Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de/Chapter 76"

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(ZH-DE4 Korrektur-Update Kap. 76)
 
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= 第七十六回 =
 
== 凸碧堂品笛感凄清 / 凹晶馆联诗悲寂寞 ==
 
=== In der Halle des erhabenen Gruen lauschen sie der Floete und empfinden Wehmut; Im Pavillon des eingesunkenen Kristalls dichten sie Verse und beklagen die Einsamkeit ===
 
  
 
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! style="width:50%" | 中文原文 (庚辰本)
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! style="width:50%" | 中文原文 (程甲本 1982)
! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung
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! style="width:50%" | Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026)
 
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  這裡翠縷向湘雲道:「大奶奶那裡還有人等著咱們睡去呢。如今還是那裡去好?」湘雲笑道:「你順路告訴他們,叫他們睡罷。我這一去未免驚動病人,不如鬧林姑娘半夜去罷。」說著,大家走至瀟湘館中,有一半人已睡去。二人進去,方纔卸妝寬衣,盥漱已畢,方上床安歇。紫鵑放下綃帳,移燈掩門出去。誰知湘雲有擇席之病,雖在枕上,只是睡不著。黛玉又是個心血不足常常失眠的,今日又錯過困頭,自然也是睡不著。二人在枕上翻來覆去。黛玉因問道:「怎麼你還沒睡著?」 湘雲微笑道:「我有擇席的病,況且走了困,只好躺躺罷。你怎麼也睡不著?」黛玉嘆道:「我這睡不著也並非今日,大約一年之中,通共也只好睡十夜滿足的。」湘雲道:「都是你病的原故,所以……」不知下文什麼──
 
  這裡翠縷向湘雲道:「大奶奶那裡還有人等著咱們睡去呢。如今還是那裡去好?」湘雲笑道:「你順路告訴他們,叫他們睡罷。我這一去未免驚動病人,不如鬧林姑娘半夜去罷。」說著,大家走至瀟湘館中,有一半人已睡去。二人進去,方纔卸妝寬衣,盥漱已畢,方上床安歇。紫鵑放下綃帳,移燈掩門出去。誰知湘雲有擇席之病,雖在枕上,只是睡不著。黛玉又是個心血不足常常失眠的,今日又錯過困頭,自然也是睡不著。二人在枕上翻來覆去。黛玉因問道:「怎麼你還沒睡著?」 湘雲微笑道:「我有擇席的病,況且走了困,只好躺躺罷。你怎麼也睡不著?」黛玉嘆道:「我這睡不著也並非今日,大約一年之中,通共也只好睡十夜滿足的。」湘雲道:「都是你病的原故,所以……」不知下文什麼──
 
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nd sagte: „Der Herr läßt Euch fragen, ob Ihr heute ausgehen wollt, junge gnädige Frau. Er sagt, da wir Trauer haben, könnten wir morgen am fünfzehnten nicht feiern. Heute abend jedoch wäre es günstig, da könnten wir alle zusammen wenigstens so tun als ob, ein wenig Melone und Mondkekse essen und einen Schluck Wein dazu trinken.“
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Sechsundsiebzigstes Kapitel
„Ich will nicht ausgehen“, erwiderte Frau You. „Aber drüben liegt die ältere Schwägerin krank, und nun hat sich auch die Frau von Schwager Liän hinlegen müssen. Wenn ich nicht hinübergehe, ist dort überhaupt niemand mehr. Außerdem hat er doch gar keine Zeit, was redet er also?“
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„Der Herr hat erklärt, für heute habe er allen Gästen abgesagt, und sie würden erst am sechzehnten wieder kommen. Er wolle unbedingt Euch zum Wein einladen“, berichtete Pee-fëng.
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An der Bergvilla Jadegrüne Erhebung<ref>凸碧山庄 (Tūbì Shānzhuāng), wörtlich „Bergvilla der hervorragenden Jade-Erhebung“. Bildet ein Gegensatzpaar mit der Herberge Kristallklare Vertiefung (凹/凸, eingesenkt/erhaben).</ref> lauschen sie der Flöte und empfinden Wehmut — Bei der Herberge Kristallklare Vertiefung dichten sie Verse und beklagen die Einsamkeit
„Na gut“, sagte Frau You lächelnd, „aber ich kann keine Gegeneinladung aussprechen.
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Lachend ging Pee-fëng hinaus, und als sie bald darauf wiederkam, verkündete sie lächelnd: „Der Herr hat gesagt, auch zum Abendessen möchte er Euch bitten, darum solltet Ihr auf jeden Fall rechtzeitig wieder hier sein. Ich aber soll Euch begleiten.“
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Jiǎ Shè [贾赦] und Jiǎ Zhèng [贾政] gingen also mit Herrlichkeit Kaufmann [贾珍] und den übrigen männlichen Familienangehörigen fort. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
„Und was wird mit dem Frühstück?“ fragte Frau You. „Er soll sich nur beeilen, damit ich gehen kann.
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„Der Herr hat gesagt, das Frühstück wolle er draußen einnehmen, und Ihr solltet ohne ihn essen, junge gnädige Frau“, berichtete Pee-fëng weiter.
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Derweil befahl die Herzoginmutter [贾母], den Stellschirm wegzuräumen und die beiden Tafeln zu einer einzigen zusammenzuschieben. Die Frauen wischten die Tische ab, füllten die Obstschalen auf, tauschten die Becher aus, wuschen die Essstäbchen und richteten alles frisch her. Die Herzoginmutter [贾母] und ihre Gesellschaft zogen sich etwas Warmes über, wuschen sich die Hände, spülten den Mund und tranken Tee, ehe sie sich wieder rund um die Tafel setzten.
„Wen hat er denn heute draußen?“ erkundigte sich Frau You.
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„Ich habe nur gehört, es seien zwei Neuankömmlinge aus Nan-djing da“, gab Pee-fëng zur Antwort. „Ich weiß aber nicht, wer sie sind.“
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Als die Herzoginmutter [贾母] bemerkte, dass die Schwestern Schatzspange [宝钗] und Bǎoqín [宝琴] nicht dabei waren — denn sie feierten, wie sie sich dachte, das Mondfest daheim im Kreise ihrer Familie —, und da auch Lǐ Wán [李纨] und Phönixglanz [凤姐] krankheitshalber fehlten, so dass gleich vier Personen weniger da waren, kam ihr die Runde recht vereinsamt vor. Lächelnd sagte sie: „In den vergangenen Jahren, als der gnädige Herr nicht da war, haben wir einfach die Frau Tante herübergebeten, und wir alle haben gemeinsam den Mond bewundert — das war stets höchst vergnüglich. Nur wenn uns dann plötzlich der Herr einfiel und wir daran denken mussten, dass Mutter und Sohn, Mann und Frau, Eltern und Kinder nicht beisammen sein konnten, war uns die Stimmung verdorben. Heute nun ist der Herr wieder da, und eigentlich sollten wir alle miteinander fröhlich sein — doch jetzt ist es nicht mehr angebracht, die Frau Tante mit ihren Kindern einzuladen, damit wir gemeinsam scherzen und lachen. Zumal sie in diesem Jahr zwei weitere Personen im Haus hat, die sie nicht so einfach im Stich lassen kann, um zu uns herüberzukommen. Und obendrein ist Phönixglanz [凤姐] krank geworden — hätten wir sie allein, wöge sie mit ihrem Scherzen und Lachen zehn andere auf! Da sieht man: Nichts auf der Welt ist vollkommen."
Während dieses Gesprächs war auch Djia Jungs Frau erschienen, die sich gekämmt und gewaschen hatte und nun ihren Gruß entbot. Bald darauf wurde der Tisch gedeckt, Frau You nahm oben auf dem Ehrensitz Platz, und Djia Jungs Frau leistete ihr auf dem unteren Sitz Gesellschaft. Nachdem Schwiegermutter und Schwiegertochter gemeinsam gegessen hatten, ging Frau You sich umziehen, und dann fuhr sie ins Jung-guo-Anwesen hinüber und kam erst am Abend zurück.
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Nach diesen Worten seufzte sie unwillkürlich auf und befahl dann, man solle ihr einen großen Becher bringen und mit heißem Wein füllen.
Tatsächlich hatte Djia Dschën ein Schwein und einen Hammel zubereiten lassen. Die übrigen Speisen und Früchte können hier nicht alle aufgezählt werden. In der Halle des Üppigen Grüns im Garten der Gesammelten Düfte prangten Pfauenbilder auf den Setzschirmen, und Lotosmuster strahlten von den Sitzkissen. Dorthin führte er Frau und Nebenfrauen. Erst kamen die Speisen, dann der Wein auf den Tisch, und alle erfreuten sich in gelöster Stimmung am Anblick des Mondes und waren vergnügt. Um die erste Nachtwache herum war die Luft rein, und der Mond schien klar, Himmel und Erde waren anzusehen wie Silber.
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Frau Wáng [王夫人] sagte lächelnd: „Heute seid Ihr wieder mit Eurem Sohn vereint, und das ist doch schöner als in den vergangenen Jahren. Damals mochten wir Frauen zwar zahlreicher sein, aber das ist doch nicht dasselbe, als wenn die engste Familie vollzählig beisammen ist."
Djia Dschën hatte Lust auf ein Trinkspiel, darum rief Frau You auch Pee-fëng und die anderen drei mit an die Haupttafel, wo sie sich in einer Reihe auf die unteren Plätze setzen mußten, und dann spielten sie Faustraten und Fingerknobeln0 und tranken ein Weilchen. Als Djia Dschën schon ein wenig berauscht war, geriet er noch mehr in Stimmung und befahl, eine Flöte aus Schwarzbambus zu holen, auf der Pee-fëng spielen mußte, während Wën-hua ein Lied dazu sang. Ihre Stimme war so rein und zart, daß jedermanns Seele gleichsam berauscht wurde und davonzufliegen drohte.
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Die Herzoginmutter [贾母] erwiderte lächelnd: „Eben darum bin ich ja so vergnügt und will aus einem großen Becher trinken! Ihr solltet es ebenso machen."
Nachdem das Lied zu Ende war, wurden wieder Trinkspiele gespielt, und als es auf die dritte Nachtwache zuging, war Djia Dschën zu acht Zehnteln betrunken. Eben hatten sich alle etwas übergezogen und Tee getrunken, und es kamen andere Becher und frischer Wein auf den Tisch, da hörten sie plötzlich, wie jenseits der Mauer jemand langanhaltend seufzte.
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So ließen sich auch Frau Xíng [邢夫人] und die anderen größere Becher reichen. Doch da die Nacht schon weit fortgeschritten war und die Körper müde, vertrugen sie kaum noch etwas und waren unvermeidlich schläfrig geworden. Weil aber die Herzoginmutter [贾母] noch in bester Stimmung war, mussten sie wohl oder übel mittrinken.
Alle hatten es deutlich gehört, und jedermann wurde von Furcht befallen. Djia Dschën schrie sofort wütend hinüber: „Wer ist da?“ Doch obwohl er die Frage mehrmals wiederholte, erfolgte keine Antwort.
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„Es wird bestimmt jemand vom Gesinde gewesen sein, das außerhalb der Mauer wohnt“, sagte Frau You.
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Nun ließ die Herzoginmutter [贾母] auch noch Filzmatten auf den Treppenstufen ausbreiten und befahl, die Mondkuchen, Melonen und Obstteller alle dort unten aufzustellen, damit sich auch die Dienerinnen und Mägde ringsherum setzen und den Mond bewundern konnten. Da die Herzoginmutter [贾母] sah, dass der Mond nun mitten am Himmel stand und noch lieblicher und bezaubernder strahlte als zuvor, sagte sie: „Bei so einem herrlichen Mond muss man Flötenklänge hören!" Und sie ließ die Mädchen des Zehnerorchesters rufen. Dann aber sagte sie: „Wenn es zu viele Instrumente sind, geht das Erlesene verloren. Wir brauchen nur die Flötenspielerin — sie soll von ferne die Querflöte blasen, das genügt."
„Unsinn!“ erwiderte Djia Dschën. „Hinter der Mauer sind nirgends Gesindehäuser. Nahebei liegt nur unser Ahnentempel. Wie sollte jemand dorthin gekommen sein?“
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Kaum hatte sie das gesagt und die Flötenspielerin sich aufgemacht, erschien eine Dienerin aus dem Gefolge der Frau Xíng [邢夫人] und flüsterte ihrer Herrin etwas zu.
Kaum daß er ausgesprochen hatte, fegte ein Windstoß über die Mauer, und es hörte sich an, als ob im Ahnentempel die Türen in den hölzernen Trennwänden klapperten. Außerdem war der Wind so eisig, daß alle noch stärker fröstelten als vorhin. Auch war das Mondlicht jetzt trübe und fahl anstatt hell und klar wie zuvor, und jeder spürte, wie sich ihm die Haare sträubten.
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Die Herzoginmutter [贾母] fragte: „Was ist denn los?"
Djia Dschën war wieder halbwegs nüchtern geworden, und obwohl er sich mehr in der Gewalt hatte als die übrigen, wurde sein Herz doch von Zweifeln und Furcht bestürmt, und die Laune war ihm gründlich verdorben. Dennoch zwang er sich, noch ein Weilchen auszuhalten, ehe er wieder ins Haus ging und sich schlafen legte.
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Die Dienerin berichtete: „Der ältere gnädige Herr [贾赦] ist beim Hinausgehen über einen Stein gestolpert und hat sich den Fuß verstaucht."
Am nächsten Morgen stand Djia Dschën in aller Frühe auf, um zum fünfzehnten die Söhne des Hauses in den Ahnentempel zu führen und dort das Opfer zu vollziehen, wie es zu Neumond und Vollmond der Brauch ist. Dabei sah er sich im Ahnentempel sorgfältig um, aber dort waren keine verdächtigen Spuren zu finden. Deshalb sagte sich Djia Dschën, er müsse in der Trunkenheit einer Sinnestäuschung zum Opfer gefallen sein, und erwähnte nichts von dem Vorfall. Als die Zeremonie beendet war, machte er die Türen zu und überzeugte sich davon, daß sie fest verschlossen wurden.
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Sogleich schickte die Herzoginmutter [贾母] zwei alte Dienerinnen, um nach ihm zu sehen, und forderte auch Frau Xíng [邢夫人] auf, rasch nach Hause zu fahren. Frau Xíng [邢夫人] verabschiedete sich und ging.
Erst nach dem Abendessen begab sich Djia Dschën mit Frau You ins Jung-guo-Anwesen hinüber. Dort fand er Djia Schë und Djia Dschëng im Zimmer der Herzoginmutter, wo sie im Sitzen mit ihr plauderten und scherzten. Djia Liän, Bau-, Djia Huan und Djia Lan standen in dienstfertiger Haltung daneben. Als Djia Dschën eingetreten war, entbot er jedem seinen Gruß, und nach zwei, drei Sätzen befahl ihm die Herzoginmutter, Platz zu nehmen. Respektvoll vornüber gebeugt, setzte er sich auf einen kleinen Hocker in der Nähe der Tür, und nun fragte die Herzoginmutter: „Wie macht sich dein Vetter Bau-yü in den letzten Tagen beim Bogenschießen?“
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Die Herzoginmutter [贾母] sagte noch: „Auch Juwels [贾珍] Frau kann bei der Gelegenheit gleich nach Hause fahren — ich lege mich ohnehin bald schlafen."
Sofort stand Djia Dschën wieder auf und gab lächelnd die Auskunft: „Er hat große Fortschritte gemacht. Nicht nur sein Stil hat sich verbessert, auch die Bogenstärke hat er schon um eine Stufe zu steigern vermocht.
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Frau Yóu [尤氏] wehrte lächelnd ab: „Heute fahre ich nicht nach Hause! Ich will unbedingt mit der alten Ahnin die ganze Nacht durchzechen."
„Damit ist es dann aber genug!“ warnte die Herzoginmutter. „Er soll sich nicht überanstrengen und muß auch vorsichtig sein, daß er sich nicht verletzt.
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Die Herzoginmutter [贾母] lachte: „Das geht nicht, das geht nicht! Als junges Ehepaar müsst ihr in dieser Nacht zusammen sein — wie könntest du das meinetwegen versäumen?"
„Sehr wohl, sehr wohl!“ antwortete Djia Dschën rasch mehrmals hintereinander, und die Herzoginmutter fuhr fort: „Die Mondkekse, die du mir gestern hast bringen lassen, waren gut. Auch die Wassermelonen sehen gut aus, aber wenn man sie aufschneidet, ist nicht viel los damit.
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Frau Yóu errötete und erwiderte lächelnd: „Was die alte Ahnin da sagt, ist kaum auszuhalten! Wir sind zwar noch jung, aber schon über zehn Jahre verheiratet und gehen auf die Vierzig zu. Zudem ist unsere Trauerzeit noch nicht abgelaufen. Euch eine Nacht lang Gesellschaft zu leisten, das geht wohl an — aber mich zum Vergnügen mit meinem Mann zusammenzutun, das schickt sich nicht."
„Die Mondkekse hat ein neuer Koch zubereitet, der sich speziell auf Gebäck versteht“, erklärte ihr Djia Dschën. „Erst nachdem ich sie gekostet hatte und für gut befand, wagte ich, sie Euch zu verehren. Die Melonen waren alle Jahre gut, aber diesmal taugen sie aus irgendeinem Grunde nichts.“
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Die Herzoginmutter [贾母] lachte: „Du hast ganz recht! Ich hatte völlig vergessen, dass eure Trauerzeit noch nicht vorüber ist. Es sind ja schon mehr als zwei Jahre, seit dein Schwiegervater verstorben ist — das hatte ich nicht bedacht. Zur Strafe trinke ich einen großen Becher! Wenn das so ist, brauchst du sie nicht hinauszubegleiten, bleib nur bei mir. Aber sag Jungs [贾蓉] Frau, sie soll sie hinausbringen und dann gleich selbst nach Hause fahren."
„Wahrscheinlich, weil es in diesem Jahr zuviel geregnet hat“, warf Djia Dschëng ein.
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Frau Yóu gab das weiter, und Jung Kaufmanns [贾蓉] Frau sagte „Jawohl", begleitete Frau Xíng [邢夫人] hinaus bis zum Haupttor, wo jede in ihren Wagen stieg und nach Hause fuhr. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
Nun forderte die Herzoginmutter alle lächelnd auf: „Gehen wir jetzt den Weihrauch opfern! Der Mond ist schon aufgegangen.“ Mit diesen Worten stützte sie sich auf Bau-yüs Schulter und schritt allen voran zum Garten hinüber.
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Hier stand inzwischen das Haupttor weit offen, und große Hornlaternen hingen daran. Auf der Mondterrasse vor der Halle des Vortefflichen Schattens glühte ein dickes Weihrauchbündel, und Windlichter brannten. Wassermelonen, Mondkekse und allerlei Früchte standen aufgeschichtet bereit. In der Halle warteten schon lange die weiblichen Festgäste, allen voran Dame Hsing. Mondlicht und Lampenschein, Kleiderpracht und Weihrauchschwaden vereinigten sich zu einem üppigen Bild, das nicht zu beschreiben ist.
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Nun führte die Herzoginmutter [贾母] die Verbliebenen noch einmal zu den Osmanthus-Sträuchern, an denen sie sich ein Weilchen erfreuten. Dann kehrten sie an die Tafel zurück und ließen frisch gewärmten Wein auftragen. Gerade als sie so plauderten, erklang plötzlich und unvermutet von drüben, im Schatten der Osmanthus-Bäume, die Querflöte — bald schluchzend und klagend, bald schwellend und getragen. Im Zusammenspiel mit dem hellen Mond und der klaren Luft, dem weiten Himmel und der stillen Erde löste diese Musik mit einem Mal alle Kümmernisse der Herzen und ließ zehntausend Sorgen verschwinden. Jeder saß andächtig und regungslos auf seinem Platz und genoss es in Schweigen. Erst als die Musik nach einer Weile — die man brauchte, um zwei Schalen Tee zu trinken — wieder verstummte, spendeten alle nicht enden wollendes Lob.
Auf dem Boden lagen ein Gebetsteppich und brokatbezogene Kissen. Nachdem sich die Herzoginmutter die Hände gewaschen, den Weihrauch entzündet und ihre Stirnaufschläge vollzogen hatte, berührten auch alle anderen mit der Stirn den Boden. Dann sagte die Herzoginmutter: „Den Anblick des Mondes können wir am besten vom Berg aus genießen.Und sie befahl, sie in die Halle auf dem Bergrücken zu gehen.
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Kaum hatte das Gesinde den Befehl vernommen, eilten alle davon, um dort die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Inzwischen trank die Herzoginmutter in der Halle des Vortrefflichen Schattens Tee, ruhte sich ein wenig aus und plauderte etwas. Erst als bald darauf gemeldet wurde: „Es ist alles bereit!“, machte sich die Herzoginmutter, von beiden Seiten gestützt, daran, den Berg zu besteigen.
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Daraufhin wurde erneut warmer Wein eingeschenkt, und die Herzoginmutter [贾母] fragte lächelnd: „Hat das nicht wahrhaftig gut geklungen?"
„Das Moos auf den Steinen wird glitschig sein!“ warnte Dame Wang und empfahl: „Laßt Euch besser in einem Bambustragstuhl hinauftragen!“
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Alle antworteten lächelnd: „Es war in der Tat ein wahrer Genuss! Wir hätten nicht gedacht, dass es so schön sein könnte. Es bedurfte wirklich Eurer Anregung, alte gnädige Frau, damit auch uns ein wenig das Herz aufging."
Aber die Herzoginmutter erwiderte: „Hier wird jeden Tag gefegt, außerdem ist der Weg weder steil noch schmal. Warum soll ich mir nicht ein bißchen die Knochen und Sehnen lockern?“
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Die Herzoginmutter [贾母] sagte: „Es war noch gar nicht das Beste. Wenn wir ein Stück wählen, das möglichst langsam ist, klingt es noch schöner." Dann befahl sie, der Flötenspielerin einen von den mit Melonenkernen bestreuten und mit Zirbelkernen gefüllten Mondkuchen aus der Kaiserlichen Hofbäckerei zu bringen, wie sie selbst sie , dazu einen großen Becher heißen Wein. Die Flötenspielerin solle in aller Ruhe essen und trinken und dann noch eine ganze Melodie fein und leise blasen.
Also gingen Djia Schë und Djia Dschëng mit den anderen Männern als Führer voraus. Gefolgt wurden sie von zwei alten Sklavinnen mit Handlaternen aus Widderhorn. Yüan-yang, Hu-po und Frau You hielten sich dicht bei der Herzoginmutter und stützten sie. Dame Hsing und die übrigen Frauen gingen hinterdrein.
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Die Frauen sagten „Jawohl" und waren eben dabei, das Geschenk hinauszutragen, als die beiden alten Dienerinnen zurückkehrten, die zu Jiǎ Shè [贾赦] geschickt worden waren. Sie meldeten: „Am rechten Fußrücken hat der gnädige Herr eine weiße Schwellung. Er hat Medizin eingenommen, der Schmerz hat nachgelassen, und es ist nicht weiter von Belang."
So stiegen sie im Zickzack bergauf, und nach wenig mehr als hundert Schritten waren sie auf der höchsten Erhebung des Berges angelangt, wo eine geräumige Halle stand, die auf Grund ihrer Lage auf dem Gipfel den Namen Bergvilla Jadegrüne Erhebung trug. Die Terrasse vor der Halle war durch einen großen Setzschirm in zwei Teile geteilt, und auf jeder Seite standen Tisch und Stühle. Sowohl die Tische als auch die Stühle waren kreisrund zu Ehren des Vollmonds.
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Die Herzoginmutter [贾母] nickte und sagte dann seufzend: „Ich mache mir wirklich zu viele Sorgen! Dabei behauptet er nicht mehr und nicht weniger, als dass ich in meinen Gefühlen einseitig sei — und ich kümmere mich trotzdem so um ihn." Dann erzählte sie Frau Wáng [王夫人], Frau Yóu und den anderen den Schwank nach, den Jiǎ Shè [贾赦] vorhin zum Besten gegeben hatte.
Auf dem Mittelplatz am Ehrentisch ließ sich die Herzoginmutter nieder, ihr zur Linken nahmen Djia Schë, Djia Dschën, Djia Liän und Djia Jung Platz und ihr zur Rechten Djia Dschëng, Bau-yü, Djia Huan und Djia Lan. Aber so war der Kreis nur zur Hälfte geschlossen, so daß an der unteren Seite eine große Lücke klaffte.
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Frau Wáng [王夫人] und die anderen redeten lächelnd beschwichtigend auf sie ein: „Das hat er doch nur aus Versehen erzählt, als alle schon Wein getrunken hatten und scherzten. So etwas kommt vor. Er würde doch nicht wagen, dabei Euch im Sinn zu haben! Ihr solltet das nicht so ernst nehmen, alte gnädige Frau."
Lächelnd sagte die Herzoginmutter: „Alltags hat man nicht den Eindruck, daß wir nicht viele sind, aber wie es heute aussieht, sind wir doch nur sehr wenig – kaum daß wir noch zählen! Wenn ich daran denke, wie wir früher gelebt haben! Da waren wir an diesem Abend dreißig oder vierzig Männer und Frauen. Und was für einen Trubel haben wir damals gehabt! Die paar Leute, die wir heute noch hätten rufen können, haben selber Vater und Mutter und feiern bei sich zu Hause, so daß sie nicht gut abkommen können. Darum wollen wir jetzt den Mädchen befehlen, sich dort hinzusetzen.“Und sie ordnete an, daß jemand Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun von Dame Hsings Tischrunde hinter dem Setzschirm herüberbat.
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Da kam Mandarinenente [鸳鸯] mit einer weichen Kapuze und einem großen Umhang und sagte: „Es ist schon spät in der Nacht, bald fällt der Tau, und der Wind bläst Euch um den Kopf. Ihr müsst das hier umnehmen. Und wenn Ihr noch ein Weilchen sitzt, solltet Ihr schlafen gehen."
Djia Liän, Bau-yü und die anderen jüngeren Familienmitglieder standen vom Tisch auf und überließen ihre Stühle den drei Mädchen, ehe sie sich der Rangfolge gemäß auf den unteren Plätzen wieder einordneten. Dann befahl die Herzoginmutter, einen Duftblütenzweig zu bringen und ihn von Hand zu Hand gehen zu lassen, während eine Sklavin hinter dem Wandschirm die Trommel schlug. Wer den Zweig in der Hand hielt, wenn der Trommelschlag aussetzte, sollte einen Becher Wein trinken und zur Strafe etwas Komisches erzählen.
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Die Herzoginmutter [贾母] schmollte: „Kaum dass ich mich einmal freue, kommst du, um mich zu mahnen! Bin ich vielleicht betrunken? Jetzt bleibe ich erst recht, bis es hell wird!" Und sie befahl, man solle frischen Wein einschenken. Zugleich aber zog sie sich auch die Kapuze über und hüllte sich in den Umhang. Alle tranken zur Gesellschaft mit und erzählten einige Scherze. Da erklangen aus dem Schatten der Osmanthus-Bäume erneut Flötenklänge — schluchzend und zart, schwebend und fein —, wirklich noch einsamer und wehklagender als zuvor.
Bei der Herzoginmutter fing das Spiel an, als nächster bekam Djia Schë den Zweig, und so wechselte er von einem zum anderen. Für knapp zwei Runden reichten die Trommelschläge, dann hörten sie auf, gerade als Djia Dschëng den Zweig in der Hand hielt, und notgedrungen mußte er trinken. Die Mädchen und Jungen stießen einander heimlich an und kniffen sich gegenseitig verstohlen. Jeder wartete lächelnd, was Djia Dschëng zum besten geben würde, und als dieser sah, wie die Herzoginmutter sich freute, mußte er wohl oder übel auf den Spaß eingehen. Eben wollte er anfangen zu erzählen, da warnte ihn die Herzoginmutter lächelnd: „Wenn du uns nicht zum Lachen bringst, wirst du noch einmal bestraft!“
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„Ich kenne nur eine einzige komische Geschichte“, sagte Djia Dschëng, ebenfalls lächelnd. „Wenn Ihr darüber nicht lacht, muß ich meine Strafe empfangen.“ Und schmunzelnd erzählte er: „Es war einmal ein Mann, der hatte schreckliche Angst vor seiner Frau...“
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Alle saßen reglos. In der stillen Nacht, beim klaren Mondschein, und dazu die klagenden Flötenklänge — da war es kein Wunder, dass die alte Herzoginmutter [贾母], zumal sie Wein getrunken hatte, im Innersten gerührt wurde und unwillkürlich zu weinen begann. Auch allen anderen wurde bei dieser Stimmung bang und einsam ums Herz. Erst nach einer geraumen Weile bemerkten sie, dass die Herzoginmutter [贾母] in Kummer versunken war. Hastig wandten sie sich ihr zu, sprachen lächelnd auf sie ein und versuchten, ihre Trauer zu zerstreuen. Zugleich verlangten sie nach warmem Wein und ließen die Flötenspielerin aufhören.
Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, da lachten schon alle los, aber nur weil sie es noch nie erlebt hatten, daß Djia Dschëng etwas Lustiges gesagt hätte.
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Frau Yóu sagte lächelnd: „Ich weiß auch einen Schwank — den will ich der alten gnädigen Frau zur Aufheiterung erzählen."
„Das ist bestimmt etwas Gutes!“ sagte die Herzoginmutter lächelnd, und Djia Dschëng erwiderte, gleichfalls lächelnd: „Wenn es etwas Gutes ist, müßt Ihr einen Becher zusätzlich trinken, alte gnädige Frau!“
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Die Herzoginmutter [贾母] zwang sich ein Lächeln ab: „Um so besser — erzähl ihn schnell!"
„Das versteht sich!“ versprach die Herzoginmutter und lächelte wieder.
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Frau Yóu begann: „Es war einmal eine Familie, die hatte vier Söhne. Der älteste hatte nur ein Auge, der zweite nur ein Ohr, der dritte nur ein Nasenloch. Der jüngste war zwar körperlich nicht missgestaltet — aber er war stumm."
Djia Dschëng aber fuhr fort: „Dieser feige Mann hatte noch nie gewagt, auch nur einen einzigen unerlaubten Schritt zu tun. Und ausgerechnet am fünfzehnten achten, als er ausging, um etwas einzukaufen, traf er zufällig ein paar Freunde, die ihn mit Gewalt in das Haus des einen von ihnen zum Weintrinken mitschleppten. Ohne daß der Mann es wollte, betrank er sich und schlief dadurch bei seinem Freund ein. Erst am nächsten Tag kam er wieder zu sich, aber nun kam die Reue zu spät, und es blieb ihm nichts weiter übrig, als nach Hause zu gehen und seine Schuld auf sich zu nehmen.
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Doch gerade als sie so weit gekommen war, bemerkte sie, dass der Herzoginmutter [贾母] die Augen zufielen und sie wie einzuschlafen schien. Frau Yóu hielt sofort inne, und gemeinsam mit Frau Wáng [王夫人] sprach sie die Herzoginmutter [贾母] leise an, um sie zu wecken.
Seine Frau wusch sich eben die Füße und sagte: ‚Wenn das so ist, mußt du mir die Füße lecken, dann verzeihe ich dir!‘ Da hatte der Mann keine andere Wahl, als ihr die Füße zu lecken, doch unwillkürlich wurde ihm dabei so schlecht, daß er sich übergeben mußte. Darüber wurde seine Frau zornig. Sie drohte, ihn zu schlagen, und sagte: ‚Was ist das für ein Benehmen?‘ Vor lauter Angst kniete der Mann nieder und entschuldigte sich: ‚Es ist ja nicht, weil deine Füße stinken. Gestern abend habe ich zuviel Reiswein getrunken und außerdem ein paar gefüllte Mondkuchen essen müssen, nur darum ist mir heute ein wenig übel.‘“
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Die Herzoginmutter [贾母] öffnete die Augen und sagte lächelnd: „Ich bin gar nicht müde — ich hatte die Augen nur zugemacht, um sie ein wenig auszuruhen. Erzählt nur weiter, ich höre zu."
Die Herzoginmutter und auch alle anderen brachen in Gelächter aus, und rasch goß Djia Dschëng einen Becher Wein ein, den er der Herzoginmutter reichte. Die Herzoginmutter aber sagte lächelnd: „Wenn das so ist, wollen wir schnell Branntwein holen lassen, damit es euch nicht genauso ergeht!“ Und wieder begannen alle zu lachen.
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Frau Wáng [王夫人] und die anderen redeten lächelnd auf sie ein: „Die vierte Nachtwache ist schon angebrochen, der Wind weht stark, und der Tau fällt reichlich. Geht doch bitte zur Ruhe, alte gnädige Frau! Morgen, am Sechzehnten, ist der Mond genauso schön — dann können wir ihn noch einmal genießen."
Anschließend wurde erneut die Trommel geschlagen, und der Zweig machte, von Djia Dschëng ausgehend, die Runde. Ausgerechnet als er bei Bau-yü angelangt war, setzte diesmal der Trommelschlag aus.
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Die Herzoginmutter [贾母] fragte: „Wie kann denn schon die vierte Nachtwache angebrochen sein?"
Bau-yü war in Djia Dschëngs Anwesenheit ohnehin respektvoll und unruhig zugleich, und als er jetzt den Zweig in der Hand hielt, sagte er sich: ‚Wenn ich die andern nicht zum Lachen bringe, wird es wieder einmal heißen, ich hätte kein Redetalent und brächte nicht einmal einen Witz zustande, von anderen Dingen ganz zu schweigen. Aber wenn ich es gut mache, wird es im Gegenteil heißen, auf etwas Ordentliches verstünde ich mich nicht, nur auf glattzüngiges Geschwätz. Dann wäre die Verfehlung noch größer. Das beste ist, ich erzähle gar nichts.‘ Also stand er auf und entschuldigte sich: „Ich kann nichts Komisches erzählen und bitte, mir etwas anderes aufzugeben.“
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Frau Wáng [王夫人] sagte lächelnd: „Es ist wirklich schon so weit. Die Mädchen konnten es nicht mehr aushalten und sind alle schlafen gegangen."
„Dann gebe ich dir die Silbe tjiu – ‚Herbst‘ – vor, und du schreibst ein Gedicht, das auf den heutigen Abend paßt!“ befahl Djia Dschëng. „Wenn es gut ist, werde ich dich belohnen, aber wenn es nichts taugt, dann nimm dich morgen in acht!
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Die Herzoginmutter [贾母] sah sich nun aufmerksam um, und tatsächlich — alle waren schon fort, nur Tànchūn [探春] war noch da. Sie sagte lächelnd: „Nun gut. Ihr seid das Durchhalten nicht gewohnt, zumal die einen schwächlich und die anderen krank sind — es ist besser so, dann mache ich mir nicht noch Sorgen um euch. Nur die arme Tànchūn [探春] harrt noch immer aus. Geh du auch — wir brechen auf."
„Aber es ist doch so ein schönes Trinkspiel“, wandte die Herzoginmutter ein. „Warum soll er ein Gedicht schreiben?“
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Mit diesen Worten stand sie auf, trank einen Schluck klaren Tee und setzte sich dann in den bereitstehenden Bambustragstuhl, in den Umhang gehüllt. Zwei alte Dienerinnen hoben den Tragstuhl auf, und die Herzoginmutter [贾母] wurde, von allen umringt, aus dem Garten getragen. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
„Er kann das“, versicherte Djia Dschëng.
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„Also gut!“ lenkte die Herzoginmutter ein und befahl, Papier und Schreibpinsel zu bringen.
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Die verbliebenen Frauen räumten nun Becher, Teller und Schüsseln zusammen und bemerkten dabei, dass ein feines Teeschälchen fehlte. Sie suchten es überall vergeblich, dann wandte sich die für das Geschirr Zuständige an die anderen: „Bestimmt hat es jemand fallen lassen und zerbrochen! Sagt mir, wohin ihr die Scherben getan habt, damit ich sie vorzeigen kann — sonst heißt es wieder, ich hätte das Schälchen gestohlen."
„Du sollst aber nicht so abgegriffene Wörter wie ‚Eis‘, ‚Jade‘, ‚Kristall‘ und ‚Silber‘, ‚bunt‘, ‚strahlend‘, ‚hell‘ oder ‚rein‘ gebrauchen, sondern etwas Eigenes leisten und unter Beweis stellen, was für Gedanken du dir in den letzten Jahren gemacht hast“, ordnete Djia Dschëng zusätzlich an.
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Die anderen sagten: „Bei uns ist nichts zu Bruch gegangen. Vielleicht hat jemand aus dem Gefolge der gnädigen Fräulein es zerbrochen — das kann man nicht wissen. Überleg noch einmal genau, oder geh und frag sie."
Das war genau das, was Bau-yü sich gewünscht hatte. Sofort fielen ihm vier Zeilen ein, und er schrieb sie nieder und reichte den Bogen Djia Dschëng, der nun las0:
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Das brachte die Zuständige auf die richtige Spur, und lächelnd sagte sie: „Tatsächlich — jetzt erinnere ich mich! Cuìlǚ [翠缕] hatte das Schälchen in der Hand. Ich werde sie fragen." Damit machte sie sich auf den Weg, und als sie den befestigten Pfad hinunterkam, begegneten ihr dort Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕].
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Cuìlǚ [翠缕] fragte: „Die alte gnädige Frau ist schon aufgebrochen — wisst Ihr, wohin unser Fräulein gegangen ist?"
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Die Dienerin erwiderte: „Ich bin hergekommen, um nach einem Teeschälchen zu fragen — und ihr fragt mich nach eurem Fräulein!"
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Cuìlǚ [翠缕] sagte lächelnd: „Ich hatte dem Fräulein gerade Tee eingeschenkt — und als ich mich einen Augenblick umdrehte, war das Fräulein samt Teeschale verschwunden."
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Die Dienerin sagte: „Eben hat die gnädige Frau gesagt, die Fräulein seien alle schlafen gegangen. Du hast dich wohl irgendwo herumgetrieben und es nicht mitbekommen."
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Cuìlǚ [翠缕] wandte sich an Purpurkuckuck [紫鹃]: „Es ist völlig ausgeschlossen, dass sie sich klammheimlich schlafen gelegt hat — wahrscheinlich ist sie irgendwo spazieren gegangen. Vielleicht ist sie, als die alte gnädige Frau aufbrach, rasch nach vorne geeilt, um sie hinauszubegleiten. Lasst uns dort suchen! Wenn wir das Fräulein finden, findet sich natürlich auch dein Teeschälchen wieder an. Morgen früh ist immer noch Zeit genug — wozu die Eile?"
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Die Dienerin sagte lächelnd: „Wenn ich jetzt weiß, wo es geblieben ist, brauche ich mich nicht mehr zu beeilen. Morgen werde ich mir das Schälchen von dir geben lassen." Damit ging sie zurück, um weiter das Geschirr zusammenzusammeln. Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕] aber machten sich auf den Weg zu den Gemächern der Herzoginmutter [贾母]. Doch davon soll hier zunächst nicht die Rede sein.
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In Wirklichkeit waren Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] keineswegs schlafen gegangen. Da so viele Angehörige des Hauses den Vollmond bewunderten und die Herzoginmutter [贾母] dennoch klagte, es seien zu wenige und es ginge nicht mehr so lebhaft zu wie einst — und weil sie auch die Schwestern Xuē [薛] erwähnt hatte, die daheim im Kreis ihrer Angehörigen den Mond genossen —, hatte Kajaljade [黛玉] der Kummer überrascht. Sie war fortgegangen, hatte sich auf eine Balustrade gestützt und leise geweint.
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Schatzjade [宝玉] hatte in letzter Zeit wegen Qíngwéns [晴雯] schwerer Krankheit für nichts mehr Interesse aufbringen können, und als Frau Wáng [王夫人] ihn wieder und wieder zum Schlafengehen ermahnt hatte, war er wirklich gegangen. Ebenso wenig stand Tànchūn [探春] der Sinn nach Vergnügungen — sie hatte sich in den letzten Tagen wegen der Haushaltsangelegenheiten ärgern müssen. Zwar waren noch Yíngchūn [迎春] und Xīchūn [惜春] da, doch mit ihnen hatte sich Kajaljade [黛玉] nie sonderlich gut verstanden.
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So war Xiangfluss-Wolke [湘云] die Einzige, die ihr gut zuredete. Sie sagte: „Du bist doch ein verständiger Mensch — warum quälst du dich selbst auf diese Weise? Mir ergeht es genauso wie dir, und trotzdem bin ich nicht so kopfhängerisch. Außerdem bist du so oft krank — du solltest dich schonen! Es ist schon ärgerlich genug, dass die Schwester Schatzspange [宝钗] tagelang von nichts anderem geredet hat als davon, wie wir alle zusammen zum Mittherbstfest den Mond bewundern und unseren Dichterbund einberufen wollten, um gemeinsam Verse zu verfassen — und jetzt, wo es soweit ist, lässt sie uns allein und genießt den Mond anderswo! Der Bund ist zerfallen, und kein Gedicht wird geschrieben. Stattdessen haben Väter und Söhne, Onkel und Neffen nach Belieben das Feld beherrscht. Weißt du nicht, was Kaiser Tàizǔ der Sòng [宋太祖] gesagt hat: ‚Wie kann man neben dem eigenen Lager einen Fremden schnarchen lassen?' Wenn die anderen nicht dichten, dichten wir beiden eben allein und beschämen sie morgen damit!"
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Da Kajaljade [黛玉] sah, wie Xiangfluss-Wolke [湘云] sich bemühte, sie aufzuheitern, wollte sie deren Eifer nicht enttäuschen, und sagte lächelnd: „Hier, wo alles so laut durcheinanderschreit — wie soll man da in Dichterlaune kommen?"
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Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Den Mond hier oben auf dem Berg zu genießen ist zwar schön, aber am Wasser ist es noch viel schöner! Du weißt doch, dass unten am Fuß dieses Hügels das Teichufer liegt. In der Einbuchtung des Berges, nahe am Wasser, steht die Herberge Kristallklare Vertiefung [凹晶馆]. Schon daran kann man erkennen, wie viel Gelehrsamkeit damals bei der Anlage des Gartens eingeflossen ist: Der Gipfel des Berges heißt Jadegrüne Erhebung [凸碧], und die Senke am Fuß, nahe dem Wasser, heißt Kristallklare Vertiefung [凹晶]. Diese beiden Schriftzeichen tū [凸] und āo [凹] sind seit jeher äußerst selten verwendet worden. Wenn man sie hier geradewegs als Namen für Gebäude nimmt, wirken sie umso neuartiger und keineswegs abgegriffen.
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Man erkennt sofort, dass die beiden Stätten einander gegenüberliegen — eine oben, die andere unten; eine hell, die andere dunkel; eine hoch, die andere niedrig; eine ein Berg, die andere ein Gewässer. Offensichtlich wurden sie eigens zum Genuss des Mondes angelegt. Wer die Berghöhe liebt und den Mond lieber klein sehen möchte, der kommt hierher; und wer den hellen Mond auf den klaren Wellen sieht, der geht dorthin.
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Dass diese beiden Zeichen so selten verwendet werden, liegt allein daran, dass sie im Volkmund als wā und gǒng ausgesprochen werden — was als vulgär gilt. Das Zeichen āo hat nur Lù Yóu [陆放翁] gebraucht, als er schrieb:
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‚In des alten Reibsteins leichter Vertiefung sammelt sich Tusche genug.'
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Und selbst dafür hat man ihm Vulgarität vorgeworfen — ist das nicht zum Lachen?"
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Kajaljade [黛玉] erwiderte: „Nicht nur Lù Yóu hat dieses Zeichen gebraucht — unter den Alten gibt es zahllose Beispiele. Da sind etwa Jiāng Yāns [江淹] ‚Rhapsodie über das grüne Moos', Dōngfāng Shuòs [东方朔] ‚Schrift der göttlichen Seltsam keiten' oder die Geschichte von Zhāng Sēngyáo [张僧繇], der das Kloster Yìchéng malte, wie sie in den ‚Aufzeichnungen über die Malkunst' erzählt wird — sie lassen sich gar nicht alle aufzählen! Nur weil die Leute von heute nichts davon wissen, halten sie die Zeichen für vulgär. Um es dir offen zu sagen: Diese beiden Namen habe ich selbst erdacht! Weißt du noch, als man damals Schatzjade [宝玉] auf die Probe stellte? Er entwarf die Namen für einige Gebäude — manche wurden übernommen, manche abgeändert, und für manche fehlten noch die Bezeichnungen. Später haben wir alle zusammen auch die noch namenlosen Stellen benannt, haben die Quellen vermerkt, die Lage der Gebäude beschrieben und alles der ältesten Schwester [元春] zur Ansicht gebracht. Sie ließ es wieder heraustragen und dem Onkel [贾政] zeigen. Und der war so angetan, dass er sagte: ‚Hätte ich das gewusst, hätte ich damals gleich die Schwestern alle zusammen die Namen ersinnen lassen — das wäre noch viel hübscher gewesen!' Darum sind alle Namen, die ich erdacht habe, ohne ein einziges Wort zu ändern übernommen worden. Gehen wir jetzt also hinunter zur Herberge Kristallklare Vertiefung [凹晶馆]."
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So stiegen die beiden gemeinsam den Hang hinab. Gleich nach der ersten Biegung waren sie schon am Teichufer. Dort lief ein Bambusgeländer am Ufer entlang bis hinüber zum Pavillon des Lotosrosenweihers [藕香榭]. Die wenigen Gebäude hier lagen im Schutz der Bergflanke — es war der Rückzugsort der Bergvilla Jadegrüne Erhebung [凸碧山庄]. Weil die Stelle niedrig lag und nahe am Wasser, trug sie über dem Eingang die Aufschrift „Herberge Kristallklare Vertiefung am Bach" [凹晶溪馆]. Da hier nur wenige und zudem kleine, niedrige Räume standen, waren lediglich zwei alte Frauen zur Nachtwache abgestellt. Heute hatte man ihnen gesagt, dass oben an der Bergvilla Dienst war und es sie nichts angehe — also hatten die beiden ihre zugeteilten Mondkuchen, Früchte und den Festschmaus aufgeteilt, sich satt und trunken gegessen, die Lampen gelöscht und sich schlafen gelegt.
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Als Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] sahen, dass die Lichter erloschen waren, sagte Xiangfluss-Wolke [湘云] lächelnd: „Dass die beiden schon schlafen, passt uns gut! Setzen wir uns hier unter das Wellblechdach, nahe am Wasser, und genießen den Mond — wie wäre das?"
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Die beiden ließen sich auf zwei runden Hockern aus geflecktem Xiāngfēi-Bambus nieder. Am Himmel strahlte ein einziger heller Mond, und im Teich spiegelte sich ein zweiter — oben und unten um die Wette leuchtend, als befänden sie sich in einem Kristallpalast der Wassergöttinnen. Ein leiser Windhauch kräuselte die Teichoberfläche zu jadegrünen Wellen — wahrlich, Geist und Sinne wurden davon vollkommen klar und rein.
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Xiangfluss-Wolke [湘云] seufzte lächelnd: „Wie schön wäre es, jetzt in einem Boot auf dem Wasser zu sitzen und Wein zu trinken! Wäre ich daheim bei uns, würde ich sofort ein Boot besteigen."
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Kajaljade [黛玉] lächelte: „Wie es die Alten so treffend gesagt haben: ‚Wer alles vollkommen haben will, dem bleibt keine Freude.' Sag ich doch — das hier ist schon gut genug! Warum musst du auch noch Boot fahren wollen?"
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Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Sehnsüchte haben, obwohl man schon viel besitzt — das liegt in der Natur des Menschen! Die alten Leute haben schon recht: Wer arm ist, bildet sich ein, bei den Reichen sei alles nach Wunsch, und wenn man ihm sagt, dass dem keineswegs so ist, will er es nicht glauben. Erst wenn er es selbst erlebt, begreift er es. Nimm nur uns beide: Unsere Eltern sind zwar nicht mehr am Leben, doch immerhin leben wir im Wohlstand — und dennoch haben wir so manches, das nicht nach unserem Herzen ist."
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Kajaljade [黛玉] sagte lächelnd: „Nicht nur wir beide können nicht alles nach Herzenslust haben. Selbst die Herzoginmutter [贾母], die gnädige Frau [王夫人], ja selbst Schatzjade [宝玉] und Tànchūn [探春] — ob es um Großes oder Kleines geht, ob mit Recht oder ohne Recht: Dass keiner alles nach seinem Willen haben kann, das liegt an ein und demselben Gesetz. Wie viel mehr noch gilt das für uns beide, die wir nur Gäste und Besucher sind!"
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Als Xiangfluss-Wolke [湘云] das hörte, befürchtete sie, Kajaljade [黛玉] könnte wieder in Schwermut verfallen, und sagte rasch: „Lass uns nicht länger müßig reden — lieber dichten wir zusammen!"
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Gerade als sie das sagte, erhob sich wieder der Klang der Flöte, getragen und fern. Kajaljade [黛玉] sagte lächelnd: „Heute sind die alte gnädige Frau und die gnädige Frau offenbar bester Laune gewesen — die Flöte klingt wirklich bezaubernd und regt auch uns an. Wir mögen beide die fünfsilbigen Verse — bleiben wir also beim fünfsilbigen Kettengedicht<ref>联句 (liánjù), eine in China seit der Han-Dynastie beliebte Dichtform, bei der mehrere Dichter abwechselnd Verse zu einem gemeinsamen Gedicht beitragen.</ref>."
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Xiangfluss-Wolke [湘云] fragte: „Welcher Reim?"
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Kajaljade [黛玉] lachte: „Lass uns die senkrechten Stäbe dieses Geländers zählen — von diesem Ende bis zu jenem. Auf welche Zahl es fällt, den entsprechenden Reim nehmen wir. Wenn es sechzehn Stäbe wären, dann der Reim ‚yī xiān'. Ist das nicht originell?"
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Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Das ist wirklich ausgefallen!" Sie standen beide auf und zählten vom einen Ende zum anderen — es waren dreizehn Stäbe.
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Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Ausgerechnet ‚shí sān yuán'! Das ist ein Reim mit wenigen Wörtern — bei einem Kettengedicht ist es schwer, sie alle unterzubringen. Du fängst wohl besser an."
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Kajaljade [黛玉] lachte: „Versuchen wir einmal, wer von uns stärker ist — nur haben wir kein Papier und keinen Pinsel, um alles aufzuschreiben."
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Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das macht nichts — morgen können wir es niederschreiben. Soviel Gedächtnis werden wir wohl noch haben!"
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Kajaljade [黛玉] sagte: „Dann fange ich mit einer fertigen Redensart an." Und sie rezitierte:
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Die Nacht des fünfzehnten im achten Monat — (三五中秋夕)
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Xiangfluss-Wolke [湘云] dachte einen Moment nach und fuhr fort:
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Heiter lustmandeln, als wär es Laternenfest. / Sterne funkeln, über den Himmel verstreut — (清游拟上元 / 撒天箕斗灿)
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Kajaljade [黛玉] lachte und setzte fort:
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Überall klingen Saiten und Flöten. / Mancherorts fliegen die Becher wild — (匝地管弦繁 / 几处狂飞盏)
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Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „‚Mancherorts fliegen die Becher wild' — das hat etwas! Da muss die Gegenzeile gut werden." Sie dachte nach und fuhr lächelnd fort:
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Bei wem stünde das Fenster nicht offen? / Ein leichter, schneidender Wind — (谁家不启轩 / 轻寒风剪剪)
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Kajaljade [黛玉] lobte: „Deine Gegenzeile ist besser als meine Vorlage. Aber im unteren Vers fällst du in Gemeinplätze zurück — jetzt müsstest du eigentlich aufdrehen."
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Xiangfluss-Wolke [湘云] entgegnete: „Ein Gedicht mit vielen Versen und schwierigen Reimen braucht auch breite Ausschmückung. Die guten Einfälle hebe ich mir für später auf."
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Kajaljade [黛玉] lachte: „Wenn dann später nichts Gutes kommt, will ich doch sehen, ob du dich nicht schämst!" Und sie fuhr fort:
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Die milde Nacht strahlt in warmem Glanz. / Um Mondkuchen zanken sich die Grauköpfe — (良夜景暄暄 / 争饼嘲黄发)
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Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Diese Zeile taugt nichts — das ist dein eigenes Machwerk! Du nimmst Alltagsdinge, um es mir schwer zu machen."
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Kajaljade [黛玉] lachte: „Da zeigt sich, dass du nicht genug gelesen hast! Mondkuchen essen ist ein alter Brauch — schau erst im Buch der Táng nach, dann rede!"
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Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Das ist nicht zu schwer für mich — ich habe schon etwas!" Und sie fuhr fort:
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Beim Meloneteilen lachen die jungen Schönen. / Frisch duftet der herrliche Zimtbaum — (分瓜笑绿媛 / 香新荣玉桂)
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Kajaljade [黛玉] lachte: „‚Melone teilen' — das ist nun wirklich dein eigenes Machwerk!"
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Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Morgen schlagen wir alles nach und legen es allen vor — jetzt verschwenden wir keine Zeit damit." Kajaljade [黛玉] lachte: „Mag sein. Aber die untere Zeile ist auch nicht besser — du brauchst doch nicht gleich ‚Jadezimtbaum' und ‚Goldorchidee' als Lückenfüller zu nehmen." Und sie fuhr fort:
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In satten Farben gedeiht der goldene Himmelsblumenkohl. / Kerzenschein erhellt das prächtige Festmahl — (色健茂金萱 / 蜡烛辉琼宴)
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Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „‚Goldener Himmelsblumenkohl' — damit hast du es billig gehabt, da brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen! So einen mundgerechten Reim zu erwischen! Außerdem hast du in der unteren Zeile auch nur Lücken gefüllt."
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Kajaljade [黛玉] lachte: „Wenn du nicht ‚Jadezimtbaum' gesagt hättest, hätte ich doch nicht ‚Goldener Himmelsblumenkohl' dagegenstellen müssen! Ein wenig prachtvolle Ausschmückung muss schon sein — schließlich malen wir das, was wir tatsächlich sehen."
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So fügte sich Xiangfluss-Wolke [湘云] und dichtete weiter:
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Becher und Trinkgeschirr durcheinander im geschmückten Garten. / Die Trinkrunde ehrt ein einziges Gebot — (觥筹乱绮园 / 分曹尊一令)
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Kajaljade [黛玉] lachte: „Die untere Zeile ist gut — nur schwer dagegenzuhalten." Sie dachte nach und fuhr fort:
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Im Ratespiel lauscht man dem dreifachen Ausruf. / Die Würfel glühen in roten Punkten — (射覆听三宣 / 骰彩红成点)
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Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „‚Dreifacher Ausruf' — das hat Witz! Aus dem Gewöhnlichen etwas Feines zu machen! Nur fängst du unten wieder mit Würfeln an." Sie dichtete rasch weiter:
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Die Blume wird weitergereicht zu wildem Trommelschlag. / Helles Licht wiegt die Hofgebäude — (传花鼓滥喧 / 晴光摇院宇)
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Kajaljade [黛玉] lachte: „Das Gegenstück ist gut. Aber unten bist du wieder abgeglitten — immer nur Wind und Mond als Lückenbüßer."
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Xiangfluss-Wolke [湘云] verteidigte sich: „Wir haben den Mond noch gar nicht richtig besungen — man muss ihn doch irgendwo erwähnen, sonst verfehlen wir das Thema."
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Kajaljade [黛玉] sagte: „Lassen wir es vorläufig stehen — morgen feilen wir daran." Und sie fuhr fort:
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Schlichter Glanz verbindet Himmel und Erde. / Belohnung und Strafe kennen keinen Gastgeber — (素彩接乾坤 / 赏罚无宾主)
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Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Warum wieder die anderen? Lieber sollten wir von uns sprechen." Und sie dichtete:
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Verse dichten in der Reihe der Geschwister. / In Gedanken versunken, lehnt man am Geländer — (吟诗序仲昆 / 构思时倚槛)
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Kajaljade [黛玉] sagte: „Jetzt können wir uns selbst hineinbringen." Und sie fuhr fort:
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Den Anblick erwägend, stützt man sich ans Tor. / Der Wein ist leer, doch das Gefühl währt fort — (拟景或依门 / 酒尽情犹在)
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Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Es ist soweit." Und sie dichtete:
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Die Nachtwache schwindet, die Freude ist vergessen. / Allmählich verstummen Stimmen und Lachen — (更残乐已谖 / 渐闻语笑寂)
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Kajaljade [黛玉] sagte: „Jetzt wird es mit jedem Schritt schwieriger." Und sie fuhr fort:
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Leer bleiben nur die Spuren von Schnee und Reif. / Tau sammelt sich um Morgenpilze auf den Stufen — (空剩雪霜痕 / 阶露团朝菌)
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Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Wie soll ich da den Reim unterbringen? Lass mich nachdenken." Sie stand auf, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und überlegte einen Moment. Dann lachte sie: „Geschafft! Beinahe hätte ich aufgeben müssen — aber gerade noch ein Wort gefunden!" Und sie dichtete:
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Abenddunst hüllt die Schlafbäume im Hof ein. / Herbstliche Stromschnellen spülen Steinmark frei — (庭烟敛夕棔 / 秋湍泻石髓)
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Als Kajaljade [黛玉] das hörte, sprang sie unwillkürlich auf, rief „Großartig!" und sagte: „Du durchtriebener kleiner Geist! Tatsächlich hast du dir das Beste aufgespart! Erst jetzt sagst du ‚Schlafbaum' — man muss erst einmal darauf kommen!"
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Xiangfluss-Wolke [湘云] erklärte: „Glücklicherweise habe ich gestern in einer Anthologie der Literaturen aller Dynastien dieses Zeichen gesehen und wusste nicht, was für ein Baum das ist — also wollte ich es nachschlagen. Da sagte die Schwester Schatzspange [宝钗], ich brauche nicht nachzuschlagen: Das sei der Baum, den man heute im Volksmund ‚Öffne dich am Tag, schließe dich bei Nacht' nenne. Ich glaubte es ihr nicht und schlug trotzdem nach — und tatsächlich hatte sie recht! Die Schwester Schatzspange [宝钗] weiß wirklich erstaunlich viel."
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Kajaljade [黛玉] lachte: „‚Schlafbaum' passt hier ausgezeichnet — das mag noch hingehen. Aber ‚Herbstliche Stromschnellen spülen Steinmark frei' — wie bist du nur darauf gekommen! Diese eine Zeile allein übertrifft alles andere. Jetzt muss ich mich zusammenreißen und etwas dagegenstellen — doch so gut wie diese Zeile wird es nicht mehr werden." Sie dachte einen Moment nach und sagte:
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Windblätter sammeln sich an den Wolkenwurzeln. / Stern der Muttergöttin — einsam und rein in seinem Gefühl — (风叶聚云根 / 宝婺情孤洁)
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Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das Gegenstück ist auch nicht schlecht. Nur bist du unten wieder abgedriftet — zum Glück ist es ein Gefühl inmitten der Szenerie und nicht nur plumpes Lückenstopfen mit ‚Stern der Muttergöttin'." Und sie fuhr fort:
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Silberkröte atmet ein und aus. / Elixier gestampft vom geisterhaften Hasen — (银蟾气吐吞 / 药经灵兔捣)
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Kajaljade [黛玉] schwieg, nickte nur und rezitierte nach langem Nachdenken:
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Die Menschen eilen zum Eisigen Palast. / Die Sterne Niú und Nǚ frevelnd herausfordern — (人向广寒奔 / 犯斗邀牛女)
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Xiangfluss-Wolke [湘云] blickte zum Mond auf, nickte ebenfalls und fuhr fort:
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Auf dem Floß den Enkel des Kaisers erwarten. / Der Kreis des Mondes mag nicht stillstehen — (乘槎待帝孙 / 虚盈轮莫定)
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Kajaljade [黛玉] lachte: „Schon wieder eine Allegorie!" Und sie fuhr fort:
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In dunklen und hellen Phasen besteht der Geistleib fort. / Der Tropfen der Wasseruhr versiegt bald — (晦朔魄空存 / 壶漏声将涸)
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Gerade als Xiangfluss-Wolke [湘云] den nächsten Vers dichten wollte, zeigte Kajaljade [黛玉] auf einen dunklen Schatten im Teich und sagte: „Sieh nur — was ist dort im Wasser? Ein dunkler Schatten bewegt sich — ist das etwa ein Geist?"
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Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Da siehst du schon wieder Gespenster! Ich fürchte mich nicht vor Geistern — warte, ich werfe etwas nach ihm!" Sie bückte sich, hob einen flachen Stein auf und warf ihn in den Teich. Es platschte, und ein großer Kreis breitete sich auf dem Wasser aus, der das Mondspiegelbild zerteilte — mehrmals zerfloss es und sammelte sich wieder. Da erhob sich aus dem schwarzen Schatten mit lautem Krächzen ein großer weißer Kranich und flog geradewegs zum Pavillon des Lotosrosenweihers [藕香榭] hinüber.
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Kajaljade [黛玉] lachte: „Es war also der Kranich! So plötzlich hätte ich nicht daran gedacht — ich habe mich wirklich erschreckt."
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Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Dieser Kranich ist mir höchst willkommen — er hat mir geholfen!" Und sie dichtete:
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Der Lampenschein am Fenster ist schon trübe. / Ein Kranich zieht seinen Schatten über den kalten Teich — (窗灯焰已昏 / 寒塘渡鹤影)
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Kajaljade [黛玉] hörte das, rief wieder bewundernd aus und stampfte mit dem Fuß auf: „Das ist nicht zu überbieten! Der Kranich hat ihr wirklich geholfen! Diese Zeile ist noch besser als die ‚herbstlichen Stromschnellen' von vorhin. Was soll ich nur dagegen setzen? Auf ‚Schatten' [影] reimt sich nur ‚Seele' [魂]. ‚Ein Kranich zieht seinen Schatten über den kalten Teich' — so natürlich, so mühelos, so bildhaft und dabei so frisch! Am liebsten würde ich den Pinsel niederlegen."
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Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Denk in Ruhe nach, dann fällt dir schon etwas ein. Wenn nicht, können wir morgen weitermachen."
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Kajaljade [黛玉] blickte zum Himmel auf und schwieg, ohne auf sie einzugehen. Nach einer geraumen Weile lachte sie plötzlich: „Du brauchst nicht so großspurig zu reden — ich habe auch etwas! Hör zu!" Und sie setzte dagegen:
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Ein kalter Mond begräbt die Seele einer Blume. (冷月葬花魂)
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Xiangfluss-Wolke [湘云] klatschte in die Hände und rief: „Wirklich vollkommen! Nichts anderes hätte das aufwiegen können! ‚Die Seele einer Blume begraben' — großartig!" Dann aber seufzte sie: „Das Gedicht ist zwar originell, aber doch allzu niedergeschlagen. Du bist ohnehin krank — solch über die Maßen düstere und unheimliche Verse solltest du nicht schreiben."
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Kajaljade [黛玉] lachte: „Ohne solche Verse hätte ich dich nicht übertreffen können! Die nächste Zeile fehlt mir noch — ich habe meine ganze Kraft in diesen einen Vers gelegt."
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Kaum hatte sie ausgesprochen, trat hinter den Felssteinen am Geländer jemand hervor und rief lächelnd: „Herrliche Verse! Wirklich herrliche Verse — aber in der Tat zu traurig! Hört lieber auf mit dem Weiterdichten. Wenn es so weitergeht, verblasst gerade dieses Verspaar, und es wirkt im Vergleich nur noch gesucht und aufgesetzt."
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Die beiden hatten das nicht erwartet und erschraken. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie niemand anderen als die Nonne Miàoyù<ref>妙玉 (Miàoyù), buddhistische Nonne aus vornehmer Familie, eine der zwölf Hauptfiguren (金陵十二钗) des Romans. Sie lebt in der Klause der Smaragdgrünen Frische (栏翠庵) im Garten der Großen Anschauung.</ref>. Beide waren verblüfft und fragten: „Wie kommst du hierher?"
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Miàoyù [妙玉] lachte: „Ich hörte, wie ihr alle den Mond bewundert und die Flöte so schön gespielt wird, und kam ebenfalls heraus, um den klaren Teich im hellen Mondschein zu genießen. Ohne es zu beabsichtigen, bin ich bis hierher gewandert. Als ich dann plötzlich euch beide dichten hörte, war es so erlesen und fein, dass ich stehenblieb und lauschte. Nur habe ich in eurem Gedicht einige Zeilen gehört, die zwar schön sind, aber doch allzu niedergeschlagen und trübsinnig klingen. Das steht in Zusammenhang mit dem Schicksal eines Menschen — deshalb bin ich herausgetreten, um euch Einhalt zu gebieten. Inzwischen hat sich die alte gnädige Frau längst zur Ruhe begeben, im ganzen Garten schlafen wohl alle tief und fest, und eure Zofen suchen euch bestimmt schon überall. Friert ihr denn nicht? Kommt schnell mit mir — in meine Klause, auf eine Tasse Tee! Es dürfte ohnehin bald dämmern."
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Kajaljade [黛玉] lachte: „Wer hätte gedacht, dass es schon so spät ist!"
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So gingen die drei zusammen zur Klause der Smaragdgrünen Frische [栊翠庵]. Die Opferlichter in der Nische glühten noch bläulich, und der Weihrauch in der Räucherschale war noch nicht ganz verglommen. Die alten Dienerinnen schliefen bereits allesamt; nur ein kleines Mädchen nickte auf einem Meditationskissen sitzend mit hängendem Kopf vor sich hin. Miàoyù [妙玉] weckte es und schickte es los, frischen Tee aufzubrühen.
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Da klopfte es an der Tür. Das kleine Mädchen eilte hin und öffnete — draußen standen Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕] mit mehreren alten Dienerinnen, die die beiden Fräulein suchten. Als sie hereinkamen und sie beim Teetrinken antrafen, sagten alle lachend: „Da haben wir aber lange suchen müssen! Den ganzen Garten haben wir durchwandert, sogar bei der Frau Tante [薛姨妈] haben wir nachgefragt. Zuletzt kamen wir zum kleinen Pavillon unten am Abhang, und dort waren gerade die Nachtwächterinnen aufgewacht. Wir fragten sie, und sie erzählten, draußen vor dem Pavillon unter dem Wellblechdach hätten vorhin zwei Personen gesprochen, dann sei eine dritte dazugekommen, und sie hätten gehört, wie die drei sagten, sie gingen zur Klause. Da wussten wir, dass ihr hier seid."
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Miàoyù [妙玉] wies das kleine Mädchen an, die Zofen und Dienerinnen in ein anderes Zimmer zu führen, wo sie sich bei Tee ausruhen konnten. Dann holte sie selbst Pinsel, Tusche, Papier und Reibstein hervor und bat die beiden, ihr die Verse vorzutragen, die sie soeben gedichtet hatten, und schrieb sie von Anfang an nieder.
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Kajaljade [黛玉], die Miàoyù [妙玉] heute in ungewöhnlich heiterer Stimmung sah, sagte lächelnd: „Noch nie habe ich dich so aufgeräumt erlebt. Ich wage es kaum, dich dreist um Belehrung zu bitten — aber könnte man dir wohl raten, etwas hinzuzufügen? Wenn es nichts taugt, verbrennen wir es einfach; wenn es einigermaßen brauchbar ist, bitte ich dich, es zu verbessern."
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Miàoyù [妙玉] lachte: „Ich maße mir kein Urteil an. Nur so viel: Es sind jetzt zweiundzwanzig Reimpaare. Mein Eindruck ist, dass eure schlagenden Verse bereits gefunden sind — wenn ihr jetzt weiterdichtetet, fürchte ich, die Kraft reicht nicht mehr. Eigentlich möchte ich euch folgen und weiterdichten — doch ich scheue davor zurück, etwas Geringeres anzufügen."
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Kajaljade [黛玉] hatte noch nie gesehen, dass Miàoyù [妙玉] dichtete. Da sie sie heute so in Begeisterung sah, sagte sie rasch: „Wenn du wirklich etwas hinzufügst, wird selbst unser schwächerer Teil durch dich geadelt."
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Miàoyù [妙玉] sagte: „Zum Abschluss sollte man wieder zum eigentlichen Thema zurückkehren. Wenn wir nur immer weiter dem Seltsamen und Absonderlichen nachjagen und die wahren Gefühle und die Wirklichkeit beiseitelassen, dann verlieren wir erstens unsere weibliche Anmut und zweitens den Bezug zum Thema."
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Beide stimmten zu. Miàoyù [妙玉] ergriff den Pinsel und schrieb in einem einzigen Zug dreizehn Reimpaare nieder, die sie den beiden reichte: „Lacht mich nur nicht aus! Meiner Meinung nach muss es so sein, damit das Gedicht eine Wendung erfährt. Auch wenn im vorderen Teil niedergeschlagene und trübsinnige Zeilen stehen, tut das dann keinen Schaden mehr." Die beiden nahmen das Blatt und lasen ihre Fortsetzung:
  
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Weihrauchzeichen verglühen im goldenen Dreifuß, / Schminke erstarrt wie Eis in der Jadeschale.
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Der Ton der Flöte steigert das Klagen der Witwe, / die Decke wärmt, von Dienerinnen umsorgt.
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Leere Vorhänge hängen, Phönixe gestickt, / müßige Schirme verhüllen bunte Mandarinenten.
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Der Tau dicht — das Moos noch glatter, / der Reif schwer — den Bambus kaum zu ertasten.
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Noch wandelt man am gewundenen Teich, / und steigt wieder die stille, weitläufige Ebene hinauf.
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Steine, seltsam — wie von Geistern und Göttern geformt, / Bäume, knorrig — wie lauernde Tiger und Wölfe.
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Durch lasttragende Schildkröten dringt das Morgenlicht, / in Gitterfenstern sammelt sich der Frühtau.
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Eintausend Vögel erschüttern den Wald, / ein einziger Affenruf hallt durch das Tal.
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Vertraute Pfade — wie könnte man den Weg vergessen? / Wer die Quelle kennt, braucht nicht nach dem Ursprung zu fragen.
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Die Glocke läutet an der Klause der Smaragdgrünen Frische, / der Hahn kräht im Dorf des Reisdufts.
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Wer wahre Freude empfindet, klagt über nichts, / wer ohne Sorgen ist, lässt sich durch nichts betrüben.
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Zarte Empfindungen zerstreut man nur selbst, / feinsinnige Freuden — wem könnte man sie mitteilen?
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Wacht durch bis zum Morgen, sprecht nicht von Müdigkeit — / brüht frischen Tee und redet noch ein Weilchen.
  
Als er gelesen hatte, nickte er schweigend. Daraus schloß die Herzoginmutter, daß es so schlecht nicht sein konnte, und fragte: „Nun, wie ist es?“
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Darunter schrieb sie: „Kettengedicht am Mittelherbstabend, verfasst im Dàguānyuán, fünfunddreißig Reimpaare."
Um der Herzoginmutter einen Gefallen zu tun, sagte Djia Dschëng: „Er hat sich Mühe gegeben. Aber weil er zu faul zum Lernen ist, ist die Wortwahl nicht edel.“
 
„Laß gut sein!“ verlangte die Herzoginmutter. „Wie alt ist er schon?! Muß er denn unbedingt ein großartiges Talent sein? Du mußt ihn belohnen dafür, dann wird er in Zukunft auch fleißiger sein!“
 
„Ganz recht!“ erwiderte Djia Dschëng und wandte den Kopf, um einer der alten Ammen zu befehlen: „Geh hinüber und laß dir von den Jungen in meinem Bibliothekszimmer zwei von den Fächern geben, die ich von Hai-nan mitgebracht habe. Die soll er bekommen.“
 
Sofort verbeugte sich Bau-yü zum Dank und kehrte dann auf seinen Platz zurück, damit das Trinkspiel weitergehen konnte. Djia Lan aber, der gesehen hatte, wie Bau-yü belohnt wurde, verließ jetzt die Tafel, um auch ein Gedicht zu schreiben und es anschließend Djia Dschëng vorzulegen. Und Djia Dschëng las:
 
  
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Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] lobten es in höchsten Tönen und sagten: „So sieht man, dass wir tagtäglich das Nahe übersehen und das Ferne suchen! Da haben wir eine solche Dichtergöttin direkt in unserer Mitte — und betreiben tagein, tagaus nur Papierstrategie."
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Miàoyù [妙玉] lachte: „Morgen feilen wir noch daran. Es dürfte bald dämmern — ihr solltet euch unbedingt ein wenig ausruhen."
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Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] hörten das, standen auf und verabschiedeten sich. Mit ihren Zofen gingen sie hinaus. Miàoyù [妙玉] begleitete sie bis vor die Tür und blickte ihnen nach, bis sie in der Ferne verschwunden waren. Dann schloss sie die Tür und ging hinein. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
  
Nach der Lektüre vermochte er seine Freude nicht zu unterdrücken, und als er beide Gedichte der Herzoginmutter erklärte, war auch sie darüber hocherfreut und befahl Djia Dschëng sogleich, er solle nun auch Djia Lan belohnen.
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Draußen sagte Cuìlǚ [翠缕] zu Xiangfluss-Wolke [湘云]: „Bei der älteren Schwägerin warten noch Leute, um uns zum Schlafen zu bringen. Wohin gehen wir jetzt?"
Dann kehrten alle auf ihre Plätze zurück und setzten das Trinkspiel wieder fort. Diesmal blieb der Blütenzweig in Djia Schës Hand, und notgedrungen trank er Wein und begann zu erzählen: „Es war einmal in einer Familie ein sehr pflichttreuer Sohn. Als seine Mutter krank wurde und er nirgends einen Arzt finden konnte, holte er eine Alte, die sich auf Akupunktur verstand. Die Alte, die von der Pulsdiagnostik keine Ahnung hatte, sagte, es sei Feuer des Herzens und wenn sie die Mutter jetzt mit ihren Nadeln behandelte, würde sie bald wieder gesund sein.
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Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Geh und sag ihnen, sie sollen schon schlafen. Wenn ich jetzt dorthin gehe, wecke ich nur die Kranke auf. Da störe ich lieber die Schwester Kajaljade [黛玉] und übernachte bei ihr."
Da wurde der Sohn der Kranken unruhig und fragte: ‚Wie könnt Ihr sie mit Nadeln behandeln? Ein Stich ins Herz, und sie ist tot!‘ ‚Ich werde ihr nicht ins Herz stechen, sondern nur in die Rippen‘, erwiderte die Alte. ‚Aber wie soll sie davon gesund werden, die Rippen sind doch vom Herzen weit entfernt?‘ wunderte sich der Sohn der Kranken. ‚Das macht nichts‘, versicherte die Alte. ‚Alle Leute auf dieser Welt, die Kinder haben, sind so einseitig in ihren Gefühlen, daß ihnen das Herz ganz auf der Seite sitzt.‘“
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So gingen sie alle zusammen zum Xiāoxiāng-Pavillon [潇湘馆]. Die Hälfte der Dienerinnen war bereits eingeschlafen. Die beiden gingen hinein, legten ihren Schmuck und ihre Kleider ab, wuschen sich und gingen zu Bett. Purpurkuckuck [紫鹃] ließ den seidenen Vorhang herab, stellte die Lampe beiseite und schloss die Tür hinter sich.
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Xiangfluss-Wolke [湘云] hatte jedoch die Eigenart, nur in ihrem eigenen Bett schlafen zu können — so lag sie zwar auf dem Kissen, konnte aber nicht einschlafen. Und Kajaljade [黛玉], die ohnehin zu wenig Herzblut hatte und häufig an Schlaflosigkeit litt, war über den Punkt der Müdigkeit hinweggekommen und konnte nun natürlich auch nicht schlafen. Die beiden wälzten sich hin und her.
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Kajaljade [黛玉] fragte: „Bist du immer noch nicht eingeschlafen?"
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Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte leise lächelnd: „Ich bin wählerisch mit Betten — und außerdem bin ich über die Müdigkeit hinaus. Ich kann nur noch still daliegen. Und du — warum schläfst du auch nicht?"
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Kajaljade [黛玉] seufzte: „Dass ich nicht schlafen kann, ist keine Sache von heute. Im ganzen Jahr schlafe ich kaum zehn Nächte wirklich tief und satt."
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Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das liegt alles an deiner Krankheit, deshalb ..." Was sie weiter sagte — das bleibt an dieser Stelle unerzählt.
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Alle lachten los, und die Herzoginmutter kam nicht umhin, einen halben Becher Wein zu trinken, ehe sie nach längerem Schweigen sagte: „Da könnte diese Alte auch mich behandeln.“
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<small>Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
Als Djia Schë das hörte, merkte er, daß seine Erzählung unbedacht gewesen war und daß die Herzoginmutter sich getroffen fühlte. Darum stand er rasch auf, griff lächelnd nach ihrem Weinbecher, um ihr nachzuschenken, und lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema. Da konnte auch die Herzoginmutter nicht gut auf die Sache eingehen und ließ das Trinkspiel weitergehen.
 
Diesmal behielt ausgerechnet Djia Huan den Blütenzweig in der Hand. Djia Huan  hatte in der letzten Zeit  auch  seine kleinen Erfolge  beim  Lernen ge­habt, aber genau wie Bau-yü stand ihm der Sinn nicht nach dem eigentlichen Lehrstoff. Er las vielmehr gern Gedichte, aber seine besondere Vorliebe galt dem Seltsamen und Geheimnisvollen, Unsterblichen und Geistern. Schon als er sah, wie Bau-yü für sein Gedicht belohnt wurde, hatte es ihn gejuckt, ebenfalls etwas zu schreiben. Nur wagte er es in Djia Dschëngs Anwesenheit nicht, sich in den Vordegrund zu drängen. Aber als er jetzt glücklich den Zweig in der Hand hielt, verlangte er nach dem Schreibzeug und warf im Nu einen Vierzeiler aufs Papier, den er Djia Dschëng reichte.
 
Als Djia Dschëng die Verse las, fand er sie zwar ungewöhnlich, aber er glaubte, zwischen den Zeilen eine Abneigung gegen das Lernen herauslesen zu können. Darum sagte er verstimmt: „Da sieht man, daß die beiden Brüder sind! An Wortwahl und Stimmung ist zu erkennen, daß sie sich auf Irrwegen befinden und sich in Zukunft ‚nicht an Lot und Winkelmaß halten‘ werden. Sie sind wirklich ein minderwertiges Pack.
 
Wie recht hatten doch die Alten, als sie von zwei Brüdern erklärten, ‚Schwer zu sagen, wer von beiden.‘ Damit könntet auch ihr beide gemeint sein. Nur müßte es dann heißen, schwer zu sagen, wer von beiden schlechter zu erziehen ist. Der Ältere hält sich für einen zweiten Wën Ting-yün0, und der Jüngere bildet sich ein, in ihm sei Tsau Tang0 wiederauferstanden.“
 
Djia Schë und die anderen lachten darüber, dann ließ sich Djia Schë das Gedicht geben, las es durch und lobte es unaufhörlich, um dann zu erklären: „Meiner Meinung nach ist etwas dran an diesem Gedicht! Ich finde, eine Familie wie die unsere kann man nicht mit diesen Hungerleidern vergleichen, die im Licht des Mondes und beim Schein von Glühwürmchen studieren müssen0 und erst frei atmen können, nachdem sie ‚im Krötenpalast einen Kassiazweig gebrochen‘0 haben.
 
Natürlich müssen auch unsere Kinder die Schriften studieren, aber wenn sie nur ein bißchen verständiger sind als andere Leute, ist ihnen ein Beamtenposten sicher, sobald sie einmal soweit sind, ein Amt ausüben zu können. Warum sollten sie also unnötig Zeit verschwenden und womöglich noch zu Bücherwürmern werden? Ich mag sein Gedicht, denn es spricht der Geist unseres adligen Hauses daraus.“
 
Dann wandte er sich um und ließ durch jemanden aus seinen Räumen vielerlei Kleinigkeiten holen, die er Djia Huan zum Geschenk machte. Schließlich tätschelte er ihm noch den Kopf und sagte dabei: „Mach nur so weiter, das ist der Stil unserer Familie! So wird dir unser Erbtitel gewiß nicht entgehen.“
 
„Wie könnte man nach diesem Geschwafel von ihm auf die Zukunft schließen?!“ wandte Djia Dschëng sofort dagegen ein.
 
Nach diesen Worten wurde wieder Wein eingegossen, und das Trinkspiel wurde noch eine Weile fortgesetzt. Dann sagte die Herzoginmutter: „Geht ihr jetzt! Draußen warten natürlich noch eure jungen Freunde, die ihr nicht vernachlässigen dürft. Zumal schon längst die zweite Nachtwache begonnen hat. Also geht nur auseinander, während ich mich noch ein Weilchen mit den Mädchen zusammen vergnüge, damit ich nachher besser schlafen kann.“
 
Djia Schë und die anderen machten also Schluß mit dem Spiel, dann leerten alle zusammen noch einmal die Becher, und anschließend gingen sie mit Söhnen und Neffen davon.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
 
76. An der Bergvilla Jadegrüne Erhebung wird durch Flötenklänge Traurigkeit erweckt,
 
bei der Herberge Kristallklare Vertiefung wird in Verszeilen die Einsamkeit beklagt.
 
  
Djia Schë und Djia Dschëng gingen also mit Djia Dschën und den übrigen männlichen Familienangehörigen fort, und mehr soll von ihnen hier nicht die Rede sein.
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<references />
Derweil befahl die Herzoginmutter, der Setzschirm solle weggeräumt werden und beide Festrunden sollten sich zu einer zusammenschließen. Außerdem wischten die Sklavenfrauen die Tische ab, füllten die Obstschalen auf, tauschten die Becher aus, wuschen die Eßstäbchen ab und richteten alles wieder frisch her. Die Herzoginmutter und ihre Gäste zogen sich etwas über, wuschen sich die Hände, spülten sich den Mund und tranken Tee, ehe sie sich wieder rund um die Tische setzten.
 
Als die Herzoginmutter sah, daß Bau-tschai und Bau-tjin nicht mit dabei waren, weil sie, wie sie sich sagte, den Herbstvollmond in der eigenen Familie feiern wollten, während Li Wan und Hsi-fëng durch Krankheit verhindert waren, so daß nicht weniger als vier Personen fehlten, kam ihr die Festrunde sehr vereinsamt vor, und lächelnd bemerkte sie: „In den vergangenen Jahren, als der Herr nicht da war und wir einfach die Frau Tante mit eingeladen haben, um alle gemeinsam den Mond zu bewundern, waren wir stets höchst vergnügt. Nur wenn uns dann plötzlich der Herr einfiel und wir daran denken mußten, daß Mutter und Sohn, Gatte und Gattin, Vater und Kinder nicht zusammen sein konnten, war uns die Stimmung verdorben.
 
Heute nun ist der Herr wieder da, und wir müßten alle miteinander fröhlich sein, aber nun ist es wieder nicht angebracht, die Frau Tante mit ihrer Tochter einzuladen, damit wir gemeinsam scherzen und lachen. Außerdem hat sie in diesem Jahr zwei Gäste im Haus, die sie nicht einfach verlassen kann, um hierher zu uns zu kommen. Und zu allem Überfluß ist auch noch Hsi-fëng krank geworden, die mit ihren Scherzen zehn andere aufwiegen würde. Da sieht man, daß nichts auf der Welt vollkommen ist!“ Nach diesen Worten seufzte sie einmal lang auf, dann befahl sie, man solle ihr einen großen Becher reichen und mit heißem Wein füllen.
 
Lächelnd sagte inzwischen Dame Wang: „Heute seid Ihr wieder mit Eurem Sohn vereint, und dadurch ist es doch schöner als in den vergangenen Jahren. Da waren wir wohl mehr, aber das ist schließlich nicht dasselbe, als wenn die engste Verwandtschaft wieder vollzählig beisammen ist.“
 
„Eben darum bin ich ja so froh, daß ich aus einem großen Becher trinken will“, erwiderte die Herzoginmutter, auch ihrerseits lächelnd. „Ihr solltet es genauso machen!“
 
Also ließen sich auch Dame Hsing und die anderen größere Becher reichen, aber da die Nacht bereits vorgeschritten und die Leiber müde waren, konnten sie schon nichts mehr vertragen und waren unvermeidlich schläfrig geworden. Doch weil die Herzoginmutter noch in Stimmung war, mußten sie wohl oder übel mithalten.
 
Nun ließ die Herzoginmutter auch noch Filzmatten über die Treppenstufen breiten und befahl, Mondkekse, Melonen und Obst dorthinunter zu bringen, und dann mußten sich die Sklavenfrauen und -mädchen ringsherum setzen, um ebenfalls den Anblick des Mondes zu genießen. Da die Herzoginmutter sah, daß der Mond jetzt mitten am Himmel stand und noch bezaubernder und lieblicher anzusehen war als zuvor, sagte sie: „Zu so schönem Mondschein muß man unbedingt Flötenmusik hören!“ Und sie ließ die Mädchen vom Zehnerorchester0 holen. Aber dann sagte sie: „Wenn es zuviel Instrumente sind, geht der Zauber verloren. Wir brauchen nur die Flötenspielerin, damit sie von ferne die Querflöte bläst.“
 
Als sie das gesagt hatte und die Flötenspielerin eben losging, erschien eine Sklavin aus Dame Hsings Gefolge und machte ihrer Herrin eine kurze Meldung.
 
„Was hat sie gesagt?“ erkundigte sich die Herzoginmutter, und die Sklavin wiederholte: „Der ältere gnädige Herr ist beim Hinausgehen über einen Stein gestolpert und hat sich den Fuß verstaucht.“
 
Sofort befahl die Herzoginmutter zwei alten Sklavenfrauen, sie sollten schnell nach dem Kranken sehen, und auch Dame Hsing forderte sie auf, rasch nach Hause zu fahren. Also verabschiedete sich Dame Hsing, stand vom Tisch auf und ging.
 
„Auch Dschëns Frau kann bequemerweise nach Hause fahren, ich lege mich ohnehin bald schlafen“, sagte die Herzoginmutter.
 
„Heute fahre ich nicht nach Hause“, wehrte Frau You lächelnd ab. „Diese Nacht will ich mit Euch durchzechen, alte Ahne!“
 
„Das geht nicht, das geht nicht“, widersprach die Herzoginmutter eifrig und lächelte dabei. „Ein junges Ehepaar wie ihr muß in dieser Nacht zusammensein. Wie könntest du das um meinetwegen versäumen?!“
 
Frau You wurde rot, dann erwiderte sie lächelnd: „Es ist nicht zum Aushalten, was Ihr da sagt, alte Ahne! Wir sind zwar noch jung, aber wir sind schon mehr als zehn Jahre miteinander verheiratet und gehen bereits auf die vierzig zu. Außerdem ist unsere Trauerzeit noch nicht vorüber, so daß es zwar angehen mag, wenn ich mich mit Euch zusammen die Nacht durch vergnüge, aber doch nicht, wenn ich mich mit meinem Mann zusammentue.“
 
„Du hast ganz recht“, sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Ich hatte vollkommen vergessen, daß eure Trauerzeit noch nicht um ist. Bedauerlicherweise ist ja dein Schwiegervater vor mehr als zwei Jahren gestorben, daran hatte ich nicht gedacht. Zur Strafe muß ich gleich einen großen Becher Wein trinken. Wenn das so ist, mußt du sie wirklich nicht hinausbegleiten und kannst mir weiter Gesellschaft leisten. Aber sag Jungs Frau, sie solle sie hinausbringen und bei der Gelegenheit gleich nach Hause fahren!“
 
Frau You kam dieser Aufforderung nach, und Djia Jungs Frau sagte: „Jawohl!“ und begleitete Dame Hsing bis zum Tor, wo sie in ihren Wagen stieg und nach Hause fuhr. Aber damit einstweilen genug von ihnen.
 
Inzwischen führte die Herzoginmutter alle zu den Duftblütensträuchern, an denen sie sich ein Weilchen erfreuten. Dann kehrten sie an die Tafel zurück und ließen sich frisch gewärmten Wein reichen. Anschließend plauderten sie noch miteinander, als plötzlich und unvermutet drüben von den Duftblütensträuchern her die Querflöte erklang – mal traurig und schluchzend, mal schwellend und stolz.
 
Mit dem hellen Mond und der reinen Luft, dem klaren Himmel und der stillen Erde zusammen machte diese Musik mit einem Mal alle Herzen von ihren Kümmernissen frei und ließ alle zehntausend Sorgen vergehen. Jeder saß andächtig und regungslos auf seinem Platz und genoß es in Schweigen. Erst als die Musik nach einer Zeit, wie man sie braucht, um zwei Schalen Tee zu trinken, wieder aufhörte, spendeten alle nicht enden wollendes Lob.
 
Daraufhin wurde wieder frisch gewärmter Wein eingegossen, und die Herzoginmutter fragte lächelnd: „Klang das nicht wahrhaftig gut?“
 
„Es war in der Tat ein Genuß“, bestätigten die anderen, wobei sie ebenfalls lächelten. „Das hätten wir nicht gedacht. Wir brauchten wirklich Eure Anleitung, alte gnädige Frau, damit uns einmal ein bißchen das Herz aufging.“
 
„Dabei war es noch nicht einmal allzu gut“, sagte die Herzoginmutter. „Noch besser klingt es, wenn wir ein Stück aussuchen, das möglichst langsam ist.“ Damit befahl sie, der Flötenspielerin einen von den mit Melonenkernen bestreuten und mit Zirbelnüssen gefüllten Mondkeksen aus dem Kaiserpalast hinzutragen, wie sie selber sie aß, sowie einen großen Becher heißen Wein. Dazu ließ sie ihr bestellen, sie solle in Ruhe essen und trinken und dann noch eine leise Melodie blasen.
 
Als die Sklavinnen jawohl gesagt hatten und eben gegangen waren, kamen die beiden Alten wieder, die von der Herzoginmutter zu Djia Schë geschickt worden waren, und sagten: „Am rechten Fußrücken hat der gnädige Herr eine weiße Schwellung. Durch die Medizin, die er bekommen hat, tut es schon nicht mehr so weh. Und es ist auch nicht weiter von Belang.“
 
Die Herzoginmutter nickte und bemerkte dann seufzend: „Ich bin wirklich unvernünftig! Er hat nicht mehr und nicht weniger behauptet, als daß ich einseitig in meinen Gefühlen sei, ich aber mache mir solche Sorgen um ihn!“ Und sie erzählte für Dame Wang, Frau You und die anderen den Schwank nach, den Djia Schë vorhin zum besten gegeben hatte.
 
Lächelnd redete Dame Wang auf sie ein: „Das hat er doch nur aus Unachtsamkeit erzählt, als schon alle Wein getrunken hatten und scherzten. So etwas kommt vor. Wie würde er sich erdreisten, dabei Euch im Auge zu haben?! Das müßt Ihr Euch richtig klar machen, alte gnädige Frau!“
 
Indessen brachte Yüan-yang eine weiche Kapuze und einen großen Umhang und sagte: „Es ist schon tiefe Nacht, und wahrscheinlich wird bald Tau fallen. Außerdem bläst Euch der Wind um den Kopf. Darum müßt Ihr das hier umnehmen. Und wenn Ihr noch ein Weilchen gesessen habt, solltet Ihr schlafen gehen.“
 
„Kaum daß ich mich einmal freue, mußt du kommen, um mich zu mahnen“, schmollte die Herzoginmutter. „Bin ich vielleicht betrunken? Jetzt bleibe ich gerade hier, bis es hell wird!“ Und sie befahl, man solle ihr frischen Wein eingießen. Aber gleichzeitig zog sie sich auch die Kapuze über den Kopf und hüllte sich in den Umhang.
 
Alle tranken zur Gesellschaft mit und trugen einige Scherze vor, dann hörten sie, wie im Schatten der Duftblütensträucher wieder die Querflöte erklang, klagend und zart, wirklich noch einsamer als zuvor.
 
Jeder saß auf seinem Platz, ohne sich zu rühren. Die Nacht war still, der Mond schien klar, und dazu schluchzte leise die Flöte, da war es kein Wunder, daß die alte Herzoginmutter, zumal sie Wein getrunken hatte, Rührung empfand und zu weinen begann. Weil sich aber jeder verlassen und einsam vorkam, dauerte es geraume Zeit, bis sie merkten, daß die Herzoginmutter sich grämte. Da wandten sie sich rasch zu ihr um und sprachen auf sie ein, um ihre trübe Stimmung zu zerstreuen. Außerdem verlangten sie nach warmem Wein und ließen der Flötenspielerin sagen, daß sie aufhören solle.
 
„Ich weiß auch einen Schwank, den ich Euch zur Aufheiterung erzählen will, alte gnädige Frau“, kündigte Frau You an.
 
„Um so besser“, sagte die Herzoginmutter und zwang sich ein Lächeln ab, „erzähl ihn nur schnell!“
 
„Es war einmal eine Familie, die hatte vier Söhne“, begann Frau You. „Der älteste hatte nur ein Auge, der zweitälteste nur ein Ohr und der drittälteste nur ein Nasenloch. Der jüngste war zwar nicht mißgestaltet, aber er war stumm...“ Als sie eben so weit gekommen war, bemerkte sie, daß der Herzoginmutter die Augen zufielen, und es sah so aus, als ob sie einschlafen wollte. Darum hielt Frau You rasch inne, um sie gemeinsam mit Dame Wang leise anzusprechen, damit sie wieder zu sich kam.
 
„Ich bin nicht müde“, versicherte die Herzoginmutter lächelnd, als sie die Augen öffnete. „Ich hatte die Augen einfach nur zugemacht, um sie ein wenig auszuruhen. Erzähl nur weiter, ich höre zu!“
 
Aber Dame Wang und die anderen redeten lächelnd auf sie ein: „Die vierte Nachtwache ist schon angebrochen, der Wind weht stark, und der Tau fällt reichlich. Geht bitte zur Ruhe, alte gnädige Frau! Morgen am sechzehnten ist der Mond noch genauso schön.“
 
„Wie könnte schon die vierte Nachtwache angebrochen sein?“ sage die Herzoginmutter ungläubig.
 
„Es ist wirklich schon so spät“, bekräftigte Dame Wang, immer noch lächelnd. „Die Mädchen konnten es nicht länger aushalten und sind schlafen gegangen.“
 
Nun sah sich die Herzoginmutter aufmerksam um, und tatsächlich, bis auf Tan-tschun waren die Mädchen alle schon fort. „Macht nichts!“ sagte die Herzoginmutter, „ihr seid das Durchhalten nicht gewöhnt, zumal die einen schwächlich sind und die anderen krank. Nur die arme Tan-tschun harrt noch immer aus. – Geh du auch, wir bleiben nicht mehr länger!“
 
Mit diesen Worten stand sie auf, trank noch einen Schluck frischen Tee und nahm dann in dem bereitstehenden Bambustragstuhl Platz, wobei sie sich in ihren Umhang wickelte. Dann hoben zwei alte Sklavenfrauen den Tragstuhl auf, und die Herzoginmutter wurde, von allen anderen umringt und gefolgt, zum Garten hinausgetragen. Damit einstweilen genug von ihr.
 
Inzwischen räumten die verbliebenen Sklavenfrauen Teller und Schüsseln, Becher und Schalen zusammen und bemerkten dabei, daß ein Teeschälchen aus feinstem Porzellan fehlte. Nachdem sie überall erfolglos danach gesucht hatten, wandte sich die Verantwortliche für das Geschirr an die übrigen mit den Worten: „Bestimmt ist es jemandem aus der Hand gefallen und zerbrochen! Aber wohin habt ihr die Scherben getan? Sagt es mir, damit ich sie aufsammeln und vorweisen kann. Sonst heißt es wieder, ich hätte das Schälchen unterschlagen.“
 
„Uns ist nichts entzweigegangen“, verteidigten sich die anderen Sklavenfrauen. „Vielleicht hat es jemand aus dem Gefolge der gnädigen Fräulein zerschlagen. Das kann man nicht wissen. Versuch dich noch einmal genau zu erinnern oder geh sie fragen!“
 
Das brachte die Verantwortliche auf die richtige Spur, und lächelnd sagte sie: „Tatsächlich, jetzt entsinne ich mich, daß Tsuee-lü das Schälchen genommen hat. Ich werde sie fragen gehen!“ Mit diesen Worten machte sie sich auf die Suche nach ihr, und als sie unten auf dem eingefriedeten Weg war, kamen ihr dort Dsï-djüan und Tsuee-lü entgegen.
 
„Die alte gnädige Frau ist schon fort, weißt du nicht, wo unsere Fräulein geblieben sind?“ erkundigte sich Tsuee-lü.
 
„Ich habe dich gesucht, um zu erfahren, wo das Teeschälchen geblieben ist, und du fragst mich, wo eure Fräulein sind“, entgegnete die Sklavin.
 
„Ich hatte dem Fräulein Tee eingegossen, dann drehte ich mich um. Und als ich wieder hinsah, war das Fräulein mitsamt der Teeschale verschwunden“, berichtete Tsuee-lü lächelnd.
 
„Eben erst hat die gnädige Frau gesagt, die Fräulein seien alle schlafen gegangen“, erwiderte die Sklavin, „aber du hast dich irgendwo vergnügt, darum weißt du nichts davon.“
 
Daraufhin sagte Tsuee-lü, an Dsï-djüan gewandt: „Es ist völlig ausgeschlossen, daß sie sich einfach schlafen gelegt haben. Wahrscheinlich waren sie irgendwo spazieren. Und wer weiß, ob sie nicht, als die alte gnädige Frau aufbrach, rasch nach vorne geeilt sind und sie begleitet haben! – Wenn das Fräulein sich einfindet, findet sich natürlich auch dein Teeschälchen wieder an. Frag also morgen früh noch einmal danach! Wozu die Ungeduld?“ –
 
„Da ich jetzt weiß, wo es abgeblieben ist, ist Ungeduld nicht mehr vonnöten“, bestätigte die Sklavin. „Morgen werde ich mir das Schälchen von dir geben lassen.“ Nach diesen Worten kehrte sie zur Bergvilla Jadegrüne Erhebung zurück, um weiter das Geschirr einzusammeln. Dsï-djüan und Tsuee-lü aber machten sich auf den Weg zu den Räumen der Herzoginmutter. Mehr soll einstweilen von ihnen nicht die Rede sein.
 
Wirklich waren Dai-yü und Hsiang-yün keineswegs schlafen gegangen. Nur weil so viele Angehörige des Hauses Djia gemeinsam den Vollmond bewunderten und die Herzoginmutter dennoch klagte, es seien zu wenig und es ginge nicht so lebhaft zu wie früher, und weil sie auch noch die beiden Kusinen Hsüä erwähnt hatte, die sich zu Hause mit ihren Verwandten am Anblick des Mondes erfreuten, hatte Dai-yü unversehens der Kummer gepackt, so daß sie fortgegangen war, bis zu einem Geländer, wo sie mit gesenktem Kopf stand und weinte.
 
Bau-yü hatte in der letzten Zeit, weil Tjing-wën so schwer krank war, für nichts mehr Interesse, und als Dame Wang ihm wieder und wieder gesagt hatte, er solle schlafen gehen, war er wirklich gegangen. Genausowenig stand Tan-tschun der Sinn nach Vergnügungen, weil sie sich in den letzten Tagen wegen der Haushaltsangelegenheiten hatte ärgern müssen. Zwar waren noch Ying-tschun und Hsi-tschun da, aber mit ihnen hatte Dai-yü sich niemals sehr gut verstanden.
 
So war Hsiang-yün die einzige, die ihr gut zuredete, und sie sagte nun: „Du bist doch ein verständiger Mensch, warum mußt du dich so quälen? Mir geht es auch nicht anders als dir, und dennoch bin ich nicht so kopfhängerisch wie du. Außerdem bist du viel krank, denkst aber nicht daran, dich zu schonen. Es ist schon ärgerlich, daß Kusine Bau-tschai und Kusine Bau-tjin erst nur so überflossen vor Freundlichkeit und seit langem davon sprachen, wie wir in diesem Jahr zum Mittelherbstfest alle zusammen den Vollmond bewundern und unsern Dichterbund einberufen wollten, um gemeinsam ein Gedicht zu verfassen, und jetzt, wo es soweit ist, lassen sie uns allein und genießen die Mondnacht anderswo.
 
So ist unser Bund nicht zusammengetreten, und das Gedicht haben wir nicht geschrieben, statt dessen haben Väter und Söhne, Onkel und Neffen gemacht, was ihnen beliebte. Da siehst du, wie recht der Kaiser Tai-dsu der Sung-Dynastie0 hatte, als er sagte: ‚Wie kann man neben dem eigenen Bett einen fremden Schnarcher dulden?‘ Und wenn die andern heute nichts dichten, sollten wir beide zusammen ein Gedicht verfassen, mit dem wir sie morgen beschämen können!“
 
Als Dai-yü sah, welche Mühe Hsiang-yün sich gab, um sie aufzuheitern, wollte sie diesen Enthusiasmus nicht enttäuschen, und so entgegnete sie lächelnd: „Aber wie soll man hier in Dichterlaune kommen, wenn alles durcheinanderschreit?“
 
„Hier auf dem Berg kann man den Mond zwar auch genießen, aber doch lange nicht so gut wie am Wasser“, sagte Hsiang-yün. „Du weißt doch, daß wir uns hier oberhalb des Teiches befinden. Dicht am Wasser steht in einer Einbuchtung des Berges die Herberge Kristallklare Vertiefung. An diesem Namen ist abzulesen, wieviel Gelehrsamkeit damals bei der Anlage des Gartens aufgewendet wurde. Der Gipfel des Berges heißt Jadegrüne Erhebung, und die Senke am Wasser zu seinen Füßen heißt Kristallklare Vertiefung. Die beiden Wörter tu – ,Erhebung‘ – und au – ,Vertiefung‘ – haben von jeher in der Literatur nur ganz selten Verwendung gefunden. Deshalb wirken sie hier in den Namen für zwei Gebäude um so neuartiger und nicht etwa klischeehaft.
 
Man erkennt sofort, daß von den beiden Stätten eine oben und die andere unten liegt, daß eine hell ist und die andere dunkel, eine hoch und die andere niedrig, daß eine ein Berg ist und die andere ein Gewässer, und schließlich auch, daß sie extra angelegt sind, um sich hier am Mond zu erfreuen. Wer die Höhe der Berge mag und den Mond lieber klein sehen möchte, der kommt hierher. Und wer gern den hellen Mond auf den klaren Wellen sieht, der geht dorthin.
 
Selten verwendet worden sind die beiden Schriftzeichen nur deshalb, weil ihre volkstümliche Aussprache wa und gu ist, wodurch sie als vulgär gelten. Das Schriftzeichen au hat nur Lu You0 gebraucht, als er sagte:
 
,In des alten Reibsteins leichter Vertiefung sammelt sich Tusche genug.‘ Selbst das hat man ihm noch als vulgär angekreidet. Ist das nicht zum Lachen?“
 
„Nicht nur Lu You hat eins von den Schriftzeichen gebraucht“, erwiderte Dai-yü.
 
 
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Latest revision as of 19:30, 28 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 91 · 101 · 111

中文原文 (程甲本 1982) Deutsche Übersetzung (4. Auflage Woesler 2026)

話說賈赦賈政帶領賈珍等散去不提。且說賈母這裡命將圍屏撤去,兩席並而為一。眾媳婦另行擦桌整果,更杯洗箸,陳設一番。賈母等都添了衣,盥漱吃茶,方又入坐,團團圍繞。賈母看時,寶釵姊妹二人不在坐內,知他們家去圓月去了,且李紈鳳姐二人又病著,少了四個人,便覺冷清了好些。賈母因笑道:「往年你老爺們不在家,咱們越性請過姨太太來,大家賞月,卻十分鬧熱。忽一時想起你老爺來,又不免想到母子夫妻兒女不能一處,也都沒興。及至今年你老爺來了,正該大家團圓取樂,又不便請他們娘兒們來說說笑笑。況且他們今年又添了兩口人,也難丟了他們跑到這裡來。偏又把鳳丫頭病了,有他一人來說說笑笑,還抵得十個人的空兒。可見天下事總難十全。」說畢,不覺長嘆一聲,遂命拿大杯來斟熱酒。王夫人笑道:「今日得母子團圓,自比往年有趣。往年娘兒們雖多,終不似今年自己骨肉齊全的好。」賈母笑道:「正是為此,所以才高興拿大杯來吃酒。你們也換大杯才是。」邢夫人等只得換上大杯來。因夜深體乏,且不能勝酒,未免都有些倦意,無奈賈母興猶未闌,只得陪飲。   賈母又命將罽氈鋪於階上,命將月餅西瓜果品等類都叫搬下去,令丫頭媳婦們也都團團圍坐賞月。賈母因見月至中天,比先越發精彩可愛,因說:「如此好月,不可不聞笛。」因命人將十番上女孩子傳來。賈母道:「音樂多了,反失雅緻,只用吹笛的遠遠的吹起來就夠了。」說畢,剛纔去吹時,只見跟邢夫人的媳婦走來向邢夫人前說了兩句話。賈母便問:「說什麼事?」那媳婦便回說:「方纔大老爺出去,被石頭絆了一下,崴了腿。」賈母聽說,忙命兩個婆子快看去,又命邢夫人快去。邢夫人遂告辭起身。賈母便又說:「珍哥媳婦也趁著便就家去罷,我也就睡了。」尤氏笑道:「我今日不回去了,定要和老祖宗吃一夜。」 賈母笑道:「使不得,使不得。你們小夫妻家,今夜不要團圓團圓,如何為我耽擱了。」尤氏紅了臉,笑道:「老祖宗說的我們太不堪了。我們雖然年輕,已經是十來年的夫妻,也奔四十歲的人了。況且孝服未滿,陪著老太太頑一夜還罷了,豈有自去團圓的理。」賈母聽說,笑道:「這話很是,我倒也忘了孝未滿。可憐你公公已是二年多了,可是我倒忘了,該罰我一大杯。既這樣,你就越性別送,陪著我罷了。你叫蓉兒媳婦送去,就順便回去罷。」尤氏說了。蓉妻答應著,送出邢夫人,一同至大門,各自上車回去。不在話下。   這裡賈母仍帶眾人賞了一回桂花,又入席換暖酒來。正說著閑話,猛不防只聽那壁廂桂花樹下,嗚嗚咽咽,悠悠揚揚,吹出笛聲來。趁著這明月清風,天空地凈,真令人煩心頓解,萬慮齊除,都肅然危坐,默默相賞。聽約兩盞茶時,方纔止住,大家稱贊不已。於是遂又斟上暖酒來。賈母笑道:「果然可聽麽?」眾人笑道:「實在可聽。我們也想不到這樣,須得老太太帶領著,我們也得開些心胸。」賈母道:「這還不大好,須得揀那曲譜越慢的吹來越好。」說著,便將自己吃的一個內造瓜仁油松穰月餅,又命斟一大杯熱酒,送給譜笛之人,慢慢的吃了再細細的吹一套來。媳婦們答應了,方送去,只見方纔瞧賈赦的兩個婆子回來了,說:「右腳面上白腫了些,如今調服了藥,疼的好些了,也不甚大關係。」賈母點頭嘆道:「我也太操心。打緊說我偏心,我反這樣。」因就將方纔賈赦的笑話說與王夫人尤氏等聽。王夫人等因笑勸道:「這原是酒後大家說笑,不留心也是有的,豈有敢說老太太之理。老太太自當解釋才是。」只見鴛鴦拿了軟巾兜與大斗篷來,說:「夜深了,恐露水下來,風吹了頭,須要添了這個。坐坐也該歇了。」賈母道:「偏今兒高興,你又來催。難道我醉了不成,偏到天亮!」因命再斟酒來。一面戴上兜巾,披了斗篷,大家陪著又飲,說些笑話。只聽桂花陰里,嗚嗚咽咽,裊裊悠悠,又發出一縷笛音來,果真比先越發凄涼。大家都寂然而坐。夜靜月明,且笛聲悲怨,賈母年老帶酒之人,聽此聲音,不免有觸於心,禁不住墮下淚來。眾人彼此都不禁有凄涼寂寞之意,半日,方知賈母傷感,才忙轉身陪笑,發語解釋。又命暖酒,且住了笛。尤氏笑道:「我也就學一個笑話,說與老太太解解悶。」賈母勉強笑道:「這樣更好,快說來我聽。」尤氏說道:「一家子養了四個兒子:大兒子只一個眼睛,二兒子只一個耳朵,三兒子只一個鼻子眼,四兒子倒都齊全,偏又是個啞叭。」正說到這裡,只見賈母已朦朧雙眼,似有睡去之態。尤氏方住了,忙和王夫人輕輕的請醒。賈母睜眼笑道: 「我不困,白閉閉眼養神。你們只管說,我聽著呢。」王夫人等笑道:「夜已四更了,風露也大,請老太太安歇罷。明日再賞十六,也不辜負這月色。」賈母道: 「那裡就四更了?」王夫人笑道:「實已四更,他們姊妹們熬不過,都去睡了。」賈母聽說,細看了一看,果然都散了,只有探春在此。賈母笑道:「也罷。你們也熬不慣,況且弱的弱,病的病,去了倒省心。只是三丫頭可憐見的,尚還等著。你也去罷,我們散了。」說著,便起身,吃了一口清茶,便有預備下的竹椅小轎,便圍著斗篷坐上,兩個婆子搭起,眾人圍隨出園去了。不在話下。   這裡眾媳婦收拾杯盤碗盞時,卻少了個細茶杯,各處尋覓不見,又問眾人:「必是誰失手打了。撂在那裡,告訴我拿了磁瓦去交收是證見,不然又說偷起來。」 眾人都說:「沒有打了,只怕跟姑娘的人打了,也未可知。你細想想,或問問他們去。」一語提醒了這管家伙的媳婦,因笑道:「是了,那一會兒記得是翠縷拿著的。我去問他。」說著便去找時,剛下了甬道,就遇見了紫鵑和翠縷來了。翠縷便問道:「老太太散了,可知我們姑娘那去了?」這媳婦道:「我來問那一個茶鐘往那裡去了,你們倒問我要姑娘。」翠縷笑道:「我因倒茶給姑娘吃的,展眼回頭,就連姑娘也沒了。」那媳婦道:「太太才說都睡覺去了。你不知那裡頑去了,還不知道呢。」翠縷向紫鵑道:「斷乎沒有悄悄的睡去之理,只怕在那裡走了一走。如今見老太太散了,趕過前邊送去,也未可知。我們且往前邊找找去。有了姑娘,自然你的茶鐘也有了。你明日一早再找,有什麼忙的。」媳婦笑道:「有了下落就不必忙了,明兒就和你要罷。」說畢回去,仍查收家伙。這裡紫鵑和翠縷便往賈母處來。不在話下。   原來黛玉和湘雲二人並未去睡覺。只因黛玉見賈府中許多人賞月,賈母猶嘆人少,不似當年熱鬧,又提寶釵姊妹家去母女弟兄自去賞月等語,不覺對景感懷,自去俯欄垂淚。寶玉近因晴雯病勢甚重,諸務無心,王夫人再四遣他去睡,他也便去了。探春又因近日家事著惱,無暇游玩。雖有迎春惜春二人,偏又素日不大甚合。所以只剩了湘雲一人寬慰他,因說:「你是個明白人,何必作此形像自苦。我也和你一樣,我就不似你這樣心窄。何況你又多病,還不自己保養。可恨寶姐姐,姊妹天天說親道熱,早已說今年中秋要大家一處賞月,必要起社,大家聯句,到今日便棄了咱們,自己賞月去了。社也散了,詩也不作了。倒是他們父子叔侄縱橫起來。你可知宋太祖說的好:『卧榻之側,豈許他人酣睡。』他們不作,咱們兩個竟聯起句來,明日羞他們一羞。」黛玉見他這般勸慰,不肯負他的豪興,因笑道:「你看這裡這等人聲嘈雜,有何詩興。」湘雲笑道:「這山上賞月雖好,終不及近水賞月更妙。你知道這山坡底下就是池沿,山坳里近水一個所在就是凹晶館。可知當日蓋這園子時就有學問。這山之高處,就叫凸碧;山之低窪近水處,就叫作凹晶。這『凸』『凹』二字,歷來用的人最少。如今直用作軒館之名,更覺新鮮,不落窠臼。可知這兩處一上一下,一明一暗,一高一矮,一山一水,竟是特因玩月而設此處。有愛那山高月小的,便往這裡來;有愛那皓月清波的,便往那裡去。只是這兩個字俗念作『窪』『拱』二音,便說俗了,不大見用,只陸放翁用了一個『凹』字,說『古硯微凹聚墨多』,還有人批他俗,豈不可笑。」林黛玉道:「也不只放翁才用,古人中用者太多。如江淹《青苔賦》,東方朔《神異經》,以至《畫記》上雲張僧繇畫一乘寺的故事,不可勝舉。只是今人不知,誤作俗字用了。實和你說罷,這兩個字還是我擬的呢。因那年試寶玉,因他擬了幾處,也有存的,也有刪改的,也有尚未擬的。這是後來我們大家把這沒有名色的也都擬出來了,註了出處,寫了這房屋的坐落,一併帶進去與大姐姐瞧了。他又帶出來,命給舅舅瞧過。誰知舅舅倒喜歡起來,又說:『早知這樣,那日該就叫他姊妹一併擬了,豈不有趣。』所以凡我擬的,一字不改都用了。如今就往凹晶館去看看。」   說著,二人便同下了山坡。只一轉彎,就是池沿,沿上一帶竹欄相接,直通著那邊藕香榭的路徑。因這幾間就在此山懷抱之中,乃凸碧山莊之退居,因窪而近水,故顏其額曰「凹晶溪館」。因此處房宇不多,且又矮小,故只有兩個老婆子上夜。今日打聽得凸碧山莊的人應差,與他們無干,這兩個老婆子關了月餅果品並犒賞的酒食來,二人吃得既醉且飽,早已息燈睡了。   黛玉湘雲見息了燈,湘雲笑道:「倒是他們睡了好。咱們就在這捲棚底下近水賞月如何?」二人遂在兩個湘妃竹墩上坐下。只見天上一輪皓月,池中一輪水月,上下爭輝,如置身於晶宮鮫室之內。微風一過,粼粼然池面皺碧鋪紋,真令人神清氣凈。湘雲笑道:「怎得這會子坐上船吃酒倒好。這要是我家裡這樣,我就立刻坐船了。」黛玉笑道:「正是古人常說的好,『事若求全何所樂』。據我說,這也罷了,偏要坐船起來。」湘雲笑道:「得隴望蜀,人之常情。可知那些老人家說的不錯。說貧窮之家自為富貴之家事事趁心,告訴他說竟不能遂心,他們不肯信的;必得親歷其境,他方知覺了。就如咱們兩個,雖父母不在,然卻也忝在富貴之鄉,只你我竟有許多不遂心的事。」黛玉笑道:「不但你我不能趁心,就連老太太,太太以至寶玉探丫頭等人,無論事大事小,有理無理,其不能各遂其心者,同一理也,何況你我旅居客寄之人哉!」湘雲聽說,恐怕黛玉又傷感起來,忙道:「休說這些閑話,咱們且聯詩。」   正說間,只聽笛韻悠揚起來。黛玉笑道:「今日老太太、太太高興了,這笛子吹的有趣,到是助咱們的興趣了。咱兩個都愛五言,就還是五言排律罷。」湘雲道:「限何韻?」黛玉笑道:「咱們數這個欄桿的直棍,這頭到那頭為止。他是第幾根就用第幾韻。若十六根,便是『一先』起。這可新鮮?」湘雲笑道:「這倒別緻。」於是二人起身,便從頭數至盡頭,止得十三根。湘雲道:「偏又是『十三元』了。這韻少,作排律只怕牽強不能押韻呢。少不得你先起一句罷了。」黛玉笑道:「倒要試試咱們誰強誰弱,只是沒有紙筆記。」湘雲道:「不妨,明兒再寫。只怕這一點聰明還有。」 黛玉道:「我先起一句現成的俗語罷。」因念道:     三五中秋夕,

  湘雲想了一想,道:     清游擬上元。撒天箕斗燦,

  林黛玉笑道:     匝地管弦繁。幾處狂飛盞,

  湘雲笑道:「這一句『幾處狂飛盞』有些意思。這倒要對的好呢。」想了一想,笑道:     誰家不啟軒。輕寒風剪剪,

  黛玉道:「對的比我的卻好。只是底下這句又說熟話了,就該加勁說了去才是。」湘雲道:「詩多韻險,也要鋪陳些才是。縱有好的,且留在後頭。」黛玉笑道:「到後頭沒有好的,我看你羞不羞。」因聯道:     良夜景暄暄。爭餅嘲黃髮,

  湘雲笑道:「這句不好,是你杜撰,用俗事來難我了。」黛玉笑道:「我說你不曾見過書呢。吃餅是舊典,唐書唐志你看了來再說。」湘雲笑道:「這也難不倒我,我也有了。」因聯道:     分瓜笑綠嬡。香新榮玉桂,

  黛玉笑道:「分瓜可是實實的你杜撰了。」湘雲笑道:「明日咱們對查了出來大家看看,這會子別耽誤工夫。」黛玉笑道:「雖如此,下句也不好,不犯著又用『玉桂』『金蘭』等字樣來塞責。」因聯道:     色健茂金萱。蠟燭輝瓊宴,

  湘雲笑道:「『金萱』二字便宜了你,省了多少力。這樣現成的韻被你得了,只是不犯著替他們頌聖去。況且下句你也是塞責了。」黛玉笑道:「你不說『玉桂』,我難道強對個『金萱』麽?再也要鋪陳些富麗,方纔是即景之實事。」湘雲只得又聯道:     觥籌亂綺園。分曹尊一令,

  黛玉笑道:「下句好,只是難對些。」因想了一想,聯道:     射覆聽三宣。骰彩紅成點,

  湘雲笑道:「『三宣』有趣,竟化俗成雅了。只是下句又說上骰子。」少不得聯道:     傳花鼓濫喧。晴光搖院宇,

  黛玉笑道:「對的卻好。下句又溜了,只管拿些風月來塞責。」湘雲道:「究竟沒說到月上,也要點綴點綴,方不落題。」黛玉道:「且姑存之,明日再斟酌。」因聯道:     素彩接乾坤。賞罰無賓主,

  湘雲道:「又說他們作什麼,不如說咱們。」只得聯道:     吟詩序仲昆。構思時倚檻,

  黛玉道:「這可以入上你我了。」因聯道:     擬景或依門。酒盡情猶在,

  湘雲說道:「是時侯了。」乃聯道:     更殘樂已諼。漸聞語笑寂,

  黛玉說道:「這時侯可知一步難似一步了。」因聯道:     空剩雪霜痕。階露團朝菌,

  湘雲笑道:「這一句怎麼押韻,讓我想想。」因起身負手,想了一想,笑道:「夠了,幸而想出一個字來,幾乎敗了。」因聯道:     庭煙斂夕棔。秋湍瀉石髓,

  黛玉聽了,不禁也起身叫妙,說:「這促狹鬼,果然留下好的。這會子才說『棔』字,虧你想得出。」湘雲道:「幸而昨日看歷朝文選見了這個字,我不知是何樹,因要查一查。寶姐姐說不用查,這就是如今俗叫作明開夜合的。我信不及,到底查了一查,果然不錯。看來寶姐姐知道的竟多。」黛玉笑道:「『棔』字用在此時更恰,也還罷了。只是『秋湍』一句虧你好想。只這一句,別的都要抹倒。我少不得打起精神來對一句,只是再不能似這一句了。」因想了一想,道:     風葉聚雲根。寶婺情孤潔,

  湘雲道:「這對的也還好。只是下一句你也溜了,幸而是景中情,不單用『寶婺』來塞責。」因聯道:     銀蟾氣吐吞。藥經靈兔搗,

  黛玉不語點頭,半日隨念道:     人向廣寒奔。犯斗邀牛女,

  湘雲也望月點首,聯道:     乘槎待帝孫。虛盈輪莫定,

  黛玉笑道:「又用比興了。」因聯道:     晦朔魄空存。壺漏聲將涸,

  湘雲方欲聯時,黛玉指池中黑影與湘雲看道:「你看那河裡怎麼象個人在黑影里去了,敢是個鬼罷?」湘雲笑道:「可是又見鬼了。我是不怕鬼的,等我打他一下。」因彎腰拾了一塊小石片向那池中打去,只聽打得水響,一個大圓圈將月影盪散復聚者幾次。只聽那黑影里嘎然一聲,卻飛起一個大白鶴來,直往藕香榭去了。黛玉笑道:「原來是他,猛然想不到,反嚇了一跳。」湘雲笑道:「這個鶴有趣,倒助了我了。」因聯道:     窗燈焰已昏。寒塘渡鶴影,

  林黛玉聽了,又叫好,又跺足,說:「了不得,這鶴真是助他的了!這一句更比『秋湍』不同,叫我對什麼才好?『影』字只有一個『魂』字可對,況且『寒塘渡鶴』何等自然,何等現成,何等有景且又新鮮,我竟要擱筆了。」湘雲笑道:「大家細想就有了,不然就放著明日再聯也可。」黛玉只看天,不理他,半日,猛然笑道:「你不必說嘴,我也有了,你聽聽。」因對道:     冷月葬花魂。

  湘雲拍手贊道:「果然好極!非此不能對。好個『葬花魂』!」因又嘆道:「詩固新奇,只是太頹喪了些。你現病著,不該作此過於清奇詭譎之語。」黛玉笑道:「不如此如何壓倒你。下句竟還未得,只為用工在這一句了。」   一語未了,只見欄外山石後轉出一個人來,笑道:「好詩,好詩,果然太悲涼了。不必再往下聯,若底下只這樣去,反不顯這兩句了,倒覺得堆砌牽強。」二人不防,倒唬了一跳。細看時,不是別人,卻是妙玉。二人皆詫異,因問:「你如何到了這裡?」妙玉笑道:「我聽見你們大家賞月,又吹的好笛,我也出來玩賞這清池皓月。順腳走到這裡,忽聽見你兩個聯詩,更覺清雅異常,故此聽住了。只是方纔我聽見這一首中,有幾句雖好,只是過於頹敗凄楚。此亦關人之氣數而有,所以我出來止住。如今老太太都已早散了,滿園的人想俱已睡熟了,你兩個的丫頭還不知在那裡找你們呢。你們也不怕冷了?快同我來,到我那裡去吃杯茶,只怕就天亮了。」黛玉笑道:「誰知道就這個時侯了。」   三人遂一同來至櫳翠庵中。只見龕焰猶青,爐香未燼。幾個老嬤嬤也都睡了,只有小丫鬟在蒲團上垂頭打盹。妙玉喚他起來,現去烹茶。忽聽叩門之聲,小丫鬟忙去開門看時,卻是紫鵑翠縷與幾個老嬤嬤來找他姊妹兩個。進來見他們正吃茶,因都笑道:「要我們好找,一個園裡走遍了,連姨太太那裡都找到了。才到了那山坡底下小亭里找時,可巧那裡上夜的正睡醒了。我們問他們,他們說,方纔亭外頭棚下兩個人說話,後來又添了一個,聽見說大家往庵里去。我們就知是這裡了。」 妙玉忙命小丫鬟引他們到那邊去坐著歇息吃茶。自取了筆硯紙墨出來,將方纔的詩命他二人念著,遂從頭寫出來。黛玉見他今日十分高興,便笑道:「從來沒見你這樣高興。我也不敢唐突請教,這還可以見教否?若不堪時,便就燒了;若或可政,即請改正改正。」妙玉笑道:「也不敢妄加評贊。只是這才有了二十二韻。我意思想著你二位警句已出,再若續時,恐後力不加。我竟要續貂,又恐有玷。」黛玉從沒見妙玉作過詩,今見他高興如此,忙說:「果然如此,我們的雖不好,亦可以帶好了。」妙玉道:「如今收結,到底還該歸到本來面目上去。若只管丟了真情真事且去搜奇撿怪,一則失了咱們的閨閣面目,二則也與題目無涉了。」二人皆道極是。妙玉遂提筆一揮而就,遞與他二人道:「休要見笑。依我必須如此,方翻轉過來,雖前頭有凄楚之句,亦無甚礙了。」二人接了看時,只見他續道:

    香篆銷金鼎,脂冰膩玉盆。     簫增嫠婦泣,衾倩侍兒溫。     空帳懸文鳳,閑屏掩彩鴛。     露濃苔更滑,霜重竹難捫。     猶步縈紆沼,還登寂歷原。     石奇神鬼搏,木怪虎狼蹲。     贔屓朝光透,罘罳曉露屯。     振林千樹鳥,啼谷一聲猿。     歧熟焉忘徑,泉知不問源。     鐘鳴櫳翠寺,雞唱稻香村。     有興悲何繼,無愁意豈煩。     芳情只自遣,雅趣向誰言。     徹旦休云倦,烹茶更細論。

  後書:《右中秋夜大觀園即景聯句三十五韻》。   黛玉湘雲二人皆贊賞不已,說:「可見我們天天是舍近而求遠。現有這樣詩仙在此,卻天天去紙上談兵。」妙玉笑道:「明日再潤色。此時想也快天亮了,到底要歇息歇息才是。」林史二人聽說,便起身告辭,帶領丫鬟出來。妙玉送至門外,看他們去遠,方掩門進來。不在話下。   這裡翠縷向湘雲道:「大奶奶那裡還有人等著咱們睡去呢。如今還是那裡去好?」湘雲笑道:「你順路告訴他們,叫他們睡罷。我這一去未免驚動病人,不如鬧林姑娘半夜去罷。」說著,大家走至瀟湘館中,有一半人已睡去。二人進去,方纔卸妝寬衣,盥漱已畢,方上床安歇。紫鵑放下綃帳,移燈掩門出去。誰知湘雲有擇席之病,雖在枕上,只是睡不著。黛玉又是個心血不足常常失眠的,今日又錯過困頭,自然也是睡不著。二人在枕上翻來覆去。黛玉因問道:「怎麼你還沒睡著?」 湘雲微笑道:「我有擇席的病,況且走了困,只好躺躺罷。你怎麼也睡不著?」黛玉嘆道:「我這睡不著也並非今日,大約一年之中,通共也只好睡十夜滿足的。」湘雲道:「都是你病的原故,所以……」不知下文什麼──

Sechsundsiebzigstes Kapitel

An der Bergvilla Jadegrüne Erhebung[1] lauschen sie der Flöte und empfinden Wehmut — Bei der Herberge Kristallklare Vertiefung dichten sie Verse und beklagen die Einsamkeit

Jiǎ Shè [贾赦] und Jiǎ Zhèng [贾政] gingen also mit Herrlichkeit Kaufmann [贾珍] und den übrigen männlichen Familienangehörigen fort. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Derweil befahl die Herzoginmutter [贾母], den Stellschirm wegzuräumen und die beiden Tafeln zu einer einzigen zusammenzuschieben. Die Frauen wischten die Tische ab, füllten die Obstschalen auf, tauschten die Becher aus, wuschen die Essstäbchen und richteten alles frisch her. Die Herzoginmutter [贾母] und ihre Gesellschaft zogen sich etwas Warmes über, wuschen sich die Hände, spülten den Mund und tranken Tee, ehe sie sich wieder rund um die Tafel setzten.

Als die Herzoginmutter [贾母] bemerkte, dass die Schwestern Schatzspange [宝钗] und Bǎoqín [宝琴] nicht dabei waren — denn sie feierten, wie sie sich dachte, das Mondfest daheim im Kreise ihrer Familie —, und da auch Lǐ Wán [李纨] und Phönixglanz [凤姐] krankheitshalber fehlten, so dass gleich vier Personen weniger da waren, kam ihr die Runde recht vereinsamt vor. Lächelnd sagte sie: „In den vergangenen Jahren, als der gnädige Herr nicht da war, haben wir einfach die Frau Tante herübergebeten, und wir alle haben gemeinsam den Mond bewundert — das war stets höchst vergnüglich. Nur wenn uns dann plötzlich der Herr einfiel und wir daran denken mussten, dass Mutter und Sohn, Mann und Frau, Eltern und Kinder nicht beisammen sein konnten, war uns die Stimmung verdorben. Heute nun ist der Herr wieder da, und eigentlich sollten wir alle miteinander fröhlich sein — doch jetzt ist es nicht mehr angebracht, die Frau Tante mit ihren Kindern einzuladen, damit wir gemeinsam scherzen und lachen. Zumal sie in diesem Jahr zwei weitere Personen im Haus hat, die sie nicht so einfach im Stich lassen kann, um zu uns herüberzukommen. Und obendrein ist Phönixglanz [凤姐] krank geworden — hätten wir sie allein, wöge sie mit ihrem Scherzen und Lachen zehn andere auf! Da sieht man: Nichts auf der Welt ist vollkommen." Nach diesen Worten seufzte sie unwillkürlich auf und befahl dann, man solle ihr einen großen Becher bringen und mit heißem Wein füllen. Frau Wáng [王夫人] sagte lächelnd: „Heute seid Ihr wieder mit Eurem Sohn vereint, und das ist doch schöner als in den vergangenen Jahren. Damals mochten wir Frauen zwar zahlreicher sein, aber das ist doch nicht dasselbe, als wenn die engste Familie vollzählig beisammen ist." Die Herzoginmutter [贾母] erwiderte lächelnd: „Eben darum bin ich ja so vergnügt und will aus einem großen Becher trinken! Ihr solltet es ebenso machen." So ließen sich auch Frau Xíng [邢夫人] und die anderen größere Becher reichen. Doch da die Nacht schon weit fortgeschritten war und die Körper müde, vertrugen sie kaum noch etwas und waren unvermeidlich schläfrig geworden. Weil aber die Herzoginmutter [贾母] noch in bester Stimmung war, mussten sie wohl oder übel mittrinken.

Nun ließ die Herzoginmutter [贾母] auch noch Filzmatten auf den Treppenstufen ausbreiten und befahl, die Mondkuchen, Melonen und Obstteller alle dort unten aufzustellen, damit sich auch die Dienerinnen und Mägde ringsherum setzen und den Mond bewundern konnten. Da die Herzoginmutter [贾母] sah, dass der Mond nun mitten am Himmel stand und noch lieblicher und bezaubernder strahlte als zuvor, sagte sie: „Bei so einem herrlichen Mond muss man Flötenklänge hören!" Und sie ließ die Mädchen des Zehnerorchesters rufen. Dann aber sagte sie: „Wenn es zu viele Instrumente sind, geht das Erlesene verloren. Wir brauchen nur die Flötenspielerin — sie soll von ferne die Querflöte blasen, das genügt." Kaum hatte sie das gesagt und die Flötenspielerin sich aufgemacht, erschien eine Dienerin aus dem Gefolge der Frau Xíng [邢夫人] und flüsterte ihrer Herrin etwas zu. Die Herzoginmutter [贾母] fragte: „Was ist denn los?" Die Dienerin berichtete: „Der ältere gnädige Herr [贾赦] ist beim Hinausgehen über einen Stein gestolpert und hat sich den Fuß verstaucht." Sogleich schickte die Herzoginmutter [贾母] zwei alte Dienerinnen, um nach ihm zu sehen, und forderte auch Frau Xíng [邢夫人] auf, rasch nach Hause zu fahren. Frau Xíng [邢夫人] verabschiedete sich und ging. Die Herzoginmutter [贾母] sagte noch: „Auch Juwels [贾珍] Frau kann bei der Gelegenheit gleich nach Hause fahren — ich lege mich ohnehin bald schlafen." Frau Yóu [尤氏] wehrte lächelnd ab: „Heute fahre ich nicht nach Hause! Ich will unbedingt mit der alten Ahnin die ganze Nacht durchzechen." Die Herzoginmutter [贾母] lachte: „Das geht nicht, das geht nicht! Als junges Ehepaar müsst ihr in dieser Nacht zusammen sein — wie könntest du das meinetwegen versäumen?" Frau Yóu errötete und erwiderte lächelnd: „Was die alte Ahnin da sagt, ist kaum auszuhalten! Wir sind zwar noch jung, aber schon über zehn Jahre verheiratet und gehen auf die Vierzig zu. Zudem ist unsere Trauerzeit noch nicht abgelaufen. Euch eine Nacht lang Gesellschaft zu leisten, das geht wohl an — aber mich zum Vergnügen mit meinem Mann zusammenzutun, das schickt sich nicht." Die Herzoginmutter [贾母] lachte: „Du hast ganz recht! Ich hatte völlig vergessen, dass eure Trauerzeit noch nicht vorüber ist. Es sind ja schon mehr als zwei Jahre, seit dein Schwiegervater verstorben ist — das hatte ich nicht bedacht. Zur Strafe trinke ich einen großen Becher! Wenn das so ist, brauchst du sie nicht hinauszubegleiten, bleib nur bei mir. Aber sag Jungs [贾蓉] Frau, sie soll sie hinausbringen und dann gleich selbst nach Hause fahren." Frau Yóu gab das weiter, und Jung Kaufmanns [贾蓉] Frau sagte „Jawohl", begleitete Frau Xíng [邢夫人] hinaus bis zum Haupttor, wo jede in ihren Wagen stieg und nach Hause fuhr. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Nun führte die Herzoginmutter [贾母] die Verbliebenen noch einmal zu den Osmanthus-Sträuchern, an denen sie sich ein Weilchen erfreuten. Dann kehrten sie an die Tafel zurück und ließen frisch gewärmten Wein auftragen. Gerade als sie so plauderten, erklang plötzlich und unvermutet von drüben, im Schatten der Osmanthus-Bäume, die Querflöte — bald schluchzend und klagend, bald schwellend und getragen. Im Zusammenspiel mit dem hellen Mond und der klaren Luft, dem weiten Himmel und der stillen Erde löste diese Musik mit einem Mal alle Kümmernisse der Herzen und ließ zehntausend Sorgen verschwinden. Jeder saß andächtig und regungslos auf seinem Platz und genoss es in Schweigen. Erst als die Musik nach einer Weile — die man brauchte, um zwei Schalen Tee zu trinken — wieder verstummte, spendeten alle nicht enden wollendes Lob.

Daraufhin wurde erneut warmer Wein eingeschenkt, und die Herzoginmutter [贾母] fragte lächelnd: „Hat das nicht wahrhaftig gut geklungen?" Alle antworteten lächelnd: „Es war in der Tat ein wahrer Genuss! Wir hätten nicht gedacht, dass es so schön sein könnte. Es bedurfte wirklich Eurer Anregung, alte gnädige Frau, damit auch uns ein wenig das Herz aufging." Die Herzoginmutter [贾母] sagte: „Es war noch gar nicht das Beste. Wenn wir ein Stück wählen, das möglichst langsam ist, klingt es noch schöner." Dann befahl sie, der Flötenspielerin einen von den mit Melonenkernen bestreuten und mit Zirbelkernen gefüllten Mondkuchen aus der Kaiserlichen Hofbäckerei zu bringen, wie sie selbst sie aß, dazu einen großen Becher heißen Wein. Die Flötenspielerin solle in aller Ruhe essen und trinken und dann noch eine ganze Melodie fein und leise blasen. Die Frauen sagten „Jawohl" und waren eben dabei, das Geschenk hinauszutragen, als die beiden alten Dienerinnen zurückkehrten, die zu Jiǎ Shè [贾赦] geschickt worden waren. Sie meldeten: „Am rechten Fußrücken hat der gnädige Herr eine weiße Schwellung. Er hat Medizin eingenommen, der Schmerz hat nachgelassen, und es ist nicht weiter von Belang." Die Herzoginmutter [贾母] nickte und sagte dann seufzend: „Ich mache mir wirklich zu viele Sorgen! Dabei behauptet er nicht mehr und nicht weniger, als dass ich in meinen Gefühlen einseitig sei — und ich kümmere mich trotzdem so um ihn." Dann erzählte sie Frau Wáng [王夫人], Frau Yóu und den anderen den Schwank nach, den Jiǎ Shè [贾赦] vorhin zum Besten gegeben hatte. Frau Wáng [王夫人] und die anderen redeten lächelnd beschwichtigend auf sie ein: „Das hat er doch nur aus Versehen erzählt, als alle schon Wein getrunken hatten und scherzten. So etwas kommt vor. Er würde doch nicht wagen, dabei Euch im Sinn zu haben! Ihr solltet das nicht so ernst nehmen, alte gnädige Frau." Da kam Mandarinenente [鸳鸯] mit einer weichen Kapuze und einem großen Umhang und sagte: „Es ist schon spät in der Nacht, bald fällt der Tau, und der Wind bläst Euch um den Kopf. Ihr müsst das hier umnehmen. Und wenn Ihr noch ein Weilchen sitzt, solltet Ihr schlafen gehen." Die Herzoginmutter [贾母] schmollte: „Kaum dass ich mich einmal freue, kommst du, um mich zu mahnen! Bin ich vielleicht betrunken? Jetzt bleibe ich erst recht, bis es hell wird!" Und sie befahl, man solle frischen Wein einschenken. Zugleich aber zog sie sich auch die Kapuze über und hüllte sich in den Umhang. Alle tranken zur Gesellschaft mit und erzählten einige Scherze. Da erklangen aus dem Schatten der Osmanthus-Bäume erneut Flötenklänge — schluchzend und zart, schwebend und fein —, wirklich noch einsamer und wehklagender als zuvor.

Alle saßen reglos. In der stillen Nacht, beim klaren Mondschein, und dazu die klagenden Flötenklänge — da war es kein Wunder, dass die alte Herzoginmutter [贾母], zumal sie Wein getrunken hatte, im Innersten gerührt wurde und unwillkürlich zu weinen begann. Auch allen anderen wurde bei dieser Stimmung bang und einsam ums Herz. Erst nach einer geraumen Weile bemerkten sie, dass die Herzoginmutter [贾母] in Kummer versunken war. Hastig wandten sie sich ihr zu, sprachen lächelnd auf sie ein und versuchten, ihre Trauer zu zerstreuen. Zugleich verlangten sie nach warmem Wein und ließen die Flötenspielerin aufhören. Frau Yóu sagte lächelnd: „Ich weiß auch einen Schwank — den will ich der alten gnädigen Frau zur Aufheiterung erzählen." Die Herzoginmutter [贾母] zwang sich ein Lächeln ab: „Um so besser — erzähl ihn schnell!" Frau Yóu begann: „Es war einmal eine Familie, die hatte vier Söhne. Der älteste hatte nur ein Auge, der zweite nur ein Ohr, der dritte nur ein Nasenloch. Der jüngste war zwar körperlich nicht missgestaltet — aber er war stumm." Doch gerade als sie so weit gekommen war, bemerkte sie, dass der Herzoginmutter [贾母] die Augen zufielen und sie wie einzuschlafen schien. Frau Yóu hielt sofort inne, und gemeinsam mit Frau Wáng [王夫人] sprach sie die Herzoginmutter [贾母] leise an, um sie zu wecken. Die Herzoginmutter [贾母] öffnete die Augen und sagte lächelnd: „Ich bin gar nicht müde — ich hatte die Augen nur zugemacht, um sie ein wenig auszuruhen. Erzählt nur weiter, ich höre zu." Frau Wáng [王夫人] und die anderen redeten lächelnd auf sie ein: „Die vierte Nachtwache ist schon angebrochen, der Wind weht stark, und der Tau fällt reichlich. Geht doch bitte zur Ruhe, alte gnädige Frau! Morgen, am Sechzehnten, ist der Mond genauso schön — dann können wir ihn noch einmal genießen." Die Herzoginmutter [贾母] fragte: „Wie kann denn schon die vierte Nachtwache angebrochen sein?" Frau Wáng [王夫人] sagte lächelnd: „Es ist wirklich schon so weit. Die Mädchen konnten es nicht mehr aushalten und sind alle schlafen gegangen." Die Herzoginmutter [贾母] sah sich nun aufmerksam um, und tatsächlich — alle waren schon fort, nur Tànchūn [探春] war noch da. Sie sagte lächelnd: „Nun gut. Ihr seid das Durchhalten nicht gewohnt, zumal die einen schwächlich und die anderen krank sind — es ist besser so, dann mache ich mir nicht noch Sorgen um euch. Nur die arme Tànchūn [探春] harrt noch immer aus. Geh du auch — wir brechen auf." Mit diesen Worten stand sie auf, trank einen Schluck klaren Tee und setzte sich dann in den bereitstehenden Bambustragstuhl, in den Umhang gehüllt. Zwei alte Dienerinnen hoben den Tragstuhl auf, und die Herzoginmutter [贾母] wurde, von allen umringt, aus dem Garten getragen. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Die verbliebenen Frauen räumten nun Becher, Teller und Schüsseln zusammen und bemerkten dabei, dass ein feines Teeschälchen fehlte. Sie suchten es überall vergeblich, dann wandte sich die für das Geschirr Zuständige an die anderen: „Bestimmt hat es jemand fallen lassen und zerbrochen! Sagt mir, wohin ihr die Scherben getan habt, damit ich sie vorzeigen kann — sonst heißt es wieder, ich hätte das Schälchen gestohlen." Die anderen sagten: „Bei uns ist nichts zu Bruch gegangen. Vielleicht hat jemand aus dem Gefolge der gnädigen Fräulein es zerbrochen — das kann man nicht wissen. Überleg noch einmal genau, oder geh und frag sie." Das brachte die Zuständige auf die richtige Spur, und lächelnd sagte sie: „Tatsächlich — jetzt erinnere ich mich! Cuìlǚ [翠缕] hatte das Schälchen in der Hand. Ich werde sie fragen." Damit machte sie sich auf den Weg, und als sie den befestigten Pfad hinunterkam, begegneten ihr dort Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕]. Cuìlǚ [翠缕] fragte: „Die alte gnädige Frau ist schon aufgebrochen — wisst Ihr, wohin unser Fräulein gegangen ist?" Die Dienerin erwiderte: „Ich bin hergekommen, um nach einem Teeschälchen zu fragen — und ihr fragt mich nach eurem Fräulein!" Cuìlǚ [翠缕] sagte lächelnd: „Ich hatte dem Fräulein gerade Tee eingeschenkt — und als ich mich einen Augenblick umdrehte, war das Fräulein samt Teeschale verschwunden." Die Dienerin sagte: „Eben hat die gnädige Frau gesagt, die Fräulein seien alle schlafen gegangen. Du hast dich wohl irgendwo herumgetrieben und es nicht mitbekommen." Cuìlǚ [翠缕] wandte sich an Purpurkuckuck [紫鹃]: „Es ist völlig ausgeschlossen, dass sie sich klammheimlich schlafen gelegt hat — wahrscheinlich ist sie irgendwo spazieren gegangen. Vielleicht ist sie, als die alte gnädige Frau aufbrach, rasch nach vorne geeilt, um sie hinauszubegleiten. Lasst uns dort suchen! Wenn wir das Fräulein finden, findet sich natürlich auch dein Teeschälchen wieder an. Morgen früh ist immer noch Zeit genug — wozu die Eile?" Die Dienerin sagte lächelnd: „Wenn ich jetzt weiß, wo es geblieben ist, brauche ich mich nicht mehr zu beeilen. Morgen werde ich mir das Schälchen von dir geben lassen." Damit ging sie zurück, um weiter das Geschirr zusammenzusammeln. Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕] aber machten sich auf den Weg zu den Gemächern der Herzoginmutter [贾母]. Doch davon soll hier zunächst nicht die Rede sein.

In Wirklichkeit waren Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] keineswegs schlafen gegangen. Da so viele Angehörige des Hauses den Vollmond bewunderten und die Herzoginmutter [贾母] dennoch klagte, es seien zu wenige und es ginge nicht mehr so lebhaft zu wie einst — und weil sie auch die Schwestern Xuē [薛] erwähnt hatte, die daheim im Kreis ihrer Angehörigen den Mond genossen —, hatte Kajaljade [黛玉] der Kummer überrascht. Sie war fortgegangen, hatte sich auf eine Balustrade gestützt und leise geweint. Schatzjade [宝玉] hatte in letzter Zeit wegen Qíngwéns [晴雯] schwerer Krankheit für nichts mehr Interesse aufbringen können, und als Frau Wáng [王夫人] ihn wieder und wieder zum Schlafengehen ermahnt hatte, war er wirklich gegangen. Ebenso wenig stand Tànchūn [探春] der Sinn nach Vergnügungen — sie hatte sich in den letzten Tagen wegen der Haushaltsangelegenheiten ärgern müssen. Zwar waren noch Yíngchūn [迎春] und Xīchūn [惜春] da, doch mit ihnen hatte sich Kajaljade [黛玉] nie sonderlich gut verstanden.

So war Xiangfluss-Wolke [湘云] die Einzige, die ihr gut zuredete. Sie sagte: „Du bist doch ein verständiger Mensch — warum quälst du dich selbst auf diese Weise? Mir ergeht es genauso wie dir, und trotzdem bin ich nicht so kopfhängerisch. Außerdem bist du so oft krank — du solltest dich schonen! Es ist schon ärgerlich genug, dass die Schwester Schatzspange [宝钗] tagelang von nichts anderem geredet hat als davon, wie wir alle zusammen zum Mittherbstfest den Mond bewundern und unseren Dichterbund einberufen wollten, um gemeinsam Verse zu verfassen — und jetzt, wo es soweit ist, lässt sie uns allein und genießt den Mond anderswo! Der Bund ist zerfallen, und kein Gedicht wird geschrieben. Stattdessen haben Väter und Söhne, Onkel und Neffen nach Belieben das Feld beherrscht. Weißt du nicht, was Kaiser Tàizǔ der Sòng [宋太祖] gesagt hat: ‚Wie kann man neben dem eigenen Lager einen Fremden schnarchen lassen?' Wenn die anderen nicht dichten, dichten wir beiden eben allein und beschämen sie morgen damit!"

Da Kajaljade [黛玉] sah, wie Xiangfluss-Wolke [湘云] sich bemühte, sie aufzuheitern, wollte sie deren Eifer nicht enttäuschen, und sagte lächelnd: „Hier, wo alles so laut durcheinanderschreit — wie soll man da in Dichterlaune kommen?" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Den Mond hier oben auf dem Berg zu genießen ist zwar schön, aber am Wasser ist es noch viel schöner! Du weißt doch, dass unten am Fuß dieses Hügels das Teichufer liegt. In der Einbuchtung des Berges, nahe am Wasser, steht die Herberge Kristallklare Vertiefung [凹晶馆]. Schon daran kann man erkennen, wie viel Gelehrsamkeit damals bei der Anlage des Gartens eingeflossen ist: Der Gipfel des Berges heißt Jadegrüne Erhebung [凸碧], und die Senke am Fuß, nahe dem Wasser, heißt Kristallklare Vertiefung [凹晶]. Diese beiden Schriftzeichen tū [凸] und āo [凹] sind seit jeher äußerst selten verwendet worden. Wenn man sie hier geradewegs als Namen für Gebäude nimmt, wirken sie umso neuartiger und keineswegs abgegriffen. Man erkennt sofort, dass die beiden Stätten einander gegenüberliegen — eine oben, die andere unten; eine hell, die andere dunkel; eine hoch, die andere niedrig; eine ein Berg, die andere ein Gewässer. Offensichtlich wurden sie eigens zum Genuss des Mondes angelegt. Wer die Berghöhe liebt und den Mond lieber klein sehen möchte, der kommt hierher; und wer den hellen Mond auf den klaren Wellen sieht, der geht dorthin. Dass diese beiden Zeichen so selten verwendet werden, liegt allein daran, dass sie im Volkmund als wā und gǒng ausgesprochen werden — was als vulgär gilt. Das Zeichen āo hat nur Lù Yóu [陆放翁] gebraucht, als er schrieb: ‚In des alten Reibsteins leichter Vertiefung sammelt sich Tusche genug.' Und selbst dafür hat man ihm Vulgarität vorgeworfen — ist das nicht zum Lachen?"

Kajaljade [黛玉] erwiderte: „Nicht nur Lù Yóu hat dieses Zeichen gebraucht — unter den Alten gibt es zahllose Beispiele. Da sind etwa Jiāng Yāns [江淹] ‚Rhapsodie über das grüne Moos', Dōngfāng Shuòs [东方朔] ‚Schrift der göttlichen Seltsam keiten' oder die Geschichte von Zhāng Sēngyáo [张僧繇], der das Kloster Yìchéng malte, wie sie in den ‚Aufzeichnungen über die Malkunst' erzählt wird — sie lassen sich gar nicht alle aufzählen! Nur weil die Leute von heute nichts davon wissen, halten sie die Zeichen für vulgär. Um es dir offen zu sagen: Diese beiden Namen habe ich selbst erdacht! Weißt du noch, als man damals Schatzjade [宝玉] auf die Probe stellte? Er entwarf die Namen für einige Gebäude — manche wurden übernommen, manche abgeändert, und für manche fehlten noch die Bezeichnungen. Später haben wir alle zusammen auch die noch namenlosen Stellen benannt, haben die Quellen vermerkt, die Lage der Gebäude beschrieben und alles der ältesten Schwester [元春] zur Ansicht gebracht. Sie ließ es wieder heraustragen und dem Onkel [贾政] zeigen. Und der war so angetan, dass er sagte: ‚Hätte ich das gewusst, hätte ich damals gleich die Schwestern alle zusammen die Namen ersinnen lassen — das wäre noch viel hübscher gewesen!' Darum sind alle Namen, die ich erdacht habe, ohne ein einziges Wort zu ändern übernommen worden. Gehen wir jetzt also hinunter zur Herberge Kristallklare Vertiefung [凹晶馆]."

So stiegen die beiden gemeinsam den Hang hinab. Gleich nach der ersten Biegung waren sie schon am Teichufer. Dort lief ein Bambusgeländer am Ufer entlang bis hinüber zum Pavillon des Lotosrosenweihers [藕香榭]. Die wenigen Gebäude hier lagen im Schutz der Bergflanke — es war der Rückzugsort der Bergvilla Jadegrüne Erhebung [凸碧山庄]. Weil die Stelle niedrig lag und nahe am Wasser, trug sie über dem Eingang die Aufschrift „Herberge Kristallklare Vertiefung am Bach" [凹晶溪馆]. Da hier nur wenige und zudem kleine, niedrige Räume standen, waren lediglich zwei alte Frauen zur Nachtwache abgestellt. Heute hatte man ihnen gesagt, dass oben an der Bergvilla Dienst war und es sie nichts angehe — also hatten die beiden ihre zugeteilten Mondkuchen, Früchte und den Festschmaus aufgeteilt, sich satt und trunken gegessen, die Lampen gelöscht und sich schlafen gelegt.

Als Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] sahen, dass die Lichter erloschen waren, sagte Xiangfluss-Wolke [湘云] lächelnd: „Dass die beiden schon schlafen, passt uns gut! Setzen wir uns hier unter das Wellblechdach, nahe am Wasser, und genießen den Mond — wie wäre das?" Die beiden ließen sich auf zwei runden Hockern aus geflecktem Xiāngfēi-Bambus nieder. Am Himmel strahlte ein einziger heller Mond, und im Teich spiegelte sich ein zweiter — oben und unten um die Wette leuchtend, als befänden sie sich in einem Kristallpalast der Wassergöttinnen. Ein leiser Windhauch kräuselte die Teichoberfläche zu jadegrünen Wellen — wahrlich, Geist und Sinne wurden davon vollkommen klar und rein. Xiangfluss-Wolke [湘云] seufzte lächelnd: „Wie schön wäre es, jetzt in einem Boot auf dem Wasser zu sitzen und Wein zu trinken! Wäre ich daheim bei uns, würde ich sofort ein Boot besteigen." Kajaljade [黛玉] lächelte: „Wie es die Alten so treffend gesagt haben: ‚Wer alles vollkommen haben will, dem bleibt keine Freude.' Sag ich doch — das hier ist schon gut genug! Warum musst du auch noch Boot fahren wollen?" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Sehnsüchte haben, obwohl man schon viel besitzt — das liegt in der Natur des Menschen! Die alten Leute haben schon recht: Wer arm ist, bildet sich ein, bei den Reichen sei alles nach Wunsch, und wenn man ihm sagt, dass dem keineswegs so ist, will er es nicht glauben. Erst wenn er es selbst erlebt, begreift er es. Nimm nur uns beide: Unsere Eltern sind zwar nicht mehr am Leben, doch immerhin leben wir im Wohlstand — und dennoch haben wir so manches, das nicht nach unserem Herzen ist." Kajaljade [黛玉] sagte lächelnd: „Nicht nur wir beide können nicht alles nach Herzenslust haben. Selbst die Herzoginmutter [贾母], die gnädige Frau [王夫人], ja selbst Schatzjade [宝玉] und Tànchūn [探春] — ob es um Großes oder Kleines geht, ob mit Recht oder ohne Recht: Dass keiner alles nach seinem Willen haben kann, das liegt an ein und demselben Gesetz. Wie viel mehr noch gilt das für uns beide, die wir nur Gäste und Besucher sind!" Als Xiangfluss-Wolke [湘云] das hörte, befürchtete sie, Kajaljade [黛玉] könnte wieder in Schwermut verfallen, und sagte rasch: „Lass uns nicht länger müßig reden — lieber dichten wir zusammen!"

Gerade als sie das sagte, erhob sich wieder der Klang der Flöte, getragen und fern. Kajaljade [黛玉] sagte lächelnd: „Heute sind die alte gnädige Frau und die gnädige Frau offenbar bester Laune gewesen — die Flöte klingt wirklich bezaubernd und regt auch uns an. Wir mögen beide die fünfsilbigen Verse — bleiben wir also beim fünfsilbigen Kettengedicht[2]." Xiangfluss-Wolke [湘云] fragte: „Welcher Reim?" Kajaljade [黛玉] lachte: „Lass uns die senkrechten Stäbe dieses Geländers zählen — von diesem Ende bis zu jenem. Auf welche Zahl es fällt, den entsprechenden Reim nehmen wir. Wenn es sechzehn Stäbe wären, dann der Reim ‚yī xiān'. Ist das nicht originell?" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Das ist wirklich ausgefallen!" Sie standen beide auf und zählten vom einen Ende zum anderen — es waren dreizehn Stäbe. Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Ausgerechnet ‚shí sān yuán'! Das ist ein Reim mit wenigen Wörtern — bei einem Kettengedicht ist es schwer, sie alle unterzubringen. Du fängst wohl besser an." Kajaljade [黛玉] lachte: „Versuchen wir einmal, wer von uns stärker ist — nur haben wir kein Papier und keinen Pinsel, um alles aufzuschreiben." Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das macht nichts — morgen können wir es niederschreiben. Soviel Gedächtnis werden wir wohl noch haben!" Kajaljade [黛玉] sagte: „Dann fange ich mit einer fertigen Redensart an." Und sie rezitierte:

Die Nacht des fünfzehnten im achten Monat — (三五中秋夕)

Xiangfluss-Wolke [湘云] dachte einen Moment nach und fuhr fort: Heiter lustmandeln, als wär es Laternenfest. / Sterne funkeln, über den Himmel verstreut — (清游拟上元 / 撒天箕斗灿)

Kajaljade [黛玉] lachte und setzte fort: Überall klingen Saiten und Flöten. / Mancherorts fliegen die Becher wild — (匝地管弦繁 / 几处狂飞盏)

Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „‚Mancherorts fliegen die Becher wild' — das hat etwas! Da muss die Gegenzeile gut werden." Sie dachte nach und fuhr lächelnd fort: Bei wem stünde das Fenster nicht offen? / Ein leichter, schneidender Wind — (谁家不启轩 / 轻寒风剪剪)

Kajaljade [黛玉] lobte: „Deine Gegenzeile ist besser als meine Vorlage. Aber im unteren Vers fällst du in Gemeinplätze zurück — jetzt müsstest du eigentlich aufdrehen." Xiangfluss-Wolke [湘云] entgegnete: „Ein Gedicht mit vielen Versen und schwierigen Reimen braucht auch breite Ausschmückung. Die guten Einfälle hebe ich mir für später auf." Kajaljade [黛玉] lachte: „Wenn dann später nichts Gutes kommt, will ich doch sehen, ob du dich nicht schämst!" Und sie fuhr fort: Die milde Nacht strahlt in warmem Glanz. / Um Mondkuchen zanken sich die Grauköpfe — (良夜景暄暄 / 争饼嘲黄发)

Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Diese Zeile taugt nichts — das ist dein eigenes Machwerk! Du nimmst Alltagsdinge, um es mir schwer zu machen." Kajaljade [黛玉] lachte: „Da zeigt sich, dass du nicht genug gelesen hast! Mondkuchen essen ist ein alter Brauch — schau erst im Buch der Táng nach, dann rede!" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Das ist nicht zu schwer für mich — ich habe schon etwas!" Und sie fuhr fort: Beim Meloneteilen lachen die jungen Schönen. / Frisch duftet der herrliche Zimtbaum — (分瓜笑绿媛 / 香新荣玉桂)

Kajaljade [黛玉] lachte: „‚Melone teilen' — das ist nun wirklich dein eigenes Machwerk!" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Morgen schlagen wir alles nach und legen es allen vor — jetzt verschwenden wir keine Zeit damit." Kajaljade [黛玉] lachte: „Mag sein. Aber die untere Zeile ist auch nicht besser — du brauchst doch nicht gleich ‚Jadezimtbaum' und ‚Goldorchidee' als Lückenfüller zu nehmen." Und sie fuhr fort: In satten Farben gedeiht der goldene Himmelsblumenkohl. / Kerzenschein erhellt das prächtige Festmahl — (色健茂金萱 / 蜡烛辉琼宴)

Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „‚Goldener Himmelsblumenkohl' — damit hast du es billig gehabt, da brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen! So einen mundgerechten Reim zu erwischen! Außerdem hast du in der unteren Zeile auch nur Lücken gefüllt." Kajaljade [黛玉] lachte: „Wenn du nicht ‚Jadezimtbaum' gesagt hättest, hätte ich doch nicht ‚Goldener Himmelsblumenkohl' dagegenstellen müssen! Ein wenig prachtvolle Ausschmückung muss schon sein — schließlich malen wir das, was wir tatsächlich sehen." So fügte sich Xiangfluss-Wolke [湘云] und dichtete weiter: Becher und Trinkgeschirr durcheinander im geschmückten Garten. / Die Trinkrunde ehrt ein einziges Gebot — (觥筹乱绮园 / 分曹尊一令)

Kajaljade [黛玉] lachte: „Die untere Zeile ist gut — nur schwer dagegenzuhalten." Sie dachte nach und fuhr fort: Im Ratespiel lauscht man dem dreifachen Ausruf. / Die Würfel glühen in roten Punkten — (射覆听三宣 / 骰彩红成点)

Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „‚Dreifacher Ausruf' — das hat Witz! Aus dem Gewöhnlichen etwas Feines zu machen! Nur fängst du unten wieder mit Würfeln an." Sie dichtete rasch weiter: Die Blume wird weitergereicht zu wildem Trommelschlag. / Helles Licht wiegt die Hofgebäude — (传花鼓滥喧 / 晴光摇院宇)

Kajaljade [黛玉] lachte: „Das Gegenstück ist gut. Aber unten bist du wieder abgeglitten — immer nur Wind und Mond als Lückenbüßer." Xiangfluss-Wolke [湘云] verteidigte sich: „Wir haben den Mond noch gar nicht richtig besungen — man muss ihn doch irgendwo erwähnen, sonst verfehlen wir das Thema." Kajaljade [黛玉] sagte: „Lassen wir es vorläufig stehen — morgen feilen wir daran." Und sie fuhr fort: Schlichter Glanz verbindet Himmel und Erde. / Belohnung und Strafe kennen keinen Gastgeber — (素彩接乾坤 / 赏罚无宾主)

Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Warum wieder die anderen? Lieber sollten wir von uns sprechen." Und sie dichtete: Verse dichten in der Reihe der Geschwister. / In Gedanken versunken, lehnt man am Geländer — (吟诗序仲昆 / 构思时倚槛)

Kajaljade [黛玉] sagte: „Jetzt können wir uns selbst hineinbringen." Und sie fuhr fort: Den Anblick erwägend, stützt man sich ans Tor. / Der Wein ist leer, doch das Gefühl währt fort — (拟景或依门 / 酒尽情犹在)

Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Es ist soweit." Und sie dichtete: Die Nachtwache schwindet, die Freude ist vergessen. / Allmählich verstummen Stimmen und Lachen — (更残乐已谖 / 渐闻语笑寂)

Kajaljade [黛玉] sagte: „Jetzt wird es mit jedem Schritt schwieriger." Und sie fuhr fort: Leer bleiben nur die Spuren von Schnee und Reif. / Tau sammelt sich um Morgenpilze auf den Stufen — (空剩雪霜痕 / 阶露团朝菌)

Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Wie soll ich da den Reim unterbringen? Lass mich nachdenken." Sie stand auf, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und überlegte einen Moment. Dann lachte sie: „Geschafft! Beinahe hätte ich aufgeben müssen — aber gerade noch ein Wort gefunden!" Und sie dichtete: Abenddunst hüllt die Schlafbäume im Hof ein. / Herbstliche Stromschnellen spülen Steinmark frei — (庭烟敛夕棔 / 秋湍泻石髓)

Als Kajaljade [黛玉] das hörte, sprang sie unwillkürlich auf, rief „Großartig!" und sagte: „Du durchtriebener kleiner Geist! Tatsächlich hast du dir das Beste aufgespart! Erst jetzt sagst du ‚Schlafbaum' — man muss erst einmal darauf kommen!" Xiangfluss-Wolke [湘云] erklärte: „Glücklicherweise habe ich gestern in einer Anthologie der Literaturen aller Dynastien dieses Zeichen gesehen und wusste nicht, was für ein Baum das ist — also wollte ich es nachschlagen. Da sagte die Schwester Schatzspange [宝钗], ich brauche nicht nachzuschlagen: Das sei der Baum, den man heute im Volksmund ‚Öffne dich am Tag, schließe dich bei Nacht' nenne. Ich glaubte es ihr nicht und schlug trotzdem nach — und tatsächlich hatte sie recht! Die Schwester Schatzspange [宝钗] weiß wirklich erstaunlich viel." Kajaljade [黛玉] lachte: „‚Schlafbaum' passt hier ausgezeichnet — das mag noch hingehen. Aber ‚Herbstliche Stromschnellen spülen Steinmark frei' — wie bist du nur darauf gekommen! Diese eine Zeile allein übertrifft alles andere. Jetzt muss ich mich zusammenreißen und etwas dagegenstellen — doch so gut wie diese Zeile wird es nicht mehr werden." Sie dachte einen Moment nach und sagte: Windblätter sammeln sich an den Wolkenwurzeln. / Stern der Muttergöttin — einsam und rein in seinem Gefühl — (风叶聚云根 / 宝婺情孤洁)

Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das Gegenstück ist auch nicht schlecht. Nur bist du unten wieder abgedriftet — zum Glück ist es ein Gefühl inmitten der Szenerie und nicht nur plumpes Lückenstopfen mit ‚Stern der Muttergöttin'." Und sie fuhr fort: Silberkröte atmet ein und aus. / Elixier gestampft vom geisterhaften Hasen — (银蟾气吐吞 / 药经灵兔捣)

Kajaljade [黛玉] schwieg, nickte nur und rezitierte nach langem Nachdenken: Die Menschen eilen zum Eisigen Palast. / Die Sterne Niú und Nǚ frevelnd herausfordern — (人向广寒奔 / 犯斗邀牛女)

Xiangfluss-Wolke [湘云] blickte zum Mond auf, nickte ebenfalls und fuhr fort: Auf dem Floß den Enkel des Kaisers erwarten. / Der Kreis des Mondes mag nicht stillstehen — (乘槎待帝孙 / 虚盈轮莫定)

Kajaljade [黛玉] lachte: „Schon wieder eine Allegorie!" Und sie fuhr fort: In dunklen und hellen Phasen besteht der Geistleib fort. / Der Tropfen der Wasseruhr versiegt bald — (晦朔魄空存 / 壶漏声将涸)

Gerade als Xiangfluss-Wolke [湘云] den nächsten Vers dichten wollte, zeigte Kajaljade [黛玉] auf einen dunklen Schatten im Teich und sagte: „Sieh nur — was ist dort im Wasser? Ein dunkler Schatten bewegt sich — ist das etwa ein Geist?" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Da siehst du schon wieder Gespenster! Ich fürchte mich nicht vor Geistern — warte, ich werfe etwas nach ihm!" Sie bückte sich, hob einen flachen Stein auf und warf ihn in den Teich. Es platschte, und ein großer Kreis breitete sich auf dem Wasser aus, der das Mondspiegelbild zerteilte — mehrmals zerfloss es und sammelte sich wieder. Da erhob sich aus dem schwarzen Schatten mit lautem Krächzen ein großer weißer Kranich und flog geradewegs zum Pavillon des Lotosrosenweihers [藕香榭] hinüber. Kajaljade [黛玉] lachte: „Es war also der Kranich! So plötzlich hätte ich nicht daran gedacht — ich habe mich wirklich erschreckt." Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Dieser Kranich ist mir höchst willkommen — er hat mir geholfen!" Und sie dichtete: Der Lampenschein am Fenster ist schon trübe. / Ein Kranich zieht seinen Schatten über den kalten Teich — (窗灯焰已昏 / 寒塘渡鹤影)

Kajaljade [黛玉] hörte das, rief wieder bewundernd aus und stampfte mit dem Fuß auf: „Das ist nicht zu überbieten! Der Kranich hat ihr wirklich geholfen! Diese Zeile ist noch besser als die ‚herbstlichen Stromschnellen' von vorhin. Was soll ich nur dagegen setzen? Auf ‚Schatten' [影] reimt sich nur ‚Seele' [魂]. ‚Ein Kranich zieht seinen Schatten über den kalten Teich' — so natürlich, so mühelos, so bildhaft und dabei so frisch! Am liebsten würde ich den Pinsel niederlegen." Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Denk in Ruhe nach, dann fällt dir schon etwas ein. Wenn nicht, können wir morgen weitermachen." Kajaljade [黛玉] blickte zum Himmel auf und schwieg, ohne auf sie einzugehen. Nach einer geraumen Weile lachte sie plötzlich: „Du brauchst nicht so großspurig zu reden — ich habe auch etwas! Hör zu!" Und sie setzte dagegen:

Ein kalter Mond begräbt die Seele einer Blume. (冷月葬花魂)

Xiangfluss-Wolke [湘云] klatschte in die Hände und rief: „Wirklich vollkommen! Nichts anderes hätte das aufwiegen können! ‚Die Seele einer Blume begraben' — großartig!" Dann aber seufzte sie: „Das Gedicht ist zwar originell, aber doch allzu niedergeschlagen. Du bist ohnehin krank — solch über die Maßen düstere und unheimliche Verse solltest du nicht schreiben." Kajaljade [黛玉] lachte: „Ohne solche Verse hätte ich dich nicht übertreffen können! Die nächste Zeile fehlt mir noch — ich habe meine ganze Kraft in diesen einen Vers gelegt."

Kaum hatte sie ausgesprochen, trat hinter den Felssteinen am Geländer jemand hervor und rief lächelnd: „Herrliche Verse! Wirklich herrliche Verse — aber in der Tat zu traurig! Hört lieber auf mit dem Weiterdichten. Wenn es so weitergeht, verblasst gerade dieses Verspaar, und es wirkt im Vergleich nur noch gesucht und aufgesetzt." Die beiden hatten das nicht erwartet und erschraken. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie niemand anderen als die Nonne Miàoyù[3]. Beide waren verblüfft und fragten: „Wie kommst du hierher?" Miàoyù [妙玉] lachte: „Ich hörte, wie ihr alle den Mond bewundert und die Flöte so schön gespielt wird, und kam ebenfalls heraus, um den klaren Teich im hellen Mondschein zu genießen. Ohne es zu beabsichtigen, bin ich bis hierher gewandert. Als ich dann plötzlich euch beide dichten hörte, war es so erlesen und fein, dass ich stehenblieb und lauschte. Nur habe ich in eurem Gedicht einige Zeilen gehört, die zwar schön sind, aber doch allzu niedergeschlagen und trübsinnig klingen. Das steht in Zusammenhang mit dem Schicksal eines Menschen — deshalb bin ich herausgetreten, um euch Einhalt zu gebieten. Inzwischen hat sich die alte gnädige Frau längst zur Ruhe begeben, im ganzen Garten schlafen wohl alle tief und fest, und eure Zofen suchen euch bestimmt schon überall. Friert ihr denn nicht? Kommt schnell mit mir — in meine Klause, auf eine Tasse Tee! Es dürfte ohnehin bald dämmern." Kajaljade [黛玉] lachte: „Wer hätte gedacht, dass es schon so spät ist!"

So gingen die drei zusammen zur Klause der Smaragdgrünen Frische [栊翠庵]. Die Opferlichter in der Nische glühten noch bläulich, und der Weihrauch in der Räucherschale war noch nicht ganz verglommen. Die alten Dienerinnen schliefen bereits allesamt; nur ein kleines Mädchen nickte auf einem Meditationskissen sitzend mit hängendem Kopf vor sich hin. Miàoyù [妙玉] weckte es und schickte es los, frischen Tee aufzubrühen. Da klopfte es an der Tür. Das kleine Mädchen eilte hin und öffnete — draußen standen Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuìlǚ [翠缕] mit mehreren alten Dienerinnen, die die beiden Fräulein suchten. Als sie hereinkamen und sie beim Teetrinken antrafen, sagten alle lachend: „Da haben wir aber lange suchen müssen! Den ganzen Garten haben wir durchwandert, sogar bei der Frau Tante [薛姨妈] haben wir nachgefragt. Zuletzt kamen wir zum kleinen Pavillon unten am Abhang, und dort waren gerade die Nachtwächterinnen aufgewacht. Wir fragten sie, und sie erzählten, draußen vor dem Pavillon unter dem Wellblechdach hätten vorhin zwei Personen gesprochen, dann sei eine dritte dazugekommen, und sie hätten gehört, wie die drei sagten, sie gingen zur Klause. Da wussten wir, dass ihr hier seid." Miàoyù [妙玉] wies das kleine Mädchen an, die Zofen und Dienerinnen in ein anderes Zimmer zu führen, wo sie sich bei Tee ausruhen konnten. Dann holte sie selbst Pinsel, Tusche, Papier und Reibstein hervor und bat die beiden, ihr die Verse vorzutragen, die sie soeben gedichtet hatten, und schrieb sie von Anfang an nieder. Kajaljade [黛玉], die Miàoyù [妙玉] heute in ungewöhnlich heiterer Stimmung sah, sagte lächelnd: „Noch nie habe ich dich so aufgeräumt erlebt. Ich wage es kaum, dich dreist um Belehrung zu bitten — aber könnte man dir wohl raten, etwas hinzuzufügen? Wenn es nichts taugt, verbrennen wir es einfach; wenn es einigermaßen brauchbar ist, bitte ich dich, es zu verbessern." Miàoyù [妙玉] lachte: „Ich maße mir kein Urteil an. Nur so viel: Es sind jetzt zweiundzwanzig Reimpaare. Mein Eindruck ist, dass eure schlagenden Verse bereits gefunden sind — wenn ihr jetzt weiterdichtetet, fürchte ich, die Kraft reicht nicht mehr. Eigentlich möchte ich euch folgen und weiterdichten — doch ich scheue davor zurück, etwas Geringeres anzufügen." Kajaljade [黛玉] hatte noch nie gesehen, dass Miàoyù [妙玉] dichtete. Da sie sie heute so in Begeisterung sah, sagte sie rasch: „Wenn du wirklich etwas hinzufügst, wird selbst unser schwächerer Teil durch dich geadelt." Miàoyù [妙玉] sagte: „Zum Abschluss sollte man wieder zum eigentlichen Thema zurückkehren. Wenn wir nur immer weiter dem Seltsamen und Absonderlichen nachjagen und die wahren Gefühle und die Wirklichkeit beiseitelassen, dann verlieren wir erstens unsere weibliche Anmut und zweitens den Bezug zum Thema." Beide stimmten zu. Miàoyù [妙玉] ergriff den Pinsel und schrieb in einem einzigen Zug dreizehn Reimpaare nieder, die sie den beiden reichte: „Lacht mich nur nicht aus! Meiner Meinung nach muss es so sein, damit das Gedicht eine Wendung erfährt. Auch wenn im vorderen Teil niedergeschlagene und trübsinnige Zeilen stehen, tut das dann keinen Schaden mehr." Die beiden nahmen das Blatt und lasen ihre Fortsetzung:

Weihrauchzeichen verglühen im goldenen Dreifuß, / Schminke erstarrt wie Eis in der Jadeschale. Der Ton der Flöte steigert das Klagen der Witwe, / die Decke wärmt, von Dienerinnen umsorgt. Leere Vorhänge hängen, Phönixe gestickt, / müßige Schirme verhüllen bunte Mandarinenten. Der Tau dicht — das Moos noch glatter, / der Reif schwer — den Bambus kaum zu ertasten. Noch wandelt man am gewundenen Teich, / und steigt wieder die stille, weitläufige Ebene hinauf. Steine, seltsam — wie von Geistern und Göttern geformt, / Bäume, knorrig — wie lauernde Tiger und Wölfe. Durch lasttragende Schildkröten dringt das Morgenlicht, / in Gitterfenstern sammelt sich der Frühtau. Eintausend Vögel erschüttern den Wald, / ein einziger Affenruf hallt durch das Tal. Vertraute Pfade — wie könnte man den Weg vergessen? / Wer die Quelle kennt, braucht nicht nach dem Ursprung zu fragen. Die Glocke läutet an der Klause der Smaragdgrünen Frische, / der Hahn kräht im Dorf des Reisdufts. Wer wahre Freude empfindet, klagt über nichts, / wer ohne Sorgen ist, lässt sich durch nichts betrüben. Zarte Empfindungen zerstreut man nur selbst, / feinsinnige Freuden — wem könnte man sie mitteilen? Wacht durch bis zum Morgen, sprecht nicht von Müdigkeit — / brüht frischen Tee und redet noch ein Weilchen.

Darunter schrieb sie: „Kettengedicht am Mittelherbstabend, verfasst im Dàguānyuán, fünfunddreißig Reimpaare."

Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] lobten es in höchsten Tönen und sagten: „So sieht man, dass wir tagtäglich das Nahe übersehen und das Ferne suchen! Da haben wir eine solche Dichtergöttin direkt in unserer Mitte — und betreiben tagein, tagaus nur Papierstrategie." Miàoyù [妙玉] lachte: „Morgen feilen wir noch daran. Es dürfte bald dämmern — ihr solltet euch unbedingt ein wenig ausruhen." Kajaljade [黛玉] und Xiangfluss-Wolke [湘云] hörten das, standen auf und verabschiedeten sich. Mit ihren Zofen gingen sie hinaus. Miàoyù [妙玉] begleitete sie bis vor die Tür und blickte ihnen nach, bis sie in der Ferne verschwunden waren. Dann schloss sie die Tür und ging hinein. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Draußen sagte Cuìlǚ [翠缕] zu Xiangfluss-Wolke [湘云]: „Bei der älteren Schwägerin warten noch Leute, um uns zum Schlafen zu bringen. Wohin gehen wir jetzt?" Xiangfluss-Wolke [湘云] lachte: „Geh und sag ihnen, sie sollen schon schlafen. Wenn ich jetzt dorthin gehe, wecke ich nur die Kranke auf. Da störe ich lieber die Schwester Kajaljade [黛玉] und übernachte bei ihr." So gingen sie alle zusammen zum Xiāoxiāng-Pavillon [潇湘馆]. Die Hälfte der Dienerinnen war bereits eingeschlafen. Die beiden gingen hinein, legten ihren Schmuck und ihre Kleider ab, wuschen sich und gingen zu Bett. Purpurkuckuck [紫鹃] ließ den seidenen Vorhang herab, stellte die Lampe beiseite und schloss die Tür hinter sich. Xiangfluss-Wolke [湘云] hatte jedoch die Eigenart, nur in ihrem eigenen Bett schlafen zu können — so lag sie zwar auf dem Kissen, konnte aber nicht einschlafen. Und Kajaljade [黛玉], die ohnehin zu wenig Herzblut hatte und häufig an Schlaflosigkeit litt, war über den Punkt der Müdigkeit hinweggekommen und konnte nun natürlich auch nicht schlafen. Die beiden wälzten sich hin und her. Kajaljade [黛玉] fragte: „Bist du immer noch nicht eingeschlafen?" Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte leise lächelnd: „Ich bin wählerisch mit Betten — und außerdem bin ich über die Müdigkeit hinaus. Ich kann nur noch still daliegen. Und du — warum schläfst du auch nicht?" Kajaljade [黛玉] seufzte: „Dass ich nicht schlafen kann, ist keine Sache von heute. Im ganzen Jahr schlafe ich kaum zehn Nächte wirklich tief und satt." Xiangfluss-Wolke [湘云] sagte: „Das liegt alles an deiner Krankheit, deshalb ..." Was sie weiter sagte — das bleibt an dieser Stelle unerzählt.


Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. 凸碧山庄 (Tūbì Shānzhuāng), wörtlich „Bergvilla der hervorragenden Jade-Erhebung“. Bildet ein Gegensatzpaar mit der Herberge Kristallklare Vertiefung (凹/凸, eingesenkt/erhaben).
  2. 联句 (liánjù), eine in China seit der Han-Dynastie beliebte Dichtform, bei der mehrere Dichter abwechselnd Verse zu einem gemeinsamen Gedicht beitragen.
  3. 妙玉 (Miàoyù), buddhistische Nonne aus vornehmer Familie, eine der zwölf Hauptfiguren (金陵十二钗) des Romans. Sie lebt in der Klause der Smaragdgrünen Frische (栏翠庵) im Garten der Großen Anschauung.