Difference between revisions of "Hongloumeng/DE3-DE4/Kapitel 1"

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| 1.Dschën Schï-yin macht im Traum mit dem beseelten Jadestein Bekanntschaft,Djia Yü-tsun schließt im Staub der Welt ein Mädchen in sein Herz.
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| Dies ist das erste Kapitel, mit ihm beginnt das Buch. Der Verfasser sagt selbst, nachdem er ein Traumgesicht gehabt habe, verberge er die wahren Tatsachen und erzähle an Hand des ‚beseelten Jade‘ das Buch ‚Die Geschichte vom Stein‘. Deshalb sei von Dschën Schï-yin die Rede.
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| In dem Wahrheitsverberger Echt [甄士隐]<ref>Chin. 甄士隐 Zhēn Shìyǐn, wörtl. „der wahrhaft die Dinge Verbergende". Der Familienname 甄 Zhēn ist homophon zu 真 zhēn „wahr/echt"; 士隐 Shìyǐn klingt wie 事隐 „die wahren Tatsachen werden verborgen".</ref> im Traum die Wahrheit der Vergänglichkeit versteht
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1.Dschën Schï-yin macht im Traum mit dem beseelten Jadestein Bekanntschaft,Djia Yü-tsun schließt im Staub der Welt ein Mädchen in sein Herz.
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Dies ist das erste Kapitel, mit ihm beginnt das Buch. Der Verfasser sagt selbst, nachdem er ein Traumgesicht gehabt habe, verberge er die wahren Tatsachen und erzähle an Hand des ‚beseelten Jade‘ das Buch ‚Die Geschichte vom Stein‘. Deshalb sei von Dschën Schï-yin die Rede.
| Aber wovon und von wem wird in dem Buch erzählt? Wieder sagt der Verfasser selbst: ‚Nachdem ich es im Staub der Welt zu nichts gebracht hatte, fielen mir plötzlich all die Mädchen von damals wieder ein. Sorgfältig dachte ich über jede von ihnen nach, verglich sie untereinander und kam zu dem Schluß, daß sie mich in Verhalten und Wissen allesamt übertrafen. Ich, ein stattlicher Mann, komme nicht diesen Mädchen gleich! Scham empfinde ich mehr als genug, aber Reue ist sinnlos, denn es ist viel zu spät, um noch etwas zu ändern. So möchte ich jetzt über die kaiserliche Huld und die Tugend meiner Ahnen, auf die ich mich einst stützen konnte, über die Zeit, da ich Gewänder aus Brokat und Hosen aus Seide trug und mich an süßen und fetten Speisen satt essen konnte, und darüber, wie ich mich von der Gnade der Erziehung durch Vater und Brüder abgewandt und der Güte der Unterweisung durch Lehrer und Freunde den Rücken gekehrt habe, wodurch heute die Schuld auf mir
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Aber wovon und von wem wird in dem Buch erzählt? Wieder sagt der Verfasser selbst: ‚Nachdem ich es im Staub der Welt zu nichts gebracht hatte, fielen mir plötzlich all die Mädchen von damals wieder ein. Sorgfältig dachte ich über jede von ihnen nach, verglich sie untereinander und kam zu dem Schluß, daß sie mich in Verhalten und Wissen allesamt übertrafen. Ich, ein stattlicher Mann, komme nicht diesen Mädchen gleich! Scham empfinde ich mehr als genug, aber Reue ist sinnlos, denn es ist viel zu spät, um noch etwas zu ändern. So möchte ich jetzt über die kaiserliche Huld und die Tugend meiner Ahnen, auf die ich mich einst stützen konnte, über die Zeit, da ich Gewänder aus Brokat und Hosen aus Seide trug und mich an süßen und fetten Speisen satt essen konnte, und darüber, wie ich mich von der Gnade der Erziehung durch Vater und Brüder abgewandt und der Güte der Unterweisung durch Lehrer und Freunde den Rücken gekehrt habe, wodurch heute die Schuld auf mir lastet, daß keine einzige meiner Fertigkeiten ausgebildet und mein halbes Leben vertan ist, ein Buch schreiben, um aller Welt zu sagen: Meine
 
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Kapitel: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · ← Inhalt

第一回 / Kapitel 1

甄士隐梦幻识通灵

贾雨村风尘怀闺秀

DE3 (Schwarz/Woesler) DE4 (Woesler, 4. Aufl.)

1.Dschën Schï-yin macht im Traum mit dem beseelten Jadestein Bekanntschaft,Djia Yü-tsun schließt im Staub der Welt ein Mädchen in sein Herz. Dies ist das erste Kapitel, mit ihm beginnt das Buch. Der Verfasser sagt selbst, nachdem er ein Traumgesicht gehabt habe, verberge er die wahren Tatsachen und erzähle an Hand des ‚beseelten Jade‘ das Buch ‚Die Geschichte vom Stein‘. Deshalb sei von Dschën Schï-yin die Rede. Aber wovon und von wem wird in dem Buch erzählt? Wieder sagt der Verfasser selbst: ‚Nachdem ich es im Staub der Welt zu nichts gebracht hatte, fielen mir plötzlich all die Mädchen von damals wieder ein. Sorgfältig dachte ich über jede von ihnen nach, verglich sie untereinander und kam zu dem Schluß, daß sie mich in Verhalten und Wissen allesamt übertrafen. Ich, ein stattlicher Mann, komme nicht diesen Mädchen gleich! Scham empfinde ich mehr als genug, aber Reue ist sinnlos, denn es ist viel zu spät, um noch etwas zu ändern. So möchte ich jetzt über die kaiserliche Huld und die Tugend meiner Ahnen, auf die ich mich einst stützen konnte, über die Zeit, da ich Gewänder aus Brokat und Hosen aus Seide trug und mich an süßen und fetten Speisen satt essen konnte, und darüber, wie ich mich von der Gnade der Erziehung durch Vater und Brüder abgewandt und der Güte der Unterweisung durch Lehrer und Freunde den Rücken gekehrt habe, wodurch heute die Schuld auf mir lastet, daß keine einzige meiner Fertigkeiten ausgebildet und mein halbes Leben vertan ist, ein Buch schreiben, um aller Welt zu sagen: Meine Vergehen sind wahrlich unverzeihlich, aber unter den Mädchen waren unstreitig Talente, die auf gar keinen Fall mit der Vergessenheit anheimfallen dürfen, nur weil ich nichtswürdig bin und meine Fehler verbergen möchte. Wenn auch heute mein Dach mit Schilf gedeckt und mein Fenstergitter aus Kräuterstengeln geflochten ist, wenn auch mein Herd aus Ziegeln gemauert und mein Bett mit Stricken bespannt ist, erfrischen mich doch morgens und abends der Wind und der Tau; neben der Plattform meines Hauses wachsen Weiden, und im Hof blühen Blumen – was sollte mich also hindern, ans Schreiben zu denken? Ich habe zwar nichts gelernt und verfüge nicht über literarische Gaben, aber was kann mich abhalten, mit erdachten Worten in ländlich plumper Sprache eine Geschichte zu erzählen, um den Mädchen ein Denkmal zu setzen und die Augen der Welt zu erquicken? Den Leuten die Trübsal zu vertreiben, hat das nicht auch einen Sinn?‘ Darum ist von Djia Yü-tsun die Rede. Immer wenn in diesem Kapitel Wörter wie Traum und Trugbild gebraucht werden, geschieht das, um den Lesern die Augen zu öffnen. Das ist zugleich erklärte Absicht und Grundanliegen des Buches. Meine Leser! Wißt Ihr, woher das Buch stammt? Es klingt zwar absurd, aber genau genommen ist es doch höchst interessant. Wenn ich den Hergang erst einmal erklärt habe, wird es keinen Zweifel mehr geben. Als nämlich Nü-wa Steine schmolz, um den Himmel auszubessern, goß sie an der Klippe Unerforschlich im Großen Wüsten Gebirge sechsunddreißigtausendfünfhundertundeinen Steinblock von zwölf Dschang Höhe und vierundzwanzig Dschang im Geviert. Davon verbrauchte sie sechsunddreißigtausendfünfhundert Blöcke, nur ein einziger blieb übrig und wurde vor die Felswand Grüne Erhebung geworfen. Wer hätte gedacht, daß der Stein durch das Umschmelzen beseelt worden war! Als er sah, daß all die anderen Steinblöcke verwendet worden waren, um den Himmel auszubessern, und nur er selbst nicht dazu taugte, auserwählt zu werden, haderte er beschämt mit sich selbst und wehklagte Tag und Nacht. Eines Tages, als er eben wieder jammerte und seufzte, sah er plötzlich aus der Ferne einen buddhistischen Mönch und einen dauistischen Priester näher kommen, beide von ungewöhnlicher Gestalt und mit eigenartigem Gesichtsausdruck. Plaudernd und lachend kamen sie bis an die Felswand, setzten sich neben den Steinblock und führten ihr erhabenes Gespräch fröhlich weiter. Anfangs sprachen sie von Göttern und Mirakeln in Wolkenbergen und Nebelmeer, später kamen sie auf Glanz und Reichtum im roten Staub der Welt zu sprechen. Als der Steinblock das hörte, regte sich unversehens sein irdischer Sinn, und er wünschte sich, unter die Menschen zu gehen, um dort Glanz und Reichtum zu genießen. Er bedauerte nur, daß er so plump und so dumm war, und konnte sich nicht enthalten, den Mönch und den Priester in menschlicher Sprache anzureden: „Große Lehrer! Ich dummes Ding kann Euch nicht den Gruß entbieten, wie ihn der Anstand erfordert. Zufällig habe ich gehört, was Ihr von Pracht und Herrlichkeit der Menschenwelt erzählt habt, und jetzt sehnt sich mein Herz heftig danach. Ich bin zwar aus grobem Stoff gemacht, aber mein Wesen ist doch ein wenig durchgeistigt. Außerdem sieht man Euch an, daß Ihr unsterbliche Heilige seid und keine gewöhnlichen Menschen. Bestimmt könnt Ihr das Schicksal beeinflussen und den Sterblichen helfen. Wenn Ihr ein wenig Milde walten lassen und mich in den Staub der Welt mitnehmen wolltet, damit ich ein paar Jahre an jenen Stätten von Wohlstand und Behaglichkeit zubringen kann, würde ich Euch ewig dankbar sein und das in zehntausend Ären nicht vergessen.“ Kaum hatten die beiden unsterblichen Lehrer das gehört, brachen sie in Gelächter aus und sagten: „Das ist gut, das ist gut! In der Welt des roten Staubes gibt es wohl einige Freuden, aber sie dauern nicht ewig, außerdem sind sie eng mit den Sätzen verknüpft: Das Schöne ist unvollkommen, und das Gute birgt viele Qualen. In einem einzigen Augenblick erwächst auf dem Gipfel der Freude das Leid, die Menschen vergehen, die Dinge verändern sich, und am Ende war alles nur ein Traum und kehrt ins Nichts zurück. Da ist es doch am besten, du gehst erst gar nicht dorthin.“ Wie aber hätte wohl der Stein auf sie hören mögen, nachdem seine weltlichen Gelüste einmal geweckt waren! Und so bettelte er immer wieder. Da die beiden Unsterblichen merkten, daß er nicht davon abzubringen war, seufzten sie: „Hier bestätigt sich die Regel, daß sich in höchster Ruhe der Gedanke regt und das Sein aus dem Nichts entsteht. Gut also, wir nehmen dich mit! Nur darfst du es nicht bereuen, wenn du keine Befriedigung findest.“ „Natürlich nicht!“ beteuerte der Stein, und der Mönch fuhr fort: „Du bist also beseelt, bist aber aus grobem Stoff gemacht und hast weiter nichts Edles an dir. Nun denn, mag es gehen, so gut es geht! Ich will jetzt die ganze Kraft der buddhistischen Lehre daransetzen, um dir zu helfen, aber wenn diese Ära zu Ende ist, kehrst du in deinen Urzustand zurück, damit die Sache ihren Abschluß findet. Bist du damit einverstanden?“ Nachdem der Stein das gehört hatte, kannte sein Dank keine Grenzen. Da sprach der Mönch Beschwörungsformeln, schrieb magische Zeichen und entfaltete seine ganze Zauberkraft. Damit verwandelte er den riesigen Steinblock auf der Stelle in einen klaren, funkelnden Jadestein, der auf die Größe eines Fächeranhängers zusammenschrumpfte, so daß man ihn bequem am Gürtel tragen und in die Hand nehmen konnte. Der Mönch legte ihn auf seinen Handteller und sagte lächelnd: „Der Form nach bist du schon eine Kostbarkeit, aber ein wahrer Vorzug fehlt dir noch. Um das Wunder perfekt zu machen, mußt du ein paar Schriftzeichen eingeschnitten bekommen, damit die Leute dich auf den ersten Blick als etwas Außergewöhnliches erkennen. Und dann bringe ich dich in ein Land von Glanz und Überfluß, in eine Familie von Bildung und Adel, an einen Ort voller Blumen und Weiden, an eine Stätte des Wohlseins und des Reichtums, wo du deine Tage in Frieden und Freude verbringen kannst.“ Als der Stein das vernahm, war er unendlich froh, erkundigte sich aber: „Was sind das für wunderbare Eigenschaften, die Ihr mir verleiht, und was ist das für ein Ort, an den Ihr mich bringt? Ich bitte um klare Belehrung, damit ich nicht im Zweifel bleibe.“ „Frag nicht danach!“ gab der Mönch lächelnd zurück. „Später wirst du es ganz von selbst verstehen.“ Damit steckte er den Stein in den Ärmel und verschwand mit dem Dauisten zusammen wie eine flüchtige Wolke. Wohin sie sich wandten, ist nicht bekannt. Niemand weiß, wie viele Generationen und Zeitalter vergangen waren, als später einmal ein Dauist namens Kung-kung, der auf der Suche nach dem Dau und nach Unsterblichen war, bei der Felswand Grüne Erhebung an der Klippe Unerforschlich im Großen Wüsten Gebirge vorüberkam und plötzlich einen großen Steinblock erblickte, auf dem deutlich Schriftzeichen zu sehen waren, die eine klare Darstellung gaben. Kung-kung las sie von Anfang an, und es war die Geschichte des Steins, der zur Ausbesserung des Himmels nicht getaugt hatte und als Truggestalt auf die Erde gekommen war, den der Heilige Mang-mang und der Erleuchtete Miau-miau in den roten Staub der Welt getragen hatten, wo er Freude und Kummer von Begegnung und Trennung sowie die Unbeständigkeit der menschlichen Beziehungen zur Genüge kennengelernt hatte. Dahinter stand das Gatha: Den blauen Himmel auszubessern, hab ich nicht getaugt und ward auf Jahre unnütz in den roten Staub gesandt. Dies ist es, was als Mensch ich einst erlebte und zuvor, wer hört nun meine Bitte und verfaßt danach ein Buch? Auf diese Verse folgten der Ort, wo der Stein auf die Erde gekommen war, der Platz seiner Geburt und eine Schilderung seiner Erlebnisse. Darin war alles zu finden: Einzelheiten über die Mädchen des Hauses und Gedichte voller müßiger Gefühle, und es war wohl interessant und zerstreuend. Aber der Name der Dynastie und die Jahreszahlen fehlten genauso wie der Erdteil und die Bezeichnung des Landes, nichts war darüber festzustellen. Und so sagte Kung-kung: „Bruder Stein, du selber sagst, deine Geschichte sei interessant, deshalb sei sie hier aufgezeichnet, und dein Wunsch sei es, daß die Welt sie als Buch kennenlernt. Ich aber meine, zum einen sind die Dynastie und die Jahreszahlen nicht zu ermitteln, und zum anderen ist hier nicht von tüchtigen Ministern und treuen Beamten die Rede, die durch gutes Regieren den Herrscher auf den rechten Weg bringen und die Sitten des Volkes läutern. Es gibt hier nur ein paar eigenartige Mädchen, gefühlvoll oder töricht, vielleicht auch mit einem geringen Talent oder einem bißchen Güte, aber doch nicht mit der Tugend und den Fähigkeiten der Mädchen Ban und Tsai. Selbst wenn ich deine Geschichte abschreibe, werden die Menschen sie nicht gern lesen wollen, fürchte ich.“ Lächelnd erwiderte der Stein: „Warum seid Ihr so töricht, mein Lehrer? Wenn Ihr meint, die Dynastie und die Jahreszahlen fehlten, macht es doch keine Schwierigkeiten, wenn Ihr die Han- oder die Tang-Dynastie und ein paar Jahreszahlen einfügt. Aber mir scheint, die inoffiziellen Geschichtswerke aller Zeiten folgen immer denselben ausgefahrenen Gleisen, doch meine Erzählung, die sich nicht an diese Schablone hält, ist neuartig und ungewöhnlich. Es geht doch nur um Ereignisse und Wahrheiten, warum also muß man sich an eine Dynastie und an Jahreszahlen klammern? Und wer von den einfachen Leuten auf der Straße liest schon gern von tüchtigen Ministern, die ihren Herrscher bessern? Die allermeisten lieben nur leichte, unterhaltsame Lektüre. All die inoffiziellen Geschichtswerke, in denen entweder Herrscher und Kanzler geschmäht oder aber Frauen und Töchter gelästert werden und die voller Ausschweifungen und Grausamkeiten sind, kann schon kein Mensch mehr zählen. Dann gibt es noch eine Sorte von Liebesgeschichten, die so schmutzig und schlüpfrig sind, daß sie die ganze Literatur in Verruf bringen und die jungen Leute verderben. Auch diese sind nicht zu zählen. Die Bücher vom schönen Mädchen und vom begabten Jüngling schließlich kommen zu Tausenden aus einer Form, auch hier geht es nicht ohne Unzüchtigkeiten ab, und es gibt darin nichts als nur lauter Pan Ans, Dsï-djiäns, Hsi-dsïs und Wën-djüns. Nur um ein paar eigene Liebesgedichte unterzubringen, denken sich die Verfasser die Namen eines Jünglings und eines Mädchens aus und fügen unbedingt noch einen Bösewicht dazu, der zwischen ihnen Verwirrung stiftet wie der Spaßmacher auf der Bühne. Da braucht nur ein Sklavenmädchen den Mund aufzumachen, und schon wimmelt es von altertümlichen papiernen Phrasen. Es ist ein Stil der Stillosigkeit. Auf den ersten Blick entdeckt man innere Widersprüche und bemerkt, daß die Erzählung an der Wahrheit weit vorbeigeht. An die Mädchen, die ich ein halbes Leben lang gesehen und gehört habe, reicht das nicht heran. Ich wage ja nicht zu behaupten, daß sie unbedingt so waren wie die Heldinnen der Bücher vergangener Zeiten. Aber mit ihren Erlebnissen kann man sich doch seinen Kummer und seinen Gram zerstreuen. Es sind auch ein paar minderwertige Gedichte darin und Redensarten, die jeder kennt, aber sie bringen einen vielleicht zum Lachen, und man trinkt einen Schluck Wein dazu. Trennung und Wiedersehen, Freud und Leid, Gedeih und Verderb – alles hält sich an die Spuren von Ereignissen, nichts ist auch nur im mindesten entstellt, so daß es nur dem Auge gefällig wäre, aber von der Wahrheit abweichen würde. Unter den Menschen von heute müssen sich die Armen tagtäglich abmühen, um Kleidung und Nahrung zu haben, die Reichen aber tragen ein ewig unzufriedenes Herz in der Brust. Haben sie einen Augenblick Muße, dann geben sie sich der Wollust hin, oder sie streben nach Besitz und laden sich dadurch Sorgen auf. Wann also hätten sie Zeit, um Bücher zu lesen, in denen tüchtige Minister ihren Herrscher bessern? Darum erwarte ich nicht, daß die Zeitgenossen über meine Geschichte in Entzücken geraten, und verlange auch nicht, daß sie sich voll Begeisterung daran machen, sie zu studieren. Ich möchte nur, daß sie einmal darin blättern, wenn sie sich satt und trunken von Liebe und Wein zur Ruhe legen oder wenn sie ihren weltlichen Geschäften und Sorgen entfliehen. Könnten sie damit nicht ihr Leben ein bißchen verlängern und ihre Kräfte ein wenig schonen, anstatt auf Hohlheiten zu sinnen und nach Nichtigkeiten zu streben? Würden sie nicht ihren Mündern den Schaden des Streits ersparen und ihren Beinen die Mühsal des Laufens? Und würden sie so nicht endlich auch einmal etwas Neues zu sehen bekommen anstelle der alten Texte, deren bewährtes Rezept schon allbekannt ist mit seinen albernen Verwicklungen und dem ewigen Hin und Her und in denen es nur so wimmelt von begabten Jünglingen und tugendhaften Jungfrauen in der Art von Dsï-djiän, Wën-djün, Hung-niang und Hsiau-yü? Was meint Ihr dazu, mein Lehrer?“ Als der Dauist Kung-kung das gehört hatte, bedachte er es einige Zeit, prüfte dann noch einmal die ‚Geschichte vom Stein‘ und sah, daß es darin wohl Passagen gab, in denen Falschheit und Bosheit gegeißelt wurden, aber nicht die Absicht, die Sitten der Zeit zu verletzen und die Welt zu verfluchen, und daß sie im Unterschied zu anderen Büchern an allen Stellen, wo es um die Menschlichkeit des Herrschers und die Tüchtigkeit der Beamten, die Milde der Väter und den Gehorsam der Söhne ging und wo die Normen der menschlichen Grundbeziehungen berührt wurden, unerschöpflich war in dem Bestreben, Verdienste zu preisen und Tugenden zu loben. Das Hauptanliegen bestand zwar darin, von Gefühlen zu erzählen, aber es war doch nur die getreuliche Aufzeichnung von Tatsachen, ganz etwas anderes als diese verlogenen Gleichnisse und überspannten Bezeichnungen, diese ewigen lüsternen Verabredungen und heimlichen Verhältnisse. Weil schließlich auch in keiner Weise die gegenwärtigen Zustände berührt wurden, schrieb er es von Anfang bis Ende ab, um es der Welt als Übermittlung von Wunderbarem bekannt zu machen. Weil man aus der Leere den Anblick erschaut und durch den Anblick das Gefühl entsteht, weil man durch die Wiedergabe des Gefühls in den Anblick eindringt und aus dem Anblick die Leere versteht, änderte der Dauist Kung-kung seinen Namen jetzt in Tjing-sëng – ‚Gefühlvoller Mönch‘ – und benannte die ‚Geschichte vom Stein‘ in ‚Aufzeichnungen des Gefühlvollen Mönches‘ um. Kung Mee-hsi aus dem östlichen Lu gab ihr den Titel ‚Zauberspiegel der Liebe‘. Später las sie Tsau Hsüä-tjin in seiner Studierstube ‚Trauer um das Rote‘ zehn Jahre lang immer wieder durch, schrieb sie fünfmal um, verfaßte ein Inhaltsverzeichnis dazu, teilte sie in Kapitel ein und nannte das Buch jetzt ‚Zwölf Mädchen aus Djin-ling‘. Er stellte ihm auch den Vierzeiler voran: Völliger Unsinn der ganze Text, eine Handvoll bitterster Tränen. Alle Welt nennt den Autor verrückt, wer schmeckt heraus, was es ist? Nachdem der Ursprung nun geklärt ist, wollen wir sehen, was für eine Geschichte auf dem Stein geschrieben stand. Er hieß dort nämlich so: Seinerzeit war die Erde im Südosten abgesunken, und dort im Südosten liegt ein Ort namens Gu-su. Am Stadttor Tschang-mën war die Gegend, wo in der Welt des roten Staubes Reichtum, Vornehmheit und Eleganz in höchstem Maße zu Hause waren. Außerhalb des Tors Tschang-mën gab es die Zehn-Li-Straße mit der Gasse der Menschlichkeit und der Reinheit. In dieser Gasse stand ein alter Tempel, der seiner Enge wegen von allen Leuten nur der ‚Flaschenkürbistempel‘ genannt wurde. Hier neben dem Tempel wohnte ein Beamter im Ruhestand, der den Familiennamen Dschën und den Rufnamen Fee trug, sein Ehrenname lautete Schï-yin. Er war mit einer Frau Fëng verheiratet, die rechtschaffen und tugendhaft war und ein tiefes Gefühl für Anstand und Pflicht hatte. Die beiden waren zwar nicht sehr reich, zählten aber zu den angesehenen Familien der Gegend. Dschën Schï-yin war still und bescheiden, er strebte nicht nach Anerkennung und Ruhm. Seine täglichen Freuden waren nur Bambus und Blumen, Gedichte und Wein. So lebte er ganz wie ein Unsterblicher. Nur eines fehlte zur Vollkommenheit: Er hatte jetzt die fünfzig schon überschritten, besaß aber keinen Sohn. Lediglich eine Tochter hatte er, die mit Kindheitsnamen Ying-liän hieß und erst drei Jahre alt war. An einem endlosen heißen Sommertag saß Dschën Schï-yin müßig in seiner Bibliothek. Er tat mit müder Hand das Buch beiseite und legte den Kopf auf den Tisch, um ein Nickerchen zu machen. Ohne zu merken wie, kam er im Dämmer des Einschlafens in eine Gegend, die er nicht erkannte. Plötzlich sah er einen buddhistischen Mönch und einen dauistischen Priester auf sich zukommen, die sich im Gehen unterhielten, und hörte, wie der Dauist fragte: „Wozu hast du das dumme Ding mitgenommen? Wohin willst du damit?“ „Sei unbesorgt!“ erwiderte der Mönch lächelnd. „Es bahnt sich gerade ein Liebesdrama an, aber noch haben seine Helden nicht das Licht der Welt erblickt. Diese Gelegenheit will ich nutzen, um das dumme Ding dort unterzuschieben, damit es die Erlebnisse bekommt, die es haben möchte.“ „So treten also die Liebenden jetzt ihren irdischen Leidensweg an“, sagte der Dauist. „Aber wo wird es sein, wo sie zur Welt kommen?“ „Das ist eine komische Geschichte“, entgegnete lächelnd der Mönch, „eine einmalige Sache, wie man sie seit undenklichen Zeiten nicht gehört hat. Neben dem Felsen der Dreimaligen Wiedergeburt am Ufer des Seelenflusses im Westen wuchs eine Pflanze Pupurperle, die seinerzeit jeden Tag von dem Pagen Geisterjade aus dem Rotjadepalast mit süßem Tau gegossen wurde und sich nur dadurch über Monate und Jahre am Leben halten konnte. Als sie später die Essenzen des Himmels und der Erde in sich aufgenommen hatte und mit Regen und Tau genährt worden war, vermochte sie endlich, sich aus ihrer pflanzlichen Hülle zu lösen und menschliche Gestalt anzunehmen, allerdings wurde sie nur ein Mädchen. Von morgens bis abends streifte sie jetzt außerhalb des Himmels des Trennungsschmerzes umher. War sie hungrig, dann dienten ihr süße grüne Früchte als Nahrung, war sie durstig, dann bildete Wasser aus dem Meer des Kummers ihren Trank. Weil sie aber die Güte des Gegossenwerdens noch nicht vergolten hatte, festigte sich in ihrem tiefsten Innern ein unabänderlicher Vorsatz. Doch gerade jetzt ist der Page Geisterjade auf profane Gedanken gekommen und möchte es ausnutzen, daß eine glanzvolle, friedfertige Dynastie herrscht, um unter die Menschen zu gehen und den Wahn des Lebens kennenzulernen. Er hat sich bereits bei der Fee Warnendes Trugbild eintragen lassen, und als diese dabei erfuhr, daß die Dankesschuld für das Gießen noch nicht abgegolten ist, fand sie, es sei eine günstige Gelegenheit, um auch das zu erledigen. Die Fee Pupurperle sagte dazu: ‚Er hat mir die Wohltat erwiesen, mir süßen Tau zu bringen, aber ich kann ihm das nicht mit Wasser zurückerstatten. Wenn er als Mensch auf die Erde geht, will auch ich ein Mensch werden und ihm die Tränen eines ganzen Lebens geben. So kann ich es ihm vergelten.‘ Diese Sache hat etliche Liebesnarren angelockt, die mit ihnen gehen wollen, um den Fall zum Abschluß zu bringen.“ „Das ist tatsächliche eine seltene Kunde“, sagte der Dauist. „Daß man etwas mit Tränen vergelten kann, habe ich wirklich noch nicht gehört. Mir scheint, diese Geschichte wird viel reicher an Einzelheiten werden als die herkömmlichen Liebesromane.“ Darauf erwiderte der Mönch: „Von den Helden der bisherigen Liebesromane wird nur in groben Zügen erzählt, dazu kommen Verse und Gedichte, und das ist alles. Was in den Mädchengemächern gegessen und getrunken wird, hat noch nie jemand berichtet. Außerdem beschreiben die meisten Liebesromane nur unerlaubte Beziehungen und heimliche Zusammenkünfte, von den wahren Gefühlen der jungen Leute dagegen wird nicht das mindeste erzählt. Ich glaube, wenn jetzt diese Gestalten auf die Erde hinabsteigen, werden unter ihnen Narren der Liebe und Sklaven der Wollust, Tüchtige, Dumme und auch Nichtswürdige sein, wie sie noch keiner geschildert hat.“ „Warum gehen wir beide nicht mit auf die Erde und erlösen ein paar von ihnen? Wäre das nicht ein verdienstvolles Werk?“ fragte der Dauist. „Das trifft genau meine Absicht“, sagte der Mönch. „Geh mit mir in den Palast der Fee Warnendes Trugbild, um für das dumme Ding hier alles zu regeln, und wenn dann die Liebesnarren alle auf der Erde sind, gehen wir hinterher. Die Hälfte von ihnen ist jetzt wohl schon im Staub angelangt, aber noch sind nicht alle beisammen.“ „Wenn dem so ist, gehe ich mit dir“, stimmte der Dauist zu. Dschën Schï-yin hatte alles deutlich gehört, er wußte nur nicht, was das für ein ‚dummes Ding‘ war, von dem die beiden gesprochen hatten. Darum konnte er sich nicht enthalten, näher zu treten und mit einer Verbeugung lächelnd zu sagen: „Gruß Euch, heilige Lehrer!“ Der Mönch und der Dauist erwiderten auch rasch die Verbeugung und fragten, was er wolle. Daraufhin sagte Dschën Schï-yin: „Zufällig habe ich vernommen, was Ihr über Ursache und Folge gesprochen habt, und so etwas bekommt man in der Menschenwelt wirklich selten zu hören. Doch in meiner Einfalt habe ich es nicht ganz verstanden. Wenn Ihr meine Dummheit erleuchtet und es mich genau wissen laßt, werde ich mir die Ohren waschen und ergeben zuhören. Wenn ich ein wenig auf der Hut sein könnte, würde es mir möglich sein, der Qual des Untergangs zu entgehen.“ Lächelnd klärten die beiden Unsterblichen ihn auf: „Die dunklen Geheimnisse des Himmels dürfen nicht vorzeitig durchsickern. Wenn du nur uns beide nicht vergißt, wenn es soweit ist, wirst du der Feuergrube entrinnen können.“ Als Dschën Schï-yin das vernahm, konnte er schlecht noch ein zweites Mal fragen, darum sagte er lächelnd: „Die Geheimnisse des Himmels dürfen nicht vorzeitig durchsickern, aber eben war von einem ‚dummen Ding‘ die Rede, und ich weiß nicht, was das ist. Darf ich es vielleicht einmal sehen?“ „Fragst du danach?“ sagte der Mönch, „du hast wirklich allen Grund, es dir gut anzusehen.“ Damit holte er es hervor und reichte es Dschën Schï-yin. Als Dschën Schï-yin es entgegennahm und betrachtete, erwies es sich als ein schöner Jadestein. Deutlich waren Schriftzeichen darauf zu erkennen. ‚Wertvoller beseelter Jade‘ war dort eingeschnitten. Auf der Rückseite standen noch ein paar Zeilen kleinerer Schriftzeichen, aber als Dschën Schï-yin sie eben genauer betrachten wollte, sagte der Mönch: „Wir sind schon an den Wahngefilden angelangt!“ und nahm ihm den Stein mit Gewalt aus der Hand. Dann schritt er mit dem Dauisten durch ein großes steinernes Schmucktor, auf dem oben in großen Schriftzeichen geschrieben stand ‚Wahngefilde der Großen Leere‘. Eine Parallelinschrift zu beiden Seiten lautete: ‚Wenn Falsches wahr ist, wird auch Wahres falsch,

  wo Nichtsein Sein ist, wird auch Sein zum Nichts.‘

Dschën Schï-yin wollte mit durch das Tor gehen, aber als er eben den Fuß hob, hörte er es plötzlich donnern, als ob Berge zusammenstürzten und die Erde berste. Er schrie laut auf, aber als er zu sich kam, sah er nur die brennende Sonne und schwankende Bananenstauden. Den größten Teil seiner Traumerlebnisse hatte er vergessen. Dann erblickte er die Amme mit Ying-liän auf dem Arm. Er sah, daß seine Tochter immer lieblicher und verständiger wurde, darum streckte er die Hände nach ihr aus und nahm sie der Amme ab, um sie auf den Armen zu halten und ein Weilchen mit ihr zu spielen. Anschließend trat er mit ihr auf die Straße, um das Gewimmel einer vorüberziehenden Prozession anzusehen. Als er eben wieder hineingehen wollte, sah er einen buddhistischen Mönch und einen dauistischen Priester näher kommen. Der Mönch hatte einen grindigen Kopf und ging barfuß, der Dauist hinkte, und das Haar hing ihm wirr ins Gesicht. Gestikulierend, lachend und schwatzend kamen sie daher wie zwei Verrückte. Als sie an seinem Tor waren und Dschën Schï-yin mit Ying-liän auf dem Arm sahen, begann der Mönch laut zu weinen und sprach Dschën Schï-yin an: „Mein Wohltäter, warum hältst du dieses Geschöpf auf dem Arm, das zum Unglück bestimmt ist und seine Eltern mit ins Verderben ziehen wird?“ An diesen Worten erkannte Dschën Schï-yin, daß der Wahnsinn aus ihm sprach, darum beachtete er ihn nicht. Da sagte der Mönch: „Gib sie mir, gib sie mir!“ Nun wurde es Dschën Schï-yin zuviel, und mit der Tochter auf dem Arm machte er kehrt, um hineinzugehen. Der Mönch aber wies mit dem Finger auf ihn und brach in Gelächter aus. Dann sagte er vier Sätze her: „Töricht, sich um das Kind zu sorgen,

 unnütz im Schnee blüht die Wassernuß.
 Sei auf der Hut zum Laternenfest,
 wenn das rauchende Feuer verlischt!“

Dschën Schï-yin, der alles deutlich gehört hatte, schlichen Zweifel ins Herz. Eben wollte er nach einer Erklärung fragen, da hörte er, wie der Dauist sagte: „Wir müssen nicht zusammenbleiben, also trennen wir uns hier, und jeder geht seinen Angelegenheiten nach! Wenn drei Zeitalter vergangen sind, warte ich am Berg Bee-mang-schan auf dich, und wenn wir uns getroffen haben, gehen wir gemeinsam in die Wahngefilde der Großen Leere, um die Sache wieder austragen zu lassen.“ „Ausgezeichnet, ausgezeichnet!“ erwiderte der Mönch. Als er ausgesprochen hatte, waren die beiden verschwunden, ohne daß eine Spur zurückgeblieben wäre. Dschën Schï-yin aber sagte sich: ‚Mit den beiden hatte es bestimmt etwas auf sich, ich hätte versuchen müssen, sie zu fragen. Doch jetzt kommt die Reue zu spät.‘ Als er eben noch seinen törichten Gedanken nachhing, sah er plötzlich einen armen Gelehrten herankommen, der nebenan im ‚Flaschenkürbistempel‘ hauste. Sein Familienname war Djia, sein Rufname Hua, sein Ehrenname Schï-fee und sein Beiname Yü-tsun. Ursprünglich kam dieser Djia Yü-tsun aus Hu-dschou und stammte aus einer Familie von Literaten und Beamten. Als er geboren wurde, war die Familie schon im Untergang begriffen, der Besitz, von dem seine Eltern und Ahnen gelebt hatten, war aufgebraucht, alle Familienmitglieder bis auf ihn waren tot. In der Heimat zu bleiben, hätte ihm nichts eingebracht, darum wollte er in die Hauptstadt, um über die Staatsprüfungen eine Beamtenstelle zu erhalten und so wieder Besitz zu erwerben. Vor zwei Jahren war er hier hängengeblieben und hatte im Tempel eine einstweilige Bleibe gefunden. Er lebte von täglichen Schreibarbeiten, und Dschën Schï-yin kam oft mit ihm zusammen. Als Djia Yü-tsun jetzt Dschën Schï-yin erblickte, grüßte er rasch und erkundigte sich lächelnd: „Gibt es irgendetwas Interessantes auf der Straße, daß Ihr am Tor lehnt und Ausschau haltet, alter Herr?“ „Nein“, erwiderte Dschën Schï-yin, ebenfalls lächelnd. „Nur mein Töchterchen hatte geweint, und ich bin mit ihr herausgetreten, um sie zu unterhalten. Aber Ihr kommt gerade recht, es ist sterbenslangweilig. Kommt bitte in mein bescheidenes Studierzimmer zu einem Plausch, damit wir uns zu zweit an diesem endlosen Tag die Zeit vertreiben!“ Bei diesen Worten schickte er jemanden mit dem Kind ins Haus, faßte Djia Yü-tsun bei der Hand und führte ihn in seine Bibliothek. Ein Knabe brachte Tee. Sie hatten erst drei oder fünf Sätze gewechselt, als plötzlich ein Diener mit der eiligen Meldung kam: „Der alte Herr Yän ist gekommen, seine Aufwartung zu machen.“ Hastig stand Dschën Schï-yin auf und entschuldigte sich: „Verzeiht mir, daß ich Euch im Stich lasse! Wenn Ihr ein wenig wartet, werde ich Euch wieder Gesellschaft leisten.“ Rasch erhob sich auch Djia Yü-tsun und forderte ihn auf: „Tut Euch nur keinen Zwang an, alter Herr! Ich bin ein häufiger Gast, warum sollte ich mich nicht ein wenig gedulden können?“ Dschën Schï-yin verschwand bei diesen Worten bereits in Richtung der Vorhalle. Hier aber vertrieb sich Djia Yü-tsun die Zeit damit, in Büchern zu blättern. Auf einmal hörte er vor dem Fenster ein Mädchen husten. Also stand er auf und sah hinaus. Er erblickte ein Sklavenmädchen, das Blumen pflückte. In ihrer Erscheinung war nichts Vulgäres, ihr Gesicht war rein und wohlgeformt. Wenn sie auch keine vollendete Schönheit war, hatte sie doch manches Anziehende an sich. Unwillkürlich verlor sich Djia Yü-tsun in ihren Anblick.

Als die Magd ihre Blumen gepflückt hatte und eben wieder gehen wollte, blickte sie plötzlich auf und sah, daß jemand am Fenster stand – ein Mann in schäbiger Kleidung und Kopfbedeckung, der wohl ärmlich wirkte, aber eine runde Taille und kräftige Schultern, ein breites Gesicht und einen eckigen Mund hatte. Seine Brauen waren wie Schwerter, seine Augen wie Sterne, die Nase war gerade, die Wangenknochen stark. Eilig wandte die Magd sich ab und dachte dabei: ‚Dieser Mann ist so eine imposante Erscheinung und dabei so schäbig gekleidet. Bestimmt ist es dieser Djia Yü-tsun, von dem der Herr oft gesprochen hat und dem er immer helfen möchte, ohne daß sich eine Gelegenheit dazu bietet. So arm ist sonst kein Verwandter oder Freund des Hauses. Ganz sicher ist er es. Kein Wunder, wenn der Herr sagt, dieser Mann werde nicht lange Not leiden müssen.‘ Bei diesen Gedanken wandte sie sich unwillkürlich noch zweimal nach ihm um.

Als Djia Yü-tsun sah, daß sie sich umdrehte, meinte er, sie müsse etwas für ihn übrig haben, und so überkam ihn eine heftige Freude. Er sagte sich, dieses Mädchen müsse ein Wunder an Scharfblick sein, ein Freund, der ihn auch im Staub der Welt richtig einzuschätzen vermochte. Bald darauf kam der Knabe herein, und Djia Yü-tsun erfuhr auf seine Frage, der Gast in der Vorhalle werde zum Essen bleiben. Da er so lange nicht warten konnte, ging er durch das Seitentor fort. Als Dschën Schï-yin seinen Gast verabschiedet hatte und erfuhr, Djia Yü-tsun sei schon gegangen, holte er ihn nicht noch einmal zurück. Nicht viel später war das Mittelherbstfest gekommen. Nach dem Festessen im Kreis der Familie befahl Dschën Schï-yin, in seiner Bibliothek eine Tafel herzurichten, und ging selbst im Mondschein in den Tempel, um Djia Yü-tsun herüberzubitten. Seitdem Djia Yü-tsun an jenem Tag gesehen hatte, wie sich das Sklavenmädchen im Hause Dschën zweimal nach ihm umdrehte, und er sich sagte, sie müsse seinen wahren Wert erkannt haben, trug er ihr Bild ständig im Herzen. Heute nun zum Mittelherbstfest entfachte der Anblick des Mondes die Gefühle in seiner Brust, und er improvisierte ein Gedicht: „Noch ist der Zukunft Orakel nicht klar,

 und ständig drückt neuer Kummer mein Herz.
 Schmerzlich zieh ich die Brauen zusammen,
 sie aber wandte den Kopf nach mir um.
 Jetzt folgt mir allein mein Schatten im Wind –
 wer wollte im Mondlicht mein Partner sein?
 Wenn nur der Mond Verstand besäße,
 Schaut‘ er zuerst bei der Schönen hinein.“

Als Djia Yü-tsun zu Ende gesprochen hatte, dachte er wieder an seine ständigen Hoffnungen und betrübte sich darüber, daß er es noch zu nichts gebracht hatte. Er kratzte sich den Kopf, schickte einen langen Seufzer zum Himmel und sprach dann laut den Parallelsatz: „Der Jade wartet auf günstigen Preis;

 kommt seine Zeit, fliegt der Haarpfeil davon.“
Dschën Schï-yin, der eben dazukam und die Worte gehört hatte, sagte lächelnd: „Ihr habt keine geringen Ambitionen, Bruder Yü-tsun!“ Rasch erwiderte Djia Yü-tsun, ebenfalls lächelnd: „Ich habe nur zufällig diese Zeilen eines alten Dichters rezitiert. Wie würde ich es wagen, so maßlose Dinge zu äußern?“ Dann fragte er: „Was führt Euch hierher, alter Herr?“

„Heute ist die Herbstmitte oder das Vollmondfest, wie der Volksmund sagt“, antwortete ihm Dschën Schï-yin. „Ich dachte, Ihr würdet Euch bestimmt langweilen in Eurer Mönchszelle, darum habe ich etwas Wein bereitstellen lassen und möchte Euch bitten, in meinem ärmlichen Studierzimmer mit mir zu trinken. Ich weiß aber nicht, ob Ihr diese Einladung annehmen möchtet.“ Djia Yü-tsun ließ sich nicht lange bitten und sagte lächelnd: „Wie könnte ich es wagen, Eure Freigebigkeit zurückzuweisen, wenn Ihr mir so große Liebe erweist!“ Mit diesen Worten folgte er Dschën Schï-yin in den Hof vor seiner Bibliothek. Als sie dann den Tee getrunken hatten, standen schon die Becher und Teller bereit. Wie edel der Wein und wie köstlich die Speisen waren, braucht nicht extra gesagt zu werden. Nachdem sie am Tisch Platz genommen hatten, tranken sie den Wein zuerst nur gemächlich, dann aber kamen sie durch ihr Gespräch allmählich in Stimmung, und ohne es selbst zu bemerken, tranken sie einander so rasch zu, daß die Becher zu fliegen schienen. Aus allen Anwesen des Viertels erklangen jetzt Musik und Gesang, der klare Mond stand direkt über den Köpfen wie schwebender Glanz und erstarrtes Licht, und die Begeisterung der beiden Männer stieg weiter an. Sie leerten die Becher, kaum daß sie gefüllt waren. Djia Yü-tsun war schon zu sieben oder acht Zehnteln betrunken und vermochte seinen Übermut nicht zu zügeln. Er wandte sich dem Mond zu und sprach ein Gedicht: „Rund ist der Mond am fünfzehnten Tag,

 scheint gleißend auf Jadegeländer.
 Sobald er strahlend am Himmel steht,
 hebt schon ein jeder zu ihm den Blick.“

„Ausgezeichnet!“ rief Dschën Schï-yin, als er das gehört hatte. „Ich habe immer wieder gesagt, Ihr würdet bestimmt nicht mehr lange tiefer stehen als andere Leute. In Euren heutigen Versen sind schon die Vorzeichen eines steilen Aufstiegs zu erkennen, und Ihr werdet bald über Wolken schreiten. Ich gratuliere, ich gratuliere!“ Damit füllte er eigenhändig die Becher, um ihm zuzutrinken. Als Djia Yü-tsun ausgetrunken hatte, seufzte er: „Was ich sage, ist nicht die Prahlerei eines Betrunkenen. Dem Wissen nach, wie es heute geschätzt wird, könnte ich mir bei den Prüfungen wohl einen Namen machen, aber mein Beutel ist leer, und die Hauptstadt ist weit. Nur mit Hilfe meiner Schreibarbeiten komme ich dort nicht hin, und...“ „Warum habt Ihr das nicht schon früher gesagt?“ unterbrach ihn Dschën Schï-yin. „Ich hatte schon lange diese Absicht, aber wenn wir uns getroffen haben, kam nie die Sprache darauf, und so wollte ich nichts überstürzen. Wie die Sache nun steht, habe ich kein besonderes Talent, aber was Rechtschaffenheit ist und was Eigennutz, das weiß ich noch. Erfreulicherweise wird im nächsten Jahr eben die hauptstädtische Prüfung abgehalten, und Ihr tut gut daran, Euch schnellstens in die Hauptstadt zu begeben. Erst wenn Ihr die Prüfung bestanden habt, waren Eure Studien nicht umsonst. Für die Reisekosten und alles andere erlaube ich mir zu sorgen, um es zu rechtfertigen, daß ich Eure Bekanntschaft machen durfte.“ Auf der Stelle befahl er einem Knaben, ins Haus zu gehen und rasch fünfzig Liang Silber und zweimal Winterkleidung einzupacken. Dann sagte er: „Der neunzehnte ist ein Glückstag, da könnt Ihr Euch ein Boot mieten und nach Westen aufbrechen. Wäre es nicht eine große Freude, wenn wir uns im nächsten Winter wiedersähen und Ihr wäret in Amt und Würden?“ Djia Yü-tsun nahm das Silber und die Kleider entgegen, bedankte sich aber nur flüchtig mit einem Satz und machte nicht viel Aufhebens darum. Dann tranken sie weiter und lachten und schwatzten dazu. Erst in der dritten Nachtwache gingen sie endlich auseinander. Nachdem Dschën Schï-yin seinen Gast hinausbegleitet hatte, ging er in sein Zimmer, um sich schlafen zu legen, und wurde erst wieder wach, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Als er die Ereignisse der letzten Nacht überdachte, fiel ihm ein, er könnte noch zwei Empfehlungsbriefe schreiben und sie Djia Yü-tsun in die Hauptstadt mitgeben, damit er im Hause eines Beamten Aufnahme fände. Also schickte er einen Diener hinüber und ließ Djia Yü-tsun zu sich bitten, aber der Diener kam zurück und berichtete: „Die Mönche sagen, Herr Djia sei schon heute in der fünften Nachtwache in die Hauptstadt aufgebrochen. Euch habe er auszurichten befohlen, als Gelehrter richte er sich nicht nach Glücks- und Unglückstagen, sondern nach der Vernunft der Dinge, und er sei nicht mehr dazu gekommen, sich persönlich zu verabschieden.“ Als Dschën Schï-yin das hörte, mußte er es wohl oder übel auf sich beruhen lassen. Wahrlich, schnell vergeht die Zeit an müßiger Stätte. Schon war das Laternenfest gekommen. Da befahl Dschën Schï-yin seinem Diener Huo Tji, er solle Ying-liän auf den Arm nehmen und mit ihr den Zug der Vermummten und die bunten Laternen ansehen gehen. Gegen Mitternacht mußte Huo Tji einmal austreten und setzte Ying-liän solange auf die Schwelle eines Hauses. Als er nach erledigtem Geschäft zurückkam und sie wieder hochnehmen wollte, war keine Spur von ihr zu finden. Aufgeregt suchte er den Rest der Nacht nach ihr, aber als er sie bei Tagesanbruch nicht gefunden hatte, traute er sich nicht, vor seinen Herrn zu treten, und floh in eine fremde Gegend. Als Dschën Schï-yin und seine Frau sahen, daß der Diener mit Ying-liän die ganze Nacht nicht nach Hause kam, ahnten sie, daß hier etwas nicht stimmte, und schickten mehrere Leute auf die Suche. Aber alle kamen sie wieder und meldeten, daß sie nichts von der Tochter gesehen oder gehört hätten. Wie sollte sich das Ehepaar keine Sorgen machen, das mit fünfzig Jahren nur diese eine Tochter hatte, die jetzt verschwunden war! Sie weinten bei Tag und bei Nacht, und es fehlte nicht viel, so hätten sie sich umgebracht. Nach einem Monat zog sich zuerst Dschën Schï-yin eine Krankheit zu, aber auch Frau Fëng war vor Sehnsucht nach ihrer Tochter nicht mehr gesund, und so mußte Tag für Tag ein Arzt kommen, um sie zu behandeln. Unerwartet geschah es dann am 15. Tag des 3. Monats, als im ‚Flaschenkürbistempel‘ Opferspeisen gesotten wurden, daß die Mönche nicht achtgaben, so daß der Ölkessel Feuer fing und die Flammen auf das Fensterpapier übergriffen. Nun hatten alle Leute in der Gegend Zäune aus Bambus und Wände aus Holz, darum griff das Feuer – wahrscheinlich wollte es das Schicksal so – weiter und immer weiter um sich, und bald war die ganze Straße ein Flammenmeer. Zwar versuchten Armee und Bevölkerung zu löschen, aber was war schon noch zu retten, nachdem das Feuer einmal Gewalt erlangt hatte?! Die ganze Nacht hindurch brannte es, ehe es allmählich erlosch, und unzählige Häuser waren vernichtet. Dschën Schï-yins Haus hatte bedauerlicherweise Wand an Wand mit dem Tempel gestanden und war jetzt nur noch ein Haufen Schutt. Mit seiner Frau und dem wenigen Gesinde zusammen hatte er nicht mehr als das nackte Leben gerettet und stampfte jetzt vor Verzweiflung mit dem Fuß auf die Erde und seufzte dazu. Dann beriet er sich mit seiner Frau, und sie wollten auf ihren Landbesitz ziehen. Aber in den letzten Jahren hatten sich Räuber erhoben, die die Felder plünderten und alles stahlen, so daß die Bevölkerung nicht in Ruhe leben konnte. Auf die Räuber wurde von den Regierungstruppen Jagd gemacht, und so war an eine Zuflucht dort nicht zu denken. Deshalb machte Dschën Schï-yin seinen Landbesitz notgedrungen zu Geld und zog mit seiner Frau und zwei Sklavenmädchen zu seinem Schwiegervater. Der Schwiegervater hieß Fëng Su und war in Da-ju dschou zu Hause. Obwohl er nur ein Bauer war, lebte die Familie doch recht wohlhabend. Als er jetzt seinen Schwiegersohn in so einem erbärmlichen Zustand ankommen sah, war er innerlich alles andere als erfreut. Glücklicherweise war aber das Silber, das Dschën Schï-yin für seinen Landbesitz bekommen hatte, noch nicht aufgebraucht. Er gab es dem Schwiegervater und beauftragte ihn, im Rahmen des Möglichen ein Haus und etwas Ackerland zu kaufen, damit sie etwas für ihren künftigen Lebensunterhalt hätten. Fëng Su steckte die Hälfte des Silbers in die eigene Tasche und kaufte für die andere Hälfte etwas kargen Boden und ein baufälliges Haus. Dschën Schï-yin war ein Stubengelehrter, der sich nicht auf Handel oder Ackerbau verstand. Reichlich ein Jahr hielt er mühsam durch und wurde immer ärmer dabei. Jedesmal, wenn er mit Fëng Su zusammentraf, bekam er nur besserwisserische Bemerkungen zu hören, vor allen Fremden aber beklagte sich jener, die beiden verstünden nicht, richtig zu leben, und könnten nur essen und faulenzen. Dschën Schï-yin mußte erkennen, daß so kein Auskommen war, und bedauerte jetzt natürlich seinen Schritt. Hinzu kamen die Schrecken, die er durchgemacht hatte, und das war zu viel an Kummer und Schmerz für ihn. Wie wäre ein Mann, der schon im Abend des Lebens steht, gleichzeitig Not und Krankheit gewachsen?! Allmählich war es Dschën Schï-yin anzusehen, daß er schon mit einem Bein im Grabe stand. Eines Tages schleppte er sich nun, auf einen Stock gestützt, auf die Straße hinaus, um sich ein wenig zu zerstreuen, als er plötzlich einen hinkenden Dauisten auf sich zukommen sah, der Sandalen aus Hanf und zerrissene Kleider trug und sich wie ein Wahnsinniger gebärdete. Sein Mund sprach die Sätze: „Alle wissen, es wäre gut, unsterblich zu sein,

 doch von Ruhm und Ehre wollen sie nicht lassen.
 Wo sind die Generäle und Kanzler von einst?
 In verfallenen Gräbern, bewachsen mit Gras, liegen sie.
 Alle wissen, es wäre gut, unsterblich zu sein,
 doch von Gold und Silber wollen sie nicht lassen.
 Immer jammern sie, es sei nicht genug,
 doch reicht es endlich, machen sie die Augen zu.
 Alle wissen, es wäre gut, unsterblich zu sein,
 doch von ihrer schönen Frau wollen sie nicht lassen.
 Solange der Mann lebt, spricht die Frau von Treue,
 doch ist er tot, geht sie mit einem anderen fort.
 Alle wissen, es wäre gut, unsterblich zu sein,
 doch von Söhnen und Enkeln wollen sie nicht lassen.
 Törichte Eltern hat es schon viele gegeben,
 doch wer hat schon folgsame Kinder gesehen?“

Als Dschën Schï-yin das hörte, trat er auf den Dauisten zu und fragte: „Wovon sprichst du da? Ich höre nur, daß etwas gut sein soll und daß mit etwas Schluß sein soll.“ „Wenn du das herausgehört hast, bist du noch ganz verständig“, sagte der Dauist lächelnd. „Du mußt wissen, daß es mit allem auf der Welt ein Ende hat, sobald es gut ist, und daß alles gut ist, sobald es ein Ende hat. Was kein Ende hat, ist nicht gut, und was gut sein soll, muß ein Ende nehmen. So heißt auch mein Lied – ‚Das Lied vom Guten und vom Ende‘.“ Dschën Schï-yin, der über angeborenen Scharfsinn verfügte, war sofort zur Erkenntnis gelangt. Lächelnd bat er: „Bleib stehen und laß mich dein ‚Lied vom Guten und vom Ende‘ deuten!“ „Tu das, tu das!“ forderte der Dauist ihn lächelnd auf. Und Dschën Schï-yin sprach: „Elende Hütten und leere Hallen, wo einst blühende Familien wohnten;

 welkes Gras und dürre Bäume,

wo einmal gesungen und getanzt wurde.

 Spinnweben bedecken geschnitztes Balkenwerk

und grüne Gaze die Fenstergitter aus Kräuterstengeln.

 Was heißt üppige Schminke und duftiger Puder,

wenn sich schon Reif auf das Schläfenhaar legt?

 Gestern wurde ein bleiches Gerippe in gelber Erde bestattet,

heute tummelt sich bei rotem Kerzenschein ein Brautpaar hinter den Bettvorhängen.

 Truhen voll Gold, Kisten voll Silber,

und im Handumdrehen ein Bettler, von jedem geschmäht.

 Da klagt man, ein anderer sei jung gestorben,

und weiß nicht, daß man selbst der nächste ist.

 Man erzieht mit Sorgfalt den Sohn,

und kann nicht verhindern, daß ein Räuber aus ihm wird.

 Man verwöhnt die Tochter mit Leckerbissen,

und ahnt nicht, daß sie in einer Hurengasse verkommt.

 Die Beamtenkappe dünkt einem zu klein.

und man bekommt dafür den hölzernen Halskragen um.

 Wer noch gestern in zerfetzter Jacke fror,

beklagt sich heute, das Drachengewand sei ihm zu lang.

 Kaum hast du lärmend dein Lied ausgesungen,

trete ich auf die Bühne und löse dich ab.

 Die fremde Welt sieht man als Heimat an,

und wie absurd – man näht für andre nur das Hochzeitskleid.“ Jetzt klatschte der verrückte Dauist in die Hände und sagte lächelnd: „Du hast es getroffen, ganz genau!“ „Also gehen wir!“ sagte Dschën Schï-yin nur kurz und nahm dem Dauisten den Schultersack ab, um ihn sich selbst aufzuladen. Ohne noch einmal nach Hause zurückzukehren, verschwand er mit dem Verrückten. Der Vorfall machte sofort im ganzen Viertel die Runde, und jeder erzählte es als Sensation herum. Frau Fëng wollte sich reinweg zu Tode weinen, als sie davon erfuhr. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich mit ihrem Vater zu beraten und Leute auszuschicken, um überall nachzufragen. Aber nirgends war etwas in Erfahrung zu bringen. Notgedrungen mußte sie nun auf Kosten ihrer Eltern leben und konnte nur froh sein, daß wenigstens die beiden Sklavenmädchen aus früheren Tagen noch bei ihr waren, um ihr aufzuwarten. Zu dritt verfertigten sie Tag und Nacht Nadelarbeiten für den Verkauf und trugen damit zum Unterhalt bei. Fëng Su grollte zwar Tag für Tag, aber ändern konnte er nichts. Eines Tages kaufte das ältere der beiden Sklavenmädchen eben Garn am Tor, als plötzlich Rufe ertönten, die Straße frei zu machen. Der neue Präfekt trete sein Amt an, sagten die Leute. Als das Sklavenmädchen in den Toreingang getreten war, erblickte sie Soldaten und Amtsdiener, die paarweise vorüberzogen. Dann folgte in einer großen Sänfte ein Beamter mit schwarzer Kappe und scharlachroter Robe, und die Magd war starr vor Staunen. ‚Dieser Beamte kommt mir so bekannt vor, als ob ich ihn schon irgendwo einmal gesehen hätte‘, dachte sie. Aber dann ging sie ins Haus und machte sich weiter keine Gedanken darum. Am Abend, als die Familie eben schlafen gehen wollte, wurde plötzlich laut ans Tor geklopft, viele Stimmen tönten lärmend durcheinander, und jemand rief: „Die Amtsdiener des Präfekten sind mit einer Vorladung hier.“ Als Fëng Su das hörte, sperrte er vor Schreck Mund und Augen auf und fragte sich, was für ein Unheil dies wohl bedeuten mochte.

In dem Wahrheitsverberger Echt [甄士隐][1] im Traum die Wahrheit der Vergänglichkeit versteht und Regendorf Kaufmann [贾雨村][2] sich im Staub der Welt in eine Schönheit verliebt

Verehrte Leser, wisst Ihr, woher dieses Buch stammt? Obwohl sein Ursprung dem Absurden nahekommt, birgt es bei genauerer Betrachtung tiefen Reiz. Lasst mich, den Erzähler, seine Herkunft darlegen, damit die Leser alles klar verstehen und keinen Zweifel hegen.

Einst schmolz die Göttin Nüwa Steine, um den Himmel zu flicken. Am Berg der Großen Öde[3], an der Klippe des Grundlosen, schmiedete sie insgesamt 36.501 mächtige Steine, zwölf Zhang hoch und vierundzwanzig Zhang breit. Die Göttin verwendete davon nur 36.500 Stück und ließ einen einzigen übrig, den sie am Fuße des Grünen Gipfels dieses Berges liegen ließ. Doch wer hätte gedacht, dass dieser Stein, nachdem er die Läuterung durch das Feuer durchlaufen hatte, bereits geistiges Wesen erlangt hatte! Als er sah, dass alle anderen Steine zum Flicken des Himmels auserwählt worden waren und er allein als untauglich zurückgeblieben war, beklagte und bemitleidete er sich Tag und Nacht voller Kummer und Scham.

Eines Tages, als er gerade in tiefem Kummer versunken war, erblickte er plötzlich von ferne einen buddhistischen Mönch und einen taoistischen Priester herankommen, beide von außergewöhnlicher Erscheinung und unvergleichlichem Auftreten. Lachend und plaudernd kamen sie zum Fuße des Gipfels und setzten sich neben den Stein, um angeregt zu plaudern. Zuerst sprachen sie von fernen Wolkenbergen und nebelverhangenen Meeren, von Unsterblichen und wundersamen Dingen, dann aber kamen sie auf Ruhm und Reichtum in der Welt der Sterblichen zu sprechen. Als der Stein dies hörte, ward unwillkürlich sein irdisches Verlangen geweckt, und auch er wollte in die Menschenwelt hinab, um jenen Glanz und Reichtum zu genießen. Da er jedoch seine eigene Ungeschlachtheit bedauerte, blieb ihm nichts anderes übrig, als mit menschlicher Stimme zu den beiden zu sprechen: „Ehrwürdige Meister! Euer demütiger Schüler ist nur ein plumpes Ding und vermag Euch nicht gebührend zu grüßen. Soeben hörte ich Euch von den Freuden und dem Ruhm der Menschenwelt sprechen und sehne mich zutiefst danach. Obwohl mein Wesen grob und unbeholfen ist, besitze ich doch ein wenig Verstand. Und da ich sehe, dass Ihr beide unsterbliche Gestalt und den Leib von Weisen habt, seid Ihr gewiss keine gewöhnlichen Wesen, sondern müsst das Vermögen besitzen, den Himmel zu flicken und die Welt zu retten. Wenn Ihr ein wenig Barmherzigkeit zeigen und Euren Schüler in die Welt des roten Staubs der Sterblichen mitnehmen könntet, um dort einige Jahre lang Reichtum und Zärtlichkeit zu genießen, so wäre ich Euch auf ewig dankbar und würde es in zehntausend Ewigkeiten nicht vergessen." Die beiden unsterblichen Meister lachten gutmütig und sprachen: „Gut, gut! In jener roten Staubwelt gibt es zwar manches Vergnügen, doch nichts davon währt ewig. Zudem sind da die acht Zeichen: ‚Im Schönen liegt stets ein Makel, und guten Dingen stellen sich viele Hindernisse in den Weg', die stets beieinander stehen. Im Nu schlägt höchste Freude in tiefes Leid um, die Menschen vergehen und die Dinge wandeln sich. Letzten Endes ist alles nur ein Traum, und alle Welten kehren in die Leere zurück. Es wäre besser, nicht zu gehen." Doch das irdische Verlangen des Steins loderte bereits mächtig, wie hätte er da noch auf diese Worte hören können. So flehte er abermals und abermals. Die beiden Unsterblichen, die wussten, dass man ihn nicht zwingen konnte, seufzten und sprachen: „Dies ist wohl die Bestimmung – aus äußerster Stille entsteht Bewegung, aus dem Nichts wird Sein. Da es so ist, nehmen wir dich mit, damit du den Genuss erfahren kannst. Nur wenn es dann einmal nicht nach deinem Wunsch gehen sollte, so bereue es nicht!" Der Stein antwortete: „Gewiss, gewiss!" Da sprach der Mönch: „Was deine Natur betrifft, so bist du zwar nicht ohne Geist, doch von so plumper Gestalt und ohne besondere Kostbarkeit – so kannst du dich allenfalls auf die Zehenspitzen stellen, ohne je hinüberzublicken. Nun gut, ich will jetzt große Buddhakunst wirken und dir helfen. Wenn der Tag der Vergeltung gekommen ist, wirst du in deine ursprüngliche Gestalt zurückkehren und diesen Fall beschließen. Was sagst du dazu?" Der Stein war unendlich dankbar. Daraufhin sprach der Mönch Beschwörungen, zeichnete Talismane und entfaltete seine Zauberkünste. Den großen Stein verwandelte er augenblicklich in ein Stück strahlend schönen, leuchtend klaren Jade, verkleinerte ihn auf die Größe eines Fächeranhängers, den man am Körper tragen konnte. Der Mönch hielt ihn auf seiner Handfläche und lachte: „Was die Form angeht, bist du nun wohl ein Juwel, doch fehlte dir noch ein wirklicher Vorzug. Man müsste einige Zeichen eingravieren, damit die Menschen auf den ersten Blick erkennen, dass du etwas Besonderes bist. Dann kann ich dich in jenes Land des Wohlstands und Glanzes bringen, in jene Familie von Dichtung und Adel, an jenen Ort blühender Pracht und zärtlichen Reichtums, damit du dort in Frieden und Freude leben kannst." Als der Stein das hörte, konnte er seine Freude kaum fassen und fragte: „Was für wunderbare Gaben wollt Ihr mir verleihen? Und an welchen Ort wollt Ihr mich bringen? Bitte verratet es mir, damit Euer Schüler nicht im Unklaren bleibt." Der Mönch lachte: „Frage nicht, die Zeit wird es zeigen." Mit diesen Worten steckte er den Stein in seinen Ärmel und ging zusammen mit dem Priester davon, und niemand wusste, wohin sie zogen.

Später, nach wer-weiß-wieviel Zeitaltern und Weltperioden, durchwanderte ein taoistischer Priester namens Leere-des-Leeren Berge und Täler auf der Suche nach dem Weg und der Unsterblichkeit, als er zufällig am Fuße des Grünen Gipfels am Berg der Großen Öde vorbeikam. Dort erblickte er einen großen Stein, auf dem deutlich Schriftzeichen zu lesen waren, die eine wohlgeordnete Geschichte erzählten. Der Priester Leere-des-Leeren las sie von Anfang an durch und erkannte, dass es die Geschichte jenes untauglichen Steines war, der nicht zum Flicken des Himmels getaugt hatte, in irdische Gestalt verwandelt und vom Erhabenen Mönch der Weiten Leere und dem Wahren Unsterblichen der Nebelhaften Ferne in die Welt des roten Staubs der Sterblichen getragen worden war, wo er alle Wechselfälle von Trennung und Wiedersehen, Freude und Leid, Hitze und Kälte durchlebte. Am Ende stand ein Vers:

Zum Flicken des Himmels taugte ich nicht, Umsonst weilte ich all die Jahre im roten Staub! Dies ist die Geschichte vor und nach dem Gang durch die Welt – Wer wird sie niederschreiben als wundersame Überlieferung?

Nach dem Gedicht folgte die Geschichte des Steins von seinem Fall in diese Welt, dem Ort seiner Wiedergeburt, und was er dort selbst erlebte. Darin waren häusliche Kleinigkeiten aus den Frauengemächern beschrieben, auch Gedichte und Verse fanden sich vollständig; doch Dynastie und Jahreszahl, Geographie und Staatswesen waren verloren gegangen und nicht mehr feststellbar.

Der Priester Leere-des-Leeren sprach daher zum Stein: „Bruder Stein, diese Geschichte enthält nach deinen eigenen Worten einigen Reiz, weshalb du sie hier aufgeschrieben hast in der Absicht, sie der Welt als wundersame Überlieferung vorzulegen. Doch meines Erachtens fehlt erstens jede Angabe über Dynastie und Jahreszahl, und zweitens handelt es sich keineswegs um die guten Taten großer Weiser und treuer Minister, die am Hof die Sitten ordneten. Es kommen darin nur einige ungewöhnliche Frauen vor, die einen leidenschaftlich, die anderen töricht, manche von kleinem Talent und bescheidener Tugend, aber keine unter ihnen besitzt die Fähigkeiten einer Ban Zhao oder Cai Wenji[4]. Selbst wenn ich die Geschichte abschriebe, fürchte ich, die Menschen würden sie nicht gern lesen."

Der Stein erwiderte lachend: „Wie töricht seid Ihr doch, mein Meister! Wenn Ihr meint, es fehle an Dynastien, so könnte ich leicht Han, Tang oder andere Jahreszahlen hinzufügen – was wäre daran schwer? Doch ich denke mir, alle bisherigen inoffiziellen Geschichten folgen einem und demselben Schema. Gerade weil ich mich dieser Konventionen nicht bediene, ist mein Werk neuartig und ungewöhnlich. Es geht nur um die Wahrheit der Gefühle und Begebenheiten – wozu sich an Dynastien und Jahreszahlen klammern! Zudem lesen die gewöhnlichen Menschen auf dem Markt sehr selten Bücher über Staatskunst; sie bevorzugen unterhaltsame Lektüre. Die bisherigen inoffiziellen Geschichten verleumden entweder Herrscher und Minister oder erniedrigen die Frauen anderer Männer, voll von Ausschweifung und Gewalt. Noch schlimmer sind jene erotischen Schriften, die mit ihrem Schmutz die Seelen der jungen Leute vergiften. Was die Geschichten von schönen Damen und begabten Jünglingen betrifft, so folgen tausend Bücher ein und demselben Muster, und letztlich können sie Anzüglichkeit nicht vermeiden, mit ihren Pan An und Zi Jian, ihren Xi Shi und Wen Jun – das alles nur, weil die Autoren ihre eigenen Liebesgedichte unterbringen wollten und dafür fiktive Namen erfanden, wobei stets ein Bösewicht als Störenfried auftritt, wie der Hanswurst im Theater. Und die Zofen reden von Anfang an in gestelztem Gelehrten-Chinesisch, wenn nicht hochtrabend literarisch, dann moralisierend. Liest man diese Werke der Reihe nach, so stecken sie voller Widersprüche und sind dem wirklichen Leben ganz fremd. Meine Geschichte hingegen beruht auf dem, was ich ein halbes Leben lang mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört habe. Die wenigen Frauen darin wage ich nicht als den Gestalten früherer Bücher überlegen zu bezeichnen, doch die wahre Begebenheit kann gewiss der Langeweile abhelfen, und es finden sich auch einige holprige Verse und alltägliche Sprüche, über die man beim Essen lachen und die man beim Wein genießen kann. Was Trennung und Wiedersehen, Aufstieg und Niedergang betrifft, so folge ich genau den Spuren der Wirklichkeit, ohne auch nur das Geringste hinzuzuerfinden. Die Menschen von heute – die Armen werden täglich von Nahrung und Kleidung bedrückt, die Reichen sind nie zufrieden, und selbst wenn sie einmal einen Augenblick Muße haben, verfallen sie der Wollust und Habgier. Wo sollten sie die Zeit finden, Bücher über Staatskunst zu lesen? Darum möchte ich mit meiner Geschichte weder Bewunderung erregen noch unbedingt die Gunst der Leser gewinnen. Ich wünsche mir nur, dass sie in Stunden der Trunkenheit oder Müdigkeit, oder wenn sie der Welt entfliehen und ihren Kummer vergessen wollen, dieses Werk zur Hand nehmen – wäre das nicht besser als manch andere Zeitverschwendung? Und es würde die Leser auch davon abhalten, eitlen Trugbildern nachzujagen. Was meint Ihr, mein Meister?"

Der Priester Leere-des-Leeren hörte dies, überlegte eine Weile und las den „Bericht des Steins" noch einmal durch. Er fand darin zwar auch Passagen, die die Zeitläufte beklagten und die Welt tadelten, doch war dies keineswegs als Schmähung der Welt gemeint. Wo es um die Pflichten zwischen Herrscher und Untertan, Vater und Sohn ging, lobte und pries das Werk stets voller Hingabe – wahrlich nicht mit anderen Büchern zu vergleichen. Obwohl sein Hauptthema die Liebe war, handelte es sich doch nur um eine wahrheitsgetreue Aufzeichnung, nicht um erfundene Liebesgelübde und heimliche Schwüre. Da das Werk keinerlei Bezug zu politischen Angelegenheiten nahm, schrieb er es von Anfang bis Ende ab und gab es der Welt als wundersame Überlieferung. Weil er durch die Farbe die Leere erkannte, aus der Leere die Empfindung schöpfte, die Empfindung in die Farbe einführte und aus der Farbe wieder zur Leere gelangte, nannte er sich fortan den „Mönch der Leidenschaft" und benannte den „Bericht des Steins" um in „Aufzeichnungen des Mönches der Leidenschaft". Wu Yufeng[5] gab ihm den Titel „Der Traum der Roten Kammer". Kong Meixi aus dem östlichen Lu nannte es „Der Spiegel von Wind und Mond". Schließlich durchsah Cao Xueqin es im Pavillon des Bedauerns über die Roten während zehn Jahren, strich und ergänzte fünfmal, stellte ein Inhaltsverzeichnis zusammen und teilte es in Kapitel ein, unter dem Titel „Die Zwölf Schönen von Jinling". Er verfasste dazu ein Gedicht:

Seiten über Seiten wilder Wahn, geschrieben unter bitteren Tränen! Alle schelten den Autor einen Narren – doch wer ergründet den verborgenen Sinn?

Als Zhiyanzhai[6] es im Jiaxu-Jahr abschrieb und mit Anmerkungen versah, behielt er den Titel „Bericht des Steins" bei. Nun, da der Ursprung erklärt ist, lasst uns sehen, was auf dem Stein geschrieben steht:

In jener Zeit, als der Südosten der Erde einbrach, gab es in dieser südöstlichen Ecke einen Ort namens Gusu[7], darin eine Stadt mit einem Tor namens Changmen, einem Ort allerersten Ranges an Reichtum und Eleganz in der Welt des roten Staubs. Vor dem Changmen-Tor lag die Zehn-Li-Straße[8], in der Straße die Gasse der Menschenfreundlichkeit, und in der Gasse stand ein alter Tempel, den man wegen der Enge des Platzes allgemein den Kürbistempel nannte. Neben dem Tempel wohnte ein ehemaliger Beamter namens Zhen Fei, mit dem Rufnamen Wahrheitsverberger. Seine rechtmäßige Gattin, eine geborene Feng[9], war von tugendhaftem und freundlichem Wesen und verstand sich auf Sitte und Anstand. Obwohl die Familie nicht besonders reich war, galt sie in der Gegend als angesehenes Geschlecht. Dieser Wahrheitsverberger Echt war von gelassenem Temperament, er strebte nicht nach Ruhm und Karriere, sondern vergnügte sich täglich mit Blumen und Bambus, Wein und Gedichten – ein wahrer Charakter wie aus dem Reich der Unsterblichen. Nur eines fehlte ihm: Er war bereits um die fünfzig Jahre alt und hatte keinen Sohn, nur eine einzige Tochter mit dem Milchnamen Heldenlotus[10], die gerade drei Jahre alt war.

Eines Tages, an einem langen Sommertag, saß Wahrheitsverberger müßig in seinem Arbeitszimmer. Als seine Hände müde wurden, legte er das Buch beiseite, lehnte sich über den Tisch und ruhte ein wenig. Unmerklich schlummerte er ein und träumte sich an einen Ort, den er nicht zu bestimmen wusste. Da sah er plötzlich einen Mönch und einen Priester herankommen, die im Gehen miteinander sprachen.

Er hörte den Priester fragen: „Was willst du mit diesem plumpen Ding anfangen, und wohin trägst du es?" Der Mönch lachte: „Sei unbesorgt! Es gibt gerade eine hübsche romantische Schicksalsverstrickung, die aufgelöst werden muss. All diese romantisch Verstrickten sind noch nicht zur Wiedergeburt in der Menschenwelt eingegangen. Bei dieser Gelegenheit nehme ich dieses plumpe Ding mit, damit es die Welt erleben kann." Der Priester fragte: „Also wird eine neue Schar leidenschaftlicher Schuldner in die Welt hinabsteigen? Wo werden sie wiedergeboren?"

Der Mönch lachte: „Das ist eine höchst seltsame und in tausend Jahren unerhörte Geschichte. Am Ufer des Geistigen Flusses im westlichen Paradies, am Stein der Drei Geburten[11], wuchs eine Pflanze aus Purpurperlen-Gras. Ein Diener namens Göttlicher Jade aus dem Palast des Roten Wolkenschimmers pflegte sie täglich mit süßem Tau zu begießen, so dass die Purpurperlen-Pflanze ihre Lebenszeit verlängern konnte. Nachdem sie die Essenz von Himmel und Erde aufgenommen und die Nahrung von Regen und Tau empfangen hatte, streifte sie ihre pflanzliche Gestalt ab und nahm menschliche Form an – allerdings nur die eines weiblichen Körpers. Fortan wanderte sie jenseits des Himmels des Trennungsschmerzes, stillte ihren Hu [胡州][12]nger mit der Frucht der verborgenen Leidenschaft und löschte ihren Durst mit dem Wasser des genährten Kummers, wenn sie durstig war. Weil sie die Güte der Bewässerung noch nicht vergolten hatte, trug sie in ihrem Inneren eine endlose Sehnsucht. Als sich nun im Diener Göttlicher Jade eines Tages ein irdisches Verlangen regte, beschloss er, in diese strahlende und friedvolle Welt hinabzusteigen, um sein illusorisches Schicksal zu erleben, und hatte sich bereits bei der Feenkönigin Jinghua angemeldet. Die Feenkönigin hatte auch nach der noch unbeglichenen Schuld der Bewässerung gefragt, und dies bot eine Gelegenheit, sie zu begleichen. Die Purpurperlen-Fee sprach: ‚Er hat mir die Gnade des süßen Taus erwiesen, doch ich habe kein solches Wasser, um es ihm zurückzugeben. Da er in die Menschenwelt hinabsteigt, will auch ich als Mensch geboren werden und ihm alle Tränen meines ganzen Lebens zurückgeben – damit sollte die Schuld beglichen sein.' Durch diese eine Begebenheit kamen viele leidenschaftliche Schuldner zusammen, um den Fall gemeinsam abzuschließen."

Der Priester sprach: „Das ist wahrlich unerhört! Ich habe noch nie von einer Rückzahlung mit Tränen gehört. Diese Geschichte muss wohl noch feingliedriger und zarter sein als alle bisherigen Liebesgeschichten." Der Mönch sagte: „Die bisherigen romantischen Gestalten wurden nur in groben Umrissen und mit ihren Gedichten überliefert. Das tägliche Essen und Trinken in den Frauengemächern wurde nie beschrieben. Und die meisten Liebesgeschichten handeln nur von gestohlenen Düften und heimlichen Fluchtversuchen, ohne je das wahre Gefühl zwischen Söhnen und Töchtern zum Ausdruck zu bringen. Diese Schar von Menschen, die nun in die Welt eintreten – ob gefühlstrunken oder farbbesessen, weise oder töricht –, sie alle werden ganz anders sein als die Gestalten früherer Überlieferungen."

Der Priester sprach: „Warum nutzen wir nicht die Gelegenheit und steigen ebenfalls in die Welt hinab, um einige Seelen zu erretten? Wäre das nicht ein verdienstvolles Werk?" Der Mönch antwortete: „Genau mein Gedanke! Komm mit mir zum Palast der Feenkönigin Jinghua, damit wir das plumpe Ding ordnungsgemäß übergeben. Wenn all diese leidenschaftlichen Schuldner in die Welt hinabgestiegen sind, können wir ihnen folgen. Zwar ist bereits die Hälfte von ihnen in den Staub der Welt gefallen, doch sind noch nicht alle versammelt."

Der Priester sprach: „Wenn dem so ist, folge ich dir."

Wahrheitsverberger Echt hatte alles deutlich gehört, verstand aber nicht, was für ein „plumpes Ding" gemeint war. Er konnte nicht umhin, vorzutreten und sie höflich zu grüßen, und fragte lächelnd: „Seid gegrüßt, ihr beiden unsterblichen Meister!" Mönch und Priester erwiderten eilig den Gruß. Wahrheitsverberger sprach: „Soeben hörte ich Euch über Ursache und Wirkung sprechen, Dinge, die man in der Menschenwelt selten erfährt. Doch Euer unwürdiger Schüler ist von beschränktem Verstand und kann nicht alles klar begreifen. Wenn Ihr die Güte hättet, mir alles ausführlich zu erklären, so würde ich aufmerksam zuhören. Könnte mir das auch nur ein wenig zur Erleuchtung verhelfen, so wäre ich den Leiden des Unterliegenden entgangen." Die beiden Unsterblichen lachten: „Dies ist ein himmlisches Geheimnis und darf nicht vorab verraten werden. Wenn die Zeit gekommen ist, vergesst uns beide nicht, dann könnt Ihr dem Feuer entkommen." Wahrheitsverberger wagte nicht weiter zu fragen und sprach lachend: „Das himmlische Geheimnis darf nicht verraten werden, doch Ihr spracht soeben von einem ‚plumpen Ding' – dürfte ich es vielleicht einmal sehen?" Der Mönch erwiderte: „Was dieses Ding betrifft, so besteht tatsächlich eine Verbindung zwischen euch." Mit diesen Worten nahm er es heraus und reichte es Wahrheitsverberger. Als Wahrheitsverberger es betrachtete, sah er, dass es ein Stück strahlend schönen Jade war, auf dem deutlich die vier Zeichen „Durchdringender Geist-Jade" eingraviert waren, und auf der Rückseite fanden sich noch einige Zeilen kleiner Schrift. Gerade als er sie genauer betrachten wollte, sagte der Mönch, sie seien am Rand der Illusion angelangt, entriss ihm das Stück Jade und verschwand zusammen mit dem Priester durch ein großes steinernes Tor, auf dem in vier großen Zeichen geschrieben stand: „Land der Großen Leere". Zu beiden Seiten hing ein Spruchpaar:

Wenn das Falsche für wahr gehalten wird, wird auch das Wahre falsch; Wo das Nichts zum Sein wird, wird auch das Sein zum Nichts.

Wahrheitsverberger wollte ihnen folgen, doch kaum hatte er den Fuß gehoben, als ein Donnerschlag ertönte, als brächen Berge zusammen und die Erde stürze ein. Wahrheitsverberger schrie laut auf, riss die Augen auf und sah nur die glühende Sonne und die sanft wehenden Bananenblätter – die Hälfte des Traumes war bereits vergessen.

Da sah er seine Amme mit der kleinen Heldenlotus auf dem Arm herankommen. Als er seine Tochter erblickte, die immer hübscher und lieblicher wurde wie ein Geschöpf aus Jade und Puder, streckte er die Arme aus, nahm sie in den Arm und spielte ein Weilchen mit ihr. Dann trug er sie auf die Straße, um die festliche Prozession zu betrachten. Gerade als er sich zum Gehen wandte, sah er von dort einen Mönch und einen Priester kommen – der Mönch kahlköpfig und barfuß, der Priester hinkend und zerzaust –, beide halb verrückt, lachend und gestikulierend. Als sie vor seiner Tür anlangten und Wahrheitsverberger mit der kleinen Heldenlotus auf dem Arm sahen, begann der Mönch laut zu weinen und rief: „Guter Mann, warum trägst du dieses Kind ohne Glück auf dem Arm, das seinen Eltern nur Kummer bringt?" Wahrheitsverberger erkannte, dass es verrücktes Gerede war, und beachtete ihn nicht. Der Mönch rief immer wieder: „Gib es mir! Gib es mir!" Wahrheitsverberger verlor die Geduld und wollte sich mit der Tochter zurückziehen, doch der Mönch zeigte mit dem Finger auf ihn und lachte laut, wobei er vier Verse sprach:

Verwöhnt und verzärtelt – wie töricht von dir! Die Wasserkastanenblüte blickt nur auf Schneegestöber. Hüte dich vor dem Fest der Laternen, Denn dann wird alles zu Rauch und Asche!

Wahrheitsverberger hörte deutlich und zögerte, er wollte nach ihrer Herkunft fragen. Doch da sagte der Priester: „Wir brauchen nicht zusammen zu gehen. Hier trennen sich unsere Wege, jeder geht seinen Geschäften nach. In drei Weltperioden erwarte ich dich am Berg Beimang, wenn wir uns treffen, gehen wir gemeinsam zum Land der Großen Leere, um unsere Namen zu streichen." Der Mönch rief: „Wunderbar, wunderbar!" Mit diesen Worten gingen die beiden davon und waren spurlos verschwunden. Wahrheitsverberger dachte bei sich: Diese beiden müssen eine besondere Herkunft haben, ich hätte sie befragen sollen. Doch nun bereue ich es zu spät.

Während Wahrheitsverberger noch in Gedanken versunken war, sah er plötzlich einen armen Gelehrten aus dem benachbarten Kürbistempel herauskommen. Er hieß Jia, mit dem Vornamen Hua, dem Rufnamen Shifei und dem Beinamen Regendorf. Dieser Regendorf Kaufmann stammte ursprünglich aus Huzhou und entstammte ebenfalls einer Familie von Dichtern und Beamten. Doch da er in einer Zeit des Niedergangs geboren worden war, waren das Vermögen seiner Vorfahren aufgezehrt und die Familie dezimiert, so dass nur er allein übriggeblieben war. Da es für ihn in der Heimat nichts mehr gab, war er nach der Hauptstadt gereist, um dort durch die Prüfungen zu Ruhm zu gelangen und das Familienvermögen wiederherzustellen. Doch seit seiner Ankunft im Vorjahr war er in Schwierigkeiten geraten und fristete nun vorübergehend im Tempel sein Dasein, wo er sich mit Schreiben und Verfassen von Texten über Wasser hielt. Daher pflegte Wahrheitsverberger häufigen Umgang mit ihm. Als Regendorf Wahrheitsverberger erblickte, verbeugte er sich eilig und sprach lächelnd: „Steht Ihr am Tor und schaut hinaus, mein Herr? Gibt es auf dem Markt etwas Neues?" Wahrheitsverberger lachte: „Nein, nein. Meine kleine Tochter weinte, und ich trug sie heraus, um sie abzulenken. Ich langweilte mich gerade sehr. Wie gut, dass Ihr kommt! Bitte tretet in mein bescheidenes Arbeitszimmer ein, damit wir plaudern können und uns beiden die Zeit schneller vergeht." Daraufhin ließ er jemanden die Tochter hineintragen und ging mit Regendorf Hand in Hand ins Arbeitszimmer. Ein Diener brachte Tee. Sie hatten kaum drei, fünf Sätze gewechselt, als ein Hausbediensteter eilig meldete: „Der alte Herr Yan [严老爷][13] ist zu Besuch gekommen." Wahrheitsverberger stand hastig auf und entschuldigte sich: „Verzeiht, dass ich Euch zur Eile veranlasst habe. Bitte bleibt noch einen Moment, ich komme sogleich zurück." Regendorf stand ebenfalls auf und sagte höflich: „Gebt Euch keine Mühe, mein Herr. Ich bin ein häufiger Gast, ein kleines Warten macht nichts." Daraufhin ging Wahrheitsverberger in den vorderen Empfangssaal.

Regendorf blätterte in einigen Büchern, um sich die Zeit zu vertreiben. Plötzlich hörte er von draußen vor dem Fenster ein Mädchen räuspern. Er stand auf und blickte hinaus – es war eine Zofe, die dort Blumen pflückte. Obwohl sie keine umwerfende Schönheit war, hatte sie doch etwas Anmutiges. Regendorf konnte den Blick nicht von ihr wenden. Die Zofe der Familie Echt pflückte ihre Blumen und wollte gerade gehen, als sie aufblickte und am Fenster einen Mann erblickte – in abgetragener Kleidung zwar, doch stattlich gebaut, mit breiten Schultern und kräftigem Rücken, markantem Gesicht, Schwertbrauen und Sternenaugen. Die Zofe wandte sich schnell ab und dachte bei sich: „Dieser Mann sieht so stattlich aus und ist doch so zerlumpt. Das muss wohl der Regendorf Kaufmann sein, von dem mein Herr immer spricht. Er wollte ihm schon oft helfen, hatte nur noch keine Gelegenheit dazu gefunden. Wir haben keine so armen Verwandten, es muss wohl dieser Mann sein. Kein Wunder, dass der Herr auch sagt, er werde gewiss nicht lange in Armut verharren." Mit diesen Gedanken konnte sie nicht umhin, sich noch zweimal umzudrehen. Als Regendorf sah, dass sie den Kopf gewendet hatte, war er überzeugt, das Mädchen habe ein Auge auf ihn geworfen, und freute sich maßlos, denn er hielt sie für eine Frau von scharfem Blick und eine Seelenverwandte im Staub der Welt. Bald darauf kam ein Dienerbursche herein, und Regendorf erfuhr, dass man vorne zum Essen gebeten hatte. Da er nicht länger warten durfte, verließ er durch einen Seitengang das Haus. Wahrheitsverberger verabschiedete seine Gäste und ging, da Regendorf bereits gegangen war, nicht mehr hin, um ihn erneut einzuladen.

Eines Tages kam wieder das Mittherbstfest. Wahrheitsverberger hatte das Familienessen beendet und ein weiteres Mahl im Arbeitszimmer vorbereitet. Er ging selbst im Mondschein zum Tempel, um Regendorf einzuladen. Regendorf hatte seit jenem Tag, als er die Zofe der Familie Echt sich zweimal umblicken sah, sie für eine Seelenverwandte gehalten und ständig an sie gedacht. Nun, am Mittherbstfest, konnte er angesichts des Mondes nicht umhin, seine Sehnsucht auszudrücken, und dichtete ein Gedicht in fünfsilbigen regulären Versen:

Noch ungewiss das Gelübde dreier Leben, Mehrt sich nur der Kummer. In Schwermut senkt sich die Stirn, Beim Gehen der Blick zurück. Im Wind betrachte ich meinen Schatten, Wer vermag mein Gefährte im Mondschein zu sein? Wenn der Mond ein Herz hat, Möge er zuerst das Gemach der Schönen bescheinen.

Nachdem Regendorf sein Gedicht aufgesagt hatte, dachte er an seine unerfüllten Lebensträume und seufzte zum Himmel empor. Dann rezitierte er laut ein Spruchpaar:

Der Jade im Schrein harrt des rechten Preises, Die Haarnadel in der Schatulle wartet auf den rechten Zeitpunkt.

Gerade in diesem Moment kam Wahrheitsverberger und hörte es. Lachend sprach er: „Bruder Regendorf, Ihr habt wahrlich große Ambitionen!" Regendorf erwiderte hastig lachend: „Ich zitierte nur Verse der Alten, wie käme ich zu solcher Anmaßung?" Dann fragte er: „Was führt Euch hierher, mein Herr?" Wahrheitsverberger lachte: „Heute Nacht ist Mittherbst, das sogenannte ‚Fest der Wiedervereinigung'. Ich dachte mir, Ihr müsstet Euch einsam fühlen in Eurer Mönchszelle, und habe ein bescheidenes Mahl bereitet, um Euch einzuladen. Dürfte ich hoffen, dass Ihr meiner geringen Aufmerksamkeit Beachtung schenkt?" Regendorf, ohne lange Umstände zu machen, lachte: „Da Ihr so freundlich seid, wie könnte ich Eure großzügige Einladung ausschlagen?" Daraufhin gingen sie zusammen hinüber ins Arbeitszimmer.

Bald war der Tee getrunken und Wein und Speisen aufgetragen, über die man nicht eigens reden muss. Sie setzten sich, und zunächst tranken sie bedächtig und gemessen, dann aber kam das Gespräch in Schwung, und ehe sie sich versahen, flogen die Becher. Auf der Straße ertönten Flöten und Pfeifen aus jedem Haus, und über ihnen strahlte der volle Mond in all seinem Glanz. Beider Stimmung stieg, und sie leerten Becher um Becher. Regendorf, bereits zu sieben oder acht Teilen betrunken, konnte seine überschäumende Begeisterung nicht mehr zurückhalten. Dem Mond gewandt, dichtete er ein Gedicht:

Wenn der Fünfzehnte kommt, rundet sich der Mond, Sein klares Licht umhüllt die Jade-Balustrade. Kaum hat der Himmel den vollen Mond hervorgebracht, Blicken zehntausend Menschen empor.

Wahrheitsverberger rief begeistert: „Wunderbar! Ich habe immer gesagt, Ihr seid kein Mann, der lange unter anderen stehen wird. Die Verse, die Ihr soeben gedichtet habt, zeigen bereits die Vorzeichen des Aufstiegs. Bald werdet Ihr über den Wolken wandeln. Das ist zu beglückwünschen!" Er schenkte ihm eigenhändig einen großen Becher ein. Regendorf leerte ihn in einem Zug und seufzte: „Dies sind keine trunkenen Worte: Was die zeitgemäße Gelehrsamkeit betrifft, könnte ich mich wohl durchaus versuchen. Nur fehlen mir Reisegeld und Reisekosten gänzlich, und die Hauptstadt ist weit – allein durch Schreiben und Textverfassen komme ich nicht dorthin." Wahrheitsverberger unterbrach ihn, bevor er ausgeredet hatte: „Warum habt Ihr das nicht früher gesagt! Ich hegte schon lange diesen Wunsch, doch da Ihr bei unseren Treffen nie davon spracht, wagte ich nicht, Euch zu nahe zu treten. Da Ihr es nun anspricht – obwohl ich kein besonderes Talent habe, verstehe ich doch etwas von den Begriffen ‚Gerechtigkeit' und ‚Nutzen'. Zudem ist nächstes Jahr das große Prüfungsjahr[14], und Ihr solltet Euch schleunigst in die Hauptstadt begeben, um bei den Frühjahrs-prüfungen Euer Bestes zu geben. Die Reisekosten sind Nebensache, ich werde mich darum kümmern und Eure freundschaftliche Zuneigung nicht enttäuscht haben!" Er befahl sogleich einem Diener, fünfzig Liang Silber und zwei Garnituren Winterkleidung einzupacken. Dann sagte er: „Der neunzehnte ist ein günstiger Tag. Kauft Euch ein Boot und reist nach Westen. Wenn Ihr im Frühjahr Karriere macht, können wir uns nächsten Winter wiedersehen – wäre das nicht wunderbar!" Regendorf nahm Silber und Kleidung entgegen, bedankte sich flüchtig und machte kein großes Aufheben, sondern trank und plauderte weiter. Es war bereits die dritte Nachtwache, als die beiden sich trennten.

Nachdem Wahrheitsverberger Regendorf verabschiedet hatte, kehrte er ins Schlafgemach zurück und schlief bis zum späten Morgen. Da fiel ihm ein, noch zwei Empfehlungsschreiben für Regendorf zu verfassen, damit er in der Hauptstadt bei einer Beamtenfamilie Unterkunft finden könnte. Als er jedoch jemanden hinüberschickte, kam der Diener zurück und berichtete: „Der Mönch sagt, Herr Jia sei heute bei der fünften Trommel bereits nach der Hauptstadt aufgebrochen. Er hinterließ dem Mönch eine Nachricht für den Herrn: ‚Für einen Gelehrten zählen keine günstigen und ungünstigen Tage, sondern nur die Sache selbst. Es tut mir leid, dass ich mich nicht persönlich verabschieden konnte.'" Wahrheitsverberger konnte nichts weiter tun als es hinzunehmen.

Die Zeit verging rasch in der Muße, und ehe man sich's versah, war wieder das Laternenfest [元宵节][15] gekommen. Wahrheitsverberger beauftragte seinen Diener Huo Qi[16], die kleine Heldenlotus hinauszutragen, um die Festlichkeiten und Laternen zu betrachten. Um Mitternacht musste Huo Qi sich erleichtern und setzte die kleine Heldenlotus auf die Schwelle eines Hauses. Als er fertig war und sie wieder auf den Arm nehmen wollte, war von Heldenlotus keine Spur mehr zu sehen. In seiner Verzweiflung suchte er die halbe Nacht, doch bis zum Morgengrauen fand er sie nicht. Da wagte er nicht, zu seinem Herrn zurückzukehren, und floh in die Ferne. Als die Eheleute Wahrheitsverberger merkten, dass ihre Tochter nicht zurückkam, ahnten sie, dass etwas nicht stimmte. Sie schickten weitere Leute aus, die alle ohne die geringste Spur zurückkehrten. Die beiden Eheleute, die in ihrem halben Leben nur dieses eine Kind hatten, waren untröstlich. Tag und Nacht weinten sie und wären beinahe gestorben. Schon nach einem Monat wurde Wahrheitsverberger krank, und auch die geborene Siegel erkrankte vor Kummer. Täglich wurden Ärzte gerufen.

Wer hätte gedacht, dass am fünfzehnten des dritten Monats beim Frittieren der Opfergaben im Kürbistempel die Mönche nicht aufpassten, so dass das heiße Öl aus der Pfanne schoss und die Fensterbespannung in Brand setzte? Da die Häuser in dieser Gegend meist aus Bambusgeflechten und Holzwänden bestanden und das Schicksal es wohl so bestimmte, griff das Feuer eines nach dem anderen über, und bald brannte eine ganze Straße wie ein Flammenberg. Obwohl Soldaten und Bürger zur Hilfe eilten, war das Feuer bereits zu gewaltig. Es brannte die ganze Nacht, bis es allmählich erlosch, und man wusste nicht, wie viele Häuser vernichtet worden waren. Das Haus der Familie Echt nebenan war zu einem Trümmerfeld verbrannt. Nur das Ehepaar und einige Bedienstete waren mit dem Leben davongekommen. In seiner Verzweiflung konnte Wahrheitsverberger nur die Füße stampfen und seufzen. Er musste mit seiner Frau beraten und beschloss, auf ihren Landsitz zu ziehen. Doch in den letzten Jahren hatten Dürre und Überschwemmungen die Ernte zerstört, Räuberbanden trieben ihr Unwesen, und es war unmöglich, in Frieden zu leben. So blieb Wahrheitsverberger nichts anderes übrig, als sein gesamtes Landgut zu verkaufen und mit seiner Frau und zwei Zofen zu seinem Schwiegervater zu ziehen.

Sein Schwiegervater hieß Schlicht Siegel[17] und stammte aus der Gegend von Daru[18]. Obwohl er ein Bauer war, war sein Haushalt durchaus wohlhabend. Als er jedoch seinen Schwiegersohn in so erbärmlichem Zustand ankommen sah, war er nicht sonderlich erfreut. Glücklicherweise hatte Wahrheitsverberger noch etwas Silber vom Verkauf seines Landbesitzes übrig und bat seinen Schwiegervater, davon etwas Land und ein Haus zu kaufen, um für die Zukunft vorzusorgen. Doch Schlicht Siegel überredete und übervorteilte ihn und gab ihm nur ein wenig schlechtes Land und ein verfallenes Haus. Wahrheitsverberger, ein Gelehrter, verstand sich nicht auf Landwirtschaft und Geschäfte. Nach ein, zwei Jahren wurde seine Lage immer schlechter. Schlicht Siegel warf ihm bei jedem Treffen Sprüche an den Kopf und beschwerte sich hinter seinem Rücken, dass sie nicht wirtschaften könnten und nur faul und verfressen seien. Wahrheitsverberger erkannte, dass er sich an den falschen gewandt hatte, und konnte Reue nicht vermeiden. Dazu kam der Schrecken des Vorjahres, Zorn, Kummer und Schmerz, die ihn innerlich verwundet hatten. Als alter Mann, von Armut und Krankheit bedrängt, näherte er sich mehr und mehr seinem Ende.

An einem Tage, als er sich zufällig auf seinen Stock gestützt auf die Straße schleppte, um frische Luft zu schöpfen, sah er plötzlich einen hinkenden taoistischen Wanderer herankommen, halb verrückt und verwahrlost, in Strohsandalen und zerlumpter Kleidung, der einige Verse vor sich hin murmelte:

Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur Amt und Würden können sie nicht lassen; Wo sind die Feldherren und Minister von einst? Nur ein verwilderter Grabhügel, vom Gras verschlungen!

Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur Gold und Silber können sie nicht vergessen; Das ganze Leben klagen sie, nie genug angehäuft zu haben, Doch wenn sie genug haben, schließen sich die Augen.

Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur die geliebte Gattin können sie nicht vergessen; Täglich reden Mann und Frau von ihrer Liebe, Doch stirbt er, folgt sie einem anderen.

Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur die Kinder können sie nicht vergessen; Törichter Eltern gab es von jeher viele, Doch pflichtbewusste Kinder – wer hat sie je gesehen!

Wahrheitsverberger trat vor und sprach: „Was murmelst du da in einem fort? Ich höre nur ‚gut' und ‚vorbei', ‚gut' und ‚vorbei'." Der Priester lachte: „Wenn du tatsächlich die Worte ‚gut' und ‚vorbei' gehört hast, so bist du ein verständiger Mensch. Wisse, dass in der Welt alles, was gut ist, auch vorbei ist, und alles, was vorbei ist, auch gut. Wenn es nicht vorbei ist, kann es nicht gut sein; wenn es gut sein soll, muss es vorbei sein. Mein Lied heißt das ‚Lied von Gut und Vorbei[19]'." Wahrheitsverberger war ein Mann, der von Natur aus Weisheit besaß. Kaum hatte er diese Worte gehört, war in seinem Herzen die Erleuchtung aufgegangen. Lachend sprach er: „Halt! Lass mich dein ‚Lied von Gut und Vorbei' kommentieren, was sagst du?" Der Priester lachte: „Tu es, tu es!" Wahrheitsverberger sprach also:

Schäbige Kammern, leere Hallen – einst füllten Amtstafeln das Bett; Vertrocknetes Gras, dürre Weiden – einst Schauplatz von Tanz und Gesang. Spinnweben bedecken die geschnitzten Balken, Grüne Gaze klebt nun am Fenster der Strohhütte. Was nützt das Rot der Schminke und der Duft des Puders, Wenn beide Schläfen längst ergraut? Gestern noch Gebeine auf dem gelben Hügel, Heute Nacht das Liebespaar im roten Lampenschein. Goldkisten und Silberkisten – Im Handumdrehen bettelarm und von allen geschmäht. Man bedauert anderer kurzes Leben, Und weiß nicht, dass man selbst bald stirbt! Wer seinen Sohn gut erzieht, sieht ihn dennoch als Räuber enden; Wer eine reiche Braut erwählt – wer hätte gedacht, dass sie im Freudenviertel endet! Weil ihm die Beamtenmütze zu klein war, Trägt er nun Kette und Halsjoch des Sträflings. Gestern bedauerte er den zerlumpten Mantel, Heute ist ihm der Purpurmantel schon zu lang. Ein wilder Tumult – der eine singt, der andere tritt auf, Und alle halten die Fremde für die Heimat. Wie absurd! Letzten Endes näht ein jeder Nur das Hochzeitskleid für andere!

Der verrückte, hinkende Priester hörte zu, klatschte in die Hände und lachte: „Treffend kommentiert, treffend kommentiert!" Wahrheitsverberger lachte einmal auf, rief: „Gehen wir!" und riss dem Taoisten den Quersack von der Schulter und trug ihn selbst auf dem Rücken. Ohne nach Hause zurückzukehren, ging er mit dem verrückten Priester davon.

Dies erregte großes Aufsehen in der ganzen Nachbarschaft, und die Leute tratschten darüber als etwas Unerhörtes. Als seine Frau, die geborene Siegel, davon erfuhr, weinte sie sich fast zu Tode. Sie musste mit ihrem Vater beraten und Leute in alle Richtungen ausschicken, um Wahrheitsverberger zu suchen – doch woher sollte eine Nachricht kommen? Was blieb ihr anderes übrig, als sich auf ihre Eltern zu stützen. Glücklicherweise hatte sie noch zwei alte Zofen, die ihr dienten. Herrin und Dienerinnen verdienten Tag und Nacht mit Näharbeiten ihr Brot und halfen dem Vater bei den Ausgaben. Obwohl Schlicht Siegel sich täglich beklagte, blieb ihm nichts anderes übrig.

Eines Tages war die ältere Zofe der Familie Echt gerade vor der Tür und kaufte Garn, als sie auf der Straße Rufe hörte und alle sagten, der neue Magistrat sei ins Amt eingeführt worden. Die Zofe lugte durch die Türspalte und sah Wachen und Läufer paarweise vorüberziehen, dann kam eine große Sänfte mit einem Beamten in schwarzer Mütze und scharlachrotem Gewand. Die Zofe war verblüfft und dachte bei sich: Dieser Beamte sieht mir bekannt aus, als hätte ich ihn schon einmal gesehen. Dann ging sie ins Haus zurück und dachte nicht weiter darüber nach. Am Abend, als sie sich gerade zur Ruhe legen wollte, hörte sie plötzlich lautes Pochen an der Tür und den Lärm vieler Menschen, die riefen: „Der Magistrat schickt nach Euch!" Schlicht Siegel erschrak bis ins Mark und wusste nicht, was für ein Unheil dies bedeuten mochte.

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  1. Chin. 甄士隐 Zhēn Shìyǐn, wörtl. „der wahrhaft die Dinge Verbergende". Der Familienname 甄 Zhēn ist homophon zu 真 zhēn „wahr/echt"; 士隐 Shìyǐn klingt wie 事隐 „die wahren Tatsachen werden verborgen".
  2. Chin. 贾雨村 Jiǎ Yǔcūn, wörtl. „Kaufmann Regendorf". Der Familienname 贾 Jiǎ ist homophon zu 假 jiǎ „falsch/fiktiv"; 雨村 Yǔcūn klingt wie 语存 „die erdichteten Worte bleiben erhalten".
  3. Chin. 大荒山 Dàhuāngshān „Berg der Großen Wildnis", an der 无稽崖 Wújī yá „Klippe des Grundlosen/Unfundierten" am 青埂峰 Qīnggěng fēng „Gipfel der grünen Wurzeln". Alle drei Ortsnamen sind Anspielungen: 荒 huāng „absurd, haltlos", 无稽 wújī „grundlos", 青埂 qīnggěng homophon zu 情根 qínggēn „Wurzel der Leidenschaft" — der Roman ist also schon im Gründungsmythos als „Geschichte der Leidenschaft" markiert.
  4. 班昭 Bān Zhāo (ca. 45–116 n. Chr.) — Schwester des Hanshu-Autors Ban Gu, vollendete dessen unfertiges Hanshu und verfasste die einflussreiche Frauenfibel 女诫 Nüjie. 蔡文姬 Cài Wénjī (Cai Yan, ca. 178–249 n. Chr.) — Dichterin der späten Han, berühmt für die „Achtzehn Stanzen zur Hirtenflöte" (胡笳十八拍 Hújiā shíbā pāi), entstanden nach ihrer zwölfjährigen Geiselzeit unter den Xiongnu. Beide gelten als Inbegriff gelehrter Frauen — ein Maßstab, den Stein-Erzähler hier ironisch unterläuft.
  5. 吴玉峰 Wú Yùfēng, 孔梅溪 Kǒng Méixī (aus 东鲁 Dōnglǔ, dem alten Lu, heute Shandong, der Heimat des Konfuzius), 曹雪芹 Cáo Xuěqín (1715?–1763, eigentl. Cao Zhan, der Autor des Romans) und sein 悼红轩 Dàohóngxuān „Pavillon des Trauerns um die Roten" — eine Kette fiktiver wie historischer Vor-Bearbeiter, mit der das Buch seine eigene Überlieferungslegende erzählt. Die Namen Wu Yufeng und Kong Meixi sind wahrscheinlich Pseudonyme bzw. Erfindungen Cao Xueqins.
  6. 脂砚斋 Zhīyànzhāi „Studio des Rouge-Tuschsteins" — Pseudonym des wichtigsten frühen Kommentators, vermutlich aus Cao Xueqins engstem Kreis (Verwandter? Geliebte? Identität bis heute umstritten). Das 甲戌 Jiǎxū-Jahr (1754) bezeichnet die früheste erhaltene Handschrift 甲戌本 Jiǎxū-běn mit sechzehn Kapiteln und Kommentaren — eine zentrale Quelle der modernen Hongloumeng-Forschung.
  7. 姑苏 Gūsū — alter Name von 苏州 Sūzhōu in der heutigen Provinz Jiangsu, seit der Tang-Zeit Inbegriff südlicher Kultur, Reichtum und Eleganz. Das Tor 阊门 Chāngmén ist das traditionelle Westtor der Altstadt; die umliegenden Gassen waren Heimat von Dichtern, Kaufleuten und Handwerkern und galten in der Ming-Qing-Zeit als eines der wohlhabendsten Stadtviertel Chinas.
  8. 十里街 Shílǐjiē klingt wie 势利街 Shìlì jiē „Straße der Vornehmtuerei". 仁清巷 Rénqīng xiàng „Gasse der Menschenfreundlichkeit" klingt wie 人情巷 Rénqíng xiàng „Gasse der menschlichen Beziehungen/Gefälligkeiten". 葫芦庙 Húlu miào „Kürbis-Tempel" klingt wie 糊涂庙 Hútu miào „Tempel der Verworrenheit". Drei aufeinander folgende Wortspiele markieren den Ort als Mikrokosmos der spätfeudalen Gesellschaft mit ihrem Schein und ihrer moralischen Konfusion.
  9. Chin. 封 Fēng „Siegel/versiegeln" — die Familie „versiegelt" bzw. verbirgt Geheimnisse.
  10. Chin. 英莲 Yīnglián. 英 yīng „heldenhaft/strahlend"; 莲 lián „Lotus". Der Name klingt wie 应怜 yīnglián „verdient Mitleid" — ein Vorverweis auf ihr tragisches Schicksal.
  11. 三生石 Sānshēng shí „Stein der drei Leben" — buddhistische Vorstellung, dass Liebende über Vor-, gegenwärtiges und kommendes Leben hinweg verbunden sind. 灵河 Línghé „Geistiger Fluss" und 西方灵河岸 „westliches Ufer des Geistigen Flusses" verlegen den Mythos in eine jenseitige, paradiesische Sphäre. Hier wird die zentrale Schicksalsbindung des Romans gestiftet: die Pflicht der Kajaljade, der Schatzjade ein Leben lang die Tränen zurückzugeben.
  12. Chin. 胡州 Húzhōu, fiktiver Heimatort Jia Yucuns. Homophon zu 胡诌 húzhōu „Unsinn erzählen, Erfundenes vorschwatzen" — passend zur Figur des Erdichters.
  13. Chin. 严老爷 Yán-lǎoye „Herr Streng". Der Familienname Yán ist homophon zu 炎 yán „Feuer/Flamme". Der Zhi-Yan-Zhai-Kommentar bemerkt: „炎也,炎既来,火将至矣" — „Yan ist Feuer; wenn Yan kommt, wird das Feuer folgen." Eine verschlüsselte Vorausdeutung auf den Brand, der das Haus des Wahrheitsverbergers wenig später zerstört.
  14. 大比 Dàbǐ — die alle drei Jahre stattfindende Provinzialprüfung (乡试 xiāngshì) der Beamtenlaufbahn; Bestehen brachte den Grad eines 举人 jǔrén. Die im folgenden Satz genannten 春闱 Chūnwéi „Frühjahrsprüfungen" bezeichnen die anschließende Hauptstadt-Prüfung (会试 huìshì), die im 2. oder 3. Mondmonat in der Hauptstadt abgehalten wurde und über die Aufnahme in die kaiserliche Beamtenelite entschied.
  15. Chin. 元宵节 Yuánxiāojié, das „Erste-Vollmond-Fest" am 15. Tag des ersten Mondmonats — Höhepunkt der Frühlingsfest-Periode. Die Stadt entzündet bunte Laternen (花灯), führt Volkstheater und Akrobatik auf (社火), Familien essen süße Reisbällchen (元宵 / 汤圆). Im Roman ist das Laternenfest ein wiederkehrender Schauplatz schicksalhafter Wendungen: hier verschwindet Heldenlotus, später wird es zum Schauplatz wichtiger familiärer Höhepunkte und Krisen.
  16. Chin. 霍启 Huò Qǐ. Der Name klingt wie 祸起 huòqǐ „das Unheil beginnt" — ein Vorverweis auf das kommende Unglück.
  17. Chin. 封肃 Fēng Sù. 封 fēng „Siegel/versiegeln"; 肃 sù „ernst/streng". Der Name klingt wie 风俗 fēngsú „Sitten und Bräuche".
  18. Chin. 大如州 Dàrú zhōu — fiktiver Bezirksname, klingt wie 大愚州 Dàyú zhōu „Bezirk der großen Torheit". Eine kommentierende Anspielung auf Schlicht Siegels Unbarmherzigkeit gegenüber seinem in Not geratenen Schwiegersohn.
  19. 好了歌 Hǎoliǎo gē — eines der berühmtesten Gedichte des Romans. Das Wortspiel beruht darauf, dass im Chinesischen 好 hǎo „gut" und 了 liǎo „zu Ende" als gleichbedeutendes Paar gelesen werden: Etwas wird erst „gut", wenn es „beendet" ist — also nur durch Loslassen aller irdischen Bindungen. Das Lied formuliert in vier Strophen die buddhistisch-daoistische Kernlehre des Romans: dass Amt, Reichtum, Liebe und Nachkommenschaft am Ende ins Leere führen.