Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de/Chapter 63"

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(ZH-DE4 Korrektur-Update Kap. 63)
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= 第六十三回 =
 
== 寿怡红群芳开夜宴 / 死金丹独艳理亲丧 ==
 
=== Zum Geburtstag im Yihong-Hof eroeffnen die Blumenschoenheiten ein naechtliches Festmahl; Beim Tod durch die Goldpille besorgt die einsame Schoenheit allein die Bestattung ===
 
  
 
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! style="width:50%" | 中文原文 (庚辰本)
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! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982)
! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung
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! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026)
 
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  賈蓉只管信口開合胡言亂道之間,只見他老娘醒了,請安問好,又說:「難為老祖宗勞心,又難為兩位姨娘受委屈,我們爺兒們感戴不盡。惟有等事完了,我們合家大小,登門去磕頭。」尤老人點頭道:「我的兒,倒是你們會說話。親戚們原是該的。」又問:「你父親好?幾時得了信趕到的?」賈蓉笑道:「才剛趕到的,先打發我瞧你老人家來了。好歹求你老人家事完了再去。」說著,又和他二姨擠眼,那尤二姐便悄悄咬牙含笑罵:「很會嚼舌頭的猴兒崽子,留下我們給你爹作娘不成!」賈蓉又戲他老娘道:「放心罷,我父親每日為兩位姨娘操心,要尋兩個又有根基又富貴又年青又俏皮的兩位姨爹,好聘嫁這二位姨娘的。這幾年總沒揀得,可巧前日路上才相準了一個。」尤老只當真話,忙問是誰家的,二姊妹丟了活計,一頭笑,一頭趕著打。說:「媽別信這雷打的。」連丫頭們都說:「天老爺有眼,仔細雷要緊!」又值人來回話:「事已完了,請哥兒出去看了,回爺的話去。」那賈蓉方笑嘻嘻的去了。不知如何,且聽下回分解。
 
  賈蓉只管信口開合胡言亂道之間,只見他老娘醒了,請安問好,又說:「難為老祖宗勞心,又難為兩位姨娘受委屈,我們爺兒們感戴不盡。惟有等事完了,我們合家大小,登門去磕頭。」尤老人點頭道:「我的兒,倒是你們會說話。親戚們原是該的。」又問:「你父親好?幾時得了信趕到的?」賈蓉笑道:「才剛趕到的,先打發我瞧你老人家來了。好歹求你老人家事完了再去。」說著,又和他二姨擠眼,那尤二姐便悄悄咬牙含笑罵:「很會嚼舌頭的猴兒崽子,留下我們給你爹作娘不成!」賈蓉又戲他老娘道:「放心罷,我父親每日為兩位姨娘操心,要尋兩個又有根基又富貴又年青又俏皮的兩位姨爹,好聘嫁這二位姨娘的。這幾年總沒揀得,可巧前日路上才相準了一個。」尤老只當真話,忙問是誰家的,二姊妹丟了活計,一頭笑,一頭趕著打。說:「媽別信這雷打的。」連丫頭們都說:「天老爺有眼,仔細雷要緊!」又值人來回話:「事已完了,請哥兒出去看了,回爺的話去。」那賈蓉方笑嘻嘻的去了。不知如何,且聽下回分解。
 
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eute kam nach dem Essen Fräulein Tan-tschun zu ihr, um sie zu einem gemeinsamen Besuch bei der zweiten jungen Herrin aufzufordern. Sie ist aber nicht mitgegangen. Dann muß ihr etwas eingefallen sein, und sie hat eine Weile stumm vor sich hin gebrütet. Schließlich griff sie zum Pinsel und schrieb einiges nieder, womöglich Gedichte.  
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Kapitel 63
Als sie mir befahl, die Früchte zu holen, hörte ich noch, wie sie zu Dsï-djüan sagte, sie solle den kleinen Zithertisch abräumen, der drinnen im Zimmer steht, und in die Mitte des Außenraums stellen. Und dann sollte sie den Weihrauchkessel mit dem Drachenmuster daraufstellen, damit er bereit sei, wenn ich mit den Früchten wiederkäme.  
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Schatzjade [宝玉]s Geburtstag: In der Nacht ziehen die Mädchen Blumenlose
Aber wenn sie Besuch erwartete, würde sie doch keinen Weihrauchkessel aufstellen lassen. Räuchwerwerk brennt sie allenfalls dort ab, wo sie zu sitzen und zu schlafen pflegt, sonst stellt sie sich nur frische Blumen und Früchte wie etwa Zierquitten hin. Und ihre Kleider räuchert sie auch nicht gern. Will sie etwa deshalb räuchern lassen, weil die alten Weiber den Raum verpestet haben? Ich weiß es wirklich nicht.
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Bei Andacht Kaufmann [贾敬]s Ableben kehrt Herrlichkeit Kaufmann [贾珍] in aller Eile in die Hauptstadt zurück
Nach diesen Worten ging sie rasch fort, Bau-yü aber ließ unwillkürlich den Kopf sinken und überlegte: „Nach dem, was Hsüä-yän erzählt hat, muß es einen Grund dafür geben. Aber wenn sie nur mit einem der Mädchen zusammensitzen möchte, braucht sie nicht solche Vorbereitungen zu treffen. Ist heute vielleicht der Todestag ihres Vaters oder ihrer Mutter? Aber ich kann mich entsinnen, daß jedes Jahr zu diesen Tagen auf Befehl der alten gnädigen Frau besondere Speisen zubereitet wurden, die man ihr brachte, damit sie ein privates Opfer bringen konnte. Außerdem sind diese Tage auch schon vorüber.
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Also muß es wohl damit zusammenhängen, daß der siebente Monat die Zeit der frischen Melonen ist und alle Familien an den Gräbern ihrer Angehörigen das Herbstopfer bringen. Wer weiß, vielleicht hat das Dai-yü dazu angeregt, in ihren Räumen ein Opfer zu bringen, eingedenk des Satzes im Buch der Riten: ,Im Frühling und im Herbst bringt man die Speisen der Jahreszeit dar.‘ Aber wenn ich sie jetzt besuche und sehe, wie sie sich grämt, muß ich sie auch mit aller Kraft trösten, und dann ist zu befürchten, daß sich der Kummer in ihrem Herzen staut. Besuche ich sie nicht, wird wiederum niemand da sein, ihr überhaupt Trost zu spenden.
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Schatzjade kehrte in sein Zimmer zurück, wusch sich die Hände und besprach sich mit Dufthauch [袭人]: „Heute Abend trinken wir Wein und vergnügen uns alle — da soll nichts förmlich zugehen. Was gibt es zu essen? Man sollte es ihnen rechtzeitig sagen, damit sie alles vorbereiten." Dufthauch lachte: „Sei unbesorgt! Heitermuster [晴雯], Moschusmond [麝月], Qiuwen und ich, wir vier, haben je fünf Qian Silber beigesteuert, zusammen zwei Liang. Duftblümchen, Bihen, Xiaoyan und Si'er, die vier, haben je drei Qian gegeben — die, die frei hatten, zählen nicht mit —, zusammen drei Liang und zwei Qian Silber. Das alles haben wir längst der Schwägerin Liu gegeben, damit sie vierzig Schälchen Nüsse und Früchte vorbereitet. Ich habe mit Friedchen [平儿] gesprochen, und man hat schon einen Krug guten Shaoxing-Wein herübergetragen und dort drüben versteckt. Wir acht feiern ganz allein deinen Geburtstag." Als Schatzjade das hörte, rief er freudig: „Wo haben die denn das Geld her? Ich hätte sie nicht ausgeben lassen sollen!" Heitermuster sagte: „Die haben kein Geld — haben wir etwa welches? Das kommt von jedem aus dem Herzen. Selbst wenn sie es gestohlen hätten — nimm ihre Zuneigung einfach an." Schatzjade hörte das und lachte: „Du hast recht." Dufthauch lachte: „Einen Tag, an dem sie dir nicht ein paar grobe Worte sagt, hältst du wohl nicht aus." Heitermuster lachte: „Du hast inzwischen auch Schlechtes gelernt — immerzu schürst du das Feuer!" Alle lachten. Schatzjade sagte: „Schließt das Hoftor." Dufthauch lachte: „Nicht umsonst sagt man, du seist ein ‚Vielbeschäftigter ohne Geschäft'. Wenn wir jetzt schon abschließen, erregt das nur Verdacht — warten wir lieber noch ein wenig." Schatzjade nickte und sagte: „Ich gehe kurz hinaus. Si'er soll Wasser holen; Xiaoyan, komm allein mit mir." Er ging hinaus. Als er sah, dass niemand in der Nähe war, fragte er nach der Sache mit Wu'er. Xiaoyan sagte: „Ich habe es der Schwägerin Liu erzählt; die hat sich sehr gefreut. Nur hat Wu'er in jener Nacht solches Unrecht erlitten und sich darüber aufgeregt, dass sie zu Hause wieder krank geworden ist sie kann noch nicht kommen. Man muss warten, bis es ihr besser geht." Schatzjade hörte das und konnte Reue und Seufzen nicht unterdrücken. Dann fragte er: „Weiß Dufthauch davon?" Xiaoyan sagte: „Ich habe es ihr nicht gesagt; ob Duftblümchen es ihr erzählt hat, weiß ich nicht." Schatzjade sagte: „Ich habe es ihr auch nicht gesagt. Nun gut — ich sage es ihr selbst." Damit ging er wieder hinein und wusch sich zum Schein die Hände.
Das eine wie das andere könnte zu einer Krankheit führen. Darum ist es das beste, ich gehe zunächst zu Kusine Hsi-fëng, bleibe ein Weilchen bei ihr und komme dann wieder. Wenn ich sehe, daß Dai-yü sich noch grämt, denke ich mir etwas aus, um sie aufzuheitern. So kann ich erreichen, daß ihr Kummer nicht allzulange anhält und sich allmählich legt, zugleich kann ich auch verhindern, daß sie durch aufgestauten Kummer krank wird.
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Als Bau-yü diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, ging er geradewegs zum Gartentor hinaus und zu Hsi-fëngs Wohnräumen hinüber. Eben kam eine große Anzahl verantwortlicher Sklavenfrauen zum Tor heraus, die hier Bericht erstattet hatten, und Hsi-fëng stand an den Türrahmen gelehnt und sprach mit Ping-örl. Kaum hatte sie Bau-yü erblickt, sagte sie lächelnd: „Du bist also zurückgekommen! Eben habe ich Lin Dschï-hsiaus Frau befohlen, daß sie den Knaben in deinem Gefolge sagen läßt, wenn nichts für dich zu tun sei, solltest du die Gelegenheit wahrnehmen und nach Hause kommen, um dich ein wenig auszuruhen. Zumal dort so ein gemischtes Publikum ist, daß du all die Gerüche kaum aushalten kannst. Aber nun bist du ja schon von selbst gekommen.“
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Es war bereits die Stunde des Lampenanzündens. Man hörte vor dem Hoftor eine Gruppe von Leuten eintreten. Alle spähten durch die Fenster und sahen tatsächlich Frau Lin Zhixiao mit einigen Verwalterinnen kommen, voraus eine Person mit einer großen Laterne. Heitermuster flüsterte lachend: „Sie kommen, um die Nachtwachen zu kontrollieren. Wenn sie erst fort sind, können wir das Tor schließen." Man sah, wie alle Nachtwächter des Yihongyuan hinauskamen, um sie zu begrüßen; Frau Lin Zhixiao musterte sie eingehend. Sie wies an: „Kein Glücksspiel, kein Weintrinken und nicht gleich mit dem Kopf voran einschlafen bis zum hellen Morgen! Wenn ich davon höre, gibt es Ärger!" Alle lachten: „Wo gäbe es jemanden, der so kühn wäre!" Frau Lin Zhixiao fragte noch: „Ist der Zweite Junge Herr Bao schon zu Bett gegangen?" Alle sagten, sie wüssten es nicht. Dufthauch stieß Schatzjade schnell an. Schatzjade schlüpfte in seine Schuhe und kam ihr lachend entgegen: „Ich bin noch nicht schlafen gegangen. Mütterchen, kommt herein und ruht euch aus!" Dann rief er: „Dufthauch, bring Tee!" Frau Lin Zhixiao trat eilig ein und sagte lachend: „Noch nicht im Bett? Jetzt sind die Tage lang und die Nächte kurz; man sollte früh schlafen gehen, damit man morgens rechtzeitig aufsteht. Sonst heißt es morgen, wenn du verschläfst, du seist kein studierender junger Herr mehr, sondern ein Lastenträger!" Schatzjade sagte eilig lachend: „Mütterchen hat recht. Gewöhnlich gehe ich jeden Tag früh zu Bett — wenn Mütterchen sonst hereinkommt, weiß ich es gar nicht, weil ich schon schlafe. Heute habe ich mir nur Sorgen gemacht, das Nudelessen könnte mir schwer im Magen liegen, und deshalb noch ein wenig herumgespielt." Frau Lin Zhixiao sagte dann lachend zu Dufthauch und den anderen: „Ihr solltet Pu'er-Tee aufbrühen." Dufthauch und Heitermuster sagten eilig lachend: „Wir haben schon einen Krug Mädchentee aufgebrüht und bereits zwei Schalen getrunken. Möchte die Frau auch eine probieren — es ist alles fertig." Heitermuster schenkte eine Schale ein. Frau Lin Zhixiao lachte dann noch: „In letzter Zeit habe ich bemerkt, dass der Zweite Junge Herr im Umgang mit diesen großen Fräulein schon angefangen hat, sie bei ihren Namen zu rufen. Obwohl sie hier in diesem Hause dienen, sind sie doch Leute der Alten Herrin und der Gnädigen Frau; im Reden sollte man ihnen gegenüber respektvoller sein. Wenn es hin und wieder einmal vorkommt, mag es angehen; ruft man sie aber ständig beim Namen, werden es die jüngeren Brüder und Neffen nachmachen, und die Leute werden sagen, in dieser Familie respektiere man die Älteren nicht." Schatzjade lachte: „Mütterchen hat recht. Es kommt nur gelegentlich vor." Dufthauch und Heitermuster lachten: „Da tut man ihm unrecht. Bis heute hat er immer ‚Schwester' gesagt. Nur beim Spielen sagt er manchmal den Namen; vor anderen Leuten ist es wie früher." Frau Lin Zhixiao lachte: „So ist es recht — das ist die Art eines gebildeten und wohlerzogenen jungen Herrn. Je bescheidener man selbst ist, desto mehr Respekt zeigt man. Von den altgedienten Leuten ganz zu schweigen — selbst eine Katze oder ein Hund aus dem Gemach der Alten Herrin oder der Gnädigen Frau darf man nicht leichtfertig verletzen. Das ist das Benehmen eines Herrensohnes, der gute Erziehung genossen hat." Damit trank sie ihren Tee und sagte: „Bitte legt Euch zur Ruhe. Wir gehen." Schatzjade bat noch: „Bleibt doch noch ein wenig." Aber Frau Lin Zhixiao hatte ihre Leute schon weggeführt, um andernorts weiterzukontrollieren.
„Danke für deine Fürsorge!“ erwiderte Bau-yü ebenfalls lächelnd. „Drüben war nichts zu tun, außerdem bist du schon ein paar Tage nicht mehr dort gewesen, so daß ich nicht wußte, ob es dir wieder besser geht oder nicht, darum bin ich hergekommen, um nach dir zu sehen.
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„Im großen und ganzen ist es immer noch dasselbe mit mir“, gab Hsi-fëng Auskunft. „Drei Tage geht es mir gut und dann wieder zwei Tage schlecht. Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sind nicht zu Hause, aber diese Frauen, nein – keine von ihnen gibt sich mit ihrem Los zufrieden. Jeden Tag müssen sie sich schlagen oder zanken, und auch ein paar Fälle von Glücksspiel und Diebstahl sind vorgekommen.
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Hier ließen Heitermuster und die anderen eilig das Tor schließen, kamen herein und sagten lachend: „Diese Dame hat wohl irgendwo einen Becher getrunken und kam nun hierher, um uns eine Standpauke zu halten!" Moschusmond lachte: „Sie meint es auch nicht böse. Sie muss die Dinge eben ab und zu erwähnen — zur Vorsicht, damit nichts aus dem Ruder läuft." Während sie sprachen, wurden Wein und Früchte aufgetragen. Dufthauch sagte: „Wir brauchen keinen richtigen Tisch. Nehmen wir den runden Palisander-Kangtisch, stellen ihn auf den Kang <ref>die beheizte Ofenbank</ref> — da ist es geräumig und bequem." Gesagt, getan. Moschusmond und Si'er gingen hinüber, um die Früchte zu holen, und brauchten mit zwei großen Teetabletts vier oder fünf Gänge. Zwei alte Dienerinnen hockten draußen am Feuerbecken und wärmten den Wein. Schatzjade sagte: „Es ist warm — ziehen wir alle die Obergewänder aus, das ist angenehmer." Alle lachten: „Wenn du dich ausziehen willst, tu es — wir müssen noch der Reihe nach das Gastmahl eröffnen." Schatzjade lachte: „Diese Eröffnung dauert ja bis zur fünften Nachtwache. Ihr wisst doch, wie sehr ich solche Förmlichkeiten hasse. Vor Fremden geht es nicht anders, aber hier und jetzt mich damit zu quälen, ist nicht schön." Alle hörten das und sagten: „Wie du willst." Also setzte man sich noch nicht hin, sondern machte sich erst an das Ablegen von Schmuck und Kleidung.
Tan-tschun hilft mir zwar bei der Verwaltung, aber sie ist nun mal ein unverheiratetes Mädchen. Es gibt Dinge, die sie erfahren darf, aber auch solche, die man vor ihr nicht erwähnen kann. Also muß ich mich wohl oder übel zum Durchhalten zwingen, wenn auch mein Herz dabei nie zur Ruhe kommt. Von Genesung ganz zu schweigen, reicht es mir schon, wenn die Krankheit nicht schlimmer wird.
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„Das sagst du so einfach dahin, trotzdem solltest du mehr auf deine Gesundheit achten und dir weniger Sorgen machen“, riet ihr Bau-yü. Nachdem er dann noch ein Weilchen mit ihr geplaudert hatte, verabschiedete er sich wieder und kehrte in den Garten zurück.
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Bald hatten alle die Festgewänder abgelegt; die Haare waren nur locker hochgesteckt, und alle trugen lange Röcke und kurze Jäckchen. Schatzjade hatte nur ein kleines, dunkelrotes, baumwollenes Jäckchen an, darunter grüne, mit spritzender Tusche bedruckte Seidenhosen, die Hosenbeine lose herabhängend. Er lehnte an einem neuen, jadegrünen Doppelgaze-Kissen, das mit Blütenblättern verschiedener Rosen und Päonien gefüllt war, und spielte mit Duftblümchen Fingerwerfen. Duftblümchen klagte über die Hitze und trug nur ein kleines, gefüttertes Jäckchen aus dreierlei Atlasstreifen in Jade, Rot und Blaugrün — einem sogenannten ‚Reisfeld-Jäckchen' —, mit einem weidengrünen Schweißtuch gegürtet. Darunter blassrote, geblümte gefütterte Hosen, ebenfalls mit losen Hosenbeinen. Auf dem Kopf hatte sie rings um Stirn und Schläfen ein Geflecht kleiner Zöpfchen, die alle am Scheitel zusammengeführt und zu einem einzigen dicken Zopf, gänseeigroß, geflochten wurden, der im Nacken herabhing. Im rechten Ohrloch steckte nur ein winziger Jadestöpsel, nicht größer als ein Reiskorn; am linken Ohr hing ein einzelner großer, rotgoldener Ohranhänger, so groß wie eine Ginkgonuss. Damit wirkte ihr Gesicht noch mehr wie ein Vollmond, nur weißer, und ihre Augen noch klarer als Herbstwasser. Alle lachten: „Die beiden sehen aus wie Zwillingsbrüder!" Dufthauch und die anderen schenkten allen der Reihe nach Wein ein und sagten: „Wartet noch ein wenig mit dem Fingerwerfen. Obwohl wir keine förmliche Tafel halten, trinkt doch jeder von uns einen Schluck aus unserer Hand." So begann Dufthauch: Sie führte den Becher an die Lippen und trank einen Schluck; dann folgten die anderen der Reihe nach. Als alle getrunken hatten, setzte man sich erst im Kreis zusammen. Xiaoyan und Si'er hatten am Kangrand keinen Platz mehr und stellten sich zwei Stühle dicht an den Kang. Die vierzig Schälchen waren alle aus weißem Dingyao-Porzellan <ref>berühmte Porzellanmanufaktur</ref>, nicht größer als kleine Teetassen, und enthielten Delikatessen aus nah und fern, von Inland und Übersee, getrocknet und frisch, aus Wasser und zu Lande — alles, was es an Weinspeisen, Früchten und Gemüsen unter dem Himmel gab. Schatzjade sagte: „Wir sollten ein Trinkspiel spielen." Dufthauch sagte: „Etwas Feines, bitte — kein großes Geschrei, damit die Leute es nicht hören. Und wir können nicht lesen, also nichts Literarisches." Moschusmond lachte: „Nehmen wir Würfel und spielen ‚Rot fangen'." Schatzjade sagte: „Das ist langweilig. Spielen wir lieber ‚Blumennamen-Lose ziehen'!" Heitermuster lachte: „Genau — das wollte ich schon lange!" Dufthauch sagte: „Das Spiel ist zwar hübsch, aber mit wenigen Leuten macht es keinen Spaß." Xiaoyan lachte: „Ich schlage vor, wir holen ganz leise Fräulein Bao und Fräulein Lin dazu — dann spielen wir eine Runde, und um die zweite Nachtwache gehen wir schlafen." Dufthauch sagte: „Dann müssten wir wieder die Tür öffnen und Lärm machen — und wenn uns die Nachtwache erwischt?" Schatzjade sagte: „Was soll schon geschehen? Unser Drittes Fräulein trinkt auch Wein — laden wir sie gleich mit ein. Und Fräulein Qin." Alle sagten: „Fräulein Qin lieber nicht — sie wohnt bei der Ersten Herrin, das gäbe zuviel Umstände." Schatzjade sagte: „Was soll's — geht schnell und ladet sie ein!" Xiaoyan und Si'er ließen sich das nicht zweimal sagen; sie ließen das Tor öffnen und gingen getrennt los, um einzuladen.
Beim Eintritt in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sah er, daß gerade die letzten Weihrauchschwaden aus dem Räucherkessel stiegen, während vom Opferwein nur noch ein Rest übrig war. Dsï-djüan beaufsichtigte die Sklavenmädchen, die dabei waren, den Tisch wieder hineinzutragen und die Ausstattungsstücke an ihren Platz zu stellen. Daraus schloß er, das Opfer müsse beendet sein, und trat in den Innenraum, wo er Dai-yü mit abgewandtem Gesicht auf dem Bett fand. Es war ihr anzusehen, daß sie litt und diesem Leid nicht gewachsen war.
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Rasch meldete Dsï-djüan: „Der junge Herr ist gekommen.
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Heitermuster, Moschusmond und Dufthauch sagten dann: „Wenn die beiden gehen, werden Bao und Lin vermutlich nicht kommen wollen — wir müssen selbst hin und sie mit sanfter Gewalt herbeibringen." Also ließen Dufthauch und Heitermuster eine alte Dienerin eine Laterne nehmen und gingen ebenfalls. Tatsächlich sagte Schatzspange [宝钗], es sei zu spät in der Nacht, und Kajaljade [黛玉], sie fühle sich nicht wohl. Die beiden baten dreimal: „Erweist uns doch ein wenig Ehre und setzt euch nur kurz zu uns." Erkundefrühling [探春] dagegen freute sich über die Einladung, dachte aber: „Wenn wir Seidenweiß Pflaume [李纨] nicht einladen und sie erfährt davon, wäre das schlecht." Also schickte sie Cuimo mit Xiaoyan los, die auch Seidenweiß Pflaume und Kostbarzither Schnee [宝琴] noch drei Mal einluden. So versammelten sich schließlich alle nacheinander im Yihongyuan. Dufthauch holte um jeden Preis auch Duftkastanie herbei. Auf dem Kang stellte man noch einen weiteren Tisch dazu, damit alle Platz fanden.
Langsam richtete Dai-yü sich auf und lud Bau-yü lächelnd ein, Platz zu nehmen.
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„Es geht dir wohl besser in den letzten Tagen?“ fragte Bau-yü. „Jedenfalls machst du einen ruhigeren Eindruck als sonst. Aber worüber hast du dich wieder gegrämt?“
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Schatzjade rief sogleich: „Schwester Lin friert leicht — setz dich hierher an die Bretterwand." Er schob ihr noch ein Rückenpolster hin. Dufthauch und die anderen holten Stühle und setzten sich am Kangrand dazu, als Begleiterinnen. Kajaljade setzte sich weit vom Tisch entfernt, lehnte sich ans Polster und sagte lachend zu Schatzspange, Seidenweiß Pflaume, Erkundefrühling und den anderen: „Ihr redet Tag für Tag davon, wie die Leute nachts zechen und spielen — und heute tun wir es selbst! Wie wollen wir ihnen künftig Vorhaltungen machen?" Seidenweiß Pflaume lachte: „Was macht das schon? Im ganzen Jahr kommt das nur zu Geburtstagen und Festen vor — nicht jede Nacht. Da braucht man sich keine Sorgen zu machen." Während sie sprachen, brachte Heitermuster einen geschnitzten Bambusbecher mit elfenbeinernen Blumennamen-Losen darin, schüttelte ihn und stellte ihn in die Mitte. Dann holte sie die Würfel, legte sie in die Dose, schüttelte und öffnete: fünf Augen. Man zählte — es traf Schatzspange. Schatzspange lachte: „Dann ziehe ich zuerst — ich bin gespannt, was ich bekomme." Sie schüttelte den Becher, griff hinein und zog ein Los. Alle schauten: Darauf war eine Päonienblüte gemalt, darüber stand „Schönste unter allen Blüten" in vier Zeichen, und darunter ein Vers aus einem Tang-Gedicht, fein eingraviert:
„Was redest du da?“ verwahrte sich Dai-yü, „es geht mir gut, wann sollte ich mich gegrämt haben?“
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„Man sieht es jetzt noch, daß du geweint hast, und trotzdem versuchst du, mich anzuführen“, sagte Bau-yü. „Mir scheint nur, so oft wie du krank bist, solltest du alles etwas leichter nehmen und dir nicht zu viele unnötige Sorgen machen. Wenn du dir damit die Gesundheit ruinierst, werde ich eines Tages...“
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Selbst gefühllos rührt sie noch die Menschen.
Kaum waren ihm die letzten Worte entschlüpft, da merkte er, daß er zuviel gesagt hatte, und hielt rasch inne. Denn er war wohl mit Dai-yü zusammen aufgewachsen, und sie harmonierten in ihren Gedanken und Gefühlen und wünschten sich, miteinander zu leben und zu sterben, aber das war ein stummes Übereinstimmen ihrer Herzen, das sie noch nie in Worte gekleidet hatten, zumal Dai-yü so mißtrauisch war, daß sie sich immer wieder durch ein unüberlegtes Wort von Bau-yü gekränkt fühlte. Heute war er extra gekommen, um sie zu trösten, und nun hatte er sich doch wieder verplappert und konnte nicht weitersprechen. Sofort wurde er unsicher und befürchtete überdies, Dai-yü würde ihm böse sein. Als er dann bedachte, daß er nur die besten Vorsätze gehabt hatte, wurde aus seinen Betrachtungen Kummer, und schon liefen ihm die Tränen herab.
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Dai-yü war im ersten Augenblick wirklich auf Bau-yü böse gewesen, weil er seine Worte nicht zu wägen wußte, aber als sie ihn jetzt in diesem Zustand sah, war sie gerührt. Und da ihr die Tränen ohnehin locker saßen, stimmte sie wortlos in sein Weinen ein. Als Dsï-djüan jetzt den Tee brachte, nahm sie an, die beiden hätten sich wieder einmal gestritten, und so sagte sie: „Kaum geht es dem Fräulein ein wenig besser, da kommt Ihr, um sie zu ärgern. Was soll man denn davon halten?“
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Darunter stand: „Alle Anwesenden trinken gemeinsam einen Becher zur Feier der Königin der Blumen. Die Loszieherin darf beliebig jemanden auffordern — gleich ob Gedicht, Vers oder Scherz —, einen Trinkspruch zu sagen." Alle lachten: „Wie treffend — du bist wirklich zur Päonie geboren!" Man trank gemeinsam auf sie. Nachdem Schatzspange getrunken hatte, sagte sie lachend: „Duftblümchen soll uns ein Lied singen." Duftblümchen sagte: „Wenn schon, dann trinkt alle erst euren Türbecher, bevor ihr zuhört." Also tranken alle. Duftblümchen begann zu singen: „Am Geburtstagsfest erstrahlt alles in Glanz ..." Alle riefen: „Hör auf damit! Hier braucht niemand Geburtstagshuldigungen — sing uns das Allerbeste!" Duftblümchen sang also fein und langsam die Arie „Zur Blumenbeschau" (Shanghuashi):
Bau-yü wischte sich die Tränen ab und versicherte lächelnd: „Wer würde es wagen, sie zu ärgern?!“ Dann stand er auf und ging im Zimmer hin und her, um seine Verlegenheit zu verbergen. Dabei entdeckte er, daß unter dem Tuschereibstein kaum sichtbar eine Ecke von einem Blatt Papier hervorsah, und konnte sich nicht enthalten, die Hand danach auszustrecken, um es herauszuziehen. Dai-yü wollte aufstehen, um ihm das Blatt wegzunehmen, aber da hatte er es sich schon in den Busen geschoben und bat lächelnd: „Laß es mich ansehen, Kusinchen!
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„Sooft du hier bist, wühlst du bedenkenlos alles durch“, hielt ihm Dai-yü vor.
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Des Smaragdphönix Federschweif wird zum Besen gebunden,
In diesem Augenblick trat Bau-tschai zur Tür herein und fragte lächelnd: „Was gibt es denn hier zu sehen?“
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Müßig fegt er am Himmelstor die fallenden Blüten;
Da Bau-yü noch nicht gelesen hatte, was auf dem Papier stand, und nicht wußte, wie Dai-yü sich verhalten würde, wollte er nicht wieder voreilig sein und schaute nur lächelnd nach Dai-yü.
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Seht, wie der Wind den Jadestaub aufwirbelt!
Dai-yü bot Bau-tschai einen Platz an und erklärte ihr lächelnd: „Mir war aufgefallen, daß in den alten Geschichtswerken von vielen schönen und begabten Frauen berichtet wird, deren Schicksal man entweder froh bewundern oder aber traurig beklagen kann. Als ich heute nach dem Essen nichts zu tun hatte, suchte ich mir einige dieser Frauen aus, um rasch ein paar Gedichte über sie zu improvisieren, die meine Gefühle ausdrücken sollten. Zufällig kam dann Tan-tschun, um mich zu Kusine Hsi-fëng mitzunehmen, aber ich fühlte mich so träge und bin nicht mitgegangen.
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Plötzlich senkt sich eine Wolkenschicht herab —
Als ich fünf Gedichte geschrieben hatte, war ich so schläfrig, daß ich mich hinlegen mußte, und dann ist Vetter Bau-yü gekommen und hat das Blatt entdeckt. Eigentlich ist natürlich nichts weiter dabei, wenn er die Gedichte liest, mir gefällt es bloß nicht, daß er immer wieder unsere Gedichte abschreibt und vor den Leuten herumzeigt.“
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Wie weit ist doch das Himmelstor von der Welt!
„Wann hätte ich so etwas je getan?“ verteidigte sich Bau-yü. „Das mit dem Fächer neulich lag einfach daran, daß ich die Gedichte über die weißen Begonien so gern habe. Deshalb schrieb ich sie mir mit kleinen Schriftzeichen in Normalschrift auf meinen Fächer, nur um sie immer bequem zur Hand zu haben.
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Ruht, das Schwert nach dem Gelben Drachen zu schwingen, um Haaresbreite daneben;
Meinst du, ich wüßte nicht, daß man Gedichte und Schreibübungen aus den Mädchengemächern nicht leichtfertig in der Öffentlichkeit verbreiten darf? Seitdem du mit mir darüber gesprochen hast, habe ich den Fächer nie mehr mitgenommen, wenn ich den Garten verließ.“
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Ruht, beim alten Dong den Wein des Elends zu kaufen;
„Kusine Lin hat recht mit ihren Überlegungen“, sagte Bau-tschai. „Wenn du die Gedichte auf einen Fächer schreibst und nimmst ihn aus Versehen mit hinaus in die Bibliothek, werden die Hausgäste mit Sicherheit fragen, wer der Verfasser ist, sobald sie die Verse gelesen haben. Wenn sie so an die Öffentlichkeit kämen, wäre das gar nicht schön.
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Lasst Euer Auge gen Wolken und Abendrot schweifen!
Von alters her heißt es ‚Tugendhaft ist eine Frau, die kein spezielles Talent besitzt.‘ Sittsamkeit und Zurückhaltung sind für uns das Allerwichtigste, an zweiter Stelle aber folgen Handarbeiten. Gedichteschreiben und dergleichen ist nicht mehr als ein Vergnügen, das wir in den inneren Gemächern betreiben. Ob man das kann oder nicht, ist gleichgültig. Ein Mädchen aus unseren Kreisen legt keinen Wert auf den Ruf, talentiert zu sein.“ Dann wandte sie sich an Dai-und sagte lächelnd: „Mir kannst du ja die Gedichte unbesorgt zeigen. Hauptsache ist, Vetter Bau-yü trägt sie nicht fort.
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O Lü Dongbin — wenn Ihr einen Menschen gewonnen habt,
„Nach dem, was du gesagt hast, mußt du sie auch nicht unbedingt sehen“, antwortete Dai-yü lächelnd. Dann wies sie auf Bau-yü und sagte: „Er hat sie längst an sich gerissen.
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Kommt nur bald mit der Antwort zurück!
Erst nach diesen Worten holte Bau-yü das Blatt wieder hervor, rückte dicht neben Bau-tschai und las mit ihr gemeinsam, was dort geschrieben stand:
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Doch wenn Ihr zaudert — ach, welch dauernden Gram
„Hsi-schï0
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Hinterlasst Ihr mit den Pfirsichblüten!
Die Schönste der Zeit mußte schmählich vergehen,
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unerfüllt blieb ihr Sehnen am Hofe von Wu.
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Schatzjade aber hielt noch immer das Los in der Hand und murmelte unaufhörlich „Selbst gefühllos rührt sie noch die Menschen" vor sich hin; er hörte dem Lied zu und starrte Duftblümchen schweigend an. Xiangfluss-Wolke [湘云] riss ihm das Los rasch aus der Hand und warf es Schatzspange zu. Schatzspange warf die Würfel — sechzehn Augen — und es traf Erkundefrühling. Erkundefrühling lachte: „Ich bin gespannt, was ich bekomme!" Sie zog ein Los, sah es an, warf es auf den Boden, wurde rot und lachte: „Das taugt nichts — dieses Spiel hätten wir nicht spielen sollen! Das ist eigentlich ein Spiel für die Männer draußen, mit allerhand anzüglichen Sprüchen darauf." Niemand verstand; Dufthauch und die anderen hoben es eilig auf. Alle sahen: darauf war ein Aprikosenblütenzweig, mit den roten Zeichen „Himmlische Frucht des Jadeteichs", und der Vers lautete:
Verlacht nicht ihre häßliche Nachahmerin,
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weißhaarig noch wusch sie ihre Seide im Bach.
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Am Sonnenrand steht rot die Aprikose, an Wolken gelehnt gepflanzt.
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Darunter stand: „Wer dieses Los zieht, wird gewiss einen vornehmen Gemahl bekommen. Alle gratulieren mit einem gemeinsamen Becher." Alle lachten: „Ach so, deswegen! Dieses Spiel stammt ja aus dem Frauengemach — bis auf zwei, drei solcher Lose mit Heiratsanspielungen sind keine anstößigen Sprüche dabei; was macht das schon! In unserem Haus gibt es bereits eine Kaiserliche Gemahlin <ref>Urfrühling</ref> — sollst etwa auch du eine Kaiserin werden? Großes Glück, großes Glück!" Damit schenkten ihr alle ein. Erkundefrühling wollte partout nicht trinken, doch Xiangfluss-Wolke, Duftkastanie, Seidenweiß Pflaume und drei, vier andere zwangen sie mit Gewalt, den Becher zu leeren. Erkundefrühling verlangte, dieses Spiel abzuschaffen und ein anderes zu spielen, doch niemand wollte das zulassen. Xiangfluss-Wolke ergriff ihre Hand und warf für sie: neunzehn Augen — es traf Seidenweiß Pflaume. Seidenweiß Pflaume schüttelte den Becher, zog ein Los und lachte: „Wunderbar! Seht euch das an — dieses Ding hat durchaus seinen Witz!" Alle sahen: ein alter Pflaumenzweig, darauf „Frostig-kalte Schönheit im Morgengrauen", und das Gedicht lautete:
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Hinter Bambuszaun und Strohdach fügt sie sich zufrieden.
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Darunter stand: „Trinkt allein einen Becher; der Nächste würfelt." Seidenweiß Pflaume lachte: „Wirklich amüsant! Werft ihr nur weiter. Ich trinke mein Glas allein und kümmere mich nicht um euer Auf und Ab." Damit trank sie und gab die Würfel an Kajaljade weiter. Kajaljade warf achtzehn Augen — es traf Xiangfluss-Wolke. Xiangfluss-Wolke krempelte lachend die Ärmel hoch und zog ein Los. Alle sahen: eine Begonienblüte, darauf „Duftender Traum in tiefem Schlummer", und der Vers lautete:
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Ich fürchte nur, die Blume schläft ein in tiefer Nacht.
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Kajaljade lachte: „Die Worte ‚tiefe Nacht' sollte man durch ‚kühler Stein' ersetzen!" <ref>Anspielung auf Xiangfluss-Wolkes Einschlafen auf der Steinbank am Nachmittag.</ref> Alle verstanden den Witz und lachten. Xiangfluss-Wolke zeigte lachend auf das Los, wo ein kleines Boot abgebildet war, und sagte zu Kajaljade: „Steig schnell ein und fahr davon — und halt den Mund!" Alle lachten wieder. In der Anmerkung stand: „Da es heißt ‚Duftender Traum in tiefem Schlummer', darf die Loszieherin keinen Wein trinken; stattdessen trinken die Nachbarn links und rechts je einen Becher." Xiangfluss-Wolke klatschte lachend in die Hände: „Amitabha — wirklich ein gutes Los!" Und siehe da: Kajaljade war ihre obere und Schatzjade ihre untere Nachbarin. Die beiden mussten je einen Becher trinken. Schatzjade trank die Hälfte seines Bechers, und als niemand hinsah, reichte er ihn Duftblümchen, die ihn schnell austrank. Kajaljade plauderte mit den anderen und goss ihren Wein unbemerkt in den Spülnapf. Xiangfluss-Wolke nahm die Würfel und warf neun Augen — es traf Moschusmond. Moschusmond zog ein Los: eine Teerose, darauf „Höhepunkt der Jugend und Schönheit", und der Vers lautete:
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Wenn die Teerose blüht, ist die Blütezeit vorbei.
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Darunter stand: „Alle Anwesenden trinken drei Becher zum Abschied des Frühlings." Moschusmond fragte, was das bedeute. Schatzjade runzelte besorgt die Stirn, verbarg das Los eilig und sagte: „Trinken wir einfach." Alle nahmen drei Schlucke, die als drei Becher galten. Moschusmond warf neunzehn Augen — es traf Duftkastanie. Duftkastanie zog ein Los mit einer Zwillingsblüte, darauf „Vereinter Frühling, umrankendes Glück", und der Vers lautete:
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Am Ast der Ehestandsblume blüht es gerade.
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Darunter stand: „Alle gratulieren der Loszieherin mit drei Bechern; dazu trinkt jeder einen Becher mit." Duftkastanie warf dann sechs Augen — es traf Kajaljade. Kajaljade dachte im Stillen: „Ich weiß nicht, was Schönes noch übrig ist — hoffentlich ziehe ich ein gutes." Sie griff hinein und zog ein Los: eine Lotusblüte (Hibiskus), darauf „Klarer Kummer in Wind und Tau", und der Vers lautete:
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Klage nicht den Ostwind an — beklage dich selbst.
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Darunter stand: „Trinkt allein einen Becher; die Päonie begleitet mit einem Becher." Alle lachten: „Das ist wundervoll! Außer ihr gebührt niemandem die Lotusblüte." Kajaljade lachte ebenfalls. Man trank. Dann warf Kajaljade zwanzig Augen — es traf Dufthauch. Dufthauch zog ein Los: ein Pfirsichblütenzweig, darauf „Anderes Land von Wuling" <ref>Anspielung auf Tao Yuanmings ‚Pfirsichblütenquelle'</ref>, und der Vers lautete:
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Pfirsichrot — wieder ein neuer Frühling.
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Darunter stand: „Die Aprikosenblüte begleitet mit einem Becher; wer unter den Anwesenden im gleichen Jahr geboren ist, begleitet mit einem Becher; wer zur gleichen Stunde geboren, begleitet mit einem Becher; wer denselben Familiennamen hat, begleitet mit einem Becher." Alle lachten: „Diesmal wird es lustig!" Man rechnete nach: Duftkastanie, Heitermuster und Schatzspange waren alle im gleichen Jahr geboren wie Dufthauch; Kajaljade war zur gleichen Stunde geboren; nur gab es niemanden mit demselben Familiennamen. Duftblümchen rief eilig: „Ich heiße auch Hua <ref>‚Blume'</ref> — ich begleite auch mit einem Becher!" Also wurde eingeschenkt. Kajaljade sagte lachend zu Erkundefrühling: „Du bist die Aprikosenblüte, der ein vornehmer Gemahl bestimmt ist — trink schnell, damit wir auch trinken können!" Erkundefrühling lachte: „Was soll das! Die ältere Schwägerin soll sie zur Strafe schlagen." Seidenweiß Pflaume lachte: „Statt den vornehmen Bräutigam zu bekommen, bekommt sie Prügel — das bringe ich nicht übers Herz!" Alle lachten.
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Gerade als Dufthauch werfen wollte, hörte man jemanden am Tor klopfen. Eine alte Dienerin ging eilig hinaus und kam mit der Nachricht: Tante Schnee hatte jemanden geschickt, um Kajaljade abzuholen. Man fragte, wie spät es sei; es wurde geantwortet: „Nach der zweiten Nachtwache; die Uhr hat elf geschlagen." Schatzjade glaubte es nicht und verlangte die Taschenuhr; als er nachsah, war es bereits zehn Minuten nach Beginn der Zi-Stunde <ref>ca. 23:10 Uhr</ref>. Kajaljade erhob sich und sagte: „Ich halte es nicht mehr aus — ich muss nach Hause und noch meine Medizin nehmen." Alle sagten: „Wir sollten auch aufbrechen." Dufthauch und Schatzjade wollten alle noch halten. Seidenweiß Pflaume und Schatzspange sagten: „Es ist viel zu spät — das geht nicht. Wir haben heute ohnehin die Regel gebrochen." Dufthauch sagte: „Wenn es denn sein muss — jede trinkt noch einen letzten Becher." Heitermuster und die anderen hatten schon eingeschenkt; alle tranken und ließen Laternen anzünden. Dufthauch und die anderen geleiteten die Gäste noch über den Qinfang-Pavillon-Fluss hinüber, bevor sie zurückkehrten.
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Man schloss das Tor, und alle spielten von Neuem. Dufthauch und die anderen schenkten noch einige große Becher ein und bereiteten ein Tablett mit verschiedenen Früchten und Speisen für die alten Dienerinnen draußen. Als alle drei Zehntel betrunken waren, ging es zum Fingerwerfen und zum Singen kleiner Lieder über. Es war schon die vierte Nachtwache; die alten Dienerinnen aßen von der einen Seite offen, von der anderen stibitzten sie heimlich — der Weinkrug war leer. Alle wunderten sich, machten sich dann aber an die Abendtoilette und legten sich schlafen. Duftblümchens Wangen glühten rot wie Karmin; um Augenwinkel und Brauen lag noch mehr Anmut als zuvor. Sie konnte sich kaum noch aufrecht halten, lehnte sich an Dufthauchs Schulter und sagte: „Gute Schwester, mein Herz klopft so!" Dufthauch lachte: „Wer hat dich auch hemmungslos trinken lassen!" Xiaoyan und Si'er konnten ebenfalls nicht mehr und schliefen bereits. Heitermuster rief noch immer. Schatzjade sagte: „Hör auf zu rufen — legen wir uns einfach ein wenig hin." Er legte seinen Kopf auf das rote, duftende Kissen, drehte sich zur Seite und schlief ebenfalls ein. Dufthauch fürchtete, dass Duftblümchen im Rausch erbrechen könnte und jemanden störte; so stand sie leise auf, bettete Duftblümchen neben Schatzjade und ließ sie dort schlafen. Sie selbst legte sich auf die gegenüberliegende Liege.
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Alle schliefen tief und süß und wussten von nichts. Als es Tag wurde, öffnete Dufthauch die Augen und sah das strahlend helle Tageslicht. „Es ist spät!" rief sie eilig. Sie blickte zum gegenüberliegenden Bett und sah Duftblümchen, den Kopf auf den Kangrand gelegt, noch immer fest schlafend. Hastig stand sie auf und weckte sie. Schatzjade hatte sich bereits umgedreht und war wach. Er lachte: „Haben wir verschlafen?" Dann rüttelte er Duftblümchen wach. Duftblümchen saß auf, rieb sich noch benommen die Augen. Dufthauch lachte: „Schämst du dich nicht? Du warst so betrunken — da hast du dich einfach hingelegt, ohne zu sehen, wo!" Duftblümchen schaute sich um, bemerkte erst jetzt, dass sie auf demselben Kang wie Schatzjade geschlafen hatte, und sprang lachend herunter: „Wie habe ich nur so trinken können, dass ich nichts mehr wusste!" Schatzjade lachte: „Ich wusste ja auch von nichts. Hätte ich es gewusst, hätte ich dir schwarze Tusche ins Gesicht geschmiert!" Die Mädchen kamen zum Morgenputz herein. Schatzjade lachte: „Gestern habt ihr mich bewirtet — heute Abend bin ich dran!" Dufthauch lachte: „Genug, genug — heute bitte kein Aufheben mehr! Wenn wir so weitermachen, fangen die Leute an zu reden." Schatzjade sagte: „Was soll's — es waren doch nur zweimal! Sind wir etwa Weintrinker? Dieser eine Krug Wein — wie kann er nur so schnell leer geworden sein? Gerade war es lustig, und schon war nichts mehr da." Dufthauch lachte: „Gerade so muss es sein — erst das macht es reizvoll. Wenn man bis zur völligen Erschöpfung trinkt, bleibt kein Nachgeschmack. Gestern waren alle so angeregt — Heitermuster hat sogar vergessen, sich zu schämen; ich glaube, sie hat ein Lied gesungen." Si'er lachte: „Schwester hat es vergessen — du hast doch auch gesungen! Wer am Tisch hat nicht gesungen!" Alle hörten das und wurden rot; sie hielten sich die Hände vor den Mund und lachten unaufhörlich.
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Plötzlich kam Friedchen fröhlich lachend herein und sagte, sie lade persönlich alle ein, die gestern am Tisch gewesen seien: „Heute bin ich die Gastgeberin — es darf kein einziger fehlen!" Man bot ihr eilig einen Sitz und Tee an. Heitermuster lachte: „Schade, dass sie gestern Nacht nicht dabei war!" Friedchen fragte sofort: „Was habt ihr denn nachts getrieben?" Dufthauch sagte: „Das kann man dir gar nicht erzählen! Gestern Nacht war es so lustig wie nie zuvor — selbst wenn die Alte Herrin und die Gnädige Frau dabei gewesen wären und alle zum Spielen mitgenommen hätten, wäre es nicht so lustig gewesen. Einen ganzen Krug Wein haben wir geleert; eine nach der anderen hat alle Scham fahren lassen, und ganz unvermittelt fing plötzlich jede an zu singen. Erst nach der vierten Nachtwache sind wir kreuz und quer umgefallen und haben ein Nickerchen gemacht." Friedchen lachte: „Sehr schön! Da habe ich mir also umsonst den Wein für euch besorgt — und dann ladet ihr mich nicht einmal ein, sondern erzählt mir davon, nur um mich zu ärgern!" Heitermuster sagte: „Heute gibt er ein Gegenessen — da wird er dich bestimmt einladen; warte nur!" Friedchen fragte lachend: „‚Er' — wer ist ‚er', und wer ist ‚ihn'?" Heitermuster hörte das, lief ihr lachend nach und versetzte ihr einen Klaps: „Du hast aber feine Ohren — gleich jedes Wort aufschnappen!" Friedchen lachte: „Jetzt habe ich zu tun — ich muss los. Gleich schicke ich jemanden, um einzuladen. Wenn auch nur eine fehlt, komme ich persönlich und hole sie!" Schatzjade und die anderen wollten sie aufhalten, doch sie war schon fort.
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Hier wusch sich Schatzjade und trank gerade Tee, als er zufällig unter dem Tuschstein ein Blatt Papier bemerkte. Er sagte: „Ihr dürft die Sachen nicht einfach irgendwohin legen und quetschen!" Dufthauch und Heitermuster fragten eilig: „Was ist nun wieder? Wer hat jetzt etwas falsch gemacht?" Schatzjade zeigte hin: „Was ist das unter dem Tuschstein? Bestimmt hat wieder jemand ein Muster vergessen einzuräumen!" Heitermuster hob eilig den Tuschstein auf und zog das Blatt hervor — es war eine Visitenkarte. Sie reichte sie Schatzjade; darauf stand auf rosafarbenem Briefpapier: „Wunderjade [妙玉], die Bewohnerin jenseits der Schwelle, verbeugt sich ehrfürchtig und glückwünschend aus der Ferne zum Geburtstag." Schatzjade sprang auf, als er es gelesen hatte, und rief: „Wer hat das entgegengenommen? Warum hat mir niemand etwas gesagt?" Dufthauch, Heitermuster und die anderen, die ihn so aufgeregt sahen und nicht wussten, von welcher bedeutenden Person die Karte stammte, fragten alle durcheinander: „Wer hat gestern eine Visitenkarte entgegengenommen?" Si'er kam eilig hereingelaufen und sagte lachend: „Gestern kam Wunderjade nicht persönlich — sie hat nur eine alte Dienerin geschickt. Ich habe sie dort hingelegt, und durch den Wein habe ich es dann vergessen." Alle hörten das und sagten: „Ach, von der kommt sie — warum so ein großes Aufheben? Das ist doch nichts Besonderes." Schatzjade rief eilig: „Schnell bringt mir Papier!" Man brachte Papier und rieb Tusche an. Er sah, dass Wunderjade sich „Bewohnerin jenseits der Schwelle" nannte, wusste aber nicht, welche Formulierung auf einer Antwortkarte dem ebenbürtig wäre. Er hielt den Pinsel in der Hand und starrte in die Luft — eine halbe Ewigkeit ohne Eingebung. Dann dachte er: „Wenn ich Schatzspange frage, wird sie es gewiss als bizarr und exzentrisch abtun. Besser, ich frage Kajaljade."
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Er nahm die Karte, steckte sie in den Ärmel und ging geradewegs los, um Kajaljade zu suchen. Kaum war er am Qinfang-Pavillon vorbei, kam ihm Höhlennebel Strafe zitternd und wankend entgegen. Schatzjade fragte eilig: „Wohin geht Schwester?" Höhlennebel Strafe lachte: „Ich will zu Wunderjade, um mit ihr zu plaudern." Schatzjade hörte das verblüfft und sagte: „Sie ist ein eigenbrötlerischer Mensch, der nicht in die Welt passt — unter zehntausend Menschen findet sie keinen, der ihr genügt. Anscheinend schätzt sie dich aber wirklich — sie erkennt, dass du nicht zur Sorte gewöhnlicher Leute wie wir gehörst." Höhlennebel Strafe lachte: „Ob sie mich wirklich schätzt, weiß ich nicht, aber wir waren zehn Jahre lang Nachbarn, nur durch eine Mauer getrennt. Sie lebte im Panxiang-Kloster zur geistlichen Übung; meine Familie war arm und mietete Zimmer in ihrem Tempel. Zehn Jahre lang wohnten wir dort, und wenn nichts zu tun war, ging ich zu ihr, um ihr Gesellschaft zu leisten. Alle Schriftzeichen, die ich kenne, habe ich von ihr gelernt. Wir sind zugleich Freundinnen aus ärmlichen Zeiten und stehen in einem Halb-Lehrer-Verhältnis. Als wir fortzogen, um Verwandte aufzusuchen, hörte ich, dass sie, weil sie ‚nicht in die Zeit passt', von den Mächtigen vertrieben worden war und hierher geflohen ist. Nun hat es das Schicksal gefügt, dass wir uns wiederbegegnen, und unsere alte Zuneigung ist unverändert — ja, ihre Wertschätzung ist noch größer als einst." Schatzjade hörte das wie einen Donnerschlag und rief erfreut: „Kein Wunder, dass Schwester in Haltung und Rede so erhaben ist, wie ein wilder Kranich in freien Wolken — es hat seinen Grund! Gerade beschäftigt mich eine Sache ihretwegen, und ich wollte jemanden um Rat fragen. Jetzt treffe ich dich — das ist wahrlich eine Fügung des Himmels! Bitte gib mir deinen Rat." Damit zeigte er Höhlennebel Strafe die Visitenkarte. Höhlennebel Strafe lachte: „Ihr Temperament lässt sich wohl nicht ändern — von Geburt an so extravagant und eigenwillig! Wer hat je gesehen, dass man auf Visitenkarten einen Beinamen setzt? Das ist wirklich, wie das Sprichwort sagt: ‚Weder Mönch noch Laie, weder Frau noch Mann' — was soll man davon halten?" Schatzjade sagte eilig lachend: „Schwester versteht das nicht. Sie zählt nicht zu den gewöhnlichen Menschen — sie ist ein Mensch jenseits der Welt. Weil sie mich für jemanden mit einem Körnchen Verstand hält, hat sie mir diese Karte geschickt. Ich wusste aber nicht, wie ich antworten soll — mir fiel nichts ein. Ich wollte gerade Schwester Lin fragen, und zufällig treffe ich dich." Höhlennebel Strafe hörte Schatzjades Worte und musterte ihn eine ganze Weile aufmerksam von Kopf bis Fuß. Dann lachte sie: „Kein Wunder, dass das Sprichwort sagt: ‚Hörensagen ist weniger als Augenschein.' Und kein Wunder, dass Wunderjade dir diese Karte schickt; und kein Wunder, dass sie dir vergangenes Jahr die Pflaumenblüten schenkte. Da es bei ihr so weit geht, muss ich dir wohl den Grund erklären. Sie sagt oft: ‚Von den Alten her, von Han, Jin, durch die Fünf Dynastien, Tang und Song, hat es in all der Zeit keine gute Dichtung gegeben — nur zwei Verse sind gut:
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Selbst hat man ein ehernes Tor, das tausend Jahre hält —
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Am Ende braucht man doch nur einen Erdhügel als Grab.
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Deshalb nennt sie sich ‚Bewohnerin jenseits der Schwelle'. Außerdem preist sie oft den Stil des Zhuangzi, und darum nennt sie sich manchmal auch ‚qi ren' <ref>‚der abseitige, sonderbare Mensch', ein Begriff aus dem Zhuangzi</ref>. Wenn sie sich auf der Karte als ‚qi ren' bezeichnet hätte, hättest du mit ‚shi ren' (‚Mensch der Welt') antworten sollen. ‚Qi ren' bedeutet, dass sie sich für einen Sonderling hält; du bezeichnest dich bescheiden als einen gewöhnlichen, in der Welt befangenen Menschen — und sie wäre zufrieden. Nun nennt sie sich ‚Bewohnerin jenseits der Schwelle', womit sie meint, sie habe die eiserne Schwelle des Irdischen überschritten. Du brauchst also nur ‚Bewohner innerhalb der Schwelle' zu schreiben — das trifft ihren Sinn." Schatzjade hörte das wie eine Erleuchtung, rief „Ah!" und lachte: „Kein Wunder, dass unser Familientempel ‚Eiserne-Schwelle-Kloster' heißt — jetzt verstehe ich den Zusammenhang! Schwester, geh nur weiter; ich eile zurück, um die Antwortkarte zu schreiben." Höhlennebel Strafe ging darauf zum Longcui-Kloster <ref>Wunderjade's Klause im Garten</ref>. Schatzjade kehrte in sein Zimmer zurück und schrieb auf die Karte nur die Worte: „Der Bewohner innerhalb der Schwelle, Schatzjade, grüßt ehrerbietig nach geziemender Reinigung." Er brachte sie persönlich zum Longcui-Kloster und schob sie durch den Türspalt hinein; dann kehrte er zurück.
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Er sah, dass Duftblümchen sich bereits frisiert hatte, das Haar hochgesteckt und ein wenig Blumenschmuck angelegt. Sogleich befahl er ihr, die Frisur zu ändern: Die kurzen Haare rings um den Kopf sollten abrasiert werden, sodass die blaugrüne Kopfhaut zum Vorschein kam, und in der Mitte sollte ein großer Scheitel gezogen werden. Dann sagte er: „Im Winter trägst du eine große Zobelmütze in Kaninchenform, an den Füßen Tigerkopf-Wolkenstiefel in fünf Farben, oder du lässt die Hosenbeine los und trägst nur weiße Strümpfe und dicksohlige Brokatschuhe." Dann sagte er: „Der Name ‚Duftblümchen' ist nicht gut — du solltest einen Männernamen tragen, das wäre originell." Er benannte sie in „Xiongnü" <ref>wörtl. ‚Heroischer Sklave'</ref> um. Duftblümchen war hocherfreut und sagte: „Wenn es schon so ist, nimm mich auch mit, wenn du ausgehst! Wenn jemand fragt, sag einfach, ich sei ein kleiner Diener wie Mingyan." Schatzjade lachte: „Man würde es doch erkennen." Duftblümchen lachte: „Da zeigt sich dein Einfallsmangel! In unserem Haus gibt es doch einige Familien von Fremdvölkern. Sag einfach, ich sei ein kleiner Barbar. Außerdem sagen alle, mir stünden Zöpfe gut — findest du das nicht passend?" Schatzjade hörte das und rief entzückt: „Das ist wirklich gut! Ich habe oft gesehen, dass Beamte unter ihrem Gefolge Nachkommen fremdländischer Kriegsgefangener haben, weil sie Wind und Frost nicht fürchten und zu Pferde geschickt sind. Also geben wir dir noch einen Barbarennamen: ‚Yelü Xiongnü'. ‚Xiongnü' klingt gleich wie ‚Xiongnu' <ref>die historischen Hunnen</ref>, und beides sind Namen der Hundevölker. Zudem waren diese zwei Völker seit den Zeiten von Yao und Shun eine Plage für das Reich der Mitte; die Jin- und Tang-Dynastien litten schwer unter ihnen. Zum Glück leben wir in der heutigen Ära, als Nachfahren des großen Shun. Die heilige Tugend und kindliche Pietät unseres Herrschers strahlen bis zum Himmel empor und sind unsterblich wie Himmel, Erde, Sonne und Mond für tausend Generationen. Deshalb haben alle die kleinen Schelme, die in früheren Dynastien ihr Unwesen trieben, heutzutage freiwillig, ohne einen einzigen Speer oder Degen, die Hände gefaltet und das Haupt geneigt und sind von fern hergekommen, um sich zu unterwerfen. Wir sollten sie verächtlich behandeln, um unseres Herrn und Vaters willen Ehre einzulegen." Duftblümchen lachte: „Wenn dem so ist, solltest du Bogenschießen und Reiten üben und Kriegskunst lernen und dich hinauswagen, um ein paar Rebellen zu fangen — das wäre wahrer Dienst am Vaterland! Warum missbrauchst du uns und ergötzt dich an deiner eigenen Beredsamkeit, und nennst es dann Lob und Huldigung?" Schatzjade lachte: „Da verstehst du mich falsch. Heute herrscht Frieden in allen vier Meeren und Ruhe in allen acht Himmelsrichtungen; seit hundert und tausend Jahren braucht man keine Waffen mehr. Auch wenn wir nur scherzen und spielen, gebührt es sich, den Segen unserer Zeit zu preisen — sonst wären wir des friedlichen Wohlstands, das wir genießen, nicht wert." Duftblümchen fand das einleuchtend; beide hielten es für passend und angemessen. Schatzjade nannte sie von nun an „Yelü Xiongnü".
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In beiden Jia-Palästen gab es nämlich tatsächlich Nachfahren von Kriegsgefangenen früherer Generationen, die man als Sklaven erhalten hatte — allerdings wurden sie nur zum Pferdehüten eingesetzt und galten als unbrauchbar für höhere Dienste. Xiangfluss-Wolke, die von jeher ausgelassen und übermütig war, liebte Verkleidungen als Mann über alles und band sich ständig Paradegürtel um und trug Faltenärmel. Als sie sah, wie Schatzjade Duftblümchen als Jungen verkleidet hatte, verkleidete sie ihrerseits Kuiguan ebenfalls als kleinen Burschen. Kuiguan trug gewöhnlich kurz geschorenes Haar, was für Bühnenschminke bequem war, und hatte flinke Hände und Füße — das Umkleiden war leichter. Seidenweiß Pflaume und Erkundefrühling fanden das allerliebst und ließen nun auch Kostbarzither Schnees Douguan als kleinen Pagen verkleiden: auf dem Kopf zwei Haarknoten, ein kurzes Jäckchen, rote Schuhe — nur die Gesichtsbemalung fehlte; sonst sah sie genauso aus wie ein Musikknabe auf der Bühne. Xiangfluss-Wolke taufte Kuiguan um und nannte ihn „Da Ying" <ref>‚Großer Held'</ref>. Da sein Familienname Wei war, nannte sie ihn „Wei Daying", was ihrem heimlichen Motto entsprach: „Nur ein wahrer Held zeigt seine wahre Natur" <ref>ein bekanntes Zitat</ref> — wozu sich also Schminke auftragen, wenn man ein Mann sein will? Douguan war von Statur und Alter die Kleinste und außerdem äußerst pfiffig — daher der Name „Douguan" (Bohnenbeamtin). Im Garten nannten manche sie „A-Dou", andere „Bratbohne". Kostbarzither Schnee dagegen fand, dass Namen wie „Musikknabe" oder „Buchknabe" zu abgedroschen seien, und meinte, „Dou" (Bohne) sei origineller. Also nannte sie sie „Doutong" (Bohnenknabe).
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Nach dem Mittagessen gab Friedchen ihr Gegenessen. Da es im Hongxiangpu zu heiß war, ließ sie im Yuyintang <ref>‚Halle des Ulmenbaum-Schattens'</ref> einige Tische mit frischem Wein und köstlichen Speisen aufstellen. Erfreulicherweise kam Dame Sonders noch mit ihren beiden Konkubinen Peifeng und Xieyuan <ref>die zwei jungen Frauen des Herrlichkeit Kaufmann</ref>. Diese beiden waren ebenfalls junge, hübsche Mädchen, die selten herüberkamen. Da sie nun in den Garten eintraten und Xiangfluss-Wolke, Duftkastanie, Duftblümchen, Ruiguan und all die anderen jungen Frauen trafen, bewies sich das Sprichwort „Gleich und gleich gesellt sich gern": Sie plauderten und lachten ohne Ende, kümmerten sich nicht um Dame Sonders und überließen sie den Zofen. Zusammen besichtigten sie alles. Als sie zum Yihongyuan kamen und plötzlich hörten, wie Schatzjade „Yelü Xiongnü!" rief, lachten Peifeng, Xieyuan und Duftkastanie alle drei zusammen, fragten, was das bedeute, und versuchten dann selbst, den Namen auszusprechen — versprachen sich in der Aussprache, vergaßen die Zeichen, bis eine schließlich „Wilder Esel" herausbrachte. Alle im Garten, die es hörten, bogen sich vor Lachen. Schatzjade sah, dass alle sich lustig machten, und fürchtete, Duftblümchen könnte damit gedemütigt werden. Eilig sagte er: „Im Westen, in Frankreich <ref>福朗思牙 = France</ref>, soll es goldgeflecktes Kristallglas geben; in der Landessprache heißt es ‚Wendulinà'. Wenn ich dich mit diesem Stein vergleiche und dich ‚Wendulinà' nenne — wäre das nicht hübsch?" Duftblümchen freute sich noch mehr und sagte: „Ja, das ist es!" Also wurde dieser Name verwendet. Da alle ihn schwer aussprechbar fanden, übersetzten sie ihn ins Chinesische und nannten sie einfach „Boli" (Kristallglas).
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Die weiteren Plaudereien seien hier übergangen. An jenem Tag vergnügten sich alle unter dem Vorwand des Weintrinkens im Yuyintang, ließen die Geschichtenerzählerinnen die Trommel schlagen, und Friedchen pflückte einen Päonienblütenzweig, den etwa zwanzig Personen im Kreis herumgaben — ein „Blumenspiel mit Trommeln", sehr vergnüglich. Da meldete jemand: „Zwei Frauen aus der Familie Echt bringen Geschenke." Erkundefrühling, Seidenweiß Pflaume und Dame Sonders gingen zu dritt in den Empfangssaal, um sie zu treffen. Hier zerstreuten sich die anderen einstweilen. Peifeng und Xieyuan gingen zum Schaukeln. Schatzjade sagte: „Steigt hinauf, ich schubse euch!" Erschrocken sagte Peifeng: „Lass das — mach uns keinen Ärger! Ruf lieber den ‚Wilden Esel', damit der uns anschubst!" Schatzjade lachte eilig: „Gute Schwesterchen, hört auf damit! Sonst lernen alle Leute das nach und schimpfen sie so!" Xieyuan sagte: „Ich bin schon ganz weich vor Lachen — wie soll ich da schaukeln? Wenn ich herunterfalle, platzen mir die Innereien heraus!" Peifeng versetzte ihr einen Klaps.
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Mitten im ausgelassenen Spiel kamen plötzlich einige Leute aus dem Östlichen Palais herbeigerannt und riefen ganz aufgeregt: „Der alte Herr ist gen Himmel gefahren!" <ref>Andacht Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmanns Vater, der sich im daoistischen Kloster Xuanzhen dem Streben nach Unsterblichkeit widmete.</ref> Alle erschraken: „Er war doch ganz gesund und hatte keine Krankheit — wie kann er plötzlich tot sein?" Die Dienstleute sagten: „Der alte Herr hat Tag für Tag praktiziert — gewiss hat er seine Verdienste vollendet und ist als Unsterblicher aufgefahren." Als Dame Sonders das hörte und sah, dass weder Herrlichkeit Kaufmann noch sein Sohn noch Kette Kaufmann zu Hause waren — es gab im Augenblick keinen Mann, der die Angelegenheiten regeln konnte —, geriet sie in Aufregung. Sie legte eilig ihren Schmuck ab, befahl, alle daoistischen Mönche im Xuanzhen-Kloster einzusperren, bis der Erste Herr heimkäme, um sie zu verhören, und fuhr dann hastig im Wagen, begleitet von Lai Sheng und einer Schar Bediensteter, aus der Stadt zum Tempel. Auch ließ sie Ärzte kommen, um festzustellen, woran Andacht Kaufmann eigentlich gestorben war. Die Ärzte sahen, dass der Mann bereits tot war — wo hätte man da noch den Puls fühlen sollen? Sie wussten, dass Andacht Kaufmanns Methoden der Atemführung allesamt hohle Phantastereien gewesen waren; obendrein hatte er Sterne angebetet, den Gengsheng-Fastentag<ref>Chin. 守庚申 shǒu gēngshēn — eine daoistische Praxis, bei der man an bestimmten Tagen des Sechziger-Zyklus die ganze Nacht wach bleibt, um die „drei Würmer“ (三尸) im Körper daran zu hindern, dem Himmelskaiser die Sünden des Betreffenden zu melden.</ref> gehalten und Zinnober geschluckt<ref>Die Einnahme von Goldelixieren und Zinnoberpillen (吞金服砂) war eine verbreitete Praxis daoistischer Alchemie, die Unsterblichkeit versprach, jedoch häufig zu Quecksilbervergiftung und Tod führte.</ref> — lauter nutzloses Treiben, das den Geist überanstrengte und letztlich das Leben kostete. Obwohl er nun tot war, war sein Bauch hart wie Eisen, und Gesichtshaut und Lippen waren purpurn verbrannt und aufgerissen. Die Ärzte berichteten: „Er ist an den Praktiken der daoistischen Lehre gestorben — er hat Gold geschluckt und Zinnober eingenommen, bis sein Leib anschwoll und er verstarb." Die Mönche sagten erschrocken: „Der Herr hat eine eigens neu hergestellte geheime Zinnoberpille genommen. Wir Mönche haben ihn gewarnt, die Verdienste seien noch nicht weit genug gediehen und er dürfe sie noch nicht nehmen. Aber der Herr hat sie in dieser Nacht während der Gengsheng-Meditation heimlich eingenommen und ist daraufhin zum Unsterblichen geworden. Dies geschah gewiss aus aufrichtiger Hingabe — er hat das Meer des Leidens verlassen, seine sterbliche Hülle abgeworfen und ist seiner Bestimmung gefolgt." Dame Sonders hörte gar nicht hin, befahl nur, sie einzusperren, bis Herrlichkeit Kaufmann käme, und schickte einen Eilboten zu Pferde. Da der Tempel zu eng war, um den Leichnam aufzubahren, und man ihn ohnehin nicht in die Stadt bringen konnte, wurde der Leichnam eilig hergerichtet, in einer Sänfte zum Eiserne-Schwelle-Kloster <ref>dem Familientempel der Jia</ref> gebracht und dort aufgebahrt. Selbst bei schnellster Berechnung würde Herrlichkeit Kaufmann frühestens in einem halben Monat eintreffen können. Bei der Sommerhitze war weiteres Warten unmöglich; also übernahm Dame Sonders die Leitung, ließ von einem Astrologen einen Termin für die Einsargung bestimmen, der glücklicherweise schon vor Jahren angefertigte Sarg stand bereit im Tempel. Am dritten Tag eröffnete man die Trauerbräuche und begann die Totenzeremonien. Gleichzeitig ließ man daoistische Rituale abhalten, bis Herrlichkeit Kaufmann eintraf.
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Im Rongfu konnte Phönixglanz nicht herauskommen; Seidenweiß Pflaume kümmerte sich um die jungen Schwestern; Schatzjade verstand nichts von solchen Dingen. So mussten die Außenangelegenheiten vorläufig einigen Verwaltern zweiter Ordnung anvertraut werden: Jia Jun, Jia Guang, Jia Heng, Jia Ying, Jia Chang und Jia Ling übernahmen verschiedene Aufgaben. Da Dame Sonders nicht nach Hause zurückkehren konnte, holte sie ihre Stiefmutter in den Ningfu, um auf das Haus aufzupassen. Die Stiefmutter brachte notgedrungen ihre beiden unverheirateten Töchter mit, denn nur so konnte sie beruhigt sein.
  
Nebenfrau Yü0
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Als Herrlichkeit Kaufmann von der Nachricht erfuhr, bat er sofort um Urlaub. Er und Hibiskus Kaufmann [贾蓉] hatten beide offizielle Ämter. Das Ritenministerium sah, dass der heutige Herrscher die kindliche Pietät besonders hoch achtete, und wagte nicht eigenmächtig zu entscheiden, sondern reichte ein Gesuch ein. Der Himmelssohn war von außerordentlicher Menschlichkeit und kindlicher Pietät und ehrte zudem die Nachkommen verdienter Minister. Als er das Gesuch sah, erkundigte er sich sogleich nach Andacht Kaufmanns Rang. Das Ritenministerium berichtete: „Er war als Jinshi <ref>erfolgreicher Kandidat der höchsten Beamtenprüfung</ref> berufen; sein vererbter Rang wurde bereits seinem Sohn Herrlichkeit Kaufmann übertragen. Da Andacht Kaufmann in vorgerücktem Alter und bei schwacher Gesundheit war, pflegte er seine Ruhe außerhalb der Hauptstadt im Xuanzhen-Kloster. Nun ist er dort an seiner Krankheit verstorben. Sein Sohn Zhen und sein Enkel Rong befinden sich derzeit wegen der Staatstrauer im Gefolge des Kaisers; daher bitten sie um Urlaub zur Beisetzung." Der Himmelssohn ordnete daraufhin einen besonderen Gnadenerlass an: „Obwohl Andacht Kaufmann als gewöhnlicher Privatmann keine Verdienste um den Staat erworben hat, soll ihm in Anbetracht der Verdienste seiner Vorfahren posthum der Rang der fünften Stufe verliehen werden. Sein Sohn und Enkel dürfen den Sarg durch das Nördliche Abwärtstor in die Hauptstadt bringen und in seiner Privatresidenz bestatten. Nach vollständiger Durchführung der Trauerrituale dürfen sie den Sarg in die Heimat zurückführen. Das Amt für Kaiserliche Opfer soll gemäß dem Hofprotokoll ein Opfer darbringen. Alle Beamten vom Rang eines Fürsten abwärts dürfen ihre Beileidsbesuche abstatten. So sei es befohlen." Nach diesem Erlass dankten nicht nur die Mitglieder der Kaufmann-Familie, sondern alle Beamten bei Hofe priesen den Kaiser ohne Ende.
Nächtliches Pferdegewieher zerreißt das Herz,
 
als die Abschiedsklage einander sie singen.
 
Die Verräter erwartet ein gräßlicher Tod,
 
wieviel ruhmvoller starb sie von eigener Hand!
 
  
Haremsdame Ming0
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Herrlichkeit Kaufmann und sein Sohn ritten Tag und Nacht. Auf halbem Wege kamen ihnen Jia Jun und Jia Guang mit Hausbediensteten zu Pferde entgegen. Als sie Herrlichkeit Kaufmann erblickten, sprangen sie aus dem Sattel und begrüßten ihn. Herrlichkeit Kaufmann fragte eilig: „Was gibt es?" Jia Jun antwortete: „Die Schwägerin befürchtete, Ihr und der Neffe kämet allein, und die Alte Herrin hätte auf der Reise niemanden bei sich, deshalb hat sie uns beide geschickt, um die Alte Herrin zu geleiten." Herrlichkeit Kaufmann hörte das und lobte ohne Ende. Er fragte, wie zu Hause alles geregelt worden sei. Jia Jun und die anderen berichteten alles der Reihe nach: wie sie die Mönche festgenommen, den Leichnam zum Familientempel gebracht, und — weil niemand zu Hause war — die Schwiegermutter und die beiden Tanten <ref>die zwei Schwestern der Dame Sonders, die später noch eine bedeutende Rolle spielen</ref> eingeladen hatten, im Hauptgebäude zu wohnen. Herrlichkeit Kaufmann war inzwischen auch abgestiegen. Als er hörte, dass die beiden Tanten gekommen waren, wechselte er mit Herrlichkeit Kaufmann einen vielsagenden Blick und grinste. Herrlichkeit Kaufmann rief eilig mehrmals: „Ausgezeichnet!", gab seinem Pferd die Sporen und ritt weiter, ohne irgendwo einzukehren. Die ganze Nacht hindurch wechselten sie die Pferde und galoppierten. An einem Tag erreichten sie die Hauptstadt und ritten geradewegs zum Eiserne-Schwelle-Kloster. Es war bereits die vierte Nachtwache; die Wachleute, als sie die Nachricht hörten, weckten eilig alle. Herrlichkeit Kaufmann stieg vom Pferd, und er und Herrlichkeit Kaufmann brachen in lautes Weinen aus. Vom großen Tor aus krochen sie auf Knien hinein, warfen sich vor dem Sarg nieder und wehklagten blutige Tränen, bis es hell wurde und ihre Stimmen heiser waren. Dame Sonders und alle anderen kamen zur Begrüßung. Herrlichkeit Kaufmann und sein Sohn wechselten vorschriftsmäßig die Trauerkleidung und warfen sich vor dem Sarg nieder. Doch da es unvermeidlich war, die Angelegenheiten zu regeln, konnten sie nicht blind und taub für alles sein; sie mussten ihre Trauer ein wenig zurückdrängen, um die Leute anzuweisen. Herrlichkeit Kaufmann erzählte den versammelten Verwandten und Freunden vom kaiserlichen Gnadenerlass und schickte dann Herrlichkeit Kaufmann voraus nach Hause, um die Aufbahrung vorzubereiten.
Die Schönste der Schönen gab der Han-Kaiser fort,
 
  
Schönheit ist, wie es heißt, stets mit Unglück gepaart.
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Herrlichkeit Kaufmann ließ sich das nicht zweimal sagen und ritt im Galopp nach Hause. Eilig ordnete er an: im Vorsaal Tische und Stühle wegräumen, Trennwände abnehmen, Trauertücher aufhängen, vor dem Tor ein Podest für die Trommler und einen Ehrenbogen aufstellen. Dann eilte er hinein, um seine Stiefgroßmutter und die beiden Tanten zu begrüßen. Die alte Dame Sonders schlief gern tagsüber wegen ihres hohen Alters und lag gewöhnlich herum; die Zweite Tante und die Dritte Tante <ref>die späteren Zweitschwester Sonders und Drittschwester Sonders</ref> saßen mit den Mädchen bei der Handarbeit. Als er kam, bekundeten alle ihr Beileid. Herrlichkeit Kaufmann aber grinste frech die Zweite Tante an und sagte: „Zweite Tante, du bist wieder da! Unser Vater hat gerade an dich gedacht." Die Zweite Tante You errötete und schimpfte: „Du Rong-Junge! Wenn ich dir ein paar Tage lang nicht den Kopf wasche, überstehst du das nicht. Du hast wirklich jeden Anstand verloren! Und das nennst sich ein Sohn aus gutem Hause, der jeden Tag Bücher liest und Manieren lernt — du bist ja nicht einmal so gesittet wie die Kinder von armen Leuten!" Damit griff sie nach einem Bügeleisen und holte zum Schlag aus. Erschrocken flüchtete Herrlichkeit Kaufmann in ihren Schoß, den Kopf schützend, und bat um Gnade. Die Dritte Tante kam herbei und kniff ihn in die Lippen, wobei sie sagte: „Warte, bis die Schwester nach Hause kommt — wir sagen es ihr!" Herrlichkeit Kaufmann kniete lachend auf dem Kang und bat um Verzeihung; die beiden lachten ebenfalls. Dann balgte sich Herrlichkeit Kaufmann noch mit der Zweiten Tante um Kardamomkörner; die Zweite Tante kaute das Fruchtfleisch und spuckte ihm den Brei ins Gesicht. Herrlichkeit Kaufmann leckte sich alles mit der Zunge ab. Die Mädchen konnten es nicht mit ansehen und sagten lachend: „Ihr tragt doch Trauerkleidung, und die alte Herrin schläft gerade! Die beiden Tanten mögen jung sein, aber sie sind doch Verwandte der Herrin — Ihr schert Euch überhaupt nicht um die Herrin! Wenn wir es dem Herrn sagen, werdet Ihr Euch warm anziehen müssen." Herrlichkeit Kaufmann ließ die Tanten los und umarmte stattdessen die Mädchen: „Mein Herzblatt, du hast völlig recht — necken wir die beiden doch!" Die Mädchen stießen ihn weg und schimpften: „Du Nichtsnutz mit deinem kurzen Leben! Du hast doch selbst Frau und Mägde — warum belästigst du uns! Die Verständigen sagen, es sei Spaß; die Unverständigen — und dann gibt es noch die Bösartigen und Klatschmäuler —, die erzählen es überall herum, und wer im Palast drüben wüsste nicht, wer redete nicht hinter vorgehaltener Hand, dass es bei uns hier drunter und drüber ginge!" Herrlichkeit Kaufmann lachte: „Jede Familie hat ihren eigenen Haushalt — wer kümmert sich um wen? Wir alle haben genug zu tun. Seit alters her — selbst in der Han- und Tang-Dynastie sagt man ‚schmutzige Tang, stinkende Han' — welche Familie hat keine Liebesaffären? Fordert mich nicht heraus, alles aufzuzählen! Sogar drüben — der Erste Herr ist so streng, und trotzdem treibt es Onkel Lian mit der jungen Konkubine! Und Tante Feng ist so unnachgiebig, aber Onkel Rui wollte trotzdem an sie heran. Was davon wüsste ich nicht!"
Wenn auch dem Herrscher seine Frauen nichts galten,
 
warum hat ein Maler zu entscheiden das Recht?
 
  
Lü-dschu0Eine Perle, behandelt wie wertloser Stein –
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Während Herrlichkeit Kaufmann noch ungehemmt plapperte, wachte seine Stiefgroßmutter auf. Er eilte, ihr seine Aufwartung zu machen und Grüße zu überbringen: „Vielen Dank, dass die Frau Großmutter sich die Mühe gemacht hat — und den beiden Tanten vielen Dank für ihre Aufopferung. Wir alle — Vater und Sohn — sind zutiefst dankbar. Sobald die Trauerfeierlichkeiten beendet sind, kommen wir mit der ganzen Familie, um Ihnen unsere Ehrerbietung zu erweisen." Die alte Dame Sonders nickte: „Mein Junge, du verstehst zu reden. Unter Verwandten versteht sich das von selbst." Dann fragte sie: „Wie geht es deinem Vater? Wann hat er die Nachricht erhalten und ist angekommen?" Herrlichkeit Kaufmann lachte: „Er ist gerade erst eingetroffen und hat mich vorausgeschickt, um nach Ihnen zu sehen. Wir bitten Sie inständig, wenigstens bis zum Ende der Feierlichkeiten zu bleiben." Dabei zwinkerte er der Zweiten Tante zu. Die Zweite Tante You zischte ihm leise und zähneknirschend zu: „Du geschwätziges Affenbalg — willst du, dass wir bleiben und deinem Vater als Mutter dienen!" Herrlichkeit Kaufmann neckte noch seine Stiefgroßmutter: „Seid unbesorgt — Vater macht sich jeden Tag Sorgen um die beiden Tanten und sucht nach zwei Bräutigamen, die angesehene Familie haben, reich und jung und hübsch sind, um die beiden Tanten standesgemäß zu verheiraten. Aber seit Jahren hat er noch keinen Passenden gefunden — erst neulich, unterwegs, hat er endlich einen ins Auge gefasst." Die alte Dame Sonders hielt das für Ernst und fragte sofort, wessen Sohn es sei. Die beiden Schwestern warfen ihre Handarbeit hin und liefen lachend hinter Herrlichkeit Kaufmann her, um ihn zu schlagen: „Mama, glaub dem Blitzschlag von einem Jungen kein Wort!" Sogar die Mädchen sagten: „Der Himmelsvater hat Augen — pass auf den Blitz auf!" Gerade kam jemand, um zu melden: „Alles ist fertig — bitte kommen der Junge Herr und kontrollieren es, damit er dem Herrn berichten kann." Damit ging Herrlichkeit Kaufmann grinsend davon.
wußte ein Schï Tschung ihre Schönheit zu schätzen?
 
Und doch war ihm gnäd‘ger das Schicksal gesinnt,
 
ein Freund hat ihn sterbend ins Jenseits begleitet.
 
  
Hung-fu0
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Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.
An kühnen Worten wie an männlicher Tat
 
hat die Schöne Li Djings wahren Wert bald erkannt.
 
Yang Su war ein lebender Leichnam dagegen,
 
wie hätt‘ er auf ewig sie festhalten können?“
 
Als Bau-yü gelesen hatte, fand er kein Ende mit seinem Lob und sagte: „Du hast gerade fünf Gedichte geschrieben, warum sollten sie zusammen nicht ‚Verse über fünf Schönheiten‘ heißen?“ Und ohne sich auf Erörterungen einzulassen, griff er zum Schreibpinsel und setzte diesen Titel daneben.
 
„Beim Dichten kommt es, egal worüber man schreibt, immer darauf an, daß man es versteht, sich von überkommenen Aussagen zu lösen“, erläuterte Bau-tschai inzwischen. „Wenn man lediglich in anderer Leute Fußtapfen tritt, kommt stets nur etwas Zweitrangiges heraus, was nicht als gute Dichtung gelten kann, egal wie geschliffen die Verse sind.
 
So hatten zum Beispiel über Wang Tjiang schon viele Dichter in der unterschiedlichsten Weise geschrieben. Die einen beklagten Wang Tjiangs Geschick, die anderen beschimpften Mau Yän-schou, und wieder andere machten dem Han-Kaiser Vorwürfe, weil er nicht tüchtige Minister, sondern schöne Frauen malen ließ. Dann aber hat Wang An-schï0 geschrieben:
 
‚Nie offenbart des Menschen Herz ein Bild,
 
zu Unrecht starb der Maler Mau Yän-schou.‘
 
Und bei Ou-yang Hsiu heißt es:
 
‚Konnt‘ er wohl fern die Barbaren zügeln,
 
wenn das unter seinen Augen geschah?‘0
 
In jedem der beiden Gedichte kommt eine eigene Anschauung der Sache zum Ausdruck, die es von denen der Vorläufer unterscheidet. Auch von den fünf Gedichten, die Kusine Lin verfaßt hat, kann man sagen, daß sie einen eigenen Sinn hineingelegt und den alten Themen ein neues Gesicht abgewonnen hat...“
 
Eben wollte sie noch weiter fortfahren, da wurde gemeldet: „Der junge Herr Liän ist zurück. Gerade hat man von draußen Bescheid gesagt, er sei schon einige Zeit drüben im anderen Anwesen. Also muß er wohl bald kommen.“
 
Sofort erhob sich Bau-yü und ging zum Haupttor, um seinen Vetter dort zu erwarten, aber da war Djia Liän schon vor dem Tor vom Pferd gestiegen und trat eben herein. Also kniete Bau-yü vor ihm nieder und fragte nach dem Befinden der Herzoginmutter und von Dame Wang, ehe er sich auch nach Djia Liäns eigenem Wohlergehen erkundigte. Dann fanden sie, Hand in Hand weitergehend, in der mittleren Halle Li Wan, Hsi-fëng, Bau-tschai, Dai-yü, Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun, die dort bereits auf Djia Liän gewartet hatten.
 
Nachdem sie einander begrüßt hatten, sagte Djia Liän: „Die alte gnädige Frau trifft morgen in aller Frühe hier ein. Sie war während der ganzen Reise wohlauf. Heute hat sie mich vorausgeschickt, damit ich hier nach dem Rechten sehe, und morgen früh in der fünften Nachtwache soll ich sie vor dem Stadttor erwarten.“
 
Anschließend stellten ihm die anderen noch ein paar Fragen über die Reise, aber weil er einen weiten Weg hinter sich hatte, verabschiedeten sie sich bald und ließen ihn in seine Räume gehen, damit er sich ausruhen konnte. Über die Ereignisse der Nacht ist nichts zu berichten.
 
Am nächsten Tag um die Essenszeit trafen die Herzoginmutter und Dame Wang wirklich ein. Nachdem sie von allen begrüßt worden waren, nahmen sie nur kurz Platz, um eine Schale Tee zu trinken, dann ließen sie sich ins Ning-guo-Anwesen führen, wo ihnen ein markerschütterndes Geheul entgegenscholl. Denn kaum hatten Djia Schë und Djia Liän die Herzoginmutter nach Hause gebracht, waren sie hinübergeeilt und traten ihr jetzt an der Spitze der weinenden Sippenangehörigen entgegen.
 
Die Arme gestützt auf Djia Schë und Djia Liän, die rechts und links von ihr gingen, trat die Herzoginmutter vor den Sarg, wo Djia Dschën und Djia Jung sie kniend erwarteten, um sich dann klagend an ihre Brust zu werfen. Als älterer Mensch war die Herzoginmutter bei dieser Szene natürlich zutiefst gerührt, und so schloß sie die beiden in die Arme und weinte ebenfalls bitterlich. Erst als Djia Schë und Djia Liän ihr beharrlich zuredeten, konnte sie sich etwas beruhigen. Dann wandte sie sich Frau You und deren Schwiegertochter zu, die rechts vom Sarg standen, und als sie einander zur Begrüßung bei den Händen hielten, war ein neuer Tränenausbruch nicht zu vermeiden. Nachdem sich die Herzoginmutter wieder gefaßt hatte, traten die übrigen Familienmitglieder heran, um ihr einer nach dem anderen den Gruß zu entbieten.
 
Da die Herzoginmutter eben erst von der Reise zurückgekommen war und sich noch nicht hatte ausruhen können, hätte es ihr schaden müssen, wenn sie hier sitzen bliebe, deshalb redete ihr Djia Dschën immer wieder zu, sich in ihre Räume zu begeben und sich auszuruhen. Als sich auch Dame Wang und die anderen dieser Bitte anschlossen, mußte die Herzoginmutter nachgeben und ging.
 
Tatsächlich zeigte sich dann, daß sie auf Grund ihres Alters den Anstrengungen der Reise und dem Kummer um den Toten nicht gewachsen war, und als es Nacht wurde, hatte sie ein benommenes Gefühl im Kopf und Schmerzen in der Brust, ihre Nase war verstopft, und ihre Stimme klang belegt. Sofort wurde ein Arzt geholt, um ihr die Pulse zu fühlen und Medizin zu verschreiben, und bis spät in die Nacht waren alle in heller Aufregung. Glücklicherweise löste sich die innere Hitze rasch wieder auf, ohne auf die Lebensbahnen überzugreifen. In der dritten Nachtwache hatte die Herzoginmutter einen leichten Schweißausbruch, ihr Puls beruhigte sich, und die Körpertemperatur sank. Jetzt erst atmeten alle wieder auf. Am nächsten Tag nahm die Herzoginmutter erneut Medizin ein und pflegte weiter der Ruhe.
 
Wenige Tage später war es soweit, daß der Sarg mit Djia Djings Leichnam ins Kloster zurückgebracht wurde. Da die Herzoginmutter noch nicht wieder völlig genesen war, behielt sie Bau-yü zu ihrer Betreuung bei sich. Auch Hsi-fëng beteiligte sich nicht am Trauerzug, weil sie sich noch nicht wieder ganz wohl fühlte. Djia Schë, Djia Liän, Dame Hsing und Dame Wang dagegen gaben dem Sarg mit zahlreichem Gefolge das Geleit bis ins Kloster Eiserne Schwelle und kehrten erst am Abend nach Hause zurück. Im Kloster mußten Djia Dschën, Frau You und Djia Jung noch weitere einhundert Tage am Sarg Wache halten, bevor er in den Heimatort der Familie übergeführt werden konnte. So lange war ihr Haushalt der Obhut der alten Frau You mit ihren Töchtern anvertraut.
 
Nun hatte Djia Liän schon lange von den beiden Schwestern You erzählen gehört und hatte stets bedauert, daß sich keine Gelegenheit ergeben wollte, sie kennenzulernen. Während jetzt Djia Djings Leichnam im Hause aufgebahrt stand, war er im täglichen Umgang mit den beiden vertraut geworden, und wie nicht anders zu erwarten, lechzte er nun nach ihnen. Zumal er wußte, daß Vater und Sohn Djia Dschën und Djia Jung im Verdacht standen, sich wie die wilden Hirsche ein und dasselbe Weibchen zu teilen, nahm er jede Gelegenheit wahr, um den beiden Schwestern den Hof zu machen und ihnen mit Augen und Brauen seine Gefühle zu offenbaren.
 
Und während die dritte Schwester You ihn mit Gleichmut behandelte, legte die zweite Schwester größtes Interesse an den Tag. Nur weil stets zu viele Beobachter anwesend waren, hatten sie noch nicht zur Tat schreiten können. Außerdem hegte Djia Liän die Befürchtung, Djia Dschën könnte eifersüchtig sein, und auch das hatte ihn vor leichtfertigen Handlungen zurückgehalten. So hatten sich die beiden mit einer stillschweigenden Übereinkunft begnügen müssen.
 
Nachdem jetzt der Sarg ins Kloster übergeführt worden war, befanden sich nur noch wenige Menschen in Djia Dschëns Wohnräumen. Denn bis auf einige Sklavenmädchen und
 
-frauen, die hiergeblieben waren, um die gröberen Arbeiten für die alte Frau You und ihre beiden Töchter zu verrichten, waren alle Sklavinnen und Nebenfrauen mit im Kloster. Die Diener und Sklavenfrauen im äußeren Breich gingen bei Nacht ihre Runden, am Tage hüteten sie die Tore, und ohne besonderen Grund kamen sie nicht ins Haus.
 
Diese Umstände gedachte Djia Liän auszunutzen, um endlich zum Zuge zu kommen. Unter dem Vorwand, Djia Dschën Gesellschaft zu leisten, pflegte er mit im Kloster zu übernachten, am Tage aber ritt er häufig ins Ning-guo-Anwesen, wobei er vorgab, häusliche Angelegenheiten für Djia Dschën zu besorgen, während er in Wirklichkeit darauf aus war, die zweite Schwester You zu verführen.
 
Eines Tages kam Yü Lu, einer der jüngeren Verwalter, mit der Meldung zu Djia Dschën: „Die Kosten für Behelfsbauten, Trauerstoffe und Sargträgeruniformen betragen zusammen eintausendeinhundertundzehn Liang Silber, davon sind erst fünfhundert Liang bezahlt, die restlichen sechshundertundzehn sind wir noch schuldig. Gestern haben uns zwei von den Händlern mahnen lassen, darum möchte ich Euch um Weisungen bitten.“
 
„Also laß dir das Silber von den Kassenverwaltern geben, und damit ist doch die Sache erledigt“, sagte Djia Dschën. „Warum mußt du mir das melden kommen?“
 
„Gestern war ich schon deswegen in der Kasse, aber seitdem sich der alte gnädige Herr auf die ewige Reise begeben hat, ist sehr viel Silber verbraucht worden, und von dem, was noch da ist, müssen das hunderttägige Totenritual und die Kosten, die hier im Kloster entstehen, bezahlt werden“, gab Yü Lu Auskunft. „Deshalb konnte ich nichts bekommen, und so bin ich nun hier, um Euch davon Meldung zu machen, Herr. Entweder Ihr verauslagt das Geld einstweilen aus Eurer Privatkasse, oder es wird irgendwo geborgt. Darüber bitte ich um Weisung, damit ich entsprechend handeln kann.“
 
„Du glaubst wohl, es sei noch wie früher, als das Silber ungenutzt bei uns herumlag?“ fragte Djia Dschën lächelnd. „Also borge die Summe irgendwo und bezahle die Rechnungen!“
 
Ebenfalls lächelnd, erwiderte Yü Lu: „Ein- oder zweihundert könnte ich allenfalls borgen, aber wie soll ich so schnell zu fünf- oder sechshundert Liang Silber kommen?“
 
Djia Dschën dachte nach, dann befahl er Djia Jung: „Geh und frag deine Mutter, ob die fünfhundert Liang Silber, die wir nach der Sargüberführung von den Dschëns im Süden für Opfergaben bekommen haben, schon an die Kasse übergeben worden sind. Wenn nicht, laß sie dir geben und händige sie ihm aus!“
 
„Jawohl!“ sagte Djia Jung, ging hinüber und übermittelte Frau You die Bestellung. Als er wiederkam, berichtete er: „Zweihundert Liang von dem Silber sind schon verbraucht, mit den restlichen dreihundert ist ein Bote in die Stadt geschickt worden, um sie der Großmutter in Verwahrung zu geben.“
 
„Dann reitest du mit Yü Lu in die Stadt, bittest Großmutter um das Silber und gibst es ihm!“ entschied Djia Dschën. „Außerdem schaust du nach, ob zu Hause alles in Ordnung ist, und fragst die beiden Tanten, wie es ihnen geht. Die fehlende Summe wird Yü Lu erst einmal borgen!“
 
Djia Jung und Yü Lu sagten jawohl und wollten eben gehen, als Djia Liän zur Tür hereinkam. Sofort trat Yü Lu vor ihn hin, um seinen Gruß zu entbieten, und Djia Liän erkundigte sich, was es gebe.
 
Als Djia Dschën ihm die Sache in allen Einzelheiten erzählt hatte, dachte sich Djia Liän: „Das wäre eine Möglichkeit, um ins Ning-guo-Anwesen zur zweiten Schwester You zu kommen!“ Also sagte er: „Was ist das schon für eine schwerwiegende Angelegenheit?! Warum soll er bei Fremden borgen? Neulich erst erhielt ich eine Summe Silber, die ich noch nicht wieder ausgegeben habe. Darum ist es das beste, wenn ich den Fehlbetrag auslege, das vereinfacht die Sache!“
 
„Ausgezeichnet!“ freute sich Djia Dschën, „also gib deine Anweisung, dann kann Jung sich auch dieses Silber geben lassen!“
 
„Das Silber muß ich selber holen“, erklärte Djia Liän rasch. „Außerdem war ich schon einige Tage nicht zu Hause und möchte der alten gnädigen Frau, dem gnädigen Herrn und den gnädigen Frauen meinen Gruß entbieten. Auch drüben bei dir wollte ich nachsehen, ob irgend etwas vorgefallen ist, und gleichzeitig der alten Dame meinen Respekt erweisen.“
 
„Darf ich dich denn so sehr in Anspruch nehmen?“ sagte Djia Dschën lächelnd. „Ich mache mir wirklich schon Vorwürfe deswegen.“
 
„Aber woher denn?“ beruhigte ihn Djia Liän. „Schließlich sind wir Vettern!“
 
„Also reite mit deinem Onkel!“ wandte sich Djia Dschën nun an Djia Jung. „Und geh auch hinüber ins andere Anwesen, um der alten gnädigen Frau, dem gnädigen Herrn und den gnädigen Frauen deinen Gruß zu entbieten. Sag ihnen, wir ließen sie grüßen, und erkundige dich, ob die alte gnädige Frau wieder gesund ist oder noch Medizin einnehmen muß!“
 
Djia Jung versprach, alles Punkt für Punkt zu erledigen, dann folgte er Djia Liän hinaus. In Begleitung einiger Sklavenjungen bestiegen sie ihre Pferde und ritten gemeinsam zur Stadt. Während des müßigen Gesprächs, das sich dabei zwischen Onkel und Neffen entspann, ließ Djia Liän es sich angelegen sein, die Sprache auf die zweite Schwester You zu bringen, und lobte in den höchsten Tönen, wie schön und wie gütig sie sei, wie elegant ihr Benehmen und wie angenehm ihre Redeweise, kurzum, es gebe nichts an ihr, was einem nicht Verehrung und Liebe abnötigte. „Alle Leute loben nur meine Frau, aber ich finde, dieser Tante von dir kann sie nicht das Wasser reichen“, begeisterte er sich.
 
Djia Jung konnte sich denken, worauf er hinauswollte, und so sagte er lächelnd: „Wenn Ihr sie so sehr mögt, Onkel, dann will ich Euer Vermittler sein, und Ihr macht sie zu Eurer Nebenfrau. Wie wäre das?“
 
Ebenfalls lächelnd, fragte Djia Liän zurück: „Ist das ein Scherz von dir, oder meinst du es ernst?“
 
„Es ist mein Ernst!“ bekräftigte Djia Jung.
 
„Die Sache wäre natürlich sehr schön“, nahm Djia Liän wieder das Wort. „Ich fürchte nur, meine Frau wird nicht einverstanden sein, und deine Großmutter wird es wohl auch nicht wollen. Außerdem habe ich gehört, deine Tante sei bereits verlobt.“
 
„Das macht nichts!“ versicherte Djia Jung lächelnd. „Die beiden Tanten sind keine Töchter meines Großvaters, sondern wurden von meiner Großmutter mit in die Ehe gebracht. Wie ich hörte, hat meine Großmutter die Tante schon vor ihrer Geburt mit dem Sohn eines gewissen Dschang verlobt, der kaiserlicher Gutsverwalter war. Später sind die Dschangs durch einen Rechtsstreit in Armut geraten, meine Großmutter aber hat sich wieder verheiratet. Seit mehr als zehn Jahren hat sie keinen Kontakt mehr zu den Dschangs. Sie hat schon oft geklagt, sie wolle die Verlobung rückgängig machen, und auch mein Vater möchte die Tante gern anderweitig verloben, wenn er erst einmal einen guten Partner für sie gefunden hat. Man muß nur die Dschangs suchen lassen, um ihnen zehn, zwölf Liang Silber in die Hand zu drücken, damit sie eine Verzichtserklärung schreiben.
 
Was sollten sie angesichts des Silbers schon für Einwände haben, arm, wie sie sind! Außerdem wissen sie genau, daß es für eine Familie wie die unsere nichts bedeuten würde, wenn sie Einwände machten. Wenn jemand wie Ihr meine Tante zur Nebenfrau nehmen will, garantiere ich, daß meine Großmutter und mein Vater einverstanden sind. Schwierig wird es nur mit Eurer Frau.“
 
Als Djia Liän das hörte, blühten in seinem Herzen tausend Blumen auf, und anstatt etwas zu sagen, lächelte er nur töricht vor sich hin.
 
Nach einigem Nachdenken fing Djia Jung mit lächelnder Miene erneut an: „Wenn Ihr den Mut dazu habt und Euch an meinen Plan haltet, gibt es nichts, was die Sache verhindern könnte. Es kostet nur einfach ein bißchen mehr.“
 
„Was ist das für ein Plan?“ fragte Djia Liän begierig. „Sag ihn mir schnell! Ich will mich an alles halten.“
 
„Ihr dürft zu Hause kein Sterbenswörtchen von der Sache sagen“, instruierte ihn Djia Jung. „Und wenn ich meinem Vater davon berichtet habe und er alles mit meiner Großmutter abgesprochen hat, kauft Ihr irgendwo in der Nähe unseres Anwesens ein Haus und die nötige Einrichtung dafür und steckt zwei Dienerfamilien als Aufwartung hinein. Dann laßt Ihr einen Glückstag aussuchen, und ohne daß Menschen oder Geister auch nur das mindeste davon merken, zieht Ihr mit meiner Tante dort ein. Dem Gesinde wird eingeschärft, daß kein Wort darüber durchsickern darf, und da Eure Frau in der Tiefe des Anwesens wohnt, wird sie nichts davon erfahren. Ihr aber wohnt an zwei Stellen zugleich.
 
Wenn die Sache dann vielleicht nach einem Jahr oder einem halben bekannt wird, bringt sie Euch nicht mehr als eine Portion Schelte von Eurem Vater ein, und Ihr könnt einfach sagen, da Eure Frau Euch keinen Sohn geboren habe, hättet Ihr um der männlichen Nachkommenschaft willen die Sache heimlich in die Wege geleitet. Wenn Eure Frau sieht, daß Ihr vollendete Tatsachen geschaffen habt, wird sie sich damit abfinden müssen. Und wenn Ihr dann noch die alte gnädige Frau schön bittet, ist alles wieder im Lot.“
 
Von alters her heißt es „Begierde trübt den Verstand.“ So zählte jetzt auch für Djia Liän nur das Verlangen nach den Reizen der zweiten Schwester You, und Djia Jungs Gerede schien ihm ein unfehlbarer Plan zu sein. Daß die Familie in Trauer war, daß man nicht hinter dem Rücken der Hauptfrau eine Nebenfrau nehmen kann, daß er einen strengen Vater und eine eifersüchtige Gattin hatte – alle diese Hinderungsgründe ließ er außer acht.
 
Er ahnte auch nicht, daß Djia Jung keineswegs in guter Absicht handelte. Dieser hatte ja selbst ein Auge auf seine beiden Stieftanten geworfen. Da er jedoch unter Djia Dschëns Aufsicht nicht auf seine Kosten kam, sagte er sich, daß es dann, wenn Djia Liän eine der beiden heiratete und außerhalb mit ihr wohnte, auch nicht an Gelegenheiten mangeln könnte, in Djia Liäns Abwesenheit dort herumzuspuken.
 
Auf diesen Gedanken konnte Djia Liän freilich nicht kommen, und so bedankte er sich bei Djia Jung und versprach ihm: „Wenn du die Sache wirklich zuwege bringst, mein lieber Neffe, dann kaufe ich auch zwei bildhübsche Sklavenmädchen und schenke sie dir zur Belohnung.“
 
Bei diesen Worten waren sie am Tor des Ning-guo-Anwesens angekommen, und Djia Jung sagte: „Geht Ihr hinein, Onkel, und laßt Euch von meiner Großmutter das Silber geben, das Yü Lu bekommen soll! Ich will zuerst drüben die alte gnädige Frau begrüßen.“
 
Lächelnd nickte Djia Liän und bat: „Sag vor der alten gnädigen Frau nichts davon, daß ich mit dir zusammen gekommen bin!“
 
„Ich verstehe!“ sagte Djia Jung, dann flüsterte er Djia Liän ins Ohr: „Falls Ihr meine Tante heute seht, dürft Ihr nichts überstürzen. Wenn jetzt Aufsehen erregt wird, ist es nachher schwer wiedergutzumachen.“
 
„Red keinen Stuß und beeil dich lieber! Ich warte hier auf dich“, sagte Djia Liän lachend, und Djia Jung ritt zum Jung-guo-Anwesen weiter, um dort der Herzoginmutter seinen Gruß zu entbieten.
 
Währenddessen betrat Djia Liän das Ning-guo-Anwesen, wo ihn sofort einer der für das Gesinde zuständigen Aufseher mit seinen Untergebenen begrüßte und dann in die Halle geleitete. Um der Pflicht zu genügen, stellte Djia Liän einige Fragen, dann schickte er die Leute fort und ging allein in den inneren Wohnbezirk weiter. Für ihn als Vetter und engen Vertrauten von Djia Dschën galten hier keine Tabus, und so brauchte er nicht zu warten, bis man ihn angemeldet hatte. Als er vor der Haupthalle der Wohngebäude stand, schlugen die alten Sklavinnen, die im Säulengang Dienst taten, sofort den Türvorhang für ihn auf und ließen ihn eintreten.
 
Drinnen erblickte Djia Liän die zweite Schwester You, die in Gesellschaft zweier Sklavenmädchen auf dem Ofenbett an der Südseite saß und mit einer Nadelarbeit beschäftigt war. Weder die alte Frau You noch die dritte Schwester You waren zu sehen.
 
Als Djia Liän rasch nähertrat und die zweite Schwester You begrüßte, lud sie ihn lächelnd ein, Platz zu nehmen, und rückte selbst an die hölzerne Trennwand auf der Ostseite. Djia Liän aber bestand darauf, ihr den Ehrenplatz in der Mitte zu überlassen. Nachdem sie ein paar Begrüßungsfloskeln gewechselt hatten, erkundigte sich Djia Liän: „Wo sind denn Eure Mutter und Eure Schwester? Warum sind sie nicht zu sehen?“
 
„Sie sind nach hinten gegangen, um etwas zu erledigen, und werden gleich wieder da sein“, gab die zweite Schwester You lächelnd Auskunft.
 
Da die beiden Sklavenmädchen hinausgegangen waren, um Tee einzugießen, sah Djia Liän der zweiten Schwester You lächelnd in die Augen. Sie aber ging nicht darauf ein und senkte lächelnd den Blick. Also wagte Djia Liän es nicht, sich mit Handgreiflichkeiten zu übereilen. Da er aber sah, daß die zweite Schwester You an ihrem Taschentuch nestelte, an das sie ein kleines Täschchen gebunden hatte, griff er mit betonter Auffälligkeit nach seinem Gürtel und sagte dann: „Habe ich doch mein Beteltäschchen vergessen! Würdet Ihr mir wohl eine Betelnuß schenken?“
 
„Betelnüsse habe ich wohl, aber verschenken tue ich sie nie“, erwiderte die zweite Schwester You.
 
Lächelnd wollte sich Djia Liän ihr nähern, um ihr das Täschchen wegzunehmen, aber weil das einen schlechten Eindruck machen mußte, falls jemand dazukam, warf die zweite Schwester You ihr Taschentuch mit dem Täschchen daran rasch zu ihm hinüber, wobei sie ebenfalls lächelte.
 
Djia Liän fing das Täschchen auf, schüttete alle Betelnüsse aus, suchte sich eine angekaute darunter heraus und schob sie in den Mund. Dann sammelte er den Rest wieder ein und wollte aufstehen, um der zweiten Schwester You das Täschchen in die Hand zu geben. Aber da kamen eben die Sklavenmädchen wieder herein und brachten den Tee. Also nahm Djia Liän sein Schälchen entgegen und trank.
 
Zugleich löste er heimlich einen aus der Han-Zeit stammenden mit neun Drachen verzierten Jadeanhänger von seinem Gürtel, band ihn an das Taschentuch und warf das Ganze zur zweiten Schwester You hinüber, als die Sklavenmädchen eben einmal nicht hinsahen. Aber die zweite Schwester You hob das Taschentuch nicht auf, tat ganz so, als ob sie nichts bemerkt hätte, und trank ihren Tee. Da klapperte der Vorhang an der Hintertür, und herein traten die alte Frau You mit ihrer Tochter und zwei kleineren Sklavenmädchen. Rasch bedeutete Djia Liän der zweiten Schwester You mit den Augen, sie solle das Taschentuch an sich nehmen, aber sie reagierte nicht darauf.
 
Djia Liän wußte nicht, was er davon halten sollte, und geriet in beträchtliche Verwirrung, aber er hatte keine andere Wahl, als der alten Frau You und der dritten Schwester You entgegenzugehen, um sie zu begrüßen. Als er sich wieder umwandte und nach der zweiten Schwester You sah, lächelte sie, als ob überhaupt nichts gewesen wäre, und bei näherem Hinsehen stellte er fest, daß das Taschentuch verschwunden war. Nun erst fühlte er sich beruhigt.
 
Dann setzten sich alle hin, um zu plaudern, und Djia Liän berichtete: „Wie die Schwägerin sagte, hat sie Euch neulich ein Paket mit Silber zur Aufbewahrung geschickt, das soll ich mir jetzt auf Geheiß von Vetter Dschën geben lassen, weil Schulden zu bezahlen sind. Außerdem sollte ich nachsehen, ob hier alles in Ordnung ist.“
 
Sofort befahl die alte Frau You ihrer älteren Tochter, sie solle den Schlüssel nehmen und das Silber holen gehen. Djia Liän aber fuhr fort: „Zugleich wollte ich Euch meinen Gruß entbieten und sehen, wie es Euren Töchtern geht. Ihr selbst scheint mir nicht schlecht auszusehen, aber Eure Töchter haben hier bei uns viel zu leiden.“
 
„Was sagt Ihr da!“ widersprach ihm die alte Frau You. „Schließlich sind wir engste Verwandte, und wir würden zu Hause nicht anders leben als hier. Um die Wahrheit zu sagen, ist unsere Familie hart dran, seitdem mein Mann nicht mehr lebt, und wir sind ganz auf die Hilfe meines Schwiegersohns angewiesen. Jetzt, wo seine Familie von einem so schwerwiegenden Ereignis betroffen ist, können wir ihm wenigstens dadurch von Nutzen sein, daß wir das Haus für ihn hüten. Von welchem Leiden kann also die Rede sein?“
 
Bei diesen Worten kam die zweite Schwester You mit dem Silber zurück und übergab es ihrer Mutter, die es an Djia Liän weiterreichte. Dann ließ Djia Liän durch eines der Sklavenmädchen eine alte Sklavin rufen und befahl ihr: „Gib das Yü Lu und sag ihm, er solle damit zu mir hinübergehen und auf mich warten!“
 
Als die alte Sklavin jawohl gesagt hatte und hinausgegangen war, ertönte Djia Jungs Stimme im Hof, und im nächsten Augenblick trat er ins Haus und begrüßte seine Stiefgroßmutter und seine beiden Stieftanten. Dann wandte er sich lächelnd an Djia Liän und sagte: „Gerade hat drüben der alte gnädige Herr nach Euch gefragt, Onkel. Er sagte, er habe einen Auftrag für Euch, und wollte schon jemand ins Kloster schicken, um Euch zu holen. Ich habe ihm gesagt, Ihr würdet gleich da sein, und da hat er mir noch aufgetragen, Euch zur Eile zu mahnen, wenn ich Euch treffe.“
 
Schon machte Djia Liän Anstalten aufzustehen, da hörte er, wie Djia Jung zur alten Frau You sagte: „Der Mann, von dem ich Euch neulich erzählte, daß mein Vater ihn für die Tante ausgesucht hat, sieht nach Gesicht und Gestalt beinahe so aus wie mein Onkel hier. Wie gefällt Euch der, alte Ahne?“ Damit machte er eine verstohlene Handbewegung in Djia Liäns Richtung und wies dann mit dem Kinn nach der zweiten Schwester You.
 
Dieser war es peinlich, etwas zu sagen, ihre Schwester jedoch schimpfte lächelnd: „Du verdorbener kleiner Affe, du! Weißt du nichts Besseres zu schwatzen? Warte, ich werde dir deinen Mund zerreißen!“ Mit diesen Worten ging sie wirklich auf ihn los, aber da war Djia Jung schon lachend hinausgelaufen.
 
Nun verabschiedete sich auch Djia Liän und ging zuerst noch einmal in die Halle, wo er das Gesinde ermahnte, keine Glücksspiele zu spielen und keinen Wein zu trinken. Dann bat er Djia Jung noch unter vier Augen, er solle sich beeilen, ins Kloster zurückzukommen, und möglichst schnell mit seinem Vater sprechen. Anschließend ritt er mit Yü Lu zum anderen Anwesen hinüber, gab ihm dort das restliche Silber und schickte ihn weg. Nachdem er zuvor noch seinen Vater aufgesucht hatte, ging er endlich der Herzoginmutter seine Aufwartung machen. Aber davon soll hier nicht die Rede sein.
 
Als sich Djia Jung davon überzeugt hatte, daß Yü Lu mit Djia Liän fortritt, um das Silber zu holen, so daß für ihn nichts zu tun blieb, kehrte er noch einmal in die inneren Gemächer zurück, um sich dort noch ein Weilchen mit seinen beiden Stieftanten zu necken, ehe er sich wieder auf den Weg machte. Als er am Abend ins Kloster kam und seinen Vater aufsuchte, berichtete er: „Yü Lu hat das Silber bekommen. Die alte gnädige Frau ist wieder gesund und braucht keine Medizin mehr zu nehmen.“ Anschließend nahm er sofort die Gelegenheit wahr, um seinem Vater zu erzählen, daß Djia Liän unterwegs den Wunsch geäußert habe, die zweite Schwester You zu seiner Nebenfrau zu machen, und daß er den Plan habe, außerhalb mit ihr zu wohnen, damit Hsi-fëng nichts davon erführe.
 
„Es geht ihm nur darum, das Ärgernis zu beheben, daß er noch keinen Sohn hat“, versicherte er. „Außerdem hat er die Tante schon gesehen, und sowieso ist es besser, jemand zu heiraten, mit dem man verschwägert ist, als jemand Fremdes, von dem man nichts weiß. Deshalb hat mich der Onkel immer wieder gebeten, mit Euch zu sprechen.“ Daß alles sein eigener Einfall gewesen war, verschwieg er geflissentlich.
 
Djia Dschën dachte nach, dann sagte er lächelnd: „Warum eigentlich nicht! Nur weiß ich nicht, ob deine Tante damit einverstanden sein wird. Also sprich morgen zuerst mit deiner Großmutter darüber und bitte sie, die Tante zu fragen, ehe wir eine Entscheidung treffen.“ Anschließend gab er Djia Jung noch einige Instruktionen, dann ging er hinüber und teilte Frau You die Neuigkeit mit.
 
Frau You war sich darüber im klaren, daß die Sache sich nicht gehöre, und riet Djia Dschën nach Kräften ab. Sein Entschluß stand jedoch bereits fest, und da es Frau You gewohnt war, sich zu fügen, und da sie und die zweite Schwester You nicht Kinder einer Mutter waren, so daß sie sich auch nicht allzusehr um sie kümmern konnte, mußte sie den Dingen ihren Lauf lassen.
 
Am nächsten Morgen ritt Djia Jung tatsächlich in aller Frühe erneut in die Stadt, suchte seine Stiefgroßmutter auf und eröffnete ihr, was sein Vater ihm aufgetragen hatte. Außerdem fügte er noch von sich aus mancherlei hinzu.
 
So erzählte er, Djia Liän sei ein herzensguter Mensch, Hsi-fëng aber sei unheilbar krank, und wenn die Tante vorläufig außerhalb wohnen würde, könnte Djia Liän sie nach einem Jahr oder einem halben, wenn Hsi-fëng erst tot sei, ins Haus nehmen und zur Hauptfrau machen. Er schilderte auch in den rosigsten Farben, wie sein Vater die Verlobung ausrichten werde und wie Djia Liän die Hochzeit gestalten wolle. „Auch Euch würde er bei sich aufnehmen und im Alter für Euch sorgen, und für die zweite Tante würde er mit der Zeit ebenfalls einen Mann suchen“, fügte er zum Schluß noch hinzu.
 
Wie hätte die alte Frau You solchen Verlockungen widerstehen können, zumal sie ganz auf Djia Dschëns Unterstützung angewiesen war und Djia Dschën die Sache in die Hand genommen hatte und die Verlobung arrangieren wollte, so daß sie selbst nicht einmal für die Aussteuer zu sorgen brauchte. Außerdem war Djia Liän ein junger Mann aus guter Familie und zehnmal besser als Dschang Hua. Also ging die alte Frau You sofort hinüber, um mit ihrer Tochter zu sprechen.
 
Die zweite Schwester You hatte einen Charakter wie Wasser, und es hatte auch schon etwas Unziemliches zwischen ihr und Djia Dschën gegeben. Daß sie seinerzeit mit Dschang Hua verlobt worden war, wodurch sie für immer auf einen richtigen Platz im Leben verzichten mußte, hatte sie stets bedauert.
 
 
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Revision as of 19:29, 28 April 2026

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中文原文 (程甲本 1982) Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026)

話說寶玉回至房中洗手,因與襲人商議:「晚間吃酒,大家取樂,不可拘泥。如今吃什麼,好早說給他們備辦去。」襲人笑道:「你放心,我和晴雯、麝月、秋紋四個人,每人五錢銀子,共是二兩。芳官、碧痕、小燕、四兒四個人,每人三錢銀子,他們有假的不算,共是三兩二錢銀子,早已交給了柳嫂子,預備四十碟果子。我和平兒說了,已經抬了一罎好紹興酒藏在那邊了。我們八個人單替你過生日。」寶玉聽了,喜的忙說:「他們是那裡的錢,不該叫他們出才是。」晴雯道: 「他們沒錢,難道我們是有錢的!這原是各人的心。那怕他偷的呢,只管領他們的情就是。」寶玉聽了,笑說:「你說的是。」襲人笑道:「你一天不挨他兩句硬話村你,你再過不去。」晴雯笑道:「你如今也學壞了,專會架橋撥火兒。」說著,大家都笑了。寶玉說:「關院門罷。」襲人笑道:「怪不得人說你是『無事忙』,這會子關了門,人倒疑惑,越性再等一等。」寶玉點頭,因說:「我出去走走,四兒舀水去,小燕一個跟我來罷。」說著,走至外邊,因見無人,便問五兒之事。小燕道:「我才告訴了柳嫂子,他倒喜歡的很。只是五兒那夜受了委屈煩惱,回家去又氣病了,那裡來得。只等好了罷。」寶玉聽了,不免後悔長嘆,因又問:「這事襲人知道不知道?」小燕道:「我沒告訴,不知芳官可說了不曾。」寶玉道:「我卻沒告訴過他,也罷,等我告訴他就是了。」說畢,復走進來,故意洗手。   已是掌燈時分,聽得院門前有一群人進來。大家隔窗悄視,果見林之孝家的和幾個管事的女人走來,前頭一人提著大燈籠。晴雯悄笑道:「他們查上夜的人來了。這一齣去,咱們好關門了。」只見怡紅院凡上夜的人都迎了出去,林之孝家的看了不少。林之孝家的吩咐:「別耍錢吃酒,放倒頭睡到大天亮。我聽見是不依的。」眾人都笑說:「那裡有那樣大膽子的人。」林之孝家的又問:「寶二爺睡下了沒有?」眾人都回不知道。襲人忙推寶玉。寶玉靸了鞋,便迎出來,笑道:「我還沒睡呢。媽媽進來歇歇。」又叫:「襲人倒茶來。」林之孝家的忙進來,笑說:「還沒睡?如今天長夜短了,該早些睡,明兒起的方早。不然到了明日起遲了,人笑話說不是個讀書上學的公子了,倒像那起挑腳漢了。」說畢,又笑。寶玉忙笑道:「媽媽說的是。我每日都睡的早,媽媽每日進來可都是我不知道的,已經睡了。今兒因吃了麫怕停住食,所以多頑一會子。」林之孝家的又向襲人等笑說:「該沏些個普洱茶吃。」襲人晴雯二人忙笑說:「沏了一盄子女兒茶,已經吃過兩碗了。大娘也嘗一碗,都是現成的。」說著,晴雯便倒了一碗來。林之孝家的又笑道:「這些時我聽見二爺嘴裡都換了字眼,趕著這幾位大姑娘們竟叫起名字來。雖然在這屋裡,到底是老太太、太太的人,還該嘴裡尊重些才是。若一時半刻偶然叫一聲使得,若只管叫起來,怕以後兄弟侄兒照樣,便惹人笑話,說這家子的人眼裡沒有長輩。」 寶玉笑道:「媽媽說的是。我原不過是一時半刻的。」襲人晴雯都笑說:「這可別委屈了他。直到如今,他可姐姐沒離了口。不過頑的時候叫一聲半聲名字,若當著人卻是和先一樣。」林之孝家的笑道:「這才好呢,這才是讀書知禮的。越自己謙越尊重,別說是三五代的陳人,現從老太太、太太屋裡撥過來的,便是老太太、太太屋裡撥過來的,便是老太太、太太屋裡的貓兒狗兒,輕易也傷他不的。這才是受過調教的公子行事。」說畢,吃了茶,便說:「請安歇罷,我們走了。」寶玉還說:「再歇歇。」那林之孝家的已帶了眾人,又查別處去了。   這裡晴雯等忙命關了門,進來笑說:「這位奶奶那裡吃了一杯來了,嘮三叨四的,又排場了我們一頓去了。」麝月笑道:「他也不是好意的,少不得也要常提著些兒。也隄防著怕走了大褶兒的意思。」說著,一面擺上酒果。襲人道:「不用圍桌,咱們把那張花梨圓炕桌子放在炕上坐,又寬綽,又便宜。」說著,大家果然抬來。麝月和四兒那邊去搬果子,用兩個大茶盤做四五次方搬運了來。兩個老婆子蹲在外面火盆上篩酒。寶玉說:「天熱,咱們都脫了大衣裳才好。」眾人笑道:「你要脫你脫,我們還要輪流安席呢。」寶玉笑道:「這一安就安到五更天了。知道我最怕這些俗套子,在外人跟前不得已的,這會子還慪我就不好了。」眾人聽了,都說:「依你。」於是先不上坐,且忙著卸妝寬衣。   一時將正裝卸去,頭上只隨便輓著□兒,身上皆是長裙短襖。寶玉只穿著大紅棉紗小襖子,下面綠綾彈墨袷褲,散著褲腳,倚著一個各色玫瑰芍藥花瓣裝的玉色夾紗新枕頭,和芳官兩個先划拳。當時芳官滿口嚷熱,只穿著一件玉色紅青酡絨三色緞子斗的水田小夾襖,束著一條柳綠汗巾,底下是水紅撒花夾褲,也散著褲腿。頭上眉額編著一圈小辮,總歸至頂心,結一根鵝卵粗細的總辮,拖在腦後。右耳眼內只塞著米粒大小的一個小玉塞子,左耳上單帶著一個白果大小的硬紅鑲金大墜子,越顯的面如滿月猶白,眼如秋水還清。引的眾人笑說:「他兩個倒像是雙生的弟兄兩個。」襲人等一一的斟了酒來,說:「且等等再划拳,雖不安席,每人在手裡吃我們一口罷了。」於是襲人為先,端在唇上吃了一口,餘依次下去,一一吃過,大家方團圓坐定。小燕四兒因炕沿坐不下,便端了兩張椅子,近炕放下。那四十個碟子,皆是一色白粉定窯的,不過只有小茶碟大,裡面不過是山南海北,中原外國,或乾或鮮,或水或陸,天下所有的酒饌果菜。寶玉因說:「咱們也該行個令才好。」襲人道:「斯文些的才好,別大呼小叫,惹人聽見。二則我們不識字,可不要那些文的。」麝月笑道:「拿骰子咱們搶紅罷。」寶玉道:「沒趣,不好。咱們占花名兒好。」晴雯笑道:「正是早已想弄這個頑意兒。」 襲人道:「這個頑意雖好,人少了沒趣。」小燕笑道:「依我說,咱們竟悄悄的把寶姑娘林姑娘請了來頑一回子,到二更天再睡不遲。」襲人道:「又開門喝戶的鬧,倘或遇見巡夜的問呢?」寶玉道:「怕什麼,咱們三姑娘也吃酒,再請他一聲才好。還有琴姑娘。」眾人都道:「琴姑娘罷了,他在大奶奶屋裡,叨登的大發了。」寶玉道:「怕什麼,你們就快請去。」小燕四兒都得不了一聲,二人忙命開了門,分頭去請。   晴雯、麝月、襲人三人又說:「他兩個去請,只怕寶林兩個不肯來,須得我們請去,死活拉他來。」於是襲人晴雯忙又命老婆子打個燈籠,二人又去。果然寶釵說夜深了,黛玉說身上不好,他二人再三央求說:「好歹給我們一點體面,略坐坐再來。」探春聽了卻也歡喜。因想:「不請李紈,倘或被他知道了倒不好。」便命翠墨同了小燕也再三的請了李紈和寶琴二人,會齊,先後都到了怡紅院中。襲人又死活拉了香菱來。炕上又並了一張桌子,方坐開了。   寶玉忙說:「林妹妹怕冷,過這邊靠板壁坐。」又拿個靠背墊著些。襲人等都端了椅子在炕沿下一陪。黛玉卻離桌遠遠的靠著靠背,因笑向寶釵、李紈、探春等道:「你們日日說人夜聚飲博,今兒我們自己也如此,以後怎麼說人。」李紈笑道:「這有何妨。一年之中不過生日節間如此,並無夜夜如此,這倒也不怕。」說著,晴雯拿了一個竹雕的簽筒來,裡面裝著象牙花名簽子,搖了一搖,放在當中。又取過骰子來,盛在盒內,搖了一搖,揭開一看,裡面是五點,數至寶釵。寶釵便笑道:「我先抓,不知抓出個什麼來。」說著,將筒搖了一搖,伸手掣出一根,大家一看,只見簽上畫著一支牡丹,題著「艷冠群芳」四字,下面又有鐫的小字一句唐詩,道是:

    任是無情也動人。

  又註著:「在席共賀一杯,此為群芳之冠,隨意命人,不拘詩詞雅謔,道一則以侑酒。」眾人看了,都笑說:「巧的很,你也原配牡丹花。」說著,大家共賀了一杯。寶釵吃過,便笑說:「芳官唱一支我們聽罷。」芳官道:「既這樣,大家吃門杯好聽的。」於是大家吃酒。芳官便唱:「壽筵開處風光好。」眾人都道:「快打回去。這會子很不用你來上壽,揀你極好的唱來。」芳官只得細細的唱了一支《賞花時》:

  翠鳳毛翎扎帚叉,閑踏天門掃落花。您看那風起玉塵沙。猛可的那一層雲下,抵多少門外即天涯。您再休要劍斬黃龍一線兒差,再休向東老貧窮賣酒家。您與俺眼向雲霞。洞賓呵,您得了人可便早些兒回話;若遲呵,錯教人留恨碧桃花。

  才罷。寶玉卻只管拿著那簽,口內顛來倒去念「任是無情也動人」,聽了這曲子,眼看著芳官不語。湘雲忙一手奪了,擲與寶釵。寶釵又擲了一個十六點,數到探春。探春笑道:「我還不知得個什麼呢。」伸手掣了一根出來,自己一瞧,便擲在地下,紅了臉,笑道:「這東西不好,不該行這令。這原是外頭男人們行的令,許多混話在上頭。」眾人不解,襲人等忙拾了起來,眾人看上面是一枝杏花,那紅字寫著「瑤池仙品」四字,詩云:

    日邊紅杏倚雲栽。

  註云:「得此簽者,必得貴婿,大家恭賀一杯,共同飲一杯。」眾人笑道:「我說是什麼呢。這簽原是閨閣中取戲的,除了這兩三根有這話的,並無雜話,這有何妨。我們家已有了個王妃,難道你也是王妃不成。大喜,大喜。」說著,大家來敬。探春那裡肯飲,卻被史湘雲、香菱、李紈等三四個人強死強活灌了下去。探春只命蠲了這個,再行別的,眾人斷不肯依。湘雲拿著他的手強擲了個十九點出來,便該李氏掣。李氏搖了一搖,掣出一根來一看,笑道:「好極。你們瞧瞧,這勞什子竟有些意思。」眾人瞧那簽上,畫著一枝老梅,是寫著「霜曉寒姿」四字,那一面舊詩是:

    竹籬茅舍自甘心。

  註云:「自飲一杯,下家擲骰。」李紈笑道:「真有趣,你們擲去罷。我只自吃一杯,不問你們的廢與興。」說著,便吃酒,將骰過與黛玉。黛玉一擲,是個十八點,便該湘雲掣。湘雲笑著,揎拳擄袖的伸手掣了一根出來。大家看時,一面畫著一枝海棠,題著「香夢沉酣」四字,那面詩道是:

    只恐夜深花睡去。

  黛玉笑道:「『夜深』兩個字,改『石涼』兩個字。」眾人便知他趣白日間湘雲醉卧的事,都笑了。湘雲笑指那自行船與黛玉看,又說:「快坐上那船家去罷,別多話了。」眾人都笑了。因看註云:「既云『香夢沉酣』,掣此簽者不便飲酒,只令上下二家各飲一杯。」湘雲拍手笑道:「阿彌陀佛,真真好簽!」恰好黛玉是上家,寶玉是下家。二人斟了兩杯只得要飲。寶玉先飲了半杯,瞅人不見,遞與芳官,端起來便一揚脖。黛玉只管和人說話,將酒全折在漱盂內了。湘雲便綽起骰子來一擲個九點,數去該麝月。麝月便掣了一根出來。大家看時,這面上一枝荼縻花,題著「韶華勝極」四字,那邊寫著一句舊詩,道是:

    開到荼縻花事了。

  註云:「在席各飲三杯送春。」麝月問怎麼講,寶玉愁眉忙將簽藏了說:「咱們且喝酒。」說著,大家吃了三口,以充三杯之數。麝月一擲個十九點,該香菱。香菱便掣了一根並蒂花,題著「聯春繞瑞」,那面寫著一句詩,道是:

    連理枝頭花正開。

  註云:「共賀掣者三杯,大家陪飲一杯。」香菱便又擲了個六點,該黛玉掣。黛玉默默的想道:「不知還有什麼好的被我掣著方好。」一面伸手取了一根,只見上面畫著一枝芙蓉,題著「風露清愁」四字,那面一句舊詩,道是:

    莫怨東風當自嗟。

  註云:「自飲一杯,牡丹陪飲一杯。」眾人笑說:「這個好極。除了他,別人不配作芙蓉。」黛玉也自笑了。於是飲了酒,便擲了個二十點,該著襲人。襲人便伸手取了一支出來,卻是一枝桃花,題著「武陵別景」四字,那一面舊詩寫著道是:

    桃紅又是一年春。

  註云:「杏花陪一盞,坐中同庚者陪一盞,同辰者陪一盞,同姓者陪一盞。」眾人笑道:「這一回熱鬧有趣。」大家算來,香菱、晴雯、寶釵三人皆與他同庚,黛玉與他同辰,只無同姓者。芳官忙道:「我也姓花,我也陪他一鍾。」於是大家斟了酒,黛玉因向探春笑道:「命中該著招貴婿的,你是杏花,快喝了,我們好喝。」探春笑道:「這是個什麼,大嫂子順手給他一下子。」李紈笑道:「人家不得貴婿反挨打,我也不忍的。」說的眾人都笑了。   襲人才要擲,只聽有人叫門。老婆子忙出去問時,原來是薛姨媽打發人來了接黛玉的。眾人因問幾更了,人回:「二更以後了,鐘打過十一下了。」寶玉猶不信,要過表來瞧了一瞧,已是子初初刻十分了。黛玉便起身說:「我可撐不住了,回去還要吃藥呢。」眾人說:「也都該散了。」襲人寶玉等還要留著眾人。李紈寶釵等都說:「夜太深了不像,這已是破格了。」襲人道:「既如此,每位再吃一杯再走。」說著,晴雯等已都斟滿了酒,每人吃了,都命點燈。襲人等直送過沁芳亭河那邊方回來。   關了門,大家復又行起令來。襲人等又用大鍾斟了幾鍾,用盤攢了各樣果菜與地下的老嬤嬤們吃。彼此有了三分酒,便猜拳贏唱小曲兒。那天已四更時分,老嬤嬤們一面明吃,一面暗偷,酒罎已罄,眾人聽了納罕,方收拾盥漱睡覺。芳官吃的兩腮胭脂一般,眉梢眼角越添了許多丰韻,身子圖不得,便睡在襲人身上,「好姐姐,心跳的很。」襲人笑道:「誰許你儘力灌起來。」小燕四兒也圖不得,早睡了。晴雯還只管叫。寶玉道:「不用叫了,咱們且胡亂歇一歇罷。」自己便枕了那紅香枕,身子一歪,便也睡著了。襲人見芳官醉的很,恐鬧他唾酒,只得輕輕起來,就將芳官扶在寶玉之側,由他睡了。自己卻在對面榻上倒下。   大家黑甜一覺,不知所之。及至天明,襲人睜眼一看,只見天色晶明,忙說:「可遲了。」向對面床上瞧了一瞧,只見芳官頭枕著炕沿上,睡猶未醒,連忙起來叫他。寶玉已翻身醒了,笑道:「可遲了!」因又推芳官起身。那芳官坐起來,猶發怔揉眼睛。襲人笑道:「不害羞,你吃醉了,怎麼也不揀地方兒亂挺下了。」芳官聽了,瞧了一瞧,方知道和寶玉同榻,忙笑的下地來,說:「我怎麼吃的不知道了。」寶玉笑道:「我竟也不知道了。若知道,給你臉上抹些黑墨。」說著,丫頭進來伺候梳洗。寶玉笑道:「昨兒有擾,今兒晚上我還席。」襲主笑道:「罷罷罷,今兒可別鬧了,再鬧就有人說話了。」寶玉道:「怕什麼,不過才兩次罷了。咱們也算是會吃酒了,那一罎子酒,怎麼就吃光了。正是有趣,偏又沒了。」襲人笑道:「原要這樣才有趣。必至興盡了,反無後味了。昨兒都好上來了,晴雯連臊也忘了,我記得他還唱了一個。」四兒笑道:「姐姐忘了,連姐姐還唱了一個呢。在席的誰沒唱過!」眾人聽了,俱紅了臉,用兩手握著笑個不住。   忽見平兒笑嘻嘻的走來,說親自來請昨日在席的人:「今兒我還東,短一個也使不得。」眾人忙讓坐吃茶。晴雯笑道:「可惜昨夜沒他。」平兒忙問:「你們夜裡做什麼來?」襲人便說:「告訴不得你。昨兒夜裡熱鬧非常,連往日老太太、太太帶著眾人頑也不及昨兒這一頑。一壇酒我們都鼓搗光了,一個個吃的把臊都丟了,三不知的又都唱起來。四更多天才橫三豎四的打了一個盹兒。」平兒笑道:「好,白和我要了酒來,也不請我,還說著給我聽,氣我。」晴雯道:「今兒他還席,必來請你的,等著罷。」平兒笑問道:「他是誰,誰是他?」晴雯聽了,趕著笑打,說道:「偏你這耳朵尖,聽得真。」平兒笑道:「這會子有事不和你說,我幹事去了。一回再打發人來請,一個不到,我是打上門來的。」寶玉等忙留,他已經去了。   這裡寶玉梳洗了正吃茶,忽然一眼看見硯臺底下壓著一張紙,因說道:「你們這隨便混壓東西也不好。」襲人晴雯等忙問:「又怎麼了,誰又有了不是了?」寶玉指道:「硯臺下是什麼?一定又是那位的樣子忘記了收的。」晴雯忙啟硯拿了出來,卻是一張字帖兒,遞與寶玉看時,原來是一張粉箋子,上面寫著「檻外人妙玉恭肅遙叩芳辰」。寶玉看畢,直跳了起來,忙問:「這是誰接了來的?也不告訴。」襲人晴雯等見了這般,不知當是那個要緊的人來的帖子,忙一齊問:「昨兒誰接下了一個帖子?」四兒忙飛跑進來,笑說:「昨兒妙玉並沒親來,只打發個媽媽送來。我就擱在那裡,誰知一頓酒就忘了。」眾人聽了,道:「我當誰的,這樣大驚小怪。這也不值的。」寶玉忙命:「快拿紙來。」當時拿了紙,研了墨,看他下著「檻外人」三字,自己竟不知回帖上回個什麼字樣才相敵。只管提筆出神,半天仍沒主意。因又想:「若問寶釵去,他必又批評怪誕,不如問黛玉去。」   想罷,袖了帖兒,徑來尋黛玉。剛過了沁芳亭,忽見岫烟顫顫巍巍的迎面走來。寶玉忙問:「姐姐那裡去?」岫烟笑道:「我找妙玉說話。」寶玉聽了詫異,說道:「他為人孤癖,不合時宜,萬人不入他目。原來他推重姐姐,竟知姐姐不是我們一流的俗人。」岫烟笑道:「他也未必真心重我,但我和他做過十年的鄰居,只一牆之隔。他在蟠香寺修煉,我家原寒素,賃的是他廟裡的房子,住了十年,無事到他廟裡去作伴。我所認的字都是承他所授。我和他又是貧賤之交,又有半師之分。因我們投親去了,聞得他因不合時宜,權勢不容,竟投到這裡來。如今又天緣湊合,我們得遇,舊情竟未易。承他青目,更勝當日。」寶玉聽了,恍如聽了焦雷一般,喜的笑道:「怪道姐姐舉止言談,超然如野鶴閑雲,原來有本而來。正因他的一件事我為難,要請教別人去。如今遇見姐姐,真是天緣巧合,求姐姐指教。」 說著,便將拜帖取與岫烟看。岫烟笑道:「他這脾氣竟不能改,竟是生成這等放誕詭僻了。從來沒見拜帖上下別號的,這可是俗語說的『僧不僧,俗不俗,女不女,男不男』,成個什麼道理。」寶玉聽說,忙笑道:「姐姐不知道,他原不在這些人中算,他原是世人意外之人。因取我是個些微有知識的,方給我這帖子。我因不知回什麼字樣才好,竟沒了主意,正要去問林妹妹,可巧遇見了姐姐。」岫烟聽了寶玉這話,且只顧用眼上下細細打量了半日,方笑道:「怪道俗語說的『聞名不如見面』,又怪不得妙玉竟下這帖子給你,又怪不得上年竟給你那些梅花。既連他這樣,少不得我告訴你原故。他常說:『古人中自漢晉五代唐宋以來皆無好詩,只有兩句好,說道:」縱有千年鐵門檻,終須一個土饅頭。「所以他自稱『檻外之人』。又常贊文是莊子的好,故又或稱為『畸人』。他若帖子上是自稱『畸人』的,你就還他個『世人』。畸人者,他自稱是畸零之人;你謙自己乃世中擾擾之人,他便喜了。如今他自稱『檻外之人』,是自謂蹈於鐵檻之外了;故你如今只下『檻內人 』,便合了他的心了。」寶玉聽了,如醍醐灌頂,噯喲了一聲,方笑道:「怪道我們家廟說是 『鐵檻寺』呢,原來有這一說。姐姐就請,讓我去寫回帖。」岫烟聽了,便自往櫳翠庵來。寶玉回房寫了帖子,上面只寫「檻內人寶玉熏沐謹拜」幾字,親自拿了到櫳翠庵,只隔門縫兒投進去便回來了。   因又見芳官梳了頭,挽起䰖來,帶了些花翠,忙命他改妝,又命將周圍的短髮剃了去,露出碧青頭皮來,當中分大頂,又說:「冬天作大貂鼠卧兔兒帶,腳上穿虎頭盤雲五彩小戰靴,或散著褲腿,只用凈襪厚底鑲鞋。」又說:「芳官之名不好,竟改了男名才別緻。」因又改作 「雄奴」。芳官十分稱心,又說:「既如此,你出門也帶我出去。有人問,只說我和茗烟一樣的小廝就是了。」寶玉笑道:「到底人看的出來。」芳官笑道:「我說你是無才的。咱家現有幾家土番,你就說我是個小土番兒。況且人人說我打聯垂好看,你想這話可妙?」寶玉聽了,喜出意外,忙笑道:「這卻很好。我亦常見官員人等多有跟從外國獻俘之種,圖其不畏風霜,鞍馬便捷。既這等,再起個番名,叫作『耶律雄奴』。『雄奴』二音,又與匈奴相通,都是犬戎名姓。況且這兩種人自堯舜時便為中華之患,晉唐諸朝,深受其害。幸得咱們有福,生在當今之世,大舜之正裔,聖虞之功德仁孝,赫赫格天,同天地日月億兆不朽,所以凡歷朝中跳猖獗之小丑,到瞭如今竟不用一干一戈,皆天使其拱手俛頭緣遠來降。我們正該作踐他們,為君父生色。」芳官笑道:「既這樣著,你該去操習弓馬,學些武藝,挺身出去拿幾個反叛來,豈不進忠效力了。何必借我們,你鼓唇搖舌的,自己開心作戲,卻說是稱功頌德呢。」寶玉笑道:「所以你不明白。如今四海賓服,八方寧靜,千載百載不用武備。咱們雖一戲一笑,也該稱頌,方不負坐享升平了。」芳官聽了有理,二人自為妥貼甚宜。寶玉便叫他「耶律雄奴」。   究竟賈府二宅皆有先人當年所獲之囚賜為奴隸,只不過令其飼養馬匹,皆不堪大用。湘雲素習憨戲異常,他也最喜武扮的,每每自己束鑾帶,穿折袖。近見寶玉將芳官扮成男子,他便將葵官也扮了個小子。那葵官本是常刮剔短髮,好便於面上粉墨油彩,手腳又伶便,打扮了又省一層手。李紈探春見了也愛,便將寶琴的荳官也就命他打扮了一個小童,頭上兩個丫髻,短襖紅鞋,只差了塗臉,便儼是戲上的一個琴童。湘雲將葵官改了,換作「大英」。因他姓韋,便叫他作韋大英,方合自己的意思,暗有「惟大英雄能本色」之語,何必塗朱抹粉,才是男子。荳官身量年紀皆極小,又極鬼靈,故曰荳官。園中人也有喚他作「阿荳」的,也有喚作「炒豆子」的。寶琴反說琴童書童等名太熟了,竟是荳字別緻,便換作「荳童」。   因飯後平兒還席,說紅香圃太熱,便在榆蔭堂中擺了幾席新酒佳餚。可喜尤氏又帶了佩鳳偕鴛二妾過來游頑。這二妾亦是青年姣憨女子,不常過來的,今既入了這園,再遇見湘雲、香菱、芳、蕊一干女子,所謂「方以類聚,物以群分」二語不錯,只見他們說笑不了,也不管尤氏在那裡,只憑丫鬟們去伏侍,且同眾人一一的游頑。一時到了怡紅院,忽聽寶玉叫「耶律雄奴」,把佩鳳、偕鴛、香菱三個人笑在一處,問是什麼話,大家也學著叫這名字,又叫錯了音韻,或忘了字眼,甚至於叫出「野驢子」來,引的合園中人凡聽見無不笑倒。寶玉又見人人取笑,恐作踐了他,忙又說:「海西福朗思牙,聞有金星玻璃寶石,他本國番語以金星玻璃名為 『溫都里納』。如今將你比作他,就改名喚叫『溫都里納』可好?」芳官聽了更喜,說:「就是這樣罷。」因此又喚了這名。眾人嫌拗口,仍翻漢名,就喚「玻璃」。   閑言少述,且說當下眾人都在榆蔭堂中以酒為名,大家頑笑,命女先兒擊鼓。平兒採了一枝芍藥,大家約二十來人傳花為令,熱鬧了一回。因人回說:「甄家有兩個女人送東西來了。」探春和李紈尤氏三人出去議事廳相見,這裡眾人且出來散一散。佩鳳偕鴛兩個去打鞦韆頑耍,寶玉便說:「你兩個上去,讓我送。」慌的佩鳳說:「罷了,別替我們鬧亂子,倒是叫『野驢子』來送送使得。」寶玉忙笑說:「好姐姐們別頑了,沒的叫人跟著你們學著罵他。」偕鴛又說:「笑軟了,怎麼打呢。掉下來栽出你的黃子來。」佩鳳便趕著他打。   正頑笑不絕,忽見東府中幾個人慌慌張張跑來說:「老爺賓天了。」眾人聽了,唬了一大跳,忙都說:「好好的並無疾病,怎麼就沒了?」家下人說:「老爺天天修煉,定是功行圓滿,升仙去了。」尤氏一聞此言,又見賈珍父子並賈璉等皆不在家,一時竟沒個著已的男子來,未免忙了。只得忙卸了妝飾,命人先到玄真觀將所有的道士都鎖了起來,等大爺來家審問。一面忙忙坐車帶了賴升一干家人媳婦出城。又請太醫看視到底係何病。大夫們見人已死,何處診脈來,素知賈敬導氣之術總屬虛誕,更至參星禮斗,守庚申,服靈砂,妄作虛為,過於勞神費力,反因此傷了性命的。如今雖死,肚中堅硬似鐵,面皮嘴唇燒的紫絳皺裂。便向媳婦回說: 「係玄教中吞金服砂,燒脹而歿。」眾道士慌的回說:「原是老爺秘法新制的丹砂吃壞事,小道們也曾勸說『功行未到且服不得』,不承望老爺於今夜守庚申時悄悄的服了下去,便升仙了。這恐是虔心得道,已出苦海,脫去皮囊,自了去也。」尤氏也不聽,只命鎖著,等賈珍來發放,且命人去飛馬報信。一面看視這裡窄狹,不能停放,橫豎也不能進城的,忙裝裹好了,用軟轎抬至鐵檻寺來停放,掐指算來,至早也得半月的工夫,賈珍方能來到。目今天氣炎熱,實不得相待,遂自行主持,命天文生擇了日期入殮。壽木已係早年備下寄在此廟的,甚是便宜。三日後便開喪破孝。一面且做起道場來等賈珍。 榮府中鳳姐兒出不來,李紈又照顧姊妹,寶玉不識事體,只得將外頭之事暫托了幾個家中二等管事人。賈㻞、賈珖、賈珩、賈瓔、賈菖、賈菱等各有執事。尤氏不能回家,便將他繼母接來在寧府看家。他這繼母只得將兩個未出嫁的小女帶來,一併起居才放心。   且說賈珍聞了此信,即忙告假,並賈蓉是有職之人。禮部見當今隆敦孝弟,不敢自專,具本請旨。原來天子極是仁孝過天的,且更隆重功臣之裔,一見此本,便詔問賈敬何職。禮部代奏:「係進士出身,祖職已蔭其子賈珍。賈敬因年邁多疾,常養靜於都城之外玄真觀。今因疾歿於寺中,其子珍,其孫蓉,現因國喪隨駕在此,故乞假歸殮。」天子聽了,忙下額外恩旨曰:「賈敬雖白衣無功於國,念彼祖父之功,追賜五品之職。令其子孫扶柩由北下之門進都,入彼私第殯殮。任子孫盡喪禮畢扶柩回籍外,著光祿寺按上例賜祭。朝中由王公以下準其祭弔。欽此。」此旨一下,不但賈府中人謝恩,連朝中所有大 皆嵩呼稱頌不絕。   賈珍父子星夜馳回,半路中又見賈㻞賈珖二人領家丁飛騎而來,看見賈珍,一齊滾鞍下馬請安。賈珍忙問:「作什麼?」賈㻞回說:「嫂子恐哥哥和侄兒來了,老太太路上無人,叫我們兩個來護送老太太的。」賈珍聽了,贊稱不絕,又問家中如何料理。賈㻞等便將如何拿了道士,如何挪至家廟,怕家內無人接了親家母和兩個姨娘在上房住著。賈蓉當下也下了馬,聽見兩個姨娘來了,便和賈珍一笑。賈珍忙說了幾聲「妥當」,加鞭便走,店也不投,連夜換馬飛馳。一日到了都門,先奔入鐵檻寺。那天已是四更天氣,坐更的聞知,忙喝起眾人來。賈珍下了馬,和賈蓉放聲大哭,從大門外便跪爬進來,至棺前稽顙泣血,直哭到天亮喉嚨都啞了方住。尤氏等都一齊見過。賈珍父子忙按禮換了凶服,在棺前俯伏,無奈自要理事,竟不能目不視物,耳不聞聲,少不得減些悲戚,好指揮眾人。因將恩旨備述與眾親友聽了。一面先打發賈蓉家中料理停靈之事。   賈蓉得不得一聲兒,先騎馬飛來至家,忙命前廳收桌椅,下槅扇,掛孝幔子,門前起鼓手棚牌樓等事。又忙著進來看外祖母兩個姨娘。原來尤老安人年高喜睡,常歪著,他二姨娘三姨娘都和丫頭們作活計,他來了都道煩惱。賈蓉且嘻嘻的望他二姨娘笑說:「二姨娘,你又來了,我們父親正想你呢。」尤二姐便紅了臉,罵道:「蓉小子,我過兩日不罵你幾句,你就過不得了。越發連個體統都沒了。還虧你是大家公子哥兒,每日念書學禮的,越發連那小家子瓢坎的也跟不上。」說著順手拿起一個熨斗來,摟頭就打,嚇的賈蓉抱著頭滾到懷裡告饒。尤三姐便上來撕嘴,又說:「等姐姐來家,咱們告訴他。」賈蓉忙笑著跪在炕上求饒,他兩個又笑了。賈蓉又和二姨搶砂仁吃,尤二姐嚼了一嘴渣子,吐了他一臉。賈蓉用舌頭都舔著吃了。眾丫頭看不過,都笑說:「熱孝在身上,老娘才睡了覺,他兩個雖小,到底是姨娘家,你太眼裡沒有奶奶了。回來告訴爺,你吃不了兜著走。」賈蓉撇下他姨娘,便抱著丫頭們親嘴:「我的心肝,你說的是,咱們饞他兩個。」丫頭們忙推他,恨的罵:「短命鬼兒,你一般有老婆丫頭,只和我們鬧。知道的說是頑;不知道的人,再遇見那臟心爛肺的愛多管閑事嚼舌頭的人,吵嚷的那府里誰不知道,誰不背地裡嚼舌說咱們這邊亂帳。」賈蓉笑道:「各門另戶,誰管誰的事。都夠使的了。從古至今,連漢朝和唐朝,人還說臟唐臭漢,何況咱們這宗人家。誰家沒風流事,別討我說出來。連那邊大老爺這麼利害,璉叔還和那小姨娘不乾凈呢。鳳姑娘那樣剛強,瑞叔還想他的帳。那一件瞞了我!」   賈蓉只管信口開合胡言亂道之間,只見他老娘醒了,請安問好,又說:「難為老祖宗勞心,又難為兩位姨娘受委屈,我們爺兒們感戴不盡。惟有等事完了,我們合家大小,登門去磕頭。」尤老人點頭道:「我的兒,倒是你們會說話。親戚們原是該的。」又問:「你父親好?幾時得了信趕到的?」賈蓉笑道:「才剛趕到的,先打發我瞧你老人家來了。好歹求你老人家事完了再去。」說著,又和他二姨擠眼,那尤二姐便悄悄咬牙含笑罵:「很會嚼舌頭的猴兒崽子,留下我們給你爹作娘不成!」賈蓉又戲他老娘道:「放心罷,我父親每日為兩位姨娘操心,要尋兩個又有根基又富貴又年青又俏皮的兩位姨爹,好聘嫁這二位姨娘的。這幾年總沒揀得,可巧前日路上才相準了一個。」尤老只當真話,忙問是誰家的,二姊妹丟了活計,一頭笑,一頭趕著打。說:「媽別信這雷打的。」連丫頭們都說:「天老爺有眼,仔細雷要緊!」又值人來回話:「事已完了,請哥兒出去看了,回爺的話去。」那賈蓉方笑嘻嘻的去了。不知如何,且聽下回分解。

Kapitel 63 Schatzjade [宝玉]s Geburtstag: In der Nacht ziehen die Mädchen Blumenlose Bei Andacht Kaufmann [贾敬]s Ableben kehrt Herrlichkeit Kaufmann [贾珍] in aller Eile in die Hauptstadt zurück

Schatzjade kehrte in sein Zimmer zurück, wusch sich die Hände und besprach sich mit Dufthauch [袭人]: „Heute Abend trinken wir Wein und vergnügen uns alle — da soll nichts förmlich zugehen. Was gibt es zu essen? Man sollte es ihnen rechtzeitig sagen, damit sie alles vorbereiten." Dufthauch lachte: „Sei unbesorgt! Heitermuster [晴雯], Moschusmond [麝月], Qiuwen und ich, wir vier, haben je fünf Qian Silber beigesteuert, zusammen zwei Liang. Duftblümchen, Bihen, Xiaoyan und Si'er, die vier, haben je drei Qian gegeben — die, die frei hatten, zählen nicht mit —, zusammen drei Liang und zwei Qian Silber. Das alles haben wir längst der Schwägerin Liu gegeben, damit sie vierzig Schälchen Nüsse und Früchte vorbereitet. Ich habe mit Friedchen [平儿] gesprochen, und man hat schon einen Krug guten Shaoxing-Wein herübergetragen und dort drüben versteckt. Wir acht feiern ganz allein deinen Geburtstag." Als Schatzjade das hörte, rief er freudig: „Wo haben die denn das Geld her? Ich hätte sie nicht ausgeben lassen sollen!" Heitermuster sagte: „Die haben kein Geld — haben wir etwa welches? Das kommt von jedem aus dem Herzen. Selbst wenn sie es gestohlen hätten — nimm ihre Zuneigung einfach an." Schatzjade hörte das und lachte: „Du hast recht." Dufthauch lachte: „Einen Tag, an dem sie dir nicht ein paar grobe Worte sagt, hältst du wohl nicht aus." Heitermuster lachte: „Du hast inzwischen auch Schlechtes gelernt — immerzu schürst du das Feuer!" Alle lachten. Schatzjade sagte: „Schließt das Hoftor." Dufthauch lachte: „Nicht umsonst sagt man, du seist ein ‚Vielbeschäftigter ohne Geschäft'. Wenn wir jetzt schon abschließen, erregt das nur Verdacht — warten wir lieber noch ein wenig." Schatzjade nickte und sagte: „Ich gehe kurz hinaus. Si'er soll Wasser holen; Xiaoyan, komm allein mit mir." Er ging hinaus. Als er sah, dass niemand in der Nähe war, fragte er nach der Sache mit Wu'er. Xiaoyan sagte: „Ich habe es der Schwägerin Liu erzählt; die hat sich sehr gefreut. Nur hat Wu'er in jener Nacht solches Unrecht erlitten und sich darüber aufgeregt, dass sie zu Hause wieder krank geworden ist — sie kann noch nicht kommen. Man muss warten, bis es ihr besser geht." Schatzjade hörte das und konnte Reue und Seufzen nicht unterdrücken. Dann fragte er: „Weiß Dufthauch davon?" Xiaoyan sagte: „Ich habe es ihr nicht gesagt; ob Duftblümchen es ihr erzählt hat, weiß ich nicht." Schatzjade sagte: „Ich habe es ihr auch nicht gesagt. Nun gut — ich sage es ihr selbst." Damit ging er wieder hinein und wusch sich zum Schein die Hände.

Es war bereits die Stunde des Lampenanzündens. Man hörte vor dem Hoftor eine Gruppe von Leuten eintreten. Alle spähten durch die Fenster und sahen tatsächlich Frau Lin Zhixiao mit einigen Verwalterinnen kommen, voraus eine Person mit einer großen Laterne. Heitermuster flüsterte lachend: „Sie kommen, um die Nachtwachen zu kontrollieren. Wenn sie erst fort sind, können wir das Tor schließen." Man sah, wie alle Nachtwächter des Yihongyuan hinauskamen, um sie zu begrüßen; Frau Lin Zhixiao musterte sie eingehend. Sie wies an: „Kein Glücksspiel, kein Weintrinken und nicht gleich mit dem Kopf voran einschlafen bis zum hellen Morgen! Wenn ich davon höre, gibt es Ärger!" Alle lachten: „Wo gäbe es jemanden, der so kühn wäre!" Frau Lin Zhixiao fragte noch: „Ist der Zweite Junge Herr Bao schon zu Bett gegangen?" Alle sagten, sie wüssten es nicht. Dufthauch stieß Schatzjade schnell an. Schatzjade schlüpfte in seine Schuhe und kam ihr lachend entgegen: „Ich bin noch nicht schlafen gegangen. Mütterchen, kommt herein und ruht euch aus!" Dann rief er: „Dufthauch, bring Tee!" Frau Lin Zhixiao trat eilig ein und sagte lachend: „Noch nicht im Bett? Jetzt sind die Tage lang und die Nächte kurz; man sollte früh schlafen gehen, damit man morgens rechtzeitig aufsteht. Sonst heißt es morgen, wenn du verschläfst, du seist kein studierender junger Herr mehr, sondern ein Lastenträger!" Schatzjade sagte eilig lachend: „Mütterchen hat recht. Gewöhnlich gehe ich jeden Tag früh zu Bett — wenn Mütterchen sonst hereinkommt, weiß ich es gar nicht, weil ich schon schlafe. Heute habe ich mir nur Sorgen gemacht, das Nudelessen könnte mir schwer im Magen liegen, und deshalb noch ein wenig herumgespielt." Frau Lin Zhixiao sagte dann lachend zu Dufthauch und den anderen: „Ihr solltet Pu'er-Tee aufbrühen." Dufthauch und Heitermuster sagten eilig lachend: „Wir haben schon einen Krug Mädchentee aufgebrüht und bereits zwei Schalen getrunken. Möchte die Frau auch eine probieren — es ist alles fertig." Heitermuster schenkte eine Schale ein. Frau Lin Zhixiao lachte dann noch: „In letzter Zeit habe ich bemerkt, dass der Zweite Junge Herr im Umgang mit diesen großen Fräulein schon angefangen hat, sie bei ihren Namen zu rufen. Obwohl sie hier in diesem Hause dienen, sind sie doch Leute der Alten Herrin und der Gnädigen Frau; im Reden sollte man ihnen gegenüber respektvoller sein. Wenn es hin und wieder einmal vorkommt, mag es angehen; ruft man sie aber ständig beim Namen, werden es die jüngeren Brüder und Neffen nachmachen, und die Leute werden sagen, in dieser Familie respektiere man die Älteren nicht." Schatzjade lachte: „Mütterchen hat recht. Es kommt nur gelegentlich vor." Dufthauch und Heitermuster lachten: „Da tut man ihm unrecht. Bis heute hat er immer ‚Schwester' gesagt. Nur beim Spielen sagt er manchmal den Namen; vor anderen Leuten ist es wie früher." Frau Lin Zhixiao lachte: „So ist es recht — das ist die Art eines gebildeten und wohlerzogenen jungen Herrn. Je bescheidener man selbst ist, desto mehr Respekt zeigt man. Von den altgedienten Leuten ganz zu schweigen — selbst eine Katze oder ein Hund aus dem Gemach der Alten Herrin oder der Gnädigen Frau darf man nicht leichtfertig verletzen. Das ist das Benehmen eines Herrensohnes, der gute Erziehung genossen hat." Damit trank sie ihren Tee und sagte: „Bitte legt Euch zur Ruhe. Wir gehen." Schatzjade bat noch: „Bleibt doch noch ein wenig." Aber Frau Lin Zhixiao hatte ihre Leute schon weggeführt, um andernorts weiterzukontrollieren.

Hier ließen Heitermuster und die anderen eilig das Tor schließen, kamen herein und sagten lachend: „Diese Dame hat wohl irgendwo einen Becher getrunken und kam nun hierher, um uns eine Standpauke zu halten!" Moschusmond lachte: „Sie meint es auch nicht böse. Sie muss die Dinge eben ab und zu erwähnen — zur Vorsicht, damit nichts aus dem Ruder läuft." Während sie sprachen, wurden Wein und Früchte aufgetragen. Dufthauch sagte: „Wir brauchen keinen richtigen Tisch. Nehmen wir den runden Palisander-Kangtisch, stellen ihn auf den Kang [1] — da ist es geräumig und bequem." Gesagt, getan. Moschusmond und Si'er gingen hinüber, um die Früchte zu holen, und brauchten mit zwei großen Teetabletts vier oder fünf Gänge. Zwei alte Dienerinnen hockten draußen am Feuerbecken und wärmten den Wein. Schatzjade sagte: „Es ist warm — ziehen wir alle die Obergewänder aus, das ist angenehmer." Alle lachten: „Wenn du dich ausziehen willst, tu es — wir müssen noch der Reihe nach das Gastmahl eröffnen." Schatzjade lachte: „Diese Eröffnung dauert ja bis zur fünften Nachtwache. Ihr wisst doch, wie sehr ich solche Förmlichkeiten hasse. Vor Fremden geht es nicht anders, aber hier und jetzt mich damit zu quälen, ist nicht schön." Alle hörten das und sagten: „Wie du willst." Also setzte man sich noch nicht hin, sondern machte sich erst an das Ablegen von Schmuck und Kleidung.

Bald hatten alle die Festgewänder abgelegt; die Haare waren nur locker hochgesteckt, und alle trugen lange Röcke und kurze Jäckchen. Schatzjade hatte nur ein kleines, dunkelrotes, baumwollenes Jäckchen an, darunter grüne, mit spritzender Tusche bedruckte Seidenhosen, die Hosenbeine lose herabhängend. Er lehnte an einem neuen, jadegrünen Doppelgaze-Kissen, das mit Blütenblättern verschiedener Rosen und Päonien gefüllt war, und spielte mit Duftblümchen Fingerwerfen. Duftblümchen klagte über die Hitze und trug nur ein kleines, gefüttertes Jäckchen aus dreierlei Atlasstreifen in Jade, Rot und Blaugrün — einem sogenannten ‚Reisfeld-Jäckchen' —, mit einem weidengrünen Schweißtuch gegürtet. Darunter blassrote, geblümte gefütterte Hosen, ebenfalls mit losen Hosenbeinen. Auf dem Kopf hatte sie rings um Stirn und Schläfen ein Geflecht kleiner Zöpfchen, die alle am Scheitel zusammengeführt und zu einem einzigen dicken Zopf, gänseeigroß, geflochten wurden, der im Nacken herabhing. Im rechten Ohrloch steckte nur ein winziger Jadestöpsel, nicht größer als ein Reiskorn; am linken Ohr hing ein einzelner großer, rotgoldener Ohranhänger, so groß wie eine Ginkgonuss. Damit wirkte ihr Gesicht noch mehr wie ein Vollmond, nur weißer, und ihre Augen noch klarer als Herbstwasser. Alle lachten: „Die beiden sehen aus wie Zwillingsbrüder!" Dufthauch und die anderen schenkten allen der Reihe nach Wein ein und sagten: „Wartet noch ein wenig mit dem Fingerwerfen. Obwohl wir keine förmliche Tafel halten, trinkt doch jeder von uns einen Schluck aus unserer Hand." So begann Dufthauch: Sie führte den Becher an die Lippen und trank einen Schluck; dann folgten die anderen der Reihe nach. Als alle getrunken hatten, setzte man sich erst im Kreis zusammen. Xiaoyan und Si'er hatten am Kangrand keinen Platz mehr und stellten sich zwei Stühle dicht an den Kang. Die vierzig Schälchen waren alle aus weißem Dingyao-Porzellan [2], nicht größer als kleine Teetassen, und enthielten Delikatessen aus nah und fern, von Inland und Übersee, getrocknet und frisch, aus Wasser und zu Lande — alles, was es an Weinspeisen, Früchten und Gemüsen unter dem Himmel gab. Schatzjade sagte: „Wir sollten ein Trinkspiel spielen." Dufthauch sagte: „Etwas Feines, bitte — kein großes Geschrei, damit die Leute es nicht hören. Und wir können nicht lesen, also nichts Literarisches." Moschusmond lachte: „Nehmen wir Würfel und spielen ‚Rot fangen'." Schatzjade sagte: „Das ist langweilig. Spielen wir lieber ‚Blumennamen-Lose ziehen'!" Heitermuster lachte: „Genau — das wollte ich schon lange!" Dufthauch sagte: „Das Spiel ist zwar hübsch, aber mit wenigen Leuten macht es keinen Spaß." Xiaoyan lachte: „Ich schlage vor, wir holen ganz leise Fräulein Bao und Fräulein Lin dazu — dann spielen wir eine Runde, und um die zweite Nachtwache gehen wir schlafen." Dufthauch sagte: „Dann müssten wir wieder die Tür öffnen und Lärm machen — und wenn uns die Nachtwache erwischt?" Schatzjade sagte: „Was soll schon geschehen? Unser Drittes Fräulein trinkt auch Wein — laden wir sie gleich mit ein. Und Fräulein Qin." Alle sagten: „Fräulein Qin lieber nicht — sie wohnt bei der Ersten Herrin, das gäbe zuviel Umstände." Schatzjade sagte: „Was soll's — geht schnell und ladet sie ein!" Xiaoyan und Si'er ließen sich das nicht zweimal sagen; sie ließen das Tor öffnen und gingen getrennt los, um einzuladen.

Heitermuster, Moschusmond und Dufthauch sagten dann: „Wenn die beiden gehen, werden Bao und Lin vermutlich nicht kommen wollen — wir müssen selbst hin und sie mit sanfter Gewalt herbeibringen." Also ließen Dufthauch und Heitermuster eine alte Dienerin eine Laterne nehmen und gingen ebenfalls. Tatsächlich sagte Schatzspange [宝钗], es sei zu spät in der Nacht, und Kajaljade [黛玉], sie fühle sich nicht wohl. Die beiden baten dreimal: „Erweist uns doch ein wenig Ehre und setzt euch nur kurz zu uns." Erkundefrühling [探春] dagegen freute sich über die Einladung, dachte aber: „Wenn wir Seidenweiß Pflaume [李纨] nicht einladen und sie erfährt davon, wäre das schlecht." Also schickte sie Cuimo mit Xiaoyan los, die auch Seidenweiß Pflaume und Kostbarzither Schnee [宝琴] noch drei Mal einluden. So versammelten sich schließlich alle nacheinander im Yihongyuan. Dufthauch holte um jeden Preis auch Duftkastanie herbei. Auf dem Kang stellte man noch einen weiteren Tisch dazu, damit alle Platz fanden.

Schatzjade rief sogleich: „Schwester Lin friert leicht — setz dich hierher an die Bretterwand." Er schob ihr noch ein Rückenpolster hin. Dufthauch und die anderen holten Stühle und setzten sich am Kangrand dazu, als Begleiterinnen. Kajaljade setzte sich weit vom Tisch entfernt, lehnte sich ans Polster und sagte lachend zu Schatzspange, Seidenweiß Pflaume, Erkundefrühling und den anderen: „Ihr redet Tag für Tag davon, wie die Leute nachts zechen und spielen — und heute tun wir es selbst! Wie wollen wir ihnen künftig Vorhaltungen machen?" Seidenweiß Pflaume lachte: „Was macht das schon? Im ganzen Jahr kommt das nur zu Geburtstagen und Festen vor — nicht jede Nacht. Da braucht man sich keine Sorgen zu machen." Während sie sprachen, brachte Heitermuster einen geschnitzten Bambusbecher mit elfenbeinernen Blumennamen-Losen darin, schüttelte ihn und stellte ihn in die Mitte. Dann holte sie die Würfel, legte sie in die Dose, schüttelte und öffnete: fünf Augen. Man zählte — es traf Schatzspange. Schatzspange lachte: „Dann ziehe ich zuerst — ich bin gespannt, was ich bekomme." Sie schüttelte den Becher, griff hinein und zog ein Los. Alle schauten: Darauf war eine Päonienblüte gemalt, darüber stand „Schönste unter allen Blüten" in vier Zeichen, und darunter ein Vers aus einem Tang-Gedicht, fein eingraviert:

Selbst gefühllos rührt sie noch die Menschen.

Darunter stand: „Alle Anwesenden trinken gemeinsam einen Becher zur Feier der Königin der Blumen. Die Loszieherin darf beliebig jemanden auffordern — gleich ob Gedicht, Vers oder Scherz —, einen Trinkspruch zu sagen." Alle lachten: „Wie treffend — du bist wirklich zur Päonie geboren!" Man trank gemeinsam auf sie. Nachdem Schatzspange getrunken hatte, sagte sie lachend: „Duftblümchen soll uns ein Lied singen." Duftblümchen sagte: „Wenn schon, dann trinkt alle erst euren Türbecher, bevor ihr zuhört." Also tranken alle. Duftblümchen begann zu singen: „Am Geburtstagsfest erstrahlt alles in Glanz ..." Alle riefen: „Hör auf damit! Hier braucht niemand Geburtstagshuldigungen — sing uns das Allerbeste!" Duftblümchen sang also fein und langsam die Arie „Zur Blumenbeschau" (Shanghuashi):

Des Smaragdphönix Federschweif wird zum Besen gebunden,
Müßig fegt er am Himmelstor die fallenden Blüten;
Seht, wie der Wind den Jadestaub aufwirbelt!
Plötzlich senkt sich eine Wolkenschicht herab —
Wie weit ist doch das Himmelstor von der Welt!
Ruht, das Schwert nach dem Gelben Drachen zu schwingen, um Haaresbreite daneben;
Ruht, beim alten Dong den Wein des Elends zu kaufen;
Lasst Euer Auge gen Wolken und Abendrot schweifen!
O Lü Dongbin — wenn Ihr einen Menschen gewonnen habt,
Kommt nur bald mit der Antwort zurück!
Doch wenn Ihr zaudert — ach, welch dauernden Gram
Hinterlasst Ihr mit den Pfirsichblüten!

Schatzjade aber hielt noch immer das Los in der Hand und murmelte unaufhörlich „Selbst gefühllos rührt sie noch die Menschen" vor sich hin; er hörte dem Lied zu und starrte Duftblümchen schweigend an. Xiangfluss-Wolke [湘云] riss ihm das Los rasch aus der Hand und warf es Schatzspange zu. Schatzspange warf die Würfel — sechzehn Augen — und es traf Erkundefrühling. Erkundefrühling lachte: „Ich bin gespannt, was ich bekomme!" Sie zog ein Los, sah es an, warf es auf den Boden, wurde rot und lachte: „Das taugt nichts — dieses Spiel hätten wir nicht spielen sollen! Das ist eigentlich ein Spiel für die Männer draußen, mit allerhand anzüglichen Sprüchen darauf." Niemand verstand; Dufthauch und die anderen hoben es eilig auf. Alle sahen: darauf war ein Aprikosenblütenzweig, mit den roten Zeichen „Himmlische Frucht des Jadeteichs", und der Vers lautete:

Am Sonnenrand steht rot die Aprikose, an Wolken gelehnt gepflanzt.

Darunter stand: „Wer dieses Los zieht, wird gewiss einen vornehmen Gemahl bekommen. Alle gratulieren mit einem gemeinsamen Becher." Alle lachten: „Ach so, deswegen! Dieses Spiel stammt ja aus dem Frauengemach — bis auf zwei, drei solcher Lose mit Heiratsanspielungen sind keine anstößigen Sprüche dabei; was macht das schon! In unserem Haus gibt es bereits eine Kaiserliche Gemahlin [3] — sollst etwa auch du eine Kaiserin werden? Großes Glück, großes Glück!" Damit schenkten ihr alle ein. Erkundefrühling wollte partout nicht trinken, doch Xiangfluss-Wolke, Duftkastanie, Seidenweiß Pflaume und drei, vier andere zwangen sie mit Gewalt, den Becher zu leeren. Erkundefrühling verlangte, dieses Spiel abzuschaffen und ein anderes zu spielen, doch niemand wollte das zulassen. Xiangfluss-Wolke ergriff ihre Hand und warf für sie: neunzehn Augen — es traf Seidenweiß Pflaume. Seidenweiß Pflaume schüttelte den Becher, zog ein Los und lachte: „Wunderbar! Seht euch das an — dieses Ding hat durchaus seinen Witz!" Alle sahen: ein alter Pflaumenzweig, darauf „Frostig-kalte Schönheit im Morgengrauen", und das Gedicht lautete:

Hinter Bambuszaun und Strohdach fügt sie sich zufrieden.

Darunter stand: „Trinkt allein einen Becher; der Nächste würfelt." Seidenweiß Pflaume lachte: „Wirklich amüsant! Werft ihr nur weiter. Ich trinke mein Glas allein und kümmere mich nicht um euer Auf und Ab." Damit trank sie und gab die Würfel an Kajaljade weiter. Kajaljade warf achtzehn Augen — es traf Xiangfluss-Wolke. Xiangfluss-Wolke krempelte lachend die Ärmel hoch und zog ein Los. Alle sahen: eine Begonienblüte, darauf „Duftender Traum in tiefem Schlummer", und der Vers lautete:

Ich fürchte nur, die Blume schläft ein in tiefer Nacht.

Kajaljade lachte: „Die Worte ‚tiefe Nacht' sollte man durch ‚kühler Stein' ersetzen!" [4] Alle verstanden den Witz und lachten. Xiangfluss-Wolke zeigte lachend auf das Los, wo ein kleines Boot abgebildet war, und sagte zu Kajaljade: „Steig schnell ein und fahr davon — und halt den Mund!" Alle lachten wieder. In der Anmerkung stand: „Da es heißt ‚Duftender Traum in tiefem Schlummer', darf die Loszieherin keinen Wein trinken; stattdessen trinken die Nachbarn links und rechts je einen Becher." Xiangfluss-Wolke klatschte lachend in die Hände: „Amitabha — wirklich ein gutes Los!" Und siehe da: Kajaljade war ihre obere und Schatzjade ihre untere Nachbarin. Die beiden mussten je einen Becher trinken. Schatzjade trank die Hälfte seines Bechers, und als niemand hinsah, reichte er ihn Duftblümchen, die ihn schnell austrank. Kajaljade plauderte mit den anderen und goss ihren Wein unbemerkt in den Spülnapf. Xiangfluss-Wolke nahm die Würfel und warf neun Augen — es traf Moschusmond. Moschusmond zog ein Los: eine Teerose, darauf „Höhepunkt der Jugend und Schönheit", und der Vers lautete:

Wenn die Teerose blüht, ist die Blütezeit vorbei.

Darunter stand: „Alle Anwesenden trinken drei Becher zum Abschied des Frühlings." Moschusmond fragte, was das bedeute. Schatzjade runzelte besorgt die Stirn, verbarg das Los eilig und sagte: „Trinken wir einfach." Alle nahmen drei Schlucke, die als drei Becher galten. Moschusmond warf neunzehn Augen — es traf Duftkastanie. Duftkastanie zog ein Los mit einer Zwillingsblüte, darauf „Vereinter Frühling, umrankendes Glück", und der Vers lautete:

Am Ast der Ehestandsblume blüht es gerade.

Darunter stand: „Alle gratulieren der Loszieherin mit drei Bechern; dazu trinkt jeder einen Becher mit." Duftkastanie warf dann sechs Augen — es traf Kajaljade. Kajaljade dachte im Stillen: „Ich weiß nicht, was Schönes noch übrig ist — hoffentlich ziehe ich ein gutes." Sie griff hinein und zog ein Los: eine Lotusblüte (Hibiskus), darauf „Klarer Kummer in Wind und Tau", und der Vers lautete:

Klage nicht den Ostwind an — beklage dich selbst.

Darunter stand: „Trinkt allein einen Becher; die Päonie begleitet mit einem Becher." Alle lachten: „Das ist wundervoll! Außer ihr gebührt niemandem die Lotusblüte." Kajaljade lachte ebenfalls. Man trank. Dann warf Kajaljade zwanzig Augen — es traf Dufthauch. Dufthauch zog ein Los: ein Pfirsichblütenzweig, darauf „Anderes Land von Wuling" [5], und der Vers lautete:

Pfirsichrot — wieder ein neuer Frühling.

Darunter stand: „Die Aprikosenblüte begleitet mit einem Becher; wer unter den Anwesenden im gleichen Jahr geboren ist, begleitet mit einem Becher; wer zur gleichen Stunde geboren, begleitet mit einem Becher; wer denselben Familiennamen hat, begleitet mit einem Becher." Alle lachten: „Diesmal wird es lustig!" Man rechnete nach: Duftkastanie, Heitermuster und Schatzspange waren alle im gleichen Jahr geboren wie Dufthauch; Kajaljade war zur gleichen Stunde geboren; nur gab es niemanden mit demselben Familiennamen. Duftblümchen rief eilig: „Ich heiße auch Hua [6] — ich begleite auch mit einem Becher!" Also wurde eingeschenkt. Kajaljade sagte lachend zu Erkundefrühling: „Du bist die Aprikosenblüte, der ein vornehmer Gemahl bestimmt ist — trink schnell, damit wir auch trinken können!" Erkundefrühling lachte: „Was soll das! Die ältere Schwägerin soll sie zur Strafe schlagen." Seidenweiß Pflaume lachte: „Statt den vornehmen Bräutigam zu bekommen, bekommt sie Prügel — das bringe ich nicht übers Herz!" Alle lachten.

Gerade als Dufthauch werfen wollte, hörte man jemanden am Tor klopfen. Eine alte Dienerin ging eilig hinaus und kam mit der Nachricht: Tante Schnee hatte jemanden geschickt, um Kajaljade abzuholen. Man fragte, wie spät es sei; es wurde geantwortet: „Nach der zweiten Nachtwache; die Uhr hat elf geschlagen." Schatzjade glaubte es nicht und verlangte die Taschenuhr; als er nachsah, war es bereits zehn Minuten nach Beginn der Zi-Stunde [7]. Kajaljade erhob sich und sagte: „Ich halte es nicht mehr aus — ich muss nach Hause und noch meine Medizin nehmen." Alle sagten: „Wir sollten auch aufbrechen." Dufthauch und Schatzjade wollten alle noch halten. Seidenweiß Pflaume und Schatzspange sagten: „Es ist viel zu spät — das geht nicht. Wir haben heute ohnehin die Regel gebrochen." Dufthauch sagte: „Wenn es denn sein muss — jede trinkt noch einen letzten Becher." Heitermuster und die anderen hatten schon eingeschenkt; alle tranken und ließen Laternen anzünden. Dufthauch und die anderen geleiteten die Gäste noch über den Qinfang-Pavillon-Fluss hinüber, bevor sie zurückkehrten.

Man schloss das Tor, und alle spielten von Neuem. Dufthauch und die anderen schenkten noch einige große Becher ein und bereiteten ein Tablett mit verschiedenen Früchten und Speisen für die alten Dienerinnen draußen. Als alle drei Zehntel betrunken waren, ging es zum Fingerwerfen und zum Singen kleiner Lieder über. Es war schon die vierte Nachtwache; die alten Dienerinnen aßen von der einen Seite offen, von der anderen stibitzten sie heimlich — der Weinkrug war leer. Alle wunderten sich, machten sich dann aber an die Abendtoilette und legten sich schlafen. Duftblümchens Wangen glühten rot wie Karmin; um Augenwinkel und Brauen lag noch mehr Anmut als zuvor. Sie konnte sich kaum noch aufrecht halten, lehnte sich an Dufthauchs Schulter und sagte: „Gute Schwester, mein Herz klopft so!" Dufthauch lachte: „Wer hat dich auch hemmungslos trinken lassen!" Xiaoyan und Si'er konnten ebenfalls nicht mehr und schliefen bereits. Heitermuster rief noch immer. Schatzjade sagte: „Hör auf zu rufen — legen wir uns einfach ein wenig hin." Er legte seinen Kopf auf das rote, duftende Kissen, drehte sich zur Seite und schlief ebenfalls ein. Dufthauch fürchtete, dass Duftblümchen im Rausch erbrechen könnte und jemanden störte; so stand sie leise auf, bettete Duftblümchen neben Schatzjade und ließ sie dort schlafen. Sie selbst legte sich auf die gegenüberliegende Liege.

Alle schliefen tief und süß und wussten von nichts. Als es Tag wurde, öffnete Dufthauch die Augen und sah das strahlend helle Tageslicht. „Es ist spät!" rief sie eilig. Sie blickte zum gegenüberliegenden Bett und sah Duftblümchen, den Kopf auf den Kangrand gelegt, noch immer fest schlafend. Hastig stand sie auf und weckte sie. Schatzjade hatte sich bereits umgedreht und war wach. Er lachte: „Haben wir verschlafen?" Dann rüttelte er Duftblümchen wach. Duftblümchen saß auf, rieb sich noch benommen die Augen. Dufthauch lachte: „Schämst du dich nicht? Du warst so betrunken — da hast du dich einfach hingelegt, ohne zu sehen, wo!" Duftblümchen schaute sich um, bemerkte erst jetzt, dass sie auf demselben Kang wie Schatzjade geschlafen hatte, und sprang lachend herunter: „Wie habe ich nur so trinken können, dass ich nichts mehr wusste!" Schatzjade lachte: „Ich wusste ja auch von nichts. Hätte ich es gewusst, hätte ich dir schwarze Tusche ins Gesicht geschmiert!" Die Mädchen kamen zum Morgenputz herein. Schatzjade lachte: „Gestern habt ihr mich bewirtet — heute Abend bin ich dran!" Dufthauch lachte: „Genug, genug — heute bitte kein Aufheben mehr! Wenn wir so weitermachen, fangen die Leute an zu reden." Schatzjade sagte: „Was soll's — es waren doch nur zweimal! Sind wir etwa Weintrinker? Dieser eine Krug Wein — wie kann er nur so schnell leer geworden sein? Gerade war es lustig, und schon war nichts mehr da." Dufthauch lachte: „Gerade so muss es sein — erst das macht es reizvoll. Wenn man bis zur völligen Erschöpfung trinkt, bleibt kein Nachgeschmack. Gestern waren alle so angeregt — Heitermuster hat sogar vergessen, sich zu schämen; ich glaube, sie hat ein Lied gesungen." Si'er lachte: „Schwester hat es vergessen — du hast doch auch gesungen! Wer am Tisch hat nicht gesungen!" Alle hörten das und wurden rot; sie hielten sich die Hände vor den Mund und lachten unaufhörlich.

Plötzlich kam Friedchen fröhlich lachend herein und sagte, sie lade persönlich alle ein, die gestern am Tisch gewesen seien: „Heute bin ich die Gastgeberin — es darf kein einziger fehlen!" Man bot ihr eilig einen Sitz und Tee an. Heitermuster lachte: „Schade, dass sie gestern Nacht nicht dabei war!" Friedchen fragte sofort: „Was habt ihr denn nachts getrieben?" Dufthauch sagte: „Das kann man dir gar nicht erzählen! Gestern Nacht war es so lustig wie nie zuvor — selbst wenn die Alte Herrin und die Gnädige Frau dabei gewesen wären und alle zum Spielen mitgenommen hätten, wäre es nicht so lustig gewesen. Einen ganzen Krug Wein haben wir geleert; eine nach der anderen hat alle Scham fahren lassen, und ganz unvermittelt fing plötzlich jede an zu singen. Erst nach der vierten Nachtwache sind wir kreuz und quer umgefallen und haben ein Nickerchen gemacht." Friedchen lachte: „Sehr schön! Da habe ich mir also umsonst den Wein für euch besorgt — und dann ladet ihr mich nicht einmal ein, sondern erzählt mir davon, nur um mich zu ärgern!" Heitermuster sagte: „Heute gibt er ein Gegenessen — da wird er dich bestimmt einladen; warte nur!" Friedchen fragte lachend: „‚Er' — wer ist ‚er', und wer ist ‚ihn'?" Heitermuster hörte das, lief ihr lachend nach und versetzte ihr einen Klaps: „Du hast aber feine Ohren — gleich jedes Wort aufschnappen!" Friedchen lachte: „Jetzt habe ich zu tun — ich muss los. Gleich schicke ich jemanden, um einzuladen. Wenn auch nur eine fehlt, komme ich persönlich und hole sie!" Schatzjade und die anderen wollten sie aufhalten, doch sie war schon fort.

Hier wusch sich Schatzjade und trank gerade Tee, als er zufällig unter dem Tuschstein ein Blatt Papier bemerkte. Er sagte: „Ihr dürft die Sachen nicht einfach irgendwohin legen und quetschen!" Dufthauch und Heitermuster fragten eilig: „Was ist nun wieder? Wer hat jetzt etwas falsch gemacht?" Schatzjade zeigte hin: „Was ist das unter dem Tuschstein? Bestimmt hat wieder jemand ein Muster vergessen einzuräumen!" Heitermuster hob eilig den Tuschstein auf und zog das Blatt hervor — es war eine Visitenkarte. Sie reichte sie Schatzjade; darauf stand auf rosafarbenem Briefpapier: „Wunderjade [妙玉], die Bewohnerin jenseits der Schwelle, verbeugt sich ehrfürchtig und glückwünschend aus der Ferne zum Geburtstag." Schatzjade sprang auf, als er es gelesen hatte, und rief: „Wer hat das entgegengenommen? Warum hat mir niemand etwas gesagt?" Dufthauch, Heitermuster und die anderen, die ihn so aufgeregt sahen und nicht wussten, von welcher bedeutenden Person die Karte stammte, fragten alle durcheinander: „Wer hat gestern eine Visitenkarte entgegengenommen?" Si'er kam eilig hereingelaufen und sagte lachend: „Gestern kam Wunderjade nicht persönlich — sie hat nur eine alte Dienerin geschickt. Ich habe sie dort hingelegt, und durch den Wein habe ich es dann vergessen." Alle hörten das und sagten: „Ach, von der kommt sie — warum so ein großes Aufheben? Das ist doch nichts Besonderes." Schatzjade rief eilig: „Schnell bringt mir Papier!" Man brachte Papier und rieb Tusche an. Er sah, dass Wunderjade sich „Bewohnerin jenseits der Schwelle" nannte, wusste aber nicht, welche Formulierung auf einer Antwortkarte dem ebenbürtig wäre. Er hielt den Pinsel in der Hand und starrte in die Luft — eine halbe Ewigkeit ohne Eingebung. Dann dachte er: „Wenn ich Schatzspange frage, wird sie es gewiss als bizarr und exzentrisch abtun. Besser, ich frage Kajaljade."

Er nahm die Karte, steckte sie in den Ärmel und ging geradewegs los, um Kajaljade zu suchen. Kaum war er am Qinfang-Pavillon vorbei, kam ihm Höhlennebel Strafe zitternd und wankend entgegen. Schatzjade fragte eilig: „Wohin geht Schwester?" Höhlennebel Strafe lachte: „Ich will zu Wunderjade, um mit ihr zu plaudern." Schatzjade hörte das verblüfft und sagte: „Sie ist ein eigenbrötlerischer Mensch, der nicht in die Welt passt — unter zehntausend Menschen findet sie keinen, der ihr genügt. Anscheinend schätzt sie dich aber wirklich — sie erkennt, dass du nicht zur Sorte gewöhnlicher Leute wie wir gehörst." Höhlennebel Strafe lachte: „Ob sie mich wirklich schätzt, weiß ich nicht, aber wir waren zehn Jahre lang Nachbarn, nur durch eine Mauer getrennt. Sie lebte im Panxiang-Kloster zur geistlichen Übung; meine Familie war arm und mietete Zimmer in ihrem Tempel. Zehn Jahre lang wohnten wir dort, und wenn nichts zu tun war, ging ich zu ihr, um ihr Gesellschaft zu leisten. Alle Schriftzeichen, die ich kenne, habe ich von ihr gelernt. Wir sind zugleich Freundinnen aus ärmlichen Zeiten und stehen in einem Halb-Lehrer-Verhältnis. Als wir fortzogen, um Verwandte aufzusuchen, hörte ich, dass sie, weil sie ‚nicht in die Zeit passt', von den Mächtigen vertrieben worden war und hierher geflohen ist. Nun hat es das Schicksal gefügt, dass wir uns wiederbegegnen, und unsere alte Zuneigung ist unverändert — ja, ihre Wertschätzung ist noch größer als einst." Schatzjade hörte das wie einen Donnerschlag und rief erfreut: „Kein Wunder, dass Schwester in Haltung und Rede so erhaben ist, wie ein wilder Kranich in freien Wolken — es hat seinen Grund! Gerade beschäftigt mich eine Sache ihretwegen, und ich wollte jemanden um Rat fragen. Jetzt treffe ich dich — das ist wahrlich eine Fügung des Himmels! Bitte gib mir deinen Rat." Damit zeigte er Höhlennebel Strafe die Visitenkarte. Höhlennebel Strafe lachte: „Ihr Temperament lässt sich wohl nicht ändern — von Geburt an so extravagant und eigenwillig! Wer hat je gesehen, dass man auf Visitenkarten einen Beinamen setzt? Das ist wirklich, wie das Sprichwort sagt: ‚Weder Mönch noch Laie, weder Frau noch Mann' — was soll man davon halten?" Schatzjade sagte eilig lachend: „Schwester versteht das nicht. Sie zählt nicht zu den gewöhnlichen Menschen — sie ist ein Mensch jenseits der Welt. Weil sie mich für jemanden mit einem Körnchen Verstand hält, hat sie mir diese Karte geschickt. Ich wusste aber nicht, wie ich antworten soll — mir fiel nichts ein. Ich wollte gerade Schwester Lin fragen, und zufällig treffe ich dich." Höhlennebel Strafe hörte Schatzjades Worte und musterte ihn eine ganze Weile aufmerksam von Kopf bis Fuß. Dann lachte sie: „Kein Wunder, dass das Sprichwort sagt: ‚Hörensagen ist weniger als Augenschein.' Und kein Wunder, dass Wunderjade dir diese Karte schickt; und kein Wunder, dass sie dir vergangenes Jahr die Pflaumenblüten schenkte. Da es bei ihr so weit geht, muss ich dir wohl den Grund erklären. Sie sagt oft: ‚Von den Alten her, von Han, Jin, durch die Fünf Dynastien, Tang und Song, hat es in all der Zeit keine gute Dichtung gegeben — nur zwei Verse sind gut:

Selbst hat man ein ehernes Tor, das tausend Jahre hält —
Am Ende braucht man doch nur einen Erdhügel als Grab.

Deshalb nennt sie sich ‚Bewohnerin jenseits der Schwelle'. Außerdem preist sie oft den Stil des Zhuangzi, und darum nennt sie sich manchmal auch ‚qi ren' [8]. Wenn sie sich auf der Karte als ‚qi ren' bezeichnet hätte, hättest du mit ‚shi ren' (‚Mensch der Welt') antworten sollen. ‚Qi ren' bedeutet, dass sie sich für einen Sonderling hält; du bezeichnest dich bescheiden als einen gewöhnlichen, in der Welt befangenen Menschen — und sie wäre zufrieden. Nun nennt sie sich ‚Bewohnerin jenseits der Schwelle', womit sie meint, sie habe die eiserne Schwelle des Irdischen überschritten. Du brauchst also nur ‚Bewohner innerhalb der Schwelle' zu schreiben — das trifft ihren Sinn." Schatzjade hörte das wie eine Erleuchtung, rief „Ah!" und lachte: „Kein Wunder, dass unser Familientempel ‚Eiserne-Schwelle-Kloster' heißt — jetzt verstehe ich den Zusammenhang! Schwester, geh nur weiter; ich eile zurück, um die Antwortkarte zu schreiben." Höhlennebel Strafe ging darauf zum Longcui-Kloster [9]. Schatzjade kehrte in sein Zimmer zurück und schrieb auf die Karte nur die Worte: „Der Bewohner innerhalb der Schwelle, Schatzjade, grüßt ehrerbietig nach geziemender Reinigung." Er brachte sie persönlich zum Longcui-Kloster und schob sie durch den Türspalt hinein; dann kehrte er zurück.

Er sah, dass Duftblümchen sich bereits frisiert hatte, das Haar hochgesteckt und ein wenig Blumenschmuck angelegt. Sogleich befahl er ihr, die Frisur zu ändern: Die kurzen Haare rings um den Kopf sollten abrasiert werden, sodass die blaugrüne Kopfhaut zum Vorschein kam, und in der Mitte sollte ein großer Scheitel gezogen werden. Dann sagte er: „Im Winter trägst du eine große Zobelmütze in Kaninchenform, an den Füßen Tigerkopf-Wolkenstiefel in fünf Farben, oder du lässt die Hosenbeine los und trägst nur weiße Strümpfe und dicksohlige Brokatschuhe." Dann sagte er: „Der Name ‚Duftblümchen' ist nicht gut — du solltest einen Männernamen tragen, das wäre originell." Er benannte sie in „Xiongnü" [10] um. Duftblümchen war hocherfreut und sagte: „Wenn es schon so ist, nimm mich auch mit, wenn du ausgehst! Wenn jemand fragt, sag einfach, ich sei ein kleiner Diener wie Mingyan." Schatzjade lachte: „Man würde es doch erkennen." Duftblümchen lachte: „Da zeigt sich dein Einfallsmangel! In unserem Haus gibt es doch einige Familien von Fremdvölkern. Sag einfach, ich sei ein kleiner Barbar. Außerdem sagen alle, mir stünden Zöpfe gut — findest du das nicht passend?" Schatzjade hörte das und rief entzückt: „Das ist wirklich gut! Ich habe oft gesehen, dass Beamte unter ihrem Gefolge Nachkommen fremdländischer Kriegsgefangener haben, weil sie Wind und Frost nicht fürchten und zu Pferde geschickt sind. Also geben wir dir noch einen Barbarennamen: ‚Yelü Xiongnü'. ‚Xiongnü' klingt gleich wie ‚Xiongnu' [11], und beides sind Namen der Hundevölker. Zudem waren diese zwei Völker seit den Zeiten von Yao und Shun eine Plage für das Reich der Mitte; die Jin- und Tang-Dynastien litten schwer unter ihnen. Zum Glück leben wir in der heutigen Ära, als Nachfahren des großen Shun. Die heilige Tugend und kindliche Pietät unseres Herrschers strahlen bis zum Himmel empor und sind unsterblich wie Himmel, Erde, Sonne und Mond für tausend Generationen. Deshalb haben alle die kleinen Schelme, die in früheren Dynastien ihr Unwesen trieben, heutzutage freiwillig, ohne einen einzigen Speer oder Degen, die Hände gefaltet und das Haupt geneigt und sind von fern hergekommen, um sich zu unterwerfen. Wir sollten sie verächtlich behandeln, um unseres Herrn und Vaters willen Ehre einzulegen." Duftblümchen lachte: „Wenn dem so ist, solltest du Bogenschießen und Reiten üben und Kriegskunst lernen und dich hinauswagen, um ein paar Rebellen zu fangen — das wäre wahrer Dienst am Vaterland! Warum missbrauchst du uns und ergötzt dich an deiner eigenen Beredsamkeit, und nennst es dann Lob und Huldigung?" Schatzjade lachte: „Da verstehst du mich falsch. Heute herrscht Frieden in allen vier Meeren und Ruhe in allen acht Himmelsrichtungen; seit hundert und tausend Jahren braucht man keine Waffen mehr. Auch wenn wir nur scherzen und spielen, gebührt es sich, den Segen unserer Zeit zu preisen — sonst wären wir des friedlichen Wohlstands, das wir genießen, nicht wert." Duftblümchen fand das einleuchtend; beide hielten es für passend und angemessen. Schatzjade nannte sie von nun an „Yelü Xiongnü".

In beiden Jia-Palästen gab es nämlich tatsächlich Nachfahren von Kriegsgefangenen früherer Generationen, die man als Sklaven erhalten hatte — allerdings wurden sie nur zum Pferdehüten eingesetzt und galten als unbrauchbar für höhere Dienste. Xiangfluss-Wolke, die von jeher ausgelassen und übermütig war, liebte Verkleidungen als Mann über alles und band sich ständig Paradegürtel um und trug Faltenärmel. Als sie sah, wie Schatzjade Duftblümchen als Jungen verkleidet hatte, verkleidete sie ihrerseits Kuiguan ebenfalls als kleinen Burschen. Kuiguan trug gewöhnlich kurz geschorenes Haar, was für Bühnenschminke bequem war, und hatte flinke Hände und Füße — das Umkleiden war leichter. Seidenweiß Pflaume und Erkundefrühling fanden das allerliebst und ließen nun auch Kostbarzither Schnees Douguan als kleinen Pagen verkleiden: auf dem Kopf zwei Haarknoten, ein kurzes Jäckchen, rote Schuhe — nur die Gesichtsbemalung fehlte; sonst sah sie genauso aus wie ein Musikknabe auf der Bühne. Xiangfluss-Wolke taufte Kuiguan um und nannte ihn „Da Ying" [12]. Da sein Familienname Wei war, nannte sie ihn „Wei Daying", was ihrem heimlichen Motto entsprach: „Nur ein wahrer Held zeigt seine wahre Natur" [13] — wozu sich also Schminke auftragen, wenn man ein Mann sein will? Douguan war von Statur und Alter die Kleinste und außerdem äußerst pfiffig — daher der Name „Douguan" (Bohnenbeamtin). Im Garten nannten manche sie „A-Dou", andere „Bratbohne". Kostbarzither Schnee dagegen fand, dass Namen wie „Musikknabe" oder „Buchknabe" zu abgedroschen seien, und meinte, „Dou" (Bohne) sei origineller. Also nannte sie sie „Doutong" (Bohnenknabe).

Nach dem Mittagessen gab Friedchen ihr Gegenessen. Da es im Hongxiangpu zu heiß war, ließ sie im Yuyintang [14] einige Tische mit frischem Wein und köstlichen Speisen aufstellen. Erfreulicherweise kam Dame Sonders noch mit ihren beiden Konkubinen Peifeng und Xieyuan [15]. Diese beiden waren ebenfalls junge, hübsche Mädchen, die selten herüberkamen. Da sie nun in den Garten eintraten und Xiangfluss-Wolke, Duftkastanie, Duftblümchen, Ruiguan und all die anderen jungen Frauen trafen, bewies sich das Sprichwort „Gleich und gleich gesellt sich gern": Sie plauderten und lachten ohne Ende, kümmerten sich nicht um Dame Sonders und überließen sie den Zofen. Zusammen besichtigten sie alles. Als sie zum Yihongyuan kamen und plötzlich hörten, wie Schatzjade „Yelü Xiongnü!" rief, lachten Peifeng, Xieyuan und Duftkastanie alle drei zusammen, fragten, was das bedeute, und versuchten dann selbst, den Namen auszusprechen — versprachen sich in der Aussprache, vergaßen die Zeichen, bis eine schließlich „Wilder Esel" herausbrachte. Alle im Garten, die es hörten, bogen sich vor Lachen. Schatzjade sah, dass alle sich lustig machten, und fürchtete, Duftblümchen könnte damit gedemütigt werden. Eilig sagte er: „Im Westen, in Frankreich [16], soll es goldgeflecktes Kristallglas geben; in der Landessprache heißt es ‚Wendulinà'. Wenn ich dich mit diesem Stein vergleiche und dich ‚Wendulinà' nenne — wäre das nicht hübsch?" Duftblümchen freute sich noch mehr und sagte: „Ja, das ist es!" Also wurde dieser Name verwendet. Da alle ihn schwer aussprechbar fanden, übersetzten sie ihn ins Chinesische und nannten sie einfach „Boli" (Kristallglas).

Die weiteren Plaudereien seien hier übergangen. An jenem Tag vergnügten sich alle unter dem Vorwand des Weintrinkens im Yuyintang, ließen die Geschichtenerzählerinnen die Trommel schlagen, und Friedchen pflückte einen Päonienblütenzweig, den etwa zwanzig Personen im Kreis herumgaben — ein „Blumenspiel mit Trommeln", sehr vergnüglich. Da meldete jemand: „Zwei Frauen aus der Familie Echt bringen Geschenke." Erkundefrühling, Seidenweiß Pflaume und Dame Sonders gingen zu dritt in den Empfangssaal, um sie zu treffen. Hier zerstreuten sich die anderen einstweilen. Peifeng und Xieyuan gingen zum Schaukeln. Schatzjade sagte: „Steigt hinauf, ich schubse euch!" Erschrocken sagte Peifeng: „Lass das — mach uns keinen Ärger! Ruf lieber den ‚Wilden Esel', damit der uns anschubst!" Schatzjade lachte eilig: „Gute Schwesterchen, hört auf damit! Sonst lernen alle Leute das nach und schimpfen sie so!" Xieyuan sagte: „Ich bin schon ganz weich vor Lachen — wie soll ich da schaukeln? Wenn ich herunterfalle, platzen mir die Innereien heraus!" Peifeng versetzte ihr einen Klaps.

Mitten im ausgelassenen Spiel kamen plötzlich einige Leute aus dem Östlichen Palais herbeigerannt und riefen ganz aufgeregt: „Der alte Herr ist gen Himmel gefahren!" [17] Alle erschraken: „Er war doch ganz gesund und hatte keine Krankheit — wie kann er plötzlich tot sein?" Die Dienstleute sagten: „Der alte Herr hat Tag für Tag praktiziert — gewiss hat er seine Verdienste vollendet und ist als Unsterblicher aufgefahren." Als Dame Sonders das hörte und sah, dass weder Herrlichkeit Kaufmann noch sein Sohn noch Kette Kaufmann zu Hause waren — es gab im Augenblick keinen Mann, der die Angelegenheiten regeln konnte —, geriet sie in Aufregung. Sie legte eilig ihren Schmuck ab, befahl, alle daoistischen Mönche im Xuanzhen-Kloster einzusperren, bis der Erste Herr heimkäme, um sie zu verhören, und fuhr dann hastig im Wagen, begleitet von Lai Sheng und einer Schar Bediensteter, aus der Stadt zum Tempel. Auch ließ sie Ärzte kommen, um festzustellen, woran Andacht Kaufmann eigentlich gestorben war. Die Ärzte sahen, dass der Mann bereits tot war — wo hätte man da noch den Puls fühlen sollen? Sie wussten, dass Andacht Kaufmanns Methoden der Atemführung allesamt hohle Phantastereien gewesen waren; obendrein hatte er Sterne angebetet, den Gengsheng-Fastentag[18] gehalten und Zinnober geschluckt[19] — lauter nutzloses Treiben, das den Geist überanstrengte und letztlich das Leben kostete. Obwohl er nun tot war, war sein Bauch hart wie Eisen, und Gesichtshaut und Lippen waren purpurn verbrannt und aufgerissen. Die Ärzte berichteten: „Er ist an den Praktiken der daoistischen Lehre gestorben — er hat Gold geschluckt und Zinnober eingenommen, bis sein Leib anschwoll und er verstarb." Die Mönche sagten erschrocken: „Der Herr hat eine eigens neu hergestellte geheime Zinnoberpille genommen. Wir Mönche haben ihn gewarnt, die Verdienste seien noch nicht weit genug gediehen und er dürfe sie noch nicht nehmen. Aber der Herr hat sie in dieser Nacht während der Gengsheng-Meditation heimlich eingenommen und ist daraufhin zum Unsterblichen geworden. Dies geschah gewiss aus aufrichtiger Hingabe — er hat das Meer des Leidens verlassen, seine sterbliche Hülle abgeworfen und ist seiner Bestimmung gefolgt." Dame Sonders hörte gar nicht hin, befahl nur, sie einzusperren, bis Herrlichkeit Kaufmann käme, und schickte einen Eilboten zu Pferde. Da der Tempel zu eng war, um den Leichnam aufzubahren, und man ihn ohnehin nicht in die Stadt bringen konnte, wurde der Leichnam eilig hergerichtet, in einer Sänfte zum Eiserne-Schwelle-Kloster [20] gebracht und dort aufgebahrt. Selbst bei schnellster Berechnung würde Herrlichkeit Kaufmann frühestens in einem halben Monat eintreffen können. Bei der Sommerhitze war weiteres Warten unmöglich; also übernahm Dame Sonders die Leitung, ließ von einem Astrologen einen Termin für die Einsargung bestimmen, der glücklicherweise schon vor Jahren angefertigte Sarg stand bereit im Tempel. Am dritten Tag eröffnete man die Trauerbräuche und begann die Totenzeremonien. Gleichzeitig ließ man daoistische Rituale abhalten, bis Herrlichkeit Kaufmann eintraf.

Im Rongfu konnte Phönixglanz nicht herauskommen; Seidenweiß Pflaume kümmerte sich um die jungen Schwestern; Schatzjade verstand nichts von solchen Dingen. So mussten die Außenangelegenheiten vorläufig einigen Verwaltern zweiter Ordnung anvertraut werden: Jia Jun, Jia Guang, Jia Heng, Jia Ying, Jia Chang und Jia Ling übernahmen verschiedene Aufgaben. Da Dame Sonders nicht nach Hause zurückkehren konnte, holte sie ihre Stiefmutter in den Ningfu, um auf das Haus aufzupassen. Die Stiefmutter brachte notgedrungen ihre beiden unverheirateten Töchter mit, denn nur so konnte sie beruhigt sein.

Als Herrlichkeit Kaufmann von der Nachricht erfuhr, bat er sofort um Urlaub. Er und Hibiskus Kaufmann [贾蓉] hatten beide offizielle Ämter. Das Ritenministerium sah, dass der heutige Herrscher die kindliche Pietät besonders hoch achtete, und wagte nicht eigenmächtig zu entscheiden, sondern reichte ein Gesuch ein. Der Himmelssohn war von außerordentlicher Menschlichkeit und kindlicher Pietät und ehrte zudem die Nachkommen verdienter Minister. Als er das Gesuch sah, erkundigte er sich sogleich nach Andacht Kaufmanns Rang. Das Ritenministerium berichtete: „Er war als Jinshi [21] berufen; sein vererbter Rang wurde bereits seinem Sohn Herrlichkeit Kaufmann übertragen. Da Andacht Kaufmann in vorgerücktem Alter und bei schwacher Gesundheit war, pflegte er seine Ruhe außerhalb der Hauptstadt im Xuanzhen-Kloster. Nun ist er dort an seiner Krankheit verstorben. Sein Sohn Zhen und sein Enkel Rong befinden sich derzeit wegen der Staatstrauer im Gefolge des Kaisers; daher bitten sie um Urlaub zur Beisetzung." Der Himmelssohn ordnete daraufhin einen besonderen Gnadenerlass an: „Obwohl Andacht Kaufmann als gewöhnlicher Privatmann keine Verdienste um den Staat erworben hat, soll ihm in Anbetracht der Verdienste seiner Vorfahren posthum der Rang der fünften Stufe verliehen werden. Sein Sohn und Enkel dürfen den Sarg durch das Nördliche Abwärtstor in die Hauptstadt bringen und in seiner Privatresidenz bestatten. Nach vollständiger Durchführung der Trauerrituale dürfen sie den Sarg in die Heimat zurückführen. Das Amt für Kaiserliche Opfer soll gemäß dem Hofprotokoll ein Opfer darbringen. Alle Beamten vom Rang eines Fürsten abwärts dürfen ihre Beileidsbesuche abstatten. So sei es befohlen." Nach diesem Erlass dankten nicht nur die Mitglieder der Kaufmann-Familie, sondern alle Beamten bei Hofe priesen den Kaiser ohne Ende.

Herrlichkeit Kaufmann und sein Sohn ritten Tag und Nacht. Auf halbem Wege kamen ihnen Jia Jun und Jia Guang mit Hausbediensteten zu Pferde entgegen. Als sie Herrlichkeit Kaufmann erblickten, sprangen sie aus dem Sattel und begrüßten ihn. Herrlichkeit Kaufmann fragte eilig: „Was gibt es?" Jia Jun antwortete: „Die Schwägerin befürchtete, Ihr und der Neffe kämet allein, und die Alte Herrin hätte auf der Reise niemanden bei sich, deshalb hat sie uns beide geschickt, um die Alte Herrin zu geleiten." Herrlichkeit Kaufmann hörte das und lobte ohne Ende. Er fragte, wie zu Hause alles geregelt worden sei. Jia Jun und die anderen berichteten alles der Reihe nach: wie sie die Mönche festgenommen, den Leichnam zum Familientempel gebracht, und — weil niemand zu Hause war — die Schwiegermutter und die beiden Tanten [22] eingeladen hatten, im Hauptgebäude zu wohnen. Herrlichkeit Kaufmann war inzwischen auch abgestiegen. Als er hörte, dass die beiden Tanten gekommen waren, wechselte er mit Herrlichkeit Kaufmann einen vielsagenden Blick und grinste. Herrlichkeit Kaufmann rief eilig mehrmals: „Ausgezeichnet!", gab seinem Pferd die Sporen und ritt weiter, ohne irgendwo einzukehren. Die ganze Nacht hindurch wechselten sie die Pferde und galoppierten. An einem Tag erreichten sie die Hauptstadt und ritten geradewegs zum Eiserne-Schwelle-Kloster. Es war bereits die vierte Nachtwache; die Wachleute, als sie die Nachricht hörten, weckten eilig alle. Herrlichkeit Kaufmann stieg vom Pferd, und er und Herrlichkeit Kaufmann brachen in lautes Weinen aus. Vom großen Tor aus krochen sie auf Knien hinein, warfen sich vor dem Sarg nieder und wehklagten blutige Tränen, bis es hell wurde und ihre Stimmen heiser waren. Dame Sonders und alle anderen kamen zur Begrüßung. Herrlichkeit Kaufmann und sein Sohn wechselten vorschriftsmäßig die Trauerkleidung und warfen sich vor dem Sarg nieder. Doch da es unvermeidlich war, die Angelegenheiten zu regeln, konnten sie nicht blind und taub für alles sein; sie mussten ihre Trauer ein wenig zurückdrängen, um die Leute anzuweisen. Herrlichkeit Kaufmann erzählte den versammelten Verwandten und Freunden vom kaiserlichen Gnadenerlass und schickte dann Herrlichkeit Kaufmann voraus nach Hause, um die Aufbahrung vorzubereiten.

Herrlichkeit Kaufmann ließ sich das nicht zweimal sagen und ritt im Galopp nach Hause. Eilig ordnete er an: im Vorsaal Tische und Stühle wegräumen, Trennwände abnehmen, Trauertücher aufhängen, vor dem Tor ein Podest für die Trommler und einen Ehrenbogen aufstellen. Dann eilte er hinein, um seine Stiefgroßmutter und die beiden Tanten zu begrüßen. Die alte Dame Sonders schlief gern tagsüber wegen ihres hohen Alters und lag gewöhnlich herum; die Zweite Tante und die Dritte Tante [23] saßen mit den Mädchen bei der Handarbeit. Als er kam, bekundeten alle ihr Beileid. Herrlichkeit Kaufmann aber grinste frech die Zweite Tante an und sagte: „Zweite Tante, du bist wieder da! Unser Vater hat gerade an dich gedacht." Die Zweite Tante You errötete und schimpfte: „Du Rong-Junge! Wenn ich dir ein paar Tage lang nicht den Kopf wasche, überstehst du das nicht. Du hast wirklich jeden Anstand verloren! Und das nennst sich ein Sohn aus gutem Hause, der jeden Tag Bücher liest und Manieren lernt — du bist ja nicht einmal so gesittet wie die Kinder von armen Leuten!" Damit griff sie nach einem Bügeleisen und holte zum Schlag aus. Erschrocken flüchtete Herrlichkeit Kaufmann in ihren Schoß, den Kopf schützend, und bat um Gnade. Die Dritte Tante kam herbei und kniff ihn in die Lippen, wobei sie sagte: „Warte, bis die Schwester nach Hause kommt — wir sagen es ihr!" Herrlichkeit Kaufmann kniete lachend auf dem Kang und bat um Verzeihung; die beiden lachten ebenfalls. Dann balgte sich Herrlichkeit Kaufmann noch mit der Zweiten Tante um Kardamomkörner; die Zweite Tante kaute das Fruchtfleisch und spuckte ihm den Brei ins Gesicht. Herrlichkeit Kaufmann leckte sich alles mit der Zunge ab. Die Mädchen konnten es nicht mit ansehen und sagten lachend: „Ihr tragt doch Trauerkleidung, und die alte Herrin schläft gerade! Die beiden Tanten mögen jung sein, aber sie sind doch Verwandte der Herrin — Ihr schert Euch überhaupt nicht um die Herrin! Wenn wir es dem Herrn sagen, werdet Ihr Euch warm anziehen müssen." Herrlichkeit Kaufmann ließ die Tanten los und umarmte stattdessen die Mädchen: „Mein Herzblatt, du hast völlig recht — necken wir die beiden doch!" Die Mädchen stießen ihn weg und schimpften: „Du Nichtsnutz mit deinem kurzen Leben! Du hast doch selbst Frau und Mägde — warum belästigst du uns! Die Verständigen sagen, es sei Spaß; die Unverständigen — und dann gibt es noch die Bösartigen und Klatschmäuler —, die erzählen es überall herum, und wer im Palast drüben wüsste nicht, wer redete nicht hinter vorgehaltener Hand, dass es bei uns hier drunter und drüber ginge!" Herrlichkeit Kaufmann lachte: „Jede Familie hat ihren eigenen Haushalt — wer kümmert sich um wen? Wir alle haben genug zu tun. Seit alters her — selbst in der Han- und Tang-Dynastie sagt man ‚schmutzige Tang, stinkende Han' — welche Familie hat keine Liebesaffären? Fordert mich nicht heraus, alles aufzuzählen! Sogar drüben — der Erste Herr ist so streng, und trotzdem treibt es Onkel Lian mit der jungen Konkubine! Und Tante Feng ist so unnachgiebig, aber Onkel Rui wollte trotzdem an sie heran. Was davon wüsste ich nicht!"

Während Herrlichkeit Kaufmann noch ungehemmt plapperte, wachte seine Stiefgroßmutter auf. Er eilte, ihr seine Aufwartung zu machen und Grüße zu überbringen: „Vielen Dank, dass die Frau Großmutter sich die Mühe gemacht hat — und den beiden Tanten vielen Dank für ihre Aufopferung. Wir alle — Vater und Sohn — sind zutiefst dankbar. Sobald die Trauerfeierlichkeiten beendet sind, kommen wir mit der ganzen Familie, um Ihnen unsere Ehrerbietung zu erweisen." Die alte Dame Sonders nickte: „Mein Junge, du verstehst zu reden. Unter Verwandten versteht sich das von selbst." Dann fragte sie: „Wie geht es deinem Vater? Wann hat er die Nachricht erhalten und ist angekommen?" Herrlichkeit Kaufmann lachte: „Er ist gerade erst eingetroffen und hat mich vorausgeschickt, um nach Ihnen zu sehen. Wir bitten Sie inständig, wenigstens bis zum Ende der Feierlichkeiten zu bleiben." Dabei zwinkerte er der Zweiten Tante zu. Die Zweite Tante You zischte ihm leise und zähneknirschend zu: „Du geschwätziges Affenbalg — willst du, dass wir bleiben und deinem Vater als Mutter dienen!" Herrlichkeit Kaufmann neckte noch seine Stiefgroßmutter: „Seid unbesorgt — Vater macht sich jeden Tag Sorgen um die beiden Tanten und sucht nach zwei Bräutigamen, die angesehene Familie haben, reich und jung und hübsch sind, um die beiden Tanten standesgemäß zu verheiraten. Aber seit Jahren hat er noch keinen Passenden gefunden — erst neulich, unterwegs, hat er endlich einen ins Auge gefasst." Die alte Dame Sonders hielt das für Ernst und fragte sofort, wessen Sohn es sei. Die beiden Schwestern warfen ihre Handarbeit hin und liefen lachend hinter Herrlichkeit Kaufmann her, um ihn zu schlagen: „Mama, glaub dem Blitzschlag von einem Jungen kein Wort!" Sogar die Mädchen sagten: „Der Himmelsvater hat Augen — pass auf den Blitz auf!" Gerade kam jemand, um zu melden: „Alles ist fertig — bitte kommen der Junge Herr und kontrollieren es, damit er dem Herrn berichten kann." Damit ging Herrlichkeit Kaufmann grinsend davon.

Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.

  1. die beheizte Ofenbank
  2. berühmte Porzellanmanufaktur
  3. Urfrühling
  4. Anspielung auf Xiangfluss-Wolkes Einschlafen auf der Steinbank am Nachmittag.
  5. Anspielung auf Tao Yuanmings ‚Pfirsichblütenquelle'
  6. ‚Blume'
  7. ca. 23:10 Uhr
  8. ‚der abseitige, sonderbare Mensch', ein Begriff aus dem Zhuangzi
  9. Wunderjade's Klause im Garten
  10. wörtl. ‚Heroischer Sklave'
  11. die historischen Hunnen
  12. ‚Großer Held'
  13. ein bekanntes Zitat
  14. ‚Halle des Ulmenbaum-Schattens'
  15. die zwei jungen Frauen des Herrlichkeit Kaufmann
  16. 福朗思牙 = France
  17. Andacht Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmanns Vater, der sich im daoistischen Kloster Xuanzhen dem Streben nach Unsterblichkeit widmete.
  18. Chin. 守庚申 shǒu gēngshēn — eine daoistische Praxis, bei der man an bestimmten Tagen des Sechziger-Zyklus die ganze Nacht wach bleibt, um die „drei Würmer“ (三尸) im Körper daran zu hindern, dem Himmelskaiser die Sünden des Betreffenden zu melden.
  19. Die Einnahme von Goldelixieren und Zinnoberpillen (吞金服砂) war eine verbreitete Praxis daoistischer Alchemie, die Unsterblichkeit versprach, jedoch häufig zu Quecksilbervergiftung und Tod führte.
  20. dem Familientempel der Jia
  21. erfolgreicher Kandidat der höchsten Beamtenprüfung
  22. die zwei Schwestern der Dame Sonders, die später noch eine bedeutende Rolle spielen
  23. die späteren Zweitschwester Sonders und Drittschwester Sonders