Jing Shanhai/de/Part 3

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Durch Berge und Meere — Teil 3

Beim Mittagessen musste Wu Xiaohao an ein Netzwort denken, das ihre Tochter Diandian in ihrem Tagebuch benutzte: eine „Wal"-Überraschung.

Was sie verblüffte: Die meisten Meeresfrüchte wurden roh gegessen — Seegurken in Scheiben, Garnelen in Stücke geschnitten, Herzmuscheln frisch aus der Schale — alles in Essig getunkt. In einer großen Schüssel zuckten blaugrüne Garnelen, vom Reiswein betäubt, streckten und krümmten noch die Beine, wurden aber von He Chengshou und den anderen mit den Stäbchen gepackt und in den Mund geschoben. Als Wu Xiaohao nicht wagte, die Stäbchen auszustrecken, schnalzte He Chengshou mit der Zunge: „Du bist viel zu zaghaft! Wie willst du mit so einer Haltung mit den Leuten hier auskommen?"

So gedrängt, nahm Wu Xiaohao schließlich eine Garnele. Kaum hatte sie sie zum Mund geführt, streckte die Garnele plötzlich den Leib. Als sie diesen letzten Todeskampf spürte, wurde ihr übel; hastig legte sie die Garnele zurück auf den Tisch und hielt sich mit beiden Händen den Mund zu, den Kopf schüttelnd.

Wan Yufeng klopfte ihr auf die Schulter: „Vize-Bürgermeisterin Wu, Schwester Wu — wenn du Rohes nicht verträgst, servieren wir dir Gekochtes. Gestern hat der Bürgermeister extra angerufen und gebeten, heute für dich die ‚Drei Fischerspezialitäten' zuzubereiten." Damit rief sie zur Tür hinaus: „Zweiter Bruder, die Drei Fischerspezialitäten — Vorhang auf!"

Der „Zweite Bruder" war der Dorfbuchhalter. Lächelnd, das Gesicht voller Falten, brachte er nacheinander drei Fische auf Tellern herein. He Chengshou deutete mit den Stäbchen darauf und erklärte Wu Xiaohao: „Kopf vom Rotbrassen, Schwanz vom Gelbschwanz, Bauchstück vom Silbermesserfisch. Das waren früher die drei Lieblingsstücke der Fischer. Heute, dir zu Ehren, habe ich die Ostwind-Tante gebeten, alles aufzutreiben."

Wu Xiaohao fragte erstaunt: „Mir zu Ehren? Haben Sekretär Zhou und du mich nicht gestern schon begrüßt?"

He Chengshou sagte: „Gestern war das Parteikomitee der Gemeinde, heute die Gemeindeverwaltung. Wenn so eine begabte und hübsche Kollegin zu uns kommt, muss ich als Bürgermeister doch ein eigenes Begrüßungsessen geben — wie stünde ich sonst da? Also: Die Gemeindeverwaltung Kaipo heißt dich willkommen! Auf dieses Glas!"

Dem erhobenen Glas des Bürgermeisters konnte Wu Xiaohao sich nicht entziehen. Sie nahm ihr eigenes, stieß an und nippte zaghaft. He Chengshou hielt sein Glas hoch und deutete auf sie: „Hör auf mit der Zimperlichkeit! Wenn ich dir einschenke, traust du dich nicht zu trinken?" Wu Xiaohao bat: „Bürgermeister, ich vertrage keinen Alkohol, bitte hab Nachsicht." He Chengshou verzog die Miene: „Wu Xiaohao, ich sage dir in aller Deutlichkeit: Wer für Sicherheit zuständig ist, muss sich stets dem Unsicheren stellen. Aber, jedoch, kurzum — wenn du dieses Glas trinkst, garantiere ich, der alte He, für deine Sicherheit!"

Bei diesen Worten wurde Wu Xiaohao hellhörig. Gestern, bei der gemeinsamen Sitzung von Parteikomitee und Gemeindeverwaltung, hatte Sekretär Zhou Bin verkündet, die neue stellvertretende Bürgermeisterin Wu Xiaohao sei für Kultur und Sicherheit zuständig. Abends hatte sie Fan Weixing angerufen — den Direktor des Bezirksamts für Kultur und Sport, Absolvent der Literaturwissenschaft an der Shandong-Universität, zwei Jahrgänge über ihr — und diesen älteren Studienfreund gefragt, worauf sie sich bei diesen beiden Bereichen einstellen müsse. Fan Weixing sagte: „Kultur ist machbar, da beraten wir uns gemeinsam. Aber Sicherheit ist kein Spaß — du sitzt die ganze Zeit auf einem Pulverfass. Ein kleiner Fehler, und es knallt. Wenn etwas passiert, wirst du zur Rechenschaft gezogen, bestraft — ich übertreibe nicht: Gefängnis ist durchaus möglich. Dass Zhou Bin einer Frau die Sicherheit aufbrummt, ist nicht gerade fair."

Wu Xiaohao hatte in jener Nacht kein Auge zugetan. Sie erinnerte sich an Fälle in den Medien: Tatsächlich waren andernorts bei schweren Sicherheitsunfällen die zuständigen Leiter wegen Pflichtverletzung zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Sie dachte: Ich habe die Prüfung zur stellvertretenden Abteilungsleiterin bestanden und bin als Vize-Bürgermeisterin nach Kaipo gekommen — soll das etwa dazu dienen, mit einem Fuß im Gefängnis zu stehen?

Als der Bürgermeister ihr nun Sicherheit versprach, wenn sie dieses Glas leerte, fasste Wu Xiaohao den Entschluss. Sie trank selten Schnaps, und wenn, dann höchstens zwei, drei Schnapsgläschen — diesmal opferte sie sich für die Sicherheit. Sie hob das Glas an die Lippen, trank einen Schluck, noch einen, das Gesicht schmerzverzerrt. Den letzten Rest kippte sie hinunter und hustete heftig.

He Chengshou reckte ihr den Daumen entgegen: „Bravo, Xiaohao ist eine gute Genossin! Du bist jetzt sicher!" Dann warf er den Kopf zurück und leerte ebenfalls sein Glas.

Wu Xiaohao bemerkte: Als He Chengshou den Kopf zurücklegte, kamen unter seinem breiten Kinn links und rechts zwei schmale, purpurfarbene Flecken zum Vorschein — schockierend deutlich. Als sie ihn anstarrte, sagte Wan Yufeng: „Hast du sie gesehen? Er hat Kiemen. Die Leute auf der Kiemeninsel haben seit Generationen immer wieder solche nicht vollständig zurückgebildeten Fischkiemen — Chengshou ist einer von ihnen."

Wu Xiaohao war erneut „Wal"-erstaunt. Sie streckte die Hand aus, um genauer hinzuschauen, doch He Chengshou schob ihre Hand weg, presste das Kinn fest gegen die Brust und brummte dumpf: „Was gibt's da zu glotzen! Kiemenmenschen sind nur eine Legende."

Li Yanmi sagte: „Bürgermeister He kann wirklich lange unter Wasser bleiben, ohne zum Luftholen aufzutauchen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen."

He Chengshou funkelte ihn an: „Alter Li, hör auf, Gerüchte zu verbreiten! He, zur Begrüßung der Vize-Bürgermeisterin — warum schenkt ihr ihr nicht alle ein?"

Was folgte, war furchtbar: Li Yanmi, Li Dabiao, Wan Yufeng, der Fahrer Zhang — alle brachten ihr der Reihe nach einen Toast. Sie wagte nicht, die Gläser ganz zu leeren, aber selbst kleine Schlucke waren unerträglich. Schließlich stellte sie das Glas ab, winkte mit beiden Händen und stöhnte: „Aus und vorbei — ich bin heute völlig erledigt!"

Doch He Chengshou klatschte laut in seine großen Hände: „Haha, Intellektuelle müssen sich eben mit den Werktätigen verbinden! Im Jargon von vor dreißig Jahren gesagt: Wir sind alle arme Fischer, und du musst tiefe proletarische Gefühle für uns entwickeln!"

Wu Xiaohao machte abwehrende Gesten: „Gefühle kann man nicht erzwingen. Trinkt ihr ruhig weiter — ich jedenfalls nicht mehr." Wan Yufeng sagte: „Wenn du nicht trinkst, musst du wenigstens essen. Es kommt noch etwas Besseres."

Durch den Alkoholnebel hindurch sah Wu Xiaohao den Buchhalter einen Teller mit Kraken hereinbringen — nicht groß, aber alle noch lebendig, sie streckten und krümmten ihre Saugnäpfe bewehrten Fangarme. He Chengshou nahm mit den Stäbchen einen und hielt ihn Wu Xiaohao vors Gesicht: „Roher Krake — probier einmal." Wu Xiaohao wehrte erschrocken ab: „Viel zu gruselig, niemals!" He Chengshou sagte: „Was ist daran gruselig? Ostwind-Tante, mach es ihr vor." Wan Yufeng sagte „Gut", nahm einen Kraken und führte ihn zum Mund. Seine Fangarme saugten sich fest an ihren Lippen, einige Tentakel krochen sogar in ihre Nasenlöcher. Wu Xiaohao konnte nicht mehr hinsehen, sprang auf und flüchtete in den Hof. Weil sie unsicher auf den Beinen war, musste sie sich an einem Granatapfelbaum festhalten.

Auch der Bootssteuermann Xiao Xue kam heraus und murmelte leise: „Echt pervers." Er erzählte Wu Xiaohao, dass es dieses Gericht auf der Kiemeninsel ursprünglich gar nicht gegeben habe — auch nicht in ganz Yucheng. Wan Yufeng habe es aus einer koreanischen Fernsehserie abgeschaut. Sie bereitete es für Bürgermeister He zu, und der fand Gefallen daran. Man sagte, wenn man den Kraken hinunterschluckte, kitzelten die Fangarme die Speiseröhre — ein unbeschreibliches Lustgefühl. Wu Xiaohao winkte hastig ab: „Hör auf, hör auf — mir wird schlecht!"

Xiao Xue ging hinaus und kehrte nicht zurück; er war wohl zum Kai gegangen. Wu Xiaohao wollte nicht wieder ins Haus und setzte sich benommen auf eine Steinbank unter dem Granatapfelbaum. Im Halbschlaf sah sie den fleckigen Schatten des Baumes über ihre Füße wandern und kleine schwarze Ameisen hin und her eilen. Bei genauerem Hinsehen entdeckte sie, dass das Ameisennest in einem Astloch saß — die Ameisen gingen ein und aus, geschäftig und fleißig.

Wu Xiaohao dachte plötzlich: Kaipo ist ein Granatapfelbaum, und Ameisen sind soziale Insekten — seit gestern gehöre ich zu dieser „Kolonie". Ob in diesem Astloch hier wohl auch gerade ein Festmahl stattfindet? Und ob betrunkene Ameisen wohl auch so einen roten Kopf bekommen wie ich? Als sie die Ameisen genauer beobachtete, schien keine einzige unsicher auf den Beinen und keine mit rotem Kopf darunter zu sein.

Wie lange sie so dagesessen hatte, wusste sie nicht, als sie den Bürgermeister rufen hörte: „Aufbruch, Aufbruch!" Sie drehte sich um und sah die Zecher aus dem Haus kommen. Bürgermeister He war kein bisschen verändert — genauso forsch im Schritt, genauso laut in der Stimme. Li Yanmi hatte seine gewohnte Biederkeit abgelegt und grinste nur noch vor sich hin. Li Dabiao steckte sich aus unerfindlichen Gründen im Gehen Zigaretten hinter die Ohren — schon zwei auf jeder Seite, und er versuchte, noch mehr unterzubringen. Wan Yufeng stürzte sofort auf Wu Xiaohao zu, hielt sie in einer Alkoholwolke umschlungen und sagte: „Du hast den rohen Kraken nicht probiert — solch ein Genuss, und du verpasst ihn! Das ist ein großer Verlust fürs ganze Leben."

Wu Xiaohao hatte keine Lust, sich mit ihr abzugeben, befreite sich aus der Umarmung und taumelte zum Hoftor. Am Kai verabschiedete sie sich von den Dorfkadern, stieg mit He Chengshou und den anderen ins Schnellboot.

Das Boot legte ab. Wu Xiaohao saß mit dem Bürgermeister in der letzten Reihe. Sie hielt sich die Hände vors Gesicht und sagte mit gesenktem Kopf: „Bürgermeister, ich bin betrunken, das ist mir peinlich." He Chengshou sagte: „Sich einmal richtig volllaufen zu lassen, das schweißt zusammen." Wu Xiaohao schielte zu ihm hinüber: „Wieso bist du nicht betrunken?" He Chengshou lachte laut: „Ich habe ein Alkoholleck — tausend Gläser können mich nicht umwerfen." „Wo ist dein Alkoholleck?" He Chengshou neigte das Gesicht zur Seite und deutete unter seinen linken Unterkiefer: „Hier." Wu Xiaohao sah genau hin: unter dem breiten Kiefer zwei purpurfarbene Flecken, feucht schimmernd. Sie sagte erstaunt: „Du bist wirklich ein Kiemenmensch."

Während sie noch staunte, tauchte plötzlich eine große Hand vor ihrem Gesicht auf — fünf Finger, drei gestreckt, zwei gekrümmt. Hinter der Hand das ölig glänzende Grinsen des Bürgermeisters. Der zu einem Ring geformte Daumen und Mittelfinger sprangen plötzlich auseinander. Als der Mittelfinger hochschnellte, traf er ihre Stirn mit einem lauten „Plopp". Der Schmerz fuhr wie ein elektrischer Schlag durch den ganzen Kopf und strahlte bis in die Eingeweide aus.

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Am Abend rief Wu Xiaohao in ihrem Quartier ihre beste Freundin Zhen Yueyue an und erzählte ihr von den Erlebnissen des Tages. Am anderen Ende sagte Zhen Yueyue mit fast schadenfroh klingender Genugtuung: „Gut, gut! Wer hat dich aufs Land geschickt, wer musste unbedingt hohe Ideale und große Ambitionen haben, wer konnte das gute Stadtleben nicht genießen und musste dreißig Kilometer raus, um Vize-Bürgermeisterin zu werden? Wart's ab — es dauert nicht lang, dann bist du eine nach Schnaps stinkende, unflätig fluchende Funktionärin, die sich womöglich mit nach Fisch stinkenden Fischerjungs im Bett wälzt — nein, nicht im Bett, am Sandstrand. Und ich warne dich: Bring mir bloß kein rückentwickeltes Baby mit Fischkiemen zurück — mir wird schon schlecht beim Gedanken!"

Wu Xiaohao hörte das, und die Hand mit dem Handy zitterte. Sie holte tief Luft und sagte im gewohnten Scherzton: „Gevatterin, du bist gegen mein Landleben, schon klar — aber musst du mich gleich so fertigmachen? Das ist doch etwas zu gehässig, oder?"

„Gevatterin? Bisher schon — aber ob auch in Zukunft, weiß ich nicht. Wenn das so weitergeht, sind wir kein gleiches Paar mehr ..."

Wu Xiaohaos Herz begann zu zittern. Sie legte einfach auf, ließ sich aufs Bett fallen und seufzte tief: „Ach ..."

Vor zwei Monaten hatte Wu Xiaohao die Ausschreibung der Organisationsabteilung des Bezirkskomitees gesehen — stellvertretende Abteilungsleiter für den Einsatz in ländlichen Gemeinden gesucht. Sie beschloss sofort, sich zu bewerben. Doch die Entscheidung stieß auf breiten Widerstand: Ehemann, Kind, beste Freundin — niemand war einverstanden. Die meisten fanden, die Arbeit beim Bezirkskonsultativrat sei für eine Frau geradezu ideal — einmal im Jahr ein Heft Kulturgeschichte herausgeben, entspannt und ruhig, nach Feierabend den Haushalt erledigen, das Kind betreuen, ein geordnetes kleines Leben führen.

Dass ihr Mann You Haoliang dagegen war, berührte sie nicht — sie wollte ohnehin von ihm weg. Die Quälereien der letzten zehn und mehr Jahre hatte sie satt bis obenhin. Dass ihre Tochter, gerade in der dritten Klasse, dagegen war, hatte sie erwartet — Mutter und Tochter hingen aneinander, und die Trennung würde wehtun. Aber You Haoliang liebte das Kind, und mit seiner Fürsorge konnte sie beruhigt sein; mit der Zeit würde die Tochter sie verstehen.

Was sie nicht erwartet hatte, war die Schärfe von Yueyues Worten.

Nach dem Universitätsabschluss war Wu Xiaohao nach Yucheng gezogen und hatte einige Freundinnen gewonnen, darunter ein paar, denen sie ihr Herz anvertrauen konnte. Nach Feierabend oder am Sonntag mit ihnen bummeln, in einem Café die Zeit genießen, oder zusammen hinaus aufs Land fahren, an einem schönen Fleckchen ein Picknick machen und fröhlich wieder heimkehren — das waren die schönsten, köstlichsten Erlebnisse in Wu Xiaohaos Leben.

Am engsten vertraut war sie mit Zhen Yueyue. Diese stammte aus einer Jinan-Intellektuellenfamilie, der Großvater war Archivar am provinzialen Kulturgeschichtsmuseum, die Eltern arbeiteten beide im Kulturbereich. Nach dem Studium hatte sie sich nach dem Leben am Meer gesehnt und war zur Stadtbibliothek von Yucheng gekommen. Zhen Yueyue war eine „eingefleischte Ästhetin" — Wu Xiaohao bewunderte ihre angeborene Vornehmheit und Eleganz, schätzte den Umgang mit ihr und sprach mit ihr von Herzen über alles, was sie bewegte. Auch Zhen Yueyue war Wu Xiaohao gegenüber ohne Vorbehalte; bei Kummer kam sie immer zu ihr. Einmal, in einem Café, redeten sie so vertraut, dass sie sich über den Tisch hinweg die Hände hielten, sich in die Augen sahen und vor Rührung verstummten. Wu Xiaohao dachte oft: Eine wahre Freundin im Leben zu haben — das genügt. Wie wahr.

Sie erfuhren, dass es in Yucheng den Volksbrauch gab, für Kinder Pateneltern zu finden, um fehlende Elemente im Schicksal des Kindes auszugleichen. Die Eltern beider Seiten wurden dadurch „Gevatter" und pflegten enge Beziehungen. Bei Paaren, die passenderweise je einen Jungen und ein Mädchen hatten, scherzte man gern über eine künftige Verbindung der Kinder, um die Freundschaft zu vertiefen. Vor zwei Jahren, als Zhen Yueyues Sohn und Wu Xiaohaos Tochter fröhlich miteinander spielten, sagte Zhen Yueyue: „Werden wir doch Gevattern nach hiesiger Sitte." Wu Xiaohao sagte begeistert: „Gern! Ich bin sehr bereit, die Schwiegermutter von Fa Buer zu werden." Zhen Yueyue war Buddhist, ihr Mann hieß Fahui, und den Sohn nannten sie Fa Buer. Beide erzählten es ihren Ehemännern, und beide Männer stimmten zu. Fahui, ein Maler, griff vor Freude zum Pinsel und malte ein Bild: darauf zwei Kinder auf Steckenpferden spielend, daneben zwei Ehepaare mit erhobenen Gläsern, dazu ein Scherzvers: „Auf Steckenpferden reiten zwei, / Runde um Runde im Kreis. / Vier Gläser klingen — Prost! / Gevattern sind die Glücklichsten."

Vor einem Monat hatte Zhen Yueyue sie zum gemeinsamen Haarefärben eingeladen. Beide ließen sich im Friseursalon aschblond färben, nur die Frisuren waren verschieden: Yueyue trug einen Mittelscheitel mit großen, bewusst zerzausten Locken; Wu Xiaohao mochte kurzes Haar und ließ sich einen Pilzkopf schneiden. Jetzt lag Wu Xiaohao im Quartier der Gemeindeverwaltung Kaipo, dachte an die Worte „kein gleiches Paar" und raufte sich den Pilzkopf zu einem Vogelnest. Yueyues Worte mochten scherzhaft gemeint sein, doch ihre Wirkung war verheerend. Für Wu Xiaohao war eine Freundin wie Yueyue in ihrem Leben wie eine Quelle in der Wüste, wie ein frischer Windhauch im Dunst. Sie zu verlieren wäre ein schwerer Schlag.

Dennoch wollte Wu Xiaohao nicht länger in ihrer alten Dienststelle die Tage vertrödeln. Sie hatte beim Bezirkskonsultativrat die „Kulturgeschichte von Yucheng" herausgegeben — ruhige, geregelte Arbeit —, als plötzlich ein unmöglicher neuer Direktor kam. Direktor Chu, ehemaliger Amtsleiter, war mit vierundfünfzig auf den Posten des Leiters der Kulturgeschichtsabteilung versetzt worden. Am ersten Tag erklärte er seinen zwei Untergebenen frank und frei, er liebe Kulturarbeit nicht, könne auch nicht schreiben — die Organisation habe ihm diese Stelle aufgezwungen. Von da an trank er jeden Tag Tee, schwadronierte über seine früheren Großtaten und rühmte seine Verdienste. Wu Xiaohao mochte nicht zuhören und vertiefte sich in ihre Arbeit. Als sie ihm das fertige Manuskript zeigte, sagte Direktor Chu nur: „Wozu dieses Zeug? Bringt das wirtschaftlichen Nutzen?" Wu Xiaohao verschlug es die Sprache, und ihre Arbeitsfreude sank drastisch. Aber das fertige Manuskript sollte doch erscheinen? Direktor Chu weigerte sich jedoch, beim Finanzamt um Mittel zu bitten: „Ich, der alte Chu, habe früher jährlich Millionen vergeben — alle kamen zu mir und baten mich. Jetzt soll ich bei anderen betteln gehen? Niemals!" Und so war das Bezirkskonsultativrat, das früher jährlich einen Band herausgebracht hatte, unter Direktor Chu drei Jahre lang verstummt. Wu Xiaohao streichelte die Manuskriptstapel, in die sie ihr Herzblut gesteckt hatte, und beschloss, zu gehen. Lieber an einer Schule unterrichten und wenigstens etwas Erfüllung finden, als hier ihre besten Jahre damit zu verbringen, einem gescheiterten Bürokraten beim Teetrinken und Schwadronieren Gesellschaft zu leisten. Nein, niemals!

Während des Studiums hatten sie die von Lehrern geschilderten historischen Persönlichkeiten immer wieder tief bewegt — mutige, aufrechte Menschen, die für ihre Ideale eingetreten waren. Besonders als Professor Fang einmal über das China vor hundert Jahren sprach — ein Land im Sturm, ein Volk in Not — da suchten viele kluge, entschlossene Männer und Frauen nach einem Ausweg für China, und viele gaben dafür ihr Leben. Wu Xiaohao liefen Tränen übers Gesicht. Sie dachte: Das Leben ist kurz wie der Sprung eines weißen Pferdes über einen Spalt — kann man in diesem flüchtigen Augenblick der Welt eine Veränderung schenken? „Aufstieg und Fall des Landes gehen jeden an" — ich bin keine Heldin, nur eine gewöhnliche kleine Frau, aber ein gewöhnliches Leben will ich nicht führen.

Da sah sie die Stellenausschreibung der Organisationsabteilung und meldete sich unverzüglich an. Vergangenen Mittwoch war die Ergebnisliste veröffentlicht worden — ihr Name stand darauf.

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Wu Xiaohao beging einen schweren Fehler.

An jenem Morgen erhielt sie einen Anruf von Liu Dalou, dem Leiter des Partei- und Verwaltungsbüros der Gemeinde: Bezirksvorsteher Zhi sei zu einer Inspektionsreise nach Kaipo gekommen; Sekretär und Bürgermeister hätten ihn bereits am Ortseingang abgeholt; alle Kader auf Abteilungsleiterebene sollten sofort zum Empfang vor das Gebäude treten.

Wu Xiaohao eilte hinunter. Gut zehn Kader kamen nach und nach die Treppe herab und stellten sich auf. Nach wenigen Minuten rollten die Wagen des Sekretärs und des Bürgermeisters durchs Tor, dahinter ein funkelnagelneuer Luxus-Passat. Die ersten beiden Wagen parkten auf der Westseite; der Passat hielt geradewegs vor Wu Xiaohao. Sie dachte: Ich sollte dem Bezirksvorsteher die Tür öffnen — und streckte lächelnd die Hand aus. In diesem Moment rannte Sekretär Zhou Bin herbei und zischte sie an: „Wu Xiaohao, was tust du da?" Wu Xiaohao zog die Hand zurück wie verbrüht. Zhou Bin griff nach dem Türgriff, öffnete die Tür des Bezirksvorstehers, verbeugte sich mit strahlendem Gesicht: „Herr Bezirksvorsteher, bitte steigen Sie aus."

In diesem Augenblick begriff Wu Xiaohao, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Ja — was hatte sie sich dabei gedacht? Wer war sie denn, dem Bezirksvorsteher die Tür zu öffnen? Vor aller Augen musste das aussehen, als wolle sie sich beim Bezirksvorsteher anbiedern. Sie trat zurück, das Gesicht glühend rot.

Der Bezirksvorsteher ging unter Begleitung der Kader ins Sitzungszimmer und hörte Sekretär Zhou Bins Bericht an. Wu Xiaohao saß geistesabwesend da; was der Sekretär vortrug, nahm sie kaum wahr — nur sein Tadel hallte ihr wieder und wieder in den Ohren. Doch innerlich sträubte sie sich: Um Vorgesetzten die Autotür zu öffnen, braucht man eine Rangberechtigung? Strenge Hierarchie, die „Regeln" darf man nicht übertreten? Diesen Standesdünkel der Bürokratie hatte sie heute am eigenen Leib erfahren.

Nach dem Bericht nickte der Bezirksvorsteher: „Gut. Fahren wir hinunter und schauen uns um."

Der Bezirksvorsteher verließ mit den beiden Gemeindeführern das Sitzungszimmer. Kader, die nicht zur Begleitung berechtigt waren, kehrten in ihre Büros zurück oder machten sich auf zu den ihnen zugewiesenen Dörfern. Wu Xiaohao hatte eigentlich die Kulturstationsleiterin bitten wollen, ihr die Kulturstätten zu zeigen, aber jetzt war ihr die Stimmung vergangen. Sie ging in ihr Büro zurück und saß dort vor sich hin. Sie wusste: Das Gesprächsthema Nummer eins unter den Kaipoer Kadern würde heute ihr voreiliger Griff nach der Autotür sein.

Ihre Vermutung bestätigte sich. Kurz darauf klopfte eine Frau mittleren Alters an die Tür und trat mit empörter Miene ein: „Vize-Bürgermeisterin Wu, ich habe von meinem Alten gehört, dass der Sekretär Sie vorhin zurechtgewiesen hat?" Wu Xiaohao stand auf: „Darf ich fragen, wie Sie heißen?" Die Frau sagte: „Hao Juan, stellvertretende Leiterin des Familienplanungsbüros. Lai Chunxiang ist mein Mann." Wu Xiaohao verstand: Der Vorsitzende des Gemeindevollzugsausschusses Lai hatte seiner Frau von ihrer Blamage erzählt. Wu Xiaohao lächelte gezwungen: „Tja — wer heißt mich, die Regeln nicht zu kennen?" Hao Juan schwenkte die Hand: „Was für Regeln! Dieser Zhou hat Allüren! Sie als Frau und Neuankömmling — Sie vor aller Augen bloßzustellen! Was ist das für eine Führungskraft?"

Wu Xiaohao bemerkte, dass sich beim Sprechen um Hao Juans Lippen dichte Fältchen bildeten, die den Mund wie zwei zusammengepresste Muschelschalen aussehen ließen. Hao Juans Worte trafen Wu Xiaohaos wunden Punkt. Doch sie wusste: Die Beziehungsgeflechte in der Gemeinde waren verworren; sie durfte nicht unbedacht ins Klatschrad greifen. Sie deutete auf einen Stuhl und bat Hao Juan, Platz zu nehmen.

Hao Juan setzte sich und legte nach: „Der Sekretär ist unmöglich! Warum bringt er eine Frau ausgerechnet in diesem Zimmer unter!" Wu Xiaohao war am Vortag zur Anmeldung gekommen; Direktor Liu Dalou hatte sie zu einem Raum hinter dem Bürogebäude geführt und gesagt, das sei ihr Quartier — zuvor habe hier ein Vizebürgermeister gewohnt, der inzwischen im Ruhestand sei. Das Zimmer war sauber; sie hatte nicht weiter nachgedacht und ihr Bettzeug abgelegt. Nun fragte sie Hao Juan: „Was ist mit dem Zimmer?" Hao Juan sagte: „Dort hat sich einer erhängt." „Was?" Wu Xiaohao lief es eiskalt über den Rücken.

Hao Juan erzählte: Irgendwann in den Achtzigern sei ein frisch diplomierter, gut aussehender Universitätsabsolvent als Parteisekretär hierhergeschickt worden. Der damalige Parteisekretär wollte sein Können testen und trug ihm gleich am ersten Abend auf, eine Rede zu schreiben, die der Sekretär am nächsten Morgen bei der Sommerproduktionsmobilisierung halten wollte. Am nächsten Morgen war die Rede nicht da. Man schickte jemanden — keine Antwort. Schließlich ließ der Sekretär die Tür aufbrechen. Man fand den jungen Mann erhängt am hinteren Fenster. Auf dem Schreibtisch lagen zusammengeknüllte Papiere. Man faltete sie auf: Auf jedem stand nur „Genossen" und ein Doppelpunkt.

Hao Juan gestikulierte lebhaft: „Bei Leuten, die als Sekretär angefangen haben, gibt es zwei Sorten: Die einen werden von anderen zu Tode gequält, die anderen quälen andere zu Tode. Der junge Mann war gerade erst angetreten, kannte nichts und niemanden, und der Sekretär ließ ihn eine Rede schreiben. Er war so ehrgeizig, dass er lieber zum Strick griff, als sein Gesicht zu verlieren. Die andere Sorte — hat man lang genug als Sekretär gedient und ist die geduldige Schwiegertochter endlich selbst zur Schwiegermutter geworden, quält man seine Untergebenen. Unser Sekretär Zhou ist genau diese Sorte."

Wu Xiaohao wusste, dass Sekretär Zhou Bin früher stellvertretender Leiter des Bezirksbüros gewesen war, zuständig für Schriftverkehr, ein Meister im Verfassen von Dokumenten — gewöhnliche Texte fanden kaum seine Gnade. Sie fragte: „Er ist hier ja nicht mehr für Schriftliches zuständig — wie quält er dann seine Leute?"

Hao Juan lachte bitter: „Genauso. Direktor Liu vom Büro schreibt einen Entwurf — der Sekretär findet ihn unbrauchbar, lässt ihn wieder und wieder überarbeiten, bis Liu Nächte durcharbeitet. Liu hat sich schon beklagt: Manchmal, wenn er bis Mitternacht an Texten sitzt und geistig am Ende ist, möchte er am liebsten seinem Vorgänger folgen und sich aufhängen. Nicht nur er — viele sagen, ihre Texte werden beim Sekretär immer wieder abgelehnt, und sie wollen nicht mehr weiterleben."

„Was für Texte müssen die denn schreiben?"

„Jeder muss schreiben — Untersuchungsberichte, Arbeitszusammenfassungen, alle paar Tage wird etwas fällig. Dabei sollten Gemeindekader sich aufs Handeln konzentrieren — wozu so viel Papier? Aber Sekretär Zhou sagt: Egal wie gut die Arbeit ist, sie muss sich in Schriftform niederschlagen. Die Fähigkeit, gut zu schreiben, sei die wichtigste Fähigkeit eines Kaders. Er hat sogar eine Losung ausgegeben, wie hieß sie gleich? Ach ja: ‚Schrift wiegt schwerer als der Himmel!'"

Wu Xiaohao musste an zwei Verse des Qing-zeitlichen Literaten und Historikers Zhao Yi denken: „Macht den kleinen Federkiel nicht zur Säule, die den Himmel stützt." Die Formel „Schrift wiegt schwerer als der Himmel" kannte sie; unter Gelehrten mochte man die überragende Bedeutung guten Schreibens so betonen — als Losung für Gemeindekader war sie doch etwas abwegig.

Hao Juan fuhr fort: „Das ist noch nicht alles. Er verlangt auch, dass in den Berichten der übergeordneten Stellen und in den Medien regelmäßig Neuigkeiten aus Kaipo erscheinen. Er hat ein Belohnungssystem eingeführt: Veröffentlichung in einem zentralen Medium — zehntausend Yuan Prämie; auf Provinzebene fünftausend; auf Stadtebene eintausend. Du hast doch jahrelang in der Stadt gearbeitet — kennst du nicht Journalisten? Hilf mir, etwas unterzubringen." Dabei zog sie ein winzig zusammengefaltetes Blatt Druckpapier aus der Tasche.

Jetzt verstand Wu Xiaohao den eigentlichen Grund für Hao Juans Besuch. Sie nahm den Text und faltete ihn auf: eine Halbjahres-Zusammenfassung der Familienplanungsarbeit in Kaipo — nichts, was eine Zeitung interessieren würde. Doch sie wollte Hao Juan nicht brüsk abweisen und sagte: „Direktorin Hao, ich habe vorher beim Bezirkskonsultativrat gearbeitet und habe wenig Kontakt zu Journalisten. Wenn ich in die Stadt zurückfahre, versuche ich, es über Bekannte an eine Redaktion weiterzureichen."

Hao Juan faltete die Hände und verneigte sich überschwänglich: „Danke, Vize-Bürgermeisterin Wu, vielen Dank!" Dann begann sie über ihren Mann zu klagen. Vor drei Jahren sei der damalige Sekretär Chen befördert worden. Eigentlich hätte ihr Mann als langjähriger Vize-Sekretär nachfolgen müssen — wer denn sonst? Doch dann sei Zhou Bin wie vom Himmel gefallen, und ihr Mann habe sich mit dem machtlosen Posten des Volkskongress-Ausschussvorsitzenden zufriedengeben müssen. Bei Nachforschungen habe sich herausgestellt, dass Zhou Bin unbedingt aufs Land wollte, um sich für eine Beförderung zu qualifizieren, und sich bei den Vorgesetzten regelrecht eingeschmeichelt habe. „Dieser Mensch ist ehrgeizig. Was hat er getan, seit er hier ist? Schöne Fassaden und Papierkram ..."

Wu Xiaohao merkte, dass sie Hao Juan nicht länger zuhören durfte. Zu viel Umgang mit solchen Klatschbasen würde sie in einen Strudel aus Gerede und Intrigen hineinziehen, aus dem sie sich nicht mehr befreien konnte. Sie sagte: „Direktorin Hao, entschuldige — ich muss jetzt aufbrechen. Die Kulturstationsleiterin soll mich herumführen."

Hao Juan machte eine geheimnisvolle Miene: „Guo Mo soll dich begleiten? Die ist die Vertraute des Sekretärs. Wenn du dich gut mit ihr stellst, stehst du gut mit dem Sekretär."

Wu Xiaohao wurde ärgerlich: „Was soll das heißen? Ich bin für Kultur zuständig — zwischen uns besteht ein Arbeitsverhältnis, nichts weiter."

Hao Juan gab sich den Anschein, nicht lockerzu­lassen: „Gerade weil du für die Kulturstation zuständig bist, musst du über Guo Mo Bescheid wissen. Die ist eine Fischerstochter. Dass sie Stationsleiterin geworden ist, liegt nicht nur am Singen, sondern daran, dass sie es mit den Vorgesetzten ..." Dabei zwinkerte sie Wu Xiaohao vielsagend zu.

Wu Xiaohao wollte dieses Getuschel nicht länger hören und rief Guo Mo an: „Komm, fahren wir los." Sie stand auf und ging hinaus. Hao Juan folgte ihr bis zur Tür und flüsterte: „Weil ich dir vertraue, sage ich dir das alles. Erzähl es bloß niemandem."

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Kaum hatte Wu Xiaohao das Bürogebäude verlassen, kam Guo Mo auf einem Motorrad vom Kulturzentrum am hinteren Ende des Geländes angefahren. Das Motorrad war uralt, machte einen Höllenlärm, und aus dem Auspuff quoll blauer Rauch.

Guo Mo hielt an und lächelte: „Vize-Bürgermeisterin Wu, du hast ein Auto zu Hause und bringst es nicht nach Kaipo — jetzt muss ich dich mit dieser Schrottkiste fahren." Wu Xiaohao schwang sich auf den Rücksitz: „Wenn ich das Auto hierher bringe, wie soll mein Kind dann zur Schule kommen? Das muss ich meinem Mann lassen." „Dann kauf doch noch eins." „Wie denn? Ich zahle noch die Hypothek ab." Guo Mo sagte: „Wenigstens hast du eine Stadtwohnung — das ist auch ein Privileg. Wir wohnen hier in kostenlosen Gemeindeunterkünften, aber unsere Kinder leiden. Die Dorfschulen sind miserabel — die Lehrer unterrichten im 21. Jahrhundert immer noch im Dialekt! Es ist zum Verzweifeln! Fahren wir erst zur Stele — halt dich fest!"

Wu Xiaohao ließ sich von Guo Mo aus dem Verwaltungsgelände fahren. Guo Mo trug keinen Helm; ihr langes Haar wehte und strich Wu Xiaohao über das Gesicht. Als sie an Hao Juans Worte dachte, empfand Wu Xiaohao keine Sympathie für die Frau vor ihr; was ihr über das Gesicht strich, fühlte sich an wie eine Zumutung. Ihr fiel ein, dass sie in Geschichtsbüchern von einem General namens Guo Mo in der Jin-Dynastie gelesen hatte, der als Gouverneur von Jiangzhou diente. Wang Xizhi war ebenfalls Gouverneur von Jiangzhou gewesen und hatte einen guten Ruf hinterlassen; jener Guo Mo hingegen war berüchtigt und eines gewaltsamen Todes gestorben. Sie fragte, warum Guo Mo so heiße. Guo Mo sagte: „Als ich klein war, konnte ich endlos reden und singen. Mein Vater war genervt und gab mir den Namen — er wollte, dass ich endlich still bin. Aber ich wurde trotzdem nicht still, haha."

Während sie fuhren, hob Guo Mo plötzlich die Hand und winkte einem Wohnhaus zu: „Bruder Niu, hallo!"

Wu Xiaohao schaute hinauf, konnte aber niemanden sehen, und fragte: „Wen rufst du?" Guo Mo hielt an und deutete nach oben: „Schau, da ist doch Bruder Niu! Ich mag ihn sehr und grüße ihn jedes Mal, wenn ich vorbeikomme."

Erst jetzt bemerkte Wu Xiaohao, dass aus einem Fenster im sechsten Stock ein gelber Rindskopf herausragte. Das Rind ignorierte Guo Mo, kaute wieder und starrte in die Ferne; sein herunterfallender Speichel wäre beinahe auf Wu Xiaohaos Gesicht getropft. Sie fragte verblüfft: „Wie kann man im sechsten Stock ein Rind halten? Wie ist es da hochgekommen?" Guo Mo sagte: „In Bauernhochhäusern findet man alles — Schafe, Schweine, Hühner, Enten. Diese Familie hat im Frühling das Kalb mit einem Seil hochgezogen, jetzt ist es groß geworden." Wu Xiaohao fragte: „Wie kommt es wieder runter?" Guo Mo sagte: „Keine Ahnung."

Sie deutete auf die Wohnblöcke: „Diese drei Gebäude sind Sekretär Zhous Meisterstück. Vor zwei Jahren ließ er, um Kaipo zur Stadt hochzustufen und die nichtlandwirtschaftliche Bevölkerung zu erhöhen, zwei nahe gelegene Dörfer abreißen und die Bewohner hier zusammenlegen. Alle nennen sie die ‚Bauernhochhäuser'. Die Leute in den Hochhäusern haben tausend Unannehmlichkeiten — bis zu ihren Feldern ist es jetzt endlos weit."

Wu Xiaohao blickte zu „Bruder Niu" hinauf. Er starrte immer noch in die Ferne. Sie dachte: Du sehnst dich nach den grünen Hängen und deinen Gefährten, nicht wahr?

Als sie das Dorf Kaipo hinter sich ließen, stieg das Gelände an und mündete in einen kleinen Hügel mit einigen Kiefern. Nach kurzer Strecke deutete Guo Mo auf den Straßenrand: „Dort." Wu Xiaohao stieg ab und sah ein Erdnussfeld, an dessen Rand eine Stele aus blauem Stein stand.

Guo Mo erzählte: Die alten Leute sagten, hier habe einst ein gewaltiger Kaipo-Baum gestanden, so dick und hoch, dass sein Schatten ein halbes Mu bedeckte. In den Fünfzigerjahren, als die Versorgungsgenossenschaft gegründet wurde, schlug jemand vor, den Baum zu fällen und die Bretter als Ladentischplatten zu verwenden. Eine Gruppe rückte mit der Säge an, doch nach wenigen Schnitten trat aus der Wunde Blut — erschrocken flüchteten sie. Der Genossenschaftsdirektor glaubte nicht an Wunder und sagte, das sei nur Baumsaft. Er sägte persönlich, einen ganzen Tag lang, bis der Baum fiel. Die Bretter, breit und dick, legten sie auf die gemauerten Ladentische. Als sie noch klein war, ging sie in die Genossenschaft einkaufen, berührte die über einen Meter breiten Theken und versuchte sich vorzustellen, wie gewaltig dieser Baum gewesen sein musste.

Wu Xiaohao hatte im „Ortsnamenverzeichnis von Yucheng" gelesen, dass Kaipo seinen Namen von den Kaipo-Bäumen hatte, die hier einst dicht wuchsen. Sie fragte Guo Mo, ob es in Kaipo noch solche Bäume gebe. Guo Mo verneinte. Das Forstamt habe die ganze Gemeinde durchsucht — nicht ein einziger war übrig. Das Holz war so kostbar gewesen, dass man alles gefällt hatte. Nach dem letzten alten Baum blieb nur diese Stele.

Wu Xiaohao war schmerzlich berührt. Sie trat näher. Die Stele war in der Mitte zerbrochen und mit Zement geflickt worden. Zum Glück war die Inschrift noch lesbar — ein Fünfsilbengedicht:

Wer pflanzte einst, ich weiß es nicht, / was hier seit Urzeiten steht? / Am Konfuzius-Hain der heilige Baum / wandelt Menschenherzen durch Wind und Sturm. / Oft ertrag ich Frost und Bitternis, / stets schau ich den Wandel von Himmel und Erde. / Ein Gelehrter sitzt unterm Baum / und sieht durch Tränen die Blätter fallen.

Darunter: „Im dreiundzwanzigsten Jahr der Daoguang-Ära, Spätherbst, von Shen Yao, Kreisschulinspektor von Yucheng, nach dem Reimschema von Shi Runzhangs ‚Die von Zigong gepflanzte Kaipo-Eiche'."

Die Unterschrift rief eine Erinnerung wach: Im dritten Studienjahr war die ganze Klasse mit dem Zug nach Qufu gefahren, um den Konfuziustempel, die Konfuzius-Residenz und den Konfuzius-Friedhof zu besichtigen. Vor dem Grab des Konfuzius hatte sie die „von Zigong gepflanzte Kaipo-Eiche" gesehen — freilich nur ein Stück totes Holz. Die Reiseleiterin hatte erklärt, die Kaipo-Eiche sei ein heiliger Baum — gerader Stamm, üppiges Laub, ein Vorbild für alle Bäume. Damals hatte Wu Xiaohao das Holzstück ehrfürchtig betrachtet. Sie erinnerte sich auch, dass dahinter eine Stele mit einem Lobgedicht stand, doch den Wortlaut hatte sie vergessen. Sie suchte auf dem Handy und fand das Gedicht des berühmten Dichters Shi Runzhang aus der frühen Qing-Zeit:

Aus welchem Jahr stammt dieser Baum? / Ein zerbrochener Stein bezeugt ihn noch. / Gemeinsam schauen wir den Schatten des einsamen Stamms, / noch ahnen wir das Herz des Weisen. / Wind und Frost ertrug er durch die Zeiten, / unermesslich sind Himmel und Erde im Zwielicht. / Wer hier vorübergeht, wo Zigong seine Hütte baute, / vergießt nach tausend Jahren noch eine Träne.

Guo Mo fragte: „Was bedeutet dieses Gedicht? Ich verstehe es nicht."

Wu Xiaohao erklärte es ihr: Das Gedicht stamme von Shen Yao, dem Kreisschulinspektor von Yucheng in der Qing-Dynastie, und folge dem Reimschema Shi Runzhangs. Dieser Mann hatte in Qufu die von Zigong gepflanzte Eiche verehrt und gehofft, mit der konfuzianischen Lehre die Herzen der Menschen zu verwandeln. Doch er stieß auf unüberwindliche Widerstände und war tief enttäuscht. Unter dem großen Kaipo-Baum saß er und ließ beim Anblick der fallenden Blätter seinen Tränen freien Lauf. Während sie erzählte, sah sie die Szene vor sich: Herbstwind, wirbelndes Laub, ein greiser Gelehrter voll hoher Ideale, unter dem Baum sitzend, trauernd um die Moral der Welt.

Guo Mo sagte: „Oh — der Mann hatte ja ganz schön viel Gefühl!"

Dieser knappe Kommentar ließ Wu Xiaohao nicht wissen, ob sie lachen oder weinen sollte.

Guo Mo deutete auf den Hügel: „Für heute reicht die Zeit nicht mehr — den Guaxinjue schaffen wir nicht."

„Guaxinjue? Was bedeutet das?"

Guo Mo erklärte: Wenn die Fischer früher auf See waren und das Dorf nicht mehr sehen konnten, orientierten sie sich an markanten Landmarken. Wenn die Kaipoer Fischer von der Fahrt zurückkehrten und diesen kleinen Hügel aus dem Meer auftauchen sahen, wussten sie: Bald sind wir zu Hause. Ihr Herz konnte sich beruhigen. Darum nannten sie den Berg „Guaxinjue" — „die Klippe, an der das Herz hängt". Wu Xiaohao betrachtete den Hügel und dachte: Was für ein schöner Name — eigenwillig und treffend zugleich.

Das nächste Ziel war die Danxu-Stätte. Sie fuhren nach Nordosten; nach sieben, acht Kilometern erschien der mehrere hundert Meter breite Shu-Fluss, seine Ufer in purpurrotes Schilf getaucht. Wenn man nach Osten zur Mündung blickte, sah man schwarzes Watt und die blaue Meeresfläche. Über die Brücke, nach Westen, am Dorfeingang hielt Guo Mo vor einer Granitstele. Wu Xiaohao stieg ab und las: In der Mitte „Danxu-Stätte", darüber „Nationale Schlüsselstätte unter Denkmalschutz", darunter „Verkündet vom Staatsrat der Volksrepublik China am 25. Mai 2002, errichtet von der Provinzregierung Shandong." Ringsum Felder — hoher Mais, niedrige Erdnusspflanzen. Zweihundert Meter entfernt einige Bauernhäuser; unter einem Baum saßen ein paar alte Frauen und unterhielten sich.

Wu Xiaohao wusste von dieser Fundstätte der Longshan-Kultur, hatte sie aber nie besucht. Im Stadtmuseum hatte sie die zahlreichen ausgegrabenen Ton- und Jadegegenstände gesehen; einige hauchdünne schwarze Keramikbecher repräsentierten die Spitze der prähistorischen chinesischen Töpferkunst. Während ihres Studiums hatte Professor Fang Zhiming in der Vorlesung von seinen Ausgrabungen an der Danxu-Stätte berichtet. Als er von der Entdeckung einer Jadeschale erzählte, gestikulierte er mit beiden Händen, strahlend vor Begeisterung — Gesten und Ausdruck, die Wu Xiaohao nie vergessen hatte. Beschämenderweise war sie in acht Jahren in Yucheng nie hierher gekommen.

Sie fragte nach der Kulturschicht. Guo Mo deutete ringsum und erklärte, unter dem Dorf Danxu und in der ganzen Umgebung fänden sich kulturelle Überreste — insgesamt über vierzigtausend Quadratmeter. Während der Volkskommune wollte die Leitung, da hier vorwiegend schwarze Erde lag, aus allen Dörfern Leute schicken, um sie als Dünger abzutragen. Zum Glück erfuhren die Kreisbehörden davon und stoppten das Vorhaben. Beim Ausheben von Fundamenten für Häuser stieß man regelmäßig auf Tonscherben, manchmal sogar auf Jadestücke. Ein vollständig erhaltener Schwarzkeramik-Eierschalenbecher war dem Museum übergeben worden und wurde dort zum Prunkstück.

Nicht weit entfernt gab es einen frisch ausgehobenen Graben. Im Querschnitt zeigte sich unter der Ackerkrume eine dicke Kulturschicht — schwarze Erde, durchsetzt mit Tonscherben. Auch rote Erdbrocken waren zu sehen — offensichtlich gebrannt. Wu Xiaohao verstand: Das war ein Brennofengelände von vor viertausend Jahren. Dass der Ort Danxu hieß — „Rote Ruinen" —, lag an diesen verlassenen alten Öfen.

Guo Mo hob ein fingerkleines, grauschwarzes Stückchen vom Boden auf und reichte es Wu Xiaohao: „Das ist eine Tonscherbe von damals." Wu Xiaohao betrachtete es: abgerundete Kanten, poröse Oberfläche — es hatte Jahrtausende überdauert. Sie überlegte: War das ein Stück eines Ritualgefäßes oder eines Alltagsgegenstands? Hatte es Wasser enthalten? Wein? Oder Getreide?

Wu Xiaohao hatte an der Universität chinesische Altertumskunde studiert und sich besonders für die Prähistorie begeistert. Oft sann sie für sich: Wie genau war die Menschheit nach der Trennung von den Menschenaffen Schritt für Schritt zur Zivilisation gelangt? Doch die Bücher boten außer Mythen nur Legenden. Zum Glück gab es Archäologen, die in der Wildnis, unter der Erdoberfläche, die Hinterlassenschaften der prähistorischen Menschen ausgruben und sie zum Sprechen brachten. In China hatten sie eine Reihe von Fundstätten mit kulturellen Schichtungen freigelegt — Hetao-Kultur, Yangshao-Kultur, Dawenkou-Kultur, Longshan-Kultur ... Von diesen Kulturtypen verehrte Wu Xiaohao die Longshan-Kultur am meisten. Ihre wichtigste Fundstätte lag einige Dutzend Kilometer östlich von Jinan; Wu Xiaohao hatte dort während des Studiums ein Praktikum gemacht. Wissenschaftler ordneten die Longshan-Kultur der legendären Ära der Fünf Kaiser zu. Damals gab es auf dem Boden Chinas zehntausend Staaten; der Gelbe Kaiser, Zhuanxu, Kaiser Ku, Yao und Shun — kraft ihrer Tugend und Fähigkeiten geboten sie über die Welt, und alle vier Meere fügten sich. In jener Epoche formte sich die chinesische Nation, und die östliche Zivilisation hob ihren großen Vorhang.

Nach der Danxu-Stätte fuhren sie zur „Hegemonenpeitsche". Sie fuhren nach Osten, und südlich des Fischereihafens Qianwan war sie sofort zu sehen: Vom Strand aus ragten Felsen ins Meer, Glied für Glied verbunden, nach und nach schmaler werdend — wie eine lange Peitsche. Wu Xiaohao hatte in den Unterlagen zur „Kulturgeschichte von Yucheng" gelesen, dass die Hegemonenpeitsche bei Ebbe aus dem Wasser auftauchte, blank zwischen Meer und Himmel; bei Flut versank sie und hinterließ nur einen geisterhaften Schatten. Die Legende besagte, der König von Chu habe hier einst eine Peitsche verloren.

Wu Xiaohao näherte sich der Hegemonenpeitsche und war von ihrer Wucht tief beeindruckt: Wogen brandeten, sie blieb gelassen; Möwen landeten und hoben ab, sie rührte sich nicht. Guo Mo erzählte, dies sei ein gefährlicher Ort — kein Einheimischer wagte sich hinauf. Fremde ahnten nichts Böses, sahen die außergewöhnliche Landschaft, kletterten begeistert hinauf zum Fotografieren oder Muschelsammeln, glitten aus, stürzten ins Wasser, und einmal im Wasser, kam man kaum wieder heraus — jedes Jahr starben hier Menschen. Beim Anblick der drei in den Felsen gemeißelten Zeichen „Hegemonenpeitsche" durchlief Wu Xiaohao ein Schauder.

Sie sah, dass der Felsrücken am Ufer weiterhin angehoben verlief und sich über zweihundert Meter erstreckte — bis zu einem großen Anwesen. Über dem Tor hing eine Tafel: „Shenyou-Gruppe". Firmensitze großer Konzerne hatte sie schon gesehen, aber keinen in einem solchen Gehöft. Sie fragte Guo Mo, wem die Shenyou-Gruppe gehöre. Guo Mo warf einen kühlen Blick dorthin und flüsterte: „‚Tigerhai'!" Wu Xiaohao verstand nicht. Guo Mo erklärte: Der Tigerhai sei die gefährlichste aller Haiarten; der Chef der Shenyou-Gruppe, Mu Pingchuan, sei so grausam und rücksichtslos wie ein Tigerhai — deshalb sein Spitzname.

Wu Xiaohao betrachtete das Anwesen: Es war am „Griff" der Hegemonenpeitsche errichtet, was die Stärke und Macht seines Besitzers umso deutlicher unterstrich. Sie fragte: „Warst du schon mal drinnen?" Guo Mo wandte den Blick aufs Meer: „Einmal. Ich will nicht mehr daran denken." „Warum?" „Ach ... Vize-Bürgermeisterin, fahren wir weiter." Wu Xiaohao verstand: In diesem prunkvollen Anwesen war Guo Mo etwas widerfahren, das sich nicht in Worte fassen ließ.

6

Nachdem sie die Hegemonenpeitsche hinter sich gelassen hatten, fuhr Guo Mo mit Wu Xiaohao in die Berge nach Westen. Sie habe, sagte sie, mit Sekretär Zheng vom Dorf Shiwu schon gesprochen — nach der Besichtigung der „Verbliebenen Schönheit vom Duftberg" wollten sie im Dorf essen.

Auf halbem Weg klingelte Wu Xiaohaos Handy. Sie ließ Guo Mo anhalten und nahm ab: Direktor Liu Dalou — der Sekretär wolle sie um halb drei sprechen. Sie dachte: Was will der Sekretär? Zu neunzig Prozent geht es um die Autotür. Ihr Herz war wie von wildem Gras überwuchert.

Guo Mo sagte: „Vize-Bürgermeisterin, wenn du mit dem Sekretär sprichst, leg bitte ein gutes Wort für mich ein. Ich bin seit fünf Jahren Kulturstationsleiterin, habe immer gewissenhaft gearbeitet, und in der ganzen Region steht unsere Kulturarbeit ganz oben. Aber der Sekretär kritisiert mich ständig, und ich weiß nicht warum."

Wu Xiaohao schloss aus diesen Worten: Was Hao Juan heute Morgen über Guo Mo erzählt hatte, war frei erfunden. Hätte Guo Mo ein Verhältnis mit dem Sekretär, würde sie nicht so um Fürsprache bitten. Wu Xiaohao sagte: „In Ordnung. Allerdings bin ich gerade erst angekommen und kenne den Sekretär noch kaum. Packen wir die Kulturarbeit gemeinsam an."

Nach einer Weile auf ebenem Gelände bogen sie auf eine Bergstraße ein; Wu Xiaohao spürte, wie die Höhe zunahm. Sie hielten am Berghang. Guo Mo erklärte, dies sei der Duftberg, 186 Meter hoch; die Felsinschriften befänden sich oben. Wu Xiaohao drehte sich um und erblickte das ferne Meer und die Kiemeninsel darin. Sie fragte Guo Mo, wie weit es bis zum Meer sei. Zwölf Kilometer, antwortete diese. Dieses Berggebiet werde als „das tibetische Hochplateau von Kaipo" bezeichnet.

Gong- und Trommelklang drang aus dem Dorf. Guo Mo runzelte die Stirn: „Was soll der Krach? Klingt ja fürchterlich!" Wu Xiaohao hörte, dass die Instrumente nicht zusammenspielten — kein Schwung, kein Rhythmus. Sie fragte: „Wofür die Trommeln?" Guo Mo: „Keine Ahnung."

Guo Mo führte Wu Xiaohao ein paar Dutzend Meter den Hang hinauf, bis sie eine Felswand erreichten. Die Wand war über zwanzig Meter hoch; darunter eine große Höhle. Über dem Höhleneingang waren die vier großen Schriftzeichen „Verbliebene Schönheit vom Duftberg" in eleganter Regelschrift eingemeißelt, darunter: „Geschrieben von Kreismagistrat Zheng Li von Yucheng im zehnten Jahr der Kangxi-Ära." Die rote Farbe in den Vertiefungen war weitgehend abgeblättert.

Wu Xiaohao hatte in der „Kreischronik von Yucheng" gelesen: „Drei Bauern wohnten in einer Steinhöhle am Duftberg. Eines Tages kam ein Maultier vorbei, seine Satteltaschen voller Silber. Die Bauern hüteten es treu. Bald darauf erschien ein aufgeregter Mann, der es suchte. Die Kennzeichen stimmten überein, und sie gaben alles zurück. Als er sie mit Gold belohnen wollte, lehnten sie standhaft ab. Kreismagistrat Zheng Li erfuhr davon und ließ ‚Verbliebene Schönheit vom Duftberg' zur Ehre einmeißeln."

Sie traten ein. Die Höhle war außen hoch, innen niedriger; die Steinwände schwarz verrußt. In der Mitte eine Steinmauer mit Tür- und Fensteröffnungen, dahinter kleinere Kammern mit steinernen Tischen und Betten. Wu Xiaohao dachte: Die Vorfahren des Dorfes Shiwu lebten an einem so einfachen Ort und bewahrten dennoch ihre Tugend — bewundernswert. Sie fragte sich auch: Warum war das Maultier mit dem Silber hierher gelaufen? Sie ging zur Ostseite und entdeckte unten einen Nord-Süd-Weg — die alte Hauptstraße von Yucheng nach Süden. Wahrscheinlich hatte der Besitzer des Maultiers unterwegs Rast gemacht und das Tier nicht gut angebunden; es war ausgerissen und den Berg hinauf gelaufen.

Guo Mo sagte: „Gehen wir zum Dorfkomitee essen." Über den steilen Bergpfad stiegen sie hinunter ins Dorf. Die Trommeln erklangen wieder — diesmal rhythmisch präzise, kunstvoll variiert, wunderbar anzuhören.

Im Hof des Dorfkomitees spielte eine Gruppe alter Männer die Schlaginstrumente; ein paar junge Leute standen daneben und schauten zu. Ein hagerer Alter in einem Strohmantel schwang zwei Trommelstöcke — er war der Anführer. Beim Trommeln leuchteten seine Augen, er war ganz in seinem Element; die Strohhalme seines Mantels vibrierten, und er sah aus wie ein alter Igel.

Guo Mo brachte Wu Xiaohao ins Büro; mehrere Männer mittleren Alters rauchten darin. Ein Vierzigjähriger erhob sich und begrüßte Guo Mo grinsend: „Na, die große Sängerin ist da! Setz dich!" Guo Mo sagte: „Sängerin hin oder her — ich habe die Vize-Bürgermeisterin mitgebracht! Eine richtige stellvertretende Abteilungsleiterin, die sich ihre Stelle durch Können verdient hat und erst am Montag in unsere Gemeinde gekommen ist." Sie stellte vor: Das sei Sekretär Zheng Liqian.

Wu Xiaohao fragte nach dem Grund der Trommelei. Zheng Liqian warf einen Blick in den Hof: „Diese alten Knacker wollen zeigen, was sie draufhaben." Er erzählte: Heute Nachmittag sei eine Hochzeit im Dorf; die Braut müsse abgeholt werden, aber die jungen Leute seien alle in der Stadt. Man habe ein paar Halbwüchsige zusammengekratzt und ihnen die Dorfinstrumente zum Üben gegeben, aber das Ergebnis sei ein heilloses Durcheinander gewesen. Da seien die alten Männer gekommen, hätten gesagt, sie spielten ihnen vor, wie es richtig geht — und dabei in Fahrt geraten. Der Trommler sei der Anführer, Spitzname „Alter Blumentrommler", weil er den Trommelrhythmus kunstvoll variieren könne.

Wu Xiaohao hatte gehört, dass man in Yucheng früher am Abend Hochzeit feierte; in der Stadt war das längst auf den Vormittag verlegt worden. Dass in den Bergen der alte Brauch noch galt, überraschte sie. Sie sagte zum Alten Blumentrommler: „Die spielen so gut — das muss doch einen Namen haben." Ein greiser Mann mit weißem Haar sagte: „Sie spielen ‚Jin qiu liang' — Pfund rechne in Unzen." Guo Mos Augen leuchteten auf: „Das ist also ‚Jin qiu liang'! Ich kenne den Namen dieses Schlagwerkstücks, habe es aber noch nie gehört." Sie zückte ihr Handy und filmte.

Am Tor entstand Lärm; Guo Mo brach die Aufnahme ab: „Wer stört da?" Wu Xiaohao sah eine Frau mittleren Alters, die eine Ziege am Strick zum Tor hereinziehen wollte. Die Ziege stemmte alle Viere in den Boden und zog nach hinten. Hinter der Frau riefen Kinder im Chor: „Dienstziege, Dienstziege — kommt ein Bonze, wird sie aufgeschlitzt!"

Die alten Männer hörten auf, „Jin qiu liang" zu spielen, und schlugen mit finsteren Mienen einen eintönigen Rhythmus — als wollten sie den Kinderrufen Nachdruck verleihen.

„Dienstziege?" Wu Xiaohao verstand kein Wort.

Der Sekretär schwieg betreten. Guo Mo erklärte lachend: „Die Ziegen vom Dorf Shiwu laufen frei über die Berge, fressen den ganzen Tag Wildkräuter und trinken Quellwasser — ihr Fleisch ist ein Gedicht. Die Vorgesetzten von oben kommen besonders gern hierher zum Ziegenessen. Sekretär Zheng hält deshalb immer eine zu Hause bereit. Kommt ein hoher Gast, wird sie geschlachtet. Dann kauft er die nächste, immer hält er eine auf Vorrat. Weil ständig eine Ziege ‚Bereitschaftsdienst' hat, heißt sie ‚Dienstziege'." Dabei schnitt sie eine Grimasse: „Danke, Vize-Bürgermeisterin — dank dir komme ich heute in den Genuss einer Dienstziege." Dann rief sie der Frau zu: „Schwägerin, danke dir!"

Wu Xiaohao war entsetzt. Normalerweise aß sie gern Ziegenfleisch, doch die Geschichte gab ihr ein schlechtes Gewissen. Die Ziege war inzwischen von Sekretär Zhengs Frau an die Küchentür gezerrt und an einem Jujubebaum festgebunden worden; sie schrie immer noch kläglich.

Wu Xiaohao sagte zu Guo Mo: „Wir essen nicht hier." Sie ging in den Hof hinaus. Guo Mo sah fragend zum Sekretär; der lief hinterher: „Vize-Bürgermeisterin, Sie besuchen Shiwu zum ersten Mal — Sie können doch nicht mit leerem Magen gehen!" Wu Xiaohao sagte: „Wir essen zu Hause. Ich komme wieder. Die in den Felsen gemeißelte ‚Verbliebene Schönheit vom Duftberg' und die ‚Alten Klänge vom Duftberg', die eure Alten spielen — beides hat Potenzial. Aber lass bitte deine Frau keine Dienstziege mehr vorführen!"

Guo Mo fuhr Wu Xiaohao aus dem Dorf und rief über die Schulter: „Vize-Bürgermeisterin, ob du isst oder nicht isst — auf deren Rechnung stehen wir trotzdem als Bewirtung drauf!"

Wu Xiaohao sagte: „Egal was sie aufschreiben — wir haben ein reines Gewissen!"

7

Um halb drei stand Wu Xiaohao pünktlich vor dem Büro des Sekretärs. Die Tür war angelehnt; sie klopfte und trat ein. Als sie die Tür schließen wollte, sagte der Sekretär mit ernster Miene: „Lass die Tür offen."

Wu Xiaohao verstand: Er wollte jeden Anschein vermeiden — ein Gespräch mit einer Frau bei offener Tür, das war so klar wie Tofu mit Frühlingszwiebeln — man sah auf den ersten Blick, dass alles sauber war. Das Haar des Sekretärs war im Zwei-zu-Acht-Scheitel akribisch frisiert. Er deutete auf einen Stuhl gegenüber dem Schreibtisch; Wu Xiaohao nahm Platz.

Sie ergriff von sich aus das Wort: „Sekretär, ich muss mich entschuldigen. Heute Morgen hätte ich dem Bezirksvorsteher nicht die Autotür öffnen sollen." Zhou Bin zog die Augenbrauen hoch: „Vize-Bürgermeisterin Wu, das ist nicht nur eine Frage der Autotür — es geht um politische Grundregeln. Sie nehmen die Hauptführungskraft der Gemeinde nicht ernst und wollen sich beim Bezirksvorsteher in Szene setzen ..."

Wu Xiaohao konnte sich nicht zurückhalten: „Sekretär, ich würde nie die politischen Grundregeln missachten und schon gar nicht die Hauptführungskraft gering schätzen. Ich kannte die Regeln nicht — wirklich nicht. Das Auto stand zufällig genau vor mir, und ich wollte instinktiv ..." „Ob du die Regeln kanntest oder nicht — denk gründlich darüber nach. Das darf nicht wieder vorkommen."

Wu Xiaohao nickte. Sekretär Zhou nahm die Brille ab, zog ein Tuch aus der Schachtel auf dem Tisch und putzte die Gläser, den Blick gesenkt: „Vize-Bürgermeisterin Wu, die ‚Drei Fischerspezialitäten' auf der Kiemeninsel — die waren wohl sehr schmackhaft?"

Wu Xiaohao wurde schlagartig wachsam. Der Sekretär wusste also bereits von ihrem Ausflug mit dem Bürgermeister. Sie bereute, mitgefahren zu sein, und dachte an den Schnipser auf dem Rückweg. Doch sie wusste: Von den zweideutigen Gesten des Bürgermeisters durfte sie dem Sekretär auf keinen Fall erzählen — das hätte alles nur verschlimmert. Sie sagte: „Der Bürgermeister wollte mit mir die Fischereiaufsicht prüfen, also bin ich mitgefahren. Ich hatte nicht erwartet, dass man uns dort so aufwendig bewirten würde."

Am Abend sah sie aus dem Fenster — es war dunkel geworden. Im Zwielicht erschien schemenhaft eine hängende Gestalt. Der junge Sekretär, der sich hier vor Jahrzehnten erhängt hatte. Am ganzen Leib zitternd, mit Gänsehaut, knipste sie hastig das Licht an.

Helles Licht durchflutete den Raum; der Schatten war verschwunden. Ach — nur Einbildung, nichts weiter.

Ihre Tochter rief plötzlich an und flüsterte: „Mama, You Yanzhu ist betrunken!" Wu Xiaohao sah auf die Uhr — halb neun. Am Telefon hörte sie You Haoliang betrunken „Mein 1997" singen, mit verstellter Stimme wie die Sängerin Ai Jing von damals. In ihr kochte es, und sie sagte sofort: „Schätzchen, ich will You Yanzhu nicht singen hören. Sag mir — er ist trinken gegangen, was hast du gegessen?" Diandian sagte: „Er hat mir was mitgebracht! Einen großen Krebs und eine Tüte Makrelenklöße — soo lecker!" You Haoliangs Gesang wurde plötzlich lauter; er sang wohl direkt ins Handy: „Lass mich in die bunte Welt hinaus, gib mir den großen roten Stempel ..." Vor Jahren hatte You Haoliang genau diese Liedzeilen gesungen, als er Wu Xiaohao zum Standesamt überreden wollte. Dabei hatte er sein Gesicht ganz nah an ihres geschoben, die Augenschlitze zu haarfeinen Ritzen verengt. Jetzt stiegen diese Bilder vor Wu Xiaohaos Augen wieder auf — unerträglich. Sie legte auf.

You Haoliang war mittelgroß, mit durchschnittlichem Aussehen. Sein auffälligstes Merkmal waren zwei Augenschlitze in einem runden, blassen Gesicht. Weil seine Augen wie Schlitze aussahen, als könnten sie sich nicht öffnen, hatten seine Klassenkameraden in der Oberschule heftig debattiert: Hat er Augäpfel oder nicht? Damals hatte You Haoliang bereits begonnen, Wu Xiaohao den Hof zu machen. Eine Mitschülerin fragte sie, ob seine Augen strahlten, wenn er ihr seine Gefühle gestand, und man die Augäpfel sehen könne. Wu Xiaohao überlegte lange und schüttelte den Kopf — denn auch dann lächelte You Haoliang wie immer, und die Augenschlitze wurden nur noch schmaler. So bekam er den ironischen Spitznamen „You Yanzhu" — „der mit den Augäpfeln".

Wu Xiaohao hatte nie You Haoliangs Augäpfel gesehen. Nachdem die beiden intim geworden waren, hätte sie Gelegenheit gehabt, seine Lider aufzuziehen und nachzuschauen, aber sie fürchtete, etwas noch Erschreckenderes zu entdecken. Normalerweise nannte sie ihn neckisch „You Yanzhu", und er antwortete lächelnd: „Natürlich habe ich Augäpfel — wie hätte ich dich sonst entdecken können?"

Als Diandian vier wurde, packte sie der Forschergeist. Sie spreizte ihrem Vater die Augenlider und stellte fest: Augäpfel vorhanden. Von da an rief sie fröhlich „You Yanzhu".

Als Wu Xiaohao zum ersten Mal You Haoliangs Vater kennenlernte, stellte sie fest: Vater und Sohn wie aus einer Form gegossen. Diandian hatte einmal ihre Großmutter gefragt, ob der Großvater Augäpfel habe. Die Großmutter lachte: „Keine Ahnung — jedenfalls habe ich in über vierzig Jahren Ehe nie seine Augäpfel gesehen." Diandian wollte dem Opa die Lider öffnen, doch er wehrte ab und brüllte: „Wer sagt, ich hätte keine Augäpfel? Ohne Augäpfel — hätte ich da in meiner Jugend Verbrecher verfolgen und mit einem Schuss erlegen können?"

Wu Xiaohaos Schwiegervater hieß You Dalian — ehemaliger Kriminalpolizist, ein vorzüglicher Schütze. Bei der Verhinderung eines Mordversuchs hatte er den Messerangreifer mit einem einzigen Schuss niedergestreckt. Er war bis zum Polizeichef und stellvertretenden Kreisvorsteher aufgestiegen. Auch im Ruhestand trug er Strenge und Schärfe im Gesicht. Wenn er durch die Straßen spazierte, runzelte er die Stirn und richtete seine Augenschlitze auf alles, was ihm missfiel. Sah er herumhängende junge Männer, sagte er wütend: „Hätte ich noch Macht, ich würde euch Manieren beibringen!" Sah er Mädchen in allzu freizügiger Kleidung, spuckte er verächtlich auf den Boden. Vor Jahren hatte die Schwiegermutter Wu Xiaohao zugeflüstert: Der Alte habe auf der Straße eine neue Hosenmode gesehen — Taschen nicht an der Seite, sondern vorn — und zu Hause gewütet: „Diese jungen Dinger stecken beide Hände zwischen die Oberschenkel — das ist doch eine Einladung zum Verbrechen!"

You Haoliang war You Dalians einziger Sohn — er hatte das Aussehen des Vaters geerbt, aber nicht seine Neigungen: Er liebte nicht die Waffe, sondern die Galanterie. In der Oberschule verfolgte er Wu Xiaohao so besessen, dass seine Noten einbrachen und er die Universität nicht schaffte. You Dalian war außer sich und verprügelte seinen Sohn gründlich. Der Sohn hing zu Hause herum; der Vater, damals stellvertretender Kreisvorsteher, konnte das nicht mit ansehen und sprach mit dem Polizeichef. You Haoliang wurde Hilfspolizist bei der Verkehrspolizei. Dort nutzte er den Namen seines Vaters schamlos aus und schikanierte Verkehrsteilnehmer. Einmal hielt er ein ordnungsgemäß fahrendes Auto an und verlangte die Papiere des Fahrers. Der Fahrer lächelte und deutete auf den Rücksitz: „Kreisvorsteher Wang sitzt im Wagen." You Haoliang verzog die Lippen: „Was ist schon dabei? Wessen Familie hat nicht einen Kreisvorsteher?"

„Wessen Familie hat nicht einen Kreisvorsteher?" — Die Anekdote machte im ganzen Kreis die Runde. Leute, die You Haoliangs Spitznamen kannten, diskutierten: Anscheinend hat You Yanzhu doch keine Augäpfel. Als die Geschichte You Dalian zu Ohren kam, rügte er seinen Sohn wegen der Blamage. Unerwartet verschwand der Sohn am nächsten Tag und kam drei Tage nicht nach Hause. Der stellvertretende Kreisvorsteher ließ die Polizei suchen — die Antwort kam schnell: You Haoliang war nach Jinan abgehauen.

Von da an veränderte sich Wu Xiaohaos gerade erst begonnenes Universitätsleben von Grund auf.

Eigentlich hatte sie gehofft, fern der Heimat und fern von You Yanzhu endlich durchatmen zu können. Das Geschichtsinstitut der Shandong-Universität war landesweit berühmt; in den Fünfzigerjahren hatten acht renommierte Gelehrte dort gelehrt — man nannte sie „acht Hengste in einem Stall". Etliche von Wu Xiaohaos Professoren waren deren Schüler und Enkelschüler; ihrer Generation nach gehörte Wu Xiaohaos Jahrgang zu den Urenkelschülern. Die Professoren nannten sie scherzhaft „kleine Fohlen". Wu Xiaohao fühlte sich tatsächlich wie ein junges Fohlen, das von der südlichen Shandong-Ebene ausgebrochen war, um auf den weiten Wissensfluren zu grasen, zu galoppieren — ohne jede Fessel. An vielen Morgen und Nachmittagen saß sie im kleinen Wäldchen östlich des Geisteswissenschaftsgebäudes und las, genoss die leichte Herbstbrise, lauschte dem Rascheln der Blätter und war so glücklich, dass ihr die Tränen kamen. Das Geisteswissenschaftsgebäude nebenan erschien ihr wie ein Tempel — denn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten dort nicht nur die „acht Hengste" der Geschichtsfakultät, sondern auch die „vier Vajras" der Literaturwissenschaft gewirkt, allesamt bedeutende Persönlichkeiten. Sie dachte: Ich muss mich anstrengen und mir sie zum Vorbild nehmen. Mein Vater hat mich immer nur für Gras gehalten — ich muss ihm zeigen, dass ich zu einem Baum heranwachsen kann!

Das Wäldchen lag nicht nur nahe beim Geisteswissenschaftsgebäude, sondern auch bei der Bibliothek. Viele Kommilitonen kamen hierher zum Lesen; immer wieder saßen Pärchen eng beieinander und flüsterten. Wu Xiaohao beneidete sie — eine reine Liebe während der Studienzeit erleben zu dürfen. Nicht so wie sie, die für das Studiengeld ihren Körper verkauft hatte. Sie dachte: You Yanzhu hat achttausend Yuan für mein Studium bezahlt, zwischen uns ist geschehen, was geschehen ist — er müsste zufrieden sein und mich gehen lassen, oder? Sie träumte sogar davon, nach der Ankunft an der Shandong-Universität reinen Tisch mit den Yous zu machen und ein völlig neues Leben zu beginnen. Es gab Stipendien für gute Leistungen — das Essen wäre kein Problem. Als sie die klugen, gut aussehenden Kommilitonen sah, schlug ihr mehr als einmal das Herz höher.

An einem Frühlingstag im zweiten Studienjahr ging sie ins Pappelwäldchen zum Lesen. Plötzlich hörte sie Schläge gegen einen Baumstamm. Als sie sich umdrehte, sah sie einen Studenten mit markanten Zügen — buschige Augenbrauen, große Augen —, der mit der Faust auf einen Stamm hämmerte, offensichtlich aufgewühlt. Er bemerkte sie ebenfalls, hielt sein Buch hoch: „Hast du das gelesen?" Als er sah, dass sie den Titel nicht erkennen konnte, kam er herüber: „‚Der Sprung' — eine Dokumentation der drei großen Denkbefreiungen im modernen China. Es bringt einen zum Kochen! Lies es unbedingt!" Wu Xiaohao nickte. Er stellte sich vor: Jahrgang 1996, Liu Jingji, aus Qingdao. Wu Xiaohao fragte, ob sein Name mit „das Land regieren und das Volk retten" zu tun habe. Liu Jingji lachte laut: „Falsch! 1978 wurde auf dem Dritten Plenum beschlossen, den Schwerpunkt auf die Wirtschaft zu verlagern — mein Vater war Lehrer und wollte modern sein. Aber inzwischen habe ich tatsächlich Ambitionen entwickelt: fleißig studieren, aus der Geschichte lernen, viele Fragen durchdenken und eines Tages eine hohe Position erreichen, um das Land voranzubringen!" Wu Xiaohao war von seinem Enthusiasmus angesteckt und sagte aufrichtig: „Ich wünsche dir Erfolg!" Liu Jingji bedankte sich und fragte nach ihrem Namen. Wu Xiaohao antwortete wahrheitsgemäß. Liu Jingji betrachtete sie: „Ich vermute, du kommst vom Land — sonst hießest du nicht ‚Kleines Gras'." Wu Xiaohao sagte: „Richtig geraten. Aber ich will nicht mein ganzes Leben Gras bleiben — ich will zu einem Baum heranwachsen. Du willst das Land lenken — das wäre ein Tragpfeiler der Nation. Wenn ich ein großer Baum werde, möchte ich nur etwas hinterlassen und mein Leben nicht verschwenden." Liu Jingji klopfte auf die Pappel: „Gut! Dieser Baum sei unser Zeuge — in zwanzig Jahren haben wir unsere Träume verwirklicht!" Wu Xiaohao nickte, legte die Hand an den Stamm, blickte empor zur Baumkrone, und Tränen strömten ihr übers Gesicht.

Sie lieh sich ebenfalls „Der Sprung" aus — es öffnete ihr die Augen. Der Autor zeichnete auf 320.000 Zeichen die zwanzigjährige Geschichte der geistigen Befreiung seit Reform und Öffnung nach und legte dramatische Konfrontationen offen. Beim Lesen schlug ihr Herz: Das ist Geschichte — Geschichte, die unsere Generation durchlebt! Wie wird China in zwanzig Jahren aussehen? Kann ich als Erwachsene an der Gestaltung von Geschichte teilhaben?

Das war im Frühling 1998, Wu Xiaohaos zwanzigster Frühling — der schönste ihres Lebens. Sie und Liu Jingji trafen sich oft in jenem Wäldchen, saßen einander gegenüber, sprachen über Vorlesungen, Bücher, Geschichte, Gegenwart — manchmal bis in die Nacht. Frische Gedanken funkelten mit dem Sternenlicht; keimende Gefühle wuchsen mit Gras und Bäumen. Mehrmals, kurz vor Sperrstunde, begleitete Liu Jingji sie bis zum Mädchenwohnheim. Als sie sich umwandte, schimmerten seine Augen im Laternenlicht, und sie spürte den Drang, in seine Arme zu laufen. Aber sie wagte es nicht — sie wusste, dass sie es nicht verdiente.

An einem weiteren Nachmittag trafen sie sich wieder im Pappelwäldchen. Gerade als sie vertieft redeten, stürzte plötzlich jemand von hinten heran und versetzte Liu Jingji einen Faustschlag auf die Brust: „Meine Frau anfassen — das wagst du?" Es war You Haoliang. Liu Jingji stand auf und fragte Wu Xiaohao ungläubig: „Ist das dein Freund?" Wu Xiaohao wagte nicht, ihn anzusehen. Feuerrot im Gesicht, hielt sie You Haoliang fest, damit er Liu Jingji nicht weiter verletzte. You Haoliang wollte auch auf Wu Xiaohao einschlagen: „Ich finanziere dein Studium, und du machst dich hier an Kerle ran!" Inzwischen hatten sich Schaulustige versammelt. Wu Xiaohao war zu Tode beschämt und zerrte ihn zum Campustor hinaus.

An jenem Abend konnte sie nicht in den Campus zurückkehren. You Yanzhu erklärte, er habe eine Stelle gefunden und werde dauerhaft in Jinan bleiben. Seine Arbeit: Hilfspolizist, vermittelt durch einen alten Untergebenen seines Vaters. Wu Xiaohao protestierte: „Die Universität hat Regeln — ich kann nicht draußen übernachten." You Yanzhu sagte: „Hier gelten auch Regeln: Du kommst jeden Abend zu mir, sonst mache ich dich fertig!"

„Fertigmachen" bedeutete im südlichen Shandong-Dialekt: jemanden verprügeln, zum Krüppel schlagen.

Wu Xiaohao kannte seinen Charakter — er meinte, was er sagte. Fortan verließ sie jeden Abend den Campus und lebte in einer gemieteten Wohnung in Dianliu­zhuang mit ihm zusammen. Von da an musste sie das Getuschel ihrer Mitbewohnerinnen ertragen und den Schmerz, nicht mehr mit Liu Jingji reden zu können. Liu Jingji hatte sie einmal nach der Vorlesung abgefangen und gefragt, warum sie ihm nicht gleich gesagt habe, dass sie einen Freund habe. Wu Xiaohao sagte nur „Verzeih mir" und rannte in eine Ecke des Campus, um an der Wand zu weinen. Sie versäumte sogar Professor Fang Zhimings Vorlesung. Als der Professor nachfragte, fand sie, er sei ein aufrichtiger Mensch, dem sie vertrauen könne, und schrieb ihm einen langen Brief, in dem sie ihm ihre Lebensgeschichte und ihr Schicksal offenlegte. Am Ende schrieb sie: „Arm an Geld, arm an Mut — ich bin ein Beispiel dafür. Herr Professor, verachten Sie mich."

Am nächsten Tag hielt Professor Fang sie nach der Vorlesung zurück und führte im leeren Hörsaal ein langes Gespräch mit ihr. Er sagte: „Xiaohao, danke für dein Vertrauen. Wie könnte ich dich verachten? Ich komme selbst vom Land, ich kenne die Ohnmacht der Armut, ich verstehe die Kompromisse in der Not. Lieber als Jade zerbrechen als als Ziegel heil bleiben — das ist gewiss ehrenwert. Aber Demütigungen ertragen, um für die Zukunft zu kämpfen — ist das nicht auch Lebensklugheit? Goujian, Han Xin, Sima Qian — ohne das Wort ‚Dulden' wären sie keine Legenden geworden. In all den Jahren habe ich viele Kinder aus armen Familien gesehen. Sie alle haben schließlich ihr Studium abgeschlossen und im Beruf Erfolg gehabt. Wenn sie auf ihren Lebensweg zurückblicken und sich fragen, wie sie es geschafft haben, denken viele wohl an das Wort ‚Dulden'. Aber ..." Professor Fang hielt inne und sah Wu Xiaohao direkt in die Augen: „Dulden ist nur eine von mehreren Möglichkeiten. Sich wehren ist eine andere — und auch das ein Weg, sich selbst zu verwirklichen. Xiaohao, ich sage dir in allem Ernst: Wenn du dich für den Widerstand entscheidest und dich entschlossen von deinem Freund trennst, unterstütze ich dich moralisch — und notfalls auch finanziell."

Wu Xiaohao brach in Tränen aus und brachte nach langem Schluchzen nur heraus: „Dass Sie das sagen, Professor, genügt mir ... Meine Angelegenheiten regele ich selbst, ich darf Ihnen nicht zur Last fallen ..."

Doch Wu Xiaohao konnte die Sache nie „regeln" und You Yanzhu nicht abschütteln. Denn der gab ihr nur zwei Optionen: weiter zusammenleben — dann Frieden; sich trennen — dann Blut an der Shandong-Universität. Wu Xiaohao überlief es eiskalt, und sie wählte die Geduld. Sie duldete bis zum Abschluss, bewarb sich in Yucheng und heiratete You Yanzhu standesamtlich. Am Neujahrstag 2003 feierte die You-Familie im Kreisregierungsgästehaus eine prunkvolle Hochzeit. Der Moderator bat den Bräutigam, das Geheimnis seines Liebeserfolgs zu verraten. You Haoliang lächelte selbstzufrieden: „Sobald ich daran dachte, eine schöne Universitätsabsolventin zur Frau zu bekommen, hatte ich unendlich viel Kraft und unendlich viele Mittel!"

In jenem Moment blitzten in Wu Xiaohaos Herz zwei Worte auf: unendliche Demütigung, unendlicher Schmerz.