Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 120"

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Kapitel 120
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Zhen Wahrheitsverberger erläutert ausführlich die Gefühle des Landes der Großen Leere,
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_120|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_120|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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Regendorf Kaufmann beschließt den Traum der Roten Kammer
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= Kapitel 120 =
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Es wird erzählt, dass Schatzspange, als sie von Herbstmuster<ref>Chin. 秋纹 Qiūwén, wörtl. „Herbstmuster". Eine von Schatzjades Zofen.</ref> hörte, Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.</ref> gehe es schlecht, eilig hineinlief, um nach ihr zu sehen. Jie<ref>Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.</ref> und Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.</ref> folgten ihr. Als sie an Dufthauchs Kang traten, sahen sie, dass Dufthauch vor Herzschmerzen außer sich war und gerade in Ohnmacht gefallen war. Schatzspange und die anderen gaben ihr heißes Wasser ein und brachten sie wieder zu Bewusstsein, stützten sie und legten sie hin; zugleich wurde ein Arzt gerufen. Jie fragte Schatzspange: „Schwester Dufthauch — wie kann sie nur so schwer krank sein?" Schatzspange sagte: „Vor drei Abenden hat sie sich so sehr das Herz ausgeweint, dass ihr auf einmal schwindlig wurde und sie umfiel. Die gnädige Dame ließ sie stützen und zurückbringen, und sie lag nur noch da. Weil draußen allerlei zu erledigen war, hat man keinen Arzt für sie rufen lassen, und so ist es so weit gekommen." Während sie noch sprachen, kam der Arzt. Schatzspange und die anderen wichen zur Seite. Der Arzt fühlte den Puls und sagte, es sei durch heftigen Zorn und Aufregung verursacht; er verschrieb ein Rezept und ging.
== 甄士隐详说太虚情 / 贾雨村归结红楼梦 ==
 
  
'''Dschën Schï-yin erklärt detailliert das Wesen von Leidenschaft und IllusionUnd Djia Yü-tsun faßt den Traum der Roten Kammer zusammen.'''
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Dufthauch hatte nämlich undeutlich gehört, dass man, falls Schatzjade nicht zurückkehre, alle Dienerinnen aus den Gemächern fortschicken wolle. Vor Aufregung wurde es ihr nur noch schlimmer. Nachdem der Arzt sie untersucht hatte, kochte Herbstmuster ihr die Medizin. Sie lag allein da, und ihr Geist war noch nicht zur Ruhe gekommen. Es war, als stünde Schatzjade vor ihr; doch verschwommen schien es auch ein Mönch zu sein, der ein Buch in der Hand hielt und darin blätterte. Er sagte noch: „Du bist nicht meine Person; in Zukunft wirst du von selbst eine andere Familie haben." Dufthauch wollte gerade mit ihm sprechen, da kam Herbstmuster und sagte: „Die Medizin ist fertig, Schwester, nimm sie ein."
  
Sobald sie von Tjiu-wën hörte, daß Hsi-jën ernsthaft erkrankt war, stürmte Bau-tschai mit Tjiau-djiä und Ping-örl herein, um nach ihr zu sehen. Sie fanden sie bewußtlos auf dem Ofenbett liegend, anscheinend hatte sie einen Herzschlag erlitten. Sie flößten ihr abgekochtes, kaltes Wasser ein, und endlich kam sie wieder zu sich, sie geleiteten sie zur Ruhe und schickten nach dem Sterbearzt.
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Dufthauch schlug die Augen auf, erkannte, dass es ein Traum gewesen war, und erzählte niemandem davon. Nachdem sie die Medizin genommen hatte, dachte sie bei sich nach: „Schatzjade ist gewiss dem Mönch gefolgt. Neulich, als er den Jade-Stein hinausbringen wollte, war es schon so, als wolle er sich losmachen. Ich hielt ihn fest, doch er war nicht wie sonst — er stieß und schubste mich wild, ohne das geringste Gefühl. Später behandelte er auch die Zweite junge Frau mit zunehmendem Widerwillen, und auch vor den anderen Schwestern zeigte er keinerlei Empfindung mehr: Das ist das Zeichen, dass er zur Erleuchtung gelangt ist. Doch wenn du zur Erleuchtung gelangt bist — wie kannst du die Zweite junge Frau im Stich lassen? Ich wurde von der gnädigen Dame bestellt, um dir zu dienen. Zwar bekomme ich das Monatsgeld einer höhergestellten Dienerin, doch vor dem Herrn und der gnädigen Dame bin ich nie förmlich als deine Nebenfrau angemeldet worden. Wenn der Herr und die gnädige Dame mich fortschicken, und ich halte stur an meinem Platz fest, würde man mich auslachen. Wenn ich aber gehe — dann denke ich an die Zuneigung, die Schatzjade mir erwiesen hat, und kann es einfach nicht über mich bringen." Sie überlegte hin und her und fand sich in tausendfacher Bedrängnis. Da dachte sie an den Traum von eben: „Er sagt, ich sei eine Frau, die einem anderen gehört — dann wäre es doch besser, einfach zu sterben!"
„Wie konnte Hsi-jën so plötzlich von uns gerufen werden?“, fragte Tjiau-djiä.
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„Gestern Abend“, antwortete Bau-tschai, „weinte sie sich in einen fürchterlichen Zustand und erlitt einen plötzlichen Schwindelanfall. Mutter bat eine der Mägde, ihr vom Boden aufzuhelfen, und schließlich ging sie schlafen. Es war an dem Abend so viel los, daß wir nicht nach einem Arzt schickten. Nur deshalb konnte es so weit kommen.“
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Doch wer hätte gedacht, dass nach dem Einnehmen der Medizin der Herzschmerz beträchtlich nachließ? So konnte sie nicht einfach liegenbleiben und hielt sich mit Mühe aufrecht. Nach einigen Tagen stand sie auf und bediente Schatzspange. Schatzspange dachte an Schatzjade, vergoss heimlich Tränen und beklagte im Stillen ihr bitteres Schicksal. Zudem wusste sie, dass ihre Mutter damit beschäftigt war, den Bruder freizukaufen, was große Umstände erforderte, bei denen sie helfen musste. Davon sei vorerst nicht die Rede.
Bald war der Arzt da, und die Frauen zogen sich zurück. Nachdem er Hsi-jëns Puls gefühlt hatte, diagnostizierte er ihren Zustand als Folge übermäßiger Aufregung und Ärger, stellte ein entsprechendes Rezept aus und ging.
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Hsi-jën hatte tatsächlich mitgehört, oder dachte, sie hätte mitgehört, daß jemand sagte, daß alle von Bau-yüs Mägden entlassen würden, wenn er nicht zurückkehre. Der Schock, dieses zu hören, war es, der sie aufgeregt und ihre Krankheit verschlimmert hatte. Als der Arzt aufgebrochen war und Tjiu-wën hinausgegangen war, um ihre Medizin zu kochen, blieb Hsi-jën alleine auf ihrem Bett liegend zurück und in ihrer Verwirrung dachte sie, Bau-yü vor sich stehen zu sehen. Dann erschien die vage Gestalt eines Mönchs vor ihren Augen, er hielt Seiten eines Registers in Händen und sagte: „Du bist nicht für mich bestimmt. In kommenden Tagen wird jemand anderer kommen, um dich für sich zu beanspruchen.
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Unterdessen geleitete Aufrecht Kaufmann<ref>Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann". Schatzjades Vater.</ref> den Sarg der alten Fürstin, während Rong Kaufmann<ref>Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng. Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.</ref> die Särge von Frau Qin, Phönixglanz und Mandarinenente<ref>Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente". Kammerzofe der Herzoginmutter.</ref> mitführte. Als sie in Jinling angekommen waren, bestatteten sie diese zuerst. Rong Kaufmann brachte auch die sterblichen Überreste von Kajaljade zur Bestattung. Aufrecht Kaufmann kümmerte sich um die Grabstätten. Eines Tages erhielt er einen Familienbrief; Zeile für Zeile las er, dass Schatzjade und Orchidee Kaufmann<ref>Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann". Enkel von Aufrecht Kaufmann, Sohn von Seidenweiß Pflaume.</ref> die Prüfung bestanden hatten — er freute sich von Herzen. Doch als er las, dass Schatzjade verschwunden war, bedrückte es ihn wieder; er konnte nichts anderes tun, als eilig die Heimreise anzutreten. Unterwegs vernahm er, dass es einen kaiserlichen Gnadenerlass gegeben habe; dann kam ein weiterer Familienbrief, der bestätigte, dass die Strafen erlassen und die Ämter wiederhergestellt waren. Erst recht froh, reiste er Tag und Nacht.
Hsi-jën wollte ihn ansprechen, als Tjiu-wën zurückkam. „Deine Medizin ist fertig“, sagte sie, „du solltest sie besser jetzt nehmen.
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Hsi-jën öffnete ihre Augen und erkannte, daß alles ein Traum gewesen war. Sie vertraute sich Tjiu-wën nicht an, sondern schluckte ihre Arznei, lag da und grübelte bei sich: ‚Bau-yü muß mit dem Mönch fortgegangen sein. Ich erinnere mich an den Tag, als er versuchte, den Jadestein zu holen und dem Mönch zu geben, er schien fortlaufen zu wollen. Als ich ihn festzuhalten versuchte, war es nicht sein normales Ich, so wie er mich wegdrückte und fortdrängelte. Er schien sich gar nicht mehr um mich zu kümmern. Seitdem war er stets so kühl gegenüber Frau Bau-tschai und uns anderen gegenüber gleichgültig. Sie sagte zu ihm:
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Eines Tages gelangte er in die Gegend der Poststation Piling. An jenem Tag war es plötzlich kalt geworden und schneite; er legte an einer stillen Stelle an. Aufrecht Kaufmann schickte alle Bediensteten an Land, um Bekannten Karten abzugeben und ihnen seine Aufwartung abzusagen, mit der Bemerkung, das Schiff werde sofort ablegen und er wage sie nicht zu behelligen. Auf dem Schiff blieb nur ein kleiner Bursche zur Bedienung. Er selbst saß in der Kajüte und schrieb den Familienbrief, um einen Boten am frühen Morgen heimzuschicken. Als er an die Stelle kam, wo er über Schatzjades Angelegenheiten schreiben musste, hielt er inne. Er blickte auf und sah plötzlich am Bug des Schiffes in einem leichten Schneeschimmer eine Gestalt — kahlgeschorenen Hauptes, barfuß, in einen großen, scharlachroten Filzumhang gehüllt — , die sich vor Aufrecht Kaufmann zu Boden warf. Aufrecht Kaufmann hatte die Person noch nicht recht erkannt und eilte aus der Kajüte, um sie aufzufangen und zu fragen, wer sie sei. Doch jener hatte sich bereits viermal tief verneigt, stand auf und legte die Hände zum buddhistischen Gruß zusammen. Aufrecht Kaufmann wollte eben den Gruß erwidern, als er der Gestalt ins Gesicht blickte — es war kein anderer als Schatzjade. Aufrecht Kaufmann erschrak heftig und fragte hastig: „Bist du Schatzjade?" Doch jener sprach kein Wort, sein Antlitz schien froh und traurig zugleich. Aufrecht Kaufmann fragte weiter: „Wenn du Schatzjade bist, warum bist du so gekleidet und an diesen Ort gekommen?" Noch ehe Schatzjade antworten konnte, kamen am Bug zwei Gestalten herbei — ein Mönch und ein Daoist — , die Schatzjade zwischen sich nahmen und riefen: „Die irdische Bestimmung ist erfüllt, warum gehst du nicht eilig?" Und schon waren die drei wie auf Wolken ans Ufer gestiegen und entschwanden. Aufrecht Kaufmann achtete nicht auf den glatten Boden und eilte ihnen nach, doch so sehr er auch lief, er konnte die drei vor sich nicht einholen. Da hörte er, wie einer der drei ein Lied anstimmte:
„Ich vermute, daß du dies für die Erleuchtung hältst. Aber welche Art von Erleuchtung ist es, wenn du dich von deiner eigenen Frau abwendest? Die gnädige Frau bat mich, dir zu dienen, aber obwohl meine Monatsbezüge die einer Kammerfrau waren, habe ich letztlich nie vor dem Herrn und der Herrin erzählt, ich wäre deine Kammerfrau. Wenn der Herr und die Herrin mich jetzt entlassen und ich darauf bestehe zu bleiben, aus Respekt vor dem Andenken an dich, werden mich die Leute lächerlich finden. Aber wie kann ich es aushalten, Sie zu verlassen, wenn ich mich doch daran erinnere, wie die Dinge zwischen uns waren?“
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Sie zerbrach sich den Kopf über ihr Dilemma und erinnerte sich an die ahnungsvollen Worte, die Bau-yü in ihrem Traum zu ihr gesprochen hatte. Sie schwor sich selbst, daß, wenn sie ihr Schicksal nicht mit Bau-yü teilen könnte, sie am liebsten überhaupt nicht mehr leben würde.
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Wo ich wohne — auf dem Gipfel des Blauen Felsgrats,
Dank der Medizin ließ ihr Schmerz jedoch ein wenig nach. Sie fühlte sich schuldig, da sie die ganze Zeit lag, doch zwang sie sich selbst zur Ruhe und quälte sich durch die nächsten paar Tage, bis sie wieder aufstehen und ihrer Herrin zu Diensten sein konnte. Bau-tschai selbst, obwohl sie die ganze Zeit an Bau-yü dachte und in manchem einsamen Moment ihr unglückliches Schicksal beweinen mußte, war damit beschäftigt, ihrer Mutter dabei zu helfen, die Zahlung für Hsüä Pans Bußgeld zu arrangieren, was bei weitem keine leichte Aufgabe war. Doch später mehr dazu.
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Wo ich wandle — durch den uferlosen Ur-Äther.
Djia Dschëng war mit dem Sarg der Herzoginmutter in Begleitung von Djia Jung und den Särgen von Tjin-schï, Hsi-fëng, Dai-yü und Yüan-yang in Nanking angekommen. Sie ließen die Mitglieder der Familie Djia beerdigen, und dann brachte Djia Jung Dai-yüs Sarg zu den Gräbern ihrer eigenen Familie, daß er dort begraben werden konnte, während Djia Dschëng sich um die Errichtung der Grabmäler kümmerte. Eines Tages kam dann ein Brief von zuhause an, in welchem er von dem Erfolg las, den Bau-yü und Djia Lan in ihren Examen gehabt hatten, was ihn sehr erfreute, und von Bau-yüs Verschwinden, was ihn sehr beunruhigte und ihn dazu brachte, seinen Aufenthalt so kurz wie möglich zu halten und schnellstmöglich zurück nach Hause zu kehren. Auf seiner Rückreise erfuhr er von der vom Kaiser erlassenen Amnestie und erhielt einen weiteren Brief von zuhause, in welchem zu lesen stand, daß Djia Schë und Vetter Dschën begnadigt worden waren, und sie ihre Titel wieder zurückerhalten hatten. Von diesen Neuigkeiten außerordentlich erfreut, beeilte er sich, nach Hause zu kommen und reiste Tag und Nacht.
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Wer geht mit mir — und wem folge ich?
An dem Tag, als sein Boot die Poststelle in Piling erreichte, gab es eine plötzliche Wendung des Wetters, und es begann zu schneien. Er legte an einem stillen, verlassenen Ärmel des Kanals an und schickte seine Diener an Land, um Visitenkarten zu verschicken und einigen Freunden in der Gegend seine Entschuldigung zu übermitteln, da er, sobald sein Boot wieder in Fahrt sei, nicht persönlich bei ihnen vorbeischauen könne. Nur ein Page blieb bei ihm, während er in der Kabine saß und einen Brief nach Hause schrieb, der zu Land sofort verschickt werden sollte. Als er dazu ansetzte, über Bau-yü zu schreiben, hielt er für einen Moment inne und blickte auf. Oben auf dem Deck stand am Eingang zu seiner Kabine eine Figur, deren Silhouette sich leicht vom Schnee abhob. Es war die Figur eines Mannes mit geschorenem Haupt und nackten Füßen, gehüllt in eine weite Robe aus purpurnem Filz. Die Figur kniete nieder und verneigte sich vor Djia Dschëng, der diese besondere Verhaltensweise nicht verstand. Er eilte an Deck mit der Absicht, ihn nach seinem Namen zu fragen. Der Mann verneigte sich vier Male, stand sodann aufrecht und drückte seine Handflächen vor der Brust wie beim Mönchsgruß zusammen. Djia Dschëng wollte diese Geste eben mit einer Verneigung seines Hauptes erwidern, als er dem Mann in die Augen blickte und ihn mit einem großen Schrecken als Bau-yü erkannte.
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Unfassbar fern — kehre ich heim in die Große Wildnis.
„Bist du Bau-yü?“, fragte er.
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Der Mann blieb still, und ein Ausdruck, der Freude und Kummer auszudrücken schien, kam über sein Gesicht. Djia Dschëng fragte wieder: „Wenn du Bau-yü bist, warum bist du dann so gekleidet? Und was führt dich hierher?“
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Aufrecht Kaufmann hörte dem Gesang zu und lief zugleich hinterher. Doch als er um einen kleinen Hügel bog, waren sie plötzlich verschwunden. Aufrecht Kaufmann war außer Atem und keuchte, voller Verwunderung und Bestürzung. Als er sich umwandte, sah er, dass sein kleiner Bursche ihm nachgelaufen war. Aufrecht Kaufmann fragte: „Hast du eben die drei Gestalten gesehen?" Der Bursche sagte: „Ich habe sie gesehen. Weil der Herr ihnen nachlief, bin ich auch gerannt. Aber dann sah ich nur noch den Herrn, die drei waren verschwunden." Aufrecht Kaufmann wollte noch weitergehen, doch er sah nur eine weite, weiß verschneite Ebene, weit und breit kein Mensch. Aufrecht Kaufmann erkannte, dass hier etwas Übernatürliches geschehen war, und kehrte zum Schiff zurück.
Bevor Bau-yü antworten konnte, erschienen zwei andere Männer an Deck, ein buddhistischer Mönch und ein Dauist. Sie hielten ihn zwischen sich und sagten: „Komm, dein weltliches Karma ist vollständig! Verweile nicht länger!“
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Die drei stiegen über den Damm und verschwanden im Schnee. Djia Dschëng eilte ihnen nach, ihrer verschwindenden Spur folgend, doch obwohl er sie vor sich erblicken konnte, schienen sie stets außer Reichweite zu sein. Er konnte sie eine Art Lied singen hören:
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Als die Bediensteten zum Schiff zurückkehrten und Aufrecht Kaufmann nicht in der Kajüte fanden, fragten sie den Fährmann. Der sagte, der Herr sei an Land gelaufen, um zwei Mönche und einen Daoisten zu verfolgen. Die Leute folgten seinen Spuren im Schnee und sahen ihn von Ferne kommen; sie gingen ihm entgegen, und gemeinsam kehrten sie zum Schiff zurück.
„An grünen Berges Fuß verweile ich.
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In der Kosmischen Leere
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Aufrecht Kaufmann setzte sich, und als er wieder zu Atem gekommen war, erzählte er, wie er Schatzjade gesehen hatte. Die Leute baten um Erlaubnis, ihn an diesem Ort zu suchen. Aufrecht Kaufmann seufzte: „Ihr wisst es nicht. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, es war kein Gespenst und kein Geist. Zudem hatte der Gesang, den ich hörte, einen tief geheimnisvollen Sinn. Dass Schatzjade bei seiner Geburt einen Jade-Stein im Mund trug, war ja schon wunderlich; ich wusste früh, dass dies kein gutes Vorzeichen war. Doch weil die alte Fürstin ihn so liebte, wurde er bis heute aufgezogen. Auch den Mönch und den Daoisten habe ich dreimal gesehen: Das erste Mal kamen der Mönch und der Daoist und sprachen von den Vorzügen des Jade-Steins. Das zweite Mal war, als Schatzjade schwer krank lag — da kamen sie, beteten über dem Jade-Stein, und Schatzjade wurde gesund. Das dritte Mal brachten sie den Jade-Stein zurück, saßen in der Eingangshalle — und als ich mich einmal umdrehte, waren sie verschwunden. Ich wunderte mich zwar, dachte aber, Schatzjade habe wirklich eine besondere Bestimmung und hohe Mönche und Unsterbliche beschützten ihn. Wer hätte gedacht, dass Schatzjade in die Welt herabgestiegen war, um sein Karma zu durchleben, und die alte Fürstin neunzehn Jahre lang in die Irre geführt hat — erst jetzt begreife ich es." Als er dies sagte, liefen ihm die Tränen herab.
streife ich umher.
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Wer will übertreten,
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Die Leute sagten: „Wenn der Zweite Herr wirklich ein herabgestiegener Mönch war, hätte er doch nicht die Prüfung bestehen sollen — warum ist er erst gegangen, nachdem er bestanden hatte?" Aufrecht Kaufmann antwortete: „Das könnt ihr nicht verstehen. Im Allgemeinen — seien es Gestirne des Himmels, alte Mönche in den Bergen oder Geister in den Höhlen — sie alle besitzen ein eigenes Wesen. Schatzjade hat doch nie gern studiert, nicht wahr? Doch wenn er sich auch nur ein wenig anstrengte, gelang ihm alles. Sein ganzes Temperament war eben von Grund auf anders." Dabei seufzte er noch einige Male. Die Bediensteten versuchten ihn zu trösten, indem sie von Orchidees Prüfungserfolg und der Wiederherstellung des Hauses sprachen. Aufrecht Kaufmann setzte den Familienbrief fort, schrieb diese Begebenheit hinein und ermahnte die ganze Familie, man möge sich nicht weiter grämen. Als er fertiggeschrieben und versiegelt hatte, schickte er einen Bediensteten damit heim. Aufrecht Kaufmann folgte bald nach. Davon sei vorerst nicht die Rede.
Wer will mit mir gehen, wer will erkunden
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die unaussprechlichen großen Mysterien
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Unterdessen erhielt Tante Schnee den Brief über die Begnadigung und befahl Xue Ke, überall Geld zu leihen. Sie sammelte auch eigene Mittel und brachte zusammen mit dem Geliehenen die Freikaufsumme auf. Das Strafministerium genehmigte den Antrag, nahm das Silber entgegen, und mit einem einzigen Aktenstück wurde Becken Schnee freigelassen. Wie Mutter und Sohn, Schwestern und Brüder sich wiedersahen, braucht nicht im Einzelnen erzählt zu werden — natürlich war es eine Mischung aus Trauer und Freude. Becken Schnee leistete aus eigenem Antrieb einen Schwur: „Wenn ich je wieder in die alten Fehler verfalle, soll man mich hinrichten und zerstückeln!" Tante Schnee hielt ihm den Mund zu und sagte: „Wenn du nur fest entschlossen bist — musst du dann auch noch solch blutige, grässliche Schwüre ablegen? Bedenke, wie viel Duftkastanie<ref>Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftkastanie". Konkubine von Becken Schnee.</ref> deinetwegen gelitten hat! Deine Frau hat sich ja selbst zugrunde gerichtet. Auch wenn wir jetzt arm sind, haben wir noch genug zu essen. Nach meiner Meinung sollten wir Duftkastanie als deine Hauptfrau betrachten. Was meinst du?" Becken Schnee nickte einverstanden. Auch Schatzspange und die anderen sagten: „So gehört es sich." Duftkastanie wurde darüber so verlegen, dass ihr das Blut ins Gesicht stieg, und sagte: „Ich diene dem Herrn ganz wie zuvor, wozu diese Umstände?" Die Leute begannen sie „Gnädige Frau" zu nennen, und niemand widersprach.
der Wildnis,
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zu welcher ich zurückkehre.
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Becken Schnee wollte zum Haus Kaufmann gehen, um sich zu bedanken. Tante Schnee und Schatzspange kamen alle herüber. Man sah sich wieder, und es wurde dies und jenes besprochen. Gerade als sie so sprachen, kam zufällig an jenem Tag der Bote mit Aufrecht Kaufmanns Familienbrief nach Hause. Er überreichte den Brief und sagte: „Der Herr wird in wenigen Tagen eintreffen." Frau König bat Orchidee Kaufmann, den Brief vorzulesen. Als Orchidee Kaufmann an die Stelle kam, wo Aufrecht Kaufmann erzählte, wie er Schatzjade leibhaftig gesehen hatte, brachen alle in Tränen aus — Frau König, Schatzspange und Dufthauch am meisten.
Djia Dschëng lauschte dem Lied und folgte ihnen weiter, bis sie den Hang eines kleinen Berges erreichten und plötzlich aus seiner Sicht verschwanden. Er war nun schwach und außer Atem durch diese außerordentliche Anstrengung und überaus verwirrt von dem, was er gesehen hatte. Zurückblickend erspähte er seinen Pagen, der ihm nachgeeilt war.
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„Hast du diese drei Männer vorhin gesehen?“fragte er ihn.
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Dann legte man Aufrecht Kaufmanns Worte aus, wonach die Familie nicht traurig sein solle, da Schatzjade sich nur einen sterblichen Leib geliehen habe: „Anstatt ein Beamter zu werden und womöglich in Ungnade zu fallen, Vergehen zu begehen und Haus und Vermögen zu ruinieren — was dann schlimm wäre — , ist es besser, dass unsere Familie einen Buddha hervorgebracht hat. Das zeugt von den Verdiensten des Herrn und der gnädigen Dame, und deshalb wurde er in unserer Familie geboren. Ohne Respektlosigkeit gesagt — im Ostpalast hatte der alte Herr sich auch über ein Jahrzehnt lang in Askese geübt, ohne ein Unsterblicher zu werden; ein Buddha zu werden ist noch viel schwieriger. Wenn die gnädige Dame es so betrachtet, wird ihr Herz leichter." Frau König weinte und sagte zu Tante Schnee: „Dass Schatzjade mich verlassen hat, darüber zürne ich ihm sogar. Was mich betrübt, ist das bittere Schicksal meiner Schwiegertochter — kaum ein, zwei Jahre verheiratet, und er reißt sich mit hartem Herzen los und lässt alles liegen!" Als Tante Schnee dies hörte, war auch sie tief betrübt. Schatzspange weinte, bis sie aller Sinne beraubt war.
„Ja, Herr, das habe ich“, antwortete der Page. „Ich sah, wie Sie ihnen folgten und bin deshalb hinterhergekommen. Dann waren sie verschwunden, und ich konnte außer Ihnen niemanden mehr sehen.
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Djia Dschëng wollte weitergehen, doch alles, was er vor sich sehen konnte, war eine riesige weiße Fläche und keine Menschenseele. Er wußte, daß es mit diesem Zwischenfall mehr auf sich hatte, als er verstehen konnte, und kehrte unwillig um, wobei er seine Spuren zurückfolgte.
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Die Herren waren alle draußen, und Frau König sagte: „Mein Leben lang habe ich seinetwegen Angst ausgestanden. Kaum hatte er geheiratet, die Prüfung bestanden, und man wusste, dass die Schwiegertochter guter Hoffnung war — da begann ich mich etwas zu freuen — , und nun dieses Ende! Hätte ich das gewusst, hätten wir ihn gar nicht verheiraten und das Mädchen einer anderen Familie ins Unglück stürzen sollen." Tante Schnee sagte: „Das war von Anfang an so bestimmt. Bei einer Familie wie der unseren — was gibt es da noch zu sagen? Zum Glück ist ein Kind unterwegs; wenn ein Enkel geboren wird, wird der gewiss seinen Weg machen, und dann gibt es ein gutes Ende. Schauen Sie die Älteste junge Frau an: Jetzt hat Orchidee die Prüfung bestanden, nächstes Jahr wird er den Jinshi-Grad erlangen und dann ein Amt bekleiden! All das Leid, das sie früher erduldet hat, das ist nun vorüber, und das Süße, das jetzt kommt, ist der Lohn für ihre Tugendhaftigkeit. Was das Herz unserer Tochter betrifft — das kennt die Schwester doch: Sie ist kein kaltherziger oder leichtfertiger Mensch. Die Schwester braucht sich wirklich keine Sorgen zu machen."
Die anderen Diener waren gerade zum Schiff ihres Herrn zurückgekehrt, wo sie seine Kabine leer vorfanden und vom Steuermann die Mitteilung erhielten, daß Djia Dschëng an Land gegangen sei, um zwei Mönche und einen Dauisten zu verfolgen. Sie folgten seinen Schritten durch den Schnee und, als sie ihn in der Ferne auf sich zukommen sahen, eilten sie ihm entgegen und kehrten gemeinsam zum Schiff zurück. Djia Dschëng setzte sich nieder, um zu Atem zu kommen, und erzählte ihnen, was geschehen war. Sie wollten seine Autorität nicht anzweifeln und schlugen vor, in dieser Gegend eine Suche nach Bau-yü einzuleiten, doch Djia Dschëng verwarf diese Idee.
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„Ihr versteht nicht“, sagte er mit einem Seufzen, „dies war wirklich keine übernatürliche Erscheinung. Ich sah diese Männer mit eigenen Augen. Ich hörte sie singen, und die Worte ihres Liedes hatten eine sehr tiefsinnige und rätselhafte Bedeutung. Bau-yü kam mit seiner Jade auf die Welt, und damit hatte es stets etwas Merkwürdiges auf sich. Ich erkannte es als ein schlimmes Omen. Nur weil seine Großmutter derart an ihm hing, haben wir uns so um ihn gekümmert und bis jetzt verzogen. - Diesen Mönch und den Dauisten habe ich schon vorher gesehen, dreimal insgesamt. Das erste Mal war, als sie kamen, um die Macht der Jade zu preisen. Das zweite Mal erschien der Mönch während Bau-yüs schwerer Krankheit und sprach ein Gebet über den Jadestein, was Bau-yü half, sofort zu genesen. Das dritte Mal war, als er uns den Jadestein zurückbrachte, nachdem er verlorengegangen war. Er saß in einem Moment in der Halle, und im nächsten Moment war er verschwunden. Ich hielt dies für äußerst merkwürdig und konnte daraus nur schließen, daß Bau-yü in irgendeiner Weise gesegnet war und daß diese beiden heiligen Männer gekommen waren, um ihn zu beschützen. Doch ich vermute, die Wahrheit ist, daß er selbst aus einer höheren Sphäre stammt und sich auf die Erde niedergelassen hat, um die Prüfungen des menschlichen Lebens zu bestehen. Die ganzen letzten neunzehn Jahre über war seine Großmutter umsonst in ihn vernarrt gewesen! Jetzt erst verstehe ich alles!“
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Frau König fand Tante Schnees Worte höchst vernünftig und dachte bei sich: „Schatzspange war schon als Kind von ruhigem Gemüt und genügsamer Art, liebte die Schlichtheit — deshalb ist ihr dies widerfahren. Das Menschenleben hat wohl wirklich eine feste Bestimmung. Wenn ich sehe, wie Schatzspange zwar bitterlich weint, aber ihre würdevolle Haltung keinen Augenblick verliert, und mich sogar noch tröstet — das ist wahrhaft selten. Wer hätte gedacht, dass Schatzjade, so ein Mensch, in der irdischen Welt auch nicht das geringste Glück genießen durfte." Nachdem sie eine Weile nachgedacht hatte, fühlte sie sich etwas erleichtert. Dann dachte sie an Dufthauch: „Bei den anderen Mädchen ist die Sache nicht schwer: Die Älteren verheiratet man, die Jüngeren dienen der Zweiten jungen Frau — das ist alles. Nur mit Dufthauch — was soll man da machen?" Da zu viele Leute anwesend waren, konnte sie es jetzt nicht besprechen; sie wollte es am Abend mit Tante Schnee beraten.
Wie er dies sagte, kamen ihm Tränen in die Augen.
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„Ja, aber“, protestierte einer der Diener, „wenn Herr Bau-yü wirklich ein unsterblicher buddhistischer Mönch war, wozu mußte er dann erst das Staatsexamen bestehen, bevor er verschwunden ist?“ –
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An jenem Tag ging Tante Schnee nicht nach Hause, denn sie fürchtete, Schatzspange werde sich die Augen ausweinen, und blieb in Schatzspanges Zimmer, um sie zu trösten. Doch Schatzspange war überaus verständig. Sie dachte hin und her: „Schatzjades Natur war von jeher ungewöhnlich; eine Bestimmung aus einem früheren Leben hat ihr festes Maß — da gibt es weder Grund, den Himmel anzuklagen noch anderen Vorwürfe zu machen." Sodann erklärte sie ihrer Mutter die Zusammenhänge mit großer Einsicht.
„Wie könntest du so etwas auch nur im Ansatz verstehen?“, antwortete Djia Dschëng mit einem Seufzen. „Die Ordnungen im Himmel, die Einsiedler in ihren Hütten, die Geister in ihren Höhlen, alles hat seine eigene Beschaffenheit, eine einzigartige Natur. Wann hast du Bau-yü jemals ernsthaft mit seinen Büchern arbeiten gesehen? Und selbst wenn er es darauf angelegt hätte, war für ihn nichts unmöglich. Seine Natur war wirklich einzigartig.“
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Mit der Absicht, daß seine Lebensgeister sich wieder erholen konnten, lenkten sie das Thema auf Djia Lans Erfolg beim Examen und die Wiedererlangung des familiären Glücks. - Dann schrieb Djia Dschëng seinen Brief zu Ende und versiegelte ihn. Er beschrieb in ihm seine Begegnung mit Bau-yü und wies die Familie an, über diesen Verlust nicht zu lange betrübt zu sein; einem der Diener trug er auf, den Brief zum Jung-guo-Anwesen zu bringen, während er selbst seine Reise auf dem Schiff fortsetzte. Doch genug davon.
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Tante Schnee fühlte sich dadurch umgekehrt getröstet und ging zu Frau König. Zuerst berichtete sie Schatzspanges Worte. Frau König nickte seufzend: „Wenn ich sagen würde, ich hätte keine Verdienste, dann hätte ich eine so gute Schwiegertochter nicht verdient." Bei diesen Worten wurde sie wieder traurig. Tante Schnee tröstete sie abermals eine Weile und brachte dann die Sprache auf Dufthauch: „Ich sehe, Dufthauch ist in letzter Zeit furchtbar abgemagert; sie denkt nur an Schatzjade. Nun, eine Hauptfrau — die sollte dem Mann die Treue halten, das versteht sich. Und eine Nebenfrau, die dies tun will, auch das kommt vor. Aber Dufthauch — obwohl sie dem Rang nach als Nebenfrau gilt — ist vor dem Herrn und der gnädigen Dame doch nie förmlich als solche eingetragen worden." Frau König sagte: „Eben daran habe ich gerade gedacht, und ich wollte es mit der Schwester besprechen. Wenn wir sie fortschicken, fürchte ich, wird sie sich nicht fügen und sich etwas antun. Wenn wir sie behalten — nun, das wäre auch eine Möglichkeit — , aber ich fürchte, der Herr wird es nicht billigen. Daher die Schwierigkeit." Tante Schnee sagte: „Der Schwager wird es gewiss nicht dulden, dass sie als Treuhaltende bleibt. Und der Schwager weiß von Dufthauchs Stellung nichts Näheres; er hält sie einfach für ein Dienstmädchen — und ein Dienstmädchen zu behalten, das gibt es doch gar nicht. Man muss nur ihre Verwandten kommen lassen und ihnen streng auftragen, eine ordentliche Partie für sie zu finden. Und dann sollte man sie reichlich ausstatten. Das Mädchen hat ein gutes Herz und ist noch jung — es wäre nicht umsonst, dass sie der Schwester so lange gedient hat, und die Schwester hätte sie wahrlich nicht schlecht behandelt. Was Dufthauchs Einverständnis betrifft, muss ich ihr noch in Ruhe zureden. Auch wenn man ihre Angehörigen kommen lässt, braucht man es ihr nicht gleich zu sagen; man wartet, bis ihre Familie tatsächlich eine gute Partie gefunden hat, wir erkundigen uns noch einmal — und wenn die Familie wirklich zu essen und zu trinken hat und der Bräutigam ordentlich aussieht — , dann erst lässt man sie gehen." Frau König hörte dies und sagte: „Das ist ein sehr guter Plan. Sonst würde der Herr es ganz abrupt regeln, und ich hätte wieder einen Menschen ins Unglück gestürzt."
Als Frau Hsüä von der allgemeinen Amnestie hörte, die der Kaiser ausgesprochen hatte, schickte sie Hsüä Kë, um Geld zu leihen, wo immer er konnte, um damit und mit ihrem Ersparten Hsüä Pans Ablöse zu bezahlen. Die Justizbehörde gab schließlich ihre Zustimmung. Sie nahm das Geld als Ausgleich an, und es wurde ein amtliches Schreiben angefertigt, das Hsüä Pans Freilassung genehmigte. Als er mit der Familie wiedervereint war, gab es für ihn unendlich viele Neuigkeiten, manche davon waren traurig, manche heiter. Doch dies können wir ruhig der Vorstellung des Lesers überlassen. Hsüä Pan für seinen Teil leistete einen feierlichen Schwur: „Wenn ich mich jemals wieder so betragen sollte, so möge ich in Stücke gehackt werden.
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Frau Hsüä legte ihm die Hand auf den Mund: „Beschließe nur, deine Wege zu bessern! Es gibt keinen Grund für solche bluttriefenden Schwüre! Nach allem, was Hsiang-ling deinetwegen durchgemacht hat! Wir mögen zwar arm sein, aber es reicht noch zum Leben. Ich meine, du solltest sie zur Frau nehmen. Was denkst du?“
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Tante Schnee nickte: „Ganz recht!" Sie redeten noch einige Worte und dann verabschiedete sie sich von Frau König und kehrte in Schatzspanges Zimmer zurück. Als sie sah, dass Dufthauchs Gesicht voller Tränenspuren war, sprach sie ihr tröstend zu und redete ihr eine Weile gut zu. Dufthauch war von Natur ehrlich und keine geschliffene Rednerin; auf jedes Wort von Tante Schnee gab sie eine Antwort, und schließlich sagte sie: „Ich bin eine Dienerin. Dass die Tante mich so achtet und solche Dinge mit mir bespricht — ich habe mich nie getraut, der gnädigen Dame zu widersprechen." Als Tante Schnee dies hörte, dachte sie: „Was für ein sanftes, fügsames Kind!" Und sie mochte sie im Herzen noch mehr. Schatzspange sprach dann noch einmal mit großer Würde über Pflicht und Vernunft, und so fand jede in ihrem Herzen Frieden.
Hsüä Pan nickte zustimmend, während Bau-tschai und die anderen Tante Hsüäs Vorhaben ihre volle Unterstützung versicherte. Hsiang-ling selbst schien überwältigt und ihr Gesicht färbte sich tiefrot: „Es ist dasselbe, als würde ich Herrn Pan weiter dienen“, sagte sie. „Es wird sich nichts ändern.
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Von nun an nannten sie alle Diener nur noch Frau Pan und schauten mit großer Ehrerbietung zu ihr auf.
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Einige Tage später kehrte Aufrecht Kaufmann heim, und alle empfingen ihn. Aufrecht Kaufmann sah, dass Kaufmann Amnestie<ref>Chin. 贾赦 Jiǎ Shè, wörtl. „Begnadigung Kaufmann". Älterer Bruder von Aufrecht Kaufmann.</ref> und Zhen Kaufmann<ref>Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn. Oberhaupt des Stillfriede-Zweigs der Kaufmann-Familie.</ref> bereits zu Hause waren. Brüder, Onkel und Neffen begrüßten sich und erzählten ausführlich, was in der Zwischenzeit geschehen war. Danach empfingen ihn die Damen des Hauses, und man musste unwillkürlich an Schatzjade denken — wieder wurden alle eine Weile traurig. Aufrecht Kaufmann gebot ihnen Einhalt: „Das ist eine feststehende Sache, eine unumstößliche Ordnung! Jetzt muss es so sein: Wir Herren führen draußen die Geschäfte des Hauses, und ihr drinnen helft dabei. Auf keinen Fall darf es so schlampig zugehen wie früher. Was die anderen Zweige der Familie betrifft, so regelt jeder seine eigenen Angelegenheiten, da brauchen wir uns nicht einzumischen. Was unseren eigenen Zweig angeht — innen überlasse ich dir alles; aber alles muss nach Recht und Ordnung geschehen." Frau König teilte ihm mit, dass Schatzspange guter Hoffnung sei, und künftig wolle man die Dienstmädchen alle freilassen. Aufrecht Kaufmann hörte es und nickte wortlos.
Hsüä Pan ging darauf bei den Djias vorbei und bedankte sich bei ihnen für alles, was sie für ihn getan hatten. Er wurde von seiner Mutter und Bau-tschai begleitet, und im Jung-guo-Anwesen gab es eine Familienversammlung. Begrüßungen wurden ausgetauscht, und sie unterhielten sich, als plötzlich ein Botschafter erschien und den Brief überrreichte, den Djia Dschëng auf dem Schiff verfaßt hatte. „Der Herr wird in wenigen Tagen hier eintreffen“, berichtete er.
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Die Dame Wang bat Djia Lan, den Brief laut vorzulesen. Als sie den Abschnitt erreicht hatten, in welchem Djia Dschëng von seiner Begegnung mit Bau-yü berichtete, begannen alle bitterlich zu weinen, die Dame Wang, Bau-tschai und Hsi-jën am meisten von allen. Dann hörten sie zu, wie Djia Lan laut Djia Dschëngs Rat vortrug, daß sie nicht trauern, sondern verstehen sollten, es sei Bau-yüs Schicksal gewesen, daß er die Reinkarnation eines unsterblichen Buddhisten war.
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Am nächsten Tag ging Aufrecht Kaufmann in den Palast, um bei den hohen Beamten vorzusprechen. Er sagte: „Ich bin für die kaiserliche Gnade zutiefst dankbar! Da ich aber die Trauerzeit noch nicht abgeschlossen habe — wie soll ich mich gebührend bedanken? Ich bitte die Exzellenzen um Weisung." Die Hofbeamten sagten, sie würden es dem Thron melden und um eine Verfügung bitten. Da war die kaiserliche Gnade überströmend: Der Kaiser befahl sogleich eine Audienz. Aufrecht Kaufmann trat vor und dankte dem Thron. Der Kaiser erteilte noch zahlreiche weitere gnädige Verfügungen und erkundigte sich dann nach Schatzjades Angelegenheit. Aufrecht Kaufmann berichtete wahrheitsgetreu. Der Kaiser staunte und sprach die Verfügung: Schatzjades Aufsätze seien gewiss von klarer Reinheit und Originalität; er müsse wohl ein Eingeweihter sein, der die Dinge durchschaut habe, daher sein Handeln. Hätte er bei Hofe gedient, wäre er zu hohem Amt befördert worden; da er aber den Rang und die Würden der erhabenen Dynastie nicht anzunehmen wage, solle man ihm den daoistischen Ehrentitel „Wahrer Mensch der Wunderbaren Schriften" verleihen. Aufrecht Kaufmann dankte abermals kniefällig und verließ den Palast.
„Wäre er jemals in den Status eines Beamten aufgestiegen und hätte seine Laufbahn dann in einer Katastrophe geendet, wäre alles viel schlimmer gewesen“, trösteten sie sich selbst. „Das wäre in öffentlicher Mißbilligung und im Ruin geendet.“
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Im Brief hieß es: „Letzten Endes sollten wir uns an der Ehre laben, einen heiligen Mann in der Familie zu haben. Trotzdem war es das Karma seines eigenen Vaters und seiner eigenen Mutter, ihre Tugend, welche ihn dazu brachte, in diese Familie geboren zu werden.
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Zu Hause empfingen ihn Kette Kaufmann<ref>Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.</ref> und Zhen Kaufmann. Aufrecht Kaufmann berichtete ihnen die Worte vom Hof, und alle freuten sich. Zhen Kaufmann meldete darauf: „Der Palast der Ning-Residenz ist vollständig wiederhergerichtet; nach entsprechender Meldung möchte ich zurückziehen. Das Kloster des Smaragdgrüns innerhalb des Gartens soll der Vierten Schwester zum stillen Verweilen überlassen werden." Aufrecht Kaufmann sagte zunächst nichts; erst nach einer längeren Pause erteilte er einige Anweisungen darüber, wie man die kaiserliche Gnade gebührend vergelten solle.
Ohne den Wunsch, respektlos zu erscheinen, darf gesagt werden, noch nicht einmal Herrn Djing aus dem Ning-guo-Anwesen, der all die Jahre Joga praktiziert hatte, ist es gelungen, ein Unsterblicher zu werden. Bei Bau-yü war es keine wirkliche Leistung. Wenn man es so betrachtet, sollte es leichter sein, sich keine Sorgen zu machen.“ –
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„Glaubst du, ich mache es Bau-yü zum Vorwurf, daß er mich verlassen hat?“, schluchzte Frau Wang zu Frau Hsüä. „Nein, doch was mich bekümmert, ist eher das Schicksal seiner armen Frau. Nach nur etwas über einem Jahr der Ehe, wie konnte er nur so gefühllos sein, sie auf diese Weise zu verlassen?“
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Kette Kaufmann nutzte die Gelegenheit und meldete: „Was Jies Heirat betrifft — der Vater und die gnädige Dame sind beide einverstanden, sie an die Familie Zhou zu verheiraten." Aufrecht Kaufmann hatte am Vorabend auch von Jies ganzer Geschichte erfahren und sagte: „Der Älteste Herr und die Älteste gnädige Dame entscheiden das. Dass das Landleben schlicht ist, macht nichts — Hauptsache, die Familie ist ehrbar und der junge Mann studiert fleißig und kann vorankommen. Die Beamten bei Hof — sind die etwa alle Stadtkinder?" Kette Kaufmann antwortete mit „Ja" und fuhr fort: „Der Vater ist schon bei Jahren und hat zudem eine Neigung zur Schleimkrankheit; er sollte sich einige Jahre der Ruhe gönnen. Alle Angelegenheiten obliegen ohnehin dem Zweiten Onkel als Oberhaupt." Aufrecht Kaufmann sagte: „Wenn du vom Landleben und der stillen Muße sprichst — das ist ganz nach meinem Sinn. Nur habe ich so tiefe kaiserliche Gnade empfangen und sie noch nicht vergolten." Damit ging Aufrecht Kaufmann hinein.
Frau Hsüä fand dies äußerst herzerweichend, während Bau-tschai selbst beinahe bis zur Ohnmacht geweint hatte. Nachdem sich alle Männer nun in der Vorderen Halle versammelt hatten, fuhr die Dame Wang fort, ihr Herz vor ihrer Schwester auszuschütten: „Bei all diesem Trubel und der Aufregung mußte ich seinetwegen viel erleiden. Wenigstens war es ein Trost, ihn heiraten und sein Examen bestehen zu sehen, und ich hätte vielleicht auf ein Enkelkind hoffen können. Und jetzt das! Wenn ich gewußt hätte, daß es so endet, hätte ich ihn nie an erster Stelle heiraten lassen! Niemals hätte ich zugelassen, daß diesem armen Mädchen ein solches Unglück widerfährt!“ –
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„All dies hat das Schicksal entschieden“, tröstete sie Frau Hsüä. „Was hätten wir unter diesen Umständen anderes sagen oder tun können? Wir müssen uns selbst gesegnet schätzen, daß meine Tochter ein Kind erwartet und daß du ein Enkelkind haben wirst. Ich bin sicher, daß es ihm trotz allem gut geht und er das Beste daraus macht. Sieh dir nur Li Wan an: ihr Sohn hat sein Provinz-Examen bestanden, und es besteht kein Zweifel, daß der junge Lan nächstes Jahr ein Palastgraduierter und ein Beamter sein wird. Nach allem, was seine Mutter erlitten hat, erhält sie doch noch ihre Entschädigung. Und was meine Tochter betrifft, so weißt du, daß sie kein unbeständiges und launisches Mädchen ist. Um ihretwegen mußt du dich nicht sorgen.“
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Kette Kaufmann schickte jemanden, um die Alte Liu<ref>Chin. 刘姥姥 Liú Lǎolao, wörtl. „Oma Liu". Einfache Bäuerin und Wohltäterin.</ref> einzuladen, und die Sache wurde besprochen. Die Alte Liu sah Frau König und die anderen und erzählte allerhand, wie man künftig in hohe Ämter aufsteigen, wie sich die Familie wieder erheben und wie die Nachkommen blühen würden.
Die Dame Wang fand die Worte ihrer Schwester, Frau Hsüä, überzeugend und beruhigend.
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‚Bau-tschai war als Kind immer so zurückhaltend und bescheiden‘, dachte sie bei sich selbst. ‚Sie war mit den einfachsten Dingen zufrieden. Vielleicht war ihr deshalb eine solche Vorhersage bestimmt. Vielleicht ist überhaupt alles in der Welt vorherbestimmt! Obwohl Bau-tschai sehr geweint hat, hat sie niemals ihre Würde verloren. Sie hat sogar noch versucht, mich zu trösten. Was für ein besonderes Mädchen sie ist! Ihrem Mann so unähnlich, dem offensichtlich nicht die Freuden dieser Welt beschert waren.‘
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Gerade als sie so sprachen, meldete ein Dienstmädchen: „Die Frau von Hua Zifang ist hereingekommen, um ihre Aufwartung zu machen." Frau König stellte einige Fragen. Die Frau von Hua Zifang sagte: „Verwandte haben vermittelt: Es ist die Familie Jiang aus dem Süden der Stadt. Sie haben ein Haus, Land und auch einen Laden. Der Bräutigam ist einige Jahre älter, war aber noch nie verheiratet, und vom Aussehen her ist er einer unter hundert." Frau König hörte dies und war einverstanden. Sie sagte: „Geht und richtet es aus. In einigen Tagen kommt wieder herein und holt eure Schwester ab." Frau König ließ auch noch Erkundigungen einziehen; alle sagten, es sei gut. Frau König teilte es Schatzspange mit und lud noch einmal Tante Schnee ein; dann erklärten sie es Dufthauch behutsam.
Von diesen Gedanken ein wenig getröstet, wandte sich die Dame Wang in Gedanken an Hsi-jën: ‚Keine ihrer anderen Mägde stellt ein Problem dar. Die älteren können verheiratet werden, die jüngeren können Bau-tschai dienen. Doch was soll ich mit Hsi-jën anfangen?‘
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Sie fühlte sich nicht wirklich in der gefühlsmäßigen Verfassung, eine große Familienversammlung einzuberufen und entschied, bis zum Abend zu warten, wenn sie allein mit ihrer Schwester reden konnte.
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Dufthauch war untröstlich, wagte aber nicht, sich zu widersetzen. In ihrem Herzen dachte sie an jenes Jahr, als Schatzjade bei ihr zu Hause gewesen war und danach gesagt hatte, er wolle lieber sterben, als dass sie dorthin zurückgehe: „Nun entscheidet die gnädige Dame über meinen Kopf hinweg. Sage ich, ich wolle treubleiben, dann heißt es, ich hätte keine Scham. Gehe ich aber — es ist wahrhaftig nicht mein Herzenswunsch." So weinte sie, bis sie vor Schluchzen nicht mehr sprechen konnte. Doch Tante Schnee und Schatzspange und die anderen redeten ihr dringend zu, und Dufthauch besann sich eines anderen: „Wenn ich hier sterbe, verderbe ich der gnädigen Dame ihren guten Willen. Wenn ich schon sterben will, dann zu Hause." So nahm Dufthauch unter Tränen Abschied von allen. Als die Schwestern sich trennten, war der Schmerz natürlich kaum zu ertragen.
Frau Hsüä kam diese Nacht nicht nach Hause, sondern blieb bei Bau-tschai, um sie zu trösten, da sie fürchtete, die Trauer könnte sie doch noch überwältigen. Doch am Ende stellte sich heraus, daß Bau-tschai äußerst vernünftig war. Sie dachte schicksalsergeben über den Lauf der Ereignisse nach und folgerte, daß Bau-yü ohnehin stets eine sehr seltsame Person war und kein Zweifel daran bestand, alles, was sich zugetragen hatte, sei vorherbestimmt gewesen. So gab es keinen Grund, das zu bezweifeln. Mit erhobenem Haupt erklärte sie dies ihrer Mutter, die sichtlich erleichtert war zu hören, daß sie eine solche Haltung eingenommen hatte; sie berichtete es der Dame Wang, als sie sie das nächste Mal sah. Die Dame Wang nickte und seufzte: „Wäre ich wirklich eine so schlechte Frau, hätte mir das Schicksal sicher nicht eine so wunderbare Schwiegertochter beschert!“
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Ihr kamen wieder die Tränen, und Frau Hsüä versuchte, sie zu beruhigen. Sie griff das Thema von Hsi-jën auf: „Sie ist in letzter Zeit so abgemagert. Die ganze Zeit grübelt sie nur über Bau-yü. Es ist richtig und gehört sich so für eine Ehefrau, gegenüber ihrem Mann eine solche Ergebenheit zu zeigen, selbst, wenn er kein richtiger Ehemann mehr ist. Und ein Zimmermädchen kann sich ebenso betragen, wenn sie es wünscht. Doch Hsi-jën gehörte niemals offiziell zu Bau-yüs Zimmermädchen, obwohl wir wissen, daß sie es eigentlich doch war.
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Dufthauch, fest entschlossen zu sterben, stieg in die Sänfte und fuhr heim. Als sie ihren Bruder und ihre Schwägerin sah, weinte sie ebenfalls, konnte aber kein Wort herausbringen. Hua Zifang zeigte ihr alle Brautgeschenke der Familie Jiang und führte sie dann Stück für Stück durch die Aussteuer, die er besorgt hatte: „Dies hat die gnädige Dame geschenkt, jenes wurde angeschafft." Dufthauch konnte erst recht nichts mehr sagen. Nachdem sie zwei Tage dageblieben war, überlegte sie gründlich: „Mein Bruder hat alles richtig gemacht. Wenn ich im Haus meines Bruders sterbe, schade ich ihm doch nur!" Sie dachte tausendfach hin und her, nach links und rechts — es gab keinen Ausweg. Ihr zarter Seidenfaden eines Herzens war beinahe zerrissen, und sie konnte nur noch ausharren.
„Ja, vor kurzem habe auch ich noch darüber nachgedacht“, sagte die Dame Wang. „Ich habe nur auf eine Gelegenheit gewartet, um in Ruhe mit dir darüber sprechen zu können. Wenn wir sie einfach des Dienstes verweisen, fürchte ich, wird sie nicht gehen wollen und sich vielleicht sogar das Leben nehmen. Wir könnten sie hierbehalten, doch ich gehe davon aus, daß Herr Dschëng seine Zustimmung nicht geben wird. Das ist ein schwieriges Problem.“ –
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„Ich glaube kaum, daß Herr Dschëng wünscht, sie sollte allein bleiben und gegenüber Bau-yü ihre Treue behaupten“, sagte Frau Hsüä, „er weiß ja noch nicht einmal, daß sie Bau-yüs Zimmermädchen war. Er hielt sie stets für eine ganz gewöhnliche Magd, daher würde es ihm absurd erscheinen, sie hier zu behalten. Die einzige Lösung für dich wäre, nach einem ihrer Familienmitglieder zu schicken und auf die Dringlichkeit einer Heirat hinzuweisen. Wir können ihr eine großzügige Abfindung überreichen. Sie ist ein gutherziges Mädchen und immer noch sehr jung. Du solltest für sie tun, was du kannst, nach all der Zeit, in der sie hart für euch gearbeitet hat. Laß mich ihr alles ausführlich erklären. Doch jetzt braucht sie noch nicht alles zu erfahren. Zuerst sollten wir uns mit ihrer Familie in Verbindung setzen und diese eine Hochzeit arrangieren lassen. Danach sollten wir Nachforschungen anstellen. Und wenn dann ein möglicher Ehemann für sie gefunden ist und wenn er sich selbst als passend erweist, können wir sie gehen und sich verheiraten lassen.
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Als der glückverheißende Hochzeitstag gekommen war, stieg Dufthauch — sie war eben nicht die forsche Art — still und ergeben in die Sänfte und fuhr los, im Herzen dachte sie, dort angekommen werde sie einen Entschluss fassen. Doch wer hätte gedacht, dass die Familie Jiang die Sache überaus gewissenhaft betrieb und alles nach den Regeln einer Hauptfrau einrichtete! Kaum war sie durch das Tor getreten, nannten Mägde und Dienerinnen sie „gnädige Frau". Dufthauch wollte nun hier sterben, fürchtete aber, der Familie Schaden zuzufügen und deren aufrichtige Güte zu verraten. In jener Nacht weinte sie und wollte sich nicht fügen, doch der Bräutigam war von solch zärtlicher Fürsorge und solchem Feingefühl, dass er geduldig auf sie einging.
„Das ist eine sehr gute Idee. Du hast alles genau durchdacht“, antwortete die Dame Wang. „Wenn wir nicht die Initiative ergreifen, wird Herr Dschëng es tun und sehr taktlos mit ihr umgehen, und damit wären wir für ein weiteres Unglück verantwortlich.
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„Genau denselben Gedanken hatte ich auch“, sagte Frau Hsüä nickend.
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Am nächsten Tag, als die Truhen geöffnet wurden, erblickte der Bräutigam ein scharlachrotes Schweißtuch und erkannte, dass sie eine Dienerin Schatzjades gewesen war. Zuvor hatte er nur gewusst, sie sei eine Kammerfrau der alten Fürstin gewesen, und hätte nie gedacht, dass es Dufthauch war. Nun war dieser Jiang Yuhan, und als er an Schatzjades frühere Freundschaft zu ihm dachte, überkam ihn ein Gefühl von Beschämung und Ehrfurcht. Er wurde noch aufmerksamer um sie. Absichtlich holte er das kiefernblütengrüne Schweißtuch hervor, das Schatzjade einst mit ihm getauscht hatte. Als Dufthauch es sah, erkannte sie, dass dieser Herr Jiang niemand anderer als Jiang Yuhan war, und erst jetzt glaubte sie daran, dass die Ehe vom Schicksal vorherbestimmt war. Dufthauch erzählte daraufhin, was sie auf dem Herzen hatte. Jiang Yuhan seufzte tief und zollte ihr Bewunderung; er wagte nicht, sie zu bedrängen, und wurde nur noch zärtlicher und rücksichtsvoller. So war der armen Dufthauch wahrlich jeder Ausweg zum Sterben genommen.
Nachdem sie sich noch etwas länger unterhalten hatten, verabschiedete sich Frau Hsüä und ging in Bau-tschais Gemächer. Sie fand Hsi-jën in Strömen von Tränen und tat ihr Bestes, sie zu trösten, soweit es unter diesen Umständen noch möglich war. Hsi-jën war ein eher einfaches Mädchen und nicht allzu gesprächig, und zu allem, was  Frau Hsüä sagte, gab sie nur knappe Antworten.
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„Ich bin nur eine Dienerin“, sagte sie schließlich, „und es ist sehr lieb von Ihnen, so mit mir zu reden, Herrin. Ich hätte niemals gewagt, einem der Wünsche der Damen zu widersprechen.“ –
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Verehrter Leser, höre: Obwohl die Dinge vorherbestimmt sind und es kein Entrinnen gibt — doch wenn es um pflichtbewusste Söhne und einsame Staatsdiener geht, um treue Gatten und tugendhafte Frauen, dann kann man sich mit dem Wort „unvermeidlich" nicht in jedem Fall herausreden. Darum steht Dufthauch auch nur im „Ergänzungsregister". Es ist wie in dem alten Gedicht über den Pfirsichblüten-Tempel:
„Gutes Mädchen!“, sagte Frau Hsüä, wobei sie überaus zufrieden mit ihr war. Bau-tschai fügte von sich noch ein paar aufrichtende Worte hinzu, und als sie und Tante Hsüä Hsi-jën verließen, fühlten sie sich deutlich erleichtert.
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Einige Tage später kam Djia Dschëng nach Hause und wurde bei seiner Ankunft von der ganzen Familie begrüßt. Djia Schë und Vetter Dschën waren nun auch aus ihrem Exil zurückgekehrt; sie verbrachten einige Zeit mit Djia Dschëng und tauschten Neuigkeiten aus. Dann ging Djia Dschëng, um nach den Frauen zu sehen. Bau-yüs Abwesenheit warf aber einen düsteren Schatten über die Versammlung, was Djia Dschëng nach bestem Bemühen auszugleichen versuchte.
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Seit Urzeiten ist das Schwerste nur der eine Tod;
„Es gab für all das einen Grund“, sagte er. Es liegt nun an uns Männern, den hohen Rang unseres öffentlichen Lebens weiterzuführen, und ich hoffe, ihr bringt alle uns zu Hause die nötige Unterstützung entgegen. Wir dürfen auf keinen Fall in unsere alten Gewohnheiten zurückfallen. Alle Gemächer kümmern sich um ihre eigenen Angelegenheiten, und wir brauchen keinen allgemeinen Verwalter mehr.
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Herzzerreißend war es nicht allein für die Frau von Xi.
„Alles in euren Gemächern, überlasse ich euch“, das war besonders an die Dame Wang gerichtet, „geht damit angemessen um.“
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Die Dame Wang teilte ihm mit, Bau-tschai erwarte ein Kind und daß allen Mägden von Bau-yü gekündigt werde. Djia Dschëng nickte schweigend.
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Von Dufthauchs neuem Lebensabschnitt sei nicht weiter die Rede. Nun aber zu Regendorf Kaufmann<ref>Chin. 贾雨村 Jiǎ Yǔcūn. Aufsteigender Beamter aus dem ersten Kapitel, homophon mit „vorgetäuschte Worte".</ref>: Er war wegen Bestechung und Erpressung verurteilt worden. Nachdem das Urteil feststand, traf ihn die große Amnestie, und er wurde als einfacher Bürger in seine Heimat zurückgeschickt. Regendorf Kaufmann schickte seine Familie voraus und reiste selbst nur mit einem Burschen und einem Karren voll Gepäck. Als er an den Strudelbachübergang der Erweckungsfurt gelangte, kam ein Daoist aus der Grashütte am Fährufer heraus und empfing ihn mit Handschlag. Regendorf Kaufmann erkannte ihn als Zhen Wahrheitsverberger<ref>Chin. 甄士隐 Zhēn Shìyǐn. Gelehrter aus dem ersten Kapitel, homophon mit „wahrlich verborgen".</ref> und verbeugte sich ebenfalls eilig. Zhen Wahrheitsverberger sprach: „Werter Herr Kaufmann, seid Ihr seit unserer Trennung wohlauf?" Regendorf Kaufmann erwiderte: „Verehrter Unsterblicher, so seid Ihr also wirklich der alte Herr Zhen! Warum wolltet Ihr mich bei unserer letzten Begegnung von Angesicht zu Angesicht nicht erkennen? Als ich später von dem Brand erfuhr, der die Grashütte zerstörte, war ich zutiefst bestürzt. Dass ich Euch heute wiedersehe — ich bewundere nur die Tiefe Eures Weges und Eurer Tugend! Leider bin ich selbst von unbelehrbarer Dummheit und habe es so weit gebracht." Zhen Wahrheitsverberger sprach: „Als Ihr, verehrter Herr, in hohem Amt und hohen Ehren standet, wie hätte ein armer Daoist gewagt, sich zu erkennen zu geben? Doch als alter Bekannter wagte ich ein offenes Wort — nur nahm es der gnädige Herr nicht an. Indessen sind Reichtum und Armut, Glück und Unglück nie zufällig. Dass wir uns heute wiedertreffen, ist auch eine bemerkenswerte Fügung. Hier in der Nähe liegt meine kleine Einsiedelei — wollt Ihr nicht eintreten und plaudern?" Regendorf Kaufmann folgte freudig der Einladung.
Am folgenden Tag ging er an den Hof, um von den Ministern seine Anweisungen zu erhalten.
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„Ich bin für die großzügige Gunst seiner Majestät mehr als dankbar“, sagte er, „doch da ich immer noch in meiner Trauerzeit bin, so bitte ich euch, mich anzuweisen, wie ich meine Dankbarkeit ausdrücken soll.
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Die beiden gingen Arm in Arm, der Bursche folgte mit dem Karren. Sie kamen zu einer Strohhütte. Zhen Wahrheitsverberger bat Regendorf Kaufmann einzutreten und Platz zu nehmen; ein Knabe brachte Tee. Regendorf Kaufmann bat den verehrten Unsterblichen, ihm von Anfang und Ende seiner Weltabkehr zu erzählen. Zhen Wahrheitsverberger lachte und sagte: „In einem einzigen Augenblick der Erkenntnis wandelt sich die ganze irdische Welt. Ihr, werter Herr, kommt aus dem Getriebe von Glanz und Überfluss — kennt Ihr nicht den Schatzjade im Lande von Weichheit und Reichtum?" Regendorf Kaufmann antwortete: „Wie sollte ich ihn nicht kennen? Unlängst ging das Gerücht um, auch er sei in die Leere eingegangen. Ich selbst hatte seinerzeit mehrfach mit ihm verkehrt — nie hätte ich gedacht, dass er so entschieden handeln würde." Zhen Wahrheitsverberger sprach: „Mitnichten. Diese wundersame Verknüpfung kenne ich seit langem. Damals, noch bevor ich mit Euch an meinem alten Tor in der Gasse der Menschenfreundlichkeit plauderte, hatte ich ihn bereits einmal getroffen." Regendorf Kaufmann fragte verwundert: „Die Hauptstadt ist weit entfernt von Eurer Heimat — wie konntet Ihr ihn sehen?" Zhen Wahrheitsverberger antwortete: „Im Geiste waren wir schon lange vertraut." Regendorf Kaufmann sprach: „Wenn es so ist, dann kennt der Unsterbliche gewiss auch Schatzjades Verbleib." Zhen Wahrheitsverberger sprach: „Jade — das ist eben Jade. In jenem Jahr, noch bevor über die Häuser Rong und Ning die Beschlagnahme hereinbrach, an dem Tag, als Schatzspange und Kajaljade getrennt wurden — da hatte dieser Jade-Stein die Welt bereits verlassen: erstens, um dem Unheil auszuweichen, und zweitens, um die Vereinigung zu bewirken. Damit war die Bestimmung aus einem früheren Leben erfüllt, und Form und Substanz kehrten zur Einheit zurück. Dann zeigte er noch einmal kurz seine übernatürliche Kraft, bestand die hohe Prüfung und zeugte einen edlen Sohn — damit erwies sich dieser Jade-Stein als ein vom Himmel und der Erde geschmiedetes Wunderwerk, das sich mit nichts Irdischem vergleichen lässt. Einst brachten ihn der nebelverhangene Große Gelehrte und der unfassbare Wahre Mensch in die Menschenwelt herab; nun, da sein irdisches Karma erschöpft ist, nehmen ihn dieselben zwei wieder mit an seinen Ursprungsort zurück — das ist Schatzjades Verbleib."
Die Minister boten ihm an, eine Gedenkstätte einzurichten. Der Kaiser gewährte Djia Dschëng in seiner Großmut eine Audienz und, nachdem er seinen formalen Dankesbezeugungen zugehört hatte, erteilte er ihm einige kaiserliche Aufträge und erkundigte sich nach seinem Sohn, dem erfolgreichen Provinz-Graduierten. Djia Dschëng erzählte ihm die ganze Geschichte von Bau-yüs Verschwinden. Der Kaiser wunderte sich darüber und bemerkte, daß Bau-yüs Aufsätze sich durch eine besondere Originalität auszeichneten, eine Qualität, die man sonst nur von jenseitigen Seelen erwarten könne. Eine solche Person könnte niemals am Hofe gedient haben, sein Schicksal wäre dies nicht gewesen. Denn ihm war vorbehalten, keine Ehren weltlicher Natur zu empfangen. Es bereitete seiner Majestät eine äußerst große Freude, ihm den religiösen Titel des „Herrn über das unergründliche Wort“ zu verleihen.
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Djia Dschëng verbeugte sich wieder, um seine Dankbarkeit für diese große Ehre zu bekunden und verabschiedete sich. Bei seiner Rückkehr nach Hause wurde er von Djia Liän und Vetter Dschën empfangen, die begeistert waren, von den Neuigkeiten am Hof zu hören.
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Regendorf Kaufmann hörte zu; obwohl er nicht alles verstand, begriff er doch vier oder fünf Zehntel. Er nickte seufzend: „So verhält es sich also — das wusste ich nicht. Aber wenn Schatzjade eine solche Herkunft hat, warum war er dann so tief in Leidenschaft verstrickt und hat dann wieder so plötzlich zur Erleuchtung gefunden? Ich bitte um weitere Belehrung." Zhen Wahrheitsverberger lachte: „Wenn ich dies erkläre, wird der Herr es vielleicht nicht ganz verstehen. Das Land der Großen Leere und der Illusionen ist in Wahrheit das Land des wahren So-Seins und der Seligkeit. Zweimal hat er die Schicksalsbücher durchblättert — darin liegt der Weg von Anfang und Ende; sein ganzes Leben stand klar vor ihm geschrieben — wie hätte er nicht erwachen sollen? Wenn die Wunderpflanze zur Wahrheit zurückkehrt, ist es dann nicht selbstverständlich, dass auch der Magische Jade in seinen Urzustand zurückfindet?"
„Im Jung-guo-Anwesen ist nun wieder alles in Ordnung“, sagte Vetter Dschën, „und mit deiner Zustimmung nehmen wir dort wieder Residenz. Das Kloster Gefangenes Grün im Garten wurde für die Eremitage meiner Schwester Hsi-tschun vorbereitet.“
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Nach kurzer Zeit des Nachdenkens hielt Djia Dschëng ihnen eine lange Predigt über die tiefe Dankbarkeit, die sie dem Thron für diese Gunst schuldeten. Djia Liän nutzte die Gelegenheit und lenkte das Thema auf die Hochzeit seiner Tochter: „Vater und Mutter sind beide einverstanden, daß Tjiau-djiä mit diesem Herr Dschou verheiratet werden soll.
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Regendorf Kaufmann hörte zu, verstand es aber nicht. Er erkannte, dass es sich um himmlische Geheimnisse handelte, und wagte nicht weiter zu fragen. So sagte er: „Von Schatzjades Angelegenheit habe ich nun gehört. Doch von den Damen unseres Clans gibt es so viele — warum ist das Ende von der Kaiserlichen Gemahlin angefangen bei allen so gewöhnlich?" Zhen Wahrheitsverberger seufzte: „Werter Herr, nehmt mir meine offenen Worte nicht übel. Die Damen Eures erlauchten Hauses kamen allesamt aus dem Himmel der Leidenschaften und dem Meer des Karmas. Im Allgemeinen gilt für die Frauen aller Zeiten: Das Wort 'Ausschweifung' darf gewiss nicht übertreten werden, doch auch das Wort 'Gefühl' sollte man besser nicht berühren. Darum sind Cui Yingying und Su Xiaoxiao nichts als Himmelswesen mit irdischem Herzen; Song Yu und Sima Xiangru sind große Dichter mit sündiger Zunge. Sobald sich aber die Empfindungen verwickeln und verfangen, ist das Ende stets unselig."
Djia Dschëng hatte die Einzelheitgen von Tjiau-djiäs Geschichte am Abend zuvor gehört und antwortete: „Wenn dies ihre Entscheidung ist, dann soll es so sein. Es gibt nichts gegen das Landleben einzuwenden. Was zählt, ist, daß die Familie aufrichtig ist und der Bursche ein Studium aufnimmt, sodaß er sich in der Welt behaupten kann. Außerdem entstammt nicht jeder Beamte am Hof einer städtischen Familie.“ Djia Liän antwortete angemessen und fuhr fort: „Vater ist in seinem Alter bereits weit fortgeschritten und befindet sich immer mehr in einem phlegmatischen Zustand. Er hat vor, sich für ein paar Jahre zurückzuziehen und dir alles zu überlassen, Onkel.“ –
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„Eine ruhige Zurückgezogenheit auf dem Land klingt sehr gut für mich“, kommentierte Djia Dschëng, „doch leider verbieten es mir die Verpflichtungen gegenüber dem Thron.“
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Als Regendorf Kaufmann dies hörte, strich er sich unwillkürlich über den Bart und seufzte lang. Dann fragte er noch: „Darf ich den Unsterblichen fragen: Die beiden Häuser Rong und Ning — werden sie je wieder so blühen wie zuvor?" Zhen Wahrheitsverberger antwortete: „Dass Gutes belohnt und Böses bestraft wird, ist ein Grundsatz aller Zeiten. Gegenwärtig gilt für die beiden Häuser Rong und Ning: Wer gut handelt, pflegt sein Verdienst, wer böse gehandelt hat, bereut sein Vergehen. Dass dereinst Orchidee und Cassia gemeinsam duften und das Haus zu seiner alten Pracht zurückfindet, ist der natürliche Lauf der Dinge." Regendorf Kaufmann senkte eine geraume Weile den Kopf und sagte dann plötzlich lachend: „Ja, so ist es! In jenem Hause gibt es einen namens Orchidee, der bereits die Provinzialprüfung bestanden hat — das entspricht genau dem Zeichen 'Orchidee'. Soeben sagtet Ihr 'Orchidee und Cassia duften gemeinsam' und zuvor, Schatzjade habe eine 'hohe Prüfung bestanden und einen edlen Sohn gezeugt' — sollte das bedeuten, dass er einen nachgeborenen Sohn hat, der einst zu höchsten Ehren aufsteigen wird?" Zhen Wahrheitsverberger lächelte fein: „Das gehört der Zukunft an und lässt sich nicht im Voraus sagen."
Djia Dschëng kehrte in seine Gemächer zurück, während Djia Liän jemanden schickte, der Oma Liu zu ihnen bat. Als man ihr mitteilte, daß die Hochzeit vom Herrn genehmigt worden war, erzählte sie es gleich darauf der Dame Wang und den anderen Damen mit einer langen Ausführung über den Erfolg, der dem jungen Mann in der Zukunft bevorstünde, wie seine Familie sich in der Welt behaupten würde und wie viele Söhne und Enkelsöhne ihrer Ehe entspringen würden.
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Während sie sprach, erschien eine der Mägde, um anzukündigen, daß Hua Dsï-fang, Hsi-jëns Bruder, seine Frau geschickt habe, um seinen Respekt zu erweisen. Die Dame Wang sprach mit der Frau und fand dabei heraus, daß von der Familie Hua eine Hochzeit mit einem gewissen Herrn Djiang vorgeschlagen worden war, der südlich der Stadt lebte, einem jungen Mann mit Eigentum und einem eigenen Pfandhaus. Er war nur wenige Jahre älter als Hsi-jën, doch war er noch nicht verheiratet und sah außergewöhnlich gut aus. Die Dame Wang war mit dieser Beschreibung sehr zufrieden.
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Regendorf Kaufmann wollte noch weiter fragen, doch Zhen Wahrheitsverberger antwortete nicht mehr. Er ließ eine einfache Mahlzeit auftragen und lud Regendorf Kaufmann zum Essen ein. Nach dem Mahl wollte Regendorf Kaufmann noch nach seinem eigenen weiteren Schicksal fragen. Doch Zhen Wahrheitsverberger sprach: „Werter Herr, ruht Euch in der Einsiedelei ein wenig aus. Ich habe noch ein Stück irdische Bindung ungelöst, das ich heute noch vollenden muss." Regendorf Kaufmann fragte erstaunt: „Verehrter Meister, bei Eurer reinen Übung — welche irdische Bindung sollte da noch bestehen?" Zhen Wahrheitsverberger sprach: „Es ist nichts weiter als ein Stück Vater-Tochter-Liebe." Regendorf Kaufmann hörte dies und war noch erstaunter: „Darf ich fragen, was der Meister damit meint?" Zhen Wahrheitsverberger sprach: „Werter Herr, Ihr wisst es nicht. Meine kleine Tochter Heldenlotus geriet in jungen Jahren in das Unheil der irdischen Welt; als Ihr, werter Herr, damals zum ersten Mal ein Amt bekleidetet, habt Ihr über ihren Fall geurteilt. Nun gehört sie der Familie Schnee an; sie wird bei einer schweren Geburt ihr Karma vollenden und einen Sohn hinterlassen, der den Stamm der Familie Schnee weiterführen wird. Jetzt ist die Stunde gekommen, da ihre irdischen Bande sich vollends lösen — ich muss sie nur noch hinübergeleiten." Mit diesen Worten schüttelte Zhen Wahrheitsverberger die Ärmel und erhob sich. Regendorf Kaufmann war benommen und verwirrt; er schlief dort in der Grashütte am Strudelbachübergang der Erweckungsfurt ein.
„Überbringe ihnen meine Zustimmung“, sagte sie. „In ein paar Tagen kann dein Mann kommen, um seine Schwester zu holen und sie zu ihrer Hochzeit zu bringen.
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Sie schickte auch jemanden von ihren Leuten, um diskrete Erkundigungen anzustellen und erhielt positive Rückmeldungen über den Charakter des Mannes, wovon sie Bau-tschai berichtete, und Frau Hsüä fragte, ob man die Neuigkeiten vorsichtig Hsi-jën übermitteln könne. Die arme Hsi-jën war untröstlich bei dem Gedanken, das Jung-guo-Anwesen verlassen zu müssen, doch sie konnte keinen Widerstand leisten. Sie erinnerte sich an den Besuch, den Bau-yü ihr vor Jahren zu Hause abgestattet hatte, und den Eid, den sie daraufhin geschworen hatte, ihn niemals zu verlassen, noch nicht einmal im Tode. ‚Jetzt veranlaßt die Herrin, daß ich dies gegen meinen Willen tue und wenn ich darauf bestehe, alleine und seinem Gedenken treu zu bleiben, werden sich die Leute für mich schämen. Doch wenn ich nun gehe, so ist es nicht mein Wunsch.
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Zhen Wahrheitsverberger aber ging, um Duftkastanie hinüberzugeleiten. Er brachte sie in das Land der Großen Leere und der Illusionen und übergab sie der Feengöttin der Ernüchterung, damit diese den Eintrag im Schicksalsbuch vervollständige. Kaum hatte er den Ehrenbogen passiert, da kamen der Mönch und der Daoist schwebend herbei. Zhen Wahrheitsverberger empfing sie und sprach: „Großer Gelehrter, Wahrer Mensch — ich gratuliere! Ich beglückwünsche Euch! Sind alle Schicksalsbande abgelöst und klar abgerechnet?" Der Mönch und der Daoist sprachen: „Die Schicksalsbande sind noch nicht ganz gelöst; doch jener törichte Gegenstand ist bereits zurückgekehrt. Wir müssen ihn noch an seinen Ursprungsort bringen und die letzten Dinge seiner Erdenwanderung verzeichnen — sonst wäre seine Reise in die Welt umsonst gewesen." Zhen Wahrheitsverberger hörte dies und verabschiedete sich mit einer Verbeugung. Der Mönch und der Daoist trugen den Jade-Stein zum Fuß des Blauen Felsgrats und legten Schatzjade an jene Stelle, wo Nüwa einst den Himmel geflickt hatte. Dann zogen sie jeder seines Weges und streiften durch die Wolken. Von da an hieß es:
Sie weinte, bis sie vor lauter Tränen bald würgen mußte. Frau Hsüä und Bau-tschai gaben ihr Bestes, um ihr gut zuzureden und schließlich dachte sie bei sich: ‚Wenn ich hier sterben sollte, wäre das eine schlechte Erwiderung für alles, was die Herrin in der Vergangenheit an guten Dingen für mich getan hat. Ich wäre besser zu Hause gestorben.
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Endlich verabschiedete sie sich von allen, wobei ihr Herz schwer vor lauter Kummer war. Ebenso schmerzhaft war es für sie, all die anderen Mägde verlassen zu müssen. Fest entschlossen, sich bei der nächsten Gelegenheit das Leben zu nehmen, bestieg sie einen Wagen und fuhr nach Hause. Als sie zuerst ihren Bruder und seine Frau sah, gab es reichlich Tränen, doch sie konnte es nicht über sich bringen zu sagen, was in ihr vorging. Ihr Bruder zeigte ihr Stück für Stück die Geschenke, die ihr von der Familie Djiang zugesendet worden waren und die Kiste, die er selbst für sie vorbereitet hatte. Ein Teil von dem, erklärte er, war ihm von der Dame Wang gegeben worden, während er einen Teil für sich selbst genutzt hatte. Diese Freundlichkeit machte es für Hsi-jën noch schwerer als vorher, ihren Kummer auszudrücken; nachdem sie zwei Tage bei ihrem Bruder zu Hause verbracht hatte, dachte sie noch einmal gründlich über alles nach: ‚Er hat alles so nett für mich hergerichtet. Wenn ich nun hier sterbe, würde ich ihm damit nicht wehtun?‘ Sie ging dies wieder und wieder in Gedanken durch, und absolut keine Handlungsweise erschien ihr richtig. Ihr Herz hatte sich verknotet. Sie konnte ihr Schicksal nur stoisch erdulden und warten, bis ihre Zeit gekommen war.
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Jenseitige Geschichten, jenseitig überliefert;
Der erfolgversprechende Tag im Almanach war für sie gekommen, an dem sie zum Haus ihres Mannes gebracht werden sollte und da sie keinen Aufruhr verursachen wollte, vertröstete sie ihren Kummer auf später und ließ sich auf die hochzeitliche Sänfte heben. An ihrem neuen Zuhause, dachte sie bei sich, würde sie neue Pläne schmieden. Doch sobald sie im Hause Djiang angekommen war, waren alle so aufrichtig und respektvoll zu ihr, ordneten sich ihr als junger, verheirateter Dame unter, die Mägde und Dienstmädchen nannten sie alle ihre Frau Djiang, als sie nur einen Fuß in das Haus gesetzt hatte, sodaß der Tod ihr hier wieder unmöglich erschien: Hier zu sterben wäre für ihn eine große Schmach, dachte sie bei sich; es wäre eine schlechte Erwiderung für all ihre Freundlichkeit. In ihrer Hochzeitsnacht weinte sie pausenlos und hätte sich kaum der Umarmung ihres Gatten hingegeben, wenn er sie nicht mit sehr zärtlicher Zuneigung umgarnt hätte.
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Zwei Wandlungen einer Person, eine einzige Person.
Am nächsten Tag, als sie gemeinsam ihre Koffer auspackten, bemerkte Djiang unter ihren Sachen ein rotes Leibtuch. Daraus folgerte er, daß seine Frau eines der Zimmermädchen von Bau-yü gewesen sein mußte, welchem er einst dieses Band geschenkt hatte. Vorher hatte er gedacht, seine Frau sei nur eine der Mägde der Herzoginmutter gewesen. Er hätte sich niemals träumen lassen, daß er eines Tages Hsi-jën heiraten würde. Djiang Yü-han (nebenbei bemerkt war dies Bau-yüs Schauspielerfreund) war sichtlich bewegt, als er sich an all die Wärme erinnerte, die Bau-yü ihm entgegengebracht hatte und als Konsequenz behandelte er Hsi-jën mit noch größerer Höflichkeit und Zuvorkommenheit. Er zeigte ihr die damastgrüne Schärpe, die Bau-yü ihm als Tauschmittel für das Leibtuch gegeben hatte als eindeutigen Beweis für die Freundschaft ihres Mannes mit ihrem einstigen Herrn. Dies machte Hsi-jën glauben, ihr Leben läge in der Hand des Schicksals, ja daß ihre Hochzeit vorherbestimmt gewesen sei. Diese Wendung verlieh ihr den Mut, ihrem Mann ihr Herz zu öffnen. Djiang erwies sich ihrer wert und brachte ihr tiefe Gefühle entgegen, dazu einen großen Respekt, der sie niemals zwang, eine andere Richtung einzuschlagen; vielmehr brachte er ihr nur noch mehr aufrichtige Zuneigung und Aufmerksamkeit entgegen. Somit hatte sich Hsi-jën auch der letzten Möglichkeit entledigt, sich jemals das Leben zu nehmen.
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Geneigter Leser, es ist in der Tat wahr, wie Hsi-jën geschlußfolgert hatte, daß das Leben vorherbestimmt ist und daß dagegen „nichts getan werden kann“. Doch unglücklicherweise wird dieses Argument zu oft von Söhnen und Staatsmännern herangezogen, die sich in einer ungünstigen Situation befinden oder von treuen Witwen und Witwern als Ausrede für moralische Stumpfheit. Es war diese besondere Neigung ihrer Persönlichkeit, die Hsi-jën in das „Zweite Zusatzregister“ verwies. Ein Dichter aus vergangenen Tagen hatte einst geschrieben, als er an dem Tempel vorbeischritt, den er in Gedenken an die Dame der Pfirsischblüte errichtet hatte:
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Eines Tages kam der Daoist der Leere abermals am Blauen Felsgrat vorbei und sah, dass der überzählige Stein von Nüwas Himmelsflickung noch immer dort lag, die Schriftzeichen darauf noch genauso deutlich wie zuvor. Er las alles noch einmal von Anfang bis Ende sorgfältig durch und sah, dass hinter dem Schlussvers noch allerlei Nachträge über die letzten Verknüpfungen und Auflösungen der Schicksale standen. Er nickte seufzend: „Als ich seinerzeit die wundersame Geschichte des Steines fand, meinte ich, sie könne in der Welt verbreitet werden und als ungewöhnliche Erzählung gelten; deshalb schrieb ich sie ab. Doch damals fehlte das Ende, die Rückkehr zum Ursprung. Wer weiß, wann diese schöne Fortsetzung dazukam? Nun weiß ich: Der Stein ist einmal in die Welt hinabgestiegen, hat sein Licht hervorpoliert und die vollkommene Erleuchtung erlangt — da bleibt ihm wahrlich nichts mehr zu bedauern. Ich fürchte nur, mit den Jahren könnten die Schriftzeichen verblassen und Fehler entstehen. Lieber schreibe ich alles noch einmal ab, suche in der Welt einen müßigen Menschen ohne Geschäfte und bitte ihn, die Geschichte zu verbreiten. Dann wird man erkennen: Wundersam und doch nicht wundersam, gewöhnlich und doch nicht gewöhnlich, wahr und doch nicht wahr, falsch und doch nicht falsch. Vielleicht erwachen die Müden des Staubes aus ihrem Traum und der Kuckucksruf lockt sie heim; vielleicht heißt der gastfreundliche Berggeist sie willkommen und lässt den Stein zum Flug aufsteigen — wer weiß?"
„Für die Alten ist der Tod nicht die schlimmste Wahl;
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Frau Hsi war nicht allein, als sie ihre Schwäche beklagte.
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Mit diesem Gedanken schrieb er alles noch einmal ab, steckte es in den Ärmel und ging in jene glanzvolle, blühende Gegend. Er suchte überall, doch alle, die er fand, waren entweder damit beschäftigt, Verdienste zu erwerben und eine Laufbahn einzuschlagen, oder damit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen — keiner hatte die Muße, mit einem Stein zu plaudern! Schließlich gelangte er zur Grashütte am Strudelbachübergang der Erweckungsfurt. Dort schlief jemand. Der Daoist der Leere dachte, dies müsse ein Müßiggänger sein, und wollte ihm die Abschrift des „Steinernen Berichts" zeigen — doch jener Mensch war nicht wachzubekommen. Der Daoist der Leere rüttelte kräftig an ihm, und endlich öffnete er langsam die Augen und setzte sich auf. Er nahm das Manuskript und überflog es flüchtig, dann warf er es hin und sagte: „Diese Dinge habe ich alle selbst mit eigenen Augen gesehen und kenne sie bis ins Letzte. Was du da abgeschrieben hast, enthält keine Fehler. Ich will dir nur den einen Menschen nennen, dem du es anvertrauen kannst, damit er diese frische Begebenheit zum Abschluss bringe." Der Daoist der Leere fragte hastig: „Wer ist es?" Jener Mann antwortete: „Du musst in einem gewissen Jahr, einem gewissen Monat, an einem gewissen Tag, zu einer gewissen Stunde, zu einem Ort namens 'Pavillon der Trauer um das Rot' gehen. Dort lebt ein Herr Cao Xueqin. Sage ihm nur: 'Regendorf Kaufmann sagt' — und bitte ihn, so und so zu verfahren." Damit legte er sich wieder hin und schlief ein.
Hsi-jëns Eheleben ist das erste Kapitel einer anderen Geschichte. Unsere Erzählung widmet sich nun wieder Djia Yü-tsun, der, nachdem er wegen Habsucht und Mißbrauch verurteilt worden war, ebenso aufgrund der allgemeinen Amnestie freigelassen worden war und als gewöhnlicher Bürger in seine Heimatstadt zurückkehren durfte. Er schickte seiner Familie einen Vorboten und reiste selbst mit einem jungen Pagen und einem Wagen mit Gepäck. Seine Reise führte ihn wieder einmal an die Fähren-Anlegestelle und, wie er sich dem Fluß näherte, sah er einen dauistischen Einsiedler, der aus einer Strohhütte in der Nähe des Flußufers gerannt kam und zur Begrüßung in die Hände klatschte. Dieses Mal erkannte ihn Yü-tsun sofort als Dschën Schï-yin und verneigte sich vor ihm zum Gruß.
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„Verehrter Herr Djia“, begann der alte Einsiedler, „ich bin sicher, es ist Ihnen gut ergangen, seit wir uns das letzte Mal begegnet waren?“ –
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Der Daoist der Leere prägte sich diese Worte fest ein. Es vergingen dann noch wer weiß wie viele Weltalter und Äonen, bis er tatsächlich einen Pavillon der Trauer um das Rot fand und den Herrn Cao Xueqin sah, der dort gerade alte Geschichtswerke durchblätterte. Der Daoist der Leere überbrachte ihm Regendorf Kaufmanns Worte und zeigte ihm den „Steinernen Bericht". Herr Cao Xueqin lachte und sagte: „Das sind also wirklich 'Regendorf Kaufmanns Worte'!" Der Daoist der Leere fragte: „Woher kennt Ihr diesen Menschen, dass Ihr bereit seid, seine Geschichte zu überliefern?" Herr Cao Xueqin lachte: „Man nennt dich 'Leer', und in der Tat ist dein Inneres leer! Wenn es doch 'erfundenes Dorfgeschwätz' ist — solange es frei von Schreibfehlern, Abweichungen und Widersprüchen ist, kann man es mit zwei, drei gleichgesinnten Freunden nach dem Wein und nach der Mahlzeit, an regnerischen Abenden beim Kerzenschein, zur Vertreibung der Langeweile genießen. Dazu braucht es keine Empfehlung großer Gelehrter, die es der Nachwelt überliefern. Wenn du aber so nach den Wurzeln gräbst und den Grund suchst, dann bist du einer, der ein Boot mit eingekerbtem Bord sucht oder mit festgeleimtem Steg die Laute stimmt." Der Daoist der Leere hörte dies, warf den Kopf zurück und lachte laut zum Himmel empor, schleuderte die Abschrift zu Boden und schwebte davon. Im Gehen rief er: „Es war also nichts als ausgeschmückter Unsinn! Nicht nur der Verfasser weiß es nicht, der Abschreiber weiß es nicht, und auch der Leser weiß es nicht. Es ist nichts als ein Spiel des Pinsels, zur Ergötzung des Gemüts und zur Befriedigung der Natur!"
„Sie, Herr, sind in der Tat mein einstiger Beschützer Herr Dschën, in unsterblicher Gestalt!“, rief Yü-tsun. „Warum habe ich Sie bei unserem letzten Treffen nur nicht erkannt? Im Anschluß daran habe ich vernommen, daß Ihre Hütte durch Feuer zerstört worden sei. Ich war ernsthaft um Ihre Sicherheit besorgt. Ich schätze mich überaus glücklich, diese zweite Gelegenheit erhalten zu haben, Ihre geistige Tiefe bewundern zu dürfen. Leider bin ich immer noch genauso unwissend wie zuvor, wie ihr an meinem jetztigen Zustand erkennen könnt.“ –
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„Bei der ersten Gelegenheit“, antwortete Dschën Schï-yin, „war Ihre Rangstellung so hoch, daß ich es nicht wagte, mir eure Bekanntschaft anzumaßen. Wegen unserer damaligen Freundschaft, sagte ich ein paar Worte, die Sie allesamt ignorierten. Gesundheit und Armut, Erfolg und Versagen, nichts davon hängt vom Zufall ab. Weder ist unser heutiges Treffen hier ein Zufall noch ein besonderes, wundersames Ereignis. Wir sind nicht weit von meinem Haus, und ich wäre überaus erfreut, wenn Sie bei mir verweilen und den Tag mit mir verbringen würden.
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Spätere Leser, die diese Erzählung sahen, haben ebenfalls vier Verszeilen als Nachwort verfasst, die über die Einleitung des Verfassers noch einen Schritt hinausgehen. Sie lauten:
Djia Yü-tsun willigte begeistert ein, und die beiden Männer gingen Hand in Hand, dabei folgte ihnen der Page mit dem Gepäck in die kleine, einfache Hütte. Schï-yin führte Yü-tsun herein;  dieser setzte sich, und der Helfer des alten Mannes brachte ihm Tee. Yü-tsun bat darum, die Geschichte seiner mystischen Umwandlung hören zu dürfen, und Schï-yin lächelte:
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„Auf eine Weise wurde meine Welt umgewandelt. Sie selbst, Herr, der Sie einer Sphäre des Wohlstandes und Überflusses entstammen, müssen bestimmt von einer Person mit dem Namen Bau-yü gehört haben?“ –
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Wo es bitter wird, da wird das Absurde erst recht traurig.
„Natürlich“, antwortete Yü-tsun, „zuletzt habe ich das Gerücht gehört, daß er auch in das Dharma aufgestiegen sein soll. Ich habe ihn in vergangenen Tagen einige Male gesehen und es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, daß er diesen Schritt gehen würde.“ –
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Von jeher ist alles ein und derselbe Traum;
„Mir war das schon klar“, sagte Schï-yin. „Ich wußte bereits seit Jahren von seinem Streben. Bereits vor diesem einen längst vergangenen Tag, als wir uns vor meiner Unterkunft auf der Rentjing-Straße getroffen und dieses kleine Gespräch miteinander geführt hatten, war ich ihm in der Tat vorher schon begegnet.“ –
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Lacht nicht über die Torheit der Welt!
„Doch die Hauptstadt ist weit von Ihrer Unterkunft entfernt“, sagte Yü-tsun in großer Überrraschung, „wie können Sie ihm da begegnet sein?“ –
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„Wir standen schon lange in einer Art geistigem Austausch miteinander“, antwortete Schï-yin.
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„In diesem Fall, Herr, müssen Sie doch von seinem jetzigen Aufenthaltsort wissen?“ –
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<small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
„Bau-yü“, antwortete der alte Mann, „ist der Stein, der kostbare Jadestein. Bevor die beiden Häuser Jung und Ning aufgesucht und ihre weltlichen Güter beschlagnahmt wurden, an dem Tag, als Bau-tschai und Dai-yü voneinander getrennt wurden, hatte der Stein bereits die Welt verlassen. Dies geschah zum einen, um das bevorstehende Unheil abzuwenden, zum anderen um die Vollendung der Vereinigung zuzulassen. Von diesem Moment an war das weltliche Karma des Steins vollständig, seine Substanz war in seine völlige Einheit zurückgekehrt. Alles, was davon blieb, war ein kleines Bruchstück seiner spirituellen Kräfte, wodurch er einen akademischen Rang erreicht und dem Namen der Familie seine Ehre zurückgebracht hatte. Ich weiß nur von der kostbaren Natur des Steines, seiner magischen Kraft, seiner Befähigung zu geistiger Umwandlung und daß er absolut kein gewöhnlicher Stein von dieser Welt war. Zu diesem Zweck brachten ihn der buddhistische Heilige Mang-mang und der dauistische Erleuchtete Miau-miau zuerst in die Welt und, da sein Schicksal nun erfüllt ist, sind sie es, die ihn zurückholen und an seinen ursprünglichen Ort zurückbringen. Das ist alles, was ich über Bau-yü weiß und, wie Sie es nennen, seinen ‚augenblicklichen Aufenthaltsort‘.“
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<references />
Obwohl Yü-tsun dem Ganzen nicht ganz folgen konnte, hatte er dennoch etwa die Hälfte verstanden. Er nickte und seufzte: „Also ist das der wahre Grund für alles. Und ich habe es nie gewußt. Doch wenn Bau-yü eine Person eines solch erlesenen spirituellen Ranges ist, warum mußte er zuerst derart von menschlichen Begierden geblendet werden, bevor er die Erleuchtung erreichte?“
 
Schï-yin lächelte: „Obwohl ich dies gern näher ausführen würde, fürchte ich, Sie würden es niemals vollständig verstehen. Das Land der Täuschungen und das Paradies der Wahrheit sind ein und dasselbe. Könnten zwei Lesarten des Registers und die Erfahrung eines ganzen Lebens jemanden von der Erleuchtung abbringen? Alpha ist Omega. Wenn die Blumenfee ihren ursprünglichen Zustand wiedererlangt hat, sollte es der Magische Stein dann nicht auch tun?
 
Diesesmal waren die Worte des Einsiedlers Yü-tsuns Verständnis mehr als fern. Er wußte nur, daß sie eine esoterische Bedeutung haben mußten, und wagte nicht, weitere Fragen zu stellen.  
 
„Es ist so freundlich von Ihnen, daß Sie mir all dies über Bau-yü erzählen“, sagte er, „doch möchte ich Ihnen eine weitere Frage stellen: Wie kommt es, daß alle Damen in dieser vornehmen Familie, ausgenommen die kaiserliche Nebenfrau Yüän-tschun, in einfachen Verhältnissen gestorben sind?“
 
Wie er dies hörte, seufzte Schï-yin: „Verstehen Sie meine Worte nicht falsch, Herr! Die Tatsache ist, daß all diese edlen Damen, die Sie meinen, von den Himmeln der Leidenschaften und den Seen der Vergeltung stammen. Seit den alten Tagen unterlag ihr Geschlecht der natürlichen Verpflichtung, rein zu bleiben, rein von Lust, sogar rein vom leichtesten Hauch einer Begierde. Diese verliebten Schönheiten wie Tsuee Ying und Su Hsiau-hsiau waren gefallene Feen, ihre himmlischen Herzen waren von Grund auf mit weltlichen Gelüsten verschmutzt, während romantische Dichter wie Sung Yü und Sï-ma Hsiang-ju nur Erdichtetes schrieben. Denken Sie einen Moment nach: Wie kann ein verführtes Wesen, das der Welt anhänglich geworden ist, darauf hoffen, ‚nicht in einfachen Verhältnissen zu sterben‘, wie Sie es sagen?“
 
Wie er den Worten des Einsiedlers lauschte, strich sich Djia Yü-tsun meditativ über den Bart und seufzte tief.
 
„Darf ich fragen, Herr,“ brachte er hervor, „ob die Häuser Ning und Jung jemals wieder die Höhen ihres früheren Wohlstandes erreichen werden?“ –
 
„Es ist vorherbestimmt, daß Wohlstand mit der Tugend kommt und Elend mit dem moralischen Verfall“, antwortete Schï-yin. „Im Moment hat die Tugend in den beiden Häusern wieder ihren rechten Weg gefunden, während die moralisch Verwerflichen auf ihre Weise gesühnt haben. In der folgenden Zeit werden Orchidee und Cassia blühen, und das Glück der Familie kehrt zurück. Das ist natürlich und richtig.“
 
Yü-tsun senkte eine Weile nachdenklich seinen Kopf, dann lachte er plötzlich: „Ja! Natürlich! Einer von ihnen wird Lan, Orchidee, genannt, er hat eben sein Examen bestanden. Und bezüglich der Cassia, die ihr erwähntet, das könnte doch mit jenem zusammen hängen, was ihr eben über Bau-yü, das Erreichen seines akademischen Grades und das Hinterlassen seines umfassenden Erbes gesagt hattet? Ist sein posthumer Sohn Guee, Cassia, für den Ruhm bestimmt?“
 
Schï-yin lächelte rätselhaft: „Das wird sich mit der Zeit offenbaren. Es wäre falsch, da bereits Vorhersagen zu treffen.
 
Yü-tsun hatte immer noch Fragen, doch Schï-yin war nicht mehr bereit, ihm weitere Antworten zu geben. Er trug seinem Jungen auf, den Tisch zu decken, das Essen zu bringen und lud Yü-tsun ein, mit ihnen zu essen. Als sie ihr Mahl beendet hatten, war Yü-tsun immer noch neugierig, dieses Mal wollte er um die Geheimnisse seiner eigenen Zukunft wissen. Doch sein Glück war bereits aufgebraucht.
 
„Bleiben Sie eine Weile, Herr“, sagte Schï-yin, „in meiner bescheidenen Unterkunft. Ich habe immer noch eine Pflicht zu erfüllen, und heute ist der Tag ihrer Vollendung.“
 
-tsun war sichtlich überrascht: „In Anbetracht des weitläufigen spirituellen Zustandes, den Sie erreicht haben, kann ich mir nicht vorstellen, wie viel Karma euch noch für eine Anwendung geblieben ist?“ –
 
„Es betrifft die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau.“
 
Das erstaunte Yü-tsun sogar noch mehr. „Bitte erklärt mir das, Herr.“
 
„Es gibt etwas, worin Sie vollständig unwissend sind, mein verehrter Freund“, antwortete Schï-yin. „Meine Tochter Ying-Liän wurde, wie Sie wissen, entführt, als sie noch ein kleines Mädchen war. Ihr selbst fälltet in diesem Fall das Urteil, als ihr zum ersten Mal das Amt inne hattet. Jetzt ist sie mit einem gewissen Herrn Hsüä verheiratet und wird ihm bald ein Kind gebähren. Dabei wird sie jedoch sterben. Sie wird einen Sohn zurücklassen, der die Traditionen der Hsüä Familie weiterführt. Jetzt ist der Moment, in dem ihre weltliche Existenz sich dem Ende neigt, und ich muß da sein, um ihren Geist zu empfangen.“
 
Mit einem Schütteln seines Ärmels war Schï-yin verschwunden. Yü-tsun begann, sich müde zu fühlen und war schon bald in der kleinen Hütte an der Fähren-Anlegestelle eingeschlafen.
 
Schï-yin empfing nun Hsiang-lings Seele an der Schwelle des Todes, und führte sie in das Land der Vorspiegelungen, wo sie der Entzauberung der Feen übergeben wurde, und man ihren Namen in das Register eintrug. Als er das große Eingangstor passierte, sah er den Mönch und den Dauisten ihm entgegenschweben. Er näherte sich ihnen und sagte: „Buddhistischer und dauistischer Meister! Meine Glückwünsche! Ist das Liebes-Karma erfüllt? Sind alle betroffenen Seelen ordnungsgemäß zurückgekehrt und in das Register eingetragen worden?“ –
 
„Das Karma ist noch nicht ganz vollständig“, antworteten sie, „doch dieser sinnlose Klotz ist bereits zurückgekehrt. Alles, was noch zu tun bleibt, ist ihn an seinen ursprünglichen Ort zurückzubringen und die Fortsetzung seiner Geschichte aufzuzeichnen. Dann ist dieser kleine Ausflug auf die Erde nicht umsonst gewesen.“
 
Schï-yin klatschte vor Begeisterung mit den Händen und brach auf. Der Mönch und der Dauist setzten ihren Weg, den Jade tragend, fort, bis sie schließlich am Fuß des Grünen Berges angelangten und dort, genau an der Stelle, wo Nü-wa einst den bei der Wiederherstellung des Himmelsdaches übriggebliebenen Stein liegengelassen hatte, legten sie behutsam ihre Last ab und jeder ging seines Weges.
 
Ein überirdisches Buch erzählt eine überirdische Geschichte, wie Mann und Stein wieder zu einem Ganzen werden.
 
Eines Tages ging der Dauist Kung-kung wieder am Fuß des Grünen Berges vorbei und sah den Stein ‚der für untauglich befunden worden war, den Himmel instandzusetzen’, immer noch dort liegen, mit derselben Inschrift wie zuvor. Er las die Inschrift wieder sorgfältig durch und bemerkte, daß ein völlig neuer Abschnitt hinzugefügt worden war, wie das Schicksal endete. Er nickte, seufzte und sagte: „Als ich das erste Mal diese merkwürdige Geschichte über Bruder Stein las, hielt ich sie für wert, sie in einer Novelle zu veröffentlichen, und schrieb sie mit dieser Absicht ab. Doch zu dieser Zeit war sie unvollendet. Der innere Kreis war noch nicht geschlossen. In der früheren Version führte nichts auf den Ursprung des Steines zurück. Ich frage mich, wann diese bewundernswerte Ergänzung hinzugefügt worden sein kann? Durch sie  kann der Leser  erfahren,  daß die Lebenserfahrungen des ‚Bruders Stein‘ seine spirituelle Wahrnehmung  nur geschärft haben  und  ihn nun zu einem vollständigeren Bewußtsein des Dau führten. Am Ende hatte er keinen Grund zur Reue oder zum Bedauern. Doch mit den Jahren können die Buchstaben dieser neueren Version der Inschrift unlesbar werden. Ich schreibe es besser noch einmal in seiner vollständigen Form ab und finde jemanden in dieser Welt mit der Muße, sie zu empfangen, damit sie veröffentlicht werden möge und die Botschaft überbracht wird, daß die Dinge nicht immer das sind, was sie scheinen, daß das Ungewöhnliche und das Gewöhnliche, Wahrheit und Dichtung, alle miteinander verwandt sind. Vielleicht werden junge Menschen, die vom Lebenstraum betört sind, in dieser Geschichte ein Echo finden und in ihr wahres Heim zurückgeführt werden. Während den freien Geistern der hohen Berge in dem Bericht über Bruder Steins Umwandlung, wie in der älteren Geschichte von der Wanderung des Magischen Berges, ein Licht über ihr eigenes Streben aufgehen mag.“
 
So schrieb Kung-kung alles nieder, verstaute diese neue Version in seinem Ärmel und nahm sie mit in die wohlhabende, prunkvolle Menschenwelt, um einen geeigneten Mann für die Aufgabe ihrer Veröffentlichung zu suchen. Doch alle Männer, denen er begegnete, waren entweder zu sehr mit ihrer eigenen Karriere beschäftigt oder sie hatten zu sehr mit ihrem täglichen Überleben zu kämpfen, sodaß sie weder die Muße noch die Lust hatten, über einen Stein zu plaudern. Dann gelangte Kung-kung schließlich zu der kleinen Hütte an der Fähren-Anlegestelle; dort sah er einen schlafenden Mann, den er für einen Müßiggänger hielt, und beschloß, ihm die Geschichte des Steines zum Lesen zu geben. Doch obwohl er ihn mehrere Male anrief, konnte er ihn nicht aufwecken. Endlich hob er ihn hoch und schüttelte ihn, worauf der Mann seine Augen öffnete. Er überflog das Buch und legte es ab mit den Worten: „Ich habe das alles mit eigenen Augen gesehen. Soweit ich sehe, enthält Ihr Bericht keine Fehler. Gestattet mir, Ihnen von einem Mann zu erzählen, der die Geschichte für Sie in diese Welt tragen kann und dadurch diese seltsame Angelegenheit zu einem ordentlichen Abschluß bringen kann.“ –
 
„Wen meint ihr?“, fragte Kung-kung ungeduldig.
 
„Sie müssen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eines bestimmten Tages eines bestimmten Monats eines bestimmten Jahres warten. In dieser Stunde müßt Ihr ein bestimmtes Gebäude, das der Erinnerung an die Rote Kammer gewidmet ist, betreten, wo ihr einen gewissen Herrn Tsau Hsüä-tjin antreffen werdet. Sagt ihm nur: „Djia Yü-tsun sagt...“ und bittet ihn dieses und jenes zu tun!
 
Yü-tsun schlief wieder ein, und Kung-kung notierte sich sorgfältig seine Aufgaben. Irgendwann, nach einer unzähligen Menge an Generationen, einer Unendlichkeit an Äonen, gab es wirklich das genannte Gebäude und darin einen Herr Tsau Hsüä-tjin, der die Geschichten vergangener Tage verfolgte. Kung-kung tat, wie ihm aufgetragen wurde. Er wiederholte Yü-tsuns Worte und gab ihm die Geschichte des Steines zu lesen. Dieser Herr Tsau lächelte und sagte: „Wirklich eine rohe Erzählung (Djia Yü Tsun Yän)!“ –
 
„Wie kommt es, daß Sie den Mann kennen, Herr? Kann ich daraus folgern, daß Sie bereit sind, diese Geschichte für ihn zu übermitteln?“ –
 
„Sie werden treffenderweise Kung-kung genannt“, bemerkte Tsau lächelnd. „Sie haben nichts im Magen, nur eine Leere. Das sind vielleicht rauhe Worte, doch sie enthalten keine sinnlosen Fehler oder unsinnige Passagen. Es wäre eine große Freude, dies mit ein paar gleichgesinnten Freunden zu teilen, bei einem Wein nach dem Essen oder um die Einsamkeit eines regnerischen Abends zu vertreiben. Es bedarf keiner wichtigtuerischen Person, die es lobt oder veröffentlicht. So, wie Sie starr in Fakten herumstöbern, ähneln Sie einem Mann, der sein Schwert im Wassser verloren hat und glaubt, es wiederzufinden, indem er eine Seite seines Bootes markiert. Ihr gleicht einem Mann, der eine Zither spielt, bei der die Stimmschrauben festgeklebt sind.“
 
Kung-kung erhob sein Haupt und brach in schallendes Gelächter aus, ließ das Manuskript zu Boden fallen und ging forsch seines Weges. Beim Gehen sagte er zu sich: ‚Also war alles reiner Unsinn! Autor, Kopist und Leser spielen in der Welt keine Rolle. Es ist alles nur zum Spaß, ein Spiel, Zerstreuung!‘
 
Ein späterer Leser des Manuskriptes fügte ein vierzeiliges Gätha hinzu, um das ursprüngliche Nachwort des Autors zu erweitern:
 
„Wenn der Kummer um die nutzlosen Worte der Erdichtung
 
wirklicher als das wahre Leben erscheinen,
 
bedenke, daß das Leben selbst nur ein Traum ist.
 
Und belächle nicht die Tränen des Lesers.
 
– Ende –
 

Latest revision as of 19:30, 28 April 2026

Kapitel 120

Zhen Wahrheitsverberger erläutert ausführlich die Gefühle des Landes der Großen Leere, Regendorf Kaufmann beschließt den Traum der Roten Kammer

Es wird erzählt, dass Schatzspange, als sie von Herbstmuster[1] hörte, Dufthauch[2] gehe es schlecht, eilig hineinlief, um nach ihr zu sehen. Jie[3] und Friedchen[4] folgten ihr. Als sie an Dufthauchs Kang traten, sahen sie, dass Dufthauch vor Herzschmerzen außer sich war und gerade in Ohnmacht gefallen war. Schatzspange und die anderen gaben ihr heißes Wasser ein und brachten sie wieder zu Bewusstsein, stützten sie und legten sie hin; zugleich wurde ein Arzt gerufen. Jie fragte Schatzspange: „Schwester Dufthauch — wie kann sie nur so schwer krank sein?" Schatzspange sagte: „Vor drei Abenden hat sie sich so sehr das Herz ausgeweint, dass ihr auf einmal schwindlig wurde und sie umfiel. Die gnädige Dame ließ sie stützen und zurückbringen, und sie lag nur noch da. Weil draußen allerlei zu erledigen war, hat man keinen Arzt für sie rufen lassen, und so ist es so weit gekommen." Während sie noch sprachen, kam der Arzt. Schatzspange und die anderen wichen zur Seite. Der Arzt fühlte den Puls und sagte, es sei durch heftigen Zorn und Aufregung verursacht; er verschrieb ein Rezept und ging.

Dufthauch hatte nämlich undeutlich gehört, dass man, falls Schatzjade nicht zurückkehre, alle Dienerinnen aus den Gemächern fortschicken wolle. Vor Aufregung wurde es ihr nur noch schlimmer. Nachdem der Arzt sie untersucht hatte, kochte Herbstmuster ihr die Medizin. Sie lag allein da, und ihr Geist war noch nicht zur Ruhe gekommen. Es war, als stünde Schatzjade vor ihr; doch verschwommen schien es auch ein Mönch zu sein, der ein Buch in der Hand hielt und darin blätterte. Er sagte noch: „Du bist nicht meine Person; in Zukunft wirst du von selbst eine andere Familie haben." Dufthauch wollte gerade mit ihm sprechen, da kam Herbstmuster und sagte: „Die Medizin ist fertig, Schwester, nimm sie ein."

Dufthauch schlug die Augen auf, erkannte, dass es ein Traum gewesen war, und erzählte niemandem davon. Nachdem sie die Medizin genommen hatte, dachte sie bei sich nach: „Schatzjade ist gewiss dem Mönch gefolgt. Neulich, als er den Jade-Stein hinausbringen wollte, war es schon so, als wolle er sich losmachen. Ich hielt ihn fest, doch er war nicht wie sonst — er stieß und schubste mich wild, ohne das geringste Gefühl. Später behandelte er auch die Zweite junge Frau mit zunehmendem Widerwillen, und auch vor den anderen Schwestern zeigte er keinerlei Empfindung mehr: Das ist das Zeichen, dass er zur Erleuchtung gelangt ist. Doch wenn du zur Erleuchtung gelangt bist — wie kannst du die Zweite junge Frau im Stich lassen? Ich wurde von der gnädigen Dame bestellt, um dir zu dienen. Zwar bekomme ich das Monatsgeld einer höhergestellten Dienerin, doch vor dem Herrn und der gnädigen Dame bin ich nie förmlich als deine Nebenfrau angemeldet worden. Wenn der Herr und die gnädige Dame mich fortschicken, und ich halte stur an meinem Platz fest, würde man mich auslachen. Wenn ich aber gehe — dann denke ich an die Zuneigung, die Schatzjade mir erwiesen hat, und kann es einfach nicht über mich bringen." Sie überlegte hin und her und fand sich in tausendfacher Bedrängnis. Da dachte sie an den Traum von eben: „Er sagt, ich sei eine Frau, die einem anderen gehört — dann wäre es doch besser, einfach zu sterben!"

Doch wer hätte gedacht, dass nach dem Einnehmen der Medizin der Herzschmerz beträchtlich nachließ? So konnte sie nicht einfach liegenbleiben und hielt sich mit Mühe aufrecht. Nach einigen Tagen stand sie auf und bediente Schatzspange. Schatzspange dachte an Schatzjade, vergoss heimlich Tränen und beklagte im Stillen ihr bitteres Schicksal. Zudem wusste sie, dass ihre Mutter damit beschäftigt war, den Bruder freizukaufen, was große Umstände erforderte, bei denen sie helfen musste. Davon sei vorerst nicht die Rede.

Unterdessen geleitete Aufrecht Kaufmann[5] den Sarg der alten Fürstin, während Rong Kaufmann[6] die Särge von Frau Qin, Phönixglanz und Mandarinenente[7] mitführte. Als sie in Jinling angekommen waren, bestatteten sie diese zuerst. Rong Kaufmann brachte auch die sterblichen Überreste von Kajaljade zur Bestattung. Aufrecht Kaufmann kümmerte sich um die Grabstätten. Eines Tages erhielt er einen Familienbrief; Zeile für Zeile las er, dass Schatzjade und Orchidee Kaufmann[8] die Prüfung bestanden hatten — er freute sich von Herzen. Doch als er las, dass Schatzjade verschwunden war, bedrückte es ihn wieder; er konnte nichts anderes tun, als eilig die Heimreise anzutreten. Unterwegs vernahm er, dass es einen kaiserlichen Gnadenerlass gegeben habe; dann kam ein weiterer Familienbrief, der bestätigte, dass die Strafen erlassen und die Ämter wiederhergestellt waren. Erst recht froh, reiste er Tag und Nacht.

Eines Tages gelangte er in die Gegend der Poststation Piling. An jenem Tag war es plötzlich kalt geworden und schneite; er legte an einer stillen Stelle an. Aufrecht Kaufmann schickte alle Bediensteten an Land, um Bekannten Karten abzugeben und ihnen seine Aufwartung abzusagen, mit der Bemerkung, das Schiff werde sofort ablegen und er wage sie nicht zu behelligen. Auf dem Schiff blieb nur ein kleiner Bursche zur Bedienung. Er selbst saß in der Kajüte und schrieb den Familienbrief, um einen Boten am frühen Morgen heimzuschicken. Als er an die Stelle kam, wo er über Schatzjades Angelegenheiten schreiben musste, hielt er inne. Er blickte auf und sah plötzlich am Bug des Schiffes in einem leichten Schneeschimmer eine Gestalt — kahlgeschorenen Hauptes, barfuß, in einen großen, scharlachroten Filzumhang gehüllt — , die sich vor Aufrecht Kaufmann zu Boden warf. Aufrecht Kaufmann hatte die Person noch nicht recht erkannt und eilte aus der Kajüte, um sie aufzufangen und zu fragen, wer sie sei. Doch jener hatte sich bereits viermal tief verneigt, stand auf und legte die Hände zum buddhistischen Gruß zusammen. Aufrecht Kaufmann wollte eben den Gruß erwidern, als er der Gestalt ins Gesicht blickte — es war kein anderer als Schatzjade. Aufrecht Kaufmann erschrak heftig und fragte hastig: „Bist du Schatzjade?" Doch jener sprach kein Wort, sein Antlitz schien froh und traurig zugleich. Aufrecht Kaufmann fragte weiter: „Wenn du Schatzjade bist, warum bist du so gekleidet und an diesen Ort gekommen?" Noch ehe Schatzjade antworten konnte, kamen am Bug zwei Gestalten herbei — ein Mönch und ein Daoist — , die Schatzjade zwischen sich nahmen und riefen: „Die irdische Bestimmung ist erfüllt, warum gehst du nicht eilig?" Und schon waren die drei wie auf Wolken ans Ufer gestiegen und entschwanden. Aufrecht Kaufmann achtete nicht auf den glatten Boden und eilte ihnen nach, doch so sehr er auch lief, er konnte die drei vor sich nicht einholen. Da hörte er, wie einer der drei ein Lied anstimmte:

Wo ich wohne — auf dem Gipfel des Blauen Felsgrats, Wo ich wandle — durch den uferlosen Ur-Äther. Wer geht mit mir — und wem folge ich? Unfassbar fern — kehre ich heim in die Große Wildnis.

Aufrecht Kaufmann hörte dem Gesang zu und lief zugleich hinterher. Doch als er um einen kleinen Hügel bog, waren sie plötzlich verschwunden. Aufrecht Kaufmann war außer Atem und keuchte, voller Verwunderung und Bestürzung. Als er sich umwandte, sah er, dass sein kleiner Bursche ihm nachgelaufen war. Aufrecht Kaufmann fragte: „Hast du eben die drei Gestalten gesehen?" Der Bursche sagte: „Ich habe sie gesehen. Weil der Herr ihnen nachlief, bin ich auch gerannt. Aber dann sah ich nur noch den Herrn, die drei waren verschwunden." Aufrecht Kaufmann wollte noch weitergehen, doch er sah nur eine weite, weiß verschneite Ebene, weit und breit kein Mensch. Aufrecht Kaufmann erkannte, dass hier etwas Übernatürliches geschehen war, und kehrte zum Schiff zurück.

Als die Bediensteten zum Schiff zurückkehrten und Aufrecht Kaufmann nicht in der Kajüte fanden, fragten sie den Fährmann. Der sagte, der Herr sei an Land gelaufen, um zwei Mönche und einen Daoisten zu verfolgen. Die Leute folgten seinen Spuren im Schnee und sahen ihn von Ferne kommen; sie gingen ihm entgegen, und gemeinsam kehrten sie zum Schiff zurück.

Aufrecht Kaufmann setzte sich, und als er wieder zu Atem gekommen war, erzählte er, wie er Schatzjade gesehen hatte. Die Leute baten um Erlaubnis, ihn an diesem Ort zu suchen. Aufrecht Kaufmann seufzte: „Ihr wisst es nicht. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, es war kein Gespenst und kein Geist. Zudem hatte der Gesang, den ich hörte, einen tief geheimnisvollen Sinn. Dass Schatzjade bei seiner Geburt einen Jade-Stein im Mund trug, war ja schon wunderlich; ich wusste früh, dass dies kein gutes Vorzeichen war. Doch weil die alte Fürstin ihn so liebte, wurde er bis heute aufgezogen. Auch den Mönch und den Daoisten habe ich dreimal gesehen: Das erste Mal kamen der Mönch und der Daoist und sprachen von den Vorzügen des Jade-Steins. Das zweite Mal war, als Schatzjade schwer krank lag — da kamen sie, beteten über dem Jade-Stein, und Schatzjade wurde gesund. Das dritte Mal brachten sie den Jade-Stein zurück, saßen in der Eingangshalle — und als ich mich einmal umdrehte, waren sie verschwunden. Ich wunderte mich zwar, dachte aber, Schatzjade habe wirklich eine besondere Bestimmung und hohe Mönche und Unsterbliche beschützten ihn. Wer hätte gedacht, dass Schatzjade in die Welt herabgestiegen war, um sein Karma zu durchleben, und die alte Fürstin neunzehn Jahre lang in die Irre geführt hat — erst jetzt begreife ich es." Als er dies sagte, liefen ihm die Tränen herab.

Die Leute sagten: „Wenn der Zweite Herr wirklich ein herabgestiegener Mönch war, hätte er doch nicht die Prüfung bestehen sollen — warum ist er erst gegangen, nachdem er bestanden hatte?" Aufrecht Kaufmann antwortete: „Das könnt ihr nicht verstehen. Im Allgemeinen — seien es Gestirne des Himmels, alte Mönche in den Bergen oder Geister in den Höhlen — sie alle besitzen ein eigenes Wesen. Schatzjade hat doch nie gern studiert, nicht wahr? Doch wenn er sich auch nur ein wenig anstrengte, gelang ihm alles. Sein ganzes Temperament war eben von Grund auf anders." Dabei seufzte er noch einige Male. Die Bediensteten versuchten ihn zu trösten, indem sie von Orchidees Prüfungserfolg und der Wiederherstellung des Hauses sprachen. Aufrecht Kaufmann setzte den Familienbrief fort, schrieb diese Begebenheit hinein und ermahnte die ganze Familie, man möge sich nicht weiter grämen. Als er fertiggeschrieben und versiegelt hatte, schickte er einen Bediensteten damit heim. Aufrecht Kaufmann folgte bald nach. Davon sei vorerst nicht die Rede.

Unterdessen erhielt Tante Schnee den Brief über die Begnadigung und befahl Xue Ke, überall Geld zu leihen. Sie sammelte auch eigene Mittel und brachte zusammen mit dem Geliehenen die Freikaufsumme auf. Das Strafministerium genehmigte den Antrag, nahm das Silber entgegen, und mit einem einzigen Aktenstück wurde Becken Schnee freigelassen. Wie Mutter und Sohn, Schwestern und Brüder sich wiedersahen, braucht nicht im Einzelnen erzählt zu werden — natürlich war es eine Mischung aus Trauer und Freude. Becken Schnee leistete aus eigenem Antrieb einen Schwur: „Wenn ich je wieder in die alten Fehler verfalle, soll man mich hinrichten und zerstückeln!" Tante Schnee hielt ihm den Mund zu und sagte: „Wenn du nur fest entschlossen bist — musst du dann auch noch solch blutige, grässliche Schwüre ablegen? Bedenke, wie viel Duftkastanie[9] deinetwegen gelitten hat! Deine Frau hat sich ja selbst zugrunde gerichtet. Auch wenn wir jetzt arm sind, haben wir noch genug zu essen. Nach meiner Meinung sollten wir Duftkastanie als deine Hauptfrau betrachten. Was meinst du?" Becken Schnee nickte einverstanden. Auch Schatzspange und die anderen sagten: „So gehört es sich." Duftkastanie wurde darüber so verlegen, dass ihr das Blut ins Gesicht stieg, und sagte: „Ich diene dem Herrn ganz wie zuvor, wozu diese Umstände?" Die Leute begannen sie „Gnädige Frau" zu nennen, und niemand widersprach.

Becken Schnee wollte zum Haus Kaufmann gehen, um sich zu bedanken. Tante Schnee und Schatzspange kamen alle herüber. Man sah sich wieder, und es wurde dies und jenes besprochen. Gerade als sie so sprachen, kam zufällig an jenem Tag der Bote mit Aufrecht Kaufmanns Familienbrief nach Hause. Er überreichte den Brief und sagte: „Der Herr wird in wenigen Tagen eintreffen." Frau König bat Orchidee Kaufmann, den Brief vorzulesen. Als Orchidee Kaufmann an die Stelle kam, wo Aufrecht Kaufmann erzählte, wie er Schatzjade leibhaftig gesehen hatte, brachen alle in Tränen aus — Frau König, Schatzspange und Dufthauch am meisten.

Dann legte man Aufrecht Kaufmanns Worte aus, wonach die Familie nicht traurig sein solle, da Schatzjade sich nur einen sterblichen Leib geliehen habe: „Anstatt ein Beamter zu werden und womöglich in Ungnade zu fallen, Vergehen zu begehen und Haus und Vermögen zu ruinieren — was dann schlimm wäre — , ist es besser, dass unsere Familie einen Buddha hervorgebracht hat. Das zeugt von den Verdiensten des Herrn und der gnädigen Dame, und deshalb wurde er in unserer Familie geboren. Ohne Respektlosigkeit gesagt — im Ostpalast hatte der alte Herr sich auch über ein Jahrzehnt lang in Askese geübt, ohne ein Unsterblicher zu werden; ein Buddha zu werden ist noch viel schwieriger. Wenn die gnädige Dame es so betrachtet, wird ihr Herz leichter." Frau König weinte und sagte zu Tante Schnee: „Dass Schatzjade mich verlassen hat, darüber zürne ich ihm sogar. Was mich betrübt, ist das bittere Schicksal meiner Schwiegertochter — kaum ein, zwei Jahre verheiratet, und er reißt sich mit hartem Herzen los und lässt alles liegen!" Als Tante Schnee dies hörte, war auch sie tief betrübt. Schatzspange weinte, bis sie aller Sinne beraubt war.

Die Herren waren alle draußen, und Frau König sagte: „Mein Leben lang habe ich seinetwegen Angst ausgestanden. Kaum hatte er geheiratet, die Prüfung bestanden, und man wusste, dass die Schwiegertochter guter Hoffnung war — da begann ich mich etwas zu freuen — , und nun dieses Ende! Hätte ich das gewusst, hätten wir ihn gar nicht verheiraten und das Mädchen einer anderen Familie ins Unglück stürzen sollen." Tante Schnee sagte: „Das war von Anfang an so bestimmt. Bei einer Familie wie der unseren — was gibt es da noch zu sagen? Zum Glück ist ein Kind unterwegs; wenn ein Enkel geboren wird, wird der gewiss seinen Weg machen, und dann gibt es ein gutes Ende. Schauen Sie die Älteste junge Frau an: Jetzt hat Orchidee die Prüfung bestanden, nächstes Jahr wird er den Jinshi-Grad erlangen und dann ein Amt bekleiden! All das Leid, das sie früher erduldet hat, das ist nun vorüber, und das Süße, das jetzt kommt, ist der Lohn für ihre Tugendhaftigkeit. Was das Herz unserer Tochter betrifft — das kennt die Schwester doch: Sie ist kein kaltherziger oder leichtfertiger Mensch. Die Schwester braucht sich wirklich keine Sorgen zu machen."

Frau König fand Tante Schnees Worte höchst vernünftig und dachte bei sich: „Schatzspange war schon als Kind von ruhigem Gemüt und genügsamer Art, liebte die Schlichtheit — deshalb ist ihr dies widerfahren. Das Menschenleben hat wohl wirklich eine feste Bestimmung. Wenn ich sehe, wie Schatzspange zwar bitterlich weint, aber ihre würdevolle Haltung keinen Augenblick verliert, und mich sogar noch tröstet — das ist wahrhaft selten. Wer hätte gedacht, dass Schatzjade, so ein Mensch, in der irdischen Welt auch nicht das geringste Glück genießen durfte." Nachdem sie eine Weile nachgedacht hatte, fühlte sie sich etwas erleichtert. Dann dachte sie an Dufthauch: „Bei den anderen Mädchen ist die Sache nicht schwer: Die Älteren verheiratet man, die Jüngeren dienen der Zweiten jungen Frau — das ist alles. Nur mit Dufthauch — was soll man da machen?" Da zu viele Leute anwesend waren, konnte sie es jetzt nicht besprechen; sie wollte es am Abend mit Tante Schnee beraten.

An jenem Tag ging Tante Schnee nicht nach Hause, denn sie fürchtete, Schatzspange werde sich die Augen ausweinen, und blieb in Schatzspanges Zimmer, um sie zu trösten. Doch Schatzspange war überaus verständig. Sie dachte hin und her: „Schatzjades Natur war von jeher ungewöhnlich; eine Bestimmung aus einem früheren Leben hat ihr festes Maß — da gibt es weder Grund, den Himmel anzuklagen noch anderen Vorwürfe zu machen." Sodann erklärte sie ihrer Mutter die Zusammenhänge mit großer Einsicht.

Tante Schnee fühlte sich dadurch umgekehrt getröstet und ging zu Frau König. Zuerst berichtete sie Schatzspanges Worte. Frau König nickte seufzend: „Wenn ich sagen würde, ich hätte keine Verdienste, dann hätte ich eine so gute Schwiegertochter nicht verdient." Bei diesen Worten wurde sie wieder traurig. Tante Schnee tröstete sie abermals eine Weile und brachte dann die Sprache auf Dufthauch: „Ich sehe, Dufthauch ist in letzter Zeit furchtbar abgemagert; sie denkt nur an Schatzjade. Nun, eine Hauptfrau — die sollte dem Mann die Treue halten, das versteht sich. Und eine Nebenfrau, die dies tun will, auch das kommt vor. Aber Dufthauch — obwohl sie dem Rang nach als Nebenfrau gilt — ist vor dem Herrn und der gnädigen Dame doch nie förmlich als solche eingetragen worden." Frau König sagte: „Eben daran habe ich gerade gedacht, und ich wollte es mit der Schwester besprechen. Wenn wir sie fortschicken, fürchte ich, wird sie sich nicht fügen und sich etwas antun. Wenn wir sie behalten — nun, das wäre auch eine Möglichkeit — , aber ich fürchte, der Herr wird es nicht billigen. Daher die Schwierigkeit." Tante Schnee sagte: „Der Schwager wird es gewiss nicht dulden, dass sie als Treuhaltende bleibt. Und der Schwager weiß von Dufthauchs Stellung nichts Näheres; er hält sie einfach für ein Dienstmädchen — und ein Dienstmädchen zu behalten, das gibt es doch gar nicht. Man muss nur ihre Verwandten kommen lassen und ihnen streng auftragen, eine ordentliche Partie für sie zu finden. Und dann sollte man sie reichlich ausstatten. Das Mädchen hat ein gutes Herz und ist noch jung — es wäre nicht umsonst, dass sie der Schwester so lange gedient hat, und die Schwester hätte sie wahrlich nicht schlecht behandelt. Was Dufthauchs Einverständnis betrifft, muss ich ihr noch in Ruhe zureden. Auch wenn man ihre Angehörigen kommen lässt, braucht man es ihr nicht gleich zu sagen; man wartet, bis ihre Familie tatsächlich eine gute Partie gefunden hat, wir erkundigen uns noch einmal — und wenn die Familie wirklich zu essen und zu trinken hat und der Bräutigam ordentlich aussieht — , dann erst lässt man sie gehen." Frau König hörte dies und sagte: „Das ist ein sehr guter Plan. Sonst würde der Herr es ganz abrupt regeln, und ich hätte wieder einen Menschen ins Unglück gestürzt."

Tante Schnee nickte: „Ganz recht!" Sie redeten noch einige Worte und dann verabschiedete sie sich von Frau König und kehrte in Schatzspanges Zimmer zurück. Als sie sah, dass Dufthauchs Gesicht voller Tränenspuren war, sprach sie ihr tröstend zu und redete ihr eine Weile gut zu. Dufthauch war von Natur ehrlich und keine geschliffene Rednerin; auf jedes Wort von Tante Schnee gab sie eine Antwort, und schließlich sagte sie: „Ich bin eine Dienerin. Dass die Tante mich so achtet und solche Dinge mit mir bespricht — ich habe mich nie getraut, der gnädigen Dame zu widersprechen." Als Tante Schnee dies hörte, dachte sie: „Was für ein sanftes, fügsames Kind!" Und sie mochte sie im Herzen noch mehr. Schatzspange sprach dann noch einmal mit großer Würde über Pflicht und Vernunft, und so fand jede in ihrem Herzen Frieden.

Einige Tage später kehrte Aufrecht Kaufmann heim, und alle empfingen ihn. Aufrecht Kaufmann sah, dass Kaufmann Amnestie[10] und Zhen Kaufmann[11] bereits zu Hause waren. Brüder, Onkel und Neffen begrüßten sich und erzählten ausführlich, was in der Zwischenzeit geschehen war. Danach empfingen ihn die Damen des Hauses, und man musste unwillkürlich an Schatzjade denken — wieder wurden alle eine Weile traurig. Aufrecht Kaufmann gebot ihnen Einhalt: „Das ist eine feststehende Sache, eine unumstößliche Ordnung! Jetzt muss es so sein: Wir Herren führen draußen die Geschäfte des Hauses, und ihr drinnen helft dabei. Auf keinen Fall darf es so schlampig zugehen wie früher. Was die anderen Zweige der Familie betrifft, so regelt jeder seine eigenen Angelegenheiten, da brauchen wir uns nicht einzumischen. Was unseren eigenen Zweig angeht — innen überlasse ich dir alles; aber alles muss nach Recht und Ordnung geschehen." Frau König teilte ihm mit, dass Schatzspange guter Hoffnung sei, und künftig wolle man die Dienstmädchen alle freilassen. Aufrecht Kaufmann hörte es und nickte wortlos.

Am nächsten Tag ging Aufrecht Kaufmann in den Palast, um bei den hohen Beamten vorzusprechen. Er sagte: „Ich bin für die kaiserliche Gnade zutiefst dankbar! Da ich aber die Trauerzeit noch nicht abgeschlossen habe — wie soll ich mich gebührend bedanken? Ich bitte die Exzellenzen um Weisung." Die Hofbeamten sagten, sie würden es dem Thron melden und um eine Verfügung bitten. Da war die kaiserliche Gnade überströmend: Der Kaiser befahl sogleich eine Audienz. Aufrecht Kaufmann trat vor und dankte dem Thron. Der Kaiser erteilte noch zahlreiche weitere gnädige Verfügungen und erkundigte sich dann nach Schatzjades Angelegenheit. Aufrecht Kaufmann berichtete wahrheitsgetreu. Der Kaiser staunte und sprach die Verfügung: Schatzjades Aufsätze seien gewiss von klarer Reinheit und Originalität; er müsse wohl ein Eingeweihter sein, der die Dinge durchschaut habe, daher sein Handeln. Hätte er bei Hofe gedient, wäre er zu hohem Amt befördert worden; da er aber den Rang und die Würden der erhabenen Dynastie nicht anzunehmen wage, solle man ihm den daoistischen Ehrentitel „Wahrer Mensch der Wunderbaren Schriften" verleihen. Aufrecht Kaufmann dankte abermals kniefällig und verließ den Palast.

Zu Hause empfingen ihn Kette Kaufmann[12] und Zhen Kaufmann. Aufrecht Kaufmann berichtete ihnen die Worte vom Hof, und alle freuten sich. Zhen Kaufmann meldete darauf: „Der Palast der Ning-Residenz ist vollständig wiederhergerichtet; nach entsprechender Meldung möchte ich zurückziehen. Das Kloster des Smaragdgrüns innerhalb des Gartens soll der Vierten Schwester zum stillen Verweilen überlassen werden." Aufrecht Kaufmann sagte zunächst nichts; erst nach einer längeren Pause erteilte er einige Anweisungen darüber, wie man die kaiserliche Gnade gebührend vergelten solle.

Kette Kaufmann nutzte die Gelegenheit und meldete: „Was Jies Heirat betrifft — der Vater und die gnädige Dame sind beide einverstanden, sie an die Familie Zhou zu verheiraten." Aufrecht Kaufmann hatte am Vorabend auch von Jies ganzer Geschichte erfahren und sagte: „Der Älteste Herr und die Älteste gnädige Dame entscheiden das. Dass das Landleben schlicht ist, macht nichts — Hauptsache, die Familie ist ehrbar und der junge Mann studiert fleißig und kann vorankommen. Die Beamten bei Hof — sind die etwa alle Stadtkinder?" Kette Kaufmann antwortete mit „Ja" und fuhr fort: „Der Vater ist schon bei Jahren und hat zudem eine Neigung zur Schleimkrankheit; er sollte sich einige Jahre der Ruhe gönnen. Alle Angelegenheiten obliegen ohnehin dem Zweiten Onkel als Oberhaupt." Aufrecht Kaufmann sagte: „Wenn du vom Landleben und der stillen Muße sprichst — das ist ganz nach meinem Sinn. Nur habe ich so tiefe kaiserliche Gnade empfangen und sie noch nicht vergolten." Damit ging Aufrecht Kaufmann hinein.

Kette Kaufmann schickte jemanden, um die Alte Liu[13] einzuladen, und die Sache wurde besprochen. Die Alte Liu sah Frau König und die anderen und erzählte allerhand, wie man künftig in hohe Ämter aufsteigen, wie sich die Familie wieder erheben und wie die Nachkommen blühen würden.

Gerade als sie so sprachen, meldete ein Dienstmädchen: „Die Frau von Hua Zifang ist hereingekommen, um ihre Aufwartung zu machen." Frau König stellte einige Fragen. Die Frau von Hua Zifang sagte: „Verwandte haben vermittelt: Es ist die Familie Jiang aus dem Süden der Stadt. Sie haben ein Haus, Land und auch einen Laden. Der Bräutigam ist einige Jahre älter, war aber noch nie verheiratet, und vom Aussehen her ist er einer unter hundert." Frau König hörte dies und war einverstanden. Sie sagte: „Geht und richtet es aus. In einigen Tagen kommt wieder herein und holt eure Schwester ab." Frau König ließ auch noch Erkundigungen einziehen; alle sagten, es sei gut. Frau König teilte es Schatzspange mit und lud noch einmal Tante Schnee ein; dann erklärten sie es Dufthauch behutsam.

Dufthauch war untröstlich, wagte aber nicht, sich zu widersetzen. In ihrem Herzen dachte sie an jenes Jahr, als Schatzjade bei ihr zu Hause gewesen war und danach gesagt hatte, er wolle lieber sterben, als dass sie dorthin zurückgehe: „Nun entscheidet die gnädige Dame über meinen Kopf hinweg. Sage ich, ich wolle treubleiben, dann heißt es, ich hätte keine Scham. Gehe ich aber — es ist wahrhaftig nicht mein Herzenswunsch." So weinte sie, bis sie vor Schluchzen nicht mehr sprechen konnte. Doch Tante Schnee und Schatzspange und die anderen redeten ihr dringend zu, und Dufthauch besann sich eines anderen: „Wenn ich hier sterbe, verderbe ich der gnädigen Dame ihren guten Willen. Wenn ich schon sterben will, dann zu Hause." So nahm Dufthauch unter Tränen Abschied von allen. Als die Schwestern sich trennten, war der Schmerz natürlich kaum zu ertragen.

Dufthauch, fest entschlossen zu sterben, stieg in die Sänfte und fuhr heim. Als sie ihren Bruder und ihre Schwägerin sah, weinte sie ebenfalls, konnte aber kein Wort herausbringen. Hua Zifang zeigte ihr alle Brautgeschenke der Familie Jiang und führte sie dann Stück für Stück durch die Aussteuer, die er besorgt hatte: „Dies hat die gnädige Dame geschenkt, jenes wurde angeschafft." Dufthauch konnte erst recht nichts mehr sagen. Nachdem sie zwei Tage dageblieben war, überlegte sie gründlich: „Mein Bruder hat alles richtig gemacht. Wenn ich im Haus meines Bruders sterbe, schade ich ihm doch nur!" Sie dachte tausendfach hin und her, nach links und rechts — es gab keinen Ausweg. Ihr zarter Seidenfaden eines Herzens war beinahe zerrissen, und sie konnte nur noch ausharren.

Als der glückverheißende Hochzeitstag gekommen war, stieg Dufthauch — sie war eben nicht die forsche Art — still und ergeben in die Sänfte und fuhr los, im Herzen dachte sie, dort angekommen werde sie einen Entschluss fassen. Doch wer hätte gedacht, dass die Familie Jiang die Sache überaus gewissenhaft betrieb und alles nach den Regeln einer Hauptfrau einrichtete! Kaum war sie durch das Tor getreten, nannten Mägde und Dienerinnen sie „gnädige Frau". Dufthauch wollte nun hier sterben, fürchtete aber, der Familie Schaden zuzufügen und deren aufrichtige Güte zu verraten. In jener Nacht weinte sie und wollte sich nicht fügen, doch der Bräutigam war von solch zärtlicher Fürsorge und solchem Feingefühl, dass er geduldig auf sie einging.

Am nächsten Tag, als die Truhen geöffnet wurden, erblickte der Bräutigam ein scharlachrotes Schweißtuch und erkannte, dass sie eine Dienerin Schatzjades gewesen war. Zuvor hatte er nur gewusst, sie sei eine Kammerfrau der alten Fürstin gewesen, und hätte nie gedacht, dass es Dufthauch war. Nun war dieser Jiang Yuhan, und als er an Schatzjades frühere Freundschaft zu ihm dachte, überkam ihn ein Gefühl von Beschämung und Ehrfurcht. Er wurde noch aufmerksamer um sie. Absichtlich holte er das kiefernblütengrüne Schweißtuch hervor, das Schatzjade einst mit ihm getauscht hatte. Als Dufthauch es sah, erkannte sie, dass dieser Herr Jiang niemand anderer als Jiang Yuhan war, und erst jetzt glaubte sie daran, dass die Ehe vom Schicksal vorherbestimmt war. Dufthauch erzählte daraufhin, was sie auf dem Herzen hatte. Jiang Yuhan seufzte tief und zollte ihr Bewunderung; er wagte nicht, sie zu bedrängen, und wurde nur noch zärtlicher und rücksichtsvoller. So war der armen Dufthauch wahrlich jeder Ausweg zum Sterben genommen.

Verehrter Leser, höre: Obwohl die Dinge vorherbestimmt sind und es kein Entrinnen gibt — doch wenn es um pflichtbewusste Söhne und einsame Staatsdiener geht, um treue Gatten und tugendhafte Frauen, dann kann man sich mit dem Wort „unvermeidlich" nicht in jedem Fall herausreden. Darum steht Dufthauch auch nur im „Ergänzungsregister". Es ist wie in dem alten Gedicht über den Pfirsichblüten-Tempel:

Seit Urzeiten ist das Schwerste nur der eine Tod; Herzzerreißend war es nicht allein für die Frau von Xi.

Von Dufthauchs neuem Lebensabschnitt sei nicht weiter die Rede. Nun aber zu Regendorf Kaufmann[14]: Er war wegen Bestechung und Erpressung verurteilt worden. Nachdem das Urteil feststand, traf ihn die große Amnestie, und er wurde als einfacher Bürger in seine Heimat zurückgeschickt. Regendorf Kaufmann schickte seine Familie voraus und reiste selbst nur mit einem Burschen und einem Karren voll Gepäck. Als er an den Strudelbachübergang der Erweckungsfurt gelangte, kam ein Daoist aus der Grashütte am Fährufer heraus und empfing ihn mit Handschlag. Regendorf Kaufmann erkannte ihn als Zhen Wahrheitsverberger[15] und verbeugte sich ebenfalls eilig. Zhen Wahrheitsverberger sprach: „Werter Herr Kaufmann, seid Ihr seit unserer Trennung wohlauf?" Regendorf Kaufmann erwiderte: „Verehrter Unsterblicher, so seid Ihr also wirklich der alte Herr Zhen! Warum wolltet Ihr mich bei unserer letzten Begegnung von Angesicht zu Angesicht nicht erkennen? Als ich später von dem Brand erfuhr, der die Grashütte zerstörte, war ich zutiefst bestürzt. Dass ich Euch heute wiedersehe — ich bewundere nur die Tiefe Eures Weges und Eurer Tugend! Leider bin ich selbst von unbelehrbarer Dummheit und habe es so weit gebracht." Zhen Wahrheitsverberger sprach: „Als Ihr, verehrter Herr, in hohem Amt und hohen Ehren standet, wie hätte ein armer Daoist gewagt, sich zu erkennen zu geben? Doch als alter Bekannter wagte ich ein offenes Wort — nur nahm es der gnädige Herr nicht an. Indessen sind Reichtum und Armut, Glück und Unglück nie zufällig. Dass wir uns heute wiedertreffen, ist auch eine bemerkenswerte Fügung. Hier in der Nähe liegt meine kleine Einsiedelei — wollt Ihr nicht eintreten und plaudern?" Regendorf Kaufmann folgte freudig der Einladung.

Die beiden gingen Arm in Arm, der Bursche folgte mit dem Karren. Sie kamen zu einer Strohhütte. Zhen Wahrheitsverberger bat Regendorf Kaufmann einzutreten und Platz zu nehmen; ein Knabe brachte Tee. Regendorf Kaufmann bat den verehrten Unsterblichen, ihm von Anfang und Ende seiner Weltabkehr zu erzählen. Zhen Wahrheitsverberger lachte und sagte: „In einem einzigen Augenblick der Erkenntnis wandelt sich die ganze irdische Welt. Ihr, werter Herr, kommt aus dem Getriebe von Glanz und Überfluss — kennt Ihr nicht den Schatzjade im Lande von Weichheit und Reichtum?" Regendorf Kaufmann antwortete: „Wie sollte ich ihn nicht kennen? Unlängst ging das Gerücht um, auch er sei in die Leere eingegangen. Ich selbst hatte seinerzeit mehrfach mit ihm verkehrt — nie hätte ich gedacht, dass er so entschieden handeln würde." Zhen Wahrheitsverberger sprach: „Mitnichten. Diese wundersame Verknüpfung kenne ich seit langem. Damals, noch bevor ich mit Euch an meinem alten Tor in der Gasse der Menschenfreundlichkeit plauderte, hatte ich ihn bereits einmal getroffen." Regendorf Kaufmann fragte verwundert: „Die Hauptstadt ist weit entfernt von Eurer Heimat — wie konntet Ihr ihn sehen?" Zhen Wahrheitsverberger antwortete: „Im Geiste waren wir schon lange vertraut." Regendorf Kaufmann sprach: „Wenn es so ist, dann kennt der Unsterbliche gewiss auch Schatzjades Verbleib." Zhen Wahrheitsverberger sprach: „Jade — das ist eben Jade. In jenem Jahr, noch bevor über die Häuser Rong und Ning die Beschlagnahme hereinbrach, an dem Tag, als Schatzspange und Kajaljade getrennt wurden — da hatte dieser Jade-Stein die Welt bereits verlassen: erstens, um dem Unheil auszuweichen, und zweitens, um die Vereinigung zu bewirken. Damit war die Bestimmung aus einem früheren Leben erfüllt, und Form und Substanz kehrten zur Einheit zurück. Dann zeigte er noch einmal kurz seine übernatürliche Kraft, bestand die hohe Prüfung und zeugte einen edlen Sohn — damit erwies sich dieser Jade-Stein als ein vom Himmel und der Erde geschmiedetes Wunderwerk, das sich mit nichts Irdischem vergleichen lässt. Einst brachten ihn der nebelverhangene Große Gelehrte und der unfassbare Wahre Mensch in die Menschenwelt herab; nun, da sein irdisches Karma erschöpft ist, nehmen ihn dieselben zwei wieder mit an seinen Ursprungsort zurück — das ist Schatzjades Verbleib."

Regendorf Kaufmann hörte zu; obwohl er nicht alles verstand, begriff er doch vier oder fünf Zehntel. Er nickte seufzend: „So verhält es sich also — das wusste ich nicht. Aber wenn Schatzjade eine solche Herkunft hat, warum war er dann so tief in Leidenschaft verstrickt und hat dann wieder so plötzlich zur Erleuchtung gefunden? Ich bitte um weitere Belehrung." Zhen Wahrheitsverberger lachte: „Wenn ich dies erkläre, wird der Herr es vielleicht nicht ganz verstehen. Das Land der Großen Leere und der Illusionen ist in Wahrheit das Land des wahren So-Seins und der Seligkeit. Zweimal hat er die Schicksalsbücher durchblättert — darin liegt der Weg von Anfang und Ende; sein ganzes Leben stand klar vor ihm geschrieben — wie hätte er nicht erwachen sollen? Wenn die Wunderpflanze zur Wahrheit zurückkehrt, ist es dann nicht selbstverständlich, dass auch der Magische Jade in seinen Urzustand zurückfindet?"

Regendorf Kaufmann hörte zu, verstand es aber nicht. Er erkannte, dass es sich um himmlische Geheimnisse handelte, und wagte nicht weiter zu fragen. So sagte er: „Von Schatzjades Angelegenheit habe ich nun gehört. Doch von den Damen unseres Clans gibt es so viele — warum ist das Ende von der Kaiserlichen Gemahlin angefangen bei allen so gewöhnlich?" Zhen Wahrheitsverberger seufzte: „Werter Herr, nehmt mir meine offenen Worte nicht übel. Die Damen Eures erlauchten Hauses kamen allesamt aus dem Himmel der Leidenschaften und dem Meer des Karmas. Im Allgemeinen gilt für die Frauen aller Zeiten: Das Wort 'Ausschweifung' darf gewiss nicht übertreten werden, doch auch das Wort 'Gefühl' sollte man besser nicht berühren. Darum sind Cui Yingying und Su Xiaoxiao nichts als Himmelswesen mit irdischem Herzen; Song Yu und Sima Xiangru sind große Dichter mit sündiger Zunge. Sobald sich aber die Empfindungen verwickeln und verfangen, ist das Ende stets unselig."

Als Regendorf Kaufmann dies hörte, strich er sich unwillkürlich über den Bart und seufzte lang. Dann fragte er noch: „Darf ich den Unsterblichen fragen: Die beiden Häuser Rong und Ning — werden sie je wieder so blühen wie zuvor?" Zhen Wahrheitsverberger antwortete: „Dass Gutes belohnt und Böses bestraft wird, ist ein Grundsatz aller Zeiten. Gegenwärtig gilt für die beiden Häuser Rong und Ning: Wer gut handelt, pflegt sein Verdienst, wer böse gehandelt hat, bereut sein Vergehen. Dass dereinst Orchidee und Cassia gemeinsam duften und das Haus zu seiner alten Pracht zurückfindet, ist der natürliche Lauf der Dinge." Regendorf Kaufmann senkte eine geraume Weile den Kopf und sagte dann plötzlich lachend: „Ja, so ist es! In jenem Hause gibt es einen namens Orchidee, der bereits die Provinzialprüfung bestanden hat — das entspricht genau dem Zeichen 'Orchidee'. Soeben sagtet Ihr 'Orchidee und Cassia duften gemeinsam' und zuvor, Schatzjade habe eine 'hohe Prüfung bestanden und einen edlen Sohn gezeugt' — sollte das bedeuten, dass er einen nachgeborenen Sohn hat, der einst zu höchsten Ehren aufsteigen wird?" Zhen Wahrheitsverberger lächelte fein: „Das gehört der Zukunft an und lässt sich nicht im Voraus sagen."

Regendorf Kaufmann wollte noch weiter fragen, doch Zhen Wahrheitsverberger antwortete nicht mehr. Er ließ eine einfache Mahlzeit auftragen und lud Regendorf Kaufmann zum Essen ein. Nach dem Mahl wollte Regendorf Kaufmann noch nach seinem eigenen weiteren Schicksal fragen. Doch Zhen Wahrheitsverberger sprach: „Werter Herr, ruht Euch in der Einsiedelei ein wenig aus. Ich habe noch ein Stück irdische Bindung ungelöst, das ich heute noch vollenden muss." Regendorf Kaufmann fragte erstaunt: „Verehrter Meister, bei Eurer reinen Übung — welche irdische Bindung sollte da noch bestehen?" Zhen Wahrheitsverberger sprach: „Es ist nichts weiter als ein Stück Vater-Tochter-Liebe." Regendorf Kaufmann hörte dies und war noch erstaunter: „Darf ich fragen, was der Meister damit meint?" Zhen Wahrheitsverberger sprach: „Werter Herr, Ihr wisst es nicht. Meine kleine Tochter Heldenlotus geriet in jungen Jahren in das Unheil der irdischen Welt; als Ihr, werter Herr, damals zum ersten Mal ein Amt bekleidetet, habt Ihr über ihren Fall geurteilt. Nun gehört sie der Familie Schnee an; sie wird bei einer schweren Geburt ihr Karma vollenden und einen Sohn hinterlassen, der den Stamm der Familie Schnee weiterführen wird. Jetzt ist die Stunde gekommen, da ihre irdischen Bande sich vollends lösen — ich muss sie nur noch hinübergeleiten." Mit diesen Worten schüttelte Zhen Wahrheitsverberger die Ärmel und erhob sich. Regendorf Kaufmann war benommen und verwirrt; er schlief dort in der Grashütte am Strudelbachübergang der Erweckungsfurt ein.

Zhen Wahrheitsverberger aber ging, um Duftkastanie hinüberzugeleiten. Er brachte sie in das Land der Großen Leere und der Illusionen und übergab sie der Feengöttin der Ernüchterung, damit diese den Eintrag im Schicksalsbuch vervollständige. Kaum hatte er den Ehrenbogen passiert, da kamen der Mönch und der Daoist schwebend herbei. Zhen Wahrheitsverberger empfing sie und sprach: „Großer Gelehrter, Wahrer Mensch — ich gratuliere! Ich beglückwünsche Euch! Sind alle Schicksalsbande abgelöst und klar abgerechnet?" Der Mönch und der Daoist sprachen: „Die Schicksalsbande sind noch nicht ganz gelöst; doch jener törichte Gegenstand ist bereits zurückgekehrt. Wir müssen ihn noch an seinen Ursprungsort bringen und die letzten Dinge seiner Erdenwanderung verzeichnen — sonst wäre seine Reise in die Welt umsonst gewesen." Zhen Wahrheitsverberger hörte dies und verabschiedete sich mit einer Verbeugung. Der Mönch und der Daoist trugen den Jade-Stein zum Fuß des Blauen Felsgrats und legten Schatzjade an jene Stelle, wo Nüwa einst den Himmel geflickt hatte. Dann zogen sie jeder seines Weges und streiften durch die Wolken. Von da an hieß es:

Jenseitige Geschichten, jenseitig überliefert; Zwei Wandlungen einer Person, eine einzige Person.

Eines Tages kam der Daoist der Leere abermals am Blauen Felsgrat vorbei und sah, dass der überzählige Stein von Nüwas Himmelsflickung noch immer dort lag, die Schriftzeichen darauf noch genauso deutlich wie zuvor. Er las alles noch einmal von Anfang bis Ende sorgfältig durch und sah, dass hinter dem Schlussvers noch allerlei Nachträge über die letzten Verknüpfungen und Auflösungen der Schicksale standen. Er nickte seufzend: „Als ich seinerzeit die wundersame Geschichte des Steines fand, meinte ich, sie könne in der Welt verbreitet werden und als ungewöhnliche Erzählung gelten; deshalb schrieb ich sie ab. Doch damals fehlte das Ende, die Rückkehr zum Ursprung. Wer weiß, wann diese schöne Fortsetzung dazukam? Nun weiß ich: Der Stein ist einmal in die Welt hinabgestiegen, hat sein Licht hervorpoliert und die vollkommene Erleuchtung erlangt — da bleibt ihm wahrlich nichts mehr zu bedauern. Ich fürchte nur, mit den Jahren könnten die Schriftzeichen verblassen und Fehler entstehen. Lieber schreibe ich alles noch einmal ab, suche in der Welt einen müßigen Menschen ohne Geschäfte und bitte ihn, die Geschichte zu verbreiten. Dann wird man erkennen: Wundersam und doch nicht wundersam, gewöhnlich und doch nicht gewöhnlich, wahr und doch nicht wahr, falsch und doch nicht falsch. Vielleicht erwachen die Müden des Staubes aus ihrem Traum und der Kuckucksruf lockt sie heim; vielleicht heißt der gastfreundliche Berggeist sie willkommen und lässt den Stein zum Flug aufsteigen — wer weiß?"

Mit diesem Gedanken schrieb er alles noch einmal ab, steckte es in den Ärmel und ging in jene glanzvolle, blühende Gegend. Er suchte überall, doch alle, die er fand, waren entweder damit beschäftigt, Verdienste zu erwerben und eine Laufbahn einzuschlagen, oder damit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen — keiner hatte die Muße, mit einem Stein zu plaudern! Schließlich gelangte er zur Grashütte am Strudelbachübergang der Erweckungsfurt. Dort schlief jemand. Der Daoist der Leere dachte, dies müsse ein Müßiggänger sein, und wollte ihm die Abschrift des „Steinernen Berichts" zeigen — doch jener Mensch war nicht wachzubekommen. Der Daoist der Leere rüttelte kräftig an ihm, und endlich öffnete er langsam die Augen und setzte sich auf. Er nahm das Manuskript und überflog es flüchtig, dann warf er es hin und sagte: „Diese Dinge habe ich alle selbst mit eigenen Augen gesehen und kenne sie bis ins Letzte. Was du da abgeschrieben hast, enthält keine Fehler. Ich will dir nur den einen Menschen nennen, dem du es anvertrauen kannst, damit er diese frische Begebenheit zum Abschluss bringe." Der Daoist der Leere fragte hastig: „Wer ist es?" Jener Mann antwortete: „Du musst in einem gewissen Jahr, einem gewissen Monat, an einem gewissen Tag, zu einer gewissen Stunde, zu einem Ort namens 'Pavillon der Trauer um das Rot' gehen. Dort lebt ein Herr Cao Xueqin. Sage ihm nur: 'Regendorf Kaufmann sagt' — und bitte ihn, so und so zu verfahren." Damit legte er sich wieder hin und schlief ein.

Der Daoist der Leere prägte sich diese Worte fest ein. Es vergingen dann noch wer weiß wie viele Weltalter und Äonen, bis er tatsächlich einen Pavillon der Trauer um das Rot fand und den Herrn Cao Xueqin sah, der dort gerade alte Geschichtswerke durchblätterte. Der Daoist der Leere überbrachte ihm Regendorf Kaufmanns Worte und zeigte ihm den „Steinernen Bericht". Herr Cao Xueqin lachte und sagte: „Das sind also wirklich 'Regendorf Kaufmanns Worte'!" Der Daoist der Leere fragte: „Woher kennt Ihr diesen Menschen, dass Ihr bereit seid, seine Geschichte zu überliefern?" Herr Cao Xueqin lachte: „Man nennt dich 'Leer', und in der Tat ist dein Inneres leer! Wenn es doch 'erfundenes Dorfgeschwätz' ist — solange es frei von Schreibfehlern, Abweichungen und Widersprüchen ist, kann man es mit zwei, drei gleichgesinnten Freunden nach dem Wein und nach der Mahlzeit, an regnerischen Abenden beim Kerzenschein, zur Vertreibung der Langeweile genießen. Dazu braucht es keine Empfehlung großer Gelehrter, die es der Nachwelt überliefern. Wenn du aber so nach den Wurzeln gräbst und den Grund suchst, dann bist du einer, der ein Boot mit eingekerbtem Bord sucht oder mit festgeleimtem Steg die Laute stimmt." Der Daoist der Leere hörte dies, warf den Kopf zurück und lachte laut zum Himmel empor, schleuderte die Abschrift zu Boden und schwebte davon. Im Gehen rief er: „Es war also nichts als ausgeschmückter Unsinn! Nicht nur der Verfasser weiß es nicht, der Abschreiber weiß es nicht, und auch der Leser weiß es nicht. Es ist nichts als ein Spiel des Pinsels, zur Ergötzung des Gemüts und zur Befriedigung der Natur!"

Spätere Leser, die diese Erzählung sahen, haben ebenfalls vier Verszeilen als Nachwort verfasst, die über die Einleitung des Verfassers noch einen Schritt hinausgehen. Sie lauten:

Wo es bitter wird, da wird das Absurde erst recht traurig. Von jeher ist alles ein und derselbe Traum; Lacht nicht über die Torheit der Welt!


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Chin. 秋纹 Qiūwén, wörtl. „Herbstmuster". Eine von Schatzjades Zofen.
  2. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.
  3. Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.
  4. Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.
  5. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann". Schatzjades Vater.
  6. Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng. Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.
  7. Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente". Kammerzofe der Herzoginmutter.
  8. Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann". Enkel von Aufrecht Kaufmann, Sohn von Seidenweiß Pflaume.
  9. Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftkastanie". Konkubine von Becken Schnee.
  10. Chin. 贾赦 Jiǎ Shè, wörtl. „Begnadigung Kaufmann". Älterer Bruder von Aufrecht Kaufmann.
  11. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn. Oberhaupt des Stillfriede-Zweigs der Kaufmann-Familie.
  12. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.
  13. Chin. 刘姥姥 Liú Lǎolao, wörtl. „Oma Liu". Einfache Bäuerin und Wohltäterin.
  14. Chin. 贾雨村 Jiǎ Yǔcūn. Aufsteigender Beamter aus dem ersten Kapitel, homophon mit „vorgetäuschte Worte".
  15. Chin. 甄士隐 Zhēn Shìyǐn. Gelehrter aus dem ersten Kapitel, homophon mit „wahrlich verborgen".