Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 68"
(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 68 mit Navigation und Fussnoten) |
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| − | + | Kapitel 68 | |
| − | + | 苦尤娘赚入大观园 / 酸凤姐大闹宁国府 | |
| − | + | Die bitterböse Phönixglanz lockt die Zweitschwester Sonders ins Prunkwille-Anwesen; Phönixglanz stiftet Aufruhr im Stillfriede-Anwesen | |
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| − | < | + | Die bitterböse Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, die gewiefte und machtbewusste Ehefrau von Kette Kaufmann.</ref> spielt die Gütige und bewirkt mit List eine öffentliche Klage. Die geheime Gattin, die Zweitschwester Sonders<ref>Zweitschwester Sonders: Chin. 尤二姐 Yóu Èrjiě, die heimliche Zweitfrau von Kette Kaufmann.</ref>, wird ins Prunkwille-Anwesen gelockt und gerät in die Falle. |
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| − | + | Es wird erzählt, dass Kette Kaufmann<ref>Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, zweiter Sohn von Begnadigung Kaufmann, Ehemann von Phönixglanz.</ref> nach seiner Abreise erfuhr, dass der Friedenskommandant gerade auf Grenzinspektion war und erst in etwa einem Monat zurückerwartet wurde. Er musste in seiner Unterkunft warten. Als der Kommandant schließlich zurückkam, erledigten sie die Angelegenheit, doch die Rückreise zog sich hin — insgesamt waren fast zwei Monate vergangen. | |
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| − | + | Unterdessen hatte Phönixglanz längst alles durchgerechnet. Kaum war Kette Kaufmann fort, ließ sie Handwerker aller Art kommen und die drei Zimmer des östlichen Seitenflügels herrichten — mit derselben Ausstattung und Einrichtung wie ihre eigenen Hauptgemächer. Am vierzehnten Tag meldete sie der Herzoginmutter<ref>Herzoginmutter: Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die alte Matriarchin des Kaufmann-Hauses.</ref> und Dame König, sie wolle am fünfzehnten in aller Frühe zum Nonnenkloster, um Weihrauch darzubringen. Sie nahm nur Friedchen<ref>Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, die treue und kluge Leibmagd von Phönixglanz.</ref>, Fenger, Frau Zhou Rui und Dame König Er mit — vier Personen. Noch bevor sie in die Kutsche stieg, erzählte sie allen, worum es wirklich ging. Dann wies sie die männlichen Diener an, schlichte Kleidung anzulegen und schlichte Decken auf die Kutsche zu spannen, und fuhr geradewegs los. | |
| − | + | Glückskind<ref>Chin. 兴儿 Xīng'er. 兴 xīng „Glück/Aufregung“. Kette Kaufmanns Dienerbursche.</ref> führte den Weg, und so gelangten sie direkt vor die Tür der Zweiten Schwester You und klopften an. Die Frau von Bao Er öffnete. Glückskind sagte lachend: „Meldet schnell der Zweiten Herrin — die Erste Herrin ist da!" | |
| − | + | Die Frau von Bao Er erschrak so, dass ihr die Seele aus dem Leib zu fahren schien, und rannte hinein, um die Zweitschwester Sonders zu benachrichtigen. Auch die Zweitschwester Sonders erschrak, doch da der Besuch nun einmal da war, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn mit gebührender Höflichkeit zu empfangen. Eilig richtete sie ihre Kleidung und ging hinaus. | |
| − | Die | + | Vor der Tür stieg Phönixglanz gerade aus der Kutsche. Die Zweitschwester Sonders musterte sie: alles Silberschmuck in schlichtem Weiß auf dem Kopf, ein mondweißes Atlasjäckchen, ein blaugrüner Atlasumhang, ein weißer Seidenrock. Ihre Brauen geschwungen wie Weidenblätter, an den Spitzen fein aufwärts gezogen; die Augen horizontal wie der Blick eines scharlachroten Phönix, der Blick scharf und durchdringend. Anmutig wie ein Pfirsichbaum im Frühling, rein wie eine Chrysantheme im Herbst. Frau Zhou Rui und Dame König Er stützten sie beim Betreten des Hofes. |
| − | + | Die Zweitschwester Sonders eilte lächelnd entgegen, verneigte sich tief und sagte sogleich: „Dass die ältere Schwester sich persönlich herabgelassen hat — ich habe Euch nicht einmal von ferne empfangen können! Verzeiht mir die Übereilung!" Damit verneigte sie sich bis zum Boden. | |
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Phönixglanz erwiderte eilig lächelnd die Begrüßung, und die beiden gingen Hand in Hand ins Zimmer. | Phönixglanz erwiderte eilig lächelnd die Begrüßung, und die beiden gingen Hand in Hand ins Zimmer. | ||
| − | Phönixglanz nahm den Ehrenplatz ein. Die | + | Phönixglanz nahm den Ehrenplatz ein. Die Zweitschwester Sonders ließ ein Kissen bringen und wollte sich verbeugen. Sie sagte: „Ich bin jung und unerfahren. Seit meiner Ankunft hier haben meine Mutter und meine ältere Schwester alles besprochen und entschieden. Dass ich heute die Ehre habe, Euch zu begegnen — wenn die ältere Schwester meine bescheidene Herkunft nicht verschmäht, bitte ich in allen Dingen um Eure Anleitung und Belehrung. Ich will Euch mit Leib und Seele dienen." |
| − | Damit vollzog sie die Verbeugung. Phönixglanz erhob sich rasch vom Platz und erwiderte die Verbeugung, wobei sie eilig sagte: „Alles ist nur die Schuld meiner beschränkten Frauensicht! Ich habe meinem Mann ständig geraten, vorsichtig zu sein und nicht draußen nach Blumen und Weiden zu greifen, aus Sorge, es könne den Eltern Kummer bereiten. Das sind eben die Sorgen unserer törichten Herzen. Aber der Zweite Herr hat meine gute Absicht missverstanden. Dass er sich draußen amüsiert | + | Damit vollzog sie die Verbeugung. Phönixglanz erhob sich rasch vom Platz und erwiderte die Verbeugung, wobei sie eilig sagte: „Alles ist nur die Schuld meiner beschränkten Frauensicht! Ich habe meinem Mann ständig geraten, vorsichtig zu sein und nicht draußen nach Blumen und Weiden zu greifen, aus Sorge, es könne den Eltern Kummer bereiten. Das sind eben die Sorgen unserer törichten Herzen. Aber der Zweite Herr hat meine gute Absicht missverstanden. Dass er sich draußen amüsiert — mag sein, er konnte es vor mir verbergen. Aber dass er nun die ältere Schwester als Zweitgemahlin heiratet, das ist doch eine große Angelegenheit mit allen dazugehörigen Zeremonien — und auch das hat er mir nicht gesagt! Dabei habe ich dem Zweiten Herrn sogar selbst geraten, frühzeitig eine solche Verbindung einzugehen, damit für Nachkommen gesorgt sei. Doch er hat mich offenbar für eine jener eifersüchtigen Frauen gehalten und diese wichtige Sache heimlich durchgeführt, ohne mir ein Wort zu sagen. So habe ich ein Unrecht erlitten, das ich nicht aussprechen kann — nur Himmel und Erde sind meine Zeugen. |
| − | Schon vor zehn Tagen habe ich davon gehört, aber aus Furcht, der Zweite Herr würde es nicht gerne hören, habe ich nichts gesagt. Jetzt, da er glücklicherweise auf Fernreise ist, bin ich persönlich gekommen, um meinen Besuch zu machen. Ich bitte die ältere Schwester, mein aufrichtiges Herz zu verstehen, und bitte Euch, die Mühe auf sich zu nehmen und ins Haus zu ziehen. Wir Schwestern wohnen dann zusammen, beraten einmütig den Zweiten Herrn, mahnen ihn zu Besonnenheit in seinen Geschäften und zur Pflege seiner Gesundheit | + | Schon vor zehn Tagen habe ich davon gehört, aber aus Furcht, der Zweite Herr würde es nicht gerne hören, habe ich nichts gesagt. Jetzt, da er glücklicherweise auf Fernreise ist, bin ich persönlich gekommen, um meinen Besuch zu machen. Ich bitte die ältere Schwester, mein aufrichtiges Herz zu verstehen, und bitte Euch, die Mühe auf sich zu nehmen und ins Haus zu ziehen. Wir Schwestern wohnen dann zusammen, beraten einmütig den Zweiten Herrn, mahnen ihn zu Besonnenheit in seinen Geschäften und zur Pflege seiner Gesundheit — das wäre das Rechte. |
| − | Wenn die ältere Schwester hier draußen lebt und ich drinnen, wäre das | + | Wenn die ältere Schwester hier draußen lebt und ich drinnen, wäre das — auch wenn ich gering und unwürdig bin, Euch Gesellschaft zu leisten — für mein Herz nicht erträglich. Außerdem: Wenn Außenstehende davon erführen, würde es keinen guten Eindruck machen. Der Ruf des Zweiten Herrn steht auf dem Spiel — und wenn über mich geredet wird, klage ich nicht. |
| − | Deshalb liegt mein ganzer Ruf in diesem Leben in der Hand der älteren Schwester. Was jene niedrigen Dienstleute reden | + | Deshalb liegt mein ganzer Ruf in diesem Leben in der Hand der älteren Schwester. Was jene niedrigen Dienstleute reden — sie kennen mich als strenge Hausherrin und machen hinter meinem Rücken ihre Bemerkungen. Das ist das Übliche. Die ältere Schwester ist eine Person von Format — wie könnte sie solchem Gerede Glauben schenken? Hätte ich wirklich Fehler, dann wären da oben drei Schwiegereltern, in der Mitte unzählige Schwägerinnen und Schwiegertöchter, und das Haus Kaufmann ist eine Familie von Rang — hätte man mich bis heute geduldet? Dass der Zweite Herr die ältere Schwester heimlich draußen geheiratet hat — andere würden zürnen, ich aber empfinde es als Glück. Der Himmel und alle Buddhas konnten nicht mitansehen, wie ich von kleinen Leuten verleumdet werde, und haben diese Sache geschickt. Ich bin heute gekommen, um die ältere Schwester zu bitten, zu mir ins Haus zu ziehen, mit demselben Rang und Anteil wie ich, denselben Pflichten gegenüber den Schwiegereltern und demselben Recht, den Gatten zu ermahnen. Wenn es Freude gibt, freuen wir uns gemeinsam; wenn es Kummer gibt, trauern wir gemeinsam — Schwestern wie leibliche, verbunden wie Knochen und Fleisch. Nicht nur werden jene kleinen Leute dann ihre früheren Fehlurteile über mich bereuen, auch der Zweite Herr selbst wird, wenn er heimkommt und es sieht, als Ehemann im Stillen seine früheren Vorurteile bereuen. Die ältere Schwester ist also meine große Wohltäterin, die meinen früheren Ruf vollständig reinwäscht! |
| − | Wenn die ältere Schwester nicht mit mir kommt, bin ich bereit, hier zu bleiben und Euch Gesellschaft zu leisten. Ich will gern die Jüngere sein und Euch jeden Tag beim Kämmen und Waschen bedienen. Ich bitte nur, dass die ältere Schwester vor dem Zweiten Herrn ein gutes Wort für mich einlegt und mir ein Plätzchen zum Leben gönnt | + | Wenn die ältere Schwester nicht mit mir kommt, bin ich bereit, hier zu bleiben und Euch Gesellschaft zu leisten. Ich will gern die Jüngere sein und Euch jeden Tag beim Kämmen und Waschen bedienen. Ich bitte nur, dass die ältere Schwester vor dem Zweiten Herrn ein gutes Wort für mich einlegt und mir ein Plätzchen zum Leben gönnt — dann sterbe ich zufrieden!" |
| − | Bei diesen Worten brach sie in heftiges Schluchzen aus. Die | + | Bei diesen Worten brach sie in heftiges Schluchzen aus. Die Zweitschwester Sonders, die das sah, konnte ihre eigenen Tränen nicht zurückhalten. |
| − | Nachdem sich die beiden begrüßt und der Rangfolge nach gesetzt hatten, trat auch Friedchen vor, um ihren Gruß zu erweisen. Die | + | Nachdem sich die beiden begrüßt und der Rangfolge nach gesetzt hatten, trat auch Friedchen vor, um ihren Gruß zu erweisen. Die Zweitschwester Sonders erkannte an ihrem feinen Auftreten, ihrem vornehmen Benehmen und ihrer Schönheit sofort, dass es Friedchen sein musste. Eilig hielt sie sie persönlich zurück und sagte nur: „Schwester, lasst das! Ihr und ich sind gleich!" |
| − | Phönixglanz erhob sich ebenfalls lachend und sagte: „Das geht zu weit! Schwester, nehmt ruhig ihre Verbeugung an | + | Phönixglanz erhob sich ebenfalls lachend und sagte: „Das geht zu weit! Schwester, nehmt ruhig ihre Verbeugung an — sie ist nur unsere Dienerin. Bitte macht das nicht noch einmal." |
| − | Dann ließ sie Frau Zhou aus dem Bündel vier Stücke feinstes Stofftuch und vier Paar goldene Perlen-Haarnadeln als Begrüßungsgeschenk hervorholen. Die | + | Dann ließ sie Frau Zhou aus dem Bündel vier Stücke feinstes Stofftuch und vier Paar goldene Perlen-Haarnadeln als Begrüßungsgeschenk hervorholen. Die Zweitschwester Sonders nahm sie dankend entgegen. Die beiden tranken Tee und sprachen über Vergangenes. Phönixglanz gab sich durch und durch selbstanklagend — „die Schuld liegt ganz bei mir, anderen kann ich keinen Vorwurf machen, ich bitte nur die ältere Schwester um ihre Zuneigung" und dergleichen. |
| − | Die | + | Die Zweitschwester Sonders hielt Phönixglanz nach alledem für eine überaus gute Person. Dass niedrige Dienstleute ihre Herrin verleumden, wenn sie unzufrieden sind, sei ja ganz natürlich. So öffnete sie ihr Herz, plauderte eine Weile und betrachtete Phönixglanz bereits als Seelenverwandte. Zudem priesen Frau Zhou Rui und andere nebenbei Phönixglanz' viele gute Taten als Hausherrin — nur sei sie zu gutherzig und mache sich dadurch Feinde. „Die Zimmer sind schon hergerichtet — die Herrin braucht nur hinzugehen und es sich anzusehen", sagten sie. |
| − | Die | + | Die Zweitschwester Sonders hatte sich ohnehin nichts sehnlicher gewünscht, als ins Haus zu ziehen und dort zusammenzuleben. Wie hätte sie da nicht einwilligen sollen! Sie sagte: „Natürlich sollte ich mit der älteren Schwester gehen. Nur — was wird mit den Dingen hier?" |
Phönixglanz sagte: „Das ist nicht schwer. Die Truhen und wertvollen Sachen der älteren Schwester lässt sie von den Burschen ins Haus bringen. Das grobe Zeug braucht man nicht, jemand soll darauf aufpassen. Wen die ältere Schwester für zuverlässig hält, der bleibt hier." | Phönixglanz sagte: „Das ist nicht schwer. Die Truhen und wertvollen Sachen der älteren Schwester lässt sie von den Burschen ins Haus bringen. Das grobe Zeug braucht man nicht, jemand soll darauf aufpassen. Wen die ältere Schwester für zuverlässig hält, der bleibt hier." | ||
| − | Die | + | Die Zweitschwester Sonders sagte hastig: „Da ich die ältere Schwester nun getroffen habe — wenn ich ins Haus ziehe, überlasse ich alles Eurer Regie. Ich bin noch nicht lange hier und habe nie einen Haushalt geführt, verstehe nichts von der Welt — wie könnte ich Entscheidungen treffen? Diese paar Truhen nehme ich mit. Viel habe ich ohnehin nicht — das meiste gehört ja dem Zweiten Herrn." |
| − | Phönixglanz befahl Frau Zhou Rui, alles zu verzeichnen und sorgfältig in den östlichen Seitenflügel bringen zu lassen. Dann drängte sie die | + | Phönixglanz befahl Frau Zhou Rui, alles zu verzeichnen und sorgfältig in den östlichen Seitenflügel bringen zu lassen. Dann drängte sie die Zweitschwester Sonders, sich umzukleiden. Hand in Hand stiegen die beiden in die Kutsche, saßen beieinander, und Phönixglanz flüsterte ihr zu: |
| − | „In unserem Haus herrschen strenge Regeln. Von der Sache weiß die Ahnherrin überhaupt nichts. Wenn sie erführe, dass der Zweite Herr dich in der Trauerzeit geheiratet hat, ließe sie ihn totschlagen. Vorerst darfst du die Ahnherrin und die Gnädigen Frauen nicht sehen. Wir haben einen sehr großen Garten, in dem die jungen Damen wohnen | + | „In unserem Haus herrschen strenge Regeln. Von der Sache weiß die Ahnherrin überhaupt nichts. Wenn sie erführe, dass der Zweite Herr dich in der Trauerzeit geheiratet hat, ließe sie ihn totschlagen. Vorerst darfst du die Ahnherrin und die Gnädigen Frauen nicht sehen. Wir haben einen sehr großen Garten, in dem die jungen Damen wohnen — da kommt nicht leicht jemand hin. Du wohnst erst einmal ein paar Tage im Garten. Wenn ich eine Möglichkeit gefunden habe, die Sache richtig zu erklären, dann trittst du vor sie — das ist sicherer." |
| − | Die | + | Die Zweitschwester Sonders sagte: „Ich überlasse alles der älteren Schwester." |
Die Burschen, die die Kutsche begleiteten, waren vorher alle eingeweiht worden und fuhren nicht zum Haupttor, sondern direkt zum Hintertor. | Die Burschen, die die Kutsche begleiteten, waren vorher alle eingeweiht worden und fuhren nicht zum Haupttor, sondern direkt zum Hintertor. | ||
| − | Nach dem Aussteigen schickte Phönixglanz alle fort und führte die | + | Nach dem Aussteigen schickte Phönixglanz alle fort und führte die Zweitschwester Sonders durch das Hintertor des Gartens der Großen Anschauung [大观园] zu Frau Li [李纨], um sich vorzustellen. Zu diesem Zeitpunkt wussten schon neun von zehn Bewohnern des Gartens Bescheid. Als nun Phönixglanz die Neue hereinbrachte, kamen viele herbei, um sie zu sehen und zu befragen. Die Zweitschwester Sonders begrüßte alle der Reihe nach. Wer sie sah, war von ihrer Anmut und Liebenswürdigkeit angetan und konnte nicht umhin, sie zu loben. |
| − | Phönixglanz ermahnte alle Anwesenden einzeln: „Keiner darf nach draußen ein Wort verlauten lassen! Wenn die Ahnherrin oder die Gnädigen Frauen davon erfahren, bringe ich euch als Erste um!" Die Mütterchen und Mädchen im Garten fürchteten Phönixglanz ohnehin allesamt, und da es sich zudem um eine Sache handelte, die Kaufmann | + | Phönixglanz ermahnte alle Anwesenden einzeln: „Keiner darf nach draußen ein Wort verlauten lassen! Wenn die Ahnherrin oder die Gnädigen Frauen davon erfahren, bringe ich euch als Erste um!" Die Mütterchen und Mädchen im Garten fürchteten Phönixglanz ohnehin allesamt, und da es sich zudem um eine Sache handelte, die Kette Kaufmann während der doppelten Reichs- und Familientrauer begangen hatte, und sie wussten, wie heikel die Angelegenheit war, mischte sich keine ein. |
| − | Phönixglanz bat Frau Li unter vier Augen, die | + | Phönixglanz bat Frau Li unter vier Augen, die Zweitschwester Sonders einige Tage bei sich aufzunehmen: „Sobald alles geregelt ist, holen wir sie selbstverständlich herüber." Frau Li sah, dass Phönixglanz drüben schon Zimmer hatte herrichten lassen, und da man sich in der Trauerzeit ohnehin nicht öffentlich äußern sollte, war dies nur vernünftig. Also nahm sie die Zweitschwester Sonders vorübergehend auf. |
Phönixglanz ließ dann nach und nach alle Dienstmädchen der Zweiten Schwester You entfernen und schickte stattdessen ein eigenes Mädchen zum Aufwarten. Heimlich wies sie die Dienerinnen des Gartens an: „Passt gut auf sie auf! Wenn sie abhaut oder verschwindet, ziehe ich euch zur Rechenschaft!" Dann ging sie selbst auf anderen Wegen weiter. | Phönixglanz ließ dann nach und nach alle Dienstmädchen der Zweiten Schwester You entfernen und schickte stattdessen ein eigenes Mädchen zum Aufwarten. Heimlich wies sie die Dienerinnen des Gartens an: „Passt gut auf sie auf! Wenn sie abhaut oder verschwindet, ziehe ich euch zur Rechenschaft!" Dann ging sie selbst auf anderen Wegen weiter. | ||
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Alle im Haus wunderten sich insgeheim: „Seit wann ist Phönixglanz so tugendhaft geworden?" | Alle im Haus wunderten sich insgeheim: „Seit wann ist Phönixglanz so tugendhaft geworden?" | ||
| − | Die | + | Die Zweitschwester Sonders aber war mit ihrer Unterbringung zufrieden und sah, dass die jungen Damen im Garten alle freundlich zu ihr waren. Sie glaubte, am richtigen Ort angekommen zu sein. |
| − | Doch schon drei Tage später begann das Dienstmädchen Shanjie, immer ungehorsamer zu werden. Als die | + | Doch schon drei Tage später begann das Dienstmädchen Shanjie, immer ungehorsamer zu werden. Als die Zweitschwester Sonders einmal sagte: „Mir ist das Haaröl ausgegangen, geh zur Ersten Herrin und bitte um Nachschub", fuhr Shanjie sie an: „Zweite Herrin, Ihr wisst wirklich nicht, was sich gehört! Unsere Herrin muss jeden Tag der Ahnherrin aufwarten, der einen Gnädigen Frau, der anderen Gnädigen Frau. Dazu alle Schwägerinnen und Schwestern, oben und unten mehrere hundert Personen — jeden Tag warten alle auf ihr Wort. Auf den Tag gerechnet gibt es mindestens zwanzig große und dreißig bis fünfzig kleine Angelegenheiten. Draußen, von der Kaiserlichen Nebengemahlin angefangen über Herzöge und Marquis, wie viele Geschenke und Besuche! Im Haus die ganzen Verwandten und Freunde! Tausende Liang Silber und Zehntausende Kupfermünzen gehen täglich durch ihre eine Hand, ihr eines Herz, ihren einen Mund. Wegen so einer Nichtigkeit soll ich sie belästigen? Ich rate Euch, bescheidener zu sein! Wir sind doch nicht durch Brautwerber und ordentliche Heirat hergekommen. Es ist bereits einzigartig großherzig von ihr, dass sie Euch so behandelt! Wäre da jemand anders, die hätte Euch bei solchen Worten sofort angebrüllt und Euch vor die Tür gesetzt — ob lebendig oder tot, was hättet Ihr dann tun können?" |
| − | Nach dieser Predigt senkte die | + | Nach dieser Predigt senkte die Zweitschwester Sonders den Kopf und dachte, an diesen Worten sei etwas dran — sie müsse sich eben fügen. |
| − | Shanjie brachte ihr nach und nach nicht einmal mehr das Essen pünktlich | + | Shanjie brachte ihr nach und nach nicht einmal mehr das Essen pünktlich — mal zu früh, mal zu spät, und was sie brachte, waren Reste. Als die Zweitschwester Sonders sich zweimal beschwerte, fing Shanjie stattdessen an zu schreien. Die Zweitschwester Sonders fürchtete, man könnte sagen, sie sei unzufrieden und unbescheiden, und erduldete es schweigend. |
| − | Alle fünf oder acht Tage ließ sich Phönixglanz einmal bei ihr blicken | + | Alle fünf oder acht Tage ließ sich Phönixglanz einmal bei ihr blicken — stets mit freundlicher Miene und dem Wort „Schwester" auf den Lippen. „Sollten die Dienstleute dich schlecht behandeln und du kommst nicht mit ihnen zurecht, sag es nur mir, dann bestrafe ich sie", sagte sie. Dann schalt sie die Mädchen und Frauen: „Ich kenne euch — die Sanften schikaniert ihr, vor den Harten kuscht ihr. Hinter meinem Rücken fürchtet ihr niemanden mehr. Wenn die Zweite Herrin mir auch nur ein einziges Mal ‚Nein' meldet, verlange ich euer Leben!" |
| − | Die | + | Die Zweitschwester Sonders sah Phönixglanz so gutherzig und dachte: „Wenn ich schon sie habe, die sich kümmert, warum sollte ich da noch selbst Aufheben machen? Dass die Dienstleute sich nicht benehmen können, ist normal. Wenn ich sie anschwärze und sie bestraft werden, heißt es hinterher, ich sei nicht tugendhaft." So deckte sie die Verfehlungen sogar noch zu. |
| − | Derweil schickte Phönixglanz | + | Derweil schickte Phönixglanz König Er hinaus, um Nachforschungen anzustellen. Bald wusste sie alles über die Zweitschwester Sonders: Sie war schon einmal verlobt gewesen. Der Bräutigam war erst neunzehn, trieb sich Tag für Tag in Hurenhäusern und Spielhöllen herum, kümmerte sich nicht um seinen Lebensunterhalt, hatte sein ganzes Erbe durchgebracht, und sein Vater hatte ihn verstoßen. Er lebte jetzt in einer Spielhölle. Sein Vater hatte zehn Liang Silber von der alten You genommen und die Verlobung aufgelöst, doch der junge Mann wusste noch nichts davon. Er hieß Zhang Hua. |
| − | Phönixglanz, die nun alle Einzelheiten kannte, steckte | + | Phönixglanz, die nun alle Einzelheiten kannte, steckte König Er zwanzig Liang Silber zu und befahl ihm heimlich, Zhang Hua aufzustöbern, ihn zu verköstigen, ihm eine Klageschrift aufsetzen zu lassen und damit bei der zuständigen Behörde Anzeige erstatten zu lassen. Die Anklage gegen den zweiten Herrn Kette Kaufmann lautete: „Reichstrauer und Familientrauer missachtend, gegen kaiserliche Erlasse und hinter dem Rücken der Eltern, auf Reichtum und Macht gestützt, eine Verlobung gewaltsam aufgelöst und unter Vernachlässigung der Erstgemahlin erneut geheiratet." |
| − | Zhang Hua kannte die Machtverhältnisse und wagte zunächst nicht, etwas zu unternehmen. | + | Zhang Hua kannte die Machtverhältnisse und wagte zunächst nicht, etwas zu unternehmen. König Er berichtete Phönixglanz, die wütend schimpfte: „Dieser räudige Hund, den man nicht an die Mauer stellen kann! Sag ihm genau: Selbst wenn er unsere Familie des Hochverrats anklagte, passiert nichts! Es geht nur darum, mit dem Streit ein allgemeines Gesichtsverlust herbeizuführen. Wenn die Klage zu groß wird, werde ich sie schon zu regeln wissen." |
| − | + | König Er tat wie geheißen und redete Zhang Hua ins Gewissen. Phönixglanz wies König Er außerdem an: „Wenn er dich verklagt, gehst du einfach mit ihm zur Verhandlung." So und so, dies und das — „ich weiß schon, was ich tue." | |
| − | + | König Er, der sich auf ihre Anleitung verließ, ließ Zhang Hua seinen eigenen Namen in die Klageschrift einfügen: „Klage mich ruhig an als denjenigen, der die Gelder überreicht und den Zweiten Herrn zu allem angestiftet hat." | |
| − | So hatte Zhang Hua einen Ansatz, und nachdem er sich mit | + | So hatte Zhang Hua einen Ansatz, und nachdem er sich mit König Er beraten hatte, schrieben sie die Klageschrift und reichten sie am nächsten Tag beim Zensorat ein. |
| − | Das Zensorat sah, dass es sich um eine Klage gegen Kaufmann | + | Das Zensorat sah, dass es sich um eine Klage gegen Kette Kaufmann handelte, und dass ein Hausdiener namens König Er darin vorkam. Also schickte man Gerichtsboten zum Haus Kaufmann, um König Er zur Verhandlung vorzuladen. Die Boten wagten nicht, eigenmächtig einzutreten, und ließen nur eine Nachricht überbringen. König Er aber wartete schon darauf, brauchte keine Nachricht — er stand längst in der Straße bereit. Als er die Boten sah, ging er ihnen lachend entgegen: „Macht Euch keine Mühe, Brüder! Es muss wegen meiner Sache sein. Da hilft nichts, fesselt mich schnell." Die Boten wagten das nicht und sagten nur: „Kommt einfach mit, macht keinen Spaß." |
| − | So kniete er vor dem Richter nieder. Der Zensuor ließ ihm die Klageschrift vorlesen. | + | So kniete er vor dem Richter nieder. Der Zensuor ließ ihm die Klageschrift vorlesen. König Er tat, als lese er sie zum ersten Mal, schlug den Kopf auf den Boden und sagte: „Die Angelegenheit ist mir bestens bekannt. Mein Herr hat das tatsächlich getan. Nur hat Zhang Hua, der seit langem mein Feind ist, mich absichtlich hineingezogen. Es gibt noch andere Beteiligte — ich bitte den Herrn Richter, weiter zu fragen." |
Zhang Hua schlug den Kopf auf den Boden und sagte: „Es gibt zwar noch andere, aber ich wage nicht, sie anzuklagen, deshalb habe ich nur den Diener angeklagt." | Zhang Hua schlug den Kopf auf den Boden und sagte: „Es gibt zwar noch andere, aber ich wage nicht, sie anzuklagen, deshalb habe ich nur den Diener angeklagt." | ||
| − | + | König Er tat aufgeregt und sagte: „Du Dummkopf, sag es doch schnell! Das hier ist der kaiserliche Gerichtshof — selbst wenn es der Herr persönlich ist, musst du ihn nennen!" | |
| − | Zhang Hua nannte daraufhin Kaufmann | + | Zhang Hua nannte daraufhin Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Herrlichkeit Kaufmann, junger Herr des Ostpalasts.</ref>. Der Zensuor hatte keine andere Wahl, als auch Herrlichkeit Kaufmann vorladen zu lassen. |
| − | Phönixglanz hatte zuvor Qinger losgeschickt, um heimlich nachzufragen. Als die Klage erhoben war, ließ sie sofort | + | Phönixglanz hatte zuvor Qinger losgeschickt, um heimlich nachzufragen. Als die Klage erhoben war, ließ sie sofort König Xin kommen, erzählte ihm alles und befahl ihm, den Zensuor zu bitten, die Sache nur zum Schein aufzubauschen und einzuschüchtern, sonst nichts. Dazu gab sie ihm dreihundert Liang Silber für die Bestechung. Noch in derselben Nacht suchte König Xin den Zensuor privat auf und legte die Grundlage. Der Zensuor, der die Zusammenhänge durchschaute, steckte das Bestechungsgeld ein. Am nächsten Tag erklärte er bei der Verhandlung, Zhang Hua sei ein Taugenichts, der Schulden beim Haus Kaufmann habe und mit frei erfundenen Anschuldigungen ehrbare Leute verleumde. Da der Zensuor zudem mit König Ziteng [王子腾] befreundet war und König Xin nur einen kurzen Besuch zu Hause machte — schließlich handelte es sich ja um die Familie Kaufmann, und alle waren froh, die Sache zu beenden —, wurde auch dort nicht weiter nachgehakt. Man ließ nur Herrlichkeit Kaufmann zur Verhandlung vorladen. |
| − | Kaufmann | + | Herrlichkeit Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ostpalasts (Ning-guo-fu).</ref> waren gerade mit den Begräbnisvorbereitungen für Herrlichkeit Kaufmanns Vater beschäftigt, als plötzlich ein Bote kam und meldete: „Jemand hat euch angeklagt, und zwar so und so und so — trefft schnell Vorkehrungen!" Herrlichkeit Kaufmann erschrak und eilte zu Herrlichkeit Kaufmann. Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Davor hatte ich mich gehütet — aber was für eine Dreistigkeit!" Sofort ließ er zweihundert Liang Silber einpacken und Leute hinschicken, um den Zensuor zu bestechen, und schickte Diener zur Verhandlung. |
| − | Gerade als sie noch berieten, wurde gemeldet: „Die Zweite Herrin aus dem Westpalast ist da!" Kaufmann | + | Gerade als sie noch berieten, wurde gemeldet: „Die Zweite Herrin aus dem Westpalast ist da!" Herrlichkeit Kaufmann erschrak über diese Nachricht, er wollte sich zusammen mit Herrlichkeit Kaufmann schnell verstecken. Doch Phönixglanz war schon hereingetreten und rief: „Na, lieber großer Bruder, da habt ihr ja zusammen mit den jungen Herren feine Sachen angestellt!" |
| − | Kaufmann | + | Herrlichkeit Kaufmann eilte herbei und verbeugte sich. Phönixglanz packte ihn und zog ihn mit sich. Herrlichkeit Kaufmann lachte nur noch und sagte: „Bedient eure Tante gut, lasst Vieh schlachten und das Essen herrichten!" Damit ließ er eilig sein Pferd satteln und machte sich davon. |
| − | Phönixglanz kam mit Kaufmann | + | Phönixglanz kam mit Herrlichkeit Kaufmann in die Haupträume. Die Schwägerin Sonders kam ihr gerade entgegen. Als sie Phönixglanz' zornige Miene sah, fragte sie lächelnd: „Was ist denn so dringend?" |
| − | Phönixglanz spuckte ihr mitten ins Gesicht und schrie: „Euer | + | Phönixglanz spuckte ihr mitten ins Gesicht und schrie: „Euer Sonders-Mädchen, das keiner mehr wollte, habt ihr heimlich zu den Kaufmanns geschickt! Sind denn alle Kaufmann-Männer so gut, dass es nirgendwo sonst auf der Welt einen Mann gibt? Wenn du sie schon hergeben willst, dann mit drei Brautwerbern und sechs Zeugen, alles ordentlich und nach Brauch! Du hast dir das Hirn vernebeln lassen. In Reichs- und Familientrauer zugleich hast du sie einfach hergeschickt! Jetzt wird uns verklagt, und ich als eine, die keinen Fuß hat, auf dem sie stehen kann — in den Amtsstuben weiß man längst, dass ich streng und eifersüchtig bin. Jetzt wird mein Name genannt, und man will mich verstoßen lassen! Was habe ich in eurem Haus verbrochen, dass ihr mir so schadet? Oder hat die Ahnherrin oder die Gnädige Frau etwas gegen mich und ihr habt diese Falle gebaut, um mich loszuwerden? Dann gehen wir jetzt beide zusammen vor Gericht und klären die Sache! Danach laden wir die ganze Sippe ein, und jeder sagt offen, was er denkt. Gebt mir den Scheidebrief, und ich gehe!" |
| − | Dabei weinte sie laut, zerrte an der Schwägerin | + | Dabei weinte sie laut, zerrte an der Schwägerin Sonders und wollte mit ihr zum Gericht gehen. Herrlichkeit Kaufmann kniete sich auf den Boden und schlug den Kopf auf die Erde, immer wieder flehend: „Tante, beruhigt Euch doch!" |
| − | Phönixglanz schimpfte weiter auf Kaufmann | + | Phönixglanz schimpfte weiter auf Herrlichkeit Kaufmann: „Du vom Blitz geschlagener, von fünf Dämonen zerrissener gewissenloser Kerl! Weißt du nicht, wie hoch der Himmel und wie dick die Erde ist? Tagaus, tagein stiftest du Unfrieden und treibst schamlose, gesetzlose, familienzerstörende Geschäfte! Deine verstorbene Mutter im Jenseits verzeiht dir das nicht, die Ahnen verzeihen es nicht — und du wagst es, mich beschwichtigen zu wollen!" Weinend und schimpfend holte sie aus, um ihn zu schlagen. |
| − | Kaufmann | + | Herrlichkeit Kaufmann schlug rasch den Kopf auf den Boden und sagte: „Tante, schlagt Euch nicht die Hand wund — lasst mich mich selbst schlagen!" Damit schlug er sich links und rechts selbst ins Gesicht und fragte sich selbst: „Wirst du in Zukunft dich noch in alles einmischen, was dich nichts angeht? Wirst du in Zukunft nur noch auf deinen Onkel hören und nicht mehr auf deine Tante?" |
Alle Umstehenden wollten zugleich trösten und lachen, wagten aber nicht zu lachen. | Alle Umstehenden wollten zugleich trösten und lachen, wagten aber nicht zu lachen. | ||
| − | Phönixglanz warf sich in die Arme der Schwägerin | + | Phönixglanz warf sich in die Arme der Schwägerin Sonders, heulte zum Himmel und zur Erde und schluchzte laut: „Dass du deinem Bruder eine Frau nimmst, ärgert mich nicht! Aber warum habt ihr es so gemacht, dass es gegen kaiserliche Erlasse verstößt, und hängt mir diesen Schandnamen an? Gehen wir doch zum Gericht, bevor die Häscher kommen! Oder noch besser — gehen wir zur Ahnherrin und der Gnädigen Frau und legen es der ganzen Sippe vor! Wenn ich so schlecht bin und meinem Mann keine Zweitfrau und Nebenfrau gönne, dann gebt mir den Scheidebrief, und ich verschwinde sofort! |
| − | Eure Schwester habe ich eigenhändig ins Haus geholt, und aus Angst, die Ahnherrin und die Gnädige Frau könnten böse werden, habe ich nicht einmal gewagt, es zu melden. Sie wohnt dort mit feinstem Essen, goldenen Sklavinnen und silbernen Dienern im Garten! Ich habe eilig die Zimmer herrichten lassen, mit demselben Rang wie ich | + | Eure Schwester habe ich eigenhändig ins Haus geholt, und aus Angst, die Ahnherrin und die Gnädige Frau könnten böse werden, habe ich nicht einmal gewagt, es zu melden. Sie wohnt dort mit feinstem Essen, goldenen Sklavinnen und silbernen Dienern im Garten! Ich habe eilig die Zimmer herrichten lassen, mit demselben Rang wie ich — alles bereit für den Tag, an dem die Ahnherrin es erfährt. Ich dachte, wenn sie erst eingezogen ist, werden wir alle brav und anständig leben und ich lasse die Vergangenheit ruhen. |
| − | Aber nun stellt sich heraus, dass sie schon einen Verlobten hatte! Was ihr da getrieben habt, davon weiß ich überhaupt nichts. Jetzt wird mir der Prozess gemacht! Gestern war ich so verzweifelt, dass ich | + | Aber nun stellt sich heraus, dass sie schon einen Verlobten hatte! Was ihr da getrieben habt, davon weiß ich überhaupt nichts. Jetzt wird mir der Prozess gemacht! Gestern war ich so verzweifelt, dass ich — auch wenn ich selbst vor Gericht ginge, es wäre die Schande eures Hauses Kaufmann! — nicht anders konnte, als heimlich fünfhundert Liang von der Gnädigen Frau zu nehmen und die Beamten zu bestechen. Und mein Diener sitzt immer noch im Gefängnis!" |
| − | So weinte und schimpfte sie abwechselnd und wollte sich schließlich den Schädel einschlagen. Die Schwägerin | + | So weinte und schimpfte sie abwechselnd und wollte sich schließlich den Schädel einschlagen. Die Schwägerin Sonders war wie ein durchgekneteter Teig, ihre Kleider von Tränen und Rotz durchtränkt. Sie sagte nur: „Du Ungeheuer von Sohn! Was für feine Sachen hast du mit deinem Vater angestellt! Hab ich's nicht gleich gesagt?" |
| − | Phönixglanz hörte das, fasste weinend die Schwägerin | + | Phönixglanz hörte das, fasste weinend die Schwägerin Sonders am Gesicht, starrte sie frontal an und fragte: „Bist du wahnsinnig? Hast du einen Kürbis im Mund stecken? Oder haben sie dir eine Trense angelegt? Warum hast du mir nichts gesagt? Wenn du es mir gesagt hättest, wäre jetzt alles friedlich! Wie konnte es so weit kommen, dass Gerichte und Behörden bemüht werden? Und jetzt machst du ihnen noch Vorwürfe! ‚Ist die Frau tugendhaft, hat der Mann weniger Unglück', heißt es, und ‚Äußere Stärke ist nicht so viel wert wie innere Stärke.' Wenn du etwas getaugt hättest, hätten die das alles nie angestellt! Aber du hast weder Geschick noch Mundwerk — du bist ein Kürbis mit abgesägtem Mund, der nur still dasitzt und auf den guten Ruf einer tugendhaften Frau hofft. Am Ende fürchten sie dich nicht und hören nicht auf dich!" Dann spuckte sie ihr noch ein paarmal ins Gesicht. |
| − | Die Schwägerin | + | Die Schwägerin Sonders weinte ebenfalls: „Wie könnte ich nicht ermahnt haben? Aber glaubst du, sie hören auf mich? Was soll ich denn machen? Ich kann der Schwester nicht verdenken, dass sie wütend ist — ich kann nur zuhören." |
| − | Inzwischen knieten all die Nebenfrauen, Mädchen und Dienerinnen dicht an dicht am Boden und baten lachend: „Die Zweite Herrin ist doch die Verständigste! Auch wenn unsere Herrin im Unrecht ist | + | Inzwischen knieten all die Nebenfrauen, Mädchen und Dienerinnen dicht an dicht am Boden und baten lachend: „Die Zweite Herrin ist doch die Verständigste! Auch wenn unsere Herrin im Unrecht ist — Ihr habt sie genug gedemütigt. Unsere Herrinnen waren sich doch immer so gut — bitte bewahrt ihr das Gesicht!" |
| − | Man reichte Tee. Phönixglanz warf auch den zu Boden, wischte sich die Augen, richtete sich die Haare und schimpfte dann noch auf Kaufmann | + | Man reichte Tee. Phönixglanz warf auch den zu Boden, wischte sich die Augen, richtete sich die Haare und schimpfte dann noch auf Herrlichkeit Kaufmann: „Geh hinaus und hol deinen Vater! Ich will ihn persönlich fragen: Der eigene Großvater ist erst sieben mal sieben Tage bestattet, und der Neffe heiratet — diesen Brauch kenne ich noch nicht. Da kann ich ja gleich für die Zukunft lernen, wie man Söhne und Neffen erzieht!" |
| − | Kaufmann | + | Herrlichkeit Kaufmann kniete nur da und schlug den Kopf auf den Boden: „Diese Sache hat mit meinen Eltern gar nichts zu tun! Euer Sohn war es, der einen Moment lang verrückt wurde und den Onkel angestiftet hat. Mein Vater weiß gar nichts davon. Gerade bereitet er die Überführung des Großvaters vor. Wenn die Tante jetzt Aufsehen macht, ist es auch um Euren Sohn geschehen. Bestraft mich, wie Ihr wollt — ich nehme jede Strafe an. Aber den Prozess — bitte, Tante, regelt Ihr ihn. Euer Sohn kann so eine große Sache nicht bewältigen. Die Tante ist doch eine Person von Format — kennt Ihr nicht das Sprichwort: ‚Ein gebrochener Arm bleibt im Ärmel verborgen'? Euer Sohn war dumm genug, eine Dummheit zu begehen — wie ein Hund oder eine Katze. Da die Tante mich bestraft, wird sie doch nicht auf meine Stufe herabsteigen. Die Tante muss sich leider noch die Mühe machen, die Sache draußen in Ordnung zu bringen. Euer Sohn hat die Dummheit angerichtet, und die Tante muss die Scherben aufkehren — aber sie liebt ihren Sohn doch trotzdem." |
| − | Phönixglanz sah, wie Mutter und Sohn sich so verhielten, und erkannte, dass sie nicht weitergehen konnte. Also wechselte sie Miene und Ton und sagte versöhnlich zur Schwägerin | + | Phönixglanz sah, wie Mutter und Sohn sich so verhielten, und erkannte, dass sie nicht weitergehen konnte. Also wechselte sie Miene und Ton und sagte versöhnlich zur Schwägerin Sonders: „Ich bin jung und unverständig. Als ich hörte, dass jemand klagt, hat es mich so erschreckt, dass ich nicht mehr wusste, was ich tat. Wie unhöflich muss ich eben zur Schwägerin gewesen sein! Wie Hibiskus sagt — ‚der gebrochene Arm bleibt im Ärmel' —, bitte die Schwägerin, mir zu vergeben. Und bitte sprich mit dem Bruder, damit er den Prozess erst einmal niederschlägt." |
| − | Die Schwägerin | + | Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten einhellig: „Die Tante braucht sich keine Sorgen zu machen — den Onkel wird es nicht im Geringsten treffen. Ihr sagtet, Ihr hättet fünfhundert Liang ausgegeben — selbstverständlich werden wir Mutter und Sohn fünfhundert Liang zusammenbringen und Euch hinüberschicken, damit Ihr den Verlust ausgleichen könnt. Es wäre unverzeihlich, wenn die Tante obendrein noch Schulden machen müsste. Aber noch eins: Vor der Ahnherrin und den Gnädigen Frauen — da muss die Tante bitte taktvoll sein und diese Dinge nicht erwähnen." |
| − | Phönixglanz lachte kalt: „Ihr habt mir etwas über den Kopf gezogen und erwartet jetzt, dass ich euch decke! Ich bin zwar dumm, aber so dumm nicht. Die Schwester meines Schwagers ist auch mein Mann, und wenn die Schwägerin fürchtet, er bleibe ohne Nachkommen | + | Phönixglanz lachte kalt: „Ihr habt mir etwas über den Kopf gezogen und erwartet jetzt, dass ich euch decke! Ich bin zwar dumm, aber so dumm nicht. Die Schwester meines Schwagers ist auch mein Mann, und wenn die Schwägerin fürchtet, er bleibe ohne Nachkommen — fürchte ich das etwa nicht noch mehr? Die Schwester der Schwägerin ist wie meine eigene Schwester. Als ich davon hörte, war ich so froh, dass ich die ganze Nacht kein Auge zutat. Sofort ließ ich die Zimmer herrichten und wollte sie aufnehmen. Die Dienstleute mit ihrem Sklavenverstand sagten allerdings: ‚Die Herrin ist zu gutmütig! Wenn wir zu bestimmen hätten, würden wir erst die Ahnherrin und die Gnädige Frau informieren, dann die Zimmer herrichten und sie abholen — das wäre noch früh genug.' Als ich das hörte, hätte ich sie am liebsten geschlagen und beschimpft, konnte es aber lassen. |
| − | Aber es kam nicht, wie ich wollte! Aus heiterem Himmel tauchte dieser Zhang Hua auf und erstattete Anzeige. Als ich das erfuhr, habe ich zwei Nächte lang kein Auge zugemacht, wagte aber nicht, Aufhebens zu machen. Heimlich ließ ich Erkundigungen einziehen, wer dieser Zhang Hua sei und wo er die Dreistigkeit hernehme. Nach zwei Tagen Nachforschung stellte sich heraus, dass es ein nichtsnutziger Bettler ist. Jung und unerfahren, wie ich bin, musste ich lachen und sagte: ‚Was kann der schon anklagen?' Aber die Burschen erklärten: ‚Die Zweite Herrin war ihm einst versprochen. Jetzt ist er in der Klemme | + | Aber es kam nicht, wie ich wollte! Aus heiterem Himmel tauchte dieser Zhang Hua auf und erstattete Anzeige. Als ich das erfuhr, habe ich zwei Nächte lang kein Auge zugemacht, wagte aber nicht, Aufhebens zu machen. Heimlich ließ ich Erkundigungen einziehen, wer dieser Zhang Hua sei und wo er die Dreistigkeit hernehme. Nach zwei Tagen Nachforschung stellte sich heraus, dass es ein nichtsnutziger Bettler ist. Jung und unerfahren, wie ich bin, musste ich lachen und sagte: ‚Was kann der schon anklagen?' Aber die Burschen erklärten: ‚Die Zweite Herrin war ihm einst versprochen. Jetzt ist er in der Klemme — ob er erfriert oder verhungert, er stirbt so oder so. Jetzt hat er dieses Recht in der Hand, und selbst wenn er stirbt, stirbt er wenigstens für etwas. Wie kann man es ihm verdenken? Die Sache wurde zu überstürzt gemacht. Reichstrauer — ein Vergehen. Familientrauer — ein Vergehen. Hinter dem Rücken der Eltern heimlich geheiratet — ein Vergehen. Die Erstfrau verlassen und erneut geheiratet — ein Vergehen. Wie das Sprichwort sagt: Wer seine Haut riskiert, kann sogar den Kaiser vom Pferd ziehen. Ein Mann, der vor Armut verrückt geworden ist, wozu ist der nicht fähig? Zumal er das volle Recht auf seiner Seite hat — auf eine Einladung zu warten ist unmöglich.' |
| − | Schwägerin, selbst wenn ich Han Xin oder Zhang Liang wäre | + | Schwägerin, selbst wenn ich Han Xin oder Zhang Liang wäre — nach diesen Worten wäre mir jeder Gedanke vergangen. Euer Bruder ist nicht da, ich hatte niemanden zum Beraten — nichts blieb übrig, als Geld hinzulegen. Aber je mehr Geld ich ausgab, desto mehr pressten sie mich aus. Ich bin wie eine Maus mit einem Geschwür am Schwanz — kein Tropfen Blut mehr übrig. Vor Aufregung und Ärger musste ich herkommen." |
| − | Die Schwägerin | + | Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten, ohne sie ausreden zu lassen: „Keine Sorgen, wir regeln das selbstverständlich!" |
| − | Kaufmann | + | Herrlichkeit Kaufmann fuhr fort: „Dieser Zhang Hua hat nur aus purer Verzweiflung heraus geklagt. Mein Plan wäre: Wir bieten ihm etwas Silber an und lassen ihn gestehen, dass er falsch und grundlos geklagt hat. Wir regeln seinen Prozess, und wenn er herauskommt, geben wir ihm noch etwas Geld — dann ist die Sache erledigt." |
| − | Phönixglanz lachte: „Liebes Kind, kein Wunder, dass du so kopflos solche Dummheiten anstellst | + | Phönixglanz lachte: „Liebes Kind, kein Wunder, dass du so kopflos solche Dummheiten anstellst — du bist wirklich naiv! Wenn er heute einwilligt und den Prozess übersteht und das Geld bekommt, ist es vorerst erledigt. Aber solche Taugenichtse — wenn das Geld verbraucht ist, suchen sie neue Vorwände und pressen einen wieder. Außerdem: Wenn er sagt, er habe nichts verbrochen — warum hat man ihm dann Geld gegeben? Am Ende ist es eine nie endende Geschichte." |
| − | Kaufmann | + | Herrlichkeit Kaufmann, der ein kluger Mensch war, verstand sofort und sagte lachend: „Ich habe noch eine Idee. ‚Wer den Ärger gebracht hat, muss ihn auch forttragen.' Am besten erledige ich das selbst. Ich gehe zu Zhang Hua und frage ihn: Will er unbedingt die Person haben, oder ist er bereit, sich mit Geld abfinden zu lassen und eine andere zu heiraten? Wenn er die Person will, muss ich meine Zweite Tante überreden, dass sie herauskommt und ihn heiratet. Wenn er Geld will, geben wir ihm welches." |
| − | Phönixglanz rief hastig: „Auch wenn du das sagst | + | Phönixglanz rief hastig: „Auch wenn du das sagst — ich bringe es nicht übers Herz, deine Tante hinauszuschicken! Auf keinen Fall! Guter Neffe, wenn du mich liebst, gib ihm lieber mehr Geld!" |
| − | Kaufmann | + | Herrlichkeit Kaufmann wusste genau, dass Phönixglanz mit dem Mund zwar so redete, im Herzen aber nichts lieber wollte, als dass die Person von selbst ging — sie selbst spielte nur die Tugendhafte. Was immer sie jetzt sagte, er gehorchte. |
| − | Phönixglanz, zufrieden, sagte dann: „Die Sache draußen lässt sich regeln | + | Phönixglanz, zufrieden, sagte dann: „Die Sache draußen lässt sich regeln — aber wie geht es zu Hause weiter? Du solltest mit mir hinüberfahren und es der Ahnherrin erklären." |
| − | Kaufmann | + | Herrlichkeit Kaufmann bat Phönixglanz um Rat, wie man die Lüge am besten formulieren solle. Phönixglanz lachte kalt: „Wenn du nicht das Talent dazu hast, warum hast du dich dann darauf eingelassen? Jetzt diese Jammerpose — das ist mir zuwider. Aber andererseits bin ich ein weichherziger Mensch und lasse mich von jedem herumschubsen, und trotzdem habe ich ein gutes Herz. Ich muss es wohl übernehmen. |
| − | Ihr beide haltet euch einfach fern. Ich bringe eure Schwester zur Ahnherrin und der Gnädigen Frau und lasse sie den Kotau machen. Ich sage: Sie ist die Schwester meines Schwagers, ich habe sie kennengelernt und fand sie sehr nett. Da ich selbst nicht gerade fruchtbar bin, hatte ich ohnehin vor, ein oder zwei Mädchen ins Haus zu nehmen. Als ich nun die Schwester meines Schwagers traf und sah, wie gut sie ist | + | Ihr beide haltet euch einfach fern. Ich bringe eure Schwester zur Ahnherrin und der Gnädigen Frau und lasse sie den Kotau machen. Ich sage: Sie ist die Schwester meines Schwagers, ich habe sie kennengelernt und fand sie sehr nett. Da ich selbst nicht gerade fruchtbar bin, hatte ich ohnehin vor, ein oder zwei Mädchen ins Haus zu nehmen. Als ich nun die Schwester meines Schwagers traf und sah, wie gut sie ist — Verwandte untereinander zu heiraten ist doch das Beste —, habe ich beschlossen, sie als Zweitfrau aufzunehmen. Da ihre Eltern und Schwestern vor Kurzem alle verstorben sind und sie in Armut lebt, konnte sie die hundert Tage Trauer nicht abwarten, denn sie hätte kein Zuhause und keinen Unterhalt gehabt. Deshalb habe ich sie schon ins Haus geholt, die Zimmer im Seitenflügel sind hergerichtet, und sie wohnt vorerst dort. Erst wenn die Trauer vorüber ist, wird die Ehe vollzogen. |
Mit meiner schamlosen Miene und meiner Hartnäckigkeit drücke ich das schon durch. Wenn es Ärger gibt, fällt er nicht auf euch zurück. Was meint ihr, Mutter und Sohn?" | Mit meiner schamlosen Miene und meiner Hartnäckigkeit drücke ich das schon durch. Wenn es Ärger gibt, fällt er nicht auf euch zurück. Was meint ihr, Mutter und Sohn?" | ||
| − | Die Schwägerin | + | Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten einhellig lachend: „Nur die Tante hat eine so großmütige und kluge Art! Wenn alles geregelt ist, kommen wir selbstverständlich herüber, um uns zu bedanken." |
| − | Die Schwägerin | + | Die Schwägerin Sonders ließ die Mädchen Phönixglanz beim Waschen und Frisieren bedienen, ordnete ein Essen an und reichte persönlich Wein und wählte die Gerichte aus. |
| − | Phönixglanz blieb nicht lange und ging entschlossen. Im Garten erzählte sie der Zweiten Schwester You die ganze Geschichte | + | Phönixglanz blieb nicht lange und ging entschlossen. Im Garten erzählte sie der Zweiten Schwester You die ganze Geschichte — wie sie sich Mühe gegeben habe, Erkundigungen einzuziehen, wie sie einen Plan ersonnen habe, wie man so und so vorgehen müsse, um alle vor Strafe zu bewahren, und dass sie selbst die Sache in die Hand nehmen müsse. |
Was dann weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. | Was dann weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. | ||
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Latest revision as of 19:30, 28 April 2026
Kapitel 68 苦尤娘赚入大观园 / 酸凤姐大闹宁国府 Die bitterböse Phönixglanz lockt die Zweitschwester Sonders ins Prunkwille-Anwesen; Phönixglanz stiftet Aufruhr im Stillfriede-Anwesen
Die bitterböse Phönixglanz[1] spielt die Gütige und bewirkt mit List eine öffentliche Klage. Die geheime Gattin, die Zweitschwester Sonders[2], wird ins Prunkwille-Anwesen gelockt und gerät in die Falle.
Es wird erzählt, dass Kette Kaufmann[3] nach seiner Abreise erfuhr, dass der Friedenskommandant gerade auf Grenzinspektion war und erst in etwa einem Monat zurückerwartet wurde. Er musste in seiner Unterkunft warten. Als der Kommandant schließlich zurückkam, erledigten sie die Angelegenheit, doch die Rückreise zog sich hin — insgesamt waren fast zwei Monate vergangen.
Unterdessen hatte Phönixglanz längst alles durchgerechnet. Kaum war Kette Kaufmann fort, ließ sie Handwerker aller Art kommen und die drei Zimmer des östlichen Seitenflügels herrichten — mit derselben Ausstattung und Einrichtung wie ihre eigenen Hauptgemächer. Am vierzehnten Tag meldete sie der Herzoginmutter[4] und Dame König, sie wolle am fünfzehnten in aller Frühe zum Nonnenkloster, um Weihrauch darzubringen. Sie nahm nur Friedchen[5], Fenger, Frau Zhou Rui und Dame König Er mit — vier Personen. Noch bevor sie in die Kutsche stieg, erzählte sie allen, worum es wirklich ging. Dann wies sie die männlichen Diener an, schlichte Kleidung anzulegen und schlichte Decken auf die Kutsche zu spannen, und fuhr geradewegs los.
Glückskind[6] führte den Weg, und so gelangten sie direkt vor die Tür der Zweiten Schwester You und klopften an. Die Frau von Bao Er öffnete. Glückskind sagte lachend: „Meldet schnell der Zweiten Herrin — die Erste Herrin ist da!"
Die Frau von Bao Er erschrak so, dass ihr die Seele aus dem Leib zu fahren schien, und rannte hinein, um die Zweitschwester Sonders zu benachrichtigen. Auch die Zweitschwester Sonders erschrak, doch da der Besuch nun einmal da war, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn mit gebührender Höflichkeit zu empfangen. Eilig richtete sie ihre Kleidung und ging hinaus.
Vor der Tür stieg Phönixglanz gerade aus der Kutsche. Die Zweitschwester Sonders musterte sie: alles Silberschmuck in schlichtem Weiß auf dem Kopf, ein mondweißes Atlasjäckchen, ein blaugrüner Atlasumhang, ein weißer Seidenrock. Ihre Brauen geschwungen wie Weidenblätter, an den Spitzen fein aufwärts gezogen; die Augen horizontal wie der Blick eines scharlachroten Phönix, der Blick scharf und durchdringend. Anmutig wie ein Pfirsichbaum im Frühling, rein wie eine Chrysantheme im Herbst. Frau Zhou Rui und Dame König Er stützten sie beim Betreten des Hofes.
Die Zweitschwester Sonders eilte lächelnd entgegen, verneigte sich tief und sagte sogleich: „Dass die ältere Schwester sich persönlich herabgelassen hat — ich habe Euch nicht einmal von ferne empfangen können! Verzeiht mir die Übereilung!" Damit verneigte sie sich bis zum Boden.
Phönixglanz erwiderte eilig lächelnd die Begrüßung, und die beiden gingen Hand in Hand ins Zimmer.
Phönixglanz nahm den Ehrenplatz ein. Die Zweitschwester Sonders ließ ein Kissen bringen und wollte sich verbeugen. Sie sagte: „Ich bin jung und unerfahren. Seit meiner Ankunft hier haben meine Mutter und meine ältere Schwester alles besprochen und entschieden. Dass ich heute die Ehre habe, Euch zu begegnen — wenn die ältere Schwester meine bescheidene Herkunft nicht verschmäht, bitte ich in allen Dingen um Eure Anleitung und Belehrung. Ich will Euch mit Leib und Seele dienen."
Damit vollzog sie die Verbeugung. Phönixglanz erhob sich rasch vom Platz und erwiderte die Verbeugung, wobei sie eilig sagte: „Alles ist nur die Schuld meiner beschränkten Frauensicht! Ich habe meinem Mann ständig geraten, vorsichtig zu sein und nicht draußen nach Blumen und Weiden zu greifen, aus Sorge, es könne den Eltern Kummer bereiten. Das sind eben die Sorgen unserer törichten Herzen. Aber der Zweite Herr hat meine gute Absicht missverstanden. Dass er sich draußen amüsiert — mag sein, er konnte es vor mir verbergen. Aber dass er nun die ältere Schwester als Zweitgemahlin heiratet, das ist doch eine große Angelegenheit mit allen dazugehörigen Zeremonien — und auch das hat er mir nicht gesagt! Dabei habe ich dem Zweiten Herrn sogar selbst geraten, frühzeitig eine solche Verbindung einzugehen, damit für Nachkommen gesorgt sei. Doch er hat mich offenbar für eine jener eifersüchtigen Frauen gehalten und diese wichtige Sache heimlich durchgeführt, ohne mir ein Wort zu sagen. So habe ich ein Unrecht erlitten, das ich nicht aussprechen kann — nur Himmel und Erde sind meine Zeugen.
Schon vor zehn Tagen habe ich davon gehört, aber aus Furcht, der Zweite Herr würde es nicht gerne hören, habe ich nichts gesagt. Jetzt, da er glücklicherweise auf Fernreise ist, bin ich persönlich gekommen, um meinen Besuch zu machen. Ich bitte die ältere Schwester, mein aufrichtiges Herz zu verstehen, und bitte Euch, die Mühe auf sich zu nehmen und ins Haus zu ziehen. Wir Schwestern wohnen dann zusammen, beraten einmütig den Zweiten Herrn, mahnen ihn zu Besonnenheit in seinen Geschäften und zur Pflege seiner Gesundheit — das wäre das Rechte.
Wenn die ältere Schwester hier draußen lebt und ich drinnen, wäre das — auch wenn ich gering und unwürdig bin, Euch Gesellschaft zu leisten — für mein Herz nicht erträglich. Außerdem: Wenn Außenstehende davon erführen, würde es keinen guten Eindruck machen. Der Ruf des Zweiten Herrn steht auf dem Spiel — und wenn über mich geredet wird, klage ich nicht.
Deshalb liegt mein ganzer Ruf in diesem Leben in der Hand der älteren Schwester. Was jene niedrigen Dienstleute reden — sie kennen mich als strenge Hausherrin und machen hinter meinem Rücken ihre Bemerkungen. Das ist das Übliche. Die ältere Schwester ist eine Person von Format — wie könnte sie solchem Gerede Glauben schenken? Hätte ich wirklich Fehler, dann wären da oben drei Schwiegereltern, in der Mitte unzählige Schwägerinnen und Schwiegertöchter, und das Haus Kaufmann ist eine Familie von Rang — hätte man mich bis heute geduldet? Dass der Zweite Herr die ältere Schwester heimlich draußen geheiratet hat — andere würden zürnen, ich aber empfinde es als Glück. Der Himmel und alle Buddhas konnten nicht mitansehen, wie ich von kleinen Leuten verleumdet werde, und haben diese Sache geschickt. Ich bin heute gekommen, um die ältere Schwester zu bitten, zu mir ins Haus zu ziehen, mit demselben Rang und Anteil wie ich, denselben Pflichten gegenüber den Schwiegereltern und demselben Recht, den Gatten zu ermahnen. Wenn es Freude gibt, freuen wir uns gemeinsam; wenn es Kummer gibt, trauern wir gemeinsam — Schwestern wie leibliche, verbunden wie Knochen und Fleisch. Nicht nur werden jene kleinen Leute dann ihre früheren Fehlurteile über mich bereuen, auch der Zweite Herr selbst wird, wenn er heimkommt und es sieht, als Ehemann im Stillen seine früheren Vorurteile bereuen. Die ältere Schwester ist also meine große Wohltäterin, die meinen früheren Ruf vollständig reinwäscht!
Wenn die ältere Schwester nicht mit mir kommt, bin ich bereit, hier zu bleiben und Euch Gesellschaft zu leisten. Ich will gern die Jüngere sein und Euch jeden Tag beim Kämmen und Waschen bedienen. Ich bitte nur, dass die ältere Schwester vor dem Zweiten Herrn ein gutes Wort für mich einlegt und mir ein Plätzchen zum Leben gönnt — dann sterbe ich zufrieden!"
Bei diesen Worten brach sie in heftiges Schluchzen aus. Die Zweitschwester Sonders, die das sah, konnte ihre eigenen Tränen nicht zurückhalten.
Nachdem sich die beiden begrüßt und der Rangfolge nach gesetzt hatten, trat auch Friedchen vor, um ihren Gruß zu erweisen. Die Zweitschwester Sonders erkannte an ihrem feinen Auftreten, ihrem vornehmen Benehmen und ihrer Schönheit sofort, dass es Friedchen sein musste. Eilig hielt sie sie persönlich zurück und sagte nur: „Schwester, lasst das! Ihr und ich sind gleich!"
Phönixglanz erhob sich ebenfalls lachend und sagte: „Das geht zu weit! Schwester, nehmt ruhig ihre Verbeugung an — sie ist nur unsere Dienerin. Bitte macht das nicht noch einmal."
Dann ließ sie Frau Zhou aus dem Bündel vier Stücke feinstes Stofftuch und vier Paar goldene Perlen-Haarnadeln als Begrüßungsgeschenk hervorholen. Die Zweitschwester Sonders nahm sie dankend entgegen. Die beiden tranken Tee und sprachen über Vergangenes. Phönixglanz gab sich durch und durch selbstanklagend — „die Schuld liegt ganz bei mir, anderen kann ich keinen Vorwurf machen, ich bitte nur die ältere Schwester um ihre Zuneigung" und dergleichen.
Die Zweitschwester Sonders hielt Phönixglanz nach alledem für eine überaus gute Person. Dass niedrige Dienstleute ihre Herrin verleumden, wenn sie unzufrieden sind, sei ja ganz natürlich. So öffnete sie ihr Herz, plauderte eine Weile und betrachtete Phönixglanz bereits als Seelenverwandte. Zudem priesen Frau Zhou Rui und andere nebenbei Phönixglanz' viele gute Taten als Hausherrin — nur sei sie zu gutherzig und mache sich dadurch Feinde. „Die Zimmer sind schon hergerichtet — die Herrin braucht nur hinzugehen und es sich anzusehen", sagten sie.
Die Zweitschwester Sonders hatte sich ohnehin nichts sehnlicher gewünscht, als ins Haus zu ziehen und dort zusammenzuleben. Wie hätte sie da nicht einwilligen sollen! Sie sagte: „Natürlich sollte ich mit der älteren Schwester gehen. Nur — was wird mit den Dingen hier?"
Phönixglanz sagte: „Das ist nicht schwer. Die Truhen und wertvollen Sachen der älteren Schwester lässt sie von den Burschen ins Haus bringen. Das grobe Zeug braucht man nicht, jemand soll darauf aufpassen. Wen die ältere Schwester für zuverlässig hält, der bleibt hier."
Die Zweitschwester Sonders sagte hastig: „Da ich die ältere Schwester nun getroffen habe — wenn ich ins Haus ziehe, überlasse ich alles Eurer Regie. Ich bin noch nicht lange hier und habe nie einen Haushalt geführt, verstehe nichts von der Welt — wie könnte ich Entscheidungen treffen? Diese paar Truhen nehme ich mit. Viel habe ich ohnehin nicht — das meiste gehört ja dem Zweiten Herrn."
Phönixglanz befahl Frau Zhou Rui, alles zu verzeichnen und sorgfältig in den östlichen Seitenflügel bringen zu lassen. Dann drängte sie die Zweitschwester Sonders, sich umzukleiden. Hand in Hand stiegen die beiden in die Kutsche, saßen beieinander, und Phönixglanz flüsterte ihr zu:
„In unserem Haus herrschen strenge Regeln. Von der Sache weiß die Ahnherrin überhaupt nichts. Wenn sie erführe, dass der Zweite Herr dich in der Trauerzeit geheiratet hat, ließe sie ihn totschlagen. Vorerst darfst du die Ahnherrin und die Gnädigen Frauen nicht sehen. Wir haben einen sehr großen Garten, in dem die jungen Damen wohnen — da kommt nicht leicht jemand hin. Du wohnst erst einmal ein paar Tage im Garten. Wenn ich eine Möglichkeit gefunden habe, die Sache richtig zu erklären, dann trittst du vor sie — das ist sicherer."
Die Zweitschwester Sonders sagte: „Ich überlasse alles der älteren Schwester."
Die Burschen, die die Kutsche begleiteten, waren vorher alle eingeweiht worden und fuhren nicht zum Haupttor, sondern direkt zum Hintertor.
Nach dem Aussteigen schickte Phönixglanz alle fort und führte die Zweitschwester Sonders durch das Hintertor des Gartens der Großen Anschauung [大观园] zu Frau Li [李纨], um sich vorzustellen. Zu diesem Zeitpunkt wussten schon neun von zehn Bewohnern des Gartens Bescheid. Als nun Phönixglanz die Neue hereinbrachte, kamen viele herbei, um sie zu sehen und zu befragen. Die Zweitschwester Sonders begrüßte alle der Reihe nach. Wer sie sah, war von ihrer Anmut und Liebenswürdigkeit angetan und konnte nicht umhin, sie zu loben.
Phönixglanz ermahnte alle Anwesenden einzeln: „Keiner darf nach draußen ein Wort verlauten lassen! Wenn die Ahnherrin oder die Gnädigen Frauen davon erfahren, bringe ich euch als Erste um!" Die Mütterchen und Mädchen im Garten fürchteten Phönixglanz ohnehin allesamt, und da es sich zudem um eine Sache handelte, die Kette Kaufmann während der doppelten Reichs- und Familientrauer begangen hatte, und sie wussten, wie heikel die Angelegenheit war, mischte sich keine ein.
Phönixglanz bat Frau Li unter vier Augen, die Zweitschwester Sonders einige Tage bei sich aufzunehmen: „Sobald alles geregelt ist, holen wir sie selbstverständlich herüber." Frau Li sah, dass Phönixglanz drüben schon Zimmer hatte herrichten lassen, und da man sich in der Trauerzeit ohnehin nicht öffentlich äußern sollte, war dies nur vernünftig. Also nahm sie die Zweitschwester Sonders vorübergehend auf.
Phönixglanz ließ dann nach und nach alle Dienstmädchen der Zweiten Schwester You entfernen und schickte stattdessen ein eigenes Mädchen zum Aufwarten. Heimlich wies sie die Dienerinnen des Gartens an: „Passt gut auf sie auf! Wenn sie abhaut oder verschwindet, ziehe ich euch zur Rechenschaft!" Dann ging sie selbst auf anderen Wegen weiter.
Alle im Haus wunderten sich insgeheim: „Seit wann ist Phönixglanz so tugendhaft geworden?"
Die Zweitschwester Sonders aber war mit ihrer Unterbringung zufrieden und sah, dass die jungen Damen im Garten alle freundlich zu ihr waren. Sie glaubte, am richtigen Ort angekommen zu sein.
Doch schon drei Tage später begann das Dienstmädchen Shanjie, immer ungehorsamer zu werden. Als die Zweitschwester Sonders einmal sagte: „Mir ist das Haaröl ausgegangen, geh zur Ersten Herrin und bitte um Nachschub", fuhr Shanjie sie an: „Zweite Herrin, Ihr wisst wirklich nicht, was sich gehört! Unsere Herrin muss jeden Tag der Ahnherrin aufwarten, der einen Gnädigen Frau, der anderen Gnädigen Frau. Dazu alle Schwägerinnen und Schwestern, oben und unten mehrere hundert Personen — jeden Tag warten alle auf ihr Wort. Auf den Tag gerechnet gibt es mindestens zwanzig große und dreißig bis fünfzig kleine Angelegenheiten. Draußen, von der Kaiserlichen Nebengemahlin angefangen über Herzöge und Marquis, wie viele Geschenke und Besuche! Im Haus die ganzen Verwandten und Freunde! Tausende Liang Silber und Zehntausende Kupfermünzen gehen täglich durch ihre eine Hand, ihr eines Herz, ihren einen Mund. Wegen so einer Nichtigkeit soll ich sie belästigen? Ich rate Euch, bescheidener zu sein! Wir sind doch nicht durch Brautwerber und ordentliche Heirat hergekommen. Es ist bereits einzigartig großherzig von ihr, dass sie Euch so behandelt! Wäre da jemand anders, die hätte Euch bei solchen Worten sofort angebrüllt und Euch vor die Tür gesetzt — ob lebendig oder tot, was hättet Ihr dann tun können?"
Nach dieser Predigt senkte die Zweitschwester Sonders den Kopf und dachte, an diesen Worten sei etwas dran — sie müsse sich eben fügen.
Shanjie brachte ihr nach und nach nicht einmal mehr das Essen pünktlich — mal zu früh, mal zu spät, und was sie brachte, waren Reste. Als die Zweitschwester Sonders sich zweimal beschwerte, fing Shanjie stattdessen an zu schreien. Die Zweitschwester Sonders fürchtete, man könnte sagen, sie sei unzufrieden und unbescheiden, und erduldete es schweigend.
Alle fünf oder acht Tage ließ sich Phönixglanz einmal bei ihr blicken — stets mit freundlicher Miene und dem Wort „Schwester" auf den Lippen. „Sollten die Dienstleute dich schlecht behandeln und du kommst nicht mit ihnen zurecht, sag es nur mir, dann bestrafe ich sie", sagte sie. Dann schalt sie die Mädchen und Frauen: „Ich kenne euch — die Sanften schikaniert ihr, vor den Harten kuscht ihr. Hinter meinem Rücken fürchtet ihr niemanden mehr. Wenn die Zweite Herrin mir auch nur ein einziges Mal ‚Nein' meldet, verlange ich euer Leben!"
Die Zweitschwester Sonders sah Phönixglanz so gutherzig und dachte: „Wenn ich schon sie habe, die sich kümmert, warum sollte ich da noch selbst Aufheben machen? Dass die Dienstleute sich nicht benehmen können, ist normal. Wenn ich sie anschwärze und sie bestraft werden, heißt es hinterher, ich sei nicht tugendhaft." So deckte sie die Verfehlungen sogar noch zu.
Derweil schickte Phönixglanz König Er hinaus, um Nachforschungen anzustellen. Bald wusste sie alles über die Zweitschwester Sonders: Sie war schon einmal verlobt gewesen. Der Bräutigam war erst neunzehn, trieb sich Tag für Tag in Hurenhäusern und Spielhöllen herum, kümmerte sich nicht um seinen Lebensunterhalt, hatte sein ganzes Erbe durchgebracht, und sein Vater hatte ihn verstoßen. Er lebte jetzt in einer Spielhölle. Sein Vater hatte zehn Liang Silber von der alten You genommen und die Verlobung aufgelöst, doch der junge Mann wusste noch nichts davon. Er hieß Zhang Hua.
Phönixglanz, die nun alle Einzelheiten kannte, steckte König Er zwanzig Liang Silber zu und befahl ihm heimlich, Zhang Hua aufzustöbern, ihn zu verköstigen, ihm eine Klageschrift aufsetzen zu lassen und damit bei der zuständigen Behörde Anzeige erstatten zu lassen. Die Anklage gegen den zweiten Herrn Kette Kaufmann lautete: „Reichstrauer und Familientrauer missachtend, gegen kaiserliche Erlasse und hinter dem Rücken der Eltern, auf Reichtum und Macht gestützt, eine Verlobung gewaltsam aufgelöst und unter Vernachlässigung der Erstgemahlin erneut geheiratet."
Zhang Hua kannte die Machtverhältnisse und wagte zunächst nicht, etwas zu unternehmen. König Er berichtete Phönixglanz, die wütend schimpfte: „Dieser räudige Hund, den man nicht an die Mauer stellen kann! Sag ihm genau: Selbst wenn er unsere Familie des Hochverrats anklagte, passiert nichts! Es geht nur darum, mit dem Streit ein allgemeines Gesichtsverlust herbeizuführen. Wenn die Klage zu groß wird, werde ich sie schon zu regeln wissen."
König Er tat wie geheißen und redete Zhang Hua ins Gewissen. Phönixglanz wies König Er außerdem an: „Wenn er dich verklagt, gehst du einfach mit ihm zur Verhandlung." So und so, dies und das — „ich weiß schon, was ich tue."
König Er, der sich auf ihre Anleitung verließ, ließ Zhang Hua seinen eigenen Namen in die Klageschrift einfügen: „Klage mich ruhig an als denjenigen, der die Gelder überreicht und den Zweiten Herrn zu allem angestiftet hat."
So hatte Zhang Hua einen Ansatz, und nachdem er sich mit König Er beraten hatte, schrieben sie die Klageschrift und reichten sie am nächsten Tag beim Zensorat ein.
Das Zensorat sah, dass es sich um eine Klage gegen Kette Kaufmann handelte, und dass ein Hausdiener namens König Er darin vorkam. Also schickte man Gerichtsboten zum Haus Kaufmann, um König Er zur Verhandlung vorzuladen. Die Boten wagten nicht, eigenmächtig einzutreten, und ließen nur eine Nachricht überbringen. König Er aber wartete schon darauf, brauchte keine Nachricht — er stand längst in der Straße bereit. Als er die Boten sah, ging er ihnen lachend entgegen: „Macht Euch keine Mühe, Brüder! Es muss wegen meiner Sache sein. Da hilft nichts, fesselt mich schnell." Die Boten wagten das nicht und sagten nur: „Kommt einfach mit, macht keinen Spaß."
So kniete er vor dem Richter nieder. Der Zensuor ließ ihm die Klageschrift vorlesen. König Er tat, als lese er sie zum ersten Mal, schlug den Kopf auf den Boden und sagte: „Die Angelegenheit ist mir bestens bekannt. Mein Herr hat das tatsächlich getan. Nur hat Zhang Hua, der seit langem mein Feind ist, mich absichtlich hineingezogen. Es gibt noch andere Beteiligte — ich bitte den Herrn Richter, weiter zu fragen."
Zhang Hua schlug den Kopf auf den Boden und sagte: „Es gibt zwar noch andere, aber ich wage nicht, sie anzuklagen, deshalb habe ich nur den Diener angeklagt."
König Er tat aufgeregt und sagte: „Du Dummkopf, sag es doch schnell! Das hier ist der kaiserliche Gerichtshof — selbst wenn es der Herr persönlich ist, musst du ihn nennen!"
Zhang Hua nannte daraufhin Herrlichkeit Kaufmann[7]. Der Zensuor hatte keine andere Wahl, als auch Herrlichkeit Kaufmann vorladen zu lassen.
Phönixglanz hatte zuvor Qinger losgeschickt, um heimlich nachzufragen. Als die Klage erhoben war, ließ sie sofort König Xin kommen, erzählte ihm alles und befahl ihm, den Zensuor zu bitten, die Sache nur zum Schein aufzubauschen und einzuschüchtern, sonst nichts. Dazu gab sie ihm dreihundert Liang Silber für die Bestechung. Noch in derselben Nacht suchte König Xin den Zensuor privat auf und legte die Grundlage. Der Zensuor, der die Zusammenhänge durchschaute, steckte das Bestechungsgeld ein. Am nächsten Tag erklärte er bei der Verhandlung, Zhang Hua sei ein Taugenichts, der Schulden beim Haus Kaufmann habe und mit frei erfundenen Anschuldigungen ehrbare Leute verleumde. Da der Zensuor zudem mit König Ziteng [王子腾] befreundet war und König Xin nur einen kurzen Besuch zu Hause machte — schließlich handelte es sich ja um die Familie Kaufmann, und alle waren froh, die Sache zu beenden —, wurde auch dort nicht weiter nachgehakt. Man ließ nur Herrlichkeit Kaufmann zur Verhandlung vorladen.
Herrlichkeit Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann[8] waren gerade mit den Begräbnisvorbereitungen für Herrlichkeit Kaufmanns Vater beschäftigt, als plötzlich ein Bote kam und meldete: „Jemand hat euch angeklagt, und zwar so und so und so — trefft schnell Vorkehrungen!" Herrlichkeit Kaufmann erschrak und eilte zu Herrlichkeit Kaufmann. Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Davor hatte ich mich gehütet — aber was für eine Dreistigkeit!" Sofort ließ er zweihundert Liang Silber einpacken und Leute hinschicken, um den Zensuor zu bestechen, und schickte Diener zur Verhandlung.
Gerade als sie noch berieten, wurde gemeldet: „Die Zweite Herrin aus dem Westpalast ist da!" Herrlichkeit Kaufmann erschrak über diese Nachricht, er wollte sich zusammen mit Herrlichkeit Kaufmann schnell verstecken. Doch Phönixglanz war schon hereingetreten und rief: „Na, lieber großer Bruder, da habt ihr ja zusammen mit den jungen Herren feine Sachen angestellt!"
Herrlichkeit Kaufmann eilte herbei und verbeugte sich. Phönixglanz packte ihn und zog ihn mit sich. Herrlichkeit Kaufmann lachte nur noch und sagte: „Bedient eure Tante gut, lasst Vieh schlachten und das Essen herrichten!" Damit ließ er eilig sein Pferd satteln und machte sich davon.
Phönixglanz kam mit Herrlichkeit Kaufmann in die Haupträume. Die Schwägerin Sonders kam ihr gerade entgegen. Als sie Phönixglanz' zornige Miene sah, fragte sie lächelnd: „Was ist denn so dringend?"
Phönixglanz spuckte ihr mitten ins Gesicht und schrie: „Euer Sonders-Mädchen, das keiner mehr wollte, habt ihr heimlich zu den Kaufmanns geschickt! Sind denn alle Kaufmann-Männer so gut, dass es nirgendwo sonst auf der Welt einen Mann gibt? Wenn du sie schon hergeben willst, dann mit drei Brautwerbern und sechs Zeugen, alles ordentlich und nach Brauch! Du hast dir das Hirn vernebeln lassen. In Reichs- und Familientrauer zugleich hast du sie einfach hergeschickt! Jetzt wird uns verklagt, und ich als eine, die keinen Fuß hat, auf dem sie stehen kann — in den Amtsstuben weiß man längst, dass ich streng und eifersüchtig bin. Jetzt wird mein Name genannt, und man will mich verstoßen lassen! Was habe ich in eurem Haus verbrochen, dass ihr mir so schadet? Oder hat die Ahnherrin oder die Gnädige Frau etwas gegen mich und ihr habt diese Falle gebaut, um mich loszuwerden? Dann gehen wir jetzt beide zusammen vor Gericht und klären die Sache! Danach laden wir die ganze Sippe ein, und jeder sagt offen, was er denkt. Gebt mir den Scheidebrief, und ich gehe!"
Dabei weinte sie laut, zerrte an der Schwägerin Sonders und wollte mit ihr zum Gericht gehen. Herrlichkeit Kaufmann kniete sich auf den Boden und schlug den Kopf auf die Erde, immer wieder flehend: „Tante, beruhigt Euch doch!"
Phönixglanz schimpfte weiter auf Herrlichkeit Kaufmann: „Du vom Blitz geschlagener, von fünf Dämonen zerrissener gewissenloser Kerl! Weißt du nicht, wie hoch der Himmel und wie dick die Erde ist? Tagaus, tagein stiftest du Unfrieden und treibst schamlose, gesetzlose, familienzerstörende Geschäfte! Deine verstorbene Mutter im Jenseits verzeiht dir das nicht, die Ahnen verzeihen es nicht — und du wagst es, mich beschwichtigen zu wollen!" Weinend und schimpfend holte sie aus, um ihn zu schlagen.
Herrlichkeit Kaufmann schlug rasch den Kopf auf den Boden und sagte: „Tante, schlagt Euch nicht die Hand wund — lasst mich mich selbst schlagen!" Damit schlug er sich links und rechts selbst ins Gesicht und fragte sich selbst: „Wirst du in Zukunft dich noch in alles einmischen, was dich nichts angeht? Wirst du in Zukunft nur noch auf deinen Onkel hören und nicht mehr auf deine Tante?"
Alle Umstehenden wollten zugleich trösten und lachen, wagten aber nicht zu lachen.
Phönixglanz warf sich in die Arme der Schwägerin Sonders, heulte zum Himmel und zur Erde und schluchzte laut: „Dass du deinem Bruder eine Frau nimmst, ärgert mich nicht! Aber warum habt ihr es so gemacht, dass es gegen kaiserliche Erlasse verstößt, und hängt mir diesen Schandnamen an? Gehen wir doch zum Gericht, bevor die Häscher kommen! Oder noch besser — gehen wir zur Ahnherrin und der Gnädigen Frau und legen es der ganzen Sippe vor! Wenn ich so schlecht bin und meinem Mann keine Zweitfrau und Nebenfrau gönne, dann gebt mir den Scheidebrief, und ich verschwinde sofort!
Eure Schwester habe ich eigenhändig ins Haus geholt, und aus Angst, die Ahnherrin und die Gnädige Frau könnten böse werden, habe ich nicht einmal gewagt, es zu melden. Sie wohnt dort mit feinstem Essen, goldenen Sklavinnen und silbernen Dienern im Garten! Ich habe eilig die Zimmer herrichten lassen, mit demselben Rang wie ich — alles bereit für den Tag, an dem die Ahnherrin es erfährt. Ich dachte, wenn sie erst eingezogen ist, werden wir alle brav und anständig leben und ich lasse die Vergangenheit ruhen.
Aber nun stellt sich heraus, dass sie schon einen Verlobten hatte! Was ihr da getrieben habt, davon weiß ich überhaupt nichts. Jetzt wird mir der Prozess gemacht! Gestern war ich so verzweifelt, dass ich — auch wenn ich selbst vor Gericht ginge, es wäre die Schande eures Hauses Kaufmann! — nicht anders konnte, als heimlich fünfhundert Liang von der Gnädigen Frau zu nehmen und die Beamten zu bestechen. Und mein Diener sitzt immer noch im Gefängnis!"
So weinte und schimpfte sie abwechselnd und wollte sich schließlich den Schädel einschlagen. Die Schwägerin Sonders war wie ein durchgekneteter Teig, ihre Kleider von Tränen und Rotz durchtränkt. Sie sagte nur: „Du Ungeheuer von Sohn! Was für feine Sachen hast du mit deinem Vater angestellt! Hab ich's nicht gleich gesagt?"
Phönixglanz hörte das, fasste weinend die Schwägerin Sonders am Gesicht, starrte sie frontal an und fragte: „Bist du wahnsinnig? Hast du einen Kürbis im Mund stecken? Oder haben sie dir eine Trense angelegt? Warum hast du mir nichts gesagt? Wenn du es mir gesagt hättest, wäre jetzt alles friedlich! Wie konnte es so weit kommen, dass Gerichte und Behörden bemüht werden? Und jetzt machst du ihnen noch Vorwürfe! ‚Ist die Frau tugendhaft, hat der Mann weniger Unglück', heißt es, und ‚Äußere Stärke ist nicht so viel wert wie innere Stärke.' Wenn du etwas getaugt hättest, hätten die das alles nie angestellt! Aber du hast weder Geschick noch Mundwerk — du bist ein Kürbis mit abgesägtem Mund, der nur still dasitzt und auf den guten Ruf einer tugendhaften Frau hofft. Am Ende fürchten sie dich nicht und hören nicht auf dich!" Dann spuckte sie ihr noch ein paarmal ins Gesicht.
Die Schwägerin Sonders weinte ebenfalls: „Wie könnte ich nicht ermahnt haben? Aber glaubst du, sie hören auf mich? Was soll ich denn machen? Ich kann der Schwester nicht verdenken, dass sie wütend ist — ich kann nur zuhören."
Inzwischen knieten all die Nebenfrauen, Mädchen und Dienerinnen dicht an dicht am Boden und baten lachend: „Die Zweite Herrin ist doch die Verständigste! Auch wenn unsere Herrin im Unrecht ist — Ihr habt sie genug gedemütigt. Unsere Herrinnen waren sich doch immer so gut — bitte bewahrt ihr das Gesicht!"
Man reichte Tee. Phönixglanz warf auch den zu Boden, wischte sich die Augen, richtete sich die Haare und schimpfte dann noch auf Herrlichkeit Kaufmann: „Geh hinaus und hol deinen Vater! Ich will ihn persönlich fragen: Der eigene Großvater ist erst sieben mal sieben Tage bestattet, und der Neffe heiratet — diesen Brauch kenne ich noch nicht. Da kann ich ja gleich für die Zukunft lernen, wie man Söhne und Neffen erzieht!"
Herrlichkeit Kaufmann kniete nur da und schlug den Kopf auf den Boden: „Diese Sache hat mit meinen Eltern gar nichts zu tun! Euer Sohn war es, der einen Moment lang verrückt wurde und den Onkel angestiftet hat. Mein Vater weiß gar nichts davon. Gerade bereitet er die Überführung des Großvaters vor. Wenn die Tante jetzt Aufsehen macht, ist es auch um Euren Sohn geschehen. Bestraft mich, wie Ihr wollt — ich nehme jede Strafe an. Aber den Prozess — bitte, Tante, regelt Ihr ihn. Euer Sohn kann so eine große Sache nicht bewältigen. Die Tante ist doch eine Person von Format — kennt Ihr nicht das Sprichwort: ‚Ein gebrochener Arm bleibt im Ärmel verborgen'? Euer Sohn war dumm genug, eine Dummheit zu begehen — wie ein Hund oder eine Katze. Da die Tante mich bestraft, wird sie doch nicht auf meine Stufe herabsteigen. Die Tante muss sich leider noch die Mühe machen, die Sache draußen in Ordnung zu bringen. Euer Sohn hat die Dummheit angerichtet, und die Tante muss die Scherben aufkehren — aber sie liebt ihren Sohn doch trotzdem."
Phönixglanz sah, wie Mutter und Sohn sich so verhielten, und erkannte, dass sie nicht weitergehen konnte. Also wechselte sie Miene und Ton und sagte versöhnlich zur Schwägerin Sonders: „Ich bin jung und unverständig. Als ich hörte, dass jemand klagt, hat es mich so erschreckt, dass ich nicht mehr wusste, was ich tat. Wie unhöflich muss ich eben zur Schwägerin gewesen sein! Wie Hibiskus sagt — ‚der gebrochene Arm bleibt im Ärmel' —, bitte die Schwägerin, mir zu vergeben. Und bitte sprich mit dem Bruder, damit er den Prozess erst einmal niederschlägt."
Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten einhellig: „Die Tante braucht sich keine Sorgen zu machen — den Onkel wird es nicht im Geringsten treffen. Ihr sagtet, Ihr hättet fünfhundert Liang ausgegeben — selbstverständlich werden wir Mutter und Sohn fünfhundert Liang zusammenbringen und Euch hinüberschicken, damit Ihr den Verlust ausgleichen könnt. Es wäre unverzeihlich, wenn die Tante obendrein noch Schulden machen müsste. Aber noch eins: Vor der Ahnherrin und den Gnädigen Frauen — da muss die Tante bitte taktvoll sein und diese Dinge nicht erwähnen."
Phönixglanz lachte kalt: „Ihr habt mir etwas über den Kopf gezogen und erwartet jetzt, dass ich euch decke! Ich bin zwar dumm, aber so dumm nicht. Die Schwester meines Schwagers ist auch mein Mann, und wenn die Schwägerin fürchtet, er bleibe ohne Nachkommen — fürchte ich das etwa nicht noch mehr? Die Schwester der Schwägerin ist wie meine eigene Schwester. Als ich davon hörte, war ich so froh, dass ich die ganze Nacht kein Auge zutat. Sofort ließ ich die Zimmer herrichten und wollte sie aufnehmen. Die Dienstleute mit ihrem Sklavenverstand sagten allerdings: ‚Die Herrin ist zu gutmütig! Wenn wir zu bestimmen hätten, würden wir erst die Ahnherrin und die Gnädige Frau informieren, dann die Zimmer herrichten und sie abholen — das wäre noch früh genug.' Als ich das hörte, hätte ich sie am liebsten geschlagen und beschimpft, konnte es aber lassen.
Aber es kam nicht, wie ich wollte! Aus heiterem Himmel tauchte dieser Zhang Hua auf und erstattete Anzeige. Als ich das erfuhr, habe ich zwei Nächte lang kein Auge zugemacht, wagte aber nicht, Aufhebens zu machen. Heimlich ließ ich Erkundigungen einziehen, wer dieser Zhang Hua sei und wo er die Dreistigkeit hernehme. Nach zwei Tagen Nachforschung stellte sich heraus, dass es ein nichtsnutziger Bettler ist. Jung und unerfahren, wie ich bin, musste ich lachen und sagte: ‚Was kann der schon anklagen?' Aber die Burschen erklärten: ‚Die Zweite Herrin war ihm einst versprochen. Jetzt ist er in der Klemme — ob er erfriert oder verhungert, er stirbt so oder so. Jetzt hat er dieses Recht in der Hand, und selbst wenn er stirbt, stirbt er wenigstens für etwas. Wie kann man es ihm verdenken? Die Sache wurde zu überstürzt gemacht. Reichstrauer — ein Vergehen. Familientrauer — ein Vergehen. Hinter dem Rücken der Eltern heimlich geheiratet — ein Vergehen. Die Erstfrau verlassen und erneut geheiratet — ein Vergehen. Wie das Sprichwort sagt: Wer seine Haut riskiert, kann sogar den Kaiser vom Pferd ziehen. Ein Mann, der vor Armut verrückt geworden ist, wozu ist der nicht fähig? Zumal er das volle Recht auf seiner Seite hat — auf eine Einladung zu warten ist unmöglich.'
Schwägerin, selbst wenn ich Han Xin oder Zhang Liang wäre — nach diesen Worten wäre mir jeder Gedanke vergangen. Euer Bruder ist nicht da, ich hatte niemanden zum Beraten — nichts blieb übrig, als Geld hinzulegen. Aber je mehr Geld ich ausgab, desto mehr pressten sie mich aus. Ich bin wie eine Maus mit einem Geschwür am Schwanz — kein Tropfen Blut mehr übrig. Vor Aufregung und Ärger musste ich herkommen."
Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten, ohne sie ausreden zu lassen: „Keine Sorgen, wir regeln das selbstverständlich!"
Herrlichkeit Kaufmann fuhr fort: „Dieser Zhang Hua hat nur aus purer Verzweiflung heraus geklagt. Mein Plan wäre: Wir bieten ihm etwas Silber an und lassen ihn gestehen, dass er falsch und grundlos geklagt hat. Wir regeln seinen Prozess, und wenn er herauskommt, geben wir ihm noch etwas Geld — dann ist die Sache erledigt."
Phönixglanz lachte: „Liebes Kind, kein Wunder, dass du so kopflos solche Dummheiten anstellst — du bist wirklich naiv! Wenn er heute einwilligt und den Prozess übersteht und das Geld bekommt, ist es vorerst erledigt. Aber solche Taugenichtse — wenn das Geld verbraucht ist, suchen sie neue Vorwände und pressen einen wieder. Außerdem: Wenn er sagt, er habe nichts verbrochen — warum hat man ihm dann Geld gegeben? Am Ende ist es eine nie endende Geschichte."
Herrlichkeit Kaufmann, der ein kluger Mensch war, verstand sofort und sagte lachend: „Ich habe noch eine Idee. ‚Wer den Ärger gebracht hat, muss ihn auch forttragen.' Am besten erledige ich das selbst. Ich gehe zu Zhang Hua und frage ihn: Will er unbedingt die Person haben, oder ist er bereit, sich mit Geld abfinden zu lassen und eine andere zu heiraten? Wenn er die Person will, muss ich meine Zweite Tante überreden, dass sie herauskommt und ihn heiratet. Wenn er Geld will, geben wir ihm welches."
Phönixglanz rief hastig: „Auch wenn du das sagst — ich bringe es nicht übers Herz, deine Tante hinauszuschicken! Auf keinen Fall! Guter Neffe, wenn du mich liebst, gib ihm lieber mehr Geld!"
Herrlichkeit Kaufmann wusste genau, dass Phönixglanz mit dem Mund zwar so redete, im Herzen aber nichts lieber wollte, als dass die Person von selbst ging — sie selbst spielte nur die Tugendhafte. Was immer sie jetzt sagte, er gehorchte.
Phönixglanz, zufrieden, sagte dann: „Die Sache draußen lässt sich regeln — aber wie geht es zu Hause weiter? Du solltest mit mir hinüberfahren und es der Ahnherrin erklären."
Herrlichkeit Kaufmann bat Phönixglanz um Rat, wie man die Lüge am besten formulieren solle. Phönixglanz lachte kalt: „Wenn du nicht das Talent dazu hast, warum hast du dich dann darauf eingelassen? Jetzt diese Jammerpose — das ist mir zuwider. Aber andererseits bin ich ein weichherziger Mensch und lasse mich von jedem herumschubsen, und trotzdem habe ich ein gutes Herz. Ich muss es wohl übernehmen.
Ihr beide haltet euch einfach fern. Ich bringe eure Schwester zur Ahnherrin und der Gnädigen Frau und lasse sie den Kotau machen. Ich sage: Sie ist die Schwester meines Schwagers, ich habe sie kennengelernt und fand sie sehr nett. Da ich selbst nicht gerade fruchtbar bin, hatte ich ohnehin vor, ein oder zwei Mädchen ins Haus zu nehmen. Als ich nun die Schwester meines Schwagers traf und sah, wie gut sie ist — Verwandte untereinander zu heiraten ist doch das Beste —, habe ich beschlossen, sie als Zweitfrau aufzunehmen. Da ihre Eltern und Schwestern vor Kurzem alle verstorben sind und sie in Armut lebt, konnte sie die hundert Tage Trauer nicht abwarten, denn sie hätte kein Zuhause und keinen Unterhalt gehabt. Deshalb habe ich sie schon ins Haus geholt, die Zimmer im Seitenflügel sind hergerichtet, und sie wohnt vorerst dort. Erst wenn die Trauer vorüber ist, wird die Ehe vollzogen.
Mit meiner schamlosen Miene und meiner Hartnäckigkeit drücke ich das schon durch. Wenn es Ärger gibt, fällt er nicht auf euch zurück. Was meint ihr, Mutter und Sohn?"
Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten einhellig lachend: „Nur die Tante hat eine so großmütige und kluge Art! Wenn alles geregelt ist, kommen wir selbstverständlich herüber, um uns zu bedanken."
Die Schwägerin Sonders ließ die Mädchen Phönixglanz beim Waschen und Frisieren bedienen, ordnete ein Essen an und reichte persönlich Wein und wählte die Gerichte aus.
Phönixglanz blieb nicht lange und ging entschlossen. Im Garten erzählte sie der Zweiten Schwester You die ganze Geschichte — wie sie sich Mühe gegeben habe, Erkundigungen einzuziehen, wie sie einen Plan ersonnen habe, wie man so und so vorgehen müsse, um alle vor Strafe zu bewahren, und dass sie selbst die Sache in die Hand nehmen müsse.
Was dann weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
- ↑ Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, die gewiefte und machtbewusste Ehefrau von Kette Kaufmann.
- ↑ Zweitschwester Sonders: Chin. 尤二姐 Yóu Èrjiě, die heimliche Zweitfrau von Kette Kaufmann.
- ↑ Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, zweiter Sohn von Begnadigung Kaufmann, Ehemann von Phönixglanz.
- ↑ Herzoginmutter: Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die alte Matriarchin des Kaufmann-Hauses.
- ↑ Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, die treue und kluge Leibmagd von Phönixglanz.
- ↑ Chin. 兴儿 Xīng'er. 兴 xīng „Glück/Aufregung“. Kette Kaufmanns Dienerbursche.
- ↑ Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Herrlichkeit Kaufmann, junger Herr des Ostpalasts.
- ↑ Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ostpalasts (Ning-guo-fu).