Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 104"
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(DE4 Korrektur-Update Kap. 104) |
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| − | Die Erzählung knüpft dort an, wo Kaufmann | + | Die Erzählung knüpft dort an, wo Regendorf Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾雨村</ref> gerade den Fluss überqueren wollte, als jemand auf ihn zugerannt kam und rief: "Herr, der Tempel, in dem Ihr vorhin wart, steht in Flammen!" Regendorf wandte sich um und sah lodernde Flammen, die gen Himmel schlugen, und wirbelnde Asche, die die Sonne verdunkelte. Regendorf dachte bei sich: 'Wie seltsam! Ich bin gerade erst herausgekommen und noch nicht weit gelaufen. Woher kommt dieses Feuer? Sollte Wahrheitsverberger hier ein schlimmes Schicksal ereilt haben?' Er wollte zurückgehen, fürchtete aber, die Fähre zu verpassen; ging er jedoch nicht zurück, war sein Herz unruhig. Nach kurzem Nachdenken fragte er: "Hast du vorhin den alten Daoisten herauskommen sehen?" Der Mann antwortete: "Euer Diener folgte dem Herrn, bekam aber Bauchschmerzen und musste kurz austreten. Als ich mich umdrehte, sah ich das Feuer und erkannte, dass der Tempel brannte. Ich bin sofort hergeeilt, um es dem Herrn zu melden. Einen Menschen habe ich nicht herauskommen sehen." Obwohl Regendorf von Zweifeln geplagt wurde, war er im Grunde ein Mann, dem Ruhm und Karriere über alles gingen, und so hatte er keine Neigung zurückzukehren. Er befahl dem Mann: "Warte hier, bis das Feuer erloschen ist, geh dann hinein und sieh nach, ob der alte Daoist noch da ist oder nicht, und komm sofort zurück, um mir Bericht zu erstatten." Der Mann gehorchte. Regendorf überquerte den Fluss und setzte seine Inspektionsreise fort. Nach einigen Stationen fand er eine Herberge und legte sich zur Ruhe. |
| − | Am nächsten Tag reiste er weiter und betrat die Hauptstadt. Zahlreiche Amtsdiener empfingen ihn, und er zog, umgeben von lautem Geschrei, durch die Straßen. In seiner Sänfte sitzend, hörte | + | Am nächsten Tag reiste er weiter und betrat die Hauptstadt. Zahlreiche Amtsdiener empfingen ihn, und er zog, umgeben von lautem Geschrei, durch die Straßen. In seiner Sänfte sitzend, hörte Regendorf, wie die Vorhut auf der Straße einen Streit hatte. Er fragte, was los sei. Der Wegmacher zerrte einen Mann herbei und ließ ihn vor der Sänfte niederknien. Er meldete: "Dieser Mann ist betrunken und hat nicht Platz gemacht. Stattdessen ist er direkt auf uns zugetorkelt. Als ich ihn anbrüllte, ließ er sich betrunken auf die Straße fallen und behauptete, ich hätte ihn geschlagen." Regendorf sprach: "Ich bin der zuständige Beamte dieser Gegend, und ihr alle seid meine Untertanen. Wenn du weißt, dass der Herr Präfekt hier durchkommt, dir nach dem Trinken nicht aus dem Weg gehst und dann auch noch die Frechheit besitzt, Lügen zu verbreiten!" Der Mann erwiderte: "Den Wein habe ich von meinem eigenen Geld gekauft, und betrunken liege ich auf dem Boden des Kaisers. Da hat selbst der Herr Beamte nichts dreinzureden." Regendorf war wütend: "Dieser Mensch kennt weder Gesetz noch Ordnung! Wie heißt er?" Der Mann antwortete: "Ich heiße Ni Er, der Betrunkene Diamant." Regendorf wurde noch wütender und befahl: "Schlagt diesen Kerl! Mal sehen, ob er wirklich ein Diamant ist." Seine Leute warfen Ni Er zu Boden und verabreichten ihm tüchtig Peitschenhiebe. Ni Er, vom Schmerz gequält und nun nüchtern geworden, bettelte um Gnade. Regendorf lachte laut aus seiner Sänfte: "Also das ist so ein Diamant! Ich will ihn vorerst nicht weiter schlagen. Nehmt ihn mit ins Amt, dort können wir ihn in aller Ruhe befragen." Die Amtsdiener gehorchten, banden Ni Er fest und zerrten ihn fort. Sein Betteln nützte nichts. Regendorf erstattete im Palast Bericht und kehrte in sein Amt zurück, wobei er sich um diese Angelegenheit nicht weiter scherte. |
| − | Auf der Straße verbreiteten die Schaulustigen in kleinen Gruppen die Nachricht: "Ni Er hat sich auf seine Körperkraft verlassen und betrunken Ärger gesucht. Heute ist er dem Herrn Kaufmann in die Hände gefallen — da wird er wohl nicht so leicht davonkommen." Diese Nachricht gelangte bald zu seiner Frau und Tochter. Als Ni Er in jener Nacht tatsächlich nicht nach Hause kam, suchte seine Tochter in allen Spielhallen nach ihm. Die Spieler bestätigten die Geschichte, und seine Tochter weinte. Die Leute sagten: "Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Dieser Herr Kaufmann ist mit den | + | Auf der Straße verbreiteten die Schaulustigen in kleinen Gruppen die Nachricht: "Ni Er hat sich auf seine Körperkraft verlassen und betrunken Ärger gesucht. Heute ist er dem Herrn Kaufmann in die Hände gefallen — da wird er wohl nicht so leicht davonkommen." Diese Nachricht gelangte bald zu seiner Frau und Tochter. Als Ni Er in jener Nacht tatsächlich nicht nach Hause kam, suchte seine Tochter in allen Spielhallen nach ihm. Die Spieler bestätigten die Geschichte, und seine Tochter weinte. Die Leute sagten: "Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Dieser Herr Kaufmann ist mit den Prunkwille-Kaufmanns verwandt. Im Prunkwille-Anwesen gibt es einen gewissen zweiten Herrn, der mit deinem Vater befreundet ist. Geh mit deiner Mutter zu ihm und bitte ihn um Fürsprache, dann wird er freigelassen." Ni Ers Tochter überlegte: "Es stimmt, Vater hat immer gesagt, der zweite Herr Kaufmann von nebenan sei sein guter Freund. Warum sollten wir ihn nicht aufsuchen?" Sie eilte nach Hause, besprach sich mit ihrer Mutter, und Mutter und Tochter gingen zu Efeu Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾芸</ref>. |
| − | Kaufmann | + | Efeu Kaufmann war an jenem Tag zufällig zu Hause. Als er Mutter und Tochter kommen sah, bat er sie herein und ließ Tee servieren. Die Ni-Frauen erzählten, wie Ni Er vom Herrn Präfekten Kaufmann festgenommen worden war, und baten: "Wir bitten den zweiten Herrn, ein gutes Wort für ihn einzulegen und ihn freizubekommen." Efeu Kaufmann sagte sofort zu: "Das ist doch keine große Sache! Ich gehe zum Westanwesen und sage ein Wort, dann wird er freigelassen. Dieser Herr Präfekt Kaufmann verdankt seinen hohen Posten ganz dem Westanwesen. Man braucht nur jemanden hinzuschicken, und die Sache ist erledigt." Die Ni-Frauen waren erfreut, gingen ins Amt und teilten Ni Er mit, er solle sich keine Sorgen machen, der zweite Herr Kaufmann habe ohne Zögern zugesagt und werde ihn durch seine Fürsprache bald freibekommen. Ni Er hörte es und freute sich. |
| − | Doch leider wagte Kaufmann | + | Doch leider wagte Efeu Kaufmann, seit Phönixglanz <ref>Chinesisch: 王熙凤</ref> sein Geschenk abgelehnt hatte, nicht mehr, sich dort blicken zu lassen, und kam kaum noch ins Prunkwille-Anwesen. Die Torhüter des Prunkwille-Anwesens richteten sich stets nach dem Willen der Herrschaft: Wer eingeladen war und willkommen, den ließen sie sofort ein und meldeten ihn an; wer aber bei der Herrschaft in Ungnade gefallen war — ob Verwandter oder Familienmitglied —, den meldeten sie gar nicht erst an und schickten ihn unverrichteter Dinge weg. Als Efeu Kaufmann an jenem Tag am Tor erschien und sagte: "Ich möchte dem zweiten Herrn Kette meine Aufwartung machen", erwiderten die Torhüter: "Der zweite Herr ist nicht zu Hause. Wenn er zurückkommt, werden wir es ihm ausrichten." Efeu Kaufmann hätte gern auch die zweite junge Herrin begrüßt, fürchtete aber, die Torhüter noch weiter zu verärgern, und musste nach Hause zurückkehren. Dort drängten ihn die Ni-Frauen wieder: "Der zweite Herr hat immer gesagt, im Anwesen braucht man nur ein Wort zu sagen, und kein Amt wagt zu widersprechen! Nun gehört Ihr selbst zur Familie, es ist keine große Sache, und Ihr bekommt nicht einmal diese kleine Gefälligkeit hin? Da ist unser zweiter Herr wohl umsonst!" Efeu Kaufmann schämte sich, sprach aber tapfer: "Gestern waren wir zu Hause beschäftigt und konnten niemanden hinschicken. Heute wird er bestimmt freigelassen. Was ist schon dabei?" Die Ni-Frauen mussten sich damit zufriedengeben. |
| − | Doch Kaufmann | + | Doch Efeu Kaufmann kam in diesen Tagen nicht einmal mehr durch das Haupttor. Er versuchte es über den Hintereingang und wollte durch den Garten zu Schatzjade <ref>Chinesisch: 宝玉</ref> gelangen, doch das Gartentor war verschlossen. Niedergeschlagen musste er unverrichteter Dinge zurückkehren. Er dachte bei sich: 'Damals hat mir Ni Er Geld geliehen, ich kaufte Moschus und Kampfer und schenkte es Phönixglanz, und daraufhin bekam ich den Auftrag, Bäume zu pflanzen. Jetzt, wo ich kein Geld zum Bestechen habe, wird mir die Tür vor der Nase zugeschlagen. Aber das ist nicht ihre eigene Leistung: Sie nimmt das Geld der Vorfahren aus der Familienkasse und verleiht es zu Wucherzinsen draußen, während wir als arme Verwandte nicht einmal einen Tael leihen können. Sie bildet sich ein, für immer reich zu bleiben, aber draußen hat sie einen sehr schlechten Ruf. Wenn ich nichts sage, mag es gut sein; aber wenn ich rede, gibt es wer weiß wie viele Mordsachen!' |
| − | So grübelnd kam er nach Hause, wo die Ni-Frauen schon auf ihn warteten. Kaufmann | + | So grübelnd kam er nach Hause, wo die Ni-Frauen schon auf ihn warteten. Efeu Kaufmann wusste nicht mehr, was er sagen sollte, und behauptete: "Das Westanwesen hat bereits jemanden geschickt, aber der Herr Präfekt Kaufmann gibt nicht nach. Ihr müsstet besser Zhou Rui, unseren Diener, bitten — sein Verwandter Leng Zixing hätte mehr Erfolg." Die Ni-Frauen sagten: "Wenn ein so vornehmer Herr wie Ihr nichts ausrichten kann, was soll dann ein Diener bewirken?" Efeu Kaufmann, in die Enge getrieben, sagte hastig: "Das wisst ihr nicht — heutzutage sind die Diener einflussreicher als ihre Herren!" Die Ni-Frauen sahen, dass nichts zu machen war, lachten bitter und sagten: "Da haben wir den zweiten Herrn wohl umsonst so viele Tage bemüht. Wenn unser Mann herauskommt, wird er sich bestimmt noch selbst bedanken." Damit gingen sie und fanden auf anderem Wege jemanden, der Ni Er herausholte. Er hatte nur ein paar Schläge bekommen und war ansonsten nicht weiter bestraft worden. |
| − | Ni Er kam nach Hause, und seine Frau und Tochter erzählten ihm, wie die Familie Kaufmann nicht bereit gewesen war, für ihn Fürsprache einzulegen. Ni Er trank gerade Wein und wurde wütend. Er wollte Kaufmann | + | Ni Er kam nach Hause, und seine Frau und Tochter erzählten ihm, wie die Familie Kaufmann nicht bereit gewesen war, für ihn Fürsprache einzulegen. Ni Er trank gerade Wein und wurde wütend. Er wollte Efeu Kaufmann aufsuchen und ihm eine Lektion erteilen: "Dieser kleine Bastard! Undankbares Vieh! Als er nichts zu essen hatte und im Anwesen nach einer Beschäftigung suchte, habe ich, Ni Er, ihm geholfen. Jetzt, wo ich Ärger habe, kümmert er sich nicht. Na schön! Wenn ich, Ni Er, erst richtig loslege, werden beide Anwesen nicht ungeschoren davonkommen!" Seine Frau und Tochter versuchten ängstlich, ihn zu beruhigen: "Ach! Du hast wieder getrunken und redest, als gäbe es weder Himmel noch Erde! Hast du nicht gerade neulich im Rausch die ganze Sache angefangen? Die Prügel sind noch nicht verheilt, und du willst schon wieder Ärger machen!" |
Ni Er sagte: "Soll mich die Tracht Prügel etwa einschüchtern? Mir fehlt nur der richtige Anlass. Im Gefängnis habe ich ein paar anständige Kameraden kennengelernt. Von denen habe ich erfahren, dass es nicht nur in der Stadt viele Kaufmanns gibt, sondern auch in den Provinzen. Vor ein paar Tagen wurden sogar mehrere Diener der Familie Kaufmann ins Gefängnis gebracht. Ich sagte noch, die jüngere Generation der hiesigen Kaufmanns mitsamt ihren Dienern sei zwar schlecht, aber die Älteren seien doch anständig — wie können die denn straffällig geworden sein? Als ich mich näher erkundigte, erfuhr ich, dass es dieselbe Familie Kaufmann ist, die alle in den Provinzen leben und nach Abschluss der Untersuchung zur Bestrafung in die Hauptstadt gebracht wurden. Da war ich beruhigt. Aber dieser kleine Yun, der ist ein undankbarer Schuft! Ich brauche nur meinen Freunden zu erzählen, wie seine Familie andere schikaniert, zu Wucherzinsen verleiht und anderen Männern die Frauen wegnimmt. Wenn das an die Ohren des Hauptzensors gelangt und ein Skandal daraus wird, dann werden sie endlich erfahren, wer der Betrunkene Diamant Ni Er ist!" Seine Frau sagte: "Geh schlafen, du bist betrunken. Wem haben die denn die Frau weggenommen? So ein Unsinn! Hör auf, dummes Zeug zu reden!" | Ni Er sagte: "Soll mich die Tracht Prügel etwa einschüchtern? Mir fehlt nur der richtige Anlass. Im Gefängnis habe ich ein paar anständige Kameraden kennengelernt. Von denen habe ich erfahren, dass es nicht nur in der Stadt viele Kaufmanns gibt, sondern auch in den Provinzen. Vor ein paar Tagen wurden sogar mehrere Diener der Familie Kaufmann ins Gefängnis gebracht. Ich sagte noch, die jüngere Generation der hiesigen Kaufmanns mitsamt ihren Dienern sei zwar schlecht, aber die Älteren seien doch anständig — wie können die denn straffällig geworden sein? Als ich mich näher erkundigte, erfuhr ich, dass es dieselbe Familie Kaufmann ist, die alle in den Provinzen leben und nach Abschluss der Untersuchung zur Bestrafung in die Hauptstadt gebracht wurden. Da war ich beruhigt. Aber dieser kleine Yun, der ist ein undankbarer Schuft! Ich brauche nur meinen Freunden zu erzählen, wie seine Familie andere schikaniert, zu Wucherzinsen verleiht und anderen Männern die Frauen wegnimmt. Wenn das an die Ohren des Hauptzensors gelangt und ein Skandal daraus wird, dann werden sie endlich erfahren, wer der Betrunkene Diamant Ni Er ist!" Seine Frau sagte: "Geh schlafen, du bist betrunken. Wem haben die denn die Frau weggenommen? So ein Unsinn! Hör auf, dummes Zeug zu reden!" | ||
| − | Ni Er sagte: "Ihr hockt den ganzen Tag zu Hause, was wisst ihr schon von den Dingen draußen? Vorvorletztes Jahr bin ich in der Spielhalle dem kleinen Zhang begegnet. Der erzählte mir, seine Frau sei von den Kaufmanns entführt worden. Er hat mich sogar um Rat gefragt, und ich habe ihn beschwichtigt und die Sache unterdrückt. Ich weiß nicht, wo der kleine Zhang jetzt ist, seit zwei Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen. Wenn ich ihn treffe, werde ich, der große Ni Er, ihm einen Rat geben, der den kleinen Kaufmann | + | Ni Er sagte: "Ihr hockt den ganzen Tag zu Hause, was wisst ihr schon von den Dingen draußen? Vorvorletztes Jahr bin ich in der Spielhalle dem kleinen Zhang begegnet. Der erzählte mir, seine Frau sei von den Kaufmanns entführt worden. Er hat mich sogar um Rat gefragt, und ich habe ihn beschwichtigt und die Sache unterdrückt. Ich weiß nicht, wo der kleine Zhang jetzt ist, seit zwei Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen. Wenn ich ihn treffe, werde ich, der große Ni Er, ihm einen Rat geben, der den kleinen Efeu Kaufmann fertigmacht! Dann soll er mich, den großen Ni Er, schön brav hofieren!" Damit ließ er sich aufs Bett fallen, murmelte noch eine Weile vor sich hin und schlief ein. Seine Frau und Tochter hielten es für Säufergeschwätz und schenkten dem keine Beachtung. Am nächsten Morgen ging Ni Er wieder in die Spielhalle. Davon wollen wir nicht weiter berichten. |
| − | Wenden wir uns nun | + | Wenden wir uns nun Regendorf zu. Er kam nach Hause, ruhte sich eine Nacht aus und erzählte seiner Frau von der Begegnung mit Zhen Wahrheitsverberger auf der Reise. Seine Frau machte ihm Vorwürfe: "Warum bist du nicht zurückgegangen, um nachzusehen? Wenn er verbrannt ist, liegt das doch auf unserem Gewissen!" Dabei liefen ihr die Tränen übers Gesicht. Regendorf sagte: "Er ist ein Mensch jenseits der weltlichen Dinge und will nicht mit uns zusammen sein." |
| − | Gerade als sie sprachen, kam ein Bote mit der Meldung: "Der Mann, den der Herr beauftragt hatte, nach dem Brand im Tempel zu sehen, ist zurückgekehrt." | + | Gerade als sie sprachen, kam ein Bote mit der Meldung: "Der Mann, den der Herr beauftragt hatte, nach dem Brand im Tempel zu sehen, ist zurückgekehrt." Regendorf ging gemächlich hinaus. Der Amtsdiener begrüßte ihn kniend und berichtete: "Euer Diener folgte dem Befehl des Herrn und ging zurück. Ohne auf das Erlöschen des Feuers zu warten, wagte ich mich durch die Flammen und schaute nach dem Daoisten. Doch wo er gesessen hatte, war alles verbrannt. Ich dachte, der Daoist müsse verbrannt sein: Die brennenden Mauern waren nach hinten eingestürzt, und von dem Daoisten war keine Spur mehr zu sehen. Nur eine Gebetsmatte und ein Trinkkürbis waren noch unversehrt. Ich suchte überall nach seiner Leiche, fand aber nicht einen einzigen Knochen. Aus Sorge, der Herr könnte mir nicht glauben, wollte ich die Matte und den Kürbis als Beweis mitbringen. Doch als ich sie anfasste, zerfielen sie augenblicklich zu Asche." Regendorf verstand sofort: Wahrheitsverberger war als Unsterblicher gen Himmel gefahren. Er schickte den Diener fort und kehrte in seine Gemächer zurück, wo er seiner Frau nichts von Wahrheitsverbergers Auflösung im Feuer erzählte, aus Furcht, sie als Frau verstünde es nicht und würde nur traurig werden. Er sagte lediglich, es sei keine Spur gefunden worden; vermutlich sei er vorher entkommen. |
| − | + | Regendorf ging in sein Arbeitszimmer und setzte sich nachdenklich hin, um über Wahrheitsverbergers Worte nachzusinnen. Da kam ein Diener mit der Meldung: "Es ist ein kaiserlicher Befehl eingetroffen, Akten zu prüfen." Regendorf eilte sofort mit seiner Sänfte zum Palast. Dort hörte er jemanden beiläufig sagen: "Heute ist Aufrecht Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾政</ref>, der Getreideintendant von Jiangxi, nach einer Anklage zurückgekehrt und bittet bei Hofe um Verzeihung." | |
| − | + | Regendorf eilte ins Kabinett, begrüßte die versammelten Großminister und besichtigte den kaiserlichen Erlass bezüglich der schlecht verwalteten Küstenverteidigung. Dann suchte er sogleich Aufrecht Kaufmann auf, drückte zunächst sein Mitgefühl wegen der Anklage aus, gratulierte ihm dann aber doch und fragte, wie die Reise gewesen sei. Aufrecht Kaufmann berichtete ausführlich über die Ereignisse seit ihrer Trennung. Regendorf fragte: "Ist die Bittschrift um Verzeihung schon eingereicht?" Aufrecht Kaufmann antwortete: "Ja, sie ist eingereicht. Nach der Mittagstafel erwarten wir die kaiserliche Entscheidung." | |
| − | Gerade als sie sprachen, kam von drinnen der Befehl, Kaufmann | + | Gerade als sie sprachen, kam von drinnen der Befehl, Aufrecht Kaufmann vorzulassen. Aufrecht Kaufmann eilte hinein. Die Beamten, die ihm nahestanden, warteten drinnen voller Sorge. Nach geraumer Zeit kam Aufrecht Kaufmann heraus, schweißüberströmt. Alle drängten sich um ihn und fragten: "Was hat der Kaiser gesagt?" Aufrecht Kaufmann streckte die Zunge heraus: "Zu Tode erschrocken! Zu Tode erschrocken! Dank der Anteilnahme aller Herren ist zum Glück nichts Schlimmes geschehen." |
| − | Die anderen fragten: "Was genau hat der Kaiser gefragt?" Kaufmann | + | Die anderen fragten: "Was genau hat der Kaiser gefragt?" Aufrecht Kaufmann berichtete: "Der Kaiser fragte nach dem Fall des Waffenschmuggels in Yunnan. In der Akte stand, es sei ein Diener des früheren Großpräzeptors Jia Hua gewesen. Der Kaiser erinnerte sich an den Namen unserer Vorfahren und fragte nach. Ich warf mich sofort nieder und erklärte, der Name des Vorfahren sei Daihua. Der Kaiser lachte darüber. Dann fragte er weiter: 'Ist nicht derjenige, der erst zum Militärministerium berufen und dann zum Präfekten degradiert wurde, auch ein Kaufmann namens Hua?'" Regendorf, der zufällig dabeistand, erschrak zutiefst, denn sein eigentlicher Name war ja Hua. Er fragte Aufrecht Kaufmann hastig: "Was habt Ihr darauf geantwortet, verehrter Herr?" Aufrecht Kaufmann sagte: "Ich antwortete bedächtig: 'Der frühere Großpräzeptor Jia Hua stammt aus Yunnan, der amtierende Präfekt Kaufmann stammt aus Zhejiang.' Dann fragte der Kaiser: 'Ist der Fan Kaufmann, den der Präfekt von Suzhou angeklagt hat, auch aus eurer Familie?' Ich warf mich wieder nieder und sagte: 'Ja.' Der Kaiser wurde zornig und sprach: 'Wenn man seinen Dienern erlaubt, die Frauen und Töchter unschuldiger Bürger zu rauben — ist das noch hinnehmbar?' Ich wagte kein Wort zu erwidern. Der Kaiser fragte weiter: 'In welchem Verwandtschaftsverhältnis steht Fan Kaufmann zu dir?' Ich antwortete eilig: 'Er ist ein entfernter Verwandter.' Der Kaiser schnaubte verächtlich und entließ mich. Ist das nicht eine beunruhigende Sache?" |
| − | Die anderen sagten: "Das ist allerdings ein merkwürdiger Zufall, dass gleich zwei solche Fälle zusammentreffen!" Kaufmann | + | Die anderen sagten: "Das ist allerdings ein merkwürdiger Zufall, dass gleich zwei solche Fälle zusammentreffen!" Aufrecht Kaufmann sagte: "Die Fälle selbst sind nicht das Problem, aber dass alle den Namen Kaufmann tragen, ist ungünstig. Unsere Familie ist eben groß, über die Generationen hat sie sich überall verbreitet. Zwar ist im Moment noch nichts vorgefallen, aber wenn sich der Kaiser den Namen 'Kaufmann' einmal eingeprägt hat, ist das nicht gut." Die anderen sagten: "Wahr ist wahr, falsch ist falsch — was gibt es da zu fürchten?" Aufrecht Kaufmann sagte: "Am liebsten würde ich gar kein Amt mehr bekleiden, aber ich wage nicht, um meinen Abschied zu bitten. Wir haben in der Familie zwei erbliche Titel — daran lässt sich nichts ändern." |
| − | + | Regendorf sagte: "Da der Herr jetzt wieder im Bauministerium tätig ist, dürfte es als Hauptstadtbeamter wohl ruhiger zugehen." Aufrecht Kaufmann antwortete: "Ein Amt in der Hauptstadt ist zwar friedlicher, aber ich habe schließlich zwei Mal in der Provinz gedient — da ist nichts sicher." Die anderen sagten: "Die Rechtschaffenheit des zweiten Herrn bewundern wir alle. Auch Euer älterer Bruder ist ein guter Mann. Nur bei den Neffen und der jüngeren Generation solltet Ihr strenger sein." Aufrecht Kaufmann sagte: "Ich war zu wenig zu Hause und habe die Angelegenheiten meiner Neffen kaum beaufsichtigt. Das beunruhigt mich sehr. Da die Herren das Thema ansprechen und mir wohlgesonnen sind — habt ihr vielleicht von Unregelmäßigkeiten im östlichen Anwesen bei meinem Neffen gehört?" Die anderen antworteten: "Wir haben nichts Bestimmtes gehört, nur dass einige Vizepräsidenten nicht ganz einverstanden sind und auch bei den Eunuchen im Palast etwas im Argen liegt. Es dürfte aber nichts Ernstes sein. Achtet nur darauf, dass Euer Neffe drüben in allem vorsichtig ist." Nach diesen Worten verabschiedeten sich alle. | |
| − | Danach kehrte Kaufmann | + | Danach kehrte Aufrecht Kaufmann nach Hause zurück. Alle Söhne und Neffen kamen ihm entgegen. Aufrecht Kaufmann erkundigte sich zuerst nach der Herzoginmutter <ref>Chinesisch: 贾母</ref>. Dann begrüßten ihn alle Söhne und Neffen, und man betrat gemeinsam das Anwesen. Frau König <ref>Chinesisch: 王夫人</ref> und die anderen Damen warteten bereits in der Halle des Blühenden Glücks. Aufrecht Kaufmann besuchte zuerst die Herzoginmutter und berichtete von der Zeit der Trennung. Die Herzoginmutter fragte nach Erkundefrühling <ref>Chinesisch: 探春</ref>. Aufrecht Kaufmann erzählte alles über Erkundefrühlings Verheiratung und fügte hinzu: "Ich musste überstürzt aufbrechen und konnte das weite Meer nicht überqueren. Ich habe sie also nicht persönlich gesehen, aber die Verwandten des Schwiegersohns berichteten, es gehe ihr ausgezeichnet. Die Schwiegereltern lassen die alte Herzoginmutter grüßen. Sie sagten, diesen Winter oder nächsten Frühling könne man sie vielleicht in die Hauptstadt versetzen — das wäre sehr erfreulich. Allerdings gibt es jetzt Unruhen an der Küste, und ich fürchte, so bald wird daraus nichts." |
| − | Die Herzoginmutter war zunächst betrübt über | + | Die Herzoginmutter war zunächst betrübt über Aufrecht Kaufmanns Degradierung und den Gedanken, dass Erkundefrühling in weiter Ferne sei, ohne Verwandte und Freunde. Doch als Aufrecht Kaufmann ihr die Amtsangelegenheiten erklärte und versicherte, dass es Erkundefrühling gut gehe, verwandelte sich ihre Trauer in Freude. Sie lächelte und entließ Aufrecht Kaufmann. Danach sahen sich die Brüder, die Neffen begrüßten ihn, und man vereinbarte, am nächsten Morgen den Ahnentempel aufzusuchen. |
| − | Kaufmann | + | Aufrecht Kaufmann zog sich in seine Gemächer zurück. Frau König und die anderen kamen zum Empfang. Schatzjade und Kette Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾琏</ref> begrüßten ihn gesondert. Aufrecht Kaufmann sah, dass Schatzjades Gesicht voller und gesünder war als bei seiner Abreise und dass er ruhiger wirkte — er wusste freilich nicht, dass es im Innern bei ihm wirr aussah —, und freute sich sehr, ohne an seine eigene Degradierung zu denken. Er dachte: 'Zum Glück hat die alte Herzoginmutter alles gut geregelt.' Als er sah, dass Schatzspange <ref>Chinesisch: 宝钗</ref> noch besonnener und reifer wirkte als zuvor und der kleine Orchidee anmutig und geistvoll war, strahlte er vor Freude. Nur Unheil war immer noch derselbe wie früher und fand nicht seine besondere Zuneigung. |
| − | Nach einer halben Weile fiel ihm plötzlich ein: "Warum fehlt heute eine Person?" Frau | + | Nach einer halben Weile fiel ihm plötzlich ein: "Warum fehlt heute eine Person?" Frau König wusste, dass er an Kajaljade <ref>Chinesisch: 黛玉</ref> dachte. Da man es ihm brieflich noch nicht mitgeteilt hatte und er gerade erst angekommen und froh gestimmt war, mochte sie es ihm nicht direkt sagen und erklärte nur, sie sei krank. Schatzjade aber fühlte sich innerlich wie mit Messern zerfleischt. Da sein Vater gerade heimgekehrt war, musste er sich zusammennehmen und ihn bedienen. |
| − | Frau | + | Frau König richtete ein Willkommensfest aus. Die Söhne und Enkel schenkten Wein ein. Phönixglanz, obwohl sie nur die Frau eines Neffen war, verwaltete den Haushalt und reichte zusammen mit Schatzspange und den anderen den Wein. Aufrecht Kaufmann ließ eine Runde kreisen und sagte dann: "Geht alle zur Ruhe." Er befahl den Dienern, sich zurückzuziehen; am nächsten Morgen nach dem Besuch des Ahnentempels könnten sie vorgelassen werden. |
| − | Nachdem alles geregelt war, sprach Kaufmann | + | Nachdem alles geregelt war, sprach Aufrecht Kaufmann mit Frau König über die Zeit der Trennung. Alle anderen Themen wagte Frau König nicht anzusprechen. Es war Aufrecht Kaufmann selbst, der zuerst König Ziteng erwähnte; Frau König wagte nicht, ihre Trauer zu zeigen. Aufrecht Kaufmann sprach auch über den jungen Becken Schnee <ref>Chinesisch: 薛蟠</ref>; Frau König sagte nur, er habe es sich selbst zuzuschreiben. Bei dieser Gelegenheit teilte sie ihm auch mit, dass Kajaljade gestorben sei. Aufrecht Kaufmann erschrak zutiefst und konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Er seufzte mehrmals hintereinander. Auch Frau König konnte sich nicht mehr beherrschen und weinte. Die Zofen Farbwölkchen und die anderen zupften schnell an Frau Königs Kleid. Frau König hielt inne, man sprach wieder von erfreulicheren Dingen und ging dann zur Ruhe. |
| − | Am nächsten Morgen begab man sich früh zum Ahnentempel für die Zeremonie. Alle Söhne und Neffen begleiteten ihn. Kaufmann | + | Am nächsten Morgen begab man sich früh zum Ahnentempel für die Zeremonie. Alle Söhne und Neffen begleiteten ihn. Aufrecht Kaufmann setzte sich in eine Kammer neben dem Tempel, ließ Herrlichkeit Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾珍</ref> und Kette Kaufmann kommen und fragte nach den Familienangelegenheiten. Herrlichkeit Kaufmann erzählte nur, was sich erzählen ließ. Aufrecht Kaufmann sagte: "Ich bin gerade erst zurückgekehrt und will nicht gleich alles bis ins Einzelne nachforschen. Aber ich habe draußen gehört, dass es in deiner Familie schlechter steht als früher. Du musst in allen Dingen vorsichtiger sein. Du bist nicht mehr jung, die jungen Leute musst du besser erziehen und sie nicht draußen Leute beleidigen lassen. Auch Kette sollte sich das zu Herzen nehmen. Ich sage euch das nicht, weil ich gerade erst nach Hause gekommen bin, sondern weil mir Dinge zu Ohren gekommen sind. Ihr müsst noch vorsichtiger sein." Herrlichkeit Kaufmann und die anderen liefen rot an im Gesicht und sagten nur leise "Ja", ohne weitere Worte zu wagen. Aufrecht Kaufmann beließ es dabei. Er kehrte ins Westanwesen zurück, die Diener machten ihren Kotau, dann ging er wieder nach innen, wo die Dienstmädchen ihre Ehrenbezeigung darbrachten. Das braucht nicht weiter ausgeführt zu werden. |
| − | Wir erzählen nur, wie Schatzjade, weil Kaufmann | + | Wir erzählen nur, wie Schatzjade, weil Aufrecht Kaufmann gestern nach Kajaljade gefragt und Frau König geantwortet hatte, sie sei krank, sich insgeheim grämte. Er wartete, bis Aufrecht Kaufmann ihn entließ, und auf dem ganzen Rückweg vergoss er Tränen. In seinem Zimmer sah er Schatzspange und Dufthauch <ref>Chinesisch: 袭人</ref> miteinander sprechen. Er setzte sich schweigend in den äußeren Raum und grübelte. Schatzspange ließ Dufthauch ihm Tee bringen und dachte, er fürchte sich wohl vor seinem Vater, der ihn über seine Studien ausfragen würde. So ging sie zu ihm, um ihn zu trösten. Schatzjade nutzte die Gelegenheit und sagte zu Schatzspange: "Geh heute Nacht schon schlafen. Ich muss meine Gedanken sammeln. Mein Gedächtnis ist noch schlechter geworden als früher — drei Worte höre ich, zwei vergesse ich. Wenn Vater das sieht, wird es übel. Geh schlafen, lass Dufthauch noch ein wenig bei mir sitzen." Schatzspange hielt es nicht für ratsam, ihn zu bedrängen, nickte und stimmte zu. |
| − | Schatzjade ging hinaus und flüsterte Dufthauch zu: "Bitte ruf mir Purpurkuckuck her, ich muss sie etwas fragen. Aber Purpurkuckuck zieht immer ein finsteres Gesicht, wenn sie mich sieht. Du musst erst mit ihr reden und sie besänftigen, dann kann sie kommen." Dufthauch sagte: "Du sagtest, du wolltest deine Gedanken sammeln, und ich freute mich schon. Und jetzt sammelst du dich auf diese Art? Was du sie fragen willst, kann doch bis morgen warten!" Schatzjade sagte: "Gerade heute Abend habe ich Zeit. Morgen wird mich Vater vielleicht zu irgendetwas rufen, und dann habe ich keinen Moment mehr. Liebe Schwester, bitte ruf sie her!" Dufthauch sagte: "Sie kommt nicht, wenn nicht die zweite junge Herrin nach ihr schickt." Schatzjade sagte: "Deshalb musst du ja erst mit ihr reden." | + | Schatzjade ging hinaus und flüsterte Dufthauch zu: "Bitte ruf mir Purpurkuckuck <ref>Chinesisch: 紫鹃</ref> her, ich muss sie etwas fragen. Aber Purpurkuckuck zieht immer ein finsteres Gesicht, wenn sie mich sieht. Du musst erst mit ihr reden und sie besänftigen, dann kann sie kommen." Dufthauch sagte: "Du sagtest, du wolltest deine Gedanken sammeln, und ich freute mich schon. Und jetzt sammelst du dich auf diese Art? Was du sie fragen willst, kann doch bis morgen warten!" Schatzjade sagte: "Gerade heute Abend habe ich Zeit. Morgen wird mich Vater vielleicht zu irgendetwas rufen, und dann habe ich keinen Moment mehr. Liebe Schwester, bitte ruf sie her!" Dufthauch sagte: "Sie kommt nicht, wenn nicht die zweite junge Herrin nach ihr schickt." Schatzjade sagte: "Deshalb musst du ja erst mit ihr reden." |
| − | Dufthauch fragte: "Was soll ich ihr denn sagen?" Schatzjade antwortete: "Kennst du nicht mein Herz und ihres? Es geht um Fräulein Kajaljade. Sag ihr, dass ich nicht treulos bin. Man hat mich heutzutage zum Treubrecher gemacht!" Er blickte zum inneren Zimmer und deutete mit dem Finger: "Sie ist nicht die, die ich wollte. Das haben die alte Herzoginmutter und die anderen eingefädelt. Sie haben die gesunde Schwester Kajaljade in den Tod getrieben. Selbst wenn sie sterben musste, hätte man mich zu ihr lassen sollen, damit ich mich erklären konnte. Dann hätte sie mir im Tode nichts vorgeworfen! Du hast doch selbst gehört, was die dritte Schwester | + | Dufthauch fragte: "Was soll ich ihr denn sagen?" Schatzjade antwortete: "Kennst du nicht mein Herz und ihres? Es geht um Fräulein Kajaljade. Sag ihr, dass ich nicht treulos bin. Man hat mich heutzutage zum Treubrecher gemacht!" Er blickte zum inneren Zimmer und deutete mit dem Finger: "Sie ist nicht die, die ich wollte. Das haben die alte Herzoginmutter und die anderen eingefädelt. Sie haben die gesunde Schwester Kajaljade in den Tod getrieben. Selbst wenn sie sterben musste, hätte man mich zu ihr lassen sollen, damit ich mich erklären konnte. Dann hätte sie mir im Tode nichts vorgeworfen! Du hast doch selbst gehört, was die dritte Schwester Erkundefrühling erzählte: Im Sterben verfluchte und beklagte Kajaljade mich. Und Purpurkuckuck hasst mich um ihrer Herrin willen grenzenlos. Denkst du, ich sei ein gefühlloser Mensch? Denk an Heitermuster <ref>Chinesisch: 晴雯</ref> — sie war letztlich nur ein Dienstmädchen und hat mir keine großen Dienste erwiesen. Aber als sie starb, ehrlich gesagt, habe ich sogar eine Trauerode für sie geschrieben und ihr ein Opfer gebracht. Kajaljade hat es mit eigenen Augen gesehen. Und jetzt, da Kajaljade tot ist, soll sie weniger als Heitermuster gelten? Ich darf ihr nicht einmal ein Opfer darbringen? Zumal Kajaljade im Tode noch geisterhaft wirkt — wird sie mir das nicht noch mehr verübeln?" |
Dufthauch sagte: "Wenn du opfern willst, dann opfere doch. Wer hindert dich daran?" Schatzjade sagte: "Seit ich wieder gesund bin, wollte ich eine Trauerode verfassen, aber mein Geist ist mir abhanden gekommen. Für jemand anderen könnte ich etwas Ungefähres hinschreiben, aber für sie — da darf nicht die geringste Nachlässigkeit sein. Deshalb will ich Purpurkuckuck befragen, um zu erfahren, was ihre Herrin im Herzen trug. Vor meiner Krankheit hätte ich das alles noch gewusst, aber seither habe ich alles vergessen. Du sagtest mir, Kajaljade sei wieder gesund gewesen — wie konnte sie dann plötzlich sterben? Als es ihr gut ging und ich sie nicht besuchte, was sagte sie da? Als ich krank war und sie nicht zu mir kam, was sagte sie da? Alle ihre Sachen habe ich herübergebracht, aber die zweite junge Herrin lässt mich nichts davon anrühren. Ich verstehe nicht, warum." | Dufthauch sagte: "Wenn du opfern willst, dann opfere doch. Wer hindert dich daran?" Schatzjade sagte: "Seit ich wieder gesund bin, wollte ich eine Trauerode verfassen, aber mein Geist ist mir abhanden gekommen. Für jemand anderen könnte ich etwas Ungefähres hinschreiben, aber für sie — da darf nicht die geringste Nachlässigkeit sein. Deshalb will ich Purpurkuckuck befragen, um zu erfahren, was ihre Herrin im Herzen trug. Vor meiner Krankheit hätte ich das alles noch gewusst, aber seither habe ich alles vergessen. Du sagtest mir, Kajaljade sei wieder gesund gewesen — wie konnte sie dann plötzlich sterben? Als es ihr gut ging und ich sie nicht besuchte, was sagte sie da? Als ich krank war und sie nicht zu mir kam, was sagte sie da? Alle ihre Sachen habe ich herübergebracht, aber die zweite junge Herrin lässt mich nichts davon anrühren. Ich verstehe nicht, warum." | ||
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Dufthauch sagte: "Lass mich erst gründlich mit ihr über dein Anliegen sprechen. Wenn sie bereit ist zu kommen, ist es gut. Wenn nicht, muss ich sie noch lange überreden; und selbst wenn sie kommt, wird sie dir nicht alles erzählen wollen. Mein Vorschlag: Warte bis morgen. Wenn die zweite junge Herrin zur Herzoginmutter geht, werde ich in Ruhe mit Purpurkuckuck sprechen. Vielleicht erfahre ich dann mehr. Sobald ich eine freie Minute habe, erzähle ich dir alles." Schatzjade sagte: "Du hast wohl recht. Aber du weißt nicht, wie ungeduldig ich bin." | Dufthauch sagte: "Lass mich erst gründlich mit ihr über dein Anliegen sprechen. Wenn sie bereit ist zu kommen, ist es gut. Wenn nicht, muss ich sie noch lange überreden; und selbst wenn sie kommt, wird sie dir nicht alles erzählen wollen. Mein Vorschlag: Warte bis morgen. Wenn die zweite junge Herrin zur Herzoginmutter geht, werde ich in Ruhe mit Purpurkuckuck sprechen. Vielleicht erfahre ich dann mehr. Sobald ich eine freie Minute habe, erzähle ich dir alles." Schatzjade sagte: "Du hast wohl recht. Aber du weißt nicht, wie ungeduldig ich bin." | ||
| − | Gerade als sie sprachen, kam Moschusmond heraus und sagte: "Die zweite junge Herrin lässt sagen, es ist schon vier Uhr morgens. Der zweite junge Herr möge bitte hereinkommen und schlafen. Schwester Dufthauch hat sich wohl festgeredet und die Zeit vergessen." Dufthauch sagte: "Ja, es ist wirklich Zeit zum Schlafen. Was noch zu sagen ist, kann bis morgen warten." Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als hineinzugehen. An Dufthauchs Ohr flüsterte er noch: "Vergiss morgen auf keinen Fall!" Dufthauch lächelte: "Ich weiß!" Moschusmond grinste hinter vorgehaltener Hand: "Ihr zwei treibt wieder euer Spiel. Warum sagst du nicht einfach der zweiten jungen Herrin, dass du bei Dufthauch schlafen willst? Dann könnt ihr die ganze Nacht reden, und wir werden euch nicht stören." Schatzjade winkte ab: "Kein Wort mehr!" Dufthauch schalt: "Du kleines Biest! Musst du immer mit der Zunge klappern? Pass auf, morgen reiße ich dir den Mund!" Dann wandte sie sich an Schatzjade: "Siehst du, was du angerichtet hast? Bis vier Uhr morgens geredet!" Damit geleitete sie Schatzjade ins Zimmer, und alle gingen schlafen. | + | Gerade als sie sprachen, kam Moschusmond <ref>Chinesisch: 麝月</ref> heraus und sagte: "Die zweite junge Herrin lässt sagen, es ist schon vier Uhr morgens. Der zweite junge Herr möge bitte hereinkommen und schlafen. Schwester Dufthauch hat sich wohl festgeredet und die Zeit vergessen." Dufthauch sagte: "Ja, es ist wirklich Zeit zum Schlafen. Was noch zu sagen ist, kann bis morgen warten." Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als hineinzugehen. An Dufthauchs Ohr flüsterte er noch: "Vergiss morgen auf keinen Fall!" Dufthauch lächelte: "Ich weiß!" Moschusmond grinste hinter vorgehaltener Hand: "Ihr zwei treibt wieder euer Spiel. Warum sagst du nicht einfach der zweiten jungen Herrin, dass du bei Dufthauch schlafen willst? Dann könnt ihr die ganze Nacht reden, und wir werden euch nicht stören." Schatzjade winkte ab: "Kein Wort mehr!" Dufthauch schalt: "Du kleines Biest! Musst du immer mit der Zunge klappern? Pass auf, morgen reiße ich dir den Mund!" Dann wandte sie sich an Schatzjade: "Siehst du, was du angerichtet hast? Bis vier Uhr morgens geredet!" Damit geleitete sie Schatzjade ins Zimmer, und alle gingen schlafen. |
Jene Nacht fand Schatzjade keinen Schlaf. Am nächsten Tag dachte er immer noch an dieselbe Sache. Da kam von draußen eine Meldung: "Die Verwandten und Freunde wollen dem Herrn zu Ehren seiner Rückkehr eine Theateraufführung schenken. Der Herr hat wiederholt abgelehnt und gesagt: 'Es braucht kein Theater. Ich werde zu Hause einen schlichten Umtrunk vorbereiten und die Verwandten und Freunde einladen, damit wir uns in Ruhe unterhalten können.' So wurde der Übermorgen für das Festessen festgelegt, und man kommt es melden." | Jene Nacht fand Schatzjade keinen Schlaf. Am nächsten Tag dachte er immer noch an dieselbe Sache. Da kam von draußen eine Meldung: "Die Verwandten und Freunde wollen dem Herrn zu Ehren seiner Rückkehr eine Theateraufführung schenken. Der Herr hat wiederholt abgelehnt und gesagt: 'Es braucht kein Theater. Ich werde zu Hause einen schlichten Umtrunk vorbereiten und die Verwandten und Freunde einladen, damit wir uns in Ruhe unterhalten können.' So wurde der Übermorgen für das Festessen festgelegt, und man kommt es melden." | ||
Latest revision as of 19:30, 28 April 2026
Kapitel 104
Der Betrunkene Diamant — ein kleiner Fisch wirbelt hohe Wellen auf
Der verliebte junge Herr rührt schmerzlich an vergangene Gefühle
Die Erzählung knüpft dort an, wo Regendorf Kaufmann [1] gerade den Fluss überqueren wollte, als jemand auf ihn zugerannt kam und rief: "Herr, der Tempel, in dem Ihr vorhin wart, steht in Flammen!" Regendorf wandte sich um und sah lodernde Flammen, die gen Himmel schlugen, und wirbelnde Asche, die die Sonne verdunkelte. Regendorf dachte bei sich: 'Wie seltsam! Ich bin gerade erst herausgekommen und noch nicht weit gelaufen. Woher kommt dieses Feuer? Sollte Wahrheitsverberger hier ein schlimmes Schicksal ereilt haben?' Er wollte zurückgehen, fürchtete aber, die Fähre zu verpassen; ging er jedoch nicht zurück, war sein Herz unruhig. Nach kurzem Nachdenken fragte er: "Hast du vorhin den alten Daoisten herauskommen sehen?" Der Mann antwortete: "Euer Diener folgte dem Herrn, bekam aber Bauchschmerzen und musste kurz austreten. Als ich mich umdrehte, sah ich das Feuer und erkannte, dass der Tempel brannte. Ich bin sofort hergeeilt, um es dem Herrn zu melden. Einen Menschen habe ich nicht herauskommen sehen." Obwohl Regendorf von Zweifeln geplagt wurde, war er im Grunde ein Mann, dem Ruhm und Karriere über alles gingen, und so hatte er keine Neigung zurückzukehren. Er befahl dem Mann: "Warte hier, bis das Feuer erloschen ist, geh dann hinein und sieh nach, ob der alte Daoist noch da ist oder nicht, und komm sofort zurück, um mir Bericht zu erstatten." Der Mann gehorchte. Regendorf überquerte den Fluss und setzte seine Inspektionsreise fort. Nach einigen Stationen fand er eine Herberge und legte sich zur Ruhe.
Am nächsten Tag reiste er weiter und betrat die Hauptstadt. Zahlreiche Amtsdiener empfingen ihn, und er zog, umgeben von lautem Geschrei, durch die Straßen. In seiner Sänfte sitzend, hörte Regendorf, wie die Vorhut auf der Straße einen Streit hatte. Er fragte, was los sei. Der Wegmacher zerrte einen Mann herbei und ließ ihn vor der Sänfte niederknien. Er meldete: "Dieser Mann ist betrunken und hat nicht Platz gemacht. Stattdessen ist er direkt auf uns zugetorkelt. Als ich ihn anbrüllte, ließ er sich betrunken auf die Straße fallen und behauptete, ich hätte ihn geschlagen." Regendorf sprach: "Ich bin der zuständige Beamte dieser Gegend, und ihr alle seid meine Untertanen. Wenn du weißt, dass der Herr Präfekt hier durchkommt, dir nach dem Trinken nicht aus dem Weg gehst und dann auch noch die Frechheit besitzt, Lügen zu verbreiten!" Der Mann erwiderte: "Den Wein habe ich von meinem eigenen Geld gekauft, und betrunken liege ich auf dem Boden des Kaisers. Da hat selbst der Herr Beamte nichts dreinzureden." Regendorf war wütend: "Dieser Mensch kennt weder Gesetz noch Ordnung! Wie heißt er?" Der Mann antwortete: "Ich heiße Ni Er, der Betrunkene Diamant." Regendorf wurde noch wütender und befahl: "Schlagt diesen Kerl! Mal sehen, ob er wirklich ein Diamant ist." Seine Leute warfen Ni Er zu Boden und verabreichten ihm tüchtig Peitschenhiebe. Ni Er, vom Schmerz gequält und nun nüchtern geworden, bettelte um Gnade. Regendorf lachte laut aus seiner Sänfte: "Also das ist so ein Diamant! Ich will ihn vorerst nicht weiter schlagen. Nehmt ihn mit ins Amt, dort können wir ihn in aller Ruhe befragen." Die Amtsdiener gehorchten, banden Ni Er fest und zerrten ihn fort. Sein Betteln nützte nichts. Regendorf erstattete im Palast Bericht und kehrte in sein Amt zurück, wobei er sich um diese Angelegenheit nicht weiter scherte.
Auf der Straße verbreiteten die Schaulustigen in kleinen Gruppen die Nachricht: "Ni Er hat sich auf seine Körperkraft verlassen und betrunken Ärger gesucht. Heute ist er dem Herrn Kaufmann in die Hände gefallen — da wird er wohl nicht so leicht davonkommen." Diese Nachricht gelangte bald zu seiner Frau und Tochter. Als Ni Er in jener Nacht tatsächlich nicht nach Hause kam, suchte seine Tochter in allen Spielhallen nach ihm. Die Spieler bestätigten die Geschichte, und seine Tochter weinte. Die Leute sagten: "Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Dieser Herr Kaufmann ist mit den Prunkwille-Kaufmanns verwandt. Im Prunkwille-Anwesen gibt es einen gewissen zweiten Herrn, der mit deinem Vater befreundet ist. Geh mit deiner Mutter zu ihm und bitte ihn um Fürsprache, dann wird er freigelassen." Ni Ers Tochter überlegte: "Es stimmt, Vater hat immer gesagt, der zweite Herr Kaufmann von nebenan sei sein guter Freund. Warum sollten wir ihn nicht aufsuchen?" Sie eilte nach Hause, besprach sich mit ihrer Mutter, und Mutter und Tochter gingen zu Efeu Kaufmann [2].
Efeu Kaufmann war an jenem Tag zufällig zu Hause. Als er Mutter und Tochter kommen sah, bat er sie herein und ließ Tee servieren. Die Ni-Frauen erzählten, wie Ni Er vom Herrn Präfekten Kaufmann festgenommen worden war, und baten: "Wir bitten den zweiten Herrn, ein gutes Wort für ihn einzulegen und ihn freizubekommen." Efeu Kaufmann sagte sofort zu: "Das ist doch keine große Sache! Ich gehe zum Westanwesen und sage ein Wort, dann wird er freigelassen. Dieser Herr Präfekt Kaufmann verdankt seinen hohen Posten ganz dem Westanwesen. Man braucht nur jemanden hinzuschicken, und die Sache ist erledigt." Die Ni-Frauen waren erfreut, gingen ins Amt und teilten Ni Er mit, er solle sich keine Sorgen machen, der zweite Herr Kaufmann habe ohne Zögern zugesagt und werde ihn durch seine Fürsprache bald freibekommen. Ni Er hörte es und freute sich.
Doch leider wagte Efeu Kaufmann, seit Phönixglanz [3] sein Geschenk abgelehnt hatte, nicht mehr, sich dort blicken zu lassen, und kam kaum noch ins Prunkwille-Anwesen. Die Torhüter des Prunkwille-Anwesens richteten sich stets nach dem Willen der Herrschaft: Wer eingeladen war und willkommen, den ließen sie sofort ein und meldeten ihn an; wer aber bei der Herrschaft in Ungnade gefallen war — ob Verwandter oder Familienmitglied —, den meldeten sie gar nicht erst an und schickten ihn unverrichteter Dinge weg. Als Efeu Kaufmann an jenem Tag am Tor erschien und sagte: "Ich möchte dem zweiten Herrn Kette meine Aufwartung machen", erwiderten die Torhüter: "Der zweite Herr ist nicht zu Hause. Wenn er zurückkommt, werden wir es ihm ausrichten." Efeu Kaufmann hätte gern auch die zweite junge Herrin begrüßt, fürchtete aber, die Torhüter noch weiter zu verärgern, und musste nach Hause zurückkehren. Dort drängten ihn die Ni-Frauen wieder: "Der zweite Herr hat immer gesagt, im Anwesen braucht man nur ein Wort zu sagen, und kein Amt wagt zu widersprechen! Nun gehört Ihr selbst zur Familie, es ist keine große Sache, und Ihr bekommt nicht einmal diese kleine Gefälligkeit hin? Da ist unser zweiter Herr wohl umsonst!" Efeu Kaufmann schämte sich, sprach aber tapfer: "Gestern waren wir zu Hause beschäftigt und konnten niemanden hinschicken. Heute wird er bestimmt freigelassen. Was ist schon dabei?" Die Ni-Frauen mussten sich damit zufriedengeben.
Doch Efeu Kaufmann kam in diesen Tagen nicht einmal mehr durch das Haupttor. Er versuchte es über den Hintereingang und wollte durch den Garten zu Schatzjade [4] gelangen, doch das Gartentor war verschlossen. Niedergeschlagen musste er unverrichteter Dinge zurückkehren. Er dachte bei sich: 'Damals hat mir Ni Er Geld geliehen, ich kaufte Moschus und Kampfer und schenkte es Phönixglanz, und daraufhin bekam ich den Auftrag, Bäume zu pflanzen. Jetzt, wo ich kein Geld zum Bestechen habe, wird mir die Tür vor der Nase zugeschlagen. Aber das ist nicht ihre eigene Leistung: Sie nimmt das Geld der Vorfahren aus der Familienkasse und verleiht es zu Wucherzinsen draußen, während wir als arme Verwandte nicht einmal einen Tael leihen können. Sie bildet sich ein, für immer reich zu bleiben, aber draußen hat sie einen sehr schlechten Ruf. Wenn ich nichts sage, mag es gut sein; aber wenn ich rede, gibt es wer weiß wie viele Mordsachen!'
So grübelnd kam er nach Hause, wo die Ni-Frauen schon auf ihn warteten. Efeu Kaufmann wusste nicht mehr, was er sagen sollte, und behauptete: "Das Westanwesen hat bereits jemanden geschickt, aber der Herr Präfekt Kaufmann gibt nicht nach. Ihr müsstet besser Zhou Rui, unseren Diener, bitten — sein Verwandter Leng Zixing hätte mehr Erfolg." Die Ni-Frauen sagten: "Wenn ein so vornehmer Herr wie Ihr nichts ausrichten kann, was soll dann ein Diener bewirken?" Efeu Kaufmann, in die Enge getrieben, sagte hastig: "Das wisst ihr nicht — heutzutage sind die Diener einflussreicher als ihre Herren!" Die Ni-Frauen sahen, dass nichts zu machen war, lachten bitter und sagten: "Da haben wir den zweiten Herrn wohl umsonst so viele Tage bemüht. Wenn unser Mann herauskommt, wird er sich bestimmt noch selbst bedanken." Damit gingen sie und fanden auf anderem Wege jemanden, der Ni Er herausholte. Er hatte nur ein paar Schläge bekommen und war ansonsten nicht weiter bestraft worden.
Ni Er kam nach Hause, und seine Frau und Tochter erzählten ihm, wie die Familie Kaufmann nicht bereit gewesen war, für ihn Fürsprache einzulegen. Ni Er trank gerade Wein und wurde wütend. Er wollte Efeu Kaufmann aufsuchen und ihm eine Lektion erteilen: "Dieser kleine Bastard! Undankbares Vieh! Als er nichts zu essen hatte und im Anwesen nach einer Beschäftigung suchte, habe ich, Ni Er, ihm geholfen. Jetzt, wo ich Ärger habe, kümmert er sich nicht. Na schön! Wenn ich, Ni Er, erst richtig loslege, werden beide Anwesen nicht ungeschoren davonkommen!" Seine Frau und Tochter versuchten ängstlich, ihn zu beruhigen: "Ach! Du hast wieder getrunken und redest, als gäbe es weder Himmel noch Erde! Hast du nicht gerade neulich im Rausch die ganze Sache angefangen? Die Prügel sind noch nicht verheilt, und du willst schon wieder Ärger machen!"
Ni Er sagte: "Soll mich die Tracht Prügel etwa einschüchtern? Mir fehlt nur der richtige Anlass. Im Gefängnis habe ich ein paar anständige Kameraden kennengelernt. Von denen habe ich erfahren, dass es nicht nur in der Stadt viele Kaufmanns gibt, sondern auch in den Provinzen. Vor ein paar Tagen wurden sogar mehrere Diener der Familie Kaufmann ins Gefängnis gebracht. Ich sagte noch, die jüngere Generation der hiesigen Kaufmanns mitsamt ihren Dienern sei zwar schlecht, aber die Älteren seien doch anständig — wie können die denn straffällig geworden sein? Als ich mich näher erkundigte, erfuhr ich, dass es dieselbe Familie Kaufmann ist, die alle in den Provinzen leben und nach Abschluss der Untersuchung zur Bestrafung in die Hauptstadt gebracht wurden. Da war ich beruhigt. Aber dieser kleine Yun, der ist ein undankbarer Schuft! Ich brauche nur meinen Freunden zu erzählen, wie seine Familie andere schikaniert, zu Wucherzinsen verleiht und anderen Männern die Frauen wegnimmt. Wenn das an die Ohren des Hauptzensors gelangt und ein Skandal daraus wird, dann werden sie endlich erfahren, wer der Betrunkene Diamant Ni Er ist!" Seine Frau sagte: "Geh schlafen, du bist betrunken. Wem haben die denn die Frau weggenommen? So ein Unsinn! Hör auf, dummes Zeug zu reden!"
Ni Er sagte: "Ihr hockt den ganzen Tag zu Hause, was wisst ihr schon von den Dingen draußen? Vorvorletztes Jahr bin ich in der Spielhalle dem kleinen Zhang begegnet. Der erzählte mir, seine Frau sei von den Kaufmanns entführt worden. Er hat mich sogar um Rat gefragt, und ich habe ihn beschwichtigt und die Sache unterdrückt. Ich weiß nicht, wo der kleine Zhang jetzt ist, seit zwei Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen. Wenn ich ihn treffe, werde ich, der große Ni Er, ihm einen Rat geben, der den kleinen Efeu Kaufmann fertigmacht! Dann soll er mich, den großen Ni Er, schön brav hofieren!" Damit ließ er sich aufs Bett fallen, murmelte noch eine Weile vor sich hin und schlief ein. Seine Frau und Tochter hielten es für Säufergeschwätz und schenkten dem keine Beachtung. Am nächsten Morgen ging Ni Er wieder in die Spielhalle. Davon wollen wir nicht weiter berichten.
Wenden wir uns nun Regendorf zu. Er kam nach Hause, ruhte sich eine Nacht aus und erzählte seiner Frau von der Begegnung mit Zhen Wahrheitsverberger auf der Reise. Seine Frau machte ihm Vorwürfe: "Warum bist du nicht zurückgegangen, um nachzusehen? Wenn er verbrannt ist, liegt das doch auf unserem Gewissen!" Dabei liefen ihr die Tränen übers Gesicht. Regendorf sagte: "Er ist ein Mensch jenseits der weltlichen Dinge und will nicht mit uns zusammen sein."
Gerade als sie sprachen, kam ein Bote mit der Meldung: "Der Mann, den der Herr beauftragt hatte, nach dem Brand im Tempel zu sehen, ist zurückgekehrt." Regendorf ging gemächlich hinaus. Der Amtsdiener begrüßte ihn kniend und berichtete: "Euer Diener folgte dem Befehl des Herrn und ging zurück. Ohne auf das Erlöschen des Feuers zu warten, wagte ich mich durch die Flammen und schaute nach dem Daoisten. Doch wo er gesessen hatte, war alles verbrannt. Ich dachte, der Daoist müsse verbrannt sein: Die brennenden Mauern waren nach hinten eingestürzt, und von dem Daoisten war keine Spur mehr zu sehen. Nur eine Gebetsmatte und ein Trinkkürbis waren noch unversehrt. Ich suchte überall nach seiner Leiche, fand aber nicht einen einzigen Knochen. Aus Sorge, der Herr könnte mir nicht glauben, wollte ich die Matte und den Kürbis als Beweis mitbringen. Doch als ich sie anfasste, zerfielen sie augenblicklich zu Asche." Regendorf verstand sofort: Wahrheitsverberger war als Unsterblicher gen Himmel gefahren. Er schickte den Diener fort und kehrte in seine Gemächer zurück, wo er seiner Frau nichts von Wahrheitsverbergers Auflösung im Feuer erzählte, aus Furcht, sie als Frau verstünde es nicht und würde nur traurig werden. Er sagte lediglich, es sei keine Spur gefunden worden; vermutlich sei er vorher entkommen.
Regendorf ging in sein Arbeitszimmer und setzte sich nachdenklich hin, um über Wahrheitsverbergers Worte nachzusinnen. Da kam ein Diener mit der Meldung: "Es ist ein kaiserlicher Befehl eingetroffen, Akten zu prüfen." Regendorf eilte sofort mit seiner Sänfte zum Palast. Dort hörte er jemanden beiläufig sagen: "Heute ist Aufrecht Kaufmann [5], der Getreideintendant von Jiangxi, nach einer Anklage zurückgekehrt und bittet bei Hofe um Verzeihung."
Regendorf eilte ins Kabinett, begrüßte die versammelten Großminister und besichtigte den kaiserlichen Erlass bezüglich der schlecht verwalteten Küstenverteidigung. Dann suchte er sogleich Aufrecht Kaufmann auf, drückte zunächst sein Mitgefühl wegen der Anklage aus, gratulierte ihm dann aber doch und fragte, wie die Reise gewesen sei. Aufrecht Kaufmann berichtete ausführlich über die Ereignisse seit ihrer Trennung. Regendorf fragte: "Ist die Bittschrift um Verzeihung schon eingereicht?" Aufrecht Kaufmann antwortete: "Ja, sie ist eingereicht. Nach der Mittagstafel erwarten wir die kaiserliche Entscheidung."
Gerade als sie sprachen, kam von drinnen der Befehl, Aufrecht Kaufmann vorzulassen. Aufrecht Kaufmann eilte hinein. Die Beamten, die ihm nahestanden, warteten drinnen voller Sorge. Nach geraumer Zeit kam Aufrecht Kaufmann heraus, schweißüberströmt. Alle drängten sich um ihn und fragten: "Was hat der Kaiser gesagt?" Aufrecht Kaufmann streckte die Zunge heraus: "Zu Tode erschrocken! Zu Tode erschrocken! Dank der Anteilnahme aller Herren ist zum Glück nichts Schlimmes geschehen."
Die anderen fragten: "Was genau hat der Kaiser gefragt?" Aufrecht Kaufmann berichtete: "Der Kaiser fragte nach dem Fall des Waffenschmuggels in Yunnan. In der Akte stand, es sei ein Diener des früheren Großpräzeptors Jia Hua gewesen. Der Kaiser erinnerte sich an den Namen unserer Vorfahren und fragte nach. Ich warf mich sofort nieder und erklärte, der Name des Vorfahren sei Daihua. Der Kaiser lachte darüber. Dann fragte er weiter: 'Ist nicht derjenige, der erst zum Militärministerium berufen und dann zum Präfekten degradiert wurde, auch ein Kaufmann namens Hua?'" Regendorf, der zufällig dabeistand, erschrak zutiefst, denn sein eigentlicher Name war ja Hua. Er fragte Aufrecht Kaufmann hastig: "Was habt Ihr darauf geantwortet, verehrter Herr?" Aufrecht Kaufmann sagte: "Ich antwortete bedächtig: 'Der frühere Großpräzeptor Jia Hua stammt aus Yunnan, der amtierende Präfekt Kaufmann stammt aus Zhejiang.' Dann fragte der Kaiser: 'Ist der Fan Kaufmann, den der Präfekt von Suzhou angeklagt hat, auch aus eurer Familie?' Ich warf mich wieder nieder und sagte: 'Ja.' Der Kaiser wurde zornig und sprach: 'Wenn man seinen Dienern erlaubt, die Frauen und Töchter unschuldiger Bürger zu rauben — ist das noch hinnehmbar?' Ich wagte kein Wort zu erwidern. Der Kaiser fragte weiter: 'In welchem Verwandtschaftsverhältnis steht Fan Kaufmann zu dir?' Ich antwortete eilig: 'Er ist ein entfernter Verwandter.' Der Kaiser schnaubte verächtlich und entließ mich. Ist das nicht eine beunruhigende Sache?"
Die anderen sagten: "Das ist allerdings ein merkwürdiger Zufall, dass gleich zwei solche Fälle zusammentreffen!" Aufrecht Kaufmann sagte: "Die Fälle selbst sind nicht das Problem, aber dass alle den Namen Kaufmann tragen, ist ungünstig. Unsere Familie ist eben groß, über die Generationen hat sie sich überall verbreitet. Zwar ist im Moment noch nichts vorgefallen, aber wenn sich der Kaiser den Namen 'Kaufmann' einmal eingeprägt hat, ist das nicht gut." Die anderen sagten: "Wahr ist wahr, falsch ist falsch — was gibt es da zu fürchten?" Aufrecht Kaufmann sagte: "Am liebsten würde ich gar kein Amt mehr bekleiden, aber ich wage nicht, um meinen Abschied zu bitten. Wir haben in der Familie zwei erbliche Titel — daran lässt sich nichts ändern."
Regendorf sagte: "Da der Herr jetzt wieder im Bauministerium tätig ist, dürfte es als Hauptstadtbeamter wohl ruhiger zugehen." Aufrecht Kaufmann antwortete: "Ein Amt in der Hauptstadt ist zwar friedlicher, aber ich habe schließlich zwei Mal in der Provinz gedient — da ist nichts sicher." Die anderen sagten: "Die Rechtschaffenheit des zweiten Herrn bewundern wir alle. Auch Euer älterer Bruder ist ein guter Mann. Nur bei den Neffen und der jüngeren Generation solltet Ihr strenger sein." Aufrecht Kaufmann sagte: "Ich war zu wenig zu Hause und habe die Angelegenheiten meiner Neffen kaum beaufsichtigt. Das beunruhigt mich sehr. Da die Herren das Thema ansprechen und mir wohlgesonnen sind — habt ihr vielleicht von Unregelmäßigkeiten im östlichen Anwesen bei meinem Neffen gehört?" Die anderen antworteten: "Wir haben nichts Bestimmtes gehört, nur dass einige Vizepräsidenten nicht ganz einverstanden sind und auch bei den Eunuchen im Palast etwas im Argen liegt. Es dürfte aber nichts Ernstes sein. Achtet nur darauf, dass Euer Neffe drüben in allem vorsichtig ist." Nach diesen Worten verabschiedeten sich alle.
Danach kehrte Aufrecht Kaufmann nach Hause zurück. Alle Söhne und Neffen kamen ihm entgegen. Aufrecht Kaufmann erkundigte sich zuerst nach der Herzoginmutter [6]. Dann begrüßten ihn alle Söhne und Neffen, und man betrat gemeinsam das Anwesen. Frau König [7] und die anderen Damen warteten bereits in der Halle des Blühenden Glücks. Aufrecht Kaufmann besuchte zuerst die Herzoginmutter und berichtete von der Zeit der Trennung. Die Herzoginmutter fragte nach Erkundefrühling [8]. Aufrecht Kaufmann erzählte alles über Erkundefrühlings Verheiratung und fügte hinzu: "Ich musste überstürzt aufbrechen und konnte das weite Meer nicht überqueren. Ich habe sie also nicht persönlich gesehen, aber die Verwandten des Schwiegersohns berichteten, es gehe ihr ausgezeichnet. Die Schwiegereltern lassen die alte Herzoginmutter grüßen. Sie sagten, diesen Winter oder nächsten Frühling könne man sie vielleicht in die Hauptstadt versetzen — das wäre sehr erfreulich. Allerdings gibt es jetzt Unruhen an der Küste, und ich fürchte, so bald wird daraus nichts."
Die Herzoginmutter war zunächst betrübt über Aufrecht Kaufmanns Degradierung und den Gedanken, dass Erkundefrühling in weiter Ferne sei, ohne Verwandte und Freunde. Doch als Aufrecht Kaufmann ihr die Amtsangelegenheiten erklärte und versicherte, dass es Erkundefrühling gut gehe, verwandelte sich ihre Trauer in Freude. Sie lächelte und entließ Aufrecht Kaufmann. Danach sahen sich die Brüder, die Neffen begrüßten ihn, und man vereinbarte, am nächsten Morgen den Ahnentempel aufzusuchen.
Aufrecht Kaufmann zog sich in seine Gemächer zurück. Frau König und die anderen kamen zum Empfang. Schatzjade und Kette Kaufmann [9] begrüßten ihn gesondert. Aufrecht Kaufmann sah, dass Schatzjades Gesicht voller und gesünder war als bei seiner Abreise und dass er ruhiger wirkte — er wusste freilich nicht, dass es im Innern bei ihm wirr aussah —, und freute sich sehr, ohne an seine eigene Degradierung zu denken. Er dachte: 'Zum Glück hat die alte Herzoginmutter alles gut geregelt.' Als er sah, dass Schatzspange [10] noch besonnener und reifer wirkte als zuvor und der kleine Orchidee anmutig und geistvoll war, strahlte er vor Freude. Nur Unheil war immer noch derselbe wie früher und fand nicht seine besondere Zuneigung.
Nach einer halben Weile fiel ihm plötzlich ein: "Warum fehlt heute eine Person?" Frau König wusste, dass er an Kajaljade [11] dachte. Da man es ihm brieflich noch nicht mitgeteilt hatte und er gerade erst angekommen und froh gestimmt war, mochte sie es ihm nicht direkt sagen und erklärte nur, sie sei krank. Schatzjade aber fühlte sich innerlich wie mit Messern zerfleischt. Da sein Vater gerade heimgekehrt war, musste er sich zusammennehmen und ihn bedienen.
Frau König richtete ein Willkommensfest aus. Die Söhne und Enkel schenkten Wein ein. Phönixglanz, obwohl sie nur die Frau eines Neffen war, verwaltete den Haushalt und reichte zusammen mit Schatzspange und den anderen den Wein. Aufrecht Kaufmann ließ eine Runde kreisen und sagte dann: "Geht alle zur Ruhe." Er befahl den Dienern, sich zurückzuziehen; am nächsten Morgen nach dem Besuch des Ahnentempels könnten sie vorgelassen werden.
Nachdem alles geregelt war, sprach Aufrecht Kaufmann mit Frau König über die Zeit der Trennung. Alle anderen Themen wagte Frau König nicht anzusprechen. Es war Aufrecht Kaufmann selbst, der zuerst König Ziteng erwähnte; Frau König wagte nicht, ihre Trauer zu zeigen. Aufrecht Kaufmann sprach auch über den jungen Becken Schnee [12]; Frau König sagte nur, er habe es sich selbst zuzuschreiben. Bei dieser Gelegenheit teilte sie ihm auch mit, dass Kajaljade gestorben sei. Aufrecht Kaufmann erschrak zutiefst und konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Er seufzte mehrmals hintereinander. Auch Frau König konnte sich nicht mehr beherrschen und weinte. Die Zofen Farbwölkchen und die anderen zupften schnell an Frau Königs Kleid. Frau König hielt inne, man sprach wieder von erfreulicheren Dingen und ging dann zur Ruhe.
Am nächsten Morgen begab man sich früh zum Ahnentempel für die Zeremonie. Alle Söhne und Neffen begleiteten ihn. Aufrecht Kaufmann setzte sich in eine Kammer neben dem Tempel, ließ Herrlichkeit Kaufmann [13] und Kette Kaufmann kommen und fragte nach den Familienangelegenheiten. Herrlichkeit Kaufmann erzählte nur, was sich erzählen ließ. Aufrecht Kaufmann sagte: "Ich bin gerade erst zurückgekehrt und will nicht gleich alles bis ins Einzelne nachforschen. Aber ich habe draußen gehört, dass es in deiner Familie schlechter steht als früher. Du musst in allen Dingen vorsichtiger sein. Du bist nicht mehr jung, die jungen Leute musst du besser erziehen und sie nicht draußen Leute beleidigen lassen. Auch Kette sollte sich das zu Herzen nehmen. Ich sage euch das nicht, weil ich gerade erst nach Hause gekommen bin, sondern weil mir Dinge zu Ohren gekommen sind. Ihr müsst noch vorsichtiger sein." Herrlichkeit Kaufmann und die anderen liefen rot an im Gesicht und sagten nur leise "Ja", ohne weitere Worte zu wagen. Aufrecht Kaufmann beließ es dabei. Er kehrte ins Westanwesen zurück, die Diener machten ihren Kotau, dann ging er wieder nach innen, wo die Dienstmädchen ihre Ehrenbezeigung darbrachten. Das braucht nicht weiter ausgeführt zu werden.
Wir erzählen nur, wie Schatzjade, weil Aufrecht Kaufmann gestern nach Kajaljade gefragt und Frau König geantwortet hatte, sie sei krank, sich insgeheim grämte. Er wartete, bis Aufrecht Kaufmann ihn entließ, und auf dem ganzen Rückweg vergoss er Tränen. In seinem Zimmer sah er Schatzspange und Dufthauch [14] miteinander sprechen. Er setzte sich schweigend in den äußeren Raum und grübelte. Schatzspange ließ Dufthauch ihm Tee bringen und dachte, er fürchte sich wohl vor seinem Vater, der ihn über seine Studien ausfragen würde. So ging sie zu ihm, um ihn zu trösten. Schatzjade nutzte die Gelegenheit und sagte zu Schatzspange: "Geh heute Nacht schon schlafen. Ich muss meine Gedanken sammeln. Mein Gedächtnis ist noch schlechter geworden als früher — drei Worte höre ich, zwei vergesse ich. Wenn Vater das sieht, wird es übel. Geh schlafen, lass Dufthauch noch ein wenig bei mir sitzen." Schatzspange hielt es nicht für ratsam, ihn zu bedrängen, nickte und stimmte zu.
Schatzjade ging hinaus und flüsterte Dufthauch zu: "Bitte ruf mir Purpurkuckuck [15] her, ich muss sie etwas fragen. Aber Purpurkuckuck zieht immer ein finsteres Gesicht, wenn sie mich sieht. Du musst erst mit ihr reden und sie besänftigen, dann kann sie kommen." Dufthauch sagte: "Du sagtest, du wolltest deine Gedanken sammeln, und ich freute mich schon. Und jetzt sammelst du dich auf diese Art? Was du sie fragen willst, kann doch bis morgen warten!" Schatzjade sagte: "Gerade heute Abend habe ich Zeit. Morgen wird mich Vater vielleicht zu irgendetwas rufen, und dann habe ich keinen Moment mehr. Liebe Schwester, bitte ruf sie her!" Dufthauch sagte: "Sie kommt nicht, wenn nicht die zweite junge Herrin nach ihr schickt." Schatzjade sagte: "Deshalb musst du ja erst mit ihr reden."
Dufthauch fragte: "Was soll ich ihr denn sagen?" Schatzjade antwortete: "Kennst du nicht mein Herz und ihres? Es geht um Fräulein Kajaljade. Sag ihr, dass ich nicht treulos bin. Man hat mich heutzutage zum Treubrecher gemacht!" Er blickte zum inneren Zimmer und deutete mit dem Finger: "Sie ist nicht die, die ich wollte. Das haben die alte Herzoginmutter und die anderen eingefädelt. Sie haben die gesunde Schwester Kajaljade in den Tod getrieben. Selbst wenn sie sterben musste, hätte man mich zu ihr lassen sollen, damit ich mich erklären konnte. Dann hätte sie mir im Tode nichts vorgeworfen! Du hast doch selbst gehört, was die dritte Schwester Erkundefrühling erzählte: Im Sterben verfluchte und beklagte Kajaljade mich. Und Purpurkuckuck hasst mich um ihrer Herrin willen grenzenlos. Denkst du, ich sei ein gefühlloser Mensch? Denk an Heitermuster [16] — sie war letztlich nur ein Dienstmädchen und hat mir keine großen Dienste erwiesen. Aber als sie starb, ehrlich gesagt, habe ich sogar eine Trauerode für sie geschrieben und ihr ein Opfer gebracht. Kajaljade hat es mit eigenen Augen gesehen. Und jetzt, da Kajaljade tot ist, soll sie weniger als Heitermuster gelten? Ich darf ihr nicht einmal ein Opfer darbringen? Zumal Kajaljade im Tode noch geisterhaft wirkt — wird sie mir das nicht noch mehr verübeln?"
Dufthauch sagte: "Wenn du opfern willst, dann opfere doch. Wer hindert dich daran?" Schatzjade sagte: "Seit ich wieder gesund bin, wollte ich eine Trauerode verfassen, aber mein Geist ist mir abhanden gekommen. Für jemand anderen könnte ich etwas Ungefähres hinschreiben, aber für sie — da darf nicht die geringste Nachlässigkeit sein. Deshalb will ich Purpurkuckuck befragen, um zu erfahren, was ihre Herrin im Herzen trug. Vor meiner Krankheit hätte ich das alles noch gewusst, aber seither habe ich alles vergessen. Du sagtest mir, Kajaljade sei wieder gesund gewesen — wie konnte sie dann plötzlich sterben? Als es ihr gut ging und ich sie nicht besuchte, was sagte sie da? Als ich krank war und sie nicht zu mir kam, was sagte sie da? Alle ihre Sachen habe ich herübergebracht, aber die zweite junge Herrin lässt mich nichts davon anrühren. Ich verstehe nicht, warum."
Dufthauch sagte: "Die zweite junge Herrin fürchtet nur, du könntest traurig werden, das ist alles." Schatzjade sagte: "Das glaube ich nicht. Wenn Kajaljade an mich dachte, warum hat sie dann vor ihrem Tod ihre Gedichtmanuskripte verbrannt und mir nichts als Andenken hinterlassen? Und die Himmelsmusik, die man bei ihrem Tod gehört haben will — dann muss sie eine Gottheit geworden oder zu den Unsterblichen aufgestiegen sein. Ich habe zwar den Sarg gesehen, aber ob sie wirklich darin lag, weiß ich nicht." Dufthauch sagte: "Du redest immer wirrer. Wie soll denn jemand, der nicht gestorben ist, in einen Sarg gelegt werden, als wäre er tot?" Schatzjade sagte: "Nein, so meine ich es nicht! Bei Menschen, die Unsterblichkeit erlangen, gibt es zwei Wege: Entweder sie gehen leibhaftig, oder sie lassen ihren Körper zurück und ihr Geist steigt empor. Liebe Schwester, bitte ruf Purpurkuckuck her!"
Dufthauch sagte: "Lass mich erst gründlich mit ihr über dein Anliegen sprechen. Wenn sie bereit ist zu kommen, ist es gut. Wenn nicht, muss ich sie noch lange überreden; und selbst wenn sie kommt, wird sie dir nicht alles erzählen wollen. Mein Vorschlag: Warte bis morgen. Wenn die zweite junge Herrin zur Herzoginmutter geht, werde ich in Ruhe mit Purpurkuckuck sprechen. Vielleicht erfahre ich dann mehr. Sobald ich eine freie Minute habe, erzähle ich dir alles." Schatzjade sagte: "Du hast wohl recht. Aber du weißt nicht, wie ungeduldig ich bin."
Gerade als sie sprachen, kam Moschusmond [17] heraus und sagte: "Die zweite junge Herrin lässt sagen, es ist schon vier Uhr morgens. Der zweite junge Herr möge bitte hereinkommen und schlafen. Schwester Dufthauch hat sich wohl festgeredet und die Zeit vergessen." Dufthauch sagte: "Ja, es ist wirklich Zeit zum Schlafen. Was noch zu sagen ist, kann bis morgen warten." Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als hineinzugehen. An Dufthauchs Ohr flüsterte er noch: "Vergiss morgen auf keinen Fall!" Dufthauch lächelte: "Ich weiß!" Moschusmond grinste hinter vorgehaltener Hand: "Ihr zwei treibt wieder euer Spiel. Warum sagst du nicht einfach der zweiten jungen Herrin, dass du bei Dufthauch schlafen willst? Dann könnt ihr die ganze Nacht reden, und wir werden euch nicht stören." Schatzjade winkte ab: "Kein Wort mehr!" Dufthauch schalt: "Du kleines Biest! Musst du immer mit der Zunge klappern? Pass auf, morgen reiße ich dir den Mund!" Dann wandte sie sich an Schatzjade: "Siehst du, was du angerichtet hast? Bis vier Uhr morgens geredet!" Damit geleitete sie Schatzjade ins Zimmer, und alle gingen schlafen.
Jene Nacht fand Schatzjade keinen Schlaf. Am nächsten Tag dachte er immer noch an dieselbe Sache. Da kam von draußen eine Meldung: "Die Verwandten und Freunde wollen dem Herrn zu Ehren seiner Rückkehr eine Theateraufführung schenken. Der Herr hat wiederholt abgelehnt und gesagt: 'Es braucht kein Theater. Ich werde zu Hause einen schlichten Umtrunk vorbereiten und die Verwandten und Freunde einladen, damit wir uns in Ruhe unterhalten können.' So wurde der Übermorgen für das Festessen festgelegt, und man kommt es melden."
Wer eingeladen war, erfährt man im nächsten Kapitel.
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.