selbst gesagt, Herr. Doch der Mönch schwört, daß Bau-yü geheilt würde, sobald wir ihm das Geld gezahlt hätten.“
 
Während er sprach, kam ein weiterer Diener schreiend herbeigerannt: „Der Mönch ist verrückt geworden! Er ist ohne zu fragen hereingekommen und niemand kann ihn aufhalten!“
 
„Das ist unglaublich!“, rief Djia Liän, „das kann doch nicht wahr sein!“
 
Als er erfuhr, was passiert war, verlor Djia Dschëng beinahe genauso seinen Verstand wie Djia Liän. Währenddessen kamen weitere Schreie von innen: „Bau-yü stirbt!“
 
Djia Dschëng war völlig verzweifelt, als er den Mönch rufen hörte: „Wenn ihr wollt, daß der Junge lebt, dann gebt mir das Geld!“ Djia Dschëng dachte plötzlich: „Es war ein Mönch, der Bau-yüs damalige Krankheit geheilt hat; vielleicht kann ihm dieser Mönch auch helfen. Doch wenn es die richtige Jade ist, woher nehmen wir das Geld dafür?“
 
Nach einiger Überlegung beschloß er: „Nun gut, darüber denken wir später nach. Laßt uns ihm erst helfen, verhandeln werden wir später.“
 
Während er seine Entscheidung getroffen und einen Diener mit der Einladung abgefertigt hatte, war der Mönch bereits auf seinem Weg und ging, ohne sich rückzuversichern, direkt in Bau-yüs Gemächer. Djia Liän versuchte ihn zurückzuhalten, indem er sagte: „Es sind Damen darin! Ein Landstreicher wie ihr kann da nicht einfach hineinplatzen!“ –
 
„Nur eine Verzögerung“, rief der Mönch, „und es kann zu spät für ihn sein!“ Djia Liän war zu aufgeregt, um ihm zu folgen, und rief verwirrt: „Ruhe! Hört auf zu weinen! Der Mönch ist da!“
 
Er rief so weiter, doch die Dame Wang und die anderen waren von Bau-yüs Zustand zu eingenommen, um ihm zuzuhören. Als sie sich umblickten, waren sie erstaunt, die große, schlacksige Figur des Mönchs auf sie zukommen zu sehen und versuchten im letzten Moment erfolglos, sich zu verstecken, während der Mönch sich direkt zum Ofenbett begab, auf welchem Bau-yü lag. Bau-tschai zog sich etwas zurück, doch Hsi-jën meinte, sie müsse bei der Dame Wang bleiben, die dort stehen blieb, wo sie war.
 
„Meine Damen, ich habe den Jadestein mitgebracht“, verkündete der Mönch. Er hielt ihn hoch, als er fortfuhr: „Gebt mir das Geld, und ich kann dem Jungen helfen.“
 
Der Schock setzte die Dame Wang völlig außer Gefecht und sie und die anderen Damen waren gewiß nicht in dem Zustand, die Echtheit des ihnen gezeigten Steins zu beurteilen.
 
„Rettet ihn einfach“, riefen sie, „und das Geld gehört Ihnen!“ Der Mönch lachte. „Ich will es jetzt!“ –
 
„Macht euch keine Sorgen“, sagte die Dame Wang. „Ihr werdet das Geld auf jeden Fall bekommen, auch wenn es das letzte ist, was wir haben.“
 
Der Mönch schien seine Forderung äußerst lustig zu finden und nach einigem Gelächter hielt er den Jade in der ausgestreckten Hand, bückte sich und flüsterte in Bau-yüs Ohr: „Bau-yü! Bau-yü! Dein Jadestein kommt wieder zurück!“
 
Kaum hatte er das gesagt, öffnete Bau-yü die Augen ein wenig. „Er lebt!“, rief Hsi-jën euphorisch.
 
„Wo ist er?“, fragte Bau-yü.
 
Der Mönch legte den Jadestein in Bau-yüs Hand.
 
Zuerst umklammerte Bau-yü ihn sanft, dann hob er ihn leicht nach oben und brachte ihn auf Augenhöhe. Er sah ihn genau an und sagte: „Ah! Zuletzt sind wir doch vereint!“
 
Jeder begann, inbrünstige Gebete an Buddha zu schicken, und sogar Bau-tschai schien nun über die männliche Gegenwart des Mönches hinwegzusehen. Djia Liän kam vorbei, um zu sehen, was geschehen war, und das Erblicken des lebendigen Bau-yü erwärmte sein Herz für einen Moment. Plötzlich ging er weg und ohne ein Wort eilte der Mönch ihm nach und holte ihn ein. Djia Liän hatte keine Wahl, als den Mönch in die Empfangshalle zu begleiten und dann hinüber zu Djia Dschëng zu eilen, um ihm davon zu berichten, der sehr erleichtert über diese Neuigkeiten war und umgehend nach dem Mönch schickte, um ihm seinen tiefen Dank auszusprechen. Der Mönch grüßte und setzte sich. Djia Liän dachte besorgt bei sich: „Jetzt wird er nicht mehr gehen, bis man ihn bezahlt hat.“
 
Djia Dschëng befragte den Mönch. Er fand heraus, daß er keiner von denen war, die er bei einer anderen Angelegenheit schon gesehen haben könnte.
 
„Von welcher heiligen Unterkunft stammen Sie?“, wollte er wissen. „Und wie lautet Ihr Name in Ihrer Religion? Wo haben Sie den Stein meines Sohnes gefunden? Wie kommt es, daß es ihm durch ihn so schnell besser ging?“
 
Der Mönch begegnete diesem Strom an Fragen mit einem rätselhaften Lächeln: „Fragt mich nicht. Ich habe nicht die geringste Ahnung. Gebt mir nur die Zehntausend Tael, und wir sind fertig.“
 
Djia Dschëng konnte sehen, daß er es mit einem sehr groben Typen zu tun hatte und fürchtete eine Konfrontation: „Das Geld? Aber natürlich, Sie sollen es bekommen.“ –
 
„Ich will es jetzt, ich habe es eilig.“ –
 
„Bitte setzen Sie sich einen Moment, während ich sehe, ob es bereit liegt.“ –
 
„Sie beeilen sich besser.“
 
Djia Dschëng ging zu den anderen. Er sagte nichts von seinem Gespräch mit dem Mönch, sondern ging direkt zum Ofenbett, in dem Bau-yü lag. Als Bau-yü seinen Vater kommen sah, versuchte er aufzustehen, doch war er noch zu schwach dafür. Die Dame Wang hielt ihn zurück und verlangte, er solle sich auf keinen Fall bewegen, während Bau-yü lächelte und seinem Vater den Jadestein mit den Worten überreichte: „Du siehst, die kostbare Jade ist zurückgekehrt!“
 
Djia Dschëng wußte um die übernatürlichen Eigenschaften des Steines. Er blickte ihn an und sagte zu der Dame Wang: „Da Bau-yü nun sein Bewußtsein wiedererlangt hat, wie können wir nun den Mönch bezahlen?“ –
 
„Verkauf alles, was ich besitze!“, antwortete die Dame Wang sofort. „Das sollte reichen.“ –
 
„Ich glaube kaum, daß er nach Geld verlangt,“ warf Bau-yü ein. „Oder?“ Djia Dschëng nickte nachdenklich: „Ich finde es selbst merkwürdig, muß ich sagen. Doch er besteht darauf.“ – „Du mußt gehen und ihn unterhalten“, sagte die Dame Wang, „wir werden sehen, was wir tun können.“
 
Als Djia Dschëng fort war, begann Bau-yü, nach Essen zu verlangen. Zunächst aß er eine Schüssel Reisbrei, und dann wollte er etwas Reis, welchen ihm die Ammen brachten. Doch die Dame Wang verbot ihm zu essen.
 
„Es ist alles in Ordnung“, protestierte Bau-yü, „es geht mir besser.“
 
Er lehnte sich vor und bediente sich an der Schale Reis. Seine Lebensgeister schienen sichtlich wiederbelebt. Er wollte richtig aufrecht sitzen und Schë-yüä half ihm vorsichtig dabei. Von ihrer Begeisterung über seine Genesung überwältigt rief sie: „Was für ein Schatz dieser Stein sein muß! Man konnte förmlich sehen, wie er Euch half! Ein Glück, daß Ihr ihn nicht in
 
Stücke zerbrochen habt!“
 
Ihre Worte verursachten einen plötzlichen Wechsel in Bau-yüs Gesicht. Er warf den Stein zur Seite und fiel nach hinten.
 
Doch um zu wissen, ob er überlebte, muß man zum nächsten Kapitel gehen.
 
116. Menschliche Schicksale werden enthüllt und der Stein wird seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben
 
Sterbliche Überreste werden in ihre weltliche Heimat zurückgebracht und ein pietätvoller Sohn erfüllt seine Pflicht.
 
  
Schë-yüäs zeitlich unpassende Erwähnung einer empfindlichen Periode aus Bau-yüs Vergangenheit ließ ihn ohnmächtig werden und zurück in sein Bett fallen. Die Dame Wang und die versammelte Familie begannen von Neuem zu weinen und zu wimmern, während Schë-yüä selbst, wie sie bemerkte, daß ihre unbedachte Äußerung Schuld daran war, zu weinen begann, obwohl Frau Wang noch keine Zeit hatte, sie auszuschelten. Sie faßte zur gleichen Zeit einen verzweifelten Entschluß: „Wenn Bau-yü stirbt, werde ich mein Leben beenden und mit ihm sterben!“
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Schatzjade sagte: „Warum denn umziehen? Wenn sie hier wohnen bleiben, hast du es doch bequemer, hin und her zu gehen; wenn sie weit weg ziehen, brauchst du einen ganzen Tag, um hinzugelangen." Schatzspange sagte: „Obwohl man verwandt ist, hat doch jeder seinen eigenen Haushalt, das ist angenehmer. Wo gibt es denn das, dass jemand ein Leben lang bei Verwandten wohnt?"
Die Dame Wang konnte sehen, daß kein Versuch, Bau-yüs Gesundheit wiederherzustellen, überhaupt Wirkung zeigen würde, und schickte dem Mönch die dringende Nachricht, er solle ihn bitte wieder retten. Doch der Mönch war nirgends zu sehen. Djia Dschëng war vorher in die Halle zurückgekehrt, um herauszufinden, daß sein exzentrischer Gast sich in Luft aufgelöst hatte. Dieser neue Aufschrei aus den inneren Gemächern erreichte nun Djia Dschëngs Ohren, und er beeilte sich. Er fand Bau-yü wieder ohne Bewußtsein vor, mit verkrampftem Gebiß und keiner Spur eines Pulses. Er fühlte seine Brust und fand sie immer noch recht warm, rief aus Verzweiflung einen Arzt, um auf irgendeine Art eine Wiederbelebung zu erzwingen.
 
Doch Bau-yüs Geist hatte bereits sein sterbliches Umfeld verlassen. Das heißt doch, er sei tot, werden Sie sagen? Die genaue Situation, lieber Leser, war wie folgt: sein Geist war in körperlosem Zustand in die Empfangshalle geschwebt, wo er den jadebringenden Mönch sah und ihn mit einer Verbeugung begrüßte. Der Mönch erhob sich, berührte ihn an der Hand und verschwand. Bau-yüs Geist folgte, leicht wie eine Feder im Wind. Sie begaben sich auf den Weg nach draußen, nicht um am Eingang zu verweilen. Doch dann konnte er den Weg nicht mehr erkennen, und sie erreichten einen offenen Raum, eine Wildnis, wo er in der Ferne einen ihm merkwürdig bekannten Torbogen erblickte. Er wollte den Mönch gerade fragen, was es war, als eine nebelhafte weibliche Gestalt hinter ihm erschien.
 
„Was macht so eine wunderschöne Kreatur an einem so verlassenen Ort?“, fragte sich Bau-yü. „Sie muß eine Göttin auf Erden sein.“
 
Er näherte sich ihr und schaute sie genau an. Ihr Gesicht war ihm so vertraut wie der Torweg, doch irgendwie konnte er sich nicht daran erinnern, wer sie war. Sie begrüßte den Mönch und verschwand plötzlich aus der Sicht. Im selben Moment fiel Bau-yü ein, wem sie ähnelte: You San-djie. Was hatte sie hier zu suchen? Noch verwirrter als vorher, wollte er nun den Mönch befragen. Doch bevor er das konnte, führte der Mönch ihn an der Hand durch den Torweg. Inmitten des Bogens war folgende Inschrift zu lesen:
 
Das Paradies der Wahrheit
 
Ein Reimpaar in kleineren Buchstaben stand auf beiden Seiten:
 
„Wenn dasErdichtete schwindet und Wahrheit erscheint,
 
Wird die Wahrheit siegen;
 
Obwohl das Unwirkliche einst wirklich war,
 
Ist das Wirkliche niemals unwirklich.“
 
Als sie den Torweg durchquert hatten, erreichten sie plötzlich ein Palasttor, über dem in wagerechter Ausrichtung geschrieben stand:
 
„Gesegnet seien die Tugendhaften, Unglück den Verdorbenen.
 
Folgende Worte waren senkrecht auf beiden Seiten zu lesen:
 
„Der menschliche Geist kann niemals die Geheimnisse der Zeit erfassen, und die engste Sippe kann niemals das Schicksal herausfordern.“
 
‚Nun...‘, dachte Bau-yü bei sich, ‚es ist Zeit, daß ich mehr über das Wirken des Schicksals erfahre.‘ Als er daran dachte, sah er unter den Leuten Yüan-yang etwas entfernt stehen, winkte und rief nach ihr.
 
‚Nach all der Zeit bin ich immer noch im Garten daheim!‘ überlegte er erstaunt. ‚Doch warum hat es sich so verändert?‘
 
Er eilte voran, um mit Yüan-yang zu sprechen, doch kurz darauf war sie verschwunden, und er stand alleine dort, noch verwirrter als zuvor. Er ging weiter zu dem Ort, an dem Yüan-yang gestanden hatte, und dabei bemerkte er eine Reihe von Gebäuden neben sich und über den Eingängen eines jeden Gebäudes hing ein Namensschild. Er hatte nicht das Bedürfnis, sich die Gebäude näher anzusehen, sondern suchte weiter nach Yüan-yang. Der Eingang hinter der Stelle, an der sie gestanden hatte, war halb geöffnet, doch er wagte nicht einzutreten, er wollte lieber seinen Führer dazu befragen. Und als er sich gerade nach ihm umsehen wollte, war der Mönch verschwunden. Bau-yü war verwirrt. Die Gebäude um ihn herum erschienen ihm auf einmal sehr groß, und es schien Bau-yü allmählich, daß dies überhaupt nicht der Garten des Großen Anblicks war. Er stand still und hob seinen Kopf, um die Worte über dem Torweg direkt vor ihm zu lesen:
 
Erwacht durch die Narrheit der Liebe
 
Das Reimpaar an jeder Seite lautete:
 
„Lächeln der Zufriedenheit, Tränen des Kummers, alles ist Täuschung;
 
Jedes Streben entspringt einzig der Narrheit.“
 
Bau-yü senkte seinen Kopf und seufzte. Er wollte immer noch den Torweg durchschreiten und nach Yüan-yang suchen, um zu fragen, was dies für ein Ort sei. Er spürte das wachsende Gefühl, er sei bereits einmal da gewesen. Zuletzt faßte er den Mut, die Tür zu öffnen und ging hinein. Er schaute überall, aber fand keine Spur von Yüan-yang. Es war innen stockfinster und er wollte gerade seiner Angst nachgeben und wieder heraus gehen, als seine Augen in der Dunkelheit verschwommen die Formen eines Dutzend großer Schränke erspähte, ihre Türen waren zwar zu, doch nicht verschlossen. Eine plötzliche Erkenntnis erleuchtete ihn: ‚Ich weiß, daß ich hier schon irgendwie gewesen bin. Ich erinnere mich daran. Es war in einem Traum. Was für ein Segen, in eine Traumszene meiner Kindheit zurückzukehren!‘
 
Plötzlich hatte er in seiner Verwirrung seine eigentliche Absicht, Yüan-yang zu finden, vergessen und gab sich der neuen Neugierde über das hin, was vor ihm lag. Er nahm seinen Mut zusammen und öffnete die Tür des er­sten Schrankes. Darin sah er eine große Zahl an Registern, und er schwebte in einem Rausch der Begeisterung. ‚Die Leute sagen immer, daß Träume Illusion sind‘, dachte er bei sich, „doch dieser scheint wahr zu sein! Wie oft habe ich mir gewünscht, diesen Traum noch einmal zu träumen! Und jetzt bin ich hier, und mein Wunsch ist wahr geworden. Ich frage mich, ob es die Register sind, die ich gesehen habe?
 
Er streckte seine Hand aus, nahm eines und hielt es in der Hand. Es trug die Aufschrift „Nanking, zwölf Schönheiten der Hauptliste“.
 
‚Ich erinnere mich‘, dachte er bei sich, ‚glaube ich... Wenn ich mich nur genau erinnern könnte!‘
 
Er schlug die erste Seite auf und betrachtete ein Bild, doch eines, das so verschwommen war, daß er kaum sagen konnte, was es darstellte.
 
  
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Schatzjade wollte gerade weitere Gründe darlegen, warum sie nicht umziehen sollten, als Frau König jemanden herüberschickte, der sagte: „Die Zweite Herrin Kette hat den letzten Atem getan. Alle sind schon hinübergegangen — der Zweite junge Herr und die Zweite junge Herrin mögen bitte sogleich kommen." Als Schatzjade das hörte, konnte auch er sich nicht beherrschen, stampfte mit dem Fuß auf und wollte weinen. Schatzspange war zwar ebenfalls betrübt, fürchtete aber, Schatzjade könnte sich zu sehr grämen, und sagte: „Anstatt hier zu weinen, sollten wir besser dort drüben weinen." So gingen die beiden geradewegs zu Phönixglanz' Gemächern. Dort sahen sie, wie viele Leute um sie herumstanden und weinten. Schatzspange trat vor, sah, dass Phönixglanz bereits auf dem Totenbett aufgebahrt war, und brach in lautes Weinen aus. Schatzjade ergriff Kette Kaufmanns<ref>Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.</ref> Hand, und beide weinten hemmungslos. Kette Kaufmann weinte von Neuem. Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.</ref> und die anderen sahen, dass niemand tröstete, und kamen mit verhaltener Trauer herbei, um die Weinenden zu beruhigen. Alle trauerten ohne Unterlass.
[[Category:Hongloumeng]]
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Kette Kaufmann wusste sich keinen Rat. Er ließ Lai Da rufen, um ihn mit der Beisetzung zu beauftragen. Dann meldete er alles Aufrecht Kaufmann<ref>Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann". Schatzjades Vater.</ref> und ging an die Ausführung. Doch die Mittel waren knapp und alles war beengt. Als er an Phönixglanz' einstige Verdienste dachte, weinte er noch bitterer. Und als er sah, wie die kleine Jie<ref>Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.</ref> weinte, als wolle sie sterben, war er noch betrübter. Er weinte, bis der Tag anbrach, und schickte sogleich jemanden, um seinen Schwager König Ren<ref>Chin. 王仁 Wáng Rén. Phönixglanz' Bruder mütterlicherseits.</ref> herbeizubitten.
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Jener König Ren hatte, seitdem König Ziteng gestorben war — und König Zisheng, ein unfähiger Mensch, ihm freie Hand ließ — , bereits alle sechs Verwandtschaftsgrade gegeneinander aufgebracht. Nun, als er vom Tod seiner Schwester erfuhr, eilte er herbei und weinte eine Runde. Als er sah, dass hier alles nur notdürftig hergerichtet war, wurde er unwillig und sagte: „Meine Schwester hat jahrelang in eurer Familie mühsam den Haushalt geführt, ohne sich etwas zuschulden kommen zu lassen. Ihr solltet sie gebührend bestatten! Warum ist jetzt noch nichts richtig vorbereitet?" Kette Kaufmann war mit König Ren von jeher nicht gut ausgekommen. Als er dessen unsinnige Reden hörte, wusste er, dass er von nichts eine Ahnung hatte, und beachtete ihn kaum.
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König Ren rief daraufhin seine Nichte Jie herbei und sagte: „Als deine Mutter noch lebte, hat sie die Dinge nie richtig gehandhabt und nur immer der Herzoginmutter geschmeichelt, während sie unsere Leute kaum eines Blickes würdigte. Nichte, du bist inzwischen groß genug — hast du je gesehen, dass ich euch auch nur ein einziges Mal ausgenutzt hätte? Jetzt, da deine Mutter tot ist, musst du in allen Dingen auf deinen Onkel hören. Von der mütterlichen Seite deiner Mutter sind nur noch ich und dein Zweiter Großonkel übrig. Deines Vaters Art kenne ich auch: er hat nur für andere Respekt — damals, als die Tante You starb, war ich zwar nicht in der Hauptstadt, aber ich habe gehört, dass er viel Silber ausgegeben hat. Jetzt aber, da deine Mutter gestorben ist, richtet dein Vater alles so sparsam aus — sagst du ihm denn kein Wort?" Jie antwortete: „Mein Vater hätte liebend gern alles prachtvoll ausgerichtet, doch die Zeiten sind nicht mehr wie früher. Er hat kein Geld in der Hand, darum muss bei allem gespart werden." König Ren sagte: „Hast du denn nicht genug eigene Sachen?" Jie antwortete: „Letztes Jahr bei der Hausdurchsuchung — was ist denn noch übrig geblieben?" König Ren sagte: „Du redest auch so! Ich habe gehört, dass die Herzoginmutter wieder allerhand Dinge verschenkt hat — die solltest du hervorholen." Jie wollte nicht sagen, dass ihr Vater alles verbraucht hatte, und schob vor, sie wisse nichts davon. König Ren sagte darauf: „Oho! Ich verstehe schon — du willst es dir nur als Mitgift aufheben!" Als Jie das hörte, wagte sie nicht zu widersprechen; sie konnte nur unter Schluchzen und Würgen aufweinen.
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Friedchen wurde ärgerlich und sagte: „Herr Schwager, wenn Sie etwas zu besprechen haben, warten Sie, bis unser Zweiter Herr hereinkommt. Das Fräulein ist noch so jung — was versteht sie davon?" König Ren sagte: „Ihr wartet doch nur darauf, dass die Zweite Herrin stirbt, damit ihr selbst das Sagen habt. Ich will ja gar nichts — aber ein anständiges Begräbnis wäre auch euer Ansehen." So sagte er und setzte sich trotzig hin.
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Jie fühlte sich zutiefst unwohl und dachte: „Mein Vater ist keineswegs herzlos. Als meine Mutter noch lebte, hat der Onkel wer weiß wie viele Dinge mitgenommen — und jetzt redet er so, als wäre nichts gewesen." Von da an blickte sie auf ihren Onkel herab. König Ren aber dachte sich seinerseits, seine Schwester müsse so einiges angehäuft haben: „Auch wenn das Haus durchsucht wurde — an Silber in ihren Zimmern kann es doch nicht fehlen! Die fürchten nur, ich könnte sie bedrängen, und deshalb redet sie auch so. Dieses kleine Ding taugt auch nichts." Von da an hegte auch König Ren Groll gegen Jie.
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Kette Kaufmann wusste von alledem nichts; er war nur damit beschäftigt, Silber aufzutreiben. Die großen Angelegenheiten draußen überließ er Lai Da; drinnen aber wurde ebenfalls viel Geld gebraucht, und es war auf die Schnelle unmöglich, alles zusammenzubringen. Friedchen sah, wie besorgt er war, und sagte zu Kette Kaufmann: „Der Zweite Herr sollte sich nicht durch übermäßige Trauer selbst zugrunde richten." Kette Kaufmann sagte: „Was für ein Körper! Schon für die täglichen Ausgaben ist kein Geld da — wie soll diese Angelegenheit bezahlt werden? Und dann sitzt da noch dieser unsinnige Kerl und macht Ärger — was soll man da tun?" Friedchen sagte: „Der Zweite Herr braucht sich nicht zu sorgen. Was Geld angeht, habe ich noch einige Dinge. Letztes Jahr zum Glück wurden sie bei der Hausdurchsuchung nicht mitgenommen. Wenn der Zweite Herr sie braucht, nehme er sie und versetze sie." Als Kette Kaufmann das hörte, dachte er bei sich: „Wie schätzenswert!" Er lächelte und sagte: „Das ist noch besser, dann brauche ich mich nicht überall abzumühen. Wenn ich Silber aufgetrieben habe, gebe ich es dir zurück." Friedchen sagte: „Was ich habe, hat mir auch die gnädige Herrin gegeben — von Zurückgeben kann keine Rede sein. Hauptsache, diese Angelegenheit wird anständig ausgerichtet."
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Kette Kaufmann war ihr von Herzen dankbar. Er nahm Friedchens Sachen, versetzte sie und verwendete das Geld. Alle Angelegenheiten besprach er fortan mit Friedchen. Herbstzither<ref>Chin. 秋桐 Qiūtóng, wörtl. „Herbstzither". Nebenfrau von Kette Kaufmann.</ref> sah das mit Missgunst und sagte bei jeder Gelegenheit: „Seit die gnädige Herrin tot ist, will Friedchen nach oben aufsteigen. Ich bin eine Frau des gnädigen Herrn — wie kann sie mich einfach übergehen?" Friedchen merkte das wohl, beachtete sie aber nicht. Kette Kaufmann hingegen wurde nur umso klarer im Kopf und begann, Herbstzither zu verabscheuen. Wenn er verärgert war, ließ er seinen Zorn an Herbstzither aus. Erste Frau Strafe<ref>Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén. Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.</ref> erfuhr davon und gab stattdessen Kette Kaufmann die Schuld. Kette Kaufmann schluckte seinen Ärger und schwieg.
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Was nun Phönixglanz betrifft: Nachdem sie etwas mehr als zehn Tage aufgebahrt worden war, wurde sie zu Grabe getragen. Aufrecht Kaufmann hielt die Trauerzeit für die Herzoginmutter ein und blieb in seinem äußeren Arbeitszimmer. Die Gesellschafter und Berater hatten sich nach und nach verabschiedet; nur noch ein gewisser Cheng Rixing war geblieben und leistete ihm bisweilen Gesellschaft beim Plaudern. Man sprach über das Unglück der Familie: „Einer nach dem anderen ist gestorben, der Erste Herr und der Herr Zhen sind draußen in der Verbannung, die Haushaltskasse wird von Tag zu Tag knapper, und wie es um die Ländereien im Osten steht, weiß auch niemand — es steht schlecht um alles!"
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Jener Cheng Rixing sagte: „Ich bin schon viele Jahre hier und kenne die Leute dieses Hauses. Wer hat sich denn nicht die eigenen Taschen gefüllt? Jahr für Jahr haben sie alles in ihre eigenen Häuser geschafft — da ist es nur natürlich, dass das Vermögen des gnädigen Hauses von Jahr zu Jahr schwindet. Dazu kommen die Ausgaben für den Ersten Herrn und den Herrn Zhen an zwei verschiedenen Orten; draußen gibt es Schulden; und neulich hat man wieder viel Geld verloren. Auf die Behörden zu hoffen, dass sie die Diebe fassen und die gestohlenen Güter wiederbeschaffen — das ist aussichtslos. Wenn der gnädige Herr die Haushaltsangelegenheiten in Ordnung bringen will, muss er die Verwalter zu sich rufen und einen Vertrauensmann losschicken, um überall gründlich nachzuprüfen: Was weg muss, muss weg; was bleiben soll, soll bleiben; wo Fehlbeträge sind, müssen die Verantwortlichen Ersatz leisten. Dann hat man klare Verhältnisse. Jener große Garten — den wagt kein Fremder zu kaufen. Die Erträge daraus sind beträchtlich, doch es ist niemand mehr damit beauftragt, ihn zu verwalten. In den Jahren, da der gnädige Herr nicht zu Hause war, haben die Leute dort allerhand Spuk und Geistergeschichten inszeniert, sodass sich niemand mehr in den Garten traut — das ist alles das Werk der Hausdiener. Wenn man jetzt die Untergebenen überprüft und die Guten behält, die Schlechten aber fortjagt — das wäre der rechte Weg."
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Aufrecht Kaufmann nickte und sagte: „Herr Cheng, da gibt es manches, was Sie nicht wissen. Von den Untergebenen einmal abgesehen — nicht einmal auf die eigenen Neffen kann ich mich verlassen. Wenn ich das alles überprüfen wollte, wie sollte ich alles selbst sehen und selbst erfahren? Zudem bin ich in der Trauerzeit und kann mich um solche Dinge nicht kümmern. Ich habe mich von jeher nicht viel um den Haushalt gekümmert — ob etwas da ist oder nicht, davon habe ich kaum eine Vorstellung." Cheng Rixing sagte: „Der gnädige Herr ist ein Mensch von höchster Güte und Milde. In einem anderen Hause könnte man, selbst wenn das Vermögen zusammengeschrumpft wäre, noch zehn oder fünfzehn Jahre davon leben. Man bräuchte nur die Verwalter zur Rechenschaft zu ziehen — das allein würde genügen. Ich habe gehört, dass unter den Hausdienern des gnädigen Herrn sogar einer ist, der es zum Bezirksvorsteher gebracht hat." Aufrecht Kaufmann sagte: „Wenn ein Herr erst einmal anfängt, das Geld seiner Diener einzutreiben, dann ist es um ihn geschehen. Es ist besser, selbst sparsamer zu leben. Doch die Güter und Besitzungen, die in den Büchern verzeichnet sind — wenn die wirklich noch vorhanden sind, ist es gut; ich fürchte nur, dass sie nur dem Namen nach existieren, ohne dass etwas Reales dahintersteckt." Cheng Rixing sagte: „Eben darum sage ich ja, dass eine Überprüfung nötig ist!" Aufrecht Kaufmann sagte: „Sie müssen etwas gehört haben." Cheng Rixing sagte: „Obwohl ich einiges über die Machenschaften der Verwalter weiß, wage ich nicht, darüber zu sprechen." Als Aufrecht Kaufmann das hörte, merkte er, dass hinter diesen Worten etwas steckte, und seufzte: „Seit meinem Großvater und Urgroßvater ist unser Haus stets gütig und milde gewesen — nie hat man die Untergebenen schlecht behandelt. Ich sehe aber, dass die heutigen Leute mit jedem Tag schlimmer werden. Wenn ich nun in meiner Person den strengen Herrn hervorkehre, macht man sich über mich lustig."
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Während die beiden noch sprachen, kam der Türhüter herein und meldete: „Der alte Herr Zhen aus Jiangnan ist eingetroffen." Aufrecht Kaufmann fragte: „Was führt den Herrn Zhen in die Hauptstadt?" Der Diener antwortete: „Euer Diener hat sich erkundigt — es heißt, er sei durch kaiserliche Gnade wieder in sein Amt eingesetzt worden." Aufrecht Kaufmann sagte: „Dann erübrigt sich jedes weitere Wort — bitten Sie ihn schnell herein." Der Diener ging hinaus und führte den Gast herein.
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Jener Herr Zhen war niemand anderes als der Vater von Zhen Schatzjade<ref>Chin. 甄宝玉 Zhēn Bǎoyù, wörtl. „Wahrer Kostbare Jade". Schatzjades Doppelgänger aus der Familie Echt.</ref> — er hieß Zhen Yingjia, mit dem Beinamen Youzhong, stammte ebenfalls aus Jinling und war ein Nachkomme verdienter Beamter. Er war seit Langem mit dem Hause Kaufmann verwandt und hatte regen Umgang mit ihnen gepflogen. Vor zwei Jahren war er durch eine Verwicklung seines Amtes enthoben und sein Familienbesitz eingezogen worden. Nun aber hatte der Kaiser sich der Verdienste seiner Ahnen erinnert, ihm seinen erblichen Titel zurückgegeben und ihn zur Audienz in die Hauptstadt befohlen. Da er vom jüngsten Ableben der Herzoginmutter erfahren hatte, brachte er besondere Opfergaben mit, wählte einen Tag, um am Ort der vorläufigen Aufbahrung seinen Respekt zu erweisen, und kam deshalb zunächst zu einem Besuch vorbei.
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Aufrecht Kaufmann trug Trauerkleidung und konnte den Gast nicht draußen empfangen; er wartete an der Tür des äußeren Arbeitszimmers. Als jener Herr Zhen ihn erblickte, war er zugleich traurig und froh. Da man sich in der Trauerzeit befand, konnte man die üblichen Höflichkeitsformen nicht einhalten; so ergriff er seine Hände und tauschte Worte der Sehnsucht und des langen Getrenntseins aus. Dann setzten sie sich nach Gast und Gastgeber getrennt, Tee wurde gereicht, und beide erzählten einander von den Geschehnissen seit ihrer Trennung. Aufrecht Kaufmann fragte: „Wann hat der verehrte Herr Schwager die Audienz gehabt?" Zhen Yingjia antwortete: „Vorgestern." Aufrecht Kaufmann sagte: „Des Kaisers Gnade ist groß — gewiss gab es gnädige Weisungen." Zhen Yingjia sagte: „Die Gnade Seiner Majestät ist wahrlich höher als der Himmel — er hat eine ganze Reihe von Erlassen herabgegeben." Aufrecht Kaufmann fragte: „Was für günstige Erlasse?" Zhen Yingjia sagte: „In letzter Zeit treiben die Piraten in Zhejiang ihr Unwesen, und die Bevölkerung an den Küsten kommt nicht zur Ruhe. Der Anguo-Gong wurde mit einem Feldzug gegen die Räuber beauftragt. Da Seine Majestät weiß, dass ich mit der Gegend vertraut bin, hat er mir befohlen, dorthin zu gehen und das Volk zu beruhigen. Ich muss allerdings sogleich aufbrechen. Als ich gestern vom Hinscheiden der alten Gnädigen Frau erfuhr, habe ich eine bescheidene Räucherung vorbereitet, um am Traueraltar meinen Respekt zu erweisen und ein wenig meine aufrichtige Anteilnahme auszudrücken."
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Aufrecht Kaufmann dankte sogleich mit einer tiefen Verbeugung und sagte: „Mit dieser Reise wird der verehrte Herr Schwager gewiss das kaiserliche Herz beruhigen und das Volk befrieden. Das ist wahrhaftig ein großes Verdienst und liegt ganz in dieser Reise. Nur dass ich die glänzenden Taten nicht mit eigenen Augen werde sehen können — ich werde aus der Ferne auf Siegesnachrichten lauschen. Der kommandierende General an der Küste ist ein Verwandter meines bescheidenen Hauses — wenn Sie ihn treffen, bitte ich um Ihre gütige Fürsorge." Zhen Yingjia fragte: „In welcher verwandtschaftlichen Beziehung steht der gnädige Herr zum Kommandierenden General?" Aufrecht Kaufmann sagte: „Als ich damals das Amt des Getreidewegeinspektors in Jiangxi bekleidete, habe ich meine Tochter mit dem Sohn des Kommandierenden Generals verlobt; sie sind inzwischen drei Jahre verheiratet. Wegen des Falles an der Hafenmündung und wegen der Seeräuber war der Briefverkehr unterbrochen. Ich sorge mich sehr um meine Tochter. Wenn der verehrte Herr Schwager die Befriedung abgeschlossen hat, bitte ich ihn, bei Gelegenheit einmal nach ihr zu sehen. Ich werde einige Zeilen verfassen und sie einem Diener des Herrn Schwager mitgeben — das wäre mir eine große Erleichterung."
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Zhen Yingjia sagte: „Die Sorge um Söhne und Töchter — das ist nur menschlich. Ich hätte seinerseits auch eine Bitte an den verehrten Herrn Schwager: Durch die kaiserliche Gnade nach der Hauptstadt berufen, habe ich, da mein Sohn noch jung ist und es an Leuten im Hause fehlt, meine ganze Familie mitgebracht. Da ich unter kaiserlichem Eilbefehl stehe, bin ich Tag und Nacht vorausgereist; meine Familie folgt in langsamerer Reise und wird noch einige Tage bis zur Ankunft in der Hauptstadt brauchen. Da ich den kaiserlichen Befehl habe und die Hauptstadt rasch verlassen muss, kann ich mich nicht lange aufhalten. Wenn meine Familie in der Hauptstadt eingetroffen ist, wird sie gewiss das verehrte Haus aufsuchen, und ich werde meinen unbedeutenden Sohn zum Besuch vorbeischicken. Wenn er belehrt werden kann und sich eine günstige Gelegenheit für eine Heirat ergibt, bitte ich um wohlwollende Aufmerksamkeit." Aufrecht Kaufmann sagte zu allem Ja und Amen. Jener Zhen Yingjia sprach noch einige Worte und wollte dann aufbrechen mit den Worten: „Morgen sehen wir uns außerhalb der Stadt noch einmal." Aufrecht Kaufmann sah, dass er es eilig hatte und wohl kaum länger bleiben konnte, und geleitete ihn bis zum Arbeitszimmer hinaus.
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Kette Kaufmann und Schatzjade hatten schon die ganze Zeit draußen gewartet, um den Gast zu verabschieden; da Aufrecht Kaufmann sie aber nicht gerufen hatte, wagten sie nicht, eigenmächtig einzutreten. Als Zhen Yingjia herauskam, traten die beiden vor und begrüßten ihn. Zhen Yingjia erblickte Schatzjade und stutzte einen Moment — in Gedanken sagte er sich: „Wie kann der meinem Schatzjade so ähnlich sehen? Nur dass er ganz in weiße Trauerkleidung gehüllt ist." Er sagte: „Als nahe Verwandte, die sich so lange nicht gesehen haben — die jungen Herren erkenne ich nicht mehr." Aufrecht Kaufmann zeigte eilig auf Kette Kaufmann und sagte: „Dies ist der zweite Sohn meines älteren Bruders Begnadigung Kaufmann — Kette." Dann zeigte er auf Schatzjade und sagte: „Dies ist mein zweiter unbedeutender Sohn, er heißt Schatzjade." Zhen Yingjia klatschte in die Hände und rief: „Erstaunlich! Zu Hause habe ich gehört, dass der verehrte Herr Schwager einen geliebten Sohn hat, der mit einem Jadestück im Mund zur Welt kam und Schatzjade heißt — da er denselben Namen trägt wie mein Sohn, fand ich das höchst verwunderlich. Dann aber dachte ich, solche Dinge kommen ja vor, und dachte nicht weiter darüber nach. Doch dass er, nun da ich ihn heute sehe, nicht nur das gleiche Gesicht hat, sondern auch dieselbe Art und Weise — das ist wahrhaft erstaunlich!" Er fragte nach dem Alter und sagte: „Er ist ein Jahr jünger als unser Junge." Aufrecht Kaufmann erwähnte dann noch, wie er seinerzeit durch eine Empfehlung den Bao Yong<ref>Chin. 包勇 Bāo Yǒng, wörtl. „Tapferer Bao". Von der Familie Echt empfohlener Wächter.</ref> aufgenommen habe, und erzählte auch die Geschichte, wie sein Sohn denselben Namen trage. Zhen Yingjia aber hatte nur Augen für Schatzjade und kümmerte sich nicht weiter um Bao Yongs Ergehen; er sagte nur immer wieder: „Wahrhaft erstaunlich, wahrhaft erstaunlich!" Er fasste Schatzjade bei der Hand und war überaus herzlich. Doch weil er fürchtete, der Anguo-Gong könnte bald aufbrechen, und er dringend die Reise vorbereiten musste, riss er sich nur mit Mühe los und ging langsam. Kette Kaufmann und Schatzjade geleiteten ihn hinaus und beantworteten unterwegs noch viele Fragen nach Schatzjade; dann erst stieg Zhen Yingjia in seine Kutsche. Kette Kaufmann und Schatzjade kehrten zurück, meldeten sich bei Aufrecht Kaufmann und berichteten die Fragen, die Zhen Yingjia gestellt hatte. Aufrecht Kaufmann entließ die beiden. Kette Kaufmann ging, um die Abrechnung der Bestattungskosten für Phönixglanz vorzunehmen.
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Schatzjade kehrte in sein eigenes Zimmer zurück und erzählte Schatzspange alles. Er sagte: „Den immer wieder erwähnten Zhen Schatzjade — ich dachte, es wäre unmöglich, ihn je zu sehen, doch heute habe ich zuerst einmal seinen Vater getroffen. Ich habe auch gehört, dass Schatzjade in wenigen Tagen in der Hauptstadt eintrifft und unseren Herrn Vater besuchen will. Auch er sagt, er sehe genauso aus wie ich — ich kann es einfach nicht glauben. Wenn er in den nächsten Tagen zu uns kommt, geht alle und schaut euch an, ob er mir wirklich ähnlich sieht!" Schatzspange hörte das und sagte: „Ach! Wie redest du denn — immer wirrer! Dass ein fremder Mann dir ähnlich sieht, muss man ja nicht gleich aussprechen, und dann noch uns auffordern, ihn anzuschauen!" Als Schatzjade das hörte, merkte er, dass er sich verplappert hatte; sein Gesicht wurde rot, und er wollte hastig eine Erklärung nachschieben.
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Was er dann sagte, wird im nächsten Kapitel erzählt.
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<ref>Yuque 玉阙 — bezeichnet den Kaiserpalast oder den Hof. Aus einem Gedicht von Kaiser Taizong der Tang-Dynastie: „Sie hängen herab am Jadehof in abgestufter Pracht, entfalten und rollen sich vor dem Orchideenpalast."</ref><ref>Zhanran 沾染 — hier im Sinne von: sich wirtschaftlich bereichern, Vorteile ziehen.</ref><ref>Wenyu 温谕 — ehrerbietige Bezeichnung für kaiserliche Erlasse, im Sinne von: des Kaisers gnädige Fürsorge für seine Untertanen.</ref><ref>Yuekou 越寇 — Piraten in der Gegend des heutigen Zhejiang. Yue: Gebiet des antiken Staates Yue zur Zeit der Frühlings- und Herbstannalen, dessen Hauptstadt Kuaiji dem heutigen Shaoxing entspricht.</ref><ref>Banxiang 瓣香 — ursprünglich ein in Scheiben gespaltener Aloeholz-Weihrauch, der zur Verehrung Buddhas und hochgestellter Personen verwendet wird; hier allgemein für Räucherwerk und zugleich Ausdruck der Ehrerbietung.</ref><ref>Weichen 微忱 — bescheidene Selbstbezeichnung für die eigene aufrichtige Anteilnahme.</ref><ref>Zunji 尊纪 — ehrerbietige Bezeichnung für die Diener eines anderen. Ji ist die Kurzform von jigang 纪纲, was „Diener" bedeutet, abgeleitet aus dem Zuozhuan, Herzog Xi, 24. Jahr.</ref>
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<small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
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Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Kapitel 114 Phönixglanz[1] durchwandert die Illusionen und kehrt nach Jinling zurück Zhen Yingjia[2] empfängt kaiserliche Gnade und kehrt an den Jadehof zurück

Es wird erzählt, dass Schatzjade[3] und Schatzspange[4], als sie hörten, Phönixglanz sei in kritischem Zustand, eilig aufstanden. Die Dienstmädchen hielten Kerzen bereit und warteten auf. Gerade als sie den Hof verlassen wollten, schickte Frau König[5] jemanden herüber, der sagte: „Der Zweiten Herrin Kette geht es schlecht, doch sie hat den letzten Atem noch nicht getan. Der Zweite junge Herr und die Zweite junge Herrin mögen noch ein wenig warten. Die Krankheit der Zweiten Herrin Kette hat etwas Seltsames an sich: Von der dritten Nachtwache bis zur vierten hat sie ununterbrochen geredet, allerlei wirres Zeug gesagt, nach Boot und Sänfte verlangt und immer nur davon gesprochen, sie müsse eilig nach Jinling, um dort in irgendein Register eingetragen zu werden. Niemand versteht, was sie meint; sie weint und schreit nur. Der Zweite Herr Kette wusste sich keinen Rat und ließ ein Papierboot und eine Papiersänfte basteln, doch die sind noch nicht fertig. Die Zweite Herrin Kette liegt keuchend da und wartet. Die Gnädige Frau schickt uns zu sagen: Wartet, bis die Zweite Herrin Kette gegangen ist, und kommt dann erst herüber."

Schatzjade sagte: „Das ist ja merkwürdig! Was will sie denn in Jinling?" Dufthauch[6] flüsterte leise: „Erinnerst du dich an den Traum, den du damals hattest? Ich weiß noch, du hast von vielen Registern erzählt. Könnte es sein, dass die Zweite Herrin Kette dorthin geht?" Als Schatzjade das hörte, nickte er und sagte: „Ja, stimmt! Leider kann ich mich an die Worte darin nicht mehr erinnern. So betrachtet, hat also jeder Mensch ein vorbestimmtes Schicksal. Ich frage mich nur, wohin die Schwester Lin gegangen ist. Jetzt, wo du mich daran erinnerst, beginne ich manches zu verstehen. Wenn ich diesen Traum noch einmal träumen könnte, würde ich ganz genau hinschauen — dann hätte ich die Gabe, die Zukunft vorherzusehen." Dufthauch sagte: „Mit einer Person wie dir kann man wirklich nicht reden! Ich habe nur beiläufig etwas erwähnt, und schon nimmst du es für bare Münze. Und selbst wenn du die Zukunft kennen würdest — was könntest du denn daran ändern?" Schatzjade sagte: „Ich fürchte nur, dass ich die Zukunft nicht sehen kann; wenn ich es aber könnte, bräuchte ich mir euretwegen nicht mehr so vergeblich den Kopf zu zerbrechen."

Während die beiden noch sprachen, kam Schatzspange herüber und fragte: „Worüber redet ihr?" Schatzjade fürchtete, sie würde ihn ins Verhör nehmen, und sagte nur: „Wir sprechen über die Schwester Phönixglanz." Schatzspange sagte: „Der Mensch liegt im Sterben, und ihr führt immer noch Reden über sie. Letztes Jahr hast du noch gesagt, ich würde jemanden verwünschen — hat sich das Orakel denn nicht bewahrheitet?" Schatzjade dachte noch einmal nach, klatschte in die Hände und rief: „Richtig, richtig! So betrachtet, kannst du also tatsächlich die Zukunft vorhersagen. Dann frage ich dich doch gleich: Weißt du, wie es mir in Zukunft ergehen wird?" Schatzspange lachte und sagte: „Jetzt fängst du wieder an zu scherzen! Ich habe damals nur das Los, das sie gezogen hatte, auf gut Glück gedeutet — und du nimmst es für Ernst. Du und unsere Schwägerin, ihr seid ganz gleich: Als du deinen Jade verloren hattest, bat sie Wunderjade[7] um eine Geisterschrift, und als die Leute die Antwort nicht verstanden, sagte sie mir im Vertrauen, wie hellsichtig Wunderjade sei, wie tief sie in die Meditation eingedrungen sei und den Weg begriffen habe. Jetzt aber hat Wunderjade selbst dieses schwere Unglück erlitten — wie kann man da sagen, sie könne die Zukunft voraussehen? Und selbst wenn ich zufällig einmal richtig lag, was die Schwägerin betrifft — woher soll ich wirklich wissen, wie es um sie steht? Ich fürchte, ich weiß nicht einmal, was mir selbst bevorsteht. All diese Dinge sind von Grund auf nichtig und trügerisch — wie kann man ihnen Glauben schenken?"

Schatzjade sagte: „Sprechen wir nicht mehr davon. Sag mir lieber etwas über die Schwester Strafe. Seit bei uns hier ein Unglück nach dem anderen eintrifft, habe ich ihre Angelegenheit ganz vergessen. Eine so bedeutende Sache in eurer Familie — wie konnte sie so hastig und nachlässig abgetan werden, ohne Verwandte und Freunde einzuladen?" Schatzspange sagte: „Da sprichst du wieder weitschweifig! Von den Verwandten unserer Familie sind wir hier und die Wangs am nächsten; bei den Wangs gibt es keine tüchtigen Leute mehr; und bei uns hat es die große Trauerfeier für die Herzoginmutter gegeben, deshalb wurde auch niemand eingeladen — der Schwager Kette hat das Nötigste arrangiert. Es gibt zwar noch ein, zwei andere Verwandte, aber du warst ja nicht dort, woher willst du das wissen? Wenn man es bedenkt, ist das Schicksal unserer Schwägerin dem meinen recht ähnlich. Sie war ordentlich meinem Zweiten Bruder versprochen worden, und meine Mutter wollte ihm eigentlich eine angemessene Hochzeit ausrichten. Erstens aber sitzt mein älterer Bruder im Gefängnis, und der Zweite Bruder wollte ohnehin keine große Feier; zweitens wegen der Angelegenheiten in eurem Hause; und drittens hatte unsere Schwägerin es bei der Ersten Gnädigen Frau allzu schwer, und nach der Hausdurchsuchung wurde die Erste Gnädige Frau nur noch strenger — sie konnte es wirklich kaum noch ertragen. Darum habe ich mit meiner Mutter gesprochen, und so wurde sie eben notdürftig herübergeholt. Ich sehe, dass unsere Schwägerin jetzt geradezu aus ganzem Herzen meine Mutter versorgt und ehrt — besser als eine leibliche Schwiegertochter, ja zehnmal besser sogar; auch meinem Zweiten Bruder gegenüber erfüllt sie alle Pflichten einer Ehefrau; und mit Duftkastanie[8] versteht sie sich auch bestens — wenn der Zweite Bruder nicht zu Hause ist, leben die beiden friedlich und einträchtig miteinander. Obwohl es ihnen an Geld fehlt, hat meine Mutter in letzter Zeit mehr Ruhe und Behagen. Nur wenn sie an meinen älteren Bruder denkt, kann sie die Tränen nicht zurückhalten. Obendrein schickt er ständig Leute nach Hause, um Geld zu verlangen — zum Glück schafft es der Zweite Bruder, draußen bei den Geschäftsleuten etwas aufzutreiben, um ihn zufriedenzustellen. Ich habe gehört, dass einige Häuser in der Stadt bereits verpfändet worden sind und nur noch eines übrig ist; jetzt planen sie, dorthin umzuziehen."

Schatzjade sagte: „Warum denn umziehen? Wenn sie hier wohnen bleiben, hast du es doch bequemer, hin und her zu gehen; wenn sie weit weg ziehen, brauchst du einen ganzen Tag, um hinzugelangen." Schatzspange sagte: „Obwohl man verwandt ist, hat doch jeder seinen eigenen Haushalt, das ist angenehmer. Wo gibt es denn das, dass jemand ein Leben lang bei Verwandten wohnt?"

Schatzjade wollte gerade weitere Gründe darlegen, warum sie nicht umziehen sollten, als Frau König jemanden herüberschickte, der sagte: „Die Zweite Herrin Kette hat den letzten Atem getan. Alle sind schon hinübergegangen — der Zweite junge Herr und die Zweite junge Herrin mögen bitte sogleich kommen." Als Schatzjade das hörte, konnte auch er sich nicht beherrschen, stampfte mit dem Fuß auf und wollte weinen. Schatzspange war zwar ebenfalls betrübt, fürchtete aber, Schatzjade könnte sich zu sehr grämen, und sagte: „Anstatt hier zu weinen, sollten wir besser dort drüben weinen." So gingen die beiden geradewegs zu Phönixglanz' Gemächern. Dort sahen sie, wie viele Leute um sie herumstanden und weinten. Schatzspange trat vor, sah, dass Phönixglanz bereits auf dem Totenbett aufgebahrt war, und brach in lautes Weinen aus. Schatzjade ergriff Kette Kaufmanns[9] Hand, und beide weinten hemmungslos. Kette Kaufmann weinte von Neuem. Friedchen[10] und die anderen sahen, dass niemand tröstete, und kamen mit verhaltener Trauer herbei, um die Weinenden zu beruhigen. Alle trauerten ohne Unterlass.

Kette Kaufmann wusste sich keinen Rat. Er ließ Lai Da rufen, um ihn mit der Beisetzung zu beauftragen. Dann meldete er alles Aufrecht Kaufmann[11] und ging an die Ausführung. Doch die Mittel waren knapp und alles war beengt. Als er an Phönixglanz' einstige Verdienste dachte, weinte er noch bitterer. Und als er sah, wie die kleine Jie[12] weinte, als wolle sie sterben, war er noch betrübter. Er weinte, bis der Tag anbrach, und schickte sogleich jemanden, um seinen Schwager König Ren[13] herbeizubitten.

Jener König Ren hatte, seitdem König Ziteng gestorben war — und König Zisheng, ein unfähiger Mensch, ihm freie Hand ließ — , bereits alle sechs Verwandtschaftsgrade gegeneinander aufgebracht. Nun, als er vom Tod seiner Schwester erfuhr, eilte er herbei und weinte eine Runde. Als er sah, dass hier alles nur notdürftig hergerichtet war, wurde er unwillig und sagte: „Meine Schwester hat jahrelang in eurer Familie mühsam den Haushalt geführt, ohne sich etwas zuschulden kommen zu lassen. Ihr solltet sie gebührend bestatten! Warum ist jetzt noch nichts richtig vorbereitet?" Kette Kaufmann war mit König Ren von jeher nicht gut ausgekommen. Als er dessen unsinnige Reden hörte, wusste er, dass er von nichts eine Ahnung hatte, und beachtete ihn kaum.

König Ren rief daraufhin seine Nichte Jie herbei und sagte: „Als deine Mutter noch lebte, hat sie die Dinge nie richtig gehandhabt und nur immer der Herzoginmutter geschmeichelt, während sie unsere Leute kaum eines Blickes würdigte. Nichte, du bist inzwischen groß genug — hast du je gesehen, dass ich euch auch nur ein einziges Mal ausgenutzt hätte? Jetzt, da deine Mutter tot ist, musst du in allen Dingen auf deinen Onkel hören. Von der mütterlichen Seite deiner Mutter sind nur noch ich und dein Zweiter Großonkel übrig. Deines Vaters Art kenne ich auch: er hat nur für andere Respekt — damals, als die Tante You starb, war ich zwar nicht in der Hauptstadt, aber ich habe gehört, dass er viel Silber ausgegeben hat. Jetzt aber, da deine Mutter gestorben ist, richtet dein Vater alles so sparsam aus — sagst du ihm denn kein Wort?" Jie antwortete: „Mein Vater hätte liebend gern alles prachtvoll ausgerichtet, doch die Zeiten sind nicht mehr wie früher. Er hat kein Geld in der Hand, darum muss bei allem gespart werden." König Ren sagte: „Hast du denn nicht genug eigene Sachen?" Jie antwortete: „Letztes Jahr bei der Hausdurchsuchung — was ist denn noch übrig geblieben?" König Ren sagte: „Du redest auch so! Ich habe gehört, dass die Herzoginmutter wieder allerhand Dinge verschenkt hat — die solltest du hervorholen." Jie wollte nicht sagen, dass ihr Vater alles verbraucht hatte, und schob vor, sie wisse nichts davon. König Ren sagte darauf: „Oho! Ich verstehe schon — du willst es dir nur als Mitgift aufheben!" Als Jie das hörte, wagte sie nicht zu widersprechen; sie konnte nur unter Schluchzen und Würgen aufweinen.

Friedchen wurde ärgerlich und sagte: „Herr Schwager, wenn Sie etwas zu besprechen haben, warten Sie, bis unser Zweiter Herr hereinkommt. Das Fräulein ist noch so jung — was versteht sie davon?" König Ren sagte: „Ihr wartet doch nur darauf, dass die Zweite Herrin stirbt, damit ihr selbst das Sagen habt. Ich will ja gar nichts — aber ein anständiges Begräbnis wäre auch euer Ansehen." So sagte er und setzte sich trotzig hin.

Jie fühlte sich zutiefst unwohl und dachte: „Mein Vater ist keineswegs herzlos. Als meine Mutter noch lebte, hat der Onkel wer weiß wie viele Dinge mitgenommen — und jetzt redet er so, als wäre nichts gewesen." Von da an blickte sie auf ihren Onkel herab. König Ren aber dachte sich seinerseits, seine Schwester müsse so einiges angehäuft haben: „Auch wenn das Haus durchsucht wurde — an Silber in ihren Zimmern kann es doch nicht fehlen! Die fürchten nur, ich könnte sie bedrängen, und deshalb redet sie auch so. Dieses kleine Ding taugt auch nichts." Von da an hegte auch König Ren Groll gegen Jie.

Kette Kaufmann wusste von alledem nichts; er war nur damit beschäftigt, Silber aufzutreiben. Die großen Angelegenheiten draußen überließ er Lai Da; drinnen aber wurde ebenfalls viel Geld gebraucht, und es war auf die Schnelle unmöglich, alles zusammenzubringen. Friedchen sah, wie besorgt er war, und sagte zu Kette Kaufmann: „Der Zweite Herr sollte sich nicht durch übermäßige Trauer selbst zugrunde richten." Kette Kaufmann sagte: „Was für ein Körper! Schon für die täglichen Ausgaben ist kein Geld da — wie soll diese Angelegenheit bezahlt werden? Und dann sitzt da noch dieser unsinnige Kerl und macht Ärger — was soll man da tun?" Friedchen sagte: „Der Zweite Herr braucht sich nicht zu sorgen. Was Geld angeht, habe ich noch einige Dinge. Letztes Jahr zum Glück wurden sie bei der Hausdurchsuchung nicht mitgenommen. Wenn der Zweite Herr sie braucht, nehme er sie und versetze sie." Als Kette Kaufmann das hörte, dachte er bei sich: „Wie schätzenswert!" Er lächelte und sagte: „Das ist noch besser, dann brauche ich mich nicht überall abzumühen. Wenn ich Silber aufgetrieben habe, gebe ich es dir zurück." Friedchen sagte: „Was ich habe, hat mir auch die gnädige Herrin gegeben — von Zurückgeben kann keine Rede sein. Hauptsache, diese Angelegenheit wird anständig ausgerichtet."

Kette Kaufmann war ihr von Herzen dankbar. Er nahm Friedchens Sachen, versetzte sie und verwendete das Geld. Alle Angelegenheiten besprach er fortan mit Friedchen. Herbstzither[14] sah das mit Missgunst und sagte bei jeder Gelegenheit: „Seit die gnädige Herrin tot ist, will Friedchen nach oben aufsteigen. Ich bin eine Frau des gnädigen Herrn — wie kann sie mich einfach übergehen?" Friedchen merkte das wohl, beachtete sie aber nicht. Kette Kaufmann hingegen wurde nur umso klarer im Kopf und begann, Herbstzither zu verabscheuen. Wenn er verärgert war, ließ er seinen Zorn an Herbstzither aus. Erste Frau Strafe[15] erfuhr davon und gab stattdessen Kette Kaufmann die Schuld. Kette Kaufmann schluckte seinen Ärger und schwieg.

Was nun Phönixglanz betrifft: Nachdem sie etwas mehr als zehn Tage aufgebahrt worden war, wurde sie zu Grabe getragen. Aufrecht Kaufmann hielt die Trauerzeit für die Herzoginmutter ein und blieb in seinem äußeren Arbeitszimmer. Die Gesellschafter und Berater hatten sich nach und nach verabschiedet; nur noch ein gewisser Cheng Rixing war geblieben und leistete ihm bisweilen Gesellschaft beim Plaudern. Man sprach über das Unglück der Familie: „Einer nach dem anderen ist gestorben, der Erste Herr und der Herr Zhen sind draußen in der Verbannung, die Haushaltskasse wird von Tag zu Tag knapper, und wie es um die Ländereien im Osten steht, weiß auch niemand — es steht schlecht um alles!"

Jener Cheng Rixing sagte: „Ich bin schon viele Jahre hier und kenne die Leute dieses Hauses. Wer hat sich denn nicht die eigenen Taschen gefüllt? Jahr für Jahr haben sie alles in ihre eigenen Häuser geschafft — da ist es nur natürlich, dass das Vermögen des gnädigen Hauses von Jahr zu Jahr schwindet. Dazu kommen die Ausgaben für den Ersten Herrn und den Herrn Zhen an zwei verschiedenen Orten; draußen gibt es Schulden; und neulich hat man wieder viel Geld verloren. Auf die Behörden zu hoffen, dass sie die Diebe fassen und die gestohlenen Güter wiederbeschaffen — das ist aussichtslos. Wenn der gnädige Herr die Haushaltsangelegenheiten in Ordnung bringen will, muss er die Verwalter zu sich rufen und einen Vertrauensmann losschicken, um überall gründlich nachzuprüfen: Was weg muss, muss weg; was bleiben soll, soll bleiben; wo Fehlbeträge sind, müssen die Verantwortlichen Ersatz leisten. Dann hat man klare Verhältnisse. Jener große Garten — den wagt kein Fremder zu kaufen. Die Erträge daraus sind beträchtlich, doch es ist niemand mehr damit beauftragt, ihn zu verwalten. In den Jahren, da der gnädige Herr nicht zu Hause war, haben die Leute dort allerhand Spuk und Geistergeschichten inszeniert, sodass sich niemand mehr in den Garten traut — das ist alles das Werk der Hausdiener. Wenn man jetzt die Untergebenen überprüft und die Guten behält, die Schlechten aber fortjagt — das wäre der rechte Weg."

Aufrecht Kaufmann nickte und sagte: „Herr Cheng, da gibt es manches, was Sie nicht wissen. Von den Untergebenen einmal abgesehen — nicht einmal auf die eigenen Neffen kann ich mich verlassen. Wenn ich das alles überprüfen wollte, wie sollte ich alles selbst sehen und selbst erfahren? Zudem bin ich in der Trauerzeit und kann mich um solche Dinge nicht kümmern. Ich habe mich von jeher nicht viel um den Haushalt gekümmert — ob etwas da ist oder nicht, davon habe ich kaum eine Vorstellung." Cheng Rixing sagte: „Der gnädige Herr ist ein Mensch von höchster Güte und Milde. In einem anderen Hause könnte man, selbst wenn das Vermögen zusammengeschrumpft wäre, noch zehn oder fünfzehn Jahre davon leben. Man bräuchte nur die Verwalter zur Rechenschaft zu ziehen — das allein würde genügen. Ich habe gehört, dass unter den Hausdienern des gnädigen Herrn sogar einer ist, der es zum Bezirksvorsteher gebracht hat." Aufrecht Kaufmann sagte: „Wenn ein Herr erst einmal anfängt, das Geld seiner Diener einzutreiben, dann ist es um ihn geschehen. Es ist besser, selbst sparsamer zu leben. Doch die Güter und Besitzungen, die in den Büchern verzeichnet sind — wenn die wirklich noch vorhanden sind, ist es gut; ich fürchte nur, dass sie nur dem Namen nach existieren, ohne dass etwas Reales dahintersteckt." Cheng Rixing sagte: „Eben darum sage ich ja, dass eine Überprüfung nötig ist!" Aufrecht Kaufmann sagte: „Sie müssen etwas gehört haben." Cheng Rixing sagte: „Obwohl ich einiges über die Machenschaften der Verwalter weiß, wage ich nicht, darüber zu sprechen." Als Aufrecht Kaufmann das hörte, merkte er, dass hinter diesen Worten etwas steckte, und seufzte: „Seit meinem Großvater und Urgroßvater ist unser Haus stets gütig und milde gewesen — nie hat man die Untergebenen schlecht behandelt. Ich sehe aber, dass die heutigen Leute mit jedem Tag schlimmer werden. Wenn ich nun in meiner Person den strengen Herrn hervorkehre, macht man sich über mich lustig."

Während die beiden noch sprachen, kam der Türhüter herein und meldete: „Der alte Herr Zhen aus Jiangnan ist eingetroffen." Aufrecht Kaufmann fragte: „Was führt den Herrn Zhen in die Hauptstadt?" Der Diener antwortete: „Euer Diener hat sich erkundigt — es heißt, er sei durch kaiserliche Gnade wieder in sein Amt eingesetzt worden." Aufrecht Kaufmann sagte: „Dann erübrigt sich jedes weitere Wort — bitten Sie ihn schnell herein." Der Diener ging hinaus und führte den Gast herein.

Jener Herr Zhen war niemand anderes als der Vater von Zhen Schatzjade[16] — er hieß Zhen Yingjia, mit dem Beinamen Youzhong, stammte ebenfalls aus Jinling und war ein Nachkomme verdienter Beamter. Er war seit Langem mit dem Hause Kaufmann verwandt und hatte regen Umgang mit ihnen gepflogen. Vor zwei Jahren war er durch eine Verwicklung seines Amtes enthoben und sein Familienbesitz eingezogen worden. Nun aber hatte der Kaiser sich der Verdienste seiner Ahnen erinnert, ihm seinen erblichen Titel zurückgegeben und ihn zur Audienz in die Hauptstadt befohlen. Da er vom jüngsten Ableben der Herzoginmutter erfahren hatte, brachte er besondere Opfergaben mit, wählte einen Tag, um am Ort der vorläufigen Aufbahrung seinen Respekt zu erweisen, und kam deshalb zunächst zu einem Besuch vorbei.

Aufrecht Kaufmann trug Trauerkleidung und konnte den Gast nicht draußen empfangen; er wartete an der Tür des äußeren Arbeitszimmers. Als jener Herr Zhen ihn erblickte, war er zugleich traurig und froh. Da man sich in der Trauerzeit befand, konnte man die üblichen Höflichkeitsformen nicht einhalten; so ergriff er seine Hände und tauschte Worte der Sehnsucht und des langen Getrenntseins aus. Dann setzten sie sich nach Gast und Gastgeber getrennt, Tee wurde gereicht, und beide erzählten einander von den Geschehnissen seit ihrer Trennung. Aufrecht Kaufmann fragte: „Wann hat der verehrte Herr Schwager die Audienz gehabt?" Zhen Yingjia antwortete: „Vorgestern." Aufrecht Kaufmann sagte: „Des Kaisers Gnade ist groß — gewiss gab es gnädige Weisungen." Zhen Yingjia sagte: „Die Gnade Seiner Majestät ist wahrlich höher als der Himmel — er hat eine ganze Reihe von Erlassen herabgegeben." Aufrecht Kaufmann fragte: „Was für günstige Erlasse?" Zhen Yingjia sagte: „In letzter Zeit treiben die Piraten in Zhejiang ihr Unwesen, und die Bevölkerung an den Küsten kommt nicht zur Ruhe. Der Anguo-Gong wurde mit einem Feldzug gegen die Räuber beauftragt. Da Seine Majestät weiß, dass ich mit der Gegend vertraut bin, hat er mir befohlen, dorthin zu gehen und das Volk zu beruhigen. Ich muss allerdings sogleich aufbrechen. Als ich gestern vom Hinscheiden der alten Gnädigen Frau erfuhr, habe ich eine bescheidene Räucherung vorbereitet, um am Traueraltar meinen Respekt zu erweisen und ein wenig meine aufrichtige Anteilnahme auszudrücken."

Aufrecht Kaufmann dankte sogleich mit einer tiefen Verbeugung und sagte: „Mit dieser Reise wird der verehrte Herr Schwager gewiss das kaiserliche Herz beruhigen und das Volk befrieden. Das ist wahrhaftig ein großes Verdienst und liegt ganz in dieser Reise. Nur dass ich die glänzenden Taten nicht mit eigenen Augen werde sehen können — ich werde aus der Ferne auf Siegesnachrichten lauschen. Der kommandierende General an der Küste ist ein Verwandter meines bescheidenen Hauses — wenn Sie ihn treffen, bitte ich um Ihre gütige Fürsorge." Zhen Yingjia fragte: „In welcher verwandtschaftlichen Beziehung steht der gnädige Herr zum Kommandierenden General?" Aufrecht Kaufmann sagte: „Als ich damals das Amt des Getreidewegeinspektors in Jiangxi bekleidete, habe ich meine Tochter mit dem Sohn des Kommandierenden Generals verlobt; sie sind inzwischen drei Jahre verheiratet. Wegen des Falles an der Hafenmündung und wegen der Seeräuber war der Briefverkehr unterbrochen. Ich sorge mich sehr um meine Tochter. Wenn der verehrte Herr Schwager die Befriedung abgeschlossen hat, bitte ich ihn, bei Gelegenheit einmal nach ihr zu sehen. Ich werde einige Zeilen verfassen und sie einem Diener des Herrn Schwager mitgeben — das wäre mir eine große Erleichterung."

Zhen Yingjia sagte: „Die Sorge um Söhne und Töchter — das ist nur menschlich. Ich hätte seinerseits auch eine Bitte an den verehrten Herrn Schwager: Durch die kaiserliche Gnade nach der Hauptstadt berufen, habe ich, da mein Sohn noch jung ist und es an Leuten im Hause fehlt, meine ganze Familie mitgebracht. Da ich unter kaiserlichem Eilbefehl stehe, bin ich Tag und Nacht vorausgereist; meine Familie folgt in langsamerer Reise und wird noch einige Tage bis zur Ankunft in der Hauptstadt brauchen. Da ich den kaiserlichen Befehl habe und die Hauptstadt rasch verlassen muss, kann ich mich nicht lange aufhalten. Wenn meine Familie in der Hauptstadt eingetroffen ist, wird sie gewiss das verehrte Haus aufsuchen, und ich werde meinen unbedeutenden Sohn zum Besuch vorbeischicken. Wenn er belehrt werden kann und sich eine günstige Gelegenheit für eine Heirat ergibt, bitte ich um wohlwollende Aufmerksamkeit." Aufrecht Kaufmann sagte zu allem Ja und Amen. Jener Zhen Yingjia sprach noch einige Worte und wollte dann aufbrechen mit den Worten: „Morgen sehen wir uns außerhalb der Stadt noch einmal." Aufrecht Kaufmann sah, dass er es eilig hatte und wohl kaum länger bleiben konnte, und geleitete ihn bis zum Arbeitszimmer hinaus.

Kette Kaufmann und Schatzjade hatten schon die ganze Zeit draußen gewartet, um den Gast zu verabschieden; da Aufrecht Kaufmann sie aber nicht gerufen hatte, wagten sie nicht, eigenmächtig einzutreten. Als Zhen Yingjia herauskam, traten die beiden vor und begrüßten ihn. Zhen Yingjia erblickte Schatzjade und stutzte einen Moment — in Gedanken sagte er sich: „Wie kann der meinem Schatzjade so ähnlich sehen? Nur dass er ganz in weiße Trauerkleidung gehüllt ist." Er sagte: „Als nahe Verwandte, die sich so lange nicht gesehen haben — die jungen Herren erkenne ich nicht mehr." Aufrecht Kaufmann zeigte eilig auf Kette Kaufmann und sagte: „Dies ist der zweite Sohn meines älteren Bruders Begnadigung Kaufmann — Kette." Dann zeigte er auf Schatzjade und sagte: „Dies ist mein zweiter unbedeutender Sohn, er heißt Schatzjade." Zhen Yingjia klatschte in die Hände und rief: „Erstaunlich! Zu Hause habe ich gehört, dass der verehrte Herr Schwager einen geliebten Sohn hat, der mit einem Jadestück im Mund zur Welt kam und Schatzjade heißt — da er denselben Namen trägt wie mein Sohn, fand ich das höchst verwunderlich. Dann aber dachte ich, solche Dinge kommen ja vor, und dachte nicht weiter darüber nach. Doch dass er, nun da ich ihn heute sehe, nicht nur das gleiche Gesicht hat, sondern auch dieselbe Art und Weise — das ist wahrhaft erstaunlich!" Er fragte nach dem Alter und sagte: „Er ist ein Jahr jünger als unser Junge." Aufrecht Kaufmann erwähnte dann noch, wie er seinerzeit durch eine Empfehlung den Bao Yong[17] aufgenommen habe, und erzählte auch die Geschichte, wie sein Sohn denselben Namen trage. Zhen Yingjia aber hatte nur Augen für Schatzjade und kümmerte sich nicht weiter um Bao Yongs Ergehen; er sagte nur immer wieder: „Wahrhaft erstaunlich, wahrhaft erstaunlich!" Er fasste Schatzjade bei der Hand und war überaus herzlich. Doch weil er fürchtete, der Anguo-Gong könnte bald aufbrechen, und er dringend die Reise vorbereiten musste, riss er sich nur mit Mühe los und ging langsam. Kette Kaufmann und Schatzjade geleiteten ihn hinaus und beantworteten unterwegs noch viele Fragen nach Schatzjade; dann erst stieg Zhen Yingjia in seine Kutsche. Kette Kaufmann und Schatzjade kehrten zurück, meldeten sich bei Aufrecht Kaufmann und berichteten die Fragen, die Zhen Yingjia gestellt hatte. Aufrecht Kaufmann entließ die beiden. Kette Kaufmann ging, um die Abrechnung der Bestattungskosten für Phönixglanz vorzunehmen.

Schatzjade kehrte in sein eigenes Zimmer zurück und erzählte Schatzspange alles. Er sagte: „Den immer wieder erwähnten Zhen Schatzjade — ich dachte, es wäre unmöglich, ihn je zu sehen, doch heute habe ich zuerst einmal seinen Vater getroffen. Ich habe auch gehört, dass Schatzjade in wenigen Tagen in der Hauptstadt eintrifft und unseren Herrn Vater besuchen will. Auch er sagt, er sehe genauso aus wie ich — ich kann es einfach nicht glauben. Wenn er in den nächsten Tagen zu uns kommt, geht alle und schaut euch an, ob er mir wirklich ähnlich sieht!" Schatzspange hörte das und sagte: „Ach! Wie redest du denn — immer wirrer! Dass ein fremder Mann dir ähnlich sieht, muss man ja nicht gleich aussprechen, und dann noch uns auffordern, ihn anzuschauen!" Als Schatzjade das hörte, merkte er, dass er sich verplappert hatte; sein Gesicht wurde rot, und er wollte hastig eine Erklärung nachschieben.

Was er dann sagte, wird im nächsten Kapitel erzählt.

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Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix-Glanz". Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.
  2. Chin. 甄应嘉 Zhēn Yīngjiā. Vater von Zhen Schatzjade.
  3. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Jade". Der männliche Hauptprotagonist des Romans.
  4. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Haarspange". Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.
  5. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.
  6. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.
  7. Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.
  8. Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftkastanie". Konkubine von Becken Schnee.
  9. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.
  10. Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.
  11. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann". Schatzjades Vater.
  12. Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.
  13. Chin. 王仁 Wáng Rén. Phönixglanz' Bruder mütterlicherseits.
  14. Chin. 秋桐 Qiūtóng, wörtl. „Herbstzither". Nebenfrau von Kette Kaufmann.
  15. Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén. Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.
  16. Chin. 甄宝玉 Zhēn Bǎoyù, wörtl. „Wahrer Kostbare Jade". Schatzjades Doppelgänger aus der Familie Echt.
  17. Chin. 包勇 Bāo Yǒng, wörtl. „Tapferer Bao". Von der Familie Echt empfohlener Wächter.
  18. Yuque 玉阙 — bezeichnet den Kaiserpalast oder den Hof. Aus einem Gedicht von Kaiser Taizong der Tang-Dynastie: „Sie hängen herab am Jadehof in abgestufter Pracht, entfalten und rollen sich vor dem Orchideenpalast."
  19. Zhanran 沾染 — hier im Sinne von: sich wirtschaftlich bereichern, Vorteile ziehen.
  20. Wenyu 温谕 — ehrerbietige Bezeichnung für kaiserliche Erlasse, im Sinne von: des Kaisers gnädige Fürsorge für seine Untertanen.
  21. Yuekou 越寇 — Piraten in der Gegend des heutigen Zhejiang. Yue: Gebiet des antiken Staates Yue zur Zeit der Frühlings- und Herbstannalen, dessen Hauptstadt Kuaiji dem heutigen Shaoxing entspricht.
  22. Banxiang 瓣香 — ursprünglich ein in Scheiben gespaltener Aloeholz-Weihrauch, der zur Verehrung Buddhas und hochgestellter Personen verwendet wird; hier allgemein für Räucherwerk und zugleich Ausdruck der Ehrerbietung.
  23. Weichen 微忱 — bescheidene Selbstbezeichnung für die eigene aufrichtige Anteilnahme.
  24. Zunji 尊纪 — ehrerbietige Bezeichnung für die Diener eines anderen. Ji ist die Kurzform von jigang 纪纲, was „Diener" bedeutet, abgeleitet aus dem Zuozhuan, Herzog Xi, 24. Jahr.