Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 74"
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(DE4 Korrektur-Update Kap. 74) |
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| − | + | Vierundsiebzigstes Kapitel | |
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| − | + | Eine schurkische Verleumderin erwirkt, dass im Garten der Großen Anschauung eine Haussuchung gehalten wird; | |
| − | + | Ein einsam-stolzes Mädchen erklärt, dass es den Umgang mit dem Stillfriede-Anwesen abbrechen will | |
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| − | + | Während also Friedchen<ref>平儿</ref> belustigt anhörte, was Willkommensfrühling<ref>迎春</ref> ihr erwiderte, erschien plötzlich auch noch Schatzjade<ref>宝玉</ref>, und das kam so: Nachdem die jüngere Schwester von Frau Liu, der Verantwortlichen für die Gartenküche, als Leiterin einer der Spielhöllen entlarvt worden war, fanden sich Leute im Garten, die Frau Liu von jeher feindlich gesinnt waren und deshalb auch sie noch anzeigten. Sie behaupteten, Frau Liu habe mit ihrer Schwester unter einer Decke gesteckt, diese habe zwar ihren Namen hergegeben, aber mit den Einnahmen hätten sie halbpart gemacht. So sollte Frau Liu jetzt von Phönixglanz<ref>王熙凤</ref> bestraft werden. | |
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| − | + | Als Frau Liu davon erfahren hatte, war sie in Erregung geraten, und da sie bedachte, dass sie sich am besten von allen immer mit dem Personal im Hof der Roten Freude<ref>怡红院</ref> verstanden hatte, ging sie dorthin und bat heimlich Heitermuster<ref>晴雯</ref> und Goldstern Glas<ref>金星玻璃</ref> um Hilfe. Goldstern Glas sagte es Schatzjade weiter, und Schatzjade dachte sich, da auch Willkommensfrühlings Amme desselben Vergehens angeklagt war, würde es besser sein, wenn er sich mit Willkommensfrühling zusammentäte, um für beide Frauen um Gnade zu bitten, als wenn er allein nur für Frau Liu bäte, und so war er herübergekommen. | |
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| − | Als Frau Liu davon erfahren hatte, war sie in Erregung geraten, und da sie bedachte, dass sie sich am besten von allen immer mit dem Personal im Hof der Freude | ||
Hier aber fand er nun zahlreiche Gäste vor, und alle fragten ihn sogleich: „Bist du wieder wohlauf? Was willst du denn hier?" | Hier aber fand er nun zahlreiche Gäste vor, und alle fragten ihn sogleich: „Bist du wieder wohlauf? Was willst du denn hier?" | ||
| − | Da Schatzjade nicht gut verraten konnte, dass es um ein Gnadengesuch ging, sagte er einfach: „Ich wollte Kusine | + | Da Schatzjade nicht gut verraten konnte, dass es um ein Gnadengesuch ging, sagte er einfach: „Ich wollte Kusine Willkommensfrühling besuchen." Niemand dachte sich etwas dabei, und alle plauderten zwanglos weiter. |
| − | Dann ging Friedchen fort, um die Angelegenheit mit dem goldenen Filigranphönix-Haarschmuck zu erledigen. | + | Dann ging Friedchen fort, um die Angelegenheit mit dem goldenen Filigranphönix-Haarschmuck zu erledigen. König Zhuers<ref>王住儿</ref> Frau folgte ihr auf dem Fuße und bettelte dabei auf hunderterlei Weise. „Wenn Ihr mich nur nicht ins Unglück stürzt, werde ich den Haarschmuck auf Biegen und Brechen wieder auslösen!" versprach sie. |
„Ob du ihn nun früher oder später auslöst, das Wesentliche ist, dass es erst gar nicht so weit hätte kommen dürfen", sagte Friedchen lächelnd. „Wenn du sagen willst, dass es mit dem Vergangenen aus und vorbei ist, wäre es mir peinlich, dich noch deswegen anzuzeigen. Löse also den Haarschmuck so früh wie möglich aus und bring ihn mir, damit ich ihn zurückgeben kann, dann will ich die Sache mit keinem Wort erwähnen!" | „Ob du ihn nun früher oder später auslöst, das Wesentliche ist, dass es erst gar nicht so weit hätte kommen dürfen", sagte Friedchen lächelnd. „Wenn du sagen willst, dass es mit dem Vergangenen aus und vorbei ist, wäre es mir peinlich, dich noch deswegen anzuzeigen. Löse also den Haarschmuck so früh wie möglich aus und bring ihn mir, damit ich ihn zurückgeben kann, dann will ich die Sache mit keinem Wort erwähnen!" | ||
| − | Jetzt konnte | + | Jetzt konnte König Zhuers Frau wieder beruhigt sein, und nachdem sie sich mit zeremoniellem Gruß bedankt hatte, setzte sie noch hinzu: „Geht nur Eurer geschätzten Tätigkeit nach, Fräulein! Ich löse den Haarschmuck aus, bevor es Abend wird, und melde mich bei Euch, ehe ich ihn zurückgebe. Wie findet Ihr das?" |
„Gut, aber beklag dich nicht bei mir über die Folgen, wenn du nicht hältst, was du versprichst!" ermahnte Friedchen sie noch einmal. Dann gingen sie jede ihres Weges. | „Gut, aber beklag dich nicht bei mir über die Folgen, wenn du nicht hältst, was du versprichst!" ermahnte Friedchen sie noch einmal. Dann gingen sie jede ihres Weges. | ||
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„Wenn das Euer Ernst ist, würde es unser Glück bedeuten, junge gnädige Frau", sagte Friedchen lächelnd. | „Wenn das Euer Ernst ist, würde es unser Glück bedeuten, junge gnädige Frau", sagte Friedchen lächelnd. | ||
| − | Das hatte sie kaum gesagt, als Kaufmann | + | Das hatte sie kaum gesagt, als Kette Kaufmann<ref>贾琏</ref> hereinkam, die Hände zusammenschlug und seufzend verkündete: „Eben war noch alles gut, und nun ist schon wieder etwas geschehen! Woher weiß die gnädige Frau von drüben<ref>Dame Hsing, 邢夫人</ref>, dass ich mir neulich durch Mandarinenente<ref>鸳鸯</ref> etwas zum Versetzen besorgt habe? Eben ließ sie mich rufen und befahl mir, ich solle — egal woher — zweihundert Liang Silber für sie abzweigen, die sie zum Mittelherbstfest<ref>Am 15. Tag des 8. Monats.</ref> brauche. |
Als ich ihr sagte, das könne ich nicht, erwiderte sie: ‚Wenn du selbst kein Geld hast, weißt du immer, woher du welches bekommst, aber wenn ich nur mit dir beratschlagen will, speist du mich mit einer Ausrede ab und sagst, du habest keine Möglichkeit. Und woher hast du neulich, als du dir eintausend Liang beschafftest, etwas zum Verpfänden gehabt? Sogar die Wertsachen der Herzoginmutter verstehst du wie mit Geisterhand fortzuschaffen, und wenn ich jetzt zweihundert Liang von dir haben will, kommst du mir so. Ein Glück nur, dass ich niemand davon erzählt habe!' | Als ich ihr sagte, das könne ich nicht, erwiderte sie: ‚Wenn du selbst kein Geld hast, weißt du immer, woher du welches bekommst, aber wenn ich nur mit dir beratschlagen will, speist du mich mit einer Ausrede ab und sagst, du habest keine Möglichkeit. Und woher hast du neulich, als du dir eintausend Liang beschafftest, etwas zum Verpfänden gehabt? Sogar die Wertsachen der Herzoginmutter verstehst du wie mit Geisterhand fortzuschaffen, und wenn ich jetzt zweihundert Liang von dir haben will, kommst du mir so. Ein Glück nur, dass ich niemand davon erzählt habe!' | ||
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Phönixglanz bedachte die Umstände der Angelegenheit und sagte dann: „Sie würden das bestimmt nicht wagen, also wollen wir ihnen kein Unrecht tun! Vertagen wir das erst einmal und stellen zunächst die gnädige Frau zufrieden, das ist das Allerwichtigste! Lieber wollen wir uns etwas abknapsen, als uns ein weiteres Mal Unannehmlichkeiten einzuhandeln!" Und sie befahl Friedchen: „Hol meinen goldenen Halsreif und geh darauf zweihundert Liang Silber leihen, die wir ihr hinübertragen, damit die Sache ein Ende hat!" | Phönixglanz bedachte die Umstände der Angelegenheit und sagte dann: „Sie würden das bestimmt nicht wagen, also wollen wir ihnen kein Unrecht tun! Vertagen wir das erst einmal und stellen zunächst die gnädige Frau zufrieden, das ist das Allerwichtigste! Lieber wollen wir uns etwas abknapsen, als uns ein weiteres Mal Unannehmlichkeiten einzuhandeln!" Und sie befahl Friedchen: „Hol meinen goldenen Halsreif und geh darauf zweihundert Liang Silber leihen, die wir ihr hinübertragen, damit die Sache ein Ende hat!" | ||
| − | „Sie soll gleich noch zweihundert Liang mehr darauf leihen, wir haben auch noch Ausgaben!" verlangte Kaufmann | + | „Sie soll gleich noch zweihundert Liang mehr darauf leihen, wir haben auch noch Ausgaben!" verlangte Kette Kaufmann. |
„Durchaus nicht nötig!" lehnte Phönixglanz ab. „Ich habe keine Ausgaben, und ich weiß nicht einmal, woher ich das Geld nehmen soll, um den Halsreif wieder auszulösen." | „Durchaus nicht nötig!" lehnte Phönixglanz ab. „Ich habe keine Ausgaben, und ich weiß nicht einmal, woher ich das Geld nehmen soll, um den Halsreif wieder auszulösen." | ||
| − | Friedchen verschwand und erteilte jemandem den Auftrag, Laiwangs<ref>旺儿</ref> Frau zu rufen, der sie dann den Halsreif übergab und die bald darauf mit dem Silber wiederkam. Kaufmann | + | Friedchen verschwand und erteilte jemandem den Auftrag, Laiwangs<ref>旺儿</ref> Frau zu rufen, der sie dann den Halsreif übergab und die bald darauf mit dem Silber wiederkam. Kette Kaufmann selbst trug es zu Dame Hsing hinüber, und damit einstweilen genug hiervon. |
Phönixglanz und Friedchen rätselten zusammen, wer da aus der Schule geplaudert haben könnte, kamen aber zu keinem Ergebnis. Schließlich sagte Phönixglanz: „Wenn diese Sache bekannt wird, ist das noch das Wenigste. Angst habe ich nur davor, dass verächtliche Menschen die Gelegenheit nutzen, um Verleumdungen zu erfinden und neue Skandale heraufzubeschwören. Das Schlimme ist, dass die da drüben mit Mandarinenente verfeindet ist. Nachdem sie jetzt informiert ist, dass Mandarinenente für unseren Kette diese Sachen hinausgeschmuggelt hat, wird sie sich die Gelegenheit sicher nicht entgehen lassen. | Phönixglanz und Friedchen rätselten zusammen, wer da aus der Schule geplaudert haben könnte, kamen aber zu keinem Ergebnis. Schließlich sagte Phönixglanz: „Wenn diese Sache bekannt wird, ist das noch das Wenigste. Angst habe ich nur davor, dass verächtliche Menschen die Gelegenheit nutzen, um Verleumdungen zu erfinden und neue Skandale heraufzubeschwören. Das Schlimme ist, dass die da drüben mit Mandarinenente verfeindet ist. Nachdem sie jetzt informiert ist, dass Mandarinenente für unseren Kette diese Sachen hinausgeschmuggelt hat, wird sie sich die Gelegenheit sicher nicht entgehen lassen. | ||
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„Das mag schon so sein", erwiderte Phönixglanz, „aber was nützt es, wenn wir es wissen? Die anderen, die es nicht wissen, werden doch ihre Zweifel hegen." | „Das mag schon so sein", erwiderte Phönixglanz, „aber was nützt es, wenn wir es wissen? Die anderen, die es nicht wissen, werden doch ihre Zweifel hegen." | ||
| − | Dies hatte sie kaum gesagt, als jemand meldete: „Die gnädige Frau<ref> | + | Dies hatte sie kaum gesagt, als jemand meldete: „Die gnädige Frau<ref>Dame König, 王夫人</ref> ist gekommen." |
| − | Verwundert fragte sich Phönixglanz, warum sie wohl selbst gekommen sei, und ging ihr rasch mit Friedchen und den anderen Sklavenmädchen zusammen entgegen, um dann zu sehen, wie | + | Verwundert fragte sich Phönixglanz, warum sie wohl selbst gekommen sei, und ging ihr rasch mit Friedchen und den anderen Sklavenmädchen zusammen entgegen, um dann zu sehen, wie Dame König mit gänzlich veränderter Miene und nur von einem vertrauten kleinen Sklavenmädchen begleitet hereinkam, und ohne ein Wort zu sagen, in das innere Zimmer trat und sich setzte. |
Sofort brachte Phönixglanz ihr Tee und sagte mit strahlendem Gesicht: „Ihr müsst Euch heute sehr wohl fühlen, gnädige Frau, dass Ihr vor Freude hier spazieren gegangen seid!" | Sofort brachte Phönixglanz ihr Tee und sagte mit strahlendem Gesicht: „Ihr müsst Euch heute sehr wohl fühlen, gnädige Frau, dass Ihr vor Freude hier spazieren gegangen seid!" | ||
| − | Doch anstatt zu antworten, gab | + | Doch anstatt zu antworten, gab Dame König nur schroff den Befehl: „Friedchen soll hinausgehen!" |
Verwirrt und ratlos sagte Friedchen hastig jawohl und führte die kleineren Sklavenmädchen alle nach draußen, wo sie ihnen befahl, vor der Tür Aufstellung zu nehmen. Dann machte sie die Tür einfach zu, setzte sich auf die steinerne Plattform des Hauses und ließ keinen Menschen hinein. | Verwirrt und ratlos sagte Friedchen hastig jawohl und führte die kleineren Sklavenmädchen alle nach draußen, wo sie ihnen befahl, vor der Tür Aufstellung zu nehmen. Dann machte sie die Tür einfach zu, setzte sich auf die steinerne Plattform des Hauses und ließ keinen Menschen hinein. | ||
| − | Auch Phönixglanz war verwirrt und verstand nicht, worum es ging. Aber dann sah sie, wie | + | Auch Phönixglanz war verwirrt und verstand nicht, worum es ging. Aber dann sah sie, wie Dame König mit Tränen in den Augen einen Riechbeutel aus dem Ärmel zog und ihn ihr vor die Füße warf, um dann zu sagen: „Sieh dir das an!" |
Als Phönixglanz, die den Beutel rasch aufhob, die farbenprächtige frivole Stickerei darauf entdeckte, fuhr sie vor Schreck zusammen und fragte sofort: „Woher habt Ihr das, gnädige Frau?" | Als Phönixglanz, die den Beutel rasch aufhob, die farbenprächtige frivole Stickerei darauf entdeckte, fuhr sie vor Schreck zusammen und fragte sofort: „Woher habt Ihr das, gnädige Frau?" | ||
| − | Kaum hatte | + | Kaum hatte Dame König diese Frage gehört, flossen ihr die Tränen erst recht wie strömender Regen aus den Augen, und sie sagte mit zitternder Stimme: „Woher ich das habe? Ich habe wie gewöhnlich von nichts eine Ahnung — wie ein Frosch, der im Brunnen hockt, und verlasse mich darauf, dass du ja ein umsichtiger Mensch bist, sodass ich mir ein bisschen Ruhe gönnen kann. Und nun stellt sich heraus, dass es mit dir dasselbe ist wie mit mir! |
Das da lag am hellichten Tag offen auf einem Felsen im Garten herum, sodass eine Magd der Herzoginmutter es finden konnte. Wäre nicht zufällig deine Schwiegermutter dazugekommen, dann wäre sie spornstreichs damit zur Herzoginmutter gelaufen. Nun frage ich dich: Wie hast du das dort verlieren können?" | Das da lag am hellichten Tag offen auf einem Felsen im Garten herum, sodass eine Magd der Herzoginmutter es finden konnte. Wäre nicht zufällig deine Schwiegermutter dazugekommen, dann wäre sie spornstreichs damit zur Herzoginmutter gelaufen. Nun frage ich dich: Wie hast du das dort verlieren können?" | ||
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Jetzt verfärbte sich auch Phönixglanz und fragte hastig: „Woher wollt Ihr wissen, dass es mir gehört, gnädige Frau?" | Jetzt verfärbte sich auch Phönixglanz und fragte hastig: „Woher wollt Ihr wissen, dass es mir gehört, gnädige Frau?" | ||
| − | „Das fragst du noch?" erwiderte | + | „Das fragst du noch?" erwiderte Dame König unter Tränen und Seufzern. „Überleg doch mal selbst! Ihr seid das einzige junge Paar in unserem Haushalt. Außer euch gibt es hier nur alte Frauen — was sollten die damit? Und die Mädchen — wie sollten die dazu gekommen sein? Natürlich hat Lián<ref>贾琏</ref>, dieser unverbesserliche Schmutzfink, das irgendwoher angeschleppt. Und so gut, wie ihr euch versteht, hast du es natürlich als einen Spaß angesehen. Junge Leute haben solche Heimlichkeiten in ihren inneren Gemächern, mir machst du nichts vor. |
Glücklicherweise sind die Mädchen im Garten, ob hoch oder niedrig, noch unverständig und waren auch noch nicht auf den Beutel gestoßen. Nicht auszudenken, wenn die Mägde ihn gefunden und deinen Kusinen gezeigt hätten! Oder wenn die kleineren Mägde ihn gefunden hätten und draußen in Gegenwart von Fremden erzählt hätten, das habe im Garten gelegen. Hätten wir das überleben und unsere Ehre bewahren können?" | Glücklicherweise sind die Mädchen im Garten, ob hoch oder niedrig, noch unverständig und waren auch noch nicht auf den Beutel gestoßen. Nicht auszudenken, wenn die Mägde ihn gefunden und deinen Kusinen gezeigt hätten! Oder wenn die kleineren Mägde ihn gefunden hätten und draußen in Gegenwart von Fremden erzählt hätten, das habe im Garten gelegen. Hätten wir das überleben und unsere Ehre bewahren können?" | ||
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Fünftens gibt es auch zu viele Mägde im Garten. Wollt Ihr da sicher sein, dass jede einzelne von ihnen anständig ist? Es gibt unter ihnen auch welche, die schon älter und in die Geheimnisse der Erwachsenen eingeweiht sind, sodass man nicht wissen kann, ob nicht eine von ihnen entweder in einem unbeobachteten Augenblick den Garten heimlich verließ oder aber irgendeinen Vorwand benutzte, um sich mit einem der Burschen am Innentor zu necken, und den Beutel auf diesem Wege hereingebracht hat. Jedenfalls habe nicht nur ich nichts damit zu tun, auch für Friedchen kann ich mich verbürgen. Das alles solltet Ihr bitte sorgsam bedenken, gnädige Frau." | Fünftens gibt es auch zu viele Mägde im Garten. Wollt Ihr da sicher sein, dass jede einzelne von ihnen anständig ist? Es gibt unter ihnen auch welche, die schon älter und in die Geheimnisse der Erwachsenen eingeweiht sind, sodass man nicht wissen kann, ob nicht eine von ihnen entweder in einem unbeobachteten Augenblick den Garten heimlich verließ oder aber irgendeinen Vorwand benutzte, um sich mit einem der Burschen am Innentor zu necken, und den Beutel auf diesem Wege hereingebracht hat. Jedenfalls habe nicht nur ich nichts damit zu tun, auch für Friedchen kann ich mich verbürgen. Das alles solltet Ihr bitte sorgsam bedenken, gnädige Frau." | ||
| − | + | Dame König sagte sich, dass diese Ausführungen sehr vernünftig klangen, und so befahl sie Phönixglanz seufzend: „Steh auf! Ich weiß ja auch, dass du die Tochter eines großen Hauses bist und nicht dermaßen leichtfertig sein kannst. Ich war einfach erregt und habe dich mit meinen Worten aufgebracht. Aber wie wollen wir jetzt verfahren? Deine Schwiegermutter hat den Beutel eben erst in einem verschlossenen Päckchen zu mir bringen lassen, damit ich ihn mir ansehe, und sie ließ mir bestellen, sie habe ihn Blödchen abgenommen. Ich hätte mich totärgern können darüber!" | |
„Ihr solltet Euch nicht länger darüber ärgern, gnädige Frau!" riet ihr Phönixglanz. „Wenn das Gesinde etwas davon bemerkt hätte, wüsste die Herzoginmutter wohl schon darüber Bescheid. Nur wenn wir kühl und nüchtern in aller Stille unsere Nachforschungen anstellen, können wir uns Gewissheit verschaffen. Auch wenn wir nichts herausbekommen, wird doch kein Fremder davon erfahren. Dazu sagt man: ‚Der gebrochene Arm wird im Ärmel versteckt.' Uns bleibt jetzt keine andere Wahl, als die Gelegenheit zu nutzen, dass wegen dieser Glücksspielaffäre so viele Leute aus dem Dienst entfernt worden sind, um die Frauen von Zhou Rui<ref>周瑞</ref>, Laiwang und noch zwei, drei andere, die den Mund halten können, im Garten einzusetzen, wo sie dann vorgeben müssen, immer noch wegen der Spielhöllen zu ermitteln. | „Ihr solltet Euch nicht länger darüber ärgern, gnädige Frau!" riet ihr Phönixglanz. „Wenn das Gesinde etwas davon bemerkt hätte, wüsste die Herzoginmutter wohl schon darüber Bescheid. Nur wenn wir kühl und nüchtern in aller Stille unsere Nachforschungen anstellen, können wir uns Gewissheit verschaffen. Auch wenn wir nichts herausbekommen, wird doch kein Fremder davon erfahren. Dazu sagt man: ‚Der gebrochene Arm wird im Ärmel versteckt.' Uns bleibt jetzt keine andere Wahl, als die Gelegenheit zu nutzen, dass wegen dieser Glücksspielaffäre so viele Leute aus dem Dienst entfernt worden sind, um die Frauen von Zhou Rui<ref>周瑞</ref>, Laiwang und noch zwei, drei andere, die den Mund halten können, im Garten einzusetzen, wo sie dann vorgeben müssen, immer noch wegen der Spielhöllen zu ermitteln. | ||
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Außerdem gibt es wirklich zu viele Mägde im Garten. Da ist nicht auszuschließen, dass in dem Maße, wie sie erwachsen werden, auch ihre Wünsche wachsen, und dass sie irgendetwas anstellen. Wenn erst etwas passiert ist, kommt die Reue zu spät. Aber wenn wir jetzt ohne jeden Grund einen Teil der Mägde entlassen, würde das nicht nur unsere Mädchen kränken und verärgern, wir könnten uns das auch nicht einfach so erlauben. Darum ist es das Beste, von jetzt an alle, die schon etwas älter und vielleicht ein bisschen frech und nicht leicht zu zügeln sind, bei einer Verfehlung zu ertappen und aus dem Garten zu entfernen, um sie dann zu verheiraten. Dadurch wird gewährleistet, dass nichts mehr passieren kann, und außerdem können wir einige Kosten sparen. Was meint Ihr dazu, gnädige Frau?" | Außerdem gibt es wirklich zu viele Mägde im Garten. Da ist nicht auszuschließen, dass in dem Maße, wie sie erwachsen werden, auch ihre Wünsche wachsen, und dass sie irgendetwas anstellen. Wenn erst etwas passiert ist, kommt die Reue zu spät. Aber wenn wir jetzt ohne jeden Grund einen Teil der Mägde entlassen, würde das nicht nur unsere Mädchen kränken und verärgern, wir könnten uns das auch nicht einfach so erlauben. Darum ist es das Beste, von jetzt an alle, die schon etwas älter und vielleicht ein bisschen frech und nicht leicht zu zügeln sind, bei einer Verfehlung zu ertappen und aus dem Garten zu entfernen, um sie dann zu verheiraten. Dadurch wird gewährleistet, dass nichts mehr passieren kann, und außerdem können wir einige Kosten sparen. Was meint Ihr dazu, gnädige Frau?" | ||
| − | „Es ist natürlich richtig, was du sagst", räumte | + | „Es ist natürlich richtig, was du sagst", räumte Dame König seufzend ein, „aber wenn man gerecht ist und die Sache genau bedenkt, sind deine Kusinen wirklich zu bedauern. Ich brauche gar nicht so weit zu gehen mit meinem Vergleich, nehmen wir nur die Mutter von deiner Kusine Kajaljade<ref>林黛玉</ref>! Wie wurde sie verwöhnt, als sie noch nicht verheiratet war! Das nenne ich ‚goldene Würde und jadene Vornehmheit', das war der Stil, wie ein Mädchen aus besseren Kreisen leben sollte! |
Dagegen leben deine Kusinen heute nicht viel besser als bei anderen Leuten die Mägde. Keine von ihnen hat mehr als zwei oder drei Dienstmägde, die wie Menschen aussehen. Die übrigen vier oder fünf, die noch kleiner sind, wirken wie die kleinen Teufel, die als Figuren in den Tempeln dargestellt sind. Wenn wir jetzt noch welche von ihnen entlassen wollen, könnte nicht nur ich das nicht ertragen, auch die Herzoginmutter würde wohl kaum ihre Zustimmung geben. | Dagegen leben deine Kusinen heute nicht viel besser als bei anderen Leuten die Mägde. Keine von ihnen hat mehr als zwei oder drei Dienstmägde, die wie Menschen aussehen. Die übrigen vier oder fünf, die noch kleiner sind, wirken wie die kleinen Teufel, die als Figuren in den Tempeln dargestellt sind. Wenn wir jetzt noch welche von ihnen entlassen wollen, könnte nicht nur ich das nicht ertragen, auch die Herzoginmutter würde wohl kaum ihre Zustimmung geben. | ||
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Sofort rief Phönixglanz nach Friedchen und schickte sie mit dem entsprechenden Auftrag los. | Sofort rief Phönixglanz nach Friedchen und schickte sie mit dem entsprechenden Auftrag los. | ||
| − | Bald darauf erschienen die Frauen von Zhou Rui, Wu Xing, Zheng Hua, Laiwang und Lai Xi — alle fünf Frauen, die seinerzeit von | + | Bald darauf erschienen die Frauen von Zhou Rui, Wu Xing, Zheng Hua, Laiwang und Lai Xi — alle fünf Frauen, die seinerzeit von Dame König beziehungsweise Phönixglanz als Sklavenmädchen mit in die Ehe gebracht worden waren und jetzt hier anwesend waren. Von den übrigen hatte jede im Süden ihre Aufgabe zu erfüllen. |
| − | Eben sagte sich | + | Eben sagte sich Dame König, dass es noch nicht genug seien, um eine Ermittlung anzustellen, da kam plötzlich König Shanbaos<ref>王善保</ref> Frau herein, die seinerzeit von Dame Hsing<ref>邢夫人</ref> mit in die Ehe gebracht worden war. Sie war es auch, die vorhin den Riechbeutel gebracht hatte. |
| − | Da | + | Da Dame König die bevorzugten Vertrauten von Dame Hsing nie anders betrachtet hatte als ihre eigenen, sagte sie jetzt, als König Shanbaos Frau erschien, um sich nach dem Fortgang der Sache zu erkundigen, und dabei sehr besorgt tat: „Geh und melde deiner Herrin, dass ich dich mit in den Garten schicken möchte, um dort nach dem Rechten zu sehen, denn du bist dafür besser geeignet als irgendjemand anders!" |
| − | Nun war | + | Nun war König Shanbaos Frau den Sklavenmädchen im Garten schon lange gram, weil die sie nicht eben respektvoll behandelten, wenn sie in den Garten kam, und hätte ihnen gar zu gern etwas am Zeuge geflickt, wenn sie nur eine Gelegenheit dazu gehabt hätte. Nachdem sich nun diese Geschichte ereignet hatte, glaubte sie, ihre Stunde sei endlich gekommen. Und so war es genau das, was sie sich erhofft hatte, als Dame König ihr jetzt diesen Auftrag gab. |
Deshalb erwiderte sie: „Das ist kein Problem. Ich will ja nicht zu viel sagen, aber von Rechts wegen war es schon lange Zeit, einmal hart durchzugreifen. Ihr geht nicht viel in den Garten, gnädige Frau, und könnt das nicht wissen. Die dortigen Mägde benehmen sich eine wie die andere so, als ob sie der Kaiser mit Ehrentiteln belehnt hätte und als ob sie vornehme junge Fräulein wären. Aber selbst wenn sie den Himmel zum Einstürzen brächten, würde niemand wagen aufzumucken. Sonst würden sie nämlich die Mägde, die bei den jungen Fräulein Dienst tun, anstacheln, einfach zu behaupten, man habe ihre Fräulein gedemütigt, und wer hat schon den Mut, das zu riskieren?!" | Deshalb erwiderte sie: „Das ist kein Problem. Ich will ja nicht zu viel sagen, aber von Rechts wegen war es schon lange Zeit, einmal hart durchzugreifen. Ihr geht nicht viel in den Garten, gnädige Frau, und könnt das nicht wissen. Die dortigen Mägde benehmen sich eine wie die andere so, als ob sie der Kaiser mit Ehrentiteln belehnt hätte und als ob sie vornehme junge Fräulein wären. Aber selbst wenn sie den Himmel zum Einstürzen brächten, würde niemand wagen aufzumucken. Sonst würden sie nämlich die Mägde, die bei den jungen Fräulein Dienst tun, anstacheln, einfach zu behaupten, man habe ihre Fräulein gedemütigt, und wer hat schon den Mut, das zu riskieren?!" | ||
| − | „Das ist doch nur normal", gab | + | „Das ist doch nur normal", gab Dame König ihr zurück. „Die Mägde der jungen Fräulein sind nun einmal verwöhnter als die anderen. Ihr müsst ihnen also gut zureden. Nicht einmal die jungen Fräulein kommen ohne Belehrung aus, um wie viel mehr muss das also für die Mägde gelten!" |
| − | „Die übrigen mögen noch zu ertragen sein", nahm wieder | + | „Die übrigen mögen noch zu ertragen sein", nahm wieder König Shanbaos Frau das Wort, „was Ihr aber nicht wissen werdet, gnädige Frau, ist, dass diese Heitermuster in den Räumen von Schatzjade, nur weil sie ein wenig hübscher ist als die anderen und weil sie ein flottes Mundwerk hat, sich jeden Tag herausstaffiert wie eine Xishi<ref>西施, eine der legendären Vier Großen Schönheiten des alten China.</ref>, vor allen Leuten das große Wort führt und sich stets in den Vordergrund schiebt, weil sie hoch hinaus möchte. Sagt man auch nur einen Satz, der ihr nicht passt, dann starrt sie einen mit ihren frechen Augen an und beschimpft einen. Und ihre verführerisch-lockere Art ist alles andere als anständig." |
| − | Bei diesen Worten fiel | + | Bei diesen Worten fiel Dame König plötzlich etwas ein, und sie sagte zu Phönixglanz: „Als wir voriges Mal mit der Herzoginmutter zusammen im Garten spazieren gegangen sind, war da eine mit einer Wasserschlangentaille und abfallenden Schultern, deren Augen und Brauen ein wenig an deine Kusine Kajaljade erinnerten und die eben eine kleinere Magd ausschimpfte. Ihre wilde Art war mir so zuwider, dass ich mit der Herzoginmutter weiterging, ohne etwas zu sagen. Ich wollte später fragen, wer das war, aber dann habe ich es vergessen. Die Beschreibung von eben passt so gut auf sie, dass ich glaube, es müsste diese Magd gewesen sein." |
„Wenn man all diese Mägde miteinander vergleicht, ist keine so gut gewachsen wie Heitermuster, und in Betragen und Ausdrucksweise ist sie wirklich ein bisschen leichtfertig", bestätigte Phönixglanz. „Was Ihr eben erzählt habt, würde ihr schon ähnlich sehen, aber ich kann mich an diesen Tag nicht mehr erinnern, und darum möchte ich nicht leichtfertig etwas daherreden." | „Wenn man all diese Mägde miteinander vergleicht, ist keine so gut gewachsen wie Heitermuster, und in Betragen und Ausdrucksweise ist sie wirklich ein bisschen leichtfertig", bestätigte Phönixglanz. „Was Ihr eben erzählt habt, würde ihr schon ähnlich sehen, aber ich kann mich an diesen Tag nicht mehr erinnern, und darum möchte ich nicht leichtfertig etwas daherreden." | ||
| − | „Warum auch?" warf | + | „Warum auch?" warf König Shanbaos Frau ein. „Es ist doch nicht schwer, sie herzurufen, damit die gnädige Frau sie sich ansieht." |
| − | „Von den Mädchen aus Schatzjades Räumen kommen für gewöhnlich nur Dufthauch<ref>袭人</ref> und Moschusmond<ref>麝月</ref> zu mir", berichtete | + | „Von den Mädchen aus Schatzjades Räumen kommen für gewöhnlich nur Dufthauch<ref>袭人</ref> und Moschusmond<ref>麝月</ref> zu mir", berichtete Dame König. „Die sind beide plump, und das ist gut so. Wenn die aber so eine ist, wagt sie natürlich nicht, zu mir zu kommen. Menschen wie sie sind es, die ich mein Leben lang am meisten verachtet habe. Es wäre nicht auszudenken, wenn unser guter Schatzjade von diesem Spitzbein verdorben würde!" |
Dann rief sie ihr Sklavenmädchen zu sich und befahl ihm, in den Garten zu gehen. „Du sagst nur, ich wolle nach etwas fragen", ordnete sie an, „aber Dufthauch und Moschusmond sollen nicht kommen, sie sollen bei Schatzjade bleiben, um ihm aufzuwarten. Nur diese flinke Heitermuster soll auf der Stelle bei mir erscheinen. Und du darfst kein Wort mit ihr sprechen!" | Dann rief sie ihr Sklavenmädchen zu sich und befahl ihm, in den Garten zu gehen. „Du sagst nur, ich wolle nach etwas fragen", ordnete sie an, „aber Dufthauch und Moschusmond sollen nicht kommen, sie sollen bei Schatzjade bleiben, um ihm aufzuwarten. Nur diese flinke Heitermuster soll auf der Stelle bei mir erscheinen. Und du darfst kein Wort mit ihr sprechen!" | ||
| − | Das kleine Sklavenmädchen sagte: „Jawohl!" dazu und ging in den Hof der Freude | + | Das kleine Sklavenmädchen sagte: „Jawohl!" dazu und ging in den Hof der Roten Freude hinüber, wo Heitermuster, die sich nicht wohl fühlte, eben erst vom Mittagsschlaf aufgestanden war und stumm vor sich hinbrütete. Als sie jetzt den Befehl vernahm, musste sie wohl oder übel folgen. |
| − | Nun wussten alle Sklavenmädchen recht gut, dass | + | Nun wussten alle Sklavenmädchen recht gut, dass Dame König verführerische Aufmachungen und leichtfertige Reden zutiefst verachtete, und deshalb war Heitermuster ihr stets aus dem Wege gegangen. Da ihr aber schon seit Tagen nicht wohl war, hatte sie Kleidung und Schmuck ohnehin vernachlässigt, und deshalb sah sie jetzt auch kein Hindernis. |
| − | Kaum dass Heitermuster bei Phönixglanz eintrat und | + | Kaum dass Heitermuster bei Phönixglanz eintrat und Dame König sie erblickte — mit schiefem Haarpfeil und lockerer Frisur, herabhängendem Gewand und offenem Gürtel, schlaftrunken und kränklich, und als sie sie obendrein an Gestalt und Gesicht sofort als diejenige wiedererkannte, die sie im Monat zuvor gesehen hatte — da loderte die Wut von vorhin erneut in ihr auf. Und Dame König war als Mensch offen und ungekünstelt, Freude und Zorn kamen bei ihr direkt aus dem Herzen, nicht wie bei jenen Leuten, die ihre Worte verbrämen und ihre Gedanken verbergen. So sagte sie auch jetzt, als wirklicher Zorn ihr Herz bedrängte, mit verächtlichem Lächeln: „Was für eine Schönheit! Die leibhaftige kranke Xishi! Für wen produzierst du dich Tag für Tag in dieser schamlosen Weise? Glaubst du, ich wüsste nicht, was du treibst? Noch lasse ich dich laufen, aber schon bald werde ich dir die Haut vom Leibe schinden! Geht es Schatzjade heute besser?" |
Als Heitermuster diese Worte vernahm, war sie höchst verwundert und sagte sich, hier müsse jemand versuchen, heimlich mit ihr abzurechnen. Doch so ärgerlich sie darüber auch war, wagte sie doch nicht, etwas davon verlauten zu lassen. Und da sie einen durchdringenden Verstand besaß, entschloss sie sich, die Frage nach Schatzjade nicht wahrheitsgemäß zu beantworten. Vielmehr sagte sie: „Ich komme nicht groß in Schatzjades Zimmer und bin auch nicht viel mit ihm zusammen. Daher kann ich auch nicht wissen, wie es ihm geht. Ihr solltet Dufthauch und Moschusmond fragen!" | Als Heitermuster diese Worte vernahm, war sie höchst verwundert und sagte sich, hier müsse jemand versuchen, heimlich mit ihr abzurechnen. Doch so ärgerlich sie darüber auch war, wagte sie doch nicht, etwas davon verlauten zu lassen. Und da sie einen durchdringenden Verstand besaß, entschloss sie sich, die Frage nach Schatzjade nicht wahrheitsgemäß zu beantworten. Vielmehr sagte sie: „Ich komme nicht groß in Schatzjades Zimmer und bin auch nicht viel mit ihm zusammen. Daher kann ich auch nicht wissen, wie es ihm geht. Ihr solltet Dufthauch und Moschusmond fragen!" | ||
| − | „Dafür sollte man dir auf den Mund schlagen!" schimpfte | + | „Dafür sollte man dir auf den Mund schlagen!" schimpfte Dame König. „Bist du denn tot? Was kann man mit euch schon anfangen?!" |
„Ich gehöre eigentlich zum Gefolge der Herzoginmutter", wehrte sich Heitermuster. „Da die Herzoginmutter meinte, im Garten sei es zu einsam und es gebe dort zu wenig Erwachsene, sodass Schatzjade sich fürchte, hat sie mich abgestellt, damit ich bei ihm im Vorzimmer Nachtwache halte und einfach die Räume beaufsichtige. Ich habe die Herzoginmutter damals darauf hingewiesen, dass ich zu plump bin und mich nicht darauf verstehe, jemandem aufzuwarten, aber die Herzoginmutter hat mich gescholten und erklärt: ‚Um ihn sollst du dich ja nicht kümmern, also ist Gewandtheit auch nicht vonnöten.' Erst daraufhin bin ich gegangen. | „Ich gehöre eigentlich zum Gefolge der Herzoginmutter", wehrte sich Heitermuster. „Da die Herzoginmutter meinte, im Garten sei es zu einsam und es gebe dort zu wenig Erwachsene, sodass Schatzjade sich fürchte, hat sie mich abgestellt, damit ich bei ihm im Vorzimmer Nachtwache halte und einfach die Räume beaufsichtige. Ich habe die Herzoginmutter damals darauf hingewiesen, dass ich zu plump bin und mich nicht darauf verstehe, jemandem aufzuwarten, aber die Herzoginmutter hat mich gescholten und erklärt: ‚Um ihn sollst du dich ja nicht kümmern, also ist Gewandtheit auch nicht vonnöten.' Erst daraufhin bin ich gegangen. | ||
| − | Höchstens alle zehn Tage oder einmal in einem halben Monat, wenn Schatzjade Langeweile hat, vergnügen wir uns alle zusammen ein Weilchen, und dann gehen wir wieder auseinander. Für Schatzjades Essen und Trinken wie auch für seinen Tagesablauf sind auf höherer Stufe seine alten Ammen und die übrigen Alten verantwortlich, auf unterer Stufe aber Dufthauch, Moschusmond und | + | Höchstens alle zehn Tage oder einmal in einem halben Monat, wenn Schatzjade Langeweile hat, vergnügen wir uns alle zusammen ein Weilchen, und dann gehen wir wieder auseinander. Für Schatzjades Essen und Trinken wie auch für seinen Tagesablauf sind auf höherer Stufe seine alten Ammen und die übrigen Alten verantwortlich, auf unterer Stufe aber Dufthauch, Moschusmond und Herbstmuster<ref>秋纹</ref>. Wenn ich sonst nichts zu tun habe, muss ich noch im Dienste der Herzoginmutter Nadelarbeiten machen, und so habe ich mich um Schatzjade nie gekümmert. Wenn Ihr mir das verübelt, werde ich es von jetzt an tun." |
| − | + | Dame König dachte nicht anders, als dass dies die Wahrheit sei, deshalb sagte sie rasch: „Buddha Amitabha! Ich sehe es als ein Glück an, wenn du nicht näher mit Schatzjade zu tun hast, darum will ich dich nicht weiter bemühen. Wenn es die Herzoginmutter war, die dich Schatzjade zugeteilt hat, will ich zuerst mit ihr sprechen, ehe du hinausgeworfen wirst." | |
| − | Anschließend wandte sie sich an | + | Anschließend wandte sie sich an König Shanbaos Frau und sagte: „Geh also in den Garten und hab ein paar Tage lang ein wachsames Auge auf sie! Sie darf nicht in Schatzjades Zimmer schlafen! Sobald ich mit der Herzoginmutter gesprochen habe, werden wir über sie entscheiden." Dann fuhr sie Heitermuster an: „Raus! Was stehst du hier herum? Diese Schlamperei ist mir ein Greuel! Und wer hat dir überhaupt diesen dirnenhaft rot-grünen Aufzug gestattet?" |
Also hatte sich Heitermuster zurückzuziehen, und ihre Erbitterung war nicht gering. Kaum dass sie zur Tür hinaus war, bedeckte sie ihr Gesicht mit dem Taschentuch und weinte haltlos im Gehen, bis sie wieder drüben im Garten war. | Also hatte sich Heitermuster zurückzuziehen, und ihre Erbitterung war nicht gering. Kaum dass sie zur Tür hinaus war, bedeckte sie ihr Gesicht mit dem Taschentuch und weinte haltlos im Gehen, bis sie wieder drüben im Garten war. | ||
| − | Hier aber bezichtigte | + | Hier aber bezichtigte Dame König sich selbst, indem sie, an Phönixglanz gewandt, sagte: „In den letzten Jahren hat meine Energie immer mehr nachgelassen, und ich bin nicht mehr mit der nötigen Aufmerksamkeit an die Dinge herangegangen. So ein Hexenbiest, und ich habe sie nie bemerkt! Ich fürchte nur, dass es noch mehr davon gibt. Demnächst muss ich das untersuchen." |
| − | Angesichts von | + | Angesichts von Dame Königs loderndem Zorn und wegen der Anwesenheit von König Shanbaos Frau, die für Dame Hsing spionierte und sie auch häufig dazu anstachelte, Unruhe zu stiften, wagte Phönixglanz nichts zu sagen, wenn sie wohl auch hunderterlei und tausenderlei zu sagen gewusst hätte. So aber senkte sie nur den Kopf und beschränkte sich auf ein Jawohl. |
| − | + | König Shanbaos Frau dagegen bemerkte: „Pflegt Ihr nur Eure Gesundheit, gnädige Frau, und überlasst diese Kleinigkeit mir, Eurer Sklavin! Es wird gar nicht schwer sein, die Schuldige ausfindig zu machen. Wir warten, bis am Abend die Gartentore geschlossen sind, sodass keine Nachricht mehr herein- oder hinausgelangt, und dann überrumpeln wir sie, indem wir mit ein paar Leuten in jedem Gartenhaus die Mägdezimmer durchsuchen. Wem dieser Beutel gehörte, wird bestimmt nicht nur ihn gehabt haben, sondern sicher noch mehr von solchem Zeug besitzen. Und bei welcher von ihnen dann etwas in dieser Art zum Vorschein kommt, der hat natürlich auch der Beutel gehört." | |
| − | + | Dame König erklärte sich einverstanden. „Das ist vollkommen richtig!" sagte sie. „So müssen wir vorgehen, sonst können wir auf keinen Fall Klarheit schaffen!" Dann fragte sie Phönixglanz nach ihrer Meinung, und Phönixglanz kam nicht umhin zuzustimmen: „Ihr habt recht, gnädige Frau. Also wollen wir es so machen!" | |
| − | „Der Plan ist ganz ausgezeichnet!" bekräftigte | + | „Der Plan ist ganz ausgezeichnet!" bekräftigte Dame König noch einmal. „Anders würden wir es auch in einem Jahr nicht herausfinden." Und damit galt die Haussuchung als beschlossene Sache. |
| − | Als sich die Herzoginmutter nach dem Abendessen schlafen gelegt hatte und Schatzspange<ref>薛宝钗</ref> mit den anderen Mädchen in den Garten zurückgekehrt war, forderte | + | Als sich die Herzoginmutter nach dem Abendessen schlafen gelegt hatte und Schatzspange<ref>薛宝钗</ref> mit den anderen Mädchen in den Garten zurückgekehrt war, forderte König Shanbaos Frau dann Phönixglanz auf, mit ihnen in den Garten zu kommen. Nachdem sie befohlen hatten, auch die Seitentore abzuschließen, begannen sie die Durchsuchung in der Wachstube der Nachtwächterinnen. Aber hier wurde lediglich ein Überschuss an gehorteten Kerzen und Lampenöl festgestellt. „Auch das ist Diebesgut und wird nicht angerührt, ehe morgen die gnädige Frau darüber informiert ist", entschied König Shanbaos Frau. |
| − | Anschließend gingen sie in den Hof der Freude | + | Anschließend gingen sie in den Hof der Roten Freude und befahlen, man solle das Tor hinter ihnen schließen. Da Heitermuster sich nicht wohl fühlte und plötzlich ein ganzer Trupp Frauen erschien und ohne Angabe von Gründen zu den Zimmern der Sklavenmädchen stürzte, trat Schatzjade auf Phönixglanz zu und fragte, was es gebe. |
| − | „Es ist etwas Wichtiges verloren gegangen", behauptete Phönixglanz, „und da es einer nur immer unsinnig auf den anderen schiebt, ist zu befürchten, dass die Mägde es gestohlen haben. Jetzt wird bei allen eine Durchsuchung vorgenommen, um jeden Zweifel zu zerstreuen." Nachdem sie das gesagt hatte, nahm sie Platz, um Tee zu trinken. Inzwischen machten sich | + | „Es ist etwas Wichtiges verloren gegangen", behauptete Phönixglanz, „und da es einer nur immer unsinnig auf den anderen schiebt, ist zu befürchten, dass die Mägde es gestohlen haben. Jetzt wird bei allen eine Durchsuchung vorgenommen, um jeden Zweifel zu zerstreuen." Nachdem sie das gesagt hatte, nahm sie Platz, um Tee zu trinken. Inzwischen machten sich König Shanbaos Frau und die anderen an die Sucharbeit, fragten bei jeder Truhe, wem sie gehörte, und ließen sie von der Besitzerin selbst aufmachen. |
Dufthauch, die sich schon vorhin beim Anblick von Heitermuster gesagt hatte, es müsse etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein, kam jetzt, als sie hörte, es gehe um eine Haussuchung, notgedrungen ebenfalls heraus und öffnete ihre Truhe und ihre Kästen, um alles durchsuchen zu lassen. Es waren jedoch nur die alltäglichsten Dinge darin, und so ließen die Frauen davon ab und wandten sich den Truhen der übrigen Sklavenmädchen zu, um sie eine nach der anderen zu kontrollieren. Als sie dabei schließlich zu Heitermusters Truhe kamen, fragten sie: „Wem gehört die? Warum ist sie noch nicht aufgemacht, damit wir sie durchsuchen können?" | Dufthauch, die sich schon vorhin beim Anblick von Heitermuster gesagt hatte, es müsse etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein, kam jetzt, als sie hörte, es gehe um eine Haussuchung, notgedrungen ebenfalls heraus und öffnete ihre Truhe und ihre Kästen, um alles durchsuchen zu lassen. Es waren jedoch nur die alltäglichsten Dinge darin, und so ließen die Frauen davon ab und wandten sich den Truhen der übrigen Sklavenmädchen zu, um sie eine nach der anderen zu kontrollieren. Als sie dabei schließlich zu Heitermusters Truhe kamen, fragten sie: „Wem gehört die? Warum ist sie noch nicht aufgemacht, damit wir sie durchsuchen können?" | ||
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Eben wollten Dufthauch und die übrigen Sklavenmädchen die Truhe öffnen, da kam Heitermuster mit aufgelöstem Haar hereingestürzt, riss den Deckel auf, dass es krachte, packte dann die Truhe mit beiden Händen am Boden und stülpte sie mit einem Ruck um, sodass das Unterste zuoberst kam und alles, was darin gewesen war, auf der Erde lag. | Eben wollten Dufthauch und die übrigen Sklavenmädchen die Truhe öffnen, da kam Heitermuster mit aufgelöstem Haar hereingestürzt, riss den Deckel auf, dass es krachte, packte dann die Truhe mit beiden Händen am Boden und stülpte sie mit einem Ruck um, sodass das Unterste zuoberst kam und alles, was darin gewesen war, auf der Erde lag. | ||
| − | Ärgerlich warf | + | Ärgerlich warf König Shanbaos Frau einen Blick auf die Sachen, konnte jedoch nichts Geheimes darunter entdecken. Also erstattete sie Phönixglanz ihre Meldung und schlug vor, ins nächste Gartenhaus weiterzugehen. Aber Phönixglanz fragte: „Habt ihr auch sorgfältig nachgesehen? Wenn bei der ganzen Durchsuchung nichts herauskommt, werden wir uns nur schwer rechtfertigen können." |
Doch übereinstimmend erklärten ihr die Frauen: „Wir haben jedes Stück umgedreht und alles angesehen. Es sind zwar auch Knabensachen dabei, aber die müssen einem Kind gehört haben, wahrscheinlich stammen sie noch aus Schatzjades Kindertagen. Das ist nichts von Belang." | Doch übereinstimmend erklärten ihr die Frauen: „Wir haben jedes Stück umgedreht und alles angesehen. Es sind zwar auch Knabensachen dabei, aber die müssen einem Kind gehört haben, wahrscheinlich stammen sie noch aus Schatzjades Kindertagen. Das ist nichts von Belang." | ||
| − | „Also wollen wir gehen und uns die anderen Häuser ansehen!" forderte Phönixglanz sie lächelnd auf und ging schon geradewegs hinaus. Dann aber sagte sie noch zu | + | „Also wollen wir gehen und uns die anderen Häuser ansehen!" forderte Phönixglanz sie lächelnd auf und ging schon geradewegs hinaus. Dann aber sagte sie noch zu König Shanbaos Frau: „Etwas wäre da noch, wenn ich auch nicht weiß, ob ich recht damit habe. Nämlich, wir sollten diese Haussuchung auf unsere Sippenangehörigen beschränken, die Räume von Fräulein Schnee<ref>Schatzspange, 薛宝钗</ref> dürfen wir auf gar keinen Fall durchsuchen!" |
| − | „Das versteht sich von selbst!" pflichtete | + | „Das versteht sich von selbst!" pflichtete König Shanbaos Frau ihr lächelnd bei. „Wie kämen wir dazu, die angeheiratete Verwandtschaft zu kontrollieren?!" |
| − | „Das meine ich auch", sagte Phönixglanz und nickte dazu. Bei diesen Worten waren sie schon in der | + | „Das meine ich auch", sagte Phönixglanz und nickte dazu. Bei diesen Worten waren sie schon in der Xiaoxiang-Bambushain-Fluss<ref>潇湘馆</ref> angelangt. Hier hatte sich Kajaljade<ref>林黛玉</ref> bereits schlafen gelegt, und als ihr plötzlich gemeldet wurde, wer alles gekommen war, konnte sie sich keinen Reim darauf machen. Sie wollte schon aufstehen, da kam Phönixglanz zu ihr herein, drückte sie auf das Kissen zurück und sagte, sie solle liegen bleiben. „Schlaf nur, wir gehen gleich wieder!" versicherte sie ihr und verwickelte sie zugleich in eine Plauderei. |
| − | Inzwischen ging | + | Inzwischen ging König Shanbaos Frau mit ihrem Gefolge in die Zimmer der Sklavenmädchen und ließ auch hier jede Truhe öffnen und jeden Deckelkorb ausleeren, um alles genau zu kontrollieren. Dabei fanden sie in Purpurkuckucks<ref>紫鹃</ref> Zimmer zwei abgelegte Namensamulette von Schatzjade, ein vollständiges Gürtelgehänge, zwei Seidenbeutelchen und eine Fächerhülle mit einem Fächer darin, und bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass es alles Dinge waren, die vor Jahr und Tag Schatzjade getragen hatte. Triumphierend ließ König Shanbaos Frau sogleich Phönixglanz herüberbitten, um ihr den Fund vorzuführen, und sagte dabei: „Wie kommt das hierher?" |
Aber lächelnd erklärte ihr Phönixglanz: „Schatzjade hat von klein auf jahrelang mit ihnen zusammen herumgetollt, und das sind natürlich alte Sachen von ihm. Daran ist überhaupt nichts Außergewöhnliches. Leg die Sachen nur zurück, und dann gehen wir weiter. Das wäre wahrhaftig das Beste!" Und Purpurkuckuck fügte dem lächelnd hinzu: „Noch bis zum heutigen Tage können wir die Sachen der beiden nicht richtig auseinanderhalten. Wenn ihr nach diesem Zeug hier fragt, habe ich schon längst vergessen, seit wann es bei uns liegt." | Aber lächelnd erklärte ihr Phönixglanz: „Schatzjade hat von klein auf jahrelang mit ihnen zusammen herumgetollt, und das sind natürlich alte Sachen von ihm. Daran ist überhaupt nichts Außergewöhnliches. Leg die Sachen nur zurück, und dann gehen wir weiter. Das wäre wahrhaftig das Beste!" Und Purpurkuckuck fügte dem lächelnd hinzu: „Noch bis zum heutigen Tage können wir die Sachen der beiden nicht richtig auseinanderhalten. Wenn ihr nach diesem Zeug hier fragt, habe ich schon längst vergessen, seit wann es bei uns liegt." | ||
| − | Ehe sie als Nächstes in Erkundeins<ref>探春</ref> Gehöft kamen, war | + | Ehe sie als Nächstes in Erkundeins<ref>探春</ref> Gehöft kamen, war Erkundefrühling ganz wider Erwarten schon von jemandem informiert worden. Und da sie sich sagte, so ein würdeloses Vorgehen müsse einen Grund haben, befahl sie all ihren Sklavenmädchen, mit brennenden Kerzen an der offenen Tür wartend Aufstellung zu nehmen, und als jetzt die zahlreichen Ankömmlinge erschienen, fragte sie, was eigentlich los sei. |
Lächelnd erklärte ihr Phönixglanz: „Es ist etwas verloren gegangen, und der Täter war trotz tagelanger Suche nicht zu ermitteln. Nun muss wohl jemand Außenstehender die Mädchen hier bezichtigt haben, deshalb wird einfach bei allen eine Durchsuchung vorgenommen, um jeden Verdacht auszuräumen. Das ist doch das beste Mittel, um sie reinzuwaschen." | Lächelnd erklärte ihr Phönixglanz: „Es ist etwas verloren gegangen, und der Täter war trotz tagelanger Suche nicht zu ermitteln. Nun muss wohl jemand Außenstehender die Mädchen hier bezichtigt haben, deshalb wird einfach bei allen eine Durchsuchung vorgenommen, um jeden Verdacht auszuräumen. Das ist doch das beste Mittel, um sie reinzuwaschen." | ||
| − | „Alle meine Mägde sind natürlich Diebinnen", sagte | + | „Alle meine Mägde sind natürlich Diebinnen", sagte Erkundefrühling mit sarkastischem Lächeln, „und ich bin die große Hehlerin. Also müsst ihr zuerst meine Truhen und Schränke durchsuchen, denn alles, was sie stehlen, geben sie mir zum Verstecken!" Damit befahl sie den Sklavenmädchen, sie sollten ihre Truhen und Schränke öffnen, ebenso ihren Spiegelkasten, ihr Schminkkästchen, ihr Deckenbündel, ihre Kleidersäcke und sämtliche anderen Behälter, groß und klein, und forderte dann Phönixglanz auf, alles zu durchsuchen. |
„Ich bin nur auf Befehl der gnädigen Frau hier, und du solltest mich nicht zu Unrecht verdächtigen, Kusine", sagte Phönixglanz mit lächelndem Gesicht. „Warum regst du dich unnötig auf?" Dann befahl sie den Sklavenmädchen, alles rasch wieder zuzumachen, und Friedchen und Fenger<ref>丰儿</ref> und die übrigen Mägde beeilten sich, Daishu<ref>待书</ref> und den anderen beim Verschließen und Einsammeln der Sachen zu helfen. | „Ich bin nur auf Befehl der gnädigen Frau hier, und du solltest mich nicht zu Unrecht verdächtigen, Kusine", sagte Phönixglanz mit lächelndem Gesicht. „Warum regst du dich unnötig auf?" Dann befahl sie den Sklavenmädchen, alles rasch wieder zuzumachen, und Friedchen und Fenger<ref>丰儿</ref> und die übrigen Mägde beeilten sich, Daishu<ref>待书</ref> und den anderen beim Verschließen und Einsammeln der Sachen zu helfen. | ||
| − | „Meine Sachen dürft ihr durchsuchen, aber nicht die meiner Mägde", sagte inzwischen | + | „Meine Sachen dürft ihr durchsuchen, aber nicht die meiner Mägde", sagte inzwischen Erkundefrühling. „Denn ich bin bösartiger als jeder andere, und alles, was meine Mägde besitzen, kenne ich ganz genau, alles wird bei mir hier drinnen aufbewahrt, und keine Nadel und keinen Faden können sie vor mir geheimhalten. Wenn ihr also eine Haussuchung machen wollt, müsst ihr sie bei mir machen. Und wenn ihr damit nicht einverstanden seid, dann geht es der gnädigen Frau melden! Sagt ihr nur, ich widersetzte mich ihrem Befehl, und die Strafe, die mir dafür zusteht, würde ich willig auf mich nehmen. |
Nur nicht so ungeduldig! Der Tag wird kommen, an dem auch bei euch eine Haussuchung gehalten wird! Habt ihr nicht heute früh von den Zhens gesprochen, die ihr Anwesen mir nichts, dir nichts genauso durchsuchen ließen, und dann ist eine Haussuchung bei ihnen selbst gehalten worden? Da sieht man, dass die großen Familien von außen nicht so leicht totzukriegen sind. Wie die Alten richtig sagten: ‚Ein Tausendfüßer zappelt lange, wenn er stirbt.'<ref>百足之虫,死而不僵 — Sprichwort, das bedeutet: Große Institutionen gehen nicht plötzlich unter, sondern verfallen langsam von innen.</ref> Erst wenn man von innen mit Selbstmord und Selbstzerstörung beginnt, kann es gelingen, alles dem Erdboden gleichzumachen." Bei den letzten Sätzen hatte sie unwillkürlich zu weinen begonnen. | Nur nicht so ungeduldig! Der Tag wird kommen, an dem auch bei euch eine Haussuchung gehalten wird! Habt ihr nicht heute früh von den Zhens gesprochen, die ihr Anwesen mir nichts, dir nichts genauso durchsuchen ließen, und dann ist eine Haussuchung bei ihnen selbst gehalten worden? Da sieht man, dass die großen Familien von außen nicht so leicht totzukriegen sind. Wie die Alten richtig sagten: ‚Ein Tausendfüßer zappelt lange, wenn er stirbt.'<ref>百足之虫,死而不僵 — Sprichwort, das bedeutet: Große Institutionen gehen nicht plötzlich unter, sondern verfallen langsam von innen.</ref> Erst wenn man von innen mit Selbstmord und Selbstzerstörung beginnt, kann es gelingen, alles dem Erdboden gleichzumachen." Bei den letzten Sätzen hatte sie unwillkürlich zu weinen begonnen. | ||
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Also erhob sich Phönixglanz von ihrem Sitz und verabschiedete sich. | Also erhob sich Phönixglanz von ihrem Sitz und verabschiedete sich. | ||
| − | „Hast du auch alles ganz genau kontrolliert?" fragte | + | „Hast du auch alles ganz genau kontrolliert?" fragte Erkundefrühling. „Wenn du morgen wiederkommst, lasse ich mir das nicht noch einmal gefallen." |
Lächelnd erwiderte Phönixglanz: „Wenn die Sachen deiner Mägde alle mit hier sind, braucht nichts kontrolliert zu werden." | Lächelnd erwiderte Phönixglanz: „Wenn die Sachen deiner Mägde alle mit hier sind, braucht nichts kontrolliert zu werden." | ||
| − | „Also, du bist wirklich raffiniert!" sagte | + | „Also, du bist wirklich raffiniert!" sagte Erkundefrühling mit verächtlichem Lächeln. „Selbst meine Kleidersäcke waren geöffnet, und trotzdem sagst du noch, es sei nichts kontrolliert worden. Morgen wirst du behaupten, ich hätte meine Mägde in Schutz genommen und keine Durchsuchung zugelassen. Darum sag es rechtzeitig! Wenn ihr weiterkontrollieren wollt, können wir alles noch einmal auspacken." |
| − | Phönixglanz wusste, dass | + | Phönixglanz wusste, dass Erkundefrühling von jeher anders war als die übrigen Mädchen, deshalb hatte sie keine andere Wahl, als ein Lächeln aufzusetzen und ihr zu versichern: „Einschließlich deiner eigenen Sachen habe ich alles genau gesehen." |
| − | „Habt auch ihr alles genau gesehen?" wollte | + | „Habt auch ihr alles genau gesehen?" wollte Erkundefrühling von den Sklavenfrauen wissen. |
Und lächelnd bestätigten Zhou Ruis Frau und die anderen: „Ja, wir haben alles genau gesehen." | Und lächelnd bestätigten Zhou Ruis Frau und die anderen: „Ja, wir haben alles genau gesehen." | ||
| − | Die Frau von | + | Die Frau von König Shanbao war jedoch ein Mensch ohne Sinn für das rechte Maß. Sie hatte zwar schon viel von Erkundefrühling reden gehört, nahm aber an, das müsse daran liegen, dass die anderen sie nicht zu durchschauen vermochten und einfach keinen Mumm hatten. Wie konnte sich denn ein Mädchen so aufspielen? Was durfte die sich schon groß erlauben, zumal sie nur die Tochter einer Nebenfrau war? Sie selbst konnte sich schließlich darauf berufen, dass sie von Dame Hsing mit in die Ehe gebracht worden war. |
| − | Sogar | + | Sogar Dame König musste sie noch mit anderen Augen ansehen, um wie viel mehr musste das erst für andere gelten! Und als sie jetzt sah, wie Erkundefrühling sich aufführte, nahm sie tatsächlich an, deren Zorn richte sich allein gegen Phönixglanz und habe mit ihnen gar nichts zu tun. |
Darum entschloss sie sich, ihre Machtstellung auszunutzen und sich ein rechtes Ansehen zu verschaffen, damit sie sich vor ihrer Herrin damit brüsten konnte. Sie schob sich also durch die Menge nach vorn, fasste den Saum von Erkundeins Gewand, hob ihn betont in die Höhe und sagte dabei kichernd: „Sogar eine Leibesvisitation habe ich gemacht und nichts dabei gefunden." | Darum entschloss sie sich, ihre Machtstellung auszunutzen und sich ein rechtes Ansehen zu verschaffen, damit sie sich vor ihrer Herrin damit brüsten konnte. Sie schob sich also durch die Menge nach vorn, fasste den Saum von Erkundeins Gewand, hob ihn betont in die Höhe und sagte dabei kichernd: „Sogar eine Leibesvisitation habe ich gemacht und nichts dabei gefunden." | ||
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Als Phönixglanz das sah, riet sie ihr schnell: „Geh, Muttchen, und spiel hier nicht verrückt!" | Als Phönixglanz das sah, riet sie ihr schnell: „Geh, Muttchen, und spiel hier nicht verrückt!" | ||
| − | Aber noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, klatschte es, und | + | Aber noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, klatschte es, und König Shanbaos Frau hatte Erkundeins Hand ins Gesicht bekommen. Zugleich geriet Erkundefrühling in heftigsten Zorn, wies mit dem Finger auf König Shanbaos Frau und fragte: „Wer bist du denn, dass du es wagst, an meinen Kleidern zu zerren? Nur um des Ansehens der gnädigen Frau willen und weil du schon bei Jahren bist, habe ich dich immer mit Muttchen angeredet. Du aber führst dich auf wie ein Hund, der sich auf die Macht seines Herrn verlässt, stellst jeden Tag etwas an und stiftest nichts als Unruhe. |
Jetzt endlich benimmst du dich völlig unerhört. Wenn du glaubst, dass ich genauso gutmütig sei wie euer Fräulein, das sich von euch beleidigen lässt, hast du dich verrechnet! Solange du nur meine Sachen durchsuchst, bleibe ich friedlich, aber zum Gespött machen lasse ich mich nicht von dir!" | Jetzt endlich benimmst du dich völlig unerhört. Wenn du glaubst, dass ich genauso gutmütig sei wie euer Fräulein, das sich von euch beleidigen lässt, hast du dich verrechnet! Solange du nur meine Sachen durchsuchst, bleibe ich friedlich, aber zum Gespött machen lasse ich mich nicht von dir!" | ||
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Bei diesen Worten hatte sie ihr Gewand geöffnet und ihren Rock abgelegt. Jetzt zog sie Phönixglanz zu sich heran, damit die sie durchsuchte, und sagte dazu: „Erspar es mir, mich von Sklaven abtasten zu lassen!" | Bei diesen Worten hatte sie ihr Gewand geöffnet und ihren Rock abgelegt. Jetzt zog sie Phönixglanz zu sich heran, damit die sie durchsuchte, und sagte dazu: „Erspar es mir, mich von Sklaven abtasten zu lassen!" | ||
| − | Rasch band ihr Phönixglanz mit Friedchens Hilfe den Rock wieder um und brachte ihre Ärmel in Ordnung. Dabei sagte sie mit scharfer Stimme zu | + | Rasch band ihr Phönixglanz mit Friedchens Hilfe den Rock wieder um und brachte ihre Ärmel in Ordnung. Dabei sagte sie mit scharfer Stimme zu König Shanbaos Frau: „Kaum hast du ein paar Schluck Wein getrunken, fängst du an, verrückt zu spielen, Muttchen. Neulich bist du dabei sogar mit der gnädigen Frau aneinandergeraten. Mach, dass du hinauskommst! Und kein Wort von der Sache!" Dann redete sie Erkundefrühling zu, ihr Temperament zu zügeln. |
| − | „Wenn ich nur wirklich Temperament hätte, dann hätte ich mir jetzt längst den Kopf eingerannt und mich umgebracht", erwiderte | + | „Wenn ich nur wirklich Temperament hätte, dann hätte ich mir jetzt längst den Kopf eingerannt und mich umgebracht", erwiderte Erkundefrühling mit kühlem Lächeln darauf. „Wie könnte ich sonst einer Sklavin erlauben, an meinem Körper nach Diebesgut zu suchen? Morgen werde ich in aller Frühe zuerst der Herzoginmutter und der gnädigen Frau davon berichten, und dann gehe ich hinüber, um mich bei meiner Tante zu entschuldigen. Egal, welche Strafe mir zukommt, ich nehme sie an!" |
| − | + | König Shanbaos Frau aber, die sich diese Abfuhr geholt hatte, sagte von draußen durchs Fenster: „Schluss und aus! Das war das erste Mal, dass mich jemand geschlagen hat. Morgen spreche ich mit der gnädigen Frau, und dann kehre ich in die Familie meiner Mutter zurück! Welchen Sinn hat für mich noch dies Leben?!" | |
| − | „Habt ihr gehört, was sie da gesagt hat?" fragte | + | „Habt ihr gehört, was sie da gesagt hat?" fragte Erkundefrühling ihre Sklavenmädchen. „Sie scheint noch zu glauben, ich würde etwas dagegen einwenden." |
| − | Als Daishu diese Aufforderung vernahm, lief sie hinaus, um | + | Als Daishu diese Aufforderung vernahm, lief sie hinaus, um König Shanbaos Frau zu sagen: „Wenn du wirklich zu deiner Mutter zurückgehen würdest, wäre das unser Glück. Es ist nur leider zu befürchten, dass du dich hier nicht losreißen kannst." |
„Ein prächtiges Mädchen!" stellte Phönixglanz lächelnd fest. „Wirklich, ‚Wie der Herr, so der Knecht.'" | „Ein prächtiges Mädchen!" stellte Phönixglanz lächelnd fest. „Wirklich, ‚Wie der Herr, so der Knecht.'" | ||
| − | „Diebe wie wir haben immer ein paar passende knappe Worte auf Lager, da war das sogar noch plump", sagte | + | „Diebe wie wir haben immer ein paar passende knappe Worte auf Lager, da war das sogar noch plump", sagte Erkundefrühling mit höhnischem Lächeln. „Bloß heimlich die Herrschaft aufstacheln können wir nicht." |
| − | Lächelnd ging Friedchen zu Daishu hinaus, um ihr einige besänftigende Worte zu sagen, und holte sie wieder herein. Auch Zhou Ruis Frau und die anderen redeten noch ein Weilchen zur Güte, und Phönixglanz wartete so lange, bis | + | Lächelnd ging Friedchen zu Daishu hinaus, um ihr einige besänftigende Worte zu sagen, und holte sie wieder herein. Auch Zhou Ruis Frau und die anderen redeten noch ein Weilchen zur Güte, und Phönixglanz wartete so lange, bis Erkundefrühling zu Bett gebracht war, ehe sie mit ihrem Gefolge zum Gehege der Warmen Düfte<ref>暖香坞</ref> aufbrach. |
| − | Da | + | Da Seidenweiß Pflaume<ref>李纨</ref> noch krank zu Bett lag und da sie eine unmittelbare Nachbarin von Bedauerfrühling<ref>惜春</ref> war, aber auch in der Nähe von Erkundefrühling wohnte, beschloss Phönixglanz, diese beiden Orte als Nächste aufzusuchen. Nun hatte Seidenweiß Pflaume eben erst ihre Medizin eingenommen und sich schlafen gelegt, darum konnte sie schlecht gestört werden, und so wurden nur die Zimmer ihrer Sklavenmädchen eins nach dem andern durchsucht, ohne dass dabei etwas zum Vorschein gekommen wäre. |
| − | Anschließend ging es zu | + | Anschließend ging es zu Bedauerfrühling. Und da Bedauerfrühling noch klein und unverständig war, sodass sie vor Schreck annahm, es müsse wer weiß etwas geschehen sein, kam Phönixglanz nicht umhin, sie zunächst einmal zu beruhigen. |
Dann fand sich zum allgemeinen Erstaunen in Ruhuas<ref>入画</ref> Truhe ein ansehnliches Paket kleiner Gold- und Silberbarren — insgesamt nicht weniger als dreißig bis vierzig Stück, eine Jadespange von einem Männergürtel, ein Bündel Männerschuhe und -strümpfe und ähnliche Dinge mehr. | Dann fand sich zum allgemeinen Erstaunen in Ruhuas<ref>入画</ref> Truhe ein ansehnliches Paket kleiner Gold- und Silberbarren — insgesamt nicht weniger als dreißig bis vierzig Stück, eine Jadespange von einem Männergürtel, ein Bündel Männerschuhe und -strümpfe und ähnliche Dinge mehr. | ||
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Ruhua war fahl im Gesicht geworden, und als man sie fragte, woher die Sachen stammten, fiel sie auf die Knie, um weinend zu gestehen: „Die Sachen hat der junge Herr Juwel<ref>贾珍</ref> meinem großen Bruder geschenkt. Weil jedoch unsere Eltern im Süden sind, leben wir hier mit unserem Onkel, aber der und die Tante haben nichts anderes im Sinn als nur Weintrinken und Glücksspiele. Deshalb hatte mein Bruder Angst, die Sachen dem Onkel zu geben, weil der nur alles verschwendet hätte, und so hat er jedes Mal, wenn er ein Geschenk bekam, ein altes Muttchen gebeten, es zu mir in den Garten zu tragen, damit ich es für ihn aufbewahre." | Ruhua war fahl im Gesicht geworden, und als man sie fragte, woher die Sachen stammten, fiel sie auf die Knie, um weinend zu gestehen: „Die Sachen hat der junge Herr Juwel<ref>贾珍</ref> meinem großen Bruder geschenkt. Weil jedoch unsere Eltern im Süden sind, leben wir hier mit unserem Onkel, aber der und die Tante haben nichts anderes im Sinn als nur Weintrinken und Glücksspiele. Deshalb hatte mein Bruder Angst, die Sachen dem Onkel zu geben, weil der nur alles verschwendet hätte, und so hat er jedes Mal, wenn er ein Geschenk bekam, ein altes Muttchen gebeten, es zu mir in den Garten zu tragen, damit ich es für ihn aufbewahre." | ||
| − | Furchtsam, wie | + | Furchtsam, wie Bedauerfrühling war, bekam sie es auch jetzt mit der Angst zu tun und sagte: „Davon habe ich nichts gewusst. Das ist unerhört! Aber wenn du sie schlagen willst, Schwägerin, führ sie bitte hinaus und schlag sie draußen. Ich bin es nicht gewohnt, so etwas anzuhören." |
Aber Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Wenn es wahr ist, was sie sagt, könnte man ihr schon verzeihen. Nur hätte sie die Sachen nicht heimlich hier einschmuggeln dürfen. Denn wenn man das einschmuggeln kann, kann man alles andere auch einschmuggeln. Dieses Vergehen geht zu Lasten der Schmugglerin. Falls es jedoch nicht wahr ist, was sie gesagt hat, und die Sachen sind gestohlen, kann sie getrost vom Leben Abschied nehmen." | Aber Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Wenn es wahr ist, was sie sagt, könnte man ihr schon verzeihen. Nur hätte sie die Sachen nicht heimlich hier einschmuggeln dürfen. Denn wenn man das einschmuggeln kann, kann man alles andere auch einschmuggeln. Dieses Vergehen geht zu Lasten der Schmugglerin. Falls es jedoch nicht wahr ist, was sie gesagt hat, und die Sachen sind gestohlen, kann sie getrost vom Leben Abschied nehmen." | ||
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„Natürlich werde ich mich danach erkundigen", versicherte Phönixglanz. „Doch selbst dann, wenn es wirklich Geschenke sind, hast du dich eines Vergehens schuldig gemacht. Wer hat dir gestattet, hier etwas heimlich hereinzuschaffen? Aber sag mir, wer euch dabei geholfen hat, dann vergebe ich dir! Und noch einmal darfst du das auf gar keinen Fall tun!" | „Natürlich werde ich mich danach erkundigen", versicherte Phönixglanz. „Doch selbst dann, wenn es wirklich Geschenke sind, hast du dich eines Vergehens schuldig gemacht. Wer hat dir gestattet, hier etwas heimlich hereinzuschaffen? Aber sag mir, wer euch dabei geholfen hat, dann vergebe ich dir! Und noch einmal darfst du das auf gar keinen Fall tun!" | ||
| − | „Schon diesmal darfst du ihr nicht verzeihen, Schwägerin!" mischte | + | „Schon diesmal darfst du ihr nicht verzeihen, Schwägerin!" mischte Bedauerfrühling sich ein. „Hier sind viele Leute beisammen, und wenn nicht an ihr ein Exempel statuiert wird, sodass auch die Schlimmeren davon erfahren, werden sie sich wer weiß wie aufführen. Wenn du ihr vergibst, werde ich mich damit nicht abfinden." |
„Ich habe immer gesehen, dass sie gar nicht so schlecht ist", widersprach Phönixglanz. „Gibt es denn jemand, der nie einen Fehler begeht? Und es ist ja nur dies eine Mal. Wenn sie sich noch einmal etwas zuschulden kommen lässt, wird sie für beide Vergehen zugleich bestraft. Ich möchte nur wissen, wer die Schmugglerin war." | „Ich habe immer gesehen, dass sie gar nicht so schlecht ist", widersprach Phönixglanz. „Gibt es denn jemand, der nie einen Fehler begeht? Und es ist ja nur dies eine Mal. Wenn sie sich noch einmal etwas zuschulden kommen lässt, wird sie für beide Vergehen zugleich bestraft. Ich möchte nur wissen, wer die Schmugglerin war." | ||
| − | „Nach der brauchst du nicht lange zu suchen", meinte | + | „Nach der brauchst du nicht lange zu suchen", meinte Bedauerfrühling darauf. „Bestimmt ist es diese alte Mutter Zhang vom Hintertor. Sie hatte immer ihre Heimlichkeiten mit den Mägden, und die Mägde waren auch immer gut zu ihr." |
| − | Als Phönixglanz das hörte, befahl sie den Frauen, es sich zu merken. Dann gab sie den Fund aus Ruhuas Truhe vorläufig Zhou Ruis Frau in Verwahrung, um am nächsten Tag, wenn sie ihre Informationen eingeholt hätte, darüber befinden zu können. Anschließend verabschiedete sie sich von | + | Als Phönixglanz das hörte, befahl sie den Frauen, es sich zu merken. Dann gab sie den Fund aus Ruhuas Truhe vorläufig Zhou Ruis Frau in Verwahrung, um am nächsten Tag, wenn sie ihre Informationen eingeholt hätte, darüber befinden zu können. Anschließend verabschiedete sie sich von Bedauerfrühling und ging nun weiter zu Willkommensfrühling. |
| − | + | Willkommensfrühling selbst schlief bereits, und ihre Sklavenmädchen wollten sich gerade ebenfalls hinlegen, darum mussten die Besucherinnen lange ans Tor klopfen, ehe ihnen endlich geöffnet wurde. „Das Fräulein dürft ihr nicht aufstören!" befahl Phönixglanz und wandte sich zu den Zimmern der Sklavenmädchen. | |
| − | Da Siqi<ref>司棋</ref> über ihre Mutter eine Enkelin von | + | Da Siqi<ref>司棋</ref> über ihre Mutter eine Enkelin von König Shanbaos Frau war, wollte Phönixglanz sehen, ob König Shanbaos Frau wohl insgeheim parteiisch war oder nicht, und beobachtete diesmal genau, wie die Durchsuchung vonstatten ging. Zuerst wurde bei den anderen nachgesehen und nirgends etwas Verdächtiges festgestellt. Als sie dann zu Siqis Truhe kamen, sahen sie sie ebenfalls durch, und König Shanbaos Frau sagte: „Hier ist auch nichts." |
Doch als der Deckel gerade wieder zugeklappt werden sollte, forderte Zhou Ruis Frau die anderen auf: „Wartet mal! Was ist denn das hier?" Und sie streckte die Hand aus, um ein Paar Männerstrümpfe mit Brokatbändern und ein Paar Damastschuhe aus der Truhe zu ziehen. Außerdem fand sie noch ein kleines Päckchen mit einem Liebessymbol in Form zweier ineinander verschlungener Glückwunschzepter und einem beschriebenen Briefbogen darin. | Doch als der Deckel gerade wieder zugeklappt werden sollte, forderte Zhou Ruis Frau die anderen auf: „Wartet mal! Was ist denn das hier?" Und sie streckte die Hand aus, um ein Paar Männerstrümpfe mit Brokatbändern und ein Paar Damastschuhe aus der Truhe zu ziehen. Außerdem fand sie noch ein kleines Päckchen mit einem Liebessymbol in Form zweier ineinander verschlungener Glückwunschzepter und einem beschriebenen Briefbogen darin. | ||
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Als Phönixglanz zu Ende gelesen hatte, war sie nicht zornig, sondern fröhlich. Von ihren Begleiterinnen aber konnte keine schreiben und lesen. | Als Phönixglanz zu Ende gelesen hatte, war sie nicht zornig, sondern fröhlich. Von ihren Begleiterinnen aber konnte keine schreiben und lesen. | ||
| − | + | König Shanbaos Frau, die von der Liebesgeschichte zwischen den beiden Geschwisterkindern in ihrer Familie keine Ahnung hatte, war beim Anblick der Schuhe und Strümpfe schon von einem unguten Gefühl befallen worden. Als sie dann den rot bedruckten Bogen erblickte und sah, wie Phönixglanz beim Lesen schmunzelte, sagte sie: „Das ist bestimmt eine dumme Rechnung, in der kein einziges Schriftzeichen richtig ist, dass Ihr Euch so darüber amüsiert, junge gnädige Frau!" | |
„Ja", sagte Phönixglanz, „diese Rechnung geht wirklich nicht auf. Du bist doch Siqis Großmutter. Da müsste doch ihr Vetter ebenfalls Wang heißen, warum nennt er sich Pan?" | „Ja", sagte Phönixglanz, „diese Rechnung geht wirklich nicht auf. Du bist doch Siqis Großmutter. Da müsste doch ihr Vetter ebenfalls Wang heißen, warum nennt er sich Pan?" | ||
| − | + | König Shanbaos Frau wunderte sich zwar über die Frage, kam aber nicht umhin zu antworten: „Siqis Tante väterlicherseits ist jemand aus der Familie Pan zur Frau gegeben worden, und darum heißt Siqis Vetter mit Familiennamen Pan. Es ist dieser Pan Youan, der neulich entflohen ist." | |
„Genau so muss es sein!" bestätigte Phönixglanz. „Hör jetzt zu, was auf dem Zettel steht!" Und sie las den ganzen Brief laut vor, was alle vor Schreck erstarren ließ. | „Genau so muss es sein!" bestätigte Phönixglanz. „Hör jetzt zu, was auf dem Zettel steht!" Und sie las den ganzen Brief laut vor, was alle vor Schreck erstarren ließ. | ||
| − | + | König Shanbaos Frau hatte nichts sehnlicher gewünscht, als jemanden bei einer Verfehlung zu ertappen, und nun war die Ertappte ihre eigene Enkeltochter. Darüber war sie ärgerlich und beschämt zugleich. Jetzt sagten auch noch Zhou Ruis Frau und die drei anderen Sklavenfrauen: „Hast du gehört, Alte? Das ist klar und deutlich, dazu ist nichts mehr zu sagen. Was meinst du, was nun zu tun ist?" | |
| − | Da bedauerte | + | Da bedauerte König Shanbaos Frau nur, dass keine Spalte im Boden war, in die sie sich hätte verkriechen können. Phönixglanz aber lachte ihr ungeniert ins Gesicht und bemerkte dann lächelnd zu Zhou Ruis Frau: „Das ist doch gut! Sie hat der alten Oma die Mühe erspart und in aller Stille und Heimlichkeit selbst einen feinen Schwiegersohn ins Haus gebracht. So haben schließlich alle weniger Sorgen!" |
| − | Auch Zhou Ruis Frau machte lächelnd ihre Scherze, bis | + | Auch Zhou Ruis Frau machte lächelnd ihre Scherze, bis König Shanbaos Frau, die ihren Zorn nirgends abreagieren konnte, mit der Hand ausholte, sich selbst ins Gesicht schlug und sich dabei noch beschimpfte: „Du alte Hure, die ihre Zeit überlebt hat! Wozu hast du mit deinen Sünden den Grund gelegt?! Die eigene Großmäuligkeit bringt dir jetzt Maulschellen ein. Die Vergeltung kam in derselben Existenz und dazu noch vor aller Augen!" |
Alle, die das mit ansahen, wollten sich ausschütten vor Lachen und vermischten weiteren Spott mit scheinbar begütigenden Worten. | Alle, die das mit ansahen, wollten sich ausschütten vor Lachen und vermischten weiteren Spott mit scheinbar begütigenden Worten. | ||
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Am nächsten Tag fühlte Phönixglanz sich außerordentlich matt, und als sie aufstand, wurde ihr so schwindlig, dass sie sich nicht auf den Beinen zu halten vermochte. Ein Hofarzt wurde geholt, und nachdem er ihr die Pulse gefühlt hatte, setzte er folgenden Befund auf: „Die junge gnädige Frau leidet offensichtlich an Herzschwäche, und durch Entkräftung entstandenes Feuer hat von der Milz Besitz ergriffen. Die Ursachen sind in Kummer und Überanstrengung zu suchen, und die Folge besteht in einem süchtigen Verlangen nach Ruhe und Schlaf. Da der Magen in Mitleidenschaft gezogen und das Holzelement der Leber geschwächt ist, besteht Appetitlosigkeit. Vorläufig sind Medikamente angezeigt, die dem Yang-Element aufhelfen und eine allgemeine Kräftigung bewirken." Nachdem er das geschrieben hatte, fügte er die Namen einiger Arzneimittel hinzu, aber das waren nur Ginseng, Engelwurz, Tragant und dergleichen. | Am nächsten Tag fühlte Phönixglanz sich außerordentlich matt, und als sie aufstand, wurde ihr so schwindlig, dass sie sich nicht auf den Beinen zu halten vermochte. Ein Hofarzt wurde geholt, und nachdem er ihr die Pulse gefühlt hatte, setzte er folgenden Befund auf: „Die junge gnädige Frau leidet offensichtlich an Herzschwäche, und durch Entkräftung entstandenes Feuer hat von der Milz Besitz ergriffen. Die Ursachen sind in Kummer und Überanstrengung zu suchen, und die Folge besteht in einem süchtigen Verlangen nach Ruhe und Schlaf. Da der Magen in Mitleidenschaft gezogen und das Holzelement der Leber geschwächt ist, besteht Appetitlosigkeit. Vorläufig sind Medikamente angezeigt, die dem Yang-Element aufhelfen und eine allgemeine Kräftigung bewirken." Nachdem er das geschrieben hatte, fügte er die Namen einiger Arzneimittel hinzu, aber das waren nur Ginseng, Engelwurz, Tragant und dergleichen. | ||
| − | Ein Weilchen später, als der Arzt wieder fort war, gingen die alten Ammen mit dem Rezept zu | + | Ein Weilchen später, als der Arzt wieder fort war, gingen die alten Ammen mit dem Rezept zu Dame König, um ihr Bericht zu erstatten, und nun litt sie natürlich noch unter einem weiteren Kummer. Die Angelegenheit mit Siqi blieb daher vorläufig unerledigt. |
| − | Zufällig kam eben | + | Zufällig kam eben Dame Sonders<ref>尤氏</ref> herüber, um Phönixglanz einen Besuch zu machen, und nachdem sie eine Zeitlang bei ihr gesessen hatte, ging sie in den Garten, um auch Seidenweiß Pflaume zu besuchen. Anschließend wollte sie noch zu den Mädchen gehen, aber da erschien plötzlich eine Botin von Bedauerfrühling, um Dame Sonders zu ihrer Herrin hinüberzubitten. Als Dame Sonders dort angekommen war, berichtete Bedauerfrühling ihr den Vorfall vom vergangenen Abend in allen Einzelheiten und ließ ihr dann die Sachen aus Ruhuas Truhe vorlegen. |
| − | „Das sind tatsächlich Geschenke, die dein Bruder ihrem Bruder gemacht hat", bestätigte | + | „Das sind tatsächlich Geschenke, die dein Bruder ihrem Bruder gemacht hat", bestätigte Dame Sonders, setzte dann aber hinzu: „Sie hätte sie bloß nicht heimlich hier hereinschaffen dürfen. Auf diese Weise ist das Monopolsalz zu Schmuggelsalz geworden." Anschließend beschimpfte sie Ruhua, das Fett müsse ihr das Herz verkleistert und sie dumm gemacht haben. |
| − | + | Bedauerfrühling dagegen erwiderte: „Erst erzieht ihr die Mägde nicht streng genug, und dann beschimpft ihr sie. Von allen Kusinen bin ich die einzige, die so eine unverschämte Magd hat, dass ich keinem Menschen mehr ins Gesicht sehen kann. Gestern habe ich Kusine Phönixglanz gedrängt, sie auf der Stelle mitzunehmen, aber damit war Phönixglanz nicht einverstanden, und da Ruhua von drüben aus eurem Anwesen stammt, musste ich mir sagen, Phönixglanz habe recht. Heute wollte ich sie gerade zu euch hinüberbringen lassen, darum kommst du eben richtig, Schwägerin. Also nimm sie nur rasch mit! Ob ihr sie verprügeln, totschlagen oder verkaufen werdet, ist mir einerlei." | |
Als Ruhua das hörte, kniete sie noch einmal nieder und flehte unter Tränen: „Ich will das nie wieder tun, Fräulein, und ich bitte Euch nur um das eine: Denkt daran, was uns von klein auf miteinander verbunden hat, und lasst mich um alles in der Welt bei Euch leben und sterben!" | Als Ruhua das hörte, kniete sie noch einmal nieder und flehte unter Tränen: „Ich will das nie wieder tun, Fräulein, und ich bitte Euch nur um das eine: Denkt daran, was uns von klein auf miteinander verbunden hat, und lasst mich um alles in der Welt bei Euch leben und sterben!" | ||
| − | Auch | + | Auch Dame Sonders und Bedauerfrühlings alte Ammen setzten sich für Ruhua ein und sagten: „Sie hat dieses eine Mal eine Dummheit gemacht und wird es kein zweites Mal wagen. Von Kindesbeinen an hat sie dir gedient, darum ist es nur recht und billig, wenn du sie bei dir behältst." |
| − | Aber | + | Aber Bedauerfrühling besaß trotz ihrer Jugend die Charaktereigenschaft, unbeugsam rechtschaffen und stolz zu sein. Was man ihr auch sagen mochte, für sie galt nur, dass sie ihr Ansehen einbüßen würde, also biss sie die Zähne zusammen und lehnte es entschieden ab, Ruhua bei sich zu behalten. Sie ging sogar noch weiter, indem sie erklärte: „Nicht nur, dass ich Ruhua nicht mehr will, ich bin jetzt auch groß und kann nicht gut noch länger zu euch hinüberkommen. Zumal ich in letzter Zeit immer wieder gerüchteweise davon höre, dass heimlich irgendwelche haarsträubenden Dinge von euch erzählt werden. Wenn ich euch noch weiter besuche, werde ich selbst ins Gerede kommen." |
| − | „Wer erzählt da von uns?" fragte | + | „Wer erzählt da von uns?" fragte Dame Sonders. „Und was gibt es von uns zu erzählen? Wer bist du, und wer sind wir? Wenn du hörst, wie jemand über uns herzieht, müsstest du ihn zur Rechenschaft ziehen, das wäre richtig!" |
| − | Aber mit kühlem Lächeln gab | + | Aber mit kühlem Lächeln gab Bedauerfrühling zur Antwort: „Das hast du aber fein gesagt! Für mich als Mädchen ist Zurückhaltung das einzige, was in Frage kommt. Was würde aus mir werden, wenn ich anfangen wollte zu rechten? Und noch etwas: Ich habe keine Angst davor, dass du wütend wirst. Glücklicherweise habe ich meinen eigenen Verstand, warum also sollte ich andere fragen? |
Die Alten sagen zu Recht: ‚Wenn es um Gut und Böse, Leben und Sterben geht, können auch Vater und Sohn einander nicht helfen.' Um wie viel mehr gilt das für mich und dich! Für mich heißt es nur, mich selbst zu bewahren, und das ist mir genug, mit euch will ich nichts zu tun haben. Ihr dürft mich also nicht mit hineinziehen, wenn euch in Zukunft etwas zustößt!" | Die Alten sagen zu Recht: ‚Wenn es um Gut und Böse, Leben und Sterben geht, können auch Vater und Sohn einander nicht helfen.' Um wie viel mehr gilt das für mich und dich! Für mich heißt es nur, mich selbst zu bewahren, und das ist mir genug, mit euch will ich nichts zu tun haben. Ihr dürft mich also nicht mit hineinziehen, wenn euch in Zukunft etwas zustößt!" | ||
| − | + | Dame Sonders war ärgerlich und belustigt zugleich, und zum anwesenden Gesinde gewandt, sagte sie: „Kein Wunder, wenn jedermann sagt, das vierte gnädige Fräulein sei jung und dumm! Ich hatte das bloß nicht glauben wollen. Habt ihr gehört, was sie eben gesagt hat, ohne Grund und Ursache, ohne Verständnis für Gut und Böse und ohne Gefühl für Maß und Norm? Es war zwar nur das Geschwätz eines Kindes, aber es konnte einem heiß und kalt dabei werden." | |
„Das Fräulein ist noch jung", sagten die alten Ammen lächelnd, „da müsst Ihr schon etwas einstecken, junge gnädige Frau!" | „Das Fräulein ist noch jung", sagten die alten Ammen lächelnd, „da müsst Ihr schon etwas einstecken, junge gnädige Frau!" | ||
| − | Wieder lächelte | + | Wieder lächelte Bedauerfrühling geringschätzig und parierte: „Ich bin zwar jung, aber aus meinen Worten spricht nicht die Jugend. Ihr könnt nicht lesen, kennt kaum ein paar Schriftzeichen, also seid ihr die Dummköpfe. Jetzt seht ihr jemand, der Verstand besitzt, aber da sagt ihr, ich sei jung und dumm." |
| − | „Ja, du gehörst zu den Besten in der Palastprüfung, bist das größte Talent aller Zeiten", höhnte | + | „Ja, du gehörst zu den Besten in der Palastprüfung, bist das größte Talent aller Zeiten", höhnte Dame Sonders. „Wir aber sind dumm und haben keinen Verstand. Bist du nun zufrieden?" |
| − | „Als ob es unter den Besten in der Palastprüfung keine Dummköpfe gäbe!" erwiderte | + | „Als ob es unter den Besten in der Palastprüfung keine Dummköpfe gäbe!" erwiderte Bedauerfrühling. „Man weiß doch, dass es auch unter ihnen welche gibt, denen die Erleuchtung fehlt." |
| − | „Fein sagst du das!" fuhr wieder | + | „Fein sagst du das!" fuhr wieder Dame Sonders lächelnd fort. „Eben warst du noch das große Prüfungstalent, jetzt bist du ein weiser Mönch und sprichst von Erleuchtung." |
| − | „Wenn ich nicht erleuchtet wäre, würde ich auch nicht auf Ruhua verzichten", erklärte | + | „Wenn ich nicht erleuchtet wäre, würde ich auch nicht auf Ruhua verzichten", erklärte Bedauerfrühling. |
| − | „Das zeigt nur, dass du hartherzig und kaltschnäuzig bist, bösartig und starrsinnig", behauptete | + | „Das zeigt nur, dass du hartherzig und kaltschnäuzig bist, bösartig und starrsinnig", behauptete Dame Sonders. |
| − | „‚Wer nicht hart zu sein versteht, kann auch nicht für sich einstehen.' Das ist ebenfalls ein Wort von den Alten", gab | + | „‚Wer nicht hart zu sein versteht, kann auch nicht für sich einstehen.' Das ist ebenfalls ein Wort von den Alten", gab Bedauerfrühling zurück. „Warum soll ich mich, rein und sauber, wie ich bin, von euch in den Schmutz ziehen lassen?" |
| − | Da | + | Da Dame Sonders wirklich Dreck am Stecken hatte, fürchtete sie natürlich jede Erwähnung davon. Schon als von den Gerüchten die Rede gewesen war, hatten Scham und Wut ihr Herz bedrängt, weil sie das aber nicht gut an Bedauerfrühling auslassen konnte, hatte sie es mehr oder weniger hinnehmen müssen. |
Als sie aber den letzten Satz hörte, konnte sie sich nicht länger beherrschen und fragte: „Was heißt, wir ziehen dich in den Schmutz? Deine Magd hat etwas angestellt, und du greifst mich an. Lange genug habe ich mir das gefallen lassen, aber du bist immer selbstgerechter geworden und sagst mir jetzt solche Sachen! Wenn du so ein überaus edles Fräulein bist, werden wir uns in Zukunft von dir fernhalten, damit der gute Ruf des Fräuleins nicht leidet. Und Ruhua werde ich sofort mitnehmen lassen." Mit diesen Worten erhob sie sich zornig von ihrem Platz, um zu gehen. | Als sie aber den letzten Satz hörte, konnte sie sich nicht länger beherrschen und fragte: „Was heißt, wir ziehen dich in den Schmutz? Deine Magd hat etwas angestellt, und du greifst mich an. Lange genug habe ich mir das gefallen lassen, aber du bist immer selbstgerechter geworden und sagst mir jetzt solche Sachen! Wenn du so ein überaus edles Fräulein bist, werden wir uns in Zukunft von dir fernhalten, damit der gute Ruf des Fräuleins nicht leidet. Und Ruhua werde ich sofort mitnehmen lassen." Mit diesen Worten erhob sie sich zornig von ihrem Platz, um zu gehen. | ||
| − | „Wenn du wirklich nicht mehr kommst, bleiben mir Zank und Streit erspart, und alle haben ihre Ruhe", rief | + | „Wenn du wirklich nicht mehr kommst, bleiben mir Zank und Streit erspart, und alle haben ihre Ruhe", rief Bedauerfrühling ihr noch hinterher, aber Dame Sonders ging geradewegs hinaus, ohne etwas darauf zu erwidern. |
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Latest revision as of 19:36, 28 April 2026
Vierundsiebzigstes Kapitel
Eine schurkische Verleumderin erwirkt, dass im Garten der Großen Anschauung eine Haussuchung gehalten wird; Ein einsam-stolzes Mädchen erklärt, dass es den Umgang mit dem Stillfriede-Anwesen abbrechen will
Während also Friedchen[1] belustigt anhörte, was Willkommensfrühling[2] ihr erwiderte, erschien plötzlich auch noch Schatzjade[3], und das kam so: Nachdem die jüngere Schwester von Frau Liu, der Verantwortlichen für die Gartenküche, als Leiterin einer der Spielhöllen entlarvt worden war, fanden sich Leute im Garten, die Frau Liu von jeher feindlich gesinnt waren und deshalb auch sie noch anzeigten. Sie behaupteten, Frau Liu habe mit ihrer Schwester unter einer Decke gesteckt, diese habe zwar ihren Namen hergegeben, aber mit den Einnahmen hätten sie halbpart gemacht. So sollte Frau Liu jetzt von Phönixglanz[4] bestraft werden.
Als Frau Liu davon erfahren hatte, war sie in Erregung geraten, und da sie bedachte, dass sie sich am besten von allen immer mit dem Personal im Hof der Roten Freude[5] verstanden hatte, ging sie dorthin und bat heimlich Heitermuster[6] und Goldstern Glas[7] um Hilfe. Goldstern Glas sagte es Schatzjade weiter, und Schatzjade dachte sich, da auch Willkommensfrühlings Amme desselben Vergehens angeklagt war, würde es besser sein, wenn er sich mit Willkommensfrühling zusammentäte, um für beide Frauen um Gnade zu bitten, als wenn er allein nur für Frau Liu bäte, und so war er herübergekommen.
Hier aber fand er nun zahlreiche Gäste vor, und alle fragten ihn sogleich: „Bist du wieder wohlauf? Was willst du denn hier?"
Da Schatzjade nicht gut verraten konnte, dass es um ein Gnadengesuch ging, sagte er einfach: „Ich wollte Kusine Willkommensfrühling besuchen." Niemand dachte sich etwas dabei, und alle plauderten zwanglos weiter.
Dann ging Friedchen fort, um die Angelegenheit mit dem goldenen Filigranphönix-Haarschmuck zu erledigen. König Zhuers[8] Frau folgte ihr auf dem Fuße und bettelte dabei auf hunderterlei Weise. „Wenn Ihr mich nur nicht ins Unglück stürzt, werde ich den Haarschmuck auf Biegen und Brechen wieder auslösen!" versprach sie.
„Ob du ihn nun früher oder später auslöst, das Wesentliche ist, dass es erst gar nicht so weit hätte kommen dürfen", sagte Friedchen lächelnd. „Wenn du sagen willst, dass es mit dem Vergangenen aus und vorbei ist, wäre es mir peinlich, dich noch deswegen anzuzeigen. Löse also den Haarschmuck so früh wie möglich aus und bring ihn mir, damit ich ihn zurückgeben kann, dann will ich die Sache mit keinem Wort erwähnen!"
Jetzt konnte König Zhuers Frau wieder beruhigt sein, und nachdem sie sich mit zeremoniellem Gruß bedankt hatte, setzte sie noch hinzu: „Geht nur Eurer geschätzten Tätigkeit nach, Fräulein! Ich löse den Haarschmuck aus, bevor es Abend wird, und melde mich bei Euch, ehe ich ihn zurückgebe. Wie findet Ihr das?"
„Gut, aber beklag dich nicht bei mir über die Folgen, wenn du nicht hältst, was du versprichst!" ermahnte Friedchen sie noch einmal. Dann gingen sie jede ihres Weges.
Als Friedchen zurück war, fragte Phönixglanz: „Warum hat das dritte Fräulein dich rufen lassen?"
„Sie befürchtete, Ihr könntet Euch aufgeregt haben, und wollte mich bitten, dass ich Euch gut zurede", gab Friedchen vor. „Außerdem hat sie gefragt, wie in den letzten Tagen Euer Appetit war."
„Sie macht sich doch wenigstens noch Gedanken um mich!" lobte Phönixglanz lächelnd. Dann fuhr sie fort: „Inzwischen ist noch etwas passiert. Jemand hat mir angezeigt, Frau Liu sei an der Spielhölle, die ihre jüngere Schwester betrieb, beteiligt gewesen. Alles, was die Jüngere tat, sei von der Älteren befohlen gewesen. Aber ich sage mir, du hast mir oft genug geraten: ‚Eine Sorge weniger ist besser als eine Sorge mehr.' So könne man sich das Herz frei halten und den Körper schonen, was auch nicht zu verachten sei. Nur weil ich nicht darauf hören konnte, hat sich das tatsächlich an mir bewahrheitet — zuerst habe ich der gnädigen Frau unrecht getan, und dann habe ich mir eine Krankheit geholt.
Jetzt endlich sind mir die Augen aufgegangen, und von mir aus kann jeder machen, was er will. Es sind noch genug andere da, die sich darum kümmern können. Ich rege mich nur sinnlos auf und bringe noch alle dazu, dass sie mich verfluchen. Lieber will ich mich in Ruhe auskurieren, das ist mir jetzt das Allerwichtigste. Und wenn ich wieder gesund bin, werde ich die liebe Tante spielen, mich freuen und mich amüsieren und alle anderen tun und treiben lassen, was ihnen Spaß macht. Darum habe ich einfach gesagt, es sei gut, ich wisse Bescheid, und habe mir die Sache nicht zu Herzen genommen."
„Wenn das Euer Ernst ist, würde es unser Glück bedeuten, junge gnädige Frau", sagte Friedchen lächelnd.
Das hatte sie kaum gesagt, als Kette Kaufmann[9] hereinkam, die Hände zusammenschlug und seufzend verkündete: „Eben war noch alles gut, und nun ist schon wieder etwas geschehen! Woher weiß die gnädige Frau von drüben[10], dass ich mir neulich durch Mandarinenente[11] etwas zum Versetzen besorgt habe? Eben ließ sie mich rufen und befahl mir, ich solle — egal woher — zweihundert Liang Silber für sie abzweigen, die sie zum Mittelherbstfest[12] brauche.
Als ich ihr sagte, das könne ich nicht, erwiderte sie: ‚Wenn du selbst kein Geld hast, weißt du immer, woher du welches bekommst, aber wenn ich nur mit dir beratschlagen will, speist du mich mit einer Ausrede ab und sagst, du habest keine Möglichkeit. Und woher hast du neulich, als du dir eintausend Liang beschafftest, etwas zum Verpfänden gehabt? Sogar die Wertsachen der Herzoginmutter verstehst du wie mit Geisterhand fortzuschaffen, und wenn ich jetzt zweihundert Liang von dir haben will, kommst du mir so. Ein Glück nur, dass ich niemand davon erzählt habe!'
Ich frage mich nur, warum die gnädige Frau, die doch bestimmt nicht knapp bei Kasse ist, so einen Anlass bemüht, um einem etwas am Zeuge zu flicken!"
„An jenem Tag war aber niemand Fremdes anwesend, wer also kann die Sache verraten haben?" fragte Phönixglanz.
Friedchen rief sich genau ins Gedächtnis zurück, wer seinerzeit alles dagewesen war, und nach einigem Nachdenken sagte sie: „Ich habs! Während wir hier verhandelten, war zwar kein Außenstehender dabei, aber am Abend, als die Sachen schon hergeschafft waren, kam zufällig die Mutter von diesem Blödchen[13], das in den Räumen der Herzoginmutter dient, und brachte die Wäsche, die sie gewaschen und gestärkt hatte. Sie saß eine Weile in der Gesindestube, und als sie die große Truhe sah, wird sie bestimmt gefragt haben, was das ist, und die kleineren Mädchen in ihrer Ahnungslosigkeit haben es ihr sicher gesagt. Das wäre immerhin möglich." Also rief sie die kleineren Sklavenmädchen und fragte sie, wer Blödchens Mutter das verraten habe.
Aber die kleinen Sklavenmädchen knieten aufgeregt nieder und schworen hoch und heilig: „Wir haben noch nie gewagt, auch nur ein überflüssiges Wort zu sagen! Wenn uns jemand etwas fragt, sagen wir immer, das wissen wir nicht. Warum sollten wir uns in diesem Fall erdreistet haben zu schwatzen?!"
Phönixglanz bedachte die Umstände der Angelegenheit und sagte dann: „Sie würden das bestimmt nicht wagen, also wollen wir ihnen kein Unrecht tun! Vertagen wir das erst einmal und stellen zunächst die gnädige Frau zufrieden, das ist das Allerwichtigste! Lieber wollen wir uns etwas abknapsen, als uns ein weiteres Mal Unannehmlichkeiten einzuhandeln!" Und sie befahl Friedchen: „Hol meinen goldenen Halsreif und geh darauf zweihundert Liang Silber leihen, die wir ihr hinübertragen, damit die Sache ein Ende hat!"
„Sie soll gleich noch zweihundert Liang mehr darauf leihen, wir haben auch noch Ausgaben!" verlangte Kette Kaufmann.
„Durchaus nicht nötig!" lehnte Phönixglanz ab. „Ich habe keine Ausgaben, und ich weiß nicht einmal, woher ich das Geld nehmen soll, um den Halsreif wieder auszulösen."
Friedchen verschwand und erteilte jemandem den Auftrag, Laiwangs[14] Frau zu rufen, der sie dann den Halsreif übergab und die bald darauf mit dem Silber wiederkam. Kette Kaufmann selbst trug es zu Dame Hsing hinüber, und damit einstweilen genug hiervon.
Phönixglanz und Friedchen rätselten zusammen, wer da aus der Schule geplaudert haben könnte, kamen aber zu keinem Ergebnis. Schließlich sagte Phönixglanz: „Wenn diese Sache bekannt wird, ist das noch das Wenigste. Angst habe ich nur davor, dass verächtliche Menschen die Gelegenheit nutzen, um Verleumdungen zu erfinden und neue Skandale heraufzubeschwören. Das Schlimme ist, dass die da drüben mit Mandarinenente verfeindet ist. Nachdem sie jetzt informiert ist, dass Mandarinenente für unseren Kette diese Sachen hinausgeschmuggelt hat, wird sie sich die Gelegenheit sicher nicht entgehen lassen.
Wer weiß, ob sie sich nicht wieder irgendwelche Ungeheuerlichkeiten ausdenkt, denn kleine Leute sind unersättlich, und sie kriegt es fertig, dass selbst noch ein unbeschädigtes Hühnerei Maden bekommt. Unserem Kette würde es nicht viel ausmachen, aber Mandarinenente ist ein anständiges Mädchen, und wenn sie mit hineingezogen würde, wären wir daran schuld."
„Da ist nichts zu befürchten", sagte Friedchen lächelnd. „Euretwegen hat Mandarinenente die Sachen zur Verfügung gestellt, nicht des jungen Herrn wegen. Außerdem hat sie zwar behauptet, es sei eine persönliche Gefälligkeit von ihr, in Wirklichkeit aber hatte sie der Herzoginmutter[15] darüber berichtet. Die Herzoginmutter ist nur deshalb in Sorge, weil sie so viele Enkelkinder hat. Wenn sich jeder etwas von ihr borgt und ihr nachher nur mit Schmeicheleien kommt, von wem kann sie dann etwas zurückfordern? Darum stellt sie sich einfach unwissend. Wenn die Sache also wirklich aufgebauscht würde, wäre das kein Hindernis."
„Das mag schon so sein", erwiderte Phönixglanz, „aber was nützt es, wenn wir es wissen? Die anderen, die es nicht wissen, werden doch ihre Zweifel hegen."
Dies hatte sie kaum gesagt, als jemand meldete: „Die gnädige Frau[16] ist gekommen."
Verwundert fragte sich Phönixglanz, warum sie wohl selbst gekommen sei, und ging ihr rasch mit Friedchen und den anderen Sklavenmädchen zusammen entgegen, um dann zu sehen, wie Dame König mit gänzlich veränderter Miene und nur von einem vertrauten kleinen Sklavenmädchen begleitet hereinkam, und ohne ein Wort zu sagen, in das innere Zimmer trat und sich setzte.
Sofort brachte Phönixglanz ihr Tee und sagte mit strahlendem Gesicht: „Ihr müsst Euch heute sehr wohl fühlen, gnädige Frau, dass Ihr vor Freude hier spazieren gegangen seid!"
Doch anstatt zu antworten, gab Dame König nur schroff den Befehl: „Friedchen soll hinausgehen!"
Verwirrt und ratlos sagte Friedchen hastig jawohl und führte die kleineren Sklavenmädchen alle nach draußen, wo sie ihnen befahl, vor der Tür Aufstellung zu nehmen. Dann machte sie die Tür einfach zu, setzte sich auf die steinerne Plattform des Hauses und ließ keinen Menschen hinein.
Auch Phönixglanz war verwirrt und verstand nicht, worum es ging. Aber dann sah sie, wie Dame König mit Tränen in den Augen einen Riechbeutel aus dem Ärmel zog und ihn ihr vor die Füße warf, um dann zu sagen: „Sieh dir das an!"
Als Phönixglanz, die den Beutel rasch aufhob, die farbenprächtige frivole Stickerei darauf entdeckte, fuhr sie vor Schreck zusammen und fragte sofort: „Woher habt Ihr das, gnädige Frau?"
Kaum hatte Dame König diese Frage gehört, flossen ihr die Tränen erst recht wie strömender Regen aus den Augen, und sie sagte mit zitternder Stimme: „Woher ich das habe? Ich habe wie gewöhnlich von nichts eine Ahnung — wie ein Frosch, der im Brunnen hockt, und verlasse mich darauf, dass du ja ein umsichtiger Mensch bist, sodass ich mir ein bisschen Ruhe gönnen kann. Und nun stellt sich heraus, dass es mit dir dasselbe ist wie mit mir!
Das da lag am hellichten Tag offen auf einem Felsen im Garten herum, sodass eine Magd der Herzoginmutter es finden konnte. Wäre nicht zufällig deine Schwiegermutter dazugekommen, dann wäre sie spornstreichs damit zur Herzoginmutter gelaufen. Nun frage ich dich: Wie hast du das dort verlieren können?"
Jetzt verfärbte sich auch Phönixglanz und fragte hastig: „Woher wollt Ihr wissen, dass es mir gehört, gnädige Frau?"
„Das fragst du noch?" erwiderte Dame König unter Tränen und Seufzern. „Überleg doch mal selbst! Ihr seid das einzige junge Paar in unserem Haushalt. Außer euch gibt es hier nur alte Frauen — was sollten die damit? Und die Mädchen — wie sollten die dazu gekommen sein? Natürlich hat Lián[17], dieser unverbesserliche Schmutzfink, das irgendwoher angeschleppt. Und so gut, wie ihr euch versteht, hast du es natürlich als einen Spaß angesehen. Junge Leute haben solche Heimlichkeiten in ihren inneren Gemächern, mir machst du nichts vor.
Glücklicherweise sind die Mädchen im Garten, ob hoch oder niedrig, noch unverständig und waren auch noch nicht auf den Beutel gestoßen. Nicht auszudenken, wenn die Mägde ihn gefunden und deinen Kusinen gezeigt hätten! Oder wenn die kleineren Mägde ihn gefunden hätten und draußen in Gegenwart von Fremden erzählt hätten, das habe im Garten gelegen. Hätten wir das überleben und unsere Ehre bewahren können?"
Vor Erregung und Beschämung war Phönixglanz im Nu blau angelaufen. Jetzt ließ sie sich vor dem Ofenbett auf beide Knie fallen und erklärte unter Tränen: „Was Ihr sagt, hat natürlich Hand und Fuß, gnädige Frau, und ich will auch durchaus nicht behaupten, ich besäße gar nichts in dieser Art. Aber es gibt doch einiges, was ich Euch sorgsam zu bedenken bitte.
Bei diesem Riechbeutel handelt es sich um eine Nachahmung in der Art von Palaststickereien, und er ist irgendwo außerhalb von Lohnstickern angefertigt worden. Die Bänder und die Quasten daran sind gleichermaßen Marktware. Auch wenn ich jung und ein bisschen leichtfertig bin, würde ich doch so etwas Plumpes nicht mögen, und was ich besitze, ist natürlich vom Feinsten. Das ist das eine.
Zum anderen trägt man so etwas nicht ständig bei sich. Wenn ich dreist solch einen Beutel hätte, könnte ich ihn doch nur zu Hause benutzen und würde ihn nicht am Körper tragen und überall damit hingehen, erst recht nicht, wenn ich den Garten aufsuche, so viel, wie wir Kusinen stets aneinander herumzerren. Und nicht nur vor den Kusinen, auch vor den Sklavinnen würde ich dumm dastehen, wenn er bei mir zum Vorschein käme. Wenn ich auch jung und leichtfertig bin, aber so töricht kann ich schließlich nicht sein.
Drittens bin ich zwar unter uns Herrschaften die einzige junge Frau, aber unter den Sklavinnen gibt es mehr als eine, die noch jünger ist als ich. Immerhin kommen sie oft in den Garten, und am Abend sucht jede von ihnen ihre eigene Wohnung auf. Woher wollt Ihr wissen, dass nicht eine von ihnen den Beutel getragen hat?
Viertens bin nicht nur ich häufig im Garten, sondern auch die jungen Nebenfrauen, die die gnädige Frau von drüben[18] immer mitbringt, wie zum Beispiel Yanhong[19] und Cuiyun[20]. Als junge Konkubinen dürften sie so etwas eher besitzen als ich. Auch die Frau des Vetters Juwel[21] aus dem anderen Anwesen ist nicht nur selber noch nicht sehr alt, sie hat auch schon oft genug Peifeng[22] und andere mitgebracht, und woher wollt Ihr also wissen, dass der Beutel nicht ihnen gehört hat?
Fünftens gibt es auch zu viele Mägde im Garten. Wollt Ihr da sicher sein, dass jede einzelne von ihnen anständig ist? Es gibt unter ihnen auch welche, die schon älter und in die Geheimnisse der Erwachsenen eingeweiht sind, sodass man nicht wissen kann, ob nicht eine von ihnen entweder in einem unbeobachteten Augenblick den Garten heimlich verließ oder aber irgendeinen Vorwand benutzte, um sich mit einem der Burschen am Innentor zu necken, und den Beutel auf diesem Wege hereingebracht hat. Jedenfalls habe nicht nur ich nichts damit zu tun, auch für Friedchen kann ich mich verbürgen. Das alles solltet Ihr bitte sorgsam bedenken, gnädige Frau."
Dame König sagte sich, dass diese Ausführungen sehr vernünftig klangen, und so befahl sie Phönixglanz seufzend: „Steh auf! Ich weiß ja auch, dass du die Tochter eines großen Hauses bist und nicht dermaßen leichtfertig sein kannst. Ich war einfach erregt und habe dich mit meinen Worten aufgebracht. Aber wie wollen wir jetzt verfahren? Deine Schwiegermutter hat den Beutel eben erst in einem verschlossenen Päckchen zu mir bringen lassen, damit ich ihn mir ansehe, und sie ließ mir bestellen, sie habe ihn Blödchen abgenommen. Ich hätte mich totärgern können darüber!"
„Ihr solltet Euch nicht länger darüber ärgern, gnädige Frau!" riet ihr Phönixglanz. „Wenn das Gesinde etwas davon bemerkt hätte, wüsste die Herzoginmutter wohl schon darüber Bescheid. Nur wenn wir kühl und nüchtern in aller Stille unsere Nachforschungen anstellen, können wir uns Gewissheit verschaffen. Auch wenn wir nichts herausbekommen, wird doch kein Fremder davon erfahren. Dazu sagt man: ‚Der gebrochene Arm wird im Ärmel versteckt.' Uns bleibt jetzt keine andere Wahl, als die Gelegenheit zu nutzen, dass wegen dieser Glücksspielaffäre so viele Leute aus dem Dienst entfernt worden sind, um die Frauen von Zhou Rui[23], Laiwang und noch zwei, drei andere, die den Mund halten können, im Garten einzusetzen, wo sie dann vorgeben müssen, immer noch wegen der Spielhöllen zu ermitteln.
Außerdem gibt es wirklich zu viele Mägde im Garten. Da ist nicht auszuschließen, dass in dem Maße, wie sie erwachsen werden, auch ihre Wünsche wachsen, und dass sie irgendetwas anstellen. Wenn erst etwas passiert ist, kommt die Reue zu spät. Aber wenn wir jetzt ohne jeden Grund einen Teil der Mägde entlassen, würde das nicht nur unsere Mädchen kränken und verärgern, wir könnten uns das auch nicht einfach so erlauben. Darum ist es das Beste, von jetzt an alle, die schon etwas älter und vielleicht ein bisschen frech und nicht leicht zu zügeln sind, bei einer Verfehlung zu ertappen und aus dem Garten zu entfernen, um sie dann zu verheiraten. Dadurch wird gewährleistet, dass nichts mehr passieren kann, und außerdem können wir einige Kosten sparen. Was meint Ihr dazu, gnädige Frau?"
„Es ist natürlich richtig, was du sagst", räumte Dame König seufzend ein, „aber wenn man gerecht ist und die Sache genau bedenkt, sind deine Kusinen wirklich zu bedauern. Ich brauche gar nicht so weit zu gehen mit meinem Vergleich, nehmen wir nur die Mutter von deiner Kusine Kajaljade[24]! Wie wurde sie verwöhnt, als sie noch nicht verheiratet war! Das nenne ich ‚goldene Würde und jadene Vornehmheit', das war der Stil, wie ein Mädchen aus besseren Kreisen leben sollte!
Dagegen leben deine Kusinen heute nicht viel besser als bei anderen Leuten die Mägde. Keine von ihnen hat mehr als zwei oder drei Dienstmägde, die wie Menschen aussehen. Die übrigen vier oder fünf, die noch kleiner sind, wirken wie die kleinen Teufel, die als Figuren in den Tempeln dargestellt sind. Wenn wir jetzt noch welche von ihnen entlassen wollen, könnte nicht nur ich das nicht ertragen, auch die Herzoginmutter würde wohl kaum ihre Zustimmung geben.
Und wenn es uns auch schlecht geht, aber so schlecht geht es uns doch wieder noch nicht. Ich habe zwar auch keinen so großen Glanz miterlebt, aber doch etwas mehr als ihr. Darum will lieber ich mich einschränken, als die Mädchen zu kurz kommen zu lassen. Wenn wir in Zukunft sparsamer wirtschaften müssen, wollen wir nur bei mir den Anfang machen! Jetzt aber lass Zhou Ruis Frau und die anderen rufen und gib ihnen den Befehl, sie sollen schnell und in aller Stille Licht in diese Sache bringen. Das ist das Allerwichtigste."
Sofort rief Phönixglanz nach Friedchen und schickte sie mit dem entsprechenden Auftrag los.
Bald darauf erschienen die Frauen von Zhou Rui, Wu Xing, Zheng Hua, Laiwang und Lai Xi — alle fünf Frauen, die seinerzeit von Dame König beziehungsweise Phönixglanz als Sklavenmädchen mit in die Ehe gebracht worden waren und jetzt hier anwesend waren. Von den übrigen hatte jede im Süden ihre Aufgabe zu erfüllen.
Eben sagte sich Dame König, dass es noch nicht genug seien, um eine Ermittlung anzustellen, da kam plötzlich König Shanbaos[25] Frau herein, die seinerzeit von Dame Hsing[26] mit in die Ehe gebracht worden war. Sie war es auch, die vorhin den Riechbeutel gebracht hatte.
Da Dame König die bevorzugten Vertrauten von Dame Hsing nie anders betrachtet hatte als ihre eigenen, sagte sie jetzt, als König Shanbaos Frau erschien, um sich nach dem Fortgang der Sache zu erkundigen, und dabei sehr besorgt tat: „Geh und melde deiner Herrin, dass ich dich mit in den Garten schicken möchte, um dort nach dem Rechten zu sehen, denn du bist dafür besser geeignet als irgendjemand anders!"
Nun war König Shanbaos Frau den Sklavenmädchen im Garten schon lange gram, weil die sie nicht eben respektvoll behandelten, wenn sie in den Garten kam, und hätte ihnen gar zu gern etwas am Zeuge geflickt, wenn sie nur eine Gelegenheit dazu gehabt hätte. Nachdem sich nun diese Geschichte ereignet hatte, glaubte sie, ihre Stunde sei endlich gekommen. Und so war es genau das, was sie sich erhofft hatte, als Dame König ihr jetzt diesen Auftrag gab.
Deshalb erwiderte sie: „Das ist kein Problem. Ich will ja nicht zu viel sagen, aber von Rechts wegen war es schon lange Zeit, einmal hart durchzugreifen. Ihr geht nicht viel in den Garten, gnädige Frau, und könnt das nicht wissen. Die dortigen Mägde benehmen sich eine wie die andere so, als ob sie der Kaiser mit Ehrentiteln belehnt hätte und als ob sie vornehme junge Fräulein wären. Aber selbst wenn sie den Himmel zum Einstürzen brächten, würde niemand wagen aufzumucken. Sonst würden sie nämlich die Mägde, die bei den jungen Fräulein Dienst tun, anstacheln, einfach zu behaupten, man habe ihre Fräulein gedemütigt, und wer hat schon den Mut, das zu riskieren?!"
„Das ist doch nur normal", gab Dame König ihr zurück. „Die Mägde der jungen Fräulein sind nun einmal verwöhnter als die anderen. Ihr müsst ihnen also gut zureden. Nicht einmal die jungen Fräulein kommen ohne Belehrung aus, um wie viel mehr muss das also für die Mägde gelten!"
„Die übrigen mögen noch zu ertragen sein", nahm wieder König Shanbaos Frau das Wort, „was Ihr aber nicht wissen werdet, gnädige Frau, ist, dass diese Heitermuster in den Räumen von Schatzjade, nur weil sie ein wenig hübscher ist als die anderen und weil sie ein flottes Mundwerk hat, sich jeden Tag herausstaffiert wie eine Xishi[27], vor allen Leuten das große Wort führt und sich stets in den Vordergrund schiebt, weil sie hoch hinaus möchte. Sagt man auch nur einen Satz, der ihr nicht passt, dann starrt sie einen mit ihren frechen Augen an und beschimpft einen. Und ihre verführerisch-lockere Art ist alles andere als anständig."
Bei diesen Worten fiel Dame König plötzlich etwas ein, und sie sagte zu Phönixglanz: „Als wir voriges Mal mit der Herzoginmutter zusammen im Garten spazieren gegangen sind, war da eine mit einer Wasserschlangentaille und abfallenden Schultern, deren Augen und Brauen ein wenig an deine Kusine Kajaljade erinnerten und die eben eine kleinere Magd ausschimpfte. Ihre wilde Art war mir so zuwider, dass ich mit der Herzoginmutter weiterging, ohne etwas zu sagen. Ich wollte später fragen, wer das war, aber dann habe ich es vergessen. Die Beschreibung von eben passt so gut auf sie, dass ich glaube, es müsste diese Magd gewesen sein."
„Wenn man all diese Mägde miteinander vergleicht, ist keine so gut gewachsen wie Heitermuster, und in Betragen und Ausdrucksweise ist sie wirklich ein bisschen leichtfertig", bestätigte Phönixglanz. „Was Ihr eben erzählt habt, würde ihr schon ähnlich sehen, aber ich kann mich an diesen Tag nicht mehr erinnern, und darum möchte ich nicht leichtfertig etwas daherreden."
„Warum auch?" warf König Shanbaos Frau ein. „Es ist doch nicht schwer, sie herzurufen, damit die gnädige Frau sie sich ansieht."
„Von den Mädchen aus Schatzjades Räumen kommen für gewöhnlich nur Dufthauch[28] und Moschusmond[29] zu mir", berichtete Dame König. „Die sind beide plump, und das ist gut so. Wenn die aber so eine ist, wagt sie natürlich nicht, zu mir zu kommen. Menschen wie sie sind es, die ich mein Leben lang am meisten verachtet habe. Es wäre nicht auszudenken, wenn unser guter Schatzjade von diesem Spitzbein verdorben würde!"
Dann rief sie ihr Sklavenmädchen zu sich und befahl ihm, in den Garten zu gehen. „Du sagst nur, ich wolle nach etwas fragen", ordnete sie an, „aber Dufthauch und Moschusmond sollen nicht kommen, sie sollen bei Schatzjade bleiben, um ihm aufzuwarten. Nur diese flinke Heitermuster soll auf der Stelle bei mir erscheinen. Und du darfst kein Wort mit ihr sprechen!"
Das kleine Sklavenmädchen sagte: „Jawohl!" dazu und ging in den Hof der Roten Freude hinüber, wo Heitermuster, die sich nicht wohl fühlte, eben erst vom Mittagsschlaf aufgestanden war und stumm vor sich hinbrütete. Als sie jetzt den Befehl vernahm, musste sie wohl oder übel folgen.
Nun wussten alle Sklavenmädchen recht gut, dass Dame König verführerische Aufmachungen und leichtfertige Reden zutiefst verachtete, und deshalb war Heitermuster ihr stets aus dem Wege gegangen. Da ihr aber schon seit Tagen nicht wohl war, hatte sie Kleidung und Schmuck ohnehin vernachlässigt, und deshalb sah sie jetzt auch kein Hindernis.
Kaum dass Heitermuster bei Phönixglanz eintrat und Dame König sie erblickte — mit schiefem Haarpfeil und lockerer Frisur, herabhängendem Gewand und offenem Gürtel, schlaftrunken und kränklich, und als sie sie obendrein an Gestalt und Gesicht sofort als diejenige wiedererkannte, die sie im Monat zuvor gesehen hatte — da loderte die Wut von vorhin erneut in ihr auf. Und Dame König war als Mensch offen und ungekünstelt, Freude und Zorn kamen bei ihr direkt aus dem Herzen, nicht wie bei jenen Leuten, die ihre Worte verbrämen und ihre Gedanken verbergen. So sagte sie auch jetzt, als wirklicher Zorn ihr Herz bedrängte, mit verächtlichem Lächeln: „Was für eine Schönheit! Die leibhaftige kranke Xishi! Für wen produzierst du dich Tag für Tag in dieser schamlosen Weise? Glaubst du, ich wüsste nicht, was du treibst? Noch lasse ich dich laufen, aber schon bald werde ich dir die Haut vom Leibe schinden! Geht es Schatzjade heute besser?"
Als Heitermuster diese Worte vernahm, war sie höchst verwundert und sagte sich, hier müsse jemand versuchen, heimlich mit ihr abzurechnen. Doch so ärgerlich sie darüber auch war, wagte sie doch nicht, etwas davon verlauten zu lassen. Und da sie einen durchdringenden Verstand besaß, entschloss sie sich, die Frage nach Schatzjade nicht wahrheitsgemäß zu beantworten. Vielmehr sagte sie: „Ich komme nicht groß in Schatzjades Zimmer und bin auch nicht viel mit ihm zusammen. Daher kann ich auch nicht wissen, wie es ihm geht. Ihr solltet Dufthauch und Moschusmond fragen!"
„Dafür sollte man dir auf den Mund schlagen!" schimpfte Dame König. „Bist du denn tot? Was kann man mit euch schon anfangen?!"
„Ich gehöre eigentlich zum Gefolge der Herzoginmutter", wehrte sich Heitermuster. „Da die Herzoginmutter meinte, im Garten sei es zu einsam und es gebe dort zu wenig Erwachsene, sodass Schatzjade sich fürchte, hat sie mich abgestellt, damit ich bei ihm im Vorzimmer Nachtwache halte und einfach die Räume beaufsichtige. Ich habe die Herzoginmutter damals darauf hingewiesen, dass ich zu plump bin und mich nicht darauf verstehe, jemandem aufzuwarten, aber die Herzoginmutter hat mich gescholten und erklärt: ‚Um ihn sollst du dich ja nicht kümmern, also ist Gewandtheit auch nicht vonnöten.' Erst daraufhin bin ich gegangen.
Höchstens alle zehn Tage oder einmal in einem halben Monat, wenn Schatzjade Langeweile hat, vergnügen wir uns alle zusammen ein Weilchen, und dann gehen wir wieder auseinander. Für Schatzjades Essen und Trinken wie auch für seinen Tagesablauf sind auf höherer Stufe seine alten Ammen und die übrigen Alten verantwortlich, auf unterer Stufe aber Dufthauch, Moschusmond und Herbstmuster[30]. Wenn ich sonst nichts zu tun habe, muss ich noch im Dienste der Herzoginmutter Nadelarbeiten machen, und so habe ich mich um Schatzjade nie gekümmert. Wenn Ihr mir das verübelt, werde ich es von jetzt an tun."
Dame König dachte nicht anders, als dass dies die Wahrheit sei, deshalb sagte sie rasch: „Buddha Amitabha! Ich sehe es als ein Glück an, wenn du nicht näher mit Schatzjade zu tun hast, darum will ich dich nicht weiter bemühen. Wenn es die Herzoginmutter war, die dich Schatzjade zugeteilt hat, will ich zuerst mit ihr sprechen, ehe du hinausgeworfen wirst."
Anschließend wandte sie sich an König Shanbaos Frau und sagte: „Geh also in den Garten und hab ein paar Tage lang ein wachsames Auge auf sie! Sie darf nicht in Schatzjades Zimmer schlafen! Sobald ich mit der Herzoginmutter gesprochen habe, werden wir über sie entscheiden." Dann fuhr sie Heitermuster an: „Raus! Was stehst du hier herum? Diese Schlamperei ist mir ein Greuel! Und wer hat dir überhaupt diesen dirnenhaft rot-grünen Aufzug gestattet?"
Also hatte sich Heitermuster zurückzuziehen, und ihre Erbitterung war nicht gering. Kaum dass sie zur Tür hinaus war, bedeckte sie ihr Gesicht mit dem Taschentuch und weinte haltlos im Gehen, bis sie wieder drüben im Garten war.
Hier aber bezichtigte Dame König sich selbst, indem sie, an Phönixglanz gewandt, sagte: „In den letzten Jahren hat meine Energie immer mehr nachgelassen, und ich bin nicht mehr mit der nötigen Aufmerksamkeit an die Dinge herangegangen. So ein Hexenbiest, und ich habe sie nie bemerkt! Ich fürchte nur, dass es noch mehr davon gibt. Demnächst muss ich das untersuchen."
Angesichts von Dame Königs loderndem Zorn und wegen der Anwesenheit von König Shanbaos Frau, die für Dame Hsing spionierte und sie auch häufig dazu anstachelte, Unruhe zu stiften, wagte Phönixglanz nichts zu sagen, wenn sie wohl auch hunderterlei und tausenderlei zu sagen gewusst hätte. So aber senkte sie nur den Kopf und beschränkte sich auf ein Jawohl.
König Shanbaos Frau dagegen bemerkte: „Pflegt Ihr nur Eure Gesundheit, gnädige Frau, und überlasst diese Kleinigkeit mir, Eurer Sklavin! Es wird gar nicht schwer sein, die Schuldige ausfindig zu machen. Wir warten, bis am Abend die Gartentore geschlossen sind, sodass keine Nachricht mehr herein- oder hinausgelangt, und dann überrumpeln wir sie, indem wir mit ein paar Leuten in jedem Gartenhaus die Mägdezimmer durchsuchen. Wem dieser Beutel gehörte, wird bestimmt nicht nur ihn gehabt haben, sondern sicher noch mehr von solchem Zeug besitzen. Und bei welcher von ihnen dann etwas in dieser Art zum Vorschein kommt, der hat natürlich auch der Beutel gehört."
Dame König erklärte sich einverstanden. „Das ist vollkommen richtig!" sagte sie. „So müssen wir vorgehen, sonst können wir auf keinen Fall Klarheit schaffen!" Dann fragte sie Phönixglanz nach ihrer Meinung, und Phönixglanz kam nicht umhin zuzustimmen: „Ihr habt recht, gnädige Frau. Also wollen wir es so machen!"
„Der Plan ist ganz ausgezeichnet!" bekräftigte Dame König noch einmal. „Anders würden wir es auch in einem Jahr nicht herausfinden." Und damit galt die Haussuchung als beschlossene Sache.
Als sich die Herzoginmutter nach dem Abendessen schlafen gelegt hatte und Schatzspange[31] mit den anderen Mädchen in den Garten zurückgekehrt war, forderte König Shanbaos Frau dann Phönixglanz auf, mit ihnen in den Garten zu kommen. Nachdem sie befohlen hatten, auch die Seitentore abzuschließen, begannen sie die Durchsuchung in der Wachstube der Nachtwächterinnen. Aber hier wurde lediglich ein Überschuss an gehorteten Kerzen und Lampenöl festgestellt. „Auch das ist Diebesgut und wird nicht angerührt, ehe morgen die gnädige Frau darüber informiert ist", entschied König Shanbaos Frau.
Anschließend gingen sie in den Hof der Roten Freude und befahlen, man solle das Tor hinter ihnen schließen. Da Heitermuster sich nicht wohl fühlte und plötzlich ein ganzer Trupp Frauen erschien und ohne Angabe von Gründen zu den Zimmern der Sklavenmädchen stürzte, trat Schatzjade auf Phönixglanz zu und fragte, was es gebe.
„Es ist etwas Wichtiges verloren gegangen", behauptete Phönixglanz, „und da es einer nur immer unsinnig auf den anderen schiebt, ist zu befürchten, dass die Mägde es gestohlen haben. Jetzt wird bei allen eine Durchsuchung vorgenommen, um jeden Zweifel zu zerstreuen." Nachdem sie das gesagt hatte, nahm sie Platz, um Tee zu trinken. Inzwischen machten sich König Shanbaos Frau und die anderen an die Sucharbeit, fragten bei jeder Truhe, wem sie gehörte, und ließen sie von der Besitzerin selbst aufmachen.
Dufthauch, die sich schon vorhin beim Anblick von Heitermuster gesagt hatte, es müsse etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein, kam jetzt, als sie hörte, es gehe um eine Haussuchung, notgedrungen ebenfalls heraus und öffnete ihre Truhe und ihre Kästen, um alles durchsuchen zu lassen. Es waren jedoch nur die alltäglichsten Dinge darin, und so ließen die Frauen davon ab und wandten sich den Truhen der übrigen Sklavenmädchen zu, um sie eine nach der anderen zu kontrollieren. Als sie dabei schließlich zu Heitermusters Truhe kamen, fragten sie: „Wem gehört die? Warum ist sie noch nicht aufgemacht, damit wir sie durchsuchen können?"
Eben wollten Dufthauch und die übrigen Sklavenmädchen die Truhe öffnen, da kam Heitermuster mit aufgelöstem Haar hereingestürzt, riss den Deckel auf, dass es krachte, packte dann die Truhe mit beiden Händen am Boden und stülpte sie mit einem Ruck um, sodass das Unterste zuoberst kam und alles, was darin gewesen war, auf der Erde lag.
Ärgerlich warf König Shanbaos Frau einen Blick auf die Sachen, konnte jedoch nichts Geheimes darunter entdecken. Also erstattete sie Phönixglanz ihre Meldung und schlug vor, ins nächste Gartenhaus weiterzugehen. Aber Phönixglanz fragte: „Habt ihr auch sorgfältig nachgesehen? Wenn bei der ganzen Durchsuchung nichts herauskommt, werden wir uns nur schwer rechtfertigen können."
Doch übereinstimmend erklärten ihr die Frauen: „Wir haben jedes Stück umgedreht und alles angesehen. Es sind zwar auch Knabensachen dabei, aber die müssen einem Kind gehört haben, wahrscheinlich stammen sie noch aus Schatzjades Kindertagen. Das ist nichts von Belang."
„Also wollen wir gehen und uns die anderen Häuser ansehen!" forderte Phönixglanz sie lächelnd auf und ging schon geradewegs hinaus. Dann aber sagte sie noch zu König Shanbaos Frau: „Etwas wäre da noch, wenn ich auch nicht weiß, ob ich recht damit habe. Nämlich, wir sollten diese Haussuchung auf unsere Sippenangehörigen beschränken, die Räume von Fräulein Schnee[32] dürfen wir auf gar keinen Fall durchsuchen!"
„Das versteht sich von selbst!" pflichtete König Shanbaos Frau ihr lächelnd bei. „Wie kämen wir dazu, die angeheiratete Verwandtschaft zu kontrollieren?!"
„Das meine ich auch", sagte Phönixglanz und nickte dazu. Bei diesen Worten waren sie schon in der Xiaoxiang-Bambushain-Fluss[33] angelangt. Hier hatte sich Kajaljade[34] bereits schlafen gelegt, und als ihr plötzlich gemeldet wurde, wer alles gekommen war, konnte sie sich keinen Reim darauf machen. Sie wollte schon aufstehen, da kam Phönixglanz zu ihr herein, drückte sie auf das Kissen zurück und sagte, sie solle liegen bleiben. „Schlaf nur, wir gehen gleich wieder!" versicherte sie ihr und verwickelte sie zugleich in eine Plauderei.
Inzwischen ging König Shanbaos Frau mit ihrem Gefolge in die Zimmer der Sklavenmädchen und ließ auch hier jede Truhe öffnen und jeden Deckelkorb ausleeren, um alles genau zu kontrollieren. Dabei fanden sie in Purpurkuckucks[35] Zimmer zwei abgelegte Namensamulette von Schatzjade, ein vollständiges Gürtelgehänge, zwei Seidenbeutelchen und eine Fächerhülle mit einem Fächer darin, und bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass es alles Dinge waren, die vor Jahr und Tag Schatzjade getragen hatte. Triumphierend ließ König Shanbaos Frau sogleich Phönixglanz herüberbitten, um ihr den Fund vorzuführen, und sagte dabei: „Wie kommt das hierher?"
Aber lächelnd erklärte ihr Phönixglanz: „Schatzjade hat von klein auf jahrelang mit ihnen zusammen herumgetollt, und das sind natürlich alte Sachen von ihm. Daran ist überhaupt nichts Außergewöhnliches. Leg die Sachen nur zurück, und dann gehen wir weiter. Das wäre wahrhaftig das Beste!" Und Purpurkuckuck fügte dem lächelnd hinzu: „Noch bis zum heutigen Tage können wir die Sachen der beiden nicht richtig auseinanderhalten. Wenn ihr nach diesem Zeug hier fragt, habe ich schon längst vergessen, seit wann es bei uns liegt."
Ehe sie als Nächstes in Erkundeins[36] Gehöft kamen, war Erkundefrühling ganz wider Erwarten schon von jemandem informiert worden. Und da sie sich sagte, so ein würdeloses Vorgehen müsse einen Grund haben, befahl sie all ihren Sklavenmädchen, mit brennenden Kerzen an der offenen Tür wartend Aufstellung zu nehmen, und als jetzt die zahlreichen Ankömmlinge erschienen, fragte sie, was eigentlich los sei.
Lächelnd erklärte ihr Phönixglanz: „Es ist etwas verloren gegangen, und der Täter war trotz tagelanger Suche nicht zu ermitteln. Nun muss wohl jemand Außenstehender die Mädchen hier bezichtigt haben, deshalb wird einfach bei allen eine Durchsuchung vorgenommen, um jeden Verdacht auszuräumen. Das ist doch das beste Mittel, um sie reinzuwaschen."
„Alle meine Mägde sind natürlich Diebinnen", sagte Erkundefrühling mit sarkastischem Lächeln, „und ich bin die große Hehlerin. Also müsst ihr zuerst meine Truhen und Schränke durchsuchen, denn alles, was sie stehlen, geben sie mir zum Verstecken!" Damit befahl sie den Sklavenmädchen, sie sollten ihre Truhen und Schränke öffnen, ebenso ihren Spiegelkasten, ihr Schminkkästchen, ihr Deckenbündel, ihre Kleidersäcke und sämtliche anderen Behälter, groß und klein, und forderte dann Phönixglanz auf, alles zu durchsuchen.
„Ich bin nur auf Befehl der gnädigen Frau hier, und du solltest mich nicht zu Unrecht verdächtigen, Kusine", sagte Phönixglanz mit lächelndem Gesicht. „Warum regst du dich unnötig auf?" Dann befahl sie den Sklavenmädchen, alles rasch wieder zuzumachen, und Friedchen und Fenger[37] und die übrigen Mägde beeilten sich, Daishu[38] und den anderen beim Verschließen und Einsammeln der Sachen zu helfen.
„Meine Sachen dürft ihr durchsuchen, aber nicht die meiner Mägde", sagte inzwischen Erkundefrühling. „Denn ich bin bösartiger als jeder andere, und alles, was meine Mägde besitzen, kenne ich ganz genau, alles wird bei mir hier drinnen aufbewahrt, und keine Nadel und keinen Faden können sie vor mir geheimhalten. Wenn ihr also eine Haussuchung machen wollt, müsst ihr sie bei mir machen. Und wenn ihr damit nicht einverstanden seid, dann geht es der gnädigen Frau melden! Sagt ihr nur, ich widersetzte mich ihrem Befehl, und die Strafe, die mir dafür zusteht, würde ich willig auf mich nehmen.
Nur nicht so ungeduldig! Der Tag wird kommen, an dem auch bei euch eine Haussuchung gehalten wird! Habt ihr nicht heute früh von den Zhens gesprochen, die ihr Anwesen mir nichts, dir nichts genauso durchsuchen ließen, und dann ist eine Haussuchung bei ihnen selbst gehalten worden? Da sieht man, dass die großen Familien von außen nicht so leicht totzukriegen sind. Wie die Alten richtig sagten: ‚Ein Tausendfüßer zappelt lange, wenn er stirbt.'[39] Erst wenn man von innen mit Selbstmord und Selbstzerstörung beginnt, kann es gelingen, alles dem Erdboden gleichzumachen." Bei den letzten Sätzen hatte sie unwillkürlich zu weinen begonnen.
Phönixglanz sah nur die Sklavenfrauen an, und endlich machte Zhou Ruis Frau[40] den Vorschlag: „Wenn alle Sachen von den Mädchen mit hier sind, sollten wir weitergehen, junge gnädige Frau, damit sich das gnädige Fräulein zur Ruhe begeben kann!"
Also erhob sich Phönixglanz von ihrem Sitz und verabschiedete sich.
„Hast du auch alles ganz genau kontrolliert?" fragte Erkundefrühling. „Wenn du morgen wiederkommst, lasse ich mir das nicht noch einmal gefallen."
Lächelnd erwiderte Phönixglanz: „Wenn die Sachen deiner Mägde alle mit hier sind, braucht nichts kontrolliert zu werden."
„Also, du bist wirklich raffiniert!" sagte Erkundefrühling mit verächtlichem Lächeln. „Selbst meine Kleidersäcke waren geöffnet, und trotzdem sagst du noch, es sei nichts kontrolliert worden. Morgen wirst du behaupten, ich hätte meine Mägde in Schutz genommen und keine Durchsuchung zugelassen. Darum sag es rechtzeitig! Wenn ihr weiterkontrollieren wollt, können wir alles noch einmal auspacken."
Phönixglanz wusste, dass Erkundefrühling von jeher anders war als die übrigen Mädchen, deshalb hatte sie keine andere Wahl, als ein Lächeln aufzusetzen und ihr zu versichern: „Einschließlich deiner eigenen Sachen habe ich alles genau gesehen."
„Habt auch ihr alles genau gesehen?" wollte Erkundefrühling von den Sklavenfrauen wissen.
Und lächelnd bestätigten Zhou Ruis Frau und die anderen: „Ja, wir haben alles genau gesehen."
Die Frau von König Shanbao war jedoch ein Mensch ohne Sinn für das rechte Maß. Sie hatte zwar schon viel von Erkundefrühling reden gehört, nahm aber an, das müsse daran liegen, dass die anderen sie nicht zu durchschauen vermochten und einfach keinen Mumm hatten. Wie konnte sich denn ein Mädchen so aufspielen? Was durfte die sich schon groß erlauben, zumal sie nur die Tochter einer Nebenfrau war? Sie selbst konnte sich schließlich darauf berufen, dass sie von Dame Hsing mit in die Ehe gebracht worden war.
Sogar Dame König musste sie noch mit anderen Augen ansehen, um wie viel mehr musste das erst für andere gelten! Und als sie jetzt sah, wie Erkundefrühling sich aufführte, nahm sie tatsächlich an, deren Zorn richte sich allein gegen Phönixglanz und habe mit ihnen gar nichts zu tun.
Darum entschloss sie sich, ihre Machtstellung auszunutzen und sich ein rechtes Ansehen zu verschaffen, damit sie sich vor ihrer Herrin damit brüsten konnte. Sie schob sich also durch die Menge nach vorn, fasste den Saum von Erkundeins Gewand, hob ihn betont in die Höhe und sagte dabei kichernd: „Sogar eine Leibesvisitation habe ich gemacht und nichts dabei gefunden."
Als Phönixglanz das sah, riet sie ihr schnell: „Geh, Muttchen, und spiel hier nicht verrückt!"
Aber noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, klatschte es, und König Shanbaos Frau hatte Erkundeins Hand ins Gesicht bekommen. Zugleich geriet Erkundefrühling in heftigsten Zorn, wies mit dem Finger auf König Shanbaos Frau und fragte: „Wer bist du denn, dass du es wagst, an meinen Kleidern zu zerren? Nur um des Ansehens der gnädigen Frau willen und weil du schon bei Jahren bist, habe ich dich immer mit Muttchen angeredet. Du aber führst dich auf wie ein Hund, der sich auf die Macht seines Herrn verlässt, stellst jeden Tag etwas an und stiftest nichts als Unruhe.
Jetzt endlich benimmst du dich völlig unerhört. Wenn du glaubst, dass ich genauso gutmütig sei wie euer Fräulein, das sich von euch beleidigen lässt, hast du dich verrechnet! Solange du nur meine Sachen durchsuchst, bleibe ich friedlich, aber zum Gespött machen lasse ich mich nicht von dir!"
Bei diesen Worten hatte sie ihr Gewand geöffnet und ihren Rock abgelegt. Jetzt zog sie Phönixglanz zu sich heran, damit die sie durchsuchte, und sagte dazu: „Erspar es mir, mich von Sklaven abtasten zu lassen!"
Rasch band ihr Phönixglanz mit Friedchens Hilfe den Rock wieder um und brachte ihre Ärmel in Ordnung. Dabei sagte sie mit scharfer Stimme zu König Shanbaos Frau: „Kaum hast du ein paar Schluck Wein getrunken, fängst du an, verrückt zu spielen, Muttchen. Neulich bist du dabei sogar mit der gnädigen Frau aneinandergeraten. Mach, dass du hinauskommst! Und kein Wort von der Sache!" Dann redete sie Erkundefrühling zu, ihr Temperament zu zügeln.
„Wenn ich nur wirklich Temperament hätte, dann hätte ich mir jetzt längst den Kopf eingerannt und mich umgebracht", erwiderte Erkundefrühling mit kühlem Lächeln darauf. „Wie könnte ich sonst einer Sklavin erlauben, an meinem Körper nach Diebesgut zu suchen? Morgen werde ich in aller Frühe zuerst der Herzoginmutter und der gnädigen Frau davon berichten, und dann gehe ich hinüber, um mich bei meiner Tante zu entschuldigen. Egal, welche Strafe mir zukommt, ich nehme sie an!"
König Shanbaos Frau aber, die sich diese Abfuhr geholt hatte, sagte von draußen durchs Fenster: „Schluss und aus! Das war das erste Mal, dass mich jemand geschlagen hat. Morgen spreche ich mit der gnädigen Frau, und dann kehre ich in die Familie meiner Mutter zurück! Welchen Sinn hat für mich noch dies Leben?!"
„Habt ihr gehört, was sie da gesagt hat?" fragte Erkundefrühling ihre Sklavenmädchen. „Sie scheint noch zu glauben, ich würde etwas dagegen einwenden."
Als Daishu diese Aufforderung vernahm, lief sie hinaus, um König Shanbaos Frau zu sagen: „Wenn du wirklich zu deiner Mutter zurückgehen würdest, wäre das unser Glück. Es ist nur leider zu befürchten, dass du dich hier nicht losreißen kannst."
„Ein prächtiges Mädchen!" stellte Phönixglanz lächelnd fest. „Wirklich, ‚Wie der Herr, so der Knecht.'"
„Diebe wie wir haben immer ein paar passende knappe Worte auf Lager, da war das sogar noch plump", sagte Erkundefrühling mit höhnischem Lächeln. „Bloß heimlich die Herrschaft aufstacheln können wir nicht."
Lächelnd ging Friedchen zu Daishu hinaus, um ihr einige besänftigende Worte zu sagen, und holte sie wieder herein. Auch Zhou Ruis Frau und die anderen redeten noch ein Weilchen zur Güte, und Phönixglanz wartete so lange, bis Erkundefrühling zu Bett gebracht war, ehe sie mit ihrem Gefolge zum Gehege der Warmen Düfte[41] aufbrach.
Da Seidenweiß Pflaume[42] noch krank zu Bett lag und da sie eine unmittelbare Nachbarin von Bedauerfrühling[43] war, aber auch in der Nähe von Erkundefrühling wohnte, beschloss Phönixglanz, diese beiden Orte als Nächste aufzusuchen. Nun hatte Seidenweiß Pflaume eben erst ihre Medizin eingenommen und sich schlafen gelegt, darum konnte sie schlecht gestört werden, und so wurden nur die Zimmer ihrer Sklavenmädchen eins nach dem andern durchsucht, ohne dass dabei etwas zum Vorschein gekommen wäre.
Anschließend ging es zu Bedauerfrühling. Und da Bedauerfrühling noch klein und unverständig war, sodass sie vor Schreck annahm, es müsse wer weiß etwas geschehen sein, kam Phönixglanz nicht umhin, sie zunächst einmal zu beruhigen.
Dann fand sich zum allgemeinen Erstaunen in Ruhuas[44] Truhe ein ansehnliches Paket kleiner Gold- und Silberbarren — insgesamt nicht weniger als dreißig bis vierzig Stück, eine Jadespange von einem Männergürtel, ein Bündel Männerschuhe und -strümpfe und ähnliche Dinge mehr.
Ruhua war fahl im Gesicht geworden, und als man sie fragte, woher die Sachen stammten, fiel sie auf die Knie, um weinend zu gestehen: „Die Sachen hat der junge Herr Juwel[45] meinem großen Bruder geschenkt. Weil jedoch unsere Eltern im Süden sind, leben wir hier mit unserem Onkel, aber der und die Tante haben nichts anderes im Sinn als nur Weintrinken und Glücksspiele. Deshalb hatte mein Bruder Angst, die Sachen dem Onkel zu geben, weil der nur alles verschwendet hätte, und so hat er jedes Mal, wenn er ein Geschenk bekam, ein altes Muttchen gebeten, es zu mir in den Garten zu tragen, damit ich es für ihn aufbewahre."
Furchtsam, wie Bedauerfrühling war, bekam sie es auch jetzt mit der Angst zu tun und sagte: „Davon habe ich nichts gewusst. Das ist unerhört! Aber wenn du sie schlagen willst, Schwägerin, führ sie bitte hinaus und schlag sie draußen. Ich bin es nicht gewohnt, so etwas anzuhören."
Aber Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Wenn es wahr ist, was sie sagt, könnte man ihr schon verzeihen. Nur hätte sie die Sachen nicht heimlich hier einschmuggeln dürfen. Denn wenn man das einschmuggeln kann, kann man alles andere auch einschmuggeln. Dieses Vergehen geht zu Lasten der Schmugglerin. Falls es jedoch nicht wahr ist, was sie gesagt hat, und die Sachen sind gestohlen, kann sie getrost vom Leben Abschied nehmen."
Weinend beteuerte Ruhua auf Knien: „Ich würde nicht wagen zu lügen. Erkundigt Euch nur morgen bei der jungen Herrin und dem jungen Herrn aus dem anderen Anwesen, junge gnädige Frau! Wenn sie sagen, sie haben das meinem Bruder nicht geschenkt, dann könnt Ihr mich mit meinem Bruder zusammen totschlagen, ohne dass ich darüber grollen werde."
„Natürlich werde ich mich danach erkundigen", versicherte Phönixglanz. „Doch selbst dann, wenn es wirklich Geschenke sind, hast du dich eines Vergehens schuldig gemacht. Wer hat dir gestattet, hier etwas heimlich hereinzuschaffen? Aber sag mir, wer euch dabei geholfen hat, dann vergebe ich dir! Und noch einmal darfst du das auf gar keinen Fall tun!"
„Schon diesmal darfst du ihr nicht verzeihen, Schwägerin!" mischte Bedauerfrühling sich ein. „Hier sind viele Leute beisammen, und wenn nicht an ihr ein Exempel statuiert wird, sodass auch die Schlimmeren davon erfahren, werden sie sich wer weiß wie aufführen. Wenn du ihr vergibst, werde ich mich damit nicht abfinden."
„Ich habe immer gesehen, dass sie gar nicht so schlecht ist", widersprach Phönixglanz. „Gibt es denn jemand, der nie einen Fehler begeht? Und es ist ja nur dies eine Mal. Wenn sie sich noch einmal etwas zuschulden kommen lässt, wird sie für beide Vergehen zugleich bestraft. Ich möchte nur wissen, wer die Schmugglerin war."
„Nach der brauchst du nicht lange zu suchen", meinte Bedauerfrühling darauf. „Bestimmt ist es diese alte Mutter Zhang vom Hintertor. Sie hatte immer ihre Heimlichkeiten mit den Mägden, und die Mägde waren auch immer gut zu ihr."
Als Phönixglanz das hörte, befahl sie den Frauen, es sich zu merken. Dann gab sie den Fund aus Ruhuas Truhe vorläufig Zhou Ruis Frau in Verwahrung, um am nächsten Tag, wenn sie ihre Informationen eingeholt hätte, darüber befinden zu können. Anschließend verabschiedete sie sich von Bedauerfrühling und ging nun weiter zu Willkommensfrühling.
Willkommensfrühling selbst schlief bereits, und ihre Sklavenmädchen wollten sich gerade ebenfalls hinlegen, darum mussten die Besucherinnen lange ans Tor klopfen, ehe ihnen endlich geöffnet wurde. „Das Fräulein dürft ihr nicht aufstören!" befahl Phönixglanz und wandte sich zu den Zimmern der Sklavenmädchen.
Da Siqi[46] über ihre Mutter eine Enkelin von König Shanbaos Frau war, wollte Phönixglanz sehen, ob König Shanbaos Frau wohl insgeheim parteiisch war oder nicht, und beobachtete diesmal genau, wie die Durchsuchung vonstatten ging. Zuerst wurde bei den anderen nachgesehen und nirgends etwas Verdächtiges festgestellt. Als sie dann zu Siqis Truhe kamen, sahen sie sie ebenfalls durch, und König Shanbaos Frau sagte: „Hier ist auch nichts."
Doch als der Deckel gerade wieder zugeklappt werden sollte, forderte Zhou Ruis Frau die anderen auf: „Wartet mal! Was ist denn das hier?" Und sie streckte die Hand aus, um ein Paar Männerstrümpfe mit Brokatbändern und ein Paar Damastschuhe aus der Truhe zu ziehen. Außerdem fand sie noch ein kleines Päckchen mit einem Liebessymbol in Form zweier ineinander verschlungener Glückwunschzepter und einem beschriebenen Briefbogen darin.
Das alles übergab Zhou Ruis Frau an Phönixglanz, und da Phönixglanz bei der Leitung des Hauswesens stets Belege und Rechnungen anzusehen hatte, beherrschte sie auch ein gut Teil Schriftzeichen. Als sie jetzt den Briefbogen entfaltete, stellte sie fest, dass er in roter Farbe groß mit der Zeichenkombination „zweifache Freude" bedruckt war und dass darauf geschrieben stand: „Nachdem du letzten Monat zu Hause warst, haben die Eltern schon herausgefunden, wie wir zueinander stehen. Unser Herzenswunsch kann jedoch nicht in Erfüllung gehen, solange Dein Fräulein noch nicht verheiratet ist. Wenn es möglich ist, dass wir uns im Garten treffen, gib mir Nachricht durch Mutter Zhang. Im Garten können wir besser miteinander reden als zu Hause. Bitte, bitte tus doch! Ansonsten habe ich die beiden Riechbeutel richtig erhalten, die Du mir als Geschenk übersandt hast, und schicke Dir hiermit eine Gebetsschnur aus Duftholzperlen als kleinen Beweis meiner Gefühle. Heb sie nur gut auf! Dies schrieb Dein Vetter Pan Youan[47] mit dem Ausdruck tiefster Verehrung."
Als Phönixglanz zu Ende gelesen hatte, war sie nicht zornig, sondern fröhlich. Von ihren Begleiterinnen aber konnte keine schreiben und lesen.
König Shanbaos Frau, die von der Liebesgeschichte zwischen den beiden Geschwisterkindern in ihrer Familie keine Ahnung hatte, war beim Anblick der Schuhe und Strümpfe schon von einem unguten Gefühl befallen worden. Als sie dann den rot bedruckten Bogen erblickte und sah, wie Phönixglanz beim Lesen schmunzelte, sagte sie: „Das ist bestimmt eine dumme Rechnung, in der kein einziges Schriftzeichen richtig ist, dass Ihr Euch so darüber amüsiert, junge gnädige Frau!"
„Ja", sagte Phönixglanz, „diese Rechnung geht wirklich nicht auf. Du bist doch Siqis Großmutter. Da müsste doch ihr Vetter ebenfalls Wang heißen, warum nennt er sich Pan?"
König Shanbaos Frau wunderte sich zwar über die Frage, kam aber nicht umhin zu antworten: „Siqis Tante väterlicherseits ist jemand aus der Familie Pan zur Frau gegeben worden, und darum heißt Siqis Vetter mit Familiennamen Pan. Es ist dieser Pan Youan, der neulich entflohen ist."
„Genau so muss es sein!" bestätigte Phönixglanz. „Hör jetzt zu, was auf dem Zettel steht!" Und sie las den ganzen Brief laut vor, was alle vor Schreck erstarren ließ.
König Shanbaos Frau hatte nichts sehnlicher gewünscht, als jemanden bei einer Verfehlung zu ertappen, und nun war die Ertappte ihre eigene Enkeltochter. Darüber war sie ärgerlich und beschämt zugleich. Jetzt sagten auch noch Zhou Ruis Frau und die drei anderen Sklavenfrauen: „Hast du gehört, Alte? Das ist klar und deutlich, dazu ist nichts mehr zu sagen. Was meinst du, was nun zu tun ist?"
Da bedauerte König Shanbaos Frau nur, dass keine Spalte im Boden war, in die sie sich hätte verkriechen können. Phönixglanz aber lachte ihr ungeniert ins Gesicht und bemerkte dann lächelnd zu Zhou Ruis Frau: „Das ist doch gut! Sie hat der alten Oma die Mühe erspart und in aller Stille und Heimlichkeit selbst einen feinen Schwiegersohn ins Haus gebracht. So haben schließlich alle weniger Sorgen!"
Auch Zhou Ruis Frau machte lächelnd ihre Scherze, bis König Shanbaos Frau, die ihren Zorn nirgends abreagieren konnte, mit der Hand ausholte, sich selbst ins Gesicht schlug und sich dabei noch beschimpfte: „Du alte Hure, die ihre Zeit überlebt hat! Wozu hast du mit deinen Sünden den Grund gelegt?! Die eigene Großmäuligkeit bringt dir jetzt Maulschellen ein. Die Vergeltung kam in derselben Existenz und dazu noch vor aller Augen!"
Alle, die das mit ansahen, wollten sich ausschütten vor Lachen und vermischten weiteren Spott mit scheinbar begütigenden Worten.
Wie Phönixglanz inzwischen beobachtete, hielt Siqi zwar den Kopf gesenkt und sprach kein Wort, aber sie zeigte weder Furcht noch ein schlechtes Gewissen, und das kam ihr merkwürdig vor. Da sie sich sagte, dass jetzt in später Nacht nicht die richtige Zeit für eine Vernehmung war, andererseits aber befürchtet werden musste, dass Siqi über Nacht aus Reue eine Dummheit beginge, befahl sie zwei von den Sklavenfrauen, sie sollten sie einsperren und bewachen. Dann nahm sie die Beweisstücke an sich, führte die Leute fort und kehrte in ihre Räume zurück, wo sie sich schlafen legte, denn sie wollte die Vorfälle erst am nächsten Tag aufklären. Unerwartet musste sie aber die Nacht über mehrmals hintereinander aufstehen, weil sie unten herum in einem fort blutete.
Am nächsten Tag fühlte Phönixglanz sich außerordentlich matt, und als sie aufstand, wurde ihr so schwindlig, dass sie sich nicht auf den Beinen zu halten vermochte. Ein Hofarzt wurde geholt, und nachdem er ihr die Pulse gefühlt hatte, setzte er folgenden Befund auf: „Die junge gnädige Frau leidet offensichtlich an Herzschwäche, und durch Entkräftung entstandenes Feuer hat von der Milz Besitz ergriffen. Die Ursachen sind in Kummer und Überanstrengung zu suchen, und die Folge besteht in einem süchtigen Verlangen nach Ruhe und Schlaf. Da der Magen in Mitleidenschaft gezogen und das Holzelement der Leber geschwächt ist, besteht Appetitlosigkeit. Vorläufig sind Medikamente angezeigt, die dem Yang-Element aufhelfen und eine allgemeine Kräftigung bewirken." Nachdem er das geschrieben hatte, fügte er die Namen einiger Arzneimittel hinzu, aber das waren nur Ginseng, Engelwurz, Tragant und dergleichen.
Ein Weilchen später, als der Arzt wieder fort war, gingen die alten Ammen mit dem Rezept zu Dame König, um ihr Bericht zu erstatten, und nun litt sie natürlich noch unter einem weiteren Kummer. Die Angelegenheit mit Siqi blieb daher vorläufig unerledigt.
Zufällig kam eben Dame Sonders[48] herüber, um Phönixglanz einen Besuch zu machen, und nachdem sie eine Zeitlang bei ihr gesessen hatte, ging sie in den Garten, um auch Seidenweiß Pflaume zu besuchen. Anschließend wollte sie noch zu den Mädchen gehen, aber da erschien plötzlich eine Botin von Bedauerfrühling, um Dame Sonders zu ihrer Herrin hinüberzubitten. Als Dame Sonders dort angekommen war, berichtete Bedauerfrühling ihr den Vorfall vom vergangenen Abend in allen Einzelheiten und ließ ihr dann die Sachen aus Ruhuas Truhe vorlegen.
„Das sind tatsächlich Geschenke, die dein Bruder ihrem Bruder gemacht hat", bestätigte Dame Sonders, setzte dann aber hinzu: „Sie hätte sie bloß nicht heimlich hier hereinschaffen dürfen. Auf diese Weise ist das Monopolsalz zu Schmuggelsalz geworden." Anschließend beschimpfte sie Ruhua, das Fett müsse ihr das Herz verkleistert und sie dumm gemacht haben.
Bedauerfrühling dagegen erwiderte: „Erst erzieht ihr die Mägde nicht streng genug, und dann beschimpft ihr sie. Von allen Kusinen bin ich die einzige, die so eine unverschämte Magd hat, dass ich keinem Menschen mehr ins Gesicht sehen kann. Gestern habe ich Kusine Phönixglanz gedrängt, sie auf der Stelle mitzunehmen, aber damit war Phönixglanz nicht einverstanden, und da Ruhua von drüben aus eurem Anwesen stammt, musste ich mir sagen, Phönixglanz habe recht. Heute wollte ich sie gerade zu euch hinüberbringen lassen, darum kommst du eben richtig, Schwägerin. Also nimm sie nur rasch mit! Ob ihr sie verprügeln, totschlagen oder verkaufen werdet, ist mir einerlei."
Als Ruhua das hörte, kniete sie noch einmal nieder und flehte unter Tränen: „Ich will das nie wieder tun, Fräulein, und ich bitte Euch nur um das eine: Denkt daran, was uns von klein auf miteinander verbunden hat, und lasst mich um alles in der Welt bei Euch leben und sterben!"
Auch Dame Sonders und Bedauerfrühlings alte Ammen setzten sich für Ruhua ein und sagten: „Sie hat dieses eine Mal eine Dummheit gemacht und wird es kein zweites Mal wagen. Von Kindesbeinen an hat sie dir gedient, darum ist es nur recht und billig, wenn du sie bei dir behältst."
Aber Bedauerfrühling besaß trotz ihrer Jugend die Charaktereigenschaft, unbeugsam rechtschaffen und stolz zu sein. Was man ihr auch sagen mochte, für sie galt nur, dass sie ihr Ansehen einbüßen würde, also biss sie die Zähne zusammen und lehnte es entschieden ab, Ruhua bei sich zu behalten. Sie ging sogar noch weiter, indem sie erklärte: „Nicht nur, dass ich Ruhua nicht mehr will, ich bin jetzt auch groß und kann nicht gut noch länger zu euch hinüberkommen. Zumal ich in letzter Zeit immer wieder gerüchteweise davon höre, dass heimlich irgendwelche haarsträubenden Dinge von euch erzählt werden. Wenn ich euch noch weiter besuche, werde ich selbst ins Gerede kommen."
„Wer erzählt da von uns?" fragte Dame Sonders. „Und was gibt es von uns zu erzählen? Wer bist du, und wer sind wir? Wenn du hörst, wie jemand über uns herzieht, müsstest du ihn zur Rechenschaft ziehen, das wäre richtig!"
Aber mit kühlem Lächeln gab Bedauerfrühling zur Antwort: „Das hast du aber fein gesagt! Für mich als Mädchen ist Zurückhaltung das einzige, was in Frage kommt. Was würde aus mir werden, wenn ich anfangen wollte zu rechten? Und noch etwas: Ich habe keine Angst davor, dass du wütend wirst. Glücklicherweise habe ich meinen eigenen Verstand, warum also sollte ich andere fragen?
Die Alten sagen zu Recht: ‚Wenn es um Gut und Böse, Leben und Sterben geht, können auch Vater und Sohn einander nicht helfen.' Um wie viel mehr gilt das für mich und dich! Für mich heißt es nur, mich selbst zu bewahren, und das ist mir genug, mit euch will ich nichts zu tun haben. Ihr dürft mich also nicht mit hineinziehen, wenn euch in Zukunft etwas zustößt!"
Dame Sonders war ärgerlich und belustigt zugleich, und zum anwesenden Gesinde gewandt, sagte sie: „Kein Wunder, wenn jedermann sagt, das vierte gnädige Fräulein sei jung und dumm! Ich hatte das bloß nicht glauben wollen. Habt ihr gehört, was sie eben gesagt hat, ohne Grund und Ursache, ohne Verständnis für Gut und Böse und ohne Gefühl für Maß und Norm? Es war zwar nur das Geschwätz eines Kindes, aber es konnte einem heiß und kalt dabei werden."
„Das Fräulein ist noch jung", sagten die alten Ammen lächelnd, „da müsst Ihr schon etwas einstecken, junge gnädige Frau!"
Wieder lächelte Bedauerfrühling geringschätzig und parierte: „Ich bin zwar jung, aber aus meinen Worten spricht nicht die Jugend. Ihr könnt nicht lesen, kennt kaum ein paar Schriftzeichen, also seid ihr die Dummköpfe. Jetzt seht ihr jemand, der Verstand besitzt, aber da sagt ihr, ich sei jung und dumm."
„Ja, du gehörst zu den Besten in der Palastprüfung, bist das größte Talent aller Zeiten", höhnte Dame Sonders. „Wir aber sind dumm und haben keinen Verstand. Bist du nun zufrieden?"
„Als ob es unter den Besten in der Palastprüfung keine Dummköpfe gäbe!" erwiderte Bedauerfrühling. „Man weiß doch, dass es auch unter ihnen welche gibt, denen die Erleuchtung fehlt."
„Fein sagst du das!" fuhr wieder Dame Sonders lächelnd fort. „Eben warst du noch das große Prüfungstalent, jetzt bist du ein weiser Mönch und sprichst von Erleuchtung."
„Wenn ich nicht erleuchtet wäre, würde ich auch nicht auf Ruhua verzichten", erklärte Bedauerfrühling.
„Das zeigt nur, dass du hartherzig und kaltschnäuzig bist, bösartig und starrsinnig", behauptete Dame Sonders.
„‚Wer nicht hart zu sein versteht, kann auch nicht für sich einstehen.' Das ist ebenfalls ein Wort von den Alten", gab Bedauerfrühling zurück. „Warum soll ich mich, rein und sauber, wie ich bin, von euch in den Schmutz ziehen lassen?"
Da Dame Sonders wirklich Dreck am Stecken hatte, fürchtete sie natürlich jede Erwähnung davon. Schon als von den Gerüchten die Rede gewesen war, hatten Scham und Wut ihr Herz bedrängt, weil sie das aber nicht gut an Bedauerfrühling auslassen konnte, hatte sie es mehr oder weniger hinnehmen müssen.
Als sie aber den letzten Satz hörte, konnte sie sich nicht länger beherrschen und fragte: „Was heißt, wir ziehen dich in den Schmutz? Deine Magd hat etwas angestellt, und du greifst mich an. Lange genug habe ich mir das gefallen lassen, aber du bist immer selbstgerechter geworden und sagst mir jetzt solche Sachen! Wenn du so ein überaus edles Fräulein bist, werden wir uns in Zukunft von dir fernhalten, damit der gute Ruf des Fräuleins nicht leidet. Und Ruhua werde ich sofort mitnehmen lassen." Mit diesen Worten erhob sie sich zornig von ihrem Platz, um zu gehen.
„Wenn du wirklich nicht mehr kommst, bleiben mir Zank und Streit erspart, und alle haben ihre Ruhe", rief Bedauerfrühling ihr noch hinterher, aber Dame Sonders ging geradewegs hinaus, ohne etwas darauf zu erwidern.
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