Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 3"
(DE4 Korrektur-Update Kap. 3) |
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| − | + | Kapitel 3 | |
| − | + | In Jinling wird Regendorf Kaufmann wieder in sein Amt eingesetzt — | |
| − | + | Das Prunkwille-Anwesen<ref>Chin. 荣国府 Róngguó Fǔ „Residenz des Reiches des Ruhms/der Blüte".</ref> nimmt Kajaljade [林黛玉] bei sich auf | |
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| − | + | Nun geschah es, dass Regendorf sich hastig umwandte: Es war kein anderer als sein ehemaliger Amtskollege, ein gewisser Jadegleich Zhang<ref>Chin. 张如圭 Zhāng Rúguī. 如圭 rúguī „wie ein Jadeplättchen" (makellos). Der Name klingt wie 如归 rúguī „wie Heimkehr".</ref>, der im selben Verfahren wie er seinerzeit des Amtes enthoben worden war. Dieser stammte aus dem hiesigen Ort, und nach seiner Amtsenthebung lebte er hier als Privatmann. Als er nun vernahm, dass in der Hauptstadt die Wiedereinstellung ehemals abgesetzter Beamter genehmigt worden sei, lief er überall umher und suchte Beziehungen und Wege — da stieß er plötzlich auf Regendorf und beeilte sich, ihm zu gratulieren. Nachdem die beiden einander begrüßt hatten, teilte Zhang Rugui Regendorf diese Neuigkeit mit. Regendorf war natürlich hocherfreut und verabschiedete sich nach einem hastigen Wortwechsel. Leng Selbstaufsteiger [冷子兴], der dies gehört hatte, unterbreitete Regendorf sogleich einen Plan: Er solle Ozeangleich Wald [林如海] bitten, sich an Aufrecht Kaufmann [贾政] in der Hauptstadt zu wenden. Regendorf folgte seinem Rat und kehrte zu seinem Quartier zurück, wo er eilig die Amtsnachrichten nach einer Bestätigung durchsah. Am nächsten Tag sprach er Ozeangleich Wald persönlich darauf an. | |
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| − | + | Ozeangleich Wald sagte: „Das trifft sich gut! Da meine Frau kürzlich verstorben ist, hat die Großmutter meiner Frau [Anm.: Regendorfs Dienstherrin ist Tochter der Kaufmann-Familie] in der Hauptstadt sich Sorgen gemacht, dass meine kleine Tochter ohne mütterliche Fürsorge ist, und bereits Diener und Dienerinnen mit Schiffen geschickt, sie abzuholen. Da die Kleine aber noch nicht ganz genesen war, haben wir den Aufbruch verschoben. Ich habe ohnehin schon lange daran gedacht, wie ich Euch für Eure Lehrtätigkeit danken könnte, und diese Gelegenheit kommt wie gerufen — wie sollte ich da nicht mein Bestes tun? Seid ganz unbesorgt: Ich habe bereits alles vorbereitet. Ein Empfehlungsbrief ist geschrieben und an meinen Schwager mit der dringenden Bitte gesandt, Euch in jeder Weise zu unterstützen. Sollten damit Kosten verbunden sein, habe ich dies in dem Schreiben an meinen Schwager bereits vermerkt, so dass Ihr Euch darum nicht zu sorgen braucht." Regendorf verbeugte sich dankend, wieder und wieder, und fragte dann: „Darf ich erfahren, welche Stellung Euer verehrter Herr Schwager bekleidet? Ich fürchte, als bescheidener Mann ungebeten an seine Tür zu klopfen." Ozeangleich Wald lachte: „Was meine Verwandten betrifft — sie stehen mit Eurem verehrten Namen im selben Stammbaum. Es handelt sich um einen Enkel des Herzogs von Rong. Mein älterer Schwager führt derzeit den Erbrang eines Generals erster Klasse, er heißt She [赦] mit Beinamen Enhou [恩侯]. Mein zweiter Schwager heißt Zheng [政] mit Beinamen Cunzhou [存周] und bekleidet derzeit den Posten eines Vizedirektors im Ministerium für Öffentliche Arbeiten. Sein Wesen ist bescheiden und aufrichtig, ganz im Geiste seiner Vorväter — keineswegs einer jener blasierten, leichtfertigen Beamtensöhne. Deshalb habe ich es gewagt, ihm zu schreiben und Euch zu empfehlen. Andernfalls würde ich nicht nur Euren guten Ruf beflecken, sondern auch selbst nicht darauf eingehen." Regendorf hörte dies und glaubte nun vollends, was Leng Selbstaufsteiger am Vortag erzählt hatte. Er dankte Ozeangleich Wald nochmals. Dieser sagte: „Ich habe den zweiten Tag des nächsten Monats als Abreisetag für meine Tochter festgesetzt. Ihr könntet im selben Zug reisen — wäre das nicht für beide Seiten vorteilhaft?" Regendorf stimmte freudig zu und war im Herzen überaus zufrieden. | |
| − | + | Ozeangleich Wald traf also die Vorbereitungen für Geschenke und Abschiedsmahl, die Regendorf sämtlich entgegennahm. | |
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| − | = | + | Die Schülerin Kajaljade [黛玉] hatte sich zwar etwas erholt, konnte sich aber nicht dazu durchringen, ihren Vater zu verlassen und aufzubrechen. Doch da ihre Großmutter mütterlicherseits unbedingt darauf bestand, und da Ozeangleich Wald ihr sagte: „Dein Vater ist fast fünfzig und denkt nicht daran, wieder zu heiraten. Du aber bist kränklich und noch so klein. Oben hast du keine Mutter, die dich erzieht, unten keine Geschwister, die dich stützen. Wenn du jetzt zu deiner Großmutter und deinen Tanten und Cousinen gehst, wird meine Sorge um dich geringer — warum willst du denn nicht gehen?" — da blieb Kajaljade unter Tränen nichts anderes übrig, als sich zu verabschieden. In Begleitung ihrer Amme und einiger älterer Dienerinnen des Prunkwille-Anwesenes bestieg sie das Schiff. Regendorf folgte auf einem separaten Boot mit zwei Dienerjungen, im Gefolge Kajaljades. |
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| + | Nach einigen Tagen erreichten sie die Hauptstadt und betraten die Kaiserstadt. Regendorf richtete als Erstes seine Kleidung und seinen Hut, nahm seinen Dienerjungen mit, ergriff seine Visitenkarte als „Neffe aus dem Stamm" und überreichte sie am Tor des Prunkwille-Anwesen. Zu jener Zeit hatte Aufrecht Kaufmann den Brief seines Schwagers bereits gelesen und bat Regendorf eilig zum Empfang herein. Er fand Regendorfs Erscheinung stattlich und seine Rede gewandt, und da Aufrecht Kaufmann stets Gelehrte liebte, Tugendhafte ehrte und Schwachen half — ganz im Geiste seiner Ahnen —, und da es überdies der ausdrückliche Wunsch seines Schwagers war, behandelte er Regendorf mit besonderer Zuvorkommenheit. Er setzte seinen ganzen Einfluss ein, und als der Tag der Eingabe kam, verschaffte er ihm mühelos die Wiedereinstellung mit Wartestatus. Keine zwei Monate später wurde eine Vakanz in der Präfektur Yingtianfu in Jinling frei, und er erhielt diese Stelle. Regendorf nahm Abschied von Aufrecht Kaufmann, wählte einen günstigen Tag und trat sein Amt an. Damit sei es für den Moment genug. | ||
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| + | Nun aber zurück zu Kajaljade: Am Tage, als sie das Schiff verließ und an Land ging, hatte der Prunkwille-Anwesen bereits Sänften und Gepäckwagen geschickt, die lange auf sie warteten. Diese Kajaljade hatte von ihrer Mutter stets gehört, dass das Haus ihrer Großmutter sich von allen anderen unterscheide. Schon die Dienerinnen dritten Ranges, die sie in diesen Tagen gesehen hatte, waren in Kleidung, Speise und Auftreten keineswegs gewöhnlich — wie würde es erst im Hause selbst sein? Daher achtete sie auf jeden Schritt und jedes Wort, um nur nicht ausgelacht zu werden. | ||
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| + | Als sie in die Sänfte gestiegen war und durch die Stadt fuhr, spähte sie durch das Gazefenster hinaus: Das Treiben der Straße, der Reichtum und die Bevölkerung waren ganz anders als anderswo. Nach einer längeren Fahrt erblickte sie auf der Nordseite der Straße zwei große steinerne Löwen, ein dreitoriges Hauptportal mit Tierkopf-Verzierungen und davor an die zehn Bedienstete in prächtigen Gewändern. Das Haupttor war geschlossen; nur durch die Seitentore im Osten und Westen gingen Menschen ein und aus. Über dem Haupttor hing eine Tafel mit den fünf großen Zeichen: „Auf kaiserlichen Befehl erbauter Stillfriede-Anwesen" [敕造宁国府]. Kajaljade dachte: „Das muss das Haus des ältesten Zweigs meiner Großmutterfamilie sein." Die Sänfte trug sie weiter nach Westen, und nicht weit entfernt stand ein ebensolches Anwesen mit drei großen Toren — das war der Prunkwille-Anwesen. Doch sie trug nicht durch das Haupttor ein, sondern durch das westliche Seitentor. Die Sänftenträger trugen sie hinein, legten nach etwa einer Bogenschussweite, als sie um eine Ecke biegen sollten, die Sänfte ab und traten zurück. Die Dienerinnen, die zu Fuß gefolgt waren, eilten heran. Drei oder vier Lakaien von siebzehn, achtzehn Jahren, sauber gekleidet, kamen und hoben die Sänfte wieder auf. Die Frauen folgten zu Fuß bis vor ein Blumenhangtor, wo die Sänfte abgesetzt wurde. Die Lakaien zogen sich zurück; die Frauen hoben den Sänftenvorhang, stützten Kajaljade beim Aussteigen. Kajaljade, an den Händen der Frauen, trat durch das Blumenhangtor; zu beiden Seiten waren überdachte Wandelgänge, in der Mitte ein Durchgangsraum mit einem großen Wandschirm aus Rosenholz mit einer eingelassenen Marmorplatte. Hinter dem Wandschirm lag ein kleines Empfangszimmer mit drei Räumen; dahinter begann der große Innenhof. Fünf Räume breit erstreckte sich das Hauptgebäude — alles mit geschnitzten Balken und bemalten Dächern. Zu beiden Seiten Wandelgänge und Seitenflügel, an denen allerlei Papageien, Drosseln und andere Vögel hingen. Auf den Stufen saßen mehrere rotgekleidete Dienerinnen, die, als sie die Besucher kommen sahen, lächelnd entgegeneilten und riefen: „Eben noch hat die alte Fürstin nach ihr gefragt — und wie gerufen kommt sie!" Drei oder vier drängten sich, den Vorhang hochzuhalten, während von drinnen gemeldet wurde: „Fräulein Lin ist angekommen!" | ||
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| + | Als Kajaljade den Raum betrat, sah sie zwei Personen, die eine silberhaarige alte Dame stützten und ihr entgegenkamen — Kajaljade wusste sogleich, dass dies ihre Großmutter war. Ehe sie sich verbeugen konnte, hatte die Großmutter sie schon in die Arme geschlossen, nannte sie „mein Herzblatt, mein Liebling" und brach in lautes Weinen aus. Alle Dienerinnen und Bediensteten, die danebenstanden, verbargen ihre Gesichter und weinten mit, und auch Kajaljade konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Es dauerte eine Weile, bis alle sich allmählich beruhigt hatten und Kajaljade ihre Großmutter förmlich begrüßen konnte. Dies war die alte Fürstin Shi, von der Leng Selbstaufsteiger gesprochen hatte — die Mutter von Begnadigung Kaufmann [贾赦] und Aufrecht Kaufmann. Die Großmutter stellte Kajaljade nun eine nach der anderen vor: „Dies ist deine Erste Schwiegertante [Anm.: die Frau von Begnadigung Kaufmann], dies deine Zweite Schwiegertante [die Frau von Aufrecht Kaufmann], und dies ist die Frau deines verstorbenen Vetters Zhu — deine älteste Schwägerin." Kajaljade verbeugte sich vor jeder einzelnen. Die Großmutter befahl: „Ruft die jungen Damen herbei. Heute ist ein Gast von weither gekommen — sie brauchen nicht zur Schule zu gehen." Zwei Dienerinnen eilten los. | ||
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| + | Nicht lange darauf kamen drei Ammen und fünf oder sechs Dienerinnen, die drei junge Damen hereingeleiteten. Die Erste war von leicht gerundeter Figur und mittlerer Größe, mit Wangen wie frische Litschis und einer Nase wie Gänsefett — still und sanft, ein angenehmer Anblick. Die Zweite war von schmalen Schultern und feiner Taille, hochgewachsen und schlank, mit einem ovalen Gesicht, lebhaften Augen und wohlgeformten Brauen — ihr Blick sprühte Geist, und literarischer Glanz umgab sie. Die Dritte war noch klein an Wuchs und kindlich im Aussehen. Alle drei trugen denselben Haarschmuck und dieselbe Kleidung. Kajaljade erhob sich eilig, um sie zu begrüßen; sie stellten einander vor und nahmen Platz. Die Dienerinnen servierten Tee. Man sprach nur davon, wie Kajaljades Mutter erkrankt war, wie man Ärzte gerufen und Medizin eingenommen hatte, wie sie bestattet und betrauert worden war. Die Großmutter Jia konnte ihre Rührung nicht verbergen und sagte: „Von all meinen Kindern habe ich einzig deine Mutter am meisten geliebt. Nun hat sie mich als Erste verlassen, ohne dass ich ihr Gesicht noch einmal sehen konnte. Wenn ich dich jetzt sehe — wie sollte ich nicht traurig sein!" Sie schloss Kajaljade in die Arme und schluchzte erneut. Alle trösteten und beruhigten sie, bis sie sich ein wenig fasste. | ||
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| + | Man bemerkte, dass Kajaljade trotz ihrer Jugend in Haltung und Rede keineswegs gewöhnlich war; obgleich von zarter und schwacher Gestalt, besaß sie eine natürliche Eleganz und Anmut, und man erkannte sofort, dass sie an einem chronischen Leiden litt. Man fragte: „Welche Medizin nimmst du gewöhnlich, und warum wurde die Krankheit nicht behandelt?" Kajaljade antwortete: „Ich bin von Natur aus so. Seit ich denken kann, nehme ich Medizin, bis heute ohne Unterbrechung. Unzählige berühmte Ärzte haben Rezepte verschrieben — nichts hat geholfen. Als ich drei Jahre alt war, kam ein kahlköpfiger Mönch und sagte, er wolle mich mitnehmen und in den geistlichen Stand aufnehmen. Meine Eltern wollten natürlich nicht. Da sagte er: ‚Wenn Ihr sie nicht hergeben wollt, wird ihre Krankheit ihr ganzes Leben lang nicht heilen. Soll sie geheilt werden, darf sie von nun an niemals Weinen hören und außer ihren Eltern keinen einzigen verwandten oder befreundeten Menschen sehen — dann kann sie ihr Leben in Frieden verbringen.' — Solch wirres, verrücktes Gerede — niemand achtete darauf. Bis heute nehme ich Ginseng-Yangrongwan [人参养荣丸, Ginseng-Stärkungspillen]." Die Großmutter sagte: „Das trifft sich gut! Ich lasse gerade Pillen zusammenstellen — man soll einfach eine Portion mehr machen." | ||
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| + | Kaum hatte sie ausgesprochen, da hörte man aus dem hinteren Hof lautes Lachen, und eine Stimme rief: „Ich komme zu spät, um den Gast von weither willkommen zu heißen!" Kajaljade wunderte sich: „Alle hier sind leise und ehrfürchtig — wer ist das, die sich so ungezwungen und formlos benimmt?" Während sie noch nachdachte, kam eine Schar von Frauen und Dienerinnen herein und geleitete eine Person durch die hintere Tür. Diese war ganz anders gekleidet als die jungen Damen — prächtig wie eine Götterfee: Auf dem Kopf ein goldenes Diadem aus Acht Kostbarkeiten und Perlen, mit einer Fünf-Phönix-Haarnadel mit Perlen; um den Hals ein rotes goldenes Collier mit verschlungenen Drachen und Edelsteinen; am Rockrand ein grünseidenes Palastband mit einem Paar Fische aus Rosenquarz; gekleidet in einen engen roten Seidenmantel mit goldgestickten Hundert-Schmetterlings-Blütenmustern, darüber eine ärmellose Jacke aus fünffarbig geschnittener Seide mit blauem Silberfuchsfell, darunter ein Rock aus Jadeseiden mit eingestreuten Blütenmustern. Ein Paar Phönixaugen mit leicht hochgezogenen Winkeln, zwei Weidenblattbrauen mit schrägen Spitzen — von schlanker Figur und verführerischer Erscheinung, unter dem gepuderten Antlitz verborgene Strenge, auf den roten Lippen ein Lächeln, bevor sie den Mund öffnete. | ||
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| + | Kajaljade erhob sich eilig zur Begrüßung. Die Großmutter lachte: „Du kennst sie nicht — sie ist bei uns unser berühmtester kleiner Wildfang. In der Südprovinz nennt man das eine ‚Pfefferschote' [辣子] — nenn sie einfach ‚Pfefferschote Feng'!" Kajaljade wusste nicht recht, wie sie sie anreden sollte, doch die Cousinen flüsterten ihr zu: „Das ist die Schwägerin Lian [琏嫂子]." Kajaljade hatte zwar nie ihre Bekanntschaft gemacht, wusste aber von ihrer Mutter, dass der Sohn ihres ersten Onkels, Kette Kaufmann, eine Nichte ihrer Zweiten Tante Wang geheiratet hatte — ein Mädchen, das von klein auf wie ein Junge erzogen worden war und den Schulnamen Phönixglanz [王熙凤]<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix". 熙 xī „strahlend/glänzend", 凤 fèng „Phönix".</ref> trug. Kajaljade begrüßte sie lächelnd und nannte sie „Schwägerin". Phönixglanz [熙凤] ergriff Kajaljades Hand, musterte sie sorgfältig von oben bis unten, führte sie dann zurück an die Seite der Großmutter und sagte lachend: „Was für ein wunderschönes Geschöpf — wahrhaftig, so etwas sehe ich heute zum ersten Mal! Und diese ganze Erscheinung — sie sieht gar nicht aus wie die Enkelin einer anderen Familie, sondern wie eine leibliche Enkelin der alten Fürstin! Kein Wunder, dass unsere Ahne Tag für Tag an sie denkt und sie nicht vergessen kann. Nur schade um meine arme kleine Schwester — was für ein hartes Schicksal, dass ihre Mama so früh sterben musste!" Bei diesen Worten tupfte sie sich mit dem Taschentuch die Tränen ab. Die Großmutter lachte: „Ich habe mich gerade beruhigt, und du fängst wieder an, mich zum Weinen zu bringen! Deine Schwester ist von weither gekommen und ist schwach — gerade haben wir sie beruhigt. Hör bitte auf, an die alten Sachen zu erinnern!" Phönixglanz schlug sofort von Trauer in Fröhlichkeit um: „Ach, natürlich! Ich habe meine Schwester gesehen, und da war mein ganzes Herz bei ihr — vor lauter Freude und Rührung habe ich die alte Fürstin ganz vergessen. Ich verdiene Strafe, ich verdiene Strafe!" Dann ergriff sie wieder Kajaljades Hand und fragte: „Schwesterchen, wie alt bist du? Bist du schon zur Schule gegangen? Welche Medizin nimmst du? Hier brauchst du kein Heimweh zu haben — wenn du etwas zu essen oder etwas zum Spielen brauchst, sag es mir einfach. Wenn die Mägde und Frauen nicht ordentlich sind, sag es auch mir!" Zugleich fragte sie die Dienerinnen: „Ist das Gepäck von Fräulein Lin hereingebracht worden? Wie viele Dienerinnen hat sie mitgebracht? Räumt schnell zwei Zimmer auf, damit sie sich ausruhen können!" | ||
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| + | Unterdessen waren Tee und Obst aufgetragen worden; Phönixglanz reichte Kajaljade persönlich Tee und Obst. Dann fragte die Zweite Tante: „Ist das Monatsgeld schon ausgezahlt?" Phönixglanz antwortete: „Das ist schon erledigt. Ich habe gerade Leute auf den Dachboden geschickt, um nach Seide zu suchen — aber nach langem Suchen habe ich die Sorte, von der die Tante gestern sprach, nicht gefunden. Vielleicht hat die Tante sich geirrt?" Dame König<ref>Der Familienname 王 Wáng bedeutet „König". Die König-Familie ist eine der vier großen Familien (贾王薛史 = Kaufmann, König, Schnee, Geschichte).</ref> sagte: „Ob es sie gibt oder nicht, das ist nicht so wichtig." Dann fuhr sie fort: „Man sollte gleich zwei Stück herausnehmen, damit deine Schwester sich Kleider nähen lassen kann. Lass heute Abend nochmals jemanden nachschauen — vergiss es nicht." Phönixglanz sagte: „Das habe ich bereits vorher bedacht. Da ich wusste, dass meine Schwester in den nächsten Tagen kommen würde, habe ich alles schon vorbereitet. Wenn die Tante sie gesehen hat, lasse ich sie herüberbringen." Dame König lächelte und nickte schweigend. | ||
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| + | Nachdem der Tee abgeräumt war, befahl die Großmutter zwei älteren Ammen, Kajaljade zu ihren beiden Onkeln zu bringen. Die Frau des Ersten Onkels, geborene Xing<ref>Chin. 邢夫人 Xíng Fūren. 邢 xíng — der Name erinnert an 刑 xíng „Strafe".</ref>, erhob sich sogleich und sagte lächelnd: „Ich bringe meine Nichte selbst hinüber — das ist auch einfacher." Die Großmutter lachte: „Recht so! Geh nur, du brauchst nicht mehr zurückzukommen." Frau Strafe stimmte zu, nahm Kajaljade an der Hand und verabschiedete sich von Dame König. Alle geleiteten sie bis zum Durchgang. Vor dem Blumenhangtor warteten bereits Lakaien mit einer Kutsche mit grünem Baldachin und grünseidenen Vorhängen. Frau Strafe half Kajaljade hinein; die Dienerinnen ließen den Vorhang herab, und die Lakaien trugen die Kutsche hinaus. An einer breiteren Stelle spannten sie ein zahmes Maultier vor und verließen durch das westliche Seitentor. Dann ging es ostwärts am Haupttor des Prunkwille-Anwesen vorbei in ein großes schwarz lackiertes Tor, wo sie vor dem Zeremonielltor anhielten und abstiegen. Die Lakaien zogen sich zurück. Frau Strafe half Kajaljade in den Innenhof. Kajaljade bemerkte, dass die Gebäude offenbar von einem Garten des Prunkwille-Anwesen abgetrennt worden waren. Durch drei Tore hindurch sah man das Hauptgebäude mit Seitenflügeln und Wandelgängen — alles zierlich und elegant, nicht so majestätisch wie auf der anderen Seite, dafür überall Bäume und Gartenfelsen. Im Hauptzimmer angekommen, eilten zahlreiche prächtig gekleidete Nebenfrauen und Dienerinnen herbei. Frau Strafe bat Kajaljade, Platz zu nehmen, und schickte nach dem Ersten Onkel. Nach einer Weile kam ein Bote zurück mit der Nachricht: „Der Herr lässt sagen: ‚Ich bin in den letzten Tagen unwohl, und wenn ich meine Nichte sähe, würden wir beide nur traurig. Ich möchte sie bitten, sich nicht zu grämen und kein Heimweh zu haben. Bei der Großmutter und den Tanten ist sie wie zu Hause. Obwohl die Cousinen nicht vollkommen sind, kann ihre Gesellschaft doch zur Zerstreuung beitragen. Sollte sie sich jemals ungerecht behandelt fühlen, soll sie es nur sagen — sie braucht nicht fremd zu tun.'" Kajaljade stand eilig auf und hörte aufmerksam zu. Nach einer kurzen Pause nahm sie Abschied. Frau Strafe wollte sie zum Abendessen zurückhalten, doch Kajaljade erwiderte lächelnd: „Es wäre unhöflich, die Einladung der Tante abzulehnen — aber ich muss noch meinen Zweiten Onkel besuchen, und wenn ich vorher hier speise, wäre das ungehörig. An einem anderen Tag gern." Frau Strafe lächelte und ließ sie von zwei oder drei Ammen in der Kutsche zum Zweiten Onkel bringen. | ||
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| + | Bald darauf gelangte Kajaljade zum Prunkwille-Anwesen. Sie stieg aus der Kutsche und wurde von den Ammen durch einen östlichen Durchgang, hinter die große Südhalle, durch ein Zeremonielltor in einen großen Innenhof geführt. Das Hauptgebäude hatte fünf Räume, mit Seitenflügeln und kleinen Nebenzimmern — alles weit geräumiger und prächtiger als beim Ersten Onkel. Kajaljade erkannte, dass dies die eigentlichen Hauptgemächer sein mussten, mit dem breiten Hauptweg, der direkt zum großen Tor hinausführte. In der Empfangshalle erblickte sie eine große goldene Tafel auf blaugrünem Grund mit den drei riesigen Zeichen „Halle des Rong-Glücks" [荣禧堂], darunter eine kleine Zeile: „Im Jahre XY vom Kaiser dem Herzog Rong Jia Yuan geschenkt", dazu das Kaiserliche Siegel. Auf einem großen Tisch aus Rosenholz mit geschnitzten Drachen stand ein drei Fuß hoher antiker Bronzedreifuß; an der Wand hing ein großes Gemälde mit einem schwarzen Drachen als Wartemotiv [Anm.: „Warten auf die Morgenaudienz"]; auf der einen Seite ein goldenes Ritualgefäß, auf der anderen eine Glasschale. Auf dem Boden standen sechzehn Stühle aus Kampferholz in zwei Reihen. An der Wand hing ein Spruchband auf Ebenholztafeln mit silbernen Schriftzeichen: | ||
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| + | Perlen und Edelsteine auf den Sitzen strahlen wie Sonne und Mond, | ||
| + | Pracht und Brokat in der Halle leuchten wie Morgenröte. | ||
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| + | Darunter in kleiner Schrift: „Geschrieben von seinem Landsmann und Schüler, dem Erbherzog von Dong'an, Mu Shi, mit eigener Hand." | ||
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| + | Da Dame König sich für gewöhnlich nicht in den Haupträumen aufhielt, sondern in drei kleinen Seitenzimmern östlich davon, führten die Ammen Kajaljade durch die östliche Tür. Am Fenster stand ein großes Bett mit leuchtend rotem fremdländischem Teppich, darauf ein großes Rückenkissen mit dem Seidenmuster goldener Drachenschlangen auf steinblauem Grund, dazu eine passende Armlehne und eine große Matratze in Herbstgelb mit dem gleichen Muster. Auf den beiden kleinen Beistelltischen im Pflaumenblütendesign und Fremdlack stand links ein Weihrauchgefäß, rechts eine Vase aus Ru-Keramik [汝窑, berühmteste Keramik der Song-Zeit] mit frischen Blumen, dazu Teetassen und ein Spucknapf. Auf dem Boden standen vier Stühle mit silberrotem Blumenstoff, darunter vier Fußbänkchen. Kajaljade bemerkte die Rangordnung der Plätze und setzte sich nicht auf das Bett, sondern nahm auf einem der östlichen Stühle Platz. Die Dienerinnen brachten Tee. Während Kajaljade trank, betrachtete sie die Mägde — Kleidung, Schmuck und Benehmen waren in der Tat anders als anderswo. | ||
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| + | Kaum war der Tee getrunken, als eine Dienerin in roter Seidenjacke und blauer Rückenweste lächelnd hereinkam und sagte: „Die Tante bittet Fräulein Lin, drüben Platz zu nehmen." Die Ammen führten Kajaljade in drei kleine Räume im östlichen Wandelgang. Dort stand ein Tisch auf dem Bett, darauf Bücher und Teegeschirr; an der östlichen Wand lehnte ein halbabgenutztes steinblaues Seidenkissen. Dame König saß unten an der westlichen Seite auf einem ebensolchen halbabgenutzten Seidenpolster. Als Kajaljade hereinkam, wies Dame König sie nach Osten — Kajaljade erkannte, dass dies der Platz von Aufrecht Kaufmann sein musste. Da sie neben dem Bett drei Stühle mit halbabgenutzten Tintentuschbezügen sah, setzte sie sich auf einen der Stühle. Dame König zog sie mehrmals zum Bett herauf, bis sie sich schließlich neben sie setzte. | ||
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| + | Dame König sprach: „Deinen Onkel wirst du heute nicht sehen — er fastet gerade. Aber eines möchte ich dir ans Herz legen: Deine drei Cousinen sind alle sehr umgänglich — zusammen lesen, schreiben und Handarbeiten machen, damit wird es nie Schwierigkeiten geben. Aber was mich beunruhigt, ist eine Sache: Ich habe einen Sohn, der ein wahrer Unglückskeim ist — der ‚Teufel, der die Welt verwirrt' [混世魔王] in diesem Haus. Heute ist er zum Tempel gegangen, ein Gelübde einzulösen, und noch nicht zurück. Heute Abend wirst du ihn sehen. Kümmere dich einfach nicht um ihn. Keine deiner Cousinen wagt es, sich mit ihm einzulassen." | ||
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| + | Kajaljade hatte von ihrer Mutter schon gehört, dass ihr Zweiter Onkel einen Sohn hatte, der mit einer Jade im Mund geboren worden war — ein ungebärdiges Kind, das den Unterricht verabscheute und am liebsten in den Frauengemächern seine Zeit verbrachte, und den die Großmutter so verhätschelte, dass niemand ihm Einhalt zu gebieten wagte. Nun war ihr klar, dass Dame König von diesem Cousin sprach. Sie erwiderte lachend: „Die Tante meint wohl den Cousin, der mit der Jade geboren wurde? Ich habe zu Hause von meiner Mutter oft gehört, dass dieser Cousin zwar recht ungezogen sei, sich aber seinen Schwestern gegenüber immer gut benehme. Da ich nun hier bin, werde ich natürlich nur mit den Cousinen zusammen sein; die Brüder leben in anderen Gebäuden und Zimmern — wie sollte ich mit ihm in Berührung kommen?" Dame König lachte: „Du kennst die Gründe nicht. Er ist anders als andere. Seit seiner frühesten Kindheit ist er von der Großmutter verwöhnt und zusammen mit den Mädchen aufgezogen worden. Wenn die Mädchen ihn eines Tages nicht beachten, ist er ganz ruhig; höchstens geht er hinaus und lässt seinen Ärger an seinen zwei kleinen Dienern aus — ein bisschen Murren, dann ist es vorbei. Aber wenn die Mädchen an einem Tag ein Wort mehr als nötig mit ihm wechseln, wird er fröhlich und stiftet tausenderlei Unfug an. Deshalb sage ich dir: Kümmere dich nicht um ihn! Den einen Moment hat er süße Worte auf den Lippen, den nächsten ist er maßlos und zügellos, dann wieder verrückt und albern — glaub ihm nichts." | ||
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| + | Kajaljade stimmte allem zu. Da kam eine Dienerin und meldete: „Die alte Fürstin lässt zum Abendessen bitten." Dame König führte Kajaljade durch die Hintertür, über den westlichen Korridor und durch ein Seitentor in einen breiten Nord-Süd-Gang. Im Süden lag ein kleines Empfangszimmer, im Norden stand eine weiß gestrichene Spiegelwand, dahinter ein Seitentor und ein kleines Gebäude. Dame König zeigte lächelnd darauf: „Das ist das Quartier deiner Schwägerin Phönixglanz. Wenn du etwas brauchst, geh einfach zu ihr." Vor diesem Tor standen auch vier oder fünf Dienerknaben mit Haarknötchen. Dame König führte Kajaljade durch einen weiteren Durchgang hindurch in den Hinterhof der Großmutter. Dort warteten bereits viele Dienerinnen; als Dame König kam, wurden Tisch und Stühle aufgestellt. Jia Zhus Witwe Seidenweiß Pflaume<ref>Chin. 李纸 Lǐ Wán. 李 lǐ „Pflaume“ (Familienname); 纸 wán „weiße Seide“. Die tugendhafte junge Witwe von Perle Kaufmann.</ref><ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán. 纨 wán „feiner weißer Seidenstoff" — Symbol ihrer tugendhaften Witwenschaft.</ref> [李纨] trug die Speisen auf, Phönixglanz legte die Essstäbchen zurecht, Dame König reichte die Suppe. Die Großmutter saß allein in der Mitte auf dem Hauptdiwan; vier leere Stühle standen zu beiden Seiten. Phönixglanz zog Kajaljade rasch auf den ersten Stuhl links. Kajaljade wehrte sich sehr, doch die Großmutter lachte: „Deine Tanten und Schwägerinnen essen nicht hier. Du bist der Gast — so gehört es sich." Erst dann setzte sich Kajaljade. Die Großmutter ließ Dame König sich setzen. Die drei Schwestern Willkommensfrühling, Erkundefrühling [探春] und Bedauerfrühling nahmen auf der rechten Seite Platz. Dienerinnen standen mit Staubwedeln, Spülschalen und Tüchern bereit. Seidenweiß Pflaume<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán. 纨 wán „feiner weißer Seidenstoff" — Symbol ihrer tugendhaften Witwenschaft.</ref> und Phönixglanz standen neben dem Tisch und bedienten. Obwohl draußen zahlreiche Dienerinnen und Mägde warteten, war kein einziger Huster zu hören. In vollkommener Stille wurde die Mahlzeit beendet. Jede erhielt auf einem kleinen Tablett Tee. Kajaljades Vater Ozeangleich Wald hatte seine Tochter gelehrt, nach dem Essen zu warten, bis die letzte Reiskorn geschluckt war, und erst eine Weile später Tee zu trinken, um den Magen nicht zu schädigen. Hier aber sah Kajaljade, dass vieles anders war als zu Hause, und so musste sie sich nach und nach anpassen. Sie nahm den Tee an und sah, wie Spülwasser gebracht wurde — sie spülte sich den Mund, ebenso wie die anderen. Dann wurde nochmals Tee gebracht — dies war der Tee zum Trinken. | ||
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| + | Die Großmutter sagte: „Geht nur, lasst uns in Ruhe plaudern." Dame König erhob sich, wechselte noch ein paar Worte, dann führte sie Phönixglanz und Seidenweiß Pflaume<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán. 纨 wán „feiner weißer Seidenstoff" — Symbol ihrer tugendhaften Witwenschaft.</ref> hinaus. Die Großmutter fragte Kajaljade, welche Bücher sie lese. Kajaljade antwortete: „Ich habe gerade erst die Vier Bücher [四书, die konfuzianischen Grundtexte] begonnen." Dann fragte sie, was die Cousinen läsen. Die Großmutter antwortete: „Was die schon lesen! Sie können gerade so ein paar Zeichen erkennen und sind keine Analphabeten — das ist alles." | ||
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| + | Kaum hatte sie ausgesprochen, hörte man draußen Schritte, und eine Dienerin kam lachend herein: „Schatzjade [宝玉] kommt!" Kajaljade dachte bei sich: „Dieser Schatzjade — was für ein fauler, ungezogener Bengel mag er sein?" — und hätte lieber auf den Anblick dieses Dummkopfs verzichtet. Während sie noch nachdachte, war die Dienerin mit ihrer Meldung noch nicht fertig, als ein junger Herr bereits hereintrat. Er trug ein purpurgoldenes Diadem mit eingelassenem Juwel, das sein Haar zusammenhielt, ein goldenes Stirnband mit zwei Drachen, die eine Perle umkämpfen, eine zweifarbig goldene Jacke mit Hundert-Schmetterlings-Blumenmustern und roten Pfeilärmelaufschlägen, einen bunt gewirkten Palastgürtel mit Quasten, darüber eine steinblaue Weste aus japanischem Satin mit aufgestickten Blüten und Quastenreihen, und blaue Satinstiefel mit weißer Sohle. Sein Gesicht war wie der Herbstmond, seine Farbe wie die Morgenröte im Frühling. Sein Haar wie mit dem Messer geschnitten, seine Brauen wie mit Tusche gemalt, das Gesicht wie Pfirsichblüten, die Augen wie Herbstwellen. Selbst wenn er zürnte, schien er zu lächeln; selbst wenn er böse blickte, lag Zuneigung in seinem Blick. Um den Hals trug er ein goldenes Drachencollier und eine fünffarbige Seidenschnur, an der ein Stück schöner Jade hing. | ||
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| + | Kajaljade erschrak: „Wie seltsam — als hätte ich ihn schon einmal irgendwo gesehen! Wie vertraut er mir vorkommt!" Schatzjade begrüßte die Großmutter, und diese schickte ihn zu seiner Mutter. Als er zurückkam, hatte er sich umgezogen: Rund um den Kopf waren die kurzen Haare zu kleinen Zöpfchen geflochten, mit roten Seidenfäden zusammengebunden und am Scheitel zu einem großen Zopf vereint — glänzend schwarz wie Lack, vom Scheitel bis zur Spitze eine Reihe von vier großen Perlen, mit einem goldenen Anhänger der Acht Kostbarkeiten. Er trug einen halbgetragenen silberroten Seidenmantel mit Blumenmuster, dazu noch immer Halskette, Jade, Namensschloss und Schutzamulette. Unter dem Mantel schaute eine herbstgrüne Seidenhose hervor, dazu gemusterte Socken und dicke rote Schuhe. Sein Gesicht war wie mit Puder bestäubt, seine Lippen wie mit Rouge bemalt; sein Blick voll Zärtlichkeit, sein Reden stets von Lachen begleitet. Eine natürliche Eleganz lag ganz in seinen Brauen, zehntausend Gefühle waren in seinen Augen aufgehäuft. Was seine Erscheinung betrifft — sie war vortrefflich; doch sein inneres Wesen war schwer zu ergründen. | ||
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| + | Später verfasste jemand zwei Strophen nach dem Muster „Mond über dem Westfluss" (西江月)<ref>西江月 Xījiāngyuè ist eine klassische Ci-Versform (Melodie).</ref>, die Schatzjade treffend beschreiben: | ||
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| + | Ohne Grund sucht er Kummer und Groll, | ||
| + | Bald scheint er ein Narr, bald ein Toller. | ||
| + | Mag er auch in hübscher Hülle stecken — | ||
| + | Im Innern birgt er nur Wildnis und Gestrüpp. | ||
| + | Nachlässig und ohne Sinn für die Welt, | ||
| + | Dumm und abgeneigt gegen Bücher. | ||
| + | Sein Wesen ist eigensinnig und verkehrt — | ||
| + | Was kümmert ihn der Tadel der Leute! | ||
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| + | Reichtum kennt er, ohne ihn zu genießen, | ||
| + | Armut erträgt er nicht, wenn sie kommt. | ||
| + | Schade um die schöne Jugend, die er vertan! | ||
| + | Für Land und Familie — keine Hoffnung. | ||
| + | Der Untauglichste der ganzen Welt, | ||
| + | Der Nichtsnutzigste aller Zeiten. | ||
| + | Ihr Söhne des Reichtums und der Seide — | ||
| + | Nehmt euch kein Beispiel an diesem Burschen! | ||
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| + | Schatzjade hatte die Großmutter begrüßt, und diese befahl ihm: „Geh und begrüße den Gast — dann geh und wasch dich um, bevor du zum Essen kommst!" Schatzjade wandte sich Kajaljade zu: Er sah ein zartes Mädchen mit einem Hauch von Melancholie zwischen den Brauen und einem stillen Leuchten in den Augen. Schatzjade lachte: „Diese Schwester habe ich schon einmal gesehen!" Die Großmutter lachte: „Unsinn! Wie solltest du sie schon gesehen haben?" Schatzjade lachte: „Wenn ich sie auch nicht gesehen habe — ihr Gesicht kommt mir so vertraut vor, als träfen wir uns nach langer Trennung wieder." Die Großmutter freute sich: „Umso besser! Dann werdet ihr euch gut verstehen." | ||
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| + | Schatzjade setzte sich neben Kajaljade und betrachtete sie genau. Dann fragte er: „Schwester, hast du schon Bücher gelesen?" Kajaljade antwortete: „Nein, nur ein paar Zeichen erkenne ich — mein Wissen ist gering." Schatzjade fragte: „Wie heißt du?" Kajaljade nannte ihren Namen. Schatzjade fragte: „Und dein Beiname?" Kajaljade antwortete: „Ich habe keinen Beinamen." Schatzjade lachte: „Dann will ich dir einen geben! Du solltest ‚Pinpin' [颦颦, ‚die Stirnrunzlerin'] heißen — das passt am besten!" Erkundefrühling fragte: „Woher nimmst du das?" Schatzjade antwortete: „Im ‚Alten Wörterbuch' steht ‚die fernste Ferne' [远], und im ‚Breiten Wörterbuch' steht ‚weit über zehntausend Meilen' — also: Kajaljade [黛玉] ist der Name; zwischen ihren Brauen aber liegt ein Hauch, der ‚Pinpin' [颦颦] heißen sollte." Erkundefrühling lachte: „Wieder mal eine Erfindung — in keinem Buch steht so etwas!" Schatzjade lachte: „Alle Bücher haben ihre Autoren auch nur selbst erfunden!" | ||
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| + | Dann fragte er plötzlich: „Schwester, hast du denn Jade?" Alle waren verblüfft und verstanden nicht, was er meinte. Kajaljade dachte bei sich: „Wahrscheinlich fragt er, weil er selbst Jade hat — ob ich auch eine habe." Sie antwortete: „Nein, ich habe keine. Dein Jade ist etwas Seltenes — nicht jeder hat so etwas." Schatzjade geriet plötzlich in Raserei, riss sich die Jade vom Hals und schleuderte sie zu Boden: „Was soll das für ein Seltenes sein? Es kann nicht einmal die Zuneigung der Menschen hervorbringen — ich will es nicht mehr!" Alle erschraken und eilten herbei, die Jade aufzusammeln. Die Großmutter schloss ihn in die Arme und rief: „Du böser Junge! Wenn du dich über jemanden ärgerst, dann schimpfe — aber wirf doch nicht dein kostbares Erbstück fort!" Schatzjade weinte: „Keine der Schwestern und Cousinen hat so etwas — nur ich allein! Was nützt es? Und jetzt kommt diese wunderschöne engelsgleiche Schwester und hat auch keine — dann ist es offensichtlich kein gutes Ding!" Die Großmutter eilte, ihn zu beschwichtigen: „Deine Schwester hatte früher auch eine Jade, doch als deine Tante starb, hat sie gesagt, es sei besser, die Jade als Andenken mitzubegraben, als sie dem Kind zu hinterlassen. Deshalb hat deine Schwester gesagt, sie habe keine. Wie könnte sie sich mit dir vergleichen? Deine ist vom Himmel geschenkt — die wirft man nicht weg!" Schatzjade beruhigte sich schließlich. | ||
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| + | In jener Nacht wurden Kajaljade Zimmer und Bett im Schlafgemach der Großmutter zugewiesen, gleich neben Schatzjade. So begann Kajaljades Leben im Prunkwille-Anwesen. | ||
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| + | [Ende des dritten Kapitels] | ||
Latest revision as of 19:29, 28 April 2026
Kapitel 3 In Jinling wird Regendorf Kaufmann wieder in sein Amt eingesetzt — Das Prunkwille-Anwesen[1] nimmt Kajaljade [林黛玉] bei sich auf
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Nun geschah es, dass Regendorf sich hastig umwandte: Es war kein anderer als sein ehemaliger Amtskollege, ein gewisser Jadegleich Zhang[2], der im selben Verfahren wie er seinerzeit des Amtes enthoben worden war. Dieser stammte aus dem hiesigen Ort, und nach seiner Amtsenthebung lebte er hier als Privatmann. Als er nun vernahm, dass in der Hauptstadt die Wiedereinstellung ehemals abgesetzter Beamter genehmigt worden sei, lief er überall umher und suchte Beziehungen und Wege — da stieß er plötzlich auf Regendorf und beeilte sich, ihm zu gratulieren. Nachdem die beiden einander begrüßt hatten, teilte Zhang Rugui Regendorf diese Neuigkeit mit. Regendorf war natürlich hocherfreut und verabschiedete sich nach einem hastigen Wortwechsel. Leng Selbstaufsteiger [冷子兴], der dies gehört hatte, unterbreitete Regendorf sogleich einen Plan: Er solle Ozeangleich Wald [林如海] bitten, sich an Aufrecht Kaufmann [贾政] in der Hauptstadt zu wenden. Regendorf folgte seinem Rat und kehrte zu seinem Quartier zurück, wo er eilig die Amtsnachrichten nach einer Bestätigung durchsah. Am nächsten Tag sprach er Ozeangleich Wald persönlich darauf an.
Ozeangleich Wald sagte: „Das trifft sich gut! Da meine Frau kürzlich verstorben ist, hat die Großmutter meiner Frau [Anm.: Regendorfs Dienstherrin ist Tochter der Kaufmann-Familie] in der Hauptstadt sich Sorgen gemacht, dass meine kleine Tochter ohne mütterliche Fürsorge ist, und bereits Diener und Dienerinnen mit Schiffen geschickt, sie abzuholen. Da die Kleine aber noch nicht ganz genesen war, haben wir den Aufbruch verschoben. Ich habe ohnehin schon lange daran gedacht, wie ich Euch für Eure Lehrtätigkeit danken könnte, und diese Gelegenheit kommt wie gerufen — wie sollte ich da nicht mein Bestes tun? Seid ganz unbesorgt: Ich habe bereits alles vorbereitet. Ein Empfehlungsbrief ist geschrieben und an meinen Schwager mit der dringenden Bitte gesandt, Euch in jeder Weise zu unterstützen. Sollten damit Kosten verbunden sein, habe ich dies in dem Schreiben an meinen Schwager bereits vermerkt, so dass Ihr Euch darum nicht zu sorgen braucht." Regendorf verbeugte sich dankend, wieder und wieder, und fragte dann: „Darf ich erfahren, welche Stellung Euer verehrter Herr Schwager bekleidet? Ich fürchte, als bescheidener Mann ungebeten an seine Tür zu klopfen." Ozeangleich Wald lachte: „Was meine Verwandten betrifft — sie stehen mit Eurem verehrten Namen im selben Stammbaum. Es handelt sich um einen Enkel des Herzogs von Rong. Mein älterer Schwager führt derzeit den Erbrang eines Generals erster Klasse, er heißt She [赦] mit Beinamen Enhou [恩侯]. Mein zweiter Schwager heißt Zheng [政] mit Beinamen Cunzhou [存周] und bekleidet derzeit den Posten eines Vizedirektors im Ministerium für Öffentliche Arbeiten. Sein Wesen ist bescheiden und aufrichtig, ganz im Geiste seiner Vorväter — keineswegs einer jener blasierten, leichtfertigen Beamtensöhne. Deshalb habe ich es gewagt, ihm zu schreiben und Euch zu empfehlen. Andernfalls würde ich nicht nur Euren guten Ruf beflecken, sondern auch selbst nicht darauf eingehen." Regendorf hörte dies und glaubte nun vollends, was Leng Selbstaufsteiger am Vortag erzählt hatte. Er dankte Ozeangleich Wald nochmals. Dieser sagte: „Ich habe den zweiten Tag des nächsten Monats als Abreisetag für meine Tochter festgesetzt. Ihr könntet im selben Zug reisen — wäre das nicht für beide Seiten vorteilhaft?" Regendorf stimmte freudig zu und war im Herzen überaus zufrieden.
Ozeangleich Wald traf also die Vorbereitungen für Geschenke und Abschiedsmahl, die Regendorf sämtlich entgegennahm.
Die Schülerin Kajaljade [黛玉] hatte sich zwar etwas erholt, konnte sich aber nicht dazu durchringen, ihren Vater zu verlassen und aufzubrechen. Doch da ihre Großmutter mütterlicherseits unbedingt darauf bestand, und da Ozeangleich Wald ihr sagte: „Dein Vater ist fast fünfzig und denkt nicht daran, wieder zu heiraten. Du aber bist kränklich und noch so klein. Oben hast du keine Mutter, die dich erzieht, unten keine Geschwister, die dich stützen. Wenn du jetzt zu deiner Großmutter und deinen Tanten und Cousinen gehst, wird meine Sorge um dich geringer — warum willst du denn nicht gehen?" — da blieb Kajaljade unter Tränen nichts anderes übrig, als sich zu verabschieden. In Begleitung ihrer Amme und einiger älterer Dienerinnen des Prunkwille-Anwesenes bestieg sie das Schiff. Regendorf folgte auf einem separaten Boot mit zwei Dienerjungen, im Gefolge Kajaljades.
Nach einigen Tagen erreichten sie die Hauptstadt und betraten die Kaiserstadt. Regendorf richtete als Erstes seine Kleidung und seinen Hut, nahm seinen Dienerjungen mit, ergriff seine Visitenkarte als „Neffe aus dem Stamm" und überreichte sie am Tor des Prunkwille-Anwesen. Zu jener Zeit hatte Aufrecht Kaufmann den Brief seines Schwagers bereits gelesen und bat Regendorf eilig zum Empfang herein. Er fand Regendorfs Erscheinung stattlich und seine Rede gewandt, und da Aufrecht Kaufmann stets Gelehrte liebte, Tugendhafte ehrte und Schwachen half — ganz im Geiste seiner Ahnen —, und da es überdies der ausdrückliche Wunsch seines Schwagers war, behandelte er Regendorf mit besonderer Zuvorkommenheit. Er setzte seinen ganzen Einfluss ein, und als der Tag der Eingabe kam, verschaffte er ihm mühelos die Wiedereinstellung mit Wartestatus. Keine zwei Monate später wurde eine Vakanz in der Präfektur Yingtianfu in Jinling frei, und er erhielt diese Stelle. Regendorf nahm Abschied von Aufrecht Kaufmann, wählte einen günstigen Tag und trat sein Amt an. Damit sei es für den Moment genug.
Nun aber zurück zu Kajaljade: Am Tage, als sie das Schiff verließ und an Land ging, hatte der Prunkwille-Anwesen bereits Sänften und Gepäckwagen geschickt, die lange auf sie warteten. Diese Kajaljade hatte von ihrer Mutter stets gehört, dass das Haus ihrer Großmutter sich von allen anderen unterscheide. Schon die Dienerinnen dritten Ranges, die sie in diesen Tagen gesehen hatte, waren in Kleidung, Speise und Auftreten keineswegs gewöhnlich — wie würde es erst im Hause selbst sein? Daher achtete sie auf jeden Schritt und jedes Wort, um nur nicht ausgelacht zu werden.
Als sie in die Sänfte gestiegen war und durch die Stadt fuhr, spähte sie durch das Gazefenster hinaus: Das Treiben der Straße, der Reichtum und die Bevölkerung waren ganz anders als anderswo. Nach einer längeren Fahrt erblickte sie auf der Nordseite der Straße zwei große steinerne Löwen, ein dreitoriges Hauptportal mit Tierkopf-Verzierungen und davor an die zehn Bedienstete in prächtigen Gewändern. Das Haupttor war geschlossen; nur durch die Seitentore im Osten und Westen gingen Menschen ein und aus. Über dem Haupttor hing eine Tafel mit den fünf großen Zeichen: „Auf kaiserlichen Befehl erbauter Stillfriede-Anwesen" [敕造宁国府]. Kajaljade dachte: „Das muss das Haus des ältesten Zweigs meiner Großmutterfamilie sein." Die Sänfte trug sie weiter nach Westen, und nicht weit entfernt stand ein ebensolches Anwesen mit drei großen Toren — das war der Prunkwille-Anwesen. Doch sie trug nicht durch das Haupttor ein, sondern durch das westliche Seitentor. Die Sänftenträger trugen sie hinein, legten nach etwa einer Bogenschussweite, als sie um eine Ecke biegen sollten, die Sänfte ab und traten zurück. Die Dienerinnen, die zu Fuß gefolgt waren, eilten heran. Drei oder vier Lakaien von siebzehn, achtzehn Jahren, sauber gekleidet, kamen und hoben die Sänfte wieder auf. Die Frauen folgten zu Fuß bis vor ein Blumenhangtor, wo die Sänfte abgesetzt wurde. Die Lakaien zogen sich zurück; die Frauen hoben den Sänftenvorhang, stützten Kajaljade beim Aussteigen. Kajaljade, an den Händen der Frauen, trat durch das Blumenhangtor; zu beiden Seiten waren überdachte Wandelgänge, in der Mitte ein Durchgangsraum mit einem großen Wandschirm aus Rosenholz mit einer eingelassenen Marmorplatte. Hinter dem Wandschirm lag ein kleines Empfangszimmer mit drei Räumen; dahinter begann der große Innenhof. Fünf Räume breit erstreckte sich das Hauptgebäude — alles mit geschnitzten Balken und bemalten Dächern. Zu beiden Seiten Wandelgänge und Seitenflügel, an denen allerlei Papageien, Drosseln und andere Vögel hingen. Auf den Stufen saßen mehrere rotgekleidete Dienerinnen, die, als sie die Besucher kommen sahen, lächelnd entgegeneilten und riefen: „Eben noch hat die alte Fürstin nach ihr gefragt — und wie gerufen kommt sie!" Drei oder vier drängten sich, den Vorhang hochzuhalten, während von drinnen gemeldet wurde: „Fräulein Lin ist angekommen!"
Als Kajaljade den Raum betrat, sah sie zwei Personen, die eine silberhaarige alte Dame stützten und ihr entgegenkamen — Kajaljade wusste sogleich, dass dies ihre Großmutter war. Ehe sie sich verbeugen konnte, hatte die Großmutter sie schon in die Arme geschlossen, nannte sie „mein Herzblatt, mein Liebling" und brach in lautes Weinen aus. Alle Dienerinnen und Bediensteten, die danebenstanden, verbargen ihre Gesichter und weinten mit, und auch Kajaljade konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Es dauerte eine Weile, bis alle sich allmählich beruhigt hatten und Kajaljade ihre Großmutter förmlich begrüßen konnte. Dies war die alte Fürstin Shi, von der Leng Selbstaufsteiger gesprochen hatte — die Mutter von Begnadigung Kaufmann [贾赦] und Aufrecht Kaufmann. Die Großmutter stellte Kajaljade nun eine nach der anderen vor: „Dies ist deine Erste Schwiegertante [Anm.: die Frau von Begnadigung Kaufmann], dies deine Zweite Schwiegertante [die Frau von Aufrecht Kaufmann], und dies ist die Frau deines verstorbenen Vetters Zhu — deine älteste Schwägerin." Kajaljade verbeugte sich vor jeder einzelnen. Die Großmutter befahl: „Ruft die jungen Damen herbei. Heute ist ein Gast von weither gekommen — sie brauchen nicht zur Schule zu gehen." Zwei Dienerinnen eilten los.
Nicht lange darauf kamen drei Ammen und fünf oder sechs Dienerinnen, die drei junge Damen hereingeleiteten. Die Erste war von leicht gerundeter Figur und mittlerer Größe, mit Wangen wie frische Litschis und einer Nase wie Gänsefett — still und sanft, ein angenehmer Anblick. Die Zweite war von schmalen Schultern und feiner Taille, hochgewachsen und schlank, mit einem ovalen Gesicht, lebhaften Augen und wohlgeformten Brauen — ihr Blick sprühte Geist, und literarischer Glanz umgab sie. Die Dritte war noch klein an Wuchs und kindlich im Aussehen. Alle drei trugen denselben Haarschmuck und dieselbe Kleidung. Kajaljade erhob sich eilig, um sie zu begrüßen; sie stellten einander vor und nahmen Platz. Die Dienerinnen servierten Tee. Man sprach nur davon, wie Kajaljades Mutter erkrankt war, wie man Ärzte gerufen und Medizin eingenommen hatte, wie sie bestattet und betrauert worden war. Die Großmutter Jia konnte ihre Rührung nicht verbergen und sagte: „Von all meinen Kindern habe ich einzig deine Mutter am meisten geliebt. Nun hat sie mich als Erste verlassen, ohne dass ich ihr Gesicht noch einmal sehen konnte. Wenn ich dich jetzt sehe — wie sollte ich nicht traurig sein!" Sie schloss Kajaljade in die Arme und schluchzte erneut. Alle trösteten und beruhigten sie, bis sie sich ein wenig fasste.
Man bemerkte, dass Kajaljade trotz ihrer Jugend in Haltung und Rede keineswegs gewöhnlich war; obgleich von zarter und schwacher Gestalt, besaß sie eine natürliche Eleganz und Anmut, und man erkannte sofort, dass sie an einem chronischen Leiden litt. Man fragte: „Welche Medizin nimmst du gewöhnlich, und warum wurde die Krankheit nicht behandelt?" Kajaljade antwortete: „Ich bin von Natur aus so. Seit ich denken kann, nehme ich Medizin, bis heute ohne Unterbrechung. Unzählige berühmte Ärzte haben Rezepte verschrieben — nichts hat geholfen. Als ich drei Jahre alt war, kam ein kahlköpfiger Mönch und sagte, er wolle mich mitnehmen und in den geistlichen Stand aufnehmen. Meine Eltern wollten natürlich nicht. Da sagte er: ‚Wenn Ihr sie nicht hergeben wollt, wird ihre Krankheit ihr ganzes Leben lang nicht heilen. Soll sie geheilt werden, darf sie von nun an niemals Weinen hören und außer ihren Eltern keinen einzigen verwandten oder befreundeten Menschen sehen — dann kann sie ihr Leben in Frieden verbringen.' — Solch wirres, verrücktes Gerede — niemand achtete darauf. Bis heute nehme ich Ginseng-Yangrongwan [人参养荣丸, Ginseng-Stärkungspillen]." Die Großmutter sagte: „Das trifft sich gut! Ich lasse gerade Pillen zusammenstellen — man soll einfach eine Portion mehr machen."
Kaum hatte sie ausgesprochen, da hörte man aus dem hinteren Hof lautes Lachen, und eine Stimme rief: „Ich komme zu spät, um den Gast von weither willkommen zu heißen!" Kajaljade wunderte sich: „Alle hier sind leise und ehrfürchtig — wer ist das, die sich so ungezwungen und formlos benimmt?" Während sie noch nachdachte, kam eine Schar von Frauen und Dienerinnen herein und geleitete eine Person durch die hintere Tür. Diese war ganz anders gekleidet als die jungen Damen — prächtig wie eine Götterfee: Auf dem Kopf ein goldenes Diadem aus Acht Kostbarkeiten und Perlen, mit einer Fünf-Phönix-Haarnadel mit Perlen; um den Hals ein rotes goldenes Collier mit verschlungenen Drachen und Edelsteinen; am Rockrand ein grünseidenes Palastband mit einem Paar Fische aus Rosenquarz; gekleidet in einen engen roten Seidenmantel mit goldgestickten Hundert-Schmetterlings-Blütenmustern, darüber eine ärmellose Jacke aus fünffarbig geschnittener Seide mit blauem Silberfuchsfell, darunter ein Rock aus Jadeseiden mit eingestreuten Blütenmustern. Ein Paar Phönixaugen mit leicht hochgezogenen Winkeln, zwei Weidenblattbrauen mit schrägen Spitzen — von schlanker Figur und verführerischer Erscheinung, unter dem gepuderten Antlitz verborgene Strenge, auf den roten Lippen ein Lächeln, bevor sie den Mund öffnete.
Kajaljade erhob sich eilig zur Begrüßung. Die Großmutter lachte: „Du kennst sie nicht — sie ist bei uns unser berühmtester kleiner Wildfang. In der Südprovinz nennt man das eine ‚Pfefferschote' [辣子] — nenn sie einfach ‚Pfefferschote Feng'!" Kajaljade wusste nicht recht, wie sie sie anreden sollte, doch die Cousinen flüsterten ihr zu: „Das ist die Schwägerin Lian [琏嫂子]." Kajaljade hatte zwar nie ihre Bekanntschaft gemacht, wusste aber von ihrer Mutter, dass der Sohn ihres ersten Onkels, Kette Kaufmann, eine Nichte ihrer Zweiten Tante Wang geheiratet hatte — ein Mädchen, das von klein auf wie ein Junge erzogen worden war und den Schulnamen Phönixglanz [王熙凤][3] trug. Kajaljade begrüßte sie lächelnd und nannte sie „Schwägerin". Phönixglanz [熙凤] ergriff Kajaljades Hand, musterte sie sorgfältig von oben bis unten, führte sie dann zurück an die Seite der Großmutter und sagte lachend: „Was für ein wunderschönes Geschöpf — wahrhaftig, so etwas sehe ich heute zum ersten Mal! Und diese ganze Erscheinung — sie sieht gar nicht aus wie die Enkelin einer anderen Familie, sondern wie eine leibliche Enkelin der alten Fürstin! Kein Wunder, dass unsere Ahne Tag für Tag an sie denkt und sie nicht vergessen kann. Nur schade um meine arme kleine Schwester — was für ein hartes Schicksal, dass ihre Mama so früh sterben musste!" Bei diesen Worten tupfte sie sich mit dem Taschentuch die Tränen ab. Die Großmutter lachte: „Ich habe mich gerade beruhigt, und du fängst wieder an, mich zum Weinen zu bringen! Deine Schwester ist von weither gekommen und ist schwach — gerade haben wir sie beruhigt. Hör bitte auf, an die alten Sachen zu erinnern!" Phönixglanz schlug sofort von Trauer in Fröhlichkeit um: „Ach, natürlich! Ich habe meine Schwester gesehen, und da war mein ganzes Herz bei ihr — vor lauter Freude und Rührung habe ich die alte Fürstin ganz vergessen. Ich verdiene Strafe, ich verdiene Strafe!" Dann ergriff sie wieder Kajaljades Hand und fragte: „Schwesterchen, wie alt bist du? Bist du schon zur Schule gegangen? Welche Medizin nimmst du? Hier brauchst du kein Heimweh zu haben — wenn du etwas zu essen oder etwas zum Spielen brauchst, sag es mir einfach. Wenn die Mägde und Frauen nicht ordentlich sind, sag es auch mir!" Zugleich fragte sie die Dienerinnen: „Ist das Gepäck von Fräulein Lin hereingebracht worden? Wie viele Dienerinnen hat sie mitgebracht? Räumt schnell zwei Zimmer auf, damit sie sich ausruhen können!"
Unterdessen waren Tee und Obst aufgetragen worden; Phönixglanz reichte Kajaljade persönlich Tee und Obst. Dann fragte die Zweite Tante: „Ist das Monatsgeld schon ausgezahlt?" Phönixglanz antwortete: „Das ist schon erledigt. Ich habe gerade Leute auf den Dachboden geschickt, um nach Seide zu suchen — aber nach langem Suchen habe ich die Sorte, von der die Tante gestern sprach, nicht gefunden. Vielleicht hat die Tante sich geirrt?" Dame König[4] sagte: „Ob es sie gibt oder nicht, das ist nicht so wichtig." Dann fuhr sie fort: „Man sollte gleich zwei Stück herausnehmen, damit deine Schwester sich Kleider nähen lassen kann. Lass heute Abend nochmals jemanden nachschauen — vergiss es nicht." Phönixglanz sagte: „Das habe ich bereits vorher bedacht. Da ich wusste, dass meine Schwester in den nächsten Tagen kommen würde, habe ich alles schon vorbereitet. Wenn die Tante sie gesehen hat, lasse ich sie herüberbringen." Dame König lächelte und nickte schweigend.
Nachdem der Tee abgeräumt war, befahl die Großmutter zwei älteren Ammen, Kajaljade zu ihren beiden Onkeln zu bringen. Die Frau des Ersten Onkels, geborene Xing[5], erhob sich sogleich und sagte lächelnd: „Ich bringe meine Nichte selbst hinüber — das ist auch einfacher." Die Großmutter lachte: „Recht so! Geh nur, du brauchst nicht mehr zurückzukommen." Frau Strafe stimmte zu, nahm Kajaljade an der Hand und verabschiedete sich von Dame König. Alle geleiteten sie bis zum Durchgang. Vor dem Blumenhangtor warteten bereits Lakaien mit einer Kutsche mit grünem Baldachin und grünseidenen Vorhängen. Frau Strafe half Kajaljade hinein; die Dienerinnen ließen den Vorhang herab, und die Lakaien trugen die Kutsche hinaus. An einer breiteren Stelle spannten sie ein zahmes Maultier vor und verließen durch das westliche Seitentor. Dann ging es ostwärts am Haupttor des Prunkwille-Anwesen vorbei in ein großes schwarz lackiertes Tor, wo sie vor dem Zeremonielltor anhielten und abstiegen. Die Lakaien zogen sich zurück. Frau Strafe half Kajaljade in den Innenhof. Kajaljade bemerkte, dass die Gebäude offenbar von einem Garten des Prunkwille-Anwesen abgetrennt worden waren. Durch drei Tore hindurch sah man das Hauptgebäude mit Seitenflügeln und Wandelgängen — alles zierlich und elegant, nicht so majestätisch wie auf der anderen Seite, dafür überall Bäume und Gartenfelsen. Im Hauptzimmer angekommen, eilten zahlreiche prächtig gekleidete Nebenfrauen und Dienerinnen herbei. Frau Strafe bat Kajaljade, Platz zu nehmen, und schickte nach dem Ersten Onkel. Nach einer Weile kam ein Bote zurück mit der Nachricht: „Der Herr lässt sagen: ‚Ich bin in den letzten Tagen unwohl, und wenn ich meine Nichte sähe, würden wir beide nur traurig. Ich möchte sie bitten, sich nicht zu grämen und kein Heimweh zu haben. Bei der Großmutter und den Tanten ist sie wie zu Hause. Obwohl die Cousinen nicht vollkommen sind, kann ihre Gesellschaft doch zur Zerstreuung beitragen. Sollte sie sich jemals ungerecht behandelt fühlen, soll sie es nur sagen — sie braucht nicht fremd zu tun.'" Kajaljade stand eilig auf und hörte aufmerksam zu. Nach einer kurzen Pause nahm sie Abschied. Frau Strafe wollte sie zum Abendessen zurückhalten, doch Kajaljade erwiderte lächelnd: „Es wäre unhöflich, die Einladung der Tante abzulehnen — aber ich muss noch meinen Zweiten Onkel besuchen, und wenn ich vorher hier speise, wäre das ungehörig. An einem anderen Tag gern." Frau Strafe lächelte und ließ sie von zwei oder drei Ammen in der Kutsche zum Zweiten Onkel bringen.
Bald darauf gelangte Kajaljade zum Prunkwille-Anwesen. Sie stieg aus der Kutsche und wurde von den Ammen durch einen östlichen Durchgang, hinter die große Südhalle, durch ein Zeremonielltor in einen großen Innenhof geführt. Das Hauptgebäude hatte fünf Räume, mit Seitenflügeln und kleinen Nebenzimmern — alles weit geräumiger und prächtiger als beim Ersten Onkel. Kajaljade erkannte, dass dies die eigentlichen Hauptgemächer sein mussten, mit dem breiten Hauptweg, der direkt zum großen Tor hinausführte. In der Empfangshalle erblickte sie eine große goldene Tafel auf blaugrünem Grund mit den drei riesigen Zeichen „Halle des Rong-Glücks" [荣禧堂], darunter eine kleine Zeile: „Im Jahre XY vom Kaiser dem Herzog Rong Jia Yuan geschenkt", dazu das Kaiserliche Siegel. Auf einem großen Tisch aus Rosenholz mit geschnitzten Drachen stand ein drei Fuß hoher antiker Bronzedreifuß; an der Wand hing ein großes Gemälde mit einem schwarzen Drachen als Wartemotiv [Anm.: „Warten auf die Morgenaudienz"]; auf der einen Seite ein goldenes Ritualgefäß, auf der anderen eine Glasschale. Auf dem Boden standen sechzehn Stühle aus Kampferholz in zwei Reihen. An der Wand hing ein Spruchband auf Ebenholztafeln mit silbernen Schriftzeichen:
Perlen und Edelsteine auf den Sitzen strahlen wie Sonne und Mond, Pracht und Brokat in der Halle leuchten wie Morgenröte.
Darunter in kleiner Schrift: „Geschrieben von seinem Landsmann und Schüler, dem Erbherzog von Dong'an, Mu Shi, mit eigener Hand."
Da Dame König sich für gewöhnlich nicht in den Haupträumen aufhielt, sondern in drei kleinen Seitenzimmern östlich davon, führten die Ammen Kajaljade durch die östliche Tür. Am Fenster stand ein großes Bett mit leuchtend rotem fremdländischem Teppich, darauf ein großes Rückenkissen mit dem Seidenmuster goldener Drachenschlangen auf steinblauem Grund, dazu eine passende Armlehne und eine große Matratze in Herbstgelb mit dem gleichen Muster. Auf den beiden kleinen Beistelltischen im Pflaumenblütendesign und Fremdlack stand links ein Weihrauchgefäß, rechts eine Vase aus Ru-Keramik [汝窑, berühmteste Keramik der Song-Zeit] mit frischen Blumen, dazu Teetassen und ein Spucknapf. Auf dem Boden standen vier Stühle mit silberrotem Blumenstoff, darunter vier Fußbänkchen. Kajaljade bemerkte die Rangordnung der Plätze und setzte sich nicht auf das Bett, sondern nahm auf einem der östlichen Stühle Platz. Die Dienerinnen brachten Tee. Während Kajaljade trank, betrachtete sie die Mägde — Kleidung, Schmuck und Benehmen waren in der Tat anders als anderswo.
Kaum war der Tee getrunken, als eine Dienerin in roter Seidenjacke und blauer Rückenweste lächelnd hereinkam und sagte: „Die Tante bittet Fräulein Lin, drüben Platz zu nehmen." Die Ammen führten Kajaljade in drei kleine Räume im östlichen Wandelgang. Dort stand ein Tisch auf dem Bett, darauf Bücher und Teegeschirr; an der östlichen Wand lehnte ein halbabgenutztes steinblaues Seidenkissen. Dame König saß unten an der westlichen Seite auf einem ebensolchen halbabgenutzten Seidenpolster. Als Kajaljade hereinkam, wies Dame König sie nach Osten — Kajaljade erkannte, dass dies der Platz von Aufrecht Kaufmann sein musste. Da sie neben dem Bett drei Stühle mit halbabgenutzten Tintentuschbezügen sah, setzte sie sich auf einen der Stühle. Dame König zog sie mehrmals zum Bett herauf, bis sie sich schließlich neben sie setzte.
Dame König sprach: „Deinen Onkel wirst du heute nicht sehen — er fastet gerade. Aber eines möchte ich dir ans Herz legen: Deine drei Cousinen sind alle sehr umgänglich — zusammen lesen, schreiben und Handarbeiten machen, damit wird es nie Schwierigkeiten geben. Aber was mich beunruhigt, ist eine Sache: Ich habe einen Sohn, der ein wahrer Unglückskeim ist — der ‚Teufel, der die Welt verwirrt' [混世魔王] in diesem Haus. Heute ist er zum Tempel gegangen, ein Gelübde einzulösen, und noch nicht zurück. Heute Abend wirst du ihn sehen. Kümmere dich einfach nicht um ihn. Keine deiner Cousinen wagt es, sich mit ihm einzulassen."
Kajaljade hatte von ihrer Mutter schon gehört, dass ihr Zweiter Onkel einen Sohn hatte, der mit einer Jade im Mund geboren worden war — ein ungebärdiges Kind, das den Unterricht verabscheute und am liebsten in den Frauengemächern seine Zeit verbrachte, und den die Großmutter so verhätschelte, dass niemand ihm Einhalt zu gebieten wagte. Nun war ihr klar, dass Dame König von diesem Cousin sprach. Sie erwiderte lachend: „Die Tante meint wohl den Cousin, der mit der Jade geboren wurde? Ich habe zu Hause von meiner Mutter oft gehört, dass dieser Cousin zwar recht ungezogen sei, sich aber seinen Schwestern gegenüber immer gut benehme. Da ich nun hier bin, werde ich natürlich nur mit den Cousinen zusammen sein; die Brüder leben in anderen Gebäuden und Zimmern — wie sollte ich mit ihm in Berührung kommen?" Dame König lachte: „Du kennst die Gründe nicht. Er ist anders als andere. Seit seiner frühesten Kindheit ist er von der Großmutter verwöhnt und zusammen mit den Mädchen aufgezogen worden. Wenn die Mädchen ihn eines Tages nicht beachten, ist er ganz ruhig; höchstens geht er hinaus und lässt seinen Ärger an seinen zwei kleinen Dienern aus — ein bisschen Murren, dann ist es vorbei. Aber wenn die Mädchen an einem Tag ein Wort mehr als nötig mit ihm wechseln, wird er fröhlich und stiftet tausenderlei Unfug an. Deshalb sage ich dir: Kümmere dich nicht um ihn! Den einen Moment hat er süße Worte auf den Lippen, den nächsten ist er maßlos und zügellos, dann wieder verrückt und albern — glaub ihm nichts."
Kajaljade stimmte allem zu. Da kam eine Dienerin und meldete: „Die alte Fürstin lässt zum Abendessen bitten." Dame König führte Kajaljade durch die Hintertür, über den westlichen Korridor und durch ein Seitentor in einen breiten Nord-Süd-Gang. Im Süden lag ein kleines Empfangszimmer, im Norden stand eine weiß gestrichene Spiegelwand, dahinter ein Seitentor und ein kleines Gebäude. Dame König zeigte lächelnd darauf: „Das ist das Quartier deiner Schwägerin Phönixglanz. Wenn du etwas brauchst, geh einfach zu ihr." Vor diesem Tor standen auch vier oder fünf Dienerknaben mit Haarknötchen. Dame König führte Kajaljade durch einen weiteren Durchgang hindurch in den Hinterhof der Großmutter. Dort warteten bereits viele Dienerinnen; als Dame König kam, wurden Tisch und Stühle aufgestellt. Jia Zhus Witwe Seidenweiß Pflaume[6][7] [李纨] trug die Speisen auf, Phönixglanz legte die Essstäbchen zurecht, Dame König reichte die Suppe. Die Großmutter saß allein in der Mitte auf dem Hauptdiwan; vier leere Stühle standen zu beiden Seiten. Phönixglanz zog Kajaljade rasch auf den ersten Stuhl links. Kajaljade wehrte sich sehr, doch die Großmutter lachte: „Deine Tanten und Schwägerinnen essen nicht hier. Du bist der Gast — so gehört es sich." Erst dann setzte sich Kajaljade. Die Großmutter ließ Dame König sich setzen. Die drei Schwestern Willkommensfrühling, Erkundefrühling [探春] und Bedauerfrühling nahmen auf der rechten Seite Platz. Dienerinnen standen mit Staubwedeln, Spülschalen und Tüchern bereit. Seidenweiß Pflaume[8] und Phönixglanz standen neben dem Tisch und bedienten. Obwohl draußen zahlreiche Dienerinnen und Mägde warteten, war kein einziger Huster zu hören. In vollkommener Stille wurde die Mahlzeit beendet. Jede erhielt auf einem kleinen Tablett Tee. Kajaljades Vater Ozeangleich Wald hatte seine Tochter gelehrt, nach dem Essen zu warten, bis die letzte Reiskorn geschluckt war, und erst eine Weile später Tee zu trinken, um den Magen nicht zu schädigen. Hier aber sah Kajaljade, dass vieles anders war als zu Hause, und so musste sie sich nach und nach anpassen. Sie nahm den Tee an und sah, wie Spülwasser gebracht wurde — sie spülte sich den Mund, ebenso wie die anderen. Dann wurde nochmals Tee gebracht — dies war der Tee zum Trinken.
Die Großmutter sagte: „Geht nur, lasst uns in Ruhe plaudern." Dame König erhob sich, wechselte noch ein paar Worte, dann führte sie Phönixglanz und Seidenweiß Pflaume[9] hinaus. Die Großmutter fragte Kajaljade, welche Bücher sie lese. Kajaljade antwortete: „Ich habe gerade erst die Vier Bücher [四书, die konfuzianischen Grundtexte] begonnen." Dann fragte sie, was die Cousinen läsen. Die Großmutter antwortete: „Was die schon lesen! Sie können gerade so ein paar Zeichen erkennen und sind keine Analphabeten — das ist alles."
Kaum hatte sie ausgesprochen, hörte man draußen Schritte, und eine Dienerin kam lachend herein: „Schatzjade [宝玉] kommt!" Kajaljade dachte bei sich: „Dieser Schatzjade — was für ein fauler, ungezogener Bengel mag er sein?" — und hätte lieber auf den Anblick dieses Dummkopfs verzichtet. Während sie noch nachdachte, war die Dienerin mit ihrer Meldung noch nicht fertig, als ein junger Herr bereits hereintrat. Er trug ein purpurgoldenes Diadem mit eingelassenem Juwel, das sein Haar zusammenhielt, ein goldenes Stirnband mit zwei Drachen, die eine Perle umkämpfen, eine zweifarbig goldene Jacke mit Hundert-Schmetterlings-Blumenmustern und roten Pfeilärmelaufschlägen, einen bunt gewirkten Palastgürtel mit Quasten, darüber eine steinblaue Weste aus japanischem Satin mit aufgestickten Blüten und Quastenreihen, und blaue Satinstiefel mit weißer Sohle. Sein Gesicht war wie der Herbstmond, seine Farbe wie die Morgenröte im Frühling. Sein Haar wie mit dem Messer geschnitten, seine Brauen wie mit Tusche gemalt, das Gesicht wie Pfirsichblüten, die Augen wie Herbstwellen. Selbst wenn er zürnte, schien er zu lächeln; selbst wenn er böse blickte, lag Zuneigung in seinem Blick. Um den Hals trug er ein goldenes Drachencollier und eine fünffarbige Seidenschnur, an der ein Stück schöner Jade hing.
Kajaljade erschrak: „Wie seltsam — als hätte ich ihn schon einmal irgendwo gesehen! Wie vertraut er mir vorkommt!" Schatzjade begrüßte die Großmutter, und diese schickte ihn zu seiner Mutter. Als er zurückkam, hatte er sich umgezogen: Rund um den Kopf waren die kurzen Haare zu kleinen Zöpfchen geflochten, mit roten Seidenfäden zusammengebunden und am Scheitel zu einem großen Zopf vereint — glänzend schwarz wie Lack, vom Scheitel bis zur Spitze eine Reihe von vier großen Perlen, mit einem goldenen Anhänger der Acht Kostbarkeiten. Er trug einen halbgetragenen silberroten Seidenmantel mit Blumenmuster, dazu noch immer Halskette, Jade, Namensschloss und Schutzamulette. Unter dem Mantel schaute eine herbstgrüne Seidenhose hervor, dazu gemusterte Socken und dicke rote Schuhe. Sein Gesicht war wie mit Puder bestäubt, seine Lippen wie mit Rouge bemalt; sein Blick voll Zärtlichkeit, sein Reden stets von Lachen begleitet. Eine natürliche Eleganz lag ganz in seinen Brauen, zehntausend Gefühle waren in seinen Augen aufgehäuft. Was seine Erscheinung betrifft — sie war vortrefflich; doch sein inneres Wesen war schwer zu ergründen.
Später verfasste jemand zwei Strophen nach dem Muster „Mond über dem Westfluss" (西江月)[10], die Schatzjade treffend beschreiben:
Ohne Grund sucht er Kummer und Groll, Bald scheint er ein Narr, bald ein Toller. Mag er auch in hübscher Hülle stecken — Im Innern birgt er nur Wildnis und Gestrüpp. Nachlässig und ohne Sinn für die Welt, Dumm und abgeneigt gegen Bücher. Sein Wesen ist eigensinnig und verkehrt — Was kümmert ihn der Tadel der Leute!
Reichtum kennt er, ohne ihn zu genießen, Armut erträgt er nicht, wenn sie kommt. Schade um die schöne Jugend, die er vertan! Für Land und Familie — keine Hoffnung. Der Untauglichste der ganzen Welt, Der Nichtsnutzigste aller Zeiten. Ihr Söhne des Reichtums und der Seide — Nehmt euch kein Beispiel an diesem Burschen!
Schatzjade hatte die Großmutter begrüßt, und diese befahl ihm: „Geh und begrüße den Gast — dann geh und wasch dich um, bevor du zum Essen kommst!" Schatzjade wandte sich Kajaljade zu: Er sah ein zartes Mädchen mit einem Hauch von Melancholie zwischen den Brauen und einem stillen Leuchten in den Augen. Schatzjade lachte: „Diese Schwester habe ich schon einmal gesehen!" Die Großmutter lachte: „Unsinn! Wie solltest du sie schon gesehen haben?" Schatzjade lachte: „Wenn ich sie auch nicht gesehen habe — ihr Gesicht kommt mir so vertraut vor, als träfen wir uns nach langer Trennung wieder." Die Großmutter freute sich: „Umso besser! Dann werdet ihr euch gut verstehen."
Schatzjade setzte sich neben Kajaljade und betrachtete sie genau. Dann fragte er: „Schwester, hast du schon Bücher gelesen?" Kajaljade antwortete: „Nein, nur ein paar Zeichen erkenne ich — mein Wissen ist gering." Schatzjade fragte: „Wie heißt du?" Kajaljade nannte ihren Namen. Schatzjade fragte: „Und dein Beiname?" Kajaljade antwortete: „Ich habe keinen Beinamen." Schatzjade lachte: „Dann will ich dir einen geben! Du solltest ‚Pinpin' [颦颦, ‚die Stirnrunzlerin'] heißen — das passt am besten!" Erkundefrühling fragte: „Woher nimmst du das?" Schatzjade antwortete: „Im ‚Alten Wörterbuch' steht ‚die fernste Ferne' [远], und im ‚Breiten Wörterbuch' steht ‚weit über zehntausend Meilen' — also: Kajaljade [黛玉] ist der Name; zwischen ihren Brauen aber liegt ein Hauch, der ‚Pinpin' [颦颦] heißen sollte." Erkundefrühling lachte: „Wieder mal eine Erfindung — in keinem Buch steht so etwas!" Schatzjade lachte: „Alle Bücher haben ihre Autoren auch nur selbst erfunden!"
Dann fragte er plötzlich: „Schwester, hast du denn Jade?" Alle waren verblüfft und verstanden nicht, was er meinte. Kajaljade dachte bei sich: „Wahrscheinlich fragt er, weil er selbst Jade hat — ob ich auch eine habe." Sie antwortete: „Nein, ich habe keine. Dein Jade ist etwas Seltenes — nicht jeder hat so etwas." Schatzjade geriet plötzlich in Raserei, riss sich die Jade vom Hals und schleuderte sie zu Boden: „Was soll das für ein Seltenes sein? Es kann nicht einmal die Zuneigung der Menschen hervorbringen — ich will es nicht mehr!" Alle erschraken und eilten herbei, die Jade aufzusammeln. Die Großmutter schloss ihn in die Arme und rief: „Du böser Junge! Wenn du dich über jemanden ärgerst, dann schimpfe — aber wirf doch nicht dein kostbares Erbstück fort!" Schatzjade weinte: „Keine der Schwestern und Cousinen hat so etwas — nur ich allein! Was nützt es? Und jetzt kommt diese wunderschöne engelsgleiche Schwester und hat auch keine — dann ist es offensichtlich kein gutes Ding!" Die Großmutter eilte, ihn zu beschwichtigen: „Deine Schwester hatte früher auch eine Jade, doch als deine Tante starb, hat sie gesagt, es sei besser, die Jade als Andenken mitzubegraben, als sie dem Kind zu hinterlassen. Deshalb hat deine Schwester gesagt, sie habe keine. Wie könnte sie sich mit dir vergleichen? Deine ist vom Himmel geschenkt — die wirft man nicht weg!" Schatzjade beruhigte sich schließlich.
In jener Nacht wurden Kajaljade Zimmer und Bett im Schlafgemach der Großmutter zugewiesen, gleich neben Schatzjade. So begann Kajaljades Leben im Prunkwille-Anwesen.
[Ende des dritten Kapitels]
- ↑ Chin. 荣国府 Róngguó Fǔ „Residenz des Reiches des Ruhms/der Blüte".
- ↑ Chin. 张如圭 Zhāng Rúguī. 如圭 rúguī „wie ein Jadeplättchen" (makellos). Der Name klingt wie 如归 rúguī „wie Heimkehr".
- ↑ Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix". 熙 xī „strahlend/glänzend", 凤 fèng „Phönix".
- ↑ Der Familienname 王 Wáng bedeutet „König". Die König-Familie ist eine der vier großen Familien (贾王薛史 = Kaufmann, König, Schnee, Geschichte).
- ↑ Chin. 邢夫人 Xíng Fūren. 邢 xíng — der Name erinnert an 刑 xíng „Strafe".
- ↑ Chin. 李纸 Lǐ Wán. 李 lǐ „Pflaume“ (Familienname); 纸 wán „weiße Seide“. Die tugendhafte junge Witwe von Perle Kaufmann.
- ↑ Chin. 李纨 Lǐ Wán. 纨 wán „feiner weißer Seidenstoff" — Symbol ihrer tugendhaften Witwenschaft.
- ↑ Chin. 李纨 Lǐ Wán. 纨 wán „feiner weißer Seidenstoff" — Symbol ihrer tugendhaften Witwenschaft.
- ↑ Chin. 李纨 Lǐ Wán. 纨 wán „feiner weißer Seidenstoff" — Symbol ihrer tugendhaften Witwenschaft.
- ↑ 西江月 Xījiāngyuè ist eine klassische Ci-Versform (Melodie).