Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 52"

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Kapitel 52
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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Die hübsche Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, „die Friedfertige".</ref> vertuscht aus Mitgefühl den Krebsfühler-Armreif — Die tapfere Heitermuster<ref>Chin. 晴雯 Qíngwén, „Heiteres Wolkenmuster".</ref> stopft trotz Krankheit den Pfauengoldumhang
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_52|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_52|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 52 =
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Die Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, „die Herzoginmutter der Kaufmann-Familie".</ref> sagte: „Das ist genau der springende Punkt. Schon neulich wollte ich es ansprechen, aber ich sah, dass ihr mit wichtigeren Dingen mehr als genug zu tun habt. Wenn jetzt auch das noch hinzukäme, würdet ihr, die ihr nie zu murren wagt, bestimmt denken, mir lägen nur meine Enkelkinder am Herzen und ich machte mir keine Gedanken um euch, die ihr den Haushalt führt. Um so besser, dass du es jetzt selbst vorgeschlagen hast!"
== 俏平儿情掩虾须镯 ==
 
=== 勇晴雯病补孔雀裘 ===
 
  
Die Herzoginmutter sagte also: „Du hast vollkommen recht, schon neulich wollte ich genau dasselbe sagen, aber mir schien, ihr hättet mit wichtigeren Dingen ohnehin schon zuviel zu tun, und wenn nun auch das noch dazukäme, würdet ihr, die ihr nie zu grollen wagt, mit Sicherheit denken, mir lägen nur meine Enkelkinder am Herzen, und um euch, die ihr den Haushalt verwaltet, machte ich mir gar keine Gedanken. Um so besser also, daß du es jetzt selbst vorgeschlagen hast!“
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Da auch Tante Schnee<ref>Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, „Tante Schnee/Xuē".</ref> und Tante Li zugegen waren und Dame Strafe<ref>Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén, „Frau/Dame Strafe".</ref> sowie Dame Sonders<ref>Chin. 尤氏 Yóu Shì, „Dame Sonders".</ref> ebenfalls herübergekommen waren, um ihren Gruß zu entbieten, und noch nicht wieder gegangen waren, wandte sich die Herzoginmutter an Dame König<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, „Frau/Dame König".</ref> und die Anderen: „Heute möchte ich einmal etwas sagen, was ich bisher nicht sagte. Einerseits fürchtete ich, dem Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Phönixglanz König".</ref>-Mädchen könnte es zu Kopf steigen, andererseits konnten sich die Übrigen vielleicht nicht damit abfinden. Aber heute seid ihr alle hier versammelt — jede von euch hat als Schwiegertochter und Schwägerin Erfahrung. Nun sagt: Gibt es noch jemanden, der so umsichtig wäre wie sie?"
Da auch Tante Hsüä und Tante Li anwesend waren und Dame Hsing sowie Frau You ebenfalls herübergekommen waren, um ihren Gruß zu entbieten, und noch nicht wieder gegangen waren, setzte die Herzoginmutter noch hinzu: „Heute möchte ich einmal etwas sagen, was ich noch nie gesagt habe, weil ich einesteils fürchtete, es könnte Hsi-fëng zu Kopf steigen, und andernteils vermutete, die anderen würden sich damit nicht abfinden. Aber jetzt seid ihr alle beisammen, und jede von euch ist selbst Schwiegertochter und Schwägerin. Also: Gibt es noch jemand, der so umsichtig wäre wie Hsi-fëng?“
 
Alle antworteten übereinstimmend: „Jemand wie sie trifft man selten! Bei andern ist es nur Höflichkeit und äußerer Schein, sie aber hat ihre jüngeren Schwäger und Schwägerinnen wirklich gern, und auch Euch ist sie kindlich ergeben.“
 
Die Herzoginmutter nickte dazu und erklärte seufzend: „Ich mag sie nur zu gern, aber ich habe Angst, daß sie vielleicht ein bißchen zu gescheit sein könnte. Das ist nämlich auch nicht gut.“
 
Sofort widersprach Hsi-fëng mit lächelndem Gesicht: „Ihr irrt Euch, alte Ahne! Es heißt, wer zu klug und gescheit ist, der lebt nicht lange. Das sagen alle, und das glauben auch alle. Ihr allein dürft es weder sagen noch glauben, denn Ihr seid noch zehnmal gescheiter als ich, erfreut Euch aber des größten Glücks und des höchsten Alters. Vielleicht werde ich Euch noch übertreffen und lebe dann tausend Jahre, so daß ich erst sterbe, wenn Ihr schon ins Paradies eingegangen seid, alte Ahne!“
 
Lächelnd erwiderte die Herzoginmutter: „Und welchen Sinn hätte es, wenn alle andern stürben und nur wir zwei alten Hexen übrigblieben?“
 
Alle lachten darüber, nur Bau-yü, der in Gedanken bei Tjing-wën und Hsi-jën war, kehrte, ohne auf die anderen zu warten, in den Garten zurück. Als er seine Räume betrat, war dort alles von Arzneigeruch erfüllt, und außer Tjing-wën, die auf dem Ofenbett lag, war niemand da. Tjing-wëns Gesicht war krebsrot, und als Bau-yü seine Hand darauf legte, spürte er, wie es glühte. Rasch wärmte er sich die Hand am Kohlenbecken und schob sie unter die Decke, um Tjing-wëns Körper zu befühlen. Auch dieser war glutheiß, und so sagte Bau-yü: „Daß die andern fort sind, mag angehen, aber wie konnten auch Schë-yüä und Tjiu-wën so herzlos sein, dich allein zu lassen?!“
 
„Tjiu-wën habe ich essen geschickt“, sagte Tjing-wën. „Und zu Schë-yüä ist eben Ping-örl gekommen und hat sie weggeholt. Sie taten so geheimnisvoll, und ich weiß nicht, was sie zu besprechen haben. Bestimmt reden sie über mich, weil ich hier geblieben bin, obwohl ich krank bin.“
 
„Aber so eine ist doch Ping-örl nicht“, widersprach Bau-yü. „Außerdem wußte sie gar nicht, daß du krank bist, und kann nicht deshalb gekommen sein, um nach dir zu sehen. Bestimmt hatte sie etwas mit Schë-yüä zu besprechen, und als sie sah, du bist krank, hat sie schnell gesagt, sie sei gekommen, um dir einen Krankenbesuch zu machen. Das ist nur normal, daß jemand geistesgegenwärtig versucht, seine Freundschaft zu unterstreichen. Was hätte es mit ihr zu tun, wenn du hierbleibst und es würde etwas passieren? Außerdem hat sie sich immer gut mit dir verstanden, und so einer Belanglosigkeit wegen wird sie ihre Haltung dir gegenüber bestimmt nicht geändert haben.“
 
„Das stimmt schon“, räumte Tjing-wën ein. „Ich hatte nur meine Bedenken, weil sie plötzlich Heimlichkeiten vor mir hat.“
 
Lächelnd schlug Bau-yü ihr vor: „Ich werde durch die Hintertür hinausgehen und unter dem Fenster horchen, worüber sie reden. Dann komme ich wieder und erzähle es dir!“
 
Damit verschwand er wirklich durch die Hintertür. Als er unter dem Fenster angelangt war und lauschte, fragte Schë-yüä eben mit leiser Stimme: „Wie hast du ihn wiederbekommen?“
 
Darauf antwortete Ping-örl: „Als er neulich nach dem Händewaschen verschwunden war, hat die junge Herrin mir verboten, deswegen Lärm zu schlagen. Aber nachdem wir den Garten verlassen hatten, ließ sie sofort allen alten Ammen in den einzelnen Gartenhäusern sagen, sie sollten unauffällig danach suchen. Wir hatten die Magd von Hsiu-yän in Verdacht und vermuteten, daß sie ihn einfach nahm, weil sie arm ist und so etwas noch nie gesehen hat. Das gibt es ja. Sonst hätte es nur jemand von euch hier gewesen sein können. Glücklicherweise war die junge Herrin nicht zu Hause, als dann Amme Sung mit dem Armreifen kam und sagte, eure Dschuee-örl habe ihn gestohlen, und sie habe es entdeckt und wolle es nun der jungen Herrin melden.
 
Ich nahm ihr den Armreifen sofort ab und habe mir folgendes überlegt: Bau-yü hält so große Stücke auf euch und setzt sich immer nach Kräften für euch ein, aber dann mußte diese Liang-örl damals den Jadeschmuck stehlen, was erst nach ein, zwei Jahren in Vergessenheit geraten ist, worauf jedoch immer wieder jemand voller Schadenfreude zurückkommt. Und nun mußte dieser Goldschmuck gestohlen werden, noch dazu hier in der Nachbarschaft. Für Bau-yü wäre das geradezu ein Schlag ins Gesicht.
 
Darum schärfte ich Amme Sung sofort ein, sie dürfe Bau-yü keinen Ton davon sagen und solle einfach so tun, als ob die Sache nie geschehen wäre, und sie dürfe auch vor niemand anders etwas davon erwähnen. Zum zweiten wären auch die alte gnädige Frau und die gnädige Frau zornig geworden, wenn sie davon erfahren hätten, und zum dritten hättet ihr mit Hsi-jën ebenfalls schlecht dagestanden.
 
Deshalb habe ich der jungen Herrin einfach gesagt, der Verschluß des Armreifens hätte sich unbemerkt gelöst, als ich bei der älteren jungen gnädigen Frau war, und da sei der Reif auf dem Rasen in den tiefen Schnee gefallen, wo ich ihn nicht sehen konnte. Nachdem heute der Schnee weggetaut war, habe der Armreif dort funkelnd in der Sonne gelegen, und so hätte ich ihn wiedergefunden. Die junge Herrin hat das auch geglaubt, und darum komme ich jetzt, um euch zu sagen, daß ihr vor Dschuee-örl auf der Hut sein müßt und sie nirgendwohin schicken dürft. Wenn Hsi-jën wieder hier ist, müßt ihr euch untereinander absprechen und dafür sorgen, daß Dschuee-örl unter einem Vorwand entlassen wird, und dann ist der Fall erledigt.“
 
„Das kleine Hurenbiest hat doch aber schon genug wertvolle Dinge gesehen“, wunderte sich Schë-yüä. „Warum mußte sie jetzt so töricht sein zu stehlen?“
 
„Der Armreif wiegt nicht einmal viel“, sagte Ping-örl. „Die junge Herrin sagt, so etwas nenne man ‚Krebsfühlerfiligran‘. Das Beste ist noch die Perle daran. Tjing-wën, das kleine Spitzbein, darf nichts von der Sache erfahren. Sie ist wie ein Stück prasselnde Holzkohlenglut. Wenn sie es erfährt, kann sie nicht an sich halten und wird Dschuee-örl schlagen oder beschimpfen, und dann kommt es doch heraus. Darum sage ich es nur dir, damit du achtgibst, dann wird schon alles werden.“ Damit verabschiedete sie sich und ging fort.
 
Bau-yü war zugleich froh und wütend über das, was er gehört hatte, und seufzen mußte er auch. Froh war er über Ping-örls Einfühlungsvermögen, wütend war er über Dschuee-örl, die sich als Diebin entpuppte, und seufzen mußte er, weil so ein gescheites Mädchen so etwas Häßliches getan hatte.rte sich Schë-yüä. „Warum mußte sie jetzt so töricht sein zu stehlen?
 
„Der Armreif wiegt nicht einmal viel“, sagte Ping-örl. „Die junge Herrin sagt, so etwas nenne man ‚Krebsfühlerfiligran‘. Das Beste ist noch die Perle daran. Tjing-wën, das kleine Spitzbein, darf nichts von der Sache erfahren. Sie ist wie ein Stück prasselnde Holzkohlenglut. Wenn sie es erfährt, kann sie nicht an sich halten und wird Dschuee-örl schlagen oder beschimpfen, und dann kommt es doch heraus. Darum sage ich es nur dir, damit du achtgibst, dann wird schon alles werden.“ Damit verabschiedete sie sich und ging fort.
 
Bau-yü war zugleich froh und wütend über das, was er gehört hatte, und seufzen mußte er auch. Froh war er über Ping-örls Einfühlungsvermögen, wütend war er über Dschuee-örl, die sich als Diebin entpuppte, und seufzen mußte er, weil so ein gescheites Mädchen so etwas Häßliches getan hatte.
 
  
Ping-örl. Aus: Gai Qi 1879.
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Tante Schnee, Tante Li, Dame Sonders und alle anderen antworteten einmütig lächelnd: „So jemanden trifft man wahrlich selten! Bei anderen ist es nur Höflichkeit und äußerer Schein, sie aber hat ihre jüngeren Schwäger und Schwägerinnen wirklich gern. Und auch der alten gnädigen Frau gegenüber ist sie wahrhaft pflichtergeben."
Er ging dann in sein Zimmer zurück und berichtete Tjing-wën in allen Einzelheiten, was Ping-örl gesagt hatte. Dann setzte er hinzu: „Ping-örl meinte, ehrgeizig, wie du bist, würde es dich noch kränker machen, wenn du von der Sache erführst, darum wollte sie es dir erst sagen, wenn du wieder gesund bist.“
 
Tatsächlich war Tjing-wën so wütend über das, was sie eben gehört hatte, daß ihre geschwungenen Brauen steil in die Höhe gingen und ihre Phönixaugen sich rundeten. Unverzüglich rief sie nach Dschuee-örl. Bau-yü aber redete auf sie ein: „Wenn du sie jetzt rufst, machst du alles zunichte, was Ping-örl aus Rücksicht auf euch und mich erreicht hat. Besser ist, wir halten uns an ihren Vorschlag und sorgen später dafür, daß Dschuee-örl wegkommt. Dann ist die Sache erledigt.“
 
„Das sagst du so, wie aber soll ich meine Wut bezähmen?“ fragte Tjing-wën.
 
„Für dich heißt es jetzt nicht wütend zu sein, sondern gesund zu werden“, redete Bau-yü ihr zu.
 
Wirklich trank Tjing-wën jetzt ihre Medizin und ebenso am Abend den zweiten Aufguß davon, aber obgleich sie in der Nacht schwitzte, trat doch keine Besserung ein. Sie fieberte weiter, der Kopf tat ihr weh, ihre Nase blieb verstopft und ihre Stimme heiser. Am nächsten Tag kam Hofarzt Wang ein zweites Mal, fühlte ihr wieder die Pulse und änderte dann einiges an seinem Rezept, und wenn dadurch das Fieber auch etwas nachließ, ging doch der Kopfschmerz nicht weg.
 
Da wandte sich Bau-yü mit dem Befehl an Schë-yüä: „Hol Schnupftabak und laß sie den hochziehen, damit sie ein paarmal tüchtig niesen kann und alle Öffnungen wieder frei werden!“
 
Wirklich holte Schë-yüä eine flache goldgefaßte Dose aus Aventuringlas mit zwei Schließen und reichte sie Bau-yü. Als er die Dose öffnete, wurde innen auf dem Deckel eine europäische Emailmalerei sichtbar, die ein nacktes blondes Mädchen mit Flügeln an den Schultern zeigte. In der Dose war ein wenig echter europäischer Wang-tjia-Schnupftabak .
 
Tjing-wën hatte nur Augen für das Bild auf dem Deckel, so daß Bau-yü sie mahnen mußte: „Nun schnupf eine Kleinigkeit davon! Wenn der Duft verfliegt, taugt der Tabak nichts mehr.“
 
Schnell nahm Tjing-wën eine Prise auf den Fingernagel und sog sie mit der Nase auf. Da sie keine Wirkung verspürte, nahm sie eine zweite, größere Portion, und diesmal empfand sie ein scharfes Prickeln in der Nase, das ihr bis in den Hinterkopf stieg. Dann nieste sie fünf oder sechs Mal hintereinander, und sofort lief ihr das Wasser aus Nase und Augen. Rasch klappte sie die Dose zu und sagte strahlend: „Unglaublich, wie gut das tut! Gebt mir Papier!“
 
Schnell reichte ihr eines der kleineren Sklavenmädchen einen Stoß feines Papier, und Tjing-wën benutzte ein Blatt nach dem anderen, um sich zu schneuzen.
 
„Nun, wie ist dir?“ fragte Bau-yü lächelnd.
 
„Ich fühle mich wirklich etwas wohler“, erwiderte Tjing-wën, ebenfalls lächelnd, „nur die Schläfen tun mir noch weh.“
 
„Dann wollen wir auch das mit europäischer Medizin heilen!“ sagte Bau-yü fröhlich. Und er befahl Schë-yüä: „Geh zur zweiten jungen gnädigen Frau und richte ihr aus, ich hätte gesagt, sie habe immer eine europäische Kopfschmerzsalbe gehabt, die I-fu-na heißt , davon möchte sie dir eine Kleinigkeit geben!
 
Schë-yüä sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus. Als sie nach geraumer Zeit wiederkam, brachte sie wirklich ein wenig von der Salbe. Nun suchte sie ein Stückchen roten Seidenatlas hervor und schnitt zwei kleine runde Flecken daraus aus, nicht größer als eine Fingerkuppe. Anschließend machte sie die Salbe am Feuer geschmeidig und strich sie mit einem Haarpfeil auf die Stoffstückchen. Dann griff Tjing-wën nach dem Handspiegel und klebte sich die Pflaster selbst auf beide Schläfen.
 
„Durch deine Krankheit sahst du aus wie ein struppiger Teufel, aber jetzt bist du wieder schön“, scherzte Schë-yüä. „Die zweite junge gnädige Frau läuft ständig mit solchen Pflastern herum, so daß sie einem kaum noch auffallen.“ Dann fuhr sie, an Bau-yü gewandt, fort: „Die junge gnädige Frau läßt dir sagen, daß morgen der Geburtstag deines Onkels gefeiert wird und daß die gnädige Frau angeordnet hat, du sollst ihn besuchen. Was wirst du also morgen anziehen? Wir wollen schon heute abend alles zurechtlegen, damit es morgen früh schneller geht!“
 
„Ich ziehe an, was gerade zur Hand ist, und damit basta!“ erklärte Bau-yü. „Das ganze Jahr über sind Geburtstage, wer soll sich da noch zurechtfinden?“ Damit stand er auf und verließ das Haus, um Hsi-tschun zu besuchen und ihr beim Malen zuzusehen.
 
Als Bau-yü aus dem Hoftor trat, erblickte er Bau-tjins Sklavenmädchen Hsiau-luo, das eben vorüberkam. Rasch trat er auf sie zu und fragte: „Wohin gehst du?“
 
Lächelnd erwiderte Hsiau-luo: „Unsere beiden Fräulein sind bei Fräulein Lin, und ich gehe jetzt auch dorthin.“
 
Da änderte Bau-yü seinen Weg und ging mit ihr zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Hier waren nicht nur die beiden Kusinen Bau-tschai und Bau-tjin zu Besuch, sondern auch Hsiu-yän. Zu viert saßen die Mädchen um das Kohlenbecken herum und sprachen von Alltagsdingen. Dsï-djüan aber saß auf dem warmen Ofenbett am Fenster und war mit einer Nadelarbeit beschäftigt.
 
Als die Mädchen Bau-yü hereinkommen sahen, sagten sie lächelnd: „Da kommt noch jemand! Aber hier ist kein Platz mehr für dich!“
 
Bau-yü aber entgegnete lächelnd: „Was für ein herrliches Bild – schöne Mädchen im winterlichen Zimmer. Nur schade, daß ich etwas zu spät komme! Aber bei dir ist es wärmer als in den anderen Räumen, es wird gar nicht kalt sein, wenn ich mir den Stuhl hier nehme.“ Damit setzte er sich auf einen Stuhl mit Fehfellpolster, den sonst Dai-yü zu benutzen pflegte. Dann erblickte er auf dem Ofenbett eine längliche Schale aus jadeartigem Stein, in der ungefüllte Tazetten in Tuffs zwischen Miniaturfelsen blühten. „Welch schöne Blumen!“ lobte er lauthals, „je wärmer es im Zimmer ist, desto stärker duften sie. Warum habe ich sie gestern noch nicht bemerkt?“
 
„Die Frau von eurem Hauptverwalter Lai Da hat Bau-tjin zwei Töpfe mit Gewürzsträuchern und zwei Schalen mit Tazetten geschenkt“, gab Dai-yü Auskunft. „Davon hat Bau-tjin mir eine Schale Tazetten und Tan-tschun einen Gewürzstrauch gebracht. Eigentlich wollte ich sie nicht haben, aber ich hatte Angst, Bau-tjin könnte beleidigt sein. Wenn du möchtest, schenke ich sie dir.“
 
„Ich habe bei mir ebenfalls zwei Schalen“, sagte Bau-yü, „sie sind zwar nicht so schön wie diese hier von Bau-tjin, aber ihr Geschenk weiterverschenken darfst du auf keinen Fall.“
 
„Bei mir kommt der Arzneitiegel den ganzen Tag nicht vom Feuer, und ich lebe nur von Arznei. Wie soll ich da noch den Blumenduft vertragen?! Er macht mich nur schwach“, erklärte ihm Dai-yü. „Außerdem wird der Blumenduft durch den Arzneigeruch verdorben, darum ist es doch das beste, du trägst die Schale zu dir, wo sich der reine Blumenduft nicht mit anderen Gerüchen vermischt.“
 
„Nanu?“ fragte Bau-yü, „du weißt wohl, daß ich auch eine Kranke bei mir habe und Arznei kochen lasse?“
 
„Seltsame Fragen stellst du“, erwiderte Dai-yü. „Ich hatte das ganz ohne Hintergedanken gesagt. Wer weiß schon, was in deinen Räumen vorgeht! Du hättest früher kommen sollen, um dir Geschichten aus alter Zeit anzuhören, anstatt jetzt erst aufzutauchen und unbegründete Befürchtungen zu äußern!“
 
„Das wäre ein Thema für unser nächstes Dichtertreffen“, lenkte Bau-yü ab. „Wir besingen die Tazetten und den Gewürzstrauch!“
 
„Nein, nein!“ wehrte sich Dai-yü und lächelte, „ich traue mich nicht mehr, Gedichte zu schreiben. Sooft man eins schreibt, wird man bestraft. Wie beschämend das ist!“ Und sie verbarg ihr Gesicht in den Händen.
 
„Was soll das?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Warum mußt du dich wieder über mich lustig machen? Ich bin es, der sich schämen müßte, und du schlägst die Hände vors Gesicht?“
 
Lächelnd schaltete sich jetzt Bau-tschai mit den Worten ein: „Das nächste Mal werde ich unsern Bund zusammenrufen und die Themen für je vier schï- und vier tsï-Gedichte aufgeben, die jeder zu schreiben hat. Das erste schï-Thema ist die graphische Darstellung des Ur-Endlichen , und die Reimgruppe für dieses fünfsilbige Regelgedicht ist hsiän. Alle Silben daraus müssen verwendet werden, keine darf übrig bleiben.“
 
„An dieser Erklärung sieht man, daß du nicht wirklich den Bund einberufen, sondern uns nur Angst machen willst“, mischte sich Bau-tjin lächelnd ein. „Wenn es darauf ankäme, könnte man sich schon etwas abquälen, aber was macht das für einen Spaß, die Worte aus dem ‚Buch der Wandlungen‘ in anderer Reihenfolge zu wiederholen?
 
Als ich acht Jahre alt war, bin ich mit meinem Vater am Westmeer gewesen, weil er dort Waren aus Übersee einkaufen wollte. Unverhofft trafen wir dort ein Mädchen aus dem Land Dschën-dschën . Sie war erst fünfzehn Jahre alt und sah gerade so aus wie die Schönen auf den europäischen Bildern . Ihr langes blondes Haar hatte sie zu Zöpfen geflochten, und auf dem Kopf trug sie lauter Edelsteine wie Korallen, Katzenaugen und Smaragde. Gekleidet war sie in ein goldenes Kettenhemd und eine Jacke von ausländischem Brokat. Auch der japanische Dolch, den sie an der Seite trug, war mit Gold und Edelsteinen verziert. Die Schönen auf den Bildern reichten an sie nicht heran.
 
Jemand erzählte uns, sie kenne sich in der chinesischen Literatur aus, verstehe über die Fünf Kanonischen Bücher zu reden und könne schï- und tsï-Gedichte schreiben. Darum hat mein Vater sie über einen Dolmetscherbeamten gebeten, etwas für ihn zu schreiben, und sie schrieb ihm ein selbstverfaßtes Gedicht auf.“
 
Alle waren aufs äußerste verwundert, und Bau-yü bat lächelnd: „Hol das Blatt her, liebste Kusine, ich möchte es sehen!“
 
Lächelnd erwiderte Bau-tjin: „Es liegt in Nan-djing, wie kann ich es da holen gehen!“
 
„Ich habe kein Glück und bekomme nichts zu sehen von dieser Welt!“ sagte Bau-yü tiefenttäuscht.
 
„Führ uns nicht an der Nase herum!“ sagte Dai-yü lächelnd und zog Bau-tjin am Arm. „Ich weiß doch, daß du so etwas natürlich nicht zu Hause lassen, sondern mitbringen würdest. Du aber lügst und sagst, du hättest es nicht hier. Die andern mögen dir das glauben, ich glaube dir nicht!“
 
Bau-tjin wurde rot und senkte den Kopf. Sie lächelte zwar ein wenig, erwiderte aber kein Wort.
 
„Dai-yü versteht es, einen in die Enge zu treiben“, warf Bau-tschai lächelnd ein. „Sie wird es dir zeigen mit deinen Raffinessen!“
 
„Wenn du es mitgebracht hast, kannst du es uns doch auch sehen lassen!“ drängte Dai-yü weiter.
 
„Sie hat so einen Haufen Kisten und Körbe mitgebracht, die alle noch nicht ausgepackt sind. Wie soll sie da wissen, in welchem Gepäckstück das Blatt steckt. Wir wollen warten, bis sie alles ausgepackt und sortiert hat und uns das Gedicht zeigt“, schlug Bau-tschai vor. Dann wandte sie sich an Bau-tjin und fragte: „Vielleicht erinnerst du dich aber auch an das Gedicht und kannst es uns vorsprechen?“
 
„Ich erinnere mich. Es ist ein fünfsilbiges Regelgedicht und für ein Ausländermädchen erstaunlich genug“, sagte Bau-tjin.
 
„Warte noch, ehe du es vorsprichst! Wir wollen Hsiang-yün holen lassen, damit sie es auch hören kann!“ forderte Bau-tschai sie auf. Dann rief sie Hsiau-luo und befahl ihr: „Geh hinüber in unsere Wohnung und sag Bescheid, daß eine ausländische Schönheit hier ist, die gute Gedichte schreibt. Die vom Dichterwahn Besessene möge kommen, um sie sich anzusehen, und unser Dichternärrchen soll sie auch mitbringen!“
 
Lächelnd ging Hsiau-luo fort, und nach einiger Zeit hörte man Hsiang-yün draußen mit lachender Stimme fragen: „Was ist das für eine ausländische Schönheit?“
 
Im nächsten Augenblick kam sie mit Hsiang-ling zusammen herein, und die anderen erklärten ihr lächelnd: „Bevor du sie zu sehen bekommst, wirst du erst einmal ihre Stimme hören.“
 
Dann bot Bau-tjin ihnen rasch Plätze an und wiederholte noch einmal, was sie den anderen schon erzählt hatte.
 
„Nun rezitier schon!“ bat Hsiang-yün sie dann lächelnd. „Laß uns das Gedicht hören!“
 
Und Bau-tjin sprach:
 
„Gestern noch träumt ich im Prachtgemach,
 
heute nun sing ich am Meeresstrand.
 
Von Wolken erdrückt ist die Insel,
 
in Nebel gehüllt liegt der Wald.
 
Der Mond bleibt sich gleich durch die Zeiten,
 
im Gefühl gibt es Ebbe und Flut.
 
Vergangnes steht klar mir vor Augen,
 
wie sollt‘ ich betroffen nicht sein?“
 
„Erstaunlich!“ sagten alle. „Das Mädchen ist ja besser als wir Chinesen!“
 
Kaum hatten sie das gesagt, kam Schë-yüä herein, um zu melden: „Die gnädige Frau hat jemand geschickt, um dem jungen Herrn sagen zu lassen, wenn er morgen in aller Frühe zu seinem Onkel geht, solle er ihm bestellen, die gnädige Frau fühle sich nicht wohl, darum könne sie nicht selber kommen.“
 
Bau-yü, der rasch aufgestanden war, sagte: „Jawohl!“ und erkundigte sich dann bei Bau-tschai und Bau-tjin, ob sie ebenfalls gehen würden.
 
„Nein“, sagte Bau-tschai, „wir haben lediglich gestern Geschenke geschickt.“
 
Als alle auseinandergingen, nachdem sie noch ein Weilchen miteinander geplaudert hatten, ließ Bau-yü die Mädchen vorgehen, er selbst aber blieb zurück. Dai-yü bat ihn zu warten und fragte dann: „Wann kommt Hsi-jën zurück?“
 
„Natürlich erst nach der Beerdigung“, sagte Bau-yü.
 
Dai-yü schien noch etwas sagen zu wollen, aber sie starrte nur einen Moment geistesabwesend vor sich hin, dann forderte sie Bau-yü auf: „Geh jetzt!“
 
Auch Bau-yü hatte noch vieles auf dem Herzen, was er ihr gern gesagt hätte, aber er vermochte es nicht in Worte zu kleiden, und so sagte er nach einigem Nachdenken nur lächelnd: „Unterhalten wir uns morgen weiter!“
 
Damit schickte er sich an, mit gesenktem Kopf die Treppe hinabzusteigen, aber dann machte er plötzlich noch einmal kehrt und fragte Dai-yü: „Die Nächte sind jetzt besonders lang, wie oft mußt du nachts husten, und wie oft wirst du wach?“
 
„Letzte Nacht ging es mir etwas besser, ich hatte nur zwei Hustenanfälle“, gab Dai-yü Auskunft. „Aber geschlafen habe ich nur in der vierten Nachtwache, anschließend habe ich wieder wach gelegen.“
 
„Eben fällt mir noch etwas Wichtiges ein“, sagte Bau-yü und trat näher zu ihr heran, um dann mit leiser Stimme fortzufahren: „Ich glaube, die Schwalbenneseter, die Bau-tschai dir gebracht hatte, ...“
 
Da kam, ehe er noch den Satz zu Ende bringen konnte, Nebenfrau Dschau zur Tür herein und fragte Dai-yü: „Fühlt Ihr Euch in den letzten Tagen etwas besser, Fräulein?“
 
Dai-yü konnte sich denken, daß Nebenfrau Dschau von Tan-tschun kam und nur hereingekommen war, weil ihr Weg sie hier vorüberführte, dennoch bot sie ihr lächelnd einen Platz an und sagte: „Vielen Dank, daß Ihr trotz der Kälte an mich gedacht habt und selbst gekommen seid!“ Dann gab sie rasch den Befehl, Tee einzugießen, und nutzte die Gelegenheit, um Bau-yü einen Blick zuzuwerfen.
 
Bau-yü verstand, was sie damit meinte, und ging fort. Und weil es eben Zeit war, zu Abend zu essen, ging er zu Dame Wang, die ihn noch einmal ermahnte, am Morgen den Onkel zu besuchen.
 
Anschließend kehrte Bau-yü in seine Räume zurück, wo er sich davon überzeugte, daß Tjing-wën ihre Medizin einnahm. Außerdem befahl er ihr, auf dem warmen Ofenbett liegen zu bleiben, er selbst aber schlief vor dem Vorhang. Außerdem hatte er noch das Kohlenbecken vor das Ofenbett rücken lassen. Am Kohlenbecken schlief diesmal Schë-yüä. Weiter ist von dieser Nacht nichts zu berichten.
 
Am nächsten Morgen machte Tjing-wën, noch ehe es hell war, Schë-yüä wach und sagte zu ihr: „Du mußt aufstehen, auch wenn du noch nicht ausgeschlafen hast! Geh hinaus und sag den andern, daß sie Tee brühen sollen, Bau-yü werde ich wecken!“
 
Rasch schlüpfte Schë-yüä in ihre Kleider, stand auf und sagte: „Wir wollen lieber erst ihn wecken und das Kohlenbecken zurückstellen, wenn er sich angezogen hat, ehe wir die andern hereinholen! Die alten Ammen hatten verlangt, er solle nicht hier im Zimmer schlafen, damit sich die Krankheit nicht auf ihn übertrage. Wenn sie jetzt sehen, wie dicht wir zusammen gelegen haben, werden sie bestimmt wieder nörgeln.“
 
„Einverstanden!“ sagte Tjing-wën.
 
Als sie Bau-yü wecken wollten, war er bereits wach, stand rasch auf und zog sich etwas über. Dann rief Schë-yüä die kleineren Sklavenmädchen herein, und erst nachdem sie alles ordentlich aufgeräumt hatten, befahl sie Tjiu-wën und Tan-yün zu sich, damit sie Bau-yü zu dritt aufwarten konnten. Als Bau-yü gekämmt und gewaschen war, sagte Schë-yüä: „Der Himmel sieht wieder trüb aus, es wird wohl Schnee geben. Du mußt deine Filzsachen anziehen!“
 
Bau-yü nickte und zog sich um. Nun brachte eines der jüngeren Sklavenmädchen auf einem kleinen Tablett eine Deckelschale voll Suppe aus Lotoskernen und roten Jujuben, und Bau-yü trank ein paar Schlucke davon. Schë-yüä brachte einen Teller eingelegtes Gemüse mit zarten Ingwertrieben, und auch davon nahm Bau-yü ein Stück. Anschließend erteilte er noch Tjing-wën ein paar Verhaltensmaßregeln und ging dann zur Herzoginmutter hinüber.
 
Die Herzoginmutter war noch nicht aufgestanden, aber da sie wußte, daß Bau-yü ausgehen sollte, ließ sie ihm die Tür öffnen und befahl ihm einzutreten. Hinter dem Rücken der Herzoginmutter erblickte Bau-yü die schlafende Bau-tjin, die mit dem Gesicht zur Wand gekehrt lag. Die Herzoginmutter sah, daß Bau-yü eine Jacke aus schwarzrotem Wollstoff trug, die mit Flügelpferden verziert war und hufförmige Manschetten hatte, und darüber ein Obergewand aus scharlachrotem Filz, das mit goldenen Kreisen und bunten Mustern bestickt war, während die Kanten mit azuritblauem Atlas verbrämt und mit Fransen verziert waren.
 
„Schneit es?“ fragte die Herzoginmutter.
 
„Noch schneit es nicht, aber der Himmel ist bedeckt“, erwiderte Bau-yü.
 
Da rief die Herzoginmutter nach Yüan-yang und befahl ihr: „Bring ihm den mit Nebelpanther gefütterten Umhang von gestern!“
 
Yüan-yang sagte: „Jawohl!“, ging hinaus und kam dann wirklich mit einem Umhang wieder. Als Bau-yü ihn sich ansah, glänzte und blitzte er grün und golden, aber anders als der Umhang aus Entenfedern, den Bau-tjin bekommen hatte.
 
Dann hörte er, wie die Herzoginmutter ihm lächelnd erklärte: „So etwas nennt man ‚Pfauengoldtuch‘. Das webt man in Rußland aus Fäden, die aus Pfauenfedern gesponnen sind . Letztens habe ich deiner kleinen Kusine so einen Umhang aus Wildentenfedern geschenkt, und dieser hier ist für dich!“
 
Bau-yü vollzog einen Stirnaufschlag, dann legte er sich den Umhang um die Schultern. Lächelnd forderte ihn die Herzoginmutter auf: „Zeig ihn deiner Mutter, ehe du gehst!“
 
Bau-yü sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus. Dort stand gerade Yüan-yang, die sich die Augen rieb. Von dem Tag an, als sie ihren großen Schwur geleistet hatte, hatte sie nicht mehr mit Bau-yü gesprochen, und er hatte sich Tag und Nacht deswegen gequält. Als er jetzt sah, daß sie ihm auch diesmal ausweichen wollte, trat er auf sie zu und sagte: „Liebste Schwester, schau mal, ob es gut aussieht, wenn ich das anhabe!“
 
Aber Yüan-yang winkte nur ab und ging zur Herzoginmutter in den Innenraum. Also begab sich Bau-yü zu Dame Wang, um sich ihr zu zeigen, dann lief er in den Garten zurück in seine eigenen Räume, um sich auch von Tjing-wën und Schë-yüä bewundern zu lassen, und suchte anschließend wieder die Herzoginmutter auf, um ihr zu berichten: „Die gnädige Frau sah sich den Umhang an und hat gesagt, er sei zu schade zum Anziehen. Sie hat mir befohlen, vorsichtig damit umzugehen, damit ich ihn nicht verderbe.“
 
„Es ist das letzte Stück dieser Art“, sagte die Herzoginmutter, „wenn du es verdirbst, ist kein weiteres mehr da. So etwas extra für dich machen zu lassen ist ein Ding der Unmöglichkeit.“ Anschließend befahl sie noch, Bau-yü solle nicht zuviel Wein trinken und nicht zu spät wiederkommen.
 
Bau-yü sagte gleich ein paarmal hintereinander jawohl, dann begleitete ihn eine alte Amme bis zur Haupthalle, wo Bau-yüs Milchbruder Li Guee mit Wang Jung, Dschang Juo-djin, Dschau I-hua, Tjiän Tji und Dschou Juee und den vier Sklavenjungen Ming-yän, Ban-hë, Tschu-yau und Sau-hung schon lange auf ihn wartete. Von den Sklavenjungen trug einer ein Kleiderbündel auf dem Rücken, ein zweiter hatte ein Sitzpolster unter dem Arm, die anderen beiden hielten einen Schimmel mit geschnitztem Sattel und buntem Zaumzeug.
 
Die alte Amme gab den sechs Älteren noch ein paar Anweisungen, die sie mit einem mehrstimmigen „Jawohl!“ beantworteten, ehe sie nach der Peitsche griffen und den Steigbügel hielten, während Bau-yü sich gelassen aufs Pferd schwang. Li Guee und Wang Jung führten das Pferd am Zaum, Tjiän Tji und Dschou Juee schritten vornweg, Dschang Juo-djin und Dschau I-hua aber gingen dicht neben ihm.
 
„Bruder Dschou, Bruder Tjiän!“ sagte Bau-yü lächelnd vom Pferd herab, „wir wollen durch das Seitentor gehen, damit ich nicht vor der Bibliothek des gnädigen Herrn noch einmal absteigen muß!“
 
Dschou Juee wandte sich um und erwiderte lächelnd: „Der gnädige Herr ist ja nicht da, und seine Bibliothek ist immer verschlossen, da braucht Ihr doch nicht abzusteigen, junger Herr!“
 
„Absteigen muß ich auch vor der verschlossenen Bibliothek“, widersprach Bau-yü.
 
„Da habt Ihr recht, junger Herr!“ bestätigten Tjiän Tji und Li Guee lächelnd. „Wenn Ihr es Euch bequem macht und nicht vom Pferd steigt, und dann stoßen wir auf Herrn Lai Da oder Herrn Lin Dschï-hsiau, könnten sie wohl Euch schlecht einen Vorwurf machen. Euch würden sie nur ein paar Ermahnungen erteilen, aber die eigentliche Schuld würden sie uns aufbürden und behaupten, wir brächten Euch keine Manieren bei.“
 
Also führten Dschou Juee und Tjiän Tji den Zug geradewegs auf das Seitentor zu, und noch ehe sie ihre Auseinandersetzung beendet hatten, tauchte vor ihnen wirklich Lai Da auf. Sofort brachte Bau-yü das Pferd zum Stehen und wollte absteigen, aber Lai Da trat näher und umfaßte sein Bein mit den Armen. Also stellte sich Bau-yü in die Steigbügel, griff nach Lai Das Hand und wechselte so ein paar Sätze mit ihm. Dann erblickte Bau-yü einen Sklavenjungen, der mit zwanzig, dreißig Mann durch das Tor kam, die Besen und Kehrschaufeln trugen. Als sie Bau-yüs gewahr wurden, nahmen sie alle mit herabhängenden Armen an der Mauer Aufstellung, und der Sklavenjunge, der sie anführte, kniete mit einem Bein halb nieder und wünschte Bau-yü Wohlergehen. Bau-yü, der den Sklavenjungen nicht beim Namen kannte, lächelte nur und nickte ihm zu. Im nächsten Augenblick war er an ihm vorbeigeritten, und der Sklavenjunge führte seinen Trupp weiter.
 
Als Bau-yü mit seinen Begleitern das Tor passiert hatte, stießen sie draußen auf die Sklavenjungen von Li Guee und den anderen. Gemeinsam mit ein paar Pferdeknechten hielten sie hier zehn Pferde bereit, und sofort stieg Bau-yüs Gefolge in die Sättel. Während die einen vornweg ritten, hielten die andern ihn dicht umringt, und so verschwanden sie gleich einer Rauchwolke. Mehr soll davon nicht die Rede sein.
 
Tjing-wën, die trotz der Medizin, die sie eingenommen hatte, noch keine Besserung verspürte, schimpfte inzwischen über den Arzt. „Der versteht nur, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, aber eine ordentliche Medizin verschreibt er ihnen nicht“, behauptete sie.
 
„Du bist zu ungeduldig“, redete Schë-yüä lächelnd auf sie ein. „Das Sprichwort sagt ‚Wenn die Krankheit kommt, geht das so schnell wie ein Bergsturz, aber wenn sie verschwindet, dauert es so lange wie Seidehaspeln.‘ Und dann ist das natürlich keine Wundermedizin, wie Lau-dsï sie zubereitet hat . Wo gibt es die schon! Also lieg nur ein paar Tage still, dann wirst du auch wieder gesund! Je ungeduldiger du bist, desto mehr reibst du dich auf.“
 
Nun schimpfte Tjing-wën auf die kleineren Sklavenmädchen. „Wo habt ihr euch alle verkrochen?“ rief sie. „Kaum daß ich krank bin, werdet ihr frech und macht euch aus dem Staube. Wenn ich erst wieder gesund bin, schinde ich euch einer nach der andern die Haut vom Leibe!“
 
Erschrocken kam die kleine Dschuan-örl hereingestürzt und fragte: „Was braucht Ihr, Fräulein?“
 
„Die andern sind wohl alle tot, und du bist als letzte noch übrig?“ fragte Tjing-wën eben, als auch Dschuee-örl gemächlich hereinkam.
 
„Seht euch dieses kleine Spitzbein an!“ sagte Tjing-wën. „Wenn man sie nicht ruft, dann kommt sie auch nicht. Aber wenn das Monatsgeld ausgegeben oder Obst verteilt wird, ist sie die Erste. – Komm näher! Ich bin kein Tiger, ich fresse dich nicht!“
 
Notgedrungen trat Dschuee-örl näher heran, und im nächsten Augenblick schnellte Tjing-wën unverhofft vor, packte Dschuee-örl mit einer Hand beim Arm, zog mit der anderen Hand einen langen, spitzen Haarpfeil unter dem Kopfkissen hervor und stach damit wie wild auf Dschuee-örls Rechte ein. Dazu schimpfte sie: „Wozu ist diese Pfote nütze? Nadel und Faden rührst du damit nicht an, nur nach dem Essen langst du damit. Dummdreist und langfingrig, wie du bist, machst du uns nichts als Schande. Darum ist es das beste, wenn ich diese Pfote zersteche!“
 
Dschuee-örl weinte und schrie vor Schmerz, und rasch riß Schë-yüä sie los. Dann drückte sie Tjing-wën auf das Kissen zurück und sagte lächelnd: „Willst du dir den Tod holen? Du hast doch eben erst geschwitzt. Warte, bis du gesund bist, dann kannst du sie schlagen, soviel du willst. Warum mußt du dich jetzt aufregen?“
 
Daraufhin ließ Tjing-wën nach Amme Sung schicken und sagte zu ihr: „Vorhin hat mir der junge Herr aufgetragen, ich solle Euch Bescheid geben, Dschuee-örl sei ihm zu faul. Wenn sie Aufträge von ihm bekommt, zankt sie, anstatt sich zu rühren, und wenn sie von Hsi-jën Aufträge bekommt, schimpft sie hinter ihrem Rücken auf sie. Sie soll unbedingt noch heute weggeschickt werden, und morgen wird der junge Herr der gnädigen Frau davon Meldung machen.“
 
Amme Sung verstand natürlich, daß es um die Sache mit dem Armreifen ging, und so erwiderte sie lächelnd: „Trotzdem ist es besser, wir warten, bis Fräulein Hsi-jën wieder hier ist, damit sie Bescheid weiß, und schicken sie dann erst weg.“
 
„Aber der junge Herr hat es mir strengstens eingeschärft“, ereiferte sich Tjing-wën. „Was hat das Fräulein Hsi-jën damit zu tun? Haben wir nicht auch selber Verstand? Also tu, was ich dir sage, und laß jemand von ihrer Familie kommen, der sie hier fortschafft!“
 
„Tatsächlich“, sagte auch Schë-yüä. „Früher oder später muß sie doch weg, und je eher sie geholt wird, desto eher herrschen hier Ruhe und Ordnung.“
 
Nun hatte Amme Sung keine andere Wahl mehr, als Dschuee-örls Mutter rufen zu lassen. Diese packte Dschuee-örls Sachen zusammen, dann kam sie zu Tjing-wën und den anderen herein und fragte: „Was habt Ihr denn, Fräulein? Warum könnt Ihr das Mädel nicht erziehen, wenn sie etwas falsch macht, und werft sie statt dessen hinaus? Laßt uns doch wenigstens unsern guten Namen!“
 
„Damit mußt du warten, bis Bau-yü wieder da ist, mit uns hat das nichts zu tun“, erwiderte Tjing-wën.
 
„Das werde ich gerade wagen!“ sagte die Sklavenfrau und lächelte kühl. „Er tut doch alles nach Eurem Willen. Wenn er dreist nachgeben würde, hätte das keinen Sinn, wenn Ihr nicht ebenfalls nachgebt. Gerade habt Ihr ihn zum Beispiel, wenn auch in seiner Abwesenheit, einfach bei seinem Namen genannt . Ihr könnt Euch das erlauben, uns würde man für so etwas als Rüpel betrachten.“
 
Rot vor Wut über diese Worte, sagte Tjing-wën: „Wenn ich ihn beim Namen genannt habe, dann geh doch zur alten gnädigen Frau und zeig mich an! Sag ihr, ich hätte mich rüpelhaft aufgeführt und müsse ebenfalls hinausgeworfen werden!“
 
Rasch schaltete Schë-yüä sich ein und sagte: „Nimm nur deine Tochter und geh, Schwägerin! Wenn du etwas sagen willst, mußt du es jemand anders sagen. Hier ist nicht der richtige Ort für dich, um herumzuschreien und Anstand zu predigen. Hast du jemals erlebt, daß uns jemand Anstand gepredigt hätte? Von dir ganz zu schweigen, uns müssen selbst die Frauen von Lai Da und Lin Dschï-hsiau einiges nachsehen.
 
Und daß wir Bau-yü beim Namen nennen, geschieht von klein auf bis zum heutigen Tage auf Befehl der alten gnädigen Frau. Das müßte euereins doch wohl auch bekannt sein, daß sie aus Furcht, ihn zu verlieren, seinen Namen auf Papier schreiben und überall ankleben ließ, damit alle ihn aussprechen und so sein Leben gesichert ist. Wenn also selbst die Wasserträger, Latrinenreiniger und Bettler den Namen nennen dürfen, dürfen wir das wohl nicht, was? Erst gestern ist Lin Dschï-hsiaus Frau von der alten gnädigen Frau gescholten worden, weil sie ihn ‚junger Herr‘ genannt hat. Das ist das eine.
 
Zum anderen nennen wir seinen Namen auch, wenn wir der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau etwas zu melden haben. Meinst du, da nennen wir ihn den jungen Herrn? Zweihundert Mal am Tage sprechen wir den Namen Bau-yü aus, und ausgerechnet das willst du uns vorwerfen? Wenn du demnächst einmal Zeit hast, kannst du dir anhören, wie wir ihn vor der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau beim Namen nennen, damit du Bescheid weißt.
 
Du bist natürlich nicht ansehnlich genug, um in unmittelbarer Nähe der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau dienen zu dürfen, und krebst immer nur hinter drei Toren herum, da ist es kein Wunder, wenn du die Regeln nicht kennst, die hier bei uns herrschen. Hier ist auch nicht der Ort, wo du dich lange aufhalten kannst. Gleich wird man dich auch ohne unser Zutun fragen kommen, was du hier suchst. Was willst du dann sagen? Also nimm deine Tochter und geh! Und dann kannst du dich an Lin Dschï-hsiaus Frau wenden, damit sie mit dem jungen Herrn spricht. Hier sind an die tausend Leute im Haus. Heute kommst du gelaufen, morgen kommt ein anderer, da weiß man nicht einmal, wer jeder ist und wie er heißt.“ Damit rief sie eines der kleineren Sklavenmädchen und befahl ihm, einen Wischlappen zu holen und den Fußboden zu säubern.
 
Die Sklavenfrau konnte ihr nichts darauf erwidern und wagte auch nicht, noch länger zu bleiben. Sie schluckte ihren Ärger hinunter und führte Dschuee-örl zur Tür.
 
Gleich darauf sagte Amme Sung: „Du scheinst die Anstandsregeln wirklich nicht zu kennen, Schwägerin. Nachdem deine Tochter einige Zeit hier zugebracht hat, muß sie schon zum Abschied vor den Fräulein ihren Stirnaufschlag machen. Abschiedsgeschenke müssen nicht sein – wer legt darauf schon wert! – , aber einen Stirnaufschlag muß sie machen, um zu zeigen, wie es in ihrem Herzen aussieht. Wie kann sie einfach mir nichts, dir nichts hier weggehen?“
 
Als Dschuee-örl das hörte, kam sie notgedrungen zurück und berührte sowohl vor Tjing-wën als auch vor Schë-yüä mit der Stirn den Boden. Anschließend ging sie auch zu Tjiu-wën und den anderen, die ihr aber ebensowenig einen Blick gönnten wie jene. Dschuee-örls Mutter seufzte und stöhnte nur noch, wagte aber keinen Ton mehr zu sagen und ging verbittert fort.
 
Tjing-wën, die sich wieder der Zugluft ausgesetzt und sich obendrein aufgeregt hatte, fühlte sich jetzt unwohler als zuvor. Sie warf sich auf dem Ofenbett hin und her, bis es Zeit war, die Lampen anzuzünden, und war eben ein wenig ruhiger geworden, als Bau-yü nach Hause kam und schon beim Eintreten seufzte und mit dem Fuß aufstampfte.
 
Als Schë-yüä ihn eilig nach dem Grund fragte, antwortete er: „Heute früh erst hat mir die alte gnädige Frau freudestrahlend den Umhang geschenkt, und nun habe ich mich nicht vorgesehen, und am Rückenteil ist eine Stelle verbrannt. Ein Glück nur, daß es schon Abend ist und die alte gnädige Frau und die gnädige Frau nicht darauf geachtet haben.“
 
Mit diesen Worten legte er den Umhang ab, und als Schë-yüä ihn sich ansah, fand sie wirklich ein Brandloch darin, so stark wie ein Finger. „Bestimmt ist ein Funke aus einem Handöfchen darauf gesprungen“, sagte sie. „Aber das macht nichts! Wenn wir gleich jemand heimlich damit losschicken und das Loch von einem tüchtigen Kunststopfer ausbessern lassen, ist alles wieder gut.“
 
Schon steckte sie den Umhang in einen Kleiderbeutel und übergab ihn einer alten Sklavenfrau mit den Worten: „Bis zum Hellwerden muß er wieder hier sein, damit alles in Ordnung geht. Und gib gut acht, die alte gnädige Frau und die gnädige Frau dürfen auf gar keinen Fall davon erfahren!“
 
Die Alte ging fort, doch als sie nach längerer Zeit mit dem Umhang wiederkam, berichtete sie: „Nicht nur bei den geschicktesten Kunststopfern, auch bei Schneidern, Stickern und Näherinnen bin ich gewesen, aber keiner wußte, was das für ein Gewebe ist, und so hat keiner den Auftrag anzunehmen gewagt.“
 
„Was nun?“ sagte Schë-yüä. „Da wirst du den Umhang eben morgen nicht tragen!“
 
„Aber morgen ist erst die eigentliche Feier“, widersprach Bau-yü, „die alte gnädige Frau und die gnädige Frau haben mir ausdrücklich befohlen, ihn zu tragen. Und muß ihnen das nicht jede Freude verderben, wenn ich ihn gleich am ersten Tag verbrannt habe?“
 
Jetzt konnte sich Tjing-wën, die ihnen die ganze Zeit über stumm zugehört hatte, nicht länger beherrschen. Sie drehte sich zu ihnen um und sagte: „Laßt mich einmal sehen! Vielleicht ist es dir vom Schicksal einfach nicht bestimmt, diesen Umhang zu tragen, und damit basta! Was regst du dich nur wieder so auf?“
 
„Du hast recht!“ sagte Bau-yü und lächelte. Dann reichte er ihr den Umhang und rückte auch die Lampe näher.
 
Nachdem sich Tjing-wën den Schaden eine Zeitlang besehen hatte, sagte sie: „Das ist aus Pfauengoldfäden gewebt. Wenn wir jetzt auch einen solchen Faden nehmen und stopfen das Loch mit ‚Grenzstichen‘ fein zu, können wir uns vielleicht damit durchmogeln.“
 
„Die Pfauenfederfäden haben wir schon“, sagte Schë-yüä lächelnd, „aber wer außer dir beherrscht den ‚Grenzstich‘?“
 
„Vielleicht werde ich es schaffen“, sagte Tjing-wën.
 
„Aber das geht doch nicht“, wandte Bau-yü ein. „Kaum daß du dich etwas besser fühlst, darfst du nicht schon wieder arbeiten!“
 
„Sei bloß nicht so kleinmütig!“ erwiderte Tjing-wën, „ich weiß, was ich tue!“ Und schon setzte sie sich auf, schlang ihr Haar zu einem Knoten zusammen und legte sich eine Jacke um die Schultern. Dabei hatte sie das Gefühl, ihr Kopf sei schwer und der Körper leicht, vor ihren Augen aber tanzten unaufhörlich goldene Sterne, so daß sie sich kaum aufrecht halten konnte. Aber sie sagte sich, wenn sie diese Arbeit nicht machte, würde Bau-yü sich aufregen. Darum biß sie mit aller Kraft die Zähne zusammen und bezwang ihre Schwäche. Schë-yüä befahl sie, ihr die Fäden zu drehen, dann verglich sie einen davon zur Probe und sagte: „Sehr ähnlich sieht das zwar nicht aus, aber wenn das Loch damit gestopft ist, wird es nicht übermäßig auffallen.“
 
„Fein!“ sagte Bau-yü, „woher hätten wir einen russischen Schneider nehmen sollen!“
 
Nun trennte Tjing-wën zuerst das Futter auf und spannte die beschädigte Stelle über einen winzigen Bambusstickrahmen, der nicht größer war als eine Teeschale, kratzte mit einem goldverzierten Messer alle versengten Fäden weg und markierte dann mit zwei Nadelstichen Kette und
 
  
Aus: Chengjiaben 1791.
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Die Herzoginmutter nickte seufzend: „Ich mag sie sehr, aber ich fürchte, dass zu viel Klugheit auch nicht gut sein könnte."
Schuß, um anschließend mit ‚Grenzstichen‘ erst das Untergewebe und dann das ursprüngliche Muster wiederherzustellen. Nach jedem zweiten Stich hielt sie inne, um ihr Werk genau zu betrachten, und als sie beim Kunststopfen war, verglich sie es immer wieder mit dem Original.
 
Doch ehe sie es sich versah, schwindelte ihr der Kopf, und es wurde ihr schwarz vor den Augen. Ihr Atem ging stoßweise, und ihre Kraft war erschöpft. Kaum daß sie drei, höchstens fünf Nadelstiche gemacht hatte, mußte sie sich schon wieder aufs Kissen legen, um auszuruhen. Bau-yü aber stand neben ihr. Mal fragte er, ob sie einen Schluck heißes Wasser trinken wolle, mal befahl er ihr, eine Pause zu machen. Dann wieder legte er ihr einen Umhang aus Fehfell über die Schultern und befahl im nächsten Moment, man solle ihr ein Polster bringen, damit sie sich anlehnen könne.
 
Gereizt bat ihn Tjing-wën schließlich: „Leg dich nur schlafen, kleiner Ahnherr! Wenn du die halbe Nacht über aufbleibst, wirst du morgen eingefallene Augen haben, und was dann?“
 
Bau-yü sah ein, daß er sie nur nervös machte, und so mußte er sich wohl oder übel hinlegen, doch er schlief nicht ein. Erst als nach einiger Zeit die Schlaguhr viermal hintereinander anschlug, war Tjing-wën mit der Stopfar­beit fertig und bürstete mit einer kleinen Zahnbürste behutsam die Fusseln ab.
 
„Das ist dir gut gelungen!“ lobte Schë-yüä. „Wenn man nicht genau hinsieht, fällt es nicht auf.“
 
Nun ließ sich Bau-yü den Umhang geben, sah sich die Stelle an und sagte: „Es sieht wirklich ganz gleich aus!“
 
Tjing-wën, die das Loch, geplagt von mehreren Hustenanfällen, mit Mühe und Not zu Ende gestopft hatte, sagte nur noch: „Repariert ist es, aber das Wahre ist es nicht. Ich kann nicht mehr.“ Dann sank sie mit einem Schmerzenslaut nieder.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
 
  
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Phönixglanz lachte sofort: „Da irrt Ihr Euch, alte Ahnherrin! In der Welt heißt es, wer zu klug und gescheit sei, lebe nicht lange. Das sagen alle, und alle glauben es. Aber gerade Ihr dürft es weder sagen noch glauben! Ihr, alte Ahnherrin, seid noch zehnmal klüger als ich — und erfreut Euch der besten Gesundheit und des höchsten Alters! Vielleicht übertreffe ich Euch eines Tages noch um das Doppelte! Ich lebe tausend Jahre und sterbe erst, nachdem Ihr, alte Ahnherrin, gen Westen eingegangen seid!"
[[Category:Hongloumeng]]
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Die Herzoginmutter lächelte: „Wenn alle anderen gestorben sind und nur wir beiden alten Hexen übrigbleiben — was hätten wir dann noch davon?"
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Alle lachten darüber.
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Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, „Schatz Kaufmann-Jade".</ref>, der in Gedanken bei Heitermuster und Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xírén, „die Angreifende/der Dufthauch".</ref> war, ging, ohne die anderen abzuwarten, zurück in den Garten. Als er sein Zimmer betrat, war alles von Arzneiduft erfüllt, aber kein Mensch war zu sehen. Nur Heitermuster lag allein auf dem Ofenbett, das Gesicht feuerrot. Er legte die Hand darauf — glühend heiß. Rasch wärmte er sich die Hände am Kohlenbecken, schob sie unter die Decke und fühlte ihren Körper — ebenfalls brennend heiß.
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„Dass die anderen fort sind, mag angehen", sagte er, „aber dass auch Moschusmond<ref>Chin. 麝月 Shèyuè, "Moschusmond".</ref> und Herbstmuster so herzlos sind und sich einfach davonmachen!"
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Heitermuster sagte: „Herbstmuster habe ich selbst zum Essen geschickt. Moschusmond ist eben von Friedchen abgeholt worden. Die beiden taten ganz geheimnisvoll — ich weiß nicht, was sie zu besprechen haben. Bestimmt reden sie darüber, dass ich krank bin und trotzdem nicht weggegangen bin."
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Schatzjade sagte: „So eine ist Friedchen nicht. Außerdem wusste sie gar nicht, dass du krank bist, und ist bestimmt nicht deinetwegen gekommen. Wahrscheinlich hatte sie mit Moschusmond etwas zu besprechen, und als sie zufällig sah, dass du krank bist, sagte sie nebenbei, sie sei gekommen, um nach dir zu sehen — das ist ganz normal, so ein geistesgegenwärt artiges Eingehen auf die Situation. Selbst wenn du hierbleibst und etwas schiefgeht — was hätte das mit ihr zu tun? Ihr habt euch immer gut verstanden, wegen solch einer Nichtigkeit wird sie ihre Haltung dir gegenüber bestimmt nicht ändern."
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Heitermuster sagte: „Da hast du wohl recht. Mich wunderte nur, warum sie plötzlich Heimlichkeiten vor mir hat."
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Schatzjade lächelte: „Lass mich durch die Hintertür gehen und unter dem Fenster lauschen, worüber sie reden. Dann komme ich zurück und erzähle es dir."
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Und tatsächlich ging er durch die Hintertür hinaus und schlich sich unter das Fenster.
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Er hörte Moschusmond leise fragen: „Wie hast du ihn denn zurückbekommen?"
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Friedchen antwortete: „Als er neulich beim Händewaschen verschwand, hat die junge Herrin [Anm.: Phönixglanz] verboten, deswegen Lärm zu schlagen. Sobald wir den Garten verlassen hatten, ließ sie sofort allen Ammen in den verschiedenen Gartenhäusern auftragen, unauffällig danach zu suchen. Wir verdächtigten zunächst Fräulein Xings Mädchen — die sind von Haus aus arm, und so ein Kind hat vielleicht noch nie so etwas gesehen und es einfach genommen. Aber wir hätten nie gedacht, dass es jemand aus eurem Haushalt sein könnte. Glücklicherweise war die junge Herrin gerade nicht zu Hause, als dann Amme Song kam und den Armreif brachte. Sie sagte, die kleine Magd Zhuier habe ihn gestohlen, sie habe es entdeckt und wolle es der jungen Herrin melden. Ich nahm den Armreif sofort an mich und überlegte: Schatzjade hält so große Stücke auf euch und setzt sich immer nach Kräften für euch ein. Damals gab es schon die Geschichte mit Liang'er, die den Jadeschmuck stahl — das ist erst seit ein, zwei Jahren in Vergessenheit geraten, und immer noch bringt es jemand schadenfroh zur Sprache. Und jetzt ist auch noch Gold gestohlen worden, und das auch noch bei den Nachbarn! Für Schatzjade wäre das ein Schlag ins Gesicht.
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Darum schärfte ich Amme Song sofort ein, sie dürfe Schatzjade kein Sterbenswort davon sagen und solle tun, als sei nichts geschehen, und auch vor keinem anderen etwas erwähnen. Zum zweiten wären auch die alte gnädige Frau und die gnädige Frau zörnig geworden, wenn sie davon erfahren hätten. Und zum dritten hättet ihr mit Dufthauch ebenfalls schlecht dagestanden.
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Also sagte ich der jungen Herrin einfach: 'Als ich bei der älteren jungen Herrin [Anm.: Frau Li<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán, "Frau Li, die verwitwete Schwiegertochter".</ref>] war, muss sich der Verschluss des Armreifs unbemerkt gelöst haben. Er fiel auf den Rasen in den tiefen Schnee, wo ich ihn nicht sehen konnte. Heute ist der Schnee geschmolzen, und da lag er goldglänzend in der Sonne — ich habe ihn einfach aufgehoben.' Die junge Herrin hat es geglaubt.
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Darum bin ich jetzt hier, um euch zu sagen: Gebt auf Zhuier acht und schickt sie nirgendwohin. Wenn Dufthauch zurück ist, besprecht euch untereinander und sorgt dafür, dass Zhuier unter einem Vorwand fortgeschickt wird — dann ist die Sache erledigt."
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Moschusmond sagte: „Dieses kleine Hurenbiest! Sie hat doch schon genug kostbare Dinge gesehen — warum musste sie jetzt so dumm sein?"
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Friedchen sagte: „Der Armreif wiegt ja nicht einmal viel. Die junge Herrin sagt, so etwas heiße 'Krebsfühlerfiligran' — das Wertvollste daran ist noch die Perle. Heitermuster, das kleine Biest, darf davon nichts erfahren! Sie ist wie ein Stück Glut, das jeden Moment hochgeht. Wenn sie es erfährt, kann sie sich nicht beherrschen und schlägt oder beschimpft Zhuier — und dann kommt alles heraus. Darum sage ich es nur dir allein, damit du achtgibst." Damit verabschiedete sie sich und ging.
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Schatzjade hatte alles gehört. Er war zugleich erfreut, wütend und musste seufzen. Erfreut war er über Friedchens Einfühlungsvermögen. Wütend war er über Zhuiers Diebstahl. Und seufzen musste er, weil ein so kluges Mädchen sich zu solch einer Schandtat hatte hinreißen lassen.
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Er kehrte ins Zimmer zurück und berichtete Heitermuster Wort für Wort, was Friedchen gesagt hatte. Dann fügte er hinzu: „Friedchen meinte, ehrgeizig wie du bist, würdest du noch kränker, wenn du davon erführst. Darum wollte sie es dir erst sagen, wenn du wieder gesund bist."
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Heitermuster war tatsächlich so wütend, dass ihre geschwungenen Brauen steil in die Höhe gingen und ihre Phönixaugen sich weit öffneten. Auf der Stelle rief sie nach Zhuier.
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Schatzjade redete hastig auf sie ein: „Wenn du jetzt nach ihr rufst, machst du zunichte, was Friedchen aus Rücksicht auf dich und mich getan hat! Besser, wir halten uns an ihren Vorschlag und sorgen nachher dafür, dass Zhuier fortgeschickt wird."
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Heitermuster sagte: „Das sagst du so leicht — aber wie soll ich meinen Zorn bezähmen?"
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Schatzjade sagte: „Was gibt es da zu zürnen? Du musst jetzt vor allem gesund werden."
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Heitermuster trank ihre Medizin. Am Abend nahm sie die zweite Dosis. In der Nacht schwitzte sie zwar etwas, aber die Besserung blieb aus — sie fieberte weiter, hatte Kopfschmerzen, verstopfte Nase und belegte Stimme. Am nächsten Tag kam Hofarzt König erneut, untersuchte sie und änderte die Rezeptur. Das Fieber ging zwar etwas zurück, doch der Kopfschmerz blieb.
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Schatzjade befahl Moschusmond: „Hol Schnupftabak und lass sie etwas davon aufziehen. Wenn sie ein paar kräftige Nieser tut, werden sich die Hohlräume öffnen."
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Moschusmond ging tatsächlich und brachte eine flache, goldgefasste Dose aus Aventurin-Glas [Anm.: Goldflitter-Glas] mit Doppelverschluss. Sie reichte sie Schatzjade. Dieser klappte den Deckel auf. Innen zeigte sich eine europäische Emailmalerei: ein Mädchen mit goldenem Haar und nacktem Körper, an den Seiten kleine Flügel. [Anm.: Eine Darstellung eines Engelchens nach westlichem Vorbild.] Darin lag eine Portion echten europäischen Wang-Qia-Schnupftabaks.
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Heitermuster hatte nur Augen für das Bildchen, worauf Schatzjade sie mahnte: „Zieh eine Prise auf! Wenn der Duft verfliegt, taugt er nichts mehr."
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Heitermuster hörte das und nahm eilig mit dem Fingernagel etwas Tabak auf, zog ihn in die Nase — keine besondere Wirkung. Also nahm sie noch mehr und zog es kräftig ein. Plötzlich stieg ihr ein scharfes, saures Brennen durch die Nase bis in die Schädeldecke. Sie nieste fünf-, sechsmal hintereinander, und sofort rannen ihr die Tränen und der Nasenschleim.
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Eilig schloss sie die Dose und rief lächelnd: „Unglaublich, wie scharf! Gebt mir schnell Papier!"
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Ein kleines Mädchen reichte ihr sogleich einen Stapel feines Papier, und Heitermuster nahm Blatt um Blatt, um sich die Nase zu putzen.
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Schatzjade fragte lächelnd: „Und, wie fühlst du dich?"
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Heitermuster lächelte: „Tatsächlich etwas freier. Nur die Schläfen tun noch weh."
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Schatzjade lächelte: „Dann kurieren wir auch das noch mit europäischer Medizin!" Und er befahl Moschusmond: „Geh zur zweiten jungen gnädigen Frau [Anm.: Phönixglanz] und sage ihr, ich hätte gesagt, sie habe immer ein europäisches Kopfschmerzpflaster, das sich 'Yifuna' nenne — sie möge mir ein wenig davon geben."
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Moschusmond sagte „Jawohl" und ging. Nach einiger Zeit kam sie tatsächlich mit einem halben Stück zurück. Dann suchte sie ein Stückchen roten Seidenatlas heraus, schnitt zwei fingerkuppengroße runde Flecken aus, wärmte die Salbe am Feuer auf und strich sie mit einem Haarnadel-Stiel auf die Stoffstückchen. Heitermuster nahm einen Handspiegel und klebte sich die Pflaster selbst auf beide Schläfen.
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Moschusmond lächelte: „Krank sahst du aus wie ein struppiges Gespenst, aber jetzt mit den Pflastern siehst du richtig hübsch aus! Die zweite junge gnädige Frau trägt sie ständig, da fallen sie gar nicht mehr auf." Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Die zweite junge gnädige Frau lässt auserichten: Morgen ist der Geburtstag des Onkels mütterlicherseits. Die gnädige Frau hat angeordnet, dass du hingehst. Was wirst du morgen anziehen? Heute Abend könnten wir schon alles zurechtlegen, damit es morgen früh schneller geht."
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Schatzjade sagte: „Was gerade zur Hand ist, das ziehe ich an — fertig! Das ganze Jahr über gibt es Geburtstage, da kommt man ja gar nicht mehr mit." Damit stand er auf und ging hinaus, um Bedauerfrühling<ref>Chin. 惜春 Xīchūn, „Bedaure-den-Frühling".</ref> zu besuchen und beim Malen zuzusehen.
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Gerade trat er aus dem Hoftor, als er Schatzzither<ref>Chin. 薛宝琴 Xuē Bǎoqín, „Schatzzither Schnee".</ref>s kleine Magd Xiaoluo vorüberkommen sah. Schatzjade lief ihr nach und fragte: „Wohin gehst du?"
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Xiaoluo lächelte: „Unsere beiden Fräulein sind bei Fräulein Lin [Anm.: Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, "Kajal Wald-Jade".</ref>], und ich gehe jetzt auch dorthin."
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Schatzjade änderte seinen Weg und ging mit ihr zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss. Dort waren nicht nur die beiden Schwestern Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz Schnee-Spange".</ref> und Schatzzither zu Besuch, sondern auch Höhlennebel Strafe<ref>Chin. 邢岫烟 Xíng Xiùyān, „Fräulein Xing, Felsenrauch".</ref>. Zu viert sassen sie um den Räucherofen und plauderten über Alltägliches. Purpurkuckuck<ref>Chin. 紫鹃 Zǐjuān, „Purpurkuckuck".</ref> sass im warmen Alkoven am Fenster und nähte.
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Als sie Schatzjade hereinkommen sahen, sagten alle lächelnd: „Da kommt noch einer! Aber ein Sitzplatz ist für dich nicht mehr da!"
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Schatzjade lächelte: „Was für ein herrliches 'Winterkammer-Schöne-Mädchen-Bild'! Nur schade, dass ich einen Augenblick zu spät komme. Aber hier ist es wärmer als in den anderen Räumen — auf diesem Stuhl wird mir nicht kalt sein." Damit setzte er sich auf den Stuhl mit dem Graupelz-Polster, auf dem gewöhnlich Kajaljade sass.
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Da erblickte er auf dem warmen Ofenbett eine längliche Kette, in der sich ungefüllte Narzissen in Dreier- und Fünfertuffs zwischen Xuanshi-Miniaturfelsen drängten. Laut rief er: „Was für herrliche Blumen! Je wärmer es hier im Zimmer ist, desto reiner duften sie. Gestern habe ich sie noch nicht gesehen."
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Kajaljade erklärte: „Die Frau eures Hauptverwalters Lai Da hat Schatzzither zwei Töpfe Wintersüßduft [Anm.: chinesische Winterblüte, Chimonanthus praecox] und zwei Schalen Narzissen geschenkt. Davon hat sie mir eine Schale Narzissen gegeben und Erkundefrühling<ref>Chin. 探春 Tànchūn, "Erkundefrühling".</ref> einen Topf Wintersüßduft. Eigentlich wollte ich sie nicht haben, aber ich fürchtete, Schatzzithers Gefühle zu verletzen. Wenn du möchtest, schenke ich sie dir weiter."
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Schatzjade sagte: „Ich habe auch zwei Schalen bei mir, aber sie sind nicht so schön wie diese hier. Etwas weiterverschenken, was Schatzzither dir geschenkt hat — das darfst du auf keinen Fall!"
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Kajaljade sagte: „Bei mir kommt den ganzen Tag der Arzneitiegel nicht vom Feuer — ich lebe geradezu von Medizin. Wie soll ich da noch Blumenduft vertragen? Er macht mich nur schwächer. Außerdem verdirbt der Arzneigeruch den Blumenduft. Nimm die Schale lieber zu dir — dort kann sich der reine Blumenduft entfalten, ohne dass andere Gerüche ihn trüben."
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Schatzjade lächelte: „Bei mir wird heute auch Arznei für eine Kranke gekocht! Woher weißt du das?"
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Kajaljade lächelte: „Was für eine seltsame Frage! Ich habe das ganz ohne Hintergedanken gesagt. Wer weiß denn schon, was in deinen Räumen vorgeht? Du hättest früher kommen sollen, um Geschichten aus alter Zeit zu hören, statt jetzt erst aufzutauchen und grundlos Verdacht zu schöpfen."
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Schatzjade lächelte: „Das nächste Dichterbund-Treffen hat dann ein Thema: Wir besingen Narzissen und Wintersüßduft!"
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Kajaljade hörte das, lächelte und sagte: „Nein, nein! Ich traue mich nicht mehr, Gedichte zu schreiben. Jedes Mal, wenn ich eins schreibe, werde ich bestraft — wie beschämend!" Und sie schlug beide Hände vors Gesicht.
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Schatzjade lächelte: „Was soll das nur? Musst du dich wieder über mich lustig machen? Ich müsste mich schämen, aber du schlägst die Hände vors Gesicht!"
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Schatzspange schaltete sich lächelnd ein: „Beim nächsten Mal rufe ich den Bund zusammen und gebe vier Gedichtthemen und vier Liedthemen auf. Jeder schreibt vier Gedichte und vier Lieder. Das erste Gedichtthema: 'Besingen des Taiji-Diagramms' [Anm.: yin-yang-Symbol der chinesischen Philosophie]. Reimgruppe 'yi xian', fünfsilbiges Regelgedicht. Alle Reime der Gruppe müssen verwendet werden, kein einziger darf übrigbleiben."
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Schatzzither lächelte: „Das zeigt doch, dass Schwester gar nicht wirklich den Bund einberufen, sondern uns nur auf die Probe stellen will! Natürlich könnte man sich etwas abquälen, aber was für einen Spaß macht es, die Sätze aus dem 'Buch der Wandlungen' [Anm.: Yijing, eines der chinesischen Klassiker] in anderer Reihenfolge zu wiederholen?
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Als ich acht Jahre alt war, begleitete ich meinen Vater an die Westküste, weil er dort überseeische Waren einkaufen wollte. Dort trafen wir unverhofft auf ein Mädchen aus dem Land Zhenzhen [Anm.: wahrscheinlich eine Anspielung auf ein westliches Land]. Sie war erst fünfzehn Jahre alt, und ihr Gesicht glich den Schönen auf europäischen Gemälden. Goldblondes Haar trug sie in Zöpfen, und auf dem Kopf funkelten lauter Edelsteine — Korallen, Katzenaugen, Smaragde. Bekleidet war sie mit einem Kettenhemd aus Goldfäden und einer Jacke aus ausländischem Brokat. An der Seite trug sie einen japanischen Dolch, ebenfalls mit Gold und Edelsteinen verziert. Selbst die Schönen auf Gemälden konnten sich nicht mit ihr messen.
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Man erzählte uns, sie kenne sich in der chinesischen Literatur aus, verstehe über die Fünf Kanonischen Bücher zu diskutieren und könne Gedichte und Lieder verfassen. Darum bat mein Vater sie über einen Dolmetscherbeamten, etwas für ihn zu schreiben, und sie schrieb ihm ein selbstverfasstes Gedicht auf."
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Alle staunten ungläubig. Schatzjade bat eifrig lächelnd: „Liebe Schwester, bring das Blatt her, ich möchte es sehen!"
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Schatzzither lächelte: „Es liegt in Nanjing aufbewahrt — wie soll ich es jetzt von dort holen?"
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Schatzjade war tief enttäuscht: „Kein Glück! So etwas Seltenes bekomme ich nicht zu sehen."
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Kajaljade lachte und zog Schatzzither am Arm: „Führ uns nicht an der Nase herum! Ich weiß genau, dass du bei deiner Ankunft hier solche Dinge bestimmt nicht zu Hause gelassen, sondern mitgebracht hast. Jetzt aber lügst du und behauptest, du hättest es nicht dabei. Die anderen mögen dir das glauben — ich glaube es nicht!"
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Schatzzither wurde rot, senkte den Kopf und lächelte leise, ohne ein Wort zu erwidern.
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Schatzspange lächelte: „Ausgerechnet unser Runzelmädchen [Anm.: Spitzname für Kajaljade] versteht es, einen in die Enge zu treiben!"
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Kajaljade sagte: „Wenn du es mitgebracht hast, lass es uns doch sehen."
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Schatzspange lächelte: „Sie hat einen ganzen Haufen Kisten und Körbe mitgebracht, die noch nicht alle ausgepackt sind. Wie soll sie da wissen, in welchem Gepäckstück es steckt? Wenn alles ausgepackt und sortiert ist und sie es findet, können wir es uns alle ansehen." Dann wandte sie sich an Schatzzither: „Wenn du dich an das Gedicht erinnerst, warum sagst du es nicht einfach auf?"
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Schatzzither antwortete: „Ich erinnere mich. Es ist ein fünfsilbiges Regelgedicht. Für ein Mädchen aus dem Ausland ist es wirklich erstaunlich."
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Schatzspange sagte: „Warte noch, ehe du es vorträgst! Wir müssen erst unser Wolkchen [Anm.: Xiangji<ref>Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, "Xiangfluss-Wolke".</ref>/Xiangfluss-Wolke, 湘云] holen lassen, damit sie es auch hört." Dann rief sie Xiaoluo und befahl: „Geh zu uns hinüber und sage: Hier ist eine ausländische Schönheit gekommen, die wunderbare Gedichte schreibt. Die 'Gedichtverrückte' soll kommen und sie sich ansehen — und unsere 'Gedichtnärrin' [Anm.: Duftkastanie<ref>Chin. 香菱 Xiānglíng, "Duftende Wasserkastanie".</ref>/Duftkastanie, 香菱] soll sie auch mitbringen."
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Xiaoluo ging lächelnd davon.
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Nach einiger Zeit hörte man Xiangji draußen lachend fragen: „Was für eine ausländische Schönheit ist denn gekommen?"
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Während sie noch sprach, kam sie schon herein, zusammen mit Duftkastanie. Alle lächeltewn: „Man hörte sie, ehe man sie sah."
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Schatzzither bat sie sogleich Platz zu nehmen und wiederholte die Geschichte noch einmal.
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Xiangji lächelte: „Sag es schnell auf! Lass uns das Gedicht hören!"
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Schatzzither begann:
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    Gestern noch träumt' ich im Prachtgemach,
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    heute sing' ich am Ufer des Inselreichs.
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    Wolken dampfen empor vom großen Meer,
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    Nebeldunst verbindet sich mit dichtem Wald.
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    Der Mond ist derselbe seit alter Zeit,
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    doch Gefühle kennen Tiefe und Seichte.
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    Im Süden des Han-Flusses grünt's überall —
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    wie könnt' es mich nicht rühren?
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Alle hörten es und sagten: „Erstaunlich! Dieses Mädchen übertrifft ja uns Chinesen!"
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Kaum waren diese Worte gesprochen, kam Moschusmond herein und meldete: „Die gnädige Frau hat jemanden geschickt, um dem jungen Herrn auszurichten: Morgen früh soll er zum Onkel gehen und sagen, die gnädige Frau fühle sich nicht wohl und könne nicht persönlich kommen."
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Schatzjade stand eilig auf und sagte: „Jawohl." Dann fragte er Schatzspange und Schatzzither, ob sie ebenfalls gingen.
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Schatzspange sagte: „Wir gehen nicht. Gestern haben wir lediglich Geschenke geschickt."
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Alle plauderten noch ein Weilchen, dann ging man auseinander. Schatzjade ließ die Mädchen vorangehen und blieb als letzter zurück. Kajaljade hielt ihn noch auf und fragte: „Wann kommt Dufthauch eigentlich zurück?"
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Schatzjade sagte: „Natürlich erst nach der Beerdigung."
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Kajaljade schien noch etwas sagen zu wollen, brachte es aber nicht heraus. Einen Moment starrte sie geistesabwesend vor sich hin, dann sagte sie: „Geh nur."
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Auch Schatzjade fühlte, dass ihm viele Worte auf dem Herzen lagen, wusste aber nicht, wie er sie ausdrücken sollte. Nach kurzem Nachdenken lächelte er: „Unterhalten wir uns morgen weiter." Er stieg die Treppe hinab, den Kopf gesenkt, im Begriff loszugehen, drehte sich dann aber nochmals hastig um und fragte: „Die Nächte sind jetzt immer länger — wie oft hustest du nachts? Wie oft wachst du auf?"
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Kajaljade sagte: „Letzte Nacht war es besser. Ich hustete nur zweimal, schlief aber nur in der vierten Nachtwache ein Weilchen, danach konnte ich nicht mehr einschlafen."
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Schatzjade sagte lächelnd: „Gerade fällt mir noch etwas Wichtiges ein." Er trat näher an sie heran und flüsterte: „Die Schwalbennester, die Schwester Schatzspange dir geschickt hat —"
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Er hatte den Satz noch nicht beendet, als Nebenfrau Zhao hereinkam und Kajaljade fragte: „Geht es dem Fräulein in letzter Zeit besser?"
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Kajaljade wusste, dass Nebenfrau Zhao von Erkundefrühling kam und nur hereinschaute, weil ihr Weg sie hier vorüberführte — eine beiläufige Höflichkeit. Dennoch bot sie ihr lächelnd einen Platz an: „Wie aufmerksam, dass Ihr trotz der Kälte persönlich kommt und an mich denkt!" Rasch ließ sie Tee einschenken und warf Schatzjade dabei einen Blick zu.
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Schatzjade verstand und ging hinaus.
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Es war gerade Zeit für das Abendessen. Er ging zu Dame König, die ihn nochmals ermahnte, am nächsten Morgen früh aufzubrechen. Schatzjade kehrte in seine Räume zurück und sah nach, ob Heitermuster ihre Medizin eingenommen hatte. An diesem Abend ließ er Heitermuster nicht aus dem warmen Alkoven kommen, sondern schlief selbst davor. Das Kohlenbecken ließ er vor den Alkoven stellen, und Moschusmond schlief am Kohlenbecken. Die Nacht verging ohne Vorkommnisse.
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Am nächsten Morgen, noch vor Tagesanbruch, weckte Heitermuster Moschusmond: „Du solltest aufstehen — du schläfst doch nie genug! Geh hinaus und lass jemand Tee für ihn vorbereiten. Ich wecke ihn dann."
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Moschusmond warf sich eilig ihre Kleidung über, stand auf und sagte: „Wecken wir ihn lieber zuerst, lassen ihn sich anziehen und stellen das Kohlenbecken weg, bevor wir die anderen hereinrufen. Die alten Ammen haben gesagt, er soll nicht hier im Zimmer schlafen, damit die Krankheit nicht auf ihn überspringt. Wenn sie sehen, dass wir so dicht beieinander gelegen haben, werden sie wieder nörgeln."
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Heitermuster sagte: „Genau das dachte ich auch."
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Als sie Schatzjade wecken wollten, war er bereits wach, stand rasch auf und warf sich etwas über. Moschusmond rief zuerst die kleinen Mädchen herein, und erst als alles aufgeräumt war, befahl sie Herbstmuster und Tanyun, hereinzukommen und Schatzjade zu dritt beim Waschen und Kämmen beizustehen.
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Moschusmond sagte: „Der Himmel sieht schon wieder trüb aus, es wird wohl schneien. Zieh die Filzsachen an."
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Schatzjade nickte und wechselte die Kleidung. Ein kleines Mädchen brachte auf einem kleinen Tablett eine Deckelschale mit Suppe aus Bau-Lotoskernen und roten Jujuben. Schatzjade trank zwei Schluck. Moschusmond reichte ihm noch ein Schälchen mit eingelegtem Ingwer, und Schatzjade nahm ein Stück in den Mund. Dann gab er Heitermuster noch ein paar Anweisungen und ging hinüber zur Herzoginmutter.
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Die Herzoginmutter war noch nicht aufgestanden, aber da sie wusste, dass Schatzjade ausgehen sollte, ließ sie ihm die Tür öffnen und bat ihn herein. Hinter dem Rücken der Herzoginmutter erblickte Schatzjade Schatzzither, die mit dem Gesicht zur Wand schlief und noch nicht wach war.
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Die Herzoginmutter sah, dass Schatzjade eine litschirote Jacke aus Duoluoni-Wollstoff [Anm.: ein feiner ausländischer Wollstoff] mit Himmelspferd-Ärmeln [Anm.: hufförmige Manschetten] trug, und darüber ein Obergewand aus leuchtrend rotem Orang-Utan-Filz, bestickt mit goldenen Kreisen und bunten Mustern, die Kanten mit azuritblauem gemustertem Atlas gesäumt und mit Fransen versehen.
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Die Herzoginmutter fragte: „Schneit es denn?"
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Schatzjade sagte: „Der Himmel ist bewölkt, aber es schneit noch nicht."
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Die Herzoginmutter rief Mandarinenente<ref>Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, „Mandarinenente".</ref> und befahl: „Gib ihm den gestern erwähnten Umhang mit dem Wuwlkenleopard-Futter."
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Mandarinenente sagte „Jawohl", ging hinaus und brachte tatsächlich einen Umhang. Als Schatzjade ihn betrachtete, glänzte und blitzte er golden und grün — ganz anders als der Wildentenfedern-Umhang, den Schatzzither bekommen hatte.
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Die Herzoginmutter erklärte lächelnd: „Das nennt man 'Pfauengoldstoff'. In Russland werden dafür Pfauenfedern zu Fäden gesponnen und zu diesem Stoff verwebt. Neulich habe ich deiner kleinen Schwester den Umhang aus Wildentenfedern geschenkt — dieser hier ist für dich."
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Schatzjade machte einen Kowtau und legte sich den Umhang um. Die Herzoginmutter lächelte: „Zeig ihn erst deiner Mutter, bevor du gehst."
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Schatzjade sagte „Jawohl" und ging hinaus. Dort stand gerade Mandarinenente und rieb sich die Augen. Seit jenem Tag, an dem sie ihren großen Schwur geleistet hatte [Anm.: nie zu heiraten, wie in Kap. 46 geschildert], sprach sie nicht mehr mit Schatzjade, und dieser quälte sich Tag und Nacht deswegen. Als er sah, dass sie ihm auch jetzt ausweichen wollte, trat er auf sie zu und sagte lächelnd: „Liebe Schwester, schau doch — steht mir das gut?"
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Aber Mandarinenente winkte nur ab und ging ins Zimmer der Herzoginmutter zurück.
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Schatzjade begab sich zu Dame König, zeigte ihr den Umhang, kehrte dann in den Garten zurück und zeigte sich auch Heitermuster und Moschusmond. Anschließend ging er nochmals zur Herzoginmutter und berichtete: „Die gnädige Frau hat den Umhang angesehen und gesagt, er sei zu schade. Sie hat mir befohlen, sorgfältig damit umzugehen und ihn nicht zu verderben."
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Die Herzoginmutter sagte: „Es ist das allerletzte Stück dieser Art. Wenn du es verdirbst, gibt es kein weiteres. So etwas eigens für dich anfertigen zu lassen ist unmöglich." Dann ermahnte sie ihn noch: „Trink nicht zu viel Wein und komm früh zurück."
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Schatzjade sagte mehrmals hintereinander „Jawohl".
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Die alten Ammen begleiteten ihn bis zur Haupthalle. Dort warteten bereits sein Milchbruder Li Gui und König Rong, Zhang Ruojin, Zhao Yihua, Qian Qi sowie Zhou Rui — sechs Mann — zusammen mit den vier Burschen Mingyan, Banhe, Chuyao und Saohong. Einer trug ein Kleiderbündel auf dem Rücken, ein anderer ein Sitzpolster unter dem Arm. Die übrigen hielten einen Schimmel mit geschnitztem Sattel und buntem Zaumzeug bereit und warteten schon lange.
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Die alte Amme gab den sechs Älteren noch ein paar Anweisungen, die sie mit mehrfachem „Jawohl" beantworteten. Dann griffen sie nach Peitsche und Steigbügel. Schatzjade schwang sich gemächlich aufs Pferd. Li Gui und König Rong führten es am Zaum, Qian Qi und Zhou Rui gingen voran, Zhang Ruojin und Zhao Yihua ritten dicht hinter Schatzjade.
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Vom Pferd herab sagte Schatzjade lächelnd: „Bruder Zhou, Bruder Qian — nehmen wir das Seitentor, damit ich vor der Bibliothek des gnädigen Herrn nicht absteigen muss."
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Zhou Rui wandte sich um und lächelte: „Der gnädige Herr ist nicht zu Hause, die Bibliothek ist täglich verschlossen — da müsst Ihr doch nicht absteigen, junger Herr."
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Schatzjade lächelte: „Auch vor der verschlossenen Bibliothek muss ich absteigen."
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Qian Qi, Li Gui und die anderen lachten: „Der junge Herr hat recht. Selbst wenn er sich drücken wollte und nicht abstiege — wenn uns zufällig Herr Lai Da oder Herr Lin begegneten, würden sie zwar dem jungen Herrn nichts sagen können, aber ein paar ermahnende Worte gäbe es schon. Die Schuld aber würde man uns aufbürden, dass wir dem jungen Herrn keine Manieren beibringen."
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Zhou Rui und Qian Qi führten den Zug geradeswegs auf das Seitentor zu.
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Während sie noch sprachen, kam ihnen tatsächlich Lai Da entgegen. Schatzjade zügelte sofort das Pferd und wollte absteigen. Lai Da trat rasch heran und umfasste sein Bein. Schatzjade stellte sich in die Steigbügel, ergriff lächelnd Lai Das Hand und wechselte ein paar Worte mit ihm.
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Dann erblickte er einen Burschen, der mit zwanzig, dreißig Leuten, die Besen und Kehrschaufeln trugen, hereinkam. Als diese Schatzjade sahen, stellten sie sich alle mit herabhangenden Armen an der Mauer auf. Nur der anführende Bursche kniete halb nieder und wünschte Schatzjade Wohlergehen. Schatzjade kannte seinen Namen nicht, lächelte nur und nickte. Als das Pferd vorbei war, führte der Bursche seine Leute weiter.
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Am Seitentor angekommen, stießen sie draußen auf die Burschen von Li Gui und den anderen. Zusammen mit einigen Pferdeknechten hielten sie zehn Pferde bereit. Kaum aus dem Tor, schwangen sich alle in die Sättel. Voran und an den Seiten, wie eine Rauchwolke verschwanden sie. Mehr soll davon nicht die Rede sein.
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Heitermuster, die trotz der Medizin noch keine Besserung spürte, schimpfte auf den Arzt: „Der versteht nur, den Leuten das Geld abzuknöpfen, aber eine anständige Medizin verschreibt er nicht!"
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Moschusmond mahnte sie lächelnd: „Du bist zu ungeduldig. Das Sprichwort sagt: 'Die Krankheit kommt wie ein Bergsturz, aber sie geht wie das Abwickeln eines Seidenfadens.' Es ist doch keine Wunderpille des Götterfürsten Laozi! Wo gäbe es solch eine Wundermedizin! Leg dich nur ein paar Tage still hin, dann wirst du von allein gesund. Je ungeduldiger du bist, desto schlimmer wird es."
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Heitermuster schimpfte auf die kleinen Mädchen: „Wo habt ihr euch alle verkrochen? Kaum bin ich krank, werdet ihr frech und macht euch davon! Wenn ich erst wieder gesund bin, ziehe ich euch eine nach der anderen das Fell über die Ohren!"
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Erschrocken kam die kleine Zhuan'er hereingestürzt: „Was braucht Ihr, Fräulein?"
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Heitermuster sagte: „Sind etwa alle anderen gestorben und nur du übriggeblieben?"
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Währenddessen schob sich auch Zhuier herein.
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Heitermuster sagte: „Seht euch dieses Biest an! Wenn man sie nicht ruft, kommt sie nicht. Aber wenn Monatsgeld verteilt oder Obst ausgegeben wird, drängelt sie sich nach vorn. — Komm näher! Ich bin kein Tiger und fresse dich nicht!"
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Zhuier trat zögernd näher. Plötzlich schnellte Heitermuster unverhofft vor, packte Zhuiers Hand, zog mit der anderen einen langen Haarpfeil [Anm.: einen „Zhang Qing", einen spitzen Stab] unter dem Kopfkissen hervor und stach damit wild auf Zhuiers Hand ein, währenddessen sie schimpfte: „Wozu ist diese Pfote nütze? Nadel und Faden kann sie nicht halten, nur nach dem Essen langt sie! Dummdreist und langfingrig, bringt nichts als Schande über uns — ich steche sie dir lieber kaputt!"
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Zhuier schrie und weinte vor Schmerz. Moschusmond riss sie rasch los, drückte Heitermuster aufs Kissen zurück und sagte lächelnd: „Willst du dir den Tod holen? Du hast doch eben erst geschwitzt. Wenn du gesund bist, kannst du sie schlagen, soviel du willst — aber warum jetzt dieses Theater?"
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Heitermuster ließ Amme Song rufen und sagte: „Der junge Herr hat mir vorhin aufgetragen, Euch Bescheid zu geben: Zhuier sei zu faul. Wenn er ihr etwas aufträgt, rührt sie sich nicht; wenn Dufthauch ihr Anweisungen gibt, schimpft sie hinter ihrem Rücken. Sie soll heute noch fortgeschickt werden — morgen meldet der junge Herr es persönlich der gnädigen Frau."
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Amme Song verstand natürlich, dass es um die Sache mit dem Armreif ging, und erwiderte lächelnd: „Trotzdem wäre es besser, zu warten, bis Fräulein Dufthauch zurück ist und Bescheid weiß, ehe wir sie fortschicken."
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Heitermuster erregte sich: „Der junge Herr hat es mir eigens tausendmal eingeschärft! Was hat 'Fräulein Blume' oder 'Fräulein Gras' damit zu tun? Wir haben unseren eigenen Verstand! Tu, was ich sage, und lass sofort jemanden von ihrer Familie kommen, der sie abholt!"
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Moschusmond sagte: „Das ist auch richtig. Früher oder später muss sie weg — je eher sie abgeholt wird, desto eher haben wir hier Ruhe."
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Amme Song hatte keine Wahl mehr und ließ Zhuiers Mutter kommen. Diese packte Zhuiers Sachen zusammen, kam dann zu Heitermuster und den anderen und sagte: „Was haben denn die Fräulein? Wenn mein Mädchen etwas falsch gemacht hat, könntet Ihr sie doch erziehen — warum muss sie gleich hinausgeworfen werden? Lasst uns doch wenigstens unser Gesicht wahren!"
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Heitermuster sagte: „Damit musst du warten, bis Schatzjade zurück ist und ihn fragen — mit uns hat das nichts zu tun."
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Die Frau lächelte kalt: „Als ob ich das wagte, ihn zu fragen! Es gibt doch keine Angelegenheit, in der er nicht nach dem Willen der Fräulein handelt. Selbst wenn er nachgeben wollte — wenn die Fräulein nicht nachgeben, nützt es nichts. Gerade eben zum Beispiel, als Ihr hinter seinem Rücken spracht — da nanntet Ihr ihn einfach beim Namen. Euch steht es frei, so etwas zu tun, aber uns würde man als Rüpel betrachten."
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Heitermuster wurde vor Wut feuerrot: „Wenn ich ihn beim Namen genannt habe, dann geh doch zur alten gnädigen Frau und zeig mich an! Sag ihr, ich sei rüpelhaft gewesen und müsste ebenfalls hinausgeworfen werden!"
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Moschusmond schaltete sich rasch ein: „Schwäglerin, nimm dein Mädchen und geh. Was zu sagen ist, kann später gesagt werden. Hier ist nicht der Ort, an dem du herumschreien und Anstand predigen kannst. Hast du jemals erlebt, dass uns jemand Anstand gepredigt hätte? Von dir ganz zu schweigen — selbst Frau Lai Da und Frau Lin müssen uns einiges nachsehen.
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Und dass wir ihn beim Namen nennen — das geschieht von Kindesbeinen an bis heute auf Befehl der alten gnädigen Frau, wie euresgleichen ja wohl bekannt sein dürfte. Aus Sorge, ihn zu verlieren, ließ sie seinen Kindsnamen auf Zettel schreiben und überall ankleben, damit alle ihn aussprechen und so sein Leben sichern. Wenn sogar Wasserträger, Latrinenreiniger und Bettler ihn beim Namen nennen dürfen — dürfen wir es dann nicht? Erst gestern hat die alte gnädige Frau Frau Lin gescholten, weil sie ihn 'junger Herr' nannte. Das ist das eine.
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Zum anderen: Wenn wir der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau Bericht erstatten, nennen wir ihn natürlich beim Namen. Oder sollten wir da vielleicht 'junger Herr' sagen? Zweihundertmal am Tag sprechen wir den Namen 'Schatzjade' aus — und gerade das willst du uns vorwerfen? Wenn du demnächst einmal Zeit hast, komm und hör dir an, wie wir ihn vor der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau beim Namen rufen.
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Du hast natürlich nie die Ehre gehabt, der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau unmittelbar zu dienen, und treibst dich das ganze Jahr nur hinter den dritten Toren herum — kein Wunder, dass du die Regeln nicht kennst, die bei uns gelten.
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Hier ist auch nicht der Ort, wo du dich lange aufhalten kannst. Gleich kommt jemand und fragt dich, was du hier zu suchen hast. Was hast du dann zu sagen? Also nimm dein Mädchen und geh! Wenn du etwas zu besprechen hast, wende dich an Frau Lin und lass sie mit dem jungen Herrn reden. Bei tausend Leuten im Haus — heute läuft die eine herein, morgen die andere — da können wir nicht einmal alle Namen und Gesichter auseinanderhalten!"
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Dann rief sie ein kleines Mädchen: „Hol den Wischlappen und wisch den Fußboden!"
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Die Frau konnte nichts darauf erwidern und wagte nicht länger zu bleiben. Sie schluckte ihren Ärger herunter und wollte mit Zhuier davongehen.
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Amme Song rief ihr nach: „Kein Wunder, dass du die Anstandsregeln nicht kennst, Schwägegin! Nachdem deine Tochter eine Weile hier gedient hat, muss sie beim Abschied doch wenigstens vor den Fräulein ihren Kowtau machen. Abschiedsgeschenke braucht es keine — darauf legt hier niemand Wert —, aber einen Kowtau muss sie machen, um ihren Respekt zu zeigen. Wie kann sie einfach so davongehen?"
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Zhuier kam widerwillig zurück und machte vor Heitermuster und Moschusmond je zwei Kowtaus. Dann suchte sie auch Herbstmuster und die anderen auf, aber diese würdigten sie keines Blickes.
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Die Mutter seufzte und stöhnte, wagte aber kein Wort mehr zu sagen, und ging verbittert davon.
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Heitermuster, die sich vorhin erneut der Zugluft ausgesetzt und außerdem aufgeregt hatte, fühlte sich jetzt noch schlechter als zuvor. Sie wälzte sich auf dem Bett, bis es Zeit war, die Lampen anzuzünden, und hatte sich gerade etwas beruhigt, als Schatzjade zurückkam. Schon beim Eintreten seufzte er und stampfte mit dem Fuß auf.
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Moschusmond fragte eilig nach dem Grund. Schatzjade sagte: „Heute früh hat mir die alte Ahnherrin freudestrahlend diesen Umhang geschenkt, und nun habe ich mich nicht vorgesehen — am Rückenteil ist eine Stelle verbrannt. Zum Glück war es schon Abend, und die alte Ahnherrin und die gnädige Frau haben nicht genau hingesehen."
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Er legte den Umhang ab. Moschusmond besah ihn — tatsächlich, ein Brandloch, so groß wie eine Fingerkuppe.
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„Bestimmt ist ein Funke aus dem Handöfchen darauf gesprungen", sagte sie. „Das ist nicht schlimm. Lass ihn heimlich zu einem tüchtigen Kunststopfer bringen, der das Loch ausbessert." Schon steckte sie den Umhang in einen Kleiderbeutel und übergab ihn einer alten Frau: „Bis zum Hellwerden muss er zurück sein. Und auf keinen Fall dürfen die alte Ahnherrin oder die gnädige Frau davon erfahren!"
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Die Alte ging, kam aber nach längerer Zeit mit dem Umhang zurück: „Nicht nur die besten Kunststopfer, auch Schneider, Sticker und Näherinnen habe ich gefragt — keiner wusste, was für ein Gewebe das ist, und keiner wagte den Auftrag anzunehmen."
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Moschusmond sagte: „Was nun? Dann trägst du ihn eben morgen nicht."
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Schatzjade sagte: „Morgen ist die eigentliche Feier. Die alte Ahnherrin und die gnädige Frau haben ausdrücklich gesagt, ich solle ihn wieder tragen. Gleich am ersten Tag ein Brandloch — das verdirbt doch alle Freude."
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Heitermuster hatte die ganze Zeit still zugehört und konnte sich nicht länger zurückhalten. Sie drehte sich um und sagte: „Gebt ihn mir, ich sehe ihn mir an. Wenn dir das Schicksal nicht bestimmt hat, ihn zu tragen, dann eben nicht — was regst du dich nur so auf?"
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Schatzjade lächelte: „Da hast du recht." Er reichte ihr den Umhang und rückte die Lampe näher.
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Heitermuster betrachtete den Schaden eine Weile und sagte: „Das ist aus Pfauengoldfäden gewebt. Wenn wir jetzt auch Pfauengoldfaden nehmen und das Loch mit 'Grenzstichen' [Anm.: eine spezielle Sticktechnik, die das Gewebe nachahmt, indem sie abwechselnd wie Webfäden gesetzt wird] fein und dicht zunähen, können wir uns vielleicht damit durchmogeln."
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Moschusmond lächelte: „Pfauengoldfaden haben wir vorrätig, aber wer außer dir beherrscht den Grenzstich?"
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Heitermuster sagte: „Dann muss ich wohl mein Leben riskieren."
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Schatzjade wandte eilig ein: „Das geht doch nicht! Du bist kaum ein wenig genesen — wie kannst du da schon wieder arbeiten?"
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Heitermuster sagte: „Sei nicht so ängstlich — ich weiß, was ich tue!"
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Sie setzte sich auf, band das Haar zurück, legte sich eine Jacke um die Schultern — doch es war ihr schwindelig, der Körper war schwach, vor den Augen tanzten goldene Sterne. Sie konnte sich kaum aufrecht halten. Aber wenn sie es nicht tat, würde Schatzjade sich aufregen. Also biss sie die Zähne zusammen und kämpfte sich durch.
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Sie befahl Moschusmond, die Fäden zu drehen. Dann nahm sie einen Faden und verglich ihn mit dem Gewebe: „Ganz identisch ist er zwar nicht, aber wenn das Loch damit gestopft ist, wird es nicht übeermäßig auffallen."
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Schatzjade sagte: „Das genügt völlig — woher sollten wir einen russischen Schneider nehmen?"
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Heitermuster trennte zuerst das Futter auf, spannte die beschädigte Stelle über einen winzigen Bambusrahmen, nicht größer als eine Teeschale, und schabte mit einem kleinen goldenen Messer die versengten Fäden weg. Dann markierte sie mit zwei Nadelfäden Kette und Schuss, um anschließend in der Grenzstich-Technik erst das Untergewebe und darauf das ursprüngliche Muster nachzuarbeiten. Nach jedem zweiten Stich hielt sie inne und betrachtete ihr Werk, beim Kunststopfen verglich sie es immer wieder mit dem Original.
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Doch ihr schwindelte und die Augen wurden dunkel, der Atem ging stoßweise und die Kräfte ließen nach. Kaum drei bis fünf Stiche konnte sie machen, dann musste sie sich schon aufs Kissen legen und ausruhen.
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Schatzjade stand neben ihr. Bald fragte er: „Möchtest du einen Schluck heißes Wasser?" Bald befahl er: „Ruh dich aus!" Bald legte er ihr einen Umhang aus grauem Eichhörnchenfell über den Rücken, bald ließ er ein Stützkissen bringen, damit sie sich anlehnen konnte.
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Schließlich bat Heitermuster gereizt: „Kleiner Ahnherr! Schlaf doch einfach! Wenn du die halbe Nacht aufbleibst und morgen eingefallene Augen hast — was sollen wir dann machen?"
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Schatzjade sah ein, dass er sie nur nervös machte, und legte sich hin, konnte aber nicht einschlafen. Nach einiger Zeit schlug die Uhr viermal — Heitermuster hatte die Stopfarbeit gerade beendet und bürstete nun behutsam mit einer kleinen Zahnbürste die Fußeln heraus.
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Moschusmond sagte: „Das ist dir gelungen! Wer nicht genau hinsieht, merkt nichts."
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Schatzjade ließ sich den Umhang geben, betrachtete die Stelle und sagte: „Wirklich, es sieht ganz genauso aus!"
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Heitermuster hatte mehrmals gehustet, das Loch mit Mühe und Not zu Ende gestopft und sagte nur noch: „Gestopft ist es, aber das Wahre ist es nicht. Ich kann nicht mehr!" Mit einem Schmerzenslaut sank sie nieder und konnte sich nicht mehr rühren.
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Wer wissen will, wie es weiterging, lese das nächste Kapitel.
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<references />

Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Kapitel 52

Die hübsche Friedchen[1] vertuscht aus Mitgefühl den Krebsfühler-Armreif — Die tapfere Heitermuster[2] stopft trotz Krankheit den Pfauengoldumhang

Die Herzoginmutter[3] sagte: „Das ist genau der springende Punkt. Schon neulich wollte ich es ansprechen, aber ich sah, dass ihr mit wichtigeren Dingen mehr als genug zu tun habt. Wenn jetzt auch das noch hinzukäme, würdet ihr, die ihr nie zu murren wagt, bestimmt denken, mir lägen nur meine Enkelkinder am Herzen und ich machte mir keine Gedanken um euch, die ihr den Haushalt führt. Um so besser, dass du es jetzt selbst vorgeschlagen hast!"

Da auch Tante Schnee[4] und Tante Li zugegen waren und Dame Strafe[5] sowie Dame Sonders[6] ebenfalls herübergekommen waren, um ihren Gruß zu entbieten, und noch nicht wieder gegangen waren, wandte sich die Herzoginmutter an Dame König[7] und die Anderen: „Heute möchte ich einmal etwas sagen, was ich bisher nicht sagte. Einerseits fürchtete ich, dem Phönixglanz[8]-Mädchen könnte es zu Kopf steigen, andererseits konnten sich die Übrigen vielleicht nicht damit abfinden. Aber heute seid ihr alle hier versammelt — jede von euch hat als Schwiegertochter und Schwägerin Erfahrung. Nun sagt: Gibt es noch jemanden, der so umsichtig wäre wie sie?"

Tante Schnee, Tante Li, Dame Sonders und alle anderen antworteten einmütig lächelnd: „So jemanden trifft man wahrlich selten! Bei anderen ist es nur Höflichkeit und äußerer Schein, sie aber hat ihre jüngeren Schwäger und Schwägerinnen wirklich gern. Und auch der alten gnädigen Frau gegenüber ist sie wahrhaft pflichtergeben."

Die Herzoginmutter nickte seufzend: „Ich mag sie sehr, aber ich fürchte, dass zu viel Klugheit auch nicht gut sein könnte."

Phönixglanz lachte sofort: „Da irrt Ihr Euch, alte Ahnherrin! In der Welt heißt es, wer zu klug und gescheit sei, lebe nicht lange. Das sagen alle, und alle glauben es. Aber gerade Ihr dürft es weder sagen noch glauben! Ihr, alte Ahnherrin, seid noch zehnmal klüger als ich — und erfreut Euch der besten Gesundheit und des höchsten Alters! Vielleicht übertreffe ich Euch eines Tages noch um das Doppelte! Ich lebe tausend Jahre und sterbe erst, nachdem Ihr, alte Ahnherrin, gen Westen eingegangen seid!"

Die Herzoginmutter lächelte: „Wenn alle anderen gestorben sind und nur wir beiden alten Hexen übrigbleiben — was hätten wir dann noch davon?"

Alle lachten darüber.

Schatzjade[9], der in Gedanken bei Heitermuster und Dufthauch[10] war, ging, ohne die anderen abzuwarten, zurück in den Garten. Als er sein Zimmer betrat, war alles von Arzneiduft erfüllt, aber kein Mensch war zu sehen. Nur Heitermuster lag allein auf dem Ofenbett, das Gesicht feuerrot. Er legte die Hand darauf — glühend heiß. Rasch wärmte er sich die Hände am Kohlenbecken, schob sie unter die Decke und fühlte ihren Körper — ebenfalls brennend heiß.

„Dass die anderen fort sind, mag angehen", sagte er, „aber dass auch Moschusmond[11] und Herbstmuster so herzlos sind und sich einfach davonmachen!"

Heitermuster sagte: „Herbstmuster habe ich selbst zum Essen geschickt. Moschusmond ist eben von Friedchen abgeholt worden. Die beiden taten ganz geheimnisvoll — ich weiß nicht, was sie zu besprechen haben. Bestimmt reden sie darüber, dass ich krank bin und trotzdem nicht weggegangen bin."

Schatzjade sagte: „So eine ist Friedchen nicht. Außerdem wusste sie gar nicht, dass du krank bist, und ist bestimmt nicht deinetwegen gekommen. Wahrscheinlich hatte sie mit Moschusmond etwas zu besprechen, und als sie zufällig sah, dass du krank bist, sagte sie nebenbei, sie sei gekommen, um nach dir zu sehen — das ist ganz normal, so ein geistesgegenwärt artiges Eingehen auf die Situation. Selbst wenn du hierbleibst und etwas schiefgeht — was hätte das mit ihr zu tun? Ihr habt euch immer gut verstanden, wegen solch einer Nichtigkeit wird sie ihre Haltung dir gegenüber bestimmt nicht ändern."

Heitermuster sagte: „Da hast du wohl recht. Mich wunderte nur, warum sie plötzlich Heimlichkeiten vor mir hat."

Schatzjade lächelte: „Lass mich durch die Hintertür gehen und unter dem Fenster lauschen, worüber sie reden. Dann komme ich zurück und erzähle es dir."

Und tatsächlich ging er durch die Hintertür hinaus und schlich sich unter das Fenster.

Er hörte Moschusmond leise fragen: „Wie hast du ihn denn zurückbekommen?"

Friedchen antwortete: „Als er neulich beim Händewaschen verschwand, hat die junge Herrin [Anm.: Phönixglanz] verboten, deswegen Lärm zu schlagen. Sobald wir den Garten verlassen hatten, ließ sie sofort allen Ammen in den verschiedenen Gartenhäusern auftragen, unauffällig danach zu suchen. Wir verdächtigten zunächst Fräulein Xings Mädchen — die sind von Haus aus arm, und so ein Kind hat vielleicht noch nie so etwas gesehen und es einfach genommen. Aber wir hätten nie gedacht, dass es jemand aus eurem Haushalt sein könnte. Glücklicherweise war die junge Herrin gerade nicht zu Hause, als dann Amme Song kam und den Armreif brachte. Sie sagte, die kleine Magd Zhuier habe ihn gestohlen, sie habe es entdeckt und wolle es der jungen Herrin melden. Ich nahm den Armreif sofort an mich und überlegte: Schatzjade hält so große Stücke auf euch und setzt sich immer nach Kräften für euch ein. Damals gab es schon die Geschichte mit Liang'er, die den Jadeschmuck stahl — das ist erst seit ein, zwei Jahren in Vergessenheit geraten, und immer noch bringt es jemand schadenfroh zur Sprache. Und jetzt ist auch noch Gold gestohlen worden, und das auch noch bei den Nachbarn! Für Schatzjade wäre das ein Schlag ins Gesicht.

Darum schärfte ich Amme Song sofort ein, sie dürfe Schatzjade kein Sterbenswort davon sagen und solle tun, als sei nichts geschehen, und auch vor keinem anderen etwas erwähnen. Zum zweiten wären auch die alte gnädige Frau und die gnädige Frau zörnig geworden, wenn sie davon erfahren hätten. Und zum dritten hättet ihr mit Dufthauch ebenfalls schlecht dagestanden.

Also sagte ich der jungen Herrin einfach: 'Als ich bei der älteren jungen Herrin [Anm.: Frau Li[12]] war, muss sich der Verschluss des Armreifs unbemerkt gelöst haben. Er fiel auf den Rasen in den tiefen Schnee, wo ich ihn nicht sehen konnte. Heute ist der Schnee geschmolzen, und da lag er goldglänzend in der Sonne — ich habe ihn einfach aufgehoben.' Die junge Herrin hat es geglaubt.

Darum bin ich jetzt hier, um euch zu sagen: Gebt auf Zhuier acht und schickt sie nirgendwohin. Wenn Dufthauch zurück ist, besprecht euch untereinander und sorgt dafür, dass Zhuier unter einem Vorwand fortgeschickt wird — dann ist die Sache erledigt."

Moschusmond sagte: „Dieses kleine Hurenbiest! Sie hat doch schon genug kostbare Dinge gesehen — warum musste sie jetzt so dumm sein?"

Friedchen sagte: „Der Armreif wiegt ja nicht einmal viel. Die junge Herrin sagt, so etwas heiße 'Krebsfühlerfiligran' — das Wertvollste daran ist noch die Perle. Heitermuster, das kleine Biest, darf davon nichts erfahren! Sie ist wie ein Stück Glut, das jeden Moment hochgeht. Wenn sie es erfährt, kann sie sich nicht beherrschen und schlägt oder beschimpft Zhuier — und dann kommt alles heraus. Darum sage ich es nur dir allein, damit du achtgibst." Damit verabschiedete sie sich und ging.

Schatzjade hatte alles gehört. Er war zugleich erfreut, wütend und musste seufzen. Erfreut war er über Friedchens Einfühlungsvermögen. Wütend war er über Zhuiers Diebstahl. Und seufzen musste er, weil ein so kluges Mädchen sich zu solch einer Schandtat hatte hinreißen lassen.

Er kehrte ins Zimmer zurück und berichtete Heitermuster Wort für Wort, was Friedchen gesagt hatte. Dann fügte er hinzu: „Friedchen meinte, ehrgeizig wie du bist, würdest du noch kränker, wenn du davon erführst. Darum wollte sie es dir erst sagen, wenn du wieder gesund bist."

Heitermuster war tatsächlich so wütend, dass ihre geschwungenen Brauen steil in die Höhe gingen und ihre Phönixaugen sich weit öffneten. Auf der Stelle rief sie nach Zhuier.

Schatzjade redete hastig auf sie ein: „Wenn du jetzt nach ihr rufst, machst du zunichte, was Friedchen aus Rücksicht auf dich und mich getan hat! Besser, wir halten uns an ihren Vorschlag und sorgen nachher dafür, dass Zhuier fortgeschickt wird."

Heitermuster sagte: „Das sagst du so leicht — aber wie soll ich meinen Zorn bezähmen?"

Schatzjade sagte: „Was gibt es da zu zürnen? Du musst jetzt vor allem gesund werden."

Heitermuster trank ihre Medizin. Am Abend nahm sie die zweite Dosis. In der Nacht schwitzte sie zwar etwas, aber die Besserung blieb aus — sie fieberte weiter, hatte Kopfschmerzen, verstopfte Nase und belegte Stimme. Am nächsten Tag kam Hofarzt König erneut, untersuchte sie und änderte die Rezeptur. Das Fieber ging zwar etwas zurück, doch der Kopfschmerz blieb.

Schatzjade befahl Moschusmond: „Hol Schnupftabak und lass sie etwas davon aufziehen. Wenn sie ein paar kräftige Nieser tut, werden sich die Hohlräume öffnen."

Moschusmond ging tatsächlich und brachte eine flache, goldgefasste Dose aus Aventurin-Glas [Anm.: Goldflitter-Glas] mit Doppelverschluss. Sie reichte sie Schatzjade. Dieser klappte den Deckel auf. Innen zeigte sich eine europäische Emailmalerei: ein Mädchen mit goldenem Haar und nacktem Körper, an den Seiten kleine Flügel. [Anm.: Eine Darstellung eines Engelchens nach westlichem Vorbild.] Darin lag eine Portion echten europäischen Wang-Qia-Schnupftabaks.

Heitermuster hatte nur Augen für das Bildchen, worauf Schatzjade sie mahnte: „Zieh eine Prise auf! Wenn der Duft verfliegt, taugt er nichts mehr."

Heitermuster hörte das und nahm eilig mit dem Fingernagel etwas Tabak auf, zog ihn in die Nase — keine besondere Wirkung. Also nahm sie noch mehr und zog es kräftig ein. Plötzlich stieg ihr ein scharfes, saures Brennen durch die Nase bis in die Schädeldecke. Sie nieste fünf-, sechsmal hintereinander, und sofort rannen ihr die Tränen und der Nasenschleim.

Eilig schloss sie die Dose und rief lächelnd: „Unglaublich, wie scharf! Gebt mir schnell Papier!"

Ein kleines Mädchen reichte ihr sogleich einen Stapel feines Papier, und Heitermuster nahm Blatt um Blatt, um sich die Nase zu putzen.

Schatzjade fragte lächelnd: „Und, wie fühlst du dich?"

Heitermuster lächelte: „Tatsächlich etwas freier. Nur die Schläfen tun noch weh."

Schatzjade lächelte: „Dann kurieren wir auch das noch mit europäischer Medizin!" Und er befahl Moschusmond: „Geh zur zweiten jungen gnädigen Frau [Anm.: Phönixglanz] und sage ihr, ich hätte gesagt, sie habe immer ein europäisches Kopfschmerzpflaster, das sich 'Yifuna' nenne — sie möge mir ein wenig davon geben."

Moschusmond sagte „Jawohl" und ging. Nach einiger Zeit kam sie tatsächlich mit einem halben Stück zurück. Dann suchte sie ein Stückchen roten Seidenatlas heraus, schnitt zwei fingerkuppengroße runde Flecken aus, wärmte die Salbe am Feuer auf und strich sie mit einem Haarnadel-Stiel auf die Stoffstückchen. Heitermuster nahm einen Handspiegel und klebte sich die Pflaster selbst auf beide Schläfen.

Moschusmond lächelte: „Krank sahst du aus wie ein struppiges Gespenst, aber jetzt mit den Pflastern siehst du richtig hübsch aus! Die zweite junge gnädige Frau trägt sie ständig, da fallen sie gar nicht mehr auf." Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Die zweite junge gnädige Frau lässt auserichten: Morgen ist der Geburtstag des Onkels mütterlicherseits. Die gnädige Frau hat angeordnet, dass du hingehst. Was wirst du morgen anziehen? Heute Abend könnten wir schon alles zurechtlegen, damit es morgen früh schneller geht."

Schatzjade sagte: „Was gerade zur Hand ist, das ziehe ich an — fertig! Das ganze Jahr über gibt es Geburtstage, da kommt man ja gar nicht mehr mit." Damit stand er auf und ging hinaus, um Bedauerfrühling[13] zu besuchen und beim Malen zuzusehen.

Gerade trat er aus dem Hoftor, als er Schatzzither[14]s kleine Magd Xiaoluo vorüberkommen sah. Schatzjade lief ihr nach und fragte: „Wohin gehst du?"

Xiaoluo lächelte: „Unsere beiden Fräulein sind bei Fräulein Lin [Anm.: Kajaljade[15]], und ich gehe jetzt auch dorthin."

Schatzjade änderte seinen Weg und ging mit ihr zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss. Dort waren nicht nur die beiden Schwestern Schatzspange[16] und Schatzzither zu Besuch, sondern auch Höhlennebel Strafe[17]. Zu viert sassen sie um den Räucherofen und plauderten über Alltägliches. Purpurkuckuck[18] sass im warmen Alkoven am Fenster und nähte.

Als sie Schatzjade hereinkommen sahen, sagten alle lächelnd: „Da kommt noch einer! Aber ein Sitzplatz ist für dich nicht mehr da!"

Schatzjade lächelte: „Was für ein herrliches 'Winterkammer-Schöne-Mädchen-Bild'! Nur schade, dass ich einen Augenblick zu spät komme. Aber hier ist es wärmer als in den anderen Räumen — auf diesem Stuhl wird mir nicht kalt sein." Damit setzte er sich auf den Stuhl mit dem Graupelz-Polster, auf dem gewöhnlich Kajaljade sass.

Da erblickte er auf dem warmen Ofenbett eine längliche Kette, in der sich ungefüllte Narzissen in Dreier- und Fünfertuffs zwischen Xuanshi-Miniaturfelsen drängten. Laut rief er: „Was für herrliche Blumen! Je wärmer es hier im Zimmer ist, desto reiner duften sie. Gestern habe ich sie noch nicht gesehen."

Kajaljade erklärte: „Die Frau eures Hauptverwalters Lai Da hat Schatzzither zwei Töpfe Wintersüßduft [Anm.: chinesische Winterblüte, Chimonanthus praecox] und zwei Schalen Narzissen geschenkt. Davon hat sie mir eine Schale Narzissen gegeben und Erkundefrühling[19] einen Topf Wintersüßduft. Eigentlich wollte ich sie nicht haben, aber ich fürchtete, Schatzzithers Gefühle zu verletzen. Wenn du möchtest, schenke ich sie dir weiter."

Schatzjade sagte: „Ich habe auch zwei Schalen bei mir, aber sie sind nicht so schön wie diese hier. Etwas weiterverschenken, was Schatzzither dir geschenkt hat — das darfst du auf keinen Fall!"

Kajaljade sagte: „Bei mir kommt den ganzen Tag der Arzneitiegel nicht vom Feuer — ich lebe geradezu von Medizin. Wie soll ich da noch Blumenduft vertragen? Er macht mich nur schwächer. Außerdem verdirbt der Arzneigeruch den Blumenduft. Nimm die Schale lieber zu dir — dort kann sich der reine Blumenduft entfalten, ohne dass andere Gerüche ihn trüben."

Schatzjade lächelte: „Bei mir wird heute auch Arznei für eine Kranke gekocht! Woher weißt du das?"

Kajaljade lächelte: „Was für eine seltsame Frage! Ich habe das ganz ohne Hintergedanken gesagt. Wer weiß denn schon, was in deinen Räumen vorgeht? Du hättest früher kommen sollen, um Geschichten aus alter Zeit zu hören, statt jetzt erst aufzutauchen und grundlos Verdacht zu schöpfen."

Schatzjade lächelte: „Das nächste Dichterbund-Treffen hat dann ein Thema: Wir besingen Narzissen und Wintersüßduft!"

Kajaljade hörte das, lächelte und sagte: „Nein, nein! Ich traue mich nicht mehr, Gedichte zu schreiben. Jedes Mal, wenn ich eins schreibe, werde ich bestraft — wie beschämend!" Und sie schlug beide Hände vors Gesicht.

Schatzjade lächelte: „Was soll das nur? Musst du dich wieder über mich lustig machen? Ich müsste mich schämen, aber du schlägst die Hände vors Gesicht!"

Schatzspange schaltete sich lächelnd ein: „Beim nächsten Mal rufe ich den Bund zusammen und gebe vier Gedichtthemen und vier Liedthemen auf. Jeder schreibt vier Gedichte und vier Lieder. Das erste Gedichtthema: 'Besingen des Taiji-Diagramms' [Anm.: yin-yang-Symbol der chinesischen Philosophie]. Reimgruppe 'yi xian', fünfsilbiges Regelgedicht. Alle Reime der Gruppe müssen verwendet werden, kein einziger darf übrigbleiben."

Schatzzither lächelte: „Das zeigt doch, dass Schwester gar nicht wirklich den Bund einberufen, sondern uns nur auf die Probe stellen will! Natürlich könnte man sich etwas abquälen, aber was für einen Spaß macht es, die Sätze aus dem 'Buch der Wandlungen' [Anm.: Yijing, eines der chinesischen Klassiker] in anderer Reihenfolge zu wiederholen?

Als ich acht Jahre alt war, begleitete ich meinen Vater an die Westküste, weil er dort überseeische Waren einkaufen wollte. Dort trafen wir unverhofft auf ein Mädchen aus dem Land Zhenzhen [Anm.: wahrscheinlich eine Anspielung auf ein westliches Land]. Sie war erst fünfzehn Jahre alt, und ihr Gesicht glich den Schönen auf europäischen Gemälden. Goldblondes Haar trug sie in Zöpfen, und auf dem Kopf funkelten lauter Edelsteine — Korallen, Katzenaugen, Smaragde. Bekleidet war sie mit einem Kettenhemd aus Goldfäden und einer Jacke aus ausländischem Brokat. An der Seite trug sie einen japanischen Dolch, ebenfalls mit Gold und Edelsteinen verziert. Selbst die Schönen auf Gemälden konnten sich nicht mit ihr messen.

Man erzählte uns, sie kenne sich in der chinesischen Literatur aus, verstehe über die Fünf Kanonischen Bücher zu diskutieren und könne Gedichte und Lieder verfassen. Darum bat mein Vater sie über einen Dolmetscherbeamten, etwas für ihn zu schreiben, und sie schrieb ihm ein selbstverfasstes Gedicht auf."

Alle staunten ungläubig. Schatzjade bat eifrig lächelnd: „Liebe Schwester, bring das Blatt her, ich möchte es sehen!"

Schatzzither lächelte: „Es liegt in Nanjing aufbewahrt — wie soll ich es jetzt von dort holen?"

Schatzjade war tief enttäuscht: „Kein Glück! So etwas Seltenes bekomme ich nicht zu sehen."

Kajaljade lachte und zog Schatzzither am Arm: „Führ uns nicht an der Nase herum! Ich weiß genau, dass du bei deiner Ankunft hier solche Dinge bestimmt nicht zu Hause gelassen, sondern mitgebracht hast. Jetzt aber lügst du und behauptest, du hättest es nicht dabei. Die anderen mögen dir das glauben — ich glaube es nicht!"

Schatzzither wurde rot, senkte den Kopf und lächelte leise, ohne ein Wort zu erwidern.

Schatzspange lächelte: „Ausgerechnet unser Runzelmädchen [Anm.: Spitzname für Kajaljade] versteht es, einen in die Enge zu treiben!"

Kajaljade sagte: „Wenn du es mitgebracht hast, lass es uns doch sehen."

Schatzspange lächelte: „Sie hat einen ganzen Haufen Kisten und Körbe mitgebracht, die noch nicht alle ausgepackt sind. Wie soll sie da wissen, in welchem Gepäckstück es steckt? Wenn alles ausgepackt und sortiert ist und sie es findet, können wir es uns alle ansehen." Dann wandte sie sich an Schatzzither: „Wenn du dich an das Gedicht erinnerst, warum sagst du es nicht einfach auf?"

Schatzzither antwortete: „Ich erinnere mich. Es ist ein fünfsilbiges Regelgedicht. Für ein Mädchen aus dem Ausland ist es wirklich erstaunlich."

Schatzspange sagte: „Warte noch, ehe du es vorträgst! Wir müssen erst unser Wolkchen [Anm.: Xiangji[20]/Xiangfluss-Wolke, 湘云] holen lassen, damit sie es auch hört." Dann rief sie Xiaoluo und befahl: „Geh zu uns hinüber und sage: Hier ist eine ausländische Schönheit gekommen, die wunderbare Gedichte schreibt. Die 'Gedichtverrückte' soll kommen und sie sich ansehen — und unsere 'Gedichtnärrin' [Anm.: Duftkastanie[21]/Duftkastanie, 香菱] soll sie auch mitbringen."

Xiaoluo ging lächelnd davon.

Nach einiger Zeit hörte man Xiangji draußen lachend fragen: „Was für eine ausländische Schönheit ist denn gekommen?"

Während sie noch sprach, kam sie schon herein, zusammen mit Duftkastanie. Alle lächeltewn: „Man hörte sie, ehe man sie sah."

Schatzzither bat sie sogleich Platz zu nehmen und wiederholte die Geschichte noch einmal.

Xiangji lächelte: „Sag es schnell auf! Lass uns das Gedicht hören!"

Schatzzither begann:

   Gestern noch träumt' ich im Prachtgemach,
   heute sing' ich am Ufer des Inselreichs.
   Wolken dampfen empor vom großen Meer,
   Nebeldunst verbindet sich mit dichtem Wald.
   Der Mond ist derselbe seit alter Zeit,
   doch Gefühle kennen Tiefe und Seichte.
   Im Süden des Han-Flusses grünt's überall —
   wie könnt' es mich nicht rühren?

Alle hörten es und sagten: „Erstaunlich! Dieses Mädchen übertrifft ja uns Chinesen!"

Kaum waren diese Worte gesprochen, kam Moschusmond herein und meldete: „Die gnädige Frau hat jemanden geschickt, um dem jungen Herrn auszurichten: Morgen früh soll er zum Onkel gehen und sagen, die gnädige Frau fühle sich nicht wohl und könne nicht persönlich kommen."

Schatzjade stand eilig auf und sagte: „Jawohl." Dann fragte er Schatzspange und Schatzzither, ob sie ebenfalls gingen.

Schatzspange sagte: „Wir gehen nicht. Gestern haben wir lediglich Geschenke geschickt."

Alle plauderten noch ein Weilchen, dann ging man auseinander. Schatzjade ließ die Mädchen vorangehen und blieb als letzter zurück. Kajaljade hielt ihn noch auf und fragte: „Wann kommt Dufthauch eigentlich zurück?"

Schatzjade sagte: „Natürlich erst nach der Beerdigung."

Kajaljade schien noch etwas sagen zu wollen, brachte es aber nicht heraus. Einen Moment starrte sie geistesabwesend vor sich hin, dann sagte sie: „Geh nur."

Auch Schatzjade fühlte, dass ihm viele Worte auf dem Herzen lagen, wusste aber nicht, wie er sie ausdrücken sollte. Nach kurzem Nachdenken lächelte er: „Unterhalten wir uns morgen weiter." Er stieg die Treppe hinab, den Kopf gesenkt, im Begriff loszugehen, drehte sich dann aber nochmals hastig um und fragte: „Die Nächte sind jetzt immer länger — wie oft hustest du nachts? Wie oft wachst du auf?"

Kajaljade sagte: „Letzte Nacht war es besser. Ich hustete nur zweimal, schlief aber nur in der vierten Nachtwache ein Weilchen, danach konnte ich nicht mehr einschlafen."

Schatzjade sagte lächelnd: „Gerade fällt mir noch etwas Wichtiges ein." Er trat näher an sie heran und flüsterte: „Die Schwalbennester, die Schwester Schatzspange dir geschickt hat —"

Er hatte den Satz noch nicht beendet, als Nebenfrau Zhao hereinkam und Kajaljade fragte: „Geht es dem Fräulein in letzter Zeit besser?"

Kajaljade wusste, dass Nebenfrau Zhao von Erkundefrühling kam und nur hereinschaute, weil ihr Weg sie hier vorüberführte — eine beiläufige Höflichkeit. Dennoch bot sie ihr lächelnd einen Platz an: „Wie aufmerksam, dass Ihr trotz der Kälte persönlich kommt und an mich denkt!" Rasch ließ sie Tee einschenken und warf Schatzjade dabei einen Blick zu.

Schatzjade verstand und ging hinaus.

Es war gerade Zeit für das Abendessen. Er ging zu Dame König, die ihn nochmals ermahnte, am nächsten Morgen früh aufzubrechen. Schatzjade kehrte in seine Räume zurück und sah nach, ob Heitermuster ihre Medizin eingenommen hatte. An diesem Abend ließ er Heitermuster nicht aus dem warmen Alkoven kommen, sondern schlief selbst davor. Das Kohlenbecken ließ er vor den Alkoven stellen, und Moschusmond schlief am Kohlenbecken. Die Nacht verging ohne Vorkommnisse.

Am nächsten Morgen, noch vor Tagesanbruch, weckte Heitermuster Moschusmond: „Du solltest aufstehen — du schläfst doch nie genug! Geh hinaus und lass jemand Tee für ihn vorbereiten. Ich wecke ihn dann."

Moschusmond warf sich eilig ihre Kleidung über, stand auf und sagte: „Wecken wir ihn lieber zuerst, lassen ihn sich anziehen und stellen das Kohlenbecken weg, bevor wir die anderen hereinrufen. Die alten Ammen haben gesagt, er soll nicht hier im Zimmer schlafen, damit die Krankheit nicht auf ihn überspringt. Wenn sie sehen, dass wir so dicht beieinander gelegen haben, werden sie wieder nörgeln."

Heitermuster sagte: „Genau das dachte ich auch."

Als sie Schatzjade wecken wollten, war er bereits wach, stand rasch auf und warf sich etwas über. Moschusmond rief zuerst die kleinen Mädchen herein, und erst als alles aufgeräumt war, befahl sie Herbstmuster und Tanyun, hereinzukommen und Schatzjade zu dritt beim Waschen und Kämmen beizustehen.

Moschusmond sagte: „Der Himmel sieht schon wieder trüb aus, es wird wohl schneien. Zieh die Filzsachen an."

Schatzjade nickte und wechselte die Kleidung. Ein kleines Mädchen brachte auf einem kleinen Tablett eine Deckelschale mit Suppe aus Bau-Lotoskernen und roten Jujuben. Schatzjade trank zwei Schluck. Moschusmond reichte ihm noch ein Schälchen mit eingelegtem Ingwer, und Schatzjade nahm ein Stück in den Mund. Dann gab er Heitermuster noch ein paar Anweisungen und ging hinüber zur Herzoginmutter.

Die Herzoginmutter war noch nicht aufgestanden, aber da sie wusste, dass Schatzjade ausgehen sollte, ließ sie ihm die Tür öffnen und bat ihn herein. Hinter dem Rücken der Herzoginmutter erblickte Schatzjade Schatzzither, die mit dem Gesicht zur Wand schlief und noch nicht wach war.

Die Herzoginmutter sah, dass Schatzjade eine litschirote Jacke aus Duoluoni-Wollstoff [Anm.: ein feiner ausländischer Wollstoff] mit Himmelspferd-Ärmeln [Anm.: hufförmige Manschetten] trug, und darüber ein Obergewand aus leuchtrend rotem Orang-Utan-Filz, bestickt mit goldenen Kreisen und bunten Mustern, die Kanten mit azuritblauem gemustertem Atlas gesäumt und mit Fransen versehen.

Die Herzoginmutter fragte: „Schneit es denn?"

Schatzjade sagte: „Der Himmel ist bewölkt, aber es schneit noch nicht."

Die Herzoginmutter rief Mandarinenente[22] und befahl: „Gib ihm den gestern erwähnten Umhang mit dem Wuwlkenleopard-Futter."

Mandarinenente sagte „Jawohl", ging hinaus und brachte tatsächlich einen Umhang. Als Schatzjade ihn betrachtete, glänzte und blitzte er golden und grün — ganz anders als der Wildentenfedern-Umhang, den Schatzzither bekommen hatte.

Die Herzoginmutter erklärte lächelnd: „Das nennt man 'Pfauengoldstoff'. In Russland werden dafür Pfauenfedern zu Fäden gesponnen und zu diesem Stoff verwebt. Neulich habe ich deiner kleinen Schwester den Umhang aus Wildentenfedern geschenkt — dieser hier ist für dich."

Schatzjade machte einen Kowtau und legte sich den Umhang um. Die Herzoginmutter lächelte: „Zeig ihn erst deiner Mutter, bevor du gehst."

Schatzjade sagte „Jawohl" und ging hinaus. Dort stand gerade Mandarinenente und rieb sich die Augen. Seit jenem Tag, an dem sie ihren großen Schwur geleistet hatte [Anm.: nie zu heiraten, wie in Kap. 46 geschildert], sprach sie nicht mehr mit Schatzjade, und dieser quälte sich Tag und Nacht deswegen. Als er sah, dass sie ihm auch jetzt ausweichen wollte, trat er auf sie zu und sagte lächelnd: „Liebe Schwester, schau doch — steht mir das gut?"

Aber Mandarinenente winkte nur ab und ging ins Zimmer der Herzoginmutter zurück.

Schatzjade begab sich zu Dame König, zeigte ihr den Umhang, kehrte dann in den Garten zurück und zeigte sich auch Heitermuster und Moschusmond. Anschließend ging er nochmals zur Herzoginmutter und berichtete: „Die gnädige Frau hat den Umhang angesehen und gesagt, er sei zu schade. Sie hat mir befohlen, sorgfältig damit umzugehen und ihn nicht zu verderben."

Die Herzoginmutter sagte: „Es ist das allerletzte Stück dieser Art. Wenn du es verdirbst, gibt es kein weiteres. So etwas eigens für dich anfertigen zu lassen ist unmöglich." Dann ermahnte sie ihn noch: „Trink nicht zu viel Wein und komm früh zurück."

Schatzjade sagte mehrmals hintereinander „Jawohl".

Die alten Ammen begleiteten ihn bis zur Haupthalle. Dort warteten bereits sein Milchbruder Li Gui und König Rong, Zhang Ruojin, Zhao Yihua, Qian Qi sowie Zhou Rui — sechs Mann — zusammen mit den vier Burschen Mingyan, Banhe, Chuyao und Saohong. Einer trug ein Kleiderbündel auf dem Rücken, ein anderer ein Sitzpolster unter dem Arm. Die übrigen hielten einen Schimmel mit geschnitztem Sattel und buntem Zaumzeug bereit und warteten schon lange.

Die alte Amme gab den sechs Älteren noch ein paar Anweisungen, die sie mit mehrfachem „Jawohl" beantworteten. Dann griffen sie nach Peitsche und Steigbügel. Schatzjade schwang sich gemächlich aufs Pferd. Li Gui und König Rong führten es am Zaum, Qian Qi und Zhou Rui gingen voran, Zhang Ruojin und Zhao Yihua ritten dicht hinter Schatzjade.

Vom Pferd herab sagte Schatzjade lächelnd: „Bruder Zhou, Bruder Qian — nehmen wir das Seitentor, damit ich vor der Bibliothek des gnädigen Herrn nicht absteigen muss."

Zhou Rui wandte sich um und lächelte: „Der gnädige Herr ist nicht zu Hause, die Bibliothek ist täglich verschlossen — da müsst Ihr doch nicht absteigen, junger Herr."

Schatzjade lächelte: „Auch vor der verschlossenen Bibliothek muss ich absteigen."

Qian Qi, Li Gui und die anderen lachten: „Der junge Herr hat recht. Selbst wenn er sich drücken wollte und nicht abstiege — wenn uns zufällig Herr Lai Da oder Herr Lin begegneten, würden sie zwar dem jungen Herrn nichts sagen können, aber ein paar ermahnende Worte gäbe es schon. Die Schuld aber würde man uns aufbürden, dass wir dem jungen Herrn keine Manieren beibringen."

Zhou Rui und Qian Qi führten den Zug geradeswegs auf das Seitentor zu.

Während sie noch sprachen, kam ihnen tatsächlich Lai Da entgegen. Schatzjade zügelte sofort das Pferd und wollte absteigen. Lai Da trat rasch heran und umfasste sein Bein. Schatzjade stellte sich in die Steigbügel, ergriff lächelnd Lai Das Hand und wechselte ein paar Worte mit ihm.

Dann erblickte er einen Burschen, der mit zwanzig, dreißig Leuten, die Besen und Kehrschaufeln trugen, hereinkam. Als diese Schatzjade sahen, stellten sie sich alle mit herabhangenden Armen an der Mauer auf. Nur der anführende Bursche kniete halb nieder und wünschte Schatzjade Wohlergehen. Schatzjade kannte seinen Namen nicht, lächelte nur und nickte. Als das Pferd vorbei war, führte der Bursche seine Leute weiter.

Am Seitentor angekommen, stießen sie draußen auf die Burschen von Li Gui und den anderen. Zusammen mit einigen Pferdeknechten hielten sie zehn Pferde bereit. Kaum aus dem Tor, schwangen sich alle in die Sättel. Voran und an den Seiten, wie eine Rauchwolke verschwanden sie. Mehr soll davon nicht die Rede sein.

Heitermuster, die trotz der Medizin noch keine Besserung spürte, schimpfte auf den Arzt: „Der versteht nur, den Leuten das Geld abzuknöpfen, aber eine anständige Medizin verschreibt er nicht!"

Moschusmond mahnte sie lächelnd: „Du bist zu ungeduldig. Das Sprichwort sagt: 'Die Krankheit kommt wie ein Bergsturz, aber sie geht wie das Abwickeln eines Seidenfadens.' Es ist doch keine Wunderpille des Götterfürsten Laozi! Wo gäbe es solch eine Wundermedizin! Leg dich nur ein paar Tage still hin, dann wirst du von allein gesund. Je ungeduldiger du bist, desto schlimmer wird es."

Heitermuster schimpfte auf die kleinen Mädchen: „Wo habt ihr euch alle verkrochen? Kaum bin ich krank, werdet ihr frech und macht euch davon! Wenn ich erst wieder gesund bin, ziehe ich euch eine nach der anderen das Fell über die Ohren!"

Erschrocken kam die kleine Zhuan'er hereingestürzt: „Was braucht Ihr, Fräulein?"

Heitermuster sagte: „Sind etwa alle anderen gestorben und nur du übriggeblieben?"

Währenddessen schob sich auch Zhuier herein.

Heitermuster sagte: „Seht euch dieses Biest an! Wenn man sie nicht ruft, kommt sie nicht. Aber wenn Monatsgeld verteilt oder Obst ausgegeben wird, drängelt sie sich nach vorn. — Komm näher! Ich bin kein Tiger und fresse dich nicht!"

Zhuier trat zögernd näher. Plötzlich schnellte Heitermuster unverhofft vor, packte Zhuiers Hand, zog mit der anderen einen langen Haarpfeil [Anm.: einen „Zhang Qing", einen spitzen Stab] unter dem Kopfkissen hervor und stach damit wild auf Zhuiers Hand ein, währenddessen sie schimpfte: „Wozu ist diese Pfote nütze? Nadel und Faden kann sie nicht halten, nur nach dem Essen langt sie! Dummdreist und langfingrig, bringt nichts als Schande über uns — ich steche sie dir lieber kaputt!"

Zhuier schrie und weinte vor Schmerz. Moschusmond riss sie rasch los, drückte Heitermuster aufs Kissen zurück und sagte lächelnd: „Willst du dir den Tod holen? Du hast doch eben erst geschwitzt. Wenn du gesund bist, kannst du sie schlagen, soviel du willst — aber warum jetzt dieses Theater?"

Heitermuster ließ Amme Song rufen und sagte: „Der junge Herr hat mir vorhin aufgetragen, Euch Bescheid zu geben: Zhuier sei zu faul. Wenn er ihr etwas aufträgt, rührt sie sich nicht; wenn Dufthauch ihr Anweisungen gibt, schimpft sie hinter ihrem Rücken. Sie soll heute noch fortgeschickt werden — morgen meldet der junge Herr es persönlich der gnädigen Frau."

Amme Song verstand natürlich, dass es um die Sache mit dem Armreif ging, und erwiderte lächelnd: „Trotzdem wäre es besser, zu warten, bis Fräulein Dufthauch zurück ist und Bescheid weiß, ehe wir sie fortschicken."

Heitermuster erregte sich: „Der junge Herr hat es mir eigens tausendmal eingeschärft! Was hat 'Fräulein Blume' oder 'Fräulein Gras' damit zu tun? Wir haben unseren eigenen Verstand! Tu, was ich sage, und lass sofort jemanden von ihrer Familie kommen, der sie abholt!"

Moschusmond sagte: „Das ist auch richtig. Früher oder später muss sie weg — je eher sie abgeholt wird, desto eher haben wir hier Ruhe."

Amme Song hatte keine Wahl mehr und ließ Zhuiers Mutter kommen. Diese packte Zhuiers Sachen zusammen, kam dann zu Heitermuster und den anderen und sagte: „Was haben denn die Fräulein? Wenn mein Mädchen etwas falsch gemacht hat, könntet Ihr sie doch erziehen — warum muss sie gleich hinausgeworfen werden? Lasst uns doch wenigstens unser Gesicht wahren!"

Heitermuster sagte: „Damit musst du warten, bis Schatzjade zurück ist und ihn fragen — mit uns hat das nichts zu tun."

Die Frau lächelte kalt: „Als ob ich das wagte, ihn zu fragen! Es gibt doch keine Angelegenheit, in der er nicht nach dem Willen der Fräulein handelt. Selbst wenn er nachgeben wollte — wenn die Fräulein nicht nachgeben, nützt es nichts. Gerade eben zum Beispiel, als Ihr hinter seinem Rücken spracht — da nanntet Ihr ihn einfach beim Namen. Euch steht es frei, so etwas zu tun, aber uns würde man als Rüpel betrachten."

Heitermuster wurde vor Wut feuerrot: „Wenn ich ihn beim Namen genannt habe, dann geh doch zur alten gnädigen Frau und zeig mich an! Sag ihr, ich sei rüpelhaft gewesen und müsste ebenfalls hinausgeworfen werden!"

Moschusmond schaltete sich rasch ein: „Schwäglerin, nimm dein Mädchen und geh. Was zu sagen ist, kann später gesagt werden. Hier ist nicht der Ort, an dem du herumschreien und Anstand predigen kannst. Hast du jemals erlebt, dass uns jemand Anstand gepredigt hätte? Von dir ganz zu schweigen — selbst Frau Lai Da und Frau Lin müssen uns einiges nachsehen.

Und dass wir ihn beim Namen nennen — das geschieht von Kindesbeinen an bis heute auf Befehl der alten gnädigen Frau, wie euresgleichen ja wohl bekannt sein dürfte. Aus Sorge, ihn zu verlieren, ließ sie seinen Kindsnamen auf Zettel schreiben und überall ankleben, damit alle ihn aussprechen und so sein Leben sichern. Wenn sogar Wasserträger, Latrinenreiniger und Bettler ihn beim Namen nennen dürfen — dürfen wir es dann nicht? Erst gestern hat die alte gnädige Frau Frau Lin gescholten, weil sie ihn 'junger Herr' nannte. Das ist das eine.

Zum anderen: Wenn wir der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau Bericht erstatten, nennen wir ihn natürlich beim Namen. Oder sollten wir da vielleicht 'junger Herr' sagen? Zweihundertmal am Tag sprechen wir den Namen 'Schatzjade' aus — und gerade das willst du uns vorwerfen? Wenn du demnächst einmal Zeit hast, komm und hör dir an, wie wir ihn vor der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau beim Namen rufen.

Du hast natürlich nie die Ehre gehabt, der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau unmittelbar zu dienen, und treibst dich das ganze Jahr nur hinter den dritten Toren herum — kein Wunder, dass du die Regeln nicht kennst, die bei uns gelten.

Hier ist auch nicht der Ort, wo du dich lange aufhalten kannst. Gleich kommt jemand und fragt dich, was du hier zu suchen hast. Was hast du dann zu sagen? Also nimm dein Mädchen und geh! Wenn du etwas zu besprechen hast, wende dich an Frau Lin und lass sie mit dem jungen Herrn reden. Bei tausend Leuten im Haus — heute läuft die eine herein, morgen die andere — da können wir nicht einmal alle Namen und Gesichter auseinanderhalten!"

Dann rief sie ein kleines Mädchen: „Hol den Wischlappen und wisch den Fußboden!"

Die Frau konnte nichts darauf erwidern und wagte nicht länger zu bleiben. Sie schluckte ihren Ärger herunter und wollte mit Zhuier davongehen.

Amme Song rief ihr nach: „Kein Wunder, dass du die Anstandsregeln nicht kennst, Schwägegin! Nachdem deine Tochter eine Weile hier gedient hat, muss sie beim Abschied doch wenigstens vor den Fräulein ihren Kowtau machen. Abschiedsgeschenke braucht es keine — darauf legt hier niemand Wert —, aber einen Kowtau muss sie machen, um ihren Respekt zu zeigen. Wie kann sie einfach so davongehen?"

Zhuier kam widerwillig zurück und machte vor Heitermuster und Moschusmond je zwei Kowtaus. Dann suchte sie auch Herbstmuster und die anderen auf, aber diese würdigten sie keines Blickes.

Die Mutter seufzte und stöhnte, wagte aber kein Wort mehr zu sagen, und ging verbittert davon.

Heitermuster, die sich vorhin erneut der Zugluft ausgesetzt und außerdem aufgeregt hatte, fühlte sich jetzt noch schlechter als zuvor. Sie wälzte sich auf dem Bett, bis es Zeit war, die Lampen anzuzünden, und hatte sich gerade etwas beruhigt, als Schatzjade zurückkam. Schon beim Eintreten seufzte er und stampfte mit dem Fuß auf.

Moschusmond fragte eilig nach dem Grund. Schatzjade sagte: „Heute früh hat mir die alte Ahnherrin freudestrahlend diesen Umhang geschenkt, und nun habe ich mich nicht vorgesehen — am Rückenteil ist eine Stelle verbrannt. Zum Glück war es schon Abend, und die alte Ahnherrin und die gnädige Frau haben nicht genau hingesehen."

Er legte den Umhang ab. Moschusmond besah ihn — tatsächlich, ein Brandloch, so groß wie eine Fingerkuppe.

„Bestimmt ist ein Funke aus dem Handöfchen darauf gesprungen", sagte sie. „Das ist nicht schlimm. Lass ihn heimlich zu einem tüchtigen Kunststopfer bringen, der das Loch ausbessert." Schon steckte sie den Umhang in einen Kleiderbeutel und übergab ihn einer alten Frau: „Bis zum Hellwerden muss er zurück sein. Und auf keinen Fall dürfen die alte Ahnherrin oder die gnädige Frau davon erfahren!"

Die Alte ging, kam aber nach längerer Zeit mit dem Umhang zurück: „Nicht nur die besten Kunststopfer, auch Schneider, Sticker und Näherinnen habe ich gefragt — keiner wusste, was für ein Gewebe das ist, und keiner wagte den Auftrag anzunehmen."

Moschusmond sagte: „Was nun? Dann trägst du ihn eben morgen nicht."

Schatzjade sagte: „Morgen ist die eigentliche Feier. Die alte Ahnherrin und die gnädige Frau haben ausdrücklich gesagt, ich solle ihn wieder tragen. Gleich am ersten Tag ein Brandloch — das verdirbt doch alle Freude."

Heitermuster hatte die ganze Zeit still zugehört und konnte sich nicht länger zurückhalten. Sie drehte sich um und sagte: „Gebt ihn mir, ich sehe ihn mir an. Wenn dir das Schicksal nicht bestimmt hat, ihn zu tragen, dann eben nicht — was regst du dich nur so auf?"

Schatzjade lächelte: „Da hast du recht." Er reichte ihr den Umhang und rückte die Lampe näher.

Heitermuster betrachtete den Schaden eine Weile und sagte: „Das ist aus Pfauengoldfäden gewebt. Wenn wir jetzt auch Pfauengoldfaden nehmen und das Loch mit 'Grenzstichen' [Anm.: eine spezielle Sticktechnik, die das Gewebe nachahmt, indem sie abwechselnd wie Webfäden gesetzt wird] fein und dicht zunähen, können wir uns vielleicht damit durchmogeln."

Moschusmond lächelte: „Pfauengoldfaden haben wir vorrätig, aber wer außer dir beherrscht den Grenzstich?"

Heitermuster sagte: „Dann muss ich wohl mein Leben riskieren."

Schatzjade wandte eilig ein: „Das geht doch nicht! Du bist kaum ein wenig genesen — wie kannst du da schon wieder arbeiten?"

Heitermuster sagte: „Sei nicht so ängstlich — ich weiß, was ich tue!"

Sie setzte sich auf, band das Haar zurück, legte sich eine Jacke um die Schultern — doch es war ihr schwindelig, der Körper war schwach, vor den Augen tanzten goldene Sterne. Sie konnte sich kaum aufrecht halten. Aber wenn sie es nicht tat, würde Schatzjade sich aufregen. Also biss sie die Zähne zusammen und kämpfte sich durch.

Sie befahl Moschusmond, die Fäden zu drehen. Dann nahm sie einen Faden und verglich ihn mit dem Gewebe: „Ganz identisch ist er zwar nicht, aber wenn das Loch damit gestopft ist, wird es nicht übeermäßig auffallen."

Schatzjade sagte: „Das genügt völlig — woher sollten wir einen russischen Schneider nehmen?"

Heitermuster trennte zuerst das Futter auf, spannte die beschädigte Stelle über einen winzigen Bambusrahmen, nicht größer als eine Teeschale, und schabte mit einem kleinen goldenen Messer die versengten Fäden weg. Dann markierte sie mit zwei Nadelfäden Kette und Schuss, um anschließend in der Grenzstich-Technik erst das Untergewebe und darauf das ursprüngliche Muster nachzuarbeiten. Nach jedem zweiten Stich hielt sie inne und betrachtete ihr Werk, beim Kunststopfen verglich sie es immer wieder mit dem Original.

Doch ihr schwindelte und die Augen wurden dunkel, der Atem ging stoßweise und die Kräfte ließen nach. Kaum drei bis fünf Stiche konnte sie machen, dann musste sie sich schon aufs Kissen legen und ausruhen.

Schatzjade stand neben ihr. Bald fragte er: „Möchtest du einen Schluck heißes Wasser?" Bald befahl er: „Ruh dich aus!" Bald legte er ihr einen Umhang aus grauem Eichhörnchenfell über den Rücken, bald ließ er ein Stützkissen bringen, damit sie sich anlehnen konnte.

Schließlich bat Heitermuster gereizt: „Kleiner Ahnherr! Schlaf doch einfach! Wenn du die halbe Nacht aufbleibst und morgen eingefallene Augen hast — was sollen wir dann machen?"

Schatzjade sah ein, dass er sie nur nervös machte, und legte sich hin, konnte aber nicht einschlafen. Nach einiger Zeit schlug die Uhr viermal — Heitermuster hatte die Stopfarbeit gerade beendet und bürstete nun behutsam mit einer kleinen Zahnbürste die Fußeln heraus.

Moschusmond sagte: „Das ist dir gelungen! Wer nicht genau hinsieht, merkt nichts."

Schatzjade ließ sich den Umhang geben, betrachtete die Stelle und sagte: „Wirklich, es sieht ganz genauso aus!"

Heitermuster hatte mehrmals gehustet, das Loch mit Mühe und Not zu Ende gestopft und sagte nur noch: „Gestopft ist es, aber das Wahre ist es nicht. Ich kann nicht mehr!" Mit einem Schmerzenslaut sank sie nieder und konnte sich nicht mehr rühren.

Wer wissen will, wie es weiterging, lese das nächste Kapitel.

  1. Chin. 平儿 Píng'ér, „die Friedfertige".
  2. Chin. 晴雯 Qíngwén, „Heiteres Wolkenmuster".
  3. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, „die Herzoginmutter der Kaufmann-Familie".
  4. Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, „Tante Schnee/Xuē".
  5. Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén, „Frau/Dame Strafe".
  6. Chin. 尤氏 Yóu Shì, „Dame Sonders".
  7. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, „Frau/Dame König".
  8. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Phönixglanz König".
  9. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, „Schatz Kaufmann-Jade".
  10. Chin. 袭人 Xírén, „die Angreifende/der Dufthauch".
  11. Chin. 麝月 Shèyuè, "Moschusmond".
  12. Chin. 李纨 Lǐ Wán, "Frau Li, die verwitwete Schwiegertochter".
  13. Chin. 惜春 Xīchūn, „Bedaure-den-Frühling".
  14. Chin. 薛宝琴 Xuē Bǎoqín, „Schatzzither Schnee".
  15. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, "Kajal Wald-Jade".
  16. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz Schnee-Spange".
  17. Chin. 邢岫烟 Xíng Xiùyān, „Fräulein Xing, Felsenrauch".
  18. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, „Purpurkuckuck".
  19. Chin. 探春 Tànchūn, "Erkundefrühling".
  20. Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, "Xiangfluss-Wolke".
  21. Chin. 香菱 Xiānglíng, "Duftende Wasserkastanie".
  22. Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, „Mandarinenente".