Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 44"

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Kapitel 44
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In dem ein unvorhergesehenes Ereignis Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Glänzender Phönix aus dem Hause Wang". Haushälterin der Familie Kaufmann.</ref> zur Eifersuchtsszene treibt
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_44|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_44|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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und zu ihrer freudigen Überraschung Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' treue Kammerzofe.</ref> sich schmücken darf
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= Kapitel 44 =
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== 变生不测凤姐泼醋 ==
 
=== 喜出望外平儿理妆 ===
 
  
Alle sahen sich also die Aufführung der „Dornenhaarnadel“ an, und Bau-yü saß mit den Mädchen zusammen. Als die Szene „Opfer des Mannes“ gespielt wurde, sagte Dai-zu Bau-tschai: „Dieser Wang Schï-pëng ist aber auch zu töricht! Es ist doch ganz egal, wo er opfert. Warum muß er unbedingt an den Fluß laufen? „Der Anblick weckt Erinnerung“, sagt man. Und da alles Wasser der Welt auf eine einzige Quelle zurückgeht, hätte er sonstwo eine Schale Wasser schöpfen können, um bei ihrem Anblick Tränen zu vergießen und so seinem Kummer Luft zu machen.“
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Alle sahen sich also die Aufführung der „Dornenhaarnadel" an, und Schatzjade [贾宝玉]<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann Jade". Hauptfigur des Romans.</ref> saß mit den Mädchen zusammen. Als die Szene „Opfer des Mannes" [男祭] gespielt wurde, sagte Kajaljade [林黛玉]<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Wald-Kajaljade". Schatzjades Cousine und Seelenverwandte.</ref> zu Schatzspange [薛宝钗]<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Xue Kostbare Haarspange". Schatzjades spätere Ehefrau.</ref>: „Dieser König Shipeng ist aber auch reichlich unverständig! Es ist doch ganz gleich, wo man opfert – warum muss er unbedingt an den Fluss laufen? 'Der Anblick weckt Erinnerung', sagt ein Sprichwort. Und da alles Wasser der Welt auf eine einzige Quelle zurückgeht, hätte er sonst wo eine Schale Wasser schöpfen und bei ihrem Anblick seine Tränen vergießen können, um seinem Kummer Luft zu machen."
Bau-tschai erwiderte nichts darauf, Bau-yü aber wandte sich ab und verlangte nach frisch gewärmtem Wein, um Hsi-fëng zuzutrinken.
 
Wie die Herzoginmutter gesagt hatte, sollte dieser Tag anders aussehen als der übliche Alltag, und Hsi-fëng sollte sich amüsieren. Deshalb wollte die Herzoginmutter nicht mit an der Festtafel sitzen und hatte sich im Innenraum auf einer Polsterbank ausgestreckt, von wo aus sie mit Tante Hsüä zusammen dem Theaterspiel zusah. Sie hatten einige ihrer Lieblingsspeisen auf ein Tischchen setzen lassen, aßen zwanglos davon und unterhielten sich dabei. Ihre beiden Festgedecke dagegen hatten sie den aufwartenden Sklavenmädchen und -frauen spendiert, für die kein eigener Tisch gedeckt war, und hatten ihnen befohlen, sich damit in den Säulengang vor den Fenstern zu setzen und dort zu essen und zu trinken, ohne sich durch das Zeremoniell beengt zu fühlen. Dame Wang und Dame Hsing saßen an einem höheren Tisch bei der Herzoginmutter, draußen aber saßen die Mädchen an mehreren Festttafeln.
 
Mehrmals wurden Frau You und die anderen von der Herzoginmutter ermahnt: „Laßt Hsi-fëng auf dem Ehrenplatz sitzen und bewirtet sie mir schön! Das ganze Jahr hindurch plagt sie sich ab.“
 
Frau You sagte: „Jawohl!“, meldete dann aber lächelnd: „Sie ist es nicht gewohnt, auf dem Ehrenplatz zu sitzen. Da paßt ihr dies nicht und das nicht, und Wein will sie auch nicht trinken.“
 
Lächelnd drohte die Herzoginmutter: „Wenn du sie nicht dazu bewegen kannst, werde ich selber gehen und sie auffordern!“
 
Da kam auch schon Hsi-fëng herein und sagte lächelnd: „Ihr dürft ihnen nicht glauben, alte Ahne, ich habe schon einige Becher getrunken.“
 
Lächelnd befahl die Herzoginmutter Frau You: „Bring sie schnell wieder hinaus und setz sie auf ihren Platz, und dann reicht jede von euch ihr einen Ehrenbecher! Wenn sie dann immer noch nicht trinken will, komme ich wirklich selber!“
 
Frau You lachte und zog Hsi-fëng mit sich hinaus. Als Hsi-fëng sich gesetzt hatte, befahl Frau You, einen großen Becher zu bringen, und füllte ihn mit Wein. Dann sagte sie: „Als Zeichen des Dankes dafür, daß du dich das ganze Jahr lang der alten gnädigen Frau, der gnädigen Frau und auch mir gegenüber so ehrerbietig verhältst, kann ich dir keinen anderen Beweis meiner Liebe bringen als diesen Becher Wein, den ich selbst für dich eingegossen habe und den du jetzt brav aus meiner Hand leeren mußt!“
 
„Wenn du mir wirklich deine Ehrerbietung beweisen willst, mußt du niederknien“, sagte Hsi-fëng lächelnd. „Dann trinke ich auch.“
 
„Du weißt wohl vor lauter Lobworten nicht mehr, wer du bist!“ erwiderte Frau You, ebenfalls lächelnd. „Ich sage dir: So eine Gelegenheit wie heute kommt vielleicht nie wieder. Also nimm dich zusammen und trink ein paar Becher!“
 
Hsi-fëng mußte einsehen, daß sie nicht darum herumkam, und trank. Anschließend traten auch die Mädchen heran, und wohl oder übel mußte Hsi-fëng aus jedem Becher, den sie gereicht bekam, einen Schluck trinken.
 
Da Lai Das Mutter gesehen hatte, wie sich die Herzoginmutter darüber freute, machte sie sich den Spaß, mit ein paar alten Ammen ebenfalls heranzutreten und Hsi-fëng Wein zu kredenzen. Auch diesmal konnte Hsi-fëng schlecht ablehnen und trank wieder ein paar Schlucke. Als dann auch noch Yüan-yang und die anderen Sklavenmädchen kamen, konnte Hsi-fëng wirklich nicht mehr und bettelte: „Verschont mich doch, liebste Schwestern, und laßt mich morgen trinken!“
 
Lächelnd erwiderte Yüan-yang: „Wir gelten also nichts! Dabei erweist uns doch selbst die gnädige Frau noch Ehre. Sonst also genießen wir Ansehen, aber heute vor allen Leuten kehrt Ihr die Herrin heraus. Ich hätte nicht damit kommen dürfen. Wenn Ihr nicht trinkt, gehen wir wieder!“ Damit wandten sie sich wirklich zum Gehen.
 
Rasch eilte Hsi-fëng ihnen nach, hielt Yüan-yang fest und sagte lächelnd: „Ich trinke schon, liebste Schwester!“ Sie griff nach dem Wein, füllte ihren Becher damit bis zum Rand und trank ihn leer. Jetzt erst ließ Yüan-yang lächelnd von ihr ab.
 
Als Hsi-fëng auf ihren Platz zurückgekehrt war, merkte sie, daß der Wein zuviel für sie gewesen war, das Herz schlug ihr bis zum Halse. Darum wollte sie nach Hause gehen, um sich dort auszuruhen. Und da eben die Gaukler auftraten, sagte sie zu Frau You: „Halte das Geldgeschenk für sie bereit! Ich gehe mir das Gesicht waschen.“
 
Frau You nickte, und als Hsi-fëng sah, daß sie nicht aufgehalten wurde, stand sie vom Tisch auf und ging zum Seitenausgang. Ping-örl, die auf sie achtgegeben hatte, folgte ihr rasch nach, und Hsi-fëng stützte sich auf ihren Arm. Als sie an den gedeckten Wandelgang kamen, stand dort ein kleines Sklavenmädchen aus ihren Räumen, aber als es sie kommen sah, machte es kehrt und lief weg.
 
Mißtrauisch geworden, rief Hsi-fëng hinter ihr her. Zuerst tat das Mädchen noch so, als ob es nichts hörte, als aber auch Ping-örl in die Rufe mit einstimmte, kam es notgedrungen zurück. In ihrem Argwohn bestärkt, trat Hsi-fëng mit Ping-örl rasch in die Durchgangshalle und befahl auch dem Sklavenmädchen einzutreten. Dann ließ sie die Gittertür schließen, setzte sich auf die Plattform des Hofgebäudes und befahl dem Mädchen niederzuknien. Anschließend gab sie Ping-örl mit lauter Stimme den Auftrag: „Hol vom Innentor zwei Jungen mit Stricken und Peitschen, damit sie das kleine Spitzbein, das seine Herrin nicht kennen will, tüchtig durchwalken!“
 
Das kleine Sklavenmädchen, dem vor lauter Angst die Seele aus dem Leib fahren wollte, schlug in einem fort mit der Stirn auf den Boden und bat um Gnade.
 
„Ich bin doch kein Gespenst!“ sagte Hsi-fëng. „Warum bist du also nicht stehengeblieben, wie es sich gehört, als du mich gesehen hast, sondern weggelaufen?“
 
Weinend erwiderte das Sklavenmädchen: „Ich hatte Euch nicht gesehen, Herrin.
 
Weggelaufen bin ich, weil mir eingefallen war, daß niemand in unsern Räumen ist.“
 
„Und wer hat dich hierher geschickt, wenn niemand da ist?“ wollte Hsi-fëng wissen. „Und wenn du mich nicht gesehen hast, warum bist du dann immer schneller gelaufen, je lauter ich mit Ping-örl nach dir gerufen habe, mehr als zehn Mal? So weit waren wir doch gar nicht weg. Bist du vielleicht taub, oder was? Und dann wagst du noch zu streiten!“ Bei diesen Worten hob sie die Hand und schlug dem Sklavenmädchen dermaßen ins Gesicht, daß es niederstürzte. Dann schlug sie noch einmal von der anderen Seite zu, und sofort schwollen dem Mädchen beide Wangen rot an.
 
Rasch warnte Ping-örl: „Paßt auf, daß Ihr Euch nicht weh tut, Herrin!“
 
„Schlag du sie weiter und frag sie, warum sie weggelaufen ist!“ befahl Hsi-fëng. „Wenn sie es immer noch nicht sagt, zerreißt du ihr das Maul!“
 
Anfangs leugnete das Sklavenmädchen weiter. Aber als sie hörte, daß Hsi-fëng ein Eisen zum Glühen bringen wollte, um ihr damit den Mund zu verbrennen, gestand sie weinend: „Der junge Herr ist zu Hause und hat mich hergeschickt, um nach Euch Ausschau zu halten. Wenn ich sähe, daß Ihr kommt, sollte ich ihm schnell Bescheid sagen. Ich hatte aber nicht gedacht, daß Ihr schon so bald kommen würdet.“
 
Hsi-fëng erkannte, daß etwas dahinterstecken mußte, und so fuhr sie das Mädchen an: „Warum solltest du nach mir Ausschau halten? Hat er denn Angst davor, ich könnte nach Hause kommen? Das muß doch einen Grund haben. Schnell, sag ihn mir, dann werde ich dich auch immer lieb haben! Aber wenn du mir jetzt nicht alles erzählst, hole ich auf der Stelle ein Messer und schneide dir das Fleisch vom Leibe!“ Bei diesen Worten wandte sie sich nach Ping-örl um, zog ihr einen Haarpfeil aus der Frisur und stach damit wie wild nach dem Mund des Sklavenmädchens.
 
Erschrocken bemühte sich das Mädchen, ihr auszuweichen, und bat weinend: „Ich sage es Euch, Herrin, aber Ihr dürft nicht verraten, daß ich es war!“
 
Ping-örl redete begütigend auf Hsi-fëng ein, gleichzeitig drängte sie das Sklavenmädchen, endlich zu reden.
 
Da sagte das Sklavenmädchen: „Der junge Herr ist noch nicht lange zu Hause. Erst hat er ein Weilchen geschlafen, und als er wach wurde, hat er jemand losgeschickt, um nachzusehen, wo Ihr seid. Als es hieß, Ihr hättet Euch eben erst zu Tisch gesetzt, und es würde noch eine Weile dauern, ehe Ihr wiederkommt, hat er eine Truhe aufgemacht und zwei Stücken Silber herausgeholt, dazu zwei Haarpfeile und zwei Stücken Seidenstoff. Das mußte ich heimlich zu Bau Örls Frau tragen und ihr sagen, sie solle herüberkommen. Sie hat die Sachen weggesteckt und ist gekommen. Dann hat der junge Herr mir befohlen, nach Euch Ausschau zu halten, und was weiter war, weiß ich nicht.“
 
Als Hsi-fëng das hörte, wurde sie schwach vor Zorn, dann aber sprang sie auf und eilte nach Hause. Am Hoftor angekommen, erblickte sie ein weiteres kleines Sklavenmädchen, das hier Wache hielt und sich bei ihrem Anblick rasch duckte, um wegzulaufen.
 
Hsi-fëng rief das Mädchen mit seinem Namen an, und es war gewitzt genug, um angelaufen zu kommen, als es sich ertappt sah, und lächelnd zu sagen: „Eben wollte ich es Euch melden kommen, junge Herrin, aber da seid Ihr schon selber hier!“
 
„Was wolltest du mir melden?“ verlangte Hsi-fëng zu wissen.
 
Da sagte das Sklavenmädchen: „Der junge Herr ist daheim...“ Und sie erzählte dasselbe, was eben auch die andere vorgebracht hatte.
 
„Pfui!“ sagte Hsi-fëng und spuckte aus. „Und wo hast du bis eben gesteckt? Jetzt, nachdem ich dich gesehen habe, willst du dich reinwaschen!“ Damit hob sie die Hand und versetzte dem Mädchen einen Schlag, daß es zurücktaumelte. Dann schlich sie zum Fenster und lauschte.
 
Von drinnen war erst Gelächter zu hören, dann sagte eine Frauenstimme: „Es wäre schön, wenn dein Höllenweib endlich stürbe!“
 
„Und was mache ich, wenn sie stirbt, und ich heirate eine andere, die dann genauso ist?“ fragte Djia Liän.
 
„Wenn sie stirbt, machst du am besten Ping-örl zu deiner Hauptfrau“, riet die Frauenstimme.
 
„An Ping-örl darf ich auch nicht mehr heran“, beklagte sich Djia Liän. „Sie fühlt sich deswegen gekränkt, wagt aber nichts zu sagen. Warum muß ich nur mein Leben lang unter dieser Teufelsbrut leiden?“
 
Hsi-fëng bebte vor Wut, als sie das hören mußte, und weil sich die beiden lobend über Ping-örl geäußert hatten, argwöhnte sie, auch Ping-örl grolle ihr ständig hinter ihrem Rücken. Dadurch stieg ihr der Wein vollends zu Kopf, sie drehte sich um, und ohne zu überlegen, versetzte sie Ping-örl ein paar Schläge. Dann stieß sie mit dem Fuß die Tür auf und stürzte ins Haus.
 
Auch hier ließ sie sich nicht auf Erörterungen ein. Sie packte Bau Örls Frau und begann, sie zu zerren und zu schlagen. Dann aber hatte sie Angst, Djia Liän könnte ihr entkommen, darum stellte sie sich in die Türöffnung und schimpfte: „Du dreckige Hure! Machst dich an deinen Herrn heran und trachtest deiner Herrin nach dem Leben! – Ping-örl, komm her! Ihr schamloses Hurenpack seid eine wie die andere. Ihr haßt mich, aber nach außen tut ihr schön mit mir.“ Damit begann sie wieder, auf Ping-örl einzuschlagen.
 
Schutzlos dem Unrecht preisgegeben, begann Ping-örl ohne Tränen zu schluchzen und schimpfte: „Wenn ihr schon solche schamlosen Dinge treibt, warum müßt ihr dann auch noch mich mit hineinziehen?“ Und während sie das sagte, fiel sie mit Schlägen und Knüffen über Bau Örls Frau her.
 
Djia Liän, der sich einen Rausch angetrunken hatte, war in heiterster Laune nach Hause gekommen und hatte es an der nötigen Vorsicht fehlen lassen. Als plötzlich Hsi-fëng im Zimmer stand, war er ratlos, als aber jetzt auch Ping-örl zu toben anfing, trübte der Wein ihm die Sinne. Solange Bau Örls Frau von Hsi-fëng Schläge bekam, war er zwar wütend und beschämt, aber er konnte schlecht etwas dagegen sagen. Als jetzt auch Ping-örl auf sie einschlug, ging er dazwischen, trat mit dem Fuß nach Ping-örl und fluchte: „Schlagen willst du, du Hure?“
 
Aus Angst vor Djia Liäns Fußtritten, ließ Ping-örl von Bau Örls Frau ab, schluchzte aber erneut: „Warum müßt ihr mich mit hineinziehen, wenn ihr heimlich solche Gespräche führt?“
 
Durch Ping-örls Furcht vor Djia Liän wurde Hsi-fëng zu neuer Wut angestachelt. Deshalb trat sie heran, schlug auf Ping-örl ein und verlangte, daß sie Bau Örls Frau weiterprügelte. Doch Ping-örl stürzte in ihrer Verzweiflung aus dem Zimmer und suchte nach einem Messer, um sich das Leben zu nehmen. Aber sofort fielen ihr die Sklavenfrauen und ‑mädchen in den Arm und redeten ihr gut zu.
 
Als Hsi-fëng hörte, Ping-örl wolle sich umbringen, rannte sie mit dem Kopf gegen Djia Liäns Brust und schrie: „Wart ihr nicht darauf aus, mich umzubringen? Und jetzt, wo ich davon weiß, wollt ihr mir Angst machen. Komm, erwürg mich doch!“
 
Hitzig riß Djia Liän sein Schwert von der Wand und rief: „Keine von euch muß sich selber töten! Ich habe so eine Wut im Bauch, daß ich euch alle miteinander umbringen könnte und gern mit meinem Kopf dafür zahle! Dann ist endlich reiner Tisch!“
 
Während der Streit noch in vollem Gange war, trat plötzlich Frau You mit einer Schar von Begleiterinnen ins Zimmer und fragte: „Was soll denn das heißen? Eben noch war alles gut, und plötzlich ist so ein Zank?“
 
Als Djia Liän die vielen Leute sah, gab ihm der Wein den Gedanken ein, er müsse zeigen, was für ein Kerl er sei, und so machte er Anstalten, Hsi-fëng wirklich umzubringen.
 
Hsi-fëng aber gebärdete sich angesichts der Zuschauer nicht mehr so rasend wie zuvor. Sie ließ die anderen stehen und eilte weinend zur Herzoginmutter hinüber, wo das Theaterstück bereits zu Ende war. Sie warf sich der Herzoginmutter an die Brust und stammelte: „Rettet mich, alte Ahne! Liän will mich umbringen!“
 
„Was ist los?“ fragten die Herzoginmutter, Dame Hsing und Dame Wang wie aus einem Munde.
 
Und schluchzend berichtete Hsi-fëng: „Eben bin ich nach Hause gegangen, um mir etwas anderes anzuziehen, da war unverhofft Liän im Zimmer und sprach mit jemand. Ich dachte, er habe Besuch, darum traute ich mich nicht hinein und habe am Fenster gehorcht. Da sprach er mit Bau Örls Frau darüber, wie furchtbar ich sei und daß er mich vergiften wolle, um dann Ping-örl zur Hauptfrau zu machen. Ich wurde wütend, aber weil ich nicht wagte, mit ihm zu streiten, habe ich Ping-örl geschlagen. Und als ich fragte, warum sie mich umbringen wollten, brauste er auf und wollte mich totschlagen.“
 
„Hör sich das einer an!“ sagte die Herzoginmutter, die ihr jedes Wort glaubte. „Bringt diesen nichtswürdigen Kerl rasch her zu mir!“
 
Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Djia Liän bereits mit dem Schwert in der Hand hereinstürzte, eine ganze Menschentraube auf seinen Fersen. Auf die Nachsicht vertrauend, die sie von Seiten der Herzoginmutter stets erfahren hatten, glaubte er, trotz der Anwesenheit von Mutter und Tante den wilden Mann spielen zu können. Aber zornig traten ihm Dame Hsing und Dame Wang in den Weg und schimpften: „Du dreckige Brut wirst immer unverschämter, die alte gnädige Frau ist hier!“
 
Mit einem schiefen Blick sagte Djia Liän: „Nur weil die alte gnädige Frau ihr alles durchgehen läßt, ist sie so geworden und wagt es, mich zu beleidigen.“
 
Wutentbrannt riß ihm Dame Hsing das Schwert aus der Hand und herrschte ihn an: „Raus mit dir!“
 
Aber Djia Liän spielte sich weiter auf und geiferte Unsinn. Aufgebracht sagte da die Herzoginmutter: „Wenn wir in deinen Augen nichts gelten, werde ich nach deinem Vater schicken!“
 
Als Djia Liän das hörte, ging er endlich schwankenden Schrittes hinaus, aber wütend, wie er war, kehrte er nicht in seine Wohnräume zurück, sondern ging in sein äußeres Bibliothekszimmer.
 
Hier redeten inzwischen Dame Hsing und Dame Wang auf Hsi-fëng ein, die Herzoginmutter aber sagte lächelnd: „Was soll an der Sache denn so schwerwiegend sein! Kinder sind nun einmal Leckermäuler, solange sie jung sind. Da läßt sich so etwas schwerlich vermeiden. So benehmen sich alle Sterblichen von klein auf. Schuld bin nur ich allein. Sie hat zu viel Wein trinken müssen, da ist ihr der Essig hochgekommen!“ Alle lachten darüber, die Herzoginmutter aber fuhr fort: „Sei unbesorgt! Morgen muß er sich bei dir entschuldigen, das sage ich ihm. Du aber darfst heute nicht hinübergehen, damit er nicht noch gereizt wird!“ Anschließend schimpfte sie über Ping-örl: „Von diesem Spitzbein habe ich immer geglaubt, sie sei ein guter Mensch. Wie ist es möglich, daß sie insgeheim zu so einer Bosheit fähig war?!“
 
Lächelnd erklärten ihr Frau You und die anderen: „Ping-örl trifft keine Schuld. An ihr hat Hsi-fëng nur ihre Wut ausgelassen. Und weil Ehegatten einander nicht gut schlagen können, haben sich beide an Ping-örl abreagiert. Die Ärmste hat schon genug gelitten, und jetzt müßt Ihr auch noch auf sie schimpfen, alte gnädige Frau!“
 
„So war das also!“ sagte die Herzoginmutter. „Ich wußte es doch, daß sie keine von diesen Füchsinnen und Giftmischerinnen ist. Sie tut mir jetzt richtig leid, weil die beiden ohne jeden Grund ihre Wut an ihr ausgelassen haben.“ Dann ließ sie Hu-po nähertreten und ordnete an: „Du gehst hinüber und sagst Ping-örl in meinem Namen, ich wisse, daß ihr Unrecht geschehen sei, und würde Hsi-fëng morgen befehlen, sie um Verzeihung zu bitten. Heute aber sei der Ehrentag ihrer Herrin, darum dürfe sie ihr keine Szene machen.“
 
Ping-örl war indessen von Li Wan und den anderen in den Garten des Großen Anblicks geführt worden, konnte sich aber vor Schluchzen immer noch kaum beruhigen. Bau-tschai redete auf sie ein: „Du bist doch ein verständiger Mensch und weißt, wie gut Hsi-fëng stets zu dir ist. Heute hatte sie einen Schluck zuviel getrunken, und an wem hätte sie ihre Wut auslassen sollen, wenn nicht an dir? Sollte sie sich sagen lassen, sie sei betrunken, und sich damit dem Gespött preisgeben? Also nimm die Kränkung nur hin! Würden sonst nicht die Vorzüge, die man an dir kennt, als bloße Täuschung erscheinen?“
 
Während sie das eben sagte, kam Hu-po und überbrachte, was die Herzoginmutter ihr aufgetragen hatte. Als Ping-örl feststellte, daß doch einiger Glanz auf sie fiel, beruhigte sie sich allmählich, ging aber nicht wieder hinüber.
 
Bau-tschai und die anderen Mädchen begaben sich wieder zur Herzoginmutter und zu Hsi-fëng, nachdem sie sich ausgeruht hatten, Bau-yü aber nahm Ping-örl mit zu sich in den Hof der Freude am Roten, wo Hsi-jën ihr sogleich zur Begrüßung entgegenkam und lächelnd sagte: „Ich hatte dich auch schon herbitten wollen, aber weil die junge Herrin und die Fräulein dich zu sich gebeten hatten, konnte ich das schlecht tun.“
 
„Danke!“ sagte Ping-örl lächelnd, dann fuhr sie fort: „Alles war gut und schön, und plötzlich mußte ich ohne jeden Grund diesen Wutausbruch über mich ergehen lassen!“
 
„Die junge Herrin ist immer gut zu dir“, erklärte Hsi-jën lächelnd, „das war nur eine plötzliche Aufwallung bei ihr.“
 
„Gegen die junge Herrin will ich nichts sagen“, versicherte Ping-örl, „das hat mir nur dieses Hurenweib eingebrockt, das sich ausgerechnet über mich lustig machen mußte. Und dann mußte unser Dummkopf von jungem Herrn mich noch schlagen!“ Wieder stieg die Erinnerung an die erlittene Kränkung in ihr auf, und sie konnte es nicht verhindern, daß ihr erneut die Tränen herabliefen.
 
„Sei nicht betrübt, Schwester!“ redete Bau-yü ihr rasch zu. „Ich bitte dich anstelle der beiden um Verzeihung!“
 
„Was hast du damit zu tun?“ fragte Ping-örl lächelnd.
 
„Vetter und Kusinen sind einer so gut wie der andere, darum muß auch ich um Verzeihung bitten, wenn sie jemand beleidigt haben“, erläuterte Bau-yü lächelnd. Dann fuhr er fort: „Schade um dein schönes neues Gewand, ganz naß ist es geworden. Aber Schwester Hua hat genug anzuziehen hier. Willst du dich nicht umziehen, und wir lassen dein Gewand mit Branntwein besprühen und überbügeln? Du müßtest dir auch die Frisur richten und das Gesicht waschen.“ Und schon befahl er den kleineren Sklavenmädchen, sie sollten Waschwasser schöpfen und das Bügeleisen heiß machen.
 
Ping-örl hatte immer nur gehört, Bau-yü wisse mit Mädchen gut umzugehen, und Bau-yü hatte sich Ping-örl nie zu nähern gewagt, weil er wußte, daß sie Djia Liäns Lieblingskonkubine und zugleich Hsi-fëngs Vertraute war. Aber er hatte es stets bedauert, den Wünschen seines Herzens nicht folgen zu können. Als Ping-örl jetzt sah, wie er sich verhielt, erwog sie still bei sich: „Es ist wirklich wahr, was man sich erzählt. Wie umsichtig er doch ist!“
 
Als nun Hsi-jën extra ihre Truhe öffnete und ein paar wenig getragene Kleidungsstücke herausholte, die sie ihr gab, beeilte sich Ping-örl, das Obergewand abzulegen, und wusch sich rasch das Gesicht. Lächelnd redete Bau-yü ihr zu: „Du solltest dich auch ein wenig schminken und pudern, damit Hsi-fëng nicht denkt, du seist ihr böse, noch dazu an ihrem Ehrentag, zumal auch die alte gnädige Frau schon jemand geschickt hat, um dir ihr Mitgefühl zu bekunden.“
 
Ping-örl fand, daß er recht hatte, und sah sich nach weißer Schminke um, konnte aber keine entdecken. Da trat Bau-yü zu ihr an den Toilettentisch und nahm den Deckel von einem Döschen aus Hsüan-dë-Porzellan . Darin lagen in einer Reihe an die zehn kleine Stäbchen, die aussahen wie die keulenförmigen Blüten der Funkie. Eines davon nahm er heraus und reichte es Ping-örl, wobei er lächelnd sagte: „Das ist nicht aus Bleiweiß gemacht, sondern aus zerriebenen Samenkörnern der Wunderblume und aus Duftstoffen.“
 
Ping-örl nahm das Stäbchen in die Hand und stellte fest, daß es wirklich ganz leicht war, rot-weiß und duftend – in jeder Weise allerliebst. Und als sie die Masse im Gesicht verrieb, verteilte sie sich gut und machte die Haut geschmeidig, nicht so wie die übliche Schminke, die zäh und schwärzlich war. Dann sah sie, daß auch das Rouge nicht auf Papierblättchen klebte, sondern in ein winziges Döschen aus weißem Jade gefüllt war und eher aussah wie Rosenmus.
 
Bau-yü erläuterte ihr: „Das Rouge, das man auf dem Markt zu kaufen bekommt, ist nicht rein, und die Farbe ist blaß. Hierfür aber wird aus den besten Wunderblüten der Saft ausgepreßt, dann wird die Masse geläutert, mit Blütenessenz versetzt und anschließend gedämpft. Du brauchst nur ein ganz kleines bißchen davon mit einem spitzen Haarpfeil herauszunehmen und mit einem Tropfen Wasser auf dem Handteller zu verreiben, dann kannst du dir die Lippen damit färben, und was auf der Hand noch übrigbleibt, reicht für die Wangen.“
 
Ping-örl schminkte sich so, wie es Bau-yü gesagt hatte, und fand, daß dieses Rouge in der Tat außerordentlich intensiv war und ihren Wangen einen süßen Duft verlieh.
 
Bau-yü schnitt noch mit der Bambusschere einen Stiel mit zwei Blüten von einer Topforchidee ab, die eben blühte, und steckte ihn Ping-örl ins Schläfenhaar, als auch schon ein Sklavenmädchen erschien, um Ping-örl im Auftrag von Li Wan zu holen.
 
Bau-yü hatte, wie gesagt, noch nie eine Gelegenheit gehabt, Ping-örl gegenüber seinen Wünschen nachzugeben, und er hatte das um so mehr bedauert, als Ping-örl ein höchst intelligentes und zugleich außerordentlich schönes Wesen war, mit dem sich die anderen dummen Dinger nicht messen konnten.
 
Heute, an Djin-tschuans Geburtstag, war Bau-yü den ganzen Tag über traurig gewesen, dann aber war es zu diesem Zwischenfall gekommen, der es ihm ermöglicht hatte, ein wenig von dem zu tun, was er sich wünschte, und das bedeutete ihm eine Freude, wie er sie sich für dieses Leben nicht zu erhoffen gewagt hatte. Froh und zufrieden streckte er sich auf seinem Bett aus, doch kam ihm der Gedanke, daß es für Djia Liän kein anderes Vergnügen gab als fleischliche Lust und daß er von zarter Fürsorge nichts wußte.
 
Er mußte auch daran denken, daß Ping-örl mutterseelenallein dastand, ohne Eltern und ohne Geschwister, und daß sie nichts anderes kannte, als Djia Liän und Hsi-fëng zu bedienen, von denen er so vulgär war wie sie herrschsüchtig. Und dafür, daß Ping-örl dennoch so umsichtig war und sich in alles zu schicken wußte, war ihr heute so übel mitgespielt worden. Offensichtlich war ihr ein Los bestimmt, das noch härter war als das von Dai-yü.
 
Dieser Gedanke machte Bau-yü so traurig, daß er unversehens zu weinen begann, und da weder Hsi-jën noch sonst jemand im Zimmer war, konnte er sich seinem Schmerz ungestört hingeben.
 
Als er wieder aufstand, sah er, daß der Branntwein, den eines der Sklavenmädchen auf Ping-örls Gewand gesprüht hatte, schon beinahe verflo-
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Schatzspange erwiderte nichts darauf. Schatzjade aber wandte sich um und verlangte nach frisch gewärmtem Wein, um Phönixglanz [王熙凤] zuzutrinken.
en war, darum griff er nach dem Bügeleisen, bügelte das Gewand glatt und legte es zusammen. Dann entdeckte er, daß Ping-örl ihr Taschentuch vergessen hatte und daß es noch naß von ihren Tränen war. Da wusch er es in der Waschschüssel durch und hängte es zum Trocknen auf.
 
Nachdem er sich noch ein Weilchen abwechselnd der Freude und dem Kummer hingegeben hatte, ging er ebenfalls ins Reisduftdorf hinüber, wo er eine Zeitlang mit den anderen plauderte, bis alle sich trennten, als es Zeit geworden war, die Lampen anzuzünden.
 
Ping-örl verbrachte die Nacht bei Li Wan, Hsi-fëng aber blieb bei der Herzoginmutter. So fühlte sich Djia Liän, der zur Nacht in die Wohnräume zurückkehrte, einsam und verlassen, und da er nicht gut nach jemandem schicken konnte, verbrachte er die Nacht mehr schlecht als recht. Als er am nächsten Morgen aufwachte, kam ihm die Geschichte vom Vortag sehr sinnlos vor, und er bedauerte, was er getan hatte.
 
Dame Hsing hatte nicht vergessen, wie sich Djia Liän in seiner Trunkenheit aufgeführt hatte, darum kam sie schon in aller Frühe zu ihm herüber und befahl ihm, zur Herzoginmutter mitzukommen. So blieb Djia Liän nichts weiter übrig, als ihr reumütig zu folgen und vor der Herzoginmutter niederzuknien.
 
„Was ist?“ fragte ihn die Herzoginmutter.
 
Rasch setzte Djia Liän ein Lächeln auf und erwiderte: „Gestern war ich betrunken und habe Euch erschreckt, alte gnädige Frau. Jetzt komme ich, um meine Strafe zu empfangen.“
 
„Pfui, du verkommenes Subjekt!“ sagte die Herzoginmutter und spuckte aus. „Läßt dich mit der gelben Brühe vollaufen, und anstatt deine Knochen still und bescheiden irgendwo hinzulegen und den Rausch auszuschlafen, fängst du an, deine Frau zu verprügeln. Hsi-fëng, die sonst stets so stolze Reden führt und sich nicht anders beträgt als ein Hegemon, war gestern geradezu zum Erbarmen in ihrer Furcht vor dir.iner Trunkenheit aufgeführt hatte, darum kam sie schon in aller Frühe zu ihm herüber und befahl ihm, zur Herzoginmutter mitzukommen. So blieb Djia Liän nichts weiter übrig, als ihr reumütig zu folgen und vor der Herzoginmutter niederzuknien.
 
„Was ist?“ fragte ihn die Herzoginmutter.
 
Rasch setzte Djia Liän ein Lächeln auf und erwiderte: „Gestern war ich betrunken und habe Euch erschreckt, alte gnädige Frau. Jetzt komme ich, um meine Strafe zu empfangen.“
 
„Pfui, du verkommenes Subjekt!“ sagte die Herzoginmutter und spuckte aus. „Läßt dich mit der gelben Brühe vollaufen, und anstatt deine Knochen still und bescheiden irgendwo hinzulegen und den Rausch auszuschlafen, fängst du an, deine Frau zu verprügeln. Hsi-fëng, die sonst stets so stolze Reden führt und sich nicht anders beträgt als ein Hegemon, war gestern geradezu zum Erbarmen in ihrer Furcht vor dir. Was würdest du machen, wenn ich nicht gewesen wäre und du sie umgebracht hättest?“
 
Djia Liän steckte die Schmähungen ein, ohne sich zu verteidigen, und nahm alle Schuld auf sich.
 
„Sind denn nicht Hsi-fëng und Ping-örl zwei schöne Menschen­kin­der?“ fuhr die Herzoginmutter fort. „Aber dir sind sie nicht genug, du bist nur ständig darauf aus, alles zu ergattern, was dir unter die Finger kommt, und schleppst jeden Dreck mit ins Haus. Und wegen solcher Schlampen schlägst du dann Frau und Nebenfrau. Da stammst du aus guter Famile und bringst dich so in Schande. Wenn du noch Achtung vor mir hast, dann steh auf, und ich werde dir verzeihen. Aber du mußt dich brav bei deiner Frau entschul­di­gen und sie nach Hause bringen. Dann mag ich dich wieder. Sonst aber geh fort und knie nicht auch noch vor mir nieder!“
 
Als Djia Liän das hörte und sah, wie Hsi-fëng dastand – ohne den üblichen Schmuck, die Augen vom Weinen geschwollen, das ungeschminkte Gesicht blaß und fahl, da erschien sie ihm noch liebenswerter als sonst, und er sagte sich: „Das beste ist, ich entschuldige mich, dann können wir uns wieder vertragen, und die alte gnädige Frau freut sich auch!“
 
Nachdem er diesen Gedanken zu Ende gebracht hatte, sagte er lächelnd: „Ich wage es nicht, Euren Worten nicht Folge zu leisten, alte gnädige Frau. Hsi-fëng aber wird auf diese Weise nur noch selbstherrlicher werden.“
 
„Unsinn!“ sagte die Herzoginmutter, ebenfalls lächelnd. „Ich weiß, daß sie sich streng an die Anstandsregeln hält, und sie wird auch niemand mehr kränken. Falls sie sich irgendwann einmal an dir versündigen sollte, werde ich genauso Recht sprechen und dich dafür sorgen lassen, daß sie sich dir unterwirft, und damit hat sich der Fall.“
 
Nach diesen Worten rappelte Djia Liän sich auf, hob die zusammen­ge­leg­ten Hände in die Höhe und verbeugte sich vor Hsi-fëng. Dazu sagte er lächelnd: „Es war mein Fehler. Bitte verzeih!“
 
Alle Anwesenden lächelten wieder, und die Herzoginmutter sagte: „Jetzt darfst du ihm nicht mehr böse sein, Hsi-fëng! Wenn du ihm noch weiter böse bist, werde ich böse!“ Dann ließ sie Ping-örl holen und befahl Hsi-fëng und Djia Liän, sich mit ihr zu versöhnen.
 
Beim Anblick von Ping-örl gab es für Djia Liän erst recht kein Bedenken mehr, heißt es doch „Besser als die Frau ist die Nebenfrau, am allerbesten jedoch eine Fremde.“ Auf Geheiß der Herzoginmutter trat er zu Ping-örl heran und sagte: „Daß du gestern gekränkt wurdest, war meine Schuld, auch die Herrin hat sich nur meinetwegen an dir vergangen. Nicht nur für mich bitte ich dich um Verzeihung, sondern auch für sie.“ Damit verbeugte er sich auch vor ihr mit zusammengelegten Händen, was bei der Herzoginmutter ein neuerliches Lächeln bewirkte.
 
Auch Hsi-fëng lächelte dazu, und nun befahl ihr die Herzoginmutter, sich ebenfalls wieder mit Ping-örl zu vertragen. Aber schon war Ping-örl nähergetreten, machte einen Stirnaufschlag vor Hsi-fëng und sagte: „An Eurem Geburtstag habe ich Euren Zorn erregt. Ich habe den Tod verdient!“
 
Hsi-fëng, die es bereute, daß sie am Tag zuvor nach dem reichlichen Weingenuß ungeachtet ihrer eigentlichen Gefühle für Ping-örl auf eine Fremde gehört und Ping-örl dermaßen geschmäht hatte, war jetzt beschämt und traurig zugleich. Rasch half sie Ping-örl wieder auf die Beine und begann dabei zu weinen. Ping-örl aber sagte: „In all den Jahren, die ich Euch diene, hattet Ihr mich kein einziges Mal auch nur mit dem Fingernagel angetippt, Herrin. Auch wegen der gestrigen Schläge grolle ich Euch nicht, an allem war nur dieses Hurenweib schuld. Man kann es Euch nicht verübeln, daß Ihr aufgeregt wart.“ Bei diesen Worten begann sie ebenfalls zu weinen.
 
Nun befahl die Herzoginmutter: „Bringt die drei nach Hause, und wenn jemand noch einmal von dieser Geschichte spricht, wird er mir sofort gemeldet und bekommt eine Tracht mit meinem Krückstock, ganz egal, wer es ist!“
 
Die drei machten noch einmal einen Stirnaufschlag vor der Herzoginmutter, Dame Hsing und Dame Wang, dann begleiteten die alten Ammen sie in ihre Räume hinüber. Kaum waren sie dort allein, legte Hsi-fëng los: „Was bin ich für ein Höllenweib, was für eine Teufelsbrut? Diese Hure wünscht mir den Tod an den Hals, und du machst fleißig mit. Mag ich auch tausendmal nicht gut gewesen sein, einmal wenigstens war ich es. Jetzt aber soll ich nicht einmal so einer Hure gleichkommen. Wie könnte ich mit dieser Schande weiterleben?“ Und wieder begann sie zu weinen.
 
„Hast du immer noch nicht genug?“ fragte Djia Liän. „Überleg einmal, wer die größere Schuld trägt für gestern! Und doch war ich es, der heute vor aller Augen auf die Knie gefallen ist und um Verzeihung gebeten hat. Dadurch hast du gerade genug Glanz gewonnen. Willst du vielleicht, daß ich auch noch vor dir niederknie, ehe du endlich Ruhe gibst, oder was soll dein Gezeter? Es ist nicht gut, wenn man gar zu hoch hinaus will!“
 
Hsi-fëng war sprachlos über diese Erwiderung, Ping-örl aber prustete lachend heraus, und so sagte Djia Liän lächelnd: „Ist es nun wieder gut? Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich noch machen soll.“
 
Bei diesen Worten trat eine Sklavenfrau ein, um zu melden: „Bau Örls Frau hat sich erhängt.“
 
Djia Liän und Hsi-fëng fuhren vor Schreck zusammen, aber sofort hatte sich Hsi-fëng wieder in der Gewalt und schnauzte: „Na und? Was ist schon weiter dabei?“
 
Wenig später kam auch Lin Dschï-hsiaus Frau herein und berichtete Hsi-fëng leise: „Bau Örls Frau hat sich das Leben genommen. Ihre Familie will die Sache anzeigen.“
 
„Das trifft sich ja bestens“, sagte Hsi-fëng lächelnd. „Nach Prozessieren ist mir eben zumute.“
 
„Wir haben gerade mit den Leuten gesprochen“, fuhr Lin Dschï-hsiaus Frau fort. „Erst haben wir ihnen ein wenig Angst gemacht, dann haben wir ihnen Geld versprochen, da haben sie eingelenkt.“
 
„Ich habe keine einzige Münze“, erklärte Hsi-fëng. „Und auch wenn ich Geld hätte, würde ich es nicht hergeben. Laß sie nur Anzeige erstatten! Du sollst ihnen weder abraten noch Druck auf sie ausüben. Sollen sie mich nur anzeigen! Und wenn sie mit ihrem Prozeß nicht durchkommen, verklage ich sie wegen versuchter Erpressung!“
 
Lin Dschï-hsiaus Frau wußte sich nicht mehr zu helfen, aber da sah sie, wie Djia Liän ihr mit den Augen ein Zeichen machte. Sie verstand, ging hinaus und wartete draußen.
 
Inzwischen sagte Djia Liän: „Ich gehe nachsehen, was da los ist.“
 
„Aber du darfst ihnen kein Geld geben!“ warnte Hsi-fëng.
 
Djia Liän begab sich geradewegs zu Lin Dschï-hsiau, um sich mit ihm zu beraten. Dann schickte er jemanden hinaus, der sich durch List und Drohungen mit den Leuten auf zweihundert Liang Silber für die Begräbniskosten einigte. Und weil Djia Liän fürchtete, die Leute könnten es sich wieder anders überlegen, schickte er noch jemanden zu Wang Dsï-tëng, damit dieser dafür sorgte, daß ein paar Amtsdiener und Leichenbeschauer bei der Bestattung behilflich waren. Als die Angehörigen von Bau Örls Frau das sahen, wagten sie nicht mehr zu debattieren, obwohl sie es gern getan hätten, und hielten statt dessen den Mund.
 
Außerdem erteilte Djia Liän dann Lin Dschï-hsiau den Befehl, die zweihundert Liang Silber in der laufenden Haushaltsrechnung unter verschiedenen kleinen Vorwänden abzubuchen, Bau Örl aber steckte er ein paar Liang von seinem privaten Silber zu und versprach ihm: „Ich werde eine andere gute Frau für dich suchen!“
 
Dermaßen beschenkt und geehrt, sah Bau Örl keinen Grund, sich zu sträuben, und war Djia Liän auch in Zukunft gefällig. Aber davon soll jetzt nicht die Rede sein.
 
Derweilen war Hsi-fëng zwar innerlich unruhig, aber äußerlich gab sie sich den Anschein, als ob die Sache sie gar nicht kümmerte. Da weiter niemand im Zimmer war, faßte sie Ping-örl bei der Hand und sagte lächelnd: „Ich war gestern stockbetrunken, du mußt mir nicht böse sein! Wohin habe ich dich geschlagen? Laß mich mal sehen!“
 
„So schlimm war es gar nicht“, versicherte Ping-örl, da wurde draußen gemeldet: „Die junge gnädige Frau und die Fräulein sind da!“
 
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
 
  
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Wie die Herzoginmutter [贾母]<ref>Chin. 贾母 Jiǎmǔ, wörtl. „Mutter Kaufmann". Oberhaupt der Familie, auch „Alte Herrin" genannt.</ref> gesagt hatte, sollte dieser Tag anders sein als der gewöhnliche Alltag, und Phönixglanz sollte sich einmal nach Herzenslust vergnügen. Die Herzoginmutter selbst hatte keine Lust, an der Festtafel zu sitzen, und hatte sich im Innenraum auf einem Ruhebett ausgestreckt, von wo aus sie mit Tante Schnee [薛姨妈]<ref>Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Xue/Schnee". Mutter von Schatzspange.</ref> gemeinsam das Theaterspiel verfolgte. Einige Lieblingsspeisen hatten sie sich auf ein kleines Tischchen setzen lassen und aßen und plauderten nach Belieben. Ihre beiden Festgedecke dagegen hatten sie den großen und kleinen Dienstmädchen und den aufwartenden Frauen überlassen, für die kein eigener Tisch gedeckt war, und hatten ihnen befohlen, sich draußen im Säulengang vor den Fenstern niederzulassen und dort in aller Zwanglosigkeit zu essen und zu trinken, ohne sich vom Zeremoniell beengt zu fühlen. Dame König<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, wörtl. „Dame König". Schatzjades Mutter.</ref> und Dame Strafe<ref>Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén, wörtl. „Dame Strafe". Ehefrau von Zwielicht Kaufmann (贾赦).</ref> saßen drinnen an einem erhöhten Tisch, draußen aber saßen die Mädchen an mehreren Festtafeln.
[[Category:Hongloumeng]]
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Immer wieder ermahnte die Herzoginmutter Dame Sonders [尤氏] und die anderen: „Lasst Phönix auf dem Ehrenplatz sitzen und bewirtet sie mir ordentlich! Das ganze Jahr über plagt sie sich ab."
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Dame Sonders sagte: „Jawohl!", meldete dann aber lächelnd: „Sie ist es nicht gewohnt, auf dem Ehrenplatz zu sitzen. Da passt ihr dies nicht und das nicht, und Wein will sie auch keinen trinken."
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Als die Herzoginmutter das hörte, sagte sie lächelnd: „Wenn du sie nicht zum Trinken bewegen kannst, werde ich persönlich hingehen und sie auffordern!"
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Phönixglanz kam eilig herein und sagte lächelnd: „Alte Ahne, glaubt ihnen nicht! Ich habe schon einige Becher getrunken."
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Die Herzoginmutter befahl Dame Sonders lächelnd: „Schnell, bring sie wieder hinaus! Setz sie auf ihren Stuhl, und dann sollt ihr ihr alle der Reihe nach zuprosten! Wenn sie dann immer noch nicht trinkt, komme ich wirklich selber!"
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Dame Sonders lachte, zog Phönixglanz mit sich hinaus und setzte sie auf ihren Platz. Sie ließ einen großen Pokal bringen und füllte ihn mit Wein. Dann sagte sie lächelnd: „Das ganze Jahr über mühst du dich in kindlicher Ehrerbietung für die alte gnädige Frau, die gnädige Frau und auch für mich ab. Heute kann ich dir meine Zuneigung nicht anders beweisen als mit diesem Becher Wein, den ich eigenhändig für dich eingegossen habe. Sei brav und trink einen Schluck aus meiner Hand!"
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Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Wenn du mir wirklich deine Ehrerbietung beweisen willst, musst du niederknien. Dann trinke ich."
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Dame Sonders sagte lächelnd: „Du weißt wohl vor lauter Lobworten nicht mehr, wer du bist! Ich sage dir, so eine Gelegenheit wie heute kommt vielleicht nie wieder! Also nimm dich zusammen und trink ein paar Becher!"
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Phönixglanz sah ein, dass es kein Entrinnen gab, und trank zwei Becher. Anschließend traten auch die Mädchen heran, und wohl oder übel musste Phönixglanz aus jedem Becher, den man ihr reichte, einen Schluck nehmen.
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Als Lai Das Mutter sah, wie fröhlich die Herzoginmutter war, machte sie sich den Spaß, mit einigen alten Ammen ebenfalls heranzutreten und Phönixglanz Wein zu kredenzen. Auch diesmal konnte Phönixglanz schlecht ablehnen und trank zwei weitere Schlucke. Als dann auch noch Mandarinenente [鸳鸯]<ref>Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente". Treue Leibdienerin der Herzoginmutter.</ref> und die anderen Dienstmädchen kamen, konnte Phönixglanz wirklich nicht mehr und bettelte: „Verschont mich doch, liebste Schwestern! Lasst mich morgen trinken!"
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Mandarinenente erwiderte lächelnd: „So ist das also – wir gelten in Euren Augen nichts! Dabei schenkt uns selbst die gnädige Frau noch Beachtung. Sonst genießen wir durchaus Ansehen, aber heute vor all diesen Leuten kehrt Ihr die Herrin heraus! Ich hätte gar nicht erst kommen sollen. Wenn Ihr nicht trinkt, gehen wir eben!" Damit wandten sie sich wirklich zum Gehen.
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Rasch eilte Phönixglanz ihnen nach, hielt Mandarinenente fest und sagte lächelnd: „Ich trinke ja schon, liebste Schwester!" Sie griff nach dem Wein, füllte ihren Becher bis zum Rand und trank ihn in einem Zug leer. Erst da ließ Mandarinenente lächelnd von ihr ab, und alle kehrten an ihren Platz zurück.
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Phönixglanz spürte nun, dass der Wein ihr zu Kopfe stieg. Das Herz klopfte ihr bis zum Halse, als wolle es ihr aus der Brust springen. Sie wollte nach Hause gehen und sich ein wenig ausruhen. Gerade traten die Gaukler auf, und so sagte sie zu Dame Sonders: „Halte das Trinkgeld für sie bereit. Ich gehe mir das Gesicht waschen."
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Dame Sonders nickte. Phönixglanz nutzte einen Augenblick, in dem niemand auf sie achtete, stand vom Tisch auf und ging zum Seitengang hinter der Tür. Friedchen [平儿], die stets ein Auge auf sie hatte, folgte ihr eilig nach, und Phönixglanz stützte sich auf ihren Arm.
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Als sie eben an den gedeckten Wandelgang kamen, stand dort eines ihrer kleinen Dienstmädchen. Als es die beiden kommen sah, drehte es sich um und lief davon.
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Phönixglanz wurde misstrauisch und rief hinter dem Mädchen her. Zuerst tat es, als hörte es nichts, doch als auch Friedchen rief, kam es notgedrungen zurück. Phönixglanz' Argwohn verstärkte sich. Hastig trat sie mit Friedchen in die Durchgangshalle und befahl auch dem kleinen Mädchen einzutreten. Dann ließ sie die Gittertür schließen, setzte sich auf die Treppenstufe des Hofgebäudes und befahl dem Mädchen niederzuknien. Mit lauter Stimme befahl sie Friedchen: „Hol vom Innentor zwei Burschen mit Stricken und Peitschen! Dieses kleine Spitzbein, das seine Herrin nicht kennen will, soll tüchtig durchgewalkt werden!"
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Das kleine Dienstmädchen war vor Angst dem Tode nahe. Weinend schlug es unaufhörlich mit der Stirn auf den Boden und flehte um Gnade.
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Phönixglanz sagte: „Ich bin doch kein Gespenst! Warum bist du nicht brav stehen geblieben, als du mich gesehen hast, sondern davongerannt?"
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Das Mädchen weinte: „Ich hatte Euch nicht kommen sehen, Herrin. Mir fiel ein, dass niemand in unseren Räumen ist, deshalb bin ich gelaufen."
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Phönixglanz fuhr sie an: „Wenn niemand da ist, wer hat dich dann hierher geschickt? Und selbst wenn du mich nicht gesehen hast – Friedchen und ich haben dir zehnmal und öfter aus voller Kehle nachgerufen, und je lauter wir riefen, desto schneller bist du gerannt! Wir waren doch gar nicht weit weg. Bist du etwa taub? Und dann wagst du noch zu widersprechen!"
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Mit diesen Worten hob sie die Hand und schlug dem Mädchen so heftig ins Gesicht, dass es zu Boden stürzte. Gleich darauf schlug sie noch einmal auf die andere Wange. Sofort schwollen dem Mädchen beide Wangen purpurrot an.
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Friedchen mahnte eilig: „Passt auf Eure Hand auf, Herrin!"
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Phönixglanz befahl: „Schlag du sie weiter und frag sie, warum sie weggerannt ist! Wenn sie es immer noch nicht sagt, reiß ihr den Mund auf!"
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Anfangs stritt das kleine Mädchen noch alles ab. Erst als Phönixglanz androhte, ein glühendes Eisen holen zu lassen, um ihr damit den Mund zu verbrennen, gestand es weinend: „Der junge Herr ist zu Hause. Er hat mich hierher geschickt, um nach Euch Ausschau zu halten. Sobald ich sähe, dass Ihr die Festtafel verlasst, sollte ich ihm schnell Bescheid geben. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, dass Ihr schon so bald kommen würdet."
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Phönixglanz erkannte, dass in diesen Worten mehr steckte, als es den Anschein hatte, und fuhr das Mädchen an: „Warum solltest du nach mir Ausschau halten? Hat er etwa Angst davor, dass ich nach Hause komme? Da muss doch noch etwas anderes dahinterstecken! Heraus damit! Dann werde ich dich künftig auch lieb haben. Aber wenn du mir jetzt nicht alles erzählst, hole ich auf der Stelle ein Messer und schneide dir das Fleisch vom Leibe!"
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Bei diesen Worten zog sie sich eine Haarnadel aus der Frisur und stach damit wild auf den Mund des Mädchens ein. Erschrocken wich das Mädchen aus und bat unter Tränen: „Ich sage es Euch, Herrin! Aber Ihr dürft nicht verraten, dass ich es war!"
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Friedchen redete auf der einen Seite begütigend auf Phönixglanz ein, auf der anderen drängte sie das Mädchen, endlich zu reden.
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Da berichtete das Mädchen: „Der junge Herr ist erst vor Kurzem nach Hause gekommen. Er hat ein Weilchen geschlafen, und als er aufwachte, schickte er jemanden, um nachzusehen, wo Ihr seid. Als es hieß, Ihr hättet Euch eben erst zu Tisch gesetzt und es werde noch eine gute Weile daürn, öffnete er eine Truhe und nahm zwei Stücke Silber heraus, dazu zwei Haarnadeln und zwei Stücke Seidenstoff. Das sollte ich heimlich zur Frau von Bao Er [鲍二] bringen und ihr sagen, sie solle herüberkommen. Sie hat die Sachen angenommen und ist in unsere Räume gegangen. Der junge Herr hat mir dann befohlen, nach Euch Ausschau zu halten. Was weiter geschah, weiß ich nicht."
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Als Phönixglanz das hörte, wurde sie so wütend, dass ihr der ganze Leib erschlaffte. Dann sprang sie auf und eilte schnurstracks nach Hause. Am Hoftor angekommen, sah sie ein weiteres kleines Dienstmädchen, das hier Wache hielt und den Kopf neugierig durch das Tor steckte. Als es Phönixglanz erblickte, zog es den Kopf ein und wollte ebenfalls davonlaufen.
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Phönixglanz rief das Mädchen beim Namen an und brachte es zum Stehen. Das Mädchen war von Natur aus gewandt. Als es sah, dass es kein Entrinnen gab, lief es ihr dreist entgegen und sagte lächelnd: „Ich wollte gerade zu Euch kommen und es Euch melden, junge Herrin, aber da seid Ihr schon selber hier!"
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Phönixglanz fragte: „Was wolltest du mir melden?"
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Da erzählte das Mädchen, der junge Herr sei zu Hause, und so fort und so weiter, und wiederholte im Wesentlichen alles, was auch die erste gesagt hatte.
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Phönixglanz spie aus und sagte: „Wo warst du denn bis eben? Jetzt, wo ich dich ertappt habe, willst du dich reinwaschen!" Damit holte sie aus und versetzte dem Mädchen einen Schlag, dass es zur Seite taumelte. Dann schlich sie auf leisen Sohlen zum Fenster und lauschte.
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Von drinnen war Gelächter zu hören und die Stimme einer Frau: „Es wäre schön, wenn dein Höllenweib von Gemahlin endlich krepieren würde!"
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Kette Kaufmann [贾琏] erwiderte: „Wenn sie stirbt und ich eine andere heirate, wird die genauso sein. Was ist also gewonnen?"
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Die Frau sagte: „Wenn sie stirbt, solltest du lieber Friedchen zur Hauptfrau machen. Das wäre wohl noch das Beste."
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Kette Kaufmann klagte: „Heutzutage lässt sie mich nicht einmal mehr an Friedchen heran. Friedchen hat auch allen Grund, sich zu beklagen, wagt es aber nicht zu sagen. Warum nur muss ich mein Leben lang unter diesem Teufelsstern leiden!"
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Als Phönixglanz das hörte, bebte sie am ganzen Leib vor Wut. Und weil die beiden sich lobend über Friedchen geäußert hatten, argwöhnte sie, dass auch Friedchen ihr insgeheim ständig grollte. Der Wein stieg ihr nun erst recht zu Kopfe. Ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen, drehte sie sich um und versetzte Friedchen erst einmal zwei Schläge. Dann stieß sie mit dem Fuß die Tür auf, stürzte ins Zimmer und fiel, ohne ein Wort der Erklärung zuzulassen, über die Frau von Bao Er her und begann, sie zu zerren und zu schlagen.
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Aus Angst, Kette Kaufmann könnte ihr entkommen, stellte sie sich in die Tür und schimpfte: „Du schamlose Hure! Erst stiehlst du deiner Herrin den Mann, und dann willst du auch noch deine Herrin umbringen lassen! – Friedchen, komm her! Ihr schamloses Hurenpack, ihr steckt alle unter einer Decke! Ihr hasst mich und heuchelt mir nur Freundschaft vor!" Damit schlug sie wieder auf Friedchen ein.
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Die arme Friedchen, die das schreiende Unrecht wehrlos über sich ergehen lassen musste, konnte nur noch trocken schluchzen und schimpfte: „Ihr treibt eure schamlosen Dinge und müsst dann auch noch mich mit hineinziehen! Was habe ich damit zu tun?"
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Damit fiel auch sie über die Frau von Bao Er her und begann, sie zu schlagen und zu kratzen.
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Kette Kaufmann, der ebenfalls zu viel getrunken hatte und in bester Laune nach Hause gekommen war, hatte es an der nötigen Vorsicht fehlen lassen. Als plötzlich Phönixglanz im Zimmer stand, war er völlig ratlos. Und als nun auch noch Friedchen losschlug, stieg ihm der Wein erst recht in den Kopf und vermischte sich mit seinem Zorn. Solange Phönixglanz die Frau von Bao Er verprügelt hatte, war er zwar außer sich vor Wut und Scham gewesen, hatte aber nicht gut etwas dagegen sagen können. Doch als jetzt auch Friedchen zuschlagen wollte, sprang er dazwischen, trat nach Friedchen und schimpfte: „Du willst auch noch zuschlagen, du Hure?"
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Friedchen ließ vor Angst vor Kette Kaufmanns Fußtritten von der Frau ab, schluchzte aber: „Wenn ihr heimlich solche Gespräche führt, warum müsst ihr dann mich mit hineinziehen?"
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Dass Friedchen vor Kette Kaufmann Angst hatte, entfachte Phönixglanz' Wut aufs Neue. Sie stürzte hinzu, schlug auf Friedchen ein und befahl ihr gleichzeitig, die Frau von Bao Er weiter zu verprügeln. In ihrer Verzweiflung rannte Friedchen aus dem Zimmer und suchte nach einem Messer, um sich das Leben zu nehmen. Aber sofort fielen ihr die Bediensteten und Dienstmädchen in den Arm und redeten ihr gut zu.
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Als Phönixglanz hörte, dass Friedchen sich umbringen wollte, rannte sie mit dem Kopf gegen Kette Kaufmanns Brust und schrie: „Ihr wart darauf aus, mich umzubringen, und jetzt, wo ich euch erwischt habe, wollt ihr mir Angst machen! Na dann erwürge mich doch!"
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Wutentbrannt riss Kette Kaufmann sein Schwert von der Wand und rief: „Keine von euch muss sich selber umbringen! Mir reicht es auch! Ich bringe euch alle miteinander um und zahle gern mit meinem Kopf dafür! Dann ist endlich reiner Tisch!"
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Während der Streit noch in vollem Gange war, erschien plötzlich Dame Sonders mit einer ganzen Schar von Begleiterinnen und fragte: „Was soll das heißen? Eben noch war alles gut, und auf einmal bricht so ein Krach los?"
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Als Kette Kaufmann die vielen Leute sah, gab ihm der Wein dreifachen Mut. Er tat groß und machte Anstalten, Phönixglanz tatsächlich umzubringen. Phönixglanz aber gebärdete sich angesichts der Zuschaür nicht mehr so rasend wie zuvor. Sie ließ die anderen stehen und lief weinend zur Herzoginmutter hinüber.
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Das Theaterstück war inzwischen zu Ende. Phönixglanz stürzte zur Herzoginmutter, warf sich in ihre Arme und stammelte: „Rettet mich, alte Ahne! Kette will mich umbringen!"
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„Was ist denn los?" fragten die Herzoginmutter, Dame Strafe und Dame König wie aus einem Munde.
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Schluchzend berichtete Phönixglanz: „Ich war eben nach Hause gegangen, um mir etwas anderes anzuziehen. Zu meiner Überraschung war Kette schon daheim und sprach mit jemand. Ich dachte, es sei Besuch da, und wagte nicht einzutreten. Als ich draußen am Fenster lauschte, hörte ich, wie er mit der Frau von Bao Er darüber sprach, wie furchtbar ich sei und dass er mich mit Gift umbringen wolle, um dann Friedchen zur Hauptfrau zu machen. Ich war wütend, wagte aber nicht, mit ihm zu streiten, und habe nur Friedchen geschlagen und sie gefragt, warum sie mich umbringen wollen. Da brauste er auf und wollte mich totschlagen."
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Die Herzoginmutter glaubte ihr jedes Wort und sagte: „Das ist ja unerhört! Bringt diesen nichtswürdigen Kerl sofort her!"
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Sie hatte noch nicht ausgesprochen, als Kette Kaufmann bereits mit dem Schwert in der Hand hereingestürmt kam, eine ganze Menschentraube auf den Fersen. Er vertraute darauf, dass die Herzoginmutter ihn und Phönixglanz stets verwöhnt hatte, und glaubte, sogar in Gegenwart seiner Mutter und Tante den wilden Mann spielen zu können.
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Dame Strafe und Dame König traten ihm wütend in den Weg und schimpften: „Du nichtswürdige Brut! Du wirst ja immer frecher! Die alte gnädige Frau ist hier!"
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Kette Kaufmann schielte sie mit verschwommenem Blick an und sagte: „Nur weil die alte gnädige Frau ihr alles durchgehen lässt, ist sie so geworden! Jetzt wagt sie es sogar, mich zu beschimpfen!"
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Außer sich vor Wut riss ihm Dame Strafe das Schwert aus der Hand und herrschte ihn an: „Raus mit dir! Sofort!"
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Aber Kette Kaufmann spielte weiter den Unverschämten, lallte und geiferte immer neuen Unsinn.
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Aufgebracht sagte die Herzoginmutter: „Du hast wohl keinen Respekt mehr vor uns! Man rufe seinen Vater herbei!"
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Als Kette Kaufmann diese Drohung hörte, ging er endlich schwankenden Schrittes hinaus. Doch vor Zorn kehrte er nicht in seine Wohnräume zurück, sondern ging in sein äußeres Arbeitszimmer.
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Nun redeten auch Dame Strafe und Dame König auf Phönixglanz ein, die Herzoginmutter aber sagte lächelnd: „Was soll an der Sache denn so Schlimmes sein! Junge Leute sind wie naschhafte Kätzchen – da kann man nicht verhindern, dass so etwas passiert. So war es von jeher bei allen Sterblichen. Schuld bin nur ich allein. Sie hat zu viel Wein trinken müssen, da ist ihr der Essig hochgekommen [Anm.: chinesisches Sprichwort – 'Essig essen' bedeutet eifersüchtig sein]."
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Alle lachten darüber. Die Herzoginmutter fuhr fort: „Sei unbesorgt! Morgen lasse ich ihn herkommen und sich bei dir entschuldigen. Du aber darfst heute nicht hinübergehen, damit er nicht noch aufgebracht wird."
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Dann schimpfte sie über Friedchen: „Von diesem Spitzbein hatte ich immer gedacht, sie sei ein guter Mensch. Wie ist es möglich, dass sie insgeheim so böse ist!"
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Dame Sonders und die anderen sagten lächelnd: „Friedchen trifft keine Schuld. Phönix hat nur ihren Ärger an ihr ausgelassen. Weil Eheleute einander nicht gut verprügeln können, haben sich beide an Friedchen abreagiert. Die Ärmste hat genug gelitten, und nun schimpft Ihr auch noch auf sie, alte gnädige Frau!"
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Die Herzoginmutter sagte: „So war das also! Ich wusste es doch, dass dieses Kind nicht von der Sorte Füchsinnen und Giftmischerinnen ist. Dann tut sie mir wirklich leid – dass sie ohne jeden Grund den Ärger der beiden über sich ergehen lassen musste." Sie rief Bernstein [琥珀] herbei und trug ihr auf: „Geh hinüber und sage Friedchen in meinem Namen, ich wisse, dass ihr Unrecht geschehen sei. Morgen werde ich Phönixglanz befehlen, sich bei ihr zu entschuldigen. Heute aber sei der Ehrentag ihrer Herrin, und sie dürfe keinen Aufstand machen."
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Friedchen war indessen schon von Seidenweiß Pflaume [李纨] in den Garten der Großen Anschauung gebracht worden. Sie weinte und schluchzte so heftig, dass sie kaum Atem holen konnte. Schatzspange redete ihr zu: „Du bist doch ein verständiger Mensch und weißt, wie gut Phönix sonst immer zu dir ist. Heute hat sie eben einen Schluck zu viel getrunken. An wem hätte sie ihre Wut auslassen sollen, wenn nicht an dir? Hätte sie etwa auf jemand anderen eingeschlagen, dann hätte man über sie gelacht und gesagt, sie sei betrunken. Du solltest die Kränkung jetzt hinnehmen. Sonst würden ja all die guten Eigenschaften, die man sonst an dir kennt, als bloße Täuschung erscheinen."
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Gerade als sie das sagte, kam Bernstein herüber und richtete aus, was die Herzoginmutter ihr aufgetragen hatte. Als Friedchen erkannte, dass doch einiger Glanz auf sie fiel, beruhigte sie sich allmählich, ging aber nicht wieder nach vorn.
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Nachdem sich Schatzspange und die anderen Mädchen ein wenig ausgeruht hatten, begaben sie sich wieder zur Herzoginmutter und zu Phönixglanz.
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Schatzjade aber nahm Friedchen mit in den Hof der Roten Freude [怡红院]. Dufthauch [袭人]<ref>Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die Angreifende/Überraschende" (nach dem Gedicht „der Blütenduft greift den Menschen an"). Schatzjades erste Kammerzofe.</ref> empfing sie sogleich und sagte lächelnd: „Ich wollte dich auch schon herbitten, aber weil die erste junge Herrin und die Fräulein dich zu sich genommen hatten, konnte ich das schlecht tun."
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Friedchen erwiderte höflich lächelnd: „Vielen Dank." Dann fuhr sie fort: „Woraus ist das nur gekommen? Aus dem heiteren Himmel musste ich ohne jeden Grund einen Wutausbruch über mich ergehen lassen!"
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Dufthauch sagte lächelnd: „Die zweite junge Herrin ist sonst immer gut zu dir. Das war nur eine plötzliche Aufwallung."
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Friedchen sagte: „Gegen die zweite junge Herrin will ich auch gar nichts sagen. Das hat mir nur dieses schamlose Weib eingebrockt, und sie musste sich auch noch ausgerechnet über mich lustig machen. Und dann hat mich auch noch unser Dummkopf von jungem Herrn geschlagen!" Wieder stieg ihr die erlittene Kränkung in die Kehle, und sie konnte ihre Tränen nicht zurückhalten.
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Schatzjade tröstete sie eilig: „Sei nicht traurig, liebe Schwester! Ich bitte dich anstelle der beiden um Verzeihung."
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Friedchen fragte lächelnd: „Was hast du damit zu tun?"
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Schatzjade erwiderte lächelnd: „Vettern und Kusinen sind alle einerlei. Darum ist es nur recht, wenn ich um Verzeihung bitte, wenn sie jemand beleidigt haben." Dann fuhr er fort: „Schade um dein schönes neues Kleid – es ist ganz nass geworden. Aber hier hat Schwester Hua [Anm.: Dufthauch] genügend Kleider. Willst du dich nicht umziehen, und wir lassen dein Gewand mit Branntwein besprühen und bügeln? Du solltest dir auch die Frisur richten und das Gesicht waschen."
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Damit befahl er den kleinen Mädchen, Waschwasser zu schöpfen und das Bügeleisen heiß zu machen.
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Friedchen hatte schon immer nur gehört, Schatzjade wisse mit Mädchen besonders gut umzugehen. Schatzjade seinerseits hatte sich Friedchen nie zu nähern gewagt, weil er wusste, dass sie Kette Kaufmanns Lieblingsnebenfrau und zugleich Phönixglanz' Vertraute war. Aber er hatte es stets bedaürt, den Wünschen seines Herzens nicht folgen zu können. Als Friedchen jetzt sah, wie er sich verhielt, dachte sie still bei sich: „Es ist wirklich wahr, was man sich erzählt. Wie umsichtig und aufmerksam er doch ist!"
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Als nun Dufthauch eigens ihre Truhe öffnete und ein paar wenig getragene Kleidungsstücke herausholte, die sie ihr gab, beeilte sich Friedchen, ihr Obergewand abzulegen, und wusch sich rasch das Gesicht.
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Schatzjade redete ihr lächelnd zu: „Du solltest auch ein wenig Puder und Schminke auflegen, damit Phönix nicht denkt, du seist ihr böse – noch dazu an ihrem Geburtstag. Zudem hat die alte gnädige Frau schon jemanden geschickt, um dir ihr Mitgefühl auszudrücken."
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Friedchen fand, dass er recht hatte, und suchte nach Puder, konnte aber keinen finden. Da eilte Schatzjade an den Toilettentisch und hob den Deckel eines Döschen aus Xuande-Porzellan [Anm.: kostbares Porzellan aus der Xuande-Ära, 1426-1435] ab. Darin lagen in einer Reihe an die zehn kleine Stäbchen, die aussahen wie die keulenförmigen Blüten der Funkie [Anm.: Hosta, eine Zierpflanze]. Er nahm eines heraus und reichte es Friedchen. Lächelnd erklärte er ihr: „Das ist kein Bleipuder. Es ist aus zerriebenen Samenkörnern der Wunderblume [Anm.: Mirabilis jalapa, die Vieruhrblume] hergestellt und mit Duftstoffen versetzt."
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Friedchen nahm das Stäbchen in die Hand und betrachtete es. Es war wahrhaftig leicht, weiß-rosig und duftend – in jeder Hinsicht allerliebst. Als sie es im Gesicht verrieb, verteilte es sich gleichmäßig, machte die Haut geschmeidig und glatt – ganz anders als der gewöhnliche Puder, der schwer und grobkörnig war und die Haut rau machte.
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Dann fiel ihr Blick auf das Rouge. Es war nicht auf Papierblättchen aufgetragen wie sonst, sondern in ein winziges Döschen aus weißem Jade gefüllt und sah eher aus wie Rosenmus.
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Schatzjade erläuterte lächelnd: „Das Rouge, das man auf dem Markt zu kaufen bekommt, ist nicht rein, und die Farbe ist blass. Hier aber wurde aus den besten Blüten der Saft ausgepresst, die Masse geläutert, der Rückstand entfernt, mit Blütenessenz versetzt und dann gedämpft und verdichtet. Man braucht nur ein winziges Bisschen mit einer dünnen Haarnadel herauszunehmen und auf dem Handteller mit einem Tropfen Wasser zu verrühren, dann kann man sich die Lippen damit färben. Was auf der Hand übrig bleibt, reicht für beide Wangen."
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Friedchen schminkte sich so, wie Schatzjade es ihr beschrieben hatte, und stellte fest, dass dieses Rouge tatsächlich außerordentlich intensiv leuchtete und ihren Wangen einen süßen Duft verlieh.
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Schatzjade schnitt noch mit einer Bambusschere einen Stiel mit zwei Blüten einer Herbstorchidee ab, die eben im Topf blühte, und steckte ihn Friedchen ins Schläfenhaar.
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Gerade da erschien ein Dienstmädchen, das Seidenweiß Pflaume geschickt hatte, um Friedchen zu holen. So eilte Friedchen eilig fort.
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Schatzjade hatte, wie gesagt, noch nie Gelegenheit gehabt, Friedchen gegenüber den Wünschen seines Herzens zu folgen. Und er empfand dies umso schmerzlicher, als Friedchen ein überaus kluges und außerordentlich schönes Wesen war, eine Frau von höchstem Rang unter den Dienstmädchen, mit der sich das gemeine Volk dummer und unbeholfener Geschöpfe nicht messen konnte. Sein Herz war immer voll Bedaürn darüber gewesen.
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Heute nun war Goldschelles [金钏儿] Geburtstag [Anm.: Goldschelle, die sich im Kap. 32 aus Scham in den Brunnen gestürzt hatte], und er war den ganzen Tag bedrückt gewesen. Dass es dann zu diesem Zwischenfall gekommen war, der ihm ermöglicht hatte, Friedchen gegenüber wenigstens ein wenig von dem zu tun, was sein Herz begehrte – das bedeutete ihm eine Freude, wie er sie sich für dieses Leben nie zu erhoffen gewagt hätte.
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Zufrieden und glücklich streckte er sich auf seinem Bett aus. Doch dann kam ihm der Gedanke, dass Kette Kaufmann nur das eine Vergnügen kannte – fleischliche Lust – und nicht verstand, was es hieß, ein zartes Wesen liebevoll zu pflegen. Ferner dachte er daran, dass Friedchen ganz allein auf der Welt stand, ohne Vater und Mutter, ohne Brüder und Schwestern, und dass sie ihr ganzes Dasein dem Dienst an Kette Kaufmann und Phönixglanz widmete – dem einen, der so vulgär war, und der anderen, die so gebieterisch war. Und trotz allem verstand es Friedchen, sich beiden gegenüber tadellos und umsichtig zu verhalten. Und dafür war ihr heute so übel mitgespielt worden! Offenbar war ihr ein Schicksal bestimmt, das noch härter war als das von Kajaljade.
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Dieser Gedanke machte Schatzjade so traurig, dass ihm unwillkürlich die Tränen herunterliefen. Und da weder Dufthauch noch sonst jemand im Zimmer war, konnte er sich seinem Schmerz ungestört hingeben und einige bittere Tränen vergießen.
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Als er wieder aufstand, sah er, dass der Branntwein, den man auf Friedchens Gewand gesprüht hatte, schon beinahe verflogen war. Er griff nach dem Bügeleisen, bügelte das Gewand sorgfältig glatt und legte es zusammen. Dann entdeckte er, dass Friedchen ihr Taschentuch vergessen hatte und dass es noch feucht war von ihren Tränen. Da wusch er es in der Waschschüssel und hängte es zum Trocknen auf.
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Nachdem er sich noch eine Weile abwechselnd der Freude und dem Kummer hingegeben hatte, ging auch er ins Reisduftdorf [Anm.: Seidenweiß Pflaumes Wohnstätte] hinüber, wo er eine Zeitlang mit den anderen plauderte. Als es Zeit wurde, die Lampen anzuzünden, gingen alle auseinander.
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Friedchen verbrachte die Nacht bei Seidenweiß Pflaume, Phönixglanz aber blieb bei der Herzoginmutter. So fand Kette Kaufmann seine Wohnräume leer und verlassen vor, als er zur Nacht zurückkehrte. Da er niemanden gut rufen konnte, verbrachte er die Nacht mehr schlecht als recht.
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Als er am nächsten Morgen aufwachte, kam ihm die ganze Geschichte vom Vortag höchst sinnlos vor, und er bereute zutiefst, was er getan hatte.
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Dame Strafe hatte nicht vergessen, wie sich Kette Kaufmann in seiner Trunkenheit benommen hatte. Darum kam sie schon am frühen Morgen zu ihm und befahl ihm, zur Herzoginmutter mitzukommen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr beschämt und reumütig zu folgen und vor der Herzoginmutter niederzuknien.
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„Was ist?" fragte die Herzoginmutter.
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Hastig setzte Kette Kaufmann ein Lächeln auf und sagte: „Gestern war ich betrunken und habe die alte gnädige Frau erschreckt. Ich komme, um meine Strafe zu empfangen."
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„Pfui, du verkommenes Subjekt!" sagte die Herzoginmutter und spuckte aus. „Lässt dich mit der gelben Brühe volllaufen, und anstatt deine Knochen still und bescheiden irgendwo hinzulegen und den Rausch auszuschlafen, fängst du an, deine Frau zu verprügeln! Phönix, die sonst stets so stolze Reden führt und sich nicht anders benimmt als ein Hegemon – die war gestern geradezu zum Erbarmen ängstlich. Was hättest du gemacht, wenn ich nicht dagewesen wäre und du sie umgebracht hättest?"
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Kette Kaufmann steckte die Schmähungen ein, ohne sich zu verteidigen, und nahm alle Schuld auf sich.
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Die Herzoginmutter fuhr fort: „Phönixglanz und Friedchen – sind das etwa keine Schönheiten? Aber dir sind sie nicht genug! Du lässt nicht ab, hinter jedem Rock herzulaufen, und schleppst jeden Dreck mit ins Haus! Wegen solcher Schlampen verprügelst du dann Frau und Nebenfrau! Du stammst aus einer angesehenen Familie und bringst dich dermaßen in Schande! Wenn du noch Achtung vor mir hast, dann steh auf, und ich werde dir verzeihen. Aber du musst dich brav bei deiner Frau entschuldigen und sie nach Hause bringen. Dann bin ich zufrieden. Andernfalls geh fort – dein Kniefall gilt mir nichts."
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Kette Kaufmann hörte diese Worte und blickte zu Phönixglanz hinüber, die dort stand – ohne den üblichen Schmuck, die Augen vom Weinen geschwollen, das ungeschminkte Gesicht blass und fahl. So erschien sie ihm noch liebenswerter und rührender als sonst, und er sagte sich: „Am besten entschuldige ich mich. Dann können wir uns wieder vertragen, und die alte gnädige Frau freut sich auch."
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Nachdem er diesen Gedanken zu Ende gebracht hatte, stand er auf, machte eine Verbeugung mit zusammengelegten Händen vor Phönixglanz und sagte lächelnd: „Es war mein Fehler. Möge die zweite junge Herrin mir verzeihen."
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Alle im Raum lachten.
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Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Phönix, du darfst ihm jetzt nicht mehr böse sein! Wenn du ihm noch weiter böse bist, werde ich böse."
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Dann ließ sie Friedchen holen und befahl Phönixglanz und Kette Kaufmann, sich mit ihr zu versöhnen. Beim Anblick von Friedchen gab es für Kette Kaufmann erst recht kein Halten mehr – heißt es doch: „Besser als die Ehefrau ist die Nebenfrau, am allerbesten jedoch eine Fremde." Auf Geheiß der Herzoginmutter trat er zu Friedchen heran und sagte: „Du wurdest gestern gekränkt, und das ist meine Schuld. Die Herrin hat dich nur meinetwegen geschlagen. Ich bitte dich nicht nur um meinetwillen um Verzeihung, sondern auch für die Herrin."
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Damit machte er auch vor ihr eine Verbeugung mit zusammengelegten Händen, was bei der Herzoginmutter ein neuerliches Lachen auslöste.
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Auch Phönixglanz lächelte dazu. Die Herzoginmutter befahl nun Phönixglanz, sich ebenfalls mit Friedchen zu versöhnen. Doch Friedchen war bereits nähergetreten, kniete vor Phönixglanz nieder und sagte: „Am Geburtstag der Herrin habe ich ihren Zorn erregt. Ich verdiene den Tod!"
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Phönixglanz hatte es längst bereut, dass sie am Vortag nach dem reichlichen Weingenuss ihre eigentlichen Gefühle für Friedchen vergessen, sich von einem Wort der anderen aufhetzen lassen und Friedchen so beschämt hatte. Jetzt war sie beschämt und bekümmert zugleich. Hastig zog sie Friedchen auf die Beine und begann dabei zu weinen.
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Friedchen sagte: „In all den Jahren, die ich Euch diene, hattet Ihr mich nicht ein einziges Mal auch nur mit dem Fingernagel angetippt, Herrin. Auch wegen der gestrigen Schläge grolle ich Euch nicht. An allem war nur dieses schamlose Weib schuld. Man kann es Euch nicht verübeln, dass Ihr aufgebracht wart."
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Bei diesen Worten begann auch Friedchen zu weinen.
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Die Herzoginmutter befahl nun: „Bringt die drei nach Hause! Und wenn jemand noch ein einziges Mal von dieser Geschichte spricht, wird er mir sofort gemeldet. Dann bekommt er eine Tracht mit meinem Krückstock – ganz gleich, wer es ist!"
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Die drei machten noch einmal einen Kowtau vor der Herzoginmutter sowie vor Dame Strafe und Dame König. Die alten Ammen begleiteten sie in ihre Räume zurück.
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Kaum waren sie allein, sagte Phönixglanz: „Was bin ich denn für ein Höllenweib, was für eine Teufelsbrut? Dieses schamlose Weib wünscht mir den Tod an den Hals, und du machst fleißig mit! Mag ich auch tausendmal schlecht gewesen sein – einmal war ich auch gut! Jetzt soll ich nicht einmal so einer Hure gleichkommen. Wie kann ich mit dieser Schande weiterleben?" Und wieder begann sie zu weinen.
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Kette Kaufmann erwiderte: „Hast du immer noch nicht genug? Überleg einmal, wer gestern die größere Schuld hatte! Und trotzdem war ich es, der heute vor aller Augen auf die Knie gefallen ist und um Verzeihung gebeten hat. Damit hast du doch genug Ehre gewonnen! Was soll dein Gezeter? Soll ich vielleicht auch noch vor dir niederknien, ehe du endlich Ruhe gibst? Es ist nicht gut, wenn man es gar zu weit treibt!"
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Phönixglanz wusste darauf nichts zu erwidern. Friedchen aber prustete lachend heraus.
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Kette Kaufmann sagte ebenfalls lächelnd: „Ist es nun wieder gut? Ich weiß wahrhaftig nicht mehr, was ich noch tun soll."
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Gerade als sie so redeten, kam eine Dienerin herein und meldete: „Die Frau von Bao Er hat sich erhängt."
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Kette Kaufmann und Phönixglanz fuhren beide vor Schreck zusammen. Phönixglanz aber hatte sich sogleich wieder in der Gewalt, verbarg ihre Bestürzung und schnauzte: „Tot ist tot! Was soll das große Geschrei?"
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Kurz darauf kam die Frau von Lin Zhixiao herein und berichtete Phönixglanz leise: „Die Frau von Bao Er hat sich erhängt. Ihre Verwandtschaft droht, Anzeige zu erstatten."
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Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Das trifft sich ja bestens! Ich habe ohnehin gerade Lust auf einen Prozess."
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Die Frau von Lin Zhixiao sagte: „Wir haben eben auf die Leute eingeredet, ihnen auch ein wenig Angst gemacht und ihnen ein paar Münzen versprochen. Damit haben sie sich zufriedengegeben."
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Phönixglanz erklärte: „Ich habe keinen einzigen Kupfer! Und selbst wenn ich Geld hätte, würde ich es nicht hergeben. Sollen sie ruhig Anzeige erstatten! Niemand soll ihnen abraten, niemand soll ihnen Angst machen. Sollen sie mich nur verklagen! Und wenn sie damit nicht durchkommen, verklage ich sie wegen Erpressung mit einer Leiche!"
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Die Frau von Lin Zhixiao war in großer Verlegenheit, als sie bemerkte, dass Kette Kaufmann ihr verstohlen zuwinkte. Sie verstand, ging hinaus und wartete.
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Kette Kaufmann sagte: „Ich gehe nachsehen, was da los ist."
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Phönixglanz warnte: „Aber gib ihnen kein Geld!"
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Kette Kaufmann ging geradewegs hinaus, beriet sich mit Lin Zhixiao und schickte dann jemanden los, der den Leuten gut zuredete und ihnen zugleich drohte. Schließlich einigte man sich auf zweihundert Liang Silber für die Begräbniskosten. Weil Kette Kaufmann befürchtete, die Leute könnten es sich wieder anders überlegen, schickte er noch jemanden zu König Ziteng [王子腾], damit dieser dafür sorgte, dass ein paar Amtsknechte und Leichenbeschaür bei der Bestattung behilflich waren. Als die Angehörigen der Frau von Bao Er das sahen, wagten sie nicht mehr aufzubegehren, auch wenn sie es gern getan hätten, und schwiegen still.
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Außerdem befahl Kette Lin Zhi Kaufmannxiao, die zweihundert Liang Silber in der laufenden Haushaltsrechnung unter verschiedenen kleinen Posten aufzuteilen und dort unauffällig abzubuchen. Bao Er selbst steckte er ein paar Liang aus seinem eigenen Geld zu und tröstete ihn: „Ein andermal suche ich dir eine gute neue Frau."
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Bao Er, der sich dermaßen beschenkt und geehrt sah, hatte keinen Grund sich zu sträuben und war Kette Kaufmann auch künftig zu Diensten. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
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Phönixglanz drinnen fühlte sich zwar innerlich unruhig, gab aber äußerlich den Anschein, als kümmere die Sache sie gar nicht. Da sonst niemand im Zimmer war, fasste sie Friedchen bei der Hand und sagte lächelnd: „Ich war gestern stockbetrunken. Sei mir nicht böse! Wohin habe ich dich geschlagen? Lass mich mal sehen."
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Friedchen versicherte: „So schlimm war es gar nicht."
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Da wurde draußen gemeldet: „Die junge gnädige Frau und die Fräulein sind da!"
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Wer wissen will, wie es weiterging, muss das nächste Kapitel lesen.
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<references />

Latest revision as of 19:29, 28 April 2026

Kapitel 44

In dem ein unvorhergesehenes Ereignis Phönixglanz[1] zur Eifersuchtsszene treibt und zu ihrer freudigen Überraschung Friedchen[2] sich schmücken darf

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Alle sahen sich also die Aufführung der „Dornenhaarnadel" an, und Schatzjade [贾宝玉][3] saß mit den Mädchen zusammen. Als die Szene „Opfer des Mannes" [男祭] gespielt wurde, sagte Kajaljade [林黛玉][4] zu Schatzspange [薛宝钗][5]: „Dieser König Shipeng ist aber auch reichlich unverständig! Es ist doch ganz gleich, wo man opfert – warum muss er unbedingt an den Fluss laufen? 'Der Anblick weckt Erinnerung', sagt ein Sprichwort. Und da alles Wasser der Welt auf eine einzige Quelle zurückgeht, hätte er sonst wo eine Schale Wasser schöpfen und bei ihrem Anblick seine Tränen vergießen können, um seinem Kummer Luft zu machen."

Schatzspange erwiderte nichts darauf. Schatzjade aber wandte sich um und verlangte nach frisch gewärmtem Wein, um Phönixglanz [王熙凤] zuzutrinken.

Wie die Herzoginmutter [贾母][6] gesagt hatte, sollte dieser Tag anders sein als der gewöhnliche Alltag, und Phönixglanz sollte sich einmal nach Herzenslust vergnügen. Die Herzoginmutter selbst hatte keine Lust, an der Festtafel zu sitzen, und hatte sich im Innenraum auf einem Ruhebett ausgestreckt, von wo aus sie mit Tante Schnee [薛姨妈][7] gemeinsam das Theaterspiel verfolgte. Einige Lieblingsspeisen hatten sie sich auf ein kleines Tischchen setzen lassen und aßen und plauderten nach Belieben. Ihre beiden Festgedecke dagegen hatten sie den großen und kleinen Dienstmädchen und den aufwartenden Frauen überlassen, für die kein eigener Tisch gedeckt war, und hatten ihnen befohlen, sich draußen im Säulengang vor den Fenstern niederzulassen und dort in aller Zwanglosigkeit zu essen und zu trinken, ohne sich vom Zeremoniell beengt zu fühlen. Dame König[8] und Dame Strafe[9] saßen drinnen an einem erhöhten Tisch, draußen aber saßen die Mädchen an mehreren Festtafeln.

Immer wieder ermahnte die Herzoginmutter Dame Sonders [尤氏] und die anderen: „Lasst Phönix auf dem Ehrenplatz sitzen und bewirtet sie mir ordentlich! Das ganze Jahr über plagt sie sich ab."

Dame Sonders sagte: „Jawohl!", meldete dann aber lächelnd: „Sie ist es nicht gewohnt, auf dem Ehrenplatz zu sitzen. Da passt ihr dies nicht und das nicht, und Wein will sie auch keinen trinken."

Als die Herzoginmutter das hörte, sagte sie lächelnd: „Wenn du sie nicht zum Trinken bewegen kannst, werde ich persönlich hingehen und sie auffordern!"

Phönixglanz kam eilig herein und sagte lächelnd: „Alte Ahne, glaubt ihnen nicht! Ich habe schon einige Becher getrunken."

Die Herzoginmutter befahl Dame Sonders lächelnd: „Schnell, bring sie wieder hinaus! Setz sie auf ihren Stuhl, und dann sollt ihr ihr alle der Reihe nach zuprosten! Wenn sie dann immer noch nicht trinkt, komme ich wirklich selber!"

Dame Sonders lachte, zog Phönixglanz mit sich hinaus und setzte sie auf ihren Platz. Sie ließ einen großen Pokal bringen und füllte ihn mit Wein. Dann sagte sie lächelnd: „Das ganze Jahr über mühst du dich in kindlicher Ehrerbietung für die alte gnädige Frau, die gnädige Frau und auch für mich ab. Heute kann ich dir meine Zuneigung nicht anders beweisen als mit diesem Becher Wein, den ich eigenhändig für dich eingegossen habe. Sei brav und trink einen Schluck aus meiner Hand!"

Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Wenn du mir wirklich deine Ehrerbietung beweisen willst, musst du niederknien. Dann trinke ich."

Dame Sonders sagte lächelnd: „Du weißt wohl vor lauter Lobworten nicht mehr, wer du bist! Ich sage dir, so eine Gelegenheit wie heute kommt vielleicht nie wieder! Also nimm dich zusammen und trink ein paar Becher!"

Phönixglanz sah ein, dass es kein Entrinnen gab, und trank zwei Becher. Anschließend traten auch die Mädchen heran, und wohl oder übel musste Phönixglanz aus jedem Becher, den man ihr reichte, einen Schluck nehmen.

Als Lai Das Mutter sah, wie fröhlich die Herzoginmutter war, machte sie sich den Spaß, mit einigen alten Ammen ebenfalls heranzutreten und Phönixglanz Wein zu kredenzen. Auch diesmal konnte Phönixglanz schlecht ablehnen und trank zwei weitere Schlucke. Als dann auch noch Mandarinenente [鸳鸯][10] und die anderen Dienstmädchen kamen, konnte Phönixglanz wirklich nicht mehr und bettelte: „Verschont mich doch, liebste Schwestern! Lasst mich morgen trinken!"

Mandarinenente erwiderte lächelnd: „So ist das also – wir gelten in Euren Augen nichts! Dabei schenkt uns selbst die gnädige Frau noch Beachtung. Sonst genießen wir durchaus Ansehen, aber heute vor all diesen Leuten kehrt Ihr die Herrin heraus! Ich hätte gar nicht erst kommen sollen. Wenn Ihr nicht trinkt, gehen wir eben!" Damit wandten sie sich wirklich zum Gehen.

Rasch eilte Phönixglanz ihnen nach, hielt Mandarinenente fest und sagte lächelnd: „Ich trinke ja schon, liebste Schwester!" Sie griff nach dem Wein, füllte ihren Becher bis zum Rand und trank ihn in einem Zug leer. Erst da ließ Mandarinenente lächelnd von ihr ab, und alle kehrten an ihren Platz zurück.

Phönixglanz spürte nun, dass der Wein ihr zu Kopfe stieg. Das Herz klopfte ihr bis zum Halse, als wolle es ihr aus der Brust springen. Sie wollte nach Hause gehen und sich ein wenig ausruhen. Gerade traten die Gaukler auf, und so sagte sie zu Dame Sonders: „Halte das Trinkgeld für sie bereit. Ich gehe mir das Gesicht waschen."

Dame Sonders nickte. Phönixglanz nutzte einen Augenblick, in dem niemand auf sie achtete, stand vom Tisch auf und ging zum Seitengang hinter der Tür. Friedchen [平儿], die stets ein Auge auf sie hatte, folgte ihr eilig nach, und Phönixglanz stützte sich auf ihren Arm.

Als sie eben an den gedeckten Wandelgang kamen, stand dort eines ihrer kleinen Dienstmädchen. Als es die beiden kommen sah, drehte es sich um und lief davon.

Phönixglanz wurde misstrauisch und rief hinter dem Mädchen her. Zuerst tat es, als hörte es nichts, doch als auch Friedchen rief, kam es notgedrungen zurück. Phönixglanz' Argwohn verstärkte sich. Hastig trat sie mit Friedchen in die Durchgangshalle und befahl auch dem kleinen Mädchen einzutreten. Dann ließ sie die Gittertür schließen, setzte sich auf die Treppenstufe des Hofgebäudes und befahl dem Mädchen niederzuknien. Mit lauter Stimme befahl sie Friedchen: „Hol vom Innentor zwei Burschen mit Stricken und Peitschen! Dieses kleine Spitzbein, das seine Herrin nicht kennen will, soll tüchtig durchgewalkt werden!"

Das kleine Dienstmädchen war vor Angst dem Tode nahe. Weinend schlug es unaufhörlich mit der Stirn auf den Boden und flehte um Gnade.

Phönixglanz sagte: „Ich bin doch kein Gespenst! Warum bist du nicht brav stehen geblieben, als du mich gesehen hast, sondern davongerannt?"

Das Mädchen weinte: „Ich hatte Euch nicht kommen sehen, Herrin. Mir fiel ein, dass niemand in unseren Räumen ist, deshalb bin ich gelaufen."

Phönixglanz fuhr sie an: „Wenn niemand da ist, wer hat dich dann hierher geschickt? Und selbst wenn du mich nicht gesehen hast – Friedchen und ich haben dir zehnmal und öfter aus voller Kehle nachgerufen, und je lauter wir riefen, desto schneller bist du gerannt! Wir waren doch gar nicht weit weg. Bist du etwa taub? Und dann wagst du noch zu widersprechen!"

Mit diesen Worten hob sie die Hand und schlug dem Mädchen so heftig ins Gesicht, dass es zu Boden stürzte. Gleich darauf schlug sie noch einmal auf die andere Wange. Sofort schwollen dem Mädchen beide Wangen purpurrot an.

Friedchen mahnte eilig: „Passt auf Eure Hand auf, Herrin!"

Phönixglanz befahl: „Schlag du sie weiter und frag sie, warum sie weggerannt ist! Wenn sie es immer noch nicht sagt, reiß ihr den Mund auf!"

Anfangs stritt das kleine Mädchen noch alles ab. Erst als Phönixglanz androhte, ein glühendes Eisen holen zu lassen, um ihr damit den Mund zu verbrennen, gestand es weinend: „Der junge Herr ist zu Hause. Er hat mich hierher geschickt, um nach Euch Ausschau zu halten. Sobald ich sähe, dass Ihr die Festtafel verlasst, sollte ich ihm schnell Bescheid geben. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, dass Ihr schon so bald kommen würdet."

Phönixglanz erkannte, dass in diesen Worten mehr steckte, als es den Anschein hatte, und fuhr das Mädchen an: „Warum solltest du nach mir Ausschau halten? Hat er etwa Angst davor, dass ich nach Hause komme? Da muss doch noch etwas anderes dahinterstecken! Heraus damit! Dann werde ich dich künftig auch lieb haben. Aber wenn du mir jetzt nicht alles erzählst, hole ich auf der Stelle ein Messer und schneide dir das Fleisch vom Leibe!"

Bei diesen Worten zog sie sich eine Haarnadel aus der Frisur und stach damit wild auf den Mund des Mädchens ein. Erschrocken wich das Mädchen aus und bat unter Tränen: „Ich sage es Euch, Herrin! Aber Ihr dürft nicht verraten, dass ich es war!"

Friedchen redete auf der einen Seite begütigend auf Phönixglanz ein, auf der anderen drängte sie das Mädchen, endlich zu reden.

Da berichtete das Mädchen: „Der junge Herr ist erst vor Kurzem nach Hause gekommen. Er hat ein Weilchen geschlafen, und als er aufwachte, schickte er jemanden, um nachzusehen, wo Ihr seid. Als es hieß, Ihr hättet Euch eben erst zu Tisch gesetzt und es werde noch eine gute Weile daürn, öffnete er eine Truhe und nahm zwei Stücke Silber heraus, dazu zwei Haarnadeln und zwei Stücke Seidenstoff. Das sollte ich heimlich zur Frau von Bao Er [鲍二] bringen und ihr sagen, sie solle herüberkommen. Sie hat die Sachen angenommen und ist in unsere Räume gegangen. Der junge Herr hat mir dann befohlen, nach Euch Ausschau zu halten. Was weiter geschah, weiß ich nicht."

Als Phönixglanz das hörte, wurde sie so wütend, dass ihr der ganze Leib erschlaffte. Dann sprang sie auf und eilte schnurstracks nach Hause. Am Hoftor angekommen, sah sie ein weiteres kleines Dienstmädchen, das hier Wache hielt und den Kopf neugierig durch das Tor steckte. Als es Phönixglanz erblickte, zog es den Kopf ein und wollte ebenfalls davonlaufen.

Phönixglanz rief das Mädchen beim Namen an und brachte es zum Stehen. Das Mädchen war von Natur aus gewandt. Als es sah, dass es kein Entrinnen gab, lief es ihr dreist entgegen und sagte lächelnd: „Ich wollte gerade zu Euch kommen und es Euch melden, junge Herrin, aber da seid Ihr schon selber hier!"

Phönixglanz fragte: „Was wolltest du mir melden?"

Da erzählte das Mädchen, der junge Herr sei zu Hause, und so fort und so weiter, und wiederholte im Wesentlichen alles, was auch die erste gesagt hatte.

Phönixglanz spie aus und sagte: „Wo warst du denn bis eben? Jetzt, wo ich dich ertappt habe, willst du dich reinwaschen!" Damit holte sie aus und versetzte dem Mädchen einen Schlag, dass es zur Seite taumelte. Dann schlich sie auf leisen Sohlen zum Fenster und lauschte.

Von drinnen war Gelächter zu hören und die Stimme einer Frau: „Es wäre schön, wenn dein Höllenweib von Gemahlin endlich krepieren würde!"

Kette Kaufmann [贾琏] erwiderte: „Wenn sie stirbt und ich eine andere heirate, wird die genauso sein. Was ist also gewonnen?"

Die Frau sagte: „Wenn sie stirbt, solltest du lieber Friedchen zur Hauptfrau machen. Das wäre wohl noch das Beste."

Kette Kaufmann klagte: „Heutzutage lässt sie mich nicht einmal mehr an Friedchen heran. Friedchen hat auch allen Grund, sich zu beklagen, wagt es aber nicht zu sagen. Warum nur muss ich mein Leben lang unter diesem Teufelsstern leiden!"

Als Phönixglanz das hörte, bebte sie am ganzen Leib vor Wut. Und weil die beiden sich lobend über Friedchen geäußert hatten, argwöhnte sie, dass auch Friedchen ihr insgeheim ständig grollte. Der Wein stieg ihr nun erst recht zu Kopfe. Ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen, drehte sie sich um und versetzte Friedchen erst einmal zwei Schläge. Dann stieß sie mit dem Fuß die Tür auf, stürzte ins Zimmer und fiel, ohne ein Wort der Erklärung zuzulassen, über die Frau von Bao Er her und begann, sie zu zerren und zu schlagen.

Aus Angst, Kette Kaufmann könnte ihr entkommen, stellte sie sich in die Tür und schimpfte: „Du schamlose Hure! Erst stiehlst du deiner Herrin den Mann, und dann willst du auch noch deine Herrin umbringen lassen! – Friedchen, komm her! Ihr schamloses Hurenpack, ihr steckt alle unter einer Decke! Ihr hasst mich und heuchelt mir nur Freundschaft vor!" Damit schlug sie wieder auf Friedchen ein.

Die arme Friedchen, die das schreiende Unrecht wehrlos über sich ergehen lassen musste, konnte nur noch trocken schluchzen und schimpfte: „Ihr treibt eure schamlosen Dinge und müsst dann auch noch mich mit hineinziehen! Was habe ich damit zu tun?"

Damit fiel auch sie über die Frau von Bao Er her und begann, sie zu schlagen und zu kratzen.

Kette Kaufmann, der ebenfalls zu viel getrunken hatte und in bester Laune nach Hause gekommen war, hatte es an der nötigen Vorsicht fehlen lassen. Als plötzlich Phönixglanz im Zimmer stand, war er völlig ratlos. Und als nun auch noch Friedchen losschlug, stieg ihm der Wein erst recht in den Kopf und vermischte sich mit seinem Zorn. Solange Phönixglanz die Frau von Bao Er verprügelt hatte, war er zwar außer sich vor Wut und Scham gewesen, hatte aber nicht gut etwas dagegen sagen können. Doch als jetzt auch Friedchen zuschlagen wollte, sprang er dazwischen, trat nach Friedchen und schimpfte: „Du willst auch noch zuschlagen, du Hure?"

Friedchen ließ vor Angst vor Kette Kaufmanns Fußtritten von der Frau ab, schluchzte aber: „Wenn ihr heimlich solche Gespräche führt, warum müsst ihr dann mich mit hineinziehen?"

Dass Friedchen vor Kette Kaufmann Angst hatte, entfachte Phönixglanz' Wut aufs Neue. Sie stürzte hinzu, schlug auf Friedchen ein und befahl ihr gleichzeitig, die Frau von Bao Er weiter zu verprügeln. In ihrer Verzweiflung rannte Friedchen aus dem Zimmer und suchte nach einem Messer, um sich das Leben zu nehmen. Aber sofort fielen ihr die Bediensteten und Dienstmädchen in den Arm und redeten ihr gut zu.

Als Phönixglanz hörte, dass Friedchen sich umbringen wollte, rannte sie mit dem Kopf gegen Kette Kaufmanns Brust und schrie: „Ihr wart darauf aus, mich umzubringen, und jetzt, wo ich euch erwischt habe, wollt ihr mir Angst machen! Na dann erwürge mich doch!"

Wutentbrannt riss Kette Kaufmann sein Schwert von der Wand und rief: „Keine von euch muss sich selber umbringen! Mir reicht es auch! Ich bringe euch alle miteinander um und zahle gern mit meinem Kopf dafür! Dann ist endlich reiner Tisch!"

Während der Streit noch in vollem Gange war, erschien plötzlich Dame Sonders mit einer ganzen Schar von Begleiterinnen und fragte: „Was soll das heißen? Eben noch war alles gut, und auf einmal bricht so ein Krach los?"

Als Kette Kaufmann die vielen Leute sah, gab ihm der Wein dreifachen Mut. Er tat groß und machte Anstalten, Phönixglanz tatsächlich umzubringen. Phönixglanz aber gebärdete sich angesichts der Zuschaür nicht mehr so rasend wie zuvor. Sie ließ die anderen stehen und lief weinend zur Herzoginmutter hinüber.

Das Theaterstück war inzwischen zu Ende. Phönixglanz stürzte zur Herzoginmutter, warf sich in ihre Arme und stammelte: „Rettet mich, alte Ahne! Kette will mich umbringen!"

„Was ist denn los?" fragten die Herzoginmutter, Dame Strafe und Dame König wie aus einem Munde.

Schluchzend berichtete Phönixglanz: „Ich war eben nach Hause gegangen, um mir etwas anderes anzuziehen. Zu meiner Überraschung war Kette schon daheim und sprach mit jemand. Ich dachte, es sei Besuch da, und wagte nicht einzutreten. Als ich draußen am Fenster lauschte, hörte ich, wie er mit der Frau von Bao Er darüber sprach, wie furchtbar ich sei und dass er mich mit Gift umbringen wolle, um dann Friedchen zur Hauptfrau zu machen. Ich war wütend, wagte aber nicht, mit ihm zu streiten, und habe nur Friedchen geschlagen und sie gefragt, warum sie mich umbringen wollen. Da brauste er auf und wollte mich totschlagen."

Die Herzoginmutter glaubte ihr jedes Wort und sagte: „Das ist ja unerhört! Bringt diesen nichtswürdigen Kerl sofort her!"

Sie hatte noch nicht ausgesprochen, als Kette Kaufmann bereits mit dem Schwert in der Hand hereingestürmt kam, eine ganze Menschentraube auf den Fersen. Er vertraute darauf, dass die Herzoginmutter ihn und Phönixglanz stets verwöhnt hatte, und glaubte, sogar in Gegenwart seiner Mutter und Tante den wilden Mann spielen zu können.

Dame Strafe und Dame König traten ihm wütend in den Weg und schimpften: „Du nichtswürdige Brut! Du wirst ja immer frecher! Die alte gnädige Frau ist hier!"

Kette Kaufmann schielte sie mit verschwommenem Blick an und sagte: „Nur weil die alte gnädige Frau ihr alles durchgehen lässt, ist sie so geworden! Jetzt wagt sie es sogar, mich zu beschimpfen!"

Außer sich vor Wut riss ihm Dame Strafe das Schwert aus der Hand und herrschte ihn an: „Raus mit dir! Sofort!"

Aber Kette Kaufmann spielte weiter den Unverschämten, lallte und geiferte immer neuen Unsinn.

Aufgebracht sagte die Herzoginmutter: „Du hast wohl keinen Respekt mehr vor uns! Man rufe seinen Vater herbei!"

Als Kette Kaufmann diese Drohung hörte, ging er endlich schwankenden Schrittes hinaus. Doch vor Zorn kehrte er nicht in seine Wohnräume zurück, sondern ging in sein äußeres Arbeitszimmer.

Nun redeten auch Dame Strafe und Dame König auf Phönixglanz ein, die Herzoginmutter aber sagte lächelnd: „Was soll an der Sache denn so Schlimmes sein! Junge Leute sind wie naschhafte Kätzchen – da kann man nicht verhindern, dass so etwas passiert. So war es von jeher bei allen Sterblichen. Schuld bin nur ich allein. Sie hat zu viel Wein trinken müssen, da ist ihr der Essig hochgekommen [Anm.: chinesisches Sprichwort – 'Essig essen' bedeutet eifersüchtig sein]."

Alle lachten darüber. Die Herzoginmutter fuhr fort: „Sei unbesorgt! Morgen lasse ich ihn herkommen und sich bei dir entschuldigen. Du aber darfst heute nicht hinübergehen, damit er nicht noch aufgebracht wird."

Dann schimpfte sie über Friedchen: „Von diesem Spitzbein hatte ich immer gedacht, sie sei ein guter Mensch. Wie ist es möglich, dass sie insgeheim so böse ist!"

Dame Sonders und die anderen sagten lächelnd: „Friedchen trifft keine Schuld. Phönix hat nur ihren Ärger an ihr ausgelassen. Weil Eheleute einander nicht gut verprügeln können, haben sich beide an Friedchen abreagiert. Die Ärmste hat genug gelitten, und nun schimpft Ihr auch noch auf sie, alte gnädige Frau!"

Die Herzoginmutter sagte: „So war das also! Ich wusste es doch, dass dieses Kind nicht von der Sorte Füchsinnen und Giftmischerinnen ist. Dann tut sie mir wirklich leid – dass sie ohne jeden Grund den Ärger der beiden über sich ergehen lassen musste." Sie rief Bernstein [琥珀] herbei und trug ihr auf: „Geh hinüber und sage Friedchen in meinem Namen, ich wisse, dass ihr Unrecht geschehen sei. Morgen werde ich Phönixglanz befehlen, sich bei ihr zu entschuldigen. Heute aber sei der Ehrentag ihrer Herrin, und sie dürfe keinen Aufstand machen."

Friedchen war indessen schon von Seidenweiß Pflaume [李纨] in den Garten der Großen Anschauung gebracht worden. Sie weinte und schluchzte so heftig, dass sie kaum Atem holen konnte. Schatzspange redete ihr zu: „Du bist doch ein verständiger Mensch und weißt, wie gut Phönix sonst immer zu dir ist. Heute hat sie eben einen Schluck zu viel getrunken. An wem hätte sie ihre Wut auslassen sollen, wenn nicht an dir? Hätte sie etwa auf jemand anderen eingeschlagen, dann hätte man über sie gelacht und gesagt, sie sei betrunken. Du solltest die Kränkung jetzt hinnehmen. Sonst würden ja all die guten Eigenschaften, die man sonst an dir kennt, als bloße Täuschung erscheinen."

Gerade als sie das sagte, kam Bernstein herüber und richtete aus, was die Herzoginmutter ihr aufgetragen hatte. Als Friedchen erkannte, dass doch einiger Glanz auf sie fiel, beruhigte sie sich allmählich, ging aber nicht wieder nach vorn.

Nachdem sich Schatzspange und die anderen Mädchen ein wenig ausgeruht hatten, begaben sie sich wieder zur Herzoginmutter und zu Phönixglanz.

Schatzjade aber nahm Friedchen mit in den Hof der Roten Freude [怡红院]. Dufthauch [袭人][11] empfing sie sogleich und sagte lächelnd: „Ich wollte dich auch schon herbitten, aber weil die erste junge Herrin und die Fräulein dich zu sich genommen hatten, konnte ich das schlecht tun."

Friedchen erwiderte höflich lächelnd: „Vielen Dank." Dann fuhr sie fort: „Woraus ist das nur gekommen? Aus dem heiteren Himmel musste ich ohne jeden Grund einen Wutausbruch über mich ergehen lassen!"

Dufthauch sagte lächelnd: „Die zweite junge Herrin ist sonst immer gut zu dir. Das war nur eine plötzliche Aufwallung."

Friedchen sagte: „Gegen die zweite junge Herrin will ich auch gar nichts sagen. Das hat mir nur dieses schamlose Weib eingebrockt, und sie musste sich auch noch ausgerechnet über mich lustig machen. Und dann hat mich auch noch unser Dummkopf von jungem Herrn geschlagen!" Wieder stieg ihr die erlittene Kränkung in die Kehle, und sie konnte ihre Tränen nicht zurückhalten.

Schatzjade tröstete sie eilig: „Sei nicht traurig, liebe Schwester! Ich bitte dich anstelle der beiden um Verzeihung."

Friedchen fragte lächelnd: „Was hast du damit zu tun?"

Schatzjade erwiderte lächelnd: „Vettern und Kusinen sind alle einerlei. Darum ist es nur recht, wenn ich um Verzeihung bitte, wenn sie jemand beleidigt haben." Dann fuhr er fort: „Schade um dein schönes neues Kleid – es ist ganz nass geworden. Aber hier hat Schwester Hua [Anm.: Dufthauch] genügend Kleider. Willst du dich nicht umziehen, und wir lassen dein Gewand mit Branntwein besprühen und bügeln? Du solltest dir auch die Frisur richten und das Gesicht waschen."

Damit befahl er den kleinen Mädchen, Waschwasser zu schöpfen und das Bügeleisen heiß zu machen.

Friedchen hatte schon immer nur gehört, Schatzjade wisse mit Mädchen besonders gut umzugehen. Schatzjade seinerseits hatte sich Friedchen nie zu nähern gewagt, weil er wusste, dass sie Kette Kaufmanns Lieblingsnebenfrau und zugleich Phönixglanz' Vertraute war. Aber er hatte es stets bedaürt, den Wünschen seines Herzens nicht folgen zu können. Als Friedchen jetzt sah, wie er sich verhielt, dachte sie still bei sich: „Es ist wirklich wahr, was man sich erzählt. Wie umsichtig und aufmerksam er doch ist!"

Als nun Dufthauch eigens ihre Truhe öffnete und ein paar wenig getragene Kleidungsstücke herausholte, die sie ihr gab, beeilte sich Friedchen, ihr Obergewand abzulegen, und wusch sich rasch das Gesicht.

Schatzjade redete ihr lächelnd zu: „Du solltest auch ein wenig Puder und Schminke auflegen, damit Phönix nicht denkt, du seist ihr böse – noch dazu an ihrem Geburtstag. Zudem hat die alte gnädige Frau schon jemanden geschickt, um dir ihr Mitgefühl auszudrücken."

Friedchen fand, dass er recht hatte, und suchte nach Puder, konnte aber keinen finden. Da eilte Schatzjade an den Toilettentisch und hob den Deckel eines Döschen aus Xuande-Porzellan [Anm.: kostbares Porzellan aus der Xuande-Ära, 1426-1435] ab. Darin lagen in einer Reihe an die zehn kleine Stäbchen, die aussahen wie die keulenförmigen Blüten der Funkie [Anm.: Hosta, eine Zierpflanze]. Er nahm eines heraus und reichte es Friedchen. Lächelnd erklärte er ihr: „Das ist kein Bleipuder. Es ist aus zerriebenen Samenkörnern der Wunderblume [Anm.: Mirabilis jalapa, die Vieruhrblume] hergestellt und mit Duftstoffen versetzt."

Friedchen nahm das Stäbchen in die Hand und betrachtete es. Es war wahrhaftig leicht, weiß-rosig und duftend – in jeder Hinsicht allerliebst. Als sie es im Gesicht verrieb, verteilte es sich gleichmäßig, machte die Haut geschmeidig und glatt – ganz anders als der gewöhnliche Puder, der schwer und grobkörnig war und die Haut rau machte.

Dann fiel ihr Blick auf das Rouge. Es war nicht auf Papierblättchen aufgetragen wie sonst, sondern in ein winziges Döschen aus weißem Jade gefüllt und sah eher aus wie Rosenmus.

Schatzjade erläuterte lächelnd: „Das Rouge, das man auf dem Markt zu kaufen bekommt, ist nicht rein, und die Farbe ist blass. Hier aber wurde aus den besten Blüten der Saft ausgepresst, die Masse geläutert, der Rückstand entfernt, mit Blütenessenz versetzt und dann gedämpft und verdichtet. Man braucht nur ein winziges Bisschen mit einer dünnen Haarnadel herauszunehmen und auf dem Handteller mit einem Tropfen Wasser zu verrühren, dann kann man sich die Lippen damit färben. Was auf der Hand übrig bleibt, reicht für beide Wangen."

Friedchen schminkte sich so, wie Schatzjade es ihr beschrieben hatte, und stellte fest, dass dieses Rouge tatsächlich außerordentlich intensiv leuchtete und ihren Wangen einen süßen Duft verlieh.

Schatzjade schnitt noch mit einer Bambusschere einen Stiel mit zwei Blüten einer Herbstorchidee ab, die eben im Topf blühte, und steckte ihn Friedchen ins Schläfenhaar.

Gerade da erschien ein Dienstmädchen, das Seidenweiß Pflaume geschickt hatte, um Friedchen zu holen. So eilte Friedchen eilig fort.

Schatzjade hatte, wie gesagt, noch nie Gelegenheit gehabt, Friedchen gegenüber den Wünschen seines Herzens zu folgen. Und er empfand dies umso schmerzlicher, als Friedchen ein überaus kluges und außerordentlich schönes Wesen war, eine Frau von höchstem Rang unter den Dienstmädchen, mit der sich das gemeine Volk dummer und unbeholfener Geschöpfe nicht messen konnte. Sein Herz war immer voll Bedaürn darüber gewesen.

Heute nun war Goldschelles [金钏儿] Geburtstag [Anm.: Goldschelle, die sich im Kap. 32 aus Scham in den Brunnen gestürzt hatte], und er war den ganzen Tag bedrückt gewesen. Dass es dann zu diesem Zwischenfall gekommen war, der ihm ermöglicht hatte, Friedchen gegenüber wenigstens ein wenig von dem zu tun, was sein Herz begehrte – das bedeutete ihm eine Freude, wie er sie sich für dieses Leben nie zu erhoffen gewagt hätte.

Zufrieden und glücklich streckte er sich auf seinem Bett aus. Doch dann kam ihm der Gedanke, dass Kette Kaufmann nur das eine Vergnügen kannte – fleischliche Lust – und nicht verstand, was es hieß, ein zartes Wesen liebevoll zu pflegen. Ferner dachte er daran, dass Friedchen ganz allein auf der Welt stand, ohne Vater und Mutter, ohne Brüder und Schwestern, und dass sie ihr ganzes Dasein dem Dienst an Kette Kaufmann und Phönixglanz widmete – dem einen, der so vulgär war, und der anderen, die so gebieterisch war. Und trotz allem verstand es Friedchen, sich beiden gegenüber tadellos und umsichtig zu verhalten. Und dafür war ihr heute so übel mitgespielt worden! Offenbar war ihr ein Schicksal bestimmt, das noch härter war als das von Kajaljade.

Dieser Gedanke machte Schatzjade so traurig, dass ihm unwillkürlich die Tränen herunterliefen. Und da weder Dufthauch noch sonst jemand im Zimmer war, konnte er sich seinem Schmerz ungestört hingeben und einige bittere Tränen vergießen.

Als er wieder aufstand, sah er, dass der Branntwein, den man auf Friedchens Gewand gesprüht hatte, schon beinahe verflogen war. Er griff nach dem Bügeleisen, bügelte das Gewand sorgfältig glatt und legte es zusammen. Dann entdeckte er, dass Friedchen ihr Taschentuch vergessen hatte und dass es noch feucht war von ihren Tränen. Da wusch er es in der Waschschüssel und hängte es zum Trocknen auf.

Nachdem er sich noch eine Weile abwechselnd der Freude und dem Kummer hingegeben hatte, ging auch er ins Reisduftdorf [Anm.: Seidenweiß Pflaumes Wohnstätte] hinüber, wo er eine Zeitlang mit den anderen plauderte. Als es Zeit wurde, die Lampen anzuzünden, gingen alle auseinander.

Friedchen verbrachte die Nacht bei Seidenweiß Pflaume, Phönixglanz aber blieb bei der Herzoginmutter. So fand Kette Kaufmann seine Wohnräume leer und verlassen vor, als er zur Nacht zurückkehrte. Da er niemanden gut rufen konnte, verbrachte er die Nacht mehr schlecht als recht.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, kam ihm die ganze Geschichte vom Vortag höchst sinnlos vor, und er bereute zutiefst, was er getan hatte.

Dame Strafe hatte nicht vergessen, wie sich Kette Kaufmann in seiner Trunkenheit benommen hatte. Darum kam sie schon am frühen Morgen zu ihm und befahl ihm, zur Herzoginmutter mitzukommen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr beschämt und reumütig zu folgen und vor der Herzoginmutter niederzuknien.

„Was ist?" fragte die Herzoginmutter.

Hastig setzte Kette Kaufmann ein Lächeln auf und sagte: „Gestern war ich betrunken und habe die alte gnädige Frau erschreckt. Ich komme, um meine Strafe zu empfangen."

„Pfui, du verkommenes Subjekt!" sagte die Herzoginmutter und spuckte aus. „Lässt dich mit der gelben Brühe volllaufen, und anstatt deine Knochen still und bescheiden irgendwo hinzulegen und den Rausch auszuschlafen, fängst du an, deine Frau zu verprügeln! Phönix, die sonst stets so stolze Reden führt und sich nicht anders benimmt als ein Hegemon – die war gestern geradezu zum Erbarmen ängstlich. Was hättest du gemacht, wenn ich nicht dagewesen wäre und du sie umgebracht hättest?"

Kette Kaufmann steckte die Schmähungen ein, ohne sich zu verteidigen, und nahm alle Schuld auf sich.

Die Herzoginmutter fuhr fort: „Phönixglanz und Friedchen – sind das etwa keine Schönheiten? Aber dir sind sie nicht genug! Du lässt nicht ab, hinter jedem Rock herzulaufen, und schleppst jeden Dreck mit ins Haus! Wegen solcher Schlampen verprügelst du dann Frau und Nebenfrau! Du stammst aus einer angesehenen Familie und bringst dich dermaßen in Schande! Wenn du noch Achtung vor mir hast, dann steh auf, und ich werde dir verzeihen. Aber du musst dich brav bei deiner Frau entschuldigen und sie nach Hause bringen. Dann bin ich zufrieden. Andernfalls geh fort – dein Kniefall gilt mir nichts."

Kette Kaufmann hörte diese Worte und blickte zu Phönixglanz hinüber, die dort stand – ohne den üblichen Schmuck, die Augen vom Weinen geschwollen, das ungeschminkte Gesicht blass und fahl. So erschien sie ihm noch liebenswerter und rührender als sonst, und er sagte sich: „Am besten entschuldige ich mich. Dann können wir uns wieder vertragen, und die alte gnädige Frau freut sich auch."

Nachdem er diesen Gedanken zu Ende gebracht hatte, stand er auf, machte eine Verbeugung mit zusammengelegten Händen vor Phönixglanz und sagte lächelnd: „Es war mein Fehler. Möge die zweite junge Herrin mir verzeihen."

Alle im Raum lachten.

Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Phönix, du darfst ihm jetzt nicht mehr böse sein! Wenn du ihm noch weiter böse bist, werde ich böse."

Dann ließ sie Friedchen holen und befahl Phönixglanz und Kette Kaufmann, sich mit ihr zu versöhnen. Beim Anblick von Friedchen gab es für Kette Kaufmann erst recht kein Halten mehr – heißt es doch: „Besser als die Ehefrau ist die Nebenfrau, am allerbesten jedoch eine Fremde." Auf Geheiß der Herzoginmutter trat er zu Friedchen heran und sagte: „Du wurdest gestern gekränkt, und das ist meine Schuld. Die Herrin hat dich nur meinetwegen geschlagen. Ich bitte dich nicht nur um meinetwillen um Verzeihung, sondern auch für die Herrin."

Damit machte er auch vor ihr eine Verbeugung mit zusammengelegten Händen, was bei der Herzoginmutter ein neuerliches Lachen auslöste.

Auch Phönixglanz lächelte dazu. Die Herzoginmutter befahl nun Phönixglanz, sich ebenfalls mit Friedchen zu versöhnen. Doch Friedchen war bereits nähergetreten, kniete vor Phönixglanz nieder und sagte: „Am Geburtstag der Herrin habe ich ihren Zorn erregt. Ich verdiene den Tod!"

Phönixglanz hatte es längst bereut, dass sie am Vortag nach dem reichlichen Weingenuss ihre eigentlichen Gefühle für Friedchen vergessen, sich von einem Wort der anderen aufhetzen lassen und Friedchen so beschämt hatte. Jetzt war sie beschämt und bekümmert zugleich. Hastig zog sie Friedchen auf die Beine und begann dabei zu weinen.

Friedchen sagte: „In all den Jahren, die ich Euch diene, hattet Ihr mich nicht ein einziges Mal auch nur mit dem Fingernagel angetippt, Herrin. Auch wegen der gestrigen Schläge grolle ich Euch nicht. An allem war nur dieses schamlose Weib schuld. Man kann es Euch nicht verübeln, dass Ihr aufgebracht wart."

Bei diesen Worten begann auch Friedchen zu weinen.

Die Herzoginmutter befahl nun: „Bringt die drei nach Hause! Und wenn jemand noch ein einziges Mal von dieser Geschichte spricht, wird er mir sofort gemeldet. Dann bekommt er eine Tracht mit meinem Krückstock – ganz gleich, wer es ist!"

Die drei machten noch einmal einen Kowtau vor der Herzoginmutter sowie vor Dame Strafe und Dame König. Die alten Ammen begleiteten sie in ihre Räume zurück.

Kaum waren sie allein, sagte Phönixglanz: „Was bin ich denn für ein Höllenweib, was für eine Teufelsbrut? Dieses schamlose Weib wünscht mir den Tod an den Hals, und du machst fleißig mit! Mag ich auch tausendmal schlecht gewesen sein – einmal war ich auch gut! Jetzt soll ich nicht einmal so einer Hure gleichkommen. Wie kann ich mit dieser Schande weiterleben?" Und wieder begann sie zu weinen.

Kette Kaufmann erwiderte: „Hast du immer noch nicht genug? Überleg einmal, wer gestern die größere Schuld hatte! Und trotzdem war ich es, der heute vor aller Augen auf die Knie gefallen ist und um Verzeihung gebeten hat. Damit hast du doch genug Ehre gewonnen! Was soll dein Gezeter? Soll ich vielleicht auch noch vor dir niederknien, ehe du endlich Ruhe gibst? Es ist nicht gut, wenn man es gar zu weit treibt!"

Phönixglanz wusste darauf nichts zu erwidern. Friedchen aber prustete lachend heraus.

Kette Kaufmann sagte ebenfalls lächelnd: „Ist es nun wieder gut? Ich weiß wahrhaftig nicht mehr, was ich noch tun soll."

Gerade als sie so redeten, kam eine Dienerin herein und meldete: „Die Frau von Bao Er hat sich erhängt."

Kette Kaufmann und Phönixglanz fuhren beide vor Schreck zusammen. Phönixglanz aber hatte sich sogleich wieder in der Gewalt, verbarg ihre Bestürzung und schnauzte: „Tot ist tot! Was soll das große Geschrei?"

Kurz darauf kam die Frau von Lin Zhixiao herein und berichtete Phönixglanz leise: „Die Frau von Bao Er hat sich erhängt. Ihre Verwandtschaft droht, Anzeige zu erstatten."

Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Das trifft sich ja bestens! Ich habe ohnehin gerade Lust auf einen Prozess."

Die Frau von Lin Zhixiao sagte: „Wir haben eben auf die Leute eingeredet, ihnen auch ein wenig Angst gemacht und ihnen ein paar Münzen versprochen. Damit haben sie sich zufriedengegeben."

Phönixglanz erklärte: „Ich habe keinen einzigen Kupfer! Und selbst wenn ich Geld hätte, würde ich es nicht hergeben. Sollen sie ruhig Anzeige erstatten! Niemand soll ihnen abraten, niemand soll ihnen Angst machen. Sollen sie mich nur verklagen! Und wenn sie damit nicht durchkommen, verklage ich sie wegen Erpressung mit einer Leiche!"

Die Frau von Lin Zhixiao war in großer Verlegenheit, als sie bemerkte, dass Kette Kaufmann ihr verstohlen zuwinkte. Sie verstand, ging hinaus und wartete.

Kette Kaufmann sagte: „Ich gehe nachsehen, was da los ist."

Phönixglanz warnte: „Aber gib ihnen kein Geld!"

Kette Kaufmann ging geradewegs hinaus, beriet sich mit Lin Zhixiao und schickte dann jemanden los, der den Leuten gut zuredete und ihnen zugleich drohte. Schließlich einigte man sich auf zweihundert Liang Silber für die Begräbniskosten. Weil Kette Kaufmann befürchtete, die Leute könnten es sich wieder anders überlegen, schickte er noch jemanden zu König Ziteng [王子腾], damit dieser dafür sorgte, dass ein paar Amtsknechte und Leichenbeschaür bei der Bestattung behilflich waren. Als die Angehörigen der Frau von Bao Er das sahen, wagten sie nicht mehr aufzubegehren, auch wenn sie es gern getan hätten, und schwiegen still.

Außerdem befahl Kette Lin Zhi Kaufmannxiao, die zweihundert Liang Silber in der laufenden Haushaltsrechnung unter verschiedenen kleinen Posten aufzuteilen und dort unauffällig abzubuchen. Bao Er selbst steckte er ein paar Liang aus seinem eigenen Geld zu und tröstete ihn: „Ein andermal suche ich dir eine gute neue Frau."

Bao Er, der sich dermaßen beschenkt und geehrt sah, hatte keinen Grund sich zu sträuben und war Kette Kaufmann auch künftig zu Diensten. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Phönixglanz drinnen fühlte sich zwar innerlich unruhig, gab aber äußerlich den Anschein, als kümmere die Sache sie gar nicht. Da sonst niemand im Zimmer war, fasste sie Friedchen bei der Hand und sagte lächelnd: „Ich war gestern stockbetrunken. Sei mir nicht böse! Wohin habe ich dich geschlagen? Lass mich mal sehen."

Friedchen versicherte: „So schlimm war es gar nicht."

Da wurde draußen gemeldet: „Die junge gnädige Frau und die Fräulein sind da!"

Wer wissen will, wie es weiterging, muss das nächste Kapitel lesen.

  1. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Glänzender Phönix aus dem Hause Wang". Haushälterin der Familie Kaufmann.
  2. Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' treue Kammerzofe.
  3. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann Jade". Hauptfigur des Romans.
  4. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Wald-Kajaljade". Schatzjades Cousine und Seelenverwandte.
  5. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Xue Kostbare Haarspange". Schatzjades spätere Ehefrau.
  6. Chin. 贾母 Jiǎmǔ, wörtl. „Mutter Kaufmann". Oberhaupt der Familie, auch „Alte Herrin" genannt.
  7. Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Xue/Schnee". Mutter von Schatzspange.
  8. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, wörtl. „Dame König". Schatzjades Mutter.
  9. Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén, wörtl. „Dame Strafe". Ehefrau von Zwielicht Kaufmann (贾赦).
  10. Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente". Treue Leibdienerin der Herzoginmutter.
  11. Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die Angreifende/Überraschende" (nach dem Gedicht „der Blütenduft greift den Menschen an"). Schatzjades erste Kammerzofe.