Difference between revisions of "Jing Shanhai/de/Part 3"

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= Durch Berge und Meere — Teil 3 =
 
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Beim Mittagessen musste Wu Xiaohao an ein Netzwort denken, das ihre Tochter Diandian in ihrem Tagebuch benutzte: eine „Wal"-Überraschung.
  
Das Mittagessen ließ Wu Xiaohao an ein Internetwort denken, das ihre Tochter im Tagebuch benutzte: „großes Kalzium-Essen“.  Was sie in Erstaunen versetzte: Die meisten Meeresfrüchte wurden roh gegessen Seegurken in Scheiben geschnitten, Garnelen in Stücke geschnitten, Herzmuscheln gerade aus der Schale alles mit Essig gegessen. Eine große Schüssel blaugrüne Garnelen, noch vom Alkohol betäubt, streckten und krümmten ihre Beine aber He Chengshou schnappte sie mit den Stäbchen und steckte sie in den Mund. Als Wu Xiaohao sich nicht traute, die Stäbchen auszustrecken, lachte He Chengshou: „Du bist zu ängstlich! Mit dieser Einstellung – wie willst du harmonisch mit den Massen zusammenleben?“  Als er das so sagte, musste Wu Xiaohao notgedrungen eine Garnele nehmen. Kaum hatte sie sie zum Mund geführt, streckte die Garnele plötzlich ihren Körper. Als sie diesen Todeskampf spürte, wurde Wu Xiaohao übel, sie legte sie hastig zurück auf den Teller, hielt sich den Mund.  Wan Yufeng streichelte Wu Xiaohaos Schulter: „Frau Vize-Bürgermeisterin Wu, Schwester Wu, wenn Sie rohes Essen nicht gewohnt sind, servieren wir Ihnen gekochtes. Gestern rief der Bürgermeister extra an, heute sollten wir für Sie die ‚Drei Fischer-Spezialitäten' zubereiten.“ Damit rief sie zur Tür: „Zweiter Bruder, die Drei Fischer-Spezialitäten, Auftritt!“  Der von ihr als „Zweiter Bruder“ gerufene Mann war der Dorfbuchhalter. Er kam lächelnd mit Falten im Gesicht, brachte nacheinander drei Fische auf Tellern. He Chengshou zeigte mit den Stäbchen darauf und sagte zu Wu Xiaohao: „Kopf der Schwarzmaulbrasse, Schwanz des Gelbschwanzmakrele, Bauch des Silbermesserfischs. Früher liebten Fischer diese drei Teile am meisten, heute, um dich zu begrüßen, habe ich extra die Ostwind-Schwiegertochter gebeten, alles vorzubereiten.“  Wu Xiaohao fragte erstaunt: „Begrüßung? Haben Sekretär Zhou und du mich gestern nicht schon begrüßt?“  He Chengshou sagte: „Gestern war das Parteikomitee der Gemeinde, heute ist die Gemeinderegierung. Da kommt so eine talentierte Kollegin, als Bürgermeister muss ich doch extra eine Begrüßung arrangieren, oder? Komm, die Gemeinderegierung Guipo begrüßt dich, trink dieses Glas!“  Angesichts des vom Bürgermeister erhobenen Glases musste Wu Xiaohao notgedrungen ihr eigenes nehmen und anstoßen, nippte leicht. He Chengshou hielt sein Glas hoch, zeigte auf sie: „So eine Pflaumenschauspielerin, sag mal? Den Alkohol, den ich dir einschenke, wagst du nicht zu trinken?“ Wu Xiaohao bat: „Bürgermeister, ich kann nicht trinken, bitte hab Verständnis.“ He Chengshou verzog das Gesicht: „Wu Xiaohao, ich sage dir feierlich: Kader, die für Sicherheit zuständig sind, müssen sich immer dem Unsicheren stellen. Aber, jedoch, kurzum: Wenn du dieses Glas trinkst, garantiere ich, der alte Cheng, dir Sicherheit!“  Als sie das hörte, regte sich etwas in Wu Xiaohaos Herzen. Gestern bei der gemeinsamen Sitzung der Parteikomitee- und Regierungsführung der Gemeinde hatte Sekretär Zhou Bin verkündet, die neu angetretene stellvertretende Bürgermeisterin Wu Xiaohao sei für Kultur und Sicherheit zuständig. Abends rief sie Qu Weixing, den Direktor der Bezirkskultur- und Sportbehörde, an – er war Absolvent der Literaturwissenschaft der Shandong-Universität, zwei Klassen über ihr – und fragte diesen Studienältesten, wie man diese beiden Arbeiten machen solle. Qu Weixing sagte: „Kultur ist einfach, wir besprechen das zusammen. Aber Sicherheit ist kein Spaß, du sitzt die ganze Zeit auf einem Pulverfass, ein kleiner Fehler und etwas passiert. Sobald etwas passiert, wirst du untersucht, bestraft – ich erschrecke dich nicht – die Möglichkeit des Gefängnisses besteht. Dass Zhou Bin eine Frau für Sicherheit zuständig macht, ist nicht fair.“ Wu Xiaohao schlief die ganze Nacht nicht gut. Sie erinnerte sich an einige von den Medien berichtete Fälle – tatsächlich wurden in manchen Orten bei schweren Sicherheitsunfällen die zuständigen Leiter wegen Pflichtverletzung zu Gefängnisstrafen verurteilt. Sie dachte: Ich habe die Prüfung für stellvertretende Abteilungsleiterin bestanden, bin als stellvertretende Bürgermeisterin nach Guipo gekommen – sollte das dazu dienen, einen Fuß ins Gefängnis zu setzen?  Als sie hörte, der Bürgermeister würde ihr Sicherheit garantieren, wenn sie dieses Glas trinke, beschloss Wu Xiaohao entschlossen, den Alkohol hinunterzukippen. Normalerweise trank sie selten, wenn doch, höchstens zwei bis drei Liang – diesmal opferte sie sich für die Sicherheit. Sie hob das Glas zum Mund, trank einen Schluck, noch einen Schluck, das Gesicht voller Schmerz. Den letzten Rest trank sie hinunter und hustete mehrmals.  He Chengshou hob ihr den Daumen: „Gut, Xiao Wu ist eine gute Genossin! Du bist sicher!“ Dabei verzog er das Gesicht und trank auch sein Glas leer.  Wu Xiaohao bemerkte: Als He Chengshou den Kopf zurücklegte, ragte sein großes Kinn hervor und enthüllte links und rechts je zwei lange, schmale Flecken, erschreckend deutlich sichtbar. Als sie so starrte, sagte Wan Yufeng: „Worauf starrst du? Er hat Kiemen. Die Kiemenmensch-Vorfahren der Kiemenmenschen-Insel hatten alle degenerierte Fischkiemen, Shouji ist einer von ihnen.“  Wu Xiaohao war wieder „großes Kalzium“-erstaunt. Sie streckte die Hand aus, um genauer zu untersuchen, aber He Chengshou schlug ihre Hand weg, presste das Kinn fest gegen die Brust, sagte mürrisch: „Was schaust du an! Kiemenmenschen sind nur eine Legende.“  Li Yanmi sagte: „Der Bürgermeister He kann wirklich lange unter Wasser bleiben, ohne zum Luftholen hochzukommen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“  He Chengshou funkelte ihn an: „Lao Li, erzähl keinen Unsinn! He, zur Begrüßung von Frau Vize-Bürgermeisterin Wu – warum schenkt ihr alle ihr keinen Alkohol ein?“  Was dann passierte, war furchtbar: Li Yanmi, Li Dabiao, Wan Yufeng, der Fahrer des Bürgermeisters, Meister Zhang – alle brachten ihr reihum einen Toast. Sie wagte nicht, die Gläser ganz zu leeren, aber selbst jedes Mal ein bisschen zu trinken war unerträglich. Sie stellte das Glas ab, winkte ab: „Fertig, fertig, ich bin heute völlig fertig!“ Aber He Chengshou klatschte seine beiden großen Hände laut zusammen: „He, Intellektuelle müssen sich doch mit Arbeitern und Bauern verbinden! Um es im Jargon von vor dreißig Jahren zu sagen: Wir sind alle arme und untere Mittelfischer, du musst mit uns tiefe proletarische Gefühle aufbauen!“ Wu Xiaohao machte abwehrende Handbewegungen: „Gefühle kann man nicht erzwingen. Trinkt ihr, ich trinke jedenfalls nicht mehr.“ Wan Yufeng sagte: „Wenn du nicht trinkst, musst du essen. Es kommt noch Besseres.“  Durch den alkoholvernebelten Blick sah Wu Xiaohao den Buchhalter einen Teller mit Kraken bringen – sie waren nicht groß, aber alle lebendig, streckten ihre Saugnäpfe-bewehrten Tentakel. He Chengshou nahm mit den Stäbchen einen, hielt ihn Wu Xiaohao vors Gesicht: „Roh gegessener Krake, probier mal.“ Wu Xiaohao wehrte hastig mit der Hand ab: „Zu gruselig, ich traue mich nicht!“ He Chengshou sagte: „Was ist daran gruselig? Ostwind-Schwiegertochter, zeig es ihr.“ Wan Yufeng sagte „Gut“, nahm einen und hielt ihn an den Mund. Die Tentakel des Kraken hafteten fest an ihren Lippen, manche Tentakel drangen sogar in ihren Mund. Wu Xiaohao konnte wirklich nicht mehr zusehen, stand auf, rannte in den Hof, musste sich wegen unsicherer Schritte an einem Granatapfelbaum festhalten.  Auch Xiao Xue kam heraus, sagte leise: „Wirklich Wahnsinn.“ Er erzählte Wu Xiaohao, ursprünglich habe es auf der Kiemenmenschen-Insel dieses Gericht nicht gegeben, in ganz Stadt Yu nicht – Wan Yufeng habe es aus einer TV-Serie gelernt. Sie mache es für Bürgermeister He, und Bürgermeister He habe Gefallen daran gefunden. Sie sagten, nachdem man den Kraken hineingesteckt habe, kitzelten die Tentakel in der Speiseröhre, extrem lustvolles Gefühl. Wu Xiaohao winkte hastig ab: „Sag nichts mehr, mir wird übel!“  Xiao Xue ging zur Toilette und kam nicht zurück. Wu Xiaohao wollte nicht hineingehen, setzte sich benommen auf einen Steinhocker unter dem Granatapfelbaum. Sie bemerkte nur, wie der Baumschatten an ihren Füßen wanderte, kleine Ameisen hin und her liefen. Sie schaute nach oben – das Ameisennest war in einem Baumloch, Ameisen gingen ein und aus, geschäftig. Wu Xiaohao dachte plötzlich: Guipo ist ein Granatapfelbaum, Ameisen sind soziale Insekten, seit gestern bin ich dieser „Ameisenkolonie“ beigetreten. Ob in diesem Baumloch vor mir auch ein Festmahl stattfindet? Wenn Ameisen trinken, sind sie auch so rot im Gesicht?  Bei der weiteren Beobachtung der Ameisen schien keine einzige unsicher auf den Beinen oder rot im Gesicht zu sein.  Nach unbekannter Zeit hörte sie nur den Bürgermeister sagen: „Gehen wir, gehen wir.“ Sie drehte den Kopf – die Trinker kamen aus dem Haus. Bürgermeister He hatte sich überhaupt nicht verändert, ging genauso energisch, mit lauter Stimme. Li Yanmi hatte sein sonst braves Aussehen abgelegt, grinste nur noch. Li Dabiao steckte sich aus unerfindlichem Grund beim Gehen Zigaretten hinter beide Ohren, zwei auf jeder Seite, legte noch mehr darauf. Wan Yufeng kam heraus und stürzte sofort auf Wu Xiaohao zu, hielt sie in alkoholgeschwängertem Atem fest: „Du hast den rohen Kraken nicht probiert, so ein tolles Gefühl nicht zu erleben ist ein großer Verlust im Leben.“  Wu Xiaohao wollte sich nicht mit ihr befassen, befreite sich aus ihrer Umarmung, wankte taumelnd zum Hoftor. Am Anleger verabschiedete sich Wu Xiaohao von den Dorfkadern, stieg mit He Chengshou und den anderen ins Schnellboot.  Das Schnellboot verließ den Anleger. Wu Xiaohao saß mit dem Bürgermeister in der letzten Sitzreihe. Sie fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, senkte den Kopf: „Bürgermeister, ich bin betrunken, entschuldigung.“ He Chengshou sagte: „Einmal richtig betrunken zu sein, lässt dich mit allen verschmelzen.“ Wu Xiaohao drehte das Gesicht zu ihm: „Warum bist du nicht betrunken?“ He Chengshou lachte laut: „Ich habe ein Alkoholleck, tausend Gläser machen mich nicht betrunken.“ „Wo ist dein Alkoholleck?“ He Chengshou zeigte mit dem Gesicht zur Seite, deutete unter den linken Unterkieferknochen. Wu Xiaohao schaute genau hin – unter seinem breiten Unterkiefer waren zwei lila Flecken, feucht schimmernd. Wu Xiaohao sagte erstaunt: „Du bist wirklich ein Kiemenmensch.“  Gerade als sie staunte, erschien plötzlich eine große Hand vor ihrem Gesicht, fünf Finger, drei gestreckt, zwei gekrümmt. Hinter dieser Hand war Bürgermeister Hes ölig glänzendes Lächeln.  Die gekrümmten, zu einem Ring verbundenen Daumen und Mittelfinger sprangen plötzlich auseinander. Als der Mittelfinger hochschnellte, traf es ihre Stirn mit einem „Plopp“. Dieser Schmerz strahlte wie ein elektrischer Strom in ihr ganzes Gehirn, übertrug sich auf alle Organe.
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Was sie verblüffte: Die meisten Meeresfrüchte wurden roh gegessen Seegurken in Scheiben, Garnelen in Stücke geschnitten, Herzmuscheln frisch aus der Schale alles in Essig getunkt. In einer großen Schüssel zuckten blaugrüne Garnelen, vom Reiswein betäubt, streckten und krümmten noch die Beine, wurden aber von He Chengshou und den anderen mit den Stäbchen gepackt und in den Mund geschoben. Als Wu Xiaohao nicht wagte, die Stäbchen auszustrecken, schnalzte He Chengshou mit der Zunge: „Du bist viel zu zaghaft! Wie willst du mit so einer Haltung mit den Leuten hier auskommen?"
  
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So gedrängt, nahm Wu Xiaohao schließlich eine Garnele. Kaum hatte sie sie zum Mund geführt, streckte die Garnele plötzlich den Leib. Als sie diesen letzten Todeskampf spürte, wurde ihr übel; hastig legte sie die Garnele zurück auf den Tisch und hielt sich mit beiden Händen den Mund zu, den Kopf schüttelnd.
  
Abends rief Wu Xiaohao in ihrem Quartier ihre beste Freundin Zhen Yueyue an und erzählte ihr von den Erlebnissen des Tages. Zhen Yueyue sagte am Telefon mit schadenfreudiger Genugtuung: „Gut, gut, wer hat dich aufs Land geschickt, wer sagte, du hättest hohe Ideale und große Ambitionen, wer wollte das gute Leben nicht haben und musste dreißig Kilometer aus der Stadt ziehen, um diese stellvertretende Bürgermeisterin zu werden. Warte ab, es dauert nicht lange, dann bist du eine nach Alkohol stinkende, fluchende Funktionärin, vielleicht wälzt du dich sogar mit stinkenden Fischern im Bett – nein, im Sandstrand. Ich warne dich, bring mir bloß kein retrogrades Baby mit Fischkiemen, ich traue mich nicht hinzuschauen, mir wird schlecht!“  Als Wu Xiaohao das hörte, zitterte die Hand, die das Handy hielt. Sie atmete tief ein, sagte im gewohnten Scherz-Ton mit Yueyue: „Chefin, dass du mein Aufs-Land-Gehen nicht unterstützt, heißt nicht, dass du mich so beleidigen musst, das ist zu gemein, oder?“  „Schwiegermutter? Früher ja, künftig nicht unbedingt. Wenn es so weitergeht – ungleiches Paar...“  Wu Xiaohaos Herz begann zu zittern. Sie legte einfach auf, ließ sich aufs Bett fallen, seufzte lang: „Ach...“  Vor zwei Monaten hatte Wu Xiaohao die Ausschreibung der Organisationsabteilung des Bezirkskomitees gesehen – Rekrutierung von stellvertretenden Abteilungsleitern für Gemeinden. Sie beschloss, sich zu bewerben. Diese Entscheidung stieß auf Widerstand vieler – Ehemann, Kind, beste Freundin, niemand stimmte zu. In vieler Leute Augen war die Arbeit beim Bezirkskonsultativrat für eine Frau ideal – jedes Jahr ein Heft Kulturgeschichte herausgeben, entspannt und ruhig, nach Feierabend Hausarbeit, das Kind betreuen, ein kleines Leben mit Rhythmus führen. Dass ihr Ehemann You Haoliang dagegen war, kümmerte sie nicht, denn sie wollte von ihm wegkommen, sie hatte die Qual, die er ihr über zehn Jahre zugefügt hatte, wirklich satt. Dass das Kind, das in der dritten Grundschulklasse war, dagegen war, erwartete sie – Mutter und Tochter hingen aneinander, Trennung würde wehtun. Sie dachte: Zum Glück liebt You Haoliang das Kind sehr, mit seiner Betreuung kann ich beruhigt sein, das Kind wird mich später verstehen.  Aber sie hatte nicht erwartet, dass Yueyues Worte so heftig wären.  Nach dem Universitätsabschluss kam Wu Xiaohao nach Stadt Yu und lernte einige Freundinnen kennen, darunter ein paar, mit denen sie Herz und Seele teilen konnte. Nach Feierabend oder sonntags mit besten Freundinnen shoppen gehen, ein Café finden und über Zeiten plaudern, oder mit ihnen ins Umland fahren, einen landschaftlich schönen Ort finden, dort spielen, ein Picknick machen und fröhlich zurückkehren – das waren die wunderbarsten, geschmackvollsten Erlebnisse in Wu Xiaohaos Leben. Wu Xiaohaos beste Freundin war Zhen Yueyue. Diese Person stammte aus einer Jinan-Intellektuellenfamilie mittleren Ranges, ihr Großvater war Mitarbeiter des Provinzkulturgeschichte-Museums, die Eltern arbeiteten beide in Kulturabteilungen. Nach dem Universitätsabschluss sehnte sie sich nach dem Leben am Meer, kam erst nach Stadt Yu zur Bibliothek. Zhen Yueyue war eine „graugestufte kleine Dame“, Wu Xiaohao bewunderte ihre von innen kommende Vornehmheit und Eleganz, liebte den Umgang mit ihr, sprach oft mit ihr von Herzen, erzählte ihr alles, was sie erlebt hatte. Auch Zhen Yueyue war Wu Xiaohao gegenüber offen, bei Sorgen kam sie immer zu ihr. Einmal saßen sie in einem Café, sprachen so gut, dass sie die Hände über den Tisch hielten, sich in die Augen schauten, stumm vor Rührung. Wu Xiaohao dachte oft: Im Leben einen Seelenverwandten zu haben, genügt – wirklich.  Sie erfuhr, in Stadt Yu gab es einen Volksbrauch: Für Kinder Pateneltern finden, um fehlende Fünf-Elemente-Verbindungen im Schicksal der Kinder zu ergänzen, die Elternpaare wurden dann Schwiegerfamilien, pflegten engen Kontakt. Wenn man Schwiegerfamilie nannte, hatte das schon die Bedeutung von Heiratsverbindung – bei Familien mit je einem Jungen und einem Mädchen machte man oft scherzhaft Witze über die Kinder, um die Familienbeziehung zu vertiefen. Vor zwei Jahren, als Zhen Yueyues Sohn und Wu Xiaohaos Tochter fröhlich zusammen spielten, sagte Zhen Yueyue: „Lasst uns dem lokalen Brauch folgen und Schwiegerfamilien werden.“ Wu Xiaohao sagte: „Gut, ich bin sehr gerne Fa Bu Ers Schwiegermutter.“ Zhen Yueyue glaubte an den Buddhismus, ihr Ehemann hieß Fa Yi, also gaben sie ihrem Sohn den Namen Fa Bu Er. Die beiden erzählten es ihren Ehemännern, beide Männer stimmten zu. Fa Yi war ein Mann aus einer Literaten-Familie, malte freudig für diesen Anlass ein Bild: Darauf ritten zwei Kinder auf Bambuspferden und spielten, daneben zwei Ehepaare, die Gläser erhoben und lächelten, dazu ein Scherzgedicht: „Zwei Kinder auf Bambuspferden, auf und ab. Vier Gläser stoßen an, Schwiegerfamilien sind glücklich.“  Vor einem Monat vereinbarte Zhen Yueyue mit ihr, zusammen die Haare zu färben. Die beiden gingen zum Schönheitssalon, ließen beide ihre Haare aschblond färben, nur die Frisuren waren unterschiedlich – Yueyue hatte Mittelscheitel mit unordentlichen großen Locken; Wu Xiaohao mochte kurzes Haar, bekam einen Pilzkopf. Jetzt, im Quartier der Gemeinde Guipo, dachte Wu Xiaohao an die Worte „ungleiches Paar“ und raufte sich den Pilzkopf zu einem Hühnernest. Sie dachte: Obwohl Yueyues Worte scherzhaft gemeint waren, war ihre Schlagkraft dennoch groß. Für Wu Xiaohao waren beste Freundinnen wie Yueyue in ihrem Leben wie eine Quelle süßen Wassers in der Wüste, wie eine frische Brise im Nebel. Yueyue zu verlieren wäre ein großer Verlust in ihrem Leben.  Jedoch wollte Wu Xiaohao wirklich nicht mehr in ihrer alten Arbeitsstelle Tag für Tag vergeuden. Ursprünglich gab sie beim Bezirkskonsultativrat die „Kulturgeschichte Stadt Yu“ heraus, war eine ruhige Büroangestellte – dann kam plötzlich ein unzuverlässiger Direktor. Direktor Chu, ehemaliger Direktor eines Amtes, wurde mit vierundfünfzig zum Direktor des Kultur- und Geschichtsbüros des Konsultativrats ernannt. Am ersten Arbeitstag sagte er seinen beiden Untergebenen, er liebe Kulturarbeit nicht, sei auch nicht gut im Schreiben – die Organisation habe ihn hierher „versetzt“, wo er nicht hingehöre. Deshalb trank er nach der Arbeit jeden Tag Tee, prahlte, erzählte von seinen Taten als Direktor, welche großen Verdienste er hatte. Wu Xiaohao wollte nicht zuhören, vertiefte sich in die Kulturgeschichte, arbeitete mühsam daran – aber als sie es Direktor Chu zeigte, sagte er: „Wozu dieses Zeug machen? Bringt es wirtschaftlichen Nutzen?“ Wu Xiaohao war sprachlos, ihre Motivation sank stark. Aber die bereits erstellten Bücher sollten doch veröffentlicht werden? Direktor Chu wollte jedoch nicht zum Finanzamt gehen, um Geld zu holen: „Ich, der alte Chu, habe früher jährlich Millionen verteilt, von allen Seiten kamen Leute zu mir – jetzt soll ich anderen am Kinn wackeln? Niemals!“ Deshalb gab das Bezirkskonsultativrat ursprünglich jedes Jahr eine Ausgabe der „Kulturgeschichte Stadt Yu“ heraus – nach Direktor Chus Amtsantritt drei Jahre lang keine. Wu Xiaohao streichelte die Manuskripte, in die sie Herzblut gesteckt hatte, war entmutigt, beschloss zu gehen. Sie dachte: Selbst wenn ich an einer Mittelschule unterrichte, hätte ich Erfolgserlebnisse – was soll das hier? Meine beste Zeit – soll ich sie damit verbringen, einem gescheiterten Politiker Tee nachzuschenken, sein Gejammer anzuhören? Nein, niemals! An der Universität war Wu Xiaohao oft bewegt von den von Lehrern erzählten, in Geschichtsbüchern aufgezeichneten edlen Menschen und Patrioten. Besonders als Professor Fang einmal über das China vor hundert Jahren sprach – von Wind und Regen geschüttelt, die Menschen am Ende – da suchten viele Einsichtige, Idealisten nach Chinas Weg, viele opferten ihr Leben. Als Wu Xiaohao das hörte, liefen ihr Tränen übers Gesicht. Sie dachte: Das Leben ist kurz, vergeht wie ein weißes Pferd, kann man in diesem kurzen Sprung der Welt eine Veränderung geben? „Aufstieg und Fall des Landes, jeder ist verantwortlich“ – ich bin kein Mann, nur eine gewöhnliche kleine Frau, aber ich will kein gewöhnliches Leben führen.  Zu dieser Zeit sah sie die Rekrutierungsankündigung der Organisationsabteilung des Bezirkskomitees und beschloss sofort, sich zu bewerben.  Letzte Woche Mittwoch wurde die Liste der Angenommenen veröffentlicht – sie war dabei.
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Wan Yufeng klopfte ihr auf die Schulter: „Vize-Bürgermeisterin Wu, Schwester Wu — wenn du Rohes nicht verträgst, servieren wir dir Gekochtes. Gestern hat der Bürgermeister extra angerufen und gebeten, heute für dich die ‚Drei Fischerspezialitäten' zuzubereiten." Damit rief sie zur Tür hinaus: „Zweiter Bruder, die Drei Fischerspezialitäten — Vorhang auf!"
  
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Der „Zweite Bruder" war der Dorfbuchhalter. Lächelnd, das Gesicht voller Falten, brachte er nacheinander drei Fische auf Tellern herein. He Chengshou deutete mit den Stäbchen darauf und erklärte Wu Xiaohao: „Kopf vom Rotbrassen, Schwanz vom Gelbschwanz, Bauchstück vom Silbermesserfisch. Das waren früher die drei Lieblingsstücke der Fischer. Heute, dir zu Ehren, habe ich die Ostwind-Tante gebeten, alles aufzutreiben."
  
Wu Xiaohao beging einen großen Fehler.  An jenem Morgen erhielt sie einen Anruf von Liu Dalou, dem Direktor des Partei- und Regierungsbüros der Gemeinde – Bezirksvorsteher Wen komme nach Guipo zur Untersuchung, Sekretär und Bürgermeister hätten den Bezirksvorsteher bereits an der Grenze abgeholt, alle Kader auf Abteilungsleiterebene sollten sofort vor das Gebäude kommen, um ihn zu begrüßen.  Wu Xiaohao eilte hinunter, sah über zehn Kader nacheinander herunterkommen, alle standen dort. Nach einigen Minuten fuhr das Auto des Sekretärs und Bürgermeisters durch das Tor, dahinter ein nagelneuer Luxus-Geländewagen. Das Auto des Sekretärs und Bürgermeisters parkte westlich vom Tor, dieser Wagen hielt genau vor Wu Xiaohao an. Wu Xiaohao dachte: Ich sollte dem Bezirksvorsteher aktiv die Autotür öffnen, und streckte lächelnd die Hand aus. In diesem Moment rannte Zhou Bin vom Auto her zu ihr, rief ihr leise zu: „Wu Xiaohao, was machst du da?“ Wu Xiaohao zog hastig die Hand zurück. Zhou Bin griff nach dem Türgriff, öffnete die Tür des Bezirksvorstehers, verbeugte sich, strahlte übers ganze Gesicht: „Bezirksvorsteher, bitte steigen Sie aus.“  Wu Xiaohao erkannte sofort, dass sie falsch gehandelt hatte. Ja, was wolltest du tun? Welche Qualifikation hast du, die Autotür zu öffnen? Unter aller Augen – wenn du das machst, denken die Leute, du willst dich beim Bezirksvorsteher einschmeicheln. Sie trat zurück, das Gesicht hochrot.  Der Bezirksvorsteher ging unter Begleitung der Guipo-Kader ins Konferenzzimmer, hörte Sekretär Zhou Bins Bericht zu. Wu Xiaohao war abwesend, hörte nicht, was der Sekretär berichtete, nur dessen Tadel hallte in ihren Ohren wie eine Glocke. Aber innerlich war sie nicht überzeugt. Um Führungskräften die Autotür zu öffnen, braucht man Qualifikation? Braucht man strikte Rangordnung, darf die „Regeln“ nicht überschreiten? Diese Amtsbräuche – heute hatte sie eine Lektion bekommen.  Nach Zhou Bins Bericht nickte Bezirksvorsteher Wen: „Gut, lasst uns hinuntergehen und schauen.“  Der Bezirksvorsteher verließ unter Begleitung der beiden Guipo-Führungskräfte das kleine Konferenzzimmer, verließ den Hof. Kader ohne Qualifikation zur Begleitung gingen entweder zurück ins Büro oder zu ihren betreuten Dörfern oder Orten. Wu Xiaohao wollte ursprünglich die Direktorin der Kulturstation bitten, Kulturstätten zu besichtigen, aber jetzt hatte sie keine Stimmung mehr, ging einfach ins Büro zurück und setzte sich. Sie wusste, heute würde das heiße Gesprächsthema unter den Guipo-Kadern sein, dass sie die Autotür öffnen wollte.  Ihre Vermutung erwies sich als richtig. Nach einer Weile kam eine Frau mittleren Alters herein, das Gesicht voller Empörung: „Frau Vize-Bürgermeisterin Wu, ich hörte von meinem alten Lai, der Sekretär hat Sie gerade zurechtgewiesen?“ Wu Xiaohao stand auf und fragte: „Darf ich fragen, wie Sie heißen?“ Die Frau sagte: „Mein Name ist Hao, Hao Juan, stellvertretende Direktorin des Familienplanungsbüros, Lai Chunxiang ist mein Mann.“ Wu Xiaohao wusste nun – der Vorsitzende des Gemeinde-Volkskongresses Lai hatte ihrer Blamage seiner Frau erzählt. Wu Xiaohao stand auf, lächelte sie gezwungen an: „Wer hat mich geheißen, die Regeln nicht zu kennen?“ Hao Juan hob eine Hand und wedelte heftig: „Was für beschissene Regeln! Dieser Zhou hat zu viele Allüren! Sie als Frau und Neuankömmling – er beschämt Sie öffentlich, gibt es so eine Führungskraft?“  Sie bemerkte, dass beim Sprechen Hao Juans Lippen sich zu dichten Falten verzogen, sodass der Mund wie zwei Mopptücher aussah. Hao Juans Worte drückten wirklich Wu Xiaohaos Kummer im Herzen aus. Aber sie wusste, die zwischenmenschlichen Beziehungen in der Gemeinde waren komplex verschlungen, sie durfte nicht unbedacht antworten, zeigte auf einen Stuhl gegenüber, bat Hao Juan, sich zu setzen.  Hao Juan setzte sich und sagte weiter: „Der Sekretär ist unmöglich, dich als Frau hier unterzubringen – warum ausgerechnet in diesem Quartier!“ Wu Xiaohao war gestern zur Anmeldung gekommen, Direktor Liu Dalou hatte sie zu einem Zimmer hinter dem Bürogebäude geführt, sagte, das sei ihr Quartier, außerdem, früher habe hier ein stellvertretender Bürgermeister gewohnt, der sei im Rentenalter nach Hause gegangen. Sie sah das Zimmer sauber geputzt, dachte nicht weiter nach, legte ihr Bettzeug ab. Sie fragte Hao Juan: „Was ist mit dem Zimmer?“ Hao Juan sagte: „Dort hat ein Toter gewohnt.“ „Was?“ Wu Xiaohaos Kopfhaut kribbelte, sie fragte dringend nach.  Hao Juan erzählte ihr: Etwa 1980-irgendwas sei ein Parteisekretär geschickt worden, ein gerade graduierter gut aussehender Universitätsstudent. Der Parteisekretär wollte seine Schreibfähigkeit testen, ließ ihn am ersten Abend eine Rede schreiben, die der Sekretär am nächsten Tag bei der Mobilisierungsversammlung für die Dreifach-Produktion nutzen wollte. Am nächsten Morgen stellte der Sekretär fest, dass der Sekretär ihm die Rede nicht gebracht hatte, ließ jemanden sie holen. Der Mann klopfte an die Tür, aber der Sekretär antwortete nicht, ging zurück und meldete es dem Sekretär. Der Sekretär rief mehrere Leute zusammen, sie klopften und riefen, aber drinnen gab es keine Reaktion. Gezwungenermaßen befahl der Sekretär, die Tür aufzubrechen. Als alle hineingingen, entdeckten sie, dass der Sekretär sich am hinteren Fenster erhängt hatte, auf dem Schreibtisch lagen zusammengeknüllte Papiere. Aufgemacht – auf jedem Papier standen nur drei Zeichen „Genossen“ plus ein Doppelpunkt.  Wu Xiaohao bekam eine Gänsehaut. Sie sah undeutlich am hinteren Fenster ihres Quartiers einen jungen Mann hängen.  Hao Juan machte eine Geste: „Leute mit Sekretärs-Herkunft gibt es zwei Arten: Eine wird von anderen zu Tode gequält, die andere quält andere zu Tode. Dieser oben gestorbene Kerl hatte gerade Dienst angetreten, kannte die Situation überhaupt nicht, der Sekretär ließ ihn eine Rede schreiben, er war besonders gesichtsbewusst, nahm notgedrungen ein Seil und beendete sich selbst. Die andere Art – lange als Sekretär, jahrelange Schwiegersohn wird zur Schwiegermutter, dann quält man Untergebene, unser Sekretär Zhou ist genau so einer.“  Wu Xiaohao wusste, Sekretär Zhou Bin war früher stellvertretender Direktor des Bezirkskomitee-Büros, zuständig für Schriftarbeit, war ein Meister im Verfassen von Materialien, gewöhnliche Texte fanden kaum seine Anerkennung. Sie fragte: „Er ist hier nicht mehr speziell für Schriftarbeit zuständig, wie quält er noch Untergebene?
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Wu Xiaohao fragte erstaunt: „Mir zu Ehren? Haben Sekretär Zhou und du mich nicht gestern schon begrüßt?"
  
Halbgeschlossene Augen und Missstände: Die Bürokratie dreht ihre Mühlräder. Direktor Liu vom Büro schreibt einen Entwurf, aber dem Sekretär gefällt er nicht. Er lässt ihn immer wieder überarbeiten, bis Liu völlig erschöpft ist. Direktor Liu hat sich anderen gegenüber beklagt: Manchmal, wenn er bis Mitternacht an Dokumenten arbeitet und geistig am Ende ist, möchte er wirklich seinem Vorgänger folgen und sich erhängen. Nicht nur er – viele sagen, dass ihre Dokumente beim Sekretär immer wieder abgelehnt werden, und sie nicht mehr weiterleben wollen.  „Welche Art von Dokumenten schreiben die Leute denn?“  „Jeder muss schreiben – Arbeitsberichte, Zusammenfassungen, alle paar Tage muss wieder etwas eingereicht werden. Schau, Gemeindekader sollten sich auf praktische Arbeit konzentrieren, warum so viele Dokumente? Aber Sekretär Zhou sagt, egal wie gut die Arbeit ist, sie muss sich in geschriebenen Worten niederschlagen. Die Fähigkeit mit dem Stift ist die wichtigste Fähigkeit eines Kaders. Er hat sogar einen Slogan aufgestellt, wie hieß er noch? Ach ja: 'Schrift ist wichtiger als der Himmel'.“  Als Wu Xiaohao dies hörte, musste sie an zwei Verse des Qing-Literaten und Historikers Zhao Yi denken: „Mit einem Federkiel die drei Reiche erschaffend, wird er zur Säule, die Himmel und Erde trägt.“ Sie kannte den Spruch „Schrift ist wichtiger als der Himmel“ bereits und dachte: Unter Gelehrten mag dies angebracht sein, um die extreme Wichtigkeit guten Schreibens zu betonen, aber als Slogan für Basiskader klingt es doch etwas absurd.  Ban Juan fuhr fort: Das ist noch nicht alles. Er verlangt auch, dass in den Berichten der übergeordneten Stellen und in den Medien regelmäßig Nachrichten aus Guaipo erscheinen. Er hat ein Belohnungssystem eingeführt: Für eine Veröffentlichung in zentralen Medien gibt es zehntausend Yuan Prämie, auf Provinzebene fünftausend, auf Stadtebene eintausend. Sag mal, du hast jahrelang in der Stadt gearbeitet, kennst du nicht Medienkontakte? Hilf mir doch, einen Artikel zu platzieren. Sie zog ein auf kleinstmögliche Größe gefaltetes Blatt Druckpapier aus der Tasche hervor.  Erst jetzt verstand Wu Xiaohao den wahren Grund für Ban Juans Besuch. Sie nahm den Text entgegen und entfaltete ihn. Es war eine Halbjahres-Zusammenfassung der Familienplanungsarbeit in Guaipo, in der sie keine besonderen Höhepunkte finden konnte. Aber sie wollte Ban Juan nicht direkt ablehnen und sagte: „Direktorin Ban, ich habe früher in der politischen Konsultativkonferenz des Bezirks gearbeitet und habe nicht viele Kontakte zu Medienleuten. Wenn ich in die Stadt zurückkehre, werde ich versuchen, es über jemanden an die Zeitung weiterzuleiten, damit sie einen Blick darauf werfen.“  Ban Juan faltete die Hände und verbeugte sich wiederholt: „Danke, Bürgermeisterin Wu, vielen Dank!“  Nach dem Dank begann Ban Juan über ihren Ehemann zu sprechen. Sie erzählte: Vor drei Jahren wurde der damalige Sekretär Chen befördert und versetzt. Ihr Mann hätte Chens Nachfolger werden sollen – er war schließlich seit acht Jahren stellvertretender Sekretär, wer sonst sollte es sein? Doch unerwartet fiel Zhou Bin wie aus heiterem Himmel herein, und ihr Mann musste sich mit dem macht- und einkommenslosen Posten des Vorsitzenden des Ständigen Ausschusses des Volkskongresses zufriedengeben. Bei Nachforschungen stellte sich heraus, dass Zhou Bin unbedingt auf die Basisebene wollte, um sich für eine Beförderung zum stellvertretenden Abteilungsleiter zu qualifizieren. Er hatte sich bei den Führungskräften angebiedert und kam so nach Guaipo. Dieser Mensch ist sehr ehrgeizig. Was hat er seit seiner Ankunft getan? Verschönerungsprojekte und Schreibkram...  Wu Xiaohao wurde unruhig. Sie konnte Ban Juan nicht länger zuhören – zu viel Kontakt mit solchen tratschenden Beamtinnen würde sie in einen Strudel von Klatsch und Tratsch ziehen, aus dem sie sich nicht mehr befreien könnte. Sie sagte: „Direktorin Ban, entschuldige bitte, ich kann nicht länger mit dir reden. Ich muss mit Stationsleiterin Guo Mo ausgehen.“  Ban Juans Gesicht zeigte einen rätselhaften Ausdruck: „Du gehst mit ihr aus? Sie ist die große Vertraute des Sekretärs. Wenn du dich gut mit ihr stellst, stellst du dich gut mit dem Sekretär.“  Wu Xiaohao wurde etwas ärgerlich: „Was willst du damit sagen? Ich bin für Kultur zuständig, unsere Beziehung ist rein beruflich, nichts weiter.“  Ban Juan hatte offensichtlich vor, ihr Herz auszuschütten: „Gerade weil du für die Kulturstation zuständig bist, musst du sie verstehen. Diese Frau ist eine Fischertochter. Dass sie Stationsleiterin werden konnte, liegt nicht nur daran, dass sie singen kann, sondern auch daran, dass sie mit den Führungskräften auf eine bestimmte Weise umgeht.“ Dabei zwinkerte sie Wu Xiaohao zu.  Wu Xiaohao wollte dieses Gerede nicht länger hören und rief Guo Mo an: „Xiao Mo, lass uns gehen.“ Sie stand auf und ging nach draußen. Ban Juan folgte ihr bis zur Tür und flüsterte Wu Xiaohao zu: „Ich vertraue dir, deshalb sage ich dir das alles. Erzähl es bloß niemandem weiter.“
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He Chengshou sagte: „Gestern war das Parteikomitee der Gemeinde, heute die Gemeindeverwaltung. Wenn so eine begabte und hübsche Kollegin zu uns kommt, muss ich als Bürgermeister doch ein eigenes Begrüßungsessen geben — wie stünde ich sonst da? Also: Die Gemeindeverwaltung Kaipo heißt dich willkommen! Auf dieses Glas!"
  
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Dem erhobenen Glas des Bürgermeisters konnte Wu Xiaohao sich nicht entziehen. Sie nahm ihr eigenes, stieß an und nippte zaghaft. He Chengshou hielt sein Glas hoch und deutete auf sie: „Hör auf mit der Zimperlichkeit! Wenn ich dir einschenke, traust du dich nicht zu trinken?" Wu Xiaohao bat: „Bürgermeister, ich vertrage keinen Alkohol, bitte hab Nachsicht." He Chengshou verzog die Miene: „Wu Xiaohao, ich sage dir in aller Deutlichkeit: Wer für Sicherheit zuständig ist, muss sich stets dem Unsicheren stellen. Aber, jedoch, kurzum — wenn du dieses Glas trinkst, garantiere ich, der alte He, für deine Sicherheit!"
  
Kaum hatte Wu Xiaohao das Bürogebäude verlassen, sah sie Guo Mo auf einem Motorrad vom Kulturzentrum am hinteren Ende des Geländes heranfahren. Das Motorrad war uralt, machte ohrenbetäubenden Lärm, und der blaue Rauch, der aus dem Auspuff quoll, war deutlich sichtbar.  Guo Mo hielt an, auf ihrem hübschen Gesicht ein Lächeln: „Bürgermeisterin Wu, du hast ein Auto zu Hause, bringst es aber nicht nach Guaipo. Jetzt muss ich dich mit diesem Schrotthaufen herumfahren.“ Wu Xiaohao schwang ein Bein über den Rücksitz: „Wenn ich das Auto hierher bringe, wie soll mein Kind dann zur Schule kommen? Ich muss es meinem Mann überlassen.“ „Dann kauf doch ein zweites.“ „Wie soll das gehen? Ich zahle noch einen Hypothekenkredit ab.“ Guo Mo sagte: „Dass du eine Wohnung in der Stadt hast, ist doch auch eine Art Glück. Wir wohnen hier in kostenlosen Gemeindewohnungen, aber unsere Kinder leiden darunter. Die Grundschulen auf dem Land haben eine so schlechte Unterrichtsqualität. In welchem Zeitalter leben wir, und die Lehrer unterrichten immer noch im lokalen Dialekt – das bringt mich um! Lass uns erst das Stele anschauen. Halt dich fest, los geht's.“  Wu Xiaohao ließ sich von Guo Mo fahren, aus dem Regierungsgelände hinaus. Guo Mo trug keinen Helm, ihr langes Haar wehte und streifte Wu Xiaohaos Gesicht. Als sie an Ban Juans Worte dachte, empfand Wu Xiaohao keine Sympathie für die Frau vor ihr. Das Haar, das über ihr Gesicht strich, fühlte sich wie etwas an, das sie als „Beleidigung“ bezeichnen würde. Sie erinnerte sich daran, in Geschichtsbüchern gelesen zu haben, dass es in der Jin-Dynastie einen General namens Guo Mo gegeben hatte, der als Gouverneur von Jiangzhou diente. Wang Xizhi war auch Gouverneur von Jiangzhou gewesen und hatte einen guten Ruf hinterlassen, aber jener Guo Mo hatte eine schlechte Bilanz und starb eines unnatürlichen Todes. Sie fragte Guo Mo, warum sie diesen Namen bekommen habe. Guo Mo sagte: „Als ich klein war, konnte ich gut reden und singen. Mein Vater war genervt und gab mir diesen Namen, damit ich ein wenig schweigen würde. Aber als ich groß wurde, konnte ich trotzdem nicht schweigen, haha.“  Während sie so fuhren, hob Guo Mo plötzlich eine Hand und winkte wiederholt zu einem Wohngebäude: „Bruder Niu, hallo!“  Wu Xiaohao schaute hinauf, sah aber niemanden am Gebäude, und fragte verwirrt: „Wen rufst du denn?“ Guo Mo hielt das Motorrad an und zeigte zum Gebäude hinauf: „Schau, da ist doch 'Bruder Niu'! Ich mag seine Art sehr und grüße ihn jedes Mal, wenn ich hier vorbeikomme.“  Erst jetzt bemerkte Wu Xiaohao, dass aus einem Fenster im sechsten Stock ein gelber Kuhkopf herausragte. Die Kuh kümmerte sich nicht um Guo Mo, sie kaute wieder und schaute in die Ferne, während Speichel aus ihrem Maul tropfte, der beinahe auf Wu Xiaohaos Gesicht gefallen wäre. Sie fragte erstaunt: „Wie kann man im sechsten Stock eine Kuh halten? Wie ist sie da hochgekommen?“ Guo Mo sagte: „In Bauernhochhäusern gibt es alles Mögliche. Angeblich gibt es welche, die Schafe halten, Schweine halten, Hühner und Enten halten. Diese Familie hat im Frühling das Kalb mit einem Flaschenzug hochgezogen, und jetzt ist es groß geworden.“ Wu Xiaohao fragte: „Wie kommt es wieder runter?“ Guo Mo sagte: „Keine Ahnung.“  Sie zeigte auf die Gebäude: „Diese drei Häuser sind Sekretär Zhous Meisterwerk. Vor zwei Jahren ließ er, um Guaipo die nicht-landwirtschaftliche Bevölkerung zu vergrößern und aus einem Dorf eine Gemeinde zu machen, zwei nahegelegene Dörfer abreißen und die Dorfbewohner hier konzentrieren. Alle nennen sie 'Bauernhochhäuser'. Die Dorfbewohner in den Hochhäusern haben viele Unannehmlichkeiten, sie müssen weit laufen, um ihre Felder zu erreichen.“  Wu Xiaohao schaute zu „Bruder Niu“ hinauf und sah, wie er immer noch in die Ferne starrte. Sie dachte: Du sehnst dich wohl nach den grünen Wiesen und deinen Gefährten auf dem Berg, nicht wahr?  Als sie das Dorf Guaipo erreichten, wurde das Gelände immer höher, bis es schließlich zu einem kleinen Hügel wurde, auf dem einige Kiefern wuchsen. Nach einer kurzen Strecke zeigte Guo Mo auf den Straßenrand: „Dort ist es.“ Wu Xiaohao stieg ab und sah ein Erdnussfeld am Straßenrand, an dessen Rand eine Stele aus blauem Stein stand.  Guo Mo erzählte Wu Xiaohao, dass nach den Worten der alten Leute der alte Ulmenbaum hier einst so dick und hoch gewesen sei, dass seine Krone eine halbe Mu Land bedecken konnte. In den 1950er Jahren, als die Versorgungsgenossenschaft von Guaipo gegründet wurde, schlug jemand vor, den Ulmenbaum zu fällen und aus den Brettern Ladentheken zu machen. Eine Gruppe von Leuten kam zum Fällen, aber nachdem sie ein paar Mal gesägt hatten, floss aus der Wunde Blut, und sie flohen erschrocken. Der Direktor der Genossenschaft glaubte es nicht und sagte, das sei kein Blut, sondern nur Baumsaft. Er sägte selbst, einen ganzen Tag lang, bis der Baum endlich gefällt war. Sie zerlegten ihn in breite, dicke Bretter und legten sie auf die gemauerten Ladentheken. Als sie klein war, ging sie zur Genossenschaft einkaufen und berührte die über einen Meter breiten Theken, wobei sie sich vorstellte, wie dick dieser Ulmenbaum gewesen sein musste.  Wu Xiaohao hatte bereits im Ortsnamenbuch der Stadt Yu gelesen, dass Guaipo seinen Namen von den Ulmen hatte, die hier früher wuchsen. Sie fragte Guo Mo, ob es in Guaipo noch Ulmen gäbe. Guo Mo sagte nein. Die Forstverwaltung hatte im gesamten Gemeindegebiet eine Bestandsaufnahme gemacht – nicht ein einziger Baum war übrig. Weil das Holz so wertvoll war, waren alle gefällt worden. Nach der Fällung des letzten alten Ulmenbaums blieb nur noch diese Stele übrig.  Wu Xiaohao war schmerzlich berührt und trat näher, um die Stele zu betrachten. Sie war in der Mitte zerbrochen und mit Zement wieder zusammengefügt worden. Glücklicherweise war die Inschrift noch vollständig – ein Fünf-Zeilen-Gedicht: *Wer pflanzte einst diesen Baum,  Der Zeit und Ewigkeit überdauert?  Im Konfuzius-Hain steht der heilige Baum,  Im staubigen Meer wandelt er Menschenherzen.   Oft betrachte ich die Yin und Yang von Himmel und Erde,   Gelehrte folgen dem Schatten der Ulme,  Runde Blätter tränenbenetzt am Gewand.*  Darunter stand: „Im dreiundzwanzigsten Jahr der Daoguang-Ära, im späten Herbst, von Shen Yao, Bildungsbeauftragter der Stadt Yu, nach dem Gedicht von Shi Runzhang über die von Zigong gepflanzte Ulme.“  Als sie die Unterschrift las, erinnerte sie sich plötzlich: Im dritten Studienjahr war die gesamte Klasse mit dem Zug nach Qufu gefahren, um den Konfuziustempel, die Konfuzius-Residenz und den Konfuzius-Friedhof zu besichtigen. Vor dem Grab des Konfuzius hatte sie die „von Zigong gepflanzte Ulme“ gesehen, aber das war nur ein Stück versteinertes Holz. Der Führer hatte erklärt, dass die Ulme ein heiliger Baum sei – der Stamm gerade, die Zweige regelmäßig, ein Vorbild für alle Bäume. Damals hatte sie das Holzstück ehrfürchtig betrachtet. Sie erinnerte sich auch, dass dort eine weitere Stele mit einem Lobgedicht stand, aber dessen Inhalt hatte sie vergessen. Sie suchte auf Baidu mit ihrem Handy und fand das Gedicht des berühmten Dichters der frühen Qing-Zeit, Shi Runzhang, über die von Zigong gepflanzte Ulme: 
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Bei diesen Worten wurde Wu Xiaohao hellhörig. Gestern, bei der gemeinsamen Sitzung von Parteikomitee und Gemeindeverwaltung, hatte Sekretär Zhou Bin verkündet, die neue stellvertretende Bürgermeisterin Wu Xiaohao sei für Kultur und Sicherheit zuständig. Abends hatte sie Fan Weixing angerufen — den Direktor des Bezirksamts für Kultur und Sport, Absolvent der Literaturwissenschaft an der Shandong-Universität, zwei Jahrgänge über ihr — und diesen älteren Studienfreund gefragt, worauf sie sich bei diesen beiden Bereichen einstellen müsse. Fan Weixing sagte: „Kultur ist machbar, da beraten wir uns gemeinsam. Aber Sicherheit ist kein Spaß — du sitzt die ganze Zeit auf einem Pulverfass. Ein kleiner Fehler, und es knallt. Wenn etwas passiert, wirst du zur Rechenschaft gezogen, bestraft — ich übertreibe nicht: Gefängnis ist durchaus möglich. Dass Zhou Bin einer Frau die Sicherheit aufbrummt, ist nicht gerade fair."
  
Aus welchem Jahr stammt dieser Pfosten,  
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Wu Xiaohao hatte in jener Nacht kein Auge zugetan. Sie erinnerte sich an Fälle in den Medien: Tatsächlich waren andernorts bei schweren Sicherheitsunfällen die zuständigen Leiter wegen Pflichtverletzung zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Sie dachte: Ich habe die Prüfung zur stellvertretenden Abteilungsleiterin bestanden und bin als Vize-Bürgermeisterin nach Kaipo gekommen — soll das etwa dazu dienen, mit einem Fuß im Gefängnis zu stehen?
  
Die zerbrochene Stele bleibt bis heute.  
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Als der Bürgermeister ihr nun Sicherheit versprach, wenn sie dieses Glas leerte, fasste Wu Xiaohao den Entschluss. Sie trank selten Schnaps, und wenn, dann höchstens zwei, drei Schnapsgläschen — diesmal opferte sie sich für die Sicherheit. Sie hob das Glas an die Lippen, trank einen Schluck, noch einen, das Gesicht schmerzverzerrt. Den letzten Rest kippte sie hinunter und hustete heftig.
  
Gemeinsam schauen wir den Schatten des einzelnen Baums,  
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He Chengshou reckte ihr den Daumen entgegen: „Bravo, Xiaohao ist eine gute Genossin! Du bist jetzt sicher!" Dann warf er den Kopf zurück und leerte ebenfalls sein Glas.
  
Noch sehen wir die Herzen der Menschen von einst.  
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Wu Xiaohao bemerkte: Als He Chengshou den Kopf zurücklegte, kamen unter seinem breiten Kinn links und rechts zwei schmale, purpurfarbene Flecken zum Vorschein — schockierend deutlich. Als sie ihn anstarrte, sagte Wan Yufeng: „Hast du sie gesehen? Er hat Kiemen. Die Leute auf der Kiemeninsel haben seit Generationen immer wieder solche nicht vollständig zurückgebildeten Fischkiemen — Chengshou ist einer von ihnen."
  
Erlebt hat er Wind und Frost über Jahrhunderte, 
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Wu Xiaohao war erneut „Wal"-erstaunt. Sie streckte die Hand aus, um genauer hinzuschauen, doch He Chengshou schob ihre Hand weg, presste das Kinn fest gegen die Brust und brummte dumpf: „Was gibt's da zu glotzen! Kiemenmenschen sind nur eine Legende."
  
Grenzenlos sind Himmel und Erde in Dunkelheit.  
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Li Yanmi sagte: „Bürgermeister He kann wirklich lange unter Wasser bleiben, ohne zum Luftholen aufzutauchen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen."
  
Tausend Jahre – eine Träne am Gewand.
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He Chengshou funkelte ihn an: „Alter Li, hör auf, Gerüchte zu verbreiten! He, zur Begrüßung der Vize-Bürgermeisterin — warum schenkt ihr ihr nicht alle ein?"
  
Guo Mo fragte: „Was bedeutet dieses Gedicht? Ich verstehe es nicht.“  Wu Xiaohao erklärte es ihr ausführlich: Das Gedicht stamme von Shen Yao, dem Bildungsbeauftragten der Stadt Yu in der Qing-Dynastie, und sei nach dem Gedicht von Shi Runzhang verfasst worden. Dieser Mann habe die von Zigong gepflanzte Ulme in Qufu verehrt und gehofft, mit der konfuzianischen Lehre die Menschenherzen zu wandeln, aber er habe unüberwindbare Schwierigkeiten gespürt und sei sehr enttäuscht gewesen. Unter diesem großen Ulmenbaum habe er gesessen und beim Anblick der fallenden Blätter Tränen vergossen. Während sie erzählte, stellte sie sich die Szene vor: Im Herbstwind, bei fallenden Blättern, sitzt ein alter Gelehrter mit großen Ambitionen unter dem Baum, traurig und besorgt um die Moral der Welt.  Guo Mo sagte: „Oh, dieser Mensch war ziemlich gefühlvoll.“  Diese Bemerkung ließ Wu Xiaohao nicht wissen, ob sie lachen oder weinen sollte.  Guo Mo zeigte auf einen Hügel: „Heute haben wir nicht genug Zeit, wir können nicht mehr zum Guaxin'ao hinaufgehen.“  „Guaxin'ao? Was bedeutet das?“  Guo Mo erklärte, dass früher die Fischer, wenn sie aufs Meer hinausfuhren, wenn sie das Dorf nicht mehr sehen konnten, auffällige Landmarken als Orientierungspunkte nutzten. Wenn die Fischer aus Guaipo von ihrer Fahrt zurückkehrten und diesen kleinen Hügel aus dem Meer auftauchen sahen, wussten sie, dass sie bald zu Hause waren, und konnten sich beruhigen. Deshalb nannten sie diesen Hügel „Guaxin'ao“ – was bedeutet, dass ihr Herz dort aufgehängt war. Wu Xiaohao betrachtete den Hügel und dachte: Was für ein schöner Name, originell und treffend.  Das nächste Ziel war die Dan-Ruine. Die beiden verließen Guaipo und fuhren sieben bis acht Kilometer nach Nordosten. Der mehrere hundert Meter breite Liu-Fluss erschien vor ihnen, beide Ufer waren von Schilf in ein purpurrotes Violett getaucht. Wenn man nach Osten zur Flussmündung blickte, konnte man das schwarze Watt und die blaue Meeresoberfläche sehen. Sie überquerten die Brücke und fuhren nach Westen. Am Dorfeingang hielt Guo Mo vor einer großen Steinplatte an. Wu Xiaohao stieg ab und sah, dass in der Mitte der Platte die vier großen Schriftzeichen „Dan-Ruine“ eingraviert waren, darüber stand „Nationale Schlüsselstätte für Kulturgüterschutz“ und darunter „Verkündet vom Staatsrat der Volksrepublik China am 25. Mai 2006, errichtet von der Volksregierung der Provinz Shandong.“ In der Nähe waren Felder zu sehen – hoher Mais und niedriges Erdnusslaub. Zweihundert Meter entfernt standen einige Bauernhäuser, unter einem Baum saßen ein paar alte Frauen und unterhielten sich.  Wu Xiaohao wusste bereits von dieser Stätte aus der Longshan-Periode der Dawenkou-Kultur, hatte sie aber noch nie besucht. Im städtischen Museum hatte sie die zahlreichen dort ausgegrabenen Ton- und Jadegeräte gesehen, einige schwarze Keramikbecher glänzten wie neue und repräsentierten das höchste handwerkliche Niveau der prähistorischen chinesischen Keramikherstellung. Während ihres Studiums an der Shandong-Universität hatte Professor Fang Zhiming in einer Vorlesung von seinen Erfahrungen bei der archäologischen Arbeit an der Dan-Ruine erzählt. Als er von der Entdeckung eines Jadebretts sprach, beschrieb er mit beiden Händen gestikulierend, voller Begeisterung, und diese Gesten und Ausdrücke waren Wu Xiaohao noch lebhaft in Erinnerung. Peinlicherweise war sie in ihren acht Jahren in der Stadt Yu nie hierher gekommen.  Wu Xiaohao fragte, wo die Kulturschicht der Dan-Ruine sei. Guo Mo zeigte ringsum und erklärte, unter dem Dan-Dorf und den umliegenden Feldern lägen überall kulturelle Überreste, insgesamt über vierzigtausend Quadratmeter. Während der Volkskommunenzeit wollte die Führung, weil hier überwiegend schwarze Erde war, dass alle Dörfer der Kommune Menschen schickten, um sie als Dünger abzutragen. Glücklicherweise griffen die Kreisbehörden ein und stoppten das Vorhaben. Wenn im Dorf für Hausfundamente gegraben wurde, fand man oft Tonscherben, manchmal sogar Jadeperlen. Ein vollständig erhaltener schwarzer Hochbecherbecher aus muschelförmiger Keramik wurde dem städtischen Museum übergeben und wurde dort zum Hauptschatz.  Nicht weit entfernt gab es einen frisch ausgehobenen Wassergraben. Im Querschnitt war unter der Ackerkrume tatsächlich eine dicke Kulturschicht zu sehen, schwarze Erde, in der überall Tonscherben verstreut waren. Es gab auch einige rote Erdklumpen, die eindeutig gebrannt worden waren. Wu Xiaohao verstand: Dies war ein Keramik-Werkstattgelände von vor viertausend Jahren. Der Ort hieß Dan-Dorf und die Ruine Dan-Ruine wahrscheinlich wegen dieser verlassenen alten Öfen.  Guo Mo hob ein winziges grauschwarzes Objekt vom Boden auf, nicht größer als ein Fingernagel, und reichte es Wu Xiaohao: „Das ist eine Tonscherbe von damals.“ Wu Xiaohao betrachtete es – das Objekt hatte abgerundete Kanten, eine poröse Textur, zweifellos hatte es Jahrtausende überdauert. Sie fragte sich: Ist dies ein Stück von einem Ritualgefäß oder von einem Alltagsgegenstand? Hatte es Wasser enthalten? Getreide? Oder Wein?  Wu Xiaohao hatte an der Universität chinesische Geschichte studiert und war besonders an der prähistorischen Zeit interessiert. Oft stellte sie sich vor: Wie genau hatte sich die Menschheit nach der Trennung von den Affen Schritt für Schritt zur Zivilisation entwickelt? Doch die Bücher erzählten davon, abgesehen von Mythen, nur Legenden. Zum Glück gab es Archäologen, die aus der Wildnis, unter der Erdoberfläche, die Überreste prähistorischer Menschen ausgruben und sie zum Sprechen brachten. In China hatten sie eine Reihe von Fundstätten mit kulturellen Ablagerungen freigelegt, und so entstanden die Hetao-Kultur, die Yangshao-Kultur, die Dawenkou-Kultur, die Longshan-Kultur... Von diesen Kulturtypen respektierte Wu Xiaohao die Longshan-Kultur am meisten. Die repräsentative Fundstätte der Longshan-Kultur lag einige Dutzend Kilometer östlich von Jinan, und Wu Xiaohao hatte während ihres Studiums dort Praktikum gemacht. Wissenschaftler gingen davon aus, dass die Longshan-Kultur-Zeit der legendären Periode der Fünf Kaiser entsprach. Damals gab es zehntausend Staaten im Land China, und der Gelbe Kaiser, Zhuanxu, Ku, Yao und Shun beeindruckten durch ihre Tugend und Fähigkeiten die Welt, und alle Meere waren friedlich. In dieser Zeit begann die chinesische Nation sich zu formen, und die östliche Zivilisation begann ihr großes Kapitel.  Nach der Besichtigung der Dan-Ruine ging es weiter zum „Peitsche des Hegemons“. Die beiden fuhren nach Osten, und als sie südlich des Fischereihafens Walbucht ankamen, sahen sie ihn sofort. Dort erstreckte sich vom Strand aus ein Riff ins Meer hinaus, Abschnitt für Abschnitt verbunden, allmählich schmaler werdend, wie ein langer Peitschenstiel. Wu Xiaohao hatte beim Lesen von „Historische Schriften der Stadt Yu“ ein Dokument gesehen und erfahren, dass diese Hegemon-Peitsche bei Ebbe aus dem Wasser auftauchte, sich zwischen Meer und Himmel erstreckte; bei Flut versank sie im Wasser und hinterließ nur einen dunklen Schatten. Die Einheimischen erzählten sich, dies sei eine Peitsche, die der König von Chu hier einst verloren hatte.  Wu Xiaohao näherte sich der Hegemon-Peitsche und war von ihrer Ausstrahlung tief beeindruckt: Wellen brandeten, aber sie blieb ruhig; die Gezeiten stiegen und fielen, aber sie blieb unbewegt. Guo Mo erzählte ihr, die Hegemon-Peitsche sei ein gefährlicher Ort, die Einheimischen wagten sich nicht hinauf. Auswärtige kannten die Gefahr nicht, sahen die außergewöhnliche Landschaft, kletterten begeistert hinauf, um Fotos zu machen oder Muscheln zu sammeln, und wenn sie unvorsichtig waren, fielen sie ins Wasser. Einmal im Wasser, war es sehr schwer, wieder herauszuklettern, und jedes Jahr gab es hier Opfer. Beim Anblick der drei in den Felsen gemeißelten Schriftzeichen „Hegemon-Peitsche“ spürte Wu Xiaohao plötzlich einen Schauer.  Sie sah, dass das Riff am Ende des Strandes immer noch die Form einer Peitsche behielt und sich über zweihundert Meter hinaus erstreckte, bis es direkt zu einem großen Anwesen führte. Über dem Tor hing eine Tafel mit den vier Schriftzeichen „Shenpo-Gruppe“. Sie hatte Hauptquartiere einiger Konzerne gesehen, aber keines befand sich in einem solchen Gehöft. Sie fragte Guo Mo, wer der Chef der Shenpo-Gruppe sei. Guo Mo zeigte mit dem Kinn dorthin und flüsterte: „Hu Xie.“ Wu Xiaohao verstand nicht. Guo Mo erklärte, Hu Xie sei die wildeste Haiart, und der Generaldirektor der Shenpo-Gruppe, Huang Pingchuan, sei wie ein Tigerhai – brutal und grausam, deshalb hätten die Einheimischen ihm diesen Spitznamen gegeben.  Wu Xiaohao betrachtete alles genau und stellte fest, dass dieses prächtige Anwesen am Griff der Hegemon-Peitsche gebaut war, was die Wildheit und Dominanz seines Besitzers noch mehr zur Geltung brachte. Sie fragte: „Warst du schon mal drinnen?“ Guo Mo drehte den Kopf und schaute aufs Meer: „Einmal, und ich will nicht mehr daran denken.“ „Warum?“ „Ach... Bürgermeisterin Wu, lass uns gehen.“ Wu Xiaohao verstand, dass in diesem prächtigen Anwesen eine schwer auszusprechende Erfahrung für Guo Mo verborgen lag.  Nachdem sie die Hegemon-Peitsche verlassen hatten, fuhr Guo Mo mit Wu Xiaohao in die westlichen Berge und sagte, sie habe bereits mit Sekretär Zheng vom Shihu-Dorf gesprochen. Nach der Besichtigung der „Duftenden Berg-Reliquien“ würden sie im Dorf essen.  Kaum waren sie auf die Landstraße gefahren, klingelte Wu Xiaohaos Handy. Sie ließ Guo Mo anhalten, holte ihr Handy heraus und nahm den Anruf entgegen. Es war Direktor Liu Dajie vom Partei- und Regierungsbüro, der ihr mitteilte, dass der Sekretär sie um halb drei zum Gespräch bitten wolle. Sie dachte: Was will der Sekretär von mir? Wahrscheinlich geht es um die Autotür-Sache. Ihr Herz war wie von wildem Gras überwuchert, durcheinander und unruhig.  Guo Mo sagte: „Bürgermeisterin Wu, wenn der Sekretär mit dir spricht, leg bitte ein gutes Wort für mich ein. Ich bin seit fünf Jahren Kulturstationsleiterin, arbeite gewissenhaft, und unsere kulturelle Arbeit in der Gemeinde steht bezirksweit an erster Stelle. Aber Sekretär Zhou kritisiert mich ständig, ich weiß nicht warum.“  Aufgrund dieser Worte schloss Wu Xiaohao: Ban Juans Gerede über Guo Mo war reine Erfindung. Wenn Guo Mo wirklich eine Affäre mit dem Sekretär hätte, würde sie nicht so um Fürsprache bitten. Wu Xiaohao sagte hastig: „Gut. Allerdings bin ich gerade erst angekommen und kenne den Sekretär noch nicht gut. Lass uns gemeinsam daran arbeiten, den Kulturbereich gut zu führen.“  Nach einer Weile Fahrt auf flachem Gelände bogen sie auf eine Bergstraße ein, und Wu Xiaohao spürte, wie die Höhe stetig zunahm. Sie hielten am Berghang, und Guo Mo erklärte, dies sei der Duftende Berg mit einer Höhe von einhundertsechsundachtzig Metern, und die Mogao-Steininschrift befinde sich oben. Wu Xiaohao drehte sich um und sah in der Ferne das Meer und die Kiemenmenschen-Insel. Sie fragte erstaunt Guo Mo, wie weit es bis zum Meer sei. Guo Mo antwortete: Zwölf Kilometer. Dieses Berggebiet werde als das „tibetische Hochplateau von Guaipo“ bezeichnet.  Das Geräusch von Gongs und Trommeln drang aus dem Dorf. Guo Mo runzelte die Stirn: „Was ist das für ein furchtbares Gedröhne? Klingt ja schrecklich!“ Wu Xiaohao hörte, dass die Gongs und Trommeln nicht gut koordiniert waren, keinen Rhythmus hatten und chaotisch klangen. Sie fragte: „Warum spielen sie Gongs und Trommeln?“ Guo Mo sagte: „Keine Ahnung.“  Guo Mo führte Wu Xiaohao ein paar Dutzend Meter weiter, bis sie zu einer Felswand kamen. Die Felswand war über zwanzig Meter hoch, unten befand sich eine große Höhle. Über dem Höhleneingang waren die vier großen Zeichen „Duftender Berg – Verbleibende Schönheit“ in Yan-Stil-Kalligraphie eingraviert, mit der Unterschrift „Geschrieben von Landrat Zheng Li der Stadt Yu im zehnten Jahr der Kangxi-Ära“. Die rote Farbe in den vertieften Schriftzeichen war vollständig abgeblättert, fleckig und schmutzig.  Wu Xiaohao hatte bereits in der „Kreischronik der Stadt Yu“ gelesen: Ein Bauer lebte in einer Steinhöhle am Duftenden Berg. Eines Tages kam ein Gast vorbei, dessen Esel eine Ladung Silber trug. Der Bauer bewahrte es für ihn auf. Plötzlich kam ein Beamter auf der Suche, sagte, das Silber sei Diebesgut, und verlangte es zurück. Der Bauer gab alles zurück. Der Gast dankte mit Gold, aber der Bauer lehnte entschieden ab. Als Landrat Zheng Li davon erfuhr, schrieb er „Duftender Berg – Verbleibende Schönheit“ als Auszeichnung.  Sie traten ein und sahen, dass die Steinhöhle außen eng und innen weit war, die Steinwände schwarz verrußt. In der Mitte befand sich ein steinerner Ofen, darauf Türen und Fenster, und dahinter waren Räume abgeteilt mit steinernen Betten. Wu Xiaohao dachte: Die Bauern des Shihu-Dorfes lebten an einem solch einfachen Ort und bewahrten dennoch die traditionelle Tugend – das ist wirklich großartig. Sie fragte sich auch: Warum war der Esel mit dem Silber hierher gelaufen? Sie ging zur Ostwand und schaute hinunter, entdeckte unten eine Landstraße von Nord nach Süd – das war die Hauptverkehrsstraße von der Stadt Yu nach Nordosten. Wahrscheinlich hatte der Besitzer des Esels auf halber Strecke Pause gemacht und das Tier nicht gut festgebunden, sodass es sich losgerissen hatte und auf den Berg gelaufen war.  Guo Mo sagte: „Lass uns zur Dorfverwaltung zum Essen gehen.“ Die beiden gingen den steilen Bergweg hinunter ins Dorf. Zu diesem Zeitpunkt erklangen die Gongs und Trommeln erneut, diesmal mit klarer Trennung von Yin und Yang, voller Variationen und sehr schön anzuhören.  Die beiden kamen zum Gelände der Dorfverwaltung und sahen dort eine Gruppe alter Männer Gongs und Trommeln spielen, daneben standen ein paar junge Leute. Ein hagerer alter Mann in einem grünen Hemd, mit zwei auseinanderstehenden Vorderzähnen, spielte die Hauptrolle. Beim Trommeln leuchteten seine Augen, er war äußerst aufgeregt, das grüne Hemd flatterte, und er wurde zu einem alten Stachelschwein.  Guo Mo führte Wu Xiaohao ins Büro, wo einige Männer mittleren Alters rauchten. Ein etwa Vierzigjähriger stand auf und sagte lächelnd zu Guo Mo: „Oh, die große Sängerin ist da, setz dich doch!“ Guo Mo sagte: „Was bedeutet schon Sängerin? Ich habe Bürgermeisterin Wu mitgebracht! Sie ist eine stellvertretende Abteilungsleiterin, die ihre Position durch echte Fähigkeiten erlangt hat und erst am Montag in Guaipo angekommen ist.“ Sie stellte vor, dass dieser Mann der Sekretär des Dorfes sei und Zheng Liqian heiße.  Wu Xiaohao fragte, warum draußen Gongs und Trommeln gespielt würden. Zheng Liqian warf einen Blick in den Hof: „Diese alten Männer behaupten, sie könnten es.“ Er erzählte Wu Xiaohao, dass heute Nachmittag jemand im Dorf heirate und die Braut abgeholt werden müsse, aber alle jungen Leute seien nicht zu Hause, und es seien nicht genug Leute für die Gongs und Trommeln gefunden worden. Mit Mühe und Not hätten sie ein paar Halbwüchsige zusammengebracht, die die öffentlichen Gongs und Trommeln des Dorfes zum Üben herausholten, aber die Klänge seien völlig durcheinander. Mehrere alte Männer, die Gongs und Trommeln spielen konnten, seien vorbeigekommen und hätten gesagt, sie würden ihnen etwas vorspielen, und nun hätten sie Feuer gefangen. Der alte Mann, der trommelte, sei der Anführer hier, genannt „Alter Hua Gu“, weil er besondere Variationen trommeln könne.  Wu Xiaohao hatte schon gehört, dass früher die Menschen in der Stadt Yu Hochzeiten am Abend feierten, aber in der Stadt hatte sich die Sitte auf den Morgen verlegt. Sie hatte nicht gedacht, dass im Berggebiet die alte Tradition noch bestand. Sie schaute den Alten Hua Gu an und sagte: „Sie spielen so gut, das muss doch einen Namen haben?“ Ein alter Mann mit grauen Haaren neben ihm sagte, sie spielten „Ein Jin ergibt zwei Liang“. Guo Mos Augen leuchteten auf: „Das ist also 'Ein Jin ergibt zwei Liang'? Ich kenne dieses Schlagzeugstück, habe es aber noch nie gehört.“ Sie holte ihr Handy heraus und filmte an der Tür.  Am Tor entstand Lärm, Guo Mo hörte auf zu filmen und rief laut: „Wessen Ziege ist das?“ Wu Xiaohao schaute hin und sah eine Frau mittleren Alters, die eine Ziege am Tor führte. Die Ziege wollte nicht hineingehen, stemmte alle vier Beine in den Boden und zog nach hinten. Hinter der Frau riefen mehrere Kinder im Chor: „Dienstziege, Dienstziege! Wenn ein Beamter kommt, wird sie geschlachtet!“  Die alten Männer hörten nicht mehr auf, „Ein Jin ergibt zwei Liang“ zu spielen, sondern schlugen mit düsteren Gesichtern auf die Gongs und Trommeln in einem eintönigen Rhythmus, als würden sie den Rufen der Kinder Nachdruck verleihen.  „Dienstziege?“ Wu Xiaohao verstand überhaupt nicht.  Der Sekretär schwieg. Guo Mo erklärte ihr: Die Ziegen des Shihu-Dorfes liefen auf den Bergen herum, fraßen den ganzen Tag chinesische Kräuter und tranken Quellwasser, hatten gutes Fleisch, und Führungskräfte von oben kamen besonders gern hierher, um Ziegenfleisch zu essen. Sekretär Zheng hielt zu Hause immer eine bereit, und wenn Führungskräfte kamen, wurde sie geschlachtet. Wenn eine weg war, wurde eine neue gekauft, immer stand eine für die Führungskräfte bereit. Weil immer eine Ziege im Haus war wie im Dienst, hieß sie Dienstziege. Dabei machte sie ein Grimassen: „Danke, Bürgermeisterin Wu, heute esse ich dank dir eine Dienstziege.“ Dann rief sie der Frau zu: „Schwägerin, danke!“  Wu Xiaohao war entsetzt. Normalerweise aß sie gern Ziegenfleisch, aber die Geschichte der Dienstziege erfüllte sie mit Widerwillen. Sie schaute die Ziege an, die bereits von Sekretär Zhengs Frau zur Küchentür gezerrt und an einem Flaschenbaum festgebunden worden war, und immer noch kläglich schrie.  Wu Xiaohao sagte zu Guo Mo: „Wir essen nicht hier.“ Damit ging sie in den Hof hinaus. Guo Mo warf Sekretär Zheng einen Blick zu, Sekretär Zheng lief hinaus und sagte: „Bürgermeisterin Wu, du bist zum ersten Mal im Shihu-Dorf, du kannst doch nicht mit leerem Magen gehen!“ Wu Xiaohao sagte: „Wir essen, wenn wir zurückgehen. Ich werde wiederkommen. Die 'Duftender Berg – Verbleibende Schönheit', die in den Felsen gemeißelt ist, und die 'Duftender Berg-Klänge', die die alten Leute spielen, das alles lässt sich nutzen. Aber lass bitte deine Frau keine Dienstziege mehr schlachten!“  Guo Mo fuhr Wu Xiaohao aus dem Dorf hinaus, drehte den Kopf und sagte laut: „Bürgermeisterin Wu, ob du isst oder nicht isst – auf ihrer Rechnung wird trotzdem vermerkt, dass sie uns bewirtet haben!“  Wu Xiaohao sagte: „Egal, was sie aufschreiben, wir haben ein reines Gewissen!“  Um halb drei kam Wu Xiaohao pünktlich zur Tür des Sekretärsbüros. Die Tür war angelehnt, sie klopfte und trat ein, wollte die Tür schließen, aber der Sekretär sagte mit ernster Miene: „Lass die Tür offen.“ Wu Xiaohao verstand, der Sekretär tat dies, um jeden Verdacht zu vermeiden: Ein Gespräch mit einer Genossin mit offener Tür – so klar wie Tofu aus Bohnen – durchsichtig und eindeutig.  Das Haar des Sekretärs war im Verhältnis 2:8 gekämmt, jede Strähne perfekt in Ordnung. Er zeigte auf einen Stuhl gegenüber dem Obstschrank, und Wu Xiaohao setzte sich dorthin. Sie begann von sich aus: „Sekretär, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Heute Morgen hätte ich dem Bezirksleiter nicht die Autotür öffnen sollen.“ Zhou Tian zog seine Augenbrauen hoch, schaute Wu Xiaohao an und sagte langsam: „Bürgermeisterin Wu, das ist nicht nur eine Frage des Türöffnens, das betrifft politische Regeln. Du nimmst die Hauptführungskraft der Gemeinde nicht ernst, du willst dich vor dem Bezirksleiter profilieren...“ Wu Xiaohao konnte sich nicht zurückhalten und widersprach: „Sekretär, wo habe ich politische Regeln missachtet? Wo habe ich die Hauptführungskraft nicht ernst genommen? Ich kannte die Sitte nicht, ich wusste es nicht. Das Auto stand genau vor mir, ich wollte instinktiv die Tür öffnen...“ „Ob du die Sitte kanntest oder nicht, du musst gründlich darüber nachdenken. Das darf nicht noch einmal vorkommen.“ Wu Xiaohao nickte.  Sekretär Zhou nahm seine Brille ab, zog ein Taschentuch aus der Schachtel auf dem Tisch, wischte die Gläser und sagte: „Bürgermeisterin Wu, die 'Drei Fischerspezialitäten' auf der Kiemenmenschen-Insel waren wohl sehr lecker?“  Wu Xiaohao wurde sofort wachsam. Sie verstand, dass der Sekretär bereits von ihrem Ausflug zur Kiemenmenschen-Insel mit dem Gemeindeleiter gehört hatte. Sie bereute, dass sie nicht mit dem Gemeindeleiter dorthin hätte gehen sollen und unterwegs seinen zweideutigen Gesten ausgesetzt war. Aber sie wusste, dass sie die zweideutigen Handlungen des Gemeindeleiters dem Sekretär nicht erzählen konnte, das würde die Sache nur verschlimmern. Sie verteidigte sich: „Der Gemeindeleiter wollte mit mir die Fischereisicherheit überprüfen, also ging ich mit. Ich hatte nicht erwartet, dass sie uns abends so großzügig bewirten würden.“  Zhou Tian schaute sie mit tiefgründigem Blick an: „Du hast noch viel nicht erwartet. 'Fischereisicherheit überprüfen'? Bist du selbst sicher? Du bist eine Genossin, eine stellvertretende Abteilungsleiterin, die der Bezirk gerade erst eingestellt hat, ich muss Verantwortung für dich übernehmen. Ich ermahne dich ausdrücklich, du musst dich selbst zu schätzen wissen und Distanz zu gewissen Personen mit zweifelhaften Absichten halten.“  Wu Xiaohao senkte demütig den Kopf: „Danke, Sekretär, ich verstehe. Ich werde in Zukunft aufpassen.“  Als sie aus dem Büro des Sekretärs kam, saß sie in ihrem eigenen Büro und dachte nach. Jetzt wurde klar: Das Türöffnen war eine Kleinigkeit, mit dem Gemeindeleiter zur Kiemenmenschen-Insel zu gehen war die große Sache. Sie hatte schon gehört, dass die beiden Hauptverantwortlichen auf Gemeindeebene sich selten nicht stritten, bei Guaipo war es wahrscheinlich genauso. Ich bin gerade erst angekommen und habe dem Sekretär bereits den Eindruck vermittelt, ich sei vom Gemeindeleiter auf seine Seite gezogen worden. Wie soll das weitergehen?  Am Abend hatte Wu Xiaohao keine Lust, in die Kantine zu gehen, und ging zu ihrem Wohnheim zurück, legte sich aufs Bett und dachte noch immer über die Kritik des Sekretärs nach, über alle Erlebnisse seit ihrer Ankunft in Guaipo. Sie dachte: Die Gemeinde ist wirklich zu kompliziert, komplizierter als ich mir vorgestellt hatte. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind wie ein Sumpf, die Regeln zahlreich. Als Neuankömmling, vorsichtig und zögernd, macht man schnell Fehler. Ach, Wu Xiaohao, du bist eben ein kleines Gräslein, das noch nicht viel Wind und Regen erlebt hat.  Sie schaute aus dem Fenster, es war bereits dunkel geworden, und im Vorhang erschien ein hängender Schatten. Oh, das ist die junge Sekretärin, die hier vor Jahren Selbstmord beging. Ihr ganzer Körper zitterte, die Haare standen ihr zu Berge, sie schaltete hastig das Licht ein.  Das ganze Zimmer war hell, der Schatten verschwunden. Ach, der Schatten war nur Einbildung, ich muss mich nicht fürchten.  Ihre Tochter rief plötzlich an und flüsterte: „Mama, You Haoliang ist betrunken!“ Wu Xiaohao schaute auf ihre Uhr, es war halb neun. Sie hörte am Telefon, wie You Haoliang betrunken „Mein 1997“ sang, mit verengter Kehle wie ein Literat von damals. Ihr Herz kochte, sie sagte sofort: „Schätzchen, ich will You Haoliang nicht singen hören. Sag mir, ist er trinken gegangen, was hast du gegessen?“ Diandian sagte: „Er hat mir essen mitgebracht, als er zurückkam. Einen großen Krabbenburger und eine Tüte getrocknete Fischstreifen, so lecker!“ You Haoliangs Gesang wurde plötzlich lauter, wahrscheinlich sang er nah am Telefon: „Lass mich in die geschäftige Welt gehen, gib mir ein großes rotes Siegel...“ You Haoliang hatte damals diese beiden Zeilen des Lieds gesungen und Wu Xiaohao angefleht, mit ihm zum Standesamt zu gehen und die Heiratsurkunde zu holen. Als You Haoliang diese beiden Zeilen sang, näherte er sein Gesicht ihrem an, und die beiden Augenfalten wurden noch schmaler. Jetzt tauchten diese Szenen wieder vor Wu Xiaohaos Augen auf, sie konnte es wirklich nicht ertragen und legte auf.  „You Haoliang“ ist ein Wortspiel mit „You Haoliang“ (有眼珠), was „hat Augäpfel“ bedeutet.  You Haoliang war mittelgroß, mit durchschnittlichem Aussehen. Sein markantestes Merkmal waren zwei Falten auf seinem runden Gesicht. Weil seine Augen Schlitze waren, als könnten sie sich nicht öffnen, gab es in der Oberschule heftige Debatten unter den Mitschülern: Manche sagten, er habe Augäpfel, andere sagten, er habe keine. Damals hatte You Haoliang bereits begonnen, Wu Xiaohao den Hof zu machen. Eine Mitschülerin fragte sie, ob, wenn You Haoliang ihr seine Zuneigung gestand, seine Augen nicht strahlten und man die Augäpfel sehen konnte. Nach sorgfältiger Erinnerung schüttelte Wu Xiaohao den Kopf, denn damals lächelte You Haoliang immer noch, die Augenschlitze wurden noch schmaler. So gaben die Mitschüler ihm den ironischen Spitznamen „You Haoliang“.  Wu Xiaohao hatte nie You Haoliangs Augäpfel gesehen. Nachdem die beiden eine intime Beziehung hatten, hätte sie die Gelegenheit gehabt, seine Augenschlitze zu öffnen und hineinzuschauen, aber sie fürchtete, dass sie beim Öffnen noch abstoßenderen Inhalt sehen würde. Normalerweise nannte sie ihn neckisch „You Haoliang“, und er antwortete lächelnd: „Ich habe doch Augäpfel, sonst hätte ich dich doch nicht bemerkt?“  Als ihre Tochter vier Jahre alt war, entwickelte sie einen „Forschergeist“ und hatte einmal die Augenschlitze ihres Vaters geöffnet und erforscht, mit dem Ergebnis, dass er Augäpfel hatte. Von da an rief sie fröhlich „You Haoliang“.  Als Wu Xiaohao zum ersten Mal You Haoliangs Vater traf, stellte sie fest, dass Vater und Sohn wie aus einer Form gegossen waren. Später hatte Diandian einmal ihre Großmutter gefragt, ob Opa Augäpfel habe, und Oma lachte: „Keine Ahnung, jedenfalls habe ich in vierzig Jahren mit deinem Großvater nie seine Augäpfel gesehen.“ Diandian wollte gerade ihre künstlerische Fantasie ausleben, als Opa sie unterbrach und laut rief: „Wer sagt, ich habe keine Augäpfel? Wenn ich keine Augäpfel hätte, hätte ich in meiner Jugend Verbrecher verfolgen und mit einem Schuss treffen können?“  Wu Xiaohaos Schwiegervater hieß You Dalian, war Kriminalpolizist, ein ausgezeichneter Schütze. Bei der Verhinderung eines Mordverbrechens hatte er den Messerangreifer mit einem Schuss niedergestreckt. Er stieg bis zum Polizeichef und stellvertretenden Landrat auf. Nach seiner Pensionierung war er immer noch wie zu Amtszeiten, sein Gesicht trug Strenge und Gefährlichkeit. Wenn er durch die Straßen spazierte, runzelte er oft die Stirn und richtete seine Augenschlitze auf diverse Missstände. Wenn er junge Leute herumhängen sah, sagte er wütend: „Wenn ich noch Macht hätte, würde ich euch schon zurechtstutzen!“ Wenn er Mädchen sah, die zu durchsichtig oder freizügig gekleidet waren, spuckte er verächtlich auf den Boden. Vor einigen Jahren erzählte ihre Schwiegermutter Wu Xiaohao, der alte Mann habe auf der Straße eine neue Frisur gesehen, bei der die Koteletten nicht an den Seiten waren, sondern vorne, und sei nach Hause gegangen und wütend geworden: „Diese jungen Leute halten beide Hände an ihre Oberschenkel – sehen sie nicht aus wie Vergewaltiger?“  You Haoliang war You Dalians einziger Sohn, hatte das Aussehen seines Vaters geerbt, aber nicht seine Vorlieben – er liebte nicht Militär, sondern Kunst. In der Highschool umwarb er Wu Xiaohao wie verrückt, sodass seine Noten stark sanken und er die Universität nicht schaffte. You Dalian war wütend und verprügelte seinen Sohn gründlich. Der Sohn wollte nicht zu Hause bleiben, und der Vater, der gerade stellvertretender Landrat war, konnte es nicht länger ansehen. Er sprach mit dem Polizeichef, und You Haoliang wurde Hilfspolizist bei der Verkehrspolizei. Dieser You Haoliang missbrauchte bei der Arbeit seine Macht und vollstreckte willkürlich. Einmal hielt er ein ordnungsgemäß fahrendes Auto an. Er wollte die Papiere des Fahrers sehen, der Fahrer lächelte ihn an und zeigte auf den Rücksitz: „Landrat Wang sitzt im Auto.“ You Haoliang streckte seinen Fuß aus: „Welche Familie hat nicht einen Landrat?“  „Welche Familie hat nicht einen Landrat?“ Diese Anekdote verbreitete sich schnell im ganzen Kreis. Einige Leute, die You Haoliangs Hintergrund kannten, diskutierten: Anscheinend hat You Haoliang doch keine Augäpfel. Als diese Geschichte You Dalian zu Ohren kam, rügte er seinen Sohn wegen der Blamage. Unerwartet verschwand sein Sohn am nächsten Tag und kam drei Tage nicht nach Hause. Der stellvertretende Landrat You ließ das Polizeipräsidium suchen, und die Antwort kam schnell: You Haoliang war bereits nach Guangdong gegangen.  Von diesem Zeitpunkt an war Wu Xiaohao, die gerade ihr erstes Studienjahr an der Universität abgeschlossen hatte, vollständig zu einem Solo geworden.
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Was folgte, war furchtbar: Li Yanmi, Li Dabiao, Wan Yufeng, der Fahrer Zhang — alle brachten ihr der Reihe nach einen Toast. Sie wagte nicht, die Gläser ganz zu leeren, aber selbst kleine Schlucke waren unerträglich. Schließlich stellte sie das Glas ab, winkte mit beiden Händen und stöhnte: „Aus und vorbei — ich bin heute völlig erledigt!"
  
Eigentlich hatte sie gehofft, nach dem Studium weit weg von zu Hause und fern von You Haoliang zu sein, und fühlte, wie sich ihr Horizont weitete und sie Befreiung erfuhr. Die Geschichtsabteilung der Shandong-Universität war landesweit sehr renommiert. In den 1950er Jahren hatten dort acht berühmte Gelehrte gelehrt, die man die „acht Pfeiler“ nannte. Mehrere von Wu Xiaohaos Professoren waren Schüler und Enkelschüler dieser „acht Pfeiler“. Nach dieser Zählung gehörte Wu Xiaohaos Altersgruppe zur Generation der Urenkel. Die Professoren nannten sie scherzhaft „kleine Fohlen“. Wu Xiaohao fühlte sich tatsächlich wie ein junges Fohlen, das von der Lu-Ebene ausgebrochen war, um auf den weiten Wiesen des Wissens zu grasen und zu galoppieren, ohne jede Einschränkung. An vielen Morgen und Nachmittagen saß sie im kleinen Wäldchen östlich des Geisteswissenschaftsgebäudes und las, genoss die sanfte Herbstbrise, lauschte dem leisen Rascheln der Blätter und fühlte sich so glücklich, dass sie am liebsten gesungen hätte. Das Geisteswissenschaftsgebäude neben dem Wäldchen erschien ihr wie ein Tempel, denn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es dort nicht nur die „acht Pfeiler“ der Geschichtsabteilung, sondern auch die „vier großen Vajras“ der Literaturwissenschaft – alles bedeutende Persönlichkeiten. Viele ihrer Schüler und Enkelschüler waren ebenfalls herausragende Akademiker geworden. Sie dachte: Ich muss mich hart anstrengen und sie zum Vorbild nehmen, um eine hervorragende Studentin zu werden. Mein Vater hat mich immer als Gras betrachtet – ich muss ihm zeigen, dass ich zu einem Baum heranwachsen kann!
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Doch He Chengshou klatschte laut in seine großen Hände: „Haha, Intellektuelle müssen sich eben mit den Werktätigen verbinden! Im Jargon von vor dreißig Jahren gesagt: Wir sind alle arme Fischer, und du musst tiefe proletarische Gefühle für uns entwickeln!"
  
Das kleine Wäldchen lag nicht nur nahe beim Geisteswissenschaftsgebäude, sondern auch bei der Bibliothek. Viele Kommilitonen kamen hierher zum Lesen, und es gab auch Pärchen, die eng beieinandersaßen und flüsterten. Wu Xiaohao beneidete sie – eine reine Liebe während der Universitätszeit erleben zu können. Wie anders war ihre Situation, wo sie für das Studium ihren Körper verkauft hatte. Sie dachte: You Haoliang hat achttausend Yuan für mein Studium bezahlt, zwischen uns ist schon geschehen, was geschehen ist – er müsste doch zufrieden sein und mich gehen lassen, oder? Sie träumte sogar davon, nach ihrer Ankunft an der Shandong-Universität vollständig mit der You-Familie brechen und ein völlig neues Leben beginnen zu können. Die Shandong-Universität vergab Stipendien, die man bei guten Leistungen erhalten konnte – das Essen wäre kein Problem mehr. Die Shandong-Universität war eine nationale Schlüsseluniversität mit hohen Zulassungsstandards; alle, die aufgenommen wurden, waren außergewöhnlich intelligent und fleißig. Als Wu Xiaohao die klugen und attraktiven Kommilitonen sah, war ihr Herz mehr als einmal in Aufruhr.
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Wu Xiaohao machte abwehrende Gesten: „Gefühle kann man nicht erzwingen. Trinkt ihr ruhig weiter — ich jedenfalls nicht mehr." Wan Yufeng sagte: „Wenn du nicht trinkst, musst du wenigstens essen. Es kommt noch etwas Besseres."
  
An einem Frühlingstag im zweiten Studienjahr ging sie zum Pappelwäldchen, um zu lesen. Plötzlich hörte sie in der Nähe ein Stöhnen. Als sie sich umdrehte, sah sie einen Studenten mit buschigen Augenbrauen und großen Augen, der mit der Faust gegen einen Baumstamm schlug, als wäre er sehr aufgewühlt. Der Student bemerkte sie ebenfalls, hielt sein Buch hoch und zeigte ihr den Umschlag: „Hey, hast du das gelesen? Ist es gut?“ Als er sah, dass sie es nicht klar erkennen konnte, kam er zu ihr und setzte sich neben sie: „‚Kreuzung' – eine Dokumentation der drei großen Befreiungen des Denkens im modernen China. Es bringt einen wirklich zum Kochen! Ich empfehle dir auch, es zu lesen!“ Wu Xiaohao nickte zustimmend. Der Student stellte sich vor: Er war Jahrgang 1996 und hieß Liu Jingji, kam aus Qingdao. Wu Xiaohao fragte, warum er Liu Jingji heiße – ob er große Ambitionen habe, das Land zu regieren und das Volk zu retten. Liu Jingji lachte laut: „Falsch! 1978 fand das Dritte Plenum statt, bei dem beschlossen wurde, den Schwerpunkt der Arbeit auf den wirtschaftlichen Aufbau zu verlagern, richtig? Mein Vater war Lehrer, wollte mit der Zeit gehen und gab mir diesen Namen. Aber jetzt habe ich tatsächlich Ambitionen entwickelt. Ich plane, fleißig zu studieren, an Lü Buwei als Vorbild zu denken, über viele Fragen nachzudenken, und in tausend Jahren eine hohe Position zu erreichen, um das Land zu regieren und das Volk zu retten!“ Wu Xiaohao war von seinen Emotionen angesteckt und sagte aufrichtig: „Ich wünsche dir Erfolg!“ Liu Jingji dankte ihr und fragte nach ihrem Namen. Wu Xiaohao antwortete ehrlich. Liu Jingji sah sie an: „Ich vermute, du kommst vom Land, sonst würdest du nicht ‚kleines Gras' heißen.Wu Xiaohao sagte: „Du hast richtig geraten. Aber ich möchte nicht mein Leben lang kleines Gras bleiben, sondern zu einem Baum heranwachsen. Du willst das Land regieren – das wäre wie ein Stützpfeiler der Nation zu sein. Wenn ich zu einem großen Baum heranwachse, möchte ich nur etwas erreichen und mein Leben nicht verschwenden.“ Liu Jingji klopfte gegen die Pappel neben ihm: „Gut! Lass diesen Baum Zeuge sein – in zwanzig Jahren werden wir unsere Träume verwirklicht haben!“ Wu Xiaohao nickte, legte ihre Hand auf den Baum, schaute zum hohen Kronendach hinauf, und Tränen strömten ihr über die Gesichter.
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Durch den Alkoholnebel hindurch sah Wu Xiaohao den Buchhalter einen Teller mit Kraken hereinbringen — nicht groß, aber alle noch lebendig, sie streckten und krümmten ihre Saugnäpfe bewehrten Fangarme. He Chengshou nahm mit den Stäbchen einen und hielt ihn Wu Xiaohao vors Gesicht: „Roher Krake — probier einmal." Wu Xiaohao wehrte erschrocken ab: „Viel zu gruselig, niemals!" He Chengshou sagte: „Was ist daran gruselig? Ostwind-Tante, mach es ihr vor." Wan Yufeng sagte „Gut", nahm einen Kraken und führte ihn zum Mund. Seine Fangarme saugten sich fest an ihren Lippen, einige Tentakel krochen sogar in ihre Nasenlöcher. Wu Xiaohao konnte nicht mehr hinsehen, sprang auf und flüchtete in den Hof. Weil sie unsicher auf den Beinen war, musste sie sich an einem Granatapfelbaum festhalten.
  
Sie lieh sich ebenfalls ein Exemplar von „Kreuzung“ aus der Bibliothek und ihr Horizont erweiterte sich, ihr Wissen wuchs. Der Autor verwendete 320.000 Zeichen, um die Geschichte der Befreiung des Denkens während der zwanzig Jahre Reform und Öffnung darzustellen und zeigte erschütternde Konfrontationen. Beim Lesen schlug ihr Herz heftig, sie streichelte das Buch und dachte: Das ist Geschichte, Geschichte, die unsere Generation durchlebt! Was wird in weiteren zwanzig Jahren aus China werden? Kann ich als Erwachsene an der Schaffung von Geschichte teilnehmen?
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Auch der Bootssteuermann Xiao Xue kam heraus und murmelte leise: „Echt pervers." Er erzählte Wu Xiaohao, dass es dieses Gericht auf der Kiemeninsel ursprünglich gar nicht gegeben habe — auch nicht in ganz Yucheng. Wan Yufeng habe es aus einer koreanischen Fernsehserie abgeschaut. Sie bereitete es für Bürgermeister He zu, und der fand Gefallen daran. Man sagte, wenn man den Kraken hinunterschluckte, kitzelten die Fangarme die Speiseröhre — ein unbeschreibliches Lustgefühl. Wu Xiaohao winkte hastig ab: „Hör auf, hör auf — mir wird schlecht!"
  
Das war im Frühling 1998, Wu Xiaohaos zwanzigster Frühling, der schönste Frühling ihres Lebens. Sie und Liu Jingji trafen sich oft in jenem Wäldchen, saßen einander gegenüber, unterhielten sich, sprachen über das, was sie gerade lasen, über die Bücher, die sie studierten, über Geschichte, über die Gegenwart, manchmal bis spät in den Abend. Frische Gedanken funkelten mit dem Sternenlicht; keimende Gefühle wuchsen mit dem Gras und den Bäumen. Mehrmals, kurz vor der Schließung der Schlafsäle, begleitete Liu Jingji sie bis zum Mädchenwohnheim. Als sie sich umdrehte, sah sie, wie seine Augen im Lampenlicht schimmerten, und sie spürte den Drang, in seine Arme zu laufen. Aber sie wagte es nicht – sie wusste, dass sie es nicht verdiente.
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Xiao Xue ging hinaus und kehrte nicht zurück; er war wohl zum Kai gegangen. Wu Xiaohao wollte nicht wieder ins Haus und setzte sich benommen auf eine Steinbank unter dem Granatapfelbaum. Im Halbschlaf sah sie den fleckigen Schatten des Baumes über ihre Füße wandern und kleine schwarze Ameisen hin und her eilen. Bei genauerem Hinsehen entdeckte sie, dass das Ameisennest in einem Astloch saß — die Ameisen gingen ein und aus, geschäftig und fleißig.
  
An einem weiteren Nachmittag trafen sie sich wieder im Pappelwäldchen. Gerade als sie sich angeregt unterhielten, trat plötzlich jemand von hinten heran und schlug Liu Jingji mit einer Faust ins Gesicht: „Verdammt, du wagst es, sie anzubaggern?“ Es war You Haoliang. Liu Jingji stand auf und fragte Wu Xiaohao mit verwirrtem Gesicht: „Ist er dein Freund?“ Wu Xiaohao wagte nicht, ihn anzusehen, packte nur mit rotem Kopf You Haoliang fest und verhinderte, dass er Liu Jingji weiter verletzte. You Haoliang versuchte wieder, Wu Xiaohao zu schlagen: „Ich bezahle dein Studium, und du flirtest hier mit Männern herum!“ Inzwischen hatten sich einige Leute versammelt. Wu Xiaohao war zutiefst beschämt und zog ihn schnell zum Campustor hinaus.
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Wu Xiaohao dachte plötzlich: Kaipo ist ein Granatapfelbaum, und Ameisen sind soziale Insekten — seit gestern gehöre ich zu dieser „Kolonie". Ob in diesem Astloch hier wohl auch gerade ein Festmahl stattfindet? Und ob betrunkene Ameisen wohl auch so einen roten Kopf bekommen wie ich? Als sie die Ameisen genauer beobachtete, schien keine einzige unsicher auf den Beinen und keine mit rotem Kopf darunter zu sein.
  
An jenem Abend konnte sie nicht zum Campus zurückkehren. You Haoliang sagte, er habe Arbeit gefunden und werde dauerhaft in Jinan bleiben. Seine Arbeit war als Hilfspolizist, arrangiert durch einen alten Untergebenen seines Vaters. Wu Xiaohao protestierte: „Die Universität hat Regeln, ich kann nicht außerhalb wohnen.“ You Haoliang sagte: „Nein, ich habe hier auch Regeln – du musst jeden Abend hier bei mir erscheinen, sonst mache ich dich fertig!
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Wie lange sie so dagesessen hatte, wusste sie nicht, als sie den Bürgermeister rufen hörte: „Aufbruch, Aufbruch!" Sie drehte sich um und sah die Zecher aus dem Haus kommen. Bürgermeister He war kein bisschen verändert — genauso forsch im Schritt, genauso laut in der Stimme. Li Yanmi hatte seine gewohnte Biederkeit abgelegt und grinste nur noch vor sich hin. Li Dabiao steckte sich aus unerfindlichen Gründen im Gehen Zigaretten hinter die Ohren — schon zwei auf jeder Seite, und er versuchte, noch mehr unterzubringen. Wan Yufeng stürzte sofort auf Wu Xiaohao zu, hielt sie in einer Alkoholwolke umschlungen und sagte: „Du hast den rohen Kraken nicht probiert — solch ein Genuss, und du verpasst ihn! Das ist ein großer Verlust fürs ganze Leben."
  
„Dich fertigmachen“ bedeutete im südlichen Lu-Dialekt, jemanden zu verstümmeln, zu einem Krüppel zu machen.
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Wu Xiaohao hatte keine Lust, sich mit ihr abzugeben, befreite sich aus der Umarmung und taumelte zum Hoftor. Am Kai verabschiedete sie sich von den Dorfkadern, stieg mit He Chengshou und den anderen ins Schnellboot.
  
Wu Xiaohao kannte You Haoliangs Charakter – er meinte, was er sagte – und musste jeden Abend den Campus verlassen, um in einem gemieteten Haus in Kuiliuzhuang mit ihm zusammenzuleben. Von da an musste Wu Xiaohao das Getuschel ihrer Mitbewohnerinnen hinter ihrem Rücken ertragen und den Schmerz, nicht mehr von Herzen mit Liu Jingji sprechen zu können. Liu Jingji hatte sie einmal nach dem Unterricht abgefangen, sie beiseite genommen und gefragt, warum sie ihm nicht früher gesagt habe, dass sie schon einen Freund habe. Wu Xiaohao sagte nur „Es tut mir leid“ und rannte in eine Ecke des Campus, um an der Wand zu weinen. Sie versäumte sogar Professor Fang Zhimings Qin-Han-Geschichte-Vorlesung. Als Professor Fang später fragte, warum sie gefehlt hatte, fand sie, dass Professor Fang ein guter Mensch war, dem sie vertrauen konnte, und schrieb ihm einen langen Brief, in dem sie ihm ihre ganze Lebensgeschichte und ihr Schicksal erzählte. Am Ende schrieb sie: „Menschen sind arm, aber Haare lang; Pferde sind mager, aber Mähnen lang – ich bin ein Beispiel dafür. Professor, bitte verachten Sie mich!“ Am nächsten Tag hielt Professor Fang sie nach dem Unterricht zurück und führte im leeren Klassenzimmer ein langes Gespräch mit ihr. Er sagte: „Studentin Xiaohao, danke für dein Vertrauen. Wie könnte ich dich verachten? Ich komme auch vom Land, ich kenne die Hilflosigkeit der Armut, ich verstehe die Schwierigkeiten in verzweifelten Situationen. Lieber wie Jade zerbrechen als wie eine Dachziegel heil bleiben – das ist sicherlich respektabel, aber Demütigungen ertragen, um für die Zukunft zu kämpfen – ist das nicht auch eine Lebensstrategie? Gou Jian, Han Xin, Sima Qian – ohne das Wort ‚Geduld' hätten sie keine großartigen Geschichten hinterlassen, wären nicht in Geschichtsbüchern erschienen. In all den Jahren habe ich viele Kinder aus armen Familien gesehen. Sie alle konnten schließlich Schwierigkeiten überwinden und ihr Studium abschließen, und nach dem Eintritt in die Gesellschaft hatten sie verschiedene Erfolge. Wenn sie auf ihren Lebensweg zurückblicken und sich fragen, warum sie durchhalten konnten, würden viele sicherlich an das Wort ‚Geduld' denken. Aber...“ Professor Fang hielt inne, sah Wu Xiaohao direkt in die Augen und sagte: „Geduld ist nur eine Option im Umgang mit schwierigen Situationen; Widerstand ist eine andere – das ist auch ein Weg, sich selbst zu verwirklichen. Studentin Xiaohao, ich sage dir mit allem Ernst: Wenn du dich für Widerstand entscheidest und dich entschlossen von deinem Freund trennen willst, unterstütze ich dich moralisch und kann dich auch finanziell unterstützen.
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Das Boot legte ab. Wu Xiaohao saß mit dem Bürgermeister in der letzten Reihe. Sie hielt sich die Hände vors Gesicht und sagte mit gesenktem Kopf: „Bürgermeister, ich bin betrunken, das ist mir peinlich." He Chengshou sagte: „Sich einmal richtig volllaufen zu lassen, das schweißt zusammen." Wu Xiaohao schielte zu ihm hinüber: „Wieso bist du nicht betrunken?" He Chengshou lachte laut: „Ich habe ein Alkoholleck — tausend Gläser können mich nicht umwerfen." „Wo ist dein Alkoholleck?" He Chengshou neigte das Gesicht zur Seite und deutete unter seinen linken Unterkiefer: „Hier." Wu Xiaohao sah genau hin: unter dem breiten Kiefer zwei purpurfarbene Flecken, feucht schimmernd. Sie sagte erstaunt: „Du bist wirklich ein Kiemenmensch."
  
Wu Xiaohao brach in Tränen aus und konnte nach langem Schluchzen nur sagen: „Dass Sie das sagen, Professor, ist mir genug... Ich werde meine Angelegenheiten selbst regeln, ich kann Sie nicht damit belästigen...
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Während sie noch staunte, tauchte plötzlich eine große Hand vor ihrem Gesicht auf — fünf Finger, drei gestreckt, zwei gekrümmt. Hinter der Hand das ölig glänzende Grinsen des Bürgermeisters. Der zu einem Ring geformte Daumen und Mittelfinger sprangen plötzlich auseinander. Als der Mittelfinger hochschnellte, traf er ihre Stirn mit einem lauten „Plopp". Der Schmerz fuhr wie ein elektrischer Schlag durch den ganzen Kopf und strahlte bis in die Eingeweide aus.
  
Danach konnte Wu Xiaohao diese Angelegenheit nie „regeln“, konnte sich nie von You Haoliang befreien. Denn You Haoliang gab ihr zwei Optionen: weiter zusammenleben und in Frieden bleiben; oder sich trennen, und es würde Blut an der Shandong-Universität fließen. Wu Xiaohao zitterte vor Angst und wählte die Geduld. Sie ertrug es bis zum Abschluss, bestand die Prüfung für Stadt Yu und registrierte ihre Ehe mit You Haoliang. Am Neujahrstag 2003 veranstaltete die You-Familie im Regierungsgästehaus des Kreises Pingchang eine prächtige Hochzeitsfeier für sie. Der Moderator bat das Brautpaar, das Geheimnis ihrer erfolgreichen Liebesgeschichte zu verraten. You Haoliang ging auf die Bühne, zwinkerte mit einem Auge und antwortete arrogant: „Sobald ich daran dachte, eine schöne Universitätsabsolventin zur Frau zu bekommen, hatte ich unendliche Kraft und unendliche Mittel!
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Am Abend rief Wu Xiaohao in ihrem Quartier ihre beste Freundin Zhen Yueyue an und erzählte ihr von den Erlebnissen des Tages. Am anderen Ende sagte Zhen Yueyue mit fast schadenfroh klingender Genugtuung: „Gut, gut! Wer hat dich aufs Land geschickt, wer musste unbedingt hohe Ideale und große Ambitionen haben, wer konnte das gute Stadtleben nicht genießen und musste dreißig Kilometer raus, um Vize-Bürgermeisterin zu werden? Wart's ab — es dauert nicht lang, dann bist du eine nach Schnaps stinkende, unflätig fluchende Funktionärin, die sich womöglich mit nach Fisch stinkenden Fischerjungs im Bett wälzt — nein, nicht im Bett, am Sandstrand. Und ich warne dich: Bring mir bloß kein rückentwickeltes Baby mit Fischkiemen zurück — mir wird schon schlecht beim Gedanken!"
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Wu Xiaohao hörte das, und die Hand mit dem Handy zitterte. Sie holte tief Luft und sagte im gewohnten Scherzton: „Gevatterin, du bist gegen mein Landleben, schon klar — aber musst du mich gleich so fertigmachen? Das ist doch etwas zu gehässig, oder?"
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„Gevatterin? Bisher schon — aber ob auch in Zukunft, weiß ich nicht. Wenn das so weitergeht, sind wir kein gleiches Paar mehr ..."
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Wu Xiaohaos Herz begann zu zittern. Sie legte einfach auf, ließ sich aufs Bett fallen und seufzte tief: „Ach ..."
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Vor zwei Monaten hatte Wu Xiaohao die Ausschreibung der Organisationsabteilung des Bezirkskomitees gesehen — stellvertretende Abteilungsleiter für den Einsatz in ländlichen Gemeinden gesucht. Sie beschloss sofort, sich zu bewerben. Doch die Entscheidung stieß auf breiten Widerstand: Ehemann, Kind, beste Freundin — niemand war einverstanden. Die meisten fanden, die Arbeit beim Bezirkskonsultativrat sei für eine Frau geradezu ideal — einmal im Jahr ein Heft Kulturgeschichte herausgeben, entspannt und ruhig, nach Feierabend den Haushalt erledigen, das Kind betreuen, ein geordnetes kleines Leben führen.
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Dass ihr Mann You Haoliang dagegen war, berührte sie nicht — sie wollte ohnehin von ihm weg. Die Quälereien der letzten zehn und mehr Jahre hatte sie satt bis obenhin. Dass ihre Tochter, gerade in der dritten Klasse, dagegen war, hatte sie erwartet — Mutter und Tochter hingen aneinander, und die Trennung würde wehtun. Aber You Haoliang liebte das Kind, und mit seiner Fürsorge konnte sie beruhigt sein; mit der Zeit würde die Tochter sie verstehen.
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Was sie nicht erwartet hatte, war die Schärfe von Yueyues Worten.
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Nach dem Universitätsabschluss war Wu Xiaohao nach Yucheng gezogen und hatte einige Freundinnen gewonnen, darunter ein paar, denen sie ihr Herz anvertrauen konnte. Nach Feierabend oder am Sonntag mit ihnen bummeln, in einem Café die Zeit genießen, oder zusammen hinaus aufs Land fahren, an einem schönen Fleckchen ein Picknick machen und fröhlich wieder heimkehren — das waren die schönsten, köstlichsten Erlebnisse in Wu Xiaohaos Leben.
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Am engsten vertraut war sie mit Zhen Yueyue. Diese stammte aus einer Jinan-Intellektuellenfamilie, der Großvater war Archivar am provinzialen Kulturgeschichtsmuseum, die Eltern arbeiteten beide im Kulturbereich. Nach dem Studium hatte sie sich nach dem Leben am Meer gesehnt und war zur Stadtbibliothek von Yucheng gekommen. Zhen Yueyue war eine „eingefleischte Ästhetin" — Wu Xiaohao bewunderte ihre angeborene Vornehmheit und Eleganz, schätzte den Umgang mit ihr und sprach mit ihr von Herzen über alles, was sie bewegte. Auch Zhen Yueyue war Wu Xiaohao gegenüber ohne Vorbehalte; bei Kummer kam sie immer zu ihr. Einmal, in einem Café, redeten sie so vertraut, dass sie sich über den Tisch hinweg die Hände hielten, sich in die Augen sahen und vor Rührung verstummten. Wu Xiaohao dachte oft: Eine wahre Freundin im Leben zu haben — das genügt. Wie wahr.
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Sie erfuhren, dass es in Yucheng den Volksbrauch gab, für Kinder Pateneltern zu finden, um fehlende Elemente im Schicksal des Kindes auszugleichen. Die Eltern beider Seiten wurden dadurch „Gevatter" und pflegten enge Beziehungen. Bei Paaren, die passenderweise je einen Jungen und ein Mädchen hatten, scherzte man gern über eine künftige Verbindung der Kinder, um die Freundschaft zu vertiefen. Vor zwei Jahren, als Zhen Yueyues Sohn und Wu Xiaohaos Tochter fröhlich miteinander spielten, sagte Zhen Yueyue: „Werden wir doch Gevattern nach hiesiger Sitte." Wu Xiaohao sagte begeistert: „Gern! Ich bin sehr bereit, die Schwiegermutter von Fa Buer zu werden." Zhen Yueyue war Buddhist, ihr Mann hieß Fahui, und den Sohn nannten sie Fa Buer. Beide erzählten es ihren Ehemännern, und beide Männer stimmten zu. Fahui, ein Maler, griff vor Freude zum Pinsel und malte ein Bild: darauf zwei Kinder auf Steckenpferden spielend, daneben zwei Ehepaare mit erhobenen Gläsern, dazu ein Scherzvers: „Auf Steckenpferden reiten zwei, / Runde um Runde im Kreis. / Vier Gläser klingen — Prost! / Gevattern sind die Glücklichsten."
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Vor einem Monat hatte Zhen Yueyue sie zum gemeinsamen Haarefärben eingeladen. Beide ließen sich im Friseursalon aschblond färben, nur die Frisuren waren verschieden: Yueyue trug einen Mittelscheitel mit großen, bewusst zerzausten Locken; Wu Xiaohao mochte kurzes Haar und ließ sich einen Pilzkopf schneiden. Jetzt lag Wu Xiaohao im Quartier der Gemeindeverwaltung Kaipo, dachte an die Worte „kein gleiches Paar" und raufte sich den Pilzkopf zu einem Vogelnest. Yueyues Worte mochten scherzhaft gemeint sein, doch ihre Wirkung war verheerend. Für Wu Xiaohao war eine Freundin wie Yueyue in ihrem Leben wie eine Quelle in der Wüste, wie ein frischer Windhauch im Dunst. Sie zu verlieren wäre ein schwerer Schlag.
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Dennoch wollte Wu Xiaohao nicht länger in ihrer alten Dienststelle die Tage vertrödeln. Sie hatte beim Bezirkskonsultativrat die „Kulturgeschichte von Yucheng" herausgegeben — ruhige, geregelte Arbeit —, als plötzlich ein unmöglicher neuer Direktor kam. Direktor Chu, ehemaliger Amtsleiter, war mit vierundfünfzig auf den Posten des Leiters der Kulturgeschichtsabteilung versetzt worden. Am ersten Tag erklärte er seinen zwei Untergebenen frank und frei, er liebe Kulturarbeit nicht, könne auch nicht schreiben — die Organisation habe ihm diese Stelle aufgezwungen. Von da an trank er jeden Tag Tee, schwadronierte über seine früheren Großtaten und rühmte seine Verdienste. Wu Xiaohao mochte nicht zuhören und vertiefte sich in ihre Arbeit. Als sie ihm das fertige Manuskript zeigte, sagte Direktor Chu nur: „Wozu dieses Zeug? Bringt das wirtschaftlichen Nutzen?" Wu Xiaohao verschlug es die Sprache, und ihre Arbeitsfreude sank drastisch. Aber das fertige Manuskript sollte doch erscheinen? Direktor Chu weigerte sich jedoch, beim Finanzamt um Mittel zu bitten: „Ich, der alte Chu, habe früher jährlich Millionen vergeben — alle kamen zu mir und baten mich. Jetzt soll ich bei anderen betteln gehen? Niemals!" Und so war das Bezirkskonsultativrat, das früher jährlich einen Band herausgebracht hatte, unter Direktor Chu drei Jahre lang verstummt. Wu Xiaohao streichelte die Manuskriptstapel, in die sie ihr Herzblut gesteckt hatte, und beschloss, zu gehen. Lieber an einer Schule unterrichten und wenigstens etwas Erfüllung finden, als hier ihre besten Jahre damit zu verbringen, einem gescheiterten Bürokraten beim Teetrinken und Schwadronieren Gesellschaft zu leisten. Nein, niemals!
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Während des Studiums hatten sie die von Lehrern geschilderten historischen Persönlichkeiten immer wieder tief bewegt — mutige, aufrechte Menschen, die für ihre Ideale eingetreten waren. Besonders als Professor Fang einmal über das China vor hundert Jahren sprach — ein Land im Sturm, ein Volk in Not — da suchten viele kluge, entschlossene Männer und Frauen nach einem Ausweg für China, und viele gaben dafür ihr Leben. Wu Xiaohao liefen Tränen übers Gesicht. Sie dachte: Das Leben ist kurz wie der Sprung eines weißen Pferdes über einen Spalt — kann man in diesem flüchtigen Augenblick der Welt eine Veränderung schenken? „Aufstieg und Fall des Landes gehen jeden an" — ich bin keine Heldin, nur eine gewöhnliche kleine Frau, aber ein gewöhnliches Leben will ich nicht führen.
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Da sah sie die Stellenausschreibung der Organisationsabteilung und meldete sich unverzüglich an. Vergangenen Mittwoch war die Ergebnisliste veröffentlicht worden — ihr Name stand darauf.
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Wu Xiaohao beging einen schweren Fehler.
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An jenem Morgen erhielt sie einen Anruf von Liu Dalou, dem Leiter des Partei- und Verwaltungsbüros der Gemeinde: Bezirksvorsteher Zhi sei zu einer Inspektionsreise nach Kaipo gekommen; Sekretär und Bürgermeister hätten ihn bereits am Ortseingang abgeholt; alle Kader auf Abteilungsleiterebene sollten sofort zum Empfang vor das Gebäude treten.
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Wu Xiaohao eilte hinunter. Gut zehn Kader kamen nach und nach die Treppe herab und stellten sich auf. Nach wenigen Minuten rollten die Wagen des Sekretärs und des Bürgermeisters durchs Tor, dahinter ein funkelnagelneuer Luxus-Passat. Die ersten beiden Wagen parkten auf der Westseite; der Passat hielt geradewegs vor Wu Xiaohao. Sie dachte: Ich sollte dem Bezirksvorsteher die Tür öffnen — und streckte lächelnd die Hand aus. In diesem Moment rannte Sekretär Zhou Bin herbei und zischte sie an: „Wu Xiaohao, was tust du da?" Wu Xiaohao zog die Hand zurück wie verbrüht. Zhou Bin griff nach dem Türgriff, öffnete die Tür des Bezirksvorstehers, verbeugte sich mit strahlendem Gesicht: „Herr Bezirksvorsteher, bitte steigen Sie aus."
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In diesem Augenblick begriff Wu Xiaohao, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Ja — was hatte sie sich dabei gedacht? Wer war sie denn, dem Bezirksvorsteher die Tür zu öffnen? Vor aller Augen musste das aussehen, als wolle sie sich beim Bezirksvorsteher anbiedern. Sie trat zurück, das Gesicht glühend rot.
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Der Bezirksvorsteher ging unter Begleitung der Kader ins Sitzungszimmer und hörte Sekretär Zhou Bins Bericht an. Wu Xiaohao saß geistesabwesend da; was der Sekretär vortrug, nahm sie kaum wahr — nur sein Tadel hallte ihr wieder und wieder in den Ohren. Doch innerlich sträubte sie sich: Um Vorgesetzten die Autotür zu öffnen, braucht man eine Rangberechtigung? Strenge Hierarchie, die „Regeln" darf man nicht übertreten? Diesen Standesdünkel der Bürokratie hatte sie heute am eigenen Leib erfahren.
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Nach dem Bericht nickte der Bezirksvorsteher: „Gut. Fahren wir hinunter und schauen uns um."
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Der Bezirksvorsteher verließ mit den beiden Gemeindeführern das Sitzungszimmer. Kader, die nicht zur Begleitung berechtigt waren, kehrten in ihre Büros zurück oder machten sich auf zu den ihnen zugewiesenen Dörfern. Wu Xiaohao hatte eigentlich die Kulturstationsleiterin bitten wollen, ihr die Kulturstätten zu zeigen, aber jetzt war ihr die Stimmung vergangen. Sie ging in ihr Büro zurück und saß dort vor sich hin. Sie wusste: Das Gesprächsthema Nummer eins unter den Kaipoer Kadern würde heute ihr voreiliger Griff nach der Autotür sein.
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Ihre Vermutung bestätigte sich. Kurz darauf klopfte eine Frau mittleren Alters an die Tür und trat mit empörter Miene ein: „Vize-Bürgermeisterin Wu, ich habe von meinem Alten gehört, dass der Sekretär Sie vorhin zurechtgewiesen hat?" Wu Xiaohao stand auf: „Darf ich fragen, wie Sie heißen?" Die Frau sagte: „Hao Juan, stellvertretende Leiterin des Familienplanungsbüros. Lai Chunxiang ist mein Mann." Wu Xiaohao verstand: Der Vorsitzende des Gemeindevollzugsausschusses Lai hatte seiner Frau von ihrer Blamage erzählt. Wu Xiaohao lächelte gezwungen: „Tja — wer heißt mich, die Regeln nicht zu kennen?" Hao Juan schwenkte die Hand: „Was für Regeln! Dieser Zhou hat Allüren! Sie als Frau und Neuankömmling — Sie vor aller Augen bloßzustellen! Was ist das für eine Führungskraft?"
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Wu Xiaohao bemerkte, dass sich beim Sprechen um Hao Juans Lippen dichte Fältchen bildeten, die den Mund wie zwei zusammengepresste Muschelschalen aussehen ließen. Hao Juans Worte trafen Wu Xiaohaos wunden Punkt. Doch sie wusste: Die Beziehungsgeflechte in der Gemeinde waren verworren; sie durfte nicht unbedacht ins Klatschrad greifen. Sie deutete auf einen Stuhl und bat Hao Juan, Platz zu nehmen.
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Hao Juan setzte sich und legte nach: „Der Sekretär ist unmöglich! Warum bringt er eine Frau ausgerechnet in diesem Zimmer unter!" Wu Xiaohao war am Vortag zur Anmeldung gekommen; Direktor Liu Dalou hatte sie zu einem Raum hinter dem Bürogebäude geführt und gesagt, das sei ihr Quartier — zuvor habe hier ein Vizebürgermeister gewohnt, der inzwischen im Ruhestand sei. Das Zimmer war sauber; sie hatte nicht weiter nachgedacht und ihr Bettzeug abgelegt. Nun fragte sie Hao Juan: „Was ist mit dem Zimmer?" Hao Juan sagte: „Dort hat sich einer erhängt."  „Was?" Wu Xiaohao lief es eiskalt über den Rücken.
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Hao Juan erzählte: Irgendwann in den Achtzigern sei ein frisch diplomierter, gut aussehender Universitätsabsolvent als Parteisekretär hierhergeschickt worden. Der damalige Parteisekretär wollte sein Können testen und trug ihm gleich am ersten Abend auf, eine Rede zu schreiben, die der Sekretär am nächsten Morgen bei der Sommerproduktionsmobilisierung halten wollte. Am nächsten Morgen war die Rede nicht da. Man schickte jemanden — keine Antwort. Schließlich ließ der Sekretär die Tür aufbrechen. Man fand den jungen Mann erhängt am hinteren Fenster. Auf dem Schreibtisch lagen zusammengeknüllte Papiere. Man faltete sie auf: Auf jedem stand nur „Genossen" und ein Doppelpunkt.
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Hao Juan gestikulierte lebhaft: „Bei Leuten, die als Sekretär angefangen haben, gibt es zwei Sorten: Die einen werden von anderen zu Tode gequält, die anderen quälen andere zu Tode. Der junge Mann war gerade erst angetreten, kannte nichts und niemanden, und der Sekretär ließ ihn eine Rede schreiben. Er war so ehrgeizig, dass er lieber zum Strick griff, als sein Gesicht zu verlieren. Die andere Sorte — hat man lang genug als Sekretär gedient und ist die geduldige Schwiegertochter endlich selbst zur Schwiegermutter geworden, quält man seine Untergebenen. Unser Sekretär Zhou ist genau diese Sorte."
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Wu Xiaohao wusste, dass Sekretär Zhou Bin früher stellvertretender Leiter des Bezirksbüros gewesen war, zuständig für Schriftverkehr, ein Meister im Verfassen von Dokumenten — gewöhnliche Texte fanden kaum seine Gnade. Sie fragte: „Er ist hier ja nicht mehr für Schriftliches zuständig — wie quält er dann seine Leute?"
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Hao Juan lachte bitter: „Genauso. Direktor Liu vom Büro schreibt einen Entwurf — der Sekretär findet ihn unbrauchbar, lässt ihn wieder und wieder überarbeiten, bis Liu Nächte durcharbeitet. Liu hat sich schon beklagt: Manchmal, wenn er bis Mitternacht an Texten sitzt und geistig am Ende ist, möchte er am liebsten seinem Vorgänger folgen und sich aufhängen. Nicht nur er — viele sagen, ihre Texte werden beim Sekretär immer wieder abgelehnt, und sie wollen nicht mehr weiterleben."
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„Was für Texte müssen die denn schreiben?"
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„Jeder muss schreiben — Untersuchungsberichte, Arbeitszusammenfassungen, alle paar Tage wird etwas fällig. Dabei sollten Gemeindekader sich aufs Handeln konzentrieren — wozu so viel Papier? Aber Sekretär Zhou sagt: Egal wie gut die Arbeit ist, sie muss sich in Schriftform niederschlagen. Die Fähigkeit, gut zu schreiben, sei die wichtigste Fähigkeit eines Kaders. Er hat sogar eine Losung ausgegeben, wie hieß sie gleich? Ach ja: ‚Schrift wiegt schwerer als der Himmel!'"
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Wu Xiaohao musste an zwei Verse des Qing-zeitlichen Literaten und Historikers Zhao Yi denken: „Macht den kleinen Federkiel nicht zur Säule, die den Himmel stützt." Die Formel „Schrift wiegt schwerer als der Himmel" kannte sie; unter Gelehrten mochte man die überragende Bedeutung guten Schreibens so betonen — als Losung für Gemeindekader war sie doch etwas abwegig.
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Hao Juan fuhr fort: „Das ist noch nicht alles. Er verlangt auch, dass in den Berichten der übergeordneten Stellen und in den Medien regelmäßig Neuigkeiten aus Kaipo erscheinen. Er hat ein Belohnungssystem eingeführt: Veröffentlichung in einem zentralen Medium — zehntausend Yuan Prämie; auf Provinzebene fünftausend; auf Stadtebene eintausend. Du hast doch jahrelang in der Stadt gearbeitet — kennst du nicht Journalisten? Hilf mir, etwas unterzubringen." Dabei zog sie ein winzig zusammengefaltetes Blatt Druckpapier aus der Tasche.
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Jetzt verstand Wu Xiaohao den eigentlichen Grund für Hao Juans Besuch. Sie nahm den Text und faltete ihn auf: eine Halbjahres-Zusammenfassung der Familienplanungsarbeit in Kaipo — nichts, was eine Zeitung interessieren würde. Doch sie wollte Hao Juan nicht brüsk abweisen und sagte: „Direktorin Hao, ich habe vorher beim Bezirkskonsultativrat gearbeitet und habe wenig Kontakt zu Journalisten. Wenn ich in die Stadt zurückfahre, versuche ich, es über Bekannte an eine Redaktion weiterzureichen."
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Hao Juan faltete die Hände und verneigte sich überschwänglich: „Danke, Vize-Bürgermeisterin Wu, vielen Dank!" Dann begann sie über ihren Mann zu klagen. Vor drei Jahren sei der damalige Sekretär Chen befördert worden. Eigentlich hätte ihr Mann als langjähriger Vize-Sekretär nachfolgen müssen — wer denn sonst? Doch dann sei Zhou Bin wie vom Himmel gefallen, und ihr Mann habe sich mit dem machtlosen Posten des Volkskongress-Ausschussvorsitzenden zufriedengeben müssen. Bei Nachforschungen habe sich herausgestellt, dass Zhou Bin unbedingt aufs Land wollte, um sich für eine Beförderung zu qualifizieren, und sich bei den Vorgesetzten regelrecht eingeschmeichelt habe. „Dieser Mensch ist ehrgeizig. Was hat er getan, seit er hier ist? Schöne Fassaden und Papierkram ..."
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Wu Xiaohao merkte, dass sie Hao Juan nicht länger zuhören durfte. Zu viel Umgang mit solchen Klatschbasen würde sie in einen Strudel aus Gerede und Intrigen hineinziehen, aus dem sie sich nicht mehr befreien konnte. Sie sagte: „Direktorin Hao, entschuldige — ich muss jetzt aufbrechen. Die Kulturstationsleiterin soll mich herumführen."
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Hao Juan machte eine geheimnisvolle Miene: „Guo Mo soll dich begleiten? Die ist die Vertraute des Sekretärs. Wenn du dich gut mit ihr stellst, stehst du gut mit dem Sekretär."
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Wu Xiaohao wurde ärgerlich: „Was soll das heißen? Ich bin für Kultur zuständig — zwischen uns besteht ein Arbeitsverhältnis, nichts weiter."
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Hao Juan gab sich den Anschein, nicht lockerzu­lassen: „Gerade weil du für die Kulturstation zuständig bist, musst du über Guo Mo Bescheid wissen. Die ist eine Fischerstochter. Dass sie Stationsleiterin geworden ist, liegt nicht nur am Singen, sondern daran, dass sie es mit den Vorgesetzten ..." Dabei zwinkerte sie Wu Xiaohao vielsagend zu.
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Wu Xiaohao wollte dieses Getuschel nicht länger hören und rief Guo Mo an: „Komm, fahren wir los." Sie stand auf und ging hinaus. Hao Juan folgte ihr bis zur Tür und flüsterte: „Weil ich dir vertraue, sage ich dir das alles. Erzähl es bloß niemandem."
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Kaum hatte Wu Xiaohao das Bürogebäude verlassen, kam Guo Mo auf einem Motorrad vom Kulturzentrum am hinteren Ende des Geländes angefahren. Das Motorrad war uralt, machte einen Höllenlärm, und aus dem Auspuff quoll blauer Rauch.
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Guo Mo hielt an und lächelte: „Vize-Bürgermeisterin Wu, du hast ein Auto zu Hause und bringst es nicht nach Kaipo — jetzt muss ich dich mit dieser Schrottkiste fahren." Wu Xiaohao schwang sich auf den Rücksitz: „Wenn ich das Auto hierher bringe, wie soll mein Kind dann zur Schule kommen? Das muss ich meinem Mann lassen." „Dann kauf doch noch eins." „Wie denn? Ich zahle noch die Hypothek ab." Guo Mo sagte: „Wenigstens hast du eine Stadtwohnung — das ist auch ein Privileg. Wir wohnen hier in kostenlosen Gemeindeunterkünften, aber unsere Kinder leiden. Die Dorfschulen sind miserabel — die Lehrer unterrichten im 21. Jahrhundert immer noch im Dialekt! Es ist zum Verzweifeln! Fahren wir erst zur Stele — halt dich fest!"
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Wu Xiaohao ließ sich von Guo Mo aus dem Verwaltungsgelände fahren. Guo Mo trug keinen Helm; ihr langes Haar wehte und strich Wu Xiaohao über das Gesicht. Als sie an Hao Juans Worte dachte, empfand Wu Xiaohao keine Sympathie für die Frau vor ihr; was ihr über das Gesicht strich, fühlte sich an wie eine Zumutung. Ihr fiel ein, dass sie in Geschichtsbüchern von einem General namens Guo Mo in der Jin-Dynastie gelesen hatte, der als Gouverneur von Jiangzhou diente. Wang Xizhi war ebenfalls Gouverneur von Jiangzhou gewesen und hatte einen guten Ruf hinterlassen; jener Guo Mo hingegen war berüchtigt und eines gewaltsamen Todes gestorben. Sie fragte, warum Guo Mo so heiße. Guo Mo sagte: „Als ich klein war, konnte ich endlos reden und singen. Mein Vater war genervt und gab mir den Namen — er wollte, dass ich endlich still bin. Aber ich wurde trotzdem nicht still, haha."
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Während sie fuhren, hob Guo Mo plötzlich die Hand und winkte einem Wohnhaus zu: „Bruder Niu, hallo!"
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Wu Xiaohao schaute hinauf, konnte aber niemanden sehen, und fragte: „Wen rufst du?" Guo Mo hielt an und deutete nach oben: „Schau, da ist doch Bruder Niu! Ich mag ihn sehr und grüße ihn jedes Mal, wenn ich vorbeikomme."
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Erst jetzt bemerkte Wu Xiaohao, dass aus einem Fenster im sechsten Stock ein gelber Rindskopf herausragte. Das Rind ignorierte Guo Mo, kaute wieder und starrte in die Ferne; sein herunterfallender Speichel wäre beinahe auf Wu Xiaohaos Gesicht getropft. Sie fragte verblüfft: „Wie kann man im sechsten Stock ein Rind halten? Wie ist es da hochgekommen?" Guo Mo sagte: „In Bauernhochhäusern findet man alles — Schafe, Schweine, Hühner, Enten. Diese Familie hat im Frühling das Kalb mit einem Seil hochgezogen, jetzt ist es groß geworden." Wu Xiaohao fragte: „Wie kommt es wieder runter?" Guo Mo sagte: „Keine Ahnung."
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Sie deutete auf die Wohnblöcke: „Diese drei Gebäude sind Sekretär Zhous Meisterstück. Vor zwei Jahren ließ er, um Kaipo zur Stadt hochzustufen und die nichtlandwirtschaftliche Bevölkerung zu erhöhen, zwei nahe gelegene Dörfer abreißen und die Bewohner hier zusammenlegen. Alle nennen sie die ‚Bauernhochhäuser'. Die Leute in den Hochhäusern haben tausend Unannehmlichkeiten — bis zu ihren Feldern ist es jetzt endlos weit."
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Wu Xiaohao blickte zu „Bruder Niu" hinauf. Er starrte immer noch in die Ferne. Sie dachte: Du sehnst dich nach den grünen Hängen und deinen Gefährten, nicht wahr?
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Als sie das Dorf Kaipo hinter sich ließen, stieg das Gelände an und mündete in einen kleinen Hügel mit einigen Kiefern. Nach kurzer Strecke deutete Guo Mo auf den Straßenrand: „Dort." Wu Xiaohao stieg ab und sah ein Erdnussfeld, an dessen Rand eine Stele aus blauem Stein stand.
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Guo Mo erzählte: Die alten Leute sagten, hier habe einst ein gewaltiger Kaipo-Baum gestanden, so dick und hoch, dass sein Schatten ein halbes Mu bedeckte. In den Fünfzigerjahren, als die Versorgungsgenossenschaft gegründet wurde, schlug jemand vor, den Baum zu fällen und die Bretter als Ladentischplatten zu verwenden. Eine Gruppe rückte mit der Säge an, doch nach wenigen Schnitten trat aus der Wunde Blut — erschrocken flüchteten sie. Der Genossenschaftsdirektor glaubte nicht an Wunder und sagte, das sei nur Baumsaft. Er sägte persönlich, einen ganzen Tag lang, bis der Baum fiel. Die Bretter, breit und dick, legten sie auf die gemauerten Ladentische. Als sie noch klein war, ging sie in die Genossenschaft einkaufen, berührte die über einen Meter breiten Theken und versuchte sich vorzustellen, wie gewaltig dieser Baum gewesen sein musste.
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Wu Xiaohao hatte im „Ortsnamenverzeichnis von Yucheng" gelesen, dass Kaipo seinen Namen von den Kaipo-Bäumen hatte, die hier einst dicht wuchsen. Sie fragte Guo Mo, ob es in Kaipo noch solche Bäume gebe. Guo Mo verneinte. Das Forstamt habe die ganze Gemeinde durchsucht — nicht ein einziger war übrig. Das Holz war so kostbar gewesen, dass man alles gefällt hatte. Nach dem letzten alten Baum blieb nur diese Stele.
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Wu Xiaohao war schmerzlich berührt. Sie trat näher. Die Stele war in der Mitte zerbrochen und mit Zement geflickt worden. Zum Glück war die Inschrift noch lesbar — ein Fünfsilbengedicht:
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Wer pflanzte einst, ich weiß es nicht, / was hier seit Urzeiten steht? / Am Konfuzius-Hain der heilige Baum / wandelt Menschenherzen durch Wind und Sturm. / Oft ertrag ich Frost und Bitternis, / stets schau ich den Wandel von Himmel und Erde. / Ein Gelehrter sitzt unterm Baum / und sieht durch Tränen die Blätter fallen.
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Darunter: „Im dreiundzwanzigsten Jahr der Daoguang-Ära, Spätherbst, von Shen Yao, Kreisschulinspektor von Yucheng, nach dem Reimschema von Shi Runzhangs ‚Die von Zigong gepflanzte Kaipo-Eiche'."
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Die Unterschrift rief eine Erinnerung wach: Im dritten Studienjahr war die ganze Klasse mit dem Zug nach Qufu gefahren, um den Konfuziustempel, die Konfuzius-Residenz und den Konfuzius-Friedhof zu besichtigen. Vor dem Grab des Konfuzius hatte sie die „von Zigong gepflanzte Kaipo-Eiche" gesehen — freilich nur ein Stück totes Holz. Die Reiseleiterin hatte erklärt, die Kaipo-Eiche sei ein heiliger Baum — gerader Stamm, üppiges Laub, ein Vorbild für alle Bäume. Damals hatte Wu Xiaohao das Holzstück ehrfürchtig betrachtet. Sie erinnerte sich auch, dass dahinter eine Stele mit einem Lobgedicht stand, doch den Wortlaut hatte sie vergessen. Sie suchte auf dem Handy und fand das Gedicht des berühmten Dichters Shi Runzhang aus der frühen Qing-Zeit:
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Aus welchem Jahr stammt dieser Baum? / Ein zerbrochener Stein bezeugt ihn noch. / Gemeinsam schauen wir den Schatten des einsamen Stamms, / noch ahnen wir das Herz des Weisen. / Wind und Frost ertrug er durch die Zeiten, / unermesslich sind Himmel und Erde im Zwielicht. / Wer hier vorübergeht, wo Zigong seine Hütte baute, / vergießt nach tausend Jahren noch eine Träne.
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Guo Mo fragte: „Was bedeutet dieses Gedicht? Ich verstehe es nicht."
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Wu Xiaohao erklärte es ihr: Das Gedicht stamme von Shen Yao, dem Kreisschulinspektor von Yucheng in der Qing-Dynastie, und folge dem Reimschema Shi Runzhangs. Dieser Mann hatte in Qufu die von Zigong gepflanzte Eiche verehrt und gehofft, mit der konfuzianischen Lehre die Herzen der Menschen zu verwandeln. Doch er stieß auf unüberwindliche Widerstände und war tief enttäuscht. Unter dem großen Kaipo-Baum saß er und ließ beim Anblick der fallenden Blätter seinen Tränen freien Lauf. Während sie erzählte, sah sie die Szene vor sich: Herbstwind, wirbelndes Laub, ein greiser Gelehrter voll hoher Ideale, unter dem Baum sitzend, trauernd um die Moral der Welt.
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Guo Mo sagte: „Oh — der Mann hatte ja ganz schön viel Gefühl!"
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Dieser knappe Kommentar ließ Wu Xiaohao nicht wissen, ob sie lachen oder weinen sollte.
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Guo Mo deutete auf den Hügel: „Für heute reicht die Zeit nicht mehr — den Guaxinjue schaffen wir nicht."
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„Guaxinjue? Was bedeutet das?"
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Guo Mo erklärte: Wenn die Fischer früher auf See waren und das Dorf nicht mehr sehen konnten, orientierten sie sich an markanten Landmarken. Wenn die Kaipoer Fischer von der Fahrt zurückkehrten und diesen kleinen Hügel aus dem Meer auftauchen sahen, wussten sie: Bald sind wir zu Hause. Ihr Herz konnte sich beruhigen. Darum nannten sie den Berg „Guaxinjue" — „die Klippe, an der das Herz hängt". Wu Xiaohao betrachtete den Hügel und dachte: Was für ein schöner Name — eigenwillig und treffend zugleich.
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Das nächste Ziel war die Danxu-Stätte. Sie fuhren nach Nordosten; nach sieben, acht Kilometern erschien der mehrere hundert Meter breite Shu-Fluss, seine Ufer in purpurrotes Schilf getaucht. Wenn man nach Osten zur Mündung blickte, sah man schwarzes Watt und die blaue Meeresfläche. Über die Brücke, nach Westen, am Dorfeingang hielt Guo Mo vor einer Granitstele. Wu Xiaohao stieg ab und las: In der Mitte „Danxu-Stätte", darüber „Nationale Schlüsselstätte unter Denkmalschutz", darunter „Verkündet vom Staatsrat der Volksrepublik China am 25. Mai 2002, errichtet von der Provinzregierung Shandong." Ringsum Felder — hoher Mais, niedrige Erdnusspflanzen. Zweihundert Meter entfernt einige Bauernhäuser; unter einem Baum saßen ein paar alte Frauen und unterhielten sich.
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Wu Xiaohao wusste von dieser Fundstätte der Longshan-Kultur, hatte sie aber nie besucht. Im Stadtmuseum hatte sie die zahlreichen ausgegrabenen Ton- und Jadegegenstände gesehen; einige hauchdünne schwarze Keramikbecher repräsentierten die Spitze der prähistorischen chinesischen Töpferkunst. Während ihres Studiums hatte Professor Fang Zhiming in der Vorlesung von seinen Ausgrabungen an der Danxu-Stätte berichtet. Als er von der Entdeckung einer Jadeschale erzählte, gestikulierte er mit beiden Händen, strahlend vor Begeisterung — Gesten und Ausdruck, die Wu Xiaohao nie vergessen hatte. Beschämenderweise war sie in acht Jahren in Yucheng nie hierher gekommen.
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Sie fragte nach der Kulturschicht. Guo Mo deutete ringsum und erklärte, unter dem Dorf Danxu und in der ganzen Umgebung fänden sich kulturelle Überreste — insgesamt über vierzigtausend Quadratmeter. Während der Volkskommune wollte die Leitung, da hier vorwiegend schwarze Erde lag, aus allen Dörfern Leute schicken, um sie als Dünger abzutragen. Zum Glück erfuhren die Kreisbehörden davon und stoppten das Vorhaben. Beim Ausheben von Fundamenten für Häuser stieß man regelmäßig auf Tonscherben, manchmal sogar auf Jadestücke. Ein vollständig erhaltener Schwarzkeramik-Eierschalenbecher war dem Museum übergeben worden und wurde dort zum Prunkstück.
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Nicht weit entfernt gab es einen frisch ausgehobenen Graben. Im Querschnitt zeigte sich unter der Ackerkrume eine dicke Kulturschicht — schwarze Erde, durchsetzt mit Tonscherben. Auch rote Erdbrocken waren zu sehen — offensichtlich gebrannt. Wu Xiaohao verstand: Das war ein Brennofengelände von vor viertausend Jahren. Dass der Ort Danxu hieß — „Rote Ruinen" —, lag an diesen verlassenen alten Öfen.
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Guo Mo hob ein fingerkleines, grauschwarzes Stückchen vom Boden auf und reichte es Wu Xiaohao: „Das ist eine Tonscherbe von damals." Wu Xiaohao betrachtete es: abgerundete Kanten, poröse Oberfläche — es hatte Jahrtausende überdauert. Sie überlegte: War das ein Stück eines Ritualgefäßes oder eines Alltagsgegenstands? Hatte es Wasser enthalten? Wein? Oder Getreide?
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Wu Xiaohao hatte an der Universität chinesische Altertumskunde studiert und sich besonders für die Prähistorie begeistert. Oft sann sie für sich: Wie genau war die Menschheit nach der Trennung von den Menschenaffen Schritt für Schritt zur Zivilisation gelangt? Doch die Bücher boten außer Mythen nur Legenden. Zum Glück gab es Archäologen, die in der Wildnis, unter der Erdoberfläche, die Hinterlassenschaften der prähistorischen Menschen ausgruben und sie zum Sprechen brachten. In China hatten sie eine Reihe von Fundstätten mit kulturellen Schichtungen freigelegt — Hetao-Kultur, Yangshao-Kultur, Dawenkou-Kultur, Longshan-Kultur ... Von diesen Kulturtypen verehrte Wu Xiaohao die Longshan-Kultur am meisten. Ihre wichtigste Fundstätte lag einige Dutzend Kilometer östlich von Jinan; Wu Xiaohao hatte dort während des Studiums ein Praktikum gemacht. Wissenschaftler ordneten die Longshan-Kultur der legendären Ära der Fünf Kaiser zu. Damals gab es auf dem Boden Chinas zehntausend Staaten; der Gelbe Kaiser, Zhuanxu, Kaiser Ku, Yao und Shun — kraft ihrer Tugend und Fähigkeiten geboten sie über die Welt, und alle vier Meere fügten sich. In jener Epoche formte sich die chinesische Nation, und die östliche Zivilisation hob ihren großen Vorhang.
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Nach der Danxu-Stätte fuhren sie zur „Hegemonenpeitsche". Sie fuhren nach Osten, und südlich des Fischereihafens Qianwan war sie sofort zu sehen: Vom Strand aus ragten Felsen ins Meer, Glied für Glied verbunden, nach und nach schmaler werdend — wie eine lange Peitsche. Wu Xiaohao hatte in den Unterlagen zur „Kulturgeschichte von Yucheng" gelesen, dass die Hegemonenpeitsche bei Ebbe aus dem Wasser auftauchte, blank zwischen Meer und Himmel; bei Flut versank sie und hinterließ nur einen geisterhaften Schatten. Die Legende besagte, der König von Chu habe hier einst eine Peitsche verloren.
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Wu Xiaohao näherte sich der Hegemonenpeitsche und war von ihrer Wucht tief beeindruckt: Wogen brandeten, sie blieb gelassen; Möwen landeten und hoben ab, sie rührte sich nicht. Guo Mo erzählte, dies sei ein gefährlicher Ort — kein Einheimischer wagte sich hinauf. Fremde ahnten nichts Böses, sahen die außergewöhnliche Landschaft, kletterten begeistert hinauf zum Fotografieren oder Muschelsammeln, glitten aus, stürzten ins Wasser, und einmal im Wasser, kam man kaum wieder heraus — jedes Jahr starben hier Menschen. Beim Anblick der drei in den Felsen gemeißelten Zeichen „Hegemonenpeitsche" durchlief Wu Xiaohao ein Schauder.
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Sie sah, dass der Felsrücken am Ufer weiterhin angehoben verlief und sich über zweihundert Meter erstreckte — bis zu einem großen Anwesen. Über dem Tor hing eine Tafel: „Shenyou-Gruppe". Firmensitze großer Konzerne hatte sie schon gesehen, aber keinen in einem solchen Gehöft. Sie fragte Guo Mo, wem die Shenyou-Gruppe gehöre. Guo Mo warf einen kühlen Blick dorthin und flüsterte: „‚Tigerhai'!" Wu Xiaohao verstand nicht. Guo Mo erklärte: Der Tigerhai sei die gefährlichste aller Haiarten; der Chef der Shenyou-Gruppe, Mu Pingchuan, sei so grausam und rücksichtslos wie ein Tigerhai — deshalb sein Spitzname.
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Wu Xiaohao betrachtete das Anwesen: Es war am „Griff" der Hegemonenpeitsche errichtet, was die Stärke und Macht seines Besitzers umso deutlicher unterstrich. Sie fragte: „Warst du schon mal drinnen?" Guo Mo wandte den Blick aufs Meer: „Einmal. Ich will nicht mehr daran denken." „Warum?" „Ach ... Vize-Bürgermeisterin, fahren wir weiter." Wu Xiaohao verstand: In diesem prunkvollen Anwesen war Guo Mo etwas widerfahren, das sich nicht in Worte fassen ließ.
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Nachdem sie die Hegemonenpeitsche hinter sich gelassen hatten, fuhr Guo Mo mit Wu Xiaohao in die Berge nach Westen. Sie habe, sagte sie, mit Sekretär Zheng vom Dorf Shiwu schon gesprochen — nach der Besichtigung der „Verbliebenen Schönheit vom Duftberg" wollten sie im Dorf essen.
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Auf halbem Weg klingelte Wu Xiaohaos Handy. Sie ließ Guo Mo anhalten und nahm ab: Direktor Liu Dalou — der Sekretär wolle sie um halb drei sprechen. Sie dachte: Was will der Sekretär? Zu neunzig Prozent geht es um die Autotür. Ihr Herz war wie von wildem Gras überwuchert.
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Guo Mo sagte: „Vize-Bürgermeisterin, wenn du mit dem Sekretär sprichst, leg bitte ein gutes Wort für mich ein. Ich bin seit fünf Jahren Kulturstationsleiterin, habe immer gewissenhaft gearbeitet, und in der ganzen Region steht unsere Kulturarbeit ganz oben. Aber der Sekretär kritisiert mich ständig, und ich weiß nicht warum."
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Wu Xiaohao schloss aus diesen Worten: Was Hao Juan heute Morgen über Guo Mo erzählt hatte, war frei erfunden. Hätte Guo Mo ein Verhältnis mit dem Sekretär, würde sie nicht so um Fürsprache bitten. Wu Xiaohao sagte: „In Ordnung. Allerdings bin ich gerade erst angekommen und kenne den Sekretär noch kaum. Packen wir die Kulturarbeit gemeinsam an."
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Nach einer Weile auf ebenem Gelände bogen sie auf eine Bergstraße ein; Wu Xiaohao spürte, wie die Höhe zunahm. Sie hielten am Berghang. Guo Mo erklärte, dies sei der Duftberg, 186 Meter hoch; die Felsinschriften befänden sich oben. Wu Xiaohao drehte sich um und erblickte das ferne Meer und die Kiemeninsel darin. Sie fragte Guo Mo, wie weit es bis zum Meer sei. Zwölf Kilometer, antwortete diese. Dieses Berggebiet werde als „das tibetische Hochplateau von Kaipo" bezeichnet.
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Gong- und Trommelklang drang aus dem Dorf. Guo Mo runzelte die Stirn: „Was soll der Krach? Klingt ja fürchterlich!" Wu Xiaohao hörte, dass die Instrumente nicht zusammenspielten — kein Schwung, kein Rhythmus. Sie fragte: „Wofür die Trommeln?" Guo Mo: „Keine Ahnung."
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Guo Mo führte Wu Xiaohao ein paar Dutzend Meter den Hang hinauf, bis sie eine Felswand erreichten. Die Wand war über zwanzig Meter hoch; darunter eine große Höhle. Über dem Höhleneingang waren die vier großen Schriftzeichen „Verbliebene Schönheit vom Duftberg" in eleganter Regelschrift eingemeißelt, darunter: „Geschrieben von Kreismagistrat Zheng Li von Yucheng im zehnten Jahr der Kangxi-Ära." Die rote Farbe in den Vertiefungen war weitgehend abgeblättert.
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Wu Xiaohao hatte in der „Kreischronik von Yucheng" gelesen: „Drei Bauern wohnten in einer Steinhöhle am Duftberg. Eines Tages kam ein Maultier vorbei, seine Satteltaschen voller Silber. Die Bauern hüteten es treu. Bald darauf erschien ein aufgeregter Mann, der es suchte. Die Kennzeichen stimmten überein, und sie gaben alles zurück. Als er sie mit Gold belohnen wollte, lehnten sie standhaft ab. Kreismagistrat Zheng Li erfuhr davon und ließ ‚Verbliebene Schönheit vom Duftberg' zur Ehre einmeißeln."
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Sie traten ein. Die Höhle war außen hoch, innen niedriger; die Steinwände schwarz verrußt. In der Mitte eine Steinmauer mit Tür- und Fensteröffnungen, dahinter kleinere Kammern mit steinernen Tischen und Betten. Wu Xiaohao dachte: Die Vorfahren des Dorfes Shiwu lebten an einem so einfachen Ort und bewahrten dennoch ihre Tugend — bewundernswert. Sie fragte sich auch: Warum war das Maultier mit dem Silber hierher gelaufen? Sie ging zur Ostseite und entdeckte unten einen Nord-Süd-Weg — die alte Hauptstraße von Yucheng nach Süden. Wahrscheinlich hatte der Besitzer des Maultiers unterwegs Rast gemacht und das Tier nicht gut angebunden; es war ausgerissen und den Berg hinauf gelaufen.
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Guo Mo sagte: „Gehen wir zum Dorfkomitee essen." Über den steilen Bergpfad stiegen sie hinunter ins Dorf. Die Trommeln erklangen wieder — diesmal rhythmisch präzise, kunstvoll variiert, wunderbar anzuhören.
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Im Hof des Dorfkomitees spielte eine Gruppe alter Männer die Schlaginstrumente; ein paar junge Leute standen daneben und schauten zu. Ein hagerer Alter in einem Strohmantel schwang zwei Trommelstöcke — er war der Anführer. Beim Trommeln leuchteten seine Augen, er war ganz in seinem Element; die Strohhalme seines Mantels vibrierten, und er sah aus wie ein alter Igel.
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Guo Mo brachte Wu Xiaohao ins Büro; mehrere Männer mittleren Alters rauchten darin. Ein Vierzigjähriger erhob sich und begrüßte Guo Mo grinsend: „Na, die große Sängerin ist da! Setz dich!" Guo Mo sagte: „Sängerin hin oder her — ich habe die Vize-Bürgermeisterin mitgebracht! Eine richtige stellvertretende Abteilungsleiterin, die sich ihre Stelle durch Können verdient hat und erst am Montag in unsere Gemeinde gekommen ist." Sie stellte vor: Das sei Sekretär Zheng Liqian.
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Wu Xiaohao fragte nach dem Grund der Trommelei. Zheng Liqian warf einen Blick in den Hof: „Diese alten Knacker wollen zeigen, was sie draufhaben." Er erzählte: Heute Nachmittag sei eine Hochzeit im Dorf; die Braut müsse abgeholt werden, aber die jungen Leute seien alle in der Stadt. Man habe ein paar Halbwüchsige zusammengekratzt und ihnen die Dorfinstrumente zum Üben gegeben, aber das Ergebnis sei ein heilloses Durcheinander gewesen. Da seien die alten Männer gekommen, hätten gesagt, sie spielten ihnen vor, wie es richtig geht — und dabei in Fahrt geraten. Der Trommler sei der Anführer, Spitzname „Alter Blumentrommler", weil er den Trommelrhythmus kunstvoll variieren könne.
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Wu Xiaohao hatte gehört, dass man in Yucheng früher am Abend Hochzeit feierte; in der Stadt war das längst auf den Vormittag verlegt worden. Dass in den Bergen der alte Brauch noch galt, überraschte sie. Sie sagte zum Alten Blumentrommler: „Die spielen so gut — das muss doch einen Namen haben." Ein greiser Mann mit weißem Haar sagte: „Sie spielen ‚Jin qiu liang' — Pfund rechne in Unzen." Guo Mos Augen leuchteten auf: „Das ist also ‚Jin qiu liang'! Ich kenne den Namen dieses Schlagwerkstücks, habe es aber noch nie gehört." Sie zückte ihr Handy und filmte.
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Am Tor entstand Lärm; Guo Mo brach die Aufnahme ab: „Wer stört da?" Wu Xiaohao sah eine Frau mittleren Alters, die eine Ziege am Strick zum Tor hereinziehen wollte. Die Ziege stemmte alle Viere in den Boden und zog nach hinten. Hinter der Frau riefen Kinder im Chor: „Dienstziege, Dienstziege — kommt ein Bonze, wird sie aufgeschlitzt!"
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Die alten Männer hörten auf, „Jin qiu liang" zu spielen, und schlugen mit finsteren Mienen einen eintönigen Rhythmus — als wollten sie den Kinderrufen Nachdruck verleihen.
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„Dienstziege?" Wu Xiaohao verstand kein Wort.
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Der Sekretär schwieg betreten. Guo Mo erklärte lachend: „Die Ziegen vom Dorf Shiwu laufen frei über die Berge, fressen den ganzen Tag Wildkräuter und trinken Quellwasser — ihr Fleisch ist ein Gedicht. Die Vorgesetzten von oben kommen besonders gern hierher zum Ziegenessen. Sekretär Zheng hält deshalb immer eine zu Hause bereit. Kommt ein hoher Gast, wird sie geschlachtet. Dann kauft er die nächste, immer hält er eine auf Vorrat. Weil ständig eine Ziege ‚Bereitschaftsdienst' hat, heißt sie ‚Dienstziege'." Dabei schnitt sie eine Grimasse: „Danke, Vize-Bürgermeisterin — dank dir komme ich heute in den Genuss einer Dienstziege." Dann rief sie der Frau zu: „Schwägerin, danke dir!"
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Wu Xiaohao war entsetzt. Normalerweise aß sie gern Ziegenfleisch, doch die Geschichte gab ihr ein schlechtes Gewissen. Die Ziege war inzwischen von Sekretär Zhengs Frau an die Küchentür gezerrt und an einem Jujubebaum festgebunden worden; sie schrie immer noch kläglich.
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Wu Xiaohao sagte zu Guo Mo: „Wir essen nicht hier." Sie ging in den Hof hinaus. Guo Mo sah fragend zum Sekretär; der lief hinterher: „Vize-Bürgermeisterin, Sie besuchen Shiwu zum ersten Mal — Sie können doch nicht mit leerem Magen gehen!" Wu Xiaohao sagte: „Wir essen zu Hause. Ich komme wieder. Die in den Felsen gemeißelte ‚Verbliebene Schönheit vom Duftberg' und die ‚Alten Klänge vom Duftberg', die eure Alten spielen — beides hat Potenzial. Aber lass bitte deine Frau keine Dienstziege mehr vorführen!"
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Guo Mo fuhr Wu Xiaohao aus dem Dorf und rief über die Schulter: „Vize-Bürgermeisterin, ob du isst oder nicht isst — auf deren Rechnung stehen wir trotzdem als Bewirtung drauf!"
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Wu Xiaohao sagte: „Egal was sie aufschreiben — wir haben ein reines Gewissen!"
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Um halb drei stand Wu Xiaohao pünktlich vor dem Büro des Sekretärs. Die Tür war angelehnt; sie klopfte und trat ein. Als sie die Tür schließen wollte, sagte der Sekretär mit ernster Miene: „Lass die Tür offen."
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Wu Xiaohao verstand: Er wollte jeden Anschein vermeiden — ein Gespräch mit einer Frau bei offener Tür, das war so klar wie Tofu mit Frühlingszwiebeln — man sah auf den ersten Blick, dass alles sauber war. Das Haar des Sekretärs war im Zwei-zu-Acht-Scheitel akribisch frisiert. Er deutete auf einen Stuhl gegenüber dem Schreibtisch; Wu Xiaohao nahm Platz.
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Sie ergriff von sich aus das Wort: „Sekretär, ich muss mich entschuldigen. Heute Morgen hätte ich dem Bezirksvorsteher nicht die Autotür öffnen sollen." Zhou Bin zog die Augenbrauen hoch: „Vize-Bürgermeisterin Wu, das ist nicht nur eine Frage der Autotür — es geht um politische Grundregeln. Sie nehmen die Hauptführungskraft der Gemeinde nicht ernst und wollen sich beim Bezirksvorsteher in Szene setzen ..."
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Wu Xiaohao konnte sich nicht zurückhalten: „Sekretär, ich würde nie die politischen Grundregeln missachten und schon gar nicht die Hauptführungskraft gering schätzen. Ich kannte die Regeln nicht — wirklich nicht. Das Auto stand zufällig genau vor mir, und ich wollte instinktiv ..." „Ob du die Regeln kanntest oder nicht — denk gründlich darüber nach. Das darf nicht wieder vorkommen."
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Wu Xiaohao nickte. Sekretär Zhou nahm die Brille ab, zog ein Tuch aus der Schachtel auf dem Tisch und putzte die Gläser, den Blick gesenkt: „Vize-Bürgermeisterin Wu, die ‚Drei Fischerspezialitäten' auf der Kiemeninsel — die waren wohl sehr schmackhaft?"
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Wu Xiaohao wurde schlagartig wachsam. Der Sekretär wusste also bereits von ihrem Ausflug mit dem Bürgermeister. Sie bereute, mitgefahren zu sein, und dachte an den Schnipser auf dem Rückweg. Doch sie wusste: Von den zweideutigen Gesten des Bürgermeisters durfte sie dem Sekretär auf keinen Fall erzählen — das hätte alles nur verschlimmert. Sie sagte: „Der Bürgermeister wollte mit mir die Fischereiaufsicht prüfen, also bin ich mitgefahren. Ich hatte nicht erwartet, dass man uns dort so aufwendig bewirten würde."
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Am Abend sah sie aus dem Fenster — es war dunkel geworden. Im Zwielicht erschien schemenhaft eine hängende Gestalt. Der junge Sekretär, der sich hier vor Jahrzehnten erhängt hatte. Am ganzen Leib zitternd, mit Gänsehaut, knipste sie hastig das Licht an.
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Helles Licht durchflutete den Raum; der Schatten war verschwunden. Ach — nur Einbildung, nichts weiter.
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Ihre Tochter rief plötzlich an und flüsterte: „Mama, You Yanzhu ist betrunken!" Wu Xiaohao sah auf die Uhr — halb neun. Am Telefon hörte sie You Haoliang betrunken „Mein 1997" singen, mit verstellter Stimme wie die Sängerin Ai Jing von damals. In ihr kochte es, und sie sagte sofort: „Schätzchen, ich will You Yanzhu nicht singen hören. Sag mir — er ist trinken gegangen, was hast du gegessen?" Diandian sagte: „Er hat mir was mitgebracht! Einen großen Krebs und eine Tüte Makrelenklöße — soo lecker!" You Haoliangs Gesang wurde plötzlich lauter; er sang wohl direkt ins Handy: „Lass mich in die bunte Welt hinaus, gib mir den großen roten Stempel ..." Vor Jahren hatte You Haoliang genau diese Liedzeilen gesungen, als er Wu Xiaohao zum Standesamt überreden wollte. Dabei hatte er sein Gesicht ganz nah an ihres geschoben, die Augenschlitze zu haarfeinen Ritzen verengt. Jetzt stiegen diese Bilder vor Wu Xiaohaos Augen wieder auf — unerträglich. Sie legte auf.
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You Haoliang war mittelgroß, mit durchschnittlichem Aussehen. Sein auffälligstes Merkmal waren zwei Augenschlitze in einem runden, blassen Gesicht. Weil seine Augen wie Schlitze aussahen, als könnten sie sich nicht öffnen, hatten seine Klassenkameraden in der Oberschule heftig debattiert: Hat er Augäpfel oder nicht? Damals hatte You Haoliang bereits begonnen, Wu Xiaohao den Hof zu machen. Eine Mitschülerin fragte sie, ob seine Augen strahlten, wenn er ihr seine Gefühle gestand, und man die Augäpfel sehen könne. Wu Xiaohao überlegte lange und schüttelte den Kopf — denn auch dann lächelte You Haoliang wie immer, und die Augenschlitze wurden nur noch schmaler. So bekam er den ironischen Spitznamen „You Yanzhu" — „der mit den Augäpfeln".
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Wu Xiaohao hatte nie You Haoliangs Augäpfel gesehen. Nachdem die beiden intim geworden waren, hätte sie Gelegenheit gehabt, seine Lider aufzuziehen und nachzuschauen, aber sie fürchtete, etwas noch Erschreckenderes zu entdecken. Normalerweise nannte sie ihn neckisch „You Yanzhu", und er antwortete lächelnd: „Natürlich habe ich Augäpfel — wie hätte ich dich sonst entdecken können?"
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Als Diandian vier wurde, packte sie der Forschergeist. Sie spreizte ihrem Vater die Augenlider und stellte fest: Augäpfel vorhanden. Von da an rief sie fröhlich „You Yanzhu".
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Als Wu Xiaohao zum ersten Mal You Haoliangs Vater kennenlernte, stellte sie fest: Vater und Sohn wie aus einer Form gegossen. Diandian hatte einmal ihre Großmutter gefragt, ob der Großvater Augäpfel habe. Die Großmutter lachte: „Keine Ahnung — jedenfalls habe ich in über vierzig Jahren Ehe nie seine Augäpfel gesehen." Diandian wollte dem Opa die Lider öffnen, doch er wehrte ab und brüllte: „Wer sagt, ich hätte keine Augäpfel? Ohne Augäpfel — hätte ich da in meiner Jugend Verbrecher verfolgen und mit einem Schuss erlegen können?"
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Wu Xiaohaos Schwiegervater hieß You Dalian — ehemaliger Kriminalpolizist, ein vorzüglicher Schütze. Bei der Verhinderung eines Mordversuchs hatte er den Messerangreifer mit einem einzigen Schuss niedergestreckt. Er war bis zum Polizeichef und stellvertretenden Kreisvorsteher aufgestiegen. Auch im Ruhestand trug er Strenge und Schärfe im Gesicht. Wenn er durch die Straßen spazierte, runzelte er die Stirn und richtete seine Augenschlitze auf alles, was ihm missfiel. Sah er herumhängende junge Männer, sagte er wütend: „Hätte ich noch Macht, ich würde euch Manieren beibringen!" Sah er Mädchen in allzu freizügiger Kleidung, spuckte er verächtlich auf den Boden. Vor Jahren hatte die Schwiegermutter Wu Xiaohao zugeflüstert: Der Alte habe auf der Straße eine neue Hosenmode gesehen — Taschen nicht an der Seite, sondern vorn — und zu Hause gewütet: „Diese jungen Dinger stecken beide Hände zwischen die Oberschenkel — das ist doch eine Einladung zum Verbrechen!"
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You Haoliang war You Dalians einziger Sohn — er hatte das Aussehen des Vaters geerbt, aber nicht seine Neigungen: Er liebte nicht die Waffe, sondern die Galanterie. In der Oberschule verfolgte er Wu Xiaohao so besessen, dass seine Noten einbrachen und er die Universität nicht schaffte. You Dalian war außer sich und verprügelte seinen Sohn gründlich. Der Sohn hing zu Hause herum; der Vater, damals stellvertretender Kreisvorsteher, konnte das nicht mit ansehen und sprach mit dem Polizeichef. You Haoliang wurde Hilfspolizist bei der Verkehrspolizei. Dort nutzte er den Namen seines Vaters schamlos aus und schikanierte Verkehrsteilnehmer. Einmal hielt er ein ordnungsgemäß fahrendes Auto an und verlangte die Papiere des Fahrers. Der Fahrer lächelte und deutete auf den Rücksitz: „Kreisvorsteher Wang sitzt im Wagen." You Haoliang verzog die Lippen: „Was ist schon dabei? Wessen Familie hat nicht einen Kreisvorsteher?"
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„Wessen Familie hat nicht einen Kreisvorsteher?" — Die Anekdote machte im ganzen Kreis die Runde. Leute, die You Haoliangs Spitznamen kannten, diskutierten: Anscheinend hat You Yanzhu doch keine Augäpfel. Als die Geschichte You Dalian zu Ohren kam, rügte er seinen Sohn wegen der Blamage. Unerwartet verschwand der Sohn am nächsten Tag und kam drei Tage nicht nach Hause. Der stellvertretende Kreisvorsteher ließ die Polizei suchen — die Antwort kam schnell: You Haoliang war nach Jinan abgehauen.
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Von da an veränderte sich Wu Xiaohaos gerade erst begonnenes Universitätsleben von Grund auf.
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Eigentlich hatte sie gehofft, fern der Heimat und fern von You Yanzhu endlich durchatmen zu können. Das Geschichtsinstitut der Shandong-Universität war landesweit berühmt; in den Fünfzigerjahren hatten acht renommierte Gelehrte dort gelehrt — man nannte sie „acht Hengste in einem Stall". Etliche von Wu Xiaohaos Professoren waren deren Schüler und Enkelschüler; ihrer Generation nach gehörte Wu Xiaohaos Jahrgang zu den Urenkelschülern. Die Professoren nannten sie scherzhaft „kleine Fohlen". Wu Xiaohao fühlte sich tatsächlich wie ein junges Fohlen, das von der südlichen Shandong-Ebene ausgebrochen war, um auf den weiten Wissensfluren zu grasen, zu galoppieren — ohne jede Fessel. An vielen Morgen und Nachmittagen saß sie im kleinen Wäldchen östlich des Geisteswissenschaftsgebäudes und las, genoss die leichte Herbstbrise, lauschte dem Rascheln der Blätter und war so glücklich, dass ihr die Tränen kamen. Das Geisteswissenschaftsgebäude nebenan erschien ihr wie ein Tempel — denn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten dort nicht nur die „acht Hengste" der Geschichtsfakultät, sondern auch die „vier Vajras" der Literaturwissenschaft gewirkt, allesamt bedeutende Persönlichkeiten. Sie dachte: Ich muss mich anstrengen und mir sie zum Vorbild nehmen. Mein Vater hat mich immer nur für Gras gehalten — ich muss ihm zeigen, dass ich zu einem Baum heranwachsen kann!
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Das Wäldchen lag nicht nur nahe beim Geisteswissenschaftsgebäude, sondern auch bei der Bibliothek. Viele Kommilitonen kamen hierher zum Lesen; immer wieder saßen Pärchen eng beieinander und flüsterten. Wu Xiaohao beneidete sie — eine reine Liebe während der Studienzeit erleben zu dürfen. Nicht so wie sie, die für das Studiengeld ihren Körper verkauft hatte. Sie dachte: You Yanzhu hat achttausend Yuan für mein Studium bezahlt, zwischen uns ist geschehen, was geschehen ist — er müsste zufrieden sein und mich gehen lassen, oder? Sie träumte sogar davon, nach der Ankunft an der Shandong-Universität reinen Tisch mit den Yous zu machen und ein völlig neues Leben zu beginnen. Es gab Stipendien für gute Leistungen — das Essen wäre kein Problem. Als sie die klugen, gut aussehenden Kommilitonen sah, schlug ihr mehr als einmal das Herz höher.
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An einem Frühlingstag im zweiten Studienjahr ging sie ins Pappelwäldchen zum Lesen. Plötzlich hörte sie Schläge gegen einen Baumstamm. Als sie sich umdrehte, sah sie einen Studenten mit markanten Zügen — buschige Augenbrauen, große Augen —, der mit der Faust auf einen Stamm hämmerte, offensichtlich aufgewühlt. Er bemerkte sie ebenfalls, hielt sein Buch hoch: „Hast du das gelesen?" Als er sah, dass sie den Titel nicht erkennen konnte, kam er herüber: „‚Der Sprung' — eine Dokumentation der drei großen Denkbefreiungen im modernen China. Es bringt einen zum Kochen! Lies es unbedingt!" Wu Xiaohao nickte. Er stellte sich vor: Jahrgang 1996, Liu Jingji, aus Qingdao. Wu Xiaohao fragte, ob sein Name mit „das Land regieren und das Volk retten" zu tun habe. Liu Jingji lachte laut: „Falsch! 1978 wurde auf dem Dritten Plenum beschlossen, den Schwerpunkt auf die Wirtschaft zu verlagern — mein Vater war Lehrer und wollte modern sein. Aber inzwischen habe ich tatsächlich Ambitionen entwickelt: fleißig studieren, aus der Geschichte lernen, viele Fragen durchdenken und eines Tages eine hohe Position erreichen, um das Land voranzubringen!" Wu Xiaohao war von seinem Enthusiasmus angesteckt und sagte aufrichtig: „Ich wünsche dir Erfolg!" Liu Jingji bedankte sich und fragte nach ihrem Namen. Wu Xiaohao antwortete wahrheitsgemäß. Liu Jingji betrachtete sie: „Ich vermute, du kommst vom Land — sonst hießest du nicht ‚Kleines Gras'." Wu Xiaohao sagte: „Richtig geraten. Aber ich will nicht mein ganzes Leben Gras bleiben — ich will zu einem Baum heranwachsen. Du willst das Land lenken — das wäre ein Tragpfeiler der Nation. Wenn ich ein großer Baum werde, möchte ich nur etwas hinterlassen und mein Leben nicht verschwenden." Liu Jingji klopfte auf die Pappel: „Gut! Dieser Baum sei unser Zeuge — in zwanzig Jahren haben wir unsere Träume verwirklicht!" Wu Xiaohao nickte, legte die Hand an den Stamm, blickte empor zur Baumkrone, und Tränen strömten ihr übers Gesicht.
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Sie lieh sich ebenfalls „Der Sprung" aus — es öffnete ihr die Augen. Der Autor zeichnete auf 320.000 Zeichen die zwanzigjährige Geschichte der geistigen Befreiung seit Reform und Öffnung nach und legte dramatische Konfrontationen offen. Beim Lesen schlug ihr Herz: Das ist Geschichte — Geschichte, die unsere Generation durchlebt! Wie wird China in zwanzig Jahren aussehen? Kann ich als Erwachsene an der Gestaltung von Geschichte teilhaben?
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Das war im Frühling 1998, Wu Xiaohaos zwanzigster Frühling — der schönste ihres Lebens. Sie und Liu Jingji trafen sich oft in jenem Wäldchen, saßen einander gegenüber, sprachen über Vorlesungen, Bücher, Geschichte, Gegenwart — manchmal bis in die Nacht. Frische Gedanken funkelten mit dem Sternenlicht; keimende Gefühle wuchsen mit Gras und Bäumen. Mehrmals, kurz vor Sperrstunde, begleitete Liu Jingji sie bis zum Mädchenwohnheim. Als sie sich umwandte, schimmerten seine Augen im Laternenlicht, und sie spürte den Drang, in seine Arme zu laufen. Aber sie wagte es nicht — sie wusste, dass sie es nicht verdiente.
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An einem weiteren Nachmittag trafen sie sich wieder im Pappelwäldchen. Gerade als sie vertieft redeten, stürzte plötzlich jemand von hinten heran und versetzte Liu Jingji einen Faustschlag auf die Brust: „Meine Frau anfassen — das wagst du?" Es war You Haoliang. Liu Jingji stand auf und fragte Wu Xiaohao ungläubig: „Ist das dein Freund?" Wu Xiaohao wagte nicht, ihn anzusehen. Feuerrot im Gesicht, hielt sie You Haoliang fest, damit er Liu Jingji nicht weiter verletzte. You Haoliang wollte auch auf Wu Xiaohao einschlagen: „Ich finanziere dein Studium, und du machst dich hier an Kerle ran!" Inzwischen hatten sich Schaulustige versammelt. Wu Xiaohao war zu Tode beschämt und zerrte ihn zum Campustor hinaus.
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An jenem Abend konnte sie nicht in den Campus zurückkehren. You Yanzhu erklärte, er habe eine Stelle gefunden und werde dauerhaft in Jinan bleiben. Seine Arbeit: Hilfspolizist, vermittelt durch einen alten Untergebenen seines Vaters. Wu Xiaohao protestierte: „Die Universität hat Regeln — ich kann nicht draußen übernachten." You Yanzhu sagte: „Hier gelten auch Regeln: Du kommst jeden Abend zu mir, sonst mache ich dich fertig!"
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„Fertigmachen" bedeutete im südlichen Shandong-Dialekt: jemanden verprügeln, zum Krüppel schlagen.
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Wu Xiaohao kannte seinen Charakter — er meinte, was er sagte. Fortan verließ sie jeden Abend den Campus und lebte in einer gemieteten Wohnung in Dianliu­zhuang mit ihm zusammen. Von da an musste sie das Getuschel ihrer Mitbewohnerinnen ertragen und den Schmerz, nicht mehr mit Liu Jingji reden zu können. Liu Jingji hatte sie einmal nach der Vorlesung abgefangen und gefragt, warum sie ihm nicht gleich gesagt habe, dass sie einen Freund habe. Wu Xiaohao sagte nur „Verzeih mir" und rannte in eine Ecke des Campus, um an der Wand zu weinen. Sie versäumte sogar Professor Fang Zhimings Vorlesung. Als der Professor nachfragte, fand sie, er sei ein aufrichtiger Mensch, dem sie vertrauen könne, und schrieb ihm einen langen Brief, in dem sie ihm ihre Lebensgeschichte und ihr Schicksal offenlegte. Am Ende schrieb sie: „Arm an Geld, arm an Mut — ich bin ein Beispiel dafür. Herr Professor, verachten Sie mich."
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Am nächsten Tag hielt Professor Fang sie nach der Vorlesung zurück und führte im leeren Hörsaal ein langes Gespräch mit ihr. Er sagte: „Xiaohao, danke für dein Vertrauen. Wie könnte ich dich verachten? Ich komme selbst vom Land, ich kenne die Ohnmacht der Armut, ich verstehe die Kompromisse in der Not. Lieber als Jade zerbrechen als als Ziegel heil bleiben — das ist gewiss ehrenwert. Aber Demütigungen ertragen, um für die Zukunft zu kämpfen — ist das nicht auch Lebensklugheit? Goujian, Han Xin, Sima Qian — ohne das Wort ‚Dulden' wären sie keine Legenden geworden. In all den Jahren habe ich viele Kinder aus armen Familien gesehen. Sie alle haben schließlich ihr Studium abgeschlossen und im Beruf Erfolg gehabt. Wenn sie auf ihren Lebensweg zurückblicken und sich fragen, wie sie es geschafft haben, denken viele wohl an das Wort ‚Dulden'. Aber ..." Professor Fang hielt inne und sah Wu Xiaohao direkt in die Augen: „Dulden ist nur eine von mehreren Möglichkeiten. Sich wehren ist eine andere — und auch das ein Weg, sich selbst zu verwirklichen. Xiaohao, ich sage dir in allem Ernst: Wenn du dich für den Widerstand entscheidest und dich entschlossen von deinem Freund trennst, unterstütze ich dich moralisch — und notfalls auch finanziell."
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Wu Xiaohao brach in Tränen aus und brachte nach langem Schluchzen nur heraus: „Dass Sie das sagen, Professor, genügt mir ... Meine Angelegenheiten regele ich selbst, ich darf Ihnen nicht zur Last fallen ..."
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Doch Wu Xiaohao konnte die Sache nie „regeln" und You Yanzhu nicht abschütteln. Denn der gab ihr nur zwei Optionen: weiter zusammenleben — dann Frieden; sich trennen — dann Blut an der Shandong-Universität. Wu Xiaohao überlief es eiskalt, und sie wählte die Geduld. Sie duldete bis zum Abschluss, bewarb sich in Yucheng und heiratete You Yanzhu standesamtlich. Am Neujahrstag 2003 feierte die You-Familie im Kreisregierungsgästehaus eine prunkvolle Hochzeit. Der Moderator bat den Bräutigam, das Geheimnis seines Liebeserfolgs zu verraten. You Haoliang lächelte selbstzufrieden: „Sobald ich daran dachte, eine schöne Universitätsabsolventin zur Frau zu bekommen, hatte ich unendlich viel Kraft und unendlich viele Mittel!"
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In jenem Moment blitzten in Wu Xiaohaos Herz zwei Worte auf: unendliche Demütigung, unendlicher Schmerz.
  
 
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Latest revision as of 11:51, 8 April 2026

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Durch Berge und Meere — Teil 3

Beim Mittagessen musste Wu Xiaohao an ein Netzwort denken, das ihre Tochter Diandian in ihrem Tagebuch benutzte: eine „Wal"-Überraschung.

Was sie verblüffte: Die meisten Meeresfrüchte wurden roh gegessen — Seegurken in Scheiben, Garnelen in Stücke geschnitten, Herzmuscheln frisch aus der Schale — alles in Essig getunkt. In einer großen Schüssel zuckten blaugrüne Garnelen, vom Reiswein betäubt, streckten und krümmten noch die Beine, wurden aber von He Chengshou und den anderen mit den Stäbchen gepackt und in den Mund geschoben. Als Wu Xiaohao nicht wagte, die Stäbchen auszustrecken, schnalzte He Chengshou mit der Zunge: „Du bist viel zu zaghaft! Wie willst du mit so einer Haltung mit den Leuten hier auskommen?"

So gedrängt, nahm Wu Xiaohao schließlich eine Garnele. Kaum hatte sie sie zum Mund geführt, streckte die Garnele plötzlich den Leib. Als sie diesen letzten Todeskampf spürte, wurde ihr übel; hastig legte sie die Garnele zurück auf den Tisch und hielt sich mit beiden Händen den Mund zu, den Kopf schüttelnd.

Wan Yufeng klopfte ihr auf die Schulter: „Vize-Bürgermeisterin Wu, Schwester Wu — wenn du Rohes nicht verträgst, servieren wir dir Gekochtes. Gestern hat der Bürgermeister extra angerufen und gebeten, heute für dich die ‚Drei Fischerspezialitäten' zuzubereiten." Damit rief sie zur Tür hinaus: „Zweiter Bruder, die Drei Fischerspezialitäten — Vorhang auf!"

Der „Zweite Bruder" war der Dorfbuchhalter. Lächelnd, das Gesicht voller Falten, brachte er nacheinander drei Fische auf Tellern herein. He Chengshou deutete mit den Stäbchen darauf und erklärte Wu Xiaohao: „Kopf vom Rotbrassen, Schwanz vom Gelbschwanz, Bauchstück vom Silbermesserfisch. Das waren früher die drei Lieblingsstücke der Fischer. Heute, dir zu Ehren, habe ich die Ostwind-Tante gebeten, alles aufzutreiben."

Wu Xiaohao fragte erstaunt: „Mir zu Ehren? Haben Sekretär Zhou und du mich nicht gestern schon begrüßt?"

He Chengshou sagte: „Gestern war das Parteikomitee der Gemeinde, heute die Gemeindeverwaltung. Wenn so eine begabte und hübsche Kollegin zu uns kommt, muss ich als Bürgermeister doch ein eigenes Begrüßungsessen geben — wie stünde ich sonst da? Also: Die Gemeindeverwaltung Kaipo heißt dich willkommen! Auf dieses Glas!"

Dem erhobenen Glas des Bürgermeisters konnte Wu Xiaohao sich nicht entziehen. Sie nahm ihr eigenes, stieß an und nippte zaghaft. He Chengshou hielt sein Glas hoch und deutete auf sie: „Hör auf mit der Zimperlichkeit! Wenn ich dir einschenke, traust du dich nicht zu trinken?" Wu Xiaohao bat: „Bürgermeister, ich vertrage keinen Alkohol, bitte hab Nachsicht." He Chengshou verzog die Miene: „Wu Xiaohao, ich sage dir in aller Deutlichkeit: Wer für Sicherheit zuständig ist, muss sich stets dem Unsicheren stellen. Aber, jedoch, kurzum — wenn du dieses Glas trinkst, garantiere ich, der alte He, für deine Sicherheit!"

Bei diesen Worten wurde Wu Xiaohao hellhörig. Gestern, bei der gemeinsamen Sitzung von Parteikomitee und Gemeindeverwaltung, hatte Sekretär Zhou Bin verkündet, die neue stellvertretende Bürgermeisterin Wu Xiaohao sei für Kultur und Sicherheit zuständig. Abends hatte sie Fan Weixing angerufen — den Direktor des Bezirksamts für Kultur und Sport, Absolvent der Literaturwissenschaft an der Shandong-Universität, zwei Jahrgänge über ihr — und diesen älteren Studienfreund gefragt, worauf sie sich bei diesen beiden Bereichen einstellen müsse. Fan Weixing sagte: „Kultur ist machbar, da beraten wir uns gemeinsam. Aber Sicherheit ist kein Spaß — du sitzt die ganze Zeit auf einem Pulverfass. Ein kleiner Fehler, und es knallt. Wenn etwas passiert, wirst du zur Rechenschaft gezogen, bestraft — ich übertreibe nicht: Gefängnis ist durchaus möglich. Dass Zhou Bin einer Frau die Sicherheit aufbrummt, ist nicht gerade fair."

Wu Xiaohao hatte in jener Nacht kein Auge zugetan. Sie erinnerte sich an Fälle in den Medien: Tatsächlich waren andernorts bei schweren Sicherheitsunfällen die zuständigen Leiter wegen Pflichtverletzung zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Sie dachte: Ich habe die Prüfung zur stellvertretenden Abteilungsleiterin bestanden und bin als Vize-Bürgermeisterin nach Kaipo gekommen — soll das etwa dazu dienen, mit einem Fuß im Gefängnis zu stehen?

Als der Bürgermeister ihr nun Sicherheit versprach, wenn sie dieses Glas leerte, fasste Wu Xiaohao den Entschluss. Sie trank selten Schnaps, und wenn, dann höchstens zwei, drei Schnapsgläschen — diesmal opferte sie sich für die Sicherheit. Sie hob das Glas an die Lippen, trank einen Schluck, noch einen, das Gesicht schmerzverzerrt. Den letzten Rest kippte sie hinunter und hustete heftig.

He Chengshou reckte ihr den Daumen entgegen: „Bravo, Xiaohao ist eine gute Genossin! Du bist jetzt sicher!" Dann warf er den Kopf zurück und leerte ebenfalls sein Glas.

Wu Xiaohao bemerkte: Als He Chengshou den Kopf zurücklegte, kamen unter seinem breiten Kinn links und rechts zwei schmale, purpurfarbene Flecken zum Vorschein — schockierend deutlich. Als sie ihn anstarrte, sagte Wan Yufeng: „Hast du sie gesehen? Er hat Kiemen. Die Leute auf der Kiemeninsel haben seit Generationen immer wieder solche nicht vollständig zurückgebildeten Fischkiemen — Chengshou ist einer von ihnen."

Wu Xiaohao war erneut „Wal"-erstaunt. Sie streckte die Hand aus, um genauer hinzuschauen, doch He Chengshou schob ihre Hand weg, presste das Kinn fest gegen die Brust und brummte dumpf: „Was gibt's da zu glotzen! Kiemenmenschen sind nur eine Legende."

Li Yanmi sagte: „Bürgermeister He kann wirklich lange unter Wasser bleiben, ohne zum Luftholen aufzutauchen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen."

He Chengshou funkelte ihn an: „Alter Li, hör auf, Gerüchte zu verbreiten! He, zur Begrüßung der Vize-Bürgermeisterin — warum schenkt ihr ihr nicht alle ein?"

Was folgte, war furchtbar: Li Yanmi, Li Dabiao, Wan Yufeng, der Fahrer Zhang — alle brachten ihr der Reihe nach einen Toast. Sie wagte nicht, die Gläser ganz zu leeren, aber selbst kleine Schlucke waren unerträglich. Schließlich stellte sie das Glas ab, winkte mit beiden Händen und stöhnte: „Aus und vorbei — ich bin heute völlig erledigt!"

Doch He Chengshou klatschte laut in seine großen Hände: „Haha, Intellektuelle müssen sich eben mit den Werktätigen verbinden! Im Jargon von vor dreißig Jahren gesagt: Wir sind alle arme Fischer, und du musst tiefe proletarische Gefühle für uns entwickeln!"

Wu Xiaohao machte abwehrende Gesten: „Gefühle kann man nicht erzwingen. Trinkt ihr ruhig weiter — ich jedenfalls nicht mehr." Wan Yufeng sagte: „Wenn du nicht trinkst, musst du wenigstens essen. Es kommt noch etwas Besseres."

Durch den Alkoholnebel hindurch sah Wu Xiaohao den Buchhalter einen Teller mit Kraken hereinbringen — nicht groß, aber alle noch lebendig, sie streckten und krümmten ihre Saugnäpfe bewehrten Fangarme. He Chengshou nahm mit den Stäbchen einen und hielt ihn Wu Xiaohao vors Gesicht: „Roher Krake — probier einmal." Wu Xiaohao wehrte erschrocken ab: „Viel zu gruselig, niemals!" He Chengshou sagte: „Was ist daran gruselig? Ostwind-Tante, mach es ihr vor." Wan Yufeng sagte „Gut", nahm einen Kraken und führte ihn zum Mund. Seine Fangarme saugten sich fest an ihren Lippen, einige Tentakel krochen sogar in ihre Nasenlöcher. Wu Xiaohao konnte nicht mehr hinsehen, sprang auf und flüchtete in den Hof. Weil sie unsicher auf den Beinen war, musste sie sich an einem Granatapfelbaum festhalten.

Auch der Bootssteuermann Xiao Xue kam heraus und murmelte leise: „Echt pervers." Er erzählte Wu Xiaohao, dass es dieses Gericht auf der Kiemeninsel ursprünglich gar nicht gegeben habe — auch nicht in ganz Yucheng. Wan Yufeng habe es aus einer koreanischen Fernsehserie abgeschaut. Sie bereitete es für Bürgermeister He zu, und der fand Gefallen daran. Man sagte, wenn man den Kraken hinunterschluckte, kitzelten die Fangarme die Speiseröhre — ein unbeschreibliches Lustgefühl. Wu Xiaohao winkte hastig ab: „Hör auf, hör auf — mir wird schlecht!"

Xiao Xue ging hinaus und kehrte nicht zurück; er war wohl zum Kai gegangen. Wu Xiaohao wollte nicht wieder ins Haus und setzte sich benommen auf eine Steinbank unter dem Granatapfelbaum. Im Halbschlaf sah sie den fleckigen Schatten des Baumes über ihre Füße wandern und kleine schwarze Ameisen hin und her eilen. Bei genauerem Hinsehen entdeckte sie, dass das Ameisennest in einem Astloch saß — die Ameisen gingen ein und aus, geschäftig und fleißig.

Wu Xiaohao dachte plötzlich: Kaipo ist ein Granatapfelbaum, und Ameisen sind soziale Insekten — seit gestern gehöre ich zu dieser „Kolonie". Ob in diesem Astloch hier wohl auch gerade ein Festmahl stattfindet? Und ob betrunkene Ameisen wohl auch so einen roten Kopf bekommen wie ich? Als sie die Ameisen genauer beobachtete, schien keine einzige unsicher auf den Beinen und keine mit rotem Kopf darunter zu sein.

Wie lange sie so dagesessen hatte, wusste sie nicht, als sie den Bürgermeister rufen hörte: „Aufbruch, Aufbruch!" Sie drehte sich um und sah die Zecher aus dem Haus kommen. Bürgermeister He war kein bisschen verändert — genauso forsch im Schritt, genauso laut in der Stimme. Li Yanmi hatte seine gewohnte Biederkeit abgelegt und grinste nur noch vor sich hin. Li Dabiao steckte sich aus unerfindlichen Gründen im Gehen Zigaretten hinter die Ohren — schon zwei auf jeder Seite, und er versuchte, noch mehr unterzubringen. Wan Yufeng stürzte sofort auf Wu Xiaohao zu, hielt sie in einer Alkoholwolke umschlungen und sagte: „Du hast den rohen Kraken nicht probiert — solch ein Genuss, und du verpasst ihn! Das ist ein großer Verlust fürs ganze Leben."

Wu Xiaohao hatte keine Lust, sich mit ihr abzugeben, befreite sich aus der Umarmung und taumelte zum Hoftor. Am Kai verabschiedete sie sich von den Dorfkadern, stieg mit He Chengshou und den anderen ins Schnellboot.

Das Boot legte ab. Wu Xiaohao saß mit dem Bürgermeister in der letzten Reihe. Sie hielt sich die Hände vors Gesicht und sagte mit gesenktem Kopf: „Bürgermeister, ich bin betrunken, das ist mir peinlich." He Chengshou sagte: „Sich einmal richtig volllaufen zu lassen, das schweißt zusammen." Wu Xiaohao schielte zu ihm hinüber: „Wieso bist du nicht betrunken?" He Chengshou lachte laut: „Ich habe ein Alkoholleck — tausend Gläser können mich nicht umwerfen." „Wo ist dein Alkoholleck?" He Chengshou neigte das Gesicht zur Seite und deutete unter seinen linken Unterkiefer: „Hier." Wu Xiaohao sah genau hin: unter dem breiten Kiefer zwei purpurfarbene Flecken, feucht schimmernd. Sie sagte erstaunt: „Du bist wirklich ein Kiemenmensch."

Während sie noch staunte, tauchte plötzlich eine große Hand vor ihrem Gesicht auf — fünf Finger, drei gestreckt, zwei gekrümmt. Hinter der Hand das ölig glänzende Grinsen des Bürgermeisters. Der zu einem Ring geformte Daumen und Mittelfinger sprangen plötzlich auseinander. Als der Mittelfinger hochschnellte, traf er ihre Stirn mit einem lauten „Plopp". Der Schmerz fuhr wie ein elektrischer Schlag durch den ganzen Kopf und strahlte bis in die Eingeweide aus.

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Am Abend rief Wu Xiaohao in ihrem Quartier ihre beste Freundin Zhen Yueyue an und erzählte ihr von den Erlebnissen des Tages. Am anderen Ende sagte Zhen Yueyue mit fast schadenfroh klingender Genugtuung: „Gut, gut! Wer hat dich aufs Land geschickt, wer musste unbedingt hohe Ideale und große Ambitionen haben, wer konnte das gute Stadtleben nicht genießen und musste dreißig Kilometer raus, um Vize-Bürgermeisterin zu werden? Wart's ab — es dauert nicht lang, dann bist du eine nach Schnaps stinkende, unflätig fluchende Funktionärin, die sich womöglich mit nach Fisch stinkenden Fischerjungs im Bett wälzt — nein, nicht im Bett, am Sandstrand. Und ich warne dich: Bring mir bloß kein rückentwickeltes Baby mit Fischkiemen zurück — mir wird schon schlecht beim Gedanken!"

Wu Xiaohao hörte das, und die Hand mit dem Handy zitterte. Sie holte tief Luft und sagte im gewohnten Scherzton: „Gevatterin, du bist gegen mein Landleben, schon klar — aber musst du mich gleich so fertigmachen? Das ist doch etwas zu gehässig, oder?"

„Gevatterin? Bisher schon — aber ob auch in Zukunft, weiß ich nicht. Wenn das so weitergeht, sind wir kein gleiches Paar mehr ..."

Wu Xiaohaos Herz begann zu zittern. Sie legte einfach auf, ließ sich aufs Bett fallen und seufzte tief: „Ach ..."

Vor zwei Monaten hatte Wu Xiaohao die Ausschreibung der Organisationsabteilung des Bezirkskomitees gesehen — stellvertretende Abteilungsleiter für den Einsatz in ländlichen Gemeinden gesucht. Sie beschloss sofort, sich zu bewerben. Doch die Entscheidung stieß auf breiten Widerstand: Ehemann, Kind, beste Freundin — niemand war einverstanden. Die meisten fanden, die Arbeit beim Bezirkskonsultativrat sei für eine Frau geradezu ideal — einmal im Jahr ein Heft Kulturgeschichte herausgeben, entspannt und ruhig, nach Feierabend den Haushalt erledigen, das Kind betreuen, ein geordnetes kleines Leben führen.

Dass ihr Mann You Haoliang dagegen war, berührte sie nicht — sie wollte ohnehin von ihm weg. Die Quälereien der letzten zehn und mehr Jahre hatte sie satt bis obenhin. Dass ihre Tochter, gerade in der dritten Klasse, dagegen war, hatte sie erwartet — Mutter und Tochter hingen aneinander, und die Trennung würde wehtun. Aber You Haoliang liebte das Kind, und mit seiner Fürsorge konnte sie beruhigt sein; mit der Zeit würde die Tochter sie verstehen.

Was sie nicht erwartet hatte, war die Schärfe von Yueyues Worten.

Nach dem Universitätsabschluss war Wu Xiaohao nach Yucheng gezogen und hatte einige Freundinnen gewonnen, darunter ein paar, denen sie ihr Herz anvertrauen konnte. Nach Feierabend oder am Sonntag mit ihnen bummeln, in einem Café die Zeit genießen, oder zusammen hinaus aufs Land fahren, an einem schönen Fleckchen ein Picknick machen und fröhlich wieder heimkehren — das waren die schönsten, köstlichsten Erlebnisse in Wu Xiaohaos Leben.

Am engsten vertraut war sie mit Zhen Yueyue. Diese stammte aus einer Jinan-Intellektuellenfamilie, der Großvater war Archivar am provinzialen Kulturgeschichtsmuseum, die Eltern arbeiteten beide im Kulturbereich. Nach dem Studium hatte sie sich nach dem Leben am Meer gesehnt und war zur Stadtbibliothek von Yucheng gekommen. Zhen Yueyue war eine „eingefleischte Ästhetin" — Wu Xiaohao bewunderte ihre angeborene Vornehmheit und Eleganz, schätzte den Umgang mit ihr und sprach mit ihr von Herzen über alles, was sie bewegte. Auch Zhen Yueyue war Wu Xiaohao gegenüber ohne Vorbehalte; bei Kummer kam sie immer zu ihr. Einmal, in einem Café, redeten sie so vertraut, dass sie sich über den Tisch hinweg die Hände hielten, sich in die Augen sahen und vor Rührung verstummten. Wu Xiaohao dachte oft: Eine wahre Freundin im Leben zu haben — das genügt. Wie wahr.

Sie erfuhren, dass es in Yucheng den Volksbrauch gab, für Kinder Pateneltern zu finden, um fehlende Elemente im Schicksal des Kindes auszugleichen. Die Eltern beider Seiten wurden dadurch „Gevatter" und pflegten enge Beziehungen. Bei Paaren, die passenderweise je einen Jungen und ein Mädchen hatten, scherzte man gern über eine künftige Verbindung der Kinder, um die Freundschaft zu vertiefen. Vor zwei Jahren, als Zhen Yueyues Sohn und Wu Xiaohaos Tochter fröhlich miteinander spielten, sagte Zhen Yueyue: „Werden wir doch Gevattern nach hiesiger Sitte." Wu Xiaohao sagte begeistert: „Gern! Ich bin sehr bereit, die Schwiegermutter von Fa Buer zu werden." Zhen Yueyue war Buddhist, ihr Mann hieß Fahui, und den Sohn nannten sie Fa Buer. Beide erzählten es ihren Ehemännern, und beide Männer stimmten zu. Fahui, ein Maler, griff vor Freude zum Pinsel und malte ein Bild: darauf zwei Kinder auf Steckenpferden spielend, daneben zwei Ehepaare mit erhobenen Gläsern, dazu ein Scherzvers: „Auf Steckenpferden reiten zwei, / Runde um Runde im Kreis. / Vier Gläser klingen — Prost! / Gevattern sind die Glücklichsten."

Vor einem Monat hatte Zhen Yueyue sie zum gemeinsamen Haarefärben eingeladen. Beide ließen sich im Friseursalon aschblond färben, nur die Frisuren waren verschieden: Yueyue trug einen Mittelscheitel mit großen, bewusst zerzausten Locken; Wu Xiaohao mochte kurzes Haar und ließ sich einen Pilzkopf schneiden. Jetzt lag Wu Xiaohao im Quartier der Gemeindeverwaltung Kaipo, dachte an die Worte „kein gleiches Paar" und raufte sich den Pilzkopf zu einem Vogelnest. Yueyues Worte mochten scherzhaft gemeint sein, doch ihre Wirkung war verheerend. Für Wu Xiaohao war eine Freundin wie Yueyue in ihrem Leben wie eine Quelle in der Wüste, wie ein frischer Windhauch im Dunst. Sie zu verlieren wäre ein schwerer Schlag.

Dennoch wollte Wu Xiaohao nicht länger in ihrer alten Dienststelle die Tage vertrödeln. Sie hatte beim Bezirkskonsultativrat die „Kulturgeschichte von Yucheng" herausgegeben — ruhige, geregelte Arbeit —, als plötzlich ein unmöglicher neuer Direktor kam. Direktor Chu, ehemaliger Amtsleiter, war mit vierundfünfzig auf den Posten des Leiters der Kulturgeschichtsabteilung versetzt worden. Am ersten Tag erklärte er seinen zwei Untergebenen frank und frei, er liebe Kulturarbeit nicht, könne auch nicht schreiben — die Organisation habe ihm diese Stelle aufgezwungen. Von da an trank er jeden Tag Tee, schwadronierte über seine früheren Großtaten und rühmte seine Verdienste. Wu Xiaohao mochte nicht zuhören und vertiefte sich in ihre Arbeit. Als sie ihm das fertige Manuskript zeigte, sagte Direktor Chu nur: „Wozu dieses Zeug? Bringt das wirtschaftlichen Nutzen?" Wu Xiaohao verschlug es die Sprache, und ihre Arbeitsfreude sank drastisch. Aber das fertige Manuskript sollte doch erscheinen? Direktor Chu weigerte sich jedoch, beim Finanzamt um Mittel zu bitten: „Ich, der alte Chu, habe früher jährlich Millionen vergeben — alle kamen zu mir und baten mich. Jetzt soll ich bei anderen betteln gehen? Niemals!" Und so war das Bezirkskonsultativrat, das früher jährlich einen Band herausgebracht hatte, unter Direktor Chu drei Jahre lang verstummt. Wu Xiaohao streichelte die Manuskriptstapel, in die sie ihr Herzblut gesteckt hatte, und beschloss, zu gehen. Lieber an einer Schule unterrichten und wenigstens etwas Erfüllung finden, als hier ihre besten Jahre damit zu verbringen, einem gescheiterten Bürokraten beim Teetrinken und Schwadronieren Gesellschaft zu leisten. Nein, niemals!

Während des Studiums hatten sie die von Lehrern geschilderten historischen Persönlichkeiten immer wieder tief bewegt — mutige, aufrechte Menschen, die für ihre Ideale eingetreten waren. Besonders als Professor Fang einmal über das China vor hundert Jahren sprach — ein Land im Sturm, ein Volk in Not — da suchten viele kluge, entschlossene Männer und Frauen nach einem Ausweg für China, und viele gaben dafür ihr Leben. Wu Xiaohao liefen Tränen übers Gesicht. Sie dachte: Das Leben ist kurz wie der Sprung eines weißen Pferdes über einen Spalt — kann man in diesem flüchtigen Augenblick der Welt eine Veränderung schenken? „Aufstieg und Fall des Landes gehen jeden an" — ich bin keine Heldin, nur eine gewöhnliche kleine Frau, aber ein gewöhnliches Leben will ich nicht führen.

Da sah sie die Stellenausschreibung der Organisationsabteilung und meldete sich unverzüglich an. Vergangenen Mittwoch war die Ergebnisliste veröffentlicht worden — ihr Name stand darauf.

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Wu Xiaohao beging einen schweren Fehler.

An jenem Morgen erhielt sie einen Anruf von Liu Dalou, dem Leiter des Partei- und Verwaltungsbüros der Gemeinde: Bezirksvorsteher Zhi sei zu einer Inspektionsreise nach Kaipo gekommen; Sekretär und Bürgermeister hätten ihn bereits am Ortseingang abgeholt; alle Kader auf Abteilungsleiterebene sollten sofort zum Empfang vor das Gebäude treten.

Wu Xiaohao eilte hinunter. Gut zehn Kader kamen nach und nach die Treppe herab und stellten sich auf. Nach wenigen Minuten rollten die Wagen des Sekretärs und des Bürgermeisters durchs Tor, dahinter ein funkelnagelneuer Luxus-Passat. Die ersten beiden Wagen parkten auf der Westseite; der Passat hielt geradewegs vor Wu Xiaohao. Sie dachte: Ich sollte dem Bezirksvorsteher die Tür öffnen — und streckte lächelnd die Hand aus. In diesem Moment rannte Sekretär Zhou Bin herbei und zischte sie an: „Wu Xiaohao, was tust du da?" Wu Xiaohao zog die Hand zurück wie verbrüht. Zhou Bin griff nach dem Türgriff, öffnete die Tür des Bezirksvorstehers, verbeugte sich mit strahlendem Gesicht: „Herr Bezirksvorsteher, bitte steigen Sie aus."

In diesem Augenblick begriff Wu Xiaohao, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Ja — was hatte sie sich dabei gedacht? Wer war sie denn, dem Bezirksvorsteher die Tür zu öffnen? Vor aller Augen musste das aussehen, als wolle sie sich beim Bezirksvorsteher anbiedern. Sie trat zurück, das Gesicht glühend rot.

Der Bezirksvorsteher ging unter Begleitung der Kader ins Sitzungszimmer und hörte Sekretär Zhou Bins Bericht an. Wu Xiaohao saß geistesabwesend da; was der Sekretär vortrug, nahm sie kaum wahr — nur sein Tadel hallte ihr wieder und wieder in den Ohren. Doch innerlich sträubte sie sich: Um Vorgesetzten die Autotür zu öffnen, braucht man eine Rangberechtigung? Strenge Hierarchie, die „Regeln" darf man nicht übertreten? Diesen Standesdünkel der Bürokratie hatte sie heute am eigenen Leib erfahren.

Nach dem Bericht nickte der Bezirksvorsteher: „Gut. Fahren wir hinunter und schauen uns um."

Der Bezirksvorsteher verließ mit den beiden Gemeindeführern das Sitzungszimmer. Kader, die nicht zur Begleitung berechtigt waren, kehrten in ihre Büros zurück oder machten sich auf zu den ihnen zugewiesenen Dörfern. Wu Xiaohao hatte eigentlich die Kulturstationsleiterin bitten wollen, ihr die Kulturstätten zu zeigen, aber jetzt war ihr die Stimmung vergangen. Sie ging in ihr Büro zurück und saß dort vor sich hin. Sie wusste: Das Gesprächsthema Nummer eins unter den Kaipoer Kadern würde heute ihr voreiliger Griff nach der Autotür sein.

Ihre Vermutung bestätigte sich. Kurz darauf klopfte eine Frau mittleren Alters an die Tür und trat mit empörter Miene ein: „Vize-Bürgermeisterin Wu, ich habe von meinem Alten gehört, dass der Sekretär Sie vorhin zurechtgewiesen hat?" Wu Xiaohao stand auf: „Darf ich fragen, wie Sie heißen?" Die Frau sagte: „Hao Juan, stellvertretende Leiterin des Familienplanungsbüros. Lai Chunxiang ist mein Mann." Wu Xiaohao verstand: Der Vorsitzende des Gemeindevollzugsausschusses Lai hatte seiner Frau von ihrer Blamage erzählt. Wu Xiaohao lächelte gezwungen: „Tja — wer heißt mich, die Regeln nicht zu kennen?" Hao Juan schwenkte die Hand: „Was für Regeln! Dieser Zhou hat Allüren! Sie als Frau und Neuankömmling — Sie vor aller Augen bloßzustellen! Was ist das für eine Führungskraft?"

Wu Xiaohao bemerkte, dass sich beim Sprechen um Hao Juans Lippen dichte Fältchen bildeten, die den Mund wie zwei zusammengepresste Muschelschalen aussehen ließen. Hao Juans Worte trafen Wu Xiaohaos wunden Punkt. Doch sie wusste: Die Beziehungsgeflechte in der Gemeinde waren verworren; sie durfte nicht unbedacht ins Klatschrad greifen. Sie deutete auf einen Stuhl und bat Hao Juan, Platz zu nehmen.

Hao Juan setzte sich und legte nach: „Der Sekretär ist unmöglich! Warum bringt er eine Frau ausgerechnet in diesem Zimmer unter!" Wu Xiaohao war am Vortag zur Anmeldung gekommen; Direktor Liu Dalou hatte sie zu einem Raum hinter dem Bürogebäude geführt und gesagt, das sei ihr Quartier — zuvor habe hier ein Vizebürgermeister gewohnt, der inzwischen im Ruhestand sei. Das Zimmer war sauber; sie hatte nicht weiter nachgedacht und ihr Bettzeug abgelegt. Nun fragte sie Hao Juan: „Was ist mit dem Zimmer?" Hao Juan sagte: „Dort hat sich einer erhängt." „Was?" Wu Xiaohao lief es eiskalt über den Rücken.

Hao Juan erzählte: Irgendwann in den Achtzigern sei ein frisch diplomierter, gut aussehender Universitätsabsolvent als Parteisekretär hierhergeschickt worden. Der damalige Parteisekretär wollte sein Können testen und trug ihm gleich am ersten Abend auf, eine Rede zu schreiben, die der Sekretär am nächsten Morgen bei der Sommerproduktionsmobilisierung halten wollte. Am nächsten Morgen war die Rede nicht da. Man schickte jemanden — keine Antwort. Schließlich ließ der Sekretär die Tür aufbrechen. Man fand den jungen Mann erhängt am hinteren Fenster. Auf dem Schreibtisch lagen zusammengeknüllte Papiere. Man faltete sie auf: Auf jedem stand nur „Genossen" und ein Doppelpunkt.

Hao Juan gestikulierte lebhaft: „Bei Leuten, die als Sekretär angefangen haben, gibt es zwei Sorten: Die einen werden von anderen zu Tode gequält, die anderen quälen andere zu Tode. Der junge Mann war gerade erst angetreten, kannte nichts und niemanden, und der Sekretär ließ ihn eine Rede schreiben. Er war so ehrgeizig, dass er lieber zum Strick griff, als sein Gesicht zu verlieren. Die andere Sorte — hat man lang genug als Sekretär gedient und ist die geduldige Schwiegertochter endlich selbst zur Schwiegermutter geworden, quält man seine Untergebenen. Unser Sekretär Zhou ist genau diese Sorte."

Wu Xiaohao wusste, dass Sekretär Zhou Bin früher stellvertretender Leiter des Bezirksbüros gewesen war, zuständig für Schriftverkehr, ein Meister im Verfassen von Dokumenten — gewöhnliche Texte fanden kaum seine Gnade. Sie fragte: „Er ist hier ja nicht mehr für Schriftliches zuständig — wie quält er dann seine Leute?"

Hao Juan lachte bitter: „Genauso. Direktor Liu vom Büro schreibt einen Entwurf — der Sekretär findet ihn unbrauchbar, lässt ihn wieder und wieder überarbeiten, bis Liu Nächte durcharbeitet. Liu hat sich schon beklagt: Manchmal, wenn er bis Mitternacht an Texten sitzt und geistig am Ende ist, möchte er am liebsten seinem Vorgänger folgen und sich aufhängen. Nicht nur er — viele sagen, ihre Texte werden beim Sekretär immer wieder abgelehnt, und sie wollen nicht mehr weiterleben."

„Was für Texte müssen die denn schreiben?"

„Jeder muss schreiben — Untersuchungsberichte, Arbeitszusammenfassungen, alle paar Tage wird etwas fällig. Dabei sollten Gemeindekader sich aufs Handeln konzentrieren — wozu so viel Papier? Aber Sekretär Zhou sagt: Egal wie gut die Arbeit ist, sie muss sich in Schriftform niederschlagen. Die Fähigkeit, gut zu schreiben, sei die wichtigste Fähigkeit eines Kaders. Er hat sogar eine Losung ausgegeben, wie hieß sie gleich? Ach ja: ‚Schrift wiegt schwerer als der Himmel!'"

Wu Xiaohao musste an zwei Verse des Qing-zeitlichen Literaten und Historikers Zhao Yi denken: „Macht den kleinen Federkiel nicht zur Säule, die den Himmel stützt." Die Formel „Schrift wiegt schwerer als der Himmel" kannte sie; unter Gelehrten mochte man die überragende Bedeutung guten Schreibens so betonen — als Losung für Gemeindekader war sie doch etwas abwegig.

Hao Juan fuhr fort: „Das ist noch nicht alles. Er verlangt auch, dass in den Berichten der übergeordneten Stellen und in den Medien regelmäßig Neuigkeiten aus Kaipo erscheinen. Er hat ein Belohnungssystem eingeführt: Veröffentlichung in einem zentralen Medium — zehntausend Yuan Prämie; auf Provinzebene fünftausend; auf Stadtebene eintausend. Du hast doch jahrelang in der Stadt gearbeitet — kennst du nicht Journalisten? Hilf mir, etwas unterzubringen." Dabei zog sie ein winzig zusammengefaltetes Blatt Druckpapier aus der Tasche.

Jetzt verstand Wu Xiaohao den eigentlichen Grund für Hao Juans Besuch. Sie nahm den Text und faltete ihn auf: eine Halbjahres-Zusammenfassung der Familienplanungsarbeit in Kaipo — nichts, was eine Zeitung interessieren würde. Doch sie wollte Hao Juan nicht brüsk abweisen und sagte: „Direktorin Hao, ich habe vorher beim Bezirkskonsultativrat gearbeitet und habe wenig Kontakt zu Journalisten. Wenn ich in die Stadt zurückfahre, versuche ich, es über Bekannte an eine Redaktion weiterzureichen."

Hao Juan faltete die Hände und verneigte sich überschwänglich: „Danke, Vize-Bürgermeisterin Wu, vielen Dank!" Dann begann sie über ihren Mann zu klagen. Vor drei Jahren sei der damalige Sekretär Chen befördert worden. Eigentlich hätte ihr Mann als langjähriger Vize-Sekretär nachfolgen müssen — wer denn sonst? Doch dann sei Zhou Bin wie vom Himmel gefallen, und ihr Mann habe sich mit dem machtlosen Posten des Volkskongress-Ausschussvorsitzenden zufriedengeben müssen. Bei Nachforschungen habe sich herausgestellt, dass Zhou Bin unbedingt aufs Land wollte, um sich für eine Beförderung zu qualifizieren, und sich bei den Vorgesetzten regelrecht eingeschmeichelt habe. „Dieser Mensch ist ehrgeizig. Was hat er getan, seit er hier ist? Schöne Fassaden und Papierkram ..."

Wu Xiaohao merkte, dass sie Hao Juan nicht länger zuhören durfte. Zu viel Umgang mit solchen Klatschbasen würde sie in einen Strudel aus Gerede und Intrigen hineinziehen, aus dem sie sich nicht mehr befreien konnte. Sie sagte: „Direktorin Hao, entschuldige — ich muss jetzt aufbrechen. Die Kulturstationsleiterin soll mich herumführen."

Hao Juan machte eine geheimnisvolle Miene: „Guo Mo soll dich begleiten? Die ist die Vertraute des Sekretärs. Wenn du dich gut mit ihr stellst, stehst du gut mit dem Sekretär."

Wu Xiaohao wurde ärgerlich: „Was soll das heißen? Ich bin für Kultur zuständig — zwischen uns besteht ein Arbeitsverhältnis, nichts weiter."

Hao Juan gab sich den Anschein, nicht lockerzu­lassen: „Gerade weil du für die Kulturstation zuständig bist, musst du über Guo Mo Bescheid wissen. Die ist eine Fischerstochter. Dass sie Stationsleiterin geworden ist, liegt nicht nur am Singen, sondern daran, dass sie es mit den Vorgesetzten ..." Dabei zwinkerte sie Wu Xiaohao vielsagend zu.

Wu Xiaohao wollte dieses Getuschel nicht länger hören und rief Guo Mo an: „Komm, fahren wir los." Sie stand auf und ging hinaus. Hao Juan folgte ihr bis zur Tür und flüsterte: „Weil ich dir vertraue, sage ich dir das alles. Erzähl es bloß niemandem."

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Kaum hatte Wu Xiaohao das Bürogebäude verlassen, kam Guo Mo auf einem Motorrad vom Kulturzentrum am hinteren Ende des Geländes angefahren. Das Motorrad war uralt, machte einen Höllenlärm, und aus dem Auspuff quoll blauer Rauch.

Guo Mo hielt an und lächelte: „Vize-Bürgermeisterin Wu, du hast ein Auto zu Hause und bringst es nicht nach Kaipo — jetzt muss ich dich mit dieser Schrottkiste fahren." Wu Xiaohao schwang sich auf den Rücksitz: „Wenn ich das Auto hierher bringe, wie soll mein Kind dann zur Schule kommen? Das muss ich meinem Mann lassen." „Dann kauf doch noch eins." „Wie denn? Ich zahle noch die Hypothek ab." Guo Mo sagte: „Wenigstens hast du eine Stadtwohnung — das ist auch ein Privileg. Wir wohnen hier in kostenlosen Gemeindeunterkünften, aber unsere Kinder leiden. Die Dorfschulen sind miserabel — die Lehrer unterrichten im 21. Jahrhundert immer noch im Dialekt! Es ist zum Verzweifeln! Fahren wir erst zur Stele — halt dich fest!"

Wu Xiaohao ließ sich von Guo Mo aus dem Verwaltungsgelände fahren. Guo Mo trug keinen Helm; ihr langes Haar wehte und strich Wu Xiaohao über das Gesicht. Als sie an Hao Juans Worte dachte, empfand Wu Xiaohao keine Sympathie für die Frau vor ihr; was ihr über das Gesicht strich, fühlte sich an wie eine Zumutung. Ihr fiel ein, dass sie in Geschichtsbüchern von einem General namens Guo Mo in der Jin-Dynastie gelesen hatte, der als Gouverneur von Jiangzhou diente. Wang Xizhi war ebenfalls Gouverneur von Jiangzhou gewesen und hatte einen guten Ruf hinterlassen; jener Guo Mo hingegen war berüchtigt und eines gewaltsamen Todes gestorben. Sie fragte, warum Guo Mo so heiße. Guo Mo sagte: „Als ich klein war, konnte ich endlos reden und singen. Mein Vater war genervt und gab mir den Namen — er wollte, dass ich endlich still bin. Aber ich wurde trotzdem nicht still, haha."

Während sie fuhren, hob Guo Mo plötzlich die Hand und winkte einem Wohnhaus zu: „Bruder Niu, hallo!"

Wu Xiaohao schaute hinauf, konnte aber niemanden sehen, und fragte: „Wen rufst du?" Guo Mo hielt an und deutete nach oben: „Schau, da ist doch Bruder Niu! Ich mag ihn sehr und grüße ihn jedes Mal, wenn ich vorbeikomme."

Erst jetzt bemerkte Wu Xiaohao, dass aus einem Fenster im sechsten Stock ein gelber Rindskopf herausragte. Das Rind ignorierte Guo Mo, kaute wieder und starrte in die Ferne; sein herunterfallender Speichel wäre beinahe auf Wu Xiaohaos Gesicht getropft. Sie fragte verblüfft: „Wie kann man im sechsten Stock ein Rind halten? Wie ist es da hochgekommen?" Guo Mo sagte: „In Bauernhochhäusern findet man alles — Schafe, Schweine, Hühner, Enten. Diese Familie hat im Frühling das Kalb mit einem Seil hochgezogen, jetzt ist es groß geworden." Wu Xiaohao fragte: „Wie kommt es wieder runter?" Guo Mo sagte: „Keine Ahnung."

Sie deutete auf die Wohnblöcke: „Diese drei Gebäude sind Sekretär Zhous Meisterstück. Vor zwei Jahren ließ er, um Kaipo zur Stadt hochzustufen und die nichtlandwirtschaftliche Bevölkerung zu erhöhen, zwei nahe gelegene Dörfer abreißen und die Bewohner hier zusammenlegen. Alle nennen sie die ‚Bauernhochhäuser'. Die Leute in den Hochhäusern haben tausend Unannehmlichkeiten — bis zu ihren Feldern ist es jetzt endlos weit."

Wu Xiaohao blickte zu „Bruder Niu" hinauf. Er starrte immer noch in die Ferne. Sie dachte: Du sehnst dich nach den grünen Hängen und deinen Gefährten, nicht wahr?

Als sie das Dorf Kaipo hinter sich ließen, stieg das Gelände an und mündete in einen kleinen Hügel mit einigen Kiefern. Nach kurzer Strecke deutete Guo Mo auf den Straßenrand: „Dort." Wu Xiaohao stieg ab und sah ein Erdnussfeld, an dessen Rand eine Stele aus blauem Stein stand.

Guo Mo erzählte: Die alten Leute sagten, hier habe einst ein gewaltiger Kaipo-Baum gestanden, so dick und hoch, dass sein Schatten ein halbes Mu bedeckte. In den Fünfzigerjahren, als die Versorgungsgenossenschaft gegründet wurde, schlug jemand vor, den Baum zu fällen und die Bretter als Ladentischplatten zu verwenden. Eine Gruppe rückte mit der Säge an, doch nach wenigen Schnitten trat aus der Wunde Blut — erschrocken flüchteten sie. Der Genossenschaftsdirektor glaubte nicht an Wunder und sagte, das sei nur Baumsaft. Er sägte persönlich, einen ganzen Tag lang, bis der Baum fiel. Die Bretter, breit und dick, legten sie auf die gemauerten Ladentische. Als sie noch klein war, ging sie in die Genossenschaft einkaufen, berührte die über einen Meter breiten Theken und versuchte sich vorzustellen, wie gewaltig dieser Baum gewesen sein musste.

Wu Xiaohao hatte im „Ortsnamenverzeichnis von Yucheng" gelesen, dass Kaipo seinen Namen von den Kaipo-Bäumen hatte, die hier einst dicht wuchsen. Sie fragte Guo Mo, ob es in Kaipo noch solche Bäume gebe. Guo Mo verneinte. Das Forstamt habe die ganze Gemeinde durchsucht — nicht ein einziger war übrig. Das Holz war so kostbar gewesen, dass man alles gefällt hatte. Nach dem letzten alten Baum blieb nur diese Stele.

Wu Xiaohao war schmerzlich berührt. Sie trat näher. Die Stele war in der Mitte zerbrochen und mit Zement geflickt worden. Zum Glück war die Inschrift noch lesbar — ein Fünfsilbengedicht:

Wer pflanzte einst, ich weiß es nicht, / was hier seit Urzeiten steht? / Am Konfuzius-Hain der heilige Baum / wandelt Menschenherzen durch Wind und Sturm. / Oft ertrag ich Frost und Bitternis, / stets schau ich den Wandel von Himmel und Erde. / Ein Gelehrter sitzt unterm Baum / und sieht durch Tränen die Blätter fallen.

Darunter: „Im dreiundzwanzigsten Jahr der Daoguang-Ära, Spätherbst, von Shen Yao, Kreisschulinspektor von Yucheng, nach dem Reimschema von Shi Runzhangs ‚Die von Zigong gepflanzte Kaipo-Eiche'."

Die Unterschrift rief eine Erinnerung wach: Im dritten Studienjahr war die ganze Klasse mit dem Zug nach Qufu gefahren, um den Konfuziustempel, die Konfuzius-Residenz und den Konfuzius-Friedhof zu besichtigen. Vor dem Grab des Konfuzius hatte sie die „von Zigong gepflanzte Kaipo-Eiche" gesehen — freilich nur ein Stück totes Holz. Die Reiseleiterin hatte erklärt, die Kaipo-Eiche sei ein heiliger Baum — gerader Stamm, üppiges Laub, ein Vorbild für alle Bäume. Damals hatte Wu Xiaohao das Holzstück ehrfürchtig betrachtet. Sie erinnerte sich auch, dass dahinter eine Stele mit einem Lobgedicht stand, doch den Wortlaut hatte sie vergessen. Sie suchte auf dem Handy und fand das Gedicht des berühmten Dichters Shi Runzhang aus der frühen Qing-Zeit:

Aus welchem Jahr stammt dieser Baum? / Ein zerbrochener Stein bezeugt ihn noch. / Gemeinsam schauen wir den Schatten des einsamen Stamms, / noch ahnen wir das Herz des Weisen. / Wind und Frost ertrug er durch die Zeiten, / unermesslich sind Himmel und Erde im Zwielicht. / Wer hier vorübergeht, wo Zigong seine Hütte baute, / vergießt nach tausend Jahren noch eine Träne.

Guo Mo fragte: „Was bedeutet dieses Gedicht? Ich verstehe es nicht."

Wu Xiaohao erklärte es ihr: Das Gedicht stamme von Shen Yao, dem Kreisschulinspektor von Yucheng in der Qing-Dynastie, und folge dem Reimschema Shi Runzhangs. Dieser Mann hatte in Qufu die von Zigong gepflanzte Eiche verehrt und gehofft, mit der konfuzianischen Lehre die Herzen der Menschen zu verwandeln. Doch er stieß auf unüberwindliche Widerstände und war tief enttäuscht. Unter dem großen Kaipo-Baum saß er und ließ beim Anblick der fallenden Blätter seinen Tränen freien Lauf. Während sie erzählte, sah sie die Szene vor sich: Herbstwind, wirbelndes Laub, ein greiser Gelehrter voll hoher Ideale, unter dem Baum sitzend, trauernd um die Moral der Welt.

Guo Mo sagte: „Oh — der Mann hatte ja ganz schön viel Gefühl!"

Dieser knappe Kommentar ließ Wu Xiaohao nicht wissen, ob sie lachen oder weinen sollte.

Guo Mo deutete auf den Hügel: „Für heute reicht die Zeit nicht mehr — den Guaxinjue schaffen wir nicht."

„Guaxinjue? Was bedeutet das?"

Guo Mo erklärte: Wenn die Fischer früher auf See waren und das Dorf nicht mehr sehen konnten, orientierten sie sich an markanten Landmarken. Wenn die Kaipoer Fischer von der Fahrt zurückkehrten und diesen kleinen Hügel aus dem Meer auftauchen sahen, wussten sie: Bald sind wir zu Hause. Ihr Herz konnte sich beruhigen. Darum nannten sie den Berg „Guaxinjue" — „die Klippe, an der das Herz hängt". Wu Xiaohao betrachtete den Hügel und dachte: Was für ein schöner Name — eigenwillig und treffend zugleich.

Das nächste Ziel war die Danxu-Stätte. Sie fuhren nach Nordosten; nach sieben, acht Kilometern erschien der mehrere hundert Meter breite Shu-Fluss, seine Ufer in purpurrotes Schilf getaucht. Wenn man nach Osten zur Mündung blickte, sah man schwarzes Watt und die blaue Meeresfläche. Über die Brücke, nach Westen, am Dorfeingang hielt Guo Mo vor einer Granitstele. Wu Xiaohao stieg ab und las: In der Mitte „Danxu-Stätte", darüber „Nationale Schlüsselstätte unter Denkmalschutz", darunter „Verkündet vom Staatsrat der Volksrepublik China am 25. Mai 2002, errichtet von der Provinzregierung Shandong." Ringsum Felder — hoher Mais, niedrige Erdnusspflanzen. Zweihundert Meter entfernt einige Bauernhäuser; unter einem Baum saßen ein paar alte Frauen und unterhielten sich.

Wu Xiaohao wusste von dieser Fundstätte der Longshan-Kultur, hatte sie aber nie besucht. Im Stadtmuseum hatte sie die zahlreichen ausgegrabenen Ton- und Jadegegenstände gesehen; einige hauchdünne schwarze Keramikbecher repräsentierten die Spitze der prähistorischen chinesischen Töpferkunst. Während ihres Studiums hatte Professor Fang Zhiming in der Vorlesung von seinen Ausgrabungen an der Danxu-Stätte berichtet. Als er von der Entdeckung einer Jadeschale erzählte, gestikulierte er mit beiden Händen, strahlend vor Begeisterung — Gesten und Ausdruck, die Wu Xiaohao nie vergessen hatte. Beschämenderweise war sie in acht Jahren in Yucheng nie hierher gekommen.

Sie fragte nach der Kulturschicht. Guo Mo deutete ringsum und erklärte, unter dem Dorf Danxu und in der ganzen Umgebung fänden sich kulturelle Überreste — insgesamt über vierzigtausend Quadratmeter. Während der Volkskommune wollte die Leitung, da hier vorwiegend schwarze Erde lag, aus allen Dörfern Leute schicken, um sie als Dünger abzutragen. Zum Glück erfuhren die Kreisbehörden davon und stoppten das Vorhaben. Beim Ausheben von Fundamenten für Häuser stieß man regelmäßig auf Tonscherben, manchmal sogar auf Jadestücke. Ein vollständig erhaltener Schwarzkeramik-Eierschalenbecher war dem Museum übergeben worden und wurde dort zum Prunkstück.

Nicht weit entfernt gab es einen frisch ausgehobenen Graben. Im Querschnitt zeigte sich unter der Ackerkrume eine dicke Kulturschicht — schwarze Erde, durchsetzt mit Tonscherben. Auch rote Erdbrocken waren zu sehen — offensichtlich gebrannt. Wu Xiaohao verstand: Das war ein Brennofengelände von vor viertausend Jahren. Dass der Ort Danxu hieß — „Rote Ruinen" —, lag an diesen verlassenen alten Öfen.

Guo Mo hob ein fingerkleines, grauschwarzes Stückchen vom Boden auf und reichte es Wu Xiaohao: „Das ist eine Tonscherbe von damals." Wu Xiaohao betrachtete es: abgerundete Kanten, poröse Oberfläche — es hatte Jahrtausende überdauert. Sie überlegte: War das ein Stück eines Ritualgefäßes oder eines Alltagsgegenstands? Hatte es Wasser enthalten? Wein? Oder Getreide?

Wu Xiaohao hatte an der Universität chinesische Altertumskunde studiert und sich besonders für die Prähistorie begeistert. Oft sann sie für sich: Wie genau war die Menschheit nach der Trennung von den Menschenaffen Schritt für Schritt zur Zivilisation gelangt? Doch die Bücher boten außer Mythen nur Legenden. Zum Glück gab es Archäologen, die in der Wildnis, unter der Erdoberfläche, die Hinterlassenschaften der prähistorischen Menschen ausgruben und sie zum Sprechen brachten. In China hatten sie eine Reihe von Fundstätten mit kulturellen Schichtungen freigelegt — Hetao-Kultur, Yangshao-Kultur, Dawenkou-Kultur, Longshan-Kultur ... Von diesen Kulturtypen verehrte Wu Xiaohao die Longshan-Kultur am meisten. Ihre wichtigste Fundstätte lag einige Dutzend Kilometer östlich von Jinan; Wu Xiaohao hatte dort während des Studiums ein Praktikum gemacht. Wissenschaftler ordneten die Longshan-Kultur der legendären Ära der Fünf Kaiser zu. Damals gab es auf dem Boden Chinas zehntausend Staaten; der Gelbe Kaiser, Zhuanxu, Kaiser Ku, Yao und Shun — kraft ihrer Tugend und Fähigkeiten geboten sie über die Welt, und alle vier Meere fügten sich. In jener Epoche formte sich die chinesische Nation, und die östliche Zivilisation hob ihren großen Vorhang.

Nach der Danxu-Stätte fuhren sie zur „Hegemonenpeitsche". Sie fuhren nach Osten, und südlich des Fischereihafens Qianwan war sie sofort zu sehen: Vom Strand aus ragten Felsen ins Meer, Glied für Glied verbunden, nach und nach schmaler werdend — wie eine lange Peitsche. Wu Xiaohao hatte in den Unterlagen zur „Kulturgeschichte von Yucheng" gelesen, dass die Hegemonenpeitsche bei Ebbe aus dem Wasser auftauchte, blank zwischen Meer und Himmel; bei Flut versank sie und hinterließ nur einen geisterhaften Schatten. Die Legende besagte, der König von Chu habe hier einst eine Peitsche verloren.

Wu Xiaohao näherte sich der Hegemonenpeitsche und war von ihrer Wucht tief beeindruckt: Wogen brandeten, sie blieb gelassen; Möwen landeten und hoben ab, sie rührte sich nicht. Guo Mo erzählte, dies sei ein gefährlicher Ort — kein Einheimischer wagte sich hinauf. Fremde ahnten nichts Böses, sahen die außergewöhnliche Landschaft, kletterten begeistert hinauf zum Fotografieren oder Muschelsammeln, glitten aus, stürzten ins Wasser, und einmal im Wasser, kam man kaum wieder heraus — jedes Jahr starben hier Menschen. Beim Anblick der drei in den Felsen gemeißelten Zeichen „Hegemonenpeitsche" durchlief Wu Xiaohao ein Schauder.

Sie sah, dass der Felsrücken am Ufer weiterhin angehoben verlief und sich über zweihundert Meter erstreckte — bis zu einem großen Anwesen. Über dem Tor hing eine Tafel: „Shenyou-Gruppe". Firmensitze großer Konzerne hatte sie schon gesehen, aber keinen in einem solchen Gehöft. Sie fragte Guo Mo, wem die Shenyou-Gruppe gehöre. Guo Mo warf einen kühlen Blick dorthin und flüsterte: „‚Tigerhai'!" Wu Xiaohao verstand nicht. Guo Mo erklärte: Der Tigerhai sei die gefährlichste aller Haiarten; der Chef der Shenyou-Gruppe, Mu Pingchuan, sei so grausam und rücksichtslos wie ein Tigerhai — deshalb sein Spitzname.

Wu Xiaohao betrachtete das Anwesen: Es war am „Griff" der Hegemonenpeitsche errichtet, was die Stärke und Macht seines Besitzers umso deutlicher unterstrich. Sie fragte: „Warst du schon mal drinnen?" Guo Mo wandte den Blick aufs Meer: „Einmal. Ich will nicht mehr daran denken." „Warum?" „Ach ... Vize-Bürgermeisterin, fahren wir weiter." Wu Xiaohao verstand: In diesem prunkvollen Anwesen war Guo Mo etwas widerfahren, das sich nicht in Worte fassen ließ.

6

Nachdem sie die Hegemonenpeitsche hinter sich gelassen hatten, fuhr Guo Mo mit Wu Xiaohao in die Berge nach Westen. Sie habe, sagte sie, mit Sekretär Zheng vom Dorf Shiwu schon gesprochen — nach der Besichtigung der „Verbliebenen Schönheit vom Duftberg" wollten sie im Dorf essen.

Auf halbem Weg klingelte Wu Xiaohaos Handy. Sie ließ Guo Mo anhalten und nahm ab: Direktor Liu Dalou — der Sekretär wolle sie um halb drei sprechen. Sie dachte: Was will der Sekretär? Zu neunzig Prozent geht es um die Autotür. Ihr Herz war wie von wildem Gras überwuchert.

Guo Mo sagte: „Vize-Bürgermeisterin, wenn du mit dem Sekretär sprichst, leg bitte ein gutes Wort für mich ein. Ich bin seit fünf Jahren Kulturstationsleiterin, habe immer gewissenhaft gearbeitet, und in der ganzen Region steht unsere Kulturarbeit ganz oben. Aber der Sekretär kritisiert mich ständig, und ich weiß nicht warum."

Wu Xiaohao schloss aus diesen Worten: Was Hao Juan heute Morgen über Guo Mo erzählt hatte, war frei erfunden. Hätte Guo Mo ein Verhältnis mit dem Sekretär, würde sie nicht so um Fürsprache bitten. Wu Xiaohao sagte: „In Ordnung. Allerdings bin ich gerade erst angekommen und kenne den Sekretär noch kaum. Packen wir die Kulturarbeit gemeinsam an."

Nach einer Weile auf ebenem Gelände bogen sie auf eine Bergstraße ein; Wu Xiaohao spürte, wie die Höhe zunahm. Sie hielten am Berghang. Guo Mo erklärte, dies sei der Duftberg, 186 Meter hoch; die Felsinschriften befänden sich oben. Wu Xiaohao drehte sich um und erblickte das ferne Meer und die Kiemeninsel darin. Sie fragte Guo Mo, wie weit es bis zum Meer sei. Zwölf Kilometer, antwortete diese. Dieses Berggebiet werde als „das tibetische Hochplateau von Kaipo" bezeichnet.

Gong- und Trommelklang drang aus dem Dorf. Guo Mo runzelte die Stirn: „Was soll der Krach? Klingt ja fürchterlich!" Wu Xiaohao hörte, dass die Instrumente nicht zusammenspielten — kein Schwung, kein Rhythmus. Sie fragte: „Wofür die Trommeln?" Guo Mo: „Keine Ahnung."

Guo Mo führte Wu Xiaohao ein paar Dutzend Meter den Hang hinauf, bis sie eine Felswand erreichten. Die Wand war über zwanzig Meter hoch; darunter eine große Höhle. Über dem Höhleneingang waren die vier großen Schriftzeichen „Verbliebene Schönheit vom Duftberg" in eleganter Regelschrift eingemeißelt, darunter: „Geschrieben von Kreismagistrat Zheng Li von Yucheng im zehnten Jahr der Kangxi-Ära." Die rote Farbe in den Vertiefungen war weitgehend abgeblättert.

Wu Xiaohao hatte in der „Kreischronik von Yucheng" gelesen: „Drei Bauern wohnten in einer Steinhöhle am Duftberg. Eines Tages kam ein Maultier vorbei, seine Satteltaschen voller Silber. Die Bauern hüteten es treu. Bald darauf erschien ein aufgeregter Mann, der es suchte. Die Kennzeichen stimmten überein, und sie gaben alles zurück. Als er sie mit Gold belohnen wollte, lehnten sie standhaft ab. Kreismagistrat Zheng Li erfuhr davon und ließ ‚Verbliebene Schönheit vom Duftberg' zur Ehre einmeißeln."

Sie traten ein. Die Höhle war außen hoch, innen niedriger; die Steinwände schwarz verrußt. In der Mitte eine Steinmauer mit Tür- und Fensteröffnungen, dahinter kleinere Kammern mit steinernen Tischen und Betten. Wu Xiaohao dachte: Die Vorfahren des Dorfes Shiwu lebten an einem so einfachen Ort und bewahrten dennoch ihre Tugend — bewundernswert. Sie fragte sich auch: Warum war das Maultier mit dem Silber hierher gelaufen? Sie ging zur Ostseite und entdeckte unten einen Nord-Süd-Weg — die alte Hauptstraße von Yucheng nach Süden. Wahrscheinlich hatte der Besitzer des Maultiers unterwegs Rast gemacht und das Tier nicht gut angebunden; es war ausgerissen und den Berg hinauf gelaufen.

Guo Mo sagte: „Gehen wir zum Dorfkomitee essen." Über den steilen Bergpfad stiegen sie hinunter ins Dorf. Die Trommeln erklangen wieder — diesmal rhythmisch präzise, kunstvoll variiert, wunderbar anzuhören.

Im Hof des Dorfkomitees spielte eine Gruppe alter Männer die Schlaginstrumente; ein paar junge Leute standen daneben und schauten zu. Ein hagerer Alter in einem Strohmantel schwang zwei Trommelstöcke — er war der Anführer. Beim Trommeln leuchteten seine Augen, er war ganz in seinem Element; die Strohhalme seines Mantels vibrierten, und er sah aus wie ein alter Igel.

Guo Mo brachte Wu Xiaohao ins Büro; mehrere Männer mittleren Alters rauchten darin. Ein Vierzigjähriger erhob sich und begrüßte Guo Mo grinsend: „Na, die große Sängerin ist da! Setz dich!" Guo Mo sagte: „Sängerin hin oder her — ich habe die Vize-Bürgermeisterin mitgebracht! Eine richtige stellvertretende Abteilungsleiterin, die sich ihre Stelle durch Können verdient hat und erst am Montag in unsere Gemeinde gekommen ist." Sie stellte vor: Das sei Sekretär Zheng Liqian.

Wu Xiaohao fragte nach dem Grund der Trommelei. Zheng Liqian warf einen Blick in den Hof: „Diese alten Knacker wollen zeigen, was sie draufhaben." Er erzählte: Heute Nachmittag sei eine Hochzeit im Dorf; die Braut müsse abgeholt werden, aber die jungen Leute seien alle in der Stadt. Man habe ein paar Halbwüchsige zusammengekratzt und ihnen die Dorfinstrumente zum Üben gegeben, aber das Ergebnis sei ein heilloses Durcheinander gewesen. Da seien die alten Männer gekommen, hätten gesagt, sie spielten ihnen vor, wie es richtig geht — und dabei in Fahrt geraten. Der Trommler sei der Anführer, Spitzname „Alter Blumentrommler", weil er den Trommelrhythmus kunstvoll variieren könne.

Wu Xiaohao hatte gehört, dass man in Yucheng früher am Abend Hochzeit feierte; in der Stadt war das längst auf den Vormittag verlegt worden. Dass in den Bergen der alte Brauch noch galt, überraschte sie. Sie sagte zum Alten Blumentrommler: „Die spielen so gut — das muss doch einen Namen haben." Ein greiser Mann mit weißem Haar sagte: „Sie spielen ‚Jin qiu liang' — Pfund rechne in Unzen." Guo Mos Augen leuchteten auf: „Das ist also ‚Jin qiu liang'! Ich kenne den Namen dieses Schlagwerkstücks, habe es aber noch nie gehört." Sie zückte ihr Handy und filmte.

Am Tor entstand Lärm; Guo Mo brach die Aufnahme ab: „Wer stört da?" Wu Xiaohao sah eine Frau mittleren Alters, die eine Ziege am Strick zum Tor hereinziehen wollte. Die Ziege stemmte alle Viere in den Boden und zog nach hinten. Hinter der Frau riefen Kinder im Chor: „Dienstziege, Dienstziege — kommt ein Bonze, wird sie aufgeschlitzt!"

Die alten Männer hörten auf, „Jin qiu liang" zu spielen, und schlugen mit finsteren Mienen einen eintönigen Rhythmus — als wollten sie den Kinderrufen Nachdruck verleihen.

„Dienstziege?" Wu Xiaohao verstand kein Wort.

Der Sekretär schwieg betreten. Guo Mo erklärte lachend: „Die Ziegen vom Dorf Shiwu laufen frei über die Berge, fressen den ganzen Tag Wildkräuter und trinken Quellwasser — ihr Fleisch ist ein Gedicht. Die Vorgesetzten von oben kommen besonders gern hierher zum Ziegenessen. Sekretär Zheng hält deshalb immer eine zu Hause bereit. Kommt ein hoher Gast, wird sie geschlachtet. Dann kauft er die nächste, immer hält er eine auf Vorrat. Weil ständig eine Ziege ‚Bereitschaftsdienst' hat, heißt sie ‚Dienstziege'." Dabei schnitt sie eine Grimasse: „Danke, Vize-Bürgermeisterin — dank dir komme ich heute in den Genuss einer Dienstziege." Dann rief sie der Frau zu: „Schwägerin, danke dir!"

Wu Xiaohao war entsetzt. Normalerweise aß sie gern Ziegenfleisch, doch die Geschichte gab ihr ein schlechtes Gewissen. Die Ziege war inzwischen von Sekretär Zhengs Frau an die Küchentür gezerrt und an einem Jujubebaum festgebunden worden; sie schrie immer noch kläglich.

Wu Xiaohao sagte zu Guo Mo: „Wir essen nicht hier." Sie ging in den Hof hinaus. Guo Mo sah fragend zum Sekretär; der lief hinterher: „Vize-Bürgermeisterin, Sie besuchen Shiwu zum ersten Mal — Sie können doch nicht mit leerem Magen gehen!" Wu Xiaohao sagte: „Wir essen zu Hause. Ich komme wieder. Die in den Felsen gemeißelte ‚Verbliebene Schönheit vom Duftberg' und die ‚Alten Klänge vom Duftberg', die eure Alten spielen — beides hat Potenzial. Aber lass bitte deine Frau keine Dienstziege mehr vorführen!"

Guo Mo fuhr Wu Xiaohao aus dem Dorf und rief über die Schulter: „Vize-Bürgermeisterin, ob du isst oder nicht isst — auf deren Rechnung stehen wir trotzdem als Bewirtung drauf!"

Wu Xiaohao sagte: „Egal was sie aufschreiben — wir haben ein reines Gewissen!"

7

Um halb drei stand Wu Xiaohao pünktlich vor dem Büro des Sekretärs. Die Tür war angelehnt; sie klopfte und trat ein. Als sie die Tür schließen wollte, sagte der Sekretär mit ernster Miene: „Lass die Tür offen."

Wu Xiaohao verstand: Er wollte jeden Anschein vermeiden — ein Gespräch mit einer Frau bei offener Tür, das war so klar wie Tofu mit Frühlingszwiebeln — man sah auf den ersten Blick, dass alles sauber war. Das Haar des Sekretärs war im Zwei-zu-Acht-Scheitel akribisch frisiert. Er deutete auf einen Stuhl gegenüber dem Schreibtisch; Wu Xiaohao nahm Platz.

Sie ergriff von sich aus das Wort: „Sekretär, ich muss mich entschuldigen. Heute Morgen hätte ich dem Bezirksvorsteher nicht die Autotür öffnen sollen." Zhou Bin zog die Augenbrauen hoch: „Vize-Bürgermeisterin Wu, das ist nicht nur eine Frage der Autotür — es geht um politische Grundregeln. Sie nehmen die Hauptführungskraft der Gemeinde nicht ernst und wollen sich beim Bezirksvorsteher in Szene setzen ..."

Wu Xiaohao konnte sich nicht zurückhalten: „Sekretär, ich würde nie die politischen Grundregeln missachten und schon gar nicht die Hauptführungskraft gering schätzen. Ich kannte die Regeln nicht — wirklich nicht. Das Auto stand zufällig genau vor mir, und ich wollte instinktiv ..." „Ob du die Regeln kanntest oder nicht — denk gründlich darüber nach. Das darf nicht wieder vorkommen."

Wu Xiaohao nickte. Sekretär Zhou nahm die Brille ab, zog ein Tuch aus der Schachtel auf dem Tisch und putzte die Gläser, den Blick gesenkt: „Vize-Bürgermeisterin Wu, die ‚Drei Fischerspezialitäten' auf der Kiemeninsel — die waren wohl sehr schmackhaft?"

Wu Xiaohao wurde schlagartig wachsam. Der Sekretär wusste also bereits von ihrem Ausflug mit dem Bürgermeister. Sie bereute, mitgefahren zu sein, und dachte an den Schnipser auf dem Rückweg. Doch sie wusste: Von den zweideutigen Gesten des Bürgermeisters durfte sie dem Sekretär auf keinen Fall erzählen — das hätte alles nur verschlimmert. Sie sagte: „Der Bürgermeister wollte mit mir die Fischereiaufsicht prüfen, also bin ich mitgefahren. Ich hatte nicht erwartet, dass man uns dort so aufwendig bewirten würde."

Am Abend sah sie aus dem Fenster — es war dunkel geworden. Im Zwielicht erschien schemenhaft eine hängende Gestalt. Der junge Sekretär, der sich hier vor Jahrzehnten erhängt hatte. Am ganzen Leib zitternd, mit Gänsehaut, knipste sie hastig das Licht an.

Helles Licht durchflutete den Raum; der Schatten war verschwunden. Ach — nur Einbildung, nichts weiter.

Ihre Tochter rief plötzlich an und flüsterte: „Mama, You Yanzhu ist betrunken!" Wu Xiaohao sah auf die Uhr — halb neun. Am Telefon hörte sie You Haoliang betrunken „Mein 1997" singen, mit verstellter Stimme wie die Sängerin Ai Jing von damals. In ihr kochte es, und sie sagte sofort: „Schätzchen, ich will You Yanzhu nicht singen hören. Sag mir — er ist trinken gegangen, was hast du gegessen?" Diandian sagte: „Er hat mir was mitgebracht! Einen großen Krebs und eine Tüte Makrelenklöße — soo lecker!" You Haoliangs Gesang wurde plötzlich lauter; er sang wohl direkt ins Handy: „Lass mich in die bunte Welt hinaus, gib mir den großen roten Stempel ..." Vor Jahren hatte You Haoliang genau diese Liedzeilen gesungen, als er Wu Xiaohao zum Standesamt überreden wollte. Dabei hatte er sein Gesicht ganz nah an ihres geschoben, die Augenschlitze zu haarfeinen Ritzen verengt. Jetzt stiegen diese Bilder vor Wu Xiaohaos Augen wieder auf — unerträglich. Sie legte auf.

You Haoliang war mittelgroß, mit durchschnittlichem Aussehen. Sein auffälligstes Merkmal waren zwei Augenschlitze in einem runden, blassen Gesicht. Weil seine Augen wie Schlitze aussahen, als könnten sie sich nicht öffnen, hatten seine Klassenkameraden in der Oberschule heftig debattiert: Hat er Augäpfel oder nicht? Damals hatte You Haoliang bereits begonnen, Wu Xiaohao den Hof zu machen. Eine Mitschülerin fragte sie, ob seine Augen strahlten, wenn er ihr seine Gefühle gestand, und man die Augäpfel sehen könne. Wu Xiaohao überlegte lange und schüttelte den Kopf — denn auch dann lächelte You Haoliang wie immer, und die Augenschlitze wurden nur noch schmaler. So bekam er den ironischen Spitznamen „You Yanzhu" — „der mit den Augäpfeln".

Wu Xiaohao hatte nie You Haoliangs Augäpfel gesehen. Nachdem die beiden intim geworden waren, hätte sie Gelegenheit gehabt, seine Lider aufzuziehen und nachzuschauen, aber sie fürchtete, etwas noch Erschreckenderes zu entdecken. Normalerweise nannte sie ihn neckisch „You Yanzhu", und er antwortete lächelnd: „Natürlich habe ich Augäpfel — wie hätte ich dich sonst entdecken können?"

Als Diandian vier wurde, packte sie der Forschergeist. Sie spreizte ihrem Vater die Augenlider und stellte fest: Augäpfel vorhanden. Von da an rief sie fröhlich „You Yanzhu".

Als Wu Xiaohao zum ersten Mal You Haoliangs Vater kennenlernte, stellte sie fest: Vater und Sohn wie aus einer Form gegossen. Diandian hatte einmal ihre Großmutter gefragt, ob der Großvater Augäpfel habe. Die Großmutter lachte: „Keine Ahnung — jedenfalls habe ich in über vierzig Jahren Ehe nie seine Augäpfel gesehen." Diandian wollte dem Opa die Lider öffnen, doch er wehrte ab und brüllte: „Wer sagt, ich hätte keine Augäpfel? Ohne Augäpfel — hätte ich da in meiner Jugend Verbrecher verfolgen und mit einem Schuss erlegen können?"

Wu Xiaohaos Schwiegervater hieß You Dalian — ehemaliger Kriminalpolizist, ein vorzüglicher Schütze. Bei der Verhinderung eines Mordversuchs hatte er den Messerangreifer mit einem einzigen Schuss niedergestreckt. Er war bis zum Polizeichef und stellvertretenden Kreisvorsteher aufgestiegen. Auch im Ruhestand trug er Strenge und Schärfe im Gesicht. Wenn er durch die Straßen spazierte, runzelte er die Stirn und richtete seine Augenschlitze auf alles, was ihm missfiel. Sah er herumhängende junge Männer, sagte er wütend: „Hätte ich noch Macht, ich würde euch Manieren beibringen!" Sah er Mädchen in allzu freizügiger Kleidung, spuckte er verächtlich auf den Boden. Vor Jahren hatte die Schwiegermutter Wu Xiaohao zugeflüstert: Der Alte habe auf der Straße eine neue Hosenmode gesehen — Taschen nicht an der Seite, sondern vorn — und zu Hause gewütet: „Diese jungen Dinger stecken beide Hände zwischen die Oberschenkel — das ist doch eine Einladung zum Verbrechen!"

You Haoliang war You Dalians einziger Sohn — er hatte das Aussehen des Vaters geerbt, aber nicht seine Neigungen: Er liebte nicht die Waffe, sondern die Galanterie. In der Oberschule verfolgte er Wu Xiaohao so besessen, dass seine Noten einbrachen und er die Universität nicht schaffte. You Dalian war außer sich und verprügelte seinen Sohn gründlich. Der Sohn hing zu Hause herum; der Vater, damals stellvertretender Kreisvorsteher, konnte das nicht mit ansehen und sprach mit dem Polizeichef. You Haoliang wurde Hilfspolizist bei der Verkehrspolizei. Dort nutzte er den Namen seines Vaters schamlos aus und schikanierte Verkehrsteilnehmer. Einmal hielt er ein ordnungsgemäß fahrendes Auto an und verlangte die Papiere des Fahrers. Der Fahrer lächelte und deutete auf den Rücksitz: „Kreisvorsteher Wang sitzt im Wagen." You Haoliang verzog die Lippen: „Was ist schon dabei? Wessen Familie hat nicht einen Kreisvorsteher?"

„Wessen Familie hat nicht einen Kreisvorsteher?" — Die Anekdote machte im ganzen Kreis die Runde. Leute, die You Haoliangs Spitznamen kannten, diskutierten: Anscheinend hat You Yanzhu doch keine Augäpfel. Als die Geschichte You Dalian zu Ohren kam, rügte er seinen Sohn wegen der Blamage. Unerwartet verschwand der Sohn am nächsten Tag und kam drei Tage nicht nach Hause. Der stellvertretende Kreisvorsteher ließ die Polizei suchen — die Antwort kam schnell: You Haoliang war nach Jinan abgehauen.

Von da an veränderte sich Wu Xiaohaos gerade erst begonnenes Universitätsleben von Grund auf.

Eigentlich hatte sie gehofft, fern der Heimat und fern von You Yanzhu endlich durchatmen zu können. Das Geschichtsinstitut der Shandong-Universität war landesweit berühmt; in den Fünfzigerjahren hatten acht renommierte Gelehrte dort gelehrt — man nannte sie „acht Hengste in einem Stall". Etliche von Wu Xiaohaos Professoren waren deren Schüler und Enkelschüler; ihrer Generation nach gehörte Wu Xiaohaos Jahrgang zu den Urenkelschülern. Die Professoren nannten sie scherzhaft „kleine Fohlen". Wu Xiaohao fühlte sich tatsächlich wie ein junges Fohlen, das von der südlichen Shandong-Ebene ausgebrochen war, um auf den weiten Wissensfluren zu grasen, zu galoppieren — ohne jede Fessel. An vielen Morgen und Nachmittagen saß sie im kleinen Wäldchen östlich des Geisteswissenschaftsgebäudes und las, genoss die leichte Herbstbrise, lauschte dem Rascheln der Blätter und war so glücklich, dass ihr die Tränen kamen. Das Geisteswissenschaftsgebäude nebenan erschien ihr wie ein Tempel — denn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten dort nicht nur die „acht Hengste" der Geschichtsfakultät, sondern auch die „vier Vajras" der Literaturwissenschaft gewirkt, allesamt bedeutende Persönlichkeiten. Sie dachte: Ich muss mich anstrengen und mir sie zum Vorbild nehmen. Mein Vater hat mich immer nur für Gras gehalten — ich muss ihm zeigen, dass ich zu einem Baum heranwachsen kann!

Das Wäldchen lag nicht nur nahe beim Geisteswissenschaftsgebäude, sondern auch bei der Bibliothek. Viele Kommilitonen kamen hierher zum Lesen; immer wieder saßen Pärchen eng beieinander und flüsterten. Wu Xiaohao beneidete sie — eine reine Liebe während der Studienzeit erleben zu dürfen. Nicht so wie sie, die für das Studiengeld ihren Körper verkauft hatte. Sie dachte: You Yanzhu hat achttausend Yuan für mein Studium bezahlt, zwischen uns ist geschehen, was geschehen ist — er müsste zufrieden sein und mich gehen lassen, oder? Sie träumte sogar davon, nach der Ankunft an der Shandong-Universität reinen Tisch mit den Yous zu machen und ein völlig neues Leben zu beginnen. Es gab Stipendien für gute Leistungen — das Essen wäre kein Problem. Als sie die klugen, gut aussehenden Kommilitonen sah, schlug ihr mehr als einmal das Herz höher.

An einem Frühlingstag im zweiten Studienjahr ging sie ins Pappelwäldchen zum Lesen. Plötzlich hörte sie Schläge gegen einen Baumstamm. Als sie sich umdrehte, sah sie einen Studenten mit markanten Zügen — buschige Augenbrauen, große Augen —, der mit der Faust auf einen Stamm hämmerte, offensichtlich aufgewühlt. Er bemerkte sie ebenfalls, hielt sein Buch hoch: „Hast du das gelesen?" Als er sah, dass sie den Titel nicht erkennen konnte, kam er herüber: „‚Der Sprung' — eine Dokumentation der drei großen Denkbefreiungen im modernen China. Es bringt einen zum Kochen! Lies es unbedingt!" Wu Xiaohao nickte. Er stellte sich vor: Jahrgang 1996, Liu Jingji, aus Qingdao. Wu Xiaohao fragte, ob sein Name mit „das Land regieren und das Volk retten" zu tun habe. Liu Jingji lachte laut: „Falsch! 1978 wurde auf dem Dritten Plenum beschlossen, den Schwerpunkt auf die Wirtschaft zu verlagern — mein Vater war Lehrer und wollte modern sein. Aber inzwischen habe ich tatsächlich Ambitionen entwickelt: fleißig studieren, aus der Geschichte lernen, viele Fragen durchdenken und eines Tages eine hohe Position erreichen, um das Land voranzubringen!" Wu Xiaohao war von seinem Enthusiasmus angesteckt und sagte aufrichtig: „Ich wünsche dir Erfolg!" Liu Jingji bedankte sich und fragte nach ihrem Namen. Wu Xiaohao antwortete wahrheitsgemäß. Liu Jingji betrachtete sie: „Ich vermute, du kommst vom Land — sonst hießest du nicht ‚Kleines Gras'." Wu Xiaohao sagte: „Richtig geraten. Aber ich will nicht mein ganzes Leben Gras bleiben — ich will zu einem Baum heranwachsen. Du willst das Land lenken — das wäre ein Tragpfeiler der Nation. Wenn ich ein großer Baum werde, möchte ich nur etwas hinterlassen und mein Leben nicht verschwenden." Liu Jingji klopfte auf die Pappel: „Gut! Dieser Baum sei unser Zeuge — in zwanzig Jahren haben wir unsere Träume verwirklicht!" Wu Xiaohao nickte, legte die Hand an den Stamm, blickte empor zur Baumkrone, und Tränen strömten ihr übers Gesicht.

Sie lieh sich ebenfalls „Der Sprung" aus — es öffnete ihr die Augen. Der Autor zeichnete auf 320.000 Zeichen die zwanzigjährige Geschichte der geistigen Befreiung seit Reform und Öffnung nach und legte dramatische Konfrontationen offen. Beim Lesen schlug ihr Herz: Das ist Geschichte — Geschichte, die unsere Generation durchlebt! Wie wird China in zwanzig Jahren aussehen? Kann ich als Erwachsene an der Gestaltung von Geschichte teilhaben?

Das war im Frühling 1998, Wu Xiaohaos zwanzigster Frühling — der schönste ihres Lebens. Sie und Liu Jingji trafen sich oft in jenem Wäldchen, saßen einander gegenüber, sprachen über Vorlesungen, Bücher, Geschichte, Gegenwart — manchmal bis in die Nacht. Frische Gedanken funkelten mit dem Sternenlicht; keimende Gefühle wuchsen mit Gras und Bäumen. Mehrmals, kurz vor Sperrstunde, begleitete Liu Jingji sie bis zum Mädchenwohnheim. Als sie sich umwandte, schimmerten seine Augen im Laternenlicht, und sie spürte den Drang, in seine Arme zu laufen. Aber sie wagte es nicht — sie wusste, dass sie es nicht verdiente.

An einem weiteren Nachmittag trafen sie sich wieder im Pappelwäldchen. Gerade als sie vertieft redeten, stürzte plötzlich jemand von hinten heran und versetzte Liu Jingji einen Faustschlag auf die Brust: „Meine Frau anfassen — das wagst du?" Es war You Haoliang. Liu Jingji stand auf und fragte Wu Xiaohao ungläubig: „Ist das dein Freund?" Wu Xiaohao wagte nicht, ihn anzusehen. Feuerrot im Gesicht, hielt sie You Haoliang fest, damit er Liu Jingji nicht weiter verletzte. You Haoliang wollte auch auf Wu Xiaohao einschlagen: „Ich finanziere dein Studium, und du machst dich hier an Kerle ran!" Inzwischen hatten sich Schaulustige versammelt. Wu Xiaohao war zu Tode beschämt und zerrte ihn zum Campustor hinaus.

An jenem Abend konnte sie nicht in den Campus zurückkehren. You Yanzhu erklärte, er habe eine Stelle gefunden und werde dauerhaft in Jinan bleiben. Seine Arbeit: Hilfspolizist, vermittelt durch einen alten Untergebenen seines Vaters. Wu Xiaohao protestierte: „Die Universität hat Regeln — ich kann nicht draußen übernachten." You Yanzhu sagte: „Hier gelten auch Regeln: Du kommst jeden Abend zu mir, sonst mache ich dich fertig!"

„Fertigmachen" bedeutete im südlichen Shandong-Dialekt: jemanden verprügeln, zum Krüppel schlagen.

Wu Xiaohao kannte seinen Charakter — er meinte, was er sagte. Fortan verließ sie jeden Abend den Campus und lebte in einer gemieteten Wohnung in Dianliu­zhuang mit ihm zusammen. Von da an musste sie das Getuschel ihrer Mitbewohnerinnen ertragen und den Schmerz, nicht mehr mit Liu Jingji reden zu können. Liu Jingji hatte sie einmal nach der Vorlesung abgefangen und gefragt, warum sie ihm nicht gleich gesagt habe, dass sie einen Freund habe. Wu Xiaohao sagte nur „Verzeih mir" und rannte in eine Ecke des Campus, um an der Wand zu weinen. Sie versäumte sogar Professor Fang Zhimings Vorlesung. Als der Professor nachfragte, fand sie, er sei ein aufrichtiger Mensch, dem sie vertrauen könne, und schrieb ihm einen langen Brief, in dem sie ihm ihre Lebensgeschichte und ihr Schicksal offenlegte. Am Ende schrieb sie: „Arm an Geld, arm an Mut — ich bin ein Beispiel dafür. Herr Professor, verachten Sie mich."

Am nächsten Tag hielt Professor Fang sie nach der Vorlesung zurück und führte im leeren Hörsaal ein langes Gespräch mit ihr. Er sagte: „Xiaohao, danke für dein Vertrauen. Wie könnte ich dich verachten? Ich komme selbst vom Land, ich kenne die Ohnmacht der Armut, ich verstehe die Kompromisse in der Not. Lieber als Jade zerbrechen als als Ziegel heil bleiben — das ist gewiss ehrenwert. Aber Demütigungen ertragen, um für die Zukunft zu kämpfen — ist das nicht auch Lebensklugheit? Goujian, Han Xin, Sima Qian — ohne das Wort ‚Dulden' wären sie keine Legenden geworden. In all den Jahren habe ich viele Kinder aus armen Familien gesehen. Sie alle haben schließlich ihr Studium abgeschlossen und im Beruf Erfolg gehabt. Wenn sie auf ihren Lebensweg zurückblicken und sich fragen, wie sie es geschafft haben, denken viele wohl an das Wort ‚Dulden'. Aber ..." Professor Fang hielt inne und sah Wu Xiaohao direkt in die Augen: „Dulden ist nur eine von mehreren Möglichkeiten. Sich wehren ist eine andere — und auch das ein Weg, sich selbst zu verwirklichen. Xiaohao, ich sage dir in allem Ernst: Wenn du dich für den Widerstand entscheidest und dich entschlossen von deinem Freund trennst, unterstütze ich dich moralisch — und notfalls auch finanziell."

Wu Xiaohao brach in Tränen aus und brachte nach langem Schluchzen nur heraus: „Dass Sie das sagen, Professor, genügt mir ... Meine Angelegenheiten regele ich selbst, ich darf Ihnen nicht zur Last fallen ..."

Doch Wu Xiaohao konnte die Sache nie „regeln" und You Yanzhu nicht abschütteln. Denn der gab ihr nur zwei Optionen: weiter zusammenleben — dann Frieden; sich trennen — dann Blut an der Shandong-Universität. Wu Xiaohao überlief es eiskalt, und sie wählte die Geduld. Sie duldete bis zum Abschluss, bewarb sich in Yucheng und heiratete You Yanzhu standesamtlich. Am Neujahrstag 2003 feierte die You-Familie im Kreisregierungsgästehaus eine prunkvolle Hochzeit. Der Moderator bat den Bräutigam, das Geheimnis seines Liebeserfolgs zu verraten. You Haoliang lächelte selbstzufrieden: „Sobald ich daran dachte, eine schöne Universitätsabsolventin zur Frau zu bekommen, hatte ich unendlich viel Kraft und unendlich viele Mittel!"

In jenem Moment blitzten in Wu Xiaohaos Herz zwei Worte auf: unendliche Demütigung, unendlicher Schmerz.