Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 36"

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Kapitel 36
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In dem im Haus der Freude am Roten ein besticktes Mandarinenentenpaar einen Traum weissagt
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_36|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_36|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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und im Birnendufthof die Erkenntnis des vorbestimmten Schicksals zur Einsicht in die Liebe führt
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= Kapitel 36 =
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== 绣鸳鸯梦兆绛芸轩 ==
 
=== 识分定情悟梨香院 ===
 
  
Als die Herzoginmutter aus den Räumen von Dame Wang zurückkehrte, war sie natürlich froh, daß es Bau-von Tag zu Tag besser ging. Aber da sie befürchtete, Djia Dschëng könnte Bau-yü in Zukunft wieder zu sich rufen, ließ sie Djia Dschëngs ersten Leibdiener zu sich rufen und befahl: „Wenn künftig ein Gast empfangen wird und dein Herr will Bau-yü rufen lassen, brauchst du das nicht zu übermitteln. Du erwiderst einfach, ich hätte gesagt, zum einen habe Bau-yü so schwere Schläge bekommen, daß er sich mehrere Monate gründlich erholen muß, ehe er wieder gehen kann, und zum andern stehe sein Horoskop ungünstig. Solange deswegen den Sternen geopfert werde, dürfe er keinem Fremden begegnen, erst nach dem achten Monat dürfe er wieder zum Innentor hinaus.
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Als die Herzoginmutter<ref>贾母 Jiǎ Mǔ, wörtl. „Matriarchin der Kaufmann-Familie" — die Großmutter des Hauses Kaufmann (Jiǎ), eine der mächtigsten Figuren des Romans.</ref> von Dame König<ref>王夫人 Wáng Fūrén — Schatzjades Mutter, zweite Frau des Aufrecht Kaufmann.</ref> zurückkehrte und sah, dass es Schatzjade<ref>贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann-Jade" — der männliche Protagonist des Romans, ein verträumter junger Mann aus der Kaufmann-Familie.</ref> von Tag zu Tag besser ging, war sie natürlich erfreut. Weil sie aber befürchtete, Aufrecht Kaufmann<ref>贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann" — Schatzjades Vater, ein strenger konfuzianischer Beamter.</ref> könnte ihn künftig wieder zu sich rufen lassen, ließ sie den Anführer seiner Leibdiener kommen und wies ihn an: „Wenn künftig ein Anlass zum Empfangen von Gästen oder zu Bewirtungen besteht und dein Herr Schatzjade rufen lassen will, brauchst du den Befehl nicht nach oben weiterzugeben. Antworte ihm einfach, ich hätte gesagt: erstens sei er so schwer geschlagen worden, dass er sich mehrere Monate gründlich erholen müsse, ehe er wieder gehen könne; und zweitens stünden seine Sterne ungünstig — solange den Sternen geopfert werde, dürfe er keinen Fremden sehen, und erst nach dem achten Monat dürfe er wieder zum Innentor hinaus." Der Diener nahm den Befehl entgegen und ging fort.
Der Diener bestätigte den Befehl und ging wieder fort, die Herzoginmutter aber ließ Amme Li und Hsi-jën holen, damit sie Bau-yü von der Anordnung in Kenntnis setzten, so daß er beruhigt war.
 
Bau-yü mochte sich ohnehin nicht mit Beamten und mit Männern im allgemeinen unterhalten, in Zeremonialgewändern gratulieren oder kondolieren zu gehen war ihm zutiefst verhaßt. Als er jetzt von der Anordnung der Herzoginmutter erfuhr, war er höchst zufrieden und brach nicht nur den Verkehr mit Freunden und Verwandten ab, selbst mit den Morgen- und Abendgrüßen innerhalb der Familie verfuhr er ganz nach Belieben. Tag für Tag blieb er im Garten, streifte umher oder schlief und ging nur jeden Morgen zur Herzoginmutter und zu Dame Wang. Anschließend kam er wieder zurück und war jederzeit gern bereit, den Sklavenmädchen seine Dienste anzubieten.
 
So führte er ein ganz und gar müßiges Leben, und wenn etwa Bau-tschai ihm zuzureden versuchte, wurde er böse und sagte: „Wie kann nur ein gutes, sauberes Mädchen so auf Ruhm und Ehre aussein und sich unter die Staatsbetrüger und Postenjäger drängen? Ohne jeden Grund haben die Alten Unheil angerichtet, indem sie Lehren und Maximen aufstellten, die dazu dienen sollen, in zukünftigen Zeiten törichte Männer zu leiten.
 
Nie hätte ich gedacht, daß ich das Pech haben würde, in einer Zeit zu leben, da auch die Bewohnerinnen edler Gemächer diese Unsitte annehmen! Das ist wahrhaftig ein Verstoß gegen die Gnade von Himmel und Erde, durch die an schönen Stätten Schönes entsteht.“
 
So erstreckte sich sein Ärger bis auf die Alten, und er verbrannte schließlich alle Bücher mit Ausnahme der Vier Klassiker. Als die anderen diese Verrücktheiten sahen, sprachen sie kein ernsthaftes Wort mehr mit ihm. Einzig Dai-yü hatte Bau-yü von klein auf niemals geraten, nach einer Position zu streben oder sich einen Namen zu machen, und deshalb verehrte er sie zutiefst. Doch genug jetzt der müßigen Worte!
 
Seitdem Djin-tschuan tot war, mußte Hsi-fëng erleben, wie ihr einige Sklavenfamilien von Zeit zu Zeit Geschenke machten und immer wieder zu ihr kamen, um ihr den Gruß zu entbieten und Schmeicheleien zu sagen. Da sie das stutzig machte und sie keine Erklärung dafür fand, fragte sie eines Abends, als sie wieder einmal Geschenke erhalten hatte und nun mit Ping-örl allein war: „Eigentlich habe ich doch mit diesen Leuten nicht viel zu schaffen, warum hängen sie sich plötzlich so an mich?“
 
„Kommt Ihr wirklich nicht darauf, junge gnädige Frau?“ fragte Ping-örl mit abfälligem Lächeln. „Ich vermute, jeder von ihnen hat eine Tochter, die zu den Mägden der gnädigen Frau gehört. Die gnädige Frau hat vier bevorzugte Mägde, die je ein Liang Silber pro Monat erhalten, die übrigen bekommen nur ein paar hundert Bronzemünzen. Nachdem Djin-tschuan tot ist, trachten jetzt bestimmt alle nach dieser schönen Stellung!“
 
„Richtig! Richtig!“ sagte Hsi-fëng. „Jetzt wird mir alles klar! Diese Leute sind aber auch zu unbescheiden! Geld bekommen sie genug, mit schweren Aufträgen werden sie auch nicht behelligt. Da müßte es ihnen doch genügen, wenn ihre Tochter als Magd eingesetzt ist. Aber nein, sie wollen auch das noch! Aber sollen sie nur! Wie anders würden sie sonst ihr Geld für mich ausgeben?! Sie selbst haben es so gewollt, also nehme ich, was ich bekommen kann. Was ich machen muß, weiß ich auch ohnedem.“
 
Mit diesem Vorsatz im Herzen, zögerte sie die Angelegenheit hinaus, und erst als ihr die Leute genug gebracht hatten, unterrichtete sie bei Gelegenheit Dame Wang davon.
 
Eines Mittags, als eben Tante Hsüä mit ihrer Tochter sowie Dai-yü bei Dame Wang aßen, brachte Hsi-fëng den Fall zur Sprache und meldete Dame Wang: „Seitdem Yü-tschuans Schwester tot ist, fehlt Euch eine Magd, gnädige Frau. Habt Ihr vielleicht schon ein Mädchen ausgesucht, das dafür geeignet ist? Dann befehlt nur, damit ich ihr nächstes Mal das Monatsgeld richtig auszahlen kann!“
 
Dame Wang dachte nach und sagte dann: „Was soll diese Regel, nach der es unbedingt vier oder fünf sein müssen? Es reicht doch, wenn es genug sind, um mich zu bedienen. Verzichten wir also darauf!“
 
  
Hsi-jën Aus: Gai Qi 1879.
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Daraufhin ließ die Herzoginmutter Amme Li und Dufthauch<ref>袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — Schatzjades treueste Kammerzofe, besonnen und pflichtbewusst.</ref> kommen, teilte ihnen diese Anordnung mit und trug ihnen auf, sie Schatzjade weiterzugeben, damit er beruhigt sei. Schatzjade aber mochte sich ohnehin ungern mit Beamten und Männern im Allgemeinen unterhalten, und „hohe Zeremonialmützen und steife Amtsgewänder" sowie das ganze Hin und Her von „Gratulations- und Kondolenzbesuchen" waren ihm zutiefst verhasst. Als er nun von dieser Anordnung erfuhr, war er überglücklich. Fortan brach er nicht nur den Verkehr mit Verwandten und Freunden vollständig ab, sondern verfuhr sogar mit den morgendlichen und abendlichen Begrüßungen innerhalb der Familie ganz nach Belieben. Tag für Tag streifte er im Garten umher oder schlief, und nur jeden Morgen in aller Frühe schaute er bei der Herzoginmutter und bei Dame König vorbei und kam gleich wieder zurück. Stattdessen war er jederzeit bereit, den Dienstmädchen seine Dienste anzubieten, und verbrachte so seine Tage in völliger Muße.
„Eigentlich habt Ihr recht, gnädige Frau“, erwiderte Hsi-fëng lächelnd. „Aber es ist die alte Regel, und auch die anderen haben zwei Mägde in ihren Räumen. Wenn Ihr Euch nicht daran haltet, spart Ihr wohl ein Liang Silber, aber das ist nicht viel.
 
Dame Wang ließ sich die Sache noch einmal durch den Kopf gehen, dann entschied sie: „Also gut! Laß dir die Monatsgelder auszahlen wie bisher, aber eine neue Magd brauche ich nicht. Dieses eine Liang Silber gibst du ihrer Schwester Yü-tschuan. Die Tote hat mir so lange gedient und hat kein gutes Ende gehabt. Da ist es nicht zuviel, wenn ihre Schwester, die noch bei mir ist, das doppelte Geld bekommt.“
 
Hsi-fëng sagte: „Jawohl!“ Dann wandte sie sich um, suchte Yü-tschuan und sagte zu ihr: „Ich gratuliere!“ Yü-tschuan kam herüber und bedankte sich mit einem Stirnaufschlag bei Dame Wang.
 
Anschließend sagte Dame Wang zu Hsi-fëng: „Eben wollte ich dich noch fragen, wieviel Monatsgeld die Nebenfrauen Dschau und Dschou jetzt bekommen.“
 
„Auch dafür gibt es eine feststehende Regel“, sagte Hsi-fëng. „Jede von ihnen bekommt zwei Liang. Nebenfrau Dschau bekommt noch zwei Liang für Huan, das macht zusammen vier. Außerdem bekommt sie vier Schnüre Münzen.“
 
„Sie bekommen doch die volle Summe?“ vergewisserte sich Dame Wang.
 
Verwundert über die seltsame Frage, antwortete Hsi-fëng, ohne zu zögern: „Wie denn sonst!“
 
„Mir schien neulich, ich hätte gehört, wie sich jemand beklagte, es habe eine Schnur Münzen gefehlt“, begründete Dame Wang ihre Frage. „Woran lag das?“
 
Prompt gab ihr Hsi-fëng lächelnd die Auskunft: „Das Monatsgeld für die Mägde der Nebenfrauen betrug ursprünglich eine Schnur Münzen pro Person. Aber im vorigen Jahr hat man draußen entschieden, das Geld um die Hälfte zu kürzen, so daß sie nur noch fünfhundert Bronzemünzen bekommen. Jede von ihnen hat zwei Mägde, deshalb macht es zusammen eine Münzschnur weniger.
 
Deswegen darf mir keiner böse sein. Ich gönne es ihnen ja, aber wenn die Gelder nun einmal gekürzt worden sind, kann ich doch nicht aus der eigenen Tasche etwas zuschießen. Ich bin nur die Mittlerin. Was ich bekomme, gebe ich weiter, aber entscheiden kann ich nichts. Zwei, drei Mal habe ich gebeten, man solle doch diese beiden Monatsgelder wieder in der alten Höhe zahlen, aber man hat mir geantwortet: ‚Mehr gibt es nicht!‘ Also konnte ich schlecht darauf bestehen. Ich zahle ihnen das Geld Monat für Monat aus und nicht einmal am falschen Tag. Früher, als sie es draußen bekamen, gab es jedesmal Streit. Wann wäre es damals einmal reibungslos abgelaufen?“
 
Nach diesen Worten ließ Dame Wang die Sache auf sich beruhen, und erst nach einer längeren Pause fragte sie: „Wieviel Mägde gibt es in den Räumen der alten gnädigen Frau, die je ein Liang Silber bekommen?“
 
„Eigentlich acht“, sagte Hsi-fëng, „aber jetzt sind es nur sieben, denn die achte ist Hsi-jën.“
 
„Richtig!“ sagte Dame Wang. „Bau-yü hat keine Magd mit einem Liang im Monat, Hsi-jën ist aus den Räumen der alten gnädigen Frau.“
 
„Ursprünglich gehört Hsi-jën wirklich in die Räume der alten gnädigen Frau“, bestätigte Hsi-fëng lächelnd. „Bau-yü hat sie nur zu seiner Bedienung bekommen. Das eine Liang Silber für sie kommt aus den Monatsgeldern für die Mägde der alten gnädigen Frau. Wollte man jetzt sagen, sie gehört zu Bau-yüs Bedienung und deshalb wird ihr Monatsgeld gekürzt, ginge das auf keinen Fall an. Bekäme aber die alte gnädige Frau statt ihrer eine andere Magd, könnte man Hsi-jëns Monatsgeld kürzen. Sonst aber müßte auch Huan so eine Magd bekommen, wenn es gerecht zugehen soll.
 
Daß die sieben älteren Mägde wie Tjing-wën und Schë-yüä eine Münzschnur pro Monat und die acht kleineren wie Djia-huee fünfhundert Bronzemünzen pro Monat bekommen, hat die alte gnädige Frau so befohlen. Darüber kann sich keiner aufregen.“
 
Lächelnd warf Tante Hsüä ein: „Hört euch nur an, wie ihr das von den Lippen geht! Das rasselt, als ob ein Wagen mit Nüssen umgekippt wäre. Und wie glatt ihre Rechnung aufgeht, und wie vernünftig alles ist!“
 
„Habe ich denn etwas Falsches gesagt?“ erkundigte sich Hsi-fëng lächelnd.
 
„I wo!“ sagte Tante Hsüä und lächelte ebenfalls. „Aber könntest du nicht viel Kraft sparen, wenn du etwas langsamer sprächest?“
 
Schon wollte Hsi-fëng darüber lachen, aber dann besann sie sich und wartete weiter auf eine Weisung von Dame Wang.
 
Dame Wang dachte lange nach, ehe sie endlich befahl: „Such in der nächsten Zeit eine ordentliche Magd aus, die bei der alten gnädigen Frau Hsi-jëns Platz einnehmen kann! Und statt eines gekürzten Monatsgeldes gibst du Hsi-jën zwei Liang Silber und eine Schnur Münzen von den zwanzig Liang Silber, die ich jeden Monat bekomme. In Zukunft soll Hsi-jën dasselbe haben wie Nebenfrau Dschau und Nebenfrau Dschou, nur daß es von meinem Monatsgeld genommen wird und nicht vom Haushaltsgeld!“
 
Hsi-fëng bestätigte das eine wie das andere, dann stieß sie lächelnd Tante Hsüä an und fragte: „Habt Ihr gehört, Frau Tante, wie alles eintrifft, was ich immer vorausgesagt habe?“
 
„Das war schon längst fällig“, sagte Tante Hsüä. „Über Hsi-jëns Äußeres brauche ich nichts zu sagen, aber so ein edles Betragen und so eine Freundlichkeit im Umgang bei gleichzeitiger innerer Festigkeit sind selten zu finden.“
 
„Ihr wißt ja nicht, was für ein gutes Kind Hsi-jën ist“, sagte Dame Wang unter Tränen. „Zehnmal besser als mein Bau-yü ist sie. Wenn er Glück haben soll, wäre es genug, daß sie ihm ihr Leben lang diente.“
 
„Wäre es dann nicht das beste, Ihr laßt sie ihr Gesicht zurechtmachen und gebt sie ihm regelrecht als Beischläferin?“ fragte Hsi-fëng.
 
„Nein“, sagte Dame Wang. „Erstens sind die beiden noch jung, zweitens erlaubt es der gnädige Herr nicht, und drittens hört Bau-yü in seiner Ungezogenheit noch auf ihre Ermahnungen, solange sie als seine Magd gilt. Wenn sie aber erst seine Beischläferin ist, wird sie kaum noch wagen, ihm Vorhaltungen zu machen. Darum bleibt es besser, wie es ist, und in zwei, drei Jahren sehen wir weiter!“
 
Als Hsi-fëng merkte, daß Dame Wang diesen Worten keine weiteren mehr folgen ließ, wandte sie sich um und ging hinaus. Unter dem Dachvorsprung des Hauses erblickte sie mehrere verantwortliche Sklavenfrauen, die dort auf sie warteten, um ihr Bericht zu erstatten.
 
„Was habt Ihr heute zu melden gehabt, junge gnädige Frau, daß Ihr jetzt erst kommt?“ fragten sie lächelnd, als sie Hsi-fëng heraustreten sahen. „Man kommt ja um vor Hitze!“
 
Hsi-fëng schob sich die Ärmel hoch und stellte sich auf Zehenspitzen auf die Schwelle des Nebentors. „Hier in der Zugluft ist es schön frisch“, bemerkte sie lächelnd. „Ich will mich ein wenig abkühlen, bevor ich gehe!“
 
Dann fuhr sie fort: „Was ich so lange zu melden hatte, fragt ihr? Die gnädige Frau hat die letzten zweihundert Jahre Revue passieren lassen und mich darüber ausgefragt.gen zu machen. Darum bleibt es besser, wie es ist, und in zwei, drei Jahren sehen wir weiter!“
 
Als Hsi-fëng merkte, daß Dame Wang diesen Worten keine weiteren mehr folgen ließ, wandte sie sich um und ging hinaus. Unter dem Dachvorsprung des Hauses erblickte sie mehrere verantwortliche Sklavenfrauen, die dort auf sie warteten, um ihr Bericht zu erstatten.
 
„Was habt Ihr heute zu melden gehabt, junge gnädige Frau, daß Ihr jetzt erst kommt?“ fragten sie lächelnd, als sie Hsi-fëng heraustreten sahen. „Man kommt ja um vor Hitze!“
 
Hsi-fëng schob sich die Ärmel hoch und stellte sich auf Zehenspitzen auf die Schwelle des Nebentors. „Hier in der Zugluft ist es schön frisch“, bemerkte sie lächelnd. „Ich will mich ein wenig abkühlen, bevor ich gehe!“
 
Dann fuhr sie fort: „Was ich so lange zu melden hatte, fragt ihr? Die gnädige Frau hat die letzten zweihundert Jahre Revue passieren lassen und mich darüber ausgefragt. Hätte ich ihr vielleicht nicht antworten sollen?“
 
Und schließlich sagte sie mit verächtlichem Lächeln: „In Zukunft werde ich härter durchgreifen! Und wenn sich jemand bei der gnädigen Frau beschwert, kann mich das auch nicht schrecken. Die sollen sich bloß nichts einbilden, diese blöden, gemeinen Dinger, denen die Zunge verfaulen möge und die kein gutes Ende finden sollen! Eines Tages werden sie allesamt etwas erleben! Da hat man ihren Mägden das Geld gekürzt, sie aber beklagen sich über unsereins, anstatt zu bedenken, daß sie nur Sklavinnen sind und trotz-
 
  
Aus: Dongguange 1811.
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Wenn aber etwa Schatzspange<ref>薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Schnee-Haarspange" — Schatzjades Kusine aus der Familie Xue, klug, besonnen und tugendreich.</ref> und ihresgleichen bei passender Gelegenheit versuchten, ihn zur Vernunft zu bringen, geriet er in Zorn und sagte: „Da ist nun ein gutes, reines, unschuldiges Mädchen, und selbst das hat gelernt, nach Ruhm und Ansehen zu angeln, und reiht sich ein unter die Landesbetrüger und Postenjäger! An allem sind die Alten schuld, die ohne jeden Grund Unheil anrichteten und Lehren und Maximen aufstellten, nur um in späteren Zeiten die törichten Männer — dieses trübe Gesindel — anzuleiten. Nie hätte ich gedacht, dass ich das Unglück haben würde, in einer Zeit zu leben, da auch die Bewohnerinnen der edlen Gemächer und bestickten Hallen von diesem Übel angesteckt sind. Das ist wahrhaftig ein Frevel gegen die Gnade von Himmel und Erde, die an schönen Stätten Schönes gedeihen lässt!" So erstreckte sich sein Zorn bis auf die Alten, und er verbrannte schließlich alle Bücher außer den Vier Klassikern <ref>Die vier Grundwerke des Konfuzianismus: Lunyu, Mengzi, Daxue, Zhongyong</ref>.
dem zwei, drei Mägde haben dürfen!“ Und schimpfend ging sie fort, um die neue Magd auszusuchen und der Herzoginmutter darüber Meldung zu ma­chen. Aber davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
 
Nachdem Dame Wang und die anderen ihre Melone gegessen hatten, plauderten sie noch ein Weilchen miteinander, ehe alle auseinandergingen. Bau-tschai und Dai-yü kehrten in den Garten zurück, und Bau-tschai forderte Dai-yü auf, mit ihr zum Kiosk des Lotoswurzelduftes zu gehen. Dai-yü aber erwiderte, sie wolle gleich ein Bad nehmen, und trennte sich von ihr.
 
So ging Bau-tschai allein weiter und trat in den Hof der Freude am Roten, wo ihr Weg sie eben vorbeiführte, um mit Bau-yü zu plaudern und dadurch ihre mittägliche Müdigkeit zu vertreiben. Doch als sie in den Hof trat, war es dort totenstill, und selbst die beiden Mandschurenkraniche standen dösend unter den Bananenstauden. Also ging Bau-tschai durch den Wandel­gang ins Haus, wo auf den Betten im Vorzimmer die Sklavenmädchen kreuz und quer durcheinanderlagen und schliefen. Sie bog um die Zierwand und trat in Bau-yüs Zimmer, und Bau-yü lag ebenfalls auf dem Bett und schlief. Hsi-jën saß an seiner Seite und war mit einer Nadelarbeit beschäftigt. Neben ihr lag ein Fliegenwedel mit einem Griff aus Rhinozeroshorn.
 
Bau-tschai trat dicht an Hsi-jën heran und sagte lächelnd und mit leiser Stimme: „Du bist aber auch zu umsichtig! Hier im Zimmer gibt es doch wirk­lich keine Fliegen und Mücken. Was willst du also mit dem Flie­gen­wedel?“
 
Erschrocken fuhr Hsi-jën auf. Als sie sah, daß es Bau-tschai war, legte sie ihre Arbeit beiseite, stand auf und erwiderte ebenfalls leise und mit lächelnder Miene: „Ihr seid es, Fräulein! Ihr seid so unverhofft gekommen, daß ich vor Schreck richtig zusammengefahren bin. Fliegen und Mücken gibt es hier nicht, aber kleine Tierchen, die durch die Gazemaschen schlüpfen und die man gar nicht sieht. Wenn sie einen im Schlaf beißen, ist das so, als würde man von einer Ameise gekniffen.“
 
„Kein Wunder!“ sagte Bau-tschai, „dicht hinter dem Haus ist Wasser, und alles steht voll duftender Blumen. Auch hier im Haus duftet es. Diese Tierchen leben in den Blüten, und wo es duftet, dorthin streben sie.“
 
Während sie das sagte, sah sie sich die Nadelarbeit an, die Hsi-jën in der Hand gehabt hatte, und stellte fest, daß es ein Leibtuch aus dünner weißer Seide war, das mit Rot abgefüttert und mit Mandarinenten zwischen Lotosblumen bestickt war. Die Blüten waren rosa, die Blätter grün, und die Mandarinenten leuchteten in allen Farben.
 
„Ach, ist das eine prächtige Arbeit!“ lobte Bau-tschai. „Für wen ist es denn, daß du dir so viel Mühe machst?“
 
Hsi-jën wies mit dem Kinn nach dem Bett.
 
„Trägt er so etwas noch, groß, wie er ist?“ fragte Bau-tschai lächelnd.
 
„Eben nicht“, erwiderte Hsi-jën lächelnd, „darum mache ich es extrafein, damit er, wenn er es sieht, gar nicht anders kann, als es doch zu tragen. So heiß, wie es jetzt ist, gibt er im Schlaf nicht acht. Aber wenn ich ihn dazu bekomme, das zu tragen, kann nichts passieren, auch wenn er sich nachts nicht ordentlich zudeckt. Ihr meint, dieses hier hätte Mühe gekostet, aber Ihr habt das noch nicht gesehen, das er jetzt trägt.“
 
„Was für eine Geduld du hast!“ sagte Bau-tschai.
 
„Heute habe ich so lange damit gesessen, daß mir der Nacken weh tut“, klagte Hsi-jën. Dann bat sie lächelnd: „Setzt Ihr Euch ein Weilchen hierher, Fräulein! Ich will draußen ein Stück gehen, dann komme ich wieder.“ Mit diesen Worten verließ sie den Raum.
 
Ohne den Blick von der Stickerei zu lassen, setzte sich Bau-tschai auf Hsi-jëns Platz. So lieblich erschien sie ihr, daß sie unwillkürlich zur Nadel griff, um daran weiterzuarbeiten.
 
Inzwischen war Dai-yü auf Hsiang-yün gestoßen und hatte sie aufgefordert, mit ihr zu Hsi-jën zu gehen, um ihr zu gratulieren. Als sie in den Hof kamen und alles still fanden, wandte sich Hsiang-yün zuerst zum Seitengebäude, um dort nach Hsi-jën zu suchen, Dai-yü aber trat ans Fenster und schaute durch die Gazebespannung hinein. Da erblickte sie Bau-yü, der in seinem rosa Gazegewand in lässiger Haltung auf dem Bett lag und schlief. An seiner Seite saß Bau-tschai mit einer Nadelarbeit, und neben ihr lag ein Fliegenwedel.
 
Bei diesem Anblick zog sich Dai-yü rasch zurück und legte die Hand auf den Mund, um nicht laut herauszulachen. Dann winkte sie Hsiang-yün zu sich.
 
Als Hsiang-yün sie so sah, glaubte sie nicht anders, als daß es dort etwas Interessantes zu sehen gebe. Deshalb kam sie rasch herüber und schaute hinein. Schon wollte sie loslachen, aber dann dachte sie daran, wie gut Bau-tschai immer zu ihr war, und so hielt sie sich schnell den Mund zu. Da sie wußte, wie unnachgiebig Dai-yü stets war, und deshalb die Befürchtung hatte, daß sie sich über Bau-tschai lustig machen würde, zog sie sie rasch beiseite und sagte: „Gehen wir! Eben ist mir wieder eingefallen, wo Hsi-jën ist. Sie hatte gesagt, sie wolle mittags am Teich Wäsche waschen. Bestimmt ist sie dort. Gehen wir sie suchen!“
 
Dai-yü hatte sie zwar durchschaut und lachte ein paarmal kühl, aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
 
Im Zimmer hatte Bau-tschai gerade zwei, drei Blütenblätter gestickt, als sie plötzlich hörte, wie Bau-yü im Traum aufschrie: „Wie könnt Ihr glauben, was der Buddhist und der Dauist sagen? Was heißt Verbindung von Gold und Jade? Für mich gilt nur die Verbindung von Holz und Stein!“
 
Unwillkürlich erstarrte Bau-tschai bei diesen Worten, aber da kam Hsi-jën wieder herein und fragte lächelnd: „Ist er noch nicht wach?“ Bau-tschai schüttelte den Kopf, und Hsi-jën fuhr fort: „Eben bin ich Fräulein Lin und Fräulein Schï begegnet, waren sie nicht hier drin?“
 
„Gesehen habe ich sie nicht“, erwiderte Bau-tschai und erkundigte sich mit einem Lächeln: „Haben sie dir nichts gesagt?“
 
„Nur einen ihrer üblichen Scherze haben sie sich mit mir erlaubt“, gab Hsi-jën lächelnd zur Antwort. „Was sollten sie schon Ernsthaftes sagen!“
 
„Es war kein Scherz“, versicherte Bau-tschai, „ich hatte es dir vorhin auch sagen wollen, aber du hattest es ja so eilig wegzukommen.“
 
Noch ehe sie ausgesprochen hatte, erschien eine Botin von Hsi-fëng, um Hsi-jën zu ihr zu holen. „Das ist wegen derselben Sache“, sagte Bau-tschai lächelnd. Hsi-jën mußte zwei von den anderen Sklavenmädchen wecken, dann verließ sie mit Bau-tschai zusammen den Hof der Freude am Roten. Allein ging sie zu Hsi-fëng hinüber, und diese verkündete ihr wirklich, was Dame Wang entschieden hatte. Dann forderte sie sie auf, sich bei Dame Wang mit einem Stirnaufschlag zu bedanken, und sagte ihr zugleich, bei der Herzoginmutter könne sie darauf verzichten.
 
Verlegen ging Hsi-jën zu Dame Wang und kehrte dann in den Garten zurück. Bau-yü war bereits wach und wollte wissen, warum sie fort gewesen war. Aber Hsi-jën gab ihm nur eine ausweichende Antwort und offenbarte ihm erst in der Stille der Nacht, worum es gegangen war.
 
Bau-yüs Freude kannte keine Grenze, und lächelnd sagte er: „Nun will ich einmal sehen, ob du nach Hause zurückkehrst oder nicht! Nachdem du damals dort zu Besuch warst, sagtest du, dein Bruder wolle dich freikaufen, hier sei auf die Dauer kein Platz für dich und noch mehr so herzlose und treulose Dinge, mit denen du mir Angst machen wolltest. Aber jetzt möchte ich sehen, wer es wagt, dich hier wegzuholen!“
 
Aber mit einem kühlem Lächeln erwiderte Hsi-jën: „Red nicht so daher! Von nun an gehöre ich zur gnädigen Frau, und wenn ich fort will, brauche ich es dir nicht einmal zu sagen. Ich melde es nur der gnädigen Frau, und dann gehe ich!“
 
„Angenommen, ich betrage mich schlecht und du meldest es der gnädigen Frau und gehst fort, so daß alle erfahren, du gehst meinetwegen, dann ist doch das unangenehm für dich“, wandte Bau-yü lächelnd ein.
 
„Was heißt unangenehm?“ gab Hsi-jën lächelnd zurück. „Soll ich vielleicht auch bei einem Dieb oder Räuber bleiben? Außerdem ist da noch der Tod. Selbst wenn ein Mensch hundert Jahre alt wird, sterben muß er doch. Wenn ich meinen letzten Atem ausgehaucht habe und höre und sehe nichts mehr, ist es ja auch aus und vorbei!“
 
Als Bau-yü das hörte, hielt er ihr rasch den Mund zu und sagte: „Schluß, Schluß! Hör auf! Du sollst nicht davon sprechen!“
 
Hsi-jën wußte nur zu gut, was für einen verschrobenen Charakter Bau-yü hatte. Schmeicheleien und glückverheißende Worte mochte er nicht, weil sie ihm hohl und nichtig erschienen, aufrichtige Wahrheiten aber stimmten ihn traurig. Es tat ihr leid, ihn verletzt zu haben, und so lenkte sie ihn mit anderen Themen ab, von denen sie wußte, daß er gern davon hörte. Zuerst sprach sie von Frühlingswind und Herbstmond, dann von Puder und Schminke und schließlich davon, welch gute Geschöpfe die Mädchen seien. Als sie aber darauf zu sprechen kam, daß auch Mädchen sterben müssen, legte sie rasch die Hand auf den Mund.
 
Bau-yü aber, den ihre Worte in beste Laune versetzt hatten, sagte, als sie so plötzlich schwieg: „Welcher Mensch müßte nicht sterben? Es kommt nur darauf an, daß er einen guten Tod hat. Jene törichten Männer kennen nur zwei Todesarten, die für Beamte ruhmvoll und tugendhaft sind – ein Zivilbeamter stirbt, um seinen Herrscher zu bessern, ein Militärbeamter stirbt in der Schlacht.
 
Aber wäre es nicht besser, sie stürben nicht? Nur einem schlechten Herrscher muß man Vorhaltungen machen. Und wenn man das tut, nur um sich einen Namen als aufrechter Staatsdiener zu machen, und dafür mit dem Leben bezahlt, was wird dann aus dem Herrscher? Nur im Krieg kann man Schlachten schlagen. Und wenn man dabei fällt, nur um sich einen Namen als tapferer Krieger zu machen, was wird dann aus dem Land? Darum ist das nicht der rechte Tod.“
 
„Treue Minister und tapfere Generäle sterben nur, wenn es nicht anders geht“, warf Hsi-jën ein .
 
„Die Tapferkeit der Generäle ist nur Rauflust“, fuhr Bau-yü fort. „Wenn sie nur spärliche Kenntnisse von der Kriegführung haben und ihr Leben verlieren, weil sie unfähig sind, heißt das wohl auch, ‚es geht nicht anders‘? Die Zivilbeamten sind sogar noch schlimmer. Sie prägen sich ein paar Sätze aus den Büchern ein, und wenn sie am Herrscher einen winzigen Fehler entdecken, schwatzen sie wild drauflos und geben unsinnige Ratschläge, nur um sich einen Namen als standhafte Männer zu machen. Wenn sie dann durch so eine Aufwallung von Dummheit ihr Leben einbüßen, heißt das wohl auch, ‚es geht nicht anders‘?
 
Außerdem muß man wissen, daß der Herrscher sein Mandat vom Himmel erhält. Wenn er nicht heilig und gütig wäre, würden ihm Himmel und Erde so ein schwerwiegendes und kompliziertes Amt auf keinen Fall übertragen. Daran sieht man, daß es den Männern, die auf diese Weise sterben, nur um den Ruhm geht und nicht um die Pflicht.
 
Hätte ich aber das Glück und müßte in eurer Gegenwart sterben, dann wollte ich sterben! Wenn ihr mich dann beweintet und aus euren Tränen würde ein großer Strom, der meinen Leichnam davontrüge in eine entlegene Gegend, wohin nicht einmal die Vögel gelangen. Dort löste ich mich im Wind auf und brauchte nicht als Mensch wiedergeboren zu werden, dann wäre ich glücklich gestorben.“
 
Als Hsi-jën plötzlich diese unsinnigen Reden hörte, gab sie rasch vor, müde zu sein, und beachtete Bau-yü nicht mehr. Da machte er endlich die Augen zu und schlief ein. Am nächsten Morgen hatte er das Thema vergessen.
 
Des ewigen Herumschweifens überdrüssig fiel Bau-yü das Drama vom ‚Päonienpavillon‘ ein, und er las es zweimal hintereinander durch, aber das stellte ihn nicht zufrieden. Weil er gehört hatte, unter den zwölf Mädchen im Birnendufthof verstünde sich die Darstellerin weiblicher Heldenrollen Ling-guan bestens darauf, die Melodien aus dem ‚Päonienpavillon‘ zu singen, ging er durchs Seitentor hinüber, um sie zu suchen. Im Hof stieß er auf Bau-guan und Yü-guan, die ihm lächelnd einen Platz anboten.
 
„Wo ist Ling-guan?“ erkundigte sich Bau-yü.
 
„In ihrem Zimmer“, antworteten die beiden.
 
Sofort ging Bau-yü hinein und fand Ling-guan allein auf einem Kissen liegend, doch bei seinem Eintritt rührte sie sich nicht von der Stelle. Bau-yü war von klein auf daran gewöhnt, mit Mädchen zusammen zu sein, und er glaubte, Ling-guan müsse so sein wie alle anderen auch. Darum trat er zu ihr, setzte sich neben sie und bat sie lächelnd, aufzustehen und ihm die Szene ‚Aufschrecken aus dem Traum‘ vorzusingen.
 
Doch wider Erwarten erhob sich Ling-guan, als sie sah, daß Bau-yü sich hinsetzte, und rückte von ihm ab. Dann sagte sie förmlich: „Ich bin heiser. Selbst als uns seinerzeit die kaiserliche Nebenfrau rufen ließ, habe ich nicht gesungen.“ Nachdem sie sich ordentlich hingesetzt hatte, so daß Bau-yü sie genauer betrachten konnte, erkannte er in ihr das Mädchen wieder, das seinerzeit am Rosenspalier das Schriftzeichen tjiang – ‚Rose‘ – auf die Erde geschrieben hatte.
 
  
Djia Tjiang. Aus: Gai Qi 1879.
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Als die anderen sahen, wie verrückt er sich benahm, redete niemand mehr ernsthaft mit ihm. Einzig Kajaljade<ref>林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal Wald-Jade" — die weibliche Protagonistin, Schatzjades Kusine mütterlicherseits, berühmt für ihre Dichtkunst und Empfindsamkeit.</ref> hatte ihm von klein auf niemals geraten, sich einen Namen zu machen oder nach einer Position zu streben, und gerade deshalb verehrte er sie so zutiefst.
Noch nie war Bau-yü von jemandem so brüskiert worden wie jetzt von ihr, darum wurde er schamrot im Gesicht und verließ den Raum. Bau-guan und die anderen verstanden nicht, was er hatte, und fragten ihn danach. Als Bau-yü es ihnen erklärt hatte und mit ihnen hinausging, sagte Bau-guan: „Wartet einen Moment, bis der junge Herr Tjiang kommt! Wenn er ihr sagt, sie soll singen, macht sie es bestimmt.“
 
Erstaunt fragte Bau-yü: „Wohin ist denn mein Vetter Tjiang gegangen?“
 
„Eben erst ist er weggegangen“, sagte Bau-guan, „bestimmt wollte Ling-guan etwas haben, und er versucht jetzt, es zu bekommen.“
 
Das erstaunte Bau-yü erst recht. Nachdem er ein Weilchen gewartet hatte, erschien Djia Tjiang mit einem Vogelkäfig, in dem eine winzige Bühne angebracht war, auf der ein Vogel saß. Freudestrahlend hielt er Ausschau nach Ling-guan. Als er Bau-yü erblickte, blieb er notgedrungen stehen.
 
„Was ist das für ein Vogel?“ fragte Bau-yü. „Läuft er mit einem Fähnchen im Schnabel auf der Bühne hin und her?“
 
Lächelnd erwiderte Djia Tjiang: „Es ist ein ‚Goldböhnchen mit Jadeschopf‘.“
 
„Wieviel hast du dafür bezahlt?“ wollte Bau-yü weiter wissen.
 
„Ein Liang acht Tjiän Silber“, gab Djia Tjiang Auskunft. Dann bat er Bau-yü, er solle Platz nehmen, er selbst aber trat zu Ling-guan ins Zimmer. Bau-yü hatte inzwischen keine Lust mehr, sich etwas vorsingen zu lassen, ihn interessierte nur noch, wie Djia Tjiang zu Ling-guan stand. Er beobachtete, wie Djia Tjiang vor sie hintrat und lächelnd zu ihr sagte: „Steh auf und sieh dir an, was ich für dich habe!“
 
„Was denn?“ fragte Ling-guan und erhob sich.
 
„Ich habe dir einen Vogel gekauft, mit dem du dich amüsieren kannst“, sagte Djia Tjiang. „Dann brauchst du nicht jeden Tag so unfroh und lustlos zu sein. Komm, ich zeige dir, was er kann!“ Und er lockte den Vogel mit ein paar Körnern, so daß er auf der Bühne hin- und hertrippelte und sein Fähnchen im Schnabel balancierte.
 
Alle anderen Mädchen hatten ihre helle Freude daran und sagten: „Das macht Spaß!“ Nur Ling-guan lachte ein paarmal verächtlich und legte sich wieder hin.
 
„Gefällt er dir?“ fragte Djia Tjiang, immer noch lächelnd.
 
„Ist es nicht genug, daß eure Familie uns in diesem Kerker gefangenhält und uns diese Mätzchen lernen läßt?“ fragte Ling-guan. „Mußt du jetzt auch noch einen Vogel anbringen, der genau dasselbe macht? Das hast du nur getan, um dich über uns lustig zu machen. Und dann fragst du noch, ob es mir gefällt!“
 
Djia Tjiang geriet sichtlich in Verwirrung. Unter Schwüren und Beteuerungen sagte er: „Was hat mir nur heute das Hirn verkleistert? Mehr als ein Liang Silber habe ich für den Vogel ausgegeben, um dir eine Freude zu bereiten. An so etwas habe ich nie gedacht. Aber Schluß! Ich lasse ihn frei, um deinem Kummer ein Ende zu machen!“ Mit diesen Worten ließ er den Vogel tatsächlich fliegen und zerschmetterte mit einem Fußtritt den Käfig.
 
„Ein Vogel ist zwar etwas anderes als ein Mensch“, sagte Ling-guan, die nicht lockerließ, „aber er hat doch auch eine Mutter im Nest. Wie konntest du es nur übers Herz bringen, ihn anzuschaffen, damit er hier Kunststückchen macht! Heute habe ich zweimal Blut gehustet, und auf Anordnung der gnädigen Frau soll noch einmal der Arzt kommen, um mich zu untersuchen. Aber anstatt dich genau bei ihm zu erkundigen, wie es um mich steht, bringst du einen Vogel an, um dich über mich lustig zu machen. Ach, daß ich krank sein muß und niemanden habe, der sich um mich kümmert und für mich sorgt!“ Bei diesen Worten begann sie zu weinen.
 
„Als ich gestern abend mit dem Arzt sprach, sagte er, es habe nichts zu bedeuten“, sagte Djia Tjiang rasch. „Er sagte, du solltest ein paarmal von der Medizin nehmen, und dann wollten wir weitersehen. Wer konnte ahnen, daß du heute wieder Blut spucken würdest! Sofort gehe ich ihn holen!“ Und wirklich wollte er losgehen.
 
Aber Ling-guan hieß ihn stehenbleiben und drohte: „Wenn du bei dieser Sonnenglut im Zorn losstürzt, um ihn zu holen, werde ich ihn nicht empfangen.“ So hatte Djia Tjiang keine andere Wahl, als zu bleiben.
 
Der Anblick dieser Szene hatte Bau-yü verblüfft. Jetzt erst wurde ihm klar, welcher tiefe Sinn darin lag, als Ling-guan das Schriftzeichen tjiang schrieb. Es hielt ihn nicht mehr an diesem Platz, darum machte er kehrt und ging hinaus. Djia Tjiang, der nur Augen für Ling-guan hatte, dachte nicht einmal daran, ihn zu begleiten, und so gingen die anderen Mädchen mit ihm bis ans Tor.
 
Tief in Gedanken versunken, kehrte Bau-yü zum Hof der Freude am Roten zurück, wo eben Dai-yü und Hsi-jën zusammen saßen und sich unterhielten. Kaum daß Bau-yü eingetreten war, seufzte er schwer und sagte zu Hsi-jën: „Gestern abend hatte ich Unrecht! Kein Wunder, daß mein Vater mir vorwirft, ich hätte einen engen Blick! Gestern abend habe ich gesagt, euer aller Tränen würden mich davontragen. Aber das stimmt nicht. Ich kann nicht euer aller Tränen bekommen, jeder bekommt seinen Teil.
 
Hsi-jën hatte ihr Gespräch vom Vorabend für Spaß gehalten und längst nicht mehr daran gedacht. Als Bau-yü jetzt wieder damit anfing, sagte sie lächelnd: „Also, du bist wirklich ein bißchen verrückt!“
 
Bau-yü erwiderte ihr kein Wort. Von nun an war er zutiefst davon überzeugt, daß in Leben und Liebe jedem sein Teil beschieden war, und es quälte ihn nur immer wieder, daß er nicht wußte, wer seinen Tod beweinen würde. Aber das waren seine geheimsten Gedanken, und wir wollen nicht willkürlich Vermutungen darüber anstellen.
 
Als Dai-yü ihn so sah, erkannte sie, daß ihm etwas begegnet sein mußte, aber weil sie nicht gut danach fragen konnte, sagte sie statt dessen: „Eben war bei der Tante davon die Rede, daß morgen der Geburtstag von Tante Hsüä ist, und man hat mich gebeten, bei dir vorbeizugehen und zu fragen, ob du hingehst. Du sollst jemand hinüberschicken, um Bescheid zu sagen.“
 
„Letztens war ich nicht einmal auf der Geburtstagsfeier für den alten gnädigen Herrn“, sagte Bau-yü. „Wenn ich jetzt ginge, würde ich womöglich dort jemand treffen. Also gehe ich auch zu ihr nicht! Außerdem ist es mir zu heiß, um mich in vollen Staat zu werfen. Nein, ich gehe nicht! Die Tante wird mir deswegen sicher nicht böse sein.“
 
„Was soll das heißen?“ warf Hsi-jën rasch ein. „Du kannst sie doch nicht mit dem alten gnädigen Herrn vergleichen. Zum einen wohnt sie ganz in der Nähe, zum andern ist sie eine enge Verwandte. Wenn du nicht hingehst, wird sie sich Sorgen machen. Und wenn du Angst vor der Hitze hast, dann stehst du eben früh am Morgen auf, gehst hinüber, vollziehst deinen Stirnaufschlag und trinkst eine Schale Tee. Wird das nicht einen besseren Eindruck machen?“
 
Noch ehe Bau-yü etwas darauf erwidern konnte, bemerkte Dai-yü lächelnd: „Schon weil man dir die Mücken verscheucht hat, mußt du gehen!“
 
Bau-yü verstand nicht, was sie damit meinte, und fragte: „Wer hat mir die Mücken verscheucht?“ Da erzählte Hsi-jën, wie Bau-tschai am Vortag, als Bau-yü geschlafen hatte und niemand weiter da war, um ihm Gesellschaft zu leisten, bei ihm gesessen hatte.
 
„Nicht doch!“ sagte Bau-yü sogleich. „Warum mußte ich sie beleidigen, indem ich geschlafen habe!“ Und er versprach, am nächsten Tag zur Geburtstagsfeier zu gehen.
 
Als er das eben sagte, kam plötzlich Hsiang-yün ganz korrekt gekleidet herein, um sich zu verabschieden, und sagte, man habe nach ihr geschickt, um sie nach Hause zu holen.
 
Bau-yü und Dai-yü standen rasch auf und baten Hsiang-yün, sie solle Platz nehmen, aber Hsiang-yün mochte sich nicht setzen, und so begleiteten die beiden sie hinaus. Hsiang-yün hatte Tränen in den Augen, wagte aber vor den Botinnen ihres Hauses nicht, das ganze Ausmaß ihres Kummers zu zeigen.
 
Bald darauf kam auch Bau-tschai, und nun fiel Hsiang-yün der Abschied erst recht schwer. Bau-tschai war es, die begriff, daß es Hsiang-yün Ärger einbringen würde, wenn ihre Tante über das Gesinde davon erfuhr, und so drängte sie Hsiang-yün zu gehen. Alle zusammen brachten sie bis zum Innentor, und Bau-yü wäre auch noch weiter mitgegangen, wenn Hsiang-yün ihn nicht daran gehindert hätte. Einen Augenblick später wandte sie sich noch einmal um, rief Bau-yü zu sich und trug ihm mit leiser Stimme auf: „Wenn die alte gnädige Frau nicht an mich denken sollte, mußt du sie immer wieder daran erinnern, daß sie jemand schicken soll, der mich abholt!“
 
Bau-yü versprach es ein ums andere Mal und sah zu, wie sie in den Wagen stieg. Dann erst gingen alle wieder hinein.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
 
  
[[Category:Books]]
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Doch genug der müßigen Worte! Berichten wir nun von Phönixglanz<ref>王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Heiterer König-Phönix" — die energische und verschlagene Haushälterin des Kaufmann-Anwesens.</ref>. Seit dem Tod von Goldarmspange<ref>Chin. 金钏</ref> erlebte sie, dass ihr etliche Sklavenfamilien immer häufiger Geschenke brachten und unentwegt kamen, um ihre Aufwartung zu machen und ihr zu schmeicheln. Sie wurde stutzig und konnte sich nicht erklären, was das zu bedeuten hatte. Als sie eines Tages wieder Geschenke erhielt, fragte sie abends, als sie mit Friedchen<ref>平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen" — Phönixglanz' loyale Kammerzofe und engste Vertraute.</ref> allein war, lächelnd: „Eigentlich habe ich mit diesen Familien nicht viel zu schaffen. Warum hängen sie sich plötzlich so an mich?"
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Friedchen lächelte kühl und sagte: „Kommt Ihr wirklich nicht darauf, gnädige Frau? Ich vermute, ihre Töchter gehören alle zu den Dienstmädchen der gnädigen Frau. Die gnädige Frau hat vier bevorzugte Mägde, die je ein Liang Silber im Monat bekommen, und die übrigen erhalten nur ein paar hundert Kupfermünzen. Nun, da Goldarmspange tot ist, wollen sie sich bestimmt diese schöne Stelle mit den zwei Liang Silber sichern."
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Phönixglanz hörte das und lachte: „Richtig, richtig! Gut, dass du mich daran erinnerst. Diese Leute sind wirklich unersättlich! Geld verdienen sie genug, mit schweren Aufgaben werden sie nicht behelligt, und es müsste ihnen genügen, dass ihre Töchter als Mägde untergebracht sind. Aber nein, sie wollen noch mehr! Nun gut — wohin sollten sie sonst ihr Geld tragen? Das haben sie sich selbst zuzuschreiben! Was sie mir schicken, nehme ich an! Einen Plan habe ich ohnehin."
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Mit diesem Vorsatz im Herzen zögerte Phönixglanz die Angelegenheit hinaus und wartete, bis die Leute ihr genug gebracht hatten. Erst dann, als alles eingestrichen war, unterrichtete sie Dame König.
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Eines Mittags nun, als Tante Schnee<ref>薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Schnee" — Schatzspanges Mutter, Schwester von Dame König.</ref> mit ihrer Tochter sowie Kajaljade bei Dame König saßen und aßen, nutzte Phönixglanz die Gelegenheit und meldete Dame König: „Seit Jadearmschanges<ref>Chin. 玉钏</ref> ältere Schwester gestorben ist, fehlt Euch eine Person in der Bedienung. Wenn Ihr schon ein geeignetes Mädchen im Auge habt, gnädige Frau, so befehlt nur — dann kann ich nächsten Monat das Monatsgeld entsprechend auszahlen."
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Dame König überlegte einen Moment und sagte dann: „Wozu diese Regel, dass es unbedingt vier oder fünf sein müssen? Wenn ich genug habe, reicht es. Darauf können wir verzichten."
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Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Im Grunde habt Ihr recht, gnädige Frau. Aber es ist nun einmal die alte Regel, und in den Gemächern anderer gibt es sogar zwei solcher Mägde — da könnt Ihr doch nicht hinter der Regel zurückbleiben. Außerdem spart Ihr mit dem einen Liang Silber auch nicht viel."
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Dame König überlegte nochmals und sagte dann: „Also gut. Das Monatsgeld wird weiter ausgezahlt wie bisher, aber eine neue Magd wird nicht eingestellt. Das eine Liang Silber gibst du stattdessen ihrer Schwester Jadearmspange<ref>Chin. 玉钏</ref>. Die Verstorbene hat mir so lange gedient und hat kein gutes Ende genommen. Da ist es nicht zu viel, wenn ihre Schwester, die noch bei mir ist, doppeltes Gehalt bekommt."
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Phönixglanz bestätigte und wandte sich dann um, suchte Jadearmspange und rief ihr lächelnd zu: „Große Freude, große Freude!" Jadearmspange kam herbei und dankte Dame König mit einem Stirnaufschlag.
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Dame König fragte darauf: „Was ich noch wissen wollte: Wie viel Monatsgeld bekommen die Nebenfrauen Zhao und Zhou zurzeit?"
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„Das ist fest geregelt", antwortete Phönixglanz. „Jede bekommt zwei Liang. Nebenfrau Zhao erhält zusätzlich zwei Liang für Unheil Kaufmann<ref>Chin. 贾环</ref>, das macht zusammen vier Liang, dazu noch vier Schnüre Kupfermünzen."
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„Bekommen sie auch die volle Summe?", vergewisserte sich Dame König.
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Phönixglanz fand die Frage seltsam und antwortete rasch: „Aber natürlich! Wie denn sonst?"
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Dame König sagte: „Neulich schien mir, als hätte sich jemand beklagt, dass eine Schnur Münzen fehle. Woran liegt das?"
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Phönixglanz gab sogleich lächelnd Auskunft: „Das Monatsgeld für die Mägde der Nebenfrauen betrug ursprünglich eine Schnur Münzen pro Person. Aber letztes Jahr hat man draußen beschlossen, das Geld für die Mägde der Nebenfrauen um die Hälfte zu kürzen — nur noch fünfhundert Münzen pro Person. Jede Nebenfrau hat zwei Mägde, daher fehlt eine Schnur.
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Mir kann deshalb niemand böse sein. Ich gönne es ihnen ja, aber wenn man draußen das Geld kürzt, kann ich doch nicht aus eigener Tasche zuschießen! Ich bin nur die Mittlerin — was hereinkommt, gebe ich weiter, aber entscheiden kann ich nicht. Zwei-, dreimal habe ich vorgeschlagen, diese beiden Beträge wieder in alter Höhe zu zahlen, aber man hat mir gesagt: ‚Mehr gibt es nicht!' Da konnte ich schlecht weiter darauf bestehen.
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Jetzt, da ich die Auszahlung handhabe, bekommen sie ihr Geld pünktlich auf den Tag. Früher, als sie es draußen bekamen, gab es jeden Monat Streit. Wann wäre es jemals reibungslos abgelaufen?"
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Dame König ließ die Sache damit auf sich beruhen. Nach langem Schweigen fragte sie: „Wie viele Mägde mit einem Liang im Monat hat die alte gnädige Frau?"
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„Acht", sagte Phönixglanz. „Aber jetzt sind es nur noch sieben, denn die achte ist Dufthauch."
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Dame König sagte: „Eben. Schatzjade hat eigentlich gar keine Magd mit einem Liang Silber. Dufthauch gehört nach wie vor zum Haushalt der alten gnädigen Frau."
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Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Dufthauch gehört in der Tat zur alten gnädigen Frau — sie wurde Schatzjade nur zur Bedienung überlassen. Ihr Liang Silber wird aus dem Mägde-Etat der alten gnädigen Frau gezahlt. Wenn man nun sagen wollte, da Dufthauch zu Schatzjades Leuten gehöre, solle man ihr dieses Liang Silber streichen, so ginge das auf keinen Fall. Wollte man ihr Geld kürzen, müsste man der alten gnädigen Frau stattdessen eine andere Magd zuweisen. Andernfalls müsste auch Unheil Kaufmann eine solche Magd bekommen, damit es gerecht und ausgewogen zugeht.
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Was die sieben älteren Mägde betrifft — Heitermuster<ref>晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster" — ein temperamentvolles Dienstmädchen Schatzjades, berühmt für ihre Schönheit und Nadelkunst.</ref>, Moschusmond<ref>麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond" — ein Dienstmädchen Schatzjades.</ref> und die übrigen bekommen je eine Schnur Münzen im Monat, und die acht jüngeren wie Jiahui bekommen je fünfhundert Münzen — das hat die alte gnädige Frau so bestimmt. Darüber kann sich niemand aufregen."
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Tante Schnee warf lächelnd ein: „Hört nur, wie ihr der Mund geht — das rasselt ja wie ein umgekippter Nusskarren! Und doch ist ihre Abrechnung klar, und alles, was sie sagt, ist vernünftig."
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Phönixglanz fragte lächelnd: „Habe ich denn etwas Falsches gesagt, Frau Tante?"
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Tante Schnee erwiderte ebenfalls lächelnd: „Nicht im Geringsten! Aber wenn du etwas langsamer sprechen würdest, würdest du dir Kraft sparen."
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Phönixglanz wollte schon lachen, besann sich aber und wartete auf Dame Königs Weisung.
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Dame König überlegte lange und sagte dann zu Phönixglanz: „Morgen suchst du ein tüchtiges Mädchen aus und schickst es zur alten gnädigen Frau als Ersatz für Dufthauch. Dufthauchs Anteil wird gestrichen. Von meinen zwanzig Liang Silber Monatsgeld nimmst du zwei Liang Silber und eine Schnur Münzen heraus und gibst sie Dufthauch. Künftig soll Dufthauch alles erhalten, was auch Nebenfrau Zhao und Nebenfrau Zhou bekommen, nur dass Dufthauchs Anteil von meinem Monatsgeld abgezogen wird und das Haushaltsgeld nicht belastet."
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Phönixglanz bestätigte einen Punkt nach dem anderen, dann stieß sie Tante Schnee lächelnd an und fragte: „Habt Ihr gehört, Frau Tante? Was ich immer vorausgesagt habe, ist heute tatsächlich eingetroffen!"
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Tante Schnee sagte: „Das war schon längst überfällig. Über ihr Äußeres brauche ich nichts zu sagen, aber dieses edle Betragen, diese zuvorkommende Art im Umgang mit Menschen — freundlich und zugleich von innerer Festigkeit und Stärke — so etwas findet man wahrlich selten."
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Dame König sagte unter Tränen: „Ihr wisst ja gar nicht, was für ein gutes Kind Dufthauch ist! Zehnmal besser als mein Schatzjade! Wenn Schatzjade wirklich Glück im Leben haben soll, dann genügt es, wenn sie ihm ein Leben lang treu dient."
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Phönixglanz sagte: „Wenn es so steht, warum lasst Ihr sie nicht ihr Gesicht herrichten <ref>‚das Gesicht herrichten' (开了脸) bezeichnet das Zupfen der Gesichtsbehaarung, ein Ritual, das eine Frau als verheiratet bzw. als Nebenfrau kennzeichnet</ref> und gebt sie ihm offiziell als Nebenfrau? Wäre das nicht das Beste?"
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Dame König antwortete: „Nein, das ginge nicht. Erstens sind sie beide noch jung. Zweitens würde der Herr es nicht erlauben. Und drittens: Solange Schatzjade in Dufthauch nur ein Dienstmädchen sieht, hört er trotz aller Ausschweifungen noch auf ihre Mahnungen. Wenn sie aber erst seine offizielle Nebenfrau wäre, würde Dufthauch es nicht mehr wagen, ihm offen Vorhaltungen zu machen. Darum belassen wir es vorerst, wie es ist, und in zwei, drei Jahren sehen wir weiter."
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Nachdem längere Zeit nichts mehr gesagt wurde, merkte Phönixglanz, dass das Gespräch beendet war, und ging hinaus. Kaum war sie unter dem Dachvorsprung angelangt, sah sie mehrere mit Haushaltsangelegenheiten betraute Sklavenfrauen, die auf sie warteten, um ihr Bericht zu erstatten. Als sie herauskam, sagten die Frauen lachend: „Was habt Ihr heute gemeldet, gnädige Frau, dass es so lange gedauert hat? Man wird ja vor Hitze halb gar!"
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Phönixglanz schob sich die Ärmel hoch, stellte sich auf Zehenspitzen auf die Schwelle des Seitentors und sagte lächelnd: „Hier im Durchzug ist es schön kühl. Lasst mich kurz durchatmen, bevor ich weitergehe." Dann wandte sie sich an die anderen und erzählte: „Ihr fragt, weshalb ich so lange gemeldet habe? Die gnädige Frau hat alles bis zweihundert Jahre zurück durchgegangen und mich dazu befragt. Hätte ich ihr etwa nicht antworten sollen?"
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Dann fuhr sie mit kaltem Lächeln fort: „Von jetzt an werde ich ein paar gehörige Maßnahmen ergreifen! Und wenn sich jemand bei der gnädigen Frau beklagt — mir ist das einerlei. Diese verblendeten Geschöpfe, die ihr Hirn mit Fett zugekleistert und ihre Zunge verfault haben — die sollen sich bloß nichts einbilden, diese erbärmlichen Dinger! Eines Tages wird alles auf einmal abgerechnet! Da hat man den Mägden das Geld gekürzt, und sie beschweren sich bei uns, statt zu bedenken, was sie sind — nämlich Sklavinnen! Und dennoch wagen sie, sich zwei, drei Mägde zu halten!"
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Und so ging sie, noch immer schimpfend, davon, um eine Magd auszusuchen und der Herzoginmutter darüber Meldung zu machen. Aber davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
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Nachdem Dame König und die anderen ihre Wassermelone gegessen und noch ein Weilchen geplaudert hatten, gingen sie auseinander. Schatzspange und Kajaljade kehrten in den Garten zurück, und Schatzspange schlug Kajaljade vor, mit ihr zum Kiosk des Lotoswurzelduftes<ref>Chin. 藕香榭</ref> zu gehen. Kajaljade aber sagte, sie wolle gleich ein Bad nehmen, und so trennten sie sich.
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Schatzspange ging allein weiter und betrat, da ihr Weg sie daran vorbeiführte, den Hof der Roten Freude<ref>Chin. 怡红院</ref>, um mit Schatzjade zu plaudern und ihre mittägliche Müdigkeit zu vertreiben. Doch als sie den Hof betrat, herrschte Totenstille — nicht einmal ein Sperling war zu hören, und sogar die beiden Mandschurenkraniche unter den Bananenstauden dösten. Schatzspange ging durch den Wandelgang ins Haus, und im Vorzimmer lagen die Dienstmädchen kreuz und quer auf den Betten und schliefen. Sie bog um die Zierwand mit den Fächern und betrat Schatzjades Zimmer: Er lag schlafend auf dem Bett. Dufthauch saß an seiner Seite, eine Nadelarbeit in den Händen, und neben ihr lag ein Fliegenwedel aus weißem Nashornbein <ref>白犀麈 — ein luxuriöser Fliegenwedel mit einem Griff aus weißem Rhinozeroshorn</ref>.
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Schatzspange trat leise heran und flüsterte lächelnd: „Du bist wirklich zu vorsichtig! Wo gibt es denn hier im Zimmer noch Fliegen oder Mücken? Wozu brauchst du da den Fliegenwedel?"
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Dufthauch hatte sie nicht kommen hören und fuhr erschrocken hoch. Als sie sah, dass es Schatzspange war, legte sie hastig die Nadelarbeit beiseite, stand auf und erwiderte leise und lächelnd: „Ach, Fräulein, Ihr seid es! Ihr habt mich ganz schön erschreckt! Ihr wisst ja nicht — Fliegen und Mücken gibt es hier zwar nicht, aber es gibt eine Sorte winziger Tierchen, die durch die Gazemaschen schlüpfen. Man kann sie gar nicht sehen, aber wenn sie einen im Schlaf beißen, fühlt es sich an wie ein Ameisenzwicken."
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Schatzspange sagte: „Kein Wunder! Hinter dem Haus ist Wasser, und überall stehen Blumen, auch im Zimmer duftet es. Diese Tierchen leben in den Blütenkelchen, und wo es duftet, dahin streben sie."
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Während sie sprach, betrachtete sie die Nadelarbeit in Dufthauchs Händen. Es war ein Leibchen aus feiner weißer Seide mit rotem Futter, bestickt mit Mandarinenten, die zwischen Lotosblumen spielten — rosafarbene Lotosblüten, grüne Blätter und bunt schillernde Mandarinenten.
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Schatzspange rief: „Ach, was für eine prächtige Arbeit! Für wen ist das? Lohnt sich denn ein solcher Aufwand?"
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Dufthauch deutete mit dem Kinn zum Bett hin.
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Schatzspange lachte: „So groß, und trägt noch so etwas?"
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Dufthauch erwiderte lächelnd: „Er würde es ja von sich aus nicht tragen. Deshalb mache ich es extra schön, damit er es sieht und gar nicht anders kann, als es zu tragen. Bei diesem heißen Wetter gibt er im Schlaf nicht acht, und wenn ich ihn dazu bringe, es anzulegen, macht es nichts, wenn er sich nachts nicht ordentlich zudeckt. Ihr meint, dieses hier hätte Mühe gekostet — aber Ihr habt das noch nicht gesehen, das er jetzt am Leib trägt!"
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Schatzspange sagte lächelnd: „Was für eine Geduld du hast!"
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Dufthauch klagte: „Heute habe ich so lange daran gearbeitet, dass mir der Nacken ganz steif ist." Dann bat sie lächelnd: „Setzt Euch doch einen Moment hierher, liebe Fräulein. Ich möchte kurz hinausgehen und ein paar Schritte tun, dann bin ich gleich wieder da." Und damit ging sie hinaus.
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Schatzspange, ganz in die Betrachtung der Stickarbeit versunken, setzte sich, ohne es recht zu bemerken, genau auf den Platz, auf dem eben noch Dufthauch gesessen hatte. Die Arbeit gefiel ihr so gut, dass sie unwillkürlich zur Nadel griff und weiterstickte.
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Nun traf es sich, dass Kajaljade unterwegs auf Xiangfluss-Wolke<ref>史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Geschichtsschreiber Wolke-am-Xiang-Fluss" — Schatzjades lebenslustige Kusine, eine begabte Dichterin.</ref> gestoßen war, die sie aufgefordert hatte, gemeinsam zu Dufthauch zu gehen und ihr zu gratulieren. Als die beiden in den Hof kamen und alles still fanden, wandte sich Xiangfluss-Wolke zuerst zur Seitengebäude, um dort nach Dufthauch zu suchen. Kajaljade aber trat ans Fenster und schaute durch die Gaze hinein. Da erblickte sie Schatzjade, der in seinem rosafarbenen Gazehemd in lässiger Haltung auf dem Bett lag und schlief — und neben ihm saß Schatzspange, die Nadelarbeit in den Händen, den Fliegenwedel an ihrer Seite.
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Bei diesem Anblick wich Kajaljade rasch zurück, presste die Hand auf den Mund, um nicht laut herauszulachen, und winkte Xiangfluss-Wolke herbei. Xiangfluss-Wolke sah sie so und glaubte, es gäbe etwas Neues zu sehen. Eilig kam sie heran und schaute ebenfalls hinein. Schon wollte sie loslachen, doch dann besann sie sich, wie gut Schatzspange immer zu ihr war, und hielt sich rasch den Mund zu. Da sie wusste, dass Kajaljade niemanden schonte, und befürchtete, sie könnte sich über Schatzspange lustig machen, zog sie sie rasch beiseite und sagte: „Komm, gehen wir! Mir fällt gerade ein: Dufthauch hat gesagt, sie wolle mittags am Teich Wäsche waschen. Bestimmt ist sie dort. Gehen wir sie suchen!"
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Kajaljade durchschaute sie zwar und lachte ein paarmal kühl, aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
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Im Zimmer hatte Schatzspange gerade erst zwei, drei Blütenblätter gestickt, als sie plötzlich hörte, wie Schatzjade im Traum aufschrie: „Wie kann man den Worten von Mönch und Daoist Glauben schenken! Was heißt hier ‚Verbindung von Gold und Jade'? Für mich gilt einzig die Verbindung von Holz und Stein!" <ref>„Gold und Jade" (金玉姻缘) steht für die Verbindung von Schatzspanges goldenem Schloss und Schatzjades Jade; „Holz und Stein" (木石姻缘) meint die vorherbestimmte Liebe zwischen Kajaljade (Pflanze/Holz) und Schatzjade (Stein)</ref>
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Schatzspange erstarrte bei diesen Worten. Da kam Dufthauch herein und fragte lächelnd: „Ist er noch nicht wach?" Schatzspange schüttelte den Kopf.
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Dufthauch fuhr lächelnd fort: „Eben bin ich Fräulein Lin und Fräulein Shi begegnet. Sind die beiden nicht hereingekommen?"
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Schatzspange sagte: „Gesehen habe ich sie nicht." Dann fragte sie Dufthauch mit einem Lächeln: „Haben sie dir etwas erzählt?"
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Dufthauch antwortete lächelnd: „Ach, nur ihre üblichen Scherze — was sollten sie schon Ernsthaftes zu sagen haben!"
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Schatzspange sagte lächelnd: „Es war kein Scherz! Ich wollte es dir vorhin auch sagen, aber du bist so schnell hinausgegangen."
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Noch hatte sie nicht ausgesprochen, da erschien eine Botin von Phönixglanz, um Dufthauch zu ihr zu holen. Schatzspange sagte lächelnd: „Das ist genau wegen dieser Sache."
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Dufthauch musste zwei andere Dienstmädchen wecken, und zusammen mit Schatzspange verließ sie den Hof der Roten Freude. Allein ging sie zu Phönixglanz, und tatsächlich verkündete diese ihr, was Dame König entschieden hatte. Dann schickte sie Dufthauch, um sich bei Dame König mit einem Stirnaufschlag zu bedanken, und sagte ihr, bei der Herzoginmutter brauche sie vorerst nicht vorzusprechen. Dufthauch war ganz verlegen. Sie ging zu Dame König, und als sie eilig zurückkam, war Schatzjade bereits wach und fragte, was geschehen sei. Dufthauch gab ihm zunächst nur eine ausweichende Antwort, und erst in der Stille der Nacht, als alles ruhig war, berichtete sie ihm alles.
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Schatzjade war außer sich vor Freude und sagte lächelnd zu ihr: „Nun will ich doch einmal sehen, ob du wieder nach Hause gehst! Beim letzten Besuch dort hast du dann erzählt, dein Bruder wolle dich freikaufen, und dann hieß es, hier hättest du auf Dauer keinen sicheren Platz — was das letztlich bedeuten solle, und noch mehr solche herzlosen und treulosen Worte, mit denen du mir Angst machen wolltest. Von heute an möchte ich sehen, wer es noch wagt, dich von hier fortzuholen!"
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Dufthauch erwiderte mit kühlem Lächeln: „Rede nicht so! Von nun an gehöre ich zur gnädigen Frau. Wenn ich gehen will, brauche ich es dir nicht einmal zu sagen — ich melde es nur der gnädigen Frau, und dann gehe ich."
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Schatzjade sagte lächelnd: „Selbst wenn ich mich schlecht benehme und du es der gnädigen Frau meldest und gehst — wenn andere erfahren, dass es meinetwegen war, wäre das doch auch für dich unangenehm."
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Dufthauch gab lächelnd zurück: „Was heißt unangenehm? Soll ich etwa, wenn du ein Dieb und Räuber wirst, auch dann noch bei dir bleiben? Und wenn sonst nichts hilft, bleibt immer noch der Tod. Selbst wenn ein Mensch hundert Jahre alt wird — sterben muss jeder. Wenn ich den letzten Atemzug getan habe und nichts mehr höre und nichts mehr sehe, dann ist eben alles vorbei!"
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Schatzjade hielt ihr rasch den Mund zu und sagte: „Schluss, Schluss, Schluss! Sag so etwas nicht!"
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Dufthauch kannte Schatzjades seltsamen Charakter nur zu genau: Schmeicheleien und glückverheißende Worte mochte er nicht, weil sie ihm hohl und nichtig erschienen; aufrichtige und ungeschönte Worte aber stimmten ihn traurig. Es tat ihr leid, so unbedacht geredet zu haben, und rasch lenkte sie lächelnd auf andere Themen, von denen sie wusste, dass er gern darüber sprach. Zuerst fragte sie ihn nach Frühlingswind und Herbstmond, dann plauderten sie über Puder und Schminke, danach kam das Gespräch darauf, wie wunderbar die Mädchen doch seien, und schließlich darauf, dass auch Mädchen sterben müssen — da hielt sich Dufthauch rasch den Mund zu.
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Schatzjade aber, den ihre Worte in beste Laune versetzt hatten, sagte, als sie plötzlich schwieg, lächelnd: „Welcher Mensch müsste nicht sterben? Es kommt nur darauf an, dass es ein guter Tod ist. Jene törichten bärtigen Männer — das trübe Gesindel — kennen nur zwei angeblich ehrenvolle Todesarten: ein Zivilbeamter stirbt im Protest gegen seinen Herrscher, ein Militär stirbt in der Schlacht. Das sind angeblich die ruhmvollen und tugendhaften Tode des wahren Mannes. Doch wäre es nicht besser, sie stürben gar nicht?
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Nur wenn es einen schlechten Herrscher gibt, muss man ihm Vorhaltungen machen. Aber wenn einer das nur tut, um sich einen Namen als aufrechter Staatsdiener zu erwerben, und blindlings in den Tod stürzt — was wird dann aus dem Herrscher? Nur wenn es Krieg gibt, muss man kämpfen. Aber wenn einer blindlings in den Tod stürzt, nur um sich einen Namen als tapferer Krieger zu machen — was wird dann aus dem Land? Darum ist keiner dieser Tode ein rechter Tod."
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Dufthauch warf ein: „Treue Minister und tapfere Generäle sterben nur, wenn es nicht anders geht."
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Schatzjade fuhr fort: „Die Tapferkeit der Generäle ist nichts als rohe Kraft. Wenn es ihnen an Kriegskunst und Umsicht mangelt und sie ihr Leben verlieren, weil sie unfähig sind — heißt das etwa auch ‚es geht nicht anders'? Und die Zivilbeamten sind noch schlimmer als die Militärs! Sie prägen sich ein paar Sätze aus den Büchern ein, und wenn der Hof auch nur den kleinsten Fehler zeigt, schwatzen sie wild drauflos und geben unsinnige Ratschläge — nur um sich einen Namen als standhafte Männer zu machen. In einer Aufwallung von trübem Starrsinn stürzen sie sich in den Tod — heißt das etwa auch ‚es geht nicht anders'?
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Außerdem muss man wissen: Der Herrscher empfängt sein Mandat vom Himmel. Wenn er nicht heilig und gütig wäre, würden ihm Himmel und Erde diese gewaltige Bürde niemals auferlegen. Daran sieht man, dass jene, die auf solche Weise sterben, nur auf ihren eigenen Ruhm aus sind und nichts vom wahren Sinn der Pflicht verstehen.
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Wenn ich aber das Glück hätte, zur rechten Zeit zu sterben — jetzt, da ihr alle um mich seid —, dann möchte ich sterben! Und wenn ihr mich dann beweintet, bis aus euren Tränen ein großer Strom würde, der meinen Leichnam davontrüge in eine abgelegene Gegend, wohin nicht einmal die Vögel gelangen — dort löste ich mich im Wind auf und brauchte nicht als Mensch wiedergeboren zu werden. Das wäre ein Tod zur rechten Zeit!"
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Als Dufthauch diese unsinnigen Reden hörte, gab sie rasch vor, müde zu sein, und beachtete ihn nicht mehr. Da machte Schatzjade endlich die Augen zu und schlief ein. Am nächsten Morgen hatte er das Thema vergessen.
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Eines Tages, als Schatzjade des ewigen Herumschweifens überdrüssig war, fiel ihm die Oper vom Päonienpavillon <ref>牡丹亭, berühmtes Bühnenstück von Tang Xianzu (1598), eine Liebesgeschichte über Leben und Tod</ref> ein, und er las sie zweimal durch, doch sein Herz war noch nicht befriedigt. Weil er gehört hatte, dass unter den zwölf Schauspielerinnen im Birnendufthof<ref>Chin. 梨香院</ref> die Darstellerin junger Frauenrollen namens Lingguan<ref>Chin. 龄官</ref> am schönsten singen könne, ging er eigens durch das Seitentor hinüber, um sie zu suchen. Im Hof traf er auf Baoguan<ref>Chin. 宝官</ref> und Yuguan<ref>Chin. 玉官</ref>, die ihm lächelnd einen Platz anboten.
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Schatzjade fragte: „Wo ist Lingguan?"
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Die anderen sagten ihm: „In ihrem Zimmer."
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Schatzjade eilte sogleich zu ihr. Lingguan lag allein auf einem Kissen, und als er eintrat, rührte sie sich nicht. Schatzjade war es von klein auf gewohnt, dass die Mädchen um ihn herum ihm freundlich begegneten, und so glaubte er, Lingguan sei genauso wie alle anderen. Er trat an sie heran, setzte sich neben sie und bat sie lächelnd und schmeichelnd, aufzustehen und ihm die Arie „Im zarten Sonnendunst" <ref>袅晴丝, eine berühmte Arie aus dem Päonienpavillon, Szene „Aufschrecken aus dem Traum"</ref> vorzusingen.
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Doch wider Erwarten stand Lingguan, als sie ihn sich hinsetzen sah, hastig auf und wich von ihm zurück. Mit ernster Miene sagte sie: „Meine Stimme ist heiser. Als uns neulich die kaiserliche Nebenfrau <ref>Urfrühling, Schatzjades ältere Schwester</ref> in den Palast rufen ließ, habe ich nicht einmal dort gesungen."
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Schatzjade sah, dass sie sich aufrecht hingesetzt hatte, und als er sie nun genauer betrachtete, erkannte er in ihr das Mädchen wieder, das einst unter den Rosensträuchern das Schriftzeichen „Qiang" — „Rose"<ref>Chin. 蔷</ref> — in die Erde geschrieben hatte. Noch nie hatte Schatzjade es erlebt, dass ihn jemand so brüskierte und verschmähte. Beschämt und mit rotem Gesicht verließ er das Zimmer.
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Baoguan und die anderen verstanden nicht, was geschehen war, und fragten ihn nach dem Grund. Schatzjade erklärte es ihnen und ging hinaus. Baoguan sagte: „Wartet nur ein wenig. Wenn der junge Herr Edelrose Kaufmann<ref>贾蔷 Jiǎ Qiáng, wörtl. „Kaufmann Rose" — ein entfernter Neffe der Kaufmann-Familie.</ref> kommt und sie bittet, wird sie bestimmt singen."
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Schatzjade stutzte und fragte: „Wo ist denn Vetter Edelrose hingegangen?"
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Baoguan antwortete: „Er war eben erst weg. Bestimmt wollte Lingguan wieder etwas haben, und er ist losgezogen, um es zu besorgen."
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Schatzjade fand das höchst bemerkenswert. Er wartete ein Weilchen, und tatsächlich erschien Edelrose Kaufmann, in der Hand einen kleinen Vogelkäfig mit einer winzigen Bühne darin und einem Vogel darauf. Freudestrahlend kam er herein und suchte nach Lingguan. Als er Schatzjade erblickte, blieb er notgedrungen stehen.
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Schatzjade fragte: „Was ist das für ein Vogel? Kann er wirklich mit einem Fähnchen im Schnabel auf der Bühne herumlaufen?"
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Edelrose Kaufmann antwortete lächelnd: „Es ist ein Jadeschopf-Goldbohne <ref>玉顶金豆, eine dressierte Vogelart</ref>."
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Schatzjade fragte: „Was hat er gekostet?"
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Edelrose Kaufmann sagte: „Ein Liang acht Qian Silber." Dabei bat er Schatzjade, Platz zu nehmen, und ging selbst in Lingguans Zimmer. Schatzjade hatte inzwischen keine Lust mehr, sich etwas vorsingen zu lassen — er wollte nur noch beobachten, wie Edelrose Kaufmann sich Lingguan gegenüber verhielt.
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Er sah, wie Edelrose Kaufmann lächelnd zu ihr sagte: „Steh auf und sieh dir an, was ich hier habe!"
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Lingguan setzte sich auf und fragte: „Was denn?"
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Edelrose Kaufmann sagte: „Ich habe einen Vogel für dich gekauft, damit du dich amüsieren kannst und nicht mehr jeden Tag so trübselig bist. Ich zeige dir erst einmal, was er kann!" Und mit ein paar Körnern lockte er den Vogel, der tatsächlich auf der kleinen Bühne hin und her lief und Fähnchen und Masken im Schnabel trug.
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Die anderen Mädchen lachten alle und riefen: „Das macht Spaß!" Nur Lingguan lachte ein paarmal verächtlich und legte sich schmollend wieder hin. Edelrose Kaufmann blieb lächelnd neben ihr stehen und fragte: „Gefällt er dir?"
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Lingguan sagte: „Reicht es nicht, dass eure Familie uns arme Geschöpfe hierher verschleppt und in dieses Gefängnis gesperrt hat, wo wir diesen Unfug lernen müssen? Und jetzt bringst du auch noch einen Vogel, der genau dasselbe machen muss? Du hast ihn doch nur geholt, um dich über uns lustig zu machen! Und dann fragst du noch, ob er mir gefällt!"
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Edelrose Kaufmann erschrak und schwor hoch und heilig. Er sagte: „Was hat mir heute nur das Hirn verkleistert! Für ein bis zwei Liang Silber habe ich ihn gekauft, einzig um dir eine Freude zu machen. An so etwas habe ich nie gedacht. Genug! Ich lasse ihn frei, damit es dir besser geht!" Und wirklich ließ er den Vogel fliegen und zerschmetterte den Käfig in tausend Stücke.
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Lingguan ließ aber nicht locker und sagte: „Der Vogel ist zwar kein Mensch, aber auch er hat seine Mutter im Nest. Wie konntest du es übers Herz bringen, ihn herzuholen und solche Kunststückchen aufführen zu lassen! Heute habe ich zweimal Blut gehustet, und die gnädige Frau hat einen Arzt bestellt — aber statt dich bei ihm gründlich nach meinem Befinden zu erkundigen, bringst du einen Vogel an, um mich zum Narren zu halten. Es trifft immer nur mich — niemand kümmert sich um mich, niemand sorgt für mich, und dann muss ich auch noch krank sein!" Bei diesen Worten begann sie zu weinen.
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Edelrose Kaufmann sagte rasch: „Gestern Abend habe ich den Arzt gefragt. Er sagte, es sei nicht schlimm. Er meinte, du solltest ein paar Dosen Medizin nehmen, dann wolle er dich übermorgen noch einmal untersuchen. Wer hätte gedacht, dass du heute wieder Blut spuckst! Ich gehe sofort und hole ihn!" Und er wollte schon losrennen.
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Lingguan aber rief: „Halt! Bei dieser Gluthitze rennst du im Zorn los und holst ihn her — und ich werde ihn nicht empfangen!" Edelrose Kaufmann konnte also nichts anderes tun, als stehenzubleiben.
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Als Schatzjade diese Szene sah, war er ganz benommen. Erst jetzt begriff er den tiefen Sinn des Schriftzeichens „Qiang" — „Rose" —, das Lingguan einst in die Erde geschrieben hatte. Es hielt ihn nicht mehr an diesem Ort, und leise machte er sich davon. Edelrose Kaufmann, der nur Augen für Lingguan hatte, dachte nicht daran, ihn zu begleiten, und so gaben ihm die anderen Mädchen das Geleit.
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Tief in Gedanken versunken, kehrte Schatzjade in den Hof der Roten Freude zurück, wo gerade Kajaljade und Dufthauch zusammensaßen und sich unterhielten. Kaum war Schatzjade eingetreten, seufzte er tief und sagte zu Dufthauch: „Was ich gestern Nacht gesagt habe, war falsch. Kein Wunder, dass Vater mir vorwirft, ich sähe die Welt ‚durch ein Rohr und mäße das Meer mit einer Kalebasse'. Gestern Nacht habe ich gesagt, euer aller Tränen würden mich allein begraben — das war ein Irrtum. Ich kann unmöglich alle Tränen für mich allein beanspruchen. Von nun an bekommt eben jeder seine eigenen Tränen."
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Dufthauch hatte das Geplauder vom Vorabend nur als Spaß aufgefasst und längst vergessen. Als Schatzjade nun wieder damit anfing, sagte sie lächelnd: „Du bist wirklich ein wenig verrückt!"
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Schatzjade gab keine Antwort. Von diesem Tag an war er zutiefst davon überzeugt, dass in Leben und Liebe jedem sein Teil bestimmt sei, und immer wieder quälte ihn der Gedanke: „Wer wird einst an meinem Grab Tränen vergießen?" Doch das waren seine geheimsten Empfindungen, und wir wollen nicht willkürlich Vermutungen darüber anstellen.
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Als Kajaljade Schatzjade in diesem Zustand sah, erkannte sie, dass ihm etwas begegnet sein musste, das ihn verzaubert hatte. Da sie aber nicht gut danach fragen konnte, sagte sie stattdessen: „Eben war ich bei der Tante, und es war die Rede davon, dass morgen Tante Schnees Geburtstag ist. Man hat mich gebeten, bei dir vorbeizugehen und dich zu fragen, ob du hingehst. Du sollst jemanden hinüberschicken und Bescheid geben."
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Schatzjade sagte: „Nicht einmal zum Geburtstag des alten gnädigen Herrn <ref>Begnadigung Kaufmann / 贾赦</ref> bin ich hingegangen. Wenn ich jetzt ginge, könnte ich womöglich dort jemanden treffen. Nein, ich gehe zu keinem Geburtstag! So heiß wie es ist, müsste ich mich auch noch in Festkleidung werfen — nein. Die Tante wird mir deswegen sicher nicht böse sein."
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Dufthauch widersprach rasch: „Was redest du da? Du kannst sie doch nicht mit dem alten gnädigen Herrn vergleichen! Sie wohnt ganz in der Nähe, und sie ist eine nahe Verwandte. Wenn du nicht hingehst, macht sie sich Gedanken. Wenn du die Hitze scheust, steh einfach früh auf, geh hinüber, mache deinen Stirnaufschlag, trink eine Tasse Tee und komm wieder. Ist das nicht viel angemessener?"
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Noch ehe Schatzjade antworten konnte, sagte Kajaljade lächelnd: „Schon allein weil man dir die Mücken verscheucht hat, solltest du hingehen!"
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Schatzjade verstand nicht und fragte: „Wieso Mücken verscheuchen?"
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Da erzählte Dufthauch, wie am Vortag, als Schatzjade geschlafen hatte und niemand da gewesen sei, Schatzspange bei ihm gesessen und ihm Gesellschaft geleistet habe.
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Schatzjade rief sogleich: „Das hätte nicht sein dürfen! Wie konnte ich sie beleidigen, indem ich geschlafen habe!" Und er versprach, am nächsten Tag zum Geburtstag zu gehen.
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Während sie noch sprachen, kam plötzlich Xiangfluss-Wolke, ganz korrekt gekleidet, herein, um sich zu verabschieden. Man habe nach ihr geschickt, um sie nach Hause zu holen, sagte sie.
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Schatzjade und Kajaljade standen rasch auf und baten sie, doch noch Platz zu nehmen. Xiangfluss-Wolke aber mochte sich nicht setzen, und so begleiteten die beiden sie hinaus. Xiangfluss-Wolke hatte Tränen in den Augen, wagte aber vor den Bediensteten ihres Hauses nicht, ihren ganzen Kummer zu zeigen.
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Bald darauf kam auch Schatzspange herbei, und nun fiel Xiangfluss-Wolke der Abschied erst recht schwer. Schatzspange aber war es, die die Lage durchschaute: Wenn die Bediensteten zu Hause der Tante berichteten, wie ungern Xiangfluss-Wolke gegangen war, würde man ihr dort Vorwürfe machen. Darum drängte sie Xiangfluss-Wolke zum Aufbruch. Alle zusammen brachten sie bis zum Innentor, und Schatzjade wollte sie noch weiter hinausbegleiten, aber Xiangfluss-Wolke hielt ihn davon ab.
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Einen Augenblick später wandte sich Xiangfluss-Wolke noch einmal um, rief Schatzjade zu sich und flüsterte ihm zu: „Falls die alte gnädige Frau nicht von selbst an mich denkt, musst du sie immer wieder daran erinnern, jemanden zu schicken, der mich abholt!"
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Schatzjade versprach es ein ums andere Mal und sah zu, wie sie in den Wagen stieg. Dann erst gingen alle wieder hinein.
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Wer wissen will, wie es weiterging, lese das nächste Kapitel.

Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Kapitel 36

In dem im Haus der Freude am Roten ein besticktes Mandarinenentenpaar einen Traum weissagt und im Birnendufthof die Erkenntnis des vorbestimmten Schicksals zur Einsicht in die Liebe führt

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Als die Herzoginmutter[1] von Dame König[2] zurückkehrte und sah, dass es Schatzjade[3] von Tag zu Tag besser ging, war sie natürlich erfreut. Weil sie aber befürchtete, Aufrecht Kaufmann[4] könnte ihn künftig wieder zu sich rufen lassen, ließ sie den Anführer seiner Leibdiener kommen und wies ihn an: „Wenn künftig ein Anlass zum Empfangen von Gästen oder zu Bewirtungen besteht und dein Herr Schatzjade rufen lassen will, brauchst du den Befehl nicht nach oben weiterzugeben. Antworte ihm einfach, ich hätte gesagt: erstens sei er so schwer geschlagen worden, dass er sich mehrere Monate gründlich erholen müsse, ehe er wieder gehen könne; und zweitens stünden seine Sterne ungünstig — solange den Sternen geopfert werde, dürfe er keinen Fremden sehen, und erst nach dem achten Monat dürfe er wieder zum Innentor hinaus." Der Diener nahm den Befehl entgegen und ging fort.

Daraufhin ließ die Herzoginmutter Amme Li und Dufthauch[5] kommen, teilte ihnen diese Anordnung mit und trug ihnen auf, sie Schatzjade weiterzugeben, damit er beruhigt sei. Schatzjade aber mochte sich ohnehin ungern mit Beamten und Männern im Allgemeinen unterhalten, und „hohe Zeremonialmützen und steife Amtsgewänder" sowie das ganze Hin und Her von „Gratulations- und Kondolenzbesuchen" waren ihm zutiefst verhasst. Als er nun von dieser Anordnung erfuhr, war er überglücklich. Fortan brach er nicht nur den Verkehr mit Verwandten und Freunden vollständig ab, sondern verfuhr sogar mit den morgendlichen und abendlichen Begrüßungen innerhalb der Familie ganz nach Belieben. Tag für Tag streifte er im Garten umher oder schlief, und nur jeden Morgen in aller Frühe schaute er bei der Herzoginmutter und bei Dame König vorbei und kam gleich wieder zurück. Stattdessen war er jederzeit bereit, den Dienstmädchen seine Dienste anzubieten, und verbrachte so seine Tage in völliger Muße.

Wenn aber etwa Schatzspange[6] und ihresgleichen bei passender Gelegenheit versuchten, ihn zur Vernunft zu bringen, geriet er in Zorn und sagte: „Da ist nun ein gutes, reines, unschuldiges Mädchen, und selbst das hat gelernt, nach Ruhm und Ansehen zu angeln, und reiht sich ein unter die Landesbetrüger und Postenjäger! An allem sind die Alten schuld, die ohne jeden Grund Unheil anrichteten und Lehren und Maximen aufstellten, nur um in späteren Zeiten die törichten Männer — dieses trübe Gesindel — anzuleiten. Nie hätte ich gedacht, dass ich das Unglück haben würde, in einer Zeit zu leben, da auch die Bewohnerinnen der edlen Gemächer und bestickten Hallen von diesem Übel angesteckt sind. Das ist wahrhaftig ein Frevel gegen die Gnade von Himmel und Erde, die an schönen Stätten Schönes gedeihen lässt!" So erstreckte sich sein Zorn bis auf die Alten, und er verbrannte schließlich alle Bücher außer den Vier Klassikern [7].

Als die anderen sahen, wie verrückt er sich benahm, redete niemand mehr ernsthaft mit ihm. Einzig Kajaljade[8] hatte ihm von klein auf niemals geraten, sich einen Namen zu machen oder nach einer Position zu streben, und gerade deshalb verehrte er sie so zutiefst.

Doch genug der müßigen Worte! Berichten wir nun von Phönixglanz[9]. Seit dem Tod von Goldarmspange[10] erlebte sie, dass ihr etliche Sklavenfamilien immer häufiger Geschenke brachten und unentwegt kamen, um ihre Aufwartung zu machen und ihr zu schmeicheln. Sie wurde stutzig und konnte sich nicht erklären, was das zu bedeuten hatte. Als sie eines Tages wieder Geschenke erhielt, fragte sie abends, als sie mit Friedchen[11] allein war, lächelnd: „Eigentlich habe ich mit diesen Familien nicht viel zu schaffen. Warum hängen sie sich plötzlich so an mich?"

Friedchen lächelte kühl und sagte: „Kommt Ihr wirklich nicht darauf, gnädige Frau? Ich vermute, ihre Töchter gehören alle zu den Dienstmädchen der gnädigen Frau. Die gnädige Frau hat vier bevorzugte Mägde, die je ein Liang Silber im Monat bekommen, und die übrigen erhalten nur ein paar hundert Kupfermünzen. Nun, da Goldarmspange tot ist, wollen sie sich bestimmt diese schöne Stelle mit den zwei Liang Silber sichern."

Phönixglanz hörte das und lachte: „Richtig, richtig! Gut, dass du mich daran erinnerst. Diese Leute sind wirklich unersättlich! Geld verdienen sie genug, mit schweren Aufgaben werden sie nicht behelligt, und es müsste ihnen genügen, dass ihre Töchter als Mägde untergebracht sind. Aber nein, sie wollen noch mehr! Nun gut — wohin sollten sie sonst ihr Geld tragen? Das haben sie sich selbst zuzuschreiben! Was sie mir schicken, nehme ich an! Einen Plan habe ich ohnehin."

Mit diesem Vorsatz im Herzen zögerte Phönixglanz die Angelegenheit hinaus und wartete, bis die Leute ihr genug gebracht hatten. Erst dann, als alles eingestrichen war, unterrichtete sie Dame König.

Eines Mittags nun, als Tante Schnee[12] mit ihrer Tochter sowie Kajaljade bei Dame König saßen und aßen, nutzte Phönixglanz die Gelegenheit und meldete Dame König: „Seit Jadearmschanges[13] ältere Schwester gestorben ist, fehlt Euch eine Person in der Bedienung. Wenn Ihr schon ein geeignetes Mädchen im Auge habt, gnädige Frau, so befehlt nur — dann kann ich nächsten Monat das Monatsgeld entsprechend auszahlen."

Dame König überlegte einen Moment und sagte dann: „Wozu diese Regel, dass es unbedingt vier oder fünf sein müssen? Wenn ich genug habe, reicht es. Darauf können wir verzichten."

Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Im Grunde habt Ihr recht, gnädige Frau. Aber es ist nun einmal die alte Regel, und in den Gemächern anderer gibt es sogar zwei solcher Mägde — da könnt Ihr doch nicht hinter der Regel zurückbleiben. Außerdem spart Ihr mit dem einen Liang Silber auch nicht viel."

Dame König überlegte nochmals und sagte dann: „Also gut. Das Monatsgeld wird weiter ausgezahlt wie bisher, aber eine neue Magd wird nicht eingestellt. Das eine Liang Silber gibst du stattdessen ihrer Schwester Jadearmspange[14]. Die Verstorbene hat mir so lange gedient und hat kein gutes Ende genommen. Da ist es nicht zu viel, wenn ihre Schwester, die noch bei mir ist, doppeltes Gehalt bekommt."

Phönixglanz bestätigte und wandte sich dann um, suchte Jadearmspange und rief ihr lächelnd zu: „Große Freude, große Freude!" Jadearmspange kam herbei und dankte Dame König mit einem Stirnaufschlag.

Dame König fragte darauf: „Was ich noch wissen wollte: Wie viel Monatsgeld bekommen die Nebenfrauen Zhao und Zhou zurzeit?"

„Das ist fest geregelt", antwortete Phönixglanz. „Jede bekommt zwei Liang. Nebenfrau Zhao erhält zusätzlich zwei Liang für Unheil Kaufmann[15], das macht zusammen vier Liang, dazu noch vier Schnüre Kupfermünzen."

„Bekommen sie auch die volle Summe?", vergewisserte sich Dame König.

Phönixglanz fand die Frage seltsam und antwortete rasch: „Aber natürlich! Wie denn sonst?"

Dame König sagte: „Neulich schien mir, als hätte sich jemand beklagt, dass eine Schnur Münzen fehle. Woran liegt das?"

Phönixglanz gab sogleich lächelnd Auskunft: „Das Monatsgeld für die Mägde der Nebenfrauen betrug ursprünglich eine Schnur Münzen pro Person. Aber letztes Jahr hat man draußen beschlossen, das Geld für die Mägde der Nebenfrauen um die Hälfte zu kürzen — nur noch fünfhundert Münzen pro Person. Jede Nebenfrau hat zwei Mägde, daher fehlt eine Schnur.

Mir kann deshalb niemand böse sein. Ich gönne es ihnen ja, aber wenn man draußen das Geld kürzt, kann ich doch nicht aus eigener Tasche zuschießen! Ich bin nur die Mittlerin — was hereinkommt, gebe ich weiter, aber entscheiden kann ich nicht. Zwei-, dreimal habe ich vorgeschlagen, diese beiden Beträge wieder in alter Höhe zu zahlen, aber man hat mir gesagt: ‚Mehr gibt es nicht!' Da konnte ich schlecht weiter darauf bestehen.

Jetzt, da ich die Auszahlung handhabe, bekommen sie ihr Geld pünktlich auf den Tag. Früher, als sie es draußen bekamen, gab es jeden Monat Streit. Wann wäre es jemals reibungslos abgelaufen?"

Dame König ließ die Sache damit auf sich beruhen. Nach langem Schweigen fragte sie: „Wie viele Mägde mit einem Liang im Monat hat die alte gnädige Frau?"

„Acht", sagte Phönixglanz. „Aber jetzt sind es nur noch sieben, denn die achte ist Dufthauch."

Dame König sagte: „Eben. Schatzjade hat eigentlich gar keine Magd mit einem Liang Silber. Dufthauch gehört nach wie vor zum Haushalt der alten gnädigen Frau."

Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Dufthauch gehört in der Tat zur alten gnädigen Frau — sie wurde Schatzjade nur zur Bedienung überlassen. Ihr Liang Silber wird aus dem Mägde-Etat der alten gnädigen Frau gezahlt. Wenn man nun sagen wollte, da Dufthauch zu Schatzjades Leuten gehöre, solle man ihr dieses Liang Silber streichen, so ginge das auf keinen Fall. Wollte man ihr Geld kürzen, müsste man der alten gnädigen Frau stattdessen eine andere Magd zuweisen. Andernfalls müsste auch Unheil Kaufmann eine solche Magd bekommen, damit es gerecht und ausgewogen zugeht.

Was die sieben älteren Mägde betrifft — Heitermuster[16], Moschusmond[17] und die übrigen bekommen je eine Schnur Münzen im Monat, und die acht jüngeren wie Jiahui bekommen je fünfhundert Münzen — das hat die alte gnädige Frau so bestimmt. Darüber kann sich niemand aufregen."

Tante Schnee warf lächelnd ein: „Hört nur, wie ihr der Mund geht — das rasselt ja wie ein umgekippter Nusskarren! Und doch ist ihre Abrechnung klar, und alles, was sie sagt, ist vernünftig."

Phönixglanz fragte lächelnd: „Habe ich denn etwas Falsches gesagt, Frau Tante?"

Tante Schnee erwiderte ebenfalls lächelnd: „Nicht im Geringsten! Aber wenn du etwas langsamer sprechen würdest, würdest du dir Kraft sparen."

Phönixglanz wollte schon lachen, besann sich aber und wartete auf Dame Königs Weisung.

Dame König überlegte lange und sagte dann zu Phönixglanz: „Morgen suchst du ein tüchtiges Mädchen aus und schickst es zur alten gnädigen Frau als Ersatz für Dufthauch. Dufthauchs Anteil wird gestrichen. Von meinen zwanzig Liang Silber Monatsgeld nimmst du zwei Liang Silber und eine Schnur Münzen heraus und gibst sie Dufthauch. Künftig soll Dufthauch alles erhalten, was auch Nebenfrau Zhao und Nebenfrau Zhou bekommen, nur dass Dufthauchs Anteil von meinem Monatsgeld abgezogen wird und das Haushaltsgeld nicht belastet."

Phönixglanz bestätigte einen Punkt nach dem anderen, dann stieß sie Tante Schnee lächelnd an und fragte: „Habt Ihr gehört, Frau Tante? Was ich immer vorausgesagt habe, ist heute tatsächlich eingetroffen!"

Tante Schnee sagte: „Das war schon längst überfällig. Über ihr Äußeres brauche ich nichts zu sagen, aber dieses edle Betragen, diese zuvorkommende Art im Umgang mit Menschen — freundlich und zugleich von innerer Festigkeit und Stärke — so etwas findet man wahrlich selten."

Dame König sagte unter Tränen: „Ihr wisst ja gar nicht, was für ein gutes Kind Dufthauch ist! Zehnmal besser als mein Schatzjade! Wenn Schatzjade wirklich Glück im Leben haben soll, dann genügt es, wenn sie ihm ein Leben lang treu dient."

Phönixglanz sagte: „Wenn es so steht, warum lasst Ihr sie nicht ihr Gesicht herrichten [18] und gebt sie ihm offiziell als Nebenfrau? Wäre das nicht das Beste?"

Dame König antwortete: „Nein, das ginge nicht. Erstens sind sie beide noch jung. Zweitens würde der Herr es nicht erlauben. Und drittens: Solange Schatzjade in Dufthauch nur ein Dienstmädchen sieht, hört er trotz aller Ausschweifungen noch auf ihre Mahnungen. Wenn sie aber erst seine offizielle Nebenfrau wäre, würde Dufthauch es nicht mehr wagen, ihm offen Vorhaltungen zu machen. Darum belassen wir es vorerst, wie es ist, und in zwei, drei Jahren sehen wir weiter."

Nachdem längere Zeit nichts mehr gesagt wurde, merkte Phönixglanz, dass das Gespräch beendet war, und ging hinaus. Kaum war sie unter dem Dachvorsprung angelangt, sah sie mehrere mit Haushaltsangelegenheiten betraute Sklavenfrauen, die auf sie warteten, um ihr Bericht zu erstatten. Als sie herauskam, sagten die Frauen lachend: „Was habt Ihr heute gemeldet, gnädige Frau, dass es so lange gedauert hat? Man wird ja vor Hitze halb gar!"

Phönixglanz schob sich die Ärmel hoch, stellte sich auf Zehenspitzen auf die Schwelle des Seitentors und sagte lächelnd: „Hier im Durchzug ist es schön kühl. Lasst mich kurz durchatmen, bevor ich weitergehe." Dann wandte sie sich an die anderen und erzählte: „Ihr fragt, weshalb ich so lange gemeldet habe? Die gnädige Frau hat alles bis zweihundert Jahre zurück durchgegangen und mich dazu befragt. Hätte ich ihr etwa nicht antworten sollen?"

Dann fuhr sie mit kaltem Lächeln fort: „Von jetzt an werde ich ein paar gehörige Maßnahmen ergreifen! Und wenn sich jemand bei der gnädigen Frau beklagt — mir ist das einerlei. Diese verblendeten Geschöpfe, die ihr Hirn mit Fett zugekleistert und ihre Zunge verfault haben — die sollen sich bloß nichts einbilden, diese erbärmlichen Dinger! Eines Tages wird alles auf einmal abgerechnet! Da hat man den Mägden das Geld gekürzt, und sie beschweren sich bei uns, statt zu bedenken, was sie sind — nämlich Sklavinnen! Und dennoch wagen sie, sich zwei, drei Mägde zu halten!"

Und so ging sie, noch immer schimpfend, davon, um eine Magd auszusuchen und der Herzoginmutter darüber Meldung zu machen. Aber davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Nachdem Dame König und die anderen ihre Wassermelone gegessen und noch ein Weilchen geplaudert hatten, gingen sie auseinander. Schatzspange und Kajaljade kehrten in den Garten zurück, und Schatzspange schlug Kajaljade vor, mit ihr zum Kiosk des Lotoswurzelduftes[19] zu gehen. Kajaljade aber sagte, sie wolle gleich ein Bad nehmen, und so trennten sie sich.

Schatzspange ging allein weiter und betrat, da ihr Weg sie daran vorbeiführte, den Hof der Roten Freude[20], um mit Schatzjade zu plaudern und ihre mittägliche Müdigkeit zu vertreiben. Doch als sie den Hof betrat, herrschte Totenstille — nicht einmal ein Sperling war zu hören, und sogar die beiden Mandschurenkraniche unter den Bananenstauden dösten. Schatzspange ging durch den Wandelgang ins Haus, und im Vorzimmer lagen die Dienstmädchen kreuz und quer auf den Betten und schliefen. Sie bog um die Zierwand mit den Fächern und betrat Schatzjades Zimmer: Er lag schlafend auf dem Bett. Dufthauch saß an seiner Seite, eine Nadelarbeit in den Händen, und neben ihr lag ein Fliegenwedel aus weißem Nashornbein [21].

Schatzspange trat leise heran und flüsterte lächelnd: „Du bist wirklich zu vorsichtig! Wo gibt es denn hier im Zimmer noch Fliegen oder Mücken? Wozu brauchst du da den Fliegenwedel?"

Dufthauch hatte sie nicht kommen hören und fuhr erschrocken hoch. Als sie sah, dass es Schatzspange war, legte sie hastig die Nadelarbeit beiseite, stand auf und erwiderte leise und lächelnd: „Ach, Fräulein, Ihr seid es! Ihr habt mich ganz schön erschreckt! Ihr wisst ja nicht — Fliegen und Mücken gibt es hier zwar nicht, aber es gibt eine Sorte winziger Tierchen, die durch die Gazemaschen schlüpfen. Man kann sie gar nicht sehen, aber wenn sie einen im Schlaf beißen, fühlt es sich an wie ein Ameisenzwicken."

Schatzspange sagte: „Kein Wunder! Hinter dem Haus ist Wasser, und überall stehen Blumen, auch im Zimmer duftet es. Diese Tierchen leben in den Blütenkelchen, und wo es duftet, dahin streben sie."

Während sie sprach, betrachtete sie die Nadelarbeit in Dufthauchs Händen. Es war ein Leibchen aus feiner weißer Seide mit rotem Futter, bestickt mit Mandarinenten, die zwischen Lotosblumen spielten — rosafarbene Lotosblüten, grüne Blätter und bunt schillernde Mandarinenten.

Schatzspange rief: „Ach, was für eine prächtige Arbeit! Für wen ist das? Lohnt sich denn ein solcher Aufwand?"

Dufthauch deutete mit dem Kinn zum Bett hin.

Schatzspange lachte: „So groß, und trägt noch so etwas?"

Dufthauch erwiderte lächelnd: „Er würde es ja von sich aus nicht tragen. Deshalb mache ich es extra schön, damit er es sieht und gar nicht anders kann, als es zu tragen. Bei diesem heißen Wetter gibt er im Schlaf nicht acht, und wenn ich ihn dazu bringe, es anzulegen, macht es nichts, wenn er sich nachts nicht ordentlich zudeckt. Ihr meint, dieses hier hätte Mühe gekostet — aber Ihr habt das noch nicht gesehen, das er jetzt am Leib trägt!"

Schatzspange sagte lächelnd: „Was für eine Geduld du hast!"

Dufthauch klagte: „Heute habe ich so lange daran gearbeitet, dass mir der Nacken ganz steif ist." Dann bat sie lächelnd: „Setzt Euch doch einen Moment hierher, liebe Fräulein. Ich möchte kurz hinausgehen und ein paar Schritte tun, dann bin ich gleich wieder da." Und damit ging sie hinaus.

Schatzspange, ganz in die Betrachtung der Stickarbeit versunken, setzte sich, ohne es recht zu bemerken, genau auf den Platz, auf dem eben noch Dufthauch gesessen hatte. Die Arbeit gefiel ihr so gut, dass sie unwillkürlich zur Nadel griff und weiterstickte.

Nun traf es sich, dass Kajaljade unterwegs auf Xiangfluss-Wolke[22] gestoßen war, die sie aufgefordert hatte, gemeinsam zu Dufthauch zu gehen und ihr zu gratulieren. Als die beiden in den Hof kamen und alles still fanden, wandte sich Xiangfluss-Wolke zuerst zur Seitengebäude, um dort nach Dufthauch zu suchen. Kajaljade aber trat ans Fenster und schaute durch die Gaze hinein. Da erblickte sie Schatzjade, der in seinem rosafarbenen Gazehemd in lässiger Haltung auf dem Bett lag und schlief — und neben ihm saß Schatzspange, die Nadelarbeit in den Händen, den Fliegenwedel an ihrer Seite.

Bei diesem Anblick wich Kajaljade rasch zurück, presste die Hand auf den Mund, um nicht laut herauszulachen, und winkte Xiangfluss-Wolke herbei. Xiangfluss-Wolke sah sie so und glaubte, es gäbe etwas Neues zu sehen. Eilig kam sie heran und schaute ebenfalls hinein. Schon wollte sie loslachen, doch dann besann sie sich, wie gut Schatzspange immer zu ihr war, und hielt sich rasch den Mund zu. Da sie wusste, dass Kajaljade niemanden schonte, und befürchtete, sie könnte sich über Schatzspange lustig machen, zog sie sie rasch beiseite und sagte: „Komm, gehen wir! Mir fällt gerade ein: Dufthauch hat gesagt, sie wolle mittags am Teich Wäsche waschen. Bestimmt ist sie dort. Gehen wir sie suchen!"

Kajaljade durchschaute sie zwar und lachte ein paarmal kühl, aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.

Im Zimmer hatte Schatzspange gerade erst zwei, drei Blütenblätter gestickt, als sie plötzlich hörte, wie Schatzjade im Traum aufschrie: „Wie kann man den Worten von Mönch und Daoist Glauben schenken! Was heißt hier ‚Verbindung von Gold und Jade'? Für mich gilt einzig die Verbindung von Holz und Stein!" [23]

Schatzspange erstarrte bei diesen Worten. Da kam Dufthauch herein und fragte lächelnd: „Ist er noch nicht wach?" Schatzspange schüttelte den Kopf.

Dufthauch fuhr lächelnd fort: „Eben bin ich Fräulein Lin und Fräulein Shi begegnet. Sind die beiden nicht hereingekommen?"

Schatzspange sagte: „Gesehen habe ich sie nicht." Dann fragte sie Dufthauch mit einem Lächeln: „Haben sie dir etwas erzählt?"

Dufthauch antwortete lächelnd: „Ach, nur ihre üblichen Scherze — was sollten sie schon Ernsthaftes zu sagen haben!"

Schatzspange sagte lächelnd: „Es war kein Scherz! Ich wollte es dir vorhin auch sagen, aber du bist so schnell hinausgegangen."

Noch hatte sie nicht ausgesprochen, da erschien eine Botin von Phönixglanz, um Dufthauch zu ihr zu holen. Schatzspange sagte lächelnd: „Das ist genau wegen dieser Sache."

Dufthauch musste zwei andere Dienstmädchen wecken, und zusammen mit Schatzspange verließ sie den Hof der Roten Freude. Allein ging sie zu Phönixglanz, und tatsächlich verkündete diese ihr, was Dame König entschieden hatte. Dann schickte sie Dufthauch, um sich bei Dame König mit einem Stirnaufschlag zu bedanken, und sagte ihr, bei der Herzoginmutter brauche sie vorerst nicht vorzusprechen. Dufthauch war ganz verlegen. Sie ging zu Dame König, und als sie eilig zurückkam, war Schatzjade bereits wach und fragte, was geschehen sei. Dufthauch gab ihm zunächst nur eine ausweichende Antwort, und erst in der Stille der Nacht, als alles ruhig war, berichtete sie ihm alles.

Schatzjade war außer sich vor Freude und sagte lächelnd zu ihr: „Nun will ich doch einmal sehen, ob du wieder nach Hause gehst! Beim letzten Besuch dort hast du dann erzählt, dein Bruder wolle dich freikaufen, und dann hieß es, hier hättest du auf Dauer keinen sicheren Platz — was das letztlich bedeuten solle, und noch mehr solche herzlosen und treulosen Worte, mit denen du mir Angst machen wolltest. Von heute an möchte ich sehen, wer es noch wagt, dich von hier fortzuholen!"

Dufthauch erwiderte mit kühlem Lächeln: „Rede nicht so! Von nun an gehöre ich zur gnädigen Frau. Wenn ich gehen will, brauche ich es dir nicht einmal zu sagen — ich melde es nur der gnädigen Frau, und dann gehe ich."

Schatzjade sagte lächelnd: „Selbst wenn ich mich schlecht benehme und du es der gnädigen Frau meldest und gehst — wenn andere erfahren, dass es meinetwegen war, wäre das doch auch für dich unangenehm."

Dufthauch gab lächelnd zurück: „Was heißt unangenehm? Soll ich etwa, wenn du ein Dieb und Räuber wirst, auch dann noch bei dir bleiben? Und wenn sonst nichts hilft, bleibt immer noch der Tod. Selbst wenn ein Mensch hundert Jahre alt wird — sterben muss jeder. Wenn ich den letzten Atemzug getan habe und nichts mehr höre und nichts mehr sehe, dann ist eben alles vorbei!"

Schatzjade hielt ihr rasch den Mund zu und sagte: „Schluss, Schluss, Schluss! Sag so etwas nicht!"

Dufthauch kannte Schatzjades seltsamen Charakter nur zu genau: Schmeicheleien und glückverheißende Worte mochte er nicht, weil sie ihm hohl und nichtig erschienen; aufrichtige und ungeschönte Worte aber stimmten ihn traurig. Es tat ihr leid, so unbedacht geredet zu haben, und rasch lenkte sie lächelnd auf andere Themen, von denen sie wusste, dass er gern darüber sprach. Zuerst fragte sie ihn nach Frühlingswind und Herbstmond, dann plauderten sie über Puder und Schminke, danach kam das Gespräch darauf, wie wunderbar die Mädchen doch seien, und schließlich darauf, dass auch Mädchen sterben müssen — da hielt sich Dufthauch rasch den Mund zu.

Schatzjade aber, den ihre Worte in beste Laune versetzt hatten, sagte, als sie plötzlich schwieg, lächelnd: „Welcher Mensch müsste nicht sterben? Es kommt nur darauf an, dass es ein guter Tod ist. Jene törichten bärtigen Männer — das trübe Gesindel — kennen nur zwei angeblich ehrenvolle Todesarten: ein Zivilbeamter stirbt im Protest gegen seinen Herrscher, ein Militär stirbt in der Schlacht. Das sind angeblich die ruhmvollen und tugendhaften Tode des wahren Mannes. Doch wäre es nicht besser, sie stürben gar nicht?

Nur wenn es einen schlechten Herrscher gibt, muss man ihm Vorhaltungen machen. Aber wenn einer das nur tut, um sich einen Namen als aufrechter Staatsdiener zu erwerben, und blindlings in den Tod stürzt — was wird dann aus dem Herrscher? Nur wenn es Krieg gibt, muss man kämpfen. Aber wenn einer blindlings in den Tod stürzt, nur um sich einen Namen als tapferer Krieger zu machen — was wird dann aus dem Land? Darum ist keiner dieser Tode ein rechter Tod."

Dufthauch warf ein: „Treue Minister und tapfere Generäle sterben nur, wenn es nicht anders geht."

Schatzjade fuhr fort: „Die Tapferkeit der Generäle ist nichts als rohe Kraft. Wenn es ihnen an Kriegskunst und Umsicht mangelt und sie ihr Leben verlieren, weil sie unfähig sind — heißt das etwa auch ‚es geht nicht anders'? Und die Zivilbeamten sind noch schlimmer als die Militärs! Sie prägen sich ein paar Sätze aus den Büchern ein, und wenn der Hof auch nur den kleinsten Fehler zeigt, schwatzen sie wild drauflos und geben unsinnige Ratschläge — nur um sich einen Namen als standhafte Männer zu machen. In einer Aufwallung von trübem Starrsinn stürzen sie sich in den Tod — heißt das etwa auch ‚es geht nicht anders'?

Außerdem muss man wissen: Der Herrscher empfängt sein Mandat vom Himmel. Wenn er nicht heilig und gütig wäre, würden ihm Himmel und Erde diese gewaltige Bürde niemals auferlegen. Daran sieht man, dass jene, die auf solche Weise sterben, nur auf ihren eigenen Ruhm aus sind und nichts vom wahren Sinn der Pflicht verstehen.

Wenn ich aber das Glück hätte, zur rechten Zeit zu sterben — jetzt, da ihr alle um mich seid —, dann möchte ich sterben! Und wenn ihr mich dann beweintet, bis aus euren Tränen ein großer Strom würde, der meinen Leichnam davontrüge in eine abgelegene Gegend, wohin nicht einmal die Vögel gelangen — dort löste ich mich im Wind auf und brauchte nicht als Mensch wiedergeboren zu werden. Das wäre ein Tod zur rechten Zeit!"

Als Dufthauch diese unsinnigen Reden hörte, gab sie rasch vor, müde zu sein, und beachtete ihn nicht mehr. Da machte Schatzjade endlich die Augen zu und schlief ein. Am nächsten Morgen hatte er das Thema vergessen.

Eines Tages, als Schatzjade des ewigen Herumschweifens überdrüssig war, fiel ihm die Oper vom Päonienpavillon [24] ein, und er las sie zweimal durch, doch sein Herz war noch nicht befriedigt. Weil er gehört hatte, dass unter den zwölf Schauspielerinnen im Birnendufthof[25] die Darstellerin junger Frauenrollen namens Lingguan[26] am schönsten singen könne, ging er eigens durch das Seitentor hinüber, um sie zu suchen. Im Hof traf er auf Baoguan[27] und Yuguan[28], die ihm lächelnd einen Platz anboten.

Schatzjade fragte: „Wo ist Lingguan?"

Die anderen sagten ihm: „In ihrem Zimmer."

Schatzjade eilte sogleich zu ihr. Lingguan lag allein auf einem Kissen, und als er eintrat, rührte sie sich nicht. Schatzjade war es von klein auf gewohnt, dass die Mädchen um ihn herum ihm freundlich begegneten, und so glaubte er, Lingguan sei genauso wie alle anderen. Er trat an sie heran, setzte sich neben sie und bat sie lächelnd und schmeichelnd, aufzustehen und ihm die Arie „Im zarten Sonnendunst" [29] vorzusingen.

Doch wider Erwarten stand Lingguan, als sie ihn sich hinsetzen sah, hastig auf und wich von ihm zurück. Mit ernster Miene sagte sie: „Meine Stimme ist heiser. Als uns neulich die kaiserliche Nebenfrau [30] in den Palast rufen ließ, habe ich nicht einmal dort gesungen."

Schatzjade sah, dass sie sich aufrecht hingesetzt hatte, und als er sie nun genauer betrachtete, erkannte er in ihr das Mädchen wieder, das einst unter den Rosensträuchern das Schriftzeichen „Qiang" — „Rose"[31] — in die Erde geschrieben hatte. Noch nie hatte Schatzjade es erlebt, dass ihn jemand so brüskierte und verschmähte. Beschämt und mit rotem Gesicht verließ er das Zimmer.

Baoguan und die anderen verstanden nicht, was geschehen war, und fragten ihn nach dem Grund. Schatzjade erklärte es ihnen und ging hinaus. Baoguan sagte: „Wartet nur ein wenig. Wenn der junge Herr Edelrose Kaufmann[32] kommt und sie bittet, wird sie bestimmt singen."

Schatzjade stutzte und fragte: „Wo ist denn Vetter Edelrose hingegangen?"

Baoguan antwortete: „Er war eben erst weg. Bestimmt wollte Lingguan wieder etwas haben, und er ist losgezogen, um es zu besorgen."

Schatzjade fand das höchst bemerkenswert. Er wartete ein Weilchen, und tatsächlich erschien Edelrose Kaufmann, in der Hand einen kleinen Vogelkäfig mit einer winzigen Bühne darin und einem Vogel darauf. Freudestrahlend kam er herein und suchte nach Lingguan. Als er Schatzjade erblickte, blieb er notgedrungen stehen.

Schatzjade fragte: „Was ist das für ein Vogel? Kann er wirklich mit einem Fähnchen im Schnabel auf der Bühne herumlaufen?"

Edelrose Kaufmann antwortete lächelnd: „Es ist ein Jadeschopf-Goldbohne [33]."

Schatzjade fragte: „Was hat er gekostet?"

Edelrose Kaufmann sagte: „Ein Liang acht Qian Silber." Dabei bat er Schatzjade, Platz zu nehmen, und ging selbst in Lingguans Zimmer. Schatzjade hatte inzwischen keine Lust mehr, sich etwas vorsingen zu lassen — er wollte nur noch beobachten, wie Edelrose Kaufmann sich Lingguan gegenüber verhielt.

Er sah, wie Edelrose Kaufmann lächelnd zu ihr sagte: „Steh auf und sieh dir an, was ich hier habe!"

Lingguan setzte sich auf und fragte: „Was denn?"

Edelrose Kaufmann sagte: „Ich habe einen Vogel für dich gekauft, damit du dich amüsieren kannst und nicht mehr jeden Tag so trübselig bist. Ich zeige dir erst einmal, was er kann!" Und mit ein paar Körnern lockte er den Vogel, der tatsächlich auf der kleinen Bühne hin und her lief und Fähnchen und Masken im Schnabel trug.

Die anderen Mädchen lachten alle und riefen: „Das macht Spaß!" Nur Lingguan lachte ein paarmal verächtlich und legte sich schmollend wieder hin. Edelrose Kaufmann blieb lächelnd neben ihr stehen und fragte: „Gefällt er dir?"

Lingguan sagte: „Reicht es nicht, dass eure Familie uns arme Geschöpfe hierher verschleppt und in dieses Gefängnis gesperrt hat, wo wir diesen Unfug lernen müssen? Und jetzt bringst du auch noch einen Vogel, der genau dasselbe machen muss? Du hast ihn doch nur geholt, um dich über uns lustig zu machen! Und dann fragst du noch, ob er mir gefällt!"

Edelrose Kaufmann erschrak und schwor hoch und heilig. Er sagte: „Was hat mir heute nur das Hirn verkleistert! Für ein bis zwei Liang Silber habe ich ihn gekauft, einzig um dir eine Freude zu machen. An so etwas habe ich nie gedacht. Genug! Ich lasse ihn frei, damit es dir besser geht!" Und wirklich ließ er den Vogel fliegen und zerschmetterte den Käfig in tausend Stücke.

Lingguan ließ aber nicht locker und sagte: „Der Vogel ist zwar kein Mensch, aber auch er hat seine Mutter im Nest. Wie konntest du es übers Herz bringen, ihn herzuholen und solche Kunststückchen aufführen zu lassen! Heute habe ich zweimal Blut gehustet, und die gnädige Frau hat einen Arzt bestellt — aber statt dich bei ihm gründlich nach meinem Befinden zu erkundigen, bringst du einen Vogel an, um mich zum Narren zu halten. Es trifft immer nur mich — niemand kümmert sich um mich, niemand sorgt für mich, und dann muss ich auch noch krank sein!" Bei diesen Worten begann sie zu weinen.

Edelrose Kaufmann sagte rasch: „Gestern Abend habe ich den Arzt gefragt. Er sagte, es sei nicht schlimm. Er meinte, du solltest ein paar Dosen Medizin nehmen, dann wolle er dich übermorgen noch einmal untersuchen. Wer hätte gedacht, dass du heute wieder Blut spuckst! Ich gehe sofort und hole ihn!" Und er wollte schon losrennen.

Lingguan aber rief: „Halt! Bei dieser Gluthitze rennst du im Zorn los und holst ihn her — und ich werde ihn nicht empfangen!" Edelrose Kaufmann konnte also nichts anderes tun, als stehenzubleiben.

Als Schatzjade diese Szene sah, war er ganz benommen. Erst jetzt begriff er den tiefen Sinn des Schriftzeichens „Qiang" — „Rose" —, das Lingguan einst in die Erde geschrieben hatte. Es hielt ihn nicht mehr an diesem Ort, und leise machte er sich davon. Edelrose Kaufmann, der nur Augen für Lingguan hatte, dachte nicht daran, ihn zu begleiten, und so gaben ihm die anderen Mädchen das Geleit.

Tief in Gedanken versunken, kehrte Schatzjade in den Hof der Roten Freude zurück, wo gerade Kajaljade und Dufthauch zusammensaßen und sich unterhielten. Kaum war Schatzjade eingetreten, seufzte er tief und sagte zu Dufthauch: „Was ich gestern Nacht gesagt habe, war falsch. Kein Wunder, dass Vater mir vorwirft, ich sähe die Welt ‚durch ein Rohr und mäße das Meer mit einer Kalebasse'. Gestern Nacht habe ich gesagt, euer aller Tränen würden mich allein begraben — das war ein Irrtum. Ich kann unmöglich alle Tränen für mich allein beanspruchen. Von nun an bekommt eben jeder seine eigenen Tränen."

Dufthauch hatte das Geplauder vom Vorabend nur als Spaß aufgefasst und längst vergessen. Als Schatzjade nun wieder damit anfing, sagte sie lächelnd: „Du bist wirklich ein wenig verrückt!"

Schatzjade gab keine Antwort. Von diesem Tag an war er zutiefst davon überzeugt, dass in Leben und Liebe jedem sein Teil bestimmt sei, und immer wieder quälte ihn der Gedanke: „Wer wird einst an meinem Grab Tränen vergießen?" Doch das waren seine geheimsten Empfindungen, und wir wollen nicht willkürlich Vermutungen darüber anstellen.

Als Kajaljade Schatzjade in diesem Zustand sah, erkannte sie, dass ihm etwas begegnet sein musste, das ihn verzaubert hatte. Da sie aber nicht gut danach fragen konnte, sagte sie stattdessen: „Eben war ich bei der Tante, und es war die Rede davon, dass morgen Tante Schnees Geburtstag ist. Man hat mich gebeten, bei dir vorbeizugehen und dich zu fragen, ob du hingehst. Du sollst jemanden hinüberschicken und Bescheid geben."

Schatzjade sagte: „Nicht einmal zum Geburtstag des alten gnädigen Herrn [34] bin ich hingegangen. Wenn ich jetzt ginge, könnte ich womöglich dort jemanden treffen. Nein, ich gehe zu keinem Geburtstag! So heiß wie es ist, müsste ich mich auch noch in Festkleidung werfen — nein. Die Tante wird mir deswegen sicher nicht böse sein."

Dufthauch widersprach rasch: „Was redest du da? Du kannst sie doch nicht mit dem alten gnädigen Herrn vergleichen! Sie wohnt ganz in der Nähe, und sie ist eine nahe Verwandte. Wenn du nicht hingehst, macht sie sich Gedanken. Wenn du die Hitze scheust, steh einfach früh auf, geh hinüber, mache deinen Stirnaufschlag, trink eine Tasse Tee und komm wieder. Ist das nicht viel angemessener?"

Noch ehe Schatzjade antworten konnte, sagte Kajaljade lächelnd: „Schon allein weil man dir die Mücken verscheucht hat, solltest du hingehen!"

Schatzjade verstand nicht und fragte: „Wieso Mücken verscheuchen?"

Da erzählte Dufthauch, wie am Vortag, als Schatzjade geschlafen hatte und niemand da gewesen sei, Schatzspange bei ihm gesessen und ihm Gesellschaft geleistet habe.

Schatzjade rief sogleich: „Das hätte nicht sein dürfen! Wie konnte ich sie beleidigen, indem ich geschlafen habe!" Und er versprach, am nächsten Tag zum Geburtstag zu gehen.

Während sie noch sprachen, kam plötzlich Xiangfluss-Wolke, ganz korrekt gekleidet, herein, um sich zu verabschieden. Man habe nach ihr geschickt, um sie nach Hause zu holen, sagte sie.

Schatzjade und Kajaljade standen rasch auf und baten sie, doch noch Platz zu nehmen. Xiangfluss-Wolke aber mochte sich nicht setzen, und so begleiteten die beiden sie hinaus. Xiangfluss-Wolke hatte Tränen in den Augen, wagte aber vor den Bediensteten ihres Hauses nicht, ihren ganzen Kummer zu zeigen.

Bald darauf kam auch Schatzspange herbei, und nun fiel Xiangfluss-Wolke der Abschied erst recht schwer. Schatzspange aber war es, die die Lage durchschaute: Wenn die Bediensteten zu Hause der Tante berichteten, wie ungern Xiangfluss-Wolke gegangen war, würde man ihr dort Vorwürfe machen. Darum drängte sie Xiangfluss-Wolke zum Aufbruch. Alle zusammen brachten sie bis zum Innentor, und Schatzjade wollte sie noch weiter hinausbegleiten, aber Xiangfluss-Wolke hielt ihn davon ab.

Einen Augenblick später wandte sich Xiangfluss-Wolke noch einmal um, rief Schatzjade zu sich und flüsterte ihm zu: „Falls die alte gnädige Frau nicht von selbst an mich denkt, musst du sie immer wieder daran erinnern, jemanden zu schicken, der mich abholt!"

Schatzjade versprach es ein ums andere Mal und sah zu, wie sie in den Wagen stieg. Dann erst gingen alle wieder hinein.

Wer wissen will, wie es weiterging, lese das nächste Kapitel.

  1. 贾母 Jiǎ Mǔ, wörtl. „Matriarchin der Kaufmann-Familie" — die Großmutter des Hauses Kaufmann (Jiǎ), eine der mächtigsten Figuren des Romans.
  2. 王夫人 Wáng Fūrén — Schatzjades Mutter, zweite Frau des Aufrecht Kaufmann.
  3. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann-Jade" — der männliche Protagonist des Romans, ein verträumter junger Mann aus der Kaufmann-Familie.
  4. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann" — Schatzjades Vater, ein strenger konfuzianischer Beamter.
  5. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — Schatzjades treueste Kammerzofe, besonnen und pflichtbewusst.
  6. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Schnee-Haarspange" — Schatzjades Kusine aus der Familie Xue, klug, besonnen und tugendreich.
  7. Die vier Grundwerke des Konfuzianismus: Lunyu, Mengzi, Daxue, Zhongyong
  8. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal Wald-Jade" — die weibliche Protagonistin, Schatzjades Kusine mütterlicherseits, berühmt für ihre Dichtkunst und Empfindsamkeit.
  9. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Heiterer König-Phönix" — die energische und verschlagene Haushälterin des Kaufmann-Anwesens.
  10. Chin. 金钏
  11. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen" — Phönixglanz' loyale Kammerzofe und engste Vertraute.
  12. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Schnee" — Schatzspanges Mutter, Schwester von Dame König.
  13. Chin. 玉钏
  14. Chin. 玉钏
  15. Chin. 贾环
  16. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster" — ein temperamentvolles Dienstmädchen Schatzjades, berühmt für ihre Schönheit und Nadelkunst.
  17. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond" — ein Dienstmädchen Schatzjades.
  18. ‚das Gesicht herrichten' (开了脸) bezeichnet das Zupfen der Gesichtsbehaarung, ein Ritual, das eine Frau als verheiratet bzw. als Nebenfrau kennzeichnet
  19. Chin. 藕香榭
  20. Chin. 怡红院
  21. 白犀麈 — ein luxuriöser Fliegenwedel mit einem Griff aus weißem Rhinozeroshorn
  22. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Geschichtsschreiber Wolke-am-Xiang-Fluss" — Schatzjades lebenslustige Kusine, eine begabte Dichterin.
  23. „Gold und Jade" (金玉姻缘) steht für die Verbindung von Schatzspanges goldenem Schloss und Schatzjades Jade; „Holz und Stein" (木石姻缘) meint die vorherbestimmte Liebe zwischen Kajaljade (Pflanze/Holz) und Schatzjade (Stein)
  24. 牡丹亭, berühmtes Bühnenstück von Tang Xianzu (1598), eine Liebesgeschichte über Leben und Tod
  25. Chin. 梨香院
  26. Chin. 龄官
  27. Chin. 宝官
  28. Chin. 玉官
  29. 袅晴丝, eine berühmte Arie aus dem Päonienpavillon, Szene „Aufschrecken aus dem Traum"
  30. Urfrühling, Schatzjades ältere Schwester
  31. Chin. 蔷
  32. 贾蔷 Jiǎ Qiáng, wörtl. „Kaufmann Rose" — ein entfernter Neffe der Kaufmann-Familie.
  33. 玉顶金豆, eine dressierte Vogelart
  34. Begnadigung Kaufmann / 贾赦