Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 35"

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(DE4 Korrektur-Update Kap. 35)
 
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Kapitel 35
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Jadearmreif kostet persönlich die Lotosblätter-Suppe;
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">[1-10]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">[11-20]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">[21-30]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_32|<span style="color: #FFD700;">32</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_33|<span style="color: #FFD700;">33</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_34|<span style="color: #FFD700;">34</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">'''35'''</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_36|<span style="color: #FFD700;">36</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_37|<span style="color: #FFD700;">37</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_38|<span style="color: #FFD700;">38</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_39|<span style="color: #FFD700;">39</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_40|<span style="color: #FFD700;">40</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">[41-50]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">[51-60]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">[61-70]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">[71-80]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">[81-90]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">[91-100]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">[101-110]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">[111-120]</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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Gold-Amsel knüpft geschickt das Pflaumenblüten-Netz.
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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Schatzspange [宝钗] hatte sehr wohl gehört, wie Kajaljade [林黛玉] sie mit spitzen Worten beschämte, doch weil sie in Sorge um Mutter und Bruder war, wandte sie nicht einmal den Kopf und ging schnurstracks davon.
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_35|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_35|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 35 =
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Kajaljade blieb im Schatten der Blüten stehen und blickte von weitem zum Hof der Roten Freude<ref>Chin. 怡红院 Yíhóngyuan. 怡 yí „Freude“; 红 hóng „Rot“. Schatzjades Wohnstätte im Garten der Großen Anschauung.</ref> hinüber. Sie sah, wie Seidenweiß Pflaume [李纨], Willkommensfrühling, Erkundefrühling, Bedauerfrühling und allerlei andere Leute nacheinander dort hineingingen und wieder hinauskamen. Nur Phönixglanz [王熙凤] ließ sich nicht blicken. Sie überlegte still bei sich: „Warum kommt sie nicht, um Schatzjade zu besuchen? Selbst wenn sie durch irgendetwas aufgehalten wird, kommt sie doch bestimmt, um wenigstens ein paar Höflichkeitsfloskeln zu verbreiten und sich bei der Herzoginmutter und der gnädigen Frau einzuschmeicheln. Wenn sie um diese Zeit noch nicht da ist, muss das einen Grund haben."
== 白玉钏亲尝莲叶羹 ==
 
=== 黄金莺巧结梅花络 ===
 
  
'''Yü-tschuan muß die Lotosblättersuppe kosten,Ying-örl knüpft ein Aprikosenblütennetz. '''
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Während sie noch herumrätselte und aufblickte, sah sie eine weitere bunt gekleidete Schar auf den Hof der Roten Freude zuströmen. Bei genauerem Hinsehen erkannte sie die Herzoginmutter [贾母], die sich auf Phönixglanz' Arm stützte. Dahinter kamen Frau Strafe [邢夫人] und Dame König [王夫人], dann Nebenfrau Zhou [周姨娘] sowie ein ganzer Tross von Dienstmädchen und Sklavenfrauen. Sie alle traten in den Hof.
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Kajaljade ließ bei diesem Anblick unwillkürlich den Kopf sinken und dachte daran, wie gut es doch war, wenn man Vater und Mutter hatte. Und schon waren ihr die Wangen wieder von Tränen überströmt.
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Kurze Zeit später sah sie auch Schatzspange und Tante Schnee [薛姨妈] dort hineingehen. Da trat plötzlich Purpurkuckuck [紫鹃] von hinten heran und sagte: „Kommt Eure Medizin einnehmen, Fräulein! Das abgekochte Wasser wird schon wieder kalt."
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Kajaljade erwiderte: „Musst du mich denn immerzu drängen? Ob ich sie einnehme oder nicht — was geht es dich an!"
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Purpurkuckuck lachte: „Kaum ist der Husten ein wenig besser, wollt Ihr schon keine Medizin mehr nehmen! Wir haben zwar den fünften Monat und es ist heiß, aber trotzdem solltet Ihr noch vorsichtig sein. Seit dem frühen Morgen steht Ihr nun schon hier an diesem feuchten Ort herum — Ihr solltet nach Hause gehen und Euch ausruhen."
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Dieser Satz riss Kajaljade aus ihren Gedanken. Erst jetzt merkte sie, dass ihre Beine müde waren. Nachdem sie eine Weile gezögert hatte, ging sie, auf Purpurkuckuck gestützt, langsam zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss [潇湘馆] zurück.
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Kaum hatte sie das Hoftor durchschritten, sah sie auf dem Boden die wirren Schatten der Bambusstämme und die bald helleren, bald dunkleren Moosflecken. Unwillkürlich musste sie an die Verse aus dem „Westzimmer" [Anm.: „Das Westzimmer" (西厢记) ist ein berühmtes Theaterstück von Wang Shifu aus der Yuan-Dynastie] denken:
  
Bau-tschai hatte deutlich gehört, wie Dai-yü sie beschämt hatte, aber weil sie an ihre Mutter und ihren Bruder dachte, ging sie weiter, ohne sich auch nur umzusehen.
 
Dai-yü blieb im Schatten der Bäume stehen und blickte von fern zum Hof der Freude am Roten hinüber. Sie sah, wie Li Wan, Ying-tschun, Tan-tschun, Hsi-tschun und manch andere dort hineingingen und wieder herauskamen, nur Hsi-fëng erschien nicht. „Warum kommt sie Bau-yü nicht besuchen?“ überlegte Dai-yü. „Auch wenn sie durch irgendetwas aufgehalten wurde, kommt sie doch ganz bestimmt und läßt ihr Mundwerk spielen, um sich bei der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau einzuschmeicheln. Wenn sie um diese Zeit noch nicht da ist, hat das bestimmt seinen Grund!“
 
Während sie so herumrätselte, blickte sie wieder einmal auf und sah eine weitere buntgekleidete Gruppe dem Hof der Freude am Roten zustreben. Bei genauerem Hinsehen erkannte sie die Herzoginmutter, die sich auf Hsi-fëngs Arm stützte, dahinter Dame Hsing und Dame Wang und dann Nebenfrau Dschou sowie Sklavenfrauen und -mädchen. Sie alle traten in den Hof, und unwillkürlich ließ Dai-yü bei diesem Anblick den Kopf sinken und dachte daran, wie gut es war, wenn man Vater und Mutter hatte. Und schon perlten ihr wieder Tränen über das Gesicht.
 
Wenig später sah sie auch Bau-tschai mit Tante Hsüä dort hineingehen. Dann aber trat plötzlich Dsï-djüan von hinten zu ihr heran und sprach sie an: „Geht Eure Medizin einnehmen, Fräulein! Das abgekochte Wasser wird schon wieder kalt.“
 
„Warum mahnst du mich immerzu?“ fragte Dai-yü. „Was geht es dich an, ob ich meine Medizin nehme oder nicht?“
 
„Kaum ist es etwas besser mit Eurem Husten, wollt Ihr keine Medizin mehr nehmen“, sagte Dsï-djüan. „Wir haben zwar schon den fünften Monat, und es ist heiß, aber trotzdem müßt Ihr vorsichtig sein. Seit dem frühen Morgen steht Ihr nun schon hier im Feuchten. Ihr solltet nach Hause gehen und Euch ein wenig ausruhen!“
 
Erst bei diesen Worten kam Dai-yü zum Bewußtsein, daß ihr die Beine weh taten, und nach einigem Zögern ging sie, auf Dsï-djüan gestützt, zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß zurück. Kaum daß sie in den Hof trat und dort auf dem Boden die wirren Schatten der Bambusstauden sowie die mal helleren und mal dunkleren Moosflecken sah, mußte sie unwillkürlich an das „Westzimmer“ denken, wo es hieß:
 
 
„Betritt wohl jemand den einsamen Ort?
 
„Betritt wohl jemand den einsamen Ort?
Kalt liegt der Tau auf dem Moos der Terrassen.
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Kalt liegt der Tau auf dem Moos der Terrassen."
Und seufzend sagte sie still bei sich: „Ach, Ying-ying, du hattest wahrlich ein trauriges Geschick, aber du hattest doch wenigstens deine verwitwete Mutter und deinen kleinen Bruder. Ich, Lin Dai-yü, aber habe in meinem Unglück weder Mutter noch Bruder. ,Schönes Mädchen – hartes Los‘, sagten die Alten. Dabei bin ich nicht einmal schön, warum also ist mir ein härteres Los beschieden als Tsuee Ying-ying?
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In diese Gedanken vertieft, ging sie weiter hinein, als ihr plötzlich im Wandelgang der Papagei entgengeflattert kam und ihr so einen Schreck einjagte, daß sie zurückprallte. „Bist du lebensmüde?“ schimpfte sie. „Du machst mir ja den Kopf staubig!
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Und sie seufzte still bei sich: „Ach, Shuangwen [Anm.: Ying-ying, die Heldin des „Westzimmers", wird auch Shuangwen (双文) genannt], du hattest wahrlich ein bitteres Schicksal! Aber du hattest doch wenigstens noch deine verwitwete Mutter und deinen kleinen Bruder. Ich, Kajaljade, bin in meinem Unglück ohne beides — weder verwitwete Mutter noch Bruder. Die Alten sagten: ‚Schöne Frauen haben ein hartes Los.' Doch ich bin nicht einmal schön warum ist mein Los dann härter als das deine?"
Der Papagei flog auf seine Stange zurück und rief: „Hsüä-yän, heb schnell den Türvorhang auf, das Fräulein ist da!“ Dai-yü blieb stehen, griff nach der Stange und fragte: „Hat man dir Futter und Wasser gegeben?
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Der Papagei seufzte schwer, und dann sagte er ganz in Dai-yüs klagender Art:
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In diese Gedanken versunken, ging sie weiter, ohne auf den Weg zu achten. Da flatterte ihr plötzlich im Wandelgang der Papagei entgegen, der sie kommen sah, und jagte ihr mit lautem Kreischen einen solchen Schrecken ein, dass sie zurückfuhr. „Du willst wohl sterben!" schimpfte sie. „Schon wieder machst du mir den Kopf staubig!"
„Weil Blüten ich begrabe, nennt man mich törichtes Kind,
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doch wer wird mich begraben, wenn ich gestorben bin?
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Der Papagei flog auf seine Stange zurück und rief: „Schneegans [雪雁], heb schnell den Vorhang! Das Fräulein kommt!"
Geht die Frühlingszeit zu Ende und die Blüten fall‘n vom Baum,
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Ist für rote Mädchenwangen auch die Schicksalsstunde nah.
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Kajaljade blieb stehen, klopfte an die Stange und fragte: „Hat man dir Futter und Wasser gegeben?"
Unversehens sind verflossen Frühlingstage, Mädchenglück,
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Blüten welken, und ich sterbe, aber keiner weiß davon.“
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Da seufzte der Papagei einmal tief — ganz im klagenden Tonfall, den Kajaljade sonst anschlug — und rezitierte:
Dai-yü und Dsï-djüan lachten hellauf, als sie das hörten, dann sagte Dsï-djüan: „Es sind die Verse, die ihr immer sprecht, Fräulein. Wie er sich die nur gemerkt hat?
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Da befahl ihr Dai-yü, sie solle die Stange mit dem Papagei abnehmen und an den Haken draußen vor dem kreisrunden Mondfenster hängen. Dann ging sie in ihr Zimmer, setzte sich innen an das Mondfenster und nahm ihre Medizin ein. Von draußen fielen Bambusschatten auf die Fenstergaze und tauchten den Raum in ein grünliches Dämmerlicht, das auf Tisch und Matten den Eindruck von Kühle erweckte. Aus Langeweile neckte Dai-yü durch die Fenstergaze hindurch den Papagei und sprach ihm ihre Lieblingsverse vor. Aber davon muß hier nicht die Rede sein.
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„Weil Blüten ich begrabe, nennt man mich töricht Kind,
Als Bau-tschai am Morgen zu ihrer Mutter kam, war diese gerade beim Kämmen. „Warum bist du schon so früh auf den Beinen und kommst hierher gelaufen?“ fragte sie.
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doch wer begräbt mich selber, wenn ich gestorben bin?
„Ich wollte sehen, wie es dir geht, Mutter“, sagte Bau-tschai. „Ist er gestern, nachdem ich fort war, noch einmal herübergekommen und hat weitergetobt?Bei diesen Worten setzte sie sich neben die Mutter, und ohne daß sie es wollte, begann sie zu weinen.
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Geht die Frühlingszeit zu Ende und die Blüten fall'n vom Baum,
Als Tante Hsüä sie weinen sah, konnte auch sie die Tränen nicht zurückhalten. Gleichzeitig aber redete sie ihr zu: „Du mußt dich deswegen nicht kränken, mein Kind! Warte, wenn ich ihm den Kopf zurechtsetze! Auf wen könnte ich hoffen, wenn dir etwas zustoßen sollte!
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ist für rote Mädchenwangen auch die Schicksalsstunde nah.
Hsüä Pan, der von drüben alles mit angehört hatte, kam jetzt schnell hereingelaufen, verneigte sich wieder und wieder vor Bau-tschai und bat: „Verzeih mir dies eine Mal, liebste Schwester! Ich hatte gestern getrunken, und als ich abends zurückkam, bin ich unterwegs auch noch einem Spuk begegnet. Als ich hier ankam, war ich noch nicht wieder nüchtern und habe allen möglichen Unfug geredet. Ich weiß selber nicht mehr, was ich alles gesagt habe. Kein Wunder, daß du böse auf mich geworden bist!“
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Unversehens sind verflogen Frühlingstage, Mädchenglück
Bau-tschai hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und weinte, bei diesen Worten aber fühlte sie sich versucht zu lachen. Sie blickte auf, spuckte auf den Boden und sagte dann: „Spar dir deine Verstellungskünste! Ich weiß, wie sehr du Mutter und mich in Wahrheit verachtest. Du trachtest mit allen Mitteln danach, daß wir von dir fortgehen. Erst dann wird dir wohl ums Herz sein.“
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Blüten welken, und ich sterbe, aber keiner weiß davon!"
„Wie kommst du nur darauf, Schwester?“ fragte Hsüä Pan sogleich und lächelte dabei. „Du läßt mir ja keinen Platz, wohin ich noch die Füße setzen könnte! Du warst doch sonst nicht so mißtrauisch und hast nie so böse Dinge gesagt.
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Rasch nahm jetzt Tante Hsüä das Wort und sagte: „Die bösen Dinge, die deine Schwester sagt, hörst du, aber was du gestern Abend gesagt hast, mußte wohl sein, ja? Du bist wirklich nicht bei Sinnen!
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Kajaljade und Purpurkuckuck brachen in Lachen aus. Purpurkuckuck sagte lachend: „Das sind die Verse, die das Fräulein immer aufsagt! Wie hat er die nur behalten?"
„Du mußt dich nicht aufregen, Mutter! Und du mußt nicht bekümmert sein, Schwester!“ erwiderte Hsüä Pan. „Von heute an werde ich nicht mehr mit denen trinken und nicht mehr bummeln gehen. Wie gefällt euch das?
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„Das ist vernünftig!“ lobte Bau-tschai und lächelte ihn an. Tante Hsüä aber sagte: „Eher legt ein Drache ein Ei, als daß du dich dazu durchringst!
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Kajaljade befahl, man solle die Stange abnehmen und draußen vor dem kreisrunden Mondfenster an den Haken hängen. Dann ging sie hinein und setzte sich drinnen am Mondfenster nieder. Nachdem sie ihre Medizin eingenommen hatte, sah sie, wie draußen die Bambusschatten auf die Fenstergaze fielen und das ganze Zimmer in ein kühles, grünliches Dämmerlicht tauchten. Auf den Matten breitete sich angenehme Kühle aus. Aus Langeweile neckte Kajaljade durch die Fenstergaze den Papagei und brachte ihm ihre Lieblingsgedichte bei. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
„Wenn ich mich noch einmal mit ihnen herumtreibe, kann die Schwester mich anspucken und mich ein Vieh nennen, einverstanden?“ bot Hsüä Pan an. „Warum sollt ihr Tag für Tag bloß immer Ärger mit mir haben! Wenn sich Mutter über mich aufregen muß, ist das noch zu verzeihen, aber wenn ich meiner Schwester Kummer bereite, bin ich ja wirklich kein Mensch mehr. Da Vater tot ist, wäre ich wahrhaftig schlimmer als ein Tier, wenn ich – anstatt Mutter mehr kindliche Ehrerbietung zu bezeigen und meiner Schwester mehr Liebe zu erweisen – nur dafür sorgte, daß Mutter sich aufregt und meine Schwester bekümmert ist!
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Während er das sagte, liefen ihm unwillkürlich die Tränen herab, und auch Tante Hsüä, die erst nicht geweint hatte, wurde durch seine Worte traurig gestimmt. Da zwang sich Bau-tschai zu einem Lächeln und sagte: „Genug krakeelt, du bringst Mutter schon wieder zum Weinen!
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Nun zurück zu Schatzspange. Als sie am Morgen nach Hause kam, war ihre Mutter gerade beim Kämmen. Als sie Schatzspange sah, fragte sie: „Was treibst du denn in aller Frühe her?"
Rasch hörte Hsüä Pan zu weinen auf und sagte lächelnd: „Ich werde doch Mutter nicht zum Weinen bringen! Aber Schluß jetzt damit, ich rufe Hsiang-ling, sie soll dir Tee eingießen!
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„Ich mag keinen Tee trinken“, sagte Bau-tschai. „Wenn Mutter sich die Hände gewaschen hat, wollen wir hinübergehen!“
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„Ich wollte sehen, wie es dir geht, Mutter", sagte Schatzspange. „Als ich gestern fort war — ist er dann noch einmal gekommen und hat weitergetobt?" Bei diesen Worten setzte sie sich neben die Mutter, und ohne es zu wollen, begannen die Tränen zu fließen.
„Mir scheint, dein Halsreifen müßte einmal zum Aufpolieren gegeben werden“, sagte Hsüä Pan.
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„Wozu?“ fragte Bau-tschai. „Er glänzt doch noch ganz frisch.“
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Als Tante Schnee sie weinen sah, konnte auch sie sich nicht mehr beherrschen und weinte mit. Zugleich tröstete sie Schatzspange: „Kränk dich nicht, mein Kind! Ich werde diesem Nichtsnutz schon den Kopf waschen. Auf wen sollte ich mich denn stützen, wenn dir etwas zustoßen sollte!"
„Aber ein paar neue Kleider brauchst du“, fuhr Hsüä Pan fort. „Sag mir nur, welche Farben und Muster du magst!
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„Warum soll ich mir schon wieder neue Kleider machen lassen, obwohl ich die vorigen noch nicht einmal alle angehabt habe?“ sträubte sich Bau-tschai.
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Pan Schnee [薛蟠], der draußen alles gehört hatte, kam eilig hereingelaufen, verneigte sich vor Schatzspange — einmal links, einmal rechts — und bat: „Liebste Schwester, verzeih mir dieses eine Mal! Ich hatte gestern getrunken und kam spät nach Hause. Unterwegs bin ich noch einem bösen Geist begegnet. Als ich hier ankam, war ich noch immer nicht nüchtern und habe allerlei Unsinn geredet, an den ich mich selbst nicht mehr erinnern kann. Kein Wunder, dass du mir böse bist."
Inzwischen hatte Tante Hsüä sich umgezogen und kam Bau-tschai holen. Daraufhin ging Hsüä Pan fort, Tante Hsüä aber begab sich mit Bau-tschai zusammen in den Garten, um dort Bau-yü zu besuchen. Als sie in den Hof der Freude am Roten kamen, erkannten sie an der Vielzahl der Sklavenmädchen und -frauen, die innerhalb und außerhalb des Anbaus herumstanden und sich auch im Wandelgang aufhielten, daß die Herzoginmutter und die übrigen Frauen hier sein mußten. Sie gingen ins Haus, und nachdem sie alle begrüßt hatten, traten sie zu Bau-yü ans Bett.
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„Geht es dir schon ein bißchen besser?“ erkundigte sich Tante Hsüä.
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Schatzspange hatte das Gesicht in den Händen verborgen und weinte. Als sie das hörte, musste sie unwillkürlich lachen. Sie blickte auf, spuckte auf den Boden und sagte: „Spar dir deine Schauspielerei! Ich weiß genau: Im Grunde deines Herzens verachtest du uns beide, Mutter und mich. Du sinnst auf alle erdenklichen Mittel, damit wir von dir fortgehen — erst dann hast du deine Ruhe!"
Bau-yü versuchte, sich zu verneigen, bestätigte, er fühle sich schon besser, und setzte hinzu: „Nichts als Unruhe bereite ich Euch. Es tut mir leid!
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Tante Hsüä war ihm rasch behilflich, sich wieder hinzulegen, anschließend fragte sie: „Möchtest du irgend etwas haben? Dann sag es mir nur!
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Pan Schnee sagte eilig lächelnd: „Woher kommt denn so eine Rede, Schwester? Du lässt mir ja keinen Platz mehr, wo ich noch die Füße hinsetzen könnte! Du warst doch sonst nie so argwöhnisch und hast nie solche bösen Dinge gesagt."
Lächelnd erwiderte Bau-yü: „Wenn mir etwas einfällt, werde ich Euch in jedem Fall darum bitten.
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„Möchtest du vielleicht etwas essen?“ fragte nun auch Dame Wang. „Ich könnte es dir bringen lassen.
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Tante Schnee fiel ihm sogleich ins Wort: „Die bösen Worte deiner Schwester hörst du, aber was du gestern Abend gesagt hast — das war wohl in Ordnung? Du bist wirklich von Sinnen!"
„Appetit habe ich nicht“, sagte Bau-yü lächelnd, „aber solche Suppe mit kleinen Lotosblättchen und kleinen Lotoskapseln, wie wir sie einmal hatten, wäre schön.
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„Hört euch das an!“ kommentierte Hsi-fëng lächelnd, die daneben stand. „Kostspielig sind seine Wünsche nicht, aber anspruchsvoll ist es doch, ausgerechnet danach zu verlangen!
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Pan Schnee sagte: „Mutter brauchst du dich nicht aufzuregen, Schwester brauchst du nicht betrübt zu sein. Von heute an werde ich nicht mehr mit denen zechen und mich nicht mehr herumtreiben. Wie gefällt euch das?"
Die Herzoginmutter aber befahl ein um das andere Mal, man solle ihm die Suppe machen.
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„Nicht so aufgeregt, alte Ahne!“ bat Hsi-fëng lächelnd. „Ich muß mich erst besinnen, wer die Formen dafür in Verwahrung hat.“ Dann wandte sie sich an eine Sklavin und befahl: „Geh und frag den Verantwortlichen für die Küche danach!
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Schatzspange lachte: „Na bitte, jetzt wirst du doch noch vernünftig!"
Die Sklavin ging fort, und als sie nach langer Zeit endlich wiederkam, berichtete sie: „Der Verantwortliche für die Küche sagt, alle vier Satz Formen habe er wieder abgeliefert.
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„Ich weiß, wer sie hat“, sagte Hsi-fëng nach einigem Nachdenken, „sicher sind sie in der Teeküche.“ Und wieder schickte sie jemanden los, um den Verantwortlichen für die Teeküche danach zu fragen, aber auch dort waren sie nicht.  
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Tante Schnee aber sagte: „Eher legt ein Drache ein Ei, als dass du dich dazu aufraffen würdest!"
Schließlich fanden sich die Formen beim Verantwortlichen für das Gold- und Silbergeschirr, und als Erstes nahm sie nun Tante Hsüä in die Hand, um sie sich anzusehen. Es war ein Kästchen mit vier silbernen Formen darin, von denen jede über ein Tschï lang und ein Tsun breit war. Bohnengroße Vertiefungen in Gestalt von Chrysanthemen- und Aprikosenblüten, Lotoskapseln und Wassernüssen waren darin eingearbeitet. Insgesamt waren es dreißig oder vierzig unterschiedliche Figuren, und alle sahen sie fein und zierlich aus. Darum bemerkte Tante Hsüä jetzt lächelnd zur Herzoginmutter und zu Dame Wang: „Bei Euch ist aber auch alles bis ins letzte durchdacht. So viele Muster nur für eine Schüssel Suppe! Ohne Erklärung hätte ich nicht einmal erkannt, wozu das dient.
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Ohne abzuwarten, ob jemand anders etwas darauf erwidern wollte, erklärte Hsi-fëng schon lächelnd: „Woher solltet Ihr das auch wissen, Frau Tante! Das hatten sie sich im vorigen Jahr ausgedacht, um für die kaiserliche Nebenfrau das Mahl zu bereiten. Woraus der Teig gemacht war, den sie damit gepreßt haben, weiß ich nicht. Es sollte an den Geschmack von frischen Lotosblättern erinnern, aber die Hauptsache ist und bleibt eine gute Brühe, das Aussehen allein macht nicht viel Sinn. Und wer würde schon ständig so etwas essen! Als die Formen damals gebracht wurden, haben wir einmal solche Suppe gemacht. Wer weiß, warum ihm das jetzt wieder eingefallen ist!“
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Pan Schnee rief: „Wenn ich mich je wieder mit denen herumtreibe, darf die Schwester mich anspucken und mich ‚Vieh' und ‚Untier' nennen einverstanden? Wozu solltet ihr zwei Tag für Tag meinetwegen Sorgen haben? Wenn Mutter sich über mich ärgern muss, ist das noch zu verzeihen. Aber wenn ich meiner Schwester Kummer bereite, bin ich wirklich kein Mensch mehr! Unser Vater ist tot — wenn ich, anstatt Mutter mehr Ehrerbietung zu erweisen und meiner Schwester mehr Zuneigung zu zeigen, nur dafür sorge, dass Mutter sich ärgert und meine Schwester sich grämt, dann bin ich wahrhaftig schlimmer als ein Tier!"
Damit nahm sie ihr die Formen ab und übergab sie einer Sklavin. Dann ordnete sie an: „Sie sollen in der Küche sofort ein paar Hühner nehmen und was sonst noch dazugehört und gute zehn Schalen Suppe kochen!
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„Wozu das?“ fragte Dame Wang.
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Während er das sagte, liefen ihm unwillkürlich Tränen über das Gesicht. Tante Schnee hatte gerade aufgehört zu weinen, doch seine Worte rissen die alte Wunde wieder auf. Da zwang sich Schatzspange zu einem Lächeln und sagte: „Genug krakeelt! Jetzt bringst du Mutter schon wieder zum Weinen!"
„Ich habe schon meine Gründe“, erwiderte Hsi-fëng lächelnd. „Normalerweise wird diese Suppe selten gekocht. Darum wäre es – nachdem Schwager Bau-yü einmal danach verlangt hat – nicht schön, wenn sie nur für ihn allein gekocht würde, für die alte gnädige Frau, die gnädige Frau Tante und Euch, gnädige Frau, aber nicht. Darum will ich die Gelegenheit nutzen und mehr davon kochen lassen, damit es für alle reicht. So fällt auch für mich etwas ab!
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„Dich werde ich lehren, Äffchen!“ drohte die Herzoginmutter im Spaß. „Mit öffentlichen Geldern spielst du dich als Wohltäterin auf!“
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Sofort hörte Pan Schnee zu weinen auf, lächelte und sagte: „Ich bringe Mutter doch nicht zum Weinen! Aber Schluss jetzt, reden wir nicht mehr davon. Duftkastanie [香菱], komm und schenk der Schwester Tee ein!"
Alles lachte darüber, und auch Hsi-fëng lächelte, als sie erwiderte: „Keine Bange! So eine kleine Bewirtung kann auch ich mir leisten!Dann wandte sie sich erneut an die Sklavin und befahl: „Sag in der Küche, sie sollen ordentlich etwas daranmachen, und das Silber sollen sie auf meine Rechnung setzen!“
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Die Sklavin sagte: „Jawohl!und ging hinaus, da bemerkte Bau-tschai mit lächelnder Miene: „In den Jahren, die ich jetzt hier bin, habe ich stets darauf achtgegeben und mußte feststellen, daß Kusine Hsi-fëng bei allem Witz an die alte gnädige Frau nicht heranreicht.
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Schatzspange sagte: „Ich mag keinen Tee. Wenn Mutter sich die Hände gewaschen hat, gehen wir hinüber."
„Was habe ich schon noch für Witz, alt wie ich bin“, entgegnete die Herzoginmutter. „Als ich so alt war wie sie, hätte ich mich mit ihr messen können. Aber wenn sie auch an uns nicht heranreicht, ist sie doch immer noch gut, weit besser als deine Tante. Die Ärmste redet nicht viel und kommt einem vor wie ein Holzklotz. Dadurch konnte sie ihre guten Seiten vor den Schwiegereltern nicht recht zur Geltung bringen. Hsi-fëng dagegen hat eine flinke Zunge, da ist es kein Wunder, daß die Leute sie mögen.
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Lächelnd fragte Bau-yü: „Ihr mögt also niemand, der keine flinke Zunge hat?“
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Pan Schnee sagte: „Lass mich mal deinen Halsreif anschauen, Schwester — ich glaube, er müsste einmal aufpoliert werden."
„Wer keine flinke Zunge hat, besitzt andere Vorzüge, für die man ihn gern hat“, antwortete die Herzoginmutter. „Genauso wie jemand mit flinker Zunge auch Schwächen hat, durch die er gegen den, der nicht reden kann, zurücksteht.
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„Eben!“ sagte Bau-yü lächelnd, „mir scheint, meine ältere Schwägerin sagt nicht viel, und dennoch behandelt Ihr sie nicht anders als Schwägerin Hsi-fëng. Wenn Ihr nur gern haben würdet, wer flink mit der Zunge ist, dürftet Ihr von den Mädchen nur Schwägerin Hsi-fëng und Kusine Dai-yü gern haben.
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Schatzspange erwiderte: „Er glänzt ja noch goldgelb — wozu aufpolieren?"
„Wenn von den Mädchen die Rede ist, kann von unseren vieren keine einzige Bau-tschai auch nur das Wasser reichen“, erwiderte die Herzoginmutter. „Das sage ich nicht, um ihrer Mutter zu schmeicheln, das ist tausend und zehntausend Mal wahr.
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„Oh, das ist voreingenommen von Euch“, wandte Tante Hsüä sofort lächelnd ein.
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Pan Schnee fuhr fort: „Aber ein paar neue Kleider könntest du brauchen, Schwester. Sag mir nur, welche Farben und Muster du möchtest!"
Dame Wang aber lächelte ebenfalls, als sie sagte: „Die alte gnädige Frau hat mir unter vier Augen schon oft gesagt, Bau-tschai sei ein gutes Mädchen. Das ist nicht gelogen.
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Bau-yü hatte die Herzoginmutter nur deshalb auf dieses Thema gebracht, damit sie Dai-yü lobte, doch wider Erwarten hatte sie nicht Dai-yü, sondern Bau-tschai gelobt. Darum blickte er jetzt lächelnd zu Bau-tschai hinüber, aber diese hatte sich längst abgewandt und unterhielt sich mit Hsi-jën.
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Schatzspange wehrte ab: „Ich habe meine alten Kleider noch nicht einmal alle angehabt — wozu neue machen lassen?"
Plötzlich kam jemand vom Gesinde und bat zum Essen. Die Herzoginmutter erhob sich und sagte Bau-yü, er solle sich schön ausruhen. Anschließend erteilte sie seinen Sklavenmädchen noch einige Anweisungen, ehe sie endlich hinausging, wobei sie sich nur auf Hsi-fëng stützte und Tante Hsüä höflich den Vortritt ließ. Die anderen folgten ihnen.
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„Ist die Suppe fertig?“ erkundigte sich die Herzoginmutter. Dann fragte sie Tante Hsüä: „Habt Ihr auf irgend etwas Appetit? Sagt es mir nur! Ich weiß, wie ich Hsi-fëng dazu bringe, es zubereiten zu lassen, und dann teilen wir es uns!“
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Unterdessen hatte sich Tante Schnee umgekleidet. Sie nahm Schatzspange bei der Hand, und die beiden gingen zusammen in den Garten. Pan Schnee ging seines Weges.
Lächelnd erwiderte Tante Hsüä: „Müßt Ihr sie immer aufziehen? Sie verehrt Euch doch etwas von allen Speisen. Aber Ihr eßt ja nicht viel.
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„Sagt das nicht, Tante!“ mischte sich Hsi-fëng lächelnd ein. „Unsere alte Ahne mag nur kein Menschenfleisch, weil es ihr zu sauer ist, sonst hätte sie mich schon längst gefressen!
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Tante Schnee und Schatzspange kamen zum Hof der Roten Freude, um Schatzjade [宝玉] zu besuchen. An der Menge von Dienstmädchen und alten Sklavenfrauen, die innerhalb und außerhalb des Anbaus und im Wandelgang herumstanden, erkannten sie, dass die Herzoginmutter und die anderen Damen bereits anwesend waren. Mutter und Tochter traten ein, begrüßten alle und traten dann an Schatzjades Liegestatt.
Kaum hatte sie das gesagt, platzten die Herzoginmutter und alle anderen laut heraus. Auch Bau-yü drinnen im Zimmer konnte nicht an sich halten und lachte mit. Lächelnd sagte Hsi-jën zu ihm: „Also wirklich! Vor der Zunge der jungen gnädigen Frau kann man sich zu Tode fürchten!
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Bau-yü streckte die Hand nach Hsi-jën aus und sagte lächelnd: „Du hast so lange gestanden, bestimmt bist du müde!“ Und er zog sie heran, damit sie sich neben ihn setzte. Lächelnd erinnerte ihn Hsi-jën: „Jetzt hast du es wieder vergessen! Sprich schnell mit Fräulein Bau-tschai, solange sie noch im Hof ist, und bitte sie, Ying-örl zu uns zu schicken, damit sie für uns Netze knüpft!“
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Tante Schnee erkundigte sich: „Geht es dir etwas besser?"
„Gut, daß du mich daran erinnerst“, sagte Bau-yü. Damit hob er den Kopf und sprach zum Fenster hinaus: „Kusine Bau-tschai! Schick doch nach dem Essen Ying-örl herüber! Ich möchte sie bitten, ein paar Netze zu knüpfen. Sie hat doch Zeit, ja?
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Bau-tschai wandte den Kopf und antwortete: „Warum sollte sie keine Zeit haben? Ich werde es ihr gleich sagen!“
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Schatzjade versuchte sich zu erheben, bestätigte, es gehe ihm besser, und setzte hinzu: „Ich bereite Euch und meiner Cousine nichts als Unruhe — das tut mir wirklich leid!"
Die Herzoginmutter und ihr Gefolge hatten nicht richtig verstanden, worum es ging, darum blieben sie stehen und erkundigten sich bei Bau-tschai danach. Bau-tschai erklärte es ihnen, und nun war es allen klar. Daraufhin sagte die Herzoginmutter: „Schick sie nur her, mein gutes Kind, damit sie für Bau-yü die Netze knüpft! Und sollte euch dadurch jemand zu eurer Bedienung fehlen, so gibt es bei mir Mägde genug, die nichts zu tun haben. Such dir von ihnen aus, welche du willst, damit sie bei euch bedient!“
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Aber lächelnd erwiderten Tante Hsüä und Bau-tschai: „Soll sie nur hergehen und knüpfen! Was brauchen wir sie zur Bedienung! Sie hat den ganzen Tag nichts zu tun und wird schon frech vor lauter Müßiggang.
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Tante Schnee half ihm rasch, sich wieder hinzulegen, und fragte: „Möchtest du irgend etwas haben? Dann sag es mir nur!"
Während des Gesprächs waren sie weitergegangen und trafen nun auf Hsiang-yün, Ping-örl und Hsiang-ling, die vor einem Felsen Balsaminen pflückten. Sobald sie die Ankömmlinge erblickten, kamen sie ihnen zur Begrüßung entgegen.
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Als sie dann den Garten verließen, hatte Dame Wang die Befürchtung, daß die Herzoginmutter müde sei, darum bot sie ihr an, sich in ihren Hauptraum zu setzen. Wirklich taten der Herzoginmutter die Beine weh, darum erklärte sie kopfnickend ihr Einverständnis. Sofort beauftragte Dame Wang ihre Sklavenmädchen, sie sollten vorauseilen und einen Sitz herrichten lassen. Weil sich Nebenfrau Dschau krankheitshalber entschuldigt hatte, waren nur Nebenfrau Dschou sowie die Sklavinnen da, die sich jetzt beeilten, den Türvorhang aufzuheben, Rückenpolster aufzubauen und Sitzkissen zurechtzurücken.
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Schatzjade erwiderte lächelnd: „Wenn mir etwas einfällt, komme ich ganz gewiss auf Euch zu, Tante."
Auf Hsi-fëngs Arm gestützt, trat die Herzoginmutter ein und nahm mit Tante Hsüä zusammen die Ehrenplätze von Gast und Gastgeber ein, während Bau-tschai und Hsiang-yün die einfachen Plätze bekamen. Dame Wang brachte selbst den Tee für die Herzoginmutter, während Li Wan den für Tante Hsüä brachte.
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„Sollen die jungen Frauen uns bedienen!“ sagte die Herzoginmutter zu Dame Wang. „Setz du dich dorthin, damit wir uns unterhalten können!“
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Dame König fragte: „Möchtest du vielleicht etwas Bestimmtes essen? Ich lasse es dir bringen."
Jetzt erst nahm Dame Wang auf einem Hocker Platz. Dann unterwies sie Hsi-fëng: „Der Reis für die alte gnädige Frau soll zusammen mit ein paar Zuspeisen hierher gebracht werden!“ Hsi-fëng sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus, wo sie befahl, in den Räumen der Herzoginmutter Bescheid zu geben. Die Sklavinnen der Herzoginmutter gingen den Befehl übermitteln, und rasch kamen die Sklavenmädchen herüber.
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Inzwischen ordnete Dame Wang an: „Bittet die jungen Fräulein her!“ Es verging jedoch einige Zeit, ehe sie kamen, und dann erschienen nur Tan-tschun und Hsi-tschun. Ying-tschun fühlte sich nicht wohl und mochte deshalb nichts essen. Von Dai-yü aber war man es ohnehin gewöhnt, daß sie von zehn Mahlzeiten nur fünf zu sich nehmen konnte, und so kümmerte sich niemand um sie.
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Schatzjade sagte lächelnd: „Eigentlich habe ich keinen Appetit. Aber die Suppe mit den kleinen Lotosblättern und Lotossamen-Kapseln, die wir einmal hatten — die wäre nicht schlecht."
Bald darauf wurden die Speisen gebracht, und das Gesinde stellte die Tische auf. Hsi-fëng kam mit einem Packen elfenbeinerner Eßstäbchen herein, der in ein Tuch gewickelt war, und sagte lächelnd: „Ihr müßt Euch nicht gegenseitig auf den Ehrenplatz nötigen, alte Ahne und gnädige Frau Tante! Laßt besser mich bestimmen!“
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Lächelnd sagte die Herzoginmutter zu Tante Hsüä: „Wollen wir es so machen?“ Und ebenfalls lächelnd erklärte Tante Hsüä sich einverstanden.
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Phönixglanz, die daneben stand, sagte lächelnd: „Hört euch das an! Sein Geschmack ist gar nicht so kostspielig, nur anspruchsvoll ist er — ausgerechnet danach zu verlangen!"
Daraufhin legte Hsi-fëng vier Paar Eßstäbchen auf, zwei Paar in der Mitte für die Herzoginmutter und Tante Hsüä, und zwei Paar an den Seiten für Bau-tschai und Hsiang-yün. Dame Wang und Li Wan standen dabei und beaufsichtigten das Servieren. Hsi-fëng ließ sauberes Geschirr bringen und wählte die Zuspeisen für Bau-yü aus.
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Kurze Zeit später kam die Lotosblättersuppe. Nachdem die Herzoginmutter sie sich angesehen hatte, wandte Dame Wang sich um, und ihr Blick fiel auf Yü-tschuan, die eben dort stand, und so gab sie ihr den Befehl, Bau-yü das Essen zu bringen.  
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Die Herzoginmutter aber befahl sogleich ein um das andere Mal: „Macht ihm die Suppe! Sofort!"
„Allein kann sie das nicht tragen“, wandte Hsi-fëng ein. Aber da kamen eben Ying-örl und Hsi-örl herein, und Bau-tschai, die sich denken konnte, daß die beiden schon gegessen hatten, sagte zu Ying-örl: „Dich hat der junge Herr sowieso rufen lassen, damit du ihm Netze knüpfst, also geh du mit hinüber!“
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Ying-örl sagte: „Jawohl!und ging mit Yü-tschuan hinaus. Dort fragte sie: „Wie wollen wir das tragen? Der Weg ist so weit und das Essen so heiß!
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Phönixglanz lächelte: „Nicht so eilig, alte Ahne! Lasst mich erst nachdenken — wer hat die Formen dafür in Verwahrung?" Sie wandte sich an eine Sklavin und befahl: „Geh und frag den Küchenvorsteher danach!"
„Keine Sorge!“ erwiderte Yü-tschuan. „Ich weiß, wie wir es machen.“ Und sie befahl einer alten Sklavin, die Suppe und die übrigen Gerichte in eine Speiseschachtel zu stellen und ihnen damit zu folgen, sie aber gingen mit leeren Händen. Erst als sie im Hof der Freude am Roten waren, nahm Yü-tschuan der Alten die Schachtel ab und trat gemeinsam mit Ying-örl zu Bau-yü ins Zimmer.
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Hier scherzten und lachten Hsi-jën, Schë-yüä und Tjiu-wën eben mit Bau-yü. Als sie die beiden Mädchen hereinkommen sahen, standen sie rasch auf und sagten lächelnd: „Wie gut es sich trifft, daß ihr zusammen kommt!“ Gleichzeitig nahmen sie ihnen die Schachtel mit dem Essen ab. Yü-tschuan nahm auf einem Hocker Platz, Ying-örl aber wagte sich nicht zu setzen. Auch als Hsi-jën rasch eine Fußbank für sie brachte, blieb sie stehen.
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Die Sklavin ging und kam nach langer Zeit mit der Meldung zurück: „Der Küchenvorsteher sagt, alle vier Satz Suppenformen seien abgeliefert worden."
Beim Eintritt von Ying-örl hatte Bau-yü sich sehr gefreut, aber als er dann plötzlich auch Yü-tschuan erblickte, mußte er an ihre Schwester Djin-tschuan denken und fühlte sich ebenso traurig wie beschämt. Daher ließ er von Ying-örl ab und sprach mit Yü-tschuan. Als Hsi-jën bemerkte, daß Ying-örl von Bau-yü vernachlässigt wurde, hatte sie Angst, das könnte Ying-örl peinlich sein, und weil sich Ying-örl auch nicht setzen wollte, nahm sie sie schließlich bei der Hand und ging mit ihr ins Nebenzimmer, um mit ihr Tee zu trinken und zu plaudern.
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Hier aber hatte Schë-yüä Schälchen und Eßstäbchen aufgelegt und wollte Bau-yü beim Essen bedienen. Bau-yü aß jedoch nicht und fragte statt dessen Yü-tschuan: „Wie geht es deiner Mutter? Gut?“
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Phönixglanz überlegte: „Jetzt fällt es mir wieder ein — ich glaube, sie sind in der Teeküche." Sie schickte jemanden hin, um dort nachzufragen — aber auch dort waren sie nicht. Schließlich brachte sie der Verwalter des Gold- und Silbergeschirrs.
Yü-tschuan aber machte ein bitterböses Gesicht, und ohne Bau-yü richtig anzusehen, sagte sie nach einer langen Pause nur: „Ja.
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Bau-yü war enttäuscht. Ein Weilchen später versuchte er es noch einmal, indem er sich lächelnd erkundigte: „Wer hat dich hergeschickt?
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Tante Schnee nahm das Kästchen zuerst in die Hand und betrachtete es. Es war ein kleines Kästchen mit vier silbernen Formen darin, jede über ein chi [Anm.: ein chi entspricht etwa 33 cm] lang und ein cun [Anm.: ein cun entspricht etwa 3,3 cm] breit. Darauf waren bohnengroße Figuren eingraviert — Chrysanthemen, Pflaumenblüten, Lotossamen-Kapseln, Wassernüsse –, insgesamt dreißig bis vierzig verschiedene Muster, alle äußerst fein und zierlich gearbeitet. Tante Schnee sagte lächelnd zur Herzoginmutter und zu Dame König: „Bei Euch ist wirklich an alles gedacht! So viele Muster nur für eine Schale Suppe! Wenn man es mir nicht gesagt hätte, wüsste ich nicht einmal, wozu das dient."
„Niemand anders als die junge gnädige Frau und die gnädige Frau“, gab Yü-tschuan zur Antwort.
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An dem todernsten Gesicht, das sie immer noch machte, erkannte Bau-yü, daß sie Djin-tschuans wegen so zu ihm war, und er wollte versuchen, sie durch Aufrichtigkeit und Güte umzustimmen. In Gegenwart all der anderen war das aber schlecht möglich, darum schickte er zuerst die anderen unter allerhand Vorwänden fort und richtete dann mit lächelnder Miene die verschiedensten Fragen an Yü-tschuan.
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Ohne abzuwarten, sagte Phönixglanz schon lächelnd: „Woher solltet Ihr das auch wissen, Frau Tante! Das hatten sie sich im vorigen Jahr ausgedacht, als sie für die kaiserliche Nebenfrau [Anm.: Kaufmann Urfrühling, die als kaiserliche Nebenfrau im Palast lebt] das Mahl bereiteten. Aus irgendeinem Teig haben sie die Figuren herausgepresst, die nach frischen Lotosblättern duften sollten. Aber die Hauptsache ist eine gute Brühe das Aussehen allein macht nicht viel her. Wer würde schon ständig so etwas essen! Damals, als die Formen gebracht wurden, haben wir einmal solche Suppe gemacht. Wie kommt er heute bloß darauf?"
Anfangs blieb Yü-tschuan auch weiter ernst, aber als sie sah, daß Bau-yü nicht böse wurde, sondern trotz ihrer abweisenden Haltung gütig und herzlich zu ihr war, schämte sie sich und machte ein freundlicheres Gesicht.  
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Lächelnd bat jetzt Bau-yü: „Gib mir von der Suppe, liebe Schwester! Ich möchte sie kosten.“ Aber Yü-tschuan erwiderte: „Ich habe mich nie darauf verstanden, jemand zu füttern. Du mußt warten, bis die andern zurück sind!“
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Damit nahm sie die Formen und übergab sie einer Sklavin. Dann ordnete sie an: „Man soll in der Küche sofort ein paar Hühner nehmen und allerlei Zutaten hinzufügen und gut zehn Schalen Suppe zubereiten!"
„Du sollst mich ja nicht füttern“, sagte Bau-yü lächelnd. „Du sollst mir die Suppe nur geben, weil ich nicht laufen kann. Desto eher kannst du wieder hinübergehen und melden, dein Auftrag sei erfüllt, so daß du selbst etwas essen kannst. Ich halte dich schon lange genug auf, bestimmt hast du schrecklichen Hunger! Wenn du aber zu faul bist, mich zu bedienen, muß ich mir eben den Schmerz verbeißen und die Suppe selber holen!“ Bei diesen Worten versuchte er, aus dem Bett aufzustehen, konnte aber ein „Au weh!“ nicht unterdrücken.
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Diesen Anblick vermochte Yü-tschuan nicht zu ertragen. „Leg dich hin!“ sagte sie und erhob sich von ihrem Sitz. „So rächen sich die Sünden aus einer früheren Existenz! Wie soll ich das mitansehen?“ Und mit spöttischem Lächeln reichte sie ihm die Suppe.
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Dame König fragte: „Wozu so viel?"
„Wenn du wütend bist, bleib besser noch hier, Schwester!“ riet Bau-yü ihr lächelnd. „Vor der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau mußt du freundlicher sein. Wenn du weiter so bist wie eben, wirst du gescholten.
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„Iß, !“ sagte Yü-tschuan. „Spar dir deine honigsüßen Reden, ich falle nicht darauf herein!“ Und noch einmal mahnte sie ihn zu essen, bis Bau-yü endlich zwei Schlucke von der Suppe kostete.
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Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Dafür gibt es einen Grund. Normalerweise wird diese Suppe selten gekocht. Wenn wir sie heute nur für Vetter Schatzjade allein kochen und die Herzoginmutter, die gnädige Frau Tante und die gnädige Frau gehen leer aus, wäre das doch nicht recht. Besser, wir nutzen die Gelegenheit und kochen genug für alle. Dann fällt auch für mich etwas ab!"
„Es schmeckt nicht“, behauptete er, „mehr mag ich nicht!“
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„Buddha Amitabha!“ sagte Yü-tschuan, „wenn das nicht schmeckt, was soll dann schmecken?
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Die Herzoginmutter lachte: „Du Äffchen! Wie schlau du bist! Mit öffentlichen Geldern spielst du dich als Wohltäterin auf."
„Aber es schmeckt nach gar nichts“, klagte Bau-yü. „Wenn du es nicht glaubst, dann koste selbst!
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Ärgerlich kostete Yü-tschuan von der Suppe, da sagte Bau-yü lächelnd: „Jetzt schmeckt es!
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Alle lachten. Phönixglanz sagte ebenfalls lächelnd: „Aber das macht doch nichts! Eine so kleine Bewirtung kann ich mir durchaus leisten!" Dann wandte sie sich an die Sklavin und sagte: „Richte der Küche aus, sie sollen ordentlich Zutaten verwenden. Das Silber sollen sie auf meine Rechnung setzen."
Yü-tschuan begriff, daß es ihm nur darum gegangen war, daß auch sie von der Suppe aß, darum sagte sie: „Du hast gesagt, es schmeckt nicht, also bekommst du nichts mehr, auch wenn du jetzt sagst, es schmeckt.“ Und obwohl Bau-yü lächelnd bat, er wolle noch mehr von der Suppe essen, gab Yü-tschuan ihm nichts. Gleichzeitig rief sie, es solle jemand kommen, um ihm beim Essen Gesellschaft zu leisten.
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Eben traten seine Sklavenmädchen ins Zimmer, da wurde gemeldet, zwei alte Ammen aus dem Hause des zweiten Herrn Fu wollten Bau-yü sehen, um ihm ihren Gruß zu entbieten.
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Die Sklavin sagte: „Jawohl!" und ging.
Bau-yü verstand, daß die Ammen aus dem Hause des Präfekturassistenten Fu Schï kamen, eines Schülers von Djia Dschëng, der schon seit Jahren dank des Ansehens und der Macht der Djias erfolgreich Karriere machte. Djia Dschëng wußte ihn richtig einzuschätzen und behandelte ihn daher anders als seine übrigen Schüler, Fu Schï seinerseits schickte häufig jemanden von seinen Leuten, um den Kontakt zu pflegen.
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Nun haßte Bau-yü im allgemeinen dumme Männer genauso wie törichte Frauen. Warum also ließ er heute die beiden alten Sklavinnen zu sich herein? Dafür hatte er einen Grund. Denn er hatte erfahren, Fu Schï besitze eine jüngere Schwester namens Fu Tjiu-fang, die ebenfalls ein köstlicher Jade in wertvollem Gehäuse sei. Wie es hieß, war sie ebenso talentiert wie schön. Und wenn er sie auch nie zu Gesicht bekommen hatte, verehrte er sie doch aus der Ferne und fürchtete, sie zu beleidigen, wenn er die Sklavenfrauen aus ihrem Hause nicht eintreten ließ. Deshalb befahl er rasch, sie sollten hereinkommen.
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Schatzspange bemerkte lächelnd von der Seite: „In all den Jahren, die ich nun hier bin, habe ich genau aufgepasst: So geschickt Phönixglanz auch sein mag — an die Herzoginmutter reicht sie doch nicht heran."
Dieser Fu Schï war allerdings ein Emporkömmling, und weil seine Schwester von einiger Schönheit war und obendrein klüger als andere Leute, hegte er die Hoffnung, sich mit ihrer Hilfe mit einer mächtigen und vornehmen Familie zu verschwägern. Deshalb wollte er sie nicht leichtfertig mit dem ersten besten verloben, und so war sie mit dreiundzwanzig Jahren noch immer niemandem versprochen. Das war aber auch kein Wunder, denn die mächtigen und vornehmen Familien verachteten Fu Schï, weil er ein armer Schlucker war und ein seichter Charakter außerdem. Aus diesem Grunde mochte keiner um seine Schwester anhalten, und so hatte Fu Schï bei seinem vertrauten Umgang mit der Familie Djia seine eigenen Pläne und Absichten.
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Die beiden Sklavinnen, die Fu Schï heute geschickt hatte, waren ausgerechnet die unwissendsten Geschöpfe, die man sich denken kann. Als sie hörten, Bau-yü wolle sie empfangen, traten sie ein, wußten aber nach der Begrüßung kaum zwei Sätze zu sagen.
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Die Herzoginmutter erwiderte: „Was habe ich noch für Geschick, alt wie ich bin! Als ich so alt war wie sie, konnte ich mich durchaus mit ihr messen. Wenn sie auch nicht ganz an uns von damals heranreicht, ist sie doch recht gut — viel besser jedenfalls als deine Tante. Die Ärmste redet nicht viel und kommt einem vor wie ein Holzklotz. Dadurch konnte sie vor den Schwiegereltern nie ihre guten Seiten recht zur Geltung bringen. Phönixglanz hat ein flinkes Mundwerk — kein Wunder, dass man sie gern hat."
Yü-tschuan, die in Gegenwart der fremden Frauen nicht wagte, Bau-yü weiter zu necken, stand mit der Suppenschüssel in beiden Händen da und hörte zu. Bau-yü aber aß unbekümmert weiter, während er mit den Frauen sprach, und stieß, als er dabei den Arm ausstreckte, weil er noch Suppe wollte, den Blick aber genau wie Yü-tschuan auf die Besucherinnen gerichtet hielt, so unvorsichtig gegen die Schüssel, daß ihm die Suppe über die Hand schwappte.
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Yü-tschuan hatte sich zwar nicht die Hände dabei verbrüht, dennoch fuhr sie vor Schreck zusammen und sagte lächelnd: „Was machst du denn!“ Erschrocken traten die anderen Sklavenmädchen näher und nahmen ihr die Schüssel ab.
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Schatzjade fragte lächelnd: „Heißt das, wer nicht viel redet, wird nicht gern gehabt?"
Bau-yü, der sich die Hand verbrüht hatte, merkte gar nichts davon. Vielmehr fragte er Yü-tschuan: „Wo hast du dich verbrannt? Tut es weh?
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Yü-tschuan lachte auf, und mit ihr auch die anderen, dann sagte sie: „Das fragst du mich? Du hast dich doch verbrüht!“ Das bemerkte Bau-yü erst jetzt.
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Die Herzoginmutter antwortete: „Wer nicht viel redet, hat andere Vorzüge, für die man ihn gern hat. Und wer ein flinkes Mundwerk hat, hat dafür auch Schwächen — am Ende steht er gegen den, der schweigen kann, zurück."
Alle traten zu ihm ans Bett, um Ordnung zu schaffen. Bau-yü, der jetzt nichts mehr essen wollte, wusch sich die Hände und trank dann Tee. Dabei unterhielt er sich wieder mit den beiden alten Sklavenfrauen, die sich aber schon nach wenigen Sätzen verabschiedeten und fortgingen. Tjing-wën begleitete sie bis an die Brücke, dann kam sie wieder zurück.
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Als die beiden Sklavenfrauen allein waren, begannen sie ein Gespräch. „Kein Wunder“, sagte die eine lächelnd, „wenn die Leute sagen, dieser Bau-yü sei zwar äußerlich eine gute Erscheinung, aber eigentlich sei er dumm – ein Herr, der nur zum Ansehen tauge. Er ist tatsächlich ein wenig töricht, verbrüht sich die Hand und fragt jemand anders, ob es weh tut! Wenn das kein Tölpel ist!
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Schatzjade sagte lächelnd: „Eben! Mir scheint, meine ältere Schwägerin redet nicht viel, und doch behandelt Ihr sie nicht anders als Phönixglanz. Wenn Ihr nur die mit flinker Zunge gern hättet, dürftet Ihr von den Mädchen nur Phönixglanz und Cousine Kajaljade mögen."
„Als ich das vorige Mal hier war“, sagte die andere ebenfalls lächelnd, „haben mir viele Leute geklagt, er sei wirklich und wahrhaftig ein wenig närrisch. Er ließ sich naßregnen wie ein Huhn und sagte dabei zu jemand anders, es regne und er solle sich rasch unterstellen gehen. Ist das nicht lächerlich? Wenn niemand dabei ist, weint oder lacht er vor sich hin. Sieht er eine Schwalbe in der Luft, dann spricht er mit der Schwalbe, und sieht er einen Fisch im Wasser, dann spricht er mit dem Fisch. Wenn er den Mond und die Sterne anschaut, seufzt und klagt er, oder er murmelt etwas in seinen zukünftigen Bart. Er hat überhaupt keinen Willen, jede dumme Magd kann mit ihm machen, was ihr gefällt. Und mal tut es ihm um jedes Fädchen leid, mal aber verdirbt er Sachen, die tausende oder zehnntausende wert sind.
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Unter solchen Reden verließen sie den Garten, verabschiedeten sich vom Gesinde und gingen nach Hause. Aber davon soll hier nicht die Rede sein.
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Die Herzoginmutter sagte: „Da wir gerade von den jungen Fräulein reden — ich sage es nicht, um der Frau Tante ins Gesicht zu schmeicheln, es ist tausend und zehntausend Mal wahr –, von unseren vier Mädchen kann keine einzige unserer Schatzspange das Wasser reichen."
Als Hsi-jën bemerkte, daß die Besucherinnen fort waren, führte sie Ying-örl wieder zu Bau-yü hinüber und fragte ihn: „Was für Netze soll sie dir knüpfen?
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Bau-yü sah Ying-örl strahlend an und sagte: „Dich hatte ich über dem Gespräch ganz vergessen. Dabei hatte ich dich extra zum Netzeknüpfen hierher gebeten.
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Tante Schnee widersprach sogleich lächelnd: „Da ist die Herzoginmutter aber voreingenommen!"
„Wofür sollen die Netze sein?“ erkundigte sich Ying-örl.
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„Egal, wofür“, sagte Bau-yü lächelnd, „mach mir von jeder Sorte ein paar!
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Dame König lächelte ebenfalls: „Die Herzoginmutter hat mir unter vier Augen schon oft gesagt, Schatzspange sei ein prächtiges Mädchen. Das ist ganz gewiss nicht gelogen."
Da klatschte Ying-örl in die Hände und erklärte lächelnd: „Hat man so etwas schon gehört! Auf diese Weise werde ich auch in zehn Jahren nicht fertig!
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„Aber du hast doch weiter nichts zu tun, liebste Schwester“, sagte Bau-yü lächelnd. „Also mach sie mir nur!
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Schatzjade hatte die Herzoginmutter nur deshalb auf dieses Thema gebracht, weil er ein Lob für Kajaljade hatte hören wollen. Doch wider Erwarten hatte sie nicht Kajaljade, sondern Schatzspange gelobt. Das kam ihm unerwartet. Er blickte lächelnd zu Schatzspange hinüber, aber diese hatte sich längst abgewandt und unterhielt sich mit Dufthauch [袭人].
„Sie kann doch aber nicht alles auf einmal machen“, griff Hsi-jën ein. „Wir wollen auswählen, was am wichtigsten ist, und davon macht sie dir zwei Stück.
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„Was für ein Netz ist denn wichtig?“ fragte Ying-örl. „Doch wohl nur eins für einen Fächer, einen Riechbeutel, eine Leibbinde oder dergleichen.
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Plötzlich kam jemand und bat zum Essen. Die Herzoginmutter erhob sich und ermahnte Schatzjade, sich gut zu erholen. Dann gab sie den Dienstmädchen noch einige Anweisungen, ehe sie sich auf Phönixglanz' Arm stützte, Tante Schnee höflich den Vortritt ließ und mit den übrigen das Zimmer verließ.
„Eins für eine Leibbinde wäre nicht schlecht“, sagte Bau-yü.
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„Welche Farbe hat sie?“ erkundigte sich Ying-örl.
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Die Herzoginmutter erkundigte sich: „Ist die Suppe fertig?" Dann fragte sie Tante Schnee: „Habt Ihr auf etwas Bestimmtes Appetit? Sagt es mir nur! Ich weiß Phönixglanz dazu zu bringen, es zubereiten zu lassen dann teilen wir es uns."
„Dunkelrot“, gab Bau-yü zur Antwort.
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„Für eine dunkelrote müßte es ein schwarzes Netz sein, damit es gut aussieht“, erläuterte Ying-örl. „Auch ein azuritblaues würde gut zur Geltung kommen.
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Tante Schnee erwiderte lächelnd: „Müsst Ihr sie denn immer aufziehen? Sie verehrt Euch ohnehin von jeder Speise etwas. Aber Ihr esst ja nicht viel davon."
„Und was würde zu einer mattgrünen passen?“ fragte Bau-yü.
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„Ein zartes Rosa“, erwiderte Ying-örl.
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Phönixglanz mischte sich lächelnd ein: „Sagt das nicht, Tante! Unsere alte Ahne mag bloß kein Menschenfleisch, weil es ihr zu sauer ist sonst hätte sie mich schon längst gefressen!"
„Das wird zauberhaft aussehen“, sagte Bau-yü. „Aber dann möchte ich noch eins, das vornehm hell und zugleich zauberhaft ist.
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„Da würde ich ein gelbliches Grün wie von jungem Lauch oder von jungen Weidenblättern am schönsten finden“, schlug Ying-örl ihm vor.
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Kaum war der Satz heraus, brachen die Herzoginmutter und alle anderen in schallendes Gelächter aus.
„Also gut“, sagte Bau-yü, „dann möchte ich eins in Zartrosa und eins in Lauchgrün.
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„Und was für Muster?fragte Ying-örl.
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Auch Schatzjade konnte sich drinnen in seinem Zimmer das Lachen nicht verkneifen. Dufthauch sagte lächelnd zu ihm: „Wirklich, vor dem Mundwerk der jungen gnädigen Frau muss man sich ja zu Tode fürchten!"
„Wie viele Muster gibt es denn?“ fragte Bau-yü zurück.
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„Es gibt Stäbchen, Trapeze, Rhomben, verbundene Quadrate, verschlungene Ringe, Aprikosenblüten, Weidenblätter, ...“, zählte Ying-örl auf.
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Schatzjade streckte die Hand aus, zog Dufthauch zu sich heran und sagte lächelnd: „Du hast so lange gestanden bestimmt bist du müde!" Damit setzte er sie neben sich.
„Und was war das für ein Muster, das du neulich für das dritte Fraülein geknüpft hast?“ wollte Bau-yü wissen.
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„Das waren Aprikosenblütenbüschel“, gab Ying-örl Auskunft.
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Dufthauch erinnerte ihn lächelnd: „Da fällt mir ein — das hättest du fast vergessen! Sprich schnell mit Fräulein Schatzspange, solange sie noch im Hof ist, und bitte sie, Goldamsel [莺儿] herzuschicken, damit sie ein paar Netze für uns knüpft."
„Das wird das richtige Muster sein!“ entschied Bau-yü und befahl Hsi-jën, sie solle das Garn holen.
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Eben als sie es brachte, sagte eine Sklavin vor dem Fenster: „Das Essen für die Mädchen ist da.“
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Schatzjade sagte lächelnd: „Gut, dass du mich erinnerst!" Er hob den Kopf und sprach zum Fenster hinaus: „Cousine Schatzspange! Schick doch nach dem Essen Goldamsel herüber! Ich möchte sie bitten, ein paar Schnurnetze zu knüpfen. Hat sie Zeit?"
„Geht essen!“ sagte Bau-yü, „aber beeilt euch und kommt wieder!
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„Wie können wir weggehen, wenn Besuch hier ist!“ sträubte sich Hsi-jën.
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Schatzspange wandte den Kopf und antwortete: „Warum sollte sie keine Zeit haben? Ich sage es ihr gleich."
„Was soll denn das heißen?“ fragte Ying-örl, während sie das Garn ordnete. „Geht nur rasch essen und kommt dann wieder her!
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Jetzt erst war Hsi-jën bereit zu gehen, ließ aber zwei von den kleineren Sklavenmädchen zur Bedienung da.
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Die Herzoginmutter und die anderen hatten nicht richtig verstanden, blieben stehen und erkundigten sich bei Schatzspange. Als diese es erklärte, begriffen es alle.
Bau-yü schaute Ying-örl beim Knüpfen zu und plauderte dabei mit ihr. „Wie alt bist du?fragte er.
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„Sechzehn“, sagte Ying-örl, ohne die Arbeit zu unterbrechen.
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Die Herzoginmutter sagte: „Schick sie nur her, mein gutes Kind, damit sie für deinen Bruder Schatzjade die Netze knüpft! Wenn euch dadurch jemand zum Bedienen fehlt — bei mir gibt es mehr als genug Mädchen, die nichts zu tun haben. Such dir aus, wen du willst!"
„Und wie heißt du mit Familiennamen?“ wollte er nun wissen.
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„Ich heiße Huang – ‚gelb‘“, antwortete Ying-örl.
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Tante Schnee und Schatzspange erwiderten lächelnd: „Schickt sie nur her zum Knüpfen! Wir brauchen sie nicht zum Bedienen. Den ganzen Tag hat sie nichts zu tun und wird vor lauter Müßiggang schon übermütig."
„Da hast du den richtigen Namen“, scherzte Bau-yü, „du bist wirklich eine Huang Ying-örl, ein gelbes Amselchen.“
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„Eigentlich habe ich einen richtigen zweisilbigen Rufnamen, ich heiße Djin-ying – ‚Goldamsel‘“, verriet Ying-örl. „Aber das war dem Fräulein zu umständlich, darum hat sie einfach Ying-örl daraus gemacht, und das hat sich eingebürgert.
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Während des Gesprächs gingen sie weiter und trafen unterwegs auf Xiangfluss-Wolke [史湘云], Friedchen [平儿] und Duftkastanie [香菱], die am Fuße eines Felsens Balsaminen pflückten. Als sie die Gruppe kommen sahen, kamen sie ihnen zur Begrüßung entgegen.
„Meine Kusine Bau-tschai hat dich sehr gern“, fuhr Bau-yü fort. „Wenn sie einmal heiratet, wird sie dich bestimmt in ihren Haushalt mitnehmen.
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Ying-örl verzog den Mund zu einem Lächeln, sagte aber nichts.
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Bald darauf verließen sie den Garten. Dame König befürchtete, die Herzoginmutter könne müde sein, und bot ihr an, sich in den Haupträumen niederzulassen. Tatsächlich schmerzten die Herzoginmutter die Beine. Sie nickte zustimmend. Dame König wies sogleich die Dienstmädchen an, vorauszueilen und einen Sitz herrichten zu lassen. Da Nebenfrau Zhao [赵姨娘] sich krankgemeldet hatte, waren nur Nebenfrau Zhou und die Sklavenfrauen und -mädchen da, die sich beeilten, den Türvorhang aufzuheben, Rückenkissen aufzustellen und Sitzkissen zurechtzurücken.
„Ich habe mich schon oft mit Hsi-jën darüber unterhalten, wer wohl der Glückliche sein wird, der euch beide, Herrin und Sklavin, einmal bekommt“, sagte Bau-yü lächelnd.
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„Dabei weißt du nicht einmal, daß unser Fräulein Eigenschaften hat wie sonst keine auf der Welt“, erwiderte Ying-örl. „Ihr Aussehen kommt erst an zweiter Stelle.
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Die Herzoginmutter trat, auf Phönixglanz' Arm gestützt, ein und nahm mit Tante Schnee zusammen auf den Ehrenplätzen für Gast und Gastgeber Platz. Schatzspange und Xiangfluss-Wolke setzten sich darunter. Dame König brachte persönlich den Tee für die Herzoginmutter, Seidenweiß Pflaume den für Tante Schnee.
Unter dem Eindruck von Ying-örls naiver Schönheit schwatzte Bau-yü wie ein Tor und tat seinen Gefühlen nicht den mindesten Zwang an. Darum fragte er auch, als jetzt von Bau-tschai die Rede war: „Was für Eigenschaften sind das? Erzähl es mir ganz genau, liebe Schwester!
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„Ich werde es dir erzählen“, versprach Ying-örl lächelnd. „Aber du darfst ihr nichts davon sagen!
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Die Herzoginmutter sagte zu Dame König: „Lass die jungen Frauen uns bedienen. Setz dich dort drüben hin, damit wir in Ruhe plaudern können."
„Das versteht sich von selbst!“ erklärte Bau-yü lächelnd.
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Kaum hatte er das gesagt, waren von draußen die Worte zu hören: „Warum ist es denn hier so still?“ Und als sie sich beide umsahen, war es niemand anders als Bau-tschai, die hereintrat.
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Erst da nahm Dame König auf einem kleinen Hocker Platz und wies Phönixglanz an: „Das Essen für die Herzoginmutter soll hierher gebracht werden, mit ein paar Zutaten mehr." Phönixglanz nickte, ging hinaus und gab Bescheid. Die Nachricht wurde weitergegeben, und bald kamen die Dienstmädchen der Herzoginmutter herüber.
Rasch bot ihr Bau-yü einen Platz an, sie aber erkundigte sich bei Ying-örl: „Was knüpfst du?“ Und dabei musterte sie die halbfertige Arbeit, die Ying-örl in den Händen hielt. „Das ist doch nichts!“ befand Bau-tschai. „Mach besser ein Netz für seinen Jadestein!“
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Gleich klatschte Bau-yü in die Hände und sagte: „Du hast vollkommen recht, Kusinchen! Warum habe ich daran nicht gedacht? Aber welche Farbe würde dazu passen?
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Dame König ordnete an: „Bittet die jungen Fräulein her." Man schickte nach ihnen, aber es verging einige Zeit, und schließlich kamen nur Erkundefrühling und Bedauerfrühling. Willkommensfrühling fühlte sich nicht wohl und hatte keinen Appetit. Von Kajaljade brauchte man gar nicht erst zu reden — sie aß ohnehin von zehn Mahlzeiten nur fünf, und niemand machte sich mehr etwas daraus.
„Auf keinen Fall sollte es bunt sein“, empfahl Bau-tschai. „Dunkelrot würde sich beißen, Gelb würde sich nicht richtig abheben, und Schwarz wäre wieder zu dunkel. Jetzt hab ich‘s! Wir nehmen einen Goldfaden und knüpfen schwarzes Perlgarn dazwischen. So muß es gut aussehen!“
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Als Bau-yü das hörte, kannte seine Freude keine Grenze. Immer wieder fragte er nach Hsi-jën, die ihm den Goldfaden holen sollte. Da kam sie auch schon zur Tür herein, zwei Eßschälchen in den Händen. „Seltsame Dinge passieren heute!“ sagte sie zu Bau-yü. „Eben schickt mir die gnädige Frau zwei Schälchen mit Zuspeisen.
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Bald darauf wurden die Speisen aufgetragen, und die Bediensteten stellten die Tische auf. Phönixglanz kam herein, hielt in ein Tuch gewickelt einen Satz elfenbeinerne Essstäbchen und sagte lächelnd: „Alte Ahne und Frau Tante — Ihr braucht Euch nicht gegenseitig den Ehrenplatz anzubieten. Lasst mich das regeln."
„Bestimmt war zuviel davon da, und sie hat es für euch alle geschickt“, mutmaßte Bau-yü und lächelte dabei.
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„Aber nein“, erwiderte Hsi-jën. „Es war ausdrücklich für mich bestimmt, und sie hat noch bestellen lassen, ich brauchte deswegen nicht hinüberzukommen, um mich mit einem Kniefall dafür zu bedanken. Das ist doch wirklich seltsam!
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Die Herzoginmutter sagte lächelnd zu Tante Schnee: „Machen wir es so." Und Tante Schnee stimmte lächelnd zu.
„Wenn es für dich bestimmt ist, dann es auf! Was gibt es da herumzurätseln!“ riet Bau-tschai ihr mit lächelnder Miene.
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„Aber so etwas war noch nie da“, sagte Hsi-jën lächelnd. „Es ist mir direkt peinlich.
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Daraufhin legte Phönixglanz vier Paar Stäbchen hin: zwei Paar in der Mitte für die Herzoginmutter und Tante Schnee, zwei Paar seitlich für Schatzspange und Xiangfluss-Wolke. Dame König und Seidenweiß Pflaume standen daneben und beaufsichtigten das Servieren. Phönixglanz ließ sauberes Geschirr bringen und wählte sogleich die besten Speisen für Schatzjade aus.
Wieder verzog Bau-tschai den Mund zu einem Lächeln und sagte: „Wenn dir das peinlich ist, wirst du bald noch mehr erleben, was dir peinlich ist!“
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Hsi-jën begriff, das mehr hinter diesen Worten stecken mußte, und da sie wußte, daß Bau-tschai keine leichtfertigen Reden führte, um sich über andere lustig zu machen, dachte sie jetzt auch daran, was Dame Wang am Vortag zu ihr gesagt hatte, und bemerkte nichts mehr dazu. Sie zeigte nur Bau-yü die beiden Schälchen mit dem Essen und versprach: „Sobald ich dann saubere Hände habe, bringe ich den Faden!“
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Kurze Zeit später kam die Lotosblätter-Suppe. Die Herzoginmutter besah sie sich. Dame König wandte sich um — da fiel ihr Blick auf Jadearmreif [玉钏, die Schwester der verstorbenen Jin Chuan], die dort stand. Sie befahl ihr: „Bring dem jungen Herrn Schatzjade das Essen."
Damit ging sie hinaus, und nachdem sie gegessen und sich die Finger gewaschen hatte, kam sie wieder und brachte Ying-örl den Goldfaden für das Netz.
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Bau-tschai war inzwischen durch eine Botin zu Hsüä Pan gerufen worden, und Bau-yü sah wieder Ying-örl beim Knüpfen zu. Da erschienen auf einmal zwei Sklavenmädchen von Dame Hsing und brachten Bau-yü zweierlei Sorten Obst zum Essen. Außerdem sollten sie ihn fragen, ob er wieder laufen könne. „Falls ja“, sagten sie, „möchtet Ihr morgen hinüberkommen, um Euch dort ein wenig zu zerstreuen! Die gnädige Frau macht sich Gedanken um Euch.
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Phönixglanz wandte ein: „Allein kann sie das nicht tragen."
Rasch erwiderte Bau-yü: „Wenn ich wieder laufen kann, komme ich ohne Frage, um der gnädigen Frau meinen Gruß zu entbieten. Es tut schon nicht mehr ganz so weh. Die gnädige Frau kann unbesorgt sein.“ Dann bat er die beiden, Platz zu nehmen, Tjiu-wën aber gab er den Auftrag: „Nimm die Hälfte von den Früchten und bring sie zu Fräulein Lin!
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Tjiu-wën sagte: „Jawohl!und wollte eben losgehen, da war von draußen Dai-yüs Stimme zu hören. Sofort befahl Bau-yü: „Bittet sie schnell herein!
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Da kamen gerade Goldamsel und Freudchen [喜儿] herein. Schatzspange wusste, dass die beiden bereits gegessen hatten, und sagte zu Goldamsel: „Der junge Herr hat dich ohnehin zum Netze-Knüpfen rufen lassen. Geht ihr beide zusammen hinüber."
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
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Goldamsel sagte: „Jawohl!" und ging mit Jadearmreif hinaus. Draußen sagte sie: „So ein weiter Weg, und so heiß! Wie sollen wir das alles tragen?"
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Jadearmreif lachte: „Keine Sorge, ich weiß, wie wir es machen." Sie rief eine alte Sklavin herbei, ließ Suppe und Speisen in eine Tragschachtel stellen und der Alten auftragen, ihnen damit zu folgen. Die beiden Mädchen aber gingen mit leeren Händen. Erst vor dem Tor des Hofes der Freude am Roten nahm Jadearmreif der Alten die Schachtel ab und trat gemeinsam mit Goldamsel zu Schatzjade ins Zimmer.
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Dort scherzten und lachten gerade Dufthauch, Moschusmond [麝月] und Herbstmuster [秋纹] mit Schatzjade. Als sie die beiden Mädchen eintreten sahen, sprangen sie auf und sagten lächelnd: „Was für ein Zufall, dass ihr zusammen kommt!" Und sie nahmen ihnen die Schachtel ab.
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Jadearmreif setzte sich auf einen Hocker. Goldamsel aber wagte sich nicht zu setzen. Dufthauch brachte rasch eine Fußbank herbei, doch Goldamsel blieb stehen.
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Schatzjade hatte sich sehr gefreut, als Goldamsel eintrat. Aber als er dann plötzlich auch Jadearmreif erblickte, musste er sofort an ihre Schwester Jin Chuan [金钏] denken und fühlte Trauer und Scham zugleich. Er ließ von Goldamsel ab und wandte sich an Jadearmreif.
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Dufthauch bemerkte, dass Goldamsel vernachlässigt wurde, und fürchtete, es könnte ihr peinlich sein. Da Goldamsel sich auch nicht setzen wollte, nahm Dufthauch sie schließlich bei der Hand und führte sie ins Nebenzimmer, um dort Tee zu trinken und zu plaudern.
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Moschusmond und die anderen legten Schälchen und Stäbchen bereit, um Schatzjade beim Essen zu bedienen. Aber Schatzjade rührte nichts an und fragte stattdessen Jadearmreif: „Wie geht es deiner Mutter?"
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Jadearmreif machte ein bitterböses Gesicht, sah Schatzjade nicht einmal richtig an und sagte nach langer Pause nur ein einziges Wort: „Gut."
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Schatzjade fühlte sich zurückgewiesen. Nach einer ganzen Weile versuchte er es erneut und fragte lächelnd: „Wer hat dich hergeschickt?"
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Jadearmreif antwortete: „Wer schon? Die junge gnädige Frau und die gnädige Frau."
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An ihrem finsteren Gesicht erkannte Schatzjade, dass ihr Groll mit Jin Chuan zu tun hatte. Er wollte sie durch Aufrichtigkeit und Güte umstimmen, doch das war in Gegenwart der anderen schlecht möglich. Darum schickte er unter allerlei Vorwänden alle anderen hinaus. Dann erst richtete er mit lächelnder Miene die verschiedensten Fragen an sie.
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Jadearmreif wollte anfangs nicht mit sich reden lassen. Doch als sie sah, dass Schatzjade kein bisschen böse wurde, gleichgültig wie abweisend sie sich verhielt, und stets gütig und herzlich blieb, schämte sie sich und zeigte endlich ein wenig freundlichere Miene.
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Schatzjade bat lächelnd: „Liebe Schwester, gib mir doch die Suppe, ich möchte sie kosten."
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Jadearmreif erwiderte: „Ich verstehe mich nicht aufs Füttern. Warte, bis die anderen zurückkommen."
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Schatzjade lächelte: „Du sollst mich ja nicht füttern! Ich kann nur nicht aufstehen — gib mir die Suppe, damit du bald zurückgehen und melden kannst, dein Auftrag sei erfüllt. Dann kannst du selbst etwas essen. Ich halte dich schon so lange auf bestimmt hast du schrecklichen Hunger! Wenn du zu faul bist, mir die Suppe zu reichen, muss ich mich eben unter Schmerzen selbst aufraffen und sie holen."
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Bei diesen Worten versuchte er, aus dem Bett zu steigen, ächzte und stöhnte und konnte sich kaum aufrichten.
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Jadearmreif ertrug diesen Anblick nicht. Sie stand auf und sagte: „Leg dich hin! Was für Sünden hast du in einem früheren Leben begangen, dass du jetzt deine gerechte Strafe bekommst! Für welches meiner beiden Augen sollte ich dich erträglich finden!" Während sie noch sprach, lachte sie unwillkürlich und reichte ihm die Suppe.
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Schatzjade sagte lächelnd: „Liebe Schwester, wenn du wütend bist, bleib ruhig hier und sei wütend. Aber vor der Herzoginmutter und der gnädigen Frau solltest du freundlicher sein — sonst wirst du wieder ausgeschimpft."
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Jadearmreif sagte: „Iss nur, iss! Spar dir deine Honigworte — auf so etwas falle ich nicht herein!"
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Sie drängte Schatzjade, und er trank zwei Schlucke Suppe. Dann sagte er absichtlich: „Schmeckt nicht. Mehr will ich nicht."
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Jadearmreif rief: „Amitabha Buddha! Wenn das nicht schmeckt, was soll dann schmecken?"
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Schatzjade klagte: „Es hat überhaupt keinen Geschmack. Wenn du mir nicht glaubst, probier doch selbst!"
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Jadearmreif kostete tatsächlich trotzig davon. Schatzjade lachte: „Jetzt schmeckt es!"
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Jadearmreif begriff, dass er sie nur hatte reinlegen wollen, damit auch sie von der Suppe aß. Sie sagte: „Eben hast du gesagt, es schmecke nicht — jetzt sage ich: Selbst wenn es schmeckt, bekommst du nichts mehr!" Schatzjade bat lächelnd um noch etwas Suppe, doch Jadearmreif gab ihm nichts und rief nach den anderen, damit sie zum Essen kamen.
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Gerade traten die Dienstmädchen ein, da wurde gemeldet: „Zwei Ammen aus dem Hause des zweiten Herrn Fu sind da. Sie möchten dem jungen Herrn ihren Gruß entbieten."
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Schatzjade verstand sofort — es waren die Ammen des Präfekturassistenten Fu Shi [傅试], eines Schülers von Aufrecht Kaufmann [贾政]. Dieser Fu Shi hatte seit Jahren dank des Ansehens und der Macht der Kaufmann-Familie Karriere gemacht. Aufrecht Kaufmann schätzte ihn besonders, daher behandelte er ihn anders als seine übrigen Schüler, und Fu Shi seinerseits schickte häufig Leute, um den Kontakt zu pflegen.
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Nun hasste Schatzjade gewöhnlich prahlende Männer und einfältige Weiber gleichermaßen. Warum also ließ er die beiden alten Sklavenfrauen heute herein? Dafür gab es einen Grund: Er hatte gehört, dass Fu Shi eine jüngere Schwester namens Fu Qiufang [傅秋芳] besaß, die als ein köstlicher Jade in edlem Schrein galt. Man erzählte sich, sie sei ebenso talentiert wie schön. Auch wenn Schatzjade sie nie zu Gesicht bekommen hatte, verehrte er sie aus der Ferne mit aufrichtigem Respekt. Hätte er die Sklavenfrauen aus ihrem Haus nicht hereingelassen, hätte das in seinen Augen Fu Qiufang beleidigt. Darum ließ er sie sofort herein.
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Dieser Fu Shi war allerdings ein Emporkömmling. Da seine Schwester von einiger Schönheit und klüger als andere war, hegte er die Hoffnung, sich durch sie mit einer mächtigen und vornehmen Familie zu verschwägern, und wollte sie nicht leichtfertig vergeben. So war Fu Qiufang mit ihren dreiundzwanzig Jahren immer noch niemandem versprochen. Die mächtigen und vornehmen Familien indessen verachteten Fu Shi als armen Schlucker mit seichtem Charakter und mochten um seine Schwester nicht anhalten. Dass Fu Shi die enge Beziehung zur Kaufmann-Familie pflegte, hatte also auch seinen eigenen Hintergedanken.
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Die beiden alten Sklavenfrauen, die er heute geschickt hatte, waren ausgerechnet die unwissendsten Geschöpfe, die man sich denken konnte. Als sie hörten, Schatzjade wolle sie empfangen, traten sie ein, brachten nach der Begrüßung aber kaum zwei Sätze heraus.
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Jadearmreif, die in Gegenwart der Fremden nicht mehr mit Schatzjade herumzustreiten wagte, stand mit der Suppenschale in beiden Händen da und hörte nur zu. Schatzjade unterhielt sich mit den Frauen und aß zugleich. Als er die Hand ausstreckte, um nach der Suppe zu greifen — und beide, er wie Jadearmreif, nur auf die Besucherinnen schauten –, stieß er ungeschickt gegen die Schale, und die heiße Suppe schwappte ihm über die Hand.
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Jadearmreif hatte sich zwar nicht verbrüht, fuhr aber erschrocken zusammen und lachte: „Was machst du denn!" Die Dienstmädchen eilten herbei und nahmen ihr die Schale ab.
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Schatzjade, der sich die Hand verbrüht hatte, merkte es gar nicht. Vielmehr fragte er Jadearmreif: „Hast du dich verbrannt? Tut es weh?"
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Jadearmreif lachte auf, und mit ihr auch die anderen. Sie sagte: „Du hast dich verbrüht und fragst mich?" Erst jetzt bemerkte Schatzjade den eigenen Schmerz.
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Die Mädchen traten herbei, um aufzuräumen. Schatzjade wollte nun nichts mehr essen, wusch sich die Hände und trank Tee. Dann wechselte er noch ein paar Worte mit den beiden alten Frauen. Bald darauf verabschiedeten sie sich. Heitermuster [晴雯] begleitete sie bis zur Brücke und kehrte dann zurück.
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Als die beiden Sklavenfrauen allein waren, begannen sie miteinander zu schwatzen. Die eine sagte lachend: „Kein Wunder, wenn die Leute sagen, dieser Schatzjade sei ‚äußerlich eine gute Erscheinung, aber innerlich ein Dummkopf' — ‚hübsch anzusehen, aber nicht zu genießen'. Er hat tatsächlich etwas Törichtes an sich! Verbrüht sich die eigene Hand und fragt eine andere, ob es wehtut! Wenn das kein Narr ist!"
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Die andere lachte ebenfalls: „Als ich das letzte Mal hier war, habe ich viele Leute klagen hören — er ist wirklich und wahrhaftig ein wenig wunderlich. Einmal wurde er vom Regen nass wie ein gebadetes Huhn und sagte zu jemand anderem: ‚Es regnet! Stell dich schnell unter!' Ist das nicht komisch? Wenn niemand bei ihm ist, weint oder lacht er vor sich hin. Sieht er eine Schwalbe, redet er mit der Schwalbe. Sieht er einen Fisch im Fluss, redet er mit dem Fisch. Wenn er Mond und Sterne betrachtet, seufzt er und klagt, oder er murmelt leise vor sich hin. Dazu kommt, dass er nicht die Spur einer festen Haltung besitzt — jede kleine Magd kann ihn nach Lust und Laune herumschubsen. Mal tut ihm jedes Fädchen leid, mal verdirbt er Sachen, die Tausende oder Zehntausende wert sind, ohne mit der Wimper zu zucken."
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Unter solchem Geschwätz verließen die beiden den Garten, verabschiedeten sich und gingen nach Hause. Doch davon soll hier nicht die Rede sein.
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Als Dufthauch sah, dass die Besucherinnen fort waren, holte sie Goldamsel herbei und fragte Schatzjade: „Was für Netze soll sie für dich knüpfen?"
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Schatzjade sah Goldamsel strahlend an und sagte: „Über dem Gespräch hätte ich dich beinahe vergessen! Ich habe dich extra kommen lassen, damit du mir ein paar Netze knüpfst."
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Goldamsel fragte: „Netze wofür?"
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Schatzjade lachte: „Egal wofür — knüpfe mir von jeder Sorte ein paar!"
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Goldamsel klatschte in die Hände und rief lachend: „Hat man so etwas schon gehört! Auf diese Weise wäre ich in zehn Jahren nicht fertig!"
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Schatzjade sagte lächelnd: „Du hast doch sonst nichts zu tun, liebste Schwester — knüpfe sie mir einfach alle!"
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Dufthauch warf lächelnd ein: „Die kann doch unmöglich alles auf einmal knüpfen! Wir wollen erst das Wichtigste aussuchen und davon zwei Stück machen lassen."
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Goldamsel sagte: „Was für ein Netz ist denn wichtig? Doch wohl nur eins für einen Fächer, einen Riechbeutel oder eine Leibbinde."
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Schatzjade entschied: „Eine Leibbinde wäre gut."
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Goldamsel fragte: „Welche Farbe hat die Leibbinde?"
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Schatzjade antwortete: „Dunkelrot."
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Goldamsel erklärte: „Für eine dunkelrote muss es ein schwarzes Netz sein, damit es gut aussieht. Oder ein stahlblaues — das würde die Farbe gut zur Geltung bringen."
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Schatzjade fragte: „Und was würde zu einer mattgrünen passen?"
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Goldamsel erwiderte: „Mattgrün? Da passt Pfirsichrosa am besten."
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Schatzjade sagte lächelnd: „Das wird zauberhaft aussehen! Aber ich hätte auch gern etwas, das vornehm-dezent und zugleich leuchtend ist."
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Goldamsel sagte: „Lauchgrün mit Weidengelb — das mag ich am liebsten."
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Schatzjade nickte: „Also gut — knüpfe mir eins in Pfirsichrosa und eins in Lauchgrün."
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Goldamsel fragte: „Was für ein Muster?"
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Schatzjade fragte zurück: „Wie viele Muster gibt es überhaupt?"
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Goldamsel zählte auf: „Räucherstäbchen-Muster, umgekehrte Bänkchen, Rautenmuster, Quadratmuster, Kettenringmuster, Pflaumenblüten, Weidenblätter ..."
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Schatzjade unterbrach sie: „Was war das für ein Muster, das du neulich für das dritte Fräulein geknüpft hast?"
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Goldamsel sagte: „Das waren Pflaumenblütenbüschel."
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Schatzjade entschied: „Genau das will ich auch!" Und er bat Dufthauch, das Garn zu holen.
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Gerade als Dufthauch das Garn brachte, rief eine Sklavin vor dem Fenster: „Das Essen für die Mädchen ist fertig!"
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Schatzjade sagte: „Geht essen! Aber beeilt euch und kommt gleich wieder!"
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Dufthauch sträubte sich lächelnd: „Wie können wir weggehen, wenn Besuch da ist?"
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Goldamsel ordnete das Garn und sagte lächelnd: „Was soll denn das? Geht schnell essen und kommt dann wieder!"
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Erst daraufhin gingen Dufthauch und die anderen, ließen aber zwei kleine Mädchen zur Bedienung zurück.
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Schatzjade sah Goldamsel beim Knüpfen zu und plauderte mit ihr. „Wie alt bist du?" fragte er.
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Goldamsel antwortete, ohne die Arbeit zu unterbrechen: „Sechzehn."
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„Und wie ist dein Familienname?"
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„Huang — ‚gelb'."
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Schatzjade lachte: „Name und Familienname passen ja zusammen! Du bist also eine Huang Yinger — ein gelbes Amselchen!"
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Goldamsel lachte: „Eigentlich habe ich einen richtigen zweisilbigen Rufnamen — Jin-ying, ‚Goldamsel'. Aber das Fräulein fand ihn zu umständlich und hat einfach Yinger daraus gemacht. Inzwischen nennen mich alle so."
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Schatzjade fuhr fort: „Cousine Schatzspange hat dich sehr lieb. Wenn sie eines Tages heiratet, wirst du sie bestimmt begleiten."
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Goldamsel verzog den Mund zu einem Lächeln, sagte aber nichts.
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Schatzjade sagte lächelnd: „Ich habe mich oft mit Dufthauch darüber unterhalten, wer wohl der Glückliche sein wird, der euch beide Herrin und Dienerin — einmal bekommt."
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Goldamsel erwiderte lächelnd: „Du weißt ja noch gar nicht, dass unser Fräulein Vorzüge besitzt wie sonst niemand auf der Welt! Ihr Aussehen kommt erst an zweiter Stelle."
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Unter dem Eindruck von Goldamsels naiver Anmut schwatzte Schatzjade ohne jede Zurückhaltung und ließ seinen Gefühlen freien Lauf. Als nun von Schatzspange die Rede war, fragte er eifrig: „Was für Vorzüge sind das? Erzähle mir alles, liebe Schwester!"
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Goldamsel lachte: „Ich erzähle es dir — aber du darfst ihr nicht davon sagen!"
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Schatzjade versicherte lächelnd: „Das versteht sich von selbst!"
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Kaum hatte er das gesagt, ertönte von draußen eine Stimme: „Warum ist es denn hier so still?" Die beiden sahen sich um — es war niemand anders als Schatzspange, die soeben hereintrat.
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Schatzjade bot ihr rasch einen Platz an. Schatzspange setzte sich, blickte auf Goldamsels Arbeit und fragte: „Was knüpfst du da?" Sie musterte die halbfertige Arbeit. „Das ist doch nichts Rechtes", sagte sie lächelnd. „Knüpfe lieber ein Netz für den Jade!" [Anm.: Gemeint ist Schatzjades Jadestein, den er seit Geburt mit sich trägt.]
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Sofort klatschte Schatzjade in die Hände und rief: „Natürlich! Warum habe ich daran nicht gedacht! Nur — welche Farbe würde dazu passen?"
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Schatzspange überlegte: „Bunt darf es auf keinen Fall sein. Dunkelrot würde sich beißen, Gelb würde nicht auffallen, und Schwarz wäre zu dunkel. Ich hab's! Nimm Goldfaden und flechte schwarzes Perlgarn dazwischen — das wird schön aussehen."
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Als Schatzjade das hörte, kannte seine Freude keine Grenze. Er rief immer wieder nach Dufthauch, die den Goldfaden holen sollte. Da kam sie schon zur Tür herein, zwei Essschälchen in den Händen. Sie sagte zu Schatzjade: „Heute passieren seltsame Dinge! Eben hat die gnädige Frau zwei Schälchen mit Speisen eigens für mich herüberschicken lassen."
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Schatzjade mutmaßte lächelnd: „Bestimmt war heute Essen übrig, und sie hat euch allen davon abgeben lassen."
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Dufthauch schüttelte den Kopf: „Nein! Es war ausdrücklich für mich bestimmt. Und sie hat sogar sagen lassen, ich bräuchte nicht eigens hinüberzukommen, um mich zu bedanken. Das ist wirklich merkwürdig!"
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Schatzspange sagte lächelnd: „Wenn es für dich bestimmt ist, dann iss es. Was gibt es da zu rätseln?"
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Dufthauch sagte lächelnd: „Aber so etwas ist noch nie vorgekommen! Es ist mir direkt peinlich."
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Schatzspange verzog den Mund zu einem Lächeln und sagte: „Wenn dir das schon peinlich ist — dann erwartet dich bald noch etwas, das dir erst recht peinlich sein wird."
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Dufthauch hörte, dass hinter diesen Worten mehr steckte. Da sie wusste, dass Schatzspange keine leichtfertigen Reden führte, um sich über andere lustig zu machen, fiel ihr das Gespräch mit Dame König vom Vortag wieder ein, und sie sagte nichts mehr dazu. Sie zeigte Schatzjade nur die Schälchen mit dem Essen und sagte: „Ich wasche mir die Hände und bringe dann den Goldfaden." Damit ging sie hinaus.
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Nachdem sie gegessen und sich die Hände gewaschen hatte, kam sie wieder und brachte Goldamsel den Goldfaden für das Netz. Schatzspange war inzwischen durch eine Botin Pan Schnees abgeholt worden.
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Schatzjade sah Goldamsel beim Knüpfen zu, als plötzlich zwei Dienstmädchen von Frau Strafe erschienen und ihm zweierlei Obst brachten. Sie richteten ihm aus: „Ob der junge Herr schon wieder gehen kann? Wenn ja, so möge er morgen bei der gnädigen Frau vorbeikommen, um sich ein wenig zu zerstreuen. Die gnädige Frau macht sich große Sorgen."
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Schatzjade antwortete eilig: „Sobald ich wieder gehen kann, komme ich gewiss, um der gnädigen Frau meinen Gruß zu entbieten. Es tut schon nicht mehr ganz so weh. Die gnädige Frau möge unbesorgt sein."
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Er bat die beiden, Platz zu nehmen, und rief dann Herbstmuster: „Nimm die Hälfte vom Obst und bring sie Fräulein Kajaljade!"
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Herbstmuster sagte: „Jawohl!" und wollte gerade losgehen, da war von draußen im Hof Kajaljades Stimme zu hören. Sofort rief Schatzjade: „Bittet sie schnell herein!"
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Wer wissen will, wie es weiterging, möge das nächste Kapitel lesen.

Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Kapitel 35 Jadearmreif kostet persönlich die Lotosblätter-Suppe; Gold-Amsel knüpft geschickt das Pflaumenblüten-Netz.

Schatzspange [宝钗] hatte sehr wohl gehört, wie Kajaljade [林黛玉] sie mit spitzen Worten beschämte, doch weil sie in Sorge um Mutter und Bruder war, wandte sie nicht einmal den Kopf und ging schnurstracks davon.

Kajaljade blieb im Schatten der Blüten stehen und blickte von weitem zum Hof der Roten Freude[1] hinüber. Sie sah, wie Seidenweiß Pflaume [李纨], Willkommensfrühling, Erkundefrühling, Bedauerfrühling und allerlei andere Leute nacheinander dort hineingingen und wieder hinauskamen. Nur Phönixglanz [王熙凤] ließ sich nicht blicken. Sie überlegte still bei sich: „Warum kommt sie nicht, um Schatzjade zu besuchen? Selbst wenn sie durch irgendetwas aufgehalten wird, kommt sie doch bestimmt, um wenigstens ein paar Höflichkeitsfloskeln zu verbreiten und sich bei der Herzoginmutter und der gnädigen Frau einzuschmeicheln. Wenn sie um diese Zeit noch nicht da ist, muss das einen Grund haben."

Während sie noch herumrätselte und aufblickte, sah sie eine weitere bunt gekleidete Schar auf den Hof der Roten Freude zuströmen. Bei genauerem Hinsehen erkannte sie die Herzoginmutter [贾母], die sich auf Phönixglanz' Arm stützte. Dahinter kamen Frau Strafe [邢夫人] und Dame König [王夫人], dann Nebenfrau Zhou [周姨娘] sowie ein ganzer Tross von Dienstmädchen und Sklavenfrauen. Sie alle traten in den Hof.

Kajaljade ließ bei diesem Anblick unwillkürlich den Kopf sinken und dachte daran, wie gut es doch war, wenn man Vater und Mutter hatte. Und schon waren ihr die Wangen wieder von Tränen überströmt.

Kurze Zeit später sah sie auch Schatzspange und Tante Schnee [薛姨妈] dort hineingehen. Da trat plötzlich Purpurkuckuck [紫鹃] von hinten heran und sagte: „Kommt Eure Medizin einnehmen, Fräulein! Das abgekochte Wasser wird schon wieder kalt."

Kajaljade erwiderte: „Musst du mich denn immerzu drängen? Ob ich sie einnehme oder nicht — was geht es dich an!"

Purpurkuckuck lachte: „Kaum ist der Husten ein wenig besser, wollt Ihr schon keine Medizin mehr nehmen! Wir haben zwar den fünften Monat und es ist heiß, aber trotzdem solltet Ihr noch vorsichtig sein. Seit dem frühen Morgen steht Ihr nun schon hier an diesem feuchten Ort herum — Ihr solltet nach Hause gehen und Euch ausruhen."

Dieser Satz riss Kajaljade aus ihren Gedanken. Erst jetzt merkte sie, dass ihre Beine müde waren. Nachdem sie eine Weile gezögert hatte, ging sie, auf Purpurkuckuck gestützt, langsam zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss [潇湘馆] zurück.

Kaum hatte sie das Hoftor durchschritten, sah sie auf dem Boden die wirren Schatten der Bambusstämme und die bald helleren, bald dunkleren Moosflecken. Unwillkürlich musste sie an die Verse aus dem „Westzimmer" [Anm.: „Das Westzimmer" (西厢记) ist ein berühmtes Theaterstück von Wang Shifu aus der Yuan-Dynastie] denken:

„Betritt wohl jemand den einsamen Ort? Kalt liegt der Tau auf dem Moos der Terrassen."

Und sie seufzte still bei sich: „Ach, Shuangwen [Anm.: Ying-ying, die Heldin des „Westzimmers", wird auch Shuangwen (双文) genannt], du hattest wahrlich ein bitteres Schicksal! Aber du hattest doch wenigstens noch deine verwitwete Mutter und deinen kleinen Bruder. Ich, Kajaljade, bin in meinem Unglück ohne beides — weder verwitwete Mutter noch Bruder. Die Alten sagten: ‚Schöne Frauen haben ein hartes Los.' Doch ich bin nicht einmal schön — warum ist mein Los dann härter als das deine?"

In diese Gedanken versunken, ging sie weiter, ohne auf den Weg zu achten. Da flatterte ihr plötzlich im Wandelgang der Papagei entgegen, der sie kommen sah, und jagte ihr mit lautem Kreischen einen solchen Schrecken ein, dass sie zurückfuhr. „Du willst wohl sterben!" schimpfte sie. „Schon wieder machst du mir den Kopf staubig!"

Der Papagei flog auf seine Stange zurück und rief: „Schneegans [雪雁], heb schnell den Vorhang! Das Fräulein kommt!"

Kajaljade blieb stehen, klopfte an die Stange und fragte: „Hat man dir Futter und Wasser gegeben?"

Da seufzte der Papagei einmal tief — ganz im klagenden Tonfall, den Kajaljade sonst anschlug — und rezitierte:

„Weil Blüten ich begrabe, nennt man mich töricht Kind, doch wer begräbt mich selber, wenn ich gestorben bin? Geht die Frühlingszeit zu Ende und die Blüten fall'n vom Baum, ist für rote Mädchenwangen auch die Schicksalsstunde nah. Unversehens sind verflogen Frühlingstage, Mädchenglück – Blüten welken, und ich sterbe, aber keiner weiß davon!"

Kajaljade und Purpurkuckuck brachen in Lachen aus. Purpurkuckuck sagte lachend: „Das sind die Verse, die das Fräulein immer aufsagt! Wie hat er die nur behalten?"

Kajaljade befahl, man solle die Stange abnehmen und draußen vor dem kreisrunden Mondfenster an den Haken hängen. Dann ging sie hinein und setzte sich drinnen am Mondfenster nieder. Nachdem sie ihre Medizin eingenommen hatte, sah sie, wie draußen die Bambusschatten auf die Fenstergaze fielen und das ganze Zimmer in ein kühles, grünliches Dämmerlicht tauchten. Auf den Matten breitete sich angenehme Kühle aus. Aus Langeweile neckte Kajaljade durch die Fenstergaze den Papagei und brachte ihm ihre Lieblingsgedichte bei. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Nun zurück zu Schatzspange. Als sie am Morgen nach Hause kam, war ihre Mutter gerade beim Kämmen. Als sie Schatzspange sah, fragte sie: „Was treibst du denn in aller Frühe her?"

„Ich wollte sehen, wie es dir geht, Mutter", sagte Schatzspange. „Als ich gestern fort war — ist er dann noch einmal gekommen und hat weitergetobt?" Bei diesen Worten setzte sie sich neben die Mutter, und ohne es zu wollen, begannen die Tränen zu fließen.

Als Tante Schnee sie weinen sah, konnte auch sie sich nicht mehr beherrschen und weinte mit. Zugleich tröstete sie Schatzspange: „Kränk dich nicht, mein Kind! Ich werde diesem Nichtsnutz schon den Kopf waschen. Auf wen sollte ich mich denn stützen, wenn dir etwas zustoßen sollte!"

Pan Schnee [薛蟠], der draußen alles gehört hatte, kam eilig hereingelaufen, verneigte sich vor Schatzspange — einmal links, einmal rechts — und bat: „Liebste Schwester, verzeih mir dieses eine Mal! Ich hatte gestern getrunken und kam spät nach Hause. Unterwegs bin ich noch einem bösen Geist begegnet. Als ich hier ankam, war ich noch immer nicht nüchtern und habe allerlei Unsinn geredet, an den ich mich selbst nicht mehr erinnern kann. Kein Wunder, dass du mir böse bist."

Schatzspange hatte das Gesicht in den Händen verborgen und weinte. Als sie das hörte, musste sie unwillkürlich lachen. Sie blickte auf, spuckte auf den Boden und sagte: „Spar dir deine Schauspielerei! Ich weiß genau: Im Grunde deines Herzens verachtest du uns beide, Mutter und mich. Du sinnst auf alle erdenklichen Mittel, damit wir von dir fortgehen — erst dann hast du deine Ruhe!"

Pan Schnee sagte eilig lächelnd: „Woher kommt denn so eine Rede, Schwester? Du lässt mir ja keinen Platz mehr, wo ich noch die Füße hinsetzen könnte! Du warst doch sonst nie so argwöhnisch und hast nie solche bösen Dinge gesagt."

Tante Schnee fiel ihm sogleich ins Wort: „Die bösen Worte deiner Schwester hörst du, aber was du gestern Abend gesagt hast — das war wohl in Ordnung? Du bist wirklich von Sinnen!"

Pan Schnee sagte: „Mutter brauchst du dich nicht aufzuregen, Schwester brauchst du nicht betrübt zu sein. Von heute an werde ich nicht mehr mit denen zechen und mich nicht mehr herumtreiben. Wie gefällt euch das?"

Schatzspange lachte: „Na bitte, jetzt wirst du doch noch vernünftig!"

Tante Schnee aber sagte: „Eher legt ein Drache ein Ei, als dass du dich dazu aufraffen würdest!"

Pan Schnee rief: „Wenn ich mich je wieder mit denen herumtreibe, darf die Schwester mich anspucken und mich ‚Vieh' und ‚Untier' nennen — einverstanden? Wozu solltet ihr zwei Tag für Tag meinetwegen Sorgen haben? Wenn Mutter sich über mich ärgern muss, ist das noch zu verzeihen. Aber wenn ich meiner Schwester Kummer bereite, bin ich wirklich kein Mensch mehr! Unser Vater ist tot — wenn ich, anstatt Mutter mehr Ehrerbietung zu erweisen und meiner Schwester mehr Zuneigung zu zeigen, nur dafür sorge, dass Mutter sich ärgert und meine Schwester sich grämt, dann bin ich wahrhaftig schlimmer als ein Tier!"

Während er das sagte, liefen ihm unwillkürlich Tränen über das Gesicht. Tante Schnee hatte gerade aufgehört zu weinen, doch seine Worte rissen die alte Wunde wieder auf. Da zwang sich Schatzspange zu einem Lächeln und sagte: „Genug krakeelt! Jetzt bringst du Mutter schon wieder zum Weinen!"

Sofort hörte Pan Schnee zu weinen auf, lächelte und sagte: „Ich bringe Mutter doch nicht zum Weinen! Aber Schluss jetzt, reden wir nicht mehr davon. Duftkastanie [香菱], komm und schenk der Schwester Tee ein!"

Schatzspange sagte: „Ich mag keinen Tee. Wenn Mutter sich die Hände gewaschen hat, gehen wir hinüber."

Pan Schnee sagte: „Lass mich mal deinen Halsreif anschauen, Schwester — ich glaube, er müsste einmal aufpoliert werden."

Schatzspange erwiderte: „Er glänzt ja noch goldgelb — wozu aufpolieren?"

Pan Schnee fuhr fort: „Aber ein paar neue Kleider könntest du brauchen, Schwester. Sag mir nur, welche Farben und Muster du möchtest!"

Schatzspange wehrte ab: „Ich habe meine alten Kleider noch nicht einmal alle angehabt — wozu neue machen lassen?"

Unterdessen hatte sich Tante Schnee umgekleidet. Sie nahm Schatzspange bei der Hand, und die beiden gingen zusammen in den Garten. Pan Schnee ging seines Weges.

Tante Schnee und Schatzspange kamen zum Hof der Roten Freude, um Schatzjade [宝玉] zu besuchen. An der Menge von Dienstmädchen und alten Sklavenfrauen, die innerhalb und außerhalb des Anbaus und im Wandelgang herumstanden, erkannten sie, dass die Herzoginmutter und die anderen Damen bereits anwesend waren. Mutter und Tochter traten ein, begrüßten alle und traten dann an Schatzjades Liegestatt.

Tante Schnee erkundigte sich: „Geht es dir etwas besser?"

Schatzjade versuchte sich zu erheben, bestätigte, es gehe ihm besser, und setzte hinzu: „Ich bereite Euch und meiner Cousine nichts als Unruhe — das tut mir wirklich leid!"

Tante Schnee half ihm rasch, sich wieder hinzulegen, und fragte: „Möchtest du irgend etwas haben? Dann sag es mir nur!"

Schatzjade erwiderte lächelnd: „Wenn mir etwas einfällt, komme ich ganz gewiss auf Euch zu, Tante."

Dame König fragte: „Möchtest du vielleicht etwas Bestimmtes essen? Ich lasse es dir bringen."

Schatzjade sagte lächelnd: „Eigentlich habe ich keinen Appetit. Aber die Suppe mit den kleinen Lotosblättern und Lotossamen-Kapseln, die wir einmal hatten — die wäre nicht schlecht."

Phönixglanz, die daneben stand, sagte lächelnd: „Hört euch das an! Sein Geschmack ist gar nicht so kostspielig, nur anspruchsvoll ist er — ausgerechnet danach zu verlangen!"

Die Herzoginmutter aber befahl sogleich ein um das andere Mal: „Macht ihm die Suppe! Sofort!"

Phönixglanz lächelte: „Nicht so eilig, alte Ahne! Lasst mich erst nachdenken — wer hat die Formen dafür in Verwahrung?" Sie wandte sich an eine Sklavin und befahl: „Geh und frag den Küchenvorsteher danach!"

Die Sklavin ging und kam nach langer Zeit mit der Meldung zurück: „Der Küchenvorsteher sagt, alle vier Satz Suppenformen seien abgeliefert worden."

Phönixglanz überlegte: „Jetzt fällt es mir wieder ein — ich glaube, sie sind in der Teeküche." Sie schickte jemanden hin, um dort nachzufragen — aber auch dort waren sie nicht. Schließlich brachte sie der Verwalter des Gold- und Silbergeschirrs.

Tante Schnee nahm das Kästchen zuerst in die Hand und betrachtete es. Es war ein kleines Kästchen mit vier silbernen Formen darin, jede über ein chi [Anm.: ein chi entspricht etwa 33 cm] lang und ein cun [Anm.: ein cun entspricht etwa 3,3 cm] breit. Darauf waren bohnengroße Figuren eingraviert — Chrysanthemen, Pflaumenblüten, Lotossamen-Kapseln, Wassernüsse –, insgesamt dreißig bis vierzig verschiedene Muster, alle äußerst fein und zierlich gearbeitet. Tante Schnee sagte lächelnd zur Herzoginmutter und zu Dame König: „Bei Euch ist wirklich an alles gedacht! So viele Muster nur für eine Schale Suppe! Wenn man es mir nicht gesagt hätte, wüsste ich nicht einmal, wozu das dient."

Ohne abzuwarten, sagte Phönixglanz schon lächelnd: „Woher solltet Ihr das auch wissen, Frau Tante! Das hatten sie sich im vorigen Jahr ausgedacht, als sie für die kaiserliche Nebenfrau [Anm.: Kaufmann Urfrühling, die als kaiserliche Nebenfrau im Palast lebt] das Mahl bereiteten. Aus irgendeinem Teig haben sie die Figuren herausgepresst, die nach frischen Lotosblättern duften sollten. Aber die Hauptsache ist eine gute Brühe — das Aussehen allein macht nicht viel her. Wer würde schon ständig so etwas essen! Damals, als die Formen gebracht wurden, haben wir einmal solche Suppe gemacht. Wie kommt er heute bloß darauf?"

Damit nahm sie die Formen und übergab sie einer Sklavin. Dann ordnete sie an: „Man soll in der Küche sofort ein paar Hühner nehmen und allerlei Zutaten hinzufügen und gut zehn Schalen Suppe zubereiten!"

Dame König fragte: „Wozu so viel?"

Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Dafür gibt es einen Grund. Normalerweise wird diese Suppe selten gekocht. Wenn wir sie heute nur für Vetter Schatzjade allein kochen und die Herzoginmutter, die gnädige Frau Tante und die gnädige Frau gehen leer aus, wäre das doch nicht recht. Besser, wir nutzen die Gelegenheit und kochen genug für alle. Dann fällt auch für mich etwas ab!"

Die Herzoginmutter lachte: „Du Äffchen! Wie schlau du bist! Mit öffentlichen Geldern spielst du dich als Wohltäterin auf."

Alle lachten. Phönixglanz sagte ebenfalls lächelnd: „Aber das macht doch nichts! Eine so kleine Bewirtung kann ich mir durchaus leisten!" Dann wandte sie sich an die Sklavin und sagte: „Richte der Küche aus, sie sollen ordentlich Zutaten verwenden. Das Silber sollen sie auf meine Rechnung setzen."

Die Sklavin sagte: „Jawohl!" und ging.

Schatzspange bemerkte lächelnd von der Seite: „In all den Jahren, die ich nun hier bin, habe ich genau aufgepasst: So geschickt Phönixglanz auch sein mag — an die Herzoginmutter reicht sie doch nicht heran."

Die Herzoginmutter erwiderte: „Was habe ich noch für Geschick, alt wie ich bin! Als ich so alt war wie sie, konnte ich mich durchaus mit ihr messen. Wenn sie auch nicht ganz an uns von damals heranreicht, ist sie doch recht gut — viel besser jedenfalls als deine Tante. Die Ärmste redet nicht viel und kommt einem vor wie ein Holzklotz. Dadurch konnte sie vor den Schwiegereltern nie ihre guten Seiten recht zur Geltung bringen. Phönixglanz hat ein flinkes Mundwerk — kein Wunder, dass man sie gern hat."

Schatzjade fragte lächelnd: „Heißt das, wer nicht viel redet, wird nicht gern gehabt?"

Die Herzoginmutter antwortete: „Wer nicht viel redet, hat andere Vorzüge, für die man ihn gern hat. Und wer ein flinkes Mundwerk hat, hat dafür auch Schwächen — am Ende steht er gegen den, der schweigen kann, zurück."

Schatzjade sagte lächelnd: „Eben! Mir scheint, meine ältere Schwägerin redet nicht viel, und doch behandelt Ihr sie nicht anders als Phönixglanz. Wenn Ihr nur die mit flinker Zunge gern hättet, dürftet Ihr von den Mädchen nur Phönixglanz und Cousine Kajaljade mögen."

Die Herzoginmutter sagte: „Da wir gerade von den jungen Fräulein reden — ich sage es nicht, um der Frau Tante ins Gesicht zu schmeicheln, es ist tausend und zehntausend Mal wahr –, von unseren vier Mädchen kann keine einzige unserer Schatzspange das Wasser reichen."

Tante Schnee widersprach sogleich lächelnd: „Da ist die Herzoginmutter aber voreingenommen!"

Dame König lächelte ebenfalls: „Die Herzoginmutter hat mir unter vier Augen schon oft gesagt, Schatzspange sei ein prächtiges Mädchen. Das ist ganz gewiss nicht gelogen."

Schatzjade hatte die Herzoginmutter nur deshalb auf dieses Thema gebracht, weil er ein Lob für Kajaljade hatte hören wollen. Doch wider Erwarten hatte sie nicht Kajaljade, sondern Schatzspange gelobt. Das kam ihm unerwartet. Er blickte lächelnd zu Schatzspange hinüber, aber diese hatte sich längst abgewandt und unterhielt sich mit Dufthauch [袭人].

Plötzlich kam jemand und bat zum Essen. Die Herzoginmutter erhob sich und ermahnte Schatzjade, sich gut zu erholen. Dann gab sie den Dienstmädchen noch einige Anweisungen, ehe sie sich auf Phönixglanz' Arm stützte, Tante Schnee höflich den Vortritt ließ und mit den übrigen das Zimmer verließ.

Die Herzoginmutter erkundigte sich: „Ist die Suppe fertig?" Dann fragte sie Tante Schnee: „Habt Ihr auf etwas Bestimmtes Appetit? Sagt es mir nur! Ich weiß Phönixglanz dazu zu bringen, es zubereiten zu lassen — dann teilen wir es uns."

Tante Schnee erwiderte lächelnd: „Müsst Ihr sie denn immer aufziehen? Sie verehrt Euch ohnehin von jeder Speise etwas. Aber Ihr esst ja nicht viel davon."

Phönixglanz mischte sich lächelnd ein: „Sagt das nicht, Tante! Unsere alte Ahne mag bloß kein Menschenfleisch, weil es ihr zu sauer ist — sonst hätte sie mich schon längst gefressen!"

Kaum war der Satz heraus, brachen die Herzoginmutter und alle anderen in schallendes Gelächter aus.

Auch Schatzjade konnte sich drinnen in seinem Zimmer das Lachen nicht verkneifen. Dufthauch sagte lächelnd zu ihm: „Wirklich, vor dem Mundwerk der jungen gnädigen Frau muss man sich ja zu Tode fürchten!"

Schatzjade streckte die Hand aus, zog Dufthauch zu sich heran und sagte lächelnd: „Du hast so lange gestanden — bestimmt bist du müde!" Damit setzte er sie neben sich.

Dufthauch erinnerte ihn lächelnd: „Da fällt mir ein — das hättest du fast vergessen! Sprich schnell mit Fräulein Schatzspange, solange sie noch im Hof ist, und bitte sie, Goldamsel [莺儿] herzuschicken, damit sie ein paar Netze für uns knüpft."

Schatzjade sagte lächelnd: „Gut, dass du mich erinnerst!" Er hob den Kopf und sprach zum Fenster hinaus: „Cousine Schatzspange! Schick doch nach dem Essen Goldamsel herüber! Ich möchte sie bitten, ein paar Schnurnetze zu knüpfen. Hat sie Zeit?"

Schatzspange wandte den Kopf und antwortete: „Warum sollte sie keine Zeit haben? Ich sage es ihr gleich."

Die Herzoginmutter und die anderen hatten nicht richtig verstanden, blieben stehen und erkundigten sich bei Schatzspange. Als diese es erklärte, begriffen es alle.

Die Herzoginmutter sagte: „Schick sie nur her, mein gutes Kind, damit sie für deinen Bruder Schatzjade die Netze knüpft! Wenn euch dadurch jemand zum Bedienen fehlt — bei mir gibt es mehr als genug Mädchen, die nichts zu tun haben. Such dir aus, wen du willst!"

Tante Schnee und Schatzspange erwiderten lächelnd: „Schickt sie nur her zum Knüpfen! Wir brauchen sie nicht zum Bedienen. Den ganzen Tag hat sie nichts zu tun und wird vor lauter Müßiggang schon übermütig."

Während des Gesprächs gingen sie weiter und trafen unterwegs auf Xiangfluss-Wolke [史湘云], Friedchen [平儿] und Duftkastanie [香菱], die am Fuße eines Felsens Balsaminen pflückten. Als sie die Gruppe kommen sahen, kamen sie ihnen zur Begrüßung entgegen.

Bald darauf verließen sie den Garten. Dame König befürchtete, die Herzoginmutter könne müde sein, und bot ihr an, sich in den Haupträumen niederzulassen. Tatsächlich schmerzten die Herzoginmutter die Beine. Sie nickte zustimmend. Dame König wies sogleich die Dienstmädchen an, vorauszueilen und einen Sitz herrichten zu lassen. Da Nebenfrau Zhao [赵姨娘] sich krankgemeldet hatte, waren nur Nebenfrau Zhou und die Sklavenfrauen und -mädchen da, die sich beeilten, den Türvorhang aufzuheben, Rückenkissen aufzustellen und Sitzkissen zurechtzurücken.

Die Herzoginmutter trat, auf Phönixglanz' Arm gestützt, ein und nahm mit Tante Schnee zusammen auf den Ehrenplätzen für Gast und Gastgeber Platz. Schatzspange und Xiangfluss-Wolke setzten sich darunter. Dame König brachte persönlich den Tee für die Herzoginmutter, Seidenweiß Pflaume den für Tante Schnee.

Die Herzoginmutter sagte zu Dame König: „Lass die jungen Frauen uns bedienen. Setz dich dort drüben hin, damit wir in Ruhe plaudern können."

Erst da nahm Dame König auf einem kleinen Hocker Platz und wies Phönixglanz an: „Das Essen für die Herzoginmutter soll hierher gebracht werden, mit ein paar Zutaten mehr." Phönixglanz nickte, ging hinaus und gab Bescheid. Die Nachricht wurde weitergegeben, und bald kamen die Dienstmädchen der Herzoginmutter herüber.

Dame König ordnete an: „Bittet die jungen Fräulein her." Man schickte nach ihnen, aber es verging einige Zeit, und schließlich kamen nur Erkundefrühling und Bedauerfrühling. Willkommensfrühling fühlte sich nicht wohl und hatte keinen Appetit. Von Kajaljade brauchte man gar nicht erst zu reden — sie aß ohnehin von zehn Mahlzeiten nur fünf, und niemand machte sich mehr etwas daraus.

Bald darauf wurden die Speisen aufgetragen, und die Bediensteten stellten die Tische auf. Phönixglanz kam herein, hielt in ein Tuch gewickelt einen Satz elfenbeinerne Essstäbchen und sagte lächelnd: „Alte Ahne und Frau Tante — Ihr braucht Euch nicht gegenseitig den Ehrenplatz anzubieten. Lasst mich das regeln."

Die Herzoginmutter sagte lächelnd zu Tante Schnee: „Machen wir es so." Und Tante Schnee stimmte lächelnd zu.

Daraufhin legte Phönixglanz vier Paar Stäbchen hin: zwei Paar in der Mitte für die Herzoginmutter und Tante Schnee, zwei Paar seitlich für Schatzspange und Xiangfluss-Wolke. Dame König und Seidenweiß Pflaume standen daneben und beaufsichtigten das Servieren. Phönixglanz ließ sauberes Geschirr bringen und wählte sogleich die besten Speisen für Schatzjade aus.

Kurze Zeit später kam die Lotosblätter-Suppe. Die Herzoginmutter besah sie sich. Dame König wandte sich um — da fiel ihr Blick auf Jadearmreif [玉钏, die Schwester der verstorbenen Jin Chuan], die dort stand. Sie befahl ihr: „Bring dem jungen Herrn Schatzjade das Essen."

Phönixglanz wandte ein: „Allein kann sie das nicht tragen."

Da kamen gerade Goldamsel und Freudchen [喜儿] herein. Schatzspange wusste, dass die beiden bereits gegessen hatten, und sagte zu Goldamsel: „Der junge Herr hat dich ohnehin zum Netze-Knüpfen rufen lassen. Geht ihr beide zusammen hinüber."

Goldamsel sagte: „Jawohl!" und ging mit Jadearmreif hinaus. Draußen sagte sie: „So ein weiter Weg, und so heiß! Wie sollen wir das alles tragen?"

Jadearmreif lachte: „Keine Sorge, ich weiß, wie wir es machen." Sie rief eine alte Sklavin herbei, ließ Suppe und Speisen in eine Tragschachtel stellen und der Alten auftragen, ihnen damit zu folgen. Die beiden Mädchen aber gingen mit leeren Händen. Erst vor dem Tor des Hofes der Freude am Roten nahm Jadearmreif der Alten die Schachtel ab und trat gemeinsam mit Goldamsel zu Schatzjade ins Zimmer.

Dort scherzten und lachten gerade Dufthauch, Moschusmond [麝月] und Herbstmuster [秋纹] mit Schatzjade. Als sie die beiden Mädchen eintreten sahen, sprangen sie auf und sagten lächelnd: „Was für ein Zufall, dass ihr zusammen kommt!" Und sie nahmen ihnen die Schachtel ab.

Jadearmreif setzte sich auf einen Hocker. Goldamsel aber wagte sich nicht zu setzen. Dufthauch brachte rasch eine Fußbank herbei, doch Goldamsel blieb stehen.

Schatzjade hatte sich sehr gefreut, als Goldamsel eintrat. Aber als er dann plötzlich auch Jadearmreif erblickte, musste er sofort an ihre Schwester Jin Chuan [金钏] denken und fühlte Trauer und Scham zugleich. Er ließ von Goldamsel ab und wandte sich an Jadearmreif.

Dufthauch bemerkte, dass Goldamsel vernachlässigt wurde, und fürchtete, es könnte ihr peinlich sein. Da Goldamsel sich auch nicht setzen wollte, nahm Dufthauch sie schließlich bei der Hand und führte sie ins Nebenzimmer, um dort Tee zu trinken und zu plaudern.

Moschusmond und die anderen legten Schälchen und Stäbchen bereit, um Schatzjade beim Essen zu bedienen. Aber Schatzjade rührte nichts an und fragte stattdessen Jadearmreif: „Wie geht es deiner Mutter?"

Jadearmreif machte ein bitterböses Gesicht, sah Schatzjade nicht einmal richtig an und sagte nach langer Pause nur ein einziges Wort: „Gut."

Schatzjade fühlte sich zurückgewiesen. Nach einer ganzen Weile versuchte er es erneut und fragte lächelnd: „Wer hat dich hergeschickt?"

Jadearmreif antwortete: „Wer schon? Die junge gnädige Frau und die gnädige Frau."

An ihrem finsteren Gesicht erkannte Schatzjade, dass ihr Groll mit Jin Chuan zu tun hatte. Er wollte sie durch Aufrichtigkeit und Güte umstimmen, doch das war in Gegenwart der anderen schlecht möglich. Darum schickte er unter allerlei Vorwänden alle anderen hinaus. Dann erst richtete er mit lächelnder Miene die verschiedensten Fragen an sie.

Jadearmreif wollte anfangs nicht mit sich reden lassen. Doch als sie sah, dass Schatzjade kein bisschen böse wurde, gleichgültig wie abweisend sie sich verhielt, und stets gütig und herzlich blieb, schämte sie sich und zeigte endlich ein wenig freundlichere Miene.

Schatzjade bat lächelnd: „Liebe Schwester, gib mir doch die Suppe, ich möchte sie kosten."

Jadearmreif erwiderte: „Ich verstehe mich nicht aufs Füttern. Warte, bis die anderen zurückkommen."

Schatzjade lächelte: „Du sollst mich ja nicht füttern! Ich kann nur nicht aufstehen — gib mir die Suppe, damit du bald zurückgehen und melden kannst, dein Auftrag sei erfüllt. Dann kannst du selbst etwas essen. Ich halte dich schon so lange auf — bestimmt hast du schrecklichen Hunger! Wenn du zu faul bist, mir die Suppe zu reichen, muss ich mich eben unter Schmerzen selbst aufraffen und sie holen."

Bei diesen Worten versuchte er, aus dem Bett zu steigen, ächzte und stöhnte und konnte sich kaum aufrichten.

Jadearmreif ertrug diesen Anblick nicht. Sie stand auf und sagte: „Leg dich hin! Was für Sünden hast du in einem früheren Leben begangen, dass du jetzt deine gerechte Strafe bekommst! Für welches meiner beiden Augen sollte ich dich erträglich finden!" Während sie noch sprach, lachte sie unwillkürlich und reichte ihm die Suppe.

Schatzjade sagte lächelnd: „Liebe Schwester, wenn du wütend bist, bleib ruhig hier und sei wütend. Aber vor der Herzoginmutter und der gnädigen Frau solltest du freundlicher sein — sonst wirst du wieder ausgeschimpft."

Jadearmreif sagte: „Iss nur, iss! Spar dir deine Honigworte — auf so etwas falle ich nicht herein!"

Sie drängte Schatzjade, und er trank zwei Schlucke Suppe. Dann sagte er absichtlich: „Schmeckt nicht. Mehr will ich nicht."

Jadearmreif rief: „Amitabha Buddha! Wenn das nicht schmeckt, was soll dann schmecken?"

Schatzjade klagte: „Es hat überhaupt keinen Geschmack. Wenn du mir nicht glaubst, probier doch selbst!"

Jadearmreif kostete tatsächlich trotzig davon. Schatzjade lachte: „Jetzt schmeckt es!"

Jadearmreif begriff, dass er sie nur hatte reinlegen wollen, damit auch sie von der Suppe aß. Sie sagte: „Eben hast du gesagt, es schmecke nicht — jetzt sage ich: Selbst wenn es schmeckt, bekommst du nichts mehr!" Schatzjade bat lächelnd um noch etwas Suppe, doch Jadearmreif gab ihm nichts und rief nach den anderen, damit sie zum Essen kamen.

Gerade traten die Dienstmädchen ein, da wurde gemeldet: „Zwei Ammen aus dem Hause des zweiten Herrn Fu sind da. Sie möchten dem jungen Herrn ihren Gruß entbieten."

Schatzjade verstand sofort — es waren die Ammen des Präfekturassistenten Fu Shi [傅试], eines Schülers von Aufrecht Kaufmann [贾政]. Dieser Fu Shi hatte seit Jahren dank des Ansehens und der Macht der Kaufmann-Familie Karriere gemacht. Aufrecht Kaufmann schätzte ihn besonders, daher behandelte er ihn anders als seine übrigen Schüler, und Fu Shi seinerseits schickte häufig Leute, um den Kontakt zu pflegen.

Nun hasste Schatzjade gewöhnlich prahlende Männer und einfältige Weiber gleichermaßen. Warum also ließ er die beiden alten Sklavenfrauen heute herein? Dafür gab es einen Grund: Er hatte gehört, dass Fu Shi eine jüngere Schwester namens Fu Qiufang [傅秋芳] besaß, die als ein köstlicher Jade in edlem Schrein galt. Man erzählte sich, sie sei ebenso talentiert wie schön. Auch wenn Schatzjade sie nie zu Gesicht bekommen hatte, verehrte er sie aus der Ferne mit aufrichtigem Respekt. Hätte er die Sklavenfrauen aus ihrem Haus nicht hereingelassen, hätte das in seinen Augen Fu Qiufang beleidigt. Darum ließ er sie sofort herein.

Dieser Fu Shi war allerdings ein Emporkömmling. Da seine Schwester von einiger Schönheit und klüger als andere war, hegte er die Hoffnung, sich durch sie mit einer mächtigen und vornehmen Familie zu verschwägern, und wollte sie nicht leichtfertig vergeben. So war Fu Qiufang mit ihren dreiundzwanzig Jahren immer noch niemandem versprochen. Die mächtigen und vornehmen Familien indessen verachteten Fu Shi als armen Schlucker mit seichtem Charakter und mochten um seine Schwester nicht anhalten. Dass Fu Shi die enge Beziehung zur Kaufmann-Familie pflegte, hatte also auch seinen eigenen Hintergedanken.

Die beiden alten Sklavenfrauen, die er heute geschickt hatte, waren ausgerechnet die unwissendsten Geschöpfe, die man sich denken konnte. Als sie hörten, Schatzjade wolle sie empfangen, traten sie ein, brachten nach der Begrüßung aber kaum zwei Sätze heraus.

Jadearmreif, die in Gegenwart der Fremden nicht mehr mit Schatzjade herumzustreiten wagte, stand mit der Suppenschale in beiden Händen da und hörte nur zu. Schatzjade unterhielt sich mit den Frauen und aß zugleich. Als er die Hand ausstreckte, um nach der Suppe zu greifen — und beide, er wie Jadearmreif, nur auf die Besucherinnen schauten –, stieß er ungeschickt gegen die Schale, und die heiße Suppe schwappte ihm über die Hand.

Jadearmreif hatte sich zwar nicht verbrüht, fuhr aber erschrocken zusammen und lachte: „Was machst du denn!" Die Dienstmädchen eilten herbei und nahmen ihr die Schale ab.

Schatzjade, der sich die Hand verbrüht hatte, merkte es gar nicht. Vielmehr fragte er Jadearmreif: „Hast du dich verbrannt? Tut es weh?"

Jadearmreif lachte auf, und mit ihr auch die anderen. Sie sagte: „Du hast dich verbrüht und fragst mich?" Erst jetzt bemerkte Schatzjade den eigenen Schmerz.

Die Mädchen traten herbei, um aufzuräumen. Schatzjade wollte nun nichts mehr essen, wusch sich die Hände und trank Tee. Dann wechselte er noch ein paar Worte mit den beiden alten Frauen. Bald darauf verabschiedeten sie sich. Heitermuster [晴雯] begleitete sie bis zur Brücke und kehrte dann zurück.

Als die beiden Sklavenfrauen allein waren, begannen sie miteinander zu schwatzen. Die eine sagte lachend: „Kein Wunder, wenn die Leute sagen, dieser Schatzjade sei ‚äußerlich eine gute Erscheinung, aber innerlich ein Dummkopf' — ‚hübsch anzusehen, aber nicht zu genießen'. Er hat tatsächlich etwas Törichtes an sich! Verbrüht sich die eigene Hand und fragt eine andere, ob es wehtut! Wenn das kein Narr ist!"

Die andere lachte ebenfalls: „Als ich das letzte Mal hier war, habe ich viele Leute klagen hören — er ist wirklich und wahrhaftig ein wenig wunderlich. Einmal wurde er vom Regen nass wie ein gebadetes Huhn und sagte zu jemand anderem: ‚Es regnet! Stell dich schnell unter!' Ist das nicht komisch? Wenn niemand bei ihm ist, weint oder lacht er vor sich hin. Sieht er eine Schwalbe, redet er mit der Schwalbe. Sieht er einen Fisch im Fluss, redet er mit dem Fisch. Wenn er Mond und Sterne betrachtet, seufzt er und klagt, oder er murmelt leise vor sich hin. Dazu kommt, dass er nicht die Spur einer festen Haltung besitzt — jede kleine Magd kann ihn nach Lust und Laune herumschubsen. Mal tut ihm jedes Fädchen leid, mal verdirbt er Sachen, die Tausende oder Zehntausende wert sind, ohne mit der Wimper zu zucken."

Unter solchem Geschwätz verließen die beiden den Garten, verabschiedeten sich und gingen nach Hause. Doch davon soll hier nicht die Rede sein.

Als Dufthauch sah, dass die Besucherinnen fort waren, holte sie Goldamsel herbei und fragte Schatzjade: „Was für Netze soll sie für dich knüpfen?"

Schatzjade sah Goldamsel strahlend an und sagte: „Über dem Gespräch hätte ich dich beinahe vergessen! Ich habe dich extra kommen lassen, damit du mir ein paar Netze knüpfst."

Goldamsel fragte: „Netze wofür?"

Schatzjade lachte: „Egal wofür — knüpfe mir von jeder Sorte ein paar!"

Goldamsel klatschte in die Hände und rief lachend: „Hat man so etwas schon gehört! Auf diese Weise wäre ich in zehn Jahren nicht fertig!"

Schatzjade sagte lächelnd: „Du hast doch sonst nichts zu tun, liebste Schwester — knüpfe sie mir einfach alle!"

Dufthauch warf lächelnd ein: „Die kann doch unmöglich alles auf einmal knüpfen! Wir wollen erst das Wichtigste aussuchen und davon zwei Stück machen lassen."

Goldamsel sagte: „Was für ein Netz ist denn wichtig? Doch wohl nur eins für einen Fächer, einen Riechbeutel oder eine Leibbinde."

Schatzjade entschied: „Eine Leibbinde wäre gut."

Goldamsel fragte: „Welche Farbe hat die Leibbinde?"

Schatzjade antwortete: „Dunkelrot."

Goldamsel erklärte: „Für eine dunkelrote muss es ein schwarzes Netz sein, damit es gut aussieht. Oder ein stahlblaues — das würde die Farbe gut zur Geltung bringen."

Schatzjade fragte: „Und was würde zu einer mattgrünen passen?"

Goldamsel erwiderte: „Mattgrün? Da passt Pfirsichrosa am besten."

Schatzjade sagte lächelnd: „Das wird zauberhaft aussehen! Aber ich hätte auch gern etwas, das vornehm-dezent und zugleich leuchtend ist."

Goldamsel sagte: „Lauchgrün mit Weidengelb — das mag ich am liebsten."

Schatzjade nickte: „Also gut — knüpfe mir eins in Pfirsichrosa und eins in Lauchgrün."

Goldamsel fragte: „Was für ein Muster?"

Schatzjade fragte zurück: „Wie viele Muster gibt es überhaupt?"

Goldamsel zählte auf: „Räucherstäbchen-Muster, umgekehrte Bänkchen, Rautenmuster, Quadratmuster, Kettenringmuster, Pflaumenblüten, Weidenblätter ..."

Schatzjade unterbrach sie: „Was war das für ein Muster, das du neulich für das dritte Fräulein geknüpft hast?"

Goldamsel sagte: „Das waren Pflaumenblütenbüschel."

Schatzjade entschied: „Genau das will ich auch!" Und er bat Dufthauch, das Garn zu holen.

Gerade als Dufthauch das Garn brachte, rief eine Sklavin vor dem Fenster: „Das Essen für die Mädchen ist fertig!"

Schatzjade sagte: „Geht essen! Aber beeilt euch und kommt gleich wieder!"

Dufthauch sträubte sich lächelnd: „Wie können wir weggehen, wenn Besuch da ist?"

Goldamsel ordnete das Garn und sagte lächelnd: „Was soll denn das? Geht schnell essen und kommt dann wieder!"

Erst daraufhin gingen Dufthauch und die anderen, ließen aber zwei kleine Mädchen zur Bedienung zurück.

Schatzjade sah Goldamsel beim Knüpfen zu und plauderte mit ihr. „Wie alt bist du?" fragte er.

Goldamsel antwortete, ohne die Arbeit zu unterbrechen: „Sechzehn."

„Und wie ist dein Familienname?"

„Huang — ‚gelb'."

Schatzjade lachte: „Name und Familienname passen ja zusammen! Du bist also eine Huang Yinger — ein gelbes Amselchen!"

Goldamsel lachte: „Eigentlich habe ich einen richtigen zweisilbigen Rufnamen — Jin-ying, ‚Goldamsel'. Aber das Fräulein fand ihn zu umständlich und hat einfach Yinger daraus gemacht. Inzwischen nennen mich alle so."

Schatzjade fuhr fort: „Cousine Schatzspange hat dich sehr lieb. Wenn sie eines Tages heiratet, wirst du sie bestimmt begleiten."

Goldamsel verzog den Mund zu einem Lächeln, sagte aber nichts.

Schatzjade sagte lächelnd: „Ich habe mich oft mit Dufthauch darüber unterhalten, wer wohl der Glückliche sein wird, der euch beide — Herrin und Dienerin — einmal bekommt."

Goldamsel erwiderte lächelnd: „Du weißt ja noch gar nicht, dass unser Fräulein Vorzüge besitzt wie sonst niemand auf der Welt! Ihr Aussehen kommt erst an zweiter Stelle."

Unter dem Eindruck von Goldamsels naiver Anmut schwatzte Schatzjade ohne jede Zurückhaltung und ließ seinen Gefühlen freien Lauf. Als nun von Schatzspange die Rede war, fragte er eifrig: „Was für Vorzüge sind das? Erzähle mir alles, liebe Schwester!"

Goldamsel lachte: „Ich erzähle es dir — aber du darfst ihr nicht davon sagen!"

Schatzjade versicherte lächelnd: „Das versteht sich von selbst!"

Kaum hatte er das gesagt, ertönte von draußen eine Stimme: „Warum ist es denn hier so still?" Die beiden sahen sich um — es war niemand anders als Schatzspange, die soeben hereintrat.

Schatzjade bot ihr rasch einen Platz an. Schatzspange setzte sich, blickte auf Goldamsels Arbeit und fragte: „Was knüpfst du da?" Sie musterte die halbfertige Arbeit. „Das ist doch nichts Rechtes", sagte sie lächelnd. „Knüpfe lieber ein Netz für den Jade!" [Anm.: Gemeint ist Schatzjades Jadestein, den er seit Geburt mit sich trägt.]

Sofort klatschte Schatzjade in die Hände und rief: „Natürlich! Warum habe ich daran nicht gedacht! Nur — welche Farbe würde dazu passen?"

Schatzspange überlegte: „Bunt darf es auf keinen Fall sein. Dunkelrot würde sich beißen, Gelb würde nicht auffallen, und Schwarz wäre zu dunkel. Ich hab's! Nimm Goldfaden und flechte schwarzes Perlgarn dazwischen — das wird schön aussehen."

Als Schatzjade das hörte, kannte seine Freude keine Grenze. Er rief immer wieder nach Dufthauch, die den Goldfaden holen sollte. Da kam sie schon zur Tür herein, zwei Essschälchen in den Händen. Sie sagte zu Schatzjade: „Heute passieren seltsame Dinge! Eben hat die gnädige Frau zwei Schälchen mit Speisen eigens für mich herüberschicken lassen."

Schatzjade mutmaßte lächelnd: „Bestimmt war heute Essen übrig, und sie hat euch allen davon abgeben lassen."

Dufthauch schüttelte den Kopf: „Nein! Es war ausdrücklich für mich bestimmt. Und sie hat sogar sagen lassen, ich bräuchte nicht eigens hinüberzukommen, um mich zu bedanken. Das ist wirklich merkwürdig!"

Schatzspange sagte lächelnd: „Wenn es für dich bestimmt ist, dann iss es. Was gibt es da zu rätseln?"

Dufthauch sagte lächelnd: „Aber so etwas ist noch nie vorgekommen! Es ist mir direkt peinlich."

Schatzspange verzog den Mund zu einem Lächeln und sagte: „Wenn dir das schon peinlich ist — dann erwartet dich bald noch etwas, das dir erst recht peinlich sein wird."

Dufthauch hörte, dass hinter diesen Worten mehr steckte. Da sie wusste, dass Schatzspange keine leichtfertigen Reden führte, um sich über andere lustig zu machen, fiel ihr das Gespräch mit Dame König vom Vortag wieder ein, und sie sagte nichts mehr dazu. Sie zeigte Schatzjade nur die Schälchen mit dem Essen und sagte: „Ich wasche mir die Hände und bringe dann den Goldfaden." Damit ging sie hinaus.

Nachdem sie gegessen und sich die Hände gewaschen hatte, kam sie wieder und brachte Goldamsel den Goldfaden für das Netz. Schatzspange war inzwischen durch eine Botin Pan Schnees abgeholt worden.

Schatzjade sah Goldamsel beim Knüpfen zu, als plötzlich zwei Dienstmädchen von Frau Strafe erschienen und ihm zweierlei Obst brachten. Sie richteten ihm aus: „Ob der junge Herr schon wieder gehen kann? Wenn ja, so möge er morgen bei der gnädigen Frau vorbeikommen, um sich ein wenig zu zerstreuen. Die gnädige Frau macht sich große Sorgen."

Schatzjade antwortete eilig: „Sobald ich wieder gehen kann, komme ich gewiss, um der gnädigen Frau meinen Gruß zu entbieten. Es tut schon nicht mehr ganz so weh. Die gnädige Frau möge unbesorgt sein."

Er bat die beiden, Platz zu nehmen, und rief dann Herbstmuster: „Nimm die Hälfte vom Obst und bring sie Fräulein Kajaljade!"

Herbstmuster sagte: „Jawohl!" und wollte gerade losgehen, da war von draußen im Hof Kajaljades Stimme zu hören. Sofort rief Schatzjade: „Bittet sie schnell herein!"

Wer wissen will, wie es weiterging, möge das nächste Kapitel lesen.

  1. Chin. 怡红院 Yíhóngyuan. 怡 yí „Freude“; 红 hóng „Rot“. Schatzjades Wohnstätte im Garten der Großen Anschauung.