Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de/Chapter 12"

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(ZH-DE4 Korrektur-Update Kap. 12)
 
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= 第十二回 =
 
== 王熙凤毒设相思局 ==
 
=== 贾天祥正照风月鉴 ===
 
==== Hsi-fëng legt bösartige Schlingen aus, Djia Juee blickt in den Zauberspiegel der Liebe. ====
 
  
 
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! style="width:50%" | 中文原文 (庚辰本)
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! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982)
! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung
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! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026)
 
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  當下,代儒料理喪事,各處去報喪。三日起經,七日發引,寄靈於鐵檻寺,日後帶回原籍。當下賈家眾人齊來吊問,榮府賈赦贈銀二十兩,賈政亦是二十兩,寧國府賈珍亦有二十兩,別者族中人貧富不等,或三兩五兩,不可勝數。另有各同窗家分資,也湊了二三十兩。代儒家道雖然淡薄,倒也豐豐富富完了此事。
 
  當下,代儒料理喪事,各處去報喪。三日起經,七日發引,寄靈於鐵檻寺,日後帶回原籍。當下賈家眾人齊來吊問,榮府賈赦贈銀二十兩,賈政亦是二十兩,寧國府賈珍亦有二十兩,別者族中人貧富不等,或三兩五兩,不可勝數。另有各同窗家分資,也湊了二三十兩。代儒家道雖然淡薄,倒也豐豐富富完了此事。
 
  誰知這年冬底,林如海的書信寄來,卻為身染重疾,寫書特來接林黛玉回去。賈母聽了,未免又加憂悶,只得忙忙的打點黛玉起身。寶玉大不自在,爭奈父女之情,也不好攔勸。於是賈母定要賈璉送他去,仍叫帶回來。一應土儀盤纏,不消煩說,自然要妥貼。作速擇了日期,賈璉與林黛玉辭別了賈母等,帶領僕從,登舟往揚州去了。要知端的,且聽下回分解。
 
  誰知這年冬底,林如海的書信寄來,卻為身染重疾,寫書特來接林黛玉回去。賈母聽了,未免又加憂悶,只得忙忙的打點黛玉起身。寶玉大不自在,爭奈父女之情,也不好攔勸。於是賈母定要賈璉送他去,仍叫帶回來。一應土儀盤纏,不消煩說,自然要妥貼。作速擇了日期,賈璉與林黛玉辭別了賈母等,帶領僕從,登舟往揚州去了。要知端的,且聽下回分解。
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==注释==
 
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Während Hsi-fëng eben noch mit Ping-örl sprach, wurde plötzlich gemeldet: „Herr Juee ist gekommen!
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Kapitel 12
„Bittet ihn gleich herein!“ befahl Hsi-fëng, ohne zu zögern.
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Phönixglanz legt eine tödliche Falle der Sehnsucht —
Als Djia Juee das hörte, war er angenehm überrascht und trat schnell ein. Er strahlte über das ganze Gesicht, als er Hsi-fëng erblickte, und begrüßte sie gleich ein paarmal hintereinander. Hsi-fëng bat ihn mit gespielter Zuvorkommenheit, Platz zu nehmen und Tee zu trinken.
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Kaufmann Himmelsglück blickt in die falsche Seite des Spiegels von Wind und Mond
Beim Anblick von Hsi-fëngs Aufmachung schmolz Djia Juee vollends dahin, und mit umflortem Blick fragte er: „Warum ist denn Vetter Liän noch nicht zu Hause?
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„Das weiß ich nicht“, antwortete Hsi-fëng. Worauf Djia Juee lächelnd erwiderte: „Wer weiß, ob er nicht unterwegs jemandem begegnet ist, der ihn aufgehalten hat und von dem er sich nicht wieder losreißen kann, um nach Hause zu kommen!“
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„Schon möglich“, sagte Hsi-fëng. „So sind ja die Männer, daß sie sich in jede vergucken müssen, die sie zu Gesicht bekommen.
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„Ihr irrt Euch, Schwägerin“, widersprach Djia Juee. „Ich bin nicht so einer.
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Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix des Glanzes“.</ref> war gerade mit Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng’ér, Zofe von Phönixglanz.</ref> im Gespräch, als plötzlich jemand meldete: „Der junge Herr Rui<ref>Chin. 贾瑞 Jiǎ Ruì, auch „Glücksstein Kaufmann“.</ref> ist da!"
„Wie viele kann es schon geben von Eurer Art? Nicht einen unter zehn!“ schmeichelte Hsi-fëng und lächelte dazu.
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Als Djia Juee das hörte, kniff er sich vor Freude in Ohr und Wange, dann nahm er wieder das Wort und sagte: „Schwägerin, Ihr müßt Euch doch schrecklich langweilen Tag für Tag!“
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Phönixglanz befahl sofort: „Bittet ihn schnell herein!"
„So ist es!“ bestätigte Hsi-fëng. „Ich hoffe immer, es kommt jemand, mit dem ich mich unterhalten kann, um die Langeweile zu vertreiben.
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„Ich habe immer Zeit. Wie wäre es, wenn ich jeden Tag käme, um Euch die Langeweile zu vertreiben?“ schlug Djia Juee vor.
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Als Glücksstein Kaufmann hörte, dass man ihn hineinbat, war er angenehm überrascht und außer sich vor Freude. Er trat eilig ein, strahlte Phönixglanz mit einem Lächeln über das ganze Gesicht an und erkundigte sich gleich mehrfach hintereinander nach ihrem Befinden. Phönixglanz empfing ihn mit gespielter Zuvorkommenheit, bot ihm einen Sitzplatz an und ließ Tee reichen.
„Das ist doch nicht Euer Ernst!“ sagte Hsi-fëng lächelnd. „Wärt Ihr wirklich bereit, mich jeden Tag zu besuchen?“
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„Der Himmel soll mich schlagen und der Donner soll mich treffen, wenn ich mich Euch gegenüber auch nur der kleinsten Lüge schuldig mache!“ beteuerte Djia Juee und fuhr dann fort: „Ich hatte immer nur gehört, Ihr solltet so streng sein und nicht den mindesten Verstoß durchgehen lassen, das verschreckte mich. Jetzt sehe ich, daß man sich gut mit Euch unterhalten kann und daß Ihr sehr teilnahmsvoll seid. Warum sollte ich Euch da nicht besuchen kommen? Natürlich komme ich, und wenn es das Leben kostet!
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Beim Anblick von Phönixglanz in ihrer Aufmachung schmolz Glücksstein Kaufmann vollends dahin. Mit umflortem Blick fragte er: „Warum ist denn der zweite Bruder noch nicht nach Hause gekommen?" [Anm.: Gemeint ist Kette Kaufmann 贾琏, Phönixglanz' Ehemann.]
„Ihr seid wirklich verständig“, sagte Hsi-fëng lächelnd, „weit verständiger als Djia Jung und sein Schwager. Bei der frischen, gefälligen Art, die die beiden an sich haben, glaubte ich, sie hätten ein verständnisvolles Herz, aber es sind nur zwei Dummköpfe, die nicht im geringsten verstehen, wie einem zumute ist.“
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Als Djia Juee das hörte, fühlte er sich erst recht an der Seele gekitzelt, und er konnte einfach nicht anders, er rückte ein Stück näher zu Hsi-fëng, starrte auf das Täschchen, das sie am Gürtel trug, und fragte, was das für ein Ring an ihrem Finger sei.
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Phönixglanz antwortete: „Ich weiß es nicht."
Leise forderte Hsi-fëng ihn auf: „Benehmt Euch ein bißchen respektvoller, sonst merken die Mägde etwas und lachen!“
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Gehorsam, als habe er einen kaiserlichen Befehl oder ein heiliges Gebot empfangen, rutschte Djia Juee rasch wieder zurück.
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Glücksstein Kaufmann sagte lächelnd: „Wer weiß, vielleicht hat ihn unterwegs jemand aufgehalten und er kann sich nicht losreißen?"
„Ihr müßt jetzt gehen!“ verlangte Hsi-fëng.
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„Laßt mich doch noch ein Weilchen hier sitzen, grausame Schwägerin!“ bat Djia Juee.
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Phönixglanz erwiderte: „Das wäre durchaus möglich. So sind die Männer sie vergucken sich in jede, die ihnen über den Weg läuft."
Noch einmal sprach Hsi-fëng mit gedämpfter Stimme auf ihn ein: „Das ist doch nichts Rechtes, wenn Ihr am hellichten Tag hier bleibt, wo die Leute kommen und gehen. Geht jetzt und kommt in der ersten Nachtwache wieder! Wartet leise in der westlichen Durchgangshalle auf mich!“
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Diese Worte versetzten Djia Juee in eine Stimmung, als hätte er ein köstliches Juwel geschenkt bekommen. Rasch fragte er: „Meint Ihr das auch ernst? Es gehen dort so viele Leute hindurch, daß ich mich schlecht verborgen halten kann.“
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Glücksstein Kaufmann sagte lächelnd: „Da irrt Ihr Euch aber, Schwägerin. Ich bin nicht so einer."
„Seid ganz unbesorgt!“ beruhigte ihn Hsi-fëng. „Ich werde allen Dienerknaben, die Nachtwache hätten, frei geben. Sobald dann auf beiden Seiten die Tore geschlossen sind, ist dort kein Mensch mehr!“
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Jetzt kannte Djia Juees Freude keine Grenze, er verabschiedete sich eilig und ging. Er glaubte nicht anders, als daß er gewonnenes Spiel habe, und nachdem er sich bis zum Abend geduldet hatte, schlich er sich wirklich im Dunkeln ins Jung-guo-Anwesen ein, paßte den Augenblick ab, als die Tore verschlossen wurden, und schlüpfte in die Durchgangshalle. Dort drinnen war es in der Tat stockfinster und menschenleer. Das Tor zum Gehöft der Herzoginmutter war bereits verschlossen, nur das Tor, durch das man nach Osten gelangte, stand noch offen.
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Phönixglanz lächelte: „Wie viele Eurer Art gibt es denn schon? Unter zehn Männern fände man nicht einen Einzigen!"
Djia Juee spitzte die Ohren und wartete lange, aber niemand kam. Plötzlich wurde auch das nach Osten führende Tor krachend geschlossen. Djia Juee wagte sich trotz der Aufregung, in die ihn das versetzte, nicht zu mucksen. Statt dessen ging er leise hinüber und drückte gegen das Tor. Aber es hielt so fest wie ein eiserner Eimer. Jetzt war es beim besten Willen unmöglich, hier wieder hinauszukommen, denn nördlich und südlich der Durchgangshalle waren hohe Mauern, und zum Hinübersteigen fand sich kein Halt. Die Halle, in der er stand, war zugig und leer. Außerdem war man eben im zwölften Monat, und die Nächte waren lang. Der Nordwind schnitt so eisig in Mark und Bein, daß Djia Juee über Nacht beinahe erfroren wäre.
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Als qualvoll erwartet der Morgen kam, öffnete eine alte Sklavin das Osttor, dann kam sie durch die Halle und rief am Westtor, damit man ihr aufmachte. Mit abgewandtem Gesicht, die Arme um die Schultern geschlagen, huschte Djia Juee an der Alten vorbei wie ein flüchtiger Rauch und war draußen. Glücklicherweise war es noch früh und alles schlief noch, so konnte er durchs Hintertor hinaus und geradewegs nach Hause laufen.
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Als Glücksstein Kaufmann das hörte, kniff er sich vor lauter Freude in Ohr und Wange und sagte dann: „Die Schwägerin muss sich doch Tag für Tag schrecklich langweilen?"
Djia Juees Eltern waren früh gestorben, und so war er nur von seinem Großvater Djia Dai-ju aufgezogen worden, der stets sehr streng zu ihm war und ihm keinen Schritt zuviel erlaubte, weil er fürchtete, der Enkel könnte sich auswärts dem Trunk oder dem Glücksspiel hingeben und darüber seine Studien vernachlässigen.
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Als Djia Dai-ju jetzt erleben mußte, daß Djia Juee die Nacht über nicht nach Hause kam, dachte er nicht anders, als daß der Enkel diese Nacht, wenn nicht beim Wein, so doch beim Spiel oder aber im Freudenhaus zubringe. Denn wie hätte er diesen Fall zu durchschauen vermocht! Also zürnte er ihm die ganze Nacht. Als Djia Juee vor Angst schwitzend nach Hause kam, blieb ihm nichts anderes übrig, als zu lügen. „Ich war beim Onkel zu Besuch“, sagte er, „und als es dunkel wurde, hat er mich zur Nacht dabehalten.
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Phönixglanz sagte: „Allerdings! Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass einmal jemand käme, mit dem ich plaudern und die Langeweile vertreiben könnte."
„Du hast noch nie gewagt, einfach auszugehen, ohne mich zu fragen. Wie durftest du dich gestern dazu erdreisten? Schon dafür hast du Strafe verdient, zumal du mich auch noch belügst!“ entschied Djia Dai-ju. In seiner Wut verabreichte er Djia Juee dreißig, vierzig Hiebe mit dem Bambusprügel, entzog ihm das Essen und befahl ihm, im Hof niederzuknien und nicht eher wieder aufzustehen, bis er seine Lektionen für zehn Tage gelesen hatte.
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Djia Juee, der über Nacht völlig durchgefroren war und dazu noch Prügel bekommen hatte, litt Höllenqualen, als er jetzt mit nüchternem Magen im kalten Hof knien und lernen mußte. Dennoch kam er von seiner Idee nicht los und dachte gar nicht daran, daß Hsi-fëng ihn zum besten halten könnte. Als er zwei Tage später frei hatte, ging er wieder zu ihr. Hsi-fëng hielt ihm scheinheilig vor, er habe die Verabredung nicht eingehalten, aber er beschwor es erregt bei seinem Kopf.
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Glücksstein Kaufmann sagte lächelnd: „Ich habe immer Zeit. Wie wäre es, wenn ich jeden Tag vorbeikäme, um Euch ein wenig Gesellschaft zu leisten?"
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Phönixglanz lächelte: „Das sagt Ihr nur so dahin. Ihr würdet doch gar nicht zu mir herkommen wollen!"
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Glücksstein Kaufmann beteuerte: „Schwägerin, wenn auch nur ein einziges Wort von dem, was ich Euch sage, gelogen ist, so soll mich der Himmel strafen und der Blitz erschlagen! Bisher hatte ich nur immer gehört, die Schwägerin sei eine strenge Frau, bei der man sich nicht den kleinsten Fehler erlauben dürfe — das hatte mich eingeschüchtert. Aber jetzt sehe ich, dass Ihr die angenehmste und liebenswürdigste Person von der Welt seid, immer zu einem Scherz aufgelegt und voller Mitgefühl. Wie könnte ich da nicht kommen? Ich käme selbst dann, wenn es mein Leben kosten sollte!"
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Phönixglanz lächelte: „Ihr seid wirklich ein verständiger Mensch, weit verständiger als Hibiskus Kaufmann<ref>Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng.</ref> und sein Schwager. Bei deren feinem, frischem Äußeren dachte ich immer, sie müssten auch ein verständiges Herz haben, aber es sind nur zwei Dummköpfe, die nicht das Geringste von den Empfindungen eines Menschen verstehen."
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Als Glücksstein Kaufmann das hörte, traf es ihn mitten ins Herz, und er konnte nicht anders, als noch ein Stück näher zu rücken. Er stierte auf das Täschchen, das Phönixglanz am Gürtel trug, und fragte dann, was für einen Ring sie am Finger habe.
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Phönixglanz sagte leise: „Benehmt Euch ein wenig anständiger, sonst bemerken es die Mädchen und lachen über uns."
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Glücksstein Kaufmann gehorchte, als hätte er ein kaiserliches Edikt oder ein heiliges Gebot vernommen, und rückte hastig wieder zurück.
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Phönixglanz sagte lächelnd: „Ihr müsst jetzt gehen."
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Glücksstein Kaufmann bat: „Lasst mich doch noch ein wenig sitzen bleiben. Schwägerin, Ihr seid so grausam!"
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Phönixglanz sagte ihm leise: „Am hellichten Tag, wo die Leute kommen und gehen, ist es unpassend, wenn Ihr hier bleibt. Geht jetzt, aber kommt heute Abend nach der ersten Nachtwache wieder! Wartet leise in der westlichen Durchgangshalle [Anm.: 穿堂, ein offener Durchgang zwischen zwei Gebäudeteilen] auf mich."
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Als Glücksstein Kaufmann das hörte, war ihm, als hätte man ihm einen kostbaren Schatz geschenkt. Hastig fragte er: „Ihr scherzt doch nicht? Aber dort gehen so viele Leute durch — wie soll ich mich da verbergen?"
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Phönixglanz sagte: „Seid ganz unbesorgt. Ich gebe allen Dienern, die Nachtwache halten sollten, frei. Sobald die Tore auf beiden Seiten geschlossen sind, ist dort kein Mensch mehr."
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Glücksstein Kaufmann kannte nun keine Grenzen seiner Freude mehr, verabschiedete sich eilig und ging, in der festen Überzeugung, bereits gewonnenes Spiel zu haben.
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Geduldig wartete er bis zum Abend. Dann schlich er sich wirklich im Dunkel der Nacht ins Prunkwille-Anwesen, nutzte den Augenblick, als die Tore geschlossen wurden, und schlüpfte in die Durchgangshalle. Tatsächlich war es stockfinster und menschenleer. Das Tor, das zur Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die Ahnherrin der Kaufmann-Familie.</ref> hinüberführte, war bereits verriegelt; nur das Tor nach Osten stand noch offen.
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Glücksstein Kaufmann spitzte die Ohren und lauschte, doch eine halbe Ewigkeit lang kam niemand. Plötzlich wurde mit einem lauten Scheppern auch das Osttor zugeschlagen. Aufgeregt, wie er war, wagte Glücksstein Kaufmann dennoch keinen Mucks von sich zu geben. Er schlich zur Tür und rüttelte daran, aber sie war so fest verschlossen wie ein eiserner Eimer. Es gab kein Herauskommen mehr. Nach Norden und Süden erstreckten sich hohe Mauern, an denen man nicht hinaufklettern konnte. In der Halle pfiff ein schneidender Durchzugswind, und sie war kahl und leer. Es war der zwölfte Monat, die Nächte waren lang, und der Nordwind schnitt eisig in Mark und Bein. Beinahe wäre Glücksstein Kaufmann in dieser Nacht erfroren.
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Mit Mühe und Not hielt er durch bis zum Morgen. Endlich kam eine alte Dienerin, öffnete zuerst das Osttor, ging hindurch und rief am Westtor, damit man dort aufmachte. Glücksstein Kaufmann nutzte den Augenblick, als sie ihm den Rücken zuwandte, huschte mit um die Schultern geschlagenen Armen an ihr vorbei wie ein Schatten und war draußen. Zum Glück war es noch früh und alle schliefen noch, so konnte er durch die Hintertür hinaus und geradewegs nach Hause laufen.
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Glücksstein Kaufmanns Eltern waren früh gestorben, und so war er allein von seinem Großvater Dai Ru<ref>Chin. 代儒 Dài Rú, Leiter der Kaufmann-Familienschule, Großvater von Glücksstein Kaufmann.</ref> [Anm.: 代儒 bedeutet wörtlich „den Konfuzianismus vertreten"; er ist der Leiter der Kaufmann-Familienschule] aufgezogen worden. Dieser war von jeher streng mit ihm gewesen und hatte ihm keinen überflüssigen Schritt erlaubt, weil er fürchtete, der Enkel könnte sich auswärts dem Trinken und Glücksspiel hingeben und darüber seine Studien vernachlässigen.
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Als er jetzt erleben musste, dass Glücksstein Kaufmann die ganze Nacht nicht nach Hause kam, war er überzeugt, der Enkel habe entweder gezecht oder gespielt oder sich in Freudenhäusern herumgetrieben — wie hätte er den wahren Sachverhalt durchschauen können? Die ganze Nacht hatte er voller Zorn durchwacht.
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Glücksstein Kaufmann, der vor Angst Blut und Wasser schwitzte, blieb nichts anderes übrig, als eine Lüge zu erfinden. „Ich war beim Onkel zu Besuch", sagte er, „und als es dunkel wurde, hat man mich über Nacht dabehalten."
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Dai Ru fuhr ihn an: „Noch nie hast du gewagt, das Haus zu verlassen, ohne mich vorher um Erlaubnis zu bitten. Wie konntest du dich gestern erdreisten, einfach wegzugehen? Schon dafür hättest du Strafe verdient, und nun belügst du mich auch noch!" In seinem Zorn verabreichte er ihm dreißig, vierzig Hiebe mit dem Bambusprügel, verweigerte ihm das Essen und befahl ihm, draußen im Hof niederzuknien und so lange Texte zu lesen, bis er den Stoff von zehn Tagen nachgeholt habe.
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Glücksstein Kaufmann, der die ganze Nacht durchgefroren hatte, obendrein eine grausame Tracht Prügel erhalten hatte und nun mit leerem Magen im eisigen Wind des Hofes kniend seine Texte rezitieren musste, litt unsägliche Qualen.
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Dennoch hatte er seinen Vorsatz keineswegs aufgegeben und kam nicht im Entferntesten auf den Gedanken, dass Phönixglanz ihn zum Narren gehalten haben könnte. Zwei Tage später, als er sich frei machen konnte, ging er abermals zu Phönixglanz. Phönixglanz stellte sich empört und warf ihm vor, sein Versprechen gebrochen zu haben. Glücksstein Kaufmann schwor aufgeregt Stein und Bein, dass er dagewesen sei.
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Als Phönixglanz sah, dass er sich fest in ihr Netz verfangen hatte, musste sie sich natürlich einen neuen Plan ausdenken, der ihm eine Lehre sein würde. Sie vereinbarte also ein neues Treffen mit ihm: „Heute Abend gehst du nicht mehr dorthin. Hinter meinem Haus gibt es einen kleinen Durchgang, und darin steht ein leeres Zimmer — dort warte auf mich. Aber ja keine Unvorsichtigkeiten!"
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Glücksstein Kaufmann fragte: „Wirklich und wahrhaftig?"
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Phönixglanz sagte: „Wer würde es wagen, Euch an der Nase herumzuführen? Wenn Ihr mir nicht glaubt, dann kommt eben nicht."
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Glücksstein Kaufmann rief: „Ich komme, ich komme! Und wenn es mein Leben kosten sollte, ich komme!"
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Phönixglanz sagte: „Aber jetzt geht erst einmal."
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Glücksstein Kaufmann, der fest damit rechnete, dass am Abend alles nach Wunsch verlaufen würde, ging bereitwillig. Phönixglanz aber begann sogleich, ihre Leute einzuteilen und ihre Falle zu stellen.
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Glücksstein Kaufmann konnte den Abend kaum erwarten. Ausgerechnet heute kamen aber noch Verwandte zu Besuch, so dass er erst nach dem Abendessen aufbrechen konnte, als die Lampen bereits angezündet waren. Dann musste er noch warten, bis sein Großvater sich zur Ruhe gelegt hatte, ehe er sich ins Prunkwille-Anwesen schleichen und schnurstracks zu dem Zimmer im Durchgang zwischen den Mauern begeben konnte. Dort lief er wie eine Ameise auf dem heißen Kessel ruhelos hin und her. Er wartete und wartete — links kein Schatten, rechts kein Laut.
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In seinem Inneren dachte er: „Sollte sie vielleicht auch diesmal nicht kommen und mich wieder eine Nacht frieren lassen?" Gerade als er sich mit solchen Grübeleien quälte, näherte sich aus der Dunkelheit eine Gestalt. Glücksstein Kaufmann war sich sicher, das musste Phönixglanz sein! Seiner Sinne kaum noch mächtig, lauerte er wie ein hungriger Tiger, und als die Gestalt gerade an der Tür erschien, packte er sie wie eine Katze die Maus, presste sie an sich und rief: „Liebste Schwägerin! Ich sterbe vor Sehnsucht!" Er trug sie ins Zimmer, warf sie aufs Ofenbett, küsste sie auf den Mund, riss ihr die Hosen herunter und stammelte in einem fort: „Mein Liebstes! Mein Ein und Alles!" Die Gestalt aber gab keinen Laut von sich.
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Glücksstein Kaufmann hatte bereits seine eigenen Hosen abgestreift und wollte eben zustoßen, als plötzlich ein Licht aufflammte. In der Tür stand Qiang Kaufmann<ref>Chin. 贾蔷 Jiǎ Qiáng, wörtl. „Edelrose Kaufmann“.</ref> mit einem brennenden Fidibus in der Hand, leuchtete herein und fragte: „Wer ist hier drin?"
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Da sprach es lachend vom Ofenbett: „Onkel Rui wollte mich schänden!" Glücksstein Kaufmann blickte hin — und erkannte Hibiskus Kaufmann. Vor Scham wäre er am liebsten im Boden versunken und wusste nicht, wohin mit sich. Er machte kehrt und wollte fliehen, doch Qiang Kaufmann packte ihn mit festem Griff und sagte: „Halt! Die Frau des Onkels Kette hat es bereits der gnädigen Frau gemeldet, dass Ihr sie grundlos belästigt habt. Sie hat Euch mit einer List hierher gelockt. Die gnädige Frau ist außer sich vor Zorn und hat mich geschickt, Euch zu ihr zu bringen. Eben habt Ihr auf ihm gelegen — da gibt es nichts zu leugnen. Kommt mit zur gnädigen Frau!"
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Als Glücksstein Kaufmann das hörte, entwich ihm beinahe die Seele aus dem Leib, und er flehte: „Lieber, guter Neffe! Sag doch einfach, du hättest mich nicht gefunden! Morgen werde ich dich reichlich belohnen!"
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Qiang Kaufmann sagte: „Euch laufen zu lassen wäre kein Problem, wenn Ihr es lohnen wollt. Aber wie viel ist ‚reichlich'? Außerdem ist eine mündliche Zusage nicht viel wert — schreibt mir einen Schuldschein!"
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Glücksstein Kaufmann sagte: „Aber wie soll ich eine solche Schuld begründen?"
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Qiang Kaufmann sagte: „Das ist ganz einfach. Ihr schreibt, Ihr hättet eine Spielschuld bei einem Fremden und müsstet vom Bankhalter so und so viel Liang Silber borgen. Das genügt."
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Glücksstein Kaufmann sagte: „Das ginge schon. Nur habe ich jetzt weder Papier noch Pinsel."
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Qiang Kaufmann sagte: „Auch kein Problem." Er drehte sich um und kam im nächsten Augenblick mit Papier und Pinsel zurück, die offenbar schon bereitgelegt worden waren, und befahl Glücksstein Kaufmann zu schreiben. Nach langem Hin und Her stellte Glücksstein Kaufmann widerwillig einen Schuldschein über fünfzig Liang Silber aus und setzte seinen Namensstempel darunter. Qiang Kaufmann steckte ihn ein.
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Dann musste Glücksstein Kaufmann sich auch noch mit Hibiskus Kaufmann einigen. Dieser aber biss die Zähne zusammen und weigerte sich hartnäckig: „Morgen bringe ich die Sache vor die ganze Sippe und lasse sie dort entscheiden!" In seiner Verzweiflung ging Glücksstein Kaufmann so weit, vor ihm einen Kotau zu machen. Qiang Kaufmann redete noch eine Weile auf Hibiskus Kaufmann ein, bald beschwichtigend, bald drohend, bis auch für ihn ein Schuldschein über fünfzig Liang ausgestellt war.
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Dann sagte Qiang Kaufmann: „Wenn ich Euch jetzt einfach laufen lasse, mache ich mich selbst schuldig. Das Tor zum Hof der Herzoginmutter ist längst verriegelt, und der gnädige Herr [Anm.: Aufrecht Kaufmann 贾政] sitzt gerade in der Empfangshalle und begutachtet Geschenke aus Nanjing — an dem kommt Ihr unmöglich vorbei. Es bleibt Euch nur der Weg durch die Hintertür. Aber wenn Euch dabei jemand sieht, geht es auch mir an den Kragen. Wir gehen deshalb zuerst nachsehen, ob der Weg frei ist, und holen Euch dann. Hier aber könnt Ihr nicht bleiben, denn gleich werden Sachen hierhergebracht. Wartet, ich suche einen Platz für Euch."
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Er zog Glücksstein Kaufmann hinter sich her, löschte das Licht und tastete sich mit ihm durch den Hof bis zu einem Hohlraum unter einer großen steinernen Terrasse. „Hier ist es gut", wies er ihn an. „Hockt Euch hinein und gebt keinen Mucks von Euch! Rührt Euch nicht, bis wir wiederkommen." Dann gingen die beiden fort.
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Glücksstein Kaufmann blieb keine Wahl, als dort zu hocken. Er hing gerade seinen Gedanken nach, als plötzlich über seinem Kopf ein Klatschen ertönte und mit einem Schwall der gesamte Inhalt eines Nachttopfes auf ihn herabgegossen wurde — und zwar so unglücklich, dass er von Kopf bis Fuß davon durchnässt war. „Au weh!" entfuhr es Glücksstein Kaufmann unwillkürlich, doch sofort presste er sich die Hand auf den Mund und wagte keinen weiteren Laut. Am ganzen Kopf, im Gesicht und am ganzen Körper mit Unrat bedeckt, zitterte er vor Kälte.
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Da kam Qiang Kaufmann gelaufen und rief: „Schnell weg, schnell weg!"
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Als sei ihm das Leben geschenkt worden, stürzte Glücksstein Kaufmann in wenigen Sprüngen durch die Hintertür hinaus und rannte nach Hause. Es war schon die dritte Nachtwache [Anm.: 三更, etwa Mitternacht], und er musste an der Tür klopfen. Als ihm der Torwächter öffnete und ihn in diesem Zustand sah, fragte er, was denn passiert sei. Glücksstein Kaufmann blieb nichts anderes übrig, als zu lügen: „Im Dunkeln bin ich ausgerutscht und in eine Abortgrube gefallen."
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In seinem Zimmer wusch er sich und zog sich um. Als er darüber nachdachte, wie Phönixglanz ihn hereingelegt hatte, überkam ihn Hass. Doch als er sich dann wieder ihr Bild vor Augen führte, wünschte er sich nichts sehnlicher, als sie wenigstens einen Augenblick in die Arme schließen zu können. Die ganze Nacht tat er kein Auge zu.
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Von da an kreisten seine Gedanken einzig und allein um Phönixglanz, doch ins Prunkwille-Anwesen zu gehen wagte er nicht mehr. Hibiskus Kaufmann und Qiang Kaufmann aber kamen häufig vorbei, um das Geld einzutreiben, und Glücksstein Kaufmann lebte in ständiger Angst, sein Großvater könnte davon erfahren. So nagte nicht nur die unerträgliche Sehnsucht an seinem Herzen, es drückten ihn auch die Schulden, und dazu kam tagsüber die strenge Lernarbeit. Er war an die zwanzig Jahre alt und noch unverheiratet. Da er ständig an Phönixglanz dachte, behalf er sich auf die Art, wie man es mit den Fingern tut, wenn einem Linderung not tut [Anm.: Anspielung auf Selbstbefriedigung]. Dazu hatte die zweimalige Durchfrierung seine Kräfte zerrüttet. Von drei, vier, fünf Seiten gleichzeitig bedrängt, wurde er krank, ehe er sich's versah: Das Herz schwoll ihm an, der Appetit schwand, die Füße waren wie aus Watte, die Augen wie von Essig verätzt. Nachts kam das Fieber, tagsüber die Müdigkeit. Im Harn fand sich Samen und im Auswurf Blut. Eines nach dem anderen stellten sich diese Zeichen ein, und binnen eines Jahres war die ganze Reihe vollständig.
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Schließlich konnte er sich nicht mehr auf den Beinen halten. Er brach zusammen und lag fortan darnieder. Wenn er die Augen schloss, irrte sein Geist in verworrenen Träumen umher, im Delirium sprach er wirres Zeug, und Anfälle von panischer Angst schüttelten ihn. Man bot alles an ärztlicher Kunst auf, er nahm zig verschiedene Arzneien — Kassiazimtrinde, Eisenhutwurzel, Weichschildkrötenpanzer, Schlangenbartwurzel, Weißwurz [Anm.: 肉桂、附子、鳖甲、麦冬、玉竹 — Arzneimittel der chinesischen Medizin zur Stärkung von Yin und Yang] und vieles mehr —, Dutzende Jin gingen den Schlund hinunter, doch nichts zeigte Wirkung.
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Im Nu war der Winter vorüber und der Frühling zurückgekehrt, und die Krankheit hatte sich noch verschlimmert. Dai Ru geriet in Panik und holte von überallher Ärzte, doch keiner konnte helfen. Als man ihm schließlich reinen Ginsengabsud verordnete, fehlten Dai Ru die Mittel dafür. So blieb ihm nichts anderes übrig, als im Prunkwille-Anwesen um Hilfe zu bitten.
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Dame König<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén.</ref> befahl Phönixglanz, zwei Liang Ginseng für ihn abzuwiegen.
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Phönixglanz erwiderte: „Neulich ist der gesamte Vorrat für ein Medikament der Herzoginmutter aufgebraucht worden. Die ganze Wurzel, die noch übrig war, sollte auf Anordnung der gnädigen Frau für die Gemahlin des Provinzkommandanten Yang zurückgelegt werden — aber gerade gestern habe ich sie ihr schon hinschicken lassen."
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Dame König sagte: „Wenn bei uns nichts mehr da ist, dann schick jemanden zu deiner Schwiegermutter und frag dort, oder lass bei deinem Schwager Juwel im Stillfriede-Anwesen nachsehen. Wenn man genug zusammenbekommt, kann man es dem alten Herrn geben. Wenn damit ein Menschenleben gerettet wird, gereicht es auch dir zum Verdienst."
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Phönixglanz hörte das an, schickte aber niemanden los. Stattdessen suchte sie ein paar bereits ausgekochte Reste und Wurzelhärchen zusammen, die zusammen ein paar Qian ergaben, und ließ sie Dai Ru überbringen mit der Nachricht: „Die gnädige Frau schickt dies, mehr ist nicht vorhanden." Als sie dann Dame König Bericht erstattete, sagte sie jedoch: „Ich habe von allen Seiten zusammentragen lassen. Es sind insgesamt etwas über zwei Liang geworden, die ich hingeschickt habe."
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Glücksstein Kaufmann hatte einen unbändigen Willen zu leben. Es gab keine Arznei, die er nicht versucht hätte, doch alles Geld war hinausgeworfen, keine zeigte Wirkung. Da erschien eines Tages ein hinkender daoistischer Mönch [Anm.: der hinkende Daoist 跛足道人, eine übernatürliche Gestalt, die im Roman mehrfach auftritt und die verborgenen Zusammenhänge des Schicksals aufdeckt], der um eine milde Gabe bat und behauptete, er sei auf die Heilung von Krankheiten spezialisiert, die aus karmischen Verstrickungen in früheren Existenzen herrührten.
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Glücksstein Kaufmann hörte das von seinem Lager aus, richtete sich auf und rief aus Leibeskräften: „Bittet den Bodhisattva schnell herein! Er soll mich retten!" Dabei machte er, noch auf dem Kissen liegend, einen Kotau nach dem anderen. Den Leuten blieb nichts übrig, als den Mönch hereinzuführen. Glücksstein Kaufmann klammerte sich an ihm fest und rief immer wieder: „Bodhisattva, rettet mich!"
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Der Mönch seufzte: „Deine Krankheit ist nicht mit Arzneien zu heilen. Ich habe hier ein kostbares Kleinod für dich. Wenn du es Tag für Tag anschaust, kann dein Leben erhalten werden."
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Er holte aus seinem Schultersack einen Spiegel hervor. Beide Seiten waren poliert und konnten Bilder wiedergeben; in den Griff waren die vier Schriftzeichen „Spiegel von Wind und Mond" [风月宝鉴] eingraviert. Er reichte ihn Glücksstein Kaufmann und erklärte: „Dieses Gerät stammt aus der Halle der Kostbarkeiten in den Wahngefilde der Großen Leere [太虚幻境]. Die Fee Warnendes Trugbild [警幻仙子] hat es geschaffen. Es dient eigens zur Heilung von Krankheiten, die aus wahnhaften Begierden und törichtem Handeln erwachsen, und hat die Kraft, Menschen zu retten und Leben zu bewahren. Darum habe ich es in die Welt der Menschen mitgebracht und zeige es nur edlen, klugen und begabten Jünglingen aus vornehmen Häusern. Aber merke dir: Du darfst dich auf gar keinen Fall in der Vorderseite spiegeln! Nur in der Rückseite! Das ist von höchster Wichtigkeit! In drei Tagen komme ich wieder und hole den Spiegel ab, dann bist du gewiss geheilt."
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Damit ging er, ohne sich an die flehentlichen Bitten zu bleiben zu kehren, und verschwand.
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Glücksstein Kaufmann nahm den Spiegel in die Hand und dachte: „Ein seltsamer Mensch, dieser Mönch! Warum sollte ich nicht einmal hineinschauen und es versuchen?"
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Er hob den „Spiegel von Wind und Mond" empor und blickte in die Rückseite. Da stand ein Totengerippe darin aufgerichtet! Vor Schreck warf er den Spiegel zu und schimpfte: „Verfluchter Mönch! Mich so zu erschrecken! Jetzt will ich doch einmal sehen, was in der Vorderseite ist."
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Er drehte den Spiegel um und blickte in die Vorderseite — und da stand Phönixglanz darin und winkte ihm zu! Freude durchströmte sein Herz, und schwankend, schwebend fühlte er sich in den Spiegel hineingetragen. Er vereinigte sich mit Phönixglanz im Spiel von Wolken und Regen [Anm.: 云雨, die traditionelle poetische Umschreibung für die geschlechtliche Vereinigung], und danach geleitete sie ihn wieder hinaus.
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Als er wieder auf seinem Bett lag, entfuhr ihm ein „Au weh!", und er schlug die Augen auf. Der Spiegel war ihm aus den Händen geglitten und zeigte wieder die Rückseite — mit dem aufrecht stehenden Totengerippe. Glücksstein Kaufmann bemerkte, dass er am ganzen Körper schwitzte und unter ihm eine große Lache Samenflüssigkeit war. Doch sein Verlangen war noch nicht gestillt. Also drehte er den Spiegel wieder um, und tatsächlich stand Phönixglanz wieder da und winkte ihm. Und abermals ging er zu ihr hinein.
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So wiederholte es sich drei-, viermal. Doch als er beim letzten Mal gerade wieder aus dem Spiegel treten wollte, kamen zwei Männer auf ihn zu, warfen ihm eine eiserne Kette um den Hals und schleppten ihn fort.
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Glücksstein Kaufmann schrie: „Lasst mich wenigstens den Spiegel mitnehmen!" — Das war der letzte Satz, den er hervorbrachte. Dann konnte er nicht mehr sprechen.
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Die Umstehenden, die ihn pflegten, sahen nur, wie er den Spiegel in der Hand hielt und hineinblickte, wie er ihm entglitt, wie er die Augen aufschlug und ihn wieder ergriff. Beim letzten Mal fiel der Spiegel herab, und Glücksstein Kaufmann rührte sich nicht mehr. Als sie an sein Bett traten und nachsahen, war kein Atem mehr in ihm, und unter seinem Körper hatte sich eiskalt eine große Lache Samenflüssigkeit gebildet. Hastig kleideten sie ihn an und hoben ihn auf ein frisch hergerichtetes Bett.
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Dai Ru und seine Frau weinten sich fast die Augen aus und verfluchten den Mönch und seinen Spiegel. „Was ist das nur für ein Teufelswerkzeug!" rief Dai Ru. „Wenn man es nicht sofort vernichtet, wird es noch großes Unheil in der Welt anrichten!" Er befahl, ein Feuer zu entfachen und den Spiegel hineinzuwerfen.
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Da sprach es weinend aus dem Spiegel: „Wer hat euch geheißen, in die falsche Seite zu blicken? Ihr habt selbst das Falsche für das Wahre genommen — warum müsst ihr dann mich verbrennen?"
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In diesem Augenblick kam der hinkende Mönch von draußen hereingestürzt und rief: „Wer will den Spiegel von Wind und Mond vernichten? Ich komme und rette ihn!" Damit stürmte er geradewegs in die Halle, riss den Spiegel an sich und verschwand wie ein Windhauch.
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Dai Ru richtete nun das Begräbnis aus und versandte überallhin die Trauerbotschaft. Am dritten Tag wurden die heiligen Texte verlesen, am siebten Tag der Sarg hinausgeleitet und im Tempel der Eisernen Schwelle [铁槛寺] aufgebahrt, um später in die Heimat der Sippe überführt zu werden.
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Alle Kaufmanns kamen, um ihr Beileid zu bezeugen. Begnadigung Kaufmann<ref>Chin. 贾赦 Jiǎ Shè.</ref> aus dem Prunkwille-Anwesen spendete zwanzig Liang Silber, ebenso Aufrecht Kaufmann, und auch Herrlichkeit Kaufmann<ref>Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn.</ref> aus dem Stillfriede-Anwesen gab zwanzig Liang. Die übrigen Mitglieder der Sippe gaben je nach Vermögen drei oder fünf Liang — zu viele, um sie einzeln aufzuführen. Hinzu kamen Beiträge der Familien der Mitschüler aus der Familienschule, die zusammen weitere zwanzig, dreißig Liang ergaben. So konnte Dai Ru trotz seiner ansonsten bescheidenen Verhältnisse die Angelegenheit in angemessener und würdiger Weise zu Ende bringen.
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Doch wer hätte gedacht, dass gegen Ende dieses Winters ein Brief von Lin Ruhai<ref>Chin. 林如海 Lín Rúhǎi, Kajaljades Vater.</ref> eintreffen würde, Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajaljade aus dem Walde“.</ref>s Vater, der sich eine schwere Krankheit zugezogen hatte und nun schrieb, er wolle Kajaljade bei sich haben.
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Als die Herzoginmutter das erfuhr, vermehrte sich natürlich ihr Kummer, doch es blieb nichts anderes übrig, als eilig alle Vorbereitungen für Kajaljade Abreise zu treffen.
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Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎyù, wörtl. „Schatzjade Kaufmann“.</ref> war tief betrübt darüber, aber die Liebe zwischen Vater und Tochter war zu stark, als dass er etwas dagegen hätte einwenden können.
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So bestimmte die Herzoginmutter, Kette Kaufmann<ref>Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadekette Kaufmann“.</ref> solle Kajaljade auf der Hin- und Rückreise begleiten und sie wieder zurückbringen. Was die Geschenke an Lokalprodukten und die Reisekosten anging, braucht man nicht im Einzelnen darüber zu sprechen — alles wurde selbstverständlich in angemessener Weise geordnet. Rasch wählte man einen Glückstag. Kette Kaufmann und Kajaljade nahmen Abschied von der Herzoginmutter und den Übrigen, bestiegen mit ihrem Gefolge die Boote und reisten nach Yangzhou ab.
  
Geburtstagsfeier für Djia Djing im Ning-guo-Anwesen. Aus: Jinyu­yuan 1889a.
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Was sich weiter zutrug, berichtet das nächste Kapitel.
Als Hsi-fëng sah, daß er ihr fest ins Garn gegangen war, mußte sie natürlich ein neues Mittel gebrauchen, um ihn zurechtzuweisen. Darum trug sie ihm auf: „Wartet heute abend nicht dort auf mich, sondern in dem leerstehenden Anbau an dem kleinen Durchgang hier hinter dem Haus! Aber keine Leichtsinnigkeiten bitte!“
 
„Werdet Ihr auch wirklich kommen?“ fragte Djia Juee.
 
„Wer würde es wagen, Euch zu foppen?“ erwiderte Hsi-fëng. „Wenn Ihr mir nicht glaubt, braucht Ihr ja nicht zu kommen.“
 
„Ich komme, ich komme!“ versicherte er. „Und wenn es mein Leben kosten sollte, ich komme!“
 
„Aber jetzt müßt Ihr gehen!“ bat sie.
 
Djia Juee, der nichts anderes glaubte, als daß an diesem Abend alles nach Wunsch laufen werde, ging bereitwillig davon. Hsi-fëng aber trommelte ihre Hilfstruppen zusammen und legte Fallstrick und Hinterhalt.
 
Mühsam geduldete sich Djia Juee bis zum Abend, und ausgerechnet heute mußten Verwandte zu Besuch kommen, die erst nach dem Abendessen wieder fortgingen. Inzwischen war es Zeit geworden, die Lampen anzuzünden. Djia Juee aber mußte weiter warten, bis sein Großvater sich schlafen gelegt hatte, ehe er endlich ins Jung-guo-Anwesen schlüpfen konnte, wo er sich schnurstracks in den Anbau bei dem Durchgang begab, der zwischen zwei Mauern entlangführte. Hier lief er ruhelos auf und ab wie eine Ameise auf einem heißen Kessel, aber niemand kam, und nichts war zu hören.
 
‚Sollte sie vielleicht auch diesmal nicht kommen und mich wieder eine Nacht frieren lassen?‘ überlegte Djia Juee. Und gerade als er sich darüber den Kopf zermarterte, sah er einen schwarzen Schatten herankommen und war sich sicher, das mußte sie sein! Seiner Sinne kaum noch mächtig, lauerte er wie ein hungriger Tiger, und kaum daß sie an der Tür war, packte er sie wie eine Katze die Maus und rief: „Liebste Schwägerin, ich sterbe vor Ungeduld!“ Damit trug er sie hinein aufs Ofenbett, küßte sie auf den Mund, zog ihr die Hosen herunter und stammelte in einem fort: „Meine Liebe, meine Gute!“ Sie aber sagte kein Wort.
 
Schon hatte Djia Juee auch seine eigenen Hosen abgestreift und wollte eben hart zustoßen, als plötzlich ein Licht aufflammte. In der Tür stand Djia Tjiang mit einem brennenden Fidibus in der Hand, leuchtete herein und fragte: „Wer ist hier?“
 
Da sprach es vom Ofenbett mit lachender Stimme: „Onkel Juee wollte mich schänden!“, und Djia Juee erkannte, daß es Djia Jung war, der auf dem Ofenbett lag. Jetzt wäre er am liebsten vor Scham im Boden versunken und wußte sich nicht anders zu helfen, als kehrtzumachen und fortzulaufen. Aber Djia Tjiang packte ihn mit sicherem Griff und sagte: „Hiergeblieben! Onkel Liäns Frau hat es bereits der gnädigen Frau gemeldet, wie Ihr sie grundlos belästigt habt, und hat diesen Trick angewandt, um Euch hierher zu locken. Die gnädige Frau ist außer sich vor Zorn und hat mir befohlen, Euch zu ihr zu bringen. Eben habt Ihr auf ihm gelegen, da hilft kein Leugnen. Kommt mit zur gnädigen Frau!“
 
Als Djia Juee das hörte, wollte seine Seele schier den Körper verlassen, und er bettelte: „Liebster Neffe! Sag doch, du hättest mich nicht gefunden. Morgen will ich dich reichlich belohnen!“
 
„Wenn Ihr es lohnen wollt, kann ich Euch schon laufen lassen“, sagte Djia Tjiang. „Aber ich weiß ja nicht, wieviel das ist – ‚reichlich‘? Außerdem ist auf eine mündliche Zusage kein Verlaß, schreibt mir einen Schuldschein!“
 
„Aber ich weiß nicht, wie ich diese Schuld begründen soll“, wandte Djia Juee ein.
 
„Das sollte Euch nicht hindern“, sagte Djia Tjiang. „Ihr schreibt, Ihr hättet zur Begleichung einer Spielschuld vom Bankhalter soundsoviel Liang Silber geliehen, und das ist alles!“
 
„Das ist kein Problem“, erklärte Djia Juee. „Nur haben wir kein Papier und keinen Schreibpinsel zur Hand.“
 
„Das ist auch kein Problem!“ entgegnete Djia Tjiang, wandte sich kurz um und brachte im nächsten Augenblick Papier und Schreibpinsel, die irgendwo bereitgelegen hatten, und befahl Djia Juee zu schreiben.
 
Mal schmeichelnd und mal drohend, brachten die beiden ihn dazu, einen Schuldschein über fünfzig Liang Silber auszustellen und zu unterschreiben, den Djia Tjiang einsteckte. Als Djia Juee dann auch mit Djia Jung die Sache ins Reine bringen wollte, stellte der sich stur und und beharrte unnachgiebig darauf, den Fall am nächsten Tag in der Familie vorzubringen und dort entscheiden zu lassen. Djia Juee ging in seiner Aufregung so weit, daß er einen Stirnaufschlag vor ihm machte, und dann setzte Djia Tjiang ihm so lange zu, bis er einen weiteren Schuldschein über weitere fünfzig Liang Silber ausschrieb.
 
Anschließend nahm Djia Tjiang noch einmal das Wort und sagte: „Wenn ich Euch heute laufen lasse, mache ich mich eines Vergehens schuldig! Jetzt ist das Tor zum Gehöft der alten gnädigen Frau bereits geschlossen, und in der Empfangshalle sieht sich der gnädige Herr Geschenke an, die aus Nan-djing gekommen sind, dort könnt Ihr also auch nicht vorbei. Ihr könnt nur noch durchs Hintertor hinaus, aber wenn Euch dort jemand sieht, geht es auch mir an den Kragen. Darum gehen wir zuerst nachsehen, ob die Luft rein ist, und  dann  bringen  wir  Euch  hinaus. Hier aber könnt Ihr solange nicht blei-
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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[Ende des zwölften Kapitels]
ben, denn hierher wird gleich etwas zur Aufbewahrung gebracht. Wartet, ich will einen Platz für Euch suchen!“
 
Damit zog er Djia Juee hinter sich her, blies das Licht aus und tastete sich im Hof mit ihm bis zu einem Hohlraum unter der Plattform eines Gebäudes. „Hier drin ist es gut!“ wies er ihn an. „Hockt Euch hinein und sagt kein Sterbenswörtchen! Rührt Euch nicht, ehe wir kommen!“
 
Dann gingen die beiden weg, und Djia Juee blieb keine andere Wahl, als unter die Plattform zu kriechen. Während er dort seinen Gedanken nachhing, wurde plötzlich mit einem schwappenden Geräusch direkt über ihm ein ganzer Kübel Unrat entleert, und zwar so unglücklich, daß er von Kopf bis Fuß davon durchnäßt wurde. „O weh!“ entfuhr es ihm unwillkürlich; aber schnell hielt er sich den Mund zu und gab keinen weiteren Laut von sich. Am ganzen Leibe von Jauche triefend und vor Kälte zitternd, hockte er da, als Djia Tjiang gelaufen kam und ihm zurief: „Schnell weg hier, macht schnell!“
 
Als sei ihm das Leben wiedergeschenkt worden, stürzte Djia Juee Hals über Kopf davon und durchs Hintertor hinaus. Erst um die dritte Nachtwache war er zu Hause und mußte jemanden herausrufen, der ihm das Tor öffnete. Er sei im Dunkeln ausgeglitten und in eine Abortgrube gefallen, log er, als man ihn wegen seines Zustands befragte. Als er in seinem Zimmer war, wusch er sich und zog sich um.
 
Als er daran dachte, wie ihm Hsi-fëng mitgespielt hatte, überkam ihn Haß, aber als er sich dann wieder ihre Gestalt vorstellte, bedauerte er nur noch, daß er sie nicht wenigstens einen Augenblick in die Arme nehmen und an sein Herz drücken konnte. Die ganze Nacht über tat er deswegen kein Auge zu, und fortan war Hsi-fëng sein einziger Gedanke. Nur wagte er nicht, ins Jung-guo-Anwesen zu gehen. Häufig mahnten ihn Djia Jung und Djia Tjiang wegen des Geldes, und er lebte in ständiger Furcht, sein Großvater könnte alles erfahren.
 
So nagte nicht nur die Sehnsucht an seinem Herzen, es drückten ihn auch die Schulden, und dazu kam tagsüber die anstrengende Lernarbeit. Mit zwanzig Jahren noch nicht verheiratet, aber ständig mit Hsi-fëngs Bild vor Augen, half er dem Mangel natürlich mit den Fingern ab. Dazu hatte die zweimalige Unterkühlung seine Kräfte überfordert. Eins kam zum andern, und ehe er sich‘s versah, war er krank. Sein Herz war geschwollen, sein Appetit geschwunden, die Füße waren wie Watte, die Augen wie voll Essig. Nachts schwitzte er, am Tage war er müde, im Harn fand sich Samen und im Auswurf Blut.
 
Es dauerte kein Jahr, bis sich alle diese Krankheitszeichen eingestellt hatten, und schließlich war es zuviel für ihn. Er brach zusammen und lag fortan mit geschlossenen Augen in einem Dämmerzustand, redete irre und zeigte panische Furcht. Auf welche Weise die Ärzte auch immer an ihm herumdoktern mochten und welche Medikamente – ...zig Djin an Kassiazimtrinde, Eisenhutwurzel, Weichschildkrötenpanzer, Schlangenbartwurzel und Weißwurz – er auch einnahm, es wollte sich keine Wirkung zeigen.
 
Nachdem der Winter rasch vergangen und es wieder Frühling geworden war, verschlimmerte sich die Krankheit. Verzweifelt holte Djia Dai-ju von überallher Ärzte ins Haus, doch im Zustand des Kranken trat keine Besserung ein, und als ihm schließlich reiner Ginsengabsud verordnet wurde, fehlten Djia Dai-ju natürlich die Mittel dafür.Er mußte einen Bittgang ins Jung-guo-Anwesen machen.
 
Daraufhin erhielt Hsi-fëng von Dame Wang den Befehl, zwei Liang Ginseng für ihn abzuwiegen, aber Hsi-fëng erklärte ihr: „Der Ginseng, den wir hatten, ist neulich zu einem Medikament für die alte gnädige Frau verbraucht worden, und die ganze Wurzel, die noch da war, sollte ich auf Euren Befehl für die Gattin des Provinzkommandanten Yang zurücklegen. Erst gestern habe ich sie ihr bringen lassen.“
 
„Dann schick jemand zu deiner Schwiegermutter, um dort zu fragen!“ entschied Dame Wang. „Vielleicht findet sich auch bei deinem Schwager Dschën im Ning-guo-Anwesen noch ein wenig. Zusammen reicht es vielleicht, und wenn du damit ein Menschenleben rettest, wird das auch dir einst zum Guten gereichen.“
 
Hsi-fëng hörte ihre Worte ruhig an, schickte aber niemanden fragen, suchte vielmehr ein paar bereits ausgekochte Reste und Wurzelhärchen zusammen, was einige Tjiän ergab. Die ließ sie Djia Dai-ju überbringen mit der Bestellung, dies schicke die gnädige Frau, mehr habe sie nicht. Als sie aber Dame Wang davon berichtete, sagte sie, sie habe alles zusammenholen lassen, und es seien zwei Liang geworden, die sie hingeschickt habe.
 
Djia Juee hatte einen starken Willen zu leben, und so versuchte er jede erdenkliche Arznei, aber alles Geld dafür war unnütz vertan, kein Mittel schlug an. Dann kam eines Tages ein hinkender Dauist, der bei ihnen um Essen bettelte und behauptete, er verstünde sich speziell auf die Heilung von Krankheiten, die auf Sünden in einer früheren Existenz zurückzuführen seien.
 
Djia Juee, der das vom Krankenbett aus mit angehört hatte, erhob seine Stimme und rief: „Bittet diesen Bodhisattwa schnell zu mir herein, damit er mich rettet!“ Und schon kniete er auf dem Bett nieder und machte einen Stirnaufschlag.
 
Den Leuten blieb nichts weiter übrig, als den Dauisten hineinzuführen, und Djia Juee klammerte sich sofort an ihm fest und schrie immer wieder: „Rettet mich, Bodhisattwa!“ „Deine Krankheit ist nicht mit Medikamenten zu heilen!“ seufzte der Dauist. „Ich habe hier ein Kleinod, das ich dir geben will, und wenn du es Tag für Tag ansiehst, kann dein Leben erhalten werden.“ Damit holte er aus seinem Schultersack einen Spiegel hervor, der auf beiden Seiten poliert war und in dessen Griff die Schriftzeichen eingraviert waren ‚Zauberspiegel der Liebe‘.
 
Er reichte ihn Djia Juee und erklärte dazu: „Dieses Gerät stammt aus der Halle der Köstlichkeiten in den Wahngefilden der Großen Leere. Die Fee Warnendes Trugbild hat es gefertigt. Es dient ausschließlich zur Heilung von Krankheiten, die durch geistige Verirrungen und unsinnige Taten hervorgerufen werden, und hat die Kraft, Menschen zu retten und Leben zu erhalten. Deshalb habe ich es mit auf die Erde gebracht und gebe es nur edlen Jünglingen aus vornehmem Hause, die klug und begabt sind, sich darin zu spiegeln.
 
Man darf sich aber nicht in seiner Vorderseite spiegeln, nur in der Rückseite! Das ist das Allerwichtigste! In drei Tagen komme ich wieder und hole den Spiegel ab, dann bist du bestimmt geheilt.“ Damit ging er, ohne jemanden zu beachten, und das, obwohl alle ihn dringend baten zu bleiben.
 
Djia Juee griff nach dem Spiegel und dachte: „Ein merkwürdiger Mensch, dieser Dauist! Aber warum sollte ich nicht einmal probieren, wie es ist, wenn ich in den Spiegel sehe?!“
 
Er hob ihn hoch, um sich in der Rückseite zu spiegeln, und erblickte ein Totengerippe darin. Das erschreckte ihn so, daß er den Spiegel rasch zuhielt und schimpfte: „Verfluchter Dauist! Mich so zu erschrecken! Jetzt spiegele ich mich doch in der Vorderseite!“ Er tat es und erblickte im Spiegel Hsi-fëng, die ihn zu sich winkte. Freude erfüllte sein Herz, und dann spürte er, wie er schwankend in den Spiegel hineinschwebte, wo er mit Hsi-fëng das Wolken-und-Regen-Spiel spielte. Danach führte sie ihn hinaus.
 
Als er wieder im Bett lag und mit einem „O weh!“ die Augen aufmachte, entglitt ihm der Spiegel, und er erblickte in seiner Rückseite erneut das Totengerippe. Djia Juee merkte, daß er am ganzen Körper schwitzte und in einer Pfütze seines Samens lag, aber sein Verlangen war noch nicht gestillt, also drehte er den Spiegel wieder um, so daß er in die Vorderseite blicken konnte. Wieder stand Hsi-fëng da und winkte ihm, und er ging zu ihr.
 
Das wiederholte sich drei oder vier Mal, dann kamen, als er eben den Spiegel wieder einmal verlassen wollte, zwei Männer auf ihn zu, fesselten ihn mit einer eisernen Kette und zerrten ihn fort. „Laßt mich wenigstens den Spiegel mitnehmen!“ schrie Djia Juee, und das war der letzte Satz, den er sprechen konnte.
 
Die Leute, die ihn pflegten, sahen nur, wie er zuerst den Spiegel in der Hand hielt und sich darin spiegelte, dann entglitt ihm der Spiegel, er machte die Augen auf und griff wieder danach. Schließlich entfiel ihm der Spiegel noch einmal, aber Djia Juee rührte sich nicht. Als sie näher traten und nachsahen, war kein Leben mehr in ihm, und er lag in einer großen Lache Samenflüssigkeit. Rasch zogen sie ihn ordentlich an und legten ihn wieder auf das inzwischen aufgeräumte Bett.
 
Djia Dai-ju weinte sich mit seiner Frau fast die Augen aus und verfluchte den Dauisten. „Was ist dieser Spiegel für ein Teufelswerk!“ schimpfte er. „Wenn er nicht schleunigst vernichtet wird, richtet er viel Unheil an in der Welt!“ Also befahl er, ein Feuer zu machen und den Spiegel hineinzuwerfen. Da sprach es weinend aus dem Spiegel: „Wer hat euch geheißen, in die falsche Seite zu sehen? Wenn ihr das Falsche für das Wahre haltet, warum müßt ihr dann mich ins Feuer werfen?“
 
Im selben Augenblick kam der hinkende Dauist herbeigeeilt und rief: „Wer will den Zauberspiegel der Liebe vernichten? Ich komme und rette ihn!“ Damit stürzte er ohne weiteres in den Mittelraum, riß den Spiegel an sich und verschwand wie der Wind.
 
So richtete Djia Dai-ju dann das Begräbnis aus. Er verkündete überall die Trauernachricht, ließ am dritten Tag heilige Texte verlesen und am siebenten Tag den Sarg hinausgeleiten, um ihn im Kloster Eiserne Schwelle aufzustellen, bis er in die Heimat der Sippe übergeführt werden konnte.
 
Die Djias kamen und machten ihren Trauerbesuch. Djia Schë aus dem Jung-guo-Anwesen spendete zwanzig Liang Silber, Djia Dschëng ebenfalls zwanzig, ebenso Djia Dschën aus dem Ning-guo-Anwesen. Die übrigen Sippenmitglieder gaben je nach Vermögen drei oder fünf Liang, es kann hier nicht jeder aufgeführt werden. Durch die Spenden der einzelnen Familien der übrigen Schüler der Familienschule kamen noch einmal zwanzig, dreißig Liang zusammen, und so konnte Djia Dai-ju die Sache ungeachtet seiner sonstigen Armut in recht üppiger Weise zu Ende bringen.
 
Unerwartet für jedermann kam gegen Ende des Winters ein Brief von Lin Ju-hai, der sich eine schwere Krankheit zugezogen hatte und nun schrieb, daß er Dai-yü bei sich haben wolle. Als die Herzoginmutter davon erfuhr, vermehrte das natürlich ihren Kummer, aber es blieb nichts anderes übrig, als schnell alle Vorbereitungen zu treffen, damit Dai-yü abreisen konnte.
 
Bau-yü fühlte sich sehr unbehaglich dabei und ärgerte sich über die Liebe zwischen Vater und Tochter, aber er konnte schlecht etwas dagegen sagen.
 
Dann bestimmte die Herzoginmutter, Djia Liän solle Dai-yü auf dem Hin- und Rückweg begleiten. Über die Lokalprodukte, die sie als Geschenke mitnahmen, und über die Reisekosten brauchen wir uns nicht im einzelnen auszulassen, alles mußte natürlich so sein, wie es sich gehört. Rasch wurde ein Glückstag ausgewählt, Djia Liän und Dai-yü verabschiedeten sich von der Herzoginmutter und allen anderen, bestiegen mit ihrem Gefolge die Boote und machten sich auf den Weg nach Yang-dschou.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
 
 
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Latest revision as of 19:29, 28 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 91 · 101 · 111

中文原文 (程甲本 1982) Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026)

話說鳳姐正與平兒說話,只見有人回說:「瑞大爺來了。」鳳姐急命:「快請進來。」賈瑞見往裡讓,心中喜出望外,急忙進來,見了鳳姐,滿面陪笑,連連問好。鳳姐兒也假意殷勤,讓坐讓茶。   賈瑞見鳳姐如此打扮,益發酥倒,因餳了眼問道:「二哥哥怎麼還不回來?」鳳姐道:「不知什麼原故。」賈瑞笑道:「別是路上有人絆住了腳了,捨不得回來也未可知?」鳳姐道:「也未可知。男人家見一個愛一個也是有的。」賈瑞笑道:「嫂子這話錯了,我就不這樣。」鳳姐笑道:「象你這樣的人能有幾個呢,十個裡也挑不出一個來。」賈瑞聽了,喜的抓耳撓腮,又道:「嫂子天天也悶的很?」鳳姐道:「正是呢,只盼個人來說話解解悶兒。」賈瑞笑道:「我倒天天閒著,天天過來替嫂子解解閒悶可好不好?」鳳姐笑道:「你哄我呢,你那裡肯往我這裡來?」賈瑞道:「我嫂子跟前,若有一點謊話,天打雷劈!只因素人聞得人說,嫂子是個利害人,在你跟前一點也錯不得,所以唬住了我。如今見嫂子最是個有說有笑極疼人的,我怎麼不來,——死了也願意!」鳳姐笑道:「果然你是個明白人,比賈蓉兩個強遠了。我看他那樣清秀,只當他們心裡明白,誰知竟是兩個糊塗蟲,一點不知人心。」   賈瑞聽這話,越發撞在心坎兒上,由不得又往前湊了一湊,覷著眼看鳳姐帶的荷包,然後又問戴著什麼戒指。鳳姐悄悄道 :「放尊重著,別叫丫頭們看了笑話。」賈瑞如聽綸音佛語一般,忙往後退。鳳姐笑道:「你該走了。」賈瑞道:「我再坐一坐兒。」「好狠心的嫂子!」鳳姐又悄悄的道:「大天白白,人來人往,你就在這裡也不方便。你且去,等著晚上起了更你來,悄悄的在西邊穿堂兒等我。」賈瑞聽了,如得珍寶,忙問道:「你別哄我。但只那裡人過的多,怎麼好躲的?」鳳姐道:「你只放心。我把上夜的小廝們都放了假,兩邊門一關,再沒別人了。」賈瑞聽了,喜之不盡,忙忙的告辭而去,心內以為得手。   盼到晚上,果然黑地里摸入榮府,趁掩門時,鑽入穿堂。果見漆黑無人,往賈母那邊去的門戶已鎖倒,只有向東的門未關。賈瑞側耳聽著,半日不見人來,忽聽咯登一聲,東邊的門也倒關了。賈瑞急的也不敢則聲,只得悄悄的出來,將門撼了撼,關得鐵桶一般。此時要求出去,亦不能夠。南北皆是大房牆,要跳亦無攀援。這屋內又是過門風,空落落;現是臘月天氣,夜又長,朔風凜凜,侵肌裂骨,一夜幾乎不曾凍死。好容易盼到早晨,只見一個老婆子先將東門開了,進去叫西門。賈瑞瞅他背著臉,一溜煙抱著肩跑了出來,幸而天氣尚早,人都未起,從後門一徑跑回家去。   原來賈瑞父母早亡,只有他祖父代儒教養。那代儒素日教訓最嚴,不許賈瑞多走一步,生怕他在外吃酒賭錢,有誤學業。今忽見他一夜不歸,只料定他在外非飲即賭,嫖娼宿妓,那裡想到這段公案,因此氣了一夜。賈瑞也捻著一把汗,少不得回來撒慌,只說:「往舅舅家去了,天黑了,留我住了一夜。」代儒道:「自來出門,非稟我不敢擅出,如何昨日私自去了?據此亦該打,何況是撒謊!」因此,發狠到底打了三四十板,不許吃飯,令他跪在院內讀文章,定要補出十天工課來方罷。賈瑞直凍了一夜,今又遭了苦打,且餓著肚子跪在風地里念文章,其苦萬狀。   此時賈瑞前心猶是未改,再想不到是鳳姐捉弄他。過後兩日,得了空,便仍來找鳳姐。鳳姐故意抱怨他失信,賈瑞急的賭身發誓。鳳姐因見他自投羅網,少不得再尋別計令他知改,故又約他道:「今日晚上,你別在那裡了。你在我這房後小過道子里那間空屋裡等我,可別冒撞了。」賈瑞道:「果真?」鳳姐道:「誰可哄你,你不信就別來。」賈瑞道:「來,來,來。死也要來!」鳳姐道:「這會子你先去罷。」賈瑞料定晚間必妥,此時先去了。鳳姐在這裡便點兵派將,設下圈套。   那賈瑞只盼不到夜上,偏生家裡有親戚又來了,直等吃了晚飯才去,那天已有掌燈時候。又等他祖父安歇了,方溜進榮府,直往那夾道中屋子裡來等著,熱鍋上的螞蟻一般,只是干轉。左等不見人影,右聽也沒聲音,心下自思:「別是又不來了,又凍我一夜不成?」正自胡猜,只見黑魆魆的來了一個人,賈瑞便意定是鳳姐,不管皂白,餓虎一般,等那人剛至門前,便如貓兒捕鼠的一般,抱住叫道:「親嫂子,等死我了。」說著,抱到屋裡炕上就親嘴扯褲子,滿口裡「親娘」「親爹」的亂叫起來。那人只不做聲,賈瑞拉了自己褲子,硬幫幫的就想頂入。忽然燈光一閃,只見賈薔舉著個捻子照道:「誰在屋裡?」只見炕上那人笑道:「瑞大叔要臊我呢。」賈瑞一見,卻是賈蓉,真臊的無地可入,不知要怎麼樣才好,回身就要跑,被賈薔一把揪住道:「別走!如今璉二嬸已經告到太太跟前,說你無故調戲他。他暫用了個脫身計,哄你在這邊等著,太太氣死過去,因此叫我來拿你。剛才你又攔住他,沒的說,跟我去見太太!」   賈瑞聽了,魂不附體,只說:「好侄兒,只說沒有見我,明日我重重的謝你。」賈薔道:「你若謝我,放你不值什麼,只不知你謝我多少?況且口說無憑,寫一文契來。」賈瑞道:「這如何落紙呢?」賈薔道:「這也不妨,寫一個賭錢輸了外人賬目,借頭家銀若干兩便罷。」賈瑞道:「這也容易。只是此時無紙筆。」賈薔道:「這也容易。」說罷,翻身出來,紙筆現成,拿來命賈瑞寫。他兩作好作歹,只寫了五十兩銀,然後畫了押,賈薔收起來。然後撕羅賈蓉。賈蓉先咬定牙不依,只說:「明日告訴族中的人評評理。」賈瑞急的至於叩頭。賈薔做好做歹的,也寫了一張五十兩欠契才罷。賈薔又道:「如今要放你,我就擔著不是。老太太那邊的門早已關了,老爺正在廳上看南京的東西,那一條路定難過去,如今只好走後門。若這一走,倘或遇見了人,連我也完了。等我們先去哨探哨探,再來領你。這屋你還藏不得,少時就來堆東西。等我尋個地方。」說畢,拉著賈瑞,仍熄了燈,出至院外,摸著大台磯底下,說道:「這窩兒里好,你只蹲著,別哼一聲,等我們來再動。」說畢,二人去了。   賈瑞此時身不由己,只得蹲在那裡。心下正盤算,只聽頭頂上一聲響,嘩拉拉一淨桶尿糞從上面直潑下來,可巧澆了他一頭一身,賈瑞掌不住噯喲了一聲,忙又掩住口,不敢聲張,滿頭滿臉渾身皆是尿屎,冰冷打戰。只見賈薔跑來叫:「快走,快走!」賈瑞如得了命,三步兩步從後門跑到家裡,天已三更,只得叫門。開門人見他這般光景,問是怎的。少不得撒謊說:「黑了,失腳掉在茅廁里了。」一面到自己房中更衣洗濯,心下方想到是鳳姐頑他,因此發一回恨;再想想鳳姐的模樣兒,又恨不得一時摟在懷,一夜竟不曾合眼。   自此滿心想鳳姐,只不敢往榮府去了。賈蓉兩個常常的來索銀子,他又怕祖父知道,正是相思尚且難禁,更又添了債務;日間工課又緊,他二十來歲之人,尚未娶親,邇來想著鳳姐,未免有那指頭告了消乏等事;更兼兩回凍惱奔波,因此三五下里夾攻,不覺就得了一病:心內發膨脹,口內無滋味,腳下如綿,眼中似醋,黑夜作燒,白晝常倦,下溺連精,嗽痰帶血。諸如此症,不上一年,都添全了。於是不能支持,一頭睡倒,合上眼還只夢魂顛倒,滿口亂說胡話,驚怖異常。百般請醫治療,諸如肉桂、附子、鱉甲、麥冬、玉竹等藥,吃了有幾十斤下去,也不見個動靜。   倏又臘盡春回,這病更又沉重。代儒也著了忙,各處請醫療治,皆不見效。因後來吃「獨參湯」,代儒如何有這力量,只得往榮府來尋。王夫人命鳳姐秤二兩給他,鳳姐回說:「前兒新近都替老太太配了藥,那整的太太又說留著送楊提督的太太配藥,偏生昨兒我已送了去了。」王夫人道:「就是咱們這邊沒了,你打發個人往你婆婆那邊問問,或是你珍大哥哥那府里再尋些來,湊著給人家。吃好了,救人一命,也是你的好處。」鳳姐聽了,也不遣人去尋,只得將些渣末泡須湊了幾錢,命人送去,只說:「太太送來的,再也沒了。」然後回王夫人說:「都尋了來,共湊了有二兩多送去。」   那賈瑞此時要命心勝,無藥不吃,只是白花錢,不見效。忽然這日有個跛足道人來化齋,口稱專治冤業之症。賈瑞偏生在內就聽見了,直著聲叫喊說:「快請進那位菩薩來救我!」一面叫,一面在枕上叩首。眾人只得帶了那道士進來。賈瑞一把拉住,連叫:「菩薩救我!」那道士嘆道:「你這病非藥可醫!我有個寶貝與你,你天天看時,此命可保矣。」說畢,從褡褳中取出一面鏡子來——兩面皆可照人,鏡把上面鏨著「風月寶鑒」四字——遞與賈瑞道:「這物出自太虛幻境空靈殿上,警幻仙子所制,專治邪思妄動之症,有濟世保生之功。所以帶他到世上,單與那些聰明俊傑、風雅王孫等看照。千萬不可照正面,只照他的背面,要緊,要緊!三日後吾來收取,管叫你好了。」說畢,佯常而去,眾人苦留不住。   賈瑞收了鏡子,想道:「這道士倒有些意思,我何不照一照試試。」想畢,拿起「風月鑒」來,向反面一照,只見一個骷髏立在裡面,唬得賈瑞連忙掩了,罵:「道士混賬,如何嚇我!」「我倒再照照正面是什麼。」想著,又將正面一照,只見鳳姐站在裡面招手叫他。賈瑞心中一喜,盪悠悠的覺得進了鏡子,與鳳姐雲雨一番,鳳姐仍送他出來。到了床上,「噯喲」了一聲,一睜眼,鏡子從手裡掉過來,仍是反面立著一個骷髏。賈瑞自覺汗津津的,底下已遺了一灘精。心中到底不足,又翻過正面來,只見鳳姐還招手叫他,他又進去。如此三四次。到了這次,剛要出鏡子來,只見兩個人走來,拿鐵鎖把他套住,拉了就走。賈瑞叫道:「讓我拿了鏡子再走!」——只說了這句,就再不能說話了。   旁邊伏侍的賈瑞的眾人,只見他先還拿著鏡子照,落下來,仍睜開眼拾在手內,末後鏡子落下來便不動了。眾人上來看看,已沒了氣,身子底下冰涼漬濕一大灘精,這才忙著穿衣抬床。代儒夫婦哭的死去活來,大罵道士,「是何妖鏡!若不早毀此物,遺害於世不小。」遂命架火來燒,只聽鏡內哭道:「誰叫你們瞧正面了!你們自己以假為真,何苦來燒我?」正哭著,只見那跛足道人從外跑來,喊道:「誰毀『風月鑒』,吾來救也!」說著,直入中堂,搶入手內,飄然去了。   當下,代儒料理喪事,各處去報喪。三日起經,七日發引,寄靈於鐵檻寺,日後帶回原籍。當下賈家眾人齊來吊問,榮府賈赦贈銀二十兩,賈政亦是二十兩,寧國府賈珍亦有二十兩,別者族中人貧富不等,或三兩五兩,不可勝數。另有各同窗家分資,也湊了二三十兩。代儒家道雖然淡薄,倒也豐豐富富完了此事。   誰知這年冬底,林如海的書信寄來,卻為身染重疾,寫書特來接林黛玉回去。賈母聽了,未免又加憂悶,只得忙忙的打點黛玉起身。寶玉大不自在,爭奈父女之情,也不好攔勸。於是賈母定要賈璉送他去,仍叫帶回來。一應土儀盤纏,不消煩說,自然要妥貼。作速擇了日期,賈璉與林黛玉辭別了賈母等,帶領僕從,登舟往揚州去了。要知端的,且聽下回分解。

     

注释

Kapitel 12 Phönixglanz legt eine tödliche Falle der Sehnsucht — Kaufmann Himmelsglück blickt in die falsche Seite des Spiegels von Wind und Mond

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Phönixglanz[1] war gerade mit Friedchen[2] im Gespräch, als plötzlich jemand meldete: „Der junge Herr Rui[3] ist da!"

Phönixglanz befahl sofort: „Bittet ihn schnell herein!"

Als Glücksstein Kaufmann hörte, dass man ihn hineinbat, war er angenehm überrascht und außer sich vor Freude. Er trat eilig ein, strahlte Phönixglanz mit einem Lächeln über das ganze Gesicht an und erkundigte sich gleich mehrfach hintereinander nach ihrem Befinden. Phönixglanz empfing ihn mit gespielter Zuvorkommenheit, bot ihm einen Sitzplatz an und ließ Tee reichen.

Beim Anblick von Phönixglanz in ihrer Aufmachung schmolz Glücksstein Kaufmann vollends dahin. Mit umflortem Blick fragte er: „Warum ist denn der zweite Bruder noch nicht nach Hause gekommen?" [Anm.: Gemeint ist Kette Kaufmann 贾琏, Phönixglanz' Ehemann.]

Phönixglanz antwortete: „Ich weiß es nicht."

Glücksstein Kaufmann sagte lächelnd: „Wer weiß, vielleicht hat ihn unterwegs jemand aufgehalten und er kann sich nicht losreißen?"

Phönixglanz erwiderte: „Das wäre durchaus möglich. So sind die Männer — sie vergucken sich in jede, die ihnen über den Weg läuft."

Glücksstein Kaufmann sagte lächelnd: „Da irrt Ihr Euch aber, Schwägerin. Ich bin nicht so einer."

Phönixglanz lächelte: „Wie viele Eurer Art gibt es denn schon? Unter zehn Männern fände man nicht einen Einzigen!"

Als Glücksstein Kaufmann das hörte, kniff er sich vor lauter Freude in Ohr und Wange und sagte dann: „Die Schwägerin muss sich doch Tag für Tag schrecklich langweilen?"

Phönixglanz sagte: „Allerdings! Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass einmal jemand käme, mit dem ich plaudern und die Langeweile vertreiben könnte."

Glücksstein Kaufmann sagte lächelnd: „Ich habe immer Zeit. Wie wäre es, wenn ich jeden Tag vorbeikäme, um Euch ein wenig Gesellschaft zu leisten?"

Phönixglanz lächelte: „Das sagt Ihr nur so dahin. Ihr würdet doch gar nicht zu mir herkommen wollen!"

Glücksstein Kaufmann beteuerte: „Schwägerin, wenn auch nur ein einziges Wort von dem, was ich Euch sage, gelogen ist, so soll mich der Himmel strafen und der Blitz erschlagen! Bisher hatte ich nur immer gehört, die Schwägerin sei eine strenge Frau, bei der man sich nicht den kleinsten Fehler erlauben dürfe — das hatte mich eingeschüchtert. Aber jetzt sehe ich, dass Ihr die angenehmste und liebenswürdigste Person von der Welt seid, immer zu einem Scherz aufgelegt und voller Mitgefühl. Wie könnte ich da nicht kommen? Ich käme selbst dann, wenn es mein Leben kosten sollte!"

Phönixglanz lächelte: „Ihr seid wirklich ein verständiger Mensch, weit verständiger als Hibiskus Kaufmann[4] und sein Schwager. Bei deren feinem, frischem Äußeren dachte ich immer, sie müssten auch ein verständiges Herz haben, aber es sind nur zwei Dummköpfe, die nicht das Geringste von den Empfindungen eines Menschen verstehen."

Als Glücksstein Kaufmann das hörte, traf es ihn mitten ins Herz, und er konnte nicht anders, als noch ein Stück näher zu rücken. Er stierte auf das Täschchen, das Phönixglanz am Gürtel trug, und fragte dann, was für einen Ring sie am Finger habe.

Phönixglanz sagte leise: „Benehmt Euch ein wenig anständiger, sonst bemerken es die Mädchen und lachen über uns."

Glücksstein Kaufmann gehorchte, als hätte er ein kaiserliches Edikt oder ein heiliges Gebot vernommen, und rückte hastig wieder zurück.

Phönixglanz sagte lächelnd: „Ihr müsst jetzt gehen."

Glücksstein Kaufmann bat: „Lasst mich doch noch ein wenig sitzen bleiben. Schwägerin, Ihr seid so grausam!"

Phönixglanz sagte ihm leise: „Am hellichten Tag, wo die Leute kommen und gehen, ist es unpassend, wenn Ihr hier bleibt. Geht jetzt, aber kommt heute Abend nach der ersten Nachtwache wieder! Wartet leise in der westlichen Durchgangshalle [Anm.: 穿堂, ein offener Durchgang zwischen zwei Gebäudeteilen] auf mich."

Als Glücksstein Kaufmann das hörte, war ihm, als hätte man ihm einen kostbaren Schatz geschenkt. Hastig fragte er: „Ihr scherzt doch nicht? Aber dort gehen so viele Leute durch — wie soll ich mich da verbergen?"

Phönixglanz sagte: „Seid ganz unbesorgt. Ich gebe allen Dienern, die Nachtwache halten sollten, frei. Sobald die Tore auf beiden Seiten geschlossen sind, ist dort kein Mensch mehr."

Glücksstein Kaufmann kannte nun keine Grenzen seiner Freude mehr, verabschiedete sich eilig und ging, in der festen Überzeugung, bereits gewonnenes Spiel zu haben.

Geduldig wartete er bis zum Abend. Dann schlich er sich wirklich im Dunkel der Nacht ins Prunkwille-Anwesen, nutzte den Augenblick, als die Tore geschlossen wurden, und schlüpfte in die Durchgangshalle. Tatsächlich war es stockfinster und menschenleer. Das Tor, das zur Herzoginmutter[5] hinüberführte, war bereits verriegelt; nur das Tor nach Osten stand noch offen.

Glücksstein Kaufmann spitzte die Ohren und lauschte, doch eine halbe Ewigkeit lang kam niemand. Plötzlich wurde mit einem lauten Scheppern auch das Osttor zugeschlagen. Aufgeregt, wie er war, wagte Glücksstein Kaufmann dennoch keinen Mucks von sich zu geben. Er schlich zur Tür und rüttelte daran, aber sie war so fest verschlossen wie ein eiserner Eimer. Es gab kein Herauskommen mehr. Nach Norden und Süden erstreckten sich hohe Mauern, an denen man nicht hinaufklettern konnte. In der Halle pfiff ein schneidender Durchzugswind, und sie war kahl und leer. Es war der zwölfte Monat, die Nächte waren lang, und der Nordwind schnitt eisig in Mark und Bein. Beinahe wäre Glücksstein Kaufmann in dieser Nacht erfroren.

Mit Mühe und Not hielt er durch bis zum Morgen. Endlich kam eine alte Dienerin, öffnete zuerst das Osttor, ging hindurch und rief am Westtor, damit man dort aufmachte. Glücksstein Kaufmann nutzte den Augenblick, als sie ihm den Rücken zuwandte, huschte mit um die Schultern geschlagenen Armen an ihr vorbei wie ein Schatten und war draußen. Zum Glück war es noch früh und alle schliefen noch, so konnte er durch die Hintertür hinaus und geradewegs nach Hause laufen.

Glücksstein Kaufmanns Eltern waren früh gestorben, und so war er allein von seinem Großvater Dai Ru[6] [Anm.: 代儒 bedeutet wörtlich „den Konfuzianismus vertreten"; er ist der Leiter der Kaufmann-Familienschule] aufgezogen worden. Dieser war von jeher streng mit ihm gewesen und hatte ihm keinen überflüssigen Schritt erlaubt, weil er fürchtete, der Enkel könnte sich auswärts dem Trinken und Glücksspiel hingeben und darüber seine Studien vernachlässigen.

Als er jetzt erleben musste, dass Glücksstein Kaufmann die ganze Nacht nicht nach Hause kam, war er überzeugt, der Enkel habe entweder gezecht oder gespielt oder sich in Freudenhäusern herumgetrieben — wie hätte er den wahren Sachverhalt durchschauen können? Die ganze Nacht hatte er voller Zorn durchwacht.

Glücksstein Kaufmann, der vor Angst Blut und Wasser schwitzte, blieb nichts anderes übrig, als eine Lüge zu erfinden. „Ich war beim Onkel zu Besuch", sagte er, „und als es dunkel wurde, hat man mich über Nacht dabehalten."

Dai Ru fuhr ihn an: „Noch nie hast du gewagt, das Haus zu verlassen, ohne mich vorher um Erlaubnis zu bitten. Wie konntest du dich gestern erdreisten, einfach wegzugehen? Schon dafür hättest du Strafe verdient, und nun belügst du mich auch noch!" In seinem Zorn verabreichte er ihm dreißig, vierzig Hiebe mit dem Bambusprügel, verweigerte ihm das Essen und befahl ihm, draußen im Hof niederzuknien und so lange Texte zu lesen, bis er den Stoff von zehn Tagen nachgeholt habe.

Glücksstein Kaufmann, der die ganze Nacht durchgefroren hatte, obendrein eine grausame Tracht Prügel erhalten hatte und nun mit leerem Magen im eisigen Wind des Hofes kniend seine Texte rezitieren musste, litt unsägliche Qualen.

Dennoch hatte er seinen Vorsatz keineswegs aufgegeben und kam nicht im Entferntesten auf den Gedanken, dass Phönixglanz ihn zum Narren gehalten haben könnte. Zwei Tage später, als er sich frei machen konnte, ging er abermals zu Phönixglanz. Phönixglanz stellte sich empört und warf ihm vor, sein Versprechen gebrochen zu haben. Glücksstein Kaufmann schwor aufgeregt Stein und Bein, dass er dagewesen sei.

Als Phönixglanz sah, dass er sich fest in ihr Netz verfangen hatte, musste sie sich natürlich einen neuen Plan ausdenken, der ihm eine Lehre sein würde. Sie vereinbarte also ein neues Treffen mit ihm: „Heute Abend gehst du nicht mehr dorthin. Hinter meinem Haus gibt es einen kleinen Durchgang, und darin steht ein leeres Zimmer — dort warte auf mich. Aber ja keine Unvorsichtigkeiten!"

Glücksstein Kaufmann fragte: „Wirklich und wahrhaftig?"

Phönixglanz sagte: „Wer würde es wagen, Euch an der Nase herumzuführen? Wenn Ihr mir nicht glaubt, dann kommt eben nicht."

Glücksstein Kaufmann rief: „Ich komme, ich komme! Und wenn es mein Leben kosten sollte, ich komme!"

Phönixglanz sagte: „Aber jetzt geht erst einmal."

Glücksstein Kaufmann, der fest damit rechnete, dass am Abend alles nach Wunsch verlaufen würde, ging bereitwillig. Phönixglanz aber begann sogleich, ihre Leute einzuteilen und ihre Falle zu stellen.

Glücksstein Kaufmann konnte den Abend kaum erwarten. Ausgerechnet heute kamen aber noch Verwandte zu Besuch, so dass er erst nach dem Abendessen aufbrechen konnte, als die Lampen bereits angezündet waren. Dann musste er noch warten, bis sein Großvater sich zur Ruhe gelegt hatte, ehe er sich ins Prunkwille-Anwesen schleichen und schnurstracks zu dem Zimmer im Durchgang zwischen den Mauern begeben konnte. Dort lief er wie eine Ameise auf dem heißen Kessel ruhelos hin und her. Er wartete und wartete — links kein Schatten, rechts kein Laut.

In seinem Inneren dachte er: „Sollte sie vielleicht auch diesmal nicht kommen und mich wieder eine Nacht frieren lassen?" Gerade als er sich mit solchen Grübeleien quälte, näherte sich aus der Dunkelheit eine Gestalt. Glücksstein Kaufmann war sich sicher, das musste Phönixglanz sein! Seiner Sinne kaum noch mächtig, lauerte er wie ein hungriger Tiger, und als die Gestalt gerade an der Tür erschien, packte er sie wie eine Katze die Maus, presste sie an sich und rief: „Liebste Schwägerin! Ich sterbe vor Sehnsucht!" Er trug sie ins Zimmer, warf sie aufs Ofenbett, küsste sie auf den Mund, riss ihr die Hosen herunter und stammelte in einem fort: „Mein Liebstes! Mein Ein und Alles!" Die Gestalt aber gab keinen Laut von sich.

Glücksstein Kaufmann hatte bereits seine eigenen Hosen abgestreift und wollte eben zustoßen, als plötzlich ein Licht aufflammte. In der Tür stand Qiang Kaufmann[7] mit einem brennenden Fidibus in der Hand, leuchtete herein und fragte: „Wer ist hier drin?"

Da sprach es lachend vom Ofenbett: „Onkel Rui wollte mich schänden!" Glücksstein Kaufmann blickte hin — und erkannte Hibiskus Kaufmann. Vor Scham wäre er am liebsten im Boden versunken und wusste nicht, wohin mit sich. Er machte kehrt und wollte fliehen, doch Qiang Kaufmann packte ihn mit festem Griff und sagte: „Halt! Die Frau des Onkels Kette hat es bereits der gnädigen Frau gemeldet, dass Ihr sie grundlos belästigt habt. Sie hat Euch mit einer List hierher gelockt. Die gnädige Frau ist außer sich vor Zorn und hat mich geschickt, Euch zu ihr zu bringen. Eben habt Ihr auf ihm gelegen — da gibt es nichts zu leugnen. Kommt mit zur gnädigen Frau!"

Als Glücksstein Kaufmann das hörte, entwich ihm beinahe die Seele aus dem Leib, und er flehte: „Lieber, guter Neffe! Sag doch einfach, du hättest mich nicht gefunden! Morgen werde ich dich reichlich belohnen!"

Qiang Kaufmann sagte: „Euch laufen zu lassen wäre kein Problem, wenn Ihr es lohnen wollt. Aber wie viel ist ‚reichlich'? Außerdem ist eine mündliche Zusage nicht viel wert — schreibt mir einen Schuldschein!"

Glücksstein Kaufmann sagte: „Aber wie soll ich eine solche Schuld begründen?"

Qiang Kaufmann sagte: „Das ist ganz einfach. Ihr schreibt, Ihr hättet eine Spielschuld bei einem Fremden und müsstet vom Bankhalter so und so viel Liang Silber borgen. Das genügt."

Glücksstein Kaufmann sagte: „Das ginge schon. Nur habe ich jetzt weder Papier noch Pinsel."

Qiang Kaufmann sagte: „Auch kein Problem." Er drehte sich um und kam im nächsten Augenblick mit Papier und Pinsel zurück, die offenbar schon bereitgelegt worden waren, und befahl Glücksstein Kaufmann zu schreiben. Nach langem Hin und Her stellte Glücksstein Kaufmann widerwillig einen Schuldschein über fünfzig Liang Silber aus und setzte seinen Namensstempel darunter. Qiang Kaufmann steckte ihn ein.

Dann musste Glücksstein Kaufmann sich auch noch mit Hibiskus Kaufmann einigen. Dieser aber biss die Zähne zusammen und weigerte sich hartnäckig: „Morgen bringe ich die Sache vor die ganze Sippe und lasse sie dort entscheiden!" In seiner Verzweiflung ging Glücksstein Kaufmann so weit, vor ihm einen Kotau zu machen. Qiang Kaufmann redete noch eine Weile auf Hibiskus Kaufmann ein, bald beschwichtigend, bald drohend, bis auch für ihn ein Schuldschein über fünfzig Liang ausgestellt war.

Dann sagte Qiang Kaufmann: „Wenn ich Euch jetzt einfach laufen lasse, mache ich mich selbst schuldig. Das Tor zum Hof der Herzoginmutter ist längst verriegelt, und der gnädige Herr [Anm.: Aufrecht Kaufmann 贾政] sitzt gerade in der Empfangshalle und begutachtet Geschenke aus Nanjing — an dem kommt Ihr unmöglich vorbei. Es bleibt Euch nur der Weg durch die Hintertür. Aber wenn Euch dabei jemand sieht, geht es auch mir an den Kragen. Wir gehen deshalb zuerst nachsehen, ob der Weg frei ist, und holen Euch dann. Hier aber könnt Ihr nicht bleiben, denn gleich werden Sachen hierhergebracht. Wartet, ich suche einen Platz für Euch."

Er zog Glücksstein Kaufmann hinter sich her, löschte das Licht und tastete sich mit ihm durch den Hof bis zu einem Hohlraum unter einer großen steinernen Terrasse. „Hier ist es gut", wies er ihn an. „Hockt Euch hinein und gebt keinen Mucks von Euch! Rührt Euch nicht, bis wir wiederkommen." Dann gingen die beiden fort.

Glücksstein Kaufmann blieb keine Wahl, als dort zu hocken. Er hing gerade seinen Gedanken nach, als plötzlich über seinem Kopf ein Klatschen ertönte und mit einem Schwall der gesamte Inhalt eines Nachttopfes auf ihn herabgegossen wurde — und zwar so unglücklich, dass er von Kopf bis Fuß davon durchnässt war. „Au weh!" entfuhr es Glücksstein Kaufmann unwillkürlich, doch sofort presste er sich die Hand auf den Mund und wagte keinen weiteren Laut. Am ganzen Kopf, im Gesicht und am ganzen Körper mit Unrat bedeckt, zitterte er vor Kälte.

Da kam Qiang Kaufmann gelaufen und rief: „Schnell weg, schnell weg!"

Als sei ihm das Leben geschenkt worden, stürzte Glücksstein Kaufmann in wenigen Sprüngen durch die Hintertür hinaus und rannte nach Hause. Es war schon die dritte Nachtwache [Anm.: 三更, etwa Mitternacht], und er musste an der Tür klopfen. Als ihm der Torwächter öffnete und ihn in diesem Zustand sah, fragte er, was denn passiert sei. Glücksstein Kaufmann blieb nichts anderes übrig, als zu lügen: „Im Dunkeln bin ich ausgerutscht und in eine Abortgrube gefallen."

In seinem Zimmer wusch er sich und zog sich um. Als er darüber nachdachte, wie Phönixglanz ihn hereingelegt hatte, überkam ihn Hass. Doch als er sich dann wieder ihr Bild vor Augen führte, wünschte er sich nichts sehnlicher, als sie wenigstens einen Augenblick in die Arme schließen zu können. Die ganze Nacht tat er kein Auge zu.

Von da an kreisten seine Gedanken einzig und allein um Phönixglanz, doch ins Prunkwille-Anwesen zu gehen wagte er nicht mehr. Hibiskus Kaufmann und Qiang Kaufmann aber kamen häufig vorbei, um das Geld einzutreiben, und Glücksstein Kaufmann lebte in ständiger Angst, sein Großvater könnte davon erfahren. So nagte nicht nur die unerträgliche Sehnsucht an seinem Herzen, es drückten ihn auch die Schulden, und dazu kam tagsüber die strenge Lernarbeit. Er war an die zwanzig Jahre alt und noch unverheiratet. Da er ständig an Phönixglanz dachte, behalf er sich auf die Art, wie man es mit den Fingern tut, wenn einem Linderung not tut [Anm.: Anspielung auf Selbstbefriedigung]. Dazu hatte die zweimalige Durchfrierung seine Kräfte zerrüttet. Von drei, vier, fünf Seiten gleichzeitig bedrängt, wurde er krank, ehe er sich's versah: Das Herz schwoll ihm an, der Appetit schwand, die Füße waren wie aus Watte, die Augen wie von Essig verätzt. Nachts kam das Fieber, tagsüber die Müdigkeit. Im Harn fand sich Samen und im Auswurf Blut. Eines nach dem anderen stellten sich diese Zeichen ein, und binnen eines Jahres war die ganze Reihe vollständig.

Schließlich konnte er sich nicht mehr auf den Beinen halten. Er brach zusammen und lag fortan darnieder. Wenn er die Augen schloss, irrte sein Geist in verworrenen Träumen umher, im Delirium sprach er wirres Zeug, und Anfälle von panischer Angst schüttelten ihn. Man bot alles an ärztlicher Kunst auf, er nahm zig verschiedene Arzneien — Kassiazimtrinde, Eisenhutwurzel, Weichschildkrötenpanzer, Schlangenbartwurzel, Weißwurz [Anm.: 肉桂、附子、鳖甲、麦冬、玉竹 — Arzneimittel der chinesischen Medizin zur Stärkung von Yin und Yang] und vieles mehr —, Dutzende Jin gingen den Schlund hinunter, doch nichts zeigte Wirkung.

Im Nu war der Winter vorüber und der Frühling zurückgekehrt, und die Krankheit hatte sich noch verschlimmert. Dai Ru geriet in Panik und holte von überallher Ärzte, doch keiner konnte helfen. Als man ihm schließlich reinen Ginsengabsud verordnete, fehlten Dai Ru die Mittel dafür. So blieb ihm nichts anderes übrig, als im Prunkwille-Anwesen um Hilfe zu bitten.

Dame König[8] befahl Phönixglanz, zwei Liang Ginseng für ihn abzuwiegen.

Phönixglanz erwiderte: „Neulich ist der gesamte Vorrat für ein Medikament der Herzoginmutter aufgebraucht worden. Die ganze Wurzel, die noch übrig war, sollte auf Anordnung der gnädigen Frau für die Gemahlin des Provinzkommandanten Yang zurückgelegt werden — aber gerade gestern habe ich sie ihr schon hinschicken lassen."

Dame König sagte: „Wenn bei uns nichts mehr da ist, dann schick jemanden zu deiner Schwiegermutter und frag dort, oder lass bei deinem Schwager Juwel im Stillfriede-Anwesen nachsehen. Wenn man genug zusammenbekommt, kann man es dem alten Herrn geben. Wenn damit ein Menschenleben gerettet wird, gereicht es auch dir zum Verdienst."

Phönixglanz hörte das an, schickte aber niemanden los. Stattdessen suchte sie ein paar bereits ausgekochte Reste und Wurzelhärchen zusammen, die zusammen ein paar Qian ergaben, und ließ sie Dai Ru überbringen mit der Nachricht: „Die gnädige Frau schickt dies, mehr ist nicht vorhanden." Als sie dann Dame König Bericht erstattete, sagte sie jedoch: „Ich habe von allen Seiten zusammentragen lassen. Es sind insgesamt etwas über zwei Liang geworden, die ich hingeschickt habe."

Glücksstein Kaufmann hatte einen unbändigen Willen zu leben. Es gab keine Arznei, die er nicht versucht hätte, doch alles Geld war hinausgeworfen, keine zeigte Wirkung. Da erschien eines Tages ein hinkender daoistischer Mönch [Anm.: der hinkende Daoist 跛足道人, eine übernatürliche Gestalt, die im Roman mehrfach auftritt und die verborgenen Zusammenhänge des Schicksals aufdeckt], der um eine milde Gabe bat und behauptete, er sei auf die Heilung von Krankheiten spezialisiert, die aus karmischen Verstrickungen in früheren Existenzen herrührten.

Glücksstein Kaufmann hörte das von seinem Lager aus, richtete sich auf und rief aus Leibeskräften: „Bittet den Bodhisattva schnell herein! Er soll mich retten!" Dabei machte er, noch auf dem Kissen liegend, einen Kotau nach dem anderen. Den Leuten blieb nichts übrig, als den Mönch hereinzuführen. Glücksstein Kaufmann klammerte sich an ihm fest und rief immer wieder: „Bodhisattva, rettet mich!"

Der Mönch seufzte: „Deine Krankheit ist nicht mit Arzneien zu heilen. Ich habe hier ein kostbares Kleinod für dich. Wenn du es Tag für Tag anschaust, kann dein Leben erhalten werden."

Er holte aus seinem Schultersack einen Spiegel hervor. Beide Seiten waren poliert und konnten Bilder wiedergeben; in den Griff waren die vier Schriftzeichen „Spiegel von Wind und Mond" [风月宝鉴] eingraviert. Er reichte ihn Glücksstein Kaufmann und erklärte: „Dieses Gerät stammt aus der Halle der Kostbarkeiten in den Wahngefilde der Großen Leere [太虚幻境]. Die Fee Warnendes Trugbild [警幻仙子] hat es geschaffen. Es dient eigens zur Heilung von Krankheiten, die aus wahnhaften Begierden und törichtem Handeln erwachsen, und hat die Kraft, Menschen zu retten und Leben zu bewahren. Darum habe ich es in die Welt der Menschen mitgebracht und zeige es nur edlen, klugen und begabten Jünglingen aus vornehmen Häusern. Aber merke dir: Du darfst dich auf gar keinen Fall in der Vorderseite spiegeln! Nur in der Rückseite! Das ist von höchster Wichtigkeit! In drei Tagen komme ich wieder und hole den Spiegel ab, dann bist du gewiss geheilt."

Damit ging er, ohne sich an die flehentlichen Bitten zu bleiben zu kehren, und verschwand.

Glücksstein Kaufmann nahm den Spiegel in die Hand und dachte: „Ein seltsamer Mensch, dieser Mönch! Warum sollte ich nicht einmal hineinschauen und es versuchen?"

Er hob den „Spiegel von Wind und Mond" empor und blickte in die Rückseite. Da stand ein Totengerippe darin aufgerichtet! Vor Schreck warf er den Spiegel zu und schimpfte: „Verfluchter Mönch! Mich so zu erschrecken! Jetzt will ich doch einmal sehen, was in der Vorderseite ist."

Er drehte den Spiegel um und blickte in die Vorderseite — und da stand Phönixglanz darin und winkte ihm zu! Freude durchströmte sein Herz, und schwankend, schwebend fühlte er sich in den Spiegel hineingetragen. Er vereinigte sich mit Phönixglanz im Spiel von Wolken und Regen [Anm.: 云雨, die traditionelle poetische Umschreibung für die geschlechtliche Vereinigung], und danach geleitete sie ihn wieder hinaus.

Als er wieder auf seinem Bett lag, entfuhr ihm ein „Au weh!", und er schlug die Augen auf. Der Spiegel war ihm aus den Händen geglitten und zeigte wieder die Rückseite — mit dem aufrecht stehenden Totengerippe. Glücksstein Kaufmann bemerkte, dass er am ganzen Körper schwitzte und unter ihm eine große Lache Samenflüssigkeit war. Doch sein Verlangen war noch nicht gestillt. Also drehte er den Spiegel wieder um, und tatsächlich stand Phönixglanz wieder da und winkte ihm. Und abermals ging er zu ihr hinein.

So wiederholte es sich drei-, viermal. Doch als er beim letzten Mal gerade wieder aus dem Spiegel treten wollte, kamen zwei Männer auf ihn zu, warfen ihm eine eiserne Kette um den Hals und schleppten ihn fort.

Glücksstein Kaufmann schrie: „Lasst mich wenigstens den Spiegel mitnehmen!" — Das war der letzte Satz, den er hervorbrachte. Dann konnte er nicht mehr sprechen.

Die Umstehenden, die ihn pflegten, sahen nur, wie er den Spiegel in der Hand hielt und hineinblickte, wie er ihm entglitt, wie er die Augen aufschlug und ihn wieder ergriff. Beim letzten Mal fiel der Spiegel herab, und Glücksstein Kaufmann rührte sich nicht mehr. Als sie an sein Bett traten und nachsahen, war kein Atem mehr in ihm, und unter seinem Körper hatte sich eiskalt eine große Lache Samenflüssigkeit gebildet. Hastig kleideten sie ihn an und hoben ihn auf ein frisch hergerichtetes Bett.

Dai Ru und seine Frau weinten sich fast die Augen aus und verfluchten den Mönch und seinen Spiegel. „Was ist das nur für ein Teufelswerkzeug!" rief Dai Ru. „Wenn man es nicht sofort vernichtet, wird es noch großes Unheil in der Welt anrichten!" Er befahl, ein Feuer zu entfachen und den Spiegel hineinzuwerfen.

Da sprach es weinend aus dem Spiegel: „Wer hat euch geheißen, in die falsche Seite zu blicken? Ihr habt selbst das Falsche für das Wahre genommen — warum müsst ihr dann mich verbrennen?"

In diesem Augenblick kam der hinkende Mönch von draußen hereingestürzt und rief: „Wer will den Spiegel von Wind und Mond vernichten? Ich komme und rette ihn!" Damit stürmte er geradewegs in die Halle, riss den Spiegel an sich und verschwand wie ein Windhauch.

Dai Ru richtete nun das Begräbnis aus und versandte überallhin die Trauerbotschaft. Am dritten Tag wurden die heiligen Texte verlesen, am siebten Tag der Sarg hinausgeleitet und im Tempel der Eisernen Schwelle [铁槛寺] aufgebahrt, um später in die Heimat der Sippe überführt zu werden.

Alle Kaufmanns kamen, um ihr Beileid zu bezeugen. Begnadigung Kaufmann[9] aus dem Prunkwille-Anwesen spendete zwanzig Liang Silber, ebenso Aufrecht Kaufmann, und auch Herrlichkeit Kaufmann[10] aus dem Stillfriede-Anwesen gab zwanzig Liang. Die übrigen Mitglieder der Sippe gaben je nach Vermögen drei oder fünf Liang — zu viele, um sie einzeln aufzuführen. Hinzu kamen Beiträge der Familien der Mitschüler aus der Familienschule, die zusammen weitere zwanzig, dreißig Liang ergaben. So konnte Dai Ru trotz seiner ansonsten bescheidenen Verhältnisse die Angelegenheit in angemessener und würdiger Weise zu Ende bringen.

Doch wer hätte gedacht, dass gegen Ende dieses Winters ein Brief von Lin Ruhai[11] eintreffen würde, Kajaljade[12]s Vater, der sich eine schwere Krankheit zugezogen hatte und nun schrieb, er wolle Kajaljade bei sich haben.

Als die Herzoginmutter das erfuhr, vermehrte sich natürlich ihr Kummer, doch es blieb nichts anderes übrig, als eilig alle Vorbereitungen für Kajaljade Abreise zu treffen.

Schatzjade[13] war tief betrübt darüber, aber die Liebe zwischen Vater und Tochter war zu stark, als dass er etwas dagegen hätte einwenden können.

So bestimmte die Herzoginmutter, Kette Kaufmann[14] solle Kajaljade auf der Hin- und Rückreise begleiten und sie wieder zurückbringen. Was die Geschenke an Lokalprodukten und die Reisekosten anging, braucht man nicht im Einzelnen darüber zu sprechen — alles wurde selbstverständlich in angemessener Weise geordnet. Rasch wählte man einen Glückstag. Kette Kaufmann und Kajaljade nahmen Abschied von der Herzoginmutter und den Übrigen, bestiegen mit ihrem Gefolge die Boote und reisten nach Yangzhou ab.

Was sich weiter zutrug, berichtet das nächste Kapitel.

[Ende des zwölften Kapitels]

  1. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix des Glanzes“.
  2. Chin. 平儿 Píng’ér, Zofe von Phönixglanz.
  3. Chin. 贾瑞 Jiǎ Ruì, auch „Glücksstein Kaufmann“.
  4. Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng.
  5. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die Ahnherrin der Kaufmann-Familie.
  6. Chin. 代儒 Dài Rú, Leiter der Kaufmann-Familienschule, Großvater von Glücksstein Kaufmann.
  7. Chin. 贾蔷 Jiǎ Qiáng, wörtl. „Edelrose Kaufmann“.
  8. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén.
  9. Chin. 贾赦 Jiǎ Shè.
  10. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn.
  11. Chin. 林如海 Lín Rúhǎi, Kajaljades Vater.
  12. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajaljade aus dem Walde“.
  13. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎyù, wörtl. „Schatzjade Kaufmann“.
  14. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadekette Kaufmann“.