Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 45"
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(DE4 Korrektur-Update Kap. 45) |
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| − | + | Kapitel 45 | |
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| − | < | + | Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Xue Kostbare Haarspange". Schatzjades spätere Ehefrau.</ref> und Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Wald-Kajaljade". Schatzjades Cousine und Seelenverwandte.</ref> schließen einen Bund der Goldenen Orchidee und schütten einander das Herz aus — An einem Herbstabend bei Wind und Regen dichtet Kajaljade trübsinnig am Fenster |
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| − | + | Es wird erzählt, dass Phönixglanz [凤姐]<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Glänzender Phönix aus dem Hause Wang". Haushälterin der Familie Kaufmann.</ref> eben dabei war, Friedchen [平儿]<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' treue Kammerzofe.</ref> zu trösten, als plötzlich die Schwestern hereinkamen. Eilig bat sie alle, Platz zu nehmen, und Friedchen schenkte Tee ein. Phönixglanz sagte lächelnd: "Ihr kommt heute so vollzählig, als hätte ich Einladungskarten verschickt." | |
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| − | + | Erkundefrühling [探春]<ref>Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „den Frühling erspüren". Dritte Tochter von Aufrecht Kaufmann.</ref> sagte lächelnd: "Es geht um zwei Dinge: eines betrifft mich, das andere Bedauerfrühling [惜春]<ref>Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „den Frühling bewahren". Jüngste Tochter des Hauses Kaufmann, talentierte Malerin.</ref>, und es hängt auch noch mit einer Anordnung der Herzoginmutter [贾母]<ref>Chin. 贾母 Jiǎmǔ, wörtl. „Mutter Kaufmann". Oberhaupt der Familie, auch „Alte Herrin" genannt.</ref> zusammen." | |
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| − | + | "Was sind das für dringende Angelegenheiten?" erkundigte sich Phönixglanz lächelnd. | |
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| − | + | Erkundefrühling erklärte lächelnd: "Wir haben eine Dichtergesellschaft gegründet, aber schon beim ersten Treffen waren wir nicht vollzählig. Weil alle zu weichherzig sind, ist alles durcheinander geraten. Ich dachte mir, du müsstest unbedingt als Zensorin der Gesellschaft fungieren — eisern und unparteiisch. Außerdem braucht Bedauerfrühling für das Gartenbild allerhand Materialien, die ihr fehlen. Wir haben es der Herzoginmutter berichtet, und sie sagte: 'Im Untergeschoß des hinteren Gebäudes müssten noch Restbestände von früher liegen. Sucht danach — wenn etwas da ist, nehmt es heraus; wenn nicht, lasst es kaufen.'" | |
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| − | + | Phönixglanz sagte lächelnd: "Ich kann doch weder nasse noch trockene Verse machen — wollt ihr mich etwa zum Essen einladen?" | |
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| − | [[ | + | Erkundefrühling erwiderte: "Dichten sollst du ja auch nicht. Du musst nur überwachen, ob jemand von uns faul und träge ist, und eine angemessene Strafe verhängen." |
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| + | Phönixglanz sagte lächelnd: "Führt mich nicht hinters Licht! Ich habe euch längst durchschaut. Ihr wollt mich gar nicht zur Zensorin der Gesellschaft machen — vielmehr sollt ich euch als Geldgeber dienen. Was für eine Gesellschaft ihr auch haben mögt, ihr müsst der Reihe nach die Gastgeber spielen. Euer Monatsgeld reicht nicht aus, deshalb habt ihr diesen Plan ausgeheckt, um mich anzuzapfen und mir Geld abzupressen. Stimmt es etwa nicht?" | ||
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| + | Diese Worte brachten alle zum Lachen. Seidenweiß Pflaume [李纨] sagte lächelnd: "Also wirklich, du hast ein Herz aus Kristall und bist ein Mensch aus Glas!" | ||
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| + | Phönixglanz sagte lächelnd: "Und du bist mir eine schöne ältere Schwägerin! Die Mädchen sind dir anvertraut, damit du mit ihnen liest und ihnen Anstand und Handarbeiten beibringst. Wenn sie etwas falsch machen, sollst du sie ermahnen. Jetzt gründen sie eine Dichtergesellschaft — wie viel Geld kann das schon kosten? Und du kümmerst dich nicht darum? Von der Herzoginmutter und den gnädigen Frauen abgesehen, die als Beamtengattinnen geehrt werden: du bekommst zehn Liang Silber Monatsgeld, doppelt so viel wie wir anderen. Die Herzoginmutter und die gnädigen Frauen meinen noch, du seist eine arme Witwe ohne Hausstand, die nicht genug habe, und weil du einen Sohn hast, gibt man dir nochmals volle zehn Liang dazu, so dass du auf gleicher Stufe mit der Herzoginmutter und den gnädigen Frauen stehst. Dazu hat man dir Gartenland zugeteilt, von dem du Pachtzins einnimmst. Bei der jährlichen Verteilung der Zuwendungen wirst du in der höchsten Stufe bedacht. Herrin und Dienerschaft zusammen seid ihr nicht einmal zehn Personen, und Essen und Kleidung kommen nach wie vor aus der Gemeinschaftskasse. Alles in allem müssen es im Jahr vier- bis fünfhundert Liang Silber sein. Könntest du da nicht jedes Jahr ein- bis zweihundert Liang für ihr Vergnügen beisteuern? Wie viele Jahre kann das schon daürn? Wenn sie einmal heiraten, wird man ja wohl nicht verlangen, dass du die Mitgift bezahlst! Du willst kein Geld ausgeben und stiftest sie an, mich zu belästigen — ich soll euren Geldbeutel spielen, und dabei wäre mir das alles völlig neu!" | ||
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| + | Seidenweiß Pflaume sagte lächelnd: "Hört euch das an! Ich sage einen einzigen Satz, und schon redet sie sich in Rage und schüttet zwei Wagenladungen gemeiner Marktfrau-Sprüche aus, alles kleinlich berechnet auf Heller und Pfennig. So ein Geschöpf — und dabei hat sie das Glück gehabt, in einer bekannten Familie von Gelehrten und Beamten als Fräulein geboren zu werden! Eingeheiratet hat sie in genau so eine Familie, und trotzdem ist sie noch so. Wäre sie als Sohn einer armen Familie zur Welt gekommen, wer weiß, was sie dann für ein vulgäres, schamloses Mundwerk hätte! Alle Menschen auf der Welt hast du übervorteilt! Gestern hast du sogar Friedchen geschlagen — du hast es dir also tatsächlich erlaubt, die Hand gegen sie zu erheben! Den gelben Fusel hast du wohl einem Hundsmagen eingeschüttet? Ich war so wütend, dass ich Friedchen am liebsten gerächt hätte. Ich habe einen halben Tag mit mir gerungen, aber weil es gerade Hündchens Geburtstag war — so ein seltener Glückstag! — und ich fürchtete, die Herzoginmutter würde sich darob grämen, bin ich nicht gekommen. Doch mein Zorn hat sich immer noch nicht gelegt. Und heute hast du mich schon wieder herausgefordert! Du bist es nicht wert, Friedchen auch nur die Schuhe zu reichen. Ihr zwei müssten eigentlich die Plätze tauschen!" | ||
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| + | Alle lachten darüber. Phönixglanz sagte eilig lächelnd: "Also seid ihr gar nicht wegen der Dichtkunst oder der Malerei zu mir gekommen — du machst dieses Gesicht einzig und allein, um für Friedchen Rache zu nehmen! Ich hätte nie gedacht, dass Friedchen gerade an dir eine Beschützerin hat. Hätte ich das vorher gewusst, dann hätte ich sie nicht geschlagen, selbst wenn ein Gespenst meine Hand geführt hätte. — Friedchen, komm her! Ich entschuldige mich vor der älteren Herrin und den Fräulein bei dir. Verzeih mir, dass ich im Rausch keine Tugend kannte!" Darauf lachten wieder alle. | ||
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| + | Seidenweiß Pflaume fragte Friedchen lächelnd: "Wie ist das nun? Habe ich nicht gesagt, ich würde erst Ruhe geben, wenn ich deinen guten Ruf verteidigt habe?" | ||
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| + | Friedchen antwortete lächelnd: "Das mag so sein, aber wenn die Herrinnen sich auf meine Kosten amüsierten, das hielte ich nicht aus." | ||
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| + | Seidenweiß Pflaume sagte: "Was hieltst du nicht aus? Du hast doch mich. Aber jetzt nimm schnell die Schlüssel und lass deine Herrin das Lagergebäude aufschließen und die Sachen heraussuchen!" | ||
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| + | Phönixglanz sagte lächelnd: "Liebe Schwägerin, geh doch bitte erst mit ihnen in den Garten zurück. Ich muss sogleich die Reisabrechnungen zusammenrechnen, und drüben hat die ältere gnädige Frau [邢夫人] auch schon wieder nach mir geschickt — ich weiß nicht, was sie will, muss aber auf jeden Fall hinüber. Und die Neujahrsgarderobe, die ihr für die Dienstboten zuschustern lassen müsst, die ist auch noch nicht vorbereitet." | ||
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| + | Seidenweiß Pflaume sagte lächelnd: "Das alles kümmert mich nicht. Erledige nur erst meine Angelegenheit, damit ich mich ausruhen kann und mir die Mädchen nicht weiter in den Ohren liegen." | ||
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| + | Phönixglanz sagte rasch lächelnd: "Liebste Schwägerin, gönn mir doch ein Stündchen Luft! Du bist doch sonst immer die, die mich am meisten verwöhnt — warum hast du heute wegen Friedchen kein Erbarmen mehr mit mir? Du selbst hast mir doch oft genug zugeredet: 'Auch wenn viel zu tun ist, musst du auf deine Gesundheit achten und dir hin und wieder eine Pause gönnen.' Und heute treibst du mich zu Tode! Wenn die Neujahrskleider anderer Leute etwas später fertig werden, macht das nichts. Aber wenn die der Schwestern sich verzögern, ist das deine Verantwortung. Wird die Herzoginmutter dich nicht tadeln, dass du dich nicht einmal um eine solche Kleinigkeit gekümmert hast? Diesen naheliegenden Einwand hättest du auch selbst vorbringen können! Ich würde lieber selbst den Fehler auf mich nehmen, als dich in Schwierigkeiten zu bringen." | ||
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| + | Seidenweiß Pflaume sagte lächelnd: "Hört euch nur an, wie geschickt sie redet! Was für ein Redetalent sie hat! Aber jetzt frage ich dich: Kümmerst du dich nun um die Dichtergesellschaft oder nicht?" | ||
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| + | Phönixglanz sagte lächelnd: "Was für eine Frage! Wenn ich nicht der Gesellschaft beitrete und ein paar Münzen beisteuere, stehe ich am Ende als Aufrührerin des Gartens des Großen Anblicks da — da könnte ich gleich aufhören, hier zu essen! Morgen in aller Frühe trete ich mein Amt an, steige vom Pferd ab, nehme das Amtssiegel entgegen und lege zunächst fünfzig Liang Silber hin, damit ihr in Ruhe eure Zusammenkünfte ausrichten könnt. Ich für mein Teil kann ohnehin weder dichten noch schreiben, ich bin nur ein gewöhnlicher Mensch. Ob ich nun 'Zensorin' bin oder nicht — wenn ihr erst das Geld habt, werdet ihr mich sowieso hinauswerfen!" Alle lachten wieder. | ||
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| + | Phönixglanz fuhr fort: "Nachher öffne ich das Lagergebäude und lasse alles herausbringen. Ihr könnt euch ansehen, was davon brauchbar ist. Was fehlt, kaufe ich nach eurer Liste ein. Die Malseide schneide ich sofort zu. Die Vorlagezeichnung ist allerdings nicht bei der gnädigen Frau, sondern drüben beim Herrn Herrlichkeit Kaufmann [贾珍]<ref>Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Herrlichkeit Kaufmann/Kostbarkeit". Oberhaupt des Osthauses der Familie Kaufmann.</ref>. Das sage ich euch, damit ihr euch nicht umsonst auf den Weg macht. Ich werde jemanden schicken, der sie holt, und dann die Zeichnung zusammen mit der Seide den jungen Herren zum Beizen übergeben lassen. Was meint ihr dazu?" | ||
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| + | Seidenweiß Pflaume nickte lächelnd und sagte: "Das ist nett von dir. Wenn du das wirklich tust, ist alles bestens. Dann lasst uns zurückgehen — wenn sie die Sachen nicht liefert, kommen wir wieder und belästigen sie aufs Neue." Damit führte sie die Schwestern zum Aufbruch. | ||
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| + | Phönixglanz bemerkte noch: "An alldem ist doch nur Schatzjade [宝玉]<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann Jade". Hauptfigur des Romans.</ref> schuld!" | ||
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| + | Als Seidenweiß Pflaume das hörte, drehte sie sich rasch um und sagte lächelnd: "Richtig, wegen Schatzjade sind wir hergekommen, und beinahe hätte ich ihn vergessen! Er war es, der das erste Treffen versäumt hat. Wir sind zu weichherzig gewesen — sag uns, wie wir ihn bestrafen sollen." | ||
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| + | Phönixglanz überlegte einen Moment und sagte: "Es gibt keine bessere Strafe, als ihn sämtliche Zimmer bei euch allen ausfegen zu lassen." Alle lachten und sagten: "Das ist treffend!" | ||
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| + | Gerade wollten sie gehen, als ein kleines Dienstmädchen die alte Lai-Amme [赖嬷嬷] hereinstützte. Phönixglanz und die anderen standen eilig auf. "Setz dich, Tante!" sagte Phönixglanz lächelnd. Dann beglückwünschten sie alle. | ||
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| + | Die alte Lai-Amme setzte sich an den Rand des Ofenbetts und sagte lächelnd: "Für mich ist es eine Freude, aber für die Herrschaften ist es ebenso eine Freude. Ohne die Gnade der Herrschaften, woher käme uns dieses Glück? Als gestern die gnädige Frau noch Tsai-ming mit Geschenken schickte, hat mein Enkel sich vor dem Haupttor kniefällig bedankt." | ||
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| + | Seidenweiß Pflaume fragte lächelnd: "Wann wird er sein Amt antreten?" | ||
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| + | Die alte Lai-Amme seufzte: "Was kümmert mich das — soll er tun, was er will! Neulich, als er mir zu Hause seinen Respekt bezeugte, habe ich ihm keine liebevollen Worte gegeben, sondern gesagt: 'Junge, bilde dir ja nicht ein, du seist nun ein Beamter und könnest tyrannisch und willkürlich schalten und walten! Du bist dreissig Jahre alt. Zwar warst du als Sohn von Dienern geboren, aber kaum kamst du aus dem Mutterleib, schenkten die Herrschaften dir in ihrer Gnade die Freiheit. Dank des Glücks der Herrschaften und deiner Eltern wurdest du wie ein junger Herr erzogen, konntest lesen und schreiben lernen und wurdest von Mägden, Frauen und Ammen bedient wie ein kostbarer Phönix. Jetzt, da du erwachsen bist, weißt du nicht einmal, wie man das Wort 'Sklave' schreibt! Du kennst nur das Genießen. Du weißt nichts davon, welche Mühsal und Entbehrungen dein Großvater und dein Vater durch zwei, drei Generationen ertragen haben, ehe sie dich aus sich herausringen konnten. An dem Silber, das seit deiner Kindheit für deine Krankheiten und Unglücksfälle ausgegeben wurde, hätte man eine Silberfigur gießen können, die so groß wäre wie du. Als du zwanzig warst, durftest du dank der Gnade der Herrschaften einen Beamtenrang erwerben. Sieh dir nur an, wie viele Leute von ordentlicher Herkunft Hunger und Not leiden! Du, ein Sprössling von Sklaven, pass bloß auf, dass du dir dein Glück nicht verderbst! Nun hast du zehn Jahre lang in Saus und Braus gelebt und es mit allerlei Schlichen und Kniffen über die Herrschaften fertiggebracht, dass man dich für einen Posten ausgewählt hat. Ein Kreis- oder Bezirksbeamter mag ein kleines Amt sein, doch die Verantwortung ist groß: Wer einen Bezirk regiert, ist Vater und Mutter für die ganze Bevölkerung. Wenn du nicht zufrieden und pflichttreu bist, dem Staat nicht loyal dienst und den Herrschaften nicht ehrfürchtig begegnest, wird dich der Himmel nicht dulden!'" | ||
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| + | Seidenweiß Pflaume und Phönixglanz sagten beide lächelnd: "Du machst dir zu viele Sorgen. Wir finden, er ist ganz tüchtig geworden. Früher kam er noch hin und wieder vorbei, aber seit einigen Jahren hat man nur noch seinen Namen auf den Namenskarten gesehen, zu Neujahr und an Geburtstagen, das war alles. Als er neulich kam, um der Herzoginmutter und den gnädigen Frauen seinen Kotau zu machen, sah man ihn im Hof der Herzoginmutter in seiner neuen Amtstracht — er machte einen recht stattlichen Eindruck und ist auch fülliger geworden als früher. Jetzt, da er sein Amt erhalten hat, solltest du dich eigentlich freuen, statt dich in Sorgen zu grämen. Wenn er sich daneben benimmt, ist ja immer noch sein Vater da. Du aber genieße deinen Lebensabend, und damit basta! Wenn du Musse hast, lass dich in einer Sänfte hierhertragen, spiel einen Tag Karten mit der Herzoginmutter oder plaudere mit ihr — wer würde es wagen, dich schlecht zu behandeln? Auch zu Hause hast du Häuser und Hallen, jeder respektiert dich, und du lebst nicht anders als eine alte Feudalherrin." | ||
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| + | Friedchen brachte Tee herein. Die alte Lai-Amme stand eilig auf, um die Tasse entgegenzunehmen, und sagte lächelnd: "Fräulein, lasst doch irgendeines der Mädchen den Tee bringen — ich verdiene solche Ehre nicht." Sie trank einen Schluck und fuhr dann fort: "Das wissen die Herrinnen gar nicht: Diese Kinder muss man streng halten. Und selbst wenn man streng ist, finden sie immer noch eine Gelegenheit, Unfug anzurichten und den Erwachsenen Kummer zu bereiten. Wer Bescheid weiß, sagt, das seien eben Kindereien. Wer aber nicht Bescheid weiß, sagt, hier werde Reichtum und Macht missbraucht, um andere zu bedrücken, und dann leidet selbst der Ruf der Herrschaften. Darüber ärgere ich mich so, dass ich nicht weiß, was ich tun soll. Oft muss ich seinen Vater rufen und ihn ausschelten lassen, dann bessert er sich etwas." | ||
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| + | Dann deutete sie auf Schatzjade und sprach: "Nimm es mir nicht übel, aber der gnädige Herr, dein Vater, züchtigtdich heutzutage nur mäßig, und die Herzoginmutter nimmt dich immer in Schutz. Dein Vater hat in seiner Kindheit von deinem Großvater Prügel bezogen — wer hätte das nicht mit eigenen Augen gesehen? Und als Kind war dein Vater längst nicht so wie du, der weder Himmel noch Erde fürchtet. Auch der ältere Herr, dein Onkel Begnadigung Kaufmann [贾赦], war als Junge ungezogen, aber er hat nie das ganze Haus auf den Kopf gestellt wie du, und trotzdem wurde er täglich geschlagen. Und erst der Großvater von eurem Herrlichkeit Kaufmann drüben im Ostanwesen — der war wie Öl aufs Feuer! Wenn er einmal in Zorn geriet, kannte er keinen Sohn mehr, sondern verhörte ihn wie einen Verbrecher! Soweit ich sehen und hören kann, erzieht Herrlichkeit Kaufmann seinen Sohn durchaus nach den Grundsätzen des alten Ahnherrn — nur trifft er oft daneben. Und sich selbst hält er erst recht nicht im Zaum. Kein Wunder, dass die jüngeren Brüder und Neffen ihn nicht respektieren und nicht fürchten! Wenn du das im Herzen verstehst, wirst du dich über meine Worte freuen. Wenn du es nicht verstehst, wirst du zwar nichts sagen, aber insgeheim auf mich schimpfen." | ||
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| + | Während sie noch sprach, trat Lai Das Frau [赖大家的] herein, und gleich darauf kamen auch die Frauen von Zhou Rui und Zhang Cai, um Bericht zu erstatten. | ||
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| + | Phönixglanz sagte lächelnd: "Die Schwiegertochter kommt die Schwiegermutter abholen." | ||
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| + | Lai Das Frau sagte lächelnd: "Ich will sie gar nicht abholen, sondern nur hören, ob die Herrin und die Fräulein uns die Ehre erweisen." | ||
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| + | Als die alte Lai-Amme das hörte, sagte sie lächelnd: "Ja, da bin ich wirklich zerstreut — die Hauptsache sage ich nicht und rede stattdessen von altem Hirse und schimmligem Sesam! Da unser Junge den Posten bekommen hat und Verwandte und Freunde ihm gratulieren wollen, müssen wir wohl ein Fest ausrichten. Ich dachte mir: Wenn wir nur einen Tag feiern, können wir dies und jenes nicht einladen. Dann dachte ich weiter: Dem Glück unserer Herrschaften sei Dank — wer hätte je von solcher Ehre geträumt! Selbst wenn wir unser ganzes Vermögen aufwenden, tü ich es gern. Deshalb habe ich seinen Vater angewiesen, drei Tage lang zu feiern. Am ersten Tag richten wir in unserem kleinen Garten einige Weintafeln und eine Theaterbühne her und laden die Herzoginmutter, die gnädigen Frauen und die Fräulein ein, sich einen Tag lang zu zerstreuen. Draußen in der großen Halle gibt es ebenfalls eine Bühne und Tafeln für die alten und jungen gnädigen Herren. Am zweiten Tag laden wir Verwandte und Freunde ein, am dritten unsere Kameraden aus beiden Anwesen. Drei Tage Festlichkeit — im Glanze des Glücks unserer Herrschaften." | ||
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| + | Seidenweiß Pflaume und Phönixglanz sagten lächelnd: "Wann soll es sein? Wir kommen gewiss, und vielleicht freut sich auch die Herzoginmutter und kommt mit — aber versprechen können wir das nicht." | ||
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| + | Lai Das Frau sagte eilig: "Wir haben den Vierzehnten gewählt. Bitte erweist nur unserer alten Mutter die Ehre!" | ||
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| + | Phönixglanz sagte lächelnd: "Für die anderen kann ich nicht sprechen, aber ich komme auf jeden Fall. Eines sage ich euch aber gleich vorweg: Ein Geschenk bringe ich nicht mit, und Trinkgeld verteile ich auch nicht. Wenn ich mich satt gegessen habe, gehe ich wieder — lacht mich deswegen nicht aus." | ||
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| + | Lai Das Frau sagte lächelnd: "Was sagt Ihr denn da, gnädige Frau! Wenn Ihr belohnen wollt, gebt uns zwei- bis dreitausend Liang, das würde schon genügen." | ||
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| + | Die alte Lai-Amme sagte lächelnd: "Eben war ich bei der Herzoginmutter, und sie hat gesagt, sie komme auch — da sieht man, dass mein altes Gesicht noch etwas gilt." Nachdem sie noch ein paarmal gemahnt hatte, stand sie auf, um zu gehen. Da fiel ihr beim Anblick von Zhou Ruis Frau [周瑞家的] etwas ein, und sie sagte: "Ach ja, eine Frage hätte ich noch an die gnädige Frau: Was hat denn der Sohn von Schwester Zhou angestellt, dass Ihr ihn hinausgeworfen und entlassen habt?" | ||
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| + | Phönixglanz hörte das und sagte lächelnd: "Richtig, das wollte ich deiner Schwiegertochter sagen, habe es aber bei all den Geschäften vergessen. Schwester Lai, richte deinem Alten aus: In keinem unserer beiden Anwesen darf man den Burschen aufnehmen. Er soll seiner Wege gehen." | ||
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| + | Lai Das Frau konnte nur jawohl sagen. Zhou Ruis Frau aber fiel rasch auf die Knie und flehte um Gnade. Die alte Lai-Amme sagte eilig: "Was ist denn los? Erzählt es mir, und ich werde urteilen." | ||
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| + | Phönixglanz sagte: "Neulich an meinem Geburtstag, als wir drinnen noch nicht einmal den ersten Becher getrunken hatten, war ihr Sohn draußen bereits sternhagelvoll. Als meine Mutter Geschenke schickte, statt die Boten draußen zu empfangen, sass er herum und beschimpfte die Leute und brachte die Gaben nicht herein. Als die beiden Frauen schließlich drinnen waren, begann er erst mit den jungen Dienern die Sachen hereinzutragen. Die kleinen Diener benahmen sich ordentlich, aber er ließ eine Schachtel fallen und verstreute Dampfbrötchen über den ganzen Hof. Nachdem die Boten fort waren, schickte ich Tsai-ming [彩明] hin, um ihm Vorhaltungen zu machen, und er hat stattdessen Tsai-ming beschimpft! So einen schamlosen, zügellosen Taugenichts wirft man nicht hinaus — was soll man dann mit ihm tun?" | ||
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| + | Die alte Lai-Amme sagte lächelnd: "Ich dachte, es wäre etwas Schlimmeres! Also nur deshalb. Hört mich an, gnädige Frau: Wenn er sich vergangen hat, bestraft und schimpft ihn, damit er sich bessert. Aber hinauswerfen dürft Ihr ihn auf keinen Fall. Er ist ja nicht wie die Kinder unserer alten Hausdienerfamilien — seine Mutter kam als Brautbegleitung der gnädigen Frau ins Haus. Wenn Ihr ihn einfach hinausjagt, fällt das auf die gnädige Frau [王夫人] zurück. Meiner Meinung nach solltet Ihr ihm ein paar Hiebe verabreichen lassen, damit er künftig gewarnt ist, und ihn dann behalten. Wenn Ihr es nicht um seiner Mutter willen tut, tut es um der gnädigen Frau willen." | ||
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| + | Phönixglanz hörte das an und wandte sich an Lai Das Frau: "Gut, dann lasst ihm vierzig Stockhiebe geben, und künftig darf er keinen Wein mehr trinken." | ||
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| + | Lai Das Frau sagte jawohl. Zhou Ruis Frau machte einen Kotau, stand auf und wollte sich auch vor der alten Lai-Amme auf die Knie werfen, aber Lai Das Frau hielt sie zurück. Darauf gingen die drei, und auch Seidenweiß Pflaume und die Schwestern kehrten in den Garten zurück. | ||
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| + | Am Abend ließ Phönixglanz tatsächlich allerhand alte Malutensilien heraussuchen und in den Garten bringen. Schatzspange [宝钗] und die anderen sortierten sie durch. Nur die Hälfte der verschiedenen Gegenstände war brauchbar. Für die fehlende Hälfte schrieben sie eine neue Liste und übergaben sie Phönixglanz, die alles nach Muster einkaufen ließ. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein. | ||
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| + | Eines Tages brachte man die draußen gebeizten und vorgezeichneten Seidenstücke herein. Fortan war Schatzjade [宝玉] jeden Tag bei Bedauerfrühling, um ihr beim Malen zu helfen. Auch Erkundefrühling, Seidenweiß Pflaume, Willkommenfrühling [迎春] und Schatzspange kamen oft dort vorbei — teils um beim Malen zuzusehen, teils weil es eine beqüme Gelegenheit war, sich zu treffen. | ||
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| + | Da das Wetter kühler wurde und die Nächte länger, ging Schatzspange zu ihrer Mutter, um verschiedene Handarbeiten zu besprechen und vorzubereiten. Am Tag machte sie zweimal ihre Aufwartung bei der Herzoginmutter und bei Dame König [王夫人]<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, wörtl. „Dame König". Schatzjades Mutter.</ref>; dabei kam es natürlich vor, dass sie ihnen zu Gefallen eine Weile sitzen blieb und plauderte. Auch die Schwestern im Garten wollte sie besuchen und ein wenig mit ihnen reden. Deshalb hatte sie tagsüber kaum freie Zeit und sass allabendlich im Lampenschein an ihren Handarbeiten, bis sie erst in der dritten Nachtwache schlafen ging. | ||
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| + | Kajaljade [黛玉] litt jedes Jahr um die Frühlings- und Herbst-Tagundnachtgleiche an einem Hustenanfall. Da in diesem Herbst die Herzoginmutter besonders gut aufgelegt gewesen war und sie an einigen zusätzlichen Ausflügen teilgenommen hatte, war sie unweigerlich überanstrengt und hatte nun einen neuerlichen Hustenanfall, der ihr schlimmer vorkam als sonst. Deshalb ging sie überhaupt nicht mehr vor die Tür und blieb zu Hause, um sich auszukurieren. Manchmal, wenn ihr langweilig wurde, sehnte sie sich danach, dass eine der Schwestern käme und ein wenig mit ihr plauderte. Wenn dann aber Schatzspange und die anderen sie besuchten, war sie nach drei, fünf Sätzen schon wieder genervt und erschöpft. Die anderen hatten Verständnis für ihre Krankheit und ihren ohnehin zarten Körper, der nicht die geringste Kränkung ertrug, und machten ihr deshalb auch keine Vorwürfe, wenn der Empfang zu wünschen übrig ließ und sie die Höflichkeit vernachlässigte. | ||
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| + | An diesem Tag kam Schatzspange zu Besuch, und das Gespräch kam auf Kajalades Krankheit. Schatzspange sagte: "Die Ärzte, die hier ein und aus gehen, sind zwar nicht schlecht, aber die Medizin, die sie dir verschreiben, zeigt keine Wirkung. Warum lassen wir nicht einen wirklich hervorragenden Arzt kommen, der dich gründlich untersucht? Wäre es nicht wunderbar, wenn du endlich geheilt würdest? Jedes Jahr quälst du dich im Frühling und im Sommer herum, dabei bist du weder alt noch ein kleines Kind. So kann es doch nicht ewig weitergehen." | ||
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| + | Kajaljade sagte: "Es ist zwecklos. Ich weiß, dass meine Krankheit unheilbar ist. Schon wenn ich mich nur ansehe, wie ich an meinen guten Tagen bin, weiß man alles." | ||
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| + | Schatzspange nickte und sagte: "Genau das meine ich. Die Alten sagen: 'Wer Getreide isst, lebt.' Aber was du täglich zu dir nimmst, stärkt weder Geist noch Körper noch Blut. Das ist kein guter Zustand." | ||
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| + | Kajaljade seufzte: "'Tod und Leben sind vom Schicksal bestimmt, Reichtum und Ehre hängen vom Himmel ab' — das kann kein Mensch erzwingen. Dieses Jahr kommt es mir auch noch schlimmer vor als in den vergangenen Jahren." Während sie sprach, musste sie schon zwei-, dreimal husten. | ||
| + | |||
| + | Schatzspange sagte: "Gestern habe ich mir dein Rezept angesehen. Der Ginseng und die Zimtrinde scheinen mir viel zu reichlich dosiert. Zwar stärken diese Mittel die Lebenskraft und erfrischen den Geist, aber sie sind auch sehr 'heiß'. Meiner Meinung nach sollte man zuerst die Leber beruhigen und den Magen stärken. Wenn das Feuer der Leber gelöscht ist, kann es das Erdelement [Anm.: In der chinesischen Fünf-Elemente-Lehre überwindet die Leber (Holz/Feuer) den Magen (Erde); ein übermäßiges Leberfeuer schädigt die Verdauung] nicht mehr überwinden, und wenn der Magen gesund ist, kann Essen und Trinken den Körper nähren. Jeden Morgen nach dem Aufstehen solltest du ein Liang bester Schwalbennester mit fünf Qian Kandiszucker in einem silbernen Tiegel zu einer Suppe kochen lassen. Wenn du dich daran gewöhnt hast, ist das besser als jede Medizin. Es ist das Allerbeste, um das Yin-Element zu stärken und die Lebenskraft zu nähren." | ||
| + | |||
| + | Kajaljade seufzte: "Die Art, wie du Menschen behandelst, war schon immer äusserst liebenswürdig. Aber ich bin nun einmal überaus argwöhnisch und hielt dich früher für hinterhältig. Seit jenem Tag, als du mich vor den schlechten Büchern warntest und mir so gute Worte gabst, bin ich dir zutiefst dankbar. All die Jahre zuvor war ich im Irrtum, das sehe ich jetzt klar. Wenn ich es mir recht überlege: Meine Mutter starb früh, ich habe weder Brüder noch Schwestern, und in meinen ganzen fünfzehn Jahren hat mich kein einziger Mensch so belehrt wie du neulich. Kein Wunder, dass Xiangfluss-Wolke [史湘云]<ref>Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Xiang-Flusswolke Geschichte". Schatzjades lebhafte Cousine.</ref> dich rühmt! Früher, wenn ich sie dich loben hörte, nahm ich es ihr übel. Erst seit jenem jüngsten Erlebnis weiß ich es einzuschätzen. Wenn du zum Beispiel solche Dinge gesagt hättest wie jemand anderes, ich hätte es dir nie verziehen. Aber du hast es nicht übelgenommen und mir stattdessen gut zugeredet. Daraus erkennt man, wie sehr ich mich getäuscht habe. Hätte ich es nicht neulich selbst erlebt, würde ich dir heute nicht so offen reden. Was nun die Schwalbennester-Suppe angeht, die du mir empfiehlst: Schwalbennester wären leicht zu beschaffen. Aber bedenke, ich bin ohnehin krank, und jedes Jahr habe ich denselben Anfall — es ist nie so dramatisch, dass man etwas Besonderes unternehmen müsste. Allein der Arzt, die Medizin, der Ginseng und der Zimt haben schon für genug Aufregung gesorgt. Wenn ich jetzt auch noch mit einer neuen Idee wie Schwalbennester-Suppe käme — die Herzoginmutter, die gnädige Frau und Phönixglanz würden vielleicht nichts sagen, aber die Dienerinnen und Mägde im Hintergrund würden mich ganz gewiss zu anspruchsvoll finden. Sieh dir die Leute hier an: Schon weil die Herzoginmutter Schatzjade und Phönixglanz besonders gern hat, beäugen sie die beiden wie Tiger ihre Beute und reden hinter ihrem Rücken übles Zeug. Wie viel schlimmer wäre es erst bei mir! Zumal ich gar nicht ihre eigentliche Herrin bin — ich bin als Schutzlose und Heimatlose hierher geflüchtet. Man hat ohnehin schon genug gegen mich. Wenn ich mich jetzt auch noch unangemessen verhalte, warum sollte ich ihnen noch mehr Anlass geben, mich zu verwünschen?" | ||
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| + | Schatzspange sagte: "Wenn du so argumentierst, dann geht es mir genauso." | ||
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| + | Kajaljade sagte: "Wie willst du dich mit mir vergleichen? Du hast eine Mutter und einen Bruder. Eure Familie hat hier Geschäfte und Grundbesitz, und daheim besitzt ihr ebenfalls Häuser und Land. Du wohnst hier nur als Verwandte, beanspruchst keinen einzigen Heller von ihnen, und wenn du gehen willst, gehst du. Ich dagegen besitze rein gar nichts. Essen, Kleidung, alles, was ich brauche, bis zum letzten Grashalm und zum letzten Blatt Papier — alles erhalte ich genauso wie die Töchter des Hauses. Wie sollten diese kleinen Leute mich da nicht verachten?" | ||
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| + | Schatzspange sagte lächelnd: "Am Ende kommt höchstens eine Aussteuer mehr dazu — aber so weit muss man jetzt noch nicht denken." | ||
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| + | Als Kajaljade das hörte, wurde sie unwillkürlich rot und sagte lächelnd: "Und ich habe dich gerade für einen verständigen Menschen gehalten und dir meine Sorgen anvertraut — und du neckst mich!" | ||
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| + | Schatzspange sagte lächelnd: "Es war zwar ein Scherz, aber auch die Wahrheit. Sei unbesorgt! Solange ich hier bin, werde ich dich jeden Tag ein wenig aufheitern. Was immer dich kränkt und kümmert, sag es mir ruhig, und ich werde tun, was in meiner Macht steht, um es für dich zu lösen. Gewiss habe ich einen Bruder, aber du weißt ja, was für einer das ist. Nur dass ich meine Mutter habe — darin bin ich ein wenig besser dran als du. Im Übrigen aber sind wir Leidensgefährtinnen, die einander nachfühlen können. Du bist ein kluger Mensch — warum seufzt du wie Sima Niu? [Anm.: Sima Niu, ein Schüler des Konfuzius, klagte, er allein habe keine Brüder; der Vergleich meint: sich unnötig über Einsamkeit grämen] Und was du vorhin gesagt hast, stimmt auch: Lieber eine Forderung weniger als eine mehr. Morgen gehe ich nach Hause und spreche mit meiner Mutter. Ich glaube, wir haben noch Schwalbennester. Ich schicke dir einige Liang, und jeden Tag lassen deine Mägde die Suppe kochen. So ist es beqüm und billig, und es gibt keine große Aufregung deswegen." | ||
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| + | Kajaljade sagte rasch lächelnd: "Auf die Schwalbennester kommt es nicht an — es ist deine Herzensgüte, die mir so viel bedeutet!" | ||
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| + | Schatzspange sagte: "Ach, das ist doch nicht der Rede wert! Ich fürchte nur, dass ich es bei diesem und jenem an der nötig Aufmerksamkeit fehlen lasse. Aber ich will dich jetzt nicht länger belästigen, ich gehe." | ||
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| + | Kajaljade sagte: "Komm am Abend noch einmal und plaudere ein wenig mit mir." Schatzspange versprach es und ging. Mehr soll hier von ihr nicht die Rede sein. | ||
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| + | Kajaljade trank einige Löffel dünnen Reisbrei und lehnte sich auf dem Bett zurück. Unversehens schlug noch vor Sonnenuntergang das Wetter um, und ein feiner, gleichmäßiger Regen begann zu fallen. Endloser Herbstregen, mal stieg er auf, mal ließ er nach, der Himmel wurde allmählich gelb vor Dämmerung und dann düsterschwarz. Dazu kam das Prasseln der Regentropfen auf den Bambuswipfeln, was die Tröstlosigkeit nur noch vertiefte. Kajaljade wusste, dass Schatzspange nun nicht mehr kommen konnte, und griff im Lampenschein nach einem Buch, das ihr gerade in die Hände fiel. Es waren die "Vermischten Manuskripte des Musikamtes" mit Gedichten wie "Herbstklagen einer einsamen Frau" und "Abschiedsschmerz". Unwillkürlich regte sich etwas in Kajalades Herzen, und die Empfindungen formten sich ganz von selbst zu Versen. So dichtete sie ein "Stellvertretendes Abschiedslied" im Stil des alten Gedichts "Mondnacht am Frühlingsstrom zwischen Blumen" und nannte es "Herbstfenster bei Wind und Regen". Es lautet: | ||
| + | |||
| + | Herbstblumen welken bleich, Herbstgras vergilbt, | ||
| + | die Herbstlampe flackert, endlos die Herbstnacht. | ||
| + | Man spürt: am Herbstfenster endet der Herbst nie, | ||
| + | wie könnten Wind und Regen nicht Trübsal mehren! | ||
| + | |||
| + | So rasch schon bringt der Herbstwind den Regen! | ||
| + | Er bricht den Herbsttraum am Herbstfenster jach. | ||
| + | Im Herzen den Herbstschmerz, schlaflos vor Kummer, | ||
| + | zum Herbstschirm hin rückt man die Tränenkerze. | ||
| + | |||
| + | Die Tränenkerze zuckt am kurzen Leuchter, | ||
| + | weckt Sehnsuchtsqual und rührt den Trennungsschmerz. | ||
| + | In wessen Herbsthof dringt kein Wind? | ||
| + | An wessen Herbstfenster schweigt der Regen? | ||
| + | |||
| + | Die Seidendecke wehrt dem Herbstwind nicht, | ||
| + | die lecke Wasseruhr treibt den Herbstregen. | ||
| + | Nacht um Nacht still und rauschend, | ||
| + | vor der Lampe als Gefährte, der mit dem Einsamen weint. | ||
| + | |||
| + | Kalter Nebel im kleinen Hof — alles veröedet, | ||
| + | am offenen Fenster, im Bambus: tropft es und tropft. | ||
| + | Wann hören Wind und Regen endlich auf? | ||
| + | Längst haben Tränen den Gazevorhang durchnässt. | ||
| + | |||
| + | Kaum hatte sie das Gedicht niedergeschrieben und den Pinsel beiseite gelegt und wollte sich zur Ruhe begeben, da meldete ein Dienstmädchen: "Der Zweite Junge Herr ist gekommen!" Noch bevor der Satz verklungen war, erblickte sie Schatzjade mit einem großen Bambushut auf dem Kopf und einem strohgeflochtenen Regenumhang über den Schultern. Kajaljade musste unwillkürlich lachen: "Wo kommt denn dieser Fischer her?" | ||
| + | |||
| + | Schatzjade fragte sogleich: "Geht es dir heute etwas besser? Hast du deine Medizin genommen? Wie viel hast du heute gegessen?" Während er so sprach, nahm er den Hut ab und legte den Umhang ab, hob eilig mit einer Hand die Lampe hoch, schirmte mit der anderen Hand den Lichtschein ab und leuchtete Kajaljade ins Gesicht. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er sie prüfend und sagte dann lächelnd: "Du siehst heute etwas besser aus." | ||
| + | |||
| + | Kajaljade sah, dass er ohne den Umhang nur ein halbgetragenes kurzes Gewand aus roter Seide trug, mit einem grünen Schweißtuch gegürtet. Unter den Knien lugten die Hosenbeine aus ölgrüner Seide mit Streublumen hervor, darunter dicht mit Gold bestickte Baumwollstrümpfe, und an den Füßen trug er Schuhe mit einem Muster von Schmetterlingen zwischen fallenden Blüten. | ||
| + | |||
| + | Kajaljade fragte: "Oben schützt du dich vor dem Regen, aber Schuhe und Strümpfe unten sind wohl regenfest? Sie sind ja ganz sauber." | ||
| + | |||
| + | Schatzjade sagte lächelnd: "Mein Regenanzug ist ein vollständiges Set. Dazu gehört ein Paar Holzüberschuhe aus Birnbaumholz, die ich eben anhatte und unter dem Dachvorsprung ausgezogen habe." | ||
| + | |||
| + | Kajaljade betrachtete Umhang und Hut genaür und stellte fest, dass es keine gewöhnliche Marktware war, sondern außerordentlich fein und zierlich gearbeitet. Sie fragte: "Aus was für einem Gras ist das geflochten? Deshalb sieht es angezogen auch nicht so igelhaft aus." | ||
| + | |||
| + | Schatzjade sagte: "Alle drei Stücke sind Geschenke vom Nordkönig [北静王]. Wenn er bei Regenwetter Musse hat, trägt er zu Hause auch solche Sachen. Wenn dir das gefällt, besorge ich noch einen Satz für dich. Die anderen Teile sind nichts Besonderes, aber der Hut hier ist interessant: Er lässt sich auseinandernehmen. Das Oberteil ist abnehmbar. Im Winter, wenn es schneit und man eine Mütze trägt, zieht man einfach das Bambusstäbchen heraus und nimmt das Oberteil ab, dann bleibt nur die Krempe übrig. Im Schnee können ihn Männer wie Frauen tragen. Ich schenke dir so einen Hut, und wenn es im Winter schneit, setzt du ihn auf." | ||
| + | |||
| + | Kajaljade sagte lächelnd: "Den will ich nicht. Wenn ich so etwas aufsetze, sehe ich ja aus wie eine Fischerfrau auf einem Bild oder auf der Bühne!" Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, bemerkte sie, dass sie sich nicht bedacht hatte: Die Bezeichnung "Fischerfrau" stand in direkter Verbindung zu dem "Fischer", den sie eben noch Schatzjade genannt hatte. [Anm.: "Fischer" und "Fischerfrau" — 渔翁 und 渔婆 — bilden ein Paar; Kajaljade erröitet, weil die Zusammenstellung sie und Schatzjade als Ehepaar erscheinen lässt] Es war zu spät, es zurückzunehmen. Vor Scham wurde Kajaljade puterrot im Gesicht, beugte sich über den Tisch und hustete ohne Unterlass. | ||
| + | |||
| + | Doch Schatzjade hatte gar nicht darauf geachtet. Als er auf dem Tisch das Gedicht entdeckte, nahm er es auf, las es durch und konnte nicht umhin, begeistert auszurufen. Kajaljade hörte das, sprang rasch auf, riss ihm das Blatt aus der Hand und verbrannte es über der Lampe. | ||
| + | |||
| + | Schatzjade sagte lächelnd: "Ich habe es schon auswendig gelernt — Verbrennen nützt da nichts." | ||
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| + | Kajaljade sagte: "Mir geht es auch schon viel besser. Ich danke dir, dass du am Tag so oft nach mir siehst und sogar bei Regen herkommst. Aber jetzt ist es tiefe Nacht, und ich möchte mich hinlegen. Geh bitte nach Hause und komm morgen wieder." | ||
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| + | Daraufhin griff Schatzjade in seinen Ärmel und holte eine walnussgroße goldene Taschenuhr hervor. Er schaute darauf — die Zeiger standen zwischen dem Ende der Stunde des Hundes und dem Beginn der Stunde des Schweins [Anm.: zwischen 20:45 und 21:15 Uhr]. Rasch steckte er die Uhr wieder weg und sagte: "Du hättest schon längst schlafen sollen. Ich habe dich einen halben Tag lang belästigt." Damit legte er den Umhang an, setzte den Hut auf und ging hinaus. Doch auf halbem Weg kehrte er um und kam noch einmal herein: "Worauf hättest du Appetit? Sag es mir, und ich richte es morgen früh der Herzoginmutter aus. Ist das nicht besser, als wenn die alten Frauen es ausrichten?" | ||
| + | |||
| + | Kajaljade sagte lächelnd: "Lass mich heute Nacht darüber nachdenken. Morgen früh sage ich es dir. Hörst du — der Regen wird immer stärker! Geh schnell. Hat dich denn jemand begleitet?" | ||
| + | |||
| + | Zwei Dienerinnen antworteten: "Jawohl, draußen warten Leute mit Regenschirmen und Laternen." | ||
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| + | Kajaljade sagte lächelnd: "Bei diesem Wetter Laternen anzüzünden?" | ||
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| + | Schatzjade sagte: "Das macht nichts. Es sind Laternen aus Marienglas [Anm.: 明瓦, transparent geschliffene Muschelschalen, die als Laternenfenster dienten und regenfest waren], die vertragen den Regen." | ||
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| + | Kajaljade hörte das, drehte sich um und nahm eine Glaslaterne mit gesticktem Kugeldekor vom Bücherregal. Sie ließ eine kleine Kerze darin anzüzünden und reichte sie Schatzjade mit den Worten: "Diese hier ist heller und eignet sich gerade für Regenwetter." | ||
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| + | Schatzjade sagte: "Ich habe auch so eine, aber ich hatte Angst, die Dienerinnen könnten ausrutschen und hinfallen und sie zerbrechen, deshalb habe ich sie nicht mitgebracht." | ||
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| + | Kajaljade sagte: "Ist es wertvoller, wenn die Laterne hinfällt, oder wenn du hinfällst? Du bist es doch auch nicht gewöhnt, in Holzüberschuhen zu gehen. Die Laterne dort sollen sie vorneweg tragen. Diese hier ist leicht und hell und dafür gemacht, sie bei Regen selbst in der Hand zu tragen. Nimm sie also. Morgen bringst du sie mir zurück. Und selbst wenn du sie fallen lässt, ist der Verlust gering. Wie kommst du plötzlich auf die Idee, dir den Bauch aufzuschlitzen, um eine Perle zu verbergen?" [Anm.: Sprichwort 剖腹藏珠, "sich den Bauch aufschlitzen, um eine Perle zu verstecken" — grösseren Schaden in Kauf nehmen, um etwas Geringeres zu schützen] | ||
| + | |||
| + | Schatzjade nahm die Laterne eilig entgegen. Vorneweg gingen zwei Dienerinnen mit Regenschirmen und Marienglas-Laternen, dahinter folgten noch zwei kleine Mägde mit Schirmen. Schatzjade übergab die Glaslaterne einem der Mädchen und stützte sich auf deren Schulter. So gingen sie davon. | ||
| + | |||
| + | Bald darauf kam eine Dienerin aus dem Hengwu-yuan [Anm.: Haselwurzpark, der Wohnsitz von Schatzspange im Garten der Großen Anschauung], ebenfalls mit Schirm und Laterne, und brachte ein großes Paket bester Schwalbennester sowie ein Päckchen feinen Pflaumenblüten-Kristallzucker. Sie sagte: "Das ist besser als das, was man kaufen kann. Unser Fräulein lässt bestellen: Essen Sie es erst einmal auf, wenn es alle ist, wird mehr geschickt." | ||
| + | |||
| + | Kajaljade sagte: "Bestellt ihr meinen Dank." Dann wies sie die Frau an, draußen Platz zu nehmen und Tee zu trinken. | ||
| + | |||
| + | Die Dienerin sagte lächelnd: "Keinen Tee, ich habe noch zu tun." | ||
| + | |||
| + | Kajaljade sagte lächelnd: "Ich weiß schon, was Ihr vorhabt. Jetzt, wo es wieder kühler ist und die Nächte länger werden, müsstet Ihr Euch natürlich zur Nacht zusammenfinden, um ordentlich zu spielen." | ||
| + | |||
| + | Die Dienerin sagte lächelnd: "Ich will es dem Fräulein nicht verheimlichen: Dieses Jahr habe ich großes Glück dabei. Sowieso müssen jede Nacht überall einige Leute Wache halten, und den Dienst zu versäumen geht nicht. Da ist es besser, man richtet eine nächtliche Spielrunde ein — so hält man gleichzeitig Wache und vertreibt sich die Langeweile. Heute halte ich die Bank, und sobald die Gartentore geschlossen sind, geht es los." | ||
| + | |||
| + | Kajaljade sagte lächelnd: "Da muss ich mich ja bedanken, dass du trotz des Regens gekommen bist und dafür deine Glückssträhne aufs Spiel setzt!" Sie befahl, der Frau einige hundert Kupfermünzen zu geben, damit sie sich Wein kaufe und sich gegen die Nässe aufwärme. | ||
| + | |||
| + | Die Dienerin sagte lächelnd: "Da muss das Fräulein auch noch Geld für meinen Wein ausgeben!" Sie machte einen Kotau, nahm draußen das Geld entgegen und ging mit dem Schirm davon. | ||
| + | |||
| + | Purpurkuckuck [紫鹃] räumte die Schwalbennester weg, stellte die Lampe um, ließ die Vorhänge herab und half Kajaljade ins Bett. Kajaljade lag auf ihrem Kissen und dachte dankbar an Schatzspanges Güte, dann beneidete sie sie um Mutter und Bruder. Dann dachte sie an Schatzjade, mit dem sie zwar seit jeher vertraut war, gegenüber dem aber doch Bedenken blieben. Dann hörte sie draußen auf den Bambuswipfeln und Bananenblättern den Regen prasseln, und die feuchte Kälte drang durch die Bettvorhänge. Unwillkürlich rollten ihr wieder die Tränen herab. Erst gegen Ende der vierten Nachtwache schlief sie allmählich ein. Mehr ist für den Augenblick nicht zu berichten. Was weiter geschah — | ||
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| + | <references /> | ||
Latest revision as of 19:29, 28 April 2026
Kapitel 45
Schatzspange[1] und Kajaljade[2] schließen einen Bund der Goldenen Orchidee und schütten einander das Herz aus — An einem Herbstabend bei Wind und Regen dichtet Kajaljade trübsinnig am Fenster
Es wird erzählt, dass Phönixglanz [凤姐][3] eben dabei war, Friedchen [平儿][4] zu trösten, als plötzlich die Schwestern hereinkamen. Eilig bat sie alle, Platz zu nehmen, und Friedchen schenkte Tee ein. Phönixglanz sagte lächelnd: "Ihr kommt heute so vollzählig, als hätte ich Einladungskarten verschickt."
Erkundefrühling [探春][5] sagte lächelnd: "Es geht um zwei Dinge: eines betrifft mich, das andere Bedauerfrühling [惜春][6], und es hängt auch noch mit einer Anordnung der Herzoginmutter [贾母][7] zusammen."
"Was sind das für dringende Angelegenheiten?" erkundigte sich Phönixglanz lächelnd.
Erkundefrühling erklärte lächelnd: "Wir haben eine Dichtergesellschaft gegründet, aber schon beim ersten Treffen waren wir nicht vollzählig. Weil alle zu weichherzig sind, ist alles durcheinander geraten. Ich dachte mir, du müsstest unbedingt als Zensorin der Gesellschaft fungieren — eisern und unparteiisch. Außerdem braucht Bedauerfrühling für das Gartenbild allerhand Materialien, die ihr fehlen. Wir haben es der Herzoginmutter berichtet, und sie sagte: 'Im Untergeschoß des hinteren Gebäudes müssten noch Restbestände von früher liegen. Sucht danach — wenn etwas da ist, nehmt es heraus; wenn nicht, lasst es kaufen.'"
Phönixglanz sagte lächelnd: "Ich kann doch weder nasse noch trockene Verse machen — wollt ihr mich etwa zum Essen einladen?"
Erkundefrühling erwiderte: "Dichten sollst du ja auch nicht. Du musst nur überwachen, ob jemand von uns faul und träge ist, und eine angemessene Strafe verhängen."
Phönixglanz sagte lächelnd: "Führt mich nicht hinters Licht! Ich habe euch längst durchschaut. Ihr wollt mich gar nicht zur Zensorin der Gesellschaft machen — vielmehr sollt ich euch als Geldgeber dienen. Was für eine Gesellschaft ihr auch haben mögt, ihr müsst der Reihe nach die Gastgeber spielen. Euer Monatsgeld reicht nicht aus, deshalb habt ihr diesen Plan ausgeheckt, um mich anzuzapfen und mir Geld abzupressen. Stimmt es etwa nicht?"
Diese Worte brachten alle zum Lachen. Seidenweiß Pflaume [李纨] sagte lächelnd: "Also wirklich, du hast ein Herz aus Kristall und bist ein Mensch aus Glas!"
Phönixglanz sagte lächelnd: "Und du bist mir eine schöne ältere Schwägerin! Die Mädchen sind dir anvertraut, damit du mit ihnen liest und ihnen Anstand und Handarbeiten beibringst. Wenn sie etwas falsch machen, sollst du sie ermahnen. Jetzt gründen sie eine Dichtergesellschaft — wie viel Geld kann das schon kosten? Und du kümmerst dich nicht darum? Von der Herzoginmutter und den gnädigen Frauen abgesehen, die als Beamtengattinnen geehrt werden: du bekommst zehn Liang Silber Monatsgeld, doppelt so viel wie wir anderen. Die Herzoginmutter und die gnädigen Frauen meinen noch, du seist eine arme Witwe ohne Hausstand, die nicht genug habe, und weil du einen Sohn hast, gibt man dir nochmals volle zehn Liang dazu, so dass du auf gleicher Stufe mit der Herzoginmutter und den gnädigen Frauen stehst. Dazu hat man dir Gartenland zugeteilt, von dem du Pachtzins einnimmst. Bei der jährlichen Verteilung der Zuwendungen wirst du in der höchsten Stufe bedacht. Herrin und Dienerschaft zusammen seid ihr nicht einmal zehn Personen, und Essen und Kleidung kommen nach wie vor aus der Gemeinschaftskasse. Alles in allem müssen es im Jahr vier- bis fünfhundert Liang Silber sein. Könntest du da nicht jedes Jahr ein- bis zweihundert Liang für ihr Vergnügen beisteuern? Wie viele Jahre kann das schon daürn? Wenn sie einmal heiraten, wird man ja wohl nicht verlangen, dass du die Mitgift bezahlst! Du willst kein Geld ausgeben und stiftest sie an, mich zu belästigen — ich soll euren Geldbeutel spielen, und dabei wäre mir das alles völlig neu!"
Seidenweiß Pflaume sagte lächelnd: "Hört euch das an! Ich sage einen einzigen Satz, und schon redet sie sich in Rage und schüttet zwei Wagenladungen gemeiner Marktfrau-Sprüche aus, alles kleinlich berechnet auf Heller und Pfennig. So ein Geschöpf — und dabei hat sie das Glück gehabt, in einer bekannten Familie von Gelehrten und Beamten als Fräulein geboren zu werden! Eingeheiratet hat sie in genau so eine Familie, und trotzdem ist sie noch so. Wäre sie als Sohn einer armen Familie zur Welt gekommen, wer weiß, was sie dann für ein vulgäres, schamloses Mundwerk hätte! Alle Menschen auf der Welt hast du übervorteilt! Gestern hast du sogar Friedchen geschlagen — du hast es dir also tatsächlich erlaubt, die Hand gegen sie zu erheben! Den gelben Fusel hast du wohl einem Hundsmagen eingeschüttet? Ich war so wütend, dass ich Friedchen am liebsten gerächt hätte. Ich habe einen halben Tag mit mir gerungen, aber weil es gerade Hündchens Geburtstag war — so ein seltener Glückstag! — und ich fürchtete, die Herzoginmutter würde sich darob grämen, bin ich nicht gekommen. Doch mein Zorn hat sich immer noch nicht gelegt. Und heute hast du mich schon wieder herausgefordert! Du bist es nicht wert, Friedchen auch nur die Schuhe zu reichen. Ihr zwei müssten eigentlich die Plätze tauschen!"
Alle lachten darüber. Phönixglanz sagte eilig lächelnd: "Also seid ihr gar nicht wegen der Dichtkunst oder der Malerei zu mir gekommen — du machst dieses Gesicht einzig und allein, um für Friedchen Rache zu nehmen! Ich hätte nie gedacht, dass Friedchen gerade an dir eine Beschützerin hat. Hätte ich das vorher gewusst, dann hätte ich sie nicht geschlagen, selbst wenn ein Gespenst meine Hand geführt hätte. — Friedchen, komm her! Ich entschuldige mich vor der älteren Herrin und den Fräulein bei dir. Verzeih mir, dass ich im Rausch keine Tugend kannte!" Darauf lachten wieder alle.
Seidenweiß Pflaume fragte Friedchen lächelnd: "Wie ist das nun? Habe ich nicht gesagt, ich würde erst Ruhe geben, wenn ich deinen guten Ruf verteidigt habe?"
Friedchen antwortete lächelnd: "Das mag so sein, aber wenn die Herrinnen sich auf meine Kosten amüsierten, das hielte ich nicht aus."
Seidenweiß Pflaume sagte: "Was hieltst du nicht aus? Du hast doch mich. Aber jetzt nimm schnell die Schlüssel und lass deine Herrin das Lagergebäude aufschließen und die Sachen heraussuchen!"
Phönixglanz sagte lächelnd: "Liebe Schwägerin, geh doch bitte erst mit ihnen in den Garten zurück. Ich muss sogleich die Reisabrechnungen zusammenrechnen, und drüben hat die ältere gnädige Frau [邢夫人] auch schon wieder nach mir geschickt — ich weiß nicht, was sie will, muss aber auf jeden Fall hinüber. Und die Neujahrsgarderobe, die ihr für die Dienstboten zuschustern lassen müsst, die ist auch noch nicht vorbereitet."
Seidenweiß Pflaume sagte lächelnd: "Das alles kümmert mich nicht. Erledige nur erst meine Angelegenheit, damit ich mich ausruhen kann und mir die Mädchen nicht weiter in den Ohren liegen."
Phönixglanz sagte rasch lächelnd: "Liebste Schwägerin, gönn mir doch ein Stündchen Luft! Du bist doch sonst immer die, die mich am meisten verwöhnt — warum hast du heute wegen Friedchen kein Erbarmen mehr mit mir? Du selbst hast mir doch oft genug zugeredet: 'Auch wenn viel zu tun ist, musst du auf deine Gesundheit achten und dir hin und wieder eine Pause gönnen.' Und heute treibst du mich zu Tode! Wenn die Neujahrskleider anderer Leute etwas später fertig werden, macht das nichts. Aber wenn die der Schwestern sich verzögern, ist das deine Verantwortung. Wird die Herzoginmutter dich nicht tadeln, dass du dich nicht einmal um eine solche Kleinigkeit gekümmert hast? Diesen naheliegenden Einwand hättest du auch selbst vorbringen können! Ich würde lieber selbst den Fehler auf mich nehmen, als dich in Schwierigkeiten zu bringen."
Seidenweiß Pflaume sagte lächelnd: "Hört euch nur an, wie geschickt sie redet! Was für ein Redetalent sie hat! Aber jetzt frage ich dich: Kümmerst du dich nun um die Dichtergesellschaft oder nicht?"
Phönixglanz sagte lächelnd: "Was für eine Frage! Wenn ich nicht der Gesellschaft beitrete und ein paar Münzen beisteuere, stehe ich am Ende als Aufrührerin des Gartens des Großen Anblicks da — da könnte ich gleich aufhören, hier zu essen! Morgen in aller Frühe trete ich mein Amt an, steige vom Pferd ab, nehme das Amtssiegel entgegen und lege zunächst fünfzig Liang Silber hin, damit ihr in Ruhe eure Zusammenkünfte ausrichten könnt. Ich für mein Teil kann ohnehin weder dichten noch schreiben, ich bin nur ein gewöhnlicher Mensch. Ob ich nun 'Zensorin' bin oder nicht — wenn ihr erst das Geld habt, werdet ihr mich sowieso hinauswerfen!" Alle lachten wieder.
Phönixglanz fuhr fort: "Nachher öffne ich das Lagergebäude und lasse alles herausbringen. Ihr könnt euch ansehen, was davon brauchbar ist. Was fehlt, kaufe ich nach eurer Liste ein. Die Malseide schneide ich sofort zu. Die Vorlagezeichnung ist allerdings nicht bei der gnädigen Frau, sondern drüben beim Herrn Herrlichkeit Kaufmann [贾珍][8]. Das sage ich euch, damit ihr euch nicht umsonst auf den Weg macht. Ich werde jemanden schicken, der sie holt, und dann die Zeichnung zusammen mit der Seide den jungen Herren zum Beizen übergeben lassen. Was meint ihr dazu?"
Seidenweiß Pflaume nickte lächelnd und sagte: "Das ist nett von dir. Wenn du das wirklich tust, ist alles bestens. Dann lasst uns zurückgehen — wenn sie die Sachen nicht liefert, kommen wir wieder und belästigen sie aufs Neue." Damit führte sie die Schwestern zum Aufbruch.
Phönixglanz bemerkte noch: "An alldem ist doch nur Schatzjade [宝玉][9] schuld!"
Als Seidenweiß Pflaume das hörte, drehte sie sich rasch um und sagte lächelnd: "Richtig, wegen Schatzjade sind wir hergekommen, und beinahe hätte ich ihn vergessen! Er war es, der das erste Treffen versäumt hat. Wir sind zu weichherzig gewesen — sag uns, wie wir ihn bestrafen sollen."
Phönixglanz überlegte einen Moment und sagte: "Es gibt keine bessere Strafe, als ihn sämtliche Zimmer bei euch allen ausfegen zu lassen." Alle lachten und sagten: "Das ist treffend!"
Gerade wollten sie gehen, als ein kleines Dienstmädchen die alte Lai-Amme [赖嬷嬷] hereinstützte. Phönixglanz und die anderen standen eilig auf. "Setz dich, Tante!" sagte Phönixglanz lächelnd. Dann beglückwünschten sie alle.
Die alte Lai-Amme setzte sich an den Rand des Ofenbetts und sagte lächelnd: "Für mich ist es eine Freude, aber für die Herrschaften ist es ebenso eine Freude. Ohne die Gnade der Herrschaften, woher käme uns dieses Glück? Als gestern die gnädige Frau noch Tsai-ming mit Geschenken schickte, hat mein Enkel sich vor dem Haupttor kniefällig bedankt."
Seidenweiß Pflaume fragte lächelnd: "Wann wird er sein Amt antreten?"
Die alte Lai-Amme seufzte: "Was kümmert mich das — soll er tun, was er will! Neulich, als er mir zu Hause seinen Respekt bezeugte, habe ich ihm keine liebevollen Worte gegeben, sondern gesagt: 'Junge, bilde dir ja nicht ein, du seist nun ein Beamter und könnest tyrannisch und willkürlich schalten und walten! Du bist dreissig Jahre alt. Zwar warst du als Sohn von Dienern geboren, aber kaum kamst du aus dem Mutterleib, schenkten die Herrschaften dir in ihrer Gnade die Freiheit. Dank des Glücks der Herrschaften und deiner Eltern wurdest du wie ein junger Herr erzogen, konntest lesen und schreiben lernen und wurdest von Mägden, Frauen und Ammen bedient wie ein kostbarer Phönix. Jetzt, da du erwachsen bist, weißt du nicht einmal, wie man das Wort 'Sklave' schreibt! Du kennst nur das Genießen. Du weißt nichts davon, welche Mühsal und Entbehrungen dein Großvater und dein Vater durch zwei, drei Generationen ertragen haben, ehe sie dich aus sich herausringen konnten. An dem Silber, das seit deiner Kindheit für deine Krankheiten und Unglücksfälle ausgegeben wurde, hätte man eine Silberfigur gießen können, die so groß wäre wie du. Als du zwanzig warst, durftest du dank der Gnade der Herrschaften einen Beamtenrang erwerben. Sieh dir nur an, wie viele Leute von ordentlicher Herkunft Hunger und Not leiden! Du, ein Sprössling von Sklaven, pass bloß auf, dass du dir dein Glück nicht verderbst! Nun hast du zehn Jahre lang in Saus und Braus gelebt und es mit allerlei Schlichen und Kniffen über die Herrschaften fertiggebracht, dass man dich für einen Posten ausgewählt hat. Ein Kreis- oder Bezirksbeamter mag ein kleines Amt sein, doch die Verantwortung ist groß: Wer einen Bezirk regiert, ist Vater und Mutter für die ganze Bevölkerung. Wenn du nicht zufrieden und pflichttreu bist, dem Staat nicht loyal dienst und den Herrschaften nicht ehrfürchtig begegnest, wird dich der Himmel nicht dulden!'"
Seidenweiß Pflaume und Phönixglanz sagten beide lächelnd: "Du machst dir zu viele Sorgen. Wir finden, er ist ganz tüchtig geworden. Früher kam er noch hin und wieder vorbei, aber seit einigen Jahren hat man nur noch seinen Namen auf den Namenskarten gesehen, zu Neujahr und an Geburtstagen, das war alles. Als er neulich kam, um der Herzoginmutter und den gnädigen Frauen seinen Kotau zu machen, sah man ihn im Hof der Herzoginmutter in seiner neuen Amtstracht — er machte einen recht stattlichen Eindruck und ist auch fülliger geworden als früher. Jetzt, da er sein Amt erhalten hat, solltest du dich eigentlich freuen, statt dich in Sorgen zu grämen. Wenn er sich daneben benimmt, ist ja immer noch sein Vater da. Du aber genieße deinen Lebensabend, und damit basta! Wenn du Musse hast, lass dich in einer Sänfte hierhertragen, spiel einen Tag Karten mit der Herzoginmutter oder plaudere mit ihr — wer würde es wagen, dich schlecht zu behandeln? Auch zu Hause hast du Häuser und Hallen, jeder respektiert dich, und du lebst nicht anders als eine alte Feudalherrin."
Friedchen brachte Tee herein. Die alte Lai-Amme stand eilig auf, um die Tasse entgegenzunehmen, und sagte lächelnd: "Fräulein, lasst doch irgendeines der Mädchen den Tee bringen — ich verdiene solche Ehre nicht." Sie trank einen Schluck und fuhr dann fort: "Das wissen die Herrinnen gar nicht: Diese Kinder muss man streng halten. Und selbst wenn man streng ist, finden sie immer noch eine Gelegenheit, Unfug anzurichten und den Erwachsenen Kummer zu bereiten. Wer Bescheid weiß, sagt, das seien eben Kindereien. Wer aber nicht Bescheid weiß, sagt, hier werde Reichtum und Macht missbraucht, um andere zu bedrücken, und dann leidet selbst der Ruf der Herrschaften. Darüber ärgere ich mich so, dass ich nicht weiß, was ich tun soll. Oft muss ich seinen Vater rufen und ihn ausschelten lassen, dann bessert er sich etwas."
Dann deutete sie auf Schatzjade und sprach: "Nimm es mir nicht übel, aber der gnädige Herr, dein Vater, züchtigtdich heutzutage nur mäßig, und die Herzoginmutter nimmt dich immer in Schutz. Dein Vater hat in seiner Kindheit von deinem Großvater Prügel bezogen — wer hätte das nicht mit eigenen Augen gesehen? Und als Kind war dein Vater längst nicht so wie du, der weder Himmel noch Erde fürchtet. Auch der ältere Herr, dein Onkel Begnadigung Kaufmann [贾赦], war als Junge ungezogen, aber er hat nie das ganze Haus auf den Kopf gestellt wie du, und trotzdem wurde er täglich geschlagen. Und erst der Großvater von eurem Herrlichkeit Kaufmann drüben im Ostanwesen — der war wie Öl aufs Feuer! Wenn er einmal in Zorn geriet, kannte er keinen Sohn mehr, sondern verhörte ihn wie einen Verbrecher! Soweit ich sehen und hören kann, erzieht Herrlichkeit Kaufmann seinen Sohn durchaus nach den Grundsätzen des alten Ahnherrn — nur trifft er oft daneben. Und sich selbst hält er erst recht nicht im Zaum. Kein Wunder, dass die jüngeren Brüder und Neffen ihn nicht respektieren und nicht fürchten! Wenn du das im Herzen verstehst, wirst du dich über meine Worte freuen. Wenn du es nicht verstehst, wirst du zwar nichts sagen, aber insgeheim auf mich schimpfen."
Während sie noch sprach, trat Lai Das Frau [赖大家的] herein, und gleich darauf kamen auch die Frauen von Zhou Rui und Zhang Cai, um Bericht zu erstatten.
Phönixglanz sagte lächelnd: "Die Schwiegertochter kommt die Schwiegermutter abholen."
Lai Das Frau sagte lächelnd: "Ich will sie gar nicht abholen, sondern nur hören, ob die Herrin und die Fräulein uns die Ehre erweisen."
Als die alte Lai-Amme das hörte, sagte sie lächelnd: "Ja, da bin ich wirklich zerstreut — die Hauptsache sage ich nicht und rede stattdessen von altem Hirse und schimmligem Sesam! Da unser Junge den Posten bekommen hat und Verwandte und Freunde ihm gratulieren wollen, müssen wir wohl ein Fest ausrichten. Ich dachte mir: Wenn wir nur einen Tag feiern, können wir dies und jenes nicht einladen. Dann dachte ich weiter: Dem Glück unserer Herrschaften sei Dank — wer hätte je von solcher Ehre geträumt! Selbst wenn wir unser ganzes Vermögen aufwenden, tü ich es gern. Deshalb habe ich seinen Vater angewiesen, drei Tage lang zu feiern. Am ersten Tag richten wir in unserem kleinen Garten einige Weintafeln und eine Theaterbühne her und laden die Herzoginmutter, die gnädigen Frauen und die Fräulein ein, sich einen Tag lang zu zerstreuen. Draußen in der großen Halle gibt es ebenfalls eine Bühne und Tafeln für die alten und jungen gnädigen Herren. Am zweiten Tag laden wir Verwandte und Freunde ein, am dritten unsere Kameraden aus beiden Anwesen. Drei Tage Festlichkeit — im Glanze des Glücks unserer Herrschaften."
Seidenweiß Pflaume und Phönixglanz sagten lächelnd: "Wann soll es sein? Wir kommen gewiss, und vielleicht freut sich auch die Herzoginmutter und kommt mit — aber versprechen können wir das nicht."
Lai Das Frau sagte eilig: "Wir haben den Vierzehnten gewählt. Bitte erweist nur unserer alten Mutter die Ehre!"
Phönixglanz sagte lächelnd: "Für die anderen kann ich nicht sprechen, aber ich komme auf jeden Fall. Eines sage ich euch aber gleich vorweg: Ein Geschenk bringe ich nicht mit, und Trinkgeld verteile ich auch nicht. Wenn ich mich satt gegessen habe, gehe ich wieder — lacht mich deswegen nicht aus."
Lai Das Frau sagte lächelnd: "Was sagt Ihr denn da, gnädige Frau! Wenn Ihr belohnen wollt, gebt uns zwei- bis dreitausend Liang, das würde schon genügen."
Die alte Lai-Amme sagte lächelnd: "Eben war ich bei der Herzoginmutter, und sie hat gesagt, sie komme auch — da sieht man, dass mein altes Gesicht noch etwas gilt." Nachdem sie noch ein paarmal gemahnt hatte, stand sie auf, um zu gehen. Da fiel ihr beim Anblick von Zhou Ruis Frau [周瑞家的] etwas ein, und sie sagte: "Ach ja, eine Frage hätte ich noch an die gnädige Frau: Was hat denn der Sohn von Schwester Zhou angestellt, dass Ihr ihn hinausgeworfen und entlassen habt?"
Phönixglanz hörte das und sagte lächelnd: "Richtig, das wollte ich deiner Schwiegertochter sagen, habe es aber bei all den Geschäften vergessen. Schwester Lai, richte deinem Alten aus: In keinem unserer beiden Anwesen darf man den Burschen aufnehmen. Er soll seiner Wege gehen."
Lai Das Frau konnte nur jawohl sagen. Zhou Ruis Frau aber fiel rasch auf die Knie und flehte um Gnade. Die alte Lai-Amme sagte eilig: "Was ist denn los? Erzählt es mir, und ich werde urteilen."
Phönixglanz sagte: "Neulich an meinem Geburtstag, als wir drinnen noch nicht einmal den ersten Becher getrunken hatten, war ihr Sohn draußen bereits sternhagelvoll. Als meine Mutter Geschenke schickte, statt die Boten draußen zu empfangen, sass er herum und beschimpfte die Leute und brachte die Gaben nicht herein. Als die beiden Frauen schließlich drinnen waren, begann er erst mit den jungen Dienern die Sachen hereinzutragen. Die kleinen Diener benahmen sich ordentlich, aber er ließ eine Schachtel fallen und verstreute Dampfbrötchen über den ganzen Hof. Nachdem die Boten fort waren, schickte ich Tsai-ming [彩明] hin, um ihm Vorhaltungen zu machen, und er hat stattdessen Tsai-ming beschimpft! So einen schamlosen, zügellosen Taugenichts wirft man nicht hinaus — was soll man dann mit ihm tun?"
Die alte Lai-Amme sagte lächelnd: "Ich dachte, es wäre etwas Schlimmeres! Also nur deshalb. Hört mich an, gnädige Frau: Wenn er sich vergangen hat, bestraft und schimpft ihn, damit er sich bessert. Aber hinauswerfen dürft Ihr ihn auf keinen Fall. Er ist ja nicht wie die Kinder unserer alten Hausdienerfamilien — seine Mutter kam als Brautbegleitung der gnädigen Frau ins Haus. Wenn Ihr ihn einfach hinausjagt, fällt das auf die gnädige Frau [王夫人] zurück. Meiner Meinung nach solltet Ihr ihm ein paar Hiebe verabreichen lassen, damit er künftig gewarnt ist, und ihn dann behalten. Wenn Ihr es nicht um seiner Mutter willen tut, tut es um der gnädigen Frau willen."
Phönixglanz hörte das an und wandte sich an Lai Das Frau: "Gut, dann lasst ihm vierzig Stockhiebe geben, und künftig darf er keinen Wein mehr trinken."
Lai Das Frau sagte jawohl. Zhou Ruis Frau machte einen Kotau, stand auf und wollte sich auch vor der alten Lai-Amme auf die Knie werfen, aber Lai Das Frau hielt sie zurück. Darauf gingen die drei, und auch Seidenweiß Pflaume und die Schwestern kehrten in den Garten zurück.
Am Abend ließ Phönixglanz tatsächlich allerhand alte Malutensilien heraussuchen und in den Garten bringen. Schatzspange [宝钗] und die anderen sortierten sie durch. Nur die Hälfte der verschiedenen Gegenstände war brauchbar. Für die fehlende Hälfte schrieben sie eine neue Liste und übergaben sie Phönixglanz, die alles nach Muster einkaufen ließ. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
Eines Tages brachte man die draußen gebeizten und vorgezeichneten Seidenstücke herein. Fortan war Schatzjade [宝玉] jeden Tag bei Bedauerfrühling, um ihr beim Malen zu helfen. Auch Erkundefrühling, Seidenweiß Pflaume, Willkommenfrühling [迎春] und Schatzspange kamen oft dort vorbei — teils um beim Malen zuzusehen, teils weil es eine beqüme Gelegenheit war, sich zu treffen.
Da das Wetter kühler wurde und die Nächte länger, ging Schatzspange zu ihrer Mutter, um verschiedene Handarbeiten zu besprechen und vorzubereiten. Am Tag machte sie zweimal ihre Aufwartung bei der Herzoginmutter und bei Dame König [王夫人][10]; dabei kam es natürlich vor, dass sie ihnen zu Gefallen eine Weile sitzen blieb und plauderte. Auch die Schwestern im Garten wollte sie besuchen und ein wenig mit ihnen reden. Deshalb hatte sie tagsüber kaum freie Zeit und sass allabendlich im Lampenschein an ihren Handarbeiten, bis sie erst in der dritten Nachtwache schlafen ging.
Kajaljade [黛玉] litt jedes Jahr um die Frühlings- und Herbst-Tagundnachtgleiche an einem Hustenanfall. Da in diesem Herbst die Herzoginmutter besonders gut aufgelegt gewesen war und sie an einigen zusätzlichen Ausflügen teilgenommen hatte, war sie unweigerlich überanstrengt und hatte nun einen neuerlichen Hustenanfall, der ihr schlimmer vorkam als sonst. Deshalb ging sie überhaupt nicht mehr vor die Tür und blieb zu Hause, um sich auszukurieren. Manchmal, wenn ihr langweilig wurde, sehnte sie sich danach, dass eine der Schwestern käme und ein wenig mit ihr plauderte. Wenn dann aber Schatzspange und die anderen sie besuchten, war sie nach drei, fünf Sätzen schon wieder genervt und erschöpft. Die anderen hatten Verständnis für ihre Krankheit und ihren ohnehin zarten Körper, der nicht die geringste Kränkung ertrug, und machten ihr deshalb auch keine Vorwürfe, wenn der Empfang zu wünschen übrig ließ und sie die Höflichkeit vernachlässigte.
An diesem Tag kam Schatzspange zu Besuch, und das Gespräch kam auf Kajalades Krankheit. Schatzspange sagte: "Die Ärzte, die hier ein und aus gehen, sind zwar nicht schlecht, aber die Medizin, die sie dir verschreiben, zeigt keine Wirkung. Warum lassen wir nicht einen wirklich hervorragenden Arzt kommen, der dich gründlich untersucht? Wäre es nicht wunderbar, wenn du endlich geheilt würdest? Jedes Jahr quälst du dich im Frühling und im Sommer herum, dabei bist du weder alt noch ein kleines Kind. So kann es doch nicht ewig weitergehen."
Kajaljade sagte: "Es ist zwecklos. Ich weiß, dass meine Krankheit unheilbar ist. Schon wenn ich mich nur ansehe, wie ich an meinen guten Tagen bin, weiß man alles."
Schatzspange nickte und sagte: "Genau das meine ich. Die Alten sagen: 'Wer Getreide isst, lebt.' Aber was du täglich zu dir nimmst, stärkt weder Geist noch Körper noch Blut. Das ist kein guter Zustand."
Kajaljade seufzte: "'Tod und Leben sind vom Schicksal bestimmt, Reichtum und Ehre hängen vom Himmel ab' — das kann kein Mensch erzwingen. Dieses Jahr kommt es mir auch noch schlimmer vor als in den vergangenen Jahren." Während sie sprach, musste sie schon zwei-, dreimal husten.
Schatzspange sagte: "Gestern habe ich mir dein Rezept angesehen. Der Ginseng und die Zimtrinde scheinen mir viel zu reichlich dosiert. Zwar stärken diese Mittel die Lebenskraft und erfrischen den Geist, aber sie sind auch sehr 'heiß'. Meiner Meinung nach sollte man zuerst die Leber beruhigen und den Magen stärken. Wenn das Feuer der Leber gelöscht ist, kann es das Erdelement [Anm.: In der chinesischen Fünf-Elemente-Lehre überwindet die Leber (Holz/Feuer) den Magen (Erde); ein übermäßiges Leberfeuer schädigt die Verdauung] nicht mehr überwinden, und wenn der Magen gesund ist, kann Essen und Trinken den Körper nähren. Jeden Morgen nach dem Aufstehen solltest du ein Liang bester Schwalbennester mit fünf Qian Kandiszucker in einem silbernen Tiegel zu einer Suppe kochen lassen. Wenn du dich daran gewöhnt hast, ist das besser als jede Medizin. Es ist das Allerbeste, um das Yin-Element zu stärken und die Lebenskraft zu nähren."
Kajaljade seufzte: "Die Art, wie du Menschen behandelst, war schon immer äusserst liebenswürdig. Aber ich bin nun einmal überaus argwöhnisch und hielt dich früher für hinterhältig. Seit jenem Tag, als du mich vor den schlechten Büchern warntest und mir so gute Worte gabst, bin ich dir zutiefst dankbar. All die Jahre zuvor war ich im Irrtum, das sehe ich jetzt klar. Wenn ich es mir recht überlege: Meine Mutter starb früh, ich habe weder Brüder noch Schwestern, und in meinen ganzen fünfzehn Jahren hat mich kein einziger Mensch so belehrt wie du neulich. Kein Wunder, dass Xiangfluss-Wolke [史湘云][11] dich rühmt! Früher, wenn ich sie dich loben hörte, nahm ich es ihr übel. Erst seit jenem jüngsten Erlebnis weiß ich es einzuschätzen. Wenn du zum Beispiel solche Dinge gesagt hättest wie jemand anderes, ich hätte es dir nie verziehen. Aber du hast es nicht übelgenommen und mir stattdessen gut zugeredet. Daraus erkennt man, wie sehr ich mich getäuscht habe. Hätte ich es nicht neulich selbst erlebt, würde ich dir heute nicht so offen reden. Was nun die Schwalbennester-Suppe angeht, die du mir empfiehlst: Schwalbennester wären leicht zu beschaffen. Aber bedenke, ich bin ohnehin krank, und jedes Jahr habe ich denselben Anfall — es ist nie so dramatisch, dass man etwas Besonderes unternehmen müsste. Allein der Arzt, die Medizin, der Ginseng und der Zimt haben schon für genug Aufregung gesorgt. Wenn ich jetzt auch noch mit einer neuen Idee wie Schwalbennester-Suppe käme — die Herzoginmutter, die gnädige Frau und Phönixglanz würden vielleicht nichts sagen, aber die Dienerinnen und Mägde im Hintergrund würden mich ganz gewiss zu anspruchsvoll finden. Sieh dir die Leute hier an: Schon weil die Herzoginmutter Schatzjade und Phönixglanz besonders gern hat, beäugen sie die beiden wie Tiger ihre Beute und reden hinter ihrem Rücken übles Zeug. Wie viel schlimmer wäre es erst bei mir! Zumal ich gar nicht ihre eigentliche Herrin bin — ich bin als Schutzlose und Heimatlose hierher geflüchtet. Man hat ohnehin schon genug gegen mich. Wenn ich mich jetzt auch noch unangemessen verhalte, warum sollte ich ihnen noch mehr Anlass geben, mich zu verwünschen?"
Schatzspange sagte: "Wenn du so argumentierst, dann geht es mir genauso."
Kajaljade sagte: "Wie willst du dich mit mir vergleichen? Du hast eine Mutter und einen Bruder. Eure Familie hat hier Geschäfte und Grundbesitz, und daheim besitzt ihr ebenfalls Häuser und Land. Du wohnst hier nur als Verwandte, beanspruchst keinen einzigen Heller von ihnen, und wenn du gehen willst, gehst du. Ich dagegen besitze rein gar nichts. Essen, Kleidung, alles, was ich brauche, bis zum letzten Grashalm und zum letzten Blatt Papier — alles erhalte ich genauso wie die Töchter des Hauses. Wie sollten diese kleinen Leute mich da nicht verachten?"
Schatzspange sagte lächelnd: "Am Ende kommt höchstens eine Aussteuer mehr dazu — aber so weit muss man jetzt noch nicht denken."
Als Kajaljade das hörte, wurde sie unwillkürlich rot und sagte lächelnd: "Und ich habe dich gerade für einen verständigen Menschen gehalten und dir meine Sorgen anvertraut — und du neckst mich!"
Schatzspange sagte lächelnd: "Es war zwar ein Scherz, aber auch die Wahrheit. Sei unbesorgt! Solange ich hier bin, werde ich dich jeden Tag ein wenig aufheitern. Was immer dich kränkt und kümmert, sag es mir ruhig, und ich werde tun, was in meiner Macht steht, um es für dich zu lösen. Gewiss habe ich einen Bruder, aber du weißt ja, was für einer das ist. Nur dass ich meine Mutter habe — darin bin ich ein wenig besser dran als du. Im Übrigen aber sind wir Leidensgefährtinnen, die einander nachfühlen können. Du bist ein kluger Mensch — warum seufzt du wie Sima Niu? [Anm.: Sima Niu, ein Schüler des Konfuzius, klagte, er allein habe keine Brüder; der Vergleich meint: sich unnötig über Einsamkeit grämen] Und was du vorhin gesagt hast, stimmt auch: Lieber eine Forderung weniger als eine mehr. Morgen gehe ich nach Hause und spreche mit meiner Mutter. Ich glaube, wir haben noch Schwalbennester. Ich schicke dir einige Liang, und jeden Tag lassen deine Mägde die Suppe kochen. So ist es beqüm und billig, und es gibt keine große Aufregung deswegen."
Kajaljade sagte rasch lächelnd: "Auf die Schwalbennester kommt es nicht an — es ist deine Herzensgüte, die mir so viel bedeutet!"
Schatzspange sagte: "Ach, das ist doch nicht der Rede wert! Ich fürchte nur, dass ich es bei diesem und jenem an der nötig Aufmerksamkeit fehlen lasse. Aber ich will dich jetzt nicht länger belästigen, ich gehe."
Kajaljade sagte: "Komm am Abend noch einmal und plaudere ein wenig mit mir." Schatzspange versprach es und ging. Mehr soll hier von ihr nicht die Rede sein.
Kajaljade trank einige Löffel dünnen Reisbrei und lehnte sich auf dem Bett zurück. Unversehens schlug noch vor Sonnenuntergang das Wetter um, und ein feiner, gleichmäßiger Regen begann zu fallen. Endloser Herbstregen, mal stieg er auf, mal ließ er nach, der Himmel wurde allmählich gelb vor Dämmerung und dann düsterschwarz. Dazu kam das Prasseln der Regentropfen auf den Bambuswipfeln, was die Tröstlosigkeit nur noch vertiefte. Kajaljade wusste, dass Schatzspange nun nicht mehr kommen konnte, und griff im Lampenschein nach einem Buch, das ihr gerade in die Hände fiel. Es waren die "Vermischten Manuskripte des Musikamtes" mit Gedichten wie "Herbstklagen einer einsamen Frau" und "Abschiedsschmerz". Unwillkürlich regte sich etwas in Kajalades Herzen, und die Empfindungen formten sich ganz von selbst zu Versen. So dichtete sie ein "Stellvertretendes Abschiedslied" im Stil des alten Gedichts "Mondnacht am Frühlingsstrom zwischen Blumen" und nannte es "Herbstfenster bei Wind und Regen". Es lautet:
Herbstblumen welken bleich, Herbstgras vergilbt, die Herbstlampe flackert, endlos die Herbstnacht. Man spürt: am Herbstfenster endet der Herbst nie, wie könnten Wind und Regen nicht Trübsal mehren!
So rasch schon bringt der Herbstwind den Regen! Er bricht den Herbsttraum am Herbstfenster jach. Im Herzen den Herbstschmerz, schlaflos vor Kummer, zum Herbstschirm hin rückt man die Tränenkerze.
Die Tränenkerze zuckt am kurzen Leuchter, weckt Sehnsuchtsqual und rührt den Trennungsschmerz. In wessen Herbsthof dringt kein Wind? An wessen Herbstfenster schweigt der Regen?
Die Seidendecke wehrt dem Herbstwind nicht, die lecke Wasseruhr treibt den Herbstregen. Nacht um Nacht still und rauschend, vor der Lampe als Gefährte, der mit dem Einsamen weint.
Kalter Nebel im kleinen Hof — alles veröedet, am offenen Fenster, im Bambus: tropft es und tropft. Wann hören Wind und Regen endlich auf? Längst haben Tränen den Gazevorhang durchnässt.
Kaum hatte sie das Gedicht niedergeschrieben und den Pinsel beiseite gelegt und wollte sich zur Ruhe begeben, da meldete ein Dienstmädchen: "Der Zweite Junge Herr ist gekommen!" Noch bevor der Satz verklungen war, erblickte sie Schatzjade mit einem großen Bambushut auf dem Kopf und einem strohgeflochtenen Regenumhang über den Schultern. Kajaljade musste unwillkürlich lachen: "Wo kommt denn dieser Fischer her?"
Schatzjade fragte sogleich: "Geht es dir heute etwas besser? Hast du deine Medizin genommen? Wie viel hast du heute gegessen?" Während er so sprach, nahm er den Hut ab und legte den Umhang ab, hob eilig mit einer Hand die Lampe hoch, schirmte mit der anderen Hand den Lichtschein ab und leuchtete Kajaljade ins Gesicht. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er sie prüfend und sagte dann lächelnd: "Du siehst heute etwas besser aus."
Kajaljade sah, dass er ohne den Umhang nur ein halbgetragenes kurzes Gewand aus roter Seide trug, mit einem grünen Schweißtuch gegürtet. Unter den Knien lugten die Hosenbeine aus ölgrüner Seide mit Streublumen hervor, darunter dicht mit Gold bestickte Baumwollstrümpfe, und an den Füßen trug er Schuhe mit einem Muster von Schmetterlingen zwischen fallenden Blüten.
Kajaljade fragte: "Oben schützt du dich vor dem Regen, aber Schuhe und Strümpfe unten sind wohl regenfest? Sie sind ja ganz sauber."
Schatzjade sagte lächelnd: "Mein Regenanzug ist ein vollständiges Set. Dazu gehört ein Paar Holzüberschuhe aus Birnbaumholz, die ich eben anhatte und unter dem Dachvorsprung ausgezogen habe."
Kajaljade betrachtete Umhang und Hut genaür und stellte fest, dass es keine gewöhnliche Marktware war, sondern außerordentlich fein und zierlich gearbeitet. Sie fragte: "Aus was für einem Gras ist das geflochten? Deshalb sieht es angezogen auch nicht so igelhaft aus."
Schatzjade sagte: "Alle drei Stücke sind Geschenke vom Nordkönig [北静王]. Wenn er bei Regenwetter Musse hat, trägt er zu Hause auch solche Sachen. Wenn dir das gefällt, besorge ich noch einen Satz für dich. Die anderen Teile sind nichts Besonderes, aber der Hut hier ist interessant: Er lässt sich auseinandernehmen. Das Oberteil ist abnehmbar. Im Winter, wenn es schneit und man eine Mütze trägt, zieht man einfach das Bambusstäbchen heraus und nimmt das Oberteil ab, dann bleibt nur die Krempe übrig. Im Schnee können ihn Männer wie Frauen tragen. Ich schenke dir so einen Hut, und wenn es im Winter schneit, setzt du ihn auf."
Kajaljade sagte lächelnd: "Den will ich nicht. Wenn ich so etwas aufsetze, sehe ich ja aus wie eine Fischerfrau auf einem Bild oder auf der Bühne!" Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, bemerkte sie, dass sie sich nicht bedacht hatte: Die Bezeichnung "Fischerfrau" stand in direkter Verbindung zu dem "Fischer", den sie eben noch Schatzjade genannt hatte. [Anm.: "Fischer" und "Fischerfrau" — 渔翁 und 渔婆 — bilden ein Paar; Kajaljade erröitet, weil die Zusammenstellung sie und Schatzjade als Ehepaar erscheinen lässt] Es war zu spät, es zurückzunehmen. Vor Scham wurde Kajaljade puterrot im Gesicht, beugte sich über den Tisch und hustete ohne Unterlass.
Doch Schatzjade hatte gar nicht darauf geachtet. Als er auf dem Tisch das Gedicht entdeckte, nahm er es auf, las es durch und konnte nicht umhin, begeistert auszurufen. Kajaljade hörte das, sprang rasch auf, riss ihm das Blatt aus der Hand und verbrannte es über der Lampe.
Schatzjade sagte lächelnd: "Ich habe es schon auswendig gelernt — Verbrennen nützt da nichts."
Kajaljade sagte: "Mir geht es auch schon viel besser. Ich danke dir, dass du am Tag so oft nach mir siehst und sogar bei Regen herkommst. Aber jetzt ist es tiefe Nacht, und ich möchte mich hinlegen. Geh bitte nach Hause und komm morgen wieder."
Daraufhin griff Schatzjade in seinen Ärmel und holte eine walnussgroße goldene Taschenuhr hervor. Er schaute darauf — die Zeiger standen zwischen dem Ende der Stunde des Hundes und dem Beginn der Stunde des Schweins [Anm.: zwischen 20:45 und 21:15 Uhr]. Rasch steckte er die Uhr wieder weg und sagte: "Du hättest schon längst schlafen sollen. Ich habe dich einen halben Tag lang belästigt." Damit legte er den Umhang an, setzte den Hut auf und ging hinaus. Doch auf halbem Weg kehrte er um und kam noch einmal herein: "Worauf hättest du Appetit? Sag es mir, und ich richte es morgen früh der Herzoginmutter aus. Ist das nicht besser, als wenn die alten Frauen es ausrichten?"
Kajaljade sagte lächelnd: "Lass mich heute Nacht darüber nachdenken. Morgen früh sage ich es dir. Hörst du — der Regen wird immer stärker! Geh schnell. Hat dich denn jemand begleitet?"
Zwei Dienerinnen antworteten: "Jawohl, draußen warten Leute mit Regenschirmen und Laternen."
Kajaljade sagte lächelnd: "Bei diesem Wetter Laternen anzüzünden?"
Schatzjade sagte: "Das macht nichts. Es sind Laternen aus Marienglas [Anm.: 明瓦, transparent geschliffene Muschelschalen, die als Laternenfenster dienten und regenfest waren], die vertragen den Regen."
Kajaljade hörte das, drehte sich um und nahm eine Glaslaterne mit gesticktem Kugeldekor vom Bücherregal. Sie ließ eine kleine Kerze darin anzüzünden und reichte sie Schatzjade mit den Worten: "Diese hier ist heller und eignet sich gerade für Regenwetter."
Schatzjade sagte: "Ich habe auch so eine, aber ich hatte Angst, die Dienerinnen könnten ausrutschen und hinfallen und sie zerbrechen, deshalb habe ich sie nicht mitgebracht."
Kajaljade sagte: "Ist es wertvoller, wenn die Laterne hinfällt, oder wenn du hinfällst? Du bist es doch auch nicht gewöhnt, in Holzüberschuhen zu gehen. Die Laterne dort sollen sie vorneweg tragen. Diese hier ist leicht und hell und dafür gemacht, sie bei Regen selbst in der Hand zu tragen. Nimm sie also. Morgen bringst du sie mir zurück. Und selbst wenn du sie fallen lässt, ist der Verlust gering. Wie kommst du plötzlich auf die Idee, dir den Bauch aufzuschlitzen, um eine Perle zu verbergen?" [Anm.: Sprichwort 剖腹藏珠, "sich den Bauch aufschlitzen, um eine Perle zu verstecken" — grösseren Schaden in Kauf nehmen, um etwas Geringeres zu schützen]
Schatzjade nahm die Laterne eilig entgegen. Vorneweg gingen zwei Dienerinnen mit Regenschirmen und Marienglas-Laternen, dahinter folgten noch zwei kleine Mägde mit Schirmen. Schatzjade übergab die Glaslaterne einem der Mädchen und stützte sich auf deren Schulter. So gingen sie davon.
Bald darauf kam eine Dienerin aus dem Hengwu-yuan [Anm.: Haselwurzpark, der Wohnsitz von Schatzspange im Garten der Großen Anschauung], ebenfalls mit Schirm und Laterne, und brachte ein großes Paket bester Schwalbennester sowie ein Päckchen feinen Pflaumenblüten-Kristallzucker. Sie sagte: "Das ist besser als das, was man kaufen kann. Unser Fräulein lässt bestellen: Essen Sie es erst einmal auf, wenn es alle ist, wird mehr geschickt."
Kajaljade sagte: "Bestellt ihr meinen Dank." Dann wies sie die Frau an, draußen Platz zu nehmen und Tee zu trinken.
Die Dienerin sagte lächelnd: "Keinen Tee, ich habe noch zu tun."
Kajaljade sagte lächelnd: "Ich weiß schon, was Ihr vorhabt. Jetzt, wo es wieder kühler ist und die Nächte länger werden, müsstet Ihr Euch natürlich zur Nacht zusammenfinden, um ordentlich zu spielen."
Die Dienerin sagte lächelnd: "Ich will es dem Fräulein nicht verheimlichen: Dieses Jahr habe ich großes Glück dabei. Sowieso müssen jede Nacht überall einige Leute Wache halten, und den Dienst zu versäumen geht nicht. Da ist es besser, man richtet eine nächtliche Spielrunde ein — so hält man gleichzeitig Wache und vertreibt sich die Langeweile. Heute halte ich die Bank, und sobald die Gartentore geschlossen sind, geht es los."
Kajaljade sagte lächelnd: "Da muss ich mich ja bedanken, dass du trotz des Regens gekommen bist und dafür deine Glückssträhne aufs Spiel setzt!" Sie befahl, der Frau einige hundert Kupfermünzen zu geben, damit sie sich Wein kaufe und sich gegen die Nässe aufwärme.
Die Dienerin sagte lächelnd: "Da muss das Fräulein auch noch Geld für meinen Wein ausgeben!" Sie machte einen Kotau, nahm draußen das Geld entgegen und ging mit dem Schirm davon.
Purpurkuckuck [紫鹃] räumte die Schwalbennester weg, stellte die Lampe um, ließ die Vorhänge herab und half Kajaljade ins Bett. Kajaljade lag auf ihrem Kissen und dachte dankbar an Schatzspanges Güte, dann beneidete sie sie um Mutter und Bruder. Dann dachte sie an Schatzjade, mit dem sie zwar seit jeher vertraut war, gegenüber dem aber doch Bedenken blieben. Dann hörte sie draußen auf den Bambuswipfeln und Bananenblättern den Regen prasseln, und die feuchte Kälte drang durch die Bettvorhänge. Unwillkürlich rollten ihr wieder die Tränen herab. Erst gegen Ende der vierten Nachtwache schlief sie allmählich ein. Mehr ist für den Augenblick nicht zu berichten. Was weiter geschah —
- ↑ Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Xue Kostbare Haarspange". Schatzjades spätere Ehefrau.
- ↑ Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Wald-Kajaljade". Schatzjades Cousine und Seelenverwandte.
- ↑ Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Glänzender Phönix aus dem Hause Wang". Haushälterin der Familie Kaufmann.
- ↑ Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' treue Kammerzofe.
- ↑ Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „den Frühling erspüren". Dritte Tochter von Aufrecht Kaufmann.
- ↑ Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „den Frühling bewahren". Jüngste Tochter des Hauses Kaufmann, talentierte Malerin.
- ↑ Chin. 贾母 Jiǎmǔ, wörtl. „Mutter Kaufmann". Oberhaupt der Familie, auch „Alte Herrin" genannt.
- ↑ Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Herrlichkeit Kaufmann/Kostbarkeit". Oberhaupt des Osthauses der Familie Kaufmann.
- ↑ Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann Jade". Hauptfigur des Romans.
- ↑ Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, wörtl. „Dame König". Schatzjades Mutter.
- ↑ Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Xiang-Flusswolke Geschichte". Schatzjades lebhafte Cousine.