Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de/Chapter 57"
(Bilingual ZH-DE chapter page (automated)) |
(ZH-DE4 Korrektur-Update Kap. 57) |
||
| (One intermediate revision by the same user not shown) | |||
| Line 1: | Line 1: | ||
__NOTOC__ | __NOTOC__ | ||
<div style="background-color: #8b1a1a; color: white; padding: 12px 15px; margin: 0 0 20px 0; border-radius: 4px; font-size: 1.1em;"> | <div style="background-color: #8b1a1a; color: white; padding: 12px 15px; margin: 0 0 20px 0; border-radius: 4px; font-size: 1.1em;"> | ||
| − | <span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;"> | + | <span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] · [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] · [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] · [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] · [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] · [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] · [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] · [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] · [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] · [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] · [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] · [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] |
</div> | </div> | ||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
{| class="wikitable" style="width:100%; table-layout: fixed;" | {| class="wikitable" style="width:100%; table-layout: fixed;" | ||
|- | |- | ||
| − | ! style="width:50%" | 中文原文 ( | + | ! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982) |
| − | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung | + | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
|- | |- | ||
| style="vertical-align:top; padding:15px; line-height:1.8;" | | | style="vertical-align:top; padding:15px; line-height:1.8;" | | ||
| Line 43: | Line 34: | ||
這裡屋內無人時,寶釵方問湘雲何處拾的。湘雲笑道:「我見你令弟媳的丫頭篆兒悄悄的遞與鶯兒。鶯兒便隨手夾在書里,只當我沒看見。我等他們出去了,我偷著看,竟不認得。知道你們都在這裡,所以拿來大家認認。」黛玉忙問:「怎麼,他也當衣裳不成?既當了,怎麼又給你去?」寶釵見問,不好隱瞞他兩個,遂將方纔之事都告訴了他二人。黛玉便說「兔死狐悲,物傷其類」,不免感嘆起來。史湘雲便動了氣說:「等我問著二姐姐去!我罵那起老婆子丫頭一頓,給你們出氣何如?」說著,便要走。寶釵忙一把拉住,笑道:「你又發瘋了,還不給我坐著呢。」黛玉笑道:「你要是個男人,出去打一個報不平兒。你又充什麼荊軻聶政,真真好笑。」湘雲道:「既不叫我問他去,明兒也把他接到咱們苑裡一處住去,豈不好?」寶釵笑道:「明日再商量。」說著,人報:「三姑娘四姑娘來了。」三人聽了,忙掩了口不提此事。要知端的,且聽下回分解。 | 這裡屋內無人時,寶釵方問湘雲何處拾的。湘雲笑道:「我見你令弟媳的丫頭篆兒悄悄的遞與鶯兒。鶯兒便隨手夾在書里,只當我沒看見。我等他們出去了,我偷著看,竟不認得。知道你們都在這裡,所以拿來大家認認。」黛玉忙問:「怎麼,他也當衣裳不成?既當了,怎麼又給你去?」寶釵見問,不好隱瞞他兩個,遂將方纔之事都告訴了他二人。黛玉便說「兔死狐悲,物傷其類」,不免感嘆起來。史湘雲便動了氣說:「等我問著二姐姐去!我罵那起老婆子丫頭一頓,給你們出氣何如?」說著,便要走。寶釵忙一把拉住,笑道:「你又發瘋了,還不給我坐著呢。」黛玉笑道:「你要是個男人,出去打一個報不平兒。你又充什麼荊軻聶政,真真好笑。」湘雲道:「既不叫我問他去,明兒也把他接到咱們苑裡一處住去,豈不好?」寶釵笑道:「明日再商量。」說著,人報:「三姑娘四姑娘來了。」三人聽了,忙掩了口不提此事。要知端的,且聽下回分解。 | ||
| style="vertical-align:top; padding:15px; line-height:1.8;" | | | style="vertical-align:top; padding:15px; line-height:1.8;" | | ||
| − | + | Kapitel 57 | |
| − | + | Die kluge Purpurkuckuck<ref>Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck" — Kajaljades treue Kammerzofe.</ref> prüft den stürmischen Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù — der Protagonist des Romans.</ref> mit gefühlvollen Worten — Die gütige Tante Schnee<ref>Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā — Dame Königs Schwester, Mutter von Schatzspange.</ref> tröstet die schwermütige Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade aus dem Hause Lin" — Schatzjades Cousine und Seelenverwandte.</ref> mit liebevollen Reden | |
| − | + | ||
| − | + | Es wird erzählt, dass Schatzjade, als er Dame König<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén — Aufrecht Kaufmanns Hauptfrau.</ref>s Ruf hörte, eilig zu ihr hinüberging. Es stellte sich heraus, dass Dame König ihn mitnehmen wollte, um bei der Dame der Familie Echt<ref>Chin. 甄 Zhēn — eine gleichrangige Adelsfamilie aus Nanking. 甄 (zhēn, „echt/wahr") bildet den Gegensatz zu 贾 (jiǎ, homophon mit 假 „falsch/fiktiv").</ref> einen Besuch zu machen. Schatzjade freute sich natürlich und ging rasch seine Kleider wechseln. Dann begleitete er Dame König dorthin. Als er dort die Verhältnisse des Hauses sah, unterschieden sie sich kaum von denen der Rong-guo-<ref>Chin. 荣国府 Róngguó Fǔ — das „Anwesen des Reiches der Ehre", Hauptsitz der Familie Kaufmann.</ref> und Stillfriede-Anwesen, nur das eine oder andere mochte ein wenig prächtiger sein. Bei näherem Nachfragen erfuhr er, dass es in der Tat auch dort einen Schatzjade gab. Die Dame der Familie Echt bat sie zum Essen, und erst gegen Abend kehrten sie zurück. Nun war Schatzjade überzeugt. Am Abend, als sie wieder zu Hause waren, befahl Dame König, man solle ein erstklassiges Festmahl richten und eine berühmte Theatertruppe bestellen, um Dame Zhen mit ihrer Tochter einzuladen. Zwei Tage später verabschiedeten sich Mutter und Tochter und kehrten an den Amtssitz zurück. Davon sei hier nicht weiter die Rede. | |
| − | + | ||
| − | + | An diesem Tag stellte Schatzjade fest, dass es Xiangfluss-Wolke<ref>Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Xiangfluss-Wolke" — eine Cousine Schatzjades, lebhaft und unbekümmert.</ref> allmählich besser ging, und ging danach zu Kajaljade. Diese hielt gerade ihren Mittagsschlaf, und Schatzjade wagte nicht, sie zu stören. Da Purpurkuckuck im Wandelgang saß und an einer Nadelarbeit werkte, trat er zu ihr und fragte: „War es letzte Nacht mit dem Husten besser?" | |
| − | + | Purpurkuckuck antwortete: „Etwas besser." | |
| − | + | Schatzjade rief lächelnd: „Amitabha Buddha<ref>Chin. 阿弥陀佛 Āmítuófó — Anrufung des Buddha Amitabha, im Volksmund als Ausruf der Erleichterung gebräuchlich.</ref>! Wenn sie doch nur endlich gesund würde!" | |
| − | + | Purpurkuckuck entgegnete lächelnd: „Seit wann rufst du denn den Buddha an? Das ist ja etwas ganz Neues!" | |
| − | + | Schatzjade lachte: „Es heißt ja auch: 'In der äußersten Not sucht man jeden Arzt auf.'" | |
| − | + | Während sie so sprachen, bemerkte er, dass sie ein dünnes, mit schwarzer Tusche bespritztes Seidenjäkkchen trug und darüber nur eine gefütterte Weste aus blaugrüner Atlasseide. Schatzjade streckte die Hand aus, betastete ihre Kleidung und sagte: „So dünn angezogen sitzt du auch noch im Durchzug. Bei diesem launischen Frühlingswind und dem schlechten Wetter — wenn du noch krank wirst, wäre das erst recht ein Unglück." | |
| − | + | Purpurkuckuck erwiderte: „Von nun an wollen wir nur noch miteinander reden, aber ohne uns zu berühren. Von Jahr zu Jahr wirst du älter, und die Leute finden es unanständig, wenn sie das sehen. Die schlimmsten unter dem Gesinde reden hinter deinem Rücken über dich, doch du achtest nie darauf und benimmst dich noch immer wie ein Kind. Wie soll das denn gehen? Das Fräulein trägt uns ständig auf, mit dir weder zu scherzen noch zu lachen. In letzter Zeit hältst du dich ja ohnehin schon von ihr fern, als fürchtest du, ihr nicht fern genug zu sein." Mit diesen Worten stand sie auf, nahm ihr Nähzeug und ging in ein anderes Zimmer. | |
| − | + | ||
| − | + | Schatzjade fühlte sich, als hätte man ihm einen Kübel kaltes Wasser über den Kopf gegossen. Er stand da, starrte die Bambusstauden an und fiel in eine Art Erstarrung. Gerade kam eine alte Dienerin, um Bambussprossen auszugraben und die Halme zu stutzen. Wie betäubt ging er hinaus. Seine Seele schien den Körper verlassen zu haben, sein Geist wusste nichts mehr. Er ließ sich auf einen Felsbrocken sinken und versank in Gedanken, und unversehens liefen ihm die Tränen herunter. So saß er da, völlig abwesend, so lange, wie man für fünf oder sechs Mahlzeiten braucht, überlegte hin und her und wusste doch nicht, was er tun sollte. | |
| − | Ihre kleine | + | |
| − | + | Zufällig kam Schneegans gerade von Dame Königs Gemach zurück, wo sie Ginseng geholt hatte, und kam hier vorbei. Als sie den Kopf wandte, sah sie jemanden unter dem Pfirsichbaum auf einem Stein sitzen, das Kinn in die Hand gestützt, in Gedanken versunken. Es war niemand anders als Schatzjade. Schneegans dachte verwundert: „Wie kalt es ist! Was macht er ganz allein hier? Im Frühling kriegen alle, die eine Schwächlichkeit haben, einen Rückfall — vielleicht ist er wieder in seinen Dummheitswahn verfallen?" Während sie so dachte, ging sie zu ihm hin, hockte sich lächelnd neben ihn und sagte: „Was machst du denn hier?" | |
| − | + | Schatzjade sah Schneegans und sagte: „Was kommst du mich suchen? Bist du nicht auch ein Mädchen? Wenn sie sich vor Verdacht schützen will und euch verbietet, euch mit mir abzugeben, warum suchst du mich dann auf? Wenn dich jemand sieht, gibt es wieder Gerede. Geh schnell nach Hause!" | |
| − | „Sie wollte gleich | + | Schneegans hörte das und dachte, er habe sich wieder mit Kajaljade gestritten. So kehrte sie in Kajaljades Gemach zurück. |
| − | + | ||
| − | + | Kajaljade war noch nicht aufgewacht. Schneegans übergab den Ginseng an Purpurkuckuck. Purpurkuckuck fragte sie: „Was macht die gnädige Frau?" | |
| − | + | Schneegans antwortete: „Sie hält auch ein Mittagsschläfchen, deshalb musste ich so lange warten. Schwester, hör dir mal was Komisches an: Während ich auf die gnädige Frau wartete, saß ich mit Jade-Armreif unten in der Gesindestube und plauderte. Da winkte mich Nebenfrau Zhao zu sich herüber. Ich dachte, sie wollte mir etwas sagen, aber es war so: Sie hatte von der gnädigen Frau Urlaub bekommen, um draußen bei ihrem Bruder die Totenwache zu halten und am nächsten Tag den Leichenzug zu begleiten. Ihre kleine Zofe, Klein-Glückskind, hatte nichts Passendes zum Anziehen, und so wollte sie sich mein mondweißes Atlasjäkkchen leihen. Ich dachte mir, die haben doch selber auch zwei Sachen zum Wechseln, aber für so einen schmutzigen Anlass wollen sie ihre eigenen nicht hergeben und leihen sich lieber die von anderen. Dass man mir meins schmutzig macht, wäre kein großes Unglück, aber ich dachte, was hat sie mir je Gutes getan? Also sagte ich: 'Meine Kleider und meinen Schmuck hat alles das Fräulein der Schwester Purpurkuckuck zur Aufbewahrung übergeben. Ich müsste erst zu ihr gehen und es ihr sagen, und dann müsste sie das Fräulein fragen. Das Fräulein ist gerade krank, das wäre alles recht umständlich und würde Euch nur beim Aufbruch aufhalten. Leiht Euch die Sachen doch lieber anderswo.'" | |
| − | + | Purpurkuckuck lachte: „Du kleines Biest, du bist ganz schön schlau! Du leihst es ihr nicht, schiebst aber alles auf mich und das Fräulein, damit sie dir nicht böse sein kann. Ist sie jetzt gleich aufgebrochen, oder geht sie erst morgen früh?" | |
| − | „Wer | + | Schneegans antwortete: „Sie wollte gleich gehen. Wahrscheinlich ist sie schon weg." Purpurkuckuck nickte. |
| − | + | Schneegans fuhr fort: „Das Fräulein schläft noch. Aber wer hat Schatzjade so zugesetzt? Er sitzt dort und weint." | |
| − | + | Purpurkuckuck fragte erschrocken, wo das sei. | |
| − | + | Schneegans sagte: „Hinter dem Duftgetränkten Pavillon, unter dem Pfirsichbaum." | |
| − | + | ||
| − | „Wenn sie es | + | Purpurkuckuck hörte es, legte hastig ihr Nähzeug beiseite und wies Schneegans an, gut aufzupassen, falls jemand rufe: „Wenn man nach mir fragt, sag, ich komme gleich." Damit verließ sie die Xiaoxiang-Bambushain und ging schnurstracks Schatzjade suchen. Als sie zu ihm trat, sagte sie lächelnd: „Ich habe doch nur ein paar Worte gesagt, weil ich dachte, es wäre für alle das Beste. Und du läfst schmollend hierher in den Wind und weinst, bis du krank wirst, um mich zu erschrecken." |
| − | + | Schatzjade sagte rasch lächelnd: „Wer hat denn geschmollt? Aber als du das gesagt hast, dachte ich, wenn ihr schon so redet, dann denken die anderen bestimmt ebenso, und nach und nach wird sich niemand mehr um mich kümmern. Bei dem Gedanken wurde ich traurig." | |
| − | + | Purpurkuckuck setzte sich neben ihn. Schatzjade lachte: „Vorhin, als wir uns gegenübersaßen, bist du davongelaufen. Und jetzt setzt du dich neben mich?" | |
| + | Purpurkuckuck sagte: „Hast du das schon vergessen? Vor ein paar Tagen, als ihr beiden euch gerade unterhalten habt, ist Nebenfrau Zhao hereingeplatzt — ich habe eben gehört, dass sie nicht zu Hause ist, deshalb bin ich gekommen, um dich etwas zu fragen. Neulich hast du mit ihr gerade das Wort 'Schwalbennest' ausgesprochen und dann abgebrochen, und es kam nie mehr darauf zurück. Danach wollte ich dich schon die ganze Zeit fragen." | ||
| + | Schatzjade sagte: „Nichts Wichtiges. Ich dachte nur, Schwester Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi — Tante Schnees Tochter, gebildet und besonnen.</ref> ist auch nur zu Gast hier. Da sie jetzt Schwalbennessuppe bekommt und das nicht unterbrochen werden darf, wäre es ihr unangenehm, wenn sie uns ständig darum bitten müsste. Andererseits wäre es unpassend, die gnädige Frau direkt darum zu bitten. Also habe ich es bei der Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ — die betagte Matriarchin der Familie Kaufmann.</ref> anklingen lassen, und ich nehme an, die Herzoginmutter hat es mit Phönixglanz besprochen. Ich wollte es Kajaljade noch sagen, bin aber nicht dazu gekommen. Jetzt höre ich, dass ihr täglich ein Liang Schwalbennest bekommt, damit ist ja alles geregelt." | ||
| + | Purpurkuckuck sagte: „So war das also! Jetzt, da du es sagst — vielen Dank für deine Mühe. Wir haben uns schon gewundert, warum die Herzoginmutter plötzlich jeden Tag ein Liang Schwalbennest schicken lässt. Jetzt wird alles klar." | ||
| + | Schatzjade sagte lächelnd: „Wenn sie sich erst einmal daran gewöhnt hat und es zwei, drei Jahre lang täglich zu sich nimmt, wird es ihr bestimmt besser gehen." | ||
| + | Purpurkuckuck sagte: „Wenn sie sich hier daran gewöhnt hat — nächstes Jahr, wenn sie nach Hause geht, wo gibt es dann das Geld für so etwas?" | ||
| + | Schatzjade hörte das und fuhr erschrocken auf: „Wer? Nach Hause? In welches Haus?" | ||
| + | Purpurkuckuck sagte: „Deine Schwester geht zurück nach Suzhou." | ||
| + | Schatzjade lachte: „Du redest ja Unsinn. Suzhou ist zwar ihre Heimat, aber da ihr Vater und ihre Mutter nicht mehr leben und sich niemand um sie kümmern kann, ist sie doch hergekommen. Nächstes Jahr zurückgehen — zu wem denn? Das ist doch offensichtlich gelogen." | ||
| + | Purpurkuckuck sagte kühl lächelnd: „Du unterschätzt die Leute. Meint ihr, nur die Kaufmann-Familie sei ein großes Geschlecht mit vielen Mitgliedern? Außer eurer Familie soll es nur eine Mutter und einen Vater geben und in der ganzen Sippe wahrlich keinen einzigen Menschen mehr? Als unser Fräulein herkam, tat sie es, weil die Herzoginmutter sich um sie als kleines Kind sorgte. Zwar hatte sie Onkel, aber die konnten nicht die leiblichen Eltern ersetzen. Deshalb holte die Herzoginmutter sie her, damit sie ein paar Jahre hier wohne. Wenn sie einmal alt genug ist, um zu heiraten, wird man sie natürlich in die Familie Lin zurückschicken. Soll etwa eine Tochter der Familie Lin ihr ganzes Leben bei euch Jias verbringen? Und wenn die Familie Lin so arm wäre, dass es nicht einmal zum Essen reicht — sie sind seit Generationen eine Gelehrtenfamilie und werden ihr Kind bestimmt nicht bei Verwandten lassen, damit die Leute über sie spotten. Also frühestens nächstes Frühjahr, spätestens im Herbst. Selbst wenn man sie von hier nicht fortschickt, wird die Familie Lin bestimmt jemanden schicken, der sie abholt. Neulich hat das Fräulein mir abends noch gesagt, ich solle dir Bescheid geben: Alle die Dinge, mit denen ihr als Kinder gespielt habt — die sie dir geschenkt hat, sollst du zusammensuchen und ihr zurückgeben. Ihre Sachen, die du ihr geschenkt hast, hat sie auch schon zusammengelegt." | ||
| + | Schatzjade hörte das, und es war, als hätte ein glühender Blitz über seinem Haupt eingeschlagen. Purpurkuckuck wartete auf seine Antwort, doch er sagte nichts. Da kam Heitermuster und sagte: „Die Herzoginmutter lässt dich rufen. Wer hätte gedacht, dass du hier bist." | ||
| + | Purpurkuckuck sagte lächelnd: „Er hat mich nach dem Fräulein und ihrer Krankheit gefragt. Ich habe es ihm eine ganze Weile erklärt, aber er will es einfach nicht glauben. Nimm ihn doch mit." | ||
| + | Damit ging sie zurück in ihre Gemächer. | ||
| + | |||
| + | Heitermuster sah, dass er starr vor sich hin blickte, am ganzen Körper schwitzte und ein ganz purpur angelaufenes Gesicht hatte. Rasch nahm sie ihn an der Hand und führte ihn geradewegs ins Yihong-Yuan zurück. Als Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xīrén — Schatzjades Hauptzofe.</ref> ihn so sah, erschrak sie und dachte, er habe sich bei diesem Wetter eine Erkältung zugezogen und der heiße Schweiß sei vom Wind geschlagen worden. Aber nicht nur, dass Schatzjade Fieber hatte — seine Augen wurden starr und glasig, aus seinen Mundwinkeln lief Speichel, ohne dass er es bemerkte. Gab man ihm ein Kissen, legte er sich hin; hob man ihn auf, blieb er sitzen; bot man ihm Tee an, trank er ihn. Als alle ihn so sahen, brach große Aufregung aus. Man wagte nicht, es sofort der Herzoginmutter zu melden, und schickte zunächst nach der alten Amme Li. | ||
| + | |||
| + | Als die alte Amme Li kam, betrachtete sie ihn eine ganze Weile, stellte ihm ein paar Fragen, die er nicht beantwortete, fühlte an seinem Handgelenk den Puls und drückte ihm kräftig auf die Oberlippe und den Bereich unter der Nase, so fest, dass die Fingerspuren tiefe Male hinterließen — doch er zeigte nicht das geringste Schmerzempfinden. Die alte Amme Li stieß nur ein „Das kann doch nicht wahr sein!" hervor, rief „Oh je!" und umklammerte ihn unter lautem Schluchzen. In ihrer Angst zog Dufthauch sie zur Seite und sagte: „Schaut Euch doch den Zustand an, Großmutter — ist das schlimm oder nicht? Sagt uns doch wenigstens, dass wir es der Herzoginmutter und der gnädigen Frau melden können. Statt dessen fangt Ihr gleich an zu heulen!" Die alte Amme Li schlug auf das Bett und warf sich auf das Kissen: „Jetzt ist es aus mit ihm! Umsonst habe ich mir ein ganzes Leben lang Sorgen um ihn gemacht!" Dufthauch und die anderen hatten sie gerufen, weil sie als betagte Frau am meisten Erfahrung hatte. Da sie nun so sprach, glaubten alle, es sei ernst, und begannen ebenfalls zu weinen. | ||
| + | |||
| + | Heitermuster erzählte Dufthauch, was sich zugetragen hatte. Dufthauch hörte es und eilte sofort zur Xiaoxiang-Bambushain. Dort war Purpurkuckuck gerade dabei, Kajaljade ihre Medizin zu reichen. Ohne Rücksicht auf irgendetwas ging Dufthauch auf Purpurkuckuck zu und sagte: „Was hast du unserem Schatzjade gesagt? Geh hin und sieh ihn dir an! Melde es der Herzoginmutter! Ich kümmere mich nicht mehr darum!" Damit setzte sie sich auf einen Stuhl. | ||
| + | Kajaljade, die Dufthauchs aufgelöstes, zornesrotes, tränenverschmiertes Gesicht und ihr völlig verändertes Benehmen sah, erschrak ebenfalls und fragte, was denn geschehen sei. | ||
| + | Dufthauch fasste sich einen Augenblick und weinte dann: „Ich weiß nicht, was Fräulein Purpurkuckuck ihm erzählt hat, aber dem Dummkopf sind die Augen starr geworden, die Hände und Füße kalt, er sagt kein Wort mehr, und wenn man ihn kneift, spürt er es nicht. Er ist schon mehr als zur Hälfte tot! Selbst die alte Amme Li sagt, es sei hoffnungslos, und hat angefangen zu heulen. Wahrscheinlich ist er inzwischen schon ganz tot!" | ||
| + | Als Kajaljade das hörte — die alte Amme Li war eine erfahrene Frau, und wenn sie sagte, es sei hoffnungslos, dann war es wirklich hoffnungslos —, würgte sie auf, und alle Medizin, die sie eben eingenommen hatte, kam ihr wieder herauf. Ein Hustenanfall schüttelte sie, vom Magen bis zur Leber, vom Zwerchfell bis zur Lunge, so heftig, dass ihr Gesicht glutrot wurde, die Haare sich lösten, die Augen anschwollen und die Adern hervortraten. Sie konnte den Kopf kaum noch heben, so schwer ging ihr der Atem. | ||
| + | Purpurkuckuck klopfte ihr hastig den Rücken. Kajaljade stützte sich auf das Kissen und rang nach Luft. Dann stieß sie Purpurkuckuck weg und sagte: „Du brauchst mir nicht den Rücken zu klopfen! Nimm lieber einen Strick und erwürge mich, das wäre das Gescheiteste!" | ||
| + | Purpurkuckuck weinte: „Ich habe doch gar nichts Besonderes gesagt, nur ein paar Worte zum Spaß, und er hat es gleich für bare Münze genommen." | ||
| + | Dufthauch sagte: „Kennst du ihn denn immer noch nicht? Dieser Narr nimmt jedes Scherzwort ernst." | ||
| + | Kajaljade sagte: „Was hast du gesagt? Geh schnell hin und erklär es ihm, dann wacht er vielleicht wieder auf." | ||
| + | Als Purpurkuckuck das hörte, sprang sie aus dem Bett und ging mit Dufthauch zusammen zum Yihong-Yuan. | ||
| + | |||
| + | Dort waren die Herzoginmutter, Dame König und alle anderen schon versammelt. Kaum erblickte die Herzoginmutter Purpurkuckuck, sprühten ihre Augen Feuer, und sie herrschte sie an: „Was hast du ihm gesagt, du freches Ding?" | ||
| + | Purpurkuckuck stammelte: „Gar nichts Besonderes, nur ein paar Worte im Scherz." | ||
| + | Doch kaum sah Schatzjade Purpurkuckuck, ließ er ein „Ach!" hören und brach in Tränen aus. Als die Anwesenden das sahen, fiel ihnen ein Stein vom Herzen. Die Herzoginmutter hielt Purpurkuckuck fest — sie nahm an, sie habe Schatzjade beleidigt, und wollte sie schlagen lassen. Doch Schatzjade klammerte sich an Purpurkuckuck und ließ sie unter keinen Umständen los: „Wenn sie geht, dann nehmt mich mit!" | ||
| + | Niemand verstand, was er meinte. Bei näherer Erkundigung stellte sich heraus, dass Purpurkuckucks Scherzwort, Kajaljade werde „nach Suzhou zurückgehen", den ganzen Aufruhr verursacht hatte. | ||
| + | Die Herzoginmutter sagte unter Tränen: „Ich dachte, es wäre etwas Ernstes, und es war nur dieser Scherz!" Dann wandte sie sich an Purpurkuckuck: „Du warst doch immer ein so kluges und aufgewecktes Kind. Du weißt doch, dass er einen Tick hat — warum hast du ihn grundlos so in die Irre geführt?" | ||
| + | Tante Schnee beschwichtigte: „Schatzjade hat eben ein ehrliches Herz. Und Fräulein Lin ist von klein auf hier, die beiden sind zusammen aufgewachsen und kennen einander in- und auswendig. Da ist es doch klar, dass die Vorstellung, sie könne weggehen, ihn völlig aus der Fassung bringt. Nicht nur ein naives, treuherziges Kind wie ihn — selbst einen kühlen, hartgesottenen Erwachsenen würde das rühren. Es ist nichts Ernstes, die Herzoginmutter und die gnädige Frau können ganz beruhigt sein. Ein, zwei Dosen Arznei, und er ist wieder auf dem Damm." | ||
| + | |||
| + | Während sie noch sprachen, wurde gemeldet, dass Frau Lin Zhixiao und Frau Shan Daliang Schatzjade besuchen kämen. | ||
| + | Die Herzoginmutter sagte: „Wie aufmerksam von ihnen! Lasst sie herein, damit sie ihn sehen können." | ||
| + | Aber kaum hörte Schatzjade das Wort „Lin", warf er sich im Bett hin und her und schrie: „Es ist soweit! Leute von der Familie Lin sind gekommen, sie abzuholen! Jagt sie fort!" | ||
| + | Die Herzoginmutter sagte hastig: „Ja, jagt sie fort!" Dann beruhigte sie ihn eilig: „Das sind keine Leute der Familie Lin. Die Lins sind alle ausgestorben, niemand kommt, sie abzuholen. Sei ganz beruhigt!" | ||
| + | Schatzjade schluchzte: „Egal wer es ist — außer Schwester Kajaljade darf niemand den Namen Lin tragen!" | ||
| + | Die Herzoginmutter sagte: „Es kommt niemand mit dem Namen Lin. Alle, die Lin heißen, habe ich fortgejagt." Und zu den Anwesenden gewandt: „Von jetzt an darf Frau Lin Zhixiao nicht mehr in den Garten kommen, und ihr dürft das Wort 'Lin' auch nicht mehr aussprechen. Seid so gut, Kinder, und hört auf mich!" | ||
| + | Alle beeilten sich zuzustimmen und mussten sich das Lachen verbeißen. | ||
| + | Da fiel Schatzjades Blick auf ein westliches Segelschiffmodell aus Gold auf dem Vielerlei-Regal. Er zeigte darauf und rief aufgeregt: „Da! Das ist das Schiff, das sie abholen soll! Es hat dort angelegt!" | ||
| + | Hastig befahl die Herzoginmutter, es herunterzunehmen. Dufthauch nahm es eilig herunter. Schatzjade streckte die Hände danach aus. Dufthauch reichte es ihm, und er steckte es unter seine Bettdecke und lachte: „Jetzt kann sie nicht mehr fahren!" Dabei hielt er mit einer Hand die Decke fest und mit der anderen Purpurkuckuck und ließ sie nicht los. | ||
| + | |||
| + | Dann wurde gemeldet, der Arzt sei da. Die Herzoginmutter befahl, man solle ihn sofort hereinlassen. Dame König, Tante Schnee, Schatzspange und die anderen zogen sich vorerst in den hinteren Raum zurück, und die Herzoginmutter setzte sich aufrecht neben Schatzjades Bett. Der Kaiserliche Leibarzt König trat ein, und als er die vielen Anwesenden sah, begrüsste er eilig die Herzoginmutter und fühlte Schatzjades Puls. | ||
| + | Purpurkuckuck hielt derweil den Kopf gesenkt. Der Leibarzt König verstand nicht, was das zu bedeuten hatte. Er erhob sich und sagte: „Die Erkrankung des jungen Herrn ist ein Fall von akutem Schmerz, der das Bewusstsein trübte. Die Alten unterschieden verschiedene Arten der Bewusstlosigkeit durch Schleimansammlung: Einmal kann sie durch Erschöpfung von Blut und Lebenskraft entstehen, wenn Essen und Trinken nicht mehr verdaut werden können; dann kann sie durch Zorn und Ärger ausgelöst werden, wenn der Schleim sich ballt; und schließlich kann akuter Schmerz sie verursachen, wenn er den Körper blockiert. Dies hier ist eine Bewusstlosigkeit durch Schleimansammlung, hervorgerufen durch akuten Schmerz, und nicht mehr als eine vorübergehende Verstopfung der Sinne. Verglichen mit anderen Formen der Bewusstlosigkeit ist sie leichter." | ||
| + | Die Herzoginmutter sagte: „Sag mir nur, ob es gefährlich ist oder nicht. Wer braucht dein Lehrbuch!" | ||
| + | Der Leibarzt König verbeugte sich lächelnd und sagte: „Keine Gefahr, keine Gefahr." | ||
| + | Die Herzoginmutter fragte: „Wirklich nicht?" | ||
| + | Der Leibarzt König antwortete: „Wirklich nicht. Ich bürge dafür mit meinem Kopf." | ||
| + | Die Herzoginmutter sagte: „Wenn dem so ist, dann geh hinaus, setz dich und schreib das Rezept. Wenn die Medizin wirkt, lasse ich dir ein besonderes Dankesgeschenk zubereiten, und er wird es persönlich überbringen und sich vor dir verneigen. Wenn du aber versagst, schicke ich Leute, die dir die Kaiserliche Ärzteakademie über dem Kopf abreißen!" | ||
| + | Der Leibarzt König verbeugte sich nur lächelnd und sagte: „Aber nein, aber nein." Als er gehört hatte, dass ein „besonderes Dankesgeschenk" bereitet werde und Schatzjade persönlich kommen solle, um sich vor ihm zu verneigen, hatte er „Aber nein" gesagt, ohne die spätere Drohung mit der Ärzteakademie überhaupt gehört zu haben. So sagte er immer noch „Aber nein", woraufhin die Herzoginmutter und alle anderen lachen mussten. | ||
| + | Man bereitete die Arznei nach dem Rezept zu und gab sie Schatzjade ein, und tatsächlich wurde er ruhiger als zuvor. Nur wollte er Purpurkuckuck um keinen Preis loslassen — wenn sie ging, hiess das für ihn, sie würde nach Suzhou zurückkehren. Die Herzoginmutter und Dame König wussten sich keinen Rat und befahlen Purpurkuckuck, bei ihm zu bleiben. An ihrer Stelle schickten sie Hupo, um Kajaljade zu bedienen. | ||
| + | |||
| + | Kajaljade schickte von Zeit zu Zeit Schneegans, um Nachrichten zu bringen; so wusste sie über alles Bescheid und seufzte im Stillen. Zum Glück wussten alle, dass Schatzjade von jeher etwas sonderbar war und er und Kajaljade von Kindheit an besonders eng miteinander gewesen waren. So war Purpurkuckucks Scherz nichts Ungewöhnliches und Schatzjades Krankheit kein seltener Vorfall. Niemand kam deshalb auf andere Gedanken. | ||
| + | |||
| + | Am Abend, als Schatzjade etwas ruhiger geworden war, kehrten die Herzoginmutter und Dame König in ihre Gemächer zurück. Im Laufe der Nacht schickten sie noch mehrmals Leute, um nach ihm zu fragen. Die alte Amme Li, zusammen mit der alten Frau Song und einigen anderen bejahrten Frauen, wachte aufmerksam bei ihm. Purpurkuckuck, Dufthauch, Heitermuster und die anderen waren Tag und Nacht an seiner Seite. | ||
| + | Wenn Schatzjade einschlief, erwachte er stets aus einem Traum und schrie auf. Entweder weinte er und sagte, Kajaljade sei fortgegangen, oder er behauptete, jemand sei gekommen, sie abzuholen. Immer wenn er so auffuhr, musste Purpurkuckuck ihn erst beruhigen, bevor er sich wieder fasste. | ||
| + | Die Herzoginmutter ließ allerlei kostbare Arzneien bringen — Pillen zur Austreibung böser Einflüsse, Pulver zur Öffnung der Sinne und andere geheime Heilmittel aus den Palastapotheken —, die man ihm nach Vorschrift verabreichte. Am nächsten Tag bekam er auch wieder die Medizin des Leibarztes König und wurde allmählich besser. Im Grunde war Schatzjades Verstand klar, doch aus Angst, Purpurkuckuck könne gehen, spielte er zuweilen den Verrückten. Purpurkuckuck hatte sich seit jenem Tag aufrichtig geschämt. Jetzt pflegte sie ihn Tag und Nacht ohne jeden Unmut. Dufthauch und die anderen fühlten sich beruhigt. Lächelnd sagten sie zu Purpurkuckuck: „Du hast das alles angerichtet, und du musst es auch wieder heilen. Man hat ja noch nie gesehen, dass unser Dummkopf jeden Wind gleich für Regen nimmt. Was soll nur später werden!" Doch davon sei vorerst nicht weiter die Rede. | ||
| + | |||
| + | Da Xiang-Flusswolke Geschichtes Krankheit inzwischen völlig ausgeheilt war, kam sie jeden Tag zu Besuch. Als Schatzjade wieder bei Sinnen war, schilderte sie ihm sein Verhalten während der Krankheit so anschaulich, dass er lachend den Kopf ins Kissen drückte. Was man ihm erzählte, konnte er gar nicht glauben, denn an sein früheres Gebaren erinnerte er sich überhaupt nicht. Wenn niemand sonst zugegen war und nur Purpurkuckuck an seiner Seite saß, nahm er sie bei der Hand und fragte: „Warum hast du mich so erschreckt?" | ||
| + | Purpurkuckuck antwortete: „Es war nur ein Scherz, und du hast es gleich ernst genommen." | ||
| + | Schatzjade sagte: „Du hast es so überzeugend erzählt — wie soll das ein Scherz gewesen sein?" | ||
| + | Purpurkuckuck lachte: „Alles, was ich gesagt habe, war frei erfunden. Die Familie Lin hat wirklich keine nahen Angehörigen mehr. Selbst die entfernten Verwandten leben nicht in Suzhou, sie sind über das ganze Land verstreut. Und selbst wenn jemand käme, sie abzuholen — die Herzoginmutter würde sie bestimmt nicht gehen lassen." | ||
| + | Schatzjade sagte: „Selbst wenn die Herzoginmutter sie gehen ließe — ich würde es nicht zulassen." | ||
| + | Purpurkuckuck lachte: „Du würdest es nicht zulassen? Das sagst du so leicht. Bald bist du groß genug, und man hat dir sicher schon eine Braut ausgesucht. Wenn du dann in ein paar Jahren geheiratet hast, wirst du dich für niemanden mehr interessieren." | ||
| + | Schatzjade hörte das und fragte erschrocken: „Wer hat eine Braut ausgesucht? Und wen?" | ||
| + | Purpurkuckuck lachte: „Vergangenes Jahr habe ich gehört, wie die Herzoginmutter sagte, sie wolle Kostbarzither Schnee für dich bestimmen. Warum sollte sie sie sonst so verwöhnen?" | ||
| + | Schatzjade lachte: „Alle sagen, ich sei dumm — du bist noch dümmer als ich. Das war nur ein Spaß. Kostbarzither Schnee ist doch schon der Familie Mei, des Hanlin-Akademikers, versprochen. Wenn sie wirklich für mich bestimmt wäre, würde ich mich dann so benehmen? Erst habe ich geschworen und geflucht und wollte dieses Ding da zerschlagen — hast du mich nicht damals für verrückt erklärt? Gerade in diesen Tagen ging es mir etwas besser, und du fängst wieder an, mich zu quälen." Während er sprach, knirschte er mit den Zähnen und sagte: „Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als auf der Stelle zu sterben! Dann würde man mir das Herz herausschneiden und ihr könntet es sehen! Und dann sollen Haut und Knochen zu Asche werden — aber Asche hat noch Gestalt, also lieber zu Rauch — aber Rauch kann sich noch zusammenballen und man kann ihn sehen —, nein, es müsste ein gewaltiger Sturm kommen und alles in alle vier Himmelsrichtungen auf einmal zerstreuen, das wäre das Richtige!" Während er sprach, kullerten ihm wieder die Tränen herunter. | ||
| + | Purpurkuckuck legte ihm rasch die Hand auf den Mund, wischte ihm die Tränen ab und sagte beschwichtigend lächelnd: „Du brauchst dich nicht aufzuregen. Es war deshalb, weil mir selber etwas Sorgen machte, und ich wollte dich auf die Probe stellen." | ||
| + | Schatzjade hörte das, noch erstaunter, und fragte: „Was macht dir denn Sorgen?" | ||
| + | Purpurkuckuck lächelte: „Weißt du, ich bin gar nicht aus der Familie Lin. Ich gehöre eigentlich wie Dufthauch und Mandarinenente<ref>Chin. 鸳鸯 Yuānyāng — die treue Kammerzofe der Herzoginmutter.</ref> zum Haushalt hier und wurde nur dem Fräulein Lin zur Bedienung zugeteilt. Und doch sind wir beide so eng miteinander, enger als mit Schneegans, die sie aus Suzhou mitgebracht hat, zehnmal so vertraut — wir können keinen Augenblick ohne einander sein. Nun mache ich mir aber Sorgen: Wenn sie einmal fortgeht, muss ich unbedingt mit ihr gehen. Meine ganze Familie ist hier — wenn ich nicht mitgehe, verrate ich unsere innige Verbundenheit; wenn ich mitgehe, lasse ich meine eigene Familie zurück. Das bedrückt mich. Deshalb habe ich diese Lüge ersonnen und dich gefragt, und du bist gleich durchgedreht." | ||
| + | Schatzjade lachte: „Also machst du dir darüber Sorgen! Dann bist du die Dumme. Von jetzt an brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen. Ich sage dir nur eins — um alles zusammenzufassen: Wenn wir leben, leben wir zusammen; und wenn wir nicht mehr leben, werden wir gemeinsam zu Asche und zu Rauch. Wie wäre das?" | ||
| + | Purpurkuckuck hörte das und begann insgeheim Pläne zu schmieden. | ||
| + | Da wurde gemeldet: „Der junge Herr Huan und der junge Herr Lan lassen nach dem Befinden fragen." | ||
| + | Schatzjade sagte: „Danke ihnen in meinem Namen. Ich bin gerade erst eingeschlafen, sie brauchen nicht hereinzukommen." | ||
| + | Die alte Dienerin ging. Purpurkuckuck lächelte: „Es geht dir ja schon besser. Lass mich jetzt zurückgehen und nach unserem Fräulein sehen." | ||
| + | Schatzjade sagte: „Richtig, daran wollte ich dich schon gestern erinnern und habe es vergessen. Es geht mir wirklich viel besser, geh nur." | ||
| + | Purpurkuckuck packte Bettzeug und Toilettensachen zusammen. Schatzjade lächelte: „In deiner Schreibschatulle habe ich drei Spiegel gesehen. Lass mir den kleinen mit dem Rankenblumen-Muster da. Ich stelle ihn neben mein Kopfkissen, dann kann ich mich im Liegen darin betrachten, und wenn ich ausgehe, ist er leicht zu tragen." | ||
| + | Purpurkuckuck blieb nichts anderes übrig, als ihm den Spiegel zu lassen. Sie ließ erst jemanden ihre Sachen hinübertragen, verabschiedete sich dann von allen und kehrte in die Xiaoxiang-Bambushain zurück. | ||
| + | |||
| + | Kajaljade hatte in den letzten Tagen von Schatzjades Zustand gehört, und das hatte ihre eigene Krankheit verschlimmert. Sie hatte öfter geweint als sonst. Als jetzt Purpurkuckuck kam und nach dem Grund gefragt wurde, war zu erfahren, dass er sich bereits erholt hatte. So schickte man Hupo zurück, damit sie wieder der Herzoginmutter aufwarte. | ||
| + | Nachts, als alle zur Ruhe gegangen waren und Purpurkuckuck sich schon zum Schlafen ausgezogen und hingelegt hatte, sagte sie leise lächelnd zu Kajaljade: „Schatzjades Herz ist aufrichtig. Kaum hörte er, wir würden weggehen, hat er sich so aufgeführt." | ||
| + | Kajaljade antwortete nicht. | ||
| + | Purpurkuckuck wartete eine Weile und sprach dann, als führe sie ein Selbstgespräch: „Lieber in der Ruhe bleiben, als etwas in Bewegung setzen. Hier sind wir gut aufgehoben, bei einer angesehenen Familie. Alles andere mag sich fügen, aber das Schwerste ist doch, jemanden zu finden, mit dem man von Kind auf zusammen aufgewachsen ist, dessen Art und Wesen man durch und durch kennt." | ||
| + | Kajaljade schalt: „Bist du noch nicht müde nach all den Tagen? Jetzt, wo du ein wenig Ruhe hast, ruhst du dich nicht aus, sondern kaust an solchem Unsinn!" | ||
| + | Purpurkuckuck lächelte: „Es ist kein leeres Geschwatz. Ich meine es wirklich gut mit Euch, Fräulein. Seit Jahren mache ich mir für Euch Sorgen. Ohne Vater, ohne Mutter, ohne Brüder — wer sorgt sich wirklich um Euch? Solange die Herzoginmutter noch bei klarem Verstand und rüsteriger Gesundheit ist, sollte man die große Sache festmachen. Es heißt im Sprichwort: 'Der Alte kann plötzlich straucheln, wie der Frühling plötzlich friert und der Herbst plötzlich hitzt.' Sollte der Herzoginmutter einmal etwas zustossen, dann wird zwar auch alles seinen Lauf nehmen, aber die beste Zeit wäre dann vorbei, und es käme vielleicht nicht mehr so, wie man es sich wünscht. Die Söhne und Enkel der edlen Familien — wer unter ihnen hat nicht drei Nebenfrauen und fünf Konkubinen, heute der einen zugewandt, morgen der anderen? Und käme eine Himmelsfee daher, nach drei Nächten hätte er sie schon vergessen. Und erst wenn es wegen der Nebenfrauen und Zofen zum Streit kommt! Wer eine einflussreiche Familie im Rücken hat, kommt noch glimpflich davon. Aber jemand in Eurer Lage, Fräulein — solange die Herzoginmutter lebt, ist jeder Tag ein guter Tag. Wenn sie einmal nicht mehr ist, dann seid Ihr den Launen anderer ausgeliefert. Deshalb sage ich: Trefft eine Entscheidung, solange es noch geht! Das Fräulein ist eine kluge Frau — kennt Ihr nicht das Sprichwort: 'Zehntausend Liang Gold sind leicht zu bekommen, doch ein wahres Herz zu finden schwer'?" | ||
| + | Kajaljade sagte: „Dieses Mädchen ist heute wirklich übergeschnappt. Warum hat sie sich in diesen paar Tagen völlig verändert? Morgen werde ich die Herzoginmutter bitten, dich zurückzunehmen. Ich wage es nicht, dich länger bei mir zu haben." | ||
| + | Purpurkuckuck lachte: „Ich sage doch nur Gutes, ich bitte Euch nur, in Eurem Herzen aufzupassen. Ich habe Euch doch nicht aufgefordert, etwas Schlechtes zu tun. Warum wollt Ihr dann zur Herzoginmutter gehen und mich bestrafen lassen? Welchen Nutzen hätte das?" Mit diesen Worten schlief sie ein. | ||
| + | Kajaljade hatte zwar so gesprochen, doch im Inneren war sie tief berührt. Nachdem Purpurkuckuck eingeschlafen war, weinte sie die ganze Nacht und schlief erst gegen Morgen kurz ein. Am nächsten Tag zwang sie sich, aufzustehen, sich zu waschen und ein wenig Schwalbennestsuppenreis zu essen. Da kamen auch schon die Herzoginmutter und die anderen, um nach ihr zu sehen und ihr noch allerhand aufzutragen. | ||
| + | |||
| + | Es war gerade Tante Schnees Geburtstag. Von der Herzoginmutter angefangen hatte jeder Glückwünsche und Geschenke gesandt. Auch Kajaljade hatte schon zwei Sätze Nadelarbeiten vorbereitet. An diesem Tag wurde auch eine kleine Theateraufführung arrangiert, um die Herzoginmutter und Dame König zu unterhalten. Nur Schatzjade und Kajaljade konnten nicht dabei sein. Am Abend schauten die Herzoginmutter und die anderen auf dem Heimweg noch bei den beiden vorbei, dann erst kehrten sie in ihre Gemächer zurück. Am nächsten Tag lud Tante Schnee über ihren Neffen Xü Ke die Geschäftspartner zu einem Gelage ein. So vergingen geschäftig drei bis vier Tage. | ||
| + | |||
| + | Da Tante Schnee an Höhlennebel Strafe ein gesittetes, zurückhaltendes und aus bescheidenen Verhältnissen stammendes Mädchen sah — eine wahre „Dornhaarnadel und Leinenrock-Tochter" —, dachte sie zunächst daran, sie mit Xü Pan zu vermählen. Da jedoch Xü Pans Lebenswandel für seine Ausschweifungen bekannt war, fürchtete sie, er könne ein solches Mädchen zugrunde richten. Während sie noch zögerte, fiel ihr ein, dass Xü Ke noch unverheiratet war. Sie betrachtete die beiden und fand, sie seien wie füreinander geschaffen. So besprach sie die Sache mit Phönixglanz. | ||
| + | Phönixglanz seufzte: „Die Tante kennt unsere gnädige Frau — sie hat manchmal einen Dickkopf. Überlasst das mir, ich werde behutsam vorgehen." | ||
| + | Als die Herzoginmutter einmal Phönixglanz besuchte, sagte diese: „Tante Schnee hat eine Bitte an die Herzoginmutter, traut sich aber nicht, damit herauszurücken." | ||
| + | Die Herzoginmutter fragte sofort, worum es gehe, und Phönixglanz berichtete von dem Heiratsplan. | ||
| + | Die Herzoginmutter lächelte: „Was ist denn daran so schwer auszusprechen? Das ist eine ausgezeichnete Sache! Ich werde mit deiner Schwiegermutter darüber reden — als ob die etwas dagegen hätte!" | ||
| + | Zurück in ihren Gemächern, ließ sie sofort Dame Strafe<ref>Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén — Begnadigung Kaufmannen Hauptfrau.</ref> kommen und übernahm höchstpersönlich die Rolle der Ehestifterin. Dame Strafe überlegte kurz: Die Familie Xü hatte ein solides Fundament und war gegenwärtig sehr wohlhabend, Xü Ke war ein gutaussehender junger Mann, und die Herzoginmutter bestand darauf — also stimmte sie zu. | ||
| + | Die Herzoginmutter war hocherfreut und ließ sofort Tante Schnee rufen. Als die beiden sich sahen, gab es natürlich viele höfliche Worte. Dame Strafe schickte sogleich jemanden, um Xing Zhong und seine Frau zu benachrichtigen. Die beiden waren ja gerade zu dem Zweck hergekommen, sich unter Dame Strafes Schutz zu stellen — wie hätten sie nicht zustimmen sollen? Beide sagten begeistert, es sei wunderbar. | ||
| + | Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Ich habe es gern, mich in fremde Angelegenheiten einzumischen. Heute habe ich wieder eine Sache zustande gebracht — wieviel Vermittlungsgeld bekomme ich wohl?" | ||
| + | Tante Schnee lachte: „Das versteht sich von selbst. Auch wenn man Ihnen zehntausend Liang Silber brächte, würden Sie das wohl kaum zu schätzen wissen. Aber eins muss ich sagen: Da die Herzoginmutter die Brautseite vertritt, braucht man noch jemanden für die Bräutigamsseite." | ||
| + | Die Herzoginmutter lächelte: „Sonst habe ich nicht viel, aber ein paar alte Knochen mit lahmen Beinen und Armen lassen sich in unserem Haushalt schon auftreiben." Damit ließ sie Dame Sonders und ihre Schwiegertochter kommen. Die Herzoginmutter erzählte ihnen die Sache, und alle gratulierten einander. Dann wies die Herzoginmutter Dame Sonders an: „Du kennst die Regeln unseres Hauses zur Genüge. Bei uns haben sich nie die beiden Familien wegen der Geschenke und der Äußerlichkeiten gestritten. Kümmere du dich in meinem Auftrag darum — nicht zu geizig, nicht zu verschwenderisch — und sorge dafür, dass es beiden Familien recht ist, dann berichte mir." | ||
| + | Dame Sonders stimmte eilig zu. Tante Schnee war überglücklich und ließ zu Hause sofort eine Einladungskarte für das Stillfriede-Anwesen schreiben. Dame Sonders kannte Dame Strafes Art nur zu gut und hätte sich am liebsten nicht eingemischt, doch da die Herzoginmutter sie persönlich beauftragt hatte, blieb ihr nichts anderes übrig, als zuzustimmen. Sie richtete sich ganz nach Dame Strafes Wünschen. Tante Schnee war in solchen Dingen unkompliziert und leicht zufriedenzustellen. Doch das braucht hier nicht weiter erörtert zu werden. | ||
| + | |||
| + | Nun, da Tante Schnee Höhlennebel Strafe als künftige Schwiegertochter bestimmt hatte, wusste es das ganze Anwesen. Dame Strafe wollte Xiuyan eigentlich zu sich holen. Die Herzoginmutter aber sagte: „Was macht das schon? Die beiden jungen Leute sehen sich doch nicht. Und für die Tante ist Xiuyan einmal die ältere Schwiegertochter und einmal die jüngere — was soll daran falsch sein? Außerdem sind es alles Mädchen, die können doch ganz vertraut miteinander umgehen." Daraufhin gab Dame Strafe nach. | ||
| + | |||
| + | Xü Ke und Xiuyan waren sich ja schon auf der Reise flüchtig begegnet, und im Grunde waren wohl beide im Stillen zufrieden. Nur war Xiuyan im Umgang mit den Schwestern Schatzspange jetzt natürlich etwas befangener als früher, zumal Xiangfluss-Wolke gerne neckte, was die Sache nicht leichter machte. Zum Glück war Xiuyan ein gebildetes, wohlerzogenes Mädchen, das sich zwar seiner mädchenhaften Zurückhaltung bewusst war, aber nicht zu jener Sorte gehörte, die falsche Scham und gespielte Scheu zur Schau stellt. | ||
| + | Schatzspange hatte, seit sie Xiuyan kannte, bemerkt, dass erstens deren Familie arm war, zweitens, dass die Eltern aller anderen angesehene, würdige Leute waren, während Xiuyans Eltern ausgemachte Säufer waren und als Väter einer Tochter nichts taugten, drittens, dass auch Dame Strafe ihre Zuneigung nur zum Schein zeigte, und viertens, dass Xiuyan ein feinsinniges und zurückhaltendes Wesen hatte. Willkommensfrühling war wie eine Tote, die noch atmet — sie konnte sich kaum um sich selber kümmern, geschweige denn um jemand anderen. Wenn es Xiuyan an irgendeinem alltäglichen Bedarf mangelte, kümmerte sich niemand darum, und sie selber bat nie jemanden. Schatzspange half ihr daher insgeheim mit dem Nötigsten aus, ohne Dame Strafe davon wissen zu lassen, denn sie fürchtete deren argwöhnisches Gerede. | ||
| + | Jetzt nun hatte sich, ganz unerwartet, diese wundersame Verbindung ergeben. Im Herzen hatte Xiuyan sich zuerst für Schatzspange entschieden und dann erst für Xü Ke. Wenn Xiuyan und Schatzspange sich unterhielten, nannte Schatzspange sie weiterhin „Schwester". | ||
| + | |||
| + | Eines Tages kam Schatzspange, um Kajaljade zu besuchen, und traf unterwegs auf Xiuyan, die ebenfalls auf dem Weg zu Kajaljade war. Lächelnd winkte Schatzspange sie zu sich, und die beiden gingen zusammen bis zu einer Felswand, wo Schatzspange sie lächelnd fragte: „Es ist doch noch recht kalt — warum hast du alles gegen ungefütterte Sachen getauscht?" | ||
| + | Xiuyan senkte den Blick und gab keine Antwort. | ||
| + | Schatzspange ahnte, dass es wieder einen Grund gab, und fragte lächelnd weiter: „Bestimmt hast du diesen Monat wieder kein Taschengeld bekommen. Ist Phönixglanz inzwischen so nachlassig geworden?" | ||
| + | Xiuyan sagte: „Sie denkt schon daran und zahlt pünktlich. Aber die Tante hat jemanden geschickt und mir sagen lassen, von meinen monatlichen zwei Liang Silber solle ich ein Liang meinen Eltern geben. Für alles andere könne ich ja die Sachen der zweiten Schwester mitbenutzen. Aber Schwester, bedenke doch: Die zweite Schwester ist auch ein schlichtes Gemüt und achtet nicht sehr auf solche Dinge. Wenn ich ihre Sachen benutze, sagt sie zwar nichts, aber ihre Zofen und alten Dienerinnen — die sind alle unangenehm und haben spitze Zungen. Obwohl ich dort wohne, traue ich mich kaum, sie um etwas zu bitten. Alle paar Tage muss ich ihnen sogar noch Geld geben, damit sie sich Wein und Leckereien kaufen. Meine zwei Liang Silber im Monat reichen hinten und vorne nicht, und jetzt fehlt auch noch ein Liang. Neulich habe ich heimlich meine gefütterten Winterkleider zum Pfandleiher gebracht und ein paar Strings Kupfergeld dafür bekommen." | ||
| + | Schatzspange hörte das, seufzte und runzelte die Stirn: „Ausgerechnet ist die Familie Mei ganz am Amtssitz und kommt erst übernächstes Jahr zurück. Wären sie hier, könnten wir, wenn erst Kostbarzither Schnee versorgt ist, deine Angelegenheit besprechen. Wenn du von hier erst fort bist, ist es zu spät. Und solange die jüngere Schwester nicht verheiratet ist, kann man auf keinen Fall die ältere vorab vermahlen. Es ist wirklich eine schwierige Lage. Wenn es noch zwei Jahre dauert, fürchte ich, du grämst dich krank. Lass mich nochmal mit Mama reden. Und wenn dich jemand schlecht behandelt — halt es einfach aus, und auf keinen Fall darfst du dich krank grämen! Am besten gibst du morgen gleich auch das eine Liang Silber an die Leute, dann sind sie zufrieden. In Zukunft brauchst du denen auch nichts mehr zu kaufen. Sollen sie ruhig sticheln — wenn es zu viel wird, geh einfach weg. Und wenn dir etwas fehlt, sei nicht so stolz und komm zu mir. Das hat nichts mit der Verlobung zu tun — von Anfang an, als du kamst, haben wir uns gut verstanden. Wenn du Angst vor Gerede hast, schick ein Zöfchen, das mir leise Bescheid sagt." | ||
| + | Xiuyan nickte mit gesenktem Kopf. Schatzspange deutete auf einen grünen Jadeanhänger an ihrem Rock und fragte: „Wer hat dir den geschenkt?" | ||
| + | Xiuyan antwortete: „Den hat mir die dritte Schwester gegeben." | ||
| + | Schatzspange nickte lächelnd: „Sie hat gesehen, dass alle anderen so etwas haben, nur du nicht, und wollte verhindern, dass man über dich lacht. Das zeigt ihre Aufmerksamkeit und ihren Feinsinn. Aber eins solltest du bedenken: Solcher Schmuck gehört zu den Töchtern reicher und vornehmer Häuser. Schau mich an — trage ich etwa von Kopf bis Fuß solchen prächtigen Zierrat? Früher, ja, vor sieben, acht Jahren, war es bei mir auch so. Aber jetzt sind die Zeiten nicht mehr wie einst, und ich spare, wo ich kann. Wenn du einmal zu uns kommst, wirst du wahrscheinlich noch eine ganze Truhe voll von dem Zeug finden. Wir sind jetzt nicht mehr wie die anderen. Am wichtigsten ist es, in allem schlicht und bescheiden zu bleiben — das unterscheidet uns von ihnen." | ||
| + | Xiuyan lächelte: „Wenn die Schwester so sagt, nehme ich ihn ab, wenn ich zurückkomme." | ||
| + | Schatzspange sagte rasch lächelnd: „Nein, das darfst du nicht! Erkundefrühling hat ihn dir aus guter Absicht geschenkt. Wenn du ihn nicht trägst, wird sie argwöhnen, du verschmähst ihn. Ich habe es nur beiläufig erwähnt — in Zukunft weißt du es einfach." | ||
| + | Xiuyan nickte eilig und fragte: „Wohin gehst du jetzt, Schwester?" | ||
| + | Schatzspange antwortete: „Zur Xiaoxiang-Bambushain." | ||
| + | Xiuyan sagte: „Dann schick mir den Pfandschein, wenn du kannst. Ich hole heimlich die Sachen aus und lasse sie dir am Abend leise zurückbringen, damit ich sie morgens wieder anziehen kann. Sonst wird mir der Wind noch gefährlich. Aber bei welchem Pfandleiher hast du sie abgegeben?" | ||
| + | Xiuyan antwortete: „Er heißt 'Heng-Shu-Pfandleihe', in der großen Straße westlich vom Trommelturm." | ||
| + | Schatzspange lächelte: „Da landen wir ja bei der eigenen Familie! Wenn die Angestellten es herausfinden, werden sie sagen: 'Die Kleider waren schon vor der Braut da!'" | ||
| + | Xiuyan, die nun merkte, dass es sich um eine Pfandleihe mit Xü-Kapital handelte, wurde rot und lächelte verlegen. Die beiden trennten sich. | ||
| + | |||
| + | Schatzspange ging zur Xiaoxiang-Bambushain. Ihre Mutter war ebenfalls dort und plauderte mit Kajaljade. Schatzspange lächelte: „Wann bist du gekommen, Mama? Ich habe es gar nicht bemerkt." | ||
| + | Tante Schnee sagte: „Ich war die letzten Tage so beschäftigt, dass ich gar nicht dazu kam, Schatzjade und Kajaljade zu besuchen. Deshalb habe ich heute beide besucht, und es geht ihnen beiden besser." | ||
| + | Kajaljade ließ Schatzspange Platz nehmen und sagte: „Man würde es nicht für möglich halten — auf einmal sind die Tante und die Tante Xing nun Verwandte!" | ||
| + | Tante Schnee sagte: „Ach Kind, ihr Mädchen wisst das noch nicht. Es heißt doch seit alters her: 'Ehefügungen über tausend Meilen verbindet ein einziger Faden.' Dafür gibt es einen Alten unter dem Mond, der alles vorher bestimmt und die beiden heimlich mit einem roten Seidenfaden an den Füßen zusammenbindet. Und mögen zwischen den Familien Meere, Länder und Blutfehden liegen — am Ende werden sie doch Mann und Frau. Das geschieht stets wider alles Erwarten, und weder die Eltern noch die Betreffenden selber können etwas daran ändern. Jahrelang können zwei beieinander sein, und man glaubt fest, die Sache ist abgemacht — wenn der Alte unter dem Mond den roten Faden nicht knüpft, werden sie trotzdem nie ein Paar. Denk nur an euch Mädchen — eure künftigen Männer könnten gerade vor eurer Nase stehen, oder auch am anderen Ende der Welt." | ||
| + | Schatzspange sagte: „Muss Mama denn sofort von uns anfangen, sobald es um Heiraten geht?" Und sie schmiegte sich lächelnd an ihre Mutter und sagte: „Komm, wir gehen." | ||
| + | Kajaljade lächelte: „Sieh nur, so groß wie sie ist — wenn die Tante nicht da ist, ist sie die Vernünftigste, aber kaum kommt die Tante, wird sie wieder zum Kleinkind." | ||
| + | Tante Schnee streichelte Schatzspange und sagte seufzend zu Kajaljade: „Deine Schwester ist wie Phönixglanz bei der Herzoginmutter: Wenn es etwas Ernstes zu besprechen gibt, komme ich zu ihr; und wenn nichts los ist, muntert sie mich auf. Immer wenn ich sie so sehe, zerstreuen sich alle meine Kümmernisse." | ||
| + | Kajaljade hörte das und sagte unter Tränen seufzend: „Sie macht das absichtlich vor meinen Augen, obwohl sie genau weiß, dass ich keine Mutter habe. Das ist nur, um mich zu kränken." | ||
| + | Schatzspange lachte: „Mama, sie lästert über mich, und dabei mache ich doch nur Spaß!" | ||
| + | Tante Schnee sagte: „Man kann ihr keinen Vorwurf machen, dass sie traurig wird, das arme Kind ohne Eltern, ganz ohne nahe Angehörige." Und sie streichelte Kajaljade und sagte lächelnd: „Liebes Kind, weine nicht. Wenn du siehst, wie ich deine Schwester verwöhne, und das macht dich traurig — du weißt nicht, wie viel mehr ich dich in meinem Herzen liebe. Deine Schwester hat wenigstens noch mich und einen leiblichen Bruder. Damit ist sie dir gegenüber schon im Vorteil. Jedesmal, wenn ich deiner Schwester sage, wie sehr ich dich liebe, traue ich mich nicht, es offen zu zeigen. Hier gibt es so viele Leute mit losen Zungen, die kaum Gutes reden, aber dafür umso mehr Schlechtes. Statt zu sagen, du seist ein liebes Kind ohne Familie, das jeden Mitleid und Zuneigung verdient, würden sie sagen, wir wollten uns nur bei der Herzoginmutter einschmeicheln." | ||
| + | Kajaljade lachte: „Wenn die Tante so redet, dann nenne ich die Tante ab morgen Mama. Wenn die Tante ablehnt, dann ist die ganze Zuneigung nur gespielt." | ||
| + | Tante Schnee sagte: „Wenn dir das recht ist, dann gerne!" | ||
| + | Schatzspange sagte rasch: „Das geht aber nicht." | ||
| + | Kajaljade fragte: „Warum nicht?" | ||
| + | Schatzspange fragte lächelnd: „Überleg doch mal: Warum wurde zuerst die Verlobung mit Schwester Xiuyan für meinen jüngeren Bruder geschlossen und nicht die meines älteren Bruders?" | ||
| + | Kajaljade antwortete: „Er ist nicht hier, oder es stimmt das Geburtsjahr und der Tag nicht, deshalb hat man den jüngeren Bruder vorgezogen." | ||
| + | Schatzspange lächelte: „Nein! Mein älterer Bruder hat sich schon für eine Braut entschieden, und sobald er zurück ist, wird die Verlobung formell besiegelt. Ich nenne den Namen lieber nicht — aber jetzt verstehst du, warum ich sagte, du kannst Mama nicht 'Mama' nennen. Denk gründlich darüber nach." Bei diesen Worten zwinkerte sie ihrer Mutter zu und kicherte. | ||
| + | Kajaljade verstand und schmiegte sich ebenfalls an Tante Schnee: „Wenn die Tante ihn nicht zurechtweist, bin ich nicht zufrieden!" | ||
| + | Tante Schnee zog sie lächelnd an sich: „Glaub deiner Schwester nicht, sie neckt dich nur." | ||
| + | Schatzspange sagte lächelnd: „Wirklich, Mama, frag doch die Herzoginmutter, ob sie Kajaljade nicht als Schwiegertochter haben will. Wäre das nicht tausendmal besser als jede Fremde?" | ||
| + | Kajaljade beugte sich vor, um nach Schatzspange zu greifen, und rief lächelnd: „Jetzt reicht es aber, du bist völlig übergeschnappt!" | ||
| + | Tante Schnee versuchte lachend zu schlichten und schob die beiden auseinander. Dann sagte sie zu Schatzspange: „Ich hätte Xiuyan deinem älteren Bruder nicht anvertraut, deshalb habe ich sie deinem jüngeren Bruder versprochen. Erst recht würde ich Kajaljade nicht für ihn hergeben. Neulich wollte die Herzoginmutter Kostbarzither Schnee mit Schatzjade verbinden, aber die war schon vergeben. Sonst wäre es eine ausgezeichnete Partie gewesen. Als ich dann die Verlobung mit Xiuyan verkündete, hat die Herzoginmutter noch gescherzt: 'Eigentlich wollte ich eine von ihren Leuten haben, und jetzt hat sie mir eine von meinen weggeschnappt.' Das war nur ein Spaß, aber im Grunde steckt etwas dahinter. Und obwohl ich sonst niemanden anbieten kann, will ich doch nicht schweigen. Euer Vetter Schatzjade — die Herzoginmutter liebt ihn so, und er ist ein so hübscher junger Mann. Wenn man außerhalb der Familie suchen würde, wäre sie bestimmt nie zufrieden. Wäre es dann nicht die allervollendetste Lösung, wenn man deine Schwester Kajaljade für ihn bestimmte?" | ||
| + | Kajaljade, die anfangs wie betäubt zugehört hatte, wurde, als die Rede auf sie selber kam, rot und spuckte Schatzspange an. Dann fasste sie Schatzspange am Ärmel und rief lachend: „Dich sollte man schlagen! Warum hast du die Tante auf solche schandbaren Gedanken gebracht?" | ||
| + | Schatzspange lachte: „Das ist aber seltsam! Mama sagt es, und du schlägst mich?" | ||
| + | Purpurkuckuck kam eilig herbeigelaufen und rief lächelnd: „Wenn die gnädige Tante solche Absichten hat, warum spricht sie dann nicht mit der gnädigen Frau?" | ||
| + | Tante Schnee lachte schallend: „Du kleines Ding, warum so eilig? Willst du, dass dein Fräulein schnell unter die Haube kommt, damit du dir auch bald einen kleinen Bräutigam suchen kannst?" | ||
| + | Purpurkuckuck wurde rot und lachte: „Die gnädige Tante bringt jetzt wirklich ihr Alter ins Spiel!" Dann drehte sie sich um und ging. | ||
| + | Kajaljade hatte sie zuerst ausgescholten: „Was geht dich das an, du freches Ding?" Doch als sie Purpurkuckucks Verlegenheit sah, musste sie doch lachen und sagte: „Amitabha Buddha! Geschieht dir recht! Da hat sie sich eine Abfuhr geholt!" | ||
| + | Tante Schnee, Schatzspange und alle Zofen und Dienerinnen im Zimmer lachten. Die alten Frauen sagten lächelnd: „Was die gnädige Tante sagt, ist zwar nur ein Scherz, aber eigentlich stimmt es doch. Wenn sie einmal Zeit hat und es mit der Herzoginmutter bespricht — wenn die gnädige Tante die Ehestifterin macht, dann wäre das tausendfach und zehntausendfach das Richtige." | ||
| + | Tante Schnee sagte: „Sobald ich diesen Vorschlag mache, wird die Herzoginmutter bestimmt einverstanden sein." | ||
| + | |||
| + | Mitten in das Geplänkel hinein erschien Xiangfluss-Wolke, einen Zettel in der Hand, und rief lachend: „Was ist das für ein Kontobuch?" | ||
| + | Kajaljade betrachtete es und konnte es ebenfalls nicht einordnen. Die alten Frauen unten sagten alle lachend: „Das ist schon ein seltenes Stück! Das Geld, das so etwas bringt, verdient man nicht alle Tage!" | ||
| + | Schatzspange griff rasch zu und nahm den Zettel an sich. Als sie hinsah, war es genau der Pfandschein, von dem Xiuyan gerade gesprochen hatte. Eilig faltete sie ihn zusammen. | ||
| + | Tante Schnee sagte rasch: „Das muss ein Pfandschein sein, den eine der Zofen verloren hat. Wenn sie zurückkommt, wird sie ihn überall suchen. Wo hast du den denn her?" | ||
| + | Xiangfluss-Wolke fragte: „Was ist ein Pfandschein?" | ||
| + | Alle lachten: „Was für ein Unschuldslamm! Nicht einmal einen Pfandschein kennt sie." | ||
| + | Tante Schnee seufzte: „Man kann es ihr wirklich nicht verübeln. Sie ist eine waschechte Marquistochter und dazu noch so jung. Wie sollte sie so etwas kennen? Wie sollte sie je so etwas zu Gesicht bekommen? Selbst wenn die Bediensteten zu Hause so etwas hätten, bekäme sie es nie zu sehen. Lacht nicht über sie — wenn die jungen Damen eurer Familien das sähen, würden auch die ratlos dastehen." | ||
| + | Die alten Frauen lachten: „Das Fräulein Lin hat es eben auch nicht erkannt, von den Fräulein ganz zu schweigen. Und selbst Schatzjade, der doch oft das Haus verlässt, hat so etwas vermutlich noch nie gesehen." | ||
| + | Tante Schnee erklärte sogleich, was ein Pfandschein ist. Xiangfluss-Wolke und Kajaljade lachten, als sie es verstanden: „So ist das also! Die Leute kommen auf alles, was Geld bringt. Hat die Familie der Tante auch so ein Pfandhaus?" | ||
| + | Alle lachten: „Das ist aber auch naiv. 'Alle Krähen unter dem Himmel sind gleich schwarz' — warum sollte es da Unterschiede geben?" | ||
| + | Tante Schnee fragte noch, wo Xiangfluss-Wolke den Zettel gefunden habe. Xiangfluss-Wolke wollte gerade antworten, als Schatzspange rasch sagte: „Das ist ein alter, abgelaufener Pfandschein, längst aus den Büchern gestrichen. Duftkastanie hatte ihn, um die Mädchen zu unterhalten." | ||
| + | Tante Schnee glaubte das und fragte nicht weiter. Da wurde gemeldet: „Die Frau aus dem Stillfriede-Anwesen ist da und möchte die gnädige Tante sprechen." Tante Schnee verabschiedete sich und ging. | ||
| + | |||
| + | Als es im Zimmer still geworden war, fragte Schatzspange Xiangfluss-Wolke, wo sie den Zettel gefunden habe. | ||
| + | Xiangfluss-Wolke lächelte: „Ich habe gesehen, wie die kleine Zofe Zhuan-er von deiner künftigen Schwägerin ihn heimlich Yinger zusteckte. Yinger hat ihn in ein Buch geklemmt und dachte, ich hätte nichts bemerkt. Als die beiden draußen waren, habe ich nachgeschaut und konnte nicht erkennen, was es war. Weil ich wusste, dass ihr alle hier seid, habe ich ihn hergebracht, damit wir ihn gemeinsam anschauen." | ||
| + | Kajaljade fragte rasch: „Wie, muss sie etwa auch Kleider versetzen? Und wenn ja, warum gibt sie dir den Zettel?" | ||
| + | Schatzspange sah, dass sie die beiden nicht anlügen konnte, und erzählte ihnen die ganze Geschichte von vorhin. Kajaljade sagte seufzend: „Wenn der Hase stirbt, trauert der Fuchs; wenn das Wesen verletzt wird, fühlt das Geschöpf mit." Das konnte sie nicht ohne Rührung sagen. | ||
| + | Xiangfluss-Wolke aber wurde zornig: „Wartet nur, bis ich die zweite Schwester zur Rede stelle! Ich werde den alten Weibern und Zofen die Leviten lesen und euch rächen, einverstanden?" | ||
| + | Damit sprang sie auf, doch Schatzspange hielt sie rasch am Arm fest und sagte lachend: „Da bist du wieder übergeschnappt! Setz dich sofort hin!" | ||
| + | Kajaljade lachte: „Wenn du ein Mann wärst, könntest du hinausgehen und für Gerechtigkeit kämpfen. Aber hier spielst du dich als Jing Ke und Nie Zheng auf — das ist wirklich zum Lachen." | ||
| + | Xiangfluss-Wolke sagte: „Wenn ihr mich nicht zu ihr lasst, dann holen wir sie morgen zu uns in den Garten, da können wir zusammen wohnen — wäre das nicht wunderbar?" | ||
| + | Schatzspange lächelte: „Darüber reden wir morgen." Da wurde gemeldet: „Das dritte und das vierte Fräulein kommen." | ||
| + | Die drei hörten es und hielten sofort den Mund, damit kein Wort mehr von der Sache verlautete. | ||
| − | + | Was weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. | |
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | + | <references /> | |
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
| − | |||
|} | |} | ||
[[Category:Books]] | [[Category:Books]] | ||
[[Category:Hongloumeng]] | [[Category:Hongloumeng]] | ||
Latest revision as of 19:36, 28 April 2026
| 中文原文 (程甲本 1982) | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
|---|---|
|
話說寶玉聽王夫人喚他,忙至前邊來,原來是王夫人要帶他拜甄夫人去。寶玉自是歡喜,忙去換衣服,跟了王夫人到那裡。見其家中形景,自與榮寧不甚差別,或有一二稍盛者。細問,果有一寶玉。甄夫人留席,竟日方回,寶玉方信。因晚間回家來,王夫人又吩咐預備上等的席面,定名班大戲,請過甄夫人母女。後二日,他母女便不作辭,回任去了,無話。 這日寶玉因見湘雲漸愈,然後去看黛玉。正值黛玉才歇午覺,寶玉不敢驚動,因紫鵑正在迴廊上手裡做針黹,便來問他:「昨日夜裡咳嗽可好了?」紫鵑道: 「好些了。」寶玉笑道:「阿彌陀佛!寧可好了罷。」紫鵑笑道:「你也念起佛來,真是新聞!」寶玉笑道:「所謂『病篤亂投醫』了。」一面說,一面見他穿著彈墨綾薄棉襖,外面只穿著青緞夾背心,寶玉便伸手向他身上摸了一摸,說:「穿這樣單薄,還在風口裡坐著,看天風饞,時氣又不好,你再病了,越發難了。」紫鵑便說道:「從此咱們只可說話,別動手動腳的。一年大二年小的,叫人看著不尊重。打緊的那起混帳行子們背地裡說你,你總不留心,還只管和小時一般行為,如何使得。姑娘常常吩咐我們,不叫和你說笑。你近來瞧他遠著你還恐遠不及呢。」說著便起身,攜了針線進別房去了。 寶玉見了這般景況,心中忽澆了一盆冷水一般,只瞅著竹子,發了一回呆。因祝媽正來挖筍修竿,便怔怔的走出來,一時魂魄失守,心無所知,隨便坐在一塊山石上出神,不覺滴下淚來。直呆了五六頓飯工夫,千思萬想,總不知如何是可。偶值雪雁從王夫人房中取了人參來,從此經過,忽扭項看見桃花樹下石上一人手托著腮頰出神,不是別人,卻是寶玉。雪雁疑惑道:「怪冷的,他一個人在這裡作什麼?春天凡有殘疾的人都犯病,敢是他犯了呆病了?」一邊想,一邊便走過來蹲下笑道: 「你在這裡作什麼呢?」寶玉忽見了雪雁,便說道:「你又作什麼來找我?你難道不是女兒?他既防嫌,不許你們理我,你又來尋我,倘被人看見,豈不又生口舌?你快家去罷了。」雪雁聽了,只當是他又受了黛玉的委屈,只得回至房中。 黛玉未醒,將人參交與紫鵑。紫鵑因問他:「太太做什麼呢?」雪雁道:「也歇中覺,所以等了這半日。姐姐你聽笑話兒:我因等太太的工夫,和玉釧兒姐姐坐在下房裡說話兒,誰知趙姨奶奶招手兒叫我。我只當有什麼話說,原來他和太太告了假,出去給他兄弟伴宿坐夜,明兒送殯去,跟他的小丫頭子小吉祥兒沒衣裳,要借我的月白緞子襖兒。我想他們一般也有兩件子的,往臟地方兒去恐怕弄髒了,自己的捨不得穿,故此借別人的。借我的弄髒了也是小事,只是我想,他素日有些什麼好處到咱們跟前,所以我說了:『我的衣裳簪環都是姑娘叫紫鵑姐姐收著呢。如今先得去告訴他,還得回姑娘呢。姑娘身上又病著,更費了大事,誤了你老出門,不如再轉借罷。』」紫鵑笑道:「你這個小東西倒也巧。你不借給他,你往我和姑娘身上推,叫人怨不著你。他這會子就下去了,還是等明日一早才去?」雪雁道: 「這會子就去的,只怕此時已去了。」紫鵑點點頭。雪雁道:「姑娘還沒醒呢,是誰給了寶玉氣受,坐在那裡哭呢。」紫鵑聽了,忙問在那裡。雪雁道:「在沁芳亭後頭桃花底下呢。」 紫鵑聽說,忙放下針線,又囑咐雪雁好生聽叫:「若問我,答應我就來。」說著,便出了瀟湘館,一徑來尋寶玉,走至寶玉跟前,含笑說道:「我不過說了那兩句話,為的是大家好,你就賭氣跑了這風地里來哭,作出病來唬我。」寶玉忙笑道:「誰賭氣了!我因為聽你說的有理,我想你們既這樣說,自然別人也是這樣說,將來漸漸的都不理我了,我所以想著自己傷心。」紫鵑也便挨他坐著。寶玉笑道:「方纔對面說話你尚走開,這會子如何又來挨我坐著?」紫鵑道:「你都忘了?幾日前你們姊妹兩個正說話,趙姨娘一頭走了進來,──我才聽見他不在家,所以我來問你。正是前日你和他才說了一句『燕窩』就歇住了,總沒提起,我正想著問你。」寶玉道:「也沒什麼要緊。不過我想著寶姐姐也是客中,既吃燕窩,又不可間斷,若只管和他要,也太托實。雖不便和太太要,我已經在老太太跟前略露了個風聲,只怕老太太和鳳姐姐說了。我告訴他的,竟沒告訴完了他。如今我聽見一日給你們一兩燕窩,這也就完了。」紫鵑道:「原來是你說了,這又多謝你費心。我們正疑惑,老太太怎麼忽然想起來叫人每一日送一兩燕窩來呢?這就是了。」寶玉笑道:「這要天天吃慣了,吃上三二年就好了。」紫鵑道:「在這裡吃慣了,明年家去,那裡有這閑錢吃這個。」寶玉聽了,吃了一驚,忙問:「誰?往那個家去?」紫鵑道:「你妹妹回蘇州家去。」寶玉笑道:「你又說白話。蘇州雖是原籍,因沒了姑父姑母,無人照看,才就了來的。明年回去找誰?可見是扯謊。」紫鵑冷笑道:「你太看小了人。你們賈家獨是大族人口多的,除了你家,別人只得一父一母,房族中真個再無人了不成?我們姑娘來時,原是老太太心疼他年小,雖有叔伯,不如親父母,故此接來住幾年。大了該出閣時,自然要送還林家的。終不成林家的女兒在你賈家一世不成?林家雖貧到沒飯吃,也是世代書宦人家,斷不肯將他家的人丟在親戚家,落人的恥笑。所以早則明年春天,遲則秋天。這裡縱不送去,林家亦必有人來接的。前日夜裡姑娘和我說了,叫我告訴你:將從前小時頑的東西,有他送你的,叫你都打點出來還他。他也將你送他的打疊了在那裡呢。」寶玉聽了,便如頭頂上響了一個焦雷一般。紫鵑看他怎樣回答,只不作聲。忽見晴雯找來說:「老太太叫你呢,誰知道在這裡。」紫鵑笑道:「他這裡問姑娘的病癥。我告訴了他半日,他只不信。你倒拉他去罷。」說著,自己便走回房去了。 晴雯見他呆呆的,一頭熱汗,滿臉紫脹,忙拉他的手,一直到怡紅院中。襲人見了這般,慌起來,只說時氣所感,熱汗被風撲了。無奈寶玉發熱事猶小可,更覺兩個眼珠兒直直的起來,口角邊津液流出,皆不知覺。給他個枕頭,他便睡下;扶他起來,他便坐著;倒了茶來,他便吃茶。眾人見他這般,一時忙起來,又不敢造次去回賈母,先便差人出去請李嬤嬤。 一時李嬤嬤來了,看了半日,問他幾句話也無回答,用手向他脈門摸了摸,嘴唇人中上邊著力掐了兩下,掐的指印如許來深,竟也不覺疼。李嬤嬤只說了一聲 「可了不得了」,「呀」的一聲便摟著放聲大哭起來。急的襲人忙拉他說:「你老人家瞧瞧,可怕不怕?且告訴我們去回老太太、太太去。你老人家怎麼先哭起來?」李嬤嬤捶床倒枕說:「這可不中用了!我白操了一世心了!」襲人等 他年老多知,所以請他來看,如今見他這般一說,都信以為實,也都哭起來。 晴雯便告訴襲人,方纔如此這般。襲人聽了,便忙到瀟湘館來,見紫鵑正伏侍黛玉吃藥,也顧不得什麼,便走上來問紫鵑道:「你才和我們寶玉說了些什麼?你瞧他去,你回老太太去,我也不管了!」說著,便坐在椅上。黛玉忽見襲人滿面急怒,又有淚痕,舉止大變,便不免也慌了,忙問怎麼了。襲人定了一回,哭道: 「不知紫鵑姑奶奶說了些什麼話,那個呆子眼也直了,手腳也冷了,話也不說了,李媽媽掐著也不疼了,已死了大半個了!連李媽媽都說不中用了,那裡放聲大哭。只怕這會子都死了!」黛玉一聽此言,李媽媽乃是經過的老嫗,說不中用了,可知必不中用。哇的一聲,將腹中之藥一概嗆出,抖腸搜肺,熾胃扇肝的痛聲大嗽了幾陣,一時面紅髮亂,目腫筋浮,喘的抬不起頭來。紫鵑忙上來捶背,黛玉伏枕喘息半晌,推紫鵑道:「你不用捶,你竟拿繩子來勒死我是正經!」紫鵑哭道:「我並沒說什麼,不過是說了幾句頑話,他就認真了。」襲人道: 「你還不知道他,那傻子每每頑話認了真。」黛玉道:「你說了什麼話,趁早兒去解說,他只怕就醒過來了。」紫鵑聽說,忙下了床,同襲人到了怡紅院。 誰知賈母王夫人等已都在那裡了。賈母一見了紫鵑,眼內出火,罵道:「你這小蹄子,和他說了什麼?」紫鵑忙道:「並沒說什麼,不過說幾句頑話。」誰知寶玉見了紫鵑,方「噯呀」了一聲,哭出來了。眾人一見,方都放下心來。賈母便拉住紫鵑,只當他得罪了寶玉,所以拉紫鵑命他打。誰知寶玉一把拉住紫鵑,死也不放,說:「要去連我也帶了去。」眾人不解,細問起來,方知紫鵑說「要回蘇州去」一句頑話引出來的。賈母流淚道:「我當有什麼要緊大事,原來是這句頑話。」 又向紫鵑道:「你這孩子素日最是個伶俐聰敏的,你又知道他有個呆根子,平白的哄他作什麼?」薛姨媽勸道:「寶玉本來心實,可巧林姑娘又是從小兒來的,他姊妹兩個一處長了這麼大,比別的姊妹更不同。這會子熱剌剌的說一個去,別說他是個實心的傻孩子,便是冷心腸的大人也要傷心。這並不是什麼大病,老太太和姨太太只管萬安,吃一兩劑藥就好了。」 正說著,人回林之孝家的單大良家的都來瞧哥兒來了。賈母道:「難為他們想著,叫他們來瞧瞧。」寶玉聽了一個「林」字,便滿床鬧起來說:「了不得了,林家的人接他們來了,快打出去罷!」賈母聽了,也忙說:「打出去罷。」又忙安慰說:「那不是林家的人。林家的人都死絕了,沒人來接他的,你只放心罷。」寶玉哭道:「憑他是誰,除了林妹妹,都不許姓林的!」賈母道:「沒姓林的來,凡姓林的我都打走了。」一面吩咐眾人:「以後別叫林之孝家的進園來,你們也別說 『林』字。好孩子們,你們聽我這句話罷!」眾人忙答應,又不敢笑。一時寶玉又一眼看見了十錦格子上陳設的一隻金西洋自行船,便指著亂叫說:「那不是接他們來的船來了,灣在那裡呢。」賈母忙命拿下來。襲人忙拿下來,寶玉伸手要,襲人遞過,寶玉便掖在被中,笑道:「可去不成了!」一面說,一面死拉著紫鵑不放。 一時人回大夫來了,賈母忙命快進來。王夫人、薛姨媽、寶釵等暫避裡間,賈母便端坐在寶玉身旁。王太醫進來見許多的人,忙上去請了賈母的安,拿了寶玉的手診了一回。那紫鵑少不得低了頭。王大夫也不解何意,起身說道:「世兄這症乃是急痛迷心。古人曾雲:『痰迷有別。有氣血虧柔,飲食不能熔化痰迷者;有怒惱中痰裹而迷者;有急痛壅塞者。』此亦痰迷之症,系急痛所致,不過一時壅蔽,較諸痰迷似輕。」賈母道:「你只說怕不怕,誰同你背醫書呢。」王太醫忙躬身笑說:「不妨,不妨。」賈母道:「果真不妨?」王太醫道:「實在不妨,都在晚生身上。」賈母道:「既如此,請到外面坐,開藥方。若吃好了,我另外預備好謝禮,叫他親自捧來送去磕頭;若耽誤了,打發人去拆了太醫院大堂。」王太醫只躬身笑說:「不敢,不敢。」他原聽了說「另具上等謝禮命寶玉去磕頭」,故滿口說 「不敢」,竟未聽見賈母后來說拆太醫院之戲語,猶說「不敢」,賈母與眾人反倒笑了。一時,按方煎了藥來服下,果覺比先安靜。無奈寶玉只不肯放紫鵑,只說他去了便是要回蘇州去了。賈母王夫人無法,只得命紫鵑守著他,另將琥珀去伏侍黛玉。 黛玉不時遣雪雁來探消息,這邊事務盡知,自己心中暗嘆。幸喜眾人都知寶玉原有些呆氣,自幼是他二人親密。如今紫鵑之戲語亦是常情,寶玉之病亦非罕事,因不疑到別事去。 晚間寶玉稍安,賈母王夫人等方回房去。一夜還遣人來問訊幾次。李奶母帶領宋嬤嬤等幾個年老人用心看守,紫鵑、襲人、晴雯等日夜相伴。有時寶玉睡去,必從夢中驚醒,不是哭了說黛玉已去,便是有人來接。每一驚時,必得紫鵑安慰一番方罷。彼時賈母又命將祛邪守靈丹及開竅通神散各樣上方秘制諸藥,按方飲服。次日又服了王太醫葯,漸次好起來。寶玉心下明白,因恐紫鵑回去,故有時或作佯狂之態。紫鵑自那日也著實後悔,如今日夜辛苦,並沒有怨意。襲人等皆心安神定,因向紫鵑笑道:「都是你鬧的,還得你來治。也沒見我們這呆子聽了風就是雨,往後怎麼好。」暫且按下。 因此時湘雲之症已愈,天天過來瞧看,見寶玉明白了,便將他病中狂態形容了與他瞧,引的寶玉自己伏枕而笑。原來他起先那樣竟是不知的,如今聽人說還不信。無人時紫鵑在側,寶玉又拉他的手問道:「你為什麼唬我?」紫鵑道:「不過是哄你頑的,你就認真了。」寶玉道:「你說的那樣有情有理,如何是頑話。」紫鵑笑道:「那些頑話都是我編的。林家實沒了人口,縱有也是極遠的。族中也都不在蘇州住,各省流寓不定。縱有人來接,老太太必不放去的。」寶玉道:「便老太太放去,我也不依。」紫鵑笑道:「果真的你不依?只怕是口裡的話。你如今也大了,連親也定下了,過二三年再娶了親,你眼裡還有誰了?」寶玉聽了,又驚問: 「誰定了親?定了誰?」紫鵑笑道:「年裡我聽見老太太說,要定下琴姑娘呢。不然那麼疼他?」寶玉笑道:「人人只說我傻,你比我更傻。不過是句頑話,他已經許給梅翰林家了。果然定下了他,我還是這個形景了?先是我發誓賭咒砸這勞什子,你都沒勸過,說我瘋的?剛剛的這幾日才好了,你又來慪我。」一面說,一面咬牙切齒的,又說道:「我只願這會子立刻我死了,把心迸出來你們瞧見了,然後連皮帶骨一概都化成一股灰,──灰還有形跡,不如再化一股煙,──煙還可凝聚,人還看見,須得一陣大亂風吹的四面八方都登時散了,這才好!」一面說,一面又滾下淚來。紫鵑忙上來握他的嘴,替他擦眼淚,又忙笑解說道:「你不用著急。這原是我心裡著急,故來試你。」寶玉聽了,更又詫異,問道:「你又著什麼急?」紫鵑笑道:「你知道,我並不是林家的人,我也和襲人鴛鴦是一伙的,偏把我給了林姑娘使。偏生他又和我極好,比他蘇州帶來的還好十倍,一時一刻我們兩個離不開。我如今心裡卻愁,他倘或要去了,我必要跟了他去的。我是合家在這裡,我若不去,辜負了我們素日的情常;若去,又棄了本家。所以我疑惑,故設出這謊話來問你,誰知你就傻鬧起來。」寶玉笑道:「原來是你愁這個,所以你是傻子。從此後再別愁了。我只告訴你一句躉話:活著,咱們一處活著;不活著,咱們一處化灰化煙。如何?」紫鵑聽了,心下暗暗籌畫。忽有人回:「環爺蘭哥兒問候。」寶玉道:「就說難為他們,我才睡了,不必進來。」 婆子答應去了。紫鵑笑道:「你也好了,該放我回去瞧瞧我們那一個去了。」寶玉道:「正是這話。我昨日就要叫你去的,偏又忘了。我已經大好了,你就去罷。」 紫鵑聽說,方打疊鋪蓋妝奩之類。寶玉笑道:「我看見你文具裡頭有三兩面鏡子,你把那面小菱花的給我留下罷。我擱在枕頭旁邊,睡著好照,明兒出門帶著也輕巧。」紫鵑聽說,只得與他留下。先命人將東西送過去,然後別了眾人,自回瀟湘館來。 林黛玉近日聞得寶玉如此形景,未免又添些病癥,多哭幾場。今見紫鵑來了,問其原故,已知大愈,仍遣琥珀去伏侍賈母。夜間人定後,紫鵑已寬衣卧下之時,悄向黛玉笑道:「寶玉的心倒實,聽見咱們去就那樣起來。」黛玉不答。紫鵑停了半晌,自言自語的說道:「一動不如一靜。我們這裡就算好人家,別的都容易,最難得的是從小兒一處長大,脾氣情性都彼此知道的了。」黛玉啐道:「你這幾天還不乏,趁這會子不歇一歇,還嚼什麼蛆。」紫鵑笑道:「倒不是白嚼蛆,我倒是一片真心為姑娘。替你愁了這幾年了,無父母無兄弟,誰是知疼著熱的人?趁早兒老太太還明白硬朗的時節,作定了大事要緊。俗語說『老健春寒秋後熱』,倘或老太太一時有個好歹,那時雖也完事,只怕耽誤了時光,還不得趁心如意呢。公子王孫雖多,那一個不是三房五妾,今兒朝東,明兒朝西?要一個天仙來,也不過三夜五夕,也丟在脖子後頭了,甚至於為妾為丫頭反目成仇的。若娘家有人有勢的還好些,若是姑娘這樣的人,有老太太一日還好一日,若沒了老太太,也只是憑人去欺負了。所以說,拿主意要緊。姑娘是個明白人,豈不聞俗語說:『萬兩黃金容易得,知心一個也難求』。」黛玉聽了,便說道:「這丫頭今兒不瘋了?怎麼去了幾日,忽然變了一個人。我明兒必回老太太退回去,我不敢要你了。」紫鵑笑道:「我說的是好話,不過叫你心裡留神,並沒叫你去為非作歹,何苦回老太太,叫我吃了虧,又有何好處?」說著,竟自睡了。黛玉聽了這話,口內雖如此說,心內未嘗不傷感,待他睡了,便直泣了一夜,至天明方打了一個盹兒。次日勉強盥漱了,吃了些燕窩粥,便有賈母等親來看視了,又囑咐了許多話。 目今是薛姨媽的生日,自賈母起,諸人皆有祝賀之禮。黛玉亦早備了兩色針線送去。是日也定了一本小戲請賈母王夫人等,獨有寶玉與黛玉二人不曾去得。至散時,賈母等順路又瞧他二人一遍,方回房去。次日,薛姨媽家又命薛蝌陪諸伙計吃了一天酒,連忙了三四天方完備。 因薛姨媽看見邢岫煙生得端雅穩重,且家道貧寒,是個釵荊裙布的女兒,便欲說與薛蟠為妻。因薛蟠素習行止浮奢,又恐糟塌人家的女兒。正在躊躇之際,忽想起薛蝌未娶,看他二人恰是一對天生地設的夫妻,因謀之於鳳姐兒。鳳姐兒嘆道:「姑媽素知我們太太有些左性的,這事等我慢謀。」因賈母去瞧鳳姐兒時,鳳姐兒便和賈母說:「薛姑媽有件事求老祖宗,只是不好啟齒的。」賈母忙問何事,鳳姐便將求親一事說了。賈母笑道:「這有什麼不好啟齒?這是極好的事。等我和你婆婆說了,怕他不依?」因回房來,即刻就命人來請邢夫人過來,硬作保山。邢夫人想了一想:薛家根基不錯,且現今大富,薛蝌生得又好,且賈母硬作保山,將計就計便應了。賈母十分喜歡,忙命人請了薛姨媽來。二人見了,自然有許多謙辭。邢夫人即刻命人去告訴邢忠夫婦。他夫婦原是此來投靠邢夫人的,如何不依,早極口的說妙極。賈母笑道:「我愛管個閑事,今兒又管成了一件事,不知得多少謝媒錢?」薛姨媽笑道:「這是自然的。縱抬了十萬銀子來,只怕不希罕。但只一件,老太太既是主親,還得一位才好。」賈母笑道:「別的沒有,我們家折腿爛手的人還有兩個。」說著,便命人去叫過尤氏婆媳二人來。賈母告訴他原故,彼此忙都道喜。賈母吩咐道:「咱們家的規矩你是盡知的,從沒有兩親家爭禮爭面的。如今你算替我在當中料理,也不可太嗇,也不可太費,把他兩家的事周全了回我。」尤氏忙答應了。薛姨媽喜之不盡,回家來忙命寫了請帖補送過寧府。尤氏深知邢夫人情性,本不欲管,無奈賈母親自囑咐,只得應了。惟有忖度邢夫人之意行事。薛姨媽是個無可無不可的人,倒還易說。這且不在話下。 如今薛姨媽既定了邢岫煙為媳,合宅皆知。邢夫人本欲接出岫煙去住,賈母因說:「這又何妨,兩個孩子又不能見面,就是姨太太和他一個大姑,一個小姑,又何妨?況且都是女兒,正好親香呢。」邢夫人方罷。 蝌岫二人前次途中皆曾有一面之遇,大約二人心中也皆如意。只是邢岫煙未免比先時拘泥了些,不好與寶釵姊妹共處閑語;又兼湘雲是個愛取戲的,更覺不好意思。幸他是個知書達禮的,雖有女兒身分,還不是那種佯羞詐愧一味輕薄造作之輩。寶釵自見他時,見他家業貧寒,二則別人之父母皆年高有德之人,獨他父母偏是酒糟透之人,於女兒分中平常;邢夫人也不過是臉面之情,亦非真心疼愛;且岫煙為人雅重,迎春是個有氣的死人,連他自己尚未照管齊全,如何能照管到他身上,凡閨閣中家常一應需用之物,或有虧乏,無人照管,他又不與人張口,寶釵倒暗中每相體貼接濟,也不敢與邢夫人知道,亦恐多心閑話之故耳。如今卻出人意料之外奇緣作成這門親事。岫煙心中先取中寶釵,然後方取薛蝌。有時岫煙仍與寶釵閑話,寶釵仍以姊妹相呼。 這日寶釵因來瞧黛玉,恰值岫煙也來瞧黛玉,二人在半路相遇。寶釵含笑喚他到跟前,二人同走至一塊石壁後,寶釵笑問他:「這天還冷的很,你怎麼倒全換了夾的?」岫煙見問,低頭不答。寶釵便知道又有了原故,因又笑問道:「必定是這個月的月錢又沒得。鳳丫頭如今也這樣沒心沒計了。」岫煙道:「他倒想著不錯日子給,因姑媽打發人和我說,一個月用不了二兩銀子,叫我省一兩給爹媽送出去,要使什麼,橫豎有二姐姐的東西,能著些兒搭著就使了。姐姐想,二姐姐也是個老實人,也不大留心,我使他的東西,他雖不說什麼,他那些媽媽丫頭,那一個是省事的,那一個是嘴裡不尖的?我雖在那屋裡,卻不敢很使他們,過三天五天,我倒得拿出錢來給他們打酒買點心吃才好。因一月二兩銀子還不夠使,如今又去了一兩。前兒我悄悄的把綿衣服叫人當了幾弔錢盤纏。」寶釵聽了,愁眉嘆道:「偏梅家又合家在任上,後年才進來。若是在這裡,琴兒過去了,好再商議你這事。離了這裡就完了。如今不先定了他妹妹的事,也斷不敢先娶親的。如今倒是一件難事。再遲兩年,又怕你熬煎出病來。等我和媽再商議,有人欺負你,你只管耐些煩兒,千萬別自己熬煎出病來。不如把那一兩銀子明兒也越性給了他們,倒都歇心。你以後也不用白給那些人東西吃,他尖刺讓他們去尖刺,很聽不過了,各人走開。倘或短了什麼,你別存那小家兒女氣,只管找我去。並不是作親後方如此,你一來時咱們就好的。便怕人閑話,你打發小丫頭悄悄的和我說去說是了。」岫煙低頭答應了。寶釵又指他裙上一個碧玉珮問道:「這是誰給你的?」岫煙道:「這是三姐姐給的。」寶釵點頭笑道:「他見人人皆有,獨你一個沒有,怕人笑話,故此送你一個。這是他聰明細緻之處。但還有一句話你也要知道,這些妝飾原出於大官富貴之家的小姐,你看我從頭至腳可有這些富麗閑妝?然七八年之先,我也是這樣來的,如今一時比不得一時了,所以我都自己該省的就省了。將來你這一到了我們家,這些沒有用的東西,只怕還有一箱子。咱們如今比不得他們了,總要一色從實守分為主,不比他們才是。」岫煙笑道:「姐姐既這樣說,我回去摘了就是了。」寶釵忙笑道:「你也太聽說了。這是他好意送你,你不佩著,他豈不疑心。我不過是偶然提到這裡,以後知道就是了。」岫煙忙又答應,又問:「姐姐此時那裡去?」寶釵道:「我到瀟湘館去。你且回去把那當票叫丫頭送來,我那裡悄悄的取出來,晚上再悄悄的送給你去,早晚好穿,不然風扇了事大。但不知當在那裡了?」岫煙道: 「叫作『恆舒典』,是鼓樓西大街的。」寶釵笑道:「這鬧在一家去了。伙計們倘或知道了,好說『人沒過來,衣裳先過來』了。」岫煙聽說,便知是他家的本錢,也不覺紅了臉一笑,二人走開。 寶釵就往瀟湘館來。正值他母親也來瞧黛玉,正說閑話呢。寶釵笑道:「媽多早晚來的?我竟不知道。」薛姨媽道:「我這幾天連日忙,總沒來瞧瞧寶玉和他。所以今兒瞧他二個,都也好了。」黛玉忙讓寶釵坐了,因向寶釵道:「天下的事真是人想不到的,怎麼想的到姨媽和大舅母又作一門親家。」薛姨媽道:「我的兒,你們女孩家那裡知道,自古道:『千里姻緣一線牽』。管姻緣的有一位月下老人,預先註定,暗裡只用一根紅絲把這兩個人的腳絆住,憑你兩家隔著海,隔著國,有世仇的,也終久有機會作了夫婦。這一件事都是出人意料之外,憑父母本人都願意了,或是年年在一處的,以為是定了的親事,若月下老人不用紅線拴的,再不能到一處。比如你姐妹兩個的婚姻,此刻也不知在眼前,也不知在山南海北呢。」寶釵道:「惟有媽,說動話就拉上我們。」一面說,一面伏在他母親懷裡笑說:「咱們走罷。」黛玉笑道:「你瞧,這麼大了,離了姨媽他就是個最老道的,見了姨媽他就撒嬌兒。」薛姨媽用手摩弄著寶釵,嘆向黛玉道:「你這姐姐就和鳳哥兒在老太太跟前一樣,有了正經事就和他商量,沒了事幸虧他開開我的心。我見了他這樣,有多少愁不散的。」黛玉聽說,流淚嘆道:「他偏在這裡這樣,分明是氣我沒娘的人,故意來刺我的眼。」寶釵笑道:「媽瞧他輕狂,倒說我撒嬌兒。」薛姨媽道:「也怨不得他傷心,可憐沒父母,到底沒個親人。」又摩娑黛玉笑道:「好孩子別哭。你見我疼你姐姐你傷心了,你不知我心裡更疼你呢。你姐姐雖沒了父親,到底有我,有親哥哥,這就比你強了。我每每和你姐姐說,心裡很疼你,只是外頭不好帶出來的。你這裡人多口雜,說好話的人少,說歹話的人多,不說你無依無靠,為人作人配人疼,只說我們看老太太疼你了,我們也洑上水去了。」黛玉笑道:「姨媽既這麼說,我明日就認姨媽做娘,姨媽若是棄嫌不認,便是假意疼我了。」薛姨媽道:「你不厭我,就認了才好。」寶釵忙道:「認不得的。」黛玉道: 「怎麼認不得?」寶釵笑問道:「我且問你,我哥哥還沒定親事,為什麼反將邢妹妹先說與我兄弟了,是什麼道理?」黛玉道:「他不在家,或是屬相生日不對,所以先說與兄弟了。」寶釵笑道:「非也。我哥哥已經相準了,只等來家就下定了,也不必提出人來,我方纔說你認不得娘,你細想去。」說著,便和他母親擠眼兒發笑。黛玉聽了,便也一頭伏在薛姨媽身上,說道:「姨媽不打他我不依。」薛姨媽忙也摟他笑道:「你別信你姐姐的話,他是頑你呢。」寶釵笑道:「真個的,媽明兒和老太太求了他作媳婦,豈不比外頭尋的好?」黛玉便夠上來要抓他,口內笑說:「你越發瘋了。」薛姨媽忙也笑勸,用手分開方罷。又向寶釵道:「連邢女兒我還怕你哥哥糟踏了他,所以給你兄弟說了。別說這孩子,我也斷不肯給他。前兒老太太因要把你妹妹說給寶玉,偏生又有了人家,不然倒是一門好親。前兒我說定了邢女兒,老太太還取笑說:『我原要說他的人,誰知他的人沒到手,倒被他說了我們的一個去了。』雖是頑話,細想來倒有些意思。我想寶琴雖有了人家,我雖沒人可給,難道一句話也不說。我想著,你寶兄弟老太太那樣疼他,他又生的那樣,若要外頭說去,斷不中意。不如竟把你林妹妹定與他,豈不四角俱全?」林黛玉先還怔怔的,聽後來見說到自己身上,便啐了寶釵一口,紅了臉,拉著寶釵笑道:「我只打你!你為什麼招出姨媽這些老沒正經的話來?」寶釵笑道:「這可奇了!媽說你,為什麼打我?」紫鵑忙也跑來笑道:「姨太太既有這主意,為什麼不和太太說去?」薛姨媽哈哈笑道:「你這孩子,急什麼,想必催著你姑娘出了閣,你也要早些尋一個小女婿去了。」紫鵑聽了,也紅了臉,笑道:「姨太太真個倚老賣老的起來。」說著,便轉身去了。黛玉先罵:「又與你這蹄子什麼相干?」後來見了這樣,也笑起來說:「阿彌陀佛!該,該,該!也臊了一鼻子灰去了!」薛姨媽母女及屋內婆子丫鬟都笑起來。婆子們因也笑道:「姨太太雖是頑話,卻倒也不差呢。到閑了時和老太太一商議,姨太太竟做媒保成這門親事是千妥萬妥的。」薛姨媽道:「我一齣這主意,老太太必喜歡的。」 一語未了,忽見湘雲走來,手裡拿著一張當票,口內笑道:「這是個帳篇子?」黛玉瞧了,也不認得。地下婆子們都笑道:「這可是一件奇貨,這個乖可不是白教人的。」寶釵忙一把接了,看時,就是岫煙才說的當票,忙折了起來。薛姨媽忙說:「那必定是那個媽媽的當票子失落了,回來急的他們找。那裡得的?」湘雲道:「什麼是當票子?」眾人都笑道:「真真是個呆子,連個當票子也不知道。」薛姨媽嘆道:「怨不得他,真真是侯門千金,而且又小,那裡知道這個?那裡去有這個?便是家下人有這個,他如何得見?別笑他呆子,若給你們家的小姐們看了,也都成了呆子。」眾婆子笑道:「林姑娘方纔也不認得,別說姑娘們。此刻寶玉他倒是外頭常走出去的,只怕也還沒見過呢。」 薛姨媽忙將原故講明。湘雲黛玉二人聽了方笑道:「原來為此。人也太會想錢了,姨媽家的當鋪也有這個不成?」眾人笑道:「這又呆了。『天下老鴰一般黑』,豈有兩樣的?」薛姨媽因又問是那裡拾的?湘雲方欲說時,寶釵忙說:「是一張死了沒用的,不知那年勾了帳的,香菱拿著哄他們頑的。」薛姨媽聽了此話是真,也就不問了。一時人來回:「那府里大奶奶過來請姨太太說話呢。」薛姨媽起身去了。 這裡屋內無人時,寶釵方問湘雲何處拾的。湘雲笑道:「我見你令弟媳的丫頭篆兒悄悄的遞與鶯兒。鶯兒便隨手夾在書里,只當我沒看見。我等他們出去了,我偷著看,竟不認得。知道你們都在這裡,所以拿來大家認認。」黛玉忙問:「怎麼,他也當衣裳不成?既當了,怎麼又給你去?」寶釵見問,不好隱瞞他兩個,遂將方纔之事都告訴了他二人。黛玉便說「兔死狐悲,物傷其類」,不免感嘆起來。史湘雲便動了氣說:「等我問著二姐姐去!我罵那起老婆子丫頭一頓,給你們出氣何如?」說著,便要走。寶釵忙一把拉住,笑道:「你又發瘋了,還不給我坐著呢。」黛玉笑道:「你要是個男人,出去打一個報不平兒。你又充什麼荊軻聶政,真真好笑。」湘雲道:「既不叫我問他去,明兒也把他接到咱們苑裡一處住去,豈不好?」寶釵笑道:「明日再商量。」說著,人報:「三姑娘四姑娘來了。」三人聽了,忙掩了口不提此事。要知端的,且聽下回分解。 |
Kapitel 57 Die kluge Purpurkuckuck[1] prüft den stürmischen Schatzjade[2] mit gefühlvollen Worten — Die gütige Tante Schnee[3] tröstet die schwermütige Kajaljade[4] mit liebevollen Reden Es wird erzählt, dass Schatzjade, als er Dame König[5]s Ruf hörte, eilig zu ihr hinüberging. Es stellte sich heraus, dass Dame König ihn mitnehmen wollte, um bei der Dame der Familie Echt[6] einen Besuch zu machen. Schatzjade freute sich natürlich und ging rasch seine Kleider wechseln. Dann begleitete er Dame König dorthin. Als er dort die Verhältnisse des Hauses sah, unterschieden sie sich kaum von denen der Rong-guo-[7] und Stillfriede-Anwesen, nur das eine oder andere mochte ein wenig prächtiger sein. Bei näherem Nachfragen erfuhr er, dass es in der Tat auch dort einen Schatzjade gab. Die Dame der Familie Echt bat sie zum Essen, und erst gegen Abend kehrten sie zurück. Nun war Schatzjade überzeugt. Am Abend, als sie wieder zu Hause waren, befahl Dame König, man solle ein erstklassiges Festmahl richten und eine berühmte Theatertruppe bestellen, um Dame Zhen mit ihrer Tochter einzuladen. Zwei Tage später verabschiedeten sich Mutter und Tochter und kehrten an den Amtssitz zurück. Davon sei hier nicht weiter die Rede. An diesem Tag stellte Schatzjade fest, dass es Xiangfluss-Wolke[8] allmählich besser ging, und ging danach zu Kajaljade. Diese hielt gerade ihren Mittagsschlaf, und Schatzjade wagte nicht, sie zu stören. Da Purpurkuckuck im Wandelgang saß und an einer Nadelarbeit werkte, trat er zu ihr und fragte: „War es letzte Nacht mit dem Husten besser?" Purpurkuckuck antwortete: „Etwas besser." Schatzjade rief lächelnd: „Amitabha Buddha[9]! Wenn sie doch nur endlich gesund würde!" Purpurkuckuck entgegnete lächelnd: „Seit wann rufst du denn den Buddha an? Das ist ja etwas ganz Neues!" Schatzjade lachte: „Es heißt ja auch: 'In der äußersten Not sucht man jeden Arzt auf.'" Während sie so sprachen, bemerkte er, dass sie ein dünnes, mit schwarzer Tusche bespritztes Seidenjäkkchen trug und darüber nur eine gefütterte Weste aus blaugrüner Atlasseide. Schatzjade streckte die Hand aus, betastete ihre Kleidung und sagte: „So dünn angezogen sitzt du auch noch im Durchzug. Bei diesem launischen Frühlingswind und dem schlechten Wetter — wenn du noch krank wirst, wäre das erst recht ein Unglück." Purpurkuckuck erwiderte: „Von nun an wollen wir nur noch miteinander reden, aber ohne uns zu berühren. Von Jahr zu Jahr wirst du älter, und die Leute finden es unanständig, wenn sie das sehen. Die schlimmsten unter dem Gesinde reden hinter deinem Rücken über dich, doch du achtest nie darauf und benimmst dich noch immer wie ein Kind. Wie soll das denn gehen? Das Fräulein trägt uns ständig auf, mit dir weder zu scherzen noch zu lachen. In letzter Zeit hältst du dich ja ohnehin schon von ihr fern, als fürchtest du, ihr nicht fern genug zu sein." Mit diesen Worten stand sie auf, nahm ihr Nähzeug und ging in ein anderes Zimmer. Schatzjade fühlte sich, als hätte man ihm einen Kübel kaltes Wasser über den Kopf gegossen. Er stand da, starrte die Bambusstauden an und fiel in eine Art Erstarrung. Gerade kam eine alte Dienerin, um Bambussprossen auszugraben und die Halme zu stutzen. Wie betäubt ging er hinaus. Seine Seele schien den Körper verlassen zu haben, sein Geist wusste nichts mehr. Er ließ sich auf einen Felsbrocken sinken und versank in Gedanken, und unversehens liefen ihm die Tränen herunter. So saß er da, völlig abwesend, so lange, wie man für fünf oder sechs Mahlzeiten braucht, überlegte hin und her und wusste doch nicht, was er tun sollte. Zufällig kam Schneegans gerade von Dame Königs Gemach zurück, wo sie Ginseng geholt hatte, und kam hier vorbei. Als sie den Kopf wandte, sah sie jemanden unter dem Pfirsichbaum auf einem Stein sitzen, das Kinn in die Hand gestützt, in Gedanken versunken. Es war niemand anders als Schatzjade. Schneegans dachte verwundert: „Wie kalt es ist! Was macht er ganz allein hier? Im Frühling kriegen alle, die eine Schwächlichkeit haben, einen Rückfall — vielleicht ist er wieder in seinen Dummheitswahn verfallen?" Während sie so dachte, ging sie zu ihm hin, hockte sich lächelnd neben ihn und sagte: „Was machst du denn hier?" Schatzjade sah Schneegans und sagte: „Was kommst du mich suchen? Bist du nicht auch ein Mädchen? Wenn sie sich vor Verdacht schützen will und euch verbietet, euch mit mir abzugeben, warum suchst du mich dann auf? Wenn dich jemand sieht, gibt es wieder Gerede. Geh schnell nach Hause!" Schneegans hörte das und dachte, er habe sich wieder mit Kajaljade gestritten. So kehrte sie in Kajaljades Gemach zurück. Kajaljade war noch nicht aufgewacht. Schneegans übergab den Ginseng an Purpurkuckuck. Purpurkuckuck fragte sie: „Was macht die gnädige Frau?" Schneegans antwortete: „Sie hält auch ein Mittagsschläfchen, deshalb musste ich so lange warten. Schwester, hör dir mal was Komisches an: Während ich auf die gnädige Frau wartete, saß ich mit Jade-Armreif unten in der Gesindestube und plauderte. Da winkte mich Nebenfrau Zhao zu sich herüber. Ich dachte, sie wollte mir etwas sagen, aber es war so: Sie hatte von der gnädigen Frau Urlaub bekommen, um draußen bei ihrem Bruder die Totenwache zu halten und am nächsten Tag den Leichenzug zu begleiten. Ihre kleine Zofe, Klein-Glückskind, hatte nichts Passendes zum Anziehen, und so wollte sie sich mein mondweißes Atlasjäkkchen leihen. Ich dachte mir, die haben doch selber auch zwei Sachen zum Wechseln, aber für so einen schmutzigen Anlass wollen sie ihre eigenen nicht hergeben und leihen sich lieber die von anderen. Dass man mir meins schmutzig macht, wäre kein großes Unglück, aber ich dachte, was hat sie mir je Gutes getan? Also sagte ich: 'Meine Kleider und meinen Schmuck hat alles das Fräulein der Schwester Purpurkuckuck zur Aufbewahrung übergeben. Ich müsste erst zu ihr gehen und es ihr sagen, und dann müsste sie das Fräulein fragen. Das Fräulein ist gerade krank, das wäre alles recht umständlich und würde Euch nur beim Aufbruch aufhalten. Leiht Euch die Sachen doch lieber anderswo.'" Purpurkuckuck lachte: „Du kleines Biest, du bist ganz schön schlau! Du leihst es ihr nicht, schiebst aber alles auf mich und das Fräulein, damit sie dir nicht böse sein kann. Ist sie jetzt gleich aufgebrochen, oder geht sie erst morgen früh?" Schneegans antwortete: „Sie wollte gleich gehen. Wahrscheinlich ist sie schon weg." Purpurkuckuck nickte. Schneegans fuhr fort: „Das Fräulein schläft noch. Aber wer hat Schatzjade so zugesetzt? Er sitzt dort und weint." Purpurkuckuck fragte erschrocken, wo das sei. Schneegans sagte: „Hinter dem Duftgetränkten Pavillon, unter dem Pfirsichbaum." Purpurkuckuck hörte es, legte hastig ihr Nähzeug beiseite und wies Schneegans an, gut aufzupassen, falls jemand rufe: „Wenn man nach mir fragt, sag, ich komme gleich." Damit verließ sie die Xiaoxiang-Bambushain und ging schnurstracks Schatzjade suchen. Als sie zu ihm trat, sagte sie lächelnd: „Ich habe doch nur ein paar Worte gesagt, weil ich dachte, es wäre für alle das Beste. Und du läfst schmollend hierher in den Wind und weinst, bis du krank wirst, um mich zu erschrecken." Schatzjade sagte rasch lächelnd: „Wer hat denn geschmollt? Aber als du das gesagt hast, dachte ich, wenn ihr schon so redet, dann denken die anderen bestimmt ebenso, und nach und nach wird sich niemand mehr um mich kümmern. Bei dem Gedanken wurde ich traurig." Purpurkuckuck setzte sich neben ihn. Schatzjade lachte: „Vorhin, als wir uns gegenübersaßen, bist du davongelaufen. Und jetzt setzt du dich neben mich?" Purpurkuckuck sagte: „Hast du das schon vergessen? Vor ein paar Tagen, als ihr beiden euch gerade unterhalten habt, ist Nebenfrau Zhao hereingeplatzt — ich habe eben gehört, dass sie nicht zu Hause ist, deshalb bin ich gekommen, um dich etwas zu fragen. Neulich hast du mit ihr gerade das Wort 'Schwalbennest' ausgesprochen und dann abgebrochen, und es kam nie mehr darauf zurück. Danach wollte ich dich schon die ganze Zeit fragen." Schatzjade sagte: „Nichts Wichtiges. Ich dachte nur, Schwester Schatzspange[10] ist auch nur zu Gast hier. Da sie jetzt Schwalbennessuppe bekommt und das nicht unterbrochen werden darf, wäre es ihr unangenehm, wenn sie uns ständig darum bitten müsste. Andererseits wäre es unpassend, die gnädige Frau direkt darum zu bitten. Also habe ich es bei der Herzoginmutter[11] anklingen lassen, und ich nehme an, die Herzoginmutter hat es mit Phönixglanz besprochen. Ich wollte es Kajaljade noch sagen, bin aber nicht dazu gekommen. Jetzt höre ich, dass ihr täglich ein Liang Schwalbennest bekommt, damit ist ja alles geregelt." Purpurkuckuck sagte: „So war das also! Jetzt, da du es sagst — vielen Dank für deine Mühe. Wir haben uns schon gewundert, warum die Herzoginmutter plötzlich jeden Tag ein Liang Schwalbennest schicken lässt. Jetzt wird alles klar." Schatzjade sagte lächelnd: „Wenn sie sich erst einmal daran gewöhnt hat und es zwei, drei Jahre lang täglich zu sich nimmt, wird es ihr bestimmt besser gehen." Purpurkuckuck sagte: „Wenn sie sich hier daran gewöhnt hat — nächstes Jahr, wenn sie nach Hause geht, wo gibt es dann das Geld für so etwas?" Schatzjade hörte das und fuhr erschrocken auf: „Wer? Nach Hause? In welches Haus?" Purpurkuckuck sagte: „Deine Schwester geht zurück nach Suzhou." Schatzjade lachte: „Du redest ja Unsinn. Suzhou ist zwar ihre Heimat, aber da ihr Vater und ihre Mutter nicht mehr leben und sich niemand um sie kümmern kann, ist sie doch hergekommen. Nächstes Jahr zurückgehen — zu wem denn? Das ist doch offensichtlich gelogen." Purpurkuckuck sagte kühl lächelnd: „Du unterschätzt die Leute. Meint ihr, nur die Kaufmann-Familie sei ein großes Geschlecht mit vielen Mitgliedern? Außer eurer Familie soll es nur eine Mutter und einen Vater geben und in der ganzen Sippe wahrlich keinen einzigen Menschen mehr? Als unser Fräulein herkam, tat sie es, weil die Herzoginmutter sich um sie als kleines Kind sorgte. Zwar hatte sie Onkel, aber die konnten nicht die leiblichen Eltern ersetzen. Deshalb holte die Herzoginmutter sie her, damit sie ein paar Jahre hier wohne. Wenn sie einmal alt genug ist, um zu heiraten, wird man sie natürlich in die Familie Lin zurückschicken. Soll etwa eine Tochter der Familie Lin ihr ganzes Leben bei euch Jias verbringen? Und wenn die Familie Lin so arm wäre, dass es nicht einmal zum Essen reicht — sie sind seit Generationen eine Gelehrtenfamilie und werden ihr Kind bestimmt nicht bei Verwandten lassen, damit die Leute über sie spotten. Also frühestens nächstes Frühjahr, spätestens im Herbst. Selbst wenn man sie von hier nicht fortschickt, wird die Familie Lin bestimmt jemanden schicken, der sie abholt. Neulich hat das Fräulein mir abends noch gesagt, ich solle dir Bescheid geben: Alle die Dinge, mit denen ihr als Kinder gespielt habt — die sie dir geschenkt hat, sollst du zusammensuchen und ihr zurückgeben. Ihre Sachen, die du ihr geschenkt hast, hat sie auch schon zusammengelegt." Schatzjade hörte das, und es war, als hätte ein glühender Blitz über seinem Haupt eingeschlagen. Purpurkuckuck wartete auf seine Antwort, doch er sagte nichts. Da kam Heitermuster und sagte: „Die Herzoginmutter lässt dich rufen. Wer hätte gedacht, dass du hier bist." Purpurkuckuck sagte lächelnd: „Er hat mich nach dem Fräulein und ihrer Krankheit gefragt. Ich habe es ihm eine ganze Weile erklärt, aber er will es einfach nicht glauben. Nimm ihn doch mit." Damit ging sie zurück in ihre Gemächer. Heitermuster sah, dass er starr vor sich hin blickte, am ganzen Körper schwitzte und ein ganz purpur angelaufenes Gesicht hatte. Rasch nahm sie ihn an der Hand und führte ihn geradewegs ins Yihong-Yuan zurück. Als Dufthauch[12] ihn so sah, erschrak sie und dachte, er habe sich bei diesem Wetter eine Erkältung zugezogen und der heiße Schweiß sei vom Wind geschlagen worden. Aber nicht nur, dass Schatzjade Fieber hatte — seine Augen wurden starr und glasig, aus seinen Mundwinkeln lief Speichel, ohne dass er es bemerkte. Gab man ihm ein Kissen, legte er sich hin; hob man ihn auf, blieb er sitzen; bot man ihm Tee an, trank er ihn. Als alle ihn so sahen, brach große Aufregung aus. Man wagte nicht, es sofort der Herzoginmutter zu melden, und schickte zunächst nach der alten Amme Li. Als die alte Amme Li kam, betrachtete sie ihn eine ganze Weile, stellte ihm ein paar Fragen, die er nicht beantwortete, fühlte an seinem Handgelenk den Puls und drückte ihm kräftig auf die Oberlippe und den Bereich unter der Nase, so fest, dass die Fingerspuren tiefe Male hinterließen — doch er zeigte nicht das geringste Schmerzempfinden. Die alte Amme Li stieß nur ein „Das kann doch nicht wahr sein!" hervor, rief „Oh je!" und umklammerte ihn unter lautem Schluchzen. In ihrer Angst zog Dufthauch sie zur Seite und sagte: „Schaut Euch doch den Zustand an, Großmutter — ist das schlimm oder nicht? Sagt uns doch wenigstens, dass wir es der Herzoginmutter und der gnädigen Frau melden können. Statt dessen fangt Ihr gleich an zu heulen!" Die alte Amme Li schlug auf das Bett und warf sich auf das Kissen: „Jetzt ist es aus mit ihm! Umsonst habe ich mir ein ganzes Leben lang Sorgen um ihn gemacht!" Dufthauch und die anderen hatten sie gerufen, weil sie als betagte Frau am meisten Erfahrung hatte. Da sie nun so sprach, glaubten alle, es sei ernst, und begannen ebenfalls zu weinen. Heitermuster erzählte Dufthauch, was sich zugetragen hatte. Dufthauch hörte es und eilte sofort zur Xiaoxiang-Bambushain. Dort war Purpurkuckuck gerade dabei, Kajaljade ihre Medizin zu reichen. Ohne Rücksicht auf irgendetwas ging Dufthauch auf Purpurkuckuck zu und sagte: „Was hast du unserem Schatzjade gesagt? Geh hin und sieh ihn dir an! Melde es der Herzoginmutter! Ich kümmere mich nicht mehr darum!" Damit setzte sie sich auf einen Stuhl. Kajaljade, die Dufthauchs aufgelöstes, zornesrotes, tränenverschmiertes Gesicht und ihr völlig verändertes Benehmen sah, erschrak ebenfalls und fragte, was denn geschehen sei. Dufthauch fasste sich einen Augenblick und weinte dann: „Ich weiß nicht, was Fräulein Purpurkuckuck ihm erzählt hat, aber dem Dummkopf sind die Augen starr geworden, die Hände und Füße kalt, er sagt kein Wort mehr, und wenn man ihn kneift, spürt er es nicht. Er ist schon mehr als zur Hälfte tot! Selbst die alte Amme Li sagt, es sei hoffnungslos, und hat angefangen zu heulen. Wahrscheinlich ist er inzwischen schon ganz tot!" Als Kajaljade das hörte — die alte Amme Li war eine erfahrene Frau, und wenn sie sagte, es sei hoffnungslos, dann war es wirklich hoffnungslos —, würgte sie auf, und alle Medizin, die sie eben eingenommen hatte, kam ihr wieder herauf. Ein Hustenanfall schüttelte sie, vom Magen bis zur Leber, vom Zwerchfell bis zur Lunge, so heftig, dass ihr Gesicht glutrot wurde, die Haare sich lösten, die Augen anschwollen und die Adern hervortraten. Sie konnte den Kopf kaum noch heben, so schwer ging ihr der Atem. Purpurkuckuck klopfte ihr hastig den Rücken. Kajaljade stützte sich auf das Kissen und rang nach Luft. Dann stieß sie Purpurkuckuck weg und sagte: „Du brauchst mir nicht den Rücken zu klopfen! Nimm lieber einen Strick und erwürge mich, das wäre das Gescheiteste!" Purpurkuckuck weinte: „Ich habe doch gar nichts Besonderes gesagt, nur ein paar Worte zum Spaß, und er hat es gleich für bare Münze genommen." Dufthauch sagte: „Kennst du ihn denn immer noch nicht? Dieser Narr nimmt jedes Scherzwort ernst." Kajaljade sagte: „Was hast du gesagt? Geh schnell hin und erklär es ihm, dann wacht er vielleicht wieder auf." Als Purpurkuckuck das hörte, sprang sie aus dem Bett und ging mit Dufthauch zusammen zum Yihong-Yuan. Dort waren die Herzoginmutter, Dame König und alle anderen schon versammelt. Kaum erblickte die Herzoginmutter Purpurkuckuck, sprühten ihre Augen Feuer, und sie herrschte sie an: „Was hast du ihm gesagt, du freches Ding?" Purpurkuckuck stammelte: „Gar nichts Besonderes, nur ein paar Worte im Scherz." Doch kaum sah Schatzjade Purpurkuckuck, ließ er ein „Ach!" hören und brach in Tränen aus. Als die Anwesenden das sahen, fiel ihnen ein Stein vom Herzen. Die Herzoginmutter hielt Purpurkuckuck fest — sie nahm an, sie habe Schatzjade beleidigt, und wollte sie schlagen lassen. Doch Schatzjade klammerte sich an Purpurkuckuck und ließ sie unter keinen Umständen los: „Wenn sie geht, dann nehmt mich mit!" Niemand verstand, was er meinte. Bei näherer Erkundigung stellte sich heraus, dass Purpurkuckucks Scherzwort, Kajaljade werde „nach Suzhou zurückgehen", den ganzen Aufruhr verursacht hatte. Die Herzoginmutter sagte unter Tränen: „Ich dachte, es wäre etwas Ernstes, und es war nur dieser Scherz!" Dann wandte sie sich an Purpurkuckuck: „Du warst doch immer ein so kluges und aufgewecktes Kind. Du weißt doch, dass er einen Tick hat — warum hast du ihn grundlos so in die Irre geführt?" Tante Schnee beschwichtigte: „Schatzjade hat eben ein ehrliches Herz. Und Fräulein Lin ist von klein auf hier, die beiden sind zusammen aufgewachsen und kennen einander in- und auswendig. Da ist es doch klar, dass die Vorstellung, sie könne weggehen, ihn völlig aus der Fassung bringt. Nicht nur ein naives, treuherziges Kind wie ihn — selbst einen kühlen, hartgesottenen Erwachsenen würde das rühren. Es ist nichts Ernstes, die Herzoginmutter und die gnädige Frau können ganz beruhigt sein. Ein, zwei Dosen Arznei, und er ist wieder auf dem Damm." Während sie noch sprachen, wurde gemeldet, dass Frau Lin Zhixiao und Frau Shan Daliang Schatzjade besuchen kämen. Die Herzoginmutter sagte: „Wie aufmerksam von ihnen! Lasst sie herein, damit sie ihn sehen können." Aber kaum hörte Schatzjade das Wort „Lin", warf er sich im Bett hin und her und schrie: „Es ist soweit! Leute von der Familie Lin sind gekommen, sie abzuholen! Jagt sie fort!" Die Herzoginmutter sagte hastig: „Ja, jagt sie fort!" Dann beruhigte sie ihn eilig: „Das sind keine Leute der Familie Lin. Die Lins sind alle ausgestorben, niemand kommt, sie abzuholen. Sei ganz beruhigt!" Schatzjade schluchzte: „Egal wer es ist — außer Schwester Kajaljade darf niemand den Namen Lin tragen!" Die Herzoginmutter sagte: „Es kommt niemand mit dem Namen Lin. Alle, die Lin heißen, habe ich fortgejagt." Und zu den Anwesenden gewandt: „Von jetzt an darf Frau Lin Zhixiao nicht mehr in den Garten kommen, und ihr dürft das Wort 'Lin' auch nicht mehr aussprechen. Seid so gut, Kinder, und hört auf mich!" Alle beeilten sich zuzustimmen und mussten sich das Lachen verbeißen. Da fiel Schatzjades Blick auf ein westliches Segelschiffmodell aus Gold auf dem Vielerlei-Regal. Er zeigte darauf und rief aufgeregt: „Da! Das ist das Schiff, das sie abholen soll! Es hat dort angelegt!" Hastig befahl die Herzoginmutter, es herunterzunehmen. Dufthauch nahm es eilig herunter. Schatzjade streckte die Hände danach aus. Dufthauch reichte es ihm, und er steckte es unter seine Bettdecke und lachte: „Jetzt kann sie nicht mehr fahren!" Dabei hielt er mit einer Hand die Decke fest und mit der anderen Purpurkuckuck und ließ sie nicht los. Dann wurde gemeldet, der Arzt sei da. Die Herzoginmutter befahl, man solle ihn sofort hereinlassen. Dame König, Tante Schnee, Schatzspange und die anderen zogen sich vorerst in den hinteren Raum zurück, und die Herzoginmutter setzte sich aufrecht neben Schatzjades Bett. Der Kaiserliche Leibarzt König trat ein, und als er die vielen Anwesenden sah, begrüsste er eilig die Herzoginmutter und fühlte Schatzjades Puls. Purpurkuckuck hielt derweil den Kopf gesenkt. Der Leibarzt König verstand nicht, was das zu bedeuten hatte. Er erhob sich und sagte: „Die Erkrankung des jungen Herrn ist ein Fall von akutem Schmerz, der das Bewusstsein trübte. Die Alten unterschieden verschiedene Arten der Bewusstlosigkeit durch Schleimansammlung: Einmal kann sie durch Erschöpfung von Blut und Lebenskraft entstehen, wenn Essen und Trinken nicht mehr verdaut werden können; dann kann sie durch Zorn und Ärger ausgelöst werden, wenn der Schleim sich ballt; und schließlich kann akuter Schmerz sie verursachen, wenn er den Körper blockiert. Dies hier ist eine Bewusstlosigkeit durch Schleimansammlung, hervorgerufen durch akuten Schmerz, und nicht mehr als eine vorübergehende Verstopfung der Sinne. Verglichen mit anderen Formen der Bewusstlosigkeit ist sie leichter." Die Herzoginmutter sagte: „Sag mir nur, ob es gefährlich ist oder nicht. Wer braucht dein Lehrbuch!" Der Leibarzt König verbeugte sich lächelnd und sagte: „Keine Gefahr, keine Gefahr." Die Herzoginmutter fragte: „Wirklich nicht?" Der Leibarzt König antwortete: „Wirklich nicht. Ich bürge dafür mit meinem Kopf." Die Herzoginmutter sagte: „Wenn dem so ist, dann geh hinaus, setz dich und schreib das Rezept. Wenn die Medizin wirkt, lasse ich dir ein besonderes Dankesgeschenk zubereiten, und er wird es persönlich überbringen und sich vor dir verneigen. Wenn du aber versagst, schicke ich Leute, die dir die Kaiserliche Ärzteakademie über dem Kopf abreißen!" Der Leibarzt König verbeugte sich nur lächelnd und sagte: „Aber nein, aber nein." Als er gehört hatte, dass ein „besonderes Dankesgeschenk" bereitet werde und Schatzjade persönlich kommen solle, um sich vor ihm zu verneigen, hatte er „Aber nein" gesagt, ohne die spätere Drohung mit der Ärzteakademie überhaupt gehört zu haben. So sagte er immer noch „Aber nein", woraufhin die Herzoginmutter und alle anderen lachen mussten. Man bereitete die Arznei nach dem Rezept zu und gab sie Schatzjade ein, und tatsächlich wurde er ruhiger als zuvor. Nur wollte er Purpurkuckuck um keinen Preis loslassen — wenn sie ging, hiess das für ihn, sie würde nach Suzhou zurückkehren. Die Herzoginmutter und Dame König wussten sich keinen Rat und befahlen Purpurkuckuck, bei ihm zu bleiben. An ihrer Stelle schickten sie Hupo, um Kajaljade zu bedienen. Kajaljade schickte von Zeit zu Zeit Schneegans, um Nachrichten zu bringen; so wusste sie über alles Bescheid und seufzte im Stillen. Zum Glück wussten alle, dass Schatzjade von jeher etwas sonderbar war und er und Kajaljade von Kindheit an besonders eng miteinander gewesen waren. So war Purpurkuckucks Scherz nichts Ungewöhnliches und Schatzjades Krankheit kein seltener Vorfall. Niemand kam deshalb auf andere Gedanken. Am Abend, als Schatzjade etwas ruhiger geworden war, kehrten die Herzoginmutter und Dame König in ihre Gemächer zurück. Im Laufe der Nacht schickten sie noch mehrmals Leute, um nach ihm zu fragen. Die alte Amme Li, zusammen mit der alten Frau Song und einigen anderen bejahrten Frauen, wachte aufmerksam bei ihm. Purpurkuckuck, Dufthauch, Heitermuster und die anderen waren Tag und Nacht an seiner Seite. Wenn Schatzjade einschlief, erwachte er stets aus einem Traum und schrie auf. Entweder weinte er und sagte, Kajaljade sei fortgegangen, oder er behauptete, jemand sei gekommen, sie abzuholen. Immer wenn er so auffuhr, musste Purpurkuckuck ihn erst beruhigen, bevor er sich wieder fasste. Die Herzoginmutter ließ allerlei kostbare Arzneien bringen — Pillen zur Austreibung böser Einflüsse, Pulver zur Öffnung der Sinne und andere geheime Heilmittel aus den Palastapotheken —, die man ihm nach Vorschrift verabreichte. Am nächsten Tag bekam er auch wieder die Medizin des Leibarztes König und wurde allmählich besser. Im Grunde war Schatzjades Verstand klar, doch aus Angst, Purpurkuckuck könne gehen, spielte er zuweilen den Verrückten. Purpurkuckuck hatte sich seit jenem Tag aufrichtig geschämt. Jetzt pflegte sie ihn Tag und Nacht ohne jeden Unmut. Dufthauch und die anderen fühlten sich beruhigt. Lächelnd sagten sie zu Purpurkuckuck: „Du hast das alles angerichtet, und du musst es auch wieder heilen. Man hat ja noch nie gesehen, dass unser Dummkopf jeden Wind gleich für Regen nimmt. Was soll nur später werden!" Doch davon sei vorerst nicht weiter die Rede. Da Xiang-Flusswolke Geschichtes Krankheit inzwischen völlig ausgeheilt war, kam sie jeden Tag zu Besuch. Als Schatzjade wieder bei Sinnen war, schilderte sie ihm sein Verhalten während der Krankheit so anschaulich, dass er lachend den Kopf ins Kissen drückte. Was man ihm erzählte, konnte er gar nicht glauben, denn an sein früheres Gebaren erinnerte er sich überhaupt nicht. Wenn niemand sonst zugegen war und nur Purpurkuckuck an seiner Seite saß, nahm er sie bei der Hand und fragte: „Warum hast du mich so erschreckt?" Purpurkuckuck antwortete: „Es war nur ein Scherz, und du hast es gleich ernst genommen." Schatzjade sagte: „Du hast es so überzeugend erzählt — wie soll das ein Scherz gewesen sein?" Purpurkuckuck lachte: „Alles, was ich gesagt habe, war frei erfunden. Die Familie Lin hat wirklich keine nahen Angehörigen mehr. Selbst die entfernten Verwandten leben nicht in Suzhou, sie sind über das ganze Land verstreut. Und selbst wenn jemand käme, sie abzuholen — die Herzoginmutter würde sie bestimmt nicht gehen lassen." Schatzjade sagte: „Selbst wenn die Herzoginmutter sie gehen ließe — ich würde es nicht zulassen." Purpurkuckuck lachte: „Du würdest es nicht zulassen? Das sagst du so leicht. Bald bist du groß genug, und man hat dir sicher schon eine Braut ausgesucht. Wenn du dann in ein paar Jahren geheiratet hast, wirst du dich für niemanden mehr interessieren." Schatzjade hörte das und fragte erschrocken: „Wer hat eine Braut ausgesucht? Und wen?" Purpurkuckuck lachte: „Vergangenes Jahr habe ich gehört, wie die Herzoginmutter sagte, sie wolle Kostbarzither Schnee für dich bestimmen. Warum sollte sie sie sonst so verwöhnen?" Schatzjade lachte: „Alle sagen, ich sei dumm — du bist noch dümmer als ich. Das war nur ein Spaß. Kostbarzither Schnee ist doch schon der Familie Mei, des Hanlin-Akademikers, versprochen. Wenn sie wirklich für mich bestimmt wäre, würde ich mich dann so benehmen? Erst habe ich geschworen und geflucht und wollte dieses Ding da zerschlagen — hast du mich nicht damals für verrückt erklärt? Gerade in diesen Tagen ging es mir etwas besser, und du fängst wieder an, mich zu quälen." Während er sprach, knirschte er mit den Zähnen und sagte: „Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als auf der Stelle zu sterben! Dann würde man mir das Herz herausschneiden und ihr könntet es sehen! Und dann sollen Haut und Knochen zu Asche werden — aber Asche hat noch Gestalt, also lieber zu Rauch — aber Rauch kann sich noch zusammenballen und man kann ihn sehen —, nein, es müsste ein gewaltiger Sturm kommen und alles in alle vier Himmelsrichtungen auf einmal zerstreuen, das wäre das Richtige!" Während er sprach, kullerten ihm wieder die Tränen herunter. Purpurkuckuck legte ihm rasch die Hand auf den Mund, wischte ihm die Tränen ab und sagte beschwichtigend lächelnd: „Du brauchst dich nicht aufzuregen. Es war deshalb, weil mir selber etwas Sorgen machte, und ich wollte dich auf die Probe stellen." Schatzjade hörte das, noch erstaunter, und fragte: „Was macht dir denn Sorgen?" Purpurkuckuck lächelte: „Weißt du, ich bin gar nicht aus der Familie Lin. Ich gehöre eigentlich wie Dufthauch und Mandarinenente[13] zum Haushalt hier und wurde nur dem Fräulein Lin zur Bedienung zugeteilt. Und doch sind wir beide so eng miteinander, enger als mit Schneegans, die sie aus Suzhou mitgebracht hat, zehnmal so vertraut — wir können keinen Augenblick ohne einander sein. Nun mache ich mir aber Sorgen: Wenn sie einmal fortgeht, muss ich unbedingt mit ihr gehen. Meine ganze Familie ist hier — wenn ich nicht mitgehe, verrate ich unsere innige Verbundenheit; wenn ich mitgehe, lasse ich meine eigene Familie zurück. Das bedrückt mich. Deshalb habe ich diese Lüge ersonnen und dich gefragt, und du bist gleich durchgedreht." Schatzjade lachte: „Also machst du dir darüber Sorgen! Dann bist du die Dumme. Von jetzt an brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen. Ich sage dir nur eins — um alles zusammenzufassen: Wenn wir leben, leben wir zusammen; und wenn wir nicht mehr leben, werden wir gemeinsam zu Asche und zu Rauch. Wie wäre das?" Purpurkuckuck hörte das und begann insgeheim Pläne zu schmieden. Da wurde gemeldet: „Der junge Herr Huan und der junge Herr Lan lassen nach dem Befinden fragen." Schatzjade sagte: „Danke ihnen in meinem Namen. Ich bin gerade erst eingeschlafen, sie brauchen nicht hereinzukommen." Die alte Dienerin ging. Purpurkuckuck lächelte: „Es geht dir ja schon besser. Lass mich jetzt zurückgehen und nach unserem Fräulein sehen." Schatzjade sagte: „Richtig, daran wollte ich dich schon gestern erinnern und habe es vergessen. Es geht mir wirklich viel besser, geh nur." Purpurkuckuck packte Bettzeug und Toilettensachen zusammen. Schatzjade lächelte: „In deiner Schreibschatulle habe ich drei Spiegel gesehen. Lass mir den kleinen mit dem Rankenblumen-Muster da. Ich stelle ihn neben mein Kopfkissen, dann kann ich mich im Liegen darin betrachten, und wenn ich ausgehe, ist er leicht zu tragen." Purpurkuckuck blieb nichts anderes übrig, als ihm den Spiegel zu lassen. Sie ließ erst jemanden ihre Sachen hinübertragen, verabschiedete sich dann von allen und kehrte in die Xiaoxiang-Bambushain zurück. Kajaljade hatte in den letzten Tagen von Schatzjades Zustand gehört, und das hatte ihre eigene Krankheit verschlimmert. Sie hatte öfter geweint als sonst. Als jetzt Purpurkuckuck kam und nach dem Grund gefragt wurde, war zu erfahren, dass er sich bereits erholt hatte. So schickte man Hupo zurück, damit sie wieder der Herzoginmutter aufwarte. Nachts, als alle zur Ruhe gegangen waren und Purpurkuckuck sich schon zum Schlafen ausgezogen und hingelegt hatte, sagte sie leise lächelnd zu Kajaljade: „Schatzjades Herz ist aufrichtig. Kaum hörte er, wir würden weggehen, hat er sich so aufgeführt." Kajaljade antwortete nicht. Purpurkuckuck wartete eine Weile und sprach dann, als führe sie ein Selbstgespräch: „Lieber in der Ruhe bleiben, als etwas in Bewegung setzen. Hier sind wir gut aufgehoben, bei einer angesehenen Familie. Alles andere mag sich fügen, aber das Schwerste ist doch, jemanden zu finden, mit dem man von Kind auf zusammen aufgewachsen ist, dessen Art und Wesen man durch und durch kennt." Kajaljade schalt: „Bist du noch nicht müde nach all den Tagen? Jetzt, wo du ein wenig Ruhe hast, ruhst du dich nicht aus, sondern kaust an solchem Unsinn!" Purpurkuckuck lächelte: „Es ist kein leeres Geschwatz. Ich meine es wirklich gut mit Euch, Fräulein. Seit Jahren mache ich mir für Euch Sorgen. Ohne Vater, ohne Mutter, ohne Brüder — wer sorgt sich wirklich um Euch? Solange die Herzoginmutter noch bei klarem Verstand und rüsteriger Gesundheit ist, sollte man die große Sache festmachen. Es heißt im Sprichwort: 'Der Alte kann plötzlich straucheln, wie der Frühling plötzlich friert und der Herbst plötzlich hitzt.' Sollte der Herzoginmutter einmal etwas zustossen, dann wird zwar auch alles seinen Lauf nehmen, aber die beste Zeit wäre dann vorbei, und es käme vielleicht nicht mehr so, wie man es sich wünscht. Die Söhne und Enkel der edlen Familien — wer unter ihnen hat nicht drei Nebenfrauen und fünf Konkubinen, heute der einen zugewandt, morgen der anderen? Und käme eine Himmelsfee daher, nach drei Nächten hätte er sie schon vergessen. Und erst wenn es wegen der Nebenfrauen und Zofen zum Streit kommt! Wer eine einflussreiche Familie im Rücken hat, kommt noch glimpflich davon. Aber jemand in Eurer Lage, Fräulein — solange die Herzoginmutter lebt, ist jeder Tag ein guter Tag. Wenn sie einmal nicht mehr ist, dann seid Ihr den Launen anderer ausgeliefert. Deshalb sage ich: Trefft eine Entscheidung, solange es noch geht! Das Fräulein ist eine kluge Frau — kennt Ihr nicht das Sprichwort: 'Zehntausend Liang Gold sind leicht zu bekommen, doch ein wahres Herz zu finden schwer'?" Kajaljade sagte: „Dieses Mädchen ist heute wirklich übergeschnappt. Warum hat sie sich in diesen paar Tagen völlig verändert? Morgen werde ich die Herzoginmutter bitten, dich zurückzunehmen. Ich wage es nicht, dich länger bei mir zu haben." Purpurkuckuck lachte: „Ich sage doch nur Gutes, ich bitte Euch nur, in Eurem Herzen aufzupassen. Ich habe Euch doch nicht aufgefordert, etwas Schlechtes zu tun. Warum wollt Ihr dann zur Herzoginmutter gehen und mich bestrafen lassen? Welchen Nutzen hätte das?" Mit diesen Worten schlief sie ein. Kajaljade hatte zwar so gesprochen, doch im Inneren war sie tief berührt. Nachdem Purpurkuckuck eingeschlafen war, weinte sie die ganze Nacht und schlief erst gegen Morgen kurz ein. Am nächsten Tag zwang sie sich, aufzustehen, sich zu waschen und ein wenig Schwalbennestsuppenreis zu essen. Da kamen auch schon die Herzoginmutter und die anderen, um nach ihr zu sehen und ihr noch allerhand aufzutragen. Es war gerade Tante Schnees Geburtstag. Von der Herzoginmutter angefangen hatte jeder Glückwünsche und Geschenke gesandt. Auch Kajaljade hatte schon zwei Sätze Nadelarbeiten vorbereitet. An diesem Tag wurde auch eine kleine Theateraufführung arrangiert, um die Herzoginmutter und Dame König zu unterhalten. Nur Schatzjade und Kajaljade konnten nicht dabei sein. Am Abend schauten die Herzoginmutter und die anderen auf dem Heimweg noch bei den beiden vorbei, dann erst kehrten sie in ihre Gemächer zurück. Am nächsten Tag lud Tante Schnee über ihren Neffen Xü Ke die Geschäftspartner zu einem Gelage ein. So vergingen geschäftig drei bis vier Tage. Da Tante Schnee an Höhlennebel Strafe ein gesittetes, zurückhaltendes und aus bescheidenen Verhältnissen stammendes Mädchen sah — eine wahre „Dornhaarnadel und Leinenrock-Tochter" —, dachte sie zunächst daran, sie mit Xü Pan zu vermählen. Da jedoch Xü Pans Lebenswandel für seine Ausschweifungen bekannt war, fürchtete sie, er könne ein solches Mädchen zugrunde richten. Während sie noch zögerte, fiel ihr ein, dass Xü Ke noch unverheiratet war. Sie betrachtete die beiden und fand, sie seien wie füreinander geschaffen. So besprach sie die Sache mit Phönixglanz. Phönixglanz seufzte: „Die Tante kennt unsere gnädige Frau — sie hat manchmal einen Dickkopf. Überlasst das mir, ich werde behutsam vorgehen." Als die Herzoginmutter einmal Phönixglanz besuchte, sagte diese: „Tante Schnee hat eine Bitte an die Herzoginmutter, traut sich aber nicht, damit herauszurücken." Die Herzoginmutter fragte sofort, worum es gehe, und Phönixglanz berichtete von dem Heiratsplan. Die Herzoginmutter lächelte: „Was ist denn daran so schwer auszusprechen? Das ist eine ausgezeichnete Sache! Ich werde mit deiner Schwiegermutter darüber reden — als ob die etwas dagegen hätte!" Zurück in ihren Gemächern, ließ sie sofort Dame Strafe[14] kommen und übernahm höchstpersönlich die Rolle der Ehestifterin. Dame Strafe überlegte kurz: Die Familie Xü hatte ein solides Fundament und war gegenwärtig sehr wohlhabend, Xü Ke war ein gutaussehender junger Mann, und die Herzoginmutter bestand darauf — also stimmte sie zu. Die Herzoginmutter war hocherfreut und ließ sofort Tante Schnee rufen. Als die beiden sich sahen, gab es natürlich viele höfliche Worte. Dame Strafe schickte sogleich jemanden, um Xing Zhong und seine Frau zu benachrichtigen. Die beiden waren ja gerade zu dem Zweck hergekommen, sich unter Dame Strafes Schutz zu stellen — wie hätten sie nicht zustimmen sollen? Beide sagten begeistert, es sei wunderbar. Die Herzoginmutter sagte lächelnd: „Ich habe es gern, mich in fremde Angelegenheiten einzumischen. Heute habe ich wieder eine Sache zustande gebracht — wieviel Vermittlungsgeld bekomme ich wohl?" Tante Schnee lachte: „Das versteht sich von selbst. Auch wenn man Ihnen zehntausend Liang Silber brächte, würden Sie das wohl kaum zu schätzen wissen. Aber eins muss ich sagen: Da die Herzoginmutter die Brautseite vertritt, braucht man noch jemanden für die Bräutigamsseite." Die Herzoginmutter lächelte: „Sonst habe ich nicht viel, aber ein paar alte Knochen mit lahmen Beinen und Armen lassen sich in unserem Haushalt schon auftreiben." Damit ließ sie Dame Sonders und ihre Schwiegertochter kommen. Die Herzoginmutter erzählte ihnen die Sache, und alle gratulierten einander. Dann wies die Herzoginmutter Dame Sonders an: „Du kennst die Regeln unseres Hauses zur Genüge. Bei uns haben sich nie die beiden Familien wegen der Geschenke und der Äußerlichkeiten gestritten. Kümmere du dich in meinem Auftrag darum — nicht zu geizig, nicht zu verschwenderisch — und sorge dafür, dass es beiden Familien recht ist, dann berichte mir." Dame Sonders stimmte eilig zu. Tante Schnee war überglücklich und ließ zu Hause sofort eine Einladungskarte für das Stillfriede-Anwesen schreiben. Dame Sonders kannte Dame Strafes Art nur zu gut und hätte sich am liebsten nicht eingemischt, doch da die Herzoginmutter sie persönlich beauftragt hatte, blieb ihr nichts anderes übrig, als zuzustimmen. Sie richtete sich ganz nach Dame Strafes Wünschen. Tante Schnee war in solchen Dingen unkompliziert und leicht zufriedenzustellen. Doch das braucht hier nicht weiter erörtert zu werden. Nun, da Tante Schnee Höhlennebel Strafe als künftige Schwiegertochter bestimmt hatte, wusste es das ganze Anwesen. Dame Strafe wollte Xiuyan eigentlich zu sich holen. Die Herzoginmutter aber sagte: „Was macht das schon? Die beiden jungen Leute sehen sich doch nicht. Und für die Tante ist Xiuyan einmal die ältere Schwiegertochter und einmal die jüngere — was soll daran falsch sein? Außerdem sind es alles Mädchen, die können doch ganz vertraut miteinander umgehen." Daraufhin gab Dame Strafe nach. Xü Ke und Xiuyan waren sich ja schon auf der Reise flüchtig begegnet, und im Grunde waren wohl beide im Stillen zufrieden. Nur war Xiuyan im Umgang mit den Schwestern Schatzspange jetzt natürlich etwas befangener als früher, zumal Xiangfluss-Wolke gerne neckte, was die Sache nicht leichter machte. Zum Glück war Xiuyan ein gebildetes, wohlerzogenes Mädchen, das sich zwar seiner mädchenhaften Zurückhaltung bewusst war, aber nicht zu jener Sorte gehörte, die falsche Scham und gespielte Scheu zur Schau stellt. Schatzspange hatte, seit sie Xiuyan kannte, bemerkt, dass erstens deren Familie arm war, zweitens, dass die Eltern aller anderen angesehene, würdige Leute waren, während Xiuyans Eltern ausgemachte Säufer waren und als Väter einer Tochter nichts taugten, drittens, dass auch Dame Strafe ihre Zuneigung nur zum Schein zeigte, und viertens, dass Xiuyan ein feinsinniges und zurückhaltendes Wesen hatte. Willkommensfrühling war wie eine Tote, die noch atmet — sie konnte sich kaum um sich selber kümmern, geschweige denn um jemand anderen. Wenn es Xiuyan an irgendeinem alltäglichen Bedarf mangelte, kümmerte sich niemand darum, und sie selber bat nie jemanden. Schatzspange half ihr daher insgeheim mit dem Nötigsten aus, ohne Dame Strafe davon wissen zu lassen, denn sie fürchtete deren argwöhnisches Gerede. Jetzt nun hatte sich, ganz unerwartet, diese wundersame Verbindung ergeben. Im Herzen hatte Xiuyan sich zuerst für Schatzspange entschieden und dann erst für Xü Ke. Wenn Xiuyan und Schatzspange sich unterhielten, nannte Schatzspange sie weiterhin „Schwester". Eines Tages kam Schatzspange, um Kajaljade zu besuchen, und traf unterwegs auf Xiuyan, die ebenfalls auf dem Weg zu Kajaljade war. Lächelnd winkte Schatzspange sie zu sich, und die beiden gingen zusammen bis zu einer Felswand, wo Schatzspange sie lächelnd fragte: „Es ist doch noch recht kalt — warum hast du alles gegen ungefütterte Sachen getauscht?" Xiuyan senkte den Blick und gab keine Antwort. Schatzspange ahnte, dass es wieder einen Grund gab, und fragte lächelnd weiter: „Bestimmt hast du diesen Monat wieder kein Taschengeld bekommen. Ist Phönixglanz inzwischen so nachlassig geworden?" Xiuyan sagte: „Sie denkt schon daran und zahlt pünktlich. Aber die Tante hat jemanden geschickt und mir sagen lassen, von meinen monatlichen zwei Liang Silber solle ich ein Liang meinen Eltern geben. Für alles andere könne ich ja die Sachen der zweiten Schwester mitbenutzen. Aber Schwester, bedenke doch: Die zweite Schwester ist auch ein schlichtes Gemüt und achtet nicht sehr auf solche Dinge. Wenn ich ihre Sachen benutze, sagt sie zwar nichts, aber ihre Zofen und alten Dienerinnen — die sind alle unangenehm und haben spitze Zungen. Obwohl ich dort wohne, traue ich mich kaum, sie um etwas zu bitten. Alle paar Tage muss ich ihnen sogar noch Geld geben, damit sie sich Wein und Leckereien kaufen. Meine zwei Liang Silber im Monat reichen hinten und vorne nicht, und jetzt fehlt auch noch ein Liang. Neulich habe ich heimlich meine gefütterten Winterkleider zum Pfandleiher gebracht und ein paar Strings Kupfergeld dafür bekommen." Schatzspange hörte das, seufzte und runzelte die Stirn: „Ausgerechnet ist die Familie Mei ganz am Amtssitz und kommt erst übernächstes Jahr zurück. Wären sie hier, könnten wir, wenn erst Kostbarzither Schnee versorgt ist, deine Angelegenheit besprechen. Wenn du von hier erst fort bist, ist es zu spät. Und solange die jüngere Schwester nicht verheiratet ist, kann man auf keinen Fall die ältere vorab vermahlen. Es ist wirklich eine schwierige Lage. Wenn es noch zwei Jahre dauert, fürchte ich, du grämst dich krank. Lass mich nochmal mit Mama reden. Und wenn dich jemand schlecht behandelt — halt es einfach aus, und auf keinen Fall darfst du dich krank grämen! Am besten gibst du morgen gleich auch das eine Liang Silber an die Leute, dann sind sie zufrieden. In Zukunft brauchst du denen auch nichts mehr zu kaufen. Sollen sie ruhig sticheln — wenn es zu viel wird, geh einfach weg. Und wenn dir etwas fehlt, sei nicht so stolz und komm zu mir. Das hat nichts mit der Verlobung zu tun — von Anfang an, als du kamst, haben wir uns gut verstanden. Wenn du Angst vor Gerede hast, schick ein Zöfchen, das mir leise Bescheid sagt." Xiuyan nickte mit gesenktem Kopf. Schatzspange deutete auf einen grünen Jadeanhänger an ihrem Rock und fragte: „Wer hat dir den geschenkt?" Xiuyan antwortete: „Den hat mir die dritte Schwester gegeben." Schatzspange nickte lächelnd: „Sie hat gesehen, dass alle anderen so etwas haben, nur du nicht, und wollte verhindern, dass man über dich lacht. Das zeigt ihre Aufmerksamkeit und ihren Feinsinn. Aber eins solltest du bedenken: Solcher Schmuck gehört zu den Töchtern reicher und vornehmer Häuser. Schau mich an — trage ich etwa von Kopf bis Fuß solchen prächtigen Zierrat? Früher, ja, vor sieben, acht Jahren, war es bei mir auch so. Aber jetzt sind die Zeiten nicht mehr wie einst, und ich spare, wo ich kann. Wenn du einmal zu uns kommst, wirst du wahrscheinlich noch eine ganze Truhe voll von dem Zeug finden. Wir sind jetzt nicht mehr wie die anderen. Am wichtigsten ist es, in allem schlicht und bescheiden zu bleiben — das unterscheidet uns von ihnen." Xiuyan lächelte: „Wenn die Schwester so sagt, nehme ich ihn ab, wenn ich zurückkomme." Schatzspange sagte rasch lächelnd: „Nein, das darfst du nicht! Erkundefrühling hat ihn dir aus guter Absicht geschenkt. Wenn du ihn nicht trägst, wird sie argwöhnen, du verschmähst ihn. Ich habe es nur beiläufig erwähnt — in Zukunft weißt du es einfach." Xiuyan nickte eilig und fragte: „Wohin gehst du jetzt, Schwester?" Schatzspange antwortete: „Zur Xiaoxiang-Bambushain." Xiuyan sagte: „Dann schick mir den Pfandschein, wenn du kannst. Ich hole heimlich die Sachen aus und lasse sie dir am Abend leise zurückbringen, damit ich sie morgens wieder anziehen kann. Sonst wird mir der Wind noch gefährlich. Aber bei welchem Pfandleiher hast du sie abgegeben?" Xiuyan antwortete: „Er heißt 'Heng-Shu-Pfandleihe', in der großen Straße westlich vom Trommelturm." Schatzspange lächelte: „Da landen wir ja bei der eigenen Familie! Wenn die Angestellten es herausfinden, werden sie sagen: 'Die Kleider waren schon vor der Braut da!'" Xiuyan, die nun merkte, dass es sich um eine Pfandleihe mit Xü-Kapital handelte, wurde rot und lächelte verlegen. Die beiden trennten sich. Schatzspange ging zur Xiaoxiang-Bambushain. Ihre Mutter war ebenfalls dort und plauderte mit Kajaljade. Schatzspange lächelte: „Wann bist du gekommen, Mama? Ich habe es gar nicht bemerkt." Tante Schnee sagte: „Ich war die letzten Tage so beschäftigt, dass ich gar nicht dazu kam, Schatzjade und Kajaljade zu besuchen. Deshalb habe ich heute beide besucht, und es geht ihnen beiden besser." Kajaljade ließ Schatzspange Platz nehmen und sagte: „Man würde es nicht für möglich halten — auf einmal sind die Tante und die Tante Xing nun Verwandte!" Tante Schnee sagte: „Ach Kind, ihr Mädchen wisst das noch nicht. Es heißt doch seit alters her: 'Ehefügungen über tausend Meilen verbindet ein einziger Faden.' Dafür gibt es einen Alten unter dem Mond, der alles vorher bestimmt und die beiden heimlich mit einem roten Seidenfaden an den Füßen zusammenbindet. Und mögen zwischen den Familien Meere, Länder und Blutfehden liegen — am Ende werden sie doch Mann und Frau. Das geschieht stets wider alles Erwarten, und weder die Eltern noch die Betreffenden selber können etwas daran ändern. Jahrelang können zwei beieinander sein, und man glaubt fest, die Sache ist abgemacht — wenn der Alte unter dem Mond den roten Faden nicht knüpft, werden sie trotzdem nie ein Paar. Denk nur an euch Mädchen — eure künftigen Männer könnten gerade vor eurer Nase stehen, oder auch am anderen Ende der Welt." Schatzspange sagte: „Muss Mama denn sofort von uns anfangen, sobald es um Heiraten geht?" Und sie schmiegte sich lächelnd an ihre Mutter und sagte: „Komm, wir gehen." Kajaljade lächelte: „Sieh nur, so groß wie sie ist — wenn die Tante nicht da ist, ist sie die Vernünftigste, aber kaum kommt die Tante, wird sie wieder zum Kleinkind." Tante Schnee streichelte Schatzspange und sagte seufzend zu Kajaljade: „Deine Schwester ist wie Phönixglanz bei der Herzoginmutter: Wenn es etwas Ernstes zu besprechen gibt, komme ich zu ihr; und wenn nichts los ist, muntert sie mich auf. Immer wenn ich sie so sehe, zerstreuen sich alle meine Kümmernisse." Kajaljade hörte das und sagte unter Tränen seufzend: „Sie macht das absichtlich vor meinen Augen, obwohl sie genau weiß, dass ich keine Mutter habe. Das ist nur, um mich zu kränken." Schatzspange lachte: „Mama, sie lästert über mich, und dabei mache ich doch nur Spaß!" Tante Schnee sagte: „Man kann ihr keinen Vorwurf machen, dass sie traurig wird, das arme Kind ohne Eltern, ganz ohne nahe Angehörige." Und sie streichelte Kajaljade und sagte lächelnd: „Liebes Kind, weine nicht. Wenn du siehst, wie ich deine Schwester verwöhne, und das macht dich traurig — du weißt nicht, wie viel mehr ich dich in meinem Herzen liebe. Deine Schwester hat wenigstens noch mich und einen leiblichen Bruder. Damit ist sie dir gegenüber schon im Vorteil. Jedesmal, wenn ich deiner Schwester sage, wie sehr ich dich liebe, traue ich mich nicht, es offen zu zeigen. Hier gibt es so viele Leute mit losen Zungen, die kaum Gutes reden, aber dafür umso mehr Schlechtes. Statt zu sagen, du seist ein liebes Kind ohne Familie, das jeden Mitleid und Zuneigung verdient, würden sie sagen, wir wollten uns nur bei der Herzoginmutter einschmeicheln." Kajaljade lachte: „Wenn die Tante so redet, dann nenne ich die Tante ab morgen Mama. Wenn die Tante ablehnt, dann ist die ganze Zuneigung nur gespielt." Tante Schnee sagte: „Wenn dir das recht ist, dann gerne!" Schatzspange sagte rasch: „Das geht aber nicht." Kajaljade fragte: „Warum nicht?" Schatzspange fragte lächelnd: „Überleg doch mal: Warum wurde zuerst die Verlobung mit Schwester Xiuyan für meinen jüngeren Bruder geschlossen und nicht die meines älteren Bruders?" Kajaljade antwortete: „Er ist nicht hier, oder es stimmt das Geburtsjahr und der Tag nicht, deshalb hat man den jüngeren Bruder vorgezogen." Schatzspange lächelte: „Nein! Mein älterer Bruder hat sich schon für eine Braut entschieden, und sobald er zurück ist, wird die Verlobung formell besiegelt. Ich nenne den Namen lieber nicht — aber jetzt verstehst du, warum ich sagte, du kannst Mama nicht 'Mama' nennen. Denk gründlich darüber nach." Bei diesen Worten zwinkerte sie ihrer Mutter zu und kicherte. Kajaljade verstand und schmiegte sich ebenfalls an Tante Schnee: „Wenn die Tante ihn nicht zurechtweist, bin ich nicht zufrieden!" Tante Schnee zog sie lächelnd an sich: „Glaub deiner Schwester nicht, sie neckt dich nur." Schatzspange sagte lächelnd: „Wirklich, Mama, frag doch die Herzoginmutter, ob sie Kajaljade nicht als Schwiegertochter haben will. Wäre das nicht tausendmal besser als jede Fremde?" Kajaljade beugte sich vor, um nach Schatzspange zu greifen, und rief lächelnd: „Jetzt reicht es aber, du bist völlig übergeschnappt!" Tante Schnee versuchte lachend zu schlichten und schob die beiden auseinander. Dann sagte sie zu Schatzspange: „Ich hätte Xiuyan deinem älteren Bruder nicht anvertraut, deshalb habe ich sie deinem jüngeren Bruder versprochen. Erst recht würde ich Kajaljade nicht für ihn hergeben. Neulich wollte die Herzoginmutter Kostbarzither Schnee mit Schatzjade verbinden, aber die war schon vergeben. Sonst wäre es eine ausgezeichnete Partie gewesen. Als ich dann die Verlobung mit Xiuyan verkündete, hat die Herzoginmutter noch gescherzt: 'Eigentlich wollte ich eine von ihren Leuten haben, und jetzt hat sie mir eine von meinen weggeschnappt.' Das war nur ein Spaß, aber im Grunde steckt etwas dahinter. Und obwohl ich sonst niemanden anbieten kann, will ich doch nicht schweigen. Euer Vetter Schatzjade — die Herzoginmutter liebt ihn so, und er ist ein so hübscher junger Mann. Wenn man außerhalb der Familie suchen würde, wäre sie bestimmt nie zufrieden. Wäre es dann nicht die allervollendetste Lösung, wenn man deine Schwester Kajaljade für ihn bestimmte?" Kajaljade, die anfangs wie betäubt zugehört hatte, wurde, als die Rede auf sie selber kam, rot und spuckte Schatzspange an. Dann fasste sie Schatzspange am Ärmel und rief lachend: „Dich sollte man schlagen! Warum hast du die Tante auf solche schandbaren Gedanken gebracht?" Schatzspange lachte: „Das ist aber seltsam! Mama sagt es, und du schlägst mich?" Purpurkuckuck kam eilig herbeigelaufen und rief lächelnd: „Wenn die gnädige Tante solche Absichten hat, warum spricht sie dann nicht mit der gnädigen Frau?" Tante Schnee lachte schallend: „Du kleines Ding, warum so eilig? Willst du, dass dein Fräulein schnell unter die Haube kommt, damit du dir auch bald einen kleinen Bräutigam suchen kannst?" Purpurkuckuck wurde rot und lachte: „Die gnädige Tante bringt jetzt wirklich ihr Alter ins Spiel!" Dann drehte sie sich um und ging. Kajaljade hatte sie zuerst ausgescholten: „Was geht dich das an, du freches Ding?" Doch als sie Purpurkuckucks Verlegenheit sah, musste sie doch lachen und sagte: „Amitabha Buddha! Geschieht dir recht! Da hat sie sich eine Abfuhr geholt!" Tante Schnee, Schatzspange und alle Zofen und Dienerinnen im Zimmer lachten. Die alten Frauen sagten lächelnd: „Was die gnädige Tante sagt, ist zwar nur ein Scherz, aber eigentlich stimmt es doch. Wenn sie einmal Zeit hat und es mit der Herzoginmutter bespricht — wenn die gnädige Tante die Ehestifterin macht, dann wäre das tausendfach und zehntausendfach das Richtige." Tante Schnee sagte: „Sobald ich diesen Vorschlag mache, wird die Herzoginmutter bestimmt einverstanden sein." Mitten in das Geplänkel hinein erschien Xiangfluss-Wolke, einen Zettel in der Hand, und rief lachend: „Was ist das für ein Kontobuch?" Kajaljade betrachtete es und konnte es ebenfalls nicht einordnen. Die alten Frauen unten sagten alle lachend: „Das ist schon ein seltenes Stück! Das Geld, das so etwas bringt, verdient man nicht alle Tage!" Schatzspange griff rasch zu und nahm den Zettel an sich. Als sie hinsah, war es genau der Pfandschein, von dem Xiuyan gerade gesprochen hatte. Eilig faltete sie ihn zusammen. Tante Schnee sagte rasch: „Das muss ein Pfandschein sein, den eine der Zofen verloren hat. Wenn sie zurückkommt, wird sie ihn überall suchen. Wo hast du den denn her?" Xiangfluss-Wolke fragte: „Was ist ein Pfandschein?" Alle lachten: „Was für ein Unschuldslamm! Nicht einmal einen Pfandschein kennt sie." Tante Schnee seufzte: „Man kann es ihr wirklich nicht verübeln. Sie ist eine waschechte Marquistochter und dazu noch so jung. Wie sollte sie so etwas kennen? Wie sollte sie je so etwas zu Gesicht bekommen? Selbst wenn die Bediensteten zu Hause so etwas hätten, bekäme sie es nie zu sehen. Lacht nicht über sie — wenn die jungen Damen eurer Familien das sähen, würden auch die ratlos dastehen." Die alten Frauen lachten: „Das Fräulein Lin hat es eben auch nicht erkannt, von den Fräulein ganz zu schweigen. Und selbst Schatzjade, der doch oft das Haus verlässt, hat so etwas vermutlich noch nie gesehen." Tante Schnee erklärte sogleich, was ein Pfandschein ist. Xiangfluss-Wolke und Kajaljade lachten, als sie es verstanden: „So ist das also! Die Leute kommen auf alles, was Geld bringt. Hat die Familie der Tante auch so ein Pfandhaus?" Alle lachten: „Das ist aber auch naiv. 'Alle Krähen unter dem Himmel sind gleich schwarz' — warum sollte es da Unterschiede geben?" Tante Schnee fragte noch, wo Xiangfluss-Wolke den Zettel gefunden habe. Xiangfluss-Wolke wollte gerade antworten, als Schatzspange rasch sagte: „Das ist ein alter, abgelaufener Pfandschein, längst aus den Büchern gestrichen. Duftkastanie hatte ihn, um die Mädchen zu unterhalten." Tante Schnee glaubte das und fragte nicht weiter. Da wurde gemeldet: „Die Frau aus dem Stillfriede-Anwesen ist da und möchte die gnädige Tante sprechen." Tante Schnee verabschiedete sich und ging. Als es im Zimmer still geworden war, fragte Schatzspange Xiangfluss-Wolke, wo sie den Zettel gefunden habe. Xiangfluss-Wolke lächelte: „Ich habe gesehen, wie die kleine Zofe Zhuan-er von deiner künftigen Schwägerin ihn heimlich Yinger zusteckte. Yinger hat ihn in ein Buch geklemmt und dachte, ich hätte nichts bemerkt. Als die beiden draußen waren, habe ich nachgeschaut und konnte nicht erkennen, was es war. Weil ich wusste, dass ihr alle hier seid, habe ich ihn hergebracht, damit wir ihn gemeinsam anschauen." Kajaljade fragte rasch: „Wie, muss sie etwa auch Kleider versetzen? Und wenn ja, warum gibt sie dir den Zettel?" Schatzspange sah, dass sie die beiden nicht anlügen konnte, und erzählte ihnen die ganze Geschichte von vorhin. Kajaljade sagte seufzend: „Wenn der Hase stirbt, trauert der Fuchs; wenn das Wesen verletzt wird, fühlt das Geschöpf mit." Das konnte sie nicht ohne Rührung sagen. Xiangfluss-Wolke aber wurde zornig: „Wartet nur, bis ich die zweite Schwester zur Rede stelle! Ich werde den alten Weibern und Zofen die Leviten lesen und euch rächen, einverstanden?" Damit sprang sie auf, doch Schatzspange hielt sie rasch am Arm fest und sagte lachend: „Da bist du wieder übergeschnappt! Setz dich sofort hin!" Kajaljade lachte: „Wenn du ein Mann wärst, könntest du hinausgehen und für Gerechtigkeit kämpfen. Aber hier spielst du dich als Jing Ke und Nie Zheng auf — das ist wirklich zum Lachen." Xiangfluss-Wolke sagte: „Wenn ihr mich nicht zu ihr lasst, dann holen wir sie morgen zu uns in den Garten, da können wir zusammen wohnen — wäre das nicht wunderbar?" Schatzspange lächelte: „Darüber reden wir morgen." Da wurde gemeldet: „Das dritte und das vierte Fräulein kommen." Die drei hörten es und hielten sofort den Mund, damit kein Wort mehr von der Sache verlautete. Was weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
|