Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 42"
(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 42 mit Navigation und Fussnoten) |
(DE4 Korrektur-Update Kap. 42) |
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| − | < | + | Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Xue Kostbare Haarspange". Schatzjades spätere Ehefrau.</ref> nutzt die Gelegenheit zu guter Ermahnung — Oma Liu [刘姥姥]<ref>Chin. 刘姥姥 Liú Lǎolao, wörtl. „Oma Liu". Eine einfache Bäuerin vom Lande.</ref> benennt Qiao Jie'er mit glückverheißender Absicht |
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| − | + | Es wird erzählt, dass die Schwestern in den Garten zurückkehrten, zu Abend assen und sich zerstreuten. Weiter gibt es nichts zu berichten. | |
| − | + | Oma Liu kam mit Ban'er zuerst zu Phönixglanz [熙凤]<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Glänzender Phönix aus dem Hause Wang". Haushälterin der Familie Kaufmann.</ref> und sagte: "Morgen früh fahre ich bestimmt heim. Obwohl ich nur zwei, drei Tage geblieben bin, habe ich alles erlebt, was es zu sehen, zu essen und zu hören gibt, was es seit alters her noch nie gegeben hat. Der Alten Herrin, der jungen Herrin, den jungen Damen und allen Dienerinnen in den verschiedenen Gemächern danke ich, dass sie sich einer armen, alten Frau so angenommen haben. Wenn ich zurück bin, kann ich nichts weiter tun, als feinstes Räucherwerk zu entzünden und täglich für euch zu Buddha beten, auf dass ihr hundert Jahre lang leben mögt — das soll mein Dank sein." | |
| − | + | Phönixglanz lachte: "Freut Euch nicht zu früh! Euretwegen hat sich die Alte Herrin erkältet und liegt krank im Bett und fühlt sich unwohl. Auch unsere kleine Da Jie'er hat sich eine Erkältung geholt und fiebert." Oma Liu hörte das und seufzte: "Die Alte Herrin ist in ihren Jahren solche Strapazen nicht gewöhnt." | |
| − | + | Phönixglanz sagte: "So vergnügt wie gestern war sie noch nie. Sonst geht sie auch in den Garten spazieren, setzt sich an ein, zwei Stellen und kommt zurück. Gestern ist sie Euretwegen den halben Garten durchgewandert. Da Jie'er hat mich gesucht, und die Herrin gab ihr ein Stück Kuchen — im Wind hat sie es gegessen und prompt Fieber bekommen." | |
| − | + | Oma Liu sagte: "Die kleine Dame kommt wohl nicht oft in den Garten — ein fremder Ort, und kleine Kinder sollten eigentlich nicht dorthin gehen. Bei uns ist das anders — sobald sie laufen können, rennen sie auf jeden Friedhof. Erstens kann es der Wind gewesen sein; zweitens hat sie vielleicht reine Augen und ist einem Geist begegnet. Meiner Meinung nach solltet Ihr im Buch der Omen nachschlagen — vielleicht hat sie den bösen Blick abbekommen." | |
| − | Phönixglanz | + | Das brachte Phönixglanz auf einen Gedanken. Sie befahl Friedchen [平儿]<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' treue Kammerzofe.</ref>, das "Buch der Jadeschatulle" herauszuholen und Caiming daraus vorlesen zu lassen. Caiming blätterte eine Weile und las: "Am fünfundzwanzigsten des achten Monats begegnet die Kranke im Südosten einer Blümengottheit. Man verbrenne vierzig Stück fünffarbiges Papiergeld und sende es vierzig Schritte in südöstlicher Richtung — großes Glück." |
| − | + | Phönixglanz lachte: "Stimmt genau — im Garten sind doch überall Blumengottheiten! Wahrscheinlich hat auch die Alte Herrin eine getroffen." Sie ließ zwei Portionen Papiergeld holen und schickte zwei Leute — einen für die Herzoginmutter [贾母]<ref>Chin. 贾母 Jiǎmǔ, wörtl. „Mutter Kaufmann". Oberhaupt der Familie, auch „Alte Herrin" genannt.</ref> und einen für Da Jie'er —, um die Geister zu verabschieden. Und tatsächlich schlief Da Jie'er ruhig ein. | |
| − | + | Phönixglanz sagte lachend: "Ihr bejahrten Leute habt eben mehr Erfahrung. Unsere Da Jie'er wird ständig krank, und ich weiß nicht warum." Oma Liu sagte: "Das kommt vor. Kinder reicher Familien werden zu verwöhnt aufgezogen und können auch das Geringste nicht ertragen. Am besten verwöhnt Ihr sie künftig etwas weniger." | |
| − | Phönixglanz | + | Phönixglanz sagte: "Da ist was dran. Mir fällt ein, sie hat noch gar keinen Namen. Gebt Ihr ihr doch einen. Erstens leihen wir uns Euer langes Leben; zweitens seid Ihr Landbewohner — nehmt es mir nicht übel —, und ein Name von jemandem aus bescheidenen Verhältnissen kann vielleicht ihr Schicksal besänftigen." |
| − | Phönixglanz sagte | + | Oma Liu überlegte und fragte lächelnd: "Wann ist sie geboren?" Phönixglanz sagte: "Ihr Geburtstag ist unglückselig — genau am siebten Tag des siebten Monats." Oma Liu rief lachend: "Das passt ja perfekt! Nennt sie Qiao Jie'er! Das ist die Methode 'Gift mit Gift bekämpfen, Feuer mit Feuer löschen'. Wenn die junge Herrin meinen Namensvorschlag annimmt, wird sie gewiss hundert Jahre alt. Wenn sie dereinst erwachsen wird und eigene Familie gründet, wird sie bei allen Widrigkeiten Glück im Unglück finden und Gefahr in Segen verwandeln — und alles kommt von diesem Zeichen 'Qiao', dem Geschick." |
| − | Phönixglanz | + | Phönixglanz hörte das und war hocherfreut. Eilig bedankte sie sich und lachte: "Wenn sich nur Eure Worte bewahrheiten!" Dann rief sie Friedchen und befahl: "Morgen sind wir beschäftigt und haben wahrscheinlich keine Zeit. Pack in deiner freien Zeit die Geschenke für die Laolao zusammen, damit sie morgen früh beqüm aufbrechen kann." |
| − | + | Oma Liu sagte eilig: "Macht Euch nicht noch mehr Unkosten! Ich habe schon einige Tage hier geschmarotzt, und wenn ich noch etwas mitnehme, wird mir ganz unwohl zumute." Phönixglanz sagte: "Es sind nur gewöhliche Dinge. Ob gut oder schlecht, nehmt sie mit, damit Eure Nachbarn etwas zu sehen haben — es zeigt wenigstens, dass Ihr einmal in der Stadt wart." | |
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| − | Oma Liu sagte eilig: "Macht Euch nicht noch mehr Unkosten! Ich habe schon einige Tage hier geschmarotzt, und wenn ich noch etwas mitnehme, wird mir ganz unwohl zumute." Phönixglanz sagte: "Es sind nur | ||
Friedchen kam und sagte: "Laolao, kommt hier entlang und schaut." | Friedchen kam und sagte: "Laolao, kommt hier entlang und schaut." | ||
| − | Oma Liu folgte Friedchen in das Nebenzimmer, wo ein halbes Bett voll Dinge aufgestapelt waren. Friedchen zeigte ihr eins nach dem anderen: "Dies ist die | + | Oma Liu folgte Friedchen in das Nebenzimmer, wo ein halbes Bett voll Dinge aufgestapelt waren. Friedchen zeigte ihr eins nach dem anderen: "Dies ist die blaü Gaze, die Ihr gestern haben wolltet. Die Herrin schickt noch ein Stück weiße Gaze als Futter dazu. Hier sind zwei Stück Kokonseide, gut für Jacken und Röcke. In diesem Bündel sind zwei Stück Seide für Winterkleider. Hier eine Schachtel mit verschiedenen Gebäck aus der Palastküche — manches habt Ihr schon gegessen, manches nicht — bringt sie mit, um sie aufzutischen, das ist besser als was Ihr kaufen könntet. Diese beiden Säcke sind die, mit denen Ihr gestern die Früchte gebracht habt: in dem einen sind zwei Dou kaiserlicher Reis, vorzüglich für Reisbrei; im anderen Gartenobst und verschiedene Trockenfrüchte. Hier ein Päckchen mit acht Liang Silber. Das alles ist von unserer Herrin. Diese zwei Päckchen enthalten jeweils fünfzig Liang, zusammen hundert Liang — von der gnädigen Frau. Sie sagt, Ihr sollt damit ein kleines Geschäft anfangen oder ein paar Mu Land kaufen, und künftig nicht mehr bei Verwandten und Freunden betteln gehen müssen." |
| − | Dann sagte sie leise | + | Dann sagte sie leise lächelnd: "Diese zwei Jacken und zwei Röcke, dazu vier Kopftücher und ein Päckchen Strickwolle — das ist mein Geschenk an die Laolao. Die Kleider sind zwar getragen, aber ich habe sie kaum angehabt. Wenn Ihr sie verschmäht, würde ich mich nicht traün, mehr zu sagen." |
| − | Bei jedem Gegenstand, den Friedchen nannte, sprach Oma Liu ein "Amitabha" — am Ende hatte sie schon mehrere Tausend Gebete gemurmelt. Als sie nun sah, dass auch Friedchen ihr so bescheiden etwas schenkte, sagte sie: "Wo sagt die junge Dame so etwas! Solche | + | Bei jedem Gegenstand, den Friedchen nannte, sprach Oma Liu ein "Amitabha" — am Ende hatte sie schon mehrere Tausend Gebete gemurmelt. Als sie nun sah, dass auch Friedchen ihr so bescheiden etwas schenkte, sagte sie: "Wo sagt die junge Dame so etwas! Solche schönen Sachen verschmähen? Selbst mit Geld könnte ich sie nirgendwo kaufen! Nur ist es mir peinlich — annehmen ist nicht recht, aber ablehnen hieße, Euer Herz missachten." |
| − | Friedchen lachte: "Keine | + | Friedchen lachte: "Keine Umstände, wir gehören doch zusammen. Deshalb erlaube ich mir das. Nehmt es ruhig an — ich habe auch eine Bitte an Euch. Bringt uns im Winter von dem getrockneten Graumeldegemüse, Kuhbohnen, Saubohnen, Auberginen und Kürbisstreifen etwas mit — bei uns mögen alle das gern. Das genügt, alles andere ist nicht nötig." |
| − | Oma Liu dankte tausendmal und versprach es. Friedchen sagte: "Geht nur schlafen. Ich packe alles ordentlich zusammen und lasse es hier. Morgen | + | Oma Liu dankte tausendmal und versprach es. Friedchen sagte: "Geht nur schlafen. Ich packe alles ordentlich zusammen und lasse es hier. Morgen früh schicke ich Burschen, die eine Kutsche mieten und alles aufladen — Ihr braucht Euch um nichts zu kümmern." |
| − | Oma Liu war zutiefst | + | Oma Liu war zutiefst gerührt, ging hinüber, verabschiedete sich nochmals bei Phönixglanz, und schlief eine Nacht bei der Herzoginmutter. Am nächsten Morgen, nach dem Waschen, wollte sie Abschied nehmen. Da die Herzoginmutter sich aber unwohl fühlte, kamen alle, um nach ihrem Befinden zu fragen, und man schickte nach dem Arzt. |
| − | Bald meldete eine Dienerin, der Arzt sei da, und die alten Dienerinnen baten die Herzoginmutter, sich hinter den Vorhang zu setzen. | + | Bald meldete eine Dienerin, der Arzt sei da, und die alten Dienerinnen baten die Herzoginmutter, sich hinter den Vorhang zu setzen. Die Herzoginmutter sagte: "Ich bin auch schon alt — was soll ich mich genieren? Kein Vorhang nötig, er soll mich einfach so untersuchen." |
| − | Bald | + | Bald führten Herrlichkeit Kaufmann [贾珍]<ref>Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Herrlichkeit Kaufmann/Kostbarkeit". Oberhaupt des Osthauses der Familie Kaufmann.</ref>, Kette Kaufmann<ref>Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.</ref> und Hibiskus Kaufmann<ref>Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, wörtl. „Herrlichkeit Kaufmann". Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.</ref> den Doktor Wang herein. Der wagte nicht, den Hauptweg zu nehmen, sondern ging die Seitenstufen entlang. Er trat ein und sah die Herzoginmutter in einem grünseidenen Lammfellmantel mit Perlenbesatz auf der Liege sitzen; um sie herum vier kleine Dienerinnen mit Fliegenwedeln und Spucknäpfchen, daneben fünf, sechs alte Ammen in Reihe. |
| − | Hinter dem | + | Hinter dem grünen Gaze-Schrank sah man undeutlich viele Frauen in Rot und Grün mit Juwelenhaarnadeln und Perlenschmuck. Doktor Wang wagte nicht aufzublicken und verneigte sich eilig. Die Herzoginmutter sah seine Amtskleidung sechsten Ranges und wusste, dass er ein Hofarzt war. Lächelnd fragte sie: "Geht es dem Herrn Leibarzt gut?" Dann fragte sie Herrlichkeit Kaufmann: "Wie heißt der Herr?" Herrlichkeit Kaufmann und die anderen antworteten: "Er heißt Wang." die Herzoginmutter sagte: "Der frühere Direktor der kaiserlichen Akademie König Junxiao hatte einen vorzüglichen Puls." |
| − | Doktor Wang verneigte sich ehrerbietig und antwortete | + | Doktor Wang verneigte sich ehrerbietig und antwortete lächelnd: "Das war der Urgrosonkel meines bescheidenen Nachkommen." die Herzoginmutter lachte: "Also alte Bekannte!" Sie streckte langsam die Hand auf das kleine Pulspolster. Eine alte Amme stellte rasch einen kleinen Hocker vor den Tisch. Doktor Wang kniete auf ein Knie, legte den Kopf schräg und fühlte lange den Puls; dann die andere Hand. Er stand auf, verneigte sich und trat zurück. |
| − | + | Die Herzoginmutter sagte lächelnd: "Mühe gemacht! Zhen'er, führt ihn hinaus und bewirtet ihn gut." | |
| − | + | Draußen sagte Doktor Wang: "Die Alte Herrin hat keine besondere Krankheit — nur eine leichte Erkältung. Eigentlich braucht sie keine Medizin, nur leichte Kost und Wärme. Ich schreibe ein Rezept — wenn sie es mag, lasse man einen Sud kochen; wenn nicht, ist es auch nicht schlimm." Er trank seinen Tee und schrieb das Rezept. Als er gehen wollte, kam die Amme mit Da Jie'er und lachte: "Herr Doktor, schaut doch auch bei unserem Kind." Doktor Wang stand eilig auf, fühlte der Kleinen in den Armen den Puls, befühlte ihren Kopf und ließ sich die Zunge zeigen. Er lachte: "Die junge Dame schimpft mich bestimmt wieder! Sie braucht nur zwei Mahlzeiten nichts zu essen, dann wird es besser. Kein Sud nötig — ich schicke Pillen, die man abends mit Ingwertee zerreibt und einnimmt." Damit verabschiedete er sich. | |
| − | Kaufmann | + | Herrlichkeit Kaufmann und die anderen brachten das Rezept zur Herzoginmutter, erklärten alles und legten es auf den Tisch. Dame König<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, wörtl. „Dame König". Schatzjades Mutter.</ref>, Seidenweiß Pflaume [李纨]<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Li Seidenschleier". Witwe von Zhu Kaufmann, Schatzjades ältere Schwägerin.</ref>, Phönixglanz, Schatzspange [宝钗] und die Schwestern kamen nun hinter dem Schrank hervor. Dame König sass kurz und ging dann. |
| − | Oma Liu sah, dass alles erledigt war, und trat vor, um sich von die Herzoginmutter zu verabschieden. | + | Oma Liu sah, dass alles erledigt war, und trat vor, um sich von die Herzoginmutter zu verabschieden. Die Herzoginmutter sagte: "Komm wieder, wenn du Zeit hast." Sie rief Mandarinenente [鸳鸯]<ref>Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente". Treue Leibdienerin der Herzoginmutter.</ref>: "Geleite Oma Liu ordentlich hinaus. Mir ist nicht wohl, ich kann dich nicht begleiten." Oma Liu dankte und verabschiedete sich, dann ging sie mit Mandarinenente hinaus. |
| − | Im Dienstbotenquartier zeigte Mandarinenente auf ein | + | Im Dienstbotenquartier zeigte Mandarinenente auf ein Bündel auf dem Kang: "Das sind einige Kleider der Alten Herrin — Geschenke von den Leuten zu Geburtstagen und Festen, die sie nie getragen hat. Gestern ließ sie mich zwei Garnituren heraussuchen, die Ihr mitnehmen sollt — zum Verschenken oder selbst tragen, wie Ihr wollt. In der Schachtel ist das Gebäck, das Ihr haben wolltet. Im Päckchen sind die Medikamente, nach denen Ihr neulich gefragt habt: Meihua-Dianzhedan, Zijinding, Huoluodan, Cuisheng-Baomingdan — jede Sorte mit einem Rezeptzettel, alles zusammen eingepackt. Hier sind zwei Geldbörsen." |
| − | Sie | + | Sie öffnete die Schnüre und holte zwei Silberstücke in Form von Pinsel und Barren heraus, um sie ihr zu zeigen. Dann lachte sie: "Die Börsen behaltet, aber die hier lasse ich mir — einverstanden?" Oma Liu war schon überwältigt vor Freude und hatte wieder einige Tausend Buddhas gemurmelt. Als sie Mandarinenentes Worte hörte, sagte sie: "Die junge Dame darf sie gern behalten." Mandarinenente sah, dass sie es wirklich glaubte, packte sie wieder ein und lachte: "Ich necke Euch nur, ich habe genug davon. Hebt sie für die Kleinen im neuen Jahr auf." |
| − | Gerade dann brachte eine kleine Dienerin eine Chenghua-Tasse und sagte: "Das schickt der Zweite Junge Herr Schatzjade<ref> | + | Gerade dann brachte eine kleine Dienerin eine Chenghua-Tasse und sagte: "Das schickt der Zweite Junge Herr Schatzjade [宝玉]<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann Jade". Hauptfigur des Romans.</ref>." Oma Liu sagte: "Was habe ich getan, um solche Gnade zu verdienen!" und nahm sie an. Mandarinenente sagte: "Die Kleider, die ich dir neulich zum Wechseln nach dem Bad gegeben habe, waren meine. Wenn du sie nicht verschmähst, schenke ich dir noch ein paar." Oma Liu dankte eilig, und Mandarinenente holte tatsächlich zwei weitere Stücke. |
| − | Oma Liu wollte noch in den Garten, um sich von Schatzjade, den Schwestern und | + | Oma Liu wollte noch in den Garten, um sich von Schatzjade, den Schwestern und Dame König zu verabschieden. Mandarinenente sagte: "Das ist nicht nötig. Sie empfangen jetzt niemanden — ich richte ihnen nachher Eure Grüße aus. Kommt wieder, wenn Ihr Zeit habt." Sie befahl einer alten Dienerin, am zweiten Tor zwei Burschen rufen zu lassen, die Oma Liu beim Tragen halfen. |
| − | Die Dienerin ging mit Oma Liu zu Phönixglanzs | + | Die Dienerin ging mit Oma Liu zu Phönixglanzs Gemächern, nahm alle Dinge zusammen mit, und am Seitentor ließen die Burschen alles hinausbringen und brachten Oma Liu bis zur Kutsche. Doch davon wollen wir nicht weiter berichten. |
| − | Schatzspange und die anderen | + | Schatzspange und die anderen frühstückten und gingen zur Herzoginmutter, um nach ihrem Befinden zu fragen. Auf dem Rückweg zum Garten rief Schatzspange an der Wegkreuzung nach Kajaljade [黛玉]<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Wald-Kajaljade". Schatzjades Cousine und Seelenverwandte.</ref>: "Pin'er, komm mit mir, ich möchte dich etwas fragen." Kajaljade ging mit Schatzspange zum Hengwu-Hof. Im Zimmer setzte sich Schatzspange lächelnd hin und sagte: "Knie nieder — ich muss dich verhören." |
| − | Kajaljade verstand nicht und lachte: "Sieh mal einer an, Schwester Bao ist | + | Kajaljade verstand nicht und lachte: "Sieh mal einer an, Schwester Bao ist verrückt geworden! Worüber willst du mich verhören?" Schatzspange sagte kühl: "Feine Tochter aus gutem Hause! Feines Mädchen, das nie das Frauengemach verlässt! Was für Sachen hast du da von dir gegeben? Gesteh!" Kajaljade verstand immer noch nicht und lachte nur, obwohl in ihrem Herzen Zweifel aufkam. "Wann habe ich denn etwas gesagt? Du willst mir nur einen Fehler anhängen. Sag du mir doch, was." |
| − | Schatzspange lachte: "Du tust, als | + | Schatzspange lachte: "Du tust, als wärst du ahnungslos. Was hast du gestern beim Trinkspiel aufgesagt? Ich weiß gar nicht, woher du das hast." Kajaljade überlegte — da fiel ihr ein, dass sie gestern unachtsam gewesen war und zwei Zeilen aus der "Geschichte vom Päonien-Pavillon" und dem "Westzimmer" zitiert hatte. Ihr Gesicht wurde rot, und sie umarmte Schatzspange und sagte: "Liebe Schwester, das war unbedacht — es ist mir nur so herausgerutscht. Lehr mich, ich sage es nie wieder." |
| − | Schatzspange lachte: "Ich | + | Schatzspange lachte: "Ich weiß es auch nicht — ich fand nur, was du sagtest, so sonderbar, und wollte dich fragen." Kajaljade sagte: "Liebe Schwester, sag es niemandem, ich sage es nie wieder." Schatzspange sah sie über und über erröten und unablässig bitten und wollte nicht weiter nachhaken. Sie zog sie zum Sitzen und bot ihr Tee an. Dann sagte sie behutsam: "Glaubst du, ich sei eine andere als du? Auch ich war als Kind ungezogen. In unserer Familie ist man belesen; mein Großvater sammelte gern Bücher. Damals waren wir viele Geschwister beisammen, und alle scheuten die ernsten Bücher. Manche Brüder liebten Gedichte, andere Lieder, und von 'Westzimmer' und 'Laute' bis zu den 'Hundert Yuan-Stücken' war alles vorhanden. Sie lasen heimlich hinter unserem Rücken, und wir hinter ihrem. Als die Erwachsenen es entdeckten, gab es Prügel, Schelte und Bücherverbrennungen, und erst dann hörten wir auf. |
| − | Darum ist es | + | Darum ist es für uns Mädchen besser, keine Schriftzeichen zu kennen. Wenn schon Männer lesen und doch nicht klug werden, ist es noch schlimmer, als wenn sie gar nicht lesen — erst recht bei uns. Selbst Dichten und Kalligraphie sind eigentlich nicht unsere Sache, und streng genommen auch nicht die der Männer. Männer sollten lesen, Vernunft lernen, dem Land dienen und das Volk regieren — das wäre gut. Aber heutzutage hört man von solchen nicht mehr. Im Gegenteil, nach dem Lesen werden sie erst recht schlecht. Die Bücher haben ihnen geschadet, und sie den Büchern. Da ist es besser, zu pflügen und Handel zu treiben — das richtet wenigstens keinen großen Schaden an. Wir Mädchen sollten nähen, spinnen und weben — nichts anderes. Dass wir zufällig lesen gelernt haben, sei's drum, aber lest dann nur anständige Bücher. Am schlimmsten ist es, wenn man mit ungehöriger Lektüre seine Natur verdirbt — dann ist man verloren." |
| − | Kajaljade | + | Kajaljade hörte diese Rede mit gesenktem Kopf über ihrem Tee und empfand im Herzen tiefe Zustimmung. Sie konnte nur "Ja" sagen. |
Da kam Suyun herein und sagte: "Unsere Herrin bittet die beiden jungen Damen, eine dringende Angelegenheit zu besprechen. Die Zweite, Dritte und Vierte Junge Dame, Junge Dame Shi und der Zweite Junge Herr warten alle dort." Schatzspange fragte: "Was gibt es denn nun wieder?" Kajaljade sagte: "Wenn wir dort sind, werden wir es erfahren." Damit gingen die beiden zum Daoxiang-Dorf, wo sie alle vorfanden. | Da kam Suyun herein und sagte: "Unsere Herrin bittet die beiden jungen Damen, eine dringende Angelegenheit zu besprechen. Die Zweite, Dritte und Vierte Junge Dame, Junge Dame Shi und der Zweite Junge Herr warten alle dort." Schatzspange fragte: "Was gibt es denn nun wieder?" Kajaljade sagte: "Wenn wir dort sind, werden wir es erfahren." Damit gingen die beiden zum Daoxiang-Dorf, wo sie alle vorfanden. | ||
| − | + | Seidenweiß Pflaume sah sie kommen und lachte: "Die Dichtergesellschaft hat noch nicht richtig begonnen, und schon entziehen sich welche — die Vierte Schwester will ein ganzes Jahr Urlaub nehmen!" Kajaljade lachte: "Das ist alles wegen Großmutters Bemerkung gestern — sie soll den Garten malen, und nun freut sie sich, Urlaub nehmen zu können!" Erkundefrühling<ref>Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „den Frühling erspüren". Dritte Tochter von Aufrecht Kaufmann.</ref> lachte: "Schiebt nicht alles auf die Alte Herrin, es war Oma Lius Wort." Kajaljade rief lachend: "Genau! Alles wegen ihr! Was für eine Großmutter soll sie sein? Ich würde sie einfach 'Mutter Heuschrecke' nennen!" | |
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| + | Alle brachen in Gelächter aus. Schatzspange lachte: "Wenn es um den Mund geht, hat Phönixglanz alles zu bieten. Glücklicherweise kann sie nicht lesen, ihre Witze sind eher marktschreierisch. Aber Pin'er mit ihrem spitzen Mundwerk wendet die Methode der Frühjahrs-und-Herbst-Annalen an: sie nimmt die groben Redewendungen des Volkes, fasst sie zusammen, streicht das Überflüssige, schmückt sie aus und vergleicht — jeder Satz sitzt. Diese drei Zeichen 'Mutter Heuschrecke' bringen alle gestrigen Szenen vor Augen. Erstaunlich, wie schnell sie darauf kommt." | ||
| − | + | Die Leute hörten das und sagten lachend: "Dein Kommentar steht den beiden in nichts nach." | |
| − | + | Seidenweiß Pflaume fragte: "Ich bitte euch alle, beratet, wie viele Tage Urlaub wir ihr geben sollen. Ich habe ihr einen Monat gegeben, und sie findet es zu wenig. Was meint ihr?" | |
| − | + | Kajaljade sagte: "Streng genommen ist ein Jahr nicht zu viel. Der Garten wurde in einem Jahr gebaut — das Malen müsste zwei Jahre daürn. Man muss Tusche reiben, den Pinsel eintunken, Papier ausbreiten, Farben auftragen, und dann noch..." Die anderen wussten, dass sie Bedauerfrühling [惜春]<ref>Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „den Frühling bewahren". Jüngste Tochter des Hauses Kaufmann, talentierte Malerin.</ref> neckte, und fragten lachend: "Was noch?" Kajaljade konnte selbst nicht mehr an sich halten und lachte: "Und dann muss man nach dieser Vorlage laaangsam malen — da braucht man doch zwei Jahre!" Alle klatschten vor Lachen. | |
| − | + | Schatzspange lachte: "'Nach dieser Vorlage langsam malen' — der letzte Satz ist der köstlichste. Die gestrigen Witze waren zwar auch zum Lachen, aber hinterher waren sie geschmacklos. Wenn man über Pin'ers Sätze nachdenkt — obwohl sie schlicht sind, haben sie Tiefgang. Ich kann nicht mehr vor Lachen." | |
| − | + | Bedauerfrühling sagte: "Das ist alles, weil Schwester Bao sie ermutigt und sie sich immer mehr herausnimmt — und jetzt bin ich dran!" Kajaljade zog sie schnell heran und lachte: "Sag mir, malst du nur den Garten, oder uns alle mit drauf?" Bedauerfrühling sagte: "Ursprünglich sollte es nur der Garten sein, aber gestern sagte die Alte Herrin, ein Garten allein sähe aus wie ein Grundriss — Figuren müssen auch drauf, wie ein 'Festbild'. Aber ich kann keine feinen Gebäudezeichnungen und keine Figuren — und zurückweisen kann ich es auch nicht. Deshalb bin ich in der Zwickmühle." | |
| − | + | Kajaljade sagte: "Figuren gehen noch — aber Insekten?" Seidenweiß Pflaume sagte: "Rede keinen Unsinn — wozu braucht man da Insekten? Höchstens ein, zwei Vögel als Schmuck." Kajaljade lachte: "Auf andere Insekten kann man verzichten, aber wenn man die 'Mutter Heuschrecke' von gestern nicht draufmalt, fehlt doch das Meisterstück!" Alle lachten erneut. | |
| − | Kajaljade sagte: " | + | Kajaljade lachte, die Hände an die Brust gepresst, und sagte: "Mal schnell! Ich habe schon die Inschrift — als Titel nehmen wir 'Bild des großen Heuschrecken-Gelages'!" Die Leute brachen in noch wilderes Gelächter aus, sich vor und zurück beugend. Plötzlich hörte man "bums!" — etwas war umgefallen. Xiangfluss-Wolke<ref>Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Xiang-Flusswolke Geschichte". Schatzjades lebhafte Cousine.</ref> hatte sich auf die Stuhlrücklehne gelegt, die nicht fest gestanden hatte; als sie mit ganzem Gewicht darüber lachte, kippte der Stuhl mit ihr zusammen um. Glücklicherweise fing die Wand sie auf. |
| − | Kajaljade | + | Alle lachten noch mehr. Schatzjade half ihr schnell auf, und das Gelächter legte sich allmählich. Schatzjade gab Kajaljade ein Zeichen, und sie verstand: sie ging ins Nebenzimmer, schlug den Spiegelvorhang zurück, sah dass ihre Frisur etwas aufgelöst war, öffnete Seidenweiß Pflaumes Schminkkästchen, nahm ein Haarglättungswerkzeug und richtete vor dem Spiegel ihre Frisur, ehe sie zurückkam. Sie deutete auf Seidenweiß Pflaume: "Du sollst uns bei der Handarbeit anleiten und in Anstand unterweisen, und stattdessen lockst du uns zu Scherz und Gelächter!" |
| − | + | Seidenweiß Pflaume lachte: "Hört euch das an! Sie geht voran mit dem Unfug und stiftet alle zum Lachen an, und dann gibt sie mir die Schuld!" | |
| − | + | Dann sagte Schatzspange: "Ich habe einen gerechten Vorschlag. Bedauerfrühling kann zwar malen, aber nur Skizzen im Freihandstil. Für so ein Gartenbild braucht man eine innere Landschaft im Kopf. Dieser Garten gleicht einem Gemälde — Felsen, Bäume, Gebaude, nah und fern, dicht und licht, nicht zu viel und nicht zu wenig, genau richtig. Einfach abmalen geht nicht — man muss nach dem Raum auf dem Papier entscheiden, was hinzuzufügen und was wegzulassen ist, was verborgen und was sichtbar sein soll. Erst nach einem Entwurf, nach sorgfältiger Prüfung, wird ein richtiges Bild daraus. | |
| − | + | Zweitens müssen Gebaude mit Lineal und Zirkel gezeichnet werden. Die kleinste Unachtsamkeit — und die Geländer sind schief, die Säulen schräg, die Fenster auf den Kopf gestellt, die Stufen haben Lücken, der Tisch steckt in der Maür und der Blumentopf hängt am Vorhang — dann hätte man ein 'Witz'-Bild statt eines Bildes. | |
| − | + | Drittens, bei den Figuren: sie müssen locker und dicht sein, hoch und tief. Gewandsfalten, Gürtel, Finger, Füße — alles höchst wichtig. Ein einziger falscher Strich, und die Hand ist geschwollen oder das Bein verrenkt. | |
| − | + | Meiner Meinung nach: ein ganzes Jahr Urlaub ist zu viel, ein Monat zu wenig. Ein halbes Jahr, und Bruder Schatzjade soll ihr helfen. Nicht weil er sie das Malen lehren könnte — das würde es nur verderben — sondern weil er bei Schwierigkeiten die professionellen Maler draußen fragen kann." | |
| − | + | Schatzjade hörte das und rief freudig: "Ganz recht! Zhan Ziliang ist ein Meister der feinen Architekturzeichnung, Cheng Rixing zeichnet überragende Schöne — ich frage sie gleich." Schatzspange lachte: "Du bist wieder vorschnell! Wartet, bis alles besprochen ist. Und was für Papier wollt ihr nehmen?" Schatzjade sagte: "Wir haben Xülang-Papier, groß und tintenfreundlich." Schatzspange lächelte kühl: "Wie wenig du davon verstehst! Xülang-Papier eignet sich für Kalligraphie und Freihandmalerei oder für Südschul-Landschaften — es nimmt Tusche auf und hält Strukturierung aus. Aber damit dieses hier malen — es nimmt keine Farbe auf, lässt sich schwer tönen, das Bild wird nichts und das Papier ist verschwendet." | |
| − | + | Dann gab Schatzspange eine ausführliche Anleitung für Materialien, Farben, Werkzeuge und Techniken, die sie Schatzjade diktierte. Kajaljade kam herbei und neckte Schatzspange wegen der langen Materialliste, die sie als "Mitgift-Liste" bezeichnete — was allgemeines Gelächter hervorrief. | |
| − | + | Zum Schluss sagte Schatzspange lächelnd, sie wolle alles aufschreiben lassen und bei der Alten Herrin das Fehlende anfordern. Am Abend gingen alle zur Herzoginmutter, die nur eine leichte Erkältung hatte, die mit einem Sud und einer warmen Nacht bald besser wurde. Was am nächsten Tag geschah, wird im folgenden Kapitel erzählt. | |
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<references /> | <references /> | ||
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Latest revision as of 19:29, 28 April 2026
Kapitel 42
Schatzspange[1] nutzt die Gelegenheit zu guter Ermahnung — Oma Liu [刘姥姥][2] benennt Qiao Jie'er mit glückverheißender Absicht
Es wird erzählt, dass die Schwestern in den Garten zurückkehrten, zu Abend assen und sich zerstreuten. Weiter gibt es nichts zu berichten.
Oma Liu kam mit Ban'er zuerst zu Phönixglanz [熙凤][3] und sagte: "Morgen früh fahre ich bestimmt heim. Obwohl ich nur zwei, drei Tage geblieben bin, habe ich alles erlebt, was es zu sehen, zu essen und zu hören gibt, was es seit alters her noch nie gegeben hat. Der Alten Herrin, der jungen Herrin, den jungen Damen und allen Dienerinnen in den verschiedenen Gemächern danke ich, dass sie sich einer armen, alten Frau so angenommen haben. Wenn ich zurück bin, kann ich nichts weiter tun, als feinstes Räucherwerk zu entzünden und täglich für euch zu Buddha beten, auf dass ihr hundert Jahre lang leben mögt — das soll mein Dank sein."
Phönixglanz lachte: "Freut Euch nicht zu früh! Euretwegen hat sich die Alte Herrin erkältet und liegt krank im Bett und fühlt sich unwohl. Auch unsere kleine Da Jie'er hat sich eine Erkältung geholt und fiebert." Oma Liu hörte das und seufzte: "Die Alte Herrin ist in ihren Jahren solche Strapazen nicht gewöhnt."
Phönixglanz sagte: "So vergnügt wie gestern war sie noch nie. Sonst geht sie auch in den Garten spazieren, setzt sich an ein, zwei Stellen und kommt zurück. Gestern ist sie Euretwegen den halben Garten durchgewandert. Da Jie'er hat mich gesucht, und die Herrin gab ihr ein Stück Kuchen — im Wind hat sie es gegessen und prompt Fieber bekommen."
Oma Liu sagte: "Die kleine Dame kommt wohl nicht oft in den Garten — ein fremder Ort, und kleine Kinder sollten eigentlich nicht dorthin gehen. Bei uns ist das anders — sobald sie laufen können, rennen sie auf jeden Friedhof. Erstens kann es der Wind gewesen sein; zweitens hat sie vielleicht reine Augen und ist einem Geist begegnet. Meiner Meinung nach solltet Ihr im Buch der Omen nachschlagen — vielleicht hat sie den bösen Blick abbekommen."
Das brachte Phönixglanz auf einen Gedanken. Sie befahl Friedchen [平儿][4], das "Buch der Jadeschatulle" herauszuholen und Caiming daraus vorlesen zu lassen. Caiming blätterte eine Weile und las: "Am fünfundzwanzigsten des achten Monats begegnet die Kranke im Südosten einer Blümengottheit. Man verbrenne vierzig Stück fünffarbiges Papiergeld und sende es vierzig Schritte in südöstlicher Richtung — großes Glück."
Phönixglanz lachte: "Stimmt genau — im Garten sind doch überall Blumengottheiten! Wahrscheinlich hat auch die Alte Herrin eine getroffen." Sie ließ zwei Portionen Papiergeld holen und schickte zwei Leute — einen für die Herzoginmutter [贾母][5] und einen für Da Jie'er —, um die Geister zu verabschieden. Und tatsächlich schlief Da Jie'er ruhig ein.
Phönixglanz sagte lachend: "Ihr bejahrten Leute habt eben mehr Erfahrung. Unsere Da Jie'er wird ständig krank, und ich weiß nicht warum." Oma Liu sagte: "Das kommt vor. Kinder reicher Familien werden zu verwöhnt aufgezogen und können auch das Geringste nicht ertragen. Am besten verwöhnt Ihr sie künftig etwas weniger."
Phönixglanz sagte: "Da ist was dran. Mir fällt ein, sie hat noch gar keinen Namen. Gebt Ihr ihr doch einen. Erstens leihen wir uns Euer langes Leben; zweitens seid Ihr Landbewohner — nehmt es mir nicht übel —, und ein Name von jemandem aus bescheidenen Verhältnissen kann vielleicht ihr Schicksal besänftigen."
Oma Liu überlegte und fragte lächelnd: "Wann ist sie geboren?" Phönixglanz sagte: "Ihr Geburtstag ist unglückselig — genau am siebten Tag des siebten Monats." Oma Liu rief lachend: "Das passt ja perfekt! Nennt sie Qiao Jie'er! Das ist die Methode 'Gift mit Gift bekämpfen, Feuer mit Feuer löschen'. Wenn die junge Herrin meinen Namensvorschlag annimmt, wird sie gewiss hundert Jahre alt. Wenn sie dereinst erwachsen wird und eigene Familie gründet, wird sie bei allen Widrigkeiten Glück im Unglück finden und Gefahr in Segen verwandeln — und alles kommt von diesem Zeichen 'Qiao', dem Geschick."
Phönixglanz hörte das und war hocherfreut. Eilig bedankte sie sich und lachte: "Wenn sich nur Eure Worte bewahrheiten!" Dann rief sie Friedchen und befahl: "Morgen sind wir beschäftigt und haben wahrscheinlich keine Zeit. Pack in deiner freien Zeit die Geschenke für die Laolao zusammen, damit sie morgen früh beqüm aufbrechen kann."
Oma Liu sagte eilig: "Macht Euch nicht noch mehr Unkosten! Ich habe schon einige Tage hier geschmarotzt, und wenn ich noch etwas mitnehme, wird mir ganz unwohl zumute." Phönixglanz sagte: "Es sind nur gewöhliche Dinge. Ob gut oder schlecht, nehmt sie mit, damit Eure Nachbarn etwas zu sehen haben — es zeigt wenigstens, dass Ihr einmal in der Stadt wart."
Friedchen kam und sagte: "Laolao, kommt hier entlang und schaut."
Oma Liu folgte Friedchen in das Nebenzimmer, wo ein halbes Bett voll Dinge aufgestapelt waren. Friedchen zeigte ihr eins nach dem anderen: "Dies ist die blaü Gaze, die Ihr gestern haben wolltet. Die Herrin schickt noch ein Stück weiße Gaze als Futter dazu. Hier sind zwei Stück Kokonseide, gut für Jacken und Röcke. In diesem Bündel sind zwei Stück Seide für Winterkleider. Hier eine Schachtel mit verschiedenen Gebäck aus der Palastküche — manches habt Ihr schon gegessen, manches nicht — bringt sie mit, um sie aufzutischen, das ist besser als was Ihr kaufen könntet. Diese beiden Säcke sind die, mit denen Ihr gestern die Früchte gebracht habt: in dem einen sind zwei Dou kaiserlicher Reis, vorzüglich für Reisbrei; im anderen Gartenobst und verschiedene Trockenfrüchte. Hier ein Päckchen mit acht Liang Silber. Das alles ist von unserer Herrin. Diese zwei Päckchen enthalten jeweils fünfzig Liang, zusammen hundert Liang — von der gnädigen Frau. Sie sagt, Ihr sollt damit ein kleines Geschäft anfangen oder ein paar Mu Land kaufen, und künftig nicht mehr bei Verwandten und Freunden betteln gehen müssen."
Dann sagte sie leise lächelnd: "Diese zwei Jacken und zwei Röcke, dazu vier Kopftücher und ein Päckchen Strickwolle — das ist mein Geschenk an die Laolao. Die Kleider sind zwar getragen, aber ich habe sie kaum angehabt. Wenn Ihr sie verschmäht, würde ich mich nicht traün, mehr zu sagen."
Bei jedem Gegenstand, den Friedchen nannte, sprach Oma Liu ein "Amitabha" — am Ende hatte sie schon mehrere Tausend Gebete gemurmelt. Als sie nun sah, dass auch Friedchen ihr so bescheiden etwas schenkte, sagte sie: "Wo sagt die junge Dame so etwas! Solche schönen Sachen verschmähen? Selbst mit Geld könnte ich sie nirgendwo kaufen! Nur ist es mir peinlich — annehmen ist nicht recht, aber ablehnen hieße, Euer Herz missachten."
Friedchen lachte: "Keine Umstände, wir gehören doch zusammen. Deshalb erlaube ich mir das. Nehmt es ruhig an — ich habe auch eine Bitte an Euch. Bringt uns im Winter von dem getrockneten Graumeldegemüse, Kuhbohnen, Saubohnen, Auberginen und Kürbisstreifen etwas mit — bei uns mögen alle das gern. Das genügt, alles andere ist nicht nötig."
Oma Liu dankte tausendmal und versprach es. Friedchen sagte: "Geht nur schlafen. Ich packe alles ordentlich zusammen und lasse es hier. Morgen früh schicke ich Burschen, die eine Kutsche mieten und alles aufladen — Ihr braucht Euch um nichts zu kümmern."
Oma Liu war zutiefst gerührt, ging hinüber, verabschiedete sich nochmals bei Phönixglanz, und schlief eine Nacht bei der Herzoginmutter. Am nächsten Morgen, nach dem Waschen, wollte sie Abschied nehmen. Da die Herzoginmutter sich aber unwohl fühlte, kamen alle, um nach ihrem Befinden zu fragen, und man schickte nach dem Arzt.
Bald meldete eine Dienerin, der Arzt sei da, und die alten Dienerinnen baten die Herzoginmutter, sich hinter den Vorhang zu setzen. Die Herzoginmutter sagte: "Ich bin auch schon alt — was soll ich mich genieren? Kein Vorhang nötig, er soll mich einfach so untersuchen."
Bald führten Herrlichkeit Kaufmann [贾珍][6], Kette Kaufmann[7] und Hibiskus Kaufmann[8] den Doktor Wang herein. Der wagte nicht, den Hauptweg zu nehmen, sondern ging die Seitenstufen entlang. Er trat ein und sah die Herzoginmutter in einem grünseidenen Lammfellmantel mit Perlenbesatz auf der Liege sitzen; um sie herum vier kleine Dienerinnen mit Fliegenwedeln und Spucknäpfchen, daneben fünf, sechs alte Ammen in Reihe.
Hinter dem grünen Gaze-Schrank sah man undeutlich viele Frauen in Rot und Grün mit Juwelenhaarnadeln und Perlenschmuck. Doktor Wang wagte nicht aufzublicken und verneigte sich eilig. Die Herzoginmutter sah seine Amtskleidung sechsten Ranges und wusste, dass er ein Hofarzt war. Lächelnd fragte sie: "Geht es dem Herrn Leibarzt gut?" Dann fragte sie Herrlichkeit Kaufmann: "Wie heißt der Herr?" Herrlichkeit Kaufmann und die anderen antworteten: "Er heißt Wang." die Herzoginmutter sagte: "Der frühere Direktor der kaiserlichen Akademie König Junxiao hatte einen vorzüglichen Puls."
Doktor Wang verneigte sich ehrerbietig und antwortete lächelnd: "Das war der Urgrosonkel meines bescheidenen Nachkommen." die Herzoginmutter lachte: "Also alte Bekannte!" Sie streckte langsam die Hand auf das kleine Pulspolster. Eine alte Amme stellte rasch einen kleinen Hocker vor den Tisch. Doktor Wang kniete auf ein Knie, legte den Kopf schräg und fühlte lange den Puls; dann die andere Hand. Er stand auf, verneigte sich und trat zurück.
Die Herzoginmutter sagte lächelnd: "Mühe gemacht! Zhen'er, führt ihn hinaus und bewirtet ihn gut."
Draußen sagte Doktor Wang: "Die Alte Herrin hat keine besondere Krankheit — nur eine leichte Erkältung. Eigentlich braucht sie keine Medizin, nur leichte Kost und Wärme. Ich schreibe ein Rezept — wenn sie es mag, lasse man einen Sud kochen; wenn nicht, ist es auch nicht schlimm." Er trank seinen Tee und schrieb das Rezept. Als er gehen wollte, kam die Amme mit Da Jie'er und lachte: "Herr Doktor, schaut doch auch bei unserem Kind." Doktor Wang stand eilig auf, fühlte der Kleinen in den Armen den Puls, befühlte ihren Kopf und ließ sich die Zunge zeigen. Er lachte: "Die junge Dame schimpft mich bestimmt wieder! Sie braucht nur zwei Mahlzeiten nichts zu essen, dann wird es besser. Kein Sud nötig — ich schicke Pillen, die man abends mit Ingwertee zerreibt und einnimmt." Damit verabschiedete er sich.
Herrlichkeit Kaufmann und die anderen brachten das Rezept zur Herzoginmutter, erklärten alles und legten es auf den Tisch. Dame König[9], Seidenweiß Pflaume [李纨][10], Phönixglanz, Schatzspange [宝钗] und die Schwestern kamen nun hinter dem Schrank hervor. Dame König sass kurz und ging dann.
Oma Liu sah, dass alles erledigt war, und trat vor, um sich von die Herzoginmutter zu verabschieden. Die Herzoginmutter sagte: "Komm wieder, wenn du Zeit hast." Sie rief Mandarinenente [鸳鸯][11]: "Geleite Oma Liu ordentlich hinaus. Mir ist nicht wohl, ich kann dich nicht begleiten." Oma Liu dankte und verabschiedete sich, dann ging sie mit Mandarinenente hinaus.
Im Dienstbotenquartier zeigte Mandarinenente auf ein Bündel auf dem Kang: "Das sind einige Kleider der Alten Herrin — Geschenke von den Leuten zu Geburtstagen und Festen, die sie nie getragen hat. Gestern ließ sie mich zwei Garnituren heraussuchen, die Ihr mitnehmen sollt — zum Verschenken oder selbst tragen, wie Ihr wollt. In der Schachtel ist das Gebäck, das Ihr haben wolltet. Im Päckchen sind die Medikamente, nach denen Ihr neulich gefragt habt: Meihua-Dianzhedan, Zijinding, Huoluodan, Cuisheng-Baomingdan — jede Sorte mit einem Rezeptzettel, alles zusammen eingepackt. Hier sind zwei Geldbörsen."
Sie öffnete die Schnüre und holte zwei Silberstücke in Form von Pinsel und Barren heraus, um sie ihr zu zeigen. Dann lachte sie: "Die Börsen behaltet, aber die hier lasse ich mir — einverstanden?" Oma Liu war schon überwältigt vor Freude und hatte wieder einige Tausend Buddhas gemurmelt. Als sie Mandarinenentes Worte hörte, sagte sie: "Die junge Dame darf sie gern behalten." Mandarinenente sah, dass sie es wirklich glaubte, packte sie wieder ein und lachte: "Ich necke Euch nur, ich habe genug davon. Hebt sie für die Kleinen im neuen Jahr auf."
Gerade dann brachte eine kleine Dienerin eine Chenghua-Tasse und sagte: "Das schickt der Zweite Junge Herr Schatzjade [宝玉][12]." Oma Liu sagte: "Was habe ich getan, um solche Gnade zu verdienen!" und nahm sie an. Mandarinenente sagte: "Die Kleider, die ich dir neulich zum Wechseln nach dem Bad gegeben habe, waren meine. Wenn du sie nicht verschmähst, schenke ich dir noch ein paar." Oma Liu dankte eilig, und Mandarinenente holte tatsächlich zwei weitere Stücke.
Oma Liu wollte noch in den Garten, um sich von Schatzjade, den Schwestern und Dame König zu verabschieden. Mandarinenente sagte: "Das ist nicht nötig. Sie empfangen jetzt niemanden — ich richte ihnen nachher Eure Grüße aus. Kommt wieder, wenn Ihr Zeit habt." Sie befahl einer alten Dienerin, am zweiten Tor zwei Burschen rufen zu lassen, die Oma Liu beim Tragen halfen.
Die Dienerin ging mit Oma Liu zu Phönixglanzs Gemächern, nahm alle Dinge zusammen mit, und am Seitentor ließen die Burschen alles hinausbringen und brachten Oma Liu bis zur Kutsche. Doch davon wollen wir nicht weiter berichten.
Schatzspange und die anderen frühstückten und gingen zur Herzoginmutter, um nach ihrem Befinden zu fragen. Auf dem Rückweg zum Garten rief Schatzspange an der Wegkreuzung nach Kajaljade [黛玉][13]: "Pin'er, komm mit mir, ich möchte dich etwas fragen." Kajaljade ging mit Schatzspange zum Hengwu-Hof. Im Zimmer setzte sich Schatzspange lächelnd hin und sagte: "Knie nieder — ich muss dich verhören."
Kajaljade verstand nicht und lachte: "Sieh mal einer an, Schwester Bao ist verrückt geworden! Worüber willst du mich verhören?" Schatzspange sagte kühl: "Feine Tochter aus gutem Hause! Feines Mädchen, das nie das Frauengemach verlässt! Was für Sachen hast du da von dir gegeben? Gesteh!" Kajaljade verstand immer noch nicht und lachte nur, obwohl in ihrem Herzen Zweifel aufkam. "Wann habe ich denn etwas gesagt? Du willst mir nur einen Fehler anhängen. Sag du mir doch, was."
Schatzspange lachte: "Du tust, als wärst du ahnungslos. Was hast du gestern beim Trinkspiel aufgesagt? Ich weiß gar nicht, woher du das hast." Kajaljade überlegte — da fiel ihr ein, dass sie gestern unachtsam gewesen war und zwei Zeilen aus der "Geschichte vom Päonien-Pavillon" und dem "Westzimmer" zitiert hatte. Ihr Gesicht wurde rot, und sie umarmte Schatzspange und sagte: "Liebe Schwester, das war unbedacht — es ist mir nur so herausgerutscht. Lehr mich, ich sage es nie wieder."
Schatzspange lachte: "Ich weiß es auch nicht — ich fand nur, was du sagtest, so sonderbar, und wollte dich fragen." Kajaljade sagte: "Liebe Schwester, sag es niemandem, ich sage es nie wieder." Schatzspange sah sie über und über erröten und unablässig bitten und wollte nicht weiter nachhaken. Sie zog sie zum Sitzen und bot ihr Tee an. Dann sagte sie behutsam: "Glaubst du, ich sei eine andere als du? Auch ich war als Kind ungezogen. In unserer Familie ist man belesen; mein Großvater sammelte gern Bücher. Damals waren wir viele Geschwister beisammen, und alle scheuten die ernsten Bücher. Manche Brüder liebten Gedichte, andere Lieder, und von 'Westzimmer' und 'Laute' bis zu den 'Hundert Yuan-Stücken' war alles vorhanden. Sie lasen heimlich hinter unserem Rücken, und wir hinter ihrem. Als die Erwachsenen es entdeckten, gab es Prügel, Schelte und Bücherverbrennungen, und erst dann hörten wir auf.
Darum ist es für uns Mädchen besser, keine Schriftzeichen zu kennen. Wenn schon Männer lesen und doch nicht klug werden, ist es noch schlimmer, als wenn sie gar nicht lesen — erst recht bei uns. Selbst Dichten und Kalligraphie sind eigentlich nicht unsere Sache, und streng genommen auch nicht die der Männer. Männer sollten lesen, Vernunft lernen, dem Land dienen und das Volk regieren — das wäre gut. Aber heutzutage hört man von solchen nicht mehr. Im Gegenteil, nach dem Lesen werden sie erst recht schlecht. Die Bücher haben ihnen geschadet, und sie den Büchern. Da ist es besser, zu pflügen und Handel zu treiben — das richtet wenigstens keinen großen Schaden an. Wir Mädchen sollten nähen, spinnen und weben — nichts anderes. Dass wir zufällig lesen gelernt haben, sei's drum, aber lest dann nur anständige Bücher. Am schlimmsten ist es, wenn man mit ungehöriger Lektüre seine Natur verdirbt — dann ist man verloren."
Kajaljade hörte diese Rede mit gesenktem Kopf über ihrem Tee und empfand im Herzen tiefe Zustimmung. Sie konnte nur "Ja" sagen.
Da kam Suyun herein und sagte: "Unsere Herrin bittet die beiden jungen Damen, eine dringende Angelegenheit zu besprechen. Die Zweite, Dritte und Vierte Junge Dame, Junge Dame Shi und der Zweite Junge Herr warten alle dort." Schatzspange fragte: "Was gibt es denn nun wieder?" Kajaljade sagte: "Wenn wir dort sind, werden wir es erfahren." Damit gingen die beiden zum Daoxiang-Dorf, wo sie alle vorfanden.
Seidenweiß Pflaume sah sie kommen und lachte: "Die Dichtergesellschaft hat noch nicht richtig begonnen, und schon entziehen sich welche — die Vierte Schwester will ein ganzes Jahr Urlaub nehmen!" Kajaljade lachte: "Das ist alles wegen Großmutters Bemerkung gestern — sie soll den Garten malen, und nun freut sie sich, Urlaub nehmen zu können!" Erkundefrühling[14] lachte: "Schiebt nicht alles auf die Alte Herrin, es war Oma Lius Wort." Kajaljade rief lachend: "Genau! Alles wegen ihr! Was für eine Großmutter soll sie sein? Ich würde sie einfach 'Mutter Heuschrecke' nennen!"
Alle brachen in Gelächter aus. Schatzspange lachte: "Wenn es um den Mund geht, hat Phönixglanz alles zu bieten. Glücklicherweise kann sie nicht lesen, ihre Witze sind eher marktschreierisch. Aber Pin'er mit ihrem spitzen Mundwerk wendet die Methode der Frühjahrs-und-Herbst-Annalen an: sie nimmt die groben Redewendungen des Volkes, fasst sie zusammen, streicht das Überflüssige, schmückt sie aus und vergleicht — jeder Satz sitzt. Diese drei Zeichen 'Mutter Heuschrecke' bringen alle gestrigen Szenen vor Augen. Erstaunlich, wie schnell sie darauf kommt."
Die Leute hörten das und sagten lachend: "Dein Kommentar steht den beiden in nichts nach."
Seidenweiß Pflaume fragte: "Ich bitte euch alle, beratet, wie viele Tage Urlaub wir ihr geben sollen. Ich habe ihr einen Monat gegeben, und sie findet es zu wenig. Was meint ihr?"
Kajaljade sagte: "Streng genommen ist ein Jahr nicht zu viel. Der Garten wurde in einem Jahr gebaut — das Malen müsste zwei Jahre daürn. Man muss Tusche reiben, den Pinsel eintunken, Papier ausbreiten, Farben auftragen, und dann noch..." Die anderen wussten, dass sie Bedauerfrühling [惜春][15] neckte, und fragten lachend: "Was noch?" Kajaljade konnte selbst nicht mehr an sich halten und lachte: "Und dann muss man nach dieser Vorlage laaangsam malen — da braucht man doch zwei Jahre!" Alle klatschten vor Lachen.
Schatzspange lachte: "'Nach dieser Vorlage langsam malen' — der letzte Satz ist der köstlichste. Die gestrigen Witze waren zwar auch zum Lachen, aber hinterher waren sie geschmacklos. Wenn man über Pin'ers Sätze nachdenkt — obwohl sie schlicht sind, haben sie Tiefgang. Ich kann nicht mehr vor Lachen."
Bedauerfrühling sagte: "Das ist alles, weil Schwester Bao sie ermutigt und sie sich immer mehr herausnimmt — und jetzt bin ich dran!" Kajaljade zog sie schnell heran und lachte: "Sag mir, malst du nur den Garten, oder uns alle mit drauf?" Bedauerfrühling sagte: "Ursprünglich sollte es nur der Garten sein, aber gestern sagte die Alte Herrin, ein Garten allein sähe aus wie ein Grundriss — Figuren müssen auch drauf, wie ein 'Festbild'. Aber ich kann keine feinen Gebäudezeichnungen und keine Figuren — und zurückweisen kann ich es auch nicht. Deshalb bin ich in der Zwickmühle."
Kajaljade sagte: "Figuren gehen noch — aber Insekten?" Seidenweiß Pflaume sagte: "Rede keinen Unsinn — wozu braucht man da Insekten? Höchstens ein, zwei Vögel als Schmuck." Kajaljade lachte: "Auf andere Insekten kann man verzichten, aber wenn man die 'Mutter Heuschrecke' von gestern nicht draufmalt, fehlt doch das Meisterstück!" Alle lachten erneut.
Kajaljade lachte, die Hände an die Brust gepresst, und sagte: "Mal schnell! Ich habe schon die Inschrift — als Titel nehmen wir 'Bild des großen Heuschrecken-Gelages'!" Die Leute brachen in noch wilderes Gelächter aus, sich vor und zurück beugend. Plötzlich hörte man "bums!" — etwas war umgefallen. Xiangfluss-Wolke[16] hatte sich auf die Stuhlrücklehne gelegt, die nicht fest gestanden hatte; als sie mit ganzem Gewicht darüber lachte, kippte der Stuhl mit ihr zusammen um. Glücklicherweise fing die Wand sie auf.
Alle lachten noch mehr. Schatzjade half ihr schnell auf, und das Gelächter legte sich allmählich. Schatzjade gab Kajaljade ein Zeichen, und sie verstand: sie ging ins Nebenzimmer, schlug den Spiegelvorhang zurück, sah dass ihre Frisur etwas aufgelöst war, öffnete Seidenweiß Pflaumes Schminkkästchen, nahm ein Haarglättungswerkzeug und richtete vor dem Spiegel ihre Frisur, ehe sie zurückkam. Sie deutete auf Seidenweiß Pflaume: "Du sollst uns bei der Handarbeit anleiten und in Anstand unterweisen, und stattdessen lockst du uns zu Scherz und Gelächter!"
Seidenweiß Pflaume lachte: "Hört euch das an! Sie geht voran mit dem Unfug und stiftet alle zum Lachen an, und dann gibt sie mir die Schuld!"
Dann sagte Schatzspange: "Ich habe einen gerechten Vorschlag. Bedauerfrühling kann zwar malen, aber nur Skizzen im Freihandstil. Für so ein Gartenbild braucht man eine innere Landschaft im Kopf. Dieser Garten gleicht einem Gemälde — Felsen, Bäume, Gebaude, nah und fern, dicht und licht, nicht zu viel und nicht zu wenig, genau richtig. Einfach abmalen geht nicht — man muss nach dem Raum auf dem Papier entscheiden, was hinzuzufügen und was wegzulassen ist, was verborgen und was sichtbar sein soll. Erst nach einem Entwurf, nach sorgfältiger Prüfung, wird ein richtiges Bild daraus.
Zweitens müssen Gebaude mit Lineal und Zirkel gezeichnet werden. Die kleinste Unachtsamkeit — und die Geländer sind schief, die Säulen schräg, die Fenster auf den Kopf gestellt, die Stufen haben Lücken, der Tisch steckt in der Maür und der Blumentopf hängt am Vorhang — dann hätte man ein 'Witz'-Bild statt eines Bildes.
Drittens, bei den Figuren: sie müssen locker und dicht sein, hoch und tief. Gewandsfalten, Gürtel, Finger, Füße — alles höchst wichtig. Ein einziger falscher Strich, und die Hand ist geschwollen oder das Bein verrenkt.
Meiner Meinung nach: ein ganzes Jahr Urlaub ist zu viel, ein Monat zu wenig. Ein halbes Jahr, und Bruder Schatzjade soll ihr helfen. Nicht weil er sie das Malen lehren könnte — das würde es nur verderben — sondern weil er bei Schwierigkeiten die professionellen Maler draußen fragen kann."
Schatzjade hörte das und rief freudig: "Ganz recht! Zhan Ziliang ist ein Meister der feinen Architekturzeichnung, Cheng Rixing zeichnet überragende Schöne — ich frage sie gleich." Schatzspange lachte: "Du bist wieder vorschnell! Wartet, bis alles besprochen ist. Und was für Papier wollt ihr nehmen?" Schatzjade sagte: "Wir haben Xülang-Papier, groß und tintenfreundlich." Schatzspange lächelte kühl: "Wie wenig du davon verstehst! Xülang-Papier eignet sich für Kalligraphie und Freihandmalerei oder für Südschul-Landschaften — es nimmt Tusche auf und hält Strukturierung aus. Aber damit dieses hier malen — es nimmt keine Farbe auf, lässt sich schwer tönen, das Bild wird nichts und das Papier ist verschwendet."
Dann gab Schatzspange eine ausführliche Anleitung für Materialien, Farben, Werkzeuge und Techniken, die sie Schatzjade diktierte. Kajaljade kam herbei und neckte Schatzspange wegen der langen Materialliste, die sie als "Mitgift-Liste" bezeichnete — was allgemeines Gelächter hervorrief.
Zum Schluss sagte Schatzspange lächelnd, sie wolle alles aufschreiben lassen und bei der Alten Herrin das Fehlende anfordern. Am Abend gingen alle zur Herzoginmutter, die nur eine leichte Erkältung hatte, die mit einem Sud und einer warmen Nacht bald besser wurde. Was am nächsten Tag geschah, wird im folgenden Kapitel erzählt.
- ↑ Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Xue Kostbare Haarspange". Schatzjades spätere Ehefrau.
- ↑ Chin. 刘姥姥 Liú Lǎolao, wörtl. „Oma Liu". Eine einfache Bäuerin vom Lande.
- ↑ Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Glänzender Phönix aus dem Hause Wang". Haushälterin der Familie Kaufmann.
- ↑ Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' treue Kammerzofe.
- ↑ Chin. 贾母 Jiǎmǔ, wörtl. „Mutter Kaufmann". Oberhaupt der Familie, auch „Alte Herrin" genannt.
- ↑ Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Herrlichkeit Kaufmann/Kostbarkeit". Oberhaupt des Osthauses der Familie Kaufmann.
- ↑ Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.
- ↑ Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, wörtl. „Herrlichkeit Kaufmann". Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.
- ↑ Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, wörtl. „Dame König". Schatzjades Mutter.
- ↑ Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Li Seidenschleier". Witwe von Zhu Kaufmann, Schatzjades ältere Schwägerin.
- ↑ Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente". Treue Leibdienerin der Herzoginmutter.
- ↑ Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Kaufmann Jade". Hauptfigur des Romans.
- ↑ Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Wald-Kajaljade". Schatzjades Cousine und Seelenverwandte.
- ↑ Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „den Frühling erspüren". Dritte Tochter von Aufrecht Kaufmann.
- ↑ Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „den Frühling bewahren". Jüngste Tochter des Hauses Kaufmann, talentierte Malerin.
- ↑ Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, wörtl. „Xiang-Flusswolke Geschichte". Schatzjades lebhafte Cousine.