Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de/Chapter 68"
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(ZH-DE4 Korrektur-Update Kap. 68) |
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| − | ! style="width:50%" | 中文原文 ( | + | ! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982) |
| − | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung | + | ! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
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鳳姐也不多坐,執意就走了。進園中將此事告訴與尤二姐,又說我怎麼操心打聽,又怎麼設法子,須得如此如此方救下眾人無罪,少不得我去拆開這魚頭,大家才好。不知端詳,且聽下回分解。 | 鳳姐也不多坐,執意就走了。進園中將此事告訴與尤二姐,又說我怎麼操心打聽,又怎麼設法子,須得如此如此方救下眾人無罪,少不得我去拆開這魚頭,大家才好。不知端詳,且聽下回分解。 | ||
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| − | + | Kapitel 68 | |
| − | + | 苦尤娘赚入大观园 / 酸凤姐大闹宁国府 | |
| − | + | Die bitterböse Phönixglanz lockt die Zweitschwester Sonders ins Prunkwille-Anwesen; Phönixglanz stiftet Aufruhr im Stillfriede-Anwesen | |
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| − | Was | + | Die bitterböse Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, die gewiefte und machtbewusste Ehefrau von Kette Kaufmann.</ref> spielt die Gütige und bewirkt mit List eine öffentliche Klage. Die geheime Gattin, die Zweitschwester Sonders<ref>Zweitschwester Sonders: Chin. 尤二姐 Yóu Èrjiě, die heimliche Zweitfrau von Kette Kaufmann.</ref>, wird ins Prunkwille-Anwesen gelockt und gerät in die Falle. |
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| − | + | Es wird erzählt, dass Kette Kaufmann<ref>Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, zweiter Sohn von Begnadigung Kaufmann, Ehemann von Phönixglanz.</ref> nach seiner Abreise erfuhr, dass der Friedenskommandant gerade auf Grenzinspektion war und erst in etwa einem Monat zurückerwartet wurde. Er musste in seiner Unterkunft warten. Als der Kommandant schließlich zurückkam, erledigten sie die Angelegenheit, doch die Rückreise zog sich hin — insgesamt waren fast zwei Monate vergangen. | |
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| + | Unterdessen hatte Phönixglanz längst alles durchgerechnet. Kaum war Kette Kaufmann fort, ließ sie Handwerker aller Art kommen und die drei Zimmer des östlichen Seitenflügels herrichten — mit derselben Ausstattung und Einrichtung wie ihre eigenen Hauptgemächer. Am vierzehnten Tag meldete sie der Herzoginmutter<ref>Herzoginmutter: Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die alte Matriarchin des Kaufmann-Hauses.</ref> und Dame König, sie wolle am fünfzehnten in aller Frühe zum Nonnenkloster, um Weihrauch darzubringen. Sie nahm nur Friedchen<ref>Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, die treue und kluge Leibmagd von Phönixglanz.</ref>, Fenger, Frau Zhou Rui und Dame König Er mit — vier Personen. Noch bevor sie in die Kutsche stieg, erzählte sie allen, worum es wirklich ging. Dann wies sie die männlichen Diener an, schlichte Kleidung anzulegen und schlichte Decken auf die Kutsche zu spannen, und fuhr geradewegs los. | ||
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| + | Glückskind<ref>Chin. 兴儿 Xīng'er. 兴 xīng „Glück/Aufregung“. Kette Kaufmanns Dienerbursche.</ref> führte den Weg, und so gelangten sie direkt vor die Tür der Zweiten Schwester You und klopften an. Die Frau von Bao Er öffnete. Glückskind sagte lachend: „Meldet schnell der Zweiten Herrin — die Erste Herrin ist da!" | ||
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| + | Die Frau von Bao Er erschrak so, dass ihr die Seele aus dem Leib zu fahren schien, und rannte hinein, um die Zweitschwester Sonders zu benachrichtigen. Auch die Zweitschwester Sonders erschrak, doch da der Besuch nun einmal da war, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn mit gebührender Höflichkeit zu empfangen. Eilig richtete sie ihre Kleidung und ging hinaus. | ||
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| + | Vor der Tür stieg Phönixglanz gerade aus der Kutsche. Die Zweitschwester Sonders musterte sie: alles Silberschmuck in schlichtem Weiß auf dem Kopf, ein mondweißes Atlasjäckchen, ein blaugrüner Atlasumhang, ein weißer Seidenrock. Ihre Brauen geschwungen wie Weidenblätter, an den Spitzen fein aufwärts gezogen; die Augen horizontal wie der Blick eines scharlachroten Phönix, der Blick scharf und durchdringend. Anmutig wie ein Pfirsichbaum im Frühling, rein wie eine Chrysantheme im Herbst. Frau Zhou Rui und Dame König Er stützten sie beim Betreten des Hofes. | ||
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| + | Die Zweitschwester Sonders eilte lächelnd entgegen, verneigte sich tief und sagte sogleich: „Dass die ältere Schwester sich persönlich herabgelassen hat — ich habe Euch nicht einmal von ferne empfangen können! Verzeiht mir die Übereilung!" Damit verneigte sie sich bis zum Boden. | ||
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| + | Phönixglanz erwiderte eilig lächelnd die Begrüßung, und die beiden gingen Hand in Hand ins Zimmer. | ||
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| + | Phönixglanz nahm den Ehrenplatz ein. Die Zweitschwester Sonders ließ ein Kissen bringen und wollte sich verbeugen. Sie sagte: „Ich bin jung und unerfahren. Seit meiner Ankunft hier haben meine Mutter und meine ältere Schwester alles besprochen und entschieden. Dass ich heute die Ehre habe, Euch zu begegnen — wenn die ältere Schwester meine bescheidene Herkunft nicht verschmäht, bitte ich in allen Dingen um Eure Anleitung und Belehrung. Ich will Euch mit Leib und Seele dienen." | ||
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| + | Damit vollzog sie die Verbeugung. Phönixglanz erhob sich rasch vom Platz und erwiderte die Verbeugung, wobei sie eilig sagte: „Alles ist nur die Schuld meiner beschränkten Frauensicht! Ich habe meinem Mann ständig geraten, vorsichtig zu sein und nicht draußen nach Blumen und Weiden zu greifen, aus Sorge, es könne den Eltern Kummer bereiten. Das sind eben die Sorgen unserer törichten Herzen. Aber der Zweite Herr hat meine gute Absicht missverstanden. Dass er sich draußen amüsiert — mag sein, er konnte es vor mir verbergen. Aber dass er nun die ältere Schwester als Zweitgemahlin heiratet, das ist doch eine große Angelegenheit mit allen dazugehörigen Zeremonien — und auch das hat er mir nicht gesagt! Dabei habe ich dem Zweiten Herrn sogar selbst geraten, frühzeitig eine solche Verbindung einzugehen, damit für Nachkommen gesorgt sei. Doch er hat mich offenbar für eine jener eifersüchtigen Frauen gehalten und diese wichtige Sache heimlich durchgeführt, ohne mir ein Wort zu sagen. So habe ich ein Unrecht erlitten, das ich nicht aussprechen kann — nur Himmel und Erde sind meine Zeugen. | ||
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| + | Schon vor zehn Tagen habe ich davon gehört, aber aus Furcht, der Zweite Herr würde es nicht gerne hören, habe ich nichts gesagt. Jetzt, da er glücklicherweise auf Fernreise ist, bin ich persönlich gekommen, um meinen Besuch zu machen. Ich bitte die ältere Schwester, mein aufrichtiges Herz zu verstehen, und bitte Euch, die Mühe auf sich zu nehmen und ins Haus zu ziehen. Wir Schwestern wohnen dann zusammen, beraten einmütig den Zweiten Herrn, mahnen ihn zu Besonnenheit in seinen Geschäften und zur Pflege seiner Gesundheit — das wäre das Rechte. | ||
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| + | Wenn die ältere Schwester hier draußen lebt und ich drinnen, wäre das — auch wenn ich gering und unwürdig bin, Euch Gesellschaft zu leisten — für mein Herz nicht erträglich. Außerdem: Wenn Außenstehende davon erführen, würde es keinen guten Eindruck machen. Der Ruf des Zweiten Herrn steht auf dem Spiel — und wenn über mich geredet wird, klage ich nicht. | ||
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| + | Deshalb liegt mein ganzer Ruf in diesem Leben in der Hand der älteren Schwester. Was jene niedrigen Dienstleute reden — sie kennen mich als strenge Hausherrin und machen hinter meinem Rücken ihre Bemerkungen. Das ist das Übliche. Die ältere Schwester ist eine Person von Format — wie könnte sie solchem Gerede Glauben schenken? Hätte ich wirklich Fehler, dann wären da oben drei Schwiegereltern, in der Mitte unzählige Schwägerinnen und Schwiegertöchter, und das Haus Kaufmann ist eine Familie von Rang — hätte man mich bis heute geduldet? Dass der Zweite Herr die ältere Schwester heimlich draußen geheiratet hat — andere würden zürnen, ich aber empfinde es als Glück. Der Himmel und alle Buddhas konnten nicht mitansehen, wie ich von kleinen Leuten verleumdet werde, und haben diese Sache geschickt. Ich bin heute gekommen, um die ältere Schwester zu bitten, zu mir ins Haus zu ziehen, mit demselben Rang und Anteil wie ich, denselben Pflichten gegenüber den Schwiegereltern und demselben Recht, den Gatten zu ermahnen. Wenn es Freude gibt, freuen wir uns gemeinsam; wenn es Kummer gibt, trauern wir gemeinsam — Schwestern wie leibliche, verbunden wie Knochen und Fleisch. Nicht nur werden jene kleinen Leute dann ihre früheren Fehlurteile über mich bereuen, auch der Zweite Herr selbst wird, wenn er heimkommt und es sieht, als Ehemann im Stillen seine früheren Vorurteile bereuen. Die ältere Schwester ist also meine große Wohltäterin, die meinen früheren Ruf vollständig reinwäscht! | ||
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| + | Wenn die ältere Schwester nicht mit mir kommt, bin ich bereit, hier zu bleiben und Euch Gesellschaft zu leisten. Ich will gern die Jüngere sein und Euch jeden Tag beim Kämmen und Waschen bedienen. Ich bitte nur, dass die ältere Schwester vor dem Zweiten Herrn ein gutes Wort für mich einlegt und mir ein Plätzchen zum Leben gönnt — dann sterbe ich zufrieden!" | ||
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| + | Bei diesen Worten brach sie in heftiges Schluchzen aus. Die Zweitschwester Sonders, die das sah, konnte ihre eigenen Tränen nicht zurückhalten. | ||
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| + | Nachdem sich die beiden begrüßt und der Rangfolge nach gesetzt hatten, trat auch Friedchen vor, um ihren Gruß zu erweisen. Die Zweitschwester Sonders erkannte an ihrem feinen Auftreten, ihrem vornehmen Benehmen und ihrer Schönheit sofort, dass es Friedchen sein musste. Eilig hielt sie sie persönlich zurück und sagte nur: „Schwester, lasst das! Ihr und ich sind gleich!" | ||
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| + | Phönixglanz erhob sich ebenfalls lachend und sagte: „Das geht zu weit! Schwester, nehmt ruhig ihre Verbeugung an — sie ist nur unsere Dienerin. Bitte macht das nicht noch einmal." | ||
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| + | Dann ließ sie Frau Zhou aus dem Bündel vier Stücke feinstes Stofftuch und vier Paar goldene Perlen-Haarnadeln als Begrüßungsgeschenk hervorholen. Die Zweitschwester Sonders nahm sie dankend entgegen. Die beiden tranken Tee und sprachen über Vergangenes. Phönixglanz gab sich durch und durch selbstanklagend — „die Schuld liegt ganz bei mir, anderen kann ich keinen Vorwurf machen, ich bitte nur die ältere Schwester um ihre Zuneigung" und dergleichen. | ||
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| + | Die Zweitschwester Sonders hielt Phönixglanz nach alledem für eine überaus gute Person. Dass niedrige Dienstleute ihre Herrin verleumden, wenn sie unzufrieden sind, sei ja ganz natürlich. So öffnete sie ihr Herz, plauderte eine Weile und betrachtete Phönixglanz bereits als Seelenverwandte. Zudem priesen Frau Zhou Rui und andere nebenbei Phönixglanz' viele gute Taten als Hausherrin — nur sei sie zu gutherzig und mache sich dadurch Feinde. „Die Zimmer sind schon hergerichtet — die Herrin braucht nur hinzugehen und es sich anzusehen", sagten sie. | ||
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| + | Die Zweitschwester Sonders hatte sich ohnehin nichts sehnlicher gewünscht, als ins Haus zu ziehen und dort zusammenzuleben. Wie hätte sie da nicht einwilligen sollen! Sie sagte: „Natürlich sollte ich mit der älteren Schwester gehen. Nur — was wird mit den Dingen hier?" | ||
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| + | Phönixglanz sagte: „Das ist nicht schwer. Die Truhen und wertvollen Sachen der älteren Schwester lässt sie von den Burschen ins Haus bringen. Das grobe Zeug braucht man nicht, jemand soll darauf aufpassen. Wen die ältere Schwester für zuverlässig hält, der bleibt hier." | ||
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| + | Die Zweitschwester Sonders sagte hastig: „Da ich die ältere Schwester nun getroffen habe — wenn ich ins Haus ziehe, überlasse ich alles Eurer Regie. Ich bin noch nicht lange hier und habe nie einen Haushalt geführt, verstehe nichts von der Welt — wie könnte ich Entscheidungen treffen? Diese paar Truhen nehme ich mit. Viel habe ich ohnehin nicht — das meiste gehört ja dem Zweiten Herrn." | ||
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| + | Phönixglanz befahl Frau Zhou Rui, alles zu verzeichnen und sorgfältig in den östlichen Seitenflügel bringen zu lassen. Dann drängte sie die Zweitschwester Sonders, sich umzukleiden. Hand in Hand stiegen die beiden in die Kutsche, saßen beieinander, und Phönixglanz flüsterte ihr zu: | ||
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| + | „In unserem Haus herrschen strenge Regeln. Von der Sache weiß die Ahnherrin überhaupt nichts. Wenn sie erführe, dass der Zweite Herr dich in der Trauerzeit geheiratet hat, ließe sie ihn totschlagen. Vorerst darfst du die Ahnherrin und die Gnädigen Frauen nicht sehen. Wir haben einen sehr großen Garten, in dem die jungen Damen wohnen — da kommt nicht leicht jemand hin. Du wohnst erst einmal ein paar Tage im Garten. Wenn ich eine Möglichkeit gefunden habe, die Sache richtig zu erklären, dann trittst du vor sie — das ist sicherer." | ||
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| + | Die Zweitschwester Sonders sagte: „Ich überlasse alles der älteren Schwester." | ||
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| + | Die Burschen, die die Kutsche begleiteten, waren vorher alle eingeweiht worden und fuhren nicht zum Haupttor, sondern direkt zum Hintertor. | ||
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| + | Nach dem Aussteigen schickte Phönixglanz alle fort und führte die Zweitschwester Sonders durch das Hintertor des Gartens der Großen Anschauung [大观园] zu Frau Li [李纨], um sich vorzustellen. Zu diesem Zeitpunkt wussten schon neun von zehn Bewohnern des Gartens Bescheid. Als nun Phönixglanz die Neue hereinbrachte, kamen viele herbei, um sie zu sehen und zu befragen. Die Zweitschwester Sonders begrüßte alle der Reihe nach. Wer sie sah, war von ihrer Anmut und Liebenswürdigkeit angetan und konnte nicht umhin, sie zu loben. | ||
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| + | Phönixglanz ermahnte alle Anwesenden einzeln: „Keiner darf nach draußen ein Wort verlauten lassen! Wenn die Ahnherrin oder die Gnädigen Frauen davon erfahren, bringe ich euch als Erste um!" Die Mütterchen und Mädchen im Garten fürchteten Phönixglanz ohnehin allesamt, und da es sich zudem um eine Sache handelte, die Kette Kaufmann während der doppelten Reichs- und Familientrauer begangen hatte, und sie wussten, wie heikel die Angelegenheit war, mischte sich keine ein. | ||
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| + | Phönixglanz bat Frau Li unter vier Augen, die Zweitschwester Sonders einige Tage bei sich aufzunehmen: „Sobald alles geregelt ist, holen wir sie selbstverständlich herüber." Frau Li sah, dass Phönixglanz drüben schon Zimmer hatte herrichten lassen, und da man sich in der Trauerzeit ohnehin nicht öffentlich äußern sollte, war dies nur vernünftig. Also nahm sie die Zweitschwester Sonders vorübergehend auf. | ||
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| + | Phönixglanz ließ dann nach und nach alle Dienstmädchen der Zweiten Schwester You entfernen und schickte stattdessen ein eigenes Mädchen zum Aufwarten. Heimlich wies sie die Dienerinnen des Gartens an: „Passt gut auf sie auf! Wenn sie abhaut oder verschwindet, ziehe ich euch zur Rechenschaft!" Dann ging sie selbst auf anderen Wegen weiter. | ||
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| + | Alle im Haus wunderten sich insgeheim: „Seit wann ist Phönixglanz so tugendhaft geworden?" | ||
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| + | Die Zweitschwester Sonders aber war mit ihrer Unterbringung zufrieden und sah, dass die jungen Damen im Garten alle freundlich zu ihr waren. Sie glaubte, am richtigen Ort angekommen zu sein. | ||
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| + | Doch schon drei Tage später begann das Dienstmädchen Shanjie, immer ungehorsamer zu werden. Als die Zweitschwester Sonders einmal sagte: „Mir ist das Haaröl ausgegangen, geh zur Ersten Herrin und bitte um Nachschub", fuhr Shanjie sie an: „Zweite Herrin, Ihr wisst wirklich nicht, was sich gehört! Unsere Herrin muss jeden Tag der Ahnherrin aufwarten, der einen Gnädigen Frau, der anderen Gnädigen Frau. Dazu alle Schwägerinnen und Schwestern, oben und unten mehrere hundert Personen — jeden Tag warten alle auf ihr Wort. Auf den Tag gerechnet gibt es mindestens zwanzig große und dreißig bis fünfzig kleine Angelegenheiten. Draußen, von der Kaiserlichen Nebengemahlin angefangen über Herzöge und Marquis, wie viele Geschenke und Besuche! Im Haus die ganzen Verwandten und Freunde! Tausende Liang Silber und Zehntausende Kupfermünzen gehen täglich durch ihre eine Hand, ihr eines Herz, ihren einen Mund. Wegen so einer Nichtigkeit soll ich sie belästigen? Ich rate Euch, bescheidener zu sein! Wir sind doch nicht durch Brautwerber und ordentliche Heirat hergekommen. Es ist bereits einzigartig großherzig von ihr, dass sie Euch so behandelt! Wäre da jemand anders, die hätte Euch bei solchen Worten sofort angebrüllt und Euch vor die Tür gesetzt — ob lebendig oder tot, was hättet Ihr dann tun können?" | ||
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| + | Nach dieser Predigt senkte die Zweitschwester Sonders den Kopf und dachte, an diesen Worten sei etwas dran — sie müsse sich eben fügen. | ||
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| + | Shanjie brachte ihr nach und nach nicht einmal mehr das Essen pünktlich — mal zu früh, mal zu spät, und was sie brachte, waren Reste. Als die Zweitschwester Sonders sich zweimal beschwerte, fing Shanjie stattdessen an zu schreien. Die Zweitschwester Sonders fürchtete, man könnte sagen, sie sei unzufrieden und unbescheiden, und erduldete es schweigend. | ||
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| + | Alle fünf oder acht Tage ließ sich Phönixglanz einmal bei ihr blicken — stets mit freundlicher Miene und dem Wort „Schwester" auf den Lippen. „Sollten die Dienstleute dich schlecht behandeln und du kommst nicht mit ihnen zurecht, sag es nur mir, dann bestrafe ich sie", sagte sie. Dann schalt sie die Mädchen und Frauen: „Ich kenne euch — die Sanften schikaniert ihr, vor den Harten kuscht ihr. Hinter meinem Rücken fürchtet ihr niemanden mehr. Wenn die Zweite Herrin mir auch nur ein einziges Mal ‚Nein' meldet, verlange ich euer Leben!" | ||
| + | |||
| + | Die Zweitschwester Sonders sah Phönixglanz so gutherzig und dachte: „Wenn ich schon sie habe, die sich kümmert, warum sollte ich da noch selbst Aufheben machen? Dass die Dienstleute sich nicht benehmen können, ist normal. Wenn ich sie anschwärze und sie bestraft werden, heißt es hinterher, ich sei nicht tugendhaft." So deckte sie die Verfehlungen sogar noch zu. | ||
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| + | Derweil schickte Phönixglanz König Er hinaus, um Nachforschungen anzustellen. Bald wusste sie alles über die Zweitschwester Sonders: Sie war schon einmal verlobt gewesen. Der Bräutigam war erst neunzehn, trieb sich Tag für Tag in Hurenhäusern und Spielhöllen herum, kümmerte sich nicht um seinen Lebensunterhalt, hatte sein ganzes Erbe durchgebracht, und sein Vater hatte ihn verstoßen. Er lebte jetzt in einer Spielhölle. Sein Vater hatte zehn Liang Silber von der alten You genommen und die Verlobung aufgelöst, doch der junge Mann wusste noch nichts davon. Er hieß Zhang Hua. | ||
| + | |||
| + | Phönixglanz, die nun alle Einzelheiten kannte, steckte König Er zwanzig Liang Silber zu und befahl ihm heimlich, Zhang Hua aufzustöbern, ihn zu verköstigen, ihm eine Klageschrift aufsetzen zu lassen und damit bei der zuständigen Behörde Anzeige erstatten zu lassen. Die Anklage gegen den zweiten Herrn Kette Kaufmann lautete: „Reichstrauer und Familientrauer missachtend, gegen kaiserliche Erlasse und hinter dem Rücken der Eltern, auf Reichtum und Macht gestützt, eine Verlobung gewaltsam aufgelöst und unter Vernachlässigung der Erstgemahlin erneut geheiratet." | ||
| + | |||
| + | Zhang Hua kannte die Machtverhältnisse und wagte zunächst nicht, etwas zu unternehmen. König Er berichtete Phönixglanz, die wütend schimpfte: „Dieser räudige Hund, den man nicht an die Mauer stellen kann! Sag ihm genau: Selbst wenn er unsere Familie des Hochverrats anklagte, passiert nichts! Es geht nur darum, mit dem Streit ein allgemeines Gesichtsverlust herbeizuführen. Wenn die Klage zu groß wird, werde ich sie schon zu regeln wissen." | ||
| + | |||
| + | König Er tat wie geheißen und redete Zhang Hua ins Gewissen. Phönixglanz wies König Er außerdem an: „Wenn er dich verklagt, gehst du einfach mit ihm zur Verhandlung." So und so, dies und das — „ich weiß schon, was ich tue." | ||
| + | |||
| + | König Er, der sich auf ihre Anleitung verließ, ließ Zhang Hua seinen eigenen Namen in die Klageschrift einfügen: „Klage mich ruhig an als denjenigen, der die Gelder überreicht und den Zweiten Herrn zu allem angestiftet hat." | ||
| + | |||
| + | So hatte Zhang Hua einen Ansatz, und nachdem er sich mit König Er beraten hatte, schrieben sie die Klageschrift und reichten sie am nächsten Tag beim Zensorat ein. | ||
| + | |||
| + | Das Zensorat sah, dass es sich um eine Klage gegen Kette Kaufmann handelte, und dass ein Hausdiener namens König Er darin vorkam. Also schickte man Gerichtsboten zum Haus Kaufmann, um König Er zur Verhandlung vorzuladen. Die Boten wagten nicht, eigenmächtig einzutreten, und ließen nur eine Nachricht überbringen. König Er aber wartete schon darauf, brauchte keine Nachricht — er stand längst in der Straße bereit. Als er die Boten sah, ging er ihnen lachend entgegen: „Macht Euch keine Mühe, Brüder! Es muss wegen meiner Sache sein. Da hilft nichts, fesselt mich schnell." Die Boten wagten das nicht und sagten nur: „Kommt einfach mit, macht keinen Spaß." | ||
| + | |||
| + | So kniete er vor dem Richter nieder. Der Zensuor ließ ihm die Klageschrift vorlesen. König Er tat, als lese er sie zum ersten Mal, schlug den Kopf auf den Boden und sagte: „Die Angelegenheit ist mir bestens bekannt. Mein Herr hat das tatsächlich getan. Nur hat Zhang Hua, der seit langem mein Feind ist, mich absichtlich hineingezogen. Es gibt noch andere Beteiligte — ich bitte den Herrn Richter, weiter zu fragen." | ||
| + | |||
| + | Zhang Hua schlug den Kopf auf den Boden und sagte: „Es gibt zwar noch andere, aber ich wage nicht, sie anzuklagen, deshalb habe ich nur den Diener angeklagt." | ||
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| + | König Er tat aufgeregt und sagte: „Du Dummkopf, sag es doch schnell! Das hier ist der kaiserliche Gerichtshof — selbst wenn es der Herr persönlich ist, musst du ihn nennen!" | ||
| + | |||
| + | Zhang Hua nannte daraufhin Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Herrlichkeit Kaufmann, junger Herr des Ostpalasts.</ref>. Der Zensuor hatte keine andere Wahl, als auch Herrlichkeit Kaufmann vorladen zu lassen. | ||
| + | |||
| + | Phönixglanz hatte zuvor Qinger losgeschickt, um heimlich nachzufragen. Als die Klage erhoben war, ließ sie sofort König Xin kommen, erzählte ihm alles und befahl ihm, den Zensuor zu bitten, die Sache nur zum Schein aufzubauschen und einzuschüchtern, sonst nichts. Dazu gab sie ihm dreihundert Liang Silber für die Bestechung. Noch in derselben Nacht suchte König Xin den Zensuor privat auf und legte die Grundlage. Der Zensuor, der die Zusammenhänge durchschaute, steckte das Bestechungsgeld ein. Am nächsten Tag erklärte er bei der Verhandlung, Zhang Hua sei ein Taugenichts, der Schulden beim Haus Kaufmann habe und mit frei erfundenen Anschuldigungen ehrbare Leute verleumde. Da der Zensuor zudem mit König Ziteng [王子腾] befreundet war und König Xin nur einen kurzen Besuch zu Hause machte — schließlich handelte es sich ja um die Familie Kaufmann, und alle waren froh, die Sache zu beenden —, wurde auch dort nicht weiter nachgehakt. Man ließ nur Herrlichkeit Kaufmann zur Verhandlung vorladen. | ||
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| + | Herrlichkeit Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ostpalasts (Ning-guo-fu).</ref> waren gerade mit den Begräbnisvorbereitungen für Herrlichkeit Kaufmanns Vater beschäftigt, als plötzlich ein Bote kam und meldete: „Jemand hat euch angeklagt, und zwar so und so und so — trefft schnell Vorkehrungen!" Herrlichkeit Kaufmann erschrak und eilte zu Herrlichkeit Kaufmann. Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Davor hatte ich mich gehütet — aber was für eine Dreistigkeit!" Sofort ließ er zweihundert Liang Silber einpacken und Leute hinschicken, um den Zensuor zu bestechen, und schickte Diener zur Verhandlung. | ||
| + | |||
| + | Gerade als sie noch berieten, wurde gemeldet: „Die Zweite Herrin aus dem Westpalast ist da!" Herrlichkeit Kaufmann erschrak über diese Nachricht, er wollte sich zusammen mit Herrlichkeit Kaufmann schnell verstecken. Doch Phönixglanz war schon hereingetreten und rief: „Na, lieber großer Bruder, da habt ihr ja zusammen mit den jungen Herren feine Sachen angestellt!" | ||
| + | |||
| + | Herrlichkeit Kaufmann eilte herbei und verbeugte sich. Phönixglanz packte ihn und zog ihn mit sich. Herrlichkeit Kaufmann lachte nur noch und sagte: „Bedient eure Tante gut, lasst Vieh schlachten und das Essen herrichten!" Damit ließ er eilig sein Pferd satteln und machte sich davon. | ||
| + | |||
| + | Phönixglanz kam mit Herrlichkeit Kaufmann in die Haupträume. Die Schwägerin Sonders kam ihr gerade entgegen. Als sie Phönixglanz' zornige Miene sah, fragte sie lächelnd: „Was ist denn so dringend?" | ||
| + | |||
| + | Phönixglanz spuckte ihr mitten ins Gesicht und schrie: „Euer Sonders-Mädchen, das keiner mehr wollte, habt ihr heimlich zu den Kaufmanns geschickt! Sind denn alle Kaufmann-Männer so gut, dass es nirgendwo sonst auf der Welt einen Mann gibt? Wenn du sie schon hergeben willst, dann mit drei Brautwerbern und sechs Zeugen, alles ordentlich und nach Brauch! Du hast dir das Hirn vernebeln lassen. In Reichs- und Familientrauer zugleich hast du sie einfach hergeschickt! Jetzt wird uns verklagt, und ich als eine, die keinen Fuß hat, auf dem sie stehen kann — in den Amtsstuben weiß man längst, dass ich streng und eifersüchtig bin. Jetzt wird mein Name genannt, und man will mich verstoßen lassen! Was habe ich in eurem Haus verbrochen, dass ihr mir so schadet? Oder hat die Ahnherrin oder die Gnädige Frau etwas gegen mich und ihr habt diese Falle gebaut, um mich loszuwerden? Dann gehen wir jetzt beide zusammen vor Gericht und klären die Sache! Danach laden wir die ganze Sippe ein, und jeder sagt offen, was er denkt. Gebt mir den Scheidebrief, und ich gehe!" | ||
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| + | Dabei weinte sie laut, zerrte an der Schwägerin Sonders und wollte mit ihr zum Gericht gehen. Herrlichkeit Kaufmann kniete sich auf den Boden und schlug den Kopf auf die Erde, immer wieder flehend: „Tante, beruhigt Euch doch!" | ||
| + | |||
| + | Phönixglanz schimpfte weiter auf Herrlichkeit Kaufmann: „Du vom Blitz geschlagener, von fünf Dämonen zerrissener gewissenloser Kerl! Weißt du nicht, wie hoch der Himmel und wie dick die Erde ist? Tagaus, tagein stiftest du Unfrieden und treibst schamlose, gesetzlose, familienzerstörende Geschäfte! Deine verstorbene Mutter im Jenseits verzeiht dir das nicht, die Ahnen verzeihen es nicht — und du wagst es, mich beschwichtigen zu wollen!" Weinend und schimpfend holte sie aus, um ihn zu schlagen. | ||
| + | |||
| + | Herrlichkeit Kaufmann schlug rasch den Kopf auf den Boden und sagte: „Tante, schlagt Euch nicht die Hand wund — lasst mich mich selbst schlagen!" Damit schlug er sich links und rechts selbst ins Gesicht und fragte sich selbst: „Wirst du in Zukunft dich noch in alles einmischen, was dich nichts angeht? Wirst du in Zukunft nur noch auf deinen Onkel hören und nicht mehr auf deine Tante?" | ||
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| + | Alle Umstehenden wollten zugleich trösten und lachen, wagten aber nicht zu lachen. | ||
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| + | Phönixglanz warf sich in die Arme der Schwägerin Sonders, heulte zum Himmel und zur Erde und schluchzte laut: „Dass du deinem Bruder eine Frau nimmst, ärgert mich nicht! Aber warum habt ihr es so gemacht, dass es gegen kaiserliche Erlasse verstößt, und hängt mir diesen Schandnamen an? Gehen wir doch zum Gericht, bevor die Häscher kommen! Oder noch besser — gehen wir zur Ahnherrin und der Gnädigen Frau und legen es der ganzen Sippe vor! Wenn ich so schlecht bin und meinem Mann keine Zweitfrau und Nebenfrau gönne, dann gebt mir den Scheidebrief, und ich verschwinde sofort! | ||
| + | |||
| + | Eure Schwester habe ich eigenhändig ins Haus geholt, und aus Angst, die Ahnherrin und die Gnädige Frau könnten böse werden, habe ich nicht einmal gewagt, es zu melden. Sie wohnt dort mit feinstem Essen, goldenen Sklavinnen und silbernen Dienern im Garten! Ich habe eilig die Zimmer herrichten lassen, mit demselben Rang wie ich — alles bereit für den Tag, an dem die Ahnherrin es erfährt. Ich dachte, wenn sie erst eingezogen ist, werden wir alle brav und anständig leben und ich lasse die Vergangenheit ruhen. | ||
| + | |||
| + | Aber nun stellt sich heraus, dass sie schon einen Verlobten hatte! Was ihr da getrieben habt, davon weiß ich überhaupt nichts. Jetzt wird mir der Prozess gemacht! Gestern war ich so verzweifelt, dass ich — auch wenn ich selbst vor Gericht ginge, es wäre die Schande eures Hauses Kaufmann! — nicht anders konnte, als heimlich fünfhundert Liang von der Gnädigen Frau zu nehmen und die Beamten zu bestechen. Und mein Diener sitzt immer noch im Gefängnis!" | ||
| + | |||
| + | So weinte und schimpfte sie abwechselnd und wollte sich schließlich den Schädel einschlagen. Die Schwägerin Sonders war wie ein durchgekneteter Teig, ihre Kleider von Tränen und Rotz durchtränkt. Sie sagte nur: „Du Ungeheuer von Sohn! Was für feine Sachen hast du mit deinem Vater angestellt! Hab ich's nicht gleich gesagt?" | ||
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| + | Phönixglanz hörte das, fasste weinend die Schwägerin Sonders am Gesicht, starrte sie frontal an und fragte: „Bist du wahnsinnig? Hast du einen Kürbis im Mund stecken? Oder haben sie dir eine Trense angelegt? Warum hast du mir nichts gesagt? Wenn du es mir gesagt hättest, wäre jetzt alles friedlich! Wie konnte es so weit kommen, dass Gerichte und Behörden bemüht werden? Und jetzt machst du ihnen noch Vorwürfe! ‚Ist die Frau tugendhaft, hat der Mann weniger Unglück', heißt es, und ‚Äußere Stärke ist nicht so viel wert wie innere Stärke.' Wenn du etwas getaugt hättest, hätten die das alles nie angestellt! Aber du hast weder Geschick noch Mundwerk — du bist ein Kürbis mit abgesägtem Mund, der nur still dasitzt und auf den guten Ruf einer tugendhaften Frau hofft. Am Ende fürchten sie dich nicht und hören nicht auf dich!" Dann spuckte sie ihr noch ein paarmal ins Gesicht. | ||
| + | |||
| + | Die Schwägerin Sonders weinte ebenfalls: „Wie könnte ich nicht ermahnt haben? Aber glaubst du, sie hören auf mich? Was soll ich denn machen? Ich kann der Schwester nicht verdenken, dass sie wütend ist — ich kann nur zuhören." | ||
| + | |||
| + | Inzwischen knieten all die Nebenfrauen, Mädchen und Dienerinnen dicht an dicht am Boden und baten lachend: „Die Zweite Herrin ist doch die Verständigste! Auch wenn unsere Herrin im Unrecht ist — Ihr habt sie genug gedemütigt. Unsere Herrinnen waren sich doch immer so gut — bitte bewahrt ihr das Gesicht!" | ||
| + | |||
| + | Man reichte Tee. Phönixglanz warf auch den zu Boden, wischte sich die Augen, richtete sich die Haare und schimpfte dann noch auf Herrlichkeit Kaufmann: „Geh hinaus und hol deinen Vater! Ich will ihn persönlich fragen: Der eigene Großvater ist erst sieben mal sieben Tage bestattet, und der Neffe heiratet — diesen Brauch kenne ich noch nicht. Da kann ich ja gleich für die Zukunft lernen, wie man Söhne und Neffen erzieht!" | ||
| + | |||
| + | Herrlichkeit Kaufmann kniete nur da und schlug den Kopf auf den Boden: „Diese Sache hat mit meinen Eltern gar nichts zu tun! Euer Sohn war es, der einen Moment lang verrückt wurde und den Onkel angestiftet hat. Mein Vater weiß gar nichts davon. Gerade bereitet er die Überführung des Großvaters vor. Wenn die Tante jetzt Aufsehen macht, ist es auch um Euren Sohn geschehen. Bestraft mich, wie Ihr wollt — ich nehme jede Strafe an. Aber den Prozess — bitte, Tante, regelt Ihr ihn. Euer Sohn kann so eine große Sache nicht bewältigen. Die Tante ist doch eine Person von Format — kennt Ihr nicht das Sprichwort: ‚Ein gebrochener Arm bleibt im Ärmel verborgen'? Euer Sohn war dumm genug, eine Dummheit zu begehen — wie ein Hund oder eine Katze. Da die Tante mich bestraft, wird sie doch nicht auf meine Stufe herabsteigen. Die Tante muss sich leider noch die Mühe machen, die Sache draußen in Ordnung zu bringen. Euer Sohn hat die Dummheit angerichtet, und die Tante muss die Scherben aufkehren — aber sie liebt ihren Sohn doch trotzdem." | ||
| + | |||
| + | Phönixglanz sah, wie Mutter und Sohn sich so verhielten, und erkannte, dass sie nicht weitergehen konnte. Also wechselte sie Miene und Ton und sagte versöhnlich zur Schwägerin Sonders: „Ich bin jung und unverständig. Als ich hörte, dass jemand klagt, hat es mich so erschreckt, dass ich nicht mehr wusste, was ich tat. Wie unhöflich muss ich eben zur Schwägerin gewesen sein! Wie Hibiskus sagt — ‚der gebrochene Arm bleibt im Ärmel' —, bitte die Schwägerin, mir zu vergeben. Und bitte sprich mit dem Bruder, damit er den Prozess erst einmal niederschlägt." | ||
| + | |||
| + | Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten einhellig: „Die Tante braucht sich keine Sorgen zu machen — den Onkel wird es nicht im Geringsten treffen. Ihr sagtet, Ihr hättet fünfhundert Liang ausgegeben — selbstverständlich werden wir Mutter und Sohn fünfhundert Liang zusammenbringen und Euch hinüberschicken, damit Ihr den Verlust ausgleichen könnt. Es wäre unverzeihlich, wenn die Tante obendrein noch Schulden machen müsste. Aber noch eins: Vor der Ahnherrin und den Gnädigen Frauen — da muss die Tante bitte taktvoll sein und diese Dinge nicht erwähnen." | ||
| + | |||
| + | Phönixglanz lachte kalt: „Ihr habt mir etwas über den Kopf gezogen und erwartet jetzt, dass ich euch decke! Ich bin zwar dumm, aber so dumm nicht. Die Schwester meines Schwagers ist auch mein Mann, und wenn die Schwägerin fürchtet, er bleibe ohne Nachkommen — fürchte ich das etwa nicht noch mehr? Die Schwester der Schwägerin ist wie meine eigene Schwester. Als ich davon hörte, war ich so froh, dass ich die ganze Nacht kein Auge zutat. Sofort ließ ich die Zimmer herrichten und wollte sie aufnehmen. Die Dienstleute mit ihrem Sklavenverstand sagten allerdings: ‚Die Herrin ist zu gutmütig! Wenn wir zu bestimmen hätten, würden wir erst die Ahnherrin und die Gnädige Frau informieren, dann die Zimmer herrichten und sie abholen — das wäre noch früh genug.' Als ich das hörte, hätte ich sie am liebsten geschlagen und beschimpft, konnte es aber lassen. | ||
| + | |||
| + | Aber es kam nicht, wie ich wollte! Aus heiterem Himmel tauchte dieser Zhang Hua auf und erstattete Anzeige. Als ich das erfuhr, habe ich zwei Nächte lang kein Auge zugemacht, wagte aber nicht, Aufhebens zu machen. Heimlich ließ ich Erkundigungen einziehen, wer dieser Zhang Hua sei und wo er die Dreistigkeit hernehme. Nach zwei Tagen Nachforschung stellte sich heraus, dass es ein nichtsnutziger Bettler ist. Jung und unerfahren, wie ich bin, musste ich lachen und sagte: ‚Was kann der schon anklagen?' Aber die Burschen erklärten: ‚Die Zweite Herrin war ihm einst versprochen. Jetzt ist er in der Klemme — ob er erfriert oder verhungert, er stirbt so oder so. Jetzt hat er dieses Recht in der Hand, und selbst wenn er stirbt, stirbt er wenigstens für etwas. Wie kann man es ihm verdenken? Die Sache wurde zu überstürzt gemacht. Reichstrauer — ein Vergehen. Familientrauer — ein Vergehen. Hinter dem Rücken der Eltern heimlich geheiratet — ein Vergehen. Die Erstfrau verlassen und erneut geheiratet — ein Vergehen. Wie das Sprichwort sagt: Wer seine Haut riskiert, kann sogar den Kaiser vom Pferd ziehen. Ein Mann, der vor Armut verrückt geworden ist, wozu ist der nicht fähig? Zumal er das volle Recht auf seiner Seite hat — auf eine Einladung zu warten ist unmöglich.' | ||
| + | |||
| + | Schwägerin, selbst wenn ich Han Xin oder Zhang Liang wäre — nach diesen Worten wäre mir jeder Gedanke vergangen. Euer Bruder ist nicht da, ich hatte niemanden zum Beraten — nichts blieb übrig, als Geld hinzulegen. Aber je mehr Geld ich ausgab, desto mehr pressten sie mich aus. Ich bin wie eine Maus mit einem Geschwür am Schwanz — kein Tropfen Blut mehr übrig. Vor Aufregung und Ärger musste ich herkommen." | ||
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| + | Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten, ohne sie ausreden zu lassen: „Keine Sorgen, wir regeln das selbstverständlich!" | ||
| + | |||
| + | Herrlichkeit Kaufmann fuhr fort: „Dieser Zhang Hua hat nur aus purer Verzweiflung heraus geklagt. Mein Plan wäre: Wir bieten ihm etwas Silber an und lassen ihn gestehen, dass er falsch und grundlos geklagt hat. Wir regeln seinen Prozess, und wenn er herauskommt, geben wir ihm noch etwas Geld — dann ist die Sache erledigt." | ||
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| + | Phönixglanz lachte: „Liebes Kind, kein Wunder, dass du so kopflos solche Dummheiten anstellst — du bist wirklich naiv! Wenn er heute einwilligt und den Prozess übersteht und das Geld bekommt, ist es vorerst erledigt. Aber solche Taugenichtse — wenn das Geld verbraucht ist, suchen sie neue Vorwände und pressen einen wieder. Außerdem: Wenn er sagt, er habe nichts verbrochen — warum hat man ihm dann Geld gegeben? Am Ende ist es eine nie endende Geschichte." | ||
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| + | Herrlichkeit Kaufmann, der ein kluger Mensch war, verstand sofort und sagte lachend: „Ich habe noch eine Idee. ‚Wer den Ärger gebracht hat, muss ihn auch forttragen.' Am besten erledige ich das selbst. Ich gehe zu Zhang Hua und frage ihn: Will er unbedingt die Person haben, oder ist er bereit, sich mit Geld abfinden zu lassen und eine andere zu heiraten? Wenn er die Person will, muss ich meine Zweite Tante überreden, dass sie herauskommt und ihn heiratet. Wenn er Geld will, geben wir ihm welches." | ||
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| + | Phönixglanz rief hastig: „Auch wenn du das sagst — ich bringe es nicht übers Herz, deine Tante hinauszuschicken! Auf keinen Fall! Guter Neffe, wenn du mich liebst, gib ihm lieber mehr Geld!" | ||
| + | |||
| + | Herrlichkeit Kaufmann wusste genau, dass Phönixglanz mit dem Mund zwar so redete, im Herzen aber nichts lieber wollte, als dass die Person von selbst ging — sie selbst spielte nur die Tugendhafte. Was immer sie jetzt sagte, er gehorchte. | ||
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| + | Phönixglanz, zufrieden, sagte dann: „Die Sache draußen lässt sich regeln — aber wie geht es zu Hause weiter? Du solltest mit mir hinüberfahren und es der Ahnherrin erklären." | ||
| + | |||
| + | Herrlichkeit Kaufmann bat Phönixglanz um Rat, wie man die Lüge am besten formulieren solle. Phönixglanz lachte kalt: „Wenn du nicht das Talent dazu hast, warum hast du dich dann darauf eingelassen? Jetzt diese Jammerpose — das ist mir zuwider. Aber andererseits bin ich ein weichherziger Mensch und lasse mich von jedem herumschubsen, und trotzdem habe ich ein gutes Herz. Ich muss es wohl übernehmen. | ||
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| + | Ihr beide haltet euch einfach fern. Ich bringe eure Schwester zur Ahnherrin und der Gnädigen Frau und lasse sie den Kotau machen. Ich sage: Sie ist die Schwester meines Schwagers, ich habe sie kennengelernt und fand sie sehr nett. Da ich selbst nicht gerade fruchtbar bin, hatte ich ohnehin vor, ein oder zwei Mädchen ins Haus zu nehmen. Als ich nun die Schwester meines Schwagers traf und sah, wie gut sie ist — Verwandte untereinander zu heiraten ist doch das Beste —, habe ich beschlossen, sie als Zweitfrau aufzunehmen. Da ihre Eltern und Schwestern vor Kurzem alle verstorben sind und sie in Armut lebt, konnte sie die hundert Tage Trauer nicht abwarten, denn sie hätte kein Zuhause und keinen Unterhalt gehabt. Deshalb habe ich sie schon ins Haus geholt, die Zimmer im Seitenflügel sind hergerichtet, und sie wohnt vorerst dort. Erst wenn die Trauer vorüber ist, wird die Ehe vollzogen. | ||
| + | |||
| + | Mit meiner schamlosen Miene und meiner Hartnäckigkeit drücke ich das schon durch. Wenn es Ärger gibt, fällt er nicht auf euch zurück. Was meint ihr, Mutter und Sohn?" | ||
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| + | Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten einhellig lachend: „Nur die Tante hat eine so großmütige und kluge Art! Wenn alles geregelt ist, kommen wir selbstverständlich herüber, um uns zu bedanken." | ||
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| + | Die Schwägerin Sonders ließ die Mädchen Phönixglanz beim Waschen und Frisieren bedienen, ordnete ein Essen an und reichte persönlich Wein und wählte die Gerichte aus. | ||
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| + | Phönixglanz blieb nicht lange und ging entschlossen. Im Garten erzählte sie der Zweiten Schwester You die ganze Geschichte — wie sie sich Mühe gegeben habe, Erkundigungen einzuziehen, wie sie einen Plan ersonnen habe, wie man so und so vorgehen müsse, um alle vor Strafe zu bewahren, und dass sie selbst die Sache in die Hand nehmen müsse. | ||
| − | + | Was dann weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. | |
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Latest revision as of 19:30, 28 April 2026
| 中文原文 (程甲本 1982) | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026) |
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話說賈璉起身去後,偏值平安節度巡邊在外,約一個月方回。賈璉未得確信,只得住在下處等候。及至回來相見,將事辦妥,回程已是將兩個月的限了。 誰知鳳姐心下早已算定,只待賈璉前腳走了,回來便傳各色匠役,收拾東廂房三間,照依自己正室一樣裝飾陳設。至十四日便回明賈母王夫人,說十五日一早要到姑子廟進香去。只帶了平兒,豐兒,周瑞媳婦,旺兒媳婦四人,未曾上車,便將原故告訴了眾人。又吩咐眾男人,素衣素蓋,一徑前來。 興兒引路,一直到了二姐門前扣門。鮑二家的開了。興兒笑說:「快回二奶奶去,大奶奶來了。」鮑二家的聽了這句,頂梁骨走了真魂,忙飛進報與尤二姐。尤二姐雖也一驚,但已來了,只得以禮相見,於是忙整衣迎了出來。至門前,鳳姐方下車進來。尤二姐一看,只見頭上皆是素白銀器,身上月白緞襖,青緞披風,白綾素裙。眉彎柳葉,高弔兩梢,目橫丹鳳,神凝三角。俏麗若三春之桃,清潔若九秋之菊。周瑞旺兒二女人攙入院來。尤二姐陪笑忙迎上來萬福,張口便叫:「姐姐下降,不曾遠接,望恕倉促之罪。」說著便福了下來。鳳姐忙陪笑還禮不迭。二人攜手同入室中。 鳳姐上座,尤二姐命丫鬟拿褥子來便行禮,說:「奴家年輕,一從到了這裡之事,皆系家母和家姐商議主張。今日有幸相會,若姐姐不棄奴家寒微,凡事求姐姐的指示教訓。奴亦傾心吐膽,只伏侍姐姐。」說著,便行下禮去。鳳姐兒忙下座以禮相還,口內忙說:「皆因奴家婦人之見,一味勸夫慎重,不可在外眠花卧柳,恐惹父母擔憂。此皆是你我之痴心,怎奈二爺錯會奴意。眠花宿柳之事瞞奴或可,今娶姐姐二房之大事亦人家大禮,亦不曾對奴說。奴亦曾勸二爺早行此禮,以備生育。不想二爺反以奴為那等嫉妒之婦,私自行此大事,並不說知。使奴有冤難訴,惟天地可表。前於十日之先奴已風聞,恐二爺不樂,遂不敢先說。今可巧遠行在外,故奴家親自拜見過,還求姐姐下體奴心,起動大駕,挪至家中。你我姊妹同居同處,彼此合心諫勸二爺,慎重世務,保養身體,方是大禮。若姐姐在外,奴在內,雖愚賤不堪相伴,奴心又何安。再者,使外人聞知,亦甚不雅觀。二爺之名也要緊,倒是談論奴家,奴亦不怨。所以今生今世奴之名節全在姐姐身上。那起下人小人之言,未免見我素日持家太嚴,背後加減些言語,自是常情。姐姐乃何等樣人物,豈可信真。若我實有不好之處,上頭三層公婆,中有無數姊妹妯娌,況賈府代名家,豈容我到今日。今日二爺私娶姐姐在外,若別人則怒,我則以為幸。正是天地神佛不忍我被小人們誹謗,故生此事。我今來求姐姐進去和我一樣同居同處,同分同例,同侍公婆,同諫丈夫。喜則同喜,悲則同悲,情似親妹,和比骨肉。不但那起小人見了,自悔從前錯認了我,就是二爺來家一見,他作丈夫之人,心中也未免暗悔。所以姐姐竟是我的大恩人,使我從前之名一洗無餘了。若姐姐不隨奴去,奴亦情願在此相陪。奴願作妹子,每日伏侍姐姐梳頭洗面。只求姐姐在二爺跟前替我好言方便方便,容我一席之地安身,奴死也願意。」說著,便嗚嗚咽咽哭將起來。尤二姐見了這般,也不免滴下淚來。 二人對見了禮,分序座下。平兒忙也上來要見禮。尤二姐見他打扮不凡,舉止品貌不俗,料定是平兒,連忙親身輓住,只叫:「妹子快休如此,你我是一樣的人。」鳳姐忙也起身笑說:「折死他了!妹子只管受禮,他原是咱們的丫頭。以後快別如此。」說著,又命周家的從包袱里取出四匹上色尺頭,四對金珠簪環為拜禮。尤二姐忙拜受了。二人吃茶,對訴已往之事。鳳姐口內全是自怨自錯,「怨不得別人,如今只求姐姐疼我」等語。尤二姐見了這般,便認他作是個極好的人,小人不遂心誹謗主子亦是常理,故傾心吐膽,敘了一回,竟把鳳姐認為知己。又見周瑞等媳婦在旁邊稱揚鳳姐素日許多善政,只是吃虧心太痴了,惹人怨,又說「已經預備了房屋,奶奶進去一看便知。」尤氏心中早已要進去同住方好,今又見如此,豈有不允之理,便說:「原該跟了姐姐去,只是這裡怎樣?」鳳姐兒道:「這有何難,姐姐的箱籠細軟只管著小廝搬了進去。這些粗笨貨要他無用,還叫人看著。姐姐說誰妥當就叫誰在這裡。」尤二姐忙說:「今日既遇見姐姐,這一進去,凡事只憑姐姐料理。我也來的日子淺,也不曾當過家,世事不明白,如何敢作主。這幾件箱籠拿進去罷。我也沒有什麼東西,那也不過是二爺的。」鳳姐聽了,便命周瑞家的記清,好生看管著抬到東廂房去。於是催著尤二姐穿戴了,二人攜手上車,又同坐一處,又悄悄的告訴他:「我們家的規矩大。這事老太太一概不知,倘或知二爺孝中娶你,管把他打死了。如今且別見老太太,太太。我們有一個花園子極大,姊妹住著,容易沒人去的。你這一去且在園裡住兩天,等我設個法子回明白了,那時再見方妥。」尤二姐道:「任憑姐姐裁處。」那些跟車的小廝們皆是預先說明的,如今不去大門,只奔後門而來。 下了車,趕散眾人。鳳姐便帶尤氏進了大觀園的後門,來到李紈處相見了。彼時大觀園中十停人已有九停人知道了,今忽見鳳姐帶了進來,引動多人來看問。尤二姐一一見過。眾人見他標緻和悅,無不稱揚。鳳姐一一的吩咐了眾人:「都不許在外走了風聲,若老太太、太太知道,我先叫你們死。」園中婆子丫鬟都素懼鳳姐的,又系賈璉國孝家孝中所行之事,知道關係非常,都不管這事。鳳姐悄悄的求李紈收養幾日,「等回明瞭,我們自然過去的。」李紈見鳳姐那邊已收拾房屋,況在服中,不好倡揚,自是正理,只得收下權住。鳳姐又變法將他的丫頭一概退出,又將自己的一個丫頭送他使喚。暗暗吩咐園中媳婦們:「好生照看著他。若有走失逃亡,一概和你們算帳。」自己又去暗中行事。合家之人都暗暗納罕的說:「看他如何這等賢惠起來了。」 那尤二姐得了這個所在,又見園中姊妹各各相好,倒也安心樂業的自為得其所矣。誰知三日之後,丫頭善姐便有些不服使喚起來。尤二姐因說:「沒了頭油了,你去回聲大奶奶拿些來。」善姐便道:「二奶奶,你怎麼不知好歹沒眼色。我們奶奶天天承應了老太太,又要承應這邊太太那邊太太。這些妯娌姊妹,上下幾百男女,天天起來,都等他的話。一日少說,大事也有一二十件,小事還有三五十件。外頭的從娘娘算起,以及王公侯伯家多少人情客禮,家裡又有這些親友的調度。銀子上千錢上萬,一日都從他一個手一個心一個口裡調度,那裡為這點子小事去煩瑣他。我勸你能著些兒罷。咱們又不是明媒正娶來的,這是他亘古少有一個賢良人才這樣待你,若差些兒的人,聽見了這話,吵嚷起來,把你丟在外,死不死,生不生,你又敢怎樣呢!」一席話,說的尤氏垂了頭,自為有這一說,少不得將就些罷了。那善姐漸漸連飯也怕端來與他吃,或早一頓,或晚一頓,所拿來之物,皆是剩的。尤二姐說過兩次,他反先亂叫起來。尤二姐又怕人笑他不安分,少不得忍著。隔上五日八日見鳳姐一面,那鳳姐卻是和容悅色,滿嘴裡姐姐不離口。又說:「倘有下人不到之處,你降不住他們,只管告訴我,我打他們。」又罵丫頭媳婦說: 「我深知你們,軟的欺,硬的怕,背開我的眼,還怕誰。倘或二奶奶告訴我一個不字,我要你們的命。」尤氏見他這般的好心,思想「既有他,何必我又多事。下人不知好歹,也是常情。我若告了,他們受了委屈,反叫人說我不賢良。」因此反替他們遮掩。 鳳姐一面使旺兒在外打聽細事,這尤二姐之事皆已深知。原來已有了婆家的,女婿現在才十九歲,成日在外嫖賭,不理生業,家私花盡,父親攆他出來,現在賭錢廠存身。父親得了尤婆十兩銀子退了親的,這女婿尚不知道。原來這小伙子名叫張華。鳳姐都一一盡知原委,便封了二十兩銀子與旺兒,悄悄命他將張華勾來養活,著他寫一張狀子,只管往有司衙門中告去,就告璉二爺「國孝家孝之中,背旨瞞親,仗財依勢,強逼退親,停妻再娶」等語。這張華也深知利害,先不敢造次。旺兒回了鳳姐,鳳姐氣的罵:「癩狗扶不上牆的種子。你細細的說給他,便告我們家謀反也沒事的。不過是借他一鬧,大家沒臉。若告大了,我這裡自然能夠平息的。」旺兒領命,只得細說與張華。鳳姐又吩咐旺兒:「他若告了你,你就和他對詞去。」如此如此,這般這般,「我自有道理。」旺兒聽了有他做主,便又命張華狀子上添上自己,說:「你只告我來往過付,一應調唆二爺做的。」張華便得了主意,和旺兒商議定了,寫了一紙狀子,次日便往都察院喊了冤。 察院坐堂看狀,見是告賈璉的事,上面有家人旺兒一人,只得遣人去賈府傳旺兒來對詞。青衣不敢擅入,只命人帶信。那旺兒正等著此事,不用人帶信,早在這條街上等候。見了青衣,反迎上去笑道:「起動眾位兄弟,必是兄弟的事犯了。說不得,快來套上。」眾青衣不敢,只說:「你老去罷,別鬧了。」於是來至堂前跪了。察院命將狀子與他看。旺兒故意看了一遍,碰頭說道:「這事小的盡知,小的主人實有此事。但這張華素與小的有仇,故意攀扯小的在內。其中還有別人,求老爺再問。」張華碰頭說:「雖還有人,小的不敢告他,所以只告他下人。」旺兒故意急的說:「糊塗東西,還不快說出來!這是朝廷公堂之上,憑是主子,也要說出來。」張華便說出賈蓉來。察院聽了無法,只得去傳賈蓉。鳳姐又差了慶兒暗中打聽,告了起來,便忙將王信喚來,告訴他此事,命他托察院只虛張聲勢警唬而已,又拿了三百銀子與他去打點。是夜王信到了察院私第,安了根子。那察院深知原委,收了贓銀。次日回堂,只說張華無賴,因拖欠了賈府銀兩,枉捏虛詞,誣賴良人。都察院又素與王子騰相好,王信也只到家說了一聲,況是賈府之人,巴不得了事,便也不提此事,且都收下,只傳賈蓉對詞。 且說賈蓉等正忙著賈珍之事,忽有人來報信,說有人告你們如此如此,這般這般,快作道理。賈蓉慌了,忙來回賈珍。賈珍說:「我防了這一著,只虧他大膽子。」即刻封了二百銀子著人去打點察院,又命家人去對詞。正商議之間,人報:「西府二奶奶來了。」賈珍聽了這個,倒吃了一驚,忙要同賈蓉藏躲。不想鳳姐進來了,說:「好大哥哥,帶著兄弟們乾的好事!」賈蓉忙請安,鳳姐拉了他就進來。賈珍還笑說:「好生伺候你姑娘,吩咐他們殺牲口備飯。」說了,忙命備馬,躲往別處去了。 這裡鳳姐兒帶著賈蓉走來上房,尤氏正迎了出來,見鳳姐氣色不善,忙笑說:「什麼事這等忙?」鳳姐照臉一口吐沫啐道:「你尤家的丫頭沒人要了,偷著只往賈家送!難道賈家的人都是好的,普天下死絕了男人了!你就願意給,也要三媒六證,大家說明,成個體統才是。你痰迷了心,脂油蒙了竅,國孝家孝兩重在身,就把個人送來了。這會子被人家告我們,我又是個沒腳蟹,連官場中都知道我利害吃醋,如今指名提我,要休我。我來了你家,乾錯了什麼不是,你這等害我?或是老太太,太太有了話在你心裡,使你們做這圈套,要擠我出去。如今咱們兩個一同去見官,分證明白。回來咱們公同請了合族中人,大家覿面說個明白。給我休書,我就走路。」一面說,一面大哭,拉著尤氏,只要去見官。急的賈蓉跪在地下碰頭,只求「姑娘嬸子息怒。」鳳姐兒一面又罵賈蓉:「天雷劈腦子五鬼分屍的沒良心的種子!不知天有多高,地有多厚,成日家調三窩四,乾出這些沒臉面沒王法敗家破業的營生。你死了的娘陰靈也不容你,祖宗也不容,還敢來勸我!」哭罵著揚手就打。賈蓉忙磕頭有聲說:「嬸子別動氣,仔細手,讓我自己打。嬸子別動氣。」說著,自己舉手左右開弓自己打了一頓嘴巴子,又自己問著自己說:「以後可再顧三不顧四的混管閑事了?以後還單聽叔叔的話不聽嬸子的話了?」眾人又是勸,又要笑,又不敢笑。 鳳姐兒滾到尤氏懷裡,嚎天地,大放悲聲,只說:「給你兄弟娶親我不惱。為什麼使他違旨背親,將混帳名兒給我背著?咱們只去見官,省得捕快皂隸來。再者咱們只過去見了老太太,太太和眾族人,大家公議了,我既不賢良,又不容丈夫娶親買妾,只給我一紙休書,我即刻就走。你妹妹我也親身接來家,生怕老太太,太太生氣,也不敢回,現在三茶六飯金奴銀婢的住在園裡。我這裡趕著收拾房子,一樣和我的道理,只等老太太知道了。原說接過來大家安分守己的,我也不提舊事了。誰知又有了人家的。不知你們乾的什麼事,我一概又不知道。如今告我,我昨日急了,縱然我出去見官,也丟的是你賈家的臉,少不得偷把太太的五百兩銀子去打點。如今把我的人還鎖在那裡。」說了又哭,哭了又罵,後來放聲大哭起祖宗爹媽來,又要尋死撞頭。把個尤氏揉搓成一個麵團,衣服全是眼淚鼻涕,並無別語,只罵賈蓉:「孽障種子!和你老子作的好事!我就說不好的。」鳳姐兒聽說,哭著兩手搬尤氏的臉緊對相問道:「你發昏了?你的嘴裡難道有茄子塞著?不然他們給你嚼子銜上了?為什麼你不告訴我去?你若告訴了我,這會子平安不了?怎得經官動府,鬧到這步田地,你這會子還怨他們。自古說:『妻賢夫禍少,表壯不如里壯。』你但凡是個好的,他們怎得鬧出這些事來!你又沒才幹,又沒口齒,鋸了嘴子的葫蘆,就只會一味瞎小心圖賢良的名兒。總是他們也不怕你,也不聽你。」說著啐了幾口。尤氏也哭道:「何曾不是這樣。你不信問問跟的人,我何曾不勸的,也得他們聽。叫我怎麼樣呢,怨不得妹妹生氣,我只好聽著罷了。」 眾姬妾丫鬟媳婦已是烏壓壓跪了一地,陪笑求說:「二奶奶最聖明的。雖是我們奶奶的不是,奶奶也作踐的夠了。當著奴才們,奶奶們素日何等的好來,如今還求奶奶給留臉。」說著,捧上茶來。鳳姐也摔了,一面止了哭輓頭髮,又哭罵賈蓉:「出去請大哥哥來。我對面問他,親大爺的孝才五七,侄兒娶親,這個禮我竟不知道。我問問,也好學著日後教導子侄的。」賈蓉只跪著磕頭,說:「這事原不與父母相干,都是兒子一時吃了屎,調唆叔叔作的。我父親也並不知道。如今我父親正要商量接太爺出殯,嬸子若鬧起來,兒子也是個死。只求嬸子責罰兒子,兒子謹領。這官司還求嬸子料理,兒子竟不能幹這大事。嬸子是何等樣人,豈不知俗語說的 『胳膊只折在袖子里』。兒子糊塗死了,既作了不肖的事,就同那貓兒狗兒一般。嬸子既教訓,就不和兒子一般見識的,少不得還要嬸子費心費力將外頭的壓住了才好。原是嬸子有這個不肖的兒子,既惹了禍,少不得委屈,還要疼兒子。」說著,又磕頭不絕。 鳳姐見他母子這般,也再難往前施展了,只得又轉過了一副形容言談來,與尤氏反陪禮說:「我是年輕不知事的人,一聽見有人告訴了,把我嚇昏了,不知方纔怎樣得罪了嫂子。可是蓉兒說的『胳膊折了往袖子里藏』,少不得嫂子要體諒我。還要嫂子轉替哥哥說了,先把這官司按下去才好。」尤氏賈蓉一齊都說:「嬸子放心,橫豎一點兒連累不著叔叔。嬸子方纔說用過了五百兩銀子,少不得我娘兒們打點五百兩銀子與嬸子送過去,好補上的,不然豈有反教嬸子又添上虧空之名,越發我們該死了。但還有一件,老太太、太太們跟前嬸子還要周全方便,別提這些話方好。」鳳姐兒又冷笑道:「你們饒壓著我的頭幹了事,這會子反哄著我替你們周全。我雖然是個呆子,也呆不到如此。嫂子的兄弟是我的丈夫,嫂子既怕他絕後,我豈不更比嫂子更怕絕後。嫂子的令妹就是我的妹子一樣。我一聽見這話,連夜喜歡的連覺也睡不成,趕著傳人收拾了屋子,就要接進來同住。倒是奴才小人的見識,他們倒說:『奶奶太好性了。若是我們的主意,先回了老太太、太太,看是怎樣,再收拾房子去接也不遲。』我聽了這話,教我要打要罵的,才不言語。誰知偏不稱我的意,偏打我的嘴,半空里又跑出一個張華來告了一狀。我聽見了,嚇的兩夜沒合眼兒,又不敢聲張,只得求人去打聽這張華是什麼人,這樣大膽。打聽了兩日,誰知是個無賴的花子。我年輕不知事,反笑了,說:『他告什麼?』倒是小子們說:『原是二奶奶許了他的。他如今正是急了,凍死餓死也是個死,現在有這個理他抓著,縱然死了,死的倒比凍死餓死還值些。怎麼怨的他告呢。這事原是爺做的太急了。國孝一層罪,家孝一層罪,背著父母私娶一層罪,停妻再娶一層罪。俗語說:」拼著一身剮,敢把皇帝拉下馬。「他窮瘋了的人,什麼事作不出來,況且他又拿著這滿理,不告等請不成。』嫂子說,我便是個韓信張良,聽了這話,也把智謀嚇回去了。你兄弟又不在家,又沒個商議,少不得拿錢去墊補,誰知越使錢越被人拿住了刀靶,越發來訛。我是耗子尾上長瘡──多少膿血兒。所以又急又氣,少不得來找嫂子。」賈氏賈蓉不等說完,都說:「不必操心,自然要料理的。」賈蓉又道:「那張華不過是窮急,故舍了命才告。咱們如今想了一個法兒,竟許他些銀子,只叫他應了妄告不實之罪,咱們替他打點完了官司。他出來時再給他些個銀子就完了。」鳳姐兒笑道:「好孩子,怨不得你顧一不顧二的作這些事出來。原來你竟糊塗。若你說得這話,他暫且依了,且打出官司來又得了銀子,眼前自然了事。這些人既是無賴之徒,銀子到手一旦光了,他又尋事故訛詐。倘又叨登起來這事,咱們雖不怕,也終擔心。擱不住他說既沒毛病為什麼反給他銀子,終久是不了之局。」賈蓉原是個明白人,聽如此一說,便笑道:「我還有個主意,『來是是非人,去是是非者』,這事還得我了才好。如今我竟去問張華個主意,或是他定要人,或是他願意了事得錢再娶。他若說一定要人,少不得我去勸我二姨,叫他出來仍嫁他去,若說要錢,我們這裡少不得給他。」鳳姐兒忙道:「雖如此說,我斷捨不得你姨娘出去,我也斷不肯使他去。好侄兒,你若疼我,只能可多給他錢為是。」賈蓉深知鳳姐口雖如此,心卻是巴不得只要本人出來,他卻做賢良人。如今怎說怎依。鳳姐兒歡喜了,又說:「外頭好處了,家裡終久怎麼樣?你也同我過去回明才是。」 仁嫌只了,拉鳳姐討主意如何撒謊才好。鳳姐冷笑道:「既沒這本事,誰叫你乾這事了。這會子又這個腔兒,我又看不上。待要不出個主意,我又是個心慈面軟的人,憑人撮弄我,我還是一片痴心。說不得讓我應起來。如今你們只別露面,我只領了你妹妹去與老太太,太太們磕頭,只說原系你妹妹,我看上了很好。正因我不大生長,原說買兩個人放在屋裡的,今既見你妹妹很好,而又是親上做親的,我願意娶來做二房。皆因家中父母姊妹新近一概死了,日子又艱難,不能度日,若等百日之後,無奈無家無業,實難等得。我的主意接了進來,已經廂房收拾了出來暫且住著,等滿了服再圓房。仗著我不怕臊的臉,死活賴去,有了不是,也尋不著你們了。你們母子想想,可使得?」尤氏賈蓉一齊笑說:「到底是嬸子寬洪大量,足智多謀。等事妥了,少不得我們娘兒們過去拜謝。」尤氏忙命丫鬟們伏侍鳳姐梳妝洗臉,又擺酒飯,親自遞酒揀菜。 鳳姐也不多坐,執意就走了。進園中將此事告訴與尤二姐,又說我怎麼操心打聽,又怎麼設法子,須得如此如此方救下眾人無罪,少不得我去拆開這魚頭,大家才好。不知端詳,且聽下回分解。 |
Kapitel 68 苦尤娘赚入大观园 / 酸凤姐大闹宁国府 Die bitterböse Phönixglanz lockt die Zweitschwester Sonders ins Prunkwille-Anwesen; Phönixglanz stiftet Aufruhr im Stillfriede-Anwesen Die bitterböse Phönixglanz[1] spielt die Gütige und bewirkt mit List eine öffentliche Klage. Die geheime Gattin, die Zweitschwester Sonders[2], wird ins Prunkwille-Anwesen gelockt und gerät in die Falle. Es wird erzählt, dass Kette Kaufmann[3] nach seiner Abreise erfuhr, dass der Friedenskommandant gerade auf Grenzinspektion war und erst in etwa einem Monat zurückerwartet wurde. Er musste in seiner Unterkunft warten. Als der Kommandant schließlich zurückkam, erledigten sie die Angelegenheit, doch die Rückreise zog sich hin — insgesamt waren fast zwei Monate vergangen. Unterdessen hatte Phönixglanz längst alles durchgerechnet. Kaum war Kette Kaufmann fort, ließ sie Handwerker aller Art kommen und die drei Zimmer des östlichen Seitenflügels herrichten — mit derselben Ausstattung und Einrichtung wie ihre eigenen Hauptgemächer. Am vierzehnten Tag meldete sie der Herzoginmutter[4] und Dame König, sie wolle am fünfzehnten in aller Frühe zum Nonnenkloster, um Weihrauch darzubringen. Sie nahm nur Friedchen[5], Fenger, Frau Zhou Rui und Dame König Er mit — vier Personen. Noch bevor sie in die Kutsche stieg, erzählte sie allen, worum es wirklich ging. Dann wies sie die männlichen Diener an, schlichte Kleidung anzulegen und schlichte Decken auf die Kutsche zu spannen, und fuhr geradewegs los. Glückskind[6] führte den Weg, und so gelangten sie direkt vor die Tür der Zweiten Schwester You und klopften an. Die Frau von Bao Er öffnete. Glückskind sagte lachend: „Meldet schnell der Zweiten Herrin — die Erste Herrin ist da!" Die Frau von Bao Er erschrak so, dass ihr die Seele aus dem Leib zu fahren schien, und rannte hinein, um die Zweitschwester Sonders zu benachrichtigen. Auch die Zweitschwester Sonders erschrak, doch da der Besuch nun einmal da war, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn mit gebührender Höflichkeit zu empfangen. Eilig richtete sie ihre Kleidung und ging hinaus. Vor der Tür stieg Phönixglanz gerade aus der Kutsche. Die Zweitschwester Sonders musterte sie: alles Silberschmuck in schlichtem Weiß auf dem Kopf, ein mondweißes Atlasjäckchen, ein blaugrüner Atlasumhang, ein weißer Seidenrock. Ihre Brauen geschwungen wie Weidenblätter, an den Spitzen fein aufwärts gezogen; die Augen horizontal wie der Blick eines scharlachroten Phönix, der Blick scharf und durchdringend. Anmutig wie ein Pfirsichbaum im Frühling, rein wie eine Chrysantheme im Herbst. Frau Zhou Rui und Dame König Er stützten sie beim Betreten des Hofes. Die Zweitschwester Sonders eilte lächelnd entgegen, verneigte sich tief und sagte sogleich: „Dass die ältere Schwester sich persönlich herabgelassen hat — ich habe Euch nicht einmal von ferne empfangen können! Verzeiht mir die Übereilung!" Damit verneigte sie sich bis zum Boden. Phönixglanz erwiderte eilig lächelnd die Begrüßung, und die beiden gingen Hand in Hand ins Zimmer. Phönixglanz nahm den Ehrenplatz ein. Die Zweitschwester Sonders ließ ein Kissen bringen und wollte sich verbeugen. Sie sagte: „Ich bin jung und unerfahren. Seit meiner Ankunft hier haben meine Mutter und meine ältere Schwester alles besprochen und entschieden. Dass ich heute die Ehre habe, Euch zu begegnen — wenn die ältere Schwester meine bescheidene Herkunft nicht verschmäht, bitte ich in allen Dingen um Eure Anleitung und Belehrung. Ich will Euch mit Leib und Seele dienen." Damit vollzog sie die Verbeugung. Phönixglanz erhob sich rasch vom Platz und erwiderte die Verbeugung, wobei sie eilig sagte: „Alles ist nur die Schuld meiner beschränkten Frauensicht! Ich habe meinem Mann ständig geraten, vorsichtig zu sein und nicht draußen nach Blumen und Weiden zu greifen, aus Sorge, es könne den Eltern Kummer bereiten. Das sind eben die Sorgen unserer törichten Herzen. Aber der Zweite Herr hat meine gute Absicht missverstanden. Dass er sich draußen amüsiert — mag sein, er konnte es vor mir verbergen. Aber dass er nun die ältere Schwester als Zweitgemahlin heiratet, das ist doch eine große Angelegenheit mit allen dazugehörigen Zeremonien — und auch das hat er mir nicht gesagt! Dabei habe ich dem Zweiten Herrn sogar selbst geraten, frühzeitig eine solche Verbindung einzugehen, damit für Nachkommen gesorgt sei. Doch er hat mich offenbar für eine jener eifersüchtigen Frauen gehalten und diese wichtige Sache heimlich durchgeführt, ohne mir ein Wort zu sagen. So habe ich ein Unrecht erlitten, das ich nicht aussprechen kann — nur Himmel und Erde sind meine Zeugen. Schon vor zehn Tagen habe ich davon gehört, aber aus Furcht, der Zweite Herr würde es nicht gerne hören, habe ich nichts gesagt. Jetzt, da er glücklicherweise auf Fernreise ist, bin ich persönlich gekommen, um meinen Besuch zu machen. Ich bitte die ältere Schwester, mein aufrichtiges Herz zu verstehen, und bitte Euch, die Mühe auf sich zu nehmen und ins Haus zu ziehen. Wir Schwestern wohnen dann zusammen, beraten einmütig den Zweiten Herrn, mahnen ihn zu Besonnenheit in seinen Geschäften und zur Pflege seiner Gesundheit — das wäre das Rechte. Wenn die ältere Schwester hier draußen lebt und ich drinnen, wäre das — auch wenn ich gering und unwürdig bin, Euch Gesellschaft zu leisten — für mein Herz nicht erträglich. Außerdem: Wenn Außenstehende davon erführen, würde es keinen guten Eindruck machen. Der Ruf des Zweiten Herrn steht auf dem Spiel — und wenn über mich geredet wird, klage ich nicht. Deshalb liegt mein ganzer Ruf in diesem Leben in der Hand der älteren Schwester. Was jene niedrigen Dienstleute reden — sie kennen mich als strenge Hausherrin und machen hinter meinem Rücken ihre Bemerkungen. Das ist das Übliche. Die ältere Schwester ist eine Person von Format — wie könnte sie solchem Gerede Glauben schenken? Hätte ich wirklich Fehler, dann wären da oben drei Schwiegereltern, in der Mitte unzählige Schwägerinnen und Schwiegertöchter, und das Haus Kaufmann ist eine Familie von Rang — hätte man mich bis heute geduldet? Dass der Zweite Herr die ältere Schwester heimlich draußen geheiratet hat — andere würden zürnen, ich aber empfinde es als Glück. Der Himmel und alle Buddhas konnten nicht mitansehen, wie ich von kleinen Leuten verleumdet werde, und haben diese Sache geschickt. Ich bin heute gekommen, um die ältere Schwester zu bitten, zu mir ins Haus zu ziehen, mit demselben Rang und Anteil wie ich, denselben Pflichten gegenüber den Schwiegereltern und demselben Recht, den Gatten zu ermahnen. Wenn es Freude gibt, freuen wir uns gemeinsam; wenn es Kummer gibt, trauern wir gemeinsam — Schwestern wie leibliche, verbunden wie Knochen und Fleisch. Nicht nur werden jene kleinen Leute dann ihre früheren Fehlurteile über mich bereuen, auch der Zweite Herr selbst wird, wenn er heimkommt und es sieht, als Ehemann im Stillen seine früheren Vorurteile bereuen. Die ältere Schwester ist also meine große Wohltäterin, die meinen früheren Ruf vollständig reinwäscht! Wenn die ältere Schwester nicht mit mir kommt, bin ich bereit, hier zu bleiben und Euch Gesellschaft zu leisten. Ich will gern die Jüngere sein und Euch jeden Tag beim Kämmen und Waschen bedienen. Ich bitte nur, dass die ältere Schwester vor dem Zweiten Herrn ein gutes Wort für mich einlegt und mir ein Plätzchen zum Leben gönnt — dann sterbe ich zufrieden!" Bei diesen Worten brach sie in heftiges Schluchzen aus. Die Zweitschwester Sonders, die das sah, konnte ihre eigenen Tränen nicht zurückhalten. Nachdem sich die beiden begrüßt und der Rangfolge nach gesetzt hatten, trat auch Friedchen vor, um ihren Gruß zu erweisen. Die Zweitschwester Sonders erkannte an ihrem feinen Auftreten, ihrem vornehmen Benehmen und ihrer Schönheit sofort, dass es Friedchen sein musste. Eilig hielt sie sie persönlich zurück und sagte nur: „Schwester, lasst das! Ihr und ich sind gleich!" Phönixglanz erhob sich ebenfalls lachend und sagte: „Das geht zu weit! Schwester, nehmt ruhig ihre Verbeugung an — sie ist nur unsere Dienerin. Bitte macht das nicht noch einmal." Dann ließ sie Frau Zhou aus dem Bündel vier Stücke feinstes Stofftuch und vier Paar goldene Perlen-Haarnadeln als Begrüßungsgeschenk hervorholen. Die Zweitschwester Sonders nahm sie dankend entgegen. Die beiden tranken Tee und sprachen über Vergangenes. Phönixglanz gab sich durch und durch selbstanklagend — „die Schuld liegt ganz bei mir, anderen kann ich keinen Vorwurf machen, ich bitte nur die ältere Schwester um ihre Zuneigung" und dergleichen. Die Zweitschwester Sonders hielt Phönixglanz nach alledem für eine überaus gute Person. Dass niedrige Dienstleute ihre Herrin verleumden, wenn sie unzufrieden sind, sei ja ganz natürlich. So öffnete sie ihr Herz, plauderte eine Weile und betrachtete Phönixglanz bereits als Seelenverwandte. Zudem priesen Frau Zhou Rui und andere nebenbei Phönixglanz' viele gute Taten als Hausherrin — nur sei sie zu gutherzig und mache sich dadurch Feinde. „Die Zimmer sind schon hergerichtet — die Herrin braucht nur hinzugehen und es sich anzusehen", sagten sie. Die Zweitschwester Sonders hatte sich ohnehin nichts sehnlicher gewünscht, als ins Haus zu ziehen und dort zusammenzuleben. Wie hätte sie da nicht einwilligen sollen! Sie sagte: „Natürlich sollte ich mit der älteren Schwester gehen. Nur — was wird mit den Dingen hier?" Phönixglanz sagte: „Das ist nicht schwer. Die Truhen und wertvollen Sachen der älteren Schwester lässt sie von den Burschen ins Haus bringen. Das grobe Zeug braucht man nicht, jemand soll darauf aufpassen. Wen die ältere Schwester für zuverlässig hält, der bleibt hier." Die Zweitschwester Sonders sagte hastig: „Da ich die ältere Schwester nun getroffen habe — wenn ich ins Haus ziehe, überlasse ich alles Eurer Regie. Ich bin noch nicht lange hier und habe nie einen Haushalt geführt, verstehe nichts von der Welt — wie könnte ich Entscheidungen treffen? Diese paar Truhen nehme ich mit. Viel habe ich ohnehin nicht — das meiste gehört ja dem Zweiten Herrn." Phönixglanz befahl Frau Zhou Rui, alles zu verzeichnen und sorgfältig in den östlichen Seitenflügel bringen zu lassen. Dann drängte sie die Zweitschwester Sonders, sich umzukleiden. Hand in Hand stiegen die beiden in die Kutsche, saßen beieinander, und Phönixglanz flüsterte ihr zu: „In unserem Haus herrschen strenge Regeln. Von der Sache weiß die Ahnherrin überhaupt nichts. Wenn sie erführe, dass der Zweite Herr dich in der Trauerzeit geheiratet hat, ließe sie ihn totschlagen. Vorerst darfst du die Ahnherrin und die Gnädigen Frauen nicht sehen. Wir haben einen sehr großen Garten, in dem die jungen Damen wohnen — da kommt nicht leicht jemand hin. Du wohnst erst einmal ein paar Tage im Garten. Wenn ich eine Möglichkeit gefunden habe, die Sache richtig zu erklären, dann trittst du vor sie — das ist sicherer." Die Zweitschwester Sonders sagte: „Ich überlasse alles der älteren Schwester." Die Burschen, die die Kutsche begleiteten, waren vorher alle eingeweiht worden und fuhren nicht zum Haupttor, sondern direkt zum Hintertor. Nach dem Aussteigen schickte Phönixglanz alle fort und führte die Zweitschwester Sonders durch das Hintertor des Gartens der Großen Anschauung [大观园] zu Frau Li [李纨], um sich vorzustellen. Zu diesem Zeitpunkt wussten schon neun von zehn Bewohnern des Gartens Bescheid. Als nun Phönixglanz die Neue hereinbrachte, kamen viele herbei, um sie zu sehen und zu befragen. Die Zweitschwester Sonders begrüßte alle der Reihe nach. Wer sie sah, war von ihrer Anmut und Liebenswürdigkeit angetan und konnte nicht umhin, sie zu loben. Phönixglanz ermahnte alle Anwesenden einzeln: „Keiner darf nach draußen ein Wort verlauten lassen! Wenn die Ahnherrin oder die Gnädigen Frauen davon erfahren, bringe ich euch als Erste um!" Die Mütterchen und Mädchen im Garten fürchteten Phönixglanz ohnehin allesamt, und da es sich zudem um eine Sache handelte, die Kette Kaufmann während der doppelten Reichs- und Familientrauer begangen hatte, und sie wussten, wie heikel die Angelegenheit war, mischte sich keine ein. Phönixglanz bat Frau Li unter vier Augen, die Zweitschwester Sonders einige Tage bei sich aufzunehmen: „Sobald alles geregelt ist, holen wir sie selbstverständlich herüber." Frau Li sah, dass Phönixglanz drüben schon Zimmer hatte herrichten lassen, und da man sich in der Trauerzeit ohnehin nicht öffentlich äußern sollte, war dies nur vernünftig. Also nahm sie die Zweitschwester Sonders vorübergehend auf. Phönixglanz ließ dann nach und nach alle Dienstmädchen der Zweiten Schwester You entfernen und schickte stattdessen ein eigenes Mädchen zum Aufwarten. Heimlich wies sie die Dienerinnen des Gartens an: „Passt gut auf sie auf! Wenn sie abhaut oder verschwindet, ziehe ich euch zur Rechenschaft!" Dann ging sie selbst auf anderen Wegen weiter. Alle im Haus wunderten sich insgeheim: „Seit wann ist Phönixglanz so tugendhaft geworden?" Die Zweitschwester Sonders aber war mit ihrer Unterbringung zufrieden und sah, dass die jungen Damen im Garten alle freundlich zu ihr waren. Sie glaubte, am richtigen Ort angekommen zu sein. Doch schon drei Tage später begann das Dienstmädchen Shanjie, immer ungehorsamer zu werden. Als die Zweitschwester Sonders einmal sagte: „Mir ist das Haaröl ausgegangen, geh zur Ersten Herrin und bitte um Nachschub", fuhr Shanjie sie an: „Zweite Herrin, Ihr wisst wirklich nicht, was sich gehört! Unsere Herrin muss jeden Tag der Ahnherrin aufwarten, der einen Gnädigen Frau, der anderen Gnädigen Frau. Dazu alle Schwägerinnen und Schwestern, oben und unten mehrere hundert Personen — jeden Tag warten alle auf ihr Wort. Auf den Tag gerechnet gibt es mindestens zwanzig große und dreißig bis fünfzig kleine Angelegenheiten. Draußen, von der Kaiserlichen Nebengemahlin angefangen über Herzöge und Marquis, wie viele Geschenke und Besuche! Im Haus die ganzen Verwandten und Freunde! Tausende Liang Silber und Zehntausende Kupfermünzen gehen täglich durch ihre eine Hand, ihr eines Herz, ihren einen Mund. Wegen so einer Nichtigkeit soll ich sie belästigen? Ich rate Euch, bescheidener zu sein! Wir sind doch nicht durch Brautwerber und ordentliche Heirat hergekommen. Es ist bereits einzigartig großherzig von ihr, dass sie Euch so behandelt! Wäre da jemand anders, die hätte Euch bei solchen Worten sofort angebrüllt und Euch vor die Tür gesetzt — ob lebendig oder tot, was hättet Ihr dann tun können?" Nach dieser Predigt senkte die Zweitschwester Sonders den Kopf und dachte, an diesen Worten sei etwas dran — sie müsse sich eben fügen. Shanjie brachte ihr nach und nach nicht einmal mehr das Essen pünktlich — mal zu früh, mal zu spät, und was sie brachte, waren Reste. Als die Zweitschwester Sonders sich zweimal beschwerte, fing Shanjie stattdessen an zu schreien. Die Zweitschwester Sonders fürchtete, man könnte sagen, sie sei unzufrieden und unbescheiden, und erduldete es schweigend. Alle fünf oder acht Tage ließ sich Phönixglanz einmal bei ihr blicken — stets mit freundlicher Miene und dem Wort „Schwester" auf den Lippen. „Sollten die Dienstleute dich schlecht behandeln und du kommst nicht mit ihnen zurecht, sag es nur mir, dann bestrafe ich sie", sagte sie. Dann schalt sie die Mädchen und Frauen: „Ich kenne euch — die Sanften schikaniert ihr, vor den Harten kuscht ihr. Hinter meinem Rücken fürchtet ihr niemanden mehr. Wenn die Zweite Herrin mir auch nur ein einziges Mal ‚Nein' meldet, verlange ich euer Leben!" Die Zweitschwester Sonders sah Phönixglanz so gutherzig und dachte: „Wenn ich schon sie habe, die sich kümmert, warum sollte ich da noch selbst Aufheben machen? Dass die Dienstleute sich nicht benehmen können, ist normal. Wenn ich sie anschwärze und sie bestraft werden, heißt es hinterher, ich sei nicht tugendhaft." So deckte sie die Verfehlungen sogar noch zu. Derweil schickte Phönixglanz König Er hinaus, um Nachforschungen anzustellen. Bald wusste sie alles über die Zweitschwester Sonders: Sie war schon einmal verlobt gewesen. Der Bräutigam war erst neunzehn, trieb sich Tag für Tag in Hurenhäusern und Spielhöllen herum, kümmerte sich nicht um seinen Lebensunterhalt, hatte sein ganzes Erbe durchgebracht, und sein Vater hatte ihn verstoßen. Er lebte jetzt in einer Spielhölle. Sein Vater hatte zehn Liang Silber von der alten You genommen und die Verlobung aufgelöst, doch der junge Mann wusste noch nichts davon. Er hieß Zhang Hua. Phönixglanz, die nun alle Einzelheiten kannte, steckte König Er zwanzig Liang Silber zu und befahl ihm heimlich, Zhang Hua aufzustöbern, ihn zu verköstigen, ihm eine Klageschrift aufsetzen zu lassen und damit bei der zuständigen Behörde Anzeige erstatten zu lassen. Die Anklage gegen den zweiten Herrn Kette Kaufmann lautete: „Reichstrauer und Familientrauer missachtend, gegen kaiserliche Erlasse und hinter dem Rücken der Eltern, auf Reichtum und Macht gestützt, eine Verlobung gewaltsam aufgelöst und unter Vernachlässigung der Erstgemahlin erneut geheiratet." Zhang Hua kannte die Machtverhältnisse und wagte zunächst nicht, etwas zu unternehmen. König Er berichtete Phönixglanz, die wütend schimpfte: „Dieser räudige Hund, den man nicht an die Mauer stellen kann! Sag ihm genau: Selbst wenn er unsere Familie des Hochverrats anklagte, passiert nichts! Es geht nur darum, mit dem Streit ein allgemeines Gesichtsverlust herbeizuführen. Wenn die Klage zu groß wird, werde ich sie schon zu regeln wissen." König Er tat wie geheißen und redete Zhang Hua ins Gewissen. Phönixglanz wies König Er außerdem an: „Wenn er dich verklagt, gehst du einfach mit ihm zur Verhandlung." So und so, dies und das — „ich weiß schon, was ich tue." König Er, der sich auf ihre Anleitung verließ, ließ Zhang Hua seinen eigenen Namen in die Klageschrift einfügen: „Klage mich ruhig an als denjenigen, der die Gelder überreicht und den Zweiten Herrn zu allem angestiftet hat." So hatte Zhang Hua einen Ansatz, und nachdem er sich mit König Er beraten hatte, schrieben sie die Klageschrift und reichten sie am nächsten Tag beim Zensorat ein. Das Zensorat sah, dass es sich um eine Klage gegen Kette Kaufmann handelte, und dass ein Hausdiener namens König Er darin vorkam. Also schickte man Gerichtsboten zum Haus Kaufmann, um König Er zur Verhandlung vorzuladen. Die Boten wagten nicht, eigenmächtig einzutreten, und ließen nur eine Nachricht überbringen. König Er aber wartete schon darauf, brauchte keine Nachricht — er stand längst in der Straße bereit. Als er die Boten sah, ging er ihnen lachend entgegen: „Macht Euch keine Mühe, Brüder! Es muss wegen meiner Sache sein. Da hilft nichts, fesselt mich schnell." Die Boten wagten das nicht und sagten nur: „Kommt einfach mit, macht keinen Spaß." So kniete er vor dem Richter nieder. Der Zensuor ließ ihm die Klageschrift vorlesen. König Er tat, als lese er sie zum ersten Mal, schlug den Kopf auf den Boden und sagte: „Die Angelegenheit ist mir bestens bekannt. Mein Herr hat das tatsächlich getan. Nur hat Zhang Hua, der seit langem mein Feind ist, mich absichtlich hineingezogen. Es gibt noch andere Beteiligte — ich bitte den Herrn Richter, weiter zu fragen." Zhang Hua schlug den Kopf auf den Boden und sagte: „Es gibt zwar noch andere, aber ich wage nicht, sie anzuklagen, deshalb habe ich nur den Diener angeklagt." König Er tat aufgeregt und sagte: „Du Dummkopf, sag es doch schnell! Das hier ist der kaiserliche Gerichtshof — selbst wenn es der Herr persönlich ist, musst du ihn nennen!" Zhang Hua nannte daraufhin Herrlichkeit Kaufmann[7]. Der Zensuor hatte keine andere Wahl, als auch Herrlichkeit Kaufmann vorladen zu lassen. Phönixglanz hatte zuvor Qinger losgeschickt, um heimlich nachzufragen. Als die Klage erhoben war, ließ sie sofort König Xin kommen, erzählte ihm alles und befahl ihm, den Zensuor zu bitten, die Sache nur zum Schein aufzubauschen und einzuschüchtern, sonst nichts. Dazu gab sie ihm dreihundert Liang Silber für die Bestechung. Noch in derselben Nacht suchte König Xin den Zensuor privat auf und legte die Grundlage. Der Zensuor, der die Zusammenhänge durchschaute, steckte das Bestechungsgeld ein. Am nächsten Tag erklärte er bei der Verhandlung, Zhang Hua sei ein Taugenichts, der Schulden beim Haus Kaufmann habe und mit frei erfundenen Anschuldigungen ehrbare Leute verleumde. Da der Zensuor zudem mit König Ziteng [王子腾] befreundet war und König Xin nur einen kurzen Besuch zu Hause machte — schließlich handelte es sich ja um die Familie Kaufmann, und alle waren froh, die Sache zu beenden —, wurde auch dort nicht weiter nachgehakt. Man ließ nur Herrlichkeit Kaufmann zur Verhandlung vorladen. Herrlichkeit Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann[8] waren gerade mit den Begräbnisvorbereitungen für Herrlichkeit Kaufmanns Vater beschäftigt, als plötzlich ein Bote kam und meldete: „Jemand hat euch angeklagt, und zwar so und so und so — trefft schnell Vorkehrungen!" Herrlichkeit Kaufmann erschrak und eilte zu Herrlichkeit Kaufmann. Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Davor hatte ich mich gehütet — aber was für eine Dreistigkeit!" Sofort ließ er zweihundert Liang Silber einpacken und Leute hinschicken, um den Zensuor zu bestechen, und schickte Diener zur Verhandlung. Gerade als sie noch berieten, wurde gemeldet: „Die Zweite Herrin aus dem Westpalast ist da!" Herrlichkeit Kaufmann erschrak über diese Nachricht, er wollte sich zusammen mit Herrlichkeit Kaufmann schnell verstecken. Doch Phönixglanz war schon hereingetreten und rief: „Na, lieber großer Bruder, da habt ihr ja zusammen mit den jungen Herren feine Sachen angestellt!" Herrlichkeit Kaufmann eilte herbei und verbeugte sich. Phönixglanz packte ihn und zog ihn mit sich. Herrlichkeit Kaufmann lachte nur noch und sagte: „Bedient eure Tante gut, lasst Vieh schlachten und das Essen herrichten!" Damit ließ er eilig sein Pferd satteln und machte sich davon. Phönixglanz kam mit Herrlichkeit Kaufmann in die Haupträume. Die Schwägerin Sonders kam ihr gerade entgegen. Als sie Phönixglanz' zornige Miene sah, fragte sie lächelnd: „Was ist denn so dringend?" Phönixglanz spuckte ihr mitten ins Gesicht und schrie: „Euer Sonders-Mädchen, das keiner mehr wollte, habt ihr heimlich zu den Kaufmanns geschickt! Sind denn alle Kaufmann-Männer so gut, dass es nirgendwo sonst auf der Welt einen Mann gibt? Wenn du sie schon hergeben willst, dann mit drei Brautwerbern und sechs Zeugen, alles ordentlich und nach Brauch! Du hast dir das Hirn vernebeln lassen. In Reichs- und Familientrauer zugleich hast du sie einfach hergeschickt! Jetzt wird uns verklagt, und ich als eine, die keinen Fuß hat, auf dem sie stehen kann — in den Amtsstuben weiß man längst, dass ich streng und eifersüchtig bin. Jetzt wird mein Name genannt, und man will mich verstoßen lassen! Was habe ich in eurem Haus verbrochen, dass ihr mir so schadet? Oder hat die Ahnherrin oder die Gnädige Frau etwas gegen mich und ihr habt diese Falle gebaut, um mich loszuwerden? Dann gehen wir jetzt beide zusammen vor Gericht und klären die Sache! Danach laden wir die ganze Sippe ein, und jeder sagt offen, was er denkt. Gebt mir den Scheidebrief, und ich gehe!" Dabei weinte sie laut, zerrte an der Schwägerin Sonders und wollte mit ihr zum Gericht gehen. Herrlichkeit Kaufmann kniete sich auf den Boden und schlug den Kopf auf die Erde, immer wieder flehend: „Tante, beruhigt Euch doch!" Phönixglanz schimpfte weiter auf Herrlichkeit Kaufmann: „Du vom Blitz geschlagener, von fünf Dämonen zerrissener gewissenloser Kerl! Weißt du nicht, wie hoch der Himmel und wie dick die Erde ist? Tagaus, tagein stiftest du Unfrieden und treibst schamlose, gesetzlose, familienzerstörende Geschäfte! Deine verstorbene Mutter im Jenseits verzeiht dir das nicht, die Ahnen verzeihen es nicht — und du wagst es, mich beschwichtigen zu wollen!" Weinend und schimpfend holte sie aus, um ihn zu schlagen. Herrlichkeit Kaufmann schlug rasch den Kopf auf den Boden und sagte: „Tante, schlagt Euch nicht die Hand wund — lasst mich mich selbst schlagen!" Damit schlug er sich links und rechts selbst ins Gesicht und fragte sich selbst: „Wirst du in Zukunft dich noch in alles einmischen, was dich nichts angeht? Wirst du in Zukunft nur noch auf deinen Onkel hören und nicht mehr auf deine Tante?" Alle Umstehenden wollten zugleich trösten und lachen, wagten aber nicht zu lachen. Phönixglanz warf sich in die Arme der Schwägerin Sonders, heulte zum Himmel und zur Erde und schluchzte laut: „Dass du deinem Bruder eine Frau nimmst, ärgert mich nicht! Aber warum habt ihr es so gemacht, dass es gegen kaiserliche Erlasse verstößt, und hängt mir diesen Schandnamen an? Gehen wir doch zum Gericht, bevor die Häscher kommen! Oder noch besser — gehen wir zur Ahnherrin und der Gnädigen Frau und legen es der ganzen Sippe vor! Wenn ich so schlecht bin und meinem Mann keine Zweitfrau und Nebenfrau gönne, dann gebt mir den Scheidebrief, und ich verschwinde sofort! Eure Schwester habe ich eigenhändig ins Haus geholt, und aus Angst, die Ahnherrin und die Gnädige Frau könnten böse werden, habe ich nicht einmal gewagt, es zu melden. Sie wohnt dort mit feinstem Essen, goldenen Sklavinnen und silbernen Dienern im Garten! Ich habe eilig die Zimmer herrichten lassen, mit demselben Rang wie ich — alles bereit für den Tag, an dem die Ahnherrin es erfährt. Ich dachte, wenn sie erst eingezogen ist, werden wir alle brav und anständig leben und ich lasse die Vergangenheit ruhen. Aber nun stellt sich heraus, dass sie schon einen Verlobten hatte! Was ihr da getrieben habt, davon weiß ich überhaupt nichts. Jetzt wird mir der Prozess gemacht! Gestern war ich so verzweifelt, dass ich — auch wenn ich selbst vor Gericht ginge, es wäre die Schande eures Hauses Kaufmann! — nicht anders konnte, als heimlich fünfhundert Liang von der Gnädigen Frau zu nehmen und die Beamten zu bestechen. Und mein Diener sitzt immer noch im Gefängnis!" So weinte und schimpfte sie abwechselnd und wollte sich schließlich den Schädel einschlagen. Die Schwägerin Sonders war wie ein durchgekneteter Teig, ihre Kleider von Tränen und Rotz durchtränkt. Sie sagte nur: „Du Ungeheuer von Sohn! Was für feine Sachen hast du mit deinem Vater angestellt! Hab ich's nicht gleich gesagt?" Phönixglanz hörte das, fasste weinend die Schwägerin Sonders am Gesicht, starrte sie frontal an und fragte: „Bist du wahnsinnig? Hast du einen Kürbis im Mund stecken? Oder haben sie dir eine Trense angelegt? Warum hast du mir nichts gesagt? Wenn du es mir gesagt hättest, wäre jetzt alles friedlich! Wie konnte es so weit kommen, dass Gerichte und Behörden bemüht werden? Und jetzt machst du ihnen noch Vorwürfe! ‚Ist die Frau tugendhaft, hat der Mann weniger Unglück', heißt es, und ‚Äußere Stärke ist nicht so viel wert wie innere Stärke.' Wenn du etwas getaugt hättest, hätten die das alles nie angestellt! Aber du hast weder Geschick noch Mundwerk — du bist ein Kürbis mit abgesägtem Mund, der nur still dasitzt und auf den guten Ruf einer tugendhaften Frau hofft. Am Ende fürchten sie dich nicht und hören nicht auf dich!" Dann spuckte sie ihr noch ein paarmal ins Gesicht. Die Schwägerin Sonders weinte ebenfalls: „Wie könnte ich nicht ermahnt haben? Aber glaubst du, sie hören auf mich? Was soll ich denn machen? Ich kann der Schwester nicht verdenken, dass sie wütend ist — ich kann nur zuhören." Inzwischen knieten all die Nebenfrauen, Mädchen und Dienerinnen dicht an dicht am Boden und baten lachend: „Die Zweite Herrin ist doch die Verständigste! Auch wenn unsere Herrin im Unrecht ist — Ihr habt sie genug gedemütigt. Unsere Herrinnen waren sich doch immer so gut — bitte bewahrt ihr das Gesicht!" Man reichte Tee. Phönixglanz warf auch den zu Boden, wischte sich die Augen, richtete sich die Haare und schimpfte dann noch auf Herrlichkeit Kaufmann: „Geh hinaus und hol deinen Vater! Ich will ihn persönlich fragen: Der eigene Großvater ist erst sieben mal sieben Tage bestattet, und der Neffe heiratet — diesen Brauch kenne ich noch nicht. Da kann ich ja gleich für die Zukunft lernen, wie man Söhne und Neffen erzieht!" Herrlichkeit Kaufmann kniete nur da und schlug den Kopf auf den Boden: „Diese Sache hat mit meinen Eltern gar nichts zu tun! Euer Sohn war es, der einen Moment lang verrückt wurde und den Onkel angestiftet hat. Mein Vater weiß gar nichts davon. Gerade bereitet er die Überführung des Großvaters vor. Wenn die Tante jetzt Aufsehen macht, ist es auch um Euren Sohn geschehen. Bestraft mich, wie Ihr wollt — ich nehme jede Strafe an. Aber den Prozess — bitte, Tante, regelt Ihr ihn. Euer Sohn kann so eine große Sache nicht bewältigen. Die Tante ist doch eine Person von Format — kennt Ihr nicht das Sprichwort: ‚Ein gebrochener Arm bleibt im Ärmel verborgen'? Euer Sohn war dumm genug, eine Dummheit zu begehen — wie ein Hund oder eine Katze. Da die Tante mich bestraft, wird sie doch nicht auf meine Stufe herabsteigen. Die Tante muss sich leider noch die Mühe machen, die Sache draußen in Ordnung zu bringen. Euer Sohn hat die Dummheit angerichtet, und die Tante muss die Scherben aufkehren — aber sie liebt ihren Sohn doch trotzdem." Phönixglanz sah, wie Mutter und Sohn sich so verhielten, und erkannte, dass sie nicht weitergehen konnte. Also wechselte sie Miene und Ton und sagte versöhnlich zur Schwägerin Sonders: „Ich bin jung und unverständig. Als ich hörte, dass jemand klagt, hat es mich so erschreckt, dass ich nicht mehr wusste, was ich tat. Wie unhöflich muss ich eben zur Schwägerin gewesen sein! Wie Hibiskus sagt — ‚der gebrochene Arm bleibt im Ärmel' —, bitte die Schwägerin, mir zu vergeben. Und bitte sprich mit dem Bruder, damit er den Prozess erst einmal niederschlägt." Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten einhellig: „Die Tante braucht sich keine Sorgen zu machen — den Onkel wird es nicht im Geringsten treffen. Ihr sagtet, Ihr hättet fünfhundert Liang ausgegeben — selbstverständlich werden wir Mutter und Sohn fünfhundert Liang zusammenbringen und Euch hinüberschicken, damit Ihr den Verlust ausgleichen könnt. Es wäre unverzeihlich, wenn die Tante obendrein noch Schulden machen müsste. Aber noch eins: Vor der Ahnherrin und den Gnädigen Frauen — da muss die Tante bitte taktvoll sein und diese Dinge nicht erwähnen." Phönixglanz lachte kalt: „Ihr habt mir etwas über den Kopf gezogen und erwartet jetzt, dass ich euch decke! Ich bin zwar dumm, aber so dumm nicht. Die Schwester meines Schwagers ist auch mein Mann, und wenn die Schwägerin fürchtet, er bleibe ohne Nachkommen — fürchte ich das etwa nicht noch mehr? Die Schwester der Schwägerin ist wie meine eigene Schwester. Als ich davon hörte, war ich so froh, dass ich die ganze Nacht kein Auge zutat. Sofort ließ ich die Zimmer herrichten und wollte sie aufnehmen. Die Dienstleute mit ihrem Sklavenverstand sagten allerdings: ‚Die Herrin ist zu gutmütig! Wenn wir zu bestimmen hätten, würden wir erst die Ahnherrin und die Gnädige Frau informieren, dann die Zimmer herrichten und sie abholen — das wäre noch früh genug.' Als ich das hörte, hätte ich sie am liebsten geschlagen und beschimpft, konnte es aber lassen. Aber es kam nicht, wie ich wollte! Aus heiterem Himmel tauchte dieser Zhang Hua auf und erstattete Anzeige. Als ich das erfuhr, habe ich zwei Nächte lang kein Auge zugemacht, wagte aber nicht, Aufhebens zu machen. Heimlich ließ ich Erkundigungen einziehen, wer dieser Zhang Hua sei und wo er die Dreistigkeit hernehme. Nach zwei Tagen Nachforschung stellte sich heraus, dass es ein nichtsnutziger Bettler ist. Jung und unerfahren, wie ich bin, musste ich lachen und sagte: ‚Was kann der schon anklagen?' Aber die Burschen erklärten: ‚Die Zweite Herrin war ihm einst versprochen. Jetzt ist er in der Klemme — ob er erfriert oder verhungert, er stirbt so oder so. Jetzt hat er dieses Recht in der Hand, und selbst wenn er stirbt, stirbt er wenigstens für etwas. Wie kann man es ihm verdenken? Die Sache wurde zu überstürzt gemacht. Reichstrauer — ein Vergehen. Familientrauer — ein Vergehen. Hinter dem Rücken der Eltern heimlich geheiratet — ein Vergehen. Die Erstfrau verlassen und erneut geheiratet — ein Vergehen. Wie das Sprichwort sagt: Wer seine Haut riskiert, kann sogar den Kaiser vom Pferd ziehen. Ein Mann, der vor Armut verrückt geworden ist, wozu ist der nicht fähig? Zumal er das volle Recht auf seiner Seite hat — auf eine Einladung zu warten ist unmöglich.' Schwägerin, selbst wenn ich Han Xin oder Zhang Liang wäre — nach diesen Worten wäre mir jeder Gedanke vergangen. Euer Bruder ist nicht da, ich hatte niemanden zum Beraten — nichts blieb übrig, als Geld hinzulegen. Aber je mehr Geld ich ausgab, desto mehr pressten sie mich aus. Ich bin wie eine Maus mit einem Geschwür am Schwanz — kein Tropfen Blut mehr übrig. Vor Aufregung und Ärger musste ich herkommen." Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten, ohne sie ausreden zu lassen: „Keine Sorgen, wir regeln das selbstverständlich!" Herrlichkeit Kaufmann fuhr fort: „Dieser Zhang Hua hat nur aus purer Verzweiflung heraus geklagt. Mein Plan wäre: Wir bieten ihm etwas Silber an und lassen ihn gestehen, dass er falsch und grundlos geklagt hat. Wir regeln seinen Prozess, und wenn er herauskommt, geben wir ihm noch etwas Geld — dann ist die Sache erledigt." Phönixglanz lachte: „Liebes Kind, kein Wunder, dass du so kopflos solche Dummheiten anstellst — du bist wirklich naiv! Wenn er heute einwilligt und den Prozess übersteht und das Geld bekommt, ist es vorerst erledigt. Aber solche Taugenichtse — wenn das Geld verbraucht ist, suchen sie neue Vorwände und pressen einen wieder. Außerdem: Wenn er sagt, er habe nichts verbrochen — warum hat man ihm dann Geld gegeben? Am Ende ist es eine nie endende Geschichte." Herrlichkeit Kaufmann, der ein kluger Mensch war, verstand sofort und sagte lachend: „Ich habe noch eine Idee. ‚Wer den Ärger gebracht hat, muss ihn auch forttragen.' Am besten erledige ich das selbst. Ich gehe zu Zhang Hua und frage ihn: Will er unbedingt die Person haben, oder ist er bereit, sich mit Geld abfinden zu lassen und eine andere zu heiraten? Wenn er die Person will, muss ich meine Zweite Tante überreden, dass sie herauskommt und ihn heiratet. Wenn er Geld will, geben wir ihm welches." Phönixglanz rief hastig: „Auch wenn du das sagst — ich bringe es nicht übers Herz, deine Tante hinauszuschicken! Auf keinen Fall! Guter Neffe, wenn du mich liebst, gib ihm lieber mehr Geld!" Herrlichkeit Kaufmann wusste genau, dass Phönixglanz mit dem Mund zwar so redete, im Herzen aber nichts lieber wollte, als dass die Person von selbst ging — sie selbst spielte nur die Tugendhafte. Was immer sie jetzt sagte, er gehorchte. Phönixglanz, zufrieden, sagte dann: „Die Sache draußen lässt sich regeln — aber wie geht es zu Hause weiter? Du solltest mit mir hinüberfahren und es der Ahnherrin erklären." Herrlichkeit Kaufmann bat Phönixglanz um Rat, wie man die Lüge am besten formulieren solle. Phönixglanz lachte kalt: „Wenn du nicht das Talent dazu hast, warum hast du dich dann darauf eingelassen? Jetzt diese Jammerpose — das ist mir zuwider. Aber andererseits bin ich ein weichherziger Mensch und lasse mich von jedem herumschubsen, und trotzdem habe ich ein gutes Herz. Ich muss es wohl übernehmen. Ihr beide haltet euch einfach fern. Ich bringe eure Schwester zur Ahnherrin und der Gnädigen Frau und lasse sie den Kotau machen. Ich sage: Sie ist die Schwester meines Schwagers, ich habe sie kennengelernt und fand sie sehr nett. Da ich selbst nicht gerade fruchtbar bin, hatte ich ohnehin vor, ein oder zwei Mädchen ins Haus zu nehmen. Als ich nun die Schwester meines Schwagers traf und sah, wie gut sie ist — Verwandte untereinander zu heiraten ist doch das Beste —, habe ich beschlossen, sie als Zweitfrau aufzunehmen. Da ihre Eltern und Schwestern vor Kurzem alle verstorben sind und sie in Armut lebt, konnte sie die hundert Tage Trauer nicht abwarten, denn sie hätte kein Zuhause und keinen Unterhalt gehabt. Deshalb habe ich sie schon ins Haus geholt, die Zimmer im Seitenflügel sind hergerichtet, und sie wohnt vorerst dort. Erst wenn die Trauer vorüber ist, wird die Ehe vollzogen. Mit meiner schamlosen Miene und meiner Hartnäckigkeit drücke ich das schon durch. Wenn es Ärger gibt, fällt er nicht auf euch zurück. Was meint ihr, Mutter und Sohn?" Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann sagten einhellig lachend: „Nur die Tante hat eine so großmütige und kluge Art! Wenn alles geregelt ist, kommen wir selbstverständlich herüber, um uns zu bedanken." Die Schwägerin Sonders ließ die Mädchen Phönixglanz beim Waschen und Frisieren bedienen, ordnete ein Essen an und reichte persönlich Wein und wählte die Gerichte aus. Phönixglanz blieb nicht lange und ging entschlossen. Im Garten erzählte sie der Zweiten Schwester You die ganze Geschichte — wie sie sich Mühe gegeben habe, Erkundigungen einzuziehen, wie sie einen Plan ersonnen habe, wie man so und so vorgehen müsse, um alle vor Strafe zu bewahren, und dass sie selbst die Sache in die Hand nehmen müsse. Was dann weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
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