Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 81"

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search
(DE4 Korrektur-Update Kap. 81)
 
(3 intermediate revisions by the same user not shown)
Line 1: Line 1:
__NOTOC__
+
Einundachtzigstes Kapitel
<div style="background-color: #8b1a1a; color: white; padding: 12px 15px; margin: 0 0 20px 0; border-radius: 4px; font-size: 1.1em;">
 
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">81</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_82|<span style="color: #FFD700;">82</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_83|<span style="color: #FFD700;">83</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_84|<span style="color: #FFD700;">84</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_85|<span style="color: #FFD700;">85</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_86|<span style="color: #FFD700;">86</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_87|<span style="color: #FFD700;">87</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_88|<span style="color: #FFD700;">88</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_89|<span style="color: #FFD700;">89</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_90|<span style="color: #FFD700;">90</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
 
</div>
 
  
<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
+
Vier Schönheiten angeln fröhlich Fische und lesen dabei ihr Glück,
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
+
Strenge Worte nötigen zu doppeltem Eintritt in die Hausschule
</div>
 
  
= Kapitel 81 =
+
Wie berichtet, kümmerte sich Frau Strafe nach Willkommensfrühling<ref>Willkommensfrühling: Chin. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Willkommener Frühling".</ref>s Rückkehr zu ihrem Ehemann nicht weiter um die Sache, als wäre nichts geschehen. Doch Frau König, die Willkommensfrühling aufgezogen hatte, war tief betrübt; sie saß allein in ihrem Zimmer und seufzte vor sich hin. Da kam Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref> herein, um sie zu begrüßen. Als er sah, dass ihr Gesicht Tränenspuren trug, wagte er nicht, sich zu setzen, und blieb neben ihr stehen. Frau König bat ihn, sich zu setzen, und Schatzjade rückte auf den Kang<ref>Kang: Beheizbare Schlaf- und Sitzplattform aus Ziegeln, typisch für nordchinesische Häuser.</ref> hinauf und ließ sich an ihrer Seite nieder.
== 占旺相四美钓游鱼 / 奉严词两番入家塾 ==
 
  
'''Vier Schöne angeln Glücksfische'''
+
Frau König bemerkte, wie er sie mit leerem Blick anstarrte und offenbar etwas sagen wollte, ohne es herauszubringen, und sprach: „Warum starrst du wieder so vor dich hin?" Schatzjade erwiderte: „Es ist nichts Besonderes. Nur als ich gestern von der Lage der zweiten Schwester hörte, konnte ich es kaum für sie ertragen. Ich wagte zwar nicht, es der Großmutter zu erzählen, doch in den letzten beiden Nächten habe ich kein Auge zugetan. Wenn ich bedenke, dass ein Mädchen aus einer Familie wie der unseren solche Kränkungen erdulden muss! Zumal die zweite Schwester von Natur aus überaus zaghaft ist und sich nie mit jemandem gestritten hat — und nun ausgerechnet auf ein so herzloses Wesen trifft, das nicht das Geringste vom Leid einer Frau versteht." Dabei kamen ihm beinahe die Tränen.
  
Bau-yü erhält eine Standpauke und muss wieder zur Hausschule
+
Frau König sagte: „Daran lässt sich nichts ändern. Wie das Sprichwort sagt: ‚Eine verheiratete Tochter ist wie ausgegossenes Wasser.' Was soll ich da tun?" Schatzjade entgegnete: „Gestern Nacht habe ich mir einen Plan überlegt: Wir könnten es der Großmutter erklären und die zweite Schwester zurückholen lassen. Sie könnte wieder in der Ziling-Insel wohnen, und wir Geschwister würden wieder zusammen essen und spielen, statt dass sie den Zorn dieses Taugenichtses Sun erdulden muss. Wenn er kommt, um sie abzuholen, lassen wir sie einfach nicht gehen; kommt er hundertmal, halten wir sie hundertmal zurück. Wir sagen einfach, es sei der Wille der Großmutter. Wäre das nicht wunderbar?"
Nun laßt uns davon erzählen, was nach der Abfahrt von Ying-tschun geschah. Die Dame Hsing tat so, als sei nichts vorgefallen. Der Dame Wang aber, die Ying-tschun großgezogen hatte, ging es wirklich nahe. Man hörte sie in ihrem Zimmer seufzen. Bau-yü trat ein, um ihr seinen Respekt zu erweisen. Sie schien geweint zu haben, und er wagte es nicht, sich zu setzen. So blieb er neben ihr stehen. Erst nachdem [seine Mutter] die Dame Wang ihn aufgefordert hatte, sich zu setzen, nahm er zögernd an der Seite auf dem Ofenbett Platz. Sie sah, daß er teilnahmslos vor sich hinstarrte und offensichtlich etwas auf dem Herzen hatte. Sie fragte: „Warum starrst du schon wieder so?“ Bau-yü antwortete: „Ach nichts, es ist nur, daß ich gestern hörte, in welch bemitleidenswerter Lage sich die zweite Schwester [Ying-tschun] befindet. Wenn ich an ihrer Stelle wäre, könnte ich ein so großes Unglück genauso wenig ertragen. Ich traue mich zwar nicht, der alten Dame davon zu erzählen, konnte aber die beiden letzten Nächte nicht schlafen. Wie kann ein junges Mädchen aus einer Familie wie der unseren so ein Unrecht ertragen? Die zweite Schwester ist auch eine so zerbrechliche Person, sie stritt sich nie mit anderen. Wie schlimm, daß gerade sie auf so einen Unmenschen getroffen ist. Bis dahin wußte sie nichts von den Schwierigkeiten, denen Frauen begegnen können.“ Während er das sagte, fing er fast an zu weinen.
 
Seine Mutter erwiderte: „Es gibt keinen Ausweg. Ein Sprichwort lautet: Eine verheiratete Tochter ist wie verschüttetes Wasser. Sag’ mir doch, was kann ich schon dagegen tun?“ Bau-yü entgegnete: „Gestern nacht kam mir eine Idee. Wir sagen der alten Dame, die zweite Schwester zurückzuholen und auf der Insel der Violetten Wassernüsse einzuquartieren. Wir Geschwister essen und spielen wieder wie früher miteinander. Somit kann sie dem Zorn dieses Bastards der Familie Sun entgehen. Warten wir ab, bis er kommt, um sie zu holen, wir werden standhaft bleiben. Wenn er sie hundert Mal zurückholen will, werden wir sie hundert Mal behalten. Wir brauchen nur zu sagen, das sei im Sinne der alten Dame. Das ist doch ein tolle Idee, oder?“
 
Als die Dame Wang das gehört hatte, war sie amüsiert, gleichzeitig aber auch leicht verstimmt, und sagte: „Du redest wieder nur Unsinn. Als Mädchen verläßt man eines Tages das Haus. Ist man verheiratet, dann zieht die Braut zu den Schwiegereltern. Wer nimmt dort auf sie Rücksicht? Die Braut muß sich auf ihr eigenes Schicksal verlassen. Mit etwas Glück hat sie einen guten Ehemann abbekommen. Wenn nicht, kann sie auch nichts dagegen tun. Hast du noch nie gehört: ‚Heiratet man einen Hahn, folgt man dem Hahn, heiratet man einen Hund, folgt man dem Hund‘? Nicht jeder hat dasselbe Glück wie deine ältere Schwester, kaiserliche Nebenfrau dritten Ranges zu werden. Deine zweite Schwester [Ying-tschun] ist erst frisch verheiratet und ihr Ehemann noch jung. Ein jeder hat sein eigenes Temperament. Anfängliche Schwierigkeiten zwischen Eheleuten sind normal. Nach ein paar Jahren lernt ein jeder das Temperament des anderen kennen. Nach der Geburt eines Sohnes und dem Aufziehen einer Tochter nimmt alles ein gutes Ende. Du darfst in Anwesenheit der alten Dame kein Wort hierüber verlieren. Sollte ich doch davon erfahren, verzeihe ich dir das nicht. Geh und kümmere dich um deine eigene Angelegenheit und rede hier nicht länger Unsinn!“ Nachdem sie das gesagt hatte, wagte Bau-yü keinen Ton von sich zu geben, saß noch eine Weile und ging dann niedergeschlagen hinaus. Er unterdrückte seine Wut im Bauch, wußte nicht, an wem er sie auslassen sollte, lief in den Garten und dann direkt von dort zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß.
 
Sobald er drinnen war, brach er in Tränen aus. Dai-yü, die sich gerade schön gemacht hatte, erschrak beinahe zu Tode, als sie sah, in welchem Zustand sich Bau-yü befand. Sie fragte besorgt: „Was ist los mit dir? Mit wem streitest du?“ Obwohl sie mehrmals fragte, hielt Bau-yü den Kopf auf den Tisch gesenkt, schluchzte und brachte keinen Ton heraus. Dai-yü saß auf einem Stuhl und starrte ihn ausdruckslos an. Nach einer Weile fragte sie: „Hat dich jemand belästigt oder bin ich es, die dir etwas getan hat?“ Bau-yü winkte ab: „Nein, beides nicht.“ – „Warum bist du so unglücklich?“ – „Ich dachte gerade: je früher wir alle sterben, desto besser, weiterzuleben ist wirklich sinnlos.“ Dai-yü erschrak daraufhin erst recht und sagte: „Was redest du da, du mußt wirklich verrückt sein.“
 
Bau-yü erwiderte: „Verrückt bin ich auch nicht. Wenn ich es dir sagen würde, würdest du unter Garantie auch traurig werden. Als die zweite Schwester [Ying-tschun] bekümmert heimkam, hast du ja auch gesehen, in welchem Zustand sie hier ankam, und gehört, was sie sagte. Wieso muß man heiraten, wenn man groß wird? Wie man unter anderen zu leiden hat! Kannst du dich an die fröhliche Zeit erinnern, als wir den ‚Begonienbund‘ gründeten, Gedichte vortrugen und die anderen freihielten? Damals war viel los. Jetzt ist Schwester Bau-tschai nach Hause zurückgegangen, auch Hsiang-ling kann nicht mehr hierherkommen. Auch meine zweite Schwester ist aus dem Haus. Keine der Seelenverwandten sind mehr bei mir, deshalb fühle ich mich so elend. Zunächst wollte ich [meine Großmutter] die alte Dame bitten, die zweite Schwester wieder nach Hause zu holen. Wie hätte ich wissen können, daß dies nicht im Sinne der alten Dame war, sie behauptete, ich sei einfältig und redete Unsinn. Ich wagte nicht, ihr zu widersprechen. Sieh nur, in welch kurzer Zeit sich der Zustand des Gartens völlig verändert hat! Wer weiß, wie er in ein paar Jahren aussieht. Je mehr ich darüber nachdenke, desto trauriger fühle ich mich, ich kann nicht anders.“
 
Dai-yü hörte ihm bis zu Ende zu, senkte langsam den Kopf, der Körper sackte auf das Ofenbett, sie sagte nichts mehr, seufzte und legte sich mit dem Gesicht aufs Bett hin. Dsï-djüan brachte gerade Tee herein und sah beide verwundert an. Dann kam auch Hsi-jën zur Bambushütte. Sie sah Bau-yü und sagte: „Hier sind Sie also, zweiter Herr. Die alte Dame verlangt Sie zu sehen. Ich habe Sie schon hier vermutet.“ Dai-yü hörte, daß es Hsi-jën war. Sie richtete sich auf und bat sie, sich zu setzen. Dai-yüs Augen waren rot vom Weinen. Bau-yü sah das und sagte: „Schwester, ich habe eben etwas Unsinniges gesagt, bitte sei nicht traurig deswegen. Was mich angeht, achte lieber auf deine Gesundheit! Ruhe dich ein wenig aus! Ich komme sofort zurück, nachdem ich herausgefunden habe, was die alte Dame von mir will.“ Dann ging er hinaus. Behutsam fragte Hsi-jën Dai-yü: „Was ist mit euch beiden wieder einmal los?“ – „Er ist traurig wegen seiner zweiten Schwester. Meine Augen haben nur gejuckt, das ist alles.“ Hsi-jën antwortete nicht und lief Bau-yü hinterher, schlug dann aber einen anderen Weg ein. Bau-yü kam zum Haus der Herzoginmutter, die jedoch bereits ihren Mittagsschlaf hielt. So ging er zurück zu seinem Roten Hof der Freude.
 
Nach dem Mittagsschlaf war ihm langweilig, er griff sich aufs Geratewohl ein Buch und begann zu lesen. Als Hsi-jën sah, daß er las, begann sie eilig, Tee aufzugießen. Wer hätte gedacht, dass das Buch, dass er zufällig gegriffen hatte, das „Guyüä-fu“ war, eine Sammlung von alten Gedichten im Stil der Musikamtlieder? Er stieß auf ein Gedicht von Tsau Tsau mit dem Vers „Wein und Gesang sollte man auskosten, wie selten gibt es das im Leben“, es versetzte ihm unmerklich einen Stich ins Herz. So legte er das Buch weg und ergriff ein weiteres – es war Prosa aus der Djin-Dynastie. Schon nach ein paar Seiten legte er das Buch wieder weg, in Gedanken verloren stützte er sein Kinn in die Hand. Als Hsi-jën ihm den Tee brachte und ihn so geistesabwesend sitzen sah, fragte sie ihn: „Wieso hast du bereits aufgehört zu lesen?“ Bau-yü blieb stumm, nahm den Tee, trank einen Schluck und stellte ihn zurück. Hsi-jën, die neben ihm stand, betrachtete das Geschehen eine Weile verwirrt, bis er endlich aufstand. Er nuschelte: „Was für ein freier Mensch!“ Hsi-jën hörte ihm amüsiert zu, traute sich jedoch nicht, ihn zu fragen. Es blieb ihr nur noch, ihm zu raten: „Wenn du diese Bücher nicht magst, so geh doch im Garten spazieren! Wenn du so nachdenkst, wirst du ja noch krank davon.“ Bau-yü stimmte murmelnd zu, und er verließ geistesabwesend den Raum.
 
Als er nach einer Weile am Duftgetränkten Pavillon angekommen war, bot sich ihm das Bild eines einsamen und verlassenen Ortes. Wieder am Haselwurzpark angekommen, verstärkte sich der Eindruck. Das Duftkraut wuchs wie zuvor, Türen und Fenster waren verriegelt. Im Vorbeigehen am Kiosk des Lotoswurzelduftes konnte man nur ein paar Menschen bei den Liauhsü-Büschen in der Ferne erkennen, die sich mit dem Rücken an ein Geländer lehnten. Ein paar Dienstmädchen suchten auf dem Boden hockend nach etwas. Bau-yü ging leise hinter einen kleinen künstlichen Felsen, um sie zu belauschen. Da hörte er, wie eine sagte: „Taucht er auf oder nicht?“ Das klang wie Li Wën. Eine andere sagte lachend: „Toll, er ist abgetaucht. Ich weiß, sie lassen sich sowieso nicht anlocken.“ Das war die Stimme von Tan-tschun. Eine andere antwortete: „Nein, Schwestern, rührt Euch nicht von der Stelle! Wartet nur! Der Bißanzeiger hat sich aufgerichtet.“ Wiederum ein anderes Mädchen rief: „Da ist einer!“ Die letzten beiden Stimmen gehörten Li Tji und Hsing Hsiu-yän.
 
Bau-yü konnte sich nicht zusammenreißen. Er griff nach einem kleinen Ziegelstein und warf ihn ins Wasser. Das dumpfe Geräusch des ins Wasser plumpsenden Steins erschreckte die vier Mädchen. „Wer ist dieser Frechdachs, der uns einen solchen Schrecken einjagt?“ Da sprang Bau-yü lachend hinter dem Hügel hervor: „Ihr amüsiert euch hier ohne mich?“ – Tan-tschun antwortete: „Beinahe hätte ich es mir denken können. Kein anderer kann so frech sein wie unser zweiter älterer Bruder. Daß du den Fisch vertrieben hast, mußt du wieder gut machen. Das ist dir ja wohl klar! Er kam gerade hoch und war kurz davor anzubeißen, da hast du ihn verscheucht.“ Und Bau-yü lachte nur: „Ihr habt hier euren Spaß ohne mich. Dafür muß ich euch noch bestrafen.“ Alle mußten lachen. Da schlug Bau-yü vor: „Das Angeln soll unsere Zukunft voraussagen. Wer es schafft, einen Fisch zu fangen, hat dieses Jahr Glück, und wer keinen fängt, der wird eine Pechsträhne haben. Wer fängt an?“ Tan-tschun wollte, daß Li Wën anfing, aber die war damit nicht einverstanden. „Na gut, dann mach’ ich es eben“, entschied sich Tan-tschun lachend und sah Bau-yü an: „Zweiter älterer Bruder, verscheuche meinen Fisch nicht noch einmal – das kannst du mit mir nicht machen.“ Bau-yü entgegnete: „Eigentlich wollte ich euch eben bloß erschrecken, aber jetzt wollen wir ja alle Fische fangen.“
 
Tan-tschun warf die Angelschnur ins Wasser, und schneller, als man zehn Sätze sagen kann, hatte ein Beilbauch-Weißfisch angebissen und zog den Bißanzeiger nach unten. Tan-tschun riß die Angelrute hoch, und der Fisch fiel zappelnd auf den Boden.  Dai-schu griff mit beiden Händen nach dem Fisch und gab ihn in ein kleines mit frischem Wasser gefülltes Porzellangefäß. Tan-tschun gab die Angelrute an Li Wën weiter. Sie warf die Angelschnur ebenfalls ins Wasser, aber als sich die Schnur nur ein kleines bißchen bewegte, zog sie diese rasch aus dem Wasser – nichts war am Haken. Sie ließ die Schnur abermals ins Wasser. Erst nach einiger Zeit bewegte diese sich, sie zog sie heraus, und wieder war der Haken leer. Li Wën nahm den Haken näher in Augenschein und erkannte, daß er nach innen gebogen war. „Kein Wunder, daß ich nichts fange.“ Daraufhin ließ sie rasch Su-yün den Haken wieder zurecht biegen und einen neuen Wurm daran befestigen. Oben wurde noch ein Wasserpflanzenblatt angebracht. Nachdem die Angelschnur eine Weile im Wasser geruht hatte, versank das Blatt [das als Stopper diente] senkrecht im Wasser.  Eilig zog sie die Schnur heraus. Sie hatte eine fünf Zentimeter große Silberkarausche gefangen. Sie lachte Bau-yü an und sagte: „Bruder Bau, jetzt bist du dran.“ Darauf entgegnete er: „Warum lassen wir nicht der dritten jüngeren Schwester und der jüngeren Schwester Yän den Vortritt?“ Hsiu-yän sagte nichts, Li Tji hingegen bestand darauf: „Versuch’ du es, Bruder Bau.“ Während sie sich unterhielten, trat eine Luftblase an die Wasseroberfläche. Tan-tschun sagte: „Ihr verpaßt eure besten Chancen. Ihr müsst Euch nicht immer nur den Vortritt lassen! Die Fische sind alle dort bei der dritten Schwester [Li Tji]. Schnell, dritte Schwester, angel!“
 
Li Tji nahm lachend die Angel. Wie erwartet, biß sofort ein Fisch an. Nachdem Hsiu-yän auch einen gefangen hatte, gab sie die Angel an Tan-tschun zurück, und dann kam erst Bau-yü dran. „Ich werde so gut fischen wie Urgroßvater Djiang[, bei dem die Fische freiwillig anbissen]“, sagte er, ging die Steinstufen hinunter, setzte sich an den Teichrand und begann zu angeln. Die Fische bemerkten jedoch seinen Schatten und schwammen davon. Obwohl Bau-yü eine ganze Weile die Bambusangel hielt, bewegte sich die Schnur kein bißchen. Auf einmal blubberte ein Fisch an der Seite, und Bau-yü bewegte die Angel so heftig, daß der Fisch erschrocken die Flucht ergriff. Aufgeregt sagte Bau-yü: „Ich bin halt aufgeregter Natur, sie hingegen sind langsam. Was soll ich nur tun? Lieber, lieber Fisch, komm schnell her und hilf mir!“ Alle vier brachen in Gelächter aus.
 
Bau-yü hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da zuckte die Angelschnur. Bau-yü war überglücklich, zog den Fisch kraftvoll nach oben, schlug jedoch
 
mit der Angelrute gegen einen Stein, sie brach entzwei, die Schnur riß ebenfalls, auch der Haken flog  werweißwohin.  Die  Umstehenden lachten erst recht laut heraus. Tan-tschun sagte: „So einen unbeholfenen Kerl wie dich gibt’s kein zweites Mal.“ Da kam Schë-yüä aufgelöst herbeigeeilt und sagte: „Zweiter junger Herr, die alte Dame ist erwacht und ruft nach Ihnen.“ Alle fünf erschraken.
 
Tan-tschun fragte Schë-yüä: „Was will die alte Dame vom zweiten jungen Herrn?“ Schë-yüä erklärte: „Das weiß ich selbst nicht. Ich habe nur gehört, es gehe um einen Aufruhr, und sie wolle Bau-yü rufen,  um ihn zu befragen, und sie wolle dazu auch Herrin Liän befragen.“ Bau-yü war vor Schreck wie gelähmt und sagte: „Wer weiß, welches Mädchen diesmal krank geworden ist.“ Tan-tschun sagte: „Ich weiß nicht, worum es geht, zweiter Bruder, aber geh schnell! Wenn es eine Neuigkeit gibt, schick’ sie zunächst Schë-yüä, um uns Bescheid zu geben!“ Nachdem sie das gesagt hatte, brach sie mit Li Wën, Li Tji und Hsiu-yän auf.
 
Als Bau-yü in die Gemächer der Herzoginmutter trat, sah er nur, wie seine Mutter ihr Gesellschaft beim Kartenspielen leistete. Da er sah, daß alles in Ordnung war, fühlte er sich schon halb erleichtert. Als die Herzoginmutter ihn eintreten sah, fragte sie ihn: „Als du vorletztes Jahr einmal schwer krank warst, haben dich glücklicherweise ein verrückter Mönch und ein lahmer dauistischer Priester geheilt. Wie hat sich damals die Krankheit angefühlt?“ Bau-yü dachte kurz nach und berichtete dann: „Ich erinnere mich, daß ich, als ich krank wurde, aufrecht stehend das Gefühl hatte, jemand schlüge von hinten mit einem Knüppel auf meinen Kopf. Mir wurde vor Schmerz schwarz vor Augen, das ganze Zimmer war auf einmal voller grüngesichtiger Dämonen mit langen Zähnen, die Messer und Stöcke trugen. Wenn ich auf dem Ofenbett lag, fühlte es sich an, als wenn mein Kopf mit einigen Kopfbändern umschnürt worden sei. Danach wurde ich vor Schmerzen ohnmächtig.
 
Als es mir wieder besser ging, erinnere ich mich, daß in der Haupthalle ein goldener Lichtstrahl direkt in mein Zimmer schien, die Dämonen hatten sich alle verkrochen und waren nicht mehr zu sehen. Mein Kopf schmerzte auch nicht mehr, ich war auf einmal wieder klar.“ Die Herzoginmutter sagte zur Dame Wang: „So ungefähr sah das auch aus.“
 
In dem Moment kam Hsi-fëng<ref>凤姐. Gemäß der vorangegangenen 80 Kapitel werden die unterschiedlichen Ausdrucksweisen im Original (凤姐、凤姐儿、凤姐姐) in der Regel der Einheitlichkeit halber auch vom zweiten Übersetzer mit „Hsi-fëng“ übersetzt. der vorangegangenen 80 Kapitel werden die unterschiedlichen Ausdrucksweisen im Original ()keit halber mit</ref> ins Zimmer und begrüßte die Herzoginmutter. Als sie sich umdrehte und die Dame Wang begrüßt hatte, fragte sie: „Was will die gnädige Frau mich fragen?“
 
„Kannst du dich noch daran erinnern, wie es war, als du letztes Jahr diesen Anfall von Wahnsinn hattest?“, fragte die Herzoginmutter.
 
Hsi-fëng antwortete lachend: „Ich erinnere mich nicht mehr sehr gut, aber ich glaube, daß ich keine Kontrolle mehr über meinen Körper hatte. Es war, als sei ich von bösen Geistern besessen, die mich dazu trieben, Leute umzubringen. Was auch immer ich in die Finger bekam, benutzte ich als Waffe und ging auf jeden los, der mir unter die Augen kam. Selbst fühlte ich mich sehr müde, dennoch konnte ich nicht aufhören.“ –
 
„Kannst du dich noch daran erinnern, wie es war, als es dir wieder besser ging?“ wollte die Herzoginmutter weiter wissen. Hsi-fëng antwortete: „Als es mir wieder besser ging, war es, als ob jemand aus der Luft mir etwas zuflüsterte. Was es war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“ –
 
„So wie du es beschrieben hast, klingt es so, als ob sie dafür verantwortlich gewesen sei. Kusine und Vetter hatten die gleichen Erlebnisse während ihrer Krankheit. Wie kann die alte Hexe so bösartig sein. Wenn ich daran denke, daß wir sie auch noch zu Bau-yüs Patin gemacht haben! Und bei dem buddhistischen Mönch und dem dauistischen Priester, die Bau-yüs Leben gerettet haben, gelobt sei Buddha, haben wir uns noch nicht einmal bedankt.“ –
 
„Warum interessieren Sie sich denn für unsere Anfälle, gnädige Frau?“, fragte Hsi-fëng.
 
„Frag’ lieber deine Tante, ich möchte nicht darüber sprechen.“
 
Die Dame Wang fing an zu erklären: „Eben war dein ehrwürdiger Onkel mein Gemahl Djia Dschëng] hier und erzählte uns, daß Bau-yüs Patin als böse Hexe, die schwarze Magie praktiziert, entlarvt worden ist. Nachdem ihr Geheimnis bekannt geworden war, wurde sie von der Kriminalpolizei festgenommen und ins Gefängnis des Justizministeriums geworfen, wo sie eines Verbrechens angeklagt werden soll, das mit der Todesstrafe geahndet wird.
 
Vor ein paar Tagen hat irgendein Mann sie angezeigt, ich glaube er heißt Pan San-bau. Er hat sein Haus an die Pfandleihe schräg gegenüber verkauft.
 
Der Kaufpreis war um ein vielfaches höher als der eigentliche Wert des Hauses, aber Pan San-bau kriegte den Hals nicht voll und wollte sogar noch mehr, womit der Pfandleiher aber nicht einverstanden war.
 
Pan San-bau hat die alte Hexe angeheuert, weil sie öfter bei der Familie des Pfandleihers vorbeischaute und sich mit den weiblichen Angehörigen des Pfandleihers gut verstand.
 
Diesmal hat sie die Familie allerdings mit einem Fluch belegt, der die Menschen krank machte und Unglück über das Haus brachte.
 
Sie hat auch behauptet, daß sie die Krankheiten heilen könne, und dazu Opfer und Papiergeld verbrannt. Das hat tatsächlich geholfen.
 
Und dafür bekam sie von ihnen über ein Dutzend Liang Silber.
 
Aber weil Buddha alles sieht, mußte sie ja bald entlarvt werden:
 
Als sie eines Tages nach Hause eilte, verlor sie ein Seidenbündel.
 
Der Pfandleiher hob es auf, um es sich anzusehen, und entdeckte darin mehrere Papierpuppen und vier stark riechende Pillen.
 
Er wunderte sich noch darüber, als die Hexe zurückkam, um ihr Bündel zu suchen.
 
Die Leute hielten sie sofort fest und durchsuchten sie, wobei sie eine kleine Schachtel ans Licht zogen, in der zwei nackte Dämonenfiguren aus Elfenbein waren, eine männliche und eine weibliche, und außerdem sieben grellrote Sticknadeln.
 
Er hat die Person sofort zur Untersuchungsmiliz gebracht, wo sie verhört wurde und Geheimnisse vieler Frauen und Mädchen aus einflußreichen Familien preisgab.
 
Deswegen wurde der Spezialtruppe Meldung gemacht, um ihr Haus zu durchsuchen. Dort wurden viele Tonfiguren von bösen Geistern und Dämonen sowie Betäubungsmittel gefunden. Hinter dem Ofenbett befand sich ein leerer Raum mit einer Öllampe mit sieben Flammen, unter der einige Strohpuppen lagen. Manche von ihnen hatten eiserne Bänder um den Kopf, in den Brustkörben von anderen steckten Nägel, und wieder andere waren gefesselt.
 
Im Schrank waren unzählige Papierpuppen. Darunter lagen mehrere Geschäftsbücher, in denen die Namen verschiedener Familien aufgeführt waren und welche Summen die Hexe noch von ihnen erpressen wollte. Für Öl und Räucherstäbchen hatte sie ebenfalls viel Geld bekommen.“
 
Hsi-fëng sagte: „Bestimmt ist sie an unseren Anfällen schuld. Ich erinnere mich, daß ich sie nach unseren Anfällen einige Male bei Tante Dschau gesehen habe. Sie wollte Geld von ihr, und sobald sie mich sah, wurde sie blaß und stierte mich mit ihren pechschwarzen Augen böse an.
 
Ich war ihr gegenüber schon früher gelegentlich argwöhnisch, ohne zu wissen warum. Aber jetzt ist mir alles klar.
 
Da ich den Haushalt führe und es natürlich nicht immer allen recht machen kann, ist es kein Wunder, daß manche Leute mich bestrafen wollen.
 
Aber wieso sollte sich jemand auf so grausame Art und Weise an Bau-yü rächen wollen?“
 
Die Herzoginmutter antwortete: „Ich glaube der Grund dafür ist, daß ich Bau-yü Huan-örl vorziehe. Das sät Zwietracht.“
 
Die Dame Wang entgegnete: „Die alte Hexe muß sich bereits vor Gericht verantworten. Wir können sie kaum zur Beweisführung herkommen lassen. Da es keinen Beweis gibt, wird Konkubine Dschau nicht gestehen. Wenn diese ganze Geschichte bekannt wird, macht es keinen guten Eindruck. Warten wir, bis sie die Suppe ausgelöffelt hat, die sie sich eingebrockt hat. Sie wird sich auf jeden Fall selbst verraten.“ -
 
„Du hast ganz recht“, sagte die Herzoginmutter, „Ohne Beweise kann man das schlecht regeln. Nur Buddha sieht alles, und Kusine und Vetter sind heute schon wieder so gesund und so sehr zu nichts zu gebrauchen wie nur irgendwer. Die Geschichte ist vorbei, Hsi-fëng, auch du solltest nicht mehr an das Vergangene denken! Bevor ihr heute geht, müssen du und deine Tante unbedingt noch mit mir Abend essen.“ Sie befahl Yüan-yang und Hu-po, das Essen zu servieren.
 
Hsi-fëng lächelte und sagte rasch: „Ehrenwerte Ahne, machen Sie sich bloß keine Umstände!“ Auch die Dame Wang lächelte. Hsi-fëng sah einige Dienstmädchen, die draußen arbeiteten, und bat sofort eine von ihnen, Essen zu bringen: „Die gnädige Frau und ich essen zusammen mit der Herzoginmutter.“ Just in dem Moment kam Yü-tschuan und sagte zur Herzoginmutter: „Der gnädige Herr möchte etwas herausgesucht haben und bittet darum, dass die gnädige Frau, wenn sie mit der alten gnädigen Frau gespeist hat, dies selbst sucht.“ Die Herzoginmutter sagte: „Geh jetzt besser, wahrscheinlich hat dein Mann etwas Wichtiges!“ Die Dame Wang war einverstanden, sie verschwand, es blieb Hsi-fëng zurück, um aufzuwarten.
 
Sie ging zurück in ihr Zimmer, um noch ein wenig mit Djia Dschëng zu plaudern und ihm die gewünschten Sachen zu bringen. Djia Dschëng fragte: „Wie geht es Ying-tschun denn in der Familie Sun? Sie ist doch wieder daheim!?“ Die Dame Wang antwortete: „Sie hat bitterlich geweint und gesagt, ihr Mann sei unheimlich brutal.“ Dann erzählte sie, was Ying-tschun ihr berichtet hatte. Djia Dschëng seufzte: „Ich hatte mir gleich gedacht, daß das nichts wird, aber wenn mein Bruder, der ehrenwerte Herr, etwas beschließt, kann ich nichts dagegen tun. Nur ist Ying-tschun halt diejenige, die darunter zu leiden hat.“ Die Dame Wang sagte: „Sie ist erst seit kurzem verheiratet. Hoffen wir, daß es noch besser wird.“ Dann lachte sie höhnisch auf. Djia Dschëng fragte, warum sie lache. Sie antwortete: „Ich lache über Bau-yü. Heute kam er früh morgens zu mir und redete kindisches Zeug.“ – „Was hat er gesagt?“ Die Dame Wang erzählte es unter Lachen.
 
Djia Dschëng mußte auch lachen und fügte hinzu: „Apropos Bau-yü: Das bringt mich auf etwas. Es ist nicht gut, daß er jeden Tag im Garten spielt. Wenn man eine Tochter gebiert, ist sie keine Hilfe, schließlich wird sie sowieso irgendwann das Haus verlassen. Aber wenn der Sohn keine Hilfe ist, hat das größere Auswirkungen. Neulich hat mir jemand einen Lehrer empfohlen, der wie wir aus dem Süden stammt. Er soll sehr belesen sein und einen guten Charakter haben. Aber ich denke, daß die Leute aus dem Süden zu friedlich sind. Deswegen greifen sie nicht hart gegen unsere Lausebengel aus der Stadt durch. Einige von ihnen sind schlitzohrig und mogeln sich durch, sie trauen sich auch etwas. Die Lehrer aus dem Süden wollen das Gesicht der Kinder wahren. Sie vergeuden ihre Zeit damit, es den Kindern den ganzen Tag recht zu machen. Deshalb wollten unsere Vorfahren auch keine Fremden als Lehrer beschäftigen, sondern baten ältere Familienmitglieder mit ausreichender Bildung, sich um die Familienschule zu kümmern. Djia Dai-ju, der jetzt die Schule leitet, ist zwar nicht über die Maßen gebildet, aber er versteht es, die Kinder zu disziplinieren, und läßt nicht aus Dummheit den Dingen ihren Lauf. Ich finde es nicht gut, daß Bau-yü ein so ungeregeltes Leben führt, wir sollten ihn wieder in die Familienschule schicken.“ Die Dame Wang sagte: „Damit habt Ihr recht. Nachdem Ihr auf den Provinzposten versetzt worden wart, war Bau-yü oft krank und hat deswegen den Unterricht ein paar Jahre versäumt. Es wäre gut, wenn er alles noch einmal in der Familienschule auffrischen könnte.“ Djia Dschëng nickte und plauderte noch eine Weile.
 
Am nächsten Morgen stand Bau-yü auf, wusch sich und kämmte seine Haare, als die Diener kamen und ihm die Botschaft übermittelten, daß sein Vater ihn sehen wolle. Bau-yü brachte rasch seine Kleidung in Ordnung und ging in Djia Dschëngs Studierzimmer, wo er grüßte und abwartend stehen blieb. Djia Dschëng fragte ihn: „Was lernst du in letzter Zeit? Obwohl du einiges geschrieben hast, ist es doch oft trivial. Ich habe bemerkt, daß du in den letzten Jahren immer ungezügelter geworden bist. Ich hörte, daß du wegen Krankheiten nicht lernen willst. Heute scheint es dir ja gut zu gehen. Mir ist auch zu Ohren gekommen, daß Du täglich mit deiner Schwester und den Kusinen im Garten lachst und herumalberst, sogar mit den Dienstmägden Hallodrie treibst und dabei alle wichtigen Dinge vernachlässigst. Zwar hast du ein bißchen was an Poesie geschrieben, aber es taugt nicht viel. Welche Stellen darin sind schon gelungen? Schließlich ist das Aufsatz-Schreiben in der Beamtenprüfung das Wichtigste, und darauf hast du dich gar nicht vorbereitet. Ich sage dir: Von heute an darfst du weder Gedichte noch Parallelsätze mehr schreiben. Du wirst dich vielmehr intensiv mit dem Verfassen Achtgliedriger Essays auseinandersetzen. Ich gebe dir dafür ein Jahr Zeit – wenn du dann keine Fortschritte gemacht hast, brauchst du überhaupt nichts mehr lernen, denn dann will ich dich auch nicht mehr zum Sohn haben!“ Dann rief er nach Li Guee und sagte zu ihm: „Morgen früh soll Bee-ming mit Bau-yü die Bücher zusammensuchen, die er braucht, und sie mir zeigen. Ich werde ihn persönlich wieder in die Familienschule schicken.“ Bau-yü wies er an: „Geh jetzt! Komm morgen zeitig zu mir!“ Bau-yü hörte das, ihm fiel keine Antwort ein, und so ging er in den Roten Hof der Freude zurück.
 
Hsi-jën hatte besorgt auf Bau-yü gewartet, und die Nachricht, daß er wieder in die Schule gehen sollte, erfreute sie. Doch er ließ der Herzoginmutter schnell die Neuigkeit überbringen, in der Hoffnung, daß sie noch etwas verhindern könne. Nachdem die Herzoginmutter die Nachricht erhalten hatte, schickte sie nach Bau-yü und sagte dann zu ihm: „Sei unbesorgt und geh erst einmal in die Schule, um den Zorn deines Vaters nicht zu erregen! Solltest du in Schwierigkeiten geraten, gibt es mich ja auch noch.“ Bau-yü blieb nichts anderes übrig, als den Dienerinnen zu sagen: „Weckt mich morgen ganz früh! Der gnädige Herr wünscht, daß ich zur Schule gehe.“ Hsi-jën und die anderen bestätigten die Anweisung. Sie und Schë-yüä hielten die Nacht über abwechselnd Wache, um den nächsten Morgen nicht zu verpassen.
 
Am Morgen des nächsten Tages wurde Bau-yü von Hsi-jën geweckt. Sie half ihm beim Kämmen, Waschen und Anziehen. Dann schickte sie ein Mädchen zum Tor von Bee-ming, welcher ihm helfen sollte, die Bücher und anderen Schulsachen zu tragen. Doch sie mußte Bau-yü zweimal antreiben, bevor er das Haus verließ. Als er das Studierzimmer von Djia Dschëng erreichte, fragte er als Erstes: „Ist mein Vater bereits da?“ Aus dem Bibliothekszimmer antwortete ein Dienstbote: „Grade eben bat ein Hausgast den Herrn, Bericht erstatten zu dürfen. Doch dieser sagte, er kämme und wasche sich gerade, und befahl ihm, draußen zu warten.“ Als Bau-yü dies hörte, fühlte er sich ein wenig beruhigter. Er eilte zu Djia Dschëngs Gemächern, er erreichte diese gerade, als sein Vater nach ihm rufen ließ. Er ging mit dem Boten hinein. Wie nicht anders zu erwarten, gab ihm Djia Dschëng noch einige Anweisungen und nahm ihn in seinem Wagen mit. Bee-ming trug die Bücher und es ging direkt ins Innere der Privatschule.  
 
Ein Diener eilte voran, um die Ankunft zu verkünden: „Der Herr ist gekommen.“ Dai-ju stand auf, als Djia Dschëng das Klassenzimmer betrat und ihn begrüßte. Dai-ju ergriff seine Hände, begrüßte ihn und fragte: „Wie geht es Ihrer werten Frau Mutter dieser Tage?“ Daraufhin kam auch Bau-yü, um ihn zu begrüßen, während sein Vater darauf wartete, daß Dai-ju Platz nahm, bevor auch er sich setzte. Djia Dschëng sprach: „Ich habe meinen Sohn heute hierher gebracht, weil ich eine Bitte habe. Er ist kein Kind mehr, und es ist nun für ihn die Zeit gekommen, für die Berufswelt der Erwachsenen zu lernen sowie sich zu behaupten, um sich einen Namen zu machen. Bis heutzutage albert er zu Hause mit den anderen Kindern herum. Obwohl er einiges von Poesie versteht, sind seine Verse unsinnig; auch wenn sie gelungen sind, haben die Ergüsse über Wind und Regen, über Mondschein und Tau, nichts mit den ernsthaften Dingen des Lebens zu tun.“ Dai-ju antwortete: „Er sieht ganz gut aus, und ist auch recht intelligent. Warum studiert er nicht die Bücher? Auch von Poesie kann man etwas lernen. Aber wenn du dich weiter entwickeln möchtest, solltest du weiter lernen, und es ist noch nicht zu spät.“
 
Djia Dschëng sprach: „Es ist nämlich so, dass wir derzeit eigentlich nur von ihm verlangen, daß er am Unterricht teilnimmt, Texte analysiert und Aufsätze schreibt. Falls er nicht gehorsam ist, bitte ich Sie, ihn gründlich zu disziplinieren, so daß er sein Leben nicht aufgrund mangelnder Bildung vergeudet.“ Nach diesen Worten stand er auf, verbeugte sich mit zusammengelegten Händen, plauderte noch ein bißchen und verabschiedete sich dann höflich. Dai-ju begleitete ihn zur Tür und bat, der Herzoginmutter beste Grüße auszurichten. Djia Dschëng nickte. Er selbst stieg in den Wagen und fuhr weg. Dai-ju drehte sich um, ging wieder hinein und sah, dass für Bau-yü in der Nähe des südwestlichen Fensters ein Pult aus Rosenholz aufgestellt worden war; auf der rechten Seite lagen zwei Stapel alter Bücher und ein dünnes Aufsatzheft. Der Lehrer rief Bee-ming, seine Schreibutensilien für ihn in den Schreibtisch zu räumen. „Bau-yü, ich habe gehört, daß du vor Kurzem krank warst. Geht es dir inzwischen wieder besser?“, fragte Dai-ju. Bau-yü stand auf und antwortete: „Ja, viel besser.“ – „Wenn ich dich heute hier sehe, mußt du aber auch wieder fleißig werden. Dein Vater wünscht sich inständig, dass etwas aus dir wird. Zu Beginn solltest du das, was du bisher gelesen hast, einmal im Kopf neu sortieren. Steh jeden Morgen früh auf, um die Bücher zu repetieren, schreib nach dem Essen Zeichen, analysiere nachmittags Texte, lies Aufsätze mehrfach – und das ist es schon!“ Bau-yü wiederholte: „Gut“, wandte sich zum Hinsetzen um und sah sich dabei unwillkürlich nach allen Seiten um. Er sah, wie frühere Mitschüler wie Tjin-dschung verschwunden waren, während die jüngeren, die hinzugekommen waren, alle vulgär und unkultiviert waren. Plötzlich erinnerte er sich an Tjin-dschung und dachte voller Trauer daran, daß es niemanden mehr gab, mit dem er ein vertrauliches Gespräch führen könne. Obwohl er innerlich traurig war, wagte er nicht, etwas zu sagen, sondern verschloß es in seinem Herzen und begann zu lesen. Dai-ju teilte Bau-yü mit: „Da heute dein erster Schultag ist, kannst du heute früher gehen. Morgen interpretieren wir Texte. Da du ja nicht dumm bist, interpretierst du mir morgen ein, zwei Textabschnitte, so dass ich sehen kann, wie viel du in letzter Zeit gelesen hast. Dann weiß ich, wo du stehst.“ Als Bau-yü dies hörte, begann sein Herz schneller zu schlagen. Wie Bau-yü tags darauf dem Unterricht folgte, erfährt man im nächsten Kapitel.
 
  
== Anmerkungen ==
+
Als Frau König dies hörte, wusste sie nicht, ob sie lachen oder sich ärgern sollte, und sprach: „Da kommt wieder dein kindischer Unsinn! Ein Mädchen muss eines Tages heiraten. Wenn sie in ein anderes Haus geht, kann sich die Herkunftsfamilie nicht darum kümmern; man kann nur hoffen, dass ihr Schicksal gut ist: Trifft sie es gut, ist es gut; trifft sie es schlecht, lässt sich nichts machen. Hast du noch nie gehört: ‚Heiratest du einen Hahn, folge dem Hahn; heiratest du einen Hund, folge dem Hund'? Nicht jede kann wie deine älteste Schwester kaiserliche Gemahlin werden! Außerdem ist deine zweite Schwester eine junge Ehefrau, und der Schwiegersohn Sun ist auch noch ein junger Mann; jeder hat seinen eigenen Charakter. Am Anfang gibt es natürlich Reibereien. Nach ein paar Jahren, wenn man sich aneinander gewöhnt hat und Kinder da sind, wird alles besser. Du darfst vor der Großmutter kein einziges Wort davon fallen lassen — wenn ich davon erfahre, gibt es Ärger! Nun geh und tu etwas Vernünftiges, statt hier Unsinn zu reden."
<references/>
+
 
 +
Schatzjade wagte darauf nichts mehr zu erwidern. Er saß noch eine Weile, dann ging er lustlos hinaus. Mit einem Bauch voll aufgestauter Bedrückung, die er nirgends ablassen konnte, schlenderte er in den Garten und ging geradewegs zum Xiaoxiang-Pavillon. Kaum hatte er die Tür durchschritten, brach er in lautes Weinen aus.
 +
 
 +
Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".</ref> hatte gerade ihre Morgentoilette beendet und erschrak bei diesem Anblick. Sie fragte: „Was ist denn geschehen? Mit wem hast du dich gestritten?" Sie fragte mehrmals. Schatzjade lag mit gesenktem Kopf auf dem Tisch und schluchzte so heftig, dass er kein Wort herausbrachte. Kajaljade setzte sich auf ihren Stuhl und starrte ihn eine Weile an, dann fragte sie: „Hat sich jemand anderes mit dir gestritten, oder habe ich dich beleidigt?" Schatzjade winkte ab: „Nichts von beidem, nichts von beidem." Kajaljade fragte: „Warum bist du dann so betrübt?" Schatzjade sagte: „Ich denke nur, es wäre besser, wir würden alle so früh wie möglich sterben. Am Leben zu sein hat wirklich keinen Sinn!" Als Kajaljade diese Worte hörte, erschrak sie noch mehr: „Was redest du da! Bist du wirklich verrückt geworden?"
 +
 
 +
Schatzjade erwiderte: „Ich bin nicht verrückt. Wenn ich es dir erzähle, wird es auch dich traurig machen. Du hast doch neulich gesehen und gehört, wie die zweite Schwester zurückkam und was sie erzählte. Ich frage mich, warum ein Mensch heiraten muss, wenn er erwachsen wird, nur um dann in einem fremden Haus solches Leid zu erdulden. Erinnerst du dich noch, als wir die Begonien-Dichtergesellschaft gründeten? Wie wir zusammen dichteten und einander bewirteten — wie fröhlich das war! Jetzt ist Schwester Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.</ref> wieder zu Hause, selbst Duftkastanie kann nicht mehr herüberkommen, und die zweite Schwester ist verheiratet. All die Vertrauten sind nicht mehr beisammen, und so sieht es nun aus. Ich wollte eigentlich zur Großmutter gehen und die zweite Schwester zurückholen lassen, doch Mama hat es nicht erlaubt und mich kindisch und wirr genannt, sodass ich nichts mehr zu sagen wagte. In kurzer Zeit hat sich der Garten schon so sehr verändert. Wer weiß, wie es in ein paar Jahren sein wird. Darum wird mir unwillkürlich immer schwerer ums Herz." Als Kajaljade diese Worte vernahm, senkte sie allmählich den Kopf, zog sich langsam auf den Kang zurück, sagte kein Wort, seufzte leise und legte sich nach innen hin.
 +
 
 +
Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".</ref> kam gerade mit Tee herein und wunderte sich über die beiden, als Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".</ref> eintrat. Sie sah Schatzjade und sprach: „Hier bist du also, Zweiter Herr! Die Großmutter lässt nach dir rufen. Ich habe mir schon gedacht, dass du hier bist." Kajaljade hörte, dass es Dufthauch war, richtete sich auf und bot ihr einen Platz an. Kajaljades Augen waren bereits vom Weinen ganz rot. Schatzjade bemerkte es und sagte: „Schwester, was ich eben sagte, war nur dummes Gerede. Du musst dir keine Sorgen machen. Wenn du an meine Worte denkst, dann achte umso mehr auf deine Gesundheit. Ruh dich ein wenig aus. Drüben bei der Großmutter wird nach mir gerufen; ich schaue kurz vorbei und komme gleich wieder." Damit ging er hinaus. Dufthauch fragte Kajaljade leise: „Was hattet ihr beide wieder?" Kajaljade antwortete: „Er ist wegen seiner zweiten Schwester traurig. Mir haben vorhin nur die Augen gejuckt, und ich habe sie gerieben — es war nichts weiter." Dufthauch sagte nichts mehr, eilte Schatzjade nach, und beide gingen auseinander. Schatzjade begab sich zur Herzoginmutter hinüber, doch die Großmutter hielt bereits ihren Mittagsschlaf, und so kehrte er in den Hof der Roten Freude zurück.
 +
 
 +
Am Nachmittag, als Schatzjade von seinem Mittagsschlaf erwachte, langweilte er sich fürchterlich und griff aufs Geratewohl nach einem Buch. Dufthauch sah, dass er las, und eilte, ihm Tee zu bringen. Das Buch, das Schatzjade in der Hand hielt, waren die „Alten Yuefu-Lieder". Er blätterte darin und stieß auf Cao Mengdes „Beim Wein soll man singen — wie lange währt das Menschenleben?", und unwillkürlich stach es ihn ins Herz. Er legte das Buch beiseite und nahm ein anderes; es war eine Sammlung aus der Jin-Dynastie. Nachdem er einige Seiten durchgeblättert hatte, klappte er das Buch plötzlich zu, stützte das Kinn in die Hand und saß mit abwesendem Blick da. Dufthauch kam mit dem Tee und fragte bei seinem Anblick: „Warum liest du nicht weiter?" Schatzjade antwortete nicht, nahm den Tee, trank einen Schluck und stellte ihn hin. Dufthauch konnte sich keinen Reim darauf machen und stand nur neben ihm und starrte ihn an. Plötzlich stand Schatzjade auf und murmelte vor sich hin: „Wie herrlich — ‚sich in ungezügelter Freiheit jenseits aller Formen bewegen'!" Dufthauch musste lachen und wagte doch nicht zu fragen; sie riet ihm nur: „Wenn du keine Lust hast, das zu lesen, geh doch lieber ein wenig im Garten spazieren, statt dir hier vor Langeweile noch eine Krankheit zuzuziehen." Schatzjade antwortete zerstreut mit einem Ja und ging, noch immer ganz in Gedanken versunken, nach draußen.
 +
 
 +
Bald gelangte er zum Qinfang-Pavillon. Doch er sah nur eine öde Szenerie — die Menschen fortgegangen, die Räume leer. Er ging weiter zum Hengwu-Hof: Der Duft der Kräuter war noch da wie eh und je, doch Türen und Fenster waren geschlossen. Als er um das Ouxiang-Gartenhaus herumkam, sah er in der Ferne einige Gestalten, die sich an das Geländer in der Nähe des Liaoxu-Ufers lehnten, und ein paar kleine Dienstmädchen, die auf dem Boden kauerten und nach etwas suchten. Schatzjade schlich sich leise hinter den künstlichen Felsen und lauschte. Jemand sagte: „Ob er wohl an die Oberfläche kommt?" — es klang wie Muster Pflaumes Stimme. Eine andere lachte: „Gut! Er ist untergetaucht. Ich wusste doch, dass er nicht hochkommt." Das war Erkundefrühling<ref>Erkundefrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".</ref>s Stimme. Wieder eine andere sprach: „Ja, richtig. Schwester, beweg dich nicht, warte nur ab — er kommt auf jeden Fall hoch." Und noch eine rief: „Da kommt er!" Die beiden letzten Stimmen gehörten Prachtamt Pflaume und Höhlennebel Strafe.
 +
 
 +
Schatzjade konnte nicht widerstehen, hob ein Steinchen auf und warf es ins Wasser — platsch! Alle vier erschraken und riefen: „Wer macht denn solche Streiche? Hat uns einen Schreck eingejagt!" Schatzjade sprang lachend hinter dem Felsen hervor und rief: „Was für ein Vergnügen! Warum habt ihr mich nicht gerufen?" Erkundefrühling sagte: „Ich wusste, es kann nur der Zweite Bruder sein, der so ungezogen ist! Da gibt es nichts zu reden — du musst mir meinen Fisch ersetzen: Gerade eben kam einer herangeschwommen, ich hatte ihn fast am Haken, und du hast ihn verscheucht." Schatzjade lachte: „Ihr amüsiert euch hier ohne mich — eigentlich müsste ich euch bestrafen." Alle lachten eine Weile.
 +
 
 +
Schatzjade sprach: „Lasst uns alle angeln und herausfinden, wer das meiste Glück hat: Wer einen Fisch fängt, hat dieses Jahr Glück; wer keinen fängt, hat Pech. Wer fängt zuerst an?" Erkundefrühling bot Muster Pflaume den Vortritt an, doch die lehnte ab. Erkundefrühling lachte: „Dann fange ich eben an." Zu Schatzjade gewandt sagte sie: „Zweiter Bruder, wenn du mir noch einmal die Fische verscheuchst, lass ich das nicht durchgehen." Schatzjade erwiderte: „Vorhin wollte ich euch nur erschrecken. Jetzt angel nur in Ruhe."
 +
 
 +
Erkundefrühling warf die Seidenschnur aus, und noch ehe zehn Sätze gesprochen waren, hatte schon ein Weidenblatt-Schnellfisch den Haken verschluckt und die Pose heruntergezogen. Erkundefrühling zog die Rute hoch, schwenkte den Fisch zu Boden — er zappelte noch heftig. Shishu fing ihn auf dem ganzen Boden mit beiden Händen ein und setzte ihn in einen kleinen Porzellantopf mit klarem Wasser.
 +
 
 +
Erkundefrühling reichte die Angel an Muster Pflaume weiter. Muster Pflaume ließ die Schnur hinab, spürte einen Ruck, riss die Rute hoch — doch der Haken war leer. Sie versuchte es noch einmal, und nach einer Weile ruckte die Schnur wieder; sie zog hoch — wieder ein leerer Haken. Muster Pflaume untersuchte den Haken und sah, dass er sich nach innen gebogen hatte. Sie lachte: „Kein Wunder, dass nichts anbeißt!" Eilig ließ sie Suyun den Haken richten und einen neuen Köder aufstecken und das Schilfplättchen befestigen. Nachdem sie die Schnur eine Weile im Wasser hängen ließ, sank die Pose direkt unter — sie riss die Angel hoch, und da hing ein zwei Zoll langer kleiner Karauschenfisch.
 +
 
 +
Muster Pflaume lachte: „Schatzjade, jetzt angel du." Schatzjade antwortete: „Lasst lieber erst die dritte Schwester und Schwester Strafe angeln, dann bin ich dran." Höhlennebel Strafe sagte nichts. Prachtamt Pflaume meinte: „Schatzjade, angel du zuerst." Da stieg eine Blase auf dem Wasser auf. Erkundefrühling sagte: „Hört auf mit der Höflichkeit! Seht, die Fische sind alle drüben bei der dritten Schwester — los, angel schnell!" Prachtamt Pflaume nahm lachend die Rute und fing tatsächlich sofort einen Fisch. Danach fing auch Höhlennebel Strafe einen. Dann reichten sie die Rute zurück an Erkundefrühling, die sie Schatzjade gab.
 +
 
 +
Schatzjade verkündete: „Ich will es machen wie Jiang Taigong!" Er stieg zum Steinufer hinab, setzte sich an den Teichrand und begann zu angeln. Doch die Fische im Wasser sahen seinen Schatten und flohen allesamt anderswohin. Schatzjade schwenkte seine Angel und wartete lange, aber die Schnur rührte sich nicht. Gerade als ein Fisch am Rand des Wassers Blasen blies, ruckte Schatzjade an der Rute und verscheuchte ihn prompt. Ungeduldig rief Schatzjade: „Ich bin der ungeduldigste Mensch der Welt, und ausgerechnet der Fisch hat es nicht eilig — was soll ich da machen? Lieber Fisch, komm doch endlich! Hab ein Einsehen mit mir!" Die vier Mädchen lachten schallend. Kaum hatte er ausgesprochen, zuckte die Schnur leicht. Überglücklich riss Schatzjade mit aller Kraft die Angel hoch und schlug dabei die Rute an den Stein, worauf sie in zwei Stücke zerbrach, die Schnur riss und der Haken verschwand. Die anderen lachten nur noch mehr. Erkundefrühling sagte: „So einen Tolpatsch wie dich gibt es wirklich nicht noch einmal."
 +
 
 +
Noch während sie sprachen, kam Moschusmond<ref>Moschusmond: Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".</ref> außer Atem herbeigelaufen und rief: „Zweiter Herr, die Großmutter ist wach und lässt Euch sofort kommen!" Alle fünf erschraken. Erkundefrühling fragte Moschusmond: „Was will die Großmutter vom Zweiten Bruder?" Moschusmond antwortete: „Ich weiß es auch nicht. Ich habe nur gehört, dass irgendetwas aufgeflogen sei und die Großmutter Schatzjade befragen will, und die Zweite Schwägerin Lian soll es auch untersuchen." Schatzjade erschrak und starrte eine Weile vor sich hin: „Wer weiß, welches Dienstmädchen nun wieder Ärger bekommen hat." Erkundefrühling sprach: „Was immer es ist, Zweiter Bruder, geh schnell. Wenn es Neuigkeiten gibt, schick Moschusmond her, um es uns mitzuteilen." Damit ging sie mit Muster Pflaume, Prachtamt Pflaume und Höhlennebel Strafe davon.
 +
 
 +
Schatzjade kam in die Gemächer der Herzoginmutter. Dort saß Frau König bei der Großmutter, und beide spielten Mahjong. Als Schatzjade sah, dass nichts Beunruhigendes vorlag, fiel ihm die Hälfte seiner Angst vom Herzen. Die Herzoginmutter sah ihn hereinkommen und fragte: „Als du vor zwei Jahren krank warst und schließlich ein verrückter Mönch und ein hinkender Daoist dich heilten — erinnerst du dich, wie es dir während der Krankheit ergangen ist?" Schatzjade überlegte eine Weile und sagte: „Ich erinnere mich, dass mir, als ich gerade stand, wie aus dem Nichts jemand einen Knüppel über den Kopf schlug, sodass mir die Augen schwarz wurden und ich das ganze Zimmer voller Dämonen mit grünen Fratzen und Reißzähnen sah, die Messer und Knüppel schwangen. Als ich auf dem Kang lag, fühlte es sich an, als hätte man mir mehrere eiserne Reifen um den Kopf gelegt. Danach war der Schmerz so groß, dass ich gar nichts mehr wahrnahm. Als es mir besserging, erinnere ich mich an ein goldenes Leuchten in der Halle, das bis auf mein Bett strahlte. Alle Dämonen flohen erschrocken davon und verschwanden. Mein Kopf schmerzte nicht mehr, und im Geist wurde mir wieder klar." die Herzoginmutter wandte sich an Frau König: „Das klingt ja fast genauso."
 +
 
 +
Da kam auch Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".</ref> herein, begrüßte die Herzoginmutter und dann Frau König und fragte: „Was wollte die Alte Ahnin mich fragen?" die Herzoginmutter sprach: „Erinnerst du dich noch, wie es war, als du damals von dem Zauber befallen wurdest?" Phönixglanz lachte: „So genau erinnere ich mich nicht mehr. Ich spürte nur, wie mein Körper nicht mehr mir selbst gehorchte, als würde mich jemand zerren und stoßen und als sollte ich Menschen umbringen. Was mir in die Hände kam, das packte ich; was mir begegnete, das schlug ich tot. Eigentlich war ich völlig erschöpft, aber ich konnte nicht aufhören." die Herzoginmutter fragte: „Und als du gesund wurdest?" Phönixglanz sagte: „Als es mir besserging, war es, als hätte jemand in der Luft ein paar Worte gesprochen, aber ich erinnere mich nicht, was." die Herzoginmutter nickte: „So sieht es also aus — es war wirklich sie. Beider Krankheitserscheinungen stimmen mit dem gerade Beschriebenen überein. Dieses alte Weib hatte wirklich ein bösartiges Herz! Schatzjade hat sie doch sogar als Patin anerkannt. Dagegen waren der Mönch und der Daoist — Amitabha! — die wahren Retter von Schatzjades Leben. Nur haben wir uns noch nicht bei ihnen bedankt."
 +
 
 +
Phönixglanz fragte: „Wie kommt die Alte Ahnin auf unsere damalige Krankheit zu sprechen?" die Herzoginmutter antwortete: „Frag deine Tante — ich mag es nicht nochmal erzählen." Frau König sprach: „Vorhin kam der Herr herein und erzählte, dass Schatzjades Patin tatsächlich ein durch und durch verdorbenes Weib war, die schwarze Magie betrieb. Jetzt ist die Sache aufgeflogen: Sie wurde von der Kaiserlichen Garde ergriffen und an das Strafministerium überstellt, wo sie zum Tode verurteilt werden soll. Vor einigen Tagen wurde sie angezeigt. Ein gewisser Pan Sanbao besaß ein Haus, das er dem Pfandhaus gegenüber verkauft hatte. Pan Sanbao verlangte immer höhere Aufschläge, die das Pfandhaus nicht mehr zu zahlen bereit war. Da bestach Pan Sanbao diese alte Hexe. Weil sie häufig im Pfandhaus verkehrte und die Frauen des Hauses ihr alle vertrauten, wendete sie eine ihrer Künste an: Plötzlich wurden die Frauen von einem bösen Leiden befallen, und im Haus brach das reinste Chaos aus. Da trat sie auf und erklärte, sie könne die Krankheit heilen. Sie verbrannte Geisterpferde und Papiergeld, und tatsächlich besserte es sich. Dann verlangte sie von den Frauen des Hauses mehr als zehn Tael Silber. Doch der Himmel hat Augen, und es kam zur Enthüllung: Eines Tages, als sie es eilig hatte nach Hause zu kommen, verlor sie ein in Seide gewickeltes Bündel. Die Leute vom Pfandhaus hoben es auf und fanden darin viele Papierfiguren und vier Kugeln stark duftenden Weihrauchs. Während sie sich noch wunderten, kam die Alte zurück, um das Bündel zu suchen. Sie packten sie, durchsuchten sie und fanden ein Kästchen mit folgenden Dingen: aus Elfenbein geschnitzte Figuren eines Mannes und einer Frau, beide nackt; zwei nackte Dämonenkönige; und sieben zinnoberrote Sticknadeln. Sofort wurde sie zur Kaiserlichen Garde gebracht, und unter Verhör gestand sie Geheimnisse zahlreicher Beamtenfamilien und vornehmer Damen und Fräulein. Daraufhin wurde ihre Wohnung durchsucht: Man fand zahlreiche Tonnachbildungen von Schreckensgöttern, mehrere Kästchen mit Betäubungsweihrauch; in einem Hinterzimmer hinter dem Kang hing eine Siebensternlaterne, und unter der Laterne standen mehrere Strohpuppen: einigen war ein eiserner Reif um den Kopf gelegt, anderen steckten Nägel in der Brust, wieder anderen war eine Kette um den Hals gebunden. In einer Truhe lagen unzählige Papierfiguren und darunter mehrere Kontobücher, in denen verzeichnet war, bei welcher Familie ein Fluch erprobt worden war, wie viel Silber noch ausstehe und wie viel Geld für Öl und Weihrauch empfangen worden sei — unzählige Summen."
 +
 
 +
Phönixglanz sagte: „Unsere damalige Krankheit war gewiss ihr Werk! Ich erinnere mich, dass die alte Hexe danach mehrfach bei Zhao Yiniang war und Silber verlangte; als sie mich sah, veränderten sich Miene und Farbe ihres Gesichts, und ihre Augen glotzten wie die eines schwarzen Huhns. Anfangs rätselte ich immerzu, ohne den Grund zu finden. Jetzt, da die Rede darauf kommt, erweist sich, dass alles seine Ursache hatte. Aber als Haushälterin macht man sich natürlich Feinde, da kann ich es den Leuten nicht verübeln, dass sie es auf mich abgesehen hatten. Doch was hat Schatzjade jemandem getan, dass man es über sich brachte, ihm so Giftiges anzutun?" die Herzoginmutter erwiderte: „Wer weiß — vielleicht hat sie uns beiden den Fluch aufgeladen, weil ich Schatzjade bevorzuge und Huan nicht?"
 +
 
 +
Frau König sprach: „Die Alte ist bereits verurteilt, und es wäre unmöglich, sie zur Konfrontation herzuschaffen. Ohne Konfrontation wird Zhao Yiniang gewiss nichts zugeben. Und die Sache ist zu schwerwiegend — wenn es nach außen dringt, wäre es unangemessen. Lass sie sich selbst ins Verderben reiten; früher oder später kommt alles von allein ans Licht." die Herzoginmutter meinte: „Da hast du recht. Ohne Beweis lässt sich nichts mit Sicherheit sagen. Doch Buddha und die Bodhisattvas sehen alles klar — haben die beiden heute nicht doch ihr Auskommen? Genug, was vergangen ist, ist vergangen. Phönixglanz, du brauchst nicht weiter davon zu sprechen. Heute bleibt ihr beide, du und deine Tante, hier bei mir zum Abendessen." Dann rief sie Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".</ref>, Hupo und die anderen, das Essen aufzutragen. Phönixglanz beeilte sich lachend: „Wie kommt es, dass die Alte Ahnin sich persönlich Sorgen macht?" Auch Frau König musste lächeln. Draußen warteten bereits einige Dienerinnen. Phönixglanz schickte schnell ein kleines Mädchen los: „Sag in der Küche, dass ich und die Gnädige Frau bei der Alten Ahnin speisen."
 +
 
 +
Währenddessen kam Yuchuan herein und sagte zu Frau König: „Der gnädige Herr sucht etwas und bittet die Gnädige Frau, nach dem Essen der Alten Ahnin selbst danach zu schauen." die Herzoginmutter sprach: „Geh nur — vielleicht hat dein Mann etwas Dringendes."
 +
 
 +
Frau König nahm ihren Abschied, ließ Phönixglanz bei der Großmutter und zog sich zurück. In ihren Gemächern plauderte sie mit Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".</ref> und fand den gesuchten Gegenstand. Aufrecht Kaufmann fragte: „Ist Willkommensfrühling schon zurückgekehrt? Wie geht es ihr im Hause Sun?" Frau König erwiderte: „Willkommensfrühling war ein einziges Tränenmeer. Der Schwiegersohn Sun soll unerhört brutal sein!" Darauf schilderte sie, was Willkommensfrühling erzählt hatte. Aufrecht Kaufmann seufzte: „Ich wusste von Anfang an, dass es keine gute Partie war. Aber der Ältere Herr hatte es bereits beschlossen — da konnte ich nichts tun. Willkommensfrühling muss eben einiges an Unrecht erdulden." Frau König sagte: „Sie ist ja noch eine junge Ehefrau; man kann nur hoffen, dass es in Zukunft besser wird." Dabei musste sie unwillkürlich lächeln.
 +
 
 +
Aufrecht Kaufmann fragte: „Worüber lachst du?" Frau König antwortete: „Ich muss über Schatzjade lachen, der heute Morgen eigens herkam und lauter kindische Sachen redete." Aufrecht Kaufmann fragte: „Was hat er gesagt?" Frau König erzählte lachend Schatzjades Worte. Auch Aufrecht Kaufmann konnte nicht umhin zu lachen. Dann wurde er ernst und sprach: „Da du Schatzjade erwähnst — mir ist gerade eine Sache eingefallen. Dieses Kind den ganzen Tag im Garten herumtollen zu lassen, ist kein Zustand. Mädchen, die nichts einbringen, gehören ohnehin in ein anderes Haus. Aber wenn ein Sohn nichts taugt, sind die Folgen schwerwiegend. Neulich hat jemand mir einen Lehrer empfohlen — ein Mann von vorzüglicher Gelehrsamkeit und tadellosem Charakter, ebenfalls aus dem Süden. Doch ich fürchte, ein Lehrer aus dem Süden ist zu nachsichtig. Unsere Stadtkinder sind alle frech wie die Teufel: schlau genug, um sich durchzumogeln, und dabei unverschämt. Wenn der Lehrer es nicht übers Herz bringt, streng zu sein und den Schüler nur wie ein Baby verhätschelt, ist am Ende alles umsonst. Darum haben die Alten lieber niemanden von außen engagiert, sondern jemanden aus der eigenen Familie für die Hausschule gewählt — jemanden in reifem Alter und mit ein wenig Bildung. Zwar ist Großonkel Ru kein überragender Gelehrter, aber er versteht es, die Jungen in Schach zu halten und geht nicht nachlässig zu Werke. Ich denke, Schatzjade müßig herumsitzen zu lassen, taugt nichts. Am besten schicken wir ihn wieder in die Hausschule zum Lernen." Frau König stimmte zu: „Der gnädige Herr hat ganz recht. Seit Ihr in der Provinz wart und er ständig krank war, sind mehrere Jahre vergeudet worden. Wenn er jetzt wenigstens in der Hausschule den Stoff wiederholt, wäre das schon etwas."  Aufrecht Kaufmann nickte, und sie plauderten noch über dies und jenes.
 +
 
 +
Am nächsten Morgen, als Schatzjade aufstand und seine Toilette beendet hatte, überbrachten die Diener die Botschaft: „Der gnädige Herr wünscht den Zweiten Herrn zu sprechen." Schatzjade richtete eilig seine Kleider und begab sich in Aufrecht Kaufmanns Arbeitszimmer. Nach der Begrüßung blieb er stehen. Aufrecht Kaufmann sprach: „Was hast du in letzter Zeit an Studien betrieben? Ein paar Seiten Schönschrift sind noch keine Leistung. Ich sehe, dass du in den letzten Jahren noch nachlässiger geworden bist als früher. Überdies höre ich ständig, dass du dich krank meldest, um dem Unterricht fernzubleiben. Bist du jetzt wieder ganz gesund? Und ich höre, dass du Tag für Tag im Garten mit deinen Schwestern herumtolst und dich sogar mit den Dienstmädchen vergnügst, während du deine eigentlichen Pflichten vollständig vernachlässigst. Selbst wenn du ein paar Verse zusammenreimst — was ist schon dabei? Bei den Beamtenprüfungen kommt es auf die Prosadichtung an, und auf diesem Gebiet hast du keinerlei Übung. Ich sage dir: Von heute an ist es verboten, Gedichte und Parallelverse zu schreiben! Du wirst dich ausschließlich den Achtgliedrigen Aufsätzen widmen. Ich gebe dir ein Jahr: Wenn du keinerlei Fortschritte machst, brauchst du gar nicht mehr zu studieren — und ich verzichte auf einen solchen Sohn!" Dann rief er Li Gui herbei: „Morgen früh soll Beiming Schatzjade begleiten, seine Bücher zusammenpacken und alles herbringen, damit ich es durchsehe. Dann bringe ich ihn persönlich in die Hausschule." Barsch befahl er Schatzjade: „Geh! Morgen früh erscheinst du bei mir."
 +
 
 +
Schatzjade hörte dies und wusste lange nichts zu erwidern. Er kehrte in den Hof der Roten Freude zurück. Dufthauch wartete ungeduldig auf Nachricht; als sie hörte, er solle seine Bücher holen, freute sie sich sogar. Doch Schatzjade wollte unbedingt sofort eine Nachricht an die Herzoginmutter schicken, damit sie einschreite. Die Großmutter ließ Schatzjade zu sich kommen und sagte: „Geh nur beruhigt. Lass deinen Vater nicht böse werden. Sollte man dich zu hart rannehmen, bin ich noch da!" Schatzjade konnte nichts machen. Er ging zurück und trug den Mädchen auf: „Weckt mich morgen früh — der Vater will mich in die Hausschule bringen!" Dufthauch und die anderen sagten zu, und Dufthauch und Moschusmond wechselten sich die ganze Nacht ab, um rechtzeitig zu wachen.
 +
 
 +
Am nächsten Morgen in aller Frühe weckte Dufthauch Schatzjade; er wusch sich und kleidete sich um. Sie schickte ein kleines Mädchen los, Beiming zum Warten am zweiten Tor zu bestellen, wo er Bücher und Schreibzeug bereithielt. Dufthauch trieb ihn noch zweimal an, und Schatzjade ging schließlich hinaus zu Aufrecht Kaufmanns Arbeitszimmer, wo er sich zunächst erkundigte, ob der gnädige Herr schon erschienen sei. Ein Diener im Arbeitszimmer antwortete: „Gerade eben kam ein literarischer Berater, um den gnädigen Herrn zu sprechen; drinnen hieß es, der Herr sei noch bei der Morgentoilette. Der Berater wurde gebeten, draußen zu warten."
 +
 
 +
Schatzjade hörte es und beruhigte sich ein wenig. Eilig begab er sich zu Aufrecht Kaufmann hinüber, und gerade in dem Moment sandte Aufrecht Kaufmann jemanden, um ihn zu rufen. Schatzjade folgte hinein. Aufrecht Kaufmann erteilte noch einige Anweisungen, dann nahm er Schatzjade mit, stieg in den Wagen, und mit Beiming, der die Bücher trug, fuhren sie zur Hausschule. Schon war jemand vorausgeeilt und hatte Jia Dairu gemeldet: „Der gnädige Herr kommt!" Dairu erhob sich. Aufrecht Kaufmann war bereits eingetreten und begrüßte Dairu respektvoll. Dairu nahm seine Hand und erkundigte sich nach seinem Befinden, dann fragte er: „Geht es der Alten Ahnin in letzter Zeit gut?" Auch Schatzjade trat vor und begrüßte ihn. Aufrecht Kaufmann blieb stehen und bat Dairu, sich zu setzen, ehe er sich selbst niederließ.
 +
 
 +
Aufrecht Kaufmann sprach: „Ich habe ihn heute persönlich hergebracht, weil ich eine ernste Bitte habe. Dieses Kind ist nicht mehr klein; es muss endlich die Prüfungsaufsätze erlernen, die ein Mann für Ansehen und Karriere braucht. Zu Hause treibt er nur Unfug mit den Jungen. Obwohl er ein paar Verse kennt, ist das nur wildgewordenes Geschwätz — und selbst wenn es gut wäre, handelte es sich um nichts als ‚Wind, Wolken, Mond und Tau', ohne den geringsten Bezug zu den wahren Aufgaben des Lebens." Dairu antwortete: „Seinem Äußeren nach macht er einen durchaus anständigen Eindruck, und an Begabung fehlt es ihm auch nicht. Warum nur will er nicht lernen und denkt nur ans Herumtollen? Dichtung ist an sich kein verwerfliches Studium — nur sollte man damit warten, bis man es zu etwas gebracht hat." Aufrecht Kaufmann nickte: „Genau so ist es. Im Augenblick bitte ich nur darum, dass er liest, den Stoff erklären kann und Aufsätze schreibt. Sollte er den Unterricht nicht befolgen, so bitte ich den Großonkel, ihn mit aller Strenge zu erziehen, damit es nicht bei bloßem Schein bleibt und sein Leben nicht vergeudet wird." Er stand auf, verbeugte sich noch einmal, plauderte ein wenig und verabschiedete sich. Dairu geleitete ihn bis zur Tür und sagte: „Grüßen Sie die Alte Ahnin ehrerbietig von mir." Aufrecht Kaufmann sagte es zu, stieg in den Wagen und fuhr davon.
 +
 
 +
Dairu kehrte zurück und sah Schatzjade an seinem Platz in der südwestlichen Ecke am Fenster sitzen, wo ein kleiner Tisch aus Rosenholz stand. Rechts waren zwei alte Lehrbücher aufgestapelt, dazu ein schmales Heft mit Musteraufsätzen; Beiming hatte Pinsel, Tusche, Papier und Tuschstein in der Schublade verstaut. Dairu sprach: „Schatzjade, ich hörte, du warst vor einiger Zeit krank. Bist du nun vollständig genesen?" Schatzjade stand auf und antwortete: „Ja, vollständig." Dairu fuhr fort: „Nun, dann wird es Zeit, dass du dich ernsthaft an die Arbeit machst. Dein Vater setzt große Hoffnungen in dich, und das von ganzem Herzen. Am besten gehst du den Stoff, den du früher durchgenommen hast, von Anfang an noch einmal durch. Jeden Morgen wird wiederholt, nach dem Essen wird geschrieben, am Nachmittag erkläre ich dir den Stoff, dann liest du ein paar Musteraufsätze — das genügt."
 +
 
 +
Schatzjade antwortete mit einem „Ja", setzte sich wieder und blickte sich unwillkürlich um. Von Jin Rongs Leuten waren einige nicht mehr da, dafür waren einige neue kleine Schüler hinzugekommen — alle von überaus plumper und gewöhnlicher Art. Da fiel ihm Liebglocke Minne ein, und er dachte, dass es jetzt nicht einen einzigen Gefährten gab, dem er sein Herz öffnen konnte. Wehmut überkam ihn, aber er wagte nichts zu sagen und schaute nur still und bedrückt in seine Bücher.
 +
 
 +
Dairu sprach zu Schatzjade: „Da es dein erster Tag ist, lasse ich dich heute früher nach Hause gehen. Aber morgen wird ein Kapitel durchgesprochen. Doch du bist ja nicht begriffsstutzig — morgen sollst du mir erst einmal ein oder zwei Kapitel erklären, damit ich höre, wie weit du bist. Dann weiß ich, woran wir ansetzen müssen." Bei diesen Worten pochte Schatzjades Herz vor Aufregung.
 +
 
 +
Wie er am nächsten Tag seinen Stoff darlegte, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.
 +
 
 +
<references />
 +
 
 +
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Einundachtzigstes Kapitel

Vier Schönheiten angeln fröhlich Fische und lesen dabei ihr Glück, Strenge Worte nötigen zu doppeltem Eintritt in die Hausschule

Wie berichtet, kümmerte sich Frau Strafe nach Willkommensfrühling[1]s Rückkehr zu ihrem Ehemann nicht weiter um die Sache, als wäre nichts geschehen. Doch Frau König, die Willkommensfrühling aufgezogen hatte, war tief betrübt; sie saß allein in ihrem Zimmer und seufzte vor sich hin. Da kam Schatzjade[2] herein, um sie zu begrüßen. Als er sah, dass ihr Gesicht Tränenspuren trug, wagte er nicht, sich zu setzen, und blieb neben ihr stehen. Frau König bat ihn, sich zu setzen, und Schatzjade rückte auf den Kang[3] hinauf und ließ sich an ihrer Seite nieder.

Frau König bemerkte, wie er sie mit leerem Blick anstarrte und offenbar etwas sagen wollte, ohne es herauszubringen, und sprach: „Warum starrst du wieder so vor dich hin?" Schatzjade erwiderte: „Es ist nichts Besonderes. Nur als ich gestern von der Lage der zweiten Schwester hörte, konnte ich es kaum für sie ertragen. Ich wagte zwar nicht, es der Großmutter zu erzählen, doch in den letzten beiden Nächten habe ich kein Auge zugetan. Wenn ich bedenke, dass ein Mädchen aus einer Familie wie der unseren solche Kränkungen erdulden muss! Zumal die zweite Schwester von Natur aus überaus zaghaft ist und sich nie mit jemandem gestritten hat — und nun ausgerechnet auf ein so herzloses Wesen trifft, das nicht das Geringste vom Leid einer Frau versteht." Dabei kamen ihm beinahe die Tränen.

Frau König sagte: „Daran lässt sich nichts ändern. Wie das Sprichwort sagt: ‚Eine verheiratete Tochter ist wie ausgegossenes Wasser.' Was soll ich da tun?" Schatzjade entgegnete: „Gestern Nacht habe ich mir einen Plan überlegt: Wir könnten es der Großmutter erklären und die zweite Schwester zurückholen lassen. Sie könnte wieder in der Ziling-Insel wohnen, und wir Geschwister würden wieder zusammen essen und spielen, statt dass sie den Zorn dieses Taugenichtses Sun erdulden muss. Wenn er kommt, um sie abzuholen, lassen wir sie einfach nicht gehen; kommt er hundertmal, halten wir sie hundertmal zurück. Wir sagen einfach, es sei der Wille der Großmutter. Wäre das nicht wunderbar?"

Als Frau König dies hörte, wusste sie nicht, ob sie lachen oder sich ärgern sollte, und sprach: „Da kommt wieder dein kindischer Unsinn! Ein Mädchen muss eines Tages heiraten. Wenn sie in ein anderes Haus geht, kann sich die Herkunftsfamilie nicht darum kümmern; man kann nur hoffen, dass ihr Schicksal gut ist: Trifft sie es gut, ist es gut; trifft sie es schlecht, lässt sich nichts machen. Hast du noch nie gehört: ‚Heiratest du einen Hahn, folge dem Hahn; heiratest du einen Hund, folge dem Hund'? Nicht jede kann wie deine älteste Schwester kaiserliche Gemahlin werden! Außerdem ist deine zweite Schwester eine junge Ehefrau, und der Schwiegersohn Sun ist auch noch ein junger Mann; jeder hat seinen eigenen Charakter. Am Anfang gibt es natürlich Reibereien. Nach ein paar Jahren, wenn man sich aneinander gewöhnt hat und Kinder da sind, wird alles besser. Du darfst vor der Großmutter kein einziges Wort davon fallen lassen — wenn ich davon erfahre, gibt es Ärger! Nun geh und tu etwas Vernünftiges, statt hier Unsinn zu reden."

Schatzjade wagte darauf nichts mehr zu erwidern. Er saß noch eine Weile, dann ging er lustlos hinaus. Mit einem Bauch voll aufgestauter Bedrückung, die er nirgends ablassen konnte, schlenderte er in den Garten und ging geradewegs zum Xiaoxiang-Pavillon. Kaum hatte er die Tür durchschritten, brach er in lautes Weinen aus.

Kajaljade[4] hatte gerade ihre Morgentoilette beendet und erschrak bei diesem Anblick. Sie fragte: „Was ist denn geschehen? Mit wem hast du dich gestritten?" Sie fragte mehrmals. Schatzjade lag mit gesenktem Kopf auf dem Tisch und schluchzte so heftig, dass er kein Wort herausbrachte. Kajaljade setzte sich auf ihren Stuhl und starrte ihn eine Weile an, dann fragte sie: „Hat sich jemand anderes mit dir gestritten, oder habe ich dich beleidigt?" Schatzjade winkte ab: „Nichts von beidem, nichts von beidem." Kajaljade fragte: „Warum bist du dann so betrübt?" Schatzjade sagte: „Ich denke nur, es wäre besser, wir würden alle so früh wie möglich sterben. Am Leben zu sein hat wirklich keinen Sinn!" Als Kajaljade diese Worte hörte, erschrak sie noch mehr: „Was redest du da! Bist du wirklich verrückt geworden?"

Schatzjade erwiderte: „Ich bin nicht verrückt. Wenn ich es dir erzähle, wird es auch dich traurig machen. Du hast doch neulich gesehen und gehört, wie die zweite Schwester zurückkam und was sie erzählte. Ich frage mich, warum ein Mensch heiraten muss, wenn er erwachsen wird, nur um dann in einem fremden Haus solches Leid zu erdulden. Erinnerst du dich noch, als wir die Begonien-Dichtergesellschaft gründeten? Wie wir zusammen dichteten und einander bewirteten — wie fröhlich das war! Jetzt ist Schwester Schatzspange[5] wieder zu Hause, selbst Duftkastanie kann nicht mehr herüberkommen, und die zweite Schwester ist verheiratet. All die Vertrauten sind nicht mehr beisammen, und so sieht es nun aus. Ich wollte eigentlich zur Großmutter gehen und die zweite Schwester zurückholen lassen, doch Mama hat es nicht erlaubt und mich kindisch und wirr genannt, sodass ich nichts mehr zu sagen wagte. In kurzer Zeit hat sich der Garten schon so sehr verändert. Wer weiß, wie es in ein paar Jahren sein wird. Darum wird mir unwillkürlich immer schwerer ums Herz." Als Kajaljade diese Worte vernahm, senkte sie allmählich den Kopf, zog sich langsam auf den Kang zurück, sagte kein Wort, seufzte leise und legte sich nach innen hin.

Purpurkuckuck[6] kam gerade mit Tee herein und wunderte sich über die beiden, als Dufthauch[7] eintrat. Sie sah Schatzjade und sprach: „Hier bist du also, Zweiter Herr! Die Großmutter lässt nach dir rufen. Ich habe mir schon gedacht, dass du hier bist." Kajaljade hörte, dass es Dufthauch war, richtete sich auf und bot ihr einen Platz an. Kajaljades Augen waren bereits vom Weinen ganz rot. Schatzjade bemerkte es und sagte: „Schwester, was ich eben sagte, war nur dummes Gerede. Du musst dir keine Sorgen machen. Wenn du an meine Worte denkst, dann achte umso mehr auf deine Gesundheit. Ruh dich ein wenig aus. Drüben bei der Großmutter wird nach mir gerufen; ich schaue kurz vorbei und komme gleich wieder." Damit ging er hinaus. Dufthauch fragte Kajaljade leise: „Was hattet ihr beide wieder?" Kajaljade antwortete: „Er ist wegen seiner zweiten Schwester traurig. Mir haben vorhin nur die Augen gejuckt, und ich habe sie gerieben — es war nichts weiter." Dufthauch sagte nichts mehr, eilte Schatzjade nach, und beide gingen auseinander. Schatzjade begab sich zur Herzoginmutter hinüber, doch die Großmutter hielt bereits ihren Mittagsschlaf, und so kehrte er in den Hof der Roten Freude zurück.

Am Nachmittag, als Schatzjade von seinem Mittagsschlaf erwachte, langweilte er sich fürchterlich und griff aufs Geratewohl nach einem Buch. Dufthauch sah, dass er las, und eilte, ihm Tee zu bringen. Das Buch, das Schatzjade in der Hand hielt, waren die „Alten Yuefu-Lieder". Er blätterte darin und stieß auf Cao Mengdes „Beim Wein soll man singen — wie lange währt das Menschenleben?", und unwillkürlich stach es ihn ins Herz. Er legte das Buch beiseite und nahm ein anderes; es war eine Sammlung aus der Jin-Dynastie. Nachdem er einige Seiten durchgeblättert hatte, klappte er das Buch plötzlich zu, stützte das Kinn in die Hand und saß mit abwesendem Blick da. Dufthauch kam mit dem Tee und fragte bei seinem Anblick: „Warum liest du nicht weiter?" Schatzjade antwortete nicht, nahm den Tee, trank einen Schluck und stellte ihn hin. Dufthauch konnte sich keinen Reim darauf machen und stand nur neben ihm und starrte ihn an. Plötzlich stand Schatzjade auf und murmelte vor sich hin: „Wie herrlich — ‚sich in ungezügelter Freiheit jenseits aller Formen bewegen'!" Dufthauch musste lachen und wagte doch nicht zu fragen; sie riet ihm nur: „Wenn du keine Lust hast, das zu lesen, geh doch lieber ein wenig im Garten spazieren, statt dir hier vor Langeweile noch eine Krankheit zuzuziehen." Schatzjade antwortete zerstreut mit einem Ja und ging, noch immer ganz in Gedanken versunken, nach draußen.

Bald gelangte er zum Qinfang-Pavillon. Doch er sah nur eine öde Szenerie — die Menschen fortgegangen, die Räume leer. Er ging weiter zum Hengwu-Hof: Der Duft der Kräuter war noch da wie eh und je, doch Türen und Fenster waren geschlossen. Als er um das Ouxiang-Gartenhaus herumkam, sah er in der Ferne einige Gestalten, die sich an das Geländer in der Nähe des Liaoxu-Ufers lehnten, und ein paar kleine Dienstmädchen, die auf dem Boden kauerten und nach etwas suchten. Schatzjade schlich sich leise hinter den künstlichen Felsen und lauschte. Jemand sagte: „Ob er wohl an die Oberfläche kommt?" — es klang wie Muster Pflaumes Stimme. Eine andere lachte: „Gut! Er ist untergetaucht. Ich wusste doch, dass er nicht hochkommt." Das war Erkundefrühling[8]s Stimme. Wieder eine andere sprach: „Ja, richtig. Schwester, beweg dich nicht, warte nur ab — er kommt auf jeden Fall hoch." Und noch eine rief: „Da kommt er!" Die beiden letzten Stimmen gehörten Prachtamt Pflaume und Höhlennebel Strafe.

Schatzjade konnte nicht widerstehen, hob ein Steinchen auf und warf es ins Wasser — platsch! Alle vier erschraken und riefen: „Wer macht denn solche Streiche? Hat uns einen Schreck eingejagt!" Schatzjade sprang lachend hinter dem Felsen hervor und rief: „Was für ein Vergnügen! Warum habt ihr mich nicht gerufen?" Erkundefrühling sagte: „Ich wusste, es kann nur der Zweite Bruder sein, der so ungezogen ist! Da gibt es nichts zu reden — du musst mir meinen Fisch ersetzen: Gerade eben kam einer herangeschwommen, ich hatte ihn fast am Haken, und du hast ihn verscheucht." Schatzjade lachte: „Ihr amüsiert euch hier ohne mich — eigentlich müsste ich euch bestrafen." Alle lachten eine Weile.

Schatzjade sprach: „Lasst uns alle angeln und herausfinden, wer das meiste Glück hat: Wer einen Fisch fängt, hat dieses Jahr Glück; wer keinen fängt, hat Pech. Wer fängt zuerst an?" Erkundefrühling bot Muster Pflaume den Vortritt an, doch die lehnte ab. Erkundefrühling lachte: „Dann fange ich eben an." Zu Schatzjade gewandt sagte sie: „Zweiter Bruder, wenn du mir noch einmal die Fische verscheuchst, lass ich das nicht durchgehen." Schatzjade erwiderte: „Vorhin wollte ich euch nur erschrecken. Jetzt angel nur in Ruhe."

Erkundefrühling warf die Seidenschnur aus, und noch ehe zehn Sätze gesprochen waren, hatte schon ein Weidenblatt-Schnellfisch den Haken verschluckt und die Pose heruntergezogen. Erkundefrühling zog die Rute hoch, schwenkte den Fisch zu Boden — er zappelte noch heftig. Shishu fing ihn auf dem ganzen Boden mit beiden Händen ein und setzte ihn in einen kleinen Porzellantopf mit klarem Wasser.

Erkundefrühling reichte die Angel an Muster Pflaume weiter. Muster Pflaume ließ die Schnur hinab, spürte einen Ruck, riss die Rute hoch — doch der Haken war leer. Sie versuchte es noch einmal, und nach einer Weile ruckte die Schnur wieder; sie zog hoch — wieder ein leerer Haken. Muster Pflaume untersuchte den Haken und sah, dass er sich nach innen gebogen hatte. Sie lachte: „Kein Wunder, dass nichts anbeißt!" Eilig ließ sie Suyun den Haken richten und einen neuen Köder aufstecken und das Schilfplättchen befestigen. Nachdem sie die Schnur eine Weile im Wasser hängen ließ, sank die Pose direkt unter — sie riss die Angel hoch, und da hing ein zwei Zoll langer kleiner Karauschenfisch.

Muster Pflaume lachte: „Schatzjade, jetzt angel du." Schatzjade antwortete: „Lasst lieber erst die dritte Schwester und Schwester Strafe angeln, dann bin ich dran." Höhlennebel Strafe sagte nichts. Prachtamt Pflaume meinte: „Schatzjade, angel du zuerst." Da stieg eine Blase auf dem Wasser auf. Erkundefrühling sagte: „Hört auf mit der Höflichkeit! Seht, die Fische sind alle drüben bei der dritten Schwester — los, angel schnell!" Prachtamt Pflaume nahm lachend die Rute und fing tatsächlich sofort einen Fisch. Danach fing auch Höhlennebel Strafe einen. Dann reichten sie die Rute zurück an Erkundefrühling, die sie Schatzjade gab.

Schatzjade verkündete: „Ich will es machen wie Jiang Taigong!" Er stieg zum Steinufer hinab, setzte sich an den Teichrand und begann zu angeln. Doch die Fische im Wasser sahen seinen Schatten und flohen allesamt anderswohin. Schatzjade schwenkte seine Angel und wartete lange, aber die Schnur rührte sich nicht. Gerade als ein Fisch am Rand des Wassers Blasen blies, ruckte Schatzjade an der Rute und verscheuchte ihn prompt. Ungeduldig rief Schatzjade: „Ich bin der ungeduldigste Mensch der Welt, und ausgerechnet der Fisch hat es nicht eilig — was soll ich da machen? Lieber Fisch, komm doch endlich! Hab ein Einsehen mit mir!" Die vier Mädchen lachten schallend. Kaum hatte er ausgesprochen, zuckte die Schnur leicht. Überglücklich riss Schatzjade mit aller Kraft die Angel hoch und schlug dabei die Rute an den Stein, worauf sie in zwei Stücke zerbrach, die Schnur riss und der Haken verschwand. Die anderen lachten nur noch mehr. Erkundefrühling sagte: „So einen Tolpatsch wie dich gibt es wirklich nicht noch einmal."

Noch während sie sprachen, kam Moschusmond[9] außer Atem herbeigelaufen und rief: „Zweiter Herr, die Großmutter ist wach und lässt Euch sofort kommen!" Alle fünf erschraken. Erkundefrühling fragte Moschusmond: „Was will die Großmutter vom Zweiten Bruder?" Moschusmond antwortete: „Ich weiß es auch nicht. Ich habe nur gehört, dass irgendetwas aufgeflogen sei und die Großmutter Schatzjade befragen will, und die Zweite Schwägerin Lian soll es auch untersuchen." Schatzjade erschrak und starrte eine Weile vor sich hin: „Wer weiß, welches Dienstmädchen nun wieder Ärger bekommen hat." Erkundefrühling sprach: „Was immer es ist, Zweiter Bruder, geh schnell. Wenn es Neuigkeiten gibt, schick Moschusmond her, um es uns mitzuteilen." Damit ging sie mit Muster Pflaume, Prachtamt Pflaume und Höhlennebel Strafe davon.

Schatzjade kam in die Gemächer der Herzoginmutter. Dort saß Frau König bei der Großmutter, und beide spielten Mahjong. Als Schatzjade sah, dass nichts Beunruhigendes vorlag, fiel ihm die Hälfte seiner Angst vom Herzen. Die Herzoginmutter sah ihn hereinkommen und fragte: „Als du vor zwei Jahren krank warst und schließlich ein verrückter Mönch und ein hinkender Daoist dich heilten — erinnerst du dich, wie es dir während der Krankheit ergangen ist?" Schatzjade überlegte eine Weile und sagte: „Ich erinnere mich, dass mir, als ich gerade stand, wie aus dem Nichts jemand einen Knüppel über den Kopf schlug, sodass mir die Augen schwarz wurden und ich das ganze Zimmer voller Dämonen mit grünen Fratzen und Reißzähnen sah, die Messer und Knüppel schwangen. Als ich auf dem Kang lag, fühlte es sich an, als hätte man mir mehrere eiserne Reifen um den Kopf gelegt. Danach war der Schmerz so groß, dass ich gar nichts mehr wahrnahm. Als es mir besserging, erinnere ich mich an ein goldenes Leuchten in der Halle, das bis auf mein Bett strahlte. Alle Dämonen flohen erschrocken davon und verschwanden. Mein Kopf schmerzte nicht mehr, und im Geist wurde mir wieder klar." die Herzoginmutter wandte sich an Frau König: „Das klingt ja fast genauso."

Da kam auch Phönixglanz[10] herein, begrüßte die Herzoginmutter und dann Frau König und fragte: „Was wollte die Alte Ahnin mich fragen?" die Herzoginmutter sprach: „Erinnerst du dich noch, wie es war, als du damals von dem Zauber befallen wurdest?" Phönixglanz lachte: „So genau erinnere ich mich nicht mehr. Ich spürte nur, wie mein Körper nicht mehr mir selbst gehorchte, als würde mich jemand zerren und stoßen und als sollte ich Menschen umbringen. Was mir in die Hände kam, das packte ich; was mir begegnete, das schlug ich tot. Eigentlich war ich völlig erschöpft, aber ich konnte nicht aufhören." die Herzoginmutter fragte: „Und als du gesund wurdest?" Phönixglanz sagte: „Als es mir besserging, war es, als hätte jemand in der Luft ein paar Worte gesprochen, aber ich erinnere mich nicht, was." die Herzoginmutter nickte: „So sieht es also aus — es war wirklich sie. Beider Krankheitserscheinungen stimmen mit dem gerade Beschriebenen überein. Dieses alte Weib hatte wirklich ein bösartiges Herz! Schatzjade hat sie doch sogar als Patin anerkannt. Dagegen waren der Mönch und der Daoist — Amitabha! — die wahren Retter von Schatzjades Leben. Nur haben wir uns noch nicht bei ihnen bedankt."

Phönixglanz fragte: „Wie kommt die Alte Ahnin auf unsere damalige Krankheit zu sprechen?" die Herzoginmutter antwortete: „Frag deine Tante — ich mag es nicht nochmal erzählen." Frau König sprach: „Vorhin kam der Herr herein und erzählte, dass Schatzjades Patin tatsächlich ein durch und durch verdorbenes Weib war, die schwarze Magie betrieb. Jetzt ist die Sache aufgeflogen: Sie wurde von der Kaiserlichen Garde ergriffen und an das Strafministerium überstellt, wo sie zum Tode verurteilt werden soll. Vor einigen Tagen wurde sie angezeigt. Ein gewisser Pan Sanbao besaß ein Haus, das er dem Pfandhaus gegenüber verkauft hatte. Pan Sanbao verlangte immer höhere Aufschläge, die das Pfandhaus nicht mehr zu zahlen bereit war. Da bestach Pan Sanbao diese alte Hexe. Weil sie häufig im Pfandhaus verkehrte und die Frauen des Hauses ihr alle vertrauten, wendete sie eine ihrer Künste an: Plötzlich wurden die Frauen von einem bösen Leiden befallen, und im Haus brach das reinste Chaos aus. Da trat sie auf und erklärte, sie könne die Krankheit heilen. Sie verbrannte Geisterpferde und Papiergeld, und tatsächlich besserte es sich. Dann verlangte sie von den Frauen des Hauses mehr als zehn Tael Silber. Doch der Himmel hat Augen, und es kam zur Enthüllung: Eines Tages, als sie es eilig hatte nach Hause zu kommen, verlor sie ein in Seide gewickeltes Bündel. Die Leute vom Pfandhaus hoben es auf und fanden darin viele Papierfiguren und vier Kugeln stark duftenden Weihrauchs. Während sie sich noch wunderten, kam die Alte zurück, um das Bündel zu suchen. Sie packten sie, durchsuchten sie und fanden ein Kästchen mit folgenden Dingen: aus Elfenbein geschnitzte Figuren eines Mannes und einer Frau, beide nackt; zwei nackte Dämonenkönige; und sieben zinnoberrote Sticknadeln. Sofort wurde sie zur Kaiserlichen Garde gebracht, und unter Verhör gestand sie Geheimnisse zahlreicher Beamtenfamilien und vornehmer Damen und Fräulein. Daraufhin wurde ihre Wohnung durchsucht: Man fand zahlreiche Tonnachbildungen von Schreckensgöttern, mehrere Kästchen mit Betäubungsweihrauch; in einem Hinterzimmer hinter dem Kang hing eine Siebensternlaterne, und unter der Laterne standen mehrere Strohpuppen: einigen war ein eiserner Reif um den Kopf gelegt, anderen steckten Nägel in der Brust, wieder anderen war eine Kette um den Hals gebunden. In einer Truhe lagen unzählige Papierfiguren und darunter mehrere Kontobücher, in denen verzeichnet war, bei welcher Familie ein Fluch erprobt worden war, wie viel Silber noch ausstehe und wie viel Geld für Öl und Weihrauch empfangen worden sei — unzählige Summen."

Phönixglanz sagte: „Unsere damalige Krankheit war gewiss ihr Werk! Ich erinnere mich, dass die alte Hexe danach mehrfach bei Zhao Yiniang war und Silber verlangte; als sie mich sah, veränderten sich Miene und Farbe ihres Gesichts, und ihre Augen glotzten wie die eines schwarzen Huhns. Anfangs rätselte ich immerzu, ohne den Grund zu finden. Jetzt, da die Rede darauf kommt, erweist sich, dass alles seine Ursache hatte. Aber als Haushälterin macht man sich natürlich Feinde, da kann ich es den Leuten nicht verübeln, dass sie es auf mich abgesehen hatten. Doch was hat Schatzjade jemandem getan, dass man es über sich brachte, ihm so Giftiges anzutun?" die Herzoginmutter erwiderte: „Wer weiß — vielleicht hat sie uns beiden den Fluch aufgeladen, weil ich Schatzjade bevorzuge und Huan nicht?"

Frau König sprach: „Die Alte ist bereits verurteilt, und es wäre unmöglich, sie zur Konfrontation herzuschaffen. Ohne Konfrontation wird Zhao Yiniang gewiss nichts zugeben. Und die Sache ist zu schwerwiegend — wenn es nach außen dringt, wäre es unangemessen. Lass sie sich selbst ins Verderben reiten; früher oder später kommt alles von allein ans Licht." die Herzoginmutter meinte: „Da hast du recht. Ohne Beweis lässt sich nichts mit Sicherheit sagen. Doch Buddha und die Bodhisattvas sehen alles klar — haben die beiden heute nicht doch ihr Auskommen? Genug, was vergangen ist, ist vergangen. Phönixglanz, du brauchst nicht weiter davon zu sprechen. Heute bleibt ihr beide, du und deine Tante, hier bei mir zum Abendessen." Dann rief sie Mandarinenente[11], Hupo und die anderen, das Essen aufzutragen. Phönixglanz beeilte sich lachend: „Wie kommt es, dass die Alte Ahnin sich persönlich Sorgen macht?" Auch Frau König musste lächeln. Draußen warteten bereits einige Dienerinnen. Phönixglanz schickte schnell ein kleines Mädchen los: „Sag in der Küche, dass ich und die Gnädige Frau bei der Alten Ahnin speisen."

Währenddessen kam Yuchuan herein und sagte zu Frau König: „Der gnädige Herr sucht etwas und bittet die Gnädige Frau, nach dem Essen der Alten Ahnin selbst danach zu schauen." die Herzoginmutter sprach: „Geh nur — vielleicht hat dein Mann etwas Dringendes."

Frau König nahm ihren Abschied, ließ Phönixglanz bei der Großmutter und zog sich zurück. In ihren Gemächern plauderte sie mit Aufrecht Kaufmann[12] und fand den gesuchten Gegenstand. Aufrecht Kaufmann fragte: „Ist Willkommensfrühling schon zurückgekehrt? Wie geht es ihr im Hause Sun?" Frau König erwiderte: „Willkommensfrühling war ein einziges Tränenmeer. Der Schwiegersohn Sun soll unerhört brutal sein!" Darauf schilderte sie, was Willkommensfrühling erzählt hatte. Aufrecht Kaufmann seufzte: „Ich wusste von Anfang an, dass es keine gute Partie war. Aber der Ältere Herr hatte es bereits beschlossen — da konnte ich nichts tun. Willkommensfrühling muss eben einiges an Unrecht erdulden." Frau König sagte: „Sie ist ja noch eine junge Ehefrau; man kann nur hoffen, dass es in Zukunft besser wird." Dabei musste sie unwillkürlich lächeln.

Aufrecht Kaufmann fragte: „Worüber lachst du?" Frau König antwortete: „Ich muss über Schatzjade lachen, der heute Morgen eigens herkam und lauter kindische Sachen redete." Aufrecht Kaufmann fragte: „Was hat er gesagt?" Frau König erzählte lachend Schatzjades Worte. Auch Aufrecht Kaufmann konnte nicht umhin zu lachen. Dann wurde er ernst und sprach: „Da du Schatzjade erwähnst — mir ist gerade eine Sache eingefallen. Dieses Kind den ganzen Tag im Garten herumtollen zu lassen, ist kein Zustand. Mädchen, die nichts einbringen, gehören ohnehin in ein anderes Haus. Aber wenn ein Sohn nichts taugt, sind die Folgen schwerwiegend. Neulich hat jemand mir einen Lehrer empfohlen — ein Mann von vorzüglicher Gelehrsamkeit und tadellosem Charakter, ebenfalls aus dem Süden. Doch ich fürchte, ein Lehrer aus dem Süden ist zu nachsichtig. Unsere Stadtkinder sind alle frech wie die Teufel: schlau genug, um sich durchzumogeln, und dabei unverschämt. Wenn der Lehrer es nicht übers Herz bringt, streng zu sein und den Schüler nur wie ein Baby verhätschelt, ist am Ende alles umsonst. Darum haben die Alten lieber niemanden von außen engagiert, sondern jemanden aus der eigenen Familie für die Hausschule gewählt — jemanden in reifem Alter und mit ein wenig Bildung. Zwar ist Großonkel Ru kein überragender Gelehrter, aber er versteht es, die Jungen in Schach zu halten und geht nicht nachlässig zu Werke. Ich denke, Schatzjade müßig herumsitzen zu lassen, taugt nichts. Am besten schicken wir ihn wieder in die Hausschule zum Lernen." Frau König stimmte zu: „Der gnädige Herr hat ganz recht. Seit Ihr in der Provinz wart und er ständig krank war, sind mehrere Jahre vergeudet worden. Wenn er jetzt wenigstens in der Hausschule den Stoff wiederholt, wäre das schon etwas." Aufrecht Kaufmann nickte, und sie plauderten noch über dies und jenes.

Am nächsten Morgen, als Schatzjade aufstand und seine Toilette beendet hatte, überbrachten die Diener die Botschaft: „Der gnädige Herr wünscht den Zweiten Herrn zu sprechen." Schatzjade richtete eilig seine Kleider und begab sich in Aufrecht Kaufmanns Arbeitszimmer. Nach der Begrüßung blieb er stehen. Aufrecht Kaufmann sprach: „Was hast du in letzter Zeit an Studien betrieben? Ein paar Seiten Schönschrift sind noch keine Leistung. Ich sehe, dass du in den letzten Jahren noch nachlässiger geworden bist als früher. Überdies höre ich ständig, dass du dich krank meldest, um dem Unterricht fernzubleiben. Bist du jetzt wieder ganz gesund? Und ich höre, dass du Tag für Tag im Garten mit deinen Schwestern herumtolst und dich sogar mit den Dienstmädchen vergnügst, während du deine eigentlichen Pflichten vollständig vernachlässigst. Selbst wenn du ein paar Verse zusammenreimst — was ist schon dabei? Bei den Beamtenprüfungen kommt es auf die Prosadichtung an, und auf diesem Gebiet hast du keinerlei Übung. Ich sage dir: Von heute an ist es verboten, Gedichte und Parallelverse zu schreiben! Du wirst dich ausschließlich den Achtgliedrigen Aufsätzen widmen. Ich gebe dir ein Jahr: Wenn du keinerlei Fortschritte machst, brauchst du gar nicht mehr zu studieren — und ich verzichte auf einen solchen Sohn!" Dann rief er Li Gui herbei: „Morgen früh soll Beiming Schatzjade begleiten, seine Bücher zusammenpacken und alles herbringen, damit ich es durchsehe. Dann bringe ich ihn persönlich in die Hausschule." Barsch befahl er Schatzjade: „Geh! Morgen früh erscheinst du bei mir."

Schatzjade hörte dies und wusste lange nichts zu erwidern. Er kehrte in den Hof der Roten Freude zurück. Dufthauch wartete ungeduldig auf Nachricht; als sie hörte, er solle seine Bücher holen, freute sie sich sogar. Doch Schatzjade wollte unbedingt sofort eine Nachricht an die Herzoginmutter schicken, damit sie einschreite. Die Großmutter ließ Schatzjade zu sich kommen und sagte: „Geh nur beruhigt. Lass deinen Vater nicht böse werden. Sollte man dich zu hart rannehmen, bin ich noch da!" Schatzjade konnte nichts machen. Er ging zurück und trug den Mädchen auf: „Weckt mich morgen früh — der Vater will mich in die Hausschule bringen!" Dufthauch und die anderen sagten zu, und Dufthauch und Moschusmond wechselten sich die ganze Nacht ab, um rechtzeitig zu wachen.

Am nächsten Morgen in aller Frühe weckte Dufthauch Schatzjade; er wusch sich und kleidete sich um. Sie schickte ein kleines Mädchen los, Beiming zum Warten am zweiten Tor zu bestellen, wo er Bücher und Schreibzeug bereithielt. Dufthauch trieb ihn noch zweimal an, und Schatzjade ging schließlich hinaus zu Aufrecht Kaufmanns Arbeitszimmer, wo er sich zunächst erkundigte, ob der gnädige Herr schon erschienen sei. Ein Diener im Arbeitszimmer antwortete: „Gerade eben kam ein literarischer Berater, um den gnädigen Herrn zu sprechen; drinnen hieß es, der Herr sei noch bei der Morgentoilette. Der Berater wurde gebeten, draußen zu warten."

Schatzjade hörte es und beruhigte sich ein wenig. Eilig begab er sich zu Aufrecht Kaufmann hinüber, und gerade in dem Moment sandte Aufrecht Kaufmann jemanden, um ihn zu rufen. Schatzjade folgte hinein. Aufrecht Kaufmann erteilte noch einige Anweisungen, dann nahm er Schatzjade mit, stieg in den Wagen, und mit Beiming, der die Bücher trug, fuhren sie zur Hausschule. Schon war jemand vorausgeeilt und hatte Jia Dairu gemeldet: „Der gnädige Herr kommt!" Dairu erhob sich. Aufrecht Kaufmann war bereits eingetreten und begrüßte Dairu respektvoll. Dairu nahm seine Hand und erkundigte sich nach seinem Befinden, dann fragte er: „Geht es der Alten Ahnin in letzter Zeit gut?" Auch Schatzjade trat vor und begrüßte ihn. Aufrecht Kaufmann blieb stehen und bat Dairu, sich zu setzen, ehe er sich selbst niederließ.

Aufrecht Kaufmann sprach: „Ich habe ihn heute persönlich hergebracht, weil ich eine ernste Bitte habe. Dieses Kind ist nicht mehr klein; es muss endlich die Prüfungsaufsätze erlernen, die ein Mann für Ansehen und Karriere braucht. Zu Hause treibt er nur Unfug mit den Jungen. Obwohl er ein paar Verse kennt, ist das nur wildgewordenes Geschwätz — und selbst wenn es gut wäre, handelte es sich um nichts als ‚Wind, Wolken, Mond und Tau', ohne den geringsten Bezug zu den wahren Aufgaben des Lebens." Dairu antwortete: „Seinem Äußeren nach macht er einen durchaus anständigen Eindruck, und an Begabung fehlt es ihm auch nicht. Warum nur will er nicht lernen und denkt nur ans Herumtollen? Dichtung ist an sich kein verwerfliches Studium — nur sollte man damit warten, bis man es zu etwas gebracht hat." Aufrecht Kaufmann nickte: „Genau so ist es. Im Augenblick bitte ich nur darum, dass er liest, den Stoff erklären kann und Aufsätze schreibt. Sollte er den Unterricht nicht befolgen, so bitte ich den Großonkel, ihn mit aller Strenge zu erziehen, damit es nicht bei bloßem Schein bleibt und sein Leben nicht vergeudet wird." Er stand auf, verbeugte sich noch einmal, plauderte ein wenig und verabschiedete sich. Dairu geleitete ihn bis zur Tür und sagte: „Grüßen Sie die Alte Ahnin ehrerbietig von mir." Aufrecht Kaufmann sagte es zu, stieg in den Wagen und fuhr davon.

Dairu kehrte zurück und sah Schatzjade an seinem Platz in der südwestlichen Ecke am Fenster sitzen, wo ein kleiner Tisch aus Rosenholz stand. Rechts waren zwei alte Lehrbücher aufgestapelt, dazu ein schmales Heft mit Musteraufsätzen; Beiming hatte Pinsel, Tusche, Papier und Tuschstein in der Schublade verstaut. Dairu sprach: „Schatzjade, ich hörte, du warst vor einiger Zeit krank. Bist du nun vollständig genesen?" Schatzjade stand auf und antwortete: „Ja, vollständig." Dairu fuhr fort: „Nun, dann wird es Zeit, dass du dich ernsthaft an die Arbeit machst. Dein Vater setzt große Hoffnungen in dich, und das von ganzem Herzen. Am besten gehst du den Stoff, den du früher durchgenommen hast, von Anfang an noch einmal durch. Jeden Morgen wird wiederholt, nach dem Essen wird geschrieben, am Nachmittag erkläre ich dir den Stoff, dann liest du ein paar Musteraufsätze — das genügt."

Schatzjade antwortete mit einem „Ja", setzte sich wieder und blickte sich unwillkürlich um. Von Jin Rongs Leuten waren einige nicht mehr da, dafür waren einige neue kleine Schüler hinzugekommen — alle von überaus plumper und gewöhnlicher Art. Da fiel ihm Liebglocke Minne ein, und er dachte, dass es jetzt nicht einen einzigen Gefährten gab, dem er sein Herz öffnen konnte. Wehmut überkam ihn, aber er wagte nichts zu sagen und schaute nur still und bedrückt in seine Bücher.

Dairu sprach zu Schatzjade: „Da es dein erster Tag ist, lasse ich dich heute früher nach Hause gehen. Aber morgen wird ein Kapitel durchgesprochen. Doch du bist ja nicht begriffsstutzig — morgen sollst du mir erst einmal ein oder zwei Kapitel erklären, damit ich höre, wie weit du bist. Dann weiß ich, woran wir ansetzen müssen." Bei diesen Worten pochte Schatzjades Herz vor Aufregung.

Wie er am nächsten Tag seinen Stoff darlegte, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.

  1. Willkommensfrühling: Chin. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Willkommener Frühling".
  2. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
  3. Kang: Beheizbare Schlaf- und Sitzplattform aus Ziegeln, typisch für nordchinesische Häuser.
  4. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
  5. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
  6. Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".
  7. Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".
  8. Erkundefrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".
  9. Moschusmond: Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".
  10. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
  11. Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".
  12. Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".

Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).