Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 2"

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Kapitel 2
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In dem Regendorf Kaufmann von einem Freund die Geschichte der Kaufmann-Familie erfährt
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_2|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_2|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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und Frostig Aufsteiger<ref>Chin. 冷子兴 Lěng Zǐxīng. 冷 lěng „kalt/kühl"; 子兴 zǐxīng „Sohn des Aufblühens". Ein „kühler Beobachter" der aufstrebenden Familie.</ref> die Wechselfälle des Prunkwille-Anwesens<ref>Chin. 荣国府 Róngguó Fǔ „Residenz des Reiches des Ruhms". 荣 róng „Ruhm/Blüte".</ref> schildert
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= Kapitel 2 =
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Das Eingangsgedicht lautet:
== 贾夫人仙逝扬州城 ==
 
=== 冷子兴演说荣国府 ===
 
  
'''Frau Djia stirbt in der Stadt Yang-dschou,Lëng Dsï-hsing schildert das Jung-guo-Anwesen. '''
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Ob Gewinn oder Verlust in dieser Partie – wer weiß es schon?
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Räucherwerk verloschen, Tee ausgetrunken – doch man verweilt noch.
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Willst du das Zeichen für Aufstieg und Verfall erkennen,
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So frage den kühlen Beobachter am Rand.
  
Fëng Su hatte also gehört, es seien Amtsdiener mit einer Vorladung da, deshalb ging er rasch hinaus und erkundigte sich lächelnd, was es gebe. Aber man schrie auf ihn ein: „Bitte schnell Herrn Dschën heraus!“
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Es wird erzählt, dass Schlicht Siegel [封肃], als er die Gerichtsdiener nach ihm rufen hörte, eilig hinausging und mit einem Lächeln fragte, was los sei. Die Männer riefen nur: „Bringt den Herrn Echt schnell heraus!" Schlicht Siegel erklärte lächelnd: „Ich heiße Feng, nicht Zhen. Mein ehemaliger Schwiegersohn hieß Zhen, doch er ist schon seit ein, zwei Jahren als Mönch davongegangen. Meint Ihr vielleicht ihn?" Die Gerichtsdiener erwiderten: „Wir wissen nicht, ob es einen echten oder falschen Echt gibt. Wir folgen nur dem Befehl des Herrn Magistrats. Da er Euer Schwiegersohn war, nehmen wir Euch mit, damit Ihr persönlich vor dem Magistrat aussagt und wir nicht vergeblich herumrennen müssen." Ohne Schlicht Siegel zu Wort kommen zu lassen, drängten sie ihn hinaus. Die ganze Familie war erschrocken und wusste nicht, was das zu bedeuten hatte.
Immer noch lächelnd, erwiderte Fëng Su eilig: „Ich heiße Fëng, nicht Dschën. Ich hatte nur einen Schwiegersohn mit dem Namen Dschën, aber der hat schon vor mehr als einem Jahr das Haus verlassen, um unter die Dauisten zu gehen. Ist vielleicht er gemeint?“
 
„Was wissen wir, ob es um einen Herrn ‚Wahr‘ oder einen Herrn ‚Falsch‘ geht“,<ref>Mißdeutung des  Familiennamens Dschën als dschën – ‚wahr‘.</ref> entgegneten die Amtsdiener. „Wir kommen auf Befehl des Präfekten. Wenn Herr Dschën dein Schwiegersohn war, nehmen wir dich mit, und du wirst dem Präfekten alles selber berichten, damit wir nicht unnötige Laufereien haben!“ Und ohne Fëng Su noch einmal zu Wort kommen zu lassen, schoben sie ihn vor sich her. In der Familie Fëng war jeder erschrocken, und keiner wußte, ob er es zum Guten oder zum Bösen deuten sollte.
 
Erst um die zweite Nachtwache kam Fëng Su wieder nach Hause zurück und war froh und vergnügt. Als alle stürmisch nach der Ursache fragten, berichtete er: „Der neuernannte Präfekt heißt Djia Hua und stammt aus Hu-dschou. Er war ein guter Bekannter unseres Schwiegersohns. Als er heute an unserem Tor vorübergekommen ist, hat er Djiau-hsing Garn kaufen gesehen und hat deshalb vermutet, unser Schwiegersohn sei hierher übergesiedelt. Ich habe ihm alles erzählt, und er war so betroffen davon, daß er geseufzt hat. Er hat auch nach unserer Enkeltochter gefragt, und ich habe ihm gesagt, daß sie bei der Laternenschau verlorengegangen ist. Da hat er gesagt: ‚Keine Sorge! Ich will selbst Amtsdiener ausschicken, und bestimmt findet sie sich wieder an.‘ So haben wir eine Weile miteinander gesprochen, und bevor ich gegangen bin, hat er mir zwei Liang Silber geschenkt.“
 
Als Dschën Schï-yins Frau das hörte, wurde ihr unwillkürlich schwer ums Herz. Über die Nacht ist nichts weiter zu berichten.
 
Schon am nächsten Tag überbrachte jemand zwei Päckchen Silber und vier Längen Brokat, womit Djia Yü-tsun bei Dschën Schï-yins Frau seinen Dank abstatten wollte. Außerdem schickte er einen vertraulichen Brief an Fëng Su, in dem er ihn bat, Dschën Schï-yins Frau zu fragen, ob er das Sklavenmädchen Djiau-hsing zur Nebenfrau bekommen könne. Fëng Su wollte sich vor Freude in die Hosen machen und wünschte nichts sehnlicher, als sich beim Präfekten einzuschmeicheln. Darum setzte er seiner Tochter so lange zu, bis sie ihre Einwilligung gab, und brachte dann Djiau-hsing bei Nacht in einer kleinen Sänfte zur Präfektur. Wie Djia Yü-tsun sich freute, braucht nicht groß geschildert zu werden. Er ließ hundert Liang Silber einpacken, die er Fëng Su überreichte, und bedankte sich bei Dschën Schï-yins Frau mit vielen Geschenken. Außerdem ließ er ihr sagen, sie solle schön auf ihre Gesundheit achten und abwarten, bis ihre Tochter gefunden sei. Fëng Su kehrte nach Hause zurück, und weiter soll von ihm hier nicht die Rede sein.
 
Djiau-hsing war das Sklavenmädchen, das sich seinerzeit nach Djia Yü-tsun umgesehen hatte. Daß dieser eine zufällige Blick solche Folgen haben würde, war ihr natürlich nie in den Sinn gekommen. Und wer hätte gedacht, daß es das Schicksal doppelt gut mit ihr meinte! Sie lebte erst ein Jahr mit Djia Yü-tsun, da brachte sie einen Sohn zur Welt, und als ein halbes Jahr später Djia Yü-tsuns Hauptfrau an einer ansteckenden Krankheit starb, machte er Djiau-hsing zu seiner rechtmäßigen Gattin. Wahrlich:
 
Nur dank eines eigenmächtigen Blicks
 
ward hoch sie über die Menge gestellt.
 
Djia Yü-tsun war damals, nachdem er von Dschën Schï-yin das Silber geschenkt bekommen hatte, am sechzehnten in die Hauptstadt aufgebrochen. Als der Prüfungstermin heran war, hatte sich sein Wunsch tatsächlich voll erfüllt. Er hatte den Djin-schï-Grad<ref>Djin-schï (wörtlich ‚eingereichter Gelehrter‘) war ein Titel, den man durch erfolgreiche Teilnahme an der Palastprüfung, der höchsten staatlichen Prüfung im alten China, erringen konnte, was normalerweise als Voraussetzung für eine Beamtenkarriere galt.</ref> errungen und wurde für einen Beamtenposten in der Provinz vorgesehen. Jetzt war er zum Amtmann in der hiesigen Präfektur ernannt worden. Aber wenn er auch überragende Fähigkeiten besaß, war er doch nicht ganz frei von den Mängeln der Habsucht und der Hartherzigkeit. Außerdem war er überheblich und verletzend seinen Vorgesetzten gegenüber, so daß ihn die übrigen Beamten mit scheelen Blicken ansahen. Es war noch kein Jahr vergangen, da suchte sein Vorgesetzter einen Vorwand und schrieb eine Throneingabe, in der er folgende Anklage erhob: ‚Er ist von Natur aus verschlagen, geht willkürlich mit den Riten um, läßt sich als ehrlich und unbestechlich feiern und tut sich dabei heimlich mit ›Tigern und Wölfen‹ zusammen, so daß es in seinem Amtsgebiet zu zahlreichen Zwischenfällen kam und das Leben der Bevölkerung unerträglich geworden ist.‘  Des Kaisers Drachenantlitz war dar-
 
über schwer erzürnt, und der Entscheid lautete, Djia Yü-tsun seines Amtes zu entheben.
 
Als der entsprechende Erlaß eintraf, gab es keinen Beamten in der Präfektur, der sich nicht darüber gefreut hätte. Djia Yü-tsun selbst war zwar innerlich zutiefst beschämt und verärgert, aber seine Miene verriet nichts von seiner Wut, vielmehr zwang er sich zu lächeln, als ob nichts gewesen wäre. Nachdem er die Amtsgeschäfte übergeben hatte, schaffte er den Besitz, den er während seiner Dienstzeit angesammelt hatte, mit Frau und Kind und allem Anhang in seine Heimat, und als dort alles wohlgeregelt war, machte er sich auf, um ‚nur mit dem Wind auf den Schultern und dem Mond in den Ärmeln‘ die sehenswerten Stätten des Reiches zu besuchen.
 
Eines Tages führte ihn der Zufall nach Wee-yang<ref>Anderer Name der Stadt Yang-dschou.</ref>, und er erfuhr, daß zum Salzinspektor in diesem Jahr Lin Ju-hai ernannt worden war. Dieser Lin Ju-hai hieß mit Familiennamen Lin und mit Rufnamen Hai, Ju-hai war sein Ehrenname. Er war als Drittbester aus der letzten Palastprüfung hervorgegangen und war inzwischen bis zum Mitglied des Zensorats aufgestiegen. Zu Hause war er in Gu-su<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 10.</ref>. Jetzt war er auf kaiserlichen Befehl zum verantwortlichen Zensor für das Salzmonopol bestimmt worden und war noch nicht viel länger als einen Monat im Amt.
 
Lin Ju-hais Ururgroßvater war seinerzeit der Rang eines Fürsten verliehen worden mit dem Recht, ihn bis in die dritte Generation zu vererben. Dank der gewaltigen Gnade des regierenden Herrschers aber, die die seiner Vorgänger weit übertrifft, war der Titel als Zeichen besonderer Huld Lin Ju-hais Vater für eine weitere Generation übertragen worden. Lin Ju-hai nun mußte über die Staatsprüfungen seinen Aufstieg nehmen.
 
Die Sippe der Lins war nicht nur hochvornehm, sondern auch von großer literarischer Bildung. Leider aber waren ihre Mitglieder nicht eben zahlreich, und die Nachkommenschaft war spärlich. Es gab wohl noch einige Zweige der Familie, aber diese waren mit Lin Ju-hai nur weitläufig und nicht in direkter Linie verwandt.
 
Lin Ju-hai war jetzt schon vierzig Jahre alt und hatte nur ein dreijähriges Söhnchen gehabt, das aber im Jahr zuvor gestorben war. Er besaß wohl mehrere Nebenfrauen, aber da ihm vom Schicksal kein Sohn bestimmt war, ließ sich nichts daran ändern. So hatte er jetzt nur noch eine Tochter von seiner Hauptfrau, einer geborenen Djia. Die Tochter hieß mit Kindheitsnamen Dai-yü und war eben fünf Jahre alt. Weil die beiden Gatten keinen Sohn besaßen, liebten sie die Tochter wie ein Juwel. Und da sie sich als klug und aufgeweckt erwies, sollte sie anstelle des fehlenden Sohnes lesen und schreiben lernen, um den Eltern in ihrer Einsamkeit ein Trost zu sein.
 
Es fügte sich so, daß Djia Yü-tsun sich erkältete und fast einen Monat im Gasthof lag, ehe er sich allmählich wieder erholte. Weil er dadurch von Kräften gekommen war und zum anderen auch seine Mittel erschöpft waren, hätte er gern eine passende Stelle gefunden, wo er einstweilen ausruhen konnte. Glücklicherweise wohnten zwei alte Freunde von ihm in der Gegend, die wußten, daß der Salzinspektor einen Hauslehrer suchte. Mit ihrer Hilfe erhielt Djia Yü-tsun die Stelle, die ihm den gewünschten Lebensunterhalt verschaffen sollte. Günstig war, daß er nur eine einzige Schülerin hatte, der zwei Sklavenmädchen beim Lernen Gesellschaft leisteten. Überdies war die Schülerin noch sehr jung und von zartester Konstitution, so daß keine feste Stundenzahl vorgegeben war und Djia Yü-tsun es sehr leicht hatte.
 
Wer aber hätte gedacht, daß nach einem Jahr die Mutter seiner Schülerin, jene geborene Frau Djia, krank werden und sterben würde! Da seine Schülerin erst die Mutter gepflegt hatte und dann die Trauer streng einhielt, wollte Djia Yü-tsun die Stelle aufgeben und sich nach etwas anderem umsehen, Lin Ju-hai aber wünschte, daß seine Tochter auch in der Trauerzeit weiterlernte, und behielt ihn im Hause. In der letzten Zeit war nun bei der Schülerin durch den übergroßen Kummer und die ohnehin schwache Gesundheit ein altes Leiden neu ausgebrochen, so daß sie tagelang nicht zum Unterricht kam. Das Nichtstun langweilte Djia Yü-tsun, und so ging er bei schönem Wetter nach dem Essen stets spazieren.
 
Eines Tages führte ihn der Zufall vor die Stadt, und er wollte die ländliche Umgebung genießen. Dabei geriet er an eine Stelle, wo zwischen Bergen und Wasser inmitten von Bäumen und Bambus ein Tempel versteckt lag. Der Zugang war verfallen, die Umfassungsmauer eingestürzt. Auf der Namenstafel am Tor stand ‚Kloster des Weisen Durchdringens‘, und zu beiden Seiten des Tors lautete eine halbzerstörte Parallelinschrift:
 
‚Nach dem Reichtum streckt man noch sterbend die Hände aus,
 
an Umkehr denkt man erst, wenn man keinen Ausweg mehr hat.‘
 
Nachdem Djia Yü-tsun das gelesen hatte, dachte er: ‚Literarisch sind diese Sätze nichts Besonderes, aber es liegt ein tiefer Sinn darin. Ich habe schon einige berühmte Berge und große Tempel besucht, auf diese Inschrift bin ich dort jedoch nirgends gestoßen. Wer weiß, ob ihr nicht die Erfahrung eines reuigen Sünders zugrunde liegt. Warum sollte ich nicht hineingehen, um mich zu erkundigen?‘
 
Als er mit diesem Gedanken eintrat, fand er nur einen alten, gebrechlichen Mönch, der dort Reissuppe kochte und ihn kaum beachtete. Als er ihm einige Fragen stellte, erwies es sich, daß er taub und verwirrt war. Die Zähne waren ihm ausgefallen, und die Zunge gehorchte ihm nicht. Seine Antworten hatten nichts mit den Fragen zu tun.
 
Djia Yü-tsun verlor die Geduld und ging wieder hinaus. Er gedachte, in einer Dorfschenke ein paar Becher Wein zu trinken, um seinem Ausflug die richtige Würze zu geben. Also schlenderte er gemächlich dorthin. Eben wollte er eintreten, da sah er, wie sich einer der Gäste mit einem breiten Lächeln erhob und ihm mit den Worten entgegentrat: „Ist das aber eine Überraschung!“
 
Als Djia Yü-tsun den Mann schnell musterte, erkannte er den Antiquitätenhändler Lëng Dsï-hsing, den er noch aus der Hauptstadt kannte. Djia Yü-tsun schätzte Lëng Dsï-hsing als tüchtigen und befähigten Menschen, Lëng Dsï-hsing aber profitierte gern von Djia Yü-tsuns Ruf eines kultivierten und gebildeten Mannes. So hatten sie einander immer bestens verstanden. Jetzt erkundigte sich Djia Yü-tsun rasch mit einem Lächeln: „Wann seid Ihr hier angekommen? Ich habe gar nichts davon gewußt. Daß wir uns heute hier treffen, ist wirklich ein merkwürdiger Zufall.“
 
Darauf erwiderte Lëng Dsï-hsing: „Ich war Ende vergangenen Jahres in meine Heimat zurückgekehrt und bin jetzt wieder auf dem Weg in die Hauptstadt. Dabei habe ich einen Abstecher gemacht, um einen Freund zu besuchen, mit dem ich etwas zu besprechen hatte, und er war so großzügig, mich für ein paar Tage einzuladen. Da ich keine dringenden Geschäfte habe, bin ich gern hier geblieben und will mich Mitte des Monats wieder auf den Weg machen. Heute nun hatte mein Freund etwas zu erledigen, darum habe ich einen Spaziergang gemacht und ruhe mir eben die Beine aus. Ich hätte nicht gedacht, daß uns der Zufall hier zusammenführt.
 
Bei diesen Worten führte er Djia Yü-tsun an seinen Tisch und ließ noch einmal Wein und Speisen auftragen. Dann plauderten und tranken sie zwanglos und erzählten einander ihre Erlebnisse seit der letzten Begegnung.
 
Anschließend erkundigte sich Djia Yü-tsun: „Gibt es etwas Neues in der Hauptstadt?“
 
„Nein“, erwiderte Lëng Dsï-hsing. „Nur bei Eurer werten Verwandtschaft hat sich eine kleine Merkwürdigkeit zugetragen.“
 
„Von meiner Verwandtschaft lebt niemand in der Hauptstadt“, wandte Djia Yü-tsun lächelnd ein. „Was also redet Ihr da?“
 
„Ihr tragt denselben Familiennamen wie sie, müssen es demnach nicht Stammesverwandte sein?“ fragte Lëng Dsï-hsing und lächelte ebenfalls.
 
Als Djia Yü-tsun wissen wollte, von welcher Familie er redete, fuhr Lëng Dsï-hsing fort: „Die Djias aus dem Jung-guo-Anwesen wären doch wohl keine Schande für Eure Sippe?“
 
„Ach, die habt Ihr gemeint“, sagte Djia Yü-tsun und lächelte wieder. „Wenn man es so nimmt, ist unsere Sippe sehr zahlreich. Ausgehend von Djia Fu unter der Östlichen Han-Dynastie haben sich zahllose Seitenlinien gebildet, und es gibt sie in allen Provinzen. Wer wollte das alles genau erforschen! Mit dem Jung-guo-Zweig stehen wir allerdings im selben Ahnenregister, aber so vornehm, wie sie sind, können wir uns schlecht darauf berufen, und heute sind wir einander so entfremdet, daß einer den anderen nicht kennt.“
 
„So etwas solltet Ihr nicht sagen“, nahm Lëng Dsï-hsing mit einem Seufzer wieder das Wort. „Mit dem Hause Jung-guo wie mit dem Hause Ning-guo steht es nicht mehr zum besten. Sie sind nicht mehr das, was sie einmal waren.“
 
„Beide Häuser waren doch aber sehr volkreich, wieso steht es da nicht mehr gut mit ihnen?“ erkundigte sich Djia Yü-tsun.
 
„Da habt Ihr ganz recht“, sagte Lëng Dsï-hsing. „Es ist eine lange Geschichte.“
 
„Als ich voriges Jahr in Djin-ling war, bin ich innerhalb der Steinernen Mauer<ref>Die Steinerne Mauer (Shï-tou tschëng) ist eine alte Befestigungsanlage, deren Reste in der Nähe von Nan-djing (Nanking) erhalten sind.</ref> gewesen, um die Überbleibsel aus der Zeit der Sechs Dynastien<ref>Unter der Wu-Dynastie (222 – 280) während der Zeit der Drei Reiche (220-280), der Östlichen Djin-Dynastie (317 – 420) und den Süd-Dynastien Sung (420 – 479), Tji (479 – 502), Liang (502 – 557) und Tschën (557 – 589) war das heutige Nan-djing (Nanking) Hauptstadt.</ref> zu besichtigen, und bin dabei an den Toren ihrer alten Anwesen vorübergekommen“, berichtete Djia Yü-tsun. „Östlich der Straße liegt das Ning-guo-Anwesen und westlich der Straße das Jung-guo-Anwesen, beide sind untereinander verbunden und nehmen den größten Teil der Straße ein. An den Haupttoren war es öde und menschenleer, aber hinter den Umfassungsmauern sah man große Hallen und mehrstöckige Gebäude mächtig aufragen. Auch die Gärten im hinteren Teil machten mit ihren Bäumen und Felsgruppen einen üppigen Eindruck. Nach Niedergang und Verfall sah das wirklich nicht aus.“
 
„Ihr seid mir ein schöner Djin-schï, wenn Ihr das nicht versteht“, spottete Lëng Dsï-hsing. „Heißt es nicht bei den Alten: ‚Ein Tausendfüßer zappelt lange, wenn er stirbt‘? Es geht ihnen jetzt nicht mehr so glänzend wie früher, aber sie sind doch ganz etwas anderes als eine gewöhnliche Beamtenfamilie. Ihre Zahl wächst ständig, ihre Tätigkeit wird immer geschäftiger. Herren und Diener, die an Reichtum und Luxus gewöhnt sind, gibt es mehr als genug, aber Gedanken um die Zukunft macht sich kein einziger von ihnen. Und die täglichen Kosten und den äußeren Aufwand können sie natürlich nicht einschränken. Die Fassade macht wohl noch keinen so schlechten Eindruck, dahinter jedoch sieht es traurig genug aus. Aber das ist nur eine Kleinigkeit, verglichen mit etwas wirklich Ernstem. Wer hätte gedacht, daß in so einer reichen und gebildeten Familie die Söhne und Enkel von Generation zu Generation mehr zu wünschen übrig lassen!“
 
„Wie kann es denn in so einer kultivierten Familie an Verständnis für die rechte Erziehung mangeln?“ wunderte sich Djia Yü-tsun. „Von den anderen Zweigen der Familie weiß ich es nicht, aber im Ning-guo- und im Jung-guo-Anwesen wendet man für die Erziehung der Söhne die besten Grundsätze an.“
 
„Aber genau von denen spreche ich“, seufzte Lëng Dsï-hsing. „Laßt mich erzählen! Die alten Herzöge Ning-guo und Jung-guo waren zwei Brüder, Söhne derselben Mutter. Herzog Ning-guo war der Ältere. Er hatte vier Söhne, und als er starb, ging der Titel auf den ältesten Sohn Djia Dai-hua über, der seinerseits zwei Söhne besaß. Der ältere von ihnen hieß Djia Fu und starb, als er acht oder neun Jahre alt war. Übrig blieb nur der zweite Sohn Djia Djing, der den Titel erhielt. Er hat sich inzwischen ganz dem Dauismus verschrieben, und sein einziges Interesse besteht darin, mit Zinnober und Quecksilber zu experimentieren, alles andere ist ihm egal.
 
Glücklicherweise hat er schon aus jungen Jahren einen Sohn mit Namen Djia Dschën. Weil der Vater nur darauf aus ist, unsterblich zu werden, wurde der Titel dem Sohn übertragen. Der Vater denkt aber auch nicht daran, an seinen angestammten Wohnsitz zurückzukehren, und treibt sich außerhalb der Hauptstadt bei Dauisten herum. Auch Djia Dschën hat einen Sohn, der gerade sechzehn Jahre alt ist und Djia Jung heißt.
 
Der alte Herr Djia Djing kümmert sich also um nichts, und der junge Herr Djia Dschën hat zum Lernen keine Lust. Er lebt in Saus und Braus und hat das ganze Ning-guo-Anwesen auf den Kopf gestellt. Aber niemand wagt, ihm etwas zu sagen.
 
Jetzt will ich Euch auch vom Jung-guo-Anwesen erzählen. Hier hat sich auch die Merkwürdigkeit zugetragen, die ich vorhin erwähnte. Als der alte Herzog Jung-guo gestorben war, erhielt den Titel sein ältester Sohn Djia Dai-schan. Dieser nahm eine Tochter des Fürsten Schï – ebenfalls eine Familie aus Djin-ling, die seit Generationen ihre Verdienste hat – zur Frau und hatte zwei Söhne. Der ältere heißt Djia Schë, der jüngere heißt Djia Dschëng.
 
Djia Dai-schan ist schon lange tot, seine Frau aber lebt noch. Der Titel ging auf den älteren Sohn Djia Schë über. Der jüngere, Djia Dschëng, hatte von klein auf größte Freude am Lernen. Sein Großvater hatte ihn sehr gern und wünschte sich, daß er über die Staatsprüfungen Karriere macht. Aber als Djia Dai-schan im Sterben lag und seine letztwillige Throneingabe vorgelegt wurde, befahl der Kaiser aus Mitgefühl für seinen alten Beamten nicht nur, daß der ältere Sohn auf der Stelle den Titel erhalten sollte, er fragte vielmehr auch, wieviel Söhne noch da seien, und wollte sie sogleich vorgestellt haben. Er gewährte dann Djia Dschëng als besondere Gunst den Rang eines Assistenzsekretärs mit der Auflage, in ein Ministerium einzutreten und dort in der Praxis zu lernen. Inzwischen hat er es schon bis zum Ministerialsekretär gebracht.
 
Djia Dschëngs Frau, eine geborene Wang, hatte als erstes Kind einen Sohn geboren, der Djia Dschu genannt wurde. Mit vierzehn Jahren war er schon Hsiu-tsai, und als er noch keine zwanzig war, heiratete er und bekam einen Sohn. Aber dann wurde er krank und starb. Als zweites Kind brachte Djia Dschëngs Frau eine Tochter zur Welt, und das genau am Neujahrstag, was schon seltsam ist. Als nächstes bekam sie wieder einen Sohn, und das ist noch seltsamer, er trug, als er aus dem Mutterleib kam, einen glänzenden bunten Jadestein im Mund mit vielen Schriftzeichen darauf. Deswegen wurde er Bau-yü – ‚Wertvoller Jade‘ – genannt. Sagt selbst, ist das merkwürdig oder nicht?
 
Lächelnd erwiderte Djia Yü-tsun: „Es ist wirklich merkwürdig. Bestimmt hat es mit dem Jungen einiges auf sich.“
 
„Das sagen alle“, entgegnete Lëng Dsï-hsing mit einem kühlen Lächeln, „und die Großmutter liebt den Jungen wie ein Juwel. Als er ein Jahr alt war, wollte Djia Dschëng seine künftigen Neigungen feststellen und legte ihm alles hin, was es nur gibt auf der Welt, danach sollte er greifen. Er griff aber nach nichts anderem als ausgerechnet nach Schminke und Puder, Haarpfeilen und Ringen. Darüber geriet Djia Dschëng schrecklich in Wut und sagte, aus dem Jungen würde nichts als ein Trinker und Weiberheld werden. Seitdem mag er ihn nicht mehr, die alte Herzoginmutter aber liebt ihn wie ihr Leben.
 
Und noch etwas ist seltsam, der Junge ist jetzt sieben oder acht Jahre alt, und wenn er auch furchtbar ungezogen ist, so reicht doch an seinen Verstand von Hunderten nicht einer heran. Auch seine kindlichen Äußerungen sind bemerkenswert. So sagt er: ‚Mädchen sind aus Wasser gemacht, Männer aber aus Schlamm. Wenn ich Mädchen sehe, ist mir frisch und wohl zumute, aber
 
wenn ich Männer sehe, merke ich, wie mir der Gestank zusetzt.‘ Ist das nicht zum Lachen? Ganz ohne Zweifel wird ein Lüstling aus ihm...“
 
„Nein!“ unterbrach ihn hier Djia Yü-tsun empört und befremdet. „Ihr versteht leider nicht, was es mit diesem Jungen auf sich hat. Vermutlich hält ihn auch sein Vater Djia Dschëng für einen lüsternen Wüstling. Wer nicht so viel gelesen hat, daß er sich in den Dingen auskennt, und wem nicht die Gabe verliehen ist, in das Wesen der Erscheinungen einzudringen, sowie die Kraft, das Dau zu verstehen und des Verborgenen teilhaftig zu werden, der kann das nicht wissen.“
 
Als Lëng Dsï-hsing diese schwerwiegenden Worte hörte, bat er sogleich, sie ihm zu erklären, und Djia Yü-tsun sagte: „Die Menschen, die von Himmel und Erde hervorgebracht werden, sind, von den großen Wohltätern und den großen Übeltätern abgesehen, ohne viel Unterschied. Die großen Wohltäter werden zum Heil und die großen Übeltäter zum Unheil geboren. Durch jemanden, der zum Heil geboren wurde, kommt die Welt in Ordnung, durch jemanden, der zum Unheil geboren ist, kommt sie in Unordnung.
 
Yau<ref>Mythischer Kaiser der Urzeit, der als vorbildlicher Herrscher galt.</ref>, Schun<ref>Mythischer Kaiser der Urzeit, Nachfolger von Kaiser Yau.</ref>, Yü<ref>Mythischer Heros, der erfolgreich die Sintflut bekämpfte.</ref>, Tang<ref>Der Überlieferung nach der Begründer der Schang-Dynastie (16. – 11. Jh. v. u. Z.).</ref>, Wën<ref>König Wën, Vater des Begründers der Dschou-Dynastie (1066 [?] – 256 v. u. Z.).</ref>, Wu<ref>König Wu, Begründer der Dschou-Dynastie.</ref>, Dschou<ref>Herzog Dan von Dschou, Bruder und Helfer des Königs Wu.</ref>, Schau<ref>Herzog Schï von Schau, Bruder und Helfer des Königs Wu.</ref>, Kung<ref>Kung Tjiu, genannt Kung-dsï (Meister Kung), d. i. der Philosoph Konfuzius (551 – 479 v. u. Z.).</ref>, Mëng<ref>Mëng Kë, genannt Mëng-dsï (Meister Mëng), bedeutender konfuzianischer  Philosoph (372 – 289 v. u. Z.).</ref>, Dung<ref>Dung Dschung-schu (179 – 104 v. u. Z.), Hauptexponent des Konfuzianismus  in der Westlichen Han-Zeit, der bewirkte, daß der Konfuzianismus zur Staatsdoktrin erhoben wurde.</ref>, Han<ref>Han Yü (768 – 824), Beamter und Literat, Hauptexponent des Konfuzianismus in der Tang-Zeit.</ref>, Dschou<ref>Dschou Dun-i (1017 – 1073), Philosoph, Mitbegründer des Neokonfuzianismus.</ref>, die beiden Tschëng<ref>Die Brüder Tschëng Hau (1032 – 1085) und Tschëng I (1033 – 1107), Philosophen, Mitbegründer des Neokonfuzianismus.</ref> sowie Dschang<ref>Dschang Dsai (1020 – 1077), Philosoph, Mitbegründer des  Neokonfuzianismus.</ref> und Dschu<ref>Dschu Hsi (1130 – 1200), Beamter und Philosoph, faßte die verschiedenen neokonfuzianischen Lehren seiner Vorgänger zu einem Gesamtsystem zusammen.</ref> wurden zum Heil geboren. Tschï-you<ref>Gegner des mythischen Urkaisers Huang-di, von diesem getötet.</ref>, Gung-gung<ref>Gegner des mythischen Urkaisers Huang-di.</ref>, Djiä<ref>Der Überlieferung nach der letzte Kaiser der mythischen Hsia-Dynastie, der infolge seiner moralischen Verkommenheit die Herrschaft verlor.</ref>, Dschou<ref>Der Überlieferung nach der letzte Kaiser der Schang-Dynastie, galt wie Djiä als typisches Beispiel eines lasterhaften Herrschers.</ref>, Schï-huang<ref>Tjin Schï-huang (259 – 210 v. u. Z.), Gründer der Tjin-Dynastie, galt als typischer Gewaltherrscher.</ref>, Wang Mang<ref>45 v. u. Z. – 23 u. Z., Thronusurpator zu Ende der Westlichen Han-Zeit.</ref>, Tsau Tsau<ref>155 – 220, bedeutender Staatsmann, Heerführer und Dichter, der unter dem letzten Han-Kaiser faktisch die Macht ausübte.</ref>, Huan Wën<ref>312 – 373, Staatsmann und Heerführer der Östlichen Djin-Dynastie, der dank seiner militärischen Macht die Hofpolitik bestimmte.</ref>, An Lu-schan<ref>? – 757, aufrührerischer Heerführer und Thronusurpator in der Tang-Zeit.</ref> und Tjin Huee<ref>1090 – 1155, hoher Beamter der Südlichen Sung-Dynastie, Hauptvertreter der Kapitulantenpolitik gegenüber den feindlichen DschurDschën, gilt als typisches Beispiel eines schurkischen Hofbeamten.</ref> wurden zum Unheil geboren. Die großen Wohltäter haben die Welt zur Ordnung geführt, die großen Übeltäter haben die Welt in Unordnung gestürzt.
 
Erleuchtung und Verfeinerung sind der gute Hauch von Himmel und Erde, der den Wohltätern innewohnt, Grausamkeit und Entartung sind der böse Hauch von Himmel und Erde, der den Übeltätern innewohnt. Heute, da eine Dynastie an der Macht ist, deren Geschick blühend ist und deren Glück ewig währt, da im Reich Ausgeglichenheit herrscht, ohne daß der Herrscher tätig eingreifen muß, finden sich Menschen, denen der Hauch der Erleuchtung und Verfeinerung innewohnt, überall – vom Kaiserhof hochoben bis hinunter ins einfache Volk.
 
Ein Überfluß an edlem Hauch, der nirgendwohin kann, wird zu süßem Tau und lauem Wind und ergießt sich bis zu den vier Meeren. Der böse Hauch der Grausamkeit und Entartung aber, der sich unter dem strahlenden Himmel und der belebenden Sonne nicht ausbreiten kann, ballt sich in Gräben und Gruben. Wenn der Wind ihn berührt oder Wolken daran stoßen, gerät er ganz sacht in Bewegung, und eine winzige Kleinigkeit davon kann versehentlich entweichen. Wenn dann zufällig gerade ein Hauch der Verfeinerung vorüberkommt, duldet das Gute das Böse nicht, das Böse wiederum meidet das Gute, keines gibt dem anderen nach, und sie sind wie Wind und Wasser, Donner und Blitz, die sich nicht auflösen können, wenn sie aufeinandertreffen, und die einander auch nicht ausweichen können, so daß erst Schluß ist, wenn sie sich ausgetobt haben.  
 
Genauso wird dieser Hauch Menschen zuteil und vergeht erst, wenn er sich völlig ausgebreitet hat. Wenn einem Mann oder einer Frau durch Zufall von Geburt her dieser Hauch innewohnt, können sie weder ein edler Wohltäter noch ein schlimmer Übeltäter werden. Sie sind zwischen Milliarden von Menschen gesetzt, und durch den Hauch der Klugheit und Verfeinerung stehen sie höher als Milliarden andere, durch den Zustand der Entartung und Bosheit aber, die sie menschenunähnlich macht, stehen sie zugleich auch tiefer als Milliarden andere.
 
Wenn sie in reichen, adligen Familien geboren werden, entwickeln sie sich zu Liebesnarren. In unbemittelten Gelehrtenfamilien werden sie zu erhabenen Einsiedlern. Kommen sie aber durch Zufall in einer armen Familie zur Welt, die vom Glück nicht begünstigt ist, werden sie dennoch auf keinen Fall Laufburschen oder Grobmägde, die sich gern vom gemeinen Pöbel herumkommandieren lassen, sondern unbedingt überragende Schauspieler oder gefeierte Freudenmädchen.
 
Unter den früheren Dynastien waren Hsü You<ref>Mythischer Gelehrter des Altertums, der es ablehnte, Kaiser zu werden, und statt dessen als Einsiedler lebte.</ref>, Tau Tjiän<ref>Tau Yüan-ming (365[?] – 427) Dichter, der es vorzog, als armer Bauer zu leben, anstatt ein Amt anzunehmen.</ref>, Juan Dji<ref>210 – 263, Dichter, der sich durch exzentrisches Benehmen aus den Kämpfen seiner Zeit herauszuhalten versuchte.</ref>, Dji Kang<ref>224 – 262, antikonfuzianischer Dichter und Philosoph, wurde hingerichtet.</ref>, Liu Ling<ref>Um 265, Dichter, der gegen das konfuzianische Ritual auftrat und sich dem Trunk ergab.</ref>, die Sippen Wang und Hsiä,<ref>Die Sippe des prominenten Beamten Wang Dau (276 – 339), zu der sein als unkonventionell geltender Schwiegersohn Wang Hsi-dschï (321 – 379) und dessen Sohn Wang Hsiän-dschï (344 – 386), beides hervorragende Kalligraphen, gehörten, sowie die Sippe des ebenfalls prominenten Beamten Hsiä An (320 – 385), dessen begabte Nichte Hsiä Dau-yün die Frau eines Bruders von Wang Hsiän-dschï war.</ref> Gu Hu-tou<ref>Gu Kai-dschï (ca. 345 – 406), vor allem als Maler gefeiert, aber auch für seine umfassende Bildung bekannt, bekleidete verschiedene Beamtenposten.</ref>, Tschën Hou-dschu<ref>Tschën Schu-bau (553 – 604), letzter Herrscher der Südlichen Tschën-Dynastie, für sein ausschweifendes Leben bekannt.</ref>, der Tang-Kaiser Ming-huang<ref>Offiziell Hsüan-dsung (685 – 762, Kaiser von 712 bis 756), ebenfalls als ausschweifend verschrien, bekannt auch durch seine Nebenfrau Yang (Yang Guee-fee).</ref>, der Sung-Kaiser Huee-dsung<ref>1082 – 1135, Kaiser von 1100 bis 1125, hervorragend als Kunstkenner, Kalligraph und Maler, setzte sich dem Vorwurf aus, er habe sich mehr um die Kunst als um die Politik gekümmert.</ref>, Liu Ting-dschï<ref>Liu Hsi-i (ca. 651 – 680), Dichter, dem seine ungebundene Lebensweise zum Vorwurf gemacht wurde. Obwohl er die Staatsprüfungen bestanden hatte, übernahm er keinen Beamtenposten.</ref>, Wën Fee-tjing<ref>Wën Ting-yün (812 – 870[?]), Dichter, der die Staatsprüfungen nicht bestand und dem Überheblichkeit und liederlicher Lebenswandel vorgeworfen wurden.</ref>, Mi Nan-gung<ref>Mi Fu (1051 – 1107), vor allem als Kalligraph und Maler berühmt, bekleidete auch hohe Beamtenposten. Wie es heißt, kam er mit seinen Zeitgenossen nicht aus.</ref>, Schï Man-tjing<ref>Schï Yän-niän (994 – 1041), Literat, als trinkfreudig bekannt.</ref>, Liu Tji-tjing<ref>Liu Yung (980?-1053?), Dichter.</ref> und Tjin Schau-you<ref>Tjin Guan (1049 – 1100), Dichter.</ref> und in der jüngeren Zeit Ni Yün-lin<ref>Ni Dsan (1301[?] – 1374), Landschaftsmaler, der in der Mitte seines Lebens all seinen Reichtum verschenkte und dann ein unstetes Wanderleben führte.</ref>, Tang Bo-hu<ref>Tang Yin (1470 – 1524), Maler und Dichter.</ref> und Dschu Dschï-schan<ref>Dschu Yün-ming (1460 – 1524), Kalligraph und Literat, kritisierte das staatliche Prüfungssystem, verachtete die Staatsphilosophie des Neokonfuzianismus.</ref>, dann schließlich Li Guee-niän<ref>Musiker am Hof des Tang-Kaisers Hsüan-dsung (Ming-huang, vgl. o.).</ref>, Huang Fan-tschuo<ref>Schauspieler am Hof des Tang-Kaisers Hsüan-dsung.</ref>, Djing Hsin-mo<ref>Djing Hsin-mo: Schauspieler am Hof des Kaisers Dschuang-dsung der Späteren Tang-Dynastie (10. Jh.). Dschuo Wën-djün: siehe Anm. zu S. 6. Hung-fu: Sklavenmädchen des Yang Su, eines hohen Beamten der Suee-Zeit (581 – 618), floh mit Li Djing, einem Gast des Hauses, dessen politischen Aufstieg sie richtig voraussah. Hsüä Tau: Gefeiertes Freudenmädchen und Dichterin des 9. Jh. Tsuee Ying: Tsuee Ying-ying, die weibliche Hauptgestalt des Liebesdramas ‚Hsi-hsiang dji‘ (siehe Anm. zu S. 6). Dschau Yün: Freudenmädchen, später Nebenfrau des Dichters Su Schï (Su Dung-po, 1036 – 1101).</ref>, Dschuo Wën-djün, Hung-fu, Hsüä Tau, Tsuee Ying und Dschau Yün alles Menschen dieser Art, nur in unterschiedlicher Stellung.“
 
„Ihr meint also ‚Der Erfolgreiche ist ein Fürst, der Erfolglose ein Räuber‘?“ vergewisserte sich Lëng Dsï-hsing.
 
„Genau das meine ich“, bestätigte Djia Yü-tsun. „Ihr wißt noch nicht, daß ich in den beiden Jahren, als ich nach meiner Amtsenthebung durch die verschiedenen Provinzen gereist bin, auch ein paar eigenartigen Kindern begegnet bin. Deshalb habe ich mir sofort, als Ihr eben von diesem Bau-yü erzählt habt, gedacht, daß er höchstwahrscheinlich zu derselben Sorte von Menschen gehört. Ich brauche gar nicht weit abzuschweifen. Die Familie des kaiserlichen Bildungskommissars Dschën von der Provinzakademie ‚Halle der Verkörperten Menschlichkeit‘ in der Stadt Djin-ling kennt Ihr doch?“
 
„Wer kennt sie nicht?“ fragte Lëng Dsï-hsing zurück. „Die Dschëns und die Djias sind schon lange untereinander verschwägert und seit Generationen miteinander befreundet. Die Beziehungen zwischen den beiden Häusern könnten nicht enger sein. Ich selbst habe auch nicht erst seit gestern mit den Dschëns zu tun.“
 
Djia Yü-tsun lächelte dazu und fuhr dann fort: „Als ich im vergangenen Jahr in Djin-ling war, hat mich jemand den Dschëns als Hauslehrer empfohlen. Als ich dorthin kam, mußte ich feststellen, daß sie bei all ihrer Vornehmheit nicht nur reich sind, sondern auch die Riten hochhalten. Es war eine Anstellung, wie sie nur schwer zu finden ist, aber mein dortiger Schüler war zwar erst ein Anfänger, doch er kostete mich größere Mühen als die Vorbereitung auf die Staatsprüfung.
 
Und was erst recht zum Lachen war, er sagte: ‚Ich brauche ein paar Mädchen als Lerngefährten, damit ich mir die Schriftzeichen merken kann und etwas verstehe. Sonst aber ist mein Verstand wie benebelt.‘ Zu seinen Dienern sagte er häufig: ‚Das Wort ›Mädchen‹ ist so erhaben und rein, daß es die Namen ›Buddha Amitabha‹ und ›Himmlischer Urkaiser‹ an Glanz und Einzigartigkeit noch übertrifft. Mit euren Stinkmäulern und Moderzungen dürft ihr dieses Wort nicht leichtfertig aussprechen. Seid also auf der Hut! Wenn ihr es doch einmal gebrauchen müßt, spült euch vorher den Mund mit reinem Wasser oder aromatischem Tee! Wer dagegen verstößt, dem breche ich die Zähne aus und schlitze ihm die Backen auf!‘
 
Er war bösartig und unbeherrscht, halsstarrig und töricht, auf jede Weise absonderlich. Aber kaum daß der Unterricht zu Ende war und er in die inneren Gemächer zu den Mädchen kam, wurde er so weich und friedfertig, vernünftig und kultiviert, daß er ein anderer Mensch war. Sein Vater hat ihn deswegen ein paarmal hart durchprügeln lassen, aber auch das hat nicht geholfen. Und jedesmal, wenn er geprügelt wurde und die Schmerzen nicht mehr aushalten konnte, begann er wie wild nach seinen Schwestern zu rufen.
 
Später habe ich gehört, daß er von den Mädchen dafür gehänselt wurde. ‚Warum rufst du nach uns, wenn du Schläge bekommst?‘ fragten sie. ‚Du willst wohl, daß wir uns für dich einsetzen und um Gnade bitten? Schämst du dich nicht?‘ Er aber gab eine verblüffende Antwort, er sagte: ‚Als es mir zu weh getan hat, habe ich gedacht, es hilft vielleicht, wenn ich ›Schwestern, Schwestern!‹ rufe, und tatsächlich habe ich keinen Schmerz mehr gespürt, kaum daß ich gerufen hatte. So habe ich mein Geheimrezept gefunden, und immer, wenn die Qual zu groß wird, rufe ich in einem fort nach euch.‘ Ist das nicht zum Lachen?
 
Die Großmutter hing in abgöttischer Liebe an dem Jungen und hat seinetwegen seinen Vater und mir immer wieder beleidigende Vorwürfe gemacht. Darum habe ich die Stellung gekündigt und bin jetzt Hausleherer beim Salzinspektor Lin. Wie Ihr seht, wird so ein Junge den Familienbesitz bestimmt nicht bewahren können und wird auch den Ermahnungen durch Lehrer und Freunde keine Folge leisten. Schade ist es nur um die Mädchen des Hauses. So etwas wie sie trifft man selten.“
 
„Auch die drei Mädchen, die jetzt noch in der Familie Djia leben, sind ganz in Ordnung“, sagte daraufhin Lëng Dsï-hsing. „Die älteste Tochter von Djia Dschëng heißt Yüan-tschun und ist auf Grund ihrer Tugend und Begabung als Hoffräulein für den Kaiserpalast ausgewählt worden. Das zweite Fräulein ist die Tochter einer Nebenfrau von Djia Schë und heißt Ying-tschun. Das dritte Fräulein ist die Tochter einer Nebenfrau von Djia Dschëng und heißt Tan-tschun. Das vierte Fräulein schließlich ist eine leibliche jüngere Schwester von Djia Dschën im Ning-guo-Anwesen und heißt Hsi-tschun. Frau Schï, die alte Herzoginmutter, hat ihre Enkelinnen sehr gern, darum sind sie alle bei ihr und bekommen dort Unterricht. Nach dem, was man hört, lernt eine so gut wie die andere.“
 
„Bemerkenswert ist bei den Dschëns noch der Familienbrauch, den Mädchen Jungennamen zu geben und nicht wie in anderen Familien solche süßlichen Wörter wie tschun – ‚Frühling‘, hung – ‚rot‘, hsiang – ‚Duft‘ und yü – ‚Jade‘ dafür zu verwenden. Wie konnten die Djias Freude an dieser vulgären Sitte finden?“ fragte Djia Yü-tsun.
 
„So ist das ja nicht“, erwiderte Lëng Dsï-hsing. „Es liegt nur daran, daß das älteste Fräulein am Neujahrstag geboren ist und deshalb den Namen Yüan-tschun – ‚Neujahrsfrühling‘ – erhielt. Darum hat man sich auch bei den übrigen Mädchen an das tschun  gehalten. In der vorigen Generation hießen die Mädchen ebenfalls wie ihre Brüder. Ein Beweis dafür ist die Gattin Eures jetzigen Dienstherrn Lin. Sie ist eine leibliche Schwester der Herren Djia Schë und Djia Dschëng aus dem Jung-guo-Anwesen und heißt Djia Min. Wenn Ihr es nicht glaubt, könnt Ihr Euch danach erkundigen, wenn Ihr zurück seid.“
 
Lachend schlug Djia Yü-tsun mit der Hand auf den Tisch und sagte: „Darum also liest meine Schülerin dieses Schriftzeichen immer mi statt min,<ref>Die Schriftzeichen, mit denen die Rufnamen der Kaiser, der Dienstherren und der Eltern geschrieben wurden, galten als tabu, deshalb mußte ihr Gebrauch entweder ganz vermieden oder in der geschilderten Weise umgangen werden.</ref> wenn sie in einem Text darauf stößt, und läßt einen oder zwei Striche davon weg, wenn sie es schreiben muß. Ich hatte schon meine Zweifel deswegen, aber nachdem Ihr mir das jetzt erzählt habt, weiß ich sicher, daß dies der Grund ist. Kein Wunder auch, daß meine Schülerin in Worten und Taten anders ist als die Mädchen von heute. Vermutlich ist auch die Mutter eine ungewöhnliche Frau gewesen, daß sie so eine Tochter hat. Nachdem ich jetzt weiß, daß das Mädchen von den Djias im Jung-guo-Anwesen abstammt, wundere ich mich nicht mehr über sie. Bedauerlicherweise ist die Mutter im vergangenen Monat gestorben.“
 
„Sie war die jüngste von vier Schwestern, und nun ist auch sie tot“, sagte Lëng Dsï-hsing mit einem Seufzer. „Damit ist von den Schwestern der älteren Generation keine mehr am Leben. Jetzt ist die Frage, was die Mädchen der jüngeren Generation für Männer bekommen.“
 
„Genau so ist es“, sagte Djia Yü-tsun und fuhr dann fort: „Vorhin habt Ihr erzählt, Djia Dschëng habe einen Sohn, der mit einem Jadestein im Mund geboren wurde, sowie einen kleinen Enkel von seinem verstorbenen Ältesten. Djia Schë kann doch wohl nicht gut keinen einzigen Sohn haben!“
 
„Nachdem der Jadesohn geboren war, hat auch noch eine Nebenfrau von Djia Dschëng einen Sohn zur Welt gebracht, von dem ich aber nicht weiß, ob er etwas taugt“, gab Lëng Dsï-hsing Auskunft. „So hat Djia Dschëng jetzt zwei Söhne und einen Enkel. Was weiter aus ihnen wird, kann man freilich nicht wissen.
 
Djia Schë, nach dem Ihr fragt, hat ebenfalls zwei Söhne. Der ältere heißt Djia Liän und ist schon um die zwanzig. Was einmal verschwägert ist, verschwägert sich weiter, und so hat er vor zwei Jahren eine Nichte von Frau Wang, der Hauptfrau von Djia Dschëng, geheiratet. Man hat für ihn den Titel eines Unterpräfekten gekauft, doch auch er hat keine Lust zu lernen. Als weltgewandter junger Mann wohnte er bei seinem Onkel Djia Dschëng und half ein bißchen bei der Führung des Hauswesens. Aber seitdem er verheiratet ist, singt hoch und niedrig nur Loblieder auf seine Frau, er selbst dagegen ist eine ganze Pfeilschußweite zurückgefallen. Seine Frau ist bildschön und dabei redegewandt und außerordentlich einfallsreich. Von tausend Männern kommt nicht einer ihr gleich.“
 
„Da seht Ihr, daß es nicht verkehrt war, was ich vorhin gesagt habe“, nahm wieder Djia Yü-tsun lächelnd das Wort. „Alle, von denen wir jetzt gesprochen haben, gehören wohl zu der Sorte Menschen, die Gutes und Böses in sich haben.“
 
„Ob nun gut oder böse, wir sprechen in einem fort von anderen Leuten. Jetzt müßt Ihr aber einen Becher trinken!“ forderte Lëng Dsï-hsing ihn auf.
 
„Ich habe wahrhaftig nur auf unser Gespräch geachtet und dabei schon ein paar Becher zuviel getrunken“, wehrte Djia Yü-tsun ab.
 
„Ein Gespräch über andere Leute ist gerade die richtige Zukost zum Wein“, sagte Lëng Dsï-hsing lachend. „Was macht es schon, wenn man ein paar Becher mehr trinkt?“
 
Inzwischen blickte Djia Yü-tsun zum Fenster hinaus und stellte fest: „Es ist spät geworden, wir müssen achtgeben, daß die Stadttore nicht schon geschlossen werden. Wir können doch langsam in die Stadt zurückgehen und uns dabei weiterunterhalten!“
 
Also erhoben sie sich beide und bezahlten die Rechnung. Eben wollten sie losgehen, da hörten sie, wie sie jemand von hinten anrief: „Bruder Yü-tsun, ich gratuliere! Ich komme extra, um Euch die Freudenbotschaft zu überbringen.“
 
Rasch drehte Djia Yü-tsun sich um.
 
  
== Anmerkungen ==
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Gegen die zweite Nachtwache kehrte Schlicht Siegel fröhlich und guter Dinge zurück. Alle fragten ihn aufgeregt nach den Einzelheiten. Er berichtete: „Der neue Magistrat heißt mit Familiennamen Kaufmann und mit Vornamen Wandlung, mit Vornamen Hua, und stammt aus Huzhou. Er war früher ein Bekannter meines Schwiegersohnes. Als er heute an unserer Tür vorbeikam und die Zofe Zarte Aprikose<ref>Chin. 嬌杏 Jiāo Xìng. 嬌 jiāo „zart/hübsch"; 杏 xìng „Aprikose". Der Name klingt wie 侥幸 jiǎoxìng „durch einen Glücksfall".</ref> [娇杏] beim Garnkaufen sah, dachte er, mein Schwiegersohn sei hierher gezogen. Ich erklärte ihm alles, worauf der Magistrat sehr bewegt war und seufzte. Dann fragte er nach der Enkeltochter, und ich sagte, sie sei beim Laternenfest verloren gegangen. Der Magistrat versprach: ‚Keine Sorge, ich werde meine Leute anweisen, sie unbedingt aufzuspüren.' Nach einem langen Gespräch gab er mir beim Abschied noch zwei Liang Silber." Frau Echt hörte dies und konnte ihre Rührung nicht unterdrücken. So verging die Nacht.
<references/>
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Am nächsten Tag schickte Regendorf gleich in der Früh jemanden mit zwei Beuteln Silber und vier Rollen Brokat als Dank für Frau Echt, außerdem mit einem vertraulichen Brief an Schlicht Siegel, in dem er um die Zofe Zarte Aprikose als Zweitfrau bat. Schlicht Siegel war überglücklich und drängte seine Tochter, einzuwilligen. Noch in derselben Nacht wurde Zarte Aprikose in einer kleinen Sänfte zu Regendorf gebracht. Regendorf war hoch erfreut und schenkte Schlicht Siegel hundert Liang Silber, dazu viele Geschenke für Frau Echt, und bat ihn, gut für sie zu sorgen, bis die Tochter gefunden wäre. Schlicht Siegel kehrte nach Hause zurück, und damit hatte es sein Bewenden.
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Jene Zofe Zarte Aprikose war dieselbe, die sich damals im Vorbeigehen nach Regendorf umgedreht hatte. Durch diesen einen zufälligen Blick war diese ganze Geschichte entstanden – ein Schicksal, das sie selbst nie erwartet hätte. Wer hätte gedacht, dass ihr Glück und Schicksal zusammentrafen: Kaum ein Jahr an Regendorfs Seite, gebar sie ihm einen Sohn, und nach einem weiteren halben Jahr starb Regendorfs erste Frau an einer Krankheit, so dass er Zarte Aprikose zur rechtmäßigen Hauptfrau erhob. Wahrlich:
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Durch einen einzigen Fehler im Spiel
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ward sie zur Herrin über andere.
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Nachdem Wahrheitsverberger ihm damals das Silber geschenkt hatte, brach Regendorf am sechzehnten Tag auf und reiste in die Hauptstadt. Bei der großen Prüfung bestand er wider Erwarten mit Bravour als Jinshi und wurde in den auswärtigen Beamtendienst aufgenommen. Inzwischen war er zum Magistrat eben dieses Bezirks aufgestiegen. Obwohl er von großem Talent war, neigte er doch zu Habgier und Grausamkeit und verließ sich zu sehr auf seine Begabung, wobei er Vorgesetzte brüskierte. So blickten die anderen Beamten ihn scheel an. Innerhalb eines Jahres fand sein Vorgesetzter einen Vorwand und erstattete dem Kaiser Bericht, in dem er ihn als „hinterhältig und von zwielichtigem Charakter" bezeichnete, der „eigenmächtig die Sitten verändere, sich den Anschein der Rechtschaffenheit gebe, insgeheim aber gefährliche Verbindungen pflege, so dass die öffentliche Ordnung gestört und das Volk unterdrückt werde". Der Kaiser war erzürnt und ordnete seine sofortige Entlassung an. Als der Erlass eintraf, freuten sich alle Beamten des Bezirks. Regendorf aber, obwohl innerlich tief beschämt und verbittert, zeigte äußerlich keine Spur von Unmut und blieb lachend und gelassen wie eh und je. Er übergab die Amtsgeschäfte, schickte sein gesamtes Vermögen samt Familie in die Heimat, und machte sich selbst auf, Wind und Mond als Gefährten, die schönsten Orte des Reiches zu bereisen.
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Eines Tages gelangte er auf seinen Wanderungen in die Gegend von Yangzhou und erfuhr, dass der diesjährige Salz-Kommissar ein gewisser Ozeangleich Wald [林如海]<ref>Chin. 林如海 Lín Rúhǎi, wörtl. „wie das Meer". Er ist Kajaljades Vater und Schwiegersohn der Kaufmann-Familie.</ref> sei. Dieser Ozeangleich Wald war ein Tanhua-Absolvent der letzten Prüfung, inzwischen zum Rat der Lantai-Akademie aufgestiegen und nun als kaiserlicher Salz-Inspektor nach Yangzhou entsandt worden, wo er erst seit gut einem Monat im Amt war.
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Die Vorfahren dieses Ozeangleich Wald hatten einst den Rang eines Marquis geerbt. Bis zu Ozeangleich Wald waren fünf Generationen vergangen. Ursprünglich war der Titel nur für drei Generationen verliehen worden, doch dank der besonderen Gnade des gegenwärtigen Kaisers wurde er verlängert. Ozeangleich Walds Vater konnte ihn noch einmal erben, doch Ozeangleich Wald selbst machte seinen Weg über die Beamtenprüfungen. Obwohl die Familie zu den großen Häusern zählte, war sie zugleich eine Familie von Gelehrten. Leider war die Familie Lin nicht zahlreich, und obwohl es einige Seitenlinien gab, waren sie alle nur entfernte Verwandte. Ozeangleich Wald war nun bereits über vierzig, hatte aber nur einen einzigen dreijährigen Sohn gehabt, der im vergangenen Jahr gestorben war. Trotz einiger Nebenfrauen war es ihm nicht bestimmt, einen Sohn zu haben. So hatte er nur seine rechtmäßige Gattin, eine geborene Jia, die ihm eine Tochter geboren hatte, mit dem Milchnamen Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade". 黛 dài bedeutet „Kajal" (schwarze Augenbrauenfarbe), 玉 yù „Jade".</ref>, die nun fünf Jahre alt war. Da das Ehepaar keinen Sohn hatte, liebten sie das Mädchen wie einen kostbaren Schatz. Und da sie klug und hübsch war, ließen sie sie sogar lesen und schreiben lernen – gleichsam als Ersatz für einen Sohn, um die Einsamkeit ein wenig zu lindern.
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Regendorf erkältete sich gerade und lag krank in einer Herberge. Nach etwa einem Monat genas er allmählich. Einerseits war er erschöpft, andererseits gingen ihm die Mittel aus, und so suchte er nach einer passenden Gelegenheit, sich vorübergehend niederzulassen. Glücklicherweise hatten zwei alte Freunde, die ebenfalls in der Gegend wohnten, gehört, dass der Salz-Kommissar einen Hauslehrer suchte, und so empfahlen sie Regendorf, der die Stelle annahm. Es war eine angenehme Stellung: Er hatte nur eine einzige Schülerin und zwei Zofen, die sie beim Lernen begleiteten. Das Mädchen war noch jung und zart, und der Unterricht war nicht allzu anstrengend.
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So verging etwa ein Jahr, als die Mutter der jungen Schülerin, Frau Kaufmann (Feinsinn), plötzlich an einer Krankheit starb. Das Mädchen pflegte die Mutter bis zuletzt und trauerte aufrichtig. Der Hauslehrer wollte daraufhin seine Stelle aufgeben. Ozeangleich Wald aber bat ihn zu bleiben, damit seine Tochter während der Trauerzeit weiter lesen könne. In letzter Zeit hatte die Schülerin vor Kummer so sehr gelitten, dass ihre ohnehin schwache Konstitution angegriffen war und eine alte Krankheit wieder ausbrach, so dass sie tagelang nicht zur Schule kam. Regendorf, ohne Beschäftigung, ging bei schönem Wetter nach dem Essen gern spazieren.
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An diesem Tag gelangte er zufällig an den Stadtrand, wo er die ländliche Landschaft bewundern wollte. Er wanderte zu einer Stelle, wo Berge das Wasser umgaben, dichte Wälder und hohe Bambushaine standen, und erblickte undeutlich einen Tempel, dessen Tore und Mauern verfallen waren. Über dem Tor hing ein Schild mit den drei Zeichen „Tempel der Allwissenheit", und daneben stand ein altes, verwittertes Spruchpaar:
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Wer schon mehr als genug für nach dem Tod hat, vergisst dennoch die Hand zurückzuziehen;
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Wer keinen Weg mehr vor sich sieht, will umkehren.
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Regendorf las es und dachte: Diese Worte sind zwar schlicht, doch tief im Sinn. Ich habe viele berühmte Berge und große Tempel besucht, doch solche Worte nie gesehen. Vielleicht lebt hier jemand, der die Welt durchschaut hat. Warum nicht eintreten und sehen? Er ging hinein und fand nur einen gebrechlichen alten Mönch, der Reisbrei kochte. Regendorf beachtete ihn kaum. Als er ihm ein paar Fragen stellte, war der alte Mönch taub und senil, mit ausgefallenen Zähnen und steifer Zunge – seine Antworten gingen völlig am Thema vorbei.
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Regendorf, ungeduldig geworden, verließ den Tempel wieder. Er wollte in einer Dorfschenke drei Becher Wein trinken, um die ländliche Stimmung zu genießen. Er schlenderte gemächlich hin, und gerade als er die Schenke betreten wollte, stand einer der Gäste auf, lachte laut und kam ihm entgegen. Er rief: „Was für ein Zufall! Was für ein Zufall!" Regendorf erkannte den Mann: Es war ein Antiquitätenhändler aus der Hauptstadt namens Leng Selbstaufsteiger [冷子兴], den er von früher kannte. Regendorf schätzte Leng Selbstaufsteiger als einen Mann von Format und Tatkraft, und Aufsteiger wiederum nutzte Regendorfs Gelehrtenruf. Daher verstanden sich die beiden bestens. Regendorf fragte lächelnd: „Wann bist du hier angekommen, mein Freund? Ich wusste gar nichts davon. Welch ein Zufall, uns heute zu treffen!" Aufsteiger erwiderte: „Ich kam zum Jahresende nach Hause und bin jetzt auf dem Rückweg in die Hauptstadt. Ich besuchte einen Freund hier in der Gegend, der mich bat, ein paar Tage zu bleiben. Da ich keine dringenden Geschäfte habe, blieb ich noch etwas. Heute schlenderte ich hierher, um mich ein wenig auszuruhen – und dann dieses glückliche Zusammentreffen!" Während er sprach, ließ er Regendorf neben sich Platz nehmen und bestellte neuen Wein und Speisen. Die beiden plauderten gemütlich und erzählten, was sich seit ihrem letzten Treffen zugetragen hatte.
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Regendorf fragte: „Gibt es Neuigkeiten in der Hauptstadt?" Aufsteiger antwortete: „Eigentlich nicht besonders. Aber in der Familie Eures verehrten Namensvetters hat sich eine kleine Merkwürdigkeit zugetragen." Regendorf lachte: „In meiner Sippe hat niemand in der Hauptstadt zu tun. Wie kommt Ihr darauf?" Aufsteiger lachte: „Ihr tragt denselben Familiennamen – seid Ihr nicht vom gleichen Stamm?" Regendorf fragte, welche Familie er meine.
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Aufsteiger sagte: „Das Prunkwille-Anwesenguo, die Kaufmann-Familie – die bringt doch Eurem guten Namen keine Schande, oder?" Regendorf lachte: „Ach, die! Wenn man es genau nimmt, so ist unsere Sippe weitverzweigt, von der Han-Dynastie her über den Ahnen Kaufmann Wiederkehr<ref>Chin. 贾复 Jiǎ Fù. 复 fù „wiederkehren/erwidern".</ref>, mit Seitenlinien in allen Provinzen – wer könnte das alles nachprüfen? Was den Zweig des Prunkwille-Anwesens<ref>Chin. 荣国府 Róngguó Fǔ „Residenz des Reiches des Ruhms". 荣 róng „Ruhm/Blüte".</ref> betrifft, so stehen wir zwar im selben Stammbaum, doch angesichts ihrer Pracht haben wir uns nicht getraut, uns als Verwandte auszugeben, und so sind wir einander mit der Zeit fremd geworden." Aufsteiger seufzte: „Sagt das nicht, verehrter Herr! Die beiden Häuser Ning und Rong sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren."
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Regendorf fragte: „Seinerzeit waren die beiden Residenzen doch überaus bevölkert. Wie kann es sein, dass sie so verödet sind?" Aufsteiger antwortete: „Genau, das ist eine lange Geschichte." Regendorf erzählte: „Letztes Jahr kam ich nach Jinling und wollte die Überreste der Sechs Dynastien besichtigen. An jenem Tag betrat ich die Stadt am Steintor und kam an dem alten Anwesen vorbei. Östlich der Straße liegt die Stillfriede-Anwesen, westlich die Prunkwille-Anwesen. Beide zusammen nehmen mehr als die Hälfte der Straße ein. Obwohl es vor dem Haupttor still und menschenleer war, konnte man durch die Mauer hindurch sehen, dass die Hallen, Paläste und Pavillons im Inneren noch immer stattlich und majestätisch ragten, und auch in den hinteren Gärten verströmten Bäume und Steine noch eine Aura von Üppigkeit und Frische. Das sah keineswegs nach einer Familie im Niedergang aus."
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Aufsteiger lachte: „Und Ihr seid ein Jinshi! Kennt Ihr denn nicht das alte Sprichwort: ‚Ein Tausendfüßler stirbt, aber er fällt nicht um'? Obwohl es heute nicht mehr so prächtig ist wie einst, ist es verglichen mit gewöhnlichen Beamtenfamilien immer noch ganz anders. Doch die Bevölkerung wächst, die Geschäfte mehren sich, Herren und Diener leben in Saus und Braus, aber keiner unter ihnen kann planen und vorausdenken. Die täglichen Ausgaben und der Aufwand lassen sich nicht einschränken. Zwar steht die äußere Fassade noch, aber das innere Polster ist so gut wie aufgebraucht. Das ist noch das Geringste. Schlimmer ist, dass in solch einem Haus von Glocken und Dreifüßen, von Dichtung und Gelehrsamkeit die Kinder und Enkel mit jeder Generation schlechter werden!" Regendorf hörte es verwundert und sagte: „Eine solche Familie der Dichtung und des Anstands – wie kann es sein, dass sie ihre Kinder nicht gut erzieht? Andere Familien kenne ich nicht, doch was die beiden Häuser Ning und Rong betrifft, so sind diese doch berühmt für ihre strenge Kindererziehung."
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Aufsteiger seufzte: „Ich spreche genau von diesen beiden Häusern. Lasst mich erzählen: Einst waren der Herzog von Ningguo und der Herzog von Rongguo leibliche Brüder von derselben Mutter. Der ältere war der Ninguo-Herzog. Er hatte vier Söhne. Nach seinem Tod erbte Kaufmann Generationswandel<ref>Chin. 贾代化 Jiǎ Dàihuà. 代 dài „Generation"; 化 huà „Wandlung".</ref> das Amt und zeugte ebenfalls zwei Söhne. Der ältere, Kaufmann Wiederkehr<ref>Chin. 贾复 Jiǎ Fù. 复 fù „wiederkehren/erwidern".</ref>, starb schon mit acht oder neun Jahren. So erbte der jüngere, Andacht Kaufmann [贾敬], das Amt. Doch dieser widmet sich heutzutage nur noch der taoistischen Alchemie und kümmert sich um nichts anderes mehr. Zum Glück hatte er noch rechtzeitig einen Sohn hinterlassen, namens Herrlichkeit Kaufmann [贾珍], dem er das Amt überließ, da er selbst nur noch das Elixier der Unsterblichkeit brauen wollte. Er weigert sich, in die Heimat zurückzukehren, und lebt mit Priestern vor den Toren der Hauptstadt. Dieser Herrlichkeit Kaufmann hat einen Sohn namens Herrlichkeit Kaufmann, der jetzt erst sechzehn Jahre alt ist. Der alte Andacht Kaufmann kümmert sich um gar nichts mehr. Herrlichkeit Kaufmann aber hat keine Lust zu studieren und führt nur ein ausschweifendes Leben, sodass die Ninguo-Residenz völlig auf den Kopf gestellt ist, und niemand wagt, ihn zu zügeln.
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Was nun die Rongguo-Residenz betrifft – die merkwürdige Begebenheit, von der ich erzählen will, geschah genau dort. Nach dem Tod des Rongguo-Herzogs erbte sein ältester Sohn, Kaufmann Generationsgüte<ref>Chin. 贾代善 Jiǎ Dàishàn. 代 dài „Generation"; 善 shàn „Güte/Tugend".</ref>, das Amt. Er heiratete ein Fräulein aus dem ebenfalls hochangesehenen Haus der Marquis Shi in Jinling und bekam zwei Söhne: den älteren Begnadigung Kaufmann [贾赦]<ref>Chin. 贾赦 Jiǎ Shè. 赦 shè bedeutet „Begnadigung/Amnestie". Er ist der älteste Sohn der Herzoginmutter.</ref> und den jüngeren Aufrecht Kaufmann [贾政]<ref>Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „Regierung/aufrecht". Er ist der zweite Sohn der Herzoginmutter und Vater von Schatzjade.</ref>. Kaufmann Generationsgüte starb früh, doch seine Gemahlin, die alte Fürstin, lebt noch. Der ältere Sohn Begnadigung Kaufmann erbte das Amt. Der jüngere Aufrecht Kaufmann war von Kindheit an ein eifriger Leser, den sein Großvater am meisten liebte. Eigentlich hätte er die Beamtenlaufbahn über die Prüfungen einschlagen sollen, doch als Kaufmann Generationsgüte<ref>Chin. 贾代善 Jiǎ Dàishàn. 代 dài „Generation"; 善 shàn „Güte/Tugend".</ref> auf dem Sterbebett eine letzte Bittschrift an den Thron richtete, erkundigte sich der Kaiser aus Mitgefühl für den verdienten Beamten, ob es noch weitere Söhne gebe, und verlieh Aufrecht Kaufmann sogleich den Titel eines Aufwärters im Ministerium. Inzwischen ist er zum Außenamtsdirektor aufgestiegen. Die Gemahlin von Aufrecht Kaufmann, eine geborene Wang, brachte als erstgeborenen Sohn Herrlichkeit Kaufmann zur Welt, der mit vierzehn in die höhere Schule aufgenommen wurde, vor seinem zwanzigsten Lebensjahr heiratete und einen Sohn zeugte, dann aber starb. Die zweitgeborene war eine Tochter, die am Neujahrstag geboren wurde – das allein schon war bemerkenswert. Doch dann wurde noch ein Sohn geboren, und das ist noch erstaunlicher: Dieser Junge kam mit einem Stück fünffarbig schimmerndem Jade im Mund zur Welt, auf dem sogar Schriftzeichen eingraviert waren. Man nannte ihn daher Schatzjade [宝玉]<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz" des Jia-Hauses. Der Familienname 贾 Jiǎ ist homophon zu 假 jiǎ „falsch/fiktiv".</ref>. Ist das nicht eine höchst merkwürdige Geschichte?"
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Regendorf sagte lachend: „Wahrhaftig seltsam. Dieser Mensch dürfte keinen geringen Ursprung haben."
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Aufsteiger lachte kühl: „Alle sagen das. Daher vergöttert ihn auch seine Großmutter. Als er ein Jahr alt war, wollte der Vater seine zukünftige Neigung testen und legte unzählige Gegenstände vor ihn hin, damit er zugreife. Doch der Junge interessierte sich für nichts davon und griff nur nach Schminke, Haarnadeln und Schmuck. Da wurde der Vater sehr zornig und sagte: ‚Aus dem wird nichts als ein Wüstling!' Seither mag er ihn nicht besonders. Nur die alte Großmutter liebt ihn wie ihren Augapfel. Und auch das ist merkwürdig: Obwohl er jetzt sieben, acht Jahre alt ist und über alle Maßen ungezogen, ist er dabei so klug und liebenswürdig, dass hundert andere Kinder ihm nicht das Wasser reichen können. Er sagt auch seltsame Dinge: ‚Mädchen sind aus Wasser gemacht, Männer aus Lehm. Wenn ich Mädchen sehe, fühle ich mich erfrischt; wenn ich Männer sehe, empfinde ich nur Ekel.' Ist das nicht lächerlich? Der wird bestimmt ein Lüstling!" Regendorf wurde ernst und wehrte ab: „Nein, nein! Schade, dass Ihr seine Herkunft nicht kennt. Auch der alte Herr Aufrecht hat sich wohl geirrt, wenn er ihn für einen gewöhnlichen Wüstling hält. Ohne umfangreiche Bildung und tiefes Nachdenken vermag man solche Menschen nicht zu verstehen."
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Aufsteiger, erstaunt über die Gewichtigkeit dieser Worte, bat um Erläuterung. Regendorf sprach: „Himmel und Erde bringen die Menschen hervor, und außer den ganz Guten und den ganz Bösen gleichen sich alle. Die ganz Guten werden geboren, wenn die Zeit es erfordert, die ganz Bösen, wenn ein Unheil droht. In Zeiten des Friedens kommen die Guten, in Zeiten der Not die Bösen. Yao, Shun, Yu, Tang, Wen König, König Wu, der Herzog von Zhou, der Herzog von Shao, Konfuzius, Mengzi, Dong Zhongshu, Han Yu, die Brüder Cheng, Zhu Xi – sie alle kamen, als die Zeit es erforderte. Chi You, Gonggong, Jie, Zhou, der Erste Kaiser, Wang Mang, Cao Cao, Huan Wen, An Lushan, Qin Hui – sie alle wurden in Zeiten des Unheils geboren. Die ganz Guten ordnen die Welt, die ganz Bösen bringen sie in Verwirrung. Die reine, leuchtende, geistreiche Essenz von Himmel und Erde ist die rechte Kraft, die den Guten verliehen wird; die grausame, widerspenstige Kraft ist die unrechte, die den Bösen zuteil wird. In einer Zeit des Wohlstands und des ewigen Friedens durchdringt die reine, geistreiche Essenz alles, vom Hof bis zu den einfachsten Leuten. Was davon übrig bleibt und nirgends hingehört, wird zu süßem Tau und mildem Wind, der überallhin strömt. Die grausame, widerspenstige Kraft aber kann nicht im hellen Tageslicht wirken, sondern verdichtet sich in tiefen Gräben und Schluchten. Wenn gelegentlich durch Wind oder Wolken ein Faden davon herausgeweht wird und auf die geistreiche Essenz trifft, können sich die beiden weder vertragen noch einander weichen und müssen aufeinanderprallen, bis ihre Energie erschöpft ist. So wird auch diese Kraft Menschen verliehen. Wer als Mann oder Frau diese doppelte Kraft empfängt, steht in seiner Klugheit und Brillanz über zehntausend anderen, in seiner Sonderbarkeit und Widerspenstigkeit aber unter allen. In einem Haus des Reichtums und Adels wird solch ein Mensch zum Narren der Liebe; in einer Familie von Dichtern und Armut wird er zum freien Geist und Erhabenen; und selbst wenn er in ärmlichste Verhältnisse geboren wird, kann er nie ein gewöhnlicher Knecht sein, sondern wird zu einem berühmten Schauspieler oder einer gefeierten Kurtisane. So waren es einst Xu You, Tao Qian, Ruan Ji, Ji Kang, Liu Ling, die Familien Wang und Xie, Gu Kaizhi, der letzte Kaiser Chen, Kaiser Xuanzong der Tang, Kaiser Huizong der Song, Liu Tingzhi, Wen Tingyun, Mi Fu, Shi Manqing, Liu Yong, Qin Guan, und in jüngerer Zeit Ni Yunlin, Tang Yin, Zhu Zhishan, ferner Li Guinian, Huang Fanchuo, Jing Xinmo, Zhuo Wenjun, Hongfu, Xue Tao, Cui Ying und Chaoyun. Sie alle hätten an einem anderen Ort dieselben Menschen sein können."
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Aufsteiger sagte: „Nach Eurer Theorie wäre es also: Wer Erfolg hat, wird zum König, wer scheitert, zum Räuber?" Regendorf antwortete: „Genau so. Und wisst Ihr, seit ich aus dem Amt entlassen wurde, habe ich in den letzten zwei Jahren alle Provinzen bereist und dabei ebenfalls zwei ungewöhnliche Kinder getroffen. Deshalb vermutete ich sogleich, als Ihr von Schatzjade sprachtet, dass er zur selben Sorte gehört. Um nicht in die Ferne zu schweifen: Allein in Jinling, im Hause des kaiserlichen Kommissars des Zensors Echt – kennt Ihr das?" Aufsteiger nickte: „Natürlich! Die Familie Echt und die Kaufmann-Familie sind seit alters her verschwägert und befreundet. Beide Familien pflegen regen Umgang. Auch ich selbst verkehre schon seit langem bei ihnen." Regendorf lachte: „Letztes Jahr in Jinling empfahl man mich als Hauslehrer bei den Zhens. Als ich ihr Haus betrat, sah ich, dass diese äußerst vornehme Familie zugleich von edler Gesinnung war – ein seltener Posten. Doch diese eine Schülerin, obwohl erst ein Anfänger, machte mehr Mühe als ein Kandidat für die Prüfungen. Das Lustigste war: Er sagte – denn es war ein Junge, trotz des weiblichen Namens –: ‚Nur wenn zwei Mädchen mich beim Lesen begleiten, kann ich die Zeichen verstehen und habe einen klaren Kopf, sonst bin ich ganz verwirrt.' Und er sagte zu seinen Dienern: ‚Die zwei Zeichen für „Mädchen" sind äußerst edel und rein, noch erhabener als die beiden Namen „Amitabha Buddha" und „Yuanshi Tianzun". Ihr mit eurem dreckigen Mund dürft diese beiden Zeichen niemals entweihen. Bevor ihr sie aussprecht, müsst ihr euch den Mund mit klarem Wasser und duftendem Tee ausspülen, sonst werden euch die Zähne ausgebrochen!' Seine Wildheit und Ungestümtheit, sein Eigensinn und seine Naivität waren ganz außergewöhnlich. Doch sobald er aus der Schule kam und die Mädchen sah, verwandelte er sich völlig – wurde sanft, friedlich, klug und kultiviert. Sein Vater hat ihn schon mehrfach hart geschlagen, doch es nützte nichts. Wenn er Schmerzen hatte, rief er nur ‚Schwester!' und ‚Schwester!' Die Mädchen drinnen machten sich über ihn lustig und fragten: ‚Warum rufst du nach den Schwestern, wenn es dir wehtut? Sollen sie für dich bitten? Schämst du dich nicht?' Und seine Antwort war köstlich: ‚Bei heftigem Schmerz rufe ich nur „Schwester", und vielleicht lindert das den Schmerz – tatsächlich, als ich es einmal versuchte, hörte der Schmerz auf. So habe ich ein Geheimmittel gefunden und rufe seither bei jedem Schmerz nach den Schwestern.' Da auch seine Großmutter ihn verwöhnte und den Lehrer tadelte, wenn er den Jungen bestrafte, gab ich meinen Posten auf und bin jetzt als Hauslehrer beim Salz-Inspektor Lin. Seht Ihr – solche Kinder können unmöglich das Erbe ihrer Vorväter bewahren oder den Anweisungen ihrer Lehrer folgen. Doch die Schwestern dieser Familie sind allesamt hervorragend."
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Aufsteiger sagte: „Auch im Hause Kaufmann gibt es derzeit drei bemerkenswerte Töchter. Die älteste Tochter des Herrn Aufrecht, Urfrühling [元春], wurde wegen ihrer Tugend und Begabung als Palastdame in den Kaiserpalast berufen. Die zweite, Willkommensfrühling<ref>Die vier Kaufmann-Schwestern heißen 元春 (Urfrühling), 迎春 (Willkommensfrühling), 探春 (Erkundefrühling), 惜春 (Bedauerfrühling). Ihre Anfangszeichen 元迎探惜 klingen zusammen wie 原应叹息 yuán yīng tànxī „man sollte nur seufzen" — ein Vorverweis auf ihre tragischen Schicksale.</ref>, ist die Tochter einer Nebenfrau von Herrn Begnadigung. Die dritte, Erkundefrühling, ist eine natürliche Tochter von Herrn Aufrecht. Die vierte, Bedauerfrühling, ist die leibliche Schwester von Herrlichkeit Kaufmann aus der Ninguo-Residenz. Da die alte Fürstin ihre Enkelinnen sehr liebt, wohnen alle bei der Großmutter und lesen gemeinsam. Man hört, sie seien alle ausgezeichnet."
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Regendorf sagte: „Noch merkwürdiger ist der Brauch der Familie Echt, dass die Mädchen Jungennamen erhalten, anstatt die üblichen Zeichen wie Frühling, Rot, Duft und Jade zu verwenden. Warum folgt das Haus Kaufmann dann dieser gewöhnlichen Mode?" Aufsteiger erklärte: „Weil die älteste Tochter am Neujahrstag geboren wurde und daher Urfrühling heißt, haben die übrigen einfach das Zeichen ‚Frühling' übernommen. Die vorige Generation hingegen folgte den Brüdernamen. Zum Beweis: Die Gemahlin Eures jetzigen Dienstherrn, des Herrn Lin, ist die leibliche Schwester der Herren Begnadigung und Aufrecht aus dem Hause Rongguo und hieß als Mädchen Feinsinn Kaufmann<ref>Chin. 贾敏 Jiǎ Mǐn. 敏 mǐn „feinsinnig/gewandt". Mutter von Kajaljade (林黛玉).</ref>." Regendorf schlug begeistert auf den Tisch: „Natürlich! Kein Wunder, dass meine Schülerin jedes Mal, wenn im Buch das Zeichen ‚min' vorkam, es als ‚mi' aussprach, und wenn sie es schrieb, immer einen oder zwei Striche wegließ. Ich hatte schon den Verdacht, und nun bestätigt Ihr es. Da ihre Mutter eine solche Herkunft hat, ist es kein Wunder, dass das Mädchen so außergewöhnlich ist. Leider ist sie letzten Monat verstorben." Aufsteiger seufzte: „Von den vier Schwestern der älteren Generation ist diese die jüngste, und nun ist auch sie dahin. Schauen wir, was aus den Schwiegersöhnen der jüngeren Generation wird."
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Regendorf sagte: „Eben. Herr Aufrecht hat also den Schatzjade, und dann noch den schwächlichen Enkel seines ältesten Sohnes. Hat der alte Herr Begnadigung denn gar keinen Sohn?" Aufsteiger erwiderte: „Herr Aufrecht hat nach dem Schatzjade noch einen weiteren Sohn von einer Nebenfrau bekommen, dessen Qualitäten man noch nicht kennt. Was den alten Herrn Begnadigung betrifft, so hat auch er zwei Söhne. Der ältere heißt Kette Kaufmann [贾琏], ist nun um die zwanzig und hat die Nichte von Herrn Aufrechts Gemahlin Wang geheiratet – also in der eigenen Verwandtschaft. Dieser Kette Kaufmann hat sich einen Amtstitel erkauft. Er mag nicht lesen, versteht sich aber auf gesellschaftlichen Umgang. Daher wohnt er im Haus seines Onkels Zheng und hilft bei der Verwaltung der Haushaltsangelegenheiten. Doch seit er seine Gemahlin geheiratet hat, loben alle im Haus nur noch sie, und er tritt in den Hintergrund. Man sagt, sie sei äußerst schön, beredt und von scharfem Verstand – wahrhaft eine Frau, der zehntausend Männer nicht das Wasser reichen können."
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Regendorf lachte: „Da seht Ihr – alles, was ich gesagt habe, bestätigt sich. Die paar Menschen, von denen wir gesprochen haben, sind wohl alle Geschöpfe der doppelten Kraft von Recht und Unrecht." Aufsteiger sagte: „Ob unrecht oder recht – hört auf, in fremden Büchern zu rechnen, und trinkt lieber noch einen Becher!" Regendorf lachte: „Stimmt, ich habe über dem Reden schon zu viel getrunken." Aufsteiger lachte: „Wenn man über andere Leute redet, schmeckt der Wein erst recht – ein paar Becher mehr schaden nicht." Regendorf blickte aus dem Fenster: „Es wird dunkel, wir sollten uns beeilen, bevor das Stadttor schließt. Wir können drinnen weiterplaudern." Daraufhin standen sie auf und bezahlten die Zeche.
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Gerade als sie gehen wollten, hörten sie hinter sich jemanden rufen: „Bruder Regendorf, ich gratuliere! Ich komme eigens, um Euch eine frohe Nachricht zu bringen!" Regendorf drehte sich hastig um –

Latest revision as of 19:29, 28 April 2026

Kapitel 2

In dem Regendorf Kaufmann von einem Freund die Geschichte der Kaufmann-Familie erfährt und Frostig Aufsteiger[1] die Wechselfälle des Prunkwille-Anwesens[2] schildert

Das Eingangsgedicht lautet:

Ob Gewinn oder Verlust in dieser Partie – wer weiß es schon? Räucherwerk verloschen, Tee ausgetrunken – doch man verweilt noch. Willst du das Zeichen für Aufstieg und Verfall erkennen, So frage den kühlen Beobachter am Rand.

Es wird erzählt, dass Schlicht Siegel [封肃], als er die Gerichtsdiener nach ihm rufen hörte, eilig hinausging und mit einem Lächeln fragte, was los sei. Die Männer riefen nur: „Bringt den Herrn Echt schnell heraus!" Schlicht Siegel erklärte lächelnd: „Ich heiße Feng, nicht Zhen. Mein ehemaliger Schwiegersohn hieß Zhen, doch er ist schon seit ein, zwei Jahren als Mönch davongegangen. Meint Ihr vielleicht ihn?" Die Gerichtsdiener erwiderten: „Wir wissen nicht, ob es einen echten oder falschen Echt gibt. Wir folgen nur dem Befehl des Herrn Magistrats. Da er Euer Schwiegersohn war, nehmen wir Euch mit, damit Ihr persönlich vor dem Magistrat aussagt und wir nicht vergeblich herumrennen müssen." Ohne Schlicht Siegel zu Wort kommen zu lassen, drängten sie ihn hinaus. Die ganze Familie war erschrocken und wusste nicht, was das zu bedeuten hatte.

Gegen die zweite Nachtwache kehrte Schlicht Siegel fröhlich und guter Dinge zurück. Alle fragten ihn aufgeregt nach den Einzelheiten. Er berichtete: „Der neue Magistrat heißt mit Familiennamen Kaufmann und mit Vornamen Wandlung, mit Vornamen Hua, und stammt aus Huzhou. Er war früher ein Bekannter meines Schwiegersohnes. Als er heute an unserer Tür vorbeikam und die Zofe Zarte Aprikose[3] [娇杏] beim Garnkaufen sah, dachte er, mein Schwiegersohn sei hierher gezogen. Ich erklärte ihm alles, worauf der Magistrat sehr bewegt war und seufzte. Dann fragte er nach der Enkeltochter, und ich sagte, sie sei beim Laternenfest verloren gegangen. Der Magistrat versprach: ‚Keine Sorge, ich werde meine Leute anweisen, sie unbedingt aufzuspüren.' Nach einem langen Gespräch gab er mir beim Abschied noch zwei Liang Silber." Frau Echt hörte dies und konnte ihre Rührung nicht unterdrücken. So verging die Nacht.

Am nächsten Tag schickte Regendorf gleich in der Früh jemanden mit zwei Beuteln Silber und vier Rollen Brokat als Dank für Frau Echt, außerdem mit einem vertraulichen Brief an Schlicht Siegel, in dem er um die Zofe Zarte Aprikose als Zweitfrau bat. Schlicht Siegel war überglücklich und drängte seine Tochter, einzuwilligen. Noch in derselben Nacht wurde Zarte Aprikose in einer kleinen Sänfte zu Regendorf gebracht. Regendorf war hoch erfreut und schenkte Schlicht Siegel hundert Liang Silber, dazu viele Geschenke für Frau Echt, und bat ihn, gut für sie zu sorgen, bis die Tochter gefunden wäre. Schlicht Siegel kehrte nach Hause zurück, und damit hatte es sein Bewenden.

Jene Zofe Zarte Aprikose war dieselbe, die sich damals im Vorbeigehen nach Regendorf umgedreht hatte. Durch diesen einen zufälligen Blick war diese ganze Geschichte entstanden – ein Schicksal, das sie selbst nie erwartet hätte. Wer hätte gedacht, dass ihr Glück und Schicksal zusammentrafen: Kaum ein Jahr an Regendorfs Seite, gebar sie ihm einen Sohn, und nach einem weiteren halben Jahr starb Regendorfs erste Frau an einer Krankheit, so dass er Zarte Aprikose zur rechtmäßigen Hauptfrau erhob. Wahrlich:

Durch einen einzigen Fehler im Spiel ward sie zur Herrin über andere.

Nachdem Wahrheitsverberger ihm damals das Silber geschenkt hatte, brach Regendorf am sechzehnten Tag auf und reiste in die Hauptstadt. Bei der großen Prüfung bestand er wider Erwarten mit Bravour als Jinshi und wurde in den auswärtigen Beamtendienst aufgenommen. Inzwischen war er zum Magistrat eben dieses Bezirks aufgestiegen. Obwohl er von großem Talent war, neigte er doch zu Habgier und Grausamkeit und verließ sich zu sehr auf seine Begabung, wobei er Vorgesetzte brüskierte. So blickten die anderen Beamten ihn scheel an. Innerhalb eines Jahres fand sein Vorgesetzter einen Vorwand und erstattete dem Kaiser Bericht, in dem er ihn als „hinterhältig und von zwielichtigem Charakter" bezeichnete, der „eigenmächtig die Sitten verändere, sich den Anschein der Rechtschaffenheit gebe, insgeheim aber gefährliche Verbindungen pflege, so dass die öffentliche Ordnung gestört und das Volk unterdrückt werde". Der Kaiser war erzürnt und ordnete seine sofortige Entlassung an. Als der Erlass eintraf, freuten sich alle Beamten des Bezirks. Regendorf aber, obwohl innerlich tief beschämt und verbittert, zeigte äußerlich keine Spur von Unmut und blieb lachend und gelassen wie eh und je. Er übergab die Amtsgeschäfte, schickte sein gesamtes Vermögen samt Familie in die Heimat, und machte sich selbst auf, Wind und Mond als Gefährten, die schönsten Orte des Reiches zu bereisen.

Eines Tages gelangte er auf seinen Wanderungen in die Gegend von Yangzhou und erfuhr, dass der diesjährige Salz-Kommissar ein gewisser Ozeangleich Wald [林如海][4] sei. Dieser Ozeangleich Wald war ein Tanhua-Absolvent der letzten Prüfung, inzwischen zum Rat der Lantai-Akademie aufgestiegen und nun als kaiserlicher Salz-Inspektor nach Yangzhou entsandt worden, wo er erst seit gut einem Monat im Amt war.

Die Vorfahren dieses Ozeangleich Wald hatten einst den Rang eines Marquis geerbt. Bis zu Ozeangleich Wald waren fünf Generationen vergangen. Ursprünglich war der Titel nur für drei Generationen verliehen worden, doch dank der besonderen Gnade des gegenwärtigen Kaisers wurde er verlängert. Ozeangleich Walds Vater konnte ihn noch einmal erben, doch Ozeangleich Wald selbst machte seinen Weg über die Beamtenprüfungen. Obwohl die Familie zu den großen Häusern zählte, war sie zugleich eine Familie von Gelehrten. Leider war die Familie Lin nicht zahlreich, und obwohl es einige Seitenlinien gab, waren sie alle nur entfernte Verwandte. Ozeangleich Wald war nun bereits über vierzig, hatte aber nur einen einzigen dreijährigen Sohn gehabt, der im vergangenen Jahr gestorben war. Trotz einiger Nebenfrauen war es ihm nicht bestimmt, einen Sohn zu haben. So hatte er nur seine rechtmäßige Gattin, eine geborene Jia, die ihm eine Tochter geboren hatte, mit dem Milchnamen Kajaljade[5], die nun fünf Jahre alt war. Da das Ehepaar keinen Sohn hatte, liebten sie das Mädchen wie einen kostbaren Schatz. Und da sie klug und hübsch war, ließen sie sie sogar lesen und schreiben lernen – gleichsam als Ersatz für einen Sohn, um die Einsamkeit ein wenig zu lindern.

Regendorf erkältete sich gerade und lag krank in einer Herberge. Nach etwa einem Monat genas er allmählich. Einerseits war er erschöpft, andererseits gingen ihm die Mittel aus, und so suchte er nach einer passenden Gelegenheit, sich vorübergehend niederzulassen. Glücklicherweise hatten zwei alte Freunde, die ebenfalls in der Gegend wohnten, gehört, dass der Salz-Kommissar einen Hauslehrer suchte, und so empfahlen sie Regendorf, der die Stelle annahm. Es war eine angenehme Stellung: Er hatte nur eine einzige Schülerin und zwei Zofen, die sie beim Lernen begleiteten. Das Mädchen war noch jung und zart, und der Unterricht war nicht allzu anstrengend.

So verging etwa ein Jahr, als die Mutter der jungen Schülerin, Frau Kaufmann (Feinsinn), plötzlich an einer Krankheit starb. Das Mädchen pflegte die Mutter bis zuletzt und trauerte aufrichtig. Der Hauslehrer wollte daraufhin seine Stelle aufgeben. Ozeangleich Wald aber bat ihn zu bleiben, damit seine Tochter während der Trauerzeit weiter lesen könne. In letzter Zeit hatte die Schülerin vor Kummer so sehr gelitten, dass ihre ohnehin schwache Konstitution angegriffen war und eine alte Krankheit wieder ausbrach, so dass sie tagelang nicht zur Schule kam. Regendorf, ohne Beschäftigung, ging bei schönem Wetter nach dem Essen gern spazieren.

An diesem Tag gelangte er zufällig an den Stadtrand, wo er die ländliche Landschaft bewundern wollte. Er wanderte zu einer Stelle, wo Berge das Wasser umgaben, dichte Wälder und hohe Bambushaine standen, und erblickte undeutlich einen Tempel, dessen Tore und Mauern verfallen waren. Über dem Tor hing ein Schild mit den drei Zeichen „Tempel der Allwissenheit", und daneben stand ein altes, verwittertes Spruchpaar:

Wer schon mehr als genug für nach dem Tod hat, vergisst dennoch die Hand zurückzuziehen; Wer keinen Weg mehr vor sich sieht, will umkehren.

Regendorf las es und dachte: Diese Worte sind zwar schlicht, doch tief im Sinn. Ich habe viele berühmte Berge und große Tempel besucht, doch solche Worte nie gesehen. Vielleicht lebt hier jemand, der die Welt durchschaut hat. Warum nicht eintreten und sehen? Er ging hinein und fand nur einen gebrechlichen alten Mönch, der Reisbrei kochte. Regendorf beachtete ihn kaum. Als er ihm ein paar Fragen stellte, war der alte Mönch taub und senil, mit ausgefallenen Zähnen und steifer Zunge – seine Antworten gingen völlig am Thema vorbei.

Regendorf, ungeduldig geworden, verließ den Tempel wieder. Er wollte in einer Dorfschenke drei Becher Wein trinken, um die ländliche Stimmung zu genießen. Er schlenderte gemächlich hin, und gerade als er die Schenke betreten wollte, stand einer der Gäste auf, lachte laut und kam ihm entgegen. Er rief: „Was für ein Zufall! Was für ein Zufall!" Regendorf erkannte den Mann: Es war ein Antiquitätenhändler aus der Hauptstadt namens Leng Selbstaufsteiger [冷子兴], den er von früher kannte. Regendorf schätzte Leng Selbstaufsteiger als einen Mann von Format und Tatkraft, und Aufsteiger wiederum nutzte Regendorfs Gelehrtenruf. Daher verstanden sich die beiden bestens. Regendorf fragte lächelnd: „Wann bist du hier angekommen, mein Freund? Ich wusste gar nichts davon. Welch ein Zufall, uns heute zu treffen!" Aufsteiger erwiderte: „Ich kam zum Jahresende nach Hause und bin jetzt auf dem Rückweg in die Hauptstadt. Ich besuchte einen Freund hier in der Gegend, der mich bat, ein paar Tage zu bleiben. Da ich keine dringenden Geschäfte habe, blieb ich noch etwas. Heute schlenderte ich hierher, um mich ein wenig auszuruhen – und dann dieses glückliche Zusammentreffen!" Während er sprach, ließ er Regendorf neben sich Platz nehmen und bestellte neuen Wein und Speisen. Die beiden plauderten gemütlich und erzählten, was sich seit ihrem letzten Treffen zugetragen hatte.

Regendorf fragte: „Gibt es Neuigkeiten in der Hauptstadt?" Aufsteiger antwortete: „Eigentlich nicht besonders. Aber in der Familie Eures verehrten Namensvetters hat sich eine kleine Merkwürdigkeit zugetragen." Regendorf lachte: „In meiner Sippe hat niemand in der Hauptstadt zu tun. Wie kommt Ihr darauf?" Aufsteiger lachte: „Ihr tragt denselben Familiennamen – seid Ihr nicht vom gleichen Stamm?" Regendorf fragte, welche Familie er meine.

Aufsteiger sagte: „Das Prunkwille-Anwesenguo, die Kaufmann-Familie – die bringt doch Eurem guten Namen keine Schande, oder?" Regendorf lachte: „Ach, die! Wenn man es genau nimmt, so ist unsere Sippe weitverzweigt, von der Han-Dynastie her über den Ahnen Kaufmann Wiederkehr[6], mit Seitenlinien in allen Provinzen – wer könnte das alles nachprüfen? Was den Zweig des Prunkwille-Anwesens[7] betrifft, so stehen wir zwar im selben Stammbaum, doch angesichts ihrer Pracht haben wir uns nicht getraut, uns als Verwandte auszugeben, und so sind wir einander mit der Zeit fremd geworden." Aufsteiger seufzte: „Sagt das nicht, verehrter Herr! Die beiden Häuser Ning und Rong sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren."

Regendorf fragte: „Seinerzeit waren die beiden Residenzen doch überaus bevölkert. Wie kann es sein, dass sie so verödet sind?" Aufsteiger antwortete: „Genau, das ist eine lange Geschichte." Regendorf erzählte: „Letztes Jahr kam ich nach Jinling und wollte die Überreste der Sechs Dynastien besichtigen. An jenem Tag betrat ich die Stadt am Steintor und kam an dem alten Anwesen vorbei. Östlich der Straße liegt die Stillfriede-Anwesen, westlich die Prunkwille-Anwesen. Beide zusammen nehmen mehr als die Hälfte der Straße ein. Obwohl es vor dem Haupttor still und menschenleer war, konnte man durch die Mauer hindurch sehen, dass die Hallen, Paläste und Pavillons im Inneren noch immer stattlich und majestätisch ragten, und auch in den hinteren Gärten verströmten Bäume und Steine noch eine Aura von Üppigkeit und Frische. Das sah keineswegs nach einer Familie im Niedergang aus."

Aufsteiger lachte: „Und Ihr seid ein Jinshi! Kennt Ihr denn nicht das alte Sprichwort: ‚Ein Tausendfüßler stirbt, aber er fällt nicht um'? Obwohl es heute nicht mehr so prächtig ist wie einst, ist es verglichen mit gewöhnlichen Beamtenfamilien immer noch ganz anders. Doch die Bevölkerung wächst, die Geschäfte mehren sich, Herren und Diener leben in Saus und Braus, aber keiner unter ihnen kann planen und vorausdenken. Die täglichen Ausgaben und der Aufwand lassen sich nicht einschränken. Zwar steht die äußere Fassade noch, aber das innere Polster ist so gut wie aufgebraucht. Das ist noch das Geringste. Schlimmer ist, dass in solch einem Haus von Glocken und Dreifüßen, von Dichtung und Gelehrsamkeit die Kinder und Enkel mit jeder Generation schlechter werden!" Regendorf hörte es verwundert und sagte: „Eine solche Familie der Dichtung und des Anstands – wie kann es sein, dass sie ihre Kinder nicht gut erzieht? Andere Familien kenne ich nicht, doch was die beiden Häuser Ning und Rong betrifft, so sind diese doch berühmt für ihre strenge Kindererziehung."

Aufsteiger seufzte: „Ich spreche genau von diesen beiden Häusern. Lasst mich erzählen: Einst waren der Herzog von Ningguo und der Herzog von Rongguo leibliche Brüder von derselben Mutter. Der ältere war der Ninguo-Herzog. Er hatte vier Söhne. Nach seinem Tod erbte Kaufmann Generationswandel[8] das Amt und zeugte ebenfalls zwei Söhne. Der ältere, Kaufmann Wiederkehr[9], starb schon mit acht oder neun Jahren. So erbte der jüngere, Andacht Kaufmann [贾敬], das Amt. Doch dieser widmet sich heutzutage nur noch der taoistischen Alchemie und kümmert sich um nichts anderes mehr. Zum Glück hatte er noch rechtzeitig einen Sohn hinterlassen, namens Herrlichkeit Kaufmann [贾珍], dem er das Amt überließ, da er selbst nur noch das Elixier der Unsterblichkeit brauen wollte. Er weigert sich, in die Heimat zurückzukehren, und lebt mit Priestern vor den Toren der Hauptstadt. Dieser Herrlichkeit Kaufmann hat einen Sohn namens Herrlichkeit Kaufmann, der jetzt erst sechzehn Jahre alt ist. Der alte Andacht Kaufmann kümmert sich um gar nichts mehr. Herrlichkeit Kaufmann aber hat keine Lust zu studieren und führt nur ein ausschweifendes Leben, sodass die Ninguo-Residenz völlig auf den Kopf gestellt ist, und niemand wagt, ihn zu zügeln.

Was nun die Rongguo-Residenz betrifft – die merkwürdige Begebenheit, von der ich erzählen will, geschah genau dort. Nach dem Tod des Rongguo-Herzogs erbte sein ältester Sohn, Kaufmann Generationsgüte[10], das Amt. Er heiratete ein Fräulein aus dem ebenfalls hochangesehenen Haus der Marquis Shi in Jinling und bekam zwei Söhne: den älteren Begnadigung Kaufmann [贾赦][11] und den jüngeren Aufrecht Kaufmann [贾政][12]. Kaufmann Generationsgüte starb früh, doch seine Gemahlin, die alte Fürstin, lebt noch. Der ältere Sohn Begnadigung Kaufmann erbte das Amt. Der jüngere Aufrecht Kaufmann war von Kindheit an ein eifriger Leser, den sein Großvater am meisten liebte. Eigentlich hätte er die Beamtenlaufbahn über die Prüfungen einschlagen sollen, doch als Kaufmann Generationsgüte[13] auf dem Sterbebett eine letzte Bittschrift an den Thron richtete, erkundigte sich der Kaiser aus Mitgefühl für den verdienten Beamten, ob es noch weitere Söhne gebe, und verlieh Aufrecht Kaufmann sogleich den Titel eines Aufwärters im Ministerium. Inzwischen ist er zum Außenamtsdirektor aufgestiegen. Die Gemahlin von Aufrecht Kaufmann, eine geborene Wang, brachte als erstgeborenen Sohn Herrlichkeit Kaufmann zur Welt, der mit vierzehn in die höhere Schule aufgenommen wurde, vor seinem zwanzigsten Lebensjahr heiratete und einen Sohn zeugte, dann aber starb. Die zweitgeborene war eine Tochter, die am Neujahrstag geboren wurde – das allein schon war bemerkenswert. Doch dann wurde noch ein Sohn geboren, und das ist noch erstaunlicher: Dieser Junge kam mit einem Stück fünffarbig schimmerndem Jade im Mund zur Welt, auf dem sogar Schriftzeichen eingraviert waren. Man nannte ihn daher Schatzjade [宝玉][14]. Ist das nicht eine höchst merkwürdige Geschichte?"

Regendorf sagte lachend: „Wahrhaftig seltsam. Dieser Mensch dürfte keinen geringen Ursprung haben."

Aufsteiger lachte kühl: „Alle sagen das. Daher vergöttert ihn auch seine Großmutter. Als er ein Jahr alt war, wollte der Vater seine zukünftige Neigung testen und legte unzählige Gegenstände vor ihn hin, damit er zugreife. Doch der Junge interessierte sich für nichts davon und griff nur nach Schminke, Haarnadeln und Schmuck. Da wurde der Vater sehr zornig und sagte: ‚Aus dem wird nichts als ein Wüstling!' Seither mag er ihn nicht besonders. Nur die alte Großmutter liebt ihn wie ihren Augapfel. Und auch das ist merkwürdig: Obwohl er jetzt sieben, acht Jahre alt ist und über alle Maßen ungezogen, ist er dabei so klug und liebenswürdig, dass hundert andere Kinder ihm nicht das Wasser reichen können. Er sagt auch seltsame Dinge: ‚Mädchen sind aus Wasser gemacht, Männer aus Lehm. Wenn ich Mädchen sehe, fühle ich mich erfrischt; wenn ich Männer sehe, empfinde ich nur Ekel.' Ist das nicht lächerlich? Der wird bestimmt ein Lüstling!" Regendorf wurde ernst und wehrte ab: „Nein, nein! Schade, dass Ihr seine Herkunft nicht kennt. Auch der alte Herr Aufrecht hat sich wohl geirrt, wenn er ihn für einen gewöhnlichen Wüstling hält. Ohne umfangreiche Bildung und tiefes Nachdenken vermag man solche Menschen nicht zu verstehen."

Aufsteiger, erstaunt über die Gewichtigkeit dieser Worte, bat um Erläuterung. Regendorf sprach: „Himmel und Erde bringen die Menschen hervor, und außer den ganz Guten und den ganz Bösen gleichen sich alle. Die ganz Guten werden geboren, wenn die Zeit es erfordert, die ganz Bösen, wenn ein Unheil droht. In Zeiten des Friedens kommen die Guten, in Zeiten der Not die Bösen. Yao, Shun, Yu, Tang, Wen König, König Wu, der Herzog von Zhou, der Herzog von Shao, Konfuzius, Mengzi, Dong Zhongshu, Han Yu, die Brüder Cheng, Zhu Xi – sie alle kamen, als die Zeit es erforderte. Chi You, Gonggong, Jie, Zhou, der Erste Kaiser, Wang Mang, Cao Cao, Huan Wen, An Lushan, Qin Hui – sie alle wurden in Zeiten des Unheils geboren. Die ganz Guten ordnen die Welt, die ganz Bösen bringen sie in Verwirrung. Die reine, leuchtende, geistreiche Essenz von Himmel und Erde ist die rechte Kraft, die den Guten verliehen wird; die grausame, widerspenstige Kraft ist die unrechte, die den Bösen zuteil wird. In einer Zeit des Wohlstands und des ewigen Friedens durchdringt die reine, geistreiche Essenz alles, vom Hof bis zu den einfachsten Leuten. Was davon übrig bleibt und nirgends hingehört, wird zu süßem Tau und mildem Wind, der überallhin strömt. Die grausame, widerspenstige Kraft aber kann nicht im hellen Tageslicht wirken, sondern verdichtet sich in tiefen Gräben und Schluchten. Wenn gelegentlich durch Wind oder Wolken ein Faden davon herausgeweht wird und auf die geistreiche Essenz trifft, können sich die beiden weder vertragen noch einander weichen und müssen aufeinanderprallen, bis ihre Energie erschöpft ist. So wird auch diese Kraft Menschen verliehen. Wer als Mann oder Frau diese doppelte Kraft empfängt, steht in seiner Klugheit und Brillanz über zehntausend anderen, in seiner Sonderbarkeit und Widerspenstigkeit aber unter allen. In einem Haus des Reichtums und Adels wird solch ein Mensch zum Narren der Liebe; in einer Familie von Dichtern und Armut wird er zum freien Geist und Erhabenen; und selbst wenn er in ärmlichste Verhältnisse geboren wird, kann er nie ein gewöhnlicher Knecht sein, sondern wird zu einem berühmten Schauspieler oder einer gefeierten Kurtisane. So waren es einst Xu You, Tao Qian, Ruan Ji, Ji Kang, Liu Ling, die Familien Wang und Xie, Gu Kaizhi, der letzte Kaiser Chen, Kaiser Xuanzong der Tang, Kaiser Huizong der Song, Liu Tingzhi, Wen Tingyun, Mi Fu, Shi Manqing, Liu Yong, Qin Guan, und in jüngerer Zeit Ni Yunlin, Tang Yin, Zhu Zhishan, ferner Li Guinian, Huang Fanchuo, Jing Xinmo, Zhuo Wenjun, Hongfu, Xue Tao, Cui Ying und Chaoyun. Sie alle hätten an einem anderen Ort dieselben Menschen sein können."

Aufsteiger sagte: „Nach Eurer Theorie wäre es also: Wer Erfolg hat, wird zum König, wer scheitert, zum Räuber?" Regendorf antwortete: „Genau so. Und wisst Ihr, seit ich aus dem Amt entlassen wurde, habe ich in den letzten zwei Jahren alle Provinzen bereist und dabei ebenfalls zwei ungewöhnliche Kinder getroffen. Deshalb vermutete ich sogleich, als Ihr von Schatzjade sprachtet, dass er zur selben Sorte gehört. Um nicht in die Ferne zu schweifen: Allein in Jinling, im Hause des kaiserlichen Kommissars des Zensors Echt – kennt Ihr das?" Aufsteiger nickte: „Natürlich! Die Familie Echt und die Kaufmann-Familie sind seit alters her verschwägert und befreundet. Beide Familien pflegen regen Umgang. Auch ich selbst verkehre schon seit langem bei ihnen." Regendorf lachte: „Letztes Jahr in Jinling empfahl man mich als Hauslehrer bei den Zhens. Als ich ihr Haus betrat, sah ich, dass diese äußerst vornehme Familie zugleich von edler Gesinnung war – ein seltener Posten. Doch diese eine Schülerin, obwohl erst ein Anfänger, machte mehr Mühe als ein Kandidat für die Prüfungen. Das Lustigste war: Er sagte – denn es war ein Junge, trotz des weiblichen Namens –: ‚Nur wenn zwei Mädchen mich beim Lesen begleiten, kann ich die Zeichen verstehen und habe einen klaren Kopf, sonst bin ich ganz verwirrt.' Und er sagte zu seinen Dienern: ‚Die zwei Zeichen für „Mädchen" sind äußerst edel und rein, noch erhabener als die beiden Namen „Amitabha Buddha" und „Yuanshi Tianzun". Ihr mit eurem dreckigen Mund dürft diese beiden Zeichen niemals entweihen. Bevor ihr sie aussprecht, müsst ihr euch den Mund mit klarem Wasser und duftendem Tee ausspülen, sonst werden euch die Zähne ausgebrochen!' Seine Wildheit und Ungestümtheit, sein Eigensinn und seine Naivität waren ganz außergewöhnlich. Doch sobald er aus der Schule kam und die Mädchen sah, verwandelte er sich völlig – wurde sanft, friedlich, klug und kultiviert. Sein Vater hat ihn schon mehrfach hart geschlagen, doch es nützte nichts. Wenn er Schmerzen hatte, rief er nur ‚Schwester!' und ‚Schwester!' Die Mädchen drinnen machten sich über ihn lustig und fragten: ‚Warum rufst du nach den Schwestern, wenn es dir wehtut? Sollen sie für dich bitten? Schämst du dich nicht?' Und seine Antwort war köstlich: ‚Bei heftigem Schmerz rufe ich nur „Schwester", und vielleicht lindert das den Schmerz – tatsächlich, als ich es einmal versuchte, hörte der Schmerz auf. So habe ich ein Geheimmittel gefunden und rufe seither bei jedem Schmerz nach den Schwestern.' Da auch seine Großmutter ihn verwöhnte und den Lehrer tadelte, wenn er den Jungen bestrafte, gab ich meinen Posten auf und bin jetzt als Hauslehrer beim Salz-Inspektor Lin. Seht Ihr – solche Kinder können unmöglich das Erbe ihrer Vorväter bewahren oder den Anweisungen ihrer Lehrer folgen. Doch die Schwestern dieser Familie sind allesamt hervorragend."

Aufsteiger sagte: „Auch im Hause Kaufmann gibt es derzeit drei bemerkenswerte Töchter. Die älteste Tochter des Herrn Aufrecht, Urfrühling [元春], wurde wegen ihrer Tugend und Begabung als Palastdame in den Kaiserpalast berufen. Die zweite, Willkommensfrühling[15], ist die Tochter einer Nebenfrau von Herrn Begnadigung. Die dritte, Erkundefrühling, ist eine natürliche Tochter von Herrn Aufrecht. Die vierte, Bedauerfrühling, ist die leibliche Schwester von Herrlichkeit Kaufmann aus der Ninguo-Residenz. Da die alte Fürstin ihre Enkelinnen sehr liebt, wohnen alle bei der Großmutter und lesen gemeinsam. Man hört, sie seien alle ausgezeichnet."

Regendorf sagte: „Noch merkwürdiger ist der Brauch der Familie Echt, dass die Mädchen Jungennamen erhalten, anstatt die üblichen Zeichen wie Frühling, Rot, Duft und Jade zu verwenden. Warum folgt das Haus Kaufmann dann dieser gewöhnlichen Mode?" Aufsteiger erklärte: „Weil die älteste Tochter am Neujahrstag geboren wurde und daher Urfrühling heißt, haben die übrigen einfach das Zeichen ‚Frühling' übernommen. Die vorige Generation hingegen folgte den Brüdernamen. Zum Beweis: Die Gemahlin Eures jetzigen Dienstherrn, des Herrn Lin, ist die leibliche Schwester der Herren Begnadigung und Aufrecht aus dem Hause Rongguo und hieß als Mädchen Feinsinn Kaufmann[16]." Regendorf schlug begeistert auf den Tisch: „Natürlich! Kein Wunder, dass meine Schülerin jedes Mal, wenn im Buch das Zeichen ‚min' vorkam, es als ‚mi' aussprach, und wenn sie es schrieb, immer einen oder zwei Striche wegließ. Ich hatte schon den Verdacht, und nun bestätigt Ihr es. Da ihre Mutter eine solche Herkunft hat, ist es kein Wunder, dass das Mädchen so außergewöhnlich ist. Leider ist sie letzten Monat verstorben." Aufsteiger seufzte: „Von den vier Schwestern der älteren Generation ist diese die jüngste, und nun ist auch sie dahin. Schauen wir, was aus den Schwiegersöhnen der jüngeren Generation wird."

Regendorf sagte: „Eben. Herr Aufrecht hat also den Schatzjade, und dann noch den schwächlichen Enkel seines ältesten Sohnes. Hat der alte Herr Begnadigung denn gar keinen Sohn?" Aufsteiger erwiderte: „Herr Aufrecht hat nach dem Schatzjade noch einen weiteren Sohn von einer Nebenfrau bekommen, dessen Qualitäten man noch nicht kennt. Was den alten Herrn Begnadigung betrifft, so hat auch er zwei Söhne. Der ältere heißt Kette Kaufmann [贾琏], ist nun um die zwanzig und hat die Nichte von Herrn Aufrechts Gemahlin Wang geheiratet – also in der eigenen Verwandtschaft. Dieser Kette Kaufmann hat sich einen Amtstitel erkauft. Er mag nicht lesen, versteht sich aber auf gesellschaftlichen Umgang. Daher wohnt er im Haus seines Onkels Zheng und hilft bei der Verwaltung der Haushaltsangelegenheiten. Doch seit er seine Gemahlin geheiratet hat, loben alle im Haus nur noch sie, und er tritt in den Hintergrund. Man sagt, sie sei äußerst schön, beredt und von scharfem Verstand – wahrhaft eine Frau, der zehntausend Männer nicht das Wasser reichen können."

Regendorf lachte: „Da seht Ihr – alles, was ich gesagt habe, bestätigt sich. Die paar Menschen, von denen wir gesprochen haben, sind wohl alle Geschöpfe der doppelten Kraft von Recht und Unrecht." Aufsteiger sagte: „Ob unrecht oder recht – hört auf, in fremden Büchern zu rechnen, und trinkt lieber noch einen Becher!" Regendorf lachte: „Stimmt, ich habe über dem Reden schon zu viel getrunken." Aufsteiger lachte: „Wenn man über andere Leute redet, schmeckt der Wein erst recht – ein paar Becher mehr schaden nicht." Regendorf blickte aus dem Fenster: „Es wird dunkel, wir sollten uns beeilen, bevor das Stadttor schließt. Wir können drinnen weiterplaudern." Daraufhin standen sie auf und bezahlten die Zeche.

Gerade als sie gehen wollten, hörten sie hinter sich jemanden rufen: „Bruder Regendorf, ich gratuliere! Ich komme eigens, um Euch eine frohe Nachricht zu bringen!" Regendorf drehte sich hastig um –

  1. Chin. 冷子兴 Lěng Zǐxīng. 冷 lěng „kalt/kühl"; 子兴 zǐxīng „Sohn des Aufblühens". Ein „kühler Beobachter" der aufstrebenden Familie.
  2. Chin. 荣国府 Róngguó Fǔ „Residenz des Reiches des Ruhms". 荣 róng „Ruhm/Blüte".
  3. Chin. 嬌杏 Jiāo Xìng. 嬌 jiāo „zart/hübsch"; 杏 xìng „Aprikose". Der Name klingt wie 侥幸 jiǎoxìng „durch einen Glücksfall".
  4. Chin. 林如海 Lín Rúhǎi, wörtl. „wie das Meer". Er ist Kajaljades Vater und Schwiegersohn der Kaufmann-Familie.
  5. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade". 黛 dài bedeutet „Kajal" (schwarze Augenbrauenfarbe), 玉 yù „Jade".
  6. Chin. 贾复 Jiǎ Fù. 复 fù „wiederkehren/erwidern".
  7. Chin. 荣国府 Róngguó Fǔ „Residenz des Reiches des Ruhms". 荣 róng „Ruhm/Blüte".
  8. Chin. 贾代化 Jiǎ Dàihuà. 代 dài „Generation"; 化 huà „Wandlung".
  9. Chin. 贾复 Jiǎ Fù. 复 fù „wiederkehren/erwidern".
  10. Chin. 贾代善 Jiǎ Dàishàn. 代 dài „Generation"; 善 shàn „Güte/Tugend".
  11. Chin. 贾赦 Jiǎ Shè. 赦 shè bedeutet „Begnadigung/Amnestie". Er ist der älteste Sohn der Herzoginmutter.
  12. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „Regierung/aufrecht". Er ist der zweite Sohn der Herzoginmutter und Vater von Schatzjade.
  13. Chin. 贾代善 Jiǎ Dàishàn. 代 dài „Generation"; 善 shàn „Güte/Tugend".
  14. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz" des Jia-Hauses. Der Familienname 贾 Jiǎ ist homophon zu 假 jiǎ „falsch/fiktiv".
  15. Die vier Kaufmann-Schwestern heißen 元春 (Urfrühling), 迎春 (Willkommensfrühling), 探春 (Erkundefrühling), 惜春 (Bedauerfrühling). Ihre Anfangszeichen 元迎探惜 klingen zusammen wie 原应叹息 yuán yīng tànxī „man sollte nur seufzen" — ein Vorverweis auf ihre tragischen Schicksale.
  16. Chin. 贾敏 Jiǎ Mǐn. 敏 mǐn „feinsinnig/gewandt". Mutter von Kajaljade (林黛玉).