Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 39"

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Kapitel 39
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Die alte Bäuerin redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_39|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_39|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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Der verliebte junge Herr geht jeder Sache auf den Grund
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= Kapitel 39 =
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Es wird erzählt, dass die Anwesenden Friedchen<ref>平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen" — Phönixglanz' loyale Kammerzofe und engste Vertraute.</ref> zurückkommen sahen und fragten: „Was macht eure junge Herrin? Warum kommt sie nicht wieder?"
== 村老老是信口开河 ==
 
=== 情哥哥偏寻根究底 ===
 
  
Alle sahen also, daß Ping-örl zurückkam, und erkundigten sich: „Was macht eure junge Herrin? Warum kommt sie nicht wieder?“
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Friedchen erwiderte lächelnd: „Woher sollte sie wohl die Zeit dafür nehmen! Aber sie sagt, weil sie sich vorhin nicht richtig satt essen konnte und nun auch nicht mehr herkommen kann, soll ich fragen, ob noch Krabben übrig sind. Wenn ja, soll ich mir ein paar geben lassen und sie nach Hause mitnehmen."
„Woher sollte sie wohl die Zeit dafür nehmen!“ gab Ping-örl lächelnd zur Antwort. „Aber sie sagt, weil sie sich nicht satt essen konnte und auch nicht mehr herkommen kann, soll ich fragen, ob noch Krabben übrig sind. Wenn ja, soll ich mir welche geben lassen, damit sie sie zu Hause essen kann.“
 
„Es sind noch viele übrig“, sagte Hsiang-yün, und sogleich befahl sie jemandem, zehn von den größten zu bringen.
 
„Daß es aber recht viele mit rundem Bauchpanzer sind!“ setzte Ping-örl noch hinzu.
 
Alle bemühten sich, Ping-örl zum Hinsetzen zu bewegen, aber sie mochte nicht. Da faßte Li Wan sie bei der Hand und sagte lächelnd: „Nun will ich gerade, daß du dich setzt!“ Damit zog sie Ping-örl auf den Sitz neben sich, griff nach einem Becher mit Wein und setzte ihn Ping-örl an den Mund. Ping-örl trank rasch einen Schluck, dann wollte sie gehen.
 
„Ich lasse dich aber nicht gehen!“ sagte Li Wan, um dann zu kommentieren: „Wie man sieht, gibt es für sie nur Schwägerin Hsi-fëng, auf mich aber hört sie nicht.“ Anschließend befahl sie den alten Sklavenfrauen: „Bringt ihr schon einmal die Speiseschachtel hinüber und sagt Bescheid, daß ich Ping-örl hierbehalten habe!“
 
Bald darauf kamen die Frauen mit der Speiseschachtel zurück, und eine von ihnen berichtete: „Die junge gnädige Frau läßt bestellen, Ihr solltet mit den Fräulein zusammen nicht nur plaudern und lachen, sondern den Mund auch zum Essen gebrauchen. Hier in der Schachtel sind Kuchen aus Wassernußmehl und gefüllte Teigröllchen, die in Hühnerfett gebacken sind, für Euch und die Fräulein. Das hat eben die gnädige Frau Tante schicken lassen.“ Dann wandte sie sich Ping-örl zu und sagte: „Dir läßt die junge gnädige Frau ausrichten, wenn du aus Vergnügungssucht hier bleibst, anstatt nach Hause zu kommen, wie sie es dir befohlen hat, sollst du wenigstens nicht so viel trinken!“
 
„Und was wird sie mit mir machen, wenn ich doch trinke?“ parierte Ping-örl lächelnd. Bei diesen Worten aß und trank sie munter weiter.
 
„Wie schade, daß so ein schönes Mädchen so ein gewöhnliches Los treffen mußte, nur eine Dienstmagd zu sein!“ sagte Li Wan und legte ihren Arm um Ping-örl. „Jeder, der es nicht weiß, wird dich für eine gnädige Frau halten!“
 
Ping-örl aber, die mit Bau-tschai, Hsiang-yün und den anderen zusammen aß und trank, wandte den Kopf zu Li Wan und sagte: „Bitte nicht, junge gnädige Frau! Ich bin so schrecklich kitzlig.“
 
„Nanu!“ rief Li Wan. „Was hast du denn hier Hartes?“
 
„Schlüssel“, erwiderte Ping-örl.
 
„Mußt du Schlüssel mit dir herumschleppen, weil sie Angst hat, jemand könnte ihr ihren wichtigsten Privatbesitz stehlen?“ fragte Li Wan. „Ich sage immer zu allen im Scherz, als Hsüan-dsang die heiligen Sutras holte, hatte er einen Schimmel, der ihn trug, und als Liu Dschï-yüan das Reich eroberte, hatte er einen Melonengeist, der ihm Helm und Harnisch schenkte, Hsi-fëng aber hat dich. Du bist für deine Herrin der Schlüssel zu allen Schlössern, was braucht es da sonst noch für Schlüssel!“
 
„Ihr habt Wein getrunken, junge gnädige Frau, und wollt Euch jetzt über mich lustig machen!“ wehrte Ping-örl lächelnd ab.
 
„Aber nein, das ist die Wahrheit“, bestätigte auch Bau-tschai. „Jetzt fangen wir ohne jeden Grund an, Charakteristiken zu erstellen! Ihr alle seid von einer Art, wie sie auch unter hundert nicht unbedingt einmal zu finden ist, und das Schönste ist, jede von euch weist Vorzüge auf, die nur ihr allein zu eigen sind.“
 
„Die Prinzipien des Himmels gelten für hoch wie niedrig“, nahm wieder Li Wan das Wort. „Bei der alten gnädigen Frau zum Beispiel ginge es nicht ohne Yüan-yang. Wer sonst würde es wagen, der alten gnädigen Frau zu widersprechen, selbst die gnädige Frau bildet da keine Ausnahme! Und die alte gnädige Frau hört auch auf niemand anders als auf Yüan-yang.
 
Außerdem ist Yüan-yang die einzige, die Kleidung und Schmuck der alten gnädigen Frau vollzählig im Kopf hat. Wer weiß, wieviel man davon schon hätte verschwinden lassen, wenn nicht sie es wäre, die sich darum kümmert. Außerdem hat das Mädchen einen gerechten Sinn und legt trotz allem oft ein gutes Wort für jemand ein, anstatt ihre Stellung zu mißbrauchen, um andere zu ducken.“
 
„Gestern erst hat es die alte gnädige Frau bestätigt“, ergänzte Hsi-tschun lächelnd. „Yüan-yang sei besser als wir, hat sie gesagt.“
 
„Ja“, pflichtete auch Ping-örl ihnen bei. „Yüan-yang ist in Ordnung. Aber wie dürften wir anderen uns mit ihr vergleichen!“
 
„Auch Tsai-hsia aus den Räumen der gnädigen Frau ist eine treue Seele“, warf Bau-yü ein.
 
„Und das aus reinem Herzen, nicht aus Berechnung“, setzte Tan-tschun hinzu. „Die gnädige Frau ist so ein buddhagleiches Wesen, daß sie auf die Dinge des Alltags nicht achtgibt, Tsai-hsia aber denkt an alles. Sie ist es, die die gnädige Frau an alles erinnert. Selbst über die großen und kleinen Pflichten, die der gnädige Herr zu Hause wie auswärts zu erfüllen hat, ist sie im Bilde, und wenn die gnädige Frau etwas davon vergessen hat, macht Tsai-hsia sie unauffällig darauf aufmerksam.“
 
„Genug jetzt von ihr!“ sagte Li Wan. „Was meint ihr, was passieren würde, wenn dieser junge Herr“ – sie wies auf Bau-yü – „nicht Hsi-jën bei sich hätte! Hsi-fëng aber könnte, selbst wenn sie Hsiang Yü, der Hegemon von Tschu, wäre und die Kraft hätte, mit beiden Armen einen bronzenen Dreifußkessel von tausend Djin zu stemmen, ohne ihre Ping-örl nicht alles so umsichtig besorgen.“
 
„Ursprünglich hatte sie unser vier mit in die Ehe gebracht“, erläuterte Ping-örl lächelnd, „aber die andern sind gestorben oder aus dem Hause gegeben worden. Nur ich einsamer Teufel bin noch übrig.“
 
„Und doch hast du Glück, und auch deine junge Herrin hat Glück“, sagte Li Wan darauf. „Ich denke daran, daß ja schließlich auch bei uns, solange der junge Herr Dschu noch am Leben war, zwei Mägde waren, die ich mit in die Ehe gebracht hatte, und ihr wißt ja alle, ob mit mir auszukommen ist oder nicht. Dann aber mußte ich Tag für Tag mit ansehen, wie unwohl sie sich fühlten, und habe sie weggeschickt, kaum daß der junge Herr Dschu gestorben war. Da waren die beiden noch jung. Hätte ich eine von ihnen halten können, dann besäße auch ich eine tüchtige Stütze.“ Bei diesen Worten liefen ihr die Tränen herab.
 
„Warum mußt du dich wieder grämen?“ sagten die anderen. „Das Beste ist, wir machen jetzt Schluß!“
 
Daraufhin wuschen sie sich die Hände und kamen überein, zur Herzoginmutter und zu Dame Wang zu gehen, um ihnen den Gruß zu entbieten. Die Sklavenfrauen und -mädchen fegten den Pavillon aus und sammelten das Geschirr zusammen, Hsi-jën aber nahm Ping-örl mit in den Hof der Freude am Roten und bat sie dort in ihr Zimmer, um noch eine Schale Tee zu trinken.
 
„Ich mag keinen Tee, ich komme ein andermal wieder“, sagte Ping-örl und wollte gehen.
 
Aber Hsi-jën rief sie zurück und fragte: „Warum ist diesmal das Monatsgeld noch nicht ausgezahlt worden, nicht einmal für die alte gnädige Frau und die gnädige Frau?“
 
Als Ping-örl diese Frage vernahm, kam sie zurück, trat dicht zu Hsi-jën heran, und erst nachdem sie sich überzeugt hatte, daß ringsum sonst niemand war, sagte sie leise: „Frag nicht danach! In ein paar Tagen wird es gezahlt.“
 
„Wieso?“ fragte Hsi-jën. „Und warum bist du so erschrocken?“
 
„Unsere junge Herrin hat das Monatsgeld längst empfangen und an jemand verliehen“, fuhr Ping-örl leise fort. „Erst wenn sie woanders ihre Zinsen kassiert und dadurch wieder genug beisammen hat, kann sie das Monatsgeld auszahlen. Das sage ich aber nur dir, weil du es bist. Du darfst keinem Menschen davon erzählen.“
 
„Hat sie nicht genug Geld für ihre Bedürfnisse?“ fragte Hsi-jën. „Wozu muß sie sich diese Sorgen aufladen?“
 
„Sicher hat sie das“, gab Ping-örl lächelnd zu, „aber in den letzten Jahren hat sie allein mit den Monatsgeldern einen Gewinn von mehreren hundert Liang eingeheimst. Mit ihrem eigenen Monatsgeld zusammen, das sie nicht ausgibt, sondern zusammenspart, um mal acht und mal zehn Liang auszuleihen, kassiert sie in weniger als einem Jahr an die tausend Liang Zinsen.“
 
„Da tun sich also Herrin und Sklavin zusammen, um für unser Geld Zinsen einzustreichen, und wir stehen da wie dumm und dürfen warten!“ stellte Hsi-jën lächelnd fest.
 
„Sei nicht wieder so boshaft!“ sagte Ping-örl. „Reicht dir das Geld nicht, das du hast?“
 
„Es reicht schon“, sagte Hsi-jën, „ich habe ja auch gar keine Gelegenheit zum Geldausgeben. Ich brauche es nur, um es für einen gewissen Jemand zurückzulegen.“
 
„Falls du dringend etwas brauchst, habe ich drüben ein paar Liang Silber, die du dir holen kannst. Ich kann sie ja dann von deinem Monatsgeld abziehen“, bot Ping-örl ihr an.
 
„Jetzt habe ich keinen Bedarf“, erwiderte Hsi-jën. „Und sollte ich einmal mehr benötigen, als ich habe, kann ich immer noch jemand zu dir schicken, um es zu holen.“
 
„So ist es“, bestätigte Ping-örl, und damit verließ sie den Garten.
 
In ihren Räumen angekommen, stellte sie fest, daß Hsi-fëng nicht zu Hause war. Mit einemmal aber sah sie, daß jene Oma Liu, die einmal gekommen war, um Almosen zu ergattern, wieder mit ihrem Ban-örl zusammen da war und im Seitenraum saß. Die Frauen von Dschang Tsai und Dschou Juee saßen mit dabei, und ein paar Sklavenmädchen schütteten eben aus einem Sack Jujuben, Moschuskürbisse und einiges einfaches Gemüse auf den Fußboden. Alle standen rasch auf, als sie Ping-örl kommen sahen.
 
Oma Liu wußte von ihrem vorigen Besuch her, welche Stellung Ping-örl einnahm, darum sprang sie hastig auf die Füße und fragte: „Wie geht es Euch, Fräulein?“ Dann fuhr sie fort: „Alle lassen Euch grüßen, Fräulein! Wir hatten schon längst einmal kommen wollen, um der jungen gnädigen Frau unsere Aufwartung zu machen und Euch zu besuchen, aber wir hatten auf dem Feld zu tun. Und wenn es auch viel Schweiß gekostet hat, haben wir doch an Getreide zwei Dan mehr geerntet als sonst, auch Kürbis, Obst und Gemüse sind reichlich in diesem Jahr.
 
Hier bringe ich Euch von der ersten Ernte. Wir hatten nicht das Herz, die Sachen zu verkaufen, und haben das Beste aufgehoben, um es der jungen gnädigen Frau und Euch zu verehren. Tag für Tag eßt Ihr hier die leckersten Dinge aus Wald und Meer, bis Ihr sie überhabt. Jetzt könnt Ihr einmal probieren, was man bei uns im Dorf ißt! Es ist zwar ärmlich, aber es kommt von Herzen.“
 
„Vielen Dank für die Mühe, die du dir gemacht hast!“ sagte Ping-örl rasch und bat Oma Liu, sie solle sich wieder setzen. Auch sie selber nahm Platz, dann forderte sie die Frauen von Dschang Tsai und Dschou Juee auf, es ihr gleichzutun, und schickte die kleineren Sklavenmädchen nach Tee.
 
„Ihr seht ja heute so rosig aus, Fräulein“, begannen die Frauen von Dschou Juee und Dschang Tsai das Gespräch. „Sogar Eure Augenränder sind gerötet.“
 
„Ja, ja“, erwiderte Ping-örl lächelnd, „ich hatte nichts gegessen, aber die Frau des älteren jungen Herrn und die Fräulein haben mich dabehalten und haben mir immer wieder eingegossen. Da blieb mir nichts weiter übrig, ich mußte ein paar Becher trinken, und jetzt glüht mir das Gesicht.“
 
„Ich wäre ja auch gern dabeigewesen, bloß hat mich keiner dazu aufgefordert“, sagte Dschang Tsais Frau lächelnd. „Wenn Ihr demnächst wieder eingeladen werdet, müßt Ihr mich mitnehmen, Fräulein!“
 
Alles lachte darüber, Dschou Juees Frau aber sagte: „Heute morgen habe ich die Krabben gesehen, davon gehen sicher nicht mehr als zwei oder drei auf ein Djin. Die drei großen Körbe müssen bestimmt jeder siebzig, achtzig Djin gewogen haben.“ Nach einer Pause setzte sie hinzu: „Wenn aber jedermann, hoch und niedrig, davon abkriegen sollte, haben sie vielleicht nicht einmal gereicht, oder?“
 
„I wo!“ erwiderte Ping-örl, „nur wer Rang und Namen hat, durfte zwei Stück essen, wir vom Fußvolk haben teils davon abbekommen, teils auch nicht.“
 
„Solche Krabben kosten heutzutage fünf Fën Silber pro Djin“, schaltete Oma Liu sich ein. „Zehn Djin kosten also fünf Tjiän, das macht für fünfzig Djin zwei Liang fünf Tjiän, für hundert Djin demnach fünf Liang, dreimal fünf ist fünfzehn, dazu kommen noch Wein und Zuspeisen, dann macht das ja mehr als zwanzig Liang Silber. Buddha Amitabha! Von dem Geld, das diese Mahlzeit gekostet hat, leben wir auf dem Land ein ganzes Jahr!“
 
„Mit der jungen gnädigen Frau hast du wohl schon gesprochen?“ lenkte Ping-örl ab.
 
„Ja“, sagte Oma Liu, „sie hat gesagt, wir sollen warten.“ Dann schaute sie zum Fenster hinaus nach dem Himmel und fuhr fort: „Es ist schon recht spät. Wir wollen besser gehen, sonst kommen wir nicht mehr zum Stadttor hinaus und sitzen in der Patsche!“
 
„Du hast recht“, sagte Dschou Juees Frau, „ich will einmal nachsehen, was ist!“ Damit ging sie hinaus, und als sie nach längerer Zeit wiederkam, erklärte sie strahlend: „Dein Glück ist gemacht, Oma! Bei zwei solchen Menschen einen Stein im Brett zu haben!“
 
„Wie denn?“ fragten Ping-örl und die anderen.
 
„Die junge gnädige Frau war nämlich bei der alten gnädigen Frau“, berichtete Dschou Juees Frau, „und da habe ich ihr leise gesagt: ‚Junge gnädige Frau! Oma Liu will nach Hause, sie hat Angst, daß es zu spät wird und sie es nicht mehr zum Stadttor hinaus schafft.‘ Da hat die junge gnädige Frau gesagt: ‚So weit, wie sie den schweren Sack geschleppt hat, muß sie schon müde genug sein. Wenn es zu spät ist, soll sie die Nacht über hierbleiben und morgen nach Hause gehen!‘ Heißt das nicht, daß sie bei der jungen gnädigen Frau einen Stein im Brett hat?
 
Aber damit nicht genug, hat die alte gnädige Frau unser Gespräch gehört und gefragt: ‚Was ist das für eine Oma Liu?‘ Da hat es ihr die junge gnädige Frau erklärt, und die alte gnädige Frau hat gesagt: ‚Ich sehne mich eben nach einem erfahrenen, alten Menschen, mit dem ich plaudern kann. Also bittet sie her, ich will sie sehen!‘ Es muß dir wohl vorherbestimmt gewesen sein, mit ihr bekannt zu werden!“ Und sie drängte Oma Liu, vom Ofenbett zu steigen und zur Herzoginmutter hinüberzugehen.
 
„Wie kann ich mit meinem Aussehen vor sie hintreten?!“ sträubte sich Oma Liu. „Liebe Schwägerin, sag ihr, ich sei schon fort!“
 
„Geh nur!“ redete Ping-örl ihr zu. „Was hat dein Aussehen damit zu tun? Unsere alte gnädige Frau ist voller Mitgefühl für die Alten und Armen, nicht so wie gewisse andere Leute, die immer auf dem hohen Roß sitzen. Wahrscheinlich hast du Angst bekommen! Aber ich werde dich mit Tante Dschou zusammen begleiten!“ Und wirklich führte sie sie gemeinsam mit Dschou Juees Frau zur Herzoginmutter.
 
Als sie ans Innentor kamen, standen die Sklavenjungen, die dort Wache hielten, auf, sobald sie Ping-örl erblickt hatten, und zwei von ihnen liefen ihr hinterher und riefen: „Fräulein!“
 
„Was wollt ihr schon wieder?“ fragte Ping-örl.
 
„Es ist schon spät“, sagte der eine lächelnd, „und meine Mutter ist krank und wartet, daß ich den Arzt hole. Bestes Fräulein, darf ich einen halben Tag frei haben?“
 
„Ihr seid ja gut!“, erwiderte Ping-örl. „Ihr habt euch untereinander abgesprochen, daß sich jeden Tag einer von euch frei geben läßt, und anstatt mit der jungen gnädigen Frau zu sprechen, haltet ihr euch an mich. Letztens, als Dschu-örl weggewesen ist, hat der junge Herr ausgerechnet ihn rufen lassen, und als er nicht zu finden war und ich es ihm erklärte, hat er mir Vorwürfe gemacht. Jetzt kommst du mir wieder damit an!“
 
„Seine Mutter ist wirklich krank“, schaltete Dschou Juees Frau sich ein. „Laßt ihn doch gehen, Fräulein!“
 
„Aber morgen in aller Frühe bist du zurück!“ befahl Ping-örl dem Knaben. „Ich habe einen Auftrag für dich, hörst du? Komm also nicht erst, wenn dir die Sonne auf den Hintern scheint! Und jetzt mußt du Lai Wang etwas ausrichten. Du sagst ihm, die junge gnädige Frau läßt fragen, wo die restlichen Zinsen bleiben. Wenn er sie bis morgen nicht bezahlt, will die junge Frau sie nicht mehr haben, dann kann er sie gleich behalten und mit ausgeben.“
 
Außer sich vor Freude, versprach der Sklavenjunge, alles zu tun, was Ping-örl von ihm verlangt hatte, und ging fort.
 
Als Ping-örl mit den anderen zusammen in die Räume der Herzoginmutter trat, waren dort eben die Mädchen des Hauses, die im Garten des Großen Anblicks wohnten, versammelt, um von der Herzoginmutter einige Anordnungen zu empfangen. So stachen Oma Liu beim Betreten des Zimmers von überallher Perlen, Jade und tanzende Blütenzweige in die Augen, und sie wußte nicht, wer all die Menschen waren. Dann erblickte sie eine alte Frau, die schräg auf einem Polsterbett lag, während hinter ihr ein in Seide gekleidetes wunderschönes Mädchen saß, das ihr die Beine klopfte. Hsi-fëng aber stand daneben und unterhielt sich scherzend mit der Frau. Oma Liu begriff, daß dies die Herzoginmutter sein mußte, darum trat sie rasch näher und schwenkte lächelnd die Hände zum Gruß. „Möge es Euch wohl ergehen, alter Gott der Langlebigkeit!“ setzte sie hinzu.
 
Die Herzoginmutter grüßte mit einer leichten Neigung des Körpers zurück und befahl Dschou Juees Frau, einen Stuhl zu bringen, damit Oma Liu sich setzen konnte. Ban-örl war immer noch zu schüchtern, um zu grüßen.
 
„Wie alt bist du dies Jahr, meine Liebe?“ fragte die Herzoginmutter.
 
„Fünfundsiebzig bin ich“, antwortete Oma Liu, wobei sie sich rasch wieder erhob.
 
„Schon so alt, aber doch gesund und rüstig!“ wandte sich die Herzoginmutter an die anderen. „Dabei ist sie etliche Jahre älter als ich. Wer weiß, wie steif ich schon bin, wenn ich einmal ihr Alter erreicht habe!“
 
„Unsereins lebt von klein auf in Bitternis“, sagte Oma Liu, „Ihr aber lebt von klein auf im Glück, alte gnädige Frau. Wenn wir es genauso haben wollten, wäre keiner mehr da, der die Landarbeit macht.“
 
„Und deine Augen und Zähne sind noch gut?“ wollte die Herzoginmutter wissen.
 
„Ja“, sagte Oma Liu, „nur links ist jetzt eine Backenzahn locker.“
 
„Ich aber bin alt und tauge zu nichts mehr“, beklagte sich die Herzoginmutter. „Es flimmert mir vor den Augen, die Ohren werden taub, und das Gedächtnis ist auch weg. An alte Verwandte wie dich kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Wenn sie zu Besuch kommen, empfange ich sie nicht mehr, weil ich Angst habe, daß sie mich auslachen. Ein paar Happen essen von Sachen, die ich noch kauen kann, ein Weilchen schlafen, und wenn ich Langeweile habe, ein bißchen mit meinen Enkeln und Enkelinnen scherzen, das ist alles, was ich noch kann.“
 
„Eben darin liegt Euer Glück, alte gnädige Frau“, sagte Oma Liu lächelnd. „Für uns gibt es das nicht, selbst wenn wir es wollten.“
 
„Was ist das schon für ein Glück“, klagte die Herzoginmutter weiter, „ich gehöre einfach zum alten Eisen!“
 
Alles lachte darüber.
 
„Gerade hat Hsi-fëng mir erzählt, du hättest eine Menge Kürbis und Gemüse mitgebracht“, fuhr die Herzoginmutter lächelnd fort. „Ich habe ihr schon gesagt, sie soll schnell davon zurechtmachen lassen, denn ich habe eben Appetit auf Gemüse, das frisch vom Feld kommt. Was es draußen zu kaufen gibt, schmeckt lange nicht so gut.“
 
„Es ist Bauernkost“, sagte Oma Liu lächelnd, „das ist mal etwas anderes für Euch. Unsereiner würde auch gern einmal Fisch und Fleisch essen, aber das können wir uns nicht leisten.“
 
„Nachdem wir uns heute miteinander bekannt gemacht haben, darfst du nicht so sang- und klanglos wieder gehen“, entschied die Herzoginmutter. „Wenn es dir hier nicht mißfällt, dann bleib nur ein oder zwei Tage, ehe du wieder heimgehst! Wir haben auch einen Garten, wo ebenfalls Früchte wachsen.und Gemüse mitgebracht“, fuhr die Herzoginmutter lächelnd fort. „Ich habe ihr schon gesagt, sie soll schnell davon zurechtmachen lassen, denn ich habe eben Appetit auf Gemüse, das frisch vom Feld kommt. Was es draußen zu kaufen gibt, schmeckt lange nicht so gut.“
 
„Es ist Bauernkost“, sagte Oma Liu lächelnd, „das ist mal etwas anderes für Euch. Unsereiner würde auch gern einmal Fisch und Fleisch essen, aber das können wir uns nicht leisten.“
 
„Nachdem wir uns heute miteinander bekannt gemacht haben, darfst du nicht so sang- und klanglos wieder gehen“, entschied die Herzoginmutter. „Wenn es dir hier nicht mißfällt, dann bleib nur ein oder zwei Tage, ehe du wieder heimgehst! Wir haben auch einen Garten, wo ebenfalls Früchte wachsen. Morgen kannst du davon probieren, kannst auch davon mit nach Hause nehmen, dann erst hast du wirklich einen Besuch bei Verwandten gemacht.“
 
Hsi-fëng sah, daß die Herzoginmutter an der Alten Gefallen gefunden hatte, darum sagte sie rasch: „Bei uns ist zwar nicht so viel Platz wie bei Euch auf der Tenne, aber ein paar leere Zimmer werden sich schon finden. Also bleib ein paar Tage hier und erzähl unserer alten gnädigen Frau ein paar interessante Geschichten von euch dort!“
 
Lächelnd mahnte die Herzoginmutter: „Du darfst dich nicht über sie lustig machen! Sie kommt vom Lande und ist bieder, wie sollte sie es ertragen, wenn du sie aufziehst!“
 
Anschließend befahl sie jemandem, zuerst etwas Obst für Ban-örl zu bringen. Aber vor so vielen Fremden wagte Ban-örl nicht zu essen. Also befahl die Herzoginmutter, ihm ein paar Bronzemünzen zu schenken, dann mußten die Sklavenjungen ihn hinausführen und mit ihm spielen.
 
Nachdem Oma Liu Tee getrunken hatte, erzählte sie der Herzoginmutter von Dingen, die sie auf dem Lande erlebt oder gehört hatte, und die Herzoginmutter fand auch Vergnügen daran. Als sie eben noch beim Erzählen war, schickte Hsi-fëng jemanden, um sie zum Abendessen zu bitten. Die Herzoginmutter aber wählte einige von ihren eigenen Speisen aus und ließ sie für Oma Liu hinübertragen.
 
Da Hsi-fëng sich sagte, es werde der Herzoginmutter Freude machen, schickte sie Oma Liu nach dem Essen noch einmal zu ihr zurück. Zuvor aber wurde Oma Liu rasch von Yüan-yang gebeten, ein Bad zu nehmen, wobei eine alte Sklavin sie begleiten mußte. Yüan-yang selbst suchte ein paar einfache Kleider heraus und befahl, sie Oma Liu zu bringen, damit sie sich umziehen konnte. Wo hätte Oma Liu so etwas je erlebt! Rasch zog sie die Kleider an und ging wieder in den Hauptraum hinüber, wo sie sich zur Herzoginmutter vor das Polsterbett setzte und noch ein paar Geschichten aus ihrem Gedächtnis hervorkramte.
 
Auch Bau-yü saß mit Schwester und Kusinen dabei, und wann hätten sie jemals solche Geschichten gehört! Sie erschienen ihnen interessanter als die Romane, die von den blinden Erzählern vorgetragen werden.
 
Oma Liu war zwar eine unkultivierte Frau vom Lande, aber sie besaß doch einige angeborene Klugheit, überdies war sie alt und hatte manches erlebt. Als sie jetzt sah, welchen Spaß zum einen die Herzoginmutter hatte und wie gespannt zum anderen auch die jungen Leute zuhörten, dachte sie sich, als sie weiter nichts mehr zu berichten wußte, einfach eine Geschichte aus, die sie ihnen auftischte.
 
Und so erzählte sie: „Bei uns im Dorf, wenn wir den Boden bestellen und Gemüse anbauen, haben wir jahraus, jahrein, tagaus, tagein in Frühling, Sommer, Herbst und Winter, bei Regen und bei Wind keine Zeit, so herumzusitzen. Wenn wir bei der Arbeit eine Pause machen, setzen wir uns auf die Erde, immer da, wo wir gerade sind. Aber was für merkwürdige und seltsame Dinge erlebt man bei uns nicht alles!
 
Vergangenen Winter zum Beispiel hatte es tagelang geschneit, und der Schnee lag drei, vier Tschï hoch. Eines Tages nun war ich früh aufgestanden, aber noch nicht vor die Tür gegangen, da höre ich, wie es draußen am Reisig raschelt. Ich denke: ‚Bestimmt will da jemand von unserm Reisig stehlen!‘ Also krieche ich auf dem Ofenbett zu einem Loch im Fensterpapier und schaue hinaus, und da sehe ich, es ist niemand aus unserm Dorf, ...“
 
„Bestimmt war es ein fremder Wanderer, der vorüberkam und fror“, mutmaßte die Herzoginmutter, „als er das fertige Reisig sah, wollte er ein wenig davon herausziehen, um sich ein Feuer zu machen und sich aufzuwärmen. Das kann ja vorkommen.“
 
„Nein, ein Wanderer war es nicht“, sagte Oma Liu lächelnd. „Das war ja gerade das Merkwürdige daran. Wißt Ihr, wer es war, alter Gott der Langlebigkeit? Es war ein schönes Fräulein von siebzehn, achtzehn Jahren mit ölglänzender Frisur. Ein dunkelrotes Übergewand und einen Rock aus weißer Seide hatte sie an...“
 
Als sie eben bis hierher gekommen war, drang plötzlich Geschrei von draußen herein, dann sagte jemand: „Es ist ja gut, erschreckt die alte gnädige Frau nicht damit!“
 
Kaum hatte die Herzoginmutter das gehört, fragte sie laut: „Was ist denn?“
 
„Im Südgehöft ist der Pferdestall in Brand geraten“, meldeten ihre Sklavenmädchen, „aber es hat nichts zu besagen, das Feuer wird schon gelöscht.“
 
Furchtsam, wie die Herzoginmutter war, stand sie sofort auf und ging auf jemandes Arm gestützt unter den Dachvorsprung hinaus, um Ausschau zu halten. Im Südosten leuchtete es noch wie Feuerschein. Erschrocken rief die Herzoginmutter den Namen Buddhas an und befahl sofort, vor dem Bild des Feuergottes Weihrauch abzubrennen. Jetzt kam auch Dame Wang mit den anderen herüber, um der Herzoginmutter ihren Gruß zu entbieten, wobei sie berichtete: „Das Feuer ist schon gelöscht. Geht bitte ins Haus zurück, alte gnädige Frau!“
 
Aber die Herzoginmutter wartete, bis der Feuerschein verloschen war, ehe sie mit den anderen wieder hineinging.
 
Ungeduldig erkundigte sich Bau-yü bei Oma Liu: „Was wollte denn nun das Mädchen im Schnee mit dem Reisig? Hat sie sich auch nicht erkältet?“
 
„Nur weil eben vom Feuermachen die Rede war, ist der Brand ausgebrochen, und jetzt fragst du noch danach!“ wies die Herzoginmutter ihn zurecht. Dann verlangte sie: „Sprich nicht weiter davon, erzähl uns etwas anderes!“
 
Wenn Bau-yü auch nicht zufrieden war, mußte er die Sache doch auf sich beruhen lassen.
 
Oma Liu aber erfand rasch eine neue Geschichte und erzählte: „Am Ostrand von unserem Dorf lebt eine alte Frau von mehr als neunzig Jahren. Jeden Tag ißt sie nur Fastenspeisen und betet zu Buddha. Und – wer hätte das gedacht! – sie hat damit die Göttin Guan-yin gerührt, die ihr im Traum erschien und zu ihr sprach: ‚Eigentlich solltest du ohne Nachkommenschaft bleiben, aber ich habe dem Jadekaiser von deiner Ergebenheit erzählt, und er schenkt dir einen Enkel!‘
 
Die Alte hatte nämlich nur einen einzigen Sohn, der seinerzeit auch nur einen Sohn gehabt hatte, der aber mit siebzehn oder achtzehn Jahren gestorben war, kaum daß sie ihn mit Mühe großgezogen hatten. Oh, wie sie damals geweint haben! Später bekam er wirklich noch einen Sohn, der jetzt erst um die dreizehn Jahre alt ist. Er ist so rundlich und hellhäutig, daß er aussieht wie ein Schneeball, und flink und gescheit ist er wie kein zweiter. Daran sieht man, daß es wirklich Götter geben muß!“
 
Mit dieser Erzählung hatte Oma Liu unbewußt den Geschmack der Herzoginmutter und von Dame Wang getroffen, die ihr deshalb auch gespannt zugehört hatten. Bau-yü dagegen dachte nur an die Geschichte vom gestohlenen Feuerholz und brütete stumm vor sich hin.
 
Da sagte Tan-tschun zu ihm: „Gestern hat Kusine Hsiang-yün uns bewirtet. Wenn wir nachher wieder im Garten sind, wollen wir darüber beraten, unsern Dichterbund zusammenzurufen und eine Gegeneinladung auszusprechen. Wie wär‘s, wollen wir die alte gnädige Frau zu einer Chrysanthemenschau einladen?“
 
Lächelnd erwiderte Bau-yü: „Aber die alte gnädige Frau hat doch gesagt, sie wolle ein Fest geben, um Hsiang-yüns Einladung zu erwidern, und wir sollten dabeisein. Wir können sie doch immer noch einladen, wenn ihr Fest vorüber ist!“
 
„Es wird aber jetzt immer kälter, und dann wird es der alten gnädigen Frau keinen Spaß mehr machen!“ wandte Tan-tschun ein.
 
„Ach wo, die alte gnädige Frau mag es, wenn es regnet oder schneit!“ gab Bau-yü zurück. „Das beste ist, wir warten auf den ersten Schnee und laden sie dann ein, ihn mit uns zusammen zu bewundern! Wäre das nicht schön? Und wenn wir bei Schnee Gedichte machen, wird das Vergnügen um so größer.“
 
„Wenn wir bei Schnee Gedichte machen, dann ist, so scheint mir, das Vergnügen noch lange nicht so groß, wie wenn wir ein Bündel Reisig zurechtmachen, von dem bei Schnee jemand stiehlt!“ warf Dai-yü lächelnd ein.
 
Bau-tschai und die anderen lachten darüber, Bau-yü aber warf Dai-yü nur einen Blick zu und schwieg.
 
Als bald darauf alle auseinandergingen, hielt Bau-yü Oma Liu verstohlen am Arm zurück und fragte leise: „Wer war denn das Mädchen?“
 
Da blieb Oma Liu keine andere Wahl, als ihren Faden weiterzuspinnen, und sie erzählte: „Das war so. Im Norden von unserm Dorf steht dicht am Feldrain ein kleines Tempelchen. Darin wird keinem Gott und keinem Buddha geopfert, vielmehr ist da mal ein Herr gewesen...“
 
Oma Liu stockte, um sich einen Namen für den Herrn auszudenken, Bau-yü aber drängte: „Es ist doch egal, wie er hieß! Zerbrich dir nicht den Kopf darüber, erzähl mir nur, was da war!“
 
Und Oma Liu fuhr fort: „Der Herr hatte keinen Sohn, nur eine Tochter namens Ming-yü. Dieses Fräulein Ming-yü konnte lesen und schreiben, und der Herr und seine Frau liebten sie wie ein Juwel. Aber als sie kaum siebzehn war, wurde sie krank und starb...“
 
Bau-yü stampfte mit dem Fuß auf und seufzte, ehe er fragte: „Und dann?“
 
„Dem Herrn und der Dame ging ihre Tochter nicht aus dem Sinn“, erzählte Oma Liu weiter, „darum ließen sie den kleinen Tempel bauen und
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Xiangfluss-Wolke<ref>史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Geschichtsschreiber Wolke-am-Xiang-Fluss" — Schatzjades lebenslustige Kusine, eine begabte Dichterin.</ref> sagte: „Aber natürlich, es sind noch reichlich da!" und befahl sofort, man solle zehn von den allergrößten heraussuchen.
ein Bildnis des Mädchens formen, und dann beauftragten sie jemand, vor dem Bildnis Weihrauch und Kerzen zu brennen. Aber das ist lange her, und im Laufe der Jahre sind die Leute gestorben, der Tempel ist verfallen, und nun geht das Standbild als Spuk um.“
 
„Nein“, sagte Bau-yü rasch, „nicht das Standbild geht um, in der Regel sind solche Menschen nicht tot, obwohl sie gestorben sind.“
 
„Buddha Amitabha!“ rief Oma Liu aus, „so ist das also! Gut, daß Ihr mir das sagt. Wir hatten alle geglaubt, es sei das Standbild, das immer menschliche Gestalt annimmt und dann durch die Dörfer und über die Straßen wandert. Dieses Mädchen war es, das sich bei mir von dem Reisig genommen hatte. Die Leute bei uns im Dorf haben beschlossen, das Standbild zu zerschlagen und den Tempel abzureißen.“
 
„Laßt das bloß sein!“ warnte Bau-yü. „Den Tempel abzureißen wäre ein schweres Vergehen.“
 
„Gut, daß Ihr mir das sagt“, erwiderte Oma Liu. „Wenn ich nach Hause komme, will ich es ausrichten!“
 
„Unsere alte gnädige Frau und die gnädige Frau sind große Wohltäter“, fuhr Bau-yü fort, „und auch der Rest der Familie, ob jung, ob alt, ist barmherzig und spendierfreudig, alle sind stets gern bereit, Tempel errichten und Götterbilder formen zu lassen. Morgen werde ich einen Opfertext verfassen und an deiner Statt Spenden erbetteln. Du wirst Aufseherin über die Weihrauchopfer. Und wenn genug Geld gesammelt ist, wird der Tempel wiederaufgebaut, und auch die Statue wird instand gesetzt. Jeden Monat bekommst du dann Geld für Weihrauch und Kerzen. Wäre das nicht schön?“
 
„Dann würden von dem Glück des Mädchens jeden Monat auch für mich ein paar Münzen abfallen“, sagte Oma Liu.
 
Bau-yü aber erkundigte sich noch bei ihr, wie die Gegend heiße und wie das Dorf, wie weit es dahin sei und welche Richtung man einschlagen müsse. Rasch log Oma Liu etwas zusammen, wie es ihr gerade in den Sinn kam. Bau-yü aber nahm alles für bare Münze, und als er in seine Räume zurückgekehrt war, machte er die ganze Nacht hindurch Pläne.
 
Am nächsten Morgen stand er früh auf und ging hinaus, um Ming-yän ein paar hundert Bronzemünzen zu geben und ihn zu beauftragen, entsprechend der Beschreibung, die er von Oma Liu bekommen hatte, dorthin zu reiten und erst einmal alles in Augenschein zu nehmen. Wenn Ming-yän zurück war, wollte er das Weitere beschließen.
 
Nachdem Ming-yän sich entfernt hatte, wartete Bau-yü Stunde um Stunde und geriet dabei in Erregung wie eine Ameise auf einem heißen Kessel. Unter Qualen geduldete er sich, bis die Sonne unterging und Ming-yän endlich freudestrahlend zurückkam. Sofort fragte Bau-yü: „War der Tempel da?“
 
Lächelnd erwiderte Ming-yän: „Ihr müßt das nicht richtig verstanden haben, junger Herr, da konnte ich schön suchen! Weder der Ortsname noch die Richtung stimmten mit dem überein, was Ihr mir gesagt habt. Darum habe ich den ganzen Tag suchen müssen, bevor ich endlich im Nordosten an einem Feldrain einen zerfallenen Tempel gefunden habe.“
 
Bei dieser Nachricht klärte sich Bau-yüs Gesicht zu einem frohen Lächeln auf, und er sagte rasch: „Oma Liu ist eine alte Frau. Mag sein, daß sie sich nicht recht erinnern konnte. Das kommt vor. Aber erzähl mir, was du gesehen hast!“
 
„Das Tor des Tempels war richtig an der Südseite, und ganz verfallen war er auch“, berichtete Ming-yän. „Diese Sucherei hatte mich schon in Rage gebracht, darum sagte ich mir jetzt: ‚Ein Glück!‘ und ging rasch hinein. Aber kaum hatte ich dort die Tonfigur erblickt, bin ich wieder hinausgestürzt, so lebensecht sah sie aus.“
 
„Sie kann sich in einen Menschen verwandeln, natürlich sieht sie da lebensecht aus“, sagte Bau-yü mit zufriedenem Lächeln.
 
„Aber es war ja gar nicht das Mädchen“, protestierte Ming-yän und schlug die Hände zusammen. „Es war der Seuchengott mit schwarzblauem Gesicht und roten Haaren!“
 
Empört spuckte Bau-yü aus und schimpfte: „Du taugst wahrhaftig nur, umgebracht zu werden, du Nichtsnutz! Nicht einmal so eine Kleinigkeit kannst du erledigen!“
 
„Wer weiß, was Ihr da wieder mal gelesen habt oder wer Euch da zum Narren gehalten hat, junger Herr, daß Ihr mich mit so einem unsinnigen Auftrag losgeschickt habt, an dem ich mir die Zähne ausbeißen konnte, und jetzt sagt Ihr, ich sei zu nichts nutze“, beklagte sich Ming-yän.
 
Als Bau-yü sah, wie Ming-yän in Hitze geriet, redete er schnell begütigend auf ihn ein: „Reg dich nicht auf! Ein andermal, wenn nichts zu tun ist, machst du dich noch einmal auf die Suche! Wenn die Alte uns angeführt hat, kann es den Tempel natürlich nicht geben, wenn es ihn aber doch gibt, kannst auch du im Verborgenen Gutes tun, und außerdem will ich dich reich belohnen!“
 
Während er das eben sagte, sah er einen der Sklavenjungen vom Innentor herantreten, der ihm meldete: „Es sind Mägde aus den Räumen der alten gnädigen Frau da, die zu Euch wollen, junger Herr.
 
  
[[Category:Books]]
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„Nehmt aber möglichst viele mit rundem Bauchpanzer!" setzte Friedchen hinzu. <ref>Krabben mit rundem Bauchpanzer sind Weibchen, deren Rogen als Delikatesse gilt.</ref>
[[Category:Hongloumeng]]
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Alle wollten Friedchen zum Hinsetzen bewegen, doch sie weigerte sich. Seidenweiß Pflaume<ref>李纨 Lǐ Wán — die tugendhafte junge Witwe des verstorbenen Perle Kaufmann, Schatzjades älteste Schwägerin.</ref> fasste sie bei der Hand und sagte lächelnd: „Jetzt will ich aber gerade, dass du dich hinsetzt!" Sie zog Friedchen neben sich auf den Sitz, nahm einen Becher Wein und hielt ihn ihr an die Lippen. Friedchen trank hastig einen Schluck und wollte aufstehen.
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Seidenweiß Pflaume sagte: „Ich lasse dich aber nicht gehen! Wie man sieht, gibt es für dich nur die Phönixglanz<ref>王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Heiterer König-Phönix" — die energische und verschlagene Haushälterin des Kaufmann-Anwesens.</ref>, auf mich hörst du nicht." Dann wies sie die alten Bediensteten an: „Bringt schon einmal die Speiseschachtel hinüber und sagt ihr, dass ich Friedchen hierbehalten habe!"
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Die Alte kam bald mit der Schachtel zurück und berichtete: „Die junge gnädige Frau lässt bestellen, die gnädige Frau und die Fräulein sollten sich nicht nur über den Mund lustig machen, sondern ihn auch zum Essen benutzen. In der Schachtel sind Kuchen aus Wasserkastanienmehl und in Hühnerfett gebackene Teigröllchen — das hat die gnädige Frau Tante eben herüberschicken lassen, für die gnädige Frau und die Fräulein." Dann wandte sie sich an Friedchen: „Die junge gnädige Frau lässt dir ausrichten: Kaum schickt man dich irgendwohin, bleibst du zum Vergnügen dort und kommst nicht mehr zurück. Sie rät dir, wenigstens nicht so viel zu trinken!"
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Friedchen erwiderte lächelnd: „Und was wird sie mit mir machen, wenn ich doch zu viel trinke?" Dabei trank und aß sie munter weiter und griff auch bei den Krabben kräftig zu.
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Seidenweiß Pflaume legte ihren Arm um Friedchen und sagte: „Wie schade, dass so ein hübsches, stattliches Mädchen ein so gewöhnliches Los traf und nur als Kammerzofe dient! Wer es nicht weiß, würde dich für eine junge gnädige Frau halten!"
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Friedchen aß und trank mit Schatzspange<ref>薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Schnee-Haarspange" — Schatzjades Kusine aus der Familie Xue, klug, besonnen und tugendreich.</ref>, Xiangfluss-Wolke und den anderen, wandte den Kopf und sagte lachend: „Gnädige Frau, bitte nicht! Ihr kitzelt mich ja fürchterlich."
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Seidenweiß Pflaume rief: „Ach du meine Güte! Was ist das Hartes hier?"
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„Schlüssel", sagte Friedchen.
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Seidenweiß Pflaume fragte: „Was für Schlüssel? Hat sie solche Angst, jemand könnte ihr die wertvollsten Privatschätze stehlen, dass du sie am Leib tragen musst? Ich sage immer im Scherz: Als der Mönch Xuanzang <ref>Der buddhistische Mönch Xuanzang (602–664), der nach Indien reiste, um heilige Schriften zu holen — bekannt aus dem Roman 'Die Reise nach dem Westen'</ref> aufbrach, die heiligen Sutras zu holen, da hatte er ein weißes Pferd, das ihn trug; als Liu Zhiyuan <ref>Liu Zhiyuan (895–948), Gründer der späteren Han-Dynastie, dem der Legende nach ein 'Melonengeist' Helm und Rüstung schenkte</ref> das Reich eroberte, da hatte er einen Melonengeist, der ihm Helm und Rüstung brachte — und Phönixglanz hat dich! Du bist für deine Herrin der Generalschlüssel zu allen Schlössern. Was braucht es da noch andere Schlüssel?"
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Friedchen wehrte lächelnd ab: „Ihr habt Wein getrunken, gnädige Frau, und wollt Euch jetzt auf meine Kosten amüsieren!"
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Schatzspange sagte lächelnd: „Aber das ist die reine Wahrheit! Wenn wir gelegentlich die Leute beurteilen, dann seid ihr alle von einer Sorte, wie sie unter Hunderten nicht ein einziges Mal vorkommt. Und das Schönste daran ist, dass jede von euch ihre ganz eigenen Vorzüge hat."
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Seidenweiß Pflaume fuhr fort: „Die Ordnung des Himmels gilt für Große wie für Kleine. Nehmen wir zum Beispiel die Gemächer der alten gnädigen Frau — wie sollte es ohne Mandarinenente<ref>鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente" — die treue Leibdienerin der Herzoginmutter.</ref> gehen? Von der gnädigen Frau aufwärts wagt es niemand, der alten gnädigen Frau zu widersprechen — sie aber tut es! Und die alte gnädige Frau hört auch auf niemanden als auf sie. Was die alte gnädige Frau an Kleidern und Schmuck besitzt, kann kein anderer sich merken — nur sie weiß alles auswendig. Wenn sie sich nicht darum kümmerte, wer weiß, wie viel man davon schon hätte verschwinden lassen! Dabei hat das Mädchen auch einen gerechten Sinn. So mächtig ihre Stellung ist, legt sie trotz allem oft ein gutes Wort für andere ein und missbraucht ihre Position niemals, um jemanden zu unterdrücken."
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Bedauerfrühling<ref>惜春 Xīchūn, wörtl. „Bedauerfrühling" — Schatzjades jüngste Schwester (eigentlich Nichte).</ref> ergänzte lächelnd: „Gestern erst hat die alte gnädige Frau gesagt, Mandarinenente sei besser als wir alle!"
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Friedchen pflichtete bei: „Mandarinenente ist tatsächlich vortrefflich. Wie könnten wir uns mit ihr messen!"
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Schatzjade<ref>贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann-Jade" — der männliche Protagonist des Romans, ein verträumter junger Mann aus der Kaufmann-Familie.</ref> warf ein: „Farbenwolke<ref>彩霞 Cǎixiá, wörtl. „Farbenwolke" — ein Dienstmädchen der Dame König.</ref> in den Gemächern der gnädigen Frau ist auch eine treue Seele."
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Erkundefrühling<ref>探春 Tànchūn, wörtl. „Erkundefrühling" — Schatzjades dritte Halbschwester (Tochter der Nebenfrau Zhao), klug und tatkräftig.</ref> stimmte zu: „Und wie! Nach außen hin unauffällig, aber im Innern hat sie alles genau im Blick. Die gnädige Frau ist wie eine lebende Buddha-Statue — sie achtet nicht auf die Dinge des Alltags. Aber Farbenwolke weiß alles. In jeder noch so kleinen Angelegenheit ist sie es, die die gnädige Frau daran erinnert und anleitet. Selbst über die großen und kleinen Pflichten des gnädigen Herrn, ob er zu Hause ist oder auswärts, ist sie im Bilde. Und wenn die gnädige Frau etwas vergessen hat, erinnert Farbenwolke sie im Stillen daran."
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Seidenweiß Pflaume sagte: „Genug davon." Dann wies sie auf Schatzjade und fuhr fort: „Was meint ihr, was aus den Gemächern dieses jungen Herrn würde, wenn er nicht Dufthauch<ref>袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — Schatzjades treueste Kammerzofe, besonnen und pflichtbewusst.</ref> hätte! Phönixglanz mag der Hegemonkönig von Chu <ref>Xiang Yu (项羽, 232–202 v. Chr.), der legendäre Feldherr, von dem es heißt, er habe einen Dreifußkessel von tausend Jin heben können</ref> sein — aber auch er brauchte zwei starke Arme, um den tausend Jin schweren Bronzekessel zu stemmen. Ohne dieses Mädchen könnte selbst sie nicht alles so umsichtig besorgen."
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Friedchen sagte lächelnd: „Ursprünglich waren vier Mädchen mit in die Ehe gegeben worden — die einen sind gestorben, die anderen fortgegangen. Nur ich einsames Gespenst bin übrig geblieben."
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Seidenweiß Pflaume erwiderte: „Du hast trotzdem Glück, und Phönixglanz hat auch Glück. Ich denke daran, dass auch mein verstorbener Herr Perle Kaufmann<ref>Chin. 贾珠</ref> — als er noch lebte — zwei solche Mädchen bei sich hatte. Ihr alle wisst doch, ob ich eine bin, die andere nicht duldet? Tag für Tag aber sah ich, wie unwohl sich die beiden fühlten. Deshalb habe ich sie, kaum dass mein Herr Perle gestorben war — sie waren noch jung —, allesamt fortgeschickt. Hätte auch nur eine von ihnen treu ausgehalten, so hätte ich jetzt eine zuverlässige Stütze an meiner Seite." Bei diesen Worten liefen ihr die Tränen herab.
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Die anderen sagten: „Warum musst du dich wieder grämen? Brechen wir lieber auf — das ist besser." Daraufhin wuschen sich alle die Hände und verabredeten, gemeinsam bei der Herzoginmutter und Dame König vorbeizugehen, um ihnen den Abendgruß zu entbieten.
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Die alten Bediensteten und die Dienstmädchen fegten den Pavillon aus und räumten das Geschirr zusammen. Dufthauch nahm Friedchen mit und ging mit ihr zum Hof der Roten Freude<ref>Chin. 怡红院</ref>. Sie bat Friedchen, hereinzukommen, sich einen Augenblick zu setzen und noch eine Tasse Tee zu trinken.
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Friedchen sagte: „Keinen Tee mehr, ich komme ein andermal wieder." Damit wollte sie gehen.
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Doch Dufthauch hielt sie zurück und fragte: „Was ist eigentlich mit dem Monatsgeld für diesen Monat? Nicht einmal die alte gnädige Frau und die gnädige Frau haben ihres bekommen — was ist der Grund?"
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Als Friedchen diese Frage hörte, kehrte sie rasch um, trat dicht an Dufthauch heran, und erst nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ringsum niemand war, flüsterte sie: „Frag lieber nicht danach! In ein paar Tagen wird es ausgezahlt."
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Dufthauch fragte lächelnd: „Warum denn? Und weshalb bist du so erschrocken?"
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Friedchen flüsterte: „Das Monatsgeld für diesen Monat hat unsere junge Herrin längst abgehoben und an Leute verliehen, damit es Zinsen bringt. Erst wenn sie anderswo die Zinsen einkassiert und genug zusammenhat, kann sie es auszahlen. Weil du es bist, sage ich dir das — aber du darfst es keiner Menschenseele weitererzählen!"
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Dufthauch sagte: „Hat sie denn nicht genug Geld für ihre Bedürfnisse? Kann sie nie genug bekommen? Warum muss sie sich solche Sorgen aufladen?"
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Friedchen erwiderte lächelnd: „Natürlich hat sie genug! Aber in den letzten Jahren hat sie allein mit dem Monatsgeld einen Gewinn von mehreren hundert Liang erzielt. Ihr eigenes Monatsgehalt gibt sie ja gar nicht aus, sondern spart hier acht, dort zehn Liang zusammen und verleiht es. Allein ihre persönlichen Zinsen belaufen sich in weniger als einem Jahr auf über tausend Liang Silber!"
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Dufthauch bemerkte lächelnd: „Da tun sich also Herrin und Dienerin zusammen, um mit unserem Geld Zinsen einzustreichen, und wir stehen dumm da und warten!"
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Friedchen sagte: „Nun red nicht so boshaft! Hast du etwa nicht genug?"
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Dufthauch erwiderte: „Mir reicht es schon — aber ich habe ja auch keine Gelegenheit, es auszugeben. Ich lege alles nur für einen gewissen Jemand zurück." <ref>Dufthauch meint Schatzjade, für den sie das Geld zurücklegt.</ref>
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Friedchen bot an: „Falls du einmal dringend Geld brauchst — drüben habe ich noch ein paar Liang Silber. Du kannst sie dir nehmen, und ich ziehe es dir dann vom Monatsgeld ab."
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Dufthauch antwortete: „Im Augenblick brauche ich nichts. Aber sollte ich einmal mehr benötigen, als ich habe, schicke ich jemanden, es bei dir abzuholen."
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Friedchen nickte und machte sich auf den Weg. Sie verließ den Garten, kam nach Hause — und sah, dass Phönixglanz gar nicht da war. Stattdessen erblickte sie zu ihrer Überraschung Oma Liu<ref>刘姥姥 Liú Lǎolao — eine einfache Bäuerin, die die Kaufmann-Familie besucht und für komische Szenen sorgt.</ref>, jene Alte, die einmal gekommen war, um Almosen zu erbetteln — sie saß mit ihrem Enkel Banchen<ref>Chin. 板儿</ref> wieder da, im Nebenzimmer. Die Frau des Zhang Cai und die Frau des Zhou Rui<ref>Chin. 周瑞家的</ref> leisteten ihr Gesellschaft, und zwei, drei Dienstmädchen schütteten gerade aus einem Sack Jujuben, Moschuskürbisse und allerlei Wildgemüse auf den Boden.
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Als die Anwesenden Friedchen eintreten sahen, standen sie alle eilig auf. Oma Liu, die von ihrem letzten Besuch her wusste, welchen Rang Friedchen einnahm, sprang sofort vom Sitz und grüßte: „Wie geht es Euch, Fräulein?" Dann fuhr sie fort: „Zu Hause lassen alle grüßen! Wir wollten längst einmal vorbeikommen, um der jungen gnädigen Frau unsere Aufwartung zu machen und Euch, Fräulein, zu besuchen, aber die Feldarbeit ließ es nicht zu. Dieses Jahr — dem Himmel sei Dank — haben wir zwei Dan <ref>Ein Dan (石) entspricht etwa 60–75 kg Getreide</ref> Getreide mehr geerntet als sonst, und auch Kürbisse, Obst und Gemüse gab es reichlich. Dies hier ist die allererste Ernte — wir haben es nicht über das Herz gebracht, die Sachen zu verkaufen, sondern haben das Beste aufgehoben, um es der jungen gnädigen Frau und Euch zu verehren. Die Fräulein essen ja Tag für Tag die kostbarsten Speisen aus Berg und Meer und haben alles längst satt — da kann unser Wildgemüse vielleicht einmal für Abwechslung sorgen. Es ist ärmlich, aber es kommt von Herzen."
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Friedchen sagte eilig: „Vielen Dank für die Mühe!" und bat Oma Liu, sich wieder hinzusetzen, wobei sie sich selbst ebenfalls setzte. Dann forderte sie auch „Tante Zhang" und „Tante Zhou" zum Sitzen auf und schickte ein Dienstmädchen, Tee zu holen.
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Die Frauen von Zhou Rui und Zhang Cai bemerkten lächelnd: „Ihr seht heute so rosig aus, Fräulein! Sogar die Augenränder sind gerötet."
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Friedchen erwiderte lächelnd: „Und ob! Eigentlich trinke ich ja nicht, aber die gnädige Frau und die Fräulein haben mich festgehalten und mir einen Becher nach dem anderen aufgenötigt. Da blieb mir nichts übrig, ich musste ein paar Becher trinken, und nun glüht mir das Gesicht."
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Zhang Cais Frau sagte lächelnd: „Ich hätte ja auch gern etwas abbekommen, nur hat mich leider niemand eingeladen! Wenn Ihr das nächste Mal irgendwohin gebeten werdet, Fräulein, nehmt mich doch mit!"
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Alle lachten. Zhou Ruis Frau sagte: „Heute Morgen habe ich die Krabben gesehen — auf ein Jin <ref>Ein Jin (斤) entspricht etwa 500 g</ref> kamen höchstens zwei oder drei Stück. In den drei großen Körben müssen bestimmt siebzig, achtzig Jin gewesen sein." Dann fügte sie hinzu: „Wenn alle, hoch und niedrig, davon haben sollten, hat es wahrscheinlich nicht einmal gereicht."
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Friedchen sagte: „Natürlich hat es nicht gereicht! Nur wer Rang und Namen hatte, bekam ein, zwei Stück. Vom gemeinen Volk haben manche etwas abbekommen, manche auch nicht."
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Oma Liu rechnete: „Solche Krabben kosten dieses Jahr fünf Fen <ref>Ein Fen Silber ist ein Hundertstel Liang</ref> das Jin. Zehn Jin machen fünf Qian, fünfmal fünf ist zwei Liang fünf, dreimal fünf fünfzehn — und wenn man noch Wein und Beilagen dazurechnet, kommt man insgesamt auf über zwanzig Liang Silber. Amitabha Buddha! Was dieses eine Essen gekostet hat, davon könnte unsereins auf dem Lande ein ganzes Jahr leben!"
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Friedchen fragte: „Du hast die junge gnädige Frau wohl schon gesehen?"
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Oma Liu antwortete: „Ja, sie hat gesagt, wir sollen warten." Dann schaute sie zum Fenster hinaus und prüfte den Stand der Sonne. „Es wird schon recht spät. Wir sollten besser aufbrechen — wenn wir es nicht mehr durch das Stadttor schaffen, sitzen wir in der Klemme!"
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Zhou Ruis Frau sagte: „Da hast du recht. Ich gehe einmal nachsehen." Damit verschwand sie, und als sie nach einer ganzen Weile zurückkam, strahlte sie über das ganze Gesicht: „Dein Glück ist gemacht, Großmutter! Du hast das Herz gleich zweier wichtiger Personen gewonnen!"
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Friedchen und die anderen fragten: „Was ist denn geschehen?"
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Zhou Ruis Frau berichtete: „Die junge gnädige Frau war gerade bei der alten gnädigen Frau. Ich bin leise zu ihr gegangen und habe gesagt: 'Junge gnädige Frau, Oma Liu will nach Hause, sie fürchtet, es könnte zu spät werden, um noch vor Toresschluss die Stadt zu verlassen.' Da hat die junge gnädige Frau gesagt: 'Von so weit her hat sie die schweren Sachen geschleppt, die Ärmste! Wenn es zu spät wird, soll sie über Nacht bleiben und morgen nach Hause gehen.' — Ist das nicht ein Glücksfall, bei der jungen gnädigen Frau so gut anzukommen?
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Aber damit nicht genug! Die alte gnädige Frau hat unser Gespräch mit angehört und gefragt: 'Was ist das für eine Oma Liu?' Die junge gnädige Frau hat es ihr erklärt, und die alte gnädige Frau hat gesagt: 'Ich sehne mich gerade nach einer erfahrenen, alten Person, mit der ich plaudern kann. Bittet sie herein, ich möchte sie sehen!' — Ist das nicht ein Glück, das vom Himmel gefallen ist?"
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Damit drängte sie Oma Liu, herunterzukommen und mit ihr hinüberzugehen.
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Oma Liu sträubte sich: „Wie kann ich denn mit diesem Aussehen vor sie treten! Liebe Schwägerin, sag ihr einfach, ich sei schon gegangen!"
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Friedchen redete ihr eilig zu: „Geh nur schnell! Was schadet dein Aussehen? Unsere alte gnädige Frau hat das größte Herz für die Alten und Armen — sie ist nicht wie diese hochnäsigen, betrügerischen Leute. Du hast wohl Angst bekommen? Ich gehe mit Tante Zhou zusammen und bringe dich hin."
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So führten Friedchen und Zhou Ruis Frau Oma Liu zu den Gemächern der Herzoginmutter<ref>贾母 Jiǎ Mǔ, wörtl. „Matriarchin der Kaufmann-Familie" — die Großmutter des Hauses Kaufmann (Jiǎ), eine der mächtigsten Figuren des Romans.</ref>.
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Am Innentor standen die diensthabenden Burschen auf, sobald sie Friedchen kommen sahen, und zwei von ihnen liefen ihr nach und riefen: „Fräulein! Fräulein!"
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Friedchen fragte: „Was gibt es schon wieder?"
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Der Bursche sagte lächelnd: „Es ist auch schon spät, und meine Mutter ist krank — sie wartet, dass ich den Arzt hole. Bestes Fräulein, könnte ich einen halben Tag freibekommen?"
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Friedchen erwiderte: „Ihr seid mir schön! Ihr habt euch untereinander abgesprochen — jeden Tag bittet ein anderer um Urlaub, und anstatt es bei der jungen gnädigen Frau zu melden, hängt ihr euch an mich! Neulich, als Zhuer fort war, hat der zweite junge Herr ausgerechnet nach ihm verlangt, und als er nicht zu finden war und ich dafür geradestand, hieß es, ich hätte ihm einen Gefallen getan. Und heute kommst du mir damit!"
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Zhou Ruis Frau legte ein Wort ein: „Seine Mutter ist wirklich krank. Lasst ihn doch gehen, Fräulein."
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Friedchen sagte zum Burschen: „Morgen in aller Frühe bist du zurück, hörst du? Ich habe einen Auftrag für dich! Und wehe, du kommst erst, wenn dir die Sonne auf den Hintern scheint! — Und jetzt richtest du Lai Wang<ref>Chin. 旺儿</ref> eine Botschaft aus. Du sagst ihm: Die junge gnädige Frau fragt, wo die restlichen Zinsen bleiben. Wenn er sie bis morgen nicht abliefert, will die gnädige Frau das Geld nicht mehr haben — dann kann er es gleich behalten und selbst ausgeben."
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Der Bursche ging überglücklich davon.
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Friedchen und die anderen kamen zu den Gemächern der Herzoginmutter. Dort waren gerade alle Mädchen aus dem Garten der Großen Anschauung<ref>Chin. 大观园</ref> versammelt, um der Herzoginmutter aufzuwarten. Als Oma Liu eintrat, sah sie ringsum nichts als Perlen und Jade, tanzende Blüten und leuchtende Zweige — und wusste nicht, wer all diese Personen waren. Dann erblickte sie eine alte Frau, die schräg auf einem Ruhebett lag; hinter ihr saß ein in Seide gehülltes Mädchen, schön wie ein Gemälde, und klopfte ihr die Beine. Phönixglanz stand daneben und unterhielt sich scherzend mit der alten Frau.
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Oma Liu erkannte sofort, dass dies die Herzoginmutter sein musste. Sie trat rasch vor, lächelte ihr entgegen, machte mehrere Verbeugungen und sagte: „Möge es Euch wohl ergehen, alter Gott des langen Lebens!"
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Die Herzoginmutter erwiderte den Gruß mit einer leichten Neigung des Oberkörpers und befahl Zhou Ruis Frau, einen Stuhl herbeizurücken, damit Oma Liu sich setzen konnte. Der kleine Banchen war immer noch schüchtern und brachte keinen Gruß heraus.
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Die Herzoginmutter fragte: „Wie alt bist du dieses Jahr, liebe Verwandte?"
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Oma Liu stand eilig auf und antwortete: „Fünfundsiebzig bin ich."
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Die Herzoginmutter wandte sich an die Umstehenden: „Schon so alt und trotzdem so gesund und rüstig! Sie ist etliche Jahre älter als ich! Wenn ich erst in ihrem Alter bin, wer weiß, ob ich mich dann noch rühren kann."
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Oma Liu sagte lächelnd: „Unsereins ist zum Arbeiten geboren und lebt in Bitternis. Ihr aber, alte gnädige Frau, seid von Geburt an zum Genießen bestimmt. Wenn auch wir so lebten, wäre niemand mehr da, der die Felder bestellt."
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Die Herzoginmutter erkundigte sich: „Sind deine Augen und Zähne noch gut?"
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Oma Liu antwortete: „Noch alles in Ordnung — nur auf der linken Seite ist mir ein Backenzahn locker geworden."
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Die Herzoginmutter seufzte: „Ich dagegen bin alt und zu nichts mehr nütze. Die Augen verschwimmen, die Ohren werden taub, und das Gedächtnis lässt nach. An alte Verwandte wie dich kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Wenn sie zu Besuch kommen, empfange ich sie erst gar nicht, weil ich fürchte, sie lachen mich aus. Ich esse ein paar Happen von den Sachen, die ich noch kauen kann, schlafe ein wenig, und wenn mir langweilig ist, scherze ich ein bisschen mit meinen Enkeln und Enkelinnen — das ist alles."
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Oma Liu sagte lächelnd: „Gerade darin liegt doch Euer Glück, alte gnädige Frau! Wir auf dem Lande wünschten uns so ein Leben, aber wir können es nicht haben."
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Die Herzoginmutter wehrte ab: „Was für ein Glück! Ich bin nichts als ein altes, unnützes Stück!"
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Alle lachten. Die Herzoginmutter fuhr lächelnd fort: „Eben hat mir Phönixglanz erzählt, dass du eine ganze Menge Kürbis und Gemüse mitgebracht hast. Ich habe ihr gleich gesagt, sie soll es rasch zubereiten lassen! Ich habe nämlich gerade Appetit auf Gemüse, das frisch vom Feld kommt. Was man draußen kaufen kann, schmeckt längst nicht so gut wie das, was bei euch direkt aus dem Boden kommt."
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Oma Liu sagte lächelnd: „Es ist Bauernkost — nichts als eine kleine Abwechslung! Wir auf dem Land hätten ja auch gern Fisch und Fleisch, aber wir können es uns nicht leisten."
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Die Herzoginmutter sagte: „Nachdem wir uns nun einmal kennengelernt haben, darfst du nicht so sang- und klanglos wieder davonlaufen! Wenn es dir hier nicht missfällt, dann bleib ein, zwei Tage, ehe du heimgehst. Wir haben auch einen Garten, und im Garten wächst allerlei Obst. Morgen kannst du davon kosten und etwas mit nach Hause nehmen — dann hast du auch wirklich einen Besuch bei Verwandten gemacht!"
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Phönixglanz sah, wie die Herzoginmutter Gefallen an der Alten fand, und hielt sie ebenfalls eilig zurück: „Bei uns ist zwar nicht so viel Platz wie bei euch auf der Tenne, aber ein paar leere Zimmer haben wir noch. Bleib doch ein, zwei Tage und erzähl unserer alten gnädigen Frau ein paar schöne Neuigkeiten und Geschichten von eurem Dorf!"
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Die Herzoginmutter mahnte lächelnd: „Phönixglanz, mach dich nicht über sie lustig! Sie kommt vom Land und ist ehrlich — wie soll sie es aushalten, wenn du sie aufziehst?"
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Dann befahl sie, man solle dem kleinen Banchen zuerst Obst bringen. Banchen aber wagte vor all den fremden Leuten nicht zu essen. Die Herzoginmutter ließ ihm ein paar Kupfermünzen schenken und wies die jungen Burschen an, ihn hinauszuführen und mit ihm zu spielen.
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Nachdem Oma Liu Tee getrunken hatte, erzählte sie der Herzoginmutter, was sie auf dem Lande gesehen und erlebt hatte. Die Herzoginmutter fand wachsendes Vergnügen daran. Mitten im Erzählen schickte Phönixglanz jemanden, um Oma Liu zum Abendessen abzuholen. Die Herzoginmutter suchte aus ihren eigenen Speisen einige Gerichte aus und ließ sie Oma Liu hinüberbringen.
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Phönixglanz wusste, dass Oma Liu der Herzoginmutter gefiel, und schickte die Alte nach dem Essen gleich wieder zu ihr zurück. Mandarinenente ließ eine alte Bedienstete Oma Liu zum Baden begleiten und suchte selbst zwei schlichte Alltagskleider heraus, die sie Oma Liu zum Anziehen geben ließ.
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Oma Liu, die so etwas noch nie erlebt hatte, zog eilig die Kleider an, kam heraus und setzte sich vor das Ruhebett der Herzoginmutter. Dann kramte sie in ihrem Gedächtnis nach weiteren Geschichten.
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Auch Schatzjade und seine Schwestern und Kusinen saßen alle dabei — wann hätten sie jemals solche Geschichten gehört! Sie fanden sie spannender als die Romane, die blinde Geschichtenerzähler vortrugen.
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Oma Liu war zwar eine einfache Frau vom Lande, besaß aber einen natürlichen Mutterwitz, dazu war sie alt und hatte mancherlei erlebt. Als sie sah, dass erstens die Herzoginmutter großen Spaß hatte und dass zweitens auch die jungen Leute ihr gebannt zuhörten, dachte sie sich — als ihr der Stoff ausging — einfach Geschichten aus und tischte sie den Zuhörern auf.
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So erzählte sie: „Bei uns im Dorf, wenn wir den Acker pflügen und Gemüse pflanzen, haben wir jahraus, jahrein, tagaus, tagein, in Frühling, Sommer, Herbst und Winter, bei Regen und bei Wind keine freie Minute. Wir sitzen uns auf den Feldrainen den Hintern platt — da sieht man die seltsamsten und wunderlichsten Dinge!
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Zum Beispiel letzten Winter: Es hatte tagelang geschneit, der Schnee lag drei, vier Fuß hoch. Eines Morgens war ich früh aufgestanden, aber noch nicht vor die Tür getreten, da höre ich, wie es draußen am Reisigstapel raschelt. Ich denke mir: 'Da will jemand unser Reisig stehlen!' Also krieche ich auf dem Kang <ref>Der Kang (炕) ist die beheizte Schlafplattform in nordchinesischen Bauernhäusern</ref> zum Fenster und lugge durch ein Loch im Papier — und was sehe ich? Es ist niemand aus unserem Dorf ..."
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Die Herzoginmutter mutmaßte: „Bestimmt war es ein Reisender, der vorüberkam und fror. Als er das fertige Reisig sah, wollte er sich ein paar Scheite herausziehen, um sich aufzuwärmen. Das kann vorkommen."
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Oma Liu sagte lächelnd: „Nein, ein Reisender war es auch nicht — und gerade das ist ja das Merkwürdige! Ratet einmal, alter Gott des langen Lebens, wer es war? Es war ein bildschönes junges Fräulein, siebzehn, achtzehn Jahre alt, mit ölglänzend gekämmtem Haar, einem dunkelroten Übergewand und einem Rock aus weißer Seide ..."
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Sie war gerade an dieser Stelle angelangt, als plötzlich von draußen Geschrei hereindrang. Jemand rief: „Es ist nicht schlimm! Erschreckt die alte gnädige Frau nicht!"
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Die Herzoginmutter und die anderen fragten sofort, was los sei, und die Dienstmädchen meldeten: „Im Pferdestall im Südhof hat es gebrannt. Es ist aber nicht schlimm, das Feuer ist schon gelöscht."
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Die Herzoginmutter, die von Natur ängstlich war, stand sofort auf, ließ sich hinausstützen und schaute vom Wandelgang aus in die Ferne. Im Südosten leuchtete noch der Feuerschein am Himmel. Erschrocken murmelte die Herzoginmutter Buddhas Namen und befahl sofort, vor dem Bild des Feuergottes Räucherwerk abzubrennen. Dame König und die anderen kamen eilig herüber, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, und berichteten: „Das Feuer ist gelöscht, alte gnädige Frau. Bitte geht wieder hinein."
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Die Herzoginmutter wartete, bis der Feuerschein am Himmel vollständig verloschen war, ehe sie mit allen zusammen ins Innere zurückkehrte.
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Schatzjade aber fragte sofort Oma Liu: „Was wollte das Mädchen bei dem tiefen Schnee am Reisigstapel? Hätte sie sich nicht erkälten können?"
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Die Herzoginmutter schalt: „Eben hat das Reden über Reisig ein Feuer ausgelöst, und du fragst immer noch danach! Sprich nicht mehr davon — erzähl etwas anderes!"
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Schatzjade war zwar unzufrieden, fügte sich aber.
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Oma Liu dachte sich rasch eine neue Geschichte aus und erzählte: „Am Ostrand von unserem Dorf lebt eine alte Großmutter, die ist heute über neunzig Jahre alt. Jeden Tag isst sie nur Fastenspeisen und betet zu Buddha. Und stellt euch vor — sie hat die Barmherzige Guanyin <ref>Guanyin (观音菩萨), die Göttin der Barmherzigkeit, eine der beliebtesten Gottheiten im chinesischen Volksglauben</ref> gerührt! Die erschien ihr nachts im Traum und sprach: 'Du bist so aufrichtig fromm! Eigentlich war dir bestimmt, ohne Nachkommen zu bleiben, aber ich habe beim Jadekaiser <ref>Der Jadekaiser (玉皇) ist der höchste Gott des daoistischen Himmels</ref> ein gutes Wort für dich eingelegt, und er schenkt dir einen Enkel!'
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Die alte Großmutter hatte nämlich nur einen einzigen Sohn, und dieser Sohn hatte auch nur einen einzigen Sohn. Aber kaum hatten sie den mit Müh und Not bis zum siebzehnten, achtzehnten Lebensjahr großgezogen, da starb er. Wie sie da geweint haben! Danach aber bekam der Sohn tatsächlich noch einen Jungen, der ist jetzt erst dreizehn, vierzehn Jahre alt — schneeweiß wie ein Schneeball, blitzgescheit und aufgeweckt über alle Maßen. Daran sieht man, dass es die Götter und Buddhas wirklich gibt!"
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Diese Geschichte traf auf wundersame Weise den wunden Punkt der Herzoginmutter und Dame Königs — denn auch sie hatten beständig Sorge um Schatzjades Gesundheit und Zukunft. Selbst Dame König hatte aufgehört, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, und lauschte gespannt.
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Schatzjade aber dachte nur an die Geschichte von dem Mädchen im Schnee und brütete stumm vor sich hin.
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Erkundefrühling wandte sich an ihn: „Gestern hat uns Xiangfluss-Wolke-Schwester bewirtet. Wir sollten uns beraten und die Dichtgesellschaft einberufen, um eine Gegeneinladung auszusprechen und die alte gnädige Frau zur Chrysanthemenschau bitten. Was meinst du?"
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Schatzjade erwiderte lächelnd: „Die alte gnädige Frau hat doch gesagt, sie wolle selbst ein Fest geben, um Xiangfluss-Wolke-Schwestern Einladung zu erwidern, und wir sollten als Gäste dabeisein. Warten wir erst das Fest der alten gnädigen Frau ab, dann können wir unseres geben — das hat doch keine Eile!"
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Erkundefrühling wandte ein: „Je länger wir warten, desto kälter wird es. Dann hat die alte gnädige Frau vielleicht gar keine Lust mehr."
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Schatzjade sagte: „Die alte gnädige Frau liebt doch Regen und Schnee! Am besten warten wir auf den ersten Schneefall und laden sie dann ein, den Schnee zu bewundern — wäre das nicht wunderbar? Und Gedichte im Schnee zu schreiben macht erst recht Vergnügen!"
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Kajaljade<ref>林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal Wald-Jade" — die weibliche Protagonistin, Schatzjades Kusine mütterlicherseits, berühmt für ihre Dichtkunst und Empfindsamkeit.</ref> warf lächelnd ein: „Im Schnee Gedichte schreiben? Ich finde, es wäre noch amüsanter, ein Bündel Reisig zu binden und es im Schnee stibitzen zu lassen!"
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Schatzspange und die anderen brachen in Gelächter aus. Schatzjade warf Kajaljade nur einen Blick zu und schwieg.
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Bald darauf löste sich die Gesellschaft auf. Heimlich hielt Schatzjade Oma Liu am Ärmel fest und fragte sie eindringlich, wer das Mädchen gewesen sei.
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Oma Liu blieb nichts anderes übrig, als ihre Geschichte weiterzuspinnen. Sie erzählte: „Also, am Nordrand von unserem Dorf, am Feldrain, steht ein kleines Tempelchen. Darin ist kein Gott und kein Buddha aufgestellt, sondern es war einmal ein Herr ..." Sie stockte und versuchte, sich einen Namen auszudenken.
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Schatzjade drängte: „Wie er hieß, ist doch gleichgültig! Zerbrich dir nicht den Kopf darüber — erzähl mir nur, was geschehen ist!"
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Oma Liu fuhr fort: „Dieser Herr hatte keinen Sohn, nur eine einzige Tochter namens Mingyu<ref>Chin. 茗玉</ref>. Dieses Fräulein Mingyu konnte lesen und schreiben, und Vater und Mutter liebten sie wie ein Juwel. Doch leider wurde Fräulein Mingyu mit siebzehn Jahren krank — und starb."
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Schatzjade stampfte mit dem Fuß auf und seufzte tief, dann fragte er: „Und was geschah dann?"
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Oma Liu erzählte: „Weil der Herr und seine Frau sich nicht von ihrer Tochter trennen konnten, ließen sie diesen kleinen Tempel errichten und eine Statue des Fräuleins Mingyu formen, und sie beauftragten jemanden, davor Räucherwerk und Kerzen zu brennen. Aber das ist viele, viele Jahre her — die Leute sind gestorben, der Tempel ist verfallen, und nun geht die Statue als Spuk um."
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Schatzjade rief sofort: „Nein, kein Spuk! Solche Menschen — das ist die Regel — sind zwar gestorben und doch nicht tot!"
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Oma Liu rief: „Amitabha Buddha! So ist das also! Gut, dass Ihr mir das erklärt. Wir hatten alle geglaubt, die Statue sei zum Geist geworden! Sie nimmt immer Menschengestalt an und streift durch die Dörfer und über die Wege. Das Mädchen, das bei mir am Reisigstapel war — das war sie! Die Leute in unserem Dorf haben schon beraten, die Statue zu zerschlagen und den Tempel abzureißen."
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Schatzjade rief alarmiert: „Tut das auf keinen Fall! Einen Tempel abzureißen wäre eine schwere Sünde!"
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Oma Liu sagte: „Wie gut, dass Ihr mir das sagt! Wenn ich nach Hause komme, werde ich es ihnen ausrichten."
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Schatzjade fuhr fort: „Unsere alte gnädige Frau und die gnädige Frau sind große Wohltäterinnen, und auch alle anderen in der Familie, ob groß, ob klein, sind barmherzig und spendierfreudig. Sie lassen am liebsten Tempel errichten und Götterbilder formen. Morgen werde ich einen Spendenaufruf verfassen und an deiner Stelle Geld sammeln. Du wirst die Aufseherin über die Räucheropfer. Wenn genug Geld zusammen ist, wird der Tempel wiederaufgebaut und die Statue instand gesetzt. Jeden Monat bekommst du dann Geld für Räucherwerk und Kerzen — wäre das nicht wunderbar?"
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Oma Liu sagte: „Wenn das so wäre, fiele von dem Segen des Fräuleins für mich auch etwas ab — ein paar Münzen zum Leben."
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Schatzjade erkundigte sich noch genau nach dem Ortsnamen, dem Dorfnamen, der Entfernung und der Himmelsrichtung. Oma Liu log sich in Windeseile etwas zusammen, wie es ihr gerade in den Sinn kam.
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Schatzjade nahm alles für bare Münze. Als er in seine Gemächer zurückkehrte, machte er die ganze Nacht hindurch Pläne.
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Am nächsten Morgen stand er früh auf, ging hinaus und gab Mingyan<ref>Chin. 茗烟</ref> <ref>Mingyan ist Schatzjades persönlicher junger Diener</ref> ein paar hundert Kupfermünzen. Nach Oma Lius Beschreibung von Richtung und Ortsname sollte Mingyan dorthin reiten, alles in Augenschein nehmen und dann Bericht erstatten, damit Schatzjade das Weitere entscheiden konnte.
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Nachdem Mingyan fort war, wartete Schatzjade eine Stunde, dann noch eine, doch Mingyan kam nicht. Er wartete und wartete und war aufgeregt wie eine Ameise auf einer heißen Herdplatte. Unter Qualen harrte er aus, bis die Sonne unterging und Mingyan endlich freudestrahlend zurückkam.
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Schatzjade fragte sofort: „Hast du den Tempel gefunden?"
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Mingyan erwiderte lächelnd: „Junger Herr, Ihr müsst das nicht richtig verstanden haben — da konnte ich schön suchen! Weder der Ortsname noch die Richtung stimmten mit dem überein, was Ihr mir gesagt habt. Deshalb habe ich den ganzen Tag suchen müssen. Erst im Nordosten, an einem Feldrain, habe ich einen zerfallenen Tempel gefunden."
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Schatzjades Gesicht hellte sich zu einem frohen Lächeln auf. „Oma Liu ist eine alte Frau", sagte er rasch. „Dass sie sich nicht genau erinnern kann, kommt vor. Aber erzähl mir, was du gesehen hast!"
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Mingyan berichtete: „Das Tor war tatsächlich nach Süden gerichtet, und ziemlich verfallen war der Tempel auch. Ich war von der Sucherei schon ganz außer mir — als ich den Tempel fand, dachte ich: 'Endlich!' und rannte sofort hinein. Aber kaum hatte ich die Tonfigur erblickt, bin ich schreiend wieder hinausgerannt — so lebensecht sah sie aus!"
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Schatzjade sagte erfreut: „Natürlich sieht sie lebensecht aus! Sie kann sich ja in einen Menschen verwandeln — da muss in ihr etwas Lebendiges stecken."
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Mingyan schlug die Hände zusammen: „Aber es war doch gar kein Mädchen! Es war ein Seuchengott mit blauschwarzer Fratze und roten Haaren!"
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Schatzjade spuckte empört aus und schimpfte: „Du bist wirklich ein nutzloser Taugenichts! Nicht einmal eine solche Kleinigkeit kannst du erledigen!"
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Mingyan protestierte: „Wer weiß, was für ein Buch Ihr wieder gelesen habt, junger Herr, oder wer Euch was vorgelogen hat, dass Ihr es geglaubt habt! Ihr schickt mich mit so einem hirnlosen Auftrag los, an dem ich mir den Kopf einrenne — und dann sagt Ihr, ich tauge nichts?"
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Als Schatzjade sah, dass Mingyan wütend wurde, beschwichtigte er ihn rasch: „Reg dich nicht auf! Wenn du einmal nichts zu tun hast, suchst du noch einmal. Wenn uns die Alte angeführt hat, gibt es den Tempel eben nicht. Aber wenn es ihn doch gibt, sammelst auch du verborgene Verdienste — und ich werde dich fürstlich belohnen."
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Während sie noch sprachen, kam ein Bursche vom Innentor und meldete: „Dienstmädchen aus den Gemächern der alten gnädigen Frau stehen am Innentor und fragen nach dem zweiten jungen Herrn."
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Was es damit auf sich hatte, wird im nächsten Kapitel erzählt.

Latest revision as of 19:29, 28 April 2026

Kapitel 39

Die alte Bäuerin redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist Der verliebte junge Herr geht jeder Sache auf den Grund

Es wird erzählt, dass die Anwesenden Friedchen[1] zurückkommen sahen und fragten: „Was macht eure junge Herrin? Warum kommt sie nicht wieder?"

Friedchen erwiderte lächelnd: „Woher sollte sie wohl die Zeit dafür nehmen! Aber sie sagt, weil sie sich vorhin nicht richtig satt essen konnte und nun auch nicht mehr herkommen kann, soll ich fragen, ob noch Krabben übrig sind. Wenn ja, soll ich mir ein paar geben lassen und sie nach Hause mitnehmen."

Xiangfluss-Wolke[2] sagte: „Aber natürlich, es sind noch reichlich da!" und befahl sofort, man solle zehn von den allergrößten heraussuchen.

„Nehmt aber möglichst viele mit rundem Bauchpanzer!" setzte Friedchen hinzu. [3]

Alle wollten Friedchen zum Hinsetzen bewegen, doch sie weigerte sich. Seidenweiß Pflaume[4] fasste sie bei der Hand und sagte lächelnd: „Jetzt will ich aber gerade, dass du dich hinsetzt!" Sie zog Friedchen neben sich auf den Sitz, nahm einen Becher Wein und hielt ihn ihr an die Lippen. Friedchen trank hastig einen Schluck und wollte aufstehen.

Seidenweiß Pflaume sagte: „Ich lasse dich aber nicht gehen! Wie man sieht, gibt es für dich nur die Phönixglanz[5], auf mich hörst du nicht." Dann wies sie die alten Bediensteten an: „Bringt schon einmal die Speiseschachtel hinüber und sagt ihr, dass ich Friedchen hierbehalten habe!"

Die Alte kam bald mit der Schachtel zurück und berichtete: „Die junge gnädige Frau lässt bestellen, die gnädige Frau und die Fräulein sollten sich nicht nur über den Mund lustig machen, sondern ihn auch zum Essen benutzen. In der Schachtel sind Kuchen aus Wasserkastanienmehl und in Hühnerfett gebackene Teigröllchen — das hat die gnädige Frau Tante eben herüberschicken lassen, für die gnädige Frau und die Fräulein." Dann wandte sie sich an Friedchen: „Die junge gnädige Frau lässt dir ausrichten: Kaum schickt man dich irgendwohin, bleibst du zum Vergnügen dort und kommst nicht mehr zurück. Sie rät dir, wenigstens nicht so viel zu trinken!"

Friedchen erwiderte lächelnd: „Und was wird sie mit mir machen, wenn ich doch zu viel trinke?" Dabei trank und aß sie munter weiter und griff auch bei den Krabben kräftig zu.

Seidenweiß Pflaume legte ihren Arm um Friedchen und sagte: „Wie schade, dass so ein hübsches, stattliches Mädchen ein so gewöhnliches Los traf und nur als Kammerzofe dient! Wer es nicht weiß, würde dich für eine junge gnädige Frau halten!"

Friedchen aß und trank mit Schatzspange[6], Xiangfluss-Wolke und den anderen, wandte den Kopf und sagte lachend: „Gnädige Frau, bitte nicht! Ihr kitzelt mich ja fürchterlich."

Seidenweiß Pflaume rief: „Ach du meine Güte! Was ist das Hartes hier?"

„Schlüssel", sagte Friedchen.

Seidenweiß Pflaume fragte: „Was für Schlüssel? Hat sie solche Angst, jemand könnte ihr die wertvollsten Privatschätze stehlen, dass du sie am Leib tragen musst? Ich sage immer im Scherz: Als der Mönch Xuanzang [7] aufbrach, die heiligen Sutras zu holen, da hatte er ein weißes Pferd, das ihn trug; als Liu Zhiyuan [8] das Reich eroberte, da hatte er einen Melonengeist, der ihm Helm und Rüstung brachte — und Phönixglanz hat dich! Du bist für deine Herrin der Generalschlüssel zu allen Schlössern. Was braucht es da noch andere Schlüssel?"

Friedchen wehrte lächelnd ab: „Ihr habt Wein getrunken, gnädige Frau, und wollt Euch jetzt auf meine Kosten amüsieren!"

Schatzspange sagte lächelnd: „Aber das ist die reine Wahrheit! Wenn wir gelegentlich die Leute beurteilen, dann seid ihr alle von einer Sorte, wie sie unter Hunderten nicht ein einziges Mal vorkommt. Und das Schönste daran ist, dass jede von euch ihre ganz eigenen Vorzüge hat."

Seidenweiß Pflaume fuhr fort: „Die Ordnung des Himmels gilt für Große wie für Kleine. Nehmen wir zum Beispiel die Gemächer der alten gnädigen Frau — wie sollte es ohne Mandarinenente[9] gehen? Von der gnädigen Frau aufwärts wagt es niemand, der alten gnädigen Frau zu widersprechen — sie aber tut es! Und die alte gnädige Frau hört auch auf niemanden als auf sie. Was die alte gnädige Frau an Kleidern und Schmuck besitzt, kann kein anderer sich merken — nur sie weiß alles auswendig. Wenn sie sich nicht darum kümmerte, wer weiß, wie viel man davon schon hätte verschwinden lassen! Dabei hat das Mädchen auch einen gerechten Sinn. So mächtig ihre Stellung ist, legt sie trotz allem oft ein gutes Wort für andere ein und missbraucht ihre Position niemals, um jemanden zu unterdrücken."

Bedauerfrühling[10] ergänzte lächelnd: „Gestern erst hat die alte gnädige Frau gesagt, Mandarinenente sei besser als wir alle!"

Friedchen pflichtete bei: „Mandarinenente ist tatsächlich vortrefflich. Wie könnten wir uns mit ihr messen!"

Schatzjade[11] warf ein: „Farbenwolke[12] in den Gemächern der gnädigen Frau ist auch eine treue Seele."

Erkundefrühling[13] stimmte zu: „Und wie! Nach außen hin unauffällig, aber im Innern hat sie alles genau im Blick. Die gnädige Frau ist wie eine lebende Buddha-Statue — sie achtet nicht auf die Dinge des Alltags. Aber Farbenwolke weiß alles. In jeder noch so kleinen Angelegenheit ist sie es, die die gnädige Frau daran erinnert und anleitet. Selbst über die großen und kleinen Pflichten des gnädigen Herrn, ob er zu Hause ist oder auswärts, ist sie im Bilde. Und wenn die gnädige Frau etwas vergessen hat, erinnert Farbenwolke sie im Stillen daran."

Seidenweiß Pflaume sagte: „Genug davon." Dann wies sie auf Schatzjade und fuhr fort: „Was meint ihr, was aus den Gemächern dieses jungen Herrn würde, wenn er nicht Dufthauch[14] hätte! Phönixglanz mag der Hegemonkönig von Chu [15] sein — aber auch er brauchte zwei starke Arme, um den tausend Jin schweren Bronzekessel zu stemmen. Ohne dieses Mädchen könnte selbst sie nicht alles so umsichtig besorgen."

Friedchen sagte lächelnd: „Ursprünglich waren vier Mädchen mit in die Ehe gegeben worden — die einen sind gestorben, die anderen fortgegangen. Nur ich einsames Gespenst bin übrig geblieben."

Seidenweiß Pflaume erwiderte: „Du hast trotzdem Glück, und Phönixglanz hat auch Glück. Ich denke daran, dass auch mein verstorbener Herr Perle Kaufmann[16] — als er noch lebte — zwei solche Mädchen bei sich hatte. Ihr alle wisst doch, ob ich eine bin, die andere nicht duldet? Tag für Tag aber sah ich, wie unwohl sich die beiden fühlten. Deshalb habe ich sie, kaum dass mein Herr Perle gestorben war — sie waren noch jung —, allesamt fortgeschickt. Hätte auch nur eine von ihnen treu ausgehalten, so hätte ich jetzt eine zuverlässige Stütze an meiner Seite." Bei diesen Worten liefen ihr die Tränen herab.

Die anderen sagten: „Warum musst du dich wieder grämen? Brechen wir lieber auf — das ist besser." Daraufhin wuschen sich alle die Hände und verabredeten, gemeinsam bei der Herzoginmutter und Dame König vorbeizugehen, um ihnen den Abendgruß zu entbieten.

Die alten Bediensteten und die Dienstmädchen fegten den Pavillon aus und räumten das Geschirr zusammen. Dufthauch nahm Friedchen mit und ging mit ihr zum Hof der Roten Freude[17]. Sie bat Friedchen, hereinzukommen, sich einen Augenblick zu setzen und noch eine Tasse Tee zu trinken.

Friedchen sagte: „Keinen Tee mehr, ich komme ein andermal wieder." Damit wollte sie gehen.

Doch Dufthauch hielt sie zurück und fragte: „Was ist eigentlich mit dem Monatsgeld für diesen Monat? Nicht einmal die alte gnädige Frau und die gnädige Frau haben ihres bekommen — was ist der Grund?"

Als Friedchen diese Frage hörte, kehrte sie rasch um, trat dicht an Dufthauch heran, und erst nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ringsum niemand war, flüsterte sie: „Frag lieber nicht danach! In ein paar Tagen wird es ausgezahlt."

Dufthauch fragte lächelnd: „Warum denn? Und weshalb bist du so erschrocken?"

Friedchen flüsterte: „Das Monatsgeld für diesen Monat hat unsere junge Herrin längst abgehoben und an Leute verliehen, damit es Zinsen bringt. Erst wenn sie anderswo die Zinsen einkassiert und genug zusammenhat, kann sie es auszahlen. Weil du es bist, sage ich dir das — aber du darfst es keiner Menschenseele weitererzählen!"

Dufthauch sagte: „Hat sie denn nicht genug Geld für ihre Bedürfnisse? Kann sie nie genug bekommen? Warum muss sie sich solche Sorgen aufladen?"

Friedchen erwiderte lächelnd: „Natürlich hat sie genug! Aber in den letzten Jahren hat sie allein mit dem Monatsgeld einen Gewinn von mehreren hundert Liang erzielt. Ihr eigenes Monatsgehalt gibt sie ja gar nicht aus, sondern spart hier acht, dort zehn Liang zusammen und verleiht es. Allein ihre persönlichen Zinsen belaufen sich in weniger als einem Jahr auf über tausend Liang Silber!"

Dufthauch bemerkte lächelnd: „Da tun sich also Herrin und Dienerin zusammen, um mit unserem Geld Zinsen einzustreichen, und wir stehen dumm da und warten!"

Friedchen sagte: „Nun red nicht so boshaft! Hast du etwa nicht genug?"

Dufthauch erwiderte: „Mir reicht es schon — aber ich habe ja auch keine Gelegenheit, es auszugeben. Ich lege alles nur für einen gewissen Jemand zurück." [18]

Friedchen bot an: „Falls du einmal dringend Geld brauchst — drüben habe ich noch ein paar Liang Silber. Du kannst sie dir nehmen, und ich ziehe es dir dann vom Monatsgeld ab."

Dufthauch antwortete: „Im Augenblick brauche ich nichts. Aber sollte ich einmal mehr benötigen, als ich habe, schicke ich jemanden, es bei dir abzuholen."

Friedchen nickte und machte sich auf den Weg. Sie verließ den Garten, kam nach Hause — und sah, dass Phönixglanz gar nicht da war. Stattdessen erblickte sie zu ihrer Überraschung Oma Liu[19], jene Alte, die einmal gekommen war, um Almosen zu erbetteln — sie saß mit ihrem Enkel Banchen[20] wieder da, im Nebenzimmer. Die Frau des Zhang Cai und die Frau des Zhou Rui[21] leisteten ihr Gesellschaft, und zwei, drei Dienstmädchen schütteten gerade aus einem Sack Jujuben, Moschuskürbisse und allerlei Wildgemüse auf den Boden.

Als die Anwesenden Friedchen eintreten sahen, standen sie alle eilig auf. Oma Liu, die von ihrem letzten Besuch her wusste, welchen Rang Friedchen einnahm, sprang sofort vom Sitz und grüßte: „Wie geht es Euch, Fräulein?" Dann fuhr sie fort: „Zu Hause lassen alle grüßen! Wir wollten längst einmal vorbeikommen, um der jungen gnädigen Frau unsere Aufwartung zu machen und Euch, Fräulein, zu besuchen, aber die Feldarbeit ließ es nicht zu. Dieses Jahr — dem Himmel sei Dank — haben wir zwei Dan [22] Getreide mehr geerntet als sonst, und auch Kürbisse, Obst und Gemüse gab es reichlich. Dies hier ist die allererste Ernte — wir haben es nicht über das Herz gebracht, die Sachen zu verkaufen, sondern haben das Beste aufgehoben, um es der jungen gnädigen Frau und Euch zu verehren. Die Fräulein essen ja Tag für Tag die kostbarsten Speisen aus Berg und Meer und haben alles längst satt — da kann unser Wildgemüse vielleicht einmal für Abwechslung sorgen. Es ist ärmlich, aber es kommt von Herzen."

Friedchen sagte eilig: „Vielen Dank für die Mühe!" und bat Oma Liu, sich wieder hinzusetzen, wobei sie sich selbst ebenfalls setzte. Dann forderte sie auch „Tante Zhang" und „Tante Zhou" zum Sitzen auf und schickte ein Dienstmädchen, Tee zu holen.

Die Frauen von Zhou Rui und Zhang Cai bemerkten lächelnd: „Ihr seht heute so rosig aus, Fräulein! Sogar die Augenränder sind gerötet."

Friedchen erwiderte lächelnd: „Und ob! Eigentlich trinke ich ja nicht, aber die gnädige Frau und die Fräulein haben mich festgehalten und mir einen Becher nach dem anderen aufgenötigt. Da blieb mir nichts übrig, ich musste ein paar Becher trinken, und nun glüht mir das Gesicht."

Zhang Cais Frau sagte lächelnd: „Ich hätte ja auch gern etwas abbekommen, nur hat mich leider niemand eingeladen! Wenn Ihr das nächste Mal irgendwohin gebeten werdet, Fräulein, nehmt mich doch mit!"

Alle lachten. Zhou Ruis Frau sagte: „Heute Morgen habe ich die Krabben gesehen — auf ein Jin [23] kamen höchstens zwei oder drei Stück. In den drei großen Körben müssen bestimmt siebzig, achtzig Jin gewesen sein." Dann fügte sie hinzu: „Wenn alle, hoch und niedrig, davon haben sollten, hat es wahrscheinlich nicht einmal gereicht."

Friedchen sagte: „Natürlich hat es nicht gereicht! Nur wer Rang und Namen hatte, bekam ein, zwei Stück. Vom gemeinen Volk haben manche etwas abbekommen, manche auch nicht."

Oma Liu rechnete: „Solche Krabben kosten dieses Jahr fünf Fen [24] das Jin. Zehn Jin machen fünf Qian, fünfmal fünf ist zwei Liang fünf, dreimal fünf fünfzehn — und wenn man noch Wein und Beilagen dazurechnet, kommt man insgesamt auf über zwanzig Liang Silber. Amitabha Buddha! Was dieses eine Essen gekostet hat, davon könnte unsereins auf dem Lande ein ganzes Jahr leben!"

Friedchen fragte: „Du hast die junge gnädige Frau wohl schon gesehen?"

Oma Liu antwortete: „Ja, sie hat gesagt, wir sollen warten." Dann schaute sie zum Fenster hinaus und prüfte den Stand der Sonne. „Es wird schon recht spät. Wir sollten besser aufbrechen — wenn wir es nicht mehr durch das Stadttor schaffen, sitzen wir in der Klemme!"

Zhou Ruis Frau sagte: „Da hast du recht. Ich gehe einmal nachsehen." Damit verschwand sie, und als sie nach einer ganzen Weile zurückkam, strahlte sie über das ganze Gesicht: „Dein Glück ist gemacht, Großmutter! Du hast das Herz gleich zweier wichtiger Personen gewonnen!"

Friedchen und die anderen fragten: „Was ist denn geschehen?"

Zhou Ruis Frau berichtete: „Die junge gnädige Frau war gerade bei der alten gnädigen Frau. Ich bin leise zu ihr gegangen und habe gesagt: 'Junge gnädige Frau, Oma Liu will nach Hause, sie fürchtet, es könnte zu spät werden, um noch vor Toresschluss die Stadt zu verlassen.' Da hat die junge gnädige Frau gesagt: 'Von so weit her hat sie die schweren Sachen geschleppt, die Ärmste! Wenn es zu spät wird, soll sie über Nacht bleiben und morgen nach Hause gehen.' — Ist das nicht ein Glücksfall, bei der jungen gnädigen Frau so gut anzukommen?

Aber damit nicht genug! Die alte gnädige Frau hat unser Gespräch mit angehört und gefragt: 'Was ist das für eine Oma Liu?' Die junge gnädige Frau hat es ihr erklärt, und die alte gnädige Frau hat gesagt: 'Ich sehne mich gerade nach einer erfahrenen, alten Person, mit der ich plaudern kann. Bittet sie herein, ich möchte sie sehen!' — Ist das nicht ein Glück, das vom Himmel gefallen ist?"

Damit drängte sie Oma Liu, herunterzukommen und mit ihr hinüberzugehen.

Oma Liu sträubte sich: „Wie kann ich denn mit diesem Aussehen vor sie treten! Liebe Schwägerin, sag ihr einfach, ich sei schon gegangen!"

Friedchen redete ihr eilig zu: „Geh nur schnell! Was schadet dein Aussehen? Unsere alte gnädige Frau hat das größte Herz für die Alten und Armen — sie ist nicht wie diese hochnäsigen, betrügerischen Leute. Du hast wohl Angst bekommen? Ich gehe mit Tante Zhou zusammen und bringe dich hin."

So führten Friedchen und Zhou Ruis Frau Oma Liu zu den Gemächern der Herzoginmutter[25].

Am Innentor standen die diensthabenden Burschen auf, sobald sie Friedchen kommen sahen, und zwei von ihnen liefen ihr nach und riefen: „Fräulein! Fräulein!"

Friedchen fragte: „Was gibt es schon wieder?"

Der Bursche sagte lächelnd: „Es ist auch schon spät, und meine Mutter ist krank — sie wartet, dass ich den Arzt hole. Bestes Fräulein, könnte ich einen halben Tag freibekommen?"

Friedchen erwiderte: „Ihr seid mir schön! Ihr habt euch untereinander abgesprochen — jeden Tag bittet ein anderer um Urlaub, und anstatt es bei der jungen gnädigen Frau zu melden, hängt ihr euch an mich! Neulich, als Zhuer fort war, hat der zweite junge Herr ausgerechnet nach ihm verlangt, und als er nicht zu finden war und ich dafür geradestand, hieß es, ich hätte ihm einen Gefallen getan. Und heute kommst du mir damit!"

Zhou Ruis Frau legte ein Wort ein: „Seine Mutter ist wirklich krank. Lasst ihn doch gehen, Fräulein."

Friedchen sagte zum Burschen: „Morgen in aller Frühe bist du zurück, hörst du? Ich habe einen Auftrag für dich! Und wehe, du kommst erst, wenn dir die Sonne auf den Hintern scheint! — Und jetzt richtest du Lai Wang[26] eine Botschaft aus. Du sagst ihm: Die junge gnädige Frau fragt, wo die restlichen Zinsen bleiben. Wenn er sie bis morgen nicht abliefert, will die gnädige Frau das Geld nicht mehr haben — dann kann er es gleich behalten und selbst ausgeben."

Der Bursche ging überglücklich davon.

Friedchen und die anderen kamen zu den Gemächern der Herzoginmutter. Dort waren gerade alle Mädchen aus dem Garten der Großen Anschauung[27] versammelt, um der Herzoginmutter aufzuwarten. Als Oma Liu eintrat, sah sie ringsum nichts als Perlen und Jade, tanzende Blüten und leuchtende Zweige — und wusste nicht, wer all diese Personen waren. Dann erblickte sie eine alte Frau, die schräg auf einem Ruhebett lag; hinter ihr saß ein in Seide gehülltes Mädchen, schön wie ein Gemälde, und klopfte ihr die Beine. Phönixglanz stand daneben und unterhielt sich scherzend mit der alten Frau.

Oma Liu erkannte sofort, dass dies die Herzoginmutter sein musste. Sie trat rasch vor, lächelte ihr entgegen, machte mehrere Verbeugungen und sagte: „Möge es Euch wohl ergehen, alter Gott des langen Lebens!"

Die Herzoginmutter erwiderte den Gruß mit einer leichten Neigung des Oberkörpers und befahl Zhou Ruis Frau, einen Stuhl herbeizurücken, damit Oma Liu sich setzen konnte. Der kleine Banchen war immer noch schüchtern und brachte keinen Gruß heraus.

Die Herzoginmutter fragte: „Wie alt bist du dieses Jahr, liebe Verwandte?"

Oma Liu stand eilig auf und antwortete: „Fünfundsiebzig bin ich."

Die Herzoginmutter wandte sich an die Umstehenden: „Schon so alt und trotzdem so gesund und rüstig! Sie ist etliche Jahre älter als ich! Wenn ich erst in ihrem Alter bin, wer weiß, ob ich mich dann noch rühren kann."

Oma Liu sagte lächelnd: „Unsereins ist zum Arbeiten geboren und lebt in Bitternis. Ihr aber, alte gnädige Frau, seid von Geburt an zum Genießen bestimmt. Wenn auch wir so lebten, wäre niemand mehr da, der die Felder bestellt."

Die Herzoginmutter erkundigte sich: „Sind deine Augen und Zähne noch gut?"

Oma Liu antwortete: „Noch alles in Ordnung — nur auf der linken Seite ist mir ein Backenzahn locker geworden."

Die Herzoginmutter seufzte: „Ich dagegen bin alt und zu nichts mehr nütze. Die Augen verschwimmen, die Ohren werden taub, und das Gedächtnis lässt nach. An alte Verwandte wie dich kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Wenn sie zu Besuch kommen, empfange ich sie erst gar nicht, weil ich fürchte, sie lachen mich aus. Ich esse ein paar Happen von den Sachen, die ich noch kauen kann, schlafe ein wenig, und wenn mir langweilig ist, scherze ich ein bisschen mit meinen Enkeln und Enkelinnen — das ist alles."

Oma Liu sagte lächelnd: „Gerade darin liegt doch Euer Glück, alte gnädige Frau! Wir auf dem Lande wünschten uns so ein Leben, aber wir können es nicht haben."

Die Herzoginmutter wehrte ab: „Was für ein Glück! Ich bin nichts als ein altes, unnützes Stück!"

Alle lachten. Die Herzoginmutter fuhr lächelnd fort: „Eben hat mir Phönixglanz erzählt, dass du eine ganze Menge Kürbis und Gemüse mitgebracht hast. Ich habe ihr gleich gesagt, sie soll es rasch zubereiten lassen! Ich habe nämlich gerade Appetit auf Gemüse, das frisch vom Feld kommt. Was man draußen kaufen kann, schmeckt längst nicht so gut wie das, was bei euch direkt aus dem Boden kommt."

Oma Liu sagte lächelnd: „Es ist Bauernkost — nichts als eine kleine Abwechslung! Wir auf dem Land hätten ja auch gern Fisch und Fleisch, aber wir können es uns nicht leisten."

Die Herzoginmutter sagte: „Nachdem wir uns nun einmal kennengelernt haben, darfst du nicht so sang- und klanglos wieder davonlaufen! Wenn es dir hier nicht missfällt, dann bleib ein, zwei Tage, ehe du heimgehst. Wir haben auch einen Garten, und im Garten wächst allerlei Obst. Morgen kannst du davon kosten und etwas mit nach Hause nehmen — dann hast du auch wirklich einen Besuch bei Verwandten gemacht!"

Phönixglanz sah, wie die Herzoginmutter Gefallen an der Alten fand, und hielt sie ebenfalls eilig zurück: „Bei uns ist zwar nicht so viel Platz wie bei euch auf der Tenne, aber ein paar leere Zimmer haben wir noch. Bleib doch ein, zwei Tage und erzähl unserer alten gnädigen Frau ein paar schöne Neuigkeiten und Geschichten von eurem Dorf!"

Die Herzoginmutter mahnte lächelnd: „Phönixglanz, mach dich nicht über sie lustig! Sie kommt vom Land und ist ehrlich — wie soll sie es aushalten, wenn du sie aufziehst?"

Dann befahl sie, man solle dem kleinen Banchen zuerst Obst bringen. Banchen aber wagte vor all den fremden Leuten nicht zu essen. Die Herzoginmutter ließ ihm ein paar Kupfermünzen schenken und wies die jungen Burschen an, ihn hinauszuführen und mit ihm zu spielen.

Nachdem Oma Liu Tee getrunken hatte, erzählte sie der Herzoginmutter, was sie auf dem Lande gesehen und erlebt hatte. Die Herzoginmutter fand wachsendes Vergnügen daran. Mitten im Erzählen schickte Phönixglanz jemanden, um Oma Liu zum Abendessen abzuholen. Die Herzoginmutter suchte aus ihren eigenen Speisen einige Gerichte aus und ließ sie Oma Liu hinüberbringen.

Phönixglanz wusste, dass Oma Liu der Herzoginmutter gefiel, und schickte die Alte nach dem Essen gleich wieder zu ihr zurück. Mandarinenente ließ eine alte Bedienstete Oma Liu zum Baden begleiten und suchte selbst zwei schlichte Alltagskleider heraus, die sie Oma Liu zum Anziehen geben ließ.

Oma Liu, die so etwas noch nie erlebt hatte, zog eilig die Kleider an, kam heraus und setzte sich vor das Ruhebett der Herzoginmutter. Dann kramte sie in ihrem Gedächtnis nach weiteren Geschichten.

Auch Schatzjade und seine Schwestern und Kusinen saßen alle dabei — wann hätten sie jemals solche Geschichten gehört! Sie fanden sie spannender als die Romane, die blinde Geschichtenerzähler vortrugen.

Oma Liu war zwar eine einfache Frau vom Lande, besaß aber einen natürlichen Mutterwitz, dazu war sie alt und hatte mancherlei erlebt. Als sie sah, dass erstens die Herzoginmutter großen Spaß hatte und dass zweitens auch die jungen Leute ihr gebannt zuhörten, dachte sie sich — als ihr der Stoff ausging — einfach Geschichten aus und tischte sie den Zuhörern auf.

So erzählte sie: „Bei uns im Dorf, wenn wir den Acker pflügen und Gemüse pflanzen, haben wir jahraus, jahrein, tagaus, tagein, in Frühling, Sommer, Herbst und Winter, bei Regen und bei Wind keine freie Minute. Wir sitzen uns auf den Feldrainen den Hintern platt — da sieht man die seltsamsten und wunderlichsten Dinge!

Zum Beispiel letzten Winter: Es hatte tagelang geschneit, der Schnee lag drei, vier Fuß hoch. Eines Morgens war ich früh aufgestanden, aber noch nicht vor die Tür getreten, da höre ich, wie es draußen am Reisigstapel raschelt. Ich denke mir: 'Da will jemand unser Reisig stehlen!' Also krieche ich auf dem Kang [28] zum Fenster und lugge durch ein Loch im Papier — und was sehe ich? Es ist niemand aus unserem Dorf ..."

Die Herzoginmutter mutmaßte: „Bestimmt war es ein Reisender, der vorüberkam und fror. Als er das fertige Reisig sah, wollte er sich ein paar Scheite herausziehen, um sich aufzuwärmen. Das kann vorkommen."

Oma Liu sagte lächelnd: „Nein, ein Reisender war es auch nicht — und gerade das ist ja das Merkwürdige! Ratet einmal, alter Gott des langen Lebens, wer es war? Es war ein bildschönes junges Fräulein, siebzehn, achtzehn Jahre alt, mit ölglänzend gekämmtem Haar, einem dunkelroten Übergewand und einem Rock aus weißer Seide ..."

Sie war gerade an dieser Stelle angelangt, als plötzlich von draußen Geschrei hereindrang. Jemand rief: „Es ist nicht schlimm! Erschreckt die alte gnädige Frau nicht!"

Die Herzoginmutter und die anderen fragten sofort, was los sei, und die Dienstmädchen meldeten: „Im Pferdestall im Südhof hat es gebrannt. Es ist aber nicht schlimm, das Feuer ist schon gelöscht."

Die Herzoginmutter, die von Natur ängstlich war, stand sofort auf, ließ sich hinausstützen und schaute vom Wandelgang aus in die Ferne. Im Südosten leuchtete noch der Feuerschein am Himmel. Erschrocken murmelte die Herzoginmutter Buddhas Namen und befahl sofort, vor dem Bild des Feuergottes Räucherwerk abzubrennen. Dame König und die anderen kamen eilig herüber, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, und berichteten: „Das Feuer ist gelöscht, alte gnädige Frau. Bitte geht wieder hinein."

Die Herzoginmutter wartete, bis der Feuerschein am Himmel vollständig verloschen war, ehe sie mit allen zusammen ins Innere zurückkehrte.

Schatzjade aber fragte sofort Oma Liu: „Was wollte das Mädchen bei dem tiefen Schnee am Reisigstapel? Hätte sie sich nicht erkälten können?"

Die Herzoginmutter schalt: „Eben hat das Reden über Reisig ein Feuer ausgelöst, und du fragst immer noch danach! Sprich nicht mehr davon — erzähl etwas anderes!"

Schatzjade war zwar unzufrieden, fügte sich aber.

Oma Liu dachte sich rasch eine neue Geschichte aus und erzählte: „Am Ostrand von unserem Dorf lebt eine alte Großmutter, die ist heute über neunzig Jahre alt. Jeden Tag isst sie nur Fastenspeisen und betet zu Buddha. Und stellt euch vor — sie hat die Barmherzige Guanyin [29] gerührt! Die erschien ihr nachts im Traum und sprach: 'Du bist so aufrichtig fromm! Eigentlich war dir bestimmt, ohne Nachkommen zu bleiben, aber ich habe beim Jadekaiser [30] ein gutes Wort für dich eingelegt, und er schenkt dir einen Enkel!'

Die alte Großmutter hatte nämlich nur einen einzigen Sohn, und dieser Sohn hatte auch nur einen einzigen Sohn. Aber kaum hatten sie den mit Müh und Not bis zum siebzehnten, achtzehnten Lebensjahr großgezogen, da starb er. Wie sie da geweint haben! Danach aber bekam der Sohn tatsächlich noch einen Jungen, der ist jetzt erst dreizehn, vierzehn Jahre alt — schneeweiß wie ein Schneeball, blitzgescheit und aufgeweckt über alle Maßen. Daran sieht man, dass es die Götter und Buddhas wirklich gibt!"

Diese Geschichte traf auf wundersame Weise den wunden Punkt der Herzoginmutter und Dame Königs — denn auch sie hatten beständig Sorge um Schatzjades Gesundheit und Zukunft. Selbst Dame König hatte aufgehört, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, und lauschte gespannt.

Schatzjade aber dachte nur an die Geschichte von dem Mädchen im Schnee und brütete stumm vor sich hin.

Erkundefrühling wandte sich an ihn: „Gestern hat uns Xiangfluss-Wolke-Schwester bewirtet. Wir sollten uns beraten und die Dichtgesellschaft einberufen, um eine Gegeneinladung auszusprechen und die alte gnädige Frau zur Chrysanthemenschau bitten. Was meinst du?"

Schatzjade erwiderte lächelnd: „Die alte gnädige Frau hat doch gesagt, sie wolle selbst ein Fest geben, um Xiangfluss-Wolke-Schwestern Einladung zu erwidern, und wir sollten als Gäste dabeisein. Warten wir erst das Fest der alten gnädigen Frau ab, dann können wir unseres geben — das hat doch keine Eile!"

Erkundefrühling wandte ein: „Je länger wir warten, desto kälter wird es. Dann hat die alte gnädige Frau vielleicht gar keine Lust mehr."

Schatzjade sagte: „Die alte gnädige Frau liebt doch Regen und Schnee! Am besten warten wir auf den ersten Schneefall und laden sie dann ein, den Schnee zu bewundern — wäre das nicht wunderbar? Und Gedichte im Schnee zu schreiben macht erst recht Vergnügen!"

Kajaljade[31] warf lächelnd ein: „Im Schnee Gedichte schreiben? Ich finde, es wäre noch amüsanter, ein Bündel Reisig zu binden und es im Schnee stibitzen zu lassen!"

Schatzspange und die anderen brachen in Gelächter aus. Schatzjade warf Kajaljade nur einen Blick zu und schwieg.

Bald darauf löste sich die Gesellschaft auf. Heimlich hielt Schatzjade Oma Liu am Ärmel fest und fragte sie eindringlich, wer das Mädchen gewesen sei.

Oma Liu blieb nichts anderes übrig, als ihre Geschichte weiterzuspinnen. Sie erzählte: „Also, am Nordrand von unserem Dorf, am Feldrain, steht ein kleines Tempelchen. Darin ist kein Gott und kein Buddha aufgestellt, sondern es war einmal ein Herr ..." Sie stockte und versuchte, sich einen Namen auszudenken.

Schatzjade drängte: „Wie er hieß, ist doch gleichgültig! Zerbrich dir nicht den Kopf darüber — erzähl mir nur, was geschehen ist!"

Oma Liu fuhr fort: „Dieser Herr hatte keinen Sohn, nur eine einzige Tochter namens Mingyu[32]. Dieses Fräulein Mingyu konnte lesen und schreiben, und Vater und Mutter liebten sie wie ein Juwel. Doch leider wurde Fräulein Mingyu mit siebzehn Jahren krank — und starb."

Schatzjade stampfte mit dem Fuß auf und seufzte tief, dann fragte er: „Und was geschah dann?"

Oma Liu erzählte: „Weil der Herr und seine Frau sich nicht von ihrer Tochter trennen konnten, ließen sie diesen kleinen Tempel errichten und eine Statue des Fräuleins Mingyu formen, und sie beauftragten jemanden, davor Räucherwerk und Kerzen zu brennen. Aber das ist viele, viele Jahre her — die Leute sind gestorben, der Tempel ist verfallen, und nun geht die Statue als Spuk um."

Schatzjade rief sofort: „Nein, kein Spuk! Solche Menschen — das ist die Regel — sind zwar gestorben und doch nicht tot!"

Oma Liu rief: „Amitabha Buddha! So ist das also! Gut, dass Ihr mir das erklärt. Wir hatten alle geglaubt, die Statue sei zum Geist geworden! Sie nimmt immer Menschengestalt an und streift durch die Dörfer und über die Wege. Das Mädchen, das bei mir am Reisigstapel war — das war sie! Die Leute in unserem Dorf haben schon beraten, die Statue zu zerschlagen und den Tempel abzureißen."

Schatzjade rief alarmiert: „Tut das auf keinen Fall! Einen Tempel abzureißen wäre eine schwere Sünde!"

Oma Liu sagte: „Wie gut, dass Ihr mir das sagt! Wenn ich nach Hause komme, werde ich es ihnen ausrichten."

Schatzjade fuhr fort: „Unsere alte gnädige Frau und die gnädige Frau sind große Wohltäterinnen, und auch alle anderen in der Familie, ob groß, ob klein, sind barmherzig und spendierfreudig. Sie lassen am liebsten Tempel errichten und Götterbilder formen. Morgen werde ich einen Spendenaufruf verfassen und an deiner Stelle Geld sammeln. Du wirst die Aufseherin über die Räucheropfer. Wenn genug Geld zusammen ist, wird der Tempel wiederaufgebaut und die Statue instand gesetzt. Jeden Monat bekommst du dann Geld für Räucherwerk und Kerzen — wäre das nicht wunderbar?"

Oma Liu sagte: „Wenn das so wäre, fiele von dem Segen des Fräuleins für mich auch etwas ab — ein paar Münzen zum Leben."

Schatzjade erkundigte sich noch genau nach dem Ortsnamen, dem Dorfnamen, der Entfernung und der Himmelsrichtung. Oma Liu log sich in Windeseile etwas zusammen, wie es ihr gerade in den Sinn kam.

Schatzjade nahm alles für bare Münze. Als er in seine Gemächer zurückkehrte, machte er die ganze Nacht hindurch Pläne.

Am nächsten Morgen stand er früh auf, ging hinaus und gab Mingyan[33] [34] ein paar hundert Kupfermünzen. Nach Oma Lius Beschreibung von Richtung und Ortsname sollte Mingyan dorthin reiten, alles in Augenschein nehmen und dann Bericht erstatten, damit Schatzjade das Weitere entscheiden konnte.

Nachdem Mingyan fort war, wartete Schatzjade eine Stunde, dann noch eine, doch Mingyan kam nicht. Er wartete und wartete und war aufgeregt wie eine Ameise auf einer heißen Herdplatte. Unter Qualen harrte er aus, bis die Sonne unterging und Mingyan endlich freudestrahlend zurückkam.

Schatzjade fragte sofort: „Hast du den Tempel gefunden?"

Mingyan erwiderte lächelnd: „Junger Herr, Ihr müsst das nicht richtig verstanden haben — da konnte ich schön suchen! Weder der Ortsname noch die Richtung stimmten mit dem überein, was Ihr mir gesagt habt. Deshalb habe ich den ganzen Tag suchen müssen. Erst im Nordosten, an einem Feldrain, habe ich einen zerfallenen Tempel gefunden."

Schatzjades Gesicht hellte sich zu einem frohen Lächeln auf. „Oma Liu ist eine alte Frau", sagte er rasch. „Dass sie sich nicht genau erinnern kann, kommt vor. Aber erzähl mir, was du gesehen hast!"

Mingyan berichtete: „Das Tor war tatsächlich nach Süden gerichtet, und ziemlich verfallen war der Tempel auch. Ich war von der Sucherei schon ganz außer mir — als ich den Tempel fand, dachte ich: 'Endlich!' und rannte sofort hinein. Aber kaum hatte ich die Tonfigur erblickt, bin ich schreiend wieder hinausgerannt — so lebensecht sah sie aus!"

Schatzjade sagte erfreut: „Natürlich sieht sie lebensecht aus! Sie kann sich ja in einen Menschen verwandeln — da muss in ihr etwas Lebendiges stecken."

Mingyan schlug die Hände zusammen: „Aber es war doch gar kein Mädchen! Es war ein Seuchengott mit blauschwarzer Fratze und roten Haaren!"

Schatzjade spuckte empört aus und schimpfte: „Du bist wirklich ein nutzloser Taugenichts! Nicht einmal eine solche Kleinigkeit kannst du erledigen!"

Mingyan protestierte: „Wer weiß, was für ein Buch Ihr wieder gelesen habt, junger Herr, oder wer Euch was vorgelogen hat, dass Ihr es geglaubt habt! Ihr schickt mich mit so einem hirnlosen Auftrag los, an dem ich mir den Kopf einrenne — und dann sagt Ihr, ich tauge nichts?"

Als Schatzjade sah, dass Mingyan wütend wurde, beschwichtigte er ihn rasch: „Reg dich nicht auf! Wenn du einmal nichts zu tun hast, suchst du noch einmal. Wenn uns die Alte angeführt hat, gibt es den Tempel eben nicht. Aber wenn es ihn doch gibt, sammelst auch du verborgene Verdienste — und ich werde dich fürstlich belohnen."

Während sie noch sprachen, kam ein Bursche vom Innentor und meldete: „Dienstmädchen aus den Gemächern der alten gnädigen Frau stehen am Innentor und fragen nach dem zweiten jungen Herrn."

Was es damit auf sich hatte, wird im nächsten Kapitel erzählt.

  1. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen" — Phönixglanz' loyale Kammerzofe und engste Vertraute.
  2. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Geschichtsschreiber Wolke-am-Xiang-Fluss" — Schatzjades lebenslustige Kusine, eine begabte Dichterin.
  3. Krabben mit rundem Bauchpanzer sind Weibchen, deren Rogen als Delikatesse gilt.
  4. 李纨 Lǐ Wán — die tugendhafte junge Witwe des verstorbenen Perle Kaufmann, Schatzjades älteste Schwägerin.
  5. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Heiterer König-Phönix" — die energische und verschlagene Haushälterin des Kaufmann-Anwesens.
  6. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Schnee-Haarspange" — Schatzjades Kusine aus der Familie Xue, klug, besonnen und tugendreich.
  7. Der buddhistische Mönch Xuanzang (602–664), der nach Indien reiste, um heilige Schriften zu holen — bekannt aus dem Roman 'Die Reise nach dem Westen'
  8. Liu Zhiyuan (895–948), Gründer der späteren Han-Dynastie, dem der Legende nach ein 'Melonengeist' Helm und Rüstung schenkte
  9. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente" — die treue Leibdienerin der Herzoginmutter.
  10. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bedauerfrühling" — Schatzjades jüngste Schwester (eigentlich Nichte).
  11. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann-Jade" — der männliche Protagonist des Romans, ein verträumter junger Mann aus der Kaufmann-Familie.
  12. 彩霞 Cǎixiá, wörtl. „Farbenwolke" — ein Dienstmädchen der Dame König.
  13. 探春 Tànchūn, wörtl. „Erkundefrühling" — Schatzjades dritte Halbschwester (Tochter der Nebenfrau Zhao), klug und tatkräftig.
  14. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — Schatzjades treueste Kammerzofe, besonnen und pflichtbewusst.
  15. Xiang Yu (项羽, 232–202 v. Chr.), der legendäre Feldherr, von dem es heißt, er habe einen Dreifußkessel von tausend Jin heben können
  16. Chin. 贾珠
  17. Chin. 怡红院
  18. Dufthauch meint Schatzjade, für den sie das Geld zurücklegt.
  19. 刘姥姥 Liú Lǎolao — eine einfache Bäuerin, die die Kaufmann-Familie besucht und für komische Szenen sorgt.
  20. Chin. 板儿
  21. Chin. 周瑞家的
  22. Ein Dan (石) entspricht etwa 60–75 kg Getreide
  23. Ein Jin (斤) entspricht etwa 500 g
  24. Ein Fen Silber ist ein Hundertstel Liang
  25. 贾母 Jiǎ Mǔ, wörtl. „Matriarchin der Kaufmann-Familie" — die Großmutter des Hauses Kaufmann (Jiǎ), eine der mächtigsten Figuren des Romans.
  26. Chin. 旺儿
  27. Chin. 大观园
  28. Der Kang (炕) ist die beheizte Schlafplattform in nordchinesischen Bauernhäusern
  29. Guanyin (观音菩萨), die Göttin der Barmherzigkeit, eine der beliebtesten Gottheiten im chinesischen Volksglauben
  30. Der Jadekaiser (玉皇) ist der höchste Gott des daoistischen Himmels
  31. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal Wald-Jade" — die weibliche Protagonistin, Schatzjades Kusine mütterlicherseits, berühmt für ihre Dichtkunst und Empfindsamkeit.
  32. Chin. 茗玉
  33. Chin. 茗烟
  34. Mingyan ist Schatzjades persönlicher junger Diener