Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 36"

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Kapitel 36
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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In dem im Haus der Freude am Roten ein besticktes Mandarinenentenpaar einen Traum weissagt
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_36|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_36|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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und im Birnendufthof die Erkenntnis des vorbestimmten Schicksals zur Einsicht in die Liebe führt
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= Kapitel 36 =
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Als die Herzoginmutter<ref>贾母 Jiǎ Mǔ, wörtl. „Matriarchin der Kaufmann-Familie" — die Großmutter des Hauses Kaufmann (Jiǎ), eine der mächtigsten Figuren des Romans.</ref> von Dame König<ref>王夫人 Wáng Fūrén — Schatzjades Mutter, zweite Frau des Aufrecht Kaufmann.</ref> zurückkehrte und sah, dass es Schatzjade<ref>贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann-Jade" — der männliche Protagonist des Romans, ein verträumter junger Mann aus der Kaufmann-Familie.</ref> von Tag zu Tag besser ging, war sie natürlich erfreut. Weil sie aber befürchtete, Aufrecht Kaufmann<ref>贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann" — Schatzjades Vater, ein strenger konfuzianischer Beamter.</ref> könnte ihn künftig wieder zu sich rufen lassen, ließ sie den Anführer seiner Leibdiener kommen und wies ihn an: „Wenn künftig ein Anlass zum Empfangen von Gästen oder zu Bewirtungen besteht und dein Herr Schatzjade rufen lassen will, brauchst du den Befehl nicht nach oben weiterzugeben. Antworte ihm einfach, ich hätte gesagt: erstens sei er so schwer geschlagen worden, dass er sich mehrere Monate gründlich erholen müsse, ehe er wieder gehen könne; und zweitens stünden seine Sterne ungünstig — solange den Sternen geopfert werde, dürfe er keinen Fremden sehen, und erst nach dem achten Monat dürfe er wieder zum Innentor hinaus." Der Diener nahm den Befehl entgegen und ging fort.
  
== In dem im Haus der Freude am Roten ein besticktes Mandarinenentenpaar einen Traum weissagt ==
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Daraufhin ließ die Herzoginmutter Amme Li und Dufthauch<ref>袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — Schatzjades treueste Kammerzofe, besonnen und pflichtbewusst.</ref> kommen, teilte ihnen diese Anordnung mit und trug ihnen auf, sie Schatzjade weiterzugeben, damit er beruhigt sei. Schatzjade aber mochte sich ohnehin ungern mit Beamten und Männern im Allgemeinen unterhalten, und „hohe Zeremonialmützen und steife Amtsgewänder" sowie das ganze Hin und Her von „Gratulations- und Kondolenzbesuchen" waren ihm zutiefst verhasst. Als er nun von dieser Anordnung erfuhr, war er überglücklich. Fortan brach er nicht nur den Verkehr mit Verwandten und Freunden vollständig ab, sondern verfuhr sogar mit den morgendlichen und abendlichen Begrüßungen innerhalb der Familie ganz nach Belieben. Tag für Tag streifte er im Garten umher oder schlief, und nur jeden Morgen in aller Frühe schaute er bei der Herzoginmutter und bei Dame König vorbei und kam gleich wieder zurück. Stattdessen war er jederzeit bereit, den Dienstmädchen seine Dienste anzubieten, und verbrachte so seine Tage in völliger Muße.
  
=== und im Birnendufthof die Erkenntnis des vorbestimmten Schicksals zur Einsicht in die Liebe führt ===
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Wenn aber etwa Schatzspange<ref>薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Schnee-Haarspange" — Schatzjades Kusine aus der Familie Xue, klug, besonnen und tugendreich.</ref> und ihresgleichen bei passender Gelegenheit versuchten, ihn zur Vernunft zu bringen, geriet er in Zorn und sagte: „Da ist nun ein gutes, reines, unschuldiges Mädchen, und selbst das hat gelernt, nach Ruhm und Ansehen zu angeln, und reiht sich ein unter die Landesbetrüger und Postenjäger! An allem sind die Alten schuld, die ohne jeden Grund Unheil anrichteten und Lehren und Maximen aufstellten, nur um in späteren Zeiten die törichten Männer — dieses trübe Gesindel — anzuleiten. Nie hätte ich gedacht, dass ich das Unglück haben würde, in einer Zeit zu leben, da auch die Bewohnerinnen der edlen Gemächer und bestickten Hallen von diesem Übel angesteckt sind. Das ist wahrhaftig ein Frevel gegen die Gnade von Himmel und Erde, die an schönen Stätten Schönes gedeihen lässt!" So erstreckte sich sein Zorn bis auf die Alten, und er verbrannte schließlich alle Bücher außer den Vier Klassikern <ref>Die vier Grundwerke des Konfuzianismus: Lunyu, Mengzi, Daxue, Zhongyong</ref>.
  
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Als die anderen sahen, wie verrückt er sich benahm, redete niemand mehr ernsthaft mit ihm. Einzig Kajaljade<ref>林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal Wald-Jade" — die weibliche Protagonistin, Schatzjades Kusine mütterlicherseits, berühmt für ihre Dichtkunst und Empfindsamkeit.</ref> hatte ihm von klein auf niemals geraten, sich einen Namen zu machen oder nach einer Position zu streben, und gerade deshalb verehrte er sie so zutiefst.
  
Als die Herzoginmutter<ref>贾母 Jiǎ Mǔ, wörtl. „Matriarchin der Kaufmann-Familie" — die Großmutter des Hauses Kaufmann (Jiǎ), eine der mächtigsten Figuren des Romans.</ref> von Dame Wang<ref>王夫人 Wáng Fūrén — Schatzjades Mutter, zweite Frau des Kaufmann Aufrecht.</ref> zurückkehrte und sah, dass es Schatzjade<ref>贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kaufmann Kostbare-Jade" — der männliche Protagonist des Romans, ein verträumter junger Mann aus der Kaufmann-Familie.</ref> von Tag zu Tag besser ging, war sie natürlich erfreut. Weil sie aber befürchtete, Kaufmann Aufrecht<ref>贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Kaufmann Aufrecht" — Schatzjades Vater, ein strenger konfuzianischer Beamter.</ref> könnte ihn künftig wieder zu sich rufen lassen, ließ sie den Anführer seiner Leibdiener kommen und wies ihn an: „Wenn künftig ein Anlass zum Empfangen von Gästen oder zu Bewirtungen besteht und dein Herr Schatzjade rufen lassen will, brauchst du den Befehl nicht nach oben weiterzugeben. Antworte ihm einfach, ich hätte gesagt: erstens sei er so schwer geschlagen worden, dass er sich mehrere Monate gründlich erholen müsse, ehe er wieder gehen könne; und zweitens stünden seine Sterne ungünstig — solange den Sternen geopfert werde, dürfe er keinen Fremden sehen, und erst nach dem achten Monat dürfe er wieder zum Innentor hinaus." Der Diener nahm den Befehl entgegen und ging fort.
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Doch genug der müßigen Worte! Berichten wir nun von Phönixglanz<ref>王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Heiterer König-Phönix" — die energische und verschlagene Haushälterin des Kaufmann-Anwesens.</ref>. Seit dem Tod von Goldarmspange<ref>Chin. 金钏</ref> erlebte sie, dass ihr etliche Sklavenfamilien immer häufiger Geschenke brachten und unentwegt kamen, um ihre Aufwartung zu machen und ihr zu schmeicheln. Sie wurde stutzig und konnte sich nicht erklären, was das zu bedeuten hatte. Als sie eines Tages wieder Geschenke erhielt, fragte sie abends, als sie mit Friedchen<ref>平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen" — Phönixglanz' loyale Kammerzofe und engste Vertraute.</ref> allein war, lächelnd: „Eigentlich habe ich mit diesen Familien nicht viel zu schaffen. Warum hängen sie sich plötzlich so an mich?"
 
 
Daraufhin ließ die Herzoginmutter Amme Li und Dufthauch<ref>袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — Schatzjades treueste Kammerzofe, besonnen und pflichtbewusst.</ref> kommen, teilte ihnen diese Anordnung mit und trug ihnen auf, sie Schatzjade weiterzugeben, damit er beruhigt sei. Schatzjade aber mochte sich ohnehin ungern mit Beamten und Männern im Allgemeinen unterhalten, und „hohe Zeremonialmützen und steife Amtsgewänder" sowie das ganze Hin und Her von „Gratulations- und Kondolenzbesuchen" waren ihm zutiefst verhasst. Als er nun von dieser Anordnung erfuhr, war er überglücklich. Fortan brach er nicht nur den Verkehr mit Verwandten und Freunden vollständig ab, sondern verfuhr sogar mit den morgendlichen und abendlichen Begrüßungen innerhalb der Familie ganz nach Belieben. Tag für Tag streifte er im Garten umher oder schlief, und nur jeden Morgen in aller Frühe schaute er bei der Herzoginmutter und bei Dame Wang vorbei und kam gleich wieder zurück. Stattdessen war er jederzeit bereit, den Dienstmädchen seine Dienste anzubieten, und verbrachte so seine Tage in völliger Muße.
 
 
 
Wenn aber etwa Schatzspange<ref>薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schnee Kostbare-Haarspange" — Schatzjades Kusine aus der Familie Xue, klug, besonnen und tugendreich.</ref> und ihresgleichen bei passender Gelegenheit versuchten, ihn zur Vernunft zu bringen, geriet er in Zorn und sagte: „Da ist nun ein gutes, reines, unschuldiges Mädchen, und selbst das hat gelernt, nach Ruhm und Ansehen zu angeln, und reiht sich ein unter die Landesbetrüger und Postenjäger! An allem sind die Alten schuld, die ohne jeden Grund Unheil anrichteten und Lehren und Maximen aufstellten, nur um in späteren Zeiten die törichten Männer — dieses trübe Gesindel — anzuleiten. Nie hätte ich gedacht, dass ich das Unglück haben würde, in einer Zeit zu leben, da auch die Bewohnerinnen der edlen Gemächer und bestickten Hallen von diesem Übel angesteckt sind. Das ist wahrhaftig ein Frevel gegen die Gnade von Himmel und Erde, die an schönen Stätten Schönes gedeihen lässt!" So erstreckte sich sein Zorn bis auf die Alten, und er verbrannte schließlich alle Bücher außer den Vier Klassikern <ref>Die vier Grundwerke des Konfuzianismus: Lunyu, Mengzi, Daxue, Zhongyong</ref>.
 
 
 
Als die anderen sahen, wie verrückt er sich benahm, redete niemand mehr ernsthaft mit ihm. Einzig Kajaljade<ref>林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Wald Kajal-Jade" — die weibliche Protagonistin, Schatzjades Kusine mütterlicherseits, berühmt für ihre Dichtkunst und Empfindsamkeit.</ref> hatte ihm von klein auf niemals geraten, sich einen Namen zu machen oder nach einer Position zu streben, und gerade deshalb verehrte er sie so zutiefst.
 
 
 
Doch genug der müßigen Worte! Berichten wir nun von Phönixglanz<ref>王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „König Heiterer-Phönix" — die energische und verschlagene Haushälterin des Kaufmann-Anwesens.</ref>. Seit dem Tod von Goldarmspange<ref>Chin. 金钏</ref> erlebte sie, dass ihr etliche Sklavenfamilien immer häufiger Geschenke brachten und unentwegt kamen, um ihre Aufwartung zu machen und ihr zu schmeicheln. Sie wurde stutzig und konnte sich nicht erklären, was das zu bedeuten hatte. Als sie eines Tages wieder Geschenke erhielt, fragte sie abends, als sie mit Friedchen<ref>平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen" — Phönixglanz' loyale Kammerzofe und engste Vertraute.</ref> allein war, lächelnd: „Eigentlich habe ich mit diesen Familien nicht viel zu schaffen. Warum hängen sie sich plötzlich so an mich?"
 
  
 
Friedchen lächelte kühl und sagte: „Kommt Ihr wirklich nicht darauf, gnädige Frau? Ich vermute, ihre Töchter gehören alle zu den Dienstmädchen der gnädigen Frau. Die gnädige Frau hat vier bevorzugte Mägde, die je ein Liang Silber im Monat bekommen, und die übrigen erhalten nur ein paar hundert Kupfermünzen. Nun, da Goldarmspange tot ist, wollen sie sich bestimmt diese schöne Stelle mit den zwei Liang Silber sichern."
 
Friedchen lächelte kühl und sagte: „Kommt Ihr wirklich nicht darauf, gnädige Frau? Ich vermute, ihre Töchter gehören alle zu den Dienstmädchen der gnädigen Frau. Die gnädige Frau hat vier bevorzugte Mägde, die je ein Liang Silber im Monat bekommen, und die übrigen erhalten nur ein paar hundert Kupfermünzen. Nun, da Goldarmspange tot ist, wollen sie sich bestimmt diese schöne Stelle mit den zwei Liang Silber sichern."
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Phönixglanz hörte das und lachte: „Richtig, richtig! Gut, dass du mich daran erinnerst. Diese Leute sind wirklich unersättlich! Geld verdienen sie genug, mit schweren Aufgaben werden sie nicht behelligt, und es müsste ihnen genügen, dass ihre Töchter als Mägde untergebracht sind. Aber nein, sie wollen noch mehr! Nun gut — wohin sollten sie sonst ihr Geld tragen? Das haben sie sich selbst zuzuschreiben! Was sie mir schicken, nehme ich an! Einen Plan habe ich ohnehin."
 
Phönixglanz hörte das und lachte: „Richtig, richtig! Gut, dass du mich daran erinnerst. Diese Leute sind wirklich unersättlich! Geld verdienen sie genug, mit schweren Aufgaben werden sie nicht behelligt, und es müsste ihnen genügen, dass ihre Töchter als Mägde untergebracht sind. Aber nein, sie wollen noch mehr! Nun gut — wohin sollten sie sonst ihr Geld tragen? Das haben sie sich selbst zuzuschreiben! Was sie mir schicken, nehme ich an! Einen Plan habe ich ohnehin."
  
Mit diesem Vorsatz im Herzen zögerte Phönixglanz die Angelegenheit hinaus und wartete, bis die Leute ihr genug gebracht hatten. Erst dann, als alles eingestrichen war, unterrichtete sie Dame Wang.
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Mit diesem Vorsatz im Herzen zögerte Phönixglanz die Angelegenheit hinaus und wartete, bis die Leute ihr genug gebracht hatten. Erst dann, als alles eingestrichen war, unterrichtete sie Dame König.
  
Eines Mittags nun, als Tante Schnee<ref>薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Schnee" — Schatzspanges Mutter, Schwester von Dame Wang.</ref> mit ihrer Tochter sowie Kajaljade bei Dame Wang saßen und aßen, nutzte Phönixglanz die Gelegenheit und meldete Dame Wang: „Seit Jadearmschanges<ref>Chin. 玉钏</ref> ältere Schwester gestorben ist, fehlt Euch eine Person in der Bedienung. Wenn Ihr schon ein geeignetes Mädchen im Auge habt, gnädige Frau, so befehlt nur — dann kann ich nächsten Monat das Monatsgeld entsprechend auszahlen."
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Eines Mittags nun, als Tante Schnee<ref>薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Schnee" — Schatzspanges Mutter, Schwester von Dame König.</ref> mit ihrer Tochter sowie Kajaljade bei Dame König saßen und aßen, nutzte Phönixglanz die Gelegenheit und meldete Dame König: „Seit Jadearmschanges<ref>Chin. 玉钏</ref> ältere Schwester gestorben ist, fehlt Euch eine Person in der Bedienung. Wenn Ihr schon ein geeignetes Mädchen im Auge habt, gnädige Frau, so befehlt nur — dann kann ich nächsten Monat das Monatsgeld entsprechend auszahlen."
  
Dame Wang überlegte einen Moment und sagte dann: „Wozu diese Regel, dass es unbedingt vier oder fünf sein müssen? Wenn ich genug habe, reicht es. Darauf können wir verzichten."
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Dame König überlegte einen Moment und sagte dann: „Wozu diese Regel, dass es unbedingt vier oder fünf sein müssen? Wenn ich genug habe, reicht es. Darauf können wir verzichten."
  
 
Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Im Grunde habt Ihr recht, gnädige Frau. Aber es ist nun einmal die alte Regel, und in den Gemächern anderer gibt es sogar zwei solcher Mägde — da könnt Ihr doch nicht hinter der Regel zurückbleiben. Außerdem spart Ihr mit dem einen Liang Silber auch nicht viel."
 
Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Im Grunde habt Ihr recht, gnädige Frau. Aber es ist nun einmal die alte Regel, und in den Gemächern anderer gibt es sogar zwei solcher Mägde — da könnt Ihr doch nicht hinter der Regel zurückbleiben. Außerdem spart Ihr mit dem einen Liang Silber auch nicht viel."
  
Dame Wang überlegte nochmals und sagte dann: „Also gut. Das Monatsgeld wird weiter ausgezahlt wie bisher, aber eine neue Magd wird nicht eingestellt. Das eine Liang Silber gibst du stattdessen ihrer Schwester Jadearmspange<ref>Chin. 玉钏</ref>. Die Verstorbene hat mir so lange gedient und hat kein gutes Ende genommen. Da ist es nicht zu viel, wenn ihre Schwester, die noch bei mir ist, doppeltes Gehalt bekommt."
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Dame König überlegte nochmals und sagte dann: „Also gut. Das Monatsgeld wird weiter ausgezahlt wie bisher, aber eine neue Magd wird nicht eingestellt. Das eine Liang Silber gibst du stattdessen ihrer Schwester Jadearmspange<ref>Chin. 玉钏</ref>. Die Verstorbene hat mir so lange gedient und hat kein gutes Ende genommen. Da ist es nicht zu viel, wenn ihre Schwester, die noch bei mir ist, doppeltes Gehalt bekommt."
  
Phönixglanz bestätigte und wandte sich dann um, suchte Jadearmspange und rief ihr lächelnd zu: „Große Freude, große Freude!" Jadearmspange kam herbei und dankte Dame Wang mit einem Stirnaufschlag.
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Phönixglanz bestätigte und wandte sich dann um, suchte Jadearmspange und rief ihr lächelnd zu: „Große Freude, große Freude!" Jadearmspange kam herbei und dankte Dame König mit einem Stirnaufschlag.
  
Dame Wang fragte darauf: „Was ich noch wissen wollte: Wie viel Monatsgeld bekommen die Nebenfrauen Zhao und Zhou zurzeit?"
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Dame König fragte darauf: „Was ich noch wissen wollte: Wie viel Monatsgeld bekommen die Nebenfrauen Zhao und Zhou zurzeit?"
  
„Das ist fest geregelt", antwortete Phönixglanz. „Jede bekommt zwei Liang. Nebenfrau Zhao erhält zusätzlich zwei Liang für Kaufmann Ring<ref>Chin. 贾环</ref>, das macht zusammen vier Liang, dazu noch vier Schnüre Kupfermünzen."
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„Das ist fest geregelt", antwortete Phönixglanz. „Jede bekommt zwei Liang. Nebenfrau Zhao erhält zusätzlich zwei Liang für Unheil Kaufmann<ref>Chin. 贾环</ref>, das macht zusammen vier Liang, dazu noch vier Schnüre Kupfermünzen."
  
„Bekommen sie auch die volle Summe?", vergewisserte sich Dame Wang.
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„Bekommen sie auch die volle Summe?", vergewisserte sich Dame König.
  
 
Phönixglanz fand die Frage seltsam und antwortete rasch: „Aber natürlich! Wie denn sonst?"
 
Phönixglanz fand die Frage seltsam und antwortete rasch: „Aber natürlich! Wie denn sonst?"
  
Dame Wang sagte: „Neulich schien mir, als hätte sich jemand beklagt, dass eine Schnur Münzen fehle. Woran liegt das?"
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Dame König sagte: „Neulich schien mir, als hätte sich jemand beklagt, dass eine Schnur Münzen fehle. Woran liegt das?"
  
 
Phönixglanz gab sogleich lächelnd Auskunft: „Das Monatsgeld für die Mägde der Nebenfrauen betrug ursprünglich eine Schnur Münzen pro Person. Aber letztes Jahr hat man draußen beschlossen, das Geld für die Mägde der Nebenfrauen um die Hälfte zu kürzen — nur noch fünfhundert Münzen pro Person. Jede Nebenfrau hat zwei Mägde, daher fehlt eine Schnur.
 
Phönixglanz gab sogleich lächelnd Auskunft: „Das Monatsgeld für die Mägde der Nebenfrauen betrug ursprünglich eine Schnur Münzen pro Person. Aber letztes Jahr hat man draußen beschlossen, das Geld für die Mägde der Nebenfrauen um die Hälfte zu kürzen — nur noch fünfhundert Münzen pro Person. Jede Nebenfrau hat zwei Mägde, daher fehlt eine Schnur.
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Jetzt, da ich die Auszahlung handhabe, bekommen sie ihr Geld pünktlich auf den Tag. Früher, als sie es draußen bekamen, gab es jeden Monat Streit. Wann wäre es jemals reibungslos abgelaufen?"
 
Jetzt, da ich die Auszahlung handhabe, bekommen sie ihr Geld pünktlich auf den Tag. Früher, als sie es draußen bekamen, gab es jeden Monat Streit. Wann wäre es jemals reibungslos abgelaufen?"
  
Dame Wang ließ die Sache damit auf sich beruhen. Nach langem Schweigen fragte sie: „Wie viele Mägde mit einem Liang im Monat hat die alte gnädige Frau?"
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Dame König ließ die Sache damit auf sich beruhen. Nach langem Schweigen fragte sie: „Wie viele Mägde mit einem Liang im Monat hat die alte gnädige Frau?"
  
 
„Acht", sagte Phönixglanz. „Aber jetzt sind es nur noch sieben, denn die achte ist Dufthauch."
 
„Acht", sagte Phönixglanz. „Aber jetzt sind es nur noch sieben, denn die achte ist Dufthauch."
  
Dame Wang sagte: „Eben. Schatzjade hat eigentlich gar keine Magd mit einem Liang Silber. Dufthauch gehört nach wie vor zum Haushalt der alten gnädigen Frau."
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Dame König sagte: „Eben. Schatzjade hat eigentlich gar keine Magd mit einem Liang Silber. Dufthauch gehört nach wie vor zum Haushalt der alten gnädigen Frau."
  
Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Dufthauch gehört in der Tat zur alten gnädigen Frau — sie wurde Schatzjade nur zur Bedienung überlassen. Ihr Liang Silber wird aus dem Mägde-Etat der alten gnädigen Frau gezahlt. Wenn man nun sagen wollte, da Dufthauch zu Schatzjades Leuten gehöre, solle man ihr dieses Liang Silber streichen, so ginge das auf keinen Fall. Wollte man ihr Geld kürzen, müsste man der alten gnädigen Frau stattdessen eine andere Magd zuweisen. Andernfalls müsste auch Kaufmann Ring eine solche Magd bekommen, damit es gerecht und ausgewogen zugeht.
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Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Dufthauch gehört in der Tat zur alten gnädigen Frau — sie wurde Schatzjade nur zur Bedienung überlassen. Ihr Liang Silber wird aus dem Mägde-Etat der alten gnädigen Frau gezahlt. Wenn man nun sagen wollte, da Dufthauch zu Schatzjades Leuten gehöre, solle man ihr dieses Liang Silber streichen, so ginge das auf keinen Fall. Wollte man ihr Geld kürzen, müsste man der alten gnädigen Frau stattdessen eine andere Magd zuweisen. Andernfalls müsste auch Unheil Kaufmann eine solche Magd bekommen, damit es gerecht und ausgewogen zugeht.
  
 
Was die sieben älteren Mägde betrifft — Heitermuster<ref>晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster" — ein temperamentvolles Dienstmädchen Schatzjades, berühmt für ihre Schönheit und Nadelkunst.</ref>, Moschusmond<ref>麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond" — ein Dienstmädchen Schatzjades.</ref> und die übrigen bekommen je eine Schnur Münzen im Monat, und die acht jüngeren wie Jiahui bekommen je fünfhundert Münzen — das hat die alte gnädige Frau so bestimmt. Darüber kann sich niemand aufregen."
 
Was die sieben älteren Mägde betrifft — Heitermuster<ref>晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster" — ein temperamentvolles Dienstmädchen Schatzjades, berühmt für ihre Schönheit und Nadelkunst.</ref>, Moschusmond<ref>麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond" — ein Dienstmädchen Schatzjades.</ref> und die übrigen bekommen je eine Schnur Münzen im Monat, und die acht jüngeren wie Jiahui bekommen je fünfhundert Münzen — das hat die alte gnädige Frau so bestimmt. Darüber kann sich niemand aufregen."
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Tante Schnee erwiderte ebenfalls lächelnd: „Nicht im Geringsten! Aber wenn du etwas langsamer sprechen würdest, würdest du dir Kraft sparen."
 
Tante Schnee erwiderte ebenfalls lächelnd: „Nicht im Geringsten! Aber wenn du etwas langsamer sprechen würdest, würdest du dir Kraft sparen."
  
Phönixglanz wollte schon lachen, besann sich aber und wartete auf Dame Wangs Weisung.
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Phönixglanz wollte schon lachen, besann sich aber und wartete auf Dame Königs Weisung.
  
Dame Wang überlegte lange und sagte dann zu Phönixglanz: „Morgen suchst du ein tüchtiges Mädchen aus und schickst es zur alten gnädigen Frau als Ersatz für Dufthauch. Dufthauchs Anteil wird gestrichen. Von meinen zwanzig Liang Silber Monatsgeld nimmst du zwei Liang Silber und eine Schnur Münzen heraus und gibst sie Dufthauch. Künftig soll Dufthauch alles erhalten, was auch Nebenfrau Zhao und Nebenfrau Zhou bekommen, nur dass Dufthauchs Anteil von meinem Monatsgeld abgezogen wird und das Haushaltsgeld nicht belastet."
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Dame König überlegte lange und sagte dann zu Phönixglanz: „Morgen suchst du ein tüchtiges Mädchen aus und schickst es zur alten gnädigen Frau als Ersatz für Dufthauch. Dufthauchs Anteil wird gestrichen. Von meinen zwanzig Liang Silber Monatsgeld nimmst du zwei Liang Silber und eine Schnur Münzen heraus und gibst sie Dufthauch. Künftig soll Dufthauch alles erhalten, was auch Nebenfrau Zhao und Nebenfrau Zhou bekommen, nur dass Dufthauchs Anteil von meinem Monatsgeld abgezogen wird und das Haushaltsgeld nicht belastet."
  
 
Phönixglanz bestätigte einen Punkt nach dem anderen, dann stieß sie Tante Schnee lächelnd an und fragte: „Habt Ihr gehört, Frau Tante? Was ich immer vorausgesagt habe, ist heute tatsächlich eingetroffen!"
 
Phönixglanz bestätigte einen Punkt nach dem anderen, dann stieß sie Tante Schnee lächelnd an und fragte: „Habt Ihr gehört, Frau Tante? Was ich immer vorausgesagt habe, ist heute tatsächlich eingetroffen!"
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Tante Schnee sagte: „Das war schon längst überfällig. Über ihr Äußeres brauche ich nichts zu sagen, aber dieses edle Betragen, diese zuvorkommende Art im Umgang mit Menschen — freundlich und zugleich von innerer Festigkeit und Stärke — so etwas findet man wahrlich selten."
 
Tante Schnee sagte: „Das war schon längst überfällig. Über ihr Äußeres brauche ich nichts zu sagen, aber dieses edle Betragen, diese zuvorkommende Art im Umgang mit Menschen — freundlich und zugleich von innerer Festigkeit und Stärke — so etwas findet man wahrlich selten."
  
Dame Wang sagte unter Tränen: „Ihr wisst ja gar nicht, was für ein gutes Kind Dufthauch ist! Zehnmal besser als mein Schatzjade! Wenn Schatzjade wirklich Glück im Leben haben soll, dann genügt es, wenn sie ihm ein Leben lang treu dient."
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Dame König sagte unter Tränen: „Ihr wisst ja gar nicht, was für ein gutes Kind Dufthauch ist! Zehnmal besser als mein Schatzjade! Wenn Schatzjade wirklich Glück im Leben haben soll, dann genügt es, wenn sie ihm ein Leben lang treu dient."
  
 
Phönixglanz sagte: „Wenn es so steht, warum lasst Ihr sie nicht ihr Gesicht herrichten <ref>‚das Gesicht herrichten' (开了脸) bezeichnet das Zupfen der Gesichtsbehaarung, ein Ritual, das eine Frau als verheiratet bzw. als Nebenfrau kennzeichnet</ref> und gebt sie ihm offiziell als Nebenfrau? Wäre das nicht das Beste?"
 
Phönixglanz sagte: „Wenn es so steht, warum lasst Ihr sie nicht ihr Gesicht herrichten <ref>‚das Gesicht herrichten' (开了脸) bezeichnet das Zupfen der Gesichtsbehaarung, ein Ritual, das eine Frau als verheiratet bzw. als Nebenfrau kennzeichnet</ref> und gebt sie ihm offiziell als Nebenfrau? Wäre das nicht das Beste?"
  
Dame Wang antwortete: „Nein, das ginge nicht. Erstens sind sie beide noch jung. Zweitens würde der Herr es nicht erlauben. Und drittens: Solange Schatzjade in Dufthauch nur ein Dienstmädchen sieht, hört er trotz aller Ausschweifungen noch auf ihre Mahnungen. Wenn sie aber erst seine offizielle Nebenfrau wäre, würde Dufthauch es nicht mehr wagen, ihm offen Vorhaltungen zu machen. Darum belassen wir es vorerst, wie es ist, und in zwei, drei Jahren sehen wir weiter."
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Dame König antwortete: „Nein, das ginge nicht. Erstens sind sie beide noch jung. Zweitens würde der Herr es nicht erlauben. Und drittens: Solange Schatzjade in Dufthauch nur ein Dienstmädchen sieht, hört er trotz aller Ausschweifungen noch auf ihre Mahnungen. Wenn sie aber erst seine offizielle Nebenfrau wäre, würde Dufthauch es nicht mehr wagen, ihm offen Vorhaltungen zu machen. Darum belassen wir es vorerst, wie es ist, und in zwei, drei Jahren sehen wir weiter."
  
 
Nachdem längere Zeit nichts mehr gesagt wurde, merkte Phönixglanz, dass das Gespräch beendet war, und ging hinaus. Kaum war sie unter dem Dachvorsprung angelangt, sah sie mehrere mit Haushaltsangelegenheiten betraute Sklavenfrauen, die auf sie warteten, um ihr Bericht zu erstatten. Als sie herauskam, sagten die Frauen lachend: „Was habt Ihr heute gemeldet, gnädige Frau, dass es so lange gedauert hat? Man wird ja vor Hitze halb gar!"
 
Nachdem längere Zeit nichts mehr gesagt wurde, merkte Phönixglanz, dass das Gespräch beendet war, und ging hinaus. Kaum war sie unter dem Dachvorsprung angelangt, sah sie mehrere mit Haushaltsangelegenheiten betraute Sklavenfrauen, die auf sie warteten, um ihr Bericht zu erstatten. Als sie herauskam, sagten die Frauen lachend: „Was habt Ihr heute gemeldet, gnädige Frau, dass es so lange gedauert hat? Man wird ja vor Hitze halb gar!"
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Und so ging sie, noch immer schimpfend, davon, um eine Magd auszusuchen und der Herzoginmutter darüber Meldung zu machen. Aber davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
 
Und so ging sie, noch immer schimpfend, davon, um eine Magd auszusuchen und der Herzoginmutter darüber Meldung zu machen. Aber davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
  
Nachdem Dame Wang und die anderen ihre Wassermelone gegessen und noch ein Weilchen geplaudert hatten, gingen sie auseinander. Schatzspange und Kajaljade kehrten in den Garten zurück, und Schatzspange schlug Kajaljade vor, mit ihr zum Kiosk des Lotoswurzelduftes<ref>Chin. 藕香榭</ref> zu gehen. Kajaljade aber sagte, sie wolle gleich ein Bad nehmen, und so trennten sie sich.
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Nachdem Dame König und die anderen ihre Wassermelone gegessen und noch ein Weilchen geplaudert hatten, gingen sie auseinander. Schatzspange und Kajaljade kehrten in den Garten zurück, und Schatzspange schlug Kajaljade vor, mit ihr zum Kiosk des Lotoswurzelduftes<ref>Chin. 藕香榭</ref> zu gehen. Kajaljade aber sagte, sie wolle gleich ein Bad nehmen, und so trennten sie sich.
  
Schatzspange ging allein weiter und betrat, da ihr Weg sie daran vorbeiführte, den Hof der Freude am Roten<ref>Chin. 怡红院</ref>, um mit Schatzjade zu plaudern und ihre mittägliche Müdigkeit zu vertreiben. Doch als sie den Hof betrat, herrschte Totenstille — nicht einmal ein Sperling war zu hören, und sogar die beiden Mandschurenkraniche unter den Bananenstauden dösten. Schatzspange ging durch den Wandelgang ins Haus, und im Vorzimmer lagen die Dienstmädchen kreuz und quer auf den Betten und schliefen. Sie bog um die Zierwand mit den Fächern und betrat Schatzjades Zimmer: Er lag schlafend auf dem Bett. Dufthauch saß an seiner Seite, eine Nadelarbeit in den Händen, und neben ihr lag ein Fliegenwedel aus weißem Nashornbein <ref>白犀麈 — ein luxuriöser Fliegenwedel mit einem Griff aus weißem Rhinozeroshorn</ref>.
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Schatzspange ging allein weiter und betrat, da ihr Weg sie daran vorbeiführte, den Hof der Roten Freude<ref>Chin. 怡红院</ref>, um mit Schatzjade zu plaudern und ihre mittägliche Müdigkeit zu vertreiben. Doch als sie den Hof betrat, herrschte Totenstille — nicht einmal ein Sperling war zu hören, und sogar die beiden Mandschurenkraniche unter den Bananenstauden dösten. Schatzspange ging durch den Wandelgang ins Haus, und im Vorzimmer lagen die Dienstmädchen kreuz und quer auf den Betten und schliefen. Sie bog um die Zierwand mit den Fächern und betrat Schatzjades Zimmer: Er lag schlafend auf dem Bett. Dufthauch saß an seiner Seite, eine Nadelarbeit in den Händen, und neben ihr lag ein Fliegenwedel aus weißem Nashornbein <ref>白犀麈 — ein luxuriöser Fliegenwedel mit einem Griff aus weißem Rhinozeroshorn</ref>.
  
 
Schatzspange trat leise heran und flüsterte lächelnd: „Du bist wirklich zu vorsichtig! Wo gibt es denn hier im Zimmer noch Fliegen oder Mücken? Wozu brauchst du da den Fliegenwedel?"
 
Schatzspange trat leise heran und flüsterte lächelnd: „Du bist wirklich zu vorsichtig! Wo gibt es denn hier im Zimmer noch Fliegen oder Mücken? Wozu brauchst du da den Fliegenwedel?"
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Schatzspange, ganz in die Betrachtung der Stickarbeit versunken, setzte sich, ohne es recht zu bemerken, genau auf den Platz, auf dem eben noch Dufthauch gesessen hatte. Die Arbeit gefiel ihr so gut, dass sie unwillkürlich zur Nadel griff und weiterstickte.
 
Schatzspange, ganz in die Betrachtung der Stickarbeit versunken, setzte sich, ohne es recht zu bemerken, genau auf den Platz, auf dem eben noch Dufthauch gesessen hatte. Die Arbeit gefiel ihr so gut, dass sie unwillkürlich zur Nadel griff und weiterstickte.
  
Nun traf es sich, dass Kajaljade unterwegs auf Xiangyun<ref>史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Geschichtsschreiber Wolke-am-Xiang-Fluss" — Schatzjades lebenslustige Kusine, eine begabte Dichterin.</ref> gestoßen war, die sie aufgefordert hatte, gemeinsam zu Dufthauch zu gehen und ihr zu gratulieren. Als die beiden in den Hof kamen und alles still fanden, wandte sich Xiangyun zuerst zur Seitengebäude, um dort nach Dufthauch zu suchen. Kajaljade aber trat ans Fenster und schaute durch die Gaze hinein. Da erblickte sie Schatzjade, der in seinem rosafarbenen Gazehemd in lässiger Haltung auf dem Bett lag und schlief — und neben ihm saß Schatzspange, die Nadelarbeit in den Händen, den Fliegenwedel an ihrer Seite.
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Nun traf es sich, dass Kajaljade unterwegs auf Xiangfluss-Wolke<ref>史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Geschichtsschreiber Wolke-am-Xiang-Fluss" — Schatzjades lebenslustige Kusine, eine begabte Dichterin.</ref> gestoßen war, die sie aufgefordert hatte, gemeinsam zu Dufthauch zu gehen und ihr zu gratulieren. Als die beiden in den Hof kamen und alles still fanden, wandte sich Xiangfluss-Wolke zuerst zur Seitengebäude, um dort nach Dufthauch zu suchen. Kajaljade aber trat ans Fenster und schaute durch die Gaze hinein. Da erblickte sie Schatzjade, der in seinem rosafarbenen Gazehemd in lässiger Haltung auf dem Bett lag und schlief — und neben ihm saß Schatzspange, die Nadelarbeit in den Händen, den Fliegenwedel an ihrer Seite.
  
Bei diesem Anblick wich Kajaljade rasch zurück, presste die Hand auf den Mund, um nicht laut herauszulachen, und winkte Xiangyun herbei. Xiangyun sah sie so und glaubte, es gäbe etwas Neues zu sehen. Eilig kam sie heran und schaute ebenfalls hinein. Schon wollte sie loslachen, doch dann besann sie sich, wie gut Schatzspange immer zu ihr war, und hielt sich rasch den Mund zu. Da sie wusste, dass Kajaljade niemanden schonte, und befürchtete, sie könnte sich über Schatzspange lustig machen, zog sie sie rasch beiseite und sagte: „Komm, gehen wir! Mir fällt gerade ein: Dufthauch hat gesagt, sie wolle mittags am Teich Wäsche waschen. Bestimmt ist sie dort. Gehen wir sie suchen!"
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Bei diesem Anblick wich Kajaljade rasch zurück, presste die Hand auf den Mund, um nicht laut herauszulachen, und winkte Xiangfluss-Wolke herbei. Xiangfluss-Wolke sah sie so und glaubte, es gäbe etwas Neues zu sehen. Eilig kam sie heran und schaute ebenfalls hinein. Schon wollte sie loslachen, doch dann besann sie sich, wie gut Schatzspange immer zu ihr war, und hielt sich rasch den Mund zu. Da sie wusste, dass Kajaljade niemanden schonte, und befürchtete, sie könnte sich über Schatzspange lustig machen, zog sie sie rasch beiseite und sagte: „Komm, gehen wir! Mir fällt gerade ein: Dufthauch hat gesagt, sie wolle mittags am Teich Wäsche waschen. Bestimmt ist sie dort. Gehen wir sie suchen!"
  
 
Kajaljade durchschaute sie zwar und lachte ein paarmal kühl, aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
 
Kajaljade durchschaute sie zwar und lachte ein paarmal kühl, aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
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Noch hatte sie nicht ausgesprochen, da erschien eine Botin von Phönixglanz, um Dufthauch zu ihr zu holen. Schatzspange sagte lächelnd: „Das ist genau wegen dieser Sache."
 
Noch hatte sie nicht ausgesprochen, da erschien eine Botin von Phönixglanz, um Dufthauch zu ihr zu holen. Schatzspange sagte lächelnd: „Das ist genau wegen dieser Sache."
  
Dufthauch musste zwei andere Dienstmädchen wecken, und zusammen mit Schatzspange verließ sie den Hof der Freude am Roten. Allein ging sie zu Phönixglanz, und tatsächlich verkündete diese ihr, was Dame Wang entschieden hatte. Dann schickte sie Dufthauch, um sich bei Dame Wang mit einem Stirnaufschlag zu bedanken, und sagte ihr, bei der Herzoginmutter brauche sie vorerst nicht vorzusprechen. Dufthauch war ganz verlegen. Sie ging zu Dame Wang, und als sie eilig zurückkam, war Schatzjade bereits wach und fragte, was geschehen sei. Dufthauch gab ihm zunächst nur eine ausweichende Antwort, und erst in der Stille der Nacht, als alles ruhig war, berichtete sie ihm alles.
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Dufthauch musste zwei andere Dienstmädchen wecken, und zusammen mit Schatzspange verließ sie den Hof der Roten Freude. Allein ging sie zu Phönixglanz, und tatsächlich verkündete diese ihr, was Dame König entschieden hatte. Dann schickte sie Dufthauch, um sich bei Dame König mit einem Stirnaufschlag zu bedanken, und sagte ihr, bei der Herzoginmutter brauche sie vorerst nicht vorzusprechen. Dufthauch war ganz verlegen. Sie ging zu Dame König, und als sie eilig zurückkam, war Schatzjade bereits wach und fragte, was geschehen sei. Dufthauch gab ihm zunächst nur eine ausweichende Antwort, und erst in der Stille der Nacht, als alles ruhig war, berichtete sie ihm alles.
  
 
Schatzjade war außer sich vor Freude und sagte lächelnd zu ihr: „Nun will ich doch einmal sehen, ob du wieder nach Hause gehst! Beim letzten Besuch dort hast du dann erzählt, dein Bruder wolle dich freikaufen, und dann hieß es, hier hättest du auf Dauer keinen sicheren Platz — was das letztlich bedeuten solle, und noch mehr solche herzlosen und treulosen Worte, mit denen du mir Angst machen wolltest. Von heute an möchte ich sehen, wer es noch wagt, dich von hier fortzuholen!"
 
Schatzjade war außer sich vor Freude und sagte lächelnd zu ihr: „Nun will ich doch einmal sehen, ob du wieder nach Hause gehst! Beim letzten Besuch dort hast du dann erzählt, dein Bruder wolle dich freikaufen, und dann hieß es, hier hättest du auf Dauer keinen sicheren Platz — was das letztlich bedeuten solle, und noch mehr solche herzlosen und treulosen Worte, mit denen du mir Angst machen wolltest. Von heute an möchte ich sehen, wer es noch wagt, dich von hier fortzuholen!"
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Schatzjade eilte sogleich zu ihr. Lingguan lag allein auf einem Kissen, und als er eintrat, rührte sie sich nicht. Schatzjade war es von klein auf gewohnt, dass die Mädchen um ihn herum ihm freundlich begegneten, und so glaubte er, Lingguan sei genauso wie alle anderen. Er trat an sie heran, setzte sich neben sie und bat sie lächelnd und schmeichelnd, aufzustehen und ihm die Arie „Im zarten Sonnendunst" <ref>袅晴丝, eine berühmte Arie aus dem Päonienpavillon, Szene „Aufschrecken aus dem Traum"</ref> vorzusingen.
 
Schatzjade eilte sogleich zu ihr. Lingguan lag allein auf einem Kissen, und als er eintrat, rührte sie sich nicht. Schatzjade war es von klein auf gewohnt, dass die Mädchen um ihn herum ihm freundlich begegneten, und so glaubte er, Lingguan sei genauso wie alle anderen. Er trat an sie heran, setzte sich neben sie und bat sie lächelnd und schmeichelnd, aufzustehen und ihm die Arie „Im zarten Sonnendunst" <ref>袅晴丝, eine berühmte Arie aus dem Päonienpavillon, Szene „Aufschrecken aus dem Traum"</ref> vorzusingen.
  
Doch wider Erwarten stand Lingguan, als sie ihn sich hinsetzen sah, hastig auf und wich von ihm zurück. Mit ernster Miene sagte sie: „Meine Stimme ist heiser. Als uns neulich die kaiserliche Nebenfrau <ref>Yuanchun, Schatzjades ältere Schwester</ref> in den Palast rufen ließ, habe ich nicht einmal dort gesungen."
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Doch wider Erwarten stand Lingguan, als sie ihn sich hinsetzen sah, hastig auf und wich von ihm zurück. Mit ernster Miene sagte sie: „Meine Stimme ist heiser. Als uns neulich die kaiserliche Nebenfrau <ref>Urfrühling, Schatzjades ältere Schwester</ref> in den Palast rufen ließ, habe ich nicht einmal dort gesungen."
  
 
Schatzjade sah, dass sie sich aufrecht hingesetzt hatte, und als er sie nun genauer betrachtete, erkannte er in ihr das Mädchen wieder, das einst unter den Rosensträuchern das Schriftzeichen „Qiang" — „Rose"<ref>Chin. 蔷</ref> — in die Erde geschrieben hatte. Noch nie hatte Schatzjade es erlebt, dass ihn jemand so brüskierte und verschmähte. Beschämt und mit rotem Gesicht verließ er das Zimmer.
 
Schatzjade sah, dass sie sich aufrecht hingesetzt hatte, und als er sie nun genauer betrachtete, erkannte er in ihr das Mädchen wieder, das einst unter den Rosensträuchern das Schriftzeichen „Qiang" — „Rose"<ref>Chin. 蔷</ref> — in die Erde geschrieben hatte. Noch nie hatte Schatzjade es erlebt, dass ihn jemand so brüskierte und verschmähte. Beschämt und mit rotem Gesicht verließ er das Zimmer.
  
Baoguan und die anderen verstanden nicht, was geschehen war, und fragten ihn nach dem Grund. Schatzjade erklärte es ihnen und ging hinaus. Baoguan sagte: „Wartet nur ein wenig. Wenn der junge Herr Kaufmann Edelrose<ref>贾蔷 Jiǎ Qiáng, wörtl. „Kaufmann Rose" — ein entfernter Neffe der Kaufmann-Familie.</ref> kommt und sie bittet, wird sie bestimmt singen."
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Baoguan und die anderen verstanden nicht, was geschehen war, und fragten ihn nach dem Grund. Schatzjade erklärte es ihnen und ging hinaus. Baoguan sagte: „Wartet nur ein wenig. Wenn der junge Herr Edelrose Kaufmann<ref>贾蔷 Jiǎ Qiáng, wörtl. „Kaufmann Rose" — ein entfernter Neffe der Kaufmann-Familie.</ref> kommt und sie bittet, wird sie bestimmt singen."
  
 
Schatzjade stutzte und fragte: „Wo ist denn Vetter Edelrose hingegangen?"
 
Schatzjade stutzte und fragte: „Wo ist denn Vetter Edelrose hingegangen?"
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Baoguan antwortete: „Er war eben erst weg. Bestimmt wollte Lingguan wieder etwas haben, und er ist losgezogen, um es zu besorgen."
 
Baoguan antwortete: „Er war eben erst weg. Bestimmt wollte Lingguan wieder etwas haben, und er ist losgezogen, um es zu besorgen."
  
Schatzjade fand das höchst bemerkenswert. Er wartete ein Weilchen, und tatsächlich erschien Kaufmann Edelrose, in der Hand einen kleinen Vogelkäfig mit einer winzigen Bühne darin und einem Vogel darauf. Freudestrahlend kam er herein und suchte nach Lingguan. Als er Schatzjade erblickte, blieb er notgedrungen stehen.
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Schatzjade fand das höchst bemerkenswert. Er wartete ein Weilchen, und tatsächlich erschien Edelrose Kaufmann, in der Hand einen kleinen Vogelkäfig mit einer winzigen Bühne darin und einem Vogel darauf. Freudestrahlend kam er herein und suchte nach Lingguan. Als er Schatzjade erblickte, blieb er notgedrungen stehen.
  
 
Schatzjade fragte: „Was ist das für ein Vogel? Kann er wirklich mit einem Fähnchen im Schnabel auf der Bühne herumlaufen?"
 
Schatzjade fragte: „Was ist das für ein Vogel? Kann er wirklich mit einem Fähnchen im Schnabel auf der Bühne herumlaufen?"
  
Kaufmann Edelrose antwortete lächelnd: „Es ist ein Jadeschopf-Goldbohne <ref>玉顶金豆, eine dressierte Vogelart</ref>."
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Edelrose Kaufmann antwortete lächelnd: „Es ist ein Jadeschopf-Goldbohne <ref>玉顶金豆, eine dressierte Vogelart</ref>."
  
 
Schatzjade fragte: „Was hat er gekostet?"
 
Schatzjade fragte: „Was hat er gekostet?"
  
Kaufmann Edelrose sagte: „Ein Liang acht Qian Silber." Dabei bat er Schatzjade, Platz zu nehmen, und ging selbst in Lingguans Zimmer. Schatzjade hatte inzwischen keine Lust mehr, sich etwas vorsingen zu lassen — er wollte nur noch beobachten, wie Kaufmann Edelrose sich Lingguan gegenüber verhielt.
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Edelrose Kaufmann sagte: „Ein Liang acht Qian Silber." Dabei bat er Schatzjade, Platz zu nehmen, und ging selbst in Lingguans Zimmer. Schatzjade hatte inzwischen keine Lust mehr, sich etwas vorsingen zu lassen — er wollte nur noch beobachten, wie Edelrose Kaufmann sich Lingguan gegenüber verhielt.
  
Er sah, wie Kaufmann Edelrose lächelnd zu ihr sagte: „Steh auf und sieh dir an, was ich hier habe!"
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Er sah, wie Edelrose Kaufmann lächelnd zu ihr sagte: „Steh auf und sieh dir an, was ich hier habe!"
  
 
Lingguan setzte sich auf und fragte: „Was denn?"
 
Lingguan setzte sich auf und fragte: „Was denn?"
  
Kaufmann Edelrose sagte: „Ich habe einen Vogel für dich gekauft, damit du dich amüsieren kannst und nicht mehr jeden Tag so trübselig bist. Ich zeige dir erst einmal, was er kann!" Und mit ein paar Körnern lockte er den Vogel, der tatsächlich auf der kleinen Bühne hin und her lief und Fähnchen und Masken im Schnabel trug.
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Edelrose Kaufmann sagte: „Ich habe einen Vogel für dich gekauft, damit du dich amüsieren kannst und nicht mehr jeden Tag so trübselig bist. Ich zeige dir erst einmal, was er kann!" Und mit ein paar Körnern lockte er den Vogel, der tatsächlich auf der kleinen Bühne hin und her lief und Fähnchen und Masken im Schnabel trug.
  
Die anderen Mädchen lachten alle und riefen: „Das macht Spaß!" Nur Lingguan lachte ein paarmal verächtlich und legte sich schmollend wieder hin. Kaufmann Edelrose blieb lächelnd neben ihr stehen und fragte: „Gefällt er dir?"
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Die anderen Mädchen lachten alle und riefen: „Das macht Spaß!" Nur Lingguan lachte ein paarmal verächtlich und legte sich schmollend wieder hin. Edelrose Kaufmann blieb lächelnd neben ihr stehen und fragte: „Gefällt er dir?"
  
 
Lingguan sagte: „Reicht es nicht, dass eure Familie uns arme Geschöpfe hierher verschleppt und in dieses Gefängnis gesperrt hat, wo wir diesen Unfug lernen müssen? Und jetzt bringst du auch noch einen Vogel, der genau dasselbe machen muss? Du hast ihn doch nur geholt, um dich über uns lustig zu machen! Und dann fragst du noch, ob er mir gefällt!"
 
Lingguan sagte: „Reicht es nicht, dass eure Familie uns arme Geschöpfe hierher verschleppt und in dieses Gefängnis gesperrt hat, wo wir diesen Unfug lernen müssen? Und jetzt bringst du auch noch einen Vogel, der genau dasselbe machen muss? Du hast ihn doch nur geholt, um dich über uns lustig zu machen! Und dann fragst du noch, ob er mir gefällt!"
  
Kaufmann Edelrose erschrak und schwor hoch und heilig. Er sagte: „Was hat mir heute nur das Hirn verkleistert! Für ein bis zwei Liang Silber habe ich ihn gekauft, einzig um dir eine Freude zu machen. An so etwas habe ich nie gedacht. Genug! Ich lasse ihn frei, damit es dir besser geht!" Und wirklich ließ er den Vogel fliegen und zerschmetterte den Käfig in tausend Stücke.
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Edelrose Kaufmann erschrak und schwor hoch und heilig. Er sagte: „Was hat mir heute nur das Hirn verkleistert! Für ein bis zwei Liang Silber habe ich ihn gekauft, einzig um dir eine Freude zu machen. An so etwas habe ich nie gedacht. Genug! Ich lasse ihn frei, damit es dir besser geht!" Und wirklich ließ er den Vogel fliegen und zerschmetterte den Käfig in tausend Stücke.
  
 
Lingguan ließ aber nicht locker und sagte: „Der Vogel ist zwar kein Mensch, aber auch er hat seine Mutter im Nest. Wie konntest du es übers Herz bringen, ihn herzuholen und solche Kunststückchen aufführen zu lassen! Heute habe ich zweimal Blut gehustet, und die gnädige Frau hat einen Arzt bestellt — aber statt dich bei ihm gründlich nach meinem Befinden zu erkundigen, bringst du einen Vogel an, um mich zum Narren zu halten. Es trifft immer nur mich — niemand kümmert sich um mich, niemand sorgt für mich, und dann muss ich auch noch krank sein!" Bei diesen Worten begann sie zu weinen.
 
Lingguan ließ aber nicht locker und sagte: „Der Vogel ist zwar kein Mensch, aber auch er hat seine Mutter im Nest. Wie konntest du es übers Herz bringen, ihn herzuholen und solche Kunststückchen aufführen zu lassen! Heute habe ich zweimal Blut gehustet, und die gnädige Frau hat einen Arzt bestellt — aber statt dich bei ihm gründlich nach meinem Befinden zu erkundigen, bringst du einen Vogel an, um mich zum Narren zu halten. Es trifft immer nur mich — niemand kümmert sich um mich, niemand sorgt für mich, und dann muss ich auch noch krank sein!" Bei diesen Worten begann sie zu weinen.
  
Kaufmann Edelrose sagte rasch: „Gestern Abend habe ich den Arzt gefragt. Er sagte, es sei nicht schlimm. Er meinte, du solltest ein paar Dosen Medizin nehmen, dann wolle er dich übermorgen noch einmal untersuchen. Wer hätte gedacht, dass du heute wieder Blut spuckst! Ich gehe sofort und hole ihn!" Und er wollte schon losrennen.
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Edelrose Kaufmann sagte rasch: „Gestern Abend habe ich den Arzt gefragt. Er sagte, es sei nicht schlimm. Er meinte, du solltest ein paar Dosen Medizin nehmen, dann wolle er dich übermorgen noch einmal untersuchen. Wer hätte gedacht, dass du heute wieder Blut spuckst! Ich gehe sofort und hole ihn!" Und er wollte schon losrennen.
  
Lingguan aber rief: „Halt! Bei dieser Gluthitze rennst du im Zorn los und holst ihn her — und ich werde ihn nicht empfangen!" Kaufmann Edelrose konnte also nichts anderes tun, als stehenzubleiben.
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Lingguan aber rief: „Halt! Bei dieser Gluthitze rennst du im Zorn los und holst ihn her — und ich werde ihn nicht empfangen!" Edelrose Kaufmann konnte also nichts anderes tun, als stehenzubleiben.
  
Als Schatzjade diese Szene sah, war er ganz benommen. Erst jetzt begriff er den tiefen Sinn des Schriftzeichens „Qiang" — „Rose" —, das Lingguan einst in die Erde geschrieben hatte. Es hielt ihn nicht mehr an diesem Ort, und leise machte er sich davon. Kaufmann Edelrose, der nur Augen für Lingguan hatte, dachte nicht daran, ihn zu begleiten, und so gaben ihm die anderen Mädchen das Geleit.
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Als Schatzjade diese Szene sah, war er ganz benommen. Erst jetzt begriff er den tiefen Sinn des Schriftzeichens „Qiang" — „Rose" —, das Lingguan einst in die Erde geschrieben hatte. Es hielt ihn nicht mehr an diesem Ort, und leise machte er sich davon. Edelrose Kaufmann, der nur Augen für Lingguan hatte, dachte nicht daran, ihn zu begleiten, und so gaben ihm die anderen Mädchen das Geleit.
  
Tief in Gedanken versunken, kehrte Schatzjade in den Hof der Freude am Roten zurück, wo gerade Kajaljade und Dufthauch zusammensaßen und sich unterhielten. Kaum war Schatzjade eingetreten, seufzte er tief und sagte zu Dufthauch: „Was ich gestern Nacht gesagt habe, war falsch. Kein Wunder, dass Vater mir vorwirft, ich sähe die Welt ‚durch ein Rohr und mäße das Meer mit einer Kalebasse'. Gestern Nacht habe ich gesagt, euer aller Tränen würden mich allein begraben — das war ein Irrtum. Ich kann unmöglich alle Tränen für mich allein beanspruchen. Von nun an bekommt eben jeder seine eigenen Tränen."
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Tief in Gedanken versunken, kehrte Schatzjade in den Hof der Roten Freude zurück, wo gerade Kajaljade und Dufthauch zusammensaßen und sich unterhielten. Kaum war Schatzjade eingetreten, seufzte er tief und sagte zu Dufthauch: „Was ich gestern Nacht gesagt habe, war falsch. Kein Wunder, dass Vater mir vorwirft, ich sähe die Welt ‚durch ein Rohr und mäße das Meer mit einer Kalebasse'. Gestern Nacht habe ich gesagt, euer aller Tränen würden mich allein begraben — das war ein Irrtum. Ich kann unmöglich alle Tränen für mich allein beanspruchen. Von nun an bekommt eben jeder seine eigenen Tränen."
  
 
Dufthauch hatte das Geplauder vom Vorabend nur als Spaß aufgefasst und längst vergessen. Als Schatzjade nun wieder damit anfing, sagte sie lächelnd: „Du bist wirklich ein wenig verrückt!"
 
Dufthauch hatte das Geplauder vom Vorabend nur als Spaß aufgefasst und längst vergessen. Als Schatzjade nun wieder damit anfing, sagte sie lächelnd: „Du bist wirklich ein wenig verrückt!"
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Als Kajaljade Schatzjade in diesem Zustand sah, erkannte sie, dass ihm etwas begegnet sein musste, das ihn verzaubert hatte. Da sie aber nicht gut danach fragen konnte, sagte sie stattdessen: „Eben war ich bei der Tante, und es war die Rede davon, dass morgen Tante Schnees Geburtstag ist. Man hat mich gebeten, bei dir vorbeizugehen und dich zu fragen, ob du hingehst. Du sollst jemanden hinüberschicken und Bescheid geben."
 
Als Kajaljade Schatzjade in diesem Zustand sah, erkannte sie, dass ihm etwas begegnet sein musste, das ihn verzaubert hatte. Da sie aber nicht gut danach fragen konnte, sagte sie stattdessen: „Eben war ich bei der Tante, und es war die Rede davon, dass morgen Tante Schnees Geburtstag ist. Man hat mich gebeten, bei dir vorbeizugehen und dich zu fragen, ob du hingehst. Du sollst jemanden hinüberschicken und Bescheid geben."
  
Schatzjade sagte: „Nicht einmal zum Geburtstag des alten gnädigen Herrn <ref>Kaufmann Begnadigung / 贾赦</ref> bin ich hingegangen. Wenn ich jetzt ginge, könnte ich womöglich dort jemanden treffen. Nein, ich gehe zu keinem Geburtstag! So heiß wie es ist, müsste ich mich auch noch in Festkleidung werfen — nein. Die Tante wird mir deswegen sicher nicht böse sein."
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Schatzjade sagte: „Nicht einmal zum Geburtstag des alten gnädigen Herrn <ref>Begnadigung Kaufmann / 贾赦</ref> bin ich hingegangen. Wenn ich jetzt ginge, könnte ich womöglich dort jemanden treffen. Nein, ich gehe zu keinem Geburtstag! So heiß wie es ist, müsste ich mich auch noch in Festkleidung werfen — nein. Die Tante wird mir deswegen sicher nicht böse sein."
  
 
Dufthauch widersprach rasch: „Was redest du da? Du kannst sie doch nicht mit dem alten gnädigen Herrn vergleichen! Sie wohnt ganz in der Nähe, und sie ist eine nahe Verwandte. Wenn du nicht hingehst, macht sie sich Gedanken. Wenn du die Hitze scheust, steh einfach früh auf, geh hinüber, mache deinen Stirnaufschlag, trink eine Tasse Tee und komm wieder. Ist das nicht viel angemessener?"
 
Dufthauch widersprach rasch: „Was redest du da? Du kannst sie doch nicht mit dem alten gnädigen Herrn vergleichen! Sie wohnt ganz in der Nähe, und sie ist eine nahe Verwandte. Wenn du nicht hingehst, macht sie sich Gedanken. Wenn du die Hitze scheust, steh einfach früh auf, geh hinüber, mache deinen Stirnaufschlag, trink eine Tasse Tee und komm wieder. Ist das nicht viel angemessener?"
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Schatzjade rief sogleich: „Das hätte nicht sein dürfen! Wie konnte ich sie beleidigen, indem ich geschlafen habe!" Und er versprach, am nächsten Tag zum Geburtstag zu gehen.
 
Schatzjade rief sogleich: „Das hätte nicht sein dürfen! Wie konnte ich sie beleidigen, indem ich geschlafen habe!" Und er versprach, am nächsten Tag zum Geburtstag zu gehen.
  
Während sie noch sprachen, kam plötzlich Xiangyun, ganz korrekt gekleidet, herein, um sich zu verabschieden. Man habe nach ihr geschickt, um sie nach Hause zu holen, sagte sie.
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Während sie noch sprachen, kam plötzlich Xiangfluss-Wolke, ganz korrekt gekleidet, herein, um sich zu verabschieden. Man habe nach ihr geschickt, um sie nach Hause zu holen, sagte sie.
  
Schatzjade und Kajaljade standen rasch auf und baten sie, doch noch Platz zu nehmen. Xiangyun aber mochte sich nicht setzen, und so begleiteten die beiden sie hinaus. Xiangyun hatte Tränen in den Augen, wagte aber vor den Bediensteten ihres Hauses nicht, ihren ganzen Kummer zu zeigen.
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Schatzjade und Kajaljade standen rasch auf und baten sie, doch noch Platz zu nehmen. Xiangfluss-Wolke aber mochte sich nicht setzen, und so begleiteten die beiden sie hinaus. Xiangfluss-Wolke hatte Tränen in den Augen, wagte aber vor den Bediensteten ihres Hauses nicht, ihren ganzen Kummer zu zeigen.
  
Bald darauf kam auch Schatzspange herbei, und nun fiel Xiangyun der Abschied erst recht schwer. Schatzspange aber war es, die die Lage durchschaute: Wenn die Bediensteten zu Hause der Tante berichteten, wie ungern Xiangyun gegangen war, würde man ihr dort Vorwürfe machen. Darum drängte sie Xiangyun zum Aufbruch. Alle zusammen brachten sie bis zum Innentor, und Schatzjade wollte sie noch weiter hinausbegleiten, aber Xiangyun hielt ihn davon ab.
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Bald darauf kam auch Schatzspange herbei, und nun fiel Xiangfluss-Wolke der Abschied erst recht schwer. Schatzspange aber war es, die die Lage durchschaute: Wenn die Bediensteten zu Hause der Tante berichteten, wie ungern Xiangfluss-Wolke gegangen war, würde man ihr dort Vorwürfe machen. Darum drängte sie Xiangfluss-Wolke zum Aufbruch. Alle zusammen brachten sie bis zum Innentor, und Schatzjade wollte sie noch weiter hinausbegleiten, aber Xiangfluss-Wolke hielt ihn davon ab.
  
Einen Augenblick später wandte sich Xiangyun noch einmal um, rief Schatzjade zu sich und flüsterte ihm zu: „Falls die alte gnädige Frau nicht von selbst an mich denkt, musst du sie immer wieder daran erinnern, jemanden zu schicken, der mich abholt!"
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Einen Augenblick später wandte sich Xiangfluss-Wolke noch einmal um, rief Schatzjade zu sich und flüsterte ihm zu: „Falls die alte gnädige Frau nicht von selbst an mich denkt, musst du sie immer wieder daran erinnern, jemanden zu schicken, der mich abholt!"
  
 
Schatzjade versprach es ein ums andere Mal und sah zu, wie sie in den Wagen stieg. Dann erst gingen alle wieder hinein.
 
Schatzjade versprach es ein ums andere Mal und sah zu, wie sie in den Wagen stieg. Dann erst gingen alle wieder hinein.
  
 
Wer wissen will, wie es weiterging, lese das nächste Kapitel.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, lese das nächste Kapitel.
 
== Anmerkungen ==
 
<references />
 
 
[[Kategorie:Hongloumeng]]
 

Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Kapitel 36

In dem im Haus der Freude am Roten ein besticktes Mandarinenentenpaar einen Traum weissagt und im Birnendufthof die Erkenntnis des vorbestimmten Schicksals zur Einsicht in die Liebe führt

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Als die Herzoginmutter[1] von Dame König[2] zurückkehrte und sah, dass es Schatzjade[3] von Tag zu Tag besser ging, war sie natürlich erfreut. Weil sie aber befürchtete, Aufrecht Kaufmann[4] könnte ihn künftig wieder zu sich rufen lassen, ließ sie den Anführer seiner Leibdiener kommen und wies ihn an: „Wenn künftig ein Anlass zum Empfangen von Gästen oder zu Bewirtungen besteht und dein Herr Schatzjade rufen lassen will, brauchst du den Befehl nicht nach oben weiterzugeben. Antworte ihm einfach, ich hätte gesagt: erstens sei er so schwer geschlagen worden, dass er sich mehrere Monate gründlich erholen müsse, ehe er wieder gehen könne; und zweitens stünden seine Sterne ungünstig — solange den Sternen geopfert werde, dürfe er keinen Fremden sehen, und erst nach dem achten Monat dürfe er wieder zum Innentor hinaus." Der Diener nahm den Befehl entgegen und ging fort.

Daraufhin ließ die Herzoginmutter Amme Li und Dufthauch[5] kommen, teilte ihnen diese Anordnung mit und trug ihnen auf, sie Schatzjade weiterzugeben, damit er beruhigt sei. Schatzjade aber mochte sich ohnehin ungern mit Beamten und Männern im Allgemeinen unterhalten, und „hohe Zeremonialmützen und steife Amtsgewänder" sowie das ganze Hin und Her von „Gratulations- und Kondolenzbesuchen" waren ihm zutiefst verhasst. Als er nun von dieser Anordnung erfuhr, war er überglücklich. Fortan brach er nicht nur den Verkehr mit Verwandten und Freunden vollständig ab, sondern verfuhr sogar mit den morgendlichen und abendlichen Begrüßungen innerhalb der Familie ganz nach Belieben. Tag für Tag streifte er im Garten umher oder schlief, und nur jeden Morgen in aller Frühe schaute er bei der Herzoginmutter und bei Dame König vorbei und kam gleich wieder zurück. Stattdessen war er jederzeit bereit, den Dienstmädchen seine Dienste anzubieten, und verbrachte so seine Tage in völliger Muße.

Wenn aber etwa Schatzspange[6] und ihresgleichen bei passender Gelegenheit versuchten, ihn zur Vernunft zu bringen, geriet er in Zorn und sagte: „Da ist nun ein gutes, reines, unschuldiges Mädchen, und selbst das hat gelernt, nach Ruhm und Ansehen zu angeln, und reiht sich ein unter die Landesbetrüger und Postenjäger! An allem sind die Alten schuld, die ohne jeden Grund Unheil anrichteten und Lehren und Maximen aufstellten, nur um in späteren Zeiten die törichten Männer — dieses trübe Gesindel — anzuleiten. Nie hätte ich gedacht, dass ich das Unglück haben würde, in einer Zeit zu leben, da auch die Bewohnerinnen der edlen Gemächer und bestickten Hallen von diesem Übel angesteckt sind. Das ist wahrhaftig ein Frevel gegen die Gnade von Himmel und Erde, die an schönen Stätten Schönes gedeihen lässt!" So erstreckte sich sein Zorn bis auf die Alten, und er verbrannte schließlich alle Bücher außer den Vier Klassikern [7].

Als die anderen sahen, wie verrückt er sich benahm, redete niemand mehr ernsthaft mit ihm. Einzig Kajaljade[8] hatte ihm von klein auf niemals geraten, sich einen Namen zu machen oder nach einer Position zu streben, und gerade deshalb verehrte er sie so zutiefst.

Doch genug der müßigen Worte! Berichten wir nun von Phönixglanz[9]. Seit dem Tod von Goldarmspange[10] erlebte sie, dass ihr etliche Sklavenfamilien immer häufiger Geschenke brachten und unentwegt kamen, um ihre Aufwartung zu machen und ihr zu schmeicheln. Sie wurde stutzig und konnte sich nicht erklären, was das zu bedeuten hatte. Als sie eines Tages wieder Geschenke erhielt, fragte sie abends, als sie mit Friedchen[11] allein war, lächelnd: „Eigentlich habe ich mit diesen Familien nicht viel zu schaffen. Warum hängen sie sich plötzlich so an mich?"

Friedchen lächelte kühl und sagte: „Kommt Ihr wirklich nicht darauf, gnädige Frau? Ich vermute, ihre Töchter gehören alle zu den Dienstmädchen der gnädigen Frau. Die gnädige Frau hat vier bevorzugte Mägde, die je ein Liang Silber im Monat bekommen, und die übrigen erhalten nur ein paar hundert Kupfermünzen. Nun, da Goldarmspange tot ist, wollen sie sich bestimmt diese schöne Stelle mit den zwei Liang Silber sichern."

Phönixglanz hörte das und lachte: „Richtig, richtig! Gut, dass du mich daran erinnerst. Diese Leute sind wirklich unersättlich! Geld verdienen sie genug, mit schweren Aufgaben werden sie nicht behelligt, und es müsste ihnen genügen, dass ihre Töchter als Mägde untergebracht sind. Aber nein, sie wollen noch mehr! Nun gut — wohin sollten sie sonst ihr Geld tragen? Das haben sie sich selbst zuzuschreiben! Was sie mir schicken, nehme ich an! Einen Plan habe ich ohnehin."

Mit diesem Vorsatz im Herzen zögerte Phönixglanz die Angelegenheit hinaus und wartete, bis die Leute ihr genug gebracht hatten. Erst dann, als alles eingestrichen war, unterrichtete sie Dame König.

Eines Mittags nun, als Tante Schnee[12] mit ihrer Tochter sowie Kajaljade bei Dame König saßen und aßen, nutzte Phönixglanz die Gelegenheit und meldete Dame König: „Seit Jadearmschanges[13] ältere Schwester gestorben ist, fehlt Euch eine Person in der Bedienung. Wenn Ihr schon ein geeignetes Mädchen im Auge habt, gnädige Frau, so befehlt nur — dann kann ich nächsten Monat das Monatsgeld entsprechend auszahlen."

Dame König überlegte einen Moment und sagte dann: „Wozu diese Regel, dass es unbedingt vier oder fünf sein müssen? Wenn ich genug habe, reicht es. Darauf können wir verzichten."

Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Im Grunde habt Ihr recht, gnädige Frau. Aber es ist nun einmal die alte Regel, und in den Gemächern anderer gibt es sogar zwei solcher Mägde — da könnt Ihr doch nicht hinter der Regel zurückbleiben. Außerdem spart Ihr mit dem einen Liang Silber auch nicht viel."

Dame König überlegte nochmals und sagte dann: „Also gut. Das Monatsgeld wird weiter ausgezahlt wie bisher, aber eine neue Magd wird nicht eingestellt. Das eine Liang Silber gibst du stattdessen ihrer Schwester Jadearmspange[14]. Die Verstorbene hat mir so lange gedient und hat kein gutes Ende genommen. Da ist es nicht zu viel, wenn ihre Schwester, die noch bei mir ist, doppeltes Gehalt bekommt."

Phönixglanz bestätigte und wandte sich dann um, suchte Jadearmspange und rief ihr lächelnd zu: „Große Freude, große Freude!" Jadearmspange kam herbei und dankte Dame König mit einem Stirnaufschlag.

Dame König fragte darauf: „Was ich noch wissen wollte: Wie viel Monatsgeld bekommen die Nebenfrauen Zhao und Zhou zurzeit?"

„Das ist fest geregelt", antwortete Phönixglanz. „Jede bekommt zwei Liang. Nebenfrau Zhao erhält zusätzlich zwei Liang für Unheil Kaufmann[15], das macht zusammen vier Liang, dazu noch vier Schnüre Kupfermünzen."

„Bekommen sie auch die volle Summe?", vergewisserte sich Dame König.

Phönixglanz fand die Frage seltsam und antwortete rasch: „Aber natürlich! Wie denn sonst?"

Dame König sagte: „Neulich schien mir, als hätte sich jemand beklagt, dass eine Schnur Münzen fehle. Woran liegt das?"

Phönixglanz gab sogleich lächelnd Auskunft: „Das Monatsgeld für die Mägde der Nebenfrauen betrug ursprünglich eine Schnur Münzen pro Person. Aber letztes Jahr hat man draußen beschlossen, das Geld für die Mägde der Nebenfrauen um die Hälfte zu kürzen — nur noch fünfhundert Münzen pro Person. Jede Nebenfrau hat zwei Mägde, daher fehlt eine Schnur.

Mir kann deshalb niemand böse sein. Ich gönne es ihnen ja, aber wenn man draußen das Geld kürzt, kann ich doch nicht aus eigener Tasche zuschießen! Ich bin nur die Mittlerin — was hereinkommt, gebe ich weiter, aber entscheiden kann ich nicht. Zwei-, dreimal habe ich vorgeschlagen, diese beiden Beträge wieder in alter Höhe zu zahlen, aber man hat mir gesagt: ‚Mehr gibt es nicht!' Da konnte ich schlecht weiter darauf bestehen.

Jetzt, da ich die Auszahlung handhabe, bekommen sie ihr Geld pünktlich auf den Tag. Früher, als sie es draußen bekamen, gab es jeden Monat Streit. Wann wäre es jemals reibungslos abgelaufen?"

Dame König ließ die Sache damit auf sich beruhen. Nach langem Schweigen fragte sie: „Wie viele Mägde mit einem Liang im Monat hat die alte gnädige Frau?"

„Acht", sagte Phönixglanz. „Aber jetzt sind es nur noch sieben, denn die achte ist Dufthauch."

Dame König sagte: „Eben. Schatzjade hat eigentlich gar keine Magd mit einem Liang Silber. Dufthauch gehört nach wie vor zum Haushalt der alten gnädigen Frau."

Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Dufthauch gehört in der Tat zur alten gnädigen Frau — sie wurde Schatzjade nur zur Bedienung überlassen. Ihr Liang Silber wird aus dem Mägde-Etat der alten gnädigen Frau gezahlt. Wenn man nun sagen wollte, da Dufthauch zu Schatzjades Leuten gehöre, solle man ihr dieses Liang Silber streichen, so ginge das auf keinen Fall. Wollte man ihr Geld kürzen, müsste man der alten gnädigen Frau stattdessen eine andere Magd zuweisen. Andernfalls müsste auch Unheil Kaufmann eine solche Magd bekommen, damit es gerecht und ausgewogen zugeht.

Was die sieben älteren Mägde betrifft — Heitermuster[16], Moschusmond[17] und die übrigen bekommen je eine Schnur Münzen im Monat, und die acht jüngeren wie Jiahui bekommen je fünfhundert Münzen — das hat die alte gnädige Frau so bestimmt. Darüber kann sich niemand aufregen."

Tante Schnee warf lächelnd ein: „Hört nur, wie ihr der Mund geht — das rasselt ja wie ein umgekippter Nusskarren! Und doch ist ihre Abrechnung klar, und alles, was sie sagt, ist vernünftig."

Phönixglanz fragte lächelnd: „Habe ich denn etwas Falsches gesagt, Frau Tante?"

Tante Schnee erwiderte ebenfalls lächelnd: „Nicht im Geringsten! Aber wenn du etwas langsamer sprechen würdest, würdest du dir Kraft sparen."

Phönixglanz wollte schon lachen, besann sich aber und wartete auf Dame Königs Weisung.

Dame König überlegte lange und sagte dann zu Phönixglanz: „Morgen suchst du ein tüchtiges Mädchen aus und schickst es zur alten gnädigen Frau als Ersatz für Dufthauch. Dufthauchs Anteil wird gestrichen. Von meinen zwanzig Liang Silber Monatsgeld nimmst du zwei Liang Silber und eine Schnur Münzen heraus und gibst sie Dufthauch. Künftig soll Dufthauch alles erhalten, was auch Nebenfrau Zhao und Nebenfrau Zhou bekommen, nur dass Dufthauchs Anteil von meinem Monatsgeld abgezogen wird und das Haushaltsgeld nicht belastet."

Phönixglanz bestätigte einen Punkt nach dem anderen, dann stieß sie Tante Schnee lächelnd an und fragte: „Habt Ihr gehört, Frau Tante? Was ich immer vorausgesagt habe, ist heute tatsächlich eingetroffen!"

Tante Schnee sagte: „Das war schon längst überfällig. Über ihr Äußeres brauche ich nichts zu sagen, aber dieses edle Betragen, diese zuvorkommende Art im Umgang mit Menschen — freundlich und zugleich von innerer Festigkeit und Stärke — so etwas findet man wahrlich selten."

Dame König sagte unter Tränen: „Ihr wisst ja gar nicht, was für ein gutes Kind Dufthauch ist! Zehnmal besser als mein Schatzjade! Wenn Schatzjade wirklich Glück im Leben haben soll, dann genügt es, wenn sie ihm ein Leben lang treu dient."

Phönixglanz sagte: „Wenn es so steht, warum lasst Ihr sie nicht ihr Gesicht herrichten [18] und gebt sie ihm offiziell als Nebenfrau? Wäre das nicht das Beste?"

Dame König antwortete: „Nein, das ginge nicht. Erstens sind sie beide noch jung. Zweitens würde der Herr es nicht erlauben. Und drittens: Solange Schatzjade in Dufthauch nur ein Dienstmädchen sieht, hört er trotz aller Ausschweifungen noch auf ihre Mahnungen. Wenn sie aber erst seine offizielle Nebenfrau wäre, würde Dufthauch es nicht mehr wagen, ihm offen Vorhaltungen zu machen. Darum belassen wir es vorerst, wie es ist, und in zwei, drei Jahren sehen wir weiter."

Nachdem längere Zeit nichts mehr gesagt wurde, merkte Phönixglanz, dass das Gespräch beendet war, und ging hinaus. Kaum war sie unter dem Dachvorsprung angelangt, sah sie mehrere mit Haushaltsangelegenheiten betraute Sklavenfrauen, die auf sie warteten, um ihr Bericht zu erstatten. Als sie herauskam, sagten die Frauen lachend: „Was habt Ihr heute gemeldet, gnädige Frau, dass es so lange gedauert hat? Man wird ja vor Hitze halb gar!"

Phönixglanz schob sich die Ärmel hoch, stellte sich auf Zehenspitzen auf die Schwelle des Seitentors und sagte lächelnd: „Hier im Durchzug ist es schön kühl. Lasst mich kurz durchatmen, bevor ich weitergehe." Dann wandte sie sich an die anderen und erzählte: „Ihr fragt, weshalb ich so lange gemeldet habe? Die gnädige Frau hat alles bis zweihundert Jahre zurück durchgegangen und mich dazu befragt. Hätte ich ihr etwa nicht antworten sollen?"

Dann fuhr sie mit kaltem Lächeln fort: „Von jetzt an werde ich ein paar gehörige Maßnahmen ergreifen! Und wenn sich jemand bei der gnädigen Frau beklagt — mir ist das einerlei. Diese verblendeten Geschöpfe, die ihr Hirn mit Fett zugekleistert und ihre Zunge verfault haben — die sollen sich bloß nichts einbilden, diese erbärmlichen Dinger! Eines Tages wird alles auf einmal abgerechnet! Da hat man den Mägden das Geld gekürzt, und sie beschweren sich bei uns, statt zu bedenken, was sie sind — nämlich Sklavinnen! Und dennoch wagen sie, sich zwei, drei Mägde zu halten!"

Und so ging sie, noch immer schimpfend, davon, um eine Magd auszusuchen und der Herzoginmutter darüber Meldung zu machen. Aber davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Nachdem Dame König und die anderen ihre Wassermelone gegessen und noch ein Weilchen geplaudert hatten, gingen sie auseinander. Schatzspange und Kajaljade kehrten in den Garten zurück, und Schatzspange schlug Kajaljade vor, mit ihr zum Kiosk des Lotoswurzelduftes[19] zu gehen. Kajaljade aber sagte, sie wolle gleich ein Bad nehmen, und so trennten sie sich.

Schatzspange ging allein weiter und betrat, da ihr Weg sie daran vorbeiführte, den Hof der Roten Freude[20], um mit Schatzjade zu plaudern und ihre mittägliche Müdigkeit zu vertreiben. Doch als sie den Hof betrat, herrschte Totenstille — nicht einmal ein Sperling war zu hören, und sogar die beiden Mandschurenkraniche unter den Bananenstauden dösten. Schatzspange ging durch den Wandelgang ins Haus, und im Vorzimmer lagen die Dienstmädchen kreuz und quer auf den Betten und schliefen. Sie bog um die Zierwand mit den Fächern und betrat Schatzjades Zimmer: Er lag schlafend auf dem Bett. Dufthauch saß an seiner Seite, eine Nadelarbeit in den Händen, und neben ihr lag ein Fliegenwedel aus weißem Nashornbein [21].

Schatzspange trat leise heran und flüsterte lächelnd: „Du bist wirklich zu vorsichtig! Wo gibt es denn hier im Zimmer noch Fliegen oder Mücken? Wozu brauchst du da den Fliegenwedel?"

Dufthauch hatte sie nicht kommen hören und fuhr erschrocken hoch. Als sie sah, dass es Schatzspange war, legte sie hastig die Nadelarbeit beiseite, stand auf und erwiderte leise und lächelnd: „Ach, Fräulein, Ihr seid es! Ihr habt mich ganz schön erschreckt! Ihr wisst ja nicht — Fliegen und Mücken gibt es hier zwar nicht, aber es gibt eine Sorte winziger Tierchen, die durch die Gazemaschen schlüpfen. Man kann sie gar nicht sehen, aber wenn sie einen im Schlaf beißen, fühlt es sich an wie ein Ameisenzwicken."

Schatzspange sagte: „Kein Wunder! Hinter dem Haus ist Wasser, und überall stehen Blumen, auch im Zimmer duftet es. Diese Tierchen leben in den Blütenkelchen, und wo es duftet, dahin streben sie."

Während sie sprach, betrachtete sie die Nadelarbeit in Dufthauchs Händen. Es war ein Leibchen aus feiner weißer Seide mit rotem Futter, bestickt mit Mandarinenten, die zwischen Lotosblumen spielten — rosafarbene Lotosblüten, grüne Blätter und bunt schillernde Mandarinenten.

Schatzspange rief: „Ach, was für eine prächtige Arbeit! Für wen ist das? Lohnt sich denn ein solcher Aufwand?"

Dufthauch deutete mit dem Kinn zum Bett hin.

Schatzspange lachte: „So groß, und trägt noch so etwas?"

Dufthauch erwiderte lächelnd: „Er würde es ja von sich aus nicht tragen. Deshalb mache ich es extra schön, damit er es sieht und gar nicht anders kann, als es zu tragen. Bei diesem heißen Wetter gibt er im Schlaf nicht acht, und wenn ich ihn dazu bringe, es anzulegen, macht es nichts, wenn er sich nachts nicht ordentlich zudeckt. Ihr meint, dieses hier hätte Mühe gekostet — aber Ihr habt das noch nicht gesehen, das er jetzt am Leib trägt!"

Schatzspange sagte lächelnd: „Was für eine Geduld du hast!"

Dufthauch klagte: „Heute habe ich so lange daran gearbeitet, dass mir der Nacken ganz steif ist." Dann bat sie lächelnd: „Setzt Euch doch einen Moment hierher, liebe Fräulein. Ich möchte kurz hinausgehen und ein paar Schritte tun, dann bin ich gleich wieder da." Und damit ging sie hinaus.

Schatzspange, ganz in die Betrachtung der Stickarbeit versunken, setzte sich, ohne es recht zu bemerken, genau auf den Platz, auf dem eben noch Dufthauch gesessen hatte. Die Arbeit gefiel ihr so gut, dass sie unwillkürlich zur Nadel griff und weiterstickte.

Nun traf es sich, dass Kajaljade unterwegs auf Xiangfluss-Wolke[22] gestoßen war, die sie aufgefordert hatte, gemeinsam zu Dufthauch zu gehen und ihr zu gratulieren. Als die beiden in den Hof kamen und alles still fanden, wandte sich Xiangfluss-Wolke zuerst zur Seitengebäude, um dort nach Dufthauch zu suchen. Kajaljade aber trat ans Fenster und schaute durch die Gaze hinein. Da erblickte sie Schatzjade, der in seinem rosafarbenen Gazehemd in lässiger Haltung auf dem Bett lag und schlief — und neben ihm saß Schatzspange, die Nadelarbeit in den Händen, den Fliegenwedel an ihrer Seite.

Bei diesem Anblick wich Kajaljade rasch zurück, presste die Hand auf den Mund, um nicht laut herauszulachen, und winkte Xiangfluss-Wolke herbei. Xiangfluss-Wolke sah sie so und glaubte, es gäbe etwas Neues zu sehen. Eilig kam sie heran und schaute ebenfalls hinein. Schon wollte sie loslachen, doch dann besann sie sich, wie gut Schatzspange immer zu ihr war, und hielt sich rasch den Mund zu. Da sie wusste, dass Kajaljade niemanden schonte, und befürchtete, sie könnte sich über Schatzspange lustig machen, zog sie sie rasch beiseite und sagte: „Komm, gehen wir! Mir fällt gerade ein: Dufthauch hat gesagt, sie wolle mittags am Teich Wäsche waschen. Bestimmt ist sie dort. Gehen wir sie suchen!"

Kajaljade durchschaute sie zwar und lachte ein paarmal kühl, aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.

Im Zimmer hatte Schatzspange gerade erst zwei, drei Blütenblätter gestickt, als sie plötzlich hörte, wie Schatzjade im Traum aufschrie: „Wie kann man den Worten von Mönch und Daoist Glauben schenken! Was heißt hier ‚Verbindung von Gold und Jade'? Für mich gilt einzig die Verbindung von Holz und Stein!" [23]

Schatzspange erstarrte bei diesen Worten. Da kam Dufthauch herein und fragte lächelnd: „Ist er noch nicht wach?" Schatzspange schüttelte den Kopf.

Dufthauch fuhr lächelnd fort: „Eben bin ich Fräulein Lin und Fräulein Shi begegnet. Sind die beiden nicht hereingekommen?"

Schatzspange sagte: „Gesehen habe ich sie nicht." Dann fragte sie Dufthauch mit einem Lächeln: „Haben sie dir etwas erzählt?"

Dufthauch antwortete lächelnd: „Ach, nur ihre üblichen Scherze — was sollten sie schon Ernsthaftes zu sagen haben!"

Schatzspange sagte lächelnd: „Es war kein Scherz! Ich wollte es dir vorhin auch sagen, aber du bist so schnell hinausgegangen."

Noch hatte sie nicht ausgesprochen, da erschien eine Botin von Phönixglanz, um Dufthauch zu ihr zu holen. Schatzspange sagte lächelnd: „Das ist genau wegen dieser Sache."

Dufthauch musste zwei andere Dienstmädchen wecken, und zusammen mit Schatzspange verließ sie den Hof der Roten Freude. Allein ging sie zu Phönixglanz, und tatsächlich verkündete diese ihr, was Dame König entschieden hatte. Dann schickte sie Dufthauch, um sich bei Dame König mit einem Stirnaufschlag zu bedanken, und sagte ihr, bei der Herzoginmutter brauche sie vorerst nicht vorzusprechen. Dufthauch war ganz verlegen. Sie ging zu Dame König, und als sie eilig zurückkam, war Schatzjade bereits wach und fragte, was geschehen sei. Dufthauch gab ihm zunächst nur eine ausweichende Antwort, und erst in der Stille der Nacht, als alles ruhig war, berichtete sie ihm alles.

Schatzjade war außer sich vor Freude und sagte lächelnd zu ihr: „Nun will ich doch einmal sehen, ob du wieder nach Hause gehst! Beim letzten Besuch dort hast du dann erzählt, dein Bruder wolle dich freikaufen, und dann hieß es, hier hättest du auf Dauer keinen sicheren Platz — was das letztlich bedeuten solle, und noch mehr solche herzlosen und treulosen Worte, mit denen du mir Angst machen wolltest. Von heute an möchte ich sehen, wer es noch wagt, dich von hier fortzuholen!"

Dufthauch erwiderte mit kühlem Lächeln: „Rede nicht so! Von nun an gehöre ich zur gnädigen Frau. Wenn ich gehen will, brauche ich es dir nicht einmal zu sagen — ich melde es nur der gnädigen Frau, und dann gehe ich."

Schatzjade sagte lächelnd: „Selbst wenn ich mich schlecht benehme und du es der gnädigen Frau meldest und gehst — wenn andere erfahren, dass es meinetwegen war, wäre das doch auch für dich unangenehm."

Dufthauch gab lächelnd zurück: „Was heißt unangenehm? Soll ich etwa, wenn du ein Dieb und Räuber wirst, auch dann noch bei dir bleiben? Und wenn sonst nichts hilft, bleibt immer noch der Tod. Selbst wenn ein Mensch hundert Jahre alt wird — sterben muss jeder. Wenn ich den letzten Atemzug getan habe und nichts mehr höre und nichts mehr sehe, dann ist eben alles vorbei!"

Schatzjade hielt ihr rasch den Mund zu und sagte: „Schluss, Schluss, Schluss! Sag so etwas nicht!"

Dufthauch kannte Schatzjades seltsamen Charakter nur zu genau: Schmeicheleien und glückverheißende Worte mochte er nicht, weil sie ihm hohl und nichtig erschienen; aufrichtige und ungeschönte Worte aber stimmten ihn traurig. Es tat ihr leid, so unbedacht geredet zu haben, und rasch lenkte sie lächelnd auf andere Themen, von denen sie wusste, dass er gern darüber sprach. Zuerst fragte sie ihn nach Frühlingswind und Herbstmond, dann plauderten sie über Puder und Schminke, danach kam das Gespräch darauf, wie wunderbar die Mädchen doch seien, und schließlich darauf, dass auch Mädchen sterben müssen — da hielt sich Dufthauch rasch den Mund zu.

Schatzjade aber, den ihre Worte in beste Laune versetzt hatten, sagte, als sie plötzlich schwieg, lächelnd: „Welcher Mensch müsste nicht sterben? Es kommt nur darauf an, dass es ein guter Tod ist. Jene törichten bärtigen Männer — das trübe Gesindel — kennen nur zwei angeblich ehrenvolle Todesarten: ein Zivilbeamter stirbt im Protest gegen seinen Herrscher, ein Militär stirbt in der Schlacht. Das sind angeblich die ruhmvollen und tugendhaften Tode des wahren Mannes. Doch wäre es nicht besser, sie stürben gar nicht?

Nur wenn es einen schlechten Herrscher gibt, muss man ihm Vorhaltungen machen. Aber wenn einer das nur tut, um sich einen Namen als aufrechter Staatsdiener zu erwerben, und blindlings in den Tod stürzt — was wird dann aus dem Herrscher? Nur wenn es Krieg gibt, muss man kämpfen. Aber wenn einer blindlings in den Tod stürzt, nur um sich einen Namen als tapferer Krieger zu machen — was wird dann aus dem Land? Darum ist keiner dieser Tode ein rechter Tod."

Dufthauch warf ein: „Treue Minister und tapfere Generäle sterben nur, wenn es nicht anders geht."

Schatzjade fuhr fort: „Die Tapferkeit der Generäle ist nichts als rohe Kraft. Wenn es ihnen an Kriegskunst und Umsicht mangelt und sie ihr Leben verlieren, weil sie unfähig sind — heißt das etwa auch ‚es geht nicht anders'? Und die Zivilbeamten sind noch schlimmer als die Militärs! Sie prägen sich ein paar Sätze aus den Büchern ein, und wenn der Hof auch nur den kleinsten Fehler zeigt, schwatzen sie wild drauflos und geben unsinnige Ratschläge — nur um sich einen Namen als standhafte Männer zu machen. In einer Aufwallung von trübem Starrsinn stürzen sie sich in den Tod — heißt das etwa auch ‚es geht nicht anders'?

Außerdem muss man wissen: Der Herrscher empfängt sein Mandat vom Himmel. Wenn er nicht heilig und gütig wäre, würden ihm Himmel und Erde diese gewaltige Bürde niemals auferlegen. Daran sieht man, dass jene, die auf solche Weise sterben, nur auf ihren eigenen Ruhm aus sind und nichts vom wahren Sinn der Pflicht verstehen.

Wenn ich aber das Glück hätte, zur rechten Zeit zu sterben — jetzt, da ihr alle um mich seid —, dann möchte ich sterben! Und wenn ihr mich dann beweintet, bis aus euren Tränen ein großer Strom würde, der meinen Leichnam davontrüge in eine abgelegene Gegend, wohin nicht einmal die Vögel gelangen — dort löste ich mich im Wind auf und brauchte nicht als Mensch wiedergeboren zu werden. Das wäre ein Tod zur rechten Zeit!"

Als Dufthauch diese unsinnigen Reden hörte, gab sie rasch vor, müde zu sein, und beachtete ihn nicht mehr. Da machte Schatzjade endlich die Augen zu und schlief ein. Am nächsten Morgen hatte er das Thema vergessen.

Eines Tages, als Schatzjade des ewigen Herumschweifens überdrüssig war, fiel ihm die Oper vom Päonienpavillon [24] ein, und er las sie zweimal durch, doch sein Herz war noch nicht befriedigt. Weil er gehört hatte, dass unter den zwölf Schauspielerinnen im Birnendufthof[25] die Darstellerin junger Frauenrollen namens Lingguan[26] am schönsten singen könne, ging er eigens durch das Seitentor hinüber, um sie zu suchen. Im Hof traf er auf Baoguan[27] und Yuguan[28], die ihm lächelnd einen Platz anboten.

Schatzjade fragte: „Wo ist Lingguan?"

Die anderen sagten ihm: „In ihrem Zimmer."

Schatzjade eilte sogleich zu ihr. Lingguan lag allein auf einem Kissen, und als er eintrat, rührte sie sich nicht. Schatzjade war es von klein auf gewohnt, dass die Mädchen um ihn herum ihm freundlich begegneten, und so glaubte er, Lingguan sei genauso wie alle anderen. Er trat an sie heran, setzte sich neben sie und bat sie lächelnd und schmeichelnd, aufzustehen und ihm die Arie „Im zarten Sonnendunst" [29] vorzusingen.

Doch wider Erwarten stand Lingguan, als sie ihn sich hinsetzen sah, hastig auf und wich von ihm zurück. Mit ernster Miene sagte sie: „Meine Stimme ist heiser. Als uns neulich die kaiserliche Nebenfrau [30] in den Palast rufen ließ, habe ich nicht einmal dort gesungen."

Schatzjade sah, dass sie sich aufrecht hingesetzt hatte, und als er sie nun genauer betrachtete, erkannte er in ihr das Mädchen wieder, das einst unter den Rosensträuchern das Schriftzeichen „Qiang" — „Rose"[31] — in die Erde geschrieben hatte. Noch nie hatte Schatzjade es erlebt, dass ihn jemand so brüskierte und verschmähte. Beschämt und mit rotem Gesicht verließ er das Zimmer.

Baoguan und die anderen verstanden nicht, was geschehen war, und fragten ihn nach dem Grund. Schatzjade erklärte es ihnen und ging hinaus. Baoguan sagte: „Wartet nur ein wenig. Wenn der junge Herr Edelrose Kaufmann[32] kommt und sie bittet, wird sie bestimmt singen."

Schatzjade stutzte und fragte: „Wo ist denn Vetter Edelrose hingegangen?"

Baoguan antwortete: „Er war eben erst weg. Bestimmt wollte Lingguan wieder etwas haben, und er ist losgezogen, um es zu besorgen."

Schatzjade fand das höchst bemerkenswert. Er wartete ein Weilchen, und tatsächlich erschien Edelrose Kaufmann, in der Hand einen kleinen Vogelkäfig mit einer winzigen Bühne darin und einem Vogel darauf. Freudestrahlend kam er herein und suchte nach Lingguan. Als er Schatzjade erblickte, blieb er notgedrungen stehen.

Schatzjade fragte: „Was ist das für ein Vogel? Kann er wirklich mit einem Fähnchen im Schnabel auf der Bühne herumlaufen?"

Edelrose Kaufmann antwortete lächelnd: „Es ist ein Jadeschopf-Goldbohne [33]."

Schatzjade fragte: „Was hat er gekostet?"

Edelrose Kaufmann sagte: „Ein Liang acht Qian Silber." Dabei bat er Schatzjade, Platz zu nehmen, und ging selbst in Lingguans Zimmer. Schatzjade hatte inzwischen keine Lust mehr, sich etwas vorsingen zu lassen — er wollte nur noch beobachten, wie Edelrose Kaufmann sich Lingguan gegenüber verhielt.

Er sah, wie Edelrose Kaufmann lächelnd zu ihr sagte: „Steh auf und sieh dir an, was ich hier habe!"

Lingguan setzte sich auf und fragte: „Was denn?"

Edelrose Kaufmann sagte: „Ich habe einen Vogel für dich gekauft, damit du dich amüsieren kannst und nicht mehr jeden Tag so trübselig bist. Ich zeige dir erst einmal, was er kann!" Und mit ein paar Körnern lockte er den Vogel, der tatsächlich auf der kleinen Bühne hin und her lief und Fähnchen und Masken im Schnabel trug.

Die anderen Mädchen lachten alle und riefen: „Das macht Spaß!" Nur Lingguan lachte ein paarmal verächtlich und legte sich schmollend wieder hin. Edelrose Kaufmann blieb lächelnd neben ihr stehen und fragte: „Gefällt er dir?"

Lingguan sagte: „Reicht es nicht, dass eure Familie uns arme Geschöpfe hierher verschleppt und in dieses Gefängnis gesperrt hat, wo wir diesen Unfug lernen müssen? Und jetzt bringst du auch noch einen Vogel, der genau dasselbe machen muss? Du hast ihn doch nur geholt, um dich über uns lustig zu machen! Und dann fragst du noch, ob er mir gefällt!"

Edelrose Kaufmann erschrak und schwor hoch und heilig. Er sagte: „Was hat mir heute nur das Hirn verkleistert! Für ein bis zwei Liang Silber habe ich ihn gekauft, einzig um dir eine Freude zu machen. An so etwas habe ich nie gedacht. Genug! Ich lasse ihn frei, damit es dir besser geht!" Und wirklich ließ er den Vogel fliegen und zerschmetterte den Käfig in tausend Stücke.

Lingguan ließ aber nicht locker und sagte: „Der Vogel ist zwar kein Mensch, aber auch er hat seine Mutter im Nest. Wie konntest du es übers Herz bringen, ihn herzuholen und solche Kunststückchen aufführen zu lassen! Heute habe ich zweimal Blut gehustet, und die gnädige Frau hat einen Arzt bestellt — aber statt dich bei ihm gründlich nach meinem Befinden zu erkundigen, bringst du einen Vogel an, um mich zum Narren zu halten. Es trifft immer nur mich — niemand kümmert sich um mich, niemand sorgt für mich, und dann muss ich auch noch krank sein!" Bei diesen Worten begann sie zu weinen.

Edelrose Kaufmann sagte rasch: „Gestern Abend habe ich den Arzt gefragt. Er sagte, es sei nicht schlimm. Er meinte, du solltest ein paar Dosen Medizin nehmen, dann wolle er dich übermorgen noch einmal untersuchen. Wer hätte gedacht, dass du heute wieder Blut spuckst! Ich gehe sofort und hole ihn!" Und er wollte schon losrennen.

Lingguan aber rief: „Halt! Bei dieser Gluthitze rennst du im Zorn los und holst ihn her — und ich werde ihn nicht empfangen!" Edelrose Kaufmann konnte also nichts anderes tun, als stehenzubleiben.

Als Schatzjade diese Szene sah, war er ganz benommen. Erst jetzt begriff er den tiefen Sinn des Schriftzeichens „Qiang" — „Rose" —, das Lingguan einst in die Erde geschrieben hatte. Es hielt ihn nicht mehr an diesem Ort, und leise machte er sich davon. Edelrose Kaufmann, der nur Augen für Lingguan hatte, dachte nicht daran, ihn zu begleiten, und so gaben ihm die anderen Mädchen das Geleit.

Tief in Gedanken versunken, kehrte Schatzjade in den Hof der Roten Freude zurück, wo gerade Kajaljade und Dufthauch zusammensaßen und sich unterhielten. Kaum war Schatzjade eingetreten, seufzte er tief und sagte zu Dufthauch: „Was ich gestern Nacht gesagt habe, war falsch. Kein Wunder, dass Vater mir vorwirft, ich sähe die Welt ‚durch ein Rohr und mäße das Meer mit einer Kalebasse'. Gestern Nacht habe ich gesagt, euer aller Tränen würden mich allein begraben — das war ein Irrtum. Ich kann unmöglich alle Tränen für mich allein beanspruchen. Von nun an bekommt eben jeder seine eigenen Tränen."

Dufthauch hatte das Geplauder vom Vorabend nur als Spaß aufgefasst und längst vergessen. Als Schatzjade nun wieder damit anfing, sagte sie lächelnd: „Du bist wirklich ein wenig verrückt!"

Schatzjade gab keine Antwort. Von diesem Tag an war er zutiefst davon überzeugt, dass in Leben und Liebe jedem sein Teil bestimmt sei, und immer wieder quälte ihn der Gedanke: „Wer wird einst an meinem Grab Tränen vergießen?" Doch das waren seine geheimsten Empfindungen, und wir wollen nicht willkürlich Vermutungen darüber anstellen.

Als Kajaljade Schatzjade in diesem Zustand sah, erkannte sie, dass ihm etwas begegnet sein musste, das ihn verzaubert hatte. Da sie aber nicht gut danach fragen konnte, sagte sie stattdessen: „Eben war ich bei der Tante, und es war die Rede davon, dass morgen Tante Schnees Geburtstag ist. Man hat mich gebeten, bei dir vorbeizugehen und dich zu fragen, ob du hingehst. Du sollst jemanden hinüberschicken und Bescheid geben."

Schatzjade sagte: „Nicht einmal zum Geburtstag des alten gnädigen Herrn [34] bin ich hingegangen. Wenn ich jetzt ginge, könnte ich womöglich dort jemanden treffen. Nein, ich gehe zu keinem Geburtstag! So heiß wie es ist, müsste ich mich auch noch in Festkleidung werfen — nein. Die Tante wird mir deswegen sicher nicht böse sein."

Dufthauch widersprach rasch: „Was redest du da? Du kannst sie doch nicht mit dem alten gnädigen Herrn vergleichen! Sie wohnt ganz in der Nähe, und sie ist eine nahe Verwandte. Wenn du nicht hingehst, macht sie sich Gedanken. Wenn du die Hitze scheust, steh einfach früh auf, geh hinüber, mache deinen Stirnaufschlag, trink eine Tasse Tee und komm wieder. Ist das nicht viel angemessener?"

Noch ehe Schatzjade antworten konnte, sagte Kajaljade lächelnd: „Schon allein weil man dir die Mücken verscheucht hat, solltest du hingehen!"

Schatzjade verstand nicht und fragte: „Wieso Mücken verscheuchen?"

Da erzählte Dufthauch, wie am Vortag, als Schatzjade geschlafen hatte und niemand da gewesen sei, Schatzspange bei ihm gesessen und ihm Gesellschaft geleistet habe.

Schatzjade rief sogleich: „Das hätte nicht sein dürfen! Wie konnte ich sie beleidigen, indem ich geschlafen habe!" Und er versprach, am nächsten Tag zum Geburtstag zu gehen.

Während sie noch sprachen, kam plötzlich Xiangfluss-Wolke, ganz korrekt gekleidet, herein, um sich zu verabschieden. Man habe nach ihr geschickt, um sie nach Hause zu holen, sagte sie.

Schatzjade und Kajaljade standen rasch auf und baten sie, doch noch Platz zu nehmen. Xiangfluss-Wolke aber mochte sich nicht setzen, und so begleiteten die beiden sie hinaus. Xiangfluss-Wolke hatte Tränen in den Augen, wagte aber vor den Bediensteten ihres Hauses nicht, ihren ganzen Kummer zu zeigen.

Bald darauf kam auch Schatzspange herbei, und nun fiel Xiangfluss-Wolke der Abschied erst recht schwer. Schatzspange aber war es, die die Lage durchschaute: Wenn die Bediensteten zu Hause der Tante berichteten, wie ungern Xiangfluss-Wolke gegangen war, würde man ihr dort Vorwürfe machen. Darum drängte sie Xiangfluss-Wolke zum Aufbruch. Alle zusammen brachten sie bis zum Innentor, und Schatzjade wollte sie noch weiter hinausbegleiten, aber Xiangfluss-Wolke hielt ihn davon ab.

Einen Augenblick später wandte sich Xiangfluss-Wolke noch einmal um, rief Schatzjade zu sich und flüsterte ihm zu: „Falls die alte gnädige Frau nicht von selbst an mich denkt, musst du sie immer wieder daran erinnern, jemanden zu schicken, der mich abholt!"

Schatzjade versprach es ein ums andere Mal und sah zu, wie sie in den Wagen stieg. Dann erst gingen alle wieder hinein.

Wer wissen will, wie es weiterging, lese das nächste Kapitel.

  1. 贾母 Jiǎ Mǔ, wörtl. „Matriarchin der Kaufmann-Familie" — die Großmutter des Hauses Kaufmann (Jiǎ), eine der mächtigsten Figuren des Romans.
  2. 王夫人 Wáng Fūrén — Schatzjades Mutter, zweite Frau des Aufrecht Kaufmann.
  3. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann-Jade" — der männliche Protagonist des Romans, ein verträumter junger Mann aus der Kaufmann-Familie.
  4. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann" — Schatzjades Vater, ein strenger konfuzianischer Beamter.
  5. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — Schatzjades treueste Kammerzofe, besonnen und pflichtbewusst.
  6. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Schnee-Haarspange" — Schatzjades Kusine aus der Familie Xue, klug, besonnen und tugendreich.
  7. Die vier Grundwerke des Konfuzianismus: Lunyu, Mengzi, Daxue, Zhongyong
  8. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal Wald-Jade" — die weibliche Protagonistin, Schatzjades Kusine mütterlicherseits, berühmt für ihre Dichtkunst und Empfindsamkeit.
  9. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Heiterer König-Phönix" — die energische und verschlagene Haushälterin des Kaufmann-Anwesens.
  10. Chin. 金钏
  11. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen" — Phönixglanz' loyale Kammerzofe und engste Vertraute.
  12. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Schnee" — Schatzspanges Mutter, Schwester von Dame König.
  13. Chin. 玉钏
  14. Chin. 玉钏
  15. Chin. 贾环
  16. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster" — ein temperamentvolles Dienstmädchen Schatzjades, berühmt für ihre Schönheit und Nadelkunst.
  17. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond" — ein Dienstmädchen Schatzjades.
  18. ‚das Gesicht herrichten' (开了脸) bezeichnet das Zupfen der Gesichtsbehaarung, ein Ritual, das eine Frau als verheiratet bzw. als Nebenfrau kennzeichnet
  19. Chin. 藕香榭
  20. Chin. 怡红院
  21. 白犀麈 — ein luxuriöser Fliegenwedel mit einem Griff aus weißem Rhinozeroshorn
  22. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Geschichtsschreiber Wolke-am-Xiang-Fluss" — Schatzjades lebenslustige Kusine, eine begabte Dichterin.
  23. „Gold und Jade" (金玉姻缘) steht für die Verbindung von Schatzspanges goldenem Schloss und Schatzjades Jade; „Holz und Stein" (木石姻缘) meint die vorherbestimmte Liebe zwischen Kajaljade (Pflanze/Holz) und Schatzjade (Stein)
  24. 牡丹亭, berühmtes Bühnenstück von Tang Xianzu (1598), eine Liebesgeschichte über Leben und Tod
  25. Chin. 梨香院
  26. Chin. 龄官
  27. Chin. 宝官
  28. Chin. 玉官
  29. 袅晴丝, eine berühmte Arie aus dem Päonienpavillon, Szene „Aufschrecken aus dem Traum"
  30. Urfrühling, Schatzjades ältere Schwester
  31. Chin. 蔷
  32. 贾蔷 Jiǎ Qiáng, wörtl. „Kaufmann Rose" — ein entfernter Neffe der Kaufmann-Familie.
  33. 玉顶金豆, eine dressierte Vogelart
  34. Begnadigung Kaufmann / 贾赦