Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 28"

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(DE4 Korrektur-Update Kap. 28)
 
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__NOTOC__
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Kapitel 28
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蒋玉函情赠茜香罗
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">[1-10]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">[11-20]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_22|<span style="color: #FFD700;">22</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_23|<span style="color: #FFD700;">23</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_24|<span style="color: #FFD700;">24</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_25|<span style="color: #FFD700;">25</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_26|<span style="color: #FFD700;">26</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_27|<span style="color: #FFD700;">27</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">'''28'''</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_29|<span style="color: #FFD700;">29</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_30|<span style="color: #FFD700;">30</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">[31-40]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">[41-50]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">[51-60]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">[61-70]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">[71-80]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">[81-90]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">[91-100]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">[101-110]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">[111-120]</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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薛宝钗羞笼红麝串
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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Jadelotus Jiang<ref>Chin. 蒋玉菡 Jiǎng Yùhàn. 玉 yù „Jade“; 菡 hàn „Lotusknospe“. Ein berühmter Schauspieler, Bühnenname „Jadebeamter“ (琦官).</ref> schenkt in herzlicher Zuneigung die krapprote Duftschärpe
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_28|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_28|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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Schatzspange verbirgt verschämt die rote Moschusperlenschnur
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= Kapitel 28 =
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Weil Heitermuster<ref>Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heitermuster" — „klares Wolkenmuster bei heiterem Himmel".</ref> am Vorabend das Tor nicht aufgemacht hatte, war Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajaljade Wald". Kajal (黛 dài) bezeichnet das schwarze Augenbrauenpuder.</ref> einem falschen Verdacht gegen Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Schatzjade Kaufmann".</ref> erlegen. Dann fiel gerade auf den nächsten Tag das Abschiedsopfer für die Blütengöttin, und so hatte sich zu dem ungestillten Kummer in Kajaljades Brust noch die Trauer um den scheidenden Frühling gesellt. Als sie einige welke Blüten begrub, war sie unwillkürlich vom Schmerz um die Blüten und von Mitleid mit sich selbst überwältigt worden, hatte ein paar Tränen vergossen und dann, wie es ihr in den Sinn kam, ein paar Verse gesprochen – ohne zu ahnen, dass Schatzjade sie vom Berghang aus hörte.
== 蒋玉函情赠茜香罗 ==
 
=== 薛宝钗羞笼红麝串 ===
 
  
'''Djiang Yü-han macht ein Krappdufttuch zur Liebesgabe,Hsüä Bau-tschai wird einer Moschusperlenkette wegen beschämt. '''
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Zuerst hatte Schatzjade nur genickt und mitfühlend geseufzt. Doch als er dann die Verse vernahm: „Dass ich die Blüten begrabe, nennen die Leute Torheit – doch wer wird mich begraben, wenn ich dereinst gestorben bin?" und „Unversehens vergehen die Tage des Frühlings, verblüht die Jugend – die Blüten welken, und ich sterbe, und keiner weiß davon", da stürzte er, von Schmerz betäubt, am Berghang nieder, und die welken Blüten, die er im Schoß seines Gewandes trug, fielen über den ganzen Boden verstreut.
  
Weil Tjing-wën am Abend das Tor nicht aufmachen wollte, hatte also Dai-yü einen falschen Verdacht gegen Bau-yü geschöpft. Dann fiel gerade auf den nächsten Tag das Abschiedsopfer für die Blütengöttin, und so war zu dem ungestillten Kummer in Dai-yüs Brust noch die Trauer um den scheidenden Frühling hinzugekommen. Als sie dann einige welke Blüten begrub, war sie unwillkürlich vom Schmerz um die Blüten und von Selbstmitleid überwältigt worden, war darüber in Tränen ausgebrochen und hatte ein paar Sätze dazu gesprochen, ohne zu ahnen, daß Bau-yü sie hörte.
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Wenn er bedachte, dass auch Kajaljades blumen- und mondgleiches Antlitz eines Tages unwiederbringlich vergehen würde – wie sollte das nicht Herz und Eingeweide zerreißen? Und wenn Kajaljade unwiederbringlich vergehen würde, so folgerte er weiter, dann galt das ebenso für Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatzspange Schnee". Eine 钗 chāi ist eine kostbare Haarnadel.</ref>, für Duftkastanie<ref>Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftkastanie" — ein zartes, duftiges Wassergewächs.</ref>, für Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — „den Menschen einhüllend (wie Duft)".</ref> und die anderen auch sie würden eines Tages unwiederbringlich vergehen. Und wenn Schatzspange und die anderen vergangen wären – wo würde er selbst dann sein? Und wenn er nicht einmal wusste, wo er selbst sein würde noch wohin er gehen würde, wem gehörten dann dieser Ort, dieser Garten, diese Blumen, diese Weiden?
Zuerst hatte Bau-yü nur genickt und mitfühlend geseufzt, aber als er dann die Sätze hörte:
 
„Weil Blüten ich begrabe, nennt man mich törichtes Kind,
 
  doch wer wird mich begraben, wenn ich gestorben bin ?
 
  ...
 
  Unversehens sind verflossen Frühlingstage, Mädchenglück,
 
  Blüten welken, und ich sterbe, aber keiner weiß davon“,
 
stürzte er, von Schmerz betäubt, am Hang des Berges nieder, und die welken Blüten, die er im Arm trug, fielen zu Boden. Er stellte sich vor, daß eines Tages auch Dai-yüs blumen- und mondgleiches Antlitz spurlos vergehen würde, und der Schmerz wollte ihm Herz und Gedärm zerreißen. Und wenn Dai-yü einmal spurlos vergehen würde, überlegte er weiter, würde für die anderen Mädchen Bau-tschai, Hsiang-ling und Hsi-jën – dasselbe gelten, und auch sie würden spurlos vergehen. Und wo würde er selbst dann sein, wenn Bau-tschai und die anderen spurlos vergangen wären? Und wenn er nicht wußte, wo er selbst bleiben würde, wem würden dann dieser Platz, dieser Garten, diese Blumen, diese Weiden gehören?
 
So führte eins zum anderen, und je länger er darüber nachdachte, desto mehr wünschte er sich, er könnte sofort und auf der Stelle zu einem dummen Ding ohne jedes Wissen werden, um dem großen Geschick zu entgehen und den irdischen Verstrickungen zu entfliehen. Dann wäre dieser Schmerz von ihm genommen, und es gäbe nur noch:
 
Blütenschatten ringsumher, Vogelstimmen überall.
 
Als Dai-yü in ihrem Gram plötzlich hörte, daß vom Hang des Berges her ebenfalls Klagelaute ertönten, sagte sie sich: „Alle lachen mich aus, weil sie meinen, ich sei ein bißchen töricht. Gibt es etwa noch so einen Toren wie mich?“ Sie ging nachschauen und entdeckte Bau-yü. „Ha!“ entfuhr es ihr. „Ich dachte wunder wer das ist, dabei ist es dieser hartherzige, kurzlebige...“
 
Kaum hatte sie „kurzlebige“ gesagt, preßte sie die Hand auf den Mund und seufzte schwer. Dann wandte sie sich um und ging davon.
 
Bau-yü aber härmte sich weiter, und als er nach einiger Zeit aufblickte und Dai-yü nicht mehr sah, konnte er sich denken, daß sie ihn gesehen hatte und deshalb fortgegangen war. Nun wurde er der Sache überdrüssig, stand auf und klopfte sich die Erde ab, dann stieg er den Berg hinunter und ging auf dem Weg, den er gekommen war, zum Hof der Freude am Roten zurück. Da erblickte er vor sich Dai-yü und ging schneller, bis er dicht hinter ihr war. „Bleib doch stehen!“ sagte er, „ich weiß ja, daß du nichts mehr von mir wissen willst. Laß mich dir nur noch einen Satz sagen, und dann trennen wir uns für immer!“
 
Als Dai-yü sich umwandte und sah, daß es Bau-yü war, der sie angesprochen hatte, wollte sie ihn nicht beachten, aber als sie hörte, er wolle nur noch einen einzigen Satz sagen, und dann würden sie sich für immer trennen, klang ihr das so geheimnisvoll, daß sie unwillkürlich stehenblieb und sagte: „Wenn es nur ein Satz ist, so sprich!“
 
„Und wenn es zwei sind?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Hörst du mich dann auch an?“
 
Sofort wandte Dai-yü sich wieder um und ging weiter.
 
Bau-yü aber seufzte: „Wozu mußte es den Anfang geben, wenn es dieses Heute gibt?“
 
Wieder blieb Dai-yü unwillkürlich stehen, wandte den Kopf um und fragte: „Was war denn zu Anfang? Und was ist heute?“
 
„Zu Anfang, als du eben erst zu uns gekommen warst, haben wir immer zusammen gescherzt und gelacht“, sagte Bau-yü. „Wenn ich etwas gern hatte und du wolltest es haben, habe ich es dir gegeben. Wenn ich etwas gern aß und hörte, daß du es auch gern mochtest, habe ich es sofort sauber und reinlich für dich aufgehoben. Wir haben am selben Tisch gesessen und auf demselben Bett geschlafen. Woran die Mägde nicht dachten, daran habe ich an ihrer Statt gedacht, weil ich Angst hatte, du könntest dich aufregen.
 
Ich glaubte, wir beide könnten auch dann, wenn wir älter würden, die besten Freunde bleiben, so gut wie wir uns bis ins letzte verstanden haben, obwohl ich mit anderen näher verwandt bin. Wer hätte gedacht, daß du jetzt, wo du groß bist, so hochmütig wirst, daß du mich nicht mehr kennst und statt dessen Fremde wie eine Kusine Bau-tschai und eine Schwägerin Hsi-fëng in dein Herz schließt und mich tagelang nicht ansiehst und nicht beachtest!
 
Ich habe keinen leiblichen Bruder und keine leibliche Schwester mehr, und du weißt ganz genau, daß meine einzigen beiden Geschwister nicht von meiner Mutter sind. Ich bin ebenso allein wie du und hatte geglaubt, du fühlst genauso wie ich. Wie hätte ich ahnen können, daß ich mich so täuschte und daß man mich kränkt und ich mich nirgends darüber beklagen kann.“ Ohne daß er selbst es merkte, liefen ihm bei diesen Sätzen Tränen aus den Augen.
 
Dai-yü war von den Worten, die er sprach, und von dem Anblick, den er bot, so betroffen, daß auch sie unversehens zu weinen begann. Sie senkte den Kopf, sagte aber kein Wort. Und als Bau-yü das sah, fuhr er fort: „Ich weiß selbst, daß ich schlecht bin. Aber wie schlecht ich auch sein mag, würde ich es nie wagen, dir Unrecht zu tun. Und wenn ich dir manchmal doch ein bißchen Unrecht tue, kannst du mich entweder belehren und für die Zukunft warnen, oder du kannst mich schelten und schlagen, ohne daß ich darüber betrübt sein werde.
 
Du aber schenkst mir einfach keine Beachtung mehr, so daß ich gar nicht verstehe, was eigentlich los ist, völlig verstört bin und nicht weiß, was ich machen soll. Wenn ich jetzt sterbe, wird mein Geist umgehen wie der eines Menschen, der unschuldig in den Tod getrieben wurde, und selbst die Gebete der höchsten buddhistischen und dauistischen Priester werden nicht vermögen, mich zu erlösen. Erst wenn du erklärst, was ich getan habe, kann ich wiedergeboren werden.“
 
Als Dai-yü das hörte, war ihre Kränkung vom Vortag schon bis über den neunten Himmel hinaus verflogen, aber sie fragte: „Warum hast du dann gestern, als ich kam, dem Mädchen befohlen, das Tor nicht zu öffnen?"“
 
“Wie meinst du das?“ fragte Bau-yü verwundert zurück. „Ich will auf der Stelle sterben, wenn ich das getan habe!“
 
„Pfui!“ sagte Dai-yü. „Wie kann man denn am frühen Morgen so leichtfertig von Tod und Sterben sprechen! Es reicht doch, wenn du sagst, du hast es getan oder nicht. Wozu dieser Schwur?“
 
„Ich wußte wirklich nicht, daß du da warst“, beteuerte Bau-yü. „Kusine Bau-tschai war ein Weilchen bei mir und ist dann gegangen.“
 
Dai-yü dachte kurz nach, dann sagte sie lächelnd: „Richtig, das Mädchen wird einfach zu faul gewesen sein und war deshalb unhöflich. So etwas gibt es.“
 
„So wird es gewesen sein“, bestätigte Bau-yü. „Wenn ich zurückkomme, frage ich, wer es war, und weise sie zurecht. Dann ist der Fall erledigt.“
 
„Eine Zurechtweisung haben deine Mägde wahrhaftig verdient“, fuhr Dai-yü fort. „Aber eigentlich hätte ich diese Sache nicht erwähnen sollen. Denn was macht es schon, daß sie mich beleidigt haben? Schlimm wird es, wenn sie ein andermal deine Kusine Bau-tschai oder ein anderes kostbares Fräulein beleidigen.“ Und sie verzog den Mund zu einem Lächeln.
 
Bau-yü aber war zum Zähneknirschen zumute und zugleich zum Lachen, als er das hörte.
 
Während sie noch so miteinander sprachen, erschien ein Sklavenmädchen und bat sie, essen zu kommen.
 
Als Dame Wang dort Dai-yü erblickte, fragte sie: „Hat die Medizin von Hofarzt Bau dir geholfen?“
 
„Es geht mir immer noch unverändert“, antwortete Dai-yü. „Die alte gnädige Frau hat angeordnet, ich solle Medizin von Doktor Wang nehmen.“
 
„Ihr müßt wissen“, erklärte Bau-yü, „daß Kusine Dai-yü unter innerer Hitze leidet, das ist eine angeborene Schwäche, und deshalb ist sie nicht einmal der kleinsten Erkältung gewachsen. Wenn sie nur zwei Portionen von dem Heiltrank einnimmt, ist diese behoben. Aber wenn die Erkältung geheilt ist, sollte sie doch besser Pillen schlucken.“
 
„Neulich hat der Arzt von Pillen gesprochen“, sagte Dame Wang. „Ich habe nur vergessen, wie er sie nannte.“
 
„Ich weiß schon, welche Pillen das sind“, sagte Bau-yü. „Stärkende Ginsengpillen soll sie nehmen.“
 
„Nein, die waren es nicht“, sagte Dame Wang.
 
„Dann ‚Herzgespannpillen der Acht Kostbarkeiten‘“, riet Bau-yü. „‚Linke‘ oder ‚Rechte Engelwurzpillen‘, ‚Sechserlei-Pillen mit Rehmannie‘?“
 
„Nein, die waren es auch nicht“, sagte Dame Wang. „Ich erinnere mich nur, daß das Wort ‚Himmelswächter‘ in dem Namen vorkam.“
 
Daraufhin flatterte Bau-yü ratlos mit den Armen und erklärte lächelnd: „Von Himmelswächterpillen habe ich nie gehört. Wenn es Himmelswächterpillen gibt, muß es sicher auch Bodhisattwapulver geben!“
 
Alle lachten darüber, einzig Bau-tschai verzog den Mund nur zu einem Lächeln und sagte: „Wahrscheinlich sind es ‚Herzstärkende Himmelskönigsperlen‘.“
 
Lächelnd bestätigte Dame Wang: „Ja, so war der Name. Ich werde wahrhaftig schon dumm.“
 
„Ihr werdet nicht dumm, die Himmelswächter und Bodhisattwas machen Euch dumm“, warf Bau-yü ein.
 
„Schäm dich, so daherzureden!“ warnte ihn Dame Wang. „Du brauchst wieder einmal eine Tracht Prügel von deinem Vater.“
 
„Dafür wird mich Vater nicht schlagen“, gab Bau-yü zurück.
 
„Nachdem ich jetzt den Namen wieder weiß, will ich morgen jemand schicken, der von den Pillen kauft, damit Dai-yü sie einnehmen kann“, kündigte Dame Wang jetzt an.
 
Bau-yü aber erklärte lächelnd: „Das hilft doch alles nichts! Gebt mir dreihundertsechzig Liang Silber, und ich bereite für Kusine Dai-yü eine Portion Pillen zu, von denen sie garantiert geheilt wird, noch ehe die Portion alle ist.“
 
„Unsinn!“ sagte Dame Wang. „Was für eine Medizin könnte so teuer sein?“
 
„Es ist wirklich wahr“, beteuerte Bau-yü lächelnd. „Das Rezept läßt sich mit keinem anderen vergleichen, und auch der Name dieser Medizin ist so sonderbar, daß ich ihn auf die Schnelle nicht zu erklären vermag.
 
Wenn ich allein an die Nachgeburt eines erstgeborenen Kindes und eine menschenförmige Ginsengwurzel, komplett mit allen Blättern, denke, reichen dreihundertsechzig Liang noch gar nicht aus. Eine Knöterichwurzel, so groß wie eine Schildkröte, und Kokos-Porlinge von den Wurzeln tausendjähriger Kiefern sind auch noch nichts Besonderes. Bei der wahren Königin in der Menge der Zutaten fährt einem schon von der bloßen Erwähnung des Namens ein Schreck in die Glieder.
 
Vetter Pan hat mich über ein Jahr lang bitten müssen, ehe ich ihm das Rezept gegeben habe. Und als er es hatte, mußte er zwei, drei Jahre nach den Zutaten suchen und hat dabei volle tausend Liang Silber ausgegeben, ehe er alles beisammen hatte. Wenn Ihr mir nicht glaubt, braucht Ihr nur Kusine Bau-tschai zu fragen!“
 
Bau-tschai aber winkte lächelnd ab. „Ich weiß nichts davon. Ich habe von so etwas nie gehört“, sagte sie, „auf mich darfst du dich nicht berufen.“
 
„Bau-tschai ist doch ein gutes Kind, das nicht lügt“, lobte Dame Wang lächelnd.
 
Als Bau-yü, wie er so dastand, diese Worte vernahm, wandte er sich um, schlug die Hände zusammen und erklärte: „Da sage ich die Wahrheit, aber es heißt, ich lüge!“ Und dabei sah er, wie Dai-yü, die hinter Bau-tschais Rücken saß, lächelte, ohne den Mund zu öffnen, und eine schmähende Geste gegen ihn machte, indem sie sich mit der Fingerspitze über die Wange fuhr.
 
Jetzt kam auch Hsi-fëng, die im Innenraum das Aufstellen der Tische geleitet hatte, herüber und mischte sich lächelnd mit den Worten ins Gespräch: „Bau-yü lügt nicht. Das Rezept gibt es wirklich. Neulich ist Vetter Pan selbst bei mir gewesen, weil er Perlen haben wollte. Als ich ihn fragte, wozu er sie braucht, sagte er, für ein Medikament. Dann klagte er noch, wenn er gewußt hätte, wie aufwendig das sei, hätte er die Finger davon gelassen.
 
Als ich mich erkundigte, was für ein Rezept es sei, sagte er, er habe es von Bau-yü. Und er zählte mir so viele Zutaten auf, daß ich gar nicht die Zeit hatte, alle anzuhören. Dann sagte er, sonst hätte er ein paar Perlen gekauft, aber es müßten unbedingt welche sein, die schon jemand am Kopf getragen habe, darum sei er zu mir gekommen. Wenn ich keine losen Perlen hätte, sagte er, würde es auch ein Schmuckstück tun, er wolle die Perlen davon abmachen und dann andere schöne Perlen aussuchen und daran anbringen lassen.
 
So blieb mir nichts weiter übrig, als zwei Perlenblumen auseinanderzunehmen und sie ihm zu geben. Außerdem wollte er noch ein Stück dunkelroter Seidengaze von drei Tschï Länge haben, wie sie im Kaiserpalast verwendet wird, um das Pulver zu sieben, wenn er die Perlen im Mörser zerrieben hätte.“
 
Bei jedem Satz von Hsi-fëng rief Bau-yü den Namen Buddhas an und sagte: „Die Sonne bringt es an den Tag!“ Und als Hsi-fëng schließlich geendet hatte, erläuterte er: „Dabei müßt Ihr bedenken, daß es auf diese Weise nur ein Notbehelf ist, denn von Rechts wegen verlangt das Rezept, daß die Perlen und Juwelen unbedingt aus alten Gräbern stammen. Das Richtige ist nur der Kopfputz, mit dem die Leichen reicher und vornehmer Leute des Altertums geschmückt waren. Aber wie kann man heute für so einen Zweck Gräber aufbrechen! Deshalb tut es auch etwas, was noch lebende Menschen getragen haben.“
 
„Buddha Amitabha!“ rief Dame Wang aus, „das darf doch nicht sein! Selbst wenn es so etwas in den Gräbern gibt, hilft eine Medizin bestimmt nicht, zu der man die Leichen und Knochen von Leuten durchwühlt und bestiehlt, die vor Jahrhunderten gestorben sind.“
 
Zu Dai-yü sagte Bau-yü dann: „Hast du‘s gehört? Glaubst du vielleicht, die Schwägerin lügt mir zu Gefallen?“ Bei diesen Worten war wohl sein Gesicht Dai-yü zugewandt, sein Blick aber musterte Bau-tschai.
 
„Habt Ihr das gehört, Tante?“ fragte Dai-yü und zupfte Dame Wang am Ärmel. „Weil Kusine Bau-tschai ihn nicht durch eine Lüge in Schutz nehmen wollte, macht er jetzt mir Vorwürfe.“
 
„Ja, er versteht sich wirklich darauf, dich zu kränken“, bestätigte Dame Wang.
 
Bau-yü aber widersprach lächelnd: „Ihr wißt nicht, wie das zusammenhängt. Solange Kusine Bau-tschai noch zu Hause wohnte, hat sie schon nicht gewußt, was Vetter Pan treibt, und seit sie im Garten wohnt, weiß sie das natürlich erst recht nicht. Kusine Dai-yü aber hat mich hinter Kusine Bau-tschais Rücken ausgeätscht, weil sie meinte, ich hätte gelogen.“
 
Als er das sagte, kam ein Sklavenmädchen aus den Räumen der Herzoginmutter, um Bau-yü und Dai-yü zum Essen zu holen. Ohne ein Wort an Bau-yü stand Dai-yü auf und faßte das Sklavenmädchen bei der Hand, um mit ihm loszugehen.
 
„Warten wir doch auf Bau-yü und gehen wir alle gemeinsam!“ schlug ihr das Mädchen vor.
 
„Bau-yü ißt nicht, wir gehen allein, und ich gehe vor“, gab Dai-yü zurück und verließ den Raum.
 
„Dann esse ich heute mit Euch!“ sagte Bau-yü.
 
Aber Dame Wang erwiderte: „Nicht doch, nicht doch! Ich esse heute vegetarische Fastenspeisen, geh du etwas Ordentliches essen!“
 
„Ich will auch Fastenspeisen essen“, versteifte sich Bau-yü, befahl dem Sklavenmädchen, sie solle gehen, und lief zum Tisch voraus, wo er sich setzte.
 
Lächelnd forderte Dame Wang nun Bau-tschai und die anderen auf: „Eßt ihr nur eure Speisen und laßt ihm seinen Willen!“
 
„Geh hinüber, wie es sich gehört, und leiste Kusine Dai-yü Gesellschaft, egal ob du dort etwas ißt oder nicht“, redete Bau-tschai lächelnd auf Bau-yü ein. „Ihr ist gar nicht wohl zumute.“
 
„Laß nur, das gibt sich!“ entgegnete Bau-yü.
 
Ein Weilchen später, als sie gegessen hatten, fürchtete Bau-yü zum einen, die Herzoginmutter könnte sich seinetwegen Gedanken machen, zum anderen machte er sich selber Gedanken um Dai-yü, darum verlangte er rasch den Tee, um sich den Mund zu spülen.
 
„Was hast du es nur den ganzen Tag so eilig?“ erkundigten sich Tan-tschun und Hsi-tschun lächelnd. „Selbst mit dem Essen und dem Tee muß es ruck, zuck gehen!“
 
Bau-tschai aber sagte lächelnd: „Laßt ihn sich nur beeilen, er muß sich um Kusine Dai-yü kümmern, wozu soll er sich mit uns abgeben?“
 
Nach dem Tee ging Bau-yü hinaus und begab sich geradewegs zum westlichen Wohngehöft, aber als er an Hsi-fëngs Hoftor kam, stand dort Hsi-fëng, tippte mit dem Fuß an die Schwelle, stocherte mit einem Ohrlöffelchen in den Zähnen und sah zu, wie mehr als zehn kleine Sklavenjungen die Blumentöpfe umstellten. Als sie Bau-yü erblickte, sprach sie ihn lächelnd an: „Gut, daß du kommst! Komm herein, komm herein! Du mußt etwas für mich schreiben!“
 
Notgedrungen folgte ihr Bau-yü ins Haus, wo sie jemandem befahl, Pinsel, Tuschereibstein und Papier zu bringen, und dann diktierte: „Geblümter dunkelroter Brokat – vierzig Stücken, Drachenbrokat – vierzig Stücken, Palastgaze in verschiedenen Farben – einhundert Stücken, goldene Halsreifen – vier Stück, ...“
 
„Was soll denn das werden?“ fragte Bau-yü. „Das ist keine Bestandsliste, und eine Geschenkliste ist es auch nicht. Wie soll ich denn das schreiben?“
 
„Schreib nur, schreib!“ erwiderte Hsi-fëng. „Hauptsache, daß ich es verstehe.“
 
So blieb Bau-yü nichts weiter übrig, als zu Ende zu schreiben. Als Hsi-fëng das Geschriebene entgegennahm, sagte sie lächelnd: „Ich will noch etwas mit dir besprechen, weiß aber nicht, ob du einverstanden sein wirst. Du hast in deinen Räumen ein Mädchen mit Namen Hung-yü, das ich zu mir in Dienst nehmen möchte. Für dich suche ich dann ein paar andere aus!“
 
„Ich habe so viele Mädchen in meinen Räumen“, sagte Bau-yü, „davon kannst du zu dir nehmen, wen du willst. Wozu fragst du mich erst?“
 
„Dann schicke ich also jemand und lasse sie holen“, fuhr Hsi-fëng fort.
 
„Ja, laß sie nur holen“, stimmte Bau-yü zu und wollte gehen.
 
Hsi-fëng aber bat: „Lauf nicht weg, ich habe noch etwas!“
 
„Die alte gnädige Frau hat mich rufen lassen“, wehrte Bau-yü ab. „Wenn du noch etwas willst, mußt du warten, bis ich wiederkomme.“ Und damit ging er wirklich zur Herzoginmutter, wo er sah, daß schon alle gegessen hatten.
 
„Was hast du bei deiner Mutter Schönes gegessen?“ erkundigte sich die Herzoginmutter.
 
„Nichts Schönes“, gab Bau-yü lächelnd Auskunft. „Ich habe nur eine Schale Reis mehr gegessen als sonst. Wo ist denn Kusine Dai-yü?“
 
„Sie ist im Innenraum“, sagte die Herzoginmutter, und Bau-yü ging hinein. Hier sah er, wie ein Sklavenmädchen die Holzkohlenglut im Plätteisen anblies, während zwei andere auf dem Ofenbett damit beschäftigt waren, mit der Kreideschnur ein Schnittmuster auf Stoff zu übertragen. Dai-yü aber stand mit der Schere in der Hand vornübergebeugt da und schnitt etwas zu.
 
„Was machst du?“ fragte Bau-yü lächelnd, kaum daß er eingetreten war. „Wenn du gleich nach dem Essen den Kopf so nach vorn beugst, wird du bald wieder Kopfschmerzen bekommen.“
 
Ohne ihm auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, arbeitete Dai-yü weiter.
 
„Das Stückchen Seide hier ist noch nicht glatt“, sagte eines der Sklavenmädchen, „es müßte noch einmal übergebügelt werden.“
 
„Laß nur!“ entgegnete Dai-yü und legte die Schere aus der Hand. „Das gibt sich.“
 
Betroffen von diesen Worten, hörte Bau-yü jetzt, wie draußen auch Bau-tschai und Tan-tschun eintrafen.
 
Nachdem sie sich ein Weilchen mit der Herzoginmutter unterhalten hatte, kam Bau-tschai in den Innenraum und fragte: „Was machst du hier, Dai-yü?“ Und als sie sah, daß Dai-yü mit Zuschneiden beschäftigt war, sagte sie lächelnd: „Du wirst ja immer tüchtiger, sogar Kleider zuschneiden kannst du schon!“
 
Lächelnd gab Dai-yü zurück: „Alles nur Lüge, um die Leute an der Nase herumzuführen!“
 
„Weißt du was“, sagte Bau-tschai, „als es vorhin um diese Medizin ging und ich gesagt habe, ich wüßte nichts davon, hat sich Bau-yü tüchtig geärgert.“
 
„Laß nur, das gibt sich!“ sagte Dai-yü.
 
„Die alte gnädige Frau wollte Domino spielen und hat niemand, der mitspielt, geh du zu ihr!“ wandte sich Bau-yü an Bau-tschai.
 
„Es ist wirklich besser, du gehst“, sagte Dai-yü. „Hier ist ein Tiger im Zimmer, der dich gleich auffressen wird!“ Damit wandte sie sich wieder ihrer Handarbeit zu.
 
Als Bau-yü sah, daß Dai-yü sich noch immer nicht um ihn kümmerte, riet er ihr lächelnd: „Du solltest draußen spazierengehen! Zum Schneidern ist auch später noch Zeit.“
 
Und als Dai-yü ihn auch jetzt einfach nicht beachtete, erkundigte er sich bei den Sklavenmädchen: „Wer hat befohlen, das zu nähen?“
 
Als Dai-yü hörte, wie er sich an die Sklavenmädchen wandte, sagte sie: „Egal, wer mir das befohlen hat, den jungen Herrn geht es nichts an.“
 
Eben wollte Bau-yü etwas erwidern, als ein Sklavenmädchen mit der Meldung kam: „Draußen ist jemand für Euch!“
 
Da ging Bau-yü rasch hinaus, Dai-yü aber rief hinter ihm her: „Buddha Amitabha! Wenn du wiederkommst, bin ich tot!“
 
Draußen wartete Bee-ming auf Bau-yü und meldete: „Herr Fëng läßt Euch bitten.“
 
Da wußte Bau-yü, daß es um die Einladung ging, von der am Tag zuvor die Rede gewesen war, und befahl: „Geh und laß dir meine Kleider geben!“ Dann ging er in die Bibliothek.
 
Bee-ming aber begab sich zum Innentor und wartete, bis jemand herauskam. Als endlich eine alte Sklavin erschien, trat er auf sie zu und sagte: „Der junge Herr Bau-yü wartet in der Bibliothek auf seine Ausgehkleider. Geht bitte hinein und sagt Bescheid!“
 
„So ein Quatsch!“ fuhr die Alte ihn an, „der junge Herr Bau-yü wohnt doch jetzt im Garten und sein ganzes Gefolge mit ihm. Was kommst du da hierher, um jemand Bescheid sagen zu lassen?“
 
„Ihr beschimpft mich zu Recht“, sagte Bee-ming lächelnd, „so etwas Dummes von mir!“ Und rasch ging er zum östlichen Innentor hinüber, wo im Gang ein paar Sklavenjungen mit den Füßen Steinkugeln schoben. Bee-ming erklärte sein Anliegen, und einer von ihnen lief hinein. Als er nach geraumer Zeit wiederkam, trug er ein Bündel auf dem Arm, das er Bee-ming übergab. Bee-ming ging damit zur Bibliothek hinüber, wo Bau-yü sich umzog und dann befahl, sein Pferd zu satteln.
 
Nur mit den vier Sklavenjungen Bee-ming, Tschu-yau, Schuang-juee und Schuang-schou machte sich Bau-yü auf den Weg. Als er bei Fëng Dsï-ying am Tor ankam, ging jemand ihn melden, und Fëng Dsï-ying kam heraus, um ihn zu begrüßen und hineinzugeleiten. Drinnen stellte Bau-yü fest, daß Hsüä Pan schon lange da war und auf ihn wartete. Außerdem waren viele Sängerknaben da, dann ein Schauspieler namens Djiang Yü-han, der weibliche Heldenrollen verkörperte, sowie das Freudenmädchen Yün-örl aus dem Brokatdufthof.
 
Nachdem alle einander begrüßt hatten, tranken sie Tee. Bau-yü hob seine Teeschale in die Höhe und sagte lächelnd: „Tag und Nacht hat es mir keine Ruhe gelassen, was du gestern von Glück und Unglück gesagt hast. Darum bin ich heute sofort gekommen, als ich deine Nachricht bekam.“
 
Lächelnd erwiderte Fëng Dsï-ying: „Ihr seid wirklich naiv! Das habe ich doch gestern nur so dahingesagt. Hätte ich euch unverblümt zum Trinken eingeladen, hättet ihr vermutlich abgelehnt. Nur deshalb habe ich mir das ausgedacht, und als ich euch heute herbat, seid ihr auch prompt gekommen, weil ihr das wider Erwarten ernst genommen habt.“
 
Als er zu Ende gesprochen hatte, brachen alle in Lachen aus. Dann wurde der Wein aufgetragen, und sie nahmen Platz, jeder wo es ihm zukam. Fëng Dsï-ying ließ die Sängerknaben den Wein einschenken, dann befahl er Yün-örl, auch sie solle herüberkommen und ihnen zutrinken.
 
Nachdem Hsüä Pan drei Becher Wein im Bauch hatte, vergaß er sich, faßte Yün-örl bei der Hand und sagte lächelnd: „Sing mir eins von deinen neuen Liedern, dann trinke ich den ganzen Weinbehälter leer. Wie wär‘s?“
 
Wohl oder übel mußte Yün-örl zur Laute greifen und sang:
 
„Hatte zwei Liebste und wollt‘ sie nicht missen,
 
dacht‘ an den einen, sehnt‘ den andern herbei;
 
schön war‘n sie beide, wie kein Maler je malt.
 
Gestern am Abend war‘s, als wir uns trafen
 
heimlich am Rosenspalier.
 
Als der eine mich liebte, kam der andre geschlichen,
 
und im Kreuzverhör war alles aus.“
 
Anschließend sagte sie lächelnd: „Nun trink den Weinbehälter leer!“
 
„Das war keinen ganzen Behälter wert“, erwiderte Hsüä Pan. „Sing mir noch etwas Besseres!“
 
„Hört mal zu!“ schaltete Bau-yü sich ein. „Wenn man den Wein so in sich hineinschüttet, wird man schnell betrunken, ohne einen Spaß daran zu haben. Ich leere jetzt erst einmal einen Humpen, und dann werde ich ein neuartiges Trinkspiel leiten. Wer nicht gehorcht, muß zur Strafe zehn Humpen hintereinander trinken, und dann muß er ausscheiden und die andern bedienen.“
 
„Richtig!“, „Richtig so!“ sagten Fëng Dsï-ying und Djiang Yü-han.
 
Also nahm Bau-yü einen großen Humpen und leerte ihn auf einen Zug. Dann sagte er: „Ich gebe die Wörter ‚Kummer‘, ‚Ärger‘, ‚Freude‘ und ‚Spaß‘ auf, sie sollen von einem Mädchen gesagt sein und müssen begründet werden. Dann wird der Becher geleert und anschließend ein neuartiges Liedchen gesungen, zum Schluß muß man einen Satz aus einem alten Gedicht, einem bekannten Spruch, aus den Vier Büchern oder den Fünf Klassikern<ref>Als die Fünf Klassiker oder die Fünf Kanonischen Bücher (des Konfuzianismus) werden zusammenfassend Das Buch der Lieder (Schï-djing), Das Buch der Urkunden (Schu-djing oder Schang-schu), Das Buch der Riten (Li-dji), Das Buch der Wandlungen (I-djing) sowie Die Frühlings- und Herbstannalen (Tschun-tjiu) bezeichnet.</ref> zitieren, der sich auf einen Gegenstand auf dem Tisch bezieht.
 
Noch ehe Bau-yü geendet hatte, stand Hsüä Pan auf, um Einspruch zu erheben. „Das mache ich nicht mit“, sagte er, „mit mir braucht ihr nicht zu rechnen. Ihr wollt euch nur über mich lustig machen!“
 
Da erhob sich auch Yün-örl, drückte Hsüä Pan auf seinen Sitz zurück und sagte lächelnd: „Wovor hast du Angst? Schließlich trinkst du jeden Tag. Mit mir wirst du es doch wohl aufnehmen können, und ich mache auch mit. Wenn du es richtig machst, ist alles gut, und wenn nicht, mußt du zur Strafe nur ein paar Becher trinken, daran trinkst du dich nicht tot. Willst du wirklich ein Spielverderber sein, zehn Humpen trinken und uns dann bedienen?“
 
Alle klatschten in die Hände und erklärten: „Das hast du gut gesagt!“
 
Nun blieb Hsüä Pan keine andere Wahl, als sitzen zu bleiben und zuzuhören, wie Bau-yü begann:
 
„Des Mädchens Kummer: Die Jugend vergeht,
 
doch niemand teilt ihr Gemach.
 
Des Mädchens Ärger: Sie riet ihrem Mann,
 
in der Fremde nach Ämtern zu streben.
 
Des Mädchens Freude: Sie erblickt sich im Spiegel
 
mit morgendlich-schönem Gesicht.
 
Des Mädchens Spaß: Sie schwingt auf der Schaukel
 
in frühlingshaft-leichtem Gewand.“
 
Alle sagten: „Das war in Ordnung!“ Nur Hsüä Pan schüttelte wichtigtuerisch den Kopf und erklärte: „Es war nicht gut, er muß bestraft werden!“ Und als die anderen wissen wollten warum, sagte er: „Weil ich keinen einzigen Satz verstanden habe. Natürlich muß er da bestraft werden.“
 
Yün-örl kniff ihn und sagte lächelnd: „Sei du lieber still und denk über deine eigenen Sätze nach. Nachher weißt du nichts zu sagen und wirst selber bestraft.“ Dann griff sie zur Laute, während Bau-yü sang:
 
„Nimmer versiegen die blutigen Tränen,
 
während draußen noch bunte Blumen blühn.
 
Schlaflos lauschend auf Wind und auf Regen,
 
fühlt sie ihr Herz von Kummer bedrängt.
 
Nicht einen Bissen bekommt sie herunter,
 
und der Spiegel zeigt ihr magres Gesicht.
 
Ständig die Brauen schmerzvoll verzogen,
 
erwartet sie sehnlich den hellen Tag.
 
Doch endlos weit wie die Ketten der Berge
 
ist auch des Kummers ewiger Fluß.“
 
Während alle anderen ihm lautes Lob spendeten, behauptete Hsüä Pan, er sei nicht im Takt geblieben.
 
Bau-yü leerte seinen Becher, griff eine Birnenscheibe und zitierte:
 
„Regen schlägt auf Birnenblüten,<ref>Die Zeile stammt aus einem Gedicht von Tjin Guan (1049 – 1100).</ref> fest verschlossen ist das Tor.“
 
Damit hatte er seine Aufgabe erfüllt, und als Nächster kam Fëng Dsï-ying an die Reihe. Er sprach:
 
„Des Mädchens Kummer: Ihr Mann liegt krank auf den Tod.
 
Des Mädchens Ärger: Ihr Haus stürzt ein im Sturm.
 
Des Mädchens Freude: Bei der ersten Geburt Zwillinge zu bekommen
 
Des Mädchens Spaß: Im Garten heimlich Grillen zu fangen.“
 
Anschließend griff er nach dem Wein und sang dann:
 
„Du bist lieb,
 
du bist gefühlvoll,
 
du bist klug, doch wunderlich,
 
eine Fee, die bist du nicht.
 
Glaubst du nicht, was ich dir sage,
 
geh und frag bei andern nach,
 
dann weißt du, ob ich dich liebe.“
 
Nun trank er den Wein aus und zitierte:
 
„Im Mondschein kräht bei der strohgedeckten Schenke ein Hahn.“<ref>Vielzitierte Zeile aus einem Gedicht von Wën Ting-yün (vgl. o., Anm. zu S. 41: Wën Fee-tjing).</ref>
 
Die Aufgabe war erfüllt, und Yün-örl kam an die Reihe. Sie sprach:
 
„Des Mädchens Kummer: Wo findet sie Halt für das Alter?“
 
„Nicht doch, Kindchen!“ redete Hsüä Pan aufseufzend dazwischen, „solange ich da bin, hast du nichts zu befürchten.“
 
„Stör sie nicht!“, „Unterbrich sie nicht!“ sagten die anderen, und Yün-örl fuhr fort:
 
„Des Mädchens Ärger: Hört die ‚Mutter‘ nicht auf, sie zu schlagen?
 
„Als ich neulich mit ihr sprach, habe ich doch extra befohlen, sie soll dich nicht schlagen“, sagte Hsüä Pan. „Noch ein Wort, und du trinkst die zehn Strafbecher!“ warnten die anderen. Sofort schlug sich Hsüä Pan selbst ins Gesicht und sagte: „Kannst du denn nicht hören? Du sollst still sein!“
 
Und wieder fuhr Yün-örl fort:
 
„Des Mädchens Freude: Der Liebste kann sich nicht trennen von ihr.
 
Des Mädchens Spaß: Ist die Flöte geblasen, zupft sie das Saitenspiel.“
 
Nach diesen Worten sang sie:
 
„Das Kardamom am dritten dritten erblüht,<ref>Die Kardamomblüte wird in der chinesischen Dichtung als Bild für ein Mädchen von 13, 14 Jahren gebraucht.</ref>
 
ein Käfer versucht, in die Blüte zu schlüpfen,
 
doch er kommt und kommt nicht hinein;
 
er krabbelt und er wiegt sich darauf.
 
Ach, mein Herzchen,
 
Wie willst du hineinkommen, wenn ich mich nicht öffne?“
 
Als sie zu Ende gesungen hatte, trank sie ihren Wein und zitierte:
 
„Üppig die Pfirsiche stehen.“<ref>Zitat aus dem Buch der Lieder.</ref>
 
So hatte auch sie ihre Aufgabe erfüllt, und der Nächste war Hsüä Pan. „Also jetzt ich“, sagte er und setzte an:
 
„Des Mädchens Kummer...“
 
Dann verstummte er wieder, und schließlich fragte ihn Fëng Dsï-ying lächelnd: „Na, was bekümmert sie? Sag es schon endlich!“
 
Sofort riß Hsüä Pan in seiner Bedrängnis die Augen auf, so daß sie groß wurden wie Messingschellen, und starrte lange vor sich hin, ehe er wiederholte:
 
„Des Mädchens Kummer...“
 
Dann räusperte er sich zweimal und sagte endlich:
 
„Des Mädchens Kummer: Ihr Mann erweist sich als Hurenbock.“
 
Alle begannen laut zu lachen, und Hsüä Pan fragte: „Warum lacht ihr denn? Ist das vielleicht nicht richtig? Da heiratet ein Mädchen einen Kerl, und dann ist er ein Hurenbock. Muß sie da nicht bekümmert sein?“
 
Die anderen krümmten sich vor Lachen, bestätigten ihm aber: „Du hast vollkommen recht, mach nur schnell weiter!“
 
Wieder riß Hsüä Pan die Augen auf und begann:
 
„Des Mädchens Ärger...“
 
Dann verstummte er erneut, und die anderen fragten: „Na?“
 
„...Ein Riesenaffe springt ins Zimmer.“
 
„Dafür mußt du bestraft werden!“ riefen alle unter lautem Lachen. „Der Satz geht wirklich nicht, den vorigen konnte man zur Not noch gelten lassen.“ Und schon wollten sie Wein für ihn eingießen. Aber lächelnd schaltete sich Bau-yü ein. „Solange es sich reimt, ist es gut“, sagte er.
 
„Der Spielleiter läßt es zu, also was regt ihr euch auf?“ triumphierte Hsüä Pan, und erst jetzt gaben die anderen Ruhe.
 
„Die nächsten beiden Sätze werden noch schwieriger“, sagte Yün-örl lächelnd und bot an: „Ich will sie statt deiner sagen!“
 
„Quatsch!“ erwiderte Hsüä Pan. „Glaubst du wirklich, ich hätte nichts Gutes auf Lager? Hör zu!“
 
„Des Mädchens Freude: Müde aufzustehn nach ihrer Hochzeitsnacht.“
 
„Jetzt wirst du ja schon fast zu gut!“ wunderten sich die anderen. Aber schon sprach Hsüä Pan weiter:
 
„Des Mädchens Spaß: Ein Ding fährt ihr ‘rein.“
 
Kaum daß die anderen es hörten, wandten sie sich ab und schimpften: „Pfui aber auch! Sing nur schnell dein Lied!“ Und Hsüä Pan sang:
 
„Eine Mücke summ, summ, summ...“
 
„Was soll denn das sein?“ fragten die anderen verdutzt. Aber Hsüä Pan sang weiter:
 
„Und zwei Fliegen brumm, brumm, brumm...“
 
„Schluß!“, „Hör auf!“ protestierten die anderen.
 
„Gefällt es euch nicht?“ fragte Hsüä Pan. „Das ist ein neues Lied, es heißt der Summsumm-Reim. Wenn es euch zuwider ist und ihr es nicht hören wollt, singe ich eben nicht. Aber dann müßt ihr mir die Trinkstrafe erlassen.“
 
„Wir erlassen sie dir! Wir erlassen sie dir!“ sagten alle einstimmig. „Du hältst uns ja doch nur auf.“
 
Und schon sprach Djiang Yü-han:
 
„Des Mädchens Kummer: Der Mann ging fort und kommt nicht wieder.
 
Des Mädchens Ärger: Sie ist zu arm, Duftblütenöl<ref>Mit Dufblüten (den Blüten von Osmanthus fragrans) parfümiertes Haaröl. Haaröl wurde im alten China von Frauen und Mädchen reichlich verwendet, um das Haar glänzend zu machen.</ref> zu kaufen.
 
Des Mädchens Freude: Der Lampendocht formt sich zur Doppelschnuppe.<ref>Im alten China als glückliches Vorzeichen gedeutet.</ref>
 
Des Mädchens Spaß: Des Mannes Lied harmonisch mitzusingen.“
 
Danach sang er:
 
„Wie herrlich schön bist du gewachsen,
 
wie eine Fee, die von den Wolken stieg.
 
Dein Jugendfrühling ist
 
die rechte Zeit, dem Phönix dich zu paaren.
 
Schau nur, wie hoch die Sterne stehen,
 
horch nur, wie spät die Trommel schlägt!
 
Drum komm, laß uns das Lager teilen!“
 
Als das Lied gesungen war, trank Djiang Yü-han von seinem Wein und sagte dann: „Ich kenne nicht viele Gedichte, aber durch Zufall habe ich gerade gestern ein Parallelsatzpaar gelesen, das hierher paßt. Ich habe zwar nur einen Satz davon behalten, aber glücklicherweise liegt das hier auf dem Tisch.“ Nach diesen Worten trank er seinen Becher leer, nahm einen Zweig Duftblüten vom Tisch und zitierte:
 
„Hüllt Blumenduft den Menschen ein, sind die Tage wieder warm.“
 
Alle anderen billigten das und erklärten das Spiel für beendet, Hsüä Pan aber sprang auf und rief lärmend dazwischen: „Unerhört! Wo gibt‘s denn so was! Er muß bestraft werden. Er spricht von einem Schatz, aber der Schatz ist nicht hier.“
 
Verblüfft fragte Djiang Yü-han: „Von was für einem Schatz soll ich gesprochen haben?“
 
„Abstreiten willst du es auch noch?“ fragte Hsüä Pan. „Sag den Satz noch einmal auf!“
 
Notgedrungen wiederholte Djiang Yü-han sein Zitat, und nun sagte Hsüä Pan: „Ist denn Hsi-jën – ‚Hüllt den Menschen ein‘ – vielleicht kein Schatz? Wenn ihr es nicht glaubt, müßt ihr ihn fragen!“ Und er wies auf Bau-yü.
 
Peinlich berührt, erhob sich Bau-yü und fragte: „Vetter Pan, was meinst du, wieviel Strafe du dafür verdienst?“
 
„Ich habe Strafe verdient“, sagte Hsüä Pan, „das habe ich.“ Er griff zum Becher und leerte ihn in einem Zug.
 
Da weder Fëng Dsï-ying noch Djiang Yü-han verstanden hatten, was das bedeuten sollte, erklärte Yün-örl es ihnen. Sofort stand Djiang Yü-han auf, um sich zu entschuldigen, aber die anderen beruhigten ihn: „Wer sich aus Unwissenheit vergeht, wird nicht bestraft.“
 
Ein Weilchen später verließ Bau-yü die Tafel, um austreten zu gehen, und Djiang Yü-han ging ebenfalls hinaus. Als sie zusammen unter dem Dachvorsprung standen, bat Djiang Yü-han noch einmal um Verzeihung. Bau-yü, der Djiang Yü-han um seiner Anmut und Sanftheit willen sehr liebgewonnen hatte, faßte ihn fest bei der Hand und forderte ihn auf: „Wenn du Zeit hast, komm mich besuchen!“ Dann fuhr er fort: „Ich wollte dich auch noch etwas fragen. In eurer werten Truppe gibt es einen gewissen Tji-guan. Weißt du nicht, wo er steckt? Alle Welt nennt seinen Namen, und ich habe keine Gelegenheit, ihn einmal zu sehen.“
 
Lächelnd erwiderte Djiang Yü-han: „Das ist mein Bühnenname.“
 
Unwillkürlich stampfte Bau-yü mit dem Fuß auf den Boden, als er das hörte, und sagte: „So ein Glück! Nein, so ein Glück! Dieser Name ist wirklich nicht umsonst so berühmt. Aber wie machen wir das? Wir treffen uns doch heute zum ersten Mal!“ Er dachte kurz nach, dann holte er seinen Fächer aus dem Ärmel, löste den jadenen Anhänger in Form eines offenen Ringes davon<ref>Scheinbar unbewußt verkörpert das Geschenk einen verborgenen Sinn, denn ein offener Jadering (djüä) deutet auf Grund von Homophonie auf Trennung.</ref> und gab ihn Tji-guan mit den Worten: „Dieses unscheinbare Ding taugt zwar nichts, aber es soll ein kleines Zeichen meiner Freundschaft sein.“
 
„Eines solchen Glücks bin ich nicht würdig“, erwiderte Tji-guan, während er den Anhänger entgegennahm. „Womit kann ich das erwidern? Sei‘s drum! Hier habe ich etwas Seltenes, das ich heute Morgen erst umgemacht habe. Es ist noch ganz neu und mag einstweilen meinen Gefühlen Ausdruck verleihen.“
 
Damit raffte er sein Gewand auf, band eine dunkelrote Leibbinde ab, mit der er die Hosen gegürtet hatte, und reichte sie Bau-yü. „Dies ist eine Tributgabe der Königin des Krappduftlandes“,<ref>Der Phantasiename des Ursprungslandes ist eventuell ein Hinweis auf die Folgen, die für Bau-yü aus dieser Bekanntschaft erwachsen, denn im alten China glaubte man, die Färberpflanze Krapp sei aus Menschenblut entstanden.</ref> erklärte er dazu, „wenn man sie im Sommer umbindet, duftet die Haut, anstatt zu schwitzen. Gestern hat sie mir der Prinz Bee-djing geschenkt, und ich trug sie heute zum ersten Mal. Jemand anders hätte ich sie gewiß nicht gegeben. Gebt mir bitte Eure Leibbinde dafür, junger Herr, und ich werde sie tragen!“
 
Vor Freude ganz außer sich, nahm Bau-yü die Gabe entgegen, band seine eigene mattgrüne Leibbinde ab und gab sie Tji-guan. Kaum hatten die beiden sich dann wieder in Ordnung gebracht, hörten sie es plötzlich rufen: „Jetzt habe ich euch!“ Und im nächsten Augenblick stürzte Hsüä Pan auf sie los, packte sie und sagte dazu: „Wozu habt ihr euch davongemacht, anstatt euren Wein zu trinken? Schnell her damit, ich will es sehen!“
 
„Wir haben ja gar nichts“ beteuerten beide, aber Hsüä Pan gab nicht nach, und so mußte erst Fëng Dsï-ying herauskommen, um zwischen ihnen zu schlichten. Dann kehrten sie an den Tisch zurück und tranken weiter. Erst als es Abend war, gingen sie auseinander.
 
Als Bau-yü wieder im Garten war und, nachdem er sich umgezogen hatte, seinen Tee trank, bemerkte Hsi-jën, daß an seinem Fächer der Anhänger fehlte, und sie fragte, wo er geblieben sei.
 
„Den muß ich beim Reiten verloren haben“, redete sich Bau-yü heraus. Doch als er dann schlafen ging, erblickte Hsi-jën die blutrote Leibbinde, die er umhatte, und konnte sich die Sache zu acht oder neun Zehnteln zusammenreimen. Darum sagte sie: „Wo du so eine schöne Leibbinde hast, kannst du mir ja meine wiedergeben!“
 
Jetzt erst fiel Bau-yü ein, daß jene Leibbinde Hsi-jën gehört hatte und daß er sie nicht hätte weggeben dürfen. Sein Herz bereute es zwar, aber sein Mund wollte es nicht zugeben, darum versprach er lächelnd: „Du bekommst eine andere.“
 
Seufzend nickte Hsi-jën und sagte: „Ich wußte es ja, daß du wieder so anfängst. Du kannst doch meine Sachen nicht solchem gemeinen Pack geben. Kannst du denn nicht ein bißchen nachdenken?“ Am liebsten hätte sie ihm noch mehr gesagt, aber sie hatte Angst, der Wein könnte ihn wütend machen, darum legte auch sie sich schlafen. Mehr ist über die Nacht nicht zu berichten.
 
Als es am nächsten Morgen hell wurde und Hsi-jën eben aufgewacht war, hörte sie, wie Bau-yü sie ansprach: „Wenn in der Nacht Einbrecher hier gewesen wären, hättest du auch nichts gemerkt. Schau mal, was du um deine Hosen hast!“
 
Hsi-jën blickte an sich herunter und sah, daß sie die Leibbinde umhatte, die am Abend Bau-yü getragen hatte. Er mußte sie also in der Nacht ausgetauscht haben! Sofort machte sie sie los und sagte: „Ich bin nicht scharf auf solchen Trödel. Nimm das nur schnell weg!“
 
Da blieb Bau-yü nichts anderes übrig, als ein Weilchen begütigend auf Hsi-jën einzureden, so daß sie sich schließlich gezwungen sah, die Leibbinde doch umzumachen. Und erst als Bau-yü einmal hinausging, konnte sie sie endlich wieder ablegen. Sie warf sie in eine leere Truhe und band sich eine andere um. Bau-yü aber sagte dann nichts mehr dazu und erkundigte sich statt dessen: „War gestern Abend noch etwas?“
 
„Die Frau des zweiten jungen Herrn hat jemand geschickt, um Hung-yü abzuholen“, berichtete Hsi-jën. „Hung-yü wollte auf dich warten, aber ich habe mir gesagt, was liegt daran? Darum habe ich mich entschieden, sie loszuschicken.“
 
„Das war ganz in Ordnung so“, sagte Bau-yü, „ich wußte ja davon, wozu also hätte sie auf mich warten sollen!“
 
„Außerdem hat gestern die kaiserliche Nebenfrau durch den Obereunuchen Hsia einhundertzwanzig Liang Silber bringen lassen, damit vom Ersten bis zum Dritten im Kloster der Reinen Leere ein dreitägiger Bittgottesdienst mit Theatervorführungen und Opfergaben abgehalten wird“, fuhr Hsi-jën fort. „Mit Herrn Dschën an der Spitze sollen die Männer der Familie kniefällig Weihrauch abbrennen und zu den Göttern beten. Weiterhin hat die kaiserliche Nebenfrau Geschenke zum Drachenbootfest geschickt.“
 
Damit befahl sie den kleineren Sklavenmädchen, sie sollten die Geschenke vom Vortag bringen, und Bau-yü erblickte zwei Palastfächer von der besten Sorte, zwei mit Moschus parfümierte Gebetsschnüre aus roten Kugeln, zwei Stücken dünner ‚Phönixschwanzseide‘ und eine Bambusmatte mit Lotosblumenmuster.
 
Bau-yüs Freude kannte keine Grenze, und er fragte: „Haben die anderen das gleiche bekommen?“
 
„Die alte gnädige Frau hat außerdem ein Glückwunschzepter aus Duftholz und eine Nackenstütze aus Achat bekommen, die gnädige Frau, der gnädige Herr und die gnädige Frau Tante aber nur zusätzlich je ein Glückwunschzepter“, gab Hsi-jën Auskunft. „Du hast das gleiche bekommen wie Fräulein Bau-tschai, Fräulein Lin aber hat genau wie das zweite, dritte und vierte Fräulein nur die Fächer und die Gebetsschnüre bekommen. Alle andern haben das nicht bekommen. Die Frau des ersten und die des zweiten jungen Herrn haben je zwei Stücken Gaze und dünne Seide, zwei Riechbeutelchen und zwei Stücken gepreßter Patentmedizin bekommen.“
 
Lächelnd erkundigte sich Bau-yü: „Was soll denn das heißen? Warum hat Fräulein Lin nicht das gleiche bekommen wie ich, Kusine Bau-tschai aber hat es bekommen? Ist das nicht vielleicht falsch übermittelt worden?“
 
„Als die Geschenke gestern gebracht wurden, waren überall Zettel dabei“, berichtete Hsi-jën. „Wie könnten sie da falsch verteilt worden sein? Deine Sachen lagen bei der alten gnädigen Frau, und als ich sie abholen ging, hat die alte gnädige Frau gesagt, du sollst morgen früh in der fünften Nachtwache in den Palast gehen, um dich für den Gnadenbeweis zu bedanken.“
 
„Natürlich muß ich mich bedanken gehen“, sagte Bau-yü. Dann rief er Dsï-hsiau und befahl: „Trag das zu Fräulein Lin und sag ihr, das seien die Geschenke, die ich gestern bekommen habe, und sie soll davon behalten, was sie mag.“
 
Dsï-hsiau sagte: „Jawohl!“ und ging mit den Sachen fort. Sie kam aber bald wieder und meldete: „Fräulein Lin hat gesagt, auch sie habe gestern Geschenke bekommen, und der junge Herr solle das nur behalten.“
 
Daraufhin ließ Bau-yü die Sachen weglegen. Als er sich gewaschen hatte und sein Gehöft verließ, um zur Herzoginmutter zu gehen und ihr seinen Gruß zu entbieten, erblickte er plötzlich Dai-yü, die ihm entgegenkam. Rasch ging er auf sie zu und fragte lächelnd: „Warum hast du dir nichts von den Sachen ausgesucht, wie ich es dir angeboten hatte?“
 
Dai-yü dachte schon nicht mehr an den vorigen Kummer, um dessentwillen sie Bau-yü böse gewesen war, und sah nur noch das Heute. „So großem Glück bin ich nicht gewachsen“, sagte sie. „Mit Kusine Bau-tschai kann ich mich nicht messen, die Gold hat und Jade bekommt. Ich bin nur eine einfache Pflanze.“
 
Als Bau-yü die Wörter ‚Gold‘ und ‚Jade‘ hörte, regte sich in seinem Herzen unwillkürlich ein Verdacht. „Mögen andere von Gold und Jade sprechen“, sagte er, „aber wenn ich so denke, soll der Himmel mich strafen, und die Erde soll mich vernichten! In zehntausend Wiedergeburten will ich nicht mehr zum Menschen werden!“
 
Seine Worte verrieten Dai-yü, welche Vermutung ihm gekommen war, und darum sagte sie rasch mit einem Lächeln: „Was für ein Unfug, für nichts und wieder nichts solche Schwüre zu leisten! Was kümmern mich euer Gold und euer Jade!“
 
„Ich kann dir schlecht sagen, was ich empfinde“, fuhr Bau-yü fort, „aber eines Tages wirst du es von selbst verstehen. Neben der alten gnädigen Frau, dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau bist du der vierte Mensch in meinem Herzen, und wenn es noch jemand fünftes geben sollte, dann gilt mein Schwur!“
 
„Du brauchst mir gar nichts zu schwören“, nahm wieder Dai-yü das Wort. „Ich weiß das sehr gut. Nur wenn du die andere siehst, bin ich vergessen.“
 
„Dein Mißtrauen ist unbegründet“, verteidigte sich Bau-yü. „So einer bin ich nicht.“
 
„Und warum hast du gestern mir Vorwürfe gemacht, als Bau-tschai dich nicht durch eine Lüge in Schutz nehmen wollte?“ fragte Dai-yü. „Ich möchte nicht wissen, was du getan hättest, wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre!“
 
Bei diesen Worten erblickten die beiden Bau-tschai, die eben von ihrem Gehöft her näher kam, und darum setzten sie sich wieder in Bewegung. Bau-tschai mußte sie ganz sicher gesehen haben, aber sie tat so, als ob sie es nicht hätte, und schritt mit gesenktem Kopf weiter. Sie ging zu Dame Wang, blieb dort ein Weilchen sitzen und begab sich erst dann zur Herzoginmutter, wo Bau-yü bereits eingetroffen war.
 
Seitdem ihre Mutter vor Dame Wang und den anderen erzählt hatte, daß die Inschrift auf ihrem Amulett von einem Mönch stammte, der gesagt hatte, sie könne einmal nur mit jemandem verheiratet werden, der einen Jadestein als Pendant dazu besäße, hatte Bau-tschai in ihrem Verhältnis zu Bau-yü stets Distanz bewahrt. Und als sie am Vortag gesehen hatte, daß nur sie die gleichen Geschenke von Yüan-tschun bekam wie Bau-yü, war ihr das höchst unangenehm gewesen. Glücklicherweise war Bau-yü mit Dai-yü beschäftigt und widmete ihr seine Gedanken so ausschließlich, daß er diesen Umstand nicht einmal erwähnte. Doch da wurde Bau-tschai plötzlich von Bau-yü gebeten: „Kusinchen, laß mich deine Gebetsschnur mit den roten Moschusperlen ansehen!“
 
Zufällig trug sie nämlich eine der Gebetsschnüre um ihr linkes Handgelenk geschlungen, und da Bau-yü sie darum bat, mußte sie sie wohl oder über herunterstreifen.
 
Nun hatte aber Bau-tschai so füllige Formen, daß die Gebetsschnur sich nicht so einfach abstreifen ließ. Als Bau-yü ein Stück ihres weichen, schneeweißen Arms erblickte, überkam ihn unversehens die Begierde, und er dachte still bei sich: ‚Wenn das Dai-yüs Arm wäre, könnte ich ihn vielleicht einmal anfassen. Warum muß es ausgerechnet der Arm von Bau-tschai sein?‘ Und während er so mit sich haderte, weil es ihm nicht vergönnt war, den Arm zu berühren, fiel ihm plötzlich die Sache mit dem Gold und dem Jade ein.
 
Er blickte Bau-tschai an und sah ein Gesicht wie eine Silberschale, Augen wie feuchte Aprikosen, Lippen, die ohne Schminke rot waren, und Brauen, die keiner Tusche bedurften. Verglichen mit Dai-yü war ihr eine andere Art von Anmut und Eleganz zu eigen. Und ohne es selbst zu merken, versank Bau-yü so in ihren Anblick, daß er vollkommen übersah, wie sie ihm die Gebetsschnur hinhielt, die sie sich abgestreift hatte.
 
Als Bau-tschai ihn so geistesabwesend fand, war sie davon peinlich überrascht. Sie legte die Gebetsschnur hin und wandte sich zum Gehen. Da erblickte sie Dai-yü, die auf der Türschwelle stand, auf ihr Taschentuch biß und dazu lächelte.
 
„Warum stehst du in der Zugluft?“ fragte Bau-tschai. „Das verträgst du doch nicht.“
 
„Ich bin ja im Zimmer gewesen“, gab Dai-yü zur Antwort. „Aber dann waren vom Himmel herab Schreie zu hören, und bin hinausgegangen, um zu sehen, woher das kommt. Es war aber nur eine dumme Gans.“
 
„Wo ist sie? Ich möchte sie auch sehen!“ verlangte Bau-tschai.
 
„Als ich draußen war, ist sie, husch! davongeflogen“ sagte Dai-yü und schlug Bau-yü mit dem Taschentuch ins Gesicht.
 
Als Bau-yü nichtsahnend einen Schlag über die Augen bekam, fuhr er mit einem Schmerzensschrei auf.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
 
  
== Anmerkungen ==
+
So führte eins zum andern, und je weiter er darüber nachdachte, desto mehr wünschte er sich, augenblicklich zu einem bewusstlosen, dummen Ding zu werden, das von nichts weiß, um dem großen Schicksal zu entgehen und dem Netz des irdischen Daseins zu entfliehen. Dann wäre dieser Schmerz von ihm genommen. Wahrlich:
<references/>
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Blütenschatten weichen nicht von seiner Seite,
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Vogelstimmen klingen nur in seinen Ohren.
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Kajaljade war noch in ihrem Gram versunken, als sie plötzlich vom Berghang her ebenfalls Klagelaute vernahm. „Alle lachen mich aus, weil sie meinen, ich sei ein wenig töricht", dachte sie. „Gibt es denn noch einen Toren außer mir?" Sie blickte auf und entdeckte Schatzjade. „Pfui!" entfuhr es ihr. „Ich dachte, wer weiß wer das ist – dabei ist es nur dieser hartherzige, kurzlebige ..." Kaum hatte sie „kurzlebige" gesagt, presste sie die Hand auf den Mund und seufzte schwer. Dann wandte sie sich um und ging davon.
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Schatzjade härmte sich noch eine Weile weiter. Als er endlich aufblickte und Kajaljade nicht mehr sah, begriff er, dass sie ihn erblickt und sich davongemacht hatte. Auch ihn überkam das Gefühl der Sinnlosigkeit. Er klopfte sich die Erde ab, stand auf, stieg den Hang hinunter und ging auf dem alten Weg zurück zum Hof der Roten Freude [怡红院]. Da erblickte er vor sich Kajaljade und eilte ihr nach. „Bleib doch stehen!" sagte er. „Ich weiß, du willst nichts mehr von mir wissen. Lass mich nur noch einen einzigen Satz sagen, und dann trennen wir uns für immer!"
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Kajaljade wandte sich um, sah, dass es Schatzjade war, und wollte ihn eigentlich nicht beachten. Doch als sie hörte, er wolle nur noch einen einzigen Satz sagen und dann sei es für immer vorbei, klangen diese Worte so bedeutungsvoll, dass sie unwillkürlich stehen blieb und sagte: „Wenn es nur ein Satz ist, dann sprich!"
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Schatzjade lächelte: „Und wenn es zwei sind – hörst du mich dann auch an?"
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Sofort wandte Kajaljade sich wieder um und ging weiter.
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Da seufzte Schatzjade hinter ihr her: „Wozu musste es den Anfang geben, wenn es dieses Heute gibt?"
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Kajaljade blieb unwillkürlich stehen, wandte den Kopf und fragte: „Was war denn zu Anfang? Und was ist heute?"
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Schatzjade seufzte: „Zu Anfang, als du zu uns kamst – war ich es nicht, der dich bei allen Spielen begleitete? Was immer mir lieb war, wenn du es haben wolltest, habe ich es dir gegeben. Was immer ich gern aß, wenn ich hörte, dass du es auch gern mochtest, habe ich es sofort sauber und reinlich für dich aufgehoben. Wir aßen an einem Tisch und schliefen auf einem Bett. Woran die Mädchen nicht dachten, daran dachte ich an ihrer Statt, weil ich Angst hatte, du könntest dich aufregen.
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Ich glaubte in meinem Herzen: Wir Geschwister sind von klein auf zusammen aufgewachsen, ob blutsverwandt oder nicht, ob vertraut oder nicht – wenn wir uns gut verstehen bis zum Letzten, dann zeigt sich, dass wir einander näher stehen als die anderen. Und nun, wer hätte gedacht, dass du, seit du erwachsen geworden bist, so hochmütig wirst, dass du mich nicht mehr ansiehst? Stattdessen schließt du Fremde wie eine ‚Kusine Schatzspange' und eine ‚Schwägerin Phönixglanz'<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönixglanz König".</ref> in dein Herz und beachtest mich tagelang nicht!
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Ich habe keinen leiblichen Bruder und keine leibliche Schwester. Zwar gibt es zwei Geschwister, aber du weißt doch, dass sie nicht von meiner Mutter sind! Ich bin ebenso allein wie du und glaubte, dein Herz schlüge wie meines. Doch nun sehe ich, dass ich mir umsonst den Kopf zerbrochen habe und mich nirgendwohin mit meinem Kummer wenden kann!" Bei diesen Worten liefen ihm unwillkürlich die Tränen über die Wangen.
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Als Kajaljade diese Worte hörte und diesen Anblick sah, schmolz ihr Herz dahin, und auch ihr rannen die Tränen herab. Sie senkte den Kopf und schwieg.
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Schatzjade sah sie so und fuhr fort: „Ich weiß selbst, dass ich jetzt nicht mehr so bin wie früher. Aber wie schlecht ich auch sein mag, vor dir würde ich mir niemals etwas zuschulden kommen lassen. Und wenn ich einmal doch ein wenig fehle, dann könntest du mich ermahnen und für die Zukunft warnen, oder mich schelten, oder mich schlagen – ich würde mich nicht grämen.
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Aber du beachtest mich einfach nicht mehr, so dass ich überhaupt nicht verstehe, was eigentlich los ist, ganz aus der Fassung gerate und nicht weiß, was ich tun soll. Wenn ich jetzt stürbe, wäre ich ein Geist, der unschuldig zu Tode kam, und selbst die Gebete der höchsten buddhistischen und daoistischen Priester könnten mich nicht erlösen. Erst wenn du mir sagst, was ich getan habe, kann ich wiedergeboren werden!"
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Als Kajaljade diese Worte vernahm, war die Kränkung vom Vorabend schon bis jenseits des neunten Himmels verflogen. „Wenn du das so sagst", fragte sie, „warum hast du dann gestern, als ich kam, dem Mädchen befohlen, das Tor nicht zu öffnen?"
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Schatzjade war verblüfft: „Wie meinst du das? Wenn ich so etwas getan hätte, will ich auf der Stelle sterben!"
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Kajaljade rügte: „Pfui! Am frühen Morgen gleich von Sterben reden – das gehört sich nicht! Sag einfach, du hast es getan oder nicht, wozu schwörst du gleich?"
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Schatzjade beteuerte: „Ich wusste wirklich nicht, dass du da warst. Es war nur Kusine Schatzspange, die ein Weilchen dagesessen hat und dann wieder ging."
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Kajaljade dachte kurz nach und sagte dann lächelnd: „Ja, natürlich. Vermutlich waren deine Mädchen zu faul zum Aufstehen und haben aus schlechter Laune heraus gemault. So etwas kommt vor."
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Schatzjade bestätigte: „Das wird es gewesen sein. Wenn ich zurückkomme, frage ich, wer es war, und weise sie zurecht."
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Kajaljade fuhr fort: „Deine Mädchen verdienen es wirklich, einmal zurechtgewiesen zu werden. Aber eigentlich hätte ich das nicht erwähnen sollen. Dass sie mich beleidigt haben, ist noch das Geringste. Aber wenn morgen einmal Kusine Schatzspange kommt, oder eine ‚Fräulein Kostbar', und die wird auch so behandelt – das wäre dann wirklich schlimm!" Dabei verzog sie den Mund zu einem Lächeln.
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Als Schatzjade das hörte, wollte er gleichzeitig die Zähne zusammenbeißen und laut loslachen.
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Während sie noch so miteinander sprachen, kam ein Mädchen und bat sie zum Essen. Alle gingen in die vorderen Räume. Als die Dame König<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, „Dame König", Schatzjades Mutter.</ref> Kajaljade erblickte, fragte sie: „Hat die Medizin von Hofarzt Bao dir geholfen, Fräulein?"
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Kajaljade antwortete: „Es geht mir wie immer. Die Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die Herzoginmutter, Oberhaupt der Familie Kaufmann.</ref> hat angeordnet, dass ich die Medizin von Doktor Wang nehmen soll."
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Schatzjade mischte sich ein: „Ihr müsst wissen, Mutter, Schwester Kajaljade leidet an innerer Schwäche – das ist angeboren. Deshalb ist sie nicht einmal der kleinsten Erkältung gewachsen. Wenn sie nur zwei Portionen von dem Heiltrank einnimmt, ist die Erkältung vertrieben. Doch danach sollte sie besser Pillen schlucken."
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Dame König sagte: „Neulich hat der Arzt Pillen erwähnt, aber ich habe den Namen vergessen."
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Schatzjade sagte: „Ich kenne diese Pillen. Es werden wohl die ‚Stärkenden Ginsengpillen' sein."
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Dame König schüttelte den Kopf: „Nein, die waren es nicht."
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Schatzjade riet weiter: „Die ‚Herzgespannpillen der Acht Kostbarkeiten'? ‚Linke Engelwurzpillen'? ‚Rechte Engelwurzpillen'? Oder vielleicht ‚Sechserlei-Pillen mit Ophiopogon und Rehmannie'?"
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Dame König verneinte: „Alles nicht. Ich erinnere mich nur, dass das Wort ‚Himmelswächter' darin vorkam." [Anm.: Sie meint 金刚 jingang, „Vajra/Himmelswächter", verwechselt es aber mit 天王 tianwang, „Himmelskönig"]
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Schatzjade fuhr sich durch die Haare und rief lachend: „Von ‚Himmelswächterpillen' habe ich noch nie gehört! Wenn es Himmelswächterpillen gibt, muss es sicher auch ‚Bodhisattwa-Pulver' geben!"
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Alle im Raum brachen in Gelächter aus. Einzig Schatzspange verzog nur verschmitzt den Mund und sagte: „Es werden wohl die ‚Herzstärkenden Himmelskönigs-Perlen' sein." [Anm.: 天王补心丹, ein bekanntes Rezept der traditionellen chinesischen Medizin]
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Dame König lachte: „Ja, das war der Name! Ich werde wirklich schon vergesslich."
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Schatzjade warf ein: „Ihr werdet nicht vergesslich, Mutter – es sind die ‚Himmelswächter' und ‚Bodhisattwas', die Euch ganz durcheinanderbringen!"
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Dame König schalt: „Schäm dich, so daherzureden! Dein Vater hat dich mal wieder lange nicht verprügelt!"
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Schatzjade gab zurück: „Dafür wird mich Vater bestimmt nicht verprügeln."
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Dame König sagte: „Gut, da wir jetzt den Namen haben, werde ich morgen jemanden schicken, der davon kauft, damit Kajaljade sie einnehmen kann."
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Schatzjade aber erklärte lächelnd: „Das hilft doch alles nichts! Gebt mir dreihundertsechzig Liang Silber, und ich bereite für Schwester Kajaljade eine Portion Pillen, die ihr garantiert hilft, noch ehe die Portion zu Ende ist."
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Dame König rief: „Unsinn! Was für eine Medizin soll so teuer sein?"
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Schatzjade beteuerte lächelnd: „Es ist wirklich wahr! Mein Rezept ist mit keinem anderen zu vergleichen, und auch der Name ist so sonderbar, dass ich ihn auf die Schnelle nicht erklären kann. Wenn ich allein an die Plazenta eines Erstgeborenen und eine menschenförmige Ginsengwurzel mit allen Blättern denke, reichen dreihundertsechzig Liang noch nicht einmal aus. Dazu kommen eine Knöterichwurzel, so groß wie eine Schildkröte, und Kokosporlinge von den Wurzeln tausendjähriger Kiefern – und das sind alles nur gewöhnliche Zutaten, die in der Masse der Ingredienzen nicht weiter auffallen. Die Hauptzutat aber, wenn ich ihren Namen nenne, erschrickt man zu Tode.
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Vetter Becken Schnee hat mich ein, zwei Jahre lang gebeten, ehe ich ihm das Rezept gegeben habe. Und als er es hatte, musste er noch zwei, drei Jahre nach den Zutaten suchen und hat mehr als tausend Liang Silber ausgegeben, ehe er alles beisammen hatte. Wenn Ihr mir nicht glaubt, Mutter, fragt nur Kusine Schatzspange!"
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Schatzspange aber winkte lächelnd ab: „Ich weiß nichts davon und habe auch nie davon gehört. Berufe dich nur nicht auf mich vor der Tante!"
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Dame König lobte lächelnd: „Schatzspange ist doch ein braves Kind und lügt nicht."
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Als Schatzjade, wie er so dastand, diese Worte vernahm, wandte er sich um, schlug die Hände zusammen und rief: „Da sage ich die reine Wahrheit, und man wirft mir vor, ich lüge!" Dabei erblickte er, wie Kajaljade hinter Schatzspanges Rücken saß, verschmitzt lächelte und mit der Fingerspitze über ihre Wange fuhr, um ihn zu beschämen.
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Phönixglanz, die im Nebenraum das Aufstellen der Tische beaufsichtigt hatte, kam jetzt herüber und mischte sich lächelnd ein: „Bruder Schatzjade lügt nicht, das Rezept gibt es wirklich. Neulich ist Vetter Becken Schnee persönlich bei mir gewesen, weil er Perlen suchte. Als ich fragte, wozu er sie brauche, sagte er, für ein Medikament. Er beklagte sich sogar, hätte er gewusst, wie aufwendig das sei, hätte er die Finger davon gelassen.
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Als ich fragte, was für ein Rezept es sei, sagte er, es stamme von Bruder Schatzjade, und er zählte mir so viele Zutaten auf, dass ich gar nicht die Muße hatte, alle anzuhören. Dann sagte er, eigentlich hätte er selbst Perlen gekauft, aber es müssten unbedingt solche sein, die bereits am Kopf getragen worden seien. Darum sei er zu mir gekommen. Wenn ich keine losen hätte, sagte er, gingen auch welche von einem Schmuckstück, er wolle die Perlen abmachen und mir später schöne neue auffädeln lassen.
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Was blieb mir übrig? Ich habe zwei Perlenblumen auseinandergenommen und ihm gegeben. Außerdem wollte er noch ein Stück dunkelroter Palastseidengaze von drei Chi Länge, um das Pulver zu sieben, wenn er die Perlen im Mörser zerrieben hätte."
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Bei jedem Satz von Phönixglanz rief Schatzjade den Namen Buddhas an und sagte: „Die Sonne scheint ins Zimmer!" [Anm.: Redewendung für „Die Wahrheit kommt ans Licht"] Als Phönixglanz geendet hatte, erklärte er: „Dabei müsst Ihr bedenken, Mutter, dass dies nur ein Notbehelf ist. Dem eigentlichen Rezept zufolge müssten die Perlen und Edelsteine aus alten Gräbern stammen – nur der Kopfschmuck, den die Leichen reicher und vornehmer Leute des Altertums als Grabbeigabe trugen, wäre das Richtige gewesen. Aber wie kann man heutzutage deswegen Gräber aufbrechen? Darum tut es auch etwas, das lebende Menschen getragen haben."
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Dame König rief: „Amitabha Buddha! Das darf doch nicht wahr sein! Selbst wenn es so etwas in den Gräbern gibt – wie soll eine Medizin wirken, für die man die Gebeine von Menschen durchwühlt und bestielt, die seit Jahrhunderten tot sind?"
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Schatzjade wandte sich an Kajaljade: „Hast du es gehört? Wird vielleicht auch die zweite Schwägerin lügen, um mir zu Gefallen zu sein?" Dabei war sein Gesicht zwar Kajaljade zugewandt, sein Blick aber streifte Schatzspange.
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Kajaljade zupfte Dame König am Ärmel: „Hört Ihr das, Tante? Weil Kusine Schatzspange ihn nicht durch eine Lüge in Schutz nehmen wollte, lässt er es jetzt an mir aus!"
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Dame König bestätigte: „Schatzjade versteht sich wirklich darauf, seine Schwester zu schikanieren."
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Schatzjade aber widersprach lächelnd: „Ihr wisst nicht, wie das zusammenhängt, Mutter. Als Kusine Schatzspange noch zu Hause wohnte, hat sie schon nicht gewusst, was Vetter Becken Schnee treibt; seit sie im Garten wohnt, weiß sie das natürlich erst recht nicht. Schwester Kajaljade hat mich vorhin hinter Kusine Schatzspanges Rücken verspottet, weil sie meinte, ich hätte gelogen."
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Gerade als er noch sprach, kam ein Mädchen aus den Gemächern der Herzoginmutter, um Schatzjade und Kajaljade zum Essen zu holen. Kajaljade stand auf, ohne ein Wort an Schatzjade zu richten, fasste das Mädchen bei der Hand und ging los.
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Das Mädchen sagte: „Wartet doch auf den zweiten jungen Herrn, wir gehen zusammen!"
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Kajaljade erwiderte: „Er isst nicht. Wir gehen. Ich gehe voraus." Und schon war sie zur Tür hinaus.
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Schatzjade sagte: „Ich esse heute bei der Mutter."
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Dame König erwiderte: „Lass das! Ich esse heute Fastenspeisen. Geh und iss ordentlich!"
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Schatzjade beharrte: „Ich esse auch Fastenspeisen." Dann befahl er dem Mädchen, es solle gehen, und lief voraus zum Tisch, wo er sich hinsetzte.
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Dame König sagte lächelnd zu Schatzspange und den anderen: „Esst nur eure Speisen und lasst ihm seinen Willen."
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Schatzspange sagte lächelnd zu Schatzjade: „Geh doch hinüber und leiste Schwester Kajaljade Gesellschaft, ob du nun dort etwas isst oder nicht. Ihr ist gar nicht wohl."
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Schatzjade entgegnete: „Lass nur, das gibt sich!"
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Kurze Zeit später, als man gegessen hatte, fürchtete Schatzjade einerseits, die Herzoginmutter könnte sich seinetwegen Sorgen machen, andererseits machte er sich selbst Gedanken um Kajaljade. Darum verlangte er hastig Tee zum Mundspülen.
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Erkundefrühling Kaufmann<ref>Chin. 贾探春 Jiǎ Tànchūn, wörtl. „Erkundefrühling Kaufmann".</ref> und Kostbarfrühling Kaufmann<ref>Chin. 贾惜春 Jiǎ Xīchūn, wörtl. „Kostbarfrühling Kaufmann".</ref> lachten: „Zweiter Bruder, was hast du es den ganzen Tag so eilig? Selbst beim Essen und Teetrinken muss alles holterdiepolter gehen!"
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Schatzspange sagte lächelnd: „Lasst ihn sich nur beeilen, er muss zu Schwester Kajaljade. Wozu soll er sich mit uns abgeben?"
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Nach dem Tee ging Schatzjade hinaus und schlug den Weg zum westlichen Wohngehöft ein. Gerade als er an Phönixglanz' Hoftor kam, stand sie dort, stieß mit dem Fuß an die Türschwelle, stocherte mit einem Ohrlöffelchen in den Zähnen und sah zu, wie mehr als zehn Burschen Blumentöpfe umstellten. Als sie Schatzjade erblickte, sprach sie ihn lächelnd an: „Gut, dass du kommst! Herein, herein! Du musst etwas für mich schreiben."
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Schatzjade folgte ihr notgedrungen ins Haus. Phönixglanz ließ Pinsel, Tuschstein und Papier bringen und diktierte: „Geblümter dunkelroter Brokat – vierzig Stück. Drachenbrokat – vierzig Stück. Palastgaze in verschiedenen Farben – einhundert Stück. Goldene Halsreifen – vier Stück."
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Schatzjade fragte: „Was soll das werden? Das ist weder eine Bestandsliste noch eine Geschenkliste. Wie soll ich das schreiben?"
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Phönixglanz erwiderte: „Schreib es einfach auf. Solange ich es verstehe, reicht das."
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Also schrieb Schatzjade, was ihm gesagt wurde. Phönixglanz nahm das Geschriebene entgegen und sagte lächelnd: „Da ist noch etwas, das ich mit dir besprechen will – ich weiß nur nicht, ob du einverstanden bist. Du hast in deinen Räumen ein Mädchen namens Rotjade<ref>Chin. 红玉 Hóngyù, wörtl. „Rotjade". Wegen des Tabuzeichens 玉 yù (Jade) im Namen Schatzjades wird sie meist 红儿 Hóng’ér, „Kleine Rote", genannt.</ref>, das ich schon länger zu mir in Dienst nehmen wollte. Ich habe es nur nie erwähnt, aber heute, wo ich dich sehe, fällt es mir wieder ein."
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Schatzjade sagte: „Ich habe ohnehin so viele Mädchen in meinen Räumen. Nimm, wen du willst, Schwester. Wozu fragst du mich erst?"
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Phönixglanz lachte: „Dann schicke ich also jemanden, der sie holt."
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Schatzjade sagte: „Nur zu!" Und schon wollte er gehen.
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Phönixglanz rief: „Komm zurück! Ich habe noch eine Sache!"
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Schatzjade erwiderte: „Die Herzoginmutter hat mich rufen lassen. Was es auch ist, es muss warten, bis ich wiederkomme." Damit ging er wirklich zu den Gemächern der Herzoginmutter, wo alle schon gegessen hatten.
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Die Herzoginmutter fragte: „Was hast du bei deiner Mutter Gutes gegessen?"
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Schatzjade antwortete lächelnd: „Nichts Besonderes, aber ich habe eine Schale Reis mehr gegessen als sonst." Dann fragte er: „Wo ist Schwester Kajaljade?"
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Die Herzoginmutter sagte: „Im Innenraum."
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Schatzjade ging hinein und sah, wie ein Mädchen am Boden die Holzkohle im Plätteisen anfachte, während auf dem Ofenbett zwei andere mit der Kreideschnur ein Schnittmuster auf Stoff übertrugen. Kajaljade aber stand vornübergebeugt da, eine Schere in der Hand, und schnitt etwas zu.
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Schatzjade trat lächelnd ein: „Was machst du da? Du hast gerade erst gegessen und beugst dich schon so tief herab – gleich bekommst du wieder Kopfschmerzen!"
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Kajaljade beachtete ihn nicht im Geringsten und arbeitete einfach weiter.
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Ein Mädchen sagte: „Das Stückchen Seide hier ist noch nicht glatt, es müsste noch einmal gebügelt werden."
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Kajaljade legte die Schere aus der Hand und sagte: „Lass nur, das gibt sich."
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Als Schatzjade diese Worte hörte, stutzte er betroffen. Da kamen auch Schatzspange und Erkundefrühling Kaufmann herein und plauderten eine Weile mit der Herzoginmutter.
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Schatzspange kam in den Innenraum und fragte: „Was machst du, Schwester Kajaljade?" Als sie sah, dass Kajaljade mit Zuschneiden beschäftigt war, sagte sie lächelnd: „Du wirst ja immer geschickter! Sogar Kleider zuschneiden kannst du schon!"
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Kajaljade erwiderte lächelnd: „Alles nur Schwindel, um die Leute an der Nase herumzuführen."
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Schatzspange lachte: „Weißt du, als ich vorhin bei der Medizingeschichte sagte, ich wüsste nichts davon, hat sich Bruder Schatzjade mächtig geärgert."
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Kajaljade sagte: „Lass nur, das gibt sich."
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Schatzjade wandte sich an Schatzspange: „Die Herzoginmutter möchte Domino spielen und hat niemanden. Geh du zu ihr!"
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Kajaljade sagte: „Du solltest lieber selber gehen. Hier im Zimmer ist ein Tiger, der dich gleich auffrisst!" Und damit wandte sie sich wieder ihrer Handarbeit zu.
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Als Schatzjade sah, dass Kajaljade ihn noch immer nicht beachtete, versuchte er es lächelnd: „Du solltest draußen spazieren gehen. Zum Schneidern ist auch später noch Zeit."
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Da Kajaljade ihn noch immer ignorierte, wandte sich Schatzjade an die Mädchen: „Wer hat befohlen, das zu nähen?"
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Kajaljade sagte: „Ganz gleich, wer mir das befohlen hat – den zweiten jungen Herrn geht es nichts an!"
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Gerade wollte Schatzjade etwas erwidern, als jemand hereinkam und meldete: „Draußen ist jemand für den jungen Herrn!"
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Schatzjade ging eilig hinaus. Kajaljade rief ihm nach: „Amitabha Buddha! Wenn du zurückkommst, bin ich vielleicht schon tot!"
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Draußen erwartete ihn Beiming [焙茗], der meldete: „Der junge Herr Feng lässt bitten."
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Schatzjade wusste sofort, dass es um die Einladung vom Vortag ging, und befahl: „Hol mir meine Ausgehkleider!" Dann ging er in die Bibliothek.
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Beiming lief zum Innentor und wartete, bis jemand herauskam. Als schließlich eine ältere Dienerin erschien, sagte Beiming: „Der zweite junge Herr Schatzjade wartet in der Bibliothek auf seine Ausgehkleider. Geht bitte hinein und sagt Bescheid!"
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Die Alte fuhr ihn an: „Du dämlicher Bengel! Der junge Herr wohnt doch jetzt im Garten und sein ganzes Gefolge mit ihm. Was kommst du hierher?"
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Beiming lachte: „Ihr beschimpft mich zu Recht – wie dumm von mir!" Und rasch lief er zum östlichen Innentor, wo im Gang ein paar Burschen mit den Füßen Steinkugeln hin und her traten. Beiming erklärte sein Anliegen, und einer der Burschen rannte hinein. Nach geraumer Zeit kam er mit einem Kleiderbündel zurück und übergab es Beiming. Der brachte es zur Bibliothek, und Schatzjade zog sich um und ließ sein Pferd satteln. Nur in Begleitung der vier Burschen Beiming, Chuyao [锄药], Shuangrui [双瑞] und Shuangshou [双寿] machte er sich auf den Weg.
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Geradewegs gelangte er zu Feng Ziyings<ref>Chin. 冯紫英 Féng Zǐyīng, Sohn des Generals Feng Tang.</ref> Tor. Man meldete ihn, und Feng Ziying kam heraus, um ihn zu begrüßen und hineinzugeleiten. Drinnen saß Becken Schnee<ref>Chin. 薛蟠 Xuē Pán, Schatzspanges älterer Bruder.</ref> bereits und wartete seit geraumer Zeit. Außerdem waren viele Sängerknaben da, ferner ein Schauspieler namens Jadelotus Jiang<ref>Chin. 蒋玉菡 Jiǎng Yùhán, auch unter seinem Bühnennamen Qiguan (琪官) bekannt.</ref>, der weibliche Rollen verkörperte, sowie das Freudenmädchen Wolke [云儿] aus dem Brokatdufthof [锦香院].
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Nachdem alle einander begrüßt hatten, trank man Tee. Schatzjade hob seine Schale und sagte lächelnd: „Was du gestern von Glück und Unglück sprachst, hat mir Tag und Nacht keine Ruhe gelassen. Als heute deine Nachricht kam, bin ich sofort aufgebrochen."
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Feng Ziying erwiderte lächelnd: „Ihr seid wirklich naiv, ihr beiden Vettern! Das war gestern nur ein Vorwand. Ich wollte euch aufrichtig zum Trinken einladen und fürchtete, ihr würdet absagen, darum habe ich diese Geschichte erfunden. Dass ihr dann heute sofort gekommen seid – ihr habt es tatsächlich ernst genommen!"
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Alle lachten. Dann wurde der Wein aufgetragen, und man nahm der Rangordnung nach Platz. Feng Ziying ließ zunächst die Sängerknaben den Wein einschenken, dann befahl er Wolke, auch sie solle herüberkommen und zutrinken.
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Nachdem Becken Schnee drei Becher getrunken hatte, vergaß er alle Hemmungen, fasste Wolke bei der Hand und sagte lächelnd: „Sing mir eins von deinen allerneuen Liedern, dann trinke ich einen ganzen Krug leer! Was sagst du?"
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Wolke musste wohl oder übel die Laute [琵琶] ergreifen und sang:
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Zwei Liebhaber hab ich, und keinen will ich missen,
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denk ich an den einen, sehnt mein Herz den andern her.
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Beide schön von Angesicht, kein Maler könnt sie malen.
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Gestern Nacht, beim heimlichen Stelldichein am Rosenspalier –
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der eine liebte mich, der andre kam geschlichen,
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beim Kreuzverhör zu dritt war keine Ausred mehr.
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Als sie geendet hatte, sagte sie lächelnd: „Nun trink den ganzen Krug!"
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Becken Schnee erwiderte: „Das war keinen ganzen Krug wert. Sing mir etwas Besseres!"
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Schatzjade mischte sich ein: „Hört mir zu! Wenn man den Wein so wahllos in sich hineinschüttet, wird man schnell betrunken, ohne Freude daran zu haben. Ich leere jetzt erst einmal einen großen Humpen und leite dann ein neues Trinkspiel. Wer sich nicht fügt, trinkt zehn große Humpen zur Strafe und muss ausscheiden und den anderen einschenken."
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Feng Ziying und Jadelotus Jiang sagten: „Einverstanden!"
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Also nahm Schatzjade einen großen Humpen und leerte ihn auf einen Zug. Dann verkündete er: „Man muss die vier Wörter ‚Kummer', ‚Ärger', ‚Freude' und ‚Spaß' vortragen, und zwar auf ein Mädchen bezogen, und die Gründe erklären. Danach wird der Becher geleert. Zum Weintrinken wird ein neues, modisches Lied gesungen, und zum Schluss muss man einen Gegenstand vom Tisch nehmen und dazu einen Satz aus einem alten Gedicht, einem bekannten Spruch, aus den Vier Büchern oder den Fünf Klassikern zitieren."
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Noch ehe Schatzjade zu Ende gesprochen hatte, sprang Becken Schnee auf und protestierte: „Ich mache nicht mit! Zählt mich nicht dazu! Das ist doch nur, um mich zum Narren zu halten!"
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Da stand auch Wolke auf, drückte ihn zurück auf seinen Platz und sagte lächelnd: „Wovor hast du Angst? Und das sagst du, wo du doch jeden Tag trinkst! Wirst du es ja wohl mit mir aufnehmen können, und ich mache auch mit! Sag, was du sagen willst. Wenn es richtig ist, gut, wenn nicht, trinkst du ein paar Strafbecher – daran stirbst du nicht. Willst du lieber zehn Humpen trinken und uns den Wein einschenken?"
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Alle klatschten und riefen: „Bravo!" Becken Schnee blieb keine andere Wahl, als sitzen zu bleiben.
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Schatzjade begann:
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Des Mädchens Kummer: Die Jugend vergeht, doch einsam bleibt ihr Gemach.
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Des Mädchens Ärger: Sie riet ihrem Mann, in der Fremde nach Ämtern zu streben.
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Des Mädchens Freude: Ihr morgendlich Spiegelbild – welch liebliches Gesicht!
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Des Mädchens Spaß: Auf der Schaukel im Frühling – wie leicht das Gewand!
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Alle sagten: „Das war gut!" Nur Becken Schnee warf den Kopf in den Nacken, schüttelte ihn und erklärte: „Schlecht! Er muss bestraft werden!"
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Die anderen fragten: „Wieso bestraft?"
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Becken Schnee sagte: „Ich habe kein einziges Wort verstanden. Natürlich muss er da bestraft werden!"
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Wolke kniff ihn und zischte lächelnd: „Sei lieber still und denk über deine eigenen Sätze nach. Wenn du nachher nichts zu sagen weißt, wirst du selbst bestraft." Dann nahm sie die Laute auf, und Schatzjade sang:
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Nimmer versiegen die blutigen Tränen der Sehnsucht, rote Bohnen werf ich aus,
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schlaflos lausch ich hinter dem Gazefenster auf Wind und Regen nach der Dämmerung,
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nicht vergessen kann ich den neuen Kummer und den alten Gram,
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keinen Bissen bring ich hinab – die Jade-Reiskörner bleiben mir im Halse stecken,
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im Spiegel der Raute erkenn ich mein abgezehrtes Gesicht nicht mehr.
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Die Brauen vermag ich nicht zu glätten, die Nachtwachen nicht zu überstehen.
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Ach! Wie die Berge in der Ferne, die sich nicht verbergen lassen,
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wie das grüne Wasser, das ohne Ende fließt –
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so endlos ist mein Kummer.
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Alle spendeten lauten Beifall. Nur Becken Schnee behauptete, er sei nicht im Takt geblieben. Schatzjade leerte seinen Becher, nahm eine Birnenscheibe vom Tisch und zitierte:
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„Regen schlägt auf Birnenblüten – fest verschlossen ist das Tor."
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Damit war sein Teil erfüllt. Als nächster kam Feng Ziying an die Reihe. Er sprach:
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Des Mädchens Kummer: Ihr Mann liegt todkrank darnieder.
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Des Mädchens Ärger: Der Sturm bläst ihr Schminkzimmer um.
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Des Mädchens Freude: Bei der ersten Geburt ein Zwillingspaar.
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Des Mädchens Spaß: Im Garten heimlich Grillen fangen.
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Dann griff er nach dem Wein und sang:
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Du bist lieb,
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du bist zärtlich,
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du bist klug, doch wunderlich,
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selbst Unsterbliche sind dir nicht gewachsen.
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Was ich dir sage, glaubst du nicht –
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dann geh und frag im Stillen nach,
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ob ich dich liebe oder nicht!
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Nach dem Lied leerte er den Becher und zitierte:
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„Im Mondschein kräht bei der strohgedeckten Schenke ein Hahn."
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Damit war auch sein Teil erfüllt. Nun kam Wolke an die Reihe. Sie sprach:
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„Des Mädchens Kummer: Auf wen soll sie im Alter bauen?"
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Becken Schnee seufzte: „Mein Kindchen! Solange dein Becken Schnee da ist, brauchst du nichts zu fürchten!"
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Alle riefen: „Stör sie nicht! Unterbrich sie nicht!"
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Wolke fuhr fort:
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„Des Mädchens Ärger: Wird die Mutter nie aufhören, sie zu schlagen?"
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Becken Schnee meinte: „Als ich neulich deine Mutter traf, habe ich ihr extra befohlen, sie soll dich nicht schlagen."
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Alle drohten: „Noch ein Wort, und du trinkst zehn Strafhumpen!" Sofort schlug sich Becken Schnee selbst ins Gesicht und sagte: „Was für ein taubes Ohr! Ich schweige, ich schweige!"
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Wolke fuhr fort:
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Des Mädchens Freude: Der Liebste kann sich nicht von ihr trennen.
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Des Mädchens Spaß: Die Flöte schweigt – da greift sie zum Saitenspiel.
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Dann sang sie:
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Als das Kardamom am dritten Tag des dritten Monats erblühte,
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versuchte ein Käferchen, ins Innre zu gelangen.
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Es mühte sich den halben Tag und kam doch nicht hinein –
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da kletterte es auf die Blüte und schaukelte darauf.
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Ach, mein Herzchen, mein Liebling –
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wenn ich mich dir nicht öffne, wie willst du dann hinein?
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Sie leerte ihren Becher und zitierte:
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„Üppig die Pfirsiche stehen."
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Damit war auch ihr Teil erfüllt. Nun kam Becken Schnee an die Reihe.
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„Also jetzt ich", sagte er: „Des Mädchens Kummer ..." Nach langem Schweigen kam nichts weiter. Feng Ziying lachte: „Worüber denn? Sag es endlich!"
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Becken Schnee riss die Augen auf, bis sie groß waren wie Messingschellen, und starrte lange ins Leere. Dann setzte er erneut an: „Des Mädchens Kummer ..." Er räusperte sich zweimal und sprach endlich:
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„Des Mädchens Kummer: Ihr Mann erweist sich als Hahnrei."
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Alle brachen in schallendes Gelächter aus. Becken Schnee fragte: „Warum lacht ihr? Ist das etwa nicht richtig? Da heiratet ein Mädchen einen Kerl, und dann geht er in die Hurenhäuser – muss sie da nicht bekümmert sein?"
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Die anderen krümmten sich vor Lachen und bestätigten: „Du hast vollkommen recht! Mach schnell weiter!"
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Becken Schnee riss wieder die Augen auf und begann: „Des Mädchens Ärger ..." Dann verstummte er erneut.
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Alle fragten: „Worüber ärgert sie sich?"
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Becken Schnee sagte: „Aus dem Boudoir springt ein Riesenaffe heraus."
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Alle lachten und riefen: „Das muss bestraft werden! Dieser Satz ergibt überhaupt keinen Sinn – den vorigen konnte man zur Not noch gelten lassen." Und schon wollten sie Strafwein eingießen.
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Doch Schatzjade sagte lächelnd: „Solange es sich reimt, ist es gut."
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Becken Schnee triumphierte: „Der Spielleiter hat es erlaubt – was regt ihr euch auf?" Erst da gaben die anderen Ruhe.
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Wolke sagte lächelnd: „Die nächsten beiden werden noch schwieriger. Ich sage sie statt deiner!"
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Becken Schnee wehrte ab: „Unsinn! Glaubst du, ich hätte nichts Gutes? Hört zu:
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Des Mädchens Freude: In der Hochzeitsnacht zu müd zum Aufstehen!"
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Alle staunten: „Sieh an, auf einmal wird er richtig gut!"
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Becken Schnee fuhr fort: „Des Mädchens Spaß: Ein Ding fährt ihr hinein."
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Alle wandten das Gesicht ab und schimpften: „Pfui! Pfui! Pfui! Sing endlich dein Lied!"
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Becken Schnee sang: „Eine Mücke summ, summ, summ ..."
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Alle starrten ihn an: „Was soll das für ein Lied sein?"
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Becken Schnee sang weiter: „Zwei Fliegen brumm, brumm, brumm ..."
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Alle riefen: „Schluss! Aufhören!"
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Becken Schnee fragte: „Gefällt es euch nicht? Das ist ein nagelneues Lied, es heißt ‚Der Summsumm-Reim'. Wenn ihr es nicht hören wollt, singe ich eben nicht. Aber dann erlasst mir auch den Trinkschluss."
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Alle sagten einmütig: „Erlassen! Erlassen! Halte uns nur nicht länger auf!"
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Nun sprach Jadelotus Jiang:
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Des Mädchens Kummer: Der Mann zog fort und kehrt nicht wieder.
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Des Mädchens Ärger: Zu arm, um Duftblütenöl zu kaufen.
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Des Mädchens Freude: Der Lampendocht formt sich zur Doppelblüte.
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Des Mädchens Spaß: Des Mannes Lied mit eigner Stimme singen.
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Dann sang er:
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Wie herrlich schön bist du geschaffen,
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wie eine Unsterbliche, die vom Himmel stieg.
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In deinem Jugendfrühling, dem zarten Alter,
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ist es Zeit, dem Phönix dich zu paaren.
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Schau, wie hoch der Himmelsfluss schon steht,
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horch, wie spät vom Turm die Trommel schlägt!
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Komm, lass am Silberleuchter das Licht erstrahlen –
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gemeinsam treten wir ein ins Mandarinenenten-Gemach.
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Als das Lied gesungen war, leerte Jadelotus Jiang seinen Becher und sagte lächelnd: „An Gedichten und Sprüchen kenne ich mich nur wenig aus. Doch gestern las ich zufällig ein Parallelsatzpaar, von dem ich einen Satz behalten habe. Und glücklicherweise liegt das Passende hier auf dem Tisch." Er trank seinen Becher aus, nahm einen Zweig Duftblüten [木樨, Osmanthus] vom Tisch und zitierte:
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„Hüllt Blumenduft den Menschen ein, weiß man: Die Tage werden warm." [Anm.: 花气袭人知昼暖 – das Zeichen 袭 xi „hüllt ein / überfällt" ist zugleich der Bestandteil von Dufthauchs eigentlichem Namen 袭人 Dufthauch.]
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Alle ließen es gelten – das Spiel war beendet. Doch Becken Schnee sprang auf und lärmte: „Das geht nicht! Er muss bestraft werden! Er spricht von einem Schatz, aber ein Schatz ist hier nicht am Tisch!"
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Jadelotus Jiang fragte verblüfft: „Von welchem Schatz soll ich gesprochen haben?"
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Becken Schnee sagte: „Leugne nicht! Sag den Satz noch einmal!"
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Jadelotus Jiang wiederholte notgedrungen das Zitat. Da sagte Becken Schnee: „‚Dufthauch' – ‚Hüllt den Menschen ein' – das ist doch Schatzjades Dienstmädchen Dufthauch! Ist die etwa kein Schatz? Wenn ihr mir nicht glaubt, fragt ihn!" Und er wies auf Schatzjade.
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Schatzjade war peinlich berührt. Er stand auf und fragte: „Vetter Becken Schnee, wie viel Strafe verdienst du wohl dafür?"
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Becken Schnee sagte: „Strafe verdient! Strafe verdient!" Er griff zum Becher und leerte ihn in einem Zug.
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Da weder Feng Ziying noch Jadelotus Jiang verstanden hatten, worum es ging, erklärte Wolke es ihnen. Sofort stand Jadelotus Jiang auf und entschuldigte sich. Alle beruhigten ihn: „Wer aus Unwissenheit fehlt, wird nicht bestraft."
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Kurze Zeit darauf verließ Schatzjade die Tafel, um sich zu erleichtern. Jadelotus Jiang folgte ihm hinaus. Unter dem Dachvorsprung stehend, entschuldigte sich Jadelotus Jiang noch einmal. Schatzjade, der seine Anmut und Sanftheit sehr schätzte, fasste ihn fest bei der Hand und sagte: „Wenn du Muße hast, besuch mich!" Dann fuhr er fort: „Ich wollte dich noch etwas fragen. In eurer ehrenwerten Truppe gibt es einen gewissen Qiguan [琪官]. Sein Name ist in aller Munde, aber mir war es nie vergönnt, ihn zu sehen. Weißt du, wo er steckt?"
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Jadelotus Jiang lächelte: „Das ist mein Bühnenname."
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Als Schatzjade das hörte, stampfte er unwillkürlich vor Freude mit dem Fuß auf den Boden: „Welch ein Glück! Welch ein Glück! Wahrlich, der Ruf eilt dem Manne voraus! Aber wie sollen wir es halten? Wir begegnen uns doch heute zum ersten Mal!" Er dachte kurz nach, zog seinen Fächer aus dem Ärmel, löste den jadegeschnitzten Fächeranhänger in Form eines offenen Ringes [玉玦] davon und reichte ihn Qiguan: „Dieses geringe Ding ist nicht viel wert, aber es soll ein kleines Zeichen unserer heutigen Freundschaft sein."
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Qiguan nahm den Anhänger entgegen und sagte: „Eines solchen Glücks bin ich nicht würdig. Wie soll ich das erwidern? Nun – ich habe hier etwas Seltenes, das ich heute Morgen erst angelegt habe. Es ist noch ganz neu und mag einstweilen meiner aufrichtigen Zuneigung Ausdruck verleihen." Damit raffte er sein Gewand auf, band eine dunkelrote Leibbinde ab, mit der er die Unterkleider gegürtet hatte, und reichte sie Schatzjade.
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„Diese Leibbinde ist eine Tributgabe der Königin des Krappduftlandes [茜香国]", erklärte er. „Wer sie im Sommer trägt, dessen Haut verströmt Duft statt Schweiß. Gestern hat sie mir der Prinz von Beidjing [北静王] geschenkt, und ich trug sie heute zum ersten Mal. Einem anderen hätte ich sie gewiss nicht gegeben. Bitte gebt mir Eure Leibbinde dafür, junger Herr, damit auch ich sie tragen kann!"
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Vor Freude ganz außer sich, nahm Schatzjade das Geschenk entgegen und band seine eigene mattgrüne [松花] Leibbinde ab, die er Qiguan überreichte. Kaum hatten sie sich wieder in Ordnung gebracht, ertönte plötzlich ein lauter Ruf: „Erwischt!" Und im nächsten Augenblick sprang Becken Schnee hervor, packte die beiden und rief: „Statt brav zu trinken, schleicht ihr euch davon! Schnell, zeigt her, was ihr da habt!"
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Beide beteuerten: „Wir haben nichts." Doch Becken Schnee gab nicht nach. Erst als Feng Ziying herauskam, konnte er die Sache schlichten. Sie kehrten an den Tisch zurück und tranken weiter, bis es Abend wurde und man auseinanderging.
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Als Schatzjade in den Garten zurückkehrte, zog er sich um und trank Tee. Dufthauch bemerkte, dass an seinem Fächer der Anhänger fehlte, und fragte danach.
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Schatzjade log: „Den muss ich beim Reiten verloren haben."
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Als er dann schlafen ging, erblickte Dufthauch die blutrote Leibbinde, die er trug, und konnte sich die Sache zu acht oder neun Zehnteln zusammenreimen. „Wo du so eine schöne Leibbinde hast, kannst du mir ja meine zurückgeben", sagte sie.
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Jetzt erst fiel Schatzjade ein, dass jene Leibbinde Dufthauch gehört hatte und dass er sie nicht hätte weggeben dürfen. Sein Herz bereute es, doch sein Mund wollte es nicht zugeben. So versprach er nur lächelnd: „Ich besorge dir eine andere."
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Dufthauch seufzte, nickte und sagte: „Ich wusste es ja, dass du wieder so anfängst! Kannst du denn meine Sachen nicht behalten, statt sie diesem gemeinen Gesindel zu geben? Hast du denn gar keine Überlegung?" Am liebsten hätte sie noch mehr gesagt, doch sie fürchtete, der Wein könnte ihn aufbrausen lassen. Also legte auch sie sich schlafen. Über den Rest der Nacht ist nichts zu berichten.
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Am nächsten Morgen, als es hell wurde und Dufthauch eben aufwachte, hörte sie Schatzjades Stimme: „Wenn in der Nacht Einbrecher gekommen wären, hättest du auch nichts gemerkt! Sieh mal an dir herunter!"
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Dufthauch blickte hinab und sah, dass sie die Leibbinde umhatte, die Schatzjade am Vorabend getragen hatte. Er musste sie also in der Nacht ausgetauscht haben! Sofort machte sie die Binde los und sagte: „So etwas will ich nicht! Nimm das schnell weg!"
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Da blieb Schatzjade nichts anderes übrig, als eine Weile sanft auf sie einzureden, bis sie sich schließlich widerwillig fügte und die Leibbinde umband. Doch kaum war Schatzjade einmal hinausgegangen, machte sie die Binde wieder los, warf sie in eine leere Truhe und band sich eine andere um.
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Schatzjade sagte nichts weiter dazu und erkundigte sich stattdessen: „Ist gestern Abend noch etwas vorgefallen?"
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Dufthauch berichtete: „Die zweite junge gnädige Frau hat jemanden geschickt, um Rotjade abzuholen. Sie wollte eigentlich auf Euch warten, aber ich dachte, was liegt daran? Da habe ich sie gleich gehen lassen."
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Schatzjade sagte: „Das war ganz richtig. Ich wusste ja davon. Wozu hätte sie auf mich warten sollen?"
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Dufthauch fuhr fort: „Außerdem hat gestern die kaiserliche Nebengemahlin<ref>Chin. 贾元春 Jiǎ Yuánchūn, die Kaiserliche Nebengemahlin, Schatzjades ältere Schwester.</ref> durch den Obereunuchen Xia [夏太监] einhundertzwanzig Liang Silber bringen lassen, damit vom Ersten bis zum Dritten des Monats im Kloster der Reinen Leere [清虚观] ein dreitägiger Bittgottesdienst für Frieden und Wohlergehen abgehalten wird, mit Theateraufführungen und Opfergaben. Herrlichkeit Kaufmann<ref>Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Herrlichkeit Kaufmann".</ref> soll mit den Herren der Familie kniefällig Weihrauch abbrennen und zu Buddha beten. Außerdem sind auch die Geschenke zum Drachenbootfest [端午节] gekommen." Damit befahl sie den kleinen Mädchen, die Gaben vom Vortag zu bringen.
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Schatzjade erblickte zwei Palastfächer der besten Sorte, zwei rote Gebetsschnüre aus Moschusperlen, zwei Stück „Phönixschwanzseide" und eine Bambusmatte mit Lotusmuster.
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Schatzjade freute sich sehr und fragte: „Haben die anderen das Gleiche bekommen?"
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Dufthauch gab Auskunft: „Die Herzoginmutter hat zusätzlich ein Duftholz-Glückwunschzepter und ein Achat-Nackenkissen bekommen. Die gnädige Frau, der gnädige Herr und die gnädige Frau Tante bekamen nur je ein Glückwunschzepter mehr. Was Ihr erhalten habt, ist genau das Gleiche wie bei Fräulein Schatzspange. Fräulein Kajaljade hat genau wie die zweite, dritte und vierte Kusine nur die Fächer und die Gebetsschnüre bekommen, sonst nichts. Die Frau des ersten und die des zweiten jungen Herrn bekamen je zwei Stück Gaze, zwei Stück dünne Seide, zwei Riechbeutelchen und zwei Stück gepresste Medizin."
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Schatzjade fragte lächelnd: „Was soll das bedeuten? Warum hat Schwester Kajaljade nicht das Gleiche bekommen wie ich, Kusine Schatzspange aber schon? Ist da nicht etwas verwechselt worden?"
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Dufthauch sagte: „Als die Geschenke gestern gebracht wurden, war bei jedem ein Zettel mit dem Namen dabei. Wie sollte da etwas verwechselt werden? Eure Sachen lagen bei der Herzoginmutter. Als ich sie abholte, sagte die Herzoginmutter, Ihr sollt morgen in der fünften Nachtwache in den Palast gehen und Euch für den Gnadenbeweis bedanken."
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Schatzjade sagte: „Selbstverständlich muss ich mich bedanken gehen." Dann rief er Zixiao [紫绡] herbei und befahl: „Trag das alles zu Fräulein Kajaljade und sage ihr, das seien die Geschenke, die ich gestern erhalten habe – sie soll sich nehmen, was ihr gefällt."
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Zixiao sagte: „Jawohl!" und ging mit den Sachen fort. Bald kam sie zurück und meldete: „Fräulein Kajaljade sagte, auch sie habe gestern Geschenke bekommen, und der junge Herr solle seine nur behalten."
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Schatzjade ließ die Sachen wegräumen. Nachdem er sich gewaschen und angezogen hatte, verließ er sein Gehöft, um der Herzoginmutter seinen Morgengruß darzubringen. Da kam ihm plötzlich Kajaljade entgegen. Er eilte auf sie zu und fragte lächelnd: „Ich habe dir angeboten, dir etwas auszusuchen – warum hast du nichts genommen?"
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Kajaljade, die ihren Kummer vom Vortag bereits vergessen hatte und ganz mit den Dingen des heutigen Tages beschäftigt war, sagte: „So großem Glück bin ich nicht gewachsen. Mit Kusine Schatzspange kann ich mich nicht messen – die hat Gold und bekommt Jade dazu. Ich bin nur eine einfache Pflanze, ein gewöhnliches Gewächs!"
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Als Schatzjade die Worte „Gold" und „Jade" hörte, regte sich unwillkürlich ein Verdacht in seinem Herzen. „Mögen andere von Gold und Jade reden", sagte er. „Wenn in meinem Herzen jemals ein solcher Gedanke gewesen sein sollte, dann soll der Himmel mich strafen und die Erde mich vernichten, und in zehntausend Wiedergeburten will ich nicht mehr zum Menschen werden!"
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Kajaljade erkannte an seinen Worten, welche Vermutung ihn aufgeschreckt hatte, und sagte rasch mit einem Lächeln: „Was für ein Unsinn, grundlos solche fürchterlichen Schwüre zu leisten! Was kümmern mich euer Gold und eure Jade!"
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Schatzjade fuhr fort: „Was in meinem Herzen ist, kann ich dir nur schwer sagen. Eines Tages wirst du es von selbst verstehen. Neben der Herzoginmutter, dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau bist du der vierte Mensch in meinem Herzen. Wenn es noch jemand Fünftes gäbe, dann gelte mein Schwur!"
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Kajaljade sagte: „Du brauchst gar nicht zu schwören. Ich weiß sehr wohl: In deinem Herzen gibt es die ‚Schwester', aber sobald du die ‚Kusine' siehst, vergisst du die ‚Schwester'."
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Schatzjade widersprach: „Das bildest du dir nur ein. So einer bin ich nicht."
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Kajaljade fragte: „Und warum hast du mir gestern Vorwürfe gemacht, als Kusine Schatzspange dich nicht durch eine Lüge in Schutz nehmen wollte? Wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre, möchte ich nicht wissen, was dann!"
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Gerade als sie noch sprachen, erblickten sie Schatzspange, die von der anderen Seite herüberkam. Die beiden trennten sich sofort.
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Schatzspange hatte sie ganz offensichtlich gesehen, tat aber, als hätte sie nichts bemerkt, und ging mit gesenktem Kopf an ihnen vorbei. Sie besuchte zunächst die Dame König und blieb dort ein Weilchen. Dann ging sie zur Herzoginmutter, wo Schatzjade bereits eingetroffen war.
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Seit ihre Mutter vor der Dame König erzählt hatte, ein Mönch habe ihr das goldene Amulett geschenkt und dabei gesagt, Schatzspange könne dereinst nur mit jemandem verheiratet werden, der ein Jadestück als Pendant besitze, hatte Schatzspange in ihrem Verhalten zu Schatzjade stets Abstand gehalten. Und als sie am Vortag gesehen hatte, dass die kaiserliche Nebengemahlin [元春] ihr und Schatzjade die gleichen Geschenke sandte, war ihr das höchst unangenehm gewesen. Zum Glück war Schatzjade mit Kajaljade vollauf beschäftigt und widmete dieser seine Gedanken so ausschließlich, dass er den Umstand gar nicht beachtete.
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Doch nun fragte Schatzjade plötzlich lächelnd: „Kusine Schatzspange, darf ich mir deine rote Moschusperlenschnur ansehen?"
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Zufällig trug Schatzspange eine der Gebetsschnüre um ihr linkes Handgelenk geschlungen. Da Schatzjade sie darum bat, musste sie sie wohl oder übel abstreifen. Nun war aber Schatzspange von üppiger Gestalt, und die Perlenschnur ließ sich nicht so leicht abstreifen.
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Als Schatzjade dabei ein Stück ihres weichen, schneeweißen Armes erblickte, überkam ihn unwillkürlich ein sehnsüchtiges Bewundern. Insgeheim dachte er: „Wenn dieser Arm Schwester Kajaljade gehörte, könnte ich ihn vielleicht einmal berühren. Ausgerechnet wächst er an Schatzspanges Leib!" Gerade als er sich darüber grämte, dass es ihm nicht vergönnt war, ihn zu berühren, fiel ihm plötzlich die Sache mit dem „Gold und der Jade" ein.
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Er betrachtete Schatzspange: Ihr Gesicht war wie eine silberne Schale, die Augen wie feuchte Aprikosen, die Lippen rot ohne Schminke, die Brauen dunkel ohne Tusche. Verglichen mit Kajaljade besaß sie eine ganz andere Art von Anmut und Eleganz. Ohne es selbst zu merken, versank Schatzjade so in ihren Anblick, dass er gar nicht bemerkte, wie Schatzspange die Perlenschnur abgestreift hatte und sie ihm hinhielt.
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Als Schatzspange ihn so geistesabwesend stehen sah, war sie peinlich berührt. Sie legte die Perlenschnur hin, wandte sich um und wollte gehen. Da erblickte sie Kajaljade, die auf der Türschwelle stand, auf ihr Taschentuch biss und lächelte.
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Schatzspange fragte: „Du verträgst doch keinen Luftzug – warum stehst du im Durchzug?"
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Kajaljade lachte: „Ich war ja im Zimmer. Aber dann ertönte vom Himmel ein lautes Geschrei, und ich ging hinaus, um nachzusehen. Es war aber nur eine dumme Gans."
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Schatzspange fragte: „Wo ist sie? Ich möchte sie auch sehen!"
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Kajaljade sagte: „Kaum war ich draußen, ist sie – husch! – davongeflogen."
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Bei diesen Worten schwang sie das Taschentuch in ihrer Hand und schlug es Schatzjade ins Gesicht. Schatzjade, der nichts geahnt hatte, bekam den Schlag genau auf die Augen und fuhr mit einem Schmerzensschrei zusammen.
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Wer erfahren will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.
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<references />

Latest revision as of 19:35, 28 April 2026

Kapitel 28 蒋玉函情赠茜香罗 薛宝钗羞笼红麝串

Jadelotus Jiang[1] schenkt in herzlicher Zuneigung die krapprote Duftschärpe Schatzspange verbirgt verschämt die rote Moschusperlenschnur

Weil Heitermuster[2] am Vorabend das Tor nicht aufgemacht hatte, war Kajaljade[3] einem falschen Verdacht gegen Schatzjade[4] erlegen. Dann fiel gerade auf den nächsten Tag das Abschiedsopfer für die Blütengöttin, und so hatte sich zu dem ungestillten Kummer in Kajaljades Brust noch die Trauer um den scheidenden Frühling gesellt. Als sie einige welke Blüten begrub, war sie unwillkürlich vom Schmerz um die Blüten und von Mitleid mit sich selbst überwältigt worden, hatte ein paar Tränen vergossen und dann, wie es ihr in den Sinn kam, ein paar Verse gesprochen – ohne zu ahnen, dass Schatzjade sie vom Berghang aus hörte.

Zuerst hatte Schatzjade nur genickt und mitfühlend geseufzt. Doch als er dann die Verse vernahm: „Dass ich die Blüten begrabe, nennen die Leute Torheit – doch wer wird mich begraben, wenn ich dereinst gestorben bin?" und „Unversehens vergehen die Tage des Frühlings, verblüht die Jugend – die Blüten welken, und ich sterbe, und keiner weiß davon", da stürzte er, von Schmerz betäubt, am Berghang nieder, und die welken Blüten, die er im Schoß seines Gewandes trug, fielen über den ganzen Boden verstreut.

Wenn er bedachte, dass auch Kajaljades blumen- und mondgleiches Antlitz eines Tages unwiederbringlich vergehen würde – wie sollte das nicht Herz und Eingeweide zerreißen? Und wenn Kajaljade unwiederbringlich vergehen würde, so folgerte er weiter, dann galt das ebenso für Schatzspange[5], für Duftkastanie[6], für Dufthauch[7] und die anderen – auch sie würden eines Tages unwiederbringlich vergehen. Und wenn Schatzspange und die anderen vergangen wären – wo würde er selbst dann sein? Und wenn er nicht einmal wusste, wo er selbst sein würde noch wohin er gehen würde, wem gehörten dann dieser Ort, dieser Garten, diese Blumen, diese Weiden?

So führte eins zum andern, und je weiter er darüber nachdachte, desto mehr wünschte er sich, augenblicklich zu einem bewusstlosen, dummen Ding zu werden, das von nichts weiß, um dem großen Schicksal zu entgehen und dem Netz des irdischen Daseins zu entfliehen. Dann wäre dieser Schmerz von ihm genommen. Wahrlich:

Blütenschatten weichen nicht von seiner Seite, Vogelstimmen klingen nur in seinen Ohren.

Kajaljade war noch in ihrem Gram versunken, als sie plötzlich vom Berghang her ebenfalls Klagelaute vernahm. „Alle lachen mich aus, weil sie meinen, ich sei ein wenig töricht", dachte sie. „Gibt es denn noch einen Toren außer mir?" Sie blickte auf und entdeckte Schatzjade. „Pfui!" entfuhr es ihr. „Ich dachte, wer weiß wer das ist – dabei ist es nur dieser hartherzige, kurzlebige ..." Kaum hatte sie „kurzlebige" gesagt, presste sie die Hand auf den Mund und seufzte schwer. Dann wandte sie sich um und ging davon.

Schatzjade härmte sich noch eine Weile weiter. Als er endlich aufblickte und Kajaljade nicht mehr sah, begriff er, dass sie ihn erblickt und sich davongemacht hatte. Auch ihn überkam das Gefühl der Sinnlosigkeit. Er klopfte sich die Erde ab, stand auf, stieg den Hang hinunter und ging auf dem alten Weg zurück zum Hof der Roten Freude [怡红院]. Da erblickte er vor sich Kajaljade und eilte ihr nach. „Bleib doch stehen!" sagte er. „Ich weiß, du willst nichts mehr von mir wissen. Lass mich nur noch einen einzigen Satz sagen, und dann trennen wir uns für immer!"

Kajaljade wandte sich um, sah, dass es Schatzjade war, und wollte ihn eigentlich nicht beachten. Doch als sie hörte, er wolle nur noch einen einzigen Satz sagen und dann sei es für immer vorbei, klangen diese Worte so bedeutungsvoll, dass sie unwillkürlich stehen blieb und sagte: „Wenn es nur ein Satz ist, dann sprich!"

Schatzjade lächelte: „Und wenn es zwei sind – hörst du mich dann auch an?"

Sofort wandte Kajaljade sich wieder um und ging weiter.

Da seufzte Schatzjade hinter ihr her: „Wozu musste es den Anfang geben, wenn es dieses Heute gibt?"

Kajaljade blieb unwillkürlich stehen, wandte den Kopf und fragte: „Was war denn zu Anfang? Und was ist heute?"

Schatzjade seufzte: „Zu Anfang, als du zu uns kamst – war ich es nicht, der dich bei allen Spielen begleitete? Was immer mir lieb war, wenn du es haben wolltest, habe ich es dir gegeben. Was immer ich gern aß, wenn ich hörte, dass du es auch gern mochtest, habe ich es sofort sauber und reinlich für dich aufgehoben. Wir aßen an einem Tisch und schliefen auf einem Bett. Woran die Mädchen nicht dachten, daran dachte ich an ihrer Statt, weil ich Angst hatte, du könntest dich aufregen.

Ich glaubte in meinem Herzen: Wir Geschwister sind von klein auf zusammen aufgewachsen, ob blutsverwandt oder nicht, ob vertraut oder nicht – wenn wir uns gut verstehen bis zum Letzten, dann zeigt sich, dass wir einander näher stehen als die anderen. Und nun, wer hätte gedacht, dass du, seit du erwachsen geworden bist, so hochmütig wirst, dass du mich nicht mehr ansiehst? Stattdessen schließt du Fremde wie eine ‚Kusine Schatzspange' und eine ‚Schwägerin Phönixglanz'[8] in dein Herz und beachtest mich tagelang nicht!

Ich habe keinen leiblichen Bruder und keine leibliche Schwester. Zwar gibt es zwei Geschwister, aber du weißt doch, dass sie nicht von meiner Mutter sind! Ich bin ebenso allein wie du und glaubte, dein Herz schlüge wie meines. Doch nun sehe ich, dass ich mir umsonst den Kopf zerbrochen habe und mich nirgendwohin mit meinem Kummer wenden kann!" Bei diesen Worten liefen ihm unwillkürlich die Tränen über die Wangen.

Als Kajaljade diese Worte hörte und diesen Anblick sah, schmolz ihr Herz dahin, und auch ihr rannen die Tränen herab. Sie senkte den Kopf und schwieg.

Schatzjade sah sie so und fuhr fort: „Ich weiß selbst, dass ich jetzt nicht mehr so bin wie früher. Aber wie schlecht ich auch sein mag, vor dir würde ich mir niemals etwas zuschulden kommen lassen. Und wenn ich einmal doch ein wenig fehle, dann könntest du mich ermahnen und für die Zukunft warnen, oder mich schelten, oder mich schlagen – ich würde mich nicht grämen.

Aber du beachtest mich einfach nicht mehr, so dass ich überhaupt nicht verstehe, was eigentlich los ist, ganz aus der Fassung gerate und nicht weiß, was ich tun soll. Wenn ich jetzt stürbe, wäre ich ein Geist, der unschuldig zu Tode kam, und selbst die Gebete der höchsten buddhistischen und daoistischen Priester könnten mich nicht erlösen. Erst wenn du mir sagst, was ich getan habe, kann ich wiedergeboren werden!"

Als Kajaljade diese Worte vernahm, war die Kränkung vom Vorabend schon bis jenseits des neunten Himmels verflogen. „Wenn du das so sagst", fragte sie, „warum hast du dann gestern, als ich kam, dem Mädchen befohlen, das Tor nicht zu öffnen?"

Schatzjade war verblüfft: „Wie meinst du das? Wenn ich so etwas getan hätte, will ich auf der Stelle sterben!"

Kajaljade rügte: „Pfui! Am frühen Morgen gleich von Sterben reden – das gehört sich nicht! Sag einfach, du hast es getan oder nicht, wozu schwörst du gleich?"

Schatzjade beteuerte: „Ich wusste wirklich nicht, dass du da warst. Es war nur Kusine Schatzspange, die ein Weilchen dagesessen hat und dann wieder ging."

Kajaljade dachte kurz nach und sagte dann lächelnd: „Ja, natürlich. Vermutlich waren deine Mädchen zu faul zum Aufstehen und haben aus schlechter Laune heraus gemault. So etwas kommt vor."

Schatzjade bestätigte: „Das wird es gewesen sein. Wenn ich zurückkomme, frage ich, wer es war, und weise sie zurecht."

Kajaljade fuhr fort: „Deine Mädchen verdienen es wirklich, einmal zurechtgewiesen zu werden. Aber eigentlich hätte ich das nicht erwähnen sollen. Dass sie mich beleidigt haben, ist noch das Geringste. Aber wenn morgen einmal Kusine Schatzspange kommt, oder eine ‚Fräulein Kostbar', und die wird auch so behandelt – das wäre dann wirklich schlimm!" Dabei verzog sie den Mund zu einem Lächeln.

Als Schatzjade das hörte, wollte er gleichzeitig die Zähne zusammenbeißen und laut loslachen.

Während sie noch so miteinander sprachen, kam ein Mädchen und bat sie zum Essen. Alle gingen in die vorderen Räume. Als die Dame König[9] Kajaljade erblickte, fragte sie: „Hat die Medizin von Hofarzt Bao dir geholfen, Fräulein?"

Kajaljade antwortete: „Es geht mir wie immer. Die Herzoginmutter[10] hat angeordnet, dass ich die Medizin von Doktor Wang nehmen soll."

Schatzjade mischte sich ein: „Ihr müsst wissen, Mutter, Schwester Kajaljade leidet an innerer Schwäche – das ist angeboren. Deshalb ist sie nicht einmal der kleinsten Erkältung gewachsen. Wenn sie nur zwei Portionen von dem Heiltrank einnimmt, ist die Erkältung vertrieben. Doch danach sollte sie besser Pillen schlucken."

Dame König sagte: „Neulich hat der Arzt Pillen erwähnt, aber ich habe den Namen vergessen."

Schatzjade sagte: „Ich kenne diese Pillen. Es werden wohl die ‚Stärkenden Ginsengpillen' sein."

Dame König schüttelte den Kopf: „Nein, die waren es nicht."

Schatzjade riet weiter: „Die ‚Herzgespannpillen der Acht Kostbarkeiten'? ‚Linke Engelwurzpillen'? ‚Rechte Engelwurzpillen'? Oder vielleicht ‚Sechserlei-Pillen mit Ophiopogon und Rehmannie'?"

Dame König verneinte: „Alles nicht. Ich erinnere mich nur, dass das Wort ‚Himmelswächter' darin vorkam." [Anm.: Sie meint 金刚 jingang, „Vajra/Himmelswächter", verwechselt es aber mit 天王 tianwang, „Himmelskönig"]

Schatzjade fuhr sich durch die Haare und rief lachend: „Von ‚Himmelswächterpillen' habe ich noch nie gehört! Wenn es Himmelswächterpillen gibt, muss es sicher auch ‚Bodhisattwa-Pulver' geben!"

Alle im Raum brachen in Gelächter aus. Einzig Schatzspange verzog nur verschmitzt den Mund und sagte: „Es werden wohl die ‚Herzstärkenden Himmelskönigs-Perlen' sein." [Anm.: 天王补心丹, ein bekanntes Rezept der traditionellen chinesischen Medizin]

Dame König lachte: „Ja, das war der Name! Ich werde wirklich schon vergesslich."

Schatzjade warf ein: „Ihr werdet nicht vergesslich, Mutter – es sind die ‚Himmelswächter' und ‚Bodhisattwas', die Euch ganz durcheinanderbringen!"

Dame König schalt: „Schäm dich, so daherzureden! Dein Vater hat dich mal wieder lange nicht verprügelt!"

Schatzjade gab zurück: „Dafür wird mich Vater bestimmt nicht verprügeln."

Dame König sagte: „Gut, da wir jetzt den Namen haben, werde ich morgen jemanden schicken, der davon kauft, damit Kajaljade sie einnehmen kann."

Schatzjade aber erklärte lächelnd: „Das hilft doch alles nichts! Gebt mir dreihundertsechzig Liang Silber, und ich bereite für Schwester Kajaljade eine Portion Pillen, die ihr garantiert hilft, noch ehe die Portion zu Ende ist."

Dame König rief: „Unsinn! Was für eine Medizin soll so teuer sein?"

Schatzjade beteuerte lächelnd: „Es ist wirklich wahr! Mein Rezept ist mit keinem anderen zu vergleichen, und auch der Name ist so sonderbar, dass ich ihn auf die Schnelle nicht erklären kann. Wenn ich allein an die Plazenta eines Erstgeborenen und eine menschenförmige Ginsengwurzel mit allen Blättern denke, reichen dreihundertsechzig Liang noch nicht einmal aus. Dazu kommen eine Knöterichwurzel, so groß wie eine Schildkröte, und Kokosporlinge von den Wurzeln tausendjähriger Kiefern – und das sind alles nur gewöhnliche Zutaten, die in der Masse der Ingredienzen nicht weiter auffallen. Die Hauptzutat aber, wenn ich ihren Namen nenne, erschrickt man zu Tode.

Vetter Becken Schnee hat mich ein, zwei Jahre lang gebeten, ehe ich ihm das Rezept gegeben habe. Und als er es hatte, musste er noch zwei, drei Jahre nach den Zutaten suchen und hat mehr als tausend Liang Silber ausgegeben, ehe er alles beisammen hatte. Wenn Ihr mir nicht glaubt, Mutter, fragt nur Kusine Schatzspange!"

Schatzspange aber winkte lächelnd ab: „Ich weiß nichts davon und habe auch nie davon gehört. Berufe dich nur nicht auf mich vor der Tante!"

Dame König lobte lächelnd: „Schatzspange ist doch ein braves Kind und lügt nicht."

Als Schatzjade, wie er so dastand, diese Worte vernahm, wandte er sich um, schlug die Hände zusammen und rief: „Da sage ich die reine Wahrheit, und man wirft mir vor, ich lüge!" Dabei erblickte er, wie Kajaljade hinter Schatzspanges Rücken saß, verschmitzt lächelte und mit der Fingerspitze über ihre Wange fuhr, um ihn zu beschämen.

Phönixglanz, die im Nebenraum das Aufstellen der Tische beaufsichtigt hatte, kam jetzt herüber und mischte sich lächelnd ein: „Bruder Schatzjade lügt nicht, das Rezept gibt es wirklich. Neulich ist Vetter Becken Schnee persönlich bei mir gewesen, weil er Perlen suchte. Als ich fragte, wozu er sie brauche, sagte er, für ein Medikament. Er beklagte sich sogar, hätte er gewusst, wie aufwendig das sei, hätte er die Finger davon gelassen.

Als ich fragte, was für ein Rezept es sei, sagte er, es stamme von Bruder Schatzjade, und er zählte mir so viele Zutaten auf, dass ich gar nicht die Muße hatte, alle anzuhören. Dann sagte er, eigentlich hätte er selbst Perlen gekauft, aber es müssten unbedingt solche sein, die bereits am Kopf getragen worden seien. Darum sei er zu mir gekommen. Wenn ich keine losen hätte, sagte er, gingen auch welche von einem Schmuckstück, er wolle die Perlen abmachen und mir später schöne neue auffädeln lassen.

Was blieb mir übrig? Ich habe zwei Perlenblumen auseinandergenommen und ihm gegeben. Außerdem wollte er noch ein Stück dunkelroter Palastseidengaze von drei Chi Länge, um das Pulver zu sieben, wenn er die Perlen im Mörser zerrieben hätte."

Bei jedem Satz von Phönixglanz rief Schatzjade den Namen Buddhas an und sagte: „Die Sonne scheint ins Zimmer!" [Anm.: Redewendung für „Die Wahrheit kommt ans Licht"] Als Phönixglanz geendet hatte, erklärte er: „Dabei müsst Ihr bedenken, Mutter, dass dies nur ein Notbehelf ist. Dem eigentlichen Rezept zufolge müssten die Perlen und Edelsteine aus alten Gräbern stammen – nur der Kopfschmuck, den die Leichen reicher und vornehmer Leute des Altertums als Grabbeigabe trugen, wäre das Richtige gewesen. Aber wie kann man heutzutage deswegen Gräber aufbrechen? Darum tut es auch etwas, das lebende Menschen getragen haben."

Dame König rief: „Amitabha Buddha! Das darf doch nicht wahr sein! Selbst wenn es so etwas in den Gräbern gibt – wie soll eine Medizin wirken, für die man die Gebeine von Menschen durchwühlt und bestielt, die seit Jahrhunderten tot sind?"

Schatzjade wandte sich an Kajaljade: „Hast du es gehört? Wird vielleicht auch die zweite Schwägerin lügen, um mir zu Gefallen zu sein?" Dabei war sein Gesicht zwar Kajaljade zugewandt, sein Blick aber streifte Schatzspange.

Kajaljade zupfte Dame König am Ärmel: „Hört Ihr das, Tante? Weil Kusine Schatzspange ihn nicht durch eine Lüge in Schutz nehmen wollte, lässt er es jetzt an mir aus!"

Dame König bestätigte: „Schatzjade versteht sich wirklich darauf, seine Schwester zu schikanieren."

Schatzjade aber widersprach lächelnd: „Ihr wisst nicht, wie das zusammenhängt, Mutter. Als Kusine Schatzspange noch zu Hause wohnte, hat sie schon nicht gewusst, was Vetter Becken Schnee treibt; seit sie im Garten wohnt, weiß sie das natürlich erst recht nicht. Schwester Kajaljade hat mich vorhin hinter Kusine Schatzspanges Rücken verspottet, weil sie meinte, ich hätte gelogen."

Gerade als er noch sprach, kam ein Mädchen aus den Gemächern der Herzoginmutter, um Schatzjade und Kajaljade zum Essen zu holen. Kajaljade stand auf, ohne ein Wort an Schatzjade zu richten, fasste das Mädchen bei der Hand und ging los.

Das Mädchen sagte: „Wartet doch auf den zweiten jungen Herrn, wir gehen zusammen!"

Kajaljade erwiderte: „Er isst nicht. Wir gehen. Ich gehe voraus." Und schon war sie zur Tür hinaus.

Schatzjade sagte: „Ich esse heute bei der Mutter."

Dame König erwiderte: „Lass das! Ich esse heute Fastenspeisen. Geh und iss ordentlich!"

Schatzjade beharrte: „Ich esse auch Fastenspeisen." Dann befahl er dem Mädchen, es solle gehen, und lief voraus zum Tisch, wo er sich hinsetzte.

Dame König sagte lächelnd zu Schatzspange und den anderen: „Esst nur eure Speisen und lasst ihm seinen Willen."

Schatzspange sagte lächelnd zu Schatzjade: „Geh doch hinüber und leiste Schwester Kajaljade Gesellschaft, ob du nun dort etwas isst oder nicht. Ihr ist gar nicht wohl."

Schatzjade entgegnete: „Lass nur, das gibt sich!"

Kurze Zeit später, als man gegessen hatte, fürchtete Schatzjade einerseits, die Herzoginmutter könnte sich seinetwegen Sorgen machen, andererseits machte er sich selbst Gedanken um Kajaljade. Darum verlangte er hastig Tee zum Mundspülen.

Erkundefrühling Kaufmann[11] und Kostbarfrühling Kaufmann[12] lachten: „Zweiter Bruder, was hast du es den ganzen Tag so eilig? Selbst beim Essen und Teetrinken muss alles holterdiepolter gehen!"

Schatzspange sagte lächelnd: „Lasst ihn sich nur beeilen, er muss zu Schwester Kajaljade. Wozu soll er sich mit uns abgeben?"

Nach dem Tee ging Schatzjade hinaus und schlug den Weg zum westlichen Wohngehöft ein. Gerade als er an Phönixglanz' Hoftor kam, stand sie dort, stieß mit dem Fuß an die Türschwelle, stocherte mit einem Ohrlöffelchen in den Zähnen und sah zu, wie mehr als zehn Burschen Blumentöpfe umstellten. Als sie Schatzjade erblickte, sprach sie ihn lächelnd an: „Gut, dass du kommst! Herein, herein! Du musst etwas für mich schreiben."

Schatzjade folgte ihr notgedrungen ins Haus. Phönixglanz ließ Pinsel, Tuschstein und Papier bringen und diktierte: „Geblümter dunkelroter Brokat – vierzig Stück. Drachenbrokat – vierzig Stück. Palastgaze in verschiedenen Farben – einhundert Stück. Goldene Halsreifen – vier Stück."

Schatzjade fragte: „Was soll das werden? Das ist weder eine Bestandsliste noch eine Geschenkliste. Wie soll ich das schreiben?"

Phönixglanz erwiderte: „Schreib es einfach auf. Solange ich es verstehe, reicht das."

Also schrieb Schatzjade, was ihm gesagt wurde. Phönixglanz nahm das Geschriebene entgegen und sagte lächelnd: „Da ist noch etwas, das ich mit dir besprechen will – ich weiß nur nicht, ob du einverstanden bist. Du hast in deinen Räumen ein Mädchen namens Rotjade[13], das ich schon länger zu mir in Dienst nehmen wollte. Ich habe es nur nie erwähnt, aber heute, wo ich dich sehe, fällt es mir wieder ein."

Schatzjade sagte: „Ich habe ohnehin so viele Mädchen in meinen Räumen. Nimm, wen du willst, Schwester. Wozu fragst du mich erst?"

Phönixglanz lachte: „Dann schicke ich also jemanden, der sie holt."

Schatzjade sagte: „Nur zu!" Und schon wollte er gehen.

Phönixglanz rief: „Komm zurück! Ich habe noch eine Sache!"

Schatzjade erwiderte: „Die Herzoginmutter hat mich rufen lassen. Was es auch ist, es muss warten, bis ich wiederkomme." Damit ging er wirklich zu den Gemächern der Herzoginmutter, wo alle schon gegessen hatten.

Die Herzoginmutter fragte: „Was hast du bei deiner Mutter Gutes gegessen?"

Schatzjade antwortete lächelnd: „Nichts Besonderes, aber ich habe eine Schale Reis mehr gegessen als sonst." Dann fragte er: „Wo ist Schwester Kajaljade?"

Die Herzoginmutter sagte: „Im Innenraum."

Schatzjade ging hinein und sah, wie ein Mädchen am Boden die Holzkohle im Plätteisen anfachte, während auf dem Ofenbett zwei andere mit der Kreideschnur ein Schnittmuster auf Stoff übertrugen. Kajaljade aber stand vornübergebeugt da, eine Schere in der Hand, und schnitt etwas zu.

Schatzjade trat lächelnd ein: „Was machst du da? Du hast gerade erst gegessen und beugst dich schon so tief herab – gleich bekommst du wieder Kopfschmerzen!"

Kajaljade beachtete ihn nicht im Geringsten und arbeitete einfach weiter.

Ein Mädchen sagte: „Das Stückchen Seide hier ist noch nicht glatt, es müsste noch einmal gebügelt werden."

Kajaljade legte die Schere aus der Hand und sagte: „Lass nur, das gibt sich."

Als Schatzjade diese Worte hörte, stutzte er betroffen. Da kamen auch Schatzspange und Erkundefrühling Kaufmann herein und plauderten eine Weile mit der Herzoginmutter.

Schatzspange kam in den Innenraum und fragte: „Was machst du, Schwester Kajaljade?" Als sie sah, dass Kajaljade mit Zuschneiden beschäftigt war, sagte sie lächelnd: „Du wirst ja immer geschickter! Sogar Kleider zuschneiden kannst du schon!"

Kajaljade erwiderte lächelnd: „Alles nur Schwindel, um die Leute an der Nase herumzuführen."

Schatzspange lachte: „Weißt du, als ich vorhin bei der Medizingeschichte sagte, ich wüsste nichts davon, hat sich Bruder Schatzjade mächtig geärgert."

Kajaljade sagte: „Lass nur, das gibt sich."

Schatzjade wandte sich an Schatzspange: „Die Herzoginmutter möchte Domino spielen und hat niemanden. Geh du zu ihr!"

Kajaljade sagte: „Du solltest lieber selber gehen. Hier im Zimmer ist ein Tiger, der dich gleich auffrisst!" Und damit wandte sie sich wieder ihrer Handarbeit zu.

Als Schatzjade sah, dass Kajaljade ihn noch immer nicht beachtete, versuchte er es lächelnd: „Du solltest draußen spazieren gehen. Zum Schneidern ist auch später noch Zeit."

Da Kajaljade ihn noch immer ignorierte, wandte sich Schatzjade an die Mädchen: „Wer hat befohlen, das zu nähen?"

Kajaljade sagte: „Ganz gleich, wer mir das befohlen hat – den zweiten jungen Herrn geht es nichts an!"

Gerade wollte Schatzjade etwas erwidern, als jemand hereinkam und meldete: „Draußen ist jemand für den jungen Herrn!"

Schatzjade ging eilig hinaus. Kajaljade rief ihm nach: „Amitabha Buddha! Wenn du zurückkommst, bin ich vielleicht schon tot!"

Draußen erwartete ihn Beiming [焙茗], der meldete: „Der junge Herr Feng lässt bitten."

Schatzjade wusste sofort, dass es um die Einladung vom Vortag ging, und befahl: „Hol mir meine Ausgehkleider!" Dann ging er in die Bibliothek.

Beiming lief zum Innentor und wartete, bis jemand herauskam. Als schließlich eine ältere Dienerin erschien, sagte Beiming: „Der zweite junge Herr Schatzjade wartet in der Bibliothek auf seine Ausgehkleider. Geht bitte hinein und sagt Bescheid!"

Die Alte fuhr ihn an: „Du dämlicher Bengel! Der junge Herr wohnt doch jetzt im Garten und sein ganzes Gefolge mit ihm. Was kommst du hierher?"

Beiming lachte: „Ihr beschimpft mich zu Recht – wie dumm von mir!" Und rasch lief er zum östlichen Innentor, wo im Gang ein paar Burschen mit den Füßen Steinkugeln hin und her traten. Beiming erklärte sein Anliegen, und einer der Burschen rannte hinein. Nach geraumer Zeit kam er mit einem Kleiderbündel zurück und übergab es Beiming. Der brachte es zur Bibliothek, und Schatzjade zog sich um und ließ sein Pferd satteln. Nur in Begleitung der vier Burschen Beiming, Chuyao [锄药], Shuangrui [双瑞] und Shuangshou [双寿] machte er sich auf den Weg.

Geradewegs gelangte er zu Feng Ziyings[14] Tor. Man meldete ihn, und Feng Ziying kam heraus, um ihn zu begrüßen und hineinzugeleiten. Drinnen saß Becken Schnee[15] bereits und wartete seit geraumer Zeit. Außerdem waren viele Sängerknaben da, ferner ein Schauspieler namens Jadelotus Jiang[16], der weibliche Rollen verkörperte, sowie das Freudenmädchen Wolke [云儿] aus dem Brokatdufthof [锦香院].

Nachdem alle einander begrüßt hatten, trank man Tee. Schatzjade hob seine Schale und sagte lächelnd: „Was du gestern von Glück und Unglück sprachst, hat mir Tag und Nacht keine Ruhe gelassen. Als heute deine Nachricht kam, bin ich sofort aufgebrochen."

Feng Ziying erwiderte lächelnd: „Ihr seid wirklich naiv, ihr beiden Vettern! Das war gestern nur ein Vorwand. Ich wollte euch aufrichtig zum Trinken einladen und fürchtete, ihr würdet absagen, darum habe ich diese Geschichte erfunden. Dass ihr dann heute sofort gekommen seid – ihr habt es tatsächlich ernst genommen!"

Alle lachten. Dann wurde der Wein aufgetragen, und man nahm der Rangordnung nach Platz. Feng Ziying ließ zunächst die Sängerknaben den Wein einschenken, dann befahl er Wolke, auch sie solle herüberkommen und zutrinken.

Nachdem Becken Schnee drei Becher getrunken hatte, vergaß er alle Hemmungen, fasste Wolke bei der Hand und sagte lächelnd: „Sing mir eins von deinen allerneuen Liedern, dann trinke ich einen ganzen Krug leer! Was sagst du?"

Wolke musste wohl oder übel die Laute [琵琶] ergreifen und sang:

Zwei Liebhaber hab ich, und keinen will ich missen, denk ich an den einen, sehnt mein Herz den andern her. Beide schön von Angesicht, kein Maler könnt sie malen. Gestern Nacht, beim heimlichen Stelldichein am Rosenspalier – der eine liebte mich, der andre kam geschlichen, beim Kreuzverhör zu dritt war keine Ausred mehr.

Als sie geendet hatte, sagte sie lächelnd: „Nun trink den ganzen Krug!"

Becken Schnee erwiderte: „Das war keinen ganzen Krug wert. Sing mir etwas Besseres!"

Schatzjade mischte sich ein: „Hört mir zu! Wenn man den Wein so wahllos in sich hineinschüttet, wird man schnell betrunken, ohne Freude daran zu haben. Ich leere jetzt erst einmal einen großen Humpen und leite dann ein neues Trinkspiel. Wer sich nicht fügt, trinkt zehn große Humpen zur Strafe und muss ausscheiden und den anderen einschenken."

Feng Ziying und Jadelotus Jiang sagten: „Einverstanden!"

Also nahm Schatzjade einen großen Humpen und leerte ihn auf einen Zug. Dann verkündete er: „Man muss die vier Wörter ‚Kummer', ‚Ärger', ‚Freude' und ‚Spaß' vortragen, und zwar auf ein Mädchen bezogen, und die Gründe erklären. Danach wird der Becher geleert. Zum Weintrinken wird ein neues, modisches Lied gesungen, und zum Schluss muss man einen Gegenstand vom Tisch nehmen und dazu einen Satz aus einem alten Gedicht, einem bekannten Spruch, aus den Vier Büchern oder den Fünf Klassikern zitieren."

Noch ehe Schatzjade zu Ende gesprochen hatte, sprang Becken Schnee auf und protestierte: „Ich mache nicht mit! Zählt mich nicht dazu! Das ist doch nur, um mich zum Narren zu halten!"

Da stand auch Wolke auf, drückte ihn zurück auf seinen Platz und sagte lächelnd: „Wovor hast du Angst? Und das sagst du, wo du doch jeden Tag trinkst! Wirst du es ja wohl mit mir aufnehmen können, und ich mache auch mit! Sag, was du sagen willst. Wenn es richtig ist, gut, wenn nicht, trinkst du ein paar Strafbecher – daran stirbst du nicht. Willst du lieber zehn Humpen trinken und uns den Wein einschenken?"

Alle klatschten und riefen: „Bravo!" Becken Schnee blieb keine andere Wahl, als sitzen zu bleiben.

Schatzjade begann:

Des Mädchens Kummer: Die Jugend vergeht, doch einsam bleibt ihr Gemach. Des Mädchens Ärger: Sie riet ihrem Mann, in der Fremde nach Ämtern zu streben. Des Mädchens Freude: Ihr morgendlich Spiegelbild – welch liebliches Gesicht! Des Mädchens Spaß: Auf der Schaukel im Frühling – wie leicht das Gewand!

Alle sagten: „Das war gut!" Nur Becken Schnee warf den Kopf in den Nacken, schüttelte ihn und erklärte: „Schlecht! Er muss bestraft werden!"

Die anderen fragten: „Wieso bestraft?"

Becken Schnee sagte: „Ich habe kein einziges Wort verstanden. Natürlich muss er da bestraft werden!"

Wolke kniff ihn und zischte lächelnd: „Sei lieber still und denk über deine eigenen Sätze nach. Wenn du nachher nichts zu sagen weißt, wirst du selbst bestraft." Dann nahm sie die Laute auf, und Schatzjade sang:

Nimmer versiegen die blutigen Tränen der Sehnsucht, rote Bohnen werf ich aus, schlaflos lausch ich hinter dem Gazefenster auf Wind und Regen nach der Dämmerung, nicht vergessen kann ich den neuen Kummer und den alten Gram, keinen Bissen bring ich hinab – die Jade-Reiskörner bleiben mir im Halse stecken, im Spiegel der Raute erkenn ich mein abgezehrtes Gesicht nicht mehr. Die Brauen vermag ich nicht zu glätten, die Nachtwachen nicht zu überstehen. Ach! Wie die Berge in der Ferne, die sich nicht verbergen lassen, wie das grüne Wasser, das ohne Ende fließt – so endlos ist mein Kummer.

Alle spendeten lauten Beifall. Nur Becken Schnee behauptete, er sei nicht im Takt geblieben. Schatzjade leerte seinen Becher, nahm eine Birnenscheibe vom Tisch und zitierte:

„Regen schlägt auf Birnenblüten – fest verschlossen ist das Tor."

Damit war sein Teil erfüllt. Als nächster kam Feng Ziying an die Reihe. Er sprach:

Des Mädchens Kummer: Ihr Mann liegt todkrank darnieder. Des Mädchens Ärger: Der Sturm bläst ihr Schminkzimmer um. Des Mädchens Freude: Bei der ersten Geburt ein Zwillingspaar. Des Mädchens Spaß: Im Garten heimlich Grillen fangen.

Dann griff er nach dem Wein und sang:

Du bist lieb, du bist zärtlich, du bist klug, doch wunderlich, selbst Unsterbliche sind dir nicht gewachsen. Was ich dir sage, glaubst du nicht – dann geh und frag im Stillen nach, ob ich dich liebe oder nicht!

Nach dem Lied leerte er den Becher und zitierte:

„Im Mondschein kräht bei der strohgedeckten Schenke ein Hahn."

Damit war auch sein Teil erfüllt. Nun kam Wolke an die Reihe. Sie sprach:

„Des Mädchens Kummer: Auf wen soll sie im Alter bauen?"

Becken Schnee seufzte: „Mein Kindchen! Solange dein Becken Schnee da ist, brauchst du nichts zu fürchten!"

Alle riefen: „Stör sie nicht! Unterbrich sie nicht!"

Wolke fuhr fort:

„Des Mädchens Ärger: Wird die Mutter nie aufhören, sie zu schlagen?"

Becken Schnee meinte: „Als ich neulich deine Mutter traf, habe ich ihr extra befohlen, sie soll dich nicht schlagen."

Alle drohten: „Noch ein Wort, und du trinkst zehn Strafhumpen!" Sofort schlug sich Becken Schnee selbst ins Gesicht und sagte: „Was für ein taubes Ohr! Ich schweige, ich schweige!"

Wolke fuhr fort:

Des Mädchens Freude: Der Liebste kann sich nicht von ihr trennen. Des Mädchens Spaß: Die Flöte schweigt – da greift sie zum Saitenspiel.

Dann sang sie:

Als das Kardamom am dritten Tag des dritten Monats erblühte, versuchte ein Käferchen, ins Innre zu gelangen. Es mühte sich den halben Tag und kam doch nicht hinein – da kletterte es auf die Blüte und schaukelte darauf. Ach, mein Herzchen, mein Liebling – wenn ich mich dir nicht öffne, wie willst du dann hinein?

Sie leerte ihren Becher und zitierte:

„Üppig die Pfirsiche stehen."

Damit war auch ihr Teil erfüllt. Nun kam Becken Schnee an die Reihe.

„Also jetzt ich", sagte er: „Des Mädchens Kummer ..." Nach langem Schweigen kam nichts weiter. Feng Ziying lachte: „Worüber denn? Sag es endlich!"

Becken Schnee riss die Augen auf, bis sie groß waren wie Messingschellen, und starrte lange ins Leere. Dann setzte er erneut an: „Des Mädchens Kummer ..." Er räusperte sich zweimal und sprach endlich:

„Des Mädchens Kummer: Ihr Mann erweist sich als Hahnrei."

Alle brachen in schallendes Gelächter aus. Becken Schnee fragte: „Warum lacht ihr? Ist das etwa nicht richtig? Da heiratet ein Mädchen einen Kerl, und dann geht er in die Hurenhäuser – muss sie da nicht bekümmert sein?"

Die anderen krümmten sich vor Lachen und bestätigten: „Du hast vollkommen recht! Mach schnell weiter!"

Becken Schnee riss wieder die Augen auf und begann: „Des Mädchens Ärger ..." Dann verstummte er erneut.

Alle fragten: „Worüber ärgert sie sich?"

Becken Schnee sagte: „Aus dem Boudoir springt ein Riesenaffe heraus."

Alle lachten und riefen: „Das muss bestraft werden! Dieser Satz ergibt überhaupt keinen Sinn – den vorigen konnte man zur Not noch gelten lassen." Und schon wollten sie Strafwein eingießen.

Doch Schatzjade sagte lächelnd: „Solange es sich reimt, ist es gut."

Becken Schnee triumphierte: „Der Spielleiter hat es erlaubt – was regt ihr euch auf?" Erst da gaben die anderen Ruhe.

Wolke sagte lächelnd: „Die nächsten beiden werden noch schwieriger. Ich sage sie statt deiner!"

Becken Schnee wehrte ab: „Unsinn! Glaubst du, ich hätte nichts Gutes? Hört zu:

Des Mädchens Freude: In der Hochzeitsnacht zu müd zum Aufstehen!"

Alle staunten: „Sieh an, auf einmal wird er richtig gut!"

Becken Schnee fuhr fort: „Des Mädchens Spaß: Ein Ding fährt ihr hinein."

Alle wandten das Gesicht ab und schimpften: „Pfui! Pfui! Pfui! Sing endlich dein Lied!"

Becken Schnee sang: „Eine Mücke summ, summ, summ ..."

Alle starrten ihn an: „Was soll das für ein Lied sein?"

Becken Schnee sang weiter: „Zwei Fliegen brumm, brumm, brumm ..."

Alle riefen: „Schluss! Aufhören!"

Becken Schnee fragte: „Gefällt es euch nicht? Das ist ein nagelneues Lied, es heißt ‚Der Summsumm-Reim'. Wenn ihr es nicht hören wollt, singe ich eben nicht. Aber dann erlasst mir auch den Trinkschluss."

Alle sagten einmütig: „Erlassen! Erlassen! Halte uns nur nicht länger auf!"

Nun sprach Jadelotus Jiang:

Des Mädchens Kummer: Der Mann zog fort und kehrt nicht wieder. Des Mädchens Ärger: Zu arm, um Duftblütenöl zu kaufen. Des Mädchens Freude: Der Lampendocht formt sich zur Doppelblüte. Des Mädchens Spaß: Des Mannes Lied mit eigner Stimme singen.

Dann sang er:

Wie herrlich schön bist du geschaffen, wie eine Unsterbliche, die vom Himmel stieg. In deinem Jugendfrühling, dem zarten Alter, ist es Zeit, dem Phönix dich zu paaren. Schau, wie hoch der Himmelsfluss schon steht, horch, wie spät vom Turm die Trommel schlägt! Komm, lass am Silberleuchter das Licht erstrahlen – gemeinsam treten wir ein ins Mandarinenenten-Gemach.

Als das Lied gesungen war, leerte Jadelotus Jiang seinen Becher und sagte lächelnd: „An Gedichten und Sprüchen kenne ich mich nur wenig aus. Doch gestern las ich zufällig ein Parallelsatzpaar, von dem ich einen Satz behalten habe. Und glücklicherweise liegt das Passende hier auf dem Tisch." Er trank seinen Becher aus, nahm einen Zweig Duftblüten [木樨, Osmanthus] vom Tisch und zitierte:

„Hüllt Blumenduft den Menschen ein, weiß man: Die Tage werden warm." [Anm.: 花气袭人知昼暖 – das Zeichen 袭 xi „hüllt ein / überfällt" ist zugleich der Bestandteil von Dufthauchs eigentlichem Namen 袭人 Dufthauch.]

Alle ließen es gelten – das Spiel war beendet. Doch Becken Schnee sprang auf und lärmte: „Das geht nicht! Er muss bestraft werden! Er spricht von einem Schatz, aber ein Schatz ist hier nicht am Tisch!"

Jadelotus Jiang fragte verblüfft: „Von welchem Schatz soll ich gesprochen haben?"

Becken Schnee sagte: „Leugne nicht! Sag den Satz noch einmal!"

Jadelotus Jiang wiederholte notgedrungen das Zitat. Da sagte Becken Schnee: „‚Dufthauch' – ‚Hüllt den Menschen ein' – das ist doch Schatzjades Dienstmädchen Dufthauch! Ist die etwa kein Schatz? Wenn ihr mir nicht glaubt, fragt ihn!" Und er wies auf Schatzjade.

Schatzjade war peinlich berührt. Er stand auf und fragte: „Vetter Becken Schnee, wie viel Strafe verdienst du wohl dafür?"

Becken Schnee sagte: „Strafe verdient! Strafe verdient!" Er griff zum Becher und leerte ihn in einem Zug.

Da weder Feng Ziying noch Jadelotus Jiang verstanden hatten, worum es ging, erklärte Wolke es ihnen. Sofort stand Jadelotus Jiang auf und entschuldigte sich. Alle beruhigten ihn: „Wer aus Unwissenheit fehlt, wird nicht bestraft."

Kurze Zeit darauf verließ Schatzjade die Tafel, um sich zu erleichtern. Jadelotus Jiang folgte ihm hinaus. Unter dem Dachvorsprung stehend, entschuldigte sich Jadelotus Jiang noch einmal. Schatzjade, der seine Anmut und Sanftheit sehr schätzte, fasste ihn fest bei der Hand und sagte: „Wenn du Muße hast, besuch mich!" Dann fuhr er fort: „Ich wollte dich noch etwas fragen. In eurer ehrenwerten Truppe gibt es einen gewissen Qiguan [琪官]. Sein Name ist in aller Munde, aber mir war es nie vergönnt, ihn zu sehen. Weißt du, wo er steckt?"

Jadelotus Jiang lächelte: „Das ist mein Bühnenname."

Als Schatzjade das hörte, stampfte er unwillkürlich vor Freude mit dem Fuß auf den Boden: „Welch ein Glück! Welch ein Glück! Wahrlich, der Ruf eilt dem Manne voraus! Aber wie sollen wir es halten? Wir begegnen uns doch heute zum ersten Mal!" Er dachte kurz nach, zog seinen Fächer aus dem Ärmel, löste den jadegeschnitzten Fächeranhänger in Form eines offenen Ringes [玉玦] davon und reichte ihn Qiguan: „Dieses geringe Ding ist nicht viel wert, aber es soll ein kleines Zeichen unserer heutigen Freundschaft sein."

Qiguan nahm den Anhänger entgegen und sagte: „Eines solchen Glücks bin ich nicht würdig. Wie soll ich das erwidern? Nun – ich habe hier etwas Seltenes, das ich heute Morgen erst angelegt habe. Es ist noch ganz neu und mag einstweilen meiner aufrichtigen Zuneigung Ausdruck verleihen." Damit raffte er sein Gewand auf, band eine dunkelrote Leibbinde ab, mit der er die Unterkleider gegürtet hatte, und reichte sie Schatzjade.

„Diese Leibbinde ist eine Tributgabe der Königin des Krappduftlandes [茜香国]", erklärte er. „Wer sie im Sommer trägt, dessen Haut verströmt Duft statt Schweiß. Gestern hat sie mir der Prinz von Beidjing [北静王] geschenkt, und ich trug sie heute zum ersten Mal. Einem anderen hätte ich sie gewiss nicht gegeben. Bitte gebt mir Eure Leibbinde dafür, junger Herr, damit auch ich sie tragen kann!"

Vor Freude ganz außer sich, nahm Schatzjade das Geschenk entgegen und band seine eigene mattgrüne [松花] Leibbinde ab, die er Qiguan überreichte. Kaum hatten sie sich wieder in Ordnung gebracht, ertönte plötzlich ein lauter Ruf: „Erwischt!" Und im nächsten Augenblick sprang Becken Schnee hervor, packte die beiden und rief: „Statt brav zu trinken, schleicht ihr euch davon! Schnell, zeigt her, was ihr da habt!"

Beide beteuerten: „Wir haben nichts." Doch Becken Schnee gab nicht nach. Erst als Feng Ziying herauskam, konnte er die Sache schlichten. Sie kehrten an den Tisch zurück und tranken weiter, bis es Abend wurde und man auseinanderging.

Als Schatzjade in den Garten zurückkehrte, zog er sich um und trank Tee. Dufthauch bemerkte, dass an seinem Fächer der Anhänger fehlte, und fragte danach.

Schatzjade log: „Den muss ich beim Reiten verloren haben."

Als er dann schlafen ging, erblickte Dufthauch die blutrote Leibbinde, die er trug, und konnte sich die Sache zu acht oder neun Zehnteln zusammenreimen. „Wo du so eine schöne Leibbinde hast, kannst du mir ja meine zurückgeben", sagte sie.

Jetzt erst fiel Schatzjade ein, dass jene Leibbinde Dufthauch gehört hatte und dass er sie nicht hätte weggeben dürfen. Sein Herz bereute es, doch sein Mund wollte es nicht zugeben. So versprach er nur lächelnd: „Ich besorge dir eine andere."

Dufthauch seufzte, nickte und sagte: „Ich wusste es ja, dass du wieder so anfängst! Kannst du denn meine Sachen nicht behalten, statt sie diesem gemeinen Gesindel zu geben? Hast du denn gar keine Überlegung?" Am liebsten hätte sie noch mehr gesagt, doch sie fürchtete, der Wein könnte ihn aufbrausen lassen. Also legte auch sie sich schlafen. Über den Rest der Nacht ist nichts zu berichten.

Am nächsten Morgen, als es hell wurde und Dufthauch eben aufwachte, hörte sie Schatzjades Stimme: „Wenn in der Nacht Einbrecher gekommen wären, hättest du auch nichts gemerkt! Sieh mal an dir herunter!"

Dufthauch blickte hinab und sah, dass sie die Leibbinde umhatte, die Schatzjade am Vorabend getragen hatte. Er musste sie also in der Nacht ausgetauscht haben! Sofort machte sie die Binde los und sagte: „So etwas will ich nicht! Nimm das schnell weg!"

Da blieb Schatzjade nichts anderes übrig, als eine Weile sanft auf sie einzureden, bis sie sich schließlich widerwillig fügte und die Leibbinde umband. Doch kaum war Schatzjade einmal hinausgegangen, machte sie die Binde wieder los, warf sie in eine leere Truhe und band sich eine andere um.

Schatzjade sagte nichts weiter dazu und erkundigte sich stattdessen: „Ist gestern Abend noch etwas vorgefallen?"

Dufthauch berichtete: „Die zweite junge gnädige Frau hat jemanden geschickt, um Rotjade abzuholen. Sie wollte eigentlich auf Euch warten, aber ich dachte, was liegt daran? Da habe ich sie gleich gehen lassen."

Schatzjade sagte: „Das war ganz richtig. Ich wusste ja davon. Wozu hätte sie auf mich warten sollen?"

Dufthauch fuhr fort: „Außerdem hat gestern die kaiserliche Nebengemahlin[17] durch den Obereunuchen Xia [夏太监] einhundertzwanzig Liang Silber bringen lassen, damit vom Ersten bis zum Dritten des Monats im Kloster der Reinen Leere [清虚观] ein dreitägiger Bittgottesdienst für Frieden und Wohlergehen abgehalten wird, mit Theateraufführungen und Opfergaben. Herrlichkeit Kaufmann[18] soll mit den Herren der Familie kniefällig Weihrauch abbrennen und zu Buddha beten. Außerdem sind auch die Geschenke zum Drachenbootfest [端午节] gekommen." Damit befahl sie den kleinen Mädchen, die Gaben vom Vortag zu bringen.

Schatzjade erblickte zwei Palastfächer der besten Sorte, zwei rote Gebetsschnüre aus Moschusperlen, zwei Stück „Phönixschwanzseide" und eine Bambusmatte mit Lotusmuster.

Schatzjade freute sich sehr und fragte: „Haben die anderen das Gleiche bekommen?"

Dufthauch gab Auskunft: „Die Herzoginmutter hat zusätzlich ein Duftholz-Glückwunschzepter und ein Achat-Nackenkissen bekommen. Die gnädige Frau, der gnädige Herr und die gnädige Frau Tante bekamen nur je ein Glückwunschzepter mehr. Was Ihr erhalten habt, ist genau das Gleiche wie bei Fräulein Schatzspange. Fräulein Kajaljade hat genau wie die zweite, dritte und vierte Kusine nur die Fächer und die Gebetsschnüre bekommen, sonst nichts. Die Frau des ersten und die des zweiten jungen Herrn bekamen je zwei Stück Gaze, zwei Stück dünne Seide, zwei Riechbeutelchen und zwei Stück gepresste Medizin."

Schatzjade fragte lächelnd: „Was soll das bedeuten? Warum hat Schwester Kajaljade nicht das Gleiche bekommen wie ich, Kusine Schatzspange aber schon? Ist da nicht etwas verwechselt worden?"

Dufthauch sagte: „Als die Geschenke gestern gebracht wurden, war bei jedem ein Zettel mit dem Namen dabei. Wie sollte da etwas verwechselt werden? Eure Sachen lagen bei der Herzoginmutter. Als ich sie abholte, sagte die Herzoginmutter, Ihr sollt morgen in der fünften Nachtwache in den Palast gehen und Euch für den Gnadenbeweis bedanken."

Schatzjade sagte: „Selbstverständlich muss ich mich bedanken gehen." Dann rief er Zixiao [紫绡] herbei und befahl: „Trag das alles zu Fräulein Kajaljade und sage ihr, das seien die Geschenke, die ich gestern erhalten habe – sie soll sich nehmen, was ihr gefällt."

Zixiao sagte: „Jawohl!" und ging mit den Sachen fort. Bald kam sie zurück und meldete: „Fräulein Kajaljade sagte, auch sie habe gestern Geschenke bekommen, und der junge Herr solle seine nur behalten."

Schatzjade ließ die Sachen wegräumen. Nachdem er sich gewaschen und angezogen hatte, verließ er sein Gehöft, um der Herzoginmutter seinen Morgengruß darzubringen. Da kam ihm plötzlich Kajaljade entgegen. Er eilte auf sie zu und fragte lächelnd: „Ich habe dir angeboten, dir etwas auszusuchen – warum hast du nichts genommen?"

Kajaljade, die ihren Kummer vom Vortag bereits vergessen hatte und ganz mit den Dingen des heutigen Tages beschäftigt war, sagte: „So großem Glück bin ich nicht gewachsen. Mit Kusine Schatzspange kann ich mich nicht messen – die hat Gold und bekommt Jade dazu. Ich bin nur eine einfache Pflanze, ein gewöhnliches Gewächs!"

Als Schatzjade die Worte „Gold" und „Jade" hörte, regte sich unwillkürlich ein Verdacht in seinem Herzen. „Mögen andere von Gold und Jade reden", sagte er. „Wenn in meinem Herzen jemals ein solcher Gedanke gewesen sein sollte, dann soll der Himmel mich strafen und die Erde mich vernichten, und in zehntausend Wiedergeburten will ich nicht mehr zum Menschen werden!"

Kajaljade erkannte an seinen Worten, welche Vermutung ihn aufgeschreckt hatte, und sagte rasch mit einem Lächeln: „Was für ein Unsinn, grundlos solche fürchterlichen Schwüre zu leisten! Was kümmern mich euer Gold und eure Jade!"

Schatzjade fuhr fort: „Was in meinem Herzen ist, kann ich dir nur schwer sagen. Eines Tages wirst du es von selbst verstehen. Neben der Herzoginmutter, dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau bist du der vierte Mensch in meinem Herzen. Wenn es noch jemand Fünftes gäbe, dann gelte mein Schwur!"

Kajaljade sagte: „Du brauchst gar nicht zu schwören. Ich weiß sehr wohl: In deinem Herzen gibt es die ‚Schwester', aber sobald du die ‚Kusine' siehst, vergisst du die ‚Schwester'."

Schatzjade widersprach: „Das bildest du dir nur ein. So einer bin ich nicht."

Kajaljade fragte: „Und warum hast du mir gestern Vorwürfe gemacht, als Kusine Schatzspange dich nicht durch eine Lüge in Schutz nehmen wollte? Wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre, möchte ich nicht wissen, was dann!"

Gerade als sie noch sprachen, erblickten sie Schatzspange, die von der anderen Seite herüberkam. Die beiden trennten sich sofort.

Schatzspange hatte sie ganz offensichtlich gesehen, tat aber, als hätte sie nichts bemerkt, und ging mit gesenktem Kopf an ihnen vorbei. Sie besuchte zunächst die Dame König und blieb dort ein Weilchen. Dann ging sie zur Herzoginmutter, wo Schatzjade bereits eingetroffen war.

Seit ihre Mutter vor der Dame König erzählt hatte, ein Mönch habe ihr das goldene Amulett geschenkt und dabei gesagt, Schatzspange könne dereinst nur mit jemandem verheiratet werden, der ein Jadestück als Pendant besitze, hatte Schatzspange in ihrem Verhalten zu Schatzjade stets Abstand gehalten. Und als sie am Vortag gesehen hatte, dass die kaiserliche Nebengemahlin [元春] ihr und Schatzjade die gleichen Geschenke sandte, war ihr das höchst unangenehm gewesen. Zum Glück war Schatzjade mit Kajaljade vollauf beschäftigt und widmete dieser seine Gedanken so ausschließlich, dass er den Umstand gar nicht beachtete.

Doch nun fragte Schatzjade plötzlich lächelnd: „Kusine Schatzspange, darf ich mir deine rote Moschusperlenschnur ansehen?"

Zufällig trug Schatzspange eine der Gebetsschnüre um ihr linkes Handgelenk geschlungen. Da Schatzjade sie darum bat, musste sie sie wohl oder übel abstreifen. Nun war aber Schatzspange von üppiger Gestalt, und die Perlenschnur ließ sich nicht so leicht abstreifen.

Als Schatzjade dabei ein Stück ihres weichen, schneeweißen Armes erblickte, überkam ihn unwillkürlich ein sehnsüchtiges Bewundern. Insgeheim dachte er: „Wenn dieser Arm Schwester Kajaljade gehörte, könnte ich ihn vielleicht einmal berühren. Ausgerechnet wächst er an Schatzspanges Leib!" Gerade als er sich darüber grämte, dass es ihm nicht vergönnt war, ihn zu berühren, fiel ihm plötzlich die Sache mit dem „Gold und der Jade" ein.

Er betrachtete Schatzspange: Ihr Gesicht war wie eine silberne Schale, die Augen wie feuchte Aprikosen, die Lippen rot ohne Schminke, die Brauen dunkel ohne Tusche. Verglichen mit Kajaljade besaß sie eine ganz andere Art von Anmut und Eleganz. Ohne es selbst zu merken, versank Schatzjade so in ihren Anblick, dass er gar nicht bemerkte, wie Schatzspange die Perlenschnur abgestreift hatte und sie ihm hinhielt.

Als Schatzspange ihn so geistesabwesend stehen sah, war sie peinlich berührt. Sie legte die Perlenschnur hin, wandte sich um und wollte gehen. Da erblickte sie Kajaljade, die auf der Türschwelle stand, auf ihr Taschentuch biss und lächelte.

Schatzspange fragte: „Du verträgst doch keinen Luftzug – warum stehst du im Durchzug?"

Kajaljade lachte: „Ich war ja im Zimmer. Aber dann ertönte vom Himmel ein lautes Geschrei, und ich ging hinaus, um nachzusehen. Es war aber nur eine dumme Gans."

Schatzspange fragte: „Wo ist sie? Ich möchte sie auch sehen!"

Kajaljade sagte: „Kaum war ich draußen, ist sie – husch! – davongeflogen."

Bei diesen Worten schwang sie das Taschentuch in ihrer Hand und schlug es Schatzjade ins Gesicht. Schatzjade, der nichts geahnt hatte, bekam den Schlag genau auf die Augen und fuhr mit einem Schmerzensschrei zusammen.

Wer erfahren will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.

  1. Chin. 蒋玉菡 Jiǎng Yùhàn. 玉 yù „Jade“; 菡 hàn „Lotusknospe“. Ein berühmter Schauspieler, Bühnenname „Jadebeamter“ (琦官).
  2. Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heitermuster" — „klares Wolkenmuster bei heiterem Himmel".
  3. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajaljade Wald". Kajal (黛 dài) bezeichnet das schwarze Augenbrauenpuder.
  4. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Schatzjade Kaufmann".
  5. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatzspange Schnee". Eine 钗 chāi ist eine kostbare Haarnadel.
  6. Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftkastanie" — ein zartes, duftiges Wassergewächs.
  7. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — „den Menschen einhüllend (wie Duft)".
  8. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönixglanz König".
  9. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, „Dame König", Schatzjades Mutter.
  10. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die Herzoginmutter, Oberhaupt der Familie Kaufmann.
  11. Chin. 贾探春 Jiǎ Tànchūn, wörtl. „Erkundefrühling Kaufmann".
  12. Chin. 贾惜春 Jiǎ Xīchūn, wörtl. „Kostbarfrühling Kaufmann".
  13. Chin. 红玉 Hóngyù, wörtl. „Rotjade". Wegen des Tabuzeichens 玉 yù (Jade) im Namen Schatzjades wird sie meist 红儿 Hóng’ér, „Kleine Rote", genannt.
  14. Chin. 冯紫英 Féng Zǐyīng, Sohn des Generals Feng Tang.
  15. Chin. 薛蟠 Xuē Pán, Schatzspanges älterer Bruder.
  16. Chin. 蒋玉菡 Jiǎng Yùhán, auch unter seinem Bühnennamen Qiguan (琪官) bekannt.
  17. Chin. 贾元春 Jiǎ Yuánchūn, die Kaiserliche Nebengemahlin, Schatzjades ältere Schwester.
  18. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Herrlichkeit Kaufmann".